Johann Gottfried Herder Adrastea Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe Herausgegeben und mit Anmerkungen begleitet von Heinrich Düntzer. Berlin Gustav Hempel Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. Vorbemerkung des Herausgebers Wie Herder in den »Briefen zu Beförderung der Humanität« eine Art Fortsetzung der »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« liefern wollte, in welcher er das Beste, was er in Herz und Seele trage, niederzulegen gedachte, so schließt sich die Adrastea unmittelbar an jene Briefe an, deren zehnte und letzte Sammlung zu Ostern 1797 erschien. Nach diesen, welche mit Christus als dem höchsten Lehrer wahrer Humanität endeten, wandte Herder sich der Ausarbeitung seiner »christlichen Schriften« zu, die er mit dem Buche: »Von Religion, Lehrmeinungen und Gebräuchen« vorläufig beschloß. Sodann aber rüstete er sich zu seinem großen Kampfe gegen Kant in seiner »Metakritik«. Noch war diese nicht ausgedruckt, als er auf den Rath seines Verlegers Hartknoch , der seinem eigenen Wunsche, wieder regelmäßig mit einem größern Leserkreise in Verbindung zu treten, entgegenkam, diesem vom nächsten Jahre ab eine Zeitschrift in Verlag zu geben versprach, welche das vergangene Jahrhundert darstellen, aber zugleich in mannichfachster Weise auf sittliche und geistige Bildung hinwirken sollte. »Mit 1800 gebe ich und Einige mit mir eine »Aurora« heraus,« schreibt er den 5. April 1799 an Gleim; »die Ankündigung, sobald sie gedruckt ist, sende ich Ihnen, Memnon, Sohn der Aurora, der von jedem ersten Strahl Aurorens tönt. Wünschen Sie ihr Glück auf ihrem leuchtenden Wege, daß sie nicht zu bald verschwinde!« Gegen Eichhorn gedenkt er seiner neuen Zeitschrift, deren Titel er nicht errathen werde, am 9. August. Im Briefwechsel mit Knebel findet sich die erste, freilich eine noch frühere voraussetzende Erwähnung der Zeitschrift schon im Briefe Herder's vom 6. Mai: »In unserer Aurora wollen wir uns rüsten, hie und da lieblich zu singen und es vor ihrem Angesicht gut zu machen auf Saiten. Denken Sie jeden Morgen an diese Aurora, wenn Sie nach Ihrer Weise singend erwachen und Sich wie eine Taube schmücken und baden!« Die »Ankündigung der Aurora«, die wir unten S. 811 bis 814 geben, ist am 20. Mai geschrieben. Herder hoffte auf Beiträge zu seiner Zeitschrift von Knebel, Jean Paul und dem Bergrath Einsiedel in Lumpzig. Knebel erwiderte am 23., er denke an »Aurora« und wünsche auch ihr gelegentlich ein Opfer zu bringen. »Daß Sie für die ›Aurora‹ sammeln, freut mich,« erwiderte Herder den 3. Juni; »mir ist sie noch nicht aufgegangen. Ich bin, wie Sie wissen, aus dem Klima der langen Nächte.« Es beschäftigte ihn damals die zweite ganz umzugestaltende Auflage seiner Gespräche über Gott; daneben waren seine Gedanken auf die Fortsetzung seines Kampfes gegen Kant in der »Kalligone« gewandt, mit welcher es aber wegen mancher Abhaltung und geistigen Mißstimmung nicht recht fortgehn wollte. Auf eine Anfrage von Gleim erwiderte er am 11. October: »Meine ›Aurora‹ geht mir mit dem Jahr 1801 auf, sonst käme sie ein Jahr zu früh; das wäre gegen den chronologischen und politischen Kalender.« Die Ankündigung der »Aurora« theilte er dem unterdessen nach Ilmenau gezogenen Einsiedel mit, der erst nach längerer Zeit erwiderte. Nach seiner prosaischen Vorstellungsart, meinte Dieser, sei dabei auf den willkürlichen Abschnitt des Jahrhunderts, der doch an sich keine Realität habe, zu viel Werth gelegt, um so mehr, da gerade der seltene Fall eintrete, daß mit dem Jahrhundert eine wirklich wichtige Epoche für die Menschheit einzutreten scheine, und möchte es auch nicht rathsam sein, Frankreich geradezu zu nennen, so wären doch die Aussicht zum Frieden und zu einer längeren Dauer desselben als bisher, die Fortschritte der physischen Wissenschaften, die Tendenz des menschlichen Geistes in mehreren Ländern, von den unnützen transscendentalen Untersuchungen zu realen überzugehn, auch vielleicht die durch den Krieg selbst hervorgebrachte Annäherung der Menschen als die Ursachen anzuführen, warum mit dem Jahrhundert eine neue Epoche eintrete. Hauptgegenstand der »Aurora« müsse das sein, was auf Erweiterung der Cultur Bezug habe; daß er gegen die Aufnahme von Gedichten, Märchen und dergleichen sei, habe er ihm schon früher mündlich erklärt, doch möchte es vielleicht nöthig sein, durch solche Dinge der neuen Zeitschrift Leser zu verschaffen. Nach Einsiedel legte Herder auch Jean Paul seine Ankündigung zur schriftlichen Aeußerung darüber vor, doch ist uns diese nicht erhalten. Nach Herder's Gattin wäre, als in Weimar die Kunde sich verbreitet, Herder gebe eine Monatsschrift heraus, laut und viel davon gesprochen worden, und es hätten sich von mehreren Seiten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angeboten. Da Herder gesehen, daß sein Plan auf diese Weise scheitern müsse, habe er denselben aufgegeben und dem Verleger Hartknoch erklärt, er sei nicht zum Redacteur eines Journals gemacht; auf dessen Bitten aber, ihm eine Zeitschrift in anderer Gestalt, etwa wie die »Briefe zu Beförderung der Humanität«, zu liefern, habe er dies mit Freundschaft für ihn und dessen verstorbenen Vater versprochen; sie habe eine Uebersicht des Merkwürdigsten des vergangenen Jahrhunderts liefern sollen. Diese Darstellung beruht auf ganz falscher Erinnerung. Was Herder von der »Aurora« abhielt, war die Ausführung seiner »Kalligone«, die im Mai 1800 erschien; hinter dieser war sie zurückgetreten, aber nichts weniger als aufgegeben. Den 31. Januar 1800 beschwört Herder's Gattin Knebel , Alles, was er dichte, ihr zu schicken; sie bewahre es in einer für die »Aurora« bestimmten Kommode. Als der Verleger im Frühjahr bei Herder einsprach, mahnte er an »Aurora«, die mit dem neuen Jahrhundert beginnen solle. »Senden Sie mir Alles in den »Aurora-Schatz«, bittet Herder's Gattin am 11. Juni Freund Knebel, den Herder Anfangs Mai in Ilmenau besucht hatte. »Es wird nun still daran gesammelt. Sprechen Sie mit Niemand davon! Es soll ein stiller, heiliger Bund sein und bleiben. Die Idee dazu ist durch Hartknoch's Gegenwart und Aufmunterung bei meinem Manne neu belebt und auferweckt. Auch Hartknoch's Existenz zu erleichtern, den Kaiser Paul bald um Haus und Hof zu bringen scheint, ist es ein gutes Werk. Sie wissen doch die letzte Ukase, daß ganz und gar kein Buch nach Rußland darf.« Das Werk sollte in vierteljährigen Heften erscheinen, von denen je zwei einen Band bildeten. Lange konnte Herder nicht zu einer anhaltenden Arbeit gelangen; er schrieb nur einzelne Beurtheilungen für die Erfurtischen Nachrichten . Am 10. September klagt er Knebel, er wohne noch in nichts. Erst gegen Ende des Jahres scheint er an die Arbeit gegangen zu sein, von welcher er nicht einmal Knebel und Gleim ein Wort sagte. Er hatte sich nun entschlossen, das Werk allein zu unternehmen, in welchem er die Politik und Bildung des vergangenen Jahrhunderts nach dem strengen Maßstabe des Rechts und der Sittlichkeit darzustellen gedachte, und in dieser Beziehung hatte er auch den Titel der neuen Zeitschrift geändert, welche »Adrastea« heißen und auf einem Titelbilde zwei Adrasteen, die der Wahrheit und Gerechtigkeit, zeigen sollte. Zur Aenderung des Titels hatte ihn wol der Umstand mit bestimmt, daß mittlerweile eine »Aurora, Deutschlands Töchtern gewidmet«, angekündigt worden war. Zunächst wollte er das Zeitalter Ludwig's XIV. in seiner geschichtlichen oder vielmehr menschlichen Bedeutung darstellen, dem dann das Zeitalter der Königin Anna sich anschließen sollte. Seine Gattin bemerkt, daß er hierzu mehr Bücher als zu irgend einem andern seiner Werke habe lesen müssen, was ihm bei seiner durch Amtsgeschäfte sehr beschränkten Zeit schwer gefallen. Als Knebel am 20. Januar 1801 Herder's Gattin einen Gruß an das neue Jahrhundert sandte, schrieb diese ihm, diese vier goldenen Zeilen sollten an die rechte Stelle bald kommen, womit sie wol an die Aufnahme in die Adrastea dachte, an deren Spitze jetzt drei Strophen Knebel's stehen, deren letzte wol jene »vier goldenen Zeilen« enthält. Schon am 12. März sandte Herder's Gattin das erste Exemplar des ersten eben angekommenen Stückes der Adrastea an Knebel . Es enthielt außer der Darstellung des Zeitalters Ludwig's XIV. das allegorische Drama »Aeon und Aeonis« und die mit Benutzung von Jesaias gedichteten »Hoffnungen eines Sehers vor dreitausend Jahren«. Knebel's kleines Gedicht an das Jahr 1801 stand vor der Widmung. »Mein Mann hat keinen kleinen Gesichtspunkt, er hat einen großen zu wählen gesucht; sagen Sie, wie Sie es finden!« schrieb sie dabei. » Aeon und Aeonis lesen Sie nicht, als bis Sie alle die vorangehenden Stücke gelesen haben; aus diesen ist es erwachsen. In dem ersten und den nächstfolgenden Stücken sucht mein Mann noch eine Basis zu bereiten.« Letzteres hatte Herder auch vom Anfange seiner »Humanitätsbriefe« bemerkt. Hier wollte er zuerst die politische, sittliche und literarische Gestaltung Frankreichs und Englands in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zur Anschauung bringen, wobei er einen weitern Leserkreis vor Augen hatte, dem er ein rein menschliches, auf die sittliche Förderung gerichtetes Urtheil über diese großen, auf Deutschland mächtig wirkenden Völker zu vermitteln strebte. Knebel , der von Herder's Beschäftigung mit der französischen Geschichte nichts geahnt hatte, freute sich, daß Dieser einen geschichtlichen FGegenstand gewählt habe; nur so habe die Geschichte Frucht und Leben. Trefflich sei es, daß er gerade Ludwig XIV., dieses Musterbild aller spätern Fürsten, selbst Friedrich's des Großen, gewählt habe, »da der ganze Schwanz der Welt- und Hofleute, Gelehrten u. s. w. daran hänge«. Die Behandlung sei voll hohen Sinnes, reiner und feiner Bemerkungen und treffender Wahrheit und im Vortrage so anspruchslos. »Aeon und Aeonis«, ein treues Gemälde, bilde die Nutzanwendung der vorhergehenden politischen Fabel. Am Lehrreichsten und Kräftigsten fand er den Schluß (unten S. 89), daß die Louis auch in der andern Welt so sind und bleiben. Gleim hielt Sachen und Worte der Göttin würdig, und er wünschte, daß der herrliche Traum am Ende des herrlichen Buches: »Die Erde wird ein Paradies«, in Erfüllung gehn möge. Jean Paul war über diesen »letzten Band der Ideen zur Geschichte der Menschheit « erfreut. Unserer von historischer Kenntniß und humanen Ansichten zugleich abkommenden Zeit würden diese kenntniß- und grazienreichen Blätter Oel-, Rosen- und Stärkungsblätter sein. »Aeon«, besonders sein Sophokles-Oedipischer Tod, sei das, was Goethe's Casual-Aeon habe sein wollen. Die Greife der Vorrede zögen im poetischen Aether. Auch Wieland sprach sich brieflich höchst anerkennend aus und ging gern auf den Wunsch von Herder's Gattin ein, daß sein Urtheil im »Merkur« abgedruckt würde. Dagegen meinte Goethe am 18. März, der Verfasser befinde sich wie im Fegfeuer zwischen der Empirie und der Abstraction, in einem sehr unbehaglichen Mittelzustande, und weder an Form noch an Inhalt gehe etwas über das Gewöhnliche hinaus. Noch schärfer urtheilte Schiller, der das Büchlein bitterbös fand; es ärgerte ihn »dieses erbärmliche Herausklauben der früheren und abgelebten Literatur, das nur den Zweck habe, die Gegenwart zu ignoriren oder hämische Vergleichungen anzustellen. Herder zeige sich hier unendlich trivial, schwach und hohl, und die Arbeit leide an Flüchtigkeit. In »Aeon und Aeonis« sei blos der aus Goethe's »Paläophron und Neoterpe« herübergenommene Gegensatz zweier Hauptfiguren mit begleitenden allegorischen Nebenfiguren gut, mit der eigenen Erfindung beginne die Pfuscherei; nirgends zeige sich eine feste Gestalt. Schiller ahnte, worauf das Ganze hinauslaufe, daß diese Adrastea die ganze neuere Kunstbildung, wie er sie mit Goethe angestrebt habe, als einen schädlichen Irrthum verwerfen und nur die auf sittliche Besserung gerichtete Dichtung anerkennen werde. Auch der Standpunkt, von welchem Herder die Geschichte betrachtete, schien ihm ein sehr beschränkter, da er nur von sittlicher Beurtheilung ausgehe und nicht der Macht der Persönlichkeit und dem großartigen Gegeneinanderwirken der leidenschaftlich sich bekämpfenden Kräfte ihr Recht zu Theil werden lasse. Und doch war Herder's Gesichtspunkt ein durchaus berechtigter, wenn auch dabei das dramatische Leben der Geschichte zu kurz kam. Herder durfte dem »großen« Ludwig den Spiegel der Wahrheit und des Rechtes entgegenhalten und auf die strenge Forderung des Volkes und der Menschheit an die Fürsten hindeuten, welche ihre Unterthanen nicht zum Spiel ihrer leidenschaftlichen Ehrsucht mißbrauchen sollen. Ist ja die Menschheit, ihre Vervollkommnung, ihr Glück der Angelpunkt jeder weltgeschichtlichen Betrachtung. Und Herder's tiefer Rechts- und schöner Menschensinn verleugnen sich hier nicht, wenn auch Manches flüchtig geschrieben ist und er keineswegs den Anspruch auf kunstmäßige Darstellung erheben kann. Zu einer solchen fehlten ihm vor Allem Ruhe und Muße, und doch würden wir es ihm Dank wissen, wenn er in gleicher Weise wie den Anfang des Jahrhunderts auch dessen Verlauf dargestellt hätte, wozu es freilich noch viel umfassenderer Studien bedurft hätte, die Herder's Sache nicht waren. Schon am 15. Mai sandte Herder's Gattin das zweite Stück der Adrastea an Knebel , dem sie den Shaftesbury, Horaz und Swift, und was sonst Gutes darin sei, weihte. Es handelte bei Gelegenheit der Regierung Wilhelm's von Oranien und seiner Nachfolgerin von Locke, Shaftesbury, Addison, Swift, Pope und gab die Uebersetzung dreier Briefe des Horaz. Knebel war über seine Lieblingsbetrachtungen und seine Lieblingsdichter, die er hier fand, ganz entzückt, vor Allem aber erfreuten ihn die Uebersetzungen aus Horaz, die bis auf einige Ausglättungen ganz Horazisch gesagt seien, so völlig verschieden von Wieland's Uebersetzung. »Welcher liebliche Menschenduft!« schrieb er; »wie reich und milde ist die Seele unseres trefflichen Herder! Die Engländer sind trefflich geschildert und die Swiftischen Deutschen!« Erst im Winter ging Herder an die Fortsetzung der Adrastea . Das dritte in der Mitte Februar 1802 erscheinende Stück enthielt »Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts«. Hier sprach Herder über die Geschichtschreiber, die Denkwürdigkeiten, Gedanken, Lehrgedichte, Märchen, Romane und Idyllen jener in den beiden ersten Stücken behandelten Zeit, an welche er den aus dem Wesen derselben genommenen Maßstab legte, freilich ohne den Gegenstand zu erschöpfen und auf ein gründlich eingehendes Studium jener Literaturzweige zu fußen; aber auch hier leuchtet Herder's feine Beobachtungsgabe und sein menschlich edler Sinn hervor. Eine Anzahl lehrhaft dichterischer Gaben bot eine freundliche Abwechslung. Horaz war durch zwei Stücke vertreten, und am Schlusse fanden sich drei neue Legenden. Auch von Knebel hatte er eine Anzahl ungedruckter Sprüche als »Blumen aus dem Garten eines Freundes« aufgenommen. Dieser Freund pries am 19. Februar mit näherm Eingehn auf das Einzelne diesen »Strauß von angenehmen, nützlichen, geistigen und gelehrten Erzeugungen«. Alles hatte ihn angesprochen. Die Erörterung der Fabel fand er wahr und trefflich, nur über Lafontaines Manier habe er sich eine andere Ansicht gebildet. Fast am Besten hatte ihm die Behandlung des Märchens gefallen, die an wahren, neuen und schönen Bemerkungen reich sei. Das Gedicht »Der Traum« begrüßte er als »eine holde Begeisterung voll zarter Tinten und feiner, beredter Gefühle«. Herder fühlte sich durch diesen aus der Seele fließenden Beifall wahrhaft gestärkt. »Mein Sinn und Plan war's,« schreibt er bei der Aeußerung seines Dankes, »bei jeder Dichtart die reine Idee zu fixiren (im vierten Stück werden Sie dies noch mehr sehen); denn sonst ist alle Kritik ein Hanswurstgefecht. Keinem Talent wird damit etwas entnommen; ich schone, wie und was ich kann.« Auf die genaue Unterscheidung der einzelnen Dichtarten als besonderer Kunstformen gingen ja auch Schiller und Goethe aus, aber Herder's Grundansichten des Wesens der Dichtung beruhten auf der sittlichen Wirkung; die feinsinnigen, von tiefem Kunstgefühl belebten Bemerkungen Schiller's ließ er zur Seite und blieb hartnäckig auf seinem Standpunkte stehn, von dem aus er freilich manche treffende Bemerkung machte. Ueber Lafontaine stimmte er Knebel ganz bei: Dieser gehöre eigentlich ins vorige Jahrhundert; nur beiläufig habe er von ihm, eigentlich von seinen Nachahmern und der arte fabulas dicendi in seiner mißbrauchten Manier, geredet. An Gleim schrieb Herder, als er ihm die beiden neuen Stücke der Adrastea anmeldete, diesmal sei es sein poetisches Testament, kleine Institutionen; die Pandekten der Poesie möge ein Anderer schreiben. Gleim fand hier Alles edel, hoch und erhaben. Nur seinem Wunsche, daß Jeder, weß Standes er sei, rein menschliche Denkwürdigkeiten schreiben solle, konnte er nicht beistimmen, indem er daran erinnerte, wie wenig Gutes Bahrdt, Semler, Brandes, Trenk u. A. damit gestiftet. Gleich nach dem dritten erschien das vierte Stück, das den ersten Jahrgang schloß. Schon Anfangs Januar hatte er daran gearbeitet. Knebel dankte dafür bereits am 7. März. Voran ging der erste Gesang eines Gedichtes in Stanzen »Pygmalion, die wiederbelebte Kunst«, zu welchem ihn der Aufenthalt in Rom veranlaßt hatte. Daran schloß sich die Fortsetzung der »Früchte«, welche über Bilder, Allegorien, Personificationen, Tanz, Melodrama und Oper, das Drama und das Lustspiel handelte; den Schluß bildete die Uebersetzung der Einleitung und der ersten Satire des Persius unter der Ueberschrift: »Rom's goldnes Zeitalter der Dichtkunst unter Nero«, wol mit entschiedener Richtung gegen die neuern Dichter. Außerordentlich scharf und bitter war er diesmal gegen das neuere Drama vorgegangen, wozu ihn besonders der Aerger über A. W. Schlegel's »Ion« trieb, den Goethe auf das Theater gebracht hatte. Doch nahm er die gegen den »Ion« gerichteten Blätter (vgl. unten S. 737 ff.) vor dem Drucke zurück, weil er mit Goethe, welcher die Unterdrückung eines von Böttiger auf den »Ion« gerichteten Angriffes durchgesetzt hatte, nicht in Händel gerathen wollte. Knebel konnte auch diesmal des Lobes kein Ende finden. Die holden Stanzen »Pygmalion's« seien Gefühle und Bildungen von Herder's italienischer Welt, deren Grundlage desto mehr seinen Sinn getroffen habe, da er längst der Ueberzeugung sei, daß Alles, was Kunst heiße, seinen letzten Endzweck auf das Innere unseres Gemüths haben müsse. Die Behandlung der Allegorien fand er zart und schön, und auch im Folgenden stimme er darin ganz mit ihm überein, daß nur das Moralische das wahre Mittel sei, das Herz, das vor Allem getroffen werden müsse, zu heben; dieses sei die innere Stimme, auf welche die äußere Kunst anschlagen müsse. Vielseitig und trefflich habe er dies im Drama durchgesetzt. Fein, scharf und richtig sei das über das Lustspiel Bemerkte, vielleicht für Manche, die es treffe, zu stark. Auch Wieland , mit welchem Herder's Gattin über das vierte Stück der Adrastea sprach, konnte nicht leugnen, daß er einige Stellen gemäßigter gewünscht hätte; diese aber erwiderte: das Gemäßigte thue gar keine Wirkung mehr; ihres Mannes Metier sei es, auf Sittlichkeit zu halten, die jetzt so frech und gegen alle Regeln der Kunst auf dem Weimarer Theater verletzt werde, worin Wieland ihr beistimmte. Jean Paul sprach seinen Beifall über das dritte und vierte Stück der Adrastea zugleich am 18. März aus. »Aus der dritten ( Adrastea ), die ich verliehen, entsinn' ich mich noch unter den poetischen Stücken des schönsten und wichtigsten Gedichts, das die Weiber je von Dichtern erhalten (»Adam's Traum«), und der zwei ersten Legenden. Die Abhandlung über die Fabel, die Allegorie, den Roman (als ein Widerschein des Traums) und über das Trauerspiel (besonders über das Schicksal) unterschreib' ich bewundernd. Die Oper der Oper ist köstlich und unerwartet, wie des Persius schweres Problem (eine gute Übersetzung) gelöst. Ueberhaupt scheinen die beiden letzten Adrasteen mit noch größerm Feuer und mit einer Kraft geschrieben, von der man sich eine größere Gesundheit verspräche, als leider, wie ich höre, blieb.« Freilich war Herder leidenschaftlich gespannt gewesen. Auch der Anfang des zweiten Jahrgangs, das fünfte Stück, das erste des dritten Bandes, folgte rasch. Es begann, wie der erste Jahrgang, mit einem Gedichte von Knebel , dem »Lied der Hoffnung«, das Dieser am 4. Januar statt aller Neujahrswünsche geschickt hatte. »Sie erlauben es doch (oder es geschieht ohne Ihre Erlaubniß),« schrieb Herder's Gattin am 23. an Diesen, »daß das Hoffnungslied den zweiten Jahrgang der Adrastea anfange? Mein Mann hat eine innig große Freude daran wie ich.« An das Hoffnungslied schloß sich zunächst die Uebersetzung eines Gespräches über den größten Helden und den billigsten Gesetzgeber. Den Haupttheil des Stückes bildeten die »Ereignisse und Charaktere des vergangenen Jahrhunderts«, unter welcher Ueberschrift zunächst über die nordische Geschichte vom Anfang des Jahrhunderts gehandelt, Karl XII., August von Polen, Stanislaus I. und Peter der Große gezeichnet, sodann auf die »preußische Krone« als eine neue zukunftsvolle Macht hingedeutet wurde. Eine ausführliche Darstellung fand die umfang- und erfolgreiche Wirksamkeit des großen Leibniz . Als Zwischenspiel traten Uebersetzungen aus den lateinischen Gedichten des Thomas Campanella ein, bei denen der Name des Dichters vorläufig verschwiegen war; sie wurden unter der Ueberschrift »Prometheus aus seiner Kaukasushöhle« eingeführt. Sodann folgten als Fortsetzung der »Ereignisse« die »Säcularischen Hoffnungen« und eine Betrachtung der Wirkung der »Propaganda«. Den Schluß bildete Knebel's am 22. März gesandtes Gedicht » Adrastea «. Schon am 10. Mai dankt Knebel für das neue Werk von Herder's Geist und Fleiß. Er habe es mit reiner Freude durchlesen, und seit lange habe ihn keine Schrift mehr in sich beruhigt und zufrieden gestellt; es herrsche darin ein milder Geist der Ueberzeugung, der fest bestimmten Lehre. Mit den Helden nehme er es mit Recht nicht moralisch strenge, sondern lasse ihren Naturgaben ihr Recht angedeihen, wobei treffende Bemerkungen und Kenntnisse überall ausgestreut seien. In der »Krone Preußen« sei ihm der Gedanke, daß Brandenburg der natürliche Bundesgenosse Oestreichs sei, so simpel und natürlich er sei, besonders aufgefallen, da leider die östreichischen und preußischen Minister es nur darauf absähen, Haß und Eifersucht zwischen den Brudernationen immer mehr anzufachen. Am Meisten habe ihm der Abschnitt über Leibniz wohlgethan, diesen Urgeist, dessen Seele ganz in die Herder's übergegangen sei. Hier seien die wahren Erzstufen der Weisheit, aus denen sich das reine Gold läutern lasse. Diesen Aufsatz hatte Herder im Januar geschrieben, wo er dazu von Knebel eine Schrift über den Geist von Leibniz dringend forderte. Auch Gleim ward durch das neue Stück erquickt; nur wollte er nicht zugeben, daß Peter ein großer Mann gewesen; in seinem Tagebuch erscheine er nicht als ein selbstdenkendes, selbstthätiges Wesen, und sein Testament zeige ihn klein. Das sechste Stück kam noch vor Herder's Reise in das Aachener Bad zu Stande. Den Anfang bildeten elf Gedichte des »Prometheus aus seiner Kaukasushöhle«, mit einer »Nachschrift«, welche das Räthsel dieses Prometheus löste. Der Hauptinhalt des Stückes brachte die Behandlung der »Wissenschaften, Ereignisse und Charaktere des vergangenen Jahrhunderts«, eine etwas willkürliche Ueberschrift, in Anlehnung an die im vorigen Stücke gewählte. Hier wurde zunächst über die naturwissenschaftlichen Entdeckungen Newton's und Kepler's gehandelt, dann über Händel, das Oratorium und reine musicalische Wirkung, zuletzt über Swedenborg's Geistererscheinungen. Knebel's Hymnus an die Sonne zierte dieses Heft; den Schluß bildete ein Gedicht »Himmel und Hölle«, zum Theil nach Swift . Erst im Winter konnte Herder zur Adrastea zurückkehren. Zu dieser schrieb er im November die dramatischen Scenen seines »Entfesselten Prometheus«, welche das Fortstreben des göttlichen Geistes im Menschen zur Aufweckung aller Kräfte dichterisch darstellen, im Gegensatz zu der im griechischen Mythus liegenden Härte. Herder war damals sehr verstimmt, auch mit dem Erfolge seiner Adrastea unzufrieden, die nirgendwo gelesen werde, worüber ihn Knebel beruhigen konnte, wenn auch freilich die große von Herder gehoffte Wirkung ausblieb, da er besonders in der Auffassung der Dichtung und Kunst mit dem Zeitgeiste in Widerspruch stand und auch in der äußern Form sich manches Auffallende gestattete, was die reine Wirkung trübte, wie geistvoll, anregend und tief gedacht auch Manches war. »Mit der Adrastea will es diesmal nicht recht flink gehen,« klagt Herder's Gattin am 25. Januar 1803. »Das Actenlesen und die hiesige Atmosphäre hat meinem Manne Muth, Freude, Augen und Leben geraubt. Gott helfe uns doch!« An den Augen hatte Herder schon längere Zeit gelitten, so daß bereits zum fünften Stücke ein größerer Druck gewählt werden mußte, damit er die Bogen vor dem Drucke durchgehen konnte. Knebel wünschte ihm zur Adrastea Muth und Munterkeit; gern möchte er darin etwas über das Verdienst der Missionäre lesen. Da Dieser den Anfang seiner Übersetzung des Lucrez in ein Taschenbuch geben wollte, schrieb Herder's Gattin ihm am 4. Februar: »Mit dem Lucrez hat mein Mann den Wunsch und die Idee, ob es nicht besser gethan sei, wenn dieser Anfang in die Adrastea käme.« Da diese doch immer in die Hand der besten Menschen komme und Lucrez nur von den Verständigern aufgenommen werden könne und müsse, nicht von den frivolen Lesern der Almanache, so solle das erste Stück der Adrastea 1803 mit diesem Dichter anfangen; jetzt werde noch am dritten und vierten Stück von 1802 gedruckt. Habe dieser Vorschlag seinen Beifall, so möge er den Lucrez etwa in vier Wochen senden. Schon am 6. März erhielt Knebel den Schluß des siebenten Stückes, das außer dem »Entfesselten Prometheus« Aufsätze über »Unternehmungen des vergangenen Jahrhunderts zu Beförderung eines geistigen Reiches« brachte. Die Christianisirung des chinesischen Reiches, die Republik der Jesuiten in Paraguay, das Christenthum in Grönland, Zinzendorf und die Bekehrung der Juden kamen hier in Herder's mildem Sinne zur Sprache. Dabei wurden ein Stück aus dem Tschong-Yong und acht Erzählungen aus den chinesischen »Exempeln der Tage«, ein Lied von Hallevi und zum Schlüsse »Jüdische Parabeln« mitgetheilt. Eine Stelle aus der Bhagavad-Gîtâ war einem der Gespräche über die Nationalreligionen einverleibt. Der reichste Beifall Knebel's lohnte auch diesmal den »guten Sucher und Vollender«. Gleim meinte, Herder sei ein Gott, aus der harten Mythe des Prometheus habe er eine so weiche gemacht wie die von Amor und Psyche. Am 12. April sandte Herder's Gattin das achte Stück diesem treuen Freunde und Verehrer. Dasselbe begann mit der Fortsetzung der chinesischen »Exempel der Tage«, dann folgte die Fortsetzung der im vorigen Stück abgebrochenen »Unternehmungen«, und zwar zunächst zwei Beilagen zu dem Artikel »Bekehrung der Juden«, zu dem sie freilich nicht recht passen; aber man sieht nicht, welche andere Beziehung diese beiden Mittheilungen von fester Ueberzeugungskraft haben sollten; daran schlossen sich bis Abschnitte über die Freidenker, Mandeville, die Freimaurer, Enthusiasmus und die Methodisten und endlich ein Rückblick auf die mancherlei Bemühungen des vorigen Jahrhunderts auf diesem Gebiete mit Vorschlägen, was zur Förderung der geistigen und moralischen Kräfte geschehen könne. Dazwischen kam Herder's »Bienenfabel« und ein Garten der Ehre aus den Minnesingern. Den Schluß bildete das Gedicht »Die Verhängnisse«, worin der Dichter die Zuversicht und Hoffnung aufruft, in des Redlichen Brust herabzusteigen und eine glückliche Zukunft zu schaffen. Auch diesmal dankte Knebel in zwei eingehenden Briefen vom 22. und 23. April. »Sie sagen Alles so vortrefflich, leicht und doch kräftig. Wenn ich nur eine Feder aus Ihrem Flügel hätte!« Das Ganze sei »eine herrliche Flora der fruchtreichsten Philologie, Moral und Philosophie«; überall schöpfe das Herz mit dem Verstande. Jean Paul 's Dank für die beiden letzten Stücke der Adrastea verzögerte sich zufällig. Der Aufsatz über die Juden, schrieb er am 11. Mai, habe ihm und dem Herzoge von Meiningen durch seine feine, lustige, vielseitige Gewandtheit gefallen. Die »Flora- Melitta« und »Psyche« hätten eine indische Süßigkeit. In dem Aufsatze über die Freimaurer werde ein Schleier von einem Schleier abgezogen, und das Licht raube die poetische Schönheit den Mysterien nicht. Nur gegen die Bestimmung in der »Atlantis«, daß nur gelehrt werden dürfe, was der Staat und sein Tribunal der Verständigen billige, spricht er sich entschieden aus. Man bewundere, bemerkt er, die Gelehrsamkeit des Buches, weil man diese sonst nur in einem , nicht in so vielen Fächern gewohnt sei. Zuletzt spricht er den Wunsch aus, ein würdiges Denkmal von Herder's Lands- und Geistesverwandten Hamann in der Adrastea zu finden. Gleich darauf erschien das neunte Stück, das erste des dritten Jahrganges und zugleich des fünften Bandes. Es begann mit dem zweiten Gesang des »Pygmalion«; am Schlusse standen die dreizehn ersten Romanzen der Geschichte des Cid , wie es hieß, »nach spanischen Romanzen«. Den bei Weitem größten Theil des Stückes nahmen die »Bemühungen des vergangenen Jahrhunderts um die Kritik« ein, in welchen demjenigen, was man früher Kritik genannt habe, auf sehr gezwungene Weise eine despotische kritische Philosophie des verflossenen Jahrhunderts entgegengesetzt und scharf abgefertigt ist, sodann Bentley, Baxter, Creech und Clarke behandelt werden; wobei wir als Beilagen bei Bentley ein Gespräch zwischen Kritik, Satire, Ironie und Sophron und eine Übersetzung der die Geschichte der Satire behandelnden Horazischen vierten Satire des ersten Buches, bei Baxter sieben Briefs über das Lesen des Horaz an einen jungen Freund, bei Creech den Anfang von Knebel's Übersetzung des Lucrez, bei Clarke eine Abhandlung über das Epos, seinen Unterschied von der Geschichte und der Tragödie erhalten. Das ist freilich eine wunderliche Compositionsweise, die bei Manchem Kopfschütteln erregen mußte. Knebel hatte auch an diesem Stücke »herrliche Freude«, besonders an dem »prächtigen« Cid . Die Fortsetzung der Adrastea war dem Winter aufbehalten; mit dem zwölften Stücke, dem dritten Jahrgange, dachte Herder zu schließen, da ihn die Vollendung seines »Geistes der ebräischen Poesie«, der »Aeltesten Urkunde« und der »Persepolitanischen Briefe« lebhafter anzogen. Schon im October ging er an die Adrastea , da die beiden nächsten Stücke zu gleicher Zeit erscheinen sollten. Er hatte Knebel 's Bericht über einen Besuch, den Dieser im Jahre 1780 dem Dichter Niklas Götz in Winterburg gemacht, aufzunehmen gedacht, aber da Diesem derselbe zu unbedeutend für eine so würdige und gehaltvolle Zeitschrift schien, schon darauf verzichtet, als der Freund sich noch durch Herder's Gattin bestimmen ließ, dazu seine Einwilligung zu geben. Freilich sei es ihm ehrenhafter und lieber, wenn Herder den Bericht als ein Actenstück zur Literatur unserer Dichtung aufnehme, aber er müsse hintenan stehen, etwa mit der Entschuldigung, daß es einen Mann betreffe, von dem schon einigemal die Rede gewesen sei. Herder's Gattin erwiderte: »Den Götz will mein Mann mit größtem Vergnügen in die Adrastea einrücken. Wenn Sie nur nicht so bescheiden wären! Diese Untugend hat nun verursacht, daß mein Mann ein anderes Arrangement mit dem jetzt folgenden Stück traf. Geht es noch, so kommt Götz hinein, wo nicht, so folgt er gleich. Beide Stücke kommen mit einander heraus.« Gleich darauf ward Herder von einem schlagartigen Anfall niedergeworfen; erholte er sich auch bald wieder von den Folgen und konnte von Zeit zu Zeit arbeiten, so fühlte er sich doch sehr leidend. Mit ganzer Seele hing er an der Vollendung der Adrastea ; aber ehe er den Aufsatz »Zutritt der nordischen Mythologie zur neueren Dichtkunst« ganz vollenden konnte, ward er von Neuem auf das Krankenlager niedergeworfen, das er nicht mehr verlassen sollte. Noch hätte er gern die zwei folgenden Stücke der Zeitschrift vollendet, in welche er sein ganzes Bekenntniß legen wollte. Wahrscheinlich würde er hier auf das Schärfste gegen die neuere Richtung der Kunst aufgetreten sein, wie ja seine Aeußerungen gegen die neuere Balladenpoesie noch bitterer sind als seine frühern über das Drama. Das zehnte Stück war nur theilweise geordnet, als Herder am 18. December verschied. Es begann mit weiteren Proben des »Cid«, woran sich eine Fortsetzung der im vierten Stücke abgebrochenen »Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts« (die Artikel »Romanze«, »Volksgesang« und »Epopöe«) anschlossen; dazwischen waren Knebel's »Andenken an einen Besuch bei J. N. Götz«, ein Aufsatz: »Ist dem Volke so viel Kunstsinn als Sinn für Wahrheit und Ehrbarkeit nöthig?« und eine darauf bezügliche Aeußerung von Young eingeschoben. Den Schluß bildete die Abhandlung, welche Herder nicht hatte vollenden können. Aus den vorhandenen Papieren, von denen Manches für das nächste Stück bestimmt, Anderes auch für die Adrastea geschrieben war, Anderes in keiner Beziehung dazu gestanden [Wort unleserlich. Re], stellte Herder's ältester Sohn die zwei noch fehlenden Stücke zusammen. Die Adrastea ist der letzte Ausläufer seiner auf die Entwicklung reiner Menschheit gerichteten Bestrebungen des edeln Mannes, der zuletzt im Widerstreite mit der großartigen Entwicklung der deutschen Philosophie und Dichtung stand und, indem er die sittliche Wirkung der Kunst und den reinen Menschenverstand als höchstes Ziel betrachtete, gegen die vollendete Kunstform und den Tiefsinn der Speculation gleich ungerecht ward. Sie hat die Zahl seiner Verehrer nicht vermehrt, wenn auch in Deutschland noch Viele auf die aus tiefer Ueberzeugung sprechende Stimme des für Menschenwürde begeisterten hochbegabten Geistes hörten, der so mächtig auf die Entwicklung unseres Volkes gewirkt hatte. Herder selbst hatte die Lust daran verloren; seine geschichtliche Betrachtung bezog sich nur auf den Anfang des Jahrhunderts, und auch mit der literarischen Beurtheilung wagte er sich nicht einmal in die Anfänge unserer neuern deutschen Literatur. So ist seine Adrastea ein Torso geblieben; gerade zur Darstellung der bedeutendsten Wendungen des vergangenen Jahrhunderts, besonders der Zeit, welche Herder selbst erlebt und mit gespanntester Theilnahme verfolgt hatte, war er nicht gelangt; doch ergiebt sich schon aus dem Grundbau, noch mehr aus den vertrauten Bekenntnissen in seinen Briefen, wie er diese dargestellt haben würde. Gegen sein Vaterland Preußen war Herder während seines ersten Aufschwunges mit dem bittersten Hasse erfüllt, da er in ihm den Sitz ärgster Unterjochung, den schlimmsten Feind der schwärmerisch von ihm ersehnten freien deutschen Einheit sah; für den Staat des Königs von Preußen schien ihm noch zur Zeit seiner Reise in Frankreich (1769) das einzige Heil, wenn er wieder zertheilt werde, wie das Reich des Pyrrhus, mit dem er so viel Ähnlichkeit habe. Aber in Weimar, dessen edler Fürst den Bestrebungen für deutsche Freiheit sich mit ganzer Seele zuwandte, sollte er bald die Ueberzeugung gewinnen, daß gerade in Preußen der mächtigste [Wort unleserlich. Re] zur Erreichung der deutschen Freiheit gegeben sei. Der Tod Friedrich's des Großen, dessen weit über die Macht [Wort unleserlich. Re] Persönlichkeit hinausreichende Bedeutung er jetzt nicht mehr [Wort unleserlich. Re] , erregte auch in Herder die schönsten Erwartungen die am Anfange sich erfüllen zu wollen schienen. Da brach der große Brand in Frankreich aus, dem Herder anfangs als der Morgenröthe einer neuen Freiheit zujauchzte; ja, die Rücksichtslosigkeit, mit welcher er seine freien, gegen die Fürsten erbitterten Gesinnungen am Hofe selbst zu äußern und sich für die Männer des Umsturzes auch noch zu einer Zeit, wo Andere längst ernüchtert waren, zu erklären fortfuhr, überstieg alle Grenzen. Als aber nun die Vertreter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sich als gierige Welteroberer entpuppten und das Dasein der deutschen Selbstständigkeit gefährdeten, da schauderte er vor den schrecklichen Zeiten zurück, in denen ihm nur die einzige Hoffnung blieb, daß die in der Geschichte waltende Vorsehung endlich wieder Alles ins Gleiche bringen und nicht die Humanität unterliegen lassen werde. Mit seiner Verzweiflung an den politischen Verhältnissen sollte leider am Ende des Jahrhunderts die Erbitterung über die verderblichen herrschenden Richtungen in deutscher Dichtung und Philosophie gleichen Schritt halten. Hatte er seinen Kampf gegen Kant und dessen Schüler in der Metakritik und Kalligone geführt, so trat er gegen die Dioskuren der Dichtung gerade in der Adrastea mit der schärfsten Leidenschaft auf, und auch sein Sohn unterdrückte bei der Nachlese derselben das Bitterste nicht, wozu der krankhaft erregte Vater gegen Diese sich hatte hinreißen lassen. Je mehr wir dies bedauern, um so erhebender wirkt die edle Ruhe, mit welcher Goethe und Schiller diesen Sturm auf ihre wohl gesicherte, freilich auch von anderer Seite bekämpfte und unterwühlte Stellung aufnahmen, und besonders war es Goethe , welcher diesen wüthenden Anfall des einst so innig ihm verbündeten Freundes, der ihn selbst noch aus dem Grabe heraus bekämpfen sollte, herzlich bedauerte. Wir haben bei der Herausgabe nur das ausgeschieden, was an geeigneterer Stelle bereits in andern Bänden zum Abdruck gekommen ist. Auch Abschnitte, welche Herder aus den Schriften Anderer nahm, durften hier nicht weggelassen werden, sollte nicht der Charakter der Adrastea verwischt werden. Von demjenigen, was Knebel beisteuerte, haben wir blos dasjenige ausgesondert, was sonst bereits gedruckt ist, so daß eine einfache Hinweisung genügte. In der Ausgabe von Herder's »sämmtlichen Werken« war in Folge der Vertheilung derselben auf verschiedene Classen bei der Adrastea , wie bei den »Briefen zu Beförderung der Humanität«, eine höchst unglückliche Spaltung in zwei Theile nöthig geworden, da die geschichtlichen Darstellungen zu den Werken »Zur Philosophie und Geschichte« mit der dafür allein in Anspruch genommenen Bezeichnung »Adrastea« gezogen wurden, wogegen in der Abtheilung »Zur Literatur und Kunst« die übrigen, nicht bereits an andern Stellen abgedruckten Stücke unter der Bezeichnung »Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts« ihre Stelle fanden. In der »Nachlese«, den von Herder's Sohn zusammengestellten beiden Stücken, haben wir die ursprüngliche Folge beibehalten, während der Herausgeber der Werke hier willkürlich änderte. Auch sind wir diesem in der Aufnahme der beiden Aufsätze aus den Horen : »Homer und Ossian« und»Iduna, oder der Apfel der Verjüngung«, nicht gefolgt, haben dagegen zum Schlusse mit ihm die Ankündigung der Aurora gegeben, da drei zu dieser beabsichtigten Zeitschrift bestimmte Gespräche im letzten Stücke der Adrastea sich finden. Die den Schluß bildende Uebersetzung Knebel's aus Ossian durfte hier ebenso wenig stehn als die beiden ersten Theile des sonderbaren Gedichtes »Der Kampf« (aus dem elften Stücke) von einem ungenannten Verfasser. Schließlich haben wir eine ursprünglich für die Adrastea geschriebene Ausführung »Übersicht und Farben und Schall« gegeben, welche in der Ausgabe der Werke an ungehöriger Stelle eingefügt war.       Adrastea. Dem Jahr 1801. »Hoffnungsschwangeres Jahr, bringest Du neues Glück Vom Olympus herab? Sieh, es umleuchtet uns Mit dem goldenen Saume Lieblich-röthlicher Morgenduft. Und er senkt sich herab, hauchet uns milder an; Starrt schon schimmernder Frost hoch um der Berge Haupt, Zeigt er lichter die Bahn nur Zu des Himmels gewölbtem Blau. Sei willkommen, o Jahr! Deinen erwarteten Segen, geuß ihn herab; denn wir bedürfen sein. Gleich dem schimmernden Morgen Sei Dein sinkendes Abendroth!« v. K. Herder's Freund, der Major von Knebel. – D. ––––– Unter Begrüßungen solcher Art empfingen zeitgläubige Freunde des neuen Jahrhunderts Aurora, als langsam sich aus der Morgengegend ein leuchtendes Gespann den Himmel hinauf hob und vor ihnen am Horizont weilte. Ein Wagen, von zwei Greifen gezogen, deren einer vor sich hin, der andre rück- und aufwärts blickte, auf ihm zwei hohe Gestalten, jede mit einer Thurmkrone geziert, die rechte Hand messend und schweigend erhoben. In der Linken führte die eine den Zügel des Gespanns, die andre den Scepter. Eine auf dem Titelblatte des ersten Randes der »Adrastea« stehende Vignette stellte die beiden Göttinnen in dieser Weise dar, nicht aber den dem Wagen voranfliegenden Jüngling. – D. Ein Jüngling flog ihnen voran; die Lüfte spielten in seinem Haar; die Lüfte sauseten unter dem Fuß der Thiere. So stand er, der ätherische Wagen; der Jüngling floß wie ein Strahl der Sonne nieder und sprach: »Die güldene Zeit wünschet Ihr vom Himmel hernieder. Sie erscheint Euch in diesen zwei ernsten Gestalten. In ihren Händen ist Maß und Scepter; sie lenken das geheimnisreiche wilde Gespann. Die Krone des Wohlbestands und der Sicherheit auf ihren unsterblichen Häuptern, heißen sie Wahrheit und Recht . »Aber sie schweben zu Euch nicht nieder. Eurer Gedanken und Begierden Maß, die Zügel Eurer Leidenschaften, der Befehlstab der Vernunft ist in Euch. In Euch wohnt Recht und Wahrheit ; wenn Ihr sie vernehmt und ehrt und übt, so nur wird Euer Glück. »Die Beiden droben, die Adrasteen der Welt, lenken die wilden Mächte mit fester Hand. Diese blicken hinauf und gehen dahin, wohin die Führerinnen sie zügelnd lenken. Thut das Eure und traut der ewigen Weltordnung!« Ueber den Namen Adrastea vgl. Herder's Werke, VII. S. 318. – D. So sprach der Jüngling, entschwebend ins himmlische Blau; langsam zog der Wagen hinab zum Rande des westlichen Horizontes. Betroffen stand die Versammlung. Der Aelteste derselben sprach: »Wir hoffen auf Zeichen und Zahlen, wir knüpfen Wünsche an ein Phantom, ein kommendes Jahrhundert. Kinder des vorigen, nehmen wir es nicht in uns mit, in unsrem Gemüth, in unsrer Gewohnheit? In uns, in uns ist Scepter und Maß; am vorigen lasset uns lernen! Das neue Jahrhundert schaffen wir ; denn Menschen bildet die Zeit, und Menschen schaffen Zeiten.« ––––– Den Führerinnen des himmlischen Wagens, den Lenkerinnen des geheimnißreichen Gespanns. ––––– beiden Adrasteen, der Wahrheit und Gerechtigkeit, widmet sich diese Zeitschrift.   Wahrheit und Gerechtigkeit , die Ordnerinnen der Welt, als sie sich ein innres Heiligthum suchten, fanden sie es auf Erden nirgend als im Geist, in der Brust des Menschen. Da wohnen sie noch; da tönt ihre Stimme wieder. In tausend Farben bricht sich der Strahl und hangt an jedem Gegenstande anders. Alle Farben aber gehören einem Licht, der Wahrheit . In vielen melodischen Gängen wandelt der Ton auf und nieder; und doch ist nur eine Harmonie, auf einer Tonleiter der Weltbegebenheiten und des Verhältnisses der Dinge möglich. Was jetzt mißklingt, löset sich auf in einem andern Zeitalter. Diese Adrastea in der Natur wie in der Geschichte zu kennen und zu ehren, sei unser Bestreben. In dieser, der Geschichte, ist das verflossne Jahrhundert uns das nächste, nicht nur im Andenken, sondern auch weil wir in ihm unsre Bildung oder Mißbildung erlangt haben und eben aus ihm die Auflösung verworrener Dissonanzen erwarten. Allenthalben aber stehen uns in dieser Zeitschrift die strengen Göttinnen vor, mit ihrem Maß, mit ihrem Befehlstabe. »Nichts zu viel!« ist ihr schweigendes Wort. Ihr Finger am Munde gebietet Vorsicht. Und so stehe denn auch ihr Bild dieser Zeitschrift als Schutzbild voran, böse Augen abzuwenden, dem Uebermuth der Zungen zu steuern! Auch im Gemüth der Leser erhalte es das Gleichmaß der Gerechtigkeit und Wahrheit! I. Gegebenheiten und Charaktere des vergangenen Jahrhunderts. ––––– 1. Erbfolgekrieg. Entscheidet Krieg über Recht? Beim Anfange des verflossenen Jahrhunderts verwickelte sich der größte Theil von Europa in den langen und widrigen Krieg, den man unter dem Namen des spanischen Successionskrieges kennt. Er endigte damit, daß man im Frieden gab, was man durch ihn hatte verhindern wollen: Philipp bekam die spanische Krone. Wie? müssen einer Erbfolge wegen blutige Kriege geführt werden? Wird durch den Krieg ein Recht gegründet, das man nicht hatte? oder in ihm ein dunkles Recht klarer? Umgekehrt; die Parteien erhitzen sich; der Sieger ist verblendet. Beim Glück der Waffen ward auf Ludwig's XIV. Anträge, der mit Theilen seines eignen Reichs den Frieden erkaufen wollte, nicht geachtet; seine Gesandten und er wurden, damit der Krieg fortgesetzt würde, mit Forderungen, die er mit Ehren nicht annehmen konnte, beschimpft. Und da sich durch Veranlassungen, die beinahe ein Nichts scheinen, das Blatt wandte, behielt er nicht nur, was er in der größten Enge dargeboten hatte, sondern erhielt auch seine Wünsche. Philipp blieb auf dem ungetheilten spanischen Throne. Was hatte der Krieg also entschieden? Verwirrt hatte er; Meinungen getheilt, Parteien gemacht, Länder gedrückt, geplagt, geängstet, entvölkert, ungeheure Summen gekostet, vielen Tausenden Gesundheit, Ruhe, Lebenszweck und Leben geraubt, unendliche Mühe nutzlos veranlaßt, Haß und Erbitterung der Nationen gegen einander gestärkt. Er endigte mit dem Mißvergnügen fast Aller, die ihn geführt hatten, zur Ehre Deß, der diesmal ungern an ihn ging, der ihn vermeiden wollte, Ludwig's . In jeder Stadt, in jedem Dorf, ja in jeder Gemeinheit der Räuber und barbarischen Völker sind Uebereinkommnisse, Statuten, Gesetze oder Sitten über die Erbfolge der Verstorbenen vorhanden; oft unterscheiden sich hierin die nachbarlichsten Städte und Dörfer sonderbar. Alle aber erkennen, daß ein allgemeiner Wille über die Verlassenschaft eines Sterbenden vorhanden sein müsse, der dem Willen jedes Einzelnen Schranken setze oder Freiheit gebe, der, wenn der Verstorbene willenlos starb, den Hinterlassenen, wer es auch sei, ihre Rechte an ihn sichere. Der Staat oder die Gemeine sieht diese als Waisen an, die sie zu unterstützen, rechtlich zu vertreten, nicht aber zu berauben Pflicht auf sich haben. Plünderung der Habe eines Todten, Vertheilung derselben unter die Ersten und Stärksten als die Besten ist der offenste Act der Barbarei, ein häßlicher Anblick. Waren die Theilungsvorschläge der spanischen Monarchie, die dem Tode Karls vorhergingen, und bei denen Wilhelm von Oranien so geschäftig war; war die große Allianz , die er zu Stande brachte, in deren Andenken er als ein geschworner Feind Ludwig's glücklich starb – waren sie, betreffend die Krone, die getheilt werden sollte, in den Augen Spaniens etwas Anders als Raubprojecte? Welche edle Nation läßt sich theilen? Die spanische, damals noch ganz im Gefühl ihrer Stärke und Würde, ertrug den Gedanken nicht. Der Staatsrath griff zu, vereinigte sich in der Stille kräftig, vermochte den kranken König, sein Testament zu ändern, dem Wohl der Nation zu gut seinen Liebling aufzugeben, Gewissens wegen hierüber den Papst zu befragen. Selbst dies Umhertappen nach Recht und Bestandheit, was zeigt's? Daß den Staaten Europa's, d. i. dem großen europäischen Staat wie dem kleinsten Dorf, ein Codex der Erbfolgen und mit ihm ein Tribunal des Rechts und der Wahrheit gebühre, das verwaisete Nationen wie Hinterlassene in Schutz nehme und Jedem zu seinem Recht helfe. Die gebornen Richter dieses Tribunals sind die großen Pairs von Europa, die höchsten Regenten selbst; ein großer Gedanke, ein kräftiger Wille in der Brust Einiger von ihnen kann sie zu diesem hohen Werk, zu einer sichern Norm aller Angelegenheiten dieser Art vereinen. Haben alle Regenten es für Pflicht gehalten, in ihren Ländern und Häusern die Erbfolge zu bestimmen, dem gehässigen Streit über dem Leichnam zuvorzukommen oder ihn aufs Eilfertigste zu schlichten: fordert es nicht der erste Begriff eines Rechts, einer Vernunft für das Wohl der Länder, die Regierung derselben, mithin auch die Erbfolge der Regenten in Ländern und Reichen so sicher zu setzen, daß über sie nie ein Krieg entstehen müsse, entstehen dürfe? eben weil der gewaltsame Krieg alles Recht, weil er Vernunft und gemeinsame Convenienz wie das Wohl der Staaten selbst aufhebt? Wer sein Recht nicht anders als durch die Faust beweisen kann, hat gewiß Unrecht. Wer den Ausspruch der Vernunft aus Mörsern erwartet, trägt in seinem obern Runde wenig Vernunft mit sich. Ohne also in die liebenswürdige Thorheit eines St. Pierre Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 244 f. - D. zu fallen und diesen Codex der Erbfälle und Erbfolgen bestimmen, ihren Gerichtshof einrichten zu wollen, geben wir die Hoffnung nicht auf, daß ihn irgend ein großer Regent oder mehrere große Regenten, dem Recht und der Vernunft zu Ehren, wenn die Zeit kommt, mit leichter Mühe durchsetzen und feststellen werden; denn sein Gegentheil, der blutige Proceß des Krieges, ist für die Interessenten selbst zu gefährlich, der Vernunft zu widersprechend, d. i. sinnlos. Hinter einem Successionskriege ist man in Ansehung des Rechts nicht nur gerade da, wo man vor dessen Anfange war, sondern man ist zurückgewichen, die Nationen sind erbittert, durch Unglück und Glück die Meinung der Menschen verführt und irre geleitet. Der Krieg selbst hat gekostet; er fordert Schadloshaltung, Ersatz, Vergütung. Durch einen ungerecht erzwungenen Frieden erben sich die Ursachen des Krieges mit Haß der Nationen gegen einander fort, und mit diesem Haß Vorurtheile, Blindheit. Ausrotten lassen sich die Kriege nicht oder schwerlich; vermindert aber werden sie unwidertreiblich, wenn man die Ursachen zu ihnen mindert . Nicht anders als durch Gesetze , durch Statuten der Vernunft , durch anerkannte Verträge zum gesammten Wohl aller Nationen kann dieses geschehen; wer sie aufheben oder durchlöchern wollte, würde als ein Gesammtfeind nicht nur der europäischen Republik, sondern der Menschenvernunft behandelt. Denn wer zu unsern Zeiten vor oder nach erhaltenem Rechtsspruch einem Tribunal das Baxen Die auch bei Bürger, Schiller und sonst für boxen vorkommende Form. – D. als die beste Auskunft, als das solideste Rechtsmittel antrüge, wie würde er angesehen werden? Im ganzen verlaufenen Jahrhundert ist leider das blutig verheerende Baxen der Reiche und Nationen gegen einander als dies höchste Rechtsmittel angesehen worden; seine längsten, heftigsten, erbitterndsten Kriege waren Successionskriege , bei denen man also offenbar gestand: »das Recht wohne in der Faust, die Vernunft im Schwert; weiter gebe es in Europa kein Recht und keine Vernunft als diese. Gut und Blut der Unterthanen sei eine den Regenten zugehörige Nichtswürdigkeit, die der großen Rechtsfrage, ob Spaniens König Philipp oder Karl heißen solle, wol aufgeopfert werden dürfe.« Die Nachwelt wird sich wundern, daß bei allen Untersuchungen über das Völker-, Staats- und Naturrecht Europa so lange dem Raubgeist, der alles Völker-, Staats- und Naturrecht aufhebt, einer die Rechte aller Nationen höhnenden Unvernunft mit blutigen Striemen hat dienen und darüber lobsingen mögen. Das Possierlichste bei diesem Völkerstreit war, daß keiner der beiden Werber um die reiche Braut Spanien sich bei den Gefechten selbst einfand, denen sie in der Nähe waren; sie ließen (ein paar Fälle ausgenommen, denen sie nicht entgehen konnten) Andre für sich baxen . Mit welchem Ehrennamen wird man die Männer nennen, die einst und bald den Namen »Successionskriege« als den schimpflichsten Titel vergossenen Völkerbluts, zerstörter und verarmter Staaten aus der Geschichte des Menschengeschlechts auf ewig verbannen? Vormünder der verwaiseten Länder, Schützer der unterjochten, Besänftiger der aus Noth aufgehetzten Nationen , tutores generis humani , wird sie Welt und Nachwelt nennen; giebt's einen höhern Namen? Einst mußte seiner Familienansprüche wegen der König mit seinen Vasallen und Leuten allein ausziehn und auf seine Kosten den Krieg führen; sein Reich bekümmerte sich nicht um denselben Jetzt, da das Familieninteresse der Regenten und ihrer Reiche in einander verschlungen ist, zu wem soll die gesammte europäische Menschheit ihre Zuflucht nehmen, als zu einem allgemeinen höchsten Gericht Ebenbürtiger , d. i. der höchsten Pairs von Europa , als zu einem parteilos entscheidenden, ohne Eigennutz vollziehenden Richterstuhl des Rechts und der Wahrheit ? ––––– Beilage. Fénélon's Gewissensleitung eines Königes. Directions pour la conscience d'un Roi, composées pour l'instruction de Louis de France, duc de Bourgogne. – D. ––––– Punkt 14. »–Habt Ihr nicht Bedürfnisse des Staats genannt, was Eure eignen Ansprüche waren? Hattet Ihr persönliche Ansprüche auf irgend eine Nachfolge in benachbarten Staaten, so mußtet Ihr diesen Krieg aus Euren eignen Einkünften und Ersparnissen oder aus persönlichem Anleih führen, wenigstens in diesem Betracht nur die Beihilfe annehmen, die Euch aus reiner Zuneigung Eurer Völker verwilligt ward; nicht aber, um Ansprüche geltend zu machen, die Eure Unterthanen nicht angehn, sie mit Auflagen beschweren; denn sie werden dadurch um nichts glücklicher, wenn Ihr eine Provinz mehr habt. Als Karl VIII. nach Neapel ging, um die Erbfolge des Hauses Anjou sich anzueignen, unternahm er diesen Krieg auf seine Kosten; der Staat glaubte sich zu den Kosten dieser Unternehmung nicht verbunden. Höchstens könntet Ihr in solchen Fällen die freiwilligen Geschenke der Nation annehmen, die Euch aus Zuneigung und des engen Bandes wegen, das zwischen dem Interesse der Nation selbst D'une nation zélée. – D. und des Königes besteht, der sie als Vater regiert, dargeboten werden. Weit entfernt wäret Ihr aber in dieser Hinsicht, Eures besondern Interesse wegen die Völker mit Lasten zu beschweren.« ––––– Punkt 27. »–Könnt Ihr Eure Unterthanen wider ihren Willen mit Auflagen zu einem Kriege beschweren, der ihnen ganz unnütz ist? Gesetzt, der Krieg ginge auch genau den Staat an, so bleibt noch die Frage, ob er nützlich oder schädlich sei, indem man nämlich die Früchte, die man aus ihm zu ziehen hofft, wenigstens die Uebel, die man zu befürchten hätte, wenn man ihn nicht führte, mit den Inconvenienzen vergleicht, die er offenbar mit sich führt. Diese Berechnung genau angestellt, giebt es fast keinen Krieg, selbst wenn er glücklich geendigt würde, der dem Staat nicht weit mehr Uebels als Gutes brächte. Man ziehe nur in Erwägung, wie viele Familien er ruinirt, wie viele Menschen er umkommen macht, wie viele Länder er verwüstet und entvölkert; ferner, wie sehr er den Staat selbst aus seiner Regel setzt, Gesetze umkehrt, Ausschweifungen autorisirt, endlich wie viele Jahre erfordert werden, um die Uebel, die ein nur zweijähriger Krieg einer guten Staatseinrichtung anthut, zu vergüten. Jeder vernünftige Mann, der ohne Leidenschaft handelt, wird er sich in einen Proceß einlassen, dessen Sache zwar in den Gesetzen den besten Grund für sich hat, der aber, auch wenn er gewonnen würde, seiner zahlreichen Familie weit mehr Schaden als Nutzen brächte? – Wo steckt das Gute, das so vielen unvermeidlichen Uebeln des Kriegs (an die Gefahren eines übeln Erfolgs nicht einmal zu denken) das Gegengewicht leisten könnte? Nur ein Fall kann stattfinden, wo, ungeachtet aller seiner Uebel, der Krieg nothwendig wird; es ist der Fall, da man ihn nicht vermeiden könnte, ohne einem ungerechten, schlauen, übermächtigen Feinde zu vielen Vortheil über sich zu geben. Wollte man sodann aus Schwäche dem Kriege ausweichen, so liefe man ihm noch gefährlicher entgegen; man machte einen Frieden, der kein Friede, sondern nur ein betrügerischer Friedensanschein wäre. In solchem Fall muß man selbst wider Willen den Krieg herzhaft führen, aus reinem Verlangen nach einem guten, dauerhaften Frieden. Aber dieser einzige Fall ist seltner, als man sich einbildet; oft glaubt man ihn gegenwärtig, und es war doch nur ein Wahnbild. Das Folgende steht unter Fénélon's Nachträgen zu Punkt 25–30. – D. »Alle nachbarlichen Nationen sind durch ihr Interesse so enge an einander und ans Ganze Europas gebunden, daß die kleinsten Fortschritte im Besondern das allgemeine System ändern können, das ein Gleichgewicht macht und dadurch allein öffentliche Sicherheit machen kann. Nehmt diesem Gewölb' einen Stein, so fällt das ganze Gebäude, weil alle Steine sich unter einander festhalten. Die Menschlichkeit ( l'humanité ) selbst legt also nachbarlichen Nationen die Verteidigung gemeinschaftlicher Wohlfahrt zur gegenseitigen Pflicht auf, wie es unter Mitbürgern gegenseitige Pflichten giebt zur Verteidigung der Freiheit des Vaterlandes. Ist der Bürger seinem Vaterlande viel schuldig, so ist aus noch viel stärkeren Gründen jede Nation es noch viel mehr der Ruhe und dem Wohl jener Gesammt-Republik , deren Mitglied sie ist, die das Wohl jedes einzelnen Vaterlandes in sich schließt. Alle Vertheidigungsbündnisse sind also gerecht und nothwendig, wenn es wirklich darauf ankommt, einer zu großen Macht zuvorzukommen, die im Stande wäre, Alles anzufallen. Diese größere Macht hat kein Recht, den Frieden mit schwächeren Staaten zu brechen; gegentheils haben diese ein Recht, dem Bruch zuvorzukommen und sich unter einander zur Verteidigung zu verbünden. Bündnisse zum Angriff hangen von Umständen ab. Sie müssen auf Friedensbrüche, auf Zurückhaltung eines Landes der Verbündeten oder auf ähnliche Gewißheiten gegründet sein, und noch muß man sich bei ihnen auf Bedingungen einschränken, die verhindern, was man so oft sieht, daß nämlich eine Nation sich der Notwendigkeit bedient, eine andre, die nach der Allgemeinherrschaft strebt, herunterzubringen, damit sie statt jener sich der Herrschaft bemächtige . Klugheit sowol als Gerechtigkeit und Treue wollen es, daß diese Bündnisse sehr genau abgefaßt seien, entfernt von allen Zweideutigkeiten und auf das nächste daher entspringende Gute beschränkt. Hält man sich nicht in diesen Schranken, so kehrt sich das Bündniß gegen Euch selbst; der Feind wird zu sehr geschwächt, Euer Bundsgenoß zu hoch erhoben. Ihr müßt sodann entweder Euer Wort brechen oder Eurem eignen Schaden zusehn; Beides ist gleich widrig.« 2. John Bull. Als Wilhelm von Oranien die große Allianz gegen Frankreich förderte, als unter der Regierung der Königin Anna der Krieg um Spanien durch Marlborough und Eugen in den Niederlanden, Italien und Deutschland so glänzend glücklich geführt ward, daß man Frankreich bis an den Rand des Abgrundes gebracht sah und auch da seine friedenbittende Stimme nicht hören wollte, erschallte Alles von Lobjauchzen Marlborough's und Eugen's . Auch die Kindertrompete des deutschen Reichs, dessen Länder durchzogen und verwüstet wurden, jauchzte sich heiser. Mit Scham liest man die damaligen Staats-, Kriegs- und Reichsrelationen. Was hatte Deutschland mit Spanien, Spanien mit Deutschland? Warum ward dies unglückliche Land zur ewigen Gemeinweide des Krieges? Marlborough's Ruhm, was kümmerte er uns, außer daß er uns kostete und den ersten Kaiserthron Europa's zu einem volk-, geld- und schiffbedürftigen Lehnsträger zweier Handels- und Krämermächte, Englands und Hollands, machte? Indessen tönte das Feldgeschrei: »für nichts weniger als für die Freiheit Europa's, des menschlichen Geistes, des menschlichen Geschlechts werde der Krieg geführt.« »Im Jahr 1704 beklagte sich der Lord-Schatzmeister Godolphin gegen den Lord Halifax, A ddison's Leben im »Britischen Plutarch« (Deutsche Uebers.), Bd. 5. S.204 f. – H. daß des Herzogs von Marlborough Sieg bei Blenheim nicht so, wie er es verdiente, in Versen wäre gepriesen worden; er gab zu verstehen, daß er gern sehen würde, wenn der Lord, als ein bekannter Gönner der Dichter, einen Mann anzeigen könnte, welcher fähig wäre, von einem so erhabnen Gegenstande zu schreiben. Er wolle seine Ehre zum Pfande setzen , daß Derjenige, welchen der Lord nennen und der sich an dieses Thema wagen würde, nicht besorgen sollte, seine Zeit zu verlieren. Lord Halifax nannte sodann den Herrn Addison , bestand aber darauf, daß der Schatzmeister selbst zu ihm schicken sollte, welches er versprach. »Der Lord Schatzmeister Godolphin sah das Gedicht, ehe es geendigt war, da der Autor nicht weiter als bis zum berühmten Gleichniß vom Engel Dies von den Briten bewunderte Gleichniß heißt: So when an angel by divine command With rising tempests shakes a guilty land, Such as of late o'er pale Britannia past, Calm and serene he drives the furious blast, And pleas'd th' Almighty's orders to perform Rides in the whirlwind and directs the storm. Am Gleichniß selbst lag weniger als an der Anwendung auf Marlborough, der in seiner Jugend in Turenne's Lager der schöne Engländer hieß, und dessen ruhige Kälte bekannt war, die ihn hier zum Engel Gottes erhob. – H. geschrieben hatte, und er war so zufrieden, daß er ihn sogleich zum Beisitzer des Appellationsgerichts an die Stelle des Herrn Locke ernannte, welcher zu einem von den Lordsbeisitzern beim Handelsgericht erhoben wurde.« So sehr lag dem Schatzmeister (dessen Sohn Marlborough's Tochter zur Gemahlin hatte) des Feldherrn Ruhm am Herzen; und bekannt ist's, daß Addison nachher bis zur Würde eines Staatssecretärs emporstieg, daß er aber auch an seinem Theil für die Vermehrung der Kriegsmacht und für die Verlängerung des Krieges zum Vortheil des Feldherrn tapfer beistimmte. The present state of the war and the necessity of an Augmentation considered. Addison's works, T. III. p. 239. – H. Er schrieb seinen berühmten Feldzug, der auch in Versen, ohn' allen dichterischen Plan, nichts werter als ein Feldzug ist, voll Lobsprüche auf Marlborough und die Königin als Schiedsrichtern der Welt. Big with the fate of Europe – »Schwanger mit Europa's Schicksal« u. s. w. – H. The work of ages sunk in one campaign And lives of millions sacrifie'd in vain. »In einem Feldzug sank das Werk wie langer Zeiten! Ihr Leben hatten Millionen Menschen Umsonst geopfert.« – H. Mit der Zeit, die Alles wendet und ändert, kamen die Briten auch auf andre Gedanken; und wiewol man diese Gedankenändrung der Königin nichtigen Dingen, einem Paar Handschuh, einem verschütteten Glase Wasser der Lady Sara Marlborough, beizumessen gewohnt ist, so war es doch wol die veränderte Lage der Umstände, die endlich auch die Briten Vernunft lehren mußte. Ludwig war gedemüthigt, wie vielleicht nie ein stolzer König gedemüthigt war; Wilhelm's Haß gegen ihn waren Opfer gnug gebracht, und Englands Macht, Ruhm, Glück standen in vollstem Glanze. Dabei aber waren sie mit theuren Kosten erworben. Des Feldherrn Ruhm- und Geldsucht erregte eine dritte Sucht, den Krieg so lange als möglich zu führen. Indeß war Kaiser Joseph gestorben; der Werber um die spanische Krone, für den man stritt, war Erbe der gesammten östreichischen Monarchie worden; wäre es nicht die größte Thorheit gewesen, einen Krieg fortzusetzen, der eben ja zu Vertheilung der europäischen Macht geführt ward? So schloß sich (konnte es anders sein?) der Utrechter Friede , das edelste Werk der Königin und des britischen Ministeriums, das den Frieden mit seiner Gefahr schloß und dem blutigen Proceß endlich ein Ende machte. Dieser Friede, nicht der Krieg, gab Europa Ruhe und Freiheit wieder. Eben in der Krise, die den Frieden mit Mühe vorbereiten mußte, erschien im Jahr 1712 Die Geschichte John Bull's oder Processe ein bodenloser Abgrund , wo dann der geführte Krieg und Englands Interesse an ihm anders als in Addison's » Campaign « dargestellt wurden. Der vorgenannte Engel Gottes ist hier ein schlauer Advocat in einem bodenlosen Proceß, der nie zu Ende kommen soll, weil sein Verfechter nie gnug hat. Europa's große Freiheitvertheidigerinnen, England und Holland, erscheinen hier als John Bull , der Tuchhändler, und Klaas Frog , der Leinwandkrämer; ihr Interesse ist besserer Einkauf bei Lord Strutt (Spanien) und reicherer Absatz bei ihm, den Beide, Bull und Frog, durch den alten Baboon (Ludwig XIV.) zu verlieren fürchten. Die bösen Händel Bull's mit seinem Weibe (dem Parlament), seit er aus dem Kaufmann ein Jurist (ein Kriegsheld) worden, die Ränke des Advocaten, durch den der Proceß geführt wird, die endlose Nichtigkeit dieses Processes selbst (des Krieges) werden in der vielseitigen Lebendigkeit vorgestellt, die Swift's . Geist eigen ist, und die seitdem so viele John-Bulls -Carricaturen belebt hat. Swift ist ihr Schöpfer. So lange in charakteristischen Zeichnungen John Bull erscheint, regt sich des wahren Kenners und Darstellers der Dinge, Swift's, Asche im Grabe. Denn Englands Interesse an den Angelegenheiten des festen Landes, ist es gewöhnlich etwas Anders als die zärtliche Sorge John Bull's , des Alleinhändlers und Allfabrikanten, um Einkauf, Gewinn und Absatz, so heilige Namen dabei auch gemißbraucht werden? Und seitdem er dergleichen blutige Processe nicht einmal selbst führen kann oder mag, und nur Solche aufhetzt und erkauft, die sie führen, wie verächtlicher ist sein Name! Erscheine hinter jedem Kriege eine Geschichte John Bull's in ihrer Art, mit ebenso inniger Wahrheit, mit ebenso gründlicher Menschen-, Volks- und Staatskenntniß gezeichnet! Nach einer Trilogie von Heldentrauerspielen gab das griechische Theater ein Satyrstück, in dem die alte Zeit wiederkehrte und der Heros selbst zum Menschen herabgesetzt ward. Bei jedem Triumphaufzuge der Römer blieben die Schwachheiten des Helden unvergessen, den Mysterien und Moralitäten der mittleren Zeit wurden sie sogar, Schimpf zu Ernst, eingewebt. Der Geist der Aufspannung, der die Nationen in dergleichen heroischen Paroxysmen ergreift, und die Niedergeschlagenheit, die ihnen aus so traurigen Zeiten nachbleibt, scheinen dergleichen Wahrheitgemälde selbst zu fordern, in denen das Uebertriebene herabgesetzt, das Traurige von einer fröhlichen Seite gezeigt wird. Große Begebenheiten überhaupt, wenn sie lange dauern oder schnell auf einander folgen, stimmen die Gemüther zum Anstaunen, zum Bewundern oder gar zum Erschrecken, zur ängstigen Furcht, zum sinnlosen Hinstarren in die Zukunft; ein Zwang, aus dem sie sich errettet wünschen, weil er sich zuletzt zu mystischer Schwärmerei hebt oder gesättigt in stumpfe Langeweile verliert. Gemälde der Wahrheit , wo den Begebenheiten ihr falscher Firniß still weggestrichen, dem Kriegs-, Staats- oder Weisheithelden sein falsches Haar hinterrücks, vorwärts der Kothurnstiefel leise weggezogen wird, so daß von Kopf zu Fuß der Heros, wie er ist, erscheint: der Fortgang der Zeiten selbst will solche Gemälde. Denn bringt der kommende Tag nicht immer etwas Neues ans Licht? wendet er nicht die Begebenheiten leise und zeigt sie im Erfolg von neuen Seiten? Selten denkt hinter einem nur fünfjährigen Kriege die gemeine Meinung das, was sie bei seinem Anbruch dachte. Auch daß jedes Volk sich in Gestalt und Namen kenne, fordert die Sache selbst. Das Volk zu Athen ward auf dem Theater in Reden und in Person gespielt, wie es täglich sich selbst spielte. Das Römische Volk sah sich im Amphitheater, im Circus und sonst leibhaft; seine Herrlichkeit stand in der Göttin Roma sichtbar da. In Trink- und Schiffliedern ward Old Britannia als die große Beherrscherin der Meere, in Marlborough'schen Siegsliedern als die Aufrechthalterin Europa's gepriesen: warum sollte Old Britannia nicht auch in seinen innern und äußern Hausangelegenheiten als Sir John Bull dargestellt werden? Fände jedes Volk in Krieg und Frieden, zumal wenn es verkannt, verleugnet und cicatrisirt wird, eine Darstellung ! so daß Die, die nicht lesen, die die Stimme des Volks nicht hören, die seinen Zustand nicht kennen und wol gar an seinem Dasein zweifeln, wenigstens seinen Schattencharakter gezeichnet sehen und an ihm in Furcht und Hoffnung, in Leid und Freude die Schicksale, die Gesinnungen und Contorsionen des gedachten Nemo bemerken. Bei Scenen des Jammers verliert sich das Lächerliche und Uebertriebne von selbst; bei Deutschlands Charaktervolksbilde, dem berühmten Niemand , wird im Ganzen gewiß nicht Spott, sondern klagende und beklagende Menschenliebe den kühnen und zarten sowol als den kühnen und rauhen Griffel führen. Sonst war Deutschland reich an trefflichen Holzschnitten und Charakterbildern; aber Griffel und Rechte sind ihm entsunken. Die Geschichte des deutschen Mannes, den sein Niemand als Schatte begleitet, wird an ihrem Orte folgen. – H. [Sie steht unten in der »Nachlese« zur Adrastea nach den »Briefen, den Charakter der deutschen Sprache betreffend«.–D] 3. Ludwig XIV. Wir treten näher der Höhle des alten Königeslöwen, der ein halbes Jahrhundert hindurch Europa mit seiner Stimme erschreckt, mit seinem gebietenden Antlitz in Ehrfurcht gesetzt, einen Theil desselben mit seinen Waffen zerrissen und gerade in diesem mit seinem anständigen Löwengange eine Schaar andrer Thiere zu possierlichen Nachahmern seiner Größe gemacht hatte, Ludwig XIV . Den sechzigjährigen Monarchen fand das neue Jahrhundert etwas mißbeholfen; es gab ihm Manches zu thun und zu leiden. Wenn in der Lebens- und Regierungsgeschichte eines Königes die strengmilde Nemesis sichtbar geworden, ist's in der seinigen; er lebte und regierte lange gnug, um ihr langsames Rad sich um und um kehren zu sehen, und was er mit sorglos königlicher Hand reich gesät hatte, auch sorgenvoll königlich zu ernten. Voltaire in seinem » Siècle de Louis XIV .« hat ihn von seiner glänzenden Seite sinn- und lehrreich gezeigt. Da seitdem mehrere damals ungedruckte Nachrichten aus Ludwig's Regierung erschienen sind, die Voltaire genutzt hat, so sieht man, daß ihm, wenige Lieblingsphantasien ausgenommen, in Schilderung dieses Zeitalters die Wahrheit am Herzen lag, wie er sie sah. Sein Buch, das er außerhalb Frankreich schrieb, enthält eine Reihe bündiger Urtheile, rein gedacht, treffend gesagt. Da er indessen den großen Plan gewählt hatte, Ludwig's Jahrhundert zu schreiben, konnte es nicht fehlen, daß er unter einem zahllosen Angehänge von allen Seiten seinen Ludwig nicht darstellte, sondern begrub Ludwig, sagt Klopstock , »den uns Sein Jahrhundert mit aufbewahrt.« In der Ode »An Gleim«. – D. Diesen spanischen Mantel beiseite gelegt, giebt uns das Leben Ludwig's eine Tragödie, deren Erneuung weder zu wünschen, noch vielleicht möglich ist; einmal in der Welt indeß ist sie wirklich gespielt worden. Der Prolog mag uns seine vernachlässigte Erziehung und die Scenen der Unruhe, die man gewöhnlich die Fronde nennt, erzählen; als ein Flüchtiger erlebte sie das königliche Kind, der königliche Jüngling. Tiefer als alle Lehren drücken sich erlebte Begegnisse der Kindheit und Jugend ein; dem jungen Könige ward die Lehre, dergleichen Unruhen, Anmaßungen der Großen, Mazarin's Allgewalt, Unternehmungen des Parteigeistes u. s. w. blos mit seiner Königsgeberde zu unterdrücken, ins Ohr gesagt. Alle Macht des Staats, ja den Staat selbst in sich zu vereinen, die Königsmaxime ruhte in ihm, ehe er sie sich selbst sagte. Der erste Act begann, wie gewöhnlich, mit großen Hoffnungen, Lustbarkeiten und Tänzen. Was unter Richelieu und Mazarin Fröhliches und Schönes aus Spanien und Italien gekommen, in Frankreich neu erwachsen war, diente dem galanten Jünglinge zu Liebschaften, zu jeder Nahrung seiner Eitelkeit und Ruhmsucht. Es waren Tage des Vergnügens, zu denen Alles zusammentraf, was sich schwerlich wieder zusammenfinden dürfte. So bildete sich der Wunsch des jungen Mannes, allenthalben ausgezeichnet zu sein und sich selbst auszuzeichnen . Mit Anstand that er dies, obgleich nicht immer mit Tugend, eitel-erhaben oder erhaben-eitel; ein Charakter, dem er auf Weg- und Stegen, im Cabinet wie im Felde, bei Tafel wie im Schlafgemach, auf dem Todbette selbst, treu geblieben. Denn wie er gelebt hatte, so starb Ludwig. Eben aber diese erhabne Eitelkeit, die hohe Simplicität des Anstandes und Scheines verschaffte ihm jenes Heer von bewundernden Nachahmern. Der wahre Ruhm ist schwer zu erreichen, weil er Entsagung, Mühe, Ernst kostet; der Anschein des Ruhms, die hohe Haltung , der fesselnde Anstand erwirbt sich leichter. Der zweite Act folgt aus dem ersten. Wie konnte der galante Held sich rauschend-glänzender auszeichnen , als, da ihm Alles zu Gebot stand, durch Kriege? Daher die ungerechten flandrischen und holländischen Feldzüge, deren Ursachen er aus der Luft griff, und die den Niederlanden sowol als unserm unschuldig-armen Deutschlande so hart fielen. Wahre Grundsätze der Billigkeit, des Rechts der Völker, der Gerechtigkeit selbst in Haltung der Verträge existirten in Ludwig's Gemüth nicht, oder sie wurden verlöscht, sobald seine hohe Eitelkeit im Spiel war. Das Glück förderte diese zuerst mächtig. Denn war er nicht jung, reich, verschlagen, kühn, unermüdet, dieser lustprangende Allgebieter? Er selbst kein Kriegsmann, aber die besten Feldherren, die tapfersten Heere standen ihm zu Gebot; England selbst diente seinem Willen, und das zerrüttete, vertheilte Deutschland schmiegte sich oder gerieth gar in den Wahnsinn, ihn nachzuahmen. Durch Kriegskunst verschanzte sich sein Reich auf ewige Zeiten; die trefflichen Anstalten, die Colbert im Innern traf, machten seine Regierung zur glänzendsten in Europa. Wäre der Nymwegische Friede sein letzter gewesen! Wäre er auf Colbert's Bahn fortgeschritten! Aber im häßlichen Louvois stand ihm sein böser Genius entgegen; das schiefe Fenster zu Trianon entstammte einen neuen Krieg, in dem die Schale schon wankte. Dritter Act . Wilhelm von Oranien, das fürchtende Europa stand gegen ihn auf, und wiewol seine Heere fast immer siegten, die Feinde fast allenthalben unterlagen, wo Ludwig's eitle Anwesenheit bei der Armee ihnen nicht selbst aushalf, Nemesis drehte das Rad leise. Frankreich ward allgemach erschöpft, die allgemeine Meinung kehrte sich ihm entgegen; es mußte zu Ryswyk einen härtern Frieden eingehn, als der Weltgebieter wollte. Und wäre auch dieser nur sein letzter gewesen! Denn Colbert und seine andern sacherfahrnen Minister waren dahin und keine neue vorbereitet, weil Ludwig seinen Ruhm darin setzte, die Unerfahrensten zu wählen und selbst sie zu bilden. Die meisten der alten Feldherrn waren nicht mehr; die noch waren, wurden zurückgesetzt, weil das Zeitalter der Andächtelei des Königes und des Hofes, in dem ihn, traurig gnug, das neue Jahrhundert fand, andächtige Feldherrn wollte. Ein Mausoleum war der Hof worden: statt Quinault's Opern sang man Chöre der Athalie und Esther . Vierter Act . Unter solchen Umständen reizte Nemesis ihn; man rief seinen Enkel auf den spanischen Thron, und Ludwig konnte sich des Krieges nicht entschlagen. Hier folgten nun Schlag auf Schlag die Unglücksfälle, deren Ursachen offenbar in der schlechten Wahl der Königsdiener und Feldherren sowie in andern bekannten Verderbnissen lagen. Kein Verständiger wird bei Turin , Hochstädt u. s. w. das französische Heer feig und ehrlos schelten; noch war es, was es in den siegreichsten Zügen gewesen war, seinem Könige treu, munter, ruhmbegierig und tapfer. Aber jene durch Gunst erwählten und unterstützten Generale (sie sind des Nennens unwerth), sie waren Ungeschickte. Daß Catinat, Vendôme, Orléans, Berwick in die Zahl der vorgenannten Ungeschickten nicht gehören, weiß Jeder. Gegen Vendôme hätte schwerlich ein Sieg bei Hochstädt Platz gefunden. Die Fehler der Andern sind von französischen Feldherrn selbst ins Licht gesetzt worden. – H. Das Böse, das wider ihren Willen die fromme und seine Maintenon in solchen Wahlen über Frankreich gebracht hat, ist kaum zu berechnen. Mit der treusten Absicht ward sie die Dienerin des strengen Schicksals. Nun folgten alle die Kränkungen, durch welche Ludwig's kleinste Eitelkeit gedemüthigt ward; sie wurden ihm alle wie vorgezählt. Sogar der Pensionär Heinsius verschonte den alten Löwen nicht mit seinem Schlage. Und Alles ertrug Ludwig, so tief er's fühlte, mit seinem Anstande, mit seiner Großmuth. Sich glaubte er in jedem General geschlagen und beklagte die Geschlagenen, statt Fehler ernst zu untersuchen und zu bessern. Sein » Ich, der Staat « half ihm jede Niederträchtigkeit, die man von ihm forderte, verschmähen, jeden schimpflichen Schmerz, den ihm das Schicksal schlug, ausdauern. Fünfter Act . Die herbste Schale hatte er noch zu leeren; er, der sich in seinem Geschlecht für eine Ewigkeit unsterblich gewähnt und sich daher gegen seine rechtmäßigen Kinder, Enkel, Anverwandte despotische Härten erlaubt hatte, Hievon künftig. – H. er war ausersehen, nicht nur seine liebste Gesellschafterin und Schwiegertochter, sondern ihr nach, Schlag auf Schlag, Enkel und Urenkel zu verlieren. Ein einziges vierjähriges Kind blieb hinter ihm, dem er auf seinem Sterbebette, die bekannten Lehren ertheilte. »Vous allez être bientôt Roi d'un grand Royaume. Ce que je Vous recommande plus fortement, est de n'oublier jamais les obligations, que Vous avez à Dieu. Souvenez-Vous, que Vous lui devez tout ce que Vous êtes. Tachez de conserver la paix avec Vos voisins. J'ai trop aimé la guerre; ne m'imitez pas en cela, non plus que dans les trop grandes dépenses, que j'ai faites. Prenez conseil en toutes choses, et cherchez à connaître le meilleur pour le suivre toujours. Soulagez Vos peuples le plutôt que Vous le pourrez, et faites ce que j'ai eu le malheur de ne pouvoir faire moi-même.« – H. Nach allen diesen Ahndungen, deren jede ihn seiner begangnen Ausschweifungen wegen einzeln zieh, sprach Nemesis: » Gnug! « und ließ den immer anstandvollen König anständig sterben. Zwei Jahre vor seinem Tode war der Utrechter Friede geschlossen, der seinem Enkel den spanischen Thron sicherte, die französische Monarchie unzergliedert ließ, und den, zu seiner Freude, ihm das Glück selbst durch einen schnell wiederkehrenden Strahl des Sieges bei Denain erleichtert hatte. Ruhig starb er, nur sein Land war traurig verarmt, geistlicher Streitigkeiten voll und entvölkert. Soll ein Principium der Ehre , d. i. der Eitelkeit , die sich selbst zum Götzen macht und mit despotischem Egoismus nach und aus sich selbst Alles bildet, soll dies Principium, wie es Ludwig im Herzen trug und in jedem seiner Worte, in jeder Handlung und Geberde an den Tag legte, Grundfeste der Monarchie sein, wofür sie auch Montesquieu noch erkennt: o, so sei Ludwig XIV. der letzte Monarch Europa's gewesen, wie er sein größter war! Sein ganzes Ehrengefolg, das dieser Eitelkeit diente, Mazarin voran, sodann Cardinäle und Prälaten, Höflinge, Minister, Künstler, Dichter, Lobredner, Schmeichler, Gesellschafterinnen, Mätressen und Andächtige, sein ganzer Hofstaat, sein Jahrhundert ziehe mit ihm zu den Schatten hinunter, um dort sich zur ewigen Strafe einen äonenlangen infernalen Hof zu halten, um deswillen wenigstens keine Nationen mehr bluten und leiden dürfen. Nur fern sei eine solche Ehren-Dampfmonarchie unserm Europa! ––––– Beilage. Ist Eitelkeit das erste Principium einer Staatsverfassung? Den bekannten vier Hauptverfassungen, der Despotie , Aristokratie , Monarchie und Republik , hat Montesquieu vier eigne Principien zu Grundfesten gegeben, der ersten Furcht , der zweiten Mäßigung , der dritten Ehre , der vierten allein Tugend . Können jene drei ohne die vierte dauernd bestehen? kann insonderheit die monarchische Ehre , wie Montesquieu sie im Glanz seines Staates beschreibt, ihn tragen und halten? Ehre in einer Monarchie ist nach ihm ein »Anschein der Tugend, ohne daß man diese selbst besitzen darf«; was ist sie also, als eine Art Eitelkeit? Daß Eitelkeit aber kein Gebäude stützen könne, sagt das Wort selbst, da Eitelkeit Leere, ein vorübergehendes Nichts heißt. Wahre Ehre, was ist sie? Ein rühmliches Bewußtsein seiner selbst, honnet zu sein, sich gegen den Ausspruch der Billigkeit, des Rechts und der Wahrheit nichts zu erlauben, jeder seiner Pflichten Gnüge zu thun, vor sich, dem schärfsten Richter. Ohne diese innere Ehrlichkeit (Honnetetät) findet keine wahre Ehre und Ehrliebe statt. Behängt den Niederträchtigen mit Ordensbändern, gebt ihm das lauteste Geklatsch um ihn her und den freundlichsten Blick seines Monarchen zur unabtrennlichen Begleitung: ist es in seiner Brust übel bestellt, thut er seinen wesentlichen Pflichten gegen die Menschheit und den Staat, mit Beifall seiner Ueberzeugung und der Ueberzeugung aller Guten, nicht Gnüge, so habt Ihr einen lahmen Krüppel mit Ehre, d.i. mit dem Zeugniß bekränzt, daß er für den schönsten Tänzer gelte. Bemerkt Ihr nicht, daß alle Eure Ehrenbezeugungen ihn lächerlich auszeichnen? Ehre kann nur genießen, wer Bewußtsein des Verdienstes in sich hat; sonst wird ihm, bei einiger Ehrlichkeit gegen sich und Andre, die äußere Ehre unerträglich. Geht die Reihe großer Männer auch unter Ludwig durch, Feldherrn, Soldaten, Rathgeber, Richter, Gelehrte, Geistliche, Künstler, fleißige Bürger: nur dadurch wurden sie eines Gefühls der Ehre fähig und werth, daß sie ihren Beruf verstanden und erfüllten, daß sie ihrer Pflicht gegen König und Vaterland Gnüge thaten, daß sie in ihrer Kunst und ihrem Leben Etwas waren. Ludwig's Blick schuf sie nicht zu solchen, ob es ihnen gleich wohlthat, wenn sein Blick, als das Auge des Staats, sie bemerkte, anerkannte, auszeichnete, anwandte. Wie manches edle Beispiel haben wir unter ihm, daß Männer, denen er die wichtigsten Stellen selbst antrug, sie standhaft verbaten! Der König, dem es außer seinem persönlichen Stolz an einem Gefühl der Pflicht und Ehre nicht fehlte, nahm jede dieser Aeußerungen edel auf und vergaß sie nicht. Daß er auch mit einigen Niederträchtigen als mit Männern von Ehre umging, war eben sein Fehler. Was zu ihm gehörte, glaubte er, könne nicht anders als von diesem Gefühl belebt sein; sobald man ihn vom Gegentheil überzeugte, wandte er sich vom Ehrlosen. Wie manche große Verdienste haben sich unter ihm, unerkannt oder spät erkannt oder gar verleumdet und verfolgt, ihrer Pflicht aufgeopfert! Auch in ihnen brannte das heilige Feuer der Ehre nur auf dem festen, stillen Altar der Tugend. Wo gegentheils diese Tugend, d.i. innere und äußere Thätigkeit mit willigem, frohem Leben in seinem Geschäft und Werk, nicht da war, wo eitle Anmaßung an ihre Stelle trat, zu thun, was man nicht thun konnte, oder sich dessen zu rühmen, was man nicht gethan hatte: wie böse Folgen erfuhr Ludwig selbst von dieser eiteln Anmaßung! Wie wenig konnte sein Blick, selbst sein tröstendes Wort den innern Vorwurf des Untüchtigen, den äußern Vorwurf der gesammten Welt Lüge strafen oder die bösen Folgen jener Anmaßungen ändern! Er erfuhr immer, daß Eitelkeit eitel, d.i. ein leeres Nichts sei; nur nahm er es spät wahr, bis er es zuletzt bis zur bittersten Kränkung wahrnehmen mußte; denn der großen Wage des richtenden Schicksals über den Werth und Unwerth der Dinge entläuft Niemand. Was also auch im Zeitalter Ludwigs Tugend, d.i. Realität war, was Tüchtigkeit zu seinem, einem wahren und nützlichen Zweck hatte, ist geblieben; wie viel große und gute Werke! Manches Samenkorn ist seitdem zu einer reichen Aehre gediehn und neu ausgesät worden. Das Eitle ging bald oder es geht vorüber; wo es sich einer Dauer anmaßte, steht es zur Beschämung, ein Zeichen menschlicher Schwachheit, da; wir eilen vorüber. Also auch in Monarchien ist Tugend allein der ächte Grundstein einer dauernden Verfassung zum Wohl der Menschen; Ehre ist das Wort, das den Werth der Tugend nur ausspricht, das der Taugende aber erst selbst wägen muß, ob es und in welchem Grad es ihm gebühre. Gewöhnlich spricht es der Monarch zuletzt und immer nur über Wenige aus; sobald ihn aber das heilige Feuer, seiner Pflicht Gnüge zu thun, belebt, so breitet sich dieses im verborgnen Strom, ja in tausend Strömen weiter. Auch der Arbeiter auf dem Felde kann davon belebt werden; und wie oft lehrte ein gemeiner Soldat seinen Vorgesetzten und Feldherrn Ehre! Ueberhaupt sind die vier Principien Montesquieu's jedem Staat unentbehrlich, weil es keine durchaus reine, ungemischte Staatsverfassung giebt. Auch in gemäßigten Monarchien muß Furcht herrschen, Furcht nämlich vorm Gesetz, Ehrfurcht gegen die Religion; der Bösewicht muß in ihr sogar zittern. Auch in gemäßigten Monarchien muß Mäßigung herrschen, weil unter dem Einen doch immer Mehrere, die Besten, die er wählte, regieren, wo Jedem seine Pflicht auch seine Schranken anweist. Tugend endlich, d.i. Tüchtigkeit und guter Wille zum Werk, ist der Monarchie unentbehrlich; denn ohne sie giebt's weder Ehrgefühl noch Ehre. Diese ist nicht, wie man zu sagen pflegt, ein Schatte der Tugend, sondern ihr höchster innerer und äußerer Werth. Eitelkeit aber ist ein Schatte, der in jeder Regierungsform täuscht und verschwindet. 4. Maintenon. Fénélon. Wenn nächst Ludwig eine Tugendhaft-Ehrsüchtige diesen Fehler edler Seelen strenge gebüßt hat, war's Maintenon, eine arme Amerikanerin, die, im Gefängniß geboren, als eine Verlassene an die französische Küste geworfen, zuerst eines lebendigen Z, des scherzhaften Scarron's Frau, endlich Ludwig's XIV. Gemahlin wurde, sie, die vorher seine entschiedne Antipathie war. Ihre ganze Geschichte ist ein wunderbarer Roman, der traurig endet. Merkwürdig ist's, daß die Widerrufung des Edicts von Nantes und die Hugenotten-Bekehrung mit der Zeit ihrer Aufnahme zur nächsten Vertraulichkeit des Königes zusammentrifft; sie selbst war eine Hugenotten-Bekehrte, die in Gewissensfesseln des Katholicismus strenge einherging. Hätte sie die Bekehrung ihrer ehemaligen Glaubensgenossen befördert, weh ihrem Namen! Aber auch schon ihr Glück strafte sie; ihre Lebensart mit dem alten Monarchen machte sie zur Märtrerin und Sclavin. Aus dem Fegefeuer können kaum ängstigere Seufzer emporsteigen, als im Zwange politischer Verhältnisse und Uebel, unter dem Druck der Andacht und Langeweile so oft ihrer Brust entfuhren. S. ihre Briefe, T. VII–XIV der Mémoires de Mad. de Maintenon, auch den Esprit de Mad. de Maintenon (Par. 1771), am Meisten aber ihr Leben. – H. Die Gesellschafterin eines gesättigten, leeren, unlenkbaren Despoten, war sie es dennoch, die ihn einige dreißig Jahre hindurch lenkte. Wie sie dies gethan, darüber möge sie sich vor dem obersten Richterstuhl rechtfertigen. Die Stimmen des Klerus, so viel andre Insinuationen bestürmten sie, denen sie mit ihrem hellen Verstande, mit all ihrer Rechtschaffenheit und Selbstertödtung in manchen Fällen doch nicht gnug entgegenzusetzen wußte. Ihre Briefe sind merkwürdige Documente, Denkmale des feinsten Geistes und eines trocknen Herzens; ihre Fehler hat Niemand, und zwar ihr selbst, besser geschildert als Fénélon, Sur mes défauts. Mém. de Mad. de Maintenon, T. XI. 211 ff. – H. den sie verehrte und – mit Schmerz verließ, wenigstens für ihn nicht zu sprechen wagte. Denn in der Vorstellungsart Ludwig's war eben Fénélon sein abgesagter Feind. Er, der sein wahrster Freund war. »Votre homme parle bien, Madame,« sagte der König zur Maintenon nach dem ersten Gespräch mit ihm, »mais je Vous avoue, qu'il ne sera jamais le mien«; dies Wort hielt Ludwig redlich. Wohlanständig verwies er ihn als Erzbischof nach Cambray, ob er ihn gleich zu eben der Zeit, wie unentbehrlich er seinen Enkeln und dem Staat sei, versicherte und es damals glaubte; denn Ludwig hielt sich zu groß, jemals zu lügen. Seit seine Feinde und Neider ihm den Quietismus Schuld gaben, nahm der König starke Partei gegen ihn, verbot seinem Enkel, dessen Herz an Fénélon hing, allen Briefwechsel mit ihm; Maintenon mußte seiner nicht mehr gedenken. Und als vollends der vor vielen Jahren zur Unterweisung des Prinzen, nicht aber zum Druck geschriebene »Telemach« zu Fénélon's Verdruß erschien, galt sein Verfasser dem Könige für den Undankbarsten der Menschen. »Je saivais bien par le livre des Maximes, que M. l'Archevêque de Cambray était un maivais esprit, mais je ne savais pas, qu'il fut un mauvais coeur. Je viens de l'apprendre en lisant Télémaque. On ne peut pousser l'ingratitude plus loin. Il a entrepris de décrier éternellement mon règne.« Als ob sich dies nicht selbst laut gnug aussprach. – H. Erst als er nach dem Tode seines Enkels dessen Papiere, unter ihnen auch Fénélon's Briefe, in die Hand bekam, lernte er ihn anders kennen und verbrannte eigenhändig die Briefe. Wenn ein Sterblicher Gaben des Herzens und des Verstandes in Einfalt, Würde und Lieblichkeit zu vereinigen und alle unter das strenge Gesetz der reinen Hingabe sein selbst zu bringen wußte, war's Fénélon. So erscheint er in seinen Schriften; der war er, nach dem einstimmigen Zeugniß seiner Feinde selbst, im Leben: Docteur, Evêque et Grand Seigneur in der liebenswürdigsten Verleugnung aller Hoheit seines Standes und Charakters. Lese man von ihm Ramsay , Vie de Fénélon par Ramsay. – H. höre man hie und da Mémoires de Mad. de Maintenon, de St. Simon, Vie du Duc de Bourgogne, Eloge de Fénélon par d'Alembert etc. – H. nur einzelne Worte von ihm und lese seine Briefe; es spricht, es schreibt ein Himmelsgenius unter den Menschen, der von seinem Erdengeschlecht weder Dank noch Ruhm begehrt. Desto tiefer lebte er im Herzen seiner Freunde, die ihn, aller Verbote ungeachtet, bis an den Tod liebten, denen auch er nachstarb, weil, wie er sagte, mit ihnen sein Herz von allem Irdischen frei sei. Aber auch er war durch die Geschichte der Guyon und seinen geheimen Neider Bossuet scharf geläutert; edler kann man sich kaum betragen, als er sich bei jedem Schritte betrug. Die tiefste Demüthigung, die ihm vor den Augen seiner ganzen Kirche geschah, ward ihm indeß zur größten Ehre, so wie ihm die Jahre der Demüthigung Ludwig's zum edelsten Siege gereichten, ohne daß er an Sieg auch nur dachte. Er gab, was er hatte und vermochte, der kranken nothleidenden Armee und genoß ebenso viel Verehrung von den Feldherren des feindlichen Heers als eine grenzenlose Liebe von Allen, die ihn umgaben. Nicht seine Kirche, aber die Menschheit hat ihn kanonisirt. Schade, daß Fénélon's Schriften für so Wenige in unsrer Zeit sind, da sie alle zu einzelnen, bestimmten Zwecken geschrieben, immer nur seinem Amt, seiner Pflicht dienten. Bei seinem Telemach dachte er nicht daran, mit Homer oder Virgil zu wetteifern. Seinem Zöglinge, einem künftigen Könige Frankreichs, dem die Regierung Ludwig's vor Augen war, sollten, statt der Märchen, die er sonst gehört hatte, und statt der Begebenheiten, die er täglich sah, in Sitten und Gesinnungen andre Muster, Personen des Alterthums sollten ihm vortreten, zu seiner Lehre, zu seiner Warnung. Anspielungen auf seines Königes Regierung, sofern sie irgend vermeidlich waren, verschmähte seine reine Seele, wie schon der Anstand , der ihn in Allem begleitete, und sein großer Verstand sie verschmäht haben würde. Ein gleicher Zweck leitete ihn bei seinen Gesprächen , bei seinen wenigen Fabeln ; nichts ist für das Publicum, Alles ist für den ihm Anvertrauten, persönlich, zeitmäßig. So seine Gewissensrathschläge , seine geistlichen Aufsätze , seine Briefe ; reine Unterhaltungen mit sich oder mit Andern, aus Geist und Herz, zu Herz und Geist, ohne Rücksicht auf Stil und Machwerk. Gedacht und gesprochen ist Alles, nicht geschrieben. Daher die Einfalt, daher die Lieblichkeit, in der vielleicht Franz von Sales sein Vorbild war; er übertraf ihn weit an politischem Verstande, an seiner Herzens- und Weltkenntniß. Aeußerst mißbraucht wird sein »Telemach«, wenn Knaben an ihm sollen Französisch lernen . Mehrere haben den Verdacht geäußert, als ob Fénélon, wenn sein Zögling zum Thron gelangt wäre, auf die Staatsverwaltung ein Auge gehabt habe. Ohne ein Auge darauf zu haben, hätte er sich dieser Last schwerlich entziehen mögen; gewiß aber dankte er der Vorsehung, daß sie ihm und dem Prinzen den schweren Versuch erließ. Statt seiner sollte der ruchloseste der Menschen, Du Bois, Erzbischof in Cambray und Frankreichs erster Minister werden. »Da sie also Gelegenheits- und einem Theil nach gar Schulaufsätze sind, was sollen uns Fénélon's Schriften? Wir sind ihnen entwachsen.« Den Zwecken und Regeln, nach und zu denen sie verfaßt wurden, sind wir nicht entwachsen; zur Bildung des Herzens und Geistes bleiben sie ewige Regeln. Z. B. seinem Prinzen, da er den Märchen der Weiber entnommen war, hatte man Mézeray's »Geschichte von Frankreich« in die Hand gegeben; was sollte der Knabe daraus lernen? Was können wir, was sollen unsre Kinder aus der Geschichte lernen, aus diesem wilden Märchen seltsamer, unvollendeter, oft abscheulicher Charaktere, aberwitzig handelnder Personen, nie geendeter Begebenheiten und Ränke? Eine endlose Schraube, ein böser Wirrwarr ist die Geschichte, wenn Vernunft sie nicht aufklärt, wenn Sittlichkeit sie nicht ordnet. Fénélon's Gespräche der Todten sollten dies bei dem Lehrlinge thun; man nehme sie sich also zum Beispiele, wie die Personen der Geschichte auch zu uns sprechen, wie sie vor uns handeln. Aus jeder gelesenen Geschichte mache Jeder sich selbst Gespräche der Todten . Denn sind sie nicht todt, die gelebt haben? ist ihre Vergangenheit für uns nicht ein Traum? Dennoch aber sprechen sie zu uns; liebenswürdig oder häßlich handeln sie gegen einander. Beide Adrasteen also, Recht und Wahrheit, treten vor dies ungeheure Bild und beleben die Figuren. Nicht Figuren; sie wecken die Todten auf aus den Gräbern und messen an ihrem Stabe Unvernunft und Zweck, Recht und Unrecht, mit ernstem Blick in den Busen. Je ernster sie blicken, desto tiefer regt sich das Mitgefühl der Sittlichkeit im Lesenden; so wird die Geschichte für ihn vernünftig und sittlich. – Alle große und gute Menschen haben die Geschichte so gelesen; mehrere Todtengespräche, gute und schlechte, sind diesen nachgefolgt. Erbarmt Euch der Jugend und gebt ihr keine andre als eine vernünftig organisirte Geschichte! Genealogien und Chronologien, Kriegs-, Staats-, Eroberungs-, Pracht-, Helden- und Narrenscenen sind für sie einschläfernd-langweilige, den Verstand erdrückende oder gar verführende, verrückende Märchen. Vom ersten griechischen Geschichtschreiber, Herodot , an steht die Geschichte unter keinem andern als unter der Nemesis-Adrastea Maß und Scepter. Mit der Fabel des Alterthums ist es nicht anders, denn was soll eine Fabel, die keinen Sinn giebt? Statt also zu fragen, wie Fénélon zu Homer stehe (obwol auch dies nicht nutzlos sein mag), gewöhne man sich, das gesammte Alterthum als eine lehrreich warnende oder aufmunternde Epopöe zu denken. Ganze Zeiträume hin ist ja die alte und älteste Zeit ohnedies Dichtung; im politischen Sinn der Griechen und Römer ist sie für uns oft eine parteiliche, menschenfeindliche Dichtung. Adrastea also ordne sie, der Sinn des Wahren und Guten bringe Licht, Haltung, Zweck und Farbe für unser Auge in diese Massen, in diese Figuren, d. i. Jeder schaffe sich, kurz oder lang, eine vernünftige Epopöe selbst aus diesen Religions- und Staatseinrichtungen voll Weiser und Helden, aus ihren Sitten und Gebräuchen. Fénélon »Telemach« sind mehrere Dichtungen solcher Art nachgefolgt, »Sethos«, »die Reisen des Cyrus« u. s. w. – H. [Weiter unten, in der Abhandlung über Märchen und Romane, kommt Herder ausführlich darauf zu sprechen. – D.] wenige in seiner Reinheit gedacht und vollendet; denn jene Zwittergeschöpfe neuerer Geschichte und Fabel, bei denen man nie weiß, auf welchem Grunde man steht, gehören nicht hieher. Ueber die geistliche Beredsamkeit hat Fénélon einige Gespräche geschrieben, die ein Gegengift gegen den Kanzelwitz und die Hofrednerei sind, die nicht nur damals galten; denn wie lange hat ein Theil der sogenannt heiligen Beredsamkeit, die unter Ludwig XIV. galt, dies tönende Erz, diese wohlklingende Schelle noch nachgeklingelt? Nur gehört zu Fénélon's Art zu predigen auch seine Art zu denken, sein Geist und sein Herz, seine Bildung und Uebung; sonst dürften auch auf diesem Wege nur Schwärmer oder Schwätzer werden. Bei seinen geistlichen Schriften endlich lasse man alles seiner Kirche Angehörige, Mystische weg und betrachte seine Anweisungen als eine reine Form menschlicher Gesinnungen und Gedanken ; wie hoch werden sie uns dann erscheinen! Regeln für den Verstand wie für den Geschmack und das Leben. Allein durch Hingabe seiner selbst unter das Regelmaß der höchsten Güte, Weisheit und Ordnung werden wir vom Egoismus befreit, dem bittersten Feinde unserer wahren Thätigkeit und Ruhe, unsers Genusses und unsrer Pflicht. Fénélon's Denkart, die er thätig erwies, ist, zur Philosophie erhoben, mit der Philosophie aller edlen, reinen Gemüther eins und dasselbe. Das Ein und Alles , aus dem sie entspringt, in welchem sie wirkt, in welches sie sich senkt, war mit andern Namen die höchste Idee aller denkenden Geister . Auch Fénélon's Grundsätze des Geschmacks flossen aus dieser Quelle, dem entschlossensten, kräftigsten Anti- Egoismus . 5. Akademien unter Ludwig XIV. ––––– Akademien der Wissenschaften und der Literatur. Schon im Jahr 1666 war die Akademie der Wissenschaften gestiftet; mit Ausgange des Jahrhunderts (1699) ward sie erneut und in einem reineren Geschmack zusammengeordnet. Eins ihrer Hauptgesetze war, in Erforschung der Natur keine Lehrgebäude oder Träumereien a priori anzunehmen. Ihr großer Vorgänger Descartes hatte sie darin scheu gemacht; denn dieser große Mann hatte viel geträumt. Keine Akademie in Europa verband so viele berühmte Namen unter einander als diese, vor und seit ihrer Erneuung; sie traf in den glücklichen Zeitraum, in dem sie aus allen Ländern Erfinder und Forscher sich aneignen konnte. Galilei 's Schüler, Viviani , gehörte noch zu ihr und durfte in Florenz, Ludwig zu Ehren, sein Haus mit der Inschrift: » Aedes a Deo datae «, bezeichnen. In Deutschland Leibniz , Bernoulli , Tschirnhausen ; in Holland Hartsoeker , Huygens , Ruysch , Boerhave ; Newton in England; in Italien Cassini , Bianchini , Marsigli , Manfredi u. s. w.; der Schöpfer Rußlands selbst, Peter , ließ sich zu ihrer Zunft zählen. In Frankreich hat sie verdienstreiche Männer, den Kanzler de l'Hôpital , Vauban , Tournefort , de la Hire , Homberg , Malebranche , den Minister d'Argenson , und mit dem Fortgange des Jahrhunderts größere und größere Bearbeiter der Wissenschaft als ihre Glieder gekannt, bis vorm Ausgange des Säculums, fast ohne Widerrede und Eifersucht andrer Nationen, die größten Astronomen und Rechner, Naturforscher, die Alles durchspähten, Scheidekünstler, die eine neue Schöpfung entdeckten, in ihrer Mitte waren. Die Namen Réaumur , Mairan , Mariotte , Le Sauveur , Clairaut , Condamine , Buffon , d'Alembert , La Grange , La Place , Lavoisier , Fourcroi werden sich aus der Geschichte des menschlichen Geistes nie verlieren. Verdienstreich ist die Hand, die zu einem Gebäude den Grund legt, in welchem sich die sonst zerstreuten und vergessnen Bemühungen der muntersten Geister sammeln. Ihr fortgehender Fleiß wächst zu einer Pyramide, die oben ein ewiger Kranz kränzt, indeß bei andern Nationen Einer hier, der Andre dort in den Grüften gräbt oder in den Felsenklüften haut, ohne vielleicht seine Mühe nur zu Tags fördern zu können, geschweige daß sie Pfeiler oder Säule eines Tempels würde. Keine Akademie hat ihre Beobachtungen so an einander hangend fortsetzen können, mithin sich fortwährend selbst gebessert, genutzt und geläutert als diese. Auch mit verändertem Namen ist und bleibt sie Ludwig's ewiges Werk, das die wildesten Zeitstürme selbst nicht haben vernichten mögen. Unzerstörbar bauen sich die Wissenschaften fort, reihen sich an einander und breiten ihre Erfolge still oder laut über die Welt aus. Denn nicht das Gefundene allein ist Gewinn, sondern die Geister, die es finden. Je mehr diese sich mit einander einverstehn und, wenn auch nicht ohne Neid, wetteifernd nach einer Methode, zu einem Zweck, öffentlich unterstützt, mit einander arbeiten; je schlichter sodann ihr Vortrag, je klarer und verbreiteter ihre Sprache ist, je mehr diese sich von jedem Unrath entfernt hält, indem sie nur das Reinste der Wissenschaft rein lehrt: um so mehr wird eine solche Akademie eine Stiftung und Versammlung ( ecclesia ) des Geistes der Wissenschaften selbst, der über alle Völker reicht. Terrasson hat Recht, daß die Akademie der Wissenschaften auch den Geschmack vollkommner gemacht habe, indem sie die wahren Grundsätze der Urtheilskraft im Menschen nicht etwa disputirend feststellte, sondern thätig erwies. Genauigkeit (Präcision), Ordnung , Klarheit sind die Eigenschaften eines guten Geschmacks, denen sich das Verborgene der Anmuth unmittelbar aufschließt. In jedem Aufsatz, was er auch betreffe, in jeder Gedankenfolge reizt uns nichts so sehr als Genauigkeit, Ordnung, Klarheit. Zu Verbreitung dieses Geschmacks trug ein wohlorganisirter Kopf, Bernhard von Fontenelle , Secretär der Akademie, über ein halbes Jahrhundert stillwirkend bei; auch im höchsten Alter blieb er ein liebenswürdig spielender Jüngling. Seine Schreibart, ihm eigen und unnachahmbar, möchte man die Analyse der Vernunft , den Stil des Unendlichkleinen ( des infinement petits ) nennen, so fein weiß er die Begriffe zu zerlegen, einen nach dem andern sanft und klar herbeizuführen, endlich aus ihnen ein Ganzes zu bilden, das in seiner zarten Zusammensetzung durch den lieblichen Schein einer ruhigen Einfalt oft ans Erhabne grenzt. Nicht seine Lobschriften allein ( éloges des Académiciens ), Oeuvres de Fontenelle, Tom. V. VI. – H. die Geschichte der Akademie selbst in den Auszügen, die er von den merkwürdigsten Abhandlungen gab, indem er sie, auch für Die, die dem Calcül nicht nachgehn konnten, in ein heitres Licht der Vernunft stellte, sie haben die Akademie auch außer ihren Sälen in die Denkart der Menschen verbreitet. Seine Nachfolger konnten keinen andern Weg einschlagen, als den er gebahnt hatte, es war der einzige rechte. Glaubt Ihr, daß, wenn jene Akademie der Wissenschaften nicht gewesen wäre, Frankreich am Ende des Jahrhunderts hätte vollführen können, was es vollführt hat? Hätten ihm nicht alle Wissenschaften und Künste der Vernunft und des Maßes der Dinge zu Gebot gestanden, hätte der Geist genauer Zwecke und Mittel , dieser mit einem festen Maß zu jenen (der wahre mathematische Geist), nicht eine Reihe thätiger Menschen, die ans Spiel kamen, beseelt: nie hätte, was geschehen ist, ausgeführt werden können. Daß Euch dergleichen nie gelinge, dürft Ihr nur Eins, die genaue und strenge Wissenschaft als eine Aufklärerin stolz verachten. Die Verachtete rächt sich gewaltig. ––––– Neben der Akademie der Wissenschaften blühte mit dem Anfange des Jahrhunderts (1701) auch eine andre Tochter Ludwig's oder vielmehr Colbert's, ihre etwas ältere Schwester, die Akademie der Inschriften , neu auf. Den Inschriften zwar hat sie wenig gefrommt, wie diese denn auch nur ein vorübergehender, untergeordneter Zweck zur Befriedigung des siegenden und bauenden Königes voreinst gewesen waren; dem menschlichen Verstande aber hat das Institut fast wie die Akademie der Wissenschaften Dienste geleistet. Denn wäre auch jene bleierne Gründlichkeit gelehrter Antiquare, jene Allwissenheit der Kritiker in Lesung der Alten vielen französischen Belletristen nicht eben gegeben gewesen: wo ein heller Blick, eine leichte Zusammenstellung hinreichte, erläuterten sie oft glücklich. Und dann, wer erkühnte sich, eines beliebten Nationalunterschiedes wegen Jedem, der zu dieser Nation gehört, gründliche Kenntniß der Alten zu versagen? Die großen Namen Casaubon, Saumaise, du Valois u. s. w. vor den Zeiten der Akademie, in diesen Zeiten eine gute Anzahl andrer würden ihn der Unwahrheit strafen; Fréret allein stünde statt Vieler da. Rühmlich ist's, daß man am Ende des Jahrhunderts Schriften, die dieser Forscher des Alterthums im ersten Viertheil desselben schrieb, endlich der Welt gegeben. Seine »Oevres« waren 1796 in zwanzig Bänden, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode (1749), erschienen. – D. Ueberdem band sich diese Akademie nicht an Griechen und Römer; die Alterthümer des Vaterlandes, Frankreichs Geschichte, die Sprachdenkmale der Provençalen u. s. w. lagen auch in ihrem Gebiet; Mabillon, Montfaucon, Le Beuf, Curne de St. Palaye u. s. w. stehen hier abermals statt Vieler. Der Erste hat in seiner Art auch eine Wissenschaft geschaffen, die Diplomatik , wie Vaillant die Numismatik schuf; es ward nachher leicht, weiter zu gehen, nachdem die Grundsteine des Baues, zum Theil nicht ohne königliche Kosten oder Autorität, gelegt waren. Die besten Reisebeschreibungen Orients sind wir dem Aufwande Ludwig's schuldig; sie werden noch gelesen und sind in Manchem noch die besten. Auch die Auszüge oder Uebersetzungen , die größtenteils von Mitgliedern der Akademie aus morgenländischen Handschriften der königlichen Bibliothek gemacht wurden, klärten Europa auf, indem sie es sinnreich ergetzten. Herbelot's »Bibliothek« ist noch jetzt ein Hauptwerk, zu welchem seitdem wenig Neues hinzugefügt worden, und das Beste hat abermals Frankreich hinzugefügt. Galland's »Tausend und eine Nacht« hat mehr als tausend und einen Menschen vergnügt, vielleicht auch mehr als hundert und ein artiges Märchen oder andre sinnreiche Dichtung ans Licht gefördert. Mit Chardin's , Tournefort's , de la Loubière's und andern französischen Reisebeschreibungen wie mit den morgenländischen und Feenmärchen ging den Europäern in der alltäglichen eine neue Welt auf. Kühne und feine und nützliche Dinge sind unter dieser Zauberhülle morgenländischer Dichtung gesagt worden. In jeder dieser Rücksichten sind wir dem Geschmack Ludwig's an dem, was man damals belles lettres nannte, reichen Dank schuldig. Aber auch hier gilt: »nicht nur was ausgerichtet ward, sondern auch wie es ausgerichtet wurde«; die Erweckung des Geistes , es auszurichten, ist der Zweck lebendiger Institute . Jene französischen Uebersetzungen der Alten, die man gewöhnlich ungetreue Schönen ( belles infidéles ) nennt, ihren Zweck haben sie dennoch erreicht. Sie gaben der Nation eine Menge Kenntnisse aus den Alten, auf eine Weise, die vom Lesen nicht wegscheuchte, sondern zu ihm lockte. Man glaubte nämlich nicht, längst verstorbner Alten wegen seine Sprache ummodeln und bei jedem neuübersetzten Autor sie neu modeln zu müssen; denn nicht buchstäbliche Ueber setzungen sollten diese genommenen Copien werden; nicht Kupferstiche einmal, Nachzeichnungen aus freier Hand sollten sie sein, wie man glaubte, daß die Sprache sie litt, die Nation sie bedürfe. Dem Wahn, eine lebende Landessprache à la Ronsard griechisch oder latein umformen zu müssen, hatte man längst entsagt. Der französischen Sprache, die, ohne ihren Werth und Charakter zu verlieren, weder gräcisiren noch latinisiren konnte, war ein Hauptgesetz nothwendig: »Keine Uebersetzung verderbe uns die Sprache!« Ein Gleiches ist's mit der französischen Behandlung alter und neuer Geschichte , wie sie damals Gestalt nahm. Laßt Rollin , Crevier , Vertot u. s. w. nach ihrer Art alte und neue Geschichte erzählen: wie Viele haben daraus und daran gelernt! Könnt Ihr, so erzählt sie besser! das Gleichmaß aber, in und zu welchem jene verdienten Männer schrieben, litt keine andre als eine solche Umfassung der Begebenheiten für ihre Zeit, für ihre Leser. Hätten wir Deutsche damals in unsrer Sprache nur Amyots und d'Ablancourts , Gedoyns , Rollins und Vertots gehabt, wir wären weiter. In Ludwig's Zeitalter konnte ein Franzose zu seiner Bildung sämmtliche Schriftsteller des Alterthums in seiner Sprache, leidlich verstanden, klar übersetzt, lesen; können wir's jetzt noch ein Jahrhundert später in der unsern? Endlich gewährten die Akademien in Frankreich den Vortheil, daß sie als königliche Institute Männern von Wissenschaft oder von Gelehrsamkeit und Geschmack eine Stelle im Staat gaben, unabhängig von lastenden Aemtern. Mit dieser Stelle gaben sie ihnen auch ein Verhältniß zur Gesellschaft, das dieser nicht anders als zuträglich sein konnte. In den Akademien mischten sich alle Stände, vom Cardinal und Minister bis zum Ordensmann und einfachen Gelehrten. Ludwig begegnete jedem ausgezeichneten Mann mit Achtung. Der Name Mann von Wissenschaft war damals ein Ehrenname, statt daß jetzt noch bei uns manche Stände kein verächtlicheres Wort kennen, als: »Ach! er ist ein Gelehrter!« ––––– Beilage. Duclos über Männer von Wissenschaft. Considérations sur les moeurs de ce siècle, par M. Duclos. Par.1751. Chap.X. Sur les Gens de Lettres. – H. »Sonst waren die Gelehrten entfernt von der Welt, in ihr Studium versenkt; indem sie für ihre Zeitgenossen arbeiteten, dachten sie nur an die Nachwelt. Ihre Sitten, bieder und roh, hatten kein Verhältniß zu den Sitten der Gesellschaft; die Weltmenschen, damals weniger unterrichtet als jetzt, bewunderten ihre Werke oder vielmehr ihre Namen, glaubten sich aber ihres Umganges nicht fähig. Mehr aus Hochachtung als aus Abneigung hielt man sich von ihnen entfernt. »Unvermerkt hat der Geschmack an Künsten, Wissenschaften und Kenntnissen so weiten Raum gewonnen, daß, wer ihn nicht aus Neigung hat, ihn wenigstens erkünstelt. Man sucht Die auf, die Wissenschaften cultiviren, und um so mehr zieht man sie in die Welt, je mehr Vergnügen man in ihrem Umgange findet. »An beiden Seiten hat man hiebei gewonnen. Die Weltmänner haben ihren Geist cultivirt, ihren Geschmack gebildet, sich neue Vergnügen verschafft; die Männer von Wissenschaft haben sich Gunst und Achtung erworben, ihren Geschmack vervollkommnet, ihren Geist glänzend, ihre Sitten mild gemacht und über mehrere Dinge ein Licht bekommen, das ihnen Bücher nie hätten geben mögen. »Genau gesprochen, geben die Wissenschaften zwar keinen Stand ( état ); Denen aber, die keinen Stand haben, vertreten sie seine Stelle und gewähren ihnen eine Auszeichnung, die oft dem Range vorangeht. Man hält sich ebenso wenig erniedrigt, wenn man dem Geist , als wenn man der Schönheit huldigt, es sei denn, daß man mit ihm in Ansehung des Ranges oder der Würde mitwerbend streite: alsdann kann der Vorzug an Geist ein Gegenstand der lebhaftesten Eifersucht werden. Sonst aber, ist unser Rang gesichert, so nehmen wir einen Mann von Geist mit mehr Gefälligkeit auf, als wir es einem Andern, der an Rang über ihm stände, kaum thun würden. Denn die Achtung, die man dem Geist erweist, zeigt, daß wir selbst Geist haben, oder macht wenigstens glauben, daß wir ihn haben, welches für Viele einerlei ist. »Allenthalben ersetzt sich die Natur. Große Talente setzen nicht immer einen größeren Geist voraus; ein kleiner Springbrunn kann glänzender spielen als jener große Strom, der ruhig hinfließt, um ein Land nutzbar zu wässern. Männern von Talent gebührt ein größerer Ruhm, der ist ihr Lohn; Männern von Geist gebührt mehr Vergnügen der Gesellschaft, weil sie der Gesellschaft Vergnügen machen; sie verdienen diesen Dank. Talente theilen sich durch Umgang nicht mit; Personen von Geist aber entwickeln unsern Geist, breiten ihn aus; ein Theil des unsern gehört ihnen. Bald wird also auch der Umgang mit ihnen zur Vertraulichkeit, sogar, wenn sich Herz dabei findet, zur Freundschaft, bei der man an Rang und Stand gar nicht mehr denkt. Denn das bleibt gewiß, daß, alles Bestrebens nach Geist ungeachtet, honnete Männer in der Welt anders angesehen werden als Die, deren Talente man lobt und deren Person man gern nicht kennt. »Spiel und Liebe, hat man gesagt, setzen alle Stände gleich; wäre das Sprichwort seitdem ausgesprochen, seit es zur Leidenschaft geworden ist, Geist zu haben, so hätte man gesagt: »Geist, Spiel und Liebe«. Das Spiel macht Stände gleich, indem es den Höheren herabsetzt, die Liebe, indem sie den Niedrigem hinaufhebt: der Geist – die wahre Gleichheit – ist Gleichheit der Seelen. Zu wünschen wäre es, daß auch die Tugend gleich machte; leider aber bringen nur Leidenschaften die Menschen dahin, daß sie nur Menschen sein wollen, vergessend alle äußern Unterschiede. Gerade, glaube ich, und bin's gewiß, daß Tugend die Menschen aufs Innigste gleich mache; denn wir leben weniger im Geist als im Charakter. Gleich brave Charaktere schätzen und achten sich als Brüder; sie finden sich nicht nur auf einer Stufe, sondern in einem Mittelpunkt, der innern Quelle des Lebens, dem Gemüth, miteinander. Da verschwindet alle Rücksicht auf Unterschiede der Meinungen, des Ranges, Standes, der Nation und Kleidung. Tugend macht gleich und vereint zum friedlichsten Wetteifer. – H. »Fast alle Dummköpfe sind Feinde der Männer von Geist, Standes halber. Ihr Haß ist auch nicht müssig; sie verleumden diese als ehrsüchtige, gefährliche Leute. Sie glauben, daß man mit Geist nichts Anders thun könne, als was sie damit thun würden, wenn sie Geist hätten. »Man wundert sich. daß man sein Herz , nicht aber seinen Geist loben dürfe, und hat daher schließen wollen, daß die Menschen den Geist höher schätzen als die Tugend. Sollte es nicht eine andre Ursache geben? Man liebt nicht, was man bewundern muß, und man bewundert ungern, gleichsam nur überrascht und gezwungen. Wenn Jemand sich als einen Mann von Geist ankündigt, je mehr man Ursache hat, es zu glauben, desto mehr scheint er uns zu sagen: »Ihr betrügt mich nicht mit falschen Tugenden; Eure Fehler verbergt Ihr mir nicht.« Er kündigt sich also als unsern Richter, als unsern Bemerker und Gegner an; das wollen wir nicht. Ganz anders ist's mit Dem, der uns die Güte seines Herzens versichert. Wir rechnen auf seine Nachsicht, selbst auf seine gutmüthige Blindheit gegen unsre Fehler, auf seine Dienstgefälligkeit, vielleicht gar darauf, daß wir auch etwas ungerecht gegen ihn sein dürfen, ohne daß er's ahne. »Liebe zu den Wissenschaften macht ziemlich gleichgiltig gegen Rang und Reichthum; sie tröstet über manche Entbehrung und macht, daß wir diese wol gar nicht einmal bemerken. Menschen von Geist müssen also, Alles gleich gesetzt, sogar bessere Menschen sein als Andre. Sie genießen eine geheime Zufriedenheit, die sie Andern angenehm, wol aber auch zu Verführern ihrer selbst macht; für ihr Glück zu sorgen, sind sie nicht eben sehr geschickt und auch ziemlich unbesorgt darüber. »Wenn Männer von Geist sich einander herabsetzen, freuen sich die Dummköpfe. Sie lernen sodann ihren Haß gegen jene unter eine Geberde der Verachtung zu verbergen, die eigentlich doch nur ihnen gehörte. Einst ließ man Thiere kämpfen, Menschen zur Kurzweil; jetzt geschieht oft das Gegentheil: Menschen gehn auf einander los, um Thieren ein Schauspiel zu geben. Unwürdige Kämpfe!« 6. Französische Akademie. Um die Einrichtung dieser Akademie unter Richelieu, um ihre Erneuung mit dem Jahrhunderte unter Ludwig haben wir uns nicht zu bekümmern, noch wie jedes Mitglied derselben seinen Jeton verdient habe; daß aber ein Parlement über die Reinheit der Sprache zu ihrer Erhaltung und Fortbildung einer großen Nation nothwendig und heilsam sei, hat bei allen ihren Mängeln und leeren Begrüßungen die französische Akademie erwiesen. Pelisson und d'Olivet haben ihre Geschichte geschrieben. Wenn Fénélon bei seiner Aufnahme in dieselbe das Werk des Ersten, als seines Vorgängers, mit dem gebührenden Lobe durchgeht, spricht er: Recueil des harangues prononcées par Mrs. de l'Académie Française, II. 389. - H. »Seitdem gelehrte und verständige Männer auf die wahren Regeln der Sprache zurückgekommen sind, mißbraucht man nicht mehr, wie man es sonst that, Geist und Wort ; man hat eine Schreibart angenommen, die einfacher, natürlicher, kürzer, nervigter, bestimmter und genauer ist, als die alte war. An Worte heftet man sich nicht weiter, als sofern sie Gedanken ausdrücken, und man läßt keine zu, als wahre, feste, den Gegenstand, in welchen man sich einschränkt, umschließende Gedanken. Die einst so prachtvolle Gelehrsamkeit zeigt sich nicht weiter, als sofern man ihrer bedarf; selbst der Witz verbirgt sich, weil die Vollkommenheit der Kunst darin besteht, daß man die einfache Natur so unbefangen nachahme, daß der Witz selbst Natur werde. Man nennt also nicht mehr Geist oder Witz, was nur blendende Phantasie ist; man widmet das Wort nur einem geregelten Genius, der zum innern Gefühl spricht, der der Natur, ihr, der immer einfachen und anmuthigen, Schritt vor Schritt folgt, der alle Gedanken auf Grundsätze der Vernunft zurückbringt und nichts schön findet als das Wahre. Man hat sich überzeugt, daß die blühende Schreibart, so süß und gefällig sie ist, sich nie über das Mittelmäßige erheben könne, daß das wahre Erhabne allen geborgten Zierrath verschmähe und sich nur in der Einfalt finde.« – Wenn dies das Ziel war, das der französischen Akademie vorstand (den Edleren derselben stand es gewiß vor), so segnet man das Institut, das ihnen dies Ziel vorsteckte. Man rückte der Akademie vor, daß bei ihrem Bestreben um Reinheit und Regelmäßigkeit der Sprache sie diese arm und scheu gemacht habe; höre man unsern Erzbischof auch hierüber: Réflexions sur la Rhétorique et sur la Poétique, par Fénélon, III. – H. »Unsrer Sprache fehlen viele Worte und Redarten; selbst dünkt es mich, daß man sie seit hundert Jahren gezwungen und arm gemacht hat, indem man sie reinigen wollte. Wahr ist's, sie war noch etwas ungestalt, etwas zu wortreich; indeß wünscht man sich diese alte Sprache zurück, wenn man sie in Marot , Amyot , im Cardinal d'Ossat und in andern, den lustigsten und ernsthaftesten Werken wiederfindet. Sie hatte, ich weiß nicht was an Kürze, Naivetät, Kühnheit, Lebhaftigkeit, Leidenschaft, was wir nicht haben. Man hat seitdem, wenn ich nicht irre, mehr Worte ausgestoßen als aufgenommen . Ich wollte keins verlieren und neue erwerben; ich möchte jeden Ausdruck aufnehmen, der uns fehlt, und der, ohne Gefahr eines Mißverständnisses, einen angenehmen Klang hat. »Prüft man die Bedeutung der Worte näher, so ergiebt sich, daß es fast keine reine Synonyme giebt. Manche von ihnen drücken ohne Hilfsworte ihren Gegenstand nicht ganz aus; daher die öftern Umschreibungen. Hier müßte man abkürzen, indem man jedem Object, jeder Empfindung und Handlung ihren eignen einfachen Ausdruck gäbe. Selbst mehrere Synonyme wünschte ich für ein Object; denn alle Zweideutigkeiten zu vermeiden, ist das beste Mittel, wenn man die Redarten ändert. Harmonie befördert man dadurch, wenn man aus mehreren Synonymen das wählt, was dem Ganzen des Vortrags am Besten zustimmt. »Die Griechen hatten eine Menge zusammengesetzter Worte; die Lateiner, obwol weniger frei hierin, ahmten den Griechen ein Wenig nach. Dergleichen Zusammensetzungen kürzen ab und helfen zur Pracht der Verse. Die Lateiner bereicherten ihre Sprache mit fremden Wörtern, die ihnen fehlten. Sie hatten z. B. kein Wort für die Philosophie , die in Rom spät aufkam. Als sie Griechisch lernten, borgten sie daher Worte, um über Wissenschaften zu raisonniren. Cicero, so besorgt er um die Reinheit der lateinischen Sprache war, bedient sich, wenn er sie nöthig hat, griechischer Worte mit aller Freiheit. Anfangs ließ man das griechische Wort als einen Fremdling ein; man bat um die Erlaubniß, sich seiner bedienen zu dürfen; bald wurde die Erlaubniß Besitz und Recht. »Ich höre, daß die Engländer kein Wort für unerlaubt halten, das ihnen bequem ist. Sie nehmen von ihren Nachbarn Worte, wo sie sie finden. Dergleichen Besitznehmungen sind erlaubt. Blos durch den Gebrauch wird hier Alles gemeinsam. Worte sind nur Schälle, die man willkürlich zu Zeichen der Gedanken macht. An sich selbst haben diese Schälle keinen Werth; sie gehören Dem, der sie borgt und dem sie abgeborgt werden. Was liegt daran, ob ein Wort in unserm Lande geboren sei oder aus der Fremde zu uns komme? Eine Eifersucht wäre hier kindisch, wo es auf nichts ankommt, als auf eine Art die Lippen zu bewegen und die Luft anzustoßen. »Auch in Ansehung der Ehre haben wir hier nichts zu schonen. Unsre Sprache ist ein Gemisch von Griechisch, Latein, Deutsch mit einigen gallischen Resten. Da wir nur von diesem Anleih, das unser Stammgut worden ist, leben, wozu diente eine falsche Scham, mehr zu borgen, um uns zu bereichern? Von allen Seiten lasset uns nehmen, was wir brauchen, um unsre Sprache klarer, kürzer, präciser, harmonischer zu machen. Alles Umherreden schwächt den Ausdruck.« So weise, so frei urtheilt und räth Fénélon ; und hat sich seine Sprache dieser Freiheit nicht bedient? Welche gebildete Sprache Europa's ist, um eine Idee, auch nur den Schein einer Idee genau auszudrücken, freier und reicher an neugeschaffenen Worten? oft so glücklich geschaffen, daß vom ersten Augenblick an, da man das neue Wort hört, es unvergeßlich wird und so trifft, daß Jeder es nachspricht. Mit einem neuen glücklichen Wort erleuchtete sich oft ein ganzer Horizont von Gedanken; es ging mit ihm wie eine neue Welt auf. Unsre deutschen Puristen dachten einst nicht, wie Fénélon dachte: ihnen war das Wort als Wort etwas; die Wirkung des Worts auf dieser Stelle, im kleinsten Mehr und Minder seines Eindrucks, blieb von ihnen unbeachtet. Wol Niemand konnte über die Schicksale und das Verdienst mehrerer Akademien um die Sprache bessere Auskunft geben als Fontenelle , ihr Nestor. So sprach er nach einem in ihrer Mitte überlebten halben Jahrhundert: A l'ouverture de l'Académie Française 1741. – H. »Die drei Menschenalter, die Nestor gesehen hatte, habe ich beinah auch in dieser Akademie durchlebt; mehr als zweimal hat sie sich unter meinen Augen erneut. Wie viel Talente, Genies, Verdienste, alle einzeln in irgend einem Punkt der Achtung werth, alle verschieden gegen einander, sind sich gefolgt! wie oft hat das Ganze seine Gestalt verändert, um in allen Zeiten des Zweckes würdig zu bleiben, dem sich die Gesellschaft bei ihrer Entstehung weihte! Bald hatte die Poesie bald die Beredsamkeit, bald Wissenschaft bald Witz den größern Theil an einem zusammengesetzten Körper, der immer sich gleich und immer verschieden war. Auf Glauben meiner langen Erfahrung wage ich's zu sagen, daß er die hohe und edle Bestimmung, die seine Pflicht ist, nie verleugnen werde. »Lange und sehr nah habe ich eine andre berühmte Gesellschaft kennen gelernt, von der ich hier, obwol ohne Veranlassung, nach Art des gesprächigen Nestor's, Erwähnung thue. Als die Akademie der Wissenschaften durch ein berühmtes Mitglied dieser Gesellschaft eine neue Gestalt erhielt, belebte sie sich zu dem Zweck, jenen Geschmack an den abstracten und erhabnen Wissenschaften, mit denen sie sich beschäftigt, so viel möglich zu verbreiten . Sonst bedienten sich diese Wissenschaften, wie ehemals in Aegypten, einer gewissen heiligen Sprache, die nur ihre Priester und einige Eingeweihte verstanden; der neue Gesetzgeber wollte, daß, sofern es anginge, sie die gemeine Sprache sprächen. Mich machte er zu ihrem Dolmetscher, weil er darauf rechnete, daß sie mir über die Kunst der Sprache treffliche Lehren ertheilen würden. »Die Kunst der Sprache ist mit der Kunst zu denken genauer verknüpft, als man glaubt. Die französische Akademie scheint sich nur mit Worten zu beschäftigen; diesen Worten aber entsprechen oft so feine Ideen , daß, diese zu ergreifen, sie gerade so auszudrücken, wie man sie hat, oder vielmehr wie man sie empfindet, es Mühe kostet, weil man sie, täuschender, aber starker Aehnlichkeiten wegen, mit andern Ideen gern verwechselt. Sprachen sind nicht durch Vernünftelei oder durch akademische Auseinandersetzungen eingeführt worden, sondern durch ein dem Anschein nach blindes Zusammentreffen unendlich vieler in einander geflochtenen Zufälle; und doch herrscht in ihnen eine Art sehr feiner Metaphysik , die Alles leitete. Nicht als wenn jene rohen Menschen, die dieser Metaphysik folgten, sich vorgesetzt hätten, ihr zu folgen; sie war ihnen ganz unbekannt; nichts aber ward mit Bestand angenommen, was sich nicht den Naturideen des größten Theils der Denkenden gemäß fand. Darauf hinaus gingen auch die Beratschlagungen unsrer Versammlung. Mit Mühe brachten sie das zu Stande, was man einst ohne Mühe that; wie ein Erwachsner die Sprache, die ein Kind, ohne daran zu denken, faßt, nicht ohne Fleiß und angestrengte Aufmerksamkeit lernt. »Eine der mühsamsten Sorgen der Akademie ist's, in unsrer Sprache diese versteckte Metaphysik zu entwickeln, die, um bemerkt zu werden, ein durchdringendes Auge fordert. Der Geist der Ordnung, der Klarheit, der Genauigkeit, den zarte Untersuchungen dieser Art fordern, ist der Schlüssel zu den höchsten Wissenschaften , wenn man ihn nur auf eine ihnen gemäße Weise zu brauchen weiß. Mit dieser Hilfe kann jenes Wissen, das die Meister der Wissenschaft in ihren Werten nicht sowol mittheilen, als nur von Weitem, von einer fast unzugänglichen Höhe zeigen, bis zu einem gewissen Punkt herabsteigen und sich der Fassungskraft einer größern Anzahl bequemen.« Trefflicher Zweck, den Jeder in seinem Felde befördern sollte! In der gemeinsten Rede sprechen wir Alle, ohne daß wir es bemerken, Metaphysik ; daß wir die rechte und recht sprechen, daß wir mit klaren Begriffen, in einer natürlichen Ordnung dies allenthalben ohne Zwang thun, dies ist die wahre Philosophie, vor der jene dunkle Metaphysik, die sich selbst kaum versteht, wie die Nacht vorm Tage zurückweicht. Uebersetzt Jemand verwirrte Begriffe, dunkle Knäuelperioden ins Französische, sie lösen sich von selbst oder zeigen den Mangel ihrer Verbindung. Wenn Leibniz das Deutsche als eine Sprache der Treue und Wahrheit rühmte, so ist, nicht ohne Beihilfe der Akademien, das Französische eine Sprache der feinern Cultur worden, ein Wetzstein des Urtheils und des sich hell mittheilenden Verstandes. In allen gebildeten Sprachen Europa's hat das Französische eine Wirkung gethan, die, oft verkannt, dennoch wahr bleibt. Die langen Perioden der Italiener, Spanier, Engländer, Deutschen hat sie zerlegt; den Vortrag, der fast ohne Zwischenpunkte fortging, hat sie gebunden. Mögen die Florentiner mit den Lombarden Kriege führen, daß diese nicht acht Boccaccisch, sondern Französisch-Italienisch schreiben, mag Monboddo den Engländern, mögen Altdeutsche manchem unsrer Schriftsteller ein Gleiches Schuld geben: die Schuld liegt an der gemeingewordnen Denkart , die allenthalben das Verwirrte haßt und Klarheit liebt. Der Erzbischof von Gnesen , wenn er seiner Nation artige Gedichte schrieb, dichtete im Polnischen mit Horazens Geist französisch. Auf Worte und Phrasen kommt es hiebei nicht an, obwol auch diese sich unvermerkt einschleichen, sondern auf die Gedankenreihe selbst, und in ihr auf Leichtigkeit, Ordnung, Klarheit. Lessing schrieb kräftig und rein Deutsch, sorgfältig vermied er französische Worte und Phrasen; und wie viele seiner Lieder, seiner Epigramme und Fabeln, seiner Wendungen im Gespräch und jeder Belehrung sind französisch! Mich dünkt also, wir treten Fénélon bei: »Von allen Nationen lasset uns brauchen, was Gutes wir von ihnen brauchen können, wenn wir nichts Besseres haben!« Ist dies Letzte der Fall, so zeige man es uns durch Lehre, oder kräftiger durch Beispiel! 7. Schöne Künste unter Ludwig XIV. Wie fand das neue Jahrhundert diese Künste, die der junge König entweder geerbt hatte, oder die unter ihm durch Colbert aufgeblüht waren? Die meisten hatten den Greis verlassen; er stand im Andenken ihrer Vergangenheit allein. Corneille und Molière , Quinault und Lully waren längst, Racine mit dem Jahrhundert gestorben, selbst der Geschmack an ihren Werken hatte sich geläutert. Poussin, Le Sueur, Le Brun u. s. w. waren dahin; an den Werken des Letzten sowie des Le Moine, Puget, Girardon hatte man sich satt geschaut, und es war vorauszusehen, daß die Bäder des Apollo So hieß einer der Säle im Schlosse zu Versailles. – D. einst mit Moos bedeckt ständen. Trauriges Schicksal der schönen Künste, wenn sie am Willen oder an der Lust eines Einzigen haften! In seiner Jugend spielen sie um ihn her, aus dem Frühlinge begleiten sie ihn etwa bis in den Sommer des Lebens; im Herbst, im Winter, wo sind sie? Der Nachfolger führt eine andre Jugend herbei. Noch mißlicher ist ihr Loos, wenn sie gerade am Geschmack, gar an der Eitelkeit des Einzigen hangen, dem sie sich gleichsam einverleiben. Bald wird man dieser Enge satt, die Persönlichkeit geht vorüber. Corneille hatte seinen Geschmack, romantisch wie er war, selbst gebildet; Racine , mit weicherem Herzen und feinerem Studium, bildete ihn, zumal in den letzten Jahren, dem Hofe, der Maintenon gefällig zu. Und wie beschränkt war Molière selbst auf dem Hoftheater! Er hing am Wort, am bedeutenden Stillschweigen des Königes; seine lustigeren Stücke waren für die Provinzen. Die zartesten Stellen Quinault's bedauert man oft, daß sie neben dem übermäßigen Lobe stehen, das Ludwig indeß selbst mit- und nachsang. Daher die beschränkte Decenz der französischen Bühne, daher, daß bei den größten Talenten der Meister, bei unzählig Schönem im Einzelnen, sie sich fast in keiner Kunstart zur hohen Reinheit des griechischen Genius erheben durfte; denn dieser kennt das Hofetiquette nicht. Die wahre Kunst ist nicht eitel. Nicht der äußern Wirkung wegen steht sie da, viel weniger zu einer flüchtigen Parasiten-Wirkung. Ihr Gesetz des Wahren, Guten und Schönen hat sie in sich und muß es für sich strenge vollenden. Außer den Fesseln der Versification und Sprache unterscheidet sich der französische Ausdruck also am Meisten dadurch von der Kunst der Alten, daß er fast immer zu sehr auf äußere augenblickliche Wirkung gestellt ist, selten also der Eitelkeit ganz entsagt. Durchaus aber nicht, daß man hiemit die Vorzüge der französischen Cultur verkennen oder verkleinern wolle. Allerdings war in den schöneren Tagen der Regierung Ludwig's sein und seines Hofes Geschmack in Europa der anständigste. Die italienischen Concetti vereinfachte er zu ächtem Witz und Geist; fast ist unter Ludwig nichts Grobes, nichts Barbarisches geschrieben. Und doch schrieb damals fast Jeder, der sprechen konnte, insonderheit Mémoires und Briefe . Männer und Weiber, Prinzen und Prinzessen, Feldherrn und Künstler, Jeder konnte sprechen und schreiben. Und der edelste Ton, in dem man schrieb, war, wie Ludwig sprach, anständig, höflich, mäßig; so daß jedesmal die Worte mehr zu bedeuten schienen, als sie bedeuteten, indem sie immer das Lindeste im weitesten Umfange sagten. Dieser erhabne Schein war Ludwig's Stärke; er ist Charakterstil der besten Schriftsteller und Schriftstellerinnen seines Zeitalters, die man immer noch, wenn auch nur ihres schönen Anstandes wegen, gern liest. Von Ludwig XIV. selbst hat man Mémoires; ihre Summarien sind eigenhändig von ihm geschrieben. Pelisson, der erste Schriftsteller Frankreichs im edeln Stil, hatte sie redigirt. – H. Denke man nun, was aus diesem naiven oder erhabnen Schein ward, als ihn fremde Länder barbarisch nachahmten. Das Künstlich-Leere in ihm ward jetzt grobe Leerheit; jenes überhingehende sanfte Berühren der Empfindung, ein mit Fleiß gewählter Halbausdruck der Gesinnung, die ganze Zauberkunst des Witzes und der Phantasie, die geistreich sich bestrebte, Alles wohlanständig, leise und linde zu sagen, was ward sie im Munde ausländischer Lakais und Poissarden, die sie geradehin in eine affectirte Zierlichkeit, in plumpen Scherz oder gar in eine beleidigende Grobheit verkehrten? Der fremde Dialekt lag ihnen indeß so am Herzen, daß sie an ihn ihre Geburt, den Rang ihrer Kaste als einen wesentlichen Unterschied ihrer und der Eingebornen knüpften. Classen der Menschen schieden sich also von einander mit gegenseitiger Verachtung; die deutsche Nachäffung ward zum Sprichwort und dem eitelsten Franzosen verächtlich. Leider beging die andre Classe auch die Thorheit, daß sie, die Französisch nicht sprechen konnte, wenigstens französische Worte und Redarten in die deutsche Sprache mischte; jämmerliche Galantheit! Kein Mißbrauch hebt indeß den Werth der Sache selbst auf. Daß, wie einst den Griechen, die große Mutter Natur der gallischen Nation an ihrer Sprache eine lebendige Quelle gegeben, die sich durch Reden und schreiben weithin ergossen, das leugnet Niemand. Ihre Poesie und Beredsamkeit, was ist sie anders als anständige Rede ? Nie z. B. hat ihre lyrische Poesie sich mit dem klangvollen Pindar, nie haben sich ihre Chöre mit den Chören der Athenischen Bühne messen sollen und dürfen; denn das Wesen der Sache, ihre Zwecke, Mittel und Hilfsmittel waren verschieden. Zwar ist jede Bühne ein Brettergerüst gewesen und wird es bleiben, keine indeß war es, zumal in Trauerspielen, mehr als die französische; das anständigste Declamationsgerüst ist ihr Theater. In dieser Decoration aus Uebereinkommniß beurtheile man sie nach ihr selbst. Mehr oder weniger ist sodann Alles an Ort und Stelle; vor und von ihrer Nation gegeben, erklärten sich in den Zeiten ihrer Blüthe Fehler und Mängel so deutlich, daß sie Schönheiten, geschweige ausschließende Forderungen nicht werden konnten . Der Bühne war ihr Maßstab in ihr selbst gegeben. Hat Jemand vom Weinstock Granatäpfel oder von der Tulpe, daß sie eine Rose sei, je begehrt? Und was wäre es denn, wenn Chapelain an einem Richelieu oder am großen Alcander ein zweiter Homer geworden wäre? In dem von Voltaire verspotteten Epos des von Richelieu hochgehaltenen Akademikers Jean Chapelain La Pucelle (vollendet 1656) erscheint der König unter dem Namen Alcandre. – D. Haben wir am ersten wahren Homer, dem Griechen, nicht gnug? warum sollen sich, wenn sie es auch könnten, die Zeiten wiederholen? Lasset einmal statt der Pieriden am Helikon auch die Nymphen der Seine sich im Tanz zeigen; an Putz und Artigkeiten ließen sie es nicht fehlen. Von einer französischen, zumal tragischen Bühne erwarte man also nichts, als was diese geben will und kann, Gespräche und Geberden ( des gestes ), mit Ordnung und Genauigkeit vertheilte Aufzüge . So auch bei der Oper. Wer, ehe Gluck der Nation eine andre Musik aufdrang, ihre Oper mit Wohlgefallen zu sehen verlangt, bereite sich auf französische Musik, auf ein anständiges Geberdenspiel, auf Decorationen und Tänze. Wer an ihrer kleinsten und größten Poesie Geschmack finden will, öffne sein Ohr für declamirte Verse, ohne einen andern als den prosaischen Accent, in einer angenehmen Haltung: dies gebietet ihre Sprache, ihr Zweck, ihre Manier. Dabei aber vergesse man nicht, daß eben diese Nation, auf der Bühne wie in Büchern, treffliche Sittengemälde dargestellt, daß sie die Leidenschaften der Menschen, wo nicht immer handelnd gemacht, doch sehr wahr beschrieben, daß sie die feinsten wie die größten Gedanken in Poesie und Prose für den menschlichen Verstand treffend accentuirt hat. Die Cabinetssprache des Gemüths , wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, konnte eine zu Abstractionen gebildete Sprache kaum sprechen; desto natürlicher spricht sie die Kanzleisprache der Empfindungen und Gedanken . Bekannt ist der eitle Streit, den man ein halbes Jahrhundert hindurch in Frankreich, England und Deutschland, vorzüglich aber im ersten Lande, über die Vorzüge der Alten und Neuern führte. Obgleich von beiden Theilen dabei viel Gutes gesagt ward, so konnte der Streit doch nie zu Ende kommen, weil er ohne hellen Grund der Frage angefangen war und fast immer Eitelkeit den Proceß führte. Bei so unbestimmten Namen der Alten und Neueren , ohne Unterscheidung der Zeiten, in denen sie lebten, der Hilfsmittel, die sie hatten, der Werke, die sie schufen, der Zwecke, zu welchen sie solche zu Stande brachten, wie konnte man über die Frage nur streiten? Zuletzt kam es darauf hinaus, daß die Neueren zwar an sich nicht größer sein möchten als die Alten, gewiß aber höher stünden , weil sie mehrere Zeiten und Erfahrungen hinter sich, eine weitere Ansicht der Dinge vor und um sich hätten u. s. w. Die menschliche Vernunft und Sittlichkeit, sagte man, habe mit dem Fortgange der Jahrhunderte gereift. So reife sie denn fort und säe sich immer neu aus, zur glücklichen Ernte! Das überstandene Stroh aber sehe man nicht als ein Heiligthum an; es läßt sich wirthschaftlich gebrauchen. Ist dem also, ist der höhere Standort, ein weiterer Horizont, eine aus mehreren Ereignissen gewonnene Belehrung der Neueren Vorzug, so folgt zugleich daraus, daß dieser Vorzug keiner Nation ausschließend angehöre; denn Alle sind wir die Spätergekommenen, die vom Schicksal oft und viel Belehrten, die Neueren. Alle sollen wir aus diesen Erfahrungen gelernt haben, Alle unsern höheren Standort mit seiner weitern Ansicht zu gemeinsamen Zwecken gebrauchen. In dieser Rücksicht was kümmert uns ein Rangstreit zwischen Nationen und Zeiten? Ob der Mann La Chapelle oder Anakreon , Perrault oder Palladio , Phidias oder Girardon hieß, der schöner sang, edler baute, würdiger formte? Haben Vernunft und Sittlichkeit gereift, so zeige man die Vernunft eben darin, daß man Völker und Zeiten vergißt und am Besten das Beste lernt. ––––– Beilage. ––––– Giebt es feste Formen des Schönen, die allen Völkern und Zeiten gemein sind? Verfeint sich mit dem Fortgange der Zeiten das Ideal der Schönheit? Man hat den beliebten französischen Ausdruck Nachahmung der schönen Natur als unbestimmt und unzureichend getadelt; der Tadel ist gegründet, wenn der genannte Ausdruck ohne fernere Erklärung das Hauptgesetz aller Künste des Schönen sein soll. Sonst aber, hätte die Natur uns nicht schöne Formen dargestellt, die wir nachahmen, unter denen wir wählen, die wir vielleicht verbinden können, woher sollten wir sie nehmen? Ohne Natur und ohne uns selbst könnten wir uns weder Natur noch Empfindung erfinden . Warum hat die Bildhauerkunst die festesten Regeln? Weil ihr Ideal selbst ein gegebnes Naturbild ist, die Gestalt des Menschen; unser edles Gebilde, mit Seele begabt, eine in alle Glieder ergossene Menschenseele, ist, nach Unterschieden des Alters und Charakters, der bildenden Kunst ewiges Vorbild. Welche Nation an eine Bildsäule tritt, kennt und fühlt ihren Ausdruck; also auch über die Regeln der Kunst, die sie darstellt, müssen alle Nationen eins werden. So bei Darstellungen der Leidenschaft oder des Charakters in lebendigen Menschen . Den reinen Ausdruck der höchsten Schauspielkunst müssen, selbst ohne das Verständniß der Sprache, Griechen, Römer, Franzosen, Italiener, der Wilde selbst, Jeder in seinem Maß, empfinden, um so gewisser empfinden, je mehr der Ausdruck von allem Falschen oder Willkürlichen frei ist. Verwickelter wird das Problem bei der Malerei , weil bei ihr Regeln sehr verschiedner Art zusammentreffen und sie auf Täuschung beruht. In Ansehung der Farben sowol als der Zusammenordnung der Figuren, noch mehr in Betreff der Haltung des ganzen Gemäldes müssen die Urtheile so verschieden sein, als verschieden die Organe, die Gewohnheiten zu sehen und zu bemerken, d. i. ein sichtlich Ganzes zusammenzufassen und zu ordnen sein mögen. Da aber endlich doch Licht und Farben sowol als das menschliche Auge und der Verstand allen Sehenden gemein sind oder als ihnen gemeinsam vorausgesetzt werden, so müssen sich, bei festen Regeln der Kunst, d. i. des organischen Verstandes , die verschiedensten Urtheile zuletzt verständigen und vereinen. Sie vereinen sich um so leichter, je mehr man Vorurtheile vermeidet und die Kunstaufgabe simplificirt. Ueber eine Zeichnung z. B. wird man eher einig als über ein Gemälde, über das Bestimmte in der Malerei leichter als über das Unbestimmte, das vielleicht vom persönlichen, flüchtigen Geschmack abhängt. Le Brun's Gemälde muß Apelles so gut beurtheilen können, als de Piles über RaphaeI urtheilt. Wo für alle Zeiten die Form dasteht, da muß sich nothwendig das Urtheil fortwährend an ihr schärfen, berichtigen, ergänzen. Anders scheint es mit dem zu sein, was in der Luft verhallt, der Musik und der Sprache . Wer kann dies wellenergießende Meer, wo jede Woge mit dem Augenblick verschwindet, unter einen Blick fassen, in eine Form beschränken? Daher urtheilen Nationen, Zeiten, Menschen über Musik und Poesie so verschieden! daher verändern sich diese so sehr mit Nationen, Zeiten, Menschen! So scheint es; die Regeln des Einverständnisses liegen aber dennoch sowol im Material der Kunst als im Subject der diese Künste genießenden, immer nur menschlichen Empfindung. Die Verhältnisse der Harmonie sind allen Völkern dieselben; die Empfänglichkeit unsers Organs kann gradweise geübt, also auch berechnet und compensirt werden; mithin ist ein allgemeiner Maßstab, ein Einverständniß möglich. Und wollten auch die Meister der Kunst aus verschiedenen Zeiten und Völkern ihre Eigenheit nicht verleugnen, das musikalische Ohr des Verstandes ordnet dennoch sie alle, indem es jeden in seiner Eigenheit schätzt und aus ihr ins Allgemeine emporhebt. Die Sprachen gehen auf einer Wolke von Willkürlichkeiten; die Schälle in ihnen sind dem Ungewohnten sogar oft widrig; beim völligen Verständniß derselben öffnet sich indeß ein Ohr der Seele , das, über alles Willkürliche erhoben, sie wie reine Musik der Gedanken und Gesinnungen hört. Kühn also treten wir vor jedes Kunstwerk auch der Sprache, vergessen diese und vernehmen in ihr mit dem Verstande nur das Werk des Verstandes; unserm Blick verschwinden Völker und Zeiten. Natürlich, daß sich mit diesen das Ideal des Schönen immer höher und höher hebt; wie eine Sonne der Menschheit geht es auf, die über alle Völker und Zeiten leuchtet. Je mehr Kunstwerke aus verschiednen Völkern und Zeiten uns zur Vergleichung dastehn, desto heller sehen wir. was jedem mangelt, worin dies und jenes vorzüglich glänzt. Von sichtlichen Formen steht die Bildhauerei im Vorhofe des großen Tempels, die Schauspielkunst mit allen ihren Geschwistern im Adytum Dem Heiligthum, das nur der Priester betreten darf. – D. desselben; der Geist des Epos schwebt über dem ganzen Bau, und der lyrische Chor umschließt seine beiden Seiten. Heut und hierin hat dieses, gestern und darin hat jenes Volk, jene Sprache triumphirt. Wer sich an eine Zeit, gehöre sie Frankreich oder Griechenland zu, sclavisch schließt, das Zeitmäßige ihrer Formen für ewig hält und sich aus seiner lebendigen Natur in jene Scherbengestalt hineinwähnt, dem bleibt jene unerreichbare lebendige Idee fern und fremde, das Ideal, das über alle Völker und Zeiten reicht . 8. Französische Flüchtlinge. Als der Allbeherrscher Frankreichs, ohne Veranlassung und in guter Meinung, seine reformirten ruhigen Unterthanen erst durch Geschenke zum Katholicismus zu locken, dann durch Aufhebung ihres Gerichtshofes, durch Ausschließung derselben aus jedem Dienst, endlich durch Dragonaden zu bekehren suchte, dachte er gewiß nicht daran, daß er damit für seine ungerechten Kriege und Verwüstungen allen nachbarlichen Nationen die reichste Vergütung gewähren sollte . So wollte es indeß, in Gestalt seiner Bekehrerin Maintenon , Die Eclaircissements historiques sur les Causes de la Révocation de l'Edit de Nantes etc., tirés differentes Archives du Gouvernement, 1788, setzen dieses außer Zweifel. Maintenon und durch sie der Klerus blendeten nach und nach den nicht harten, aber auch in der Frömmigkeit eitlen König. – H. Nemesis-Adrastea , da sie ihm, der von Liebes-, Kriegs- und Pracht-Eitelkeiten längst und immer verblendet gewesen war, durch eine fromme Eitelkeit den Sinn ganz verrückte. Zu Ludwigs Zeiten würde weder Richelieu , einen Colbert an der Hand, noch der harte Ximenes selbst Maßregeln der Art genommen, noch weniger sie auf eine Weise ausgeführt haben, die bei verschlossnen Grenzen aus den schönsten Provinzen Frankreichs die edelsten, bewerbsamsten, wohlhabendsten, sittlichsten Geschlechter höchst wohlmeinend zum Lande hinausjagte. So sollte es indeß sein! Den vorigen Verblendungen folgte diese natürlich ; er war Europa diese Vergütung schuldig. Die Wege der Sterblichen, auch ihre grausamsten Irrwege, laufen immer doch der hohen Macht in die Hand, der sich nichts entwinden kann, die Alles zu brauchen weiß und Alles zum Bessern lenkt. Jener Rosen-, Myrten- und Lorbeerkranz, der die jugendliche und männliche Stirn Ludwig's in hundert Künsten des Schönen geschmückt hatte, war welk und dahin; was in diesem Kranze, obwol ungefällig an Gestalt, zur Frucht für andre Nationen gereift war, auf hundert Wegen sollte es unter diese gesät werden, und Ludwig selbst sollte der Säemann sein. Mehr als seine politischen Unterhandlungen und Kriege, mehr als die schmeichelnden Briefe, die man hie und da an auswärtige Gelehrte geschrieben hatte, auch wol mit Geschenken begleitet, wirkte jene Vertreibung der Hugenotten zu Errichtung eines französischen Staats in Europa , anders als Ludwig ihn dachte. Die Flüchtigen aus Frankreich brachten Gewerbe, Künste und Kunstfleiß in andre Länder; das Bücherschreiben gehörte mit darunter: denn an Sprechen und Schreiben waren sie gewöhnt. Da es aber in den mittäglichen Provinzen Frankreichs nicht sowol auf eigentliche Wissenschaft als auf Rednerei und Polemik angesehen gewesen war, was Wunder, daß in allen Ländern, wo es französische Colonien gab, Predigten und polemische Bücher, insonderheit Zeitschriften, Bibliotheken erschienen? Bibliothèque universelle, ancienne et moderne, choisie, Italique, Française, Anglaise, Germanique, raisonnée, critique, historique, impartiale, volante, amusante; Nouvelles, nouvelles litéraires, Journal litéraire, Correspondance, Ephémérides, Histoires litéraires, Magasins, Lettres, Rcueils, Mémoires etc., etc. – H. Größtenteils waren sie Nahrungszweige dieser ausgewanderten Urtheiler. Bayle's Nouvelles de la République des Lettres hatten dazu den Ton angegeben, dem dann Chöre von Nachsängern folgten. Er war der Gründer dieser neuen Republik urtheilender französischer Bibliothekare in Holland, Deutschland, England u.s.w. Die Republik reichte weiter, als Ludwig's Waffen je reichten. So ward die Kritik, das Höchste und Schwerste der Wissenschaft, Industrie, ein leichtes französisches Gewerb, aus Leserei und Correspondenz erwachsen, meistens in eine flüchtige Gesprächigkeit über Bücher und Begebenheiten sich verlierend. Denn daß jeder Artikel dieser Industrie-Bibliotheken eine Definitiv-Sentenz, ein Höchstes und Feinstes der Theorie in jeder Kunst und Wissenschaft enthalte, wer wollte dies von jedem Bücher- Colporteur erwarten? Indessen war auch diese Handlangerei nicht ohne gute Wirkung. In einer lebendigen Sprache wurden die Schriften mehrerer Länder einander bekannt, da sonst jedes Land oft nur für sich allein gedacht hatte und lateinische Anzeigen nicht von Jedermann gelesen wurden, dem doch die ausländische Schrift diente. Ueberdem war der Ton dieser Bibliotheken selten anmaßend; statt eigner Urtheile gab man lieber verständlich-treue Auszüge aus den erschienenen Schriften; und ist's nicht dies, was der Leser vorzüglich wünscht? Endlich standen mehreren dieser Zeitschriften Männer von Werth vor, denen Männer von Werth beistanden. Zu Le Clerc's Bibliotheken, der Bibliothèque raisonnée u.s.w., haben Gelehrte von großer Wissenschaft beigetragen. Bis über die Hälfte des Jahrhunderts hinaus hat diese französische Literarrepublik fortgedauert; zum Theil dauert sie noch. Das Journal des Savans, das in Paris unter Ludwig anfing, ging allen an bescheidenem Anstande vor, und die besten derselben folgten ihm in bescheidenem Anstande. Und da sich diese Zeitschriften, die in verschiednen Ländern erschienen, durch keine Akademie beschränkt, durch keine Hauptstadt gebunden fanden, so war, wenn auch in der Folge die Reinheit der französischen Sprache litt, wenigstens ihre Ansicht der Dinge mannichfaltiger, ihr Horizont unter einem rauheren Himmel freier und weiter. Unglücklicherweise geriethen viele dieser literarischen Ankömmlinge selbst an einander; eben dieser Theil ihrer Schriftstellerei ist aber auch der vergessenste. Wer liest jetzt Claude's, Bayle's, Jaquelot's, Le Clerc's u.s.w. Streitschriften? Vor Allen ist dem Letzten fast von allen Nationen und Professionen, insonderheit von Theologen und Philologen übel, vom Engländer Bentley am Gröbsten begegnet; und doch war Le Clerc, bei seinen unleugbar mittelmäßigen Kenntnissen in manchem Felde, in jedem ein sehr nützender Mann. Allenthalben hin warf er helle Blicke und ließ sich nicht irre machen, wenn man ihn auch als einen Ketzer und Unwissenden grob schmähte. An seiner Bibliothek war Locke selbst sein Gehilfe. »Fremde Feinde,« sagt Duclos, Considérations sur les Moeurs de ce siècle, p.249 – H. »würden den Gelehrten wenig schaden, wenn sie nicht unvorsichtigerweise ihnen selbst Mittel an die Hand gäben, sie zu verschreien, indem sie nämlich oft einander selbst aufreiben. Zur Ehre der Wissenschaften und zum Wohl Derer, die sie anbauen, wünschte ich, daß man sich von einer Wahrheit überzeugte und sie zum Grundsatz seines Betragens machte; sie ist diese. Selbst entehren können sich die Gelehrten durch die Schmähungen, die sie ihren Mitwerbern sagen oder anthun; sie können diese auch kränken, sich Feinde machen und den Beleidigten zu einer ebenso niedrigen Rache aufhetzen: den guten Ruf aber, den das Publicum einmal von einem Schriftsteller festgesetzt hat, diesen vernichten können sie nicht. Nur seinen eignen guten Namen setzt man durch Schmähungen hinunter. Eifersucht bezeichnet immer eine niedrigere Stufe, auf der man sich findet, so viel höher man auch in andern Rücksichten über dem Gegner sei. Eifersucht zeigt, daß man in irgend etwas sich unter ihm fühle. »Kein Einzelner, so erhaben und berühmt er sei, keine noch so glänzende Gesellschaft kann das Urtheil des Publicums bestimmen; obwol Cabale freilich einen Mann oder sein Werk für den Augenblick heben oder ihm wehe thun kann. Im vorigen Jahrhundert wäre eine solche Besitznehmung der Stimme des Publicums eher noch angegangen, weil es weniger unterrichtet war oder sich weniger ein Urtheil anmaßte: heutzutage aber lacht man über dergleichen literarische Fehden und verachtet Die, die sich dabei unanständig betragen; seine Meinung aber über den Werth der befehdeten Werke ändert man deshalb nicht. »Fleißig gearbeitete Werke, verständige, strenge, aber gerechte und honnete Urtheile, in denen man die Schönheiten einer Schrift ebensowol als ihre Fehler bemerkt, letztere mit neuen Aussichten, dies ist's, was man von Gelehrten erwartet. Wahrheit allein sollen ihre Untersuchungen zum Zweck haben; diese hat nie erbittert, nie die Galle erregt. Vielmehr wendet sie zur Cultur der Menschheit Alles hin, statt daß jene Zänkereien die Weisen ärgern, den Gelehrten selbst schaden. Dummköpfe, die Verstand gnug haben, um ihre Inferiorität zu fühlen, aber zu stolz sind, sie zu gestehen, sie allein haben Freude daran, wenn Die, die sie hochzuschätzen verbunden sind, sich einander selbst entehren.« Der größte Theil der französischen Beurtheiler betrug sich anständig, auch wenn er selbst geschmäht ward; Le Clerc z.B. ließ Männern von den verschiedensten Talenten Gerechtigkeit widerfahren. Die französische Sprache selbst schien lateinische Grobheiten nicht zu leiden; wäre es nicht zu wünschen, daß alle Landessprachen dieser Latinität entsagten? Insonderheit um die Kirchengeschichte haben sich mehrere französische Flüchtlinge verdient gemacht, indem sie nach den Magdeburgischen Centuriatoren und wenigen Andern, größtentheils auch von ihrer Nation, mit Anstand und Mäßigung einen freien Blick in dieselbe brachten. Das Schändliche der Verfolgungen, die Mißdeutungen mancher Ketzer, die Schwäche der Kirchenväter und Concilien deckten sie auf; und obwol keiner von ihnen zum höheren Ziel der historischen Kritik gelangte, so ward doch zu ihm durch ihren Fleiß der Weg geöffnet. So auch im Natur-, Staats- und Völkerrecht , und in der andern Geschichte . Dort und hier werden die Namen Beausobre, L'Enfant, Pelloutier, Basnage, Barbeyrac und so viel andre stets mit Achtung genannt werden. Ein Gleiches gilt von ihren Predigten . Wenn diese in Ansehung der Sprache und Kunstform an Bossuet's, Bourdaloue's, Fléchier's, Massillon's u.s.w. glänzende Declamationen nicht reichten, übertrafen sie solche oft an Vernunft und reinerer Religionsansicht. Ja, mehr als ihre Predigten wirkten die Prediger selbst. Oft aus edlen Familien entsprossen, brave Männer, verehrte Väter ihrer Gemeine, einer anständigen Lebensart und Haushaltung gewohnt, zum Umgange mit den Größten und Kleinsten gebildet, brachten sie ein Muster der Hirtenpflege und Pastoralwürde in manche Orte, wo ein solches nicht eben landüblich war. Fast allenthalben, wo es französische Flüchtlinge gab, sind die Namen ihrer ersten geistlichen Führer verehrte Namen. Fügt man zu diesem Allem die Gewerb- und Kunstindustrie hinzu, die Ludwig durch den Widerruf des Edicts von Nantes in so viele Länder verbreitete, hat er nicht, wonach er strebte, zwar keine allgemeine Monarchie , aber einen Gemeinstaat in Sprache und Künsten gestiftet, der im Gebiet der höchsten Haushaltung besser gedieh, als jene Monarchie während seines kurzen Daseins je gediehen wäre? ––––– Beilage. Wodurch verbreitet sich eine Sprache mit bleibender Wirkung? 1. Nicht durch die Gewalt der Waffen . So manche Horden haben sich seit den ältesten Zeiten von Asiens Gebirgen herabgestürzt; Tataren und Hunnen haben Jahrhundertelang Länder durchzogen; mit den Horden selbst wich auch die Sprache zurück und ging, außer wenigen Resten, in den durchzognen Ländern, unter. Die türkische Sprache , in welcher der Großherr allein Verträge unterzeichnet, so gebildet sie von manchen Seiten scheint, beim despotischen Besitz ihrer Reiche hat sie zur Alleinherrschaft über Zungen und Geister nie gelangen mögen. Eben also die Sprache der deutschen Völker , die einst in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, selbst in Afrika herrschten. Aendern konnten sie die Sprache der Eingebornen, vertilgen aber konnten sie solche nicht. Sie selbst verloren sich in den Geist ihrer überwundnen Völker. Die Römer , ohngeachtet zu Anerkennung der römischen Majestät in allen Provinzen Gesetze gegeben waren und auf diese mit römischem Ernst gehalten ward, den Vortritt der griechischen Sprache vor der ihren konnten sie nicht hindern. In Gerichten durfte jene nicht gebraucht werden; Kaiser Claudius nahm einem asiatischen Abgesandten das römische Bürgerrecht, weil er kein Latein verstand; Tiberius , als in einem Befehl das Wort Emblem gebraucht werden mußte, unterließ das ganze Edict lieber. Dies Alles hinderte nicht, daß spätere Kaiser, Marc-Aurel, Julian , sogar in ihr schrieben und damit das übelste Beispiel gaben. 2. Wie nun war die griechische Sprache zu dieser Uebermacht gelangt? Allerdings trugen die Siege Alexander's sowie die von seinen Nachfolgern in Asien und Afrika errichteten Reiche zu Verbreitung ihrer Weltherrschaft bei; sie hatten solche aber nicht gegründet . Lange vor Alexander hatte sich die Sprache durch Colonien und Handel , durch Schulen, Schriften und Künste verbreitet; die innere Bildung und Art derselben, die gesprächige Gewandtheit der Nation selbst hatte sie umhergepflanzt. Die Juden waren nie ein kriegerisches Volk; durch Waffen sollte das Christenthum nicht siegen: und dennoch sind die griechische, lateinische, alle neueren europäischen Sprachen voll jüdisch-christlicher Worte und Redarten. Wodurch? Durch Lehre , durch Ueberredung . Weiter und tiefer als das Gebiet der Römer reichte die Herrschaft des römischen Papstes, seiner Kirche, seiner Orden, seiner Schulen, seiner Universitäten. Der strengste Deutsche, wenn er Kirche, Bischof, Priester, Kanzel, Bibel, Altar, Messe, Evangelium. Epistel u. s. w. nennt, spricht christianisirte griechischerer lateinische Namen. Und wie viele dergleichen fremde Worte von Kopf zum Fuß , von Mauer und Fenster bis zu Palast, Kanzlei, Kamin u.s.w. nennt er täglich! Europa's Sprachen sind ein bunter Teppich, dem Begriffe und Worte beinah vom ganzen Erdrunde aufgenäht oder eingewebt sind, aus Ost- und Westindien sogar, aus Afrika und der versunkenen Vorwelt. 3. Was sich fremden Sprachen gleichsam natürlich und am Festesten anfügt, sind Sachen, Gebräuche, Verrichtungen, Künste . Wenn diese eine Nation nicht gehabt oder gesehen hatte und jetzt durch Worte bezeichnet von einer andern Nation überkam, mit Sachen bekam sie Namen, mit Gebräuchen und Verrichtungen Redarten, mit Künsten und Gewerben eine neue Kunstsprache . Wollt Ihr dem Geist der Völker gebieten, so erfindet Künste, Gewerbe. So lange diese, werden auch Eure Begriffe, so oder anders geformt, dauern. Was die Mauren in Spanien nachließen, waren Worte von Dingen, die, ihnen eigenthümlich, auch nach ihrer Vertreibung im Geist und in der Verfassung der sie Austreibenden zurückblieben. Was aus ihrer Sprache Deutsche den südlichen Sprachen Europa's Jahrhunderte hinab unmerklich einverleibten, waren Jagd-, Kriegs-, See-, Bergwerks-, Hanthierungs-, Kunst-, Trinkworte ; denn jede Nation malt sich selbst unaufhörlich. 4. Auch dann malt sie sich, wenn sie Eigenschaften der Dinge mit Geist bezeichnet. Wie heißt nun das Land, das, Spanien, Italien und Deutschland nachbarlich, von frühen Zeiten an in der Lage war, fremde Künste zu nützen und ihre Werkstätte, in Manchem ihr Mittelpunkt zu werden? Wie heißt die Nation, die, eigne oder fremde Ideen durch Sprache und Vertrieb zu verbreiten, sich von je her angelegen sein ließ? Schon die Scholastik, die in Frankreich vor Jahrhunderten die Nationen um sich versammelt und der nahen Verwandtschaft wegen zwischen der lateinischen und der französischen Sprache, diese in tausend Abstractionen zu Benennungen geistiger Eigenschaften gebildet hatte, sie ward bald eine feinere Scholastik der Völker , die der muntere und unternehmende Geist dieser Nation, der von je her bei den Umwälzungen Europa's, den Ritterzügen nach Orient, den Fehden mit dem Papst u.s.w. das Wort geführt hatte, andern Nationen früher oder später gemein machen mußte. Die häufigen Züge Frankreichs in die benachbarten Länder, die Züge der Benachbarten nach Frankreich trugen allerdings dazu bei, wie in früheren Zeiten die Eroberung Englands durch die Normänner, späterhin die mancherlei Verbindungen zwischen Frankreich, England und Holland auch ihre Sprachen und Redarten gemischt hatten; Geist aber oder Mode, Gebrauch und Geschmack gaben doch allenthalben den Ausschlag. Wo in einer Sprache etwas genauer ausgedrückt ist, oder wo man im Moment glaubt, daß es nicht glücklicher ausgedrückt werden könne, natürlich braucht man da oder modelt ihn nach, den Ausdruck. In Wissenschaften wie in Künsten sprechen Viele Französisch, Spanisch, Italienisch, Griechisch, Latein, ohne daß sie es wissen; denn nicht der Schall, sondern der Geist, die Seele der Worte ist Sprache . Würde Luther , würde Hugo von Trimberg unsre Schriften allenthalben verstehen, wenn sie wiederkämen und diese läsen? ––––– 5. Da sich also der Geist aller Nationen allen Nationen, die mit einander sprechen und handeln, unhintertreiblich mittheilt: am Nutzbarsten und Bleibendsten theilt sich die mit, die viel und genau denkt , die sich leicht, angenehm und so genau ausdrückt, daß über diesen Ausdruck nichts zu gehen scheint. Jeder, dem er zukommt, wird ihn sodann mit einer Art betroffener Freude, mit jenem stillen oder lauten εΰρηχα Gefunden !) aufnehmen, das ihm unvergeßlich bleibt. ––––– 6. Wetteifer zwischen den Sprachen ist unvermeidlich und löblich, so lange Geister mit Geistern, Nationen mit Nationen umgehn; denn jede Sprache ist eine Tochter des Geistes und der Gesprächigkeit, d. i. des Umgangs. Plärrt aber eine Nation der andern sinnlos nach, denkt sie nicht die Gedanken in eigner Weise, so bekennt sie sich als ihre Unterthänig-Gefangene, die nicht anders als nach und aus ihrem Munde zu sprechen weiß. Daß die Feinheiten der französischen Sprache in die unsere so schwer zu übertragen sind, zeigt schon die Entfernung des Charakters beider Nationen von einander ; die eigensten Eigenheiten, oft schöne Nichtigkeiten dieser Nation, müssen sie denn aber auch übersetzt werden? ––––– 7. Der sclavischen Nachahmungssucht im Gebrauch fremder Sprachen arbeitet man nicht dadurch am Kräftigsten entgegen, daß man einzelne Worte verbannt, sondern daß man den Geist seiner Nation in sich kräftig macht, zu sprechen und zu denken , sie also zu sich selbst erhebt . Denn zu jeder Rede gehören Zwei, der Redende und Der, zu dem ich rede. Verbindet dieser mit meinem Wort nicht ganz und im genauesten Umriß meinen Begriff, warum sollte ich, um ein schlaffes Mißverständniß zu vermeiden, nicht lieber das fremde Wort nützen, mit dem er meinen Gedanken denkt? Zwinge ich ihn aber, in meiner Sprache mit mir zu denken, so daß ihm diese nicht nur verständlich, sondern auch lieb wird, gern wird er der fremden entbehren. Manche Nation erschlaffte, wenn nicht zuweilen ein fremdes Gedankenmaß an sie gelegt, ein fremdes Gedankenziel ihr vorgesteckt würde; strebe sie jetzt nach ihm in ihrer eignen Denkart! ––––– 8. Der Reiche borgt nicht, sondern leiht; der Arme borgt gerne von ihm. Wäre Lavoisier's System der Chemie bei uns entstanden, so hätten wir ihm Namen gegeben, jetzt müssen wir fremde Worte nachsprechen oder nachmodeln. So ist's bei jeder Bezeichnung neuer Verbindungen der Begriffe und Gedanken . Lasset uns viel und genau denken, leicht und genau sprechen, so pflanzt sich unser Geist mit oder ohne unsre Sprache weiter; denn nur ein Menschengeist ist's, der in allen Sprachen spricht und denkt. 9. Bayle. Unter allen aus Frankreich Entwichenen hat unstreitig Bayle nicht nur sich den berühmtesten Namen erworben, sondern auch Wirkungen aufs Jahrhundert erregt, an welche er selbst schwerlich dachte. Sohn eines reformirten Predigers, war er frühe zur katholischen Kirche getreten und wieder zurückgetreten; von Jugend an und in seinem Professorstande hatte er sich ans Disputiren gewöhnt; er ward also ein Dialektiker, dem das Für und Wider allenthalben ins Auge fiel; jede Sache sah er als eine Streitfrage an, von zweien Seiten. Und bis zur letzten Stunde ermüdete seine arbeitsame Feder nicht, diese Für und Wider ins Licht zu setzen; so stritt Bayle bis an den Tag seines Todes. Seine Mitausgewanderten fochten ihn selbst an; unter ihnen hatte er die bittersten Feinde; aber auch sein berühmtes » Wörterbuch « nährt sich von Streit und wird dadurch munter. Denn wie Bayle Alles betrachtete, kam ihm manches sehr Lustige vor. Albernheiten des menschlichen Geistes erschienen in Menge; und da sein Vortrag für die Fassungskraft Jedes gleichsam berechnet war, da sein Wörterbuch eine Welt von Lebensbeschreibungen berühmter Personen, in diesen unerwartete Schätze nützlicher Wahrheiten, Data sonderbarer Schicksale, mitunter auch Possierlichkeiten und die Lockspeise gewisser Stände und Lebensalter, Zoten, in sich hielt, konnte es ihm an Lesern fehlen? Keiner dieser Leser durfte das Buch durchlesen; er schlug seinen Artikel, einen berühmten oder berüchtigten Namen auf, über den er zu conversiren gedachte, las ihn, ehe er in die Gesellschaft ging, und hatte Stoff gnug, daraus oder darüber zu conversiren. So kam Baylens »Wörterbuch« in den ungeheuren Umlauf, den es zum Theil noch nicht verloren. Zu wünschen wäre es, daß man es unsrer Zeit gemäß einrichtete, nicht etwa nur berichtigend die historischen Fehler und Anführungen, die Bayle nicht immer aus der Quelle schöpfte; weggethan sollten werden die Streitigkeiten, die die Zeit selbst begraben oder geschlichtet hat, so daß das Nützliche, das Gedankenweckende, Bayle's Geist in ihm allein dastände. Im Jahr 1779 ist Bayle's »Wörterbuch, im Auszuge neugeordnet und übersetzt, nach Wissenschaften abgetheilt. Erster Theil, für Theologen« erschienen; ich weiß nicht , ob es vollendet worden. Die Abtheilung an sich ist verständig. – H. [Ein zweiter Theil »für Dichterfreunde« war 1780 erschienen. – D.] Er hat die alten Krämpfe manches Gehirns gehoben und das angehende Jahrhundert gewaltig gelichtet. Auch in den meisten seiner andern Schriften that Bayle dies; daß viele nicht mehr gelesen werden, kommt daher, daß wir über viele der albernen Vorurtheile selbst weg sind, gegen die er kämpfte. So z. B. seine Gedanken über die Kometen, über die Worte: »Nöthige sie, hereinzukommen « u. s. w.; sie haben sich entbehrlich gemacht, weil sie ihren Zweck erreichten. Und noch ist in ihnen eine Menge von Wahrheiten, Geschichten, Anekdoten, die sonderbare Falten des menschlichen Geistes und Herzens zeigen, sehr lesbar. Zweckhafte Auszüge aus ihnen für unsre Zeit brächten uns vielleicht eine Philosophie des gesunden Verstandes wieder. Jeder sieht, daß der problematische , oft paradoxe Geist Bayle's nur ein Uebergang sei , vielleicht auch nur sein wollte. Wo das Beste neben dem Schlechtern, das Scharfsinnigste neben dem Seichten steht, muß der Leser unterscheiden können, oder er genießt mit Gutem Schlechtes. Wenn also Bayle gewiß auch Schaden gestiftet, wenn er, zumal unter den Großen, eine Gleichgiltigkeit gegen das Wahre und Falsche, jene Halbphilosophie , die an festen Grundsätzen verzweifelt, weil sie solche nicht gesucht hat, endlich gar jene taumelnde Zweifelsucht genährt hat, die bei wirkenden Personen sehr schädlich werden kann, so liegt die Schuld immer doch nur halb an ihm. Schon Pilatus frug: »Was ist Wahrheit?« indeß er sich wegwandte, ohne die Antwort zu erwarten; und Pilatus lebte lange vor Bayle. Die harten Vorwürfe, die Baylen gemacht wurden, und die er größtenteils nicht verdiente: »er sei ein Sittenverderber, ein Atheist, ein Spötter alles Guten und Edeln«, sogar daß eine Secte, die an Allem zweifelt, nach ihm benannt ward; Von Crousaz' großem Folianten gegen Bayle haben wir Deutsche einen Auszug, von Haller aus Formey's französischem überseht und mit seiner Vorrede begleitet: Prüfung der Secte, die an Allem zweifelt. Göttingen 1751. Leider aber ist Haller's Vorrede zu kräftig. – H. was lehrt uns dies? »Treibe Niemand mit der Wahrheit Scherz und wolle mit ihr auf halbem Wege spielen! Sie will ganz gesucht, innig geliebt sein, oder sie rächt sich.« Das Unrecht, das Bayle Andern that, ward ihm mit gehäuftem Unrecht vergolten. Bayle's achtungsvollster Gegner war Leibniz , dessen »Theodicee« er aber nicht erlebte; schwerlich würde auch sie ihn überzeugt haben. Noch jetzt, wer Bayle liest, hat er auch Lust, die »Theodicee« zu lesen? ––––– Ungerecht aber wäre es, wenn man diesen scharfsinnigen Denker blos als Zweifler oder als streitenden Dialektiker betrachtete; seine Fehler selbst weisen auf eine höhere Stufe des menschlichen Geistes. Einen neuen, einen Anti-Bayle rufen sie gleichsam mit Macht hervor. Schenke ihn uns das neue Jahrhundert, wie Jener als ein streitender Riese im vergangenen hervortrat und dasselbe beinahe ganz durchherrschte. 1. In der Geschichte menschlicher Bemühungen und Gedanken, was soll ein Wörterbuch , das an einige Namen nach Buchstaben des Alphabets geknüpft ist? Nach Zeiten und Völkern ordnen sich Wissenschaften und Sprachen, Erfindungen und Charaktere. Nicht anders als in dieser fortgehenden Haltung von Licht und Dunkel kann die Geschichte des menschlichen Verstandes, seiner Verdienste, Wirkungen und Hindernisse, nicht minder jedes Einzelnen an seiner Stelle geschätzt werden. Das Buch der Zeiten ist nicht nach Buchstaben des Alphabets oder nach Fehlern Moréri's Eine fast Jean-Paul'sche Anspielung auf das Wort des Menage über Louis Moréri's Grand dictionnaire historique: »qu'il y a beaucoup de fautes«. – D. geordnet. In Bayle blättern wir wie in zerstreuten Sibyllenblättern. 2. Mit jedem Denkenden über jede seiner Meinungen streiten, ist weder der Weg zu Erforschung dieser Meinung, noch zu Besitznehmung denkender Charaktere. In diese sich zu versetzen, als ob jede Meinung uns selbst gehörte, dies ist die unerläßliche Pflicht eines Geschichtschreibers, zumal der Geschichte der Menschheit; die Fähigkeit sowol als der Trieb und Wille dazu sind sein Genius, ohne welchen er nichts vermag. Wie sich der Dichter jeder Gattung, in welcher Charaktere sprechen und handeln, von Aesop an bis zu Sophokles und Homer in jeden dieser Charaktere setzt, ihn sprechen und handeln läßt, sich aber vergißt und verleugnet: so und noch angelegentlicher der Geschichtschreiber der Menschheit; denn er ist Richter. Er darf keiner Meinung Unrecht thun; nicht entzweien muß er die Streitenden wollen, sondern vereinen . Nie gab's eine redliche Meinung, die ganz falsch, vielleicht selten eine, die ganz wahr war; im Sinne Derer, die sie hatten, war jede wahr; sie drückten sich nur unrecht aus oder waren getäuscht. Diese Täuschungen aufzulösen, nicht zu vermehren, ist Zweck der wahren Weltweisheit; Secten zu vereinigen, in allen das Wahre zu finden, das sie gedacht haben mochten, wenn sie es gleich nicht sagten, dahin ging Leibniz' große Absicht. Die künftigen Jahrhunderte müssen diese Absicht fördern; denn alle menschlichen Meinungen belebt ein Geist der Menschheit. 3. Vollends die Vernunft mit sich selbst in Widerspruch setzen, ist ein kindisches Werk, so künstlich man es treibe. Ihr Amt ist ja eben, rein zu vernehmen, Alles zu vernehmen und nur dann zu richten. Das Non liquet ( Es ist nicht klar ) ist ebensowol ihr Ausspruch als das entscheidende Ja und Nein. Wer aber immer »Es ist nicht klar« aussprechen wollte, wäre kein Richter, wie eine Vernunft, die nimmer vernommen haben will, keine Vernunft ist. Zwischen ihr und dem Glauben einen ewigen Streit zu errichten, ist ebenso jugendlich gedacht; endlose Disputationen der Art sind nur Sachwalterkünste, nicht Aussprüche des Richters. Indem ich meinem Gesicht traue, muß ich ebensowol Vernunft gebrauchen, als wenn ich meinem Ohr glaube; in beiden weist mich die Vernunft auf Vernehmung des Sämmtlich-Vernehmbaren . Nur weil bei dem, was das Ohr mir bringt, die Harmonie des Ganzen schwerer zu finden, das Unsichtbare und Vergangene schwerer in die Gegenwart zu setzen ist, so wird, wie bei allen Gerichtsfällen dieser Art, das Urtheil zu finden schwerer. Welche Schwierigkeit aber nie die Wage des Rechts und der Wahrheit ändert, diese hangt über Jupiter's Haupt; wenn seine Rechte sie führt, ist auch er der Gerechtigkeit Diener. Sehr natürlich also, daß alle diese Disputen zwischen Vernunft und Vernunft, zwischen Vernunft und Glauben, die zu Anfange des Jahrhunderts viele Bände füllten, jetzt abgethan sind. Kein menschlicher Glaube schließt die Vernunft aus, aber die Vernunft, die als Richterin ohne vernommene Sache nichts ist, horcht dem Glauben. Bei seiner Streitsucht von außen war Bayle in sich ein menschenfreundlicher, ruhiger Charakter, das größte Geschenk, das die Natur Denen, die sie zu Opfern der Wahrheit bestimmt hat, gewähren konnte. Bequemlichkeiten des Lebens genoß er wenig, und er vergaß sie. Nur über Kleinigkeiten können sich Menschen ereifern und außer Athem laufen; die großen Angelegenheiten der Menschheit, selbst wenn sie Streit und Verfolgung erregen, gebieten und gewähren Ruhe der Seele. Zu Duldung verschiedener Religionsmeinungen hat Bayle durch seine Schriften viel beigetragen; durch sie öffnete er nämlich das große Panorama der Welt, eine Wiese, auf welcher vielerlei Blumen blühen. Auf ihr ward das kleine Kräutchen, Bayle, außer den großen Stürmen des Schicksals von vielen, besonders nachbarlichen Disteln gereizt; er mußte also für die Duldung und Wartung vieler Kräuter auf Einer Wiese reden und schreiben. Ist keine Blume Amerika's, die nach ihm Bayliana genannt werde? ––––– Beilagen. Ueber Zweifelsucht und Disputirränke. Der Zustand des Zweifels spricht sich in seinem Namen aus; ein zwiefacher Fall liegt vor, der so und anders sein kann; zwischen beiden steht der wählende Geist mitten inne und ist gleichsam getheilt . Entschließt er sich, so giebt er Beifall ; der Zweifel ist verschwunden. Im Erkennen und Handeln tritt dieser Zustand täglich, ja augenblicklich ein, ohne daß wir ihn bemerken. Offenbar ist er aber nur ein vorübergehender Zustand. Die Wage schwankt, damit sie in Ruhe sicher zeuge. Gehend heben wir den Fuß, damit auch der andre sich hebe; nur so kommen wir weiter. Mit aufgehobnem Bein, wie der Kranich, zweifelnd an einer Stelle zu stehen oder zu drohen, daß wir das andre wol auch niedersetzen möchten , wenn wir nur dürften , ist ein peinlicher Zustand. Und auf einem Fuß stehen wir doch . Auch der entschlossenste Zweifler besitzt sein Ich, aus und mit welchem er entschlossen zweifelt, wenn er es auch seiner Meinung nach nur träumend besäße. Sein Traum hat Wirklichkeit in sich, sonst könnte er nicht zweifeln. Die also, was seiner Natur nach vorübergehend ist, zum Zweck der Menschheit, zu ihrer letzten Permanenz machen, täuschen sich und Andre. Die hohe Gemüthsruhe, die sie dem Zustande des Zweifelns aneignen, ist Gleichgiltigkeit, Antheilnehmung an Einem und dem Andern, die nur bei höchst gleichgiltigen Dingen Seligkeit sein kann. Sobald ich Theil nehmen muß und nicht weiß, woran ich Theil nehmen soll, wird Zweifeln ein quälender Zustand. Zuerst zerrt er hin und her; er zerreißt die Seele, bis er sich in jene ohnmächtig verzweifelnde Schwindsucht, einen Mißglauben an aller Wahrheit, oder in einen tollen Entschluß endet. Ungeduldig fahren die langen, bangen Zweifler am Ende blind zu und werfen sich dem Ersten dem Besten, d. i. dem Schlechtesten, in die Arme. Das ängstige Vieh rennt ins Feuer; der Schwindler stürzt in den Abgrund hinunter. Der übertreibende Pyrrhonismus hat sich meistens mit dem albernsten Dogmatismus gepaart oder in ihn verloren. Eben die Unbehaglichkeit , die die Natur an den wankenden Zweifelzustand geknüpft hat, soll uns antreiben, ihn zu enden. Wer mag sich ewig rütteln, schaukeln, zwicken oder gar prellen lassen, Hieher und dorthin, auf und nieder? Oder wer wollte immerhin ein Kind bleiben, das unter dem Wiegenliedchen »Lullabei hin! Lullabei her!« die Aeuglein schließt, bis es einschläft? Außer wenigen ächtruhigen Menschen, die Weise , nicht Zweifler genannt werden sollten, waren die permanenten Endzweifler , wenn sie diese Profession nicht Disputirens halber oder aus stolzer Keckheit trieben, zarte, schwächliche, kranke Leute. Sie ließen die Wahrheit nicht an sich kommen ; auch in die Ferne riefen sie wol, wie jener Zärtling Dem, der ihn sonst gekitzelt hatte und jetzt in der Ferne Bewegungen machte: »Weh! Du kitzelst mich!« Oder bei ängstlichem Gemüth, über welche Kleinigkeiten des Zweifels haben sich Menschen nicht lang und immer oder in wiederkehrenden Paroxysmen mehr als zu Tode geängstet! Lese man Adam Berndt's »eigne Lebensbeschreibung«, Leipzig 1738–1745. – H. [Drei Bände. Berndt, wegen seiner Neigung zum Katholicismus als Prediger suspendirt, starb 1748. – D.] Haller's »Tagebuch«, und so viele Tag- und Stundenbücher geprüfter Kinder Gottes, die Satan bald hier, bald dort zupfte. Denke man an die Zweifel- oder Angstzustände seines selbsteignen Lebens. Oft lag uns ein Strohhalm im Wege, über den wir nicht hinaus konnten; ein Bächlein dünkte uns der Ganges . Oder unser Rücken war von Glas, daß wir uns nirgend anlehnen konnten. Plötzliche Nothumstände allein sind vermögend, den kranken Weichling aus seinem unseligen Mißtrauen zu wecken; nur durch Thun kann der Mensch von der unglücklichen Nichtsthuerei, die man Vernünfteln, Grübeln, Zweifeln nennt, befreit werden. Im Geschäft selbst sind ewige Zweifler die beschwerlichsten Geschöpfe; in der Unterweisung zum Geschäft sollte man sie ebenfalls meiden. Eine leere Wiege zu wiegen, hält der Landmann für Unglück bringend; gewiß ist es Unglück, seinen eignen und fremde leere Köpfe ewig zu wiegen. Nur vornehmen, reichen, müssigen Menschengestalten ist's erlaubt, von dem, was wahr und auch nicht wahr sein möchte, zwiefach zu träumen, nachdem sie sich auf die eine oder die andre Seite legen. Nur Buridan's Esel ist's erlaubt, zwischen zwei gleich reichen und blühenden Wiesen als ein philosophischer Zweifler für Hunger zu sterben. Gehe man die Lebensgeschichte der berühmtesten Zweifler durch; wenn es nicht scherzhafte Gleichgiltige, wie Montaigne , oder muntre Disputanten, wie Bayle , waren, so ist bei ihnen ein überzärtliches Gefühl für Ehre, Ruhm, Auszeichnung, Pünktlichkeit oder ein hypochondrisches Mißtrauen auf sich und Andre, zuletzt auf den Menschenverstand selbst Symptom ihrer Krankheit. Weil sie so oft betrogen wurden und öfter noch sich selbst täuschten, trauten sie zuletzt Niemand. Bei Andern hingegen war Zweifelei der unseltne Zufall, den man »Verrückung des Verstandes in einem Punkt « zu nennen pflegt. Den größten Männern, auch Schriftstellern, ist dieser bekannte Zufall begegnet; oft war dieser Punkt der Verrückung sogar die Seele ihrer Werke, ihr Stachel zu den größten Thaten. Andre hatte eine übelverdaute Belesenheit um ihr Urtheil gebracht; über den vielen Meinungen vieler Köpfe, die sie lasen, hatten sie den ihrigen verloren. In allen diesen Fällen ist der Skepticismus nicht als eine Heldentugend auszurufen, sondern als eine menschliche Schwachheit zu bedauern. Wer preist den Kranken glücklich, der sich vor dem gesunden Menschenverstande scheuen zu müssen glaubt? Descartes empfahl das Zweifeln als die erste Stufe und Probe eines philosophischen Geistes; was hieß ihm Zweifel? Entsagung ungeprüfter Autorität, sorgfältiges Forschen, eigne ernste Ueberlegung. Nichts weiter; denn er selbst behauptete viel. Alles Ueber- und Zerlegen hat endlich Darlegung, dargestellte Wahrheit zum Zweck, sofern sie sich dem menschlichen Geist, begabt mit menschlichen Organen, darstellt. Der Natur eine Täuscherei mit unsern Sinnen und unserm Verstande Schuld geben zu wollen, ist selbst eine müssige Täuschung, die Alles zuletzt zum ekelhaften Spiel macht. Statt Deine Sinne in ein Spielgefecht gegen einander, die Vernunft in einen Kampf mit ihr selbst zu verflechten, lerne Vernunft und Sinne gebrauchen, d. i. diese durch jene miteinander zu verständigen, menschlich zu ordnen. Außer- und übermenschliche Wahrheit finden zu wollen, To fly at Infinite , and reach it – »Zum Unendlichen aufzufliegen und es zu ertappen«. – H. ist eine Ekstase , die, wie jede Ueberspannung, Schwäche nachläßt – eine Schwäche, die man denn (die Philosophen geben auch ihren Krankheiten gewöhnlich Ehrennamen) philosophische Kälte, Apathie des Weisen u. s. w. zu nennen pflegt, gebaut auf die Vernunftverzweiflung . Eine böse Brut hat der Zweifel erzeugt, die Disputirränke . Wo sie Redekünste, wie zu Athen, oder Spiele des Witzes sind, wie in der gesellschaftlichen Unterredung, mögen sie gelten; da zeigen sie sich wenigstens in sinnreich-lustigen Gestalten. In ernsten Dingen aber, zumal in Religionsstreitigkeiten, sind sie unförmliche, obwol vielgelenkige, schlaue Zwerggeschöpfe, dem Kessel der Hekate entronnen, oft mit Zähnen und Klauen gewaffnet. Ihre grausamen Scherze hatte Bayle in Frankreich erlebt; er sah sie um sich, und er verzieh sich selbst manche Fechterstreiche im Felde der Wahrheit. Die Fechtkunst mag ein gutes, Manchem ein nöthiges Studium sein; nur werde Niemand aus Profession und lebenslänglich ein Fechter. Ränke gehören nicht ins Gebiet der Wahrheit; wer sich an sie gewöhnt, verliert zuletzt jeden reinen Begriff des Verstandes. Komme jedem Viertheil-Jahrhundert ein kleiner Bayle zu Hilfe, der das Fuhrwerk des menschlichen Wissens entstäube oder, wo sich der Unrath festgesetzt hat, entklumpe ; nur mögen diese kleinen Bayles sich nicht Herrschaften im Fuhrwerk selbst dünken. Des großen Bayle Schriften wollen wir, wie Ulysses einst die Welt, durchwandern. Dieser lernte vieler Menschen Sinn und Gebräuche kennen, wußte eine Kalypso und Circe, Alcinous' Hof und den göttlichen Schweinhirt zu schätzen und zu gebrauchen; immer aber war sein Blick auf Ithaka gerichtet. Dies war eine kleine felsigte Insel, aber sein Vaterland, sein Eigenthum, wo Vater und Sohn und Gemahl seiner harrten. Unser Ithaka sei ein kleines Ländchen fester, errungner Wahrheit! ––––– Entschlüsse. Wolan, mein Geist! Jetzt, da Du munter bist, Bestimme, was Dir werth und nützlich ist; Laß Blöde sich im Alter erst befragen! Kehrt doch der Tod auch bei der Jugend ein; Ein Tag kann Dir so werth als Jahre sein; Was ist ein Jahr bei mißgebrauchten Tagen? Entflieh dem Streit, der sich am Glauben nährt, Der fürs Gesetz sich dem Gesetz empört, Sich viel vermißt, um gar nichts auszuüben. Vertraue fest, daß ein wahrhafter Mann, Den Ordnung führt, nur selten irren kann; Wer Frieden liebt, wird nie verkehrt getrieben. Dem Schönen , das die ganze Welt Dir zeigt, Geh spähend nach, bis es Dein Trieb erreicht. Vornehmer Geiz! So muß man Schätze häufen! Schwingt sich zu Gott Dein tiefes Lob empor, Dann stelle Dir erst alles Schöne vor; Nie kannst du Gott Dir allzu schön begreifen. Verlasse nie die Kette der Natur ; An jedem Ring strebt jede Creatur Zum Allbestand mit andern um die Wette. Doch schlummre nie bei einzeln Ringen ein; Dein Ruhplatz soll nur bei dem letzten sein, Den Gott selbst hält, der Herr der ganzen Kette. Die größte Pein fließt aus uns selber her. Zufrieden sein, ist lange nicht so schwer, So schwer es ist, zufrieden werden wollen. Kein träger Wunsch macht blöde Krämer reich; Des Menschen Kraft ist seinem Willen gleich, Im Fall er sucht, was Menschen suchen sollen. Muth wohnt nicht nur da, wo man blutig kriegt; Wir kämpfen All'; wer nie verzagt, erliegt, Kann leicht so viel und mehr als Cäsar leisten. Da wahre Treu' die Tugend ganz verehrt, Und Tapferkeit zur Tugend mitgehört, So stehe fest; denn Hoffnung stärkt den Dreisten. Zween meide so, wie man der Pest entweicht, Erst einen Held , der vor dem Tod erbleicht, Als Freigeist prahlt und Lastern sclavisch fröhnet: Dann den Zelot , der jauchzend Ketzer macht, Die Tugend rühmt und bei sich selbst verlacht, Der nie dem Recht, als am Gerechten, höhnet. Gelehrtheit ist stets schön, nicht immer gut; Gut ist sie, wenn sie Gutem Vorschub thut; Ihr höchster Ruhm hängt am gemeinen Nutzen. Was blos ergetzt, laß für die Schwachen stehn! Ist an sich selbst gleich jede Wahrheit schön, Ein Tänzer nur mag sich beständig putzen. Gebräuchen, die des Haufens Eitelkeit Sich nöthig macht, entziehe Kraft und Zeit; Wen könnte doch sein roher Tadel schänden? Sein stärkstes Lob ist viel zu mangelhaft; Des Menschen Zeit und seine Lebenskraft Sind zu gering, um sie noch zu verschwenden. Dir selbst geneigt, sei dem Gewissen treu, Den Obern hold, doch ohne Schmeichelei, Und lobest Du, so sei's nie unbedächtlich; Sei hold der Kunst, noch mehr des Weisen Freund, Dem Laster gram, sonst keines Menschen Feind, Nur sei Dir Der, der Wahrheit drückt, verächtlich. Verachte selbst des Frevlers Raunen nicht; Doch wo Dein Herz für Deine Thaten spricht, Da werde nie dem Neide niederträchtig. Die Menschheit ist noch nicht so gut bestellt, Daß ächt Verdienst auch allgemein gefällt; Was Jeder rühmt, ist allemal verdächtig. Wer meist gesund, bei Armuth nicht im Bann, Sich selbst besitzt und Narren dulden kann, Ist so beglückt, als Menschen werden können. Wer Weisheit rühmt und gleichwol mehr begehrt, Ist ihr noch fremd und ihrer auch nicht werth. Wer wird bei Brod den Thieren Spreu mißgönnen? Das Schicksal theilt die Gaben weislich aus: Dem Fleiße giebt es Brod und Deck' und Haus, Den Armen Kraft, den Schwachen Ehrenplätze. Ein dankbar Herz ist nur des Weisen Theil; Stand, Wollust, Gold sind oft für Thorheit feil; O theurer Lohn für gar zu schlechte Schätze! Stellt Dich das Glück auf einen Marmorgrund, Wird Qual und Noth Dir nur an Andern kund, So schau geneigt, nicht stolz auf sie hinunter! Kehrt sich das Glück, so ist ein einfach Tuch Dem, der sich lebt, für Andre gut genug; Ihn macht sein Geist, ein Kleid die Thoren munter. Bezwinge die zu starke Leidenschaft Und lege dann die da gesparte Kraft Dem Opfer zu, das Du gebückt entzündest, Wenn Du den Geist, der alle Welten füllt, Sich immer neu gestaltet und enthüllt, Im Menschen ihn , in ihm am Schönsten findest. Gieb jeden Tag der Welt den Abschied hin, So wird der Rest Dir immer zum Gewinn Und keine Zeit sich ungebraucht verlieren. Aufs Leben sei, nicht auf den Tod bedacht; Der Rath gewußt, als er Dich hergebracht, Hat Rath genug, Dich weiterhin zu führen. Withof. Nach der ersten Ausgabe seiner Gedichte, Dortmund 1755. In der letzten (Akademische Gedichte, II. 112) ist das Stück sehr, doch nicht zu seinem Vortheil verändert. – H. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 456 f. Der dunkle Vers Strophe 7, Z. 6 heißt in der zweiten Ausgabe: »Dem Rechte dient und am Gerechten höhnet«. – D.] 10. Französischer Klerus. Klerus heißt ein durch Loos oder Erbschaft gewonnener Antheil; die Geistlichkeit nannte sich so, weil sie und ihr Besitzthum unter Menschen das Antheil Gottes , die ihm geweihte Portion waren. Sie sahen sich daher in dieser Erbnahme wol vor, nach dem Psalmausspruch: 16, 6. – D. »Das Loos ist mir gefallen ins Liebliche; mir ist ein schönes Erbtheil worden«. Der französische Klerus genoß seines Guten mit Ansehn ; dieses hatte ihn schon in rohen Zeiten ausgezeichnet. Mehrere Geistliche haben am Steuerruder des französischen Staats nicht nur das Reich, sondern, so viel an ihnen lag, Europa umgewälzt. Auf Ruf und Antrieb französischer Geistlichen brachen die Kreuzzüge nach Orient auf; später, auch auf Concilien, hielt die gallicanische Kirche immer auf sich; ihre theologischen Facultäten, ihre Priester des Oratoriums, insonderheit von der Congregation des h. Maurus, auch ihre Bischöfe und Aebte leisteten Mancherlei. Die Hirtenbriefe der ersten haben etwas sehr Gefälliges an sich; überhaupt hatte die Kirchensprache Frankreichs sich einen eignen Ton der Spiritualität gegeben, der mit den Jahrhunderten feiner und feiner ward. Sogar der Roman war nicht unter der bischöflichen Würde; Camus , Bischof zu Bellay , ein strenger und wohlthätiger Mann, hat deren zweiundfünfzig geschrieben. Als Ludwig regierte, hob er die hohe Geistlichkeit zu seinem Anstande empor, da sie ihm dann als öffentliche Stimme in Manchem sogar vorging. Zu Unterweisung des Dauphins wurden ausgezeichnete Männer gewählt, Bossuet , Huet u.s.w.; zu Erziehung des Herzogs von Bourgogne Fénélon , Fleury . Beichtvater des Königes bis zu seiner Todesstunde im achtzigsten Jahr war La Chaise , ein Mann von Billigkeit und Weltkenntniß. Zu den obern geistlichen Stellen wurden Männer von Geburt oder von Talent und Sitten durch ihn befördert. Die Bischöfe kannte der König oder lernte sie kennen und begegnete ihnen nach ihrem Stande. Wo und wann haben sich so gebildete Männer im Klerus zusammengefunden als unter ihm? Außer den genannten sind Harlay , Fléchier , Massillon , der Cardinal von Noailles und so viele andre weltbekannte Namen. Wie indessen der Anstand nirgend Alles ist, so ist er's am Wenigsten in dem Stande, der schon seinem Namen nach Geist und Wahrheit sein soll. Wer mag es sich leugnen, daß hinter dieser geistlichen Beredsamkeit, Weltklugheit und Prälatenwürde sich auch hohle Leere versteckte? Bossuet's Weltgeschichte z. B. ist bei schönen Tiraden ein declamatorisches Luftgebäude, auf das unhaltbare Principium eines erwählten Volks Gottes gebaut. Einem jungen Regenten verrückt diese Ansicht alle Begebenheiten der Völler und Menschen, so daß er zuletzt dies Volk Gottes, worauf die Vorsehung ihren Plan der Weltregierung gestellt haben soll, im winkenden Finger des Klerus findet. Bossuet's berühmter Katechism, der selbst Turenne hinterging, ist ein glänzendes Blendwerk, wie denn auch seine Geschichte der Veränderungen des Lehrbegriffs der Protestanten nicht beweist, was sie beweisen wollte. Ist Freiheit der Schriftauslegung nach wachsender Erkenntniß Principium des Protestantismus, so mag sich der Lehrbegriff, ein Haufe zusammengetragener Meinungen, ändern, die Religion aus dem Munde und Leben Christi ändert sich nie. Und wie vornehm betrug sich dieser sogenannt apostolische Kirchenvater, als Protestanten die Schwachheit hatten, über eine Vereinigung mit der römischen Kirche zu unterhandeln! Wie unapostolisch gegen Fénélon , obgleich in das Gewand eines Eifers für die Reinheit der Kirche gekleidet! Gegen Ludwig endlich wie fein, in dem, was er tadelte und nachließ! Dem Freunde der Maintenon rechnete man es hoch an, das Aergerniß der Montespan , deren man satt war, von Hofe entfernt zu haben. Geistlichen Verdiensten dieser Art, mit noch so viel schlauer Kunst betrieben, ist nichts als ein éloge funèbre in Bossuet's oder Fléchier's Art zu wünschen. Wäre der französischen hohen Geistlichkeit außer schönen Reden und Hofkünsten die Sach- und Sprachkenntniß eigen gewesen, die in den Streitigkeiten über den Jansenismus , Quietismus u. s. w. erfordert ward, hätten wol zur Zerrüttung Frankreichs diese Zänkereien über ein Jahrhundert gedauert? hätte der Doctor der Sorbonne, Arnaud , seine hundertundvier Bücher geschrieben? Bei apostolischer Reinheit in ihren Versammlungen würde sie weder cabalirt, noch sich zwischen Rom und den Hof zeitmäßig getheilt haben; keine Constitutio Unigenitus wäre erfolgt, die das Reich so lange verwirrte. »Wenn man mich betrog«, sagte der sterbende König zu zweien Cardinälen, Rohan und Bissy , »wenn man mich betrog, so hat man viel zu verantworten.« Si l'on m'a trompé, on est bien coupable. Er war betrogen und fühlte es sterbend. Greift man hinter den Anstand der damaligen gallicanischen Kirche noch ernster und bemerkt die Aristokratie der Hofgeistlichkeit , die ihre geringeren Brüder um so mehr von sich entfernte, je mehr sie bei Hofe galt und vermochte, so daß unter den Papieren Bossuet's nach seinem Tode auch eine Anzahl fertiger Lettres de cachet gefunden wurden; bemerkt man, daß dieser Anstand nothwendig auch einen kostbaren Aufwand mit sich führte, der mehrere Pfründen zu suchen zwang und dennoch oft auch diesen zur Last fiel; fügt man hinzu, daß bei den immer höher steigenden Dons gratuits , die Ludwig zu seinen Kriegen und Festen begehrte, die Schulden der Geistlichkeit immer zunahmen; daß, als man einmal auf dem Schuldenwege war, man sich nur durch größere Belastung oder Aussaugung der Kirchengüter, durch offen gelassene Stellen, versäumte Pflege der Armen u. s. w. zu retten wußte; erwägt man dies und noch so manches Andre: welch ein Schlund thut sich auf hinter dem schönen Anstande des Klerus! ein Abgrund, den artige Reden nicht füllen konnten. S. Mémoires anecdotes de la Cour et du Clergé de France par Denis, ci-devant Secréaire de l'Evêque de Meaux. Londres. 1712. Eine Schrift, die, obgleich nicht ohne Übertreibung, den Abgrund, dem man entgegenging, schildert. –H Wenn nun die Geistlichkeit, der auf eine oder die andre Weise eine Reform unentbehrlich ward, dadurch ihrer Sache als der Sache Gottes zu helfen suchte, daß sie die Aufhebung des Edicts von Nantes nicht nur lautdankend billigte, sondern auf seinen Wegen längst und langsam betrieben hatte: welchen unermeßlichen, unverwindbaren Schaden that sie sich hiedurch! Als die Kirchen der Reformirten geschleift, als ihre Hirten und Heerden, diese in vielen Tausenden, aus dem Lande gedrängt wurden, so daß in wenigen Jahren keine reformirte Kirche, die einst in allen Provinzen so blühend gewesen war, vom Staat anerkannt ward: wie viel hatte der katholische Klerus an dieser blühenden Kirche verloren! Ihre Lehrer, wahre Seelsorger, die den katholischen an Gelehrsamkeit sowol als an Amtsfleiß vorgingen, hatten diese wenigstens in Athem erhalten. Ihre Schulen und Universitäten zu Sedan, Saumur u. s. w. hatten ausgezeichnete Männer gehabt; ihre Synoden, zu Charenton z. B., waren von Eifer sowol als von linder Vorsicht beseelt, weil sie eine eingeschränkte Kirche waren; in dem Allen waren sie der herrschenden Kirche sittliches Vorbild . Nehmt diesem Gewölbe sein Gegengewicht, es trägt sich nicht mehr; es sinkt und sinkt, bis der Sturz folgt. Der Sturz ist erfolgt am Ende des Jahrhunderts; denn das ganze Säculum hindurch sank die französische Klerisei tiefer und tiefer. Sie hatte kein Gegengewicht, keine Vor- und Miteifrer, die ihr das wahre Ziel der Geistlichkeit, die Seelenpflege der Nation, mit protestantischem Blick und Muth vor die Stirn rückten. Die reformirte Geistlichkeit, mit dem sogenannten dritten Stande oder vielmehr mit beiden eins, konnte sich nie als den ersten Stand des Reichs geberden; vielmehr, seit sie vom zweiten Stande, der nach Ehren und Hofämtern strebte, immer mehr verlassen ward und keine Heinrichs , keine Colignys sich zu ihr bekannten, schlang sie sich an den dritten Stand fester. Dagegen schlummerte unter und auf seinen Bischofshüten der hohe französische Klerus unter schwachen Regierungen ein Jahrhundert hin sorglos, mehrte Decenz, Laster und Schulden, bis die gemeinsame Meinung, die er so lange grausam-albern unterdrücken wollen, laut gegen ihn ausbrach. Zum Widerstande fand sie ihn, ohngeachtet es da und dort wackre Geistliche gab, unfähig, von Ruhe erschlafft, in Anstand und Ueppigkeit versunken. Weder schreiben noch sprechen konnten sie mehr, wie es jetzt erfordert ward; ein Maury war ihr Redner. So zogen sie denn auch die guten Landgeistlichen mit ins Verderben. Jeder privilegirte Stand, der über das Gesetz erhaben zu sein glaubt, verbannt sich eben dadurch als gesetzlos ( hors du loi ); selbst die Majestät zerbricht ihren Thron, wenn sie ihn auf Willkür gründet. Nur Wirklichkeit (Realität), Wesen, Gesetz, nicht schöner Anstand, hält die Stände und bindet Menschen an einander. Als die Hugenotten bekehrt werden sollten, schrieb der wackre Herzog von Noailles : »Conferenzen zwischen katholischen Priestern und protestantischen Geistlichen fänden nicht statt, weil man keine katholischen Lehrer fände, die gelehrt gnug wären. die Sache Gottes zu führen. Der Eifer der Bekehrer, der in der Provinz weder durch Wissenschaft noch durch die Sitten des Klerus unterstützt würde, gliche weniger einem wahren Eifer als dem Geist des Hasses und der Rache. Die Bischöfe und Priester versäumten ganz die Mittel der Bekehrung, indem die Laster des Klerus die größten Verweise verdienten, und eine Kathedralkirche mit Collegialen, Priestern, Communitäten den Katholiken monatlich kaum eine Predigt gäbe, indeß die Calvinisten täglich eine Predigt und nicht mehr als zwei oder drei Geistliche hätten.« Er fügt hinzu, daß »obgleich die französische Kirche gelehrte Theologen, große Bischöfe, berühmte Prediger, lumières und respectable Sitten hätte, in der Provinz demohngeachtet dieselben Ursachen, die dem Fortgange der neuen Secten einst günstig gewesen, fortwährten«; worüber sich Fénélon in seinem Missionsbericht noch klarer und stärker ausdrückt. Eclaircissemens historiques sur les causes de la révocation de l'Edit de Nantes. Vol. I. p. 130–136. – H. So wenig ist Schimmer am Hofe wahre Erleuchtung eines Standes in allen seinen Gliedern. Keinen größern Nachtheil aber kann sich der schimmernde Stand geben, als wenn er seinen Gegner, ein Muster zu thätiger Nacheiferung, hinwegräumt . Er hat sich damit des letzten Mittels der Besserung selbst beraubt. Das Büchelchen: La Politique du Clergé de France, ou entretiens curieux sur les moyens, dont on se sert aujourd' hui pour détruire la religion Protestante, ist verständig geschrieben, hat aber jenen Punkt, wie verderblich die Politik des Klerus ihm selbst gewesen, nicht berührt. – H. ––––– Beilage. Wozu ist der Klerus? Im Christenthum giebt's keinen Klerus; die Menschheit ist der erwählte Theil Gottes , kein ausschließender Stand. Vertilgt sollte der Name wie der Unbegriff werden; denn beide sind Reste der Barbarei, den nützlichsten Ständen verächtlich. Einen Lehrstand giebt's; dieser soll lehren , nicht glänzen. St. Pierre schrieb einen Vorschlag zu Verbesserung des Klerus in Frankreich , der natürlich nicht befolgt ward. Wäre er's, so hätte Niemand auch nur den Gedanken fassen können, einen so eingerichteten Lehrstand zu vertilgen. Das Wesen der Religion setzt St. Pierre in wohlthätige Güte . »Nur zwei Pflichten schreibt sie vor, 1) gerecht zu sein, d. i. Niemanden Unrecht zu thun, ohne das Unrecht zu vergüten; 2) wohlzuthun; denn der Wohlthätigen sei das Paradies.« »Einer Unterweisung hiezu,« meint er, »hätten die Menschen zeitlebens nöthig: die Jugend, um die Beweggründe beider Pflichten zu lernen, der reifere Mensch, um im Einzelnen aufmerksam gemacht zu werden auf die Arten von Unrecht, die man täglich sich anthut, und auf die Uebel, die daher folgen, damit man bestimmt diese vermeiden, jene vergüten lerne. Auch zu allen den Dienstfertigkeiten willig gemacht zu werden, die Menschen einander erweisen und sich dadurch ein Paradies in dieser und jener Welt bereiten, bedürfe man des Lehrstandes; denn nach seinem Alter müsse Jeder diesen Unterricht empfangen und in seiner Ausübung fortleben. So allein lebe man glücklich.« »Hiezu müßten,« meint St. Pierre , »die Seminarien eingerichtet werden, damit in ihnen die künftigen Lehrer selbst das Wesentliche der Religion lernen, gerecht und gütig zu sein . Auch die Lehrart müßten sie lernen, den Menschen gegen jede Ungerechtigkeit Abscheu, zu jeder wohlthätigen Liebe Neigung und Lust einzuflößen. Jenen Abscheu erwecke die Geschichte , indem sie die strafenden Folgen der Ungerechtigkeit darstellt; Neigung zur Wohlthätigkeit erwecke sie gleichfalls, indem sie die Folgen derselben, Ruhe, Freude, Vergnügen in dieser und jener Welt, zeigt. »Seminarien, in denen man Cerimonien für das Wesentliche der Religion ansieht, für sie eine fanatische Hochachtung einflößt und einsaugt, sei der Religion Dessen gerade zuwider, der Gutthätigkeit gegen Andre zum Wesen der Religion machte, in dem Maß, wie wir von ihnen Gutes wünschten, Christus . Ohne Bescheinigung eines erwiesenen guten Charakters sollte Niemand in diese Seminarien aufgenommen werden.« Zu diesem Zweck organisirt er Geistliche als Lehrer der Erwachsenen , Schullehrer als Erzieher der Jugend , und weist beiden ihre Pflichten und Belohnungen an. Er organisirt ihre Wahlen und Beförderungen, ihre Sprengel und Einkünfte, ihre Versammlungen; Berathschlagungen, ihre Aufsicht und Oberaufsicht. Den Augen des Publicums müsse die ganze Anstalt vorliegen, weil sie Angelegenheit des Publicums sei. Nach dem damaligen Zustande der Seminarien erwartete er so etwas nur nach Jahrhunderten ; aber auch die Zeit ist gerecht und gütig. Sie hat seinen Plan gefördert. »Der Lehrstand für das Land,« meint St. Pierre , »müßte auch Unterricht in den gemeinsten Hilfsmitteln gegen Krankheiten des Landvolks erhalten, so mache er sich nicht nur beliebter und geachteter bei den ihm Anvertrauten, sondern würde ihnen selbst auch wohlthätig. Glauben, daß, wenn ein Geistlicher dem Kranken eine geprüfte, heilsame Arznei giebt, er aus seiner Pflicht schreite, sei ein Aberglaube, ebenso lächerlich als verdammungswürdig. »Auch einige Kenntnisse des Rechts müsse der Landgeistliche haben, um Streitigkeiten in Güte beizulegen; denn es sei die Pflicht jedes Rechtschaffenen, unter seinen Mitbrüdern die Uebel zu mindern, Wohlgefälligkeit und Freude an einander zu mehren.« Dies waren St. Pierre's Gedanken, die selbst der ruchlose Cardinal Dubois »Träume eines honneten Mannes « nannte. St. Pierre war überzeugt, daß seine Träume dereinst zur Wirklichkeit gelangen müßten . Auf den Fortgang der allgemeinen Vernunft (de la raison universelle) rechnete er als auf ein Naturgesetz, das, über jede einzelne Willkür erhoben, im Stillen fortwirke. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 575 ff. – D. Ist dem nicht also? Kann ein Böses existiren, dessen Folgen sich nicht früher oder später zeigen müßten? ein Gutes, das nicht seine Folgen auch offenbarte? Ein welkes Blatt und ein welker Stand entfallen dem Zweige. Auch in dieser Rücksicht wird klar, daß kein Religionscultus ein Monopolium sein dürfe, ohne daß er sich selbst schade. Ohne Nach- und Miteifer versauert jede Lehranstalt auf ihren Hefen; verfolgt sie gar, so ist's in der Natur geschrieben, daß sie dereinst auch verfolgt werde. Ein Gleiches ist's mit Gesellschaften und Orden . Die Gesellschaft z. B., die unter Ludwig Alles leitete und verwirrte, die ihn in den letzten Jahren auf zehn geheimen Wegen lenkte und ihm sein Ende so leicht machte, da er mit Reliquien und Scapulier gleichsam in ihren Armen starb, sie hat ihre Vergeltung gefunden. Taugt der Klerus zu nichts, als daß er Missethätern des Staats und der Menschheit, nachdem er ihre Ausschweifungen zu seinem Vortheil geschont und geleitet hat, durch Sacramente die Worte in den Mund legt: Worte Ludwig's XIV. – H. »Je suis en paix: je me suis bien confessé! Je me trouve le plus heureux du monde, j'espère, que Dieu m'accordera mon salut. Qu'il est aisé de mourir!« so sei er von der Erde verbannt, der Klerus! ––––– Erläuterungen mit und ohne Anekdoten Einen Schatz von Erläuterungen zu den vorstehenden Artikeln enthalten eine Reihe Mémoires , die der Revolution Frankreichs ihre Bekanntmachung zu danken haben. Mémoires de St. Simon. Londres 1788. 3 Bände Mémoires, 4 Bände Supplemente. Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV. et Louis XV., par Duclos. Paris 1791. 2 Bände. Mémoires du Maréchal de Richelieu. Paris 1793. 9 Bände. – H. In merkwürdigen Anekdoten tritt hier die hundert Jahr begraben gewesene Wahrheit ans Licht offen; wie leise sprach von ihr, auch wo er ein Mehreres wußte, Voltaire . Es ist nichts verborgen, das nicht an den Tag komme; auch was zu unsrer Zeit geschah, wird aus den dunkelsten Kammern ans Licht treten. Mit Wundern, Staunen, oft mit herzbeklemmenden Empfindungen, dann auch zuweilen mit Freude und Trost liest man diese Denkwürdigkeiten. Mit Staunen , wenn man erfährt, von wem die Welt regiert ward und regiert werde, an wie kleinen Umständen die größten Begebenheiten und Erfolge hangen. Mit Schmerz , wenn man sieht, wie das Schicksal ganzer Völker an die Thorheit, den Neid, den Unverstand, oft an den Wahnsinn selbst Eines oder Weniger geknüpft ist, durch welche Tausende und Millionen, so lange sie da sind, leiden. Wohin könnte dieser Schmerz führen, wenn uns nicht hie und da auch bessere, d.i. verständige, gute Menschen begegneten, die, so viel an ihnen ist, den Uebeln der Zeit steuern! Am Reichsten indeß tröstet die in der Geschichte hell hervorleuchtende Wahrheit, daß in der Hand der Vorsehung Alles zum Bessern wirke, daß Uebel vorhergehen müssen, damit die träge Menschheit zu Verbannung der Uebel gereizt werde, daß endlich der größte Theil von dem, was wir Glück und Unglück nennen, an uns selbst , am Willen und der Einrichtung menschlicher Gesellschaften und Autoritäten sowol als an unsrer Denkart und Thätigkeit, diese aber an unsrer Erziehung und Uebung liegen. Je deutlicher uns dieser Gedanke wird, desto heller wird uns, wie dort durch einen Lichtstrahl aus dem Chaos Schöpfung ward, das Chaos der Geschichte. Ein guter Anfang ist's also schon, wenn Mängel aufgedeckt oder nur wahrgenommen werden. Oft theilt sich auch schweigend die Wahrnehmung mit, und da die Zeiten auf einander bauen, da eine Nation der andern oft von den Lippen das Wort nimmt, o, so ist allenthalben auf unsrer Erde der Menschengeist auch in seiner Mittheilung nur einer , das Menschenherz nur eines . Bloße Anekdoten aus dem Buch der Vergangenheit zu geben, d. i. Blumen aus dem Füllhorn der Zeit zu schütten ohne Zweck und Anwendung, ist eine kindische Ergetzung. Und mit welchem Herzen sollen wir Anekdoten der Tollheit, des Wahnsinns, ungerechter Leiden und Qualen, vergeblicher Hoffnungen, falscher Bestrebungen u. s. w. erzählen, wenn wir von ihnen keinen Gebrauch zu machen wissen? Zum Spott zu ernst, zum Lachen zu traurig, zur Gemüthsfreude zu abgeschmackt, zu alltäglich, werde nur die Anekdote erzählt, die zur Aufklärung oder Aufheiterung, zum Nutzen oder zur Erläuterung dient. Hier also nur wenige zur Erläuterung Einiges in den vorstehenden Artikeln; wem sie bekannt sind, möge sie überschlagen. ––––– Das Fenster zu Trianon. Mémoires de St. Simon, I. 22 ff. – H. »Der Krieg von 1688 entsprang sonderbar. Nach Colbert's Tode hatte Louvois die Aufsicht über die Gebäude. Klein - Trianon , das für die Montespan gebaut war, machte dem Könige Langeweile; er wollte überall Paläste. Das Bauen amüsirte ihn sehr; er hatte auch ein sehr richtiges Auge für Proportion, Symmetrie und dergleichen, bei einem nicht ebenso richtigen Geschmack. »Kaum war der neue Bau von Trianon über der Erde, als der König einen Fehler an einer Fensteröffnung im untersten Stockwerk gewahr ward: sie war schief. Louvois , der von Natur brutal und dazu noch verwöhnt war, sich von Niemanden widersprechen zu lassen, stritt lang und heftig, daß das Fenster gerad sei; der König kehrte ihm den Rücken und spazierte weiter. »Tages drauf begegnete er dem Le Nôtre , der durch die Gartenkunst berühmt ist, die er in Frankreich einführte, einem guten Architekten. Er fragte ihn, ob er zu Trianon gewesen sei. »Nein!« sagte dieser. Der König gab ihm Auftrag, dahin zu gehen und das Fenster zu besehen. Ein Tag, zwei Tage; dieselbe Frage, dieselbe Antwort. Der König sah wohl, daß Le Nôtre sich nicht zwischen ihn und den Minister stecken wollte, da Einer von Beiden Unrecht haben müsse. Unwillig sagte er: morgen solle er in Trianon sein; er und Louvois würden auch da sein. »Sie kamen. Louvois disputirte, Le Nôtre schwieg. Der König befahl ihm, zu messen. Louvois in Furie murrte laut: das Fenster sei gerade und gleich den andern. Der König fragte Le Nôtre, was er gefunden habe. Dieser stammelte, wollte nicht mit der Sprache heraus; der König in Zorn befahl, er sollte rein herausreden, was er gefunden. Der König habe Recht, sagte Le Nôtre und zeigte den Fehler. »Nun wandte der König sich gegen Louvois und verwies ihm seinen Starrsinn. Ohne seine Bemerkung würde man schief gebaut haben; das Gebäude würde man haben niederreißen müssen. Er wusch ihm den Kopf recht. »Louvois, außer sich, daß Hofleute, Werkleute und Bediente Zeugen des Auftritts gewesen, kommt in Furie nach Hause, wo er seine Getreuen findet. Sie sind erschrocken, ihn so zu sehen. »»Es ist vorbei,« spricht er, »ich bin verloren! So hat er mir über ein Fenster begegnet. Ich kann mir nicht anders helfen als durch einen Krieg , der ihn vom Bauen abbringt und mich nothwendig macht. Er soll ihn haben.« »Louvois hielt Wort. Einige Monate nachher entbrannte wider Willen des Königes und der andern Mächte ein allgemeiner Krieg, der Frankreich im Innern ruinirte, außerhalb, ohngeachtet des Glücks seiner Waffen, nicht erweiterte, vielmehr ihm ehrenrührige Auftritte zuzog. Das machte ein schiefes Fenster!« Die vorigen Kriege hatten Louvois und Le Tellier , sein Vater, aus Eifersucht gegen Colbert, diesen zum Guten thätigen, vernünftigen Minister, entzündet. Durch Kriege machten sie sich nicht nur selbst nothwendig, sondern legten Jenem auch die traurige Pflicht auf, das Volk mit Auflagen zu beschweren. Dadurch machten sie ihn verhaßt und wandten ihn ab, die gewöhnlichen Einkünfte des Staats ruhig zum Besten zu verwenden. ––––– Die Feuerzange »Louvois, nicht zufrieden mit jener traurigen Verwüstung der Pfalz, die er anbefohlen hatte, wollte auch Trier abbrennen. Er schlug es dem Könige als ein nothwendiges Kriegsmittel vor, nothwendiger noch, als was zu Worms und Speier geschehen sei; denn wenn die Feinde Trier zu ihrem Waffenplatz machten, so sei die Position noch gefährlicher. Die Unterredung ward warm, der König aber nicht überzeugt. »Louvois, der immer auf seinem Kopf bestand und nie gern zurücknahm, was er vorgeschlagen hatte, kam einige Tage nachher, wie gewöhnlich, mit dem Könige im Zimmer der Maintenon zu arbeiten. Nach geschlossener Arbeit sagte er dem Könige: er habe wohl gefühlt, daß Gewissensscrupel allein ihn abgehalten hätten, in die Abbrennung Trier's zu willigen. Er glaube ihm einen wesentlichen Dienst zu leisten, wenn er diesen Scrupel auf sich nähme, und habe also, ohne ihm davon etwas zu sagen, einen Courier abgefertigt, Trier abzubrennen, sobald der Courier ankäme. »Der König, ganz wider seine Gewohnheit, sprang auf im Zorn, ergriff die Kaminzange und ging damit auf Louvois los. » Ah, Sire, qu'allez – Vous faire? « rief Maintenon aus und warf sich zwischen Beide. Louvois gewann die Thür, der König rief ihm nach mit zornfunkelnden Augen: »Sogleich fertigt einen Courier ab mit Gegenordre; ist ein Haus abgebrannt, so steht Ihr mir dafür mit Eurem Kopf!« »Louvois, mehr todt als lebendig, durfte, als er nach Hause kam, keinen Courier abfertigen, nur dem Courier, der abgehen sollte, sobald er den König gestimmt hätte, das Felleisen abnehmen lassen und den Befehl zurücknehmen; denn ihn ohne Wissen des Königes abgehen zu lassen, hatte Louvois sich doch nicht getraut. Bei Ludwig indeß galt er immer für abgegangen, und daß nur auf seinen Betrieb die Gegenordre erfolgt sei.« Hätte Ludwig doch auch die Feuerzange ergriffen, als Louvois ihm die Verheerung der Pfalz rieth, oder wenn er irgend ein Kriegsfeuer anbrannte! ––––– Louvois' Ungnade. »Im Winter von 1690 bis 1691 sollte Mons eingenommen werden; Louvois schlug dem Könige eine Reise dahin vor doch ohne Damen. Louvois ging mit ihm. »Der König, der sich piquirte, den Kriegsdienst besser als Jemand zu verstehen, spazierte um sein Lager und fand eine Schildwache übel gestellt; er stellte sie anders. Nachmittags machte er denselben Spaziergang und fand unglücklicherweise die Schildwache wieder, wie sie vorhin gestellt gewesen war. »Wer hat sie so gestellt?« fragte er den Hauptmann. » Mr. de Louvois ,« sagte der Capitain; »eben ging er der Wache vorbei.« »Sagtet Ihr ihm nicht, daß ich sie so gestellt hatte?« »Ja wohl, Sire!« Der König wandte sich zu seinem Gefolg: »Ist das nicht Louvois' Metier? Er hält sich für einen großen Kriegsmann; er weiß Alles!« Damit stellte er Hauptmann und Wache wie des Morgens. Noch nach Louvois' Tode vergaß ihm Ludwig nicht die Geschichte. »Seitdem vermehrte sich des Königes Entfernung von Louvois; und er, dieser von sich so sehr eingenommene Minister, der sich für ganz unentbehrlich hielt, fing an zu fürchten. Einmal, als er die Mareschalle von Rochefort spazieren fuhr, hörte man ihn im tiefen Selbstgespräch zu sich reden: »Sollte er wol? Sollte man ihn wol dazu vermögen? Aber nein! das wagt er nicht!« u.s.w. Mutter und Tochter stießen sich einander an; indeß gingen die Pferde fort, und die Mareschalle mußte ihm in die Zügel greifen, sonst hätte er sie Alle ertränkt.« ––––– Louvois' Tod. »Um vier Uhr nach Mittag hörte ich bei der Madame de Chateauneuf, daß Louvois sich bei der Madame de Maintenon etwas übel befunden, daß ihn der König fortgehen geheißen, daß er zu Fuße nach Hause gegangen sei, wo sich das Uebel vermehrt habe. Man habe Mittel an ihn gewandt, die er aber von sich gegeben; er sei gestorben. Und so schnell gestorben, daß sein Sohn Barbesieux, den er zu sehen verlangt habe, indeß er aus seinem Zimmer geeilt sei, ihn nicht mehr habe sprechen können. »Man kann sich die Ueberraschung des Hofes denken. Ich, damals kaum 15 Jahr alt, wollte die Fassung des Königes bei einem Vorfall solcher Art sehen, eilte nach Hofe und folgte ihm auf seinem Spaziergange bemerkend. Er schien mir ganz in seiner gewohnten Majestät; nur hatte er, ich weiß nicht was Leichtes und Freies, Je ne sais quoi de leste et de délibéré. – H. das mich um so mehr überraschte, weil ich damals und lange nachher die Dinge noch nicht wußte, die ich eben gemeldet habe. Ich bemerkte, daß, statt daß er sonst seine Fontainen besuchte und die Spaziergänge im Garten wechselte, er jetzt längs der Balustrade der Orangerie auf- und niederging, wo er die Aussicht auf die Surintendance hatte, wo eben Louvois gestorben war. Wenn er gegen das Schloß kam, sah er immer dahinaus. Der Name Louvois wurde nicht ausgesprochen, noch sein Tod erwähnt, bis ein Officier des Königes von England aus St. Germain ankam, der ihn noch auf dieser Terrasse fand und ihm im Namen seines Herrn über diesen Verlust condolirte. »Meine Empfehlung,« sagte der König mit einem mehr als ungezwungenen Ton und Anstande, »meine Empfehlung und Danksagung an den König und an die Königin von England, mit dem Vermelden, daß meine und seine Geschäfte darum nicht weniger gut gehen werden.« Der Officier verbeugte sich und ging, das Erstaunen auf seinem Gesicht und in seiner Geberde gemalt. Man sah sich einander fragend an und schwieg. »Barbesieux hatte die Anwartschaft auf das Staatssecretariat seit 1685, da er kaum 18 Jahr alt gewesen; als sein Vater Louvois starb, war er 24 Jahre alt; unter seinem Vater hatte er die Stelle seit Courtenvaux' Abgang sechs Jahre als apprentif commis verwaltet. »Louvois' Tod kam einem großen Ausbruch ( éclat ) zuvor; denn den Tag darauf sollte er verhaftet und in die Bastille gebracht werden. Was wären die Folgen davon gewesen? Eben sie hat sein zuvorkommender Tod ins Dunkel gehüllt; aber genommen war der Entschluß, wie der König es nachher dem Chamillard selbst sagte. Daher, glaube ich, die zufriedne Miene des Königes bei seinem Tode, der sich damit der Ausführung seines gefaßten Entschlusses und seiner Folgen überhoben fühlte.« Daß Louvois durch ein Glas Wasser in seinem Hause, ehe er zum Könige ging, vergiftet worden, ist gewiß; wer die Veranstaltung getroffen habe, ihn wegzuräumen, ehe es zur Aufhellung käme, ist im Dunkel geblieben, gesetzt, daß es auch durch seinen Hausarzt geschehen wäre. – H. So endete Louvois. ––––– Maintenon. »Ihr seid natürlich,« sagt Fénélon zu ihr; »Ihr handelt gut, auch ohne daran zu denken, gegen Die, für die Ihr Geschmack und Achtung habt, aber zu kalt, wenn dieser Geschmack fehlt. Seid Ihr trocken, so geht Eure Trockenheit weit. Was Euch beleidigt, beleidigt Euch sehr. Ihr habt viel Ehrliebe, Liebe zur sogenannt guten, wohlverstandnen Ehre, die aber um so viel schlimmer ist, weil man sie für gut hält; eine dumme Eitelkeit würde man eher an sich heilen. Ihr seid von Natur zutrauend, vielleicht ein Wenig zu sehr gegen Menschen, deren Klugheit Ihr nicht gnugsam geprüft habt; sobald Ihr aber mißtrauisch werdet, kommt mir's vor, daß Euer Herz sich zu sehr zuschließt.« Mémoires de Mad. de Maintenon, T. XI, p. 211. –H. So sondirt der Arzt weiter. Dem Fegefeuer ihrer Kirche ist diese Kaltverständige, Tugendhaft -Rechtgläubige wol entgangen, da sie es lange Jahre bei Hofe ausgestanden hatte und auch nach Ludwig's Tode bei ihren fehlgeschlagnen Hoffnungen bis an ihren Tod duldend ausstand. »Ach,« schrieb sie an eine junge Freundin, »warum kann ich Euch nicht meine Erfahrung geben? Euch den Ueberdruß sehen lassen, der die Großen verzehrt, die Mühe, die sie haben, ihre Tage auszufüllen! Sehet Ihr nicht, daß ich in einem fast undenkbaren Glück für Traurigkeit sterbe? Ich war jung und artig; ich kostete das Vergnügen und ward allenthalben geliebt; in reiferem Alter brachte ich Jahre in geistigem Umgang hin; ich kam in Gunst, und (ich versichre Euch, mein Kind) alle Stände lassen zurück – eine schreckliche Leere.« An ihren Bruder schreibt sie: »Montag reisen wir nach Fontainebleau ; da bringe ich die Tage damit zu, daß ich weine, ersticke, mich zwinge und – mich als die unglücklichste Person in der Welt fühle.« Fast sollte man die wunderbare Frau für eine wiedergekommene Fee halten, der das Schicksal zusprach, die eine Hälfte ihres Lebens in gnügsamer Armuth weiß , die zweite Hälfte in abgelegner Hoheit schwarz zu erscheinen. Die Schwachheiten des großen Königes in Anekdoten zur Schau zu führen, wäre ebenso altväterisch als kindisch; lese man sie in ihrer Ursprache. Wenn St. Simon sich Mühe giebt, die Gelassenheit des Königes auf seinem Sterbebett aus seinem Blut oder dem Scapulier der Jesuiten herzuleiten, warum schließt er, der Hofmann, dabei ein Drittes, die Seele des Königes, aus, nämlich seine von Jugend auf gemachte Königsseele? Vivre et mourir en Roi , ist ein königliches Glaubensbekenntnis zu Deutsch: » als Herr gelebt, als Herr gestorben «. Wenn einst im Schattenreiche Ludwig mit seinem Gefolge uns vorbeizieht: wir kennen ihn. Er geht aus der Maintenon Zimmer in die Tribüne, hört uns höflich an und spricht: »Je verrai.« Das Schattenreich hat ihn nicht verändert. Hier folgten als Schluß des ersten Heftes die Allegorie »Aeon und Aeonis« (Herder's Werke, II. S. 159–170) und das Gedicht »Hoffnungen eines Sehers vor dreitausend Jahren« (daselbst, I. S. 143–146). – D. 11. Wilhelm von Oranien. Englische Kirche. Ordnung der Dinge ist's, daß thörichte Uebertreibungen der Menschen gerade das Gegentheil dessen, was sie wollen, befördern. Je verächtlicher Ludwig den Holländern begegnete, desto näher drängten sich diese an ihren Statthalter, Wilhelm von Oranien ; sie thaten für ihn mehr, als sie für einen König würden gethan haben. Mehrere deutsche Fürsten thaten ein Gleiches; das Schreckbild von einer Universalmonarchie Ludwig's in Europa, so nichtig es war, machte jenen kalten Kriegsmann, den persönlichen Feind des Universalmonarchen, gleichsam zum Schwer- und Hebepunkt der Sicherheit eines ganzen Welttheils. Vollends die Netze, in welche Ludwig das unglückliche Stuart'sche Haus schlang, der papistische Eifer , mit dem er Karl II., noch mehr den letzten König dieses Stammes, bis zum Unsinn reizte, in England die Römische Religion einzuführen, sie halfen Wilhelm, ehe Frankreich es sogar wußte, auf den englischen Thron. Fast ohne Schwertschlag gewann er drei Kronen, und England durch ihn fast mehr, als ihm die Magna Charta selbst gegeben hatte, eine Bestandheit der Verfassung , die es nur unter diesem kalten Ausländer gewinnen konnte. Ein einziges Ereigniß in seiner Art war die Ueberfahrt Wilhelm's nach England. Die holländische Flotte verschonte der Sturm und traf die englische; ruhig stieg Wilhelm ans Land und zog langsam, fort und fort, nach London, indeß sich die Großen, der größte Theil des königlichen Heers, die Universitäten und Städte zu ihm fanden. Die den leidenden Gehorsam gepredigt hatte, die Geistlichkeit, war, wie billig, die letzte; ein Theil derselben, die Nonjurors , blieben aus mehr als papistischem Starrsinn bis an ihr Lebensende seine geschwornen Feinde. Und doch ihretwegen, zu Rettung der protestantischen Religion und der englischen Freiheit , war Wilhelm hinübergerufen, hinübergesegelt. Kalt erklärte er, daß, wenn er diesen Zweck erreicht habe, er auch zurücksegeln könne; ihm liege nichts an einer Krone. Trotz alles Andringens der Rufenden hatte er seinen Entschluß zu kommen nicht übereilt; er hatte den Punkt der Reife erwartet. So war dann auch, als er auf dem Thron saß, eine seiner ersten Angelegenheiten, die englische Kirche nicht etwa nur vom ausländischen Papismus, sondern auch von der innern Spaltung zu befreien, die seit mehr als einem Jahrhundert die sogenannt hohe Kirche von ihren Brüdern, den Andersgesinnten (Dissenters, Presbyterianern und Andern), schied. Wenigstens gegenseitige Duldung zwischen allen Parteien nach so langen Verfolgungen gesetzmäßig zu gründen, war sein ernstes Bestreben; und hatte er hierin Unrecht? Lebten sie nicht alle auf einer Insel? Sie alle Engländer, alle Protestanten. Ihm, einem kalten Holländer, der an die ruhige Ansicht der verschiedensten Secten in Holland gewöhnt war, kamen die Religionskämpfe und -Krämpfe in England wie ein hitziges Fieber vor, dessen man sich entübrigen könnte. Und ob er gleich die hohe Kirche, die ihm nie traute, äußerst schonte, ihren Papismus hätte er, wo nicht abgestellt, so doch gern gemildert. Die Toleranzacte ging durch, die armen Socinianer ausgenommen; die Comprehensionsacte , nach welcher alle tolerirte Religionsverwandte, wenn sie den Eid gegen das Papstthum für Aufrechthaltung der Gesetze Englands abgelegt hätten, in eine Kirchen- und Staatsgemeinschaft aufgenommen würden, ging nicht durch. Ebenso wenig erreichten seine ferneren Bemühungen in Niedersetzung geistlicher Congregationen zu Einigung der Kirchen ihren Zweck. Die Congregationen schliefen; der König ward des Widerspruchs überdrüssig, übergab das ganze geistliche Feld eine Reihe von Jahren hin der mit ihm gekrönten Königin Maria, seiner Gemahlin, und ging seiner Kunst, dem Kriege, nach. Die letzten Jahre, ja fast seit seines Aufenthalts in England war er krank, einsam, verdrießlich. In Holland war er König gewesen; König in England war er Statthalter , dem man auch billige Dinge, sogar Gefälligkeiten versagte. Eine Verrätherei nach der andern gegen ihn kam an den Tag: er, der nichts für sich begehrte, blieb dem eingebornen Stolz der Briten ein Fremdling. Seine Gemahlin starb (1694), er einige Jahre ihr nach (1702), und die Torys schrieen: »Der Holländer, der Hund , der Hogen Mogen ist hin! Jetzt ist der Kirche geholfen.« Hatte Wilhelm für eine billigere Denkart in Religionssachen auf englische Squareheads wenig wirken können, so that doch das schon, daß er den aufgeklärten, gelehrten, billigen Tillotson , seinen Caplan, zum ersten Erzbischofe und Pair des Reichs machte, etwas. Die Stimme der Sancrofts verscholl ein Wenig, und fast wider Willen ward auch in der hohen Kirche die innere Ehrlichkeit etwas lauter. Grundsätze, wie Cranmer, Chillingworth u. A. längst vorher gehabt hatten, durften von Bischöfen selbst, Stillingfleet, Hoadly u. A., wenngleich mit fast allgemeinem Widerspruch ihres Standes, endlich wieder behauptet werden; dagegen jene papistischen Anmaßungen vom göttlichen Recht der Bischöfe, auf den Zehnten sogar, von den ihrer Person anklebenden, durch Weihung von der Apostel Zeiten auf sie herabgeerbten Geistesgaben (χαρίσμασι), die sie in Taufe, Firmelung, Sündevergeben, Excommunication u. s. w. Andern mittheilten oder entnahmen, Anmaßungen, über welche ein Jahrhundert hin mit Eifer gehalten war – wider Willen ihrer Bekenner scheuchte sie der Geist des gekommenen Jahrhunderts allmählich ins Reich der Schatten und Träume. Als Schattengestalten indeß stehn (wer wollte es leugnen?) die alten Phantome in der englischen Kirche noch da, in unabänderliche, oft unerklärbare Worte festgestellt, in Kirchengeschmuck und Kirchengebräuche gehüllt, und was das Beste ist. mit Einkünften begabt. Als im Jahr 1699 der Bischof Burnet seine Erklärung der 39 Artikel der englischen Kirche herausgab, wurde sie im Jahr 1701 von der Convocation aus drei Ursachen verdammt, weil sie 1) »eine Verschiedenheit der Meinungen erlaube, zu deren Verhütung doch die Artikel aufgesetzt wären.« (Als ob der Zweck des Aussetzens einiger und dieser Artikel, in solchen Worten verfaßt, eine Verschiedenheit der Meinungen je verhütet hätte oder verhüten könnte!) 2) »Weil sie viele Stellen enthalte, die dem wahren Sinn der Artikel und andern angenommenen Lehren der Kirche zuwider wären.« (Einer der angesehensten Bischöfe, gewiß ein Mann von gesundem Urtheil und richtigem Verstande, hatte sie also in einem falschen Sinn angenommen und unterschrieben; wie vielen Andern mochte dies begegnet sein und begegnen! Bedurften sie also keiner Erklärung? Vor welchem Gericht läßt man eine Zusage auf unerklärte oder unerklärbare, oder gar in einem falschen Sinn angenommene Artikel zu?) 3) »Weil sich einige Dinge darunter befänden, die für die Kirche von gefährlichen Folgen, auch der Ehre der Reformation nachtheilig wären.« (Ein Bischof erklärte die Artikel so, und blieb in seinem Amt! Diese gefährlichen, ehrenrührigen Erklärungen wurden weder angezeigt, noch geahndet.) So sprach man im Jahr 1701, und im Jahr 1773 kam man noch nicht weiter. Schöne Reden im Parlement für und wider die Untertreibung der 39 Artikel wurden gehalten; Uebersetzt im »Britischen Theologischen Magazin«, Bd. 4. Die dadurch veranlaßten Schriften, The Confessional etc., sind bekannt. – H. dennoch blieben die heiligen Artikel, unerklärt oder unerklärbar, wie sie dastehn, auf ihrer Stelle. Man hatte unterschrieben, man unterschreibt und wird unterschreiben, so lange die englische Kirche, bei mitgetheilten Gaben des Geistes seit der Apostel Zeiten, währt. » No Bishop, no King «, »Nicht Bischof, nicht König mehr«. – H. sagte der kleingeistige Jakob I., der lieber Bischof als König hätte sein mögen, sehr falsch. » No King, no Bishop «, könnte man sicherer sagen, wenn sich nicht auch unter Königen ein sehr verändertes Bischofthum denken ließe. Nicht etwa nur gehen die Wünsche der Dissenters, einer so zahlreichen Summe schätzbarer Menschen, dahin; nicht etwa die Wünsche allein der pfründelosen armdienenden Geistlichkeit, sondern die Lage der Sache fordert, die Stimme des Jahrhunderts ruft; man unterdrücke sie, so lange man mag und kann. Beinah jede Geschichte der Reformation in dem und jenem Lande hat Gräuel und Aergernisse, die sie dem Geist der Zeit und den Sitten der Länder nach fast haben mußten; keine aber ist so ganz ein Flecke in der neuern Christenthumsgeschichte als die englische . Manche ihrer Beschreibungen mußten vergessen werden, bis Burnet sie (daher auch sein Werk so viel Aufnahme fand) in einem nur erträglichen Licht darstellte. Gaben des Geistes , deren sich, durch Tradition der Weihe herabgekommen, die englische Kirche rühmt, dazu Liebesgaben χαρίσματα waren es ohne Zweifel, von welchen angetrieben Heinrich VIII., Beschützer des katholischen Glaubens, der gegen Luther so heftig schrieb und sich der Sache des Papsts so ernst annahm, auf einmal sich selbst zum Papst und Haupt der Kirche in England machte, »kraft welches er alle geistliche Sachen hören und entscheiden , Irrthümer, Ketzereien und Mißbräuche abschaffen , überhaupt aber alle solche Dinge, zu deren Ausführung ein kirchliches Ansehen erfordert würde, ausführen wollte «. Das Parlement bestätigte diese Vorzüge und knüpfte sie an die Krone von England. Der Eid der Oberherrschaft ( Supremacy ), in welchem man bekennen mußte, »daß der König unmittelbar unter dem allmächtigen Gott das höchste Haupt der englischen Kirche sei«, Immediatly under Almighty God to be the chief and supreme Head of the Church of England. – H. ward eingeführt und mit der Schlußformel: »So wahr mir Gott und alle Heilige helfen!« besiegelt. Elisabeth wurde statt des obersten Haupts der oberste Gouverneur der Kirche; Supreme Governour of the Church of England. – H. schwören mußte Jedermann, »alle Jurisdiction, Freiheiten und Vorzüge, sie möchten sein, welche sie wollten, die dem Könige eingeräumt oder mit der Reichskrone verbunden worden, aus allen Kräften zu beschützen und zu vertheidigen.« Der weibliche Gouverneur wußte sich mit der Gewalt, den h. Geist bischöflich ein- und auszukleiden , to infrock and to unfrock. Worte der Elisabeth selbst. – H. nicht wenig. Unter Jakob I. gedieh der englischen Kirche, was ihr nach eingezognen und verschenkten Gütern übrig geblieben war, ziemlich; der König selbst war ein Pontifex , ein großer Schriftgelehrter. Desto heftiger wurden die Kriege mit den Andersgesinnten , die Streitigkeiten über das göttliche Recht der Bischöfe, die Gnadengaben der Einweihung u. s. w., bis die fürchterlichen Unruhen sich erhoben, unter denen Karl I. sein Leben verlor, Jakob II. endlich, bei einer Lakaienseele, auch in Lakaientracht das Reich verließ. Auf dem Thron indeß hatte dieser papistische, so wie sein Bruder, der libertinische Kopf der englischen Kirche, sich große Dinge angemaßt; sie hatten die Statthalterschaft über die anglicanischen und schottischen Gaben des Geistes schrecklich verwaltet. Wie man es für eine besondre Schickung gehalten, daß Josephus , der Jude, die Geschichte seines Volks zu seiner Zeit erzählt hat, so ist's ein besonderes Geschenk, daß Burnet , der Bischof, uns die lange Geschichte seines Lebens in Schottland, England, Holland u. s. w. breit und vielseitig, mit der Glaubwürdigkeit einer guten ehrlichen Frau erzählt. Burnet's history of his own time. 1724. 1734 Übersetzt Hamburg 1724. 1735 – H. »Der Bischof verordnete in seinem letzten Willen, daß diese Geschichte nicht eher als sechs Jahr nach seinem Tode, und zwar getreu gedruckt würde, ohne das Geringste hinzuzufügen, zu unterdrücken und zu verändern.« Die Urschrift wurde öffentlich dargelegt und gezeigt. Man erstaunt, wenn man die Gräuel und Bübereien der royal, noble and spiritual knaves liest. Wie viel edle Menschen litten unter ihnen und ertrugen das Joch geduldig! Eine Kirche, durch solche Mittel auf solchen Grund erbaut, kann schwerlich anders als durch gleiche Mittel auf ihrem unsichern Grunde erhalten werden, bis sie ihr Ende findet. So treffliche Männer diese Kirche an Gelehrsamkeit, an Gottesfurcht, Würde und Liebeswerken dann und jetzt gehabt, so viel Gutes sie hie und da der Menschheit thut und gethan hat, sogar daß sie dies Gute durch Missionen an die Enden der Welt verbreiten wollen: ein Heinrich-Elisabethischer Papismus, zuerst nach Willkür eingerichtet, sodann allmählich an die Gesetze des Reichs geflickt, nicht geordnet, sollte er der Wahrheit, aus der er nicht entsprungen ist, sollte er der Nation gleichdauern? ––––– Beilage. Was ist Kirche, und Haupt der Kirche? 1. Ist Kirche (ecclesia.), was sie nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis sein will, eine allgemeine Versammlung, in der eine Gemeinschaft zwischen Heiligen obwaltet, so kann weder im Vatican noch im St. James ihr Haupt wohnen, da keiner von beiden diese allgemeine unsichtbare Versammlung kennt, diese auch keinen von beiden zu ihrem Haupte gewählt hat. Sich selbst dazu creiren, ist eben, wie wenn ein Jemand die Uranuswelt (Georgium sidus) unter die Titel seiner Besitzthümer zählte. Beschützen muß der Glaube sich selbst durch Ueberzeugung; ein Glaube, der vom Vatican oder von St. James aus beschützt werden muß, ist nicht der apostolische Glaube. 2. Aber Glieder der allgemeinen Kirche sammeln sich hier und dort; mithin wird hier und dort eine korinthische, eine römische Kirche. Jede unterscheidet sich in Sprache und Formeln, in Lehrart und Gebräuchen; unterscheide sich jede! Predigte nicht Paulus zu Athen anders als zu Jerusalem? Sind seine Briefe nach Kleinasien von denen nach Griechenland und Rom nicht verschieden? Jede Nation hat ihre eigne Kirchensprache und muß sie haben; eine fremde, ihr aufgezwungene ist ihr unverständlich und unanwendbar. Zu Rom begreift man die Anordnungen der Römischen Kirche ort- und zeitmäßig leicht, da man solche in Stockholm und Pecking schwerlich begreift. Und so diene denn ihrem Gott die anglicanische und die gallicanische, die spanische und germanische Kirche, jede in ihren Worten und Zeichen. Er versteht alle Sprachen; des alten Mönchslatein und dessen, was aus ihm geformt ist, bedarf er nicht; so wie Nationen, die keine Mönche sind, es auch nicht bedürfen. 3. »Wenn nun aber Presbyterianer , sogar Quacker , Wiedertäufer u. s. w. sich in der heiligen Kirche St. Alban's sammeln?« Desto besser! Verstehen sie die Sprache St. Alban's und sind Eins mit ihr, so werden sie nach St. Alban's , wo nicht, nach ihrer Weise dem Herrn dienen. Eine befehlende oder, wie man sie lästernd nennt, eine herrschende Kirche ist ein vorschreiender Ton in einem schadhaften Orgelwerk, der immer vor- und mitheult . Die Dominante in der Musik ist dadurch Dominante, daß sie andre Töne hält und trägt . Eine dominante Religion ist die erIeuchtetste , die wohltätigste , die Allen dient, die Alle lieben; jedes Pfaffenthum, das drückt und wegstößt, ist Despotismus . Verfolgt es sogar, so ist der anmaßende Knecht das Schlechteste, was man werden kann – im Namen Gottes Ankläger, Zeuge, Richter, Büttel und Henker. 4. »Wenn aber meine Mitbrüder nicht auf die rechte Art dem Herrn dienen?« So laß sie ihm links dienen. Will er anders bedient sein, der gütige Herr wird es sie wissen lassen; Du zeige ihnen, wie Du ihm rechts dienst. Vielleicht nehmen sie Deine Weise an; wo nicht, so laß ihnen die ihre . Sie sollen und wollen in ihrer Weise dem Herrn dienen.. 5. »Wenn sie sich aber sogar im Lehrbegriff irrten?« So erkläre ihnen diesen, und sie werden Deine bessern Begriffe annehmen; wo nicht, laß ihnen die ihren. Von seinen Worten und Begriffen ist doch wol jeder Mensch so gut ein Herr als von seinen Augen und Ohren. Diese verstümmeln, die Zunge ihm ausschneiden kannst Du, nicht aber dem Ohr gebieten, daß es nach Deiner Weise höre, der Zunge gebieten, daß sie ohn' Ueberzeugung auf Deine Weise aus dem Herzen rede. Ohn' Herz und Ueberzeugung aber was sind gesprochene Worte? 6. »Bediente aber der Staat sich statt unsrer der fremden Glaubensgenossen?« Zu Geschäften des Staats? Das überlaß ihm auf seine Gefahr; in wahren, vielseitig nützlichen Einsichten ist der Staat der Kirche , der Laienstand dem Klerus leider vorangeeilt. Er wird sich z. B. einer Secte nicht bedienen, die sich den Betrug, die Heuchelei oder andre Niederträchtigkeiten als Religion erlaubt. Er wird sich einer Secte nicht bedienen, die ihr Haupt in Lassa In Tibet, wo der Dalai-Lama seinen Sitz hat. – D. hat und von dort aus ihre Ueberzeugung holt. Und gewiß wird er eine Secte nur wie im Hospital unter gehöriger Krankenaufsicht dulden, die sich für die allein wahre und seligmachende hält, die ein Monopolium der Weihe hat, einen Freibrief der Vergebung der Sünde u.s.w. Nenne sich diese die englische oder die römische Kirche, sie ist Papismus . Gegen alle Monopolisten sind wir auf der Hut. Da ihre Hand gegen Jedermann ist, so hält und halte sich auch jede Hand gegen sie wachsam. 7. »Wenn aber eine Kirche erbaut wäre, die auch die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollen, und wir diese Kirche wären?« Allein und ausschließend? Verhüte der Himmel! Wir die einzigen Rechtschaffenen auf der Erde. »Und unser Klerus diese Kirche vorstellte ?« Er repräsentirte sie? Rechtschaffenheit und Wahrheit würden repräsentirt ? und durch den Klerus? »Wenn er es wäre, der uns Laien und sich selbst unverrückt durch Auflegung der Hände die Geistesgaben mittheilt ?« – »Davon,« sagte der ehrliche Bischof Hoadley , »davon habe ich bei meiner Ordination nichts gespürt, habe sie auch während meines Amts Keinem wissentlich mitgetheilt.« Wenn ein Wort unter den Menschen Haß, Verfolgung, Verwirrung und Stillstand der Gedanken, albernen Stolz, Leichtsinn und freche Stupidität hervorgebracht hat, ist es das mißtönende Wort church , Kirche . Gäbe es einen unförmlichern Gedanken als den sichtbaren Kopf einer unsichtbaren Geistes- und Herzensgesellschaft? 8. »Aber nicht der unsichtbaren, der sichtbaren Kirche soll er der Kopf sein!« Worin? In Cerimonien? Im Knieen vorm Altar beim Lord's supper? Abendmahl des Herrn. Ueber dies Knieen sind in England die bittersten Streitigkeiten geführt worden. – H. Unwürdige Streitigkeiten und Trennungen, da viel Nichtknieende über des Herren Abendmahl ungleich wahrer und edler dachten als die knieende Heerde. Wie tief stand eine Kirche, die über dergleichen Dinge stritt und verfolgte! 9. »Aber im Lehrbegriff .« Hat irgend eine protestantische Kirche weniger einen Lehrbegriff als die der 39 Artikel? Da behauptet dieser gelehrte Bischof den unbedingten , jener noch gelehrtere Bischöfliche den bedingten Rathschluß Gottes; dieser die lebengebende Kraft der sacramentlichen Elemente, wenn jener leugnet, daß eine gewisse Gnade und Kraft irgend damit verbunden sei. Dieser Athanasische Bischof macht aus der Dreieinigkeit drei Götter; jenem sind's drei Beziehungen , drei Verhältnisse , drei Namen . Jenem ist die Zurechnung der Sünde Adam's, die Gnugthuung, die Gnadenmittel u. s. w. das, dem andern dies, wenn nur Worte, Gebräuche, Bekenntnisse, Einkünfte, vorzüglich aber die Miracles and Prophecy's , die Demoniak's und spiritual Gifts bleiben. Wunder, Prophezeiungen, Besessene und Gaben des Geistes. – H. Da ist ein gelehrter Bischöflicher, der behauptet, daß die Seele mit dem Körper sterbe, aber auch mit ihm aufgeweckt werde; ein andrer, daß vermöge der herabgepflanzten Gaben des Geistes die Kirchengebräuche selbst die Macht der Immortalisation haben, ohne welche kirchliche Gaben und Gebräuche die Menschenseelen sterblich bleiben müßten u. s. w. Wie kann überhaupt eine Kirche sich eines festgesetzten Lehrbegriffs rühmen, die auf 39 Artikel unerklärt und ohne Nachtheil der anglicanischen Kirche und Reformation unerklärlich gebaut ist? Hat irgend ein Staat auf der Erde mit Gelübden kaufmännischer gespielt? 10. Denn wer soll diese Artikel mit Autorität erklären? Das Haupt der Kirche ? Ob es wol durch Heinrich VIII. sich die Macht gegeben, »alle geistlichen Sachen zu hören und zu entscheiden , Irrthümer und Ketzereien abzuschaffen ,« so hat es sich doch nachher gnädig der Macht »zu predigen und die Sacramente zu verwalten« begeben . Mithin wird es die Entscheidung darüber, was zu predigen sei und was die Sacramente sein mögen, niedergesetzten Congregationen Derer, die mit der Weihe Gaben des Geistes empfingen , überlassen; und was diese Congregationen wirken, davon ist das verflossene Jahrhundert Zeuge. Selbst das bewundernde Deutschland liest kaum mehr die langweiligen britischen Streitschriften, die, fast immer ohne Kenntniß des Erkenntnißgrundes, über Dinge und Undinge solcher Art geschrieben wurden. Ein sonderbarer Stillstand menschlicher Gedanken! 11. Kein Stillstand. Jedes Kind ist fortgeschritten und ruft: » Papismus! Papismus !« Und der Verständige sagt: »Werdet Männer der Nation , Ihr Bischöfe! jetzt seid Ihr Männer des Herkommens , eines altpapistischen Hofes .« Nicht auf King und crown und church bezieht sich Bischof (Aufseher), sondern auf Gemeine . Auch als Glieder des Staats macht Euch die Wahl eines Haupts ohne Glieder, d. i. eines Königes ohne Nation, in beiden Häusern nicht ehrwürdig, sondern verdächtig. Nur durch die Wahl des Hauptes mit seinen Gliedern werdet Ihr in Euren Stimmen frei; das Zutrauen der Nation, die auf Vorschläge des Haupts Euch wählte, ist Euer; so seid Ihr Nationalbischöfe , da Ihr sonst nur King's Bishops mit fortgepflanzten Geistesgaben wäret. Streitigkeiten über Rechte der Kirche und Eure Gnadengaben werden damit von selbst wegfallen, und zu den 39 Artikeln wird sich ohne fernere Discussionen der vierzigste von selbst fügen, daß man die 39 nicht mittelst angeweiheter Gaben , sondern mittelst des Verstandes verständig , d.i. nach geprüftem Einverständniß mit dem Wort Gottes und eigener Ueberzeugung annehme, sonst aber sie verwerfe. Sofort seid Ihr mit den Glaubensbrüdern Eurer Nation einig; auch sie , wenn sie vom Haupt und von den Gliedern der Nation gewählt sind, können vorstellen , was Ihr vorstellt , Glieder der Nation, nicht Papstthum einer Kirche . Ein ehrlicher Mann, Dechant zu York, als ihm Heinrich VIII. ein Bischofthum aufzwingen wollte, schrieb angstvoll also: »Dem gestrengen Herren Bellassis. »Edler Herr Bellassis. Ich bitte Euch um Christi willen, wendet allen möglichen Fleiß und Mühe an, mir das Bischofthum vom Halse zu schaffen. Ich will niemals mit dieser Würde etwas zu thun haben, wenn ich es vermeiden kann. Setzt zu meinem unterschriebnen Namen, was Ihr wollt, nur nicht Bischof. Euer geringer Diener Niklas Wotton.« So dachten mehrere ehrliche Männer, die den Papismus der hohen Kirche, die kanonische Verfassung ihrer Gerichtshöfe und die gemeine Denkart des bischöflichen Standes kannten. Wake , nachmaliger Erzbischof zu Canterbury. wagte zu schreiben, »daß heutiges Tages nur das noch die Bischöfe vor dem Untergange bewahre, daß sie für sich keine Macht hätten, der Kirche zu schaden, und daß der König, der sie wohl kenne, viel zu gnädig sei, ihnen je diese Macht zu erlauben «. Nicht von der Gnade des Königes sollte diese Unschädlichkeit abhangen, so wie eine gnädige Unschädlichkeit der Bischöfe auch nicht weit reicht. Dem Lehrstande jeder Nation ist's unanständig, als ein Hintergebäude des Hofes , zunächst der Garderobe betrachtet zu werden und sich da auch wirklich, obgleich vor der Hand noch ziemlich wohl zu befinden. Was Wilhelm nicht thun konnte, wird die Zeit thun: sie, die große Statthalterin aller Stände, sie löst und bindet . 12. John Locke. Die Freidenker. Locke's berühmtestes Buch ist sein Versuch vom menschlichen Verstande , der nicht nur in mehrere Sprachen übersetzt, sondern auch beinah Grundlage der Philosophie worden ist, die das Jahrhundert hinab England, Schottland, Frankreich selbst forttrieb. Insonderheit hat seine Lehre von der Verbindung (Association) der Ideen und das dritte Buch seines Werks vom Gebrauch und Mißbrauch der Worte viele und feine Bemerkungen im gesammten Reich der Wissenschaften veranlaßt. In beiden Stücken traf man auf die Quelle mancher Irrthümer, und so ward der Arzt Locke wirklich auch ein Arzt des menschlichen Verstandes. Denn hangen nicht unsre abstractesten Gedanken an Worten? Sind diese schlecht erfunden, bezeichnen sie halb oder gar nicht, was man durch sie bezeichnen wollte, oder versteht man sie unrecht und glaubt an Worten Sachen zu haben, da sie doch nur Zeichen der Sachen oder unsrer Gedanken von ihnen sind: in welcher Oede irrt der Verstand umher! Bald ein Verführter, bald ein Verführer. Und was die Verbindung unsrer Begriffe betrifft, wie sonderbar verbinden manche Menschen! Associationen, die man kaum in Träumen erwartet. Dem Scholasticismus der Schule von Jugend an feind, wollte Locke sein Buch auch nicht einmal in eine Schulform der Logik und Metaphysik gebracht wissen; denn eben diese hielt er für »kein geringes Hinderniß der Wissenschaft selbst«; das Disputiren darüber erklärte er für »den übelsten Weg zur Erkenntniß«; Brief an Wilhelm Molineux. – H. ohngefähr wie Heinrich Wotton auf seinem Leichensteine das Disputirjucken die Krätze der Kirche nannte. Der berühmte Ritter und Gesandte unter Elisabeth und Jakob I., der als Propst des Eton-Collegiums starb. Seine Grabschrift ist: Hic jacet hujus sententiae primus auctor: Disputandi pruritus Ecclesiarum scabies Nomen alias quaere. – H. Die Lücken, die Locke's treffliches Buch enthält, fanden nach seinem Tode den gutmütigsten Ergänzer, Leibniz . Ein unverdorbner junger Mann, der Locke's Buch Vom menschlichen Verstande zuerst, sodann Leibniz' Neue Versuche über den menschlichen Verstand , Nouveaux Essais sur l'Entendement humain in den Oeuvres philsophhiques de Leibnitz, publiés par Raspe 1755. – H. die jenes Schritt vor Schritt berichtigen und allenthalben weitere Aussicht geben, mit Nachdenken liest, dann ihnen Shaftesbury's Werke hinzuthut, hat aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts drei Männer gehört, die, auch wo sie von einander abgehn, ihm leitende Genien der Wissenschaft sein können, zum reellen, nicht zu sophistischem Traumerkenntniß. Mit diesen drei Männern, sollte man glauben, hätte die Zeit transscendentaler Nachtwandrerei schon damals aufgehört. Und ist sie noch nicht vorüber? ––––– Im Hause des Grafen Shaftesbury , Des Ministers, nicht des Philosophen, welche Beide oft mit einander verwechselt werden, da sie doch die verschiedensten Charaktere, die es geben kann, waren. Der Minister war Großvater des Philosophen. Jener ist aus der Geschichte Englands sattsam bekannt; man hat von ihm eine eigene Lebensbeschreibung. Die wenigen Begegnisse seines Enkels, des Philosophen, sind Th. 10. S.372 ff. der »Britischen Biographie« (deutsche Übersetzung) zu finden. – H. in welchem Locke als Freund lebte, war ihm eine nähere Ansicht der Behandlung politischer Dinge fast unvermeidlich geworden; auch hievon hat sein Land, ja die Menschheit selbst viel Gutes geerntet. Im Jahr 1668 hatte sein Graf die Provinz Carolina in Amerika zum Geschenk erhalten; den Auftrag zu ihrer Constitution bekam von ihm Locke. Dieser constituirte den 95. und 97. Artikel also: »Daß jeder Einwohner Carolina's einen Gott und eine öffentliche Verehrung desselben anerkennen müsse, übrigens aber nach Lage der Sache und der Provinz weder Juden noch Heiden, noch Andre, die von der Reinheit der christlichen Religion abweichen, aus der Provinz entfernt, vielmehr in ihr Gelegenheit finden sollten, mit der Wahrheit und Billigkeit, mit der Friedfertigkeit und unbeleidigenden Gemüthsart des Christentums bekannt, durch gute Begegnung und Ueberzeugung, durch Sanftmuth und Gefälligkeit gewonnen zu werden. Sonach sollten jede sieben und mehrere Personen, die in einer Religion übereinkommen, eine Kirche oder Gemeine ausmachen, der sie einen von den übrigen unterschiednen Namen geben könnten.« Der hohen Geistlichkeit Englands fuhren diese Artikel gegen die Stirn; der Primat der englischen Kirche ward feierlich zwischen beide Artikel geschoben, welchen Zusatz Locke natürlich nicht für den seinen erkannte. Auch blieb ihm fortan bis an seinen Tod der Name Latitudinarier ; Breitmesser; ein sinnreich erfundener Name, um die hohe Kirche von der breiten zu sondern. – H. weder seine Briefe über die Toleranz , noch seine Vernunftmäßigkeit des Christenthums , noch seine Paraphrasen über die Schrift haben ihn mit den high churchman ganz versöhnen mögen. An seinen Kopf wollte man sogar unter der papistischen Regierung Jakob's II.; von Holland wurde seine Auslieferung dringend begehrt. Ob und wiefern Locke an Monmouth's verfehlter Unternehmung Theil genommen habe, kümmert uns, da jene Staatsverwirrung sich längst entwickelt hat, wenig; seine Grundsätze über die Regierung ( on government ) hat die Zeit gebilligt. Wenn noch zu unsrer Zeit Tuckers gegen ihn schreiben, so ist's ohne Gefahr. When the benevolence of this writer is exalted into charity, when the spirit of his religion corrects the rancour of his philosophy, he will learn a little more reverence for the system to which he belongs, and acknowledge in the most intutor'd tribes some glimmerings of humanitiy and some decisive indications of a moral nature. Dunbar gegen Tucker. – H. Locke hielt sich für keinen Staatsverbrecher. Begnadigung wollte er selbst aus seines Universitätsfreundes, Wilhelm Penn's , Hand nicht annehmen, weil er sich keiner Schuld bewußt sei; er kehrte nach England zurück, als mit Wilhelm Recht und Sicherheit dahin zurückkehrten. Locke's Constitution für Carolina, welche große Bestätigung hat sie ein Jahrhundert später durch die Constitution von Amerika erhalten! Seine Grundsätze über die Staatsverfassung, Religionsfreiheit u.s.w sind Prinzipien des gesunden Menschenverstandes worden. Grundsätze, für die Algernon Sidney sein Leben hingeben mußte, behauptete Locke frei und durfte sie behaupten; die türkischen Sclavenprinzipien Filmer's, Hobbes und A. brachte sein freidenkender Geist in die ihnen gebührende Verachtung. Lasset uns die Wahrheit nicht verlassen, Ihr Freunde der Wahrheit! Unter dicken Vorurtheilen des Herkommens, der Dummheit, des Eigennutzes, des Stolzes schreitet die Zeit zwar langsam vorwärts, aber sie schreitet. Dem kleinen Freistaat Holland gebührt hier Preis und Achtung. Er, der sich der ärgsten, der spanischen Religionsverfolgung mit einer beispiellosen Mühe und Anstrengung entzogen und beinah ein Jahrhundert hindurch für seine Freiheit gekämpft hatte, sogleich und fortan nahm er diese auch für die europäische Menschheit, die zu ihm flüchtete, in Schutz; unschuldig Verfolgte beschützte er mit Großmuth. Für diese Freiheit ließen gegen die Cabale des Oranischen Moritz die de Witts und Oldenbarneveldts ihr Leben; für sie duldete Hugo Grotius Gefängniß und Verbannung, er, ein Genius freimüthig-ruhiger Aufklärung, voll Geistes der Alten. Eben diese erkämpfte Freiheit, die in der Grundverfassung Hollands lag, gab Descartes Raum, zu denken, Spinoza eine Freistätte, zu schreiben; sie nahm den gequälten Orobio, die Flüchtlinge Frankreichs nahm sie auf und gewährte den Verbannten Englands Zuflucht. In ihr bereitete Karl II. die Wiedererlangung seiner Krone, Wilhelm von Oranien die Rettung Englands aus den Händen der Tyrannei, aus den Ränken des Papstthums. Nach Grundsätzen dieser Freiheit zwang Wilhelm den aufgeklärten, sanften Tillotson zur Uebernahme des Kirchenprimats seines neuerworbenen gährenden Reiches; in ihr dachte William Temple, ein heller Kopf, der sich außerhalb England Freiheit zu denken erworben hatte und für seine letzten Jahre das Privatleben eines Weisen wählte. In ihr Sommers und Alle, die für Wilhelm wirkten. In Hollands Freiheit schrieben Bayle, Le Clerc, Barbeyrac; in ihr haben Algernon Sidney, Locke, Shaftesbury ihre Ideen ausgebildet und kehrten damit, Diese zur Ruhe, Jener zum Tode nach ihrer stürmigen Halbinsel zurück. In Holland ward öffentlich, was nirgend sonst den Zugang zum Licht erhalten konnte. Werde wieder, was Du warst, Freistätte der Völker, und wenn einst (lang sei die Katastrophe entfernt!) das Weltmeer über Dich ausbricht, so lasse sich auf der traurigen Meereshöhe dort und hier des alten Hollands Geist hören: »Unter den Wellen liegen hier begraben, Die einst, als in Gefahr Des Menschengeistes Freiheit war, Die Freiheit ihm gerettet haben.« Kein schärferes Urtheil ist über Locke gesprochen als von Shaftesbury selbst, seinem Freunde und Schüler. Bei Gelegenheit der herausgekommenen Schrift Tindal's schreibt er an seinen studirenden Freund: Letters to a Student. Uebersetzt im »Britischen theologischen Magazin«, B. III. St. 3. – H. »Ueberhaupt ist so viel gewiß, daß Die, die man heut zu Tage Freidenker nennt, Hobbes' Grundsätze angenommen haben. Selbst Locke , so sehr ich ihn wegen seiner andern Schriften, als über die Regierung , die Polizei , den Handel , die Münzen , über die Erziehung , die Toleranz u.s.w., verehre, und so sehr ich, da ich ihn gekannt, für seine Aufrichtigkeit als eines höchsteifrigen Christgläubigen stehen kann, geht auf diesem Wege; die Tindals und alle andern sogenannt freien Schriftsteller folgen ihm. Locke war's, der den ersten Streich that; denn Hobbes' Charakter und seine sklavischen Grundsätze von der Regierungsform nahmen seiner Philosophie alles Gift. Locke war's, der alle ersten Grundsätze niederriß, alle Ordnung und Tugend aus der Welt verbannte und selbst die Ideen von ihnen, die doch mit der Idee von Gott eins sind, unnatürlich machte, indem er den Grund derselben in unsern Seelen aufhob. Bekanntermaßen leugnete Locke die angebornen Ideen der Cartesianer. – H. Angeboren ist ein Wort, mit welchem er jämmerlich spielt; das rechte Wort, ob es gleich weniger gebraucht wird, ist connatural , mitnatürlich ; denn was hat die Geburt oder der Ausgang des Fötus aus Mutterleibe hier zu thun? Die Frage ist nicht von der Zeit, da die Ideen hineinkommen, oder von dem Augenblick, da ein Körper aus dem andern kam, sondern ob die Natur der Menschen so beschaffen sei, daß, wenn sie erwachsen sind, zu dieser oder jener Zeit, früher oder später (am Wann ist nichts gelegen), die Idee und das Gefühl von Ordnung, Regierung und Gott nicht unfehlbar, unvermeidlich, nothwendig in ihnen entstehen werde. »Da kommt der leichtgläubige Locke mit seinem Indier, mit seinen Geschichten von wilden Nationen, die, wie Reisebeschreiber (wahrlich gelehrte Schriftsteller! und wahrhafte Leute! und große Philosophen!) ihn versichert, keine solche Idee haben, und bedenkt nicht, daß dies nur eine Negative nach einem Hörensagen und so beschaffen ist, daß der Glaube des Indiers, der es leugnen soll, ebensowol in Zweifel gezogen werden kann als die Glaubwürdigkeit oder das Urtheil der Erzähler, von welchen man nicht annehmen kann, daß sie mit den Geheimnissen solcher Wilden gnug bekannt gewesen, deren Sprache sie nur sehr unvollkommen verstanden, und denen wir fromme Christen durch unsre wenige Barmherzigkeit Ursache gnug gegeben haben, viele Geheimnisse uns zu verbergen. In Ansehung der Arzneimittel und Kräuter ist dieses bekannt. Allein Locke , der mehr Glauben hatte und belesener in den neuen Wundergeschichten als in der alten Philosophie war, ließ einen Beweisgrund für die Gottheit fahren, den Cicero selbst, ob er gleich ein offener Skeptiker war, nicht verstoßen wollte, den sogar der vornehmste der atheistischen Philosophen Lucrez. – D. vormals zugestand und nur durch ein Primus in orbe Deos fecit timor erklärte. »Solchergestalt hat die Tugend nach Locke keinen andern Maßstab. Gesetz oder Richtschnur als die Mode oder die Gewohnheit : Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Billigkeit hangen nur von Gesetzen oder vom Wollen ab. Nach seinem Sinn ist Gott freilich ein vollkommen frei handelndes Wesen, frei nämlich zu wollen, was auch noch so böse ist; denn wenn er es will, so wird es gut. Tugend kann Laster, Laster kann Tugend sein, wenn es ihm gefällt. Auf solche Weise sind weder Recht noch Unrecht , weder Tugend noch Laster an sich selbst etwas; es ist auch keine Spur, kein Begriff von ihnen in die menschliche Seele geprägt. Die Erfahrung und unser Katechismus lehren uns Alles! Vermutlich muß es auch so etwas sein, was die Vögel ihre Nester bauen und, wenn sie flügg sind, fliegen lehrt. Ihr Theokles lacht hierüber und frägt mit aller Bescheidenheit einen Lockianer, ob der Begriff von einer Frauensperson nicht ebenfalls durch den Katechismus gelehrt und dem Mann vorgesagt worden. – Dies ist eine armselige Philosophie« u. s. w. Hätte Shaftesbury unsers Leibniz Schrift über Locke lesen können, so würde er, was er ihm vorrückt, zwar auch bemerkt, aber glimpflicher zurechtgerückt gefunden haben. Doch wenn jede Begeisterung für Wahrheit und Tugend zu verzeihen ist: für die ersten Grundsätze des Rechts und der Wahrheit wäre nicht auch ein vielleicht übertriebner Eifer verzeihbar? Daß Shaftesbury übrigens Locke's Buch Vom menschlichen Verstande nach Verdienst zu schätzen wußte, zeigt eine andre Stelle dieser Briefe. »Niemand,« sagt er, »hat mehr beigetragen, die Philosophie aus der Barbarei zu reißen, sie der Welt und Personen, die sich ihrer sonst schämen würden, nützlich zu machen, als Locke. Niemand hat eine bessere Methode zu denken gezeigt. Vor allen Dingen wundre ich mich, wenn ich höre, daß ihn einige englische Geistliche deswegen getadelt, weil er der Vernunft zu viel eingeräumt und sie sogar bei der Religion für nothwendig ausgegeben.« Allerdings war dieses der Fall. Die hohe Kirche stieß sich daran, daß das Christenthum vernunftmäßig (reasonable) sein sollte. – H. Der Vorwurf indeß ist offenbar zu hart, daß Locke zwar nicht selbst Freidenker gewesen, Freidenker aber doch zu seinem Gefolg gehabt habe; ein ungerechter Vorwurf. Unfalls gnug, wenn mein Kahn leicht und brüchig ist; was kann ich dafür, wenn Andre sich hinter mir einsetzen und ins hohe Meer rudern? Freidenker sollen wir Alle sein, d. i. wir sollen dem Recht und der Wahrheit frei nachstreben, ihnen nacheifern, frei von allen Fesseln des Ansehens und Vorurtheils, mit ungeteilter Seele. Wenn aber ein wilder Geist sich einen Freidenker nennt und einen andern bescheidnen Mann zum Deckmantel seiner Frechheit mißbraucht, wenn dann ein Dritter, ein ohnmächtiger Sclave des Vorurtheils, Jenem diesen Ehrennamen als Ekelnamen nachwirft, sind sie in gleichem Falle? Der Name Freidenker , wie verschieden Männern ist er gegeben, die fast nichts mit einander gemein haben! Ein trefflicher Herbert von Cherbury und Hobbes , ein Collins und Blount, Woolston und Chubb, Bolingbroke und Hume neben einander gestellt, geben einen Index expurgatorius , der von dem geringen Verstande seiner Sammler zeigt. Shaftesbury selbst, der den guten Locke zum Vorgänger der Tindals machen wollte, hat dem schwarzen Kirchenverzeichniß der Freidenker nicht entgehen mögen. S. Leland's »Abriß der vornehmsten deistischen Schriften«, Hannover 1755. Die deutschen Kirchengeschichtler sind ihm gefolgt und führen ein noch bunteres Gemisch auf. – H. Unmittelbar hinter Blount steht er in ihm, ob er gleich Briefe an einen jungen Theologen geschrieben, ihm das Studium seiner Wissenschaft vorgezeichnet, ja sogar Predigten D. Whichcot's Predigten.– H. mit einer Vorrede begleitet hatte. Locke hat Niemand in dies Register zu setzen gewagt. Es war eine Zeit in England (hoffentlich ist sie nicht mehr), da man, um Bischof oder Dechant zu werden, gegen die Freidenker oft so grob schrieb, daß dem Lesenden schaudert. Bücher der Art legt man jetzt mit verachtendem Unwillen aus der Hand. Selbst wenn Bentley oder Swift gegen Collins mit aller Uebermacht des Verstandes und der Gelehrsamkeit wegwerfend oder hämisch schreiben, haßt man an Jenem die Grobheit, an Diesem das Rümpfen ( sneer ). So , fühlt ein Jeder, müssen Religion und Wahrheit nicht vertheidigt werden. Und wenn die gemachten Einwürfe gar nicht einmal Religion, Gottseligkeit und Wahrheit, sondern Kirchenverfassung, Ansehen und Einkommen der Geistlichkeit, Auslegungen eines alten Buchs, Umstände einer längstverlebten Geschichte beträfen! Hierüber grob sein, verleumden, verfolgen, ist ebenso abgeschmackt als verächtlich. Kein Mann von Ehre, von Verstande und edlerem Gefühl spreche also den Namen Freidenker in dem bedeutungslosen oder verleumdenden Pöbelsinn aus, in welchem er oft den würdigsten Menschen Verdruß und Unheil zuzog; vielmehr gebe man ihm seine edle Bedeutung wieder. Ein freier Geist ist der größte Vorzug des Menschen; freies Denken , worüber es sei, kann und soll uns weder Lordschaft noch Priesterthum rauben. Dies sind nicht Grundsätze der Whigs etwa allein, sondern Forderungen der Menschheit. Für Anton Collins , den Freidenker , so schwach seine Schriften sein mögen, spricht Locke's Testament also: »Die Kenntniß, die ich von Ihrer vollkommenen Tugend habe, leistet mir die Gewähr für das Pfand, das ich Ihnen anvertraue. Die Liebe und Achtung, die ich an dem jungen Menschen gegen Sie bemerkt habe, wird ihn geneigt machen, sich von Ihnen leiten zu lassen, weshalb ich ihm nichts weiter hievon zu sagen brauche. Möchten Sie lang und glücklich in dem Genuß der Gesundheit, Freiheit, Zufriedenheit und aller der Segen leben, welche die Vorsehung Ihnen zugetheilt hat, und wozu Ihnen Ihre Tugend ein Recht giebt! Sie liebten mich, weil ich lebte, und werden, nun ich todt bin, mein Andenken erhalten. Der ganze Nutzen, den es Ihnen gewähren soll, ist, daß dieses Leben eine Scene der Eitelkeit sei, die bald vorübergeht und keine gründliche Beruhigung als in dem Bewußtsein, recht gehandelt zu haben , und in der Hoffnung eines andern Lebens verschafft. Dies ist's, was ich aus der Erfahrung sagen kann, und was Sie gegründet finden werden, wenn Sie den Überschlag machen. Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen alles Wohlergehn. Den 25. August 1704. Johann Locke. « ––––– Beilage. John Jortin. Ueber die Kirchengeschichte. Jortin's »Anmerkungen über die Kirchengeschichte«. Theil 1. Bremen 1755. Vorrede. Warum ist die Übersetzung dieses Buchs, von einem ebenso liebenswürdigen als gelehrten und classischen Autor geschrieben, nicht vollendet? – H. »In dieser Welt, einem großen Krankenhause, herrscht unter andern Krankheiten, womit das menschliche Geschlecht geklagt wird, ein unmäßiger Eifer , oder ein Geist der Parteilichkeit , welcher, wenn er zu einer gewissen Höhe steigt, von den sanften Banden der Vernunft nicht kann zurückgehalten werden. Sie fahren von einander wie ein Faden, der vom Feuer berührt wird. Dann spielt die Einbildungskraft und macht häßliche Gesichtszüge; der Mensch geräth in Wuth und schlägt auch zuweilen aus Irrthum auf seinen Freund , Fit pugil et medicum urget. More optimorum parentum, qui maledictis suorum infantium arrident. Seneca »Wären dies die Beschwerlichkeiten alle, so sollten wir die Mängel und Verwirrungen solcher Menschen so geduldig ertragen wie das verdrießliche Wesen Derer, die Schmerzen haben, und, wie Seneca sagt, den gütigen Eltern gleichen, die über Schmähungen ihrer kranken Kinder lächeln; denn es giebt sowol alte als junge Kinder, und vielleicht muß man den ersten mehr durch die Finger sehen als den letzten, da jene sich von Schmerzen nicht wollen befreien lassen, die unheilbar sind. »Hier kann die weltliche Obrigkeit einen trefflichen Dienst thun, um unter ihren zänkischen Unterthanen entweder den Frieden zu erhalten oder doch sie abzuhalten, daß Einer dem Andern keinen Schaden zufüge. Ziehe nicht das Schwert, sagt Pallas zum Achilles; mit Worten schmähe, so viel Du willst. Hor. Sat., II. 3. 30. – D. »Viel schlimmer als der schwärmerische Eifer ist der ruhige Geist der Religionstyrannei , welcher aus Herrschsucht, aus häßlichem Eigennutz und aus atheistisch-politischen Ursachen entsteht. Mit vorbedachtem Rath nimmt er seine Maßregeln und verfolgt sie bis zum Ende, ohne die geringste Scheu für Wahrheit zu haben, ohn' einige Regungen von Mitleiden und Menschenliebe zu zeigen. »So ist das Christenthum aus der Art geschlagen, und die Sache ging fort vom Bösen zum Schlimmem, von Thorheit zum Verderbniß, von Schwäche zur Gottlosigkeit; worauf die Reformation wichtige Verbesserungen machte. »Jetzt wird die christliche Welt in die verbesserte und nicht verbesserte eingetheilt; man kann aber vernünftigerweise glauben, daß noch vor der Bekehrung der Juden und Heiden in der Christenwelt selbst mehr Harmonie, mehr gegenseitige Gefälligkeit und Duldung werden angetroffen werden, als jetzt sich darin finden. »Die Abschaffung selbst geringer Mängel, der Fortschritt vom Guten zum Bessern sollte allezeit der Gegenstand nicht nur heißer Wünsche, sondern auch bescheidner, friedfertiger Bemühungen jedes Menschen sein; denn Bescheidenheit und Klugheit sind weder jenes Mahl des Thiers in der Apokalypse, noch jene Klugheit der Welt , die das Evangelium verdammt. Auch die polite Gelehrsamkeit oder die freien Künste helfen den Verstand öffnen und erweitern; sie geben ihm einen edlen und freien Weg zu denken, nicht zu dem, was wir gemeiniglich Freidenkerei nennen. Die Gelehrsamkeit hat ein liebenswürdiges Kind, die Bescheidenheit ; diese fürchtet und schämt sich nicht, ihre Gestalt auch in der theologischen Welt zu zeigen. Die Zahl ihrer Freunde ist angewachsen, und so lang unsre bürgerliche Einrichtung besteht, haben sie keine Gefahr, mit einem Affen und einer Schlange in einen Sack zusammengenäht und in den nächsten Fluß geworfen zu werden. Strafe der Vatermörder in Rom. – D. »Wollte Jemand sagen: »ich rathe zur Gleichgiltigkeit,« so müßte ich dies erdulden, so gut ich kann. Ich bin aber doch nicht ohne Gegenmittel, wie er ist. Denn »Geduld wird mir helfen, und Vernunft kann ihn nicht heilen.« Diese Worte sind von einem frommen, klugen, gelehrten, liebreichen, freundlichen Bischof geborgt, den niemals Einer, der werth ist, genannt zu werden, tadelte, obgleich er von Solchen, welche den Tillotson einen Atheisten nennen, vermutlich verlästert wurde. Wenn diese zwei trefflichen Männer und Erasmus , Chillingworth , Johann Hales , Locke , Episkopius , Grotius und viel Andre, die ich nicht nennen will, zu einer Zeit gelebt und sich versammelt hätten, die Frage zu bestimmen: »Was macht einen Menschen zum Christen? Was für ein Glaubensbekenntniß soll für hinlänglich gehalten werden?« ohngeachtet der Verschiedenheit ihrer Meinungen über einige theologische Punkte würden sie mit einander übereingestimmt haben. Andre dagegen hätten uns bei solcher Gelegenheit mit einem weitläuftigen Register von Nothwendigkeiten bereichert, davon der Schluß gewesen wäre, daß, um ein guter Christ zu sein, man nothwendig ein sehr gelehrtes und ein sehr listiges und ein sehr kluges Ding sein müsse; denn einige dieser Nothwendigkeiten sind von einer so seinen Natur, daß der Verstand sie schwerlich begreifen oder das Gedächtniß behalten kann: »Dreimal hascht' ich darnach, dreimal entflohe das Bild mir Leicht wie der Wind, wie die Luft, dem schnell verfliegenden Schlaf gleich.« Ter frustra comprensa, manus effugit imago, Par levibus ventis, volucrique simillima somno. – H. [Virg. Aen., II. 793. 4. – D.] »Das bisher Gesagte soll weder unterweisen, noch rathen, wohl aber ein Vorurtheil mäßigen, das in dem Herzen eines Engländers und eines Geistlichen tief verborgen liegt, daß, wie seine eignen Thäler, Hügel. Flüsse und Städte an Schönheit und Bequemlichkeit alle Dinge in der Welt übertreffen, auch seine Religionseinrichtung von allem Schein eines Mangels, von jedem Schatten einer Unvollkommenheit frei sei. Das kann man nennen amare focus et lares u. s. w. »Sein Haus und seinen Herd lieben«. –- H. 13. Shaftesbury. Principium der Tugend. Ernst nahen wir dem Schriftsteller, dem man Schuld giebt, daß er Scherz und Witz oder gar Spott zum Prüfstein der Wahrheit gemacht habe. Anton Ashley Cooper , Graf von Shaftesbury , hatte das Glück, bei einer zarten Gemüths- und Leibesconstitution in seinem elften Jahre die griechische und römische Sprache als lebendige Sprachen zu lernen, mithin in ihnen mit dem Schriftsteller, den er las, lebendig mitzudenken; ein Vortheil von großem Werth. Ohne Zweifel gab diese Erziehung seiner Seele den Geschmack der Alten , der alle seine Schriften bis auf ihre süßen Fehler auszeichnet. Xenophon und Plato , Epiktet und Marc-Antonin , Horaz und Lucian waren seine wirklichen, nicht buchstäblichen Jugend- und Lebensfreunde , ihm lebende Männer, nach denen er Philosophie und Moral, Geschmack und Vortrag, überhaupt seine Art, die Dinge anzusehen und zu behandeln , formte. Dies zeigen seine Briefe an einen jungen Studirenden , in denen er aus Liebe für seine Alten sogar das englische Klerikat zu ihrer Schule machen wollte. Ernst war ihm also seine Philosophie, nicht Scherz, eine Bildnerin der Sitten, eine Führerin durchs Leben. Wo er sie nicht also fand, vermißte er schmerzhaft seine Freundin, die bessere Lehrerin älterer Zeiten. Da er nun früh die cultivirtesten Länder Europa's sah und in Italien mehrere Jahre hindurch seine reifere Bildung gewann, wo, was die Vorwelt Großes und Schönes in Kunstwerken hinterlassen, ihm einen mit ihren Schriften, mit ihrer Denkart harmonischen Eindruck geben mußte: so war und blieb er ein Schüler der Alten , seines Horaz und Cebes, seines Antonin's und Platon's, mit einem unauslöschlichen Widerwillen gegen die Barbarei späterer Zeiten. Was zuerst von ihm wider seinen Willen erschien (1700), war seine Untersuchung der Tugend , wie er sie im zwanzigsten Jahre entworfen hatte: ein Jugendversuch, der das Schöne einer sittlichen Gemüthsfassung nicht etwa declamatorisch anpries, sondern es der Tugend zum Grundgesetz machte. Wie? einem zwanzigjährigen Jünglinge, vom Geist der Alten genährt, wollt Ihr's verübeln, daß er das Schöne im Sinne der Alten (τὸ καλόν) zum Grundgesetz der Tugend , auch im Sinne der Alten, macht und diese eben ihrer unaussprechlichen Reize wegen liebt? Sieht ein Jüngling von Gefühl die Welt, auch die moralische Welt, anders als mit Gefühl, mit Augen der Liebe ? anziehend oder zurückstoßend, also unter dem Bilde des Häßlichen oder Schönen? Ist einem Jünglinge von Stande eine Beziehung eindrücklicher als Wohlanstand , innere und äußere Decenz , die Grazie des Lebens, Würde und Honnetetät des Charakters ? Und wisset Ihr, was das καλόν der Alten in sich begreift? Nicht den flachen Anschein der Dinge, mit welchem wir tändeln. Ihnen ist's der höchste Begriff der Harmonie , des Anstandes , der Würde , die auch höchste Pflicht ist, mit dem süßesten Reiz verbunden. Weder die Nutzbarkeit der Handlung schließt dieser Begriff aus (eine ganz unnütze Handlung ist nie schön), noch weniger Pflicht, schwere Pflicht; vielmehr ist diese Schönheit des Menschen und im Menschen nichts als reiner Charakter . Ohne Rückblick auf Lohn oder Bequemlichkeit fordert sie diesen als Menschencharakter , als Ziel und Genuß eines würdigen Menschenlebens . Ein honneter Mann thut nichts Häßliches, wenn es den Augen der Welt auch verborgen bliebe; er kann es nicht thun; denn es ist häßlich . Er müßte sich ja vor sich selbst schämen . Ein Edelgesinnter thut, was ihm sein Herz gebietet, sein selbst , d. i. der Gesinnung wegen, die im Gefühl der höchsten Convenienz ohn' alle Rück- und Seitenblicke sich ihrer Pflicht ganz und froh hingiebt. Nehmet der Tugend diesen Reiz, den Stachel der Liebe – wie eine hölzerne Braut steht Euer Sittengesetz da, weder geliebt, noch fähig, geliebt zu werden. Unternähme die Hölzerne gar, mit eisernem Arm Gehorsam zu fordern, so wird sie verlacht, gehaßt, verachtet. Was ist's, was die Seele regt, als Liebe? und was erweckt Liebe? Im Himmel und auf Erden nichts Anders als das χαλόν im Sinne der Griechen; das Vortreffliche , das uns als unsre Bestimmung innig anspricht und ruft und fordert; das pulcrum, honestum, decens, decorum ; unser Ein und All , die Summe des Schönen. Sie ruft mich , nur mich zum Werk, das kein Andrer statt meiner thun kann; denn es ist meiner Natur harmonisch. Die Gottheit selbst ruft mir, daß ich es thue; sie ist in mir und wird mich stärken. Wer den inwohnenden Reiz der ächten Honnetetät einer Menschenseele , einer dauernd schönen Gemüthsfassung , die sich auf Alles erstreckt, durch Alles verbreitet, wer diesen Rückklang der Weltharmonie im Herzen des Menschen gefühlt hat, er fühlte zugleich, daß es außer ihm kein Sittengesetz gebe. Denn nur durch Übereinstimmung der Theile wird eine Form , aus andringender Übereinstimmung dieser ansprechenden Form zu mir wird Gesetz . Kein Vernunftgesetz, kein Natur- und Kunstwerk ist ohne eine unsern Organen zusprechende Convenienz und Organisation seiner Theile zu uns auch nur denkbar. Wie könnte es also die lebendigste, feinste, schönste aller Organisationen, die Moralität im Gemüth des Menschen, wie könnte sie formlos sein oder formlos von ihm erkannt, geliebt, geübt werden? So verwahrloste die Natur uns nicht; die Tugend ist nicht nur schön, sondern einzig nur das Schöne , das mit uns Harmonische , das Schönste . »Aber das Gewissen ? Ist Shaftesbury nicht vom gelehrten Bischof Butler überwiesen , daß er den wesentlichsten Theil des Grundsatzes der griechischen Philosophen, der Natur zu folgen , übergangen habe, nämlich: die unumschränkte Gewalt der Aufmerksamkeit auf unsre Handlungen , d.i. des Gewissens?« Nicht Butler allein, zehn andre britische und deutsche Moralisten haben Shaftesbury der Unzulänglichkeit seines Moralprincips überwiesen , in dem Sinne nämlich, wie sie , nicht er die Worte Schönheit, Reiz und Tugend nahmen. Im ächten Verstande, welcher Grundsatz predigt nicht etwa nur, sondern constituirt eine zartere Gewissenhaftigkeit als, ins Leben gebracht, dieser Grundsatz? Kräftig existirt kein Gewissen in mir, bis ich das Schändliche des Lasters, sowie das Liebenswürdige der Pflicht und Tugend, diese in ihrem Reiz, jenes mit Abscheu fühle . Beim imperatorischen Geschwätz von sittlicher Vernunft ohne strenge Anwendung auf Euch kann Euer Gewissen schlafen, und schläft so lange, bis Ihr Gefühl für Recht und Unrecht, Haß gegen das Niederträchtige und gegen jede Niederträchtigkeit, dagegen zum Edlen und Guten Zug, Hang, Liebe fühlt. Ohne dies Gefühl demonstrirt Ihr: »Niemand solle lügen«, und Ihr lügt; »Niemand solle unsittlich sein«, und Ihr handelt niederträchtig. Ihr demonstrirt fort, und jeder Honnete verachtet Euch, weil er sieht, daß Euch das Gefühl des Edeln und Niederträchtigen sogar fehlt . Lebte dieses in Euch auf, und in jedem einzelnen Fall auf, so würde Euch Gewissen ( conscientia ). Es spricht dem Aufmerkenden zu Tag und Nacht, weckend, belehrend, warnend, strafend, da es eben conscientia , die Stimme seines Gesammtgefühls , seiner ganzen Existenz und Convenienz zum moralischen Weltall nicht anders als sein kann . Wer das moralische Gefühl als ein von aller Vernunft und Anerkennung Verschiedenes , als einen sechsten Sinn oder als einen mit uns erwachsenen Leichdorn betrachtet, der hat leicht zu widerlegen; denn er redet wie ein Kind im Traum, er mißversteht und mißdeutet. Mithin sind, so verschieden sie vorgetragen wurden, alle sogenannten ersten Grundsätze der Sittlichkeit eins und dasselbe. So wenig es mehrere Vernünfte im Menschengeschlecht geben kann, so wenig sind mehrere höchste Principien der Sittlichkeit auch nur denkbar. Plato und Aristoteles, Demokrit und Zeno , unter den Neuern Clarke und Wollaston, Smith, Ferguson, Leibniz und Spinoza sagen im Grunde ein und dasselbe; Jeder sagt es nach seiner Ansicht der Dinge und inneren Lebensweise, Dieser dunkler, Jener klarer, bestimmter, unbestimmter, enger, weiter. Wähle man sich eine Formel und bringe die Andern zu sich herüber; nur wende man auch die Formel an; denn das bloße Setzen der Henne thut's nicht. Kein Streit ist nutzloser, als der über das erste Principium der Moralität geführt wird. Gehe der Eine von außen hinein, der Andre von innen hinaus, Der vom Erkennen, Der vom Empfinden; nur sei das Empfinden nicht ohne Erkennen, das Erkennen nicht ohne Empfinden. Wer sein Principium deswegen für alleingiltig hält, weil er es setzt , den lasse man setzen und sein Ipse fecit komisch-eitel umtanzen. Ohne ehrliches Gefühl der Wahrheit und des Rechts, mithin auch ihres Lohns und ihrer Strafe, ist keine Moralität denkbar. Weder Gesetze noch der Katechismus können uns dies Gefühl geben, wohl aber in uns erwecken und es fördern. Die Anerkennung des Gesetzes als unsrer Natur , die Befolgung des Katechismus mit Lust und Liebe , sie macht freudige Jünger der Moral aus stolzen Dictatoren und fröhnenden Knechten. Das Menschengeschlecht moralisch zu erziehen, flößt ihm Liebe zu seiner Pflicht ein, als zu einer heilsamen, göttlichen, sich selbst belohnenden Naturordnung . Nicht Gesetzgeber, schafft Kinder der Natur aus ihren thierischen Sclaven! Je reiner die Liebe zu seiner Pflicht wird, desto mehr wird sie innerer Wohlanstand , Liebe zur Tugend als einer Braut, des höchsten Kampfpreises menschlicher Mühe und Bestrebung. Dieser Wohlanstand schafft Wohlstand , nicht aber wird er von diesem, zumal eigennützig, geschaffen und fabricirt . Der schönste Wohlanstand vergißt sich, giebt sich hin, lebt in Andern und für Andre mit siebenfach süßerer Freude. Warum blickt die messende Nemesis in den Busen? Vgl. Herder's Werke, VII. S.311 f. – D. Da ist ihr Maßstab, das Gefühl des Anstandes gegen sich, des Mitleidens und der Mitfreude mit Andern. Auch das Erlaubte sollen wir nie zu weit treiben, auch bei dem Löblichsten darf uns keine stolze Selbstgefälligkeit überschleichen. Selbst im Lobe, im Bewundern Andrer sollen wir Maß halten; unsre Uebermacht über sie sollen wir zügeln; Nemesis ist da! sie ist in uns. Führen diese Lehren, deren Anwendung die feinste Schule des Lebens ist, nicht auf das Anständige , das Würdigste , das χαλόν der Alten? Der Jüngling, dem diese Adrastea früh erscheint, um ihn für jedem Uebermuth zu bewahren, um ihm das Maß jeder Tugend im schönsten Wohlanstande anzueignen, der Gottgeliebte wird in Allem, was von seiner Wahl abhängt, zu seiner Bestrebung nur das ihm Angehörende , zugleich aber auch das Schwerste , das Allgemeinnützliche wählen. Jeder Liebhaber der Alten sollte sich dieses Systems, des ältesten, edelsten, wirksamsten, annehmen. ––––– Das Gewissen. Richter im Herzen, auf Vernunft gegründet, Dem nie ein Vortheil seine Lippen bindet, Den Gaukeleien mit geschmückten Lügen Nimmer betrügen. Schnelles Gewissen , daß wir Dich empfinden, Ist nicht Gewohnheit ; Sünden bleiben Sünden. Dich, wahres Urtheil, läßt auch im Verbrechen Gott in uns sprechen. Sichere Kenntniß muß Dich unterstützen, Wenn Du den Menschen willst zur Ruhe nützen; Die Eile schadet, Zweifel macht verwirret, Leidenschaft irret; Aber wem unverblendet Du einwohnest Und seine Thaten durch Dein Lob belohnest, Dem wird den Frieden selbst der Welt Empören Nimmermehr stören. Zernitz . 14. Shaftesbury. Geist und Frohsinn. Die erste Schrift, die Shaftesbury selbst herausgab, war ein Brief über den Enthusiasmus Letter concerning Enthusiasm, September 1707– H. in wohltätiger Absicht geschrieben. In den Cevennen Frankreichs hatten die fortwährenden Verfolgungen Ludwig's den süßen Wein zu Essig gemacht; über den Gräbern der Märtyrer standen himmlische Propheten, um gleiche Kronen sich zu erwerben. Angesteckt von diesem Geist, kamen Flüchtlinge nach England, richteten Unordnungen an; die rohe Macht wollte auch hier verfolgen. Da traten mit weiserm Rath billigere Männer auf und hielten zurück; Strafen der Schande , die Pillory , setzte man groben Ausschweifungen dieses hitzigen Fiebers entgegen, und seine Wuth ward gedämpft. Ein schöner Triumph der billigen Vernunft über Aberglauben sowol als über den Geist der Verfolgung; denn wenn man dem Uebel Uebel, der Schwärmerei nur eine härtere Schwärmerei entgegenzustellen weiß, wohin kommt man? Shaftesbury war Locke's Schüler, dessen großes Wort Duldung endlich das Jahrhundert lernte. Weil aber in gefährlichen Krisen eine gleichgiltige Allduldung nicht hinreicht, eindringende Uebel zu heben, und jene ernsthaften Krampfgesichter, ans Verfolgen gewöhnt, mit so linden Abführungen nicht zufrieden waren, so schlug auch ihnen Shaftesbury ein fünftes Mittel zum heilsamsten Zweck vor, ein Glas stärkend-kaltes Wasser und einige schmerzstillende Tropfen, d. i. heitre Vernunft und etwas von jenem muntern Frohsinn , der die angestrengten Gesichtsfalten sowol als die alten Hirnkrämpfe angenehm löst, wit and humour . Daß er bei dieser linden Arznei eine verständige Behandlung voraussetze, zeigt sein Brief über den Enthusiasmus; nur Rohheit des Verstandes oder Hartnäckigkeit der Krankheit konnte ihm so vernunftlose Grundsätze als: »Spott sei das Kriterium der Wahrheit; im Zustande des Lachens lasse sich das Ernsthafteste am Geschicktesten untersuchen« u. s. w. zur Last legen. Lese man darüber seine eigne Vertheidigung, den Versuch über die Freiheit des Witzes und Frohsinns , Sensus communis, Essai on the Freedom of Wit and Humour 1709. – H. mit klarem Auge, um sich von den Luftstreichen seiner Gegner zu überzeugen. Ueber Witz und Frohsinn sollte Niemand urtheilen, als der selbst Witz und Frohsinn hat. In einem fremden Lande, über eine unbekannte Sache, in einer unbekannten Sprache, wie will er richten ? Begeisterung (Enthusiasmus) für alles Große, Wahre, Schöne und Edle ist ein so treffliches Vermögen, eine so unentbehrliche Disposition der menschlichen Seelenkräfte, daß sie sich nicht etwa nur durch ihre Wirkungen, sondern ihrer Natur nach selbst rechtfertigt und vertheidigt. Unwillkürlich zieht die Begeisterung an und theilt sich mit und reißt fort mit unwiderstehlichen Reizen; Mitbegeisterung , Bewunderung, Liebe, Nacheiferung folgen ihr. Den kalten Spott stößt sie hinweg, die schärfsten Pfeile des Witzes fallen vor ihr nieder. Wer wußte dies besser als Shaftesbury ? Die Ader der reinsten Begeisterung für Wahrheit und Tugend schlägt in allen seinen Schriften; und giebt's einen schöneren Enthusiasten als seinen Theokles ? The Moralists, a Rhapsody, T. 2 in seinen Characteristics. – H. Der Thorheit , und nur der unverbesserlichen, feinen oder groben Thorheit gebührt Spott ; welcher Mensch von seinen Sinnen wird ihn, der immer an Verachtung grenzt, aufs Heilige, Ehrwürdige, auf das wirklich Große und Schöne anwenden? Gesundes Lachen ist ein körperlicher Zustand des Wohlbehagens; die mit ihm verbundne Disposition der Seele ist eine Mischung , ein Uebergang , in dem sich ohne Gefahr und Schaden Contraste, die man nicht zusammenzufinden glaubte, angenehm verbinden, angenehm lösen. Daß Scherz und Spott also nicht einerlei daß beim Gebrauch beider Beurtheilung nöthig sei, wo und in welchem Maß jedes seine Stelle finde, daß ein unzeitig angebrachter Scherz, ein ungesalzner Spott das Widrigste, das Abgeschmackteste sei, das im Umgange der Geister mit einander je stattfinde: dies Alles sind so gemeine Erfahrungen, daß über sie eine stumpfe Belehrung lieber schweigt. Daß aber auch jede Ueberanstrengung nur gehoben werden kann, wenn man die Saite nachläßt, daß man Ideenverbindungen , die in Krämpfe des Gehirns übergegangen, nur durch ein Spiel andrer benachbarten Fibern sanft löst, daß man dem eingeschlossenen Kranken frische Luft, dem über einen Gegenstand Hinbrütenden andre Gegenstände, dem Blinden nach und nach Licht, dem Betrübten Töne und Situationen des Frohsinns zu ihrer Heilung oder Aufheitrung gebe, dies wollen Aerzte nicht nur, sondern der gesunde Verstand selbst, in Krankheiten dieser Art der beste Arzt der Seele. Mit Recht nannte Shaftesbury seinen Versuch über die Freiheit des Witzes und Frohsinns Sensus communis . Wie dem Erasmus, so ist manchem Andern sein gefährliches Geschwür zu rechter Stunde durch ein wohlthätiges Lachen aufgegangen; dies Lachen machte eine ernst-schmerzhaftere Operation unnöthig. Da Lachen und Scherz, Witz und Humor Uebergänge sind und mehr nicht als solche sein wollen, wer wollte diese frohen Internuncien zwischen Wahrheit und Albernheit oder Thorheit verrufen oder lästern? Wer wollte sie aber auch zu letzten, höchsten Endurtheilern erwählen? Daß Mißverständnisse dieser Art nur möglich sind, zeigt, wie selten die Gabe des feinen Scherzes sei, Ein Theil der Mißverständnisse hatte wol in dem von Shaftesbury gebrauchten Wort test, »das Lächerliche sei ein test des Wahren«, seinen Ursprung. Man weiß, welche sonderbare Gewährleistung (test) die englische Kirche gegen das Papstthum einführte, nämlich den Genuß des Abendmahls in ihrer Weise. Hoadly erklärte sich offen darüber, daß er diesen Empfang des Sacraments als politischen test für einen Mißbrauch dieser Stiftung halte. Scherzend schlug Shaftesbury den ernsten Männern einen andern test vor, das Lachen, den Frohsinn. – H. wie häßliche Krämpfe es gebe, die immer in Furcht stehn, aus ihrer steifen Fassung wider Willen herausgescherzt zu werden. Die Sokratische Ironie, das attische Salz, Horazischer Scherz, Cervantes ' ehrbare Lustigkeit, von der er am Ende des Lebens als von seiner liebsten Freundin schied: diese Genien, Sylphen und Sylphiden sind nicht gemeine Gäste. Wen sie besuchen, wem sie gefällig folgen, er wird sie nicht verschwärzen, sondern mit ihnen Andre erfreuen und seinen Umgang durch sie beleben. Denn wie sollen wir mit einander umgehn? Unverständig, geistlos, schwerfällig, sclavisch? oder verständig, frohsinnig, geistig, artig? Nicht blos durch Lehre, zur Verjagung jenes schwerfälligen, bösen Humors wollte Shaftesbury thätig beitragen; seine Schriften sind voll Witzes und guter Laune. Locke schon liebte den Spruch Rochefoucault's : »Die Gravität ist ein Geheimniß des Körpers, die Mängel der Seele zu decken!« Thätig angehn gegen diese sich deckende Gravität konnte Locke nicht, wie es in seinem Stande, in seiner Unabhängigkeit Shaftesbury konnte. Wäre auch etwas Lordschaft hie und da in seinen Scherzen, die beleidigte, insonderheit geistliche Gravität hat jedes kleine Uebermaß in ihnen gnugsam gerügt. Welche Rügen indeß ihrem Verfasser nichts anhaben konnten; denn die letzten Jahre seines Lebens lebte der Lord in Neapel, wo er auch, für die Musen zu früh, gestorben. Mit der Freiheit des Verstandes und Witzes gab Shaftesbury seine Moralisten heraus, The Moralists, a Rhapsody. 1708– H. eine Composition, des griechischen Alterthums beinahe werth, ihrem Inhalt nach demselben fast überlegen. Jedem Jünglinge von Fassungskraft des Schönen und Edeln werde sie eine Form der Seele, da sie vielleicht die schönste Metaphysik ist, die je gedacht wurde. Ohne sie hätte Pope, auch bei Bolingbroke's Papieren, die besten Verse seines Essay on Man schwerlich geschrieben; auch Thomson's Muse hatte den edel begeisterten Theokles zu ihrem Führer. In Frankreich weckten Baco und Shaftesbury den sinnvollen Diderot , daß er, unbekümmert um Andre, seine Bahn ging. Und in Deutschland? Shaftesbury selbst schickte Leibniz seine gesammelten Werke, die Diesen sehr vergnügten, Mylord Shaftesbury a publié des ouvrages sur la Philosphie et la Morale, où il y a bien des choses, qui me contenent extrêmement. Il y a aussi des Avis aux auteurs du tems. Il ma envoyé ouvrages etc. Leibnitz, Lettre à Grimarest, Vol. III Collekt Kortholt., p. 330 – H. über die er sehr beifällig urtheilte, ja sogar – sein eignes System in ihnen fand, jedoch frei von Einkleidungen und Modewörtern, denen Leibniz , um Eingang zu finden, sich hie und da bequemte. In allen freien und hellen menschlichen Seelen ist die Wahrheit, die den Menschen gegeben ist, nur eine . Weiterhin gab Shaftesbury sein Selbstgespräch oder guter Rath an einen Autor , Soliloquy or Advise to an Author. – H. endlich die Miscellaneen Miscellaneous Reflections. – H. heraus, die, großentheils ein Commentar seiner eignen Arbeiten, Werke voll wahrer Horazischer Kritik sind, bedeutender als Gravina's, Boileau's, Pope's u. A. berühmte Regelngebäude. Diese sind nämlich Spiegel der Seele , ernste Prüfungen des Verstandes und Geschmacks , ja der Grundsätze des Lebens selbst, mit seinen Vorschriften für Wissenschaft und Kunst begleitet, dazu in der Methode des Frohsinns verfaßt, die unsers Autors eigne, ernste Gedankenform, seine Muse und Grazie war. Wie spät durften diese Schriften Deutschland bekannt werden! Nach mehr als einem mißrathnen Versuch übertrug die ersten, gegen die so manches Ungeistige geschrieben war, ein ehrwürdiger Geistlicher selbst in unsre Sprache; Spalding, »Die Sittenlehrer«; 1745; »Untersuchung über die Tugend«. 1747. – H. die andern mußten noch dreißig Jahre hin warten. Wieland's Commentar über des Horaz von ihm übersetzte Briefe und Satiren, in Shaftesbury's Geist gedacht und geschrieben, wird nebst andern dem Briten und Römer congenialischen Schriften dieses philosophischen Dichters an seinem Ort genannt werden. – H. Und wie Wenige, zumal Standespersonen in Deutschland, haben diese Standesperson, der die Philosophie Kunst des Umganges und Lebens war, gelesen! Und doch sind verstandreicher Witz und Frohsinn, wie Shaftesbury sie will, Shaftesbury's philosophische Werke, aus dem Englischen (von Hölty und Benzler). 1776–1779. – H. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 141. – D.] nicht nur das Salz des gesellschaftlichen Umgangs und Bücherlesens, sondern Würze und Blüthe des Lebens selbst, der Bildung jedes edleren Jünglinges unentbehrlich. Hier folgte als Beilage »Horaz' dritter Brief (in Wirklichkeit ist es der zweite des ersten Buchs) an einen jungen edlen Römer« (Herder's Werke, VIII. S. 63–65). – D. 15. Glänzendes Quindecennium der Königin Anna. Ob die Regierung dieser Königin gleich nicht völlige funfzehn Jahre währte, wollen wir sie doch so nennen; denn sie hat lichter als manches Halbjahrhundert geglänzt. Zwei Königinnen Englands hatten das Glück, daß unter ihnen eine Anzahl berühmter Männer erschien, Elisabeth und Anna . Unter Jener traten Franz Bacon, Spenser, Shakespeare, Ben Jonson, Philipp Sidney, Walter Raleigh und viel Andre, Entdecker, Unternehmer, Staatsmänner, Land- und Seehelden, hervor; es war das Zeitalter des britischen Genius . Der Königin Anna Regierung ward von mehr als einem Siebengestirn verstandreicher, geschmack- und geistvoller, witziger Schriftsteller und Geschäftsmänner, dabei mit auszeichnendem Kriegsruhm erleuchtet. Woher dies Glück der weiblichen Regierung? Wol daher, daß Beide die Vortrefflichen, die ihnen die Vorzeit bereitet hatte, zu finden, vielleicht auch Nacheiferung zwischen Ihnen zu erwecken wußten. Sie schufen nicht, aber sie wandten an und gebrauchten. Woher aber, daß so viel Brauchbares auch in den obern Ständen da war? woher, daß sich so viel Vorzügliches an einander reiben konnte? Der Grund hievon liegt in der Verfassung und Geschichte Englands selbst. ––––– 1. In England gab's keine Wolfsjagd, seitdem in weit früheren Zeiten die Wölfe, geschweige die wilden Säue, ausgerottet waren; dahin konnte also der hohe Adel sein Studium nicht richten. Er ging auf eine höhere und edlere Jagd. ––––– 2. Stehende Heere litt England nicht; die Uniform war also nicht die einzige und höchste Zierde britischer Männer, ob es dem Reiche gleich weder zur See noch zu Lande an Helden fehlte. Waffen und Musen schieden also so wenig hier als in Frankreich und Spanien aus einander. Denn gab es romantischere Ritter, als Herbert Cherbury, Philipp Sidney, Walter Raleigh u. s. w. waren? Und ihrer Keiner schämte sich der Wissenschaften und eines gebildeten Verstandes. Der Kriegsmann, den Marlborough , weil er sich stets ins dickste Feuer wagte, den Salamander hieß, war ein Dichter. ––––– 3. Darin gingen ihnen zur Zeit und zur Unzeit ihre Könige und Königinnen mit Beispielen vor; eine Reihe derselben schrieben, dichteten, übersetzten. Welch Land kann sich eines Catalogue of noble Authors an Männern und Weibern rühmen, wie Horaz Walpole ihn von den edelsten Geschlechtern der drei britischen Reiche gegeben? Works of Horatio Walpole, Earl of Oxford, Vol. I. Ein Auszug aus ihnen ist von A. W. Schlegel übersetzt: »Historisch-literarische und unterhaltende Schriften von Walpole«. Leipzig 1800. – H. Frankreich allein. ––––– 4. Die Verfassung Englands war in mehr als einem Felde zu Erweckung der Talente wie eingerichtet. Domcapitel, deren Mitglieder sich durch Müssiggang u. s. w. zu Fürstenhüten würdig machten, weil sie dazu schon durch ihre Geburt und Ahnen von Ewigkeit her versehen waren, gab's in ihr nicht. Dagegen gab's in England ein Ober- und Unterhaus , das die Nation nicht vor-, sondern darstellte . Hier mußte man sprechen können, wenn man sich hervorthun wollte, und worüber sprechen? Ueber Handels-, Kriegs-, Friedens-, Staats-, Wirthschaftsgeschäfte, über die reellsten Dinge des Lebens , die alle zuletzt auf Einnahme und Ausgabe, aufs Steigen und Sinken der Nation, auf Plus und Minus hinausgehn. Hiezu gehörten vielartige und genaue Kenntnisse, also Unterricht, schnelle und deutliche Gedankenfassung, Bildung der Rede, Vortrag. ––––– 5. Im Unterhause stand der Edle mit dem Gemeinen auf einem Boden, gleiche Bürger des Vaterlandes. Von einer angebornen Abhängigkeit, die kein eignes Dasein, geschweige ein freies Urtheil in Gegenwart des Edlen erlaubt, von einem wesentlichen Unterschiede zweier aus zweierlei Erde geformten, mit zweierlei Blut durchgossenen Kasten war seit der Magna charta , noch mehr aber seit der Restitution Englands unter Wilhelm von Oranien kein Gedanke. ––––– 6. Wer dem Vaterlande diente, war ihm verpflichtet ; die Obern standen der Gemeine zu Rechenschaft und Rechnung; diese übten ihr Recht strenge, sogar ungerecht aus, wie mehrere Verhandlungen unter Wilhelm und gegen ihn selbst zeigen. Aemter und Ehren, oft Heirathen und Geschlechter, und was zu einerlei Zwecken beiden unentbehrlich war, Wissenschaften , verbanden beide Häuser, beide Stände. Aus beiden blieb den Regenten oder Regentinnen die Wahl ihrer Geschäftmänner; was Wunder, daß mit, neben und unter einander beide Stände wetteiferten oder einer den andern zu seinem Werkzeug machte? Unter der Königin Anna konnte nicht etwa nur ein Addison , ein Kanzler King u. s. w., wie unter Wilhelm ein Sommers aufblühn; die alten Familien in ihrem erworbnen, auch wissenschaftlichen Ruhm trieben junge Sprossen und Zweige. Lese man Swift's, Pope's Briefe, durchlaufe man die berühmten Wochen- und Staatsblätter damaliger Zeit, man staunt über das Getreibe zweier Parteien, die Verstand, Witz, Redekunst, Stil an einander schärften. ––––– 7. Da seit einem Jahrhunderte England, Frankreich und Holland freundlich und feindlich in einer Art Gemenge gewesen waren, so machten sie in Sachen des Geistes bei allem Nationalunterschiede gleichsam nur einen Staat aus, in welchem die überwiegende Insel das Continent nach ihrem Gefallen nutzte. Schon Cowley, Waller , dann Prior, Addison, Swift u. s. w. hatten sich durch das Lesen französischer Schriftsteller, deren glänzende Zeit damals im größten Ruhm stand, oder gar durch Reisen ins nachbarliche Frankreich selbst gebildet. S. ihre Werke und Lebensbeschreibungen; in Sheridan's »Leben Swift's« die Werke, die Dieser gelesen. – H. ––––– 8. Die Bischofthümer und Pfründen durften nicht blos gebornen Adligen ohne Verdienst, sondern konnten auch unadeligen Edeln von Verdienst zu Theil werden; von Tillotson an war eine Reihe der Erzbischöfe von Canterbury ehrbarer Meier oder Handwerker Söhne. Je mehr die Ehre der Wissenschaften aufblühte, desto mehr sahe man es für Ehre der Nation an, wenigstens einige Bischofssitze mit ausgezeichneten Männern von Wissenschaft oder von Talenten besetzt zu sehen; von geringern Pfründen rückten diese weiter. Nur ihren wirklichen oder gemeinten Vorzügen in Gelehrsamkeit, Gaben und Tugenden hatten Tennyson, Wake, Potter, Herring, Butler, Conybrare, Pearce, Warburton, Lowth u. Andre ihre Erhöhung zu danken. Manche mühsam-fruchtlose Untersuchung englischer Geistlichen und Gelehrten wäre nicht da, wenn es in England nicht auch müssig-ruhige Stellen gäbe, in denen man zu dergleichen Untersuchungen Zeit gewann und durch sie höher hinaufzukommen rechnen konnte. Die Wendeltreppe der englischen Kirche führt dahin, wohin anderswo armselig zerstreute Hirtenhäuser nicht gelangen mögen. ––––– 9. Sobald ein gelehrtes Werk Kosten erforderte und es nur England! England! betraf, wo fand es mehrere Unterstützung als in diesem begüterten Lande, in dem damals kein Stand sich der Gelehrsamkeit schämte, in dem jedweder Stand sich der Ehre der Nation annahm? ––––– 10. Die Einrichtung der Universitäten, so viel auch gegen dieselbe zu sagen sein möchte, trug hiezu bei. Als Stände des Reichs, als geschützte und geachtete Corporationen, mit einträglichen Stellen begabt, blieben sie immer alte Paläste der Wissenschaft , in welchen der Fleißige sich, wenn das Glück fügte, ebenso bequem als verdienstlich anbauen konnte. Jeder Brite, der in ihnen seine Jugendzeit lebte, nimmt an ihren Freiheitsbriefen, an ihrem Ruhm, mithin auch an der Ehre der Wissenschaften Antheil. ––––– 11. Fügt man zu Allediesem die Nationaleigenschaft der Engländer hinzu, die man nicht anders als eine insularische Beschränktheit nennen kann, da sie von der Verfassung ihrer Insel erbeigenthümlich herrührt, die Festigkeit nämlich, sich einem Gedanken, einem Zweck und Geschäft, abgeschränkt von Allem, hingeben und es verfolgen zu mögen: so hat man den Grund vieler Vorzüge sowol als Tollheiten, den man in lebendigen Charakteren einzeln entziffern mag. Ist die feste Idee , worauf es ein Englishman setzt, verständig, weise, gut, wie weit kann er's bringen! Er weiht ihr seine Zeit, sein Vermögen, sein Leben; nur ihr geht er nach, indeß andre Völker des Continents sich in mancherlei Ideen und Geschäfte zertheilen müssen oder willig zertheilen. Ist sie toll, die Idee, nun, so ist's ein Engländer mehr, der deraisonnirt hat; man ist daran gewohnt und fragt nicht weiter. ––––– 12. Wie in diesem Lande Hand- und Kunstwerke bis auf die Feder einer Uhr fabrikmäßig vertheilt sind, so auch die Gedanken in den Fabriken der Köpfe. Keine Nation ehrt das Privilegium ihrer Erfindung und Werkübung wie die britische, sobald das Nationalsiegel sie bestärkt hat. Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges mag sie, nicht etwa nur von ihrem Shakespeare , ihrem John Milton und Sir Isaac , sondern von jedem gewonnenen, zumal selbsterfundnen Fabrikat scheiden. ––––– 13. Nothwendig gehört eine Zeit der Blüthe dazu, daß solche Fabrikate in der britischen Nation aufkommen, und Zeiten der Inferiorität andrer Nationen dazu, daß sie bei diesen Curs finden. Die Zeiten Elisabeth's und der Königin Anna waren dergleichen berühmte Zeiten. Was unter Jener und ihrem Nachfolger der Genius hervorgebracht hatte, besteht noch, Z. B. Shakespeare's ewige Dramen, Bacon's ewige Versuche u. s. w. Was unter ihr blos mittelmäßig, doch aber zeitmäßig war, ist zwar an sich erloschen, wird aber vom Strom der Zeit in Gesellschaft des ersten mit fort- und hinübergetragen. So unter der Königin Anna. Den Genius Swift ausgenommen, dessen genialische Kraft nicht eben auf Dichterei ausging, waren die übrigen, obgleich sehr talentvolle Männer, allesammt vielleicht nur Belletristen , solch einen großen Namen sie sich auch unter einer siegreichen Königin fast in jedem Auslande, dessen Zustand damals dem englischen untergeordnet war, erworben haben. Den falschen Glanz ihrer Werke kann ihnen die Wahrheitlehrerin Zeit nur nach und nach rauben. ––––– 14. Sehr gut ist's, in einer Nation und Zeit zu erscheinen, in der man einen Chaucer und Spenser, Shakespeare und Ben Jonson, Cowley und Milton, Otway, Rowe, Dryden im Rücken hat, in der von Beda und Alfred an Werke und Sammlungen wie Bacon's, Morus', Selden's, Usher's, Clarendon's, Boyle's u. s. w. da sind: man hat früh, worauf man sich stützen kann, und darf, des Geschmacks der Nation gewiß, weiter wandeln. Die Festigkeit, daß eine Nation sich selbst nicht verläßt, auf sich baut und fortbaut, giebt allen Bestrebungen ihrer Eingebornen sichere Richtung. Dagegen andre Völker, die, weil sie sich selbst noch nicht fanden, in fremden Nationen ihr Heil suchen müssen, ihnen dienend, in ihren Gedanken denkend: selbst die Zeiten ihres Ruhms, ihre erprobten eignen Tätigkeiten vergessen sie, immer gern mögend , nicht vermögend , immer an der Schwelle weilend. Unter glänzenden Regierungen, in ausgezeichnet glücklichen Zeitläufen schimmert auch das mittelmäßige Verdienst in die Ferne. ––––– Lasset uns indessen die Münze auch umkehren; die Regierung der Königin Anna war eine schwache Regierung, ihr Hof ein weiblicher Hof. ––––– 1. So lange ihr Gemahl lebte, der, obgleich nicht König, zu ihren Nachschlagen auch ein Wort sprach, hielten sich die beiden Parteien, Whigs und Torys (vieldeutig mißgebrauchte Namen!), fast das Gleichgewicht; nach seinem Tode ward eine Zeit öffentlicher Fronde in Meinungen,, die man auf Alles auszubreiten wußte. Kirche, Staat, Länderbesitz, Handel, Krieg, Friede, selbst die Regierungsfolge, der Prätendent oder das Haus Hannover – Alles ward unter einen der beiden Namen, Whigs und Torys , gezogen und ebenso hitzig oder eigennützig als verworren, also parteiisch behandelt. Mit Verwunderung, ja fast mit Verachtung sieht man den brausenden Kessel politischer Meinungen damaliger Zeit, in welchem man Alles in einander zu rühren wußte. Die glänzendsten Talente dienten den Leidenschaften, und wer in diesem Gewirr vielleicht am Wenigsten klar sah, war die Regentin. ––––– 2. Eine Art Aristokratie schlich sich hiebei unvermeidlich ein, da jede streitende Partei ihre Häupter haben mußte. In den ersten Familien erbten sich Grundsätze wie Besitztümer fort, die nur Eigennutz, Rangsucht oder eine neue Parteilichkeit ändern konnte. Als die Torys galten, litten die Freidenker , weil man sie zu den Whigs zählte; die Presbyterianer litten von beiden. Was auch im Reich des Witzes und der Literatur der hohe Adel vermöge, sieht man an dem übermäßigen Lobe, das den Lordsproductionen , den Versen Halifax's, Dorset's u.a., sowie den früheren des Buckingham, Roscommon, Rochester gegeben ward und gegeben wird, noch mehr aber an den groben Angriffen, die ein Bentley selbst erdulden mußte. Weil dem Ritter William Temple die erdichteten Briefe des Phalaris so wol gefallen hatten, daß er sie nebst dem Aesop beinah Allem im Alterthum vorzog, und ein junger Mensch von Stande, Charles Boyle , sie als ächte herausgab, so sollten und mußten sie ächt sein. Bentley , der ihr jüngeres Alter unwidersprechlich darthat, ward aristokratisch grob behandelt. Dergleichen Parteiungen in Sachen, wo nur die ruhige Wahrheit entscheiden kann, würde man in Frankreich Arroganz genannt haben; in England erwies man sie auch Leibniz, und welchem Ausländer hätte man sie nicht erwiesen? In Swift's Schriften ist die Stupidität der Deutschen ausgemacht; es war sein letzter Freudenspott, daß er einen Deutschen, Händel nämlich, von seiner Nation ein Genie nennen hörte. Seit der Königin Anna Zeiten hat sich England in diesem edeln Stolz erhalten; die Germans sowie von Wilhelm an die Dutch (Holländer) wurden insularisch großmüthig verachtet. Wogegen sich denn die Deutschen gutwillig verachten ließen und am Ende dahin kamen, daß sie nächst Gott dem Herrn kein großmüthig-reicheres Wesen als einen englischen Lord , kein zarteres Geschöpf als eine Lady und keinen Engel als in einer englischen Miß erkannten. ––––– 3. Der Kriegsruhm, den England bei dem zerrütteten Zustande Frankreichs in den letzten Jahren Ludwig's erbeutete, flößte ihm den Wahn ein, daß es auch zu Lande sieghafte Heere unterhalten, überhaupt aber der Schiedsrichter Europa's sein könne, wie man die Königin Anna hochlaut nannte. Ein Wahn, der England nicht nur Summen kostete, sondern auch Anmaßungen Raum gab, die es gleichsam von seiner Stelle zogen und einen andern Wahn erzeugten, die geborne Herrscherin der Meere zu sein, durch welche es dem festen Lande geböte. Schon Heinrich VIII. sagte: » Cui adhaereo, praeest «; »Wem ich beistehe, der gewinnt«. – H. das Sprichwort » Imperator maris terrae dominus « »Wer das Meer beherrscht, ist Herr des festen Landes«. - H. ward gangbar. Da nun in den letzten Jahren Ludwig's die französische Seemacht fast dahin, die spanische schwach, die holländische mit der englischen durch ein Interesse vereinigt war: so stellte ein Luftbild den Genius der englischen Nation auf den neugewonnenen Felsen Gibraltar, zeigte ihm Meere und Länder und sprach: »Dies Alles will ich Dir geben. Ja, Du hast's. Betrage Dich allenthalben, als ob Du es hättest.« Indeß waren auf dem festen Lande Keime zu Regierungen gepflanzt, deren künftige Größe in ihren Folgen man damals noch nicht übersah; England konnte lange dem Wahnbilde nachstreben und sich auf dieser Bahn sehr bereichern. Unglücklich wäre es fürs feste Land, wenn eine Kaufmannsinsel, fast außerhalb Europa, oder wenigstens an der westlichen Ecke desselben, dem ganzen Continent gebieten, zu ihrem Vortheile Europa's Krieger dingen und ihrem Gewinn aufopfern könnte! Die schimpflichste Knechtschaft, vermöge welcher die Völker des festen Landes eine Waare für England, zum Schlachtfeld erkaufte Heerden für jener Insulaner gewinnsüchtige Weltherrschaft würden! » Ultimos toto divisos ab orbe Britannos, Britannos hospitibus feros « nennt sie schon Horaz; Horaz nennt sie ultimos orbis(Carm., I. 35. 29, 30) und hospitibus feros (Carm., III. 4.33), Virgil (Buc.,I. 67) penitus toto divisos orbe. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 583 – D. wie könnten Manufacturisten oder Waarenhändler und Wechsler in Verhältnissen der Glückseligkeit, der Ruhe, des innern und äußern Vortheils der Länder je unparteiische Schiedsrichter Europa's werden? Und warum dürften sie es werden, wenn ihnen keine erkaufte Landmacht dient? Als sich der Königin Anna Augen schlossen, wurden die Grundsätze ihrer letzten Regierungsjahre über Verdienst getadelt. Man durchsuchte ihre Papiere, ob man etwas darin zu Gunst des Prätendenten fände; Bolingbroke und Atterbury wurden verbannt. Oxford mußte in den Tower wandern. Der gepriesenen Königin ging es, wie es Wilhelm von Oranien, dem Befreier Englands, gegangen war. Als er an den Folgen eines Sturzes vom Pferde starb, dankte man dem Maulwurf, der das Pferd stolpern gemacht hatte; von der Königin hieß es: »sie sei zu rechter Zeit gestorben«. Hier folgte in der Adrastea: »Wo lebt sich's glücklich? Horaz' 11. Brief, Buch 1« (Herder's Werke, VIII. S. 67 f.). – D. 16. Er und Sie. ––––– Marlborough und Lady Sarah. Hand in Hand muß dies vornehme Paar zur Ewigkeit eingehn; denn sie heben einander. Er und sie , in der Jugend beinah die Schönsten des Königreichs, er (so jauchzte England und Deutschland) der größte Held, der Retter Europa's; sie Günstling der Königin, die Senderin ihres Gemahls, sein Schutz, seine Unterstützung. Er die Höflichkeit und Leutseligkeit selbst; sie gebietend, wegwerfend, die oft kaum die Königin anzusehen werth hielt. Er und sie geizig und stolz, Jeder auf seine Weise. Er , seit er vom Felde zurückkam, unbedeutend; sie nimmer ruhig, auf alle Welt scheltend und schmähend, ihren Töchtern, Enkeln und Schwiegersöhnen Verdruß und Plage. S. Horaz Walpole's Historisch-literarische Schriften, S.74,85,97,265. Noch heller schildern sie: The Opinions of Sarah, Dutchess of Marlborough, published from Original Ms. 1788; Apology for the conduct of the dowager Dutchess of Marlborough from her first coming to court to the year 1710 in a letter from herself. Lond. 1742. – H. Dem Gemahl ließ sie vor jenem von der Königin ihm gebauten Schloß Blenheim (der Name eines Dorfs an der Donau wurde nach England hinübergetragen) einen Obelisk aufrichten, auf welchem sie ihn »den größten Helden nicht nur seiner Nation, sondern auch seiner Zeit, das unbewegliche, importante Centrum nannte, welches die vornehmsten Mächte Europa's zu einer gemeinschaftlichen Sache vereinigt und einen Einfluß erlangt habe, welchen kein Stand, kein Ansehen, keine Gewalt, nur erhabne Tugend geben könne« u. s. w. In eben dem Ton spricht der britische Lebensbeschreiber von Marlborough als von dem Helden Europa's, »der Britannien durch seine Bemühungen dazu erhoben, daß es die vornehmste Nation sein sollte, so wie er zu der Zeit, in welcher er lebte, mit Recht für den größten der Menschen gehalten wurde.« Britische Biographie, I. 235. – H. So sangen englische Balladen; A Pill to purge State Melancholy or a Collection of excellent new Ballads. Lond. 1715. Eine Sammlung Volkslieder gegen die Torys, den Utrechter Frieden, die Südseegesellschaft u. s. w., die glücklichen Tage der Lady Sarah und des großen Marlborough's preisend. Von vielen ist d'Ursey der Verfasser. – H. auch die deutschen Musen kreischten sich heiser. Er und sie indeß, er der Größte, sie die Klügste der Menschen, wußten ihre Zeit und ihren Ruhm zu nutzen ; sie häuften Schätze, zum Theil auf niedrigen Wegen. Er durch Geschenke, die er nach eignen Eingeständnissen vorm Parlament (außer jenem berühmten kaiserlichen Degen) von den Lieferanten bei der Armee, selbst den Brodlieferanten erhoben hatte, nebst 2½ Procenten, die er dem ganzen Heer an seiner Löhnung abzog; sie durch die Intriguen, die sie zur Verlängerung des Krieges spielte. Doch gnug von diesem vornehmen Paar der vornehmsten Nation Europa's, den Größten der gesammten Menschheit! Fade ist das Lob, das auch Würdigen unwürdig gegeben wird; ertheilt man es auf Kosten andrer, ja aller Nationen in einer zweideutig-faulen Sache, eigennützig, herrschsüchtig, ehrgeizig, so wird es ekel. Lebten zu Marlborough's Zeit nicht auch außerhalb England Feldherrn? Lebte kein Eugen , der seinen Ruhm länger und gefährlicher erprobt hat als jener Brite, dem Alles zu Gebot war, und gegen den schlechte Feldherrn standen? Als Vendôme ihm gegenüber war, blieb es ein müssiger Feldzug. »Nichts zu viel!« sagt Nemesis . Ueber Eugen's Reiseperrücke, in der er der Königin aufzuwarten Bedenken trug, spottete Swift ; und wie reichgebildeter war Eugen's Seele vor dem Gemahl der Lady Sarah! Wenn wir das Wort groß aussprechen, so nennen wir sogleich das Werk oder Verhältnis , worin Jemand groß ist, um seine Größe auch schätzen zu können. Ein großer Tänzer, Geiger und Flötenspieler, jeder in seiner Kunst groß, ist schwerlich doch einem großen Feldherrn oder Staatsmann gleichzuschätzen, der eine Nation rettet und ordnet. Wiederum nennt man an einem Künstler oder Feldherrn das, worin und wodurch er in seiner Kunst groß ist. Man zerlegt sein Werk, man charakterisirt seine Seelenkräfte. Jener Maler z. B. ist in der Farbengebung groß, seine Zeichnung kann schlecht sein; dieser Dichter in der Versification, seine Gedanken sind schwach, seine Bilder unkräftig. Ein Feldherr von kaltem Verstande, von reifer Ueberlegung, nicht ohne Kriegskunst, wohl berathen, in Kundschaften schlau und emsig, in Angriffen bedächtig, wird, wenn er auf Gegner trifft, wie er sie sich selbst kaum wünschen möchte, ein sehr glücklicher Feldherr sein; er wird Geld gewinnen und Ruhm, auch der Sache, für die er ficht, sehr aufhelfen: ist er aber deshalb der größte der Menschen ? Das blutige Schauspiel ist gespielt, der Vorhang fällt; ab legt der Held seine Rüstung, der Schauspieler seine Kleider, und Beide sind in ihrem Hausrock oft die gewöhnlichsten Menschen. So blieb es Marlborough nach geschlossenem Frieden bis an sein prächtiges Begräbniß; sollte aber, damit der große Schauspieler immer groß bliebe, das blutig-kostbare Spiel nie enden? Wenn über einen Artikel menschlicher Größe das Urtheil des Jahrhunderts sich scharf gewetzt hat, so ist's über die Größe der Kriegshelden . Ludwig XIV. selbst hat den Wetzstein hergereicht und dadurch dem vagen Kriegsruhm sehr geschadet. Sowol treffliche als in den letzten Jahren übelgewählte Feldherrn traten unter ihm auf; sie wurden von Ihresgleichen oder von ihren Bessern scharf gemustert, einsehend getadelt; denn die besten der französischen Feldherrn schrieben . Diese Musterung ging mit dem Jahrhundert hinab; die Mémoires blieben in aller Sachverständigen Händen. Außer England ward es also nicht leicht, der größte der Feldherrn zu sein, geschweige der größte der Menschen. » Tachez ,« schrieb Eugen an den Grafen Merci 1734, vor der Schlacht bei Parma (man fand den Brief in der Tasche des Generals, der im Treffen Sieg und Leben verloren hatte), » tachez de battre le général Français, car pour les soldats de cette Nation n'espérez pas de les vaincre .« Ueberdem pflegt man bei einem großen Mann auch die Hindernisse in Anschlag zu bringen, die er zu bezwingen, die Gefahren, die er zu bestehen hatte. Wem der Weg zur Ehre so offen ist, daß als Page und als Colonel Königinnen sich in ihn verlieben, wer durch Frau und Töchter, durch Schwiegersöhne, Schatzmeister, Minister, Partei und Balladensänger Alles gilt, wer die Ruhezeit des Feldzuges dazu anwendet, an Deutschlands Höfen umherzureisen und einem neuen Könige von Preußen die Serviette zu reichen, der kann ein liebenswürdiger, kluger Hofmann sein, ist er deshalb aber der erste der Menschen? Das »unbeweglich-importante Centrum der Mächte Europa's« war Marlborough so wenig, als wenig er seine Nation auch nur im Kriegsruhm zur vornehmsten in Europa gemacht hat. Oder sie müßte sich bei dieser Erhebung so angegriffen haben, daß seitdem das Jahrhundert hinab auf dem festen Lande sich kein britischer Feldherr als der größte der Menschen erwiesen. Zu Ende des Jahrhunderts war Marlborough's Feldzug eine französische Romanze worden, die man dem unglücklichen Dauphin in der Wiege vorsang. St. Pierre hat über den großen und den berühmten Mann geschrieben, Oeuvres de St. Pierre, Tom. XI. 33 ff.: Sur le Grand Homme et sur l'Homme Illustre. – H. da er dann nicht nur mehrere Namen des Alterthums und neuerer Zeiten, Solon, Epaminondas, Alexander, Scipio, Cäsar, Sylla, Cato, Heinrich IV., Descartes, Karl V. , nach seinen bekannten Grundsätzen mustert, sondern zuletzt für einen großen Mann tout court keinen erkennt als Den, der das Glück des Menschengeschlechts im Ganzen vermehrt hat . Habe er z. B. als ein denkender Kopf die Kenntnisse beträchtlich vervollkommnet, die dem Wohl der Menschen wichtig und werth sind, Wahrheiten entdeckt, die zu Vermehrung des Wohls der menschlichen Gesellschaft ansehnlich dienen, oder habe er thätig zur Vermehrung des Glücks einer Nation geholfen, als König oder als Minister, als Feldherr oder als Obrigkeit: zu einem großen Mann werde dreierlei erfordert: 1) ein großes Motiv , d. i. ein strebendes Verlangen nach öffentlichem Wohl; 2) Ueberwindung großer Schwierigkeiten , mithin Standhaftigkeit, eine aushaltend-muthige Seele sowol als große Talente eines geraden, weiten, an Hilfsmitteln fruchtbaren Geistes; 3) große Vortheile , die man der Menschheit im Ganzen oder einer Nation im Besondern verschafft hat. Hiernach mißt er große Plätze, große Eigenschaften, große Charaktere . Er unterscheidet den großen Mann von allerlei Arten berühmter Männer, die mit einander wetteifern, einander übertreffen. »Große Männer«, meint er, »sehen Wenige neben oder unter sich groß; daher sei ihr Lob so schätzbar. Das Wort, das Montecuculi über Turenne sagte, als ihn die Kanonenkugel hingerissen hatte: Er machte der menschlichen Natur Ehre , Cet homme-là faisait honneur à la nature humaine. Oeuvres de St. Pierre, T. XIII. 266. – H. sei ihm die größte Lobrede.« »Der schönste Titel,« meinte St. Pierre , »den es unter Titeln des Ruhms gebe, sei: Friedestifter von Europa . Le pacificateur de l'Europe. Oeuvres, T. XII. 96. – H. Dieser Name zeige der Welt die vier größten Eigenschaften des Menschen, große Gerechtigkeit, große Güte, große Macht, große Weisheit , ruhmwürdige Eigenschaften, die man der Gottheit selbst beilegt. Eigne Macht, eigne Einkünfte, oder sein Gebiet durch Eroberungen zu erweitern, sei ein gemeines, niedriges Motiv, das Motiv eines Kaufmanns, der mit Sorgen und Mühe, ja mit Lebensgefahr Nacht und Tag arbeitet, nur seine und seiner Familie Glücksumstände zu vermehren. In diesem Motiv sei nichts Edles, nichts Großes, da es nur auf Privatvortheil ziele. »Das Unternehmen, Europa Frieden, einen dauerhaften Frieden zu geben, die schrecklichen Unglücksfolgen des Kriegs zu verbannen und nicht seinen Unterthanen allein, sondern allen Familien aller christlichen Nationen die Summe ihres Glücks durch ruhige Bewerbsamkeit fortgehend zu vermehren, das sei das edelste Motiv der Menschheit. Zum mächtigsten Monarchen könne man geboren sein, den höchsten Thron der Welt könne ein Narr und Geck, ein Schwachkopf, ein Wüstling, ein grausamer Bösewicht, ein Nero besitzen. Zu einem weisen Gebrauch seiner Macht seien drei Eigenschaften erforderlich: »1. Ein weiter und doch grader Geist , die schönsten und besten Unternehmungen zu kennen, die besten Mittel zu erfinden, die geradesten Maßregeln zu Erreichung des Zwecks zu nehmen. »2. Ein großer und fester Muth , sich von Schwierigkeiten nicht scheu, von neuen Hindernissen nie verdrießlich machen zu lassen. »3. Ein großer Eifer fürs öffentliche Wohl , ein brennender Trieb nach der erhabensten Tugend, Wohlthätigkeit . Wer Europa einen dauernden Frieden gebe, habe sie geübt.« So dachte St. Pierre. Marlborough und Lady Sarah dachten nicht also. Gingen auch hundert deutsche Dörfer mit ihren Familien zu Grunde, heißt doch nach einem Dorfe in Deutschland das Siegsschloß des Helden Marlborough in England – Blenheim . Hier folgte als Beilage: »Nichts bewundern! Horaz' Br. 6. B. 1« (Herder's Werke, VIII. E. 65–67). – D. 17. Sommers. Adddison. Peterborough. Lord Sommers . »Einer der heiligen Menschen, die gleich einer Capelle in einem Palast unentweiht bleiben, wenn Tyrannei, Verderbniß und Thorheit sonst Alles befleckt hat. Alle Nachrichten von ihm aus dem Munde der Erzählung sowie aus den Geschichtschreibern und besten Schriftstellern seiner Zeit schildern ihn als den unbestochensten Rechtspfleger und den honnetsten Staatsmann, als einen Meister im Reden, einen Genius vom feinsten Geschmack, einen Patrioten von den edelsten und weitesten Entwürfen, als einen Mann, dessen Leben für Welt und Nachwelt Segen war. Er war zu gleicher Zeit Addison's Muster und Swift's Prüfstein; der Eine schrieb von ihm, der Andre für ihn. Soll er verglichen werden, so sei es weder mit Bacon , noch mit Clarendon ; der große Kanzler Hôpital scheint Sommers zu gleichen sowol an Würde des Gemüths als an Eleganz des Verstandes. »Die Zeitumstände, in denen er lebte, gaben Lord Sommers Gelegenheit, den Umfang seiner Fähigkeiten nicht nur, sondern auch den Patriotismus seines Herzens an den Tag zu legen; jene Gelegenheit suchten seine Fähigkeiten nicht auf, aber sein Herz nutzte und verfolgte sie anständig. Unter Wilhelm hatte er dessen beste Rathschläge entworfen, unterstützt, oft auch durchgeführt. Die scharfe Untersuchung gegen ihn endigte zu seinem größten Ruhme. – H. Nie erschien das treffliche Gleichgewicht der englischen Staatsverfassung in einem helleren Licht als in Ansehung seiner, da er von einem mißleiteten Unterhause mit einer Wuth, wie sie je die Freistaaten Griechenlands entehrt hat, angeschuldigt, dennoch volle Freiheit hatte, seine Unschuld zu retten und eine Unsträflichkeit zu enthüllen, die nie in einem so hellen Glanz erschienen wäre, hätte man ihr nicht gerichtlich Flecken angeworfen. »Es war kein unrühmlicher Theil im Leben dieses großen Kanzlers, daß, von der Staatsverwaltung entfernt, er immer noch seine Arbeiten dem Dienst der Regierung und des Landes weihte. Damals, über alle kleinen Vorurtheile eines Amts erhoben (er hatte keins, als den Beruf eines Solon und Lykurgus ), suchte er den Mängeln der Rechtspflege abzuhelfen; er entwarf die Vereinigung der Königreiche« Unter der Königin Anna ward diese Vereinigung ausgeführt. – H. u. s. w. Edles Andenken! Walpole, Vol. I. 431 f. – H. Wenige seinesgleichen liefert die Geschichte des Jahrhunderts. Er berührte es auch nur, zuletzt unglücklich seines Verstandes beraubt, ein Mann der alten Zeit. ––––– Joseph Addison . Weder als Dichter noch als Staatssecretär, am Wenigsten als Schauspieldichter geht er zur Pforte der Unsterblichkeit ein, wohl aber als lehrender Prosaschreiber . In seinem hellen, netten, sanft humoristischen Stil ward und ist er Englands Muster; noch Franklin hatte sich an ihm gebildet. Die Wochenblätter, an denen er mit Steele u. A. oder allein arbeitete, fanden einen so unerhörten Beifall, daß vom »Zuschauer« einige zwanzigtausend Blätter an einem Tage verkauft wurden; sie sind so oft aufgelegt und wieder aufgelegt, bewundert, nachgeahmt und wenigstens an Glück nie erreicht worden, daß ein Zauberknote vorhanden sein muß, der damals diesen Wochenschriften so hoch emporhalf. Er heißt (wenn wir das Wort aussprechen dürfen) die goldne Mittelmäßigkeit, die sich ganz in ihre Zeit zu schicken wußte . Im höchsten Grad war Addison ein Mann seiner Zeit ; bescheiden und dem Anschein nach unanmaßend, klar und verständlich, elegant und fein, endlich so populär-philosophisch, so moralisch! Die Königin selbst wollte, daß sein »Cato« ihr zugeeignet würde; beide Parteien, Whigs und Torys , die eben im heftigsten Streit lagen, wetteiferten im Lobpreisen des »Cato«. Auch erhielt Addison seinen Ruhm bis ans Ende; fast in Allem dem ungleich kräftigern Swift diametrisch entgegengesetzt, unähnlich. So viel kommt darauf an, im rechten Zeitmoment seinen Platz zu finden, ihn still einzunehmen, ihn umherschauend zu nützen und sich unvermerkt zu – bequemen. Addison ist Vater aller Versuchschreiber ( Essay-writers ) Englands und wird es bleiben. Den Durchschnitt der Gemeinverständlichkeit und allgefälligen Eleganz sowie das Maß der Perioden seiner Sprache, selbst der Blätter, der Einkleidungen, der Ueberredung hat er getroffen; hiemit stellte er seiner Nation gleichsam einen Modius Der Scheffel ist das Sinnbild der Fruchtbarkeit auf dem Haupte der Ceres. – D. der Gedanken und der Wahrheit auf ihr Gemeinhaupt, den sie als Krone noch trägt, und sie wird ihn tragen. Es bedarf keiner Deduction, warum weder in Deutschland noch irgend sonst in Europa Wochenblätter das Glück machten, dessen sich Steele und Addison, außer ihnen aber auch sonst kein Brite in solchem Maß, erfreuten. Wenn zu diesem Glück ihre Zeit, ihre Situation und das damals geltende Maß der Gedanken ohnstreitig das Meiste beitrug (Sprecher im Unterhause war Addison nie; sittlich-politer Sprecher an die Nation war er zur guten Stunde), so konnten die meisten Wochenschriften, die im Geschmack des »Zuschauers« außerhalb England erschienen, ein solches Glück nicht finden. Sie waren bald über, bald unter dem Publicum, an und für welches sie geschrieben sein sollten, oder gar, wie spätere in England selbst, außer seinem Kreise. Vollends wo es gar kein Publicum gab, was sollen da Wochenschriften? Man spricht zum Nemo; man spielt auf einem Instrument ohne Saiten. Dennoch aber bleibe auch den deutschen Wochenblättern, vom Patrioten an bis zur letzten Intelligenz, das Verdienst, das ihnen gebührt. Kann man nicht, wie man will, so will man, wie man kann. Sela. Was wir Deutsche von Addison wissen, that uns leider ein Nicht-Addison kund, Gottsched. Später ist durch einen bessern Uebersetzer, Benzler, der »Zuschauer« verkürzt zu uns gebracht; die Zeit moralischer Wochenschriften war aber vorüber. – H. seinen »Zuschauer« und seinen »Cato«. Der kalte »Cato« konnte unsre Nation nicht erwärmen. Ein paar Kirchengesänge von Addison sind unter uns allein noch lebendig. Auch dadurch schuf sich dieser Mann des Publicums ein Verdienst, daß er Milton's »Verlornes Paradies« aus seiner Vergessenheit emporhob und durch Zergliederung der alten Percy-Romanze auf Gesänge dieser Art aufmerksam machte. Seine humoristischen Charaktere sind für uns, zum Theil für England selbst, erloschene Farben; Sokrates-Addison's So bezeichnete ihn Klopstock in der Ode an Bodmer (1750). – D. zarte Moral und Kritik dauert. Mordaunt, Graf von Peterborough. Swift in seiner Manier preist ihn also: » Mordanto füllt der Fama Horn, Die Christwelt stellet ihn, erkorn Vor allen Helden, allen vorn.« Das ganze Gedicht steht in Herder's Werken, III. S. 371 f. – D. In Spanien, wo er als Feldherr commandirte, war er wunderbar glücklich; Voltaire in seinem Jahrhundert Ludwig's erzählt, wie er Barcelona einnahm und den Aufruhr des Volks stillte. Aus Pope's und Swift's Briefen ist sein Geist, seine Grazie, wie anderswoher Swift, Conduct of the Allies. – H. seine Feindschaft gegen Marlborough bekannt. »Er konnte,« sagt Pope, »weder leben noch sterben wie andre Menschen.« Hätten wir die drei Bände Denkwürdigkeiten, die er von seinem Leben selbst geschrieben, Nach Horaz Walpole hat er sie einer verwittweten Gräfin Suffolk gegeben. Käme dies Blatt Jemanden in die Hände, der ihre Ausgabe beförderte! – H. sie wären der unterhaltendste Roman, gewiß voll denkwürdiger Geschichte. In den letzten Jahren seines Lebens dachte er begreiflicherweise über den neuen Gang der Dinge mißvergnügt und pflanzte Bäume. Von zwei romantischen Leidenschaften seiner Jugend, »einem dummen Eifer für die Wahrheit und einer albernen Liebe fürs Vaterland,« glaubte er sich geheilt. Brief an Pope. – H. ––––– Beilage. Von romantischen Charakteren. Im Leben sowol als in der Geschichte stoßen uns zuweilen Menschen auf, die aus einer andern Welt zu kommen, in eine andre Welt zu gehören scheinen; man nennt diese Seltenheiten der Natur romantische Charaktere . Sie lieben das Ungewöhnliche, und es gelingt ihnen; gemeine Zwecke, gemeine Mittel sind nicht die ihrigen. Entweder denken sie von diesen geringe oder denken an sie gar nicht; dagegen der Zweck, der ihnen im Sinn liegt, die Mittel, die sie ihn zu erreichen für die nächsten und natürlichsten halten, Andern oft auch nur Hirngedanken, Geschöpfe aus dem Monde scheinen. Wie zu jeder, so muß auch zu dieser Menschengattung die Natur selbst die Anlage gemacht haben; gewöhnlich verräth schon ihre Bildung etwas Außerordentliches oder nicht Gemeines. Sowol schöne Gestalt als Unform kann dies Auszeichnende sein; in der Unform selbst aber ist das, was sie ankündigt, nicht gemein, nicht häßlich. Manche trieb sogar der Umstand, daß sie sich als Vernachlässigte von der Natur ansahen und auf dem gemeinen Wege fortzukommen sich nicht getrauten, zu Erweckung eines Talents in ihnen an, das sie ungewöhnlich auszeichnen sollte. Platte Menschen verspotteten sie oder versagten ihnen auf dem gemeinen Fahrwege verächtlich die Mitfahrt; sie mußten sich also nach einem eignen Wege umsehn, der auch nach Babylon führe. Meistens also sind's Behandlungen der Menschen und des Schicksals , insonderheit frühe Eindrücke der Jugend , die Dem und Jenem einen eignen Schwung gaben. Die Bekanntschaft mit seltnen Charakteren, oft der Anblick eines Einzigen, der dem Jünglinge unauslöschlich blieb, ein Wort, das er sprach, eine Art, mit der er sich benahm, ein Zug, eine Geberde, sie spannen in der jungen Seele ein Gewebe an, das diese in der Stille fortwebte. Verborgen lief der Strom unter der Erde, bis er unversehens hervorbrach. Bei mancher Gedankenreihe, die unser ganzes Leben durchläuft, können wir uns kaum selbst vom ersten Moment oder der Wurzel ihres Daseins Rechenschaft geben. Viel zu unbeachtet ist die Wirkung der Mitlebenden auf zarte Gemüther. Wir finden Beispiele, daß Menschen lebenslang in der Weise und Art, ja kraft einer fremden Person handelten, ohne daß sie es wußten; welche sonderbare Besitzung nur in Krankheiten, in unvorgesehenen Zufällen, am Meisten im Alter an den Tag kommt; denn das Alter ist eine zweite, schwächere Kindheit. Oft vertrat ein Buch die Stelle der lebendigen Bekanntschaft, wie man z.B. dem Homerischen Achilles die Heldenverrückung Alexander's, dem Lesen der Thaten Alexander's im Curtius die Stimmung Karl's XII. zu romantischen Kriegszügen beimißt und mehrere dergleichen angenehme Märchen oder Geschichten erzählt. Der Funke könnte indeß nicht zünden, wenn im Gemüth des Lesenden nicht schon der Zunder bereit läge und äußere Umstände nicht dazu kämen, ihn zu wecken, zu nähren. Meistens sind wir gegen alles Seltene sehr nachsehend ; in uns oder in Andern muntern wir es, eben weil es uns neu ist und wir in ihm weder Anfang noch Ende absehen, oft gegen die Vernunft, auf. So finden denn romantische Charaktere im Anfange viel Zuschauer, Bewundrer, Aufmunterer u.s.w. Personen, die uns im Leben begegnen sollen, können wir nicht wählen, wohl aber Bücher, die wir lesen; über sie sollte die allgemeine Vernunft und Vorsorge nicht schlummern. Unmöglich kann es der Menschheit gleichgiltig sein, an welchen Mißgestalten sich der Jüngling ergetze, die Jungfrau gefalle, an denen das Kind wie ins zarteste Wachs seine ersten unauslöschlichen Eindrücke sammle. An Ritterbüchern studirte sich der Ritter von Mancha Nächte und Tage durch zum Thoren; El se enfrascò tanto en su letùra que se le passavan las noches leyendo de claro en claro y los diàs de turbio en turbio. Don Quixote, I.1. – H die Gemächte unsrer Zeit würden sonderbare Quodlibets schaffen, wenn nicht eins das andre kraftlos verdrängte. Auf Jahre hinaus die nie wiederkommende Jugend zu verunstalten, sind indeß die schlechtsten immer noch mächtig gnug. Wie mancher Unglücklichen verschoben schlechte Romane ihr Hirn! sie verdarben ihr unersetzlich den Genuß und Gebrauch ihres Lebens. Vernunft ist das Einzige und Letzte, das auch über romanhafte Charaktere entscheidet. Liegt das Kleinod, das gesucht wird, ganz außer unsrer Welt, oder wäre es des Aufhebens kaum werth, wenn man es fände, wozu die tolle Mühe des Suchens? des Reitens auf dem Mondstrahl oder des Haschens nach dem Regenbogen? Mambrin's Helm, Im Don Quixote. – D. den Splitter vom heiligen Kreuz, die Thräne der Magdalene, was haben wir dran, wenn wir sie leibhaft erbeuten? Oder gehört zum Funde des romantischen Kleinods ein Zusammentreffen so vieler und seltner Glückszufälle, daß nur ein Jungfernkind, ein dazu Geborner darauf ausgehen kann, so wünschen wir ihm Glück zur Reise. Er selbst mag wissen, wozu er da sei , und wem er sein Leben schenkt. Bestände das Romantische aber gar nur im Außenwerk , im Zubereiten zur Reise, wie dies oft der Fall ist, in seltner Kleidung, in unruhigem Sehen alles Seltenen auf der Erde, des Aufgangs der Sonne in Lappland u. s. w.; bestände es in dem Spiel , da man alles Unterste oberwärts kehrt und das Gewöhnlichste neu, d. i. schief anfängt: so gehört viel Geduld oder Laune dazu, daß man dieses Spiels nicht selbst zuerst satt werde; Andre werden es bald. Wir wissen, wie der sogenannte Roman entstanden ist: aus Zeiten der Barbarei nämlich, deren überspannte Unternehmungen und Tendenzen eine klügere Zeit aufnahm und zur Schau stellte. Die Geschichte der Romane zeigt, daß das Romanhafte selbst sich mit der Zeit mildern und vernünftiger werden mußte, wenn es nicht ausgezischt sein wollte; mit romantischen Charakteren ist es nicht anders. Das höchste Romanhafte endlich ist, was alle Zurüstung verbirgt und den Erfolg beinah ohne Mittel darlegt . Alsdann wird das Verwundern Bewunderung, in der die Vernunft selbst bewundert. Wo nicht, so ist und bleibt es eine Art Seiltänzerei, deren laute und bunte Ankündigung mit zu ihrem Etiquette gehört. Wer liebt das Romantische vor Andern? Die Jugend . Kinder wollen und müssen ihre Kräfte üben; dazu bedürfen sie großgezeichnete , in die Augen stechende Vorbilder, etwas, was sie weckt, hebt, ermuntert. Hoffentlich aber werden sie nicht immer Kinder bleiben; eigne Uebung wird ihnen ein Gleichmaß geben. Auch das Geschlecht , das gern in einer ewigen Jugend lebt, liebt das Romantische, eben weil es das zartere Geschlecht ist. Es bedarf Rettung, Hilfe; wer mag ihm also verdenken, wenn es rettende Ritter gern sieht, ihnen viel zutraut und, wie Desdemona , gern von den Thaten Othello's hört. Eben der Thaten wegen ist es geneigt, den Schwarzen sogar zu lieben; wie oft aber ist auch, was das Shakespeare'sche Trauerspiel weiter zeigt, nur in gewöhnlichen Hausauftritten, darauf erfolgt! Ein Romantisches ohne Grund ist ohne Bestand ; sein bleibender Grund ist nur einer , eine höhere Vernunft und Ordnung der Dinge , mithin das Wahre, das Edle. Fehlt dieses, so war es nur Ueberraschung, was wirkte, oder kindische Schwachheit, die glaubte. Zwei Enden einer Reihe traten auf einmal vor uns; uns fehlten die Mittelglieder. Jetzt stehen diese da, und das Mirakel ist ein gewöhnliches Regel-de-Tri-Exempel. Der ambrosische Thau, den der Ritter Astolf aus dem Monde holte, Bei Ariost, Orlando furioso, Canto XXXIV. 88. – D. träuft auch auf unsrer Erde von jeder balsamischen Staude. Das Sectestiften gehört zum Roman, sowie das Nachfolgen, das Halten an der Secte. Da jeder Quixote eines Sancho , jeder Mohammed eines Ali bedarf, so macht er diesen zuerst gläubig ; daß sodann andre Jünger glaubend folgen, dafür bürgt der große Unterschied und die Abstufung menschlicher Seelenkräfte . Dem Rüstigen folgt der Träge, dem Unternehmenden der Feige, dem Anmaßenden der Bescheidene, der Zweifelnde dem kühnen Entscheider. Je mehr Romantisches diese Freicorpsstifter in ihrer Person und Lebensweise, in ihrem Vortrage oder System haben, desto anziehender wird ihre Sphäre. Zartschwache Seelen lassen sich gern führen und entführen ; das Romantische ist der Kometenschweif, der sie durch die Lüfte trägt, oder der Al-Borak , Mohammed's. – D. auf dem sie die sieben Himmel durchwandern. Keiner neuen Secte hat es daher auch an Proselytinnen gefehlt, die in ihr bald Prophetinnen wurden; denn wunderbar mischen sich in einem zarten Gemüth Wahrheit und Wahn, Gegenwart und Hoffnung. Je mehr eine Secte mit der Zeit ihren romantischen Anstrich verlor, desto mehr erkaltete ihr Eifer, bis sie, wie andre, eine Art altmodellirter Gesellschaft ward, mit so viel oder so wenig Vernunft, als ihr Zweck oder ihr Modell zuließ. Glauben sollte man also, daß einmal alles Romantische der Wahrheit allein huldigen müsse, huldigen werde. Je mehr falsche Schminke durch alle Jahrhunderte hin der Menschheit abgestrichen, je mehr Farbenkasten dem Illuminator scharf untersucht worden, desto eher, sollte man glauben, müsse Wahn und Betrug aufhören und das Außerordentliche , das Feenmäßige der Gottesordnung in der Natur sich fügen. Eben hiedurch gewönne das Seltne, das Erhabne, das Göttliche im Menschen die höchste Energie, Würde und Klarheit. Falscher Schimmer, Betrug und Verführung verschwänden; an die Seifenblasen der menschlichen Gesellschaft, an ihr Spülwasser voll Unrath dächte man gar nicht mehr, als seien sie romantische Charaktere . Aber auch dem wahren romantischen Charakter hält Adrastea ein strenges Maß vor ; eine Linie zieht sie und spricht: »Nicht weiter!« Dem göttlichen Achilles wird Hermes Vielmehr seine Mutter Thetis. Ilias, XXIV. 133 ff. – D. gesandt, daß er sich am Körper seines erschlagenen Feindes, der jetzt nur Mensch, Sohn und Bruder ist, nicht vergreife. Jeder romantisch- glückliche Mensch fühlt die Regel in sich: »Nicht über den Rubicon! Hier ist die Grenze!« Wohl thut es uns, wenn wir dies Gefühl in ihm anerkennen oder ahnen. Nie liebt man einen Helden mehr, als wenn er im Glück sich zu mäßigen weiß und es wohl gebraucht. Dann steigt uns mit ihm der Muth; die Nemesis in uns weissagt ihm eine glückliche Zukunft. Dem Ebenteurer, der davon nichts weiß, dem Alcibiades , der allen Hunden den Schwanz kürzt und alle Hermessäulen umwirft, damit Athen von ihm rede, so vielen andern Pucks Mit Beziehung auf Shakespeare's »Sommernachtstraum«. – D. der Geschichte, die am Mittage noch hin und her ritten, ohne zu ahnen einmal, daß ihre Feenstunde längst vorüber, ihnen können wir oft nicht einmal Lebewohl sagen; denn – sie verschwinden. Sonderbar, wie auch bei Charakteren dieser Art am Ende des Menschenlebens Nemesis dasteht! Im Augenblick der Geburt und im Sarge sind unsre Gesichtszüge am Reinsten; so ordnen sich auch die Umstände des Hingangs. Der Mensch stirbt, wie er lebte (im höheren Sinne des Worts nämlich); so auch der Ebenteurer. Glücklich, wenn er nach vollführtem Werk früh dahin ist und anderswo ein anderes Ebenteuer anfängt; sonst wird ihm zuletzt das Leben etwas langweilig. 18. Jonathan Swift. Widrig ist's, wenn man diesen vielumfassenden, tief eindringenden Geist fast immer nur mit dem Namen eines Satirikers nennen hört, und zwar in dem schlaffen Sinn, nach dem die Satire entweder ein müssiger Spott ist oder zunächst ans Pasquill grenzt. Keine Silbe bei Swift (seine Puns und andre Spielwerke ausgenommen, die sein Spruch: Vive la bagatelle! entschuldigen möge) ist blos der Satire wegen da; er umfaßt jeden seiner Gegenstände und erschöpft ihn mit ebenso treffendem Witz als scharfem Verstande. Vorurtheil oder Laster, Thorheit oder Albernheit sind bei ihm, und zwar in der Einkleidung, die jedem gebührt, von der Wurzel aus untersucht und zum Ideal ihrer Gattung gehoben. Sehet seine drei Brüder, Lord Peter , Martin und Johann ; leset seinen John Bull und Hokus , seine Yahoos und Huynhms : Swift schreibt »Houyhnhnms«. Klopstock (Oden, 2. 2. 58) macht daraus »Houyhmeß«. – D. sie leben und werden leben, so lange der Grund, worauf diese Gestalten dastehn, dauert. Das Verhältniß der Freidenker zur englischen Kirche, des armen Irlands zu England, der Religionsverächter gegen die Menschheit, den armseligen Stolz der Großen, die Grobheit des Hofes, der Kritiker und der Schwärmer, die Tollheit der Philosophen, die Bettelarmuth der schlechten Poeten, den leeren Wind der Projectmacher und Enthusiasten hat kaum Jemand wie er erfaßt und geschildert. Wo es Einkleidung oder Inhalt litt, ist auch das Bessere dem Schlechten, dem Nutzlosen das Nothwendige entgegengestellt, nicht etwa mit lauen Wünschen, sondern mit dringender Thätigkeit, fordernd. Thätig sind alle Schriften Swift's , nicht massige Declamationen. Wie seine besten Aufsätze aus wirklichen Anlässen hervorgehn und auf wirkliche Personen sich beziehen, so strebt jeder zu einem bestimmten Endzweck . Seine Predigten selbst (von denen er, eben eines fehlenden bestimmten Zwecks wegen, so klein dachte), auch sie sind Reden der thätigen Vernunft und Menschengüte, keines Declamators. Leerer Worte war Swift unfähig bis aus den kleinsten seiner Briefe. Wo aber zu handeln, wo ein bestimmter Zweck zu erreichen war, da kämpft Swift , in den Tuchhändlerbriefen wie in jedem politischen Pamphlet. Uns gilt es gleich, ob die Sache, die er damals politisch vertheidigte, rein oder unrein gewesen; das Unreine daran, wen schmerzte es am Meisten? Ihn selbst. Warum mußte er unter einem schwachen Minister, einer noch schwächeren Königin und einem unzuverlässigen Bolingbroke, dazu untergeordnet, fast ohne Beruf dienen? Warum überhaupt war er ein Tory ? In Allem, was Swift durch sich thun konnte, handelte er nicht nur strenge und rein, sondern war die Ordnung und Gerechtigkeit selber. Unter der Gestalt eines Züchtigers und Censors ein helfender Patriot, mit der Geberde eines Menschenfeindes durch kalte Vernunft, den Reichen und Mächtigen zu Trotz, war er ein thätiger Freund der Menschheit. Das Bittre und Böse, das er voraussah, ist eingetroffen; manches Gute, das er gegen die harte Unvernunft auszurichten nicht vermochte, hat nach einem Jahrhundert, von Umständen erzwungen, geschehen müssen . Die eiserne Noth gebot, was Vernunft und Billigkeit nie hatten erreichen mögen. Auf seinem Lebenswege war diesem Clergy-man überall ein Genius entgegengetreten, der Addison's vorlaufender Glücksgöttin nicht gleich sah. Arm geboren, hart erzogen, von W. Temple so gut als verlassen, von König Wilhelm wie von seinen Gönnern und Freunden getäuscht, blickte er ernst ins Leben und sah zuletzt von der Höhe seines Geistes und seiner Gesinnungen verächtlich auf die Unwürdigen hinab, die vor und über ihm standen. Noch verächtlicher auf seine dummen Verleumder; er nährte Flammen in sich, die nie verglimmten, die ihn gemach verzehrten. Zuerst wurde er der Welt taub, nachher zu seiner Gemüthserholung dem Verstande entrückt, indeß sein Körper eine Reihe von Jahren hin noch athmete und lebte. Hätten seine Gönner wie seine Gegner ihre Sache verstanden, gemeinschaftlich hätten sie ihn zu dem Stande gehoben, der ihm gebührte. Fröhlicher hätte er dann bewirkt, wozu er da war, Geschäfte , ohne die er nicht leben konnte. Hätte er aber auch in dieser höheren Region das bewirkt , was er jetzt als Mann des Volks bewirken mußte? Den Klagen, dem Druck, dem Elend der Nation näher, vom Haß und Neide unwürdiger Großen, von ihren Thorheiten und Aergernissen gereizt, ward der Dechant von St. Patrick , was er sonst kaum geworden wäre: Rathgeber aller geschäftigen Stände, Vater, Freund, Retter Irlands, so weit hin sein Verstand, weit über seine Macht, weit über sein Amt und seine Pflicht, reichte. Wie flach und schief dieser thätige Schriftsteller in Deutschland gewöhnlich angesehen wird, ist nur aus der Lage unsrer Nation erklärlich. Sein schweizer Uebersetzer Satirische und ernsthafte Schriften von D. Jonathan Swift, Hamburg u. Leipzig (Zürich) 1756 und in den folgenden Jahren, mit Vignetten von Salomo Geßner. –H. fühlte seinen Werth und suchte ihn nach Vermögen der deutschen Lesewelt zu empfehlen; ohne Kenntniß der englischen Verfassung aber, ohne nähere Kenntniß der Angelegenheiten, über welche Swift schrieb, der Zeitumstände und Charaktere, in und mit denen er lebte, wie kann er verstanden und seinem Werth nach geschätzt werden? Seine Bemerkungen und Anspielungen fordern nicht nur Verstand, sondern auch den prüfenden vielseitig freien Blick, das zarte Mitgefühl endlich jenes seltnen Humors, der im leichtesten Scherz eben den strengsten Ernst liebt . Ein solcher war Swifts Genius. Wer das » Märchen von der Tonne «, oder den » Gulliver «, die » Brobdingnags « und » Lilliputs « nur der Geschichte wegen, wer die » Politen Gespräche « und den » Unterricht für Bediente « gar gläubig liest (und sie sind so gelesen worden), der ist ein gar zu deutscher Leser. Noch alberner sind Swift's Schriften nachgeahmt worden, da doch das erste Gefühl lehren konnte, daß Swift in Deutschland nur durch einen neuen Swift ersetzt werden mag, der, ebenso national und zeitmäßig wie jener , ihn nur dadurch darstellt, daß er ihn durchaus nicht nachahmt. Eher ließe sich Hercules seine Keule nehmen als Swift seinen Stachel, der allenthalben aus der Materie selbst organisch hervorgeht und mit seinem ernstesten Geist eins ist . Die deutsche und englische Verfassung, die englische und deutsche Nation sind in Manchem so verschieden, in Anderm so gerade Antipoden, daß Swift , Deutschland angehörig, gerade das tiefste Mitleid geäußert haben würde, wo er in England Pfeile des Spottes und der Verachtung schoß; in andern Fällen würde er in Deutschland nicht Pfeile, sondern Bolzen geschleudert haben. Die » politen « und » politischen « Gespräche unsrer Nation in allerlei Zirkeln, unsre Titulaturen , unser Curialstil, unser John Bull (eine arme meckernde Ziege), unsre Verhältnisse der Stände in so mancherlei Gegenden und Situationen, der ganze Drol de Corps, le Corps Germanique , Deutschlands Jus publicum genannt, fordern andre Darstellungen, als Swift im damaligen England gegen englische Thorheiten gebrauchte. Ob aber auch ein deutscher Jonathan für seine geleisteten Dienste mit einer Dechanei von einigen tausend Pfund jährlich oder mit den Ehren, die die irländische Nation ihrem Drapier erwies (dies war der Ehrenname, mit dem sie ihn dankbar nannte), wäre belohnt worden, ist die Frage. » Swift schreibt oft niedrig; die gemeinsten Gleichnisse sind ihm beinah die liebsten.« Allerdings, zumal wo er fürs Volk schrieb. Konnte er dafür, daß dies damals so sprach und am Liebsten also zu sich reden hörte? In Staatsabhandlungen schrieb er mit einer Würde, die dem Inhalt geziemte. Oft sind seine niedrigen Gleichnisse Parodien andrer, sehr erhabner, die er dadurch auf ihren rechten Werth hinabsetzte. Seine Kunst zu sinken zog damit eine andre Kunst zu fliegen lächerlich nieder. Und wo der gesittete, ernste Mann, dem im Umgange das kleinste Unanständige Gräuel war, wo er faule Schäden der Menschheit mit eignen Namen nennt und in ihrer ganzen Häßlichkeit schildert, wer fühlt nicht, daß dies im bittersten Unmuth geschehe? Hätte er auch aus Rache die Yahoos mit einer Art Freude gemalt, die Verräther des Staats, die Verleumder, die Heuchler malte er gewiß nicht also. Oft entwirft er mit zwei Strichen ihr Bild, unvergänglich. Auch in seinen Briefen lebt der Charakter jeder Person, die er kannte, gezeichnet, wie er sie ansah, oft in wenigen Worten aus dem Innersten gehoben. Die Reinigkeit der Diction war ihm ein heiliges Gesetz; eine genaue Sorgfalt für Sprache und Schreibart hielt er der Nation werth, ob er gleich auch hier seinen Zweck nicht erreichte. »War Swift ein Dichter?« Wenn's in der Dichtkunst auf leere Formen solcher und solcher Gattung ankommt, so hat Niemand diese leeren Formen glücklicher dargestellt als er, nur, wie billig, mit der Schellenkappe geziert. Er haßte jedes Geklingel, wie in Tönen, so auch in Worten, ja das ganze mißbrauchte Brettergerüste . Samuel Johnson, der Allkunstrichter, hält Swift für hell, aber hohl (clear, but shallow). Vielleicht werden ihm Manche das Wort zurückgeben. Ist aber Uebersicht und Zusammenfassung eines Ganzen in allen seinen Theilen, ist eine natürliche Einkleidung jedes Gegenstandes nach seiner Weise, so daß ihm kaum eine andre gegeben werden kann, ist eine inhaltreiche Form, schwer an Gedanken, leicht in der Ausführung nach dem damaligen freilich sehr ungriechischen Geschmack – sind diese Dichtkunst : so ist Swift mehr als hundert Andre, die sich des Namens anmaßen, ein verstandreicher Dichter. Als Kunstrichter zeigt ihn sein »Anti-Longin«, so manche Anrede an Schriftsteller und Kritiker in Poesie und Prose, ja jedes Urtheil in seinen Briefen. Die Richtigkeit seines Geistes erwies auch dies, daß er seine Schranken kannte und nur selten Wissenschaften oder Kenntnisse verachtete, deren Werth ihm fremd war. Und auch diese setzte er nur in ihrem Uebermaß , in ihren Thorheiten , die Kritiker in ihrem Bauernstolz, in ihrer anmaßenden Grobheit herunter; sonst zeigt er sich gegen jeden vorzüglichen , auch nur hoffnungsvollen Schriftsteller in völliger Selbstvergessenheit, half, wo und wie er konnte, obgleich ihm Niemand half, kannte im Felde des Wissens und Könnens weder Whigs noch Torys , keine Parteien; desto inniger aber haßte er die Cabale . Hier folgte als Beilage: »Ueber den Tod des D. Swift's« (Herder's Werke, III. S. 353–362). – D. Johnson's Witz besteht oft in dreisten, aber hohlen Drescherschlägen , wenn Swift mit vollgestopften Sandsäcken still, aber kräftig sein Werk treibt. – H. 19. Jonathan Swift. Gegenseite. Bedauernd schildern wir diese. Swift war ein Unglücklicher, dessen scharfer und tiefer Verstand von einer Leidenschaft beherrscht ward, die ihm zuletzt die wahre Ansicht der Dinge, mithin allen Genuß des Lebens raubte. Stolz war diese Leidenschaft; zwar der edelste Stolz, der Nation mit seinem Verstande thätig zu dienen; da er dies aber auf der ihm gebührenden Stelle nicht thun konnte und schon unter Oxford und Bolingbroke auf einer Spitze des Bollwerks zwischen zwei ungleichen Seiten gegen eine Partei, die in Manchem sehr Recht hatte, wirken mußte, so gingen, als seine Staatspartei fiel, nie zwar seine Grundsätze, wohl aber seine Seelenkräfte, am Frühesten aber sein guter Humor und sein Glück unter. Die hohe Kirche, der er fast über Gebühr das Wort geredet und über Verdienst ausgeholfen hatte, fürchtete ihn; die Whigs, deren Grundsätzen er über die Linie entgegengetreten war, haßten ihn; seine Freunde, denen er fast zu treu blieb (eine edle Schwachheit!), ob er wol ihr System haßte und ihre Fehler kannte, vergaßen ihn: da nagte das Unrecht, das ihm geschehen war, ihm wie eine Schlange am Herzen. Die Großen, die ihn betrogen oder getäuscht hatten, von jener Hofdame, die sein erstes Unglück machte, bis zur metaphysischen deutschen Königin, den Hof und mit ihm alle Deutsche verachtete er; seinen Verfolger Walpole haßte er als Menschen und als Minister, so daß die jüngere Welt, die er doch in seiner einsamen Entfernung theils nicht kannte, theils nach seiner älteren Denkart nicht immer billig gnug beurtheilen konnte, ihm zuletzt wie eine Grube erschien, aus der er sich hinauswünschte. Einzelne Verhältnisse seines Lebens, z.B. seine Verbindung mit der seltenen Stella , die mit verhaltenem Schmerz vor seinen Augen welkte und hinschwand, die Thorheit der Vanhomrigh , Vanessa genannt, an der er doch auch durch eine kleine, von ihm unbewachte Eitelkeit Schuld war, Umstände der Art machten ihm auch von der zartesten Seite Erinnerungen ans Loos der Menschen unerfreulich; und so kam er dahin, wohin wir unserm Feinde nie zu kommen wünschen, daß ihm die menschliche Natur selbst fade und in Lasterhaften abscheulich ward. Er, der die Reinheit des Körpers äußerst liebte, er, ein kalter, züchtiger Mann, der Unfläthereien im Gespräch sowol als im Leben bis aufs kleinste Merkmal nicht dulden konnte, ward vom gewöhnlichen Troß der Menschen gleichsam exhumanisirt . Die Menschenform ward ihm verleidet, so daß er diese, wo sie sich mit Schminken deckte, am Wenigsten ausstehn konnte und lieber den verworfensten Theil, gleichsam den Vorwurf und die Schande der Schöpfung, zu seinem Augenmerk machte. In solchem Geist sind Gulliver's Reisen geschrieben. Young's Declamationen, Ueber die Originalcompositionen, am Ende. – H. daß Swift die menschliche Natur mit geheimer Schadenfreude heruntergesetzt habe, sind ebenso flach als unwahr. In seiner Geistes- und Herzenskrankheit sahe er die Yahoos vor sich, und da ihm kein ander Geschlecht zu Gebot stand, eine vernünftige, reine, billige Gesellschaft zu zeichnen (denn im Monde und im Saturn war er nicht gewesen): so wählte er die Gestalt des Thiers, das der Schöpfer der Menschen selbst als eine edle Gestalt dargestellt hat, Hiob 39, 19–25. – H. des Rosses. Swift's Rosse aber sind vernünftige, billige Geschöpfe, wie Menschen es sein sollten; nicht der Zweck, nicht die erhabnen Fähigkeiten und Anlagen des Menschengeschlechts, wohl aber Name und Gestalt des Menschenthiers war ihm, wie dem lebenssatten Hamlet , verleidet. »Ihr seid«, sagt Dieser, »vom Könige und der Königin geschickt, mich zu erfragen. Seit einiger Zeit habe ich, ich weiß nicht wie, alle mein Frohsein verloren, alle meine Leibesübungen aufgegeben. Und gewiß, es geht so übel mit meinem Befinden, daß dieses gute Gerüst, die Erde, mir nur ein wüstes Vorgebirge, dieser treffliche Lufthimmel (schaut auf!), dies fest überhangende Firmament, dies majestätische Dach, ausgelegt mit goldnen Sternen, – wie? – mir nur eine faule, pestilenzialische Sammlung von Erddüften scheint. Welch ein Meisterstück von Werk ist der Mensch! wie edel in seiner Vernunft! an Fähigkeiten wie unendlich! in Gestalt und Bewegung wie voll Ausdruck, wie bewundernswerth! in Handlung, wie gleich dem Engel! im Begreifen, wie gleich einem Gott! die Schönheit der Welt! das Urbild der Geschöpfe! Und doch mir ? Mir ? was ist sie, diese Quintessenz von Staube? Der Mann gefällt mir nicht, das Weib auch nicht.« Was Hamlet der Ophelia , sagte Swift im stummen Anblick seiner Stella täglich. Was den Dechant am Meisten niederdrückte, waren die obern Stände. Sie hielt er für unverbesserlich; und an sie hatte er sich so sehr gehangen! Sie und die Geistlichen vergalten ihm seine Parteilichkeit für sie übel. Für Charles Boyle hatte er gegen Bentley ungerecht gestritten, und Lord Orrery schrieb über ihn die Väterlichen Briefe. Eine Lordsvergeltung! – H. auf sie so sehr getraut! Nur aus dem mittleren Stande, meinte er, könne was Gutes entspringen; der unterste sei unterdrückt. Gerade dem Untersten des untern Standes suchte er also aufzuhelfen und knirschte gleichsam, indem er wohlthat. Gehabe Dich wohl, ernster Geist, in Deiner jetzigen höheren Wohnung, wo Dir mit der ganzen Nebelinsel die schmutzige Hof- und Staatswirthschaft Deiner Feinde verschwunden ist! Uns giebt Dein Leben und der Ausgang desselben die strenge Lehre: »Der Menschheit überhebe sich Niemand! Extra humanitatem homini nulla est salus!« Wie jener Kaufmannsrepublik, der Karthager, Schriften sammt und sonders untergegangen sind, so, fürchte ich, gehn auch die punischen Schriften Swift's (er war ein großer Liebhaber der Puns , der Silben- und Wortspiele) mit unter. Wer wird sich einst die Mühe geben, ein Gewirr niedriger Parteien, rangsüchtiger Edlen, weiblicher und weibischer Hofcabalen zu enträthseln? Und da Swift's großer Geist größtenteils darein versenkt ist, wie wenige Stücke können den in Schlamm gesenkten Geist erlösen! Der größte Bewundrer seiner Talente beklagt die Materie sowol als die gothische Form, an welche sie gewandt sind; er findet sie in jenem Mode-Unrath, den die selbstständigen Insulaner britischen Geschmack nennen, und der fast keine reine Formen zuläßt, verloren. Diesen dem Anschein nach harten Ausdruck wird der Verfolg dieser Blätter erläutern. – H. ––––– Beilage. Strafende Genien. Nicht von Attilas , Dschingiskhans und Tamerlans , die sich Geißeln Gottes nannten, ist hier die Rede, sondern von jenen scharfblickenden Geistern , die von der Vorsehung gesandt scheinen, Fehler der Menschen zu bemerken und zu verbessern. Sie sind zu jeder Zeit dem Menschengeschlecht unentbehrlich: denn wann kann sich dieses ganz ohne Fehler zu sein rühmen? Meistens kündigen sich jene gebornen Censoren durch feste, strenge Gesichtszüge an, die man Solonische oder Catonische zu nennen pflegt. Schon ihre Gestalt sagt, daß sie zum Tändeln nicht da sind, noch mit sich tändeln zu lassen; sie befiehlt und straft. Unbestechbar stehen sie da, ohne zu weichen und zu wanken. Gelangen diese Gestalten an ihren Platz, so thut Einer , woran hundert Weichlinge verzagten. Sie reinigen das Land, wie der scharfe Sturm die Luft reinigt; sie schaffen Sicherheit und Friede. Gesetzgeber oder Gesetzpfleger der Art brachten Zeiten zuwege, da man bei offnen Thüren sicher ruhen und das Seine an die Landstraße legen konnte, in Gewißheit, es wiederzufinden. Wie von der Zeit des Königs Alfred in England erzählt wird. – D. Auch in den geschäftigen Ständen trifft man Charaktere dieser Gattung von beiden Geschlechtern an; manche Zünfte, die strenge Regelmäßigkeit fordern, bilden zu solchen Charakteren, bauende Zünfte z.B. und Baukünstler, Verwalter der Gesetze, Befehlshaber, Richter. Wird ihre Strenge von Billigkeit geleitet, durch Güte gemildert, so sind sie auch im Stillen erhabne Menschen, Pfeiler der Gesellschaft. Will aber Jemanden dieser Art das Schicksal übel, er gelangt nicht dahin, wohin er sich bestimmt fühlt, indem Alltagsgesichter oder heuchelnde Vielthuer sich ihm vordrängen; mißrathen ihm seine ersten und letzten Versuche, so daß er sich in seinen Erwartungen bei den Besten betrogen und sein Herz, sein Zutrauen, seine Anerbietungen vergeudet findet; neckt ihn dagegen frühe der Finger des Spotts, der Zahn der Verleumdung: so drängt er sich in sich zurück und zeichnet mit Scheidewasser sowol die äußern Gestalten in sein Herz als die Gestalt seines Gemüths auf die Stirnen, die ihn umgeben. Er sieht nicht nur scharf , sondern schneidend . Wohl, wenn ihm die Natur dabei das kleine Linderungsmittel, den scherzenden Spott , nicht versagte, der die verwundete Brust zwar nicht heilt, aber lüftet! Versagte sie ihm diesen, oder verschwindet er mit den Jahren, so wird der scharfe Seher mißmüthig, mürrisch, zuletzt ein Gemüthskranker, den Seinigen selbst oft unerträglich. Hätte die Barmherzigkeit Orakel und Altar unter Menschen, so würde diese ihrer scheinbaren Feinde, der Menschen von scharfem Blick , sich zuerst annehmen. Oft mit wie Wenigem wäre ihre Schärfe zu mildern, und wenn es früh geschähe, ihre Bitterkeit selbst in Arznei zu verwandeln. So lange Andre aber nichts wissen und können, als den Strafenden züchtigen, den Bemerker strafen; so lange man keine Mittel gegen seinen Blick hat, als ihm die Augen auszustechen, den Mund zu knebeln oder ihm zu gebieten, daß er anders sehen und sprechen müsse : so macht man ebenso unvernünftig als unbarmherzig das Uebel ärger. Die Wahrheit, wenn sie Fehler der Menschen und ihrer Gesellschaft betrifft, läßt sich ebenso wenig weglügen als wegheucheln. Was Andre nicht thun, thue Jeder selbst an sich in Betracht der fehlenden Menschheit; er werde sein eigner Arzt. Insonderheit suche er den Grund der Krankheit in sich zu heilen, der gewöhnlich Anmaßung (Präsumtion) ist. Man traut sich zu, was Andre recht- oder unrechtmäßig uns nicht zutrauen; man fordert tiefere Beugung vor sich, höhere Achtung seiner. Thörichte Fordrung, wenn sie auch mit Grunde geschähe! Niemand kann höher achten, als er Gefühl fürs Vorzügliche hat; über flache Tellerseelen ergießt sich Alles gleichartig. Zudem ist eine erzwungene Achtung noch unanständiger und unbefriedigender als eine erzwungene Liebe. Der Achtungswürdige muß der Achtung entbehren können, ja sich in ihr als einer unnöthigen Zuthat selbst betroffen fühlen; sobald er sie sucht und nach ihr läuft, sie erkaufend, ertrotzend, erkünstelnd, wird er verächtlich. Grämt er sich über ihren Verlust, sofern er sie nicht durch eigne Schuld verloren, so zeigt er sich klein, schwach, erbärmlich. Ueberdem, wie Alles in der Welt verbunden ist, so sind es auch Tugenden und Fehler. Wer wollte eine reife Frucht nicht genießen, weil eine unreife neben ihr hängt? wer sich der Jugend nicht freuen, weil auch sie den Keim des Alters in sich trägt? Die Abstraction, die Fehler von Schönheit sondert und jene als selbstständig betrachtet, sie ist die schlimmste aller Abstractionen. Schatten müssen das Licht erhöhen; das getheilte Licht giebt Farben. Zu ihnen ist unser Auge eingerichtet, nicht zum dephlogistisirten Sonnenlichte. Drittens. Auch die Fehler der Menschen und der Gesellschaft sind nicht ohne Grund; ihre Wurzeln erstrecken sich sehr weit und verschlingen sich ins Ganze. Wer Fehler ohne ihre Gründe sieht, bemerkt nur halb; sieht er sie aber in ihrem Grunde, so verwandelt sich sein Aerger ins zarteste Mitleid. Mitgefühl also ist die große Arznei jener ätzenden Säure, die uns zuletzt die Menschheit selbst verleiden möchte. Wie schwach und fehlerhaft diese auch sein möge, wir sind einmal Menschen, vor der Hand nichts Anders. Außer ihr kennen wir kein Glück, geschweige daß wir's genießen könnten. Alle ihr Fehlerhaftes, zur höchsten Summe getrieben, kann uns nichts Anders als Hoffnung und Ergebung (Resignation) lehren, oder diese Caricatur der Menschheit macht – wahnsinnig. Hier folgte in der Adrastea: »Das Mitgefühl. Ein Gegenstück zu Swift's Versen über seinen Tod« (Herder's Werke, III. S. 363–370). – D. 20. Pope. Bolingbroke. Pope heißt seinen Landsleuten ein »Fürst des Reims, der große Vernunftdichter«. »The prince of rhyme, the great poët of reason«. – H. beider, insonderheit des ersten Namens, ist er werth. Ueberreimt hat er in seiner Sprache alle Vorgänger, den Dryden selbst; den Homer hat er verreimt . Auch Vernunftsprüche, Geschmacks- und Verstandesbemerkungen, feine Sittenlehren und Charakterzüge lassen sich schwerlich in kürzere Worte und Reime fassen, als er es that; man könnte sagen, er habe alle wohlklingenden Worte seiner Sprache eingereimt. Dabei hat Pope sich fast an allen Gattungen des Vortrages versucht, vom Liede und der musikalischen Ode an bis zum Heldengedicht, von der Hirtenpoesie bis zum philosophischen Versuch über den Menschen; ans Drama allein und an die höhere Epopöe (Homer's Übersetzung ausgenommen) hat er sich nicht gewagt. Und allenthalben sind zierliche Beschreibungen, moralische und Geschmackslehren, in Lob und Tadel schneidende Striche die unübertroffene Kunst dieser kleinen Nachtigall (wie man ihn in der Kindheit hieß), einer Nachtigall, die sich bei Gelegenheit auch in eine stechende Wespe zu verwandeln wußte. Wer wollte Popens ganze Kunst und alle Befriedigungen derselben mit Popens ganzem Ich erhandeln? Häßlich ist die Satire, die persönliche Beleidigungen (meistens nur Kränkungen der Eigenliebe und einer ungemessenen Ehrsucht, oft auch nur eine mindere Verehrung, als die man erwartet) mit einem ganz andern Gewehr, als der Beleidiger brauchen kann, mit Versen , rächt. Noch häßlicher, wenn man ohne gemeldete Veranlassung, ohne geführte Bescheinigung schuldlose Namen unversehens wie Diebe in Versen aufknüpft . Der englische Reimprinz und Vernunftpoet hat dies nicht etwa nur in seiner »Dunciade« gethan, sondern auch in seinen »Moralischen Versuchen«, wohin Rückenstiche dieser Art am Wenigsten gehören. Denn was wollen diebisch eingeflickte oder wie vom Büttel angeheftete Namen im Tempel der Musen? Was thun sie in der Poesie, in der sich nicht Namen, sondern lebendige Darstellungen durch das, was sie sind, selbst erweisen ? Mehr als einen Namen, den Pope's Vorbild, Boileau , in seinen Versen zur Schau stellte, nennt die Welt mit gleicher oder mit mehr Achtung als den seinen; den Versificator verachtet man vollends, der sich vor Denen bückt, die er ansticht, und gegen Den, der sich nicht mehr rechtfertigen kann, einen Todten, Libelle aussendet. Schuldig oder unschuldig, die Rache ist niedrig. Glaubt das leicht beleidigte Dichtervolk ( genus irritabile vatum ), Hor. Epist. II. 2. 102. – D. ihm sei die blanke Spitze des Stils dazu verliehen, daß es beleidigter Eitelkeit wegen Unschuldige, sogar auf bloßen Argwohn, morde? Glaubt es, daß die Welt an seinen Indigestionen auch nur Theil nehme? Keinem Beleidigten hat die »Dunciade« mehr geschadet als ihrem Dichter. Aber auch aus dem Schlamm blühen Blumen; diese bricht man und läßt jenen. Der größte Theil des cultivirten Europa hat Pope's Aussprüche der Vernunft genützt, weil sie oft nicht schärfer, nicht feiner ausgesprochen werden mögen. Zum »Versuch über den Menschen« gab Popen bekanntlich Bolingbroke die Hauptideen, die aber auch nicht sein waren; Shaftesbury und Leibniz hatten sie in einem schöneren Zusammenhange folgenreicher gedacht, als Bolingbroke sie zu ordnen, der Versificator sie anzuwenden wußte. S. »Pope ein Metaphysiker!«, von Lessing und Mendelssohn (Lessing's Werke, XVIII. S. 33-67). – H. Der Inhalt selbst indeß gab dem Gedicht große Stellen, insonderheit wo in ihm das Unermessene in Bezug auf den Menschen erscheint. Uns Deutschen hat Pope sehr genutzt, indem er unserm Hagedorn ein feineres Richtmaß gab und Haller weckte. Dieser ersetzt an Bündigkeit der Gedanken, was ihm an Popischem Glanz fehlt; mehrere seiner Lehrgedichte sind uns an des Briten Statt. Auch der Windsorforst grünt für uns in Haller's »Alpen«. Dem weisen Frohsinn des Horaz kam Hagedorn näher als Pope, bei dem sich das Rosenöl stets mit Essigtropfen mischte. Leider aber ist kein deutscher Dichter so im Munde der Nation wie der Brite im Munde der seinigen, ob sich gleich seine Moral oft um sehr flache Grundsätze und Weltmanieren dreht. Stand, Reichthum, Bequemlichkeit sind ihm große Gegenstände. In Allem diesem dachte Swift fester! Gegen ihn, den Vernunftmann , war Pope doch nur ein Vernunftreimer . ––––– Den Bolingbroke nehmen Swift und Pope als dritten Mann mit, in ihren Briefen sowol als in seinen Werken. Diesen, so asiatisch-beredt sie geschrieben, so reich sie mit Stellen aus den Alten durchwebt sind, fehlt es oft an dem, woran es ihrem Verfasser im Leben fehlte, an Zusammenhang und (unersetzlicher Mangel!) an Reinheit des Charakters . Uns Deutschen sind die meisten sehr entbehrlich, vollends die gegen die Religion geschrieben, in denen sich bei einem hellen Kopf fast durchgängig Mißverstand und Unkunde der Sache äußert. Auch die Sache seines Ministeriums verdarb dieser talentreiche Lord-Alcibiades durch seine unzeitige Anhänglichkeit an den Prätendenten. Das beste Werk, zu dem er beitrug, ist der Utrechter Friede . Wer ihn entwarf und durchsetzte, dachte großmüthig für Europa. hier folgte: »Rechtshandel über die Satire. Horaz' Erster Sermon, B. 2« (Herder's Werke, VIII. S. 51-54). – D. Charakterzüge einiger Vorgenannten. » Wilhelm von Oranien hatte eine verwundernswürdige Ernsthaftigkeit an sich; es schien, als ob er sein selbst nicht wahrnehme oder das Geringste wider seine Person befürchte. Ich hatte von einem brutalen Savoyarden gehört, der geschickt war, die ärgste That vorzunehmen, sich nämlich des Prinzen zu bemächtigen, da dieser oft ans Ufer von Schevelingen fuhr und nur eine Person bei sich, ein paar Pagen hinter sich hatte. Der Savoyard hatte sich erboten, mit einer kleinen Fregatte von 20 Stücken dahin zu segeln, unter Schevelingen zu ankern, hernach in einem Boot mit sieben Personen ans Land zu fahren, den Prinzen aufzuheben und nach Frankreich zu bringen. Dies schrieb er an Louvois , der ihn darauf nach Paris kommen ließ und ihn dazu mit Gelde versah. Der Savoyard, ein geschwätziger Kerl, that groß mit diesem Auftrage, zeigte Louvois' Brief sammt einer Copie des seinigen und ging sogleich nach Paris. Als ich dem Prinzen dies sagte und Fatio zum Zeugen rufen konnte, bewegte ihn dies wenig; die Prinzessin hatte die Sache dem Herrn Fagel und einigen andern Staaten gemeldet, die darin übereinstimmten, daß sich so etwas leicht thun ließe. Sie baten ihn, er möchte eine Garde mitnehmen, wenn er ans Ufer spazieren führe; sie hatten aber viel zu thun, ehe sie ihn dahin bringen konnten. Ich bildete mir ein, sein Glaube an eine Prädestination mache ihn beherzter, als nöthig sei; er aber sagte, er glaube an eine göttliche Vorsehung , und wenn er von diesem Glauben abwiche, müsse seine ganze Religion dabei leiden. Nun begriffe er aber nicht, wie diese Vorsehung gewiß sein könne, wenn sich nicht alle Dinge nach dem unveränderlichen Rathschluß Gottes richteten. Ich fand, daß, die ihn erzogen, mehr Sorge getragen hatten, ihm die Calvinische Meinung von den unveränderlichen Rathschlüssen beizubringen, als ihn gegen die bösen Wirkungen in Anwendung dieser Lehre zu bewahren. Die Unterdrückung Frankreichs war die Hauptabsicht seines ganzen Lebens.« Burnet . Geschichte, die er selbst erlebt hat. B.I.S.785. –H. ––––– Lady Sarah Marlborough hat es nöthig gefunden, ihr Betragen selbst zu rechtfertigen; An Account of the Conduct of des Dutchess of Marlborough from her first coming to Court to the Year 1717. London 1742. Worauf ein Ungenannter Remarks on the Account herausgab, denen A full vindication of Her Grace and of her Charakter in general folgte. Ihre Geschichte war als Histoire secrète de la Reine Zarah et des Zaraziens (Oxford 1711. 1712) erschienen. – H. allenthalben aber zeigt die Rechtfertigung, was sie vernichten soll, den stolzen, kühnen, heftigen, parteimachenden, gewinnsüchtigen Charakter einer Frau von Stande, die ihren Gemahl und ihre Familie groß und reich zu machen Alles daran setzt. Die Prinzeß, nachher Königin Anna (deren zweite, nachher erste Lady of the bedchamber sie war), erscheint in diesem Account ihrer abgedankten Freundin nicht zu ihrem Nachtheil. In der ersten Hälfte des Buchs ist sie der Lady Sarah wärmste Freundin; alle Zureden, alle harten und verächtlichen Begegnungen König Wilhelm's und der Königin Maria , ihrer Schwester, die gewiß weit gingen, konnten sie nicht bewegen, eine dem Staat gefährliche Person, die ihre Freundin war, von sich zu entfernen. Lady Sarah erlaubt sich in dieser Periode harte Ausdrücke gegen die Königin Maria, unter andern daß sie no bowels , kein Gefühl gehabt habe. She wanted bowels, S. 25. – H. Jede wahre Freundin, würde sie nicht, eben der Freundin zu Liebe, die ihretwegen so viel Unannehmlichkeiten ausstand, sich von ihr entfernt und keine Feindschaft zwischen Schwestern gestiftet haben, die auch der Tod nicht versöhnte? Nicht aber so Mrs. Freeman (so nannte sich Sarah in ihren Briefen an Anna ) gegen Diese, die sich in ihren Briefen an sie Mrs. Morlay und nach dem Tode ihres Sohns, des Herzogs von Glocester, die arme, traurige Morlay nannte. Wie eine Klette hing sie an ihr, von der sie viel hatte und als der nächsten Erbin des Throns noch mehr erwartete. Als nach einer Reihe von Jahren die Königin endlich das Joch abschüttelte, welch ein Benehmen gegen sie von ihrer zudringlichen Freundin! sogar, daß diese sie auf das gemeine Gebetbuch (common prayer-book) und die ganze Pflicht des Menschen (the whole duty of man) Die gemeinsten Volksbücher in England. – H. wies, um die Pflichten der Freundschaft daraus zu lernen. Und wie geht's über die arme Hill (Mrs. Masham) her, die ihr die Gunst der Königin geraubt hatte! Armuth, erzeigte Wohlthaten, was sie weiß und kann, wirft sie dieser, ihrer Anverwandten vor, im Druck, vor den Augen der Welt nach einer Reihe von Jahren; was wird sie nicht im Feuer des Unmuths gethan haben! Niedrig-vornehmer, vornehm- niedriger Conduct, vor dem die Königin sich nicht anders zu retten wußte, als daß sie fest blieb und wenige, aber dieselben Worte stets wiederholte. In einem Codicill zu ihrem Testament befiehlt die große, reiche Frau, daß zwei Gelehrte, Glover und Mallet , das Leben ihres Gemahls, des weiland Herzogs von Marlborough, unter der Aufsicht des Grafen Chesterfield schreiben, ja aber »keine Verse hineinbringen sollten.« »I desire, that no part of the said history may be in verse.« The true Copy of the last Will and Testament of her Grace, Sarah. London 1744. S. 81. – H. Wenn die gedachte Geschichte des weiland Herzogs zum Wohlgefallen des genannten Grafen ausfiele, sollten die vorgedachten beiden Geschichtschreiber genannter Geschichte die Summe von 500 Pfund erhalten. So bestellt man die Unsterblichkeit des weiland Größten der Helden und Menschen mit 500 Pfund anordnend. ––––– Beim ersten Doctor-Examen wurde Swift puncto der Dummheit und Untüchtigkeit abgewiesen. Blos an seinem Eigensinn lag hiebei die Schuld; denn er disputirte nicht etwa schlecht beim Examen, er disputirte gar nicht, ließ sich gar nicht darauf ein. Er erzählte, daß er die alten Tractate von Smeglesius, Keckermann u. s. w. oft angefangen zu lesen, sei niemals aber über drei Seiten gekommen. Als ihn seine Lehrer anmahnten, sich ja vorzüglich der Logik zu widmen, weil sie in großer Achtung stehe und zu Erlangung des Doctorgrads unumgänglich nöthig sei, fragte Swift, was er denn aus jenen Büchern lernen solle. »Ich bin mit der Portion Vernunft, welche mir der Himmel geschenkt hat, zufrieden«, setzte er hinzu, »und will es der Zeit und Erfahrung überlassen, sie zu stärken, ihr die gehörige Richtung zu geben, und mich nicht der Gefahr aussetzen, sie durch das abgeschmackte System jener Schriftsteller irre zu leiten. Man hat leider zu viel traurige Beispiele an den größten Logikern von dem Schaden, den diese Werke anrichten.« Swift's Leben, von Sheridan. – H. Beim zweiten Examen wurde er zwar nicht abgewiesen, ihm aber nur ex speciali gratia die Doctorwürde ertheilt. Dies sollte heißen, aus besondrer Nachsicht ; als er aber das Diplom in Irland aufzeigte, nahm man den Ausdruck für eine Ehrenerklärung, als ob man ihm aus besondrer Gunst und Affection mit auszeichnender Hochachtung die Doctorwürde ertheilt habe. Wie nahe grenzen beide Auslegungen! und in welchem Sinn schafft man die meisten Doctoren? ––––– Swift's Zurücksetzung, daß er zu keinem Bischofthum kam, bewirkte eine beleidigte Frau, die Gräfin von Sommerset, die ihm die Erwähnung ihrer in seiner Windsor-Prophezei nie vergab. Zuerst mußte der Erzbischof von York, Rath der Königin bei Vergebung geistlicher Stellen, das Wort entfallen lassen: »Ihro Majestät müsse sich erst überzeugen, ob der Mann, den sie zum Bischof machen wolle, auch ein Christ sei «; dann wandte sie sich fußfällig an die Königin selbst. Und so ward das ziemlich grobe Märchen von der Tonne , das Swift , ungerecht gegen die Presbyterianer, zu Gunst der hohen Kirche geschrieben hatte, von dieser selbst mißdeutet oder mißverstanden, die ungerechte Ursache seiner Zurücksetzung. Der schwache Erzbischof entschuldigte sich nachher bei Swift und bat um Verzeihung; das Wort aber war gesprochen, Swift wurde nie Bischof. ––––– »In den Jahren seines Glanzes fand Swift sein ganzes Glück in großmüthig-menschlichen und freundschaftlichen Handlungen; diese Gesinnungen suchte er auch Allen, mit denen er in Verbindung stand, einzustoßen. Er war das Haupt und die Seele der berühmten Gesellschaft von Sechzehn , die aus den vornehmsten, geistvollsten, edelsten Männern des Zeitalters bestand, und die Swift, um sie enger an einander zu knüpfen, vermochte, den Brudernamen unter sich einzuführen, so wie auch ihre Frauen sich Schwestern und sogar ihre Kinder sich Vettern nannten. Die Wenigen, welche in dieser angenommenen Verwandtschaft mit Swift standen, schätzten sich dies für ein Glück, bedienten sich auch gegen ihn dieses Namens; Andre, der Herzog von Ormond, bewarben sich um die Ehre. Man wählte nur Männer von Talenten und von Gewicht dazu, und damit die Gesellschaft nicht etwa in einen politischen Club ausarten möchte, widersetzte sich Swift gleich anfangs der Aufnahme des Lord-Schatzmeisters und Lord-Siegelbewahrers; sie wurden abgewiesen und ihre Söhne statt ihrer gewählt. Bei den Zusammenkünften ward oft für Nothleidende gesammelt, und Swift besorgte die Austheilung dieser Wohlthaten. Er gab sich so viel Mühe, diese wohlthätigen Gesinnungen unter allen seinen Bekannten zu verbreiten, daß ihn Lord Peterborough in einem seiner Briefe damit aufzieht, daß er es vermuthlich darauf anlege, »das goldne Zeitalter wieder einzuführen und alle Menschen mit einander durch Liebe zu verbinden«. Damals äußerte sich noch keine Spur von der Bitterkeit und verdrießlichen Laune, die in der Folge Krankheit, getäuschte Erwartungen und mancher andre herbe Kummer bei ihm erzeugten, und die mit den Jahren zunahm. Er besaß eine ungewöhnlich heitre, fröhliche Laune, Jedermann suchte seine Gesellschaft.« Swift's Leben, von Sheridan. – H. ––––– »Als er sah, daß von England aus nichts zu hoffen und er dazu verdammt sei, in einem Königreich zu leben, das er unter allen Ländern der Welt am Wenigsten zu seinem Aufenthalt gewählt haben würde, entschloß er sich, künftig nur für Andre zu leben und in ihrem Glück sein Unglück zu vergessen. In dieser Absicht fing er an, verschiedne Schriften herauszugeben, worin er die Hauptquellen des Elendes, worunter sein Vaterland fast erlag, entdeckte und zugleich die Mittel angab, wodurch diesem abgeholfen werden könnte. Er unterstützte die am Nützlichsten eingerichteten Armenanstalten, worauf er mehr verwandte als irgend ein Mann in England. Schon von der Zeit an, da die Schulden, welche die Einrichtung in seiner Dechanei veranlaßt hatte, abgetragen waren, theilte er seine jährliche Einnahme in drei gleiche Theile. Einen davon bestimmte er zum Unterhalt seiner Haushaltung, und weil damals Alles sehr wohlfeil und er ökonomisch war, so fiel es ihm nicht schwer, damit anständig und seinem Range gemäß zu leben. Den andern legte er zurück, um gegen alle Unfälle des Lebens gesichert zu sein; den dritten theilte er an Arme und Unglückliche aus. Und da er diese Gegenstände selbst und mit Behutsamkeit aufsuchte und sich darin auf Andre nicht verließ, so wurde dies Geld fast immer nützlich verwendet. Besonders nahm er sich der armen arbeitsamen Krämer aus den niedrigsten Volksclassen an, lieh ihnen ohne Zinsen in kleinen Summen fünf oder zehn Pfunde, die er sich nach und nach bei zwei oder vier Schillingen wöchentlich wieder erstatten ließ. Das auf diese Weise eingesammelte Geld theilte er dann wieder an einem gewissen Tage jedes Monats an Andre aus und vervielfältigte durch diesen schnellen Umlauf die Wohlthaten. Um aber diesen Fonds vor Verminderung zu schützen, machte er's sich zur Regel, nur solche Männer daran Theil nehmen zu lassen, die hinlängliche Sicherheit für regelmäßige Wiedererstattung geben konnten; denn er war überzeugt, daß jeder als ehrlich, mäßig und arbeitsam gekannte Mann seine Nachbarn leicht bewegen könne, Bürgschaft für ihn zu leisten. Auch liefen diese gar keine Gefahr dabei; denn Swift benachrichtigte sie gleich davon, sobald seine Schuldner nicht ordentlich zahlten, und überließ es ihnen, sie dazu anzuhalten. Auf diese Weise blieb der Fonds unvermindert, und verschiedne Handelshäuser in Dublin, die jetzt in großem Ansehen stehen, haben diesem Fonds ihr Glück zu danken. »Der Ruf seiner Klugheit und Rechtschaffenheit war nun so ausgebreitet, daß ihn die Kaufmannschaft in Handelsgeschäften oft um Rath fragte und bei allen streitigen Fällen zum Schiedsrichter wählte; auch untersuchte er die Mißbräuche aller Art, welche damals in Dublin herrschend waren, auf das Genaueste und bemühte sich, sie abzuschaffen. Mit einem Wort, er hatte sich durch die allgemein anerkannte Ueberlegenheit seiner Talente, durch strenge Rechtschaffenheit und durch unermüdeten Eifer für das Wohl des Vaterlandes bei seinen Landsleuten in ein Ansehen gesetzt, dessen sich noch nie ein Privatmann in irgend einem Zeitalter hat rühmen können. Im ganzen Königreiche war er unter dem Namen der Dechant bekannt, gleichsam als gäbe es nur einen in der Welt; und mit diesem Namen verband man die Vorstellung des größten und ersten Mannes im Lande. Sobald es hieß: » Der Dechant hat dies oder jenes gesagt oder gethan «, fand es Jedermann recht gesagt, recht gethan; man bezeugte einen so blinden Glauben an seine Unfehlbarkeit als die Katholischen an die Unfehlbarkeit des Papstes. »Ich weiß,« sagt Lord Carteret Vicekönig in Irland. – H. in einem Briefe an ihn, »ich weiß es aus Erfahrung, daß die Stadt Dublin Euch als ihren Beschützer ansieht und alle von der Regierung zu St. Patrik ausgefertigten Befehle auf das Genaueste erfüllt werden. Wenn mich die Leute einst fragen sollten, auf welche Weise ich Irland beherrscht habe, so würde ich antworten: Indem ich mir Swift's Beifall zu erwerben suchte.« »Indessen schränkte sich Swift's Sorge hauptsächlich auf die mittlern und untern Stände ein; auf die mittlern besonders, vermöge seines Grundsatzes, daß man darin die besten Menschen finde, indem sie weder durch Ueberfluß verderbt, noch durch Armuth und Elend niedergedrückt seien. Auch waren ihm diese Menschenclassen gänzlich ergeben; die untern Stände beteten ihn an und betrachteten ihn fast als ein Wesen höherer Art. Sein bloßer Anblick oder ein Wink mit seiner Hand zerstreute oft einen Volksauflauf, wogegen die vereinte bürgerliche und kriegerische Macht nichts vermocht haben würde. »Die höhern Stände hielt Swift für unverbesserlich und wich desfalls aller Gemeinschaft mit ihnen aus. Er gesteht selbst, daß er die Lords und Grafen des Königreichs fast nicht einmal persönlich kenne und die Glieder des Unterhauses als feile Schelme betrachte, die ihre Grundsätze und das Wohl des Vaterlandes ihrem Ehr- und Geldgeiz aufopferten. Auch lebte er in immerwährendem Kriege mit ihnen und ließ sie oft den scharfen Stachel seiner Satire fühlen, indeß sie auf der andern Seite sich durch Verleumdungen aller Art an ihm, den sie mehr als irgend einen Menschen auf der Welt fürchteten und haßten, zu rächen suchten. »Für die Armen seines Kirchspiels sorgte er so, daß Niemand außer demselben bettelte. Er hatte ihnen ein Armenhaus bauen lassen, das er oft besuchte und in welchem er strenge auf Ordnung und Reinlichkeit hielt. »Um in Austheilung seiner Wohlthaten gerecht zu sein, und damit sie stets sowol den Verdiensten und Bedürfnissen Derer, die sein Mitleid anflehten, als seinen Umständen angemessen sein möchten, füllte er seinen Beutel immer mit verschiednen Münzsorten vom silbernen Threepence an bis zur Krone.« Swift's Leben, von Sheridan. – H. II. Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts. Hiermit beginnt das dritte Stück (II. 1) der Adrastea. – D. ––––– Man ist gewohnt, das Zeitalter Ludwig's XIV. sowie der Königin Anna in England goldne Zeitalter der Literatur zu nennen; Zeiten Saturn's, goldne Zeiten für die Menschheit waren weder das eine noch das andre. Kriege verwüsteten Europa; in Staatssachen Parteigeist, in Religionssachen Haß und Verfolgung, zwischen den Classen der Menschen Entzweiung, Aussaugung oder Niederdrückung der untern Stände durch die obern, ein falscher Nationalhaß, eine falsche Nationalehre, ein Streben nach blendendem Schimmer, nach Bequemlichkeit, Witz und Vergnügen bezeichnen den Anfang des verwichenen Jahrhunderts, auch an den lichtesten Plätzen unsrer westlichen cultivirten Welt; die schweren Folgen davon fielen größtenteils auf den zahlreichsten, den arbeitenden Theil der Nationen. Er mußte leiden und darben, indeß Wenige im Glanz der Ehre oder im Ueberfluß üppiger Freude lebten. »Als Ludwig XIV. starb,« sagt ein Augenzeuge, Mémoires du Duc de St. Simon I. 264. – H. »schien das zerrüttete, gedrückte, verzweifelnde Volk seinen Tod als eine Befreiung zu fühlen; die Ausländer, ob sie wol hoch erfreut darüber waren, endlich eines Monarchen los zu sein, der ihnen so lange Zeit hin Gesetze gegeben und der ihnen durch eine Art Wunder in dem Moment entkommen war, in dem sie am Sichersten auf seine Unterjochung rechneten, sie betrugen sich anständiger bei seinem Tode als die Franzosen.« Gewiß lagen diese und andre hochgerühmte goldne Zeiten Rousseau vor, als er in seiner beredten Declamation gegen Künste und Wissenschaften die Frage aufwarf: »ob und wie viel diese zum Wohl der Menschheit beigetragen hätten oder beitrügen.« Nicht also uneingeschränkt auf Wohlsein unsers Geschlechts oder auch nur einer Nation verbreitet sich der Glanz des Worts gülden , sondern nur auf das, was dazu ein Werkzeug sein sollte, auf Künste und Wissenschaften . Wie hoch nun standen diese in dem genannten Zeitalter? Sind ihre Productionen unübertrefflich- ewige Muster in jeder Art? Stehen sie ältern Zeitaltern der Griechen, der Römer, der Italiener, Engländer u. s. w. vor? Sind sie seitdem übertroffen worden? oder bleiben sie, Corneille und Racine , Molière und Lafontaine, Boileau, Fontenelle, Addison, Swift, Gay, Pope u. s. w. . stehende Muster für alle künftige Zeiten? Ein Jahrhundert weiter gerückt, können wir diese Fragen reiner und sichrer beantworten, als man sie in den Zeiten Ludwig's und der Anna selbst durch Streitigkeiten und Bücherkriege beantworten konnte. Wären sie aber auch wichtig, diese Fragen? Mich dünkt es. Denn giebt es nicht noch auf der einen Seite einen Hofgeschmack ( de la vieille cour ), der über das Zeitalter Ludwig's nichts Erhabneres, über Addison und Pope nichts Kunstmäßigeres kennt? Auf der andern Seite, wem sind die neueren Horden unbekannt, die diese einst so berühmten Werke des Geschmacks für wenig mehr als für Knabenspiele und abgekommene Tanzübungen achten? Still nachdenkend erhebe die Göttin hier ihren Arm und messe und wäge. Jede verlebte Zeit, jede Nation, alle gelten ihr gleich; Athen und Rom, Paris, Twikenham Bei London, wo Pope einige Zeit gelebt hatte. – D. und Tibur. Ihre Greife schreiten über Völker, Länder und Zeiten. Gäbe es aber auch einen Maßstab des Wahren, Schönen, Guten für alle Völker, für alle Zeiten? Daran lasset uns nie zweifeln! Was blos auf Nationalgeschmack, auf sogenannt patriotischer Parteilichkeit, auf Koketterie und eigensinnigem Humour, oder gar auf Wahnsinn, Frechheit und Ueppigkeit beruht, fliegt auf der großen Wage, die über allen Völkern schwebt, bald aufwärts. An jenem Läuterungsfeuer, das Zeiten nach Zeiten immer feiner durchglüht, hält es bald die Probe nicht aus und verdampft. Kaum giebt es etwas Unterrichtenderes, kaum aber auch etwas Schwereres als ein solches Gericht über die Todten , und zwar über die größten Geister der Vorwelt. Den Prunk ihrer Zeit abgelegt, Geist vor dem Geist stehen sie da. Die Tuba eines leeren Rufs ist verhallt, die entfernte Echo murmelt vielleicht etwas ganz Anderes, als was ihre Nähe jauchzte. Vollends die Irrwische, die Sternschnuppen! ein Klümpchen Schlamm liegen sie am Boden. Aber die ewigen Gedanken bleiben; mit den Jahrhunderten entwölken sie sich, immer Heller aufglänzend. Auch die wesentlichen Formen der Künste des Schönen dauern; fast nur im Bedeutungslosen oder in Zusätzen der Unform ändern sich ihre Gestalten. Ungeheuer viele Namen trägt nach jener schönen Fabel Ariost's Orlando furioso,Canto XXXV (11–18). – H. der munter-geschäftige Greis, die Zeit, in den Strom der Vergessenheit, um welchen mit großem Geschrei unaufhörlich Raben, Elstern und gierige Geier schwärmen. Hie und da erhaschen sie einen hingeworfenen Namen mit Klaue oder Schnabel, lassen ihn aber bald wieder sinken; zwei heilige, weiße Schwäne wachen über wenige große Namen, fangen sie auf und tragen sie zum Tempel der Unsterblichkeit hinüber. 1. Geschichte. Unter Ludwig XIV. existirte sie nicht. Historiographen besoldete er; weise aber unterließen sie es, ihr Amt zu verwalten. Er nahm sie mit zu Felde, seine Thaten zu sehen; Boileau stieß laut in die Drommete: »Großer König, höre auf zu siegen, oder ich – höre auf zu schreiben!« (an dergleichen Lob war Ludwig's Ohr gewöhnt); der Satiren- und Odenmacher schrieb aber keine Geschichte. Racine, der zarte, blöde Racine fiel fast in Ohnmacht, als er in Gegenwart des Königes und der Maintenon den Namen Scarron als eines Possenreißers unvorsichtig genannt hatte, und als der König in einem von ihm namenlos aufgesetzten, der Maintenon anvertrauten Memorial über die damalige Noth Frankreichs ihn höchst ungnädig erkannte, grämte sich der arme Dichter zu Tode. Racine also schrieb keine Geschichte. Pater Daniel, ein Jesuit, verstand das Ding besser. In seiner »Geschichte von Frankreich« machte er von der Familie d'Aubigné, zu der sich die Maintenon zählte, eine so glänzende Erwähnung, daß sein Buch bei den Höflingen und durch sie weiterhin schnellen Lauf gewann. Er ward königlicher Historiograph und genoß seine Pension schweigend. Wie kann man auch nur denken, daß ein Monarch wie Ludwig bei seinen Lebzeiten einen Geschichtschreiber habe? Ist die erste Pflicht dieses, Wahrheit zu sagen, Falsches nicht zu sagen, mit kühner Hand Glanz und Schimmer hinwegzuthun, wo diese die Begebenheiten entstellen, Charaktere verfälschen: wie war ein Geschichtschreiber an einem Hofe, unter einer Regierung denkbar, die ganz Schimmer, Schimmer von so betäubender, blendender Kraft war, daß er die Welt um sich her zu einer Zauberhöhle machte, in welcher allenthalben nur der Name des großen Monarchen glänzte? Das einzige Wort Ludwig's: » L'État c'est moi! «, verbot unter seinen Augen alle Geschichte. Und wie fernhin reichten diese Augen! Er, der die Holländer einiger öffentlichen Spöttereien wegen mit einer fürchterlichen Kriegsmacht anfiel, er, der Bussy-Rabutin eines ungezognen Couplets wegen verbannte und des »Telemach's« wegen Fénélon's unversöhnlicher Feind war: ein Machthaber wie er litt keine Geschichte. Keine andre wenigstens, als die ihm aus seinen eignen, auf seine eignen Kosten dargebracht ward, eine metallische, goldne , aus Denkmünzen, die er auf sich hatte prägen lassen, mit Aufschriften, dazu er eine eigne Akademie bestellt hatte, eine vollwichtig goldne Geschichte. Histoire métallique de Louis XIV. – H. Desto hämischer neckten ihn dafür seine Feinde; desto lauter schrieen seine Verfolgten. Von beiden Seiten war also keine Geschichte zu erwarten, die in gemäßigtem Licht einen ruhigen Anblick fordert. Aber die Scenen rücken vorbei; die Zeiten ändern sich und erscheinen in ihren Folgen; dann erst beginnt eine vergleichende Geschichte. Verzweifle Niemand daran, daß wir oder unsre Nachkommen die großen Begebenheiten unsrer Zeit nicht auch als Geschichte sollten kennen lernen! Auch sie werden in die Entfernung treten, in der allein sie ein Maß mit reinem Anblick gewähren. Was im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts Ludwig, Wilhelm, Eugen, Marlborough und Andre, waren in Mitte des Jahrhunderts andre Helden; Alle haben ihr Maß gefunden. Die schädlichste Krankheit der Geschichte ist ein epidemischer Zeit- und Nationalwahnsinn , zu dem in allen Zeitaltern die schwache Menschheit geneigt ist. Nichts dünkt uns wichtiger als die Gegenwart, nichts seltner und größer, als was wir erleben. Treten nun zu diesem engen Gefühl noch aufblühender Nationalstolz, alte Vorurtheile von mancherlei Art, Verachtung andrer Völker und Zeiten, von außen anmaßende Unternehmungen, Eroberungen, Siege , vor Allem endlich jene behagliche oder vornehme Selbstgefälligkeit hinzu, die sich selbst als den Mittelpunkt der Welt auf dem Gipfel der Vollkommenheit wähnt und nach dieser Voraussetzung Alles beäugt: so kommt in dies ganze chinesische Gemälde eine Verzogenheit der Begebenheiten und Figuren, die bei angewandtem Talent zwar unterhalten, vielleicht auch bezaubern kann, am Ende aber doch ermüdet. Wir fühlen uns durch die glänzende Darstellung getäuscht und sind unwillig über diese Täuschung; denn die Folgezeit hat den falschen Firniß abgestrichen, die Begebenheiten anders gerückt und die Gestalten rein modellirt . Wie wenige Geschichten des vorigen und der ihm vorangegangenen Jahrhunderte lassen sich jetzt noch mit zustimmendem Urtheil vom Werth der Dinge lesen! Anmaßungen, Entwürfe, Schlachten, Lobsprüche, Siege – Alles hat mit dem Ende des Jahrhunderts ein andres Maß erhalten; und wer bürgt uns dafür, ja, wer darf es sich anmaßen, daß er dies Maß schon in der bestimmtesten Reinheit der Absichten und der Schätzung der Dinge habe? Auf jeden Fall indeß sind wir weiter. Die Geschichte Wilhelm's von Oranien und der Königin Anna hatte, obwol aus andern Ursachen, dasselbe Schicksal. Die Gährung der Whigs und Torys, die hundert Dinge in einander mischten und ihre Bestrebungen mit jedem neuen Minister änderten, ja, die oft selbst nicht wußten, was sie wollten, machten lange Zeit jede reine Ansicht der Begebenheiten und Charaktere unmöglich. Swift's Geschichte der letzten Jahre dieser Königin ist das trockenste seiner Werke, und da es das aufrichtigste sein will, doch auch einseitig, parteilich. Es gehört ein Erwachen dazu, den Traum und Drang der Begebenheiten zu ordnen, wenn er – geträumt ist. Wie viel gehört überhaupt zum leicht ausgesprochenen Wort Geschichte neuerer Zeiten ! Ein schätzbarer Schulmann ließ eine Rede über den Satz halten, »daß die neuere Geschichte zwar angenehmer, bei Weitem aber Ungewisser sei als die alte,« Job. Mich. Heinzens kleine deutsche Schriften, II. 228 ff. – H. und führte zu dessen Bestärkung als ein eifriger Verehrer der Alten manche Gründe an. Das Ungewisse beiseite gesetzt, in welches sich die alte und neue Geschichte verhältnißmäßig wol theilen möchte, ist die neuere Geschichte viel zusammengesetzter und verflochtner als die alte. Die Führung unsrer Geschäfte; ihre Hilfswerkzeuge und Maschinen, noch mehr die Entwürfe und Charaktere der jüngeren Welt haben jene plane Evidenz verloren, die uns in der Geschichte der Griechen und Römer bezaubernd festhält. Alle Begebenheiten Europa's laufen in einander, und ihre ersten Triebfedern sind oft, wo man sie am Wenigsten sucht, im dunkelsten Winkel, nicht etwa eines Cabinets, sondern einer Gesindstube oder in einem noch heimlichern Raume. Die Register eines Staats, Departements genannt, tönen oft in einem solchen Gewirr, oder eins, gewöhnlich das Kriegswesen, ruft allen andern so laut vor, daß eine Geschichte der Zeit, d. i. eine Harmonie zu ziehen, gewiß das Werk nur eines Orpheus, Amphion's oder gar eines himmlischen Genius sein möchte. Hätte Boulainvilliers z. B. aus den zweiundvierzig Foliobänden von Berichten, die über den Zustand Frankreichs auf Befehl des Herzogs von Bourgogne einlangten, ein Gemälde entwerfen wollen, wie aristokratisch wäre es geworden! Hätte Bossuet eine Geschichte seiner Zeit geschrieben, welch eine klerikalische Gestalt würde sie gewonnen haben, da z. B. der Abt de Choisy seinen König zu einem förmlichen David und Salomo machte! Die jüngste, späteste Tochter Mnemosynens ist die Muse einer wahren Geschichte; wenn wir in Mitte oder zu Ende des Jahrhunderts an sie oder an Vorläuferinnen derselben kommen werden, mit welcher Freude wollen wir sie begrüßen! mit welcher hoffnungsreichen Aussicht auf zukünftige Zeiten wollen wir sie umarmen! Damit wird den Geschichtsforschern Frankreichs und Englands unter Ludwig, Wilhelm und Anna an ihren Verdiensten nichts geraubt. Sie übten sich in ältern Zeiträumen, über die sie frei schreiben durften. Der brave Mézeray in Frankreich, Rapin de Thoyras in England thaten, so viel sie konnten; St. Réal's Geschichte der Verschwörung in Venedig, Dubos' Geschichte der Ligue von Cambray, Vertot's Revolution mehrerer Völker, Rollin u. s. w. werden immer noch mit Wohlgefallen gelesen. Die zum Apparat der Geschichte in Bibliotheken, Sammlungen oder in historischer Kritik beigetragen, Lelong, Lauriére, Launoy, Mabillon und so viel andre Sammlerin Frankreich und den britannischen Inseln sind durch ihre Mühe oder durch ihre Kritik sehr schätzbar. Die Akademie der Aufschriften lieferte treffliche Discussionen über die alte und mittlere Geschichte, insonderheit Frankreichs; aus Furcht der Unsicherheit in den nächsten Gegenden besuchte die historische Muse entlegnere Reviere. »Wie werden Sie es machen,« fragte der Herzog von Bourgogne den Abt Choisy , »um zu sagen, daß Karl VI. närrisch war?« »Monseigneur,« antwortete dieser, »ich werde sagen: er war närrisch.« So, als Ludwig XIV. den Geschichtschreiber Mézeray fragte: »warum er Ludwig XI. zum Tyrannen gemacht habe?« antwortete dieser demüthig: » Sire, pourquoi l'était-il ?« Damit hatte das Gespräch ein Ende; beim grand Alcandre Vgl. oben S. 50. – D. selbst wäre es damit nicht beendet gewesen. Hier folgte in der Adrastea das Gedicht: »Geschichte und Dichtkunst« (Herder's Werke, I. S. 146–148). - D. ––––– Beilage. Baco von der Geschichte. De augmentis scientiarum, L. II. Cap. 5. – H. »Unter menschlichen Schriften ragt an Würde und Ansehn die bürgerliche Geschichte hoch hervor. Ihrer Treue nämlich sind die Beispiele der Vorfahren, der Wechsel der Dinge, die Grundfesten bürgerlicher Klugheit, der Menschen Name und Gerücht anvertraut. Zu ihrer Würde tritt ihre Schwierigkeit, die ebenso groß ist. Denn den Geist in das Vergangene zurückziehen und ihn gleichsam alt machen, die Bewegungen der Zeiten, die Charaktere der Personen, der Rathschläge Gefahren, der Handlungen (als wären sie Gewässer) verborgene Leitungen, das Innere äußerer Vorwände, die Geheimnisse der Regierung mit Fleiß zu erforschen, sie treu und frei zu erzählen, hell endlich vor Augen zu stellen, dazu gehört große Mühe und ein großes Urtheil, insonderheit da alles Alte ungewiß, das Neuere mit Gefahr umwunden ist. Daher denn auch dieser Geschichte viel Fehler umherstehn, indem Einige statt ihrer dürftige, gemeine, sogar unanständige Erzählungen vortragen, Andre Particularberichte und Geschwätz darüber eilfertig in ungleichem Gewebe zusammenflicken, Andre die Titel der Begebenheiten nur durchlaufen, wiederum Andre jede Kleinigkeit, die zur Sache nichts thut, verfolgen, Einige aus gar zu großer Nachsicht gegen ihren eignen Witz Vieles kühn erdichten, Andre zwar nicht das Gepräge ihres Geistes, desto mehr aber ihrer Affecten den Begebenheiten eindrücken und zufügen, ihrer Partei wohl eingedenk, über die Dinge selbst aber untreue Zeugen. Manche, die sich in der Politik gar wohl gefallen, bringen allenthalben Staatsklugheit an, und da sie zu dieser Ostentation Auswege suchen, unterbrechen sie gar zu leichtsinnig den Faden der Erzählung; Andre schalten lange Reden und Predigten, wol auch lange Actenstücke ein, mit wenigem Urtheil. So daß offenbar unter allen menschlichen Schriften nichts seltner ist als eine eigentliche, gesetzmäßige, vollkommne Geschichte.« 2. Denkwürdigkeiten ( Mémoires ). Je ärmer an Geschichte (im hohen Sinne des Worts) der Anbruch des vergangenen Jahrhunderts war, desto reicher war es in Frankreich und England, zumal in erstem Lande, an sogenannten Denkwürdigkeiten ( Mémoires ). Was ist in ihnen für unsre Zeit brauchbar? worin sind sie auch für uns Muster? Frankreich konnte sich trefflicher Memoires, fast von den Zeiten des wieder in Gang kommenden Schreibens rühmen. Der Mönchschroniken nicht zu gedenken, wer kann das »Leben Ludwig's des Heiligen« von Joinville lesen, ohne den gutmüthigen König, mit dessen Lebensweise man völlig vertraut wird, zu lieben? Nach Froissard und Andern war im fünfzehnten Jahrhundert bereits Philipp de Comines durch seine darstellenden trefflichen Denkwürdigkeiten ein Muster dieser Gattung von Schriften für seine Sprache worden. Ludwig XI. sowie Karl den Kühnen sieht man in ihnen denken, handeln, leben; er traf in einen Zeitpunkt großer Begebenheiten, war beiden so scharf contrastirenden Führern derselben nah und wägt, naiv erzählend, wie auf der Vernunftwage ihre Gesinnung, ihr Betragen, ihr Schicksal. Werke solcher Art machen im Stillen auf Jahrhunderte Eindruck; noch jetzt wird Comines in seiner besten Ausgabe Mémoires de Messire Philippe de Comines, Ausgabe des Langlet du Fresnoy. Paris 1747. 4 Vol. 4. – H. wie ein belehrender Roman gelesen. Fortan fehlten unter den folgenden Königen Denkwürdigkeiten ihrer Zeit, von vortrefflichen Männern geschrieben, nicht; insonderheit waren die Zeiten der Kriege seit Franz I., noch mehr die Zeiten der Ligue daran fruchtbar. Die Memoires von Bellay, Thuan's »Geschichte seiner Zeit«, Boivin, Castelnau, Tavannes, Montluc, d'Estoile, Mornay, d'Aubigné und wie viele andre sind in ihrer Art schätzbare Schriften! Wem sind die Mémoires de Sully unbekannt? unter Ludwig XIII. die Berichte von d'Avrigny, dem Marschall d'Estrées, Bassompierre u.s.w.? Jeder ausgezeichnete Mann hatte in diesen verwirrten Zeiten seinen Memoire-Schreiber gefunden, oder er schrieb seine Begebenheiten und Ansichten der Dinge selbst. Auf dieser sprachreichen lichten Höhe stand die Vorzeit Frankreichs, als Ludwig XIV. minderjährig auf den Thron kam. Die Zeiten der Fronde begannen und endeten mit einem Reichthum von Denkwürdigkeiten, die, eifrig, fein, zierlich dargestellt und erzählt, Leser jeglicher Art und entgegengesetzter Parteien vergnügten. Die Memoires des Cardinal de Retz z.B. wird man lesen, so lange die französische Sprache dauert. Sie schildern den Lärmen um Nichts, der auf einen jour de barricade (ein Sperren der Gassen), auf nichts Höheres hinausging, sammt den nächtlichen Zusammenläufen, Unruhen und Intriguen, bei diesen die Charaktere der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in mancherlei Rang und Stande so lebendig, daß man sich in ihrer Mitte befindet und, wenn man die bekannten Bildnisse dieser Personen dabei im Sinn hat, mit ihnen gleichsam mitlebt, selten zwar thätig mit ihnen, desto öfter aber wundernd und staunend, verabscheuend und bisweilen hochachtend. Der störende Cardinal, der nach einem Leben voll Unruhe zu Nichts gekommen war, eigentlich auch zu Nichts hatte kommen wollen, konnte in seinem hohen Alter Besseres nichts thun, als in Ruhe leben und seine Schulden bezahlen. Die Memoires von Joly, Rochefoucault, Gourville, der Herzogin von Nemours u.s.w., die der Erzählung des Cardinals als ergänzende Berichtigungen zur Seite gehen, bringen in diesen Winkel der Geschichte viel Licht der Menschenkenntnis, wenngleich nicht immer der Menschenliebe. Als Ludwig selbst den Scepter ergriff, änderte sich der Ton solcher Denkwürdigkeiten nach jeder Weise des Hofes. Die galanten Abenteuer des Königs mit dem immer trostlosen Ende seiner Mätressen gaben galante und traurige Memoires; die Kriegs- und Staatsbegebenheiten, das oft veränderte Hofleben von Zeiten der Königin-Vormünderin an durch alle Lebensperioden ihres verliebten, ehrsüchtigen, dann verwelkten und devoten Sohnes, mit allen Glücks- und Unglücksfällen der Höflinge und Minister, ihrer Werkzeuge und Diener, gaben Denkwürdigkeiten in der seltsamsten Mischung. Und da von diesem Allen in der Classe von Menschen, die damals für die einzig gebildete galt, allgemein gesprochen ward, da man die Bildnisse der Personen dieser Memoires damals an Höfen und in Schlössern aufstellte, so galten ihre Memoires selbst als Muster des Geschmacks und der feineren Lebensart allenthalben. Welche zierliche Bibliothek besitzt nicht Denkwürdigkeiten einer Motteville , Montpensier , d'Aunoy , Maintenon , eines Bussy-Rabutin u. s. w.? Welcher Kriegsmann der alten, galanten Zeit hätte sich nicht um die Memoires vom großen Condé , von Turenne , Vauban , Villars , Berwick , Luxembourg , Catinat u. s. w., welcher Seemann nicht um die Denkwürdigkeiten Forbin's , Tourville's , Duguay Trouin's , welcher Staatsmann um die Berichte eines d' Avaux , d'Estrades und die Erzählungen eines Montglat, Bouillon u. s. w. nicht bekümmert! Selbst die Denkwürdigkeiten, die in den Zeiten der Revolution, also ein Jahrhundert später erschienen und den Hof Ludwig's betreffen, Von St. Simon, Noailles, Richelieu, Duclos u. s. w. – H. fanden eine Lesewelt, als ob Ludwig noch lebte und herrschte. Ueberhaupt ist durch die französischen Memoires die Sprache, der Geschmack, die Denkart Frankreichs mehr als durch irgend eine andre Gattung von Schriften thätig in die Welt verbreitet. Was sie nicht bewirkten, thaten Briefe . Boursault , Lepays , Voiture , Fontenelle hatten durch witzige, galante, naive Briefe einen Geschmack an diesen Näschereien des entfernten und näheren Umgangs vorbereitet; an der Sevigné Briefen glaubte man endlich das Muster, so wie mütterlicher Liebe, so der feinsten weiblichen Schreibart zu finden. Die vornehme Delicatesse in ihnen gefiel am Meisten; wenigstens ihre Phrasen ahmte man standesmäßig nach. Und wer könnte den Briefen der Maintenon , Fénélon's , ja seines Vorbildes schon, des heiligen Franz von Sales , ihrer schönen Vernunft, ihres zarten Ausdrucks wegen den innigsten Beifall versagen? ––––– Wie stehen nun alle diese Productionen am Ende des Jahrhunderts? sind sie ausschließend ewige Muster? Einen gewissen Ton der Farben, sowie den Firniß damaliger Galanterie hat die Hand der Zeit ziemlich scharf abgestrichen, als man unter dem Herzog-Regenten und der nachkommenden Regierung ihre Folgen erlebte, so daß man in Frankreich dieses Tons längst satt war und ihn längst lächerlich gemacht hatte, als man ihn in Deutschland noch nachahmte. Zur Kunst, ein schönes Nichts zu sagen, gehörte eigens die Behendigkeit, der Glanz und die scheinbare Präzision der französischen Sprache; die herzliche Biederkeit oder, wo diese fehlt, der schwerfällige Ernst der deutschen machte jene leuchtenden Blitze oft zu unsanften Donnerschlägen. Die Manier, Charaktere zu zeichnen , wie sie im Zeitalter Ludwig's Mode war, gründete sich gleichfalls auf den Bau der Sprache sowie auf den Ton der damaligen Lebensart und Unterhaltung. Eine gewisse Metaphysik, die der französischen Sprache von je her eigen geworden war, sodann auch die Flüchtigkeit des Hofcharakters, der eine Person oder Sache von mehreren Seiten zu beäugen und mit einem neuen Ausdruck sie treffend und noch treffender zu bezeichnen strebte, gab den vielen Abstufungen und Lichtbrechungen der Begriffe Raum, die der französischen Sprache sogar eine eigne Interpunction gaben; denn wie sie lassen sich weder Griechen noch Römer interpunctiren. Fast alle Sprachen Europa's sind ihnen indeß bei Annahme des Baues ihrer Schreibart gefolgt. Wie die Begriffe zerlegt und gespalten werden, so auch der Ausdruck. Daß diese überfeine Schilderung der Charaktere von fremden Nationen mißlich nachgeahmt werde, ist durch sich selbst klar; in lebhaft geschriebnen französischen Memoires thut sie keine üble Wirkung. Mit frischen Farben wollte man die Personen seiner Bekanntschaft malen; zu einer Galanacht Hoffest. - D. gehörte also auch – Schminke. So viel die Farben; anlangend aber den Zweck und die Seele solcher Memoires, wer könnte daran etwas tadeln? Jeder Mensch, der Denkwürdigkeiten erlebt oder verrichtet, hat das Recht, sie zu erzählen; je verständiger, je unterhaltender, um desto besser. Wer ihm nicht zuhören will, verlasse die Gesellschaft. An einem stummen Memento mori als Inbegriff seines ganzen Lebens mag ein Karthäuser sich erbauen; Leben ist Aeußerung seiner Kraft; von dem aber, was Seele und Hand wirkt, will auch das bewegliche Ruder der Vernunft, die Zunge, reden . Durch dies Sprechen über sich klärt sich der Handelnde selbst auf; er lernt sich als einen Fremden im Spiegel beschauen und, was Shaftesbury so hoch anräth, theilen . Zwei Personen werden aus ihm: der gehandelt hat, und der seine Handlungen jetzt erzählt oder beschreibt. Zudem ist in solchen Erzählungen der Erzähler gewöhnlich der kleinste Theil der Geschichte. Die Personen, mit denen er bekannt ward, die Charaktere, die auf seinen Lebensweg trafen und sein Schicksal bestimmten, die Begebenheiten, in welche er, meistens unwillkürlich, verflochten ward (denn wer bestimmt sich selbst Ort und Zeit, Umstände und Zufälle seiner Existenz?), und wie er sich dabei nahm, wie nach Jahren er sie jetzt selbst ansieht: dies macht gewöhnlich das Interessanteste solcher Legenden. Der gemeinste Mensch kann in Umstände, in eine Verbindung mit Personen gerathen, die gerade er mit dem schlichtesten Blick ansieht, da sie sich gegen ihn am Unverholensten äußern. Gourville's , des Kammerdieners von Rochefoucault, Memoires sind oft merkwürdiger als die seines Herren. In Memoires kommt zum Vorschein, was sonst nirgend ans Licht tritt, ja, wovon manche Philosophie und Politik kaum träumt. Jetzt ein Abgrund von so wunderlichem Aberglauben, als man diesem vernünftigen, jenem großen Mann a priori unmöglich zutrauen würde; jetzt in Kleinigkeiten oder gar in Führung der ganzen Lebensweise eine Eigenheit, die zuweilen dem Wahnsinn nahe grenzt; Schwachheiten und Größen, die uns überraschen, die man dem menschlichen Gemüth kaum zutraut; in Allem endlich ein Spiel der Verhängnisse und Zufälle , das eitle Menschen sich schwer eingestehen, und das doch in jede Scene des Menschenlebens so mächtig wirkt. An reif überdachten, wohlgeschriebenen Memoires bereichert sich also nicht etwa nur die Psychologie und die kahle Geschichte, viel mehr und inniger der überlegende Verstand, die praktische Personen-, Sachen- und Weltkenntnis. Ja, wer wollte dem Herzen seinen Antheil an ihnen versagen? Liebend oder hassend lesen wir sie, indem wir immer doch ferne Zeiten, verlebte Personen mit den unsern vergleichen. Aus einer verschwundenen Welt erscheinen sie uns, um uns zum bessern Genuß und Gebrauch der gegenwärtigen, unsers Standes und Lebens zu erwecken, zu stärken. Mancher Jüngling ist durch das Lesen der Denkwürdigkeiten eines Mannes von großer Natur selbst zu einem nicht gemeinen Mann worden. Manchen Niedergedrückten, Trostlosen hat eine einzige Stelle solcher Lebensbegebenheiten, ein Entschluß, oft nur ein Wort in ihnen wie ein himmlischer Genius aufgerichtet. Wenn aus irgend einer Gattung von Schriften Gleichmuth , das nil admirari Nichts zu sehr bewundern«. – H. [Nach Horaz. Epist., I. 6. 1. – D.] und das noch schwerere nunquam desperare »Nie zu verzweifeln«. – H. [Nil desperandum« bei Horaz, Carm., I. 7. 27. –D.] zu lernen ist, so wäre es aus dieser; die meisten derselben sind ein fortgehender Commentar der Oden und Briefe des Horaz über die einzige praktische Lebensweisheit , warnend oder lehrend. Ja, wenn ein Mensch noch einiger Aufrichtigkeit und Wahrheit fähig, wenn der Eitelste von hundert Lügen, deren er sich selbst überredet, der Trägste von gewohnten Hinlässigkeiten, die ihn ins Verderben stürzen, noch zu retten, zu heilen ist: wodurch wären sie es, als durch Memoires über sich selbst ? durch einen ernsten Zurück- und sorgsamen Durchgang seines eignen, wie verlebten Lebens! ––––– Wenn einer Nation, so wäre der unsrigen zuzurufen: »Schreibt Denkwürdigkeiten, Ihr stillen, fleißigen, zu bescheidnen, zu furchtsamen Germanen! Ihr steht hierin andern Nationen weit nach. Diese erhoben ihre Helden, ihre Entdecker, ihre ausgezeichneten Männer und Frauen auf Schwanen- oder Adlerfittigen in die Wolken; Ihr lasset sie matt und vergessen im Staube.« Unsre alten Biographien sind nicht gesammelt; die französischen, englischen sind es. Der prächtigen Ausgabe Thuan's sollte unser Sleidan entgegengestellt werden; das Unternehmen kam nicht zu Stande. Eine Biographia Germanica , wie die Briten eine Britannicam haben, ist, soviel seit Leibniz davon gesprochen ward, ein unerfüllter Wunsch geblieben. An selbstgeschriebnen Lebensbegebenheiten sind wir Deutsche sehr dürftig. Selten schrieben unsre Helden; denn viele konnten nicht schreiben; die Cultur, die schon zu den Zeiten Franz' I., Heinrich's IV., der Elisabeth Frankreich und England zum sprechenden Nationalruhm belebte, war Deutschland in seinen obern reichen Ständen fast fremde. Unsre Domherren schrieben nicht; unser Adel spielte und jagte. Treufleißige Geschäftsmänner dagegen ermatteten und erlagen unter dem Joch ihrer vielvertheilten Geschäfte und unter dem noch schwereren bleiernen Joch des deutschen Pedantismus. Sprachen sie von sich selbst, so war's von ihrer Treue, ihrer Religiosität, ihrem Diensteifer, von der Bürde, die sie zu tragen, von den Kämpfen, die sie zu bestehen, von der Ungnade, der sie zu entweichen hatten – trauriges Leben! Der vielverdiente Moser in seinem » Patriotischen Archiv « hat uns mehrere dergleichen Castra doloris dargestellt, die die Brust zusammendrücken, statt daß sie sie erweitern und erheben sollten, ja, die zuletzt den Seufzer zurücklassen: Anch'io sono ***. »Auch ich bin ein ***.« – H. [Parodirung des Wortes »Anch'io sono pittore«, das Correggio beim Anschauen eines Gemäldes von Raphael ausgerufen haben soll. – D.] Mit wie freierem Blick sehen Franzosen, Engländer, Italiener, Schweden auch unter Monarchien umher! urtheilen und scheuen sich nicht, beurtheilt zu werden! Das Gefühl, daß sie einem Vaterlande, daß sie sich selbst zugehören und von der Anwendung ihres Lebens sich und der Welt Rechenschaft schuldig sind, gab ihnen Muth zum Urtheile. Wenn dagegen in einen Deutschen von Stande zuweilen das Gefühl, daß er ein merkwürdiges Ding sei, fuhr, wie abenteuerlich spreizt er sich meistens in seinem vornehm-niedrigen Wahne! In Ahnen lebt er, die er aufstellt, in längst verblichnen Schattenbildern, und erröthet nicht, sich selbst dem Publicum als einen Thoren darzustellen, da es einen weisen, verständigen Mann erwartete, der mit Rücksicht auf Andre, auf die ganze gebildete Welt, anständig-bescheiden von sich rede. Im siebzehnten bis zur Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die sogenannten Lebensläufe hinter den Leichenpredigten und Epicedien das steife Maß deutscher Denkwürdigkeiten; nachher verloren sich auch diese, da dann hie und da eine freche Selbstlobpreisung oder eine erkaufte Lobpreisung durch Andre ans Licht trat, glorreich anzuschauen, ekel zu lesen. Die deutschen Gelehrten endlich – sie in ihrem mühseligen Kreise vertraten hierin fast noch einzig den Ruhm der Nation. Sie lobten und befehdeten einander auch im Grabe; durch Beides ward das wahre Verdienst von den Händen der Zeit gesichtet und erprobt. Aber auch unter ihnen, wie Wenige sind, die von sich selbst zu schreiben wagten! und die Meisten derselben erzählten ein wie trauriges, mühvolles Leben! Denkwürdigkeiten sein selbst müssen, zu welchem Stande man auch gehöre, rein menschlich geschrieben sein; nur dann interessiren sie den Menschen. Uns Deutschen, zumal bei unserm Charakter, unsern Sitten, unsrer Verfassung und Lebensweise, ist diese Gemüthlichkeit unentbehrlich, ja vielleicht unableglich. Der galante Scherz mit sich selbst und der Welt, geschweige mit der Politik, ist uns selten gegeben. Menschliche Denkwürdigkeiten aber, wem wären sie untersagt? ja, von wem würden sie seiner eignen Bildung wegen nicht gefordert? ––––– Beilage. Maß der Adrastea in Denkwürdigkeiten seiner selbst. 1. Niemand erröthe beschämt oder zitternd, daß er von und über sich selbst schreibe : als ein Vernunftwesen ist er Rechenschaft über sich sich selbst schuldig. Wozu er von der Natur bestimmt sei, was er geworden, weshalb nicht mehr, was ihn daran verhindert, wer ihm dazu geholfen: Fragen, deren sich Keiner überheben sollte. Jede Pflanze, jeder Baum hätte, wenn es Vernunft besäße, das Recht, also zu fragen; in seinem Namen thut's der Naturforscher, der Haushalter. Naturforscher und Haushalter über uns selbst sind wir , mit angebornen, unveräußerlichen Naturrechten. 2. Sogleich treten uns bei diesen Fragen eine Menge Gegenstände vor, die unsre Aufmerksamkeit fordern. Wir gaben und versagten uns unsre Fähigkeiten und Neigungen nicht selbst; wir riefen uns nicht an die Stelle, wo wir von Kindheit auf unsre Bildung oder Mißbildung erhielten. Was uns hier förderte oder aufhielt, wirkt aufs ganze Leben; die Hindernisse, die uns in den Weg traten, sammt dem Schaden, der uns daher erwuchs, sind unersetzbar; sie dauern fort, drücken vielleicht auch Andre und mißbilden sie. Daß sie abgethan werden, dazu sind wir ihnen also unsre Beihilfe schuldig . Wenn mit Nennung der Namen, mit treuer Bezeichnung der Lage der Sache und Umstände sich hundert anklagende Stimmen allmählich erheben, so bestürmen, so zerreißen sie, hart, wie es sei, das Ohr der tauben Fühllosigkeit endlich. Gedrängt wird sie, aus öffentlicher Beschämung zu thun. was sie aus edel-freiem Willen nicht thun mochte; sie muß die drückendsten Hindernisse der Menschenbildung hinwegthun, sie muß bessern. Die aus dem Fegfeuer jugendlicher Qualen ertönenden Stimmen haben sie dazu gezwungen, ja überwältigt. 3. Dankbar zeichne der Selbstbiograph die Schutzengel seines Lebens aus, die ihm – meistens so unvermuthet – trostreich begegneten, ihn retteten, ihm forthalfen! Nicht nur ist dies das angenehmste Geschäft dankbarer Erinnerung , die auf den lichtesten Augenblicken des jugendlichen Lebens am Liebsten weilt, sondern eben diese gefühlvolle Auszeichnung erhebt andre Gleichbedrängte, ruft andre Gleichedle zu hilfreichen Schutzengeln der Verlassenen auf. Wie Undankbarkeit das schändlichste Laster im Leben eines Menschen ist, so wird Dankbarkeit der süße Weihrauch, der auch das Widrigste im Leben mit Erquickung begabt. Noth und Mühe sind dem Zurückdenkenden wie ein Traum vorüber; die Fesseln der Pein sind von unsern Händen hinweg; der lichte Befreier steht vor uns, unserm Herzen eingeprägt, unsrer Erinnerung unauslöschlich. Milde Gabe des Himmels! Balsam, den ein mitfühlender Geist dem leidenden Geschlecht der Sterblichen durch das Gesetz gab, daß in der Erinnerung das Bittere selbst süß werde , wenn wir es wohl anwandten, und daß in unserm Leben uns nichts so aufrichtet, stärkt und belebt als das genossene Mitgefühl Andrer . Wie Sterne einer andern Welt erschienen uns diese Edeln; wie Sterne einer andern Welt glänzen sie ewig in unserm Herzen, erquickend, erwärmend. Niemand ist, der auch in den fremdesten Lebensbeschreibungen dergleichen Erscheinungen nicht mit Wohlgefallen lese: sanft bezaubert lieben und loben wir an Andern, was wir selbst vielleicht nicht leisten konnten. Wolan ! andre höhere Gemüther werden es leisten, und Du muntertest sie dazu an. 4. Ueber Fehler der Jugend hüpfe man nicht hinweg; ihre Folgen ziehen sich durchs ganze Leben. Dies baut seine Alter wie Stockwerke über einander; unter dem Dache wohnt sich unsicher, wenn der Grund des Gebäudes schlecht gelegt ward. Vorzüglich bemerke man den geheimen Feind, der uns mitfolgte, unsre liebste Eigenheit , sobald sie wider Plan und Regel war. Sie zeichnete uns immer aus, machte uns oft anstoßen, noch mehr vergessen, noch mehr versäumen. In jugendlichen Jahren sehen die Menschen ihr nach, bewundern sie gar lächelnd; im ernsteren Alter richten und strafen sie solche desto unerbittlicher, desto schärfer. Wohl ihm, den hierin die Vorsehung nicht verzärtelte, dem sie frühe, scharfe Censoren weckte! und wohl ihm, der das scharfe Regelmaß dieser Censur nutzte! Verzärtelte Lieblinge des Schicksals sind in spätern Jahren sich und Andern zur Last; ihre nicht abgeriebnen Ecken und Breiten drücken und verwunden. Dagegen ist nichts Liebenswürdigeres als die gelehrige, sanfte Gemüthsart eines Menschen, der sich selbst überwinden, sich selbst ablegen, der das Joch in seiner Jugend tragen lernte. Non ignara mali, miseris succurrere disco , »Selbst bekannt mit dem Unglück, lern' ich Unglücklichen beistehn«. – H. (Virgil's Aen., I. 630. - D.) ist vielleicht die zarteste Sentenz, die je eine menschliche Lippe sprach; mit den innigsten Banden zieht sie schwache an starke, hilflose an hilfreiche Menschen und macht beide durch einander glücklich. 5. Es ist ein Naturgesetz im Gange des menschlichen Schicksals, daß, wie früher oder später jeder Fehler in seinen Folgen sichtbar werden muß, alle Unregelmäßigkeiten unsers Charakters durch Anstöße uns fühlbar werden ; denn auf Ordnung und Harmonie ist die Welt gebaut. Gegenseits ist auch kein edles Bestreben, das sich nicht durch sich und in seinen Folgen lohne; vor Allem lohnen Wohlwollen, Großmuth, Liebe . Daß man noch so manche wilde Zweifel gegen die Vorsehung in Ansehung der moralischen Welt hegt, kommt daher, weil man diese selten recht aufdecken und das innere Leben der Menschen enträthseln mag. Durch Selbstbiographien kommt es an den Tag; und o wie wird durch sie die Vorsehung gerechtfertigt! Ein selbstgeschriebener Brief Tiber's von den Qualen seines Gemüths auf seiner wollustreichen Insel sagt hierüber mehr, als eine lange Declamation sagen könnte. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 228. – D. Schritt für Schritt wird in unserm Leben der stille Gang der Adrastea merkbar. Da ist keine Schuld, die sich nicht strafe, kein Gutes, das sich nicht lohne. Wir sind uns sogar bewußt, was unabgebüßt noch auf unsrer Rechnung stehe und seinen Augenblick der Einforderung erwarte, wofür und wogegen uns dies oder jenes komme, womit wir es verdient oder veranlaßt haben, wie es wegzutilgen sei u. s. w. Immer nur durch überwindenden, nie ersinkenden Muth, durch Zutrauen und Hoffnung. Nur Tugenden höherer Ordnung in jeder Art verbessern begangene Fehler und bringen oft ein reineres Gute hervor. Diese Führung der Adrastea im menschlichen Leben, die manche Blüthe abwirft, um Früchte zu reifen, sie sei das Augenmerk jedes moralischen Selbstbeobachters und Geschichtschreibers. Nicht uns leben wir, sondern dem Ganzen; das Ganze wirkt auf uns und preßt uns, ihm anzugehören. Der gebildetste Mensch ist der, dem für sich und Jedermann die moralische Grazie ganz und willig in seiner Brust wohnt. 6. Unziemend sind also bei jeder Selbstbeschreibung jene ekeln Nachschmeckereien jugendlicher Leichtfertigkeit, von denen auch Rousseau's Confessionen nicht frei sind. Eine Beicht ( Confession ) soll diese Selbstdarstellung nicht sein; jene gehört Gott und dem Beichtiger; voll lüsterner Begier nach verlebten Jugendjahren, ist eben als Beicht sie unanständig und häßlich. Wer über sich selbst spricht, soll ein reifer Mann sein, der zwar, wie Franklin es nennt, die Irrthümer und Abwege seines Lebens nicht verschweigt, sie aber auch nicht wiederholen möchte und linde nur an ihren Platz stellt. Dafür bedarf er dann auch keiner Bußthränen , noch weniger jenes ewigen Murrens mit Gott und mit sich selbst, das uns in frommen Tagebüchern so sehr zur Last fällt. Der Selbstbeschreiber habe seine Tagebücher geendigt und rede über sich wie über einen Dritten oder, da dies nicht leicht möglich ist, wie ein Wiederkommender, der sein Leben, wie es auch ausfiel, geendigt hat und es jetzt seinen Mitgeschöpfen als ein verlebtes Naturproduct darlegt. Weder ärgern will er, noch prangen; aber lehren, nutzen, dies ist seine menschlich-wohlthätige Absicht. Kein Leser wird so leicht sein, der in Erinnerung dessen, was ihm auch mangelhafte Lebensbeschreibungen gewährten, dergleichen nicht in diesem reinen Umriß, in dieser seelenvollen Gestalt wünschte. Wolan! er greife selbst zum Werk; denn auch er hat gelebt. Nicht dem Publicum, aber sich ist er diese Recapitulation, dies zweite, geistige und schönere Leben seines Lebens schuldig; es wird ihm hie und da Reue, vielleicht süße oder bittere Thränen, durchaus aber eine mannichfaltige Belehrung über sich selbst und am Ende eine staunende Verwunderung gewähren, die sich in heitern Dank auflöst. Jeder wird sein Leben unter einem eignen Bilde ansehn, Alle aber werden darin übereinkommen, daß es ein geschäftiger Traum von Wirklichkeiten war, die uns umgeben, zu denen wir mit gehören, und auf welche wir selbst sehr wesentlich wirken. »Ein Schatte des Schattens ist der Mensch,« sagt Pindar; Vielmehr »ein Traum des Schattens« (όναρ σχιάς), Pyth., VIII. 99. – D. und doch ist er das erste Rad unsrer sichtbaren Schöpfung; für sich und für Andre trägt er, als Engel oder als Dämon, Tod oder Leben in seinen Händen. Hier folgte noch: »Horaz' Br.2. B. 1. Ueber sich selbst« (Herder's Werke, VIII. S. 59–62). – D. 3. Gedanken ( Pensées ), Maximen. Was uns vom höchsten Alterthum übrig geblieben ist, sind unter Andern sinnreiche Sprüche, Lehren, Maximen. Fast alle morgenländische Völker besitzen einen Schatz derselben, Ebräer, Araber, Perser, Sinesen; bei den meisten von ihnen sind sie sogar, nebst Sagen und Märchen, der Grund ihrer Nationalweisheit und Dichtkunst worden. Vgl. Herder's Werke, VI. S. 151 ff., 160 ff. – D. Den Griechen fehlte es daran nicht; von den Sprüchen ihrer sogenannten Weisen an ging ihre elegische und lyrische Dichtkunst beinahe davon aus, und je mehr sich das Drama verfeinte, desto reicher ward's an scharfsinnigen und moralischen Sentenzen, wie die Schauspiele Euripides' und die Reste der jüngern Komödie zeigen. Ihnen folgten die Römer; die neuere Beredsamkeit und Poesie ward daran noch reicher. Welche Menge Concetti besitzen die Italiener! Die Refranes Melodische Sentenzen. – H. der Spanier wurden häufige Themata ihrer Gesänge; das älteste Silbenmaß der Redondillas bildete sich an ihnen. Viele dieser Sprüche wurden Weisheit des Volks, Sprichwörter; den gröbern oder verfeinten Genius einer Nation erkennt man aus ihnen. Auch der französischen fehlte es hieran nicht; die Pensées und Maximes indessen, die unter Ludwig XIV. eine eigne Gattung von Schriften wurden, waren von einer andern Art. Indem man allenthalben scharfsinnig oder fein sich auszudrücken strebte und mit dem Wenigsten das Meiste, das Stärkste aufs Gelindeste sagen wollte, so bekam natürlicherweise der Ausdruck eine epigrammatische Kürze und Rundung oder eine Spitze , pointe . Man befliß sich einer gewissen Nachlässigkeit in hingeworfenen Gedanken, denen man eine schöne Naivetät beimaß. Andre strebten zum Hohen hinauf, Andre theilten den Lichtstrahl und ließen ihn anmuthig schimmern, wozu die metaphysische Präcision der Sprache viel beitrug. Kurz, sinnreiche Gedanken wurden zur Mode; Pater Bouhours sammelte dergleichen aus Alten und Neuern, sogar aus den Vätern der Kirche. Pensées ingénieuses des Anciens et des Modernes, recueillies par le Père Bouhours. Paris 1692. – H. Vor Andern waren es Pascal's und Rochefoucault's Gedanken , die gleichsam eine eigne Rubrik classischer Literatur bestimmten. Pascal's Gedanken waren hingeworfene Skizzen, größtentheils über die Religion, von denen man nicht recht weiß, wozu er sie brauchen wollte. Sie stellen den Menschen an ein Unendliches, an einen Abgrund zu beiden Seiten, den Pascal immer auch neben sich sah; da denn natürlich sein Ebenmaß schwindet. Die großen Contraste sammt dem Gewicht, das auf sie gelegt wird, geben nothwendig erhabne, starke, große Gedanken, bei denen uns oft schwindelt. Und Pascal drückt sie so majestätisch ernst, so schmucklos einfach aus! Unstreitig ist er der erhabenste der Prosaisten Frankreichs. Aufs Maß der Dinge zurückgeführt, kann man sich indeß schwerlich bergen, daß manche dieser Contraste grotesk und übertrieben sind. Als Mitwesen der Schöpfung hat sich der Mensch nicht mit dem Unendlichen, sondern mit der Endlichkeit zu berechnen, wo ihm dann in Allem sein Maß, sein Zweck, seine Bestimmung gnugsam vorliegen; das Weitere hat die Vorsehung hinter einen Vorhang gestellt, den nur Glaube, Liebe und Hoffnung durchdringen mögen, nicht messend, sondern ahnend. Angst, Furcht und Schauder, die den kranken Pascal erfüllten, bringen uns hiebei nicht weiter. Auch sind in seinen Gedanken die jüdischen Schriften und das jüdische Volk sonderbar beäugt, so daß man wahrnimmt, der mathematische Kopf, der die Cykloide fand, fand deshalb nicht auch die Cykloide des Ganges der Religion und Menschheit. Seine vortrefflichen Gedanken haben in Manchem also einen vorsichtig prüfenden Leser oder einen einschränkenden Commentar nöthig, an denen es ihnen, die wenigen Anmerkungen Voltaire's ausgenommen, vielleicht noch fehlt. Den Pascal noch höher zu spannen, als er sich selbst spannt, ist eine vergebliche, vielleicht schädliche Arbeit. Wie Pascal's Geist oft zu hoch fliegt und vor uns in den Wolken verschwindet, so krümmen sich Rochefoucault's Gedanken, obwol sehr sinnreich, fein und zierlich, in die Enge der von ihm gekannten Hofwelt, die seine Welt war. In ihr mag Alles aus verkappter Eigenliebe gedacht, gesagt, geheuchelt und gethan werden, wäre deshalb Eigenliebe das einzige Princip aller menschlichen Handlungsweise? Offenbar gehören wir der großen Natur zu, der wir in Trieben und Neigungen, selbst wider unsern Willen, uns nicht entziehen mögen; alles Isoliren schadet; wir sind und gehören dem Ganzen, aus dem wir kamen, in welches wir zurückkehren. Rochefoucault's und späterhin Helvetius' Philosophie, die Alles auf gröberen oder feineren Eigennutz gründet und dahin zurückführt, ist die kälteste unter der Sonne, die der fortstrebende Gang der Natur selbst widerlegt. Kann der entschlossenste Egoist es je dahin bringen, sich selbst allein zu leben? Vom feinsten Element bis zum höchsten Gedanken und Willen der Schöpfung muß zuletzt Alles Allem dienen. Eine Ausgabe von Rochefoucault's »Gedanken«, worin diese nicht pedantisch, sondern in seiner sinnreichen Manier contrastirt würden, wäre für den Verstand und das Herz der Menschheit eine Wohlthat. Und von dieser Zeit an begann man in Frankreich aus jedem Hauptschriftsteller, wie man es nannte, den Geist , esprit , herauszuziehen, Esprit de Montaigne k.–h. und so bekam man eine ungeheure Anzahl getrennter, scharfsinniger, witziger Gedanken. Von welchem berühmten Schriftsteller hätte Frankreich nicht einen Esprit ? von inländischen und fremden? Sie stehen alle in Auszügen da, wie in Ariost's Monde Orlando furioso, Canto XXXIV. 83–87. – D. der abgeschiedne Verstand der Menschen in Gläsern. Auch nach England, das damals mit Frankreich in großem Zusammenhange stand, ging diese Gedankenlese über, die jedoch auf der Insel mehreres Gewicht, oft ein Sterlinggehalt erhielt. Swift , der in seiner Jugend viel witzige Franzosen gelesen hatte, war in abgerissenen Originalgedanken einzig; sie haben alle seine eigne, oft bizarre Manier, es sind aber auch treffliche Goldstücke unter ihnen, mit denen wir uns dann und wann künftig bereichern werden. Pope sammelte Witz aus allerlei Schriften und preßte ihn in seine wohlklingenden Reime. Young's »Nachtgedanken« endlich sind das Non plus ultra . sinnreicher, witziger, erhabner, frommer Gedanken, glänzend wie das nächtliche Firmament; wer mag sie ordnen und zählen? ––––– Da dergleichen Gedankenvorräthe, mit dem Jahrhunderte fortgehend, immer vermehrt worden sind, so ist die nächste Frage wol die: »Wie sind sie zu gebrauchen, daß wir nicht unter ihnen wie in Würz- und Blumengärten eines sanften Todes sterben?« Man nennt eine bekannte Blume Pensée , eine andre Vergißmeinnicht; mehreren Sprachen ist also die Aehnlichkeit zwischen Gedanken und Blumen geläufig. Und wie sollte sie es nicht sein, da Gedanken wie Blumen blühn und verblühen, sich aber im Schooß der Natur unaufhörlich fortpflanzen? Der Lenz des menschlichen Lebens bringt die schönsten hervor, das Alter nimmt manche dahin, im Winter der Tage suchen wir unsre eignen Jugendgedanken oft vergebens. Eine Gattung solcher hingestreuten Gedanken könnte man also den Veilchen vergleichen; ihr Duft kündigt sie an, sie selbst verbergen sich bescheiden. Eine Reihe andrer, die das Gartenbeet erzogen, sind Ranunkeln, Narcissen, Tulipanen, dem Auge schön, aber geruchlos; andre dagegen Hyacinthen, Lilien, Rosen. Liebhaber oder Liebhaberinnen solcher Gedanken, die sie gereimt und prosaisch in ihre Denkbücher eintragen, mögen zum Unterschiede derselben die Blume, der ein Gedanke ähnlich ist, zur Verschönerung ihres Buchs beizeichnen. Aber es giebt auch Cedern von Gedanken; ja, warum sollte man einige derselben den Elementen der Welt, dem Feuer, der Lebenslust, den Winden nicht vergleichen? Sie stärken und entzünden: glühende Funken, Samen der Erkenntniß. Fermente des Lebens. In einem Samenkorn liegt oft ein System, eine Wissenschaft, wie ein Baum mit allen seinen Zweigen; in andern weht ein Geist, ein Muth, der zu den dauerndsten Wirkungen aufruft. Große Maximen beleben noch mächtiger als Gedanken: sie verlassen uns nicht, als leitende Stimmen gehen sie vor uns. Ueberhaupt wirken große Gedanken mächtiger als blos schöne oder scharfsinnige Gedanken; es sei denn, daß diese eine neue Welt öffnen und eine ungesehene Reihe von Wahrheiten entfalten. Oft thun dies auch in der höchsten Einfalt naive Gedanken, oft selbst nur ein naiver Ausdruck. Wie eine Perle lag er in der Silbermuschel da; wohl dem Finder, wenn die Perle reif ist! Denn was hilft aller Schmuck und Pomp der Gedanken, wenn ihnen Wahrheit fehlt? Ein Geist, der nach Witz und Scharfsinn hascht , wird bald als ein falscher Geist ( fol esprit ) unausstehlich. Unverrückt geht die stille Wahrheit ihren Gang fort, den falschen Witz, so sehr er auch blendete, abzustreifen; längst vor Ende des Jahrhunderts waren in Frankreich manche zu Anfange desselben vielbeklatschte Einfälle und Wendungen zum Spott worden; die Schreibart hatte einen gesetzteren Ernst angenommen, zu dem sich jene alten Hofspielereien nicht mehr fügten. Vollends Zeiten und Anlässe, da man über Leben und Tod, über das Schicksal der Nation sprach, sie waren für Wort- und Gedankenspiele fast zu schwer, zu ernsthaft. Werden die Zeiten wiederkehren, da in der französischen Akademie jeder Eintretende gesetzmäßig dem Hofe und dem Cardinal Wortblumen streuen mußte ? die Zeiten, da selbst in der Akademie der Wissenschaften d'Alembert bei jeder seiner Pointen im Lesen innehielt, damit geklatscht wurde? Wie dem auch sei, dem Charakter unsrer Sprache und Nation ist der falsche Glanz ( faux brillant ) des französischen Witzes fremde. Durch Blumengärten von Pensées öfters müssig zu gehen, ist beinahe gefährlich; der Duft der würzreichen Blumen benebelt das Haupt und macht den geistigen nüchternen Sinn trunken. Keine Leserei fordert eine so strenge Diät als das Lesen abgerissener, hingestreuter Gedanken. Ueber jeden sollte man sich Rechenschaft geben: »Ist er wahr? und wiefern? wie kam der Denker auf ihn? und was hat er für Folgen?« Dies sich selbst kurz oder ausführlich, aber bestimmt zu bemerken, ist eine Conversation der Geister , eine Uebung, da wir selbst aus dem Falschen oder Halbwahren Wahrheit lernen. Manche Gedanken führen uns in dieser Geistesunterredung ungemein weit auf Wege und zu Materien, an die der Autor selbst nicht dachte; aus manchem Samenkorn, das ein Vogel hintrug, erwuchs mit der Zeit ein Wald von Bäumen, eine neue Schöpfung. Wie Diderot den Seneca durchgeht und controlirt, wie Macchiavell den Livius, andre Italiener den Tacitus ausgesponnen und commentirt haben, so dürfen wir mit einzelnen Pensées oder Thoughts berühmter Männer, die unserm Geist verwandt sind, umgehn. Oft muß man sie variiren , wie in spanischen Liedern die sogenannte Glossa den gegebenen Gedanken, die Letra, variirt, umkehrend, erweiternd. Für jugendliche Jahre ist dieser Geisterumgang eine treffliche Uebung; er wetzt das Urtheil und veranlaßt Gedanken. Wer wollte aber auch je ohne diesen Umgang leben? wer je für ihn alt werden? ––––– Noch schärfer aber als Gedanken müssen Maximen geprüft werden; ihr Einfluß ist höchst wichtig. Wie sogar Mienen und Gesichtszüge sich beim Umgange unvermerkt mittheilen, so auch bei Lesung hochgeachteter oder geliebter Schriften die Haltung des Geistes und Herzens , in der der Autor schrieb, sein Charakter. Unvermerkt, auch wo man ihn verbergen wollte, blickt er durch; unvermerkt, selbst wenn wir gegen ihn auf der Hut sind, geht er in uns über. Dies ist die Salbung oder das Gift, mit dem berühmte Schriftsteller ohne ihr Wissen unwillkürlich auf ihre Zeit wirken. Eben auf diesem unmerklichen Uebergange ( transpiration ) beruht die innigste Sympathie wie die widrigste Antipathie zwischen Geistern und Geistern. Wenn wir aus der Gesellschaft zurückkehren, wundern wir uns oft, daß Menschen so denken und sprechen konnten ! Ihre Urtheile frappirten uns; wir staunen ihre Denkart an, als ob sie aus dem Monde käme. Seine Maximen verbirgt man mehr und paradirt oft mit falschen, mit sogenannten Sentiments , die schon durch ihren erborgten Prunk als Lüge sich selbst verrathen. Wie man in der Gesellschaft Personen classificirt, so unterscheide man sie auch in Schriften. Die Haltung ihres Charakters nämlich, d. i. wohin das Resultat ihres Denkens, Dichtens und Trachtens gehe, ob es glücklich oder unglücklich mache, Menschen entzweie oder vereine. Ihr Musen und Grazien, bewahrt uns vor bösen Dämonen ! Eine verderbliche Maxims, in unsern Verstand, in unser Herz aufgenommen, schadet mehr als hundert gelesene falsche Gedanken. Ueber diese findet sich der Verstand endlich zurecht, da jene das Herz vergiften und verpesten, zumal wenn sie uns schmeicheln. Ein guter Geist, wie unendlich mehr ist er werth als ein häßlich-schöner Geist, der uns verderbt und verführt! Wollten wir wol, daß unsre näheren Freunde nach Rochefoucault's , nach Helvetius ' Grundsätzen denken sollten, so unschuldig diese Grundsätze bei ihren Bekennern gewesen sein mögen? Wollten wir, daß Swift's Unzufriedenheit mit der Welt, seine harte und böse Laune in Die überginge, die wir wie uns selbst lieben? Eine feinere Verkehrung des Sinnes und der Moral, Stolz, Frechheit, eine vornehme Insolenz gehen ebenso unvermerkt über, zumal in Jahren der äffischen Jugend, die so gern von ihren Vergötterten Denkart, Stil, Geberden nachahmt und sich damit selbst vergöttert dünkt. Ob der Himmel einem Zeitalter große Geister bescheren wolle, sei ihm überlassen; er gebe uns nur heilbringende Genien, gute Geister. »Wenn mich«, sagt Diderot in seinem Ehrengedächtniß auf Richardson , »eine dringende Noth zwänge, mein Freund geriethe in Dürftigkeit, mein mittelmäßiges Vermögen reichte nicht hin, für die Erziehung meiner Kinder zu sorgen: dann werde ich meine Bücher verkaufen, aber Dich werde ich behalten, Dich behalten und neben einen Moses, Homer, Euripides und Sophokles stellen; Euch werde ich wechselsweise lesen.« So Diderot ; ein Andrer wird sich andre Freunde wählen, Niemand aber als ein Mensch ohne Charakter wird charakterlose Schriften unter die Lieblinge seines Herzens zählen. ––––– Endlich bei der Jagd fremder Gedanken lasset uns auf der Hut sein, daß wir unsre eignen darüber nicht verlieren. Wir Deutsche gehen mit Stammbüchern umher, die Sprüche und Maximen Andrer uns erbittend. So im Leben, so in der Literatur bei jedem Anlaß. In Collectaneen waren wir längst Meister; wie? und wir bedenken nicht, daß unsre eignen Seelenkräfte uns nicht immer zu Gebot stehen, daß die schönsten, die blühendsten Gedanken nur bei Gelegenheiten, in glücklichen Augenblicken, oft vielleicht gar lieber dort als hier, wie Boten der Liebe kommen und verschwinden? Die witzigsten, die sinnreichsten Ausländer erhaschten jede vorüberschwebende Blüthe ihres Geistes; Voltaire sprang vom Tisch auf, einen Einfall, der ihm schön dünkte, aufzuzeichnen; Andre ließen keine von einem denkenden Mann gehörte Meinung untergehen, wie so viele, so viele Ana zeigen! Seit den »Scaligerana« (1666). Vgl. Namur, »Bibliographie des ouvrages publiés sous le nom d'Ana«. Bruxelles 1839. – D. Fühlen wir nicht im Leben durch einen unerwarteten, oft bizarren Gedanken eines Dritten uns aufgeweckt und bisweilen auf Bahnen geleitet, auf welche wir einsam nie gerathen wären? Und wenn wir nach Jahren einen Ort, eine Gesellschaft besuchen, wandelt uns nicht bisweilen ein Staunen an, wie anders wir ehemals hier dachten und uns befanden? Also auch die Gedanken kommen und gehen; sie ziehen wie Zugvögel vorüber; späterhin glaubt man oft kaum, daß man ehedem so gedacht habe. Und da die ersten Gedanken oft, nicht aber immer, die besten sind, wie lieb werden uns in der Folge der Jahre alte Denkbücher unsrer selbst , Memoranda der Jugend! Sie bringen uns in die Zeit zurück, da uns der Weltgeist noch jugendlich neu anströmte; er, nur er ist die Fülle, die sich jedem Organ nach seiner Weise mittheilt, in den edelsten Menschenseelen Quell ihrer erhabensten, schönsten Gedanken. Auf also, unsre und Andrer denkwürdige Gedanken mit Pythagoras' Griffel Mit Beziehung auf die sogenannten »Goldenen Sprüche des Pythagoras« von einem spätern Pythagoreer. – D. aufzuzeichnen! Kein Tag gehe ohne Linie vorüber! »Nulla dies sine linea.«. Man schrieb diesen Ausspruch dem Maler Apelles zu, nach Plin. N. H., XXXV. 36, 12. – D. ––––– Blumen aus dem Garten eines Freundes. Die folgenden Sprüche sind von Knebel. Vgl. Knebel's Nachlaß, I. 91 ff., Nr. 13, 24, 34, 37, 38, 39, 40, 48, 50, 55, 56, 62, 64, 68, 70, 77, 106. Demnach sind die im »Archiv für Literaturgeschichte«, III. 269 ff. gegebenen 54 Sprüche sämmtlich von Knebel. – D. Jeder Tag ist ein Leben, an jeglichem Abend begräbt ein Weiser sich oder ein Thor, immer nachdem er gelebt.   Glücklich, wer, o Natur, Dich im Innersten liebet! und glücklich, Glücklich, wem wieder Dein Bild tief aus dem Innersten wächst!   Lehr uns den frommen Weg, den rechten Weg der Erziehung, Daß in uns herrsche der Mensch , wie in dem Thier der Instinct!   Ehre, Mensch, Dein Geschlecht! Die Götter ehren es selber; Strafe des Hochverraths trifft den Verächter zuletzt.   Herz des Menschen, wie reich! und wie arm! Es strömet ein Tröpflein Dir Glückseligkeit zu; Meere vermögen es nicht.   In die Wüste bin ich gegangen, mein Leiden zu lindern; Aber trauriger gab mir mich die Wüste zurück.   Winter, Du hast unter Eis und Schnee die Erde gefesselt; Willst Du auch fesseln das Herz unter Besorgniß und Gram?   Erde hat sich gehüllet in Flor von Silber; der Himmel Sticket Strahlen darauf, hat ihn umwebet mit Gold.   Tritten des Wanderers über den Schnee sei ähnlich mein Leben! Es bezeichne die Spur, aber beflecke sie nicht.   Sieh, es schmilzet der Scepter von Erz in den Händen des Winters! Und er sinket vom Thron; Milde besiegt die Gewalt .   Himmlische Körper, die Ihr stets leuchtend wandelt, Ihr gebet Euren Bewohnern Genuß, mir Harmonieen und Licht.   Wie sie sich freun! wie sie himmlischer führen den Tanz! wie sie schwören: »Nichts ist todt der Natur, Alles ist Leben in ihr!«   Sonn' und Mond und Sterne, wie sie im liebenden Kreise Um die Schwester sich drehn, bis sie vom Schlummer erwacht!   Kleine Spiele des Geistes, Ihr gleicht den Flocken des Schneees! Führt Euch ein Augenblick her, nimmt Euch ein Augenblick weg!   Einen Tag der Gesellschaft geweiht, dem Leben des Umgangs – Gab er, nahm er mir mehr? Dies nur bestimmt ihm den Werth.   Thorheit ist wieder vorbei; legt ab die Larve! Nun komme Weisheit und süßes Geschäft , leichteren Stunden zur Zier.   Eine giftige Pflanze, Beleidigung , wächst auf der Erde; Süße Vergebung hat uns heilend der Himmel gesandt.   Sei ein Mann , Dich zu ehren, und sei ein Mensch , Dich zu lieben! Keine Größe besteht, außer auf Menschheit erbaut.   Was ist die schwereste Last der Erde? Die Schande . Was hebet Leicht von der Erden empor? Ehre , die Wahrheit uns giebt.   Beuge tief Dein Knie dem Ursprung und Schöpfer der Wesen! Gutes giebt er und nimmt's, er nur vollendet es gut. 4. Lehrgedichte. Eine Sammlung von Bemerkungen und Lehrsprüchen, in ein Silbenmaß gebunden , pflegt man ein Lehrgedicht zu nennen. Glücklich, wenn ihm auch die innere Anordnung und Fortleitung der Gedanken nicht fehlt! Sonst werden die gereimten Sentenzen eine Heerde, die in Gruppen weidet, ihre Glocken klingen durch einander, und meistens springen Böckchen hie und da hervor; denn in die meisten Lehrgedichte mischt sich Satire. Boileau und Pope waren zu Anfange des verflossenen Jahrhunderts die großen Lehrdichter des Auslandes; ihre Namen sind noch als solche berühmt. Beiden war Horaz Vorbild, dem sie auch, Jeder in seiner Weise, fast in jeder Art seiner Werke nachfolgten; denn wie Horaz schrieben Boileau und Pope moralische Briefe, Satiren, Oden, eine Dichtkunst in Versen und thaten Beide noch ein komisches Heldengedicht dazu. Schwerlich aber hat weder der Brite noch der Franzose des Römers moralische Grazie, seine leichte Manier, seine hohe Urbanität erreicht. Beide also, so schätzbar sie sind, machen uns Horaz nicht entbehrlich. Beide indeß sind Gesetzgeber ihrer Nation in Vernunftreimen über Geschmack und Sitten worden. Wer von der alten ächten französischen Schule wußte nicht Boileau' s »Dichtkunst« und einen großen Theil seiner andern Verse auswendig? Wer von der alten englischen Schule lernte Pope's Essay on Criticism , seinen »Versuch über den Menschen« und viele seiner moralischen Sentenzen nicht ebenso? Sie galten für die sprechende Vernunft und Moral in Reimen. Und sie sind's wirklich, Pope in seiner gedrängten Kürze, Boileau in seiner wasserhellen Klarheit. Dieser überladet Niemanden; Verse, wie er schrieb, konnte jeder Höfling verstehen, lernte jeder Mann von Geschmack recitiren. Dazu sind sie eingerichtet; in der Stellung und Wahl der Worte, im Accent, oft im Reim liegt das Scharfe oder das Gefällige des Stachels, der Pointe. Uebersetzt in andre Sprachen, wie Boileau denn oft und früh in unsre Sprache übersetzt ist, liest man großentheils nichts als sehr wahre und sehr gemeine Gedanken. Daß Boileau sie in seiner Sprache so scharf bestimmt, so gewählt und zweckmäßig sagte, dies macht sein Verdienst, worin er sogar dem Briten vorgeht. Dieser hingegen übertrifft ihn weit an Tiefe des Sinnes und in Gedrungenheit der Sentenzen. Auf Zuneigung unsers Herzens macht wol Keiner von Beiden Anspruch; man liebt und haßt sie wechselsweise. Indem man ihren lehrreichen Verstand hochschätzt, wird man oft unwillig über ihre ungerechte oder hämische Satire. Ueber Boileau ist der Ausspruch des nie aufgebrachten, gleichmütigen Fontenelle bekannt: »Mit Lorbeer bekränzt schicke man ihn auf die Galeere!« Die Werke beider Dichter indeß, insonderheit mit ihrem historischen Commentar, sind ein Parnaß der damaligen Zeit, der Sprach- und Gedankenschätze beider Nationen. An welch Heiligthum könnte sich die Poesie fester und sicherer schließen, als an Vernunft und Moral? Boileau's »Dichtkunst«, Pope's »Criticism« werden gelesen werden, so lange beide Sprachen dauern. ––––– Nebst der Dichtkunst wagte sich das Lehrgedicht auch an andre Künste, die Zeichnung, Malerei, Gartenkunst , den Feldbau u. s. w. Des Dufresnoi, Rapin's, Vanier's und Andrer lateinische Gedichte Du Fresnoi, De arte graphica , Par. 1637; Rapini hortorum libri IV. Par. 1666; Vanierii praedium rusticum, Tolos. 1706. Marsy, Watelet u. s. w. gehören in spätere Jahre. – H. über diese Künste sind bekannt, die, weil sie alle mittelmäßig sind, mit der Zeit übertroffen wurden. Bei Engländern und Franzosen werden wir in der Mitte und am Ende des Jahrhunderts Kunstgedichte finden, die an Virgil's Bücher vom Landbau näher als Philips John Philips, »The cyder«, Lond. 1708. – D. oder die Vorgenannten reichen. Auch wissenschaftlicher Systeme bemächtigte sich die Verskunst. Von Bayle's Zweifeln geärgert, versificirte der Cardinal Polignac seinen Anti-Lucrez , Melchioris de Polignac Anti-Lucretius, libri IX. Par. 1747. Der Cardinal hatte das Werk auf seiner Rückreise aus Polen 1697 angefangen; es erschien erst nach seinem Tode durch den Abt Charles d'Orléans de Rothelin, der es dem Papst Benedict XIV. dedicirte. Eine deutsche prosaische Übersetzung erschien (Breslau 1760) von Schäfer mit Vorreden und Einleitungen der Pariser Ausgabe. Lobreden über den Cardinal haben De Boze in der Akademie der Inscriptionen, Mairan in der Akademie der Wissenschaften gehalten. Ein Nachdruck des lateinischen Werks mit Gottsched's Vorrede erschien Leipzig 1748. Auch ins Italienische ist der »Anti-Lucrez« übersetzt worden. – H. ein beredtes Werk, dem es aber an Lucrezischem, d. i. ächtem poetischen Geist fehlt. So hart und schmerzend Epikur's System beim Römer in vielen Stellen ist, so erschüttert uns doch von Grund aus des Dichters Stärke, seine innige Freude über das, was er Klarheit der Seele, Erhabenheit über alle Schrecken nennt; und in dem, wo seine Verse wirklich die Natur der Dinge, Wahrheit enthalten, wie eindringend sind sie in ihrer rauhen Größe! den Heldenbildern Griechenlandes im sogenannt heiligen Stil ähnlich. Mit allem Reichthum neuerer Entdeckungen dagegen, mit der ganzen Philosophie Descartes', Keppler's, Newton's und Anderer ausgerüstet, ja, ob er gleich Gott und die Wahrheit selbst zu vertheidigen anstrebt, ist des Cardinals Gedicht größtenteils doch nur eine schöne Declamation in lateinischen Versen. Es ist unvollendet; hätte er aber auch seine drei Gesänge hinzugethan, der fehlende poetische Geist konnte durch sie nicht ersetzt werden. Fontenelle's »Gespräche von mehr als einer Welt« enthalten mehr Poesie über einen Theil des Cartesianismus als Polignac's neun Bücher, denen überhaupt auch der widersprechende, streitende Ton, in dem sie abgefaßt sind, schadet. Wer uns ein System oder die Moral dichterisch lehren will, trage sie uns rein, als eine Offenbarung der Musen vor, nicht streitend. So schöne und schönere Darstellungen philosophischer Systeme wir mit dem Fortgange des Jahrhunderts auffinden werden, woher kommt's, daß noch kein System neuerer Philosophen (einzelne Theile und Hypothesen ausgenommen) eine Darstellung gefunden hat, auf welche, wie auf Lucrez , die Zeit das Siegel der Vollständigkeit, der unübertrefflichen Schönheit gedrückt hat? Nicht an den Dichtern, dünkt mich, lag es, sondern an den Philosophen, weil ihre Systeme selten so vollständig überdacht, so rein ausgedrückt waren als die vielleicht mangelhaftern Systeme der Alten. Erscheint einst ein solches System, sind die Wahrnehmungen der Astronomie und gesammten Naturlehre, der Chemie und gesammten Naturgeschichte, sowie die Geschichte des Menschen von innen und außen so gebunden und geordnet, daß in allen die höchste Reinheit und Einheit, ein Unendliches an Folgen in jedem Punkt erscheint: kein Zweifel, ein solches System ist selbst die reinste und höchste Poesie an Würde und Klarheit . Wie die Natur und Wahrheit , wie ein Genius wird es erscheinen: reizend in seiner Einfalt, keines fremden Schmuckes bedürftig. Die Disputircabale wird unter seinem Blick, wie unter dem Fuß des Engels von Guido gemalt der Drache erliegen. Wie aber? Fügen sich auch Wissenschaft und Dichtkunst ? Ist zwischen Wahrheit und Dichtung, wie zwischen Wasser und Feuer, nicht ein ewiger Streit? Nach der neuern Chemie giebt es keine durchaus streitenden Elemente; alle nehmen an einander Theil, sie verjagen und ersetzen einander. Ist Dichtkunst die reinste, vollste Darstellung der Wahrheit, so muß sie jede Wahrheit darstellen können, nicht nur in den kräftigsten Worten, sondern auch in ihrem tiefsten Grunde, mit inniger Zusammenstimmung und Wirkung. Glaubt Ihr, daß Orpheus' Gesang eine Fabel sei? Der Orpheus der Natur wird, wenn die Wissenschaft reif ist, seine Leyer rühren. Das Schnittgericht ( haché ) Eurer Paragraphen haltet Ihr für die einzig beste Methode der Wissenschaft? Für Eure Lehrlinge mag es solche sein, der Ueberblick des Ganzen wird von selbst eine andre Darstellung fordern. Schon das ist ein gutes Vorurtheil für die philosophische Dichtkunst, daß die Griechen sie in so hohem Maß liebten! Mit welcher Felsenstärke kündigten Parmenides , Epimenides und mehrere ihrer Weisen die Wahrheiten ihres Systems als Aussprüche der Muse an! Nicht Gesetzgeber und Gnomologen allein, eigentliche Systematiker kleideten ihre Lehrsätze in Silbenmaße, deren überbliebne Fragmente uns den Verlust so mancher Geistesschätze bedauern machen. Die stärkste, reinste Aussprache der Wahrheit wird ihrer Natur nach allenthalben Dichtkunst ; jedes System ist selbst ein Poem, sofern es mit sich bestehend, ganz und rein ist. Bis zur lyrischen Poesie erhebt sich die philosophische Wahrheit. Den Schatz der Griechen hierin haben wir, außer Pindar und kleinen Bruchstücken, verloren; Horaz aber, der die Griechen so schön bestahl, vielleicht der schätzbarste Dieb aller Zeiten, in wie trefflichen Strophen singt er uns Weisheit in die Seele! So fein sind seine Worte zusammengesetzt, daß man sie nicht vergessen kann, wenn man gleich wollte. In der neueren Dichtkunst, seit Dante und Petrarca , sind die schönsten Canzonen der Italiener und Spanier Lehroden . Von Lehre fing allenthalben die bildende Poesie an; die älteste orientalische, griechische, italienische, castellanische, deutsche Poesie ist voll Sprüche, oft Sprichwörtern ähnlich. Und was sind die sogenannten französischen Oden, die seit Malherbe in Gang kamen, anders als sonore Lehrgedichte , höher tönende Declamationen? La Motte Houdar, J. B. Rousseau u. A. versificirten eine gute Anzahl derselben, deren Form auch in Deutschland lange nachgeahmt und oft übertroffen ward. Meistens betrafen sie geistige oder sittliche Gegenstände, über die Mancherlei gesagt werden konnte; und viel Gutes ward darüber gesagt. Eine lyrische Strophe, die, wie der Alexandriner, uns jetzt lang dünkt, galt damals für eine schöne poetische Periode. Und wären diese sonoren Lehroden nicht Poesie? Wäre z. B., wie unsre Neulinge wollen, Uz kein lyrischer Dichter? Wenn nach griechischer Weise einem Verstorbenen sein Ehrenzeichen, eine bekränzte Lyra, aufs Grab gesetzt werden sollte, so gebührte sie ihm! eine Lyra mit dreifachem Kranz, der Dichtkunst, der Weisheit und des thätigen Verdienstes, umwunden. Eben er traf den Ton, in dem die Lehre, Jedermann verständlich, in feurigen oder sanften Silbenmaßen unser Gemüth durchdringt und es in süßer Begeisterung mit sich fortzieht oder fortreißt. Seine besten Oden Uz' poetische Werke. Leipzig 1772: »Die Zufriedenheit«, »Das bedrängte Deutschland«, »Der Weise auf dem Lande«, »An das Glück«, »Die deutschen Sitten« »Ermunterung zum Vergnügen«, »Die Wollust«, »Die fröhliche Dichtkunst«, »Die Wissenschaft zu leben«, »Der standhafte Weise«, »Die Freude«, »Die wahre Größe«, »Die Glückseligkeit«, »Die ruhige Unschuld«, »Theodicee«, »Der wahre Muth«, »An die Freiheit«, »Horaz«, »Laura«, »Das Schicksal«, »An den Frieden«, »Der Patriot«, »An die Freude« u. s. w. – H. sind ein Lehrbuch der liebenswürdigsten Moral in süßen Gesangweisen. Wenngleich er Horazens Silbenmaße nicht gebraucht hat, so spricht doch Horazens Geist durch ihn, im Inhalt sowol als im Schwung und in der Anordnung seiner Oden. Kehre der Klang derselben, die ein bizarrer Geschmack verdrängt hat, ins Ohr der Jünglinge wieder! Unsrer seligen poetischen Zeit wäre ein Pope , ein Boileau wohl zu wünschen. Nicht etwa nur des Fleißes in der Sprache und Verskunst halben, der mit dem abgekommenen Reim hie und da selten worden ist, sondern des Inhalts ihrer Werke selbst wegen, zu welchem reife Beobachtungen, Grundsätze, überhaupt eine Welt- und Menschenkenntniß nöthig ist, die ein Klingklang an Werth schwerlich ersetzen möchte. In unsern Zeiten bearbeitet, würden die Themata jener Dichter neue und merkwürdige Productionen geben! Ueber Kritik und Dichtkunst würden sie nach Veranlassungen unsers Lustrums andere Vorschriften machen, im Laufe der großen und kleinen Welt würden sie andre Thoren zu belehren finden. Und ein Versuch über den Menschen zu unsrer Zeit (mit aller Bescheidenheit gegen den verdienstreichen, glänzenden Namen Pope sei es gesagt), wie größer, kühner, richtiger könnte er werden! In der Haushaltung der Natur , in der der Mensch sichtbarer Haushälter ist, sind seitdem von den Sternsystemen hinab in die Tiefen der Erde, in die Elemente der Wesen so weite und scharfe Blicke gethan; die Frucht, an der das Menschengeschlecht hangt, auf der es sein Wesen treibt, ist seitdem so um- und durchgangen, seine Haushaltung auf ihr im Guten und Bösen so licht worden, die Gesetze seiner Natur, sein Zweck, seine Bestimmung nebst den Wegen und Abwegen, die er bisher genommen hat, sind so helle ans Licht getreten, daß ein »Versuch vom Menschen«, in der Zeit des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben, in der Pope den seinigen im achtzehnten schrieb, ein neues, unvergeßliches Lehrgedicht werden könnte. Käme dies Blatt einem jungen Genius in die Hand und weckte ihn, über die Haushaltung der Natur und ihren Haushalter, den Menschen , haushälterisch selbst ein Werk anzulegen, in dem der Geist und das Herz der ganzen Menschheit ewig wohnte! Hier folgte das Gedicht: »Die Gärten der Hesperiden. Eine Unterredung«. (Herder's Werke, I. S. 225-229). – D. 5. Fabel. Eine Lehre will Anwendung , mithin der Vortrag einer Lehre Darstellung, Einkleidung . Man muß wissen, wie sie sich beurkunde und wo möglich durch sich selbst bewähre. Dies ist der Grund der sogenannten Aesopischen Fabel ; zum bloßen Zeitvertreib ward sie nicht erfunden. Menschen wollen nicht immer gern von Andern belehrt, geschweige zurechtgewiesen sein; sie wollen sich durch Vorhaltung der Sache selbst belehren. Dies thut die Fabel. In ihr wird eine Handlung dargestellt, die durch sich redet; sage Jeder sodann die Lehre sich laut oder still in der Seele! Und wer könnte uns zu diesem Zweck gewissere Lehren geben als die Natur ? Ihr Gang ist fest, ihre Gesetze sind beständig. Die Cypresse und Ceder, der Palmbaum und Ysop, was sie vor Jahrtausenden waren, sind sie noch. Auch die Wirkung der Elemente auf sie hat sich nicht verändert. Der Wolf, der Fuchs, der Tiger sind gleichfalls, was sie waren, und werden es bleiben. Die Haushaltung der Natur geht fort nach ewigen Gesetzen, in unveränderlichen Charakteren. Und an ihr hat sich der menschliche Verstand, ja die Vernunft selbst zur Regel gebildet . Ginge es in der Schöpfung wie in einem Tollhause durch einander, daß Alles heut so, morgen anders wäre, daß kein Band der Ursachen und Wirkungen , keine Consequenz der Begebenheiten stattfände, so fände auch keine menschliche Vernunft statt; an sie wäre nicht zu gedenken. Daß uns aber allenthalben, unter allen Veränderungen Bestandheit, Ordnung, Folge der Dinge vor- und einleuchtet, daß die Veränderungen selbst erkennbaren Gesetzen und Regeln unterworfen sind, und der Mensch, das hilfsbedürftige Geschöpf, von allen Seiten getrieben ward, diese Gesetze auszuspähen, dieser Ordnung, wenn er nicht unterliegen wollte, zu folgen: dieser schöne Naturzwang hat den menschlichen Verstand gebildet. Die Aesopische Fabel stellt ihn dar. Vgl. Herder's Werke, VI. S. 179. – D. Sie beruht ganz auf der ewigen Bestandheit und Consequenz der Natur : einesteils, wie Jedes in seinem Charakter handle, andern theils wie aus Diesem Das folge. Die schönsten und eigentlichen Fabeln sind also herausgerissene Blätter aus dem Buch der Schöpfung; ihre Charaktere sind lebendig fortwährende, ewige Typen , die vor uns stehen und uns lehren. Je gemäßer der Naturordnung ein Baum, ein Thier in der Fabel erscheint, so daß, wenn ihm die Sprache gegeben würde, es in solcher Zusammenstellung nicht anders sprechen und handeln könnte, je naturmäßiger die Zusammenstellung der Dinge selbst , auch nach kleinen Umständen, in der Fabel ist, um so mehr wird sie nicht etwa nur anmuthig, sondern überzeugend . Mit süßer Naturgewalt zwingt sie uns die Lehre, die sie in That zeigt, anzuerkennen, indem kein Geschöpf sich dieser großen Kette entziehen kann und menschliche Vernunft eben darin besteht, Ordnung der Dinge anzuerkennen und sich ihrer Consequenz zu fügen. So betrachteten alle Naturvölker die Fabel. Sie war ihnen ein Lehrbuch der Natur , dem nur ein Schwacher oder Irrer zu widersprechen wagte. Deshalb richteten auch die bei Gelegenheit gesagten Fabeln bei der Menge so viel aus. Die Fabel Jotham's von den Bäumen, die einen König begehrten, Vgl. daselbst. I. S. 339 f. – D. die Fabel des Menenius Agrippa vom Zwist zwischen Gliedern des menschlichen Körpers Bei Livius. II. 32. – D. brachten verworrene politische Situationen unter die Regel einer hellen Naturansicht ; die Menge ward überzeugt. Deshalb sprachen nicht etwa nur Morgenländer, sondern, wo es die Gelegenheit zuließ, auch Griechen, Römer, ja alle Nationen der Welt in diesem Fabelton, entweder ausdrücklich oder mit kurzer Anspielung auf diese und jene gleichsam ausgemachte, unwiderstreitbare Fabel. Die Sokratiker, Horaz in seinen Briefen und Satiren, Redner ans Volk, Staatsmänner und Moralisten liebten sie; und je vertrauter ein Volk mit der Natur lebte, je heller es ihre Ordnung anerkannte, je treuer es sich derselben fügte, desto mehr hing es an der Darstellungsart treffender Naturfabeln. Ihnen traute man es zu, ihnen legte man das Geschäft auf, den Verstand und die Sitten junger Menschen der großen Naturordnung gemäß zu bilden. So dachten Sineser, Indier, Ebräer, Perser, Araber, Griechen und Römer! Von allen diesen Nationen ward die Fabel als ein Werkzeug zu Bildung des Verstandes und der Sitten betrachtet; denn was ist Verstand ( intellectus, understanding ). als Anerkennung der bestehenden Naturordnung und Naturfolge? was sind Sitten , als ein Benehmen, das sich dieser Ordnung fügt? Die Fabel, Dum varia proponit oculisque subjicit Exempla, monitis arguit salubribus Cujusque vitam, quas et ipsa condidit Natura, sanctas usque leges suadet . Woher die im ersten und vierten Verse wol durch Versehen fehlerhafte Stelle genommen, ist dem Herausgeber nicht bekannt. – D. Oder wie Phädrus sagt: Im Vorwort zum zweiten Buche. – D. Exemplis continetur Aesopi genus Nec aliud quidquam per fabellas quaeritur, Quam corrigatur error ut mortalium, Acuatque sese diligens industria . Die treffliche indische Fabelsammlung The Heetopades of Veeschno [Vischnu]-Serma, by Wilkins. Bath 1787. Die treffliche Sammlung wird bald übersetzt erscheinen. – H. hat einen ganzen Curs der Lebensweisheit für einen Prinzen unter vier Abtheilungen: Die Bewerbung um einen Freund, Die Trennung von einem Günstlinge, Vom Disputiren, Vom Friedemachen, gebracht und sie gleichsam zu einem bunten Fabelteppich gewebt. Saadi , der Perser, spricht Von der Könige Sitten, Von der Derwische Sitten, Von der Vortrefflichkeit der Mäßigung, Von den Vortheilen des Stillschweigens, Von Liebe und Jugend, Von Schwachheit und Alter, Vom Unterricht in den Wissenschaften, Vom guten Umgange, über welches Alles er Fabeln und Geschichten in Prose, untermischt mit Versen, beibringt. Sadi Rosarium politicum cum notis Georgii Gentii, Amstelodami 1656 Fol. Das Persianische Rosenthal von Scheich Sadi. übersetzt von Adam Olearius. Hamburg 1696. Fol. – H. [Vgl. Herder's Werke, VI. S. 89 f., 153 ff. – D.] ––––– Ueppige Zeiten entwürdigen Alles; so ward auch nach und nach aus der großen Naturlehrerin und Menschenerzieherin, der Fabel, eine galante Schwätzerin oder ein Kindermärchen. Auszeichnend gab hiezu, wiewol sehr unschuldigerweise, Lafontaine Gelegenheit; er selbst ein naives Kind der Natur, das in mehreren Dingen die Welt ohne Wissen und Willen zu ärgern das Schicksal hatte. Dem Aesop und Andern erzählte er Fabeln auf seine Weise nach, und da diese Weise lustig, aber auch so naiv hinlässig war, als es seine Art mit sich brachte, so glaubte fortan jeder Fabulist, die Fabel nach Lafontaines Manier erzählen zu müssen. Gleichviel, was er erzähle, wenn das Märchen nur amüsire . So ward die Fabel ihrem Zwecke sowol als ihrer eigenthümlichen Natur und Welt allmählich entrückt; aus der überzeugenden Ansicht der großen Naturordnung trat sie in das Gebiet seiner Speculationen, in Visitenzimmer voll Pro und Contra's ein; die Namen der Thiere und Bäume wurden ihr hie und da nur angelogen. Denn wie in manchen neueren Fabeln spräche das Thier nicht, wenn es spräche! um solche Dinge würde sich die Dryas des Baums nicht bekümmern. Wenn man die feinen und überfeinen Fabeln Lamotte's, Richer's, Lejay's Lenoble's u. A. liest, weiß man oft nicht, woran man ist. Alles in ihnen ist so zierlich gesagt, und doch thut nichts seine oder nur eine der Fabel fremde Wirkung. Offenbar, weil die Fabel, ihrem Naturboden entrückt, in dieser neuen, sehr conventionellen Zusammenstellung nur eine conventionelle Sprache reden kann, zu welcher weder Bäume noch Pflanzen, weder Götter noch Helden, am Wenigsten Allegorien, Schatten, Träume bemüht werden durften. Wir konnten sie hören aus jedem Munde. Ihrer Naturwelt entnommen, ist die Fabel eine feingeschnitzte, todte Papierblume worden; in der lebendigen Naturwelt war sie ein wirkliches Gewächs voll Kraft und Schönheit. Daher nun der ungeheure Unterschied zwischen der neuen und alten Fabel, im Vortrage , im Inhalt und in der Wirkung . Dem Vortrage nach will die neue Fabel selten mehr als Zeit kürzen; und wie bald man dieses Fabel-Amüsements satt und müde werde, darüber mögen in allen Journalen so viele französische, englische, deutsche Fabeln zeugen. Großentheils überschlägt man sie; »Da spricht wieder«, denkt man, »die Perrücke mit der Fontange; mögen sie sprechen!« Die Zusammenstellung der Fabelwesen, je mehr sie in die künstliche Welt tritt, kann für das Gesellschaftszimmer auf einen Augenblick amüsant gewesen sein; außer diesem Kreise hat sie bald nicht mehr auf sich als ein freundliches Gespräch zwischen dem Spiegel und Fächer, der Nadel und Schere. Die Wirkung endlich, da eine Darstellung des höchst Wahren ( Fabula veri ) blos amüsiren soll, ist traurig. Wie muß es mit Menschen stehen, denen die nothdringendsten Gesetze und Verhältnisse der Natur ein Spielwerk, ein Zeitvertreib zum Gähnen sind, bei dem man etwa nur die spaßhaften Eingänge, die lüsternen Digressionen oder gar nur die Versification bewundert! Leugnen können wir es nicht, daß unsre neuere deutsche Fabel an diesem Becher der Circe Theil genommen habe. Unsre trefflichen alten Fabulisten, die Minnesinger , der Renner, Boner, Reineke, Burkard Waldis u. s. w. in ihrer einfachen Manier und Versart dünkten der neuen Zeit zu einfach; man folgte also mehr und minder des Lafontaine und seiner sinnreichen Nachfolger amüsanten Erzählungs- und Versart. In Einleitungen und Digressionen, denen meistens der Reim ihr curriculum vorzeichnete, schlenderte man spaßhaft-langweilig einher, und auch im Inhalt der Fabel erlaubte man sich, sprechen zu lassen, was auf dem Papier irgend sprechen konnte. So ward die wahre, urkundliche Naturpoesie das abgegriffenste Ding, so amüsant, daß es fast Niemand mehr amüsirt. »Ob wir nicht noch zum Fabelgebiet der Natur zurückkehren könnten?« Warum nicht? In den Händen sowol als im Reich der Natur leben wir, ihr unentwindbar. Wenn nicht Ceder und Cypresse, so wachsen Birke und Fichte vor unsern Augen; wenn nicht Tiger, so kennen wir Wölfe, Bären und Füchse. Ja, entgingen auch sie, die Naturordnung besteht und wird bestehn, sie, der ewige Grund der Fabel. Aus gleicher Tiefe der Nothwendigkeit also, des Natur- und Vernunftbestandes , der ewigen Zusammenordnung der Dinge lasset uns schöpfen, wie die Alten, und die verachtete Schwätzerin wird wieder, was sie einzig sein kann und sein will, eine Lehrerin der Menschheit , zumal der Jugend und des Volks werden, außer welchem Kreise ihr Beruf dahin ist. Wer von uns denkt nicht daran, wie in seinem Leben ihm manchmal zu seinem Schaden im Moment des Handelns das Andenken nur einer Fabel fehlte? Wenn der Fuchs den Bock in den tiefen Brunnen lud und dann auf seinen Hörnern hinaussprang; wenn den fliehenden Hirsch eben sein gepriesenes Gehörn zwischen den Sträuchen festhielt und seine verachteten leichten Füße ihm nicht mehr halfen; wenn der Schwarz- und Weißfärber zusammenwohnend sich so wenig frommten; wenn der Hund an Besitz verlor, was er im Schatten haschte; wenn das kleine Thier mit dem gewaltigen Löwen in Gesellschaft jagte u. s. w.: wer erinnerte sich nicht oft nach Ausgange der Begebenheit, daß ihm unglücklich die Fabel entgangen war, als er sie spielte? Und bei großen Begebenheiten der Welt, auch unsrer neuen Geschichte Europa's – mich dünkt, die Fabel Derer, die einen Gewinn theilen, ehe sie ihn erjagt hatten, die Fabel der Frösche, die, mit dem Klotz unzufrieden, sich einen neuen König erbaten, und wie viel andre stellt uns mit jedem neu umgeworfenen Blatt der Weltbegebenheiten dies große lebendige Fabelbuch selbst dar! ––––– Beilage. Das Conversatorium und die Erscheinung. Auf einem großen Jahrmarkt gerieth ich vor eine prächtige Bude, geziert mit der Aufschrift: Conversatorium . Diese lockte mich hinein, und ich sah, ich hörte – Ihr Götter und Göttinnen des Olymp's, helft mir sagen, was ich hörte und sah! Ein großer Berg war aufgerichtet, neben ihm viele Berge. Die ganze lebendige Schöpfung erschien auf ihnen, alle Geschöpfe witzig sprechend, aus Holz, Thon und Wachs, sein decorirt, das Ganze ausgeziert wie ein italienisches Presepe. Krippchen zu Weihnachten. Vgl. Goethe's Brief aus Neapel vom 27. Mai 1787. - D. Welche Stimmen umgaben mich! wie scherzhafte Gestalten! Alles conversirte. Mein Ohr gellte. »Ist das die neuere Fabel?« seufzte ich und schlich traurig in meinen stillen Hain. Da nahm mich auf der Vögel Chor Mit wundersüßem Schall; Die Lerche schwirrte hell empor, Es sang die Nachtigall. Die Amsel schlug. Es säuselte Der Westwind um mich her; Es rauscht'. Die Quelle murmelte – Und murmelte nicht mehr. Denn siehe, die große Mutter stand vor mir da, gekrönt mit der Sternenkron', bekleidet mit dem weiten Gewande, auf dem in lebendigen Bildern alle Naturwesen sich regten. Wie bei der Artemis von Ephesus. – D. Wie mit dem Gewande die Lüfte spielten, enthüllten sich neue Wesen; endlich entschleierte sie ihr Angesicht und sprach freundlich: »Mensch, Du bist der Ausleger der Natur, ihr Haushalter und Priester. Alles spricht zu Dir, Geist im Körper, Verstand in ewigen Charakteren. Lerne sie verstehen, diese Denkbilder, und ordnen und vernünftig gebrauchen! Vor Allem merke auf jede Folge dessen, was Du siehest; im Bande der Wesen ist meine Kraft, in Folge der Dinge erblickst Du meine und Deine Herrschaft.« Sie schwang ihren gebietenden Stab und war entschwunden im Bilde. Aber Der ganze Hain lobjauchzete In einem hellen Chor, Und Blatt und Wipfel säuselte, Ein Weihrauch stieg empor. Die Echo rief: »Natur! Natur! Dein frohes Eigenthum Bin ich!« Mein Herz sprach: »O Natur! Und ich Dein Heiligthum.« ––––– Fortsetzung. Über die Fabel. Vielleicht scheint's kleinfügig, daß ich über das Wesen der Fabel zu reden fortfahre; nur das Wort aber macht irre. Ist Fabel die Darstellung einer in Handlung gesetzten Lehre, so ist sie der Grund aller Dichtkunst, mithin der Rede wohl werth. Eben die einfachste Dichtkunst ist die sogenannt Aesopische Fabel . Lessing , dem wir die beste Theorie der Fabel zu danken haben, dem wir uns also auch in Erörterung derselben dankbar anschließen, erklärt sie so: »Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit ertheilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.« Lessing's »Fabeln«, S. 171 [Werke, Th. X. S. 55]. – H. Fühlt man nicht, daß zu Bestimmung der Aesopischen Fabel hier etwas fehle? Denn wenn wir auch den Ausdruck »allgemeiner moralischer Satz« übersähen, auch nicht fragten: »Wie ist's möglich, daß ich einen allgemeinen Satz in einem besondern zur Geschichte gedichteten Fall anschauend erkenne?« da dies immer doch nur ein besondrer, dazu erdichteter Fall bleibt, in welchem die Allgemeinheit einer moralischen Lehre nie anschaubar werden kann: wäre diese ganze Operation der »Zurückführung einer Lehre auf einen besondern Fall, dem ich die Wirklichkeit ertheile und eine Geschichte daraus dichte,« nicht ohne Grund und Kraft, wenn in der Natur nicht eine Ordnung , d. i. eine Wirklichkeit da wäre, die in jedem besondern Fall nach allgemeinen Gesetzen in einer feststehenden Folge als ein Gegebnes fortexistirt? Wäre sie nicht da, ich könnte sie nicht dichten, noch weniger würde durch meine Dichtung, als durch eine willkürliche Zusammensetzung, irgend ein allgemeiner Satz erkennbar. Eben nur jene Naturordnung und Naturfolge nach allgemeinen, dauernden Gesetzen, die der Fabel zum Grunde liegt, macht den allgemeinen Satz in ihr erkennbar; und gelang es dem Dichter nicht, seine Lehre auf sie dergestalt zurückzuführen, daß dies Allgemeine, das Unwiderstrebliche dieser Ordnung und Folge in seinem besondern gedichteten Falle sichtbar ward, ganz oder halb ist seine Arbeit verloren. ––––– Lessing glaubt, daß »die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der Thiere die eigentliche Ursache seien, warum sie der Fabulist zu moralischen Wesen erhebt.« »Die wahre Ursache,« sagt er, »warum der Fabulist die Thiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die Menschen, sehe ich in die allgemein bekannte Bestandheit der Charaktere .« Lessing's »Fabeln«, S. 181, 187 [Werke, Th. X. S. 60, 62]. – H. Soll in diesem zusammengesetzten Ausdruck die allgemeine Bekanntschaft mit den Thiercharakteren das Hauptmoment der Ursache sein, so litte der Satz eine Einschränkung. Manchen Thiercharakter, wie er jetzt zum Zweck des Dichters dient, kannte ich vielleicht nicht; aus der Fabel selbst werde ich ihn leicht kennen lernen. Der tiefere Grund liegt, ich kenne sie vorher oder nicht, in der Thiercharaktere unveränderlichen Bestandheit , als einer gegebnen Naturordnung . In dieser sind sie unveränderlich handelnde Wesen und können uns, mehr als der vielseitige, veränderliche Mensch, eine Ansicht der Naturordnung in ihrer Permanenz und Folge anschauend zeigen. Pflanzen und Bäume desgleichen, ja Alles, was zu sprechenden Naturtypen gehört. Daher die größere Wirkung der Fabel als der Parabel oder eines Beispiels aus dem Menschenleben. Dieser Mensch handelte so; ein andrer, ja er selbst zu andrer Zeit, kann und wird anders handeln: der Fuchs in der Fabel aber steht für alle Füchse, die Cypresse für alle Cypressen. ––––– Auf die Frage: » wie weit der Fabulist die Natur der Thiere und andrer niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen Natur bringen dürfe,« antwortet Lessing kurz: »So weit und so nahe er immer will, wenn sie nur in ihrem Charakter denken, reden und handeln.... Haben wir ihnen einmal Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle Modificationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen einzig und allein beruht. – Ihr Betragen wird uns im Geringsten nicht befremden, wenn es auch noch so viel Witz, Scharfsinnigkeit und Vernunft voraussetzt.« Lessing's »Fabeln«, S. 208 f. [Werke, Th. X. S. 73]. – H. [Herder hat die Sätze in anderer Folge gegeben, als sie bei Lessing stehen. Die Worte »wenn sie .. handeln« sind wesentlich verkürzt. – D.] Das allgemeine Gefühl, dünkt mich, stehe dieser schrankenlosen Freiheit entgegen. Warum gefallen uns nicht alle Fabeln wie jene schlichten Aesopischen oder wie die noch einfachern der Morgenländer? Den Witz, den Scharfsinn, den der Dichter solchem und solchem Thier leiht, finden wir außer Stelle; wir hören den Dichter durch den Mund des Thiers sprechen und wundern uns, warum er hinter dieser Maske rede. Ja, wie wäre auch, »wenn der Charakter der Thiere in Reden wie in Handlungen strenge gehalten werden soll,« eine so schrankenlose Annäherung an die menschliche Natur, im Gebrauch ihrer feinsten Vorzüge des Witzes und Geistes denkbar? Der Thiercharakter, mithin die innere Überzeugungskraft dessen, was das Thier in seiner Natur, als ein Wesen seiner Ordnung sprechen soll und kann, ginge damit immer, ganz oder halb, verloren. So, sagen wir, spräche dies Thier nicht, wenn es spräche; der Witz und Scharfsinn liegt nicht in seiner Lebensweise; wo hat es diese Galanterie gelernt? Ein großer Theil der französischen Fabeln wird uns daher unschmackhaft. Lessing selbst? Hätte Bodmer seine unartige Parodie Lessingische unäsopische Fabeln u. s. w., Zürich 1760. – H. [Vgl. Lessing's Werke, Th. IX. S. 331 ff. - D. schreiben können, wenn der Dichter nicht hie und da den Gedanken- und Empfindungskreis seiner Fabelgeschöpfe zu sehr erweitert und bisweilen in das höchste Gebiet der Menschenvernunft gerückt hätte? Gebildeten Lesern sind diese Fabelepigramme sehr willkommen; Lessing hört man gern, durch wen er auch spreche; zu Aesop indeß verhalten sich seine Fabeln oft wie der Schmetterling zur Raupe. Aus ihr gezogen, fliegt der neue Einfall in glänzender Gestalt hervor; die alte Fabel indeß war ihm als erste Form und Nährerin unentbehrlich. ––––– Seit Aphthonius hat man die Fabeln in vernünftige , sittliche und vermischte eingetheilt; auch Wolff und Lessing folgten dieser Classification, Jeder mit eigner Bestimmung seiner So muß es statt »ihrer« heißen. Lessing handelt hierüber in der dritten seiner »Abhandlungen über die Fabel«. Vgl. Werke, Th. X. S. 67 ff. – D. Worte. Mich dünkt, die Adrastea der Natur , der die Fabel, wenn sie rechter Art ist, dienen muß und dient, beut uns eine Bestimmung dieser Classification dar, die schwerlich zu ändern sein möchte. Macht nämlich die Fabel eine Lehre als Naturgesetz in einem einzelnen Fall der großen Naturordnung anschaubar, so ist diese Lehre entweder: 1. Theoretisch. »Ein Marder fraß den Auerhahn, Den Marder würgt' ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn.« Hagedorn. Welcher Satz aus dieser Intuition gezogen werde, eine Sittenlehre wird es nie sein. Was will, was thut also die Fabel? Sie öffnet uns nur den Anblick der Welt, »Wo oft die Größern sich vom Blut der Kleinern nähren«; damit hat sie ihr Amt gethan, und hätte sie damit nicht viel gezeigt? Nun ziehe Jeder sich hieraus nach Herzenslust praktische Lehren. Der größte, ja vielleicht der schönste Theil der Fabeln in Lokman, Aesop, Vischnu-Sarma , und wo nicht sonst? ist rein theoretisch . »So besteht die Welt, so folgt Eins aus dem Andern. Z. B. Dies wird, wenn man mit vollem Munde nach dem Bilde im Wasser schnappt, Jenes, wenn man als Schaf mit dem Wolfe streitet, Jenes, wenn man als Hase mit dem König-Löwen jagt. Merke Dir's und ziehe Dir daraus vielfältige Lehren!« Bei jeder neuen Wendung der Begebenheit kommt eine andre zum Vorschein, die Du Dir selbst sagen magst; gnug, das Factum der Natur soll als Gesetz und Weltordnung Deinen Verstand üben, daß, wenn Du unter Menschen den Wolf, den Bock, den König-Löwen und Dich mit ihm in gleicher Situation antriffst, Du wissest, worauf es ankommt. Diese Fabeln mögen logische oder lieber intellectuelle , d. i. den Verstand bildende Fabeln heißen; sie bilden ihn nach den großen Gesetzen der Natur in ihrer permanenten Ordnung an ewig feststehenden Charakteren. Andre Fabeln mögen 2. sittlich heißen; aber wie kann man von Thieren, von Bäumen Sitten lernen? und von welchen Thieren? Vom Wolf? vom Fuchs? vom Marder? Nicht also ist's gemeint. So contrastirend die Gattungen der Geschöpfe in der Natur über und gegen einander gesetzt sind, so daß Alles auf einem ewigen Kampfe und Widerspruch zu beruhen scheint, so hangt Alles, was Leben hat (und was hätte nicht Leben?), dennoch an einer Kette, der Liebe . »Der Liebe?« Nicht anders, und zwar einer sich selbst erhaltenden, dem Ganzen sich aufopfernden Liebe. Jedes Lebende nämlich (da auf eine harte Weise die Gattungen der Lebendigen einander entgegenstehen) kämpft für seine Erhaltung; wozu aber strebt selbst dieser Kampf? Um in Seinesgleichen fortzuleben, also zum Ganzen. Unwissend und von der Natur gezwungen opfert jedes Einzelne sich diesem Zweck auf, zu welchem in und außer seiner Substanz alle Elemente wirken. Abblüht die Blume, sobald sie sich selbst in Samen dargestellt hat; nur zu Hervorbringung dieser keimte, wuchs, blühte sie. So die Geschlechter der Thiere in ihren verschiedenen mühsamen Haushaltungen, Kämpfen und Geschäften. Jugendliche, eheliche Liebe ist allen ihr Ziel, der Zweck ihrer Mühe, die fröhlichste Tendenz ihres Daseins. Hierauf geht ihr Fleiß, ihre Kunst, ihre väterliche und mütterliche Sorge. Die Fabel, die diese große Haushaltung des Strebens und der Liebe in einzelnen ausgesuchten Fällen und Momenten darstellt, reich an tausend Lehren, ist sie sittlich und kann sogar rührend werden. Der alte Spruch: »Gehe hin zur Ameise, Du Träger!« ist in der Fabel von ihr und der Cicada Vgl. Herder's Werke, II. S. 75 f. – D. ans Licht gestellt; so manche andre Fabel von der Erziehung der Jungen, vom geselligen Beistande, dem häuslichen Leben der verschiedenen Geschlechter unter einander, von ihrer Treue, ihrer Wachsamkeit, ihrer Freundschaft und Großmuth sind, da diese Sitten aus dem ewigen Naturcharakter und Instinct der Geschlechter stammen, Fabeln des großen Natur-Ethos , ethische Fabeln, die auch uns unsre Pflichten als Gesetze der Glückseligkeit aller Lebendigen in ewigen Charakteren vorzeichnen. Eben auf diesem tiefen Grunde eines Natur-Sittengesetzes beruht ihre mächtige Wirkung. Nur so ist die sittliche, d. i. die ethische Fabel denkbar. 3. Wie wären endlich die Fabeln zu nennen, die den höheren Gang des Schicksals unter den Lebendigen bezeichnen? Wir würden sie dämonische oder Schicksalsfabeln nennen, Fabeln der Adrastea oder Aisa . Nicht immer nämlich kann im Naturgange selbst anschaulich gemacht werden, wie aus Diesem ein Andres durch innere Consequenz folge; da tritt nun die große höhere Folge der Begebenheiten, die wir bald Zufall, bald Schicksal nennen, ins Spiel und zeigt, wie Dies und Das, wo nicht aus , so nach einander folgt, durch eine höhere Anordnung. Natürlicherweise ist sie vermischt , theoretisch und praktisch. Der räuberische Adler trägt mit dem Raube einen Funken vom Altar in sein Nest, der es in Flammen setzt und seine unbefiederten Jungen Dem zur Beute giebt, dem er einst treulos die Jungen geraubt. Die Raubgier des Adlers ist permanent; zwischen seiner vorigen und dieser Unthat aber, wer konnte das Band knüpfen als die Zeit, das Verhängniß? Vgl. Herder's Werke, VII. S. 204 f. – D. Dieser Dürftige erzeigt einem unbekannten Todten seine letzte Pflicht und findet einen Schatz, der seiner Dürftigkeit abhilft; im Traume sagt es ihm Mercur selbst, wodurch er von den Göttern dies Glück verdiente. So erscheinen die Gottheiten, den Streit der Thiere unter einander zu entscheiden, sie über ihre ungerechten Klagen, über ihre müssigen Gebete, über ihre verstandlosen Wünsche hart oder sanft zu belehren, allenthalben aber das hohe Loos werfend, das jeder Art und Gattung der Sterblichen ihre Stelle anweist. Zeus, wie er das Leben der Menschen und Thiere gegen einander abmißt, Lessing's »Fabeln«, I, 5; II. 18 [Werke, Th. I. S. 196f., 212]. – H. Hercules, wie er dem betenden Fuhrmann, Fab. Aesop., edit. Hauptmann, p. 267. – H. Serapis, wie er dem glückträumenden Mörder erscheint, Anthol. Graec. [IX, 378.] – H. [Vgl. Herder's Werke, VII. S. 201 f. – D. in Lessing's Fabeln Zeus und das Pferd, Zeus und das Schaf, Hagedorn's »Moralische Gedichte«, nach De Launay, S. 127. – H. in Gleim's Fabeln die Götter und die Bäume, die Raupe und der Schmetterling Gleim's »Fabeln«, IV. – 11. – H. u. s. w. sind solche Schicksalsfabeln – Natur-Ideen , die uns den Sinn und Gang der großen Mutter im Allgemeinen zeigen. Bei den schönsten Fabeln dieser Art wird unsre Seele groß und weit wie die Schöpfung; Adrastea-Nemesis , fühlen wir, ist Die, die im Verborgnen Alles vergilt, Alles lenkt, Alles regiert. Sie schützt den Unterdrückten und stürzt den Frevler; sie rächt und lohnt. ––––– Fortsetzung. Nach dieser dreifachen Eintheilung des Inhalts und Ganges der Fabel richtet sich natürlicherweise auch ihr Vortrag. Lessing handelt hierüber in der vierten seiner »Abhandlungen über die Fabel«. Vgl. Werke, Th. X. S. 77ff. – D. Wer wollte mit Naturgesetzen spielen? wer über sie tändeln und die große Mutter in ihren Darstellungen äffend zu Spott machen? Gerade dieser Scherz, dieser ungesalzene Spott hat die Fabel tief erniedert. In wie manchen Fabulisten sieht man leibhaft den Thoren vor dem Delphischen Altar stehn, der mit dem Orakel Scherz treiben wollte! Apollo trieb mit ihm Scherz: er machte schlechte Fabeln. Daß einer Erzählung, die uns Naturgesetze in einzelnen Begebenheiten und Vorfällen darstellt, die heiterste Klarheit und Congruität gebühre; daß die sittliche Fabel sich jeder Art und Gattung der Geschöpfe anschmiege und mit Wohlgefallen, mit Freude und Lust in der Schöpfung wohne, indem sie jede Pflicht sowol als jede edle Mühe um dieselbe als Naturbedürfniß darstellt und durch sich selbst lohnt, Irrthum und Thorheit dagegen in ihren Folgen auch enthüllt und straft: dies will der Begriff der Natur , ihrer Consequenz und Tiefe . Die dämonische Fabel endlich, die Götter und das Schicksal selbst auf den Schauplatz bringt, sie erhebt sich ohn' allen gesuchten Pomp oft zu einem kleinen Epos. Jene Erzählung bei Gellert über den Lauf und die Vergeltung des Schicksals : »Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat« Vgl. Herder's Werke, VI. S. 181. – D. u. s. w., findet sich, das Feierliche hinweggerechnet, an erhabner Zusammenordnung fast in jeder Schicksalsfabel wieder. ––––– »Wo dann bleibt aber das Lächerliche (γελοίον) der Fabel, das ihr doch wesentlich angehört?« Zuerst weiß man, daß, um Lachen zu erregen, es gerade nicht darauf ankommt, daß man selbst und zuerst lache, geschweige daß man sich kneife und, »die Hände gestemmt in keuchende Seiten«, Nach Ramler: »Komm, Lachen, Die Hände« u. s. w. – D. das antiquarische grobe Gelächter in Person darstelle. Etwa nur auf dem Markt des Pöbels, und auch da kaum dürfte man durch diese Mittel seinen Zweck erreichen. Dagegen: gesetzt, eine Gesellschaft hätte über eine Materie lange, ernst und sogar zänkisch deraisonnirt; ein guter Freund am Ende der Tafel, der bisher geschwiegen, träte hintendrein mit einem Fabelchen hervor, das er trocken, dem Anschein nach zwecklos, aber sehr treffend, klar und naiv erzählt und damit jenen ganzen Zwist abthut: erreichte er damit nicht ein hohes Komisches , dem die Vernunft selbst zuspräche? Die kleinste Miene des verzerrenden Lachens hätte ihm geschadet; denn eben der feine Ernst war sein treffendes Salz, seine Grazie und Anmuth. Wollen Irrthümer und Fehler der Menschen mit lautem Lachen begrüßt sein? Warum gaben die Alten, zumal die Morgenländer, ihre Fabel Weisen oder Sclaven in den Mund? Wozu anders, als daß sie nicht ausgelassen, nicht ungezogen erzählt werden könnte . Manche Neuern haben die Sache anders verstanden; der Weise steckt in der Lehre, die Fabel erzählt der Geck oder an Saturnalien etwa der trunkne Sclave. Zweitens. Da also das Lustige , das Scherzhafte der Fabel in ihrer Anwendung , mithin in der Beziehung liegt, in welcher sie gesagt wird, und diese an sich schon nicht zart genug genommen werden kann: was wäre in der Fabel selbst Lächerliches, wenn in ihr alle Wesen als Naturwesen handeln? Der Fuchs etwa? der Affe? der Esel? O der alten abgekommenen Späße, die den Fabeldichter selbst so oft zum Affen und Langohr gemacht haben! Kein Witz beinahe kann leichter abgeschmackt werden als der Fabelwitz, keine Späße sind trivialer als die Eselsspäße, zumal wenn der bleierne Dichter durch diese Masken spaßt. Wie kurz, wie ziemend sind in der Fabel die Scherze der Alten! Drittens. Da überdem nichts vorübergehender und feinflüchtiger ist als der Scherz, da das sittsamste Lachen nur am Rande der Lippen hangt, wie der herz- und seelenvollste Wink am Blick des Auges; da zumal gereimte Bücherspäße fast durch sich schon von stereographisch-bleierner Natur sind und in ungeschickten oder übertriebenen Nachäffungen gar albern werden; da endlich das Entbehrliche zuerst und am Frühesten Ueberdruß macht und der Gott Jocus mit jedem Mondviertheil seine unwesenhafte Gestalt ändert: wer wollte ein Spaßmacher sein, wo er es nicht sein darf und nicht sein sollte? Selbst Lafontaine's Scherze, den die Natur doch selbst im Scherz gebildet zu haben schien, haben sich zum Theil überlebt; keiner seiner Nachäffer hat ihn erreicht. Und dann, wäre es wirklich amüsant und lustig, wenn ich lese: »In einem alten Fabelbuche (Der Titelbogen fehlt daran, Sonst führt' ich's meinen Lesern an), In einem alten Fabelbuche, In welchem ich, wenn ich nicht schlafen kann Und sonst zuweilen, mich Raths zu erholen suche, In einem alten Fabelbuche –« Gellert's »Fabeln«, II. 50 (Werke, I. S. 152), wo aber V. 1 Aus einem steht, V. 4–6 lauten: »Aus dem ich mich Raths zu erholen suche, Wenn ich selbst nichts erfinden kann, – Aus diesem alten deutschen Buche« – D. Ei, so wirf das alte Fabelbuch in den Winkel und erzähle, was Du darin fandst! Sind Langweiligkeit, Präambuln und Digressionen solcher Art naiver Scherz? Gehe man die Scherzdigressionen und Spaßpräambuln der Fabulisten durch, ohn' alle Rücksicht aus Theorie der Fabel wünscht man die meisten hinweg. Es sind platte Einschiebsel; auch dem Ausdruck nach haben sich die meisten selbst überlebt. Einfalt ist die Grazie der Natur, hohe Naivetät die Grazie der Fabel. Sie ist's, die Alles würzt, vom Burlesken niedriger Naturen zum Erhabensten, dem Schweigen. Eben in dem Contrast von Bildungen und Sitten scherzt die Natur unaufhörlich; aber wie ernst scherzt sie, wie consequent ist ihr Persiflage! Die Naturfabel ahme ihr nach; ihr höchster und dauerndster Reiz ist stille Größe, schweigende Anmuth, besonders in den Fabeln des Schicksals. ––––– Als eine zweite Ursache, warum die Fabel am Liebsten Thiere darstelle, führt Lessing , wiewol selbst nur zweifelhaft an, daß es geschehe, »um die Erregung der Leidenschaften so viel als möglich zu vermeiden.« Dies könne nicht anders geschehen, als wenn der Dichter »die Gegenstände des Mitleids unvollkommener macht und anstatt der Menschen Thiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt.« Lessing's »Fabeln«, S. 190 [Werke. Th. X. S. 63]. – H. Ich zweifle. Hassen wir den Wolf, den Tiger der Fabel nach Umständen nicht eben so inniger, weil er uns die ganze Gattung auch der Menschenwölfe und -Tiger unverlarvt in ihren Gesinnungen, Entschlüssen und Thaten charakteristisch darstellt? Bemitleiden wir nicht das unschuldig unglückliche Lamm um so mehr, da wir in ihm eine ganze Gattung gleich Unschuldiger dem Rachen des Wolfs, den Zähnen des Tigers hilf- und rettungslos hingegeben sehen? Und wer nähme in sittlichen Fabeln an der muntern Lerche, der liebenden Nachtigall, der treuen Turteltaube u. s. w. nicht für alle Charaktere ihrer Art herzlichen Antheil? um so mehr Antheil, da die Fabel in die Kinderwelt gehört und wir bei ihr in die Empfindungen der Kindheit zurücktreten? Nirgend fast sonst erscheinen die Charaktere lebendiger Wesen hassens- und liebenswerther als in der Fabel, eben weil sie diese Charaktere rein darstellt. Haß und Liebe in ihr werden Leidenschaften des Verstandes, so tiefgewurzelt, so allgemein und dauernd, als diese Typen der Natur selbst sind. Die Hyäne der Fabel hassen wir über und für alle Hyänen; die mütterliche Nachtigall lieben wir als Urbild aller Mutterliebe. ––––– Da nach dieser Theorie die Fabel einen so tiefen Grund, einen so reinen Umriß bekommt, wie Vieles schneidet dieser Umriß weg, das, wenn man es genau prüft, die Fabel eben verächtlich gemacht hat! Er schneidet ab: 1. Jeden Schnickschnack, der nichts weniger als eine große, feste Ordnung der Natur in Lehre darstellt. Holberg's genannte Moral, »daß keine Creatur weniger in Zucht zu halten sei als eine Ziege,« hat in den Fabelbüchern viele Schwestern, denen Abschied zu geben ist, wenn je die wahre große Naturfabel ihren Werth wieder erhalten soll. Wir sind dieser Kindereien unwichtiger Lehren satt und müde. Abgeschnitten werden: 2. Alle Erzählungen zusammengeflickter Situationen, die darauf hinausgehen, daß Thier oder Mensch eine scharfsinnige Sentenz sage. Erscheint diese Sentenz nicht, in der Lebensweise der Dargestellten gegründet, jetzt in Handlung sichtbar, so möge der Einfall sein, was er wolle, seine Einkleidung ist keine Natur- und Kunstfabel. Wie manches witzige Histörchen schleicht sich hiemit weg aus dem strengen Gebiet der Fabel! 3. Die angebliche Moral der Fabel verschwindet als ein verführendes Scheinwort völlig. Von welchem Thier sollen wir Moral lernen? Vom Wolf oder vom Bär? Kein Thier ist der Moral fähig; keins muß ihrer fähig sein, wenn es fabelmäßig, d. i. charakteristisch handeln und die Fabel nicht selbst vernichten soll. Auch die sittlichen Fabeln nannten wir deshalb nicht moralische, sondern ethische Fabeln; an den Sitten, auch der gefälligsten Thiere, lernten wir nichts als Naturordnung. Moral sagt der Mensch sich selbst; sie entspringt aus seinem Verstande, aus seinem Herzen. Wozu der Dichter die Fabel darstellte, ist Lehre, aus der sodann nach jeder neuen Wendung Jeder sich seine Moral bilden möge. Die Moralisten in der Fabel sind langweilige, alberne Geschöpfe. ––––– Wäre nach diesen Voraussetzungen eine geläuterte Fabellese nicht zu wünschen? Um so mehr zu wünschen, da die neueste, obwol von einem berühmten und verdienten Manne gesammelt, so sehr mißrathen ist. Ramler's Fabellese. In ihr liegen Fabeln, Erzählungen, Geschichtchen, Conversationsmärchen durch einander. Kindern muß sie äußerst langweilig werden, und die gebornen Richter der Fabel sind Kinder. – H. Sie wird erscheinen. Beim Verleger dieser Zeitschrift. – H. (J. Fr. Hartknoch in Leipzig. Sie ist nicht erschienen. – D.) Nicht Alles, was J. J. Rousseau in seinem »Emil« gegen den Gebrauch Lafontaine's bei der Jugend sagt, ist Declamation; in Manchem hat er sehr Recht, obwol nicht immer aus rechtem Grunde. Noch ein Wort endlich vom Silbenmaße der Fabel. Soll sie in Prose oder poetisch erzählt werden? Nach Belieben, oder vielmehr nach Gelegenheit, Zweck und Inhalt. Die Morgenländer haben ihre schönsten Fabeln in Prose erzählt; bei Anlässen im Leben wird sie schwerlich Jemand anders erzählen. So Lokman, Aesop, Saadi, Vischnu-Sarma, Luther, Lessing, obgleich des Letzten glänzender Stil oft Poesie ist. Jedermann fühlt indeß, daß, da die Fabel ein Kunstwerk ist, ihr auch wol in der Sprache wie in der Composition eine Kunstform gebühre, die dann von Zeit und Ort, am Meisten von der Sprache selbst bestimmt wird. Als bei den Griechen der Hexameter die Form poetischer Erzählung war, ward auch die Fabel in Hexametern erzählt, wie Hesiodus u.A. es beweisen. Erschien sie auf dem Theater, so bekam sie einen höheren Tritt; aus solchem entstand ohne Zweifel das schöne Silbenmaß, das wir in Bruchstücken des sogenannten Babrias Oder vielmehr Babrius, von dem 123 Fabeln erst in unserer Zeit entdeckt und zuerst 1844 von Boissonade herausgegeben wurden. Vgl. Herder's Werke, VII. S. 28. Herder's Herleitung des choliambischen Versmaßes von der Bühne ist verfehlt. – D. finden. Wäre es unsrer Sprache zur Natur zu machen, so gäbe es vielleicht ein schöneres Kleid für die Fabel; leider aber ist unsre Prosodie und Declamation noch viel zu unbestimmt, als daß es sich nicht, auch sorgfältig angewandt, in eintönige Jamben verlöre. Uebrigens waren die Griechen hier, wie in Allem, das liberalste Volk; eine Fabel, die Epigramm war, ward Epigramm in elegischem Silbenmaße. Wir sollten es ihnen hierin nachthun und keiner Fabel das Gewand rauben, das ihr gebührt. Die Fabeln der mittlern Zeit schlendern in ihren einförmigen Reimen etwas langsam daher; man ließ sich diesen Gang lange wohlbehagen. Die Engländer, treue Anhänger der alten Gewohnheit, gehen ihn noch constitutionsmäßig. Gay ist ihr Vorbild. Wir Deutsche ließen uns durch den sogenannt unregelmäßigen Vers der Franzosen, in welchem Lafontaine, Lamotte u. s. w. unsre Muster waren, unser altes naives Fabel-Silbenmaß zu bald verleiden, ohne zu bedenken, daß jene Nation, die keine eigentlich poetische, sondern nur eine Conversationssprache hat, einestheils nur aus Noth so unregelmäßig sprach, und daß anderntheils, was sie mit diesem Silbenmaß erreichte, wir nicht immer erreichen konnten. Aller Nachäffungen ohngeachtet ist noch kein Lafontaine unter uns aufgestanden; wir hinkten ihm nur nach. Und fühlen es selbst, daß die deutsche Fabel eines regelmäßigen Silbenbaues bedürfe; daher unter unsern Fabulisten der so öftere Gebrauch des Liedes, des Epigramms u. s. w. Kleist war meines Wissens der Erste, der das Kunstwerk der Fabel in einem reinen Kunstbau des Versmaßes darstellte; seine zwei versificirten Schicksalsfabeln, mehrere in Gleim, Z.B. »Die kleine Biene«, »Adler und Lerche«, »Die fromme Nachtigall«, »Raupe und Schmetterling« u. s. w. – H. Pfeffel u. A. sind auch dem Versbau nach in hoher oder stiller Naivetät Muster. Hier folgte noch: »Die Land- und Stadtmaus. Eingeleitet und erzählt von Horaz« (Herder's Werke, VIII. S. 55-58). – D. 6. Märchen und Romane. Hat auch das Märchen seine Regel? Uebel, wenn es solche nicht hätte, da bei seiner tiefen Einwirkung auf die Seele des Menschen, bei seinem noch tiefern Grunde in unsrer Natur es ein ungeheures Mittel zu Bildung oder Mißbildung menschlicher Gemüther sein kann. Beides ist es, obwol nach verschiedenen Zeiten und Völkern verschieden, immer gewesen und wird es bleiben. 1. Staunend erwachen wir in die Welt; unser erstes Gefühl ist, wo nicht Furcht, so Verwunderung, Neugierde, Staunen. »Was ist das Alles um mich her? wie ward's? Es geht und kommt; wer zieht die Fäden der Erscheinung? Wie knüpfen sich die wandelnden Gestalten?« So fragt, sich selbst unbewußt, der kindliche Sinn; von wem erhält er Antwort? Von der stummen Natur nicht; sie läßt erscheinen und verschwinden, bleibend in ihrem dunkeln Grunde, was sie war, was sie ist und sein wird. Da treten zu uns sie, die uns selbst aus dem Schooße der Natur empfingen und einst selbst so fragten; wie sie belehrt wurden, so belehren sie uns, durch – Sagen . Das gebildetste System der Geo- und Kosmogonie bleibt Sage; mehr noch mußten es die frühen Anfänge sein, die über das Woher und Wie der Dinge Rechenschaft gaben, ohne daß sie ihr Dasein selbst verstanden. Daher die ältesten, die kosmogonischen Märchen aller Völker; sie waren Erklärungen der Natur in dem, was man täglich oder jährlich vor sich sah. Wo man nicht wußte, dichtete man und erzählte. 2. Die älteste Naturlehre konnte also nicht anders als Märchen werden; und sie ward's, hie und da auf eine rohe, oft aber und gewöhnlich mit der Zeit auf eine sinn- und verstandreiche, angenehme Weise. »Wie erhuben sich diese Berge? wie entstanden diese Blumen? Woher das mit sich selbst kämpfende Nordlicht? Woher der Blitz, der Donner, die Urne des Regens, der Hagel? In Blumenflocken fällt Schnee vom Himmel: wer streut die Blumen? Dort brüllt und tobt ein flammenspeiender Berg: wer ächzt unter dem Berge? Auf dunkeln Wolken hängt dort ein farbiger Bogen: wer hing ihn auf?« So fragte über alle Erscheinungen der Natur die jugendliche Neugier; allenthalben ward sie, wie man sie geben konnte, durch Sagen belehrt. Insonderheit erweckten seltne Erscheinungen der Natur den Geist des Märchens. Manche Gegenden, sind sie nicht wie von diesem Geiste bewohnt? Hier dies romantische Thal, dort jener zauberische Brunn, dieser Fels, jene Brücke, diese Basaltsäulen, jene Höhle. Auf dieser Stelle des graunvollen Hains, auf jenem Scheidewege, ist's nicht, als ob dort und hier unsichtbare Besitzer, die zuweilen sich blicken lassen, wohnen? Pan, Nymphen hausen in dieser Höhle; Feen tanzen in diesem romantischen Thal; in jenem Zauberbrunn schwimmt eine Najade, in ihm wohnt Melusine. Gelegentlich hatte man vielleicht hie und da eine Erscheinung zu sehen geglaubt: in diesem langen Gange eine weiße Frau, ähnlich jener Gestalt in dem alten Bilde; im Walde dort einen wilden Jäger; in Klostergängen Mönche und Nonnen; in Kreuzwegen Hexengestalten. Oder man hatte alte Sagen, die der Phantasie vorschwebten, örtlich zu machen; wo, sagte man zu sich selbst, konnten sie füglicher vorgegangen sein als hier? Dies ist Fingal's Höhle, jenes Arthurs Berg; dort hielt er seine Tafelrunde, hier stand sein Palast. So häuften, so fixirten sich Märchen. Oft mischten sie sich, oft verjagte eins das andre. Keine Nation ist ohne dergleichen Geschicht- und Localsagen; in allen spiegelt sich ihr Land, ihr Geistescharakter. Sinnreiche Völker dichteten sinnreich, kriegerische kriegerisch, sanfte sanft; so verschieden wurden dann auch die Märchen, aus denen späterhin die Geschichte aufblühte, erzählt. Das alte Griechenland war voll dieser sogenannt heiligen Spuren; keine Provinz, kein Tempel, kein Heldengeschlecht war ohne Einwirkung der Götter und Genien aufgeblüht; Pindar's Gesänge, das Epos und Drama leben in diesem Zauberkreise heiliger National-, Local- und Familienmärchen. 3. Menschliche Begebenheiten und Charaktere sind indeß das, was, wie allenthalben, so auch im Märchen am Meisten anzieht; dies tritt uns hiedurch am Nächsten. Wie sonderbar spinnen und weben sich oft die Schicksale eines Menschenlebens! An wie kleinen Knoten hangt ihre Verwicklung und Entwicklung! Wer knüpfte diese Knoten? welche unsichtbare Hand leitete und verschlingt die Fäden? Sind's Genien? Schutzgeister? Alfen? gute und böse Feen? Und da zuletzt doch an den Charakter des Menschen, oft an seine Gestalt, an eine Eigenheit seiner Person oder seines Benehmens, an eine Neigung oder Gabe sich Alles knüpft, wer gab ihm dieses Talent? diese ihm selbst oft unerklärliche, sonderbare Neigung? dies Auszeichnende seiner Gestalt? wer prägte seinen Charakter? Und wenn gerade dieser Mensch, jener Ort, dies Geschäft oder Moment in Glück und Unglück über sein Schicksal entschied, mithin ihm wiederholt fatal wurde, wer führte ihn dahin? wer brachte diese Menschen, diese Umstände und Momente ihm entgegen, da er sie oft sorgsam vermied? Die Bildung oder Mißbildung menschlicher Charaktere, das Weben ihrer Schicksale sind also der reichste Stoff zu Märchen; denn nach Jahren, wenn wir uns im Spiegel anschaun und unser Leben überdenken, sind wir uns nicht selbst Märchen? 4. Die Schicksalsfabel sowol als das menschliche und das kosmogonische Naturmärchen sind von der Menschheit also fast unzertrennlich; die ersten beiden sind uns die unterhaltendsten; in den dunkeln Zeiten knüpfte sich beinah jedes ausgezeichnete Geschlecht an ein Familienmärchen, an ein Local, zuletzt an die Weltentstehung selbst, wenn man irgend so weit aufreichen konnte. Und da in unserm Leben das Größte meistenteils am Kleinsten hängt, da Scherz und Spott, List und Intrigue, Lüsternheit und Rachsucht oft bewirken, woran der nüchterne Sinn kaum denkt; und da gerade diese Gattung Märchen Vielen die angenehmste ist, so ist sie auch natürlich die zahlreichste worden. Neuheit ist überhaupt die Seele der Erzählung, des Märchens Tod ist Langeweile. ––––– Von Orient und Griechenland aus war also das Gebiet der Märchen von großem Umfange; es theilte sich bald in die verschiedensten Felder. Die ruhigen Morgenländer ließen und lassen sich gern erzählen; ihr Klima, ihre Lebensweise, ihre Neigung fürs Wunderbare, ihre unbequeme Schrift und andre Ursachen begünstigten das lebendige Erzählen ; die Geschichte selbst, zuweilen eine unlängst geschehene Geschichte ward daher im Geist und Munde der Morgenländer selbst Märchen. Denn muß es nicht jede mündlich fortgepflanzte, oft erzählte Sage bald werden? Jeder Erzählende setzt zu und läßt aus, er verstärkt Umstände, er schmückt und hebt, legt dort und hier seinen Sinn, seinen Charakter hinein: er rundet. Nun wälze sich die Sage Zeiten hinab von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlechte: was kann der Morgenländer anders haben, als was er hat, Genealogien und Märchen? Der Bau seiner Sprache, seine Sitten und Gebräuche, oft die Namen der Personen und Sachen selbst sind dazu eingerichtet. Auch sind die morgenländischen großentheils die wahren, genialischen Märchen, aus der lebendigen Welt, wie ein Traum der Phantasie genommen, dem Ohr des Hörenden angemessen, frei vom Bücherstaube sowol als von zu feinen Speculationen. Sie gehen ihren großen Schritt zwischen Himmel und Erde. Die Griechen gaben dem kosmogonischen sowol als dem genealogischen Götter- und Heldenmärchen den Gang und Klang des Epos; aus keiner andern Ursache ward der Hexameter ihr Silbenmaß, als weil er, ihrer Sprache natürlich, die verschiedensten, die freiesten Erzählungsweisen zuläßt. Das griechische Epos war seinem Ursprünge nach nichts anders als eine gesungene Sage; die Kunst daran mußte der zusammenfassende Sinn und Gesang des Erzählenden, mithin die Zeit formen. Als aus dem Epos erzählender Sänger das Märchen aufs Theater trat, bekam es eine andre Gestalt, eine andre bei lyrischen und Idyllendichtern , eine andre in der Schule der Philosophen. Zuletzt, als es zur Prose hinabsank, theilte es sich in verschiedne Arten, unter denen natürlich die Liebe als Weberin und Verweberin menschlicher Schicksale die Oberhand gewann. Die Geschichte des Theagenes und der Chariklea, Klitophon's und der Leucippe, Daphnis' und der Chloë, der Anthia und des Abrokomas, des Chäreas und der Kallirrhoë, obwol in späten, zum Theil Ungewissen Zeiten geschrieben, Von Heliodor, Achilles Tatius, Longus, Xenophon von Ephesus und Chariton. – D. wurden, ihrer Fehler ohngeachtet, Muster und Anfang einer zahlreichen Gattung von Erzählungen, die man späterhin Romane nannte. Das Muster aller griechischen Liebesschicksal-Romane war die Geschichte Amor's und der Psyche; diese wird auch auf alle Zeiten hinab ihr schönes Kunstvorbild bleiben. Da es hieher nicht gehört, den Gang des Märchens und der Erzählung unter Morgen- und Abendländern, unter Juden, Heiden, Moslims und Christen, unter diesen in den dunkeln Jahrhunderten Europa's in Spanien, Italien u. s. w. zu verfolgen, so haben wir hier nur vorerst zu zeigen, wie sie das vorige Jahrhundert empfing, wozu im Zeitalter Ludwig's , das dem ganzen Europa Ton gab, auch das Märchen, die Erzählung, der Roman wurde. Alles ward in ihnen galant und hofmäßig . Rein in der Sprache, licht in der Darstellung, rascher in der Erzählung, von alten Sittensprüchen wie von der abgekommenen Ritterrüstung entladen; dagegen einem Gesellschaftssaal, einem Gespräch- oder Besuchzimmer, gar etwa einer Liebeskammer nach damaliger Sitte angemessen; unterhaltende Artigkeit ward ihr Charakter. An Urfé 's »Asträa« und ähnlichen Schäferromanen verlor man den Geschmack; »Zaïde«, die Romane der Villedieu , der Castelnau u. s. w. traten an ihre Stelle. Im heroischen Stil gingen Calprenède und die Scudéry allmählich unter; sogenannt historische Romane thaten sich dagegen in Menge hervor, und abermals waren Frauen, die Lussan, Durand, Laforce, Lafayette u. s. w., dieser Gattungen Meisterinnen und Muster. Unselig, daß man allmählich, von diesem Geschmack geleitet und fortgeleitet, mit so vielen romantischen Memoires, ein Dritttheil Wahrheit, zwei Dritttheil Lüge, die Welt getäuscht hat! Die berühmtesten Namen des Alterthums sowol als der mittleren und neuern Geschichte, Pindar und Korinna, Sappho, Kleopatra, Artemisia , die Vestalen, Catull, Tibull, Horaz. Tullia, Eloise, Marie von Bourgogne, Margarethe von Valois , der Connetable von Bourbon, Admiral Coligny, Turenne, Colbert und so viel Andre, Les Amours de Pindare et de Corinne, de Sappho, d'Horace, Catulle, Tibulle, d'Abeillard et d'Eloise etc. etc. – H. Männer und Weiber, sind nach und nach mit dieser romantischen Schminke so geziert und verunziert worden, daß man beinah allgemein das Gefühl für die Heiligkeit der Geschichte verlor und allenthalben Roman wünschte. Fast kein wohlklingender oder ruhmvoller Name blieb von einer galanten Narrenkleidung frei, und da die benachbarten Länder mehrere dieser blanken französischen Rechenpfennige für baare, vollwichtige Münze annahmen, so ist auf den dichterischen sowol als den historischen Parnaß ein Wirrwarr gekommen, dem nach hundert Jahren seine Rechnung bei Weitem noch nicht in Allem gemacht ist. Das unaufhörlich fortgehende Werk der Zeit ist, daß, wie sie Geschichte zum Märchen macht, sie auch Geschichte vom Roman scheide . ––––– Beilage. Guter und böser Märchenleumund. Kein Name wird recht berühmt, ehe er zum Märchen wird; das Märchen ist die einschmeichelnd-geselligste Fama. Alexander dem Großen und Karl dem Großen haben ihre Unternehmungen, Eroberungen, Kriege und Siege, Gedanken und Entschlüsse zur Fortdauer ihres Ruhms nicht so geholfen als das Märchen; dies hat ihn befestigt. Ihre Geschichte mußte Gesang, Romanze, Roman werden; so ward sie Volksfama. Durch Namen der Jagdhunde und Kartenblätter ist Hektor den Nationen Europa's bekannter als durch Homer; Sokrates kennen sie minder als den großen Roland durch Bildsäulen und Märchen. Ein ausgewanderter Frankreicher, Prémontval , halbwitzig, halbvernünftig, warf die Frage auf: wer wol der bekannteste und zugleich bemerkteste Name des Alterthums sein möchte. Er entschied für Pontius Pilatus . In allen Glaubensbekenntnissen der Christen von allerlei Secten komme er vor, und zwar mit dem merkwürdigen Attribut, daß jeder Buchstabirende, Knaben und Mädchen, bei ihm das Ponti , dem gelernten ABC zuwider, wie Ponzi aussprechen und eben dadurch die Vernunft unter die Regel der Observanz gefangen nehmen müßten; daher denn das » Gelitten unter Pontio Pilato « ihnen fortan oft durch ihr eignes Leiden das Eindrücklichste des Symbolums werde und bleibe. Alexander, Sokrates, Christus selbst stehe weit hinter Pontio Pilato. Dies Prémontval . Mit andern eingebleiten Namen der Geschichte und des Märchens geht es kaum anders. Rotte Jemand das Märchen des König Blaubart 's und der Xanthippe aus, er hat die Amme und Fibel gegen sich, seine Müh ist verloren. »Aus der Hölle kann ich Euch nicht erlösen!« sagte der Papst zu jenem Cardinal, den Angelo Buonarotti unter den Verdammten kenntlich gemacht hatte. Er mußte, wer er war, bleiben. Um so sorgsamer, denkt man, sollte Märchen und Gedicht bei Namen der Geschichte verfahren, deren Verstand und Treue sie auf ewige Zeiten hin übergeben worden; welches aber der Fall nicht immer sein möchte. Das Märchen nimmt den Wortschall seines berühmten Namens meist aus einem dumpfen Gerücht; der Fibelroman kleckt sich entweder an die Namen der Geschichte, die er nach seiner Weise verhandelt und mißhandelt, oder er kleckt sie mißgünstig und günstig an sich an. Der elendeste Verleumder endlich ist der erbettelnde Roman, der hie und da Züge hascht, sie einwebt und mit Anekdoten fortbreitet, ein armer Pfuscher der Charaktere lebendiger Schöpfung. »Du sollst nicht leumunden !« sagt das moralische nicht nur, sondern auch das Kunstgebot . Besteht Deine Kunst darin, einer ehrbaren Gestalt, die Dir kein Leides zufügte, unvermerkt in der Gesellschaft oder auf dem Markt ein Papierchen an den Mantel zu heften: wenn Dir die Gesellschaft es verzeiht, verzeiht der Beleidigte es Dir leicht. Geschähe es auf der Straße, so weißt Du, was Dir gebührt. Außer solchen Romanschreibern, den Verstümmlern historischer Charaktere , hat sich eine zärtlichere Gattung an sie gemacht, Fledermäuse, die ihnen mit sanftem Munde das Blut entsaugen, Verfasser der sogenannten Heroiden. Ovid war ihr witziges Vorbild; sein galanter Liebesbrief der Sappho an Phaon , sein stürmiger der Ariadne an Theseus sind das Non plus ultra dieser Gattung Schriftstellerei, die dadurch noch unsinniger ward, wenn der Feder die Feder stürmig oder zärtlich antwortete, mithin den Liebesfederkrieg fortsetzte. Welche Romane sind auf diesem Amboß, dem Liebesbriefepult, geschmiedet! und in mehreren Sprachen wie würdige Namen gemißbraucht worden! » Pope , der nicht leicht den geringsten Umstand übersah, woraus sich eine Schönheit ziehen ließ, hat in seinem Briefe der Eloise an Abälard eine so schöne Scene und so vortreffliche Situation gewählt,« sagt Warton , »daß, wenn wir die ganz besondern Unglücksfälle dieses Paars mit dazu nehmen, unter allen alten oder neuen Geschichten vielleicht keine einzige geschickter ist, den Stoff zu einer Heroide herzugeben , als diese.« Leben denn die Menschen dazu, um Euch den Stoff zu witzigen Liebesbriefen herzugeben, Ihr tändelnden Reimer? Und wenn Ihr die Charaktere verstümmelt, wenn Ihr Alexander zum Roland, Eloise mm seufzenden Klosterkätzchen macht, Ihr wahrer Charakter liegt in ihren Briefen offen da. Berington in seiner »Geschichte Abälard's und der Eloise« hat sie redlich und noch nicht vollständig gebraucht. – H. [Vgl. Herder's Werke. II. S. 191-209. – D.] denkt Ihr dann weder an die Geschichte noch an Horaz? Velut aegri somnia vanae Fingentur species, ut nec pes nec caput uni Reddatur formae. »Pictoribus atque poëtis Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas.« Scimus et hanc veniam petimusque damusque vicissim, Sed non ut placidus coëant immitia ... Descriptas servare vices operumque colores, Cur ego, si nequeo ignoroque, poëta salutor? – Aut famam sequere aut sibi convenientia finge. – Sit Medea ferox invictaque, flebilis Ino, Perfidus Ixion, Io vaga, tristis Orestes. A. P., 7-12, 86, 87, 119, 123, 124. – D. »Wie aber, wenn Pope gewagt hätte, eine neue Person ( personam novam ) zu dichten , der er den Namen Eloise beilegte?« Warum legte er ihr keinen andern bei? warum dichtete er diese neue Person in Abälard's weltbekannte Geschichte, Eloisens Charakter zuwider? » Pope kannte das weibliche Herz? Wie, wenn Eloisens Briefe selbst nicht ächt wären?« Daß sie ächt sind, weiß Jeder, der sie zusammt Eloisens geistlichen Fragen an Abälard gelesen; aus ihnen kennen wir ja nur Eloise. Aus zwei mißdeuteten Stellen derselben in einer romantischen französischen Übersetzung nahm ja Pope selbst den Stoff seiner Nonnenheroide, außer welchem historischen Quell er seine Heldin nicht kannte. An ihr das weibliche Herz zu schildern, wie es Pope sich dachte – war Eloise dazu geboren oder geeignet? Begegnete sie ihm in jener Welt, sie schriebe ihm keinen Brief zurück: Eloisa to Mr. Pope , nicht wie Dido dem Aeneas einmal, Bei Virgil, Aen. VI. 450-476. – D. ginge sie ihm vorüber. »Popens Gedicht ist aber doch entzückend schön!« Desto schlimmer, wenn es ohne Wissen, aber mit unauslöschlicher Wirkung ein verleumdend Gedicht ist, da Pope als ein katholischer Christ sich um den Charakter seiner Religionsverwandtin etwas mehr hätte bekümmern können. Große, würdige Namen gehören der Geschichte, nicht der Laune oder dem Wohlbehagen eines Poeten, der aus ihren Situationen »Schönheiten seiner Art« zieht, wie er sich das weibliche Herz denkt und an ihm seine Verskunst übt. Hinter Ovid und Pope, wie tief hinab ist diese sogenannte Heroide gerathen! Zum Briefroman weiblicher und männlicher Infirmitäten. Aura an Zephyr. Zephyr an Aura. Z. Aura, Du wehest so sanft!      A. O Zephyr, wie wehest Du lieblich! Z. Mildere Deinen Hauch!       A. Zephyr, o stärke mir ihn! Z. Aura, Du wandelst Dich.       A. Du, Zephyr, wehst wie der Nordwind – A. Z. Da kommt Boreas selbst, welcher uns Beide begräbt. Ungefähr ist dies der kurze Inhalt der Heroiden, einer Spielart, die das ältere Griechenland nicht kannte. Nicht im Epos allein, auch im Trauer- und Lustspiel, im Idyll und Roman sprechen die Geschlechter des Alterthums gegen einander anders . ––––– Fortsetzung. Ueber Märchen und Romane. Wie der Verfasser des ersten griechischen Romans, Heliodor , ein christlicher Bischof war, so hat sich diese Gattung immer auch an die Spiritualität gehalten. In dunkeln Zeiten spielten Christus und Belial, Joseph und Barlaam nebst der zahllosen Menge der Heiligen im Himmel und auf Erden ihre Legenden. Als vor der Flamme der Kritik, die seit der Reformation auch Blondel, Launoy u. A. beherzt schwangen, sich mancher Heilige alter Zeiten ins Dunkel zurückzog, traten dagegen die neuen Heiligen , eine Guyon, Bourignon , der Marquis De Renti, Rancé und so manche schöne Büßerin an den Platz; ihre Leben wurden Legenden. Endete Bussy-Rabutin nicht selbst mit der Lehre des Prediger Salomo in der vollkommensten Manier: »Alles ist eitel,« und kann je ein Wollüstling anders enden? Die letzten Zeiten Ludwig's zogen die Spiritualität hoch hervor, meistens zwar nur aus leidenschaftlichem oder ohnmächtigem Ekel vor einer abgestorbnen Welt; indeß auch diese schmerzhafte Veranlassung, benähme sie etwas der Sprache der Wahrheit? Eben diese naiven Herzensbekenntnisse, diese geistigen Romane mit Gott und Christus – dem Aufmerksamen bieten sie einen reicheren Schatz der Warnung und Unterweisung dar als manche andre Verirrungen des Geistes und des Herzens. Les égaremens de l'esprit et du coeur, Histoire de passions etc. – H. Nur wisse man sie zu lesen! Wo diese Geschichten das Herz ergreifen und in sich kehren, sanft oder schmerzhaft, wer wäre es, der nicht solchen geistlichen Erfahrungen und Wanderschaften einen innigem Werth gäbe als Allem, was blos von außen die Phantasie malt? ––––– Einige Ritter und Damen beklagen es, daß mit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts die alten Ritterromane allmählich unter die Erde gegangen seien, an denen sich ihre Vorfahren Jahrhunderte hinab standesmäßig-langweilig erbaut hatten. Als Denkmale und Gemälde der alten Zeit sind sie nicht untergegangen; die Kunstcompositionen, die Pulci, Ariosto , die beiden Tasso, Cervantes und andre große Dichter aus ihnen webten, werden wie Raphael's Teppiche beschaut und verehrt; sie bleiben unsterblich. Als fortwährende Geschichte der Zeit aber oder gar als Regel der Denkart diese alten Sitten und Trachten, eine abgestorbne Denk- und Lebensweise, fortzuführen, wäre ebenso widersinnig gewesen, als in unsrer Zeit sie anbetend erwecken zu wollen, kindisch. Wir wohnen nicht mehr in jenen Ritterthürmen und fänden es äußerst unbequem, darin zu wohnen; wir reiten nicht mehr in dieser Rüstung und finden es besser, darinnen nicht reiten zu dürfen. Der Abstand zwischen den Ständen , der damals herrschte, trifft uns, wo wir ihn noch in Resten erblicken, schmerzhaft, und wo wir den Rittergang der Ideen mit Spieß und Schild, den Mönchsgang der Ideen unter Tonsur und Kutte, den Stillstand aller Ideen endlich beim Volk unter solcher Verfassung entdecken, da schaudern wir mitleidig und lassen unverständige Knappen die abgekommene Rüstung, Mönchsjünglein die Wegschaffung gemalter Kirchenscheiben und der ihnen ähnlichen Schriften. Buchstaben u. s. w. bejammern. So ungeheure Fehler das galante Heldenthum des achtzehnten Jahrhunderts an sich haben mochte, mit jenem ältern, roheren ist es nicht zu vertauschen. Selbst die Poesie jenes Ritterwesens mußte so gewaltig modificirt werden, daß kaum mehr als ein Traum der vorigen Zeiten in ihr zurückblieb; denn sind die Gedichte Ariost's und der Tassos etwas Anders als selbstgeschaffene Träume ? Diese fortzusetzen, wehrt uns Niemand; nur bringe man in ihre alten Schlösser eine neue Haushaltung der Dinge, d. i. für uns eine annehmlich-poetische Wahrheit! ––––– Die Feenmärchen waren eine der feinsten Einkleidungen, die mit dem Anfange des verflossenen Jahrhunderts in Gang kamen. Schicksalsgöttinnen, Alfen, Feen u. s. w. hatten alle europäische Nationen aus Sagen der Kindheit in Gedächtniß; in mehreren Dichtungsarten waren sie längst und trefflich angewandt worden; Märchen sind ihr Vaterland, in Märchen thun sie eine sehr angenehme Wirkung. Da finden bei der Wiege oder in entscheidenden Augenblicken des Lebens sich Alfen, Feen, Genien ein; sie bestimmen und wenden das Schicksal, sie geben und nehmen Geschenke. Diese Gestalten des Glaubens der alten Welt mit Vernunft anzuwenden, giebt die interessantesten Erzählungen; denn wem begegneten nicht Feen in seinem Leben? wem spannen und wanden sie nicht sein Schicksal? In den Feenerzählungen aus Ludwig's Zeiten erscheint uns freilich im Meisten eine ausgestorbne Welt; die Prinzen und Prinzessen, die Denkart und das Vergnügen mancher damaligen Stände sind (Dank sei es der Zeit!) nicht mehr die unsern; manche Delicatesse der Madame la Comtesse d'Aulnoy , sowol in ihren »Feenmärchen« als in ihrer »Spanischen Reise«, lesen wir kaum anders als mit Verwunderung, wie man so delicat sein konnte! Daß nicht aber selbst in verstand - und zwecklose Erzählungen dieser Art Verstand und Zweck gebracht werden könne, wer wollte daran zweifeln? Die Blume der Arabeske steht da, laß aufsteigen aus ihr schöne Gestalten! Keine Dichtung vermag dem menschlichen Herzen so seine Dinge so sein zu sagen als der Roman und vor allen Romanen das Feenmärchen. In ihm ist die ganze Welt und ihre innere Werkstätte, das Menschenherz, als eine Zauberwelt ganz unser. Nur sei man selbst ein von der Fee begabter Glücklicher, um in dieser Zauberwelt ihre Geschäfte zu verwalten! Nirgend mehr als in ihr wird das Gemeine abgeschmackt, häßlich, unerträglich. Die Capricen und Launen dieser Welt fordern den feinsten Verstand, die unerwartetste Wendung. ––––– Auch neue Kindermärchen kamen mit dem Anfange des Jahrhunderts auf; oder vielmehr die uralte Volksart, dergleichen zu erzählen, trat in den Gang einer neuen Mode. Perrault's »Märchen der Mutter Gans« Contes de ma Mère l'Oye. – H. bekamen einen Ruf, einen Umlauf, der beinah an Pascal's »Provinzialbriefe« reichte. »Habt Ihr die Märchen der Mutter Gans gelesen?« fragte Jeder den Andern. »Vortreffliche Märchen, an die nichts im Alterthum reicht!« Besser, dünkt mich, hätte man sie Märchen des Vater Gansert nennen sollen; denn eine Mutter Gans hätte sie ihren Küchlein zweckmäßiger erzählt. Die Wendungen, die Sprache, die Einfalt des alten Kindermärchens sind in ihnen, nicht aber die Vernunft der Alten. Was sollen Kindern Schreckgespenste von Wüthrichen, Wölfen, Ogers u. dgl.? Erscheinen die Bestialitäten vollends, um die Keuschheit des Gänschens zu sichern, damit es schreie: »Der Wolf kommt!« – verfehlter Zweck des Märchens! Die wahren Ogers erscheinen nicht also; dem Rothkäppchen werden sie in solcher Schilderung nicht kennbar. Ueberhaupt ist nichts ungesalzener und grausamer, als die Phantasie eines Kindes durch schreckende Truggestalten zu verderben. Wären diese überdem ebenso verstand- und zwecklos als schrecklich und häßlich, Vater Gansert selbst würde sie schwerlich erzählen. Und doch haben sich diese Märchen ein Jahrhundert hin erhalten; und wie viel taube Eier dieser Art und Kunst hat die französische Mutter Gans durch die Brut ihrer Nachfolgerinnen gelegt! Wer an der Heiligkeit einer Kinderseele zweifelt, sehe Kinder an, wenn man ihnen Märchen erzählt. »Nein, das ist nicht so,« sprechen sie, »neulich erzähltest Du mir es anders.« Sie glauben also dem Märchen poetisch; sie zweifeln an der Wahrheit auch im Traum der Wahrheit nicht, ob sie wol wissen, daß man ihnen nur ein Märchen erzählt. Und wird in diesem ihr vernünftiger oder moralischer Sinn beleidigt, empfangen Laster und Tugend im Fort- und Ausgange der Dichtung nicht ihr Gebühr, Lohn oder Strafe, unwillig horcht das Kind und ist mit dem Ausgange unzufrieden. »Das Märchen gefällt mir nicht; erzähle ein andres!« Wie? und diesen heiligen Horchenden wollten wir Fratzengestalten, häßliche Larven vorführen, die weder in sich noch mit der Welt Bestand haben? In sie wollten wir Phantome der Furcht und des Schreckens lagern, die sie vielleicht lebenslang nicht loswerden, die in Krankheiten, in Situationen der Geistesschwachheit ihnen wiederkommen und dereinst ihr Alter, wol auch ihren Ausgang aus dem Leben stören? Denn wunderbar hängt unsre innigste Phantasie an diesen Jugendträumen; sie bilden oder mißbilden mehr als alle Eure trocknen Lehrsysteme. Wer von den Eigenheiten seiner Denkart, von seinem verborgnen Glauben und Aberglauben, vom geheimsten Schatz seiner Träume und Speculationen Rechenschaft geben sollte, wird vom Meisten den Grund davon in Eindrücken der Jugend finden, in der uns Alles wie ein Märchen vorkommt. Viele setzen diesen Märchentraum fort bis zu ihrer letzten Lebensstunde. Selbst der Glaube an einen bösen Genius, als ob dieser mit uns ginge, um unsern besten Entwürfen immer einen Fleck anzuhängen, einen Querstrich zu machen und sich dessen zu freuen, selbst dieser Glaube scheint der edleren Menschennatur nachtheilig, wie gern ihn auch die neueste Philosophie in Schutz nehmen möchte. Die Menschheit muß einmal dahin gelangen, daß sie, ihrer selbst gewiß , einsehen lerne, wie auch die Querstriche unsers Schicksals von Keinem als der großen und gütigen Mutter der Dinge nach ihren ewigen Gesetzen gezeichnet wurden, und daß die Fehler, die wir selbst, die Bosheiten, die Andre gegen uns begehen, Verirrungen des menschlichen Verstandes, Krankheiten des menschlichen Herzens seien, die unsre heilende Pflege erwarten. In diesem Licht die Natur betrachtet, verschwindet aus ihr der große böse Dämon , sein Reich ist zerstört. Die kleinen Daemunculi in unserm und Andrer Herzen sollen, selbst im Märchen, nie Mitregenten des Weltalls oder unsers Lebens sein, sondern, als Fehler und Phantome aufgedeckt, sollen sie verstummen und schweigen. Eine reine Sammlung von Kindermärchen in richtiger Tendenz für den Geist und das Herz der Kinder, mit allem Reichthum zauberischer Weltscenen sowie mit der ganzen Unschuld einer Jugendseele begabt, wäre ein Weihnachtsgeschenk für die junge Welt künftiger Generationen ; Zum Weihnachtsfest des Jahrs 1802 wird ein solches erscheinen. – H. denn eben in dieser heiligen Nacht sind ja die Schrecknisse der alten Urwelt durch den Glanz eines Kindes verjagt, das die Gewalt böser Dämonen zerstört hat. An diesem ehemaligen Sonnenfeste Das Weihnachtsfest ward auf das Fest der wieder emporsteigenden Sonne gelegt. – H. ist das Reich schreckender Nachtlarven in ein Reich der Güte und des Lichts verwandelt: Some say, that ever 'gainst that season comes, Wherein our Saviour's birth is celebrated, The bird of dawning singeth all night long; And then they say, no spirit walks abroad; The nights are wholesome, then no planets strike; No fairy takes, no witch hath power to charm; So hallowd and so gracious is the time. »Man sagt, daß immer, wenn die Jahrszeit kommt, In der des heil'gen Christ's Geburt man feiert, Die ganze Nacht durch singe dann der Hahn, Der Morgenvogel. Dann geh' auch kein Geist Umher, die Nächte sei'n gesund, es schade Kein Stern, es fange keine Feerei, Und keine Hexe habe Macht zu zaubern. So gnadenvoll und heilig ist die Zeit.« – H. Shakespeare. Hamlet, I. 1. - D. Welche reiche Ernte von Weisheit und Lehre in den Dichtungen voriger Zeiten, in den geglaubten Märchen der verschiedensten Völker zu einer bessern Anwendung für unsre und die Nachzeit in Keimen schlummre, weiß Der, der die Felder der menschlichen Einbildungskraft mit forschendem Blick bereist hat. Es ist, als ob die Vernunft alle Völker und Zeiten der Erde habe durchwandern müssen, um nach Zeit und Ort jede mögliche Form ihrer Einkleidung und Darstellung zu finden. An uns ist es jetzt, aus diesem Reichthum zu wählen, in alte Märchen neuen Sinn zu legen und die besten mit richtigem Verstande zu gebrauchen. So neugeschaffen und neugekleidet, welch herrliches Werkzeug ist ein Märchen! Zwar nur ein Traum der Wahrheit, aber ein zauberischer Traum, aus dem wir ungern erwachen und zu unserer Seele sagen: »Träume weiter!« Nicht etwa nur von Zeit und Ort binden uns wahre Märchen los, sondern von der Sterblichkeit selbst; wir sind durch sie im Reiche der Geister . Und wie in Träumen empfinden wir auch bei ihnen unser doppeltes Ich, den träumenden und den Traum anschauenden Geist, den Erzähler und Hörer. Streng beurtheilend horcht dieser und richtet die erscheinenden Gestalten. Wunderbares Vermögen im Menschen, diese unwillkürliche und doch mit sich selbst bestehende Märchen- und Traumdichtung! Ein uns unbekanntes und doch aus uns aufsteigendes Reich, in dem wir Jahre, oft lebenslang fortleben, fortträumen, fortwandern. Und eben in ihm sind wir unsre schärfsten Richter. Das Traumreich giebt uns über uns selbst die ernstesten Winke. Jedes Märchen habe also die magische, aber auch die moralische Gewalt des Traumes. ––––– Beilage. Der Traum. ––––– Ein Gespräch mit dem Traume. A. Holde Gestalt, wer bist Du? Dein Antlitz glänzt wie das Mondlicht, Und von Sternen ein Band schmücket Dein dunkeles Haar. Aber des Jünglings Körper umhüllt wie heilige Dämmrung! Und in der Linken ein Kranz? und in der Rechten ein Stab? Bist Du –? T. Der Traum bin ich und schling' um die Schläfe den Kranz Dir, Nachtviolen und Mohn. Frag! ich antworte Dir treu! A. Sage, wo kommst Du her? wohin gehst Du? T. Wär' ich ein Traum wol, Wenn ich's wüßte? Du darfst fragen nur, was sich geziemt. A. Lieblicher! nun, so sage mir an, woher die Gebilde? Deine Blumen woher, voll von ambrosischem Thau? Pflücktest im Monde Du sie? Entwarfst Du Deine Gestalten, Wo in Elysium sich Schatten und Wesenheit mischt? T. Nicht im Mond, ich entwarf Dir näher diese Gestalten; Kennst Du Dein eignes Herz, kennest Elysium nicht? A. Kaum geschlossen des Wachenden Aug', eh noch es in Schlaf sinkt, Schwebten ihm Bilder vorbei, hellere, dunklere jetzt, Fröhliche, trübe Gestalten, in langsam-schnellerem Zuge; Halten konnt' ich sie nicht, leise zerflossen sie nur. T. Und sind Deine Gedanken denn andre Gebilde? Der Weltgeist Strahlet sie ab in Dich, wie sie der Spiegel erfaßt. Was ich im Schlummer Dir bin, ist er dem Wachenden; Heil Dir, Wenn er Idole Dir giebt, Bilder zu Freuden und Glück. A. Mächt'ger als er umfassest Du mich. In wie tiefere Welt sinkt Ein meine Seele, sobald süß sie der Schlummer ertränkt! Heller, o Traum, sind Deine Beglänzungen, Deine Gestalten Lieblicher, als jemals, je sie das Auge gesehn. Himmlisch Deine Töne, die Stimmen mir unvergeßlich! Sag, o sage, mit Dir bin ich in höherer Welt? T. Aus Dir nahm ich die Farben und Tön' und Gestalten der Dinge; Achtest Du minder sie, weil ich in Dir sie erschuf? Unter Zerstreuungen sonst, im Gewühl der Sinne verloren, Samml' ich Dich ein in Dich; und Du erwachetest – Dir ! Horch! (Er berührete mich mit dem Stabe. Da wurden Gestalten, Auen und Blumen umher, Stimmen um mich und Gesang. In Elysium ging ich; ich schwebt' in Lüften, im Mondglanz, Ueber Sternen.) A. Wohin hebst Du, o Genius, mich? T. In Dich selbst. A. Doch sage, wer knüpft die Zaubergestalten? T. Du . Kein Anderer! Könnt', könnt' es ein anderer Geist? Du in Dir selber erschaffst Dir Welten und Zaubergefilde; Du in Dir selber erspähst Deine geheimeste Kraft, Deinen geheimsten Fehl. Du bist Dir Lehrer und Lerner, Warner und Feind; Du bist Lohner und Peiniger Dir. Ich nur schließe Dir auf des Herzens Tief' und des Geistes; Was sich der Sonne verbarg, zeigt sich dem inneren Licht . Offen dem Auge der Nacht und allen glänzenden Sternen, Dem Unermessnen thut Dein Unermessnes sich auf. A. Traum, was lehrest Du mich? Bin ich mir selber ein Räthsel? Ich, ein Schatte des Seins, bin ich der Bildungen Quell? T. Nur ein Tropfe des Quells, in dem die Sonne sich spiegelt, Jene! (Der Genius glänzt' heller und heller empor.) In Der alles Vergangene Jetzt und das Kommende Jetzt ist! Herrlicher, seliger Geist ! Und in Gebilden ein Traum . A. Freilich! Alles Vergangene ruht und steigt wie ein Traum auf In mir! Wirkliches ist auch im Genusse mir Traum. Störet das Werkzeug mich? bin ich der Sinne nicht Meister? Wird mir Pein der Gewinn und die Erquickungen Müh? T. Aber entfesselt – (Er legt' den himmlisch glänzenden Sternkranz Auf mein Herz: mir ward Alles ein geistiges Sein . Alles belebte sich; Herz in Herz und Seelen in Seelen Flossen zusammen. Ich sprach Ahnung im Inneren aus.) Ahnung nennest Du es? Ich öffne der Ahnungen Welt Dir; Ahnung ist Band und Geist, Ahnung ist Seele der Welt. A. Zaubernder Gott! Doch sind nicht nichtig Deine Gestalten? Was ich erwünscht und ersehnt, blieb es so oft nicht ein Traum? T. Irre Dich nicht! Mein Strahl bricht nur im gebrochenen Spiegel; Reinen Gemüthern ward nie ein verführender Traum. Wachend im Traume musterten sie die Täuschungen, kannten Mich, den dämonischen Gott , mich, den belehrenden Freund, Dessen Stab die Natur verjüngt, der Seelen und Herzen Einet; Raum ist ihm nichts, Zeitenentfernungen nichts. A. Nun, so bahne den Meinigen denn den Weg in die Zukunft, Meinen Geliebten! T. Gewiß! Glaub es dem himmlischen Traum! A. Wenn ich mich je verlor, es zerriß mich wilde Verstreuung. T. Unter den Sternen der Nacht samml' ich und bilde Dich neu. A. Wenn ich mir selbst nachblieb, o gieb mir Schwingen'. T. Du kennst ja Jenen ängstenden Traum, da man nur suchet und sucht. A. Balsam hast Du für jede Wund' und Kränze der Hoffnung, Du, der den Blöden kühn, muthig den Zagenden macht, Herzen und Herzen vereint und Seelen ebenet Seelen. T. Freund, erkenne Du mich, Deinen verlangenden Geist ! ––––– Fortsetzung. Ueber Romane und Märchen. Politische Romane und Märchen sind die undankbarsten von allen. Gemeiniglich sträubt die Materie sich der Form entgegen; dann wird jene in dieser unkenntlich und hat eines belehrenden Commentars nöthig. Wie beschwerlich aber wird uns ein nur mittelst langer historischer Noten verständliches oder genießbares Märchen! Bleibt der Roman der Geschichte zu nah, so amüsirt er selten; entfernt er sich von ihr, so entstellt er diese, ohne doch selbst ein reines Gewächs der Einbildungskraft zu werden. Ueberdem wurden von Pallavicino und Boccalini an die meisten politischen Romane ihren Urhebern schädlich, wie auch in dem Jahrhundert, von dem wir reden, Swift's »Märchen von der Tonne«, Rabutin's Histoire des Gaules , selbst des vortrefflichen Fénélon's »Telemach«, dies leider bezeugen. ––––– Als historischer Roman betrachtet, ist Swift's »Märchen von der Tonne« nichts weniger als ein guter Roman, ebenso parteilich in Zeichnung der drei bekannten Charaktere seiner Hauptpersonen als im Gewebe ihrer Begebenheiten gemein . Um Kleidung und Achselbänder sollte sich die Geschichte der Religionsparteien nicht drehen, sondern ganz um etwas Anders. Ohne Rückblick aber auf die Geschichte, als ein rein gedichtetes Märchen erzählt , wird es ein Ding, dem Swift selbst keinen Ausgang zu geben wußte. Was ihm aushilft, ist des Verfassers scharftreffender Witz, seine verstandreichen Einschaltungen und Digressionen; übel aber, wenn ein Werk sich durch etwas aufhilft, was eigentlich nicht zu ihm gehört. Ebenso mangelhaft sind » Gulliver's Reisen «, als reine Dichtung betrachtet. Die Wirthschaft der Huynhms besteht dem sinnlichen Anblick nicht; der Bau ihres Körpers selbst widerspricht ihm. So ist in Laputa , in der Akademie zu Lagado u. s. w. Vieles ohne sinnliche Consistenz und Anmuth. An dieser war dem Dichter auch am Wenigsten gelegen, der mit seinem Buch, weil ihm weh war, der Gattung, zu der er gehörte, weh thun wollte. Den Zweck hat er mit einer unglaublichen Geistes- und Geniusmacht erreicht. Vgl. oben S. 145. – D. ––––– In Frankreich traten dem »Telemach« zwei sehr bekannte politische Romane nach, Terrasson's »Sethos« und Ramsay's »Reisen des Cyrus«, unstreitig in einem edleren Geschmack geschrieben, als der in Britannien damals herrschte. Vgl. oben S. 32. – D. Terrasson war ein schätzbarer Denker, dessen »Philosophie des Verstandes und der Sitten«, Ins Deutsche, wiewol schlecht übersetzt in Gottsched's Schule, 1762. – H. die d'Alembert nach seinem Tode bekanntmachte, aufmunternde Aussichten giebt. Auch in seinem »Sethos« sind treffliche Stellen, Aussprüche reiner Vernunft und Honnetetät. Uns aber durch einen Roman einen Traum schaffen zu können , dahin reichten des honneten Terrasson's Kräfte nicht. Ramsay's ebenso wenig, so begeistert er aus und für Fénélon war, so genau er, wie der gelehrte Fréret zeigt, das chronologisch- historische Costüme beobachtet hatte. Beide Bücher werden indeß als wohlgedachte und wohlgeschriebene Schriften insonderheit der Jugend immer wohlthun; in Ramsay ist sogar ein Funke jener Begeisterung aus der sanften Flamme Fénélon's. der das Herz mit keinem unwürdigen Feuer erwärmt. Das schon ist ein gutes Zeichen, daß diese Gattung Romane, die gleichsam auf classischem Boden lebt, fortan nicht ausgegangen ist, wahrscheinlich auch nicht ausgehen wird, bis ein neues Griechenland aufblüht. ––––– Uns näher schloß sich der Roman an Stände des bürgerlichen Lebens an; aus Spanien über Frankreich kamen uns in dieser Gattung romantische Muster. Gilblas von Santillana , der Baccalaureus von Salamanca, Guzman von Alfarache u. s. w. Die kleinen Erzählungen in ihnen und sonst einzeln, Novellen genannt, werden noch lange gelesen werden. Wie das Märchen den Morgenländern, so, möchte man sagen, gehört der eigentliche Roman den Spaniern. Ihr Land und Charakter, ihre Verwandtschaft mit den Arabern, ihre Verfassung, selbst ihr stolzes Zurückbleiben in Manchem, worauf die europäische Cultur treibt, macht sie gewissermaßen zu europäischen Asiaten. Die Verwicklungen , das Abenteuerleben , von dem ihre Romane voll sind, macht ihr Land hinter dem Gebirge, die schöne Wüste, unsrer Phantasie zu einem Zauberlande. Ruhe sanft, Cervantes ! und Du, der uns so viel Schönes über die Pyrenäen zubrachte, Du, der auch, wie Cervantes, dürftig starb, Le Sage , Verfasser des Gilblas de Santillana, Bachélier de Salamanque etc. – H. ruhe sanft! ––––– Der Geschmack an Verwicklungen und Abenteuern in Romanen mußte natürlich den Liebesabenteuern den Vorzug geben. So fand denn auch jene Classe, die nicht aus Spanien, sondern aus Italien ihre Ahnen herschrieb, vollen Wuchs; die Gattung nämlich, die man gewöhnlich Contes nennt, in der Boccaz ein so reicher Schatz ist. Auch in ihr hatte ein Geistlicher, der nachher Papst ward, Aeneas Sylvius , die Ehre, Europa früh ein Beispiel zu geben; der Cardinal Poggio , mit ihm viele andre bepurpurte Väter haben zu Erfindung, Sammlung und Verbreitung dieser Gattung Märchen viel gethan. In Materie und Form ist sie Aebten und Geistlichen viel schuldig, wovon unter der glorreichen Regierung des Herzogs-Regenten von Orléans und Ludwig's XV. die Rede sein wird. ––––– Schluß. Ist das Ideal des Märchens sowol als aller Romane der Traum , so zeichnet dieser ihnen auch mit seinem Kranz und mit seinem Stabe den Umriß ihrer Kunst vor. Morpheus heißt er, der Gestaltenbildner . Also: 1. Umfasse uns der Traum ganz; halb wachen, halb träumen, ist ein ermattender, rastloser Zustand. Wem die Gabe zu bezaubern versagt ist, wolle nicht zaubern; er lehre wachend, nicht träumend. Noch minder störe der Dichter sein eigen Werk, indem er uns mitten im Traum aufrüttelt, und daß es nur ein Traum sei, ungeschickt belehrt. Wie oft geschieht dieses! und durch wie manche unselige Künste! Nicht immer weiß der Dichter sein eigen Gebilde gnugsam zu schonen und zu ehren; sofort verfliegt der Zauber. 2. Die in uns wirkende, Vieles zu Einem erschaffende Kraft ist der Grund des Traumes; sie werde auch Grund des Romans, des Märchens. Fehlt es diesem an Einheit, an Verstand, an Absicht, sowol im Ganzen als in Fortleitung der Scenen, so ist's ein kranker, gebrechlicher Traum. Nichts foltert im Schlummer uns mehr, als wenn wir suchen und nicht finden; man erwartet uns, und wir sind nicht fertig, werden es auch nicht bei aller Mühe und Arbeit; oder wir kommen nicht weiter, klettern in dunkeln Gemäuern auf und nieder; man verfolgt uns, und wir wissen nicht, wer uns verfolge – unselige Träume! Dergleichen Angst treiben uns Erzählungen ein, in denen wir auch auf- und niedersteigen, ohne fortzukommen; wir suchen und finden nicht, kleiden uns an und werden nie fertig. Und der häßliche, auf nichts ausgehende Traum jagt uns gar, wie Udolfo's Geheimnisse der Miß Radcliffe , The mysteries of Udolpho. Lond. 1794. – D. um zuletzt ein Cadaver zu sehen, aus Bänden in Bände! Böse Zauberer und Zauberinnen, Ihr kocht Macbeth 'sche Hexengerichte. 3. Ueber das grobe Gewirr des wachenden Lebens hebt uns der Traum; er zeichnet feiner. So hebe uns auch über die gemeine Welt der Roman, das Märchen. Alltägliche Dinge sehen und hören wir täglich; wozu, o Dichter, trägst Du den magischen Stab und die Krone, als daß Du uns in eine andre Welt zaubern, uns magisch erfreuen und belehren sollst? Mit trivialen Geschichten, mit Fratzengestalten willst Du uns wie ein Alp erdrücken und tödten? So reiche uns lieber mit Deinem Buch den vollen Mohnkopf oder das Opium selbst dar, daß wir Dir entschlummern, um uns von Dir zu entträumen! 4. Das Wunderbare des Traums ist sein süßester Reiz. Je zarter es Märchen und Romane wie ein koischer Flor webt und überwebt, desto anmuthreicher sind sie, dagegen alles grobgesponnene, mühsam erdrechselte Wunderbare uns wunderbar wegscheucht. »Hält man uns für Kinder,« ruft man, sobald man den Betrug wahrnimmt, »und für so blöde Kinder, die Bande und Stricke nicht zu sehen, mittelst welcher diese hölzernen Puppen spielen?« Gemeiniglich ist dies der Fall, wenn das Wunderbare zu grob und gemein auf die körperliche Welt wirkt, wenn es Berge versetzt und den Mond spaltet. Zu Wunderthaten dieser Art gehören große Hebel und auch in der Seele des Dichters große Kräfte. Jedes Wunder muß necessitirt werden, so daß es jetzt und also nicht anders als erfolgen kann , oder man verlacht den Dichter mit seinem feingeschnitzten Gebets- und Glaubensstabe. Gäbe er sich vollends Mühe, das Wunderbare uns zugleich nichtwunderbar , d. i. natürlich zu machen, warum gab er sich denn Mühe, den Wunderschrank zu zimmern, in welchem er uns gemeines Spielwerk zeigt? 5. Im Traum endlich sind wir uns die schärfsten Richter. Aus dem tiefsten Grunde holt er die Heimlichkeiten und Neigungen unsers Herzens hervor, stellt unsre Versäumnisse und Vernachlässigungen ans Licht, bringt unsre Feinde uns vor Augen und weckt und warnt und straft. So thue es auch unablässig und unvermerkt der Roman, das Märchen. Hiedurch gewinnen sie ein magisches sowol als moralisches Interesse, an welches, außer dem Drama, keine andre Dichtungsart reicht. Der Traum macht uns Personen kenntlich, und sie sind's doch nicht; ähnlich und doch nicht dieselben: er zeichnet im Mondlicht. So auch der Roman, das Märchen. Sie strafen Laster und Thorheiten, aber an schwebenden Gestalten, unbekannt mit der Knotengeißel des Satyrs. Die Vergangenheit wie die Zukunft stellen im Zauberspiegel der Ahnung sie dar, unendlich, unvollendet; unsre Seele soll sie vollenden. Wünsche des Herzens endlich – der Traum bildet schöner als Praxiteles und Lysipp; er malt schöner als Raphael und Guido, vorzüglich geistige Gestalten; die Stimmen in ihm sind von magischer Kraft und Wirkung. Ihr Dichter, fühlt Euren Beruf! Voll Geistes der heiligen Götter, träumt glücklich'. Um also zu träumen, seid nüchtern! Und Du, Morpheus-Apollo , vertreibe die bösen, die wie Nachteulen um uns flattern, und schaffe uns göttliche, glückliche Träumer! ––––– Beilage. Der erste Traum. Als Adam einst im Paradiese matt Und müde sich gesehn, und müd' und matt Als Herr der Schöpfung an die Dienenden Sich ausgesprochen hatte, sprach der Schöpfer: »Erquickung will ich dem Ermatteten, Dem Suchenden den Wunsch des Herzens geben, Den wachend er nicht fand. Er schlummere!« Einschlummert er; da stiegen aus des Herzens Geheimsten Tiefen, zart und zarter jetzt, Unausgesprochne Wünsch' empor; ihm ähnlich Und auch nicht ähnlich stand vor ihm ein Traum . »Sie werde!« sprach der Schöpfer, und sie ward. Aus seiner Brust erhob sich das Gebilde Des leisen Sehnens, blickt' ihn an, und er – Erwachte. »Bist Du«, sprach er, »Traum, Bist Du ein Wesen? Du mein bestes Ich, In meiner Brust entsprossen, sei fortan Mir untrennbar, o Mutter alles Lebens, Mein Traum, der Menschheit schönere Natur !« Des Menschen erster, hochbeglückter Traum, Du Vorbild aller Dichtung, aller Schöpfung In Kraft und Schönheit, werd ihr Ideal ! Wie seines Herzens Traum behandele Der Mann sein Weib, der Dichter seine Schöpfung, Und Lebens Fülle blüh' aus ihr empor! 7. Idyll. Alle wissen wir, was gesagt werden soll, wenn wir ausrufen: »Eine wahre Idyllenscene!« oder: »Sie führen ein Idyllenleben« u.s.w. Alle wissen wir auch den Ursprung dieser Dichtungsart. Wie? und wir wären noch über die Bestimmung ihres Begriffs uneinig? wir zweifelten noch, wohin uns dieser Begriff führe? Lange vorher, ehe Hirten in Arkadien oder Sicilien sangen, gab es in Morgenland Hirtengedichte. Das Leben der Zeltbewohner führte dahin; die Bilder ihrer Sprache, selbst ihre Namen waren aus dieser Welt genommen; das Glück, die Seligkeit, die sie suchten, konnten sich nur in dieser Welt realisiren. Bei Völkern solcher Art war das Idyll so wie die Natursprache, so auch das einfache Ideal ihrer Dichtkunst. Auch wenn sie aus dieser einfachen Lebensart in eine künstlichere übergingen; Sprache und Denkart hatten sich geformt; gern ging man in die Sitten und Sagen, ins Andenken älterer Zeiten zurück, da man in einem so glücklichen Zustande gelebt hatte. Nur die Bilder veredelten sich; es ward ein Idyll höherer Art, ein Traum des Andenkens alter glücklicher Zeiten. Auch die königliche Braut in Schmuck und Pracht mußte als eine Schäferin, ihr Gemahl als Schäfer, der König ein Hirt der Völker, Gott selbst als ein Hirt seines Volkes erscheinen, um ein Zeitalter der Ruhe und Freude, ein Idyll der Glückseligkeit darzustellen oder zu schildern. So unauslöschlich sind in uns die Züge der Natur, die Eindrücke der Jugend! Denn in der Kindheit, ist nicht die Idyllenwelt unser süßester Eindruck? Wenn der Lenz erwacht, erwachen wir und fühlen in ihm den Lenz unsers Lebens; mit jeder Blume sprießen wir auf, wir blühen in jeder Blüthe. Uns klappert der wiederkommende Storch, uns singt die Nachtigall und die Lerche. An der Munterkeit und dem neuen Frühlingsleben jedes Geschöpfs nehmen Kinder brüderlich-schwesterlichen Antheil. Idyllen sind die Frühlings- und Kinderpoesie der Welt, das Ideal menschlicher Phantasie in ihrer Jugendunschuld. Aber auch jede Scene der Natur in allen Jahrszeiten hat für gesunde Menschen ihr Angenehmes, ihr Schönes; Sommer und Herbst, selbst der rauhe Winter. Thätigkeit ist die Seele der Natur, mithin auch Mutter alles Genusses, jeder Gesundheit. Der Sturm ist angenehm wie die heitre Stille, und wenn wir ihm entkommen sind, im Andenken sogar erfreulicher als jene. Das Ungewitter ist schrecklich, aber doch prächtig. Jede überwundene Gefahr macht uns die Natur anziehender, uns in uns selbst größer. Man könnte Idyllen dieser Art die männlichen , jene sanfteren die weiblichen nennen; Kinder lieben sie in Versuchen, Männer in Thaten, im Andenken Greise. In der Natur verschlingen beide sich zu einem Kranz; im Ringe der Jahrszeiten ist eine nicht ohne die andre. Wehe Dem, der blos das sanfte, weiche Idyll des Lebens liebt ! Dem stärkeren, rauheren entgeht er doch nicht. ––––– Bei den Griechen entstand das Idyll nicht anders als bei andern Völkern; nur formte es sich nach ihrem Klima und Charakter, nach ihrer Lebensweise und Sprache. Möge es Arkadien oder Sicilien gewesen sein, wo zuerst ihre Hirten sangen, muntre Hirten an fröhlichen Tagen singen allenthalben. Sie suchten Gesellschaft, sie trieben zusammen, sie wetteiferten in Liedern, sie zankten, wählten einen Schiedsrichter, verehrten einander Geschenke – Alles der Natur des dortigen Klima, den Sitten damaliger Zeit gemäß, Ausbrüche der Empfindungen, Anfänge der Dichtkunst. Denn was sangen diese arkadischen Hirten? Ihr Glück und Unglück, das Angenehme und Unangenehme ihrer täglichen Lebensweise, sogar ihre Träume; wo denn Alles zuletzt auf ein Bild der Glückseligkeit hinausging. Natürlich, daß in diesem engen Cyklus die Liebe eine Hauptrolle spielte; nicht aber war sie der Idyllen Eins und Alles. Auch das Andenken ihrer Vorfahren, ihres Daphnis ward von den Hirten gerühmt; ihre Feinde wurden geschmäht, der Verlust ihrer Freunde ward betrauert. Was die enge oder weitere Spanne des Hirtenlebens umfaßt, war der Inhalt ihrer Lieder, mit Hinsicht auf Glückseligkeit und Freude. Und ihr Zweck? Bei müssigen Hirten mag der Gesang Zeitkürzung gewesen sein; zugleich war er unleugbar Cultur ihrer Seele . Sich selbst und Andern geben sie von den Vorfällen ihres Lebens Rechenschaft; sie entwickeln ihr Gemüth; in fremden oder eignen Gesängen bildet sich ihr Ton, ihre Sprache. Und da Alles, was wir thun und treiben, näher oder ferner immer doch nur unsre Glückseligkeit zum Zweck hat, wie sollten es nicht Gesänge haben, die unsre innere und äußere Welt eben in dieser Rücksicht mit Klage, Wunsch, Verlangen und Freude schildern? ––––– Die Gesänge indeß, die wir von den Griechen unter dem Namen bukolischer Gedichte und Idyllen haben, sind nichts weniger als die rohen Gesänge jener Schäfer; Bion's, Moschus', Theokrit's Gedichte sind Kunstwerke. Der Letzte nannte sie sogar also; denn Idyll (είδύλλιον) heißt ein kleines Bild , ein Kunstwerk . Wahrscheinlich war es Bescheidenheit, daß der gelehrte Alexandriner, er, in Wahl der Gegenstände sowol als im Versbau ein wahrer Künstler, diesen Namen wählte. Er faßt unter ihn die verschiedensten, manche der Hirtenwelt sehr entlegene Gegenstände, den Raub der Europa z. B., das Lob Königes Ptolemäus , die Hochzeit des Menelaus und der Helena , eine Klage über die schlechte Aufnahme der Musen , das Fest des Adonis . Jenen engeren Begriff ursprünglicher Hirtenpoesie verband Theokrit also nicht mit seinem Idyllennamen. Virgil mit dem Namen seiner Eklogen, d.i. auserwählter Stücke , auch nicht; Dieser begriff im Sinne der Römer ungefähr das, was Theokrit mit seinem Namen Idyll anzeigen wollte, nämlich ausgesuchte, wohlausgearbeitete kleine Gedichte . Bei dieser Unbestimmtheit des Namens war es Natur der Sache, daß die Folgezeit nach dem Hauptbegriff der Gattung die Benennung festsetzte. Nothwendig also erhöhte man den Begriff; aus der Hirten- ward eine Schäferwelt, aus dem wirklichen ein geistiges Arkadien , ein Paradies unsrer Hoffnungen und Wünsche, ein Paradies also der Unschuld und Liebe, oft auch in ihren Kämpfen, in ihren Schmerzen. Die Stunden unsrer Seele, da wir uns dem zartesten Glück und Unglück am Nächsten fühlen, wurden dazu Eklogen , erlesene Situationen und Momente. In diese Schäferwelt setzen uns Tasso, Guarini , und wer sonst dem Arkadien, das in unsern Herzen wohnt, nachstrebte. Es ist ein Land, das nie war, schwerlich auch je sein wird, m welchem aber in den schönsten Augenblicken des Lebens unsre dichterische Einbildung oder Empfindung lebte. Glückwünschungen insonderheit ward fortan das Idyll angemessen gefunden; es spricht so naiv, so zart und einfach! und doch enthüllt es Alles, was unser Herz wünscht. ––––– In Frankreich hatte die Hirtenpoesie eine ähnliche Laufbahn, vom Gemeinen hinauf zum Feineren, zum Verfeinten. Ein Bischof St. Gelais. – H. hatte den Theokrit zuerst ins Französische übersetzt; ein Bischof Godeau. – H. gab späterhin der ganzen Gattung einen höheren Schwung. Vor und neben ihm bearbeiteten sie Andre, Jeder auf seine Weise. Die Deshoulières wünschte sich, ein Schäfchen zusein; Racan und Segrais versificirten naive Sentenzen. Fontenelle endlich, ein Mann von Geist und Witz, ließ das Idyll zu sich kommen, da er nicht zu ihm kommen konnte; man sagt, »er machte seine Schäfer zu galanten Hofleuten «. Aber warum hätte er sie dazu nicht machen dürfen? Wenn Hofleute seine Eklogen läsen, sollten sie , meinte der Dichter, durch sie Schäfer werden, d. i. in Empfindungen sollten sie der Natur näher treten, weil auf diesem Wege allein Vergnügen und Seligkeit wohnten. Dies war Fontenelle's rühmliche Absicht, die freilich aber Geist und Witz allein nicht erreichen konnten. Beide Welten, der Hofleute und Schäfer, liegen zu fern von einander. In England nahm das Idyll einen ähnlichen Gang. Hinter Philips' roheren Schäfern traten Pope's künstlichere auf. Seine vier Schäfergedichte betreffen die vier Jahrszeiten; vier gewählte Situationen, schön versificirt. denen die Ekloge » Messias «, ein Nachbild des »Pollio«, Der vierten Ekloge Virgil's. – D. folgt. Einen Fortschritt hat die Dichtkunst durch sie eben nicht gewonnen, ob sie gleich, wie Alles von Pope, ihrer Nation sehr werth sind. Wie mehrere, reichere, tiefere Idyllenscenen gab Shakespeare so oft! hinter ihm Milton, vor ihm Spenser! Von deutschen Idyllendichtern reden wir jetzt noch nicht; gnug, bei allen bemerkten Verschiedenheiten in Zeiten und Völkern ist der Hauptbegriff dieser Dichtung unverkennbar; sie ist »Darstellung oder Erzählung einer menschlichen Lebensweise ihrem Stande der Natur gemäß, mit Erhebung derselben zu einem Ideal von Glück und Unglück«. ––––– Wie? jeder menschlichen Lebensweise? Nicht anders, wenn diese eine menschliche Lebensweise ist. Freilich steht eine der Natur näher als die andre; schlimm aber, wenn irgend eine der Natur ganz entlaufen wäre. Der Krieg z. B. ist das häßlichste Ungeheuer; im Kriege indeß, selbst auf dem Schlachtfelde giebt es zwischen Menschen und Menschen herzdurchschneidende Situationen der Klage und des Erbarmens, Idyllenscenen . So sonderbar der Name klingt, Lager-, Kriegs-, Schlachtidyllen , Dank dem Menschengefühl', so wahr ist er. Nichts scheint der Natur entfernter als Cabinet und Gerichtsstätte, Kanzlei und Hof, der Kramladen endlich und die Frohnfeste am Fernsten. Uebel wäre es indessen, wenn nicht auch in diesen Wüsten hie und da ein einzelner grünender Baum eine erfrischende Quelle überschattete und einem ermatteten Wandrer Labung gäbe. Unglücklich, wenn von Geschäften dieser Art die Menschlichkeit ganz verbannt wäre! Ach, wo ihr der Mund am Festesten verschlossen wird, spricht sie oft am Lautsten; mancher Gerichtsdiener oder Kerkermeister hat ein offener Ohr für sie als der taube Richter! Selbst in der Wohnung des Jammers, den Häusern irrer Menschen spielte die Ekloge. Sanft Verirrte phantasiren gewöhnlich Idyllen -, Rasende heroische Scenen . Wie nun? und aus der sogenannt bürgerlichen Gesellschaft, wäre aus ihr das Glück der Idyllenwelt verbannt? Ist denn nicht sie auch in allen Ordnungen und Ständen auf Gefühle der Menschheit gebaut? Vater, Mutter, Kind, Freund, Geliebte, zu welchem Stande sie auch gehören, sind sie anders als in der Idyllenwelt glücklich? Darum spricht man zu Kindern, zu Geliebten auch unwissend in dieser Sprache; darum wünscht man zu Ehen, zu Geschäften in dieser Sprache Glück. Nicht um ein Utopien zu wünschen, wo kein Nordwind wehe, kein Unfall sich ereigne, sondern daß auch aus dem Unfalle selbst ein neues Glück und durch das eingetropfte Bittere des Lebens sein Angenehmes um so süßer werde. So wollte es die Natur; dem Zweck strebt jeder Vernünftige, Wohlgesinnte und Wohlgesittete nach. Er sucht sich seinen Stand, sein Geschäft, sein Haus, seine Kammer, selbst jede vorübergehende Gesellschaft zum Ideal , d. i. sich durch sie so glücklich zu machen, als er kann, und den Genossen sein Glück mitzutheilen. Eben den Narren erkennt man vorzüglich am Mangel dieser Idee, des Ideals einer Lebensweise für sich und des idealischen Mitgefühls für Andre. Den rohen Selbstmenschen, den Tyrannen Andrer flieht alles Idyllenartige, da doch selbst der Cyklopenwelt, dem Reiche des Pluto selbst das Idyll nicht ganz fremd ist. Schon Theokrit schrieb ein Fischeridyll; Jagd-, Gärtner-, Schiffsidyllen sind ihm gefolgt; der Kameeltreiber Hassan selbst hat ein bekanntes Idyll erhalten. Von Collins. – H. Was hätten nun diese Lebensarten vor andern voraus? Daß sie, sagt man, näher der Natur liegen. Wohl! so rücke man denn auch in seinem Stande der Natur näher; warum wollte man unnatürlich oder gar der Natur zuwider leben? Oder macht das ihr Idyllenartiges, daß sie gewöhnlich kleine Gesellschaften bilden? Beruht nicht allenthalben auf kleinern Gesellschaften das Glück des Lebens? und knüpfen Freundschaft, Liebe, Genossenschaft zum Werk, zur Haushaltung, gar zur Gefahr, zu jedem Unternehmen dies Band einer kleinen Gesellschaft nicht, zu welchem Stande man auch gehöre? Müßte ich Fischer oder Jäger sein, um die Natur zu genießen und meine Hütte zu ordnen? Also in allen Situationen, in allen Geschäften des Lebens, wenn sie nicht wider die Natur sind, lebe man ihr gemäß und verschönere sein Leben. Allenthalben blühe Arkadien, oder es blüht nirgend. Aus unserm Herzen sprossend muß unser Verstand sich durch Kunst dies Lebensidyllion schaffen, durch Auswahl diese Lebensekloge vollenden. Auf wie einen reinen Platz tritt hiemit das Idyll! Leere Beschreibungen der Natur, Schäfertändeleien, die nirgend existiren, verschwinden in ihm wie abgekommene Galanterien; der ganze Kram einer uns fremden Bilderwelt, von dem unsre Phantasie so wenig als unsre Empfindung weiß, verschwindet. Dagegen tritt unsre Welt, nach Jedes Weise und Sitte, in den schönen Glanz einer neuen Schöpfung; Geist und Herz, Liebe, Großmuth, Fleiß, Tapferkeit, Sanftmuth schaffen sich ein Arkadien in ihrer Welt, in ihrem Stande, es ordnend, genießend, gebrauchend. Groß und neu wird hiemit das Gebiet des Idylls; jeder Stand giebt ihm neue Situationen, neue Farben, einen neuen Ausdruck. Von der Aesopischen Fabel an (wie manche Erzählung unter ihnen ist rein idyllenartig!) durch Erzählungen, Lieder, Märchen, Romane, Legenden u. s. w. bis zum Drama, der Oper, dem Epos hinan erstreckt sich dies Gebiet; in allen diesen Gattungen und Arten haben wir die schönsten Idyllenscenen. Je näher unsrer Lebensweise, desto näher treten sie an unser Herz! »Hier ist Arkadien, vor Dir, um Dich, es sei nur in Dir!« Unvermerkt werden wir durch diese wahre Tendenz des Idylls lernen, uns des Ueberflüssigen wie des Gemeinen entschlagen, jede nutzlose Mühe des Lebens, zumal den beschwerlichen Pedantismus, verbannen, in unserm Kreise ein Glück sehen, das wir sonst nicht kannten. Ja, lasset uns den Idyllentraum verfolgen: im Anblick dieser reinen Gestalten lernen wir Kletten abschütteln, die uns sonst widrig anhingen, und die kleinen Dämonen verjagen, die mehr als große Unfälle gewöhnlich uns beunruhigen, necken und stören. Ein neuer Pan erwache! von jeder Seite wird ihm die Echo antworten: »Arkadien! Auch hier ist Arkadien, auch hier!« Hier folgten als Schluß des ersten Stückes des zweiten Bandes der Adrastea die drei Legenden: »Die wiedergefundne Tochter«, »Freundschaft nach dem Tode« und »Die wiedergefundnen Söhne« (Herder's Werke, II. S. 83-90), und zum Anfang des zweiten Stückes der erste Gesang des »Pygmalion. Die wiederbelebte Kunst« (daselbst, I. S. 229-233). – D. 8. Bilder, Allegorien und Personificationen. Erwache, sprach der Genius, und sieh Rings um Dich her der Welt Allegorie , Wie, seit der Schöpfer sprach: »Es werde Licht!« Zu Dir die Schöpfung, Geist im Körper , spricht. Bedeutungleeres ist rings um Dich nichts; Und wie der ew'ge Wille spricht, geschicht's. Blick auf und höre jene Harmonie Der Welten! Hohe Ordnung singet sie. Wo Sternenkreis an Sternenkreis sich hängt, Und liebend sich zur Mitte Alles drängt; In allen Kränzen jener hellen Flur Wohnet ein Geist, blüht ein Gedanke nur. Und tief hienieden, Erd' und Meer und Luft, Vernimm, was Jedes bildend in Dich ruft! Von Licht und Schall gewebet fliegt das Chor Der bunten Vögel, singend laut, empor: »Der Lebensgeist in unserm Element Hat, was er hatte, schaffend uns gegönnt.« Im Sturm antwortet ihm das stumme Meer: »Sieh meiner Bildungen unzählig Heer! Der Welle zarter, kaum gesehner Schaum, Der Stein, die Muschel, der Korallenbaum Ward lebenvoll ; der großen Mutter Plan Vollführte ich zuerst, der Ocean .« Im Erdenreich, sind Pflanze, Thier und Baum, Stein und Metall Dir wesenloser Traum? Du wähnest nur zu denken? Du allein? Ein ödes Grab soll Dir die Schöpfung sein? Woher denn Dein Gedank'? und was ist er? Ein Abbild nur in der Gedanken Meer. Von Allem, was der Weltgeist regt und pflegt, Hat er Bedeutung Dir ins Herz geprägt. Bedeutung ist der Geister Element, Ein lebend Wort , das keine Sprache nennt; Dein innres Wort, Dein Ahnen dieser Spur , Nennt Dich, o Mensch, Ausleger der Natur . Ausleger nur? Nein! Deiner Regung Kraft Enthüllt in Dir die höh're Eigenschaft. Das Triebwerk der Natur kannst Du allein, Ihr Meisterwerk , der Schöpfung Schöpfer sein. Voll Mitgefühl in Freuden wie im Schmerz Schlägt in Dir ihr, der Schöpfung, großes Herz. Erkenne Dich! Auf Deiner weiten Flur Ward Deine Brust der Pulsschlag der Natur . Erfüllen sollst Du, was sie laut verhieß, einholen, was sie Dir zu thun verließ; In Geist und Liebe nur vollendet sie Sich selbst, der Wesen Einklang, Harmonie . ––––– Ohne Zweifel geschah diese Antwort des Genius Einem, der die Welt oder die sogenannte Materie für todt hielt. Er bildete sich ein, daß nur er , Wenige mit ihm, denken: alles Andre sei brutum . Und glaubte vielleicht dabei, daß er sich an den Dingen denken könne, was ihm beliebe; es gebe keine göttlichen Ideen , die, wie Baco sie nennt, »als wahre Insiegel und Gepräge des Schöpfers in ausgesuchten Linien auf die Geschöpfe geprägt sind, wodurch eben die Dinge Wahrheit und Pfänder der Wahrheit würden.« Baco, De interpretatione naturae et regno hominis Aphorismi, 124. – H. Auf seine Idole , meinte er, jener Selbstische, komme es an; sonst sei Alles bedeutungsleer in der Schöpfung. Wie anders spricht die Natur Jedem, der in ihrer Ansicht, in ihrem Genuß und Gebrauch Verstand und Herz verbindet! Kein Naturkörper ist ihm ohne Geist, kein Geist in der Natur ohne Körper. Seine Gestalt stellt ihn dar ; seine Ereignisse und Wirkungen sind Ausdrücke seiner . Wie nun nennen wir dies Bedeutsame aller Bilder der Schöpfung? Nach Quintilian und den Griechen könnten wir es nicht anders als Allegorie nennen; denn ein Andres wird durch ein Andres bedeutet. In diesem Verstande ist die ganze Natur, die ganze menschliche Sprache Allegorie; denn wie ein Andres sind Dinge und Gedanken, Gedanken und Worte ! In diese wahren, großen Allegorien der Schöpfung tief hineinzudringen, ist der Beruf sowol des Philosophen als des Dichters, ja jedes Verständigen in seinem Kreise. Alles spreche zu uns; nichts stehe uns leer da! Auch seien es nicht etwa blos äußere Ähnlichkeiten, die wir aufhaschen (ein leeres, oft verwirrendes Spiel des Witzes), sondern die Tiefen der Natur selbst, der in Körpern dargestellte wirksame Geist , eine Welt von Kräften, uns empfindbar worden durch Ausdruck . Glücklich ist, wem sie sich offenbart, diese Gedankenwelt; für wen sie nicht da ist, der leugne sie nicht, sondern schweige! Wie kann ich den Charakter einer Person oder Sache erfassen, ohne daß ich ihre inneren Kräfte anerkenne , wenigstens ahne ? Wie kann ich sie darstellen, wenn sie sich mir nicht darstellt? In allen Situationen, an denen die Empfindung Theil nimmt, überstrahlt Geist den Körper. Nicht, was wir sehen oder tasten, lieben wir, sondern was wir an Gemüth, an liebenswürdigen, anmuthreichen Eigenschaften frohlockend im äußern Gehäuse ahnen . Der Flüchtige nennt es ein »Ich weiß nicht was, von Grazie und Anmuth«; der Sinnige weiß, was es ist, und trügt sich selten. Dichtern ist diese Allegorie die heilige Sprache; sie drückt Gedanken des großen Weltgeistes aus, wie er sie ausdrückte, ganz dastehend, wirksam-lebendig. Die Aeffchen und Kinderhäuschen der Welten, wie Baco sie nennt (modulos et simiolas mundorum), überlassen Dichter der reinen Abstraction des Philosophen. Und doch sind auch diese hohlen Nachbilder ohne jene wahren großen Urbilder der Natur undenkbar . Das höchste Alterthum, das wenig schwätzte, aber tiefer empfand und dachte, hielt sich an diese Allegorien der erhabensten Art. Mit dem Mindesten sagten sie dabei viel, und wie rein! wie kräftig! ––––– In unsrer Seele, dieser tiefen, verborgnen Welt, schläft unter andern eine sehr wirksame Kraft, die Bildnerin der Gestalten . Da unser Verstand der göttliche Lichtpunkt ist, der allenthalben aus dem Mannichfaltigen sich Einheiten schafft, sie beglänzt und umschließt und bildet: so schlummern in jedem unsrer Sinne gewohnte Fertigkeiten , dies Schöpfungswerk dem Verstande nachzuthun, allenthalben ein Eins zu finden und sich anzubilden aus Vielem. Kaum schließt sich unser Auge, so schweben ihm Bilder vor, heller, dunkler, trauriger, muntrer, ungestalt, schön, entzückend, nach der Beschaffenheit und Stimmung des Organs, das Seele und Körper vereint. Wo schlummerten diese Idole? wer weckte sie auf? Ohne unser Zuthun, uns unwillkürlich, oft uns verhaßt und widrig, verfolgen sie einander und verschweben. In Krankheiten sind Wachende diesen Träumen ausgesetzt; es giebt Menschen, die immerhin träumen; Andre, noch aufgeregter, sehen Gesichte . Wir haben nichts erklärt, wenn wir dies Bilder schaffende Vermögen die Dichtungskraft unsrer Seele, Phantasie , nennen. Denn diese Zauberin ruft nicht etwa nur gesehene, in uns begrabne Gestalten, wie sie uns einst erschienen, aus der Vergangenheit hervor, auch nie gesehene Gestalten läßt sie auftreten; sie schafft, sie wirkt . Ist sie etwa ein dunkles Abbild jener unendlichen Schöpferskraft, die, indem sie denkt, auch schafft, die, indem sie will, auch wirkt? Und in dieser Gestaltenbildung , wenn sie guter Art ist, sind Menschen so froh und selig! Schafft nicht Jeder beinah sich auf seine Weise paradiesische Opiumträume? Er zürnt, wenn man ihn zur nackten Wirklichkeit aufweckt. In jenen ist Alles geistiger als vor dem körperlichen Auge, leuchtender das Licht, heller der Mond, entzückender der Klang der Töne. Die Gestalten, die der Geist erschuf, sind Geist , sind Leben . Der Dichter ahmt diesem göttlichen Bildungstriebe nach, oder vielmehr er wirkt unter ihm mit Verstand und Absicht . Sind seine Gestalten leer, seine Formungen schwach, unbedeutend, unbestehend, unerfreuend, sich selbst und einander zuwider: er kann viel Andres, vielleicht auch ein Nützlicheres sein, nur ist er kein Dichter. Dagegen ein Andrer mit wenig Worten, mit wenig Bildern uns in eine neue Welt zaubert; wir sehen die Bilder, mit ihnen lebend. In wie hohe Würde tritt hiemit die Dichtkunst! Sie wirkt in der Kraft, sie wirkt in der Macht, mit der der Schöpfer wirkt. O erschüfe sie also immer auch mit seiner Weisheit , mit seiner Güte, mit seinem Verstande ! Ihr gebt uns geistige Welten; Ihr heißt uns lieben und hassen, Dichter! Laßt uns nur das Wahre, das Gute lieben und bewahrt uns vor dem Schattenreiche Pluton's! Was haben wir gesündigt, daß wir durch Euch wie Ixion, Sisyphus und Tantalus gequält werden müßten? Schafft heilbringende Gestalten, göttliche Bilder! »O, wer den Ring, den Ring der Göttin hätte, Der jeden Wahn verscheucht, der freundlich trüget, Vor dem der falschen Kunst , der Gorgonette, Die Larv' entfällt, die schädlich uns vergnüget, Den Ring, in dem sich an der Anmuth Kette Das Innigste zum Innigsten sich füget: Er würde, frei von Dunst und Zauberbinden, Nur Wahrheit schön , nur hold die Güte finden.« ––––– Fortsetzung. In der Rede werden dergleichen Gedankenbildungen gewöhnlich Personendichtung , in der Kunst Allegorie genannt; sind sie in Beiden Eins? Kann bildende oder zeichnende Kunst darstellen, was die Rede mit bestimmter Genauigkeit als ihre Schöpfung andeutet? Darf Rede sich gefallen lassen, was die bildende oder zeichnende Kunst in ihrer engen Werkstätte allein auszudrücken vermag? darf sie von ihr Gesetze nehmen? Jedermann sieht das Hauptgesetz der Allegorie: »in ihr spreche Geist durch den Körper, wo möglich nicht symbolisch, sondern natürlich.« Mithin scheint hier die Kunst der Rede vorzutreten, indem sie spricht: »Ich bilde Gestalten.« Was bildet sie nun durch ihre Gestalten? wie weit reicht ihre Allegorie? ––––– 1. Allegorie der Kunst. Bildete die Kunst der großen Schöpfung Alles nach, Alles, so stünde es in ihr auch wie in der großen Schöpfung da, verstandvoll oder verstandlos, nach dem man es in dieser kleineren Schöpfung ansieht. Oder vielmehr in der kleinen Kunstschöpfung stünde Alles schlechter da als in der großen Natur , d. i. leblos, unverbunden, da der große Genius des lebendigen Daseins Alles mit Allem zusammenfügt. Also muß in der Kunst ein engerer, bestimmter Zweck vorhanden sein, zu welchem sich die Vorstellungen gesellen ; und wer kann dieser sein als die Idee des Künstlers ? Der Künstler aber kann Ideen nicht anders als nach seiner Kunst gesellen; denn den großen Zusammenhang der Natur erreicht er nicht. Mithin beschränkt sich seine Allegorie darauf, was er vorzustellen vermag, in jeder Art seiner Künste . 1. In der Bildnerei , die ganze Gestalten bildet, müssen diese durch sich selbst bedeuten; es sind große oder schöne Personificationen . Ein kleines Spielwerk durch Attribute, Symbole oder gar durch eine Beischrift erschöpft die Sache nicht; die ganze Gestalt spreche bedeutend! Und sprechen nicht so alle hohe Göttergestalten? Der König des Himmels, Vater der Götter und Menschen, wie er dasitzt auf seinem Thron, zu seinen Füßen der Adler. Milde ist der Blick seines erhabenen Hauptes, weisheitvoll seine Stirn, mächtig sein Wink, der Himmel und Erde bewegt. Sein Blitz drohet; aber die andre Hand führt den Stab des Hirten der Völker. Wer sich ihm nahte, wer bittend sein Knie berührte, verstand den Künstler. So spricht Pallas in ihrer still erscheinenden Gestalt, die aus Jupiter's Haupt sichtbar gewordene Tochter, seine Macht und Weisheit, seine ganze starkmüthige Gesinnung . So die meergeborne Göttin, die Gestalt der Schönheit, gehüllt in Liebreiz, in Scham, Zucht und Anmuth; der Heldenjüngling Apollo und die Heldenjungfrau Diana, Grazien und Musen, Mercur und Amor. Vgl. Herder's »Briefe zu Beförderung der Humanität«, Brief 66 und 67. (Werke, XIII. S. 308 ff.). – D. Jede Gestalt bedeutet ihre Idee , sie durch sich sprechend, natürlich. Symbole und Attribute mögen diese innere Bedeutung ihres Daseins näher bestimmen und erläutern (widersprechen müssen sie ihr nie); der reine Punkt der Allegorie indeß liegt in der Personification selbst, im menschlich dargestellten Göttercharakter. Kleinliche Deutungen, die an ihnen tändeln, widersprächen dem erhabnen Gedanken einer Erscheinung, die nicht als ein Spiel der Phantasie, sondern als ein geglaubtes, mächtigholdes, durch sich selbst bedeutendes Wesen dasteht. Stellung, Handlung, Gliederbau drückt eine lebendige Natur aus, ihren Charakter . » Natur und Kunst , o wie sollt' ich Euch trennen? Geliebte Zwei, so innig fest vereinet! Soll ich Euch Schwestern, Mutter, Tochter nennen, Da Eine in der Andern mir erscheinet? Ich wag's, in Jeder Jede zu erkennen; Ein Thor, wer Beide zu entzweien meinet. Der Weisheit Ziel ist, sie in Eins umschließen, Natur in Kunst, Kunst in Natur genießen.« 2. Sobald die Bildung auf eine Fläche , ein Basrelief z. B., tritt, gewinnt sie ein andres Wesen; auf dieser Fläche nämlich bekommt eine Gedankendarstellung Raum. Wenn Götter und Göttinnen auch nur um einen runden Altar als Bildwerke wandeln, fortschreitend bilden sie einen Zug ; jede Gestalt will ein Charakterzeichen, wodurch sie kenntlich wandle. Oder seien sie Verzierungen der Wand, des Hausgeräths, der Gefäße, der Throne, der Sarkophagen, nach Ort und Zweck nimmt jede Gestalt eine eigne Beziehung an auf dieser Fläche, zu dieser Absicht. Der Gott auf einem Becher ist nicht mehr der Gott auf einem Thron des Olymp's; Diana oder Pallas auf einem Sarkophag sind nicht die hohen Gestalten, die in der Schlacht oder auf Bergen erscheinen. Mitwirkend in einer Fabel, werden sie historische Wesen; im Moment der Handlung, an der sie Theil nehmen, liegt der Punkt ihrer Bedeutung. Wer, wenn er Diana mit ihrem Gefolge dem schlafenden Endymion scheu nahen oder sie von ihm hinwegschleichen sieht, sagt sich nicht selbst: »Eine Liebe Dianens und Endymion's ist nur Blick und Traum; Ares und Aphrodite lieben anders«? Auf diesen Flächen der Verzierung gewann die Allegorie ein um so schöneres Feld, da sie meistens enge umschlossen war und ins Weiteste nicht ausschweifen konnte. Als schmale Einfassung zeigten sich z. B. kleine Genien in hundert Kinderspielen voll Bedeutung. Wer kennt sie nicht, diese lieblichen Spiele? wem müßte ihr Sinn erklärt werden? Amor, der, die Leyer in der Hand, auf dem Löwen reitet, Amor, der den Blitzstrahl Jupiter's selbst zerbricht, Liebesgötter, die mit Hercules' Waffen, mit Symbolen des Krieges, der Weisheit selbst, mit den Attributen aller Götter spielen: ihre Allegorie spricht verständig und lieblich. Die Geschichte Amor's und der Psyche in allen ihren Scenen ist der Edelstein in diesem goldnen Ringe, in welchem die größten Götter Genien wurden, um im engen Circus einer Allegorie vorstellbar zu werden. Bis zu Blumen der verzierenden Arabeske stiegen sie nieder. 3. Noch einen engern Raum gewann die Allegorie auf geschnittenen Steinen. Sind diese nicht Denkbilder? fordern sie also nicht Gedanken? Als Ringe der Hand, als Geschenke an Andre, auch ihrem innern Werth nach wollen sie eine anmuthige Erinnrung, sei sie Person oder Moment der Fabel. Welch einen Schatz trefflicher Vorstellungen hat uns die Daktyliothek der Alten aufbewahrt! Nicht jeden geistigen Begriff, nicht Alles in diesem Begriff wollten die Griechen bilden; vielmehr die Einfalt, mit der sie dergleichen Begriffe ansehn, der Wink, mit dem sie den zartesten Punkt der Handlung erfassen, die Leichtigkeit, mit der sie, ohn' ein Überflüssiges, ein Weniges und das Wenigste zu jenem Punkt der Erinnrung ordnen, dies macht sie zu Mustern, so wie des reinen, klaren Sinnes, so der süßen Gnügsamkeit und Weisheit der Allegorie. Ein verwirrter Kopf wird keine glückliche Allegorie treffen, keine erfinden. Entweder stellt er leere Bildungen hin, oder er verwirrt, er überladet. 4. Auf Münzen endlich, zumal unter den Römern, ward der Allegorie ein Staatsraum gegönnt, ansehnlich, aber kalt, oft anmaßend. Hier traten nun die personificirten Tugenden auf, die wir gewöhnlich Allegorien nennen, der Ruhm, das Glück, Annona, der Friede, die Sicherheit, die Hoffnung u.s.w.: metallische Allegorien, die den Griechen Gegenstände reiner Kunst kaum gewesen waren. Auf Münzen indeß, wo eine Inschrift sie erklärte, wo ihre Attribute bald eine angenommene, gangbare Münzensprache wurden, standen sie an rechtem Ort, so wie auch, wenn sie auf Triumphbogen oder auf Staats- und Ehrenplätzen erschienen. Genau betrachtet, wollen diese Wesen keine Personen sein; mit Unrecht nennt man sie Personificationen; Buchstaben sind sie des Kunstdenkmals. 5. Allegorische Gemälde endlich? Von griechischen Gemälden schweigen wir hier. Da ihre Künstler nicht eine gleiche Basis der Kunst mit den unsern nahmen, so können sie auch nach unsern Regeln der Malerei nicht beurtheilt werden. Von Basreliefs gingen die griechischen Gemälde aus und hielten sich immer in diesen Grenzen; mithin war ihnen an rechtem Ort die Allegorie unverwehrt. Unsre Malerei hingegen, die in das Weiteste hinausmalt, wo flöge sie mit ihren Allegorien hin? Gemeiniglich an die Decken der Zimmer, wo Hören und Genien, Nacht und Tag, Morgen und Abend, Ruhm und Glück schweben. Eine Uebersicht der berühmtesten dieser Allegorien in Italien und Frankreich wird zu ihrer Zeit folgen. Guercino's, Guido's Aurora, Raphael's Galathea, die Hochzeit der Psyche, sein Parnaß, Giulio Romano , die Allegorien der Carracci , des Reni, Salvator Rosa u. s. w. fordern eine Auseinandersetzung von vielseitiger Art. ––––– Was sagt nun das Gesagte? 1. Allegorie der Kunst, wie wir das Wort gewöhnlich nehmen, fordert einen engen Umfang . Indem sie mit Wenigem viel, dazu dieses leise oder gleichsam stumm sagen will, ist sie ein zartes Memento . Nichts erdrückt uns mehr als kolossalische Allegorien; ein Gedanke, in Fels gehauen, groß wie der Berg Athos, wird klein, wäre es auch der größte Gedanke. Konnte, denkt Jeder, das nicht mit Wenigerm gesagt werden? Allegorien solcher Masse, Ruhm, Tugend, Zeit, Ewigkeit u. s. w. überlassen wir gern Triumphbögen, Siegespforten, Illuminationen, Grabmälern, der Abtei zu Westminster. »Sprich, daß diese Steine Brod werden!« könnte man bei manchem solcher Denkmale sagen. Im Leben hungerte der große Mann; im Grabe, vielleicht nach Jahrhunderten, giebt man ihm einen Stein, nicht ihm, sondern sich selbst, seinem Geschmack und Reichthum zum bleibenden Denkmal. Mit einer Allegorie wird er bezahlt. 2. Die Allegorie der Kunst spreche sich selbst aus; sie verachte eine Inschrift. Elender Erfinder, der in Worten sagen muß, was er schon in der Bildung sagen wollte! Er spricht mit zwei Zungen und übersetzt sich selbst. Ist die gebildete Allegorie rechter Art, eindringend, lieblich, unvergeßlich, an auslegenden, anwendenden, dankbaren, ja entzückten Epigrammen auf sie wird's ihr nicht fehlen. Je vielfacher in diesen ihre Bedeutung gewandt und angewandt wird, ihr um so mehr zum Ruhme! Gedanken oder Empfindungen zu wecken, war ihr Zweck; den hat sie erreicht. Eine Allegorie, auf welche Niemand eine Inschrift machte als ihr Finder, hat sich überlebt. Zum Emblem und auf Münzen gehört die Inschrift. 3. Jeder Gattung darstellender Allegorie gebührt ihr Ort, eine ihnen heilige Stätte . Wer seinen Gedanken selbst nicht ehrt, erwartet er, daß Andre ihn ehren werden? Stellten Griechen und Römer ihre erhabensten Götter an die Landstraßen? Sie gaben ihnen Tempel, und im Tempel den heiligsten Ort. Seine zartesten Gedanken, theilt man sie Jedermann mit oder den Freunden? Oft kaum sich selbst. So unsre Denkbilder ; sie sind Verräther unsers Geschmacks wie unsrer Denkart, Siegelringe unsers Lebens. Wer täglich zwischen Allegorien ambulirte oder gar zwischen ihnen wohnte, im Farnesischen oder Mantuanischen Saal z. B., ich sehe nicht, wie er sich, zumal im letzten, entwinden könnte, selbst in heroischer Allegorie den Himmel zu stürmen. So die schlüpfrigen Allegorien, so die Denkbilder der Kothmaler, der Rhyparographen. 4. Je werther uns eine Allegorie ist, einen desto stilleren Platz werden wir ihr suchen , den wir uns als ein Heiligthum gleichsam selbst ersparen. Mit jedem Siegelringe siegeln wir nicht Jedem; noch weniger sagen wir Jedem die Veranlassung, in der uns diese Allegorie lieb ward. Keine sollte anders als von Situationen des Herzens oder des Verstandes veranlaßt sein; dadurch allein bleiben sie uns heilig. Es zeigt eine Leere des Geistes oder eine Oede des Herzens an, wenn wir bei Veranlassungen solcher Art die Allegorie, die sie aussprechen, uns nicht sagen. Die Empfindung sagte sie uns immer leise. Ein falscher Wahn ist's, daß wir Neuern an Denkbildern verarmt seien; unser Geist und Herz mögen verarmt sein, nichts weiter. 5. Kein Denkbild sei unschön, unfreundlich . Wenn wir der Bedeutung längst gewohnten, erfreue uns immer noch seine Form und Zusammenstellung, der glückliche Gedanke; er beruhige. Keine Allegorie rege wild auf; sie erhebe und stärke. Hercules selbst, wenn er den Cerberus aus der Hölle zieht, Arria , wenn sie dem Pätus den Dolch reicht: »Es schmerzt nicht, Pätus !« werde uns, dargestellt, ein erfreulicher Gedanke. Und da kein Moment der Handlung länger und gnügender wirkt, als eines schönen Anfanges oder Endes , so erfasse diesen die Allegorie der Kunst; die Mittlern Turbationen lasse sie andern Künsten. Keinen Laokoon möchte ich zum täglichen Denkbilde vor mir, trotz seines erhabenen Seufzers; lieber, wenngleich ohne Kopf und Arme, des Hercules Torso. Daß wir noch keine Sammlung reiner, geprüfter, schöner Allegorien haben, zeigt, wie weit wir hinter den Griechen stehen, deren Kunstsinn allenthalben (im weitern Sinne des Worts) Allegorie, d. i. Seele im Körper, ausdruckvolle Bedeutung , in der Zusammenstellung klare Einfalt , überhaupt aber das Meiste im Mindesten liebte, suchte und wahrnahm. Wir allegorisiren (άλληγοροϋμεν) oft auf eine etwas schiefe Weise, indem wir ganz etwas Anders sehen, ahnen oder darstellen, als was die Kunst uns vorhält oder wir darstellen wollten. ––––– 2. Allegorien der Rede. Offenbar sind Allegorien der Rede von einer andern Art als Allegorien, die die Kunst darstellt. 1. Jede Sprache ist voll Personificationen ; anders konnte sich keine menschliche Sprache bilden. Der Verstand hatte Begriffe erfaßt; mit Der und Die brachte er sie unter Gattungen und Geschlechter; einige blieben durch ein geheimnisvolles Das ( das Verhängniß, das Glück, das Schicksal) als Neutra dastehen; verhüllt gleichsam, ohne Geschlecht. Dem Weisen und Dichter blieb es überlassen, wohin er sie zähle. Die Engländer rühmen ihre Sprache, daß sie vermittelst ihres Hermaphroditen-Artikels the das Weib in den Mann, den Mann in das Weib einkleiden könne; wir beneiden ihr diesen Zauberstab nicht. Einst nannte auch unsre Sprache Alles de ( de Sonne, de Mond); Herder würde dies heute nicht mehr zu behaupten wagen. – D. wir danken es der Muse, daß sie die Geschlechter schied und ein höheres Das geschlechtlos ins Heiligthum stellte. Jedes Bild kündigt hiemit durch den Artikel sein Geschlecht selbst an; seine Vorstellung gewinnt durch diese bestimmte Form Klarheit . 2. Sofort ergiebt sich aus diesem Ursprunge der Sprachallegorie das Gesetz aller Allegorien der Dichtkunst und Rede; nämlich leicht müssen sie schweben; denn sie sind ätherischer Art . Geschöpfe der Phantasie und des personificirenden Verstandes, aus einem Hauch der Sprache genommen, in einem Hauch gebildet, müssen sie der Einbildungskraft leicht vortreten, sich lieblich anmelden und das, was sie sein wollen; durch sich selbst bewähren. Erliegen sie unter der Last fremder, drückender Attribute, wären diese auch Attribute der Kunst, wir kommen durch sie ganz um den süßen Wahn des geistigen Daseins jener Verstandesgeschöpfe. Erinnert durch diese Schwerfälligkeiten, greifen wir nach ihnen und finden uns, statt im Reich der Geistigkeiten, im Saal kalter Marmorbilder oder gar in der Werkstätte eines schwer arbeitenden Künstlers. Was dieser bedurfte, bedarf ja nicht der schaffende Geist der göttlichen Rede. Er spricht, so geschicht's; er gebeut, und die Bildung steht der Seele da. 3. Vornehmlich ist dies bei lyrischen Gedichten der Fall, wo auf dem Hauch der Empfindung die Bilder wie Geister vorüberschweben. Wer sie hier mit drückendem Blei belastet, hat sie getödtet. Leset Pindar, höret die Chöre der Griechen! Die Bilder, die Allegorien und Personificationen in ihnen, lassen sie sich zeichnen, meißeln, malen? Und warum müßten sie gemeißelt und gemalt werden? Stellt die Rede, der Klang und Ton der Empfindung sie der Seele nicht unendlich geistiger und inniger dar, als es der zeichnende Künstler thun könnte? Also bleibe dieser in seiner Werkstatt; aus ihr und den Bedürfnissen seiner Kunst schreibe er der Dichtkunst keine Gesetze vor, deren sie nicht bedarf, die sie vielmehr lähmen oder gar tödten! 4. Dies um so mehr, da die Kunst selbst ihre bildlichen Begriffe der Poesie allein zu danken hat und ohne sie ganz unverständlich spräche . Ehe Phidias bildete, stellte Homer seinen Zeus der Seele erhabner dar, als Phidias selbst ihn bilden konnte. Hätte Jener nicht gesungen, wären seine Gedichte nicht in der Schauenden Geist gewesen, wer hätte die Riesengestalt des Künstlers erkannt, geschweige verehrt? Sehet Guercino's, Guido's Aurora . Wäre die Göttin nicht schon im Namen Aurora als eine Person gegeben, beide Werke dieser großen Künstler machten sie zu keiner Aurora. Dumpf frügen wir: »Wer ist die Göttin, die im Licht der Morgenröthe daher schwebt oder fährt?« denn keins ihrer Attribute, keine der sie begleitenden Handlungen macht sie zu dem, wozu sie der Dichter blos durch den Namen machte, zu einem daseienden Wesen . Die schönsten Allegorien der Kunst waren Märchen (Mythen) oder mußten es werden: so nur ward ihr Dasein gesichert; sonst verstob es. Amor war ein Gott, Psyche eine Göttin; in dieser festen Qualität konnten sie handeln; durch sie allein wurden ihre Handlungen verständlich . Versucht mit abstracten Begriffen dies Spiel, Ihr bildet Räthsel. 5. Nicht also von der zeichnenden oder bildenden Kunst empfängt die Dichtkunst Gesetze; desto strengere legt sie sich aber selbst auf . Eins der ersten ist: »nicht für die steinhauende oder zeichnende Kunst zu singen oder zu allegorisiren«. Wie hölzern ist dieser Trödel neuerer Verskunst! Die Muse dichtet nicht, sie singt nicht; sie meißelt und hobelt. 6. Dagegen ist ein wildes Gewirr von Allegorien der Rede, deren eine die andre stört und zerstört, auch keine Rede (λόγος). Ein Luftgeister- und Dämonentanz ist's um den Thurm zu Babel. Die Engländer lieben diese Tänze in ihren Monodien, lyrischen Poemen u. s. w. Durch Cowley sind sie in Schwang gekommen, der sich an Pindar einen dergleichen Luftwerfer dachte. Swift, Pope, Arbuthnot , Jener in seinem »Bathos«, Diese in ihrem »Scriblerus«, haben den Bilder - und Allegorien-Unfug ihrer Nation lächerlich zu machen gesucht; eher aber mag er seitdem zu- als abgenommen haben. Und Swift selbst, wie häßlich-lehrreich hat er oft mit Allegorien gespielt! Immer zwar witzig und verständig, dennoch aber oft häßlich. 7. Im »Zuschauer« gab Addison in der Sokratischen Manier des Cebes einige ausgesponnene Allegorien; auch diese wurden zur Mode, ja in mancher spätern Wochenschrift wurden sie gewaltig übertrieben. Da zieht sich eine Allegorie, aus ein paar Worten geschöpft, ein ganzes Wochenblatt hindurch, noch kaum geendet. Man könnte sie Wochenblatt-Allegorien nennen, wie es in Albion denn auch Zeitungs -und politische Pamphlets -Allegorien giebt, manche aus tollem humour gewebt. Wir gönnen England diese Spielwerke. 8. Allerdings sind durch die Allegorie, d. i. durch den Bilder schaffenden Verstand alle cultivirten Völker cultivirt worden. Nähme man der Sprache ihre Bildwörter, auch die sie nicht mehr dafür erkennt, es blieben ihr weder Namen , noch Zeichen der Handlung (weder Nomina noch Verba .), kaum Ausrufe (Interjectionen) und Pronomina übrig. Und auch diese sind Personendichtung . Vom höchsten Alterthum an drückte sich der Verstand gern in Allegorien aus. Ein neugefundnes Bildwort gab oft ein ganzes System , so wie man aus einem Goldkörnchen ungeheure Ballen glänzenden Goldpapiers fabricirt. 9. Als nach den dunkeln Jahrhunderten der menschliche Geist wieder erwachte, fand er's daher bequem, in Allegorien halb wachend fortzuträumen . Allegorien waren die ältesten geist- und weltlichen Romane; Allegorien blühten auf der Kanzel, an Höfen, in Turnieren, in Ritterspielen; sie tanzten auf dem Markt und auf dem Theater. Durch Allegorien und Embleme erzog man Prinzen. 10. Im Anfange des Jahrhunderts, von dem wir reden, tändelte und scherzte die Allegorie in Madrigalen, Liedern, Stanzen, Rondeau's, Briefen, Sonetten , meistens galant, artig. Die polite französische Sprache, die eine Menge feiner Abstractionen in Vorrath hat, gab ihr dazu viel Spielwerk. In Statuen, Gemälden, Heldengedichten, Kabeln erschienen Allegorien; die Säle in Versailles waren nach ihnen benannt; De l'Abondance, de la Paix u. s. w. – H. auf den Vorplätzen, in Galerien, auf Münzen, in Triumphbögen figurirten sie überschwänglich. ––––– Da von diesem Allen später die Rede sein wird, warum sollten wir die Schatten eines Lamotte, J. B. Rousseau , eines Poussin, Le Brun, Le Sueur u. s. w. stören oder hie- und darüber mit ihnen hadern? Lieber erneuern wir das Andenken zweier fast vergessener deutschen Dichter, die diese Vorstellungsart liebten. Beide hatten das Schicksal der Allegorie selbst, dem großen Haufen unerkannt, wie Träume, vorüber zu schweben; Verständigen indeß haben manche ihrer Gedichte den Werth schöner Cameen für den Geist, für die Empfindung. Es sind die Dichter Götz und Gallisch . Götzens Gedichte sind eine Daktyliothek voll lieblicher Bilder, ebenso bedeutungsreich als zierlich gefaßt und anmuthig wechselnd. Warum haben wir von ihnen noch keine ächte Ausgabe? Die wir haben, ist (verbessert oder verstümmelt?) von Ramler. Götz' Vermischte Gedichte, Mannheim 1785. Aber auch sie schon ist ein Cimelium schöner Gedanken. – H. [Höchst ehrenvoll hatten schon die »Briefe zu Beförderung der Humanität« (vgl. Herder's Werke, XIII. S. 460) dieses Dichters gedacht. – D.] Außer der griechischen Anthologie hat vielleicht keine Sprache einen solchen Schatz an Allegorien und Blumenkränzen als unsre in diesem Dichter. Gallisch starb seiner Wissenschaft und der Muse zu früh. Seine Allegorien indeß: Freude und Kummer , deren Kind die Hoffnung ist, Kummer und Freude , die die Liebe versöhnt, Die Erinnerung, Die Schöpfung u. s. w., werden sein Andenken erhalten. Heute gedenken selbst die Geschichten der deutschen Literatur nicht mehr der »Gedichte von J. A. Gallisch«, die 1784 zu Leipzig erschienen. – D. ––––– Allegorien der Kunst, nach alten Kunstdenkmalen. ––––– Ein griechischer Hain. Von Herder selbst, mit Anklängen an Epigramme der griechischen Anthologie. – D. Jupiter. Allgewaltiger Zeus! In der Linken drohet Dein Blitz nur;         Aber die Rechte hält Deinen friedseligen Stab. Mild hinschauender Gott, o gieb uns Fürsten, wie Du bist,         Deren Linke nur droht, aber die Rechte beglückt!   Liebe zerbricht Jupiter's Blitzstrahl. Kühnes Kind, Du zerbrichst das Geschoß des donnernden Gottes?         »Zorn und Gebot und Furcht wird von der Liebe besiegt.«   Pallas. Vor Dir gehet die Furcht und das Schrecken, erhabene Pallas;         Wie, und Dein Auge so rein, und Dein Erscheinen so still? »Der aus dem Haupts des Herren der Welt Entsprungenen trübt sich         Nimmer die Stirn ; ihre Brust schreckt die Gefahren hinweg.«   Juno, die den Hercules säuget. Unter dem Schicksal stehest auch Du, o gebietende Juno.         Den Du da säugest, ist, den Du im Leben verfolgst. Und Du führest ihn selbst als Gott einst in den Olympus;         So, o Gewaltige, nur hast Du das Schicksal besiegt.   Phöbus. Phöbus, erliebetest Du nur Lorbeer? »Auch in dem Lorbeer         Liebete Daphne; sie sprießt einzig dem Liebenden nur.«   Diana und Endymion. Schleichst Du, Diana, zurück und gönnst dem Geliebten den Traum nur? »Himmlische Liebe, sie ist immer nur Blick und ein Traum.«   Aphrodite. Blickst Du beschämt umher, o selige Mutter der Liebe?         Willst Dich verbergen in Dich, schmiegend die zarte Gestalt? »Birgt die Blume nicht auch ihre süßen Reize mit Unschuld?         Alles Zarte verhüllt weise die Mutter Natur.«   Pluto. Pluto, bleibe mir fern mit Deinem bellenden Hunde! Hercules riß ihn hervor; das Unthier starb, da es Tag sah. Also des Todes Furcht: sie entschwindet dem glänzenden Lichtstrahl.   Orpheus und Eurydice. Glimmt in der Todten Reich noch Amor's brennende Fackel?         Regt in der Schatten Gebiet noch ein Erbarmen die Brust? Lange hören sie hart wie ein Fels des Jammernden Töne,         Und Eurydice ziehn neidend sie wieder zurück. Laßt uns lebend und liebend erfreun Hier fehlt ein »uns«. – D. des menschlichen Herzens,         Ehe der Tod es höhlt, eh' es die Parze zerdrückt!   Pan. Allenthalben, o Pan, antwortet die bräutliche Echo         Dir; Melodie und Braut ist Dir die ganze Natur. Reiche die Flöte mir! »Nur mit dem Stabe des Hirten         Tönt sie; der Unschuld singt bräutlich die ganze Natur.«   Bacchus und Ariadne. Menschen erheitern, war, o Du Gott, Dein fröhlicher Wahnsinn,         Und Du erheiterst sie selbst nur durch fröhlichen Wahn. Dafür gaben die Götter Dir Deiner Empfindungen Mitklang;         Eine Erretterin ward Deine Gerettete froh. Fahre dahin, beglückendes Paar! Und der Nüchterne, Kalte         Bebe dem Wagen zurück, eh ihn der Tiger erfaßt.   Pandora. »Alle Seligkeiten entflohn der Büchse Pandorens;         Armen Sterblichen uns blieb nur das Hoffen zurück.« Reicher Gewinn! Der Genuß erschlafft und ermüdet; die Hoffnung         Stärkt und erhebt den Muth, bahnet zu Thaten den Weg. Und die Getreue verläßt auch den Sterbenden nicht. O Geliebte,         Ewigkeiten hindurch fliege mir munter voran! ––––– Allegorien der Rede. Denkmale. Die Erinnerung. Die Freude sang in Silbersaiten Entzückung mir ins offne Herz, Mich lockten schmeichelnd ihr zur Seiten Zu ihrem Reihen Lieb' und Scherz . Vorüber drehten sich die Stunden Und rissen Alles mit sich hin. Ich fragte mich, was ich empfunden, Und sah die ganze Schaar entfliehn. »Fleuch,« sprach ich, »Traum, der mich berückte!« Da winkte mir mit leiser Hand Ein Mädchen, welches rückwärts blickte, In halbverblichenem Gewand. »Ich bleibe Dir,« sprach sie; »der Freude Geht Hoffnung vor; ihr folgt mein Fuß. Entzückender sind oft wir Beide Als sie in täuschendem Genuß.« Erinnrung nannt' ich sie und drückte Inbrünstig sie ans volle Herz; Erinnrung , die mich oft beglückte, Zur Wollust macht sie selbst den Schmerz. Wenn Freuden sich vorüberdrehen, Bleibt freundlich sie und still zurück. Es soll sie Mancher weinen sehen; Ich sah sie stets mit heiterm Blick. Gallisch.   Die Versöhnung. Zu dem Kummer sprach die Freude : »Böser, warum fliehst Du mich? Sieh, mein Schmeichellied, es wieget Ja so gern in Schlummer Dich! Wunden, die Dein Arm geschlagen, Heilet spielend meine Hand; Dennoch bleibt aus Deinem Herzen Dank und Freundlichkeit verbannt.« Und zur Freude sprach der Kummer : »Deine Stimm' ist mir verhaßt. Höhnest Du nicht meine Klagen, Störest mich aus meiner Rast? Wo Du nahest, muß ich weichen; Fliehest Du, holt man mich nach, Dornenkränze da zu flechten, Wo Dein Finger Rosen brach.« Und die Liebe sprach zu Beiden: »Freunde, warum hadert Ihr? Ueberlaßt Euch meiner Lehre, Seid Geschwister, folget mir Auf, vergeßt die alte Fehde; Bald vergeht Ihr sie durch mich; Dich, o Freude , lehr' ich weinen; Lächeln lehr' ich, Kummer , Dich. Gallisch.   Die Hoffnung. Als einst sich auf blühenden Auen Die Freude zu ruhen gesetzt, Hat Kummer die schönste der Frauen In Mitleid und Liebe geschwätzt. Da hat sie ein Kind ihm geboren, Das hat er als Tochter erkannt, Sie sich zur Gefährtin erkoren Und zärtlich die Hoffnung genannt. Gallisch.   Lied des Lebens. In der ursprünglichen Gestalt des Gedichtes, in welcher es »Lebenszeit« überschrieben ist, fehlt der Chor, V. 4 bis 8 laufen ohne Unterbrechung fort, und es finden sich auch sonst manche Abweichungen. – D. 1. Die Zeit entflieht wie dieser Bach, Wie dies Gewölk entflieht die Zeit; Ein Thor sieht ihr mit Wehmuth nach, Ein Weiser lebet heut. Chor. Ein Weiser lebet heut! 2. Und eilt sie mit den Winden, Er weiß in süßem Streit Die Flügel ihr zu binden In Scherz und Fröhlichkeit. Chor. In Scherz und Fröhlichkeit. 1. Das Leben ist ein kurzer Weg, 2. Das Leben ist ein schmaler Steg, Chor. Drum laßt uns diesen kurzen Weg, Drum laßt uns diesen schmalen Steg, So lang wir drüber gehen, Mit Rosen übersäen! Götz 9. Tanz. Melodrama. Die ausdruckvollste Allegorie, die wir kennen, ist der Mensch. Kräfte, Neigungen, Gedanken und Leidenschaften der Seele deutet sein Aeußeres, der Körper, nicht etwa nur an, sondern stellt sie dem Verständigen dar. Bleibend trägt der Mensch den sichtbaren Ausdruck dessen, was er im Innern ist oder sein möchte, d. i. seinen Charakter , mit sich; in jedem, zumal leidenschaftlichen und unerwarteten Moment offenbart er aber auch vorübergehend , was in ihm wirkt. Er ist ein wandelndes Gemälde seiner selbst , ein Spiegel, in dem unwillkürlich seine geistige Gestalt erscheint. Da Empfindungen, Triebe und Affecten der wirksamere Theil unsrer Natur sind, die von Gedanken nur stille begleitet oder regiert werden, und eben jene sich durch Geberden am Stärksten ausdrücken, indeß die Sprache eigentlich nur Gedanken bezeichnet und die Empfindung kaum commentirt: so verschmäht gleichsam, zumal in Fällen der Leidenschaft, die Geberde das Wort als fremd und ihr unbrauchbar; ein Ausruf, eine Interjection ist ihr lieber als Worte. Nichts verschwemmt die Empfindung mehr als ein Gerede darüber; bei Simulanten und Dissimulanten, d. i. bei Sich-Anstellern und -Verstellern, sagt das Wort oft gerade das Gegentheil von dem, was der Blick sagt; oder wenn auch dieser heuchelt, verräth sich das ganze Herz oft – durch eine Geberde . Traue man ja dem Naturspiegel, den die ewige Wahrheit selbst uns aufgestellt hat! er kann nicht lügen. Nur schaue man mit reinem Verstande und unvorgefaßtem Herzen in ihn, nicht flüchtig, sondern aufmerkend. Wie mächtig ist eine Geberde! Ueberzeugend, aufregend, bleibend. Wenn wir an einen Abwesenden gedenken, stellt sich uns zuerst eine Geberde von ihm dar, oder vielmehr er selbst charakteristisch in seinen Geberden. So verewigen sich in uns Momente des Zutrauens und der Liebe wie des Widerwillens und Abscheus. Denke an einen Menschen: wie Dir sein Bild in der Geberdung zuerst einfällt, so ist er in Dein Herz geschrieben. In zarten sowol als feurigen Empfindungen hangt Alles an der Geberde; oft entweichen wir selbst dem Wort der Lippe, als ob es jenen innern Ausdruck schwächte oder entweihte. »O sprich nicht,« sagen wir; »gieb mir Deinen Blick, Deinen Wink, die Seele selbst ist ja unaussprechlich.« Im seelenvollsten Ausdruck des Schauspiels hangen wir an einer Geberde und überhören gerne das Wort. »Wozu«, sagen wir, »ist's nöthig, da jene Alles sagt?« ––––– Wenn aber die Geberde der Empfindung Worte verschmäht, wird sie in der Natur nicht eine andre Freundin haben, die sie begleite? Es ist die Musik ; Töne unterstützen die Geberde natürlich . Nicht nur daß in beiden auf dem Zeitmaß , auf Modulation so viel beruht; denn auch in Geberden, im Gange, im Auge, in Miene und Handlung spricht Bewegung, Maß der Bewegung das Meiste. Nichts z.B. stört uns mehr als ein ungleicher Gang, eine stockende falsche Stimme u.s.w., sie bringen uns gleichsam ganz aus dem Tact unsrer Seele. Aber nicht Bewegung allein, die Töne sind eben das, was einem andern Sinn die Geberden sind, Ausdruck der beweglichen Natur , elastische Schwingungen, eine unmittelbare Herzenssprache. Gleiches zu Gleichem gesellt sich also, ja Eins ruft das Andre auf und führt es mit sich. Mit der wiederkommenden Geberde des Abwesenden kommt uns gern, auch ohne Worte, der Ton seiner Stimme wieder. Bei einer uns entzückenden Stellung wünschen wir, daß sie Ton würde. Wenn auf dem sprechenden Theater edle oder sanfte Empfindungen zur größten, d.i. einfachsten Höhe steigen, heben sie sich entweder selbst zum Ton, oder wir vermissen und entbehren schmerzhaft die ihnen analogen Töne, mit denen sie unserm Gefühl nach die Natur selbst verknüpfte. Bei allen Völkern der Erde gesellten sich also Töne und Geberden . Die Tänze der sogenannten Wilden sind mimisch , sie seien Kriegs- oder Friedens-, Freuden-, Spott- oder Liebestänze. Freude und Liebe , die süßesten Empfindungen des menschlichen Herzens, sind indeß die Seele des Tanzes; Haß und Spott selbst müssen in ihm (z. B. in den Kriegs- und Spotttänzen der Wilden), wenn sie tanzfähig werden sollen, zur Freude werden. Und wie ergreift der Tanz alle Naturmenschen! wie zeigt sich in ihm die innere und äußere Elasticität, der Charakter! Daher die wundergroße Verschiedenheit der Nationaltänze, die alle doch auf einen Zweck hinausgehn und eine Menschengestalt zeigen. Unter günstigen Himmelsstrichen leben und weben wohlorganisirte Nationen in diesen Vergnügungen, in denen Seele und Körper, zusammen sich erfreuend, Eins werden. Der Sclave vergißt Bürden und Geißel, wenn er am Festtage hüpft. Das künftige Leben ist diesen Naturmenschen eine immer wechselnde Kette von Tänzen der Lieb' und Freude. Sahet Ihr je die menschliche Natur lebendiger als im seelenvollen Tanz? Wirkt eine der sogenannt schönen Künste lebhafter, oft gefährlich lebhafter als diese auf das Herz der Jugend? Anmuth ist in der Sprache, Zauberei in Tönen und Geberden. ––––– Fehlen konnte es also nicht, daß nicht jede zu Freud' und Liebe gebildete Nation das geistige Band zwischen Tönen und Geberden zu einer Art von schöner Kunst machte, jede auf ihre Weise. S. Cahusac's »Geschichte der Tanzkunst«, in der »Sammlung vermischter Schriften« (Berlin, bei Nicolai) übersetzt, in der sich auch Lucian's Schrift »Vom Tanz«, Vossius' »Vom Rhythmus« u. s. w. finden. –H. [Cahusac's »Traité de la danse ancienne et moderne« erschien zu Paris 1753 in 3 Bden. – D.] Wie viel die Griechen auf Tänze gehalten, ist bekannt; wie weit sie es darin gebracht, was sie in ihm auszudrücken vermocht haben, darüber möge uns Athenäus, Lucian und so manches begeisterte Gedicht der Anthologie belehren. ––––– Nicht Alles aber kann der Tanz, nicht Alles die stumme Geberde, auch von Musik begleitet, ausdrücken; Musik, mit Sprache in Verbindung gebracht und dann von Geberden unterstützt , öffnet ein neues Feld der Dichtkunst. Kann der Tanz dahin eingeführt werden, wohl! Dann aber wirke er durch sich oder angeführt von singenden Chören; Gesang und Tanz in einer Person hindern einander. So verschieden die Werkzeuge der Sprache und des Gesanges sind, so nachbarlich sind sie einander. Wer liest ein lautgeschriebenes, Blatt, ein hochaccentuirtes Recitativ, ohne daß er's selbst laut oder in der Seele recitire , wol gar mit Geberden begleite? Sobald Modulation die Sprache über ein gemeines Gezisch emporhebt, giebt sie ihr gleichsam den ganzen geistigen und körperlichen Ausdruck. In ihm genießen wir eine Art Fülle, Vollendung . Die erste der neueren Sprachen, die sich zu diesem musicalischen Ausdruck emporschwang, war die italienische; lange vorher, ehe Opern dawaren, war in ihr der Geist der Oper. Dante, Petrarca, Ariosto, Tasso, Guarini sangen, indem sie schrieben; wer sie liest, singt mit selbsterfundner Melodie, so eintönig diese auch sein möge, ihre Modulationen nach. Aus dem Madrigal, dem Liede, der Stanze entstand die italienische Oper. Natürlich hielt sie sich an die Gegenstände, die zur Musik die fähigsten waren, an Scenen der Liebe und Freude . Daher die Verzierungen , die man der Oper sogleich in ihrer Geburt beifügte, Scenen der schönen, wol auch romantisch-wilden Natur, Chöre, Tänze. Für alle Sinne wollte man ein Arkadien schaffen, in gemeinschaftlicher Freude sollte Auge und Ohr daran Theil nehmen. Genuß mit Andern erhebt und begeistert: daher die Chöre . Auf dem Gipfel der Begeisterung ist man trunken: daher die Tänze . Das entzückte Auge will das Schönste jeder Art sehen: daher die Decorationen und So muß es wohl statt »in« heißen. – D. Kleidungen im Theater; daher die Hirten-, Götter-, Wunder- und Feenwelt , die der Oper einheimisch wurden. Unnötigerweise hat man sich über dies Wunderbare der Oper gequält, wie Menschen an dergleichen Träumen der Un- oder Uebernatur Geschmack finden können. Sind wir im wirklichen Traum nicht ebensowol in einer Zauberwelt? und wie wahr sind uns die Träume! Darf's also keine Kunst geben, die uns mit den schönsten Träumen aufs Schönste auch wachend vergnüge? Einmal in eine Welt gesetzt, in der Alles singt. Alles tanzt, entspreche auch die Welt ringsum dieser Gemüthsart, sie bezaubre! Nach leisen, sodann wilden und verworrenen Anfängen in Italien trat die Oper in Frankreich auf. Hier fand sie eine wenig accentuirte, flüchtige, fast unmusicalische Sprache und einen verwöhnten Geschmack. Diesem bequemte sie sich; dagegen aber brachte der rastlos muntre, raisonnirende Geist der Nation in das, was sonst ein Chaos der Töne und Scenen gewesen war, Anstand und Ordnung . Hinter verwirrten, gemeinen Stücken der älteren französischen Operndichter trat der bescheidne Quinault auf, er in seiner Art ein so großer Ordner des lyrischen Theaters, als Corneille und Racine es für die Tragödie sein mochten. Quinault hat so starke und so süße Stellen als jene tragischen Dichter in ihrer Gattung, dazu in einer Sprache, die der Musik mehr widerstand als der tragischen Rede. In Recitativ und Chören hat er das französische Sentiment zur Musik gleichsam organisirt. Klarheit der Exposition, Ordnung, Folge der Scenen, Anstand sind in seinen Stücken wie bei jenen Dichtern. Daß er Sujets dieser Gattung wählte, daß er seine Flöte zur Posaune des Ruhms, seine Lyra zur Galanterie stimmen mußte, hatte er auch mit jenen Dichtern gemein; und war nicht seit ihrer Entstehung in Italien die Oper eine Puppe des Divertissements an Vermählungs- und andern Festen gewesen ? Wie anders, als daß, da sie in Frankreich eintrat, sie sich in das Element der französischen Nation und Ludwig's freiwillig tauchte? Um so höher steigt das Verdienst des Dichters, der auch in die flachste Modesprache Gefühl zu bringen wußte. Jetzt sind Quinault's Opern Schattenrisse, ein Text ohne Noten. Nichts ist vorübergehender als Prachtscenen, Galanteriestücke, Feuerwerke, Illuminationen, nichts vorübergehender als selbst Lieblingsgänge der Musik. Unser Ohr wird anders gestimmt mit den Zeiten; Pracht und Galanterie, die Kinder der Mode, wechseln. Das Wahre allein, Verstand und Empfindung dauern. In ihnen sind Quinault, Addison, Metastasio , jeder künftige Metastasio Diener einer und derselben Engelssprache , der Sprecherin für alle reinen Menschenempfindungen, der Musik . ––––– Wo die Oper jetzt stehe, wissen wir: auf dem Kunstgipfel der Tonkunst und Decoration, fast mit Vernachlässigung des Inhalts und der Fabel. Den Operndichter nennt man jetzt kaum; seine Worte, die man auch selten versteht, und die noch seltner des Verstehens werth sind, geben dem Tonkünstler nur Anlaß zu seinen (wie er's nennt) musicalischen Gedanken , dem Decorateur zu seinen Decorationen. Musicalische Gedanken ohne Worte, Decorationen ohne eine verständige Fabel sind freilich sonderbare Dinge; wir denken aber einmal in der Oper rein-musicalisch . Sie ist der Ort, Où dans und doux enchantement Le citoyen chagrin oublie Et la guerre et le Parlement Et les impôts et la patrie, Et dans l'ivresse du moment Croit voir le bonheur de sa vie. »Wo, wie vor süßen Zaubereien. Der Bürger seinen Gram verträumet. Vergisset Krieg und Plackereien, Und was er selbst an Pflicht versäumet, Haus, Vaterland und Schurkereien Des Rechts, Auflagen – ach, er träumet In einem trunknen Augenblick Sich seines Lebens – Opernglück!« – H. Hat der Tonkünstler durch diese Zurücksetzung des poetischen Stoffs gewonnen oder verloren? Für seine Kunst glaubt er gewonnen zu haben; er darf seine Arien drehen und wenden nach Herzenslust; höchstens paßt er sie der Kehle an, die sie herwirbelt. Als Tondichter aber, als Sprecher und Wirker der Empfindung hat er gewiß verloren. Spazieren seine Töne in der Luft, verschlingen sie sich nicht unmittelbar mit Worten und Scenen der Empfindung, so dringen sie nie ans Herz, sie bleiben im Ohre. Bearbeitet er einen unwürdigen, gar schändlichen Stoff, muß seine süßen Töne an Laffereien, an ein Persiflage alles Großen, Guten und Schönen verschwenden: o. wie bedauern wir den Tonschöpfer! Wie bedauern wir, zauberischer Mozart , Dich in Deinen Cosi fan tutte , Figaro, Don Juan u. s. w.! Die Töne setzen uns in den Himmel, der Anblick der Scenen ins Fegefeuer, wo nicht gar tiefer. Läßt der Tonkünstler sich gar hinreißen, seiner musicalischen Drehbank zu Gefallen die Empfindungen zu zerstücken, zu kauen und wiederzukäuen, zu cadenziren – Unmuth erregt er statt Dank und Entzückung in unsrer Seele! Schnürt er endlich seine Kunstmaschine Sängern und Sängerinnen so an die Kehle, daß Held und Heldin darüber zu Spott werden, folgt er dem Trödelkram sogenannt weicher Empfindungen bis zu Scenen ausgelassener Frechheit: wie? hätte er gewonnen? und nicht das Beste, den Zauber seiner Kunst, die höchste Einwirkung aufs menschliche Gemüth , verloren? Der Fortgang des Jahrhunderts wird uns auf einen Mann führen, der, diesen Trödelkram wortloser Töne verachtend, die Nothwendigkeit einer innigen Verknüpfung rein menschlicher Empfindung und der Fabel selbst mit seinen Tönen einsah. Von jener Herrscherhöhe, auf welcher sich der gemeine Musicus brüstet, daß die Poesie seiner Kunst diene , stieg er hinab und ließ, so weit es der Geschmack der Nation, für die er in Tönen dichtete, zuließ, den Worten der Empfindung, der Handlung selbst seine Töne nur dienen. Er hat Nacheiferer, und vielleicht eifert ihm bald Jemand vor. Daß er nämlich die ganze Bude des zerschnittenen und zerfetzten Opern-Klingklangs umwerfe und ein Odeum aufrichte, ein zusammenhangend lyrisches Gebäude, in welchem Poesie, Musik, Action, Decoration Eins sind. Bei den Griechen war die ganze Sprache Gesang (μέλος); in die kleinsten Theile und Wortfügungen derselben, in die verschlungensten Gänge der poetischen Erzählung erstreckte sich die ebenso verschlungene Kunst des Rhythmus und der Metrik. Leset Pindar, Aeschylus , ja alle tragischen und komischen Chöre. Wer Eurer getraut sich, verschlungene Erzählungen solcher Art mit Wirkung zu componiren? Die Griechen thaten's, und mit großer Wirkung. Euch müssen die Empfindungen abgerupft und ausgepflückt, in die sanftesten Perioden verfaßt oder gar in einzelnen Worten als Interjectionen aufgetragen werden. Das mio ben , das idolo mio , mia sposa oder die fedeltà, il sà, felici, amici u.s.w. Die Au Au- und Wau Wau-Arien , die Riese- und stummen Hum-Hum-, Dumm-Dumm-Duette, auch die Liedchen: »Hurre, Rädchen, hurre, Schnurre, Mädchen, schnurre«, Nach Bürger. – D. habt Ihr so gern! Vor allen die Liebeszotteleien: »Reich mir Dein Händchen, O süßes Pfändchen, Gieb mir Dein Mündchen, O süßes Kindchen.« u.s.w. In wie anmuthsreichen Zeiten leben wir! in züchtig-unzüchtigen, musicalisch-theatralischen Zeiten, da der Tonkünstler seine musicalischen Gedanken und Empfindungen mir nichts Dir nichts jedem Unsinn anpaßt und der decorirte Schauspieler sein: »Gieb mir ein Schmätzchen, O Du mein Kätzchen, Gieb mir ein Mäulchen, O Du mein Eulchen«, ohne alles Erröthen singt, indeß Parterre und Galerien in Empfindungen lieblicher Töne zerschmelzen. Wie wäre es, wenn wir eine Olla Potrida solcher musicalischer Gedanken und Empfindungen unsrer neuesten deutschen Oper zur Probe gäben? Groß kann sie nicht werden; denn in jeder sind fast dieselben Worte, dieselben Reime. Auch mag ja Jeder suppliren. O daß sie gegeben werden kann und werden muß! So entweiht sind Sprache und Töne! ––––– Olla Potrida ––––– musicalischer Gedanken und Empfindungen , oder ––––– Die neueste deutsche Oper .   Ouvertüre. Der Musica zu Ehren Läßt das Orchester sich hören; Denn Decorationen, Processionen, Tartaren, Janitscharen, Kalmucken und Husaren, Völker aus allen Zonen Werden dort ziehn und thronen. Wolauf, Ihr Geigen, Zum Schwirren und Steigen! Wolauf, Trompeten, Zu morden und tödten, Und Ihr Posaunen, Zum Staunen! Auch Ihr Schalmeien, Müsset drein schreien, Hobo'n, Hoboen Quieken und drohen. Die Flöte klagt, Das Hifthorn jagt, Der Brummbaß brummt. Auf der Vorhang! Klaps! Alles verstummt.   Erste Scene. Duett. 1. In lieblichen Flammen Treten wir zusammen. 2. Zusammen, In Flammen, 1. Herzlich, 2. Schmerzlich. 1. O süßer Schmerz! 2. O süßes Herz! 1. Schmachtend, sehnend, 2. Seufzend, thränend. 2. O Liebespein! 1. Muß es so sein? 2. Es muß so sein. 1. So geb' ich mich darein. 2. Darein. Zweite Scene. Terzett. 3. Die Liebe fordert Kraft und Muth, So wie der dürre Zunder Gluth. Hier Stahl! hier Stein! hier Stein! hier Stahl! Ping, pang! Twing, twang! (Genau accompagnirt.) Da brennet das Zünderlein! 1. 2. Zünderlein! Ach, da brennet das Zünderlein'. Wolan! Ich habe Muth! Wolan! Ich habe Gluth! 1. Frischen Muth! 2. Junges Blut! 3. Seid auf der Hut! 1. 2. Schon gut! schon gut! Wuth! (Ein schrecklich wüthender Läufer erhebt sich im ganzen Orchester, die Liebeswuth beider Liebenden schildernd. Der Vorhang fällt.)   Dritte Scene. Duett. 1. Auf Knieen! 2. Verziehen! 1. Wie schlägt mein Herz! Tick, Tack! 2. Es bricht mein Herz! Krick, Krack! 1. Lieschen, wie heißt Du? 2. Hänschen, wie beißt Du! Wie beißt Du! (Alle Instrumente drücken den Liebesbiß schmerzlich aus, die Sängerin cadenzt ihn entzückend.) 1. Es war nur Scherz. 2. Nur Scherz? (Ein schrecklicher Zank erhebt sich auf der Bühne und durch alle Instrumente. Die Nachbarn sammeln sich allmählich.)   Sextett. 1. O welch ein Lärmen! 2. Ich beschwöre den Himmel! 1. O welch ein Schwärmen! 2. Welch ein Getümmel! 3. Hört Ihr die Lüfte pfeifen? 4. Hört Ihr die Liebenden keifen? 5. Die pfeifen! Die keifen! 6. Das Kätzchen ächzt: Miau! 1. 2. 3. 4. 5. 6. Die Hunde heulen: Wau! Wau! Wau! (Ende des Finals.)   Vierte Scene. Chor. Doch seht, da kommt von ohngefähr Die liebe Sonne wieder her. 1. O Sonne! 2. O Wonne! 3. Wie die Weste schmeicheln! 4. Wie die Zephyrs heucheln! 5. Und die Blumen sich neigen! 6. Und die Gipfel sich beugen 1. 2. 3. 4. 5. 6. (Sonne, Wonne, Heucheln, Schmeicheln, Beugen, Neigen, Blumen, Gipfel, Weste, Zephyrs, alle in lieblichem Gewirr durch einander.) 1. Rohrdommel trommelt dort im Rohr. 2. Sieh, auch der Esel guckt hervor. 3. Die Lerche singt ihr Tireli, 4. Das Küchlein zirpt: Pipi, 3. 4. Das Hähnchen: Kikriki. 5. Das dumme Rindvieh ruft: Muh! Muh! 6. Der schlaue Kuckuk: Kukuku! Tutti. (Alle diese Töne vermischen sich; Schaf und Ziege treten mit ins Chor, der Kuckuk aber läßt sich den Rang nicht nehmen. Er und Rohrdommel enden in einem angenehm cadenzirten Wettstreit, den Lerche und Küchlein, Hähnchen und Rindvieh, Lämmchen und Ziege auch nicht versäumen, ein Meisterfinale! Finale d'un Maestro. Fünfte Scene. Duett. 1. Und horch, da schlägt die Nachtigall! O welch ein Schall! 2. Und dort ertönt des Hirten Flöte! Sie kommt, die holde Abendröthe. 1. Süße Flöte! 2. Abendröthe! 1. Ach, er singt so schöne Lieder! 2. Und sie glänzt so lieblich süß. Göttin Echo, blase wieder! 1. Hört, die gute Göttin blies! 2. Süß! süß! 1. Und wie der Mond Am Himmel thront, 2. Wo Lieb' und Treue wohnt. 1. Reich mir Dein Händchen, 2. Gieb mir Dein Mündchen, 1. O welch ein Pfändchen, O süßes Kindchen! 2. O Paradies! 1. 2. Wie süß! wie süß! 1. Doch sieh, da kommen die Feen schon! Titania ist auf dem Thron. Wie sie in die Blüthen schlüpfen! 2. Wie sie auf den Wiesen hüpfen! 1. Sie singen ihrer Königin Mit munterm Tritt und leichtem Sinn Ihr Schlaflied: Lullabey! Lulla-lulla-lullabey! 2. Und der Käfer summt: Day! Day! 1. Aufgeschaut! 2. Liebchen, mich graut. 1. Der Mond scheint hell! Der Tod reit't schnell. Hu! Hu! 2. Komm, Liebchen, komm zur Ruh! Nach Bürger's »Lenore«. – D. Abschied. 1. So enden denn heut unsre Lieder. 2. Und übermorgen kommt Ihr wieder. Alle. Wir kommen wieder. 1. 2. Adieu! Alle. O weh! Der Nachtwächter. Ihr lieben Leute, seid munter und wacht! Mit Tönen in der dunkeln Nacht Hat sich ein Geist verschworen; Er faßt Euch bei den Ohren. (Herausströmende Menge in fröhlichem Taumel.) Chor. Ja, Ohren! 1. Liebchen, wie heißt Du? 2. Schätzchen, wie schreist Du! Wie schreist Du! Nachtwächter. Drum findet glücklich Euer Haus Und schlafet das Getön' hinaus! Seid morgen neugeboren An Herz, Verstand und Ohren! Chor. Ja, Ohren! Nachtwächter. Die Thoren! Zeit verloren! Erfroren.   »Honigsüße Wortkügelchen! liebliche Mohn- und Bisam-Reime! Wer mit so etwas genährt wird, kann so wenig rein schmecken, als Die wohl riechen können, die in der Küche wohnen. – Jüngling, der Du in diesem öffentlichen Geschmack nicht sprichst und, was etwas sehr Seltnes ist, gesunden Verstand liebst, ich will Dich mit keiner geheimen Kunst betrügen.« Melliti verborum globuli! dicta papavere et sesamo sparsa! Qui inter haec nutriuntur, non magis sapere possunt, quam bene olere, qui in culina habitant... Adolescens, quoniam sermonem habes non publici saporis et, quod rarissimum est, amas bonam mentem, non fraudabo te arte secreta. Petron. (1,3. 2,1. 3,1). – H. (Bei Petronius steht: »Sed mellitos verborum globulos et omnia dicta et facta quasi papavere et sesamo sparsa.« – D.) ––––– Beilage. Wirkt die Musik auf Denkart und Sitten? Die Wachsamkeit der griechischen Gesetzgeber über die Musik ist bekannt. Sie verboten, sie bestraften die Einführung neuer, weicher, üppiger Tonarten, und als diese Wachsamkeit nachließ, wem sind nicht die Klagen der Philosophen und Staatsweisen darüber im Gedächtnis? Uns dünkt diese Aufsicht über eine sogenannt schöne und freie Kunst lächerlich; ob aber mit Grunde? Sind musicalische Weisen, wie auch ihr Name sagt, Weisen und Wege der Empfindung, werden sie nicht, mit Worten verbunden, wirkliche Denkweisen? Die Gesangweise schleicht sich ins Herz und stimmt es unvermerkt zu Tönen, zu Wünschen, zu Bestrebungen in dieser Tonweise, in diesem Modus. Bemerket kleine und große Völkerschaften. Hier ein freies Völkchen, das vielleicht in einem armen Thal muntre Lieder des Fleißes und der Fröhlichkeit singt, dort ein gedrücktes Volk, dem Kreuz-, Jammer-, Sterbelieder die liebsten sind, weil es nichts seliger findet, als im Grabe zu modern. Ein drittes, das müssig und entnervt in üppigen Liedern schwärmt, ein viertes, das auch in Tönen nur persiflirt – verfolgt diese Völker in ihre Denk- und Lebensweisen, Ihr werdet Abdruck und Inhalt ihrer Tonarten darin finden. Wem ist nicht bekannt, wie viel der Stifter einer fleißigen, sanften, klugen und bestrebsamen Gemeine in diesem Jahrhundert schon durch Gesänge und Gesangweisen auf sie wirkte? Zinzendorf. – D. Wer weiß nicht, wie mächtig im Kriege oft ein Marsch, ein Gesang war? Gleichgiltig kann es also nicht sein, wenn gedankenleere, schmachtend-üppige Operngesänge oder componirte Trivialitäten der gemeinsten Art jeden andern Gesang verdrängen. Als Vergnügen selbst werden sie bald ein fades Vergnügen, da sie am Ende kein Wort zulassen, als: »Der große Tonkünstler!« oder: »Herrliche Stimme!« und: »Vortrefflich accompagnirt!« Dergleichen Lobeserhebungen machen Kopf und Herz zum hohlen Resonanzboden, so wie Inhalt und Instrumente das Leben zum Fiedelbogen und zur Fiedel machten. Man streicht und streicht. Da Capo! Ancora! Elender Zweck der zwecklosesten Wirkung! Haben im Reiche Pluton's die Danaiden eine traurigere Uebung? »Der Künstler«, sagt Petron , wenn wir ihn ferner anwenden dürfen, Minimum in his exercitationibus doctores peccant, qui necesse habent, cum insanientibus furere. Nam ni dixerint, quae adolescentuli probent, ut ait Cicero, soli in scholis relinquentur; sicut ficti adulatores, cum coenas divitum captant, nihil prius meditantur quam id, quod putant gratissimum auditoribus fore; nec enim aliter impetrabunt, quod petunt, nisi quasdam insinidas auribus fecerint. Sic magister eloquentiae, nisi tamquam piscator eam imposuerit hamis escam, quam scierit appetituros esse pisciculos, sine spe praedae moratur in scopulo. Quid ergo est? Parentes objurgatione digni sunt, qui nolunt liberos suos severa lege proficere. Petron. [3, 2–4, 1]. – H. »hat hiebei die geringste Schuld. Sie müssen mit Unsinnigen rasen . Wollen sie nicht, wie Cicero sagt, im Theater allein gelassen werden, so müssen sie es wie die Schmarotzer machen, die, weil ihnen nach den Mahlen der Reichen lüstet, auf nichts so sehr denken, als den Anwesenden das Gefälligste zu sagen. Dies können sie nicht anders, als wenn sie ihren Ohren irgend nachstellen . Hängt nicht auch der Fischer eben das an den Hamen, was den Geschmack der Fische reizt ? Thut er's nicht, so sitzt er hoffnungslos am Felsen. Wer ist also zu schelten? Die Eltern , die nicht wollen, daß ihre Kinder unter einem ernsten Gesetz fortschreiten sollen .« Wer für die Oper diese Eltern und Kinder sind, ist nach jedes Ortes Weise leicht zu erörtern. Klagt das allgelehrige und das allvergessende Publicum nicht an, als ob es nur für üppige Gesänge ein Ohr habe. Welch Stück unter Mozart's Compositionen ist in Deutschland öfter aufgeführt worden als die Zauberflöte ? Geschah dies ohne Ursache, ohne die doch nichts geschieht? Nichts minder. So übel geleitet die Fabel, so übel gewählt die Worte sein mögen, dem Unverständigsten schimmert der Inhalt der Fabel vor: »Licht ist im Kampfe mit der Nacht; jenes durch Vernunft und Wohlthätigkeit, diese durch Grausamkeit, durch Betrug und Ränke wirkend!« Auch die zwei Classen höherer und niederer Gesinnung in Bestrebungen und Liebe sind Allen begreiflich. Und welche Gesänge blieben im Contrast dieser Scenen dem Publicum die werthesten? Gerade die immer erfreulichen, die moralischen, die edeln. Z. B. »In diesen heil'gen Hallen«, »Ein zartes Herz kann nicht betrüben«, »Wir wandelten durch Feuer und Fluthen« u. s. w. – H. Wollet also nur, Ihr Eltern, daß » Eure Kinder unter einem ernsten Gesetz Fortschritte thun «. sie werden sie thun. Hängt gute Speise an den Hamen, Ihr Fischer, die Fischchen ( pisciculi ) werden schon beißen. Ein einzig ausgestrichenes Wort beim Melodrama verbesserte Alles, das Wort Divertissement . Das kostbarste Schau- und Hörspiel , ein zusammengetragnes Ideal aller Künste , das über die Natur selbst hinausgeht, dies zu einem inhalt- und wesenlosen Divertissement zu machen, ist Verrath gegen die Natur, Kunst und Menschheit. Selbst amüsiren kann es Euch nicht in seiner seel- und herzlosen Weise. »Mein Bruder,« sagte jener zu lauter Amüsements eingeladne König, »mein Bruder, der König, hat mich zu Amüsements eingeladen; wann fangen diese wol an? Bisher habe ich mich nur ennuyirt .« Er sprach's den Tag vor seiner Abreise und – reiste ab, unamüsirt . 10. Das Drama. Jahrhunderte vor der Geburt der italienischen und französischen Oper gab es ein Volk, das dem Melodrama eine hohe Gestalt gegeben hatte, die Griechen. Ihr Heldenspiel (denn warum sollten wir's Trauerspiel nennen, da die griechische Tragödie nicht eben traurig ausgehen durfte?), ihr theatralisches Heldenspiel war ganz Melodrama . Blos aus diesem Grundsatz läßt sich, wie sein Ursprung, so seine Einrichtung und Wirkung erklären. Aus Freudengesängen und Freudentänzen an Festen des Bacchus genommen, blieb nämlich der Chor seine Grundstütze. Zwei, drei handelnde Personen traten dazwischen. Warum nicht mehr? In jeder Gesellschaft fühlen wir, daß zwei, drei Personen, gleichsam natürlich, in eine Consonanz oder gar in einen Accord treten, mit allen Variationen, die jede Umsetzung des Gespräches giebt. Mehrere werden nur Nebentöne, gar Dissonanzen; ein wildes Gewirr von Stimmen endlich stört und ermüdet. So bei dem griechischen Drama. Ein hoher Einklang herrscht durch alle Gänge der Begebenheit oder Leidenschaft über dem Grundton des Chors in wenigen, aber trefflich zusammengestellten Charakteren. Wohl der Seele, die dies geistige Melodrama empfindet! Ein Grieche, der in unser Trauerspiel träte, an die musicalische Stimme des seinigen gewöhnt, müßte ein trauriges Spiel in ihm finden. »Wie wortreich stumm,« würde er sagen, »wie dumpf und tonlos! Bin ich in ein geschmücktes Grab getreten? Ihr schreit und seufzet und poltert, bewegt die Arme, strengt die Gesichtszüge an, raisonnirt, declamirt; wird denn Eure Stimme und Empfindung nie Gesang ? vermißt Ihr nie die Stärke dieses dämonischen Ausdrucks? Laden Euch Eure Silbenmaße, ladet Euer Jambus Euch nie denn ein zu Accenten der wahren Göttersprache? »In Athen war's anders. Unser Theater erklang vom Jamb und Trochäus, vom Choriamb und stürmenden Anapästen. Versucht's und leset sie laut! Ob unsre Aussprache, unsre Declamation, Action und Musik Euch gleich verloren sind, Eure Kammer wird Euch zu eng, Euer Haus voll schallender Luftgenien werden, indem Ihr sie nur leset. Wer die Griechen in ihrer Sprache nicht lesen kann, lese sich Bothens Übersetzung des Euripides laut vor. Ein erster kühner Versuch, dem andre folgen mögen. In ihm wird ein Geist laut und lebendig, an den uns eine schleichende Prose – Uebersetzung kaum erinnert. – H. (Vgl. Gleim's Brief an Herder vom 12. October 1800 und die Aeußerung von Herder's Gattin an Gleim aus dem Januar 1802. – D.) Denkt Euch dies bestimmt fortgehende, immer wechselnde Melos , unterstützt jetzt von der Flöte, jetzt von andern Instrumenten, wie es Scene und Leidenschaft forderten, hört es im Geist und verstummt über Eure verstummte Bühne! »Und diesem hohen Tongefolge, was legten wir ihm unter? Etwa nur Liebesseufzer? Galanteriephrasen? Tändelei mit der Empfindung, der Sprache, dem Gedanken? Reimspäße? Nichts weniger. Einen großen Kampf menschlicher Leidenschaften unter der höchsten Macht, dem Willen des Schicksals . Einen Knoten der Begebenheit , der nur durch Charaktere und Gesinnungen, durch Handlung aufgelöst werden konnte. Der Gang der Töne war hierin unser lebendiges Vorbild. Wie diese sich verschlingen, damit sie sich froh entwickeln, indem kaum etwas ermüdender ist als eine einförmige Musik, und nichts verwirrender als eine verwirrte Tonkunst: so verschlang, so löste sich unser Drama , der Seele melodisch . Aus Dissonanzen stieg die höhere Consonanz mit jeder geschonten Annäherung feierlich, schauderlich, langsam, prächtig hervor und schloß mit einer Beruhigung, die nicht etwa dumpf sättigte, sondern einen Fortklang dieser Töne zu hören einlud. Daher, daß wir unsre Fabelwelt so durstig erschöpften, jede große Begebenheit in ihre Folgen verfolgten und nichts unvollendet ließen; denn eine unterbrochne, matt geendete Musik ist ein Plutonisches Kunstwerk. »Ihr fangt an und endet, wo es Euch beliebt; wir endeten, wo geendet werden mußte, und fingen von Neuem an. So ward jedes Stück dem innern Herzen Musik, ein Ganzes. Ihr schleppt eine Menge Trommeln, die weder Klang noch Ton geben, unter die zartesten Instrumente und nennt's historische Schauspiele; wir nicht also. Fabel war bei uns Fabel, Geschichte Geschichte. Auf dem Theater mußte die bekannteste Geschichte eine reine, ganze, sich selbst entwickelnde Fabel werden, oder sie blieb das Werk jenes Leirers, der, wenn er nicht spielen konnte, pfeifend erzählte. Wir wagten es, die höchsten Bilder mit den kühnsten Tonfügungen zu vereinigen, und klopften stark an die menschliche Brust.« Doch warum sollte der Grieche fortreden dürfen, da Jedem, der die Alten und Neuern kennt, der Unterschied beider Theater dunkler oder klarer vorliegt? Nicht nur haben sich das Drama und Melodrama gänzlich gesondert, nicht nur ist der Chor verstummt, sondern, was daraus folgen mußte, in so vielen Stücken auch die Melodie der Handlung . Das Richtmaß und der Zweck , nach und zu welchen bei den Griechen die Begebenheit dem Zuschauer theatralisch dargestellt und entwickelt werden sollte, sie werden von den Neuern nicht anerkannt; in den meisten Stücken sind sie also vom Theater verschwunden . Wer hat Recht? die Griechen oder wir? Eine Frage, die hier nur fragmentarisch erörtert werden soll, fern von Parteilichkeit und einer thörichten Anbetung der einen oder der andern Seite. Ist einmal das Theater zu unsern Zeiten ein so vielbesuchter Platz, zu dem man die Menge zusammenruft, ihnen Geld und Zeit nimmt und darauf Kosten wendet; ist das Drama anerkannterweise das schwerste und mächtigste Poem, mithin das künstlichste Kunstwerk, dem so viele große Geister sowol zum Studium als zur Darstellung und Ausführung ihre Kräfte, ihr Leben widmeten; ist's ein so vollkommnes und, wie man sagt, unentbehrliches Werkzeug , auf die Gemüther der Menschen zu wirken: so steht es notwendig unter der prüfenden Wage des sorgsamsten Urtheils. ––––– Aristoteles lebte in Zeiten, da das griechische Theater ausgebildet war; es hat sich nachher zu keiner glänzendern Höhe gehoben. Auch war er der Mann, der die Regel eines Kunstwerks wohl abzuziehen wußte. Wie erklärt nun er die Tragödie seiner Nation? Bekanntermaßen durch die » Nachahmung einer emsig betriebenen, vollständigen, Größe habenden Handlung, in einer anmuthig-gebildeten Rede, deren jede Form für sich in abgetheilten Schranken wirkt, und zwar nicht durch Verkündigung oder Erzählung, sondern durch Erbarmen und Furcht, die Läuterung solcherlei Leidenschaften vollendend« . Herder schrieb an Böttinger (Literarische Zustände und Zeitgenossen II.191): »Gern hätte ich gewünscht, statt vollenden das Wort vollführen, vollziehen gebraucht zu haben; ich weiß nicht, welcher Geist mirs vorenthielt. So hätte sich ein Einwurf, den sie mit Recht befürchten verloren.« Man vergleiche damit Lessing's »Dramaturgie«, Stück 77, und Goethe's Uebersetzung in dem Aufsatze: »Nachlese zu Aristoteles' Poetik« Werke« XXIX. S. 491). Am Auffallendsten ist bei Herder das Mißverständnis des Wortes σπουδαίος, ernst (Gegensatz lächerlich), als emsig betrieben. – D. Ohne die vielen und weitläufigen Commentare über diese Worte vermehren zu wollen, bemerken wir nur dies: 1. Handlung ist die Seele des Drama, nicht Charaktere, noch weniger Sitten, Meinungen, Sentenzen. Vollständig , sagt Aristoteles, werde sie dargestellt, d. i. ihr Anfang, Mittel und Ende. Ernst, eifrig , mit einer Art Schnelle werde sie betrieben ; sie sei überschaulich . Nicht also übermäßig lang, nicht verwirrt durch fremde Zwischenfälle (Episoden). Ueber Alles dies hat Aristoteles in seiner Poetik bündig geredet. 2. Angenehm sei die Rede des Drama; jede Gestalt der Rede habe ihre bestimmten Schranken. Bei den Griechen hob und verstärkte sie die Musik, und auch sie in angemessenen Formen. 3. Zur Kunstnachahmung (μίμησις) der Handlung (an welches Wort sich bei Aristoteles Alles heftet) gehörte vorzüglich die Action , die Geberdung, der die Decoration half. Alle diese Mittel, verständig vereint, untrennbar von einander, machten die Tragödie der Griechen zum höchsten Poem, zu einem Kunstwerk. 4. Mittelst der Rede wirkt die Mimesis des Theaters, worauf? Deutlich sagt Aristoteles: » auf Reinigung der Leidenschaften « Wodurch? Nicht durch laute Verkündigung , durch Moral , Sentenzen, Erzählung u. s. w., sagt er, sondern durch Erregung der Leidenschaften selbst, durch Furcht und Mitleid . 5. Durch diese vollendet die Tragödie eine Reinigung der gleichen Leidenschaften (τοιαΰτα παϑήματα). Aristoteles steckte der Tragödie ihr Ziel vor; wie sie es erreiche, hat er am Wesen des Drama , der Fabel , gezeigt. »Die Fabel,« sagt er, »d. i. die Verknüpfung dessen, was geschieht (πραγμάτων), ist das Wichtigste von Allem, was zur Tragödie gehört. Diese ist keine Kunstnachahmung der Menschen, sondern der Handlungen und Geschäfte des Lebens , Das Komma nach Geschäfte in der Adrastea war offenbar Druckfehler. Bei Aristoteles steht »der Handlungen und des Lebens«. – D. des Glücks und Unglücks . Denn auch das Glück und Unglück Die Worte und Unglück fehlen in der Adrastea. - D. besteht in Handlung; eine Absicht darauf ist eine Art Handlung, nicht blos eine Beschaffenheit . Den Sitten nach sind Menschen so und anders ; den Handlungen nach sind sie glücklich oder unglücklich . Nicht also, damit Sitten nachgeahmt werden, handeln die Personen der Tragödie; Sitten werden zu ihr mitgenommen, der Handlungen wegen. Die Fabel ist Hier sollte noch also stehen. – D. der Zweck des Trauerspiels; bei jeder Sache ist aber ihr Zweck das Wichtigste, das Größte.« So Aristoteles. Sollte uns noch unklar sein, was er durch seine oft verspottete »Reinigung der Leidenschaften« wolle? Durch Erregung der Leidenschaften in unsrer Brust, durch Furcht und Mitleid, vollende sie, sagt er, die Reinigung dieser und dergleichen Leidenschaften (τεραίνουσα). Um langen Discussionen zu entgehen, mögen die Theaterstücke der Griechen selbst reden. ––––– Aeschylus war der Erfinder der Tragödie; ihm, dem tapfern Mann, sind wir auch den wahren Begriff seiner Kunstgattung schuldig. Weshalb ließ er eine Person aus dem Chor hervortreten? wozu stiftete er die Bühne? Agamemnon , der König, soll ankommen. Der Wächter sieht die Feuer. Klytämnestra, die das königliche Haus und Bett geschändet, herrscht mit ihrem Buhler Aegisthus. Wie wird man ihn empfangen? wie er sich betragen? Die Begebenheit, als ein Problem, liegt vor. Er kommt. Wie will Klytämnestra sich rechtfertigen? welchen Entschluß wird sie nehmen? wie sich betragen vor und nach der Blutthat? Was wird der Chor sagen? So hängt die große Wage des Schicksals . Was Aeschylus in sie gelegt hat, höre man von ihm. Agamemnon, übersetzt von Halem, 1796. – H. Orest erscheint, der Rächer seines Vaters. Phöbus hat ihn gesandt, sein väterliches Haus zu reinigen. Mord seiner Mutter! Ein schreckliches Problem! Wie wird es beginnen? wie enden? mit welchen Empfindungen des Sohns, der Schwestern, der Mutter, der Bürger? Wie steht die Wage des Rechts und Unrechts in diesem Moment? Lese man »Die am Grabe Opfernden« des Aeschylus und fühle in ihnen das Feuer der Leidenschaften von mehreren Seiten! Aber die Fabel ist noch nicht vollendet. Die Eumeniden erscheinen, rächend den Mord der Mutter auch in der gerechtsten Sache, den Muttermörder verfolgend. Phöbus schützt ihn; Pallas endlich spricht Recht und endet. Ein rechtvolleres Stück ist kaum irgend sonst auf dem Theater erschienen, Aeschylus' Krone. Glorwürdig für Athen werden die alten Rachgöttinnen hinaus- und hinabgeleitet. Die schreckliche Begebenheit zeigt sich hier im größten Licht, rein auseinandergesetzt; es erfolgt das Endurtheil, Entsühnung (χάδαρσις, άγάπαυσις). So die andern Stücke Aeschylus'. Prometheus wird an den Felsen geschmiedet und ächzt. S. »Der gefesselte Prometheus«, in Wieland's »Attischem Museum«, Band 3, Stück 3. - H. Man hört um ihn die Gewalt , den gehorsamen Götterboten , den schmiedenden Hephästus . Man hört um ihn die Stimmen der Besuchenden, des Ocean's , des Chors , der Io , abermals des Mercur's ; Prometheus bleibt unerbittlich. Hätten wir den zweiten Theil dieses Stücks, »den entfesselten Prometheus«! Der dramatische Rechtsspruch wäre in ihm zwischen Meer, Himmel und Erde – verlautbart! in ihm die Sache zwischen Göttern und Menschen geschlichtet . Es erfolgte Versöhnung (χάδαρσις, άγάπαυσις). Aeschylus' »Perser« sind der Rhamnusischen Göttin, der Nemesis-Adrastea selbst, ein feierliches Dankopfer. In Persien erscheinen die Geschlagnen, die Entflohnen, der entflohne König, der verarmte. Der Schatte Darius' steigt aus der Gruft. Welche Stimmen, welche Klagen! Große Seele Aeschylus', des Helden in eben diesem Kriege! Sie schuf Athen durch diese Darstellung ein Triumphsfest, das dem Krieger geziemt. Des entfernten Persiens herüberschallende Seufzer, siegendes Griechenland, sind Deine Siegestöne, und Du Athen Griechenlands ew'ger Siegestempel! Die Götter haben den Kampf entschieden . Aeschylus' »Sieben vor Theben« oder der Tod der beiden Oedipus-Söhne, Eteokles und Polynices. Auf dem Scheiterhaufen selbst, der ihre Leichname begrub, sagt das Epigramm der Anthologie, Vgl. Herder's Werke, VII. S. 133. - D. wandten ihre Flammen noch sich feindlich aus einander; in diesem Aeschylus-Werk, wie rast die Flamme des Eteokles! Unzähmbar Allem, was ihr sich naht, nur von der Macht des Schicksals, aber von ihr wie fürchterlich gedämpft ! Aeschylos' »Sieben vor Theben«, übersetzt von Süvern, Halle 1797. - H. Großer Dichter! In rauher, aber fester Hand hieltest Du mit strengem Urtheil die Wage des entscheidenden Schicksals. ––––– Sophokles milderte dies Urtheil der Bühne, er hob es aber nicht auf. Auf Aeschylus' hartgebrochener Bahn schritt er leiseren Trittes vorwärts. Sanfter geordnet und zubereitet ist seine »Elektra« gegen Aeschylus' »Choëphoren«; die Gesetze und der Zweck des Schauspiels waren aber auch ihm dieselben. Die zu vollziehende That liegt vor, Klagen der Elektra leiten sie ein; die Urne des todtgeglaubten Bruders macht sie dem Augenschein milder, gerechter, dem Herzen sanfter. Man hört die Erinyen kommen; das Ganze deckt und hält gleichsam Die , von der das Stück sich nennt, Elektra . » Oedipus , der König«. Die Begebenheit , das Unglück seines einst durch ihn geretteten Volks, die Pest ist da; das Blatt des Schicksals , warum sie da sei, wie sie zu versöhnen sei, ist verhüllt; der Bote des Götterspruchs wird erwartet. Er kommt; ein Vater-, ein Königsmörder ist in Theben; durch seine Verbannung soll das Land entsühnt werden. Niemand ist eifriger, zu entdecken, wer dieser sei, als Oedipus. Und Oedipus ist's selbst, der König. Welch ein Abgrund von Abscheu und Qualen sich jetzt ihm und seinem Geschlecht aufthut, höre man bei Sophokles, dem milden Sophokles selbst. Der große, glückliche König steht unglücklich da, gehoben und gebeugt von der Hand des entscheidenden Schicksals. Mild begleitet ihn der Dichter nach Kolone Vielmehr Kolonos. – D. und läßt den Blinden, lange Gequälten dort sein Göttergrab finden. Dank dem neunzigjährigen Greise Sophokles, daß er sich seines alten Verlassenen annahm! Dank dem Zufall, daß er uns dies Stück ließ! So auch die Antigone , die edle Schwester, die schöne Vestale. Tochter eines unglücklichen Hauses, sie endet , sie versöhnt mit ihrem Tode das Schicksal. Philoktet , der unglückliche, schmählich zurückgelassene Held auf Lemnus. Man will ihn selbst, man will ihm seine Pfeile rauben; Ulyssische List, Achilleische Ehrlichkeit In dem Sohne des Achilles, Neoptolemus. – D. gerathen in Streit mit einander. Er selbst ist im Kampf zwischen Heldenehre und dem traurigsten Jammer. Hercules erscheint, der Sprecher des Schicksals . Er, der dem Philoktet die Waffen gegeben, der durch sein Bequemen unter die hohe Macht des Verhängnisses ihm das »dringendste Vorbild ist, sich dem Spruch der Götter zu fügen, mit kurzer Zusprache endet er das einfache, hohe Drama. Die Reinigung der Leidenschaften an ihm, der Furcht und des Mitleids, ist vollendet . Dagegen der rasende Ajax , trauriges Bild des Wahnsinns eines beleidigten tapfern Mannes, der die Pallas Zur Feindin hat, der sich gegen die Götter empörte. »Bändige auch Deinen gerechten Zorn, empöre Dich gegen die Götter nicht, wüthe nicht gegen das Verhängniß: Du wüthest gegen Dich selber!« Das sagt uns das Stück; die Reinigung der Leidenschaften an ihm ist vollendet. Und die »Trachinierinnen« . Hercules, wie er auf Oeta stirbt, vom Geschenk seines Weibes, der liebenden Dejanira, mit Höllenschmerzen unschuldig vergiftet, seinen Sohn bittend, ihm den Tod zu geben – endlich sterbend. O Griechen, Griechen, wie bearbeitet Ihr Eure hohen Fabeln des menschlichen Schicksals! ––––– Nutzlos wäre es, noch zum Euripides zu gehen und aus zwanzig Stücken zu zeigen, was sich aus jedem erweisen läßt, nämlich: »die griechische Tragödie war eine dargestellte Fabel menschlicher Schicksale, um durch diese Darstellung, wie es sonst keine Dichtungsart thun kann, das menschliche Gemüth – was? – blos zu bewegen ? wozu? zu allerlei Leidenschaften, die sich in wilder Irre kreuzen? zu Haß, zu Abscheu, zur Bewunderung, zur Liebe?– Möge dies mehr oder minder geschehen, nach dem der Dichter Stoff und Kraft, der Zuschauer Gemüth, der Schauspieler Geschicklichkeit hat; aber das Bewegen ist nicht gnug, die Tafel ist geschrieben: »Tragödie ist eine Schicksalsfabel , d. i. eine dargestellte Geschichte menschlicher Begegnisse, mittelst menschlicher Charakters, in menschlichen Gemüthern eine Reinigung der Leidenschaften durch ihre Erregung selbst vollendend .« Diese ist bei Aristoteles keine stoische , sondern, wie das Ende seiner »Politik« zeigt, eine heilige Vollendung. Wie durch Sühngesänge Gemüther gereinigt, Leidenschaften besänftigt, geordnet und schweigend gemacht werden, so sollte dies in höherem Sinn, dem Plato zuwider, durch die Tragödie geschehen, die Aristoteles Πολιτιχων Θ, ξ– H. sich als eine Musik der Seele dachte. »An Tönen nimmt Jeder auf seine Weise Antheil, der Rohe anders als der Gebildete. Es giebt auch verschiedne Gattungen der Harmonie, die sittliche, die thätige, die begeisternde; zu ihrem Zweck sind alle zu gebrauchen. Zur Erziehung die sittlichsten; zum öffentlichen, ergetzenden Anhören (ἀκρόασιν), Dem Zweck und Zusammenhange der Stelle zuwider will Twining die ἀκρόασιν in κάθαρσιν ändern, da doch der Zusatz ἑτερων χειρουργούντων (»wo nicht wir, wie bei der erziehenden Musik, sondern Andre spielen, wir nur hören«) den Sinn zeigt. Aristoteles' treatise on Poetry, translated by Twining. Lond. 1789. Note 45. S. 234. – H. (Neuerdings hat die medicinische Deutung der κάθαρσις Beistimmung gefunden. Vgl. die betreffenden Abhandlungen von J. Bernays, Stahr, Döring u. A. – D.) da Andre spielen, sowol die thätigen als die begeisternden. Denn die Leidenschaft, die Einen und den Andern stark ergreift, existirt in allen Seelen, der Unterschied ist nur im Mehr und Minder. Dieser Art sind Furcht und Erbarmen. Weiter auch der Enthusiasmus; denn auch von dieser Gemütsbewegung werden Einige mit rasender Gewalt ergriffen. Von heiligen Gesängen aber sehen wir diese, zumal wenn sie sich der die Seele entzürnenden Gesänge bedienen, wie wenn sie unter den Händen einer arzneienden oder reinigenden Kunst wären. Einer solchen Cur müssen sich auch die Mitleidigen, die Fürchtenden und die von andern Leidenschaften Leidenden unterziehen; den Andern aber, Jedem, nach dem er dieser oder jener Leidenschaft unterworfen ist, und Allen insgemein wird eine gewisse Reinigung der Leidenschaften; und zwar werden sie besänftigt mit Anmuth.« Bei Aristoteles: »Lust«. – D. Ihr tragischen Aerzte, die Ihr uns statt dieser ausführenden und stillenden Tropfen Tollwurzel oder Ipecacuanha reicht, was denkt Ihr zu Aristoteles? Die Stelle ist besonders gegen Schiller gerichtet. – D. »Er hat uns kein Recept zu geben!« Ich noch minder; und doch fahre ich fort. ––––– Fortsetzung. Sollte das Trauerspiel dies nicht bewirken können, da es eine Fabel des menschlichen Schicksals für menschliche Herzen darstellt? Wohnt der Aesopischen Fabel schon dadurch so viele Kraft ein, weil sie die ewig feststehende Ordnung der Natur , trotz aller Verändrungen und Zufälle, in lebendigen Charakteren wie in bleibenden Typen handelnd darstellt; wohnt dem Märchen die Kraft eines Traumes bei, den unsre Seele zu einer gegenwärtigen Welt , im Idyll zu einem nie gesehenen Arkadien der Glückseligkeit bildet: wie? der große Zusammenhang von Begebenheiten des menschlichen Lebens, den das Verhängniß webt , das Netz, womit es den scharfsehendsten Läufer umschlingt, der Felsstein, den es über dem Haupt des Helden aufhängt, mit Umständen, die es durch einen Hauch sonderbar wendet – wie? diese wären nicht eindringend? nicht lehrreich? Nur sei der Dichter auch durch seine Darstellung Ausleger und Anwender dieser Blätter des Schicksals . Die Griechen bemühten sich, dieses zu sein. Ohne zu grübeln, warum von Ewigkeit her der Sohn des Laius verdammt gewesen, ein Oedipus zu sein, begnügten sie sich damit: »Er war's! in Glück und Unglück. Glücklich, da er das Räthsel der Sphinx löste und als ein verdienstreicher König herrschte, unglücklich, als sich ein andres Räthsel, das Geheimniß seiner Geburt, aufschloß.« Hier war die Frage nicht, warum solche Schicksale die Menschen treffen, sondern: »Wenn und weil sie sie treffen, wie sind sie anzusehen? wie zu ertragen?« Zur Antwort auf diese Frage sprach in der griechischen Tragödie bei jedem Umwenden eines neuen Blatts im Buche des Verhängnisses – d. i. bei der Enthüllung jedes neuen Umstandes der Begebenheit – Alles, was sprechen konnte: der Leidende und die Mitleidenden, die Fürchtenden und der Geprüfte, mit Allen der Chor. Er war im eigentlichen Verstande die Zunge an dieser Wage; was Niemand sagen durfte und sagen mochte, sprach er . Daher war und ist das griechische Theater so bildend. Es faßt die Begebenheit von allen, kehrt sie auf alle Seiten; es ergreift uns nicht durch die Verkündigung, sondern durch die Affecten selbst, die uns ergreifen. Wozu nun erregte es diese Affecten, wenn es sie nicht reinigen , d. i. läutern, ordnen wollte? Stürztet Ihr uns aus Leidenschaft in Leidenschaft ohne Zweck, ohne vernünftige Absicht und Ordnung; verschwendetet Ihr unser Mitgefühl an Personen, die dessen unwerth sind, an schwache Elende oder an teuflische Bösewichter, in denen kein Zug der Menschheit erscheint; zerfleischtet Ihr unser Herz für und wider nichts durch Unverstand oder Bosheit; ließet z. B. Die, denen wir durch Euch unsre Theilnehmung geschenkt, so schief denken, sprechen, handeln, daß wir mit Haß gegen Euch unser Mitleid ihnen verachtend entziehen müßten ; oder kenntet Ihr nirgend Maß und Raum, daß wir Euch immer zuriefen: »Höre auf, Henker!« Wie Mäcenas dem Augustus zurief. – D. –; kenntet Ihr die Gesetze und Gänge des Schicksals so wenig, daß Ihr uns entweder unnütze und lächerliche Furcht einjagtet oder diese dergestalt über die Grenzen ins Reich der Unnatur hinaustriebet, daß wir, statt stark zu werden, schwach, statt mitfühlend-weise stupid gegen das Verhängniß, fühllos hart gegen unsre Nebenmenschen würden und uns aller Theilnahme an ihnen entsagten: wäret Ihr sodann gute Haushalter der Begebenheiten des Schicksals ? und in Eurer Kunst rechtschaffene Künstler ? Was würde man von einer Musik sagen, die uns, statt angenehm zu rühren, widrig aufbrächte? uns langweilig einschläferte oder toll und wild machte? Schlechte Mischer der Affecten, empörende Darsteller der Begebenheiten des menschlichen Herzens und Lebens, des Glücks und Unglücks der Sterblichen, Ihr trübt, statt zu läutern, Ihr empört, statt zu versöhnen. Giebt es also keinen Ausweg von der Pflicht, daß, wenn ich Leidenschaften errege, ich sie zu einem vernünftig-menschlichen Zweck erregen, mithin sie reinigen, läutern, ordnen müsse ; verbeut es die Menschheit sowol als die Kunst und Vernunft selbst, vor dem hohen Gesetz der Weltfügungen, der großen Wage des Glücks und Unglücks, mit dem menschlichen Herzen und dessen Empfindungen zu spielen, daran zu schnitzeln und entweder ihm unnöthige Wunden zu schlagen oder sie ungeschickt zu verbinden: so ist Aristoteles nicht nur gerettet, sondern er hat, nach den großen Mustern, die er vor sich fand, dem Dichter in seiner Poetik selbst sehr weise Warnungen und Vorschriften in Behandlung der Schicksalsfabeln , in Erregung und Bändigung der Leidenschaften gegeben. Welche Charaktere z. B. er zu wählen, wie er ihnen ihr Verhängniß, uns unser Mitgefühl mit ihnen, unsre Furcht für uns selbst zuzumessen, zuzuwägen habe, ja, wie es ohne dies Maß, ohne diese Wage keine Tragödie gebe. Denn ein Gemetzel von Empfindungen, ein Gewirr blinder Schicksalsstreiche ist dem ersten Begriff des Trauerspiels entgegen. Eben dazu tritt sie ja auf, die Tragödie, daß sie mit größter Klarheit das über dem Helden schwebende Verhängniß darstelle, ihn bei jedem Schritt seines Benehmens mit Warnung, Bitte, Widerspruch, Furcht, Rath oder Tröstung begleite. Daher auf Stellen, wo die Schickung zweischneidig vorliegt und von jeder Seite Bemerkung verdient, der schnelle Wort- und Verswechsel des griechischen Theaters. Uns scheinen sie affectirt, diese kurzen Sätze, theils weil die Übersetzung selten sie so rein und treffend geben kann, wie sie der griechische Jamb Schlag auf Schlag, sanft oder kühn, immer aber rasch treffend giebt, theils weil wir auf unsrer Bühne ein so strenges Ausfechten des Rechts und der Wahrheit dessen, was geschehen und nicht geschehen soll , nicht erwarten. Die Athener, an öffentliche Reden für und wider , überhaupt an Staats- und Gerichtskämpfe gewöhnt, liebten dergleichen leidenschaftliche Vernunftkämpfe. Und am rechten Platz, wer liebte sie nicht? Entspringt je ein reines Resultat, wo die einander gegenüberstehenden Meinungen nicht aufs Schärfste geprüft werden? Lasset sie also, wie im Zweikampf, mit blanker Schneide einander begegnen: was der Zuschauer dadurch gewinnt, ist eine um so hellere Gesinnung, erfochten im Zweikampf unter der Hand des Schicksals. ––––– »Aber Schicksal, und immer Schicksal! Wir Christen und Weise glauben kein Schicksal.« So nenne man's Schickung, Begegniß, Ereigniß, Verknüpfung der Begebenheiten und Umstände ; unentweichlich stehen wir unter der Macht dieses Schicksals. Freilich, wenn ein Dichter das Wort so mißverstünde, daß die große Göttin ein Poltergeist würde, der für und wider nichts die aufs Beste angelegten Plane menschlicher Vernunft, aller Vernunft entgegen, absichtlos oder schadenfroh ohne alle Schuld der Menschen verwirrte; wenn er auf das Kunststück sönne, daß Alles, was Menschen wohlgesinnt und wohlbesonnen unternehmen, unglücklich, dagegen was die Götter leidenschaftlich und brutal wollen, abscheulich-glücklich ausfalle: dann haßten wir in diesem Dichter das dumme, stupide Schicksal . Ein Zweiter lähmte den Menschen den Arm, reichte ihnen ein Opium gegen alle vernünftige Ueberlegung und Entschlüsse, ließe aber dafür das Schicksal walten: »Geh nach Orient,« rufen wir, »Du Opium- Krämer!« Ein Dritter gäbe sich alle Mühe, den Karren in den Koth zu schieben, damit ihn das Schicksal ohne Hände herausziehe. Ein Vierter ließe die blinde Göttin auf Menschen wie auf einen Marmorblock schlagen und nennte diesen empfindungslosen Block einen Weisen. Ein Fünfter triebe mit der Schickung Scherz ; wenn sein Held Alles gethan hat, fällt er ins Wasser oder bricht ein Bein, und Alles ist, als ob es nicht geschehen wäre. Freilich solche Mißgriffe im Gebrauch dieses Worts zeigen ein klägliches Schicksal, und wenn Lessing in einem andern Sinn die Tragödie »ein Gedicht« nannte, » das Mitleid erregt «, Dramaturgie, B. 2. S. 193. Hamb. bei Bode. – H. [Bei Lessing (Werke, VII. S. 376) wörtlich: »daß die Tragödie, mit einem Werke, ein Gedicht ist, welches Mitleid erregt«. – D. so erregen solche Stücke wahres Mitleid, Mitleid nämlich mit dem Dichter, Abscheu gegen den Mißbrauch des mißverstandenen hohen Namens, ja des ersten Begriffes der Sache selbst. War dies aber der Sinn der Griechen? Warum dringt Aristoteles darauf, daß im Trauerspiel Alles natürlich zugehe und die Auflösung des Knotens nie durch Maschinen geschehen müsse? Warum macht er uneingeschränkt die Meinungen und Sitten der Menschen zu Quellen ihrer Handlungen, ihres Glücks und Unglücks ? und wägt mit einer Goldwage ab, wiefern vollkommene und unvollkommene, gute und böse Charaktere ins Trauerspiel, d. i. unter die Bürde des tragischen Verhängnisses treten dürfen? Dies- und jenseit verdammt er den kleinsten Fehler. Und das mit Recht. Wollen wir der Bühne die reine Darstellung menschlicher Charaktere mit Allem, was aus ihnen folgt, wollen wir ihr die reine Entwicklung menschlicher Leidenschaften und Gesinnungen, der Glücks- und Unglücksfälle, wie sie aus jenen folgen, rauben und ein falsches Wunderbare, Poltergeister, die allenthalben die Natur stören, auf den Schauplatz führen: wo bliebe noch eine rein dargestellte, rein entwickelte Menschennatur und Wahrheit? Schenkt dem Roman, der Sage, dem Märchen Euren Wunderglauben, Ihr, die Ihr der Dichtkunst bezauberte Waffen schmiedet, nur die Bühne verschont mit diesen Künsten! Auf ihr wollen wir, auch in ihrem Ideal, natürliche Wahrheit sehen. Sacer est locus; mejite extra! Persius' Satiren, I. 113, 114. Vgl. Herder's Werke, VIII. S. 98. – D. Nur also durch Menschencharaktere wirke das Schicksal, doch so , daß jene unter der Gewalt dieses wirken. Wer ließ den Oedipus an diesem Ort, unter solchen Umständen geboren werden? wer machte sogleich bei seiner Geburt ihn zum Oedipus, dem Fußdurchbohrten? Auch ohne Pythischen Orakelspruch, durch jede andre Veranlassung that es das Verhängniß . Wer schlang, von Pelops herab, dem Stamm des Atreus die eherne Binde um seine Stirn, Nach den Worten von Goethe's »Iphigenie«, I. 3. (Goethe's Werke, VIl. S.123). – D. die erst in der dritten Geschlechtsfolge, als unter Dianens und Phöbus' Gunst Orest und Iphigenia das Haus entsühnt hatten, zu schmelzen anfing? Der Stammescharakter , das Schicksal. Die Sagen hierüber legt das Trauerspiel aus; es führt die Charaktere auf seinen Grund zurück und zeigt die Schickung eben im Spiel dieser Charaktere, die, immer leiser und leiser wirkend, den Stammes- oder Standescharakter endlich versöhnen. So im Hause des Oedipus zwischen seinen verfeindeten So muß es wol heißen statt »verfeinten«. – D. Söhnen und seinen sanfteren Töchtern. Der Faden der Verhängnisse ist genetisch gewebt, wie wir ihn noch allenthalben vor uns sehen, hier bedauernd, dort lobjauchzend. Alle Gefahren Hercules' , liegen sie nicht in seinem Charakter ? Jeder Hercules hat seinen Eurystheus , seine Juno , seine Omphale, Jole, Dejanira . Und wie nah liegt sein, des Rückkehrenden, von der Göttin ihm gesandter Wahnsinn, da er seine Kinder als fremde erwürgt, im Hercules- Charakter! Mit dem Namen der verhängenden Göttin ist ein Ehrennetz über ihn gebreitet. So über Ajax und aller Helden Charakter, die das Schicksal verfolgte. Ein Mann, der gegen die Götter streitet, grenzt an Wahnsinn. Wenn nun Ulysses' Schlauigkeit das, was ihm gebührte, vor den Augen ihm wegstiehlt, was kann er werden, als was er im Trauerspiel wird, mit Allem, was daraus folgt? So in hundert andern Märchen der Griechen. Hippokrates' Ausspruch: Πάντα ϑεϊα ϰαί άνϑρώπινα πάντα »Alles Menschliche ist göttlich, alles Göttliche menschlich«. – H. ist ihre Inschrift. Die Schicksale jedes ihrer alten Helden sind eine Exposition seines Charakters . Dies zu bemerken, gewährt ein lehrreiches Vergnügen, ein noch lehrreicheres das langsame Zubereiten und Kommen des Schicksals in ihren Epopöen und Trauerspielen. Ein feines Ohr hat es belauscht. Wer für seine Welt der Schicksale sich Auge und Ohr öffnen will, lese sie; wie Altarbilder stehn hohe Unglückliche da, lehrend, warnend, beruhigend, tröstend. Im kleinsten und größten ihrer Unfälle das Maß des Mitleids und der Furcht dem Gemüth zuzuwägen und es daran zu gewöhnen, dazu trat Melpomene auf den Kothurn, unter Gesang, mit Thaten und Rede. Hat sie diese Wage verloren, so gestalte sie ihren Dolch, ihre Keule zur Spindel; sie spinne Situationen und Sentenzen. ––––– Fortsetzung. Wilhelm Shakespeare. Im Jahr 1564 ward Wilhelm Shakespeare geboren, ein Mann, der die griechische Sprache nicht verstand, die Griechen wenig und die wenigen nur in Übersetzungen kannte, aber selbst eines guten Schicksals glücklicher Sohn war. Der gewesene Wollhändler Vor Malone galt Shakespeare's Vater allgemein als Wollhändler. – D. ward Schauspieler und Schauspieldichter in einer so vielumfassenden Art, daß, wenn man die Griechen Dichter ihres Heldencyklus nennt, Diesen man Dichter des Weltcyklus nennen müßte. Was hielt er vom tragischen Schicksal? Shakespeare schrieb ein Trauerspiel » Hamlet «. Hamlet ist sein Orestes . Ganz irrte man in dessen Charakter, wenn man ihn für einen Hammel ( hamlet ), für ein Ding ausgäbe, das man gewöhnlich einen guten Prinzen nennt; der zartgehaltenen, tiefgedachten Zeichnung Shakespeare's wäre dies gerade zuwider. Die Unthat ist geschehen, sein Vater ist heimtückisch ermordet. Seine prophetische Seele hatte etwas davon geahnt; er weiß aber nichts und trägt den Schmerz in stiller, tiefer Trauer. Jetzt erscheint der Geist seines Vaters, zuerst Andern, dann ihm und spricht. Ausspricht er das gräßliche Geheimniß: »Die Schlange, die mich stach, Trägt meine Krone.« Wie ein gequälter Geist fordert er vom Sohn Ruhe und Rache. Warum fährt Hamlet nicht zu und ermordet den Mörder? An Willen fehlte es ihm nicht und gewiß nicht an Kraft, wie sein Schlag auf Polonius, sein Kampf mit Laërtes und so mancher Monolog beweisen; damit aber wäre dem Dichter und seinem Trauerspiel wenig gedient gewesen. Dies sollte uns in Hamlet's Seele führen; denn aus Sitten und Meinungen entspringt der Charakter. Hamlet's Seele ist ebenso zartfühlend als nachdenkend ; aus Wittenberg kommt er, a Scholar . Schon hatte der Tod seines Vaters, die Heirath seiner Mutter ihm die Welt, die Menschen, das Weib verleidet, wie sein Monolog es rührend sagt, als jetzt die Erscheinung seines Vaters die Pforten seines Gemüths gleichsam ganz aus den Angeln hebt, so daß er, der junge Metaphysiker, jetzt zwischen zwei Welten schwebt. Ist's nicht aus mehreren Beispielen bekannt, wie ein außerordentlicher, sonderbarer Zufall, sei's Glück oder Unglück, zarte Gemüther so aus ihrer Fassung brachte, daß sie diese spät oder nimmer wieder erhielten? Alles, auch seine Ophelia sieht Hamlet jetzt wie aus einer Geisterwelt an; verwirrt und trübe hängt die Zukunft, ja das Bild der ganzen Menschheit vor ihm. Dazu kommt, daß er, anderswo studirend, in seinem verwaisten väterlichen Hause jetzt nur ein Gast ist. Man weiß, welchen Eindruck die akademische Begeisterung für Metaphysik auf Jünglinge von Hamlet's Charakter macht. Die Königin meint, er sei dort melancholisch worden: » Go not to Wittenberg, dear Hamlet !« In dieser Stimmung gehört er jetzt allerdings mehr zum speculirenden als zum rasch thätigen Theil der Menschen. Glückliche Idee, die dem Dichter von unserm Wittenberg, vom Hange der Deutschen zur Metaphysik anhing! Ihr haben wir die rührende Metaphysik, die sein ganzes Stück durchläuft, auch den berühmten Monolog: »Sein oder nicht sein!« zu danken. Aus Frankreich brachte Hamlet's Freund Laërtes einen lustigern Charakter. In dieser metaphysischen Stimmung also wird dem Nachdenkenden die Erscheinung seines Vaters selbst zum Skrupel . »Könnte es nicht auch ein höllischer Geist gewesen sein, der Dich, den Trübsinnigen, zum Mörder des Gemahls Deiner Mutter machen wolle? Gehe gewisser!« Glücklicherweise kommen ihm die Schauspieler in den Wurf; das prüfende Stück wird gespielt; sorgsam nimmt Hamlet einen beobachtenden Freund zu Hilfe. Nicht träge Feigheit war es also, die die Rache verzögerte, sondern, wie Hamlet selbst oft sagt, metaphysische und Gewissensskrupel . Diese will der bedächtigere Orestes vor der That abthun, damit sie ihn nach der That nicht quälen dürfen. Der Anschlag gelingt; das innere schwarze Gewissen des Königs steigt bei der theatralischen Darstellung seiner That ans Licht; die Mäusefalle schlägt zu. Und nun darf Hamlet singen: »Mag weinen das getroffne Thier! Der freie Hirsch hüpft froh. Ein Welttheil schläft, der andre wacht; So rollt die Welt sich, so!« Entkommen seinen Zweifeln, findet er den König, aber betend. Den Bösewicht betend aus der Welt zu schaffen, leidet abermals das geistige Gefühl Hamlet's nicht, noch weniger das zartere Gefühl des Dichters, der diesen Jüngling, »das edele Gemüth, Des Hofmanns Auge, des Soldaten Schwert, Die Zunge des Gelehrten, die Erwartung. Die Rose eines blühnden Staats, den Spiegel Der Artigkeit, anständ'ger Sitten Form, Bemerkt von jeglichem Bemerker,« wie seinen Liebling bewachte. Rasch tritt er ein zu seiner Mutter, ganz jetzt im Feuer seines gerechten Zorns; aus dem Fegefeuer selbst aber muß des Vaters Geist das Zimmer seiner Verlasserin finden und zwischen Sohn und Mutter treten. »Verwunde sie, aber nur mit Worten, sonst überlaß sie den Dornen in ihrer eignen Brust!« Wo steht Ihr bei diesem Auftritt, Orestes, Elektra, Klytämnestra! Der Bösewicht kommt Hamlet zuvor und verbannt ihn höflich; höflich soll er dem Tode geliefert werden in einem fremden Lande. Das Schicksal tritt in den Weg . Es rettet und treibt ihn zurück, eine That zu vollführen, die in Polonius auf das Haupt eines Unschuldigen gefallen war. Diese unschuldige That muß er selbst erst mit dem schmerzlichsten Dorn büßen; denn seine Ophelia ist gestorben. Nachdem er unbewußt, wessen das Grab sei, ein Collegium über die Schädel gehalten, findet er sich im Grabe über ihrem Sarge mit ihrem Bruder, seinem Freunde, in einem Wettstreit der Liebe, den die schlaue Anstalt des Bösewichts in einen für Hamlet tödtlichen Wettkampf zu verwandeln weiß, da denn das Schicksal entscheidet . Es wechselt Gewehre und Becher; die Mutter selbst trinkt das Gift, der Bösewicht muß den Rest trinken. So ist von diesem Orestes der Mord des Vaters rein und schuldlos gerächt; Alle aber, Bösewicht, Weib und Sohn, zieht er mit hinunter. Das Verhängniß hat die Rache bewirkt, mit unbefleckten Händen Dessen, dem sie aufgetragen war. Der Bösewicht selbst erfüllte das Maß seiner Frevel nach seinem Charakter und ward der Rache Werkzeug. Den guten Hamlet konnte trotz aller Vorschritte selbst seines Vaters Geist aus seinem Charakter nicht treiben. » Hamlet « war von Shakespeare zuerst als ein kurzer Entwurf geschrieben; langsam ward er nach und nach verlängert. Mit welcher Liebe der Dichter dies gethan habe, zeigt das Werk selbst; es enthält Erinnrungen über unser Leben, philosophisch-melancholische Jünglingsträume, wie sie, Stand und Situation abgerechnet, beinahe Shakespeare selbst haben konnte. Jede stille Seele sieht gern in diesen ruhigen See, in dem sich ein Weltall des Firmaments, der Menschheit, der Zeit und Ewigkeit spiegelt. Das einzige Stück vielleicht, das der reine sensus humanitas geschrieben hat, und ganz doch eine Tragödie des Verhängnisses des schauerlich-nächtlichen Schicksals. ––––– Shakespeare's »Macbeth« dagegen, auch eine Tragödie des Schicksals, aus menschlichen Seelen entwickelt, handelnd durch Begebenheiten und Charaktere, aber wie andrer Art! In einem Hexenwetter treffen drei Weiber zusammen auf einer einsamen, kahlen Heide. Sie fragen und antworten mitwissend einander: 1. Wann gehn wir Drei uns wieder vorüber? In Donner. Blitz und in Regengestüber? 2. Wenn dort das Lärmen und Schwärmen zerronnen, Schlacht verloren und Schlacht gewonnen. 3. Also vor Untergang der Sonnen! 1. Nenne den Ort! 2. Die Heide dort. 3. Dort kommt Macbeth. – Fort denn, fort! 1. Ich komm', ich komme, Grimalkin! 2. Paddok ruft. Dahin! Dahin! Alle. Wild Wetter und schön, schön Wetter und wild! Auf durch Nebel, in Nebel gehüllt! So fahren sie aus einander. Ihre Geister rufen sie; das Hexenwetter, das sie zusammengestöbert hatte, stöbert sie wie Luftblasen hier- und dorthin. Wer sie zu stehenden Klumpen oder gar zu griechischen Parzen machte, hätte Shakespeare's Idee ganz verfehlt. Die Schlacht endet; sie hatten einen Anschlag auf Macbeth, ihm wahrsagend sein künftiges Schicksal anzukündigen, und sie verfehlen den gemeinen Hexenzweck nicht. Vorher erzählen sie einander am Wege wie gemeine Weiber (die sind sie), wo sie seitdem gewesen, was sie, veranlaßt durch geringe Beleidigungen, gehext oder zu hexen Willens sind; es ertönt die Trommel, sie fahren auf: Trommeln, Trommeln! Macbeth kommt! Die Kreuzwegschwestern, Hand in Hand, Gehend Post über See und Land, So fahren sie hin! so drehn sie sich! Dreimal Dir! Dreimal mir! Dreimal noch! macht neun! Aus der Zauber! Halt ein! ( Macbeth und Banco kommen.) Macbeth. So wild- und schönen Tag sah ich noch nie! Banco ( unheimlich ). Wie weit ist's noch bis Fores? (Er erblickt die Hexen .) Wer sind Die, So dürr und welk und wild in ihrem Anzug! Kaum sehn sie Erdbewohnern gleich, und doch Sind sie darauf. – Lebt Ihr? Oder seid Ihr Etwas, Das man anred'? Ihr scheint mich zu verstehn, Da Alle Ihr den dürren Finger an Die welke Lippe legt. – Ihr kommt als Weiber, Und doch verbieten Eure Bärte mir, Für Weiber Euch zu halten. Macbeth. Sprecht, wenn Ihr könnt; wer seid Ihr? Hexe 1. Gut Glück Dir, Macbeth! Glück Dir, Than von Glamis! 2. Gut Glück Dir, Macbeth! Glück Dir, Than von Cawdor! 3. Gut Glück Dir, Macbeth! der'nmal König sein wird! Sofort fährt der Hexenspruch dem Macbeth ins Hirn. Banco. Wie staunt Ihr, Herr, und starrt, als ob Ihr fürchtet . Was doch so schön klingt? ( An die Hexen. ) In der Wahrheit Namen! Seid Am Anfang dcs Verses ist wol »Sprecht« oder »Sagt« ausgefallen, wodurch der Vers eine Silbe eingebüßt hat. – D. Ihr Blendwerk, oder seid Ihr wirklich, Was äußerlich Ihr scheint? Ihr grüßet meinen Edlen Gefährten mit so gegenwärt'gem Als künft'gem Glück, mit Königshoffnung gar Daß Ihr ihn außer sich gesetzt habt . Mir – Mir sagt ihr nichts. Könnt in die Saat der Zeit Ihr schaun und sagen, was in ihr aufwächst Und nicht aufwächst, so redet auch zu mir Der weder Eure Gunst erbettelt, noch Für Eurem Haß sich fürchtet! Hexe 1. Glück! 2. Glück! 3. Glück! 1. Kleiner als Macbeth und größer! 2. Nicht so glücklich, aber viel glücklicher! 3. Von Königen Vater, aber selbst nicht König! So – gut Glück, Macbeth und Banco! 1. Macbeth und Banco, gut Glück! ( Alles schnell wie im Hexenwetter prophezeiht. ) Macbeth. Halt, unvollkommne Sprecher! sagt mir mehr! Durch Sinel's Tod, das weiß ich, bin ich Than Von Glamis. Doch von Cawdor, wie? Der Than Von Cawdor lebt in Glück und Ehren, und – König zu sein – steht in glaubhafter Aussicht Gar nicht; ( mildernd die Rede ) und Cawdor eben auch nicht. Sagt, Woher habt Ihr die sondre Wissenschaft? Oder warum nehmt Ihr Euren Weg auf dieser Fruchtlosen Heide mit so prophet'schem Gruß? Sprecht ! Ich beschwör' Euch. ( Sie entschwinden. ) Banco. Die Erd' hat Blasen wie das Wasser; Diese Sind solcher Art. Wohin entschwanden sie? Macbeth. In die Luft; und was an ihnen leibhaft schien, Schmolz wie ein Hauch im Winde. Ich, ich wollt', Sie wären mir gestanden. Vom ersten Augenblicke an, wie verschieden zeigen sich bei diesem verführenden Blendwerk Banco's und Macbeth's Charaktere! Banco. War das, wovon wir sprechen, war es hier? Wie? oder aßen wir Tollwurzel, die Die Vernunft gefangen nimmt? Macbeth ( neidig ). Vater von Königen, das solltet Ihr sein. Banco. Und Ihr selbst König. Macbeth. Und Than von Cawdor auch. War es nicht so? Banco. Auf gleiche Weis', in gleichen Worten. Wer Kommt hier? Es sind zwei Edle, die auf Befehl des Königes den Macbeth als Than von Cawdor grüßen und dadurch auf einmal den Gruß der Zauberschwestern in seinem angebrannten Hirn mächtig besiegeln. Macbeth. Glamis und Than von Cawdor also wär' ich! Das Größte ist dahinten! Dank, Ihr Herren! ( Zu Banco .) Hofft Ihr jetzt nicht, daß Eure Kinder Kön'ge Sein werden? Da, die mir den Cawdor gaben, Nichts Wenigers Ihnen , als mir dies verhießen? Banco. Zu Hause dies ins Ohr gesagt, An Lady Macbeth nämlich. – H. das möchte Euch gar anfeuern, nach der Krone selbst Zu streben, mehr zu sein als Than von Cawdor. Es ist sonderbar, und oft, zu unserm Harm Uns zu gewinnen, sagen die Werkzeuge Der Finsterniß uns wahr , gewinnen durch Erlaubte Kleinigkeiten uns, in Folgen, In schweren Folgen uns zu hintergehn. (Er wendet sich aus dem Gespräch, um damit nichts weiter zu schaffen zu haben.) Cousins, ein Wort an Euch! Ich bitte – Macbeth (für sich fortbrütend) . Zwei Wahrheiten sagten sie, als glückliche Prologen zu dem steigend-höhern Act Des königlichen Thema . Dank, Ihr Herren! (Die Lords gehen ab.) Die übernatürliche Reizung – böse Kann sie nicht sein – und auch nicht gut. Wär's böse, Warum gab sie mir Handgeld zum Erfolg Durch eine Wahrheit? Ich bin Than von Cawdor. Wär's gut, warum horch' ich auf dies Einblasen, Das mir im schauerlichen Bilde schon Mein Haar starr aufregt und mein ruhig Herz Mir an die Rippen wirft, ganz der Natur Zuwider? Gegenwärtiges Ereigniß Ist nicht so schrecklich als furchtbare Bilder . Der Mord mir in Gedanken, der doch nur Phantastisch ist, erschüttert mich, den Mann, So ganz, daß sein Vollbringen sich in bloße Einbildungen verlieret, und was nichts ist, Ist nichts. Welch ein phantastischer Sophist! die That nur eludirend . Ein schwaches Hirn wie dieses ist jedes weitern Truges fähig und werth. Banco. Sieh, wie er außer sich ist, mein Gefährt'! Macbeth. Will mich das Schicksal König haben, nun, So kröne mich das Schicksal ohne mein Anregen! Banco. Neue Ehren, die ihm zu- Gekommen sind, sie sind wie fremde Kleider, Die uns nicht passen. Doch sie werden passend Durchs Tragen. Macbeth. Komme dann, was kommen mag! Die Zeit läuft ab, auch durch den rauhsten Tag. Banco. Würdiger Macbeth, wir warten auf Euch. Macbeth. Verzeiht! Mein tolles Hirn arbeitete Ueber – vergess'ne Dinge. – Meine Herren, Euer Verdienst um mich ist da verzeichnet, Wo täglich ich das Blatt umwend', um es Zu lesen. Gehn wir nun zum Könige! (Zu Banco .) Vergeßt nicht , was sich zutrug, und bei mehr Zeit (Die Zwischenzeit mag es erwägen !) sprechen Wir unsre Herzen frei aus zu einander. Banco. Recht gern. Macbeth. Bis dahin gnug! Kommt, Freunde, kommt! Wer sieht nicht in diesem Charakter schon die ganze That voraus? Banco selbst ahnt sie sogleich leise; er kennt Die, die den schwachehrgeizigen Macbeth bei der kleinsten vertraulichen Aeußerung dieser Geschichte weiter spornen werde. Wie verschieden nehmen Banco und Macbeth die ganze Scene! Jener gefaßt, ruhig, vorsichtig; das ganze Ereigniß scheint ihm kaum mehr als ein Traum; er warnt seinen Gefährten. Macbeth, der, so sehr er Mann sein will, schwache Macbeth ist sogleich außer sich. Ein von Weibern auf dem Wege ausgestreuter Funke hat in seinem Hirn gezündet! Die That selbst ist schon, und zwar, wie es ihm vorkommt, unschwerer geschehen als daran der Gedanke. Das phantastische Denken daran mache den Entschluß, meint er, auf der einen Seite fürchterlich, auf der andern zum Traume. Was wird dieser Mann in den Händen seines ehrsüchtigen Weibes werden? Sein verwirrter Brief an sie über diese Zauberbotschaft zeigt, daß sein Hirn glühe, und wohl weiß sie, woran es ihm fehlt, ihr aber nicht fehlt, an – Entschluß . Lady Macbeth. Glamis und Cawdor: also bist Du, und – Sollst auch sein, was man Dir versprach. – Und doch – Fürcht' ich Deine Natur; sie ist zu voll Von Milch der Menschengüte, um gerad' Den nächsten Weg zu nehmen. Groß – das wolltest Du sein; ohn' Ehrbegierde bist Du nicht; Doch soll vom Uebeln nichts dabei sein. Hoch auf Steiget Dein Wunsch; doch soll's ein heil'ger Wunsch sein. Mit Unrecht möchtest Du gewinnen, aber Falsch spielen nicht . Sollst haben , großer Glamis, Was Dir zuruft: »Dies muß geschehn! wenn, was Du wünschest, werden soll! « Und Das, was Du Zu thun Dich lieber scheust, als daß Du wünschtest, Es würde nicht gethan, soll werden. Her! Daß meine Geister ich ins Ohr Dir gieße Und mit gewalt'ger Zunge Alles Dir Wegzüchtige, was Dich vom goldnen Reif Zurückhält, den des Schicksals höh're Mächte Zur Krone Dir bestimmten. Fortan ist das heiße, aber schwache Hirn in der Gewalt des Weibes. Der Ausspruch der Hölle erfüllt sich durch ihrer Beider Charakter . Alle kleinen Umstände nimmt Lady Macbeth zu Hilfe; alle kleinen Umstände kommen ihr entgegen. Der freundliche König besucht selbst ihr Haus, sich dem Dach seines Günstlings anvertrauend. Als außer Athem der eilende krächzende Bote ihr diese Nachricht bringt, was spricht sie? Selbst sein Aechzen nimmt sie auf. Der Rabe selbst, er krächzte Mir lieblich, der mir Duncan's Schicksals-Ankunft Unter mein Dach hier meldete. Kommt, Geister, Ihr Laurer auf der Sterblichen Gedanken, Entweibt mich! Füllet mich von Kopf zu Fuß Gradhin mit Grausamkeit! Verdickt mein Blut! Verstopft der Reue Thür und Thor, daß keine Beängstenden Besuche der Natur Erschüttern meinen grausen Vorsatz, oder Friedstiften wollen zwischen ihm und That! An meine Brüste kommt! nehmt meine Milch Für Galle, Ihr Morddiener! wo irgend Ihr In unersichtlichen Gestalten lauert Auf Unfall der Natur. Komm, dicke Nacht, Kleid ein Dich in den dumpfsten Höllenrauch, Daß mein spitz Messer selbst die Wunde, die Es macht, nicht sehe, noch der Himmel durch Die dunkle Decke späh' und rufe: »Halt!« Personen solches Charakters und Vorsatzes dürfen gegen Zufälle des Verhängnisses nicht klagbar werden. »Aber den ersten Funken streuten die Hexen doch in Macbeth's Seele.« Aus keiner Ursache, als weil sie darin den leichtesten Zunder fanden; in Banco's Seele fanden sie ihn nicht. Bemerktet Ihr nie, wie ein schwaches Gemüth allenthalben, bei der leichtesten Veranlassung Funken fängt, die es anglühn und bei dem ersten Windstoß zur Flamme werden? Hier war nach siegreich geendeter Schlacht Macbeth in Wallung, empfänglich jedes Eindrucks. Wären es auch nur gemeine Weiber gewesen, die ihn nach solchem Siege mit dem Königstitel begrüßt hätten: und sein schwaches Gehirn hätte den Gruß als einen Ausspruch der Götter angenommen, dasselbe wäre erfolgt mittelst einiger Monologen. Shakespeare erhöhte die Stimme und verkürzte sich dadurch, ja, er öffnete sich einen neuen Weg. Wenn der von seinem Herzen und von aller Welt verlassene, freundlose Macbeth nirgend nun Rath und Hilfe weiß, wo soll er hin als zu seinen Hexen? Und wobei trifft er diese an? Eben bei ihrem fertigen Werk, dem abscheulichsten, das nie die Sonne sehen wird. Als Köchinnen alles Verruchten dienen sie der Hexengöttin zu Jammer und Elend. Unersättlich dieses Jammers, singen sie wie Mägde einander bei ihrem Geköchs im Chor zu: Mehr noch, Müh und Jammer noch! Feuer, brenn und, Kessel, koch! Ihre Katzengeister rufen sie hinzu, dem Eingebrockten den Zauber zu geben: Blaue und Graue, Geister, schwarz und weiß, Menget, menget, menget, Wer zu mengen weiß! Hexe 1. Ich fühl's, es zuckt am Daumen mir; Was Verruchtes ist nah uns hier – Offen und nah. Wer klopft da? Macbeth tritt ein, und sie lesen ihm ferner die Zauberepistel, die wir nachher Zug für Zug durch den kommenden Birnams-Wald u.s.w. erfüllt sehen, eine wahre und doch trugverführende Höllensage. Seinem Weibe, die keine Hexe verführt hat, die Banco's Geist nicht sieht, spricht statt dessen im Schlaf weit furchtbarer ihr Bewußtsein im innern Busen. Nachtwandelnd erscheint sie und wäscht umsonst das Blut von ihren Händen, dessen Flecke sie einst doch von Macbeth's Händen zu waschen so leicht fand. O Shakespeare! wie kehrst Du das Innere hinaus! machst sprechend den stummsten Abgrund der Seele! Alles ist Dir Verhängniß, und ohne innere Theilnahme doch nichts Verhängniß. Zu jedem Deiner Ereignisse, seien sie Gräuel oder edle Thaten, stimmt die ganze Natur bei, frohlockend oder schaudernd. Das Ungewitter in »Lear«, da der Himmel seinen ganzen Zorn wegen des Undanks der Töchter ausgießt, trifft das nackte Haupt des unbedachten dachlosen Vaters, der an seinem Unglück selbst Schuld ist. Das Klopfen an Macbeth's Thür, sobald der König ermordet ist, und was der Wächter dabei sagt, die Furchtereignisse nach König Hamlet's Tode, sonst jede Zustimmung der Natur zu der von Dir dargestellten That, sie zeigen alle Deine stille, große, ins Weltall ergossene Seele, in die sich Alles spiegelt, aus der sich Alles hinausspiegelt, Verhängniß und Charakter, Charakter und Schicksal. Und jedes Deiner Stücke ist so neu und eigen, als wäre es eine eigne Welt! Nichts von »Lear«, »Romeo«, »Othello« u.s.w. kann ich anderswohin tragen. Hamlet und Macbeth, beide der Geisterwelt zugekehrte, metaphysical characters; und doch stehn sie wie Ost und West aus einander. Den Hamlet konnte die Erscheinung seines allgeliebten Vaters aufs Innigste bewegen, sein Dasein konnte sie auf immer erschüttern, nie aber ihn dahin bringen, daß er eine schauderhafte That zu rasch, unbesonnen vollführte. Im ehrsüchtig-rohen Macbeth zündet ein Hexengruß auf der Heide den Zunder an, der nur diesen Funken nöthig hatte, damit sein Weib ihn zur Flamme aufblase. In allen andern Stücken Shakespeare's erscheint dieselbe hohe Verknüpfung der Begebenheiten, die über Menschenwahn hinausreicht, zu der Menschen aber nach ihren Gesinnungen und Meinungen, nach ihren Neigungen und Leidenschaften mitwirken. Lear z. B.; sobald er mit solchen Aeußerungen sein Reich theilt, ist auch sein Schicksal entschieden. Dem Romeo, sobald er aus der todfeindlichen Familie die Julie sieht und liebt, hat Eris den Apfel geworfen. Sobald Desdemona sich dem Neger Othello hingiebt, schwingt auch Asmodi das Schnupftuch. Das Othello ihr gegeben, und dessen Entwendung die schreckliche Eifersucht und Rache Othello's zur Folge hat. – D. ––––– Fortsetzung. Ist also das Schicksal des Theaters nichts als eine Verknüpfung der Begebenheiten, die mittelst menschlicher Leidenschaften, Sitten und Meinungen bewirkt werden, wer hätte etwas gegen dies unleugbare Verhängniß, dem wir Alle dienen, zu dem wir Alle mitwirken? Wer vielmehr wünschte sich nicht Glück, einen Ausleger dieser Geheimnisse, einen Dichter zu finden, der die Verknüpfung des geistigen und irdischen Reichs der Schöpfung, des Allgemeinen und des Besondern, nicht etwa nur in Worten verkündigt, sondern in dargestellter Handlung zeigt? Denn gewiß wird dieser Dichter den Fügungen der obern und untern Haushaltung nachgespäht, die Knoten ihrer Verknüpfung sowol als ihre Auflösung mit Aug' und Herz beachtet haben. Er führte uns damit ins Heiligthum der Vernunft und des Verstandes, die doch auf nichts als auf den innern Zusammenhang der Dinge hinausgehn. Vor zwanzig Jahren schrieb Lessing ein Stück »Nathan der Weise«, das man sogar ein dramatisches Lehrgedicht über die Vorsehung nannte. Schlimm für das Stück selbst als Drama, wenn es nur dieses wäre; es ist eine dramatische Schicksalsfabel, die zu dem edelsten Zwecke gewebt ward, aus Charakteren gewebt ward, die, ohne es selbst zu wissen, aufs Verschiedenste, alle aber durchflochten miteinander zu einem heiligen reinen Zweck wirken. Ein Tempelherr wird nach Palästina geworfen, er weiß selbst kaum, wie, gefangen und allein begnadigt, er weiß selbst nicht, warum. Es entdeckt sich, einer Ähnlichkeit wegen, die er mit einem Bruder des Sultans habe, sei dieses geschehen; die Sache kommt ihm und dem Sultan aus dem Gedächtniß. Er rettet ein Judenmädchen aus dem Feuer und weiß nicht, warum; kommt dadurch in Bekanntschaft mit Nathan, den er kennen zu lernen nie Lust hatte; mit der Geretteten selbst, deren geistige und körperliche Bildung ihn mit einer Art Liebe überrascht. Der Jude zögert; der Patriarch, ein Klosterbruder, der Sultan kommen ins Spiel; es entdeckt sich endlich, daß Recha des Tempelherren Schwester, daß Beide des Sultans Bruderkinder, daß beide Religionen nahe verwandt sind und der Jude ihr Aller Wohlthäter gewesen. Um ein Märchen von drei Ringen schlingt sich das dramatische Märchen, ein reicher Kranz von Lehre der schönsten Art, der Menschen-, Religion- und Völkerduldung . Im Kampf aller Parteien und Religionen, in ausgewählten, durch das Schicksal zusammengeführten Situationen wird dieser Kranz von den verschiedensten Händen geflochten; alle rufen uns zuletzt das höchste Wort des reinsten Schicksals zu: »Ihr Völker, duldet Euch! Ihr Menschen verschiedner Sitten, Meinungen und Charaktere, helft, vertragt Euch, seid Menschen!« Ein ewiger Denkspruch für unser Geschlecht in allen Classen, Religionen und Völkercharakteren. Die Menschenvernunft und Menschengüte, die in diesem Drama die Wage halten, bleiben die höchsten Schutzgöttinnen der Menschheit. ––––– Lessing schrieb eine » Emilia Galotti «, gleichfalls eine Fabel des Schicksals, durch Umstände und Charaktere bewirkt und wirkend. Ein solcher Prinz durfte nur eine solche Emilie gesehen haben und eines Contrasts ihrer, seiner jetzigen Geliebten satt sein; ein Maler durfte jetzt nur dem Kunst-Mäcenaten beide Gemälde bringen und dabei der Prinz zufällig vernehmen, daß diese Emilie an einen Appiani vermählt, daß heut der Tag ihrer Hochzeit sei, so mußte alles Fernere höchst beeilt und Marinelli zu Allem das vielseitig geschäftige Werkzeug werden. In diesem Hofgewirr, wo, wie in jenem Walde, Des »Sommernachtstraumes« von Shakespeare. – D. fortan Puck spielt, war der Brief der Orsina unerbrochen geblieben; so findet sie ihn. Es geräth und mißräth Alles bis zum tragischen Ausgange. Ob dieser nicht anders hätte sein können, bleibt dem Dichter anheimgestellt; gnug, daß dieser ihn diesmal nicht anders haben wollte . Das Stück entwickelt eine Prinzenfabel mittelst treffender Charaktere unter der Leitung eines Marinelli, über ihm aber eines höheren Schicksals, das sich dem Schranzen so wenig als dem Prinzen bequemt. Der Vorhang fällt, und wir schaudern. Discite justitiam moniti et non temnere honestum! »Lernet Gerechtigkeit, und verachten nicht, was honnet ist!« [Virg. Aen., VI, 620] – H. Zwischen Handelnden und Schauenden steht die Regel aufrecht. ––––– Aristoteles hielt die Poesie für philosophischer als die Geschichte, weil sie im Besondern das Allgemeine anschaubar mache; die dramatische erfüllt diese Pflicht unter der strengsten Regel. Denn gäbe es eine tiefere und bündigere Philosophie, als wenn der verworrene Knäuel einer Begebenheit nicht nur nach Zeiten und Sitten dargestellt, nicht nur aus Grundsätzen, Meinungen und Leidenschaften entwickelt, sondern diese alle auch unter eine hohe, reine Vernunft gebracht und zu einem Zweck, mittelst eines Fadens geleitet werden, den im Namen des Schicksals sein Bote und Verkündiger, der Dichter, festhält! Aber wie wenige dichtende Hände reichten an diese Verhängnißtafel! ––––– Ob und welche französische Tragödiendichter dahin gereicht haben, entscheiden wir nicht; vor allen waren zwei Passionen , die ihnen die Regel des Theaters krümmten, Ehrgeiz und Liebe , la noble et la belle passion , wie man sie nannte. Jene verwirrte den Kopf der Menschen, mithin auch das Herz; diese das Herz, mithin auch den Kopf. Welche Ungeheuer sind auf die französische Bühne gebracht, die man als Helden oder Heldinnen dargestellt hat! Dem Ruhm , der Herrschsucht , der Eitelkeit opfern sie Alles auf, Vater, Brüder, Söhne, Weib, geschweige Unterthanen und Diener; Alles der edlen Passion , die in hochtrabenden Sentenzen, in tiefen Planen der Politik, in Verwirrungen über Verwirrungen – toll ist. »Dergleichen Staatsplane und Intriguen zu hören,« würde ein Grieche sagen, »dergleichen Thoren zu bewundern und glücklich zu preisen, versammelt Ihr Euch im Theater? Sind sie glücklich? Machen sie glücklich? Und Ihr bewundert und preiset Menschen, die, mit einem Wort, nicht gescheit sind. Hätte der Dichter auch alle Vorsicht gebraucht, seine Tragödie zu seiner Zeit an den Hof, in das Lager, unter lauter Personen zu setzen, die mit gleicher Krankheit behaftet, allesammt sich und seine tollen Menschen für gescheit halten: habt denn auch Ihr von der Tollwurzel gegessen und seid krank wie sie? Lebe wohl, deraisonnirendes, heldentolles Theater!« Oder sähe er Stücke, wo die belle passion galant dominirt, wo der Held zwei schöner Augen wegen auf einmal sich und seinen Charakter, Vaterland, Würde, That, Freunde vergißt und die Fabel des Schicksals mit seinem zarten Herzen und mit noch zärtlicherm Beifall der Zuschauer zum Ungebilde der belle passion erniedert: »Ist das Eure Welt der Seligkeit?« würde der Grieche fortfahren. »Gilt Euch Galanterie statt honneter Pflicht? schlaffe Delicatesse statt Liebe? Hat, wie jene Abderiten, auch Euch der kleine galante Gott getroffen, daß, wo Ihr Liebe nur nennen hört, Ihr sogleich hinschwindet und ächzet? In welche Region ist Eure Passion gesunken! Aus der Brust in die – Leber.« »Wie aber?« wird das alt- und neugalante Zeitalter sagen, »dürften diese Schwachheiten, die in der Welt herrschen, nicht auf dem Theater vorgestellt werden?« Recht vorgestellt, in ihren wahren Folgen – allerdings! Dazu eben trug Melpomene den Dolch, die Keule. Ihr habt das Geräth verändert; statt jener beschwerlichen Waffen gebt Ihr ihr den Spiegel der Venus in die Hand. Wohl! In ihrer Hand werde auch er ein Spiegel der Wahrheit! Wenn Alles heuchelt, heuchle das Theater nicht; die Stimme unsers innersten Bewußtseins, das Maß über Werth und Unwerth der Gesinnungen, Handlungsweisen und Leidenschaften auch dieser Art ertöne rein; sie werde nie verfälscht! In Cabinetten gelte falsche Politik, im Lager falsche Heldengröße, in Klöstern und Einsiedeleien falsche Heiligkeit, in Sälen der Gesellschaft, in Liebeskammern offner Betrug nach hergebrachten, beiderseits einverstandenen Conventionen, nicht aber bei Vorstellung einer Verknüpfung von Leidenschaften, die unter dem Auge des Schicksals vorgehn, und die seine Hand leitet! Fürchtet Ihr nicht, die ernste und strenge Göttin zu erzürnen, mit der Ihr falsch und niedrig spielt? Beraubt Ihr Euch nicht selbst des reinsten Maßes der Vernunft und des Verstandes, des Rechts und Unrechts, des Glücks und Unglücks, wenn Ihr diese Namen in einen Loostopf der Convention als Modenamen werfet? Glaubt Ihr im Ernst, daß die große Lenkerin der Begebenheiten, die Richterin menschlicher Charaktere, nach der Schminke, die Ihr Euren Larven anstreicht, messe, richte und ihren Gang nehme? Ihr belustigt Euch also, wie die Chinesen, an Fratzenbildern, mit dem süßen Wahn, sie seien das reine Urbild der Menschheit, weil sie »Convention Eures Geschmacks« sind? und seid, wie die Chinesen, das einzige Kunstvolk der Erde. Denn das hat der falsche Geschmack sowie die Unnatur an sich, daß, wenn sie zur Gewohnheit wurden, sie die verkrüppelte Natur höchst ungern verlassen, die einmal sich in ihre Schnürbrust zwang. Frei von dieser, fiele sie ja gar in einander. ––––– Das griechische und englische Theater ging in Absicht der belle et noble passion einen strengeren Weg. Melpomene schonte ehrsüchtiger Tyrannen nicht, noch weniger fröhnte sie und wollte ihren Unsinn verkleiden. Der Atriden Unglück zeigt sie bei allem Glanz ihrer Herrschaft; mit dem Diadem ist es den harten Königsstirnen dieses Hauses eingeprägt, bis in dem geprüften Orest , in der geprüften Iphigenia sich seine Gesinnungen mildern. So manchen Kreon , der tolle Befehle giebt, zeigt sie mit blutender Brust über eigne Unfälle unter der allgemeinen Mißbilligung des Chors, d. i. des Volkes. Vollends die romantische Galanterie der Liebe war den Griechen theils unbekannt, theils bei ihnen verbannt vom tragischen Theater. In Märchen gehörte sie und in erotische Lieder. Shakespeare? Wer hat bei ihm nicht in Aller Stände, mithin in der Könige, Tyrannen, Minister, Helden, und was ihnen zugehört, Herz gesehen und dessen innere Stimme gehört? Habt Ihr den König Lear in seinen Unfällen, unter Donner und Blitz, in der Hütte des nackten Bettlers nicht erblickt? seiner Treuen und Ungetreuen, seines Hofnarren sogar, Gesinnungen nicht vernommen? Keine Angstgeberde Macbeth's drang in Eure Brust? die nachtwandelnde Königin erschien Euch vergeblich? Auch in den historischen Stücken seid Ihr der Richarde , der Heinriche , König Johann's, Wolsey's u. s. w. Herzensbekenntnisse nicht inne worden? Großer, stiller Dichter, Du führtest die Wage menschlicher Gesinnungen und des waltenden Schicksals in Glück und Unglück mit Treue, mit Wahrheit. Keines Deiner Stücke ist dem andern gleich; in jedem haucht ein andrer Welt-, Zeit- und Lebensgeist; das Band der Begebenheiten ward immer anders geschlungen, anders geleitet; und doch ist's allenthalben nur Dein unsterblicher Griffel, der von den Tafeln des Verhängnisses uns diese Gemälde darstellte und unser inneres Auge ihnen aufschloß. So auch bei Shakespeare die Liebe ; nie ist sie ihm Galanterie, als wo sie es sein muß. Wahre Liebe dagegen mit allen Vorbereitungen und Wendungen, mit jedem süßen Spiel, das ihr gehört, geschweige mit den verschiedenen Ausgängen ihres Schicksals – wer hat sie reiner, tiefer, vollendeter dargestellt als Shakespeare ? Romeo und Julie, Desdemona, Imogen , so manch andres Gemälde, mit andern Farben gemalt, in andern Situationen dargestellt, sind ewig lebende Bilder im Garten der Liebe. Ihr und jeder Leidenschaft wies Shakespeare das Gebiet an, das jeder gehört. Auch liegt die Quelle der Infirmitäten vor Augen, unter denen bei andern Nationen das Theater leidet; sie ist – die leidige Repräsentation , ein Ding, das Alles verkünstelt. In der Malerei kennen wir den Unterschied der Gemälde, die den Maler anlächeln, und derer, die vor sich hinsehend für sich da sind. Jene liebäugeln Jedem, der sie anblickt, wie – die Gestalten der neueren Bühne. Sind diese nur für den Zuschauer da, für den sie empfinden, dem sie schmeicheln, den sie rühren wollen und sich damit seinem Wahnsinn, seinen Schwächen anheucheln, so wird Alles ein gegenseitiger Betrug. Der Spiegel der Wahrheit ist zerbrochen; der große Gang der Begebenheit wird durchtändelt. Vergesset, daß Ihr Zuschauer habt, Ihr Schauspielerinnen und Schauspieler! die Großen Eurer Kunst vergaßen es stets. Als bedeutende Charaktere, als Werkzeuge des Verhängnisses handelt Ihr gegen und für einander. Die Begebenheit, die Ihr darstellt, ist Eure Welt; der Geist, der diese Begebenheit erfüllt, Eure Gottheit, Numen , nicht Parterre und Logen. Noch mehr vergebet diese, Ihr Dichter! In Eurem Herzen hängt die Wage, auf der Ihr uns Begebenheiten und Gesinnungen zuwägen sollt; auf den ewigen Tafeln muß Euer Geist die Charaktere gelesen haben, die er darstellt. Hat er dies, so werden ihm Herzen und Geister willig folgen. Hat er's nicht, so bleibt jede Repräsentation kleinlich. Parterre und Theater verderben einander sodann wechselweise, und jedes wälzt die Schuld aufs andre. Vom Dichter muß das Gebot ausgehn; ihm muß der Schauspieler, Beiden wird das Publicum willig gehorchen. Er kann es zwingen zum ächten Gefühl und zwingt es mit süßer Gewalt, unter dem Scepter inniger Wahrheit. Nicht seine Macht ist's, die er ausübt, Macht der Begebenheit, Macht der Regel. So lange ihn: etwas willkürlich , ganz willkürlich scheint, sieht er selbst noch sein Ziel im Nebel. Glaubt er gar, er könne dies Ziel stecken, wohin er wolle, höhnt er das Gesetz – o, so hat das Gesetz ihn längst verachtet! ––––– Fortsetzung. »Aber eine so strenge dramatische Gerechtigkeit, verödet sie nicht das Theater? Soll jeder tugendhafte Charakter in dem Maße, wie er es verdient, belohnt, der Lasterhafte gestraft werden, so hört die Tragödie auf; sie wird ein tragisch-feierliches Lustspiel. Soll den Zuschauern der Codex ihres Gewissens aufgerollt werden, so bleiben sie weg; sie wollen geschmeichelt und amüsirt, nur amüsirt sein.« Falsche Vorspiegelungen der trügen Unkunst, aus Mißverständnissen genommen, Schlaffheiten nährend, am edleren Theil der Menschheit verzagend. Wer will denn, daß jede Tugend ganz belohnt, das Laster ganz bestraft werde? Wer will, daß ein Theater das Forum der höchsten und ewigen Gerechtigkeit werde? Darf sich dessen ein Mensch nur in Gedanken anmaßen? Wir sprechen vom Verhängniß, wie wir's kennen , wie es hier anspinnt, leitet und entscheidet. Nach Maßgabe dessen forderte Aristoteles, daß kein ganz vollkommener Charakter auf der tragischen Bühne erscheine, aber auch kein ganz lasterhafter Charakter. Jener, weil er über uns, dieser, weil er unter der Menschheit sei, mithin bei keinem von beiden Furcht für uns, Mitleid mit ihm stattfinde, weil beide Unsersgleichen nicht sind. Auch der tugendhafte Held sei nicht ohne Fehler, der böse nicht ohne Anlage zum Guten; beide seien und bleiben Menschen, über welche dann das Verhängniß waltet. Walte es über sie, wie es ihm gefällt; die Wage ihres innern und äußeren Werths, ihres wahren Glücks und Unglücks, ihrer Schuld und Unschuld bleibt dem Dichter. Er zeige, was die waltende Göttin mit ihnen vornahm, wie sie es veranlagen und ertrugen, menschlich . Ließ das Glück sie kleiner Fehler wegen sinken, wolan! er darf es nicht rechtfertigen, aber zeigen muß er, was in der Brust des Rechtschaffenen auch gegen diese hohe Hand für ein Gegengewicht liege. Hebt es den Ruchlosen empor und läßt ihm seine Tollheit gelingen: er zeige, wie wenig er dadurch glücklich ward, und welche Folgen diese Tollheit für ihn und Andre habe. Blute die Wunde, oder werde sie geheilt, nur der Lauf der Begebenheit gewinne einen Ruhepunkt oder werde gerundet. So dachten die griechischen Dichter. Oedipus , als Mörder seines Vaters enthüllt, der unschuldig-schuldige Oedipus steht da, blind ein Verbannter. Ein Ruhepunkt in der schrecklichen Fabel seines Schicksals. Jokaste ist todt, die Töchter begleiten den Verbannten. Da erschien sein Schatte dem bejahrten Sophokles und sprach: »Bring mich zur Ruhe! die Fabel meines Schicksals ist nicht beendet.« Sophokles folgte der Stimme und schrieb den Oedipus in Kolone . Vgl. oben S. 294, Anm. 1. – D. Auf seinem Geschlechte lag der Fluch; er ward erfüllt. Antigone stieg lebendig ins Grab, unglücklich, aber schwesterlich-edel, und der Tyrann litt für seine Unthat. In fürchterlichem Zweikampf kommen Oedipus' Söhne, Eteokles und Polynices, um; der Tyrann leidet für seine Unthat gegen die Schwester. Die grause Fabel ist geendet. So Agamemnon's Haus. Der König ist zu den Schatten hinunter; Klytämnestra mit blutiger Hand ist ihm gefolgt, Orestes irrt, verfolgt von den Eumeniden, umher, Iphigenia war geopfert. »Sie sei gerettet,« sprach die Muse. »Die Göttin habe sie nach Tauris gesichert; als Priesterin daselbst rette sie dem letzten Sproß der Atriden das Leben und gründe aufs Neue das Glück des verödeten Hauses. Orestes werde entsühnt, das Schicksal versöhnt.« Prometheus liegt gefesselt am Felsen; soll er dort ewig ächzen? Die Muse erschien dem Dichter; er schrieb den » Entfesselten Prometheus «. Dies ist der Ursprung jener bekannten Trilogien und Tetralogien der Griechen. Nicht blos das Herkommen und die unersättliche Lust der Athener zu Schauspielen brachte sie hervor, sondern das verlangende Menschenherz und die tragische Kunst selbst. Beide sehnten sich nach einer Beendigung, durch welche wie durch den Schluß einer Musik die Leidenschaften gestillt, und wie durch Weihgesänge das erregte menschliche Herz mit dem Schicksal versöhnt werde. Herder würde heute hierin nicht mehr den Ursprung der tragischen Trilogie suchen. – D. Bei den abgeheilten Shakespeare'schen Stücken ist's ein Gleiches. Jedes hat einen Ruhepunkt, jedes verlangt aber auch nach einem Ende in der Fabel des Schicksals. Falle dies aus, wie es wolle: unterliege Cordelia, und über ihr sterbe der verlassene Vater; Hamlet mit Allen, die zum Theil er selbst unschuldig ins Grab riß, erliege, der einzig zurückbleibende Horatio wisse nichts zu sagen, als: »Jetzt bricht ein edles Herz! Prinz, gute Nacht, Und Engel singen Dich zur Ruhe!« – die Fabel ist zu Ende. Fortinbras zieht ein; es beginnt ein neues Blatt des Schicksals. Ueberdem, wer wählt die Fabel des Drama? Der Dichter. So lasse er weg, was er sich zu bearbeiten nicht getraut; zu Fabeln Atreus' und des Thyest's zwingt ihn Niemand. Die hohe Macht, die sie zugelassen oder veranstaltet hat, möge sie selbst rechtfertigen und exponiren. Gar Moralisationen über alte Geschichte fordert man vom tragischen Dichter so wenig als Bußpredigten und zu erregende Bußthränen. Im Trauerspiel sowol als im Lustspiel sind diese oft selbst Dem widrig, der sie vergießt, sobald sie über die Regel der Kunst hinausschreiten. Schmerzliche Thränen vergießen wir im Leben gnug; unangenehme Begegnisse, niedrige Naturen verfolgen uns unaufhörlich; wer seine Kunst darauf anlegt, uns mit diesen auch im Theater zu speisen, uns das uns täglich Drückende recht einzuprägen, ohn' alle Arznei uns den Kelch des Lebens ganz zu verbittern: kein Künstler, Giftmischer ist er oder ein unwissender Apotheker. Edle Charaktere, die unsrer Art, mit unsern Schwachheiten behaftet sind, sollen uns vorleuchten; Helden sollen uns vorstehn, die, wenn sie durch Gebrechen ihr Unglück veranlaßt haben, dies und noch mehr das unveranlaßte klug abwenden, gesetzt ertragen. Das Gute richtet auf, nicht das Schlechte. In einer weinerlichen Krankenstube ohne Arzt, in einem Siechhaufe voll Kerkerluft, wo kein Fenster sich öffnet, wie unwohl wird uns! und wie oft haben wir dergleichen Bußsacristeien, jämmerliche Familien- und Krankenstübchen im Theater! Den schlechtesten tragischen Charakter nennt Aristoteles den Bösewicht, der will und nicht kann; wir haben deren, die bittere, sogar christliche Thränen weinen, daß sie Dummheiten wollen und nicht vermögen. Hinweg mit ihnen in den Limbus ! Limbus, Gürtel, ein abgegrenzter Raum im Jenseits, der in zwei Abteilungen zerfällt, eine für die Heiligen des alten Bundes (limbus patrum) und eine für ungetaufte Kinder (limbus infantum). – D. Habt ein Zutrauen auf menschliche Gemüther, Ihr Dichter, daß sie wohl wissen, was sie vom Theater zu hoffen, aber auch was sie zu fordern haben; ein Quid pro quo speist sie nicht ab. Pflanzt z. B. dem Märtyrer, der als ein Dieb und Thor stirbt, eine Glorie um sein Haupt, legt Hymnen ihm in den Mund: Jeder weiß, was man von ihm zudenken habe. Stellt dem Rechtschaffenen, der unter dem Schimpf der Welt des ungerechtesten Todes stirbt, einen kalten Parentator zur Seite, der von den Belohnungen künftiger Welt viel rede: Niemand hört diese Parentationen. Ein Wort aus dem Munde des Sterbenden, was er hoffe, womit er sich tröste, ist mehr als tausend Worte fremder Verkündigung (δί άπαγγελίας). Ueberhaupt schließt sich uns im Theater die Welt mit diesem Leben. Das künftige hoffen wir; mancher Unglückliche kann sich daran stark aufrichten, einmal aber stießen die Scenen theatralisch nicht in einander. Der Bösewicht kann, wie es bei frommen Stiftungen geschah, den Rechtschaffenen, den er quälte, nicht in jenes Leben assigniren; von ihm darf der Rechtschaffene keine Assignation annehmen. Die einzig wahre Anweisung darauf trägt er selbst in seinem Busen. Christliche Mysterien endlich gehören gar nicht auf die Bühne; kein Grieche durfte Mysterien aufs Theater bringen, oder er ward gestraft. Die Kunst hatte ihn schon gestraft dadurch, daß er sie aufs Theater brachte. Rühren und nichts als Rühren ist der schlechteste oder vielmehr kein letzter Zweck des Trauerspiels. Muß man denn nicht wissen, wofür, wodurch, wozu man gerührt werde? Bei einem verwöhnten, thränenreichen und empfindungsarmen Publicum sind nasse Tücher das zweideutigste Feldzeichen vom Werth des Dichters. Thränenwerthe Scenen giebt es im Leben gnug; von ihnen wollen wir durch Kunstfabrikate die Menschen nicht entwöhnen. Lernen sollen diese vielmehr, wo sie weinen, aber auch wo sie zürnen, wo sie nicht weinen, sondern handeln, wo sie nicht weinen und fassend sich beruhigen sollen; denn dies, nur dies ist nach allen geweinten Thränen der letzte Zweck des tragischen Theaters. Wie die Aesopische Fabel ihre Lehre nur in der bestehenden Naturordnung mittelst fortwirkender unveränderlicher Charaktere anerkannte; wie das Märchen vermöge der Gesetze unsrer Natur seine Welt uns in einem Traumreich zeigte: so strebt die dramatische Poesie , die höchste aller, zum höchsten Ziele. Menschliche Charaktere und Leidenschaften ordnet sie in eine Fabel der Begegnisse des Lebens, die zum Theil aus ihnen entsponnen, gewiß aber durch sie geleitet und ausgelöst wird; und zwar nicht zum blinden Haß oder zu stupider Unterwerfung. sondern durch Furcht für uns, durch Theilnehmung an Unsersgleichen zu Ordnung und Läuterung unsrer Leidenschaften von allerlei Art, wie in den orgischen Geheimnissen Den Orgien der Kabiren und des Dionysos. – bei einem Versöhnungsopfer . ––––– Schluß. Vielleicht sind manche Leser hiedurch noch nicht versöhnt. Der Kranz des Drama hängt ihnen zu hoch, zu hoch der Ring des Schicksals; Reinigung der Leidenschaften scheint ihnen ein herbes Wort. Weiche Seelen wollen gerührt, andre belehrt oder bestürmt werden, alle indeß sich amüsiren. Also noch einen Kampf für die Wahrheit! Die größten Motive des menschlichen Herzens und Lebens sind Furcht und Theilnehmung ; das Trauerspiel ist daher die menschlichste aller Poesien, da es sich dieser Triebfedern im innersten Grunde annimmt. Der ganz furchtlose Tyrann ist ein Ungeheuer. Wer die Nemesis nicht fürchtet, wen sollte er fürchten? was dürfte er scheuen und schonen? Das Trauerspiel stellt ihn in dieser häßlich-verderblichen Gestalt von innen und außen unter die Macht jener strafenden Göttin. Fürchterlich straft sie ihn schon dadurch, daß sie ihm den Sinn verrückt, ihn Pharaonisch verhärtet, ihn taub verblendet. An ihm lernen wir fürchten . Dagegen auch welche Plage des Lebens ist eine schwache, übertriebne Furcht ! Sie stört unser Glück durch Träume künftigen Unglücks und zieht dieses dadurch selbst herbei. Wäre sie auch gerecht, diese Furcht, sie kann nichts ändern! Und das Herz hat sie einmal entwaffnet. Tritt das widrige Schicksal heran, so findet es die durch Furcht geschwächte Brust wehrlos. Hier tritt Melpomene auf und waffnet gegen das Unglück. Nicht zu ehernen Stoikern macht sie uns oder zu hornenen Siegfrieds: gefaßten Geist will sie uns geben auf alle Unfälle des Lebens, durch Nüchternheit, Mäßigung, Verstand, Klugheit (σωϕροσΰνη). Nie sollen wir den Muth aufgeben, aufwärts das Haupt, die Brust uns frei erhalten; das Trauerspiel lehrt uns also die Furcht zähmen . Sofern wirkt es für uns , für uns allein ; es läutert und ordnet Leidenschaften, die zu Erhaltung unsrer selbst gehören. Ehrgeiz, Neugierde, Uebermuth, kränklichen Gram, Mißtrauen, Unzufriedenheit, Kleinmuth u. s. w. reinigt es, alle durchs rechte Maß der Furcht . Da aber der Mensch nicht allein in der Welt lebt und ohn' andre Menschen nie glücklich leben kann: wie heißt die Triebfeder unsers Herzens, die uns mit Andern zu Glück oder Unglück verbindet? Theilnehmung . Auf Sympathie ist sie gebaut; schlüge dies Gefühl in unsrer Brust nicht, kein Dichter könnte es uns einwirken. Aber es schlägt bei jedem Gegenstande unsersgleichen, am Stärksten bei seinem Schmerz, bei seinen Leiden. Dies Gefühl rege zu machen, rege zu erhalten, es aber auch in seine Schranken zu führen und sicher zu leiten, dazu arbeitet die dramatische, vorzüglich die tragische Dichtkunst. Da wir nämlich an Allen unsersgleichen auf gleiche Art, in gleichem Maße nicht Theil nehmen können, müssen und dürfen, so soll die tragische Dichtkunst uns lehren, an wem und woran und in welchem Maß wir Theil nehmen sollen , damit unsre Theilnehmung vernünftig sei, d. i. damit sie sowol gegen Andre ihren Zweck erreiche, als auch uns nicht selbst nutzlos zerknete und aufreibe. Den untersten Grad der Theilnehmung nennt Aristoteles menschenfreundliche (philanthropische) Gesinnungen ; wir sind sie Jedem unsers Geschlechts schuldig. Auf ihre Ausbildung soll Alles wirken, Erziehung, Beispiel, Lehre, Geschichte, Fabel, Märchen, die sämmtliche Dichtkunst. Sind sie aber das Maß der Theilnehmung, das die Tragödie in ihrer Hand hat? Aristoteles sagt: »Nein!« und das mit Recht. Was durch alle Mittel bewirkt werden kann und soll, was mitunter das Trauerspiel auch mit bewirken muß, weil es sonst eine Kunst der Cannibalen wäre, darf und kann Nichtsein eigner, besondrer und höchster Zweck sein. Mit Recht nennt Aristoteles also die nähere, höhere Theilnahme, die wir den Helden oder Heldinnen des Trauerspiels schenken, einen Affect, Mitleid . Dies Wort unsrer Sprache spricht die Sache selbst aus. Wem schenken wir mm dies Mitleid? Dem? Dem? Dem? Der? Der? Der? Die schärfste Prüfung wird diese Frage verdienen; Eine Prüfling dieser Art wird in dieser Zeitschrift nach Ort und Zeit folgen. –H. (Ist nicht erfolgt. – D.) denn es wird ein Dolch an unsre Brust gesetzt, wenn wir diese, die zarteste Gabe unsers Herzens, das hohe tragische Mitleid , Unwürdigen geben sollen. Mörder der Melpomene sind sie, die solche für Unwürdige abfordern; denn nicht nur haben wir in unserm Herzen nichts weniger zu vergeuden als dies Mitleid, sondern, da dieser niedrige Diebstahl, z. B. für Huren und Buben, hier durch Mißbrauch der edelsten Kunst geschieht, so ist der schlechteste Name, der genannt werden kann, »ein Kuppler!« für den tragischen Kuppler fast noch zu linde. Werden wir nicht im Leben vom Mitleid gnug geängstet? Sehen wir nicht Hunderte mit uns leiden, denen wir nicht helfen können? Tausende, denen wir nicht helfen mögen? Und Ihr, die Ihr sie höchst gerecht bestimmen solltet, verrückt uns diese Wagschale? Ihr verfälscht sie wissend sogar, Dichter? Erlaubt, daß wir Euch, zwar nicht wie Plato aus der Republik, aber aus unserm Herzen vertreiben. »In dies Stück komme ich nie wieder.« Mitleid , das höchste Mitleid , welch ein Geschenk! Bei jeder innigen Theilnahme geben wir einen Theil unsers Herzens hin, ja vielmehr der Gegenstand wohnt in unserm Herzen; wir theilen sein Schicksal. Wollten wir's mit einem Unsinnigen, einem Verachtenswürdigen, einem Schwächlinge, einer Mörderin, Buhlerin oder irgend einem Gemeinen, Niederträchtigen theilen? Hier also brenne die Gluth der schärfsten Prüfung! Nicht nur alles Verachtenswürdige, Schamlose, Häßliche, Tollkühne, Freche, Eitle, Verführende brenne sie ab, sondern im stärkeren wie im schwächeren Charakter werde der Punkt geläutert: » wiefern er an seinem Schicksal Schuld sei und sich selbst Vorwürfe zu machen habe.« Denn machen wir sie uns nicht statt seiner? Uns mit dem Schicksal zu versöhnen, jede Leidenschaft in uns so zu läutern, daß sie ein Werkzeug der Vernunft werde, dies ist der Zweck des Drama. Ueber Haß und Liebe, Freude und Traurigkeit, über Verdruß, Reue, Schwermuth, Stolz, Ehrgeiz und jede andre Begierde, nicht minder über Niedergeschlagenheit, Trägheit, Demuth u. s. w. gebietet es, daß jedes Unlautre hinweggethan , dagegen Zufriedenheit mit sich und mit seinem Schicksal, bescheidne Achtung und Fassung seiner selbst, hilfreiche Theilnehmung am Wohl und an der Noth Andrer unser bleibender Charakter werde . Welche Tragödie an ihrem Theil hiezu nicht, wohl aber dazu beiträgt, daß unlautre, böse Affecten in uns genährt und gereizt werden, die sie mit einem falschen Schimmer umkleidet, die holte ihr Feuer nicht vom Altar der Musen. Dies ist nun die Reinigung der Leidenschaften χάδαροις παδημάτων, die nach Aristoteles das Trauerspiel beenden soll ; Vgl. dagegen die Anmerkung zu S. 291. – D. er hat sie, nicht in der Moral , aber zu Ende der Politik , wo er von der Musik handelt, eben an den Wirkungen dieser Kunst erläutert. Dahin sie denn auch gehört. Der reine Weise und Tugendhafte bedarf des Theaters nicht; wer aber Leidenschaften in sich zu läutern, wer mit sich und mit dem Schicksal zu kämpfen oder sich mit ihm zu versöhnen hat, der komme und lerne. ––––– Hieraus ergiebt sich, daß, je geordneter die Menschen und die Staaten werden, der Zunder zur tragischen Flamme sich mindre. Atreus, Thyeste, Klytämnestren u.s.w. giebt es nur in den sogenannt heroischen Zeiten; in andern spielen sie ihre Rollen hinter dem Vorhange oder gar in der Coulisse, sittlicher, verdeckter. Nur Macbeths können morden wie er; nur Othellos erdrosseln ihre Desdemonen also. Eine gewisse Rauhheit der Seele in Herrschsucht, Rache, Stolz, Grausamkeit scheint unter der Hand der Zeit abgeschliffen, wenigstens geglättet zu sein, daß sie so scharf nicht ritzt oder schneidet. Sieht man Lessing z.B. die Mühe nicht an, die er hatte, den Mord seiner Emilie durch die Hand des Vaters bei den Zuschauern nur zu rechtfertigen? vielmehr im Gemüth Beider und in der Situation selbst ihn zu motiviren? Die Zeiten der Virginia sind vorüber, und ein andrer Vater als Odoardo hätte den Dolch vielleicht wohin anders gerichtet. Auch sind wir in unsern Begriffen von einem waltenden Schicksal absprechender worden; wir wollen ein Verhängniß nicht mehr glauben und haben Recht daran, wenn damit eine schadenfrohe Gottheit oder gar eine Hekate gemeint ist. Aber auch den Sturz der Thronen, den Ausgang ganzer Geschlechter, die ein Dämon verfolgt oder eine Unthat hinabreißt, den äußersten menschlichen Jammer, das tiefste menschliche Elend schaudern wir zu sehen; wir fordern einen fröhlichen, wenigstens einen gemäßigten Ausgang. So will es unser Schicksal. Wie nun? Sollen wir deshalb jene alten hohen Fresco-Gemälde bei Aeschylus, Sophokles, Shakespeare aufgeben ? Gewiß nicht! So waren die Menschen einst, und so sind sie noch, jetzt nur schlauer, verdeckter. An jenen großen Vorbildungen in Tugenden und Gräueln lasset uns hören, in welchen Tönen, mit welchen Wendungen die Leidenschaft einst laut sprach; jetzt raisonnirt sie leiser und feiner. An Kritzeleien aber läßt sich keine reine Handschrift lernen, sondern an großen, starken Fracturzügen. Das Menschenherz bleibt immer dasselbe; die Schickung waltet durch alle Stände. Ein unbedeutender Mensch erfährt oft Katastrophen, wie König Lear sie kaum erfuhr; einer bedrängten Familie erscheint die Retterin aus Noth gewiß erwünschter, freundlicher, milder als einer Königin der unerwartete Bundesgenoß ihrer Kriegs- und Staatsplane. Die Herabstimmung der hohen Tragödie zu dem sogenannt bürgerlichen Trauerspiel ist also keine Erniedrigung, keine Entweihung. Der Ungeheuer auf Thronen sind wir satt; wir wollen in den uns näheren Ständen und Verhältnissen Menschen sehen, die mit eignerer Kraft als vielleicht Jene die Schickung abwenden oder gegen sie kämpfen. Sokrates und Epaminondas , die Horazier, Coriolan, Regulus, Brutus, Cinna, Seneca, Papinian u.s.w. waren keine Könige, sondern Bürger. Hat das rettende Stück einen fröhlichen Ausgang, so schmerze es der Spottname einer weinerlichen Komödie ( comédie larmoyante ) nicht; wir haben unter diesem Namen rührende Stücke der leidenden und geretteten Menschheit. Ueberhaupt ist's ein gutes Zeichen, daß wir den Geschmack am Flitterstaat der altfranzösischen sowie an der gothischen Pracht der englischen Tragödie verloren haben; auch die Theilnahme am Geklirr und Gelärm des alten gedankenlosen Ritterwesens Mit Beziehung auf die in Folge von Goethe's »Götz« aufgekommenen Ritterstücke. – D. ist fast vorüber. Der Feind, mit dem wir kämpfen, ist das schwächliche Divertissement falscher Künstelei, falscher Liebelei, falscher Weisheit. Gern möchten wir den ganzen Shakespeare in einen Gozzi verwandeln, den man ja auch den italienischen Shakespeare genannt hat, oder wo möglich alle seine Stücke als Opern sehen und hören, – nicht überlegend, daß wir dadurch die ganze Kraft seiner tragischen Muse , seinen Monolog, seine Sprache des Herzens, der Vernunft und Natur, sondern auch die Declamation verlören, die nicht am Gesange (denn der will gehört, nicht gesehen sein), sondern an gesprochenen Worten haftet. In Vorzeichnung der Action durch die Sprache selbst ist Shakespeare Meister. ( Die Fortsetzung folgt .) Ist nicht erfolgt. Die »Nachlese zur Adrastea« brachte noch ein Bruchstück über das Drama. – D. 11. Das Lustspiel. Unterredungen. ––––– 1. A. Ihre Blätter vom Trauerspiel habe ich gelesen; wo wollen Sie aber mit dieser Idee beim Lustspiele hinaus? Ist es nicht auch Drama? Und wo ist sein Ring des Schicksals? B. In der Hand des Dichters, wie beim Trauerspiel; und zwar ist er im Lustspiel fast noch erkenntlicher als in diesem. Er heißt die Fabel der Komödie, ohne welche, sinnreich angelegt, verschlungen und entwickelt, kein Lustspiel taugt. A. Und die Charakter-Komödien? die ächt philosophische Gattung? B. Sind hinkende Stücke wie die ausgeputzten Charakter- Trauerspiele . Will ich Charaktere beschrieben lesen, so nehme ich Theophrast, La Bruyère oder Aristoteles' »Rhetorik«. A. Hier sehen Sie sie aber dargestellt . B. Ohne daß sie in eine Fabel greifen und mit ihr innig verwebt sind, hindern sie das Lustspiel. Isolirt steht sodann der breit angemeldete Charakter vor mir, geschildert, nicht handelnd. Angeputzt wird er und angezogen; rings um ihn werden Spiegel gestellt, daß man ihn ja von allen Seiten erblicke und wahrnehme; dann wird er entkleidet, man zeigt seine Höcker; wol gar wird er lebendigen Leibes operirt, secirt – eine peinliche Kunst, von der schon der Name Lustspiel sich lossagt. A. Und wir haben doch so treffliche Stücke dieser Gattung! B. Die trefflichsten sind nie ohne Fabel ; und je besser es der Dichter verstand, desto sorgsamer ließ er den Charakter dem Gewebe der Fabel nur dienen . Oder vielmehr (denn was sollen die Schaarwerksnamen Dienst und Herrschaft bei Künsten des Schönen?) Fabel und Charakter entsprangen in seinem Kopf zugleich: der Charakter ward ein Motiv der Fabel, die Fabel ein Abglanz des Charakters. Auf keine Seite ließ er die Wage schwanken, geschweige, daß er mit aller Gewalt sie auf eine Seite herabgedrückt hätte. A. Molière! Destouches', Regnard's Charakterstücke! Gresset und so viele Andre. B. Gresset's Méchant ist ein mechanter , unerträglicher Charakter; er hat sich, wie mehrere von Destouches , bald von der Bühne verloren. Manche Stücke nennt man Charakterstücke, da sie es doch nicht sind; denn die Spielsucht z. B. ist ein Fehler, ein Laster, aber kein Charakter. Sodann werden Charaktere ja nicht von der Bühne verwiesen ; vielmehr sind sie ihr unentbehrlich, da die Fabel nur durch sie und mittelst ihrer handelt. Nur dürfen sie der Fabel nicht gebieten; als Werkzeuge stehen sie unter der Fabel, oder vielmehr beide spielen zu Einem. A. Der Unterschied will mir nicht in den Sinn. B. Denken Sie an die unangenehme Hätschelei, die Sie jedesmal empfanden, wenn Ihnen Charaktere anders als durch Handlung , d. i. in der Fabel des Stücks selbst, exponirt werden sollten. Hier preisen junge Ehegatten sich einander so selig! »Seid's!« rufen wir ihnen zu; »zeigt, daß Ihr's seid! Nur schwätzt nicht! Ihr werdet unerträglich.« So bei jeder Schilderung des Charakters ins Gesicht oder hinter dem Rücken, mit Fehlern und Lastern, die von ihm oder vor ihm gesagt werden. Unsre Haut wird uns zu enge. »Jagt ihn vom Theater, wenn er nicht taugt,« rufen wir aus, »nur lasset uns mit ihm in Frieden! Gebt uns Handlung! wir sind im Lustspiel, nicht in der Charakter-Buchstabirschule .« A. Da nehmen Sie dem Theater sein Lehrkatheder, sowie dem Schauspieler die Hälfte seiner Kunst; denn eben in Charakteren kann er sich ausnehmend zeigen . B. In übertriebnen Charakteren, sie übertreibend! Den Wüthrich Herodes ausherodisirend, den Polterer überpolternd – eben dies Uebertreiben ist Verderb der Kunst. An Grimassen der Art hängt zwar der Pöbel: »Ach, er hat herrlich gespielt! Neben und hinter sich verdunkelte er alle Mitspieler. Man sah nur ihn.« Uebel gnug, wenn er so spielte; schlimm gnug, wenn es der Dichter darauf anlegte, daß dieser allein figurire. In einer wohlgewandten Fabel ist uns der Geringste werth; deshalb aber bleiben und bestehen immer Grade des Werthes. A. Charakterstücke geben so schöne Verse, so treffliche Situationen . B. Situationen gehören zur Fabel; eben dies beweist. Laufen Sie im Andenken die besten Charakterstücke durch, die die Bühne der Neueren hat, den »Geizigen«, »Tartüffe« u.s.w.: zuerst fallen Ihnen Situationen ein, in denen sich der Charakter zeigte. Ist die Fabel ganz aus solchen gewebt, ein Kranz glücklicher Situationen, so sind wir einig. Glänzt hie und da nur eine Situation hervor: mit den schönsten Versen und Reden lahmt das Lustspiel. Dergleichen Verse konnte man beim Lehrdichter, und vielleicht besser lesen, dergleichen Reden vom Redner hören. Zu solchem Zweck kamen wir nicht ins Theater. A. Wird aber eben hiedurch die dramatische Kunst nicht philosophisch ? Sind dergleichen Charaktere nicht bleibende Physiognomien der Menschennatur für alle Nationen, für alle Zeiten? B. Nichts weniger. Eben das, was man auf der Bühne Charakter nennt, Sitten, Meinungen, Gewohnheiten, Eigenheiten sogar, verändern sich unaufhörlich mit Völkern und Zeiten. Bei Molière's ausgearbeiteten Charakterstücken stand schon vor dreißig Jahren das französische Theater leer; man lief zur Posse, zum italienischen Theater. »Ach.« hieß es, »solche Tartüffen giebt's nicht mehr; wenn Molière aufstünde, müßte er sie jetzt anders kleiden. Es sind alte Späße.« Dagegen an Molière's Stücken, in denen die Fabel herrscht, fand man immer Freude; der Médicin malgré lui , sein letztes Stück, wird auch auf dem Theater sein letztes, das dauerndste bleiben. Gehen sie die englischen Humour-Stücke durch, wie wenige der alten von Ben-Jonson u. s. w. haben sich auf der Bühne erhalten! Einfälle, Scenen, Situationen nimmt man aus ihnen und kleidet sie neu ein; die Charaktere selbst müssen neu gestützt oder umgeschaffen werden. Sie sind, sagt man, nicht mehr für unsre Zeiten. Und unsre älteren deutschen Charakterstücke, ob sie gleich so gar alt nicht sind – A. Von denen wollen wir schweigen. Freilich haben sich in kurzer Zeit die Großvatersitten sehr geändert! B. Was uns dagegen in alten und den ältesten Stücken bleibt, sind bei ächtem Witz treffende Charakterzüge, die der Situation entsprechen , kurz, die charakteristische Fabel . ––––– 2. A. Wie wird's aber mit dem Schicksal in der Komödie? Mich dünkt es in ihr ein komisches Schicksal. B. So ernst, als es die Tragödie haben kann; es ist das Wesen und die Verknüpfung der Fabel . Glauben Sie, daß der Dichter des lustigsten Spiels lachen müsse, wenn er die Fabel aussinnt? Und thäte er's, sein Lachen muß der heitersten Vernunft zugehören. Sonst ist die Posse des Anschauens nicht werth. Die Vernunft muß den Kranz der Begebenheiten flechten; mithin muß sie zuerst wegwerfen, was zu ihm nicht gehört . A. Zum Beispiel alles Niedrige, Häßliche, Abscheuliche, das man nirgend, geschweige auf dem Theater zu sehen wünscht. B. Zuvörderst also alle Laster . A. Alle Laster ? Keinen lasterhaften Charakter soll die Komödie als häßlich darstellen dürfen? B. Keinen; dies ist nicht ihr Amt. Für Kanzel und Katheder oder gar für Gefängnisse. Richterstühle, Zuchthäuser gehört das Laster, nicht für das Lustspiel, das sich an Lastern weder erfreuen soll , noch sie zu bessern vermag . Haben Sie nie die Qual der Hölle empfunden, wenn ein Verruchter, komisch gehalten, durch alle fünf Acte unsern innern Sinn für Pflicht und Recht quält? Seine Familie hat er ins Unglück gestürzt, Weib und Kindern macht er Höllentage, den Freund hat er betrogen, das Mädchen verführt, den Herrn bestohlen, in Amt und Geschäft ist er von allen Seiten ein Schurke; und diesen Bösewicht, der in die Karre gehört, müssen wir fünf Acte lang vor uns sehen, allen Jammer, den er gestiftet hat und zu stiften fortfährt, mit Augen erblicken, ihn seufzend, weinend, zankend uns vortragen hören; zuletzt kommt ein edler Freund und rettet ihn, oder der gnädige Herr erscheint und vergiebt ihm; er weint Bußthränen, um – es wahrscheinlich im sechsten Act , wenn das Stück fortginge, noch ärger zu machen, als er es im ersten machte. Ein treffliches Lustspiel! in dem man für Unlust und Ungeduld die ganze Wirtschaft nach Newgate Gefängniß in London. – H. wünschte. Aristoteles setzt es als ersten Begriff des Lustspiels, daß es mit straffälligen Lastern nichts, wohl aber mit Fehlern, mit Auswüchsen der menschlichen Natur zu thun habe, die lächerlich, aber nicht schädlich sind. Was Verderben nach sich ziehe (τό ϕϑαρτιϰόν), sei kein Gegenstand des Lustspiels. Aristoteles (»Poetik«, 5. 1) sagt, nicht alles Häßliche sei lächerlich, nur das, was keinen Schaden bringe. – D. A. Welche Menge trauriger Lustspiele käme damit nach Newgate ! B. Sollen, dürfen wir über diese Bösewichter lachen ? Verbietet uns dieses nicht die innere erste Regel des Rechts? Und warum dürfen wir über sie weinen ? im Lustspiel weinen? Weshalb müßten wir die Folgen ihrer Eseleien fünf Acte durch mittragen? Die unzeitigste Philanthropie , die der Gerechtigkeit den Maßstab krümmt und jede wahre Theilnehmung mit dem würdigen Unglücklichen süßlich verschlemmt. Bei solchen Scenen laßt mir die weinenden Kinder, die heulenden Weiber weg vom Theater; und statt zu weinen, hänge sich der Bösewicht auf: Warum that er's nicht schon vor dem ersten Act? so wäre das ganze Stück unterblieben. A. Das Häßliche (αίσχρόν) gestattete Aristoteles indeß doch dem Lustspiel. B. Das Unschädlich -Häßliche allerdings, insonderheit wenn es Lachen erregt; eben dies Lachen über die Ungestaltheit oder Unschicklichkeit zeigt, daß sie unschädlich sei. A. Da räumen Sie dem Lachen, als einem untrüglichen Kennzeichen des Unterschieds zwischen Fehler und Laster , viel ein. B. Nicht mehr, als ihm gebührt. Jeder lacht freilich auf seine Weise; auch dies ist in der Regel. Die Komödie soll uns aber nicht blos lachen machen, sondern lachen lehren . A. Wie das? B. Daß nichts lächerlich vorgestellt werde, als was lächerlich ist, daß es in dem Maße lächerlich vorgestellt werde, als es des Lachens werth ist, oder – A. Oder? B. Der Dichter selbst und seine Helfershelfer werden – lächerlich oder erbärmlich. Stellen Sie falsches Maß und Gewicht, geben Sie die edelsten Dinge, Sachen, Charaktere, Geschäfte und Personen einem Zotengelächter preis – A. Da treffen Sie eben auf das, was die Gegner Shaftesbury's gegen das Lachen als Prüfstein der Wahrheit, später darauf J. J. Rousseau und Andre gegen die Komödie so stark eingewandt haben, nämlich: » Alles könne lächerlich gemacht werden, Alles nach den Sitten unsrer Zeit werde lächerlich gemacht.« B. Von wem? Von Gecken, die dagegen das Lächerlichste nicht lächerlich und das Niedrigste bethulich finden. Glauben Sie gewiß, im unbefangnen Lachen (nicht im witzigen Hof- und Modegelächter, so wenig als in der groben Bauernlache ), im unbefangnen Lachen äußert sich so ein sichres Kennzeichen der Natur als in der unwillkürlich, ja unwillig fließenden Thräne. Niemand als der Bösewicht oder der Gauner kann beiden entstehn; Niemand als sie wollen sich beiden versagen. So wenig man in blos körperlicher Rücksicht dem Husten, Gähnen, Niesen sich entziehen kann und darf, obwol man nicht eben laut gähnt, hustet und niest – man unterdrückt sie eine Zeit lang, und wider Willen kommen sie wieder –, ebenso unvertilgbar ist der gaukelnde Gott Jocus . A. Lachern wol; sonst sagt man: »Der Weise lache nicht, er lächle nur.« B. Mir ist gesagt: »daß man sich nicht besser befinde, als wenn man bei dem Lächerlichen lacht, nicht zürnt; wenn man leichte Dinge leicht ansieht und in Lilliput nie ein Brobdingnag erwartet; wenn man lacht, wo nicht anders als zu lachen, dagegen ernst ist, wo man ernst sein soll und, recht genommen, nicht anders als ernst sein kann .« A. Und dies lehrte uns die Komödie? B. Einzig sie. Sie hat, nach dem gemeinen Ausdruck, den Sack oder vielmehr die Wage des Lachens in der Hand, mit allen ihren Graden. Wem Alles gleichgiltig, ist ein Sinnloser; wer über Alles lacht, ist ein Geck; wer uns im Lachen verführt, ein Verführer. Daß wir in diesen Dingen des zartesten Urtheils das Richtmaß verloren haben, ist es ein Zeichen unsers sichern Geschmacks, unsers rein prüfenden Urtheils? A. Gewiß nicht. Noch aber ist eine Grenze des Häßlichen und Verführenden der Komödie übrig, die ich kaum zu nennen getraue. B. Zu Allem lassen sich Worte finden. ––––– 3. A. Zu Allem lassen sich Worte finden. Sie wissen, was in unsrer Natur das Häßlichste werden kann, was die Natur daher selbst mit Scham und Schweigen umhüllt hat; wie wenn man dies, mithin das Lüsterne , zum Gegenstande der Komödie machte? Man gäbe Ehre und Schande preis, schlösse über sie ein geheimes Einverständniß des Nicht-Notiznehmens – B. Man gäbe Ehre und Schande preis? preis dem Theater? Nun, so male es auf seinen Vorhang – A. Was? B. Den Urgott Priapus , oder galanter den Lingam . Wovon man in keiner ehrbaren Gesellschaft spricht, davon wird man doch auf der Bühne nicht sprechen, noch weniger es darstellen wollen? Das Lächerliche gehört der Komödie, nicht das Lüsternde, das Kitzelnde, das Wilde. Ein Lust- oder Trauerspiel, in dem sich Beinkleid und Schürze präsentiren, und zwar ein, sobald es sich präsentirt, gebietendes Beinkleid, dem alle Schürzen unvermeidlich gehorchen, und gegentheils eine ebenso mächtige Schürze, die, nachdem man sie einmal gesehen, Alles erlaubt macht, und der sogar Thränen gebühren: mit welchen niedrigen Namen sollten wir, lichtertragend, dies Lingamspiel nennen? A. Und doch wird geweint. B. Von wem? worüber? Jedem dieser Gegenstände hatten die Alten seine Weise bezirkt, das Grobe dem Groben, das Anständige dem Anstandliebenden: wir haben den Weg gefunden, im Anständigsten schamlos zu sein. Die feinste Sentimentalität solcher Herren existirt im Priapus. Sie setzen die geheime Convenienz darüber voraus, bauen darauf keck und kühn; die Weiber schlagen die Augen nieder – A. Was ist zu thun? B. Die Komödie führe ihr Amt sowol im Parterre als auf der Bühne, Lächerliches dem Lachen, ein Schändlich-Lächerliches in der Komödie selbst (ϕαυλότερόν τι, τό αίσχρόν ) dem Hohngelächter preiszugeben. A. Dem lauten Hohngelächter? B. Lieber einem kleinen Instrument, das sich in der Tasche tragen läßt; ja die Lippe trägt's in sich. Wissen Sie, was Persiflage heißt und ist? A. Deutlich nicht. B. Es bezeichnet einen seinen Begriff, noch mehr eine herrliche Uebung. » Le persiflage «, sagt ein französischer Schriftsteller, Mémoires d'un honnéte homme, Discours préliminaire. – H. »est la décomposition des objets imposans réduits à leur juste valeur.« Zu Deutsch: »Eine Zerlegung der uns sich aufdringend gebietenden Gegenstände, die man auf ihren rechten Werth zurücksetzt«. – H. Ist bei allen imposanten Gegenständen das Pfeifchen zu gebrauchen, bei welchem pfiffe es von selbst eher als bei dem imposanten Gott Priapus? Sie lächeln? Bei ihm wie bei jeder imposanten Narrheit ist's zu gebrauchen. Was der Dichter oder der Freund des Dichters hätte thun sollen und nicht that, das thut sein unbekannter Freund, das geistige Pfeifchen, le persiflage . Verbieten oder entwenden kann es uns Niemand. Wissen Sie, welche Stücke der neuern französischen Bühne ich für die feinsten halte? Die Parodien . A. Parodien ? Von denen so viel Uebels gesagt ist? über welche sich alle berühmte Autoren so laut und kläglich beschwert haben? B. Eben weil die sich beschwerten , waren jene schwer . Und je leichter sie flogen, desto schwerer. Das Meisterstück einer Parodie ist die feinste Kritik eines Stückes , zumal wenn es la décomposition d'un objet imposant ist, réduit à son juste valeur . In unsern wohleingerichteten Staaten, wer wollte murren? wer eifern, stampfen, Lippen und Nägel beißen? Ein Mittel statt und gegen dies Alles ist – A. Nach Ihrer Theorie Onkel Toby Shandy's argumentum fistulatorium , das Pfeifchen. B. Wissen Sie auch, was unsrer braven, gutmüthigen, verständigen, aber zu geduldigen deutschen Nation bei vielen ihrer imposanten Gegenstände allein gebricht? A. Das Pfeifchen! Lesen Sie aber Franklin : »Niemand kaufe das Pfeifchen theurer, als es werth ist!« ––––– 4. A. Das Schicksal der Komödie aber? B. Es steht fest: »Thorheit werde als Thorheit gezeigt; sie finde ihren Lohn als Thorheit. Nicht mehr und nicht minder.« Sie denken doch nicht, daß bei Fehlern der Menschen es einzig auf unser Lachen von der Natur angelegt sei? Wir könnten nicht lachen, wenn diese Fehler als solche von uns nicht erkannt würden. Die Ordnung der Natur lehrte sie uns kennen als Fehler, thöricht-unverderblich, und dabei possierlich. Hätte nicht die Natur auch Mittel, sie mehr oder minder zurecht zu fügen ? Da liegt das Schicksal der Komödie, die Fabel. A. Und wie fügte die Natur sie zurecht? B. Durch Folgen. Auch der unschädlichste Fehler, einmal muß er vor dem Spiegel eigner oder fremder Vernunft erscheinen; einmal muß die Thorheit sich an der Klugheit oder an den Thorheiten Andrer stoßen. Siehe da die einfache und die zusammengesetzte komische Fabel! Dem Licht der Vernunft allein dargestellt, wird die Fabel einfach ; den Thorheiten Andrer entgegen gesetzt, giebt es eine Intrigue , die, wohlgeleitet bis zur völligen Entwicklung oder Ahndung der Thorheit, ein lehrreich Vergnügen gewährt. Alle Sprachen sind voll Sprichwörter darüber, daß jede Thorheit ans Licht komme und ihre Gegnerin finde, daß sogar jeder Irrthum sich selbst strafe . Auf welche Weise und in welchem Maß dies recht geschehe, soll die Komödie nicht lehren , sondern zeigen ; demnach ist sie ein Schauspiel der Welt, eine Schule der Weisheit. A. Würde damit nicht aber unsre Eigenliebe , unsre Frivolität genährt? An Andern suchen wir Fehler auf, nicht an uns selbst; wir lachen über jene; damit werden wir überhaupt gewöhnt , über Fehler zu lachen und sie zu bemerken. B. Fehler zu bemerken, ist kein Unglück. Die Weisheit des Lebens, sagt Horaz , fängt vom Erkennen und Wegthun der Fehler an. Epist., I. 1. 41. 42: Virtus est vitium fugere, et sapientia prima Stultitia, caruisse. – D. Wer sie an Andern, nicht an sich bemerkt, ist zu seinem eignen Schaden parteiisch; die Komödie ist daran nicht Schuld. Allgemein hält sie den Spiegel vor; sehe Jeder hinein und erkenne den Nächsten, sich , sodann Andre. Ueber Fehler, selbst seiner liebsten Freunde lachen zu können und zu dürfen, ist auch kein Unglück; vielmehr – A. Doch wol kein näheres Band der Vertraulichkeit und Freundschaft? B. Das engste. Wem ich nicht seine Fehler sagen darf, der hat das Recht, auch mein Lob nur zweifelhaft anzuhören. Forderte er gar, daß ich keinen Fehler an ihm wahrnehmen und erkennen , sondern ihn als Abgott verehren soll, der sei mein Freund nicht! A. Aber auch scherzen über seine Fehler? B. Gewiß! Eben dieser Scherz ist die Würze der Freundschaft, das Salz des Umgangs, die Blume des gemeinschaftlichen Gebens. Keine Gesellschaft ist vertraulicher, als wo man, nach dem bekannten Ausdruck, einander nichts übel nimmt; keine Tafel ist fröhlicher, als wo unbefangen der Scherz von Mund zu Mund, von Blick zu Blick hüpft. Auch das Lachen ist und bleibt ein unentbehrlicher Genoß des Lebens. Ohne seine Fehler möchte ich meinen Freund nicht; ich liebe ihn in seinen Fehlern, wenn ich diese nicht eben auch an ihm liebe. Die zarteste Sprache des Umganges ist Scherz; ich wüßte nicht, wie man Jemand freundlicher behandeln könne, als wenn man in ihm mit dem Geist spricht, der ihn belebt . A. Wie Sie den Scherz nehmen, so nimmt ihn nicht Jeder. B. Er lerne ihn also nehmen, oder er ist dessen unwerth. Wir sprachen vom Lustspiel. Dies muß auch dem Scherz sein Maß, seine Grenze bestimmen; nicht etwa blos darin, wie es selbst Scherze treibt, sondern am Meisten dadurch, wiefern es uns über seine Vorstellungen Scherz erlaubt. Durch alle Grade sei die Komödie hierin Meisterin, vom Scherz zum Spott, vom freundlichsten Lachen bis zum – verspottenden Gelächter. Wer hierin nicht Wage und Maß richtig anwendet, wird selbst ein Gaukler . A. Deren es manche mancher Art geben möchte. Wir könnten Brant's »Narrenschiff« aus diesen Zünften trefflich ausrüsten. B. Wolan! die erste Zunft seien die Marktschreier, die Personalitäten aufführen oder spielen. Wer in einer Thorheit nur eine Person erfassen und festhalten kann, ist ein komischer Pfuscher ; wer einen vom Dichter allgemein gedachten komischen Charakter in die Nachäffung einer Person zu zwingen vermag, ist Hanswurst, in welchen Kleidern er seine Rolle spiele. Der Dichter stellt Thorheiten dar, nicht eines Menschen Thorheit; was kümmerte ihn dieser Eine? In Einem alle seine Brüder erkennen zu machen, das ist sein Ehrenkranz; verhaßter ist ihm nichts als Deutung oder Verkleidung seines allgemeinen Charakters in Den und in Jene . Nennen Sie weiter! A. Die zweite Gaukelei möchte wol die sein, Stände aufs Theater zu bringen. B. Warum nicht? Thorheiten aus und in allen Ständen. Stand ist etwas Allgemeines; Keiner von uns in seinem Stande ist sein Stand . Jeder Stand hat Thorheiten und geliebte Fehler, der eine mehr, der andre minder. Sind sie unverderblich, geben sie dem Scherz und der Freude Platz, warum dürften sie nicht auf dem Theater erscheinen? Muß es sich seit Molière der Arzt , der bürgerliche Edelmann , der Tartüffe , der Greffier gefallen lassen, aufzutreten, warum nicht auch der Richter? der Theolog? der Recensent? der Dichter? Auf der britischen Bühne sind längst alle Stände. Eben daß alle erscheinen dürfen, mindert das Auffallende, daß der und jener erscheine. Und was schadet es dem Stande, daß Der und Jener, der zu ihm gehört, diese, jene Lächerlichkeit an sich habe? Kann ich Quacker nicht herzlich lieben und ehren, wenn ich gleich über die schuldlose Eigenheit dieses komischen Quackers lache, der sich mir zum Vergnügen darstellt? Die Komödie ist eine Schule, die uns die brüderliche Lehre lehrt: »In allen Ständen giebt's Thorheit. Vertragt Euch unter einander!« A. So auch Nationen, Religionen? B. Nicht anders; auch dies sind allgemeine Namen. Stelle man ihre Thorheiten dar, nur wahr, nur lehrhaft! A. Indem Sie aber Laster und Schande vom komischen Theater vertreiben und die Charakterstücke der Fabel unterordnen, wird es dieser nicht bald an Süjets fehlen? B. Glauben Sie, daß der menschlichen Thorheiten so wenige sind? oder daß sie je ausgehn werden? Mit jedem Zeitalter verjüngen sie sich, mit jedem blüht herrlich auf ein neues komisches Theater . Trauriges Geschwätz, daß die Charaktere alle schon benutzt seien! Dafür waren sie auch abgenutzt ; bemerke, ordne neu, und Du hast eine neue Fabel. A. Eben diese macht den Dichtern Sorge. Der Fabelkreis ist so erschöpft, die Gänge des Komödienschicksals, die Intriguen wiederholen sich so sehr – B. Ein Grübelnder ist's, der so im Schlaf redet. Wie Shakespeare die Sujets aus in- und ausländischen Geschichten, Romanzen und Erzählungen nahm, wie die französische Bühne den Spaniern den Inhalt ihrer besten Stücke schuldig ist: welche Menge Stoff in der Geschichte, in Novellen, Romanzen, Erzählungen aller Nationen ist noch vorhanden! Es fehlt nur an Künstlern, die ihn bearbeiten. Und wir? leben wir nicht fortwährend im Limbus Vgl. die Anm. auf S. 321. – D. der Thorheit? Lassen Sie alte Thorheiten abkommen, wir kleiden uns sogleich in neue Moden. ––––– 5. A. Gern spräche ich noch von einer Mitte zwischen Trauer- und Lustspiel ; mich dünkt, wir haben nur die beiden äußersten Ende betrachtet. B. Vom bürgerlichen Trauerspiel , von der rührenden Komödie . Ein andermal, wenn uns die Zeit darauf führt. A. Auch vom historischen und romantischen Trauerspiel , von dramatischen Gedichten , die weder Lust- noch Trauerspiele sind, von Ritterspielen , von Decorationsgedichten , den eigentlichen Schau- und Sehspielen . B. Ein andermal, wenn uns die Zeit darauf führt. A. Auch von den drei und anderthalb Einheiten, den Di- , und Tri- und Tetralogien , den Silbenmaßen des Theaters. – B. Wenn uns die Zeit darauf führt. Hier folgte als Schluß des zweiten Stückes des zweiten Bandes der Adrastea: »Rom's goldnes Zeitalter der Dichtkunst unter Nero. Persius' Einleitung und erste Satire« (Herder's Werke. VIII. S. 93–99). Am Anfange des ersten Stückes des dritten Bandes stand Knebel's »Lied der Hoffnung«. – D. III. Wer war der größte Held, wer der billigste Gesetzgeber? Ein Gespräch. ––––– Wer war der größte Held? ––––– Wer war der billigste Gesetzgeber? Ein Gespräch. Aus Brooke's Fool of Quality, Tom. I. p. 149. London 1767. Der deutsche Uebersetzer dieses Romans hat gut gefunden, die Zwischengespräche zwischen der Geschichte des Romans auszulassen. – H. Freund. Dein Held, Freund, ist ein rechter Held; er muß jedem Knaben gefallen. Verfasser. Viel Ehre für ihn. Aber was für Ingredienzien hast Du zu einem Helden? was für eine Idee machst Du Dir von ihm? Freund. Nun, ein Held ist ein Held , ein Mann von großen Eigenschaften, von heroischen Thaten; in Allem, was er thut und ist, ist er ein Held . Du lachst, Freund? Ich will Dir Beweise geben, die von der ganzen Welt anerkannt, die von Poeten, Malern, Bildhauern, Bildschnitzern, Geschichtschreibern als solche berühmt gemacht und gepriesen sind: den Ninus von Assyrien, den Sesostris aus Aegypten, den Cyrus aus Persien, den griechischen Alexander , den römischen Cäsar und näher zu uns den großen Condé aus Frankreich, Karl aus Schweden, den persischen Kulikan . – Du lachst noch? Verf. Ich lachte über den dummen Themistokles , der, als er gefragt ward, wen er für den größten Helden hielte, antwortete: »Nicht Den, der erobert, sondern der rettet und erhält; nicht Den, der zerstört, sondern der aufbaut, der aus einem Dorf eine Stadt, aus einem verachteten Völkchen eine Nation zu machen weiß.« Freund. Nach dem Begriff wäre also der Barbar Peter Alexejewitsch in Rußland der größte Held, der je gelebt hat. Verf. Ohne Zweifel. In einem zahlreichen Volk entwilderte er Jeden, außer sich selbst nicht; doch auch er , nach Billigkeit gesprochen, muß diesen Ruhm mit seiner Käthe theilen. Sie humanisirte ihn, wie er die Nation humanisirte. Freund. Im Alterthum, wen hältst Du für den größten Helden? Verf. Ohne Vergleich den Lykurgus ; für den größten Helden und den größten Gesetzgeber. In jenen frühen Zeiten waren die Lacedämonier äußerst rauh und unwissend; sie wußten von keinem Gesetz, als was ihnen ihr Wille oder ihr Beherrscher gebot. Lykurg hätte den Scepter ergreifen können; sein Ehrgeiz aber strebte zu einer höheren und dauerhafteren Herrschaft über die Seelen und Sitten seines Volks und dessen Nachkommenschaft. Er gründete die sonderbarste Verfassung, die je in eines Menschen Kopf oder Herz gekommen ist; sie sollte eine neue Schöpfung bewirken. Die Reichen überredete er, ihre Länderei mit den Armen zu theilen. Geld, wie es unter andern Völkern galt, verbot er; so auch alle Waaren und Materialien der Pracht und des Luxus. Seine Lacedämonier mußten gemeinschaftlich essen, frugal und einfach. Er verbot allen kostbaren Aufwand in Hausgeräth und Kleidung. Kurz, er machte es zur Pflicht, jede sinnliche und selbstische Begierde zu unterdrücken, dagegen täglich harten, mühvollen, körperlichen Uebungen sich zu unterziehen, Schmerz ertragen zu lernen und den Tod edel zu verachten. Zuletzt gab er eine ihm nothwendige Entfernung auf eine Zeit vor und nahm von den Lacedämoniern einen Eid, seinen Gesetzen ohne die kleinste Aenderung nachleben zu wollen, bis er wiederkomme. Er kam aber nicht wieder; aus Liebe zu seinem Lande verbannte er sich auf immer und nahm bei seinem Tode Maßregeln, daß sein Körper nie gefunden, mithin auch nicht nach Lacedämon zurückgebracht werden könnte, damit sich unter diesem Vorwande seine Landsleute nicht etwa ihres Eides entbänden. Freund. Peter den Großen an seinen Ort gestellt, wen hältst Du unter den Neueren für den größten Helden? Verf. Die Wahrheit zu gestehen, unter Allen, von denen ich gehört oder gelesen habe, war der Held, dem ich am Meisten zugethan bin, ein Narr, und der Gesetzgeber, dem ich am Meisten zugethan bin, ein Thor. Freund. Recht so; und Du würdest jetzt nicht schreiben, wovon Du schreibst, wenn Dir nicht von Beiden etwas zu gut gekommen wäre. Heraus denn mit der Auflösung des Räthsels! Wo kann man von Deinem Favorithelden und Favoritgesetzgeber etwas finden? Verf. In einem Fragment der spanischen Geschichte, das der Welt unter dem Namen eines gewissen Sennor Cervantes bekannt ist. Freund. O mein alter Bekannter! Dein Pegasus hat also auch wol Einiges vom berühmten Rosinante? Verf. Wenigstens seine Keuschheit. Aber Du denkst, ich scherze? Frage Dich selbst aus dem Gedächtniß: Wodurch im ganzen Lauf der Geschichte sind die großen Helden berühmt worden? Es wird Dir antworten: »Nur durch Unglück! Dadurch, daß sie Verwüstung und Elend unter Menschen verbreiteten.« Wie edel, ja wie göttlich-größer war mein Held von Mancha ! Er zog aus, dem Unrecht Recht, Gewaltthätigkeiten Vergütung zu schaffen, zu heben den Gefallenen, niederzuwerfen Den, den Ungerechtigkeit gehoben hatte. Bei diesem wundersamen Unternehmen was für Püffe, Schläge und Rippenstöße bekam er! Aber Müh' und Arbeit war ihm ein weiches Lager, das Haus des Schmerzes ein Lusthaus, weil er sich als Den ansah, der Andern Erleichterung, Glück, Ruhe zu geben Pflicht und Beruf habe. Wenn die Erfolge den Unternehmungen seines Herzens nicht entsprachen, so ist dies nicht dem Mann, sondern seiner Krankheit beizumessen; hätte seine Macht so weit als sein guter Wille gereicht, mit Leibes- und Lebensgefahr hätte er alles Verwachsene und Schiefe gerade und schlicht hingestellt wie eine Ceder. Doch ich wende mich und küsse ehrerbietig den Kleidessaum des achtungswürdigsten aller Statthalter und Gesetzgeber, des Sancho Pansa . Welche Urtheile fällte, welche Einrichtungen machte er! Minos, Solon und der von der Göttin Egeria begeisterte Numa , wie werden sie durch ihn verdunkelt! Du warst ein Bauer, Sancho, ein Ungelehrter, als Mensch ein Duns, ein Engel als Statthalter; denn als ein ächtes Widerspiel aller Statthalter verlangtest Du nichts, begehrtest nichts, wandtest Dein Auge auf nichts als – auf das Wohl Deines Volks. Von dem konntest Du nicht fort, Du hattest andershin keine Lustfahrt. Hätte Aesop's Klotz Bewegung erhalten können, nach dem nämlichen Principium zu handeln, die Regentschaft der Störche hätte nie Macht bekommen unter Menschen. Wie zürne ich, Pansa, wenn ich Dich grob angefallen, wie leid thut mir's, wenn ich Dich Deiner Würde entsetzt sehe! Außer den Reichen einer gewissen Majestät sage ich und seufze bei mir selbst: »O wäre die ganze Erde so Dein wie Barataria , Deine Insel, und Du, Sancho , wärst ihr Gesetzgeber, ihr Regierer!« Freund. Ich fühle Ueberzeugung. Aber sage mir, Freund, wie kam es, daß alle Zeitalter und Nationen hindurch die Welt allgemein den Namen und Ruhm des Heroismus dem Eroberer zugewandt hat? Verf. Aus Respect, glaube ich, für die Gewalt . Der Mensch ist von Natur schwach; in und zu einem Stande der Abhängigkeit ist er geboren. Natürlich sieht er also nach Hilfe umher, und wo er die größte Macht bemerkt, dahin wendet er sich und fleht um Schutz. Würde nun auch diese Macht ihm zum Schaden angewandt, statt ihn zu beschirmen, dies ändert in seiner Hochachtung für die Gewalt nichts. Zitternd bückt er sich; indem er verabscheut, betet er an. Es geht hierin mit Menschen wie mit Gott selbst. Im Sonnenschein und im sanften Thau seiner Vorsehung und Güte erscheint er dem gemeinen Sinn nicht so ehrwürdig und majestätisch, man merkt auf ihn nicht so sehr, als wenn er sich in Blitz und Donner, in Wolken und Ungewitter zeigt. Ein Held, ein Heros bedeutet in drei Sprachen Hero, heros, ήεως– H. einen Halbgott, ein Wesen von übermenschlicher Macht. Wie kann sich dies Übermenschliche nun zeigen? Heitere Handlungen der Wohlthätigkeit, die linde, sanfte Stimme der Güte sind nie von Geräusch und Prunk begleitet. Aber Aufruhr und Tumult, das Getümmel geplünderter Städte, das Wehgeschrei geraubter Weiber, das Aechzen sterbender Nationen, sie füllen die Trompete der Fama . Männer von Gewalt und Ehrgeiz finden auf diesem Wege Ruhm und Auszeichnung, ihnen bereit und leicht zu erlangen; denn es ist ohne Vergleichung leichter, zu zerstören als zu erschaffen, zu tödten als zu beleben, niederzureißen als aufzubauen. Verwüstung und Elend auf die Erde zu bringen als Fülle und Frieden. Freund. Wären in dieser Rücksicht die Menschen nicht ebenso blind gegen ihr eignes Interesse als missethäterisch, Dem Ruhm zu geben, dessen man sich nur schämen sollte? Verf. Sie zeigen sich, wenn sie es so machen, auf einmal als Betrogne und als Opfer ihrer eignen Thorheit . Gieb einem Kinde Lobsprüche über sein Genie zu boshaften, schädlichen Streichen, Du führst es durch Deine aufmunternden Lobsprüche geraden Wegs zum Galgen. Ebenso hat die weise Welt ihre Helden, diese Verworfnen! emporgebracht, wenn sie Thaten ehrte und beklatschte, denen Infamie und Galgen gebührte. Seit ihrem Anbeginn war die Welt ein geduldiger Esel, und sie wird bis ans Ende ihrer Tage ein Rappelkopf bleiben. Vom Anfange der Dinge an (es ist lang her) hat die vereinte Erfindung des Menschengeschlechts nur zwei Methoden entdeckt, Unterhalt auf der Erde zu verschaffen: die eine ist eigner Hände Arbeit, die zweite, Andrer Hände zu gebrauchen. Zu Denen, die nicht arbeiten wollen, dürfen wir Alle rechnen, die das Glück haben, zu keinem Endzweck geboren zu sein, als: die Mönche jedes Landes, die Derwische in Persien, die Braminen in Indien, die Bonzen in China; in unsern freien und policirten Nationen sind es die Gentlemen (die Edelleute). Diese haben nichts zu thun als zu schlafen, zu wachen, zu essen, zu trinken, zu tanzen, zu scherzen, zu schwärmen, zu lärmen, sich zu ergetzen in der glücklichen Ernte, die ihnen die Welt von Jovialitäten der künftigen zugewandt hat. Zu Denen, die die Arbeit Andrer stören , rechne ich alle jene tollen Alexanders und Cäsars, alte und neue, die in ihren Anfällen von Narrheit und Thorheit ausrissen, Laternen zerschlugen, die Wache prügelten, zu großer Bestürzung der Weiber und zum Schrecken der kleinen Kinder; jene Helden, die zu glauben scheinen, der Himmel habe Nasen und Köpfe nur dazu gegeben, daß sie zerbrochen und blutig gehauen würden. Wenn ich von diesen Burschen reden höre, geht mir alle Geduld aus. Ich bin nicht halb so außer mir, wenn ich meine eignen Werke lese. Mach fort, ich bitte, lies weiter! so komme ich vielleicht wieder in guten Humor. IV. Ereignisse und Charaktere des vergangenen Jahrhunderts. ––––– Am nordischen Himmel gingen mit dem Anfange des vergangenen Jahrhunderts prächtige Gestirne auf: ein sonderbares Meteor, Karl XII. von Schweden, Peter der Große von Rußland, ein mächtiger Bootes, die neue preußische Krone , und was sich zwischen diesen Sternbildern an andern Gestirnen zeigte. Was haben sie ihren Reichen und Europa gebracht? was haben sie der Menschheit für Dienste geleistet? ––––– 1. Karl XII. Fast unter keinem Namen erscheint in modischen Schriften dieser Regent und Feldherr als des nordischen Don Quixote , des tollen Ritters aus Norden . Seit Pope ihn in seinen Reim brachte: »Vom tollen Macedonier zum tollen Schweden«, noch mehr, seit der Anti-Macchiavell Friedrich's des Großen. – D. sich jugendlich stark über ihn erklärte und Voltaire die romantische Geschichte desselben schrieb, eilt man, bei seinem ausgezeichneten Schwedenkopf zu sagen: » Der tolle Alexander! « Verdiente nicht aber diese Tollheit selbst, wenn sie es war, Beherzigung? Woher dem Rasenden solche Macht? Ist's gut, daß er sie hatte? War er es ursprünglich? oder ward er gereizt? Karl kam gegen das Testament seines Vaters im fünfzehnten Jahr auf einen (so hieß es) unumschränkten Thron, der an Titeln reich, durch seine Vorfahren groß, an innern Kräften aber nicht der gewaltigste war und einer klugen Haushaltung bedurfte. Ein noch gefährlicher Werkzeug war ihm der Muth seiner Schweden; denn schwedische Männer hatte sein Reich in allen Ständen. Vielleicht ist kein Land der europäischen Geschichte voll so ausgezeichnet fester Charaktere als Schweden. Hofmäßig also war der Prinz erzogen, in Vorurtheilen einer unumschränkten Macht, ohne daß man ihn die Schranken, die Verfassung und das Wohl seines Reichs kennen gelehrt. Daß er den Curtius in seiner Jugend vor Andern gelesen und aus ihm den Alexander in sein Herz geschlossen habe, ist eine Fabel; der Alexander, der in ihm lag, ward erweckt durch sonderbare Zeitumstände. Fest war sein Charakter, hart seine Stirn und sein Körper, sein Wille gerecht aber unbiegsam. Von Jugend auf, sagen seine Biographen, ritt er heftig, setzte gern über an den gefährlichsten Orten. Die Bärenjagd war sein Zeitvertreib, und zwar den Bären ohne Schuß und Spieß mit hölzernen Gabeln oder Handschlingen lebendig zu fangen; da ihm denn einer dieser unhöflichen Gegner die Perrücke vom Kopf riß. So war der griechische Alexander in seiner Jugend nicht; aus Curtius hatte Karl dies nicht gelernt. Als der junge König (den 24. December 1697) zu Pferde stieg, um nach der Kirche zur Salbung zu reiten, fiel ihm auf dem Schloßplatz die Krone vom Kopf, die er sich wider die Reichsgewohnheit zu Hause selbst aufgesetzt hatte. Kurz, mit Eindrücken eigenmächtiger Unumschränktheit, die sein Vater erlangt habe, war er erzogen; diese verließen ihn auch nicht, bis ihn die Kugel vor den Kopf traf. Was bildet und mißbildet das Gemüth eines künftigen Beherrschers? Nicht Unterricht allein, vielmehr Grundsätze und Sitten, nach denen man ihm begegnet. Ueberfüllet ihn mit goldnen Lehren, um sich aber sehe er eine schmeichelnde Welt: o, aus dieser werden ihm Blicke schon zuwinken, Stimmen zuflüstern, »wer er sei! wie viel er dereinst vermöge'.« Gegen den königlichen Jüngling, dessen Reich mit ganz Europa in sicherm Frieden war, entspann sich ohne seine Schuld ein geheimes Bündniß dreier benachbarter Mächte. Dünemark lüstete nach Schleswig, das es mit völliger Souveränetät an Holstein hatte abtreten müssen, König August von Polen nach Livland und nach galantem Kriegsruhm, den Czar Peter I. nach einem Hafen an der Ostsee. Diese schlummernden Neigungen, die vielleicht sonst nicht oder anders ausgebrochen wären, weckte auf – ein Verräther. Patkul, der unter Karl XI. in Schweden für die Rechte des livländischen Adels laut und nach Meinung des Hofes zu laut gesprochen hatte, war eingezogen worden; er entfloh und glühte fortan gegen Schweden von Rachsucht. Er war's, der dem ruhmbegierigen August und seinem eiteln General Plane vorlegte, Bündnisse vorschlug, ihm den raschen Beitritt des livländischen Adels versprach, solchen auch obwol fruchtlos zu bewirken suchte. In Büsching's »Magazin für die Geographie und Geschichte« sind Patkul's Plane gedruckt; an ihnen ist kein Zweifel. S. Th. 15. S. 279 f. – H. August ward bethört; dem Czar kam das Bündniß recht; Dänemark that in Schleswig den ersten Angriff. Zu einer Zeit, da die Gesandten ihrer Höfe Freundschaft versicherten, ward in Moskau der Krieg erklärt. Erklärt und beschleunigt; August haschte nach Riga, Peter nach Narva. Eine Kriegsflamme entstand, die die unmenschlichsten Verheerungen angerichtet, Schweden arm, so viele tausend, tausend Unglückliche gemacht hat; und weswegen? Für die Rechte oder Unrechte des livländischen Adels sollte der ganze Norden, Polen und ein großer Theil von Deutschland bluten? Die Vorsehung lenkte die Sache anders; statt unter Polen kam Livland unter den russischen Scepter. Und die Leidenschaften der Regenten, ihr geheimes Bündniß gegen einen ihrer Meinung nach Unbewehrten, wie sieht man es jetzt an? Ihr, die Ihr Treue von Euren Unterthanen fordert, auf der nicht etwa nur Eure Macht, sondern Euer Dasein gebaut ist, Ihr handelt nach beschwornen Verträgen vor aller Welt Augen gegen einander also? Auf einmal entsagte der junge König, als er vom Ueberfall seines Schwagers in Schleswig Nachricht bekam, allen Ergetzungen des Hofes. Er trank fortan nur Wasser, aß schlechte Speisen, schlief über einer Decke auf der Erde; und als der Zug nach Seeland ging, sprang er bei der Landung (den 25. Juli 1700) selbst in die See, um den landenden Truppen ihre Posten anzuweisen. »Niemand litt bei diesem sieghaften Vorrücken in Dänemark«, sagt Lagerbring , »als des Feindes Hirsche und Rehe; sonst was man ins Lager brachte, ward bezahlt und dem geringsten Bauer wohl begegnet.« Bald und auf höchst billige Bedingungen ward der Friede geschlossen; den 23. August war Karl schon zurück in Schonen. Wie unser erstes Werk die Gestalt unsrer Seele gemeiniglich am Reinsten zeigt, so ist dieser erste Feldzug Karl's ein Spiegel seiner Denkart, als sie noch weniger gereizt war. Dies um so mehr, da er den Frieden frei schloß, indem er von den andern Ueberfällen noch nicht wußte. Sechs Tage nach der Rückkunft in sein Reich ward gegen Schweden Krieg in Moskau erklärt und sogleich angefangen mit Verwüstung. Sobald Karl davon Nachricht erhielt, eilte er zu Schiff und war den 6. October zu Pernau. Bald folgte der Angriff aufs verschanzte russische Lager mit 8000 auf 80,000 Mann und ein Sieg, dem kaum ein andrer in der Geschichte gleich kommt. Nach dem hartnäckigsten Gefecht ergab sich das ganze russische Lager, das man abziehen lassen mußte, weil man zum Gefangennehmen selbst zu schwach war; ein für Karl schädlicher Sieg, wie für die Russen eine vorteilhafte Niederlage, da Jener an seine Allgewalt glauben, diese hingegen fechten lernten. Als August's Feldzug gleichfalls unglücklich ablief, indem einmal über das andre Polen und Sachsen geschlagen wurden, verlor Karl das Gleichgewicht der Ueberlegung. Alle Friedensvorschläge wurden von ihm ausgeschlagen; August sollte und mußte entthront werden, welches denn auch geschah. Bis nach Sachsen verfolgte ihn der siegende König, wo er den entsetzten König freundschaftlich selbst besuchte. Hier nun war das Ende der sieghaften Laufbahn des nordischen Helden; er war über den Rubicon gegangen; er hatte die Linie der Nemesis überschritten, die ihm bald einen gefährlichen Feind zusandte. Es war der schmeichelnde Marlborough, der, um ihn vom Schauplatz seiner Siege zu entfernen, ihn persönlich besuchte und den Grafen Piper mit englischem Gelde bestach, damit er auf gute Art den König aus Deutschland brächte. »Nimm das Geld!« sagte der König; »ich gehe doch, wohin ich will.« Und er brach auf, nicht um sein verwüstetes Livland zu retten, das in den Händen der Russen war, sondern den beleidigten Hetman der Kosacken zu unterstützen, in die Steppen der Ukraine. Hier, bei dem bekannten Pultawa, wandte die Göttin das Rad. Der König war verwundet, die Generale neidig auf einander; das Pulver taugte nicht; die Kanonen waren beim Feldzeuge, indeß die Russen mit 132 Stücken spielten; die Feldherrn unterstützten einander nicht; Alles gerieth in Unordnung. Kaum 11,000 Schweden waren zum Treffen gekommen; nach den äußerst beschwerlichen Märschen im härtesten Winter, in dem sich die erstarrten Vögel mit Händen greifen ließen, waren 5000 Kranke bei der Armee. 1500 Mann begleiteten den König, der von seinem unglücklichen Heer mit Mühe getrennt werden mußte; die andern, unter Löwenhaupt, der Angabe nach 16,000 Mann, ergaben sich zu Kriegsgefangenen. Sie wurden nach Sibirien verstreut; Wenige davon sahen ihr Vaterland und die Ihrigen wieder. Wem pocht hiebei das Herz nicht? wer ergrimmt nicht über Den, der den König zum Marsch nach der Ukraine listig lockte? Wenn man die ausdauernde Geduld, die Treue und Standhaftigkeit der Soldaten liest, die für ihren König auf den beschwerlichsten Feldzügen litten, hungerten, dursteten, fast erfroren, und dann den Familienhaß einiger Generale gegen einander, die diese Treuen, die ihren König selbst aufopfern – Gnug! ––––– So kam denn der bis in China berühmte, sonst überall siegreiche, jetzt kaum entronnene Held durch die Tatarei in die Türkei an, die ihn in Schutz nahm, und in der er auf andre Art bei einem ungeheuren Willen unglaubliche Kräfte zeigte. Der Vertriebne sprengte gleichsam die Pforte; ein Vezier ward nach dem andern entsetzt, bis der Krieg gegen Rußland erklärt war. Hier nun am Flusse Pruth kam Peter beinah in dieselbe Notwendigkeit, in der Karl bei Pultawa gewesen war, sich mit seinem ganzen Heer zu ergeben, wenn ihn nicht, wie bekannt ist, seine Kathinka durch ihre Kostbarkeiten, als Geschenke an den Groß-Vezier, losgekauft hätte. Ward durch diese Erfahrung des Czaren Herz (wie dort des Cyrus, als Krösus nach den Rädern des Triumphwagens, vor dem er ging, rückwärts blickte und an Solon's Wort gedachte) zu einem für Schweden anständigen Frieden bewegt? Fast scheint's; aber Karl war gegen Peter zu erbittert, und da er in dem gemachten Frieden vom habsüchtigen Groß-Vezier fast ganz vernachlässigt war, ward die Erbitterung in ihm so stark, daß er statt des Friedens auf nichts als Rache sann. Stanislaus' Erbietung, der nach Bender zu ihm kam und der Krone entsagen wollte, verwarf er: »es werde sich ein andrer König von Polen finden, wenn er's nicht sein wolle; August solle es nie werden« u.s.w. Der Pforte selbst ward Karl jetzt überlästig, zumal sich bei ihr Keiner als der französische Gesandte seiner annahm, die Gesandten der Kaufmannsmächte waren ganz auf des Czars Seite. Lebendig oder todt sollte er endlich nach Adrianopel geliefert werden, da er sich denn zu Warnitza mit seinen wenigen Leuten in seinem Hause so herzhaft wehrte! Die ihm dies für Tollkühnheit anrechnen, mögen angeben, was er denn hätte thun sollen. Gnug, er erreichte seinen Zweck und setzte sich, nachdem er seine zu türkischen Sclaven gemachten Treuen befreit hatte, sobald es ihm gefiel, mit seinem im Widerstande gegen die Türken verbrannten Gesicht zu Pferde und ritt, von einem Gefährten begleitet, von Demotika nach Stralsund, d.i. 286 Meilen in 14 Tagen. Ein Ritt, den kein Monarch Europa 's gemacht hat, schwerlich auch machen wird. Um unerkannt zu sein, steckte der König unter einer Perrücke in einem schlechten braunen Rock. Er sattelte sein Pferd selbst, wie sein Gefährte Döring, trank seiner Gewohnheit nach nur Wasser und kam über Wien, Regensburg, Franken, Hessen u.s.w. den 11. November 1714 nach einem fünfjährigen Aufenthalt in der Türkei um Mitternacht vor Stralsund an. Was ihn dort so lange zurückgehalten hatte, war sein unablässiges Streben, in einem großen Plan durch die Pforte das zu bewirken, wozu er unter christlichen Mächten keinen Beistand sah. Im tiefsten Unglück zeigte er eine große, unerschütterte Seele. Traurig und fast widrig ist der Anblick, wie er die Dinge fand. Seine Feinde hatten sich vermehrt und theilten sich in die Beute des Löwen; außer Russen und Dänen war England, Hannover, Preußen, Jeder seines Orts, auf dem Kampfplatz. Sein Reich war verarmt, auch die Pest hatte es entvölkert; die Armee zu Lande, das Seewesen, Artillerie und Munition waren im schlechtesten Zustande; Schwedens deutsche Provinzen, Livland, ein Theil von Finnland, waren oder gingen bald verloren. Mit größter Lebensgefahr rettete sich der König aus Stralsund auf einem Fischerkahn; auf der Insel Jasmund fand er die Fregatte nicht, die ihn erwarten sollte; unvermuthet traf er sich mit ihr auf offnem Meere. Durch Vorsprache und eignes Darlehn hatte ihn der holsteinische Minister Görtz gerettet, zu dem er fortan auch das größte Zutrauen faßte. Hell und vorsichtig waren die Mittel, die dieser in den Dienst des Königes gezwungene Mann zur Rettung Schwedens und zu einem ehrenhaften Frieden vorschlug; S. Rettung der Ehre des Freiherrn von Schlitz. 1776. 8. – H. König und Stände genehmigten sie, und sogleich nach Karl's Tode wurden sie ihm durch eine schimpfliche Gefangennehmung und durch das Beil vergolten. Eine Partei hatte sich im Königreich zusammengethan, die Karl zu großmüthig übersah; von ihr kam wahrscheinlich auch die Kugel, die den König, den das wildeste Verhängniß geschont hatte, nicht schonte. Vor Friedrichshall in Norwegen stand er Abends in den Laufgräben, und nicht aus der Festung, sondern aus der Nähe kam eine Flintenkugel; der Held sank, die Hand fest am halbgezogenen Degen, daß man sie kaum davon losbringen konnte. Die Partei wußte den Tag seines Todes. Er starb, als sein Leben am Unentbehrlichsten war; man eilte zu einem schimpflichen Frieden, der Schweden auf immer in Armuth stürzte. Der Czar (dies sagte er selbst!, wenn er Bedingungen vorzuschreiben gehabt hätte, würde sie kaum so vorzuschlagen gewagt haben; alles auswärtig Errungene Gustav Adolph's und andrer tapfern Schweden ging bis auf einen kleinen Strich verloren. ––––– Wie nun? Gebührt von dem Allen die Schuld Karl XII.? War er's, der die Kriege anfing? war nicht sein Anfang der nothgedrungenste, gerechteste Krieg, den vielleicht je die Erde sah? Nach seiner Rückkunft aus Bender, gab er sich nicht Mühe, einen rühmlichen, wenigstens leidlichen Frieden von seinen Feinden zu erhalten? Vergebens! Die Gelegenheit ihrer Vergrößerung war ihnen zu gelegen; ein Schweden in solchen Umständen kommt nicht so leicht wieder. Auch der persönliche Haß, den Karl gegen seine Feinde trug, ist zwar politisch nicht zu rechtfertigen; ist er aber nicht menschlich zu entschuldigen? Wie er aufrichtig liebte, haßte er auch aufrichtig; zu ungerecht, hinterlistig und niedrig fand er sich beleidigt; nach alter nordischer Heldensitte nahm er die Sache seines Reichs persönlich . Als das Unglück ihn verfolgte, konnte er die Geringschätzung seiner Feinde gegen ihn am Wenigsten tragen. Was Karl ins Verderben brachte, war weder Hochmuth noch Ruhmgier, sondern daß er seinen Zweck vergaß und so wenig die Kräfte seines Reichs als des aufstrebenden Rußlands kannte. Zu diesem Reiche schlug sich fast Alles; ihm trat Alles fern oder rupfte, wo es rupfen konnte. Die niedrige Art, wie der englische Gesandte einen Privatmann in Constantinopel verhindern wollte, dem Könige Geld zu seiner Rückreise vorzuschießen, der Plan, den man früher gemacht hatte, ihn auf dieser Rückreise aufzuheben, und so viel Andres zeigt, wie man gegen ihn dachte. Hätte er nach seinen ersten Siegen sich auf die Beschützung seines Reichs eingeschränkt und dies durch Bündnisse gesichert! Aber ein hartes Loos ist und bleibt es, wenn nachbarliche Regenten so verschiedner Denkart mit leidenschaftlichen Entwürfen in eine Zeit treffen; nur Unglück oder der Tod scheiden sie aus einander. Die persönlichen Tugenden Karl's XII. verkennt Niemand. Mäßig, arbeitsam, unermüdlich, hart gegen sich, gerecht gegen Andre, gottesfürchtig, züchtig, im höchsten Grad redlich war er wie durch Natur, ohne daß er daraus sich ein Verdienst machte; eine lange Gewohnheit hierin war ihm zur Natur worden. So wollte er, daß auch Andre gegen ihn sein sollten. Sein Verstand war hell; er liebte die mathematischen Wissenschaften, hielt Den nur für einen halben Menschen, der sie nicht liebte, und Todfeind war er den Wollüsten. Jungfräuliches Antlitz Karl's! wenn ich Dich in Deiner Todtenmaske, die Kugel in der Stirn, betrachte und daran denke, wie viel unselige Mühe Du Dir, wie viel Unglückliche Du wider Willen gemacht hast, wer beneidete noch das Schicksal, zu einem unumschränkten Herrscher geboren zu sein und jugendlich das Glück zur Freundin gehabt zu haben? Sie lockt und verlockt, die falsche Göttin; festen Charakteren zumal ist sie gefährlicher als schlüpfrigen, leichten! ––––– Eintritt Karl's XII. in die Walhalla. Als Gustav Adolf aus dem Sterngezelt (Auch droben war er noch um Schwedens Wohl Bekümmert) niedersah in dunkler Nacht, Hört' er die Kugel, die vor Friedrichshall Die eh'rne Stirn des Königs traf. »Er fällt«, Sprach er, »wie ich, von des Verräthers Hand; Ich will entgegengehn dem Kommenden.« Betäubt, doch unerschüttert nahte Karl Dem Ueberirdischen, die Hand am Griff Des Degens, halb gezuckt. »Laß diesen da!« Sprach Gustav ; »hier, hier ist das Land der Ruh', Die lebend Dir versagt ward und Du Andern Versagen mußtest. Sohn, wie lässest Du Dein Reich? In wessen Händen sind die Länder, Die ich erwarb mit tapfrer Schweden Blut? Doch, wie gewonnen, so verloren. Komm!« Sie gingen fürder, schweigend Karl ; und Gustav Fuhr freundlich fort: »Ich werde Dich nicht richten; Dich strengete mein Vorbild an, doch falsch. Nicht Alles wird durch einen festen Willen Und Muth; auch Klugheit ziemt und Mäßigung Dem Manne, der regieret, der in Stürmen Das Steuer führet. Kommt, Ihr Treuen, kommt! Die er voran in manchen Schlachten sandte, Dem Waffenbruder, kühlet ihm die Stirn!« Sogleich umschloß ihn welch ein zahlreich Heer Der Tapfern, die er sich vorangesandt. Sie küßten seine Hand, sie kühlten ihm Die glüh'nde Stirn; sie wollten ab ihm gürten Den Degen. »Diesen«, sprach er, »lasset mir! Auch in Walhalla trag' ich ihn so lang, Als einer meiner Treuen drunten noch Gefangen ist. Die Braven!« Gustav führt' Ihn freundlich fort. »Du wirst gerichtet werden, Von Deinem Vater nicht; er stehet Dir Mit Andern hart entgegen; doch ich will Vertheidigend, so weit ich kann, Dir beistehn. Nicht nach Erfolgen, nur nach Recht und Pflicht Und That und Willen wird parteilos Dich« – »Wer?« fragte Karl. »Held Gustav Wasa richten. Da kommt er.« Was des alten Königes Gerechtes Urtheil war, die Worte sind Dem Lauschenden entronnen. Ach, die Blätter Des obern Schicksals sind den Sterblichen Unlesbar, unverständlich. Aber als In Kurzem (denn da droben schwinden Jahre Minuten gleich) des zwölften Karl's Befeinder Auch nach und nach ankamen, und dann auch Ankam Peter der Große , sahe Karl Ihn stumm an, wandte weg den trocknen Blick Und ging mit Oxenstierna, Torstenson Und Banner, Wrangel, Löwenhaupt und andern Schwedischen Männern in den nächsten Hain. Nachahmung der Stelle in der »Odyssee« (XI. 563 f.), wo Ajas auf die Anrede des Odysseus sich stumm entfernt. – D. ––––– Glück und Unglück fester Charaktere. Ein fester Charakter verdient Ehrerbietung und Nacheiferung; wie alle große Tugenden aber ist auch er im Uebermaß gefährlich. Er kann viel tragen, muß aber auch oft viel tragen, zumal wenn er es sich selbst durch unbiegsame Festigkeit zuzog. Seine erste Gefahr ist die Einseitigkeit. Niemand übersieht in Allem Alles. Gewöhnte er sich nun zu einer Gedankenreihe, so wird ihm bald jede andre unsichtbare unerträglich, zuletzt so unvernehmbar, daß man Andrer Sprache und Sinn durchaus nicht mehr versteht und sich nur hört. Da aber bekanntermaßen Umstände und Zeiten, da mit ihnen Ansichten der Dinge und Leidenschaften wechseln, und man sodann einseitig, fest auf seinen alten Meinungen sich wie in einer neuen, unbequemen Welt befindet: wie könnte man in ihr Theil nehmen, da uns zu dieser Theilnehmung Biegsamkeit, Lust und guter Wille fehlt? Wir sprechen sodann als alte Siebenschläfer, die aus ihrer Höhle hervortraten, als Männer des Testaments der Urzeit. Zweitens. Nichts ist gefährlicher als fixe Ideen, wenn sie auch nicht einseitig wären. Nach ihnen modeln wir alles Neue; an sie hangt dieses sich als etwas Altes an. Mit jeder fixen Idee verliert das Gehirn Elasticität und Gewandtheit; wir wiederholen uns und werden Andern zur Last, mithin werden wir lästig wiederholend. Sind diese fixen Ideen nun sogar falsch, überspannt, traurig, so zieht sich ein dunkler Faden durch unsre und Anderer Denkart. Eine Lüge wird zur Gewohnheit, d.i. zur sein sollenden Wahrheit; wir und Andre denken und handeln in einer Welt des Wahnes. Wie zahlreich verschieden diese Welten sind, wird man nur dann gewahr, wenn man auf die fixen Lieblingsideen verschiedner, insonderheit bejahrter, fester und sogenannt großer Charaktere merkt. Drittens. Festigkeit, wenn sie zur Härte wird, fordert von Andern viel, weil sie sich selbst viel zutraut. Und da wir gegen uns immer parteilich sind, auch in Gedanken leichter etwas für möglich halten, als wir es selbst zur That bringen könnten, so wird insonderheit bei befehlenden Ständen die Festigkeit leicht Härte des Charakters. Ihr Schutz wird, selbst gegen die Vernunft, ihrer Lieblinge Bollwerk, und ihr stürmender Angriff, zumal wenn er mit Zutrauen geschieht (dem junge, liebende, aufbrausende, unternehmende Charaktere selten widerstehen mögen), äußerst gefährlich. Wie mancher Jüngling ist durch das Zutrauen, das man zu ihm hegte, über seine Linie gesprengt worden! Glücklich, wenn er sich zusammennimmt und erholt! Aeußerst gefährlich sind bei blendenden Seiten aufdringende Menschen. Sie lassen von ihrem Vorsatz nicht ab; um Ruhe zu haben, willigt man, was man nie willigen würde, zu seinem und ihrem Schaden. Viertens. Ein fester Charakter, der über die Linie hinaus ist, kehrt selten zurück. Er will sich nicht widersprechen und rennt in sein Unglück. Da Verschlossenheit meistens mit Festigkeit gepaart ist, so vertraute sie ihr Herz Niemanden, und wem sie es vertraute, an den glaubte sie vielleicht fester, als sie sollte. Daher und aus mehreren Ursachen, daß leichte, lose, schlüpfrige Menschen unter ähnlichen Menschen leichter ihr Glück machen als feste Charaktere, wenn diese nicht auszeichnend das Schicksal begünstigt. Jenen sind alle Wege und Formen recht; sie drehen und wenden sich nach der Zeit, täuschen sich und Andre mit einer Art Lügenfreude und stehen, wie man sie wirft, aufrecht. Für Schälke, sagt man, ist die Welt gemacht; sie will betrogen sein und wird betrogen. Wie die Natur nichts durchaus Hartes leiden kann, so nagt und frißt sie am Meisten an harten Charakteren. Was sich nicht beugen läßt, bricht, früher oder später. ––––– Von Karl XII. ist dieser Charakter allein nicht abgezogen; denn eine Person, zumal ein König, giebt keinen allgemeinen Charakter. Karl war bescheiden, hörte genau, schwieg und bemerkte. Er zankte nie, fuhr Niemanden an, befahl nicht zu gehen, sondern ging voran, war sehr gefühlvoll über jedes Unrecht, das er zugefügt zu haben glaubte. Indessen auch er trug die Folgen eines festen Charakters. Bei seinen fixen Ideen verkannte und vergaß er die Welt; seinen braven Schweden muthete er in Polen, in der Ukraine, in der Türkei und in Norwegen Dinge zu, die nur er und Wenige ertragen konnten. Die Freunde endlich, denen er Zutrauen schenkte, wurden fast alle, wenigstens nach seinem Tode, unglücklich. Hätte Karl aber auch gelebt, wäre er wol dem Versprechen, das er dem Freiherrn von Görtz that, treu geblieben, die Münzpapiere nur bis auf solche Zeit, in solcher und keiner größern Anzahl gelten zu lassen? Oder hätte ihn bei fortdauernd widrigen Umständen sein fester Geist nicht auch über die Linie geführt? Mit einem festen Charakter, der unumschränkt handeln darf, mithin die wohlthätigsten, aber abgemessenen Plane zu verderben, jeden Augenblick im Stande ist, hat man ein böses Gewerbe. Der blinden Macht kann endlich nur die blinde Macht obsiegen. Einer der Anhänger Karl's, der glücklich entkommen, aber der Welt, wie sie damals um ihn ging, müde war, schrieb vor seinem Tode: Las! Las de boire et de manger, Las de trahir les créanciers, Las de lasser les amis, Las de la poursuite des ennemis, Las de vivre en torture, Las de voir la même turlure, Las enfin de moi-même, Je meurs d'une résignation extrême. à Herzberg, ce 22. de Mai 1728. Adieu! Sam. Fr. v. Hagen. So endigen nach erlebten großen Scenen, in die sie von festen Männern gezogen wurden, weichere Charaktere. Sie wurden überstrengt und – erschlafften. 2. August von Polen und Stanislaus I. Ein andrer Charakter als Karl XII. war Friedrich August. Von der Natur mit tausend Geschicklichkeiten, mit Schönheit und einer Riesenstärke begabt, mit Neigungen zum Glanz, zur Pracht, zum Wohlleben überreichlich versehen, ward er ein galanter Held in einem Grad, wie es außer dem Roman in der Geschichte wenige geben möchte. Wäre auch nur die Hälfte dessen wahr, was das Galante Sachsen La Saxe galante. Amsterdam 1734. – H. erzählt, so sprächen wir: »Gnug!« und wünschten im Artikel der Lustbarkeiten, der Verschwendungen, der Liebschaften, der Hof- und Minister-Intriguen dergleichen galante Helden der Welt nicht viele. Manche Scenen dürften jetzt auch kaum mehr gespielt werden können; so sehr hat sich durch Uebermacht der Vernunft und Sittlichkeit auch bei sogenannt königlichen Ausschweifungen der Ton geändert. Daß seine theuer erkaufte Wahl zur polnischen Krone diesem Reich sowol als seinen Erbstaaten schädlich gewesen, findet jetzt keinen Zweifel mehr, da ein ganzes Jahrhundert hinab die Folgen am Tage liegen. Nicht nur, daß durch den leichtsinnigen Angriff Livlands und durch das Bündniß mit dem Czar zwanzig Jahre hindurch Verwüstungen in Polen veranlaßt wurden, wie sie seit den Zeiten der Tataren kaum gewesen waren, und daß August seinen Erblanden selbst den Feind auf den Hals zog: er hielt, als ob er dazu berufen gewesen wäre, dem furchtbarsten Nachbar Polens die Leiter, zu einer Höhe hinaufzusteigen, auf welcher dessen Nachfolger fortan dies unglückliche Reich niedriger als eine ihrer eignen Provinzen beherrschten. Der Geist, der unter Johann Sobieski den Charakter der Polen achtbar gemacht hatte, erlosch mit ihm völlig, an dessen Stelle Pracht, Luxus und Ueppigkeit traten. Die alte polnische Nationalmacht ward eine glänzende Garde; die obern Stände gewöhnten sich zu einem Aufwande, den weder Jude noch Sclave bestreiten konnte, und da in Polen der erwerbende Mittelstand, die Säule eines Staats, fehlte, auch Niemand daran dachte, daß, wenn alle umliegende Länder ungeheure Fortschritte machen, ein in üppiger Barbarei zurückbleibendes Mittelland um so ärmer, schwächer und verächtlicher, zuletzt aber gewiß den Stärkern zur Beute werde: so ward in langen Prachtaufzügen ein halbes Jahrhundert hindurch vorbereitet, was gegen das Ende des Jahrhunderts rasch erfolgt ist: Polens Zerreißung. Mit August's I. Wahl war sie unterzeichnet worden: denn eine Nation, die ihre Krone mehreren Auswärtigen feil bietet und sie dann zuletzt dem Meistbietenden zuschlägt, ist keine Nation mehr; indem sie sich jedem mächtigen Auswärtigen zur Beute gegeben, hat sie sich zu Allem verkauft. Polens Magnaten, zürnt Ihr, daß man Euch mißhandelt? Zürnt und schämt Euch Eurer Väter, die Euch verkauften! Es war wol nicht Eigensinn allein von Karl XII., daß er auf einem Piasten bestand, der Polens König sein sollte; er sah den Zustand der Länder rings umher, dabei auch Polens Zustand. Ein ruhiger, patriotisch-thätiger Piast allein konnte ihm aufhelfen; schwerlich ein Gewirr auswärtiger Cabinette, und ein fremdeingeführter Luxus niemals. Es ist ein angenehmer Traum, sich den vielerfahrnen, vielgeprüften, dabei gesetzten, ruhig überlegenden Stanislaus die lange Zeit, die er gelebt hat, auf Polens Throne zu denken. Hinter Romulus-Sobieski ein Numa. Gewiß würde er Polens Geist erweckt, den arbeitenden Mittelstand emporgebracht, seinem Reich eine Nationalmacht verschafft, diese durch kluge Bündnisse befestigt haben; seiner Nation würde er in seinem langen Leben der wohlthätige Philosoph worden sein, der er jetzt in seinen Schriften nur heißt. Drei Schläge that das Schicksal, als es Polen seinem Untergange entgegenlaufen sah; drei Schläge that es an den Wahlpalast, ob Jemand vernähme. Den ersten; als Karl XII. auf seinem Kopf für Stanislaus bestand; ganz Polen hätte ihm zufallen sollen und für den eingebornen König gegen die Nachbarn mit Gut und Blut fechten. Vergebens! Den zweiten Schlag that es, als nach Friedrich August's Tode Stanislaus, mächtig unterstützt, wieder zur Wahl kam. Jetzt gebot schon der mächtigere Nachbar; es war vergebens. Den dritten that's, als Adam Czartoryski zur Krone gelangen sollte. Geschah es zur Ruhe dieses edeln Mannes, daß ihn durch einen schnellen Wechsel der Dinge die Vorsehung damit verschonte? oder war Polen zum Untergange reif? Sonderbar, daß keine Nation aus rein slavischem Stamm sich ihre eigne Gesetzgebung (Autonomie) hat erhalten können, so blühend viele derselben waren. Denn wohnten slavische Völker nicht im östlichen Deutschland bis zur Elbe, von der Ostsee bis zum adriatischen Meer, bis an die Grenzen Griechenlands hinunter? Und wie fleißig, wie ländlich blühten voreinst diese Länder! wie kriegerisch wurden sie vertheidigt! Was war's, was diese Völker allenthalben unter fremde Botmäßigkeit brachte? Ihre unzusammenhängende Verfassung, die bestechliche Weichheit und Ueppigkeit ihrer Magnaten. An aufbrausendem Muth fehlte es den Völkern nie, desto mehr aber an festbeharrendem, überblickendem Sinn, an Treue und Eintracht. Wohlthätig rettete das Glück Polens wohlwollenden König-Philosophen, Stanislaus Leszczynski. Nie drang er sich vor. Als Karl durch ihn in Gefahr kam, verbat er die Krone; noch einmal gewählt, grämte er sich abermals nicht, als man ihn zurücksetzte. Sein Lothringen ward ihm ein schöneres Polen, in welchem Alles als einen Vater ihn liebte und ehrte, sein Hof ein Musensitz, den er sich, wiewol auf andre Weise, in seinem Geburtslande auch würde geschaffen haben. ––––– Inhalt der Werke des wohlthätigen Philosophen Oeuvres du Philosophe bienfaisant, d.i. Stanislaus Leszczynski. Paris 1763. 4 Volumes. – H. Nicht durch Witz und stechenden Scharfsinn zeichnen sich diese Werke aus; wohl aber sind sie mit dem Gepräge des richtigen Verstandes und eines ebenso gesunden Herzens durchaus bezeichnet. Auch im kleinsten Aufsatz spricht Bonhommie, Redlichkeit, Güte. Den Anfang des ersten Bandes macht ein väterlicher Rath des Königes an seine Tochter, die Königin in Frankreich, würdig, aufrichtig, liebreich. Ein Schreiben des Königes über seine Flucht aus Danzig, voll ruhigen Gefühls in Betrachtung überstandener Gefahren, billig gegen seine Feinde, dankbar gegen seine Erretter und Wohlthäter, folgt. Vol. I. p. 46. – H. Ein andres Schreiben unter fremdem Namen (d'un Seigneur Polonais), geschrieben zu Königsberg, seine zweite polnische Wahl betreffend; P. 156. – H. Mäßigung und Liebe zu seinem Vaterlande haben es dictirt. Der folgenden Aufsätze Namen dürfen nur genannt werden: »Das wahre Glück besteht darin, wenn man glücklich macht«. »Hoffnung ist ein Gut, dessen Werth man nicht gnug kennt«. »Gedanken über die Gefahren des Witzes«. »Gespräch eines Souveräns mit seinem Günstlinge über das scheinbare Glück menschlicher Stände«. »Von Wünschen«. »Ueber das Glück des Lebens«. »Brief an die Akademie zu Nancy, sie zu neuem Eifer aufmunternd und belebend«. Der zweite und dritte Band enthalten »Bemerkungen über die Staatsverfassung Polens«. Verständig, väterlich, gütig. Warum konnten diese Bemerkungen nicht thätige Hilfe werden? »Gespräch eines Europäers mit einem Insulaner des Königreichs Democala«. In einem erdichteten Lande realisirt Stanislaus seine Wünsche für die politische Glückseligkeit eines Volkes, da man ihm, sie in seinem Vaterlande zu realisiren, nicht gönnte. Der vierte Band widerlegt »die Irreligiosität aus Grundsätzen des gesunden Verstandes«. »Ueber die Unsterblichkeit des Namens«. »Moralische Reflexionen«. »Ueber Freundschaft, Religion, Philosophie, Gesetze, Gesellschaften, Tugenden und Laster, über Leidenschaften, Glück und Unglück, Zustände des Lebens, Vergnügungen«. Eine Antwort auf die bekannte Preisschrift Rousseau's, »Ob Künste und Wissenschaften den Verfall der Sitten bewirken?« Discours, worin eine der vornehmsten Ursachen des Verfalls der Wissenschaften in diesem Jahrhundert darin gezeigt wird, daß »Die, welche Wissenschaft treiben, sich mehrere Talente zutrauen, als sie haben.« Wahr! Ohne Anmaßung, mit hellem, schlichtem Verstande sind alle diese Materien bearbeitet, der Person Stanislaus', der kein Gelehrter von Profession sein wollte, würdig. Wie entfernt von dem After- und Aberwitz, der damals schon durch Voltaire's Nachäffer Mode zu werden anfing. Lebenslang ward der König geliebt und geachtet; immer wird man ihn als einen gutmüthigen Mann, als einen redlichen Staatsweisen ehren. Weh, unglücksel'ges Polen, Dir, Daß Deinem Biedersohne Du Zweimal die Krone gabst und nahmst! Du solltest nicht, befreit durch ihn Von Unterdrückung, Neid und Haß, Von Trägheit, grober Ueppigkeit, Ein Reich der Freiheit, der Vernunft, Der Eintracht werden; solltest nicht Aufblühen zu Democala. Entretien d'un Européen avec un Insulaire du Royaume de Democala. Oeuvres du Philosophe bienfaisant. T. III. p. 223–33. – H. Aus sprachest Du Dein Veto selbst; Und das Verhängniß unterschrieb. Wohl aber, Stanilaus, Dir, Daß vom Herculisch-langen Kampf Das Schicksal Dich befreiet sprach, Vom Kampfe mit der Hydra, mit Den Stymphaliden! Schrien sie nicht Ihr Machtwort: »Nie poswalam« aus Zehntausend Schnäbeln? Auch vom Stall Augias' und dem Stier, dem Hirsch, Dem Eber und der Nähe des Dreileibigen Geryon! Dir Beschied die Gütiglohnende Ein Paradies, das Dir zum Reich Der Wissenschaft und Kunst gedieh, Lothringen, Dein Democala. ––––– Kunstsammlungen in Dresden. Für Deutschland und das Kurfürstenthum Sachsen war es ein Verlust, daß ein Fürst von so seltnen Vorzügen, die Friedrich August körperlich und geistig besaß, durch die polnischen Verwirrungen und Kriege gehindert ward, für Deutschland allein zu leben. Der großmüthige, durch Reisen gebildete, kunst- und welterfahrne Kurfürst würde den Wissenschaften in seinem Lande, das reich an Naturproducten und Anlagen zur Wissenschaft ist, vor vielen andern Ländern Deutschlands den neuen Glanz gegeben haben, auf den es seit der Reformation den ersten Anspruch hatte. Leibniz schlug dem Kurfürsten eine Akademie der Naturmerkwürdigkeiten Collegium Curiosorum Augstum. Eine Nachricht davon findet sich in Tenzel's »Curioser Bibliothek« des Jahrs 1704. S. 45ff. – H. zu Sammlung und Erforschung derselben nach einem großen Plan vor, den er einesteils durch reiche Sammlungen dieser Art in Wirkung setzte, anderntheils unter den polnischen Händeln aufgab. Dresden indeß zierte sein prachtliebender Geist mit Gebäuden; unter ihm war es eine Schule der Artigkeit und ist es geblieben. Vor Allem aber sind die Kunst- und Alterthumssammlungen , die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August im Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August am Ende desselben vollendet. Die erste Sammlung an Münzen hatte Kurfürst August schon 1560 gemacht; Johann Georg III. hatte sie mit Streithämmern, Urnen und Idolen vermehrt. Von Friedrich August I. schreibt sich aber die eigentliche Kunst- und Alterthumssammlung her; Friedrich August II. hat sie vermehrt und zu einem Museum geordnet. S. Lipsius, »Beschreibung der Antiken-Galerie«, Dresden 1798. Einleitung. Zwischen 1720–1730 wurde das Meiste gesammelt; 1785 und 1786 geschah die Versetzung in den japanischen Palast. – H. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein deutsches Florenz worden. ––––– »Wie aber?« sagt man, »ist's gut, daß Italien seiner Kunstreichthümer beraubt werde? dies Land, das zu ihrer Aufbewahrung erschaffen zu sein scheint? Unter jenem glücklichen Himmel, in Regionen der Ruhe, milder Regierungen und eines Pontificats standen sie da, jedem Künstler zu jeder Zeit zugangbar. Ein großer Theil war anvertraut-erbliches Gut alter Familien. Aus Vorurtheil und Stolz der Geschlechter waren sie der Nation werth. Verpflanzt in andre Gegenden, hie und da in ein Gewühl, das den ruhigen Künstler stört, oder gar in unsichtbar gewordne einzelne Schlösser und Paläste, sind sie nicht mehr, was sie in den Museen und Villen Italiens waren.« So spricht man und hat in Einigem sehr Recht. Wenn Pluto z. B. die schönsten Statuen in Albion's zerstreute Parks entführt, so sind sie dort, der Proserpina gleich, verschwunden. Der Lord und die Lady studiren an ihnen nicht; und welcher ausländische Künstler ist reich genug, um in den zerstreuten Parks der Großen Albion's Kunstwerke zu sehen, wie er sie in Rom sah und studirte? Auch in das schöne, aber ferne Spanien sind Kunstwerke wie ins ferne Elysium nahe den Herculischen Grenzen verflogen. Und wer mag sie besuchen am Nordpol? Wie im geräuschvollen Paris ihre Anwendung sein werde, wird die Zeit lehren. Verglichen mit allen diesen Ländern, macht Deutschland (verzeihe man dem Deutschen diese Vorliebe!) eine Ausnahme. Mit Italien ist Deutschland nur eigentlich ein Land; denn ein großer Theil der Einwohner dieses Sitzes der Kunst ist deutscher Abkunft, und seit einem Jahrtausende waren beide Länder in Ansehung des Handels und der Regierung fortwährend in Streit oder in Gemeinschaft. Aber auch diesen Zusammenhang nicht gerechnet, hat Deutschland seit Wiedererweckung der Künste mit Italien in ihnen gewetteifert und war ihm, aller seiner Nachtheile ungeachtet, in manchen Erfindungen vorgeeilt. Vielleicht hat auch der deutsche Künstler vor andern fremden Nationen den Vorzug, daß er keine unablegliche Manier zu den Kunstwerken Italiens bringt; es müßte denn, seit Dürer, Holbein und ihren Vorgängern, Richtigkeit der Zeichnung und Charakterwahrheit, die oft in strenge und dürre Härte überging, ihre Manier sein. Von solcher aber singen die Griechen und ältern Florentiner auch an, ja sie ist aller Kunst Eingang. Wenn also deutsche Fürsten Gemälde und Alterthümer in ihren Ländern sammelten, als es noch Zeit war, und die Galerien zu Wien, München , wo auch Mannheim und Düsseldorf ist, Dresden, Cassel u. s. w. noch blühen, so sind sie als Colonien der Kunst , als Vorbereitungen zu betrachten, die den Schüler über die Alpen hinleiten. Sind (um nur die neuesten Zeiten zu nennen) Mengs und Winckelmann nicht Deutsche? Von Dresden's Kunstsammlungen geweckt, wurde Winckelmann Lehrer der Kunst für alle Nationen. Sein erstes Buch: »Ueber die Nachahmung griechischer Kunstwerke«, schrieb er in Deutschland. Seitdem sind alle Völker Europa's, die an der Kunst Theil nehmen, seiner Spur gefolgt. Vgl. Herder's Werke, VIII. S. 137 f. – D. Blühe, deutsches Florenz , mit Deinen Schätzen der Kunstwelt! Stille gesichert sei Dresden-Olympia uns! Phidias-Winckelmann erwacht' an Deinen Gebilden, Und an Deinem Altar sprossete Raphael-Mengs . ––––– Ueber alles Kunstlob erhebt sich der kurze Zusatz, daß, wenn ein Friedrich August vor Anfange des verflossenen Jahrhunderts die polnische Krone kostbar suchte, ein anderer Friedrich August sie vor Ausgange des Jahrhunderts fürs Beste seiner Länder gerecht und würdig ausschlug. Das Jahrhundert, das ein Alcibiades begann, beschloß ein Aristides . 3. Peter der Große. Wenn ein Monarch den Namen des Großen verdient, so ist's Peter Alexejewitsch ; und doch wie wenig sagt der Name! Er deutet nichts als ein Verhältniß an, das man nur höher oder tiefer nehmen darf, um zuletzt ihm in unermeßlich großen oder kleinen Größen ganz zu entkommen; eine charakteristische Eigenschaft des Mannes bezeichnet der Name nicht. Selbsthalter nennen sich Rußlands Monarchen; er war dies nicht allein, sondern Selbsteinrichter und Haushälter seines Reichs , ein allenthalben umher wirkender Genius , der hier anordnete, dort schuf und lenkte, dort anregte, lohnte, strafte – überall aus unermüdlichem Triebe er selbst , nie durch ihn ein Andrer. Dieser Trieb , diese Geniuskraft zeigt sich in seiner kleinsten und größten Unternehmung, verbunden mit Klugheit, Entschlossenheit und auch im wilden Zorn mit einer bald rückkehrenden Billigkeit und Menschengüte . Was jener Wilde von einem Engel Raphael's sagte: »Er ist meines Geschlechts!« gölte von diesem erhabenen Wilden . Schon im Knaben zeigte sich der anordnende Genius , der in Moskau zuerst eine eigne Compagnie errichtete und in ihr selbst von unten auf diente. Dies Dienen von unten auf , der damaligen Denkart seiner Nation ganz entgegen, war, wie sein Tagebuch S. Tagebuch Peter's des Großen, übersetzt von Backmeister. Riga. – H. (Zu Berlin war eine Übersetzung 1773 erschienen. – D.) zeigt, zu See und Land, in Handwerken, Künsten und im Kriege, Peter's Einmaleins, seine Regel; er glaubte, man könne nichts, was man nicht von unten auf gelernt habe. So lernte er den Schiffbau, das Drechseln, Eisenschmieden; so diente er militärisch hinauf zu See und Lande. Erst bei der Krönung Katharina's, wenige Zeit vor seinem Tods, wurde er Vice-Admiral; Shout by Nacht mußte er lange bleiben und würde der Admiralität übel begegnet sein, wenn sie ihn auf seine eigne eingereichte Supplik früher befördert hätte, als es ihm gebührte. Dies, wie alle seine Einrichtungen, waren ihm nicht Regentenspiel, sondern Ernst. Früh überwand er in sich seinen Abscheu gegen das Wasser und Wasserfahrten so sehr, daß der Seedienst zeitlebens ihm eine blinde Leidenschaft ward und die Fahrt auf dem Wasser ihm zuletzt sein Leben selbst kürzte. Schauderliche Empörungen und Lebensgefahren umrangen ihn in der zartesten Kindheit; am Altar einer Kirche, wohin ihn seine Mutter geflüchtet, stand in einem Auflauf das Messer eines wüthenden Strelitzen schon an seiner Kehle, als die Stimme eines andern Aufrührers: »Bruder, halt! nicht am Altar!« ihn rettete. Nach vielen Jahren erkannte er diesen Strelitzen, fuhr, als er sein Gesicht sah, schaudernd vor ihm zurück und entfernte ihn schreckhaft so weit, daß dieser ihm nie vor die Augen mehr kommen konnte. Ohne Zweifel waren die Eindrücke, die er von so früh erlebten Scenen des häuslichen Aufruhrs und der Verrätherei in seinem Gemüth trug, Ursach, daß er bei Regungen dieser Art scharf, hitzig, oft grausam verfuhr, wie die Geschichte seines unglücklichen ältesten Sohns zeigt. »Ich weiß,« sagte er, S. Stählin, »Originalanekdoten von Peter dem Großen« [Leipzig 1785], hie und da. – H. »daß man mich auswärts grausam und einen Tyrannen nennt; ich muß es aber sein; denn ich habe zweierlei Unterthanen, hartnäckige und lenksame, treulose und treue.« Kein andrer als ein gefaßter, kluger und zufahrender Geist, wie Peter, hätte ein so ungeheures Widersprechen und Umgehen der Befehle überwinden, kein Andrer als er den Verschwörungen der Strelitzen, Bojaren, Roskolniken (der Altgläubigen) u. s. w. entgehen mögen. Einige Momente der Art reichen an die höchsten, die man in der Geschichte liest. Auf der See wagte er sich wie Cäsar mit dem Wort: »Der Czar kann nicht ersaufen!« durch alle Gefahren. Früh, bei der Belagerung Azow's, lernte er den Mangel seines Reichs an Künsten und Kunstverständigen zu Lande und Wasser kennen; fortan war und blieb dieses bis ans Ende seines Lebens sein Hauptgedanke. Hierüber hörte er die Ausländer, vor Allen seinen Le Fort ; hierin ließ er sich unterrichten und verwarf ungeprüft keinen neuen Gedanken; hiezu trat er seine zwiefache Reise durch Deutschland nach Holland, Frankreich, England an, sah und nutzte, was in den kleinsten und größten Städten zu nützen war. Unverdrossen zeichnete er auf in seine Schreibtafel, besprach sich mit allen Gewerben und Künsten, lud jedes Vorzügliche nach seinem Rußland und Petersburg ein, legte zu Allem selbst Hand an. Seinem Gesandten zum Nystädter Frieden trug er für sich Kunst-, Künstler-, Gewerb-, Haushaltungsgeschäfte auf; über diese sollte er ihm , über die Friedensunterhandlungen an den Senat berichten. An den Rand des Entwurfs einer Akademie der Wissenschaften bemerkte er Commissionen an seinen General in der Ukraine über Ochsen und Schafe. Sämmtliche wahre Wissenschaften sah er als unentbehrlich in ihrer hohen Nutzbarkeit an; er betrachtete sie sowol als Unterricht und Vervollkommnung zu größerer Tüchtigkeit als auch wie Werkzeuge zu unzähligen praktischen Vortheilen. In Rücksicht beider war ihm keine Wissenschaft gleichgiltig. Mathematik und Mechanik, Sprachen und Alterthümer, Artillerie, Predigten und die Schiffsbaukunst schätzte er jede zu ihrem Zweck, in ihrem Kreise; alle wünschte er bei seiner Nation einzuführen. Einen Vice-Admiral und einen General- Superintendenten, wie Bruinig , pries er gleich brauchbar, auszeichnend. Auf dem Todbette empfahl er seiner Nachfolgerin die Akademie der Wissenschaften unter seinen letzten, dem Reich unentbehrlichen Wünschen. Sonderbar ist der Gedanke, daß, wenn Peter die Wünsche, die er seinem Reich bei der Bestürmung Azow's nöthig fand, nach dessen Eroberung dort befestigt, und von dort aus seine Plane zu See und zu Lande angelegt hätte: welch eine andre Gestalt hätte Rußland erhalten! Eine Residenz im schönsten Klima, am Ausflusse des Don, in der glücklichsten Mitte des Reichs, von da der Monarch seine europäischen und asiatischen Provinzen wie die rechte und linke Hand gebrauchen, dem türkischen Reich hätte Trotz bieten, dem Handel der drei alten Welttheile, mithin auch des vierten, im Schooß sein mögen! Denn von den ältesten Zeiten an, unter Griechen, Constantinopolitanern, Genuesen, sogar unter Türken, Tataren, Kosacken, blühte diese Gegend durch den Handel. S. die Geschichte Azow's im zweiten Bande der »Sammlung russischer Geschichte«. - H Der Blick irrt wie in einem großen Garten umher, wenn man von hier aus zur Rechten und Linken die Provinzen Rußlands betrachtet. Die Küste Azow's ist ihm ein Schlüssel der Welt, seine gelegenste Ausfuhrt. Von hier aus hätte das ungeheure Reich Europa genutzt, ohne ihm je beschwerlich zu werden; und welche Mühe mit dem Zwange der Nation, mit dem Bau Petersburg's, nach und unter wie blutigen Kriegen und Siegen, hätte Peter sich damit erspart! Seine erste europäische Reise aber, insonderheit die holländische Lebensart , zu der sich Peter in Saardam gewöhnte, richtete seinen Blick westwärts. Europa wollte er näher sein, einen Hafen an der Ostsee und in ihm Holländer, Engländer nachbarlich haben. Also, als August von Polen leider ihn in das Bündniß gegen Schweden zog, war sein Wunsch nach einem Hafen an der Ostsee unaustilgbar. Zu rechter Zeit, wie leicht hätte Karl XII. auch diesen Wunsch befriedigen können! »Zweimal«, sagte Peter vor dem Nystädter Frieden, »hatte ich meinem lieben Bruder Karl Frieden angeboten, zuerst einen Nothfrieden , sodann einen generösen Frieden, den er mir aber abgeschlagen hat. Nun mögen die Schweden den dritten, einen Zwang- oder Schandfrieden , mit mir eingehen.« Er erfolgte, so daß, wie Peter sagte, er ihn sich selbst nicht besser hätte vorschreiben mögen. Und so tippte sich Rußland, freilich mit allen seinen asiatischen Provinzen, auf diese neue Spitze am europäischen Ende seines Reichs. St. Petersburg , das neue Amsterdam , war gegründet. In jedem Lande, fast in jeder Stadt, die Peter auf seinen Reisen besucht hat, sind Anekdoten von ihm geblieben, die ihn in den verschiedensten Situationen als Denselben schildern. Eine gute Anzahl solcher Anekdoten aus seinem öffentlichen und häuslichen Leben hat Stählin zusammengetragen, jede mit dem Namen ihres Autors, alle mit dem Siegel der Wahrheit bezeichnet. In allen lebt und webt Peter. Fast keinen Regenten der Vor- und Mitwelt kennen wir so genau als ihn, selbst Friedrich II. von Preußen nicht, weil Peter offener lebte. Bei mancher seiner Rauhheit bewundern und ehren wir immer den Regenten, zuweilen selbst schaudernd. Vor Allem ehren wir seine Gefaßtheit, sich unter Glücksumstände zu fügen und derselben sich nie zu überheben. Seine Briefe nach dem Siege bei Pultawa und in seinem von den Türken eingeschlossenen Lager am Pruth zeigen mehr als alle seine kriegerischen Verwüstungen den Helden . Seinen lieben Bruder Karl bedauerte Peter über seine Unbiegsamkeit auch in Bender und Warnitza; er weinte, da ihm die Nachricht von seinem Tode vor Friedrichshall zukam. Geister wie Peter sind aus ihren Lebensjahren nicht zu berechnen; für Jahrtausende geschaffen, müssen sie Jahrtausende fortwirken, ehe man reine Erfolge ihres Bestrebens sieht. Billig beurtheilt man sie also nach ihrem Bestreben und nach dessen Maximen ; die Grundsätze Peter's waren in Allem treu seinem Vaterlande, groß und praktisch. Seine Politik war offen und wahr, obgleich er nicht wollte, daß selbst ein Papagei in seiner Kathinka Zimmer die gesprochenen Worte: »Nach Persien geht der Zug!« nachplaudern sollte. Was über den Tod seines ältesten Sohnes, dessen Art ihm verschwiegen ward, in seinem Innern vorgegangen, sieht man bei dem Ableben seines zweiten Sohnes, Peter's. Trostlos schloß er sich eine Reihe von Tagen ein, vergessend der ganzen Haushaltung seines Reichs und aller seiner Lieblingsplane. Niemanden ließ er vor sich auf alles Klopfen, Bitten und Rufen, auch nicht die Mutter des verstorbenen Kindes, seine Gemahlin, bis ihn vor seiner geschlossenen Thür der ganze Senat aus seinem traurigen Todesschlaf weckte. Das Verhängniß gönnte ihm die Freude nicht, einen Nachfolger zu sehen, dem er sein mit so vieler Mühe gepflanztes Reich zurückließe; zu rasch hatte er sich diese Hoffnung selbst abgeschnitten; denn auch die Vermählungen seiner Töchter waren, als er starb, noch unbeendigt. Die letzte Periode seines Lebens, seitdem er Mons hinrichten ließ, obgleich in sie auch die schon vorher festgesetzte So ist wol statt »vorhergesetzte« zu lesen. – D. Krönung der Katharina trifft, war gewiß in seinem Innern keine friedsame Epoche. Ungeduldig seines Hauses, suchte er sein Element, das Wasser, auch in der von ihm lange verschwiegenen letzten Krankheit durch Fahrten und Gefahren. Er stürzte sich, wie seine Aerzte sagten, selbst in den Tod, aus dem ihn, wie Boerhave meinte, für fünf Kopeken Medicin hätte retten können. »Hätte er es uns nur früher gesagt, und wäre er nicht ausgefahren,« sagen seine Aerzte, »noch 40 Jahr hätte er leben können!« Nun aber starb der große Mann nach Schmerzen und Qualen den 25. Jänner 1725 im dreiundfunfzigsten Jahre seines Alters. Wenn es wahr ist, daß er sich noch in seinen Todesschmerzen habe malen lassen, so zeigt auch dieses die Standhaftigkeit seines warmen Charakters; denn gewiß, unter allen Sterblichen starb in diesen Jahren Niemand unwilliger als er, er, der Schöpfer, Vater, Künstler und leidenschaftliche Liebhaber seines – unvollendeten Reiches. ––––– Beilage. Ueber die schnelle Kunstbildung der Völker ––––– Unterredungen auf einem Spaziergange D. Am ersten schönen Frühlingstage finde ich Dich hier? Kein Wunder! Wie schnell und prächtig nach dem gestrigen ersten Gewitter diese weite Hecke blüht! Wie mit Schnee bestreut, glänzt sie. Es ist aber blühender Schnee, die erste Baumblüthe des gekommenen Frühlings. E. Man sagt: »Wenn der Schwarzdorn blüht, kommen keine Nachtfröste mehr.« Dicht verschlossen hielten sich die Blüthen, bis der Frühling völlig da war. Jetzt ist er da; mit Macht sind sie hervorgedrungen und begrüßen ihn mit halboffenem Auge. Auch wir begrüßen ihn mit der Freude des Schwarzdorns. D. Man hält sie sehr gesund, diese Blüthen. Aber – wem sannst Du nach, Freund, da Du so betrachtend vor ihnen standest? E. Weder ihrem Nutzen, noch ihrer Schönheit. Du weißt, wie sonderbar unsre Seele manchmal Ideen paart . Ich kam von einem Buch (wir haben hundert Bücher der Art), das auf die schnelle und schnellste Cultivation der Völker drang; da fielen mir diese blühenden Büsche ins Auge. Ich dachte an das gestrige Ungewitter, das sie, wie man sagt, mit Macht hervortrieb, und träumte dann weiter – D. Wovon? E. Von Vielem. Ich dachte daran, daß die Natur gewöhnlich diesen Weg nicht gehe, daß sie ihre Kinder nicht übereile, sondern langsam erziehe. Der Keim, das Gräschen, der Halm, die Blättchen mit ihren Knospen, feiner und feiner; dann erst die Blüthe, und wenn, beschirmt von ihr, diese reif und gesichert ist, dann erst die Frucht. Mit einigen Gewächsen geht sie freilich diesen Weg schneller; treibt sie aber je auf einmal dicht am Boden sogleich die Blume hervor? D. Erinnerst Du Dich nicht an die Zeitlose , die auf einmal aus der Erde hervorblüht? E. Es ist auch die letzte Blume des scheidenden Herbstes, die Ankünderin des kommenden Winters. Wir trauern, wenn wir mit Zeitlosen die Wiese überdeckt sehen, und fragen uns sogleich bekümmert: »Wie lang ist's noch hin, ehe wir Blumen des Lenzes , Himmelsschlüssel, Veilchen wiedersehen? Werden wir sie erleben?« D. Jetzt haben wir sie erlebt, diese fröhliche Zeit; wir freuen uns also auch dieser Blüthe. Aber verzeihe, Freund, Deine Anwendung, wie die Natur ihre Kinder erzieht, und wie Menschen Menschen, ja Völker bilden sollen, scheint mir einer großen Einschränkung zu bedürfen. Die Natur ist so groß und reich – E. Der Mensch dagegen so klein und arm – D. Jene hat so viel Hilfsmittel und Kräfte – E. Der Mensch so wenige – D. Jene darf sich so lange Zeit nehmen, als es ihr gefällt, sie kommt doch zu ihrem Ziel – E. Und käme der Mensch je zu dem seinigen, wenn er irgend etwas außer der Zeit thäte? Eben wie die Natur bei jedem Gewächs seine und eben damit ihre Zeit hält (das Jahr, die Jahrszeiten des einen sind nicht der Kalender des andern), sollten die Menschen nicht auch bei dem feinsten Werk, das sie zu treiben haben, indem sie die Natur nicht etwa nur nachahmen, sondern sie veredeln, sollten sie nicht auch mit jedem Gewächs seine Zeit halten, d. i. bei keinem Frucht vor der Blüthe, bei keinem Blüthe im Keim fordern? D. Doch aber, wo es die Natur des Gewächses will, die Blüthe durch ein befruchtendes Donnerwetter hervortreiben ? Ich dachte eben an Peter den Großen , der seine Nation auf einmal, und zwar mit Gewalt in Künsten blühend machte. E. Ich auch; wir finden uns also auf einem Wege. Lassen wir das Gleichniß und reden von Thatsachen der Geschichte. Es ist wol das wichtigste Thema, wovon in unserm Jahrhundert, in dem Alles aufs Schnellste cultivirt werden soll, geredet werden mag – D. Und geredet wird, raisonnirend und deraisonnirend. Du glaubst also, Peter der Große habe sich in der zu raschen Bildung seines Volks übereilt? E. Ich habe zu viel Verehrung gegen das Andenken dieses großen Mannes, als daß ich über den kleinsten seiner Entwürfe urtheilen wollte. Hat jedes Gewächs seinen Kalender in sich, so hatte den seinigen auch er . Er sah ein, wie viel er zu thun habe; ein unermeßliches Werk, die Bildung eines so großen, großen Reichs, so vieler, vieler Nationen lag vor ihm. Dagegen wie kurz ist das längste menschliche Leben! Und da er sich bald, und mit erneuter Wunde zweimal , ohne Nachfolger, ohne Hoffnung der Fortsetzung seines Werkes, in seinem Sinn, zu seiner Absicht sah, mußte er nicht eilen? D. Und wohin ihn Ueberlegung nicht führte, dazu trieb ihn sein rascher Geist , ohne den er gar an keine neue Schöpfung seines Volks gedacht hätte; er wäre, In der Adrastea stand »wäre er.« – D. seinen Vorfahrern gleich, auf dem alten Czarenthron in Moskau sitzen blieben. Sein Geist aber, die göttliche Unruhe , die ihn anspornte, zuerst sich selbst mit Kenntnissen zu bereichern, Alles zu versuchen, Künste jeder Art zu lernen; die liebenswürdige Voreiligkeit ( étourderie ), die auf seinen Reisen ihn zwang, an Alles selbst Hand anzulegen – E. Die zwang ihn auch, seiner Nation dieselbe Schnelligkeit der Begriffe und Fähigkeiten, dieselbe Lust und Liebe zuzutrauen und geben zu wollen, die er in seinem Geist und in seiner Brust fühlte. Da finden wir uns wieder im Urtheil bei einander. Jeder außerordentliche Mensch, der über die Eitelkeit, sich für den Einzigen zu halten, hinaus ist, traut Andern seine Kräfte, und wenn er's mit Begeisterung redlich meint, auch seinen guten Willen zu. So Peter . D. Was den guten Willen betrifft, da wußte Peter zu gut, was er seiner Nation zuzutrauen habe. Er kannte aber auch das Mittel dagegen, das er in der Hand und an der Seite führte. In der Hand sein berühmtes spanisches Rohr mit dem elfenbeineren Knopf, Dubina genannt; an der Seite den berühmten Hirschfänger, den er im vollen Senat mit einem Schlage vor seine Brust blank auf den Tisch warf: »Seht, das ist Euer Patriarch !« – und zornig hinausging. Seitdem trug Niemand mehr auf einen Patriarchen an; seine Dubina that auch gute Dienste. E. Doch nicht mehr und andre, als sie thun konnte. Geben wir einer Nation so viel Kaufleute, Schlösser und Eisenschmiede, Fabrikanten, Stückgießer, Artilleristen, Mechaniker u. s. w., als wir wollen: eine kunstlernende, kunsterfahrne, ja, wir setzen sogar kunstreiche, Nation kann sie dadurch geworden sein, aber auch eine gebildete, civilisirte ? An der leichten Erlernung der mechanischen Künste, am Nachahmungstalent der Russen in Sprachen, Geschicklichkeiten, Fertigkeiten u. s. w. hat Niemand, der sie kennt, gezweifelt; sie sind hierin vielleicht das erste Volk in Europa. Das erste Volk in Ansehung der Aufklärung und Bildung zu sein, den Ruhm wird sich, auch nach einem Jahrhundert seit Peter, die russische Nation selbst nicht anmaßen. D. Ein rüstiger, kluger Hausvater, was schafft er sich zuerst an? Was er am Nötigsten braucht. Zu seinen nächsten Absichten bedurfte Peter die Geschicklichkeiten und Künste, die er in Rußland nicht fand. Seine eigne Liebhaberei trieb ihn allerdings, das Werk zu fördern, und so ging er, auch für seine Nation, in Ansehung dieser zuerst und unvermeidlich auf Jagd aus. Er drängte sich näher nach Europa; seine Nation mußte vor Allem ein europäisch Volk, sein Petersburg ein Amsterdam werden. E. Da finden wir uns wieder zusammen. Er maß die Nation nach sich , nach seinen Neigungen und Planen; welcher Gesetzgeber und Haushalter machte je es anders? Verlassen wir aber dieses schönbeblümte Gebüsch und gehen weiter. Das offne Feld lockt, der laue Tag weht lieblich. Siehst Du dort jenen Landmann, wie er seinen väterlichen Boden, der geruht hat, umpflügt, bracht, die darin verborgnen Unkrautwurzeln zerstückt, die Klöße zerklopft, dem Anscheine nach unbarmherzig mit ihm umgeht, dennoch aber höchst geduldig und verständig? Siehe jenen andern, der da säet! Gemessenes Schrittes schreitet er vor, damit die Saat nirgend zu dünn falle; die vorsichtige Egge fährt ihm nach und begräbt den edlen Samen. Alles in Hoffnung. Hier nun bemerke das grünende Winterfeld! Unter Schnee und Eis lag es verborgen; der Schnee deckte, wärmte es, er gab ihm erquickende Frische; die Frühlingssonne schmolz die hartgewordne Decke der Eisblumen und führte den Samen aus der Erde hervor. Sage mir, giebt es ein schöneres Grün? giebt's einen erfreuendern Anblick? D. Und die Anwendung? E. Der großen Natur können und dürfen Menschen in Allem nicht nachahmen; die läßt Jedes an seinem Ort zu seiner Zeit gedeihen und wachsen, ersterben und ausgehn. Des Menschen, auch des mächtigsten und größten, Fleiß ist ein durch Gesetze engbegrenzter Kunstfleiß . Wie, wenn ein Landmann auf einmal mit und durch einander vorm Pfluge säen, vor Reife des Gesäten ernten wollte, in Furcht, er möchte die rechte Erntezeit nicht erleben? Oder er finge hier, dort und da auf einmal an, und der Befehl seines Herren riefe ihn von seiner an hundert Enden angefangenen Arbeit, der er unermüdlich obgelegen, fort? D. Widriger Gedanke! So wird werden, was nach des unermüdeten Peter's Tode ward. Manches Werk wird liegen bleiben, manches untergehen, in manchem sein Plan verlassen werden. Läßt er indessen eine tüchtige Haushälterin, die seine Entwürfe kennt, und tüchtige Dienstboten nach, die das Werk, wenn auch mit Aenderungen (denn die Zeit ändert Alles), nur hie und da fortsetzen, so war die Mühe jenes großen ersten Haushalters gewiß nicht vergebens. Mich dünkt, eben dieses war der Fall mit Rußland, wie die Geschichte des fortlaufenden Jahrhunderts zeigt. Für Rußland blieb es Peter's Jahrhundert. Was er, der Mächtige, gepflanzt hatte, konnte Niemand ganz entwurzeln: die Form und Tendenz des von ihm gestellten Reichs blieb, ja von allen Seiten ward sie erweitert. E. Eben. Und wenn nun Peter das Reich, wie Columbus sein Ei, auf eine Spitze gestellt hätte, auf welcher es sonach stehen bleiben mußte, auf der es aber dennoch nur gezwungen stünde? Denn natürlich steht das Ei doch nicht, wie der große Columbus es stellte. D. Ich verstehe die Anwendung des Gleichnisses nicht. E. Siehe die Weltkarte an: wohin gehört Rußland? zu Europa oder zu Asien? D. Zu beiden. Dem größten Erdstrich nach zwar zu Asien; sein Herz aber liegt in Europa. E. Wenn dies Herz genau zwischen beiden Welttheilen läge? Gehen wir die Namen der Völker durch, die sich in Rußland angepflanzt haben: Gothen, Alanen, Roxolanen gingen durch; Hunnen und andre mongolische Völker streiften hinein; Slaven, Bulgarn, Avaren, Chazaren, so manche andre asiatische Völker blieben und mischten ihr Blut mit einander – D. Von einem europäisch-gothischen Stamm indeß, den Warägern, ward der russische Staat gestiftet . E. An Zahl waren vergleichungsweise diese Ankömmlinge Wenige; sie verloren sich in der Menge andrer Völker wie Tropfen im Meer, obgleich die Namen ihrer Städte und ihre Stiftungen blieben. Dagegen bei dem großen Zuge asiatischer Nationen nach Europa war Rußlands Ebne der Durchgang , und gingen sie zurück, der Rückgang . Es ward ein stehendes Meer der verschiedensten Völker, in Sprache, Bildung, Sitten verschieden. Blättere Georgi's »Beschreibung der Nationen des russischen Reichs« oder die gesammelten Wörterbücher der mancherlei Sprachen durch, die seine Bewohner reden: welch eine Welt von Völkern! Unter diesen Sprachen erhielt sich ursprünglich keine gothische, keine deutsche. Aber weiter! Heiden und Mohammedaner abgerechnet, woher bekam Rußland seine Religion ? D. Aus Constantinopel, woher es auch das Staatsgepränge des Hofes und seine frühere Bildung in Künsten erhielt. Seine Residenz war Kiew . E. Wie viel nun in der sogenannt griechischen Religion Asiatisches sei, weißt Du. Es ist die älteste Form des Mönchschristenthums, wie es sich aus Asien in das griechische Reich zog und sich da asiatisch -griechisch organisirte. Betrachten wir die Handelskarte Rußlands; aus welchem Welttheil sind seine meisten Produkte? D. Aus Asien , ohne Zweifel. E. Dieses schon jetzt, und welche könnten gewonnen werden, wenn jene Ungeheuern Gegenden Rußland, oder Rußland dem productreichen Asien näher läge! Da nun der Berg nicht zum Propheten kommt, wie, wenn der Prophet zum Berge ginge? D. Was heißt das? E. Welchen Meeren, den bosnischen Meerbusen abgerechnet, gebietet Ruhland natürlich ? Dem Schwarzen , wie dem Weißen und Eismeere , der kaspischen See, dem Meer zwischen Asien und Amerika . In Ansehung des Handels, der Aus- und Einfuhrt, welch ein ungeheurer Weltstrich von Meeren! Bemerken wir nun, daß in den ältesten Zeiten ein so großer Handel, von den Küsten sowol als aus dem Herzen Asiens hinaus, über das Schwarze und kaspische Meer durch Taurien und die Tatarei, durch Rußlands Ströme und Länder ging; bemerken wir, daß Rußland die Schlüssel zu den Dardanellen, zu Constantinopel und dem Archipelagus in seinen Händen habe, daß auf so verschiedenen Wegen die Schätze Asiens und Amerika's ihm friedlich offen stehen; bemerken wir, wie unzugänglich gesichert es von seiner europäischen Seite ist – D. Petersburg gesichert? E. Du vergissest, daß wir Peter's Eroberung, den bottnischen Meerbusen, vergessen sollten. Zum leichtern Anblick der Sache (denn über das Vergangne zu reden, ist ebenso langweilig als widrig) denke Dir, daß wir nach einigen Jahrhunderten wiederkämen. Rußland hätte seinen Mittelpunkt am Schwarzen Meer gefunden; seine astatischen sowol als europäischen Provinzen hätte es fruchtbar, nutzbar, urbar gemacht, und alle seine Völker, jedes nach seinem Maß, in seinen Sitten, cultivirt. Aus dem unzugänglichen Herzen Asiens wäre die Aorta aller Handelswege geöffnet; die osmanische Pforte wäre nicht mehr; das mittelländische Meer wäre, was es sein sollte, in allen seinen Küsten und Häfen ein Freihafen der Welt, das Mittelmeer aller Nationen des östlichen Welthandels: welch ein ungeheures, reiches, mächt'ges, arbeitsames, gewerbvolles Reich wäre Rußland! Dabei Europa ebenso unschädlich als unzugänglich. Der unbelohnten Mühe wäre es entnommen, sich in des kleinen westlichen Europa kleinste Händel zu mischen; Völker, deren es für sich so sehr bedarf und dann gewiß besser anwendet, über seine Grenzen europäischer Tracasserien wegen hinaus zu spenden, damit sie, an den Alpen begraben, in Rußland nie wieder aufstehen mögen. Es war vormals der Glaube gemeiner Russen, daß, wenn sie auswärts stürben, sie in Rußland wieder erstünden.– H. In seiner prächtigen Mitte zwischen Europa und Asien geböte es der Welt friedlich. D. Und die an der Ostsee eroberten Provinzen? E. Die schwächste und entbehrlichste Seite Rußlands – über die walten Umstände, Gesinnungen, Bündnisse, Verträge, endlich das mächtige Schicksal. Doch gnug von diesem prächtigen Luftbilde eines Reichs, wie es nach einigen Jahrhunderten sein, vielleicht auch nicht sein wird. Die Zeit führt ihre Entwürfe auf ihre Weise aus, der Niemand vorgreifen darf; der bestehenden Convenienz der Dinge indeß, also Naturabtheilungen und Naturgrenzen, muß sich zuletzt Alles fügen. Blicke noch einmal auf diese idealische Traumkarte des schönsten Winkels der Erde, der Küstenscheide zwischen Asien und Europa; denke Dir diese Küsten, wie ehemals durch die ionischen Colonien, alle cultivirt, Griechenland und seine Inseln blühend, Constantinopel und die ganze Levante ein Freihafen europäisch-asiatisch-afrikanischer Völker, das unwirthbare Schwarze Meer ( Pontus άξενος) zum zweiten Mal gastfreundlich ( Pontus euxinus ). D. Ich verliere mich in dem schönen Traum. Die mildesten Provinzen des russischen Reichs, Podolien, Tschirkassien u. s. w., denke ich mir sodann auch cultivirt, als den freundlichen Mittelpunkt der alten Halbkugel. Wenn wir nach Jahrhunderten wiederkommen, besuchen wir diese einst blühenden Küsten oder werden gar dort geboren. Da sehen wir dann Sestos und Abydus, den Ida und die Trojanische Ebne; Griechenland finden wir aufgeräumt, aufgestellt seine schönen Ruinen, seine Tempel, Inschriften und Statuen allenthalben ans Licht gefördert. Was während der Kreuzzüge Venedig und Compagnie zu früh vornahmen, finden wir dann, zu rechter Zeit unternommen, wirklich; allenthalben menschliche Regierungen, in Lacedämon, Athen, auf Lesbos, Delos, in Smyrna, in Epirus. Wäre es nicht eines zweiten größeren Triumphes werth gewesen, wenn Peter sein Werk dort fortgesetzt hätte, wo er es angriff, am Schwarzen Meere? E. Die Zeit war noch nicht da. Dort war sein erster Feldzug; die Pforte war damals noch zu mächtig. Mit seinen westlichen Lieblingsoperationen erschwerte er sich freilich sein Werk sehr; aber er trieb es mit unzerstörbarer Lust und Liebe, er lebte wie ein Holländer. Die Großen seines Reichs, Knäsen und Bojaren, waren freilich nicht geneigt, so zu leben; asiatisch Blut, Constantinopolitanische Prachtliebe, Tscharsgorod's Lebensweise floß in ihren Adern. In Peter's Reich sollte Alles Dienst sein, und so lange er befahl, diente – und stahl man, wie sein Polizeiminister Jaguschinski ihm Letzteres bei vollem Senat im Namen Aller unverholen faßte. Fremde Künstler und Glaubensgenossen mochte der große Kaiser einführen, sie cultivirten von innen seine Nation nicht. Der Nationalcharakter, die griechische Sitte und Lebensweise, endlich die griechische Kirche standen felsenfest da; sie konnten weder, noch wollten bei einer andern, geschweige der holländisch-deutschen Sitte und Kirche zur Lehre gehen Peter indeß erfüllte seinen Beruf; mit dem übersehendsten Geist diente er auch im Bau seines Staates von unten hinauf , so weit er kommen mochte; den Fortbau überließ er der Nachzeit. »Wenn ich nicht Czar geboren wäre,« sagte er, »möchte ich Admiral von Großbritannien sein.« Wolan! wenn er wiederkommt, wird er vom Schwarzen Meere oder von Constantinopel aus Groß-Admiral der Betriebsamkeit und des Gewerbes gesammter Theile der alten Welt werden; sein Bild, wie des Kolossus zu Rhodus, beschreite am Hellespont beide Welttheile sichernd, friedlich! D. Kennst Du das Denkmal, das ihm Katharina II. errichtete? E. Wer sollte es nicht kennen, da Falconet , sein lauter Meister, und auch für oder wider Falconet seine laute Nation, darüber so viel geredet und geschrieben! Bei solcher Gelegenheit ist dem guten Gaul des alten Marc-Aurel's übel begegnet worden. Observations sur la Statue de Marc-Aurèle. Oeuvres de Falconet T. I. p. 157. – H. D. Was hältst Du von Falconet's felshinansprengendem Reiter und Roß, dem eine Schlange in den Schweif beißt? E. Es ist ein französisches Kunstwerk. Nur ein toller Reiter jagt den Fels hinan, verständige reiten langsam; und Peter war ein sehr verständiger Reiter. Weder auf dem Felde der Niederlage bei Narva, noch auf dem Siegsfelde bei Pultawa, weder am Fluß Pruth, da er den letzten Brief an sein Reich zu schreiben glaubte, noch da er zum Nystädter Frieden Vollmacht gab, verlor er die Tramontane. Also das Hinansprengen an den Fels ist für Peter wenigstens nicht charakteristisch , wenn es auch die Reitergesetze erlaubten. D. Aber auf den Fels der Ehre? ohne Ziel? E. Dahinan sprengt kein Vernünftiger; im Spazierritt ohne Ziel reiten wir ganz gemächlich. Und ritt Peter denn ohne Ziel? Welche menschliche und göttliche Macht dürfte sich's erkühnen, ihn als einen Zwecklosen, der einen nackten Fels hinansprengt, darzustellen? Das Auge will wissen, wohin er so eilt. D. Wie gefällt Dir aber die ihm beigelegte Handlung selbst, das Reiten ? Da Falconet den guten Marc-Aurel über seine Reitkunst so scharf mitgenommen hat, darf man es mit ihm auch scharf nehmen. E. Nicht schärfer, als es der Zweck der Kunst, die charakterisirende Wahrheit gebietet; und da dürfte man sagen: Peter ritt nicht, sondern er fuhr. Am Liebsten zu Wasser, sodann zu Lande, unabtrennlich von ihm die berühmte Dubina. Sein spanisches Rohr mit dem Elfenbeinknopfe. – H. [Die Bemerkung steht bereits oben S. 376. – D.] Kann oder will ihn nun die Kunst nicht fahrend zu Wasser bilden (denn dies war doch das Lieblingsvergnügen seines Lebens), wie er z. B. im heftigsten Sturm das Segel ändert, das Steuer erfaßt und zu dem fremden Gesandten auf seine complimentarische Todesangstrede ruhig erwidert: » Niä boos !« (Seid nicht bange!) und bald darauf gut holländisch: »Myn Heer, wenn Ihr ersauft, so ersaufen wir Alle, und da wird Euer Hof von Niemand Rechenschaft fordern« – wenn nicht so, so weiß ich nicht, wie an der Newa zwischen den von ihm aufgerichteten Gebäuden der Cavallo zu ihm gehört. Arma virumque »Die Waffen und den Mann«. – H. [Der Anfang der Aeneïs, der auch zur Bezeichnung des ganzen Gedichts steht. – D.] leidet etwa die Kunst, bei ihm aber nicht Virum atque caballum . »Den Mann und das Roß«. – H. Laß Andre heldenmäßig den Felsen hinaufgaloppiren, Peter nicht also, wenn die Statue ein Sinnbild seines Charakters und Lebens sein soll. Vollends die Schlange hinten am Roß? Mich dünkt, Peter bestand alle Gefahren vorwärts . Zum Thron hinauf hatte er zu kämpfen; als er droben war, achtete er den Biß der Otter hinter ihm nie. Vor ihm richtete sich zuweilen die Amphisbäne noch auf, er aber zerhieb sie. Auch diese Allegorie ist also unpassend und nichtssagend. Ueberdem je höher die Statue des Helden steht, desto kleiner wird er; der weit hergeschaffte Fels mußte zersprengt werden u. s. w. D. Wie würdest Du aber Peter stellen? E. Auf seine Füße; auf denen stand er! D. Und würdest ihn bekleiden? C. Trotz aller Falconet'schen Klügeleien kleidete die Kunst ihn, wie man ihn in Brustbildern gewöhnlich sieht, mit dem Panzer; denn ein gepanzerter Mann war er im Namen seines ganzen Reiches. D. Und gäbest ihm in die Hand? E. Nichts als eine Rolle, worauf die Karte seines Reichs und der Riß Petersburgs gezeichnet stünde. Künste, die aus der Zeichnung entspringen, waren seine Lieblingsgeschäfte; die Gründung Petersburgs war das Lieblingswerk seines Lebens. Diesen Riß zeigte er vor, mit seitwärts gewandtem Gesicht, als ob Jemand, sein Freund oder Feind, neben ihm stände und er ihm ruhig ins Antlitz schaute. Sein allbekanntes und allkenntliches Gesicht wünschte ich nicht idealisirt: Peter darf sich seines Gesichts nicht schämen. Eine Art wilder Majestät ist in ihm mit heiterer Bonhommie gemischt; Glanz auf seiner Stirn, denkender Ernst in seinen Augen. D. Und Du bekränztest sein Haupt nicht? E. Außer dem Lorbeer verdiente Peter gewiß den Eichenkranz der Bürgerkrone, auch deswegen, weil er die Eiche leidenschaftlich liebte; mit dem Lorbeer hat sein jugendliches Haupt schon die Denkmünze auf die Eroberung Azow's bekränzt. Zu Füßen legte ich ihm den Lorbeer mit Degen, Hirschfänger, der Dubina und allerlei mathematischen Instrumenten, durch die er schuf und wirkte. Auf eben dem Postement, ihm zur Seite, stünde der russische Adler, in der Klaue den Blitzstrahl, in Peter's volles Haar aber schlänge sich das Eichenlaub, die Bürgerkrone. D. Und auf die Seitenfelder des Postements würde gebildet? E. Kein Prometheus, wie er Menschen bildet, oder dergleichen allegorische Embleme. Petern gnügt die That, und er ist reich an Thaten. Die vornehmsten derselben stellten sich auf den Seiten des Postements dar, mit dem bloßen Namen, mit dem er sich nennen ließ, Peter Alexejewitsch I. D. Wo stelltest Du die Statue hin ? E. Auf keinen freien Platz, wohin, zumal unbedeckt, die Statue nicht gehört, sondern in eine Rotonde. Da stünde Peter, wie in der Vaticanischen Rotonda Apollo unter den Musen, Peter am erhabensten Ort; seine Nachkommenschaft stünde oder säße um ihn, jede Gestalt, wie dort die Musen, charakteristisch gebildet. Katharina  II. säße ihm gegenüber. Die Geschichte des Jahrhunderts erfüllte zur Hälfte diese Rotonda, die andere Hälfte bleibt kommenden Zeiten. D. Höre ich nicht Deinen Apollo sprechen in dieser Versammlung, indem er den Riß seines Reichs und seiner Stadt zeigt: »Sehet her! Ich that, was ich thun konnte, fing an, wo ich anfangen zu müssen glaubte und mich getraute, von unten. Weiter zu kommen, verhinderte mich der Tod und das Schicksal. Allenthalben aber griff ich das Werk redlich an und ließ es zur Fortsetzung meinen Nachfolgern; denn vollendet wird es nie. Wie weit seid Ihr gekommen? woran arbeitet Ihr jetzt?« E. Hast Du die Ode Klopstock's an Kaiser Alexander I. gelesen? Sie stand im Decemberhefte 1801 der »Minerva« von Archenholz. – D. Die in ihr glückwünschende Hoffnung wird Dich freuen. Da sind wir eben zu Hause. ––––– Kaiser Alexander. ––––– Ode von Klopstock. ––––– (Im October 1801.) Erscheinen sah Dich, heilige Menschlichkeit , Mein wonnetrunknes Auge. Begeisterung     Durchglühte mich, als in dem stillen         Tempel ich sähe der Wohlfahrt Mutter Zur Zeit der Leugnung Dessen, der schuf ! zur Zeit Der nur verheißnen, neuen Beseligung     Der Nationen, in den stummen         Hallen, ich sahe die Gottbelohnte. Allein die Stille floh; in dem Tempel scholl's Von frohen Stimmen. Eine der Stimmen sprach:     »Euch wägt die Menschlichkeit, Gebieter!         Staub ist der Ruhm auf der ernsten Wage. »Wenn Eure Schale sich nur ein Wenig hebt: Weh Euch alsdann schon!« »Wie auch die Vorwelt,« sprach     Der Stimmen eine, »wie die spätem         Völker vergötterten Alexander, »Ist Schmach doch dieser Name den Herrschenden, Die er uns nennet.« Eine der Stimmen sprach:     »Her von der Ostsee bis gen Sina's         Ocean herrschet ein edler Jüngling. »Der hat des Namens Flecke vertilgt; der ist Des Streiters am Granicus, bei Arbela,     Des Streiters in den Wäldern Issos',         Aber im schöneren Kampf, Besieger. »Der hat gesehn der heiligen Menschlichkeit Erscheinung.« Thaten folgten dem Blick'. Nun scholl's     Von Melodien, und tausend Stimmen         Feierten Russiens Alexander . 4. Preußische Krone. Im Jahr 1701 den 15. Januar war es, als Friedrich I., Kurfürst von Brandenburg, Herzog von Preußen, sich die preußische Krone aufsetzte und damit ein neues nordisches Königreich schuf. Seit Friedrich II., sein Enkel, Mémoires de Brandenbourg. Frédéric I. – H. von des Großvaters Eitelkeit und Prachtliebe auch in Ansehung dieses Schrittes französisch- und jugendlich-frei geschrieben, sind Mehrere diesem Ton gefolgt, die die Erhebung Preußens zum Königreich nicht anders als eine sogenannte Standeserhebung betrachtet haben, der Lage der Sache und dem Geist der Zeit zuwider. Wäre die preußische Krone nur ein Schmuck der Eitelkeit in den Lüften gewesen, so wären ihr Scepter und Kriegsstab auch nur eitele Symbole geblieben. Nun aber, welcher Staat hat in einem Jahrhundert sich nicht nur so fest gehalten, sondern auch auf die Umbildung der Staatspflege in Europa so viel gewirkt als Preußen? Ja, welche Krone wurde bei ihrer Entstehung vom größten Theil der protestantischen Welt mit so weissagender Freude und Hoffnung bewillkommt als diese? Mit dem Fortgange des Jahrhunderts entstanden mehrere neue Kronen, Sardinien, Sicilien; mit dem Ende desselben ist ein Königreich Etrurien ernannt worden: hat bei einer derselben das glückwünschende Aufjauchzen auch fremder Länder stattgefunden, als im Anfange des Jahrhunderts bei der Krone Preußen? Nichts ist ohne Grund; hievon lag der Grund in der Gestalt des nördlichen Europa. 1. Dem Charakter der nordischen, d. i. gothisch-deutschen Völker gemäß, betrachtete man die Regentschaft der Länder, und was zu ihr gehört, weit mehr persönlich als in den südlichen Monarchien. In diesen hing Alles dem Reiche selbst und seinen Pairs an; der größte Monarch war der, der viele Kronen besaß, Welten, in denen die Sonne, wenn es ihr beliebte, auf- und untergehen konnte; er selbst, der hohe Gipfel, verschwand beinah über diesem weit- und breitschichtigen Untergebäude. In Norden war's anders. Heerführer hatten diese Länder erobert; Heerführer verwalteten und beschützten sie persönlich. Könige von Dänemark und Schweden forderten einander heraus, sagten sich einander in Briefen die Wahrheit; daher man einen großen Theil der nordischen Geschichte wie einen Kämpferroman liest. So erschien Gustav Adolph in Deutschland, so handelten Karl Gustav, Karl XI. und XII., in Polen Sobieski u. A. In einem höheren Grad betrachtete man in Norden den Regenten als Haushalter seiner Staaten persönlich . Im Hause Brandenburg waren vom Burggrafen Friedrich an Männer gewesen, die ihrem Fürstenthum wohl, zum Theil tapfer vorstanden. Kurfürst Friedrich Wilhelm , Vater des ersten Königes, der große Kurfürst genannt, war, wenn man so sagen darf, dieser Sprosse Gipfel. In Krieg und Frieden, in Verwaltung und Beschützung seiner Länder hatte er sich und seinem Heer einen Ruhm erworben, der ihm neben den Regenten erster Ordnung schon einen Platz gab. Zwischen Polen und Schweden hatte er sich so glücklich durchgewunden, daß er als souveräner Herzog von Preußen zwischen ihnen stand und beide ihn ehrten. Wenn, was er erworben, sein Sohn nun auch vor der Krönung bereits königlich genoß, so war dies in der Reihe der Dinge, in welcher man damals Ludwig XIV. übergern nachahmte, auch ein Schritt zur Krone. Es fiel weniger auf,, wenn neben Dänemark, Schweden und Polen ein König von Preußen auftrat, als wenn ein solcher südlich zwischen Oestreich, Frankreich und Spanien aufgetreten wäre. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch hat diese Persönlichkeit Preußens Könige in Krieg und Frieden begleitet. Bei Friedrich II. war sie so mächtig, daß man glaubte, er führe den Krieg allem; in Gesängen und Erzählungen , im Wahn des Volks war sein Name allwirkend. Auch in Verwaltung seiner Länder erkannte er sich selbst für den ersten Diener des Staats, für den Steuermann des Schiffs, der seinen Posten nie verlassen dürfe. Ohne Phrase, eigenthümlich hieß er in Europa der König . Schon sein Vater hatte als Oberster sein Heer, als Oberamtmann die Wirtschaft und Einkünfte seiner Länder verwaltet; Friedrich II. war König und Feldherr . 2. Damals war eine Zeit, da der Zusammenhang der Dinge Kronen ertheilte. Wilhelm von Oranien machte den Anfang. Er rückte auf den Thron der drei britischen Reiche und bahnte dem Hause Hannover dahin den Weg; beide dem Hause Brandenburg nahe und oft verwandte Häuser. Kurfürst Friedrich August von Sachsen hatte seine Wahl zur polnischen Krone durchgesetzt; zwischen beiden zur Krone Gelangten stand Brandenburg-Preußen mitten inne. Wenn jetzt nicht, hieß es bei den damaligen Conjuncturen Europa's, so vielleicht lange nicht oder nimmer. 3. Durch Friedrich August's Uebertritt zur römischen Kirche hatte das Corpus der Evangelischen in Deutschland sein Haupt verloren; und obgleich sowol in den sächsischen Landen als auf dem Reichstage für die Aufrechthaltung der Evangelischen gesorgt war, so mußte diesen doch daran sehr liegen, daß der mächtigste Fürst des nordischen Deutschlands, der sich zu ihnen hielt, auch an Ansehen gewönne. Daher die große Zustimmung der Protestanten, Reformirter und Lutherischer, zu dieser Thronbesteigung, die ihnen ein glückliches Augurium schien. Denn unleugbar ist's, daß in allen Theilen Deutschlands, wo Jesuiten hinreichen konnten, Protestanten damals gedrückt wurden. Ebenso bekannt ist's, daß mehrere einst protestantische Fürsten nach und nach zum Katholicismus übergegangen waren, daß andern nachgestellt ward, andre sich gutwillig dahin neigten. Die protestantische Kirche schien auf ihren Pfeilern zu wanken. Nun hatte Brandenburg sich seit der Reformation in Ansehung der Religionen ebenso weise als gerecht betragen. Durch Agricola hatte ein milderer Protestantismus als in manchen andern Gegenden dort an den Ufern der Spree und Oder Platz gegriffen; Reformirte und Lutherische wohnten unter bestimmten Gesetzen des Staats meistentheils ruhig neben einander. Selbst auf der Universität Königsberg in Preußen milderten sich die harten Streitigkeiten, seitdem sie unter Brandenburg stand; durch Aufnahme der Flüchtlinge aus Frankreich hatte Friedrich Wilhelm vollends das Panier der Duldung in seinen Ländern gepflanzt. Daher schon unter ihm so manche Versuche zu Vereinigung beider Kirchen; daher auch in Sachen und Schriften der Religion der bessere Ton , die mildere Stimme der Geistlichen, worin die französischen Reformirten treffliche Beispiele gaben. Daher die willige Aufnahme so mancher anderswo Gedrückten und Verfolgten in den brandenburgischen Landen. Wenn Kursachsen seines Spener's müde war, nahm Berlin ihn auf; wenn Thomasius Leipzig verlassen mußte, durfte er in Halle lehren. August Hermann Franke, Petersen, Arnold, selbst Dippel und so viel andre ihrer Meinungen wegen Gekränkte fanden in den brandenburgischen Landen Schutz oder Beförderung; die neu gestiftete Universität Halle zeichnete sich in allen Facultäten durch Popularität und Freimüthigkeit, auch in neuen Gedanken und Entwürfen aus. Diesem Geist der Duldung und fortschreitenden Aufklärung stimmte damals, wie immer, der bessere Theil der Menschen wenigstens insgeheim bei; des alten Wustes im Dogmatisieren und Verfolgen war man müde. Auch wo sie unvorsichtig irre ging, nahm man an der Tendenz zum Neuen, zum Freien, zum Verständlichern, zum Bessern in den Ländern Brandenburgs Antheil. 4. Dazu kam das neue Jahrhundert und der neue Kalender, Umstände, oder wenn man will, Nichtigkeiten, die in die Gemüther der Menschen unglaublich wirkten und der Erwartung einen neuen Schwung gaben. Der dreißigjährige Krieg hatte Deutschland zerrüttet und arm gemacht; bald folgten dem westphälischen Frieden gemäß dieser Zerrüttung kleinkreisige Pracht, Luxus, neue Kriege. Man sehnte sich nach dem Jahr 1701 als nach einer neuen Epoche in Ordnung der Dinge zum Heil der Menschen, der Zahlen 1600 war man müde. Mit Staunen sieht man die Gährung, die damals in Herzen, Seelen und Schriften wallte und sich in Vorschlägen und frommen Wünschen oder gar in Weissagungen, eifrigen Strafreden und Berechnungen der Strafe ausgoß. Von oben erwartete man Hilfe; unter dem Druck der Zeit, unter der Streitsucht der Mächtigen wie der Gelehrten sah man das tausendjährige Reich nahen; man wünschte und berechnete seine Ankunft. Pietisten, Schwärmer und Mathematiker theilten sich in diese frommen Wünsche. Auch in Gesängen und Liedern strömten sie aus, wie sie sich jedem neuen Ereigniß als einem Zeichen der Zeit anschlossen und es deuteten und beseelten. In einer solchen Krisis der Zeiten nahm Friedrich die Krone, die ihm sein Geburtsort Königsberg, die Simon Dach ihm bei seiner Geburt prophezeiht haben sollte, Kur-Brandenburg's Rose, Adler, Löw' und Scepter, von Simon Dach poetisch besungen. S. das vorletzte Gedicht. – H. zu der die Ebräer aus der Kabbala selbst ihm reiches Glück wünschten. Von Mitternacht, sprach man, kommt Gold! neues Glück der Zeiten! Und ist's nicht, obgleich auf andern Wegen, als man damals träumte, gekommen? hat Preußen durchs Jahrhundert hin zum allgemeineren und mildern Licht Europa's nicht mehr als jeder andre Staat seiner Größe beigetragen? Wenn nur durch Fleiß und Ordnung, durch Geschicklichkeit und Einsicht, durch Sparsamkeit und Geduld den Menschen gute Zeiten kommen können; wenn gegenseitige Verträglichkeit in Ansehung der Meinungen und Gottesdienste, Schutz der Unterdrückten und Verfolgten solche Zeiten vorbereiten: so hat diese Krone bisher nicht vergebens geglänzt. 5. Da zur Königswürde auch Anstand und Schmuck gehört, so hat Preußens Krone sich um den nützlichsten bemüht, den Flor der Wissenschaften und Künste . Klein sind die Spöttereien, die man auf die feierliche Einweihung der Universität Halle warf; ein Jahrhundert durch hat diese ihren Werth durch Verdienste erprobt. Die Pietisterei z. B., die man ihr im Anfange des Jahrhunderts Schuld gab, hielt sie nicht dem verfolgend-frechen Dogmatismus einer damals schon absterbenden Stereodoxie , die Luther selbst zuerst würde verachtet haben, standhaft die Wage? Sie hat die Theologie nicht weiter gebracht, sie aber mehr zur Anwendung gelenkt; und hat nicht neben ihr in Halle die bessere Philologie , eine richtigere Kenntniß der Quellen und Ursprachen, die im Verfolg der Zelten dem Religionswesen allein eine hellere Ansicht gewähren konnte, zuerst Wurzel geschlagen? Der einzige C. B. Michaelis nebst seinem Bruder J. H. Michaelis leisteten hierin im Stillen mehr als die Carpzove, Maye, Pfeifer mit ihren dogmatischen Kritiken. Was Cennicot in Mitte des Jahrhunderts durch fremde Augen und Hände mit Geräusch begann, hatten sie im Anfange des Jahrhunderts mit stillem Fleiß angefangen und auf mancherlei Weise zum rechten Anblick der heiligen Schriften Wege gebahnt. Wie eitel der Kanzler Ludewig im historischen Staatsrecht Manches behauptete, wie unvorsichtig Thomasius und Gundling (so sagten die Gegner) mit Manchem hervortraten: ihre, zumal Thomasius' große Verdienste um Rechtspflege, Philosophie des Rechtes, Geschichte u. s. w. sind unverkennbar. In Felder, auf denen man sonst nicht eben selbst zu denken gewohnt war, brachte er eigne Aussichten und erweckte dadurch Anderer freie Gedanken. In seiner Art war Thomasius ein Luther, wenngleich nicht mit Luther's Würde und Reinheit, woran seine Lage Schuld war. Neben und nach ihm wurden Struck, J. H. Böhmer und andre verdienstvolle Männer Bildner der Lehrer andrer Universitäten. So der Hippokrates und Galen in Halle, Hofmann und Stahl . Wie entgegengesetzt ihre Systeme waren, Beide führten weiter, der Letzte insonderheit sah Manches dunkel vorher, was die Folgezeit hell aufklärte. Die Universität Halle, ein Edelstein in der Krone ihres Monarchen, hat das Jahrhundert hindurch ihren Glanz erhalten. Ein andrer dieser Edelgesteine war die königliche Societät der Wissenschaften in Berlin ; zwei würdige Namen stehen auf ihrem Grundsteine, der Name der Königin Sophie und Leibniz . Des Letzten Plan zu dieser Societät ist ebenso reich an wachsender Nutzbarkeit als für die Wissenschaften umfassend; es förderte nicht, als man in der Mitte des Jahrhunderts von ihm abwich und eine ausländische Akademie in Deutschland nachbilden wollte. Hätte Leibniz seinen Plan auch in Dresden und Wien zu Stande bringen, die Societäten verbinden und nach einerlei Gesetzen landesmäßig einrichten können, mit deutschem Fleiße wären wir vielleicht andern Ländern in Mehrerem voraus; jetzt blieb dem jungen Königreich die Ehre des Anfangs , dem späterhin so manche Societät der Wissenschaften gefolgt ist. Denn neben, ja selbst auf Universitäten sähe man die Nutzbarkeit von dergleichen Gesellschaften oder Akademien für Deutschland ein. Ohne Inconsequenz und große Nachtheile kann und darf auf Lehrstühlen der Universität nicht Alles sogleich gelehrt werden, was dem Professor ins Hirn kommt; füllte er, zumal wenn er jung ist, mit selbsteignen, eben heut früh erfundenen Meinungen und Hypothesen, mit einem unaufhörlichen » ipse inveni « seine Lehrstunden, so füllte er sie mit Winde; mithin würde er ein verderblich unwissender Lehrer, da doch Unterricht im Brauchbaren, Nützlichen seine Pflicht ist, eigne Erfindung aber nur sein Nebenverdienst sein kann. Zum Fortschritt der Wissenschaften selbst, zu belohnend-aufmunternden, prüfenden Locaten neuer Erfindungen oder Vorschläge trieb Leibniz also mit Recht auf Verbindung der Gelehrten in jeder Wissenschaft unter einander , auf Societäten . Stand und Religion kam dabei in keinen Betracht, sondern Wissenschaft, Werth und Verdienste. Die Sprache seines Vaterlandes schloß er von dieser gemeinschaftlichen Bemühung nicht aus, der er vielmehr treffliche Zwecke verzeichnete. Auch hat sich sogleich von Anfange seine Societät nützlich hierin ausgezeichnet; nach Schottel und Bödiker that der einzige Frisch in Ansehung der deutschen Sprache mehr, als nachher, Wachtern ausgenommen, ein halb Jahrhundert durch gethan ward. So in andern Wissenschaften. Nie verlasse diese Akademie der Geist ihres Stifters! Selbst im Geschmack , der damals in Deutschland eine fremde Pflanze war, that Brandenburg-Preußen sich hervor. An Canitz hatte es den ersten Dichter, den man zu dieser Zeit sogar mit Boileau und Pope , obgleich entfernt, in einige Parallele setzen könnte. Wie sie liebte er Reinheit der Sprache, guten Geschmack, Lehrgedichte, Satiren, Lieder; Schade, daß uns von ihm, da die Sammlung seiner Gedichte durch fromme Hände ging, manche Scherze vorenthalten und damit der Welt geraubt sind! Eben sie waren das Salz seiner Muse. Stelle Jemand seines edlen Geschlechts diesen Nachlaß, der jetzt Niemand mehr beleidigen kann, aus Papieren ans Licht: gegen Boileau und Pops ist Canitz' Satire immer ein Lämmchen. Seines Standes ungeachtet schämte er sich der Poesie nicht, wurde auch ihrenthalb nicht verachtet; ehrenvoll lebte er an des großen Kurfürsten und Friedrich's I. Hofe. Auch Besser fand daran Aufnahme, Beförderung und Ehre; Seckendorf , der den Lucan übersetzte, war in Halle Kanzler. Nach einem erprobten Jahrhundert ist also wol Niemand, der der preußischen Krone um so mehr Glück und Glanz wünschte, da sich ringsum während dessen die Lage der Dinge so sehr geändert hat. Rußland ist zu einer Macht gestiegen, die man damals nicht ahnte; verarmt ist Schweden, Polen verschwunden. Auch die west- und mittägliche Seite Europa's hat sich wie sehr verändert! Dürfen wir da nicht der Vorsehung danken, daß sie, ehe menschliche Augen dessen Bedürfniß vorhersahen, in aller Stille einen Baum pflanzte, der ein Jahrhundert hinunter gewaltsamen Stürmen wachsen und dann, vereint mit Oestreich, dessen natürlicher Bundsgenoß Brandenburg ist, ein Theil der Mittelmacht werden sollte, die das feste Land aller deutschen Völker sowol als die nordischen Reiche vor Unterdrückungen fremder Nationen und Sprachen mitbeschützen helfe? Wiche diese Zwischenmacht nordwärts, Oestreich südwärts, wie stünde es um Deutschland, das sodann westwärts die Kaufmanns-Nationen nie retten werden? Feindselig ist daher die Politik Derer, die Oestreich und Preußen als ewige Nebenbuhler, als nie zu versöhnende Gegner betrachten. Der Zwist, der sie trennte, ist fast erloschen, und bald ist die Zeit zu hoffen, da zum gemeinsamen Wohl Europa's, zu Aufrechthaltung der Deutschen und von Deutschen abstammenden Völker ein dringendes Interesse Beide innig verbindet. Zu diesem der ganzen Menschheit ersprießlichen Zweck wird Jedermann Preußen eine breitere, tiefere Basis gönnen, damit die zum Wohl Europa's nöthige Last seinen Unterthanen nicht zu drückend werde. ––––– Beilage. Eigne Gemälde ans der preußischen Geschichte. 1. Als der Norden noch in Dunkel lag, war das Bernsteinland Asiaten und Griechen bekannt; von diesen ward es früh mit einer Fabel beehrt. Hier nämlich sank Phaëthon, der das Ende der Laufbahn seines Vaters Apollo, den Ocean, nicht erreichen konnte, gestürzt vom Sonnenwagen, in den Eridanus. Daß der Eridanus die Ostsee sei, hat Hasse wol unwiderlegbar erwiesen, ob er gleich die Geschichte Phaëthon's selbst zu pünktlich gedeutet. (S. »Der aufgefundne Eridanus«, von D. J. G. Hasse. Riga bei Hartknoch, 1796.) Die Hauptpunkte der Fabel sind meines Erachtens: 1) Phaëthon erreichte das Ende seiner Laufbahn, den Ocean, nicht, er stürzte in die Ostsee; 2) Dort weinen seine Schwestern um ihn goldene Thränen. Elektrum. Wer konnte diese weinen, als Töchter der Sonne, deren Strahl und Kraft das Elektrum darstellte? Und um wen konnten sie weinen, als um den Tod ihres hier niedergesunknen Bruders, um den auch der Schwan trauert? See- und schwanenreich ist die Gegend der Ostsee. Wie der Thau, wie das Manna Tropfen des Himmels, so war das Elektrum Thränen der Sonnentöchter, der Heliaden. 3) Aber wie kamen diese nach Norden? Phaëthon mußte aus Aethiopien her dahin die Reise gethan, da seinen Tod gefunden haben u. s. w. – H. Um ihn weinten seine Schwestern, die Heliaden , und wurden in Palmbäume verwandelt; auch als solche weinten sie am Strahl der Sonne goldene Thränen – der Bernstein, electrum . Nach diesen goldnen Thränen schifften die Phönicier weit umher, die Säulen Hercules' hinaus, das Zinnland vorüber bis in den Eridanus, die Ostsee. Der Kostbarkeit dieses seltnen und gesuchten Products wegen, das man höher als Gold schätzte, breiteten sie Fabeln aus; die Griechen kleideten diese nach ihrer Art ein; so entsprang eine Reihe furchtbar-schöner Gemälde . Im Sonnentempel besucht Phaëthon seinen Vater, ihn anflehend mit seiner großen Bitte; dieser verspricht und trauert, daß er versprochen habe. Freudig besteigt der Jüngling den Wagen; wild werden die Rosse auf der Mittagshöhe seiner Bahn; alle Ströme Europa's, Po, Donau, Rhein brennen; die Erd' und der Ocean fleht; am Eridanus wird der Welt Ruhe geschenkt. Da sprießt ein Hain auf mit fließendem Golde. Da wird Phaëthon's Freund, Cyknus , nachher in einen Schwan verwandelt, der auf dem Eridanus schwimmt und seinen Freund beklagt. Welchem Nordlande weihten die Griechen eine solche Fabel? Viele Sagen der Hyperboreer entsprangen daher; denn in dem Lande, wo Bernstein floß, mußten selige Götter oder glückselige Menschen wohnen. 2. Denn der frühe Bernsteinhandel konnte nicht anders als diese Gegend frühe cultiviren . Ein Volk germanischen Stammes, wie Tacitus sagt, den Sueven ähnlich, wohnte hier, das sich Oestier (Aestier) nannte, den Ackerbau und allerlei Lebensarten trieb, ja auch des Bernsteins wegen die Wellen des Meers nicht versäumte. Ob diese Ostländer (Aestier) germanischen Stammes gewesen, da ihre Sprache, nach Tacitus selbst, der britannischen ähnlicher war, bleibe dahingestellt; gnug, daß der Geschichtschreiber sie als ein cultivirteres Volk auszeichnet. – H. Ihnen zur Seite wohnten die wilderen Finnen, die späterhin durch sie cultivirt wurden. Da andre deutsche Stämme auf Krieg und Raub auszogen, saßen sie an der Seeküste, bis sie bedrängt wurden, arbeitsam-ruhig. Der Bernsteinhandel hat also, da Norden ein wilder Wald war, ein Völkchen der Ostsee frühe cultivirt. 3. Zur Zeit der Wanderung der Nationen war Preußen die natürliche Grenze und Wegscheide der Völker . Mochten sie aus Nordost hinab oder zurückgedrängt aus Süden hinaufströmen, da sie meistens den Flüssen nachgingen, so fanden sie hier ihre Grenze, die Ostsee. Wollten oder konnten sie nicht hinüber, so mußten sie bleiben oder sich an diesem Meerbusen wenden . Daher die ungeheure Menge der Völker, die in diesen Gegenden gewohnt oder sie durchzogen haben. Des Grafen Herzberg Abhandlung, daß die Völker, die das Reich der Römer gestürzt, im Norden des alten Deutschlands, vorzüglich in den jetzt preußischen Staaten gewohnt, Berlin 1780. – H. klänge halb als ein Märchen, wenn man dabei an friedliche, ewige Wohnsitze oder gar an eine Autochthonen gebärende Erde gedächte; die Lage dieser Länder selbst aber macht die Erzählung zur Wahrheit. Mochten Völker vom Schwarzen oder kaspischen Meer kommen; wenn sie sich nicht der Donau nachdrängten, fanden sie an der Ostsee entweder einen Ruheort oder ihren Wendezirkel; so kann man sagen: »Völker aus diesen Gegenden haben die Südwelt bezwungen und mit dem römischen Reich Europa umgebildet.« Gothen, Vandalen, Longobarden, Rugier, Heruler – welche Auftritte veranlassen, welche Gemälde geben sie in der Geschichte! 4. Das einheimische Volk der Ostsee, das seinem Bernsteinlande treu blieb, gewann in diesem Zudrange der Nationen eine eigne Gestalt. Für sich selbst, nach dem einhelligen Zeugniß der Geschichtschreiber, war es ein sanftes, mitleidiges Volk, das den Notleidenden zu Hilfe kam und Niemand anfeindete; nothgezwungen mußte es kriegerisch werden. Siehe da den unverkennbaren Charakter der alten preußischen Völker! Von der einen Seite kann es kaum eine sanftere Vorstellungsart in Sprache und Dichtung als die Denkweise ihrer Abkömmlinge, der sogenannten Litthauer und Letten, geben; Idyllen sind ihre Lieder in eintönig-sanften Melodien; eine Baum- und Landpoesie war ihre Religion und häusliche Lebensweise. Voll schmeichelnder Diminutiven ist ihre Sprache, ihr Charakter schlau, sein, milde. Gegen den Andrang der Feinde aber bildete sich in diesem friedlichen Staat eine Kriegsverfassung, die gegen Polen zuerst, dann fünfzig Jahr gegen den deutschen Orden mit fürchterlicher Gewalt stritt. Ihre Religion selbst war kriegerisch worden; der Kriwe, ihr Oberpriester, ein Mund ihrer Götter, war gegen Feinde ein grausamer Druide. Als Stifter dieser Religion nennt man den Waidewutis ; möge der Name einen Vorsteher der Wissenschaft oder einen Anführer im Streit bedeuten: er war ein Lykurg seiner Völker, sein Romove ward ein so verehrtes Heiligthum, als es kein Griechentempel je gewesen. Felsenfest hing die Nation an ihrer Religion und Sprache; härtere Kriege sind nie geführt worden, als in welchen Preußen für Freiheit, Sprache, Land und Verfassung stritt. Als im elften Jahrhundert von den Polen Romove zerstört ward, zog sich der Kriwe ins Innere von Litthauen und baute daselbst ein neues Romove, bis Allups , der letzte Kriwe, im fünfzehnten Jahrhundert endlich erklärte, daß seine Götter ihm befohlen hätten, ein Christ zu werden, weil sie ihn nicht länger schützen könnten. Eine Folge merkwürdiger Scenen aus dieser Geschichte wäre eine National-Galerie , in der sich bei dem wildesten Muth die sanfteste Großmuth darstellte. Kriegsgemälde wechselten mit Idyllenscenen. In Merkel's »Vorzeit Livlands«, Berlin1798, in Baczko's historischen Schriften u. a. sind aus ältern Chroniken und Geschichtschreibern solche Scenen angeführt oder angedeutet. – H. Hätte Preußen Kunstzeiten gehabt, wie die Niederlande, wie Italien, wahrscheinlich hätte sich die Kunst zu Landschaft-, Kriegs- und Seestücken gewandt ; auf dem traurigsten Strande hätte sie aus dem Charakter seiner Einwohner Idyllen gemalt. 5. Die Zeiten des frechen Uebermuths, die der deutsche Orden Jahrhunderte hin in Preußen durchlebte, sind keines Pinsels werth; wohl aber sind's die Arbeiten des Fleißes, die einwandernde deutsche und holländische Colonien hier trieben, nicht minder die gothischen Prachtgebäude, die fremde Künstler vom Reichthum des Ordens aufführten. Fast ohne Beispiel ist die Leichtigkeit, mit der sich die Reformation in Preußen einführte . Kaum hatte der Hochmeister sein Ordenskleid angelegt, so stimmte ihm die Nation im Uebergange zum Lutherthum bei, als ob sie zu ihrem alten Glauben zurückkehrte, sie, die einst gegen das Christenthum so wild gefochten hatte. Unter dem Orden war sie mürbe geworden; der evangelische Gottesdienst sang sich ihr ein. Denn kaum hangt vielleicht eine Nation in Europa so sehr an Liedern als diese; statt ihrer alten Daino's kamen jetzt geistliche Gesänge ins Ohr des Volkes. Die »Lebensläufe in aufsteigender Linie«, Berlin 1779, geben sowol hievon als von andern Sitten und Charakterzügen der Preußen treue Gemälde. – H. In Liedern preußischer Dichter, z. B. Simon Dach's, Alberti's u. s. w. , zeigt sich der alte Nationalcharakter, furchtbarer Ernst und weiche Klage. 6. »Kein Theil der nordischen Geschichte«, sagt Schlözer , Allgemeine nordische Geschichte. Halle 1771. S. 244. – H. »ist verhältnißmäßig so reich an guten Urkunden, keiner ist in neuern Zeiten so vernünftig und kritisch bearbeitet worden als die preußische Geschichte. Ihr Glück ist, daß in neueren Zeiten fast Alle, die darin gearbeitet, sich in einzelne kleinere Stücke des ganzen Feldes getheilt und jedes Theilchen besonders, folglich vollständig und gründlich bearbeitet haben.« Abermals ein Zug des Nationalcharakters, der sich auch in andern Wissenschaften zeigte. In tiefer Stille arbeitete Copernicus sein Werk aus und offenbarte es nur am Tage seines Todes. So saß Hevelius auf seiner Sternwarte; so sammelten Hartknoch, Prätorius, Klein, Lengnich, Bayer, Lilienthal, Hanov, Baczko , und wie viel Andre! Ihr stiller Fleiß zeichnet sich aus durch Absicht und Ordnung . 7. In dieser Oekonomie gingen der Nation ihre Regenten selbst vor; die Helden ihrer Geschichte verbanden mit thätiger Wirksamkeit Haushaltung . So stehen Friedrich Wilhelm der Kurfürst und König, so Friedrich II. da. Von den ältesten Zeiten an in den verschiedensten Perioden waren und blieben diese Völker arbeitende Bienen , wie sie schon Widewud Ueber diesen König der Preußen vgl. Voigt's »Geschichte Preußens«, I. 140 ff. Herder nennt ihn S. 395 Waidewutis. – D. nannte. Die Küste mit ihren hier auslaufenden Strömen munterte sie dazu auf, nicht minder die Beschaffenheit und Einrichtung des Landes. Da in Norden von Arbeit und Kunstfleiß Alles leben, Alles sich mit Wenigem begnügen muß, so entstanden rings um die Ostsee, wo der Adel das Volk nicht erdrückte, gewerbsame Städte, geschäftige Nationen. Ein sichres Meer, eine Freistätte des Handels sollte die durch den Sund verschließbare Ostsee sein, auf welcher kein Wiking Seekönige der mittleren barbarischen Geschichte. – H. zerstöre, drohe oder stolze Gesetze gebe. ––––– An die Ostsee Alter Eridanus, Du, der Gold quillt tief aus dem Abgrund,         Du, den der Sund verschließt, heilig-gesichertes Meer, Dessen Ufer sich links und rechts zwei Throne vertrauten,         Hier eine Kaiserburg, dort eine Königesstadt, Petersburg und Kopenhagen. – H. Bleib ein friedlicher Strom, der hyperboreischen Völkern         Stille Gewerbe verleiht, Leidenden Hilfe gewährt! Die Aestier (Ostseebewohner) waren im Alterthum berühmt, daß sie Denen, die zur See Noth litten, Hilfe erzeigten. An den Eridanus setzten die Alten die friedlich-glücklichen hyperboreischen Völker. – H. Niemals kämpfen auf Dir und um Dich Drachen und Adler,         Schwäne besuchten auf Dir Phaëthon's glänzendes Grab. 5. Gottfried Wilhelm Leibniz. Vgl. Brief 60-62 der »Briefe zu Beförderung der Humanität« Herder's Werke, XIII. S. 286 ff.) – D. Einem großen Theil von Europa war Leibniz ein Genius der Wissenschaft, der nicht nur das Jahrhundert hinab still wirkte, sondern auch (so hoffen wir!) fernerhin wirken wird. Da sein Leben oft beschrieben ist und ein Geist wie der seine am Liebsten in Gedanken, Entdeckungen, Vorschlägen und Entwürfen lebte, so ist am Ende des Jahrhunderts die Frage: »Wiefern sind seine Ideen ausgeführt? Schritt man seitdem weiter vor? oder nahm man andre Wege?« Denn die meisten Schriften von Leibniz sind nicht ausgeführte Bücher, sondern kleinere Aufsätze und in Briefen hingeworfene Gedanken, Funken, Fermente der Erkenntniß. Vgl. a.a.O., XIII. S. 497. – D. Da sich sein immer reger und thätiger Geist mit allen Wissenschaften beschäftigt hat, so wollen wir nur wie die Biene hie und dahin fliegen und auf seinen reichen Fluren einige Blumen berühren. ––––– 1. Theologie und Religion. Viele Mühe gab Leibniz sich, die Kirchen zu vereinigen, wie sein Briefwechsel mit Bossuet, Pelisson, Fabricius, Jablonski u.s.w. zeigt. Der scharfsehende Mann sah mehr als ein Andrer, daß aus dem Werke jetzt nichts werden würde; aber er bereitete vor, beantwortete, setzte die Streitfragen ins Klare. Mehrere Fürsten und Gelehrte hatte damals ein Enthusiasmus für Vereinigung der Kirchen ergriffen, in den er gern einstimmte. Der Vorwurf, Leibniz sei dem Katholicismus geneigt, ja im Herzen selbst katholisch gewesen, verliert in der Lage, in welcher, und bei dem Zweck, zu welchem er schrieb, den größten Theil seiner Schärfe. Sollten die Kirchen vereinigt werden (das sah er, der alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte durchwandert hatte und die römische sowol als die französische und deutsche Kirche kannte), so wollte der alte Katholicismus nicht zu seinen Ausgewanderten, den Protestanten, sondern diese mußten zu ihm treten; auf dem Boden der alten großen Kirche mußte die Einigung verhandelt werden. Der Gesichtspunkt, den die Reformatoren gehabt oder sich genommen hatten, fand jetzt, dazu mit den feinsten, verschmitztesten Köpfen, nicht mehr statt; schon die Zeit hatte den Horizont theologischer Fragen ungemein erweitert. Zudem war Leibniz nicht nur sanften Sinnes von Natur, sondern durch Erfahrung wußte er, daß, wenn ein Reconciliator auch nur vorübend seinen Zweck erreichen wolle, er nicht mit der Thür ins Haus stürzen dürfe. Endlich gefiel sich (wer mag es leugnen?) Leibniz in der Scholastik, im Disputiren und Demonstriren; seine ganze Kunst zeigte sich, wenn er das Indemonstrable wenigstens glaubwürdig machte. Manche Fürsten, die ihn zu Unterhandlungen dieser Art anregten, waren, wie der Erfolg gezeigt hat, dem Katholicismus selbst gewogen; und Leibniz, er selbst, wo konnte er mehr Ehre und einen größeren Wirkungskreis finden als in der katholischen Kirche? Als Mann von Wissenschaft hatte er stets in einer allgemeinen Versammlung gelebt, zu der alle wissenschaftliche Länder gehörten. In der Mathematik, Philosophie und Geschichte hatte er mit dieser und für diese gedacht, gearbeitet; kein geistliches Amt beschränkte ihn, noch weniger hatte es von Jugend auf seinen Gesichtskreis verengt. Früh hatte er in katholischen Ländern gelebt, Italien durchreist, angesehene katholische Männer waren seine Freunde; in dieser Lage und Denkart konnte er nie als ein Zelot schreiben. Unleugbar ist's indeß, daß ihn seine Demonstrationsliebe des Unbegreiflichen zu weit führte. Daß dieser Weg der Verhandlung schwerlich zu dem gehofften Resultat führe, war ihm vielleicht ebenso klar als gleichgiltig. Nie ist durchs Disputiren Vereinigung gestiftet; gewöhnlich gingen die Disputanten, wenn sie nicht so friedlichen Sinnes wie Leibniz, Fabricius, Jablonski u. s. w. waren, entfernter aus einander, als sie zusammengekommen waren. Harmonisch denkende, sanfte Gemüther gewannen sich freilich durch diese Gedankenmittheilung lieber; diese waren aber schon vorher eins, und sie entschieden selten. Stolze oder listige Männer entscheiden bei Disputationen; Ehrenstellen, Reichthümer, Affecten drücken das Siegel auf ihr Videtur . Trotz aller Bemühungen, die sich der preußische, braunschweigische, hessische und andre Höfe gaben, blieben die Parteien gesondert. Und was vereinigt denn Religionsparteien? Einzig und allein Zeit und Wahrheit . Was die Zeit zusammenfügte, muß sie auch auflösen, und sie thut's. Was sie baute, muß durch sie auch verwittern. Satzungen, Gebräuche, Sagen, Legenden, Traditionen u. s. w., die auf der Localität alter Zeitumstände beruhen, verlieren mit ihr die Farbe; wenn inneres Leben sie nicht hält, verwelken sie und welken desto eher, je stärker die Sonne der Wahrheit brennt und leuchtet. Alles hat seine Epochen und Lebensalter; Satzungen, Meinungen, Gebräuche allein sollten sie nicht haben? Gewissenhaftigkeit , die einzig wahre Religion, sie ist, wo sie ist, in allen Herzen dieselbe; weder erfochten wird sie, noch will sie erfechten. Gewohnheit, Ehre, Vortheile, die Localität können ein Unwesentliches oder gar Falsches lange begünstigen und festhalten; zuletzt aber kommt ihm doch sein jüngster Tag wie ein Dieb in der Nacht, wie der Blitz, wie ein Fallstrick. Mit dem Verfolg des Jahrhunderts hat man sich also billig der Mühe äußerer Vereinigungen durch Disputiren oder durch Machtgebote überhoben; ein Inneres vereint die Menschen zwar langsam, aber fort und fort, Wahrheit. Laut riefen gegen das Ende des siebzehnten, mit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts die verschiedensten Stimmen gegen die Verderbnisse aller Kirchen. Die sogenannten Pietisten, Enthusiasten, Fanatiker, Schwärmer, mit welchem verunglimpfenden Namen man damals auch die würdigsten Männer nannte. – H. Der plumpen Barbarei im Entscheiden, Herrschen, Absprechen, Verleumden und Verfolgen, die unter dem Namen Orthodoxie das vergangne Jahrhundert befleckt und Viele zur römischen Kirche zurückgescheucht hatte, ward man allgemach müde; das Disputiren selbst verlor seinen Werth, sobald man einsah, daß man über nichts disputire und Sprache sowol als Seelenkräfte vergebens schärfe. Was öffnete den Menschen hierüber die Augen? Die Bibel . Als durch die sogenannten Pietisten die Schrift popularer in Gang kam, mußte man bald sonnenklar einsehn, daß in einer Religion Christus' und seiner Boten, wie diese dachten und schrieben, es aufs Disputiren und Subtilisiren der Begriffe weder angesehen noch angelegt sei, daß Inhalt und Gestalt ihrer Schriften ein Spinnengewebe feinen Raisonnements kaum zulassen, viel weniger fordern oder anempfehlen, vielmehr verbieten und versagen. Je mehr man also in Kenntniß der Originalsprachen Alten und Neuen Testaments fortschritt und den schlichten Ursinn des Zeitgebrauchs jener Idiome kennen lernte, in denen diese Bücher voreinst geschrieben waren, desto mehr fielen die Schuppen grundloser Meinungen, unbiblischer Traditionen und Dogmen dem Auge von selbst weg; denn das Gebäude dieser steht allein auf kirchenhistorischem, oft sehr dunkelm, nicht aber auf biblischem Grunde. Betroffen sah man zuletzt einander an. »Weshalb haben wir also disputirt und Galle, Eifer, Tinte, Mühe, Studien, Nachtwachen, Zeit, Scharfsinn verschwendet? Diese Frage steht ja auf Nichts; auf Mißverstand und Wortmißbrauch barbarischer Jahrhunderte beruht jene Meinung; die klare Einsicht des Wortverstandes hat sie, wie Licht die Schatten, vertrieben. Und jene andern Subtilitäten, sind sie von Menschen zu entscheiden? Offenbar liegen sie über unsern Verstand hinaus; nie hätten sie sollen auf die Bahn gebracht werden. Ueber sie wollten wir streiten?« So dachte man endlich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts und las manche scharfsinnige Discussionen Leibnizens über Geheimnisse und Dogmen von allerlei Art, z. B. Dreieinigkeit, Gegenwart im Abendmahl, Erbsünde, Gnade, freien Willen, Ewigkeit der Höllenstrafen u. s. w. zwar mit größter Bewunderung seines Scharfsinns, aber auch mit der prüfenden Frage: »wohin man auf diesen Spaziergängen disputirender Vernunft denn gelange, und was man mit solchen Rappieren erfechte?« Selbst ein Theil der trefflichen »Theodicee« Leibnizens ist nicht frei von diesen Lustkämpfen. Die Schrift war gegen den Fechter Bayle geschrieben, der sie aber nicht erlebte, mithin sich diesen Forderungen nicht stellen konnte. Da die theologische Gelehrsamkeit mit dem Jahrhundert sehr gesunken, und die dunkeln Zeiten manchem Theologen selbst wirklich dunkle, d. i. unbekannte Zeiten worden sind, so ist ein Blick in Leibniz' Schriften dieser Art die Ansicht einer fast vergangenen Welt, voll Witzes und Scharfsinns, unter Führung des mildesten Lehrers. Denn Leibniz' Urtheile auch von Geistern, die nicht wie er dachten, sind jederzeit so genau als bescheiden. Selbst sogenannten Schwärmern und Spöttern läßt er Recht widerfahren, geschweige ernsten, gutmüthigen Denkern. Ueber Shaftesbury, Toland, Poiret, Helmont, Petersen, Arnold u. s. w. sind seine Urtheile höchst billig; über Cartes, Spinoza, Hobbes, Pufendorf, Locke , da sie sein System anstreiften, sind sie schärfer, jedoch stets ehrenvoll und in dem, was Jeder Gutes hatte, dankbar. Mit Leibniz geht man, wie Dante mit Virgil, durch mancherlei Regionen der Geister. Erweise der Wahrheit und Unentbehrlichkeit des Christenthums lagen Leibniz redlich am Herzen; auf Huet's »Evangelische Demonstration« war er daher sehr begierig, die aber seinen Wunsch nicht erfüllte. Leibniz' Erweis des Christenthums war auf die natürliche Religion gebaut; nach fester Grundlegung derselben sollte man, wie er meinte, die Nothwendigkeit einer geoffenbarten, sodann die alle andern Religionen übertreffende Schönheit der christlichen Religion zeigen. Immer spricht er über diese Materie mit theilnehmender Wärme, weil er vom Verfall des Christenthums viel Uebel für die Welt, selbst für die Aufklärung in Europa fürchtet. Den Atheismus sowol als Materialismus, geschweige kalte Verachtung oder Verspottung des Christenthums sieht er als Vorboten einer Barbarei an, die mit dem Verfall der Ehre und Sittlichkeit verbunden sein müsse. Wie sehr haben die Folgezeiten dies schon bewährt! Bei allen Materien, auch die Religion betreffend, ist man bei Leibniz wie in einem Blumen- und Fruchtgarten, in welchem Alles nach Convenienz geordnet ist; welches Principium der Lieblingsgedanke unsers Philosophen gewesen zu sein scheint. Auf keinen seiner Plane war er ersessen, überzeugt, daß die Vorsehung morgen thue, was heute zu thun sie noch nicht schicklich findet, und daß es ihr an Mitteln der Veranstaltung nie fehle. Leibniz würde sich freuen, wenn er zu unsrer Zeit die Bibel so aufgehellt, jedes ihrer Bücher im Geist seiner Zeit ins Licht gestellt, überhaupt aber den Sinn und Inhalt des Christenthums fremden Subtilitäten entnommen sähe. Manche seiner scharfsinnigen Erörterungen würde er ruhig beiseite legen und mit Sokrates sagen: »Wie viel, meine Freunde, können wir entbehren!« ––––– 2. Rechtsgelehrsamkeit und Politik Nebst der Philosophie hatte Leibniz sich nach deutschem Bedürfniß auch auf ein Brodstudium , die Rechtsgelehrsamkeit , mit Fleiß und Ernst gelegt, indem, wie man in Deutschland sagt, nur durch sie und ihre Formulare die höchste Staatswürde zu erlangen ist, er also auch durch sie sein Fortkommen hoffte; er war in ihr Doctor . Und wie sein Geist allenthalben hin, wohin er blickte, philosophische Uebersicht und Ordnung schuf, so handelte seine erste Schrift in diesem Fach sogleich »von verflochtnen Rechtsfällen«. Die andre stellte »philosophische Fragen über solche«, die dritte »eine neue Methode« auf, »die Jurisprudenz zu lernen, sammt einem Verzeichniß dessen, was in ihr Wünschbares noch fehle«. Die letzte schrieb er ohne Bücher auf der Reise, im zwanzigsten Jahr. Da im Verzeichniß dieses Wünschbaren sich auch ein neu geordnetes Corpus juris befand, so mußte Leibniz zwei Jahre nachher, wahrscheinlich zur Strafe seines jugendlichen Genius, im Dienst des Kurfürsten von Mainz selbst Hand daran legen. Seine Ausführung kam nicht zu Stande. Zwanzig Jahre nachher (1690) ging er in Hannover wieder ans Werk; es sollte ein Ausbund römischer Gesetze in einer einzigen Tafel werden, die alle Hauptregeln begriffe, aus deren Combination jede vorkommende Frage entschieden werden könnte. Ein wahres edictum perpetuum, dem sodann seine Justification , der Kern der Gesetze selbst, und das neugeordnete Rechtscorpus beigefügt werden sollten. Es kam abermals nicht zu Stande, ja, die treffliche Idee selbst ruhte beinahe ein Jahrhundert, bis ein philosophischer Rechtslehrer sie aufnahm und verfolgte. Hr. Prof. Hugo in Göttingen. S. Dessen »Civilistisches Magazin«, »Civilistisches Lehrbuch« u.s.w. – H. Denn in der Rechtsgelehrsamkeit hält der betretne Weg fester als irgendwo anders, oder jeder Lehrer sucht sich selbst eine eigne Straße. Für Viele damals ward der von Thomasius eröffnete, von Leyser u.A. weiterhin verfolgte Weg des popularen Raisonnements der königliche Heerweg; und auch dies hatte sein Gutes mit sich. Die Rechtsgelahrtheit und der sogenannte deutsche Verstand hielten einander wenigstens die Wage. ––––– Höher und weiter schwang sich Leibniz' Geist, als er seinen Codex des allgemeinen Völkerrechts mit Diplomen ans Licht stellte; in ihm ward er wirklich ein Lehrer der Völker. Wie er im Naturrecht den schlaffen Grundsätzen Pufendorf's entgegenarbeitete und dasselbe nicht blos auf Macht und den Willen des Oberherren, sondern auf die ewigen Principien des Rechts und der Vernunft gründete, so führte er diese auch in das sogenannte willkürliche Recht der Völker, dem er sogar in der christlichen Republik ein göttlich-positives Recht beifügte. Das Ansehen, das er hiebei dem Kaiser als einem Haupt dieser Republik beilegte, hatte aus der Geschichte und Verfassung der dunkeln Jahrhunderte Europa's Vieles für sich; denn allerdings hat sich die christliche Republik unter Rom und sogenannt römischen Kaisern constituirt . Wie Vieles aber auch hatte hierin merklich und unmerklich die Zeit geändert! Noch Mehreres hat im verflossenen Jahrhundert einen so andern Weg genommen, daß kaum Jemand der neuesten Mode-Statistiker jetzt an ein göttlich-positives Recht der christlichen Nationen in Europa denkt. Und doch ist Leibniz' großer Gedanke wahr. Dies göttlich-positive Völkerrecht nämlich ist das längst vor der französischen Revolution klare und in ihr mißbrauchte Recht der Menschheit . Lehrt das Christenthum etwas Anders als reine Humanität? Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 631. – D. Erkannt und ausgeübt, muß es auf diese auch seinen Codex des Völkerrechts gründen. Durch erlebte grobe Mißgriffe und Widersprüche hierüber lasse sich Niemand irre machen; Vernunft und Billigkeit gehen doch ihren Weg fort. Klar in die Augen fällt's, daß, was eine Nation von der andern fordert oder wünscht, sie solcher auch erzeigen müsse; Gewaltthätigkeiten, Treulosigkeit, freche Arroganz einer gegen die andere empören alle Nationen. Dieser Codex des Völkerrechts ist Allem, was Mensch ist, in die Brust geschrieben. ––––– In Leibniz' politischen Schriften, die durch Zeitumstände veranlaßt wurden, hat freilich die Zeit viel geändert, zumal wo sie »gar zu treu, hold und gewärtig« damaligen Zeitumständen dienten. Aber wo Leibniz' Blick frei war, sah er über die Staatsverhältnisse Europa's hell und sagte Manches vorher, was erfolgte. Als St. Pierre ihm sein Project eines ewigen Friedens Vgl. daselbst, S. 244 ff., 575. – D. zusandte, antwortete er: »Nachdem ich Ihr System gefaßt, haben mich die dagegen aufgestellten Einwendungen und die nette, runde Art, sie zu beantworten, sehr vergnügt. Um sich von unzählbaren Uebeln zu befreien, fehlt – nur Wille den Menschen . Wenn fünf oder sechs Personen nur wollten , sie könnten im abendländischen Europa die Trennung der Kirchen aufheben und der Kirche eine gute Einrichtung geben. Ein Landesherr, der nur will , kann seine Staaten vor der Pest, vor Hungersnoth bewahren. Um aber die Kriege aufhören zu machen, müßte ein zweiter Heinrich IV. mit einigen großen Fürsten seiner Zeit an diesem Project Geschmack finden; jetzt ist das Uebel, daß es schwer fällt, es den Großen nur verständlich zu machen. Eine Privatperson wird es nicht wagen; ich fürchte selbst, kleine Souveräne werden es nicht unternehmen, es den Großen vorzulegen. Ein Minister könnte es etwa in seinen letzten Zügen, zumal wenn er keine Familie nach seinem Tode zu versorgen hätte . Sonst aber–. Indessen ist's immer gut, dergleichen Gedanken ins Publicum zu bringen; sie können Jemand ans Herz treten, wenn man es am Wenigsten denkt. »Es ist wol kein Minister, der dem Kaiser jetzt Der Brief ist 1714 geschrieben. – H. proponiren möchte, auf die Succession in Spanien und beiden Indien seine Ansprüche aufzugeben; die Seemächte und so viel andre haben dabei ihr Latein verloren. So giebt es öfters Fatalitäten , die die Menschen hindern, glücklich zu sein. Die Hoffnung, Spaniens Monarchie ans Haus Frankreich zu bringen, ist die Quelle von fünfzigjährigen Kriegen gewesen; es steht zu befürchten, daß die Hoffnung, jene davon wegzubringen, noch andre fünfzig Jahre die Ruhe Europa's störe. Hülfe man dem Kaiser, die Türken aus Europa zu jagen , so wäre dies vielleicht ein Mittel; aber auch dies hätte seine großen Schwierigkeiten.« Noch andre Bemerkungen schrieb Leibniz über dies Project eines ewigen Friedens. Leibnitii Opera omnia, Genevae. T. V. p. 56. – H. An Grimarest z. B.: »Ich erinnere mich hiebei der Devise eines Kirchhofs: pax perpetua ; denn die Todten schlagen sich nicht. Die Lebendigen aber sind von einem andern Humor, zumal die Mächtigsten; die respectiren keine Tribunale . Man müßte diese Herren gut bürgerlich in die Bank des Tribunals Caution machen und gerichtlich deponiren lassen, z. B. einen König von Frankreich 100 Millionen Thaler, einen König von Großbritannien nach Verhältnis, daß, falls sie sich dem Spruch des Tribunals widersetzten, dieser mit ihrem eignen Gelde executiv vollstreckt werden könnte.« So dachts Leibniz damals von den Fürsten in Ansehung des Krieges; in Ansehung der Wissenschaften suchte er sie durch jede ihnen annehmliche Vorstellung zu Beförderung derselben zu bewegen, und war darin, insonderheit durch Fürsprache der Fürstinnen, oft glücklich. Wie sehr er von Fürsten geachtet worden, bezeugt sein Gehalt in den letzten Jahren: »vom Könige von England außer freier Wohnung, Holz, Licht, Bedienung, Equipage jährlich 1300 Thlr., vom Herzogs von Braunschweig jährlich 600 Thlr., vom Kaiser 2000 Fl., vom Czar 1000 Albertsthaler.« Dies Alles zu Beförderung der Wissenschaften, beinah ohne sonstige Pflichten. Zeiten, wie habt Ihr Euch verändert! ––––– 3. Geschichte, Alterthümer, Sprachen. In der Geschichte liebte Leibniz vor Allem die Uranfänge ( origines ) der Völker ; dies führte ihn auf ihre Alterthümer und Stammsprachen . Daher sein trefflicher Fleiß in Vergleichung und Ableitung der Sprachen, in Etymologien und Alterthümern. Er regte hiebei auf, was er konnte; bis gen China erstreckte sich auch hierüber sein Briefwechsel. Lächeln würde er, wenn er, erwachend nach einem Jahrhundert, den Fortgang sähe, der in Sammlung der Sprachen äußerst träge gemacht und kaum noch genutzt ist; er griffe gewiß zu dem Werke. Durch die russischen Reisen in Nordasien und durch das Werk Katharina's II. selbst, durch die fortgesetzten Berichte aus China, die Forschungen der Engländer in Indien, Andrer in Tibet, Persien, Arabien, Aegypten, Afrika, Amerika, endlich der Südwelt ist ein Baum von Sprachen aufgestellt, dessen Aeste und Zweige der Forschung des kommenden Jahrhunderts gewiß werth sind. Mit jedem Forscher des verlebten Säculums würde Leibniz sich gesellt, und sogar keinen Handlanger würde er verachtet haben. Der Präsident de Brosses, Klopstock, Popowitsch, Suhm, Ihre, Büttner, Forster, Fulda, Monboddo, Barton New View of the Origin of de Tribes and Nations of America by Barton. Philadelphia 1798. – H. u. s. w. wären ihm Freunde gewesen. Als in der Societät der Wissenschaften zu Berlin sein ursprünglicher Plan wieder auflebte, hätte er am Ende des Jahrhunderts vielleicht, wie Linné seine Naturreiche, ein System der Völker nach Sprachen und Bildungen geordnet . Was das vergangene Jahrhundert versäumte, wird das künftige Eben begonnene. Diese Weissagung ist in herrlichste Erfüllung gegangen. – D. geben. Auf guten und bösen Wegen wächst die Kenntniß der Völker der Welt und mit ihnen der Sprachen. Die Geschichtschreiber mittlerer Zeiten , die Leibniz herausgab, haben zahlreiche Nachfolger nicht gefunden. Seitdem die Buchhändler Selbsthalter der Literatur, Urheber und Erfinder der Bücher und Büchertitel worden sind, verkaufen sie nicht mehr alte, sondern neue, bald zu ersetzende Waare. Was von Altem daliegt, liege! Selbst Charaktere der mittleren Zeit, so merkwürdig als irgend sich denken läßt, falls sie nicht Roman oder historisches Schauspiel sind, suchen, wie Theokrit's Grazien, Haus bei Haus Verleger und Leser. Wir sind die Neuen ( novissimi ), was kümmern uns die Alten? Mehrmals sprach Leibniz von einem allgemeinen Sprachcharakter, ohne ihn näher zu bestimmen; man hat darüber viel gemuthmaßt von einer doppelten Seite. Erstlich als über eine Algebra , worin alle Wahrheiten der Vernunft ihrem Verhältnis auch dem Grad ihrer Wahrscheinlichkeit nach berechnet würden; sonach wäre sie eine symbolisirte Metaphysik , die sich auf Thatsachen wenig anwenden ließe, und liefe zuletzt auf eine Methode, symbolisch zu denken , eine Logik, hinaus. Plouquet und Lambert haben eine in Ansehung der Syllogismen diese bezeichnende Rechnungsart versucht, ohne ersichtlichen Nutzen und ohne Nachfolge. Denn sind in der Philosophie die erst erfaßten Ideen nicht rein und wahr, was hülfe alles weitere Rechnen mit Symbolen? Zudem wird dem abstracten Denken aller Reiz entnommen, wenn man nicht mehr laut denkt, sondern stumm rechnet ; beim Rechnen denkt man so wenig, als man neue Begriffe erjagt. Oder man dachte sich eine Art chinesischer Schrift an diesen allgemeinen Charakteren, zu denen Leibniz Definitionen sammeln lassen und sie mit Merkmalen der Abänderung unter Classen bringen wollte, ein philosophischer Orbis pictus . Nach der Classification und Organisation eines Leibniz wäre dieser allerdings sinnreich gewesen; er hätte auch den Nutzen geschafft, daß man nicht mehr an den Nebenbegriffen des erlernten Worts , dergleichen in allen Sprachen, oft sogar individuell fast unvermeidlich sind, gehangen; man hätte statt der Seele , des Geistes , der Natur u. s. w. das Bild oder Zeichen angesehen und damit weiter gebildert oder gerechnet. Ob man damit in der Wissenschaft oder im reinen Denken weiter gekommen wäre und nicht Vorurtheile, die am Wort kleben, mit Nebenbegriffen, die am Zeichen haften , vertauscht hätte, ob alle wissenschaftliche Nationen und Schulen sich entschlossen hätten, dies Zeichen- oder Bilderbuch anzunehmen und in dessen Form zu denken, ob es überhaupt gefördert hätte, die menschliche Seele einer freien Combination der Gedanken mittelst eigenen, auch neuen Gebrauchs der Worte zu entnehmen und vor eine Bildertafel der Kindheit zu stellen, bliebe die Frage. Gnug, der verständige Leibniz säumte mit diesem Werk nicht vergebens; wir finden auch nicht, daß er je mit Ernst daran gegangen sei. Es war ein Jugendgedanke. Nur höchst ausgemachte Wahrheiten und Beschaffenheiten der Dinge lassen sich in solchen Typen verzeichnen; und auch unter diesen ist vielleicht nichts Festbestimmbares in der Natur als Verhältnisse ; diese aber haben schon ihre Zahlen und Zeichen. Die Natur - und Kunstgeschichte will Darstellungen oder Abbildungen ; die Naturlehre will Experimente mit bestimmt erklärenden Worten . Die Grammatik als eine Art Logik kann Zahlen und Zeichen haben, die aber, nach unsrer Art zu denken, auch auf Worte gebaut sind. Wir Europäer wissen nicht, wie ein Chinese nach seinen Schriftzeichen denke; da die Mandarine es aber, trotz ihrer den Laut nicht charakterisirenden Bilderschrift, seit Jahrtausenden in den Wissenschaften so gar weit nicht gebracht haben, so wäre der Erfolg einer neuen Charakterschrift in Symbolen zu denken mißlich. »Was den Geist erweckt, erfinde man, nicht aber, was ihn fesselt, lähmt und tödtet!« Ohne Zweifel dachte Leibniz so und ließ seine Buchstaben- und Buchstabirtafel menschlicher Gedanken ruhen. So wenig alle Blumen in einer Gestalt wachsen und blühen, warum sollten alle Menschen, alle Nationen in einer Bilder - oder Zeichenschrift denken? Rechnen mögen und müssen sie immer gleichartig, nicht aber auch sinnen und verlangen, hoffen und fürchten , indem sich doch an die sogenannt erste Philosophie zuletzt jede Neigung des Lernenden unmerklich heftet. ––––– 4. Mathematik und Physik Als Vater eines Theiles der höheren Analyse ist Leibniz von Europa erkannt; die Streitigkeiten zwischen ihm und Newton sind erloschen; Jedem gebührt sein Ruhm. Denn wie es mit den Erfindungen, die zwischen Beiden streitig waren, sein möge, gewiß hat Leibniz mehr als Newton die Geister in Bewegung gesetzt und sie zu eignem Denken, Forschen, Finden und Auflösen angetrieben; mehr noch durch seinen eignen munter abwechselnden Vorgang als durch die ihnen vorgelegten Fragen. Seine kleinen Aufsätze, die er in die Journale mehrerer Länder zerstreute, wirkten hiezu lebhafter, als hätte er große Bücher geschrieben. Auch in den Akademien, die er stiftete, hat das Jahrhundert hinab sein Geist fortgelebt. Der Präsident, der bei der umgeformten Akademie zu Berlin ihr vorgesetzt ward, Maupertuis , schien dazu gewählt zu sein, um des ersten Präsidenten Ruhm zu erhöhen, mit dessen ausgefallenen Federn er sich anmaßend schmückte; am Ende stand er berupft da. In der Naturlehre und Naturgeschichte nahm Leibniz an jeder Erfindung oder Bemerkung seines Zeitalters, z.B. des Phosphorus, an jedem Fortschritt des Bergbaues, jeder Entdeckung in der Anatomie, Chemie u. s. w. so lebhaften Antheil, daß man ihm wünschen möchte, die Fortgänge des Jahrhunderts in der Elektricität , dem Magnetismus, Galvanismus , der Chemie u. s. w. erlebt zu haben. Vieles ahnte er voraus und entwarf eine Kette der Schöpfung, in der manches Zwischenglied die fortgehende Erfahrung schon bewährt hat. Seine Protogäa , ein Anfangsversuch, öffnete eine große Laufbahn. ––––– 5. Die erste Philosophie. So nannte Leibniz die Logik und Metaphysik nach Baco's Muster; und fühlbar ist's, daß er über Gegenstände, die dahin gehören, am Liebsten schrieb. Es war sein frühester jugendlicher Plan, Plato und Aristoteles, ja alle Metaphysiker der Vorwelt zu vereinigen und eine perennirende Philosophie zu pflanzen. Das Jahrhundert hinab hat seine Philosophie in Deutschland geblüht; andre Länder, zumal England, nahmen sie so willig nicht auf, aus Gründen, die in jener Nation sowol als in ihr selbst liegen. Für die Vernunftlehre z. B. entwarf Leibniz eine Ideenkarte , die er mit dunkeln, hellen, deutlichen, hochlichten Farben gleichsam illuminirte . In der Wolffisch-Baumgarten'schen Schule ist sie die Musterkarte worden, an die man nachher die trefflichsten Bemerkungen gereiht hat, indem man sie auch auf Moral und Künste anwandte; so wie denn Leibniz selbst in seinem »Versuch über den menschlichen Verstand« mit den vielseitigen Anwendungen dieser Grade der Ideenklarheit vorangegangen war. Auf Locke's, Hutchinson's, Hartley's Spuren verfolgten die Britannier andre Wege; was sie darauf fanden, dürfen wir anwenden, wie Leibniz anwandte, was für ihn diente. So hoch er die Künste des Syllogismus anschlug, so war ihm dieser doch nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck reingefaßter, bestimmter, heller Ideen, eine Art Rechenschule . ––––– In der Metaphysik war Leibniz Dichter . Er ersann eine göttlich - künstliche Welt , die er dem Cartesianismus, Spinozismus, Epikureismus entgegenstellte und damit allen Schwierigkeiten zu entkommen glaubte. Sein Universum der Seelen war eine für sich bestehende Gemeine, von Gott erweckt und fortwährend bestrahlt, unter seinen Gesetzen aus sich selbst wirksam; die Körperwelt war ihm ein Kunstgebäu, jenem harmonisch geordnet. Allenthalben herrscht in beiden nach seinem System die schicklichste Convenienz ; unter dem Möglichen ist das Beste mit weiser Güte gewählt , da denn über vernünftige Geister Gerechtigkeit in einer großen Stadt Gottes waltet. Diesen Staat schilderte Leibniz als ein liebender Künstler; daher die romantischen Namen der Monaden , der prästabilirten Harmonie u. s. w., die ohne Kenntniß der Begriffe selbst zuerst Modeworte, dann Spott wurden. Daß in diesem System viel Wahres und Schönes sei, bezweifelt Niemand; denn wer dürfte eine Welt der Seelen , wie man sie auch nennen möge, und eine Harmonie zwischen Geist und Körper leugnen ? Daß es sehr reine Begriffe gebe, wenn Gedanken blos als Wirkungen oder Entwicklungen der Seele vom dumpfsten Traum des Schlummers an bis zum hellsten Zustande der Wachenden betrachtet, dagegen die Gesetze der Körperwelt mechanisch-künstlich berechnet werden, daran ist auch kein Zweifel. Daß aber das große System der Welt, in welcher Geist und Körper vereint , dieser ein Werkzeug und Ausdruck jener, jene ein Beweger, ein darstellender Prototyp dieses ist und sich durch jede augenblickliche Erfahrung als solchen ankündigt, daß dies lebenvolle, wirksame System durch obiges schöne Gemälde zweier Welten in seinem Innern und Innersten nicht gezeigt, mithin das Räthsel nicht aufgelöst werde, ist ebenso klar. Durch das Wort Harmonie wird keine Brücke zwischen Geist und Körper; die aus sich spinnenden Einheiten, so unzerstörlich sie sein mögen, bleiben uns mathematische Zeichen, unserm täglichen Innewerden so fern, daß sich schwerlich Jemand seiner Monas erfreuen möchte. Alle fühlen wir, daß das Unermessne unsrer Seele vom Unermessnen unsers Körpers, und was durch ihn zu uns gehört, bestimmt werde, daß bei der hellsten Freiheit und Wirksamkeit wir in einer Abhängigkeit von der Welt seien, die von unsrer Empfängniß bis zum letzten Hauch unsers Lebens währt. Uns diesem Gefühl zu entreißen, uns mit dem Namen Harmonie zu theilen und damit in zwei Welten gesetzt zu werden, die nur m ihrem Urheber und Künstler zusammenhangen, widerstreitet dem einfachen Gefühl jeder Erfahrung. Fast wird dadurch meine Seele mir so fremde als mein Körper, und die Welt, das niedliche Kunstwerk, wo wie in einem Schatzkästchen nach Regeln der Convenienz Alles geordnet ist, was sich hineinschickte , wird am Ende doch kleinlich. Der Künstler hat einmal geordnet; ergetzt er sich ewig nun am Anschauen seines Kunstwerks? Er hat die Geister ausgestrahlt und regiert sie durch Gesetze; wird diese Regierung nicht klein, wenn man sie nach Menschenweise betrachtet? Vollends wenn man sich dabei in den Kampf der Scholastik über Natur und Gnade einläßt. Kurz, Leibniz' System war zu sein genommen; er konnte aus ihm Alles beantworten, aber das Gebäude selbst schwebte an dem leisen Faden der Convenienz angenehm, reich, zierlich, als Poesie in den Lüften. Nicht zu verwundern war's also, daß die Engländer an dieser seinen Dichtung keine Gnüge fanden und bei sinnlichem Vorstellungen, bei ihres Newton's leerem Raum als einem Organ ( sensorium ) Gottes, bei dessen periodischem Uhraufziehen der Welt u. s. w. blieben. Noch weniger ließen sich die Platonisten, die Mystiker, Magiker, Spinozisten u. s. w. aus der Empfindung treiben, daß die Welt ein Ganzes sei. auch in dem, was wir Materie nennen, von einem Geiste belebt. Die Endursachen, die Leibniz bei seinem Grundsatz des zureichenden Grundes oft glücklich anwandte, dünkten ihnen doch nur ein menschlicher Gesichtskreis, da im Unendlichen Alles Allem nicht anders als Mittel und Zweck sein kann; kürzere Endursachen sind Ideen eines endlichen Künstlers. Leibniz wünschte, daß Fraguier von seinem System ein Gedicht wie Lucrez und Polignac schriebe; er munterte ihn dazu durch seinen Freund Remond in eignen lateinischen Versen auf. Fraguier hat es nicht geschrieben; wer kennt nicht aber Uz' »Theodicee«? Einer der schönsten Lehrgesänge unsrer Sprache. Leibniz selbst machte Verse, latein und französisch, gewöhnlich nur aus Artigkeit, als Complimente. Wie? wenn wir einen Philosophen hörten, der sie zu einem ernstern Zweck machte? Seufzer eines gefesselten Prometheus aus seiner Kaukasushöhle . Der Name dieses Prometheus soll genannt werden. Leibniz schätzte diesen Philosophen sehr hoch, dessen System er für das seinige auch nutzte; nie denkt er an ihn anders als ehrerbietig und dankbar. – H. (Hier folgte in der Adrastea unter der Ueberschrift: »Prometheus aus seiner Kaukasushöhle«, die erste Abtheilung der aus Thomas Campanella übersetzten Gedichte (Herder's Werke, III. S. 317–324, einschließlich des Gedichtes »Das falsche Maß des Guten«). Vgl. unten S. 432, Anm. – D.) 6. Säcularische Hoffnungen. Gegen den Abgang jedes Jahrhunderts rafften sich, wie wir in der Geschichte bemerken, die Menschen zusammen, um dem neuen Jahrhundert rüstig zu begegnen. Im dunkeln oder helleren Gefühl, daß sie bisher gezögert, wollten sie das Versäumte schnell einholen, ehe das neue Jahrhundert käme, damit dies eine neue Zeit anfangen könne. Die Rosse der Begierden und Wünsche sahen ein nahes Ziel, die Herberge; sie nahmen ihre Kräfte zusammen und eilten dahin schnaubend. Jedes neue Jahrhundert fing daher gewöhnlich mit Pracht an. Man wollte seinen Einzug mit etwas Neuem und Großem bezeichnen; man schmückte sie schön aus, die Pforte der Hoffnung . Durch die ganze christliche Aera dies zu erweisen, wäre ein zu weiter Gang; in den neueren Jahrhunderten fallen die Wirkungen dieser Jubelfreude sichtbar ins Auge. Welche Bewegungen zu Ende des dreizehnten, zu Anfange des vierzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts in Geistern und Seelen der Menschen! Ihnen sind wir Petrarca, Huß, Luther , die Revolution in den Künsten, die Reformation, so manche Anlagen, Stiftungen, Unternehmungen, Entwürfe mit schuldig. Und in unsrer Zeit – wer denkt nicht an den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts mit einem stummen Entsetzen? Seit 1790 bis 1800 geschah, was das ganze Säculum nicht geschehen, worauf aber Manches längst zubereitet war. Wie viele Unglückliche sind aber nicht mehr, die mit dem Anfange unsers Jahrhunderts eine neue Welt hofften! Politisch und philosophisch stürmten die Wünsche, die Hoffnungen zusammen; das autonomische sollte das neue Jahrhundert heißen, wo Jeder sich Gesetze gäbe. Sogar eine neue Poesie und Kritik sollte ans Licht treten! ja, man glaubte sich schon im Besitz derselben; eine Poesie und Kritik, die das zum Vorzuge habe, daß sie sich an keine vorige Zeit anschlösse, sondern, in erwählten Menschen unmittelbar vom Himmel gestiegen, in ihnen leibhaft wohne. Kant. Fichte, Goethe und die Schlegel sind gemeint. Vgl. Herder's Brief an Jacobi vom 1. December 1797 (Aus Herder's Nachlaß, II. 316 f.) und an Gleim vom 22. December 1800. – D. Im Jahr 1804, glaubte man, werde die ganze Welt zu dieser neuen Poesie, Metaphysik und Kritik, ja auf ihren Flügeln zu einer neuen Physik und Medicin Hier ist besonders an Schelling und die Brownianer gedacht. – D. bekehrt sein; man werde nichts als diese Schriften lesen. Sonderbarer Contrast zwischen dem Anfange des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts! In jenem holte man Alles vom Himmel herab; nach dem jüngern Helmont sollte das tausendjährige Reich 1734 eintreten, nach Petersen alle Dinge wiedergebracht werden; in lieblichen Stimmen bewillkommte er die selige Zeit. Petersen's »Stimmen aus Zion«. 1696. – H. Man rüstete sich zu ihr durch Gebete, Bußpredigten, durch scharfe Rüge der Mißbräuche und Laster; die Erwählten, die Verfolgten stärkten einander und hofften. Am Ausgange des Jahrhunderts entsagte man Gott, erwartete von oben keine Hilfe; durch Autonomie sollte das Glück der Menschen gegründet werden; selbst müßten sie sich Recht schaffen und einrichten. Jene hieß man zu ihrer Zeit Enthusiasten, Fanatiker, Schwärmer ; mit welchen Namen Diese sich geziert, ist Jedermann in Andenken; die Autonomie erforderte auch in Benennungen einen eignen hohen Egoismus . Wie viel von säcularischen Hoffnungen zu hoffen und nicht zu hoffen sei, müssen uns Vernunft, Erfahrung und die Geschichte älterer Zeiten sagen; denn unglücklich ist ein Jüngling, der in einen solchen Strudel verwirrter Ideen, grober und seiner Anmaßungen fällt. Er rettet sich spät oder geht unter; immer aber verlor er mit dem Richtmaß seines Lebens auch seine schönsten Jahre. 1. Hoffen ist allerdings dem Menschen unentbehrlich. Alles, was lebt, was geht, sieht und hofft vorwärts , in die Zukunft. Bei Dante ist's eine der Höllenstrafen, mit dem Gesicht auf dem Rücken hinter sich zu schauen, und indem man vorwärts will, rückwärts zu kommen. Was nützte es, im Traumbuch der Vergangenheit zu blättern, wenn man aus ihm mit verglichener Gegenwart der Dinge nicht Schlüsse auf die Zukunft zöge? Umsonst hättet Ihr, Philosophen der Geschichte und Gesetzgebung, Plato und Aristoteles, Macchiavell, Campanella, Montesquieu, Paruta u. s. w. , über vergangene Zeiten und Zeitveränderungen philosophirt; ohne Vorblick auf das, was etwa werden kann und soll , wäre eine Zerlegung vergangener Träume ein unnützer Traum. 2. Wenn also dem Menschen seine Augen vorwärts im Kopf stehen und er vorwärts zu gehen hat, so ist's natürlich, daher das, was vor ihm liegt, auch messe und berechne . Rechnet er falsch, entweder nach einem unrichtigen Augenmaß (denn Augenmaße sind sehr trüglich) oder gar nach einem falschen Einmaleins, mißt er mit unrichtigen Stäben voriger Erfahrung und steckt oder zählt sie unrichtig: freilich, so gewinnt er falsche, oft lächerliche Resultate. Ist er endlich mit Hoffnungen so freigebig, daß er sie ins Blaue, ins Leere ausspendet, so wird allerdings der großmüthige Hoffnungsspender bald ein Bettler; denn leichter ist nichts als hoffen, schwerer nichts, als Hoffnungen erfüllen, Ungewisser nichts, als sie erleben. 3. Auf die Analogie der Dinge und Erfahrungen kommt's also an, nach welcher man rechnete und zählte; ist diese keine andre als die Zahl selbst, so hat man ein Zahlbrett, einen leichten, aber auch sehr grundlosen Kalender der Zukunft . Denn was ist Zahl? wie ungewiß zählt man das Alter der Welt, Begebenheiten, Revolutionen! Endlich auf welch einem Sprunge steht diese ganze Zeitenrechnung! Nachdem man mit gewissen Tagen oder Stunden Revolutionen der Natur, in den Gewächsen, in thierischen und menschlichen Körpern, zumal bei Krankheiten, bemerkt hatte, wandte man diese auch auf mystische Körper, auf politische Verfassungen, Staaten, Familien u. s. w. an. Diesem Hause sollte jene, jenem eine andre Zahl , gar ein Name immer fatal gewesen sein; man fürchtete sich für kritischen Stufenjahren der Reiche und Weltepochen wie seines Lebens. Auf andre Zeitsignale körnte man die Menschen und lud sie zu ihnen ein; durch Prophezeihungen beförderte man Manches, was ohne diese Prophezeihung kaum geschehen wäre. O welche Kinder sind die Menschen! Durch Träume und Zahlen werden sie regiert. Wer eine Sammlung solcher Zeitregeln zu lesen Lust hat, bekümmere sich um Georg Richter's Axiomata oeconomica, Jena 1618, um C.A. Brunner's Fatum, Leipzig 1704. Im sechzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert waren dergleichen Axiome sehr im Gange; in manchen Gegenden und Familien sind sie es noch. – H. 4. Heften sich die Zahlen der Weissagung an Revolutionen der Sterne, der Geister und Seelen , so bleiben sie immer nur Zahl; denn auf welchem Grunde steht auch diese Himmelsleiter? worauf beruhen die Cyklen wiederkommender Geister? De revolutione animarum humanarum, Lond. 1684, vom jüngern Helmont. – H. Nach Cardan sollte im Jahr 1800 das Christenthum untergehen oder eine große Revolution leiden; er wollte die Weissagung aus der Nativität Christi gestellt haben. S. Lessing's sämmtliche Schriften, Th. XVII. S. 274 [Werke, XVII. S. 250]. – H. Aber noch ist das Christenthum nicht untergangen, und woher wußte Cardan die Geburtszeit Christi? Der Menschheit ist Glück zu wünschen, daß sie von einem großen Theil dieser Zahlen- und Cyklen- Weissagungen befreit worden; im sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderte beschäftigten sie die scharfsinnigsten Geister. Whiston, Dethlev, Cluver u. A. verschwendeten ihren Calcul, ihre Zeit, ihre Kräfte! De Cluveri Nova crisis temporum, od. Welt-Merkurius. Hamburg 1701. – H. Andre mißbrauchten damit die Menschen oder bequemten sich ihnen. Ein bekannter Mathematiker gab im Namen seiner Akademie der Kaiserin Anna auf alle Witterungsanfragen Bescheid und prophezeihte sogar einmal den Tag des Eisganges der Newa – glücklich. Er wagte es aber nur einmal. 5. Noch sind wir aber bei Weitem nicht über dies Zahlbrett der Weissagungen hinaus; einige Normen stehen fest da, die man sorgsam beachtet, z. B. die Weissagungen Malachias', Schon 1689 schrieb Menestrier eine Réfutation des Prophéties faussement attribuées à St. Malachie (dem Erzbischofe von Armagh nämlich, nicht dem jüdischen Propheten). Nach dieser Papstrolle heißt der jetzige Papst Aquila rapax, der vorige hieß Peregrinus Apostolicus, welchen Namen man im Leben und Tode desselben erfüllt fand. Nach dem jetzigen sollen noch 14 Päpste folgen; der letzte ist Petrus Romanus. – H. die Offenbarung Johannis. Eine Wohlthat ist's, wenn dergleichen Zahlprophezeihungen ängstlichen Gemüthern fern gehalten werden. Von der Offenbarung Johannis ist zu erweisen, daß sie den ihr untergelegten Zeitenkalender nicht kenne , noch weniger geschrieben sei, ein solcher Kalender zu werden. Nach Bengel (S. Gründliche Beurtheilung des Zeitpunktes, worin wir jetzt nach der Offenbarung Johannis leben. Frankfurt und Leipzig 1758) leben wir jetzt Cap. 13,11 f.: »Wer stehet nicht, werden Manche sagen, die offenbare Erfüllung? Den falschen Propheten mit dem Maalzeichen, mit der Ungeheuern Macht und überredenden Zunge, wer kennt ihn nicht?« Schwerlich Der, der die Weissagung stellte. –H. Ueberhaupt wirkt gegen ahnende Träume der alten Zeit nichts so kräftig als das Erwachen . Wachend träumt man nicht weiter und sieht, daß das Vorige ein Traum war. Wer die fortgehende Erleuchtung der Völker hemmt, stürzt sie wieder in die dunkle Zeit zurück, da man, wie im Finstern auf jedes Geräusch, auf jede weissagende Stimme horchte. 6. Schreckenden Weissagungen thue man ganz Einhalt; im Schrecken glaubt man, was man sonst nicht glauben würde. Aber auch fröhlichen vertraue man nicht zu sehr; denn wer sich ohne Grund, also auch vergeblich freut, kann sich nicht nur ebenso leicht ohne Grund betrüben, sondern wird dies sogar leichter; denn Furcht wirkt heftiger, unvorgesehener als Hoffnung. Ein solches Gemüth ist trotzig und verzagt, jedem nichtigen Reiz offen und verführbar. 7. Eine Voraussicht der Zukunft aus bestimmten Zeitumständen nach der Analogie der Dinge selbst vermische man mit jenen Zahlhoffnungen nicht; wer sie hat, wird sie bescheiden ansehen und weise gebrauchen. Nichts ist kindischer als der laute Selbstruhm: »Habe ich dies nicht vorausgesagt?« nichts alberner als auch in fast gewissen Erfolgen jeden Zeitumstand vorhersagen. Mache man die Probe, bei gleichgiltigen Dingen des Lebens seine Voraussehungskraft ins Spiel zu setzen: »wie dies und jenes erfolgen, wie man dies und das finden werde.« Finden wird man, daß man gar oft weit ferne vom Ziel gemuthmaßt habe. Bei wichtigern Erfolgen, wer hätte dies nicht erfahren? und bei Weltbegebenheiten, bei Revolutionen, beim großen Gange der Zeit, wo auf den tausendarmigen Zufall so viel ankommt, wer wollte sich über sie als ein Allvorwisser geberden? Zuletzt, sehen wir, kommt nach abgestumpftem Rath und ermüdeten Kräften der Wirkenden das Größte auf ein Kleines , oft auf das Kleinste an, das in der Hand der höchsten Vorsehung entscheidet. Es ist schon bemerkt, daß unter Denen, die man im Anfange des vorigen Jahrhunderts spottend Enthusiasten, Schwärmer nannte, Männer waren, die an sorgsamer Vorsicht sowie an Wirksamkeit kaum einem Staatsminister wichen, die sich daher ihres reifen Verstandes wegen keine dergleichen Zeitbestimmungen der Zukunft zu Schulden kommen ließen. Spener z. B. war die überlegende Vorsichtigkeit, A. H. Franke die fröhliche Wirksamkeit selbst; Der Charakter Beider drückt sich in ihren Liedern aus. Spener's: »Welch eine Sorg' und Furcht«, Frankens: »Gottlob, ein Schritt zur Ewigkeit«. In ihren Schriften und Handlungen ist Beides sichtbar. – H. sie machten keine Kalender. Petersen , ein heller Kopf bei einem sanften Herzen, wurde durch seine Verfolger (man lese sein von ihm selbst geschriebenes Leben Petersen's Lebensbeschreibung, 1718. – H. dahin gebracht, daß er einer Hoffnung, die ihm sonst angenehme Hypothese geblieben wäre, zu viel Raum gab und sie sich zu nahe einbildete; ihre Zeit aber bestimmte er nie. Man höre seine kindlich-einfache, verständige Stimme: ––––– Das Maß jedes Zeitalters. Eine Stimme. S. Petersen's »Stimmen aus Zion«, Psalm 16. Hier mit Auslassung der Anspielungen auf die biblische Geschichte. Petersen war nicht nur ein redlicher und gelehrter, sondern auch ein talentreicher Mann. Leibniz schätzte seine Poesien. Küster, Venzky haben sie herausgeben wollen, es ist aber unterblieben. Manche seiner Stimmen aus Zion lassen sich wie Idyllen lesen, liebliche Bilder voll reiner Empfindung und hoher Wahrheit. – H. Gott regieret weise; seine Wunder sind groß und viel. Nach Zahl, Maß und Gewicht ist Alles erschaffen; die Zeiten selbst vertheilete er. Sie sind gleich einem Kreise, in welchem das Letzte nicht zu langsam kommt, noch das Erste zu geschwinde. Kein Geschöpf mag seinen Schöpfer übereilen; die Mutter gebieret ihre Kinder nicht auf einmal. Auch thut das Kind nicht, was dem Mann zugehöret, und der Mann nicht Werke der Kinder. Nach und nach offenbart Gott seine Wunder und legt jedem Alter nicht mehr auf, als es tragen kann. Er lasset Verheißungen vorausgehen, ehe das Reich kommt, das er verhieß. Allmählich wuchs die Wurzel hervor. Sie wächst und wird in Tausenden ihre Früchte tragen. Die Pflanze gehet schon hinauf, schon schlagen ihre Knospen aus; wenn ihre Zeit kommt, ist die Krone da. Die Finsterniß gehet zwar jetzt gegen das Licht auf, aber das Licht gehet auch auf gegen die Finsterniß. Da muß Eins das Andre offenbaren; das Licht wird aus der Finsterniß, die Finsterniß durch das Licht erkannt. Die Höhe wird erkannt aus der Niedrigkeit, die Niedrigkeit aus der Höhe, das Recht aus dem Ungerechten, die Ungerechtigkeit aus dem Rechten der Gerechtigkeit. Das Gute aber ist stärker als das Böse, und das Böse muß dem Guten dienen. Es muß seine Bosheit offenbaren, indem es das Gute anklagt und sich damit verräth, daß es nicht gut sei. Das Böse eilet zum Verderben, das Gute kommt allmählich nach und behält den Platz. Es ist Alles, o Gott, voll Deiner Weisheit, Deine Ordnungen sind Güte und Wahrheit. Bleibet in der Ordnung Gottes, Ihr, seine Kinder, und eilet nicht vor der Zeit, zu stürmen die Mauern! Arbeitet eine Mutter zur Frucht, ehe denn es Zeit ist? Mag Jemand alt sein, wenn er noch nicht Jahre hat? Erbauet Euch selbst zuvor zum neuen Bau; verwerfet nicht den edlen Samen, der in Euch keimet! Seid auch nicht weibisch, wenn Gott Euch rufet zum Streit! Ihr müsset noch viele Arten der Kämpfe lernen. O herrlicher Kampf, wenn Alle zusammenkommen! wenn alle Streiter in ihren Ordnungen daherziehn! Die Ordnung selbst und der vereinte Geist schlägt die Unordnung; der Vorschein schon der heiligen Zeit vertreibet die böse Zeit. Gelobt sei Gott! Der Feigenbaum hat Knoten geschlagen! die Pflanze ist da, daraus die Blume sprießen wird. Gelobt sei der Gott der Ordnung! ––––– Fortsetzung. Wer vermag diesen Grundsätzen zu widersprechen? sie sind die Vernunft selbst. So waren auch die Wirkungen , die der hoffende Enthusiasmus fürs Gute hervorbrachte, unvertilgbar. Der Eindruck z. B., den der verständige, fromme, unermüdliche Spener machte, Spener's Lebensbeschreibung von C. H. von Canstein. Frankfurt und Leipzig 1729. – H. erlosch an drei Orten, wo er lebte, Frankfurt, Dresden, Berlin, ebensowenig, als sein prüfender Geist in den sogenannten Bedenken Spener's »Theologische Bedenken«, Halle 1712. Consilia et judicia Thologica Frankfurt 1709. – H. noch jetzt zu sprechen aufhört. Seine Verleumder und Gegner (die Neider und Zänker), alle hat die Zeit entlarvt ; ihre Namen sind gehaßt oder vergessen. Frankens Waisenhaus, das er in Hoffnung, die bei ihm Zuversicht war, zu Stande brachte, hat nicht nur durch sich das ganze Jahrhundert hinab der Menschheit an ihrer bedürfendsten Seite acht christliche Dienste geleistet, sondern auch ähnliche Anstalten, große und gute Seelen geweckt, die durch Franke glauben, lieben, hoffen, wirken lernten. Seine Verfolger beförderten viel Gutes, als sie ihn vertrieben. Der Eifer, mit welchem er und seine Collegen sorgsame Seelsorger, verständige Theologen (nicht philosophische Rechthaber, nicht philologische Radixfänger und Wunderausgleicher) zu bilden strebten, hat vielen Provinzen Deutschlands in mehreren Generationen Vortheil geschafft; denn was sollen theologische Facultäten, wenn sie nicht zu ihren Aemtern tüchtige Männer bilden? Wenn Christian Thomasius , den man auch zu den Enthusiasten zählte, gegen die Mängel der Universitäten, gegen die Zügellosigkeit der Studirenden, gegen die Verirrungen in verschiednen Wissenschaften praktisch schrieb und Cautelen aufstellte: ist ihm hierin, wie in dem Licht, das er der Rechtspflege gab, nach und nach der Beitritt aller Verständigen nicht gefolgt? Steht in Poiret's Schrift, die er herausgab, De eruditione solida, superficiaria et falsa. – H. nicht viel Wahres und Gutes? Sprechen alle seine philosophischen Schriften nicht wahre Vernunft, politische Klugheit, Kenntniß seiner selbst und Andrer, eine honnete Sittenlehre? Und giebt's einen edleren Enthusiasmus? Wenn G. Arnold , ein schwächerer Kopf, Träumen der Mystiker zu sehr anhing, blieb deshalb seine Kirchengeschichte ohne Frucht? Sorgsam wurden ihre Unrichtigkeiten aufgesucht und berichtigt, bitter ihre Schwächen gerügt; im Ganzen aber, indem sie die alte ausgefahrne Bahn verließ, brach sie eine neue Bahn. Theologen in Helmstädt (einer Universität, die sich seit ihrer Stiftung eines liberalen Studiums beflissen hatte), unter welche auch Mosheim gehört, späterhin Semler, Spittler, Plank u.A. fuhren auf der Straße, die Arnold unkritisch, aber frommgläubig, mithin muthig eröffnet hatte, weiter. Jetzt vertheidigt Niemand mehr eine heilig- verfolgende Kirche. Selbst Dippel , der freche Dippel ist dem Lutherthum nützlich gewesen. Schämt man sich nicht und erstaunt, wenn man hier, da und dort das heimtückische, arrogante Betragen ganzer protestantischer Ministerien damaliger Zeit liest? Kleine und kleinliche Päpste! Um so giftiger, weil ihnen zum Verfolgen nicht nur die Macht, sondern auch das Recht fehlte; denn der Protestantismus duldet keine Ketzerverfolgung. Die sogenannt Unschuldigen Nachrichten sind von diesen Schleichgängen aus ältern und neueren Zeiten, gegen ihre Absicht, treue Zeugen. Von 1701 haben sie bis über die Mitte des Jahrhunderts fortgedauert; ein merkwürdiges Depositorium von Anzeigen, Censuren, Berichten, Colloquien, Gutachten, Klagen, Briefen, Bejammerungen und – ächtem Urtheilen. Der Censorgeist darin war selten Luther`s Geist, daher sich auch der Fortgang der Zeit ihm nicht bequemte. –H. Wie in der Christenheit eine Hoffnung zukünftiger besserer Zeiten je hat verunglimpft und verfolgt werden können, ist fast unbegreiflich. Ist nicht das Christenthum selbst auf diese Hoffnung gebaut? Prophetische Aussichten einer künftigen goldnen Zeit waren da; sie weckten Christum, der als Kind schon darüber fragte und disputirte. Gegründet, aber unvollendet ließ er diese Zeiten nach, lehrte darum bitten, befahl, auf sie zu wirken und ein Reich Gottes in sich zu gründen. Nur also geistig und durch Vereinigung vieler Guten könne es befördert werden und werde unvermerkt, unablässig befördert; es kommt mit stillem Schritte. Jeder Strahl des Lichts, jede herzliche That, jede reinere Gesinnung bringt es näher und näher; alle Guten wirken dazu, auch ohne einander zu kennen, einverstanden. Nehme man dem Christenthum diese Hoffnung, diesen Glauben, so ist es selbst nicht mehr da; denn nur im Glauben und in einem stillen Wirken auf die Zukunft lebt es. Maßen sich aber Christen an, der Vorsehung Maß und Ziel zu setzen, sie gegen die Vernunft zu zwingen, damit sie ihre Wege beschleunige : so zeigt das Mißlingen ihrer Wünsche selbst, daß der Berg, der ihnen so nahe schien, weiter, als sie dachten, entfernt liege. Glänzend steht er dort in den Wolken – hin zu ihm, doch unübereilt!   Nemesis und die Hoffnung. Zwei andere Übersetzungen Herder's von diesem Epigramm der griechischen Anthologie stehen in den Werken, VII. S. 62 u. 328. – D. Hoffnung und Nemesis , Euch verehr' ich auf einem Altare; »Hoffe!« winket mir Die, Diese: »Doch nimmer zu viel!« ––––– Das Licht am Abend. Eine Stimme. Petersen's »Stimmen aus Zion«, Ps. 15. – H. Höret, Ihr Kinder der künftigen Welt, was ich singe! urtheilen solltet Ihr, ob ich recht gesungen habe. Es muß noch kommen das Vollkommene, und wenn es kommt, so höret das Stückwerk auf. Es wird blühen in der Natur eine Lilie; wenn sie blühet, so genießet ihren Geruch die ganze Welt. Das Reich der Güte wird immer größer und herrlicher werden; das Senfkorn wird zum großen Baum, daß die Vögel des Himmels unter seinen Zweigen wohnen. Alles, was wachsen soll, hat einen kleinen Anfang, es gehet fort in der Ordnung; Eins kann das Andre nicht übereilen. Ohne dem Kleinen ist das Größere nicht, und ohne dem Größeren kann das Größeste nicht erscheinen. Doch ist das Größeste das Größeste, und das Letzte ist das Beste. Um des Letzten sind alle vorige Dinge; im Letzten sind begriffen alle vorige Zahlen. Die Erde bringet zuerst das Gras, dann die Aehren, darnach in den Aehren den vollen Weizen. Wer hoffet nicht auf die Früchte, die der Baum endlich bringe? Wer will sich mit der Grüne, mit der Blüthe begnügen und nut der unzeitigen Frucht? Ihr Thoren, wann wollt Ihr klug werden? was leugnet Ihr die bessern Zeiten in den letzten Tagen? Ihr werdet ja älter an Jahren, warum nicht auch an Verstande? Ihr sehet, daß das Kind sich verliere in dem Jüngling, wie der Jüngling in dem Mann. Das Gegenwärtige dünket uns groß, wenn das Größere noch nicht gekommen ist; doch ist das Größere klein gegen dem Vollkommenen. Aus dem Vorhofe kommt man in das Heilige, durch das Heilige gehet man ins Allerheiligste. Die Vorbilder gehen dem Buchstaben voran, das Wesen des Geistes übertrifft Beides. Die Stadt Gottes wird inwendig gebauet; wenn es im Herzen helle wird, so wird es auch auswendig glänzen. Hallelujah, das Vollkommene kommt, das Gute behält den Sieg! 7. Propaganda. Mit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts bildete sich in England eine Gesellschaft zu Ausbreitung des Christenthums , die auch in Schottland Nacheiferer fand. Ihr Zweck war, ob sie sich gleich zunächst der Armenschulen ihres Landes rühmlich annahm und solche errichtete, allgemein; daher sie auch, als die dänische Mission nach Tranquebar 1705 von Kopenhagen abging, das Werk dieser, die Bekehrung der Malabaren, willig unterstützte. Auch gegen die Salzburgischen Vertriebenen und sonst hat sie sich milde bewiesen. König Wilhelm hatte sie im Jahr 1701 eigen constituirt. Die königlich dänische Mission hat bekanntlich das Jahrhundert hindurch gedauert, von Dänemarks Königen unterstützt, deren Charakter ausgezeichnet christliche Güte gewesen. Ihr erster und berühmtester Missionar war Ziegenbalg , der sogleich damit anfing, sich ein malabarisches Wörterbuch von 20000 Wörtern und Phrasen, ein poetisches von 17000 zu sammeln, und mit vielem Eifer wirkte. Sein Gehilfe und seine Nachfolger waren größtentheils aus der Hallischen Schule, wie denn auch die Berichte der Mission mit allen ihren Fortsetzungen beim Hallischen Waisenhause gedruckt erschienen. Auch zu diesem Werk wirkte der große A. H. Franke . Ungleich sind zwar, wie es nicht anders sein kann, die Berichte der Mission und haben jetzt, da Indien durch mehrere Nationen bekannt ist, viel an ihrem Interesse verloren; anfangs aber, auch in der Folge periodisch hie und da, zeichneten sie sich durch Briefe der Bramanen, durch Unterredungen mit ihnen und Andern, Indiern und Mohammedanern, sehr aus. Man hörte die Hindus selbst sprechen, ihren Glauben und ihre Lebensart vertheidigen, man sah sie leben . Unter den Missionaren waren mehrere fleißige und geschickte Männer, die über die Naturlehre des Landes, den Charakter, die Religion und Sprache seiner Einwohner Aufschlüsse gaben Ein Auszug erschien Halle 1752: »Ostindische Naturgeschichte, Sitten und Alterthümer von G. F. Gerbert«. – H. und manche Denkwürdigkeit nach Europa sandten. Doch davon reden wir jetzt nicht, sondern vom Zweck der Mission, der Bekehrung der Malabaren . Könnte gegen diesen ein Einwand stattfinden? Sollen nicht alle Völker gelehrt und getauft werden? Sind dessen die friedlich-sanften Indier nicht vorzüglich werth? Ja, müßte in ihre stillen Seelen die Wahrheit des Christenthums sich nicht aufs Leichteste und Tiefste einsenken? Ferner. Sind sie nicht unter dem Joch ihrer Bramanen, die für sie denken? umfangen mit dem Blumenteppich zahlloser Götter, zu denen sie wallfahrten, denen sie Opfer bringen, meistens zwar Blumenopfer, denen zu Gunst sie sich aber auch die gewaltsamsten Bußen auflegen und sich lebenderweise langsam ertödten? Wer hat nicht die armen Büßenden beiderlei Geschlechts selbst in ihren körperlosen Entzückungen bedauert? Wen hat nicht bei den Leichenbegängnissen, da lebende Weiber ihren todten Männern in der Gluth nachfolgen, geschaudert? Der Dienst der Bajaderen Dienerinnen der Götter, tanzende, singende Weibspersonen. – H. endlich, ihr Venusdienst an Göttertempeln, der ihnen heilige Lingam – lasset uns, sofern dies Alles eine Bekehrung der Indier durch unsre Christen betrifft, Gespräche hören. Ein Europäer und ein Asiat, der beide Theile kennt, sprechen mit einander. Vgl. hierzu Herder's Werke, XIII. S. 557 ff. - D. ––––– Gespräche über die Bekehrung der Indier durch unsre europäischen Christen. 1. Der Asiat . Sagt mir doch, seid Ihr noch nicht davon zurückgekommen, Völker, die Ihr unterjocht, beraubt, plündert und mordet, denen Ihr Land und Verfassung genommen, denen Ihr mit Euren Sitten ein Gräuel seid, zu bekehren ? Käme Jemand in Euer Land, erklärte Euer Heiligstes, Gesetze, Religion, Weisheit, Staatseinrichtung u. s. w., auf eine freche Art für das Abgeschmackteste, wie würdet Ihr ihm begegnen? Der Europäer. Hier ist der Fall anders. Wir haben Macht, Schiffe, Geld, Kanonen, Cultur . Asiat . Haben jene Völker keine Cultur? Mich dünkt, die feinste, die es im Menschengeschlecht giebt. Sieh ihren Körperbau, ihre Physiognomie und Lebensweise! Betrachte ihre Sitten, ihre Erziehung, lerne ihre Sprache! Lies ihre Dichter, höre ihre Weisen! Europäer . Nicht weise zu unserm Himmelreich. Asiat . Dahin wollen sie auch nicht, dafür schaudert sie, wenn sie es in sanfter Bescheidenheit auch nicht sagen. Mit Menschen, die in allen Lastern leben, die fluchen, zanken, Wein trinken, Schweine essen, die Haare mit Thierfett salben u. s. w., mit solchen wollen sie in keinen gemeinschaftlichen Himmel. Ich dächte, man ließe ihnen den ihrigen, ihr Paradies , wohin sie durch Barmherzigkeit, Sanftmuth und gute Werke streben, den Himmel der Nähe Gottes , den ihr Volk in allem Guten und Schönen, den ihre Weisen nachsinnend im tiefsten Grunde ihrer Seelen suchen und verehren, ihn, der Alles belebt, der ihnen sich in jeder Gestaltung verwandelt darstellt. Europäer . Das eben hat ihre schreckliche Mythologie zahlloser Götter gegeben, die den Europäern viel Kopfbrechens verursacht haben. Wie unerhörte, lange, viele, schwere Namen! welche Verwandlungen! welche Märchen! Hinweg mit ihnen! es ist nur ein Gott . Asiat . Leugnet dies ein Braman? Bilden sie sich nicht vom obersten Wesen so rein erhabne Vorstellungen, wie sie der gemeine Europäer kaum zu fassen vermag? Und diese reinen, erhabnen Weisen wolltet Ihr zu Eurer in den dunkelsten Jahrhunderten der Menschheit entstandenen Scholastik bekehren ? Europäer . Das Volk aber hangt an Pagoden. Götzenbildern und Gebräuchen. Asiat . Das Eure nicht? Und woran hangen Eure Weisen? An barbarischen Wortformeln, den elendesten Symbolen. Wie geduldig und mühsam suchen sich jene zu entkörpern, um den Einen zu finden, der, bildlos selbst, Alles regt! Ihn so fest ins innerste Gemüth zu fassen, daß er allein da ewig lebe, ist der Zweck ihrer stillen Beschauung. Hast Du Geduld, einige bramanische Andachten von diesen Palmblättern zu hören? Wünsche der Bramen. »Laß uns die höchste Herrschaft der Gottheit anbeten, der Sonne, die Alles erleuchtet, Alles erquickt, von der Alles kommt, zu der Alles kehrt. Wir rufen sie an, um unsern Verstand gerade zu ihr zu richten, auf unserm Wege zu ihrem heiligen Sitz. »Was Sonne und Licht der sichtbaren Welt sind, das ist der unsichtbaren, der Verstandeswelt Gott und die Wahrheit. Wie unsre körperlichen Augen von Gegenständen einen Begriff bekommen, wenn sie die Sonne erleuchtet, so erlangen unsre Seelen ein gewisses Erkennen, wenn sie am Licht der Wahrheit nachdenken, die vom Wesen der Wesen kommt. Dies Licht allein führt uns der Seligkeit zu.« ––––– »Möge meine Seele, sie, die in wachenden Stunden hinaufsteigt wie ein ätherischer Funke, die selbst im Schlummer, leicht wie ein Strahl vom Lichte der Lichter, weit umherfliegt, möge sie sich durch sinnende Andacht dem Geiste einen, der die höchste Seligkeit, der höchste Verstand ist! »Möge meine Seele durch jene Kraft, durch welche die niedriggebornen Menschen ihre kleinen Werke, die Weisen und Gelehrten ihre heil'gen Weihgebräuche verrichten, sie, das ersterkorne Weihgeschenk der Schöpfung, möge durch sinnende Andacht sie sich dem Geiste einen, der die höchste Seligkeit, der höchste Verstand ist! »Möge meine Seele, sie, ein Strahl vom Licht vollkommener Weisheit, ein reiner Verstand, ein unvergänglich Wesen, ein unauslöschlich Licht, gesenkt in geschaffene Leiber, möge sie einigen sich durch sinnende Betrachtung ihm, der die höchste Seligkeit, der höchste Verstand ist! »Sie, die Unsterbliche, die das Vergangne, die Gegenwart und Zukunft in sich faßt, sie, die das heiligste Opfer, dem sieben Diener dienen, allein nur weiht , möge sie einigen sich dem höchstverständigen, höchstseligen Geist! »Sie, in welche die heil'gen Gebote, den Speichen des rollenden Rades gleich, befestigt sind, in welche gewebt sind alle Gestalten der erschaffnen Welt; sie, die, dem Führer gleich, der die schnellen Rosse zügelt, den Wagen der Menschheit lenkt; sie, die in meiner Brust wohnt, befreit von Alter, schnell in ihrem Lauf: möge sie einigen sich der höchsten Weisheit, der höchsten Seligkeit!« ––––– Solche Begriffe von Gott, vom Gottesdienst, von der menschlichen Seele haben die Indier in tausend Gebeten, und Ihr wollt sie zu Eurem dornigen Scholasticismus bekehren ? ––––– 2. Europäer . Das gemeine Volk hat aber nicht so reine Begriffe; es hangt an Fabeln, Märchen und Erzählungen, an Festlichkeiten und unförmlichen, ja oft unzüchtigen Göttergestalten. Asiat . Welches Volk hangt nicht an der Schale? Nur nach und nach lernt es den Kern kosten. Wenn Eure Missionarien alle diese Erzählungen gewöhnlich so mißverstanden, daß sie sie für nackte Wahrheit hielten, so standen sie unter dem indischen Volk, das diese Märchen als Märchen, dem Sinne nach hörte, der in ihnen liegt. So hören Kinder die Märchen, wohl wissend, daß es solche sind; die Indier sind noch in diesem kindhaften Zustande. Erzählt ihnen Eure Geschichten, sie hören sie nicht anders. Europäer . Unsre Geschichten sind, hoffe ich, von andrer Art. Asiat . Allerdings. Sie sind daher ihrem sinnlichen Begriff, ihrer anschauenden Fassungskraft fern und fremde. Wie schwer muß dem Indier eine jüdische Geschichte zu denken sein! ebenso unbegreiflich wie der Schnee, den nie sein Auge sah. Er vergleicht sie mit der seinigen, an die er gewöhnt ist, und findet sie dürr, wunderlich, albern, macht sonderbare, in seiner Vorstellung aber treffende Zweifel. Ich höre, es sei eine Hypothese bei Euch im Schwange, daß die Weisheit der Indier westwärts von Griechenland hergeflossen, daß manche Fabeln ihrer Göttergeschichte, z. B. von Krischna , sich von Eurer Religion herschreiben sollen, die im ersten Feuer der Völkerbekehrung hieher, ja bis nach China drang. Wäre dem also, so bemerkt, wie sich in indischen Köpfen die Sagen ferner Länder gestalten! Ein Gleiches bemerkt, wenn Ihr geborne Indier über Eure Religion sprechen hört oder die Briefe Eurer bekehrten Katecheten leset. Die Sprache selbst erfordert schon Umgestaltung der Begriffe, neue Einkleidung. Einheimische, ihnen angemessene, mit ihnen erwachsene Erzählungen verleidet Ihr ihnen also und gebt ihnen dafür fremde, die sie nicht zu brauchen wissen, und die sie doch nur in ihrer Weise geduldig, höflich, gläubig als Märchen hören. Europäer . Im christlichen Unterricht ist aber nicht Alles Geschichte . Asiat . Gottlob nicht, Alles aber doch auf Geschichte gebaut und aus ihr abgeleitet. Wenn nun auch das Abgeleitete, wie es nach dem Gange der Cultur in Europa nicht anders sein konnte, in ebräisch-griechisch-lateinisch-deutscher Form erscheint, wären diese Einkleidungen, Predigten, Katechismus - Bußübungen, Lieder u. s. w. der Fassungskraft der Hindus, Tamuler, Cudelurer nicht abermals fremde? Dränge man gar darauf, daß in diesen fremden Formeln der Weg zur Seligkeit, der einzige wahre Glaube liege , und setzte dagegen die sinnreichsten, gemüthlichsten Vorstellungen der Indier tief hinunter: kann man's ihnen verdenken, wenn sie sagen: »Auch der hungrige Tiger, fräße er Gras? So bleibe Jedem seine Religion, ihm zugehörig. Aeße ein Armer Allerlei unter einander, wie wird ihm das bekommen? Und wenn man reine, schöne Speisen genießen kann, warum wollte man nicht dabei bleiben?« – »Die Leute von Eurem Geschlecht sind ja so unterschieden! Ihr habt so viele Gesetze; warum sucht Ihr diese nicht erst in Eins zu bringen? Wir, so verschiedene Stämme und Völker, haben Alle nur ein Gesetz. Lasset es uns! – Die dreihundertdreißig tausendmal tausend Götter kamen einmal zu Tsiwen und beklagten sich über die ungeheure Menge der moralischen und historischen Religionsbücher und ihrer Gebote, bittend, daß er ihnen die Summe aller in wenig Worten sage. Tsiwen sprach: »Dem Nächsten Gutes thun, ist Tugend ; dem Nächsten Uebels thun, ist Sünde; das ist die Summe aller Gebote.«« Hat Tsiwen Unrecht? ––––– 3. Europäer . So schön dies Alles klingt, wer mag leugnen, daß die Indier unter einem doppelt harten Joch leben, dem Joch ihrer Religion und ihrer despotischen Gebieter? Wie, wenn die Christen sie daraus zu befreien strebten? Asiat . O thäten sie dies! Nun aber sagen die Indier: »Was hilft's, wenn man Jemand das Fußeisen abnimmt und ihn dafür in den Block setzt?« Haben die Europäer jene geduldigen Menschen glücklicher oder unglücklicher gemacht? Haben sie ihre Lasten gemehrt oder gemindert? Land, Verfassung, Autonomie haben sie ihnen genommen, ihren heiligen Boden mit Lastern, Gräueln und Schande besteckt. Europäer . Doch nicht alle Nationen Europa's in gleichem Maß? Asiat . Gewiß nicht; indeß athmet jeder Europäer, wenn er nach Indien kommt, indische Luft. Kann er ein Raja der Rajas , ein Unterdrücker der Unterdrückenden werden, er wird's. Die dänische Colonie ist ohne allen Zweifel, auch ihrer Schwäche wegen, die am Wenigsten unterdrückende worden; indessen auch bei ihr fanden sich bisweilen nicht Gewissens-, sondern Beutelskrupel, daß die Mission dem Handel schade. Nur durch die feste Gesinnung gutmüthiger Könige in Dänemark konnte sie sich aufrecht und im Gange erhalten. Aus ihr sind die Missionen in Madras, Cudelur, Calcutta, Tirutschinapalli entstanden; die Engländer lehren und taufen die Völker durch Geld , um Geld, mittelst Missionen andrer Völker. Die armen Deutschen lassen sich zu Allem gern gebrauchen. Europäer . Warum nicht? Ist's nicht gut, wenn neben Blutsaugern auch ein Friedensengel erscheint? Asiat . Könnte er aber auch Heil geben'. Brächten es z. B. die Europäer dahin. daß keine Frauen ihren Männern sich weiterhin im Feuer aufopfern müßten , dahin, daß keine Unterdrücker und sie selbst nicht mehr unterdrückten, vervortheilten, beraubten, quälten: gesegnet wäre die Religion der Christen, auch ohne daß ein Indier sie formularisch-historisch annähme. Alle genössen die Frucht derselben, ächte Humanität reiner Beziehungen in einer glücklichen Völkerverbindung! Einmal hat den Europäern die Vorsehung Wage und Maß in die Hand gegeben; sie sollen messen, sie sollen wägen. Messen sie aber mit falschem Maß allein zu ihrem Vortheil, was wird in ihrer Hand die entscheidende Schicksalswage , die zu Beförderung des Glücks der Völker ihnen anvertraut ward? Europäer . Daran denkt in Europa Niemand. Asiat . Traurig! Wo Macht sich nicht mit Weisheit und Güte gesellt, da wird sie – Europäer . Zudringlich. Asiat . Das sanfteste Wort, das nur ein Europäer wählen konnte; aber ich nehme es an. Welche Zudringlichkeiten habt Ihr Euch gegen uns erlaubt!. Europäer . Weil wir Macht, Schiffe, Kanonen und europäische Cultur haben. Asiat . Lasset uns dagegen unsre asiatische! Zudringend kommt Ihr und befragt uns, selbst über die Geheimnisse unsers Hauses. Bei Euch, höre ich, ist Neugierde eine Art Höflichkeit, bei uns nicht. Wir drängen uns zu keinem Fremden, leben zurückgezogen; das Andringen der Fremden, ihr Fragen sehen wir als einen Mangel der Erziehung und der Achtung an. die einem Volk gegen das andre gebührt und geziemt. Erscheint Ihr, weintrinkende Schweinfleischesser, nun gar, Thierhaare auf Eurem Haupt, unreine Salbe in Eurem Haar, in einer uns unanständigen Kleidung, in schwarzer, uns unleidlicher Farbe, Ihr leget uns Bücher in Thierhäute gebunden vor – wir dürfen und wollen sie nicht berühren. Versagt Ihr Euch den Höflichkeiten, denen sich bei uns nach hergebrachter Gewohnheit kein König entsagt, z. B. dem Ausziehen Eurer unreinen Schuhe, weil, wie Ihr sagt, Moses seine Schuhe nur vor dem brennenden Busch auszog, quält und ermüdet uns allenthalben, auf Weg- und Stegen, in Ruhehäusern und Pagoden mit einer zudringlichen Predigt, die Ihr an jeden kleinen Umstand unsrer Lebensweise knüpft: was können wir anders als Euch sprechen lassen, so lang Ihr wollt, bis Ihr – geht? Die öftere Formel der Missionsberichte war: »Sie hörten Einen an und ließen Einen gehen.« – H. Wenn Ihr uns zu Euch lockt: »Komm zu uns, uns zu hören!« antworten wir geduldig: »Wenn ich wissen will, ob eine Feige gut schmeckt, muß ich sie erst kosten? Ich weiß es schon aus dem Ansehn. So, wenn wir mit Euch umgehn, wissen wir schon, wie es mit Eurer Religion beschaffen ist. Zu einem wasserreichen, von den breiten Tamarei - Blättern bedeckten kühlen Teiche gehen gern die Leute und waschen sich darin. Ist Eure Religion gut, so werden Leute schon zu Euch kommen, ohne daß Ihr sie aufsucht.« Europäer . Wir suchen sie auf des Gewinns halber; das Andre – ich nehme die dänische Mission aus, die einen reinen Zweck hatte – ist eine anständige Bekränzung . Zum Opfer. – D. Asiat . Deshalb führt Ihr auch mit jedem erpreßten und erwucherten Schatz Fluch nach Europa. Europäer . Glaubst Du nicht, daß wir das wissen und vor uns sehen? Jener aus Indien rückkehrende Tyrann und Räuber erhenkt, dieser erschießt sich; andre verthun ihre Schätze, durchjagend andre Länder, allenthalben die Sitten verderbend. Asiat . Glaubt Ihr aber, daß damit Amerika, Afrika, Asien, unser Indien gerächt und versöhnt sei? Schaut Euer Portugal und denkt an die Scheiterhaufen in Goa! Euer Spanien, und erinnert Euch des Kaisers Montezuma , geröstet auf Kohlen! Vgl. Herder's Werke, I. S. 82 f. – D. Denkt an die Bergwerke von Potosi! England endlich, der stolze Phönix, der sich zum eignen Brande seine Specereien fernher holt und selbst dereinst sich die Gluth anfacht! Christen, Ihr habt viel zu vergüten, viel zu versöhnen! Daß Ihr es thut, daß Ihr Eure Schuld erstattet, dafür bürgt das Schicksal . Europäer . Der Knäuel der Ariadne, Menschenerrettung und Völkervereinigung , ist in unsrer Hand. Asiat . Wohl Euch und Jenen, wenn Ihr ihn anwendet! Alle Nationen der Welt werden Euch danken. Vergesset aber nicht, daß dieser hohe Beruf keine ostindische Compagnie sei! Europäer . Auch eben keine London'sche Propaganda . Hier folgte zum Schlusse des ersten Stückes des dritten Bandes Knebel's elegisches Gedicht »Adrastea« und zum Beginne des zweiten Stückes die zweite Abtheilung der aus Campanella übersetzten Gedichte: »Prometheus aus seiner Kaukasushöhle«, nebst der »Nachschrift« dazu (Herder's Werke, III. S. 324–337). Vgl. oben S. 412, Anm. – D. V. Wissenschaften, Ereignisse und Charaktere des vergangenen Jahrhunderts. ––––– Droben am Himmel, im reinen Aether mißt und wägt und zählt Adrastea sichtbarer, als sie es für uns auf der Erde thun kann. ––––– Seit sich der enge Gedanke verlor, daß das Dach des Himmels nur uns umschirme, daß an ihm, wie Nägel oder wie Lampen angeheftet, für uns die Sterne schimmern, daß Sonne und Mond sich ins Meer senken und in den Wolken ein Jupiter donnre: seitdem zerbrach das eherne Gewölbe, die Decke wich und machte einem Unendlichen Raum, den Höhen und Weiten des Aethers . Lange baute man hier feste und bewegliche Kreise, über die man das Empyreum setzte, bis auch diese fielen und, nach manchen frühen Ahnungen hierüber, durch Copernicus das schöne Weltgebäude hervorstieg, in dem sich um ihren Mittelpunkt, die Sonne, Planeten und Monde bewegen. Der feste, stille Erfinder erlebte die Folgen seines Systems nicht; wenige Tage vor seinem Tode sah der siebzigjährige Mann das erste Exemplar seines gedruckten Buchs von den Revolutionen der Himmelskörper . Aber seine Erfindung wirkte fort. Mit Hilfe neuer nach ihm erfundner Fernrohre sah Galilei , was Copernicus geschlossen hatte, die Lichtgestalten der Venus, berechnete den Umlauf von vier Jupiters-Trabanten, beobachtete den Ring Saturn's, die Sonnenflecken, maß im Monde die Höhe der Berge, sah in den Plejaden 40, im Orion 500, in der Milchstraße unzählige Sterne. Diese großen Entdeckungen bezeichneten den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts . 1543 den 24. Mai. Er starb an seinem Geburtstage. – H. Zu eben dieser Zeit drang Kepler's Geist durch eigne Kraft ins Gesetz der Bewegung aller himmlischen Körper . Nachdem er die elliptische Bahn des Mars gefunden, wandte er diese auf alle Planeten an, setzte die Sonne aus dem Mittelpunkt concentrischer Kreise in den Brennpunkt der Ellipse und fand das schöne Gesetz, »daß der aus dem Mittelpunkt der Planeten zum Mittelpunkt der Sonne gezogene Radius vector den Zeiten proportionirte Flächen abschneide «. Dem ganzen Newton'schen System hat dies Gesetz die Pforten geöffnet. Kepler wußte und erkannte das Gesetz der Schwere, S. Laplace's »Darstellung des Weltsystems«, II. 288, wo eine Stelle darüber angeführt ist. Das Weitere folgt in einer Beilage [unten]. – H. nur machte er davon die Anwendung nicht, die Newton machte. Dem Glückessohn Isaak Newton war's aufbehalten, ein Gesetz in seiner Allgemeinheit auszusprechen und anzuwenden, das, wenn man will, aus Kepler's Grundsätzen folgte. Er starb im Jahr 1630 vor Hunger und Kummer, seinen längstverdienten Unterhalt elend erbettelnd. Großer, guter, armer, frommer, gedrückter, verfolgter Kepler, Du lebtest in Deutschland ! Zu einer Zeit stehen Kepler und Galilei als Märtyrer der reinsten Wahrheit da, Beide aus national verschiedne Weise. Gebrochen war indeß die Bahn; Zahl, Maß und Gewicht der Weltkörper beschäftigte die fleißigsten Forscher, die unermüdetsten Geister der inzwischen entstandnen Pariser und Londner Akademien. Cassini, Huygens, Wallis, Wren, Flamsteed u. s. w. setzten ihre Berechnungen der Bewegung, ihre Beobachtungen der Sterne und Weltkräfte fort; da fiel denn vom Monde herab der Apfel der Geliebten dem Geliebten in den Schooß. Newton sprach ein gnugsam vorbereitetes Gesetz aus, das dem ganzen Jahrhundert blieb und es noch künftigen Jahrhunderten sein wird. ––––– 1. Isaak Newton's Gesetz der Schwere. Sir Isaak , wie ihn seine Landsleute auszeichnend nennen, kam auf einer glücklichen Stelle zur Welt, das Maß aussprechen zu können, nach welchem sich die Weltkörper bewegen: »Umgekehrt nach den Quadraten der Entfernung von einander nimmt die Schwerkraft, mit welcher Weltkörper auf Weltkörper wiegen, ab«; ein Gesetz, auf welches ihn, nach dem bekannten Märchen, der herabfallende Apfel wahrlich nicht bringen durfte. Ein junger Mathematiker, dessen fellow und nachheriger Professor Barrow war (ein in jedem Betracht achtungswürdiger Name), dessen erste Lesung Euklid's, Kepler's, Descartes', Wallis', Wren's, Huygens' Schriften sein mußten, der gerade auf dem Gipfel der Berechnungen über Bewegung der Körper nach Maßen, Zeit und Raum in die mathematisch-physische Welt blickte, er hatte keines Apfelfalles auf die denkende Stirn, keines Mondfalles auf die zur Sonne nichtfallende Erde nöthig. Die zu entwickelnde Frage mit ihren nächsten Forderungen lag vor und in ihm. Newton's eigne Antwort, wie er zu ihrer Auflösung gekommen, war die einzig wahre: »Weil ich darüber oft und lange nachgedacht habe .« Denn war nicht diese Frage das Hauptquäsitum der Zeit, in der sein jugendlicher Geist erwachte? Aus Kepler's, Huygens' Entdeckungen sprang sie dem Forschenden ins Auge. Nur forderte sie Erweis , d. i. anwendende Prüfung und Berechnung; die gab ihr Newton . Indem er sie auf den Mond und seine Einwirkung auf Meer und Erde, auf die Gestalt der Erde selbst, auf das Verhältniß der Planeten zur Sonne, ihrer Monde zu den Planeten anwandte, so sprach er den Grundsatz eines allgemeinen Gravitations- oder Anziehungssystems aus, » daß jedes materielle Element im geraden Verhältniß seiner Masse, im umgekehrten des Quadrats seiner Entfernung anziehe und angezogen werde « – Gesetz gleichsam einer himmlischen Adrastea , in Vertheilung des Gewichts und der Bewegung der Körper nach Maßen, Raum und Zeit. Um der ordnenden Göttin ein freies Gebiet zu geben, setzte Newton die Bewegung der Weltkörper in einen leeren Raum ; in diesem ließ er ihre fortschießende und fallende Kraft wirken. Beide diese Kräfte stellte er als Erscheinung (Phaenomenon) dar und wollte so wenig sie als den beliebten Namen Schwere oder Anziehungskraft der Körper erklären. Sein System sollte als Factum, als Darstellung des Weltsystems gelten. Und es hat, so viel ihm auch entgegengesetzt ward, seine Probe bestanden. Wie Copernicus die Himmel der Alten, Kepler des Copernicus Epicyklen niederwarf, so jagte Newton's einfaches Gesetz Descartes' Wirbel aus dem leeren Aether. Freilich brauchte es dazu, zumal in Frankreich, wo Descartes in großem Ansehen stand, fast bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Zeit; endlich überwand doch das einfache Gesetz der im Anschein selbst schlichten Wahrheit. Das ganze Jahrhundert schmückte sich in der Astronomie mit Newton's Namen, rechnete nach seinem Gesetz fort, und am Ende desselben entstand ein zweiter Newton , der, was Jener und seine Nachfolger unvollendet gelassen, in Tiefen der Analysis vollendete, De Laplace . Mechanik des Himmels. Übersetzt von Burkhardt. Berlin 1800. – H. Nicht nur die Störungen der Himmelskörper gegen einander, ihre Säcular-Ungleichheiten u. s. w. compensirte er; er berechnete die Wirkungen des allgemeinen Gesetzes der Schwere auf alle Körper unsers Sonnensystems, flüssige und feste, sicherte hiemit Aeonen hindurch unser Weltall. Indem er die mittlern Bewegungen und die große Achse der Planetenbahnen constant zeigte , gebot er ihm gleichsam Bestandheit . Durch compensirte Kräfte nach Raum und Zeit sind nach dem Gesetz der Schwere alle Massen der Welt zum bleibenden Dasein auf sich selbst und gegen einander gegründet; aller Störungen und Säcular-Ungleichheiten ungeachtet herrscht und mißt Adrastea unverrückt im sonnenreichen Aether. Hier stehen wir jetzt, und kein metaphysischer Zweifel vermag den Berechner der Schwerkraft aus seiner Bahn zu treiben. Frage der Verstand: »Wie ziehen die Weltkörper ohne Berührung einander an? was bewirkt die allgemeine Schwere jedes Theils und Theilchens der Schöpfung gegen einander?« so antwortet der Beobachter und Berechner ungestört: »Wissen wir denn in unsrer eigensten Erfahrung, was Kraft sei? Kennen wir sie anders als in ihrer Anwendung und Wirkung ? Wissen wir, was Schwere sei, außer wenn uns etwas schwer wird , oder wir Körper fallend sehen? Dann nennen wir sie schwer und berechnen ihre Schwere. So auch bei anziehenden oder zurückstoßenden Kräften. Allenthalben nehmen wir sie wahr; in der Chemie sind Wahlanziehungen und Repulse die gemeinste Beobachtung, ohne daß wir ihre innere Ursache wissen oder uns darum kümmern. Denn wie wollten wir sie wissen? Soll Kraft sich, gesondert vom Körper, d. i. ohne Organ, uns im Spiegel darstellen? wollen wir sie tasten? In Wirkungen sehen und tasten wir sie; selbst dem Begriff nach ist sie von ihrem Organ unabtrennlich.« So spricht der Newton'sche Weltweise und findet sich zu seinem Zweck befriedigt. Fragt der denkende Forscher weiter: »Zugegeben Euer Organ, in welchem die Kräfte wirken; da Ihr aber Central - und das Centrum fliehende Kräfte setzt, wer gab Euch das Centrum? Im Unermeßlichen, dem leeren Raum, existirt durch sich selbst nirgend ein solches. Wenn durch seine natürliche, ihm angeborne Schwere alles Materielle fällt, so fällt der schwerste Körper, die Sonne, zuerst , wenn andre Kräfte ihren Fall nicht hindern. Welches sind diese Kräfte? In der Planetenmasse wohnen sie nicht; denn die Sonnenmasse überwiegt bei Weitem alle Planeten. Sie alle, die Kometen mit eingeschlossen, deren Zahl, Masse und Beschaffenheit uns noch unbekannt ist, können den Sturz der Sonne nicht aufhalten. Und Eure das Centrum fliehenden Kräfte , woher entspringen sie ? Eure Stückkugel oder Bombe erklärt hiebei nichts; denn bei dieser wissen wir, woher ihre Wurfkraft komme, bei Euern ins Unermeßliche fortschießenden Planeten und Kometen wissen wir's nicht.« Ruhig antwortet hierauf der Newton'sche Weltweise: »Der Schöpfer drückte ihnen diese Wurfkraft ein und erhält sie; er bestimmte jedem Sonnenraum sein Centrum und gab diesem ewigfortwirkende Anziehungskräfte.« »In jedem Atom jeder Materie«, sagte Newton , »ist die Gottheit gegenwärtig, die allen Raum erfüllt, ihr Sensorium, in dem durch seine unmittelbar durchdringende Gegenwart Alles lebt, webt und ist.« An dieser hohen Einfachheit gnügte sich der große Mann, der den Namen Gottes nie ohne Ehrerbietung nannte. Völlig anti-Newtonisch sind also die Phantasmen Derer, die mit Newtons Worten durch blinde Kräfte der Materie Welten der Wohlordnung bauen, in denen jeder Atom vermittelst entgegengesetzter zweifacher Kräfte ohne Urheber die Tendenz , d. i. den blinden Trieb zur Wohlordnung , gehabt habe. Schlummernder hat Epikur nie geträumt. Wenn Alles zum Mittelpunkt strebt, wo ist Mittelpunkt des Universums? Ohne entgegengesetzte Kräfte fällt Alles und fällt ewig. Diese entgegengesetzten, fortschießenden Kräfte aber, wer setzte sie jenen entgegen, ihnen eindrückend das ewige Gebot, geradlinicht zu wandern und in jedem Punkt durch feste Radien zurückgehalten zu werden, hassend zu fliehen und immer doch liebend zu ziehen und gezogen zu werden, mithin im Kreise oder in einer Ellipse und Parabel zu verweilen? Welch Principium theilte die Massen und schied Regionen der Wirkung, wo jede Region das Gesetz des Ganzen ausdrückt und doch eine einzelne Region ist? Denn ist nicht Saturn in Absicht seiner Trabanten, was unsre Sonne gegen die Weltkörper ihres Gebiets ist? Wer bestimmte also auch ihm in einer fremden Region seinen Mittelpunkt mittelst zweier entgegenstrebender Kräfte? Die Spinne giebt ihrem Gewebe durch Anknüpfung fester Fäden Haltung; so lange wir keinen Mittelpunkt des Universums kennen, der das Ganze anziehe und trage, auch keinen Quell fortschießender Kräfte kennen als Dünste und Dämpfe, spielen wir Welten bauend mit Newton's System wie Kinder. Sein System erklärte und berechnete eine gebaute, mit Verstand und Sinne geordnete Welt , kein aus dem Chaos mittelst blinder Triebe zur Wohlordnung entsprungenes, gedankenleeres Weltganze. Eben deshalb ist Newton's System nur als Gedankenbild , Nachbild eines schaffenden Geistes so schön, ja man darf sagen göttlich . Wäre kein Zirkel, keine Kugel, kein Rectangul mit seiner Diagonale physisch in der Welt da, als Zeichnungen des Verstandes sind sie mit allen ihren Eigenschaften und Folgen in der schönen Fülle ihrer Wahrheit und Notwendigkeit dem Verstande gegenwärtig. So Newton's Weltall; denn ein einfacheres und an schönen Folgen reicheres Gesetz kann sich der menschliche Geist zur Erhaltung des Weltganzen nicht denken als das Gesetz dieser beiden einander beschränkenden Kräfte. Es ist wie a = a da, nicht mehr und nicht minder. Und wenn durch dies Gesetz die schönen Ellipsen entstehen, in welchen die Planeten um die Sonne, die Monde um ihre Planeten wandeln; wenn nach ihm die Gestalt der Gestirne, der Sonnenäquator wird, auf welchen sie sich bewegen, und wechselnde Jahreszeiten; wenn Planeten, Monde, die Sonne selbst dadurch bewohnbar und den ungezählten Kometen zu allen Seiten hinaus und hinab ihre freie parabolische Bahn wird, wodurch die Störungen der Weltkörper gegen einander vernichtet oder compensirt und aufgehoben werden: wer wird diese Denkgestalten der messenden, wägenden Göttin, den Grund aller Schönheit und Ordnung der Weltgestalten, nicht lieben, nicht ehren? Machte man dagegen die schwerfälligen Namen Schwere, Anziehung, Centripetal- und Centrifugalkräfte zu blinden Trieben, so verschwindet alle Schönheit des Gedankensystems , das nach Kepler's Idee (ohne dessen Berechnung eben auf unser Clavichord) die reine Berechnung einer gleichschwebenden Temperatur der Bewegung der Weltkörper nach Maßen, Zeiten und Räumen sein sollte. Sie wird einmal gewiß aufkommen, diese richtigere Benennung, wenn ein künftiger Kepler die Proportion der Weltkörper nach Maßen, Zeiten und Räumen genetisch gefunden haben wird. Dann werden wir der Namen Schwere und Anziehung , die so vielfach gemißbraucht sind, hier so wenig als in der Musik bedürfen. Was ein Weltgebäude erschafft , kann weder die todte Schwere, noch eine in jedem Moment wesentlich behinderte Anziehung sein, die beide wirken und nicht wirken; sie sind nur Hilfsbrücken. Denkbilder des menschlichen Geistes . Als solche sind sie sehr schätzbar, ja vielleicht die reinsten Verhältnisse, die unser Geist zu denken vermag. Zwei einander entgegengesetzte Kräfte sind das Gesetz der wägenden Wage . ––––– Erste Beilage. Hermes und Poemander. ––––– Erstes Gespräch. P. Schläfst Du? H. Ich wache, beschauend den Himmel der Sterne. P. Auch denkend ? H. Wenigstens sinnend . Ich verliere mich im unendlichen Blau. P. Und vergissest die goldne Heerde, die auf dieser himmlischen Aue werden? H. Weil ich den Hirten nicht sehe, der sie führt. Der Mond ist es nicht, er verdunkelt mir die lieblichen Schafe. P. Die Festigkeit ihrer Hürden siehest Du doch. Steht Dir der himmlische Wagen und über ihm der Pol nicht da? Unter ihm Cepheus, Cassiopea, Bootes. Siehe hier Ariadnens Krone, Hercules und den goldnen Stern der Lyra; Andromeda und Perseus dort, den himmlischen Fuhrmann, den Adler; den hellen Thierkreis, so weit er sich hinaufkehrt; den leuchtenden Orion – H. Ach, eben an ihm hing mein Auge, an seinem brennenden Gurt und Schwert. P. Und was siehst Du dort? H. Licht . Helle Sterne. P. Und denkest dabei nichts? H. Was soll ich denken? Der Abgrund verschlingt mich; das Unermeßliche überwältigt. P. Nicht also, mein Sohn. Beschreibe Dir Räume . Aus dem Unendlichen kehrst Du immer dürstender in Deine Heimath wieder. Hast Du Dir Rechenschaft über Dein Planeten- und Sonnenreich, über Deine Hütte, die Erde, gegeben, auf der Du weidest, von der Du lebst, in die Du zurückkehren wirst? H. Wer kann's? P. Und erforschest den Bau der Gestirne? H. Ich erforsche nichts; ich betrachte, bewundre, liebe . Aufwallt mein Busen bei dieser himmlischen Ansicht, mein Herz schlägt hoch auf. Laß mich die Laute ergreifen, freundlich mir zusprechende Stimme! Laß mich: Blick' ich hinauf zu Euch, Ihr goldnen Sterne, So glanz- und freudenreich In hoher Ferne, Und schau' um mich die göttlichsten der Gaben In Nacht, Vergessenheit und Schlaf begraben:          »Quando comtemplo al cielo         de innumerables luces adornado,         Y miro hazia el suelo         De noche rodeado,         en sueno, en olvido sepultado;          »El amor y la pena         Despiertan en mi pecho un ansia ardiente,         Despido larga vena         Los ojos hechos fuente         Oloarte, y digo al fia con voz doliente.          »Morada de grandeza,         Templo de claridad y hermosura,         el alma que a Tua alteza         Nazio, que desventura         La tiene en esta carcel Laxa occura?« O, wie erwacht in mir Der Liebe Sehnen! Mein Auge weint zu Dir Ströme von Thränen, Und was die Brust beklemmt, voll heißer Klagen, Kann nur ein Seufzer Dir, o Himmel, sagen. Thron aller Herrlichkeit Und ew'gen Klarheit! Sitz der Unsterblichkeit, Der reinen Wahrheit! Ach, warum ist ein Geist, für Dich geboren, In diese tiefe dunkle Nacht verloren? P. Erhebe Deinen Geist aus der dunkeln Tiefe; das Licht der Wahrheit, obwol mit Schatten begrenzt, ist in Dir. Morgen kommt Dir Deine Sonne wieder; jene Sterne leuchten andern Schatten und Dunkelheiten. In der Schöpfung ist kein Verbannungsort, kein Oben und Unten; allenthalben ist's wie bei Dir . H. Wie bei mir? P. Nicht anders. Was siehst Du um Dich? Bemerkst Du nicht allenthalben Bildung ? Was willst Du Höheres bemerken? H. Ich sehe Bildung und Mißbildung , Schöpfung und Zerstörung . P. Was Du Mißbildung nennst, dünkt Dir nur also; eine völlige Mißgestalt kann nicht bestehen, sie vernichtete sich selbst. Was Du Zerstörung nennst, ist neue Geburt, das Grab ist Wiege. Vernimm das Geheimniß, die lebendige Kette der sich immer verjüngenden Schöpfung – H. Ich zittre. P. Für Freude zittre! Alles in der Schöpfung ist Bildung, ewige Bildung; keine Materie ist ohne inwohnende Kraft, wie kein Geist ohne Körper. Alles Veränderliche aber verändert seine Gestalt, das Veraltete geht unter – H. Damit es verjüngt emporsteige ; ich verstehe Dich, Geist der Schöpfung. Die Kette des Lebens schwingt sich nieder – und aufwärts, sie undulirt. Ich begreife, daß zu einer immer jungen, frischen und neuen Schöpfung es nicht anders als also sein konnte. P. Nichts Höheres und Heiligeres kannst Du also sehen als Deine Schöpfung; Göttlicheres erkennen kannst Du nichts als die Gesetze ihrer Bildung und Erhaltung voll scheinbaren Untergangs und voll Erneuung . Unverändert bleiben konnte im Strom der Veränderung nichts; ein starres Dasein wäre nicht nur des Einzelnen ewiger Tod, sondern Tod der Schöpfung. Alle ihre Räder hemmte ein einziger unwandelbarer Atom. Blick her! Auch diese Sterne altern; jener himmlische Kranz verbleicht; jenes Rosenlicht salbt und wird verdämmern. Dagegen siehe jenen hellaufglänzenden Brand, die Morgenröthe einer neuen Schöpfung, Orion . H. Schönes Licht! O wie entzückt ist meine Seele! P. Und doch lernst Du mit dieser Entzückung nichts. In Deinem Weltall schau umher und betrachte dort allenthalben Bildung . Vom kleinsten Krystall hinauf zur Pflanze, zum Thier, zum Menschen, allenthalben organisch-bildende Kräfte . H. Dürfte ich die auch droben anwenden, bei jenen Kugeln, bei jenen Flammen und Sternen? P. Warum nicht? Bildungslos ist nichts in der Schöpfung; was aber Bildung hat, ward gebildet. H. Durch das Gesetz der Schwere und Anziehung. P. Schläfst Du? H. Ich wache. P. Durch das Gesetz der Schwere wird Alles ein Klumpe in einem Mittelpunkt des Universums, den Ihr nicht kennt, nie auch als Menschen kennen werdet. Und das Gesetz der Anziehung ? Muß nicht ein ihm entgegenstehendes Gesetz entweder selbst eine bildende Kraft sein, oder wenn auch dies blos mechanisch wirkte, muß es nicht einer höheren Kraft Raum geben, die beide modificire? Und worauf kann diese höhere Kraft streben als auf Bildung ? H. Ihrer Wirkung nach also eine bildende Kraft; ich weiß keinen andern Namen. Sollte aber, was Du Bildung nennst, nicht blos ein blinder Effect jener beiden blind wirkenden Kräfte sein dürfen, aus Notwendigkeit oder durch Zufall ? P. Schläfst Du? H. Ich wache. Ja, Zufall kann uns scheinen, was die strengste Notwendigkeit war. Im unendlichen Raum sind in unendlicher Zeit alle Bewegungen möglich: die regellosen, die sich selbst zerstörenden mußten untergehen, die regelmäßigen gewannen Bestandheit. P. Weil sie solche in sich hatten nach einer Regel. Sobald Du diese zugiebst, hast Du zugegeben, was ich wünschte, den großen νούς, den Sinn und Geist der Welt , den vordenkenden Bildner . H. Und wer bildete diesen Prometheus? P. Entferne alle Fabelgestalt! Wenn jede Bildung, die Du kennst, einer bildenden , jede Erhaltung einer das Ganze erhaltenden Kraft bedarf, wird sie der Welt , dem geordnetsten Ganzen , das sich nach der sinnigsten Regel der Wohlordnung erhält, fehlen? Erwache! Bedenke! H. Und dies sollte die Schwere , die Anziehungs- und Wurfskraft nicht sein? P. Wer wirft? was zieht? Und sind beide Strebungen im fortwährenden Kampf, wer ordnete, wer regiert den Kampf? Sind Dir diese blind-mechanischen die höchsten Kräfte, so müssen ihnen alle andre im Weltall dienen ; sinne nun darauf, wie Du in jene alle diese vereinigen mögest, die magnetische, elastische, die elektrische, die Lebens-, die Denkkraft, und was Dir sonst für bildende oder zerstörende Kräfte bekannt sein mögen. Das Höchste muß Resultat oder Zusammenfassung oder die setzende Ursach alles Untern sein. Versuche es mit Deinen beiden Kräften, ob Du aus ihnen und durch sie Leben, Empfindung, Geist, Willen, Gemüth erhaltest? H. Jetzt erinnere ich mich des Gebets meines Sokrates, wenn, wie er sagte, er zum höchsten Revier der Schönheit emporstieg: »Und kehrte stets liebtrunkener von dannen, Und Geist und Sehnsucht blieb bei ihr.« P. Was sprach Dein Sokrates? H. » Licht! Anmuth! höchster Pan! Natur! selbstständig Wesen! Geist! oder was Du Dir für Namen auserlesen, Beweger, Tugend, Kraft! Du, die in Allem lebt! Wie stark bist Du! wie groß! wie vielfach ausgegossen! Auch ich bin Deiner Art und von Dir hergeflossen, Und kehr' in Dich zurück, wenn sich mein Geist erhebt. Ach, ich bescheide mich und decke meine Blöße; Um Dich allein gefall' ich mir, Der kleinste Theil der allgemeinen Größe, Ein Theil, jedoch ein Theil von Dir ! »Ganz herrlich, ewig jung, nie fähig zum Veralten, In täglich wechselnden, stets werdenden Gestalten Bleibst Du das, was Du bist, stets voll und immer neu. Hier treten Wesen auf, dort gehen Wesen unter; Du tilgst und zeugest stets. Stets wirkend, froh und munter Schaffst Du, daß jeder Tod ein Quell des Lebens sei. Dort schwand die flücht'ge Pracht der abgelebten Floren , Doch Floren folgt Pomona nach, Und Jene wird von Dieser neu geboren, Das Grabmal wird ein Brautgemach.« P. Wolan! Geh dieser Kette der Schöpfung in ihren Ringen und Gliedern nach; Bildungsgesetze werden Dir allenthalben erscheinen, denen auch die Schwere , die Anziehung dient. Nur sie allein, sie für sich bilden kein geist- und lebenvolles Universum. Forsche weiter! ––––– Zweite Beilage. Kepler's Gedanken über Anziehung und Schwere der Weltkörper. Aus dessen verschiedenen Schriften gezogen, größtenteils mit Kästner's Worten, Geschichte der Mathematik, Band 4. Göttingen 1800. – H. » Wissen heißt in der Geometrie, durch ein bekanntes Maß messen. Hier ist das Maß des Kreises Durchmesser. » Wißbares ( scibile , γνώριμον) heißt, was durch den Durchmesser oder dessen Quadrat, unmittelbar oder auch durch eine Reihe von Schlüssen, gegeben wird. »Hiernach giebt es Grade des Wißbaren (Zahl ist die Sprache der Geometer); die höhern Grade heißen unbequem irrational , besser unaussprechlich ( ineffabiles ). Das Siebeneck z. B. führt auf eine Gleichung, die man durch eine Elementargeometrie nicht construiren kann. Kepleri Harmonices mundi libri V, Prooemium;, Kästner a. a.O. S. 274. – H. »Viele wollen wegen der Bewegung schwerer Körper nicht glauben, daß die Erde sich animalisch oder vielmehr magnetisch bewege. Die mögen Folgendes bedenken. »Ein mathematischer Punkt, Mittelpunkt der Welt oder nicht, kann schwere Körper nicht bewegen, daß sie sich ihm nähern. Mögen die Physiker zeigen, daß die natürlichen Dinge eine Sympathie zu dem haben, das – Nichts ist. »Auch streben schwere Körper nicht deswegen nach dem Mittelpunkte der Welt, weil sie die Grenzen der runden Welt fliehen, werden auch nicht durch Umdrehung des primi mobilis gegen den Mittelpunkt der Welt getrieben; die wahre Lehre der körperlichen Schwere beruht auf folgenden Grundsätzen: »Jede körperliche Substanz, insofern sie körperlich ist, ist geschickt, an jeder Stelle zu ruhen, wohin sie gebracht wird, wenn sie da außer dem Wirkungskreise eines verwandten Körpers liegt. Schwere ist eine körperliche Eigenschaft, gegenseitig zwischen verwandten Körpern zur Vereinigung oder Verbindung (wohin auch das magnetische Vermögen gehört), so daß vielmehr die Erde den Stein zieht, als der Stein nach der Erde strebt. »Schwere Körper (wenn wir auch die Erde in den Mittelpunkt der Welt setzten) gehen nicht nach dem Mittelpunkt der Welt als Mittelpunkt der Welt, sondern als Mittelpunkt eines runden verwandten Körpers, der Erde. Wohin also die Erde gesetzt, oder wohin sie mit ihrer animalischen Fähigkeit gebracht wird, gehn immer nach ihr schwere Körper. Wäre sie nicht rund, so gingen diese nicht überall nach ihrem Mittelpunkt, sondern von verschiednen Seiten nach verschieden Punkten. »Würden zwei Steine an einem Ort der Welt einander nahe gebracht, außer dem Wirkungskreise eines dritten verwandten Körpers, so würden sie wie zwei Magnete in einer mittlern Stelle zusammenkommen; jedes Weg dahin würde sich zu des andern Wege verhalten wie des andern Masse zu des ersten Masse . Würden Mond und Erde nicht durch eine animalische oder eine andre gleichgiltige Kraft jedes in seinem Umlauf erhalten, so stiege die Erde nach dem Monde um den vierundfunfzigsten Theil des Zwischenraums, der Mond senkte sich gegen die Erde etwa um 53 Theile des Zwischenraumes. Da kämen sie zusammen, vorausgesetzt, daß beide gleiche Dichte haben. »Hörte die Erde auf, ihr Wasser anzuziehen, so würde sich alles Meerwasser erheben und in den Mond fließen. Der Wirkungskreis der ziehenden Kraft, die sich im Monde befindet, erstreckt sich bis an die Erde und auf das Wasser der heißen Zone, nach der Stelle, wo der Mond vertical ist. Weil aber der Mond den Scheitel bald verläßt und das Wasser so schnell nicht folgen kann, entsteht Fluth des Meeres in der heißen Zone nach Westen, bis sie an Ufer anstößt. Auch der Zug der Erde erstreckt sich bis an den Mond und noch viel weiter. »An sich selbst leicht ist nichts, vergleichungsweise leichter, was in gleichem Raum weniger Materie enthält, von Natur oder wegen der Wärme. So wird das Leichtere vom Schwereren aufwärts getrieben, weil es von der Erde schwächer angezogen wird. »Wäre eines Steines Entfernung von der Erde beträchtlich gegen ihren Halbmesser, so würde der Stein der bewegten Erde nicht völlig folgen, sondern seine Kräfte, zu widerstehn, mit den Zugkräften der Erde vermengen und sich also vom Fortreißen der Erde in etwas losmachen. Das erfolgt aber nicht, weil kein geworfner Körper um den hunderttausendsten Theil des Halbmessers von der Oberfläche der Erde abgesondert wird. So reißt die Bewegung der Erde, was sich in der Luft befindet, mit sich fort, als berührte es die Erde« u. s. w. ––––– So genau waren Kepler die Kräfte der Schwere und der Anziehung bekannt; er wagte es aber nicht, durch sie als durch oberste Kräfte die Bewegung der Weltkörper zu erklären, weil er die ihnen entgegengesetzte Wurfkraft, die nach dem Newton'schen System den Körpern auch eigentümlich oder ursprünglich eingedrückt sein sollte, nicht annahm. (Und woher wäre sie kenntlich?) Er nahm also zu einer animalischen Kraft seine Zuflucht, mit der er Sonne, Erde und alle Planeten beseelte, wovon künftig die Rede sein wird. Zwei einander entgegengesetzte, in einander wirkende Principien, mochte man sie nun Licht und Finsterniß, Gutes und Böses, Liebe und Haß, oder seiner das männliche und weibliche Principium u. s. w. nennen, waren von Alters her die erzeugenden sowol als die erhaltenden Mittelursachen der Weltordnung; jedes Zeitalter, jede Schule gab dem Ganzen seine Benennungen und Kunstformen. Newton's System bestimmte die der Zeit angemessensten in Verhältnissen und Zahlen, ohne sie selbst zu erklären; denn » Zahl ist die Sprache der Geometer «, sagt Kepler, und der menschliche Verstand kann in Sachen der Art nichts als wägen, messen und zählen . Die leichteste Wage, die leichteste Zahl aber giebt das einander schlechthin Entgegengesetzte; es zeigt in dem was daraus folgt, die schönsten Resultate, wenn beide Kräfte nämlich in fortdauernd lebendiger Wirkung gedacht werden. In gegenseitigem Fall geben sie kein Resultat als 0, die Summe des Weltalls. Daß in diesem reinen Gedankenbilde aber jene lebendigen Kräfte ganz unerörtert blieben, ist durch sich selbst klar. Man setzt sie voraus . 2. Newton's Teleskop. Da keine Kraft ohne Organ wirkt, so hat, wer für menschliche Kräfte neue Werkzeuge schaffen kann, um die Menschheit das Verdienst eines Schöpfers. Die Fernröhre sowol als die Vergrößerungsgläser waren solche neue Organe. Dem Auge zeigten sie neue Welten; sie bestätigten oder berichtigten Vieles, was man durch Schlüsse gefunden hatte, entdeckten aber auch eine Menge ungeglaubter Wunder . Mängel eines Werkzeuges dringen dahin, sie abzuthun, mithin bessre Werkzeuge zu erfinden. Die verschiedne Brechbarkeit der Lichtstrahlen bei dioptrischen Werkzeugen und die daher entspringende Verwirrung der Gegenstände munterte einerseits die Künstler auf, jenem Uebel durch Construction der Gläser abzuhelfen, theils führte sie Newton , der an einer gänzlichen Abhilfe zweifelte, zu dem Werkzeuge, das jetzt so berühmt worden ist, zu seinem Spiegelteleskop oder Reflector . Auf ihm gebietet ein einfaches klares Gesetz, daß nämlich der Strahl jederzeit unter dem Winkel, unter welchem er auffällt, zurückgebrochen werde. Durch die successive Vervollkommung dieser Instrumente S. Priestley's »Geschichte der Optik« u. a. bekannte Schriften. – H. ist man gegen das Ende des Jahrhunderts zu den Herschel'schen Teleskopen gelangt, die sterblichen Augen nicht nur unzählige Sonnen und Sterne, sondern, man darf sagen, das unermeßbare Weltall selbst-spiegelnd darstellen, und verbessert, noch klarer darstellen werden. Wie bei Berechnung und Ausgleichung der Gesetze unsers Sonnensystems am Anfange und Ende des Jahrhunderts Newton und De Laplace , so stehen in Erweiterung unsrer Ansichten des Weltgebäudes überhaupt Newton und Herschel einander gegenüber. Im eigentlichen Verstande haben sie uns Licht geschaffen und dadurch den Blick ins Unermeßliche verbreitet. S. Herschel's drei Abhandlungen »Ueber den Bau des Himmels«, Königsberg 1701; Fischer, »Ueber die Anordnung des Weltengebäudes«, ein freier Auszug aus Herschel's Schriften. S. Bode's »Astronomisches Jahrbuch« für das Jahr 1794. S. 213, in welchem Jahrbuch auch Herschel's Entdeckungen, wie sie nach und nach geschehen, angezeigt worden. –H. Wie ein Jahrhundert früher das erfundene Fernrohr , so hat der Herschel'sche Reflector eine Reihe von Vermuthungen und Schlüssen, die ihm vorangegangen waren, theils bewährt, theils berichtigt und dem Newton 'schen System sowol als manchen kühnen Lambert 'schen Hypothesen leuchtende Fittige gegeben. In Ansehung jenes fand auch Herschel bei seinen Sternhaufen die Centralgesetze in Wirkung, indem sich in ihnen zum Mittelpunkt Alles zu drängen scheint, in dessen Nähe die hellsten, zahlreichsten Sterne erscheinen. Er bemerkte, wie sich von großen Sternschichten oder Sternlagern äußerste Partien losmachen und eigne Systeme zu bilden anfangen, dagegen andre sich immer mehr zusammendrängende ihrer letzten Periode zu nahen scheinen. Er sah den Himmel wie einen unermeßlichen Garten, in dem, mit mancherlei Farben des Lichts und unter sehr verschieden Gestalten, Weltsysteme hier vom Keim aus sich bilden, dort wachsen und blühen, dort verblühen, damit eine junge Schöpfung hervortrete. Auch in diese Werkstätte künftiger Welten that er furchtsam -kühne Blicke und versprach weitere Resultate derselben. Der höchste Triumph des Newton'schen Systems gegen den Ausgang des Jahrhunderts! Andre, insonderheit Lambert's Vermuthungen hat der Herschel's che Reflector bestimmt und erweitert. 1. Längst hatte man durch Fernröhre kleine Sternhaufen , die Plejaden z. B., auch Strecken der Lichtstraße u. s. w., als zahlreiche Sternheere gefunden; man schloß daraus auf andre mehr oder minder glänzende Nebelflecke, zumal da einige derselben elliptisch erschienen. Maupertuis, vor und nach ihm Andre, schlossen also. –H. Ueber alles Vermuthen hinaus haben sich diese durch den Reflector vermehrt, in Schichten, Straßen und Lager vertheilt; mehrere Tausende derselben sind nach Entfernungen bezeichnet; der Himmel ist nach ihnen in verschieden Distanzen geschichtet, geaicht, gemessen worden. Sternhimmel nach Sternhimmel kreisen sich neben, über, hinter einander; weder Auge noch Phantasie finden ein Ende des Raums sternreicher Schöpfung. 2. Die Licht- oder sogenannte Milchstraße zeigt sich uns als ein Zusammenhangendes , ein sternbesetzter Goldreif; über seine Construction wagte man Vermutungen und Gedanken. Zuerst nahm sie Thomas Wright An original Theory or new hypothesis on the Universe, founded on the laws of nature, and solving by mathematical principles the general phaenomena of the visible creation and particularly the via lactea. London 1750. 4. – H. mit einem großen Blick ins Auge; er brachte auf weitere Vermuthungen, die Kant in seiner »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« vortrug. »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes , nach Newton'schen Grundsätzen abgehandelt«. Königsberg und Leipzig 1755. – H. Dieser baute darin, wie er behauptet, nach Newton'schen Grundsätzen das Weltall mechanisch. Lambert , ohne von Wright und Kant zu wissen, von der Lichtstraße selbst angezogen, schrieb seine » Kosmologischen Briefe «, »Cosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaus«, von J. G. Lambert. Augsb. 1761. Verständig und mit Geschmack sind sie von Merian übertragen in seinem Système du monde . Bouillon 1770. Onmia in mensura et numero et pondere disposuisti. – H. eine Ehre des menschlichen Verstandes. In ihnen baute er kein Weltall mechanisch; er nahm es als mit Absicht, in weiser Ordnung, zur vielartigsten Bewohnbarkeit gebaut an und suchte den Plan seiner Einrichtung. Unsre Sonne und Sonnensystem fand er der Milchstraße angehörig, doch näher der Außenseite als dem Mittelpunkt zuliegend. Er muthmaßte selbst die Bahn des Zuges unsrer Sonne, äußerte über den Mittelpunkt, der auch ein dunkler Körper sein könne, zwar nicht schwärmerische, wie Wright , gewiß aber erhabne Gedanken und verfolgte die Bahnen jedes solchen Weltsystems in Ellipsen und Cykloiden mancherlei Grade bis zu seinem Mittelpunkt, einem Weltkörper, um den sie auch eine Ellipse beschreiben. Er vermuthete diesen Weltkörper im Orion und enthielt sich dabei aller Speculationen; ja, er zeigte selbst, daß, wenn kein solcher Mittelkörper in einem System vorhanden wäre, die Gesetze der Anziehung, obgleich verflochtner, dennoch stattfänden. Bescheidner Lambert , wie hoch hat Herschel's Reflector Deinen Ruhm erhöht, selbst über Deine Gedanken! Er hat mehrere Nebelflecke am Himmel gewiesen, die keine Sternhaufen, sondern ungeheure Weltkörper sind; im Orion selbst hat er Lichtquellen, gleichsam eine Werkstätte der Schöpfung, eröffnet, die Du kaum ahnen durftest. Unsre Sonne wandert mit ihrem ganzen Gefolg nach dem Gestirn des Hercules hin, Nach Herschel's und Prevost's Beobachtungen. S. Bode's »Astronomisches Jahrbuch« für 1786. S. 259, für 1787. S. 229. – H. eine Genossin der Lichtstrasse, unsern ihrem Rande. Auch Sternensysteme fand Herschel , die ohne sichtbaren Mittelkörper durch einträchtige Gesetze zu einander gezogen werden. So ward auch dieser von Lambert gegebne Fall bescheinigt. Und wenn Laplace rechnend erweist, daß ein leuchtender Körper von derselben Dichtigkeit wie unsre Erde, dessen Durchmesser 250mal größer als der Sonnendiameter wäre, vermöge seiner Anziehungskraft keinen seiner Lichtstrahlen zu uns schicken würde , die größten Lichtkörper unsrer Weltengebäude uns also unsichtbar bleiben müßten: wie hoch schwang sich Lambert's stiller Geist, der für uns dunkle Körper zu Mittelkörpern der Weltsysteme annahm! 3. Aber auch Quellen des Lichts , mit ihnen vielleicht die Ordnung des Werdens hat uns Herschel's Reflector von ferne gezeigt, eine Morgenröthe der Schöpfung. Nicht nur hat er den zu weit getriebenen Gedanken verbannt, daß in den Weltkörpern Alles in gleichem Zustande sei, bewohnt und bewohnbar, einen Gedanken, den uns die ewige Veränderung und Stufenleiter der Natur schon hätte bedenklich machen sollen, den uns aber Schröter's genaue Beobachtungen des Mondes noch bedenklicher gemacht haben; denn nach ihnen ist von Wesen unsrer Art der Mond schwerlich jetzt bewohnt, wohl aber dereinst bewohnbar. Die Entdeckung Uranus' mit seinem verschränkten Ringe und seinen Trabanten durch eben diesen Reflector, die Beobachtung des Doppelringes Saturn's mit seinen sieben Begleitern, die genauere Beachtung Jupiter's, Mars', der Venus, Mercur's, der von Piazzi und Olbers gefundene Planet zwischen Mars und Jupiter, der unserm großen Kepler zu seiner Weltharmonie entging: Nach Kepler's Gesetz müßte er in 4½ Jahren seinen Umlauf vollenden. Die Entfernungen der Planeten von der Sonne sind, wenn Saturn's Abstand 100 angenommen wird, des Mercur's 4, der Venus 4   3 = 7, der Erde 4   6 = 10, des Mars 4   12 = 16 (nun folgte die Lücke, ein Raum von 4   24 = 28), worauf Jupiter 4   48 = 52, Saturn 4   96 = 100. Uranus 4   192 = 196 folgt. – H. dies Alles hat uns einen ungleich vielseitigem Anblick der Planeten gegönnt, als ihn Huygens' »Weltbeschauer« Hugenii χοσμοδέωρος sive de theoriis coelestibus eorumque ornatu. Leoburgi 1704. Huygens' »Kosmotheoros oder weltbetrachtende Muthmaßungen von den himmlischen Erdkugeln und deren Schmuck«. Leipzig 1743; Wilkins' »Vertheidiger Copernicus, daß der Mond eine Erde, die Ede ein Planet sei.« Leipzig 1713. 4.–H. oder Wilkins' »Copernicus« voraussetzten. Freilich ist dort Vieles wie hier , die Bildung des Gestirns, sein Schwung um sich und um die Sonne, seine Senkung gegen die Ekliptik, seine Atmosphäre u. s. w.; aber auch Vieles nicht wie hier , zumal in dem genauer beobachteten Monde. Seine äußerst dünne Atmosphäre, seine ungeheuren Berge und Klüfte, seine wahrscheinlich kaum angehende Vegetation, sein Mangel an Strömen und Meeren, an für uns sichtbaren Kunstwerken u. s. w. machen es fast glaubhaft, daß er sich dem Zustande der Bewohnbarkeit entweder nur nahe oder von andern Wesen bewohnt sei, als wir uns vorstellen mögen. Ist's mit andern Trabanten, die mit ihm nach Beobachtungen des Reflectors ein gleiches Gesetz des Umlaufs um ihre Planeten befolgen , auch also, so machen diese in Ansehung ihrer Ausbildung zur Bewohnbarkeit eine untere Stufe . Und wie stünde es sodann mit den Ringen Saturn's und Uranus'? wie mit den bald aufgelösten, bald ins Unermessene hinfliehenden Kometen? wie endlich mit der Sonne, die bei ihrer ungeheuren Größe und Lichtatmosphäre ganz andre Gesetze der Bewohnbarkeit haben muß als unser Erdkörper? Schon in unserm System gäbe es also auch in Ansehung der Bewohnbarkeit drei Ordnungen der Weltkörper , Sonne, Planeten, Monde. Werden wir diese je kennen? und kennen lernen? Und doch scheinen alle einem Hauptgesetz zu folgen. Welches ist dies? 4. Wenn uns dies Alles zu wissen eben auch nicht nöthig wäre, die Beschaffenheit des Lichtes zu wissen, dadurch uns das ganze Universum sichtbar wird, ja dadurch, wie wir auf unserm Erdkörper wissen, sich alles Leben erhält, vielleicht auch erzeugt und fortpflanzt, darf uns gewiß nicht gleichgiltig sein. Und wie, wenn diese Kenntniß, wie ehemals Prometheus, der Herschel'sche Reflector auch vom Himmel geholt hätte oder noch holte? Sind Herschel's, Schröter's, Bode's und des Landmarschalls von Hahn aus Beobachtungen gezogene bündige Schlüsse wahr, daß, was man sonst Flecken der Sonne nannte, ihr dunkler planetarischer Körper , das Licht um sie eine fremde leuchtende Materie, aus dem sie umgebenden Himmelsäther entwickelt , sei, die sich auf den Planeten, ihrer Beschaffenheit gemäß, mit der Wärme und allen Körpern erst binde: welche vereinigend schöne Theorie entstünde hiemit zwischen Newton und Euler ! Allerdings käme uns nach Jenem das Licht von der Sonne als ihr Präparat herab, aber aus dem Aether entwickelt, von ihr und ihrer Atmosphäre nur reflectirt, homogen dem Aether. Nicht nur die Schnelle desselben und mancherlei andre seiner wunderbaren Eigenschaften erklärten sich hieraus, sondern es öffnete sich hiemit die unversiegbare Quelle alles Lebens, aller Bewegung . Der Raum, der sonst (undenkbar!) eine leere Wüste war, die man höchstens mit erträumten Wirbeln und Strömen anfüllte, diese dunkle, schwarze Weite würde die Mutter, und in ihr die Licht erweckende Kraft Vater aller lebenden Schöpfung. Das Licht an sich wäre und bliebe uns unsichtbar; alle aber dadurch erleuchteten Körper sähen wir, vor allen Mutter und Vater , das himmlische dunkle Blau und den Helios , der es uns sandte. Es leuchtet und brennt; mittelst seiner leben, sehen, denken, genießen wir; was lebt, freut sich des Lichtes und der Lichtschöpfung. Also das Edelste, was in uns denkt, unser Licht , sollte es diese nicht zur Evidenz fördern? damit wir gleichsam das werdende Licht sehen und mit ihm die werdende Schöpfung? 5. Wo aber ergriffen wir dies Werde ? Am Sichtbarsten wahrscheinlich in jenen leuchtenden Nebelstrecken des Himmels. Gäbe es anderswo dergleichen Wunder der Schöpfung? Nicht nur ungeheure Himmelsregionen hindurch erschien im Reflector hie und da ein glänzendes Licht in den entferntesten Räumen, das große Strecken einnahm und verschwand; bleibend auch stehen andre glänzende Massen da, deutlich unterschieden von Sternen, Herschel, »Ueber die eigentlichen Nebelsterne«. S. Bode's »Astronomisches Jahrbuch« für 180l. S. 128. – H. die bekannteste im Orion, über 60 Grade verbreitet. Herschel, Schröter, von Hahn haben über diese Lichtregionen, über das Licht der Sonne, über die planetarischen Weltkörper, die sich ihrer Ausbildung zu nähern scheinen u. s. w., Beobachtungen gemacht und so allgemein umfassende, tief eingreifende Gedanken geäußert, daß man sich fast auf dem Wege zur rechten ersten Kosmogonie glaubt. Außer Herschel's Abhandlungen »Ueber den Bau des Himmels« s. Dessen Bemerkungen »Ueber die Nebelschichten, Nebelellipsen, zusammengesetzte Nebelflecke«, seine von mehreren Tausend derselben gelieferten Verzeichnisse u. s. w. in Bode's »Astronomischen Jahrbuch« für 1786, 87, 88, 91, 94, 1801 u. s. w.; Schröter's Beobachtungen über die Sonnenfackeln und Sonnenflecken«, Erfurt 1789; seine Beobachtungen über Nebelflecke und Sterne hin und wieder in obigem Jahrbuch. – H Insonderheit hat Letzterer von manchen seiner »Beobachtungen, z. B. den Landschaften in der Sonne, der dunkeln und hellen Region im Orion u. s. w., in wenig Worten so malerische Beschreibungen gegeben, daß man sie in Farben gezeichnet zu sehen wünscht. von Hahn, »Gedanken über die Sonne und ihr Licht«, in Bode's »Astronomischem Jahrbuch« für 1795. S. 226. Seine Beobachtungen und Gedanken über die Nebel im Orion, der Jungfrau, der Lyra, Hydra, über die lichtwechselnden Sterne u. s. w. f. in eben diesem Jahrbuch für 1798, 99, 1802, 1803. – H. Sein und Andrer Gedanke, daß die Sonne aus dem Weltraum den glänzenden Stoff abscheide und ihn theils sich selbst zueigne, theils andern kleinern Weltkörpern zusende, kann zu großen Aufschlüssen leiten. Auch Dessen letzte Nachricht von Herschel's Entdeckung, »daß die Sonne uns außer dem Licht auch unsichtbare Wärmestrahlen zusende,« Bode's Jahrbuch für 1803. S. 108. – H. erregt alle Erwartung. In welch einem merkwürdigen Zeitpunkt leben wir! Nicht leicht fand sich in allen gebildeten Ländern Europa's eine so zusammenstimmende Bemühung beobachtender, denkender, forschender Geister, als jetzt über den Himmel wachen, insonderheit seit Herschel's gefundenem Reflector. Bode's »Astronomisches Jahrbuch«, von Zach's »Correspondenz« sind davon Zeugen. Außer den bekannten Astronomen Frankreichs sind Herschel, Maskelyne, Piazzi, Oriani, in Deutschland Bode, Schröter, Olbers, Triesnecker, von Hahn u. s. w., nicht minder die holländischen, dänischen, schwedischen, russischen Astronomen in gemeinschaftlicher Wirkung. – H. Noch sind wir freilich nur wie plötzlich reichgewordne Erben im Beschauen und Anzeichnen des neuen Besitzes, der uns ward, im Aufnehmen der Himmelskarte, in Specification und Schichtung der Sterne; nach der örtlichen wird die Nachzeit an eine gesetzliche Construction des Weltalls denken und deshalb, damit ein allgemeines Gesetz entspringe, die hinter einander liegenden Himmel sowol als in jeder Himmelsschichte die leuchtenden und planetarischen Sterne, die Sternhaufen und Lichtregionen sondern . Im eigentlichen Verstande gehen sodann neue Welten und Sterne uns auf, und vielleicht erblicken wir die Aurora der Schöpfung . ––––– Erste Beilage. Orion. An den Erblandmarschall von Hahn. Mit dem Herder bei seinem Aufenthalt in Eutin befreundet war. – D.         In welchem Streife der Welten Weilt jetzt Dein forschender Blick? Am hohen Flügel der Jungfrau ? Wie oder am glänzenden Schwan ?         Im Walfisch oder der Hydra ? Oder an der Leyer Apoll's? Am flammenden Schwert des Orion's Und seiner furchtbaren Nacht? Gestirne, an denen der Obengenannte Beobachtungen angestellt hat. – H. Vgl. S. 455, Anm. – D.         O Du, der Quelle der Welten Nachspähnder, forschender Geist, Der, Prunk der Höfe verachtend, Am Himmel droben enthüllt         Des Weltalls wirkende Kräfte, Den Streit des Lichts und der Nacht, Die Geburt der Strahlen im Aether, Den Quell lebendigen Seins.         Und wandelt still in den Thälern Der Sonne, lieblich umschirmt Von Lauben himmlischen Lichtes, Die Allem Seele verleihn.         O dringe weiter in jenen Ambrosisch leuchtenden Quell, Und gieb Gesetze dem Weltall, Gesetze des werdenden Seins !          Du Lichterwecker! Orion Winkt Dir mit flammerndem Das Wort kommt auch sonst, z.B. bei Bürger und Tieck, vor; Goethe hat einmal das richtigere flämmern. – D. Schwert, Es tönt die Leyer Apollo's, Es singt der himmlische Schwan:         »Was regt und treibt und beseelet, Wodurch sich Alles bewegt Und lebt und fühlt und genießet Und denkt und strebet, ist – Licht!« ––––– Zweite Beilage. Hermes und Poemander. ––––– Zweites Gespräch. P. Hörst Du? H. Ich höre in dieser schönen Sternennacht tönen, wie mich dünkt, fromme Gesänge, mit Flöten und Saitenspiel begleitet. Eine Stimme.         Droben schau' ich mein Vaterland! Droben seh' ich die Burg, seh' die Tribüne des         Sternenäthers, O Feuerreich! Auch Dein zarteres Licht, Mond, und in Fernen dort         Goldne Lampen in schwächerm Schein. O Ihr Chöre der Nacht! Schweigende Fackeln, hoch-         Heil'gem mystischem Tanz geweiht! Mitgeboren dem Licht himmlischer Sonnen, ach,         Warum schauet Ihr und so lang Mich verbannet von Euch, Sterne, so lang verbannt?         Streut ein moosiges Bette mir, Streut von Lilien mir, Diener der Vaterstadt,         Hier ein Bette, worauf ich schnell Mir die Fessel entschlag'         und von der Asche mich Sondre! Nehmet die Asche dann,         Meiner trägeren Last Reste, begrabet sie! Ich, das Edlere meiner selbst,         Schwing zum Aether hinauf, ins Unermessne mich! Sarbievii Lyrica, L. I. Od. 19: »Urit me patriae decor«, Nachahmung einer bekannten Horazischen Ode (I. 19): »Urit me Glycerae nitor«. Götz hat, wie andre aus Sarbiev, so auch diese Ode übersetzt. Wörtlicher, als sie hier gegeben ist, aber in aufgelöstem Silbenmaße. »Mich entzückt des Vaterlands Schimmer! Mich entzückt das gestirnte Himmelsgewölbe Mit seinen prächtigen nächtlichen Feuern Und Lunens zartes Licht, Und die an goldnen Erkern hangenden Lampen Machen pochen mein Herz. O mystische Tänze der Nacht! O flammende Fackeln, Der Engel Festen zu leuchten bestimmt! Du holder Anblick meiner väterlichen Burg, Du reizende Wacht meiner himmlischen Jugend, Warum, ach warum müßt Ihr Euren Mitbürger verbannet So lang und so weit Irren vom Vaterland sehn?« Da Ramler diese und andre Stücke in seine Sammlung Götzischer Gedichte (1785) nicht aufgenommen hat, so ist eine vollständigere, treuere, unveränderte Sammlung und Ausgabe derselben sehr wünschenswerth. Bisher haben wir nur Götz, den dimidiatum, mutilatum, nicht aber ihn selbst, ganz, wie er sich der Welt geben wollte. – H. Vgl. oben S. 266. Die hier gegebene Uebersetzung fehlt auch in der Ausgabe von 1805. – D. H. Die Stimme verhallt; der Seufzer steigt hinauf ins Blau der Sterne; die himmlischen Lichter schweigen. P. Ein Licht schweigt seiner Natur nach, nur Stimmen reden. Bedarf's aber; um sich ins Unermeßliche zu schwingen, zuerst der Sonderung vom Körper? Hat Dein Geist nicht schnellere, zartere Flügel als selbst das Licht? Und sind Dir, vom Leibe getrennt, um die Schöpfung zu schauen und zu genießen, nicht wiederum Organe nöthig? Begnüge Dich also mit denen, die Natur und Kunst Dir hier gaben. Für jetzt ist hier Dein Vaterland; der sternreiche Himmel leuchtet für Dich und um Dich . H. Um mich? P. Um Dich. Bildungsgesetze der schaffenden Natur sind allenthalben dieselben; die Blume des Winters, die Schneeflocke, enthüllt Dir das Geheimniß werdender Welten . H. Lieber enthülle Du mir's! P. Dein Geist muß Dir's enthüllen. Worte des Fremden belehren nicht, wenn, durch sie geweckt und geleitet, der Geist sich nicht selbst belehrt. H. Erwecke also das Wort in mir! Wo ist das Werde der Schöpfung? P. Allenthalben. Licht ist ein ewiges Werden . Vom ersten Blick an wird es und wird immer, bis es erlischt. So auch das Licht in Dir, Dein Gedanke, immer ist er im Werden . H. Bis auch er erlischt? Trauriger Gedanke! P. Kein Sonnenstrahl seit der Schöpfung hat sich verloren; Licht ist seiner Natur nach unvergänglich, unzerstörbar. Immer aufs Neue schaffend, sich neu bindend, neubelebend . Bemerke, wie in Deiner Schöpfung das Licht sich mit Allem band, wie es mit mancherlei Stoffen verbunden, so vielfach organisirt , allenthalben indeß nach einer großen Regel . H. Nach welcher? P. Suche sie selbst! Durch sich giebt sie den Wesen Bestandheit, Form, Leben, Gedeihen und fördert weiter hinauf unzählige Kräfte. Verfolge diese goldne Kette der Schöpfung, sie ist ein ewiges Werden . Licht ist der stille Wirker der überall gegenwärtigen Gottheit, der immer erneut. H. Indem er zerstört. P. Eben dies ist das große, stille Geheimniß. Der Tod ist Leben; das Licht selbst entwickelt sich durch scheinbare Zerstörung; so auch das Leben. Bedenke, ob es anders sein kann, wenn Fortgang in der Schöpfung sein sollte! ewiger Fortgang! H. Schwerlich anders. Aufhören muß ein Zustand, damit der andre beginne. Bestandheit ist indessen doch in der Schöpfung. P. Bestandheit der Kräfte und der Regel , nach welcher Kräfte wirken, in wechselndem Stoff, in immer veränderten Gestalten. Ohn' einen Moment Stillstandes geht das mächtige Fiat ewig fort; Formen entspringen aus Licht, Töne fließen in neue Töne. Ihr Menschen von beschränktem Blick, die Ihr Trägheit und Ruhe, mithin Abthun des Geschäftes liebt, Ihr findet Bequemeres nichts als eine vollführte Schöpfung. Sie vollführt sich in jedem Punkt, in jeder Organisation scheint sie vollendet; und doch, ihr großes Drama, ihr ewiger Gesang vollendet nie. Die schnellwirkende ist auch die langsamste. Weil die ganze Ewigkeit ihr ist, nimmt sie sich Zeit. H. Darüber haben uns die Spiegelteleskope belehrt! Wie langsam wird die künftige Bewohnbarkeit des Mondes fernher zubereitet! Kaum beginnt seine Vegetation unter einer dünnen Atmosphäre. P. Auch dort indessen wirken die ewigen Gesetze fort. Licht entwickelt sich aus dem Aether; der flüssige Aether wird einst auch dem Monde Leben geben und Gedeihen und Wachsthum. Erinnere Dich jenes alten Gesanges: »Schmelzend den harten, den unbeweglichen, göttlichen Aether Offenbaret' aus ihm die schönste Gestalt sich den Göttern, Der Lichtbringer , der wohl- und froh-berathende König, Glänzend im hellsten Glanz. Ihn nennen die sterblichen Menschen Anders und anders; allein der Erstgeborene, Lichtglanz , Und Beweger, Dionysus ist sein Name vor allen: Denn er kreiset umher den unermessnen Olympus. Viel noch andere Namen erhält er in jeder Verändrung Des fortrollenden, stets in sich rückkehrenden Zeitlaufs.« Orpheus' Hymnus 6 – H. H. Ich merke, daß die neuesten Beobachtungen zur ältesten Philosophie zurückführen, ob diese gleich in Fabel gehüllt war. P. Desto besser. So gelangt die beobachtende Vernunft zur ersten reinsten Empfindung. Doch sieh, das nächtliche Chor der Sterne verschwindet; das Auge der Morgenröthe glänzt dort still auf. Feire den Erstgebornen! H. Ich feire ihn mit einem Orphischen Gesange: »Erstgeborener! Quell der seligen Götter und Menschen, Langverborgener, Eigeborener, der mit Gewalt brach Aus dem Dunkel hervor mit mächtig schallender Stimme, Schwebend im weiten Aether, ausbreitend goldene Flügel Ueber die Welt. O Du, Lichtbringer! strahlenden Auges, Du Vielsamiger, Doppelgeschlechtiger, Fröhlicher, Weiser, Vielbesungener, Du Unaussprechlicher, sei mir gegrüßet!« Bei Macrob. Sat., I. 17. 18; Procl. Tim., V. 308. – D. 3. Newton's Theorie des Lichts und der Farben. Newton's Theorie des Lichts und der Farben ist ebenso bekannt als berühmt; mit wenigen Ausnahmen ist sie das ganze Jahrhundert hindurch die herrschende geblieben. Indem er nämlich das Licht als Emanation seiner Theilchen aus der Sonne ansah, die in ungeheurer Geschwindigkeit zu uns gelangten, und ihm ein Prisma den gebrochnen Sonnenstrahl, der durch eine kleine Oeffnung in ein dunkles Zimmer fällt, in dem bekannten Spectrum als eine Erscheinung von sieben Farben darstellte: so lag es seinem System nah, den Strahl selbst als zusammengesetzt aus diesen farbigen Strahlen , gleichsam als einen Bündel von Farben anzunehmen, deren Summe den weißen glänzenden Lichtstrahl gebe. Da sich keine dieser Farben prismatisch weiter verändern ließ und, mit einem erhabenen Glase aufgefangen, die Farbenstrahlen wieder ein weißes Sonnenlicht darstellen, so empfahl sich seine Theorie sichtlich dem Auge. Und da ebenso ersichtlich das Spectrum viel länger ist, als es dem Durchmesser des Strahlencylinders gemäß wäre, mithin die ausfahrenden Strahlen einander nicht parallel sind, also auch nicht alle gleich viel gebrochen werden können, ob sie gleich alle unter einerlei Winkel einfallen, so schien eine Theorie, die Farbe und Brechbarkeit mit einander verbände, dem Auge auch gleichsam gegeben. Newton bestimmte die Grade der Brechung für jede Lichtart, die rothe, violette, grüne, blaue u. s. w.; so ward denn sein System gangbar: » das Sonnenlicht bestehe aus farbigem Lichte, das kenntlich werde, wenn man es von einander sondere; die Farben seien Theile des Sonnenlichtes, einfach, keiner weitern Zergliederung fähig .« Leonhard Euler war's, der diesem System nicht nur Schwierigkeiten, sondern selbst ein andres eignes System entgegenstellte, das sich insonderheit durch seine Harmonie mit einem andern Sinne empfahl. Was der Schall dem Ohr, ist das Licht dem Auge; wie jener aus Schwingungen der Luft, so, meinte er, entstehe Licht aus Schwingungen des feinen, höchst elastischen Aethers , von dem alle Himmelsräume erfüllt seien. Nicht nur das ungeheure Vacuum (Newton's leerer Raum) ward damit vertrieben, und die Furcht, jene immer ausströmende Sonne müsse an Lichtmaterie endlich verarmen, verlor sich damit ganz, auch die Schnelligkeit des Lichts schien dadurch begreiflich und mancherlei andre Phänomene. Vorzüglich aber fiel die Aehnlichkeit des Farben- und Tonsystems in die Augen; und da Euler um dieses viel Verdienst hatte, so mußte ihm die Anwendbarkeit der Töne auf Farben leicht und natürlich scheinen. Auch diesem System indessen standen Schwierigkeiten entgegen, vornehmlich der Augenschein, daß sich nicht, wie der Schall, das Licht zu allen Seiten hinaus in Wellen fortpflanze u.s.w. Newtons System blieb also bestehen; zumal hingen ihm die Briten leidenschaftlich an und die britannischen Deutschen. Auch hier haben die Zeiten Manches verändert und eine Hypothese in Gang gebracht, die beide Systeme zu vereinigen scheint. Von Goethe's gegen Newton gerichteten »Beiträgen zur Optik« schweigt Herder mit Absicht. – D. 1. Entsprang nämlich das Licht durch eine Zersetzung und Entwicklung des Aetherstoffs in den weiten Weltregionen (denn daß diese ein leerer Raum seien, war Newton blos Hypothese , die er seinem System, damit es mathematisch reiner dastünde, zum Grunde legen mußte ; physisch ist, nach Allem, wie wir die Natur kennen, der leere Raum ein leerer Traum), so entspringt durch Bewegung der Sonne und aller Weltkörper Licht immer und ewig . Der ungeheure, dichte Sonnenkörper entwickelte seit Aeonen die größte Menge desselben, mit der er sich nicht nur bekleidet hat, sondern von der er durchdrungen scheint. Aus seinem Ueberfluß sendet er seinem ganzen Gebiet Ströme des Lichts zu, das an ihm, dem Regenten, dem Beweger und Beleber seines Weltalls, majestätisch sichtbar sich zeigt. Sein Kleid ist Glanz, sein Körper leuchtet. Der letzte Streif seiner Atmosphäre, das Zodiakallicht, glänzt noch als der Saum seines Kleides. An ihm wie durch ihn wird das Licht, aus dem weiten Aether gewonnen, sichtbar . Immerhin wird das Licht, es ist eine ewige Lichtschöpfung . 2. Im weiten, an sich dunkeln Himmelsraum findet es allenthalben homogene Materie, die es regt, mit welcher es fortströmt . Daher die ungeheure Schnelligkeit des Lichts, obgleich keine Sonnenpfeile, keine geschossene Strahlencylinder im dunkeln Himmelsraum sichtbar sein mögen. Am Planeten und in seiner Atmosphäre wird es sichtbar, wo es sich mit der Luft, dem Wärmestoff und tausend andern bindet . Nichts scheint begehrlicher als das Licht; auch wo es nicht durchdringt , dringt es ein , wohnt in Allem, treibend, nährend, belebend, zerstörend, freundlich, feindlich. 3. Durch Reflexion des Lichtes sehen wir also Weltkörper , das Licht selbst sehen wir nicht. Auch der Sonnenstrahl, den wir sehen, ist nicht ein reines Licht mehr, sondern mit Wärme und andern Stoffen gebunden. Uns Irdischen wird das Licht daher so bald eine Flamme , nicht durch sich, sondern unsrer vielgemischten Wohnung wegen, unsrer Behausung. Unter diesen Mischungen ist auch die dem Licht homogene Materie reichlich um und in uns; alle Planeten, wie es schon Kepler annahm, alle Weltkörper leuchten, mehr und minder. Ein Lichtstrahl macht uns also die ganze Gegenwart der Dinge sichtbar, nicht durch sich (welches der geschlossene Cylinder, wenn er keine mitwirkende, stillverborgene Materie vor sich fand, schwerlich thun könnte), sondern durch den allgegenwärtigen Lichtstoff, in welchen Alles gesenkt ist. Rück- und vorwärts sehen wir also, nicht das Licht, sondern Gegenstände im Lichte . Wir selbst und alles Lebende verarbeiten diese Materie; durch sie werden wir belebt und durch das, was ihr anhängt, zerstört. Sie selbst aber erscheint unzerstörbar, unverwüstlich, höchst einfach, mächtig, und doch so geräuschlos wirkend, sanftflüssig, stillverborgen. 4. Beide Systeme, der Strömung des Lichts aus der Sonne und der Vibration eines elastischen Aethers, scheinen sich also dadurch zu vereinigen, daß beide ihre Härten ablegen und zu ihrem gemeinschaftlichen Quell zurückgehn. Ist die Sonne der große Lichterreger unsers Planetensystems, so kommt natürlich das Licht von ihr; an ihr wird es in größtem Glanz sichtbar. Sie darf aber es weder in Cartesischen Kugeln, noch in Cylindern herunterschießen; die feine Materie, deren Zartheit nichts übertrifft, diese kann sich nicht anders als pfeilschnell in Linien uns offenbaren . Gegenseits, ist sie auflösend aus dem feinsten Aether gewonnen, so darf dieser nicht von der Sonne, als einer Glocke angeschlagen, vibriren und zittern. In sanften Strömen flößt das Licht sich fort und findet allenthalben seinen homogenen Träger , die himmlische Aura, bis es in Nähe unsrer Erde sich mit Feuerkräften waffnet. Längst hat ein Dichter beide Vorstellungsarten glücklich vereinigt, Milton : Am Anfange des dritten Buches des »Verlorenen Paradieses«. – D. »Heil, heilig Licht! des Himmels Erstgeborner , Oder des Ewigen mit ew'ger Strahl! (Darf ich so nennen Dich? denn Gott ist Licht! In unzugangbar'm Lichte wohnet' er Von Ewigkeit; dann wohnte er in Dir, Glänzender Ausfluß unerschaffnen Wesens .) Oder hörst Du lieber reinen Aetherstrom Dich nennen, dessen Quell – wer forschet ihn? Eh Sonn' und Himmel wurden, warest Du Und kleidetest auf Gottes Stimme rings Die Wasserwelt, die aus der dunkeln Tiefe Aufstieg, gewonnen aus dem endelosen, Formlosen Leeren, kleidetest sie an, Gleich einem Mantel .« Daß die Theorie der Farben hiemit auch eine andre Ansicht gewinne, werden wir zu einer andern Zeit sehen; jetzt lasset uns einen Hymnus auf den großen Licht-, Farben- und Tönewecker , die Sonne, hören! ––––– Hymnus an die Sonne. In Knebel's »Sammlung kleiner Gedichte« (1815) steht das Gedicht mit wenigen, meist nur des Verses wegen gemachten Aenderungen. – D. Hymnenvoll ist die Seele, sie soll sich in Hymnen ergießen! Wie er dem Schooße des Meers entsteigt, der gewaltige Titan, Sein viellockiges Haupt mit neuen Strahlen umwunden! Erde schweiget, es schweigt das Meer, es schweigen die Lüfte, Und ein heilig Gefühl durchdringt die Pole des Weltalls. Lebenerwecker, komm! o komm, Du freundlicher Tongott! Sing Dein unsterbliches Lied an der blauen Schale des Himmels! Dein erwartet Natur! Es schliefen alle die Saiten, Alle die Töne verstummten, die Du nun wiederum aufweckst. Wie erwacht die frohe Musik! wie begeistert das Leben, Ueber Länder und Meer und Städt' und duftige Seen, Schattige Berge! Dein Strahl zieht von der Stirne des Felsen Lieblich den Schleier herab und übergießt ihn mit Purpur. Um mich erwacht der Gesang des regen Waldes. Der Reiher Schwinget den schweren Flug und schlägt Dir entgegen den Fittig; Vom Rohrdommel erschallt aus düstern Teichen Dein Loblied, Und aus grünender Saat aufschwirrend singt es die Lerche. Brüllend verläßt den Anger der Hirsch und suchet den Hain auf, Und im lachenden Thal, wo alle Freuden sich sammeln, Dringt der beseelte Ton von tausend Stimmen zu Dir auf. Aber was ist Dein herrlicher Strahl dem begeisterten Menschen! Allbelebendes Licht und allerquickende Wärme, Ohne Dich wäre die Welt ein dumpfes finsteres Chaos, Ginge den grausen Gang in ungeregelten Pulsen. Alles erhält Bewegung durch Dich und Leben und Bildung Und den schimmernden Reiz von tausend Farbengestalten. Zeitenmesser, Du Ordner der irdischen, himmlischen Dinge, Der in gewandten Kreisen das Jahr am Himmel herumführt Und durch geringe Beugung der Zeiten Wechsel vollendet! Treibst den Favonius an am frühen Morgen des Jahres, Daß er die Erd' entschließ' und mit ihr wartende Keime. Willig befolgt er sein Amt und lockt mit wärmendem Hauche Glänzende Saaten hervor und brütet schwellende Knospen. Mit ihm zugleich erwacht das Reich der Schönheit und Liebe; Ihren goldenen Stuhl umtanzen die fröhlichen Stunden. Feuriger dringst Du den Aether hinan und schaffest den Sommer. Kaum verbergen uns noch die breiten Schatten der Ulme Vor dem brennenden Strahl; er reift die goldenen Aehren, Kochet süßer die Frucht der balsamduftenden Staude. Langsam schreitet und träg der schwer belastete Herbst nach, Schüttet sein Füllhorn aus, es laben sich Menschen und Thiere. Fröhlicher lacht auf Hügeln, bekränzt vom luftigen Weinstock. Bacchus' liebliche Frucht; sie weckt zu Gesängen und Reihen, Unter dem Tanz erschallet der Ruf dem Gotte des Weinbaus. Auch den Winter besuchest Du noch und leihest ihm Leben, Wann der glänzende Tag von Bergen und Höhen daherstrahlt, Ueberall die Natur vom Leichentuche bedecket, Ausruht unterm Gewand und neues Leben bereitet. Sonne. Dein hoher Strahl herrscht ewig über dem Weltall, Und Du rufst Geschlechter hervor und siehst sie vergehen! Von der Eos äußerstem Rand bis an die Gestade, Wo Du die feurige Gluth in Abendmeeren versenkest. Von dem brennenden Sand der Wüste bis zu dem Himmel, Der mit starrendem Eis die traurigen Fluren umfesselt, Giebst Du Allem Gedeihn und Lust und schmeichelndes Wohlsein, Und es beten die Völker Dich an und jauchzen Dir Wonne. Ewiger Quell des Lichts! Du nie versiegbarer! mich auch Hat Dein Funken erweckt zur kurzen Dauer des Lebens, Und Du hast es beseelt mit mannichfaltigen Freuden; Aber es wird vergehn, und Du bleibst! Wechselnde Zeiten Hauchen über das Rund, auf dem mein Wesen entstanden, Wieder neue Geburt und neues Vergehen der Dinge. Freue Dich Deines herrlichen Lichts, o goldene Sonne! Tritt aus Wolken hervor und verbirg Dich wieder in Wolken! Alles irdische Wesen ist Spiel. Doch wenn Du erwärmend Künftig den leisen Strahl durch stille Cypressen herabsenkst, Streu auf den Hügel ihn aus, der meine Asche bedecket, Und erwecke Gefühle, die schönste Blüthe der Menschheit! v. Knebel . 4. Newton und Kepler. Nicht um beide große Männer in Ansehung ihrer Geistesfähigkeiten oder Verdienste mit einander zu vergleichen, stehn ihre ruhmwürdigen Namen da; nur ihr äußeres Schicksal soll die Vergleichung treffen, die Welt und Zeit, in der Beide erschienen. ––––– Isaak Newton sah in England das Licht, Im Jahr 1642. – H. begütert, glücklich-, frei geboren. Seiner Neigung zur Mathematik ließ eine gute Mutter ihren Lauf; im zwanzigsten Jahre ward er zu Cambridge in der Geometrie Barrow's Schüler. Die Wissenschaften, die er gewählt hatte, waren damals im höchsten Betriebe; von den trefflichsten Männern bearbeitet, lockten sie ihn natürlich zur Nacheiferung an. Mit stillem Schritt trat er nicht nur in die Laufbahn der berühmtesten Mathematiker, sondern bald auch auf den Gipfel ihrer Entdeckungen und ihres Ruhmes. Im fünfundzwanzigsten Jahr soll er die Fluxionsrechnung erfunden haben; 1665. – H. (Nach dieser Zeitbestimmung erwartet man im Text: »dreiundzwanzigsten«. Die Erfindung der Fluxionsrechnung fällt in das Jahr 1666. – D.) auf sie führte ihn Fermat . Das Jahr darauf, als er sich mit optischen Werkzeugen beschäftigte, soll er bei Gelegenheit des Prisma seine Theorie des Lichts erfunden haben. Zwei Jahre darauf, als ihn die Pest von Cambridge vertrieben hatte, soll er auf seine Theorie der Schwere gekommen sein, Alles in jugendlichen Jahren. Im neunundzwanzigsten Jahr ward er Lehrer der Mathematik an Barrow's Stelle, eine seiner Liebe zur Wissenschaft sehr bequeme Situation, wie Jeder weiß, der die Beschaffenheit dieser Professuren in England kennt. In stiller Ruhe arbeitete er hier seine Werke aus; seine Gedanken gewannen Zeit zu reifen, ohne daß ihn Bedürfnisse störten oder eine voreilige Sucht nach Ruhm spornen durfte; denn sein Stand, seine Wissenschaft schafften ihm Ehre. Erst 1675 schickte er sein erfundenes Spiegelteleskop an die königliche Societät der Wissenschaften, die es in den »Transactionen« bekannt machte; vorher hatte er nur den Varenius herausgegeben, vermehrt und erläutert. Varenii Geographia generalis, aucta et illustrata ab Is. Newton. 1672. – H. Im Winter zwischen 1676 und 1677 soll er das Gesetz der Centripetalkraft gefunden haben, unstreitig nach Kepler's vorhergegangener, schwererer Erfindung des Gesetzes der Bahn der Planeten in Ellipsen um ihren Brennpunkt, die Sonne; was Newton dazuthat, war das Gesetz der Kräfte . Erst 1687 kam das System darüber unter Halley's Aufsicht heraus, von der königlichen Societät selbst dem Druck übergeben; Philosophiae naturalis principia mathematica. Im Jahr 1713 folgte die zweite Ausgabe zu Cambridge unter Aufsicht des Roger Cotes. – H. ein Werk, das ihn auf den Gipfel des Ruhms erhob. Im Jahr 1688 ward er Repräsentant der Universität im Parlement, im Jahr 1696 unter dem Ministerium des Grafen Halifax Münzwardein, im Jahr 1703 Präsident der Societät, welche Ehrenstelle er 25 Jahre bis an seinen Tod bekleidete. In eben diesem Jahr 1703 gab er seine »Optik« heraus, die Samuel Clarke nachher ins Latein übersetzte. 1705 ward er Ritter; 1707 erschien seine »Arithmetik«, Arithmetica universalis, sive de compositione et resolutione arithmetica liber. – H. 1711 seine »Analysis«, worauf der berühmte Streit, wer Erfinder der Fluxionen sei, folgte. Analysis per quantitatum series, Fluxiones etc. Lond. 4. – H. Dem Anschein nach verhielt sich Newton bei diesem Streit still; desto wirksamer und schneidender waren seine Freunde. Sogar die Societät der Wissenschaften nahm Partei und entschied – für ihren Präsidenten. Ein competenter Urtheiler spricht hierüber also: »Leibniz hat die ersten Regeln der Differentialrechnung im Oktober 1684 in den Leipziger Actis Eriditorum herausgegeben. Die Gebrüder Bernoulli haben bald darauf den Gebrauch dieser Rechnung gezeigt und ihn erweitert. Die Verehrer Newton's haben zuerst den Streit angefangen und behaupten wollen, Leibniz habe die Rechnung von Newton gelernt. Das Commercium epistolicum (D. Joann. Collins et aliorum de analysi promota jussu sociatatis regiae in lucem editum ) schließt mit einem dieses bezeichnenden Ausspruch der königlich englischen Societät. Wer es durchliest, sieht nicht, wie die Societät so hat sprechen können; denn im Commercio ist nicht von der eigentlichen Rechnung des Unendlichen, sondern nur von unendlichen Reihen die Rede. In der ersten Ausgabe von Newton's Principiis steht (lib. II. sect. 2. prop. 7) ein Scholion des Inhalts: »Ich habe Leibnizen«, sagt Newton, »in unserm beiderseitigen Briefwechsel gemeldet, ich besitze eine Methode, Tangenten zu ziehen u. dgl. Den Satz, worauf diese Methode ankommt, nämlich Fluxionen zu finden, habe ich ihm mit versetzten Buchstaben, mit Fleiß unverständlich, geschrieben. Leibniz hat mir darauf geantwortet, er sei auch auf eine solche Methode gefallen, und hat mir die seinige mitgetheilt, die von der meinigen fast nicht als in Worten, Zeichen und dem Begriff von der Erzeugung der Größen unterschieden war.« Der Deutsche entdeckte also seine Erfindung ganz offenherzig zur Erwiderung eines Anagramma, dadurch sich der Engländer den Ruhm der seinigen zu versichern trachtete. In den neuern Ausgaben der Principiorum ist dies Scholion mit einem andern vertauscht, wo Leibnizens gar nicht erwähnt wird. Zu einer solchen Vertauschung gehörte sehr wenig Redlichkeit und sehr viel Unverschämtheit. Es kann Niemand leugnen, daß durch die Bernoulli und ihre Schüler vermittelst der Leibnizischen Rechnungen des Unendlichen unzählige neue und wichtige Erfindungen sind gemacht worden, da die Briten Newton's Entdeckungen wenig oder nichts hinzugesetzt haben.« So Kästner in einer Anmerkung zu Newton's Leben im »Britischen Plutarch«, B. VI. S. 42 f. (Leipzig 1768). Der Brite, der seitdem Newton's Entdeckungen so sehr erweitert hat, Herschel, ist ein Deutscher. – H. Die letzten Arbeiten Newton's waren bekanntlich chronologisch und theologisch, die seinem Ruhm wenig hinzufügten. Er starb 1727 im fünfundachtzigsten Jahr, höchst berühmt und von den Briten fast wie ein überirdisches Wesen verehrt. Sein Körper ward auf einem Paradebett in der Jerusalem-Kammer ausgestellt und in der Westminster-Abtei prächtig begraben. Der Lord-Kanzler, zwei Herzoge, drei Grafen trugen das Leichentuch. Das ihm gesetzte prächtige Monument endet seine lange große Inschrift mit den Worten: humani generis decus . Er hinterließ 32,000 Pfund Sterling (damals eine ungeheure Summe), Landhaus und Zugehör ungerechnet. ––––– Johann Kepler war in Deutschland, in der Reichsstadt Weil 1571 geboren, zwar aus einem alten edeln Geschlecht, aber unbegütert; im Württembergischen ward er erzogen. Bald ging sein Vater in den Krieg nach Belgien, die Mutter folgte ihm und ließ das schwache dreijährige Kind zurück. Die Eltern kamen wieder; der Vater, der durch übernommene Bürgschaft das Seinige verlor, mußte Gastwirthschaft treiben, da ihm denn sein junger Sohn in der Landarbeit Hilfe leisten mußte . Eltern und Kind verfolgten Krankheiten und Unglück. Der Vater hielt die Mutter übel, ging in die Fremde und starb; die Mutter litt von ihren Eltern, krankte, der junge Kepler, der im siebenten Monat geboren war, krankte selbst. So trat Kepler sein gelehrtes Leben an; zuerst in einer kleinen Stadt, dann in der Klosterschule zu Maulbronn, bis er im achtzehnten Jahr nach Tübingen kam, Baccalaureus, Magister, Repetent der Theologie ward, und wäre vielleicht Theolog geblieben, wenn ihn nicht nach deutscher Weise Befehl und Druck weiter gestoßen hätte. Lasset uns ihn hierüber selbst hören: »Seit ich alt genug war, der Philosophie Süßigkeit zu erkennen, hatte ich sie mit viel Eifer gelernt, um Astronomie insbesondere aber mich nicht sehr bekümmert. Es fehlte mir dazu nicht an Geistesvermögen; das Geometrische und Astronomische, was in Schulen vorkam, begriff ich ohne Schwierigkeit; das war aber damals anbefohlner Fleiß , keine besondre Neigung. Ich ward auf Kosten des Herzogs von Württemberg unterhalten; meine Commilitonen, die der Fürst in fremde Länder schickte, zögerten aus Liebe zum Vaterlande; ich war härter und hatte beschlossen, zu gehn, wohin man mich senden würde . Zuerst zeigte sich ein astronomisches Amt, zu dessen Annehmung ich, die Wahrheit zu sagen, durch das Ansehen meines Lehrers hinausgetrieben ward. Die Entfernung des Orts schreckte mich nicht ab, sondern die unerwartete und verachtete Art des Amtes. Ich trat es an mit mehr Zuversicht auf meinen Verstand als auf meine Gelehrsamkeit und dung mir aus, daß ich meinem Recht auf eine andre Lebensart, die mir glänzender schien, dadurch nicht entsagte. Meinen Fortgang in dieser Art von Gelehrsamkeit die ersten zwei Jahre über zeigt mein Mysterium cosmographicum , wo man auch findet, wie mein Lehrer Mästlin mich reizte.« u. s. w. Ein harter Eingang in die astronomische Welt, wie unähnlich dem Eingange Newtons! Der Fortgang darin ward Keplern nicht erleichtert. In Gräz, wohin er als Astronom berufen war, erschien zuerst von ihm ein – Kalender ! und – der Prodromus mysterii cosmographici . Für des letzten Dedication erwartete er eine Vergeltung von den Ständen in Steiermark, die er wahrscheinlich nicht erhielt; das Werk selbst ward nicht anders gedruckt, als daß der arme Autor dem Drucker 200 Exemplare käuflich abnehmen mußte. So war in die Schriftstellerwelt Kepler's Eintritt. »Seitdem«, sagt Kepler, »dachte ich ernstlich darauf, mir Beobachtungen zu verschaffen. Ich ersuchte 1597 schriftlich Tychode Brahe , mir seine Meinung über mein Buch zu entdecken; in der Antwort erwähnte er seiner Beobachtungen; das erregte bei mir große Begierde, sie zu sehen. Tycho ermahnte mich, zu ihm zu kommen, und da mich die Entfernung abschreckte, schickte es die Vorsehung, daß er nach Böhmen kam.« Zwei Jahre vorher schon hatte Kepler der Religion wegen aus Steiermark entweichen müssen. Er ging nach Ungarn; die Religionsumstände wurden bedenklicher, man rieth ihm, nach Prag zu gehen. Er ging also zu Tycho . »Dahin ging ich«, schreibt er, »im Anfange 1600, in Hoffnung, verbesserte Excentricitäten der Planeten zu lernen. In den ersten acht Tagen erfuhr ich, Tycho brauche mit dem Ptolemäus und Copernicus die mittlere Bewegung der Sonne; für mein Buch schickte sich die scheinbare besser; ich erhielt also von ihm die Erlaubniß, seine Beobachtungen nach meiner Art anzuwenden. Sein Hausgenoß Christian Severini hatte damals die Theorie des Mars unter Händen; hätte Christian einen andern Planeten behandelt, so hätte ich mich auch an denselben gemacht. Wiederum also halte ich es für eine Führung der Vorsehung, daß ich um diese Zeit ankam. Durch die Bewegungen des Mars müssen wir zu den Geheimnissen der Astronomie gelangen oder in solchen beständig unwissend bleiben.« An solchen Zufällen hing Kepler's Eintritt in die höhere Astronomie. Indem er Tycho's Beobachtungen über die Bewegung des Mars brauchte, dessen Hypothesen aber unrichtig fand, gelangte er zu seinem berühmten Gesetz von der Bahn aller Planeten . Wie stand es aber dabei mit seinem nothdürftigsten Unterhalt? Schon am 17. October 1600 schrieb er an Tycho: »Du versprachst mir Unterstützung, eigne und durch Empfehlung beim Kaiser, selbst Reisekosten. Unser Contract beruhte mit darauf, daß ich mein steirisches Salarium behielte; er ist also aufgehoben, da die Provinz mir solches genommen hat . Um gegen den Kaiser und Dich nicht zu fehlen, ging ich mit meinem Schaden nach Prag, wartete da auf Ungewissen Erfolg, überlegte, wie lang ich ohne mein Verderben auf meine Kosten besoldungslos leben könnte. Meine Sachen habe ich zu Linz gelassen und bin mit Frau und Stieftochter nach Prag gekommen. Jetzt habe ich nicht mehr, als was etwa noch zu einem Verzuge von vier Wochen nöthig ist. Soll ich länger warten, so müßte mir von Deiner Magnificenz das Reisegeld erstattet, oder Deine Magnificenz müßte für mich bei allen Denen, von welchen ich meinen Lebensunterhalt kaufen muß, Bürge werden. Geschieht dies, so kann ich so lange bleiben, als es Deiner Magnificenz und den Gläubigern gefällt. Indessen will ich für Astronomie so sehr arbeiten, als meine Gesundheit gestattet.« Unbefriedigt reiste er von Prag ab und ließ die Frau daselbst, ward krank und arbeitete indeß für Tycho fort, ohne Besoldung. Im Jahr 1602 starb Tycho; Kepler ward kaiserlicher Mathematicus mit freiwillig angewiesener Besoldung, um deren Auszahlung er aber oft bitten mußte. Unter mancherlei Verdrießlichreiten und widrigen Schicksalen lebte er zu Prag elf Jahre im Mangel. Nach Kaiser Rudolph's Tode befahl sein Nachfolger Matthias, ihm den rückständigen Gehalt auszuzahlen, und berief ihn nach Linz. Bald aber mußte er abermals klagen: »der vom Kaiser, ihm angewiesene Gehalt werde nicht gezahlt; wenn er nicht was Mäßiges von den Landständen bekäme, könne er seine Haushaltung nicht ernähren. Einen Amanuensis und Rechner könne er selten halten« u. s. w. Um zu leben, mußte er »Ephemeriden« und » Prognostica « herausgeben. Zudem bekam er mit den Theologen Zwist, denen seine Astronomie der Bibel entgegen schien u. s. w. Kaiser Matthias starb; die Kriegsunruhen begannen. 1624 reiste er nach Wien, mit dem Gesuch um Auszahlung seiner Besoldung und Kosten zu den Rudolphinischen Tafeln, erhielt aber nichts als eine Anweisung . Mit dieser reiste er in Schwaben umher; als er den dritten Theil der Kosten zum Druck gedachter Tafeln zusammengebracht, fing er die Herausgabe an, unter Religions- und Kriegsunruhen. Die Jesuiten versiegelten seine Bibliothek, Linz ward belagert. Kepler irrte hier und dort umher, bis Ferdinand ihn an Wallenstein wies: »von ihm, als einem Liebhaber der Astrologie, sollte er seine rückständige Besoldung, die zu 12 000 Gülden angewachsen war, erhalten.« Wallenstein, der in Gedanken schon Herzog von Mecklenburg war, bestimmte ihn zum Rector seiner dortigen Universität Rostock, sein Gehalt aber zahlte er ihm nicht. So reiste er aus Sagan wieder nach Regensburg, wo Reichstag gehalten ward, wollte zurück nach Linz; aber von Arbeit und Reisen ermattet, fiel er in eine Krankheit, an der er 1630 fromm und sanft starb; noch hatte er sein neunundfünfzigstes Jahr nicht vollendet. Auf dem Peterskirchhofe ward er begraben. Seine Verlassenschaft war 22 ganze Reichsthaler, 11 Fl. wegen verkauften Roß und einige Gnadenpfennige. Anforderungen dagegen an kaiserliche Majestät 11,817 Fl., außerdem beträchtliche Forderungen an Landstände, Beamten und Privatpersonen. Alas! poor Kepler ! Sein Sohn Ludwig, ein Arzt, war indeß mit einem östreichischen Baron auf Reisen gewesen und hatte in zwei Jahren keine Nachricht von den Seinigen gehabt; nach seiner Rückkunft schrieb er an sie von Frankfurt aus in die Lausitz. Da kam seine verwittwete Stiefmutter mit vier Unmündigen, ohne Geld, in schlechtem Zustande, an einen Ort, wo Theurung war. Sie brachte die unvollständigen Exemplare eines Traums mit, den Kepler einst zu seinem Vergnügen aufgesetzt hatte, forderte die Ergänzung des Traums, um etwas dafür zu gewinnen, suchte Hilfe bei dem Sohn, der selbst Andrer Hilfe nöthig hatte. Ach, armer Kepler! Im Jahr 1714, also fast 100 Jahr nach seinem Tode, wollte ein andrer armer Mathematiker Kepler's Schriften in 22 Foliobänden drucken lassen. Designatio operum Kepleri. quae parata habet Hanschius editioni per subscriptiones adornandae. 1714. – H. Der erste Band enthält lehrreiche Briefe; weiter erschien, wie leicht zu erachten war, nichts. Schon durch Leibniz waren seine Manuscripte der königlichen Akademie zu Berlin angetragen; sie blieben zu Frankfurt versetzt, bis sie 1774 nach Petersburg gekauft wurden, wo die mathematische Classe der Akademie sie durchgehen sollte. Die meisten der Keplerischen Schriften, die bei seinem Leben gedruckt wurden, sind eng gedruckt, außer der »Harmonik« und den »Rudolphinischen Tafeln«. Welche Mühe Kepler bei ihrer Förderung zum Druck hatte, beweisen seine Briefe an Bernegger und andre Freunde. Epistolae Kepleri et Beneggeri. Argent. 1672. – H. Im Jahr 1786 kam man auf den Gedanken, ihm zu Regensburg ein Monument aufzurichten, wo von ihm nicht einmal sein Grabstein geblieben war. Durch Subscription sollte es zu Stande kommen und kam also – nicht zu Stande. Prof. Ostertag schlug es vor. – H. »Es war sehr gleichgiltig,« sagt Kästner . Geschichte der Mathematik, Band 4. S. 352. – H. »ob Deutschland, das Keplern bei seinem Erdeleben kaum dürftig Brod gab, ihm, da er schon länger als anderthalbhundert Erdenjahre unsterblich war, einen Stein gegeben hätte. »Beiträge aus ganz Deutschland hätten kein Monument veranstalten können, und Regensburg keines gefaßt, so prächtig als das, welches man (noch dazu vom Jesuiten Riccioli dem selbst bei Lutheranern verketzerten Kepler gesetzt) durch jedes Fernrohr – im Monde sieht. »Steinerne Denkmale erinnern an einen Gelehrten höchstens seine Freunde und gewesenen Mitbürger, und das auch auf kurze Zeit; sein Andenken zu erhalten, ist Papier dauerhafter als Marmor.« Die Notizen, die Kästner von Kepler's Schriften und Lebensumständen in seiner mehrgenannten »Geschichte der Mathematik« sorgfältig gesammelt, und die hier dankbar genutzt wurden, sind ihm ein solches Denkmal. Kästner's zwei Sinngedichte auf Kepler sind bekannt: »So hoch war noch kein Sterblicher gestiegen. Als Kepler stieg – und starb in Hungersnoth! Er wußte nur die Geister zu vergnügen; Drum ließen ihn die Körper ohne Brod.« »An Christloh Mylius, »bei der Übersendung von Kepler's Harmonice mundi. »Freund, da Dein zärtlich Ohr der Tonkunst Reiz empfindet. Des Weltbaus Harmonie Dein tiefer Geist ergründet. Lies, was von beiden hier der Lehrer Newton's schreibt. Den Deutschland hungern ließ und – seiner unwerth bleibt. Kästner.« – H. Sinnreich hat Kästner die drei großen Mathematiker, Tycho, Kepler, Newton , mit einander verglichen und ( Galilei mit eingeschlossen) ihre Verdienste gegen einander gehalten. In Betracht ihrer Lebensumstände sagt er: »Tycho starb im vierundfunfzigsten Jahre, Galilei im achtundsiebzigsten, Newton im fünfundachtzigsten, Kepler im sechzigsten, nicht viel älter als Tycho. Hält man, was diese vier Männer für die Wissenschaften geleistet haben, gegen ihre Lebenszeiten. so fällt die Vergleichung sehr zum Vortheil Kepler's aus. Noch mehr, wenn man ihre Glücksumstände betrachtet. » Tycho besaß eignes Vermögen, erhielt königliche und kaiserliche Unterstützung. Galilei genoß einträgliche Gnade seines Großherzogs. Newton beschäftigte sich mit der Mathematik zu seinem Vergnügen; ihn zu Annahme des Lehramts zu Cambridge zu bewegen, mußte Barrow viel Mühe anwenden. Kepler rechnete auf Besoldungen, die ihm nicht ausgezahlt wurden; der Sitte deutscher Gelehrter gemäß war er verheirathet. In welchen Umständen er Wittwe und Kinder hinterließ, erzählt der Sohn Ludwig dem Landgrafen von Hessen in der Zueignung des »Traumes«, begreiflich nicht ohne Absicht. Kepler konnte betteln gehen, wenn er wollte, sagte von ihm Hausen . »In dieser Lage schreibt er doch aufgeräumte Briefe an seine Freunde, erzählt selbst seine widrigen Schicksale ohne Klagen, erfand – nicht einzelne Lehren, sondern Wissenschaften , Dioptrik, elliptische Astronomie, Gesetze der Bewegungen einzelner Planeten u. s. w.; selbst brauchte er bei Ausrechnung von Körpern Abkürzungen, wie nachher in der Rechnung des Unendlichen sind gebraucht worden. Tycho und er machten Beide lateinische Verse, Kepler mit mehr poetischem Geist. Selbst seine Prose ist voll poetischer Lebhaftigkeit, und Dichterwitz zeigt sich überall bei seinen Theorien. So hatte er Anlage zum Dichter wie zum Mathematiker; keine von beiden führt zum – Reichwerden.« A. a. O., S. 372. - H. Was folgt aus dieser Zusammenstellung? ––––– Beilage. Ueber die verschiedene Schätzung der Wissenschaften nach Zeiten und Nationen. Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli ! »Hier bin ich ein Barbar, weil Niemand mich versteht«. Ovid. – H. [Diese Stelle (Trist., V. 10. 16) führt Herder in anderer Beziehung Werke, XIII. S. 295 an. – D.] Dies ist die Überschrift, wie manches Werks, so manches wissenschaftlichen Geistes. »Er kam zu früh,« sagt man gewöhnlich; oder: »Er stand an unrechtem Ort«, und dabei läßt man's bewenden. Lasset uns der heuchelnden Ausgleichung näher vors Auge treten! 1. Allerdings geht der Periode des Wissens eine Zeit des Ahnens, des Träumens vorher; jeder Nation ist es indessen Pflicht, jene Dämmerung , so lieblich sie als Morgenröthe des Tages erscheine, über die Gebühr nicht zu verlängern. Unstreitig war die Astrologie eine solche Dämmerung, die der Astronomie voranging; in manchen Ländern und Ständen ward sie über die Gebühr verlängert. Zu Kepler's Zeiten galt der Mathematicus für einen Zeitenwahrsager aus Sternen. Man hält es für Amtspflicht des Mathematikers, Jahres-Prognostica zu schreiben,« so fängt Kepler eine seiner Schriften an, die er dem Edeln von Rosenberg zum Neujahrsgeschenk sandte. De fundamentis astrologiae certioribus. Pragae, welche Schrift Kästner, von ihm selbst ungesehn, aus Weidler's Verzeichnis anführt. (A. a. O., S. 229.) Sie enthält 75 Theses und den Schluß. In den Sätzen selbst sowie in der Dedication spricht Kepler laut und klar gegen die Sterndeuterei, und doch mußte er sogar politisch sterndeuten. – H. Ob er wol diese Kunst tief verachtete und ihren Ungrund zeigte, mußte er sich ihr doch unterziehen; denn auch an Kaiser und Stände scheint ihn gerade dieser Theil seines Amts zunächst gebunden zu haben, wie sein Brief an den Kaiser Rudolph, seine Andeutung des Sterbejahrs Matthias' u.s.w. zeigt. S. Kästner, a. a. O. S. 368. – H. Wie weit fortgerückt hierin war das Zeitalter Newton's ! Dieser tadelte sogar die Anwendung der Analysis auf praktische geometrische Aufgaben, welches er einen falschen Geschmack nannte. Newton's Leben im »Britischen Plutarch«, Th. 6. S. 50. – H. Er durfte die Wissenschaft rein behandeln, hoch und gesichert stand er über den Meinungen des Pöbels. 2. Eine noch bösere Schätzung der Wissenschaften giebt die Beurtheilung ihrer nach Vorurtheilen des Parteigeistes, zumal der Religionssecten . Das Stillstehen der Sonne im Buch »Josua« hätte der ächten Astronomie beinah Stillstand geboten, wenn nicht Galilei und Kepler aller Verfolgungen ungeachtet dem Copernicus treu geblieben wären. Daß Kepler sich von Tycho's ausgleichendem System ungeachtet ihrer nahen Verbindung wegzuwenden das Herz hatte, zeigt ebenso sehr die Stärke seines Geistes als seine Liebe zur Wahrheit; der Satz, daß aus Falschem Wahres folge, war ihm unerträglich. Ueber alle die Befehdungen der Wissenschaft, die Kepler von katholischen wie von protestantischen Theologen zu bestehen hatte, war Newton's Zeitalter erhoben. Ueberhaupt, welchen Schaden hat es in Deutschland der Wissenschaft gebracht, daß dies Land in Religionsparteien getrennt und zerrissen da liegt! Sind wir nicht Alle Deutsche? Giebt es eine katholische und protestantische Physik, Mathematik, Moral u.s.w., an Grundsätzen unterschieden? Sollte es sie geben? Alle Die, die Religionsbekenntnisse ins Spiel bringen, sind Feinde der Wissenschaft aus Vorurtheilen des Pöbels. Auch zu Newton's Zeiten verlor sein Nachfolger zu Cambridge, Whiston , seinen mathematischen Lehrstuhl, weil er Arianische Meinungen hegte; Halley bekam ihn, dem jede Religionsmeinung gleichgiltig war. Welch eine andre Gestalt hätte Deutschland, wenn jede seiner Provinzen jedem Manne von Wissenschaft gleich zugänglich wäre! Und, nochmals gesagt, sind wir nicht Alle Deutsche? Kein Religionsdogma muß dem Forschungsgeiste der Wissenschaft sein Ziel setzen wollen oder dies heuchlerisch zu verrücken streben. So wenig es der Wissenschaft vergönnt ist oder es je ihr Amt sein wird, ächte Religion zu untergraben, so wenig darf und soll diese, wenn sie ächter Art ist, wahre Wissenschaft hindern. Daß Ihr einen begeisterten Ausruf Josua's , den ein Heldenlied sang, unpoetisch faßt und auslegt, soll dieser Stumpfheit sich das Weltsystem fügen? 3. Jede Nation hat ihre eigne Ansicht der Wissenschaften . Erweis davon ist der verschiedne Begriff, den man hie und da, dort und dann mit dem Namen Wissen, Männer von Wissenschaft, Gelehrte u.s.w. verband und verbindet. In jeder Sprache, oft in jeder Stadt, an jedem Hofe haben die Worte eine andre Bedeutung und Nebenbedeutung. Was sich der Grieche unter dem Wort Philosoph, Weiser , der Römer unter dem Namen Mathematiker, die mittlere Zeit unter einem Sternseher dachte, was der Franzose unter einem savant, homme de lettres u.s.w. begreift, nennt der Deutsche nicht anders als mit Ingredienzien seiner Art, in Beziehung auf Wissenschaften, die er cultivirt. Diesen Gesichtskreis der Wissenschaften setzten jeder Nation theils Bedürfnisse fest, theils eigentümliche Neigungen und Einsichten , kurz, ihre Lage und ihr besonderer Zustand . Einem Volk, das die Künste des Schönen liebt, fallen die Wissenschaften ins Auge, die, den Künsten unentbehrlich, diese gründen, schmücken und festhalten. Ein Volk, auf Handel und Gewinn erpicht, eine Meeresnation z.B., ehrt die Wissenschaften, die dem Handel, der Schifffahrt, dem Gewerb dienen. Einem Volk endlich, das reitet, jagt und trommelt, sind die Reit-, Jagd- und Trommelwissenschaften nebst Allem, was ihnen anhangt, die National-Encyklopädie ihrer Bewundrung und Achtung. Geschicklichkeit in ihnen dünkt ihm die höchste Virtuosität. Je vielseitiger und feiner eine Nation gebildet worden, je mehr sie sich selbst kennt und weiß, was ihr frommt und dient , je größerer Namen in Wissenschaften und Künsten sie sich rühmen darf und in Erfahrung den Nutzen ihres Wissens und Thuns erprobte , desto umfassender, höher und wahrhafter wird ihr der Begriff einer ihr eigentümlichen Wissenschaft, mit desto wahrerer Achtung ehrt und lohnt sie das Verdienst derselben. Ein Volk dagegen, dem in der Wissenschaft und Geistescultur nichts heilig, ehrwürdig, achtungswerth erscheint, dem Alles in ihnen Zeitvertreib und Posse oder Pedanterei und unnützer Kram dünkt, von wahrer Cultur dürfte dies Volk noch sehr entfernt sein. Mensch und Volk können sich nicht leicht so bloßgeben, als wie sie über Werth der Wissenschaften urtheilen; da zeigen sich auch unter der Löwenhaut am Sichtlichsten die aures! Die Ohren des in der Löwenhaut steckenden Esels. In der Fabel verräth den Esel sein Geschrei. – D. Urtheile mancher römischer Kaiser von der und jener Wissenschaft, das Lob, was die Großen der und jener Kunst ertheilten, vorzüglich, was den Reichen lieb und werth war – gewiß ist dies der drolligste Anhang der wissenschaftlichen Geschichte. Gemeiniglich standen die Wissenschaften dem Pomp oder der zeitkürzenden, lustigmachenden Gaukelei am Nächsten; das Wahre in ihnen, der Geist der Wissenschaft , war selten volksmäßig. »Was dem Volk gefällt,« sagte Copernicus, »verstehe ich nicht; was ich verstehe, gefällt ihm nicht: wir sind geschieden.« 4. Wohlthat für die Nation ist's also, wenn erlesene große Geister und Gemüther Achtung für wahre und nützliche Wissenschaften ihr festsetzen und diese als wesentliche Erfordernisse in ihr gründen . Sei es durch Stiftungen und Anstalten oder durch Gesetze und Einrichtungen, gnug, daß die Wissenschaft nicht um kärglichen Lebensunterhalt arbeiten müsse , oder gar – betteln nie gehen dürfe . Schande für die Nation, bei der dies nicht etwa nur zutrifft, sondern Tagesordnung ist, selbst nach Gesetzen und Instituten! Und jedesmal ist dies der Fall, wenn z.B. in ihr durchaus keine Stellen reiner Wissenschaft als solcher gewidmet sind , sondern diese in allen ihren Zweigen nur Brodstellen zugeordnet sind, mithin das Schlechteste dem Besten nach- oder beianläuft. Ein Körper ohne wirkende Hände, ohne gehende Füße ist mangelhaft; gewiß aber auch ein anderer ohne denkenden Kopf, ohne sehende Augen. Diese müssen heiter und ruhig sehen, nicht nur vor Stoß und Hieb, sondern auch vor Knechts- und Fußdiensten gesichert sein. Keinen Theil von uns legte die Natur in eine so hohe und feste Burg als das Gehirn, das Werkzeug des Denkens . Selbst den Chinesen stehen wir nach, wenn unsre Mandarine der Wissenschaft, im Pöbel sich verlierend, für Mangel schmachten und darben, indeß die Unwissenden, die Gedankenlosen in trägem Uebermuth verschwenden und großthun . Die ärmste Nation kann und muß so viel erübrigen, daß die Wissenschaften nicht darben, oder daß man das Ihrige ihnen als Almosen reiche. Es ist ein enger Ruhm der Fürsten, wenn sie die Wissenschaften, abhängig von ihrer Person, nur almoseniren. Unabhängigkeit ist nebst sorgenfreier Muße der Wissenschaften erstes Bedürfniß; sodann sind's die Hilfsmittel , ohne welche sie müssig und lahm bleiben oder auf falsche Wege und Speculationen gerathen. Ohne Hilfsmittel sind die Wissenschaften im Staat nicht gesunde Arbeiter im großen Laboratorium der Natur, sondern Febricitanten in elenden, abgesonderten Hospitalen. 5. Da Geister zu Erfindung neuer Wissenschaften und Werkzeuge zwar von der Natur gesandt, aber durch Umstände erweckt oder niedergedrückt, gefördert oder verwahrlost werden, so ist's ein Vergehen gegen die heiligsten Geschenke und Gaben der Natur, wenn von unreinen Thieren diese Perlen aus dem Kranz der himmlischen Urania zertreten werden. Unser Herz blutet, wenn wir die edelsten Menschen von den Unwürdigsten gekränkt, mißhandelt, verfolgt sehen. Ja, wenn diese mit anmaßend drückendem Geschwätz ihnen auch nur Geduld und Zeit rauben, sehen wir's mit Unwillen und Verachtung. So lesen wir das Consistorialrescript an den gewissenhaften Kepler, weil er die sogenannte Eintrachts- oder Zwietrachtsformel in einigen Ausdrücken der Kirchenscholastik zu unterschreiben Bedenken fand. »Von Gottes Gnad, durch Christum, neben Erbietung unsrer gutwilligen Dienst und christlichem Gebet zuvor.« Fischlin. Memoriae supplementum, p. 342. – H. So sehen wir die Inquisition an, wenn sie sich über Galilei und Copernicus eine Entscheidung anmaßte. Alle selbstdenkenden, geschweige erfindenden Geister sind ihrer Natur nach über den Volkswahn ( opinionem vulgi ) erhaben . Die innere Freude, die Kepler über seine Erfindungen genoß, war ihm belohnende Seligkeit und ohne Nach- und Zuklang widriger Volksstimmen in seinem Herzen wie in seinen Schriften oft ein begeisterter Hymnus. »Ist's nöthig , den Werth göttlicher Dinge nach dem Preise eines Gemüsepfennigs zu schätzen?« Kepleri Prodromus dissertationum cosmographicarum continens mysterium cosmographicum, 1596, p. 2. – H. Dem hungrigen Bauch nutzt freilich die Kenntniß der Natur und die ganze Astronomie nichts. Edlere Menschen aber hören nicht auf solche Stimmen der Barbarei, die deshalb diese Studien wegschreien wollen, weil sie nicht nähren . Maler, Tonkünstler ertragen wir, die unser Auge und Ohr vergnügen, ob sie uns gleich sonst keinen Nutzen bringen; das Vergnügen, das man aus ihren Werken schöpft, hält man nicht nur für menschlich, sondern für edel. Wie unmenschlich also, wie närrisch , dem Geist sein edleres Vergnügen zu mißgönnen, das man doch den Sinnen, dem Auge, dem Ohr gönnt! Krieg gegen die Natur führt Der, der diesen Vergnügen entgegenstrebt; denn der große Meister , der nichts in die Schöpfung brachte, als was der Notwendigkeit diente oder zur Schönheit und Lust gereichte, er sollte den menschlichen Geist , den Herrn der ganzen Natur, sein Bild , ihn allein sollte er mit keinem Vergnügen bedacht haben? Wie wir nun nicht fragen, aus welcher Liebe zum Gewinn der Vogel singt, da wir wissen, daß Gesang vergnüge und er zum Singen gemacht ist, so muß man auch nicht fragen, warum der menschliche Geist mit so vieler Mühe die Himmel durchsuche. Denn vom Schöpfer ist er eben dazu den Sinnen vorgesetzt, nicht etwa, daß er blos für seinen Unterhalt sorge (tierische Instincte könnten dies schneller bewirken), sondern auch, daß er von dem, was ist, was er mit Augen bemerkt, zu den Ursachen aufstrebe, woher es sei und werde , gesetzt, daß es uns keinen andern Nutzen brächte. Wie Thiere und auch der menschliche Leib durch Speise und Trank erhalten werden, so wird der Geist des Menschen, ein vom Menschen Verschiedenes, in Vegetation und Wachsthum erhalten durch diese Erkenntnißspeise. Zwar nicht Jedermann. Der Pöbel findet an himmlischen Dingen keine Nahrung, edlere Gemüther aber finden sie. Wie man nun Kostbarkeiten zum Nachtisch genießt, wenn man satt ist, so gewinnen erhabne, weisere Seelen an ihnen alsdann Geschmack, wenn sie aus ihrer Hütte, aus ihrem Flecken, aus ihrer Stadt, Provinz oder Königreich sich zum Weltreich aufschwingen und dort umherschaun. Wer hienieden in menschlichen Dingen die Hinfälligkeit dieser erkannt und gefunden hat, wie nirgend hier ganz die Seligkeit wohnt, wie hier nichts dauernd, nichts ewig ersättigend ist, der wird von der Erde himmelwärts streben, seinen von leeren Sorgen matten Geist droben zur Ruhe bringen und sagen: Glückliche, denen zuerst dies anzuschauen vergönnt war! Die zum Himmel emporstiegen, o glückliche Sie! Geringer zu schätzen wird er anfangen, was ihm voreinst das Vortrefflichste schien. Gottes Werke wird er über Alles hochachten und in ihrer Betrachtung eine reine, lautere Erquickung finden. Kepleri Prodromus p. 88. – H. Schöpfer der Welt! Du ewige Macht! Durch alle die Räume         Schallet Dein Ruhm; er schallt Himmel und Erden hindurch! Selbst das unmündige Kind hallt nach die Stimm'; es verkündet,         Daß der Lästrer verstummt, laut des Unendlichen Lob. Großer Künstler der Welt! Ich schaue wundernd die Werke         Deiner Hände, nach fünf künstlichen Formen erbaut, Und in der Mitte die Sonn' ! Ausspenderin Lichtes und Lebens,         Die nach heil'gem Gesetz zügelt die Erden und lenkt In verschiedenem Lauf. Ich seh' die Mühen des Mondes,         Und dort Sterne gestreut auf unermessener Flur. Kepleri Mysterium cosmographicum. Vater der Welt, was bewegete Dich, ein armes, ein kleines         Schwaches Erdgeschöpf so zu erheben! so hoch, Daß es in Glanz da steht, ein weithin herrschender König,         Fast ein Gott; denn er denkt Deine Gedanken Dir nach . Herrscher der Welt! Du ewige Macht! Durch alle die Welten         Schwingt sich auf Flügeln des Lichts Dein unermessener Glanz.« 5. Händel. Georg Friedrich Händel war ein Deutscher, 1685 zu Halle geboren. In seiner zartesten Kindheit meldeten sich schon seine großen Anlagen zur Tonkunst, die nach geringer Unterweisung auf Clavier und Orgel sich dergestalt auszeichneten, daß er in Weißenfels, wohin bald sein Vater ging, sodann in Halle, Berlin, Hamburg bemerkt und als Kind schon bewundert wurde. Er bildete sich unter Zachau, Buononcini, Agnello . Kaum funfzehn Jahre alt, ward er in Hamburg Director des Orchesters der Oper und componirte eine »Almira«, eine »Florinde«, ging nach Italien, wo in Florenz, Venedig, Rom, Neapel Stücke von ihm mit Beifall gegeben wurden und die berühmte Sängerin Vittoria sich in ihn verliebte. Er kam zurück, trat zu Hannover in kurfürstliche Dienste, ging über Düsseldorf, Holland nach England, wo er im glänzendsten Zeitraum der Königin Anna mit einer Bewunderung empfangen ward, die ihn stolz und, wie die Briten sagen, oft hart und eigensinnig machte. Er hatte das Glück, für den Utrechter Frieden das Te Deum zu componiren, gewann die Gunst des Adels, bald auch des Königes, schrieb prächtige Opern und war eine Zeit lang der Gott der musicalischen Bühne. Die Streitigkeiten und Parteien, die sich zwischen ihm und Buononcini , nachher mit Venesino , dann mit Porpora und Farinelli erhoben, über die man auch Swift's Sarkasmen kennt, brachten ihn nicht nur aus der Gunst der Großen, sondern auch um einen Theil seines Vermögens und seiner Gesundheit. Diese stellte ihm Aachen wieder her, und Dryden's »Alexandersfest«, das er nach seiner Rückkunft gab, schaffte ihm nicht nur die Gunst der Nation wieder (1736), sondern ward auch ein Grundstein seines bleibenden Ruhmes; denn seine Opern und Sonaten sind verhallt, sein »Alexandersfest« dauert. Den zweiten Grundstein legten die Oratorios , die er in Gang brachte, weil er sie, wie sein Lebensbeschreiber sagt, »dem angebornen Ernst der Engländer sehr angemessen erachtete«. Sie sollten als dramatische Gespräche in Opernpracht aufgeführt werden; dies ward aber, weil ihr Inhalt biblische Geschichte war, verboten . Ein glückliches Verbot, auch für die Kunst; denn nachhinkend der Oper, hätte die Cantate ihren eigentümlichen Charakter nie gewonnen, und schwerlich erschienen wäre sodann Händel's »Messias«. Dies große Stück, auf einfachen biblischen Worten beruhend, ist werth zu dauern, so lang eine Saite gerührt, ein Instrument angehaucht wird. Kalt ward es zuerst in London, desto wärmer 1741 in Dublin empfangen; seit 1743 ist es in London und überall die dauernde Drommete von Händel's Ruhm geworden und geblieben. Seit 1751 war Händel blind und blieb es nach schmerzlichen Operationen; 1759 starb er, acht Tage nach der Aufführung seines letzten Oratoriums, bei welchem er noch gegenwärtig war. In der Westminster-Abtei ward er begraben, wo ihm auf sein Verlangen und auf seine selbsteignen Kosten ein Denkmal errichtet wurde. Die großmüthige Nation, die den Fremden so hold ist, vergaß auch hier bei einem Manne, der fünfzig Jahre in ihr gelebt, für sie gearbeitet und ihrer Tonkunst unleugbar den ihr angemessensten Schwung gegeben hatte, sie vergaß auch auf Händel's Grabe des Deutschen ( German's ) nicht. In Schlafrock und Pantoffeln sitzt er nachlässig da, die Lyra in seiner Hand, unter ihm die Flöte, glücklicherweise Shakespeare gegenüber . Händel's Charakter war in Tugenden und Fehlern Charakter der Tonkünstler . »Besaß er Stolz,« sagt sein britischer Biograph, Gentleman's Magazin »so war sein Stolz einförmig; er war nicht heute ein Tyrann und morgen ein Sclave, nicht hier ein Tadler und dort ein Schmeichler. Seine Unabhängigkeit behauptete er in Umständen, in welchen Andre sich eine Ehre daraus würden gemacht haben, unterthänig zu sein. Er war freigebig, selbst in seiner Armuth; als er reich ward, bedachte er seine alten Freunde. Schon als ein Knabe schickte er seiner Mutter Geld zu, da er sich verbunden achtete, sie zu unterstützen; an die Wittwe seines alten Lehrmeisters Zachau , als er hörte, daß sie Mangel litt, sandte er mehr als einmal Geschenke. Den größten Theil seines ansehnlichen Vermögens hinterließ er seiner 1760, April, Mai. – H. Schwester Tochter; seine musicalischen Schriften vermachte er Herrn Smith , von welchem die Oratorios stets fortgesetzt werden.« Und so ruhe, gewaltiger Mann, der mit seinen Tönen einen Cherub vom Himmel hätte herabzwingen mögen! Ruhe auf Deinem britischen Grabe in Schlafrock und Pantoffeln aus; die Lyra aber in Deiner Hand, die Flöte und jedes Deiner Instrumente verhalle nie dem nordischen Europa! ––––– Da in einem der vorigen Stücke vom Melodrama Vgl. oben S. 272 ff. – D. die Rede war, so mögen wir Händel's Andenken nicht besser ehren, als wenn wir von der Gattung reden, die er so hoch emporbrachte, dem Oratorium und der Cantate. Wie unterscheidet es sich vom Melodrama? Specifisch, als eine reine Gattung, die ins Melodrama nicht überlaufen darf. Im griechischen Drama begleiteten Töne das Spiel, d. i. Handlung, Charakter, Action, Geberdung; in der Oper herrschen Töne und Tänze . Man hat eine Mittelgattung aufs Theater gebracht, da man, getrennt von einander, bald spricht, bald geigt, und in welcher doch Worte und Töne für einander sein sollen. Eine mißliche Gattung, die bald widrig werden kann, weil Töne die Worte, Worte die Töne, als unvereinbar mit einander, jagen . »Warum singst Du nicht,« rufe ich der Declamantin oder einem Pygmalion In Rousseau's gleichnamigem Melodrama. – D. zu, »da Dir die Töne nachlaufen?« »Weil ich nicht singen, sondern nur declamiren kann,« antworten sie; und die Kunst antwortet: »So declamire entweder ohne zwischeneinfallende Töne; sie stören mich, indem ich während ihrer entweder Dein Spiel oder die Töne vergessen muß und Eins mich vom Andern wegruft. Oder, wenn Du Dich getrauest, so agire bei fortgehender Musik, die Deine Empfindungen ausdrückt, ohne Worte , d. i. sei Pantomim ! Jetzt bist Du den fliegenden Fischen gleich, die in beiden Elementen ihre Feinde finden; Deine Action wird zerstückt, und die Musik, ihr vor- oder nachtrillernd, bleibt kraftlos.« Diese Gattung Gemeiniglich wird sie Monodrama genannt. – H. ist also ein Mischspiel, das sich nicht mischt, ein Tanz, dem die Musik hintennach, eine Rede, der die Töne spähend auf die Ferse treten. Das Oratorium ist eine reine Kunstgattung, vom Ton- und Geberdenstreit sowol als von der Oper gesondert. Sein Vorbild ist der reine griechische Chor oder der Psalm und Hymnus . Ein viel in sich fassendes Vorbild. Hoch wie der Himmel der Phantasie, tief und breit und wellenreich wie das Meer der Empfindung, zugleich auch ein Land voll Thäler und Höhen, voll Mondesberge und Mondesgrüfte ist sie. Die lyrische Composition begreift Alles in sich, was Gesang und Töne ausdrücken können, ohne Geberdung . Durch diese Trennung von der Geberde wird ihr ein freies Reich geöffnet; denn so vielausdrückend die theatralische Declamation sein mag, so weiß man doch, wie viel sie auch ausschließt . Da in ihr Alles der Action angemessen werden muß, so gebietet diese. Und mit ihr gebieten die Töne; unter beider Herrschaft müssen die Worte sich fügen. Wie nun? Hat die Musik sich ein eignes freies Feld in Ouvertüren, Sonaten u. s. w. eröffnen dürfen, wo sie, unbehindert von jeder andern Kunst, ihre Flügel ausbreitet und oft den höchsten, wildesten Flug nimmt: warum sollten Poesie und Musik , zwei Schwestern, sich nicht auch gesellen, um gemeinschaftlich ohne Rücksicht des Zwanges einer dritten Kunst ihre Kräfte zu üben? So wird das Oratorium , die Cantate . Es kommt wie vom Himmel, ohne zerstreuenden, das Auge fesselnden Theaterschmuck, verhüllt gleichsam wie eine Vestale. Oder vielmehr, unsichtbar fließen nach und nach Stimmen und Töne in unsre Seele, vom zartesten Tropfen bis zum vollsten Strom, an keinen Faden gereiht als an den leisen, aber mächtigen, unzerreißbaren, der Empfindung . In diesen Ufern oder auf diesem hohen Meer leitet und regiert das Schiff der Meister. Große Idee! und sie ist natürlich. Sobald ein Wesen sang, folgte es dem Strom der Empfindung. Vom einfachsten Liede an, in Tönen der Freude, der Liebe, des Seufzers, der Klage, in Ode, Elegie, Hymnus, Canzone, bis zum feurigsten Dithyrambus öffnete sich das menschliche Herz, seine Gefühle aussprechend, austönend. Es erhebt sich im Fluge und senkt sich nieder; es weitet und schließt sich, immer aber macht es sich Luft. Vielbewegt, harmonisch besänftigt fühlt es im Aether der Töne sich wie mit himmlischem Trank gelabt, der ganzen Natur gleichstimmig, glücklich. Ungebundenheit scheint also die erste Bedingung der Gesangessprache zu sein; und doch, was bindet fester als die Harmonie ? Eben in dem süßen Bande ihres Gesetzes liegt der Zauber. Daß man sich diesem sanften und hohen Gesetz unentweichlich, alle seine Empfindungen in ihm verschlungen fühlt; daß Leid und Freude, das ganze innere Gefühl in seiner Weite und Tiefe sich nicht anders als harmonisch aussprechen kann, daß es melodisch ertönen muß: dies ist die heilige Gewalt, die uns ergreift und umschränkt und im Innern regelt, ja, die uns unter dieser Regel mit Allem zusammenband, mit Allem zusammenstimmte. Denn nun treten entweder mehrere Stimmen zu einander, es wird ein Chor , das Feierlichste, das je ein irdisches Ohr hörte; ein von vielen Stimmen und Instrumenten gehaltener harmonischer Ton durchdringt die Seele. Oder die Stimmen theilen sich, sie antworten oder begleiten einander; süße Eintracht, das Bild himmlischer Zusammenwirkung, Liebe und Freundschaft. Oder sie verfolgen einander, kämpfen, umschlingen, verwirren sich und lösen einander zur süßesten Beruhigung auf; treffliche Darstellung des ganzen Gewebes unsrer Empfindungen und Bemühungen auf dem Kampfplatz des Lebens. Wem Worte und Töne dies verbündet ausdrücken, der wird über sich, aus sich hinausgezogen; nicht etwa nur in einem Spiegel erblickt er, er empfindet , wenn man so kühn reden darf, die Ethik und Metaphysik seines menschlichen Daseins , wozu wir geboren wurden, was wir sein sollen, wie Alles vielartig zusammenstimme und nach dem härtesten Kampf im liebevollen Zwist sich harmonisch auflöse. By music, minds an equal temper know,      Nor swell too high, nor sink too low. If in the breast tumultuous joys arise, Music her soft, assuasive voice applies;      Or, when the soul is press'd with cares,      Exalts her in enliving airs. Warriors she fires with animated sounds; Pours balm into the bleeding lovers wounds;       Melancholy lifts her head;       Morpheus rouzes from his bed,       Sloth unfolds her arms and wakes,      Listening Envy drops her snakes; Intestine war no more our passions wage, And giddy Factions hear away their rage. Pope's Ode on St. Cecilia's day (1708), 1. – D. ––––– Fortsetzung. Daß dies von je her der Gesangpoesie Amt gewesen, zeigt das alte Buch der ebräischen Psalmen. In ihnen spricht das menschliche Herz alle seine Empfindungen aus, in jeder Situation des Lebens, steigend, sinkend, in Kummer und Freude, in Schmerz und Hoffnung. Es bändigt oder erweckt sich, beruhigt sich, lobpreist, jubelt. Alle Töne, deren unsre Natur fähig ist, liegen in diesem Psalterion verborgen; wer sie erwecken und binden kann, erneut das älteste Odeum der Vorwelt. Auch fortgeleiteter Gesang ist in einigen Psalmen, Gesangeshandlung, durch unterbrochne, einander entgegengesetzte Chöre. Dies Chormäßige erstreckt sich bis auf die einfachsten Theile dieser Compositionen; denn die beiden Glieder jedes Verses sind einander antwortende Stimmen, Anklang und Antiphonie, Strophe und Antistrophe. Außer den Psalmen sind die Salomonischen Lieder, das »Hohelied« genannt, ein Concert wechselnder und doch gebundener Stimmen der Liebe. Auch in ihnen ist ein Gang durch alle Töne, vom leisesten Seufzer der Sehnsucht steigend zur Liebe, zum Preise, untermischt mit Kummer und Klage. In Ordnung gestellt, würden diese Stimmen ein Frühlingsfest, ein Nachtigallen-Concert geben, wie es der Orient in Tönen und Gesängen liebte. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 368 f., und seine Bearbeitung des »Hohenliedes« als »Lieder der Liebe. Die ältesten und schönsten aus dem Morgenlande« (1778). – D. ––––– Bei den Griechen war die lyrische Poesie nichts Anders als ein solcher Schwung der Empfindung durch mancherlei Töne. Im ältesten Chor bewegten sich Strophe und Antistrophe gegen einander, sich antwortend, zuletzt einstimmend mit einander. Der feierliche Hexameter war der Griechen älteste Gesangweise. Da die Naturvölker einfache Melodien lieben, so war diese älteste Nationalmelodie der Griechen ihrer Sprache gemäß glücklich gewählt; Alles konnte die Empfindung in ihr sprechen und der Verstand sie reich ausbilden. Als die Doppelflöte erfunden ward, die Freude und Leid, heroische und sanfte Töne wechselnd sang, so ward dem heroisch vortretenden Mann gleichsam eine Gattin, der Pentameter, zugeordnet. Breit und prächtig trat jener auf; diese nahm sich zusammen, zart und lieblich. Die Tonarten vermehrten sich, mit ihnen die Zusammenordnung der Silbenmaße; an Bacchischen Festen stieg ihr jubelnder Wechsel zum Dithyrambus. Verloren ist leider der größte Theil dieses Schatzes von Tönen aus der Leyer Apollo's; aber auch die kleinsten Reste zeigen die Vieltönigkeit seines »Köchers voll Gesangespfeile«. Anspielung auf Pind. Ol. II. 92. – D. Catull und Horaz haben nur die leichtesten gewählt, die sie dem Ohr der Römer und ihrer Sprache anmuthig fanden; die schnellsten Pfeile ließen sie ihren unerreichten Vorgängern, den Griechen, an deren Tafeln selbst Polyhymnia sang, in Skolien, d.i. in wechselnden Reihetönen. Eintönigkeit schien den Griechen nirgend zu gefallen, selbst nicht in Klagen. Den Chor, aus welchem das griechische Drama hervortrat, muß man also auch als ein Concert der Empfindungen ansehen, von einem Punkt zum andern kunstreich geleitet. So auch die Gesänge Pindar's. Der Chor klagt und jubelt, hofft und wünscht, fürchtet und zweifelt, warnt, lehrt, erzählt; Alles dies unter einer Gesangesregel. Zur Melopöie war die ganze griechische Sprache geordnet. ––––– Als nach Jahrhunderten der Barbarei Poesie und Tonkunst sich wieder hoben, und man von Sonetten, Madrigalen, Kling- und Singgedichten zu einer Form hinanstieg, die der ganzen Brust voll Empfindungen in Tönen freien Lauf geben möchte, ward – der italienische Canzone. »Der Canzone« schreibt Herder richtig nach dem Italienischen. – D. Dank dem Provençalen, der ihn in Gang brachte! Der Phantasie sowol als der Empfindung hat er Schwingen und Fittige gegeben; Fittige, auf welchen Dante sich seiner Beatrice, Petrarca seiner Laura nach in den Himmel schwangen, auch hienieden auf der Erde jede Entfernung gleichsam vernichtend und der Seele wie dem Herzen den freiesten Raum gewährend. Spanische Canzonendichter sind den Italienern schnell nachgefolgt und übertrafen sie zuweilen in schönen Schwärmereien der Freude und Liebe oder der Schwermuth und ahnenden Hoffnung. Kürze und Länge der Zeilen wechseln in dieser lyrischen Verkettung so angenehm ab, daß man sich gesetzlos glaubt, indem man aufs Strengste dem Gesetz folgt. Auch die britischen Monodien oder sogenannt Pindarischen Oden gehören zu dieser Gattung, obwol fester gebaut, oft mit Beiwörtern und Bildern überladen. Alle sollten durchaus musicalisch sein, d.i. ohne bestimmte Melodie einer Strophe (die auf die andern nicht passen würde) sollten sie wie Phantasien in Tönen durchgeführt werden können, wie wenn der Tonkünstler Dichter, der Dichter Musicus wäre. Wie David oder Ossian an der Harfe, Alcäus an seinem goldenen Plectrum, Nach Horaz' Carm., II. 13. 26, 27. – D. begeistert von der Muse selbst, in Klang und Gesang süße Töne verbanden, so naht sich vor allen Gattungen der Poesie die lyrische Gattung der Eingebung oder Eingeistung am Nächsten, indem sie eigne Gefühle singt, wie der Moment sie giebt, und gleichsam schrankenlos den Geist erhebt. Jede wahre Ode sollte ein solcher Flug der Phantasie und Empfindung sein, die bald wie ein Adler aufstrebt und schwebt oder niederfährt und ergreift, bald wie eine Taube girrt und wie die Nachtigall schmettert. Am zarten Faden der Empfindungen oder im rastlosen Gange der Gedanken und Gefühle hangt der Zauber der lyrischen Poesie, den in allen seinen Wendungen die Musik mit allen ihren Modulationen begleitet. Ueber eine Ode solcher Art, »Alexandersfest«, breitete sich Händel's Geist aus; andre, von andern Dichtern, Pope, Congreve, Gray, Smart u.s.w. sind ihr gefolgt. Eine eigne Göttin, die heilige Cäcilia, hat sie ans Licht gefördert. Wer ist diese heilige Cäcilia, in Bildern und Tönen gleich berühmt? Wie kommt sie als Schutzgöttin der Musik zum Fest des Gesanges und der Tonkunst? Lasset uns ihre Legende auch musicalisch hören! ––––– Fortsetzung. Cäcilia. Vgl. Herder's Werke, II. S. 76 ff., und den Aufsatz »Cäcilia« aus den »Zerstreuten Blättern« (1793) im folgenden Theile von Herder's Werken. – D. Wo glänzt die Lilie, Die nie verwelket? Wo blüht die himmlische Ros' ohne Dornen? Im Kranze blühen sie Schuldloser Liebe; Engel bewachen sie, Laben mit Düften sie Des Paradieses. Am Hochzeitfeste war Alles versammelt, Da saß Cäcilia Als Braut des Himmels; Ihr Bräut'gam neben ihr, Ein schöner Jüngling, Flöten und Saitenklang Tönten im Chorgesang Lieblicher Stimmen. Nur Dir, Cäcilia , Im stillen Herzen Erklang ein andrer Ton Zarterer Liebe. Die heil'ge Seele war Im Himmel droben, Horchend dem hohen Klang, Singend den Weihgesang Der Engelsbrüder. Als ihr in Einsamkeit Der Liebling nahte, »Darf ich vertrauen Dir?« Sprach sie vertraulich, »Freund, meiner Seele Du, Wiss' ein Geheimniß: Da, wo ich stehe, steht, Da, wo ich gehe, geht Mit mir ein Jüngling. »O könntest schauen Du Sein süßes Antlitz! O könntest hören Du Die Engelsstimme! Er wird ein Freund Dir sein, Er ist Dir ähnlich, Wenn wir in Lauterkeit, Wenn wir in süßem Streit Himmlisch uns lieben.« Darauf berührte sie Sein holdes Auge, Und er sah neben ihr Stehen den Engel. Glänzend in Himmelsglanz, Strahlend im Blicke, Kränzt' er mit Blumen sie, Labte mit Düften sie Des Paradieses. »Nimm«, sprach der Himmlische Zu dem Geliebten, »Auch eine Blume hier, Die nie verwelket! Sie wird Dich laben stets Mit reiner Liebe. Nimm diese Lilie! Nimm hier die himmlische Ros' ohne Dornen!«   Freilich scheint's sonderbar, daß die Innung der britischen Tonkünstler eine Heilige dieser Art mit dem Alexandersfest begrüßte, einem Trinkfest, wo die Buhlerin und der Tonkünstler mit ihr einen berauschten König zum Trunk, zur Wollust, zur Rache, zum Brande Persepolis' wecken und treiben. Werden nun gar alle diese bösen Effecte als Wirkungen der Tonkunst nicht nur angeführt, sondern selbst in Wirkung dargestellt, so ist das Fest ein ebenso schlechtes Lob auf die Musik als ein unwürdiges Geschenk für die Heilige. Wahrscheinlich verließ man sich auf die Andacht , d. i. auf die Geistesabwesenheit der himmlischen Patronin, wenn man ihr solche Gesänge und zuletzt dann hinter der Geschichte einer Thaïs oder Amphion's , des Orpheus u.s.w. sie mit ihrer Orgel vom Himmel kommen ließ, die Bälge zu beleben. Der Anruf an sie war das Sendungscompliment , das man am Schluß dem Canzone gewöhnlich mitgab: Va, Canzone ! Nicht um das Lob der Heiligen, um Wirkungen der Musik war es dem singenden, spielenden Haufen an seinem Innungsfest zu thun und an einer Geschichte, die diese Wirkungen zeigte. Wie aber? Wirkungen der Musik gezeigt, d.i. erzählt, in einer alten Geschichte , sind sie denn auch die unsrigen? Rasen wir mit, mit Alexander, weil er rast? Jammern wir mit Orpheus, stehen mit Amphion? u. s. w. Allerdings; so lange diese aufgeführten Personen selbst sprechen, dringen, von Tönen unterstützt, ihre Empfindungen mit zauberischer Gewalt in uns und werden die unsern . Ordnet der Tonkünstler seine Töne überhaupt noch dahin, daß sie entweder uns gewohnte oder uns überraschende, höchsterfreuende Lieblingsgänge unsrer Herzensmelodie enthalten, so entgeht ihm unsre Mitempfindung nie. Alle großen Meister, unter ihnen auch Händel, kannten diesen Weg zum Herzen; sie wußten es durch Nationalmelodien mächtig anzusprechen, oft in den einfachsten Tönen. Wo ihre Töne dergleichen nicht waren, wurden sie es bald, weil sie dem Nationalgefühl correspondirten. So im »Alxandersfest« Händel's: »None but the brave, Bacchus ever young« u. s. w. – H. Ein Anderes ist's mit der blos beschreibenden Poesie ( descriptive poetry ), so musicalisch sie ausgedrückt sein möge. Zwar brachten die Briten dazu den ganzen Wohlklang ihrer Sprache zusammen; Pope ließ die Dreadful gleams, Dismal screams. Fires that glow, Shrieks of woe, Sullen moans, Hollow groans, And cries of tortured ghosts! Ode on St. Cecilia's day, 4. – D. seufzen, ächzen, glühen, stöhnen, schreien u.s.w. Wirken diese Beschreibungen aber, wirkt diese Nachahmung der Schälle und Töne, was Poesie, zumal musicalisch-lyrische Poesie wirken soll? Die Töne der Leyer Ossian's selbst vermöchten dies nicht, wenn nicht die Stimme seiner Empfindung sie belebte, der sie nur als Einleitung oder als Contrast voranstehn. Nicht das Fallen des Darius, falls, falls, falls, sondern die in Dryden's Beschreibung herrschende traurige Empfindung, wie der mächtigste Monarch der Erde – fällt, fällt, fällt, Von seiner Höhe fällt Und liegt im Blut. Verlassen in der letzten Noth Von Allen, die sein Herz geliebt, Auf kalten Boden hingestreckt, Ohn' einen Freund, der ihm das Auge schließt, diese menschlich rührende Scene dringt auch in Händel's Tönen uns an die Brust. Wir sehen, hören, fühlen, jammern, vergessend des Mediums der Sprache und Töne. So allenthalben, wo Bewegung der Natur in Tönen geschildert wird. Die Musik kann sie trefflich nachahmen; nur dann aber ahmt sie solche mit Wirkung nach, wenn dieser, aus Bewegung des menschlichen Herzens entsprungen, Bewegungen desselben Herzens zueilen, mithin Natur und Herz sich gleichsam verschmelzen. Auf eine dreifache Weise kann sich also diese Cäcilien-Feierlichkeit nicht nur, sondern die Musik überhaupt versündigen. Zuerst, wenn sie ein ungereimtes Thema wählt oder gar ihre eigne Schande, häßliche Wirkungen, singt, die die Musik nie hervorbringen sollte. Tolle Trunkenheit z.B., Wollust, Rache, Wuth, Wahnsinn. Zweitens, wenn sie, statt Empfindungen auszusprechen, sich bei Gegenständen derselben malend aufhält, mithin schildern dem Auge will, da sie das Herz rühren sollte. Drittens , wenn sie sich gar bei den Werkzeugen der Töne, den Instrumenten, verweilt und deren Schall, wol gar ihre Gestalt und Behandlung in ausgesuchten Worten schildert: Descend, ye Nine! descend and sing; The breathing instruments inspire , Wake into voice each silent string , And sweep the sounding lyre !      In a sadly-pleasing strain      Let the warbling lute complain :           Let the loud trumpet sound ,           Till the roofs all around The shrill echoes rebound . While in more lenghthen ' d notes and slow The deep, majestic, solemn organs blow Hark! the numbers soft and clear Gently steal upon the ear; Now louder and yet louder rise, And fill with spreading sounds the skies: Exulting in triumph now swell the bold notes In broken air, trembling , the wild music floads ; Till, by degrees, remote and small ,      The strains decay      And melt away In a dying, dying fall . Pope am Anfange der angeführten Ode. – D. So entzückt der Halbkenner sein wird, daß die gewählten Worte den Instrumenten so genau nachtrompeten, nachtrommeln und nachpfeifen, so wird einem Andern, der die wahre Wirkung der Musik empfinden will, bei dieser Musterung der Instrumente , in der Peloton nach Peloton aufgerufen ward, jener Operndirector des » Cimarosa « einfallen, L'impresario in angustie. – D. der, gequält und verlassen von Sänger und Sängerinnen, mit der Geige und Trompete, mit dem Violoncello und Baß freundliche Gespräche führte. ––––– Fortsetzung. Darf also die Musik und mit ihr die lyrische Poesie eigentlich nicht schildern, ist die Musterung und Aufrufung der Instrumente ihr Zweck nicht, hält sie sich lediglich an den Faden und Gang der Empfindung ohne Geberdung: so tritt sie eben hiemit in eine unsichtbare, geistige Sphäre. Was sich der Phantasie irgend darstellen mag, ist vor ihr; Alles aber nur in Bewegung, in leidenschaftlicher Wirkung. Daher der wesenhafte Unterschied schildernder und lyrischer Dichter, den jede Empfindung fühlt, wenn sie ihn gleich nicht ausspricht. Jenen steht die Schöpfung in Gestalten und Farben da, sie schildern. Thäten sie es auch in den lieblichsten Worten, im sanftesten Numerus: sobald der Geist der Musik, Bewegung, Rhythmus der Leidenschaft fehlt, weiß der Tonkünstler kaum, was er mit den schönen Beschreibungen soll, die wie Bildsäulen vor Dädal's Der zuerst die Füße der Statuen trennte, so daß sie im Gegensatze zu den frühern Bildern zu wandeln schienen. – D. Zeit da stehen, unbelebt. Gesänge dagegen, wie Ossian's, Klopstock's, Gerstenberg's u. s. w., sie leben für die Musik in jedem Hauch, in jedem Gliede. Tadle eine Gattung der Poesie die andre nicht; jede hat ihren Werth, jede kenne ihre Grenzen. Im »Messias« also, in Worten der Propheten und Apostel that sich Händel's Geist am Mächtigsten hervor. Von der ersten Stimme: Tröstet, tröstet mein Zion! Spricht Euer Gott, bis zur letzten: Er regieret ewig und ewig, Der Herr der Herren, Der Götter Gott. Hallelujah! herrscht beinahe bildlos der starke und sanfte Geist aller Empfindungen, die das weite Feld der Religion einhaucht. Kaum berührt wird die Erzählung, allenthalben vom tiefsten Gefühl hervorgedrungen und beherzigt. Er war verachtet, Verachtet und verworfen, Verworfen von Menschen, Ein Mann der Schmerzen, Befreundet der Noth. Wahrlich, wahrlich, er trug unser Leid, Er litt unsern Kummer. Wir gingen All' in Irren umher, Wir gingen Alle, Jeder seinen Weg, Der Herr legt' auf ihn unsre Missethat. – Würdig ist das Lamm, Das für uns starb, Zu nehmen Macht und Reichthum Und Weisheit, Kraft und Ruhm Und Hoheit Und Dankpreis. In prophetischen und apokalyptischen Verkündigungen hebt sich das ganze Chor der Kirche, eine Gemeine der Seelen, eine Geisterversammlung, kein Theater. Alle Theile der sogenannten Messe, die auch der Lutheranismus nicht verworfen, sondern in seiner Liturgie nur auseinandergerückt hat, von der Anrufung des Geistes und dem Gloria an bis zum Bekenntniß, dem Sanctus, Sanctus, dem Benedictus, dem Agnus Dei , dem Hallelujah sind Stimmen aus dem Chor Himmels und der Erde, zusammentönend im stillen Herzen des Menschen. Auch wo ein sichtbarer Gegenstand vorsteht, der Gekreuzigte, die Mutter mit ihrem Kinde u.s.w., schildert die Musik nicht, sondern spricht Worte der Empfindung. So in Pergolese's Stabat mater, so in jedem Salve Regina: Sei gegrüßet, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, Süßes Leben, unsre Hoffnung, Sei gegrüßt! Zu Dir rufen wir verbannte Evas-Kinder, Zu Dir seufzen wir und ächzen weinend Hier im Thränenthal. Wende Deine milden Blicke Voll Erbarmen zu uns nieder, Selige Fürsprecherin! Und das Kind in Deinen Armen, Selige, Gebenedeite, Sprosse fröhlich! Freundlich zeige Jesus Christus uns sein Antlitz, Wenn geendet unsre Trauer, Unsere Verbannung ist! Zeig uns Deinen Sohn, o Milde! Gütige! Du süße Mutter! Zeig ihn uns, Holdselige! Maria! Kann vor einem Bilde die Empfindung sanfter sprechen? es zärtlicher anreden? Der Geist im Bilde spricht, nichts wird geschildert. So das kleinste Lied an die heilige Jungfrau; eins z.B., das ein Reisender von sicilischen Schiffern auf offnem Meer singen hörte. Die Melodie ist äußerst sanft und einfach: O sanctissima, O piissima, Dulcis virgo Maria, Mater amata, Intemerata, Ora pro nobis! »O Du Heilige, Hochbenedeiete, Süße Mutter der Liebe, Trösterin im Leiden, Quelle der Freuden, Hilf uns, Maria!« – H. Die Todtenmesse endlich. Hier verschwinden alle Bilder. Ewige Ruhe gieb ihnen, Herr! Ewiges Licht umleuchte sie! Dir ziemet Lobgesang in Zion, Gott! Dir dankt man in Jerusalem. Erhöre unser Flehn! es komme vor Dich! Ewige Ruhe gieb ihnen, Herr! Ewiges Licht umleuchte sie!         Tag des Schreckens! Tag voll Beben! Wenn die Grüfte sich erheben Und die Todten wiedergeben.      Welch ein Zittern! welch ein Zagen! Wenn im Donner jetzt der Richter Kommt und ruft, die uns verklagen.      Furchtbar schallet die Drommete; Aus den Grüften aller Erde Zwingt sie Alles ins Gericht.      Tod und Leben ringen kämpfend Mit einander; es erbebet Die Natur dem Kommenden.      Und ein Buch wird aufgeschlagen, Drin die Sünden, die uns nagen, Alle wurden eingetragen.      Und der Richter wägt und richtet; Ungerächet bleibt kein Frevel, Das Verborgne steigt ans Licht.      Wie, o Armer! werd' ich aufsehn? Welchen Schutzgott werd' ich anflehn? Kaum der Fromme wird bestehn.      König, schreckensvoll an Hoheit! Quell der Gnaden! der Erbarmung! Rette mich aus freier Huld! u. s. w. Der alte Gesang: »Dies irae, dies illa« ist auch ins protestantische Kirchenlied: »Es ist gewißlich an der Zeit« von Erasmus Alberus eingekleidet. Auch dessen Melodie ist der Ton der Drommete. – H. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 376f. Herder bat hier in den meisten Strophen den Reim nur theilweise oder, gar nicht wiedergegeben. – D.] Aber auch die Kirchenmusik ungerechnet, erhebt sich jede wahre Musik ins Reich der Unsichtbaren, der Seelen. Der neuere böse Geschmack, eine Romanze hindurch zu trommeln und in ihr Alles zu schildern, zu kochen, zu malen, ist ebenso niedrig als widrig; erröthe jeder Künstler, der so wortspielerisch seine Kunst verschwendet! Tonkünstler, die dergleichen componiren, verführen die Dichter, wie die Dichter sie verführten. Welch ein andrer Geist war Gluck ! selbst wenn er für die Oper componirte, also das Sichtbare, das Spiel , und zwar selbst in Frankreich, wo auf Spiel zuletzt doch Alles ankam, begleiten mußte. Hört seine »Iphigenia in Tauris«, auch eine heilige Musik! Vom ersten Gewitter der Ouvertüre an bis zum letzten Hall des Chores: »Nach Griechenland!« ächzt und lahmt keine Note schildernd . In den Gesängen, die Gluck aus Klopstock componirte, schwebt er allenthalben auf Fittigen der Empfindung des Dichters. Je mehr die Quelle des Gefühls vertrocknet, desto glänzender malen und schildern wir auch auf der Lyra. Zu unsrer Zeit, da das Oratorium beinahe ganz schläft oder auch zu Opern-Arien gemißbraucht wird, ruft jedem lyrischen Dichter und Tonkünstler die Muse zu, die einst einer edlen italienischen Dichterin In den »Sämmtlichen Werken« (Cotta'sche Ausg.) steht: »einem .... Dichter«. – D. zurief:      Schlaf, Tändelei und Trägheit, ach, sie haben Aus unsrer Welt verbannet jede Tugend. Verscheucht von ihrer Laufbahn ist die Menschheit, In Banden der Gewohnheit festgebunden.      Und so erlosch denn jeder reine Lichtstrahl Des Himmels, der in Glanz das Leben aufhellt; Mit Fingern zeiget man auf irgend Jemand, Der aus Empfindung reine Ströme leitet.      »Was ist denn die Empfindung? Was die Myrte Des bettelnden Gefühles?« Also prahlet, Auf Ruhm und Wort und Geld erpicht, der Pöbel.      Dich also werden Wenige begleiten, Dich anmuthsreiche, zarte, reine Seele! Um desto mehr bitt' ich Dich, holdes Wesen, Verfolge Deine Bahn, groß – wenn auch einsam ! 6. Emanuel Swedenborg , der größte Geisterseher des achtzehnten Jahrhunderts. Kepler schrieb einen Traum vom Monde und den Mondbewohnern. Jo. Kepleri Somnium de astronomia lunari. Opus posthumum. 1634, S. Kästner's »Geschichte der Mathematik«, B. 4. S. 306. – H. Eine Zauberin citirt einen Geist aus dem Monde, der ihr Manches erzählt, was zwei Jahrhunderte nachher des Mondbeschauers Schröter's Beobachtungen bestärkt haben. »Levanien (so heißt der Mond) hat sehr hohe Berge, tiefe und lange Thäler, ist voll Höhlen, besonders in der Gegend der Privolvaner, die sich dahin vor Hitze und Kälte retten. Einigen Bewohnern zeigt sich die Erde beständig (dies sind jene Privolvaner; in Kepler's Traum heißt die Erde Volva), andern nie. Die Sonne geht ihnen in einem Jahr 12mal auf oder in acht Jahren 99mal; gewöhnlicher ist ihnen ein Umlauf von 19 Jahren« u.s.w. Kurz, Kepler lehrte auch im Traum astronomische Wahrheit. Im vergangenen Jahrhundert gab es einen kenntniß- und erfahrungsreichen Mann, der von den Einwohnern der Planeten und Sterne, von ihren Geistern, ja von den Geistern aller Himmel und Welträume wachend träumte. Er sprach mit diesen Geistern, sie mit ihm, eine Gedankensprache. Sie sahen durch seine Augen (denn sonst sehen sie, wie er erzählt, Dinge unsrer Erde nicht), er empfand sie in diesem und jenem Theil seines Körpers, vorzüglich in oder vor seinem Haupt, mehr und minder entfernt. Dreißig Jahre lebte er im Umgange mit diesen Geistern, aus welchem er der Welt zwanzig kleine und große Schriften, rein und schön in Quart gedruckt, von ihm selbst sorgsam durchsehen, mitgetheilt hat; denn er schrieb bis in sein fünfundachtzigstes Jahr, in welchem er starb. Das Verzeichniß seiner Schriften s. im Vorbericht zu Swedenborg's »Himmel und Geisterwelt« (1775), wo auch seine Lebensumstände gesammelt sind. In Stockholm hielt der Bergrath Sandel seine Gedächtnißrede (1772), der aber zweckhaft dieses Geisterumgangs nicht erwähnt. – H. [Vgl. Ennemoser's »Geschichte der Magie«, S. 949 ff. – D.] Sein Andenken dauert noch fort; eine Religionssecte in England und in Amerika führt sogar seinen Namen. Verdiente dies menschliche Phänomenon nicht eine nähere Erwägung? Emanuel Swedberg , Sohn eines schwedischen Bischofs, war dieser Mann, 1688 geboren. Er empfing eine Erziehung, die der Würde und Redlichkeit seines Vaters angemessen war; »auch als Kind sagte man schon von ihm, daß aus ihm die Engel sprächen.« Wie oft hat man gesehen, daß dergleichen Lobsprüche, die man dem Kinde ertheilte, sammt der ganzen kindlichen Welt und Denkart in gewissen Jahren zurückkehren und ein festes Gedankenbild werden! Swedenborg's Engel hören die heilige Schrift am Liebsten von Kindern mit anmuthiger Stimme lesen; welches bei ihm selbst aus Erinnerung oder aus Neigung der Fall gewesen zu sein scheint. »Bis ins zehnte Jahr«, heißt es, »war er immer geschäftig, vom Glauben und von der Liebe zusprechen«, welche beide dann auch, als ihm, wie er sagte, das Innere aufgethan ward , die Grundpfeiler seines Himmelreichs wurden. Eindrücke der Kindheit also belebten sich, als er in seinen sonderbaren Zustand gerieth, vor ihm personificirt. Im Jahr 1710 ging er auf Reisen nach England, Holland. Frankreich, Deutschland, brachte vier Jahre auf Universitäten daselbst zu, der Weltweisheit, Mathematik, Naturgeschichte, Naturkunde, Chemie. Anatomie, Theologie obliegend. Sein Geist umfaßte allerlei Wissenschaften und verband sie, wie auch seine Werke zeigen. Im Jahr 1714 kam er nach Schweden zurück, legitimirte sich in Upsala, sprach mehrmals mit Karl XII., der ihm bald darauf ein Assessorat im Bergwerks-Collegium gab, wo er sich denn mit mathematisch-mechanischen Erfindungen hervorthat. Zur Belagerung von Friedrichshall schaffte er 1718 zwei Galeeren, fünf große Böte und eine Schaluppe mit Rollen über Berg und Thal von Strömstadt nach Idefiol, einen Weg von 2½ schwedischen Meilen. Er gab einen »Hyperboreischen Dädalus«, auch Schriften über die Algebra, die Münzen, arithmetische, astronomische Abhandlungen heraus u. s. w. Im Jahr 1719 ward er von der Königin mit dem Namen Swedenborg geadelt, trieb die Chemie, bereiste die schwedischen Bergwerke, 1721 auch die sächsischen und den Harz. Seit 1729 war er ein Mitglied der königlichen Societät in Schweden, vollendete im Jahr 1733 seine Opera philosophica et mineralogica , die er 1734 in drei Foliobänden mit 155 Kupferstichen ans Licht stellte. Die französische Akademie der Wissenschaften hat daraus zu ihrer Geschichte der Künste Swedenborg's Werk vom Eisen als das beste in dieser Materie übersetzt. In diesen »philosophischen Werken« entwirft Swedenborg ein tief durchdachtes Natursystem, mathematisch, mechanisch. Ein im Unendlichen gegebener Punkt, mit allen Kräften ausgerüstet, soll durch eine innere Spiralbewegung der Kräfte alle Bewegungen, alle Gestalten der Thätigkeit hervorbringen, die Swedenborg in Elemente ordnet. Elasticität, der Magnet, der Aether, die Luft, Dünste u. s. w. sind diese Elemente, die er sodann bis in das Reich der Organisationen verfolgt. Im Jahr 1740, 1741 gab er seine »Oekonomie des Thierreichs« Oeconomia regni animalis .Lond. 1740. 1741. – H. heraus, ein Werk voll Belesenheit und eigner Gedanken. In ihm ordnet er nach Reihen und Stufen die Naturreiche zu einer Harmonie , die er constabilirt nennt, wo in jeder aus dem Einfachsten eine Wirkung sich durch die ganze Reihe verbreitet. Daß diese Ansichten der Natur als Denkbilder des Verstandes ihm zur Gewohnheit wurden, war natürlich; Reihen und Stufen der Dinge nach Übereinstimmungen , aus dem Einfachsten geordnet, sah er allenthalben in der Schöpfung; eine constabilirte Harmonie war sein Hauptgedanke. Nachdem Swedenborg solchergestalt sich durch die ganze sichtbare Natur durchgedacht, durchversucht, durchgearbeitet hatte, geliebt, geehrt und geachtet von allen Verständigen seines Vaterlandes, legte er im Jahr 1747 sein Amt mit Beibehaltung seiner Besoldung nieder. Denn schon im Jahr 1743 war ihm, wie er sagt, der Herr erschienen, hatte ihm das Innre aufgethan und die Geisterwelt eröffnet, auch verstattet, mit Engeln und Geistern zu sprechen, in deren Umgange er fortan bis an seinen Tod lebte. Er sähe sich als eine Verbindung zwischen der Geister- und Körperwelt , diesen Umgang sogar als ein Amt an, das ihm der Herr aufgetragen, und zeigte dabei weder einen anmaßenden Stolz noch eine Schwäche des Verstandes. Kein Prahlen machte er davon, wußte aber, wenn er darüber gefragt ward, auch die Spötter in Achtung zu erhalten. Fröhlichen, stillen Gemüths erschien er Jedem, der ihn näher kannte, wirklich als Einer, »der mit Engeln umgeht«, d. i. als Muster ungeheuchelter Frömmigkeit, Güte und Wahrheit. Der Stil seiner Schriften ist schmucklos; oft sehr naiv erzählt er die Unterhaltung mit diesem und jenem Geist und deren Wirkung auf ihn; von einem Truge, den er Andern wissentlich machen wolle, ist, wenn man ihn hört, nie die Frage. Mithin war Swedenborg ein Selbstbetrogner ?« Das war er. Da aber dies Wort bald gesagt ist und ähnliche Selbstbetrüge , d. i. Mißbräuche der Phantasie, in Köpfen nisten, wo man es kaum erwartet, so lasset uns an diesem berühmten Beispiel der Quelle des Betruges näher treten. Swedenborg's treue Relation in allen seinen Schriften giebt uns darüber warnenden Aufschluß! ––––– Psychologische Erklärung der Swedenborg'schen Geschichte. 1. Von Jugend auf denken wir in Bildern ; Worte bringen Gestalten vor unser Auge. Diese Bilder erweckende Kraft nennen wir Phantasie , ohne welche aber auch der Verstand nicht wirkt. Glücklich, wem sich früh und immer wahre Gestalten eindrückten, nicht Phantome, nicht falsche Denkbilder geschriebner Worte! 2. Die Bilder schaffende Kraft in uns und bei Andern ins Spiel zu setzen , haben wir ein eignes Vermögen. Dichter thun es, Maler, Tonkünstler, Redner. Ihre Kunst führt darauf und ist daher erwachsen. Wer keine Idole hervorbringen kann, sagen wir, ist kein Dichter; je leichter er sie, oft nur mit einem Wort, hervorbringt, je natürlicher, länger und lieblicher sie sich bei uns wie einst bei ihm verweilen, desto mehr ist er im Besitz des magischen Stabes . Ihr Künstler aller Art, gebet uns wahre, schöne Idole! 3. Aber auch ohne Kunst schaffen Neigung, Leidenschaft und Gewohnheit dergleichen Bilder. Aus und nach Neigung findet sich jeder Mensch in einer eignen Sphäre von Gestalten, gemein und niedrig, oder schön und edel, die er als Bekannte aufruft. Was wir fixe Ideen nennen, sind dergleichen; ein Wort regt sie auf, ein Umstand bringt sie hervor, und an ihnen hangt eine Welt von Nebenumständen. Leidenschaft , als eine erhöhte Neigung, wirkt also mächtig auf die Ideengebärerin, die Bilder schaffende Phantasie, oft unüberwindlich; denn unmerklich schafft diese und liebt Gewohnheit . Lasse man seiner Einbildungskraft Raum und Zeit, an diesem Ort, zu jener Zeit nur solche und keine andre Bilder hervorzurufen und an sie mit Wohlgefallen zu denken, sie kommen, von Zeit und Raum untrennbar, wieder. Heilige und Verliebte haben dies gnugsam erfahren, gnugsam geübt. 4. Wenn also aus dem Quell der Neigungen unsre Idole aufsteigen, wo quillt dieser Quell am Vollsten, am Reichsten? Im Thal der Jugend. Da schöpften wir die neuesten Bilder; am Tiefsten drangen sie damals in uns, und wie einen verborgenen Schatz bewahrt das Herz sie. Gern steigen sie in Träumen empor und verweben sich sonderbar mit spätern Gestalten; denn nach und nach entgeht der Seele diese Kraft neu zu erzeugender Bilder; sie stützt sich gern auf ihre altern Freunde. Der Greis spricht am Liebsten von Jugendzeiten, in deren Erinnerung er wieder Jüngling wird; die Wiederholung derselben ist ihm ein Traum des Wirkens , ein unterhaltendes Far niente . Da nun diese ältlichen Reproductionen das Rohe der Jugend abgelegt haben (längst entschüttelten dies die Jahre) und das körperliche Bild jetzt in einer geistigen Gestalt gleichsam verklärt da steht, so wächst die Täuschung. Wir würden uns, wir würden die Gegenstände unsrer jugendlichen Neigung oft nicht kennen, wenn wir sie in ihrer ächten, ersten Gestalt sehen sollten. Wir nennen dies die Poesie des Lebens , die, mit Maß gebraucht, zu unserm Glück beitragen, im Uebermaß aber uns zu süßlichen Thoren machen kann, wie jedes andre Blendwerk. 5. Wenn die Phantasie ihrer Natur nach eine so vergeistende Zauberin ist, indem sie das Schwere sinken läßt und das Leichte hebt, indem sie der Mühe vergißt und nur der Anmuth gedenkt: so macht sie natürlich in reinen Herzen einem Himmel Raum, von welchem man die Hölle scheidet. Jene hellen Gestalten, die auf dem Wege unsers Lebens uns schuldlos erfreuend die Hand boten, malt die Phantasie als Engel und Heilige; das Wilde dagegen, das auch seine Schwere abgelegt hat, schwebt als ein schwarzer Schatte vorüber. Wie der Mensch zwischen Freude und Leid, zwischen guter und böser Erinnrung einhergeht, so fliegt rück- und vorwärts die Einbildungskraft zwischen zwei Extremen, Licht und Dunkel. Es kommt darauf an, wie man sie ansehe und ordne. Jeder ordnet sie nach seinen Lieblingsbegriffen; das ruhigere Alter sollte sie sanft, verständig ordnen. Im Fieber haben wir Fieberträume; eine gesunde, schöne Seele malt schön und rein. Auch den lieblichsten Gestalten giebt sie Maß und Entfernung. 6. Wie es endlich mit den materiellen Bildern zugehe, die, wenn sich unser Organ ermattet schließt, ohn' unsern Willen und ohne an sie geheftete Gedanken, langsam oder schneller vor uns treten, kürzer oder länger vor uns verweilen und wunderbar wechseln: dies Problem möge der Physiolog auflösen. Gnug, um uns Swedenborg's Engel- und Geisterreich Blatt für Blatt zu erklären. Man lese das Folgende als einen Roman seiner Seele . ––––– Ihm, dem Sohn eines frommen Bischofs, waren Religionseindrücke nach damaliger Zeit, also Himmel und Hölle , in der Moral Glauben und Liebe die ersten, die innigsten worden; man sieht auch genau, gegen welche Meinungen der spätere Swedenborg kämpfte, die er in seinem Geisterreich also anders modificirt. Die Dreifaltigkeit z. B. im groben Begriff, das Eins als Drei, Drei als Eins, lasse sich in seinem Himmel der Wahrheit, wie er sagt, nicht aussprechen, indem es die Engel für einen Widerspruch halten. Swedenborg's Secte nimmt den ewigen Vater subststirend im Sohn an; bildlos mochte er sich keinen Gott denken. Als Naturalisten und Pantheisten verbannt er Die aus dem Himmel, die ihn sich bildlos dachten; sein Himmel und aller Himmel haben die Gestalt des Herrn , d. i. Menschengestalt. Die hat jeder Engel, jede Gesellschaft der Engel, deren Neigungen und Kräfte nach Functionen der Glieder bestimmt sind: alle nach dem Lieblingsbilde einer constabilirten Harmonie , die Swedenborg in der Haushaltung des organischen Lebens gefunden hatte, configurirt. So spielt die Phantasie mit uns nicht nur in dichterischen, sondern auch in wissenschaftlichen Träumen. Hieraus erklären sich Swedenborg's zwei Reiche der Himmel: das Reich des innigen Gemüths , d. i. des wahren Menschen, mithin der höchsten Seligkeit , der Liebe ; nach und neben ihm das Reich der Erkenntnisse , des Wahren , des Glaubens . »Aus dem Willen«, meint er, »wirke der Mensch; Gemüth sei der Stamm und die Wurzel seines Daseins. Liebe werde Wahrheit, wenn sie, ohne Rücksicht auf sich, thätig und selig in allen Kräften wirke«. Nicht leicht stärker kann der Vorzug des Gemüths vor dem blos forschenden, wißbegierigen Geist gezeichnet werden, als Swedenborg ihn durch die Trennung dieser Himmel gezeichnet hat. »Die Sphäre der Liebe verbreitet die innigste Seligkeit, die größte Wirksamkeit, Eintracht und Freude.« Ist auch unter Menschen dem nicht also? »Jeder Mensch und Engel hat seinen Himmel in sich und verbreitet ihn um sich durch eine mächtige Sphäre.« Neigung und Abneigung , die, auch in der Entfernung sogar, auf die Empfindungen Andrer wirkt, trennen Swedenborg's nie vermischte Gesellschaften des Himmels; dort wie hier fliehen oder suchen sich die Wesen, verschieden von einander, und bei aller Mannichfaltigkeit ein Ganzes durch Gemüth, Kenntnisse und thätige Liebe. Wie andre Weltweise, jener eine Sonnenstadt, dieser eine Platonische Republik träumte, so spiegelt Swedenborg, der zu weltklug war, als daß er politische Träume ausspinnen wollte, eine Himmelswelt aus sich heraus, in der das Menschliche im Menschen, Wahrheit und Güte, entnommen dem Irdischen, wirkt, eine Oeconomia coelestis . Der Ausdruck, mit dem er seinen Zustand bezeichnet: »sein Innres sei aufgethan worden«, ist der eigentlichste in einem andern Verstande. Denn allerdings geht sein Innres , sein Ideal menschlicher Natur und Güte in seinen Träumen hervor. Hätte Swedenborg eine Moral geschrieben, würde er sie auf dieselben Normalbegriffe, Wahrheit und Güte , gebaut haben. Die Geheimnisse , die er in der Geisterwelt entdecken wollte, sind in jedes Menschen Geist und Herz geschrieben. »Wie sprach Swedenborg also mit seinen Engeln?« Wie man mit seinen Gedanken spricht; Engel und Geister waren seine Gebilde. Nur personificirte er wissentlich sie nicht; als Visionen waren sie vor oder in ihm; dieser Zustand war Krankheit. Eine gefährliche Krankheit, weil in sie der Uebergang so leicht ist. In manchen Zuständen des Gemüths sind Menschen der Vision nahe; Neigung und Leidenschaft kann sie fördern. Wahrscheinlich war Swedenborg durch starke Intention der Gedanken, die auch in seinen wissenschaftlichen Werken herrscht, allmählich zu ihr gelangt und hatte sich, da ihm dieser Umgang, ein Gedankenspiel, eine Seelen- und Gemüthsdichtung, angenehm war, darin geübt . Deshalb zog er sich in die Einsamkeit und befand sich also in seinem Himmel, Organ und Confabulist der Engel und Geister, ihr idealischer Mitbruder. Den Zustand, in dem er sich dabei befand, hat er selbst treu geschildert. Er war von dreifacher Art. Der gewöhnliche, ruhige, in dem er mit Geistern sprach, diese vor und neben ihm erschienen oder in Theilen seiner selbst fühlbar wurden. Der zweite, seltnere, eine Entzückung, in welchem alle Sinne bis aufs Gefühl außerordentlich lebhaft wirkten. Der dritte, da er, vom Geist fortgerissen, in schneller Zeit unzählige Oerter und Gegenstände sah, der seltenste. Alle drei Zustände kennen wir nicht nur aus Träumen und Krankheiten, sondern auch gesund und wachend aus Zuständen, in denen unsre Phantasie lebhaft wirkt. Swedenborg's Himmelsgeheimniß war, daß er diese Phantasien, bei ihm aus seinem innersten Sein entsprungen, mit Ueberzeugung sah und glaubte; diese Ueberzeugung realisirte ihm die Erscheinungen im Innern und stellte sie gegenwärtig den Sinnen dar. Himmel und Hölle waren aus und in ihm, eine Laterna magica seiner eignen Gedanken. Sehr getäuscht finden sich also Alle, die in diesen Gesichten Aufschlüsse für ihre Neugierde suchen; z.B. was Sokrates, Cicero, Luther u. s. w. mit Swedenborg gesprochen haben mögen. Alle sprechen aus ihm und wie er, wie er aus seinem Innern hinaus sie sprechen machte. Also durchaus eintönig; daher das Lesen dieser Schriften so sehr ermüdet. Vertraute Swedenborg's müssen es sogar gewußt haben, von wem dort und hier das Bild oder die Aeußerung des erscheinenden Geistes unwissentlich abgezogen sei; so treu und genau zeigt sich der Seher mit allen Mängeln und Vorurtheilen seiner Individualität , nach Zeit, Sitten, Religionsmeinungen, Lieblingsideen, ja in seiner geheimsten Organisation selbst . Man sieht, welche Sinne bei ihm die zartesten, welche dagegen minder ausgebildet gewesen. Musicalisch war er eben nicht; dagegen kommen über Sprache, Gestaltungen, Geberden, über Neigungen und Wirkungskreise der Sinne, vorzüglich des Geruchs, über Lohn des moralischen, Strafe des unmoralischen Gefühls so seine Bemerkungen vor, daß man oft wünscht, Swedenborg wäre Dichter gewesen, dies Alles in Handlung zu setzen oder, wie Dante, zu zeichnen. Er bleibt aber ein redlicher Prosaist, ein wiederholender Erzähler. Der Unterschied seiner Planetengeister z. B. ist aus den Metallen gezogen, die mit jenen Weltkörpern einerlei Bezeichnung haben; aus dem Quecksilber werden die Geister des Mercur's, aus Blei die Geister Saturn's charakterisirt u.s.w. Die Träume dieses Geistersehers durch neue Träume einer fremden Metaphysik zu erläutern, wäre ein überflüssiges gutes Werk; das Nöthigere scheint, sie aus dem Träumenden selbst zu erläutern, da sie seine Metaphysik sind; Metaphysik seines sämmtlichen Wissens, Empfindens, Denkens, Hoffens, Thuns und Lebens, durch einen Mißbrauch seiner Phantasie entstanden und durch ihn fortwirkend. »Wie aber? hat Swedenborg aus seinem Geisterreich nicht sonderbare Nachrichten und Aufschlüsse gebracht? z. B. in welchem verborgnen Behältniß jenes Papier stecke? daß in Stockholm jetzt ein Brand sei, ob er gleich damals in Gothenburg war? das geheime Gespräch, das die Königin mit ihrem verstorbenen Bruder voreinst in Charlottenburg geführt?« Vom Himmel und der Geisterwelt. Vorbericht. – H. Erzählungen der Art begründen nichts, da Swedenborg selbst kein Neuigkeitforscher aus jener Welt, sondern ein Bote des geistlichen Sinnes der Schrift sein wollte; überdem sind sie aus der trüben Quelle von Hörensagen geschöpft. Und dann, wie weit reicht in unsrer Seele das dunkle Land der Vermuthung , der Ahnung ? Sagt uns nicht oft ein Traum, worüber wir wachend lang, aber vergebens nachsannen und speculirten? Und ein verständiger Mann, der vor allen andern sein Traumvermögen in Thätigkeit gesetzt hat, auch wachend muß er viel austräumen . Wenn ein Kopf in Dr. Gall' s Sammlung zu dessen Beobachtungen zu wünschen wäre, so ist's Swedenborg's. Es scheint ihm Jahre gekostet zu haben, bis sein Trieb Fertigkeit ward und sich ihm das Geisterreich aufthat. Und fast dreißig Jahre hat er diesen Trieb geübt. – H. Ernst und bedeutend winkt Adrastea den Menschen durch Swedenborg zu, auch fromme Gedanken, biblische Sprüche und Bilder, einen geistigen Sinn der Schrift u. s. w. nicht über Maß und Ziel zu führen ; das zarte Geschäft wird bald Müssiggang der Gedanken, langweiliges Spiel, Wahnsinn . Sie winkt uns zu, keiner Imagination einen unbegrenzten Raum zugeben, auch die reinsten Ideen des Wahren und Schönen dergestalt nicht in Bilder zu kleiden, als ob diese die Wahrheit selbst wären; bei der redlichsten Gesinnung wird durch sie der Selbstbetrogne ein Wahnsinniger, ein Verführer. Endlich zeigt sie uns, daß der ganze Reichthum wissenschaftlicher Kenntnisse, zumal wenn diese den Geist ermattet haben, nicht vor dem Truge bewahre, wenn diesen das ungesättigte Herz begehrt. Offenbar war Swedenborg's Fehler, daß er, ermüdet von wissenschaftlichem und Staats-Unfug, die Kette der Natur, die irdische Oekonomie verließ und sich geistig isolirte . Seinen starken Organen war damit Raum gegeben; er schuf sich die Welt, die er in Gesetzen der mechanisch-animalischen Natur gefunden hatte und sonst nirgend fand, moralisch-geistiger Weise in himmlischen Träumen. Warnend ist auch für die Metaphysik dies Beispiel; denn treibt unser neuere Idealismus mit seiner Phantasie nicht auch dergleichen, sogar bloße Buchstabenspiele? Hat das verwichene Jahrhundert nicht eine Reihe Geisterseher hervorgebracht, die, in Ansehung einer constabilirten Harmonie , Swedenborg bei Weitem nicht an die Seite zu setzen wären? Hier folgte noch »Himmel und Hölle. Zum Theil nach Swift« (Herder's Werke, III. S. 370 f.), und den Anfang des ersten Stückes des vierten Bandes der Adrastea bildete »Der entfesselte Prometheus. Scenen« (daselbst, II. S. 141- 158). – D. VI. Unternehmungen des vergangenen Jahrhunderts zu Beförderung eines geistigen Reiches. ––––– 1. Chistianisirung des chinesischen Reiches. Der Anfang des vorigen Jahrhunderts fand die europäischen, besonders die römischen Christen in großer Erwartung; ein Welttheil, wie das Kaiserthum China ist, der schlaueste Welttheil Asiens, war auf dem Punkt, christlich zu werden, oder war, so glaubten Viele, es schon geworden. »Welch ein Gewinn«, sagte man, »für den Himmel! Welch ein Gewinn für Europa in Ansehung der Wissenschaften und – des Handels!« Zu bald zerging diese Hoffnung. Frühe nämlich war das Christenthum schon in das ferne China gedrungen und hatte daselbst in die Religion der Bonzen wahrscheinlich mitgewirkt. In den neueren Jahrhunderten, seit Missionen nach Asien geschäftig waren, hatte es der Verschlossenheit des Landes ungeachtet auch hieher an Emissarien nicht gefehlt. Insonderheit waren die Jesuiten ebenso klug als thätig; sie ergriffen das einzige und edelste Band, das sie mit Kaiser und Reich verknüpfen konnte, das Band der Wissenschaften , der Künste . Versagen kann man ihnen den Ruhm nicht, daß seit dem Pater Ricci , Im Jahre 1583. – D. der ihr Ansehen dort eigentlich gründete, sie eine Reihe gelehrter, weltkluger, unverdrossener Männer dahin gefördert, die auch Europa mit Kenntnissen dieses großen Reichs und seiner anliegenden Länder, mit Kenntnissen ihrer Sprache und Bücher, ihrer Verfassung und Gebräuche sehr bekannt gemacht haben. In Europa selbst kennen wir manchen Staat weniger als China. Nun war zwar währender Der Kaiser Kang-Hi starb 1722. – H. Vormundschaft des unmündigen Kaisers Kang-Hi Aeltere Ausdrucksweise, wie sie Herder öfter gebraucht. – D. durch einmüthigen Schluß der Reichsstände das Christentum für falsch und dem Reich schädlich erklärt, auch bei Leibes- und Lebensstrafe verboten. Den angesehensten Vorsteher desselben, den Jesuiten Schall , hatte man ins Gefängniß gelegt und die Verfolgung gegen christliche Mandarine weit getrieben. Seit Kang-Hi selbst aber auf den Thron kam und aus Liebe zu den europäischen Wissenschaften auch ihre Lehrer liebte, seit er im Jahr 1692 die christliche Religion für gut, seinem Reich heilsam, seinen Unterthanen erlaubt erklärt hatte, den Jesuiten eine prächtige Kirche baute, eine Gesandtschaft an den Papst schickte u. s. w.: in wie großer Hoffnung lebte man, die Bekehrung des Kaisers und nach ihm des ganzen Reichs erwartend! Diese folgte nun zwar bis an seinen Tod nicht; Im Jahr 1664. – H. da die fremde Religion indeß während seiner langen Regierung im Reich geblüht hatte, und der Kaiser, trotz aller Feindseligkeiten, die andere Orden den Jesuiten durch den römischen Hof selbst erregten, seinen Freunden treu geblieben war, so hoffte und wirkte man fort. Unglaublich ist die Geduld, die der Monarch gegen die Eingriffe Rom's in die Rechte seiner Herrschaft erwies, indem er sie jederzeit nur gesetzmäßig zurücktrieb oder lähmte, übrigens aber den Papst für »unverständig erklärte, daß er in einem ihm fremden Lande gebieten wolle und über gesetzliche Gebräuche seines Reichs dem Kaiser selbst nicht glaube«. Durch wie kleinfügige Streitigkeiten machte man die große Unternehmung zunicht, um welche sich damals die Jesuiten so viele und so feine Mühe gaben, da sie blos ein Cerimoniel betrafen! Tien z. B. heißt der Himmel in jener Sprache, mit welchem Wort die Chinesen auch Gott benennen; statt dessen sollten sie christlich Tien-Chu , »Herr des Himmels«, sagen. Die Ehre, die man dem Andenken des größten Lehrers der Nation, Kung-Tse , den wir Confucius nennen, und dem Andenken der Vorfahren überhaupt nach einem unverbrüchlich gesetzlichen Landesgebrauch erwies, sollte theils abgeschafft, theils verändert, von den Täfelchen der Vorfahren z. B. die Überschrift ausgelassen und nur der Name derselben darauf bemerkt werden u. s. w. Welche unselige Mühe man sich über Dinge dieser Art gemacht, wie bittre Streitigkeiten darüber geführt, welche Bibliotheken für und wider geschrieben worden, wäre unglaublich, wenn es nicht vor Augen läge, so daß der Papst selbst zuletzt alles Schreiben darüber verbieten mußte. Und welche Gesandtschaften von Rom nach China, von China nach Rom! welche Congregationen in Rom! welche Machinationen in China! da dann, wie gewöhnlich, die französischen Fechter die lautesten, Maigrot, Tournon u.s.w. – H. die Italiener, Mezzabarba z.B., die vorsichtigeren waren, indem jene sich den Sitten dieses Reichs zuwider ebenso unklug als unverständig benahmen, überhaupt aber in Rom selbst die Sache sehr unchinesisch behandelt ward. Könnt Ihr die Sprachorgane einer Nation ändern? Wenn der Chinese z.B. den Namen Maria nicht aussprechen kann, weil ihm Buchstaben in seinem Alphabet fehlen, Dem Chinesischen fehlt mit Ausnahme einiger Mundarten das r. – D. die er nach seiner von Kindheit an gewohnten Mundart verändert, wer will es ihm wehren? Ebenso wenig könnt Ihr seine Vorstellungsart ändern, die an Gebräuchen und Cerimonien haftet; denn auch diese sind eine Sprache und in China mit dem Staat sowol als der Moral innig verwebt. Vom kindlichen Gehorsam geht dort Alles aus. Durch alle Stände bis zum Oberhaupt des Staats, ja bis auf die entferntesten Vorfahren verbreiten sich diese Cerimonien und Pflichten. Ihre Buchstaben, ihre Regeln und Sprüche, ihre klassischen Bücher, ihre häuslichen und öffentlichen Gebräuche, ihre Lebens- und Staatsweise ist auf dies Principium gegründet, ist darnach geordnet. Entweder mußte also der christliche Katechismus den heiligen Büchern gemäß, d.i. classisch gemacht werden, oder er blieb der Nation unverständlich, unannehmlich. So auch mit den Gebräuchen. Der an sein Land, an die Sitten seiner Vorfahren gefesselte, von aller Welt abgeschlossene Chinese ist ganz ein Chinese und wird es wahrscheinlich noch Jahrtausende hinab bleiben. Sobald Kang-Hi starb, verbot sein Nachfolger Yong-Tsching das Christenthum, ließ im ganzen Reich, Peking ausgenommen, die Kirchen niederreißen und verfolgte die Christen, deren Anzahl die Jesuiten damals auf 300,000 angaben. Der Kaiser schrieb selbst einen Unterricht in der Religion für sein Reich. Der gute Kien-Long, Nachfolger Yong-Tsching's, der seit 1734 das Jahrhundert hinaus ebenso billig und gerecht als klug regiert hat, liebte zwar die Wissenschaften der Europäer, sofern sie ihm in seinem Reich nützlich schienen, duldete auch das Christenthum in Peking, ja gab einigemal günstige Befehle für die Christen in den Provinzen. Da diese aber immer gemißbraucht wurden, schloß er endlich die Kirchenfreiheit auf einige bestimmte Plätze seiner Residenz ein, hielt den fremden Gottesdienst als gefährlich unter strengem Gehorsam seiner Reichsgesetze und ließ die Fremden überhaupt nie ohne sorgsame Aufsicht. So lange die Beherrscher Chinas wie Kien-Long denken, wird kein europäischer Cultus in China aufkommen, zumal der nicht, der sich durch Anmaßungen und Unruhen dem Reich so feindlich gezeigt hat. An wie viel Verbannungen, Gefängnissen und Stockschlägen christlich gewordner Mandarine sind die fremden Bekehrer Schuld gewesen! Und wofür litten diese Bekehrten? Für fremde Worte und Gebräuche. ––––– Der einzige Gewinn, der Europa durch diese Bemühungen worden ist, sind Kenntnisse, die gewissermaßen die Ost- und Westwelt binden. Französischen und deutschen Jesuiten, den Vätern Gerbillon, Gruber, Couplet, Noel, Verbiest, du Halde, Amyot u.s.w. haben wir Mancherlei zu danken, wodurch Geist und Fleiß europäischer Gelehrter zum Studium der dortigen Sprache und Literatur, der dortigen Zeitrechnung, Astronomie, Geschichte, Naturgeschichte u.s.w. erweckt sind. Der einzige Deguignes hat hierüber so viel geleistet als eine chinesische Akademie; auch die von Pauw erregten Streitigkeiten über die Chinesen haben durch die Beantwortungen der Väter von dort aus zu mehrerem Licht geleitet. Die Philosophie, vorzüglich die politische Sittenlehre jener Nation hat in Europa vielen Beifall gefunden; Leibniz, Bilfinger, Wolff nahmen sich ihrer in Deutschland an, der Letzte fast mit einem ihm sonst ungewohnten Enthusiasmus. S. Rede von der Sittenlehre der Chinesen, in Wolff's »Kleinen philosophischen Schriften«, Theil 6. – H. In Frankreich sind die classischen Bücher der Chinesen in jedem Format erschienen, wie sich denn die chinesische Weisheit in französischer Sprache beredt und artig ausnimmt. Die Belehrungen der Kaiser an ihr Volk, die Antworten derselben an ihre Staatsdiener sprechen oft so väterlich als majestätisch, Siehe außer den bekannt gemachten classischen Büchern der Chinesen und des P. du Halde Beschreibung von China, die Mémoires, concernant l'histoire, les sciences, les arts, les moeurs, les usages des Chinois par les missionnaires de Pekin. Paris 1776 u.s.w. – H. und das Lob der reinsten Sittenvernunft kann man ihnen schwerlich versagen. Wer sich über den Fortgang der europäischen Wissenschaften in China am Lebhaftesten gefreut hatte, war Leibniz; der große Mann sah ihre Verpflanzung aus der West- in die Ostwelt mit dem umfassenden Blick an, der dieser Erscheinung gebührte. Novissima Sinica, historiam nostri temporis illustratura. Edente G. G. L. 1697. – H. Den Umsturz seiner Hoffnungen erlebte er nicht; in den Streitigkeiten, die ihn vorbereiteten, war er stets auf Seiten der vernünftigen, billigen, gelinderen Meinung. ––––– Was lehrt dieses Ereigniß, das so weitaussehende Hoffnungen auf einmal hinwarf? Die bekannte Regel der Nemesis: »Wodurch Jemand sündigt, dadurch wird er gestraft.« Despotische Macht stritt hier gegen despotische Macht, Gebräuche gegen Gebräuche; natürlich mußten in China die Römischen unter den alten ewigen Reichsgebräuchen, die Macht des Römischen Bischofs unter der Gewalt des Kaisers, der Oberpriester seines Reichs, ein Sohn des Himmels ist, erliegen. Wenige Pinselstriche eines kaiserlichen Edicts endeten den Handel; die zankenden Mönche erreichten ihren Zweck, und sofern hatte ihr Neid nicht übel gerechnet. Ob das angetretene Jahrhundert einholen werde, was das vergangene so schnöde verlor, ist eine mißliche Frage. In Ansehung der Freiheit stehn in China die Christen hinter Juden und Mohammedanern. Einen Zug indeß macht der politische Scharfsinn der Jesuiten für alle Zeiten merkwürdig und vielleicht für die künftigen brauchbar. Als gelehrte Mandarine galten sie. Giebt's für europäische Missionare einen edleren Namen? Ist's ihre reine Absicht, Völker aufzuklären, das Wohl der Reiche nicht zu untergraben, sondern durch Wissenschaften und Sitten auf dem Grundstein ächter Menschlichkeit zu sichern, welchen Namen können sie edler führen, welch Amt ehrenvoller verwalten, als das Amt gelehrter, sittlicher Mandarine? Dann fliegt der Schwan, den dort die Patres aus kaiserlicher Huld als Ehrenzeichen an der Brust tragen, gen Himmel und singt den Völkern der Erde süßen Gesang. Hier folgte in der Adrastea zunächst »Das Buch der gerechten Mitte, Tschong-Yong genannt« (in Herder's Werken, VI. S. 229–234 abgedruckt), darauf die »Exempel der Tage«, 1–8 (daselbst, S. 235–244). – D. ––––– Beilage. Montesquieu von den Chinesen. Esprit des lois , L. XIX. Chap. 17. 18. – H. Die chinesischen Gesetzgeber gingen weiter (als Lykurg ); Religion, Gesetze, Sitten und Lebensweise mischten sie in einander. Die Vorschriften, welche diese vier Hauptpunkte betrafen, nannte man heilige Gebräuche ; auf der genauen Beobachtung dieser Gebräuche beruhte die chinesische Regierung. Montesquieu sagte, dadurch habe die chinesische Regierung gesiegt. – D. Mit Erlernung derselben brachte man seine Jugend zu und verwandte seine ganze Lebenszeit darauf, sie in Ausübung zu bringen. Die Gelehrten gaben darin Unterricht, die Obrigkeiten predigten sie; und da sie alle kleinen Handlungen des Lebens umfaßten, so wurde, wenn man Mittel fand, sie genau ins Werk zu richten, China gut regiert. »Zwei Dinge halfen dazu, diese Gebräuche dem Herzen und Geist der Chinesen leicht einzuprägen. Das erste ist ihre Schreibart. Da diese äußerst zusammengesetzt ist, so machte sie, daß während einem großen Theil des Lebens der Geist einzig beschäftigt war, diese Gebräuche kennen zu lernen, weil man lesen lernen mußte, um in Büchern und aus Büchern diese Gebräuche zu lernen. Das zweite war, daß diese Gebräuche nichts Geistiges enthielten, sondern blos Regeln einer gemeinen Ausübung waren; so trafen sie den Geist leichter und griffen tiefer in ihn ein, als wenn sie etwas Intellectuelles gewesen wären. – »Daher verlor China seine Gesetze nicht, als es erobert ward. Da Lebensart, Sitten, Gesetze und Religion bei ihnen eins und dasselbe waren, so ließ sich dies Alles nicht auf einmal ändern; und da doch Einer, entweder der Ueberwundene oder der Ueberwinder, ändern mußte, so war es in China immer der Letzte. Denn weil seine Lebensart und Sitten, seine Gesetze und Religion nicht eins waren, so ward es ihm leichter, sich nach und nach dem überwundnen Volk, als diesem, sich ihm zu bequemen. »Daher auch das Christentum schwerlich je in China aufkommen wird. Montesquieu bedauert dies ausdrücklich. – D. Die Gelübde der Jungfrauschaft, die Versammlungen ––––– der Weiber in den Kirchen, ihr nothwendiger Zusammenhang mit den Dienern der Religion, ihre Theilnahme an den Sacramenten, die Ohrenbeichte, die letzte Oelung, die Heirath einer einzigen Frau, Alles dies kehrt die Lebensart und Sitten des Landes um und stößt ebenso sehr gegen Religion und Gesetze des Reichs an. Die christliche Religion durch ihr Gebot der Liebe, durch ihren öffentlichen Gottesdienst, durch eine gemeinschaftliche Theilnehmung an den Sacramenten scheint Alles vereinigen zu wollen; die Gebräuche der Chinesen wollen, daß sich Alles sondre. »Und da diese Sonderung am Geist des Despotismus hängt, so wird damit auch eine der Ursachen klar, warum die Monarchie oder eine gemäßigte Regierung sich mit dem Christenthum besser vertrage als der Despotismus.« 2. Paraguay. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts stellten die Jesuiten dem spanischen Hofe vor, daß die unordentlichen Sitten und gegebnen Aergernisse der Spanier die größten Hindernisse des Fortganges ihrer Missionen seien; ohne solche würden sich die unbekanntesten Theile von Amerika zur Kirche, mithin unter den Scepter der katholischen Majestät wenden. Sie baten sich einen Strich Landes aus, wohin ohne ihre Erlaubniß kein Spanier kommen dürfte, und verpflichteten sich dabei nicht nur zu einer Kopfsteuer ihrer Heerde, sondern auch zu Stellung einer gewissen Mannschaft in des Königes Dienst. Sie erhielten dazu die Erlaubniß. So brachten sie zuerst funfzig wandernde Familien zusammen, die sie überredeten, sich bei ihnen niederzulassen. Sie kleideten sie, gewöhnten sie zum Ackerbau, unterrichteten sie in Handwerkern Aeltere Mehrheitsform. – D. und Künsten und erweiterten sich dergestalt, daß ihr Staat von 50 zuletzt auf 300,000 Familien stieg und sie 60,000 Mann gewaffneter, wohlgeübter Völker ins Feld stellen konnten. Verschiedne Völkerschaften gehörten zu ihm, zum Theil wilde und tapfre, andre sanft und kunstreich, unter denen die Guaranier die zahlreichsten waren, wie denn auch Guaranisch die Staatssprache dieses Reichs war. Nichts geht über die Ordnung, zu der die Väter Alles gewöhnt hatten, in Schlaf und Wachen, in Religionsübungen und Geschäften. Sogar eine Gemeinschaft der Güter war eingeführt; und doch ward Jedem die Arbeit, wozu er tüchtig war, so wie sein Lohn angewiesen. Fehler wurden väterlich bestraft, die Menschen überhaupt als Kinder behandelt; Ausschweifungen gab es fast keine. Die Väter geboten, die Amerikaner folgten; diese liebten ihre Abhängigkeit, auch wenn sie sich nach dem Tode sehnten. Denn fehlen konnte es nicht, daß Völker, die aus den Wäldern oder aus einem umherirrenden Leben in diesen der Sonne ausgesetzten Staat gezogen und gleichsam zur Ruhe gesetzt wurden, es häufig mit dem Leben bezahlten. Schleichende Fieber, Blattern und andre Krankheiten rissen Viele dahin; und auch diese murrten nicht. Man glaubt einen Traum zu lesen, wenn man die Einrichtung dieser Republik an Fest- und Werktagen, bei Hochzeiten, bei Arbeiten, Ernten und Lustbarkeiten nach den verschieden Jahreszeiten liest; die Art, wie sich der christliche Orden den Volksbegriffen der Amerikaner bequemte, war vielleicht unübertrefflich. S. das Schreiben des Jesuiten Juan de Escandos, imgleichen des P. Nußdorfer's in den »Beiträgen zur Geschichte von Paraguay«, Frankfurt und Leipzig 1768. 1769, desgleichen Dobritzhofer's »Geschichte der Abiponer«, Wien 1783, ein lehrreiches Buch. – H. [Vgl. Herder's Werke, X. S. 35; XIII. S. 584 ff.–D. Wer vermag zu sagen, was aus diesem Staat worden wäre, wenn er in der Stille hätte fortblühen und sich unbemerkt und ungestört erweitern mögen? Ueber Peru und Chili hin hätte er sich, vielleicht über das ganze innere Süd-Amerika verbreitet. Dazu aber hatte der Orden zu viele Feinde. Die Klagen sind bekannt, die mehrere spanische Bischöfe, unter andern der ehrwürdige Palafox über die Anmaßungen der Jesuiten laut geführt hatten; S. Palafox' Briefe an Papst Innocenz X. Frankfurt 1773. In der Sammlung von Schriften, die Jesuiten in Portugal betreffend (3 Bde. in 4°. 1761), sind mehrere gegen sie gerichtete Schriften gesammelt. Im zweiten Bande ist auch eine Karte ihres Paraguay ersichtlich. – H. und obgleich die Mitglieder und Freunde des Ordens diese Klagen lange unkräftig machten, kam doch eine Zeit, da das Eis brach. Als im Jahr 1752 zwischen den Besitztümern Spaniens und Portugals am Uraguay eine neue Grenzvertheilung vorgenommen werden sollte, vermöge welcher ein Theil des Staats der Jesuiten unter portugiesische Hoheit kam, wollten sie oder angeblich diese Völker sich nicht theilen und abtreten lassen. Es entstanden Unruhen und Aufstände, die man den Jesuiten Schuld gab; zwei Feldzüge mußten beide Mächte gegen Völker der Mission thun, die dann den portugiesischen Hof und dessen scharfsehenden Minister in ein solches Feuer gegen die Jesuiten setzten, daß nicht nur die traurige Zerstörung ihres Staats in Amerika, S. Dobritzhofer, Theil I. S. 41 f. – H. sondern bald auch ihre Vertreibung aus Portugal, dann aus Spanien, endlich die Aufhebung ihres Ordens selbst erfolgte. In Amerika lag der Keim dieser Aufhebung. Die Schätze, die man dort und allenthalben bei ihnen zu finden glaubte, die ohne Zweifel übertriebnen Gerüchte, die man von ihrem Handelszusammenhange durch die ganze Welt ausbreitete, ihre Unvorsichtigkeit endlich, sich aus diesem bisher fast versteckt gewesenen Winkel der Erde zwischen die besitzenden Mächte Europa's gedrängt zu sehen und Widerstand zu leisten: dies und Mehreres, woran der nach dem Könige von Portugal geschehene Schuß nicht Schuld war, beschleunigte ihr Verderben. So fiel das Reich, woran sie ein Jahrhundert gearbeitet hatten, in wenigen Jahren, und mit ihm alle die Hoffnungen, die man der Krone Spanien zugesichert hatte. Sic transit gloria mundi! S. Dobritzhofer's »Geschichte der Abiponer«, Nußdorfer und andre deutsche Jesuiten, die den Vorgang sehr unparteiisch erzählen. – H. Da indessen im Plan der Vorsehung kein Gutes verloren geht, so ist ohne Zweifel die Mühe, die der Orden an diese Völker gewandt, sie zur Ordnung und Arbeitsamkeit, zu Künsten, Handwerken und Manufacturen zu gewöhnen, auch nicht verloren. Die Folgen davon werden zum Vorschein kommen; es ist ein Baum, der in den Wüsteneien still wächst. Wie tapfre Nationen leben dort zwischen den Bergen, in jenen fast unbesuchten Einöden! Viele beritten, einige mit Feuergewehr begabt, voll Sinnes und Muthes. Den Missionen haben wir wenigstens Nachrichten von diesen Völkern wie von den Erzeugnissen des Landes, mithin auch manche nützliche Frucht und Arznei zu danken. Und bliebe der Name der Jesuiten in Allem verhaßt, was durch sie der Menschheit Gutes geleistet worden, bleibt immer ruhmwürdig und wird gewiß den Nachkommen ersprießlich. Auch dafür werden diese der Vorsehung danken, daß eben nicht auf jenem engen Wege Süd-Amerika christianisirt oder humanisirt worden. Freilich gingen die Jesuiten mit ihren Untergebnen anders um als die Spanier; aber vom Stande der Einfalt, in dem die meisten dieser Völker lebten, zu einer Jesuitenschule war der Sprung zu groß. Der natürliche Geist der Nationen erkrankte. ––––– Beilage. Montesquieu über Paraguay. Esprit des lois, L. IV. Chap. 6. – H. »Die alten Griechen, überzeugt von der Notwendigkeit, daß Völker, die unter einer Volksregierung leben, zur Tugend erzogen werden müßten, machten, um diese ihnen einzuhauchen, sonderbare Veranstaltungen. Wenn wir im Leben Lykurg's die Gesetze sehen, die er den Lacedämoniern gab, glauben wir die Geschichte der Severamben Ein bekannter Roman, der eine idealische Volks- und Sittenverfassung darstellt. – H. zu lesen. Die Gesetze von Kreta waren das Urbild der Gesetze Lacedämon's; Platon's Gesetze sollten sie verbessern. – »Das Außerordentliche, das man in den Anstalten der Griechen wahrnimmt, haben wir im Abschaum unsrer neuern verderbten Zeiten wiederkommen gesehen. Ein Gesetzgeber, der ein honneter Mann war, hat ein Volk gebildet, dem die Frömmigkeit ebenso natürlich scheint als der Muth den Spartanern. Penn ist ein wahrer Lykurg; denn obgleich Jener den Frieden, Dieser den Krieg zum Gegenstand hatte, gleichen sie sich doch in Ansehung der besondern Bahn, auf die Beide ihr Volk setzten, in Ansehung ihrer Gewalt über freie Menschen, in Ansehung der Vorurtheile, die sie überwanden, der Leidenschaften, die sie sich unterwarfen. » Paraguay stellt uns ein zweites Beispiel dar. Man hat einer Gesellschaft , die das Vergnügen zu herrschen als das einzige Gut des Lebens ansieht, ein Verbrechen aus ihrer Einrichtung daselbst machen wollen; immer aber wird es schön sein, Menschen zu regieren, indem man sie glücklicher macht. Die Indier in Paraguay stehen unter keinem einzelnen Gebieter; sie zahlen nur ein Fünftheil des Tributs und haben Feuergewehr, sich zu vertheidigen. (Anmerkung von Montesquieu). – H. »Glücklich für diese Gesellschaft, daß sie die erste gewesen, die in diesen Gegenden die Idee einer Religion, verbunden mit Menschlichkeit, zeigte! Indem sie die Verwüstungen der Spanier gut zu machen suchte, fing sie an, eine der größten Wunden zu heilen, die je das menschliche Geschlecht empfing. »Die feine Empfindlichkeit der Gesellschaft für Alles, was sie Ehre nennt, ihr Eifer für eine Religion, die den Zuhörer viel mehr demüthigt als den Lehrer, haben sie große Dinge unternehmen machen, und sie sind ihr geglückt. Zerstreute Völker hat sie aus Wäldern hervorgezogen, sie bekleidet, sie bekleidet steht bei Montesquieu hinter verschafft. – D. ihnen einen sichern Aufenthalt verschafft, und hätte sie nichts gethan, als daß sie die Arbeitsamkeit unter den Menschen vermehrte, so that sie viel. »Die ähnliche Anstalten machen wollen, werden nach Platon's Republik die Gemeinschaft der Güter einführen, die Hochachtung, die er für die Götter verlangte, und eine Absonderung von Fremden, die allein die Sitten erhält; den Handel wird der Staat treiben, nicht die Bürger; sie werden ihrem Staat unsre Künste geben, nicht unsern Luxus, unsre Bedürfnisse, ohne unsre Begierden. »Das Geld werden sie verbannen; denn es macht das, was die Menschen Glück nennen, über die Grenzen der Natur hinausgehn; es gewöhnt daran, unnütz zu erhalten, was man unnütz zusammengescharrt hat, vervielfacht ins Unendliche unsre Begierden und supplirt gleichsam die Natur, die unserm Vermögen enge Grenzen gesetzt hat, indem es Leidenschaften aufregt und Menschen durch Menschen verderbt. Montesquieu führt diese Stelle des Plutarch aus den »Fragen über griechische Gebräuche« (29) an. Plutarch spricht von dem Handel mit den Illyriern; jene Obrigkeit habe man Verkäufer (πωληταί) genannt. – D . »Als die Epidamnier merkten, daß durch den Umgang mit den Barbaren ihre Sitten verfielen, wählten sie eine Obrigkeit, die im Namen des Staats und der Stadt den Handel mit Fremden schlösse. Auf solchem Wege werden die Sitten vor dem Verderbniß bewahrt, und die Gesellschaft genießt zugleich die Vortheile des Handels«. 3. Am Nordpol eine christliche Aurora. Auch in die Gegenden, wo im Winter die Nacht sechzehn Stunden dauert, wo die Sonne zur Zeit des kürzesten Tages in sieben Wochen gar nicht über den Horizont kommt und nur am Mittag eine Dämmerung von wenigen Stunden veranlassen kann, in andere, wo sie anderthalb Monate hindurch gar nicht erscheint: auch in diese kalten, dunklen, mit Schnee und Eis bedeckten Gegenden kam mit dem Anfange des verflossenen Jahrhunderts ein Strahl der christlichen Aurora. Wohl ihnen, wenn sie eine Sonne der Erleuchtung und Erwärmung würde für diese dürftigen, in einer nackten Natur mit Sturm und Frost kämpfenden Menschenvölker! Im Jahr 1708 erinnerte sich Hans Egede, ein Prediger in Norwegen, nachdem er etwas über ein Jahr im Amt gestanden, einmal gelesen zu haben, daß in Grönland einst christliche Einwohner gewesen, von denen man jetzt nichts wisse. Er erkundigte sich bei einem Freunde zu Bergen, der öfters auf dem Walfischfang gewesen, nach dem jetzigen Zustande Grönlands und fühlte ein herzliches Mitleiden mit den seiner Meinung nach dort zurückgebliebenen, verfallnen Normännern, die er als Normann aufsuchen, denen er das Evangelium bringen müsse. Lange beängstete ihn dieser Wunsch; da er aber Frau und Kind, ja auch Anverwandte zu versorgen hatte, suchte er sich solchen aus dem Sinn zu schlagen. Vergeblich; ihn zwang sein Gemüth, im Jahr 1710 an die Bischöfe von Bergen und Drontheim zu schreiben, die ihm im Jahr 1711 antworteten und sein Vorhaben lobten. Jetzt ward sein Wunsch bekannt; Frau und Hausgenossen stellten sich ihm entgegen. »Ich bin wol recht unglücklich,« sprach sie, »daß ich einem Mann, der sich und mich ins Unglück stürzen will, mein Herz geschenkt habe.« Er stärkte sie, und bald war sie es, die ihn stärkte, die seinen sinkenden Muth erhob. Sein Vorhaben ward, sobald es bekannt wurde, verunglimpft, so daß der gute Egede sich darüber in einer Schrift entschuldigen mußte; »Schriftmäßige und vernünftige Resolution und Erklärung über die Einwürfe und Verhinderungen, den Vorsatz, die heidnischen Grönländer zu bekehren, betreffend«. 1715. – H. Hindernisse fand es die Menge. Indessen legte er sein Amt nieder, und glücklicherweise für ihn traf Karl XII. die Kugel vor Friedrichshall 1718; Dänemark bekam Friede. Jetzt gingen langweilige Händel mit den Kaufleuten an; denn neben der Missions- sollte auch eine Handelsgesellschaft nach Grönland errichtet werden; endlich trat er den 2. Mai 1721 mit seiner Frau und vier kleinen Kindern aufs Schiff, genannt die Hoffnung. Welche Mühe dies Schiff hatte, nur zu landen, welchen Anblick diese Menschen den Grönländern gewährten, welche Mühe es dem eifrigen Mann gekostet, ihre Sprache zu lernen, ihr Land kennen zu lernen, ihr Zutrauen zu gewinnen, endlich welche Uebel er erduldet, da die Colonie mehrmals verpflanzt werden mußte und bisweilen der Lebensunterhalt ausblieb: das Alles höre man aus seinem eignen treuherzigen Munde. Hans Egede, »Ausführliche und wahre Nachricht vom Anfange und Fortgange seiner Mission«, 1741. – H. Bei allen Hindernissen ließ indeß die Gnade des Königes Friedrich's IV. dies Werk nicht sinken, und im Jahr 1733 kamen drei Brüder der mährischen Gemeine an, die fortan ihm neues Leben gaben. Cranz, »Historie von Grönland«, wo im ersten Theil, Buch 4, auch Egede's Geschichte erzählt wird. Eine Schrift, mit dem ruhigen gesunden Verstande geschrieben, der überhaupt die Missionsberichte der Brüder auszeichnet. – H. ––––– Auch in Lappland bekam mit dem vergangenen Jahrhundert die Mission neue Wärme. Seit 1643 hatte sich der Bischof von Drontheim, Bredel, um sie Mühe gegeben; im Jahr 1707 sandte Friedrich IV. den Geistlichen Paul Resen durch Lappland, und im Jahr 1714 kam die Einrichtung zu Stande. Thomas von Westen war der erste thätige Mann in diesem Werk; und die Vorschriften der Missionare sind wahrhaft evangelisch. Gelindigkeit wird ihnen anempfohlen und menschliche Theilnehmung; die Lappen vom Aberglauben und dem Betruge der Zauberer zurückzubringen, sie vor dem schädlichen Branntwein zu bewahren, ihren Geist zu schärfen und ihnen sonst nützlich zu werden, ist außer dem Predigen die Pflicht der Missionare. Im Jahr 1752 stiftete König Friedrich V. zu Bergen ein lappländisches Seminarium, und die Mission dauert fort. Ihr haben wir unter Andern Knud Leem's Nachrichten über die Lappen, besonders über ihre Sprache, zu danken. Dänisch und latein, in 4°. Kopenhagen 1768. Deutsch im Auszuge (übersetzt von Gunner, Leipzig) 1770. – H. ––––– Was ist von diesen Missionen zu sagen? Die Güte der Absicht leuchtet hervor; die dabei gebrauchten Mittel ordnen sich, wie Alles, nach Ort und Zeiten. Der Freidenker hat gut sagen: »Was sollen den armen Grönländern und Lappen christliche Begriffe, die sie nicht verstehen, die für ihre Lebensweise nicht gehören? Ist ihnen der dogmatische Katechismus, sind ihnen, da sie nie aus ihrem Lande gekommen sind, die Bücher der Schrift, die Geschichten und Bilder aus Palästina verständlich? Ist die Religion, deren sie bedürfen, ihnen nicht ins Herz geschrieben? Wenn nun der ehrbare Grönländer, der ohne Gesetze und Obrigkeit sittlich lebt, wenn der thätige, muntre Lappe mit fremden, ihm nutzlosen Formeln und Gebräuchen lasterhafte Sitten, Krankheiten, Blattern, Branntwein und den Tod empfängt, hat er gewonnen oder verloren?« »Gehört dies zum Christentum?« wird der Gegner sagen; »zum evangelischen gewiß nicht.« Ihm sind die scholastischen Formeln und das Unverständliche aus Palästina ebenso fremde als ärgerliche Sitten und der völkeraufreibende Branntwein. Freilich gehört ein redliches Herz, ein heller Verstand und eine sanfte Hand dazu, diese Unmündigen zu erziehen, sowie ein wachsames Auge, sie vor Aergernissen zu bewahren; hat dies nicht aber der Stifter der Religion in Ansehung jedes Unmündigen, geschweige ganzer Völker empfohlen und die Laster des Gegentheils davon hart verpönt? Ist nun, wie die Geschichte zeigt, das Christenthum in der Hand der Vorsehung das große Band, alle Völker der Erde einander zu nähern und sie mit einander zu verbinden; soll diese Religion, wie es offenbar ist, nicht nur eine Schule, sondern auch eine thätige Werkstatt der Menschlichkeit sein: wer mag ihr Grenzen setzen, wohin sie nicht kommen dürfe? Indem sie in der einen Hand Werkzeuge bringt, der Menschen Leben zu erleichtern und zu verschönen, trägt sie in der andern die Palme stiller Tugend und Sanftmuth. Thäte sie in jenen Gegenden nichts, als Lappen und Grönländer vom Betruge der Angikocks befreien, ihren Verstand über die Natur, die um sie ist, aufklären, ihren Geist durch Schrift und Sprache behender machen und ihr vom Klima gedrücktes mühsames Leben durch ihnen nützbare Künste erleichtern: wie viel hätte sie gethan! Ueberhaupt sät der Ackermann seinen Samen; die Kraft der Natur erzieht und reift jeden in seiner Art. In der festen Einfalt manches Volkes keimt vielleicht, wenn die Vorsehung ihm eine reine, nicht verderbende Cultur zuführt, der Same zu Verfassungen, wie Minos und Plato, Fénélon und Berkeley sie kaum zu dichten vermochten; denn die reinste Natur ist allenthalben höchst einfach. Heil also den Völkern, zu denen ohne fremde Gebräuche eine rein menschliche Religion kam! Heil der milden dänischen Regierung, die ihre neubekehrten Völker unterstützt, nicht aber neue Lasten auflegt! Im Jahr 1729 sang ein Grönländer am Geburtstage des Kronprinzen, und der Chor sang ihm nach, also: S. Egede, »Beschreibung von Grönland«, Uebersetzung von Krünitz, Berlin 1763, S. 173. – H. Grönländischer Chor am Geburtstage des Kronprinzen. Heut am Morgen, als ich ausging,                Amna Ajah! Dieser Freudenruf des Chors wird immer wiederholt. – H. Sah ich aufziehn Flagg' und Wimpel, Hörte die Kanonen lösen; »Warum löst Ihr die Kanonen? Warum wehen Flagg' und Wimpel?« Fragt' ich, und sie sagten mir:                Amna Ajah!      »Königs Sohn ist heut geboren, Der nach seinem Vater König, Der wie er regieren wird; Darum wehen Flagg und Wimpel, Darum lösen wir Kanonen.« »Auf!« sprach ich zu meinen Freunden, »Lasset uns dem Königssohne Lieder singen, der einst unser König sein wird, wie sein Vater!                Amna Ajah! Priester sandt' uns dieser Vater, Egede ward von den Grönländern sehr verehrt. – H. Daß wir lernen Gott erkennen, Daß wir nicht zum Teufel fahren, Abneigung von den Zaubereien der Angikocks-Betrüger. – H. Mach es auch so, junger König. Lieb uns einst, wie jetzt Dein Vater, Und wir wollen Dich auch lieben, Wollen, wie einst unsre Väter, Deine treuen Diener sein! Dein ist Alles, was wir haben; Liebet Gott und ehrt den König! Auf! und trinket hocherfreut Unserm Könige Gesundheit! Segen unserm Königssohn!« 4. Zinzendorf Nikolaus Ludwig , Graf und Herr von Zinzendorf, Pottendorf u.s.w., geboren 1700, ging im Jahr 1760 als ein Erobrer aus der Welt, desgleichen es wenige, und im verflossenen Jahrhundert keinen wie ihn gegeben. Er konnte rühmen, daß er »in Herrnhut und Herrnhag, Herrndick und Pilgerruh, Ebersdorf, Jena, Amsterdam, Rotterdam, London, Oxford, Berlin, in Grönland, St. Cruz, St. Thomas, St. Jean, Barbesieu, Palästina, Surinam, Savannah, in Georgien, Carolina, Pennsilvanien, Guinea, unter Ungarn, Wilden und Hottentotten, desgleichen in Lett-, Liv-, Esthland, Litthauen, Rußland, am Weißen Meer, in Lappland, Norwegen, in der Schweiz, auf der Insel Man, in Aethiopien, Persien, bei den Boten der Heiden zu Land und See«, Gemeinen oder Anhänger habe. »Ruhig und gelassen«, sagt sein Lebensbeschreiber, »sah er umher, blickte und sprach die Seinigen liebevoll an, freute sich seines vollbrachten Lebens und des Segens, der ihm zu Theil geworden war, und starb an einem Tage, dessen Losung bei seiner Gemeine war: Er wird seine Ernte fröhlich einbringen mit Lob und Dank. « Acht Tage darauf ward er unter einem Gefolge von 2100 Leichenbegleitern und 2000 Fremden in größter Ordnung und Stille mit Ehrerbietung beerdigt. Zweiunddreißig Prediger und Missionare, deren einige aus Holland, England, Irland, Nordamerika und Grönland in Herrnhut eben anwesend waren, trugen wechselnd den Sarg, unter Begleitung der ganzen Gemeine, mit Musik und Gesang, unter Andern des Liedes: »Ei, wie so selig schläfest Du Und träumest süßen Traum!« »Ueber ganz Herrnhut«, heißt es, »waltete in dieser Stunde ein allgemeiner, herzrührender, stiller Friede.« Solche Wirkungen hervorzubringen, wurden Kräfte erfordert; entschieden weckte diese im Grafen Zinzendorf ein unablässiger Eifer, wie er's nannte, für seines Heilands Sache von Kindheit und Jugend auf. Nichts konnte ihn abwendig machen oder ermüden, Seelen für ihn zu sammeln und zu verbinden; so drohende als überstandne Gefahren lockten ihn dazu an. Widerspruch machte ihn behutsamer, aber auch fröhlicher und kühner. Die unglaubliche Leichtigkeit, mit der er sein Werk trieb, tausenderlei gefällige Eingänge, die ihm dabei zu Gebot standen, eine Kühnheit mit Klugheit und Vorsicht, eine Heiterkeit, bei der er die Gegenwart des Geistes nie verlor, eine Popularität, die sich bisweilen zum Gemeinen herabließ, vor Allem aber Lust und Liebe zu seinem Werk charakterisiren ihn in Handlungen und Schriften, in Predigten und Liedern. Naturell , wie er es nennt, und herzlich zu sein, ist allenthalben, oft nicht ohne einige Anstellung, sein Bestreben; dazu stand ihm die Sprache sehr biegsam zu Dienst; über Alles, über Glaubensartikel und Sittenlehren, über Geheimnisse und Offenbarung spricht er seine Conversationssprache , oft französisch-deutsch, aber frei und frank, ohne Scheu, was man davon sagen werde. Er gab seiner Gemeine also, ohne daß er's eben wollte, eine eigne vertraute Hof- und Herzenssprache, mit ihrem Mann und dessen Mutter, dem Geist, zu reden, so wie mit Brüdern und Schwestern unter einander. Nicht leicht läßt sich eine biegsamere Anstelligkeit denken, als dem Grafen zu Theil geworden war. Ob er gleich, sobald er den geistlichen Beruf wählte, seinen Stand und dessen Vorzüge aufgegeben, so wußte er diese doch in jeder kleinen und großen Beziehung so unübertreffbar zu nutzen, daß man unschuldigerweise sagen könnte, er spielte wie mit seinem angebornen, so auch mit seinem angenommenen Stande. Hofmeister, Graf, Prediger, mährischer Bischof, Herr von Thurnstein, von Kochao, Bruder Ludwig, Pastor und Inspector, Ordinarius seiner Gemeinen, ihr Gesetzgeber und Bruder, ihr Vorsteher und Diener, wußte er nach Ländern und Klimaten, nach Zeitumständen und Situationen Allen Allerlei zu werden, damit er nirgend und nie seinen Zweck verfehle. Nachreden und Gerüchte waren ihm für die Person gleichgiltig; er wußte sie aber auch zum Besten seiner Sache zu lenken, wenigstens die Nachtheile, die daher entsprießen möchten, zu mindern; worin ihm dann mehrere seiner Mitbrüder, insonderheit sein treuer, kluger, erfahrner Spangenberg beistand. Zinzendorf erreichte, was er erreichen wollte, nicht eine Reformation der Welt, sondern, wie er's nannte, »eine Conservation der Seelen des Heilandes und deren Sammlung auf seine näher herannahende Zukunft«. Diese Seelensammlung hat er bewirkt. »Aus welchem Triebe?« fragt man. Hierüber ist nur Gott Richter. Wer sein Leben liest (wir haben von ihm mehr als eine ausführliche Lebensbeschreibung, größtenteils aus des Grafen eignen Bekenntnissen, aus Zeugnissen der Brüder und aus Thatsachen der Geschichte, »Leben des Grafen von Zinzendorf, beschrieben von Spangenberg«, acht Theile [Barby 1772–1775]. Nicht minder J. G. Müller's »Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst«. Winterthur 1795. Band 3. S.1–302. Eine schätzbare Sammlung. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S.235 ff. – D.] Zinzendorf's Leben ist darin ebenso unparteiisch als herzlich dargestellt, in einem milden Lichte. – H. [Mit großer Feinheit hat Varnhagen von Ense 1830 das »Leben des Grafen von Zinzendorf« beschrieben. – D.] bemerkt die Umstände leicht, die von Kindheit auf ihn zu diesem Beruf vorbereiteten und zu ihrer Zeit weckten. Seine Erziehung, die Denkart seiner Eltern und Verwandten, an die sich von Spener an der Kreis der Frommen schloß, die Lage seiner Wohnorte, nachbarlich Halle, Dresden, Schlesien, Böhmen, wo allenthalben theils Erweckte, theils Verfolgte waren; der Streit dieser Erweckten selbst unter einander, vorzüglich aber die Eindrücke, die er in seiner Kindheit von der Leidensgeschichte empfangen hatte, nebst vielen zusammentreffenden Fügungen weckten ihn zum Bekenntniß dieses leidenden Heilandes, wo möglich zur Vereinigung dieser Secten und, wie er sich ausdrückt, zu dem Geschäft, »das Lamm Gottes zu inthronisiren als eigentlichen Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Heiligmacher der ganzen Welt und die Katholicität seiner Leidenslehre als eine Universaltheologie in Theorie und praxi einzuführen«. Von diesem Punkt, einem Jugendeindruck Zinzendorf's, ging Alles aus; um ihn formte sich die Ansicht der Schrift, die Sprache des Vortrages und die Einrichtung der Gemeinen. Was sie damit gewonnen? Einmüthig sagen die Brüder: »Friede! Ruhe der Seele.« Ist dem also, wohl! Giebt's ein größeres Gut? ein schätzbareres Kleinod? Daß indessen die Orthodoxen gegen manche Mittel nicht gleichgiltig waren, die der Stifter sowol als die Genossen der Gemeine hie und dort anwandten, war ihnen auch nicht zu verargen; denn lassen sich alle auch noch so unschuldig gebrauchte Ausdrücke und Familiaritäten Zinzendorf's rechtfertigen? Wer des ernsten und ebenso gewissenhaften als gelehrten Bengel 's »Abriß der sogenannten Brudergemeine« liest, Sein ganzer Titel heißt: »Abriß der sogenannten Brudergemeine, in welchem die Lehre und die ganze Sache geprüft, das Gute und Böse dabei unterschieden und insonderheit die Spangenberg'sche Deklaration erläutert wird, durch I. A. Bengel« Stuttgart 1751. – H. muß ihm in jedem seiner Sätze beipflichten; und wie ehrwürdig schonend hat er die Sache behandelt! Zinzendorf's Gemeine selbst hat den größten Theil der Eigenheiten ihres Stifters in Worten, sogar in einigen Anstalten fallen lassen; wie behutsame Dienste dabei haben Spangenberg, Lairiz, Lorez, Cranz u. A. geleistet! Welch ein Sprung ist's von der Theologie des Grafen, wie er sie hie und da in seinen Reden und Gesängen entwirft, zu Spangenberg 's Idea fidei fratrum ! Und wird die Zeit nicht noch Manches ändern? Sie, die große Sichterin der Dinge, läßt unvermerkt fallen, was sich nicht halten läßt; sie bewahrt nur die reine Frucht, das Beste. In Manchem hat sich seitdem der Gesichtskreis so erweitert und entnebelt; durch Kenntniß der Sprachen, der Gegenden und Zeiten hat die Auslegung und Ansicht der Schrift eine so wahrere und (in der Sprache des Grafen zu reden) naturellere Gestalt gewonnen, daß man oft in Verwunderung geräth, wie man über so etwas so etwas sagen und das Ding an sich , die Wahrheit, wie sie ist und war, übersehen konnte. Da dieser allgemein ankommende Tag des Herrn alle Ritzen und Spalten durchscheint, und kein Winkel sich dafür schützen oder verbergen läßt, so geht auch in der Brudergemeine die Zeit mit stillem, aber festem Tritt fort, nicht nur fortpflanzend, sondern auch läuternd. Da Zinzendorf kein Sectenstifter sein wollte, sondern sich, so viel er konnte, namentlich zurückzog, so gaben zuerst die böhmischen Brüder , dann die Augsburgische Confession , dann in doppelter Bedeutung die Gemeine zu Philadelphia seinen Versammlungen das Abzeichen; zuletzt blieb ihnen der Name Brudergemeine . Und die bleibe sie fortan! Graf Zinzendorf's und seiner Mitarbeiter Verdienst sind seine Einrichtungen , Einrichtungen des Fleißes , der Ordnung und brüderlicher Gemeinschaft , eine Wohlthat für seine Zeit und für mehrere Zeiten. Sich aus dem kalten Dorngebiet der orthodoxen Streiter, sowie aus den heißen Gruben der Mystiker, der Pietisten und Separatisten in Ruhestätten zu ziehen, die Zinzendorf ihnen bereitete, that damals Mehreren wohl, die unter dem Panier des Fleißes und der Ordnung an Liebessymbolen sich beruhigten oder erquickten. Das Wesen der Theologie haben diese Symbole zwar nicht gefördert; hat nicht aber der Herrnhutianismus auch im Lutherthum manche Härten gebrochen? manche Pedantereien zerstört und auf den Zweck der Religion, der in brüderlicher und geselliger Eintracht thätige Liebe sein soll, durch seine Thatanstalten wenigstens gewiesen ? Durch die Anlagen endlich, die die Gemeine von Grönland aus bis zu den Negern, Hottentotten und amerikanischen Wilden gemacht hat, wie viel Gutes kann und wird für die Nachwelt erwachsen, da sie diese Völker nicht zu Sclaven macht, vielmehr ihre Sitten zu brüderlicher Menschlichkeit bildet! Schon verdanken wir Europäer ihr manche treffliche Nachrichten aus diesen Ländern, in der schlichten Sprache geschrieben, die, möchte man sagen, die Gemeine sich eigen gemacht hat; die Nachwelt wird ihr für ein Mehreres danken. ––––– Noch ein Wort von ihren Litaneien, Gesängen und Liedern. Sie reden auch, wie Alles bei ihnen, nur die Conversationssprache, oft zu gemein und vertraulich; daher viele derselben den Gegnern zum Spott wurden, bis man aus der großen Menge eine kleine Sammlung kurzer Lieder und Verse zog. Auch ist in dieser Sammlung Vieles, was außer der Brudergemeine schwerlich gesungen werden möchte. Wer mag indessen auch den hingeworfensten Liedern des Grafen eine Biegsamkeit der Sprache, einen Reichthum an kühnen Wendungen und Herzensausdrücken absprechen, der oft überrascht, oft betäubt? Und in den erleseneren Gesängen, zumal wenn sie die Gemeine und ihre entfernten Brüder betreffen, hier welche stille Ruhe! dort welche zarte Innigkeit und Demuth! Wenn Töne die unmittelbare Herzenssprache zu sein scheinen, wo viele und alle sich in einer Harmonie schwingen und bewegen, so ist mit Recht der Gesang die Losung einer Gemeine, die »eine Sammlung von Seelen« sein soll; auch hat gewiß dies Mittel der Einigung viel, wo nicht das Meiste zu der Seligkeit beigetragen, die die Gemeine Frieden des Himmels nannte. ––––– Beilagen. Drei Gespräche Aus dem Englischen übersetzt. S. »Spiele des Witzes und der Phantasie«. Berlin 1793. – H. [Von Fr. L. W. Meyer. Vgl. auch die Beilage Volkssagen über Ossian am Schlusse des Abschnittes VII, unten S. 696 ff. – D.] Erstes Gespräch. ––––– Ueber Nationalreligionen Theodorich oder Dietrich. Winfried. Dietrich. Du liesest so ernst, Winfried. Winfried. Ein Gespräch zwischen dem bejahrten Ossian und St. Patrik , oder deutlicher zwischen der verdrängten galischen und der mönchischen Religion. Lies es mit mir! Die Überschrift: Beilagen. Drei Gespräche, ist Zusatz des Herausgebers. – D. Ossian. Laß, Schriftgelehrter, mich hören, Wie lauten geschriebene Bücher? Ist über die Reiche des Himmels Der mächtige Fingal nicht Herr? St. Patrik. Die Bücher sagen Dir Wahrheit, Du Held und Sänger der Thaten! Es herrscht nicht im Himmel Dein Vater, Es herrschen nicht Oskar und Gaul . Unten S. 537, Z. 1 steht Caol; diese ältere Form erfordert dort der Vers. – D. Ossian . Du giebst mir traurige Kunde Von meinen Freunden, o Priester. Wenn Fingal im Himmel nicht waltet, Was soll Deine Lehre mir dann? St. Patrik . Wach auf aus jährigem Schlummer, Wach auf zu frommem Gesange! Erloschen ist Deine Stärke, Nie ständest Du mehr in der Schlacht. Ossian . Erloschen ist meine Stärke, Erloschen Fingal's Gefährten; Doch acht' ich darum keinen Priester Und keines Priesters Gesang. St. Patrik . Der Gesang des Priesters ist süßer Als einer, den je Du vernahmest. Du warst ein Held auf den Hügeln, Jetzt bist Du thöricht und schwach. Ossian . Ich war ein Held auf den Hügeln, Du weißt es, tückische Zunge. Ich war ein rüstiger Kämpfer, Und thöricht spottest Du mein. Zwölf Hunde spielten um Fingal, Sie spielten im Thale von Smail ; Mehr liebt' ich das Bellen der Hunde Als, Priester, Dein Glockengeläut. St. Patrik. Du liebtest das Bellen der Hunde, Du liebtest der Waffen Getümmel Viel mehr als Beten und Beichten; In Banden liegt Fingal dafür. Ossian . Du täuschest mit trüglichen Worten, Dich täuschen geschriebene Bücher; Kein Gott und kein König hat Bande, In denen Fingal erliegt. St. Patrik . Gebunden umschließet die Hölle Den stolzen Spender des Goldes: Er gab meinem Gott nicht die Ehre, Drum lechzt er im Hause der Qual. Ossian . O, lebten die Streiter von Bosga ! Die muthigen Streiter von Moran ! Wir brächen die Pforten der Hölle, Und unser würde das Haus. St. Patrik . Ob alle Krieger vom Hochland Auf Deinen Zuruf erständen, Nie brächt Ihr die Pforten der Hölle, Nie würde Euer das Haus. Ossian . Wie lauten geschriebene Bücher? Was sagen sie Dir von der Hölle? Ist sie nicht so gut wie der Himmel? Gebricht's ihr an Hunden und Wild? St. Patrik. Es flattert die Mücke des Abends, Es birgt sich die kleinliche Motte Nicht unter dem Schilde des Himmels, Bevor es sein König erfährt. Ossian . So lerne sein König von Fingal! In Fingal's freundlicher Halle Fand Obdach und Labung der Wandrer, Und Niemand fragt' ihn: »Woher?« St. Patrik . Vergleiche nicht Menschen dem Gotte, Den Du, o Alter, nicht kennest! Vorlängst begann seine Herrschaft, Und ewig richtet sein Stuhl. Ossian . Ich sollte nicht Fingal vergleichen Dem Gott – – – – – – – Hier fehlen Zeilen, die wahrscheinlich zu kühn waren, um übersetzt zu werden. – H. St. Patrik . Dies, dies war Euer Verderben, An Gott, den Herrn, nicht zu glauben; Drum fielen Brüder und Söhne, Und Ossian trauert allein. Ossian . Nicht dies war unser Verderben; Es fielen Brüder und Söhne, Weil Fingal ferne von ihnen Sich zweimal wandte nach Rom. Einst wohnten Caol und Oskar Und Fingal auf hohen Gebirgen. Laut war das Bellen der Hunde, Wüthig ihr Treiben im Thal. Der mächtige Fingal war König, Wir freuten uns seiner Befehle; Niemand, krummstäbiger Priester, Und Niemand fragte nach Gott. St. Patrik. Halt ein mit lästernden Reden! Sie führen und dulden, ist Sünde. Mein Gott ist höher und größer Als Hochlands Fürsten und Du. Ossian. Die minder gepriesne der Schlachten, Die Fingal, mein Vater, gefochten, Gilt mehr mir als Der, dem Du dienest, Und, Schriftgelehrter, als Du. St. Patrik. Laß, bitt' ich, Dich weisen und retten, Befolge die Lehre der Demuth! Du sinkst in der Last Deiner Jahre; O, sink ohne Frevel ins Grab! Ossian. Ich will den zwölf heil'gen Aposteln In ihren Schutz mich empfehlen; Und hab' ich Sünde begangen, So decke die Sünde mein Grab! D. Und dies erdichtete Gespräch machte Dich traurig? W. Nichts, was die Menschheit angeht, ist mir gleichgiltig. Das erdichtete Gespräch spricht die Empfindung aller Nationen aus, denen die Religion ihrer Väter entrissen ward; mit ihr verloren sie ihren Geist und Charakter, ja, ich möchte sagen, ihre Sprache, ihr Herz, ihr Band, ihre Geschichte. Daher die stummen und lauten Klagen der Galen und Iren , der Kuren, Esthen, Letten, Liven u. s. w.; daher ihr unauslöschlicher, unversöhnlicher Haß gegen die Fremden, die ihnen eine fremde Religion aufdrangen und dagegen ihr Land, ihre Väter ihnen nahmen. Ja, nicht nur nahmen; sie stießen diese, ihre geliebten, verehrten Väter, deren Andenken ihnen Sieg und Freude gewesen war, in die Qualen der Hölle hinunter. Sollte dies sie nicht schmerzen? Erinnere Dich, wie unsre Stammesväter, Germanen und Gothen, auf den Gräbern ihrer Väter für ihre Ehre und Religion fochten! Erinnre Dich, mit welcher Treue andre Nationen die Gebräuche der Väter, die man Aberglauben nannte, ungeachtet aller Verbote und Strafen, ein Jahrtausend durch bewahrt haben! Erinnre Dich – D. Wollten wir uns nicht unter diese Linde setzen, Winfried? Die Sonne geht so schön unter. W. Und läßt alle Gewächse in ihren Farben und theilt allen ihren milden Glanz mit. D. Eben daran erfreue ich mich. Vor der Abendsonne läßt sich von untergegangnen Nationalreligionen, auf die Du so viel zu halten scheinst, sanft und vertraulich reden. Wirst Du es mir verübeln, Winfried, wenn ich dennoch das Christenthum für die Religion aller Religionen , aller Völker halte? Ein Hirt und eine Heerde ist seine stille Losung. Du kennst dies Bild. Es ist ein beliebtes Symbol des Christenthums auf seinen ältesten Kunstdenkmalen. W. Der Fischzug Petri wol auch? Sage mir, Dietrich, was unterscheidet, was sondert Nationen? Etwa Flüsse und Ströme? D. Die überschifft man; Berge und Mauern übersteigt man. Was Völker genetisch unterscheidet, ist – Bildung und Sprache . Unter Bildung verstehe ich nicht sowol Cultivation , sondern Physiognomie der Seele und des Körpers . W. Und was verstehst Du unter Religion? D. Ich nehme das Wort in römischem Sinn. Scheu vor den Göttern, heilige Verpflichtung . W. Wolan nun! in welcher Sprache wird das Herz sich den Göttern am Liebsten und Innigsten verpflichten? Nicht wahr? in des Herzens eigenster, d. i. in unsrer Muttersprache. In welcher Sprache wir lieben, beten und träumen , das ist unsre eigenste, unsre Religionssprache. D. Daran ist etwas. Selten wird uns zu jeder Art der Unterhaltung jede Sprache gleich recht sein. W. Und zur Unterhaltung mit dem Urheber unsers Daseins, dem Forscher unsers Herzens, dem Kenner unsrer Gedanken, zu ihm wollten wir anders als aus der Tiefe unsers Herzens reden? Ihm wollten wir eine gelernte, fremde Hofsprache als Formular hersagen? D. Wenn aber diese gelernte Sprache den Begriffen der Religion angemessener oder kräftiger wäre? W. Ist sie meinen Begriffen nicht angemessen, entsprang sie nicht aus meinen eigensten Bedürfnissen und Gefühlen, so kräftig sie Andern sei, sie ist nicht meine Religionssprache. Heuchle nicht, Dietrich! Freundschaft und Liebe sowie das innigste Anerkennen der Wahrheit wollen die eigenste Herzenssprache. D. Und der Cultus ? W. Was nennst Du Cultus ? Ist's die Art, wie wir mit Gott und unserm Schutzgeist, mit allen Heiligen und Seelen umgehn, so kann er nicht herzlich und innig gnug werden. Jede erlernte fremde Hof- und Modesprache ist diesem Dienst Heuchelei, Gaukelei, Lüge. Und zwar die ärgste Lüge; denn wer mit Worten, die er spricht, mit Geberden, die seine Gesinnung bezeichnen sollen, Gott nicht treu ist, wie sollte er sich, wie Andern Treue erweisen? Sagen wir Formeln vor ihm, die wir nicht verstehen, spielen Gebräuche, die aus fremden Völkern und Zeiten entlehnt, unserm innern Sinn fremd sind: o, so verdammen wir uns lebendig und leibhaft zur Schattenwelt hinab, wälzend leere Fässer der Danaiden. Oder wir gehen in bleiernen Mänteln daher, wie in Dante's Hölle Inferno, Canto XXIII. 58–67. – D. die Heuchler. Unter ihnen lechzt unser Geist wie unser Herz, ohne Religion , d. i. ohne innere Gewissenhaftigkeit und thätige Wahrheit. D. Mich dünkt, wir sprechen von einer individuellen Religion, da wir von Nationalreligionen sprechen wollten. W. Aus jener werden diese. Aus Familien entspringt ein Volk, aus der Sprache verwandter Stämme eine Nationalsprache. So auch Nationalreligionen. Gehe die ältesten aller Welttheile durch; dem väterlichen Boden entsprossen, auf Stammessagen, auf Familienbedürfnisse und Aussichten, auf die zarteste Physiognomie des Volks, auf die tiefsten Züge seines Nationalcharakters waren und sind alle Nationalreligionen gegründet. Die Religion der Juden selbst, war sie nicht ganz eine Religion Palästina's? D. Sie war's, nach Zeit- und Ortsumständen, unter denen sie errichtet ward. Als aber die Zeiten sich verändert hatten, taugte sie selbst für Palästina nicht mehr; deshalb eben erschien das Christenthum, um alle verlebten oder sich bald verlebenden Nationalreligionen – W. Zu zerstören . D. Halt, Freund! Wozu sandte der Stifter des Christenthums seine Boten unter die Völker? Zu zerstören oder zu lehren ? W. Indem sie lehrten, zerstörten sie, Götterbilder, Opfergefäße, Gebräuche, Tempel. D. Mögen sie es zur Zeit und Unzeit gethan haben; doch aber lehrten sie. Und in welcher Sprache? Welch Symbol war das Zeichen des Tagesanbruchs, nachdem die Nacht alter Nationalreligionen vorüber war, gleichsam die Weihe des Christenthums? War's nicht eben der Geist der Nationalzungen und Sprachen ? Parther und Meder, Elamiter u. s. w., in ihren Zungen hörten sie die großen Thaten Gottes reden. Apostelgeschichte 2, 8–11. – D Dies war des Christenthums Anklang und sollte seine Hauptbestimmung werden. In ihren Sprachen die Völker lehren oder, wie wir sagen, cultiviren , sie halten lehren, was Christus befohlen, die reinen Gesetze der Menschheit nämlich, und Gott im Geist und in der Wahrheit, d. i. in der wahrsten Geistes- und Herzenssprache, anzureden, das war des Christenthums Cultus . Nicht zerstören sollte es Nationalreligionen, sondern sie läutern, ihnen aufhelfen. Daß jede Nation Gott auf die ihr eigenste Weise liebe, dem Nächsten auf die ihm gefälligste Weise diene. »Den Juden bin ich worden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Schwachen ein Schwacher, damit ich Juden und Griechen, auch die Schwachen gewinne.« l. Kor. 9, 20 f. – D. Du weißt, Winfried, wer dieses sprach? W. Derselbe, der in Athen seine Lehre selbst an den Altar des unbekannten Gottes zu knüpfen wußte. Apostelgeschichte 17, 23. – D. D. Und der obigem Grundsatz allenthalben gemäß handelte. Jeder seiner Briefe ist für die Stadt, für das Völkchen, an welche er gerichtet ist, so idiosynkratisch geschrieben, als nur er es zu thun vermochte. Und was sagst Du dazu, daß keine der Urkunden des Christenthums, weder in der sogenannt heiligen, der alten ebräischen Sprache, noch in der Mundart, die der Stifter des Christenthums selbst gesprochen hatte, geschrieben ist? Kann wol ein kläreres Document sein, daß es im Christentum keine sogenannt heilige, den Völkern aber fremde Sprache gebe, daß keine sich unter solchem Vorwande als Gottes Hof- und Cabinetssprache sich den Nationen ausdrängen, ihren Sinn benebeln, ihren Verstand Jahrtausende lang gefangen halten sollte . W. Und doch hat dies die lateinische, die römische gethan, ja, sie thut es noch, fesselnd also, so viel sie kann, die eigne Religion der Völker. Indem der Priester die fremden, vom Volk unverstandnen Formeln ausspricht, stellt er sich zwischen Gott und das Volk, Beide trennend, nicht Beide verbindend. Sprach Christus Latein? D. Schwerlich verstand er die römische Hofsprache. W. Und in dieser längst ausgestorbenen wälschen Vulgata müßte jetzt noch, jetzt unter allen Völkern, für alle Völker zu Gott gesprochen werden? D. Damit das Heilige nicht gemein – W. Und die Perlen – Ich verstehe. Sobald das Heiligthum aber, in einen Sarg eingeschlossen, wie eine Mumie behandelt wird, ist es auch eine Mumie, ein todtes Heiligthum, das sich vor der Verwesung kaum schützen mag, und das man immer begraben möchte. Wer wollte sich mit der Kapsel, mit dem Sarge, worin die Mumie liegt, lebenslang und täglich umhertragen? Die eigentliche lebendige Cultur der Völker, womit fing sie immer an, Dietrich? D. Mit der Erweckung und Bildung ihrer Sprache. W. Und diese hing an der Religion. D. Gewiß! Und eben deshalb ereiferst Du Dich umsonst. Winfried. Erinnere Dich des trefflichen Ulfila! Durch eine Übersetzung der Evangelien, d. i. durch Cultur der Sprache seiner Gothen, bildete er diese. In den dunkeln Mittlern Zeiten, womit fing die Aufklärung des gesammten Europa an? Durch Übersetzung der Bibel in die limosinische und andre Nationalsprachen. Sobald dem Volk seine Sprache wiedergegeben war, waren ihm auch Verstand, Herz und Seele zurückgegeben; es fühlte, daß es denken könne, und dachte. Das that das Christentum; jeder verständige Missionar machte es also. W. Nicht aber jene Heiligthümer der Kapsel; sie bewahrt eine fremde, todte Sprache. D. Wir lassen sie stehen, wo sie steht. Umsonst ist alle Einsargung und Beschränkung. Vergraben läßt sich die Wahrheit auf eine Zeit lang, aber nicht begraben. Das Herz der Menschen will selbstgefühlte Religion, der Verstand der Menschen will selbstgedachte Wahrheit. Gewiß hast Du es oft schmerzhaft empfunden, wenn man die Wahrheit unwahr, das Lebendigste in todten Formeln sagte; ich wie Du. Mir war's, als ob man eine blühende Jungfrau mit Tüchern aus Grüften bekleidete und mit alten Masken bedeckte. W. Das fühlt jedes Gewissen. Daher das Widerstreben der Völker, wenn man ihnen mit ihrer Sprache die Religion ihrer Väter entnahm. Daher, als nach langem Todesschlaf unter dem drückenden Joch fremder Worte und Gebräuche das Menschengefühl wieder erwachte, die sonderbare Freude. Kennst Du den Deutschen, Dietrich, der mit der ächten Sprache seines Volks ihm auch ächte Religion, d. i. Ueberzeugung, Glaube, Geist und Herz zurückrief? Protestantismus gegen alles Unbehörige, alles Fremde. D. Du meinst Luther . Ach, daß der große Mann nicht erreichen konnte, was so sehr zu wünschen gewesen wäre, eine Kirche seiner Nation, eine deutsche Kirche ! W. Eine deutsche Kirche , Dietrich? Das wäre des großen Mannes unwerth. Bemerke, was aus Heinrich's VIII. englischer und sonst aus jeder abgeschlossenen Kirche ward! Sie verwesen bei lebendigem Leibe. Aber Religion , die reine, freie Religion der Gewissenhaftigkeit des Verstandes und Herzens wollte Luther seinen Deutschen geben. Und hat sie ihnen gegeben, wiefern seine Zeit es zuließ. D. Leider also nicht allen Deutschen. Auch ist seine Sprache in Manchem selbst veraltet. W. Verjünge man sie! Aber sie verjüngt sich, unaufgehalten, unwiderstreblich. Hältst Du es für nichts, daß, seitdem er schrieb, jeder Deutsche, wenn er vom bessern Theil der Nation gelesen sein will, evangelisch, protestantisch, Lutherisch schreiben muß, und wenn er es auch wider Willen thäte? Das Larvenfest, die Zeit der Nachäffung fremder Völker und Zeiten, ist vorüber. Protestantisch gegen Irrthümer und Aberglauben, zu Jedermanns eigner Ueberzeugung muß Jeder schreiben, oder man spottet seiner, und er wird nicht gelesen. D. Wenn nun aber Keiner unsrer Großen Deutsch läse? W. Desto schlimmer für sie. Wer sich seiner Nation und Sprache schämt, hat die Religion seines Volks, also das Band zerrissen, das ihn an die Nation knüpft. Ich fahre fort zu glauben, daß wer jetzt, worüber es sei, reine Gesinnungen, die Kraft seines Geistes und Herzens auf den Altar des Vaterlandes legt, das Werk Luther's fortsetze und Nationalreligion im engsten Sinne des Worts, d. i. Gewissenhaftigkeit und Ueberzeugung fördre. D. Ein ächt protestantischer, Lutherischer Glaube. Und in diesem Verstande, Winfried, wünschtest Du Nationalreligionen aller Völker der Erde? W. In diesem. Zum Frieden der Welt, zu Ausbildung jedes Volks auf seinem Stamm, in seinen Zweigen. Keine fremde Sprache oder Religion wird sodann die Sprache und das Gemüth einer andern Nation, welche es auch sei, despotisiren; an einen Oberhirten aller Menschenheerden, deren Sprache die Nation nicht versteht, deren innigste Bedürfnisse sie nicht kennt, wird man gar nicht denken. Jede Nation blüht wie ein Baum auf eigner Wurzel, und das Christentum, d.i. ächte Ueberzeugung gegen Gott und Menschen , ist sodann nichts als der reine Himmelsthau für alle Nationen, der übrigens keines Baumes Charakter und Fruchtart ändert, der kein menschliches Geschöpf exnaturalisirt. Friede wird sodann auf der Erde, Friede! D. Und Wohlgefallen der Menschen an einander. Siehe, wie schön die Abendsonne sinkt! Und Wohlgefallen der Menschen an einander. Wie jener Soliman sein Reich übersah, eine Wiese voll mancherlei Blumen, einen Garten voll mancherlei Früchte, so würde das Menschengeschlecht eine Familie der verschiedensten Charaktere und Nationalreligionen, die es wirklich ist und nicht anders als sein kann, zu einem Zweck . W. Und jede Religion, ihrer Stelle angemessen, strebte auf dieser Stelle die bessere, d.i. die beste ihrer Art zu werden, ohne sich mit andern zu messen und zu vergleichen. Unterscheiden sich Völker nicht in Allem, in Poesie und Lust, in Physiognomie und Geschmack, in Gebräuchen, Sitten und Sprachen? Muß Religion, die an diesem Allem Theil nimmt, sich also nicht auch national unterscheiden? D. Selbst individuell; so daß am Ende Jeder seine Religion, wie sein Herz, seine Ueberzeugung und Sprache besäße – W. Und kein Andrer über das Innerste im Herzen eines Andern richten dürfte. Wenn er bescheiden ist, wird er nicht einmal nach diesem Geheimniß fragen . Daß die sogenannte Fortpflanzung und Verbreitung des Christentums damit eine andre Art gewönne, darf ich Dir wol nicht sagen. D. Daß manche nutzlose Mühe dadurch erspart würde, auch nicht. – Die Sonne sank. Sie war einige Secunden vorher untergegangen, als wir noch ihr Bild zu sehen glaubten. Sprechen wir uns morgen bei ihrem Aufgange wieder! Lebe wohl, alma mater ! und bringe dort andern Nationen einen fröhlichen Morgen. Lebe wohl, Winfried! Zweites Gespräch. ––––– Bilder von Nationalreligionen. Dietrich. So früh und fleißig bei Zimmermann's zoologischer Weltkarte? In E. A. Zimmermann's »Geographischer Geschichte des Menschen und der vierfüßigen Tiere«, 3 Bde. 1778-1783, nebst einer »Kurzen Erklärung« dieser Karte. – D. Winfried. Eine lehrreiche Karte. Ich wünschte nur, daß sie zweimal größer wäre. D. Und Breitenbauch's Karte der Völkerstämme und Religionen In G. A. von Breitenbauch's »Religionszustand der verschiedenen Länder der Welt in den älteren und neuern Zeiten«, Leipzig 1787. – D. daneben? W. Als Karten kommen sie zusammen zu einem Spiel. Gestern Abend beim Rückgange fiel mir bei, daß, da die Thiergattungen klimatisch vertheilt sind, und in jenen Zeiten, als Nationalreligionen sich bildeten, die Menschen im Umgange mit Thieren als ihren Freunden und Feinden lebten, nothwendig auch ihre Religionen nicht nur ihre Thiere zu Symbolen ihrer Religionsbegriffe gewählt, sondern vielleicht auch in Manchem den Habitus dessen, was ihnen ein heiliges Thier war, angenommen haben mögen. Davon träumte ich, und so durchgehe ich jetzt die zoologische und Religionenkarte unsrer Erde mit einander. D. Und fandest –? W. Was man leicht findet, wenn man einen Traum sucht: ich fand meine Idee bewährt. D. Wolan denn! Laß mich Deinen Traum, den Thierkreis menschlicher Religionen hören! Träume erzählt man gern; und Deine Lieblingsidee von Nationalreligionen wird mir dadurch sinnlich. Wir fangen von China an. W. Die Religion des großen Reichs, nach Ständen abgetheilt, politisch-künstlich geordnet, erschien mir prächtig – die Religion des Kaisers in dem Sinnbilde, das er auf der Brust trägt, Symbol seines himmlischen Ursprungs und Amtes, nicht minder der Macht, des Reichthums und der unbegreiflichen höchsten Würde, kurz, des königlichen Drachen oder, wenn Du lieber willst, des Hang-Hoang , des Königes der Vögel. Ich könnte Dir es schön ausmalen, und doch bliebe es unter der Idee des Traumes. D. Und die Religion der Mandarine ? W. Unter der Gestalt jenes Fabelthiers, das Glück bringt, des Kilin . Als Confucius geboren werden sollte, erschien es; vor seinem Tode erschien es wieder. Die Religion thätiger Weisen, wenn sie thun dürfen, was ihnen das Sittengesetz auflegt, bringt Glück der Erde. Im Traum sah ich das fabelhafte Geschöpf prächtig; sogar holte ich ihm einen glücklichen Stein aus seinem Munde. D. Und schrittest sodann zu Deinen guten Hindus ; was zeigte Dir von ihnen der Traum? W. Höre, was Wischnu sprach, als er vor Arjun da stand: Aus der Bhagavad-Gîtâ, die Herder in der englischen Übersetzung von Wilkins kannte. (Vgl. Herder's Werke. VI. S. 25.) Wir können jetzt den Leser auf Boxberger's treffliche Uebersetzung (Berlin 1870), 10, 20 bis 11, 29 zur Vergleichung verweisen. Herder mußte sich, um verständlich zu sein und nicht einer großen Zahl erklärender Anmerkungen zu bedürfen, großer Freiheit bedienen. Schon im zweiten, 1792 erschienenen Stücke »Ueber Denkmäler der Vorwelt« (im folgenden Theile von Herder's Werken) war diese Stelle der Bhagavad-Gîtâ angeführt. – D. »Ich bin der Schöpfung Geist, ihr Anfang, Mittel und Ende , Aller Naturen das Edelste stets in allen Geschlechtern. Unter den Himmlischen Wischnu, die Sonne unter den Sternen, Unter den Lichtern der Mond , in den Elementen das Feuer, Meru unter den Bergen, das Weltmeer unter den Wassern, Unter den Lehrern der Lehrer der Geister , unter den Worten Das geweihete Wort, einsilbig und unaussprechlich. Unter den Seelenkräften Gemüth, Verstand in den Thieren, Unter Gebeten das stille Gebet , das edelste aller. Führer des himmlischen Heers und in allen Geschlechten der König , Unter den Strömen der Ganga, Asvata unter den Bäumen, Unter den Rossen das Roß , das aus den Wellen des Milchmeers Sprang, und der Elephant , aus eben den Wellen geboren; Unter den Heerden die Kuh des Ueberflusses , der Schwertfisch Unter den Fischen, der himmlische Garur in dem Gefieder, Unter den Schlangen bin ich die gekrönt- unsterbliche Schlange .« D. Fahre fort! W. Fast zittre ich, fortzufahren. »Unter den Reinigern bin ich der Wind und unter den Helden Ram, wie unter den Waffen der Schlacht der Blitz und der Donner. Unter den Wissenschaften die Kunst, den Geist zu beherrschen, In vergänglichen Dingen ihr Anfang, Mittel und Ende. »Ich bin die Ehre, der Ruhm und das Glück, der Verstand, das Gedächtniß, Tapferkeit und Geduld und der Harmonien die schönste. Unter den Jahreszeiten der Frühling; unter Anschlägen Bin ich Gewinn und in Kämpfen der Sieg und der Fleiß in Gewerben, Bei dem Geheimniß Schweigen und unter Weisen die Weisheit. Aus dem Kleinsten erschuf ich das All, sah an es und ruhte. Millionen Formen von allen Geschlechtern und Arten, Alle belebet und wiederbelebt in Gestalten und Farben: Das ist meine Gestalt. Im Indischen zeigt Wischnu sich erst auf Ardschuna's dringenden Wunsch, und er macht ihn weitläufiger auf das aufmerksam, was er in ihm sehe. – D. Auf! sieh mit erhelletem Auge Mich, wie ich bin!« Arjun sah die hohe Gestalt in himmlischer Zierde, Vielbewaffnet, mit Kränzen geschmückt und köstlichen Kleidern, Duftend von Wohlgerüchen, bedeckt mit seltenen Wundern. Allenthalben umher sein Haupt und Auge gerichtet, Stand der Unendliche da; die Gestalt des obersten Gottes Hielt die Welten in sich, geschieden in aller Verändrung. Uebertäubt von den Wundern, das Haar vor Schrecken erhoben, Sank der Anschauende nieder und betete staunend den Gott an: »Ew'ger, ich seh' in Dir die Geister alle versammelt, Alle Gestalten der Wesen. Ich seh' den schaffenden Brama. Thronend auf dem Lotos, in Dir! Ich schaue Dich selbst an, Deine zahllosen Waffen und Formen und Augen und Glieder, Und doch seh' ich in Dir nicht Anfang, Mittel und Ende, Geist der Dinge, Du Form des Alls! Ich schaue die Krone Deines Haupts, eine strahlende Glorie, gießend in alle Fernen unendliches Licht, die Welten alle Dein Abglanz . Alle schauen Dich an und freu'n sich Deiner und zittern, Zittern ob Deiner Riesengestalt mit unzähligen Augen, Häuptern und Gliedern und Armen und Brüsten. Die Helden der Erde, Reiche beherrschend, sie stürzen in Deinen verschlingenden Athem, Wie ins wogige Meer die zerrollenden Ströme sich stürben, Wie in die Flamme des Lichts der Mücken eine verschwindet.« So sah ich den Gott, und er entschwand. Denke, wie mir dabei im Traume war! D. Einem solchen Bilde entspricht keine Thiergestalt; es ist der klarste Pantheismus . W. Sieh indeß diese beiden Gemälde! Zwei Gemälde der Braminen, anderswo beschrieben. – H. [In dem Aufsatze: »Palingenesie«, in der sechsten Sammlung der »Zerstreuten Blätter«, im nächsten Theile von Herder's Werken, – D.] Hier den Elephanten , aus lauter lebendigen Thieren organisch zusammengesetzt, jedes an seiner Stelle bedeutend. Ruhig tritt er einher, und über ihm sitzt die erhabne Gestalt mit der heiligen Flamme: das Weltall in Ruhe . Jetzt sieh hier das fliegende Roß , gleichergestalt aus lauter Lebendigem organisirt, und auf ihm sitzend den treibenden Genius, in dem Alles lebt und sich bewegt: das Weltall in Bewegung . D. Fast möchte ich sagen: »Ich zittre. wie Arjun .« Weiter! Wie sahst Du die alte Religion Persiens im Traum? W. Prächtig. Unter den Elementen war das Feuer, unter den Himmelskörpern die Sonne ihr Symbol; der alte König des Persepolitanischen Grabmals stand vor ihrem Altar, die heilige Gestalt über ihm schwebend. Und neben ihm stand der Hund , der Perser heiliges Symbol unter den Thieren. D. Ich habe mich darüber gewundert. W. Der Hund , der nach aller Wahrscheinlichkeit zuerst dort am Gebirge Asiens den Menschen dienend und nutzbar gemacht worden, schickte sich sehr wohl zur Religion Zerduscht'. Seine Wachsamkeit für das Haus, seine unterwürfige Treue gegen seinen Herrn und Wohlthäter sammt so viel andern Vorzügen der feinen Sinne , der Aufmerksamkeit , der Anhänglichkeit an Menschen drückte die Pflichten lebend aus, die Zerduscht' Religion in Gebräuchen und Worten jedem Perser auflegte. Es war eine häusliche , das Land bauende, ökonomische Religion, die Treue und Wachsamkeit in jeder Pflicht, in nacht- und täglichen Stunden, nach Jahres- und Tagszeiten, nach Ständen und Lebensaltern forderte. Konnte sie ein besseres Thier wählen? Ach, daß die wilden, die grausamen Araber diese Religion zerstörten! D. Und diese Araber ? wie erschienen sie Dir? W. So lange sie in der Wüste lebten, war ihr Denkbild das lebendige Schiff der Wüste, das Kameel . Mit weniger Speise und fast keinem Trank gesättigt, ausdauernd und geduldig , dabei rachsüchtig, hart und wild in der Brunst, ist das Kameel ein lebendes Symbol des vielertragenden. stolzen, dürren, eifersüchtigen Arabers, dessen Haushalt sich ohnedies ans Kameel fügt. Seine altväterliche Religion war in eben dieser Weise, eine Religion Ismael's und der Wüste . Als nach Mohammed's Zeit dies Volk in reichere Länder kam, schwang es sich vom Kameel aufs Roß; muthig, stolz, kriegerisch und galant wie dieses. Auf mancher Vega in Spanien tummelten sich Reiter und Roß vor den Augen der Schönen in Lustkämpfen umher, stolz auf ihren goldnen, farbigen Schmuck, auf Pfänder der Ehre und Liebe. Mann und Roß hätten fast die Welt bezwungen; so glänzend sah ich sie im Traume. D. Wachend zeigt Dir die zoologische Karte ein Anderes. So wenig das Kameel für kalte Gegenden geschaffen ist, so wenig ist's der Araber und sein Mohammedanismus. Dafür hat er sich wie die Kameele in den wärmeren Welttheilen weit verbreitet. Afrika hindurch, in Asien bis über die Gebirge, bis gen China, bis in die Inseln, so weit Kameele und Rosse ihn trugen; da reitet und trabt er noch. Aber erzähle weiter! W. Des alten Aegyptens Sinnbilder sind bekannt. Apis dem Osiris, die Kuh der Isis geweiht. Kein Volk beweist so viel für meine Nationalreligionen als diese Völker, Aegypter und Hindus. D. Und die Juden ? W. Es war ein Thier - und Zahlensymbol . Rathe! D. Wer erräth einen Traum? Lieber zu meinen Griechen. Wie sahest Du sie? W. Menschheit war die Gestalt ihrer Religion, eine edle, schöne Menschheit. Das Thier gaben sie dem Gotte nur bei . Seinen Körper trennten sie ab von aller Thierheit und suchten jeder Menschenform, jedem Menschenalter ihre Ideale . Diese sah ich im Traum. Ein Olymp der Wonne in allen Gestalten. D. Treffliches Volk! Daher auch ihre Poesie und Philosophie in Formen und Begriffen so menschlich war. Ich wollte, daß Du mir sie wie jene der Indier darstelltest. W. Und ich möchte wie ein gerufener Geist vor dem Zauberkreise sagen: »Entlaß mich'.« D. Und ich antworte wie Odin der weissagenden Vola : Im Wegtamsliede, 13 bei Simrock. - D. »Nicht also, Jungfrau! Ich frage weiter Und lass' nicht ab, Bis ich Alles weiß.« Die Religionen der europäischen Völker, wie sahest Du sie? W. Du weißt, zuletzt verwirrt sich der Traum. Ich sah Mancherlei, größtentheils wilde Gestalten; den Grönländer mit seinem weißen Bär, den Lappen mit seinem Rennthier, den Altpreußen mit seinem Elenn, den Altdeutschen mit seinem Ur. Fingal sah ich mit seinen Hunden, und Ossian's Harfe tönte darein. Dann verwirrte sich der Traum noch mehr. Ich sah Wölfe und Tiger, Adler, Klapperschlangen, Ynguams. Der Traum ward ängstlich. Da schwebte eine Taube herab, umflossen mit himmlischem Glanz, und brachte den Oelzweig. Da sah ich ein Lamm gehen zum Altare; es brachte zum Opfer sich selbst dar. Nach und nach flohn vor dem Lamm alle jene schrecklichen Thiergestalten. Endlich schwebte ein Weib hernieder, eine Mutter; sie trug einen Knaben im Arm und setzte sich freundlich nieder. Ein andrer feuriger Knabe spielte mit dem Kinde, brüderlich, herzlich; die Mutter sah sanft auf sie nieder. Plötzlich ertönten um sie himmlische Töne; ihr Angesicht glänzte; um ihr Haupt leuchteten Sterne. Jetzt blickte sie mich an, wollte sprechen zu mir, und – ich erwachte. D. Belehrt über Deine Nationalreligionen, als ob sie zu Dir gesprochen hätte. Bedarf's der Rede? W. Und doch wünschte ich ein Wort aus ihrem Munde vernommen zu haben. Jetzt fehlt dem Traum etwas. D. Wohl, Freund, ich will ihn fortsetzen, heut Abend unter den Sternen. An der Linde finden wir uns. Jetzt von Träumen zu Geschäften. ––––– Drittes Gespräch. Die Adrastea des Christenthums. Dietrich . Ehe ich meinen Traum an den Deinigen knüpfe, Winfried, muß ich Dir seine Entstehung erklären. Du weißt, Träume kleiden sich am Liebsten in das Gewand von Jugendeindrücken, die zu jeder neuen Einkleidung fertig in unsrer Seele lagen. In meiner Kindheit hatte ich einen aus dem Spanischen übersetzten geistlichen Roman gelesen, in welchem ein Verlangender , der Thorheit der Welt müde, die Liebe Gottes aufsuchte; zu einer andern Zeit kann ich Dir von ihm erzählen. Er ist unter dem Namen Schatz der Seele (Tesoro dell' anima) fast in allen Sprachen, aus dem Französischen von 1551 ins Deutsche übersetzt 1619 erschienen. – H. [Ueber die französische Übersetzung dieses Märchenbuches hatte Wieland, der es nur aus den Mélanges tirés d'une grande Bibliothèque kannte, bereits früher im Merkur (1780, Novemberbeft) berichtet. – D.] Auch hatte ich in manchen Büchern geistliche oder politische Sinnbilder ( Empresas ) mit Lust durchblättert. Aus Eindrücken der Art entstand mein Traum. Ich war der Verlangende selbst, der, unbefriedigt mit sich, ich weiß nicht was, suchte. Da rief eine Stimme vor mir her: » Wandrer, wohin? Du suchest Frieden? Friede wohnt hier! « Sie zog mich hiehin und dorthin im Traum, unruhig, ängstig. Ich kam vor ein Kloster; die Stimme rief: »Du suchest Frieden!« – »Wohnet er hier?« fragte ich; die Stimme schwieg. Ich kam vor einen Lehrsaal, vor ein Concilium zankender Weisen, auf einen Markt, in einen Rath, vor eine geheime Gesellschaft; die Stimme ging immer vor, und wenn ich sehnend fragte: »Wohnet er hier?« schwieg sie. Zuletzt fand ich mich einsam in der Mitte eines Waldes, auf einem freien, ringsum dicht umschlossenen Platz, wie in einem heiligen Kreise. Es war dunkle Nacht, über mir leuchteten die Sterne. Abermals ließ sich die Stimme und glücklicherweise auch die Antwort hören: »Du suchest Frieden; Er wohnt in Dir!« Melodisch, als ob alle Sterne zu mir herabsängen, ertönten die Worte; mein Innerstes erklang. Vgl. Herder's Gedicht »Friede« (Werke, I. S. 54 f.), dessen Fassung wol früher fällt. Herder führt hier Stellen desselben aus dem Gedächtnisse an. – D. Auf sah ich, und vor mir schwebte ein Auge, das mich durchdrang. Ein so helles Auge, als ich nie in der Welt sah; der Glanz aller Geister und Seelen war in ihm. Ernst-freundlich blickte es mich an, unbeweglich. Ich konnte dem Blick nicht entweichen, der tief und tiefer mich ergriff; ich fühlte, daß er mir immer gegenwärtig sein und bleiben würde, der prüfende Blick des Weltalls . Es war, als sängen mir alle Sterne: »Das Tiefverborgne wird offenbar; Dies Auge siehet hell und klar.« Ich erwachte in einer sonderbaren Empfindung; alle Zustände meines Lebens standen mir als Ursachen und Folgen auf einmal da, und vor mir stand das durchdringende Auge. Ich sehnte mich wieder nach meinem Traum. Und fand mich in ihm auf derselben Stelle im dichten Hain. In der Mitte des Platzes stand jetzt ein Altar, auf ihm lag ein Buch, geschrieben in wunderbaren Charakteren. Ich blätterte darin, verstand nichts, sah aber, daß die Charaktere die Blätter durchdrangen und auf der andern Seite des Blatts eine ganz andre Gestalt sichtbar machten, als die Vorderseite darstellte. Die Rückseite klärte die Vorseite auf, und das ganze Buch war Fortgang . Das himmlische Auge blickte mich an, und ich sah mein eignes Leben in diesem Buch; aber verschwunden waren in diesem Augenblick Buch und Altar, und vom Pol herab schwebte zwischen Himmel und Erde eine allmächtige Wage. »Vergeltung!« rief eine Stimme; mir war's, als sängen alle Sonnen und Sterne das einzige, ewige Wort » Vergeltung !« Vgl. Herder's Gedicht »Die Wage« in den Werken, I. S. 190. – D. Durchdrungen vom Gefühl des großen Gleichgewichts, das in der Natur Alles hält und trägt, das das Bewegte zur Ruhe bringt und das Ruhende bewegt, in Stoß und Druck ebenso sichtbar als in der moralischen Welt, erwachte ich zum zweiten Mal und freute mich einer Welt, die, auf so feste Gesetze gegründet, Allem Maß und Ziel giebt, und zu der auch ich gehörte. Nichts, fühlte ich, verklinge in der Schöpfung, Alles wecke und halte seinen Ton. Nur das Nichtige gehe unter. Der Traum umfing mich zum dritten Male. Auf einem viereckten Marmorfuß voll emblematischer Bilder stand eine Säule vor mir; so hoch und schön sah sie mein Auge nie. In schlanker Verjüngung hob sie sich zu den Sternen, oben bekränzt mit einem hellen Kranz. Nicht Lorbeer waren seine Blätter, sondern Myrten und Rosen. » Standhaftigkeit !« rief eine Stimme, und von allen Sternen erklangen Gesänge, von denen mir nur die letzten Worte blieben: »Mißklang löset sich auf in Wohlklang.« »Mißklang löset sich auf in Wohlklang!« hallte mein Innerstes zurück, und an der Säule ging hervor – wie nenne ich Dir, was jetzt mein Blick sah? die ewige Wage des Weltgerichtes. Auf der einen Schale lauter vorübergehende Scenen; jetzt Kronen, Scepter, Schwerter, Waffen, Ehrenstäbe: die Schale flog auf, zerbrochen und zerstreut fielen sie nieder. Jetzt Ungeheuer, Schlangen, Skorpionen; sie wütheten, verzehrten einander oder stürzten herab. Leer flog die Schale empor, voll Dampf und Rauch. Auf der andern niederschwebenden stand – heiliger Anblick! – der Christenkelch in seinem bescheidenen Glanz; über ihm lag das Brod der Barmherzigkeit und Milde. Und so liebreich blickte mich das Auge an! Ich fühlte in ihm das Sensorium der ganzen Schöpfung , das Alles sehe, Alles empfange, verzeichne und erstatte. Die Stimme sprach: »Was Ihr gethan habt der Geringsten Einem, thatet Ihr mir !« Matth. 25, 40. - D. Dampf und Nebel der zweiten Schale waren verschwunden; sie schwebte dieser gleich, und auf ihr, dem Kelch gegenüber, blühte die Lilie, wehte die Palme. Friede war in mir; ich erwachte. Nun weißt Du, Winfried, was meine Religion aller Religionen sei. Eine Adrastea ist's, aber in einer weit höheren Gleichung, als ihr die Griechen je gaben. Diesen war sie zuerst eine neidige, dann eine warnende oder strafende Göttin; ihr höchster Sinnspruch war: »Nicht über das Maß!« Die Nemesis des Christenthums setzt in der moralischen wie in der physischen Welt Gleichgewicht und Vergeltung in Allem, dem Geringsten und Größten, als Naturgesetz zum Grunde, die Bestimmung des Menschen aber hebt sie zu Ueberwindung des Bösen durchs Gute , zur beharrlichen Großmuth wohlthätig empor. Menschlichkeit endlich macht sie zur Zunge der Wage und, als Compensation der Vorsehung, gleichsam zur entscheidenden Stimme des Weltrichters, des Richters, der immer kommt und da ist, der Alles empfängt und Alles vergütet. Ist diese Religion nicht allgemein? ist sie nicht in jedes Menschen Herz geschrieben? oft aber unter einem Schleier, oft unter viel Hüllen verborgen. Wegzuthun sind diese Hüllen, damit die ewige Regel, das allgegenwärtige Auge sichtbar, das Buch auf dem Altar ihm aufgeschlagen werde. Ist dies, so mögen alle Nationen sich ihres Gottes, ihres Landes und ihres Lebens freun und Feste feiern. Der Kelch des Christenthums in Wohlthätigkeit und stillem Erbarmen, in brüderlicher Gemeinschaft, Verzeihung und Großmuth, in Geduld endlich und Beharrlichkeit wird immer das Fest der Feste bleiben. Winfried . An jenem Angelstern, der Weltachse, sagtest Du, hing die Wage. Die Sterne blicken uns an. Jenen himmlischen Wagen droben nennen die Araber des erweckten Lazarus Bahre ; die Sterne hinter ihr sind ihnen Lazarus' weinende Schwestern. S. Eichhorn's »Allgemeine Bibliothek«, B. 7. St. 3. S. 398. – H. Alles schweigt um uns, und Alles erklingt. Alles scheint still zu stehen, und es eilt. Alas! our sights so ill, That things which swiftest move, seem to stand still . »Weh' uns, daß wir so schwach und übel sehn! Der schnellste Flug, uns scheint er still zu stehn.« Cowley. – H. Und was kommt, sehen wir gar nicht. Mitternacht schlägt. Träume sanft, Dietrich! ––––– Hartley's zweiundachtzigster Lehrsatz. David Hartley's »Betrachtungen über den Menschen, seine Natur, seine Pflicht und Erwartungen« [übersetzt von Pistorius, Rostock 1772], Theil 2. S. 416. – H. [Hartley war 1757 gestorben, seine Schrift acht Jahre vorher erschienen. Den dritten und letzten Theil gab Priestley 1775 heraus. – D. »Es ist wahrscheinlich, daß die gegenwärtigen Formen des Kirchenregiments aufhören werden.« »Dieser Lehrsatz folgt aus dem vorigen. Dieser vorige Lehrsatz hieß: »Es ist wahrscheinlich, daß alle gegenwärtige bürgerliche Regierungen werden umgestoßen werden.« So wenig an diesem als dem auf ihn gebauten zweiundachtzigsten sogenannten Lehrsatz nimmt der Herausgeber der Adrastea Antheil. – H. Die bürgerliche und die kirchliche Macht sind in allen christlichen Ländern so in einander gewebt und so mit einander verbunden, daß, wenn die erste fällt, die letzte auch fallen muß. »Wir haben manche Weissagungen, welche den Fall der kirchlichen Macht in der christlichen Welt verkündigen. Und obgleich eine jede Kirche sich mit der Hoffnung einer Ausnahme für sich zu schmeicheln scheint, so ist es doch sehr deutlich, daß die Merkmale; welche die Propheten angeben, auf sie alle gehen. Alle haben sie die wahre, reine, einfältige Religion verlassen und lehren Menschengebote als göttliche Lehren. Doch, hoffen wir, eine mehr als die andre. Im ächten Protestantismus bedarf's keiner Menschengebote als göttlicher Lehren. H. d. A. – H. [Soll wol heißen A. d. H., »Anmerkung des Herausgebers«, wie wir bei den drei folgenden Anmerkungen gesetzt haben, bei welchen jede Bezeichnung fehlt. – D.] Sie sind alle Kaufleute der Erde und haben ein weltliches Reich, wo Reichthümer, irdische Macht und äußerlicher Pomp überflüssig anzutreffen sind, aufgerichtet. Zunächst geht dieses wol auf die englische hohe Kirche. Im protestantischen Deutschland finden diese Reichthümer, dieser Pomp, diese Macht keine Stätte. – A. d. H. Sie haben alle einen dogmatisirenden Geist und verfolgen Diejenigen, welche ihr Zeichen nicht annehmen und das Bild, das sie aufgestellt haben, nicht anbeten. Sie verabsäumen alle den Befehl Christi, das Evangelium allen Völkern zu predigen Nicht alle; aber wie? und in welcher Absicht? – A. d. H. und selbst zu den verlornen Schafen vom Hause Israel zu gehen, deren eine unzählbare Menge in allen christlichen Ländern ist, die niemals unterrichtet worden sind zu lesen, und welche auch in andern Absichten der Mittel, zur seligmachenden Erkenntniß zu gelangen, beraubt sind. Es ist sehr wahr, daß die römische Kirche die große Babylon, die Mutter aller Gräuel auf Erden ist; aber alle übrige Kirchen haben mehr oder weniger sie zum Muster genommen. Ihre verderbten Regierungen werden sich immer dem wahren Evangelium entgegensetzen, und eben dadurch werden sie sich selbst den Untergang zuziehen. Dies Alles wird in der Folge geprüft werden. – A. d. H. »Aus diesen Betrachtungen folgt, daß gutgesinnte Menschen um des Gewissens willen sich sowol der festgesetzten kirchlichen Macht als jeder bürgerlichen unterwerfen müssen. Sie sind beide von Gott, sofern sie sich auf die Untergebnen beziehen; und es ist wahrscheinlich, daß Diejenigen, welche dereinst den Untergang der Formen des Kirchenregiments verursachen sollen, solches nicht aus reiner Liebe und christlichem Mitleiden, sondern aus höchst falschen Bewegungsgründen vornehmen, folglich die strengsten Züchtigungen am Ende sich selbst zuziehen werden. Es ist daher die Pflicht aller guten Christen, beides, beides nach älterem Gebrauch für sowol – als auch. – D der bürgerlichen und kirchlichen Gewalt, unter welchen sie geboren sind, zu gehorchen, wofern ihnen nicht Ungehorsam gegen Gott befohlen wird, welches selten der Fall ist. Unterwürfigkeit und Gehorsam bei. Andern zu befördern, Fehler sanftmüthig zu verbessern und für den Frieden und die Glückseligkeit ihres Jerusalems zu beten.« 5. Bekehrung der Juden. Im Jahr 1723 schickte Johann Müller, Prediger zu Gotha, ein zu Bekehrung der Juden geschriebenes Büchelchen, 6 ¼ Bogen stark, »Das Licht am Abend, zu erleuchten die Augen Israel's, auf daß sie sehen den Trost Zion's, wenn Gott Zion bekehren wird«. Halle 1728. – H. das keinen Verleger gefunden hatte, an den Prof. Callenberg zu Halle. Dieser sammelte eine Collecte, ließ dies Büchelchen, ließ mehrere kleine Bücher Jüdisch-Deutsch drucken und schickte damit zwei arme Studiosen, die Ebräisch gelernt hatten, zu Bekehrung der Juden in alle Welt. Seitdem sind Mehrere gereist; vielleicht reisen sie noch. Man nannte diese fromme Anstalt Callenberg's Institut zu Bekehrung der Juden ; es ward privilegirt. Schulz' »Leitungen des Höchsten durch alle vier Welttheile«. Halle 1770 u. s. w., 4 Bde., sind ein Probeleben dieser reisenden Judenbekehrer, voll Erfahrungen in den niedern Ständen. – H. Keinen frommen Wunsch muß man verunglimpfen, so wenig anfangs Mittel und Zweck einander zu entsprechen scheinen; daß aber durchs Disputiren in Herbergen und Wirthshäusern schwerlich eine große Judenbekehrung bewerkstelligt werden möchte, ist ebenso klar, als es gewiß ist, daß durch solche Disputen der Christen mit den Juden jene sich diesen oft zum Spott gemacht haben. Im Anfange des jetzigen Jahrhunderts sehen wir die sogenannte Judenbekehrung mit andern Augen an, als man sie im Anfange des vergangenen ansah. Luther's Aussprüche von dieser Nation, die er, seiner Zeit gemäß, oft zu hart aussprach, haben sich während dessen so sehr bestätigt, daß, als am Ende des vorigen Jahrhunderts einige jüdische Hausväter sich einem neugebildeten , ausgeklärten Christentum aus Bedingungen associiren und assiliiren wollten, Niemand darauf merkte. Woher diese veränderte Ansicht der Dinge, verglichen mit dem Eifer voriger Zeiten? Sie entspringt aus der Natur der Sache selbst, beglaubigt durch eine lange Erfahrung. Erstens . Was wollen die Christen, wenn sie mit Juden über alte Prophezeiungen disputiren? Auch über die Grundsätze der jüdischen Grammatik und Auslegungskunst, die von der christlichen so verschieden ist, hinweggesehen; hinweggesehen darüber, daß bei einer Sprache, die ehemals ohne Vocalen geschrieben ward, es dem Gegner an Ausflüchten nie fehlen werde: ist es ausgemacht, daß diese Vorhersagungen, als sie gesagt wurden, größtentheils eine zeit- und ortmäßige Veranlassung und Anwendung hatten, durch das vermehrte Licht fortgehender Zeiten aber, zuletzt durch die ganze Sammlung der Schriften selbst einen immer geistigern Sinn erhalten haben. Alles hängt an diesem geistigen Sinn symbolisch ausgesprochener Hoffnungen und Wünsche . Wer an solchem keinen Geschmack hat, sondern die goldnen Becken und Schüsseln am neuen Opferaltar, die siebenmal hellere Sonne, Mond und Sterne in Natur haben und erwarten will, dem kann man nichts sagen, als: »Warte!« Sinnliche Begierden, zumal auf Nationalstolz gegründet, lassen sich selten wegdisputiren; man gönne sie Dem, der sich daran freut. Er warte! Zweitens . Denn auch die Christen erwarten ja noch ein zukünftiges Reich, kommend in seiner Herrlichkeit , wie ihr Glaubensbekenntniß sagt. Wenn die Juden aus ihre Weise auch darauf warten, so können beide Parteien ja einander gefällig sein und es dem zukünftigen Richter anheimstellen, wie er die Ehre oder die Verachtung, die man seiner ersten Ankunft erzeigt hat, ansehen wolle. Niemand greife ihm vor. Soyez donc Juif, parceque vous l'êtes , sagte Voltaire ; wem liegt etwas an Eurem Glauben oder Nichtglauben an den Gekommenen, an Eurer Auslegung und Hoffnung, an Eurem Nicht-Christenthume? Drittens . Aber die Sache hat andre Seiten. Die Religion der Juden ist, wie sie selbst sagen, ein Erbstück ihres Geschlechts , ihr unveräußerliches Erbtheil . Nur der Gott ihrer Väter, der ihnen diese Gebote auflegte, meinen sie, kann sie ihnen entnehmen, und zwar nicht anders als durch einen so feierlichen Act, als die Gesetzgebung auf Sinai selbst war. Das Volk ist und bleibt also auch in Europa ein unserm Welttheil fremdes asiatisches Volk , an jenes alte, unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebne und nach eignem Geständniß von ihm unauflösbare Gesetz gebunden . Wiefern nun dies Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- oder Lebensweise in unsre Staaten gehöre, ist kein Religionsdisputat mehr, wo über Meinungen und Glauben discurrirt würde, sondern eine einfache Staats-Frage . »Wie Viele nämlich von diesem fremden Volk, das unter solchem fremden Nationalgesetz, in solcher Denk- und Lebensweise solche und keine andre Geschäfte treibt, diesem und keinem andern Staat entbehrlich, nützlich oder schädlich seien, wie man sie anzusehen und anzuwenden habe.« Dies ist das Problem. Wenn von Chinesen, Indiern, Persern, Zigeunern, Mamluken, die eben einwanderten, die Rede wäre, bliebe es dieselbe Frage. Jeder Staat hat sie für sich zu beantworten, keiner darf dem andern darüber Gesetze vorschreiben, am Wenigsten hat der Philosoph a priori hierüber zu entscheiden. Denn da das Mosaisch-sinaitische Gesetz und das ihm anhängige Volk seinem eignen Bekenntniß zufolge nach Palästina, nicht nach Europa gehört, da Israel sich in seinen Gebeten als ein von allen Völkern unterschiednes eignes Volk achtet: wie könnte es von andern Nationen anders geachtet werden? Endlich . Da das Geschäft der Juden seit mehr als dreitausend Jahren bekannt ist und der Einfluß, den dies Geschäft auf den Charakter des Volks gehabt und unwandelbar noch hat, sich in der ganzen Geschichte desselben darlegt: wozu jene entfernteren Discussionen z. B. über Rechte der Menschheit, wenn blos die Frage ist: »Wie Viele von diesem fremden Volk dürfen in diesem europäischen Staat dies ihr Geschäft ohne Nachtheil der Eingebornen treiben? unter welchen Bedingungen? in welchen Schranken? unter welcher Aufsicht?« Denn daß eine unbestimmte Menge derselben einen europäischen, zumal übel organisirten Staat verderbe, davon liefert die Geschichte leider traurige Beweise. Nicht allgemeine menschenfreundliche Grundsätze, sondern die Verfassung der Nation , in welcher Juden ihr Gewerbe treiben, giebt hierüber Auskunft. Holland, d. i. Amsterdam, kann hierin für jedes andre europäische Land, z. B. Polen, Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich, auch nicht entscheiden, da keines dieser Länder in seinen Flecken und Dörfern Amsterdam ist und sein kann. Im Jahr 1638 schrieb ein feiner Rabbine, Simon Luzato , zu Venedig ein Buch, Discorso circa il stato di gli Hebrei, e in particolar dimoranti nell' inetita Citta di Venecia. Da Simone Luzato, Rabbino Hebreo, Venezia 1638 4.–H. durch welches er seinem Volk mehrere Freiheit in der Republik bewirken wollte. Weit entfernt aber, auf dergleichen Grundsätze zu bauen, die Alles und damit nichts erweisen, hält er sich fern von der Höhe des Meers am Ufer der Lagunen. Er empfiehlt sein Werk der Republik als »den am Nilstrom ausgesetzten Moses, den die Tochter Pharao's aus Mitleiden aufnahm, und der nachher ein Gesetzgeber worden«; so sollte Venedig sein Buch aufnehmen mit Liebe und großmüthigem Schutz gegen die Verleumder. Sein Volk vergleicht er »einem Acker, der Unkraut und gute Frucht trage«; der Staat solle ein kluger Ackermann sein, diese zu erziehen nach Ausrottung jenes. Er vergleicht es »einer alten, durch Länge der Zeit verdorbenen Bildsäule, die gleichwol von der Hand eines Meisters herrühre und der Aufbehaltung, der Restauration werth sei«. Wie nach der Meinung der Stoiker Sonne, Mond und Sterne sich von den Dünsten der Erde nährten, so, meint der Rabbi, trage das jüdische Volk dem Staat, als der geringste Theil desselben, durch in- und ausländischen Handel Vieles ein, das durch Niemand anders so gut eingebracht werden könne; denn Handel sei der Juden Gewerbe, da sie zum Kriegsdienst und Ackerbau untüchtig und ungeneigt seien. Die christlichen Kaufleute, meint er, setzten sich nach erworbenem Reichthum zur Ruhe, kauften Landgüter, erbauten Paläste, der Reichthum komme in fremde Hände, die Handelsstädte selbst hätten ihre Perioden und Lebensalter: der Jude hingegen sei ein immer neusprießender Baum. Grundstücke dürfe er nicht besitzen, Civilbedienungen nicht versehen, mechanische Professionen nicht lernen, der Cölibat sei ihm untersagt: also bleibe ihm kein Gewerb als der Handel. Dem Staat, sagt der Rabbi, thue es wohl, wenn die Gewerbe gleichsam nach ägyptischer Art vertheilt seien; durch den Handel werde der Jude von Künstlern sowol als Staatsbürgern unterschieden. Von jenen: denn auf Künste dürfe er sich nicht legen; von diesen: denn in Ländereien und Paläste dürfe er seine Gelder nicht stecken; sie blieben also dem Handel. Eben deshalb aber dürfe der Staat einen übermäßigen Reichthum der Juden nicht fürchten, theils weil nur der Erwerb von Ländereien das veränderliche Glück des Handels sichre , theils weil zahlreiche Familien die natürliche Folge früher Heirathen und des ihnen verbotnen Concubinats seien, mithin den väterlichen Erwerb theilen . Auch schon der starken Abgaben wegen komme selten ein großes Vermögen auf das zweite Glied des Geschlechts. Die Juden seien als » nutzbare Knechte des Staats« zu betrachten, da denn der Rabbi den Nutzen von 6000 Juden für Venedig berechnet. Die Verbrechen der Juden können verhütet werden, ihr Gesetz sei nicht menschenfeindlich, welches Letzte er angelegentlich erweist. Er zeigt, warum nicht in allen Städten und Staaten die Juden geduldet werden; Seehandelsstädten aber seien sie nützlich. In katholische schickten sie sich mehr als in protestantische Staaten, da sie jenen im Artikel der Traditionen und verdienstlichen Werke näher kämen u. s. w. So bescheiden, sein und klug schrieb der italienische Rabbi nach Ort- und Zeitverhältnissen im Jahr 1638, nicht stolz auf die Cultur seines Volks, nicht trotzend auf allgemeine Rechte der Menschheit, die zu Bestimmung dieser Frage nur als Eingang gehören. Manasse Ben-Israel »Rettung der Juden«, aus dem Englischen übersetzt von Moses Mendelssohn. Berlin 1782.–H. in seinem Gesuch um Aufnahme der Juden in England war ebenso bescheiden; wie es denn auch Fremdlingen, die nach einem eignen Gesetz in einem fremden Staat, dazu in einem oft unübersehbaren Zusammenhange leben wollen, gebührt. ––––– Mit vielen Theologen hat es ein britischer Philosoph David Hartley, a. a. O., Theil 2. E. 420. – H. wahrscheinlich gefunden, daß die Juden einst in Palästina wieder werden eingeführt werden«, und zwar außer den Weissagungen des Alten und Neuen Testaments aus folgenden Gründen: » Erstens seien sie ein von allen Nationen verschiedenes Volk, von der Vorsehung wahrscheinlich für irgend eine solche Gunstbezeugung aufbehalten. » Zweitens . In allen Ländern der bekannten Welt seien Juden, ohne » Drittens in irgend einem Lande ein Erbtheil zu haben. Ihre Güter seien Geld und Juwelen, die sie nach Palästina leicht mitnehmen könnten. » Viertens . Von den Nationen, unter welchen sie leben, werden sie meistens mit Härte und Verachtung, oft mit Grausamkeit behandelt; dagegen » Fünftens stünden sie unter sich durch die ganze Welt in Briefwechsel, hätten auch bei solchem » Sechstens an ihrem Rabbinisch-Ebräisch eine Universalsprache und -Charakter , welche Umstände mehr, als wir es uns vorstellten, ihre Rückkehr erleichtern könnten. » Endlich erhielten sie sich stets hiezu in Hoffnung und Erwartung.« Glück also, wenn ein Messias - Bonaparte sieghaft sie dahin führt, Glück zu nach Palästina! Schwerlich würde aber der reichen, bewerbsamen Nation das enge Palästina gefallen, wenn ihr nicht zugleich der allgemeine Mittelhandel der alten und neuen Welt zugestanden würde. Für die alte Welt wäre ihr Land dazu wohlgelegen. Feines, scharfsinniges Volk, ein Wunder der Zeiten! Nach der genialischen Glosse Zu 1. Mos. 33, 4. Esau ist bei den Juden das Bild mächtiger, vorzüglich kriegerischer Völker. – H. eines seiner Rabbinen liegen Esau und Israel einander weinend am Halse; Beide schmerzt der Kuß, aber sie können nicht aus einander. ––––– Beilage. Montesquieu: Wie sich der Handel in Europa mitten durch die Barbarei Licht machte. Esprit des lois. L. XXI. Chap. 20. - H. »Als Aristoteles' Philosophie in die Westwelt eingeführt ward, gefiel sie den spitzfindigen Geistern sehr, die in den Zeiten der Unwissenheit für schöne Geister gelten. Mit ihr bethörten sich die Scholastiker und entschieden aus diesem Philosophen Aristoteles' »Politik«. I. 9 f. – H. über den Ausleih auf Zinsen, dessen Quelle doch im Evangelium natürlich da lag; sie verdammten ihn in allen Fällen ohn' Unterschied. Dadurch ward der Handel, der schon das Gewerbe niedriger Menschen war, ein Gewerb unehrlicher schlechter Leute; denn jedesmal, wenn man eine natürlich erlaubte oder gar nothwendige Sache verbietet, bewirkt man nichts, als – unehrliche Leute zu machen aus Denen, die sie treiben. »So kam der Handel einer Nation in die Hände, die damals für ehrlos galt; bald ward er vom abscheulichsten Wucher, von Monopolien, von Erhebung der Subsidien, von allen malhonneten Mitteln, Geld zu erlangen, nicht mehr unterschieden.« Die Juden, die durch Erpressungen reich geworden waren, wurden mit eben der Härte und Tyrannei von den Fürsten geplündert; das tröstete dann die Völker, ohne daß es ihnen half. – Montesquieu führt hier eine Reihe Grausamkeiten an, die man in England gegen die Juden beging. Leider machte man es in andern Ländern nicht besser; die mittlere Geschichte ist voll dieser Erpressungen und Grausamkeiten. – H. »Indeß sah man aus dem Schooß dieser Plackereien und der Verzweiflung den Handel hervorgehn. Die Juden, die einmal nach dem andern aus jedem Lande vertrieben wurden, fanden ein Mittel, ihre Effecten zu retten. Eben dadurch verschafften sie sich auch einen sichern Rückhalt; denn ein Fürst, der ihrer los sein wollte, hatte nicht eben auch Lust, sich ihres Geldes zu entäußern. »Sie erfanden die Wechselbriefe; Die erläuternde Anmerkung Montesquieu's hat Herder weggelassen. – D. durch dies Mittel konnte der Handel der Gewaltthätigkeit ausweichen und sich allenthalben halten . Der reichste Handelsmann hatte nichts als unsichtbare Güter, die er allenthalben hin versenden konnte, ohne daß sie irgendwo eine Spur zurückließen. »So wurden die Theologen genöthigt, ihre Grundsätze einzuschränken, und der Handel, den man gewaltthätig mit dem Betruge verbunden hatte, kehrte, wenn man so sagen darf, in den Schooß der Ehrlichkeit wieder zurück. »Den Speculationen der Scholastiker sind wir also alle das Unglück schuldig, das den Verfall des Handels begleitete, und dem Geiz der Fürsten die Errichtung einer Sache, die den Handel gewissermaßen ihrer Macht entzieht. »Seitdem mußten sich die Fürsten klüger benehmen, als sie selbst kaum gedacht hatten; denn im Erfolg fanden sich die großen Machtstreiche immer so ungeschickt angebracht, daß es jetzt für eine anerkannte Erfahrung gilt: »nur eine gütige Regierung verschaffe Glück den Völkern«. »Man fängt an, sich vom Macchiavellismus zu heilen; man wird's immer mehr. Die Conseils haben mehr Mäßigung nöthig; was man sonst Staatsstreiche ( coups d'état ) nannte, hieße Nach Montesquieu richtiger wäre. – D. auch ohne Rücksicht auf den Abscheu, den es erregen würde, Unklugheit. »Ein Glück für die Menschen. daß, wenn auch ihre Leidenschaften sie böse machen wollen, ihr Interesse sie davon zurückhält.« ––––– Fortsetzung. Hat Montesquieu Recht, daß die ehemalige Barbarei in Europa zum Verderbniß des jüdischen Charakters durch ein gewaltthätiges und häßliches Betragen gegen dies Volk mit beigetragen, welches wir ihm der Geschichte zufolge nicht ableugnen können, so ist's der Europäer Pflicht, die Schulden ihrer Vorfahren zu vergüten und, die durch sie ehrlos wurden, der Ehre wiederum fähig und werth zu machen. Wodurch dieses? Offenbar und vor Allem, 1) daß wir ihnen die Quellen ehrlosen Gewinnes und Betruges verstopfen , die wir ihnen selbst öffneten und in schlecht organisirten Staaten noch öffnen. Wer macht den Betrüger? Der Dummkopf oder der Gewaltthätige; oft sind Beide in einer Person. Lasset die Christen ihre Gewerbe so gut verstehen, so emsig betreiben als die Juden das ihrige; lasset christliche Familien, Zünfte und Gesellschaften einander so beistehn, als es die Juden einander zu thun gewohnt sind: wer wird den Preis vor dem Andern erjagen, Juden oder Christen? Und da Jene eben vom verderbtesten oder verfallensten Theil der Nation ihren verbotnen Gewinn ziehen, von verschwendenden Jünglingen z. B., von Großen, die in dürftiger Pracht, von Mächtigen, die bei ihren aufs Höchste gestiegnen Bedürfnissen in verschwendender Armuth leben: an wem liegt die Schuld, daß sie diesen verbotnen Gewinn haschen dürfen? Der üppig-dürftige Große mißbraucht sie, und sie mißbrauchen ihn siebenfach mehr; denn wo wäre ein Winkel, wohin ein Jude nicht kommen könnte? Der mächtige Verschwender läßt sie Andre drücken, damit er sie ausdrücken möge; ist die Schuld ganz die ihre? Stecken sie wie der Nagel in der Wand, dem man häusliche, oft häßliche Geheimnisse aufhängt, die, wie man sagt, nur ein ehrloser Jude wissen soll und darf, werden sie zwischen Thür und Angel geklemmt: was können sie thun, als dort in die Wand bohren, hier sich durchwinden, wimmern und beißen? Wo also Juden sind, muß die Verbesserung bei ehrlosen Christen angefangen werden, die den Ebräer mißbrauchen. Ein Ministerium, bei dem der Jude Alles gilt, eine Haushaltung, in der ein Jude die Schlüssel zur Garderobe oder der ganzen Casse des Hauses führt, ein Departement oder Commissariat, in welchem Juden die Hauptgeschäfte treiben, eine Universität, auf welcher Juden als Mäkler und Geldverleiher der Studirenden walten, sind unauszutrocknende pontinische Sümpfe; die politische Bekehrung fängt vom unrechten Ende an, wenn sie den Juden trifft, nicht den Christen. Denn nach dem alten Sprichwort: »Wo Fäulniß ist, hecken Insecten und Würmer«. Ein dem Juden verhafteter oberer Stand drückt durch sie alle Stände; die härtesten Strafgesetze hierüber sind den Ebräern selbst Wohlthat. Zuerst muß das Ehrlose weg aus ihrer Zunft, ehe der Staat ihnen wahre Ehre erzeigen darf; so lange der Verdacht einer nationellen Ehrlosigkeit gegen sie da steht, sind alle Weißbrennereien vergebens. Dies fühlt der Ebräer selbst. Eine Judenschaft, der ihr guter Name lieb ist, wird den Ehrlosen unter ihnen weniger schützen als die mit ihm zusammenhangenden oder erkauften und bestochenen Christen. Wenn er aus ihrer Mitte verbannt und sein Name vertilgt wird, ist's Jenen Freude und Gnugthuung; Schimpf und Schande dagegen, wenn ihn christliche Gesetze begünstigen und dulden. Ehrliebende Ebräer werden die Gelegenheiten nie gern sehen, da Einer ihres Geschlechts mit Recht und Unrecht zu einem überschwänglichen Reichthum kommt, weil er der ganzen Nation Haß und Neid aufladet. Sein Name, er heiße Süß oder Ephraim , wird Zeiten hinab auch dem Unschuldigen vorgerückt und er mit demselben gestäupt. 2. Wäre auf solche Weise der gute Name geschützter Juden in Sicherheit gesetzt und würde darin durch strenge Gesetze gegen Verlocker und Betrüger, gegen Hehler und Stehler, gegen Zins-, Trödel- und Betteljuden erhalten, so betrachte sich die Christenheit gegen das Judenthum als der machthabende, gebildetere Theil, gehe ihm mit edlem Beispiel voran und zwinge ihn gleichsam durch Vorsicht und Zutrauen zur Achtung gegen sich selbst, d.i. zur Ehre . Alle Gesetze, die den Juden ärger als Vieh achten, ihm nicht über den Weg trauen und damit ihn vor den Augen Aller täglich, stündlich ehrlos schelten, sie zeigen die fortwährende Barbarei des Staats, der aus barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet. Um so mehr müssen diese Gesetze Rache, Haß oder mindestens verbissenen Groll erzeugen, da in manchem Betracht der Jude ein schärferer Ehrenrichter ist, als der gemeine Christ es sein kann. Diesen drückt gewöhnlich die Würde seiner Vorgesetzten und der höheren Stände wie Blei und Eisen zu Boden, daß er kaum aufrecht stehen, geschweige gerade sehen kann, indem von Kindheit auf seine Begriffe über Stand und Ehre verschoben und irre gemacht werden. Nicht also der Jude. Da er auf keine Würden im Staat Anspruch machen darf, wohl aber mit allen Ständen Gewerb hat, die Schwächen aller kennt und ihre Geheimnisse weiß, so lernt er Alles schätzen und wahren Werth vom falschen gewiß unterscheiden. Also auch für seine Person hat er ein reineres Gefühl für Ehre, als man ihm gewöhnlich zutraut, indem er diese von Complimenten, die ihm nichts completiren, sehr wohl unterscheidet und Schuldner-Complimente tief verachtet. Lessing insonderheit hat dies unbefangnere Urtheil gebildeter Juden, ihre schlichtere Art, die Dinge anzusehen, in Nathan dem Weisen dargestellt; wer darf ihm widersprechen, da der Jude als solcher von manchen politischen Vorurtheilen frei ist, die wir mit Mühe oder gar nicht ablegen? Meint Ihr nicht, daß, wenn statt des Marquis d'Argens ein Jude wie Nathan jüdische Briefe geschrieben hätte, diese in Vielem eindringender, scharfsinniger, selbst wahrer gewesen wären, als es jetzt die übrigens schätzbaren Lettres Juives sein konnten? Wer übertraf Spinoza an Consequenz, die er in sein System der Moral und Politik, selbst der Theologie brachte? Einen Orobio, Pinto, so manche treffliche Aussprüche und Parabeln der Rabbinen, die sich auf die feinsten Bemerkungen gründen, wird irgend ein Verständiger sie ohne Achtung lesen? Dem Pöbel der Schriftsteller zwar waren oft die sinnreichsten Parabeln aus Haß und Verkehrtheit bald lächerlich, bald verächtlich; woher aber? Weil er in ihnen (von allen ist nicht die Rede) den Sinn nicht faßte und sich an die oft kindisch scheinende Einkleidung muthwillig hielt. Daß endlich einmal diese Turlupinaden des Judenthums aus ihren Märchen aufhören, will zur Ehre christlicher Nationen selbst der fortschreitende Geist der Zeit, der auch die Albernheiten einer abgeschränkten Schule lieber zu erklären sucht, als daß er sie grob verhöhne. Unter Drangsalen, die dies Volk Jahrhunderte lang betroffen haben, welch andre Nation hätte sich auf dem Grade der Cultur erhalten, auf dem sie ihr inhaltreiches Buch der Bücher, die Sammlung ihrer heiligen Schriften, mit ihnen die Schreib- und Rechenkunst festhielt? Noth und ihr Gewerbe haben sie zu einem Scharfblick gebildet, den nur ein stumpfes Auge nicht wahrnimmt. Wenn nun im Felde der Menschheit jedem vorzüglichen Charakterzuge sein Lob gebührt, warum nicht diesem? Von der leidenschaftlosen, man möchte sagen, gesetzlichen Großmuth und Wohlthätigkeit edler Israeliten findet man hie und da Züge, die ebenso überraschen als befremden. Auch sie hat Lessing, wo er konnte, herausgesetzt, S. sein Lustspiel Die Juden, Nathan den Weisen u.s.w. – H. in Lebensbeschreibungen findet man oft dergleichen Züge; denn nicht alle Juden sind Shylocks. 3. Und wenn der größere Theil der Nation zu dieser Milde freilich noch nicht gelangt ist, was kann ihn dazu leiten als – eine bessere Erziehung, Moral und Cultur? Unvermerkt heben diese die Ungleichheit zwischen Menschen und Menschen auf; sie wecken das Gemüth und ebnen den Charakter. Nun hat der Staat unwidersprechlich das Recht und die Pflicht, Fremdlingen, die er schützt, eine Erziehung zu geben, die seinen Grundsätzen gemäß sei; die Sorge dafür ist er seinen Eingebornen schuldig. Für beide Theile trägt diese bessere Erziehung ihren Vortheil mit sich. Indem Juden- und Christenkinder nach einerlei Grundsätzen der Moral und Wissenschaft erzogen werden (von Religionsgebräuchen ist nicht die Rede), lernen sie einander kennen und achten, vergessen Vorurtheile, die sie sonst schieden; die ewigen Klagen gegen die böse Moral der Juden verschwanden von selbst, indem der Staat wußte, in welchen Grundsätzen sie erzogen werden. Wie es Pfleglingen abgesonderter Institute erging, daß sie menschenscheu in die Welt traten und selten gediehen, dagegen, unter Menschen erzogen, diese sie liebgewinnen und von ihnen liebgewonnen werden, so auch dem Judenthum, wenn es sich von der Nationalerziehung nicht mehr ausschließen darf. Gemeinschaftliche Cultur der Seele vereinigt die Menschen aller Zeiten, Gegenden und Völker. Wer denkt bei Spinoza's, Mendelssohn's, Herz' philosophischen Schriften daran, daß sie von Juden geschrieben wurden? Und wenn die Töchter Zion's dereinst ihren Vorfahren, einer Mirjam und Deborah, in Künsten der Muse nacheifern, wen wird es befremden? Ein jüdischer Dichter sagt sogar: »Was spricht die Tonkunst bei den Christen? Aus dem Lande der Ebräer bin ich entführt.« Man gebe sie ihnen also wieder. Uebrigens zu welcher Lebensart die Juden geneigt seien, ist kein Problem mehr: die drei alten Welttheile haben es Jahrtausende hindurch längst aufgelöst. Wären sie geborne Kriegshelden, wie viele Anlässe unter Griechen und Römern, vorzüglich in den Mittlern Zeiten unter Christen, forderten sie auf, ihren Muth zu zeigen! Wären sie Seehelden, Künstler, Landcolone, bei den Reichthümern, die sie besaßen, bei ihrer Zerstreuung in alle Welttheile hätten sie längst etwas Außerordentliches zu Stande gebracht in Ländern und Zeiten, wo nichts sie hinderte, in jeder Kunst die Ersten zu werden! Die Kunst, worin sie die Ersten wurden, zeigen sie fortwährend. Räumte man ihnen also alle Zweige bürgerlicher Nahrung, Zunftgewerbe u. dgl. ein, so würden und müßten diese in ihrer Hand bald Verleger-Comtoirs werden, denen die Landeseigenthümer, die Kanaaniter, als Fabrikanten dienen, nach der Verheißung: Jesaias 61, 5f. – D. »Fremde werden stehen und Eure Heerde weiden; Ausländer werden Eure Ackerleute sein; Ihr aber, das erwählte Volk, werdet die Frucht ihres Schweißes genießen und herrlich leben.« Wie der Talmud schreibt: Vgl. Schöttgen's Horae Hebraicae et Talmudicae in Novum Testamentum (Dresden 1733), S. 70. – D. »Wer hundert Gülden im Handel hat, kann alle Tage Fleisch essen und Wein trinken; wer hundert Gulden im Ackerwerk liegen hat, muß Kraut und Kohl essen, muß dazu graben, viel wachen und sich dazu Feinde machen. Auch weil wir niemals ein Thier oder einen Vogel gesehen haben, der ein Handwerk gekonnt hätte, auch keinen Hirsch, der Feigen aufgedürret, noch einen Löwen, der eine Last auf seinem Rücken getragen hätte, auch keinen Fuchs, der ein Krämer gewesen wäre: sie nähren sich Alle ohne Schmerzen, unangesehen, daß sie allein zum Dienst der Menschen erschaffen seien. Wir aber sind erschaffen, daß wir Gott dienen sollen; ist's nun nicht billig, daß wir uns ohne Schmerzen nähren?« Immerhin ohne Schmerzen, nur nicht durch Betrug und Ueberlistung! Welche Aussicht wäre es, die Juden, ein so scharfsinniges Volk, der Cultur der Wissenschaften, dem Wohl des Staats, der sie schützt, und andern der Menschheit allgemein nützlichen Zwecken treu ergeben, in ihren Beschäftigungen und in ihrer Denkart selbst rein humanisirt zu sehen! Abgelegt die alten stolzen Nationalvorurtheile, weggeworfen die Sitten, die für unsre Zeit und Verfassung, selbst für unser Klima nicht gehören, arbeiteten sie, nicht als Sclaven an einem Koliseum, wohl aber als Mitwohner gebildeter Völker am größten und schönsten Koliseum, dem Bau der Wissenschaften, der Gesammtcultur der Menschheit. Nicht auf den nackten Bergen Palästina's, des engen, verheerten Landes, allenthalben stünde da geistig ihr Tempel aus seinen Trümmern empor; alle Nationen verehrten mit ihnen, sie mit allen Nationen verehrten den Weltschöpfer, indem sie sein Bild, Vernunft und Weisheit, Großmuth und Wohlthätigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhüben. Nicht durch Einräumung neuer mercantilischer Vortheile führt man sie der Ehre und Sittlichkeit zu, sie heben sich selbst dahin durch rein menschliche, wissenschaftliche und bürgerliche Verdienste. Ihr Palästina ist sodann da, wo sie leben und edel wirken, allenthalben. ––––– Erste Beilage. Lied zu Bewillkommung des großen Ruhetages der goldnen Zeit. Von Rabbi Salomo Hallevi. – H. Der Vorsänger . Auf, o Freund, der Geliebten entgegen! Salome tritt heran; freundlich empfangen wir sie. Salome; das ganze Hohelied ward auf diesen Sabbath gedeutet. – H. (Die Gemeine wiederholt diese Worte.) Der Vorsänger. Gedenk und bewahre ! Schamor und Zachor bei der doppelten Anführung des Gesetzes im ersten [17, 91] und fünften Buch [5, 1] Moses' sollen ein Laut gewesen sein nach der Auslegung der Rabbinen. – H. sprach der einige Gott In einem Laut. Der Ewige ist Einer, einig ist sein Name, Einig in Ruhm, in Majestät und Preis.         Auf, o Freund, der Geliebten entgegen!          Salome tritt heran; freundlich empfangen wir sie.         Eilet mit mir dem Tage der Ruh' entgegen, Dem Urquell aller Seligkeit, Vom Anbeginn zur Feier bestimmt, Ein Ziel der Schöpfung im Entwurfe schon. S. 1.Mos. 2,2f. – H.         Königs Tempel, Gottes Palast. Tritt aus Deinen Trümmern hervor! Zu lange rastest Du in öder Tiefe; Erhebe Dich, von jetzt an immer verschont! Entschüttle Dich des Staubes, richte Dich auf! Leg, o lege, mein Volk, den Festschmuck an! Durch des Bethlehemiten Isai Sohn Ahnet meinem Gemüth: »Die Befreiung ist nah!«         Auf, o Freund, u. s. w.          Ermann, ermuntere Dich! Siehest Du jenes Licht? Es schwindet schon. Die Reiche der Völker. – H. Mein Licht bricht hervor! Auf! stimme den Psalter an! Die Herrlichkeit des Ewigen erscheinet über Dir! Jesaias 60, 1. – D.         Auf, o Freund, u. s. w.         Was betrübst Du Dich? Warum bangest Du? Nie wirst Du mehr beschämt und schamroth stehn. Schutz findet in Dir der Arme meines Volks, Fest wirst Du zur unüberwindlichen Stadt gebaut.         Auf, o Freund, u. s. w.         Die Dich beraubten, werden zur Beute werden, Und fern Dir sein, die Dich zerstöreten; Dein Gott wird sich erfreuen über Dir, Wie der Bräutigam an seiner Braut sich freut. Jesaias 62, 5. – D.         Auf, o Freund, u. s. w.         Links und rechts wirst Du ausbreiten Dich Durch ihn, den Mann vom Parsengeschlecht. Von Perez , »Zertheilung«, 4. Mos. 26. 20. – H. Verbreiten wirst Du rings des Ewigen Preis; Wir freun uns Deiner, wir werden fröhlich sein.         Auf, o Freund, u. s. w.         Willkommen uns, Du Krone des Manns, Sprüche Salom. 12, 4. – H. Tritt herein, o Geliebte, mit Freud' und Jauchzen herein, In den Chor meiner Treuen, des geliebten Volks! Alle. Tritt herein, o Geliebte! Salome , tritt herein! Auf, o Freund, u. s. w. Hier folgten zunächst zum Schlusse des ersten Stückes des vierten Bandes der Adrastea die »Jüdischen Parabeln« (die vierte Sammlung der »Blätter der Vorzeit«, Werke. VI. S. 74–83; vgl. daselbst S. 18 f.), wozu die nachträgliche Bemerkung gestattet sei, daß Herder hier die S. 567, Anm. 2 genannte Schrift Schöttgen's (Dresden 1733) und Menschen's Novum Testamentum ex Talmude illustratum (Leipzig 1736) benutzt hat. So ist »Treue« (S. 74) wo Pinchas zu lesen, aus Schöttgen, S. 582, »Der africanische Rechtsspruch« (S. 75) aus S. 46 f., »Weingefäße« (S. 76) aus S. 690, »Alles zum Guten« (S. 77)aus S. 535 f., »Der Tag vor dem Tode« (S. 80) aus Menschen, S. 106, »Der Lohn der zukünftigen Welt« (S. 81) aus Schöttgen, S. 187 f. entnommen. Aus Eisenmenger (II. 321, I. 874, 876) sind »Der Ueberwinder der Welt« (S. 79) und »Der Engel des Todes« (S. 82) geschöpft. Den Anfang des folgenden Stückes bildete die Fortsetzung der »Chinesischen Exempel der Tage« (9–16) Werke, VI. S. 245–253 (vgl. oben S. 515, Anm. 1). – D. ––––– Zweite Beilage. Lord Herbert's von Cherbury Himmelszeichen für die Wahrheit. Diese Überschrift fehlt im Text der Adrastea, steht aber im Inhaltsverzeichnisse derselben. – D. Als Lord Herbert von Cherbury , ein Ritter edel und kühn, galant, gelehrt und zu jedem Geschäft tüchtig, seine Bücher »Von der Wahrheit«, imgleichen »Ueber die Ursachen der Irrthümer und über die Religion der Laien« im Jahr 1624 als Gesandter zu Paris herausgeben wollte, sandte er sie in der Handschrift dem Hugo Grotius , der damals gleichfalls Gesandter zu Paris war. Sie gefielen ihm wohl; er ermunterte den Ritter zur Ausgabe dieser Schriften. Noch aber mit Grotius' Billigung nicht zufrieden, forderte Dieser gleichsam den Himmel heraus, sein sorgsames Gemüth, ob er das Buch herausgeben sollte, durch ein Zeichen zu vergewissern. »So voller Zweifel«, schreibt er, »saß ich an einem heitern Sommertage in meinem Zimmer; mein Fenster war gegen Süden offen, die Sonne schien hell, kein Lüftchen regte sich. Ich nahm mein Buch »Von der Wahrheit« in die Hand, warf mich auf meine Kniee und betete andächtig in diesen Worten : »O Du ewiger Gott, Du Urheber dieses Lichts, das mich jetzt bescheint. Du Geber aller innern Erleuchtung! Ich flehe Dich an nach Deiner unendlichen Güte, mir eine größere Bitte zu verzeihen, als Dir ein Sünder thun sollte. Ich bin nicht überzeugt genug, ob ich dies Buch bekannt machen darf oder nicht. Gereicht die Bekanntmachung desselben zu Deiner Verherrlichung, so bitte ich Dich, gieb mir ein Zeichen vom Himmel! Wo nicht, so will ich es unterdrücken.« Kaum hatte ich diese Worte ausgeredet, als ein lautes und doch zugleich sanftes Getöse vom Himmel kam; denn es war keinem Schall auf Erden ähnlich. Dies richtete mich dermaßen auf und gab mir eine solche Befriedigung, daß ich mein Gebet für erhört hielt und das verlangte Zeichen zu haben versichert war. Hierauf entschloß ich mich also, mein Buch drucken zu lassen. Ich bezeuge vor dem allwissenden Gott, daß dies, so fremd es auch Manchem scheinen mag, wahr ist. Ich bin auch gewiß nicht abergläubischer Weise hierin betrogen worden. Denn ich hörte nicht nur das Getöse ganz deutlich, sondern ich wollte auch noch den Ort zeigen, woher es kam. Es war der heiterste Himmel, den ich jemals gesehen habe, und kein Wölkchen an demselben.« Leland's »Abriß deistischer Streitigkeiten«, Theil 1. S. 614. Das Leben des Lords, von ihm selbst geschrieben, erschien in London 1764. Aus ihm ist Obiges eine Stelle. – H. Was der Lord hier vom Himmel begehrte, erfährt das Gemüth jedes ehrliebenden Mannes. Wer die Wahrheit sucht, worüber es sei, wer sich der Absicht, zum Besten der Menschheit wirken zu wollen, redlich bewußt ist, warum wollte er auf ein Zeichen vom Himmel warten? Was für Diesen nicht ist, ist für Jenen; was heute nicht nützt, nützt morgen. ––––– Dritte Beilage. Stellen aus Luther fürs Bekenntniß der Wahrheit. Diese Überschrift steht gleich der vorigen blos im Inhaltsverzeichnisse der Adrastea. – D. »Aergerniß hin, Aergerniß her,« sagt Luther , »Noth bricht Eisen und hat kein Aergerniß. Ich soll der schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen mag; wo nicht, so soll ich meiner Seele rathen, es ärgere sich daran die ganze oder halbe Welt. Die Stelle ist Luther's »Auslegung des Evangelii am andern Christtage« entnommen und lautet im Original: »Das siebente [Stück, oder: Frucht und Kennzeichen der Kraft des Wortes Gottes] ist, daß sie [die Hirten] frei bekennen und öffentlich predigen das Wort, das ihnen gesaget war von dem Kinde, welches ist das höchste Werk im christlichen Leben«. Wir haben den Wortlaut nach der Ausgabe von Walch (XI. 206) hergestellt. Bei Herder steht: glauben und selber, ficht. – D »Frei bekennen und öffentlich predigen das Wort, ist das höchste Werk im christlichen Leben; daran muß man wagen Leib und Leben, Gut und Ehre. Denn recht glauben und wohl leben heimlich und bei ihm selbst , fichtet der böse Geist nicht so hart an; aber wenn man will herausfahren, dasselbe bekennen, Bei Luther: »heraus fahren und dasselbige ausbreiten, bekennen«. – D. predigen und loben, auch den Andern zu gut, das mag er nicht leiden. – Die folgenden drei Zeilen stehen in Luther's Schrift: »Daß diese Wort' Christi (Das ist mein Leib etc.) noch fest stehen« Wittenberg, Michael Lotther 1527), fol. Bv. Wir haben nach dem Urtext geändert, woselbst die stelle beginnt: »Lieber, ein sicher« etc. Bei Herder fehlt also; dann steht: sagt, heraus, selber.– D. Ein sicher Gewissen, das der Sachen gewiß ist, fitzelt und fetzelt nicht also, es sagt's dürre und frisch eraus, wie es an ihm selbs ist. – »Mit dem Evangelio zu unsrer Zeit ist's gleich als mit einem Menschen, der da sterben will, dem jetzt die Seel' auf der Zunge ist, daß er nur ein Wenig die Zunge rührt und murmelt die Worte: »In Deine Hände befehl' ich meinen Geist.« Also sind wir jetzt der letzte Druck des Evangelii. – Bei Walch, XII. 585, lautet die nachfolgende, Luther's »Auslegung der Epistel am ersten Sonntage in der Fasten« entlehnte Stelle: »Aufs andere zeiget er die Gefahr an, daß man die Gnade nicht versäume. Damit er gewißlich anzeiget, daß die Predigt des Evangelii nicht eine ewige, währende, bleibende Lehre ist, sondern« etc. Sprachliche Abweichungen sind auch hier nach Luther berichtigt.– D. Das Evangelium ist nicht eine ewig währende, bleibende Lehre, sondern ist wie ein fahrender Platzregen, der dahin läufet. Was er trifft, das trifft er; was fehlet, das fehlet. Er kömmt aber nicht wieder, bleibet auch nicht stehen; sondern die Sonne und Hitze kömmt hernach. Bei Luther: »hernach und leckt ihn auf etc.« – D. Das giebt auch die Erfahrung, daß an keinem Orte der Welt das Evangelium lauter und rein blieben über eines Mannes Gedenken , sondern so lange Die blieben sind, die es aufbracht haben, ist's gestanden und hat zugenommen; wenn Dieselbigen dahin waren, so war das Licht auch dahin, folgeten so balde darauf Rottengeister und falsche Lehrer. – »Das Evangelium muß Jedermanns Fußtuch sein, daß alle Welt darüber laufe und mit Füßen trete, sammt seinen Lehrern und Schülern. Fürsten und Herren verfolgen's, böse Buben schänden's und lästern's. Und ob es gleich nicht durch Krieg und Mord getilget wird, so wird es doch bei der Verachtung und Undankbarkeit der Welt durch Lügen und falsche Lehr' untergehen. »Wenn der Teufel so klug wäre und schwiege stille und ließe das Evangelium predigen, so würde er weniger Schaden haben. Denn wenn das Evangelium nicht angefochten wird, so verrostet es gar und hat keine Ursach, seine Gewalt und Kraft an Tag zu geben.« 6. Freidenker Christianity not mysterious 1696. 1702. – H. [1696 erschienen gleich hinter einander zwei Ausgaben. – D.] Der Name Freidenker kam mit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts in Gang, seit Toland , von seiner Kirche ausgestoßen und über sein Buch Vgl. jetzt Hettner's »Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts«, I. 168 ff. – D. verfolgt, sich diesen Namen beilegte, fortan auch mit lautem Hohn also genannt wurde. Seitdem ergossen Swift und andre witzige Köpfe auf die Freidenker ihren Spott; man zählte zu ihnen die verschiedensten, oft sehr achtungswürdige Schriftsteller und gesellte sie zu den leichtfertigsten Buben. Andre, die den Namen mit Recht verdienten, nannte man nicht also, weil sie zur hohen Kirche gehörten. So ist der Titel ein Netz voll guter und böser Fische, ja zuletzt Sanct Petrus' Tuch in der Apostelgeschichte 10, 11 ff. In anderer Weise bedient sich dieses Bildes Goethe in den »Venediger Epigrammen«, 61 (Th. II. S. 149 uns. Ausg. seiner Werke). – D. worden, bis man ihn gar fallen ließ und dafür Ungläubige ( infidels ) sagte. Auf dem festen Lande ging es mit dem Namen Freigeist ( esprit fort ) nicht anders. Er hat Narren und Kluge bedeutet, bis seine Zeit auch dahin ist. Das ganze verlebte Jahrhundert zeigt nämlich, daß Freidenker, Freigeister , und wie man sie sonst nennen möge, dem Christenthum lange nicht so gefährlich gewesen, als man sich im ersten panischen Schrecken einbildete, ja, daß sie ihm vielfach nützlich geworden. Nicht nur erweckten sie den Geist der Prüfung und hielten ihn wachsam, sondern (wer darf's leugnen?) sie brachten meistens bessere Schriften hervor, als sie selbst schrieben, bessere, ja gegenseitige Wirkungen, als die sie zur Absicht hatten. Ohne dergleichen Anfälle aufs Christenthum hätten, unter Vielen nur Wenige zu nennen, Locke und Addison, Bentley, Butler, Berkeley, Campbell, Chandler, Clarke, Conybear, Derham, Ditton, Foster, Gerard, Hoadly, Jenyns, Jortin, Lardner, Leland, Parker, Ray, West, Wollaston u.s.w. manche ihrer schätzbaren Werke nicht geschrieben; sie wären auf manche Untersuchungen nicht geführt oder bei ihnen nicht so festgehalten worden. Und dann wie manchem englischen Geistlichen wäre damit die Gelegenheit zu Erlangung einer vorzüglichen Stelle ( preferment ) entgangen! Dagegen jetzt eben die Ungläubigen diesem zu einem Bischofthum, jenem zu einer Dechanei halfen. Verfolgung über Gedanken , welchen Gegenstand diese auch betreffen mögen, ist nicht der Geist des Christentums; der Geist des Protestantismus ist Ueberzeugung , mithin eigne Untersuchung und Prüfung . Am Wenigsten waren mit der Verfolgung Die zufrieden, die gegen die Ungläubigen schrieben; denn gegen ein verbranntes Buch oder gegen einen eingekerkerten Unglücklichen zu schreiben, ist keine Ehre. Größtentheils waren es schwache Andächtlinge oder gar rohe Gottlose, die gegen sogenannt Ungläubige Verfolgung erregten; Menschen wie Hoadly, Berkeley, Foster billigten diese nie. Wer darf leugnen, daß nicht bei jedem Zusammentreffen denkender Köpfe wie zwischen Stahl und Stein Funken hervorspringen? Wenn über Hobbes und Shaftesbury , über Toland , Ueber Toland's Schrift: Christianity not mysterious, urtheilte Leibniz sehr milde. S. seine Adnotatiunculae ad librum de Christianismo mysteriis carente. 1701. – H. Huet und Andre, Anfeinder oder Vertheidiger des Christenthums, ein Leibniz, wie er es gethan hat, seine Gedanken äußert, sind diese nicht Gewinn ? Und wenn bei entdeckten Blößen die sogenannte Kirche, obgleich mit Widerwillen, manches Anstößige, Falsche, Aergerliche unvermerkt fallen läßt, und eben die Ungläubigen ( infidels ) dazu die Veranlassung gaben, gewann sie dadurch nicht selbst? Das Häßliche oder Seichte in den Schriften Jener ward ihnen gezeigt, unzeitiger Spott, das Gift der Verleumdung fiel auf sie selbst zurück; dagegen trat die Wahrheit immer in schönerem Glanz hervor, und Eusebia Die Frömmigkeit. – D. empfing die Krone. Bei jedem sogenannten Freidenker unterscheide man also, was er auch außer seiner Freidenkerei Gutes geleistet, und was er bei jener im Sinne gehabt, von dem, was er unkräftig oder aufgebracht gegen Lehren der Kirche, unternahm; im Letztern konnte er ja widerlegt werden. An Toland z. B., wer wird an ihm den vielbelesenen Mann, den hellen Kopf, den warmen Prüfer verkennen, wenn er gleich, durch Verfolgungen erbittert, von Schrift zu Schrift seine Feder in schärferen Essig tauchte? Sein Buch Christianity not mysterious, »daß das Christenthum keine Geheimnisse enthalte«, hätte einen nicht nur unschädlichen, sondern wahren und schöneren Gesichtskreis gewonnen, wenn er seinen Plan im Sinne des Christenthums selbst verfolgt hätte. Denn sagt und behauptet dies nicht selbst, daß es ein enthülltes Geheimniß, Offenbarung eines bisher verborgen gewesenen göttlichen Rathes sei? Sagt sie nicht selbst, die Zeit der Geheimnisse, Typen und Embleme, die Räthselzeit sei vorüber? Hätte Jemand ihm friedlich eine Schrift dieses Inhalts vollwichtig und überwiegend entgegengestellt, was konnte Toland dazu sagen? Daß er mit seinem »Amyntor« , mit seinem »Nazarenus« , mit seinem Aufsatz »Vom Ursprunge des jüdischen Volks« Prüfung veranlassen wollen, sagt er selbst; das vergangene Jahrhundert hat sie angestellt, das angetretene wird sie fortsetzen; denn geendet ist die Prüfung bei Weitem noch nicht, zu der Toland , nur zu aufgebracht und ungestüm, aufforderte. Und dann, wer darf leugnen, daß er mit seinem »Leben Milton's«, mit seiner Ausgabe von Harrington's »Oceana« , mit seiner Untersuchung des εἰϰὼν βασιλιϰή und andern Schriften sich wirkliches Verdienst erworben? Ein größeres wäre ihm geworden, wenn er, ein geborner Irländer, der Galisch verstand, seine »Geschichte der Druiden und der celtischen Religion« hätte ausarbeiten können, oder wenn man überhaupt diesen guten Kopf besänftigt und in Ruhe genutzt hätte. S. die Collection of several pieces by Toland, mit seiner Lebensbeschreibung. – H. Jetzt, da er sich gekränkt fand, weil man ihm keine Gerechtigkeit widerfahren ließ, ward er eitel, und weil er einmal auf dem Wege der Paradoxien war, verfuhr er sich darauf weiter und weiter. Zuletzt, als ihn die Armuth nöthigte, für seinen Unterhalt zu schreiben, schrieb er Schlechtes. »Während seiner letzten Krankheit,« sagt sein Lebensbeschreiber, »äußerte er eine philosophische Geduld, eine gänzliche Ergebung in den Willen Gottes und war sehr erfreut über seine herannahende Auflösung. Da er den Tag vor seinem Tode vergnügter als gewöhnlich zu sein schien und ich zu ihm sagte: »ich hoffe, es sei besser mit ihm,« gab er mir zur Antwort: »Mein Herr, ich habe keine andre Hoffnung, als auf Gott.« Wenige Minuten vorher, ehe er starb, sah er einige Freunde, die in dem Zimmer waren, starr an, und als man ihn fragte, ob ihm etwas fehle, gab er mit der standhaftesten Entschlossenheit zur Antwort: »Es fehlt mir nichts als der Tod.« Die ruhmredig scheinende Grabschrift, die er sich selbst wenige Tage vor seinem Tode schrieb, und die ihm so häufig zur Last gelegt wird, ist auch zu entschuldigen. Da Niemand der Lebenden ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ, verschaffte er sich dieselbe selbst durch ein Bekenntniß auf seinem Grabe. In der Philosophie war Toland ein Schüler des Jordano Bruno , aber, wie allenthalben, ein flüchtiger Schüler. Seine Nachfolger- Freidenker in England übertraf er alle an Gelehrsamkeit und Scharfsinn. ––––– Anton Collins , ein ehrlicher, gutmüthiger Mann, Menschenfreund im ächten Sinn des Wortes, war freilich den Materien, über die er schrieb, nicht gewachsen; verdiente er aber den harten und stolzen Ton, mit welchem der überlegene Bentley ihn anfuhr? Seine Schrift: A discourse of Free-Thinking, occasioned by the rise and growth of a Sect call'd Freethinkers erschien 1713 zu London. In demselben Jahr schrieb Bentley unter dem Namen Phileleutherus seine Remarks upon a late Discourse of Free-Thinking, von welchen schon 1737 die siebente Auflage gedruckt wurde. – D. Manche seiner Behauptungen über die Weissagungen hatte Grotius längst vorher und besser vorgetragen; In der Schrift De veritate religionis Christianae (Amsterdam 1662). – D. andre sind in der Folge der gemeine Gesichtspunkt worden. Können Aussichten in die Zukunft, die in Seelen der Menschen entwickelt werden, anders als zeitmäßig und local, durch Umstände veranlaßt, im Gesichtskreise Dessen geschildert werden, der sie hat und vorträgt? Der große Geist der Zeit, der Alles umfaßt und ordnet, entwickelt sie nachher höher und weiter. Er führt einen Sinn hervor, an den der Weissager nur wie im Traum dachte. Woolston kam in seine Irrthümer – wodurch? Durch einen schwärmerischen Hang für die Allegorien der Schrift nach Origenes und andern sogenannten Kirchenvätern. Gerichtliche Verfolgungen erhitzten seinen ohnedies warmen Kopf; er starb – (hier läßt die Menschheit eine Thräne fallen), der gute Mann starb seiner wohlgemeinten Allegorien wegen, zu denen er die Wunder Christi machte – im Gefängniß. »Dies ist ein Kampf,« sagte er zu seinem Wärter, »den Alle unternehmen müssen, und den ich nicht nur geduldig, sondern auch gern unternehme.« Hierauf schloß er sich Augen und Lippen mit seinen eignen Fingern zu, um seinem Gesicht eine geziemende Gestalt zu geben; so starb er. Er war exemplarisch sanftmüthig und mäßig. Er pflegte zu sagen, wenn er des Jahrs auch mehr als 60 Pfund hätte, so wüßte er nicht, wie er sie ausgeben sollte. Als ein niedriger Bösewicht ihn mit einem garstigen Pasquill angegriffen hatte, und man ihm rieth, diesen gerichtlich zu verfolgen, erkundigte er sich nach seinen Umständen. Da er vernahm, er habe eine Familie und sei in dürftigen Umständen, sagte er: »Wenn ich die armen Geschöpfe durch gerichtliche Verfolgung an den Bettelstab bringe, machte mir nicht ihr Elend mehreren Kummer, als eine gerechte Verfolgung gegen meinen Beleidiger mir Vergnügen verschaffen könnte?« So unterließ er's. Ein solcher Mann starb gesuchter Allegorien wegen – im Gefängniß! ––––– Obgleich dem Charakter nach die Namen eines Tindal, Chubb, Morgan nach jenen kaum genannt zu werden verdienen, so haben doch auch sie durch die Schriften, die ihnen entgegengesetzt wurden, Gutes veranlaßt. Liebenswürdig z. B. erscheint gegen Tindal der bescheidne Foster ; auch in Deutschland haben die Schriften des Letzten sowie mehrerer Vertheidiger der Religion, eines Locke, Clarke, Butler, Jortin u. A., viel Gutes gestiftet. Von Uebersetzungen der Art fing sich auch bei uns der bessere Geschmack und Ton in der Theologie an; Sack, Spalding, Ebert, Pistorius, Semler u. A. haben sich dadurch ein fortwirkendes Verdienst erworben. Ohne diese vielfach freiere Ansicht der Dinge säßen wir vielleicht noch auf den Schulbänken der lateinischen alten Dogmatik. Ueber einen großen Troß von Einwürfen der sogenannt Ungläubigen hat uns Deutschen eine schöne Muse weggeholfen, kritische Sprach-, Zeiten- und Völkerkunde; sie hat uns eine freiere Ansicht der Dinge, mithin auch der jüdischen und christlichen Schriften gegeben, gegen welche jene Einwürfe zusammengehäuft waren. Nur durch ein fleißiges Sprachstudium, durch eine unbefangenere Kenntniß der Völker und Zeiten des Alterthums, insonderheit aber durch eine Verbindung mehrerer Wissenschaften und Kenntnisse konnte diese höhere Ansicht erlangt werden. Wie klein und halbverstanden zeigen sich in ihr so viele Einwürfe Bolingbroke's, Morgan's, Chubb's u. A.; in wie hellerem Licht und Einklang dagegen erscheinen jetzt diese gegen andre Schriften und Völker! harmonisch ihrer Zeit, Vor- oder Mitklänge in der großen Leiter der sittlichen Cultur des Menschengeschlechts , der Panharmonie der Völker. ––––– Fortsetzung »Noch weiß ich nicht,« wird Mancher sagen, »was ich mir unter Freidenkern zu denken habe. Frei soll ja Jedermann denken.« Zu wünschen wäre es, daß Jeder sich diesen Zweifel machte, ehe er das Wort als einen Schimpfnamen ausspricht. 1. Die roheste Bedeutung, die man an den vieldeutigen Namen infidels knüpfte, ist die, daß man sie für Treulose hielt, die, indem sie jeder Meinung ihrer Kirche nicht anhingen oder manche gar anfochten, Bundbrüchige seien, ohne Gott und Religion, ohne Gewissenhaftigkeit und Scheu vor irgend einem Laster. Abscheuliche Insinuation, durch ein Wort erschlichen, das ganz etwas Anders bedeutet! Wer am Kirchenglauben dieser oder jener Secte nicht festhält, wäre der darum ein Gottesleugner, ein Treuloser gegen Pflicht und Gewissen, ein Unmensch? Die Frage, ob es Atheisten gebe, hat sich zwar in der letzten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts durch laute Zeugnisse, zumal von Frankreich aus, beantwortet; allein auch diese, wenn sie nicht Sinn und Vernunft aufgeben wollten, mußten eine Ordnung der Natur , zu der auch sie gehörten, mithin Gesetze anerkennen, die auch über sie geböten. Eben um diese Gesetze reiner und schärfer, ohne Vorurtheil selbst des höchsten Ansehens zu erforschen, wandten sie den Atheismus vor und begnügten sich an blinden, nothwendigen Mächten. Selbst wider Diese gilt also der gehässige Vorwurf einer allgemeinen Treulosigkeit gegen Pflicht und Ordnung nicht; viel weniger in Ansehung Solcher, die über diese und jene kirchliche Meinung anders dachten. Eher würde man die schlechten Politiker und Moralisten, die auf Nutz und Eigennutz Alles bauen, einen Mandeville und seine seichten Nachfolger infidels nennen müssen, wenn auch in Ansehung ihrer das Wort nicht zu hart wäre. Hinweg also mit dem erbitternden Vorwurf! Zu lange hat man mit dem Ausdruck »ein Mann ohne Religion« menschenfeindlich- grausam gespielt. 2. Nennt man Freidenker Diejenigen, die gegen Inspiration oder Authenticität oder gegen den Inhalt biblischer Bücher hie und da Zweifel erregten, so kommt es auf die Gründe an, mit denen sie diese Zweifel vortrugen. Waren sie gründlich, warum sie nicht hören, prüfen? Ungründlich, desto leichter sind sie zu widerlegen, oder verdienen auch diese Widerlegung nicht. Bibel heißt ein Buch ; unsre Bibel ist eine Sammlung Bücher eines alten Volks, das in einem uns fernen Erdstrich, in einer uns fremden Sprache diese Bücher besaß und las: je wichtiger ihr Inhalt, desto genauere Aufmerksamkeit sind wir ihnen und ihrer Geschichte schuldig. Wer diese, wodurch es sei, rege macht oder befördert, verdient Dank, heiße er Freigeist oder Freidenker . Daß die Briten, ihres Scharfsinns in andern Wissenschaften ungeachtet, in der Kritik dieser Schriften zurück sind, ist unter Andern dem Joch zuzuschreiben, das die hohe Kirche trägt und auflegt. Die freiesten Denker gehörten nicht zu ihr. 3. Gilt endlich die Freidenkerei Meinungen der Kirche, warum sollte in Absicht dieser nicht das Denken erlaubt sein? Der Protestantismus fordert es sogar, da er auf eigne Prüfung und Ueberzeugung gebaut ist; die Reformatoren übten das freie Denken nach dem Maß ihrer Zeiten; nur mittelst seiner wurden sie Reformatoren. Und da sich in der Kirchengeschichte die Wandelbarkeit sowol als der Ursprung dieser Meinungen gnugsam zu Tage legt, so spricht diese laut für die Freidenker. Hätte Semler kein Verdienst, als daß er diese Veränderlichkeit des herrschenden Lehrbegriffs nach Ort und Zeit aufgedeckt hat, mit so ungewisser Hand er es that, es wäre nicht das geringste gelehrter Verdienste. ––––– In den siebziger Jahren des vergangnen Jahrhunderts trat ein Mann auf, den man den Rechtdenker der Freidenker nennen möchte, Lessing . Früher schon hatte er den Lemnius , den Cardan , den Ineptum religiosum gerettet; Lessing's Schriften, Theil 3. 1754 [Werke, Th. VIII u. XIV]. – H. jetzt rettete er den Berengar und trat bei Herausgabe der Fragmente eines Ungenannten gleichsam zwischen diesen und seine Bestreiter. Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Bibliothek zu Wolfenbüttel. Beitrag 3. 4. Eine Duplik. Eine Parabel. Axiomata. Anti-Goeze. 1778 [Lessing's Werke, Th. XV u. XVI]. – H. Ein wohlgewählter Standpunkt. Weder ein blinder Vertheidiger seines Ungenannten, so wenig als dessen Bestreiter, selbst nicht »Wärtel« wollte er sein, der »seine Stange dazwischen würfe, wenn von der einen oder der andern Seite ein gar zu hämischer und unedler Streich geführet würde«. Vorrede zur »Duplik« [Lessing's Werke, Th. XVI. S. 23]. – H. Zusehen wollte er dem Kampf und ihn hie und da lenken. Der Plan mißrieth. Es traten zu blöde oder zu hämische und hitzige Gegner auf; der Streit wandte sich um Punkte, die nicht eben die reichste Ausbeute geben konnten; der gekränkte Lessing ward des langweiligen, schlechten Kampfs zuerst müde. Die genialischen Blicke, die er indeß auf Streitigkeiten dieser Art überhaupt warf, die allgemeinen Grundsätze, die er dabei festsetzte, S. »Axiomata, wenn es deren in dergleichen Dingen giebt«. Nicht minder die »Duplik«, die »Parabel«, den »Anti-Goeze«, den »Beweis des Geistes und der Kraft«, das »Testament Johannis« [Lessing's Werke, Th. XVI]. – H. sie sind ein Erstes in ihrer Art, Gewinn und Regel für die kommenden Zeiten. Vgl. Herder's Urtheil in den Werken. XIII. S. 531. – D. »Das Christentum geht seinen ewigen, allmählichen Schritt, und Verfinsterungen bringen die Planeten aus ihrer Bahn nicht. Aber die Secten des Christentums sind die Phases desselben, die sich nicht anders erhalten können als durch Stockung der ganzen Natur, wenn Sonn' und Planet und Betrachter auf dem nämlichen Punkte verharren. Gott bewahre uns vor dieser schrecklichen Stockung!« »Parabel«, S. 15 [Werke, Th. XVI. S. 98]. – H. »Erst soll uns hören, erst soll über uns urtheilen, wer hören und urtheilen kann und will! O, daß er es könnte, er , den ich am Liebsten zu meinem Richter haben möchte! – Luther, Du! – Großer, verkannter Mann! .... Du hast uns von dem Joche der Tradition erlöset; wer erlöset uns von dem unerträglichem Joche des Buchstabens? Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie Du es itzt lehren würdest! wie es Christus selbst lehren würde! Wer?« S. 26 [Werke, Th. XVI. S. 102]. – H. »Der wahre Lutheraner will nicht bei Luther's Schriften, er will bei Luther's Geiste geschützt sein, und Luther's Geist erfordert schlechterdings, daß man keinen Menschen in der Erkenntniß der Wahrheit nach seinem eigenen Gutdünken fortzugehen hindern muß. Aber man hindert Alle daran, wenn man auch nur Einem verbieten will, seinen Fortgang in der Erkenntniß Andern mitzutheilen. Denn ohne diese Mittheilung im Einzeln ist kein Fortgang im Ganzen möglich.« »Anti-Goeze«, I. S. 7 [Werke, Th. XVI. S. 140]. – H. »Vielleicht soll nach Gesetzen einer höhern Haushaltung das Feuer noch lange so fortdampfen, mit Rauch noch lange gesunde Augen beißen, ehe wir seines Lichts und seiner Wärme zugleich genießen können. – Ist das, so verzeihe Du, ewige Quelle aller Wahrheit, die allein weiß, wenn und wo sie sich ergießen soll, einem unnütz geschäftigen Knechte! Er wollte Schlamm Dir aus dem Wege räumen. Hat er Goldkörner unwissend mit weggeworfen, so sind Deine Goldkörner unverloren!« »Duplik«, S. 152 [Werke Th. XVI. S. 89]. – H. ––––– Beilage. Baco von der Wahrheit. Sermones fideles. I. – D. »Was ist Wahrheit?« fragte Pilatus, der Spötter, und wollte die Antwort nicht erwarten. Gewiß giebt's Leute, die am Schwindel der Gedanken Vergnügen finden und es für Knechtschaft halten, durch festen Glauben oder durch standhafte Grundsätze gebunden zu sein. Sie wollen im Denken wie im Handeln ihren freien Willen haben. Zwar haben die philosophischen Secten dieser Art aufgehört; indeß sind noch manche windige, hin und her schwätzende Köpfe übrig, die ebendieselben Adern, nur nicht so blutreich wie die Alten haben. Aber nicht die Schwierigkeit und Mühe allein, die man übernehmen muß, um die Wahrheit zu finden, auch nicht die aus der gefundenen Wahrheit entspringende Fesselung der Gedanken verschaffen den Lügen Gunst, sondern vor Allem die natürliche, obgleich verderbte Neigung des Menschen zur Lüge. Einer der neueren Griechen, der dies untersucht, bleibt erstaunt darüber und kann keine Ursache ausdenken, warum die Sterblichen die Lüge um der Lüge selbst willen lieben, da sie weder, wie die Lüge der Poeten Vergnügen, noch wie die Lüge der Kaufleute Vortheil gewährte. Ich weiß aber nicht, wie es kommt, daß das reine Tagslicht, die Wahrheit, die verlarvten Fabeln und Possen dieser Welt nicht so prächtig und elegant zeigt, als es die Fackeln und die Beleuchtung der Nacht thun. Den Werth einer Perle kann die Wahrheit, wenn sie am Tage hell leuchtet, vielleicht erlangen; den Preis eines Diamants oder Karfunkels, der mit mancherlei Licht spielt, wird sie nie erreichen; gemischt mit Lügen gefällt sie immer mehr, als wo sie rein erscheint. Wer zweifelt daran, daß, nähme man den Menschen ihren Wahn, z. B. leere Meinungen, schmeichelnde Hoffnungen, falsche Schätzungen der Dinge, Einbildungen, die sie sich nach Belieben dichten, und dergleichen mehr, daß nicht Manche niedergeschlagen, welk, schwarzgallig, langweilig-matt, sich selbst ungefällig und lässig zurückbleiben würden? Mit großer Strenge nennt einer der Kirchenväter die Poesie einen Wein der Dämonen , weil sie die Phantasie mit wesenlosen Dichtungen fülle; und doch ist die Poesie nur ein Schatte der Unwahrheit. Diese, wenn sie die Seele nur leicht durchgeht, schadet nicht; wohl aber die Lüge, von der wir erst sprachen, wenn das Gemüth sie einsaugt . Indeß, wie bei verkehrten Neigungen und Denkarten der Menschen sich dies auch verhalten möge, so lehrt doch die Wahrheit, die eigentlich sich selbst allein richtet, daß ihre Erforschung , wenn man sie als ein um sie Werbender verdient, ihre Kenntniß , die sie gegenwärtig darstellt, und ihr beifälliger Empfang , der gleichsam ihr Genuß und ihre Umarmung ist, das höchste Gut der menschlichen Natur sei. Im Schöpfungswerke war das Erste , was Gott schuf, Licht für die Sinne , das Letzte Licht der Vernunft ; ja, sein Werk am Ruhetage, das er fort und fort treibt, ist seines Geistes Erleuchtung. Zuerst hauchte er der Materie , nachher dem Menschen Licht ins Antlitz; fortwährend haucht er's ins Angesicht der Erwählten . Der Dichter, der eine, sonst nicht die vorzüglichste, Secte zierte, Lucrez, V. 1-10. Das Fenster des Schlosses ist Baco's Zusatz, der die Stelle De dignitate et augmentis scientiarum, I. p. 35, und zwar genauer als Herder, anführt. – D. sagt sehr schön: »Angenehm ist's, vom Ufer herab die erregten Fluthen zu schauen, angenehm, vom Fenster des Schlosses die begonnene Schlacht, ihr wechselndes Glück zu bemerken; keine Wollust aber gleicht der, wenn auf hohem Gipfel der Wahrheit (gewiß ein hoher, unersteiglicher Gipfel, wo die Luft immer hell und heiter ist!) man herab in das Thal voll Ungewitter, Dunkelheit und Irrthum, in dem die Menschen umhertappen, von oben schaut;« wenn dies Schauen nur auch Mitleid, nicht schwülstiger Stolz begleitet. Das heißt der Himmel auf Erden, wenn unser Gemüth über den Polen der Wahrheit sich umherschwingt, in der Vorsehung ruht und sich in Liebe bewegt. Um von der theologischen und philosophischen Wahrheit auf die Wahrheit oder vielmehr Wahrhaftigkeit in bürgerlichen Geschäften zu kommen, so müssen selbst Die, die sie nicht ausüben, anerkennen, daß eine offne, ungeschminkte Art, Geschäfte zu behandeln, eine ausnehmende Zierde der menschlichen Natur, und die Mischung des Falschen dabei das Blei sei, das den edlen Metallen zugesetzt wird, um sie leichter schmiedbar zu machen; ihr Werth aber wird dadurch geringer. Den Schlangen, die »auf dem Bauch kriechen«, gehören jene biegsamen, schiefen Bewegungen, nicht einhergehenden Menschen. Kein Laster ist, das einen Menschen so mit Schande bedeckt als Treulosigkeit und Falschheit. Daher Montaigne , Essais, I. 9. – D. wenn er untersucht, warum das Lügen für so schändlich und schmählich gehalten werde, scharfsinnig sagt, »daß wenn man es recht nehme, so sage man von einem Menschen, den man Lügner nennt, zugleich, daß er frech gegen Gott, gegen Menschen feig sei«. Denn ein Lügner insultiert Gott, indem er sich vor einem Menschen krümmt und beugt. Gewiß, wie häßlich und verderblich Falschheit und Treulosigkeit sei, kann nicht besser als dadurch ausgedrückt werden, daß durch sie, als durch das letzte Geschrei, der Gerichtstag Gottes über das Menschengeschlecht werde herabgerufen werden; denn es ist geweissagt, daß bei seiner zweiten Ankunft Christus keine Treue finden werde auf Erden . 7. Mandeville's Bienenfabel. Vgl. Hettner, a. a. O. S. 206 ff. – D. So frei das Feld sein muß, das dem menschlichen Geist in Erforschung jeder Wahrheit (es betreffe diese die Gründe und Beschaffenheit oder den Umfang unsrer Erkenntniß in allgemeinen Begriffen oder in Thatsachen der Geschichte) gebührt, so frei er also auch in Erforschung der Werkzeuge , die dazu gehören, mithin der Schriften, Traditionen und Einrichtungen jedes Zeitalters sein muß, daß nirgend ein falscher Schein ihn blende oder zurückscheuche: so ist's mit der Freigeisterei des Herzens und der Sitten weit ein Anders. Das moralische Gesetz ist uns in die Brust geschrieben; man darf's weder aus den Wolken herab-, noch aus dem Todtenreich heraufholen. Die Stimme des Gewissens spricht Jedem, der sie ehrlich vernimmt und anwendet; das zeigen auch die sonst uncultivirtesten Völker, Grönländer, Eskimos und sogenannt Wilde. Aufs Sittengesetz ist jede Gesellschaft, von der häuslichen an bis zu Staaten hinauf, selbst die Gesellschaft der Räuber ist darauf gebaut, so lange oder kurz sie währt. Eine Philosophie also, die an diesem Gesetz schnitzelt oder es zernichten will, die jede Unvollkommenheit menschlicher Charaktere und Einrichtungen aufbietet, um das Regelmaß zu zerbrechen, nach welchem jene und diese vollkommner werden könnten und sollten, ist eine verderbliche Philosophie , schwach an Geist, schädlich in Wirkung. Im Jahr 1706 gab Bernhard von Mandeville , ein Arzt, aus Dort gebürtig, in London wohnend, in englischen Reimen die sogenannte Bienenfabel , oder der summsende Korb The grumbling hive, or knaves turn'd honest. – H. heraus, die zuerst nur 26 Seiten einnahm, im Jahr 1714 aber mit Anmerkungen durchs ganze Alphabet hindurch, mit Untersuchungen über den Ursprung der sittlichen Tugend, über die Beschaffenheit der menschlichen Gesellschaft, über die Christenliebe und Armenschulen, The fable of bees, or private vices, public benefits, with an essay etc. Lond. 1724. Edit. III. – H. späterhin mit Gesprächen über die Ehre, über die Nutzbarkeit des Christenthums im Kriege u.s.w. dergestalt vermehrt wurde, daß ihre französische Übersetzung vier Bändchen füllt, La fable des abeilles, ou les fripons devenus honnêtes gens. Londr. 1721. – H. des Autors freie Gedanken über Religion, Kirche, Staat und Glück der Völker ungerechnet. Free thoughts on religion, the church and national happiness. 1720. Man hat von ihnen auch eine französische Uebersetzung von dem bekannten van Effen 1738 und eine frühere deutsche 1726. Auch der zweite Theil der Bienenfabel, die Gespräche über den Ursprung der Ehre u.s.w., ist leider, und zwar unter dem betrügerischen Titel übersetzt worden: »Anti-Shaftesbury, oder die entlarvte Eitelkeit der Selbstliebe und Ruhmsucht. Frankfurt 1761«. – H. Wie mehrmals, so ward auch hier aus einem verfehlten Spaß ein gräulicher Ernst gemacht und damit das Vergnügen der Zuhörenden nicht eben vermehrt. Wahrscheinlich nämlich hatte Mandeville in seinen ersten Blättern, » Der summsende Korb , oder ehrlich gewordne Schelme «, zur Absicht, mit einer Nation Scherz zu treiben, in welcher der einen Partei politisch nie recht ist, was die andre thut, die deshalb den Staat so oft für verloren hält und über Regierung, Minister, Gang der Geschäfte murmelt und summset. Anderntheils wollte er wol auch Denen die Decke vom Gesicht spielen, die unter dem Schein der Ehrbarkeit ehrlosen Gewinn , unter dem Vorwande des allgemeinen ihren Privatvortheil suchen und betreiben, wie dies in allen, besonders in Kaufmannsstaaten der Fall ist, im reichen und vielbedürftigen England aber vorzüglich der Fall sein mußte. Kurzsichtigen Mißvergnügten also und honneten Schelmen wollte Mandeville auf einmal die Larve entreißen; ein Kunststück, zu welchem gewiß ein geschickter Taschenspieler gehörte. Der war aber Mandeville nicht. Seine Bienenfabel, als Fabel und Allegorie gleich schlecht, behauptet ungereimte Dinge, unzusammenhängend in sich und in der Anwendung. Die Bienen murren nämlich und wollen bei ihrer reichen, ordnungsvollen und glücklichen Verfassung keine Schelme unter sich leiden. Jupiter, ihres Summsens müde, macht sie alle honnet , und nun geht ihr Staat zu Grunde. Wo ist hier Zusammenhang? wo durchgeführte Wahrheit? Weder auf den Bienenkorb, noch auf menschliche Staaten paßt die Fabel. Dabei hatte Mandeville jede Gattung von Ausschweifungen und Lastern namentlich und so frech in Schutz genommen, daß er der menschlichen Gesellschaft Hunger und Laster gleich unentbehrlich hielt, jenen zum Appetit, dieses zum Wohl des Staates. »Laster«, meint er, »seien die zwar unansehnlichen, aber nothwendigen Reben , auf denen die volle Traube des Staatsruhmes und Staatsreichthums prange.« Elend verschobene Fabel! Als Satire zu plump, als Philosophie und Staatsweisheit erbärmlich. Da Mandeville ein Arzt war, hätte er wol bedenken können, daß, obgleich der zarte und zusammengesetzte Bau des menschlichen Körpers mit allen seinen Umgebungen und Functionen mancherlei Krankheiten allerdings ausgesetzt bleibt, deshalb die Krankheit keine Gesundheit sei, noch minder, daß, um einen Menschen höchst gesund zu machen, man ihm alle Krankheiten auf einmal einimpfen müsse, da dann eine der andern entgegenwirke und die ganze Maschine im höchsten Flor sei. Kann man schlechter deraisonniren? Schon die Namen Schelmerei und Treue , Spitzbube und honneter Mann sprechen ihr Geheimniß aus. Wer wird sich einem Schelm anvertrauen? welch Ungeheuer wäre ein Staat, nicht nur voll Schelme, sondern ganz auf Schelmerei gebaut, aus Schelmen bestehend ! Unsinn der Vernunft, Abscheu der Menschheit. Auf Treu' und Ehre ist jede Gesellschaft gebaut, von der kleinsten häuslichen zur bürgerlichen, ja zur Gesammtgesellschaft des menschlichen Geschlechtes hinauf. Bannet Treue hinweg, wer würde nicht mißtrauisch gegen Jeden? mithin gegen den Schelm ein ärgerer Schelm oder – ein Menschenfeind und flöhe die Zunft der Schelme. Man schämte sich, ein Mensch zu heißen. Daß es in jedem Stande honest knaves, ehrbare Schurken gebe, wer weiß es nicht? wer leidet nicht durch sie, auch schon in ihrem Anblick? Daß aber auf diese und auf die Kunst, die sie treiben, das Wohl des Staats gebaut sei, ist eine Lästerung aller Staaten. Die ganze menschliche Natur mußte Mandeville selbst unter das Thier erniedrigen; denn welche Thiergattung wäre auf Treulosigkeit gegen sich als Individuum und als Gattung oder Geschlecht gegründet? Swift setzte den Yahoos wenigstens seine ehrlichen Huynhms entgegen; Mandeville macht alle Staatsbürger zu Yahoos , nur in verschiednen Masken und Functionen. Er vernichtet jede Blüthe der Menschheit, indem er sie samenlos, gleichsam aus Eiter und Gift entsprießen läßt – welche teuflische Schöpfung! In England nannte man seine Behauptungen a system of difformity, ein System der Mißform; aber auch dieser Name, der sich schon den Worten nach widerspricht, sagt zu wenig. Wird man ein Concert nennen, wo nicht nur jede Stimme falsch spielt, sondern wo auf dies falsche Spiel jeder Stimme die Wirkung des Ganzen berechnet sein soll? Ebenso wenig kann eine Zusammensetzung von Mißformen politisch und philosophisch je ein System heißen. Eine Fata Morgana ist's, ein häßlicher Traum! – – – Das Folgende ist in Herder's Werken, II. S. 292–302, schon abgedruckt; wir mußten den Anfang hier des Zusammenhanges wegen wiederholen. – D. ––––– Beilage. Die Bezeichnung Beilage fehlt in der Adrastea. – D. ––––– Der Garten der Ehre Nach altdeutschen Versen Herder hat diese Sprüche aus der ihm genauer bekannten Jenaischen Handschrift der Minnesinger unter einer ihm angehörigen, dem ersten Gedichte entnommenen Ueberschrift zusammengestellt. Wir führen die betreffenden Lieder nach van der Hagen's Ausgabe in unseren Noten an. – D.   Dem Edelsten Der Goldener. 4 (III. 52). – D. Im Ehrengarten ward ein Kranz Geflochten von so lichtem Glanz, Daß er dem Edelsten gebühre, Den wegen Treu' und Männlichkeit, Zucht, Weisheit, Milde, Freundlichkeit Der Lobpreis aller Guten ziere, Deß hohe Thaten sie im Schwung Erheben mit Begeisterung In frohe, selige Reviere. Ich fragte Frau'n und Ritter drum: »Weß ist der Kranz? weß ist der Ruhm?« Und sieh, er ward – Dein Eigenthum!   Die Ritterrüstung Meister Singus, 1 (III. 49). – D. Wer Ritters Namen will empfahn, Wie es gestiftet hat der Mann, Der erst den Ritter machte, Der soll die Scham zum Schilde han, Die Zucht soll er sich kleiden an, Wie es sein Meister dachte. Sein Gürtel sei der Milde Ort; Sie preiset eines Ritters Wort. Sein Speer soll sein die Muthigkeit , Sein' Mantelschnur mit Lob geleit; Sein Schwert soll Freud' erwecken, Sein Hut vor Schand' ihn decken. So ist der Ritter falschheitfrei , Und Ehre wohnt ihm bei.   Der Mann ohne Ehre Der Guotäre, 2. 1 (III. 42). – D. Ist ein Mann sonder Ehre gut? Das kann Niemand beweisen; Wer auf Ehre richtet seinen Muth, Deß Leben soll man preisen. Gott und Ehr' , die Zwei soll Niemand scheiden Und froh dabei der Bösen Schalkheit leiden. Wer Ehre liebet, dem wird Ehr', hör ich die Weisen sagen; Wer Schande liebet, dem wird sie in seinen letzten Tagen, Da Gott Gericht hält: Deß, der, unwerth wahrer Ehren, Hier mit der Schand' umging, wird er dort nicht begehren.   Untreu' und Treue Meister Stolle, 8 (III. 4). – D. Untreu' auf einer Straße fuhr, Treu' ihr entgegen kam. Sie sah der Untreu' großes Heer. »Wo soll ich hin für Scham?« Sprach sie; »dem Himmel will ich's klagen, Daß ich so unwerth bin, muß meiden offne Straßen.« – »Die mußt Du hier und überall mir lassen,« Sprach Untreu'; »denn ich darf Dir sagen: Als Hofgesinde fahr' ich breit; Es muß mir Alles weichen. Du – tritt mir aus den Augen weit! An mich kannst Du nie reichen.« Die Treue sprach: »So bleibt mir nichts am Ende, Als daß ich mich zu Gott und an die Guten wende.«   Die Dürrung in der Luft. Meister Stolle, 9 (III. 5). – D. Ein König vor einem guten Mann An einem Wald vorüber ritt, Der ohne seine Schuld viel manchen Kummer litt. Bei seinem Haus ein Garten lag; Darin hatt' er einen Galgen aufgerichtet. Der König fragt', warum er dies gethan. Der gute Mann sprach: »Manchen lieben Tag Hat Unkraut mir das beste Kraut vernichtet. Das zieh' ich aus mit meiner Hand Und häng' es an die Hölzer, daß es dürre. Ihr Herren seid durch mich gemahnt. Damit das Unkraut Euer Land nicht wirre, So hört, wie Euch der Ausgesogne ruft, Und dörrt die Schelme in der Luft!«   Ein Rath an die Jugend. Der Unverzagete, 1 (III. 43). – D. Junger Mann von zwanzig Jahren, Lerne Tugend früh bewahren! Liebe Gott! das ist mein Rath. So mag Dir nichts mißgelingen; Deine Jugend sollst Du zwingen, Daß sie frei sei übler That! Treu' und Scham wird Deinem Leben Freud' und Seligkeit vermehren, Und wirst Du die Frauen ehren, So wird Dir der Engel Lob gegeben.   Der junge Herr nach der Mode. Meister Stolle, 10 (III. 5). – D. Welch junger Herre bald Lob und Ehr' erwerben will, Der soll der Messe und des Gebetes achten nicht zu viel; Bei nüchterm Trunk ein Morgensegen, Schlingt er den früh, was mag ihm mißgelingen? Ein junger Herre fest lügen und trügen soll, Viel dräuen und wenig thun, das ziemt ihm Alles wohl. Er soll auch loser Worte pflegen, Nach Lotterei und schlechten Weibern ringen, Soll niedern Grußes und Gespräches sein; Die guten Speisen und guten Wein Soll er sich auf den Winkel sparen Und über Tisch sich jämmerlich gebaren. Meineid und Untreu' – Alles recht gethan! Den Freunden Wolf, den Feinden Schaf, Und seine Diener in Nöthen lan!   Strauß und Löwe. Meister Stolle, 12 (III. 5). – D. Der Löw' erweckt seine Kinder mit der Stimme so, Daß sie aufspringen muthiglich und froh. Dagegen, sagt man, brütet der Strauß Seine Jungen mit den Augen aus. Des Herren Pflicht ist, daß er Beiden gleiche. Zu allen Zeiten hab' er Löwenruf Und denke, daß ihn Gott dazu erschuf, Mit seinem Schwert zu schaffen Ruh dem Reiche! Auch soll er Straußes Augen han, Sein Volk zu lieben und ihm beizustahn! Den Edlen soll er Ehre geben; Sie verdienen's wol auf einen Tag; sie opfern ihm ihr Leben.   Haushalt der Tugenden. Der Hardegqer, 1 (II. 134). – D. Ist jener Spruch der Alten wahr und treu, Daß nur die Tugend edel sei, So ist's auch wahr, daß ohne Zucht Vergebens man die Tugend sucht; So will die Zucht Bescheidenheit Zu ihrem Ingesinde han; So will Bescheidenheit die Maße Zum Rathe bei ihr lan; Die Maße will, daß Milde nie Durchs ganze Jahr ihr von der Rechten weiche; Die Milde will, daß ihr die Scham Der Ehre Spiegel vor die Augen reiche; Dann kommt die Gottesliebe treu und zart: Welch Herz mit diesen Allen erfüllet ward, Ist alles Falschen frei und jeden Ruhmes werth, Besitzet mehr als Gold, und was die Welt gewährt.   Falscher Ruhm. Meister Stolle, 27 (III. 8). – D. Gelogen und unverdientes Lob will Manchen hoch erheben, Der ganzes Lob mit rechter Folg' nie konnt' erstreben. Wie, daß er vor die Besten tritt, Würd' und Ehr' zu empfangen? Seine krumme Ehr' ist falsche Farb' auf trüben blassen Wangen, Abscheulich beide Jedermann, den Guten und den Weisen. Der kranke Glanz, der falsche Ruhm, sie werden abereisen. abe ist ältere gangbare Form für »ab«. – D. Die Würde wird an Solchen Schand', Wie der im Löwenbilde schrie Und an den langen Ohren Bald ward erkannt.   Tugend und Schande Der Lietschouwäre, 2 (III. 46 f.). – D. Nun hat die Schande Treu' und Ehr' verjaget, Daß man sie wenig sieht, die Schande desto mehr. An allen Orten bricht sie durch die Wehr, Daß auch der Edlen Mund nicht mehr die Wahrheit saget. Die Schande große Wunder thut; Sie selber gilt als Ehre gut, Ist guten Dingen stets gehaß Und drückt ohn' Unterlaß Keuschheit und Zucht. Wer Lasterthat begeht, Den lohnet sie. Gar lästerlichen Sold Giebt sie, wer bei der Tugend steht; Denn Tugenden war nie die Schande hold. 8. Freimäurer. In den letzten zwanziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts breitete sich von England her allgemach und im Stillen eine Gesellschaft über Europa aus, die sich die Gesellschaft der Freimäurer nannte; bald darauf Anderson's »Constitutionsbuch der Freimäurer«. Die erste Ausgabe war, wie mich dünkt, 1738. – H. (Zuerst gedruckt ward es 1723, in einigen Punkten geändert erschien es 1738, auf seine ursprüngliche Gestalt zurückgeführt 1756. Vgl. Hettner, a.a.O. I. S. 217 ff. – D.) erschien mit Unterschrift lebender Männer ein Constitutionsbuch derselben, das ihre Geschichte bis zum Großmeister Salomo und Nimrod, ja bis zur Schöpfung der Welt hinaufführte. Man wunderte sich und lachte; Swift spottete über ihre bekannt gewordenen Zeichen. Andre grübelten über das Geheimniß der Gesellschaft und suchten Licht; noch Andre vermutheten viel Arges dahinter. Die Brüderschaft indeß schritt im Stillen fort; in Deutschland, Holland, Frankreich, Spanien, in Italien, den nordischen Reichen, und wo nicht sonst entstanden Logen, mit welchem Namen sie ihre Versammlungen nennen: sie machten Aufsehen, wurden beobachtet und – hie und da verfolgt. Wiewol sie nun öffentlich und vielfach erklärten, daß ihre Verbindung mit Religion und Politik nichts zu schaffen habe, daß von Gegenständen dieser Art in der Gesellschaft zu reden oder zu unterhandeln, den Gesetzen ihrer Constitution zuwider sei, auch die hin und wieder bekannt gewordenen Gebräuche und Symbole keine Beziehung dahin zu haben schienen, so dauerte bei Staats- und Religionseiferern der Verdacht doch fort, so daß man ihnen am Ende des Jahrhunderts höchst lächerlicherweise sogar die französische Revolution beimessen wollte; wogegen sich die Gesellschaft nach wie vor, minder durch Protestation und Zank als durch ein stilles Bewußtsein schützte. Wie lange sie vorher da gewesen, scheint eine müssige Frage. Statt dessen fragt die Welt: »Was hat die Gesellschaft gewirkt? wozu ist sie da? was giebt sie sich für Zwecke? was gebraucht sie dazu für Mittel?« Das Symbol ihres Salomonischen Tempelbaues ist so schön; die Symbole ihrer Werkzeuge zu solchem Bau, Bleigewicht, Winkelmaß, Zirkel u.s.w., scheinen der Sache angemessen; das Bild ihrer Verbrüderung, ein »festgeschlossenes Viereck, das von Ost gen West, von Nord gen Süd, von der Erde zum Himmel, von der Oberfläche des Erdbodens bis zu dessen Mittelpunkt reicht«, ist so groß, die Eintheilung der Arbeiten, »von Morgen zum Abend, mit Ordnung und Ruhe, mit Fleiß und Lohn«, die Säulen Muth und Stärke versprechen so viel, daß man zu wissen wünscht, was hinter diesen Symbolen sei, woran diese rüstige Verbrüderung seitdem gearbeitet, und was sie zu Stande gebracht habe. Lessing legte ihr eine so große, so feine Absicht unter. »Ernst und Falk, Gespräche für Freimäurer«. (Lessing's Werke, Th. XVIII. S. 145 ff.) – H. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 111-120. – D.] Nachfolgende Gespräche, die keine Ansprüche auf Lessing's dialogische Grazie zu machen scheinen, sind dem Herausgeber der Adrastea zugekommen, und da er über die vorgelegte Frage keine Antwort zu geben weiß, so antworte statt seiner eine zweite ––––– Fama fraternitatis Die erste Fama fraternitatis, wahrscheinlich von Joh. Valent. Andreä, kam im Jahr 1616 heraus; sie betraf eine ganz andre, die Rosenkreuzergesellschaft. – H. ––––– oder ––––– Ueber den Zweck der Freimäurerei, wie sie von außen erscheint. Faust. Horst. Linda. Wie der Name Faust von dem Zauberer hergenommen ist, so Horst wol von dem Herausgeber der »Zauberbibliothek«, Linda aus Jean Paul. – D. Faust. Wenn man von nichts Anderm zu reden weiß, spricht man von der Freimäurerei oder von Geistern; laß uns also, Horst, auch davon sprechen! Die Freimäurer eilen zu ihren Logen. Es ist heut ihr St.-Johannisfest. Linda. So lebt wohl, Freunde! Mein Geschlecht gehört zu diesen Geheimnissen nicht. Horst. Wir Beide auch nicht, Linda. Du kannst sicher bleiben und zuhören, wie Du einem Märchen zuhörst. Faust. Auch mitsprechen und sagen, wie Dir das Märchen gefällt. Zur Verteidigung der Gesellschaft habe ich Manches gelesen, das mich indessen doch nicht ganz befriedigt. Siehe das Constitutionsbuch, das mit dreister Stirn die Geschichte der Verbrüderung oder des Ordens, wie er sich nannte, bis zum Großmeister Nimrod, bis zu Seth's Säulen hinaufführt! Wer kann so etwas dulden? Horst. Es ist die Geschichte der Baukunst, Faust, insonderheit der Baukunst in England, wie Jakob Anderson sie schreiben konnte, nichts weiter. Horaz Walpole hätte sie freilich anders geschrieben. Faust. Christoph Wren auch; aber eben deswegen. Zwei so verschiedne Dinge mit einander zu vermengen, als ob sie eins und dasselbe wären, das Blendwerk ist zu massiv. So scherzen mit dem Publicum, d.i. mit der gesammten vernünftigen Welt, nur gemeine Mäurer. Horst. Das Buch ist in England zu Vertheidigung einer Zunft, wer weiß unter welchen politischen Umständen? geschrieben. Faust. Und die deutschen Logen nehmen es an? und bekennen sich zu dem grotesken Quid pro quo fortwährend? Horst. Vielleicht weil es Züge der wahren Geschichte ihrer Gesellschaft enthält, die mit jener fremden verwebt sind. Ich mag in Sachen so ungewisser Art nie zu strenge urtheilen. Faust. Und die Züge sondert Niemand? Wahrheit und Lüge, Schein und Sein Niemand? Die Gesellschaft läßt einen Schimpf auf sich, der sie in den Augen der Welt entweder als Blödsinnige oder als Täuschende darstellt! Wer tritt gern in solchem Verdacht auf? Und wenn er's zu seiner Zeit thun mußte, welcher honnete Mann sucht nicht die erste, beste Gelegenheit, das falsche Licht zu zerstreuen und sich auch nur vom Verdacht eines maskirten Truges loszusagen? Aus öffentlich geführten Streitigkeiten weißt Du, Horst, zu welchen elenden Hypothesen diese Maske Gelegenheit gegeben, und mit wie schlechten Schriften die Welt durch diese Irreleitung überschwemmt worden. Zu den ägyptischen, griechischen, gar ebräischen, persischen, indischen Geheimnissen, zu den Druiden selbst hat man seine Zuflucht genommen und sie zur Freimäurerei gemacht, so wie man denn auch die guten Mäurer zu Essenern und Gnostikern, zu Manichäern, Pelagianern, zu Jesuiten sogar zu machen sich nicht entblödet hat. Die Welt ist satt dieser Verdrehungen alter und voriger Zeiten; und wer ist daran Schuld als die Gesellschaft selbst mit ihrer räthselhaften Geschichte? Horst. Wer liest solche Schriften? Faust. Eine Menge. Bedenke, daß es Tausende der Gesellschaft giebt, die lesen, die von ihrem Ursprunge unterrichtet sein wollen und gewiß nicht Kritik gnug haben, den Geist voriger und entfernter Zeiten zu prüfen! Bedenke, daß es Brüder-Redner giebt, denen Alles recht ist, was von Geheimnissen und Symbolen vorspiegelnd gesagt wird! Bedenke, daß Truggeschichten der Art nicht etwa nur im Druck, daß sie als hohe Offenbarungen und Aufschlüsse unsinnig theuer im Dunkeln umhergehn, dem Verstande der Gesellschaft hohnsprechen und die wahre Geschichte verderben! Horst. Wer kann gegen alle Lügen? Faust. Gegen alle Niemand, gegen die aber, die man selbst veranlaßt hat, Jeder der Gesellschaft, der das Bessere weiß. Niemand muß zu einer Verbrüderung gehören wollen, die hinter einem solchen Schirm der Unwahrheit steckt, ja, die mit ihm als mit ihrem Geburts- und Ahnenschilde hervortrat. Horst. Wenn man damit aber den wahren Ursprung verhehlen wollte? Faust. Ist Verhehlen und Betrügen einerlei? Sage man, so viel man zu sagen gut findet, nur nichts Falsches! Wer kann und darf für seine Ahnen stehen? Sind wir die Ahnen? Die ganze bürgerliche, ja, jede Geschichte geht aus barbarischen Zeiten hervor; wer kann, wer darf können für diese untergegangenen Zeiten? Wir freuen uns, daß sie untergegangen sind; Ehre macht es uns, wenn wir zu ihrem Untergange beitrugen und etwas Besseres wurden. Wären, wie die Sage geht, die Freimäurer denn auch zuerst wirkliche Mäurer gewesen, was schadete es ihnen? Linda. Gegentheils müßte es eine interessante Geschichte geben, wie sie sich zu einer so ausgezeichneten, durch alle Länder verbreiteten Gesellschaft emporgeschwungen haben. Ich wäre neugierig, eine solche Geschichte zu lesen und von außen wenigstens das Schloß der Geheimnisse zu schauen, zu dessen Innerm ich nicht gelangen kann. Es wäre mir lieber als manche geheime Burg unsrer neuen Romane. Faust. Lessing in der Zueignung seines Ernst und Falk An den Herzog Ferdinand von Braunschweig. – D. sagt: »Auch ich war an der Quelle der Wahrheit und schöpfte. – Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst.« Horst. Mir soll es lieb sein, wenn sich ein Bruder fände, der der Gesellschaft diesen Dienst leistete. Faust. Ein ehrliebender, redlicher Bruder, dabei ein genauer, ein kritischer Kenner der Geschichte. Ihn schmerze das Irrsal der Menge und der auf seine Gesellschaft geworfene Schimpf des Truges und des Betruges. Lessing und Andre stehen da, räthseln über die Geschichte der Masonei, und die Gesellschaft schweigt. Sind Männer wie Lessing denn keiner Antwort, keiner Berichtigung werth, zumal da, wie ich glaube, das Geheimniß der Gesellschaft längst bekannt und ihre Geschichte nur ein Familiengeheimniß ist? Linda. Ihr Geheimniß längst bekannt? Du machst mich aufmerksam, Faust. Horst. Mich nicht minder. Faust. Es ist, wie Lessing sagt, ein Geheimniß, das sich nicht aussprechen läßt, das auch nicht ausgesprochen sein will, das aber die Gesellschaft selbst bezeugt. Horst. Entweder Du bist selbst ein Freimäurer, Faust, oder – hast Du etwa einen Zipfel von Deines Vorfahren Mantel? Faust. Den Ihr Beide habt, wenn Ihr aufmerken wollt auf das, was Jedermann bekannt ist, was auch Ihr seht und hört. Sagen die Freimäurer nicht selbst, daß sie mit Religion und Politik nichts zu schaffen haben? Nun denn! Von geistigen Zwecken, die man einer solchen Gesellschaft immer doch zutrauen muß, wenn sie nicht blos zu Gastereien oder zu Kindereien zusammenkommen soll, von geistigen Zwecken, was bleibt ihr übrig? Linda. Darauf wäre die Antwort nicht schwer: Rein menschliche Beziehungen und Pflichten. Sobald sie in die Religion oder Politik einschlagen, gehörten sie der Kirche oder dem Staat und wären nicht mehr Freimäurerpflichten. Faust. Linda, wenn ich ein Mäurer wäre, reichte ich Dir die Handschuhe. Religiöse und bürgerliche oder Staatsbeziehungen rein ab- und ausgeschlossen, was bleibt dem denkenden und thätigen Menschen, was bleibt einer bauenden Gesellschaft übrig als der Bau der Menschheit? Ein großes Werk! ein schönes Unternehmen! Alle blos bürgerliche Zwecke engen den Gesichtskreis, wie Lessing vortrefflich gezeigt hat; von ihnen rein abstrahirend, steht man auf einem freien und großen Felde. Vielleicht nennen sie sich darum Freimäurer . Linda. Ein schönes Unternehmen! Alle Anliegen der Menschheit können, dürfen sich an dies unsichtbare Institut wenden; es denkt, es sorgt für sie. Es hilft, wo es helfen kann, und man ist Niemanden Dank schuldig. Aus einer Wolke gleichsam kam die helfende Hand und zog, ehe man sie gewahr ward, sich wieder zurück in die Wolke. Ich erinnere mich eines Romans, da ein hilfreicher Mönch so erschien; fast allgegenwärtig war er bei jeder Verlegenheit da, blickte, den Knoten lösend, hinein und verschwand wieder. Je fester sich der Knoten schürzte, desto pochender wünschte mein Herz: »Ach, daß doch bald der Mönch käme! Wo mag er jetzt sein? Warum ist er nicht schon da?« Bei kleinen Verlegenheiten meines Lebens habe ich mir zuweilen auch den Einblick des Mönchs gewünscht; dann gab mir selbst das Andenken an ihn Entschluß und Hilfe. Es ist angenehm, sich eine geschlossene, das Wohl der Menschheit berathende, im Stillen wirkende Männergesellschaft zu denken, denen ihr Werk gewissermaßen selbst ein Geheimniß sein muß, daran sie wie an einem endlosen Plan arbeiten. Faust. Du siehst. Linda, warum Dein Geschlecht von diesem berathenden und helfenden Bunde ausgeschlossen sein darf und sein muß. Zuerst, weil Ihr einer solchen Sonderung menschlicher und bürgerlicher, Kirchen- und Staatspflichten nicht bedürft. Männer gehören dem Staat; ihrem Beruf und Stande, ihrer bürgerlichen Pflicht und Lebensart sind sie mit so viel Banden und Rücksichten, in denen sich Blick und Herz verengt, umflochten, daß ihnen eine kleine Losschüttelung dieser Bande, eine Erweiterung des Gesichtskreises über ihre enge Berufssphäre unentbehrlich, mithin Erholung und Wohlthat wird. »Hier sind wir«, mögen sie sich einander zusingen oder zusprechen, »die täglichen Lebensfesseln abgelegt, Menschen.« Sie suchen also ein Paradies, das Dein Geschlecht immer besitzt und nie verlieren darf, Linda, das jede Edle Deines Geschlechts als ihr Kleinod bewahrt. In der bürgerlichen Gesellschaft seid Ihr glücklicherweise nichts, Ihr bedürft immer einen Vormund. In der menschlichen hat Euch die Natur ihre liebsten Keime, ihre schönsten Schätze anvertraut; Ihr seid Kind, Jungfrau, dann werdet Ihr Ehegenossen, die dem außer dem Hause von Sorgen gedrückten, von Geschäften zerstreuten Mann im Hause ein Paradies, stille Einkehr in sich, Genuß seiner selbst und der Seinigen erschaffen sollen. Im Hause seid Ihr dem Mann, was in jenem Romane der Mönch war; dafür muß er für sich und Euch die Lasten des bürgerlichen Lebens tragen. Als Erzieherinnen der Menschheit lebt Ihr fortwährend im Paradiese, indeß der Mann außer demselben unter Dornen und Disteln den Acker baut. Ihr erzieht Eure Kinder, Pflanzen, Blüthen, Sprossen für die Nachwelt; das Geschäft erfordert Mühe, geht lange fort, lohnt sich aber reichlich; mit ihm ist Euer Beruf schön umgrenzt. Der Mann – Linda . Der Mann bedarf eines Aufschwunges , und wir gönnen ihm solchen gern. Er muß sich zuweilen erweitern und erheben, daß er Mann mit Männern lebe, sonst wird er, bei aller Mühe und Liebe, selbst uns alltäglich. Verübelt mir's nicht, Freunde! Euer Geschlecht begrenzt oder, wie man sagt, bornirt sich zu bald und erschwert sich seine Fesseln. Oft sinkt Ihr unter ihrem leisen, aber fortwährenden Druck nieder und veraltet, veraltet vor der Zeit unter Gewohnheiten, die Ihr nicht ändern wollt oder dürft, nicht dürft, weil Ihr sie nicht ändern wollt. Vorurtheile umschlingen uns vielleicht leichter als Euch, aber an Euch sind sie drückender und fester. Mit unsrer mehreren Elasticität und Seelenfreiheit sind wir geborne Freimäurerinnen am reinen Bau und Fortbau der Menschheit. Welchen großen und schönen Gedanken hatte Sokrates, den ihm Aspasia nicht eingab? Faust . Halt, Linda! Und doch gehört Ihr bei Euern großen Gedanken und Imaginationen doch nicht in dies geschlossene Viereck des Berathens und Wirkens. Läuft nicht die Phantasie oft mit Euch fort? Ist nicht der gute Trieb bei Euch immer voran? Ihr seid zu thätig, zu barmherzig; der Augenblick übernimmt Euch. Auf einmal würdet Ihr der gesammten Menschheit helfen wollen und Alles verderben. Schon deshalb gehört Ihr nicht in jenes stillberathende, leidenschaftlos wirkende Viereck della Crusca . Linda . Was heißt das? Faust . Es gab eine Akademie in Italien, die sich so nannte; das Sieb war ihr Sinnbild. Sie sichtete aber nur Worte; diese Gesellschaft, hoffe ich, sichtet Unternehmungen, Thaten. Linda . Im Dunkeln, bei stiller Nacht? Daß sie nur nicht unthätig zu lange sichte! Faust . Bei Licht, hoffe ich, und bei hellem Lichte. Was bürgerliche Gesetze allein thun können und thun müssen, sind die Kleien im Siebe, die sie Andern läßt; aber wohin die Gesetze nicht reichen, wo die bürgerliche Gesellschaft den Armen und Bedrückten, das unerzogene Kind, den talentvollen Jüngling, den gekränkten oder fortstrebenden Mann, die erziehende Mutter, die blöde Jungfrau vergessen oder verlassen, da tritt der Dienst dieser Unsichtbaren als rath- und thatvoller Hilf- und Schutzgeister ein. Linda . Und mich dünkt, ihre Arme langen weit; sie kennen einander in allen Ländern. Manchem Jünglinge, höre ich, haben sie durch Empfehlung und Unterstützung, durch Rath und That fortgeholfen, der ihnen sein Glück dankt. Faust . Und doch, Linda, wäre es ein großer Mangel der Gesellschaft, wenn sich ihre Glieder nur unter einander forthülfen. Sie würde damit eine Art Judenthum , ein Staat im Staat. Vielmehr wünschte ich, daß diese Unsichtbaren wie bedürfnißlose Geister, sich selbst vergessend, nach außen wirkten. Diese Parteilosigkeit machte die Gesellschaft zu einem Areopag des Verdienstes, der Sitten und der Talente. Träte sie jedem Edelwollenden, auch außer ihrem Viereck, unsichtbar zur Seite und unterstützte und belohnte ihn, weckte den Schlummernden, richtete den Gesunknen auf: wie Manches würde für die Zukunft still vorbereitet, was jetzt noch nicht gethan werden kann, was aber gewiß geschehen wird und geschehen muß ! Deshalb habe ich's gern, wenn ich höre, daß die Gesellschaft talentvolle, rüstige Jünglinge, durch Stand, Rang, Güter, vorzüglich aber durch thätige Klugheit und Erfahrenheit vielvermögende Männer wählt. Jene, hoffe ich, bildet sie aus; denn sie führt ja die sichersten Werkzeuge der Richtigkeit als Symbole: diese braucht sie mit der Macht einer Gesellschaft in vervielfachter Kraft. Linda . Allerdings vermag eine Gesellschaft tausendfach mehr, als zerstreute Einzelne, auch bei der edelsten Wirksamkeit, zu thun vermögen. Diese verlieren sich wie der getheilte Rhein zuletzt im Sande, oder sie singen wie die klagende Nachtigall einsam. Faust . Jene unterstützen einander und durch sich Andre; sie wirken nicht nur durch vereinte, sondern auch mit Fortwirken in die Ferne des Raumes und der Zeiten durch eine beschleunigte, vermehrte Kraft. Eine Gesellschaft ist unsterblich ; sie denkt und wirkt für die Nachwelt, der sie ihre Bemühungen zum Erbtheil überläßt, ein Erbtheil zum Vermehren, ein Anfang zum Vollenden. Wundern wir uns noch, Linda, daß die Gesellschaft sich unter ein Geheimniß verberge? Linda . Das Geheimniß spricht sich selbst aus, stillschweigend; anders muß es sich nicht aussprechen wollen. Wer wird hervortreten und sagen: »Ich bin ein Vorsorger, ein Pfleger der Menschheit«? Höchstens wird er sagen: »Ich wünsche es zu sein, ich strebe darnach, es zu werden.« Und da sagt mein Klopstock : »Ein Mann sagt nicht, was er thun will, noch weniger, was er gethan hat; er thut und schweigt.« Faust . Das bescheidne: »Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremde«, Der Terenzische Spruch, den Herder dem zweiten Theile seiner »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« vorsetzte. – D. wäre also der Spruch der Gesellschaft. Linda . Dem ich, ausgeschlossen von ihr, meinen Spruch beifüge, den Spruch der Dido: Virgil's Aen., I. 630: Non ignara mali miseris succurrere disco. – D. »Leidenden beizustehn, das lehren mich eigene Leiden.« Faust . Und das Symbol der Gesellschaft wäre mit Recht ein nie vollendeter Salomonischer Bau ; seine beiden Säulen heißen Weisheit und Stärke . Linda . Und das Sinnbild der Verbrüderung wäre mit Recht ein geschlossenes Männer-Viereck , in das kein Weib taugt. Faust . Und es wäre nichts Anmaßliches in dem Ausdruck: »Das Viereck erstreckt sich von Ost zu West, von Nord zu Süd, von der Erde zum Himmel, von da bis zum Mittelpunkt der Erde.« Linda . Wenigstens in der Hoffnung. Faust . Und das Geschäft der Freimäurer hieße mit Recht Arbeit , vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange, unter Aufsicht, mit Vertheilung der Arbeit unter die Arbeiter, mit Ordnung – Linda . Und mit Lohn in der stillsten Kammer, der eignen Brust. Faust . Ist mir recht, so nennen sie's die mittlere Kammer, das Heilige Salomonis . Horst . Lange habe ich Euerm schönen Traum zugehört. Woher weißt Du denn, Faust, daß dem Allem so sei? Du bist ja kein Freimäurer. Faust . Um das Geheimniß der Mäurerei zu wissen, sagt Lessing , braucht man nicht aufgenommen zu sein. Selbst aus Schriften von ihnen oder über sie geschrieben, kenne ich's weniger als aus den Gesinnungen und Thaten mehrerer Glieder, die ich kannte. Und nochmals gefragt: was gäbe es, Religion und Politik ausgeschlossen, für ein andres, der Gesellschaft würdiges Geschäft als eben mit reinem Ausschluß jener Beziehungen das Beste der Menschheit für jetzt und die kommenden Zeiten ? Horst . Wie aber? wenn sie von der Oekonomie, von Künsten oder, ich weiß nicht, wovon sonst sprächen? Zum Dank für Eure guten Wünsche will ich Euch eine Stelle aus dem Aufsatz eines ihrer berühmtesten Großmeister, Christoph Wren , vorlesen. ––––– Was ehemals die Freimäurer gethan, als sie noch wirkliche Mäurer waren. »Sammlung von Lebensbeschreibungen, größtentheils aus der britannischen Biographie«, mit Semler's Vorrede, Th. X. S. 489 ff. (Lebensbeschreibung des Christoph Wren), Note X. – H. »Was wir Gothisch nennen, sollte eigentlich die sarazenische, durch die Christen verbesserte Baukunst genannt werden, die sich zuerst in den Morgenländern nach dem Verfall des griechischen Reichs durch den ungeheuern Fortgang dieses Volks, das der Lehre Mohammed's folgte, anfing. Dies Volk baute aus Religionseifer Moscheen, Karawanserais und Grabmäler, wo überall sie sich ausbreiteten. Sie bedienten sich hiezu der runden Gestalt, weil sie die christliche Figur eines Kreuzes oder die alte griechische Art, die sie für abgöttisch hielten, nicht nachahmen wollten; daher war auch alle Bildhauerei bei ihnen verboten. In allen ihren eroberten Städten bauten sie sogleich Moscheen auf. Die großen Marmorbrüche, woraus die überwundnen Städte in Syrien, Aegypten und in allen Morgenländern ihre Säulen, Architrave und großen Steine genommen hatten, waren jetzt verlassen; die Sarazenen mußten daher die Materialien nehmen, wie sie ihnen jedes Land anbot, es mochten nun Marmor- oder Quadersteine sein. Sie hielten Säulen und die Zierrathen an ihnen für ungeschickt, dagegen richteten sie, weil sie sich bei den Moscheen gern der runden Gestalt bedienten, bei einigen mit vieler Annehmlichkeit Kuppeln auf. »Der heilige Krieg gab den Christen, welche in die Länder der Sarazenen kamen, einen Begriff von ihren Gebäuden, welche sie nachher in den Abendländern nachahmten. Nur sie verfeinerten sie, als sie häufiger Kirchen erbauten, täglich. Die Italiener, unter welchen doch einige griechische Flüchtlinge waren, und nebst ihnen die Franzosen, Deutschen und Flamländer, die eine Brüderschaft unter sich aufgerichtet hatten , wirkten päpstliche Bullen zu ihrer Aufmunterung und besondre Freiheitsbriefe aus. Sie nannten sich Freimäurer und schweiften von einer Nation zur andern, so wie sie Kirchen zu bauen fanden. Ihre Regierung Vielleicht »Verfassung«, »Einrichtung«. – H. war ordentlich; wo sie sich wegen eines Baues, wozu die Frömmigkeit der Völker häufige Gelegenheit gab, niederließen, schlugen sie auf Hügeln ein Lager auf. Ihre Regierung führte ein Oberaufseher, und allemal der zehnte Mann wurde ein Oberaufseher Vielleicht »Aufseher«. Die Stelle scheint ungenau übersetzt. – H. genannt, der neun unter sich hatte. Die benachbarten Edelleute gaben ihnen aus Barmherzigkeit oder aus Bewegungen der Buße Materialien und Fuhrwerk. Diejenigen, welche in den Urkunden die genauen Rechnungen der Unkosten einiger unsrer Kathedralkirchen von 400 Jahren her gesehen haben, müssen ihre Einrichtung sehr schätzen und sich verwundern, wie geschwind sie so hohe Gebäude aufgeführt haben. In der That, die größte Höhe hielten sie für die größte Pracht. Man brauchte wenig Maschinen; sie trugen, was ein Mensch auf einer Leiter oder auf seinem Rücken fortbringen kann, von Gerüst zu Gerüst, ob sie gleich auch zuweilen Rollen und Räder hatten. Da sie von den Zierrathen oben an den Säulen keine Liebhaber waren, so war es ihnen leicht, in einer großen Höhe Stein auf Stein zu setzen; daher besteht die Pracht ihrer Gebäude in Zinnen und Thürmen. Sie bedienten sich scharfgespitzter Bogen, welche sich mit wenigem Centro erhoben. Dies erforderte leichtere Bindesteine und weniger Falzung; und doch trugen sie eine andre Reihe von doppelten Bogen, die von dem Bindestein sich erhoben. Indem sie nun damit abwechselten, so richteten sie ungeheure Gebäude auf, als z.B. die Thürme zu Wien, Straßburg und viele andre. Der Bau erforderte weniger Materialien, und die Arbeit wurde größtenteils mit flachen Formen gemacht, worin die Aufseher leicht 100 Leute unterrichten konnten. Man muß gestehen, diese Bauart schickte sich für die nördlichen Länder; Werke von gleicher Höhe und Pracht, die auf römische Art aufgeführt werden sollten, würden weit mehr kosten, als wenn man sich der gothischen Methode bediente.«   Das ist nun etwas für Dich, Faust. Nun suche die Freiheitsbriefe und päpstlichen Bullen auf, die sich diese Brüderschaft der Freimäurer erwarb! In ganz Norden sind wir ihr so viele prächtig-ungeheure Gebäude, die man nicht gnug anstaunen und bewundern kann, kurz, Freimäurern sind wir die schönste gothische Baukunst schuldig. Faust . Wenn nur nicht wieder ein Quid pro quo , Kalk oder Staub in die Augen! Linda . Die Zeiten gothischer Kirchen sind vorüber; der unsichtbare Bau in Salomo's Hallen am Tempel der Menschheit gefällt mir mehr. Faust . Du hast mich herausgefordert, Horst. Wenn ich von Christoph Wren's Brüderschaft der Freimäurer auf den Bergen mehr als jetzt weiß, sprechen wir darüber weiter. Du bist auch dabei, Linda? Linda . Ich kannte ein wißbegieriges Kind, das im Garten Blumen aus der Erde zog, um an der Wurzel zu sehen, warum sie so schön blühten. Seid Ihr nicht solche Kinder? » An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen !« sprach unser Meister. Wenn eine Einrichtung da ist und Früchte bringt, möge sie entstanden sein, wie sie wolle, möge sie sich ihres Ursprungs zu freuen oder zu schämen haben, was kümmert uns dieser? Steht die Gesellschaft auf dem Gipfel, auf welchen wir sie wünschen, ist sie das, wornach zu allen Zeiten alle Guten strebten, jeder Religion und Staatsverfassung unbeschadet gleichsam das Auge und Herz der Menschheit : o, so bringt sie, über allen Unterschied der Stände, über jeden Sectengeist erhoben, den freien Seelen, die zu ihr gehören , die goldne Zeit zurück, die in unser Aller Herzen lebt! Kommt herab in den Garten, Freunde! der Abend ist schön. ––––– Salomo's Siegelring. Eine Fortsetzung des vorigen Gesprächs. Faust. Horst. Faust . Bei meinem lebhaften Gespräch mit Linda hieltest Du Dich, Horst, so schweigend! Horst . Weil ich Euch fast vom Anfange der Unterredung an auf einem Nebenwege sah, auf dem die Rosse der Phantasie und der Empfindung mit Euch munter davonflogen. Sage mir, Faust: Werke der Wohlthätigkeit, menschenfreundliche Bemühungen und Entwürfe, wenn man sie auch edel verschweigt und aus Klugheit oft sogar verheimlichen muß, verpönt man, wie bei dieser Gesellschaft geschieht, die kleinste Entdeckung derselben so entsetzlich? Ein heiliges Feuer brennt auf dem Altar, und ringsum stehen nackte Schwerter? Du wirst mir sagen, die Entdeckung nicht dieser Werke und Anschläge, sondern der Zeichen und Merkmale der Gesellschaft sind verpönt; aber nicht so. Alles, was in ihr geschieht, soll ein Geheimniß sein; und wenn das, was in ihr und durch die Gesellschaft geschieht, keiner Verheimlichung bedarf , wozu der Eidschwur? Also, siehst Du, ist noch etwas Anderes dahinter, worauf Ihr bei Euerm edeln Eifer fürs Höchste und Beste der Menschheit nicht träfet, wozu sich aber die Brüderschaft selbst bekennt. Faust . Und dies wäre? Horst . A mystery , ein Kunstgeheimniß . Lies diesen alten Katechismus der Freimaurer! Jachin and Boaz, Lond. 1769. p. 13. – H. Freilich wird über den Aufgenommenen gebetet, »daß, wie er seine Hand ausstreckt zum heiligen Wort, er sie auch ausstrecken möge, dem Bruder zu helfen (merke Dir wohl, nur dem Bruder! ), und zwar ohne seinen und seiner Familie Nachtheil«. That he may also put forth his hand to serve a brother, but not to hurt himself or his family. – H. Freilich wird ihm gewünscht, daß er in allen Tugenden von Stufe zu Stufe steige, und die Mäurerei auf der ganzen Erde gesegnet se:; That masonry may be blessed through out the world. – H. mithin soll und darf es keinen unmoralischen Freimäurer nach den Gesetzen der Stiftung geben; das aber wirft und mußt Du mir einräumen, daß Namen, Grade, Symbole, Zeichen, Lieder , und was man überhaupt vom Ritual der Gesellschaft weiß, die Sprache der Kunst führen. Faust . Dahinter etwas Andres verbergend. Horst . Wenn Du so abbrichst und unterschiebst, so kommen wir nicht weiter. Eben dies Andre suchen wir ja. Sieh also erst die Tapete an, hinter der es stecken soll; sie ist ein mit Symbolen der Kunst bezeichneter Vorhang. Nicht nur die Allegorie des Salomonischen Tempels, die Säulen Jachin und Boas , die Namen Tubalkain, Jabal, Jubal als Erfinder der Künste weisen darauf, sondern preiset ihr Gesang nicht Alle – who have enrich'd the art From Jabal down to Aberdoor Statt dessen jedesmal der dermalige Großmeister genannt wird: Also: vom ersten bis zum letzten Kunsterfinder. – H. And let each brother bear apart. Wer je die Kunst bereicherte, Empfange Ruhm und Preis Von Jabal bis zu – – Und jedes Bruders Fleiß. Was Menschen über Thiere hebt, Erhebe unsre Zunft, In Künsten Wahl, im Wirken Zweck, In Wissenschaft Vernunft! Was uns vor Gluth und Kälte schützt, Vor Krieges Barbarei, Verdankt die Menschheit Deiner Kunst, Ist Dein Werk, Mäurerei. Lies das Original! Da klingt's noch höher. As men from brutes distinguish'd are, A mason other men excells. For what's in knowledge choice or rare, But in his breast securely dwells. Chorus. His silent breast and faithful heart, Reserve the secrets of the art. From scorching heat and piercing cold From beasts, whose roar the forest rends, From the assault of warrior's bold The mason's art mankind defends. Chorus. Be to the art due honor paid, From which mankind receives such aid. – H. Faust. Deine Übersetzung hat das Lied veredelt, Horst. Im Original finde ich ein bloßes Lob auf die eigentliche Mäurerei, die Mauern und Häuser aufrichtet und uns dadurch für Hitze und Kälte, für wilden Thieren, für Kriegsanfällen schützt, nichts weiter. Es ist ein Handwerkslied, wie jede Zunft dergleichen hat und sich zum Preise singt. Ich glaube an kein mäurerisches Kunstgeheimniß, als sofern jede Zunft, die eine Kunst treibt, jedes Handwerk sogar a mystery hat. Horst. Du bist, wohin ich Dich haben wollte. Komm in den Garten! Linda singt zur Guitarre. Faust. Vielleicht auch ein Freimäurerlied, oder was es zu sein verdiente. Linda (einer Aeolsharfe gegenüber, die, am Baum hangend, dann und wann klagende Töne giebt. Linda singt): An die Aeolsharfe. Harfe der Lüfte, Du bringst Klagende Laute mir zu Aus der Fülle der Welten; Weltgeist, seufzet denn Alles in Dir? (In veränderter Tonweise sich selbst antwortend.)         »Binde die Töne Liebend zusammen, Und sie werden ein Saitenspiel!         »Tröpfelnd weinet der Bach; Aber im Strome Rauscht er prächtig einher.         »Einsam trauert die Blume; Aber mit andern im Kranz Lacht sie, wie fröhlicher!« (Pause. Die Aeolsharfe tönt. Linda fährt fort.)         Harfe der Lüfte, woher Dieser seufzende Ton? Aus der Brust der Geliebten, Ihrem entfernten Freunde gesandt?         »Führe die Liebenden, Weltgeist, glücklich zusammen! Und der Seufzer wird Freudegesang.«         Ach, Du tönest, Du tönst Tieferen Schmerz, Seufzer eines Verlassnen, Dem die letzte der Hoffnungen floh.         Horch! ich höre den Gram Aller Verlassnen, Einsam Wünschenden, Sehnenden, Matt sich Mühenden.         »Knüpfe sie, Weltgeist, Wirkend zusammen, Und sie erklingen, ein Saitenspiel!« Faust und Horst (vor Linda tretend). Dank Dir, Linda, Dank! Du hast uns ins Herz gesungen, was Du oben sprachst. Horst. Einzeln ist der Mensch ein schwaches Wesen, aber stark in Verbindung mit Andern. Faust. Einsam müht er sich oft umsonst. Ein Blick des Freundes in sein Herz, ein Wort seines Rathes, seines Trostes weitet und hebt ihm den niedrigen Himmel, rückt ihm die Decke des Trauerns hinweg. Horst . Im Namender Verbrüderung liegt also die Kraft– Linda . Im Namen der Meisterschaft noch viel mehr. Der Meister, der seine Gesellschaft, ihr selbst unmerklich, mit seinem Geist zu beseelen weiß und durch sie auf die menschliche Gesellschaft unsichtbar wirkt; eine Verbrüderung, die diese Macht von ihm empfängt oder (soll ich sagen) diese Kunst lernt und sie, wo es sein soll, ausübt: Jener wird – Horst . Wie das Ritual sagt, »die Sonne am Himmel«, diese der » Kitt «, das » Cement « der menschlichen Gesellschaft. Schöne Veredlung des Namens cementarii , den in den Diplomen früherer Zeit die Maurer führten! Linda . Diese Mäurer, wirkend wie Genien , unter dem Siegelringe des Meisters – Horst . Weissagerin, was sprichst Du aus? Den Ursprung der Gesellschaft . Höret ein morgenländisches Märchen; denn das Licht und die Mäurerei kommen von Osten . »Als Salomo seinen Tempel aufführte« – Ihr wisset doch Beide, daß seinem Siegelringe, der alle Geheimnisse in sich faßte, die Geister und Genien dienten? Linda . Ich weiß es. Von den vierzig Salomonen, die die ganze Welt, und vom ersten und größten, der das Geisterreich beherrschte, habe ich Märchen gnug gelesen. Vermittelst der Genien und Geister, die alle unter seinem Gebot standen, baute er den Tempel. Horst . Diese Genien und Geister sind – das Urbild unsrer Freimäurer . Höret weiter! »Alle standen unter seinem Befehl, zuletzt aber unwillig; denn der Bau des Tempels währte lange. Als Salomo vor Vollendung desselben seinen Tod voraussah, bat er Gott, daß sein Tod den Genien so lange verborgen bliebe, bis sie, seinem Siegelringe gehorsam, den Bau vollendet. Die Bitte ward erfüllt. Salomo starb betend im Tempel, indem er stehend sich auf seinen Stab lehnte. Ueber ein Jahr stand er also; die Genien, die ihn noch lebend glaubten, vollendeten den Bau des Tempels. Da kam ein Wurm in den Stab und zernagte ihn, der Leichnam sank, des Königes Tod ward kund; der Tempel indeß war vollendet.« Da hast Du, Faust, das Urbild der Mäurerei und zugleich der Geschichte Hiram's im Ritual der Gesellschaft. S. Anderson's »Constitutionsbuch«, Aufl. 3. 1762. S. 408 ff.; Jachin and Boaz, S. 33. – H Dort und hier ein gestorbner Meister des Baues bei Vollendung des Tempels . Dort und hier eine unter dem Siegelringe des Meisters am Tempel bauende, durch einen Eidschwur gebundene geheime Gesellschaft. Suche nun nach, wie aus dem seinen orientalischen Märchen die Geschichte des Maurermeister Hiram's ward, und – Du kommst weiter. Faust . Du erdichtetest doch nicht das Märchen, Horst? Horst . Es steht in einem Buch, durch den Engel Gabriel vom Himmel gebracht, viel älter also als Karl I. in England; es steht im Koran . Setze den Tulband auf, Faust, und höre die 34. Sura, mit der Überschrift Saba : Weil darin das Volk von Saba erwähnt wird. Die Stelle beginnt in der Mitte der Sura. – D. Wir verliehen dem David Vortrefflichkeiten und sprachen: »Berge, singet mit ihm, abwechselnd, Chöre mit Chören!« Und verbanden die Vögel, mit einzustimmen, erweichten Erze für ihn und sprachen: »Daraus bereite Dir Panzer! Fuge die Bleche zusammen und wirke Gerechtes! Ich sehe. Was Ihr thut, Isaiden.« Desgleichen unterwarfen Wir dem Salomo selbst die wehenden Winde; sie wehten Monatlich ihm, am Abende jetzt und jetzo am Morgen. Auch die Quellen geschmolzenen Erzes ergossen vor ihm sich, Ja, die Genien selbst verbanden wir mit dem Eidschwur, Ihm zuarbeiten , und wer abwiche von seinen Befehlen, Sollte schmecken die Pein der Gluth. Sie machten ihm Alles, Was er befahl, Paläst' und Säulen, Kessel und Schüsseln. »Wirket Gerechtigkeit,« sprachen wir, »Ihr von David's Geschlechte, Dankbar! wenige sind's von meinen Knechten.« Und endlich, Als wir beschlossen Salomo's Tod, den Genien sagte Niemand ihn als der kriechende Wurm der Erde, benagend Salomo's Stab. Da sank sein Leib, da sahen die Geister. Hätten sie das Verborgne gewußt, sie hätten in Fesseln Ihrer Strafe mit nichten so lange beharrt. Lies darüber Sale's Anmerkung und der Commentatoren, so viel Du willst; kurz, die durch einen Eidschwur gebundenen, unter dem Siegelringe Salomo's am Tempelbau arbeitenden Genien sind – die Freimäurer. Selbst die Entstehung dieses morgenländischen Märchens kann ich Dir zeigen, so sonderbar sie Euch vorkommen mag. Weil in der Bibel stand, daß, »als der Tempel Salomo's gebaut wurde, man weder Hammer, noch Beil, noch irgend ein Eisengezeug im Bauen hörte«, 1. Kön. 6, 7. – H. so dichtete die märchenreiche morgenländische Sage nicht nur weiter, sondern jede Nation dichtete eigen auf ihre Weise. Die Juden ersannen das Märchen vom Wurm Schamir , mittelst dessen der Werkmeister die größten Steine ohne Mühe gespalten, welchen Wurm Salomo, auf Anzeige des Dämons Asmodi , wo er zu finden sei, dem Auerhahn abgejagt habe. Buch Gittin [fol. 68]; Maasähbuch. Cap. 105. – H. [Vgl. Eisenmenaer's »Entdecktes Judenthum«, I. 350 ff. – D.] Zierlicher dichteten die Araber; sie ließen den Bau durch eidverpflichtete Geister und Genien vollenden. Faust . Wie und wo diese aber, diese arbeitenden Genien, arbeitende, gar mordende Gesellen und aus Salomo Hiram wurde? Horst . Dünkt Dir das ein Räthsel? Jede Zunft, jedes Gewerb schuf oder wählte sich in jenen rohen Zeiten, da sie entstand, ein dergleichen Symbol mit Legenden und Märchen. Noch jetzt, wenn in London Zünfte und Magistrate mit dem Lord-Mayor aufziehn. repräsentiren sie die Geschichte der Stadt aus den ältesten Fabelzeiten mit Personen und Emblemen von Trojanern, Römern. Briten, Sachsen, Normännern. Brutus , der König Lud, Androgeos, Theomantius erscheinen. Die Zünfte folgen, jede mit ihrem Helden , die Winzer mit dem Bacchus , die Weber mit der Penelope , mit der Ceres die Bäcker, die Schuster mit dem heil. Crispin und Crispianus , mit den Cyklopen die Grobschmiede, die Wollweber mit Bischof Blaise . Du weißt wohl nicht, warum, Linda? Weil er das Wollweben erfand. Merke Dir Deinen Hiram! Linda . Ich halte mich an die Penelope . Erzähle weiter! Horst . Die Musiker ziehn mit Apollo , die Apotheker mit Aesculap , die Schiffszimmerleute mit der Arche Noah ; warum sollten die Mäurer nach dem, was uns Wren von ihren alten Thaten gesagt hat, sich nicht Hiram und den Tempel Salomo's wählen? Beide standen in der Bibel; jenes Märchen, durch die viel verändernde Sage empfangen, ward, wie in der mittleren Zeit alle morgenländische Sagen, handwerksmäßig europäisirt ; was siehst Du hierinne Sonderliches und Wunderbares ? Faust . Hiram's Ermordung steht nicht in der Bibel. Linda . Wunderbare Männer! Um ein Nichts so bemüht! Ich habe von einem Juden-Kanon gehört, in welchem zwei Stimmen einander antworten: »1. Abram ist gestorben, Ist todt! ist todt! 2. Wo liegt er denn begraben? 1. Zu Jerusalem.« Indem die letzte Silbe lem mit bebenden Lippen festgehalten wird, fängt eine Secunde höher der Andre an: »Isak ist gestorben«, und so durch alle Patriarchen und Stammväter, bis sie sich Alle in lem versammeln. Mich dünkt, ich höre von Euch das klagende Lied: »1. Hiram ist gestorben, Ist todt! ist todt! 2. Wo liegt er denn begraben?« Nun, wo liegt er begraben, Faust? Faust . Das hoffe ich Euch künftigen Johannis-Abend zu erzählen. Linda . Wolan denn! Nach Dsinnistan oder nach Jerusalem , Glück auf die Reise! Was soll ich sagen, meine Freunde? Dir, Horst, möchte ich sagen: »Der Zauberring Salomo's ist zerbrochen , die Geister sind frei!« oder in der neueren Sprache: »Das alte Wort ist verloren ! Hiram schläft im Sanctum sanctorum . Jeder neu erwählte Meister tritt (ich habe das Ritual auch gelesen) als Sohn der Wittwe an seine Stelle und soll wirken .« Oder soll ich Dir in Deiner Weise sagen: »Der Tempelbau ist noch nicht vollendet. Stehe der betende Salomo vor dem Allerheiligsten, als ob er noch lebte, ob er gleich längst todt ist! Kein nagender Wurm nahe seinem ihn unterstützenden Stabe!« Unentschieden reiche ich Dir diese Blume, eine Nachtviole . Als zwölf treue Brüder Hiram zur Erde bestatteten, wuchs sie auf seinem Grabe. Da wächst sie noch, unscheinbar am Tage, im Dunkeln erquickend und balsamhauchend. Dir, Faust, gebe ich zu Deinen Untersuchungen ein morgenländisches Märchen mit auf die Reise; denn, wie Horst sagt, Licht und die Mäurerei kommen von Osten . »Im Morgenlande also wohnte der wohlbekannte, aber selten gesehene und nie erforschte Vogel Phönix , dem man viel Wissenschaft und Kunst zutraute, ein Kind der Sonne, der Vogel des Paradieses. Vgl. Herder's Werke, VI. S. 43. – D. In dies flog er oft; von zween seiner Bäume baute er sein Nest, vom Baum der Erkenntniß und vom Baum des Lebens . Jahrhunderte lang lebte er, bis im Ringe des Schicksals die Zeit seiner Verjüngung und Erneuung kam. Dann zündete seine Mutter, die Sonne, das Nest an, die Zweige vom Baum der Erkenntniß gaben dem alten Phönix den Tod, die Zweige vom Baum des Lebens gaben dem jungen Phönix neues Leben. »Mit dem Ende, ich weiß nicht welches Jahrhunderts starb Phönix, der Alte. »Mutter-Sonne,« sprach er im letzten Augenblick und sah sehnend auf sie, »ende meinem Geschlecht sein einsam verborgenes, nur seiner Seltenheit wegen gepriesenes, rätselhaftes Dasein! Belebe mich, wenn ich erwache, wie Du willst, nur frei im Fluge und Menschen nutzbar. Thu es, allsegnende Mutter!« sprach er und senkte sich nieder. Mit dem freundlichsten Blick antwortete ihm die scheidende Sonne, zündete sein Nest an, und aus der Asche des Verstorbnen erstand – kein Phönix mehr, ein lichter Genius schwang sich empor, ein verborgner Schutzgeist der Menschen . In Dsinnistan wohnt er; aber wem und wann er will, darf er erscheinen, warnend, helfend, segnend. Seine nützliche, stäte Thätigkeit beschäftigt und erfreut ihn so sehr, daß er sich nie mehr nach seinem alten Phönix-Neste sehnt.« Faust . Dank, Linda, Dir für Dein Märchen! Künftigen Joannis- Abend erscheine ich aus Dsinnistan wieder. Linda (die Guitarre nehmend) . »Weltgeist, binde die Töne Liebend zusammen, Und sie werden ein Saitenspiel!« Hört Ihr, Freunde! Ist nicht die Aeolsharfe eine wahre fama fraternitatis ? (Die Fortsetzung kann zu ihrer Zeit folgen.) Sie ist unterblieben. – D. ––––– Beilage. Salomo's Thron. Onsely's Oriental collection, 1797. Jul. Aug.Sept. Aus einer morgenländischen Handschrift, »Geschichte von Jerusalem« betitelt. – H. Salomo's Thron war Gold, sein Fuß Rubinen und Perlen; Sieben Stufen führten zum Thron auf jeglicher Seite, Zwischen Gärten, die Bäum' aus Edelgesteinen gebildet. Früchte hingen daran und Blüthen; oben am Gipfel Sangen Vögel mit tausend melodischen Stimmen, an Farben Reich und schöner Gestalt. Aus Edelgesteinen gebildet Hatten die Genien sie und Alles rings um den Thron her. Alles lebt' an dem Thron. Sobald der König die erste Stufe betrat, erwachte Gesang der Vögel; sie schwangen Flügel breitend sich auf und flogen entgegen dem König. Trat er höher hinan zur zweiten Stufe des Thrones, Streckten die beiden Löwen die Klaun und neigten vor ihm sich. Trat er zur dritten , so sangen Dämonen, Geister und Menschen Alle das Lob des Ewigen, sein , des Ewigen, Alle . Auf der vierten rief eine Stimme: »Denke der Gaben, Die Dir der Ewige gab, Sohn David's , und sei dankbar!« Stärker ertönte das Lied die fünft' und sechste der Stufen, Bis auf der siebenten sich der ganze Thron belebte; Vögel und Bäum' und Thier' bewegeten sich, bis der König Saß. Da ergoß auf ihn von Vögeln und Thieren und Bäumen Sich ein Regen süßer Gerüche. Des schönen Gefieders Schönste zwei , sie flogen heran und setzten dem Mächt'gen Auf sein Haupt die goldene Krone . Nah vor dem Thron stand Eine Säule von Gold, auf ihr eine goldene Taube, Haltend im Schnabel ein Buch, » Gesänge des Königes David's «. Hin zum Könige flog die Taub'; er nahm die Gesänge, Las sie seinem versammelten Volk; dann kehrte die Taube Wieder zurück. Jetzt naht' ein Verbrecher dem Throne: wie schrecklich Brüllen die Löwen und schlagen die Klau'n! es sträuben die Vögel Ihre Gefieder, es schrei'n die Dämonen, menschliche Stimmen Tönen darein; es erbebt der Verbrecher, und zitternd – bekennt er. 9. Enthusiasmus. Methodisten. Die menschliche Natur ist des Enthusiasmus nicht nur fähig und bedürftig, sondern auch nach Zeit und Ort und Sache gewärtig. Ohne Begeisterung schlafen die besten Kräfte unsers Gemüths, oder sie regen sich matt und peinigen ihren Besitzer, indem sie sich matt regen. Es ist ein Zunder in uns, der Funken will, eine Ideen und Thaten gebärende Kraft, die, wenn sie nicht recht befruchtet wird, Ungeheuer gebiert, wie einst die Erde jene himmelstürmenden Titanen. Die bekannteste Erfahrung zeigt, daß, wenn ein Acker nicht mit guter Frucht besät wird, er Unkraut trage. Dies ist der Grund der Geschichte aller guten und bösen Enthusiasten sowie der Fanatiker, der Schwärmer. Todt ist kein Wesen in der Welt; das kraftvollste, edelste Wesen, der menschliche Geist, kann, mag und will nicht todt sein. Nur darauf kommt es an, was seine Flamme entzünde, wohin sie wirke. Man hat dem Enthusiasmus einen andern Grund angeben wollen, die Neigung des Menschen nämlich, sich selbst zu entfliehen , und wenn es sein muß, aus sich sich gleichsam hinauszuwerfen. »Ihm sei«, sagt man, »nicht wohl bei sich selbst; ihm werde unwohl, wenn er an sich haftet.« Weshalb aber wird ihm unwohl? Weil er Kräfte in sich fühlt, die auswärts streben, außer sich also ihr Ziel und Ende, ihre Beruhigung finden. Mit tausend Banden ist der Mensch an die Welt geheftet;« mit sich selbst beschränkt findet er sich im engsten Gefängnis. Wer ihn also losmacht von sich selbst, wer seinen Kräften ein freies, munteres Spie! verschafft, der ist sein Gott, sein Erwecker. Und spielte er auf ihm wie auf einem Instrument, wenn die Flöte tönt, wenn seine innere Saite klingt, ist ihm wohl, er läßt sie spielen. Daher das Vergnügen des Volks, in Enthusiasmus gesetzt zu werden; daher der Trieb und die Freude enthusiastischer Geister. Andre zu begeistern, zu inspiriren. Was hatten in älteren Zeiten die Propheten und Poeten, was in neuern die Schwärmer, die Wiedertäufer. die Methodisten davon, daß sie mit Gefahr und Schaden, mit Schweiß und Mühe Länder aufregten und andrer Menschen gewöhnliche Ruhe störten? Selten oder nicht immer wenigstens war äußere Ehr-, Ruhm-, Geldsucht der aufregende Dämon, der sie belebte, vielmehr jene innere , höhere Ruhmsucht, die sie, ihnen vielleicht selbst unbewußt, Andre zu leiten und zu lenken, sie zu erwecken und zu beleben antrieb. Eine höhere Herrschaft kann nicht gedacht werden als die über Herzen und Geister. Und könnte es eine höhere Lust , ein innigeres Gefühl seiner Kraft geben als dieses? Der Allbezwingende wohnt sodann in Aller Herzen, in Aller Geist, diesen übermannend, jene sanft verwaltend. Daher nun der Trieb aller kräftigen Menschen, auf Andre zu wirken, und wenn sie mit wilden Kräften tobten; daher die Zerrüttungen, die sie verursachten. Ein aufgebrachter, racheschnaubender Mensch regt Andre zur Rache auf, der Unmuthige verbreitet seinen Unmuth. Die von Ludwig XIV. verfolgten und aus mehreren Ländern vertriebnen Camisards fluchten der Welt, weissagend als Inspirirte dem ganzen Europa Untergang und Verwüstung. Nicht viel besser thaten seit 1713 die deutschen Inspirirten, Rock und seine Genossen. Aus Halle durchzogen sie einen großen Theil Deutschlands; wo sie durchzogen, streuten und ließen sie Funken. So mit linderem Feuer die Gichtelianer , die Zionsbrüder und Philadelpher , mit wilderm Geist die Ronsdorfer , die Brüggler . In Deutschland wurden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vorzüglich die Länder am Rhein und die mittäglichen Gegenden aus leicht zu ermessenden Ursachen die Lieblingsbesuche dieser Inspirirten. Aber auch im kühlen Britannien, welchen Lärm machten einst die Independenten , die Puritaner, Quacker, Wiedertäufer , späterhin die Methodisten u. s. w. Bei Allen war das beste Mittel, sie ausgähren zu lassen; nach abgesetzten Hefen ward aus Manchem ein klares Getränk, wenn es auch nicht immer edler Wein ward. Andre blieben eine trübe Masse und wurden zuletzt Sümpfe. Jede edlere Secte von Enthusiasten indeß hat ihre klaren Köpfe gehabt oder bekommen; Barclay's Verteidigung der Quacker, Robinson's Verteidigung der Baptisten sind davon Erweise. Und wenn man die Hussiten , die mährischen Brüder den Enthusiasten zuzählt, wie viel treffliche, gelehrte, fromme Enthusiasten gab es in dieser ehrwürdigen Religionspartei, an der es nicht lag, daß nicht von ihr die Reformation über Deutschland und Europa ausging. Längst ist's gesagt, daß kein großes, überschwänglich Gutes ohne Enthusiasmus bewirkt werde, so wie auch kein Gräuel sich denken läßt, dessen die Schwärmerei nicht fähig wäre. Eben das Ende unsers verlebten Jahrhunderts hat's über alle Gedanken furchtbar erwiesen. Nachdem man oft gesagt und wiederholt hatte, daß bei zugenommener, allgemein verbreiteter Aufklärung eine dem Charakter nach milde, ja leichtsinnig genannte Nation keiner Schwärmerei , keines Aberglaubens und Enthusiasmus fähig sei, brach derselbe in eine Wuth aus, die so viel Köpfe und Länder Europa's verheert hat. Nie halte man den Zunder zum Enthusiasmus oder zur Schwärmerei in der menschlichen Natur ausgetilgt oder austilgbar. Stahl und Stein erwecken den ruhig schlafenden, verborgnen Funken, ein unvorhergesehener Windstoß führt ihn als Flamme umher. Druck und Verfolgung (dies zeigen alle Zeiten und Völker) regen ihn auf, sie wecken den Enthusiasmus. Es giebt Zeiten des Schlafs, Zeiten des Aufwachens der Nationen; beide wechseln miteinander wie Tag und Nacht, beide sind aufhaltbar, doch am Ende kaum hintertreiblich. Damit also der Enthusiasmus nicht aufs Unnütze und Eitle gerichtet werde oder gar zu einer bösen Schwärmerei ausarte, was ist zu thun? Zuerst, daß man ihn nicht durch falsche Vorspiegelungen hindere und aufhalte, vielmehr ihn dadurch erwecke, daß man ihm große und gute Zwecke vorzeichnet. In der Sphäre der Menschheit müssen diese Zwecke liegen; denn weiter hinaus reicht der Blick nur weniger Enthusiasten. Alles Brüten über Dinge jenseit dieser Sphäre ist eben dadurch eine dunkle, oft grausame Schwärmerei worden, weil sie Menschen im Kreise um sich her keine Zwecke für den Enthusiasmus gab, der in ihrer Brust schlief, oder weil sie diesen aus ihrer Brust mit Gewalt wegdrängte. So mancher Methodist, Fanatiker und Schwärmer wäre nicht nur zu retten, sondern mit seinem Enthusiasmus sehr edel zu gebrauchen gewesen, hätte man ihn auf Zwecke der Wissenschaft und Kunst oder des thätigen Lebens geleitet. Meistens aber bemerkt man im Leben der Schwärmer den veranlassenden Punkt , wo sie die Linie überschritten und aus dem Gebiet nützlicher Anwendung ins Land der Hirngespinnste und des Wahns geriethen. Sie waren verloren, sobald er bei ihnen feste Idee ward. Auch die Pietät hat ihren Enthusiasmus; die Geschichte zeigt davon die edelsten Beispiele, von Pietisterei weit entfernt. Von jener Pietisterei nämlich, die am menschlichen Gemüth schnitzelt oder nagt, und die meistens blos deshalb ihr Spiel hat, weil dem Gemüth eine bestimmte, bessere Anwendung fehlt. Wenn ein Mensch nichts zu thun findet, grübelt er über sich selbst; übel daran ist er, wenn ein Enthusiast dazukommt, der ihn zurück in sein Inneres drängt oder dies Innere gewaltsam herauskehrt. Der Mensch erschrickt für sich, wird über sich selbst verworren, dann schwach und folgt zuletzt seinem hochbeseelten, stark begeisterten Leiter. Wie traurige Geständnisse hätten wir, wenn bei reiferen Jahren Mancher aufrichtig bekennen wollte, wie viel seiner Jugendkräfte, von falschem Enthusiasmus geleitet, an wesenlose oder unwürdige Gegenstände verschwendet worden! Indessen erlischt das Feuer der Jugend, und das Herz bleibt zurück, eine ausgebrannte, leere Höhle. Sie glänzt nicht mehr, geschweige daß sie wärme und anfeure: sie raucht. Eine böse Psychologie liegt der gemeinen Pietisterei zum Grunde; und wie ärmlich wird sie angewandt! Im gleißenden Stolz sowol als in gleißender Bescheidenheit gleich ärmlich, im frommen Betruge aber abscheulich. Weise und gut hat es also die Vorsehung geordnet, daß den zu warmen meistens kalte Gemüthsarten gegenüberstehen, die ihr Feuer dämpfen oder mildern. In der politischen Welt wie in der gelehrten und Kirchengeschichte sind den Fanatikern und Enthusiasten die Indifferentsten und Gallionisten immer zur Seite. » Gallion «, heißt es, » nahm sich's nicht an .« So schmerzlich dem Enthusiasten diese Gleichgültigkeit seines Gegners oft mit Recht ist, so unentbehrlich ist sie dem Ganzen. Auch im Reiche der Geister muß ein Gleichgewicht , ein Beruhen auf dem Schwerpunkt stattfinden, oder Alles flöge wie Strohfeuer aus einander. er zögernde Fabius rettete Rom; oft hat ein Mann den sichern Gang der Sache oder die Wohlfahrt des Staats in einer Rathsversammlung brausender Enthusiasten gerettet–durch Kälte. Von M. Casaubonus haben wir eine Abhandlung Ueber den Enthusiasmus , Merici Casauboni de enthusiasmo commentarius, quem ex Anglico latine reddi curavit J. F. Mayer. Gryphiswaldae 1708. – H. in der er als Gattungen desselben den divinatorischen, contemplativen oder philosophischen , den rhetorischen, poetischen und Bet-Enthusiasmus ( enthusiasmus precatorius ) gelehrt durchgeht. Es ist eine Schulübung, sonst würde er den praktischen , den Thaten-Enthusiasmus nicht übergangen haben. Worin lebt der Mensch am Fröhlichsten, als in Entwürfen und That? Und wie glücklich, wenn in diesen Adrastea ihn leitet, wenn sie das »Nicht zu viel!« auch beim Edelsten ihm zuwinkt und er auf ihren Wink merkt! ––––– Liebenswürdiger ist nichts als ein reiner und thätiger Enthusiasmus für Wahrheit und Menschengüte; er umgiebt Die, denen er angehört, mit einem stillen Glanze. So treten aus der Nacht der Zeiten, o wie Viele hervor, denen sterbend noch die Begeisterung auf den Lippen schwebte! Denn nicht Sturm und Drang war diese Begeisterung, sondern fortwirkendes Leben. Die Gottheit streut, wohin sie will, solche himmlische Funken, läßt sie länger oder kürzer leuchten, mehr oder weniger zünden und anfeuern; aber Menschen solcher Art auch nur gekannt, mit ihnen gelebt zu haben, giebt die frohe Empfindung, »sie waren göttlichen Geschlechtes, himmlischer Abkunft!« Sammle jede junge Seele, die des Enthusiasmus fähig ist, sich einen Almanach dieser Edlen nach eigner Empfindung und Erfahrung! merkwürdige Begebenheiten, Stellen oder Erinnerungen werden die Tage der Anzeichnung von selbst geben. Mit einem solchen Almanach lernt man durchs ganze Jahr, wie jenes östliche Volk im Tempel der Vorfahren, höhere Tugend . So steigen wir denn, hinauf oder hinab? zu den – Methodisten . ––––– Der Name der Methodisten ward einem Studenten in Oxford, Johann Wesley , und einigen seiner Freunde spottweise gegeben, als sie sich einer strengeren Lebensart, die nach christlicher Vollkommenheit trachtete, thätig in Werken der Gutmüthigkeit, unterzogen. Wesley ging hierauf nach Amerika, ward auf dem Schiff mit Missionaren der Brüdergemeine bekannt, und da es ihm dort mit seiner eignen Mission nicht eben glückte, kam er nach England zurück, ward bekehrt, reiste nach Marienborn und Herrnhut . Nach England zurückgekehrt, reiste er umher und predigte auf dem Felde. Dies Predigen auf dem Felde hatte schon Whitefield vor ihm unternommen und damit einige tausend Pfund für sein Waisenhaus in Amerika erpredigt. Als Dieser dorthin zurückging und bald darauf starb, mithin Wesley allein das freie Feld blieb, gelang es ihm bei seinem starken, unbezwinglichen Charakter, da die hohe Kirche ihm Kanzeln nicht einräumen wollte, eine eigne, ungeheuer zahlreiche Kirche in England, Schottland und Amerika zu bewirken und sie durch umherziehende Prediger, die sich jährlich versammelten, zu besorgen. Ob er sich gleich im Lehrbegriff von der englischen Kirche nicht trennen wollte, so trennte nach den Grundsätzen dieser ihn doch dies zuletzt gnugsam, daß er Geistliche ordinirte. Da er von strengem Charakter war, so drang er auf Vollkommenheit , unterschied Stufen derselben, wollte, daß man den Augenblick der Bekehrung ergreifen, festhalten müsse u. s. w. Sonach thaten sich in den Versammlungen der Methodisten, insonderheit anfangs, Erscheinungen hervor, die den Pöbel staunen, den Verständigen dagegen bedauern machten: Zuckungen, Krämpfe, gewaltsame Ausrufe und Bewegungen; dagegen, ja bei Wesley's Bruder und Gehilfen selbst, Karl Wesley , ein krampfhafter Geist des Lachens zuweilen öffentlich operirte, unaufhaltsam, unwillkürlich. Allem Großen und Guten, was Wesley in seiner Person hatte, unbeschadet (denn er hat große Tugenden ausgeübt), allem Guten unbeschadet, das er durch seine Grundsätze sowol als durch seine beispiellose Arbeitsamkeit, Wachsamkeit und Disciplin, insonderheit bei rohen Menschen und Familien, bewirkt haben soll, da unter seiner Obhut umherziehende, stets neue Prediger die Begeisterung fortwährend weckten, ist nicht dennoch der Methodismus eine arme Begeisterung, die anderswo schwerlich als neben der entschlafnen Episkopalkirche und dem veralteten Puritanismus in einem rohen Volk ausgebrütet werden konnte? Ein wilder Vogel, dessen Charakter in » Gottfried Wildgoosens Wanderschaft« »Der geistliche Don-Quixote, oder Gottfried Wildgoosens Wanderschaft«. Uebersetzt Leipzig 1773. 3 Bde. – H. und in andern Spöttereien oft langweilig gnug dargestellt worden. Denn sind gewaltsame Augenblicksbekehrungen Weg und Methode der Vollkommenheit ? Sind Krämpfe und Zuckungen Symbole des christlichen Geistes? Hierin und in manchem Andern steht Wesley hinter dem weltklügeren Zinzendorf zurück. Auf Ruhe des Herzens gründete Dieser sein Reich, nicht auf gewaltsame Stürme. Stille, dauernde Einrichtungen des Fleißes und der sittlichen Ordnung waren dessen Institute, in denen vor Allem Biegsamkeit und Tractabilität geübt werden; umherziehende Methodistenprediger, die ihre Gemeinen wecken und wecken, erhalten so feste Einrichtungen nie. Der Methodismus wird also wahrscheinlich abgähren und sich entweder in andre Secten oder in den Unglauben oder in die gewöhnliche Kirche verlieren, wogegen die Brüdergemeinen sich in ihrer stillen Bucht lange festhalten werden. Denn alles übertreibende und Uebertriebne geht vorüber; jede Bewegung sucht den Schwerpunkt, auf welchem sie ruhen möge. Wir haben ein Leben J. Wesley's , von einem Mann, der ihn wohl kannte und selbst ein Methodist gewesen war, allem Ansehn nach unparteilich geschrieben, dazu an Ort und Stelle mit Anmerkungen eines andern Mannes begleitet, der ähnliche dergleichen Aufbrausungen aus Tradition und Geschichte kennt und mit ganzer Unparteilichkeit würdigt . S. Alberti, »Briefe über den Zustand der Religion in Großbritannien« Theil 1. Brief 9 ff.–H. Die materia peccans der menschlichen Natur, wenn sie nicht auf gelinden Wegen abgeführt wird, nimmt sich methodistische Explosionen , die starke Naturen ertragen mögen, die aber bei schwachen Gemüthern oft übel ausschlagen. Würde in jedem Staat der Enthusiasmus angewandt, wozu es sein sollte, wahrscheinlich gäbe es so wenig Methodisten als Anabaptisten, Quacker, Puritaner u. s. w. Nach dem, was erzählt wird, Leben J. Wesley' s von Hampson«, herausgegeben von A. H. Niemeyer. Halle 1793. 2 Bde. – H. wäre den Augen eines Sokrates das Treiben des Geistes in einer Methodistenversammlung eben kein erfreulicher Anblick. »Ist das,« würde er sagen, »Eure Verjüngung (Palingenesie) an Herz, Sinn, Muth und allen Kräften? Wird so Euer Verstand himmlisch erleuchtet ?« Endlich . Der Enthusiasmus, Andre in Enthusiasmus zu setzen, so blendend er hervorsticht, so große Behutsamkeit hat er nöthig. Zu bald verlockt er und gewöhnt an eine usurpirte Herrschaft über die Gemüther und Passionen andrer, schwächerer Menschen. Diese reißt der Taumel mit sich; in einer großen Versammlung wird die Begeisterung ansteckend, sie fliegt von Gesicht zu Gesicht, sie haftet an Stimmen, an Worten und Geberden. Frage der Verständige sich selbst, was durch Erhitzungen und Abkühlungen solcher Art dauernd in ihm bewirkt werde. Viel vom Methodismus möchte also an Swift's mechanische Erzeugung des Geistes Tale of a tub.H. grenzen; das ganze Phänomenon aber gehört auf die Insel, auf welcher seit alten Zeiten Geist Puck Der Robin Goodfellow , dessen tolle Streiche und lustige Schwänke ein englisches Volksbuch erzählt, aus welchem Shakespeare im »Sommernachtstraum« schöpfte. – D. regiert. Bei Ueberschwang auf der einen Seite ist die andre Schale nie im Gleichgewichte. Der ungeheuern Wirksamkeit sowie der Redlichkeit des Stifters der Methodisten wird durch diese Anmerkungen nichts entnommen; Alles in seinem Werk, was gut und göttlicher Art ist, dauert. ––––– Erste Beilage. Hier und unten S. 627 fehlt die Bezeichnung Beilage in der Adrastea. – D. ––––– Züge aus Johann Wesley's Leben. »Nicht leicht habe ich«, sagt sein Lebensbeschreiber, »Leben Wesley's von Hampson«, Theil 2. S. 205ff., von Niemeyer herausgegeben. – H. »einen schöneren alten Mann gesehen. Eine heitre und glatte Stirn, eine gebogne Nase, das hellste und durchdringendste Auge, das sich denken läßt, eine in seinen Jahren ungewöhnliche frische Farbe, die vollkommene Gesundheit verrieth, das Alles machte sein Aeußeres interessant und ehrwürdig. Es hat ihn nicht leicht Jemand gesehen, ohne frappirt zu sein. Viele, die voll Vorurtheile gegen ihn waren, haben eine andre Meinung von ihm gefaßt, nachdem sie ihn persönlich kennen gelernt. In seiner Stimme und in seinem ganzen Betragen mischte sich Fröhlichkeit mit Ernst ; er war lebhaft; man bemerkte die schnelle Beweglichkeit seiner Lebensgeister, und doch ward man auch der heitersten Ruhe in seinem Innern gewahr. Wenn man ihn im Profil sah, drückte sein Gesicht Scharfsinn und durchdringenden Verstand aus. »In seinem Anzuge war er ein Muster von Nettigkeit und Simplicität. Eine dichtgefaltete Binde, ein Kleid mit einem schmalen stehenden Kragen, keine Knieschnallen, weder Sammt noch Seide an seinem ganzen Körper, dabei ein schneeweißes Haar, dies Alles gab ihm ein gewisses apostolisches Ansehen. Dabei war Ordnung und Sauberkeit über seine ganze Person verbreitet. »Die Talente, die er als Prediger besaß, sind ziemlich allgemein anerkannt. Sein Anstand auf der Kanzel war natürlich und einnehmend, seine Action ruhig und ungezwungen, dabei gefällig und ausdruckvoll, seine Stimme nicht laut, aber sehr verständlich und männlich, sein Stil einfach, vertraulich und den Bedürfnissen der Zuhörer sehr angemessen. Indeß waren, wenn man auf die Ausarbeitung selbst sieht, seine Vorträge sich sehr ungleich. Die beständige Beschäftigung mit Briefschreiben, Schriftstellerei, Krankenbesuchen u. s. w. war auch nicht allein daran Schuld, daß er oft schlechter predigte. Die Erhaltung der äußern Ordnung und Verfassung seiner Societäten hielt er bei Weitem für wichtiger und schwerer als die Verwaltung des öffentlichen Lehramts. Er versichert selbst irgendwo: »predigen könne er des Tags drei- bis viermal ohne die geringste Beschwerde, aber die andern Sorgen für die Gesellschaft wollten oft seine Kräfte übersteigen.« »Einige haben Wesley für einen mittelmäßigen Kopf gehalten. Dem kann ich nicht beistimmen. Seine Controversschriften, seine in Oxford allgemein anerkannte vorzügliche Geschicklichkeit und die große Klugheit, womit er seine Partei zu regieren wußte, zeigen vom Gegentheil. Es fehlte ihm gar nicht an Schulstudien; er verstand die alten und die neuen Sprachen; er hatte auf der Akademie fleißig den Euklides und die Philosophie studirt. Doch schlug er sich in letzter nie zu einem System und war überhaupt nicht tief in sie eingedrungen. Speculative Philosophie würde auch mit seiner ganzen Art zu denken und zu handeln sowie mit der Lebensweise, die er führte, ganz unverträglich gewesen sein. »Im gesellschaftlichen Leben war Wesley lebhaft und umgänglich. Er war viel unter Menschen gewesen, war mit den Regeln einer feinen Lebensart nicht unbekannt und in der Regel sehr aufmerksam auf Andre und sehr höflich. Da kaum ein Winkel im Lande war, wo er nicht selbst gewesen, so war er unerschöpflich an Anekdoten und Erfahrungen, die er gern, und was nicht minder wichtig ist, gut erzählte. Er konnte fröhlich und sehr angenehm sein; seine Heiterkeit pflegte sich auch Andern mitzutheilen, und sie litt so wenig unter der Schwäche des Alters oder der Nähe des Todes, daß man vielmehr im achtzigsten Jahr ihn noch so heiter sah, als er im zwanzigsten kaum gewesen sein mochte. »Aber seine Mäßigkeit war auch außerordentlich; in seinen früheren Jahren trieb er sie zu weit. Das Fasten und andre Arten der Selbstverleugnung hatte er schon zu Oxford angefangen. Besonders erwartete er sehr viel von wenigem Schlaf. Gegen das Ende seines Lebens ließ er etwas nach von seiner Strenge. In 35 Jahren ist er nicht einen Tag bettlägrig gewesen. » Wesley war einer der thätigsten Menschen. Schon seine Reisen brachen fast nicht ab. Hätte er nicht die Kunst, seine Zeit einzuteilen, so vortrefflich verstanden, so wäre es ihm unmöglich gewesen, so viel zu leisten. Aber jedes Geschäft hatte seine bestimmte Stunde. Er ging zwischen 9 und 10 Uhr zu Bette und stand um 4 Uhr wieder auf. Keine Gesellschaft, kein noch so angenehmes Gespräch, nichts als Fälle der Notwendigkeit konnten ihn bewegen, davon eine Ausnahme zu machen. Ebenso schrieb und reiste er, besuchte die Kranken genau auf die Stunden. die er sich gesetzt hatte. Man hat ihm nachgerechnet, daß er leicht in seinem Leben an 40, 460 Vorträge gehalten haben kann, die Ermahnungen in den Societäten und Classen, so oft er zugegen war, nicht mitgerechnet. In jüngern Jahren machte er seine Reisen zu Pferde. Ein Buch in der Hand, das er vor die Augen hielt, den Zaum über den Nacken des Pferdes hängend, hat er mit seinem Klepper manches Abenteuer erlebt. Im Jahr mochte er doch wohl an 4000 englische Meilen machen; das giebt für 52 Jahr eine Summe von 208,000. Nur ein Körper wie der seinige konnte eine solche unaufhörliche Thätigkeit aushalten. Hiezu kam nun noch sein vieles Schreiben. Der Originalwerke waren indeß wenig, die Auszüge machte er sich bequem. Die Sammlung seiner kleinen Schriften und Tractate macht allein 32 Bände, The works of John Wesley ,Bristol 1772. 1774. Er hatte eine Druckerei unter seiner unmittelbaren Aufsicht. Seine größeren Werke sind Anmerkungen über das Alte und Neue Testament, Predigten in 8 Bänden, außerdem ein Arminianisches Magazin, dogmatische, kirchenhistorische, politische Schriften. Brooke's Fool of quality hat er in einen Auszug gebracht u. s. w. – H. »Eine genauere Erwähnung verdient die Sammlung von heiligen und moralischen Gedichten , die er in drei Octavbänden schon zu Oxford mit seinem Bruder herauszugeben anfing. Sie enthält die trefflichsten Stellen über Religion und Moral aus den besten englischen Dichtern, wie Pope, Young, Milton . Die beiden Letzten liebte Wesley sehr und hat sie ganz mit seinen Anmerkungen herausgegeben. In den Hymns and sacred poems, published by John and Charles Wesley, Lond. 1739, sind viele Gesänge aus dem Deutschen übersetzt. Viele sind von Herbert, Eupolis Hymn to the Creator eröffnet die Sammlung. – H. Noch wichtiger aber waren in Absicht des Einflusses auf die Partei seine Liedersammlungen , sowol die ältere unter dem Namen der heiligen Harmonie als das allgemeine Gesangbuch , welches er im Jahr 1780 für alle seine Gemeinen in England veranstaltet hat. Außerdem hat er auch Lieder auf besondre Fälle und Zeiten, Oden über die Bibel u. s. w. herausgegeben; aber jene Kirchenlieder waren es doch eigentlich, die viel zu dem Einfluß beitrugen, den Wesley's Lehre fand. Er war ein großer Freund der Musik und bemerkte sehr richtig, daß die in der englischen Kirche in Reim gebrachten Psalme mit ihren langweiligen Melodien wenig geschickt seien, die Andacht zu beleben. Er führte neue Lieder und neue Melodien ein. Er machte den Gesang dadurch doppelt angenehm, daß er oft Chöre von Männern mit weiblichen Chören wechseln ließ, daß er Singstunden anordnete, in Capellen, wo keine Orgel war, geschickte Vorsänger vertheilte und immer solche Lieder wählte, deren Inhalt dem Gegenstande des Vortrages angemessen war. Der Gesang vieler tausend Methodisten auf freiem Felde, in Wäldern, auf Gottesäckern war oft von erstaunlicher Wirkung. » Wesley gehörte zu den wohlthätigsten Menschen; seine Freigebigkeit gegen die Armen kannte keine Grenzen. Er gab nicht nur einen Theil seines Einkommens, er gab weg, was er hatte. Das fing er schon in früher Jugend an. Vermuthlich ist in seiner Beschreibung eines der ersten Methodisten Band 7 seiner »Predigten«. – H. von ihm selbst die Rede. »Als er das Jahr 30 Pfund einzunehmen hatte, so lebte er von 28 und gab 2 Pfund den Armen; als er das nächste Jahr 60 Pfund einnahm, lebte er auch nur von 28 und konnte nun 32 geben. Das dritte Jahr nahm er 90 Pfund ein und gab 62; das vierte Jahr stiegen seine Einkünfte auf 120; er schränkte aber seine Ausgaben immer noch auf 28 ein und gab den Armen 92.« In diesem Verhältniß blieb er sein ganzes Leben hindurch. Nach einer mäßigen Berechnung hat er in 50 Jahren an 20 bis 30,000 Pfund zu wohlthätigen Zwecken verwendet. »Uebrigens war Wesley bei aller seiner Wohlthätigkeit weder ein sanfter noch empfindsamer Mann. Seine Liebeserweisungen schienen nicht sowol aus der Quelle eines gerührten Herzens als aus der Ueberzeugung, daß es Pflicht sei , zu fließen. Ueberall war sein Herz keiner eigentlichen Anhänglichkeit fähig; er war nicht zur Freundschaft gestimmt. Wenn er einzelne Personen auszeichnete, so geschah dies mehr in Beziehung auf ihre allgemeine Brauchbarkeit als auf ihre persönlichen Eigenschaften. Sein einziges Ziel war die Förderung des Methodismus. Da er nun die dazu entworfnen Plane geradehin für die besten hielt, so ward jeder seiner Mitarbeiter, der andrer Meinung darüber war, wie Jonas von den Schiffsleuten behandelt: mit größter Kälte warf er ihn über Bord, oder, nach seinem Ausdruck, »er empfahl ihn dem lieben Gott «. »Zu seinen bemerkenswerthen Charakterzügen gehört indeß seine Versöhnlichkeit . Von Natur hatte er ein warmes, beinah ungestümes Temperament; dies war aber durch die Religion sehr verbessert, wenngleich nicht völlig unterdrückt. Gewöhnlich behielt er sein ruhiges, gesetztes Wesen, welches mit seiner Thätigkeit und Lebhaftigkeit im Handeln sehr contrastirte. Verfolgung von außen ertrug er nicht nur ohne Zorn, sondern beinah ohne merkliche innere Bewegung, aber bei andern Arten des Widerspruchs war dies der Fall nicht. Sobald er sein Ansehen gekränkt glaubte, hat man ihn oft in den lebhaftesten Unwillen auflodern sehen. Uebrigens war es vollkommen wahr, was er von sich behauptete, es sei ihm nichts leichter, als Beleidigungen zu vergeben . Sobald der Beleidiger nachgab, war er entwaffnet und begegnete ihm nun mit der größten Sanftmuth und Herzlichkeit. »Gegen Ungläubige und Freidenker war er sehr intolerant und trieb die Verachtung derselben bis zur Härte. Für seine Person war er für gewisse Lieblingsmeinungen so hartnäckig eingenommen, daß er, wenn davon die Rede war, nie untersuchen, sondern nur Recht behalten wollte. Oft hörte er nicht einmal die Gründe dagegen. Jeder Mensch, sagt man, habe sein Steckenpferd; das seine war die Lehre von der Vollkommenheit . Wer ihm darin beistimmte, war sein Mann; wer daran zweifelte, fand eine kalte Aufnahme. So entstanden Perfectionisten und Anti- Perfectionisten . Uebrigens war Wesley so gut als andre Regenten mit Schmeichlern umgeben, und gleich ihnen nahm auch er oft den Weihrauch der Schmeichelei für reine Opfer der Wahrheit und Aufrichtigkeit an. Hang zum Regieren war ein Hauptzug in seinem Charakter; auch herrschte er in den letzten zehn bis funfzehn Jahren wirklich ganz unumschränkt . Sein Wille war Gesetz. Gab er einen Beschluß auf, ließ er ein Lieblingsproject fahren, so war es weniger Wahl als Nothwendigkeit. Wesley's Grundsatz von frühen Jahren an war: »Ich betrachte die ganze Welt als meine Gemeine; das heißt, ich halte es, wo ich mich aufhalte, für billig, recht und pflichtmäßig, Allen, die Lust haben, mich zu hören, die frohe Botschaft von ihrer Seligkeit zu verkündigen. Das ist das Werk, dazu mich Gott berufen hat, und ich bin gewiß, daß er's mit seinem Segen begleitet. Seine über mir wachende Vorsehung trifft auch ganz mit diesem seinem Befehl zusammen. Sie hat mich von Allem losgemacht, damit ich diesem Beruf ganz leben und umherziehn könne, um Gutes zu wirken.«« ––––– Das Gute, das der Methodismus gewirkt hat, setzt Wesley's Lebensbeschreiber als Augenzeuge in die Verbesserung der Sitten , insonderheit des rohen Volkes, in die Beförderung des Wohlstandes ganzer Familien , in eine bessere Erziehung der Kinder , endlich in die Beförderung des Lesens, Denkens, der Bildung des rohen Haufens. Sind edlere Zwecke eines menschlichen Berufs denkbar? Da indeß in dieser Societät Alles auf genaue Obhut in Hausbesuchen, in Vorsorge für Kranke und Leidende, auf Moralität der Prediger, Almoseniere , der Führer und Gemeinglieder nach Classen und Chören gestellt und dazu die ganze Verfassung organisirt ist, so gehört ein Wesley dazu, sie im Leben zu erhalten. Im achtundachtzigsten Jahr seines Lebens nach wenigen kranken Tagen starb Johann Wesley . Den 2. März 1791. – H. »Gott,« sagte er, »was sind alle Herrlichkeiten der Welt einem Sterbenden?« Mehrmals sang er den Vers: »So lang ich athme, preis' ich Gott! Und schließt die Lippe mir der Tod, So preis' ich ihn mit Engelzungen. Ich hab' Unsterblichkeit errungen.« Nach Niemeyer's Uebersetzung. – H. Endlich: »Nun ist Alles gethan. Laßt uns heimgehn! Die Wolken triefen von Segen; der Herr ist mit uns; der Gott Jakob ist unser Schutz. Lebt wohl!« Dies war das letzte Wort, das man von ihm vernahm. Have, anima fortis, dux chori! ––––– Zweite Beilage ––––– Baco von der Naturart im Menschen Sermones fideles , XXXVI. – H. Oft wird die Natur versteckt, bisweilen überwunden, selten ganz ausgelöscht. Gewalt , die man der Natur anthut, macht diese nur stürmischer, wenn sie zurückkehrt; Lehren und Vorschriften machen ihre Wirkungen zwar weniger heftig, heben sie aber deshalb nicht auf; was die Natur ganz verändert und sich unterwirft, ist allein – die Gewohnheit . Wer die Natur in sich besiegen will, gebe sich keine zu große, noch zu kleine Pensa auf; jene, wenn sie mehrmals unvollendet blieben, schlagen den Muth nieder, diese, wenn man oft auch mehr als sie thäte, heben ihn damit nicht empor. Anfangs übe man sich mit Zuziehung einiger Hilfsmittel , wie die jungen Schwimmer mit Blasen und Binsen; nachher lege man sich Hindernisse in den Weg, wie Tänzer z. B. mit schweren Schuhen tanzen. Denn in jedem Geschäft gelangt man dadurch zur Vollkommenheit, wenn man sich am Schwereren übt, als der gewöhnliche Brauch fordert. Wo die Natur sehr mächtig, mithin der Sieg über sie schwer ist, wird man stufenweise gehen müssen, z. B. erstens seine Natur auf eine gewisse Zeit hemmen wie Jener, der, wenn er in Zorn gerieth, ehe er etwas unternahm, die Buchstaben des Alphabets hersagte; zweitens sie mäßigen und an kleinere Portionen gewöhnen , wie z. B., wer sich vom Wein entwöhnen wollte, kleinere und kleinere Züge thun müßte; zuletzt wird man dann die Natur ganz bändigen und zähmen . Wäre Jemand stark und standhaft gnug, sich augenblicks zu fassen und in Freiheit zu setzen, der thäte freilich das Größte: »Sein selbst Retter ist er, der die herzverwundenden Bande Riß und in Schmerz dabei Schmerz zu empfinden verlernt.« Sermones fideles , XXXVI. – H. Der hohe Ausspruch [Ovid's Rem. amoris, 293. 294] ist fast unübersetzbar: Optimus ille animi vindex, laedentia pectus Vincula qui rupit, dedoluitque semel. – H. Auch die alte Regel ist nicht zu verwerfen, daß man die Natur wie ein krummes Stäbchen, das man gerade haben will, auf die entgegengesetzte Seite stark überbiege; doch merke man sich dabei, daß diese entgegengesetzte Seite kein Fehler sein muß. Auch darauf habe man Acht, daß man die Fertigkeit, die man sich aneignen will, nicht durch eine immerhin fortgesetzte, sondern durch unterbrochne Bemühungen erstrebe; denn dies Unterbrechen erneut und verstärkt das Bestreben. Ein Lehrling, der sich mit fortgesetzter Anstrengung übt, kann sich mit der Fertigkeit zugleich Fehler aneignen; dem weicht man aus, wenn man zur Zeit die Arbeit niederlegt und nachher mit neuen Kräften frisch daran geht. Uebrigens triumphire man nicht zu sehr, daß man seine Natur bezwungen habe; sie schläft oft lange wie begraben und wacht bei Gelegenheit doch wieder auf. Wie jenes Mädchen beim Aesop , Anspielung auf Ps. 120, 5. 6. Wahrscheinlich schrieb Baco dies aus seinem Herzen; denn sein Naturtrieb, das Feld der Wissenschaften zu erweitern, stimmte nicht eben genau zum Beruf seines Lebens, zu Kanzlargeschäften. – H. [Baco führt die Stelle nach der Vulgata an: Multum incola, fuit anima mea. – D.] die vorher Katze gewesen und in eine Weibsperson verwandelt war; sie saß ganz artig am Tisch, bis ihr – ein Mäuschen zu Gesicht kam. Dergleichen Gelegenheiten muß man entweder ganz vermeiden oder sich, damit sie unkräftiger werden, an sie gewöhnen . Die natürliche Art eines Menschen entdeckt man am Besten im vertrauten Umgange ; denn in ihm findet keine Affectation statt: in Gemüthsbewegungen ; denn in ihnen vergißt man Vorschrift und Regel: sodann bei einem neuen, ungewöhnlichen Vorfall ; denn da verläßt uns die Gewohnheit. Glücklich sind Die, deren Naturtrieb mit ihrer Lebensweise übereinstimmt; wo dies nicht ist, mögen sie mit dem Psalmisten sagen: »Es wird meiner Seele lang zu wohnen.« In der Fabel »Die Katze und Aphrodite«. – D. Bei Geschäften, die unsrer Natur fremd sind, muß man sich Zeiten setzen , sie zu überlegen und auszuüben. Stimmen sie mit unserm Genius überein, so bedarf's keiner festgesetzten Stunden; wenn andre Geschäfte und Studien es zulassen, werden unsre Gedanken von selbst zu ihnen fliegen. Die Naturart Jedes bringt aus angeborner Kraft gute und böse Kräuter hervor; sorgsam und zeitig reiße man diese aus und begieße jene! 10. Atlantis. Der Name soll mit Beziehung auf Plato's »Kritias« ein glücklicheres geistiges Leben der Zukunft andeuten. – D. Sehen wir zurück auf die mancherlei Bemühungen , die wir bisher durchgangen sind, was in ihnen einzelne Menschen sowol als Verbindungen und Gesellschaften Gutes und Böses, irrig und schwindend oder wahr und dauernd geleistet; bemerken wir den Streit der Geister verschiedner Parteien , und wie immer zwei Extreme , Licht mit der Finsterniß, Neuerung mit dem Herkommen, junger Fleiß mit alter träger Autorität, kämpften, und werden dabei gewahr, wie viel herrliche Talente umsonst in diesem Streit untergingen, wie viele gar nicht zum Vorschein kamen, weil sie nicht an ihrem Platz standen. endlich, welche tolle Verwirrungen entstanden, wenn die Faust Auge , der Fuß Ohr sein wollte: Verfolgung, Thorheiten, Kränkungen, Lähmung gesunder Glieder oder gar auf eine Zeit Stemmung, Stockung, Chaos des Ganzen , d.i. aller geistigen und sittlichen Kräfte : dies Alles in einen Blick gefaßt, schlägt uns nicht das Herz mit der Frage: »Sind diese Kräfte nicht zu ordnen und zweckhaft anzuwenden ? Stehen die arbeitenden Genien des Menschengeschlechts unter keinem leitenden Blick, unter keinem Siegelringe Anspielung auf Salomo's Zauberring. – D. des weisen, des geistigen Architekten? Dürfen und müssen sie gehen, nach der Sprache des Propheten, wie Fische im Meer und wie das Gewürm, das keinen Herren hat? Vgl. Herder's Werke. IX. S. 46. – D. Gehört dies etwa zur unveräußerlichen Freiheit der Geister ?« Bei jeder Einrichtung menschlicher Dinge denkt man sich ein übersehendes Auge , eine allgemeine Vernunft ( raison universelle ) und plastische Kraft , ohne welche die Theile zerfallen oder gegen einander wirken. Trauriger dem Anblick aber ist nicht leicht etwas als eine zerfallne oder stockende Kunstmaschine, widerlicher nichts als eine schnarrende Uhr, als ein verwesend gährender Körper. Lasset uns also, da Campanella eine Sonnenstadt, Baco eine Atlantis schrieb und thätigere Geister, wie Zinzendorf, Wesley u. s. w., mit regsam-unermüdetem Fleiß wirkende Gesellschaften, geistig-moralische Gemeinen, d. i. Societäten ( civitates ) stifteten, ihre Vorbilder nutzen und dem Gewirr des vergangenen Jahrhunderts den Ton abfragen, in dem seine Bemühungen etwa zusammentrafen . Bei rohen, physischen Kräften nennt man es den Dienst ; das Militär , die Industrie sind dazu geordnet; verdienen oder leiden die feinern, geistigen und moralischen Kräfte keine Organisation und Zusammenordnung? ––––– 1. Schulen und Universitäten. Sind Institute zu Ausbildung und Zusammenordnung solcher Kräfte; ihre Einrichtung sei gut oder übel, das lebendige und Hauptwerk ist ihre Verwaltung . Trügen sie auch aus alten Zeiten Mängel an sich, welche menschliche Verfassung ist ohne dergleichen? und wie bald wird, was auch wir stiften und ordnen, weniger brauchbar für kommende Zeiten: Also in diesen alten Gehäusen (wer es vermag, baue sie neu!) das möglichste Gute zu bewirken , ist die Aufgabe; und da sagen uns die Jesuiten in Paraguay, die Methodisten in England, die Brüdergemeinen an aller Welt Ende, dies geschehe durch lebendige Wirksamkeit , durch Societät und Aufsicht . Die großen Wirkungen des Jesuitismus waren Folgen der Ordnung und strengen Subordination in der Gesellschaft. In Zinzendorf's Gemeinen zieht sich das Band linder, ein Band zwischen Brüdern und Schwestern; dennoch aber ist's ein Band , die Gesellschaft erhält sich nur durch Ordnung . So die Methodisten. Wesley's Lebensbeschreiber sagt es der Gesellschaft vorher, daß mit der genauen und strengen Obhut ihrer umherziehenden, mit frischem Blick und neuem Leben wirkenden Prediger die Gesellschaft selbst sich halten oder entschlummern werde. Wenn das Herz nicht mehr schlägt, neue Lebenskraft durch alle Adern sendend, was wird der Körper? Aufsicht also und Vereinigung zu einer wirkenden Gemeinschaft können die Lehranstalten eines Landes allein in Leben setzen und erhalten. Sind beide ohne Obhut, mit dem Staat gleichsam unverbunden, so daß man sie als für sich bestehende alte Cadaver betrachtet; lehrt man in ihnen nicht, was der Staat und das Leben braucht; arbeiten Niedere und Höhere einander nicht in die Hände; sind Die, die ihnen vorstehn, arm, verachtet und leben ein kümmerliches Leben; oder endlich, taugt die in ihnen herrschende Methode nicht, sind ihre Lehren und Sitten dem Staat und den Jünglingen gar gefährlich: welche Desorganisation! Chaos und Abgrund. Kein öffentlich angestellter Lehrer darf schlechthin lehren, was er will, wie es ihm im Augenblick einfällt; er soll die Wissenschaft oder Kunst lehren, dazu ihn der Staat bestellt, und zwar auf die dem Staat und der Menschheit nützlichste Weise, also unter Aufsicht. Deswegen heißt der Landesregent Rector der Universität; wie der Kaiser von China ist er der geborne Präsident der Wissenschaften und Künste seines Landes. Sind seine Einsichten dieser Ehrenstelle nicht gewachsen, so habe er ein Tribunal der Verständigen zur Seite; denn alle Fehltritte und Aergernisse gelehrter Institute seines Landes, die Wahl schlechter Lehrer, die schlechte Ausbildung unbrauchbarer Zöglinge, unwürdige Streitigkeiten seiner Gelehrten, häßliche Sitten der dort zu erziehenden Jugend ruhen zuletzt auf ihm. »Dem Staat«, sagen die Geschlechter, »vertrauten wir unsre Sprossen, nicht dem tollen Dafürhalten einzelner, phantasirender Lehrer. Daß ihre Köpfe verschroben, daß ihr Gehirn auf lange Zeit verwahrlost werde, dazu sandten wir sie auf Eure Schulen, Eure Universitäten nicht.« Auch darf sich kein Lehrer über diese Aufsicht als über einen Zwang beklagen; denn wozu ward er öffentlicher Lehrer dieses Instituts? Ihm, dem Privatmann, blieben alle seine Gedanken frei. Man weiß, welchen Schaden den Jesuiten die in einigen ihrer Schriften vorkommenden, von der Gesellschaft übersehenen gefährlichen Aeußerungen gethan haben. So schuldlos viele Glieder der Gesellschaft sein mochten, schrieb man sie doch der ganzen Gesellschaft zu. Jede Lehranstalt muß sich von Scandalen rein und frei erhalten; noch ist aber damit wenig geschehen, wenn das Auge des Staats nicht positiv wirkt. Wo Talente nicht aufgemuntert, Fleiß und Erfindung nicht belohnt werden, wo der Beste unter dem Cabalen-Einfluß des Schlechteren erliegt, ein Spinngewebe im Winkel, wo aus Hunger eine Spinne die andre frißt – dies ist keine Sonnenstadt , keine Atlantis . Wie erfreulich dagegen der Anblick wohlorganisirter Institute sei, und wie viel durch sie gewirkt werde, eben das haben mehrere, theils Gesellschaften , theils einzelne Männer bis zur Verwunderung erwiesen. Die Menschheit nimmt alle Formen an und ist ihrer fähig, zumal in jüngeren Jahren; die wohlanständigste gefällt den Jünglingen selbst bald am Besten. Einer wohleingerichteten Schule eifern die andern nach, Schulen und Universitäten einander. Beide, den jetzigen Bedürfnissen des Lebens und Staats harmonisch, geben die Idee eines wahren Salomonischen Baues , fortwirkend auf kommende Zeiten. Es wird einen frohen Anblick geben, wenn wir bemerken, wie das vergangene Jahrhundert nicht etwa nur gewünscht , sondern in Reinigung seiner alten, in Bildung besserer neuer Institute wirklich große Anfänge gemacht hat. Plus ultra ! ––––– 2. Schriften. Jünglinge, wenn sie die Universität verlassen, bleiben sie ohne Aufsicht? Traurig und gefährlich, wenn sie es blieben; denn eben dies sind ihre Entscheidungsjahre für Glück und Unglück, für Brauchbarkeit und Unbrauchbarkeit aufs ganze Leben. Alle Gesellschaften also, die fortdauern wollten, legten Seminarien an, auf welche sie, wie auf Pflanzstätten und Conservatorien ihrer selbst, den größten Fleiß, die sorgsamste Obhut wandten. Man weiß, daß unbesät der fruchtbarste Acker das meiste Unkraut trägt; geil und wilde schießen also, wenn ihnen bearbeitende Pflege mangelt, gute Köpfe in Ranken empor und kommen vielleicht nie zu bessererer Zucht und Wartung. Haben wir deren nicht traurige Beispiele gnug in Deutschland? Ein Heer junger Schriftsteller, die, kaum der Akademie entronnen, mit oder ohne Talent, Pasquille, Romane, Philosophien schreiben, sich, wie sie sagen, dem Bücherschreiben ergeben und, um unabhängig zu sein, dem Dienste des Staats entsagen : welche Gesellschaft der Vorgenannten würde dies dulden? Sie stieße die Scriblers, verwahrloste Freidenker von sich. Aus Erbarmen sollte der Staat sich dieser Verlornen annehmen und unter ihnen die brauchbaren Kräfte, die jetzt in schriftstellerischem Müssiggange phantastisch verschleudert werden oder gar zu Entwürdigung der Wissenschaften, zum Verderb der lesenden Welt wirken, nützen. Die unglückliche Zeit der französischen Revolution, das damals wüthende gelbe Fieber des Independentismus , zu dem sich die kritische Himmelsstürmerei gesellte, hat eine Menge schöner Talente vom Wege gebracht; noch dauert in ihren Köpfen die Revolution fort und wird dauern. Was bei Toland , der in ähnliche Zeiten traf, und bei mehreren Freidenkern Englands angemerkt worden, gilt von diesen Armen. Langsam wird die Zeit , vereint mit dem Mangel , ihre früh empfangne tiefe Wunde heilen. »Wie aber? steht nicht Jedem die Wahl seiner Lebensart sowie die Aeußerung seiner Gedanken, mündlich oder schriftlich, gedruckt oder geschrieben, frei ?« Immerhin! In Deutschland vollends sind Verbote oder Interdicte darüber fast unkräftig; denn was nicht hier, wird anderswo gedruckt und findet zuletzt jenseit des Rheins seinen Verleger. Wie aber die Gesellschaft fordern darf und fordert, daß man auch mündlich nicht zu Jedem und überall auf gleiche Art spreche, so hat das Publicum, das gedruckte Schriften lesen soll, auch seine Rechte, mithin der Staat, der diese handhaben und vertreten soll, auch seine Pflicht. Er hat ein Mittel in der Hand, das wirksamer sein kann als alle Censur und Verbannung, es ist – die Kritik. Die Kritik gehört dem Staate . »Die Kritik dem Staate?« Keinem Andern; nur durch seine Verständigsten übe er sie aus! Was will das Privilegium sagen, das zu einem Tribunal der Kritik einem Verleger ertheilt wird? Daß er als Buchführer gedruckte Lumpen umherführen dürfe, unbeachtet, was darauf gedruckt ist? Welche Entwürdigung wäre dies der höchsten Pflicht und Gabe, die, wie der Mensch vor Thieren, so eine Gesellschaft von Menschen, der Staat, hat – zu urtheilen , durch sein Urtheil Werth und Unwerth vor andern Menschen öffentlich, dauernd zu bestimmen! Dies Recht, diese Macht einem Verleger geben, weil er Lumpen druckt und umherführt, hieße den sonderbarsten Schöppenstuhl der Wahrheit und des Geschmacks gründen. Auf wen fällt der Schimpf, wenn dieser Stuhl alberne Urtheile, Injurien spricht? Auf Keinen als auf den Staat, der dies Privilegium ohne Sicherheitsleistung einem Unfähigen gab und seine eigensten Rechte nicht ausübt. Sehr in der Ordnung war Haller's Gedanke, den Gelehrten Anzeigen, die er in Mitte des vergangnen Jahrhunderts begann, In Göttingen. – D. die Aufsicht einer Gesellschaft der Wissenschaften als eine Firma zu geben; denn die competenten Richter geistiger Producte sind immer doch nur Männer von Geist, nicht vom Verleger gedungene Söldner. Und bei Invectiven, wer würde mit dem Drucker Krieg führen? Der Staat, der ihm die Macht gab, Invectiven zu drucken, er ist der vor aller Welt Verklagte . »Wie?« sagt im Herzen jeder Ehrliebende, »in keiner ehrbaren Gesellschaft darf eine Beleidigung ausgesprochen werden, ohne daß die Gesellschaft widernd daran Theil nehme, und die edelste Gesellschaft, der Staat, begünstigt eine ehrabschneidende Räuberhöhle? Indem solche Menschen ohne Aufsicht in ihm öffentlich und beglaubigt Urtheil sprechen dürfen, bekennt er entweder seine Barbarei, der weder Ehre noch Wissenschaft am Herzen liegen, oder daß er keine verständigeren Richter habe. Ihm ist gleichgiltig, was auf dem Käsekram der Lumpen gedruckt werde.« Ganz anders ein Staat, der Ehre liebt. Sein ist die Kritik; er spricht sie durch Mund und Feder seiner Würdigsten aus; diese stehen für ihre Worte. Fürchte man nicht, daß hiedurch eine Lähmung im Urtheil entstehen, daß Einseitigkeit und Despotismus sich wilde geberden werden! In Deutschland sind mehrere Staaten; jeder darf sein literarisches Tribunal haben, da dann eines dem andern bald die Stange halten wird und das feinere Urtheil doch zuletzt siegt. Nicht aber auf Mißbrauch muß man zuerst rechnen, wenn man einen Plan entwirft; richtiger Gebrauch ist sein Zweck, bei welchem man jenem vorbeugt. Sind die Verständigsten des Landes die gebornen Richter des Wahren, Guten und Schönen, so entspringt hieraus natürlich eine Akademie oder Societät der Wissenschaften, die urtheilt . Drängen sich Unwürdige zu ihr, so fällt der Schimpf abermal auf den Staat, der solche asellos für seine Verständigsten erkannte; bald aber muß sich auch bei Mißgriffen eine Gesellschaft der Würdigsten klar hervorthun, die sich durch sich selbst bewährt. Diese, eine wahre Akademie della Crusca , käme nicht zusammen, um einander mit Vorlesungen zu belangweilen; als Consultatorin des Staats richtete sie über literarische Verdienste in geschlossener Gesellschaft. Ihr würde, was privilegirte Kritik ihres Landes heißt, mit unterzeichneten Namen der Autoren von jedem Redacteur kritischer Blätter pflichtmäßig zugefertigt, nicht zu ihrer Censur allein, sondern vorzüglich zu ihrer Notiz, im Hall, wo es Notiz bedürfte. Deren bedarf es, um Die zu kennen, die sich selbst und Andre recensiren, um überhaupt die geistigen Kräfte zu kennen, die sich gegen einander bewegen oder ruhig wirken, endlich um jede Kraft gebrauchen zu können, wozu der Staat sie gebrauchen kann und soll. Dies aufgehobene Tuch, wie viel machte es offenbar! und doch würde es vor dem Publicum nicht aufgehoben, als wo es das Recht fordert. An sich wäre dies kritische Tribunal mehr das Auge als der Mund des Staates. Aber nicht wissen und einhalten allein soll der Staat, sondern auch fördern und helfen . Verdienen Geisteskräfte es weniger als rohe materielle Kräfte? Wie viel ist in Deutschland für die Gesellschaft geschehen, ohne daß sie nur Kunde davon nahm! Das hungernde Talent floh mit seinen Erfindungen zu ihrer Ausbildung und Anwendung oft in andere Länder. Und wo irgend ein Fürst nur sein Auge auf literarische Bemühungen wandte, zumal wenn es mit Kenntniß und Liebe der Wissenschaft geschah, wie dankbar, sorgsam und wohlthätig wandte man gegenseitig den Blick an! Auf seinem Seeberge bei Gotha hat Zach alle Observatorien Europa's nach und nach versammelt. Der Name des Fürsten , der ihn in seinem Werk unterstützt, glänzt still und ewig unter den Sternen. Ein Monarch, der einst sein Land zum angenehmsten Garten Europa's umschuf, Kaiser Leopold, vormaliger Großherzog zu Florenz.– H. ließ bei jeder Reformation, die er im Sinn hatte, die Geister durch Schriften vorbereiten . So verstand man, was er wollte; die Vernunft ging dem Gesetz voran. In dem Staate Deutschlands, der jetzt allen Beobachtenden wie eine Morgenröthe von Hoffnungen aufgeht, arbeiten denkende, sowie wollende und ausrichtende Kräfte mit einander. Maximilian Joseph ist, der beide fördert und ordnet. Sein in Baiern längst verehrter Name geht einem neuen Jahrhundert voran. Bekannt ist's nämlich aus der Geschichte, daß gewisse Zeiten sich theils durch eine größere Anzahl erregter geistiger Kräfte, theils durch eine neue besondre Richtung derselben auszeichnen. Trifft diese mit wahrer Unterstützung auf einen großen Zweck, so schafft sie ein neues Jahrhundert in den Annalen der Menschheit; ein König im Reiche der Geister, der sie wie Salomo bindet und zu seiner, einer edlen Absicht in Thätigkeit setzt, dessen Siegelring ein Verstand ist, dem Alle willig gehorchen: er ist den Gemüthern ein großer Meister! Sein Name wird genannt, wenn er längst nicht mehr ist, ja, zuletzt hangen sich an ihn aus dankbarer Freude liebliche Märchen. Dagegen wenn ein Zeitalter der Geisteskatarrh, Schnupfe, Lähmung, ein Wahn, eine eigentümliche Tollheit überfällt und ein hilfreicher Arzt, um die kranke Schwärmerin zur Gesundheit zurückzuführen, die Krise abwartet: auch er ist ein Wohlthäter der Menschen. Hätte am unglücklichen Ausgange des verflossenen Jahrhunderts ein Genius Macht gehabt, alle Genien Europa's zu vereinigen, um mit einer Stimme den Betrug zu verkündigen, »daß man für eine falsche Helena , genannt Freiheit und Gleichheit, Glück und Leben aufopfere, indeß die wahre Helena von den Göttern längst gerettet sei«: Anspielung auf die Fabel eines Stücks von Euripides, das voraussetzt, die Griechen hätten vor Troja zehn Jahre um ein Wahnbild der Helena gestritten, indeß die wahre Helena nach Aegypten gerettet gewesen. Eine lehrreiche Idee für alle kriegführenden Mächte, die um einer geistigen oder körperlichen Helena Trugbild ihre Völker zu Felde führen! – H. welch unermeßlichem Unheil hätte er vorgebeugt! Als das Wahnbild zerfiel, freilich, da sahen die Geister zu spät, wie häßlich sie hintergangen waren! Wenig schmerzt in der Geschichte so sehr als der Anblick ungebrauchter oder mißbrauchter, unzeitig verschwendeter Kräfte. Wenn ein Lessing mehrmals sagen konnte: »Ich stehe müssig; mich dingt Niemand. Ich will's hiemit, damit versuchen; ich will nach Rom wandern!« freilich, so stand es damals, wo er lebte, mit Anordnung geistiger Kräfte mißlich. Auf seinen Platz gestellt, wie mehr hätte dieser rüstige Geist, der jetzt schon, wo er hin- und hineingriff, so viel geleistet hat, vollendet! Eine unter ihm werdende Gesellschaft, wie Mancherlei wäre sie geworden! Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 541 f. – D. ––––– 3. Sitten. Sollte es einer Gesellschaft gleichgiltig sein, ob sie einen Mandeville'schen Bienenkorb voll honest men turn'd knaves oder einen wahren Bienenstaat vorstellte voll Fleiß und Ordnung? gleichgiltig, ob sie Grundsätze der Ehre befolgte oder sich selbst öffentlich ehrlos erklärte? Das Letzte that sie nicht durch ehrvergessne Anstalten und Einrichtungen allein, sondern schon dadurch, daß sie, ehrevergessen selbst , nach nichts Wahr-Ruhmwürdigem trachtet. Jeden Stifter einer neuen Gesellschaft schätzt man hienach; weder die Jesuiten in Paraguay, noch Missionen, Freimäurer, Enthusiasten können sich der Frage entziehen: »worauf denn ihre Tendenz gehe? was sie bei ihr Großes und Gutes geleistet?« Jede Menschengesellschaft und Einrichtung steht offen und unausweichlich dieser Frage da. Leistete sie nichts , wollte sie ––––– nichts als triviale Zwecke, nichtige Herrlichkeiten, so wird man schamroth, wenn man den ehrwürdigsten Namen, der alle heiligen Bande der Menschheit einschließt, mit Verachtung nennen müßte. Ein Körper, dessen geistige Kräfte nicht geachtet werden, wird zur Maschine, ein andrer, dessen sittliche Kräfte unbenutzt bleiben, zum Thier. Welche Ehrlosigkeit wäre schlimmer und schlechter? Unglücklicherweise sind beide bei einander. Mit Recht dringt man also auf Erziehung , auf Sitten ; träten nun aber diese sittlich Wohlerzogenen in eine Gesellschaft, in der kein Schatte dieser Grundsätze, d. i. nichts minder als Sitten und Fähigkeiten, sondern Geburt, Stand, Cabale, Geld, Gunst, Laune, Willkür, Eigensinn u. s. w. Aemter besetzen und Preise vertheilen, wie dann? Sich selbst bliebe der Gebildete immer gut erzogen, nicht aber dem Staat, in welchem seine Vorzüge ihm gar zu Hindernissen des Fortkommens werden möchten. Komisch und tragisch, tragisch bis zu Thränen und zur Verzweiflung, hat man diese Discrepanz bereits in Geschichten und Dichtungen aus und nach dem Leben geschildert. »Wer bringt uns Campanella's Sonnenstadt «, sagt man, »nieder?« Sie kommt! Sie kommt! Mehr als ein edler Enthusiast befliß sich in seiner Gesellschaft, in seinem Viereck geistige Kräfte herrschend zu machen, moralische mit ihnen zu vereinen. Keinem Vater und Hausvater sind die Sitten der Seinigen gleichgiltig; wie denn einem Vater und Hausvater des Staates? S. unter vielen andern die Schrift: Du gouvernement des moeurs von Polier de St. Germain, Bürgermeister in Lausanne, übersckt von G. F. Götz, 1785.– H. In jeder Gesellschaft sind Classen und Stände ; welche vernünftige aber constituirte sich so, daß diese in Sitten und Verdienst, in Rang und Umgang ewig von einander gesondert bleiben müßten, so daß eine der andern Geruch scheut? Das hieße seinen lebendigen Körper zerschneidend in Theile theilen, deren einer von dem andern getrennt gegen ihn Abscheu oder Verachtung nähren soll. Vom mittlern Stande geht bekanntermaßen die geistige Thätigkeit und Cultur aus; auf und nieder soll sie wirken, damit das Ganze belebt werde. Diesen Stand von den obern Ständen höhnend trennen, heißt die obern Stände fortwährend zur Einseitigkeit, zu barbarischem Stolz, zu Unwissenheit und Anmaßungen verdammen, die, seit sie nicht mehr auf dem Harnisch, sondern auf einer hölzernen Schnürbrust beruhen, in der man sich weder edel noch frei bewegt, eine den menschlichen Geist beleidigende Clausur sind. Jeder verständig anordnende Geist trennt nicht, sondern vereinigt die Glieder seiner Gesellschaft. Lustbarkeiten zeigen am Meisten die Sitten des Volks, zu Bildung und Mißbildung derselben tragen sie viel bei; weder unsittliche also noch unverständige sollte eine vernünftige Menschengesellschaft dulden. Das einzige Theater erforderte hier eine lange Rede, der ungeheuern Macht wegen, mit der es wirkt. Die Griechen, wenigstens anfangs, wußten, wozu sie ihre Stücke schrieben und gaben; wie Wenige es seitdem gewußt haben mögen, seitdem man sich an Allem, am Uebertriebnen und Schlüpfrigen sonderlich, nur amüsirt , ist eine andre Frage. Vollends die Gesellschaftstheater, und daß man in der Gesellschaft fast von nichts Anderm als vom Theater zu sprechen weiß oder zu sprechen wagt – Letzteres zeigt entweder einen so gebundnen oder so hohlen und leeren Sinn, daß man oft fragen möchte: »Ist denn die Welt, ist unser Leben diese Bretterbude?« Und wie spricht man darüber? Ist's dem Staat nicht gleichgiltig, welche Sitten und in welcher Tendenz sie öffentlich aufgeführt werden, so auch nicht, welche Schriften man heimlich lese . Censuren wirken hier wenig, wohl aber unmerkliche Sichtung der Lesebibliotheken , Einverstand mit honneten Buchhändlern in Ansehung der Einfuhr fremder Schriften, und Vorsorge, daß man honnete Autoren habe. An chinesischen Schriften hat sich noch Niemand geärgert; wolan! jedes schlechte Buch sei für uns chinesisch und malabarisch! Was in Sitten auf die Gesellschaft am Meisten wirkt, ist nicht Lehre und Befehl, sondern Vorbild , Beispiel , Gewohnheit , Mode . Manche Dinge hielt man für unmöglich, bis man sie sah; jede autonomische Gesellschaft war zuerst eine Erscheinung , bis sie ihr Dasein bewährte. So auch die Sitten jeder dieser Gesellschaften; das Schwerste ward in ihnen leicht, das Unangenehme zur Lust, das Unmögliche möglich. Wodurch? Durch Nacheiferung , durch Gewöhnung . » Guter Sitten Stifter !« ein edler Name! schweigend durch sie auf die Nachwelt fortwirken, ein hohes Verdienst! Wie Laster und Unarten zur Mode werden können, warum sollte es nicht auch Fleiß , Wohlanständigkeit , Zucht , Urbanität werden, zumal ihre Ausübung selbst sich empfiehlt und fortwährend lohnt? Gute oder schlechte Sitten sind wie die reine oder eine verpestete Luft; in dieser erstickt man, in jener athmet man frei. Angenehme Sitten kommen entgegen, widrige stoßen von sich in jeder Gesellschaft. Da Religion , d. i. Treue und Glauben an göttliche und menschliche Verhältnisse , das Band und Insiegel jeder Gesellschaft ist, so sollte man in christlichen Staaten gegen sie, mithin auch gegen das Christenthum , das sie lehrt, und gegen den moralischen Charakter Christi nichts schreiben und lehren dürfen. Spannet Eure Segel, so hoch Ihr wollt, an die Krone, die oben an diesem Kreuz hängt, an jene reine Gottesgenialität und fortwirkende Menschenliebe wird keine antastende Hand je reichen! Auch wer blind gnug ist, die große Sonne der Welt, die alle geistigen und moralischen Kräfte zusammenhält und belebt, Gott , nicht zu sehen, gefalle sich in seiner chaotischen Dunkelheit – schweigend! Uebrigens wer über Buchstaben und Gebräuche der Religion zu sprechen oder zu schreiben hat, der spreche und schreibe! Schreibt er schlecht, spricht er albern, so steht der Gesellschaft ein leichtes Mittel zur Hand, ihn zu beschämen: man setze seiner schlechten eine bessere Schrift entgegen , so hat man den Verlust in Gewinn verwandelt. Den Freidenker weise ein besserer Freidenker zurecht, so ist der Schade geheilt. Ueberhaupt sehe sich der Gesetzgeber eines Volks als einen Pygmalion an, der aus dem Marmor eine Gestalt hervorbringt und sie belebt. So betrachteten sich die Stifter aller Gesellschaften und Secten. Brachten sie Unformen hervor, so zerstörten diese sich selbst, oder Andre zerstörten sie. Die reine Idee des Wahren, Schönen und Guten ist das einzige Ideal einer Menschengesellschaft, in der alle Kräfte unsrer Natur harmonisch zusammenstimmen und wirken. Dies reine Ideal von barbarischen Hüllen zu befreien, es unserm Sinn verständlicher, unsern Sitten bildender zu machen, dahin bestrebten sich theilweise alle Guten, und da kein Stillstand in der Natur ist, so erwarten Alle eine Zeit, die Alles knüpfe und binde, auf einer Atlantis . Hier folgte als Schluß des zweiten Stückes des vierten Bandes der Adrastea das Gedicht »Die Verhängnisse« (Herder's Werke, I. S. 201 f.) – D. VII. Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts. ––––– Fortsetzung der in II. niedergelegten Untersuchung. Sie bildet die Nr. II des zehnten Heftes (V. 2) der Adrastea; voran gehen ihr die 14. bis 22. Romanze des »Cid« nebst der »Nachschrift«. Der Anfang der »Früchte«, 1-7, stand im dritten (II. 1), die Fortsetzung, 8-11, im vierten Hefte (II. 2). Herder übersah jene Fortsetzung und zählte die Behandlung der Romanze irrig als 8, wonach dann die folgenden Nummern sich richteten. Wir haben die richtige Zählung hergestellt. Der Inhalt des neunten Heftes(V. 1) hat in den Werken anderswo seine Stelle gefunden. Es beginnt mit dem zweiten Gesange des »Pygmalion« und den dazu gehörenden »Erläuterungen« (Werke, I. S. 234-240); daran schließen sich die beiden ersten Abschnitte der »Bemühungen des vergangenen Jahrhunderts in der Kritik« (Werke, VIII. S. 119-133), die »Briefe über das Lesen des Horaz, an einen jungen Freund« (Werke, VIII. S. 69-90), der dritte Abschnitt der »Bemühungen«: »Thomas Creech« (Werke, VIII. S. 133 f.), nebst dem Anfange von Knebel's Uebersetzung des Lucrez (I. 1-298), der Aufsatz »Homer und das Epos« (Werke, VII. S. 275-295), der vierte Abschnitt der »Bemühungen«, unter der Ueberschrift »Samuel Clarke«, endlich die dreizehn ersten Romanzen des »Cid«, mit deren versprochener Fortsetzung das folgende Heft begann. – D. 12. Romanze. Romanze, el romance, lingua Romana , hieß in der von den Römern besiegten Welt die Sprache, die aus der alten lateinischen und den Sprachen der überwundnen Völker sich allmählich gebildet hatte und die römische Herrschaft überlebte. Natürlich war sie nach Ländern und Zeiten verschieden; mit den Jahrhunderten verfeinte sie sich; die heutige spanische, italienische, portugiesische, französische Sprache sind ihre Sprößlinge und Kinder. El romance hieß also im Spanischen die Muttersprache ; romancear hieß aus andern gelehrteren Sprachen, dem Latein und Arabischen, in sie übersetzen, in ihr umschreiben ; wer dies that, hieß ein romancero . In gutem romance sprechen, hieß klar, verständlich, gerade heraus , und wie wir sagen würden, deutsch reden. Gesänge in der Landessprache hießen also Romanzen . Ihr Silbenmaß war das natürlichste , das es in der Sprache gab, wie die spanischen Sprichwörter zeigen; die meisten ( refranes ) haben schon in Prose das Silbenmaß der spanischen Romanze. S. Obras posthumas del Martin Sarmiento, T.1. – H. Ebenso natürlich ist der spanischen Sprache die Abwechselung und Verkettung der ersten und zweiten, der dritten und vierten Zeile der Romanze mit einander, da es eigentlich zwei , der Ausgang sei männlich oder weiblich, nur durch einen Tonfall wie durch eine sanfte Cäsur getrennte Verse sind. Ebenso natürlich tönen in der Romanze die Assonanzen , In der spanischen Poetik machen die Assonanzen und ihre Vertheilung beinahe das Hauptwerk aus. S. die Arte poëtica Española por Juan Diaz Rengito Barcelona 1703. Die Sylva de consonantes füllt sie zur Hälfte. – H. d. i. der ähnliche Klang und Ausklang der zweiten und vierten Zeile. Alle aus dem Latein entsprossenen Sprachen waren reich an solchen, so daß man ihnen kaum entgehen konnte, und da die begleitende Guitarre, die Melodie, der milde Himmel, der Athem des Sängers selbst, geschweige Sinn und Zweck des Gesanges, dergleichen Ausklänge forderten und liebten, so wiederholt sich oft bis zum Ende des Liedes hinaus ein heller Vocal oder ein sanfter Tonfall zahllos. Dem Ohr der Spanier angenehm; denn es war der Beschaffenheit ihrer Sprache und dem Vorbilde der Araber nach daran gewöhnt. Die Araber nämlich sowie mehrere morgenländische Völker hatten die Gewohnheit, in Reimen zu complimentiren Rhythmi cum alliteratione avidissimae sunt aures Arabum. S. Alb. Schultens' Vorrede zu seiner »Blumenlese arabischer Gedichte« hinter Erpenius' Grammatik. – H. [Herder verwechselt hier zwei verschiedene Sammlungen. Vgl. unser Inhaltsverzeichnis zu dem sechsten Theile der Werke. S. 7. – D.] und in Gedichten, zumal heroischer Art, aus unterthäniger Höflichkeit sogar mit einem und demselben Reim das ganze Gedicht hindurch endlos zu reimen. Einiges von diesem Geist war in die spanische, sicilische und andre den Arabern angrenzende Sprachen übergegangen; die poetischen Liebeshöfe der Provençalen ( cours d'amour, corte d'amore ), die dem neueren ganzen Europa Silbenmaße vorgezeichnet haben, thaten beinahe nichts, als solche monoton höflichen Reime der Araber mäßigen, so und anders in poetische Blumensträuße sie ordnen . So entstanden Sonette, Rondeaus, Madrigale, Trioletts, Stanzen , die redondillas, villancicos, glossas el arte mayor etc. der Spanier. Die beliebten Versarten andrer Nationen sind nichts als Zurechtlegungen jener höflichen arabischen Blumensträuße ; denn die Poesie galt für die Sprache der Höflichkeit , der Hochachtung , der Ehre und Liebe . Vgl. hierzu und zum folgenden Werke, XIII. S. 386-393. – D. Lasset uns darüber einen Kenner der arabischen Sprache hören! ––––– Beilage. »Eines im Arabischen sehr erfahrnen Gelehrten« Dieser Gelehrte ist Reiske. S. »Neuer Büchersaal der schönen Wissenschaften und freien Künste«, Band 10. S. 227 ff. – H. ––––– Antwort auf die Frage, ob die Araber schon in den ältesten Zeiten gereimte Verse gemacht haben. »1) Die allerältesten Schriften der Araber sowol in gebundener als freier Rede sind in Reimen abgefaßt . »2) Die Art, ohne Reimen zu reden und zu schreiben, ist neuer (oder später) als jene. »3) Noch heutiges Tages pflegen sie in ihren ungebundenen Schriften, wenn sie recht schön schreiben wollen, den Reim beizubehalten, so daß sie, wenn sie einen Reim drei-, vier- oder mehrmals wiederholt haben, alsdann einen andern vor die Hand nehmen und es mit diesem ebenso machen, dann wiederum einen andern u.s.w. Auf diese Weise ist der ganze Harîrî geschrieben, der für den Araber- Cicero gehalten wird. Der ältere Albert Schultens hat von ihm sechs Reden mit der Übersetzung; Tamerlan's Lebensbeschreibung hat Jac. Golius arabisch herausgegeben. – H. (Der deutschen Sprache hat unser Rückert Harîrî's »Verwandlungen des Abu-Seid von Serug« gewonnen. – D.) Imgleichen des Tamerlan's arabische Lebensbeschreibung aus dem zehnten Jahrhundert. Als Probe giebt Reiske den Anfang des Harîrî. – H. »4) In der Poesie sind die allerältesten Stücke gereimt. Reiske giebt eine Probe eines der ältesten aus Abulfeda, das auch Schultens in seinen Monumentis vetustioribus arabisch ans Licht gestellt hat. – H. »Hieraus erhellt, 1) daß die alten Araber Alles beinah, auch sogar ihre häuslichen und vertraulichen Gespräche , in Versen, wenigstens in Reimen vorgetragen. Denn dieses Das als Probe gegebene alte Gedicht nämlich. – H. ist ein Rath, den Abu Ozeimat nicht mit guter Muße abgefaßt, sondern stante pede in dem geheimen- oder Kriegsrath seines Herren ausgeschüttet. So hat man auch ein von Mohammed verfertigtes, etliche achtzig bis neunzig Verse langes Gedicht, das ein gewisser Haretsch Ben Helza ohne einiges vorhergegangenes Bedenken, sich auf seinen Bogen stützend, heraussagte. Die Uebung muß bei ihnen sehr groß gewesen sein. 2) Daß, wie die erste Hälfte des ersten Verses schließt, sich auch die andere Hälfte ebendesselben Verses schließe, und wie sich der erste Vers in der Mitte und am Ende endigt, so endigen sich auch alle andere folgende, wenn ihrer auch noch so viel wären, bei zwei-, dreihundert und noch mehr. Doch sind ihre Gedichte selten so lang. – Reiske giebt Proben von Gedichten, die auf adi, ali, ulo, ani ausgehen, und schließt, daß m ihrer alten und ältesten Poesie nicht die geringste Spur von einem reimlosen Gedicht gefunden werde, es möge lang oder kurz, heroisch oder jambisch sein. – H. [Die nach dem Gedankenstrich fehlende Stelle steht Werke, XIII. S.392. – D.] »Doch sind ihre jambischen Gedichte so beschaffen, daß sie den einmal gefaßten Reim nicht beständig beibehalten, welches ein wesentliches Erforderniß der heroischen Versart ist, sondern sie wechseln mit den rhythmis ab; beinahe wie wir. Wenn sie einen Reim drei-, viermal wiederholt haben, so verfallen sie auf einen andern.« ––––– Drei Fragen, über welche bisher ziemlich unbestimmt gestritten worden, beantworten sich hieraus von selbst: 1) Wer hat den Reim nach Europa gebracht? Antwort : Die Araber, obgleich damit nicht geleugnet wird, daß die schlechte Poesie der spätern lateinischen Sprache, die Cantica der Kirche, die Leoninischen Verse der Mönche seine Aufnahme sehr befördert haben. In der gelehrten und ungelehrten Sprache geschah ein Gleiches, nur aus verschiednem Grunde; in die ungelehrte ( el romance ) ging er aus dem Arabischen über. 2) Wo ging er über? Antwort : Allenthalben, wo Araber und Christen lange neben und mit einander freundlich und feindlich lebten. Der Streit über das frühere Alter der castilischen, sicilischen und portugiesischen Poesie ist fast vergeblich. Allenthalben spülten die Wellen der arabischen Poesie auf gleiche Weise die Küsten Europa's an, reimend. 3) Woher, daß die Poetik der neueren Poesie im südlichen Europa eine von den Alten so verschiedne Form nahm? Antwort : Weil sie nicht den Alten, sondern den Arabern nachahmten. Die Sprachen hatten sich verändert, der Geist der Nationen noch mehr. An den Höfen der Provençalen spielte man mit Reimen wie mit Blumen; die Poesie gehörte zum Ritterthum, und aus Ursachen, die die Geschichte darlegt, wurden zu weiterer Ausbildung Südfrankreich und Ostspanien ihr Tempe, ihr Parnaß Barcelona . Vgl. gegen diese Herleitung des Reims Werke, XIII. S. 389, Anm. – D. ––––– Fortsetzung. Ist dies der Ursprung der Reimpoesie , welch andre Gestalt nimmt sie in Sprachen an, denen diese Reim-Höflichkeit fremd ist, die sogar dem eintönig wiederkommenden Reim aus dem Wege gehen und sich dagegen, wie die Skalden thaten, lieber mit Assonanzen im Anfange der Worte ergetzten. In diesen Sprachen den längst vorhergesehenen Reim matt erwarten, ihn zwangvoll über Trümmer der Sprache heranstolpern sehen, wo er nutzlos oder gar widrig eintritt, wäre dies nicht eher für ein kindisches Ohrgeklingel und Ohrgepauk oder für eine Nachtwächterschnarre als für eine verständige Höflichkeit zu rechnen? Griechen und Römer vermieden in ihren Silbenmaßen bei allem Zudrange der Assonanzen den Reim; Kindern am Jahrmarkt geben wir die Pfennige mit dem Verbot: »daß Du Dir ja keine Trommel, kein Trompetchen kaufst!« wie? und unsre Romanzensänger, unsre heroischen Lyriker selbst übten diese Kunst, und zwar auf arabische Weise von Neuem, betäubend unser Ohr mit Reimdrommeten und Pfeifchen? Jene, indem sie, dem Genius unsrer Sprache zuwider, auf spanische Assonanzen , auf ein gehaltenes, wiederkehrendes A O U kindisch ihre Kunst wenden, indem sie, den Liedern der britischen Bedlamssänger nacheifernd, rasselnd und prasselnd, sausend und brausend gar alle Silbenmaße durch einander ausschütten und damit das Ohr des Volks zwar nicht verfeinen, aber wie Kameelsohren erhöhen und verderben. Wenn Romanze in der Welt nichts Anders als Volksgesang heißt, war dies je der Ton weiser Volksführer? Leiteten Homer, Alcäus, Sappho, leiteten die Höfe der Liebe , leitete der Barde bei der Harfe, selbst der ruhige Jäger beim Horn so die Seelen? Hätten unsre Musen kein andres, kein erfreulicheres Instrument mehr als A E I O U, das Nachtwächterhörnchen? Aus diesem scharfen Urtheil spricht besonders der Aerger über den »Alarkos« von Fr. Schlegel. – D. Ehedem war es nicht also. Denn ohne die zahllos anmuthigen Spiele zu verfolgen, in welchen Provençalen, Castilier, Italiener sich am Reim ergetzten (des Namens rimas selbst als Titels seiner Werke schämt sich kein Dichter), wer weiß nicht, daß eben an ihm die Süßigkeit der sogenannten Minnesänger wie in Blumenkelchen sich erzeige? Gedanken und Empfindungen wiederholen sich in ihnen oft und für uns zu oft; die Sprache der Anmuth, vorzüglich die Reime machen ihre Blüthen neu und schön. Als die poetische Kunst zur Meistersängerei herabsank, erhielt sie sich noch an schönen Weisen und Silbenmaßen; an solchen richtete sie sich in Opitz, Fleming, Canitz, Besser , obgleich mit schwachen Kräften, wieder auf, und als sie in Hagedorn, Gleim u. A. reiner aufblühte, was half ihnen dazu als die schöne Kunst ( gaya ciencia ) der Trobadoren? Lese man Hagedorn's Anmerkungen zu seinen Gedichten, um wahrzunehmen, mit welcher Kunst und mit welchem Fleiß er vom Schönsten, was er kannte, Blumen gesammelt, wie zart er sie geordnet! Seine Jugendgedichte verwarf er völlig und unerbittlich. Gleim's früheste sind fast seine besten Lieder; die drei Romanzen, die er zuerst in unsrer Sprache sang, sind noch unübertroffen die artigsten, die naivsten. So Ewald's u. A. unbillig vergessene kleine Gedichte; so Gerstenberg's Tändeleien , in denen wie ein anmuthiger Bach der Reim Blumenstücke des Adonis durchspült. Ja, soll er noch vergessen sein, der aus seiner Winterburg wie eine Nachtigall hinter dichten Zweigen sang, in seiner Sprache die zierlichsten Kränze flocht und sich in Reimen und ohne Reim in jedem angenehmen Silbenmaße, an jedes niedliche Silbenmaß versuchte? Das Andenken seines Freundes an ihn, das hier folgt, wird jedem seiner Freunde, obwol auf eine traurige Weise, angenehm sein. Erscheint die gewünschte Sammlung seiner Gedichte, so wird Jeder die ihm liebsten als Myrten um sein Grab pflanzen. ––––– Beilage. Andenken an einen Besuch bei dem ehemaligen würdigen Superintendenten Johann Niklas Götz zu Winterburg in der hintern Grafschaft Sponheim. Man vergleiche dazu Knebel's Brief an Herder vom 11. September 1779 (Von und an Herder. III. 11 ff.), wo sich genauere Angaben finden. – D. Es war im Jahre 1780, als ich nach einem kleinen Aufenthalte in der Schweiz auch die Gegenden des Rheins sehen und besuchen wollte. Unter den vielen Merkwürdigkeiten, welche mir die obere Hälfte des Rheins darbot, reizte mich vorzüglich auch die Bekanntschaft eines Mannes, den ich in früher Jugend aus seinen Gedichten lieb gewonnen hatte, und dessen mir bekannte, größtenteils absichtliche Verborgenheit noch mehr mein Verlangen nach ihm erregte. Es war der damalige Superintendent zu Winterburg in der hintern Grafschaft Sponheim, Joh. Niklas Götz. Seine Gedichte, die in den 1770er Jahren in der Schmid'schen Anthologie, in dessen Musen-Almanachen Es ist von Christian Heinrich Schmid die Rede, dessen »Almanach der deutschen Musen« in Leipzig erschien. – D. sowie auch in andern Musen-Almanachen und in dem Dyckischen Taschenbuche einzeln und unter mancherlei Buchstaben erschienen waren, glänzten so schön darin hervor, als wären sie gleichsam mit einem eignen Reize der Musen übergossen. Dabei waren die kleinen Erzählungen, die er von seinen eignen Umständen und Schicksalen gab, und die er, bald in Prose, bald in Versen, unter den Flor griechischer Geschichten zu verhüllen suchte, meinem Herzen so anziehend und lieblich, daß es mir gleichsam ein Gelübde wurde, diesen selbst einmal aufzusuchen und zu sehen. Das Oertchen Winterburg liegt wenige Stunden hinter Kreuznach, im ehemaligen Pfälzischen. Ich kam gegen Abend dahin, wenn ich nicht irre, im Monat September. Als ich mich ihm näherte, stieg ich vom Wagen aus, um mit Anstand die Wohnung des Mannes, den ich verehrte, aufzusuchen und ihn nicht mit Geräusch zu beunruhigen. Eine geheime Ahnung zeigte mir bald das Haus, das ich suchte. Ein paar hölzerne Säulchen zierten es sogar am Eingange. Ich trat mit Ehrfurcht hinein und fand, sogleich im ersten Zimmer, die Frau und Tochter des Gesuchten, beschäftigt mit Hausarbeit. Wie freut' es mich schon bei Eröffnung der Thüre, an der Wand das Bild des Dichters zu sehen, das ich schon vorher aus einer kleinern Copie bei Ramlern hatte kennen gelernt. Eine gute Weile mußt' ich warten, bis der erwünschte Freund endlich kam, den ich nun in seinem eignen Hause empfing. Sein Aeußeres zeigte mir einen festen, etwas untersetzten Mann von mittlerer Größe, vollem Bau und feinen Gesichtszügen. Sein Anstand war simpel und äußerst bescheiden, doch so, daß man sah, daß er mit Menschen gelebt habe; sein Inneres hielt er sehr verschlossen. Ich that ihm, mehr aus Verwirrung als Absicht, mancherlei Fragen über ihn selbst, die er aber stets mit Bescheidenheit und wenigen Worten ablehnte. Ich bat ihn um die Erlaubniß, ein paar Tage bei ihm wohnen zu dürfen. Willig und mit anscheinendem Vergnügen nahm er mein Ansuchen auf. Sogleich führte er mich in sein Gastzimmer, welches dem Wohnzimmer gegenüber lag. und ließ mir auf mein Verlangen Thee zubereiten. »Hier,« sagte er, »in diesem Zimmer hat erst vor ein paar Wochen Se. Excellenz der Herr Minister von *** ganzer acht Tage gewohnt.« »Ich habe die Ehre,« sagt' ich, »den Herrn Minister zu kennen. Das ist ein feiner Kopf und ein Mann, der viel Kenntniß und Geschmack hat. Er wird sich recht erfreut haben, hier bei Ihnen zu wohnen und mit Ihnen über Ihre Sachen zu sprechen.« »Davon war wol nicht die Rede,« antwortete er mit bescheidnem niedergeschlagenem Blicke. Se. Excellenz waren blos in Dienstgeschäften hier.« »Also kennt er Ihre Arbeiten nicht einmal?« fragt' ich. Er antwortete nicht. Ich erstaunte, zumal da ich mir erinnerte, einige Male an dortigem Hofe von diesem ausgezeichneten Manne gesprochen zu haben. Noch am selben Abend führte er mich in sein Gärtchen, dessen er so lieblich in seinen Gedichten gedenkt, und das mir als sein liebes Wald-Orchester immer vor Augen schwebte. Es war ein länglich-viereckiger Raum an dem Fuße des Berges, schwerlich über 50 oder 60 Schritte lang, mit Küchengewächsen und Obstbäumen wohl versehen, ein Theil des Ganzen mit schönen Erlen an einem vorbeifließenden Bache besteckt. Alles reizte mich hier; denn ich sah es durch das schöne Medium seiner Lieder und an der Seite des Dichters selbst. Den andern Tag besuchten wir den Herrn Amtmann, der in dem Schlosse auf dem Berge wohnte, und der uns auch eine freundliche Mittagsmahlzeit gab. Hier bemerkte ich, daß unser Herr Superintendent als Dichter eigentlich gar nicht bekannt war. Man sprach nur von ein paar Hochzeitgedichten von ihm, und der Sänger der Musen und Grazien saß ganz still und zurückgezogen bei Tische. Ich hatte viel Mühe, ihn dahin zu bewegen, mich auf sein Studirzimmer zu führen. Endlich erhielt ich es doch. Er zeigte mir seine Manuscripte, meist auf einzelne Blätter geschrieben und in sieben Nach dem Briefe Knebel's acht. – D. besondern Abtheilungen zusammengelegt, welche, wie er mir sagte, bei der Herausgabe ebenso viel Bände werden könnten. Übersetzungen, die er von ganzen Dichtern gemacht hatte, waren darunter: als vom Sarbiev , einem großen Theile des Pater Ceva u.s.w. Er zeigte mir auch seinen kleinen, doch ausgesuchten Büchervorrath, worunter er viele, besonders lyrische Dichter mit Noten und Anmerkungen bereichert hatte. Hier that er mir das Geständniß, daß, wenn sich irgend ein Freund finden sollte, von dem er hinlängliche Versicherung hätte, daß er seine Werke so und nicht anders, und zwar durchaus erst nach seinem Tode herausgeben würde, er ihm diese Manuscripte für einen geringen Preis, den er mir benannte, zu überlassen Willens sei. Für 500 Gulden wollte er sie einem Buchhändler geben unter der Bedingung, daß er sie bei seinem Leben nie zusammen erscheinen lasse. – D. Gleiches versicherte er mich auch von seinem kleinen Büchervorrathe, dessen Werth er erkannte, und von dem er sich nur den Gebrauch auf Lebenszeit vorbehielt. Ich bat ihn, das Zutrauen wegen dieser Angelegenheit mir zu schenken, und ich hoffte bei meiner Zurückkehr ihm befriedigende Antwort hierüber ertheilen zu können. Dieses geschah auch, und schon war ihm durch Mitwirkung eines Freundes die verlangte Summe in Frankfurt angewiesen, auch die heiligste Versicherung gegeben, in Allem seinen Willen wegen der Manuscripte aufs Genauste zu befolgen, als ich wenige Monate darauf von seinem Herrn Schwiegersohne die Antwort erhielt, daß sein Herr Schwiegervater vom Schlag sei befallen worden und deshalb außer Stand, mir zu schreiben, daß er mich aber ersuchen lasse, von meinem Begehren und von seinem eignen mir ehmals gemachten Versprechen abzustehen, indem er die künftige Herausgabe seiner Werke seinem Herrn Sohne, bei der Schwan'schen Buchhandlung in Mannheim, zu überlassen gedenke. Ich that sogleich auf alles Geschehene Verzicht, das nie eine kaufmännische Speculation zum Grund hatte. Desto mehr aber mußte mich's wundern, als ich nachher im Jahre 1785 In Mannheim. – D. die so verstümmelte Ramlerische Ausgabe zu Gesichte bekam. Mit Ramler's Verbesserungen ist unser Götz durchaus nicht zufrieden gewesen und sprach nur mit geheimem Unmuth davon. Daß er zuletzt noch seine Gedichte, nach der der Ausgabe beigesetzten Vorrede, Herrn Ramler übergeben hat, zeugt vielmehr, wie mich dünkt, von einer gänzlichen Gleichgiltigkeit gegen die mehrsten Dinge in den letzten Tagen seines Lebens, und so auch gegen seine Gedichte. Er bezeugte mir diese selbst noch kurz zuvor in einem Briefe, mit welchem er mir eine kleine Anzahl seiner zum Theil bis jetzt noch ungedruckten Gedichte zuschickte. Er bat mich, solche an Niemand als etwa an Herder zu zeigen: qui meas aliquid putat esse nugas , Nach Catull. 1. 4. – D. setzte er hinzu. Vielleicht befürchtete er auch bei der stumpfen Gleichgiltigkeit seines Vaterlandes, daß seine Werke gar nicht zum Vorschein kommen könnten, und doch war er selbst gegen dauerhaften Nachruhm nichts weniger als gleichgiltig. Die häufigen Ermahnungen, die ich seitdem theils selbst, theils durch angesehene Personen habe ergehen lassen, uns die eigene und vollständige Ausgabe seiner Gedichte zu geben, sind fruchtlos gewesen. Man hat mir geantwortet, die Ramlerische Ausgabe sei noch nicht völlig verkauft!! So findet sich so viel Papier jährlich in Deutschland zu den ärmlichsten, unnützesten Producten; aber zur Ausgabe eines der besten und schönsten Dichter des Vaterlandes fehlt es daran! Hier ein Wort über die Ramlerischen Verbesserungen. Gegen die folgende Aeußerung wandte sich 1809 J.H. Voß in seinen kritischen Briefen »Ueber Götz und Ramler«. Vgl. »Briefwechsel zwischen Goethe und Knebel« Nr. 314, 315. – D. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser sorgsame Kritiker zuweilen das Mangelhafte einer Stelle, eines Ausdrucks oder Wortes sehr richtig beurtheilt hat, und eben dieses mag auch unsern Götz veranlaßt haben, ihm anfänglich die Aufsicht über seine Gedichte anzuvertrauen. Aber die Aenderungen selbst sind ihm öfters mißlungen, und indem er der Poesie eine kalte grammaticalische Bestimmtheit aufdringen wollte, so hat er den Reiz und den Nachdruck derselben vermindert und entstellt. Es ist kaum zu glauben, wie ein Mann von seinem Geist und Geschmack sich so, zumal in der letzten Zeit, hierin versündigen konnte, und es scheint, daß selbst seine eignen Gedichte durchaus wieder aus den ältern Lesarten herzustellen sind. Uebrigens scheint der Horazische Spruch: Bene vixit, qui bene latuit , Knebel verwechselt dieses spätere Sprichwort mit einem ähnlichen Ausspruche des Horaz. Epist. I. 17. 10: Nec vixit male, qui natus moriensque fefellit. – D. auch der Wahlspruch unsers Dichters gewesen zu sein; für die Schriften ist er es nicht immer. Wer viel Geräusch macht, wird zuletzt gehört; treffliche Schriften und Werke sind oft durch die Bescheidenheit ihrer Urheber oder durch andern Zufall lange verborgen geblieben. Wie Viele erheben sich jetzt und machen ein lautes Geschrei von sich, die kaum ein paar Blümchen aus dem Kranze unsers Dichters mögen davongetragen haben! Eine Anekdote darf ich nicht verschweigen, die unserm Dichter noch zum besondern Ruhme gereicht. Während meines Aufenthaltes zu Potsdam in den siebziger Jahren kam ich auf den Einfall, das damals in der Schmid'schen Anthologie erschienene Gedicht von unserm Verfasser, die Mädcheninsel , besonders und mit lateinischen Lettern abdrucken zu lassen, um es hie und da an Einige, die Gefallen daran hatten, zu vertheilen. Dem großen Friedrich , der um Alles wußte, mochte ohne Zweifel auch ein Exemplar davon zugekommen sein, und daß es wirklich geschehen sei, erfuhr ich nachher aus dem Munde Derer, die um ihn waren. In seiner Littérature Allemande , wo der große König etwas willkürlich und ungerecht mit der deutschen Literatur sein Spiel treibt, gedenkt er nur eines einzigen deutschen Gedichtes, das ihm seinen vollen Beifall abgezwungen hat, und ich bin nach allen Umständen versichert, daß es kein andres sein kann, als eben dieses damals erschienene Gedicht unsers Götz. Vgl. Preuß, »Friedrich der Große«. III. 349. – D. Man urtheile aus den Ausdrücken, womit der König solches bezeichnet; wobei ich noch bemerken muß, daß der Verfasser damals nur unter dem Namen des Anonymus bekannt war. » J'ajouterai à ces Messieurs, que je viens de nommer , sagt der König bald zu Anfange, un Anonyme , dont j' ai vu les vers non-rimés ; leur cadence et leur harmonie résultoit d'une mélange de dactyles et de spondées; ils étoient remplis de sens, et mon oreille a été flattée agréablement par des sons sonores, dont je n'aurois pas cru notre langue susceptible. J'ose présumer, que ce genre de versification est peut-être celui qui est le plus convenable à notre idiome, et qu'il est de plus préférable à la rime: il est vraisemblable qu'on feroit des progrès, si on se donnoit la peine de la perfectionner.« Siehe die Note hinter diesem Aufsatz [S. 655]. – H. Welch Ohr hatte der treffliche große Mann für deutschen Vers und Wohlklang! Wie ahnend sprach er über das Schicksal der deutschen Verskunst! Er, den man nur zu dem französischen Reim verwöhnt glaubte, wie schnell faßte sein Ohr den wahren Wohlklang seiner Sprache, den noch jetzt so Wenige, selbst die sich vom Handwerk zu sein dünken, hinlänglich zu beurteilen wissen! Und so gab er denn dem deutschen Verse gleichsam seine Sanction , die, da sie von einem so unbestochenen Richter kommt, zum entschiedenen Vortheil seiner Sprache gereicht. Wollen wir nun von dem schönen Kranze, den Friedrich der Einzige einzig nur dem unbekanntesten der deutschen Dichter geflochten hat, noch einen Augenblick nach Winterburg zu unserm pater elegantiarum zurückkehren! Bei aller Hingebung in sein Schicksal schien er mir doch, wie bereits gesagt, nichts weniger als gleichgiltig gegen einen dauernden Nachruhm. Er beklagte unter Andern, kein ähnliches Porträt von sich erhalten zu haben; denn das, was wir vor uns sahen, und welches wir auch dermalen im Kupferstiche vor seinen Werken sehen, sei in seiner Jugend gemacht worden, und er zweifelte an der Ähnlichkeit, die auch wirklich schwer mehr zu erkennen war. Ich bat ihn, mir einen Augenblick zu einer Silhouette zu sitzen, und ob ich gleich kein sonderlicher Zeichner bin, so glaube ich doch den Umriß mit ziemlicher Richtigkeit getroffen zu haben. Man erkennt den kräftigen Umfang und den feinen bedeutenden Gehalt der Gesichtszüge. Am Morgen, als ich Abschied von ihm nahm, schien er mir tief in sich gerührt. Er wollte eben gehen, zu predigen. Wir gingen noch vor dem Hause auf der Straße. Er sagte mir mit Bestimmtheit, er lebe kein Jahr mehr. Betroffen, wie ich hierüber war, stellte ich ihm seinen anscheinenden vollkommnen Gesundheitszustand und seinen dauerhaften Körperbau vor; aber er blieb dabei, und die Folge hat es nur gar zu richtig erwiesen, wie wahr er prophezeite. Noch deutete er auf Manches, das mir zum Theil unverständlich war, das aber auf eine große Veränderung seiner Denkungsart über verschiedne der wichtigsten Punkte des Lebens hinzielte. Wie auf eine finstere Nacht hin, sah er auf sein Geschick und hielt seine Gedanken wie in einen eisernen Thurm verschlossen. Laßt uns des süßen Sängers der Musen aus seinen holden Liedern genießen! Laßt uns die eingeborne Anmuth, den feinen und immer fruchtbaren Witz, den scharfen Geist, die oft veränderten und immer zierlichen Gestalten und Wendungen bewundern! Bienchen schwärmen um sein Grab; seine Gedichte selbst sind ein reicher Bienenkorb, voll süßen Honigs, wo jede schöne Seele und Alles, was anmuthig ist, hinzufliegt. ––––– Note. Um einigen Begriff zu geben von dem, was damals des großen Königs Ohr so schmeichelhaft in diesen Versen rühren konnte, und was man unmöglich in Herrn Ramler's verbesserter Ausgabe wiederfinden kann, so setz' ich den Anfang des Gedichtes, so wie ich es damals abdrucken ließ, hieher. »Steine warfen vordem auf des hohen Parnassus Gefilden Schwester Pyrrha und Du, ossischer Deukalion! Aus denselben ein neu Geschlecht von Menschen zu ziehen, Männer aus Steinen des Manns, Weiber aus Steinen des Weibs. Welche Gottheit belebt die Felsen der einsamen Insel, Wo mein neidisches Loos mich Gescheiterten hält? Die Du Paphos regierst und in Idalion's Hainen Süßen Opfergeruch ununterbrochen empfängst, Mutter der Wollust und Ruh', laß diesen Steinen entspringen Mädchen von seltenem Reiz, Deinen Huldgöttinnen gleich, Und von Anmuth, wie Deine Gefährten, die blühende Hebe Und der geistige Scherz, der Dir den Busen bewacht! Mit Amaranten bekränzt geh' ich, ihr Priester und König, Durch die selige Flur unter ihnen einher Und beherrsche sie sanft, statt eines silbernen Zepters Mit dem duftenden Zweig, welchen die Myrte gebar. Trägt mein Friedrich indeß erhabne Kronen der Erde, O, so mangelt doch mir kein piërischer Strauß, Der durchdringender riecht als jene köstliche Staude, Die im indischen Feld edle Balsame weint!« u.s.w. v. Knebel. 13. Volksgesang. Heißt also die Romanze, obwol ihr nachher der Gebrauch eine engere Bedeutung gegeben, eigentlich nichts als Muttersprache der südlichen Länder Europens und in ihnen Volksrede, Volksgesang, so lasset uns von Sprachen und Silbenmaßen weg auf ihr Wesentliches, den Inhalt, sehen und dessen Regel erkunden! Nordwärts der Alpen tönen die Völker nicht zur Guitarre; das Durandarte, Durandarte, O Belerma, o Belerma, Rio verde, rio verde Vgl. Herder's Werke, V. S. 100. – D. sind nicht ihre gewöhnlichen Anklänge, wohl aber Jamben zum Horn, zur Drommete, zur vollen starken Harfe. Der Percy aus Northumberland Vgl. daselbst. S. 161 ff. – D. und dergleichen in männlichem Tritt und Tact sind ihre Anklänge, in welchem Silbenmaß denn auch, wie die alten Melodien zeigen, zwei Zeilen zusammengehören. Unter dem nordischen Klima ist's natürlich, daß, wie das Bardit scharf an die Schilde stieß und die Skalden in zwei Zeilen drei ähnliche Anklänge (Alliterationen) statt des Reims liebten. Alles hier mehr auf An- als Ausklang gerichtet werde, mehr auf andringende Macht als auf süßzerschmelzende Liebe. Diesen Tönen folgt ihr Inhalt. Wie noch im Todtenreiche der zusammengedrängte Volkshaufe Alcäus' Abenteuer und Unglücksfälle zu Land und Meer, der Sappho Klagen über ihre unglückliche Liebe, vor Allem aber Schlachten, vertriebne Tyrannen u. dgl. am Begierigsten hört und jeden Ton derselben gleichsam einsaugt, da auch der Höllenhund selbst die struppigen Ohren senkt und die Riesen der Vorwelt horchen: Horat. Carm. II. 13 [24-40]. – H. so sind auch unter diesem Mond- und Sonnenlicht Abenteuer, Unglücksfälle, Thaten, tapfre Thaten der Väter, die Klagen unglücklicher Liebe, vorzüglich aber die Gerichte der Adrastea , wenn sie den Bösen ereilt, den Uebermuth stürzt, Untreue rächt, den Kecken über die Schranken treibt, sie und ihresgleichen Ereignisse im Lauf der Welt sind Lieblingsinhalt der Volkslieder. Blickt vollends Nemesis ins Dunkle und führt von dort aus die Verbrechen hervor, indem sie solche aus Gräbern und Hölle ans Licht fördert, dabei aber ihre Enthüllungen an solche und solche stille Zeichen und Winke knüpft, desto mehr erhöht sich das Grausenhafte , die Lieblingsfarbe der Volksdichtung, bis wenn die Dienerinnen der Adrastea , die Poine, Dike oder gar die gräßliche Erinys erscheinen, jener Schrecken, der stumm macht, erscheint und gleichsam tantalisirt. Nun bedarf es kaum eines Worts über die Frage, ob Inhalt und Gesang gemeiner Volkslieder gleichgiltig sein dürfen; denn wie könnten sie dies sein, da das Lied ein so gewaltiges Mittel, aufs Herz zu wirken, ja, gewissermaßen die unverholene Sprache des Herzens selbst ist? Möge es einsam oder gesellig gesungen werden, dort soll es die Seele beruhigen, hier anfeuern, immer aber beschäftigt es sie: kann's gleichgiltig sein, durch welchen Inhalt, in welcher Tonart? und welche dieser beiden die geheime Neigung unsers Herzens liebe? Bekanntlich waren die Griechen auf die Beschaffenheit sowol als den Inhalt der Musik, womit das Volk unterhalten, wodurch die Jugend gebildet ward, aufmerksam; so geziemt's. Die Melodien unsrer alten Volkslieder, da sie meistens dem Horn gehören, sind einfach, einfach der Inhalt, oft abenteuerlich, oft grausam. Indeß haben wir andre, die zu edeln Gesinnungen aufrufen, andre, die edle Thaten selbst darstellen, andre, die die zartesten Saiten des Herzens regen, Klagen unglücklicher Mütter z. B., Seufzer einer verlassenen Braut oder endlich die Stimme Treuliebender auch jenseit des Grabes. Welche Seite dieses Inhalts wollen wir wählen? rohen Aberglauben, wilden Stolz, sinnliche Brunst, nichtige Thorheit? oder wollen wir die Enden des alten Glaubens im Herzen der Menschen erfassen, um es zu besänftigen, zu mildern, für Tugend und Liebe zu erwärmen? Wozu verlieh uns die Muse Drommet' und Zither. Harfe und Psalter? Oder wollen wir gar den Gott herab-, das Höllenreich herausrufen, um zu zeigen, daß wir mittelst eines einfachen Liedes das Herz umwenden , heilig geglaubte Sitten vernichten , der innern Religion Hohn sprechen können und dürfen ? Wenn Alles schweigt und der Schmeichler lobjauchzt, tritt das erröthende Menschengefühl beschämt hervor oder wendet sich vielmehr und spricht mit Abscheu: »Schweig, Entheiliger! Nichts Heiliges ist in Dir! Aber laß sein Heiliges dem Volke!« Tod alles Schönen und Edlen ist's, zu glauben, daß die Kunst Alles, auch das Ekelhaft- Widrigste gefällig behandeln und damit Töne des menschlichen Herzens verwirren dürfe, ja, daß sie in diesem Tumult triumphire. Gleichergestalt ist's der Musik unanständig, wenn sie einer wirklich gemeinen , d. i. trivialen, eklen Volkspoesie mit Saitenspiel, Trommeln und Pfeifen beianläuft, sie zu erheben, sie zu verschönen. Der maestro ist hier ein Knabe worden; der Dichtungsart, die eigentlich ganz Herz sein sollte, wird das Herz genommen, es wird damit gespielt . In unsrer stillsten Kammer hat Adrastea Scepter und Wage verloren, sie wird verspottet, mit ihr wird kunstmäßig gegaukelt. ––––– Fortsetzung. Wie Addison im » Zuschauer « das Verdienst hatte, seinen Briten den vergessnen Milton wieder zu erwecken St. 267, 273, 285, 327 ff. – H. und durch eine Darstellung verschiedener seiner Schönheiten anzupreisen, so machte er sich durch Zergliederung des alten Jagd- und Schlachtliedes »Der Percy aus Northumberland« um die alten englischen und schottischen Volksgesänge verdient, St. 70. - H. [Vgl. oben S. 656. – D] indem er und nach ihm Andre zu solchen Lust und Liebe weckten. Den gemein geachteten, mithin verachteten Gesang führten sie damit gleichsam in die feinere Welt über. Und wiewol Addison seinen Percy und Douglas parteiisch für die Briten darstellte, so benimmt dies dem Verdienst der Bekanntmachung selbst wenig. Die kritische Wage läßt sich seiner bemerken und anders rücken, sobald sie einmal öffentlich da hangt. Wir wissen, welchen Schatz alter Balladen und Volksgesänge England, zumal Schottland, bereits gesammelt; Reliquies of ancient English poetry by Percy, Vol. I-III.; ferner Old ballads, eine Fortsetzung voriger Sammlung, Vol. I. II.; The Scots musical museum by James Johnson, Vol. I-III., und andre Sammlungen. – H. ihr Eifer ist noch nicht erloschen, sie sammeln noch. In Deutschland wagte man im Jahr 1778, 1779 zwei Sammlungen Volkslieder verschiedner Sprachen und Völker herauszugeben; wie verkehrt die Aufnahme sein würde, sah der Sammler Herder selbst. – D. vorher. Da er indeß seine Absicht nicht ganz verfehlt hat, so bereitet er seit Jahren eine palingenisirte Sammlung solcher Gesänge, vermehrt, nach Ländern, Zeiten, Sprachen, Nationen geordnet und aus ihnen erklärt, als eine lebendige Stimme der Völker, ja der Menschheit selbst vor, wie sie in allerlei Zuständen sich mild und grausam, fröhlich und traurig, scherzhaft und ernst hie und da hören ließ, allenthalben für uns belehrend. Die Geschichte Cid's z. B. ist in ihren Romanzen so reich an trefflichen Scenen. an hohen Empfindungen und Lehren als (wage ich's zu sagen?) als Homer selbst. Manche andre Reihe romantischer Begebenheiten und Momente nicht minder. Einerseits bedauert man, anderseits freut man sich, daß man dort und da nicht leben dürfe, daß jene Sitten, diese Zeiten aus der Welt verschwanden. In Eindrücken dürfen sie indeß nicht ganz dahin sein, da ihrer manche auch in Wirkungen noch fortleben. Leibniz bedauerte, dahin allen Ständen Europa's allgemach ein gewisses Gefühl des Muths und der Ehre abnehme; Thaten, Stimmen und Vorbilder älterer Zeiten können es allein erwecken oder seine Reste festhalten. Die Briten (obwol auch sie die Romanze sehr verweichlicht haben) handeln lobenswürdig, daß sie nicht nur diese Stimme älterer Zeiten erhielten, sondern auch selbst im verderbtesten Zustande ihrer Staatswirthschaft auf neuere Männer ihrer Geschichte kühn anwandten. Dürfen wir Deutsche dies nicht? Wissen wir keine andre Gegenstände der Ballade als Gefechte mit Ratten und Mäusen, Scenen aus der Acerra , Acerra philologica; diesen Titel führten Sammlungen von Peter Lauxemberg und von Ursinus. – D. aus Berckenmeier , »Neuvermehrter curiöser Antiquarius« (1741). – D. aus der scandalosen Chronik oder aus der Hölle selbst, weil gewöhnlich zuletzt in »Gluthen« und »Fluthen«, in »Grüften«, »Lüften« und »Klüften«, indisch und wälsch, heidnisch und christlich, der Teufel Alles holt . Herder hat hier besonders Goethe's »Braut von Korinth« und »Der Gott und die Bajadere« im Sinne. Vgl. seinen Brief an Knebel vom 5. August 1797. – D. Seit man den Grundsatz entdeckt und demonstrirt hat, »daß die höchste Poesie die sei, die das Herz umkehrt und eben, allen Regeln des Wahren, Schönen und Edeln zuwider , dennoch rührt«, ist die andre Bedeutung des spanischen Worts romance eingetreten, da es bachillerias, sophisterias, astutias , zu Deutsch Possen bedeutet. Und so wäre mit dem ächten Volksgesange abermals nicht etwa nur ein Hauptzweig alter, edler, rühmlicher und ruhmweckender Poesie, sondernder Grund aller Poesie, die innere Rechtschaffenheit und Honnetetät im Herzen des Volks – ermordet. ––––– Erste Beilage Diese Bezeichnung steht nur im Inhaltsverzeichnisse der Adrastea. – D Benjamin Franklin über eine Ballade. (An Hrn. Johann Franklin zu Newport in Neu-England.) »Lieber Bruder, »Deine Ballade bat meinen Beifall, und ich finde, daß sie ihrem Zweck, den Geschmack an thörichten Verschwendungen zu tadeln und zum Fleiß und häuslicher Sparsamkeit aufzumuntern, vollkommen entspricht. Kannst Du es dahin bringen, daß sie in Deiner Provinz durchgehends gesungen wird, so muß sie wahrscheinlich einen guten Theil der Wirkung hervorbringen, die Du von ihr erwartest. Da es aber Deine Absicht war, sie in Jedermanns Hände zu bringen, so nimmt mich's desto mehr Wunder, daß Du eine so ungewöhnliche Versart gewählt hast, die sich für ein Lied, das von Jedermann gesungen werden soll, schwerlich schickt. Hättest Du das Metrum nach einer alten, wohlbekannten Melodie eingerichtet, so würde sie sich ohnfehlbar ungleich schneller verbreitet haben, als jetzo selbst mit der besten Melodie, die Du ausdrücklich dafür setzen kannst, schwerlich geschehen wird. Auch glaube ich, wenn Du Deine Ballade einem jungen Bauermädchen aus einem Thale von Massachusets gäbest, die außer den Kirchenliedern, dem Chevychase, »Chevyjagd (chevy-chase). Diesen Namen führt dieses alte Lied von der Jagd, die der Graf Percy von Northumberland in dem Gebirge Chevy oder Cheviat, im Gebiete des schottischen Grafen Douglas, mit dem er in Feindschaft lebte, anstellte, und welche zu dem kleinen Kriege zwischen beiden Grafen, den es besingt, Anlaß gab. Dieses alte Lied ist die Lieblingsballade des gemeinen Volks in England, und Ben Jonson pflegte zu sagen, er möchte es lieber gemacht haben als alle seine Werke.« Der Uebersetzer. – H. [Vgl. oben S. 656, 658. – D.] The children in the wood, La Dame Espaniole oder sonst einem alten schlichten Gesang nie eine Musik gehört, dabei jedoch von Natur ein gutes Ohr hätte, sie würde wahrscheinlich eine angenehmere und für den Zweck Deines Gedichtes passendere Volksmelodie wählen als irgend einer unserer größten Virtuosen. Dieser Zweck würde nämlich weit vollständiger erreicht werden, wenn man, indem man die Ballade singen hörte, nicht allein kein Wort davon verlöre, sondern auch beim Singen ebenso gut als beim Lesen den Nachdruck, den Du auf gewisse Worte gelegt haben willst, bemerken könnte; denn von diesen Umständen hängt die Wirkung und der Eindruck, den ein Gesang hervorbringen soll, größtenteils ab. Doch will ich versuchen, eine so viel möglich passende Melodie setzen zu lassen. »Glaube nicht, ich suche die Geschicklichkeit unserer Componisten zu verkleinern! Ihre Werke sind für Kenner vortrefflich, und sie verschaffen sich einander gegenseitig den schönsten Genuß, nur in der Composition der Volkslieder scheint der Geschmack ganz außer der Natur oder vielmehr wider die Natur zu sein; gleichwol lassen sie sich alle, einer oder zwei ausgenommen, von dem Strome hinreißen. »Du suchst, ganz im Geiste der alten Gesetzgeber, durch den Einfluß der mit Tonkunst vereinigten Poesie Deinem Vaterlande Sitten zu geben. So weit man von den alten Gesängen urtheilen kann, war ihre Musik einfach und stimmte von selbst in Ansehung der Mensur, der Cadenzen und des Accents u. s. w. mit der gewöhnlichen Aussprache der Wörter überein, ohne je durch Verkürzung langer oder Verlängerung kurzer Silben der Sprache Gewalt anzuthun. Singen war bei ihnen nichts als eine angenehmere, melodische Art zu sprechen . Ihr Gesang war aller Annehmlichkeit der declamirenden Prosa fähig, womit er noch das Vergnügen der Harmonie verband. Bei einem neuen Gesange hingegen fallen alle diese Eigenschaften und Schönheiten der gemeinen Rede hinweg, und an deren Stelle treten Fehler und kindische Schnirkel, die für Reize verkauft werden. Da es Dir vielleicht Ueberwindung kosten dürfte, mir auf mein Wort zu glauben, so muß ich einen förmlichen Beweis führen. Hier ist das erste beste Lied, das nur in die Hände fällt. Es ist von der Composition eines unserer größten Meister, des unsterblichen Händel , und zwar nicht etwa ein jugendlicher Versuch, ehe sein Geschmack gereift war, nein, er hat es verfertigt, als er schon den Gipfel seines Ruhms erreicht hatte. Alle Anhänger dieses Künstlers bewundern es, und wirklich ist es auch in seiner Art vortrefflich. Ich meine den berühmten Gesang aus dem Nachtrag zum Judas Maccabäus . Unter den vielen Mängeln und Versündigungen gegen die Sprache bemerke ich nur folgende: den schlecht angebrachten Accent, der auf unbedeutenden Worten oder auf falsch gebrauchten Silben steht; das Schleppen, wodurch die Aussprache der Worte und Silben über ihr natürliches Maß ausgedehnt wird; das Stammeln, indem er aus einer Silbe mehrere macht; die Unverständlichkeit, die aus den drei angegebenen Umständen zusammen entsteht; die Tautologie oder unnütze Wiederholung, endlich der volle Ausbruch der Instrumente ohne Zweck. »Man gebe einem großen Sänger eine unsrer schönsten Arien und lasse sie ihn in einer Gesellschaft singen, die sie nicht schon kennt, so wird man finden, daß die Leute von zehn Worten sicher nicht drei verstehn. Daher die Gewohnheit, daß man in Concerten und Opern in den Händen Derer, die dasjenige, was die besten Sänger singen, gern verstehen mögen, Bücher sieht. Nimmt man dagegen einen von diesen schönen, mit Noten überfüllten Gesängen und liest die Worte desselben ohne die Wiederholungen, so findet man die Zahl derselben sehr gering, diese aber mit einem Schwall von Noten überladen. Vielleicht gestehst Du mir, lieber Bruder, daß in den alten Gesängen die Worte die Hauptsache gewesen, daß man dagegen in den neuern, wo sie, so zu sagen, blos als Veranlassung zur Composition eines Singstücks angesehen werden, je kaum einiger Aufmerksamkeit würdigt. Ich bin unwandelbar Dein zärtlicher Bruder B. Franklin . »N. S. Noch hätte ich die undeutliche Aussprache unter die Zahl der Fehler gegen die Sprache setzen können, die in den neuen Gesängen für Schönheiten gelten. Allein da dieses mehr Fehler der Sänger als der Componisten zu sein scheint, so habe ich hier, wo ich blos von der Composition sprach, desselben nicht gedacht. Ein geschmackvoller, das heißt ein modischer Sänger, den ich kenne, läßt alle harten Mitlauter aus und mildert alle harten Silben der Wörter, die doch dazu dienen, sie von einander zu unterscheiden. Auf diese Weise hört man blos eine bewundrungswürdige Kehle und versteht das, was gesungen wird, so wenig, als wenn die Arie auf irgend einem Instrument gespielt würde. Sonst bemühten sich die Tonkünstler, Instrumente zu machen, die die Menschenstimme nachahmten; jetzt thun sie gerade das Gegentheil, indem sie aus der Stimme gern ein bloßes Instrument machen möchten. So verfertigte man die Perrücken anfangs zur Nachahmung von schönem natürlichen Haupthaar; nachdem sie aber, zum Theil unter sehr unnatürlichen Formen, allgemein Mode worden waren, so erlebten wir's, die natürlichen Haare so frisirt zu sehn, daß man sie für Perrücken halten möchte.« ––––– Zweite Beilage. Lessing an Gleim über Lieder fürs Volk. Der Brief ist vom 22. März 1772. – D. »Liebster Freund. »Sie haben mir mit Ihren Liedern fürs Volk eine wahre und große Freude gemacht. »Man hat oft gesagt, wie gut und nothwendig es sei, daß sich der Dichter zu dem Volke herablasse. Auch hat es hier und da ein Dichter zu thun versucht; aber noch keinem ist es eingefallen, es auf die Art zu thun, wie Sie es gethan haben: und doch denke ich, daß diese Ihre Art die vorzüglichste, wo nicht die einzig wahre ist. »Sich zum Volke herablassen, hat man geglaubt, hieße: gewisse Wahrheiten (und meistens Wahrheiten der Religion) so leicht und faßlich vortragen, daß sie der Blödsinnigste aus dem Volke verstehe. Diese Herablassung also hat man lediglich auf den Verstand gezogen und darüber an keine weitere Herablassung zu dem Stande gedacht, welche in einer täuschenden Versetzung in die mancherlei Umstände des Volks besteht. Gleichwol ist diese letztere Herablassung von der Beschaffenheit, daß jene erstere von selbst daraus folgt, da hingegen jene erstere ohne diese letztere nichts als ein schales Gewäsch ist, dem alle individuelle Application fehlt. »Ihre Vorgänger, mein Freund, haben das Volk blos und allein für den schwachdenkendsten Theil des Geschlechts genommen und daher für das vornehme und für das gemeine Volk gesungen. Sie haben nur das Volk eigentlich verstanden und den mit seinem Körper thätigern Theil im Auge gehabt, dem es nicht sowol an Verstande als an der Gelegenheit fehlt, ihn zu zeigen. Unter dieses Volk haben Sie Sich gemengt, nicht, um es durch gewinnstlose Betrachtungen von seiner Arbeit abzuziehen, sondern um es zu seiner Arbeit zu ermuntern und seine Arbeit zur Quelle ihm angemessener Begriffe und zugleich zur Quelle seines Vergnügens zu machen. Besonders athmen in Ansehung des Letztern die meisten von diesen Ihren Liedern das, was den alten Weisen ein so wünschenwerthes, ehrenvolles Ding war, und was täglich mehr und mehr aus der Welt sich zu verlieren scheint, ich meine jene fröhliche Armuth, laeta paupertas, die dem Epikur und dem Seneca so sehr gefiel, und bei der es wenig darauf ankömmt, ob sie erzwungen oder freiwillig ist, wenn sie nur fröhlich ist. »Sehen Sie, mein Freund, das wäre es ungefähr, was ich Ihren Liedern vorzusehen wünschte, um den aufmerksamern Leser in den eigentlichen Gesichtspunkt derselben zu stellen. Aber wo bin ich mit meinen Gedanken? und wie wenig geschickt, den geringsten Einfall so auszuarbeiten, als es die Stelle, die ich ihm geben wollte, verdiente!« ––––– Ist dem Volke so viel Kunstsinn als Sinn für Wahrheit und Ehrbarkeit nöthig? Auch diese scharfe Rede geht besonders auf Goethe und die durch ihn im Verein mit Schiller vertretene Kunstrichtung. Vgl. die Aeußerung Herder's in einem Briefe vom Jahre 1795. »Aus Herder's Nachlaß«, I. 21. – D. ––––– »Volksstimme, Gottesstimme«, hieß es einst, und obwol dies Lob über die Grenzen dessen, worüber das Volk seine Stimme geben kann, nicht ausgedehnt werden darf, so zeigt es wenigstens, daß in Sachen, die das Volk belangen, seinem Wahrheitssinn Achtung gebühre. Die ersten Realkenntnisse haben wir vom Volk erhalten, und es ist lustig zu denken, in welcher unwissenden Verlegenheit der Philosoph a priori sein würde, hätten durch ein scherzhaftes allgemeines Einverständniß Weiber und der gemeine Mann ihm die gemeinsten Erfahrungen, ewige Geheimnisse der Natur, verschwiegen oder falsch erzählt. Jetzt noch hangen wir in den wichtigsten Dingen nicht etwa nur von Nachrichten, sondern auch von Urtheilen, Gesinnungen, noch mehr aber von der ganzen Denkart und Beschaffenheit des Volks ab. Wer es sich zum Feinde macht, wer es zu verfinstern, zu verblenden, zu berücken gedenkt, der sehe zu, daß er nicht von ihm berückt und verfinstert werde! Mit menschlicher Theilnehmung, mit freundlicher Barmherzigkeit handelten also die Weisesten und Besten jederzeit gegen das Volk; das Rem populi tractas Pers., IV. 1. – D. war ihnen etwas Großes; auch in dem, was sie dem Volk gaben oder entzogen, dachten sie edelmüthig, redlich. Ein Volk mit Kenntnissen überschnellen und übereilen , die ihm nicht gehören, ist eben so vernunftlos und unbarmherzig, als ihm die Äugen ausstechen wollen und das ihm nöthige Licht versagen; es unzeitig verwirren, schwächen, aus seiner Bahn locken, seinen Charakter verderben ist ebenso schändlich als schädlich. Was könnt Ihr dem Volk geben, wenn Ihr ihm sein Herz und Vergnügen, seinen täglichen Fleiß und Frohsinn, seine glücklichen Schranken geraubt habt und es auf die dürren Weiden Eurer nie ersättigten Begierden, Eurer lechzenden Kenntnisse, Eurer Kunstspeculationen und Subtilitäten hinaustreibt? Jemand an Vergnügen gewöhnen, denen er nicht nachgehen kann und darf, ist schon grausam, grausamer, wenn diese Vergnügen falsch sind. Ihr raubt ihm die Gesundheit, indem Ihr ihn lüstern macht nach einer Lustseuche . Das arme deutsche Volk! Umstände ließen es nicht zu, daß es frühzeitig überfeint würde, Umstände, die in seinem Körperbau und Klima, in seiner Erziehung und Lebensweise, in seiner Verfassung und Geschichte lagen. Dagegen ward ihm von Feinden selbst, in den frühesten und durch alle Zeiten das Lob der Gesundheit , der Treue und Keuschheit , der Ordnung in seinem Hauswesen , des Fleißes , der regelmäßigen Sittlichkeit nicht versagt; Braut- und eheliche, Geschwister-, Eltern-, Freundesliebe knüpften es in engen Kreisen fest zusammen; allenthalben standen Deutsche mit und bei einander und nannten es Bund . Alle für Einen, Einer für Alle; der Name German, Hermann, Hermund und viel andre deuten auf nichts Anders. Mancherlei Ergetzungen und Bequemlichkeiten andrer Völker waren ihm versagt, die es dagegen verachtete, wenn ihm Recht und Pflicht, Wahrheit, Ordnung, Sitte, Ehrbarkeit blieb. Seht z.B. die Geschichte des deutschen Liedes , ja der schönen Künste in Deutschland überhaupt an; gegen andre Völker wie dürftig, ja in Manchem, wird man sagen, wie grob, wie hölzern! Zumal, darf man frei hinzufügen, wenn man nachahmen wollte, wozu man weder Geschick noch Trieb und Veranlassung hatte, wie ungeschickt, wie hölzern! Was dagegen für Deutsche diente, was ihnen aus Kopf, Herz und Hand entsprang, nützliche Künste und Erfindungen, Ordnungen und Gewerke, in der Literatur Lehre, Fabeln, Sinnsprüche , das war altdeutscher Witz und Geist ; ja, wenn wir die Geschichte des Fortganges im sogenannten Reich des Schönen bis auf wenige Jahre vor uns herabsteigen, es blieb, falls man nicht unzeitig drängte, auf diesem Wege, wie im verflossenen Jahrhundert die Versuche und Werke der Canitz, Richey, Brockes, Hagedorn, Haller, Gellert, Withof, Kleist's und so vieler, vieler Andern zeigen. Lehrhaft und fromm, ordnungsliebend, keusch, gutmüthig war und blieb die deutsche Muse. An Lebhaftigkeit also hinter andern Völkern zurück, wovon abermals der Grund im Charakter wie in der Geschichte des geduldig- gutmüthigen Volks liegt; aber wer spät kommt, kommt er nicht noch? Die langsam, aber unermüdet fortwandernde Schnecke kam jenem vermessenen Hasen Anspielung auf die bekannte Fabel. – D. voran, der sich verachtend-stolz niederlegte und einschlief. Aber was geschah? Auf einmal nahmen wir uns zusammen, hüpften, sprachen übertrieben. Wir ahmten nach, was irgend auf der Erde nachzuahmen war, so wenig es für uns gehörte. Einen Boileau, Bayle, Voltaire, das französische Theater, das englische Theater, die italienische Oper, die freche Romanze, das unzüchtige Lied, ohne auch nur zu fühlen, wie schlecht man nachahmte, wie grob und gröber Alles im Deutschen werde! Plumpe Soldaten-, Räuber-, Sauf- und Zotenlieder auf deutschen Bühnen und Universitäten, fürs deutsche Volk, für die deutsche Jugend! »Damit aber wird dem Volk der Kunstsinn geschärft!« Dies Kunstsinn? Die vortrefflichsten Kothmaler , galten sie nicht allemal und allenthalben für niedrige Maler? und wenn das Niedrige zum Garstigen, das Garstige zum Widrig-Ekeln, zum Abgeschmackten herabsinkt, indem ihm nicht nur jede moralische Grazie , sondern oft der gesunde Verstand fehlt: steigt Ihr, um Euern eigenthümlichen Kunstsinn und Kunstgeschmack zu zeigen, damit Euch alle Nachbarn verhöhnen, so tief hinab, Ihr Deutschen ? Vor Euern Vorfahren schämt Ihr Euch freilich nicht, da Ihr sie verhöhnt und nach einer neuen Ordnung der Dinge in Sachen des Geschmacks auf dem Kopfe tanzt; tanzt aber, wenn es Euch also beliebt, für Euch ! warum vor dem Volke? Wenn dies Gräcismus, Kunstsinn der allein ächten, seligmachenden Poesie ist, unser Volk wird dadurch nicht selig. Zerstört Ihr ihm sein Heiligthum, zerreißt ihm seine Religions- und häuslichen Bande, an denen der Rest seiner Glückseligkeit hing, macht Ihr ihm z. B. die Ehe verächtlich, seinen Gottesdienst, mit dem Schnödesten zusammengestellt, widrig, schickt ihm Kobolde und Gespenster zu, die ihm seine Pflichten und Freuden verleiden, oder zieht es gar aus dem Kreise derselben vor Eure Bühnen, Läger und Opferstätten, damit es das Widrigste als reines Kunstproduct empfangen lerne: was habt Ihr ihm damit gegeben? Deutsche Nationallieder ? Gewiß nicht! Kunstproducte ? Verschont das Volk damit! diesen Kunstsinn weiß es nirgend zu gebrauchen. Er bleibe Euch und führe Euern Namen, Ihr Kunsterfinder! ––––– Beilage. Diese Bezeichnung fehlt in der Adrastea. – D. Young's Eingang zur fünften Nacht. Nach Oeder' s Uebersetzung. – H. [Eine solche ist dem Herausgeber nicht bekannt; vielleicht lag sie Herder handschriftlich vor. – D.] Lorenzo , Widerschelten ist gerecht. Der geizt nach Wind, der nur berühmt sein will. Ja, eitel ist des Autors Müh' um Lob, Das nie, wer weiter nichts begehrt', verdient. Gerecht Dein zweiter Vorwurf. Freilich macht Der Kinder Unart »The degenerate sons« steht bei Young. – D. oft die Muse roth, Der Advocaten schnöder Sinnlichkeit , Durch die, was niedrig, hoch, und groß, was klein, Und sein, was grob und plump ist, werden soll. Als würde stracks ein jeglich unrein Lied Durch abgemessner Töne Zauberkraft Zibeth , und Unflath gleich dem Weihrauch süß. Der Witz, ein wahrer Heid', vergöttert Vieh, Hebt unsre Sauvergnügen aus dem Koth. Bekannt ist dies, und offenbar der Grund. Uns legen Stolz und Wollust Fessel an, Die theilen sich in uns und zerren uns; Ihr Weg verschieden, widrig ihr Befehl. Der Stolz , wie Adler, nistet unter Sternen, Die Wollust auf dem Boden, Lerchen gleich. Ihm stinkt die Lust, die auch der Thiere ist, Sie greift darnach, und beide wünscht der Mensch Gleich und zugleich befriedigt: schweres Werk! Nur nicht dem Witz, wenn die Begier ihn spornt. Ihm ist ein solch Beginnen nicht zu kühn. Schmeckt der Vernunft nicht, was den Sinnen schmeckt. So schmiedet gleich der Witz sophistisch schlau Ein neues Ding und nennet es Vernunft, Die gern und frei in losen Zünften ist. Ihm löst die Grazie den Gürtel auf, Ihm schenkt der plumpe Gott den Becher ein. Durch tausend Larven, tausend Amuleten, Durch tausend Schlummersäfte äffet er, Bezaubert und berauscht, und wieget ein Das lustbethörte, trunkene Gemüth. Was dem Verstand mißfiel, mißfällt nicht mehr; Woran der Stolz sich stieß, stößt er sich nicht. Er und die Wollust , Feinde von Natur, In stätem Krieg, wer in uns herrschen soll, Vereinigen sich in unsel'gem Frieden, Des Witzes Flickwerk, führen Hand in Hand Die Ueppigkeit, zu seiner Lust erhöht. Verfluchte Kunst verwischt die schuld'ge Scham Der Wangen und streicht jede Schandthat an. Man lächelt im Verderben, rühmet sich Der Schuld, und Schande steht und wirbt um Lob. So viel der Mensch zum Wohl der Seele schrieb, Der sinnlichen Moral ist doch weit mehr; Die Hälfte der gelehrten Welt ist voll Von Rednerblumen auf des Lasters Gräul. Wird denn ein Blatt entsündiget durch Witz, Und Missethaten heilig durch Gesang? Jedoch verdamm um die verworfnen Lieder Die Muse nicht, die ihren Adel kennt, Nicht an der Erde bleibt, nein, hält die Welt Für was sie ist, im Umfang der Natur Für ein geringes Punkt, von wannen sie Sich um den ganzen weiten Raum erhebt, Sich schwinget mit des Geistes höchstem Schwung Durch alle Wesen zu der Wesen Quell Und weiß, in aller Unermeßlichkeit Ist nichts, als was die Sitten bessert, groß . Wie? singen nur Sirenen , Engel nicht? Die Dichtkunst ziert ein großmuthvoller Stolz , Wenn sie zu ihr, die wol nicht weiser ist, Zur Prosa , ihrer jüngern Schwester, spricht. 14. Epopöe Als Deutschlands erster Sänger, Klopstock , starb und ein so zahlreicher Leichenzug ihm zum Grabe folgte, war es gemeine Frage: »Wie? von Denen, die ihm oder vielmehr sich selbst diese schöne Ehre erzeigen, wie viel oder Wenige mögen sein, die ihn kennen, die ihn gelesen, die von seinen Verdiensten auch nur einigen Begriff haben?« Und nicht neidig war die Frage, sondern natürlich; seinen innigsten Freunden war sie die nächste. »Als im Jahr 1748 die drei ersten Gesänge seines »Messias« zuerst erschienen,« sagte Kritias , Den Namen entlehnte Herder dem gleichnamigen Gespräch des Plato. – D. »wie war uns, meine Freunde? Nicht anders, als (um in des Dichters eigner Sprache zu reden) wie, wenn »»Ueber beeisete Höh'n ein festlicher Morgen emporsteigt.« Es schweben wol die Verse des »Messias«, I. 603 ff. vor. – D. »Nicht nur eine neue Sprache, sondern gleichsam eine neue Seele, ein neues Herz, eine reinere Dichtkunst. Als wir, Jünglinge noch, seine ersten lyrischen Gedichte lasen, war es nicht, als ob die Alten uns näher gerückt, als ob, um in unsrer Sprache zu dichten, Horaz und die Musen vom Himmel niedergestiegen wären? Ohngeachtet des wilden Krähgeschreies über diese Sprache und Dichtkunst währte der Eifer für dieselbe ein Viertheil-Jahrhundert und länger fort, bis, als der elfte Gesang des »Messias«, als die späteren lyrischen Gedichte, als »Salomo«, »David«, »Hermann« erschienen, in Vielen dieser Eifer ungeheuer erkaltet war. Wie Wenige mögen »Hermann's Tod«, wie Wenige des »Messias« zwanzigsten Gesang, noch weniger seine »Gelehrte Republik«, seine »Grammatischen Gespräche« gelesen haben! Declamirte man nicht endlich gegen alle biblische Poesie? und sagte laut genug, die Zeit der Patriarchaden, der Epopöe überhaupt sei zu Ende?« »Das wolle der Himmel nicht!« sagte Olympicus. Einer der Sprecher in den »Tischreden« Plutarch's (III. 5.) heißt Olympicus. – D. »Damit wir aber nicht über oder gar für Den zu reden scheinen, der unsrer Fürsprache gar nicht bedarf, so wollen wir lieber die Materie rein erfassen, und, als ob wir am Fest Apoll's Theoxenien Paus., VII. 27. 2. – D. feierten, alle Götter zu uns einladen.« Sie wurden über die Einrichtung dieses Festes eins, daß es ein friedlicher Kampf sein sollte, in welchem Niemand namentlich auf den Vortrag des Andern Rücksicht nehmen und Olympicus den Anfang machen sollte. ––––– Teoxenien I. Vom Heiligen der epischen Dichtkunst »Wenn die Romanze so gern und am Liebsten Abenteuer singt, und der Held der Epopöe dergleichen auch am Liebsten besteht, verfolgen beide nicht einen Zweck aus verschiednen Wegen, die Romanze in kurzen Versen und Strophen, die Epopöe in jener längeren Versart, die eben deswegen auch die heroische und von einem Lieblingsgedicht der mittleren Zeiten, dem Heldengedicht » Alexander « nämlich, die Alexandrinische genannt ward? Für den Gesang theilte jene (die Ballade) den Vers; dem lesenden Auge rückt diese (die Epopöe) zwei Zeilen an einander ; so ward mittelst einer Cäsur der Vers heroisch . Und da das Auge länger lesen als die lebendige Stimme singen kann, so dehnte man, wie das Silbenmaß, so auch das Abenteuer aus, man unterbrach's mit Episoden; im längeren Gange ward der Schritt gehaltner, fester, die Stellung anständiger, würdiger; so bildete sich aus der Romanze die epische Dichtung. »Dem Allen wohl; das Anständigste, Würdigste aber, was dieser Dichtung ziemte, blieb dennoch das Göttliche (ϑεῖον), das Leben der Götter mit Menschen, die Einwirkung des Himmels auf die Erde : dies ist die Seele des epischen Gedichtes. Nehmt das Göttliche aus Homer, so schwach und albern es uns zuweilen dünke: Ilias und Odyssee werden nichts als Abenteuer sagen, die eine bloße Ankündigung und Anrufung der Gedächtnißmuse bei Weitem noch nicht zum Epos erheben. Nehmt der Ilias den Sohn der Thetis: ihre ganze Zurüstung ist dahin. Durch den Beistand der Götter dagegen, durch der Unsterblichen Rath und That segelt und spricht selbst die Argo, Agamemnon träumt, Den Traum hatte ihm Zeus gesandt, um ihn zu schädigen. – D. und Patroklus und Hektor fallen; der Göttersohn Achilles schafft die ganze Iliade. Nur durch Poseidon's Groll und Pallas' Freundschaft irrt Odysseus umher und findet endlich sein geliebtes Ithaka wieder. So und nicht anders ist die Odyssee worden . »Lasset uns umherblicken auf unserm Erdball; wo im lebendigen Wort der Nationen eine Stimme der Musen episch erschallt, ist's in dieser Verbindung des Himmels und der Erde . Die Götter sind zu den Menschen niedergestiegen, die Menschen wandeln mit Göttern. So z. B. die heiligen Sagen der Indier, deren Theile so zahl- und glorreiche Gedichte gewähren. S. Baghavad-Gîtâ,, Gitagovinda u. s. w. – H. Wischnu, der Aufseher der Menschen, verkörperte sich, um dem Verderben auf der Erde zu steuern, in mancherlei Verwandlungen oft und viel; neben ihm erschienen andere Göttergestalten, und seine letzte vollendete Zukunft steht bevor. Dies gab ihnen Stoff zu tausend Epopöen und epischen Sagen. »Warum aber nach Indien? Ein uns bekannteres, das einst lebendige Wort der ebräischen Nation schwebt uns näher in dieser epischen Gottes- und Menschengemeinschaft; die Anlage dazu gründet bereits der erste Begriff des Menschengeschlechts, sein Stammvater . Als Stellvertreter der Elohim tritt er auf, dem die Schöpfung feierlich übergeben, dessen Waltung und Fortbildung sie anvertraut ward. Mit ihm und den Erlesenen seines Geschlechts wandelt fortan sein Schutzgott und dessen Boten, rettend, strafend, prüfend, segnend. »Ein engerer Bund zwischen Gott und dem Stammvater eines Hirtenvolks wird darauf dieses Volks Losung, auf den sich alle seine Schicksale beziehen, aus dem sich seine Hoffnungen entwickeln. Die Befreiung dieses Volks, die Gesetzgebung Moses', ein herrliches Epos! Wunderbar ward der Befreier erhalten; wunderbar, aber dem Ort und Zweck höchst gemäß wird ihm sein Beruf, die Rettung und Bildung seiner Nation, mit Zeichen in die Hand gegeben. Durch rächende Schicksale beurkundete ihn der Gott seiner Väter; die Ausführung des Volks, die Gesetzgebung auf Sinai, die Zubereitung der Stiftshütte, die Anordnung des künftigen Staats, vor ihnen her ihr sichtbarer Führer, dessen Rache gegen die Widersacher, das Manna, der grünende Stab des obersten Priesters, der Tod des Helden: sind sie nicht mehr als Vulcan's Schild oder als die streitenden Götter vor Troja – hoch episch? Gab es noch keinen Ebräer, der aus diesen Materialien ein Ganzes schuf und damit das alte heilige Wort seiner Nation ihr näher ans Herz führte? Es hat ihn gegeben. S. die Moseïde von Hartwig Wessely, Berlin 1795, und andre ebräische, italienische, deutsche Dichter. – H. »Da über Homer und Virgil es keiner Rede bedarf, so schreite ich zum Epos der westlichen Völker. In Ossian's Gedichten sind zwar keine Götter, desto mehr aber die Schatten der abgeschiedenen Väter gegenwärtig wirksam, himmlische Gestalten der Vorwelt. In den Sagen andrer Völker sind's gute und böse Geister, Feen oder Alfen; in der Mythologie der mittlern Zeit waren es Engel und Genien, Teufel der Hölle oder die Heiligen des Paradieses. Zu ihnen flüchteten Dante, Tasso, Camoens und selbst nach hell angebrochnem Licht der Wissenschaften Milton, so manche Disparate es dabei geben mußte. Das epische Gedicht wollte, es forderte einen göttlich-menschlichen Schauplatz . »Und warum forderte es solchen? Nicht etwa nur hing damit der Kranz des Verdienstes, der dem Helden des Gedichts zu Theil werden sollte, höher, sondern sein Charakter ward dadurch, nur dadurch episch . Zu schlechten Thaten, zu gemeinen Handlungen wollte, konnte und durfte doch kein Verständiger diese himmlischen Wesen mißbrauchen; es mußte also eine reine, große, ewige That sein, zu welcher der geöffnete Himmel mitwirkte, der sich die ganze Hölle widersetzte. Daher, daß man in der politischen Geschichte selbst bei großen Begebenheiten, bei Gründung der Völker und Reiche z. B., so wenig Stoff zur Epopöe fand. Kein Arthur, kein Heinrich, kein Belisar bestand der hohen Anforderung der Lagerung eines Himmels um ihn auf die Erde . Wohlbedächtig unterließ Pope seinen »Brutus«, Klopstock seinen » Heinrich den Vogler«; Hermann bearbeitete er nur dramatisch, nicht episch. Das Feld der Epopöe, wenn es dieses Namens werth sein soll, fordert gleichsam die Mitwirkung der ganzen Natur, die ganze Ansicht der Welt zwischen Himmel und Erde, mithin auch die ganze Wissenschaft und Seele des Dichters. Im Herzen und Geist der Nation soll es ein Schauplatz des Weltalls, ein lebendiges Wort für Alle, in Allem werden; so ward es Homer, weil sein Gesang von Allem, was im Gesichtskreise seiner Nation lag, gleichsam die Krone erfaßte. So umfaßten Dante, Milton, Klopstock, Jeder in seinem Gesichtskreise, Himmel und Erde. »Hiemit tritt der Grund hervor, warum unter mehreren christlichen Nationen mehrere epische Dichter vor Allem zur biblischen Geschichte griffen und einen Helden derselben zu ihrem Thema wählten. »Das Wort von ihm«, sagten sie sich selbst, »liegt (nach damaliger, vielleicht nicht nach jetziger Erziehung) als ein früher Eindruck oder gar als ein Samenkorn des Glaubens in meiner Hörer Herzen (denn gehört sollte das Epos werden, nicht gelesen). Erziehen will ich also zum lebendigen Baum voll Frucht und Blüthe dies heilige Wort.« So sprach Milton zu sich und erschuf sein doppeltes »Paradies«; so Klopstock, Bodmer, Geßner, und wer sonst die heilige Palme berührte. Daß Herder Lavater's nicht gedenkt, fällt auf. – D. Das Verdienst jedes dieser Männer in jedem seiner Werke zu wägen, ist hier mein Werk nicht; daß aber jener veraltete Spott über biblische Epopöen ebenso ungerecht als abgeschmackt sei, liegt am Tage. Perser und Araber, die sich an der Geschichte Joseph's und der Zulika ergetzen, werden deshalb keine Juden; Niemand darf es sein, um an »Adam«, »Noah«, und wie die Partriarchaden weiter heißen, nicht minder an den Thaten und Schicksalen eines Christus Geschmack zu finden. Mißrieth manche Bearbeitung dieser Helden, sang von einigen die Muse schwach, von andern erbärmlich, so zeigt die Harfe Andrer, daß die Schuld hiebei nicht daran lag, daß dieser Gegenstand zu einer Religion gehörte. Gewiß konnte das Religiöse an ihm der Epopöe nicht schaden, so lange das Menschliche, das Verständliche des Helden unversehrt blieb; vielmehr mußte es demselben aufhelfen, oder es war nicht, was es sein sollte, göttlich. »Welch großes, ewiges, lebendiges Wort (ἔπος) in aller Menschen Herzen ist, recht verstanden, der Christus ! Eine reine Gestalt, die Gottheit im Menschen, sichtbar, gegenwärtig, verklärt. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 631 f. – D. Und da das Werk und der Zweck einer Gottheit auf der Erde nichts Anders sein kann als Rettung und Beglückung des ganzen Geschlechtes durch Rath und That, auf die reinste Weise, wie, wenn dies Werk an sich und in allen seinen Folgen anschaubar gemacht und gleich einer neuen Schöpfung ans Herz gelegt werden könnte: wäre sein Sänger nicht der erste christliche, ja der erste menschliche Dichter? Gern vergäßen wir an ihm Nationen, Sprachen, Secten, geschweige Lehrbegriffe und Vorurtheile, sobald und so lang er in uns das lebendige Wort , d. i. den Begriff und die That eines einzig möglichen Weltheilandes sprechen machte. Ob dies göttliche Werk (ϑεῖον ποίημα), und wo es geschrieben sei, ob und wann es einen für unsre Zeit kräftigen Ausleger erlangen werde, darüber darf unser Fest keinen Aufschluß geben. »Waltet Gottheit mit unserm Geschlecht, wirkt Göttliches in der Menschheit, und ist ihr das Edelste, das Beste, das sie besitzt, durch Menschen worden: so lasset uns an einem Plan dieses Werks , mithin an einem Epos der Gottheit im Fortgange der Menschheit nicht zweifeln! Auch an einem Sänger, der »den hohen Rath Des Menschengottes mit der Menschenschaar, Wie er durch Nebel und durch Dämmerung, Aus Finsterniß und Irren sie geführt Und führen wird zum Lichte,« verkündet, der es meldet, wie der hohe Genius der Menschheit , »Wie er die Strahlen dieses Lichts zerstreut Durch Völker, Zonen und Jahrhunderte, Und nichts verlor und alle sammeln wird Zu einer Sonne der Glückseligkeit« – Aus dem Anfange von Herder's Gedicht: »Gottes Rath und That über das Menschengeschlecht«, Werke, I. S. 212. Nur steht dort V. 4 »Durch« statt »Aus«, V. 7 »Jahrtausende« und V. 8 »Und alle kennt und alle«. – D. zu seiner Zeit wird es an einem solchen Sänger nicht fehlen. Die Themata des vergangenen Jahrhunderts, seine Eroberungs-, Handels- und Successionskriege, geschweige das fürchterliche Ungewitter am Abende, d. i. am Ausgang desselben, waren harte, schreckliche Mitklänge zum Spruch dieses großen Wortes . »Immer wird es also wol eine doppelte Epopöe geben. Eine, die genienlose, die bloße Sagen singt und sich um die höhere Leitung, die Haushaltung menschlicher Begebenheiten wenig bekümmert; sie kann höchst angenehm und lehrreich sein; denn sind es nicht so manche trefflich versificirte Geschichten und Märchen der Arioste , der Spensers , der Novellisten ? Die andre, die in den Verwirrungen der Menschheit den höheren Gang ihres Genius darzustellen strebt; freilich hat sie bisher in den befreiten Italien und Jerusalems , in den Colombiaden und Lusiaden , selbst in den Epopöen höheren Inhalts, den verlornen und wiedergefundnen Paradiesen fast nur umhergetappt und sich versuchend geübt; aber jeder selbst mißlungene Versuch, jede zu einem so hohen, alle Zeiten umfassenden Zweck angestellte Uebung ist von Werth.« ––––– So weit Olympicus. Kritias an dem ihm bestimmten Tage nahm also das Wort: II. Vom Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet »Niemand,« sagte er, »wird es selbst bei Homer und Virgil leugnen, daß manche Kämpfe und Schlachten, so nothwendig sie vielleicht dem Dichter waren, ihm, dem Leser, langweilig wurden. Und so sehr Dante, Ariosto, Tasso, Camoens, Ercilla die Begebenheiten ihrer Gesänge zu wechseln bemüht sind, wem widerfuhr es nicht zuweilen, daß er ermattete und den Dichter beiseit' legte? Geschah dies bei Epopöen unbekannten Inhalts, wie öfter möchte es bei denen der Fall sein, deren Geschichte uns von Jugend auf erzählt worden. Daher sanken Bodmer's Patriarchaden so bald in Vergessenheit; ja, von Klopstock's »Messias« selbst, ich wiederhole meinen Zweifel, Vgl. oben S. 671. – D. wie Wenige haben vielleicht dessen letzten Gesang geendet! Woher diese Schlummerkörner im Füllhorn der epischen Muse? »Offenbar erstlich , weil dies oft zu voll, weil das wesentliche Erforderniß der Epopöe, die Größe habende Handlung , zu lang und breit war, als daß sie in Ohr und Auge als ein Ganzes behalten werden konnte. Vgl. oben S. 290 f. – D. Schon Aristoteles warnt vor dieser Ueberlänge des epischen Gedichts; er will, daß es übersehbar bleibe und ungefähr nur auf das Zeitmaß berechnet werde, das die an einem Tage aufgeführten Trauerspiele einnehmen dürften. Auch sieht man bei den Griechen selbst, daß, je mehr die Aufmerksamkeit der Hörer abnahm, das spätere Heldengedicht der Alexandriner sich der Kürze befliß und den Knoten enger schürzte. »Dies mit Recht; denn wie ja das Epos nur aus der Erzählung entstanden war und es des Erzählers erster und letzter Wunsch ist, daß er mit wechselnder Aufmerksamkeit, mit steigendem Vergnügen gehört werde, wie deshalb die Rhapsoden die schon gebundenen Gesänge sonderten und zu rechter Zeit aufzuhören wußten, kurz, wie das längere Epos nur aus zusammengeschobnen oder an einander gereihten Gesangen entstanden war, so bleibt es wol die erste Pflicht des Sängers oder Lesers, daß er aufzuhören wisse, ehe uns der sanfte Gott Schlummer oder seine Vorgängerin, die Langeweile , überschleicht. Um so mehr ist dies der Fall, wo, wie z. B. bei Camoens, Ercilla, Tasso u. s. w., ein Theil des Gedichts historisch oder, wie bei Dante, Ariost, Spenser u. s. w., rein imaginativ ist; wer wollte da nicht lieber den Flug der Einbildung zweckmäßig kürzen oder das Feld der Geschichte historisch durchlaufen, als daß er das Ziel seiner Bemühung episch verfehlen sollte? Nachdem, was wir bei Shakespeare's Trauerspielen selbst, geschweige bei jenen langweiligen Romanen der Mittelzeiten, erfahren, ist's offenbar, daß entweder unser Blut schneller fließe oder unsre Aufmerksamkeit eher ermüde, als es bei dem langsameren Gedankenzuge und den stärkeren Organen unsrer geduldigern Vorfahren zutreffen mochte. Schonet unsrer Schwachheit also, Ihr epischen Dichter, und singet uns mit Euern neun oder vierundzwanzig Musen nicht zu Tode! Fürchterlich ist das Gefühl, wenn man bei Trauerspielen und Epopöen das Ende erwartet, und es immerdar – nicht kommt. Durch den mißverstandnen Ausdruck Aristoteles', daß die Handlung der Epopöe eine Größe haben müsse, und durch die Verkettung der Homerischen Gesänge zu zwei so langen Größen ist seitdem viel Schlaf bewirkt und die Göttin Langeweile zur epischen Muse feierlich eingekleidet worden; da doch Aristoteles' erstem Begriff nach die Handlung der Epopöe übersehbar , mithin umgrenzt sein sollte. Denn wer liebt, wenn er Paradiese sucht, siberische Steppen oder afrikanische Wüsten, bei denen das Auge kein Ende, der matte Fuß kein Ziel findet? » Zweitens . Noch öfter ward die epische Göttin Langeweile von einer bösen Mutter, der Unkunst , geboren, diese betreffe nun Fabel, Sitten, Episoden , oder was sonst zum Epos gehört. Im Gefühl ihrer Oberherrschaft, gleichsam aus Furcht der Ermattung, weist Aristoteles die Epopöe strenge auf die Regeln der Tragödie , sie gleichsam mit diesen Banden zusammenziehend und festknüpfend; strenge sondert er sie ab von der unendlichen Geschichte . Wie fern und weit liegen nun jene beiden, Epopöe und Tragödie, in neueren Zeiten aus einander! Ist z. B. die Handlung gar nicht anschaubar , sondern dogmatisch, allegorisch, tropisch, mystisch, ist sie an sich selbst klein und gering , ob sie gleich in Folgen sehr groß sein kann, und muß also durch Herbeiführung dieser oder gar fremder Nebenumstände erst groß und merkwürdig gemacht werden: wie viel Kräfte verschwendet der Dichter, ohne daß er dennoch zu seinem Ziel kommt! Ihm ersterben in Herbeiführung der Episoden die Hände, dem Hörer das Ohr, so gern er manches Intermezzo allein, hier aber eigentlich nur fort und zu Ende hören möchte. Es ist bemerkt, daß jeder epische Dichter gern die ganze Encyklopädie seines Wissens , mithin Himmel und Erde, einige auch die Hölle selbst, in sein Gedicht bringen möchte. So webte Camoens seiner »Lusiade« die Geschichte der portugiesischen Könige und ihrer Eroberungen, die Geographie der Weltreiche, Milton seinem »Paradiese« den Abfall der Engel, den Bau der Hölle, die künftigen Scenen des Menschengeschlechts ein; und was haben Dante, Ariost, Spenser u. s. w. nicht eingewebt! Kostbarkeiten, oft schöner und brauchbarer als das Thema selbst, nur daß sie nicht – hieher gehörten. Gefährlich ist's, wenn der Dichter, selbst Langeweile fürchtend, zu fremden Dingen seine Zuflucht nahm; er schien dadurch an der Hauptsache selbst zu verzagen. Himmel und Erde, Götter und Heilige schützen uns sodann nicht vor der tödtenden Langenweile : der Dichter gähnt, wer wollte nicht mitgähnen? » Drittens . Das einförmige Silbenmaß des Epos leistet hiezu gute Dienste; unübertrefflich ist der klappernde Hexameter im Mühlwerk schlechter Dichter. Da dies Silbenmaß nämlich zu seiner schönen Wirkung das reinste Ohr, die gehaltenste Aufmerksamkeit, die reichste Abwechselung fordert, so kann es seinem Verweser, dem Amboß- und Polterhexameter, an seiner Wirkung, der widrigsten Schlaftrunkenheit, nie fehlen. Aus Verdruß schliefen wir zuerst beim Mühlengeklapper oder dem Amboß des Grobschmiedes ein; bald wird es uns zur einschläfernden Gewohnheit. Oder wir fahren auf den Wellen unserer Heiraths-Epopöen Unter denen hoffentlich »Hermann und Dorothea« nicht mitbegriffen ist, deren Uebergehung bezeichned für Herder's Verstimmung ist. Doch scheinen auch die »neun Musen« der epischen Dichter auf S. 678, Z. 19–21 darauf zu deuten. – D. unter mancherlei Stößen den Styx hinunter. »Nun giebt es zwar auch epische Jamben, und allerdings hindert der raschere Jamb den selig eindringenden Schlaf, uns so bald zu übermeistern; gewiß aber gehört auch zu Ausbildung dieses Silbenmaßes in einem langen epischen Gedicht nicht weniger Geduld und Kunst, Ohr und Declamationsgabe als zum Hexameter. Milton arbeitete an seinem Gedicht lehr langsam, brachte Tage lang oft nur wenige Verse zuwege; dafür sind es aber auch Milton 'sche Jamben , deren Wohl- und Hochklang vielleicht alle Dichter Britanniens. Thomson nicht ausgenommen, nachstehn. Die feinen Bemerkungen, die mehrere englische Blätter über dies Silbenmaß machten, feilten es sehr; ich zweifle, ob wir Deutsche, obgleich Kleist, Gleim, Klopstock. Lessing, Zachariä u. A. Dies »u. A.« ist sehr bezeichnend, da in ihm auch Goethe und Schiller ruhen. – D. in ihm gearbeitet haben. zu jeder Schönheit desselben gelangt seien, ohne welche auch dies ein eintöniges Metrum bleibt. Mit Recht wandte sich Zachariä in seinem »Cortes« zu ihm, da er sich bei der Übersetzung Milton's mit seinen Hexametern an diesem Dichter schwer versündigt hatte. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 588. – D. Da wir Deutsche so wenig laut und öffentlich lesen, so nickt und entschläft über dem Pult unsre dramatisch – epische Muse zu leicht, wo sie die Verse nicht herauspoltert. »Die Stanze endlich. in der es den Epopöen der Südvölker Europa's zu wohnen beliebt hat. ist ohne besondre Vorsicht dem Schlummer auch günstig. Einförmig, wie italienische oder spanische Stanzen einhergehn, sollen sie ohne besondre Aufmerksamkeit auf die Versart das Ohr im Inhalt selbst nur fortleiten; mit jedem Fall und Schluß derselben genießt das Ohr eine Befriedigung, die es weiter zu hören einladet oder dem Schlafe zufördert. Das Rettungsmittel, das einige deutsche Dichter Wie Wieland. – D. dagegen in Gang gebracht, jede Stanze zu verändern und aus ihr mit neuer Anordnung der Zeilen einen eignen Blumenstrauß zu flechten, erneut zwar die Aufmerksamkeit im Einzelnen ruckweise; indem es aber den ganzen gleich-fortschwebenden Flug des Gesanges stört und in jeder Stanze festhält, mithin den Zweck, wozu die gleichmüßig wiederkommende Stanze eigentlich erfunden ward, aufhebt, so kann es dennoch schwerlich jenen ewigen Schlummer ( aeternum soporem ) abhalten, sobald er über einer epischen Sage schwebt. »Kurz, an keiner Gattung der Dichtkunst wird so ganz das Sterbliche und Unsterbliche eines menschlichen Heldengesanges kennbar als an dieser. Wie viel Sagen und Erzählungen, die einst begierig gelesen wurden, und die uns gar nicht mehr interessiren! Selbst der einst beliebte Ton der Erzählung, die Wendung der Bilder und Gleichnisse, die Sprüche , am Meisten aber die Neigung der Menschen, an Dem oder Jenem Lust und Freude zu finden, wechseln mit den Zeiten. Der Geschmack an Kreuz- und Ritterzügen, an blutigen Schlachten, an Eroberungen und Siegsfesten ist verlebt; die prächtigste oder genaueste Beschreibung dieser Herrlichkeiten lohnen wir dem Dichter gähnend. So wird die Nachwelt Manches nicht kennen, was jetzt von der Cabale beklatscht wird, was wir mit nachgesagter , nicht mit gefühlter Bewunderung zum Himmel erheben. »Wie unter Sternen einst den jungen Scipio sein edler Ahn zur Erde niederschauen ließ und ihm das Aechte und Unächte menschlicher Bestrebungen und Würden im Traum zeigte, In Cicero's »Traum des Scipio«. – D. so hebt die Seele sich dahin, wenn sie im raschen oder trägen Strom der Zeiten die Reihe der Heldensagen und Heldengeschichten durchgeht, die dann und dort Triumph hielten. Wie viele sind in den Schlamm der Vergessenheit völlig versunken! andre schwimmen zerstückt, krüppelhaft, unbeachtet. Was sich allein im Werth erhält, ist, was innern Werth hat, was Menschlichkeit fühlte, was über die Zeit erhoben, für künftige Zeiten hinaus die Menschheit hob, ihr nutzte und frommte. Genien meines Geschlechts, Entdecker, Erfinder, seine Wohlthäter, seine Retter und Freunde, Euch gebührt, so lange Völker sprechen und singen, Euch gebührt der epische Kranz, prachtvoll oder in Zweigen! je wahrer und bescheidner, desto dauernder und schöner. Blos um Eure Stirnen blüht er ohne welkende Schlummerblumen. »Ich habe das Meine gethan und der Göttin gehuldigt, die unserm Fest nicht fehlen durfte, der Langenweile .« ––––– So schloß Kritias seine Rede, und Agathon Der Dichter Agathon tritt in Plato's »Gastmahl« auf. – D. an seinem Tage begann also: III. Vom gefährlichen epischen Gedichte »So unentbehrlich jedem Volk, das über Thiere erhaben sein will, das Epos , d. i. ein lebendiges Wort ist, das es in Herz und Munde führt, so gefährlich wird diese Losung, wenn sie, unrein aufgenommen, vom Fortgange im Wahren und Guten zurückhält, menschliche Seelen verschleiernd, menschliche Herzen verderbend. Alle rohen und wilden Mythologien geben davon Erweise. »Es war z. B. verzeihlich unserm Geschlecht, daß es in seiner Kindheit, mit den Ursachen und dem Zusammenhange der Naturbegebenheiten unbekannt, sich Theogonien oder Kosmogonien schuf und dieselben in Sagen und Märchen ehrwürdig oder gefällig einkleidete. Dem schwachen, dürftigen Geschlecht war's unumgänglich, daß, da es über das Schädliche und Böse in der Natur weder erklärend noch thätig hinauskommen konnte, es einem bösen Princip sein Knie bog, dem Beelzebub Hymnen sang, dem Beelzebub dichterisch und opfernd frohnte . Eindrücke der Furcht und des Entsetzens , das Gefühl übermannender Stärke ist, zumal in der Kindheit. so einwirkend grausam, daß es wie mit Klauen Furchen gräbt, deren Narben spät oder nie verschwinden. Wenn nun aber ein reinerer Strahl der Vernunft und Erfahrung diesem Volk die höhere Regel zeigt, von der Gutes und Böses in der Natur ausgehn, und sie als eine Regel der Vollkommenheit bewährt, soll da noch jenen Geschöpfen einer kranken Einbildungskraft und Unwissenheit gehuldigt werden? müßten wir da noch den Beelzebubs, Leviathans und Behemoths dienen? Licht ist stärker als die Nacht; der erste Strahl einer aufgehenden Morgenröthe verkündigt nicht nur, sondern bewirkt auch den heller und heller kommenden Tag; Alles, was sodann Schattengebilde festhalten will, gehört in Krankenhäuser, in tiefe Thäler und Grüfte. So war's, so ist's mit den Mythologien und Epopöen aller Nationen des Erdkreises, so wird's werden. Priester und Dichter hielten sie eine Zeit lang fest und wollten das Licht dämmen; Vernunft und Sonne schritten glorreich fort, die Welt ward erleuchtet. Man ward gezwungen, die alte rohe Mythologie entweder zu verfeinen oder aufzugeben ; man schämte sich ihrer. Glücklich, wenn man jeden alten Praß von mythologischer Dichtung so aufgäbe, der die Einbildungskraft fesselt, den Verstand aufhält und ein Spielwerk alter Jugendzeiten ist, das dem Manne zu nichts dient! Ueber der Prätexta und dem Paludament verschmäht er die kindische Bulla Die Bulla trugen Kinder am Halse; die Prätexta und das Paludamentum waren die Tracht der obrigkeitlichen Personen und Feldherrn. – D. zutragen. »Beobachtete man dies Gefühl der Anständigkeit, wie überhaupt, so in den Uebungen und in der Kritik der Dichtkunst, welcher eiteln Nachäffungen, welcher thörichten Anstrebungen, wieder ein Kind zu werden und im Flügelgewande zu schreiten, entäußerte man sich, Platz und Raum gewinnend zu männlichem Schritten! In Kunst und Dichtkunst sind wir einmal und immer keine Griechen mehr; ihren Göttern und Helden, ihrem Epos und Drama auch in Fehlern und Schwachheiten kindische Ehrerbietung, ja Nach- und Voreiferung zu bezeigen, ist–kindisch. Ein großer Theil von dem, was Terrasson u. A. über Homer und die Griechen gesagt haben, ist wahr, so einseitig sie es sagten; man sieht das Kindische der alten Mythologie in der meisten Neueren Gebrauche. In Sannazar, Camoens u. s. w. welche Spielwerke sind, auch ohne Beziehung aufs Christenthum, mit dem sie vermischt sind, die Göttermaschinen! Sind sie im Gebrauch der neueren Kunst etwas mehr und Anders? Figuranten. »Als an die Stelle des heidnischen christlicher Aberglaube kam, tief streckte er seine Wurzeln und Zweige auch ins Epos der Völker . Zuerst weihte man den Heiligen Kirchen, bald Himmel und Erde. Und welchen Dienst hatten sie zu verrichten! welch possierlich-niedriges Zutrauen setzte man auf Engel und Geister! und wie mißverstand, wie mißbrauchte man die Bibel! Kaum durch den kühnsten und lautsten Spott hat dieser Ungeschmack hie und da geschwächt werden mögen; verdrängt ist er allenthalben noch nicht. Das große Epos des Aberglaubens ist noch in vollem Gewerbe. »Von Schwärmerei, Stolz, Habsucht, Raubgierde gestützt, indem es Ungeheuer zu Helden erhob, welche Gräuel hat es geboren! Wären je Kreuzzüge betrieben und besungen worden, wenn man sie nicht für verdienstlich-heilige, für große Thaten gehalten hätte! Und wie lange dauerte diese Wuth, dieser Wahn, dieser Frevel! Wie man sie betrieb, so besang man sie in Epopöen, in Hymnen; Europa erschallte vom Siegsruf der frommen Waffen Anspielung auf den Anfang von Tasso's »Befreitem Jerusalem«. – D. und fernen Helden. Konntest Du, der Du die Geschichte kanntest, Dein eigen Herz überwinden, um Die zu singen, die Du sangst, zarter Tasso ? Alle Dein läuternder, mildernder Fleiß war an ihnen verloren. »Und es folgten Andre Deinem Beispiel. Auch die Eroberungen Mexico's, Peru's , begonnen im grausamsten Gold- und Christeneifer, wurden besungen; auch Cortez . auch Pizarro , der Teufel selbst ward Held der christlichen Epopöe. Wie zu Muth war Dir, tapfrer und guter Ercilla , Vgl. Herder's Werke, VII. S. 265, Anm. 1. – D. wenn Du die Grausamkeiten Deiner Spanier gegen die Araucaner, Du selbst ihr Augenzeuge, zu singen unternahmst und das Recht, die Tugenden und Tapferkeit der Feinde weder verschweigen wolltest noch konntest. Auf der einen Seite Nationalstolz, Wahn einer Pflicht für Vaterland, Christentum, Europa umnebelten Dich, indeß von der andern der Geist der Menschlichkeit Dich zuweilen doch zu Scham und Mitleid regte. Wie verschoben mußte das Regelmaß des Rechts und der gemeinsten Billigkeit sein, wenn man Handlungen der Art als Großthaten des menschlichen Geschlechts epopöirte! Ein halb Jahrtausend hin dauerte dieser Wahn; in einem großen Strich aller vier oder fünf Erdtheile wird die Ausbeute desselben, die habsüchtig mordende, stolze Christen-Epopöe noch gefeiert, Tantum rellegio potuit suadere malorum . Lucr., I. 102. – D. »Seit Dante und der philosophische Milton der Epopöe zu einem höheren Zweck eine reinere Gestalt gaben, feierte freilich man nicht mehr den Beelzebub und Satan; man lud das Göttliche nicht mehr hernieder, um Menschen zu würgen, Menschenglückseligkeit zu zerstören. In Milton , wie rein und edel, dabei wie schwach und zart ist der Charakter der Menschennatur gehalten! Ein von der Mutterhenne bebrütetes Ei, ein Keim, der der sorgfältigsten Wartung bedurfte und ihrer werth ist. Milton's Gesänge schildern diese göttliche Wartung; aber gegen wen? worin'? und wie unkräftig! Ohne Zweifel lag's an dem zu Milton's Zeiten angenommenen System, daß er den ewigen Vater, daß er den glorreichen Sohn, daß er Engel und Teufel so darstellte und gleichsam auf Excavationen des Abgrundes seine neue Schöpfung baute. So viel Stärke des Genius, so viel Macht der Sprache und Gedanken in diesen Beschreibungen hervorleuchtet, fühlen wir nicht in uns etwas Widerstrebendes? Indem wir das Göttliche im Dichter mit verdecktem Antlitz betrachten, kehren wir gern zur Menschheit zurück und gewinnen diese in ihm desto lieber. » Klopstock endlich. Wo er mit Milton in einem Labyrinth ging, wo er, tropischen Vorstellungen zu treu, einer helleren Führung seines Gedichtes entwich und sich an Worten begnügte: aus Liebe zum Dichter änderten wir gern die Worte des Gesanges, wünschend, daß er der eignen Hoffnung des Dichters gemäß eine Sprache der Ewigkeit würde. Greifen wir damit aber nicht zu tief ins Wesentliche, in den Plan und die Verzierungen des Gedichtes? »Im Thor des Himmels sprach ein Unsterblicher: »Eilt, heil'ge Stunden, die Ihr die Unterwelt Aus diesen hohen Pforten Gottes Selten besuchet, zu jenem Jüngling, »Der Gott, den Mittler, Adam's Geschlechte singt! Deckt ihn mit dieser schattigen kühlen Nacht Der goldnen Flügel, daß er einsam Unter dem himmlischen Schatten dichte! »Was Ihr gebaret, Stunden, das werden einst, Weissaget Salem, ferne Jahrhunderte Vernehmen, werden Gott, den Mittler, Ernster betrachten und heilig leben.« Aus Klopstock's Ode »Die Stunden der Weihe«. – D. Nicht nur eine ernstere Betrachtung, die ganze Zustimmung der Seele wünschen wir einem Gegenstande, der unsers ganzen Geschlechts Rettung, Hilfe, Sieg und Triumph sein soll. ––––– »Noch ein Gefährliches, das die epische Dichtung mit sich führt, ist die ihr zukommende eigene, höhere Sprache. Nothwendig ist diese ihr, da sie heilige, göttliche Dinge verkündigt und der epische Sänger als Vertrauter der Götter, als Ausleger der Begebenheiten und Verhängnisse redet; auch hat sich jeder ächte epische Dichter durch sie beurkundet; Homer und Virgil, Dante, Milton, Klopstock bildeten sich ihre Sprache, durch welche dann auch Klopstock, ob man sie gleich anfangs verspottete, ungeheuer Platz gewann und beinah die ganze Dichtersprache der Nation umschuf. Ein reiches Feld für die Beobachtung sowol als für den eignen Gebrauch der Sprache, dem kindischen Nachäffer aber ein Fallstrick zum Verderben. Er bleibt in ihr hangen; sein Geist ermattet: wie viel Dichterlinge haben sich in Klopstock's lyrisch-epischer Sprache erdrosselt! Würdiger ist sie indeß immer als das »bethuliche, zauberisch verzuckerte« Spielwerk, das auf sie gefolgt ist, dem sogar oft die Richtigkeit fehlt. Geben die Götter uns epische Sänger, wenn und wie oft es ihnen gefällt, nur seien sie keine Verstandverwirrer, keine Sitten- und Sprachverderber! Aufgesteckten Blutfahnen, verewigten Tropen und Hieroglyphen zu folgen – die Zeit sei endlich vorüber!« ––––– So sprach Agathon, und Olympicus nahm das Wort, wie folgt. IV. Vom letzten Ziel des epischen Gedichts. »Die Tragödie ist eine Poesie der Menschlichkeit ; denn wegen eines kleinen Fehltritts, der Jeden ereilen kann, leidet der Held, oft unrettbar. Aufschreckt sie also den träge schlummernden Geist, gießt in die kalte Brust Mitleid, den emporgehobnen Blick dem Gericht der wägenden Nemesis öffnend. Durch Leidenschaften wirkt sie auf die Leidenschaft; durchs Anschauen , mit der Gewalt des Moments ergreift sie Sinne und Herzen des Volks, das nur durch diese Mittel ergriffen werden konnte. »Anders die epische Dichtkunst. Ihr Held darf frei dieses Fehltritts sein und auf seiner glorreichen Bahn doch mit dem Schicksal kämpfen; Hindernisse, die ihm widerstehn, überwältigen ihn nicht, sondern feuern seinen Muth an; denn sein hochaufgestecktes Ziel ist rein und für die Menschheit ewig ersprießlich. Er erreiche es nun oder nicht (beging er Fehler, so hat er, wieder tragische Held, diese auszukosten), sein Gang in wachsender Größe ist edel ermunternd. »Werden nun, wie Kritias mit Recht fordert, zu diesen Helden nur große Seelen und Herzen, wahre Wohlthäter unsers Geschlechts gewählt, wird, wie Agathon fordert, der Werth ihrer Wohlthat gewürdigt und dabei der Kampf ihrer Empfindungen, das Zweifelhafte ihres Geschenks, das Hilfreiche der Gottheit, die sie unterstützt, nicht verschwiegen, so daß wir allenthalben das Schwache und starke der menschlichen Natur, ihr Niedriges und ihre Erhabenheit sehn oder ahnen: was gliche dieser Epopöe an Würde und Hoheit, an gehaltenem Tritt und schöner Ueberraschung, im Ausgang endlich an hoher Befriedigung und Selbstbelehrung? In unsern Epopöen, selbst wenn sie mit verrenkten Gliedern auf ein unwürdiges, gar teuflisches Ziel hinausgehn, wie wohl thun uns die in sie gestreuten edlen Stellen in Charakteren und Sentenzen! Wie, wenn nun, sparsam mit diesen, das Ganze selbst , thätig ausgesprochen, eine so erhebende Gestalt wäre, wie hoch stiege das Wort von ihr über Tragödie und Lustspiel, beide in sich vereinend! Da jede Rührung nur Mittel , nicht Zweck ist, so wollen wir in der Epopöe nicht stärker gerührt sein, als sie uns durchs Ohr, nicht durchs Auge, geistig und herzlich rühren kann und soll; das Licht dagegen, das sie umleuchtet, die Flamme, die sie entzündet, ist höherer als tragischer Art, himmlisch. »Wenn in einer Colombona z. B. der anfangs so glückliche Entdecker der neuen Welt Held einer Epopöe würde, großer Gegenstand! Eine moralisch-physische neue Welt liegt dem Dichter vor Augen, die er im Gegensatz des altern Hemisphärs uns vorführte. Lange Jahrhunderte deckte der Schutzgeist jenes jüngeren Welttheils ihn dem Auge seiner älteren Schwester; aber das Schicksal gebeut, die Zeit der Entdeckung rückt heran, übereilt durch die Habsucht der Völker, unaufhaltbar. Umsonst wendet der Schutzgeist jener kindhaften Nationen jenseit des Meers Alles an, sie, bis die Cultur und Politik Europa's, das sie nach dem Schluß des Verhängnisses cultiviren soll, selbst reiner und menschlicher werde, die Entdeckung zu verspäten; der von Kreuzzügen, Wissenschaften, Lastern und Armuth aufgeregte Entdeckungseifer zündet fort, er trifft in Colomb . Rastloser Trieb beseelt den Mann, die Ostwelt zu entdecken, die Marco Polo u. A. beschrieben hatten und er, westwärts gesucht, nahe glaubte. Mit Anerbietungen tritt er in Genua, Portugal, Spanien , auch durch seinen Bruder in England auf; endlich erlangt er, was er suchte, dingt sich große Bedingungen aus, fährt, das nahe Gewürz- und Goldland vor seinen Augen. Nach Unmuth und Lebensgefahr liegt Land vor ihm, wirklich eine neue, d. i. jüngere Welt, bewohnt von Völkern, die wie Kinder behandelt werden sollten, in der er aber nichts als jenes Gold - und Gewürzland Marco Polo's, Mandeville's sucht und wünscht. Da man ihn so gutmüthig aufnimmt, da er die Schwäche der Einwohner und die Schönheit einer neuen Schöpfung in so großen Strecken, in so vielen Inseln vor sich sah: hätte ihn nicht St. Salvador selbst belehren sollen, daß er jetzt diesen Namen zu erwerben habe und keinen andern? Aber der Durst nach Golde und Gewürzen, das traurige Bedürfniß selbst, Spaniens Hoffnungen von seinem Zuge, die Erwartungen des Hofes und der Teilnehmer quälen ihn unerbittlich; seine rohen Spanier schweifen aus; Unglückfälle erfolgen; er wird verschwärzt, gestürzt; mit dem größten Undank werden seine Verdienste vergolten. O Nemesis, an großen Männern, wie strafst Du selbst den Irrthum, die Uebereilung, den stolzen, zu raschen Eifer so hart, indeß die Folgen ihrer Irrthümer fortdauern! Was an diesem leidenschaftlichen Gegenstande des Epos gezeigt worden, findet mehrere seinesgleichen in der Geschichte, die des Epos wahrlich doch werther sind als das Wiedersingen der geraubten Europa und Helena, der Hero und Leander's, Pyramus' und der Thisbe. Nur allenthalben schwebe droben die Göttin, die auch bei anfangs sehr reinen Bestrebungen, wenn sie in ihrem Fortgange sich bestecken, Maß und Wage in der Hand hält! Auch außer der leidenschaftlichen , bei der rein ethischen Epopöe lege sie diese nie beiseite!« ––––– Mich dünkt,« hielt Olumpicus inne, »wir hätten bei unserm friedlichen Wettkampf, bei dem wir um keinen Gewinn stritten, die Götter nicht umsonst zu uns bemüht, meine Freunde; wir dürfen, so unsäglich viel über das Heldengedicht geschrieben ist, einige Linien ziehn, die Andern manche Verwirrung ersparen: »1. Wie viel hat man in der Theorie der Epopöe von Göttermaschinen geredet! Hier der sinnloseste Name! Dem Theater mögen Maschinen gehören und bleiben; dieser Erzählung , die zwischen Himmel und Erde vorgeht, sind Götter so wesentlich als Menschen, Beide aber nicht Maschinen, sondern zusammen und in einander wirkende Wesen, ja jene, die Götter, mächtiger, früher, ursprünglicher wirkend als diese. Mit dem ersten Gesange schlösse sich die Ilias, wenn Thetis nicht aus den Wellen des Meeres emporstiege, ja, der Dichter hätte sie nie begonnen. Iris und Here sind ihr so wahr und unentbehrlich als Achilles und Agamemnon , Beide zu einer Haushaltung gehörig. Mit Recht spottete Klopstock der Politike u. s. w., die in einem bekannten sein sollenden Heldengedicht Voltaire's »Henriade«. Vgl. Klopstock's Epigramm »Die Henriade«, in der »Gelehrtenrepublik«, im »Ersten Morgen«. – D. als allegorische Maschinen erscheinen; in einem ganz allegorischen Gedicht mögen dergleichen Gespenster spuken und machiniren, nur bleiben sie einer Erzählung fern, in der Alles belebende Wahrheit sein soll! »2. Der Name » göttlich « ist der Epopöe keine bloße Titulatur, kein übertriebner Ehrenname, sondern Eigenthum, Wahrheit. Ein » Gotterzeugter, Gottgeliebter « Nach dem Homerischen διογεν, διλϕιλος. – D. ist der epische Held; göttlicher Art sind seine Gedanken, seine Kräfte, sein Gang, seine Gestalt, sein Beruf göttlich. Vermöge dieses Ursprunges und der ihm einwohnenden Art überwindet er Hindernisse, schlägt schlechte Charaktere nieder, gelangt zum Ziele. Wer wollte einem Helden der Art nicht auf seiner Bahn folgen? Wer möchte ihm Fehler anwünschen, weil geschrieben steht, daß der Held der Epopöe kein vollkommner Charakter sein dürfe? Je vollkommener, desto mehr schlingen wir uns an ihn; denn er ist nur vollkommen auf dieser seiner Bahn, was ihn sonst auch für Fehler begleiten mögen. In den mit- oder gegenwirkenden Charakteren werden diese nicht mangeln. Dies wäre das ethische Epos. »Wie aber, wenn der epische Held eben kein Göttersohn, wohl aber mit göttlichen Gaben begabt wäre? Da dürfen und müssen ihm vielleicht, wie dem Achilles Zorn und Stolz, mancherlei Fehler anhangen, er mag für dieselben, wie Achilles durch den Tod seines Patroklus, büßen müssen; diese Epopöe wird leidenschaftlich, pathisch . Sie rückt der Tragödie näher, sie vollendet sich ganz in der Menschheit. Damit wäre also der Streit geschlichtet, der über die Zulässigkeit und den Gebrauch vollkommner Charaktere in der Epopöe geführt worden; für die Bühne schlichtet er sich anders. »3. Desgleichen der mit mancherlei Mißverständnissen geführte Zank über Fabel und Charakter des Drama, des Epos. Sagt Aristoteles denn, daß eine Tragödie ohne Charaktere gerade die beste Tragödie sein würde? Wohl aber, daß ohne sie Heldenspiele möglich seien, keins aber ohne Fabel . Und dies besteht mit der Wahrheit. Eine Fabel muß da sein, zu der Charaktere gehören; durch ihre Gegen- und Zusammenwirkung vollführt sich, sofern sie an Charakteren hangt, die Fabel. »Nicht aber ganz darf sie sich durch sie vollführen; denn es giebt über ihnen allen ein Göttliches , ein Verhängniß . Dies eben webt die Fabel; es bedient sich der Charaktere, durch sie wirkend, nicht aber, daß es ihnen dienen, Alles aus ihnen herlangen, Alles durch sie thun müsse; denn wie Vieles, das Entscheidendste oft, hangt im Lauf der Begebenheiten von Umständen, von unvermeidlichen Zufällen ab, weder vom Charakter, noch vom Verstande! Die also in der Epopöe wie im Trauerspiel den Charakter obenan setzen und aus ihm, wie in der Poesie überhaupt, Alles, Alles herleiten wollen, knüpfen Fäden, die an Nichts hangen, und die zuletzt ein Windstoß fortnimmt. Lasset beiden untrennbar ihren Werth, der Fabel und dem Charakter; oft dienen beide einander und vertauschen ihre Geschäfte, das Göttliche dem Menschlichen, die Fabel dem Charakter; zuletzt aber erscheint's doch, daß es nur Herablassung, Mittheilung der Eigenschaften war und ohne geordneten Zusammenhang der Fabel kein Charakter etwas vermochte. Als die Welt begann, waren vor Construction Himmels und der Erde charakteristische Geschöpfe möglich? In welcher Arche hausten sie? ja, waren auch in einem Limbus, Vgl. S. 321, Anm. – D. ehe die Welt gedacht war, zu der sie gehören sollten, ihre Gestalten und Wesen nur denkbare Wer also in Kunst und Dichtkunst das Charakteristische zu ihrer Haupteigenschaft macht, aus der er Alles herleitet, darf gewiß sein, daß er Alles aus Nichts herleite. »4. »Aber wo bekomme ich das Wunderbare , das Göttliche her in unsern gott-, götter- und wunderlosen Zeiten?« Wer so fragt, dem ist die epische Muse nie erschienen. Sind, seitdem Griechen lebten, nicht Wunder gnug entdeckt? Erfanden Newton, Dollond, Herschel ihre Fernröhre vergeblich? Und auf unsrer Erde, umschifften kühne Weltumsegler sie umsonst? wagte Cook sich umsonst bis an die Pforte des Südpols? sahen die Forster , die Bougainville nichts Neues, nichts Wunderbares? Und im Reich der Kräfte, haben der Magnet, die Elektricität, der Galvanismus keine neuen Ansichten der Dinge verliehn? Haben Linné, Haller, Werner den Dingen der Welt keine neue Ordnung gegeben? Im Drange des Systems selbst sind manche ihrer Darstellungen so neu poetisch, daß sie gleichsam rufen, zur Handlung mit Empfindung beseelt zu werden. Und im Reich der Menschen, haben wir keine Vorurtheile abgelegt, an die sich leider das alte Epos knüpfte, von denen es ausging, die es bezweckte? Kennen wir keine andern als die Würgengel unsers Geschlechts, Eroberungs-, Verfolgungs-, betrügerische Staats-, niedrige Reichthumshelden? oder gar noch tolle Ritter, buhlerische Damen nach Ritterweise? Sind keine Principien der Ehre und Schande, des Wohlstandes des Staates, des Zweckes und Werths der Menschheit, des Zusammenhanges unsers Geschlechts, der Religion, der Handelsgemeinschaft seitdem ans Licht getreten, die, ob sie gleich bei Weitem noch nicht im Gange sind, dennoch mit lauter Stimme Jedermann ins Ohr rufen: »Wir sind da! wir sind geboren! wir leben! wir sind unsterblich!« – ? Hat Niemand sich um diese Grundsätze, Kinder der Wahrheit, theoretisch und praktisch bemüht? Niemand für sie Gut und Blut, Zeit und Leben aufgeopfert? Arbeitet für sie die Vorsehung nicht selbst? liegen nicht eben sie im Kampf des Schicksals? Wer in der Geschichte unsers und der vergangnen Jahrhunderte, im aus- und einspringenden Strom menschlicher Begebenheiten und ihrer Charakter keinen Stoß zum Epos, kein lebendiges Wort findet, der thut wohl, wenn er die Welt mit Geschichten verschont, die nichts bedeuten. Der Karls und Alexanders , der Hänse und Greten sind wir satt und müde. Erröthet man nicht, wenn man das Verzeichniß der Epopöen liest, an denen sich Jahrtausende lang unsre geduldigen Vorfahren taub gehört, blind gelesen? Ein andrer Achill, der mit Göttern wandelt, ein andres Troja als Ziel seiner Bemühungen stehe vor uns, oder die Epopöe schweige! »5. »Ach aber, daß uns, da die alte so abgenutzt ist, eine Mythologie fehlt!« Wer hat sie abgenutzt, als schlechte Schreiber? und wenn sie eines andern Volks, einer andern Zeit ist, was hätten wir an und mit ihr verloren? Als Denkbild der Schöpfung, als Nomenclatur charakterisier Wesen nutzt sich keine wahre, d. i. tief gedachte und empfundene Mythologie ab, obgleich eine uns näher liegt als die andre. Wer sie in Hederich und Pomey, Mallet und Oetinger L. Hederich schrieb ein mythologisches Lexikon (zuletzt 1771)herausgegeben), der Jesuit Franz Pomey ein Pantheon mythicum (erste Ausg. 1659), Mallet gab die Sagen der Edda (1756) heraus. Auch Oetinger betrifft die Edda. – D. suchen muß, thut besser, daß er sie gar vergesse und überschlage. Jedes Volk hat seine Mythologie; denn es hat eine Sprache. In dieser liegen seine Stammbegriffe und Dichtungen wie seine Hoffnungen und Wünsche: lebendige Abdrücke seiner Seelenkräfte und Neigungen, die der Lauf der Zeiten vermehrt, vermindert und vielfach umformt. Außer dem tiefgeprägten Charakter unsrer, einer Ursprache sind uns aus Ost und Nord so viele Mythologien zugebracht worden, daß wir wie Tantale in einem Strom stehen, in dem die schwimmenden Aepfel uns vor den Lippen umherschweben. »Bedenklichkeiten dieser Art zeigen, wovon anders als vom Unvermögen des Schreibers? wohin auch die über das zu wählende Silbenmaß gehören. Jambus, Hexameter, Stanze, in » Cissides und Paches «, Von .E. von Kleist.-D. im » Messias « und » Oberon « zeigen sie, daß sie nur auf den Wink des Mächtigen warten. Der Epopöe scheint das Silbenmaß das angenehmste, das bei der reichsten Mannichfaltigkeit an Abwechselungen den einförmigsten Tritt und Gang hat, mittelst welches es uns wie fortzieht. Unlustig geht sich's mit einem Gänger, der keinen Tritt hält; auch mit dem Epossänger giebt es ein böses Verkehr, der uns, wenn auch nur durch Fehler, in jeder Zeile an sein Silbenmaß erinnert. Des Silbenmaßes wegen lesen wir nicht, wohl aber wünschen wir, daß dieses uns, allenthalben dem Sinn und der Sache angemessen, angenehm stolz auf seinen Flügeln trage.« ––––– So weit Olympicus . Er hatte seinen Freunden damit neue Pforten geöffnet. V. Vom Funde der Gesänge Ossian's. »Hätte die Sammlung und Uebersetzung der Gesänge Ossian's auch nichts bewirkt,« fuhr Agathon an seinem Tage fort, »als der Welt ein Beispiel vor Augen zu legen, daß epische Gesänge auch ohne Blutdurst und Mord, ohne Eroberungssucht, Schwärmerei, Aberglauben und Götzendienst, ohne Gespenster und Teufel bestehen mögen, so waren sie erwünschte Geschenke. Aber sie haben viel mehr genutzt und werden noch Mehreres bewirken. »Lange wußte man, aus Buchanan Seiner Rerum Scoticarum historia (1582), – D selbst, daß die Galen Hochschottlands und der Inseln Gesänge bewahrten, die ihren Stolz, ihre Freude ausmachten; mit der unverstandnen, barbarisch geachteten Sprache blieben sie fremden Völkern indeß ein vergrabener Schatz, ein Lüftchen, das in jenen einsamen westlichen Gegenden wie auf einer Geisterinsel tönte. Erst mit dem Anfange des verflossenen Jahrhunderts fing eine nähere Kunde jener Gegenden an, und das Jahrhundert verlief über die Hälfte, ehe die » traurig-süße Harfe, die Stimme vergangener Zeiten « Europa und der Welt ertönte. Unbefangene Gemüther haben sie mit Verwunderung, mit Freude und Entzücken gehört; andre, mit Vorurtheilen ihrer Sprache umstrickte, einem andern Geschmack ergebene fanden sie leer und ermüdend; Voltaire verglich sie gar mit dem Jagdgebell auf jenen nackten Gebirgen. Wie dem auch sei, Macpherson's , des Sammlers und Ordners, Blair's , des trefflichen Commentators, Smith's und aller ferneren Förderer der galischen Gesänge Verdienst dauert und wird mit wachsendem Ruhm dauern. Wer zur Bekanntmachung der Gedichte selbst in der Landessprache, zu ihrer Erläuterung aus solcher und der Landesmusik beiträgt, den erwartet ein neuer Ruhm; denn eine Sprache, in welcher menschliche Empfindungen dieser Art erklingen, sie muß nicht aussterben, kann und darf auch forthin nicht als eine barbarische Sprache betrachtet werden. Dem angefangenen Jahrhundert stehen diese längst gehofften Verdienste und Beschäftigungen bevor. »Die angenehmste Gestalt indeß, in der Ossian's Gedichte sich mir zeigten, war nicht die epische, sondern die ursprüngliche, die simpelste und erste, da sie in einzelnen Fragmenten, als Lieder erschienen. »Fragmente der alten hochschottländischen Dichtkunst«. Uebersetzt Hamburg 1764. - H. [Vgl. Herder's Werke, V. S. 345 ff. – D.] In dieser Gestalt haben sie nicht nur die trefflichste Rundung, eine überschaubare Kürze, sondern erregen auch das Gefühl der Vollendung , ohne welches ein musicalischer Gesang nie sein sollte. Glücklicherweise haben die meisten und schönsten Stücke galischer Poesie diese ihnen natürliche Urform erhalten. Wenn Macpherson andre zusammenschob und seinen Fingal , sein Temora als Epopöen hinstellte, »Fingal, ein Heldengedicht«. Uebersetzt Hamburg 1764 und sonst häufig. – H. so thut man wohl, wenn man dem Inhalt seine ächte Gestalt wiedergiebt, d.i. die Gesänge vereinzelt und auseinanderschiebt . Man gewährt sich damit Ruhe des Genusses dieser Empfindungen und Ansichten, indem man, etwa des Inhalts wegen, nicht Bücher hindurch gejagt wird. Diese Gattung Gesänge und Scenen wollen Ruhe, wollen Erholung. »Ossian's Gesänge, man hat es oft wiederholt, geben dem Pinsel keine Homerischen Bilder . Wer hat Dir gesagt, Pinsel, daß sie Dir solche geben wollten und müßten, daß der Dichter für Dich singe, oder vielmehr daß das empfindende Herz für Dich dichte? Sehr natürlich ist's zwar, daß, wenn, wer Dich trägt, großmüthig-liebliche Abenteuer hört, er das Täfelchen hervorzieht, Gestalten entwirft und eine Bilder-Iliade , einen Homerischen Katechismus in Figuren haben möchte, wie man voreinst, als Bücher selten und theuer waren, sich an einer Armenbibel in Holzschnitten begnügte. Für Kinder mag so etwas gelten, auch an den Fensterscheiben der Kirche und Klöster waren diese Gemälde nicht unrecht; willst Du aber, daß der menschliche Geist ein Kind bleibe, daß das menschliche Herz an Deinen gemalten Ulyssen und Polyphemen erlechze, daß eine Armenbibel dieser Art gar Maßstab Homer's, Ossian's werde, so wisse, Freund Pinsel, für Deine kindische Graphik hat weder Homer noch Ossian gedichtet! Gerade wo der Pinsel verstummt und der Stimme nicht folgen kann, d. i. wo die Gestalt Geist wird und durch Ohr und Auge im Herzen wohnt, gerade da wirken und schweben die Geister. Und in Ossian wären keine dergleichen? keine Geister, keine Gestalten? Wäre Ossian ein Engländer, längst stünde in London eine Ossian -Galerie da, one Shilling der Eingang, das Büchelchen gratis. »Kein Wunder, daß die Culdeer gegen Ossian's Gesänge und Geschlecht so erbittert waren. Hier waren keine Götzenbilder zu zerstören, keine Gespenster zu bannen, keine Dämonen zu vertreiben; unvertreiblich wohnten die Gestalten in Seelen, in Herzen die Dämonen. Man lebte und starb auf diese Gesänge und ihren Inhalt; bei Männern war an keine Grillenhängerei, bei Weibern an kein Wollustpfuschen zu denken, wodurch man andern Nationen das Netz anzuknüpfen wußte. Hier bestand Alles im Gebiet und in der Form armer, beschränkter, aber reiner Menschheit, dem falschen Blendwerk der Sinne wie unzugangbar. »Angenehm ist's zu denken, was, hätte die Entdeckung Ossian's in Klopstock's Jugendzeiten getroffen, Jener auf Diesen gewirkt hätte; zwei so verwandte Genien und Harfen! Vielleicht – doch wozu dies Vielleicht? Jetzt stehen (Gewinn für uns!) Beide neben einander. »Und was der Erste zeigt, wie viel der Dichter entbehren könne, wenn er sich vom Ungethüm der Götzen und Phantasie Soll wol Phantome heißen. – D. fern hält, wie viel dagegen er gewinne, wenn er dem Verstand und Herzen, nicht blos dem Auge dichtet: dies hat Klopstock , ohne Ossian zu kennen, nicht minder erwiesen. »»Wie?« sagt man, »ein fleckenloser Held die Seele der Epopöe? eine reine, häusliche Liebe sammt dem ganzen Ahnenruhm und Thatenstolz der Nation die Seele des Dichters? keine Phantome, weder als Feinde noch als Hilfsmaschinen, und dennoch Alles belebt, Alles voll geistigen Lebens?« Wem dies ein Widerspruch scheint, lese Ossian, sehe, wie er gleich seinem Vater Fingal sich nur durch Großmuth rächt und noch rächen werde; denn ungerächt liegt allerdings noch Fingal's Geschlecht, und Fingal's Rache, auch in seinen Tönen, ist keine andre als Wohlthat. Das Licht alter wird ein Gesang neuer Zeiten werden, der Schwanengesang Ossian's die Stimme eines neubelebten Phöbus . »Insonderheit wird und muß das weibliche Herz der Harfe Ossian's immer geneigt bleiben, da es aus ihr im Glanz des Mondes und der abendlich untergehenden Sonne die kühnsten und sanftesten Gestalten beider Geschlechter aufsteigen sieht, die ihm selbst aus Herz und Seele zu entspringen scheinen. »Uebrigens mögen Iren und Schotten mit einander kämpfen, wer von ihnen beiden die besten und eigenthümlichsten Gesänge der galischen Sprache hervorbringe. Gewiß ist's zwar, daß dieser große Völkerstamm sich nicht von Nord nach Süden hinab, sondern von Gallien nordwärts hinauf verbreitet habe, mithin die Gallier des festen Landes, die Galen der Insel Foin (Irland), ältere Einrichtungen gehabt haben können und müssen als die Galen der Hebriden und der schottischen Gebirge; ebenso gewiß ist's aber, daß sich alle Völker in dergleichen weiten Verbreitung stark, oft feindlich und wesentlich geschieden, und daß meistens die, die das hohe Ufer oder Gebirge und dürftige Gegenden besessen, sich vor denen hervorthaten, die in flachen, mildern oder überhaupt den früheren Sitzen blieben. Hier bestanden die alten Einrichtungen und Sitten als Fesseln; hier besaß man, dort wollte man erwerben. So hat hohes und niederes Land oder Ufer Normänner, Dänen, Schweden, Ober- und Niedersachsen, Nord- und Süddeutschland von einander geschieden; Inseln, Meerbusen u. s. w. scheiden noch mehr und bringen neue Bestrebsamkeiten, einen frischeren Charakter unter die Völker. Einen angenehmen Localcommentar sowie einige treffliche dem Gange der Ursprache gemäße Übersetzungen Ossianischer Gedichte giebt eine neuere Beschreibung einer Reise in die Hochlande: »Caledonia«, von der Verfasserin der »Sommerstunden« (Emilia Harms). Hamburg 1802. 1803. – H. [Die Verfasserin, frühere Frau von Berlepsch, war Herder persönlich bekannt. – D.] Irland mag also Hirtengedichte oder Druiden-Gesänge seiner Art gehabt haben, Fingal's und Ossian's Lieder werden wahrscheinlich ihren Gegenden und Helden, ihren Thälern und Höhen, Strömen und Buchten mit örtlichem Ruhm bleiben. »Der letzte Ton, in dem Alles gleichsam erstirbt, drückt auf ihre Urkundlichkeit das Siegel. Die Irland in Schlachten nie hatte bezwingen können, unterwirft es durch Mönche; Fingal's Geschlecht geht unter und verhallt in Ossian's letztem Seufzer. Die Geschichte zeigt, wie leichter Erin zum Christenthum zu bringen war als dies zerstreute Heldengeschlecht, und wie thätig sich jenes erwies zum Fortbau des Culdeismus . Alles der Natur der Sache und Gegenden gemäß. Je näher den Ursitzen der Druiden-Religion, desto gewohnter ist man an strenge Gebräuche; geschah der Wechsel einmal, ist der Culdeer so eifrig wie einst der Druide, dagegen in der Entfernung, unter kleinen Stämmen und Familienhäuptern, wie Fingal war, das Härteste im Druiden-Cultus verschwinden oder unmerklich werden konnte, gewiß aber nicht mitgesungen werden durfte. Auch diese Analogie ist bei andern weit umher verbreiteten Religionen merklich. Im Schooß der freien Natur spricht das menschliche Herz zwangloser und lauter als am Druiden-Altare.« ––––– Beilage. Volkssagen über Ossian, von einem gelehrten Hochländer. Hochschottländer . Erhielt Herder etwa diese Mitteilungen handschriftlich? Die Bekanntschaft eines Hochschottländers hatte er im Jahr 1800 gemacht. Vgl. Knebel's Brief an Herder vom 4. August 1800. – D. Die Sagen eines Volks, bei dem noch nicht Wissenschaften blühen, werden als ein Gemisch von Leichtgläubigkeit, Betrug und Thorheit betrachtet; es ist der Ton unserer Zeit, ihnen keinen Glauben beizumessen. Niemand, der die Wahrheit aufrichtig liebt, wird historische Schlüsse auf sie allein bauen; indeß in Verbindung mit übereinstimmenden Umständen geben sie jenen mehr Festigkeit. Ein dunkler Schleier deckt die hochländischen Volkssagen und ist Denen, die in jenem Lande nicht geboren sind, nicht lange Zeit sich darin aufgehalten haben, undurchdringlich. Hieraus entstanden jene sonderbaren abgeschmackten Begriffe von diesem Lande, die Reisende, die weder Sprache noch Sitten des Volks kannten, verbreiteten. Ihnen mußten die dichterischen Volkssagen der alten Hochländer unverständlich, oft widersinnig scheinen, indeß sie Dem, der im Lande erzogen ist, leichter zu entschleiern sind. Die Geschichte Hochlands stützt sich allein auf die Sagen und Gesänge der Thaten und Schlachten dieses Volks. Da Ossian in einigen Stellen seiner Gedichte »den König der großen Welt«, so auch »das Gold der Fremden« und »die Männer des Caracalla« erwähnt haben soll, so haben Einige, und besonders der scharfsinnige Dr. Smith in Campbeltown, das Leben Ossian's in das dritte Jahrhundert gesetzt, in die Zeit, als Caracalla eine römische Armee in den westlichen Theil Schottlands sandte. Doch in allen den Gesängen, die ich im Hochland gehört, habe ich nie etwas gefunden, was Bezug auf die Römer haben könnte. Fingal's Feinde sind darinnen blos die Dänen, Irländer und Ostpikten oder Unterschotten. Bestimmt will ich indessen hierüber nicht entscheiden; nur so viel ist gewiß, daß die allgemeine Volkssage Ossian einige Jahrhunderte später leben läßt. Sie erzählt nämlich: »Ossian war ein alter Mann, als die Culdeer anfingen, die päpstlichen Lehren fortzupflanzen. Wie nun das Christenthum sich mehr ausbreitete, wurden Alle, die noch an der alten Religion hingen, mit katholischem Eifer verfolgt und die Druiden in ihren Tempeln, indem man diese anzündete, getödtet.« Einige Gesänge, die in dieser Zeit von den Druiden gemacht sein sollen, führt John Mawdram in seinem vortrefflichen Gedicht über die Auswanderung nach Amerika, 1769, an. Daß die Tempel der Druiden wirklich durch Feuer zerstört wurden, sieht man an den noch häufig im Hochland, besonders im Unterland gefundenen runden Plätzen, breiten Steinen und Ueberbleibseln verbrannter Eichen. Fast bei jedem Dorf findet man solche Ruinen, auch manchmal in unbewohnten Gegenden, bei einem See oder Fluß. Die Druiden wurden in der galischen Sprache weise Männer genannt. Die alten Hochländer glaubten, wie es noch viele ihrer Gedichte ausweisen, an ein höchstes Wesen, welches sie selbstständig Wesen nannten. Ihre Meinungen über ein zukünftiges Leben scheinen uns, da wir solche blos aus Gedichten kennen, die einen andern Zweck, als ihr Glaubensbekenntniß zu besingen, hatten, verworren. Die Wolke war der Wohnsitz des Patriotismus und der Liebe, ein freundliches Herz die Belohnung im künftigen Leben. Die Stimme des Ruhms , das ist der Gesang der zurückgebliebenen Freunde, dem Verstorbenen zu Ehren, den sie hochschätzten, führte sie bei ihren Vorfahren ein. Mit einem Seufzer und einer Thräne wurden sie zugleich unter freundlichem Lächeln von ihnen empfangen. Die Gestalt dieser war klar und durchsichtig wie die kräuselnde Wolke, die der West zertheilt, schwach ihre Hände, ihre Stimme tief, doch sanft wie des lispelnden Rohrs auf Rego. Sie schwebten über ganz Caledonien, und als Segen erfreuten sie sich eines endlosen Raums . Diesen schätzten sie über Alles, so wie eng und eingeschlossen ihnen ein Bild des Schreckens und des Abscheus war. Daher nannten sie das Grab das enge Haus und ein niedriges Gemüth den Athem einer engen Seele . Sie wurden nicht alt, aber immer weiser; denn sie unterhielten sich mit den guten Menschen anderer Zeiten. Hingegen wurden die Seelen der bösen Menschen wirbelnd in einen dicken Nebel getrieben, der immer über einem stinkenden Morast schwebt. Nie kommen sie aus diesem Nebel, erblicken die Sonne nie. Keiner weiß den Namen des Andern. Ihre Blicke sind auf einander geheftet wie die des rothäugigen Dänen unter dem herabhängenden Augbraun auf das Schwert Fingal's . Das schwarze Wasser ihres morastigen Sees ist ihr einziges Gespräch, Reihergekreisch und Entengeschnatter ihre Musik; sich die Ohren haltend, entsinken ihnen matt die Hände. Jeden plötzlichen Tod schrieben sie einer unsichtbaren Hand zu, die einen Stein aus den Wolken wirft, und den sie Pfeil der verheerenden Frau nannten. Dies ist ein leichter Umriß des Glaubens der alten Caledonier, so wie ich ihn in den alten Gesängen, Sagen und zum Theil noch existirendem Aberglauben der Hochländer und Inselbewohner fand. Obgleich diese Strafen und Belohnungen einem erleuchteten Christen lächerlich vorkommen, so zeugen sie doch von einem moralischen Gefühl. Ihr Hauptbegriff des höchsten Wesens war, daß es die Wolken und himmlischen Körper regiere und Freude an der Tapferkeit und dem Glücke der Menschen habe, daß es aber immer unsichtbar blieb, aus Furcht, der ganze Erdboden möchte es fangen und einkerkern . Die Römisch-Katholischen, worunter ich die Culdeer verstehe, verbunden mit den Unterschotten und den andern Feinden der armen Caledonier, entschlossen sich, diese mit Gewalt zum neuen Glauben zu bekehren, da sie es durch Ueberzeugung nicht vermochten. Die Sage erzählt: von diesen frommen Männern sei ein öffentliches Fest zu Ehren des unter ihnen und den Caledoniern errichteten Friedens veranstaltet worden. Bei diesem hätten sie den Saft einer giftigen Pflanze in den Trank der Caledonier gegossen, wodurch diese 25 ihrer besten Krieger verloren hätten. Den übrigen Caledoniern erzählten sie, daß diese Gestorbenen durch ein Wunder ihres Gottes umgekommen wären. Dies mußte den Caledoniern um so wahrscheinlicher sein, da sie Gift und seine Wirkung nicht kannten. Viele von ihnen nahmen hierauf die christliche Religion an. Dieselbe Sage fährt fort, daß Ossian ebenfalls in seinem 120sten Jahre vergiftet worden, nachdem er zuvor folgendes Gespräch mit einem Katholischen, Namens Padruig, gehabt: Vgl. das erste Gespräch über Nationalreligionen, oben S. 533 ff. – D. Padruig . Ossian, Dein Vater ist – Ossian . O wo, sag, Du weiser Padruig. wo ist er? Padruig . Dein Fingal, Dein Vater ist in der kalten Hölle, mit all Deinen Freunden in einen engen Raum eingeschlossen. Ossian . Sprich, Du Unheil lächelnder Padruig, wo ist diese kalte Hölle? Und ist sie nicht ebenso viel werth als der Aufenthalt der Seligen Deines Gottes, wenn Wild und schnellläufige Hunde sie bewohnen? Padruig. Dein Gott ist schwach, der meinige ist allmächtig. Ossian. Wären Carril und Haull, der braunhaarige Diarmid und mein Oskar – mein Sohn, noch unter den Lebenden, der Gott der Männer wie Du hätte uns Wände gebaut, Eure Anführer einzuschließen. ––––– Lange Zeit, ehe diese Unterredung stattgehabt, erzählt die Sage weiter, hätte man mehrmals versucht, Ossian zu bekehren. Seine unveränderte Antwort aber war diese: »Ich bin alt und wünsche mit Fingal in seiner Wolke zu leben; ich mag nicht in den Himmel der Schwachen.« Da er sich in seinem blinden Alter ohne Schutz, ohne Hilfe sah, folgte er Malvina's Rath: »Laß unbetreten Cona, wenn roth ist sein Strom!« Er sprach nicht mehr über Religion. Die meisten Gedichte, die wir von Ossian besitzen, sind aus dieser unglücklichen Periode seines Lebens; alle seine Freunde waren todt, daher diese tiefe Melancholie, die seine Gedichte athmen. Diese Sage über Ossian, die ich von meiner Kindheit an gehört, hat immer tief meine Seele bewegt. Ich gebe ihr allen Glauben, verlange aber deswegen nicht, daß Andere mir hierin folgen sollen; ebenso wenig vermag ich zu entscheiden, ob die Einführung des Christenthums oder vielmehr die Art, wie solches geschah, jene glänzende Epoche der Caledonier stürzte. Jede Übertreibung, auch der besten Sache, bringt schädliche Folgen. Die Geschichte zeigt uns hell genug, wie oft die wohlthätigsten Lehren durch Haß und Rache ihre Gestalt verloren. Die Mohammedanische Religion wurde durch Feuer und Schwert gepredigt; doch in jenen Gegenden, bei der verpesteten Luft, dem Gezische der Schlangen, dem Geheul der Hyänen und der Blutgier der Löwen und Tiger, konnte Menschlichkeit sich nicht ansiedeln. Aber in Europa – in England – wie konnten da Christen so handeln – den friedlichen Ossian in seinem hilflosen Alter vergiften! Dieser edle Greis, als er die Wirkungen des Gifts spürte, ging in den einsamen Hain, wo er gewöhnlich seine Harfe und das Schild seines Vaters ertönen ließ, legte sich mit dem Gesicht auf die Erde und – ward schlafend gefunden. N. S. In keinem von Ossian's Gedichten finden sich Spuren vom zweiten Gesicht ( second-sight ). Diese Wundermacht ist von den Missionairs der römischen Kirche eingeführt worden. VIII. Zutritt der nordischen Mythologie zur neueren Dichtkunst. Irrig ward dieser Aufsatz in der Adrastea als sechste der »Theoxenien« bezeichnet. – D. ––––– Längst wußte man, daß die Skalden , Dichter der Einwohner in Dänemark, Norwegen, Schweden und Island, in Sagen , in Saxo und andern Geschichtschreibern des Mittelalters zum Theil übersetzt, zum Theil in der Ursprache bekannt waren. Eine eigene Gattung sogenannt runischer Literatur waren wir sehr verdienten Gelehrten des siebzehnten Jahrhunderts, Olaus Wormius, Bartholin u.s.w. sowie, obgleich verstümmelt, dem Resenius die Herausgabe der isländischen Mythologie und Poetik, der sogenannten Edda , schuldig. Im nächstverflossenen Jahrhundert ging man, obwol unterbrochen, auf dieser Bahn weiter. Hickes in England schrieb seinen Schatz mittelländischer Sprachen ; das Magnäische Institut, dessen Stifter Arne Magnussen (Arnas Magnäus), zu Kvennabrekka 1663 geboren. – D. allen Preis verdient, machte mehrere isländische Sagen nach und nach bekannt; es war fast entschlafen, als Peter von Suhm mit nordischem Heldeneifer das entschlafne Studium erweckte. S. Nyerup's »Chronologie der Ausgaben aller nordischen Sagen« in Gräter's »Bragur«, Bd. 2. S. 354 ff. – H. Mehr als eine Aurora borealis glänzt um den Namen dieses verdienstreichen Mannes als Herausgebers, Geschichtschreibers, Dichters, als Beförderers der nordischen, arabischen und jeder Literatur, vorzüglich aber als eines edlen Mannes und Menschenfreundes. S. Uebersicht des Lebens und der Schriften Peter Friedrich von Suhm's, geschrieben von Nyerup, übersetzt von Eckard, [Kopenhagen] 1799. – H. Eine Reihe von Sagen, unter andern auch die zweite Edda , sind auch durch seine Unterstützung philologisch würdig ans Licht getreten; seine Bahn werden Andre verfolgen. Drei Nationen, Normänner, Dänen, Schweden, deren Edle sich nicht schämen, an der Literatur ihres Vaterlandes Theil zu nehmen und damit den Geist ihrer Väter unter sich zu erwecken und festzuhalten, Gelehrte, die, wie Torfäus und Ihre , Langebeck, Suhm, Anchersen u. s. w., die sich für die Geschichte bemühten, stehn wie die Sterne des nordischen Himmels hellglänzend. Die Beurtheilung dieser alten Schriften im Felde der Kritik und Geschichte gehört nicht hieher; vielleicht ist die Aufgabe, woher die Begriffe der ältern Edda, d. i. der Voluspa, sammt den Fabeln und der ältesten und neueren Sagen genommen seien, noch nicht aufgelöst. Eine andere Anschaulichkeit gewann die Sache, als zwei deutsche Dichter, Klopstock und Gerstenberg , die nordische Mythologie auf den deutschen Parnaß übertrugen. Klopstock in seinen »Oden«, in »Hermann's Schlacht«, »Hermann's Tod«, »Hermann und die Fürsten«; Gerstenberg in seinem »Gedicht eines Skalden« und in seiner »Minona«. Andre sind ihnen gefolgt, unter denen sich Karl von Münchhausen auszeichnet. – H. Bald entstand eine Partei, die diese Mythologie nicht nur über die griechische setzte, sondern im Angesicht jener dieser beinahe Hohn sprach. Dem Unverdrossenen, der sich in Anpreisung und Exposition dieser nordischen Blumen die seltenste Mühe gegeben, Gräter , ist noch keine Gerechtigkeit widerfahren; fast unbillig ist die Kälte, mit der man seine Sammlungen aufnahm. »Nordische Blumen«, »Bragur«, »Braga und Hermode«. – H. Wie die Sache liege, ist ziemlich klar. So wenig die Griechen ihre Mythen für Isländer und Deutsche erfunden oder angewandt haben, so wenig wäre die Edda für sie gewesen. Bei uns, die wir in der Mitte stehn, ist die Frage: was wir aus der und jener Sagenlehre zu machen verstehn, wie wir sie zu gebrauchen vermögen . Nur in der Anwendung findet jede Sage ihren Werth; und da die nordische Mythologie unsrer Sprache näher oder gar einheimisch ist, da die Helden, von denen sie redet, Brüder unsrer Vorfahren, und die Thaten, ja das Klima derselben selbst, unserm Genius verwandt sind, so kommt es nur darauf an, wem die nordische Iduna ihren Apfel schenke. Zuerst beträfe es die Opera et dies », Anspielung auf das Gedicht des Hesiod. – D. den Preis unsrer Gegenden, unsrer Vorfahren, ihrer Thaten und Lebensweise . Was hatten mit diesen die Musen Griechenlandes zu schaffen, die weder unser Eis, noch unsere Nordlichter, noch die Winterblume des Schnees kannten? Nach Ort und Zeit wäre manchen Gegenständen der griechische Apollo so fremde als der indische Rama, dagegen Braga und Freia, Thor, Odin, Locke Loki. – D. ihnen wohlthun. Wo die nordische Mythologie aufs Innigste local und klimatisch wird, also daß sie sich in die Ströme Walhalla's, in die Blüthen Glasur's, in die Röthe der Alfen gleichsam taucht: da schaudert uns eine fast angeborne Mitgenossenschaft dieser Bilder an; wir fühlen, daß wir hieher, in kein andres zarteres Märchenland gehören, wir frieren. So auch bei Charakterzügen in Tugenden und Fehlern dieser Helden, am Sichtbarsten bei Benennungen und dem ganzen Charakter der poetischen Sprache . So wenig es manchen Geschichten an biederer Rohheit fehlt, so sind anderseits in andern häusliche Sittsamkeit, Zucht und Ehre, die Farbe der Scham und alten Tugend bei Männern und Frauen unsers Herzens, unsers Mundes Sprache. Wo wir bisher in diesen Sagen nur Schaum schöpften, mit Bildern und Namen spielend, so konnte es freilich nicht anders sein, als daß der Schaum zerrann, der Wortnebel zerfloß, die Trugbilder verschwebten; wäre dagegen aber kein besserer Gebrauch möglich? Vor Zweierlei müßte man dabei auf seiner Hut sein, vor Großsprecherei und Rohheit . Hat man nicht geglaubt, daß, wenn man Hermann sänge , man ihn auch für lauter Hermanns singe , daß die deutsche Nation, dem Gipfel der Weltüberwindung nahe, einer gefundnen Mythologie wegen über alle hervorrage? Die Sänger selbst gaben sich Namen der Barden, mit denen sie (Knabenspiel!) auch außer der Poesie genannt wurden, eine kindische Hochthuerei, die keinem, am Wenigsten dem deutschen Charakter geziemt. Ebenso wäre auch die Rohheit zu vermeiden, die uns vom Hammer Thor's, dem großen Kessel, den Mägderäubereien dieser Helden Manchem angelüsten möchte. Aus der » Edda « sowol als dem Heldenbuch müßte nur das hervorgehn, was uns tapfrer, mäßiger, in uns selbst stärker, dem Menschengeschlecht liebenswerther und edler macht; jene rohe Wildheit bleibe ältern Zeiten! ––––– Von Seiten der Sprache verdient das Studium dieser Sprachschätze alle Empfehlung; uns Deutschen enthalten sie eine alte Schwestersprache . Und obgleich seit Leibniz das ganze Jahrhundert hinab es an einzelnen Gelehrten nicht gefehlt hat, die dies Studium, einen Abriß des Nationalwissens , trieben, Frisch, Schilter, Wachter, Bodmer, Gottsched, Popowitsch, Lessing, Klopstock, Oberlin und Ihre. – H. so wird das angetretene Jahrhundert auch noch zu suchen, zu finden, zu erörtern, zu wünschen, zu hoffen haben. Hoffe man nur, was wir nothwendig uns selbst geben müssen, nicht aus Island! Gespielt ist gnug mit dieser Mythologie; zum Ernste! Möge dann auch mit dem neuen Jahrhundert dieser Literatur ein kritischer Morgen angebrochen sein; Schlözer's »Isländische Literatur und Geschichte«. Göttingen 1772. – H. und Adelung's S. Becker's »Erholungen«, Jahr 1797. – H. Zweifel über sie sind nicht zu verachten. ––––– Und wie bräche dieser Morgen an? Mich dünkt, die Lage der Weltgegenden will es also: 1. Da offenbar die » Edda «, d. i. das Gemengsel poetischer Fragmente und Fabeln, dem man seit Resenius folgt, von christlichen Begriffen umschlossen ist, auch wol nicht anders als also hat eingefaßt werden mögen, indem jede Zeit ihren Gesichtspunkt der ältern vorträgt, so sondre man vor Allem diese beiden Systeme von einander! Keine Dreieinigkeit, kein doppeltes Reich der Götter, kein Abend ihres Unterganges liege zum Grunde, sondern die Fabellehre , die als Kosmogonie und Naturansicht in der nordischen Sprache selbst liegt; denn sie ist ursprünglich. Wo auch in sie ebräisch-christliche Begriffe hinzugefügt sind, sondre man diese und wolle nur das Naturheidenthum dieses Völkerstammes kennen, mit der Frage: »Wo entstand solches? in Norden oder Süden? welche Welt von Begriffen drückt es aus?« Wie Schlözer die Genealogie des Forniot's , d. i. der Elemente, »Isländische Literatur und Geschichte«. – H. Andre andre Allegorien, unter ihnen artige Einkleidungen entwickelt haben, so durchgehe man harm- und streitlos diese Haushaltung nordischer Naturgötter, der Sprache einverleibt, ihr ursprünglich. So wenig wir Deutsche unsern Man und Teut , unsre Hertha u. s. w. von einem andern Volk entlehnt haben, so wenig jene Völker ihre Frigga, Freya, Lina , ihre Dwarfen und Alfen, Walküren, Dysen u. s. w. Dieser naturhistorische Theil der Fabel ist der Nation Eigenthum oder, wo er anderswoher genommen ist, ihr angeeignet . Kann man, wenn solches geschehen, auch nur muthmaßlich erweisen, um so besser. 2. Sorgfältig, aber ohne Vorurtheil untersuche man sodann, wo sich durch den Cultus oder durch Umstände der und jener Begriff, Sigthuna, Walholl, Fansal, Gladheim, das Land der Riesen u. s. w., der und jener Gegend angeeignet, wie und wann Asen und Asgard, Ida, Troza zu jener Naturfabellehre gekommen und mit ihnen die christlichen Begriffe zuletzt Alles umschlossen haben. Der Geschmack der mittlern Zeiten, die Analogie andrer Völker, die Wanderungen dieses Volks bieten hierüber Aufschlüsse dar. 3. Die hinzugekommenen, offenbar zum Scherz erfundenen lustigen Erzählungen von Odin, Thor, Locke u.s.w. erkläre man, wie man in Apollodor und Ovid dergleichen Märchen erklärt. Welche Mythologie hat nicht dergleichen? und diese sollte sie nicht haben, nachdem eine andre, sie verdammende Religion galt, und da man in langen Winterabenden scherzhafter Märchen bedurfte, in Island? So gesondert, müßte die »Edda« eine lehrreiche Vola, eine angenehme Großmutter werden. Uebrigens ist, Alles zusammengenommen, die Darstellung der nordischen Fabellehre, da sie selbst ein Gedicht ist, so abgeschmackt nicht, vielmehr ganz zeitmäßig, eine Reise nach Weisheit und Belehrung über die damals wichtigsten Fragen, die mit dem Untergange der Götter endet. Das feinste und klangreichste Gedicht über sie »Gedicht eines Skalden«. Kopenhagen, Odensee und Leipzig 1766 (von Gerstenberg). – H. konnte sie nicht anders enden lassen, sie verhallt in den Ton: »Er mißt den Himmel, stillt die Meere! Gericht und Recht ist um ihn her! Er ist der Herr, der Gott der Heere! Er ist! Wo ist ein Gott wie er? Hiermit schließt der vierte, mit den folgenden Versen der fünfte und letzte Gesang. – D. »In neue Gegenden entrückt, Schaut mein begeistertes Aug' umher, erblickt Den Abglanz höh'rer Gottheit, ihre Welt, Und diese Himmel, ihr Gezelt! Mein schwacher Geist, in Staub gebeugt, Faßt ihre Wunder nicht und schweigt.« – – und schweigt.« Ach! auf immer schweigt auch die Stimme des unsterblichen Priesters der Adrastea. In prophetischem Geist schrieb er diese Strophen – die letzten seines Lebens – es verhallte in diesem höheren Gebet. Sein Leben zwar, aber nicht die Stimme seines Geistes verhallt unter uns. Jeder leise Anklang von ihm wachse nun, entfernt von irdischen Dissonanzen, zum reinen geistigen Concert! Wir hören die Stimme eines Verklärten , wir folgen den Worten eines Heiligen . Ewig schau hernieder aus Deinen hehren Gefilden, Hoher, verklärter Geist. Sänger der Wahrheit Du! Träufle herab den himmlischen Thau, damit es gedeihe, Was Du gepflanzet, gesät, was Du gewartet, gepflegt! Himmlische Gärten entsprossen, voll Blumen, Blüthen und Bäumen, Reinen Genusses, wo Du , Priester der Menschheit, sprachst. D . Wilhelm Gottfried v. Herder. ––––– Anmerkung . Die hinterlassenen Blatter zur Adrastea folgen in den nächsten Stücken. Auch sie enthalten Funken eines Diamanten. – W. G. v. Herder. ––––– Nachlese zur Adrastea. Der sechste, 1804 in zwei Stücken erschienene Band. Die Bezeichnung Nachlese zur Adrastea haben wir der nach Herder's Tod erschienenen Ausgabe seiner Werke entnommen. – D. ––––– Vorrede. Adrastea , diese hohe Göttin über Recht, Vernunft und Maß begleitete den verewigten Herausgeber bis in den Tod. Tief schmerzte es ihn, seine Adrastea unvollendet zu lassen, die gleichsam als die Siegelbewahrerin des Wissens und Geistes, des Urtheils und Charakters des Verstorbenen von der Nachwelt anzusehen ist. Noch wenige Tage vor seinem Tode, schon in einem veränderten Gefühl seines Geistes und Körpers, wünschte er, »nur noch zwei Stücke der Adrastea schreiben zu können; sie sollten seine letzte vollendete Arbeit sein; in sie wolle er sein ganzes Bekenntniß legen, da ihm jetzt so Manches ganz anders erscheine. Er klagte, daß er so wenig in seinem Leben gethan habe, daß man zu hoch und zu künstlich zu forschen suche – und doch läge die Menschheit so klar und offen wie ein aufgeschlagenes Buch vor Augen; man dürfe nur lesen – statt daß man sich Alles so schwer mache!« Dies waren seine Worte und seine Klagen! Wer fühlt aber diese Klagen mehr, als wem die Stimme der Adrastea zum Gemüth sprach? Indeß hoffe ich Diesen ein angenehmes Geschenk zur Ergänzung des Werks mit der Uebergabe des sechsten Bandes zumachen, welcher zwar nicht der vom Verewigten entworfene, aber aus den hinterlassenen Papieren zur Adrastea geordnet ist. Mehrere der enthaltenen Stücke waren vollendet und zum Druck bereit, anderen fehlte nur die letzte Durchsicht und vielleicht einige Citate, noch andre sind leider Fragmente, aber gedankenreich und der Aufbewahrung werth. Die eingewebten Poesien mögen den strengen Blick der Adrastea erheitern und stärken! Nimm, erhabene Göttin, Dein Dir geheiligtes Werk in Schutz und Gedeihen! Weimar, den 16. März 1804. D . Wilhelm Gottfried von Herder. 1. Nemesis der Geschichte. Den Anfang des Heftes bildete das Gedicht »Arist am Felsen«, Werke, I. S. 220-224. – D. Es ist eine alte Bemerkung, daß der Vater der griechischen Geschichte, Herodot , nicht nur den Gang derselben nach Homer geordnet, sondern daß auch der im ganzen Werk herrschende Gedanke, die Seele desselben episch sei. Daß sie nicht anders als also sein konnte, und was dies Wort für die Geschichte in sich schließe, ist jetzt das Thema unsrer Betrachtung. Erstlich. Was wir in der Geschichte begegnen, wuchs aus kleinen, unbemerkten, fast unmerklichen Anfängen heran; wer säte diese Keime, wer führte ihnen gedeihende Witterung zu und zog aus ihnen Blüthen und Früchte, indeß andre wie durch die Macht eines bösen Schicksals untergingen oder mühsam emporkamen? Zweitens. Was hiebei vom Willen des Menschen abhängt, ist gegen das unsichtbare Mächtige , das ihn freundlich oder feindlich umgiebt, so wenig und so schwach. Der Augenblick übereilt ihn. Wie aus einem Hinterhalt brechen unvorgesehene, unabwendbare »Schickungen« hervor: wie mag er bestehen? wie konnte er sich gegen sie rüsten? Drittens. Und da das Schwerste und Höchste zuerst fällt, da, wenn alles Irdische gebrechlich ist, unser Auge sich zu prächtigen Ruinen zuerst wendet und an ihnen am Längsten haftet, da endlich der » Kampf mit dem Schicksal « (gleichsam mit unsichtbar widerstrebenden Geistern) im Zeitlauf großer, starker, glücklicher Menschen das ist, was die theilnehmende Betrachtung am Meisten anzieht: wie anders, als daß in der Geschichte menschlicher Dinge dies uns am Meisten beschäftigt? Setzt man, viertens, bei einem Griechen hinzu, daß der Reichthum und die Macht der Barbaren, verglichen mit der Beschränktheit und dem Gefühl der Griechen, nothwendig ihr Auge auf eine Gottheit begierig machen mußte, die dieser Barbaren Macht beugte, ihren Uebermuth stürzte: so ward mit oder ohne Namen eine Nemesis-Adrastea die Schutzgöttin der griechischen, und ist's aller Menschen-Geschichte , ihr wesentlich, von ihr unabtrennlich. Möge sie, wie es dem Gange der Cultur gemäß ist, von rohen Menschen zuerst roh, d. i. schadenfroh, neidisch- verderblich gedacht werden, je mehr, bei gezähmten Leidenschaften, auch in Uebersicht der Geschichte besonnene Klugheit und Ueberlegung wuchsen, desto Heller trat jene Nemesis auf ihrem Siegeswagen hervor, die wir als die gerechteste, lang nachsehende, schnell ereilende Lenkerin aller menschlichen Schicksale verehren. Nirgend feiert sie ihren Triumph still-prächtiger als in der Geschichte. Ohne sie zu nennen, weiht sich ihr der Geschichtforscher; der Aufseherin Wagen schwebt über ihm, ihr Schritt naht seinem Ohr, wenn er den Gang der Begebenheiten bemerkt. Entweder ist die Geschichte nichts als eine vernunftlose Wiedererzählung äußerer Zufälle – oder, wenn nichts Zufall, wenn in den Zufällen Geist ist, mit denen Vernunft und Unvernunft, Glück und Unglück ihr Spiel haben, welche andre Göttin könnte der Geschichte vorstehn als Nemesis-Adrastea , die Tochter Jupiter's , die scharfe Bemerkerin, die strenge Vergelterin, die Höchstbillige, die Hochverehrte! Es überschritte die Grenzen des heutigen Tages, den Umriß genauer zu zeichnen, unter welchem die Geschichtschreiber des Alterthums, Herodot, Thucydides, Polybius, Sallust, Livius, Tacitus, Plutarch, Herodian u. s. w. der messenden Göttin gehuldigt haben, dieser vernünftiger und scharfblickender, abergläubischer jener; gewiß indessen ist's, daß, je mehr sich auch hier der Nebel des Sinnlos-Wunderbaren hob, und man im Gange menschlicher Begebenheiten und Schicksale Ordnung und Regel erkannte, desto lehrreich-erfreulicher ward die Geschichte. Jetzt, da keine schadenfrohe feindselige Ate auf den Köpfen der Menschen muthwillig spielte, dagegen eine Gesetzgeberin still in den Busen blickte und nach einer Regel die Zügel lenkte, da ward der vernünftige wie der unvernünftige Mensch, das Steigen und Fallen des Glücks der Reiche nach den Sitten ihrer Bewohner, das Poco di più e poco di meno , worauf im Zusammenhange der Dinge Alles ankommt, einem Maß unterworfen, es ward eine Philosophie der Weltgeschichte . Wenn Frechheit der Menschen, wenn Unwissenheit und Aberglaube sie verdunkelten, leugneten und das Richtmaß der Wahrheit krümmten, so trug diese Keckheit selbst die Vergeltung auf dem Rücken mit sich, Unsinn und Frevel, Blendung und Verderben. Einer andern Zeit sei es aufbehalten, den langsamen Weg zu betrachten, den aus der Nacht der Mönchsgeschichten die historische Wissenschaft nahm, an Livius und Tacitus dies Regelmaß der Adrastea schwer und mühsam lernend. Italiener, politische Italiener waren es, die, indem sie Moral und Politik trennten, manchem Schwachen den ganzen Weg verdächtig machten und sich selbst verlängerten und erschwerten. Denn eine Nemesis ist's des Rechts und der dem Menschengeschlecht ziemenden Klugheit ; oder wo man sie sich in doppelter Gestalt denkt, stehen sie als Schwestern mit einerlei Attributen, als Herrscherinnen der Welt neben einander, auf einem Wagen. Zwar ist die Zeit noch nicht gekommen, daß man dieser Wahrheit: »Recht sei die höchste Klugheit, außer ihm gebe es keine«, traut und in ihr handelt; dem guten Grotius schrieb man es als Schwachheit an, daß er an ein »Recht der Menschheit in Krieg und Frieden« glaube, und Geschichtforschern, die mit Grundsätzen der Ehrlichkeit praktische Vorurtheile, insonderheit die falsche Ehre ihrer Nation bestritten, vergalt der politische Bube es gemeiniglich übel. Der Kampf zwischen Wahrheit und Irrthum ist indessen allgemein rege, und wohin der Sieg fallen müsse, kann auch dem flachsten Zweifler nicht zweifelhaft bleiben, da Wahrheit sich selbst bewährt. Auf zweien Wegen, die sich am Ende vereinten, ging man im vergangenen Jahrhundert, auch absichtslos, dem Ziel, das Geschichte zu dem macht, was sie sein sollte, Hier ist wol das Wort entgegen ausgefallen. – D. den Blick ausbreitend und beschränkend , ja. ihn gar auf einen Punkt heftend . Zu eben der Zeit, da Bossuet sein Gemälde der Weltgeschichte mit Glanz und Licht aufgestellt hatte, alle Begebenheiten an ein »geliebtes Volk Gottes« heftend, stellte Pufendorf seine Geschichte europäischer Staaten nach Völkern und Reichen hin, in nackter Gestalt, in trocknen Factis , aber wohlgeordnet. Lache, wer will, aber auf mehreren deutschen Universitäten haben manche seitdem geschriebene Lehrbücher der Geschichte sowol als der Statistik eine Ordnung, Deutlichkeit und Nutzbarkeit erhalten, die dem Chaos voriger Zeiten fremd bleiben mußten. Otto's »Republiken«, Mascov's, Gebauer's, Achenwall's Gatterer's, Schlözer's, Sprengel's, Spittler's bekannte Leitfäden bilden Entwürfe, bei denen ich staune, wie viel Großes und Gutes mit Weisheit und Güte darüber gesagt werden könne , ohne zu untersuchen, ob es jedesmal gesagt werde, und ob für einen vermischten Haufen knabenhafter Zöglinge jedes gehöre. Die Zusammenstellung der Staaten, Völker und Weltperioden indeß in ihrem Wechsel und Wettkampf gegen einander ist ein großes Olympia unter den Augen unparteiischer Kampfrichter der Weltregiererinnen Recht und Klugheit, Tugend und Schicksal . ––––– Die Bearbeitung » einzelner Reichsgeschichten unter diesem Anblick « ist, von welchem Volke auch die Rede sei, eine große Unternehmung; urtheile ein Kühnerer, ob die mit Recht ruhmvollsten Reichsgeschichtschreiber des vorigen Jahrhunderts, Hume, Dalin, Lagerbring, Mallet, Schmidt u. A. sie vollführt haben! Nur Deinen Namen darf ich nicht verschweigen, trefflicher Pietro Giannone , Istoria civile del regno di napoli, da Pietro Giannone. Nap. 1723. – H. der in der gefährlichsten Situation eines durch Gesetze und Stände verwirrten Reiches die Wirkungen dieser Gesetze, das Aufkommen und den Fall der Fürstenhäuser mit ebenso viel Muth als Gelehrsamkeit zu zeigen wagte! Ein verbannter flüchtiger Märtyrer der Wahrheit wurdest Du; Dein Sinn aber für Recht und Wahrheit ist auch für Dein Vaterland mit Dir nicht ausgestorben, in Seelen und Schriften der Genovesi, Filangieri u. s. w. hat er fortgewirkt und wird fortwirken, wenn auch nur in Entwürfen anfangsweise. Ob Frankreich gleich bisher keine Geschichte hat, geschrieben, wie sie sein sollte, in Fénélon, St. Pierre, Montesquieu, Mably u. s. w. hat sie Grundsätze und Samenkörner einer solchen Geschichte. Das schreckliche Ungewitter der Revolution muß selbst ihre zwar spätere, aber um so nützlichere Reife befördern. Seit dem Bunde der Franken, mithin seit Entstehung der Nation lag in ihr ein fürchterlicher Zunder zu Umwälzungen unter allen Nationen. Hätte Schweden nach dem schlichten Anfang Botin's durchhin eine Geschichte, besäßen wir von Europa das Gemälde seiner mittleren Zeiten, wie Müller und Koch es vorzeichnen, Essais historiques par Mr. J. M (Jean Müller Berlin 1782; Tableau des révolutions de l'Europe dans le moyen âge par Koch . Paris 1790. – H. ausgeführt, warum säumt der Geschichtschreiber seines Vaterlandes, der schweizerischen Eidgenossen , sich gegen den Unfall der Zeiten an einem Werk weiteren Umfanges zu trösten? Hätten Tacitus, Sarpi, Giannone, Montesquieu mit ihren Schriften bis ins graue Alter gesäumt, wahrscheinlich wären sie, wie Montesquieu's Geschichte Ludwig's XI. und so mancher andre Schatz der größten Männer – verloren. Seit Vertot, Du Bos, St. Réal , unter welchen der Erste noch jetzt mit Vergnügen gelesen wird, haben das vergangene ganze Jahrhundert hindurch Köpfe oder Federn, fast ohne Zahl, sich einzelner Zeiträume und Personen zu historischen Gemälden bemächtigt, Boulainvilliers und Gagnier der Geschichte Mohammed's, Oklei, Marin u.s.w. der Geschichte der Araber, Flechier und Marsolier des Cardinal Ximenes , Andre Saladin's, Rienzi's , und welches großen Mannes nicht? Oft geben zusammengestellt die ungleichsten Gemälde selbst ein Mittleres der Wahrheit. Am Lehrreichsten sind Zeiträume und Personen, in denen und durch welche sich Grundsätze und Sitten der Völker ändern, wo, wie auf der Wegscheide, die historische Muse gleichsam Gericht hält. Die Völkerwanderung , die Zeiten Theodorich's, Karl's und Otto's der Großen, Gregor's VII., Friedrich's I., II. , schwäbischer Kaiser, Ferdinand's des Katholischen, Karl's V., Ludwig's XI., XIII- XVI. , Peter's und der Katharina, Friederich's, Joseph's waren dergleichen; an sie hat sich in bekannten und gerühmten Schriften vorzüglich der Fleiß der Geschichtschreiber gehalten. Hier ragt Robertson hervor, er vielleicht der am Meisten epische Geschichtschreiber des verflossenen Jahrhunderts; mit Glanz und Wohlordnung hat er für die Menge geschrieben, daher er ein andres Schicksal als in der Geschichte Schottlands sein größerer Vorgänger Buchanan hatte. Wenn Dieser verbannt umherirren mußte, überhäufte Jenen seine Geschichte mit Lob, Lohn und Würden. Er und sein Nachfolger auf der Ruhmesbahn, Gibbon , haben sich zu Geschichtschreibern ex professo hinaufstudirt . Ob, indem sie Ideen geben, sie auch, wie die Alten, Ideen erwecken, ob sie das größere Gefühl geben, das, in Vergleich mit Sallust, Livius und Tacitus , ihre Zeiträume erwecken mußten, beantworte Jeder aus seiner Brust. Der größte Bearbeiter eines, und zwar kleinen Zeitraums unter den Neuern ist meines Urtheils Fra Paolo Sarpi ; seine Geschichte der Tridenter Versammlung ist, obgleich ohn' alle poetische Bilder den unannehmlichsten Gegenstand betreffend, das vollkommenste historische Epos . In mehreren Bearbeitungen der Kirchengeschichte ging Mosheim ihm nach, den er aber seiner zierlichen Langweiligkeit wegen nie erreichte. Eine ganze Kirchengeschichte, in Sarpi's Geist geschrieben, wäre ein Meisterwerk, obgleich vielleicht über menschliche Kräfte. In keiner Gattung Geschichte haben wir vielleicht so viel Gesammeltes, so wenig Bearbeitetes als in der Kirchengeschichte. Auch Muratori, Walch, Semler u.s.w. blieben nur Sammler. Der letzte, ohne Zweifel der höchste Entwurf der Geschichte wäre der Entwurf der Nemesis selbst, in allen Staatsverhüllungen die reine Menschengeschichte; Voltaire mit seinem vielleicht fehlervollsten Werk hat sich um sie ein unstreitiges Verdienst erworben. Denn so viel unnütze Scherze, so manche Lücken und Unrichtigkeit seine allgemeine Geschichte enthalten möge, der freiere Blick, den er um sich warf, das längere Band, mit dem er Alles knüpfte, vor Allem die Grundsätze der Toleranz , die Gefühle der Schonung , die er in alle Jahrhunderte verbreitet, sie stecken der allgemeinen Geschichte ein Panier auf, das Bossuet, Comenius, Arnold ihr nicht hatten geben mögen. Reisebeschreibungen, Schifffahrten, die Wuth nach Naturkenntnissen, die Bekanntschaft mit der ganzen Welt halfen der allgemeinen Geschichte; fortgehend und wachsend im Fortschritte, konnten sie die Menschen am Ende doch nur Menschlichkeit lehren. Was Portugal in Ostindien mit der Inquisition, Spanien in Amerika durch seine Behandlung der Einwohner, beide in Europa und in sich selbst durch Einfuhr des Goldes und Silbers ausgerichtet, was durch den Sclavenhandel nicht, wohl aber durch Belohnung des Fleißes, durch gegenseitige Billigkeit , durch gemeinsame Treue allein auszurichten sei, was Kriege, Verfolgungen, Aufstände, Revolutionen bewirken, Alles das hat in unwidersprechlichen Proben die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gezeigt. Verdienstvoll, wer sie vor Augen stellt und mit unwiderlegbaren Erweisen den Menschen menschlich zu sein gebietet! Die Folgen des Lasters und der Tugend, der Vernunft und Unvernunft, der Liebe und des Hasses unter den Menschen werden unter dem Glanz des Rechts und der Wahrheit das fortgehende Epos der Menschengeschichte . 2. Zweifel. Auflösung der Zweifel. ––––– Ein Fragment. (Siehe die Vorrede.) Um unsern Freund von dem Verdacht zu befreien, als habe er zu kühn Göttinnen zu unserm Feste gerufen, deren Gang in der Geschichte heilig-unmerkbar sei (denn wer vermag, sagt man, die Regel des Rechts und der Wahrheit in allen Veränderungen derselben, in jeder Begebenheit des menschlichen Geschickes zu finden!), rede ich jetzt. Und sage: Wenn in der Menschengeschichte keine Vernunft herrscht, wenn tolle Unternehmungen gleich klugen, ungerechte Handlungen den gerechten gleich oder mehr als sie gelten, warum lesen und sprechen wir von der Geschichte? Von Fieberträumen wäre sie eine ungeheuere Verkettung, deren Ende sich arme Thurmgefangene mit wüstem, leerem Grimm einander um die Häupter schlagen. Wie aber Verstand dem Menschen angeboren und es ihm eine Seligkeit ist, mit verständigen Menschen zu sprechen, Verstand in ihren Handlungen zu bemerken und sich des Lohns derselben mit ihnen in der Hoffnung zu freuen, daß dergleichen auch ihm wohl gelingen werden: so erwarten wir in der Geschichte von den Unsichtbaren, die uns begleiten, nichts Anders. Es dünkt uns Unsinn, daß Verstand und Thorheit einerlei sein oder gar ihre Wirkungen wechseln sollen, so daß Unvernunft sich wie Weisheit, Weisheit der Thorheit gleich in Folgen erzeige. Mit Recht und Unrecht ist's eben also. Müßten wir also die Eigenheit und den Vorzug unsrer Natur, die Regel unsers geistigen Daseins in Erwartung der Folgen unsrer Handlungen und ihrer Wahl aufgeben, so steht, unabtrennlich von ihr, eine Nemesis dem Lauf unsers Geschicks vor, die Wirkungen mit Ursachen bindet. Sähen sie Andre nicht, der Wirkende sieht und fürchtet sie; er hofft auf sie, wenn er nach der Regel des Rechts und der Wahrheit handelt. Oder Vernunft und Unvernunft wären einerlei, der Weise gleich dem Thoren, der Gerechte gleich dem Frevler, und aller Calcül aus der Welt verschwunden, da wir doch finden, daß in der unbelebten, mechanischen Schöpfung aufs Genaueste Alles auf einer Wage liegt, wo es an Ordnung, Maß, Ziel, an Zahl und Gewicht, denen es nicht entweichen kann, hangt: wo hört nun die mechanische Welt auf? wo fängt die regellos unvernünftige an? »Wo menschliche Geschichte anfängt,« wird man sagen, »beim Menschen!« als ob dieser nicht auch, als ein Erzeugniß der Natur, in ihr Gebiet, mithin ins Reich der höchsten Vernunft gehörte. Die Pflanze band die große Mutter an den Boden, das Thier regiert sie durch Triebe, den Menschen ließ sie frei. Frei auf der Erde umherlaufen, frei sein und Andrer Glück oder Unglück zu machen, wie? nach keiner Regel? in keinen Grenzen? unter Keines Aufsicht? Eben hier fängt also das Amt der strenge bewachenden Nemesis an. Gesetz der Natur ist's, daß brutale, barbarische Macht von überlegender, denkender Macht geordnet, geregelt, gelenkt oder gestürzt werde, Gesetz der Natur, daß eine kleinfügig-beschränkte Klugheit oder gar spitzfindige Arglist einer offnen, umfassenden, weiter hinaus schauenden Weisheit gehorche. Denn Weisheit ist mehr als Klugheit und – – – Hier folgten zunächst das Gedicht »Die Wage« (Werke, I. S. 190) und die Aufsätze »Pindar, ein Bote der Götter« (Werke, VII. S. 297-302», »Herculanum« (Werke, VIII. S. 135-142) und »Von der Begeisterung in Ansehung des Kunstausdrucks« (Werke, VIII. S. 142-144). – D. 3. Morgenländische Literatur. Die vielen und angenehmen Reisebeschreibungen nach Orient, die unter Ludwig XIV. erschienen waren, d'Arvieux', Chardin's, Tournefort's, Tavernier's, Thevenot's u.s.w., Herbelot's »Bibliothek«, Galland's »Tausend und eine Nacht« hatten die Europäer mit asiatischen Sitten so bekannt gemacht, daß der Orient ihnen näher gebracht schien. Reisebeschreibungen der Engländer, Maundrell's, Pococke's, Shaw's, Russel's u.s.w., brachten ihn den Gelehrten, den Theologen insonderheit noch näher, und so mußte, fast ohne oder wider Willen, die Frage entstehen: »Sind diese Sitten, diese Denkart und Lebensweise, diese Ausdrücke selbst auf die Schriften der alten ebräischen Nation anwendbar? Leben die Stammväter dieses Volks nicht noch in den Sceniten? Hiob als arabischer Emir? die Könige von Juda und Israel noch in manchem morgenländischen Befehlshaber? Man verglich und fand eine Einförmigkeit der Denk- und Lebensweise, des Ausdrucks selbst bei allen sogenannt semitischen Völkern zum Erstaunen. Die Schriften der alten Ebräer und ihre Traditionen erläuterten sich dadurch von selbst, sie traten aus einer mystisch- rabbinischen Dämmerung ins Licht einer gemeinen Völkeransicht. Man schritt weiter. Die alten Aegypter hatten symbolische Anstalten gehabt, die man Gottesdienst nannte; in einem Orden, einer Priesterclasse waren diese befestigt. Sie sprachen durch Gestalten, Figuren, Buchstaben, Gebräuche, Thiere, gar durch heilige Gebäude. Die politische Verfassung der Ebräer stammte aus Aegypten, manche Gebräuche waren einander ähnlich, andre einander entgegengesetzt feindlich. Sollte sich dazu die Ursache nicht finden lassen? sollte nicht der Genius eines Volks die Anstalten des andern erläutern? Man fand, man übertrieb Manches; die Forschung in den Alterthümern beider Völker weckte sich durch einander. Endlich die Cultur der noch lebenden, noch blühenden arabischen Sprache selbst. Jahrtausende lang war die ebräische ausgestorben, nur aus der Kindheit des Volks hatte sie sich in Schriften erhalten, indeß die arabische in Studien mancher Art fortgeschritten war und auf Europa selbst viel gewirkt hatte. »An einer lebendigen Schwestersprache«, sagte der große Albert Schultens , »muß man es versuchen, wenn man in den Gründen der gestorbenen Schwester nicht weiter fortkann«; so schrieb er seine Origines Ebraeae , sein Werk von den Mängeln der ebräischen Sprache, Werke voll Scharfsinns und ächten philosophischen Sprachgeistes. So erläuterte er den Hiob, die Sprichwörter; Andre aus seiner Schule, gelehrte Männer, treffliche Philologen, schritten ihm nach. Auf andre Sprachen, die griechische sogar, ging diese Sprachphilosophie über. »Wie aber? wurden dadurch die ebräischen Schriften nicht von gemeinerer Art? verloren sie nicht an ihrem Inhalt, wenn sich das Vorurtheil verlor, daß diese Sprache selbst göttlicher Erfindung und Construction sei, mithin auch ihre Auslegung besondrer, göttlicher Art sein müsse?« Die einzige göttliche Art der Auslegung ist natürlich, vernünftig; rabbinische Träumereien, die sich auf nichts gründen, sind es nicht, stolze Vorurtheile endlich, die nur dem Spott Platz machen, sind es am Mindesten. Eine Reihe Vorurtheile gegen den Inhalt dieser Schriften fallen weg, seitdem man sie gesund, d. i. local und zeitmäßig anzusehen und auszulegen gelernt hat; ein großer Theil von Voltaire's Späßen paßt nicht mehr auf dieselben. Jene frommen Rechtfertigungen, die man Ehrenrettungen der Schrift, biblischer Personen u. s. w. nannte, mit denen man sich selbst schamroth rechtfertigte, sind ebenso unbrauchbar als unnoth worden; man will an und in diesen Büchern nicht mehr und Anders, als sie sein wollen und geben, man will sie national, im Geist ihrer Zeit ansehen und erklären. Die Vorwürfe des Fragmentisten z. B., den Lessing herausgab, fallen größtentheils hinweg, sobald man diese Schriften in ihrem , nicht in erborgtem, fremdem Sinn liest. Wäre es kein Gewinn, von albernen, Mühe und Zeit kostenden Winkelvorurtheilen frei zu sein und am großen Licht der Sonne diese wie andre Schriften zu lesen? Wir Protestanten freuen uns des gesunden Menschenverstandes, mit welchem Luther, Brentius, Pellican, Melanchthon und so viel andre treffliche Männer diese Schriften ansahn, wir freuen uns des Heldenmuths, mit welchem unser Reuchlin das Studium der ebräischen Sprache nach gesunden Grundsätzen für alle künftige Zeiten rettete; von Hieronymus an bis zu Erasmus, Grotius u. s. w. ist jeder sprachgelehrte, gesunde Ausleger unser Mitbruder, in der Grammatik und Hermeneutik gilt kein Stand, keine Secte. Allein die gesunde Vernunft, mit Redlichkeit des Herzens, Natur- und Sprachkenntniß verknüpft, einigt Gemüther, Zeiten und Völker. Also ist das Lob einiger Männer des vorigen Jahrhunderts nicht zu übergehen, die sich auf dieser Bahn, obwol anfangs mit vielem Widerspruch, Verdienst und Ruhm erwarben. Am Anfange des vorigen Jahrhunderts gab Thomas Hyde , Professor zu Oxford, sein Werk von der Religion der alten Perser heraus, Th. Hyde De religione veterum Persarum. Oxonii 1700. 4. – H. das wegen seiner aus Morgenländern, vorzüglich Arabern gesammelten Stellen großen Beifall fand und auch verdiente. Ueber die Mitte des Jahrhunderts hinaus blieb es die Summe dessen, was man von Zoroaster wußte, zumal man mit dem daselbst auch gelieferten Sadder den Zend-Avesta zu besitzen glaubte. Hyde und Brisson , den Lederlin vermehrt herausgab, Brissonii De regio Persarum principatu libri III, cura et opera Lederlini. Argentorati 1710. – H. waren die ersten classischen Werke, denen man folgte. Im Jahr 1771 erschien zu Paris Zend-Avesta, Zoroaster's Werk, aus dem Zend übersetzt von Anquétil du Perron , mit seinen Anmerkungen, mit Proben der Ursprache und einer Beschreibung der Reise, die Anquétil in den Besitz dieser und andrer Sprachen, auch einer zahlreichen Menge Handschriften in ihnen gesetzt hatte. Bald erhoben die Engländer ihre Stimmen dagegen; W. Jones, Richardson u. A. stritten die Aechtheit der Sprachen und Schriften, der Person des Zoroaster's selbst an; Meiners mit seinem großen Schwert hieb nicht nur Zerduscht, sondern die ganze Philosophie der alten Perser zu Boden: De Zoroastris via, institutis, doctrina et libris , in den Novi Commentarii Societatis scientiarum Gottingensis , Vol. VIII, IX. – H. sie waren und blieben Barbaren; da liegen sie bei einander. Anquétil, Foucher, Tychsen zu Göttingen u. A. sammelten über diesen Zoroaster oder Zerduscht die Stellen der Alten und auswärtigen Völker, und was am Meisten entschied, waren die Producte selbst, das Mitgebrachte, die Bücher, die Sprachen. Sie sind da, nicht zu verwerfen, sondern zu erklären. Und sie werden erklärt werden. Sobald man aus spätern Zeiten gefaßte Vorurtheile zu vergessen und sich ins Local jener Vorzeit zu setzen weiß, wenn d'Anquétil's mitgebrachte Zend- und Pehlvi-Wörterbücher sammt dem, was in der Propaganda dazu vorhanden gewesen, bekannt gemacht oder genutzt sein wird (sehr zu wünschende Vorhilfe), und dann ein glücklicher Genius, der das Morgen- und Abendland, Persien und Griechenland zu einigen weiß, sich regt: wird man sich seiner absprechenden Zweifel nicht etwa nur schämen, vergessen werden diese sein oder werden. Immer hat d'Anquétil mit Mühe und Lebensgefahren ein Werk ausgerichtet, worauf er selbst nicht ausging, und das man bezweifelt, nachdem man es vor sich sieht, ein Werk von noch unübersehenen Folgen für die ganze morgenländische Geschichte. Mögen mehrere Reisende den Spuren d'Anquétil's folgen und dorther bringen, was ihnen Geld und Glück zuführt, Handschriften, Alphabete, Wörterbücher, Idole! Die Zeit weiß Alles zu gebrauchen. J. D. Michaelis , eines still verdienten Philologen Sohn, hat auf so viele Stellen der ebräischen Sprache, Alterthümer und Geschichten so gesunde Ansicht gebracht, sein Mosaisches Recht erläutert Manches so vernünftig, daß man ihm das Weitläuftige seiner Schreibart wol zu gut halten mag. Die Grundsätze, darauf er baute, waren zwar nicht die seinigen, sondern A. Schultens' , so wie er in andern den Spuren Richard Simon's u. A. nachging und überhaupt fremde Winke sehr nutzte; geleistet hat er indeß, was sonst kaum Zehn leisten, und er verdiente es nicht, als akademischer Lehrer sich selbst zu überleben. Auch einigen poetischen Geschmack brachte er in die Ansicht der Bücher, die er übersetzte und auslegte, obwol ungebildet. Er hat viele, auch undankbare Schüler gezogen, deren Kenntnisse und Ruhm eigentlich doch ihm gehörten. Der Universität Göttingen gab er in seinen besten Jahren Glanz und Zierde; die gesundere Kritik biblischer Schriften ist durch ihn sehr verbreitet. J. A. Ernesti , ein Mann, der in Mosellan's, Erasmus', Grotius' Geist schrieb und lehrte, viele Schüler bildete und in W. A. Teller's, Morus', Tittmann's, Schleußner's u. A. Schriften und Schülern fortlebt. Die Wörterbücher des ersten und letzten dieser Genannten enthalten Ernesti'sche Kritik mit freierer Ansicht, so wie dieser Schule auch die reinere lateinische Sprache in Deutschland ihre Erhaltung (keinem andern Philologen anzüglich) fast verdankt. Was Ernesti , obwol in gemessenen Schranken, grammatisch that, bewirkte J. S. Semler durch Darhaltung der Kirchengeschichte mit weit freierem Geist, ein Mann, der zu bescheiden von sich dachte und aus schwacher Redlichkeit zuletzt kaum selbst wußte, was er wollte. In seinen schwer zu lesenden Schriften liegen noch viel ungenutzte Goldkörner. J. G. Eichhorn – Giebt es unter unsern jetzt lebenden Philologen einen Mann von stillerem Verdienst? Nie hat er in seiner »Allgemeinen Bibliothek der biblischen Literatur«, einem bisher noch unersetzten Werke, auf Angriffe unglimpflich geantwortet, vielmehr Gegner und Feinde wie Freunde angekündigt. Sein »Repertorium für biblische und morgenländische Literatur« enthält, wie vorgenannte »Bibliothek«, mitunter erlesene Stücke der Kritik, sein Simonisches Wörterbuch, seine »Einleitung ins Alte Testament«, seine Apokalypse gelten für die besten Schriften ihrer Gattung. In seine Studien bringt er Geschmack und hat ein Herz zu seinen Schülern, deren er viele und dankbare zählt. Kein frommer Alfanz der Briten oder Deutschen kann seinem Verdienst schaden; da er den Ruhm verdienter Briten und Deutschen selbst gewissenhaft würdigt, so muß ihm ein Gleiches widerfahren. Robert Lowth , Bischof in London. Durch seine lateinischen Vorlesungen über die heilige Poesie der Ebräer, die er in Oxford gehalten hatte, gab er diesem Inhalt ein Ansehen, da sonst schwache Seelen in der Bibel keine Poesie finden wollten. Sein Buch, das in einer angenehmen Sprache wenig Neues enthält, gab dem Göttingschen Herausgeber, J. D. Michaelis , zu Anmerkungen Gelegenheit, die tiefer gehen und mehr enthalten. Rob Lowth, De sacra poesi Ebraeorum. Gottingae 1768. Vol. I, II. – H. Bei Weitem ist diese Poetik noch nicht erschöpft; wohl Dem, der sie im angefangenen Jahrhundert vollendet! ––––– Endlich bringen wir mit frommer, aber armer Hand dem Andenken des Mannes zu spät ein Scherflein dar, den während seines Lebens bei aller seiner seltnen Gelehrsamkeit, bei allem seinem unermüdeten Fleiße fast immer bitterer Mangel drückte, J. J. Reiske . Er hat selbst sein Leben beschrieben, der bescheidne, oft betrogne Mann; sein würdiges Weib, gelehrt wie er und biegsamer wie er, hat es mit angehängtem Verzeichniß seiner Schriften vollendet. J. J. Reiskens von ihm selbst aufgesetzte Lebensbeschreibung. Leipzig 1783.– H. Lohne der Himmel jedem Guten, der sich um ihn bemühte oder ihm und seiner Wittwe mit Rath und That beistand, seine Güte! Die braven Männer Lessing, Suhm, Oefele, Reimarus, Popowitsch u.A. sind unter ihnen; schlechte, gemeine Seelen drückten ihn oder mißbrauchten ihn geizig, niedrig. ––––– Entziehe das Verhängniß, das die Dinge wunderbar leitet, unserm Europa nie die beiden Handhaben der östlichen und südlichen Welt, die persische und arabische Sprache; mache es sie aber in seinen Händen zu Werkzeugen nicht des Betruges und der Unterdrückung, sondern gemeinschaftlich-höherer Wohlfahrt und Segens! Auch in Europa wollen wir mit diesen Sprachen nicht spielen, sondern aus ihnen und durch sie lernen. An Hafis' Gesängen haben wir fast gnug; Saadi ist uns lehrreicher gewesen. Blühe die Hoffnung auf, die wir an Hammer , Damals östreichischer Legationssecretär in Constantinopel. – D. einem glücklichen jungen Mann voll Sprachkenntniß und Gaben, aus Orient erwarten! 4. Persepolis. Herder hatte auch »Persepolitanische Briefe« unterdessen geschrieben, die erst in den Werken erschienen. Sie stehen im XIX. Theile unserer Ausgabe. – D. Durch Chardin's, Le Bruyn's u.A. ältere Reisen durch Persien waren die Trümmern unweit Schiras mehr und mehr auch durch genauere Zeichnungen ins Andenken gebracht; der treffliche Kämpfer , dessen biedere Sorgsamkeit nicht gnug Ruhm verdient, fügte seine Bemerkungen über den damals neuesten Zustand Persiens und die Ruinen von Tschilmenar , obwol durch Schuld des Verlegers mit den schlechtesten Kupfern begleitet, hinzu; Engelbert Kämpfer's Ameonitates exoticae, politico-physicomediciae, Fasc. I-V. Lemgo 1713. – H. o, warum mußte Kämpfer in dem Winkel, worin er lebte, leben? Seine noch bis jetzt unübertroffene japanische Geschichte ward mit Handschriften und Zeichnungen den Erben vom Ritter Hans Sloane abgekauft; sie erschien englisch zuerst, ehe sie, viele Jahre nachher, durch Dohm's Fleiß und Bemühung deutsch erschienen; seine persisch-japanischen Ergetzlichkeiten, die eine Übersetzung verdienten, blieben ein fast unbekanntes Buch. Jeder Reisende sagte über Persepolis seine Meinung, und man ließ es bewenden. Bis es dem Grafen Caylus gelang, die Aufmerksamkeit darauf fester zu richten. Histoire de l' Académie des inscriptions, T. 29. Seine Abhandlung war vorgelesen am 2. Mai 1758; übersetzt ist sie von Meusel in Caylus' »Abhandlungen zur Geschichte und zur Kunst«, Th. 1. S. 57 ff. – H. Er las der Akademie eine Abhandlung über die Ruinen von Persepolis vor, in welcher er zwar im Ganzen irre zu gehen scheint, indem er sie für Tempelgebäude und ihren Geschmack für ägyptisch hält, immer aber doch zuerst den Gegenstand zur literarischen Erörterung brachte. Wie viel sind wir in Ansehung der Alterthümer und Kunstgeschichte diesem edlen Mann schuldig! Nach seinen Reisen in Italien und Orient wandte er auf Sammlungen und Erläuterungen alter Kunstwerke, was er konnte. Den fleißigen Gelehrten Barthélemy unterstützte er; sein sind so viele vortreffliche Abhandlungen in der Geschichte und den Denkschriften der Akademie, sein die Sammlung der Alterthümer, die er selbst gelehrt, oft glücklich erklärte. Recueil d'antquités dans la collection du Comte de Caylus. 6 Bde. 4. – H. Der Name Caylus verdient der Nachwelt unvergeßlich zu bleiben. Als in den Jahren 1761 und folgenden Niebuhr mit seinen Gefährten Orient bereiste und der Tod diese hinraffte, reiste er gleichsam für sie Alle; und ob ihn damals gleich Augenschmerzen quälten, und er der bösen Luft unter diesen Ruinen zu unterliegen befürchten mußte, blieb der rechtschaffene Mann dem Zweck seiner Sendung dennoch so treu, daß er, wiewol unbequemer als seine Vorgänger reisend, dennoch selbst mit Zeichnungen eine genauere Beschreibung dieser Trümmer gab, als Chardin, Bruyn u. A. gegeben hatten. Niebuhr's »Reisebeschreibung von Arabien und andern umliegenden Ländern«, Theil 2. - H. Er, verglichen mit Jenen, hat bisher den Erläuterern dieser alten Denkmale gleichsam zum Text gedient; jetzt, da sich die Aufmerksamkeit Frankreichs und Englands gemeinschaftlich auf diese Gegend gerichtet, kann es kaum fehlen, daß nicht ein glücklicher Abenteurer weiter dringe, als wohin Niebuhr gelangen konnte. Nach Niebuhr's Kupfern und seiner sowie seiner Vorgänger Beschreibung wagte der Untengenannte Der Aufsatz sollte mit Herder's Namen unterschrieben sein. – D. im Jahr 1787 eine Muthmaßung »Persepolis, eine Muthmaßung«, in Herder's dritter Sammlung »Zerstreuter Blätter«. Gotha bei Ettinger. 1787. – H. [Im XV. Theile unserer Ausgabe. – D.] (wie er sie nannte), die, einen andern Gang als Caylus nehmend, der einfachen Ansicht der Gebäude und Vorstellungen selbst nach eigner Nationaldeutung der Perser und benachbarter Völker folgte. Die Bedeutung des Zuges der Geschenkebringenden, ihrer Abtheilungen und Symbole, der Symbole des Königes, der vorgestellten Thiere u. s. w. fiel hier nach Gegend, Zeit und Zweck so sichtbar ins Auge, daß schwerlich an einen Tempeldienst zu denken war. Diese Idee ganz zu entfernen, hielt sich der Verfasser an die Tradition der Perser, der auch ihre Dichter folgen, so strenge, daß er die Verbindung ihrer mit der Griechengeschichte beiseit' setzte, zugleich aber den zweiten Theil seiner Abhandlung über die Gräber der Könige ankündigte, in der, was an der persischen Vorstellungsart fehlte oder übertrieben war, ins Licht treten sollte. Andre Geschäfte hinderten ihn an dieser zweiten Hälfte seines Baues, und seitdem ist ihm Manches, doch nicht Alles von dem, was er zu sagen hatte, weggenommen worden. Bei erster Muße wird er sich befleißen, es dennoch zu sagen, und als ob er in einer Versammlung der vielen gelehrten und großen Männer, die auf Persepolis und die ihm verwandten Gegenstände anjetzt wie wetteifernd ihr Auge gerichtet, eines Sylvester de Sacy , der Tychsens, Günthers, Wahls, Eichhorns, Lorsbachs, Heerens, Münters, Ouselys u. s. w., von seinem Gesammelten Red' und Antwort zu geben hätte, seine Untersuchungen darlegen. Was seit obgenannter Zeit von diesen Männern geschehen, ist den Liebhabern dieses Studiums bekannt; die Mémoires sur diverses antquités de la Perse von Sylvestre de Sacy Paris 1798. 4. – H. geben im Inhalt und der Methode, persische Alterthümer sowol als den Charakter ihrer Schriftzüge unter den Sassaniden zu enträthseln, das glücklichste Muster. So krönte das Jahrhundert am Ausgange den Fleiß der Forscher in dieser fernen, verlassenen Grabgegend und ladet seinen Nachfolger zu weitern und genaueren Forschungen ein, die ihm auch nicht fehlen werden, da es jetzt von allen Seiten so stark auf die Keil- oder Pfeilschrift losgeht. Das Resultat kann nicht anders als einen großen Aufschluß gewähren, wiewol nur literarisch; denn der Umfang menschlicher Gedanken wird dadurch schwerlich erweitert werden. ––––– Wenden wir unsern Blick nach Indien, welche Welt von Aufklärungen bietet sich uns dar, die uns das Jahrhundert geschenkt hat! Möchten sie einigermaßen auch den Jammer ersetzen, den die Europäer jenen Gegenden gebracht haben und aus jenen Gegenden sich selbst bereiten! Doch warum wollen wir den bösen Pfuhl enthüllen, auf dem diesmal schöne Blumen wuchsen! Portugiesen und Spanier, Holländer, Engländer und Franzosen, Dänen und Deutsche hatten uns bisher über Ostindien viel und Mancherlei gesagt; von ostindischen Sprachen waren auch Alphabete beigebracht, und aus dem Malabarischen, Tamulischen, Siam'schen war Manches übersetzt worden; durch Wilkins, Chambers , die Scotts, Halfed u. s. w. thut sich uns ein neues Reich auf. Einzig schon Wilhelm Jones , wahrer Präsident der Akademie zu Calcutta , hat mit einem Glück, das Wenigen begegnet, Dinge zuwege gebracht, die Andern verboten bleiben. Ihm ward die Sakontala, eine Blume des Paradieses, gebracht, und er verpflanzte sie zwanglos schön; Ins Deutsche gleichmäßig schön übersetzt von Georg Forster, von ihm auch mit lehrreichen Anmerkungen begleitet. – H. [Vgl. Herder's Werke, VI. S. 223 ff. – D.] o, hätte er alles Indische so übersetzt und sich der elenden englischen Reimkunst entladen! So gab er die Gitagovinda , den Menu – und was würde dieser unermüdet eifrige, rüstige, vielgelehrte, treffliche, glückliche Mann nicht noch geleistet haben, wenn ihm die neidige Parze sein Leben nicht verkürzt hätte! Aus dem Persischen und Arabischen hat er uns ebenso schöne Früchte und Blumen geschenkt, W. Jones, Poeseos Asiaticae commentariorum libri VI. Recudi curavit J.G. Eichhorn. Lipsiae 1777. – H. Notizen und Aufschlüsse über Indien desgleichen, obwol in Herleitung der indischen Götter sowie der asiatisch-afrikanischen Sprachen und Völker ihm aus der Schule Britanniens her ein enger Deutungsgeist beiwohnt. Friede sei mit seiner Asche, und sein Institut S. Ousely's Oriental collection hin und wieder. – H. daure! Auf eine menschenfreundliche, nicht bedrückende Weise daure es und pflanze sich nach Europa hinüber! Man erstaunt über die Menge indischer und andrer asiatischer Handschriften, die sich schon in den Händen der Briten befinden; Die asiatische Gesellschaft in Calcutta. – D. möge davon ein guter Gebrauch gemacht werden! Wie weit schreitet der Geist der Europäer vorwärts! wie fern zurück bleibt ihre Handlungsweise! Ein böser Genius hat sie erfaßt, indem sie andern Völkern Verderben bringen, sich selbst Verderben zu bereiten. Steht ein guter Genius hinter ihm. der unsichtbar dies Gift in Arznei verwandelt? Kein Zweifel, nur Generationen gehen darüber zu Grunde. Hier folgte zunächst die Fortsetzung der chinesischen »Exempel der Tage«, 13. 14 (Herder's Werke, VI. S. 250 f.). – D. 5. Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts. ––––– Fortsetzung von oben S. 699. 15. In der Adrastea steht irrig »10«. Vgl. die Anmerkung auf S. 641 f. – D. ––––– Von der komischen Epopöe als einem Correctiv des falschen Epos . Ein Fragment. B. Von der komischen Epopöe halten Sie also nicht viel. A. Wenig, wie von Allem, was den Geschmack am Großen mindert und dies selbst herabwürdigt. B. Wenn das Große aber eine falsche Größe und der Geschmack daran ein falscher, ja ein schädlicher Geschmack wäre? Bedenken Sie, wie viel schuldloses Blut die Raserei der Kreuzzüge gekostet, wie abscheuliche Verfolgungen und Verwüstungen der blinde Religionseifer angerichtet! A. Den überzeuge man, man belehre ihn eines Bessern! B. Ja, belehre! überzeuge, dem es um Belehrung gar nicht zu thun ist, der in Höhlen des Betruges, hinter Wällen alter mißverstandner Worte, mit heiligem Schild' und Speer der Bosheit, der Verleumdung gerüstet, mordet und tobt! Keiner Pfeile achtet er mehr als etwa des Spottes oder der Verachtung. A. Kaum auch dieser; mich dünkt immer, die Besserung müsse von der Belehrung ausgehn, entweder in Worten oder durch Beispiele, am Sichersten durch beide. Hätte Fénélon gegen das falsche Epos , das zu seiner Zeit, unter Ludwig XIV., im höchsten Brauch war, holländische Scherze oder englische Sarkasmen entgegensetzen wollen, was hätte er gefruchtet? wie viel mehr hätte er sich und der guten Sache geschadet? Statt dessen, wie es sein großes und edles Herz gebot, setzte er für seinen Prinzen, den künftigen Thronfolger Frankreichs, den » Telemach « auf, gleichsam ganz auf seinen Leib gegossen, den Schwächen seines Temperaments, den Lastern seines Zeitalters angemessen und angeeignet. Er schrieb ein Buch, das, als es im Jahr 1701 wider seinen Willen und zu seinem großen Verdruß öffentlich erschien, ganz Europa las. Das ganze vergangene Jahrhundert hat es gelesen, das Epos, das Terrasson mit Recht das nützlichste Geschenk nennt, das die Musen der Menschheit je geschenkt haben; »denn«, sagt er, »könnte das Wohl des Menschengeschlechts aus einem Gedicht entspringen, entspränge es aus diesem.« B. Könnte! Eben hieran liegt es. Das Jahrhundert hat den » Telemach « gelesen, bewundert, gepriesen, gute Menschen haben ihn mit Wärme empfunden; bis zum Lächerlichen dagegen setzten die Nachahmer Ludwig's ihre Staats-, Kriegs-, Hofgrundsätze fort und verharren in solchen, wenn jugendlich ihnen gleich der »Telemach« eingebläuet würde. Dagegen Salz eingerieben, werther Herr, beißendes attisches Salz! A. Ich fürchte, es widert, es erbittert, ohne zu heilen. B. So hilft es Andern. Sagen Sie, Freund, wenn in der ganzen Natur Alles an zwei Polen hängt und durch entgegenstrebende Kräfte besteht, wäre es in der moralischen Welt und im höchsten, feinsten Punkt derselben, der Tendenz im oder zum Epos, anders? Wenn so manches Heer Mörder, Räuber, Bösewichter nach Orient zog, um das heilige Grab zu erobern, einen Splitter des Kreuzes zu erhaschen u. s. w., sollte einem Hüon der Zug dahin nicht erlaubt sein, dem Sultan einige Zähne auszubrechen und von der Seite her ihm seine Tochter zu entführen? Bei jener Heldenthat waren Engel und Heilige interessirt, bei dieser erschien Oberon , und alle Welt tanzte. Im fünften Gesange von Wieland's »Oberon«. – D. A. Während der Kreuzzüge hätte das Märchen gesungen werden mögen, dennoch hätten sie fortgedauert. Die Wuth zu ihnen erlosch durch andre Mittel als durch Märchen. B. Ganz verächtlich, bitte ich, doch diese auch nicht zu halten. Wer brachte, nachdem einstimmigen, selbst bedauernden Geständniß der Spanier, den Geschmack an Ritterromanen nieder als der Spiegel aller Ritter und Ritterromane selbst, » Don Quixote de la Mancha «? Was keine Belehrung würde ausgerichtet haben, richtete ein Buch aus, das ich für die erste aller komischen Epopöen Europa's halte. In Don Gerundio , im Guzman d'Alfarache, Lazarillo u. s. w. hat man dies Salz an andern Gegenständen versucht; leider aber war Cervantes gestorben! A. Arm und elend, wie es der komischen Epossänger fast gewöhnliches Schicksal war. B. Leider! und doch nicht aller. Rabelais, Scarron, Boileau, Voltaire , in England Pope, Swift, Arbuthnot, Garth u. s. w. starben doch eben des Hungertodes nicht, dem zuweilen nahe die verdientesten Epossänger lebten und starben. Erinnern Sie Sich der Schicksale Camoens' , der letzten Umstände Ercilla's , des Lebens Ariosto's, Tasso's ! Jene starben wenigstens mit dem Bewußtsein, die von ihnen gesungene nutzreiche Wahrheit mit dem Hungertode besiegelt zu haben. Aber was thun Schicksale, Verfolgungen, Belohnungen zum Werth einer That? Lasset ein Werk verbrannt, seinen Urheber gespießt werden, wenn es, und wäre es erst nach hundert Jahren, Frucht bringt, so segnen wir die Asche beider! A. Welcher beiden? Der Werke und Dichter haben Sie zu ungleichartige genannt, als daß wir alle sie segnen sollten. B. Jeden in seiner Maße. Um Rabelais ' » Pantagruel « zu schätzen, müßten wir die Pantagruels seiner Zeit kennen, und noch kennen wir gnug davon, um diesen verlachten Dunst zurückzuwünschen. Die französischen Travestirer der Alten gebe ich, und doch nicht ganz, auf; denn hat nicht, ihnen entgegen, blinde Autorität, pedantische Großsprecherei nach Mustern der Alten lange, zu lange vorgewaltet? Die Scriblerusse , sind sie denn ausgestorben? werden sie aussterben? A. Und doch ist Scriblerus längst geschrieben. Schon 1783 und 1784 erschien »Matth. Scriblerus' Leben, Werke und Entdeckungen, eine Satire über Mißwendungen in der Wissenschaft«, aus dem Englischen. – D. B. Kein Wald fällt von einem Streich. Kühne Männer arbeiten weiter. Die Intoleranz, den schwärmerischen Verfolgungsgeist, gegen den Voltaire anging, halten Sie doch für kein geringes Uebel? A. Wenn er nur reineren Gemüths daran gegangen wäre! ––––– B. Was Gemüth? Wer die Blase aufsticht, unter der es eitert, er sei Freund oder Feind, hilft dem Kranken, wenigstens lindert er seine Schmerzen, wenn die Wunde auch noch so lang eitern möge. A. Voltaire! Nun, so gebe ich Ihnen Swift und Pope , geschweige Garth und den guten Arbuthnot , gar, wenn Sie wollen, Churchill und Peter Pindar gern zum Besten. Was kümmern uns Deutsche überhaupt die fremden Thorheiten und Laster? B. Eben diese gleichgiltige Gutmüthigkeit, d. i. duldsam- träge Eselei ; ist unser Grundfehler. Wir zeichnen an, womit sich andre Nationen beschäftigen, raisonniren etwa auch für und wider, und damit gnug. Zogen wir Deutsche denn nicht mit in den Kreuzzügen? Noch mehr, wir ließen uns von allen Mitziehenden narren und foppen, wir . Kein Dichter rächte die Schmach, am Wenigsten bis zum Siege; noch jetzt liegen unsre Kreuzzüge in der Asche begraben. Tobte unter uns der Verfolgungsgeist, die Bekehrungswuth, die Schwärmerei nicht? Wir erlitten den dreißigjährigen Krieg mit Wunden und Stößen von allen Seiten, in tiefer Erniedrigung gegen alle Nationen. A. Soll ich fortfahren? Und in dieser niedrigen Unterwerfung, sogar über sie waren wir stolz! bettelstolz! Im spanischen Successionskriege, wie ward der Prinz von Asturien, wie Marlborough besungen! wie die Geschlagenen bei Höchstädt angefahren! angefahren und dennoch verehrt, nachgeäfft, gefürchtet! Bei einer vielgetheilten Nation wie die unsrige konnte es nicht anders werden. Alles Ausland verehren wir und machen komische Epopöen, Stadt gegen Stadt, Staat gegen Staat, nur gegen einander. B. Und doch haben wir so wenig Secchia's rapita's . »Eimerraub«, das bekannte Gedicht von Tassoni. In der Adrastea stand fälschlich repata's. – D Die großen und kleinen Blasen unsers Vaterlandes, wer ist, der sie aufzustechen begehrt? Im schmerzhaften Torpor fehlt uns guter Humor; friedlich fressen ihre Geschwüre. Lesen Sie des Eremita , Von Daniel Eremita († 1613) gab Grävius zwei lange Briefe, von denen einer eine Reise durch Deutschland beschreibt, nebst zwei Reden und Anderm 1701 heraus. – D. lesen Sie Pöllnitz' Briefe, Lettres et mémoires avec nouveaux mémoires de sa vie et la relation de ses premiers voyages (1735). – D. wie es zu ihren Zeiten in Deutschland stand! Dagegen krähte kein Hahn, man lobte und rühmte. Deutschland schwamm im falschen Epos. A. Den man damals den Lohensteinischen Geschmack hieß, ja aber bald würdigte. B. Nicht eben bald. Und daß man nach Luther, Opitz, Logau in diesen Geschmack sinken, daß man so lange darin anbetend verharren konnte! Der Erste, der, obwol mit einer schartigen Lanzette, dies Geschwür tapfer angriff, war kein Deutscher, kein Professionsgelehrter. – A. Wen meinen Sie? B. Wernicke, seinen Vornamen weiß ich selbst nicht, seine Lebensumstände noch minder. Aber ein Preuße soll er gewesen sein, als königlich dänischer Resident und Staatsrath soll er in Paris gelebt haben. Dies erhellt, wenn man die Ausgaben seiner »Überschriften«, Amsterdam 1693, sodann Hamburg 1701, endlich die vollständige, die Bodmer (Zürich 1749) wieder auflegen lassen, mit einander vergleicht. Mühsam arbeitet er sich immer tiefer in Härten und Wortzwang. – H. Sodann hat er in Hamburg gewiß gelebt; das zeigt sein Heldengedicht Hans Sachs , Hagedorn's »Moralische Gedichte«, Hamburg 1752, S. 242. – H. das er gegen den damals blühenden Postel machte. Vorbericht und Noten zu seinen sogenannten Überschriften zeigen, wie viel er zu überwinden hatte, wenn er gegen diesen Armseligen, geschweige gegen den allverehrten Lohenstein schrieb. »Lohenstein«, hieß es, »sei dennoch ein verdienter Mann, unendlicher Gelehrsamkeit, Belesenheit, von erhabnem Genie« – A. Und von einem sehr verdorbenen Geschmack, der Punkt, worauf es hier allein ankam – B. Und den Wernicke mühsam auskämpfte, zumal ihm das Mechanische der Versification äußerst schwer ward. Christian Wernicke starb um 1720. – D. Hagedorn , der feinste Richter, der sich ausdrücklich von Nachahmung seiner lossagt, kann ihm das Zeugniß nicht versagen: »An Sprach' und Wohllaut ist er leicht, An Geist sehr schwer zu übertreffen.« Es erschien mit seinen Gedichten 1704 zu Hamburg. – D. Und dennoch mußte Wernicke gegen den Lohensteinischen Schwulst seinen Stachel fast dransetzen. A. Was folgt daraus? B. Nation- und zeitmäßig folgte daraus wenig. Als man Lohenstein und Hofmannswaldau verspottete, mußte derselbe Hagedorn bald sagen: »Allein wie Viele sind von Denen, die Dich schmähn, Zu metaphysisch schwach, wie Du sich zu vergehn.« A. a. O. S. 299. – H. Erinnern Sie Sich des schlaffen, sinnlosen Geschmacks der Neukirch-, Besser-, Königischen Zeiten! Und dennoch waren diese Reimer gegen einander so grob; man wähnte die Poesie der Deutschen so hoch auf dem Königsthron, über alle Völker erhaben. A. Das war von je her der Fall, schon zu Büchner's , zu Weise's , zu Uhsens Zeiten, August Büchner 1591-1661; Christian Weise 1642-1708; Erdmann Uhse gab 1742 seinen »Wohlinformirten Poet«, 1760 seinen »Wohlinformirten Redner« heraus. – D. und es urtheilten so selbst Die, die Griechen und Römer auslegten. Was folgt daher? B. Daß uns Deutschen Geschmack zu haben sauer angehe und fast, den Meisten wenigstens, höchst gleichgiltig sei. Wir lieben den wasser- oder luftreichen Schwulst, vor Allen das selbstzufriedne, gedankenlose Epos. Von Stoppe's Fabeln zu Schönaich's »Hermann« – – A. Setzen Sie noch hinzu, daß uns von dieser Wind- und Wassersucht weder Witz noch Spott heilen möge! Liscov spottete des Philippi, Lessing Gottsched's ; wie manchen Philippi und Gottsched giebt es noch, hochverehrt! Wie 1700, so fand das Jahr 1801 den schwülstigen Lohenstein'schen oder jenen nervlos-schlaffen Geschmack, den ich den hundsföttischen nennen möchte, und befestigte ihn in Sonetten, Dramas, Epopöen, Romanzen auf dem Blocksberg-Parnaß der Deutschen. Seiten hinab kann man Wernicke abdrucken lassen, als hätte er gestern für heut geschrieben. Mit seinen komischen Epopöen, was hat Zachariä bewirkt? Ihretwegen hat sich gewiß kein Renommist, kein Stutzer geändert. Zachariä schrieb das erste komische Epos im Deutschen. Sein »Renommist« erschien 1744, dem sein »Phaëthon« und »Das Schnupftuch« folgten. – D. Also, dünkt mich, beweisen Sie mit dem Beispiel unsrer Nation selbst, wie wenig das komische Heldengedicht bessere. B. Die Deutschen freilich. Wir bleiben, die wir waren; wenn man uns verlacht und auslacht, ja, wenn man uns verspottet und verachtet, danken wir unterthänig und lachen mit. O, kehre zurück, Geist Luther's, Waser's, Liscov's, Lessing's , oder darf ich Euch freundlich einladen, Cervantes, Butler, Swift, Fielding , vereinet Euch, unsrer Unempfindlichkeit wegen thut Eure Kräfte, Eure Launen zusammen, um uns den Lohenstein und Hofmannswaldau , die neuen Postel und Stoppe aus den Gliedern zu treiben! A. Vergesset aber nicht, den weisen Horaz , den weisern Shaftesbury mit Euch zu bringen! denn ohne Grundsätze wird der feinste und gröbste Stachel nutz- oder kraftlos. ––––– 16. Das Drama. Als Fortsetzung von oben S. 327 von Herder's Sohn bezeichnet. Aber es sind die Blätter, welche Herder in das vierte Stück der Adrastea über den am Anfange des Jahres 1802 von Goethe auf die Bühne gebrachten »Ion« von A. W. Schlegel hatte einrücken wollen, jedoch zurücknahm, weil er mit Goethe und der Theaterdirection nicht in Streit kommen mochte. Vgl. die Briefe von Herder's Gattin an Gleim vom 1. März, an Knebel vom 6. Januar und 19. März 1802. – D. Ein Fragment. »Wie also? wenn wir das ganze griechische Theater hinüberpflanzten?« Wie? Mit Wurzel und Stamm? oder aus Sprößlingen und Zweigen? Auf die letzte Weise haben es alle gebildeten Nationen versucht, Franzosen, Engländer, Italiener. Leset sie, bemerkt die Schwierigkeiten und ihre darauf gewandte Mühe, lernt! Denn mit Wurzel und Stamm es hinüberzupflanzen, wäre ein Wunderwerk, wie noch keins geschah. Uns in jene Jugend der Welt, als wäre sie noch da , hinüberzusetzen, als lebten wir eben in Athen, als stünden Tempel und Götter noch vor uns da, dazu gehörte ein Wunderglaube. »Wir schaffen Athen. In unsrer neugriechischen Dichtkunst pflanzen wir das altgriechische Theater aus dem Kern hinüber.« Glückzu! Aber 1. Das griechische Theater war Gesang . Dazu war Alles eingerichtet, und wer dies nicht vernommen hat, der hat vom griechischen Theater nichts gehört. Gäbe uns nun Jemand ein Stück, worin vom melodischen Silbenbau der Griechen und dessen Wirkung nichts zu vernehmen wäre, worin der Verfasser die Worte, die Klänge, selbst des Chors, die allein für die Musik eingerichtet waren, uns in langen Reden, in der taumelndsten Sprache, in der der Sprechende nie zu Athem, der Hörende nie zum Vernehmen kommt, zu hören gäbe: machte das Stück wol einen andern Eindruck als der Tanz Tolltrunkner, die ohne Musik tanzen und sich in mächtigen Perioden, in dithyrambischen Phrasen die Brust zerarbeiten? Die Aeußerung ist gegen Schiller's »Braut von Messina« gerichtet. – D. »Sprachen die Griechen wirklich also?« Glaube nichts davon! Es ist des Schriftstellers zusammengeraffte, der Musik entwandte Phrasensprache, eine Schulübung. Wer kennt nicht die gänzliche Verschiedenheit des Gesanges und der Rede? Wer weiß nicht, wie Töne die Stimme erheben? wie Melodien den Ausdruck verständlich machen und umbilden? Roh also, unserm Organ zuwider in die tragische Gesangesart der Griechen tappen und sie zu einer widersinnig-deklamatorischen Rede machen, hieße dem Apollo in seine Leyer greifen, ihre Saiten zersprengen und mit den übrig gebliebenen Fäden umherrasen. 2. Das griechische Theater war ursprünglich gottesdienstlich . Aus Gesängen dieser Art erwachsen, behielt es seine alte Verehrung gegen Orakel, Götter, Heroen und alles Heilige bei. Mit Ehrfurcht wurden ihre Fabeln behandelt, mit Schonung die Flecken und Fehler darin entweder umgangen oder groß und mild ausgelegt. In Euripides' »Ion« z.B. der vom Apollo begangne Jugendfehler. Der Gott selbst schämt sich desselben; er getraut sich nicht, in dem ihm eigensten Tempel zu erscheinen; aufs Zarteste will er Alles gut machen und sendet die strengste, jungfräuliche Göttin, ihn mit den Sterblichen, die alle stark gegen ihn reden, anständig und über die Maße wohlthätig auszusöhnen. Sein Tempel, seine Pythia, sein Ion, Alles erscheint in angemessener Wohlanständigkeit und Ordnung. Träte uns nun ein Verpflanzer vor Augen, der, dieses anständigen Gefühls ganz unkundig, uns den Gott selbst vorschöbe, wie er mit der frechsten Stirn in einer Glorie hervorspringt: »Me voici! l'auteur de ce charmant ouvrage bâtard; moi, le Dieu Phébus, grand génie! génie exemplaire!« während daß Vater, Mutter, Sohn auf Knieen vor ihm liegen und ihre Beschimpfung andächtig anhören – »König,« rufen wir Alle, »das erträgst Du? machst Dich nicht auf und packst den Unverschämten, der dies Dir vorsagt, Dir eine Frucht, wer weiß wessen, aufhänseln will und Dein Weib Dir als eine Entehrte verleidet? Mache Dich an die Behorcherin Pythia, die unächte Kinder hier im Tempel pflegt, reinige den Tempel!« Bei Euripides, selbst bei Euripides, Alles wie anständiger, sittlicher, schonender, Alles wie anders! Pflanzt Ihr so die griechischen Götter zu uns herüber, ihre Tempel werden leer bleiben und den Namen erhalten, den sie verdienen. 3. Die griechische Bühne, die wir kennen, feierte Athen. Dort war sie entstanden, dort blühte sie, bearbeitend in attischem Geschmack am Liebsten attische Fabeln, die sie, wie alles Fremde, auf die Herrlichkeit Athen's zurückführte. Wie hoch steht in ihnen Pallas Athene, der Areopag, Athen's Verfassung, Ruhm, Macht! u. s. w. Würde Euripides eine Fabel wie » Ion « gewählt haben, wenn er nicht damit einen Flecken ihrer alten Geschichte, daß Fremde über Athen geherrscht, mit dem glänzendsten Licht hätte überstrahlen und die Abkunft aller gebildeten Colonien der Welt, der Ionier, Dorier, Achäer u. s. w. aus Athen in dies glänzende Licht hätte stellen wollen? Dazu erscheint, dazu spricht seine Pallas Athene. Gäbe uns nun Jemand einen »Ion«, wo der Fabel diese ganze Volkes-, Stadt- und Gebietsherrlichkeit entnommen, in ihr mißkannt wäre, an deren Statt aber eine unzüchtig-gehässige Tempelbetrugsgeschichte widerlich nackt da stünde, welch ein unattisches Schauspiel! 4. Die tragische Bühne der Griechen nahm ihre Fabeln aus vorhergegangenen harten und rohen Helden- und Königszeiten , mit stiller Freude der Zuschauer über ihr gegenwärtiges Glück, frei von solchen Tyrannen, Bürger Athen's zu sein. An diesen abgelebten Königsgräueln, Menschenopfern u. s. w. konnten sich die Leidenschaften wohlgefällig (μεϑ ήδονής) läutern. Auch die harten Begriffe vom Schicksal, das verhaßte Geschlechter unerbittlich bis zum letzten Umsturz verfolge, von Rachgöttinnen u. s. w. waren zur Zeit der blühenden Bühne sehr gemildert: als entfernte Donner hörte man sie jetzt, feierlich tönend, aber unschädlich. Brächte man uns nun das alte rohe Schicksal, die Menschenopfer, die Erinyen, die Mutter- und Sohnsmorde unverständig wieder, Atreus kochte sein blutiges Gericht, Kalchas, Klytämnestra, Orest u. s. w. verübten die gräuelhaftesten Morde; oder man lobte gar das Tyrannenleben, »wie herrlich es doch sei, willkürlich gebieten zu können, reich zu sein, prächtig zu schmausen«, vorschmeckend, schmeichelnd lüstete man nach diesen Mahlen und priese diese Tyrannenschmeichelei an, gefällig führte man einen königlichen Vater auf, der seinem gefundnen Sohn, einem reinen heiligen Ion, sogleich den Königsrath gäbe: »Junge, jetzt bist Du ein Prinz, verzeihen mußt Du nicht mehr, sondern rächen, verfolgen, schmausen!« u. s. w.; und dies Alles nicht, den verderbten Stand zu charakterisiren, sondern in dumpfer Einfalt: wahrlich, eine treffliche Reinigung der Gesinnungen und Leidenschaften, dem Zweck der griechischen Bühne gerade zuwider, ebenso niedrig als verderblich! 5. Die griechischen Sitten sind nicht die unsern, zumal im Verhältniß der Geschlechter gegen einander. Sophokles brachte nach seiner bekannten Antwort über Euripides Αϋτός μέν έϕη ποιείν (γυναίϰας) υίας δεί, Εϋϱιπίδης δε, οίαί είσιν. – H. Arist. Poet. 25, wo aber nicht von Frauen, sondern von Charakteren überhaupt die Rede ist. – D. Weiber aufs Theater, wie sie sein sollten, Euripides, wie sie waren. Sein aber oder nicht sein, Weiber in einem gewissen Grad von Versunkenheit, mit solchen und solchen Flecken bedeckt, solche und solche Gräuel verübend, wollen wir nicht auf dem tragischen Theater; wir wollen das schwache Geschlecht in einer Häßlichkeit von Entschlüssen oder Erinnerungen nicht sehen, die uns alles Mitgefühl raubt. Brächte man uns nun Giftmischerinnen, Rachsüchtig-Tolle, Entehrte u. s. w. vor Augen, diese dazu mit einer eklen Nachschmeckerei gepflogner Wollüste, und sagte mit freier Stirn: »Das sind griechische Weiber!« – ohn' alle Schonung, deren Euripides selbst sich nicht entbrechen konnte, stellte man einen Sohn der Mutter gegenüber, die ihm Gift sandte, und die jetzt sein Bogen treffen soll: kein Grieche würde dergleichen Auftritte dulden! Ueberhaupt kann ein Ungeschmack, der, statt sie zu reinigen, Grundsätze und Gefühl verdirbt, mit welchem Namen man ihn auch falsch ehrend belege, bei ehrbaren Menschen beiderlei Geschlechts nichts bewirten als den alten Mönchsausspruch: » Ist das griechisch? So wird's nicht gelesen!« Graeca sunt, non leguntur. – H. Bewirke es ihn bald bei diesem neuen, unwissend- und frech-taumelnden Gräcismus! »Aus Leidenschaften wird die Tugend geboren«, sagt Archytas ; Die dem Archytas zugeschriebenen Schriften sind unächt. – D. »wiederum besteht sie auch mit ihnen, wie eine wohlklingende Modulation aus scharfen und tiefen Tönen, wie ein gefundes Temperament aus Hitze und Kälte, wie das Gleichgewicht aus dem Schweren und Leichten. Man muß also nicht Leidenschaften aus der Seele ausrotten wollen! dies wäre auch nicht nützlich ; harmonisch zuordnen muß man sie dem Verhältniß dessen, was sich gebührt, dem Mittelmaße .« Den meisten Neuern, scheint es, ist diese Wage entrückt, dieser Maßstab verschwunden; sie dichten, um Leidenschaften zu empören oder gar zu verunreinigen, nicht aber sie zu läutern und diese Läuterung zu vollenden . Wie hoch steht ein Drama, das in der kleinsten und größten Gemüthsbewegung diesen hohen, festen Punkt erreicht! Höchst befriedigt gehen wir aus demselben; wir fühlen, wie nach einer vollkommenen Musik. in unsrer Brust weise Stimmung, thätige Ruhe, Vollendung . [Fußnote aus technischen Gründen in den Text eingefügt. Re] Hierauf folgen die Stellen aus Young »Ueber Gedanken und Rede« (Werke I. S. 71), das Gedicht »Sterne« (eine frühere Fassung des Gedichtes »Das Gesetz der Welten im Menschen«, Werke, I. S. 171, vgl. daselbst S. 575) und zum Schlusse des Heftes der Anfang eines Gedichtes »Der Kampf«, das sich »von unbekannter Hand und einem ungenannten Verfasser unter den Papieren Herder's gefunden«. Der erste Theil besteht aus 50 Alcäischen Strophen, und vom zweiten finden sich 210 fünffüßige Jamben. Wahrscheinlich waren die Verse Herder zugeschickt worden. Das zweite und letzte Stück begann mit vier Gedichten. Zuerst stand das Gedicht »An die Wahrheit«, von dem der Herausgeber gar nicht ahnte, daß es eine Übersetzung von De Thou und bereits überarbeitet im siebenundvierzigsten der »Briefe zu Beförderung der Humanität« gedruckt sei. V. 1 lautet in der Adrastea : »Des Himmels Liebling «, V. 2 »Verhaßt der Erde, Schreckbild Wahrheit, Du«, V. 4 »sichre Zuflucht«, V. 5 »meinen verscheuchten «, V. 6 » Schritt «, V. 8 » Drückender Wahn «, V. 9 »von dem unredlichen «, V. 15 » Die wo auch unser Tritt ersinket «, V. 18 »blendendem«. Nach V. 20 folgt noch die Strophe: »Er, nicht ein blindes, regellos waltend Glück, Er, nicht des Schicksals rollende grause Hand, Beherrscht der Dinge Wechselformen; Edel und fröhlich gehorcht der Weise.« V. 25 steht »Dem Rumeswerthen reichst «, V. 26 »rufst Du zum Licht«, V. 28 » Redliche Lipp' in«, V. 29 »Unwiderruflich«, V. 30 » Drei Schwestern löset auf, was«, V. 31 » heil'ge Stimme «, V. 32 » Richtend entschieden, es bleibt besiegelt «, V. 36 » für Alle billig «. Nach V. 36 steht die Strophe: »Kein Glanz des Purpurs blendet das Auge ihm. Der Würden keine strebet er bettelnd an. Kein niedriger Gewinn von schnöden Hoffnungen brausend umfängt den Geist ihm.« V. 39 f. heißt es: » Wird ihre leicht bewegten Ohren Nie mit verderblichem «. Dann folgt die Strophe: »Die Luft des Hofes wehet ihn nicht herbei. Er kennt des Hofes süßes Geschwätze nicht. Noch opfert er die angestammte Freiheit dem Winke des argen Höflings.« V. 44 schließt: »Beruf, sein innrer Lohn ihm«, B. 46 steht -. » O Wahrheit , mit Dir komme Gerechtigkeit«, 25.48 » Weißen Gewandes und Du , o Einfalt«. V. 52 »und entschläft in Wahnsinn«, B. 53 »wie hebet , Flammen und Schwerten selbst«, V. 60 » und das Schiff ersinket«. V. 62 » stürze des Unthiers Wuth «, V. 63 »Das süßes«, V. 64 »Täuschend verspricht in Gestalt des Goldes «, V. 65 » Herab vom Himmel senke Dich Königin «. Auf diese Gedicht folgen »Germanien« (Werke I. S. 195 - 197), »Brühmte Namen« (Werke, I. S. 85 f.) und die »Zuneigung der Volkslieder« (Werke, V. S. 21 f.); mit der Anmerkung: »Der Verfasser wollte einen Aufsatz über das deutsche Volkslied und den Charakter der Deutschen schreiben, dem diese Zueignung vorangehen sollte«. – D 6. Fragen. ––––– Fragment. 1. Giebt's einen drückenden Mangel, ein entschiednes Uebel unsers Geschlechts, das nicht durch die gemeinschaftliche Beihilfe der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft aufgehoben oder bis zum Unbedeutenden erleichtert werden könnte? Gegen die Uebel der Natur, wissen wir, müssen uns Verstand und Voraussicht durch Anstalten und Klugheit waffnen; nun ist aber der gemeinschaftliche Verstand der rechte, es möge ihn Einer oder Mehrere leiten; gemeinschaftliche Anstalten sind allein durchdringend wirksam, und um so wirksamer, je inniger sie die Menge umfassen und das Wohl des Ganzen fördern. Nenne man ein Uebel, das auf diesem Wege nicht vertilgt oder äußerst vermindert oder vertheilt werden könne! 2. Was diese Minderung unmöglich macht oder aufhält, ist's etwas Anderes als der Egoismus ? die Entsagung des allgemeinen Rechts, der allgemeinen Vernunft, Billigkeit und Wahrheit? Mit welchen Namen man auch dies Haften an Absonderung, an eigenmächtigen Vortheilen und Vorurtheilen nennen möge, ist's etwas Anderes als ein Absondern von der gemeinsamen Vernunft, Billigkeit und Wahrheit? eine freiwillige Deportation ins Land der Schatten, da man mit verblichenen Namen und Anmaßungen wie mit Gespenstern lebt, sich selber täglich verehrend speist und den Geruch eigner Verwesung trinkt? Unbekümmert, ja hart der Menge, die durch uns und um unsertwillen leidet – ein schaudervolles Gefängniß, das den Unglücklichmachenden viel mehr quält als die Verunglückten. 3. Und giebt es, ihm zu entkommen, ein Mittel als Maß , Maß der Gerechtigkeit und Wahrheit? Zu diesem aber zu gelangen, bedarf's etwa blos jener müssigen Kritik , die, von sich selbst ausgehend, Alles nur schätzt und schätzt, gewöhnlich sich überschätzt und damit Alles verwirrt, nichts vollführt? Recht und Wahrheit, wodurch äußern sie sich als durch sich selbst, durch Thätigkeit , durch Wahrheit ? Da gewinnt Jeder seinen Platz, da wird durch gemeinsame Thätigkeit wie von selbst ein Reich der Billigkeit und Liebe. Denn diese, die voran fliegt, ein himmlischer Genius, kennt keine Schranken, weil sie sich nicht kennt, weil sie sich selbst dem Wohl des Ganzen aufopfert. 7. Deutsche Hoheit. ––––– Fragment. » Allergetreuestes und höchstschuldiges Trauer- und Thränenopfer, welches bei Höchstseligstem Absterben und darauf erfolgten Siegreichen Himmelfahrt der Glorwürdigsten N. N. Majestät, wie auch allergehorsamstes Glückwunsch- und Freudenopfer, so bei allererfreulichstem und Gott gebe! Höchstglückseligstem Regierungsantritt der geheiligten N. N. Majestät mit höchstem Eifer und niedrigster Demuth abgestattet und zu der damal-regierenden N. N. Majestät Füßen Anno MDCCV allerunterthänigst niedergelegt worden. »Kaum, da des Höchsten Hand bei Höchstädt uns erquicket, Da Frankreichs Sonne wich nach ihrem Untergang, Da Deutschland seine Feind' mit Blut zurückgeschicket Und nach so langem Weh das Hallelujah sang: Da will sich auch die Sonn' in Osten von uns wenden, Und unser Kaiser stirbt mit Lorbeern in den Händen. »– Doch Seufzer, haltet still! verzehret Euch, Ihr Zähren ! Die Sonn' geht zwar zur Ruh nach wohlvollbrachtem Lauf, Der Himmel aber will schon wieder sich verklären, Es geht im Orient ein' andre Sonne auf, Die durch des Höchsten Gnad' wird immer höher steigen, Bis daß sich Sonne, Mond und Sterne vor ihr neigen« u. s. w. »Pomona oder aufgesammelte Früchte der Einsamkeit von verschiednen poetischen Deutschen, auch andere Gedanken und Erfindungen«, Nürnberg 1726. Der Verfasser war kein gemeiner Dichter, sondern Sr. Kaiserlichen Majestät wirklicher, Sr. Kurfürstlichen Eminenz und Gnaden Geheimer Rath, seiner Republik Duumvir, Kaiserlicher Prätor u. s. w. – H. So schrieb man zu, so verschte man zu Anfange des verlebten Jahrhunderts in Deutschland. Mit wenigen Ausnahmen tönte dieser leere Posaunenton von der Nord - und Ostsee zum Rhein, zur Donau, zu den Alpen. Von der höchsten Majestät an in beiden Geschlechtern, mit eingeschlossen den neugebornen Prinzen von Asturien, durch alle Kur- und Fürstenhäuser, durch neunhundertneunundneunzig regierende Höfe und Domcapitel, voll hoch- und hochwohlgeborner Mäcenaten, Excellenzen, lebten allenthalben erhabne Wunder der Welt, unvergleichbare Muster in jeder Vollkommenheit und Tugend, in jeder Wissenschaft und Kunst. vornehmlich aber in der Dichtkunst. Wie Lohenstein und Hofmannswaldau waren, seit die Welt stand, keine Poeten gewesen; der göttliche Schurzfleisch übertraf alle. S. die Vorrede zu des »Schlesischen Helikon's auserlesenen Gedichten«. 1699. Unverschämteres kann man nichts lesen. – H. Auf jeder Universität Deutschlands glänzten, brannten und stammten Lichter, vor denen der Erdkreis sich neigen mußte; bei jedem Protectoratwechsel ging eine neue Sonne auf. Ein Doctorgrad war die höchste Würde der Sterblichkeit, die in feuriger Gluth also besungen ward: »Bei Deiner Lorbeern Pracht wallt meiner Wünsche Loh', Ein Zunder fachet an mein feuriges Bemühen« u. s. w. Barthol. Feindes deutsche Gedichte. 1708. – H. Zu dieser Aufgeblasenheit gesellte sich noch eine besondre Unart. Fast lobte man keinen Deutschen, ohne daß man die Ausländer grob schmähte. Am Uebelsten ging es dem Erbfeinde des deutschen Reichs. Denn, sagte man fein und witzig: »Denn wenn man einen Bel-Esprit Esprit ist zu lesen, daß es mit sieht reime. – H. Aus Frankreich in Person auf deutschem Boden sieht, So glaubt man allezeit, daß der Akademist Ein Gaukler und ein Gaudieb ist.« Wie in aller Welt kamen die Deutschen, denen sonst das Lob männlicher Bescheidenheit gebührte, zu diesem eklen Selbstlobe? Wie kamen sie, denen sonst kalte Billigkeit in Schätzung fremder Verdienste eigen war, zu einer unbilligen, groben Verachtung andrer und zwar der Nationen, die sie nachahmten, von denen sie borgten? Indeß sie Italienern und Franzosen, einem Balzac, Voiture, Le Pais, Boileau u. A. nachhinkten, thaten sie groß. Wie endlich kam die denkende Nation zu jener schrecklichen Gedankenleerheit, die ernste Nation zu jenen kindischen Wort- und Bilderspielen, die edle Nation zu jener elenden Kriecherei, bei der sie sich staubleckend die erste der Welt dünkte? Es waren böse Erbschäden, die sie drückten; wollte der Himmel, daß sie nach einem für sie traurig ausgegangenen Jahrhundert ganz davon geheilt wäre! Fürs Erste stellte Deutschlands Verfassung selbst die Nation auf eine steile Höhe, auf der sie sich leicht über alle Völker Europa's erhaben dünken, eben damit aber auch leicht verächtlich oder lächerlich machen konnte. Mit Recht galt ihr Kaiser als das Oberhaupt der Welt, der damals, als ihn die Engländer mit Volk, Geld, Schiffen und Ruhm unterstützten. ihrer Königin noch den Titel der Majestät weigerte. Wie hoch Leibniz, wie hoch deutsche Publicisten die Würde des Reichs setzten, ist Jedermann bekannt. Was davon und darüber gesprochen ward, war mit allergnädigsten und allerunterthänigsten Superlativen dergestalt überladen, daß oft den Sinn der Rede zu finden schwer ward, geschweige daß in dieser himmelhohen Entfernung ein richtiges Maß der Dinge in Gedanken und Worten stattfinden konnte. Nun waren durch den westphälischen Frieden so viele kleine Monarchen in Deutschland entstanden, die alle an dieser höchsten Würde Theil nahmen; Höfe und Domcapitel waren mit Großkronbeamten, Ministern und Mäcenaten so reich und dick besetzt, daß von ihnen nie gnug zu singen und zu sagen war. ob sie gleich selbst dem größten Theil nach Verse und Schulfüchse verachteten, jene weder lasen noch verstanden, überhaupt aber für die Wissenschaften nichts thaten. Heräus' Entwurf zu Aufrichtung einer deutschen Sprachgesellschaft, so hoch er angestimmt war, Sein Plan, in Wien eine neue Sprachgesellschaft an die Stelle der zu Weimar 1617 gegründeten fruchtbringenden Gesellschaft zu setzen, war ganz nach französischen Grundsätzen entworfen. Früherer und späterer Versuche gedenkt Gervinus, III. 474 ff. – D. ward so wenig beachtet, als Leibnizens treffliche Vorschläge für die Wissenschaften, das einzige Berlin ausgenommen, Gehör fanden. Desto lauter pries man, was noch nicht geschehen war, und sah sich bereits hoch über allen Akademien Ludwig's. Jede Standeserhöhung und Hoflustbarkeit empfing, als den Wissenschaften und dem Ruhm Deutschlands höchst erfreulich, die unterthänigsten Acclamationen. Als Friedrich I. die preußische Krone aufsetzte, als ein neunter Kurfürst ernannt ward, als Hannover die Krone Englands erlangte, als die Königin Karoline dahinging u. s. w., Himmel, welche Zurufe über den nunmehr erstrebten höchsten Ruhm Deutschlands! Mit jeder neuen Staatsherrlichkeit erschien eine neue goldne Zeit, die höchste Glücksveränderung des höchstglücklichen Vaterlandes. Dergleichen Glücksfälle trugen sich nun so oft zu, und weil sie bis zum gemeinsten Landedelmann, zum Lehrer jeder Universität der zahlreichen Universitäten Deutschlands, zu jedem Rathsgliede und Beamten der zahlreichen Reichsstädte und derselben sämmtlichen hochpreislichen Familien hinabstiegen, welch ein reiches Feld des Jubels war seiner hofreichen und reichsherrlichen Einrichtung nach Deutschland! Wir haben viel für unsre Nation zu bitten; eine der nothwendigsten Bitten scheint die, daß der Himmel sie vor eitelm Stolz , mithin (denn beide sind unzertrennlich) vor Niederträchtigkeit bewahre, oder sollte dieser Flecke auf uns sein, daß er ihn, wenn auch mit der schärfsten Lauge, wegbeize. Kriechende Gefälligkeit, ein schales Loben, wo nichts zu loben ist, sinnlose Titular- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede der Menschen und Stände gegen einander aufheben, die Kanzleien ermüden und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei nennen könnte, legen uns treudevotest zu Füßen der Majestät Dulness . Die meisten Nationen Europa's haben sich diesen Wortpraß erleichtert oder ihn weggeworfen, weil er, die Larve knechtischer Falschheit, den Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und Schärfe nimmt und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt, zu dem wir Deutsche am Wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes, so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur Sache, zu Person und Geschäft nicht kommen mögen. Und wenn wir mit dieser Kriecherei jenen chinesischen Stolz vermählen, uns und das Unsrige als das Erste in aller Welt loben; wenn wir (Abgrund der Niedrigkeit!) Den, der höflich mit uns umgeht, eben deshalb zurücksetzen zu dürfen glauben, dem groben Fordernd-Stolzen dagegen freundlich und gewärtig den Nacken darbieten, um etwa hinter dem Rücken ihm nachzuspötteln: eins solche Mischung der widerwärtigsten Dinge, die man uns Schuld giebt, wäre sie der einfachen, herzhaften, redlichen Deutschen Charakter? Gewiß nicht! Von Publicisten und Geheimschreibern, von Hof- und Schulfüchsen ist er ihnen angezettelt, aufgezwängt, aufgeschwänzt. Gutwillig geben sie sich hin und wurden und werden gemißbraucht. Woher, daß aus so manchen anfangs wohlgemeinten Anstalten zu Bildung der Sprache und des Geschmacks in Deutschland wenig ward? Weil die Großen damit nur spielten und das Ernsthafteste ihnen nur eine Hoflust wurde, die man, übergesättigt, als abgeschmackt wegwarf. So z. B. die fruchtbringende Gesellschaft des siebzehnten Jahrhunderts; sie spielte mit Namen, Bildern und Reimen als einer Hofmaskerade ; die 63 Herzoge, 54 Fürsten, 89 Grafen, 640 Edelleute, die sie als Mitglieder zählte, was haben sie gefruchtet? Unglücklich, daß die Deutschen von je her mit Namen, Titeln, Inschriften und Bildern spielten! Immer wurden sie dadurch vom ernsten Zwecke verlockt, bis dieser verschwand wie ein Regenbogen in Wolken. In Schriften wie im Leben lasset uns der Eitelkeit entsagen, so hört die Verführung zu niedriger Eitelkeit von selbst auf. Niemand erlaube sich ein unehrliches (malhonnetes) Lob, wäre es auch des lobenswürdigsten Fürsten und Herrn, Patrons und Mäcenaten, Niemand dagegen auch den kleinsten unredlichen Tadel! Beide entehren Den, von dem sie kommen, jenes oft auch Den, auf den es fällt: er muß sich schämen des Lobes. Am Fernsten sei von uns bettelnde Ruhmsucht, Schulen- und Cabalenmacherei , und wenn uns diese nicht gelingt, verkappter Groll, kriechende Verleumdung ! Wer liest jetzt die alten deutschen Jubel auf Marlborough u. s.w., schweige Wer aus dem Anfange des verlebten Jahrhunderts, das man mit der größten Ueberzeugung für das aufgeklärteste der Welt hielt, Sammlungen deutscher Musenfrüchte lesen will, sehe Heräus' »Vermischte Nebenarbeiten«, Wien 1715; »Vollständige Schatzkammer der deutschen Dicht- und Reimkunst von Jung«, Ulm 1729; »Auserlesene moralische Gedichte, gesammelt von Benj. Neukirch«; Hofmannswaldau u. A. Gedichte 1734. u. s. w. u. s. w. – H. auf die Fürsten, Minister und promovirte Doctoren, die damals glänzten? Man bedauert bei ihnen, auch in den schlechtsten Gedichten, die mißbrauchten schönen Worte unsrer Sprache . schweige (ich schweige), nach Luther's Sprachgebrauch für unser »geschweige«. – D. 8. Briefe, den Charakter der deutschen Sprache betreffend. ––––– Erster Brief. Kein Volk, mein Freund, das je zu einiger Cultur gelangte, konnte bildlicher Vorstellungen entbehren; die Sprachen der Wilden selbst sind voll von Allegorien , d. i. von übertragnen Begriffen, von Versuchen, sich im Körperlichen das Geistige, im Besondern das Allgemeine abzubilden und zu bezeichnen. Die ganze Form der menschlichen Organisation und Denkart vermag es nicht anders. Mit mancherlei Sinnen und Seelenkräften, die dem ersten Anblick nach unvereinbar scheinen, nehmen wir um uns ein ungeheuer vielartiges Weltall wahr und eignen uns dasselbe mit solcher Innigkeit zu, daß wir über die Kraft in uns, die sich aus und in Allem ein Eins schafft, erstaunen. Jeder Sinn vereint und sondert; aus allen vereint der innere Sinn , die Empfindung, und läutert, was ihm jene zuführen. Die schaffende Einbildungskraft (ein wunderbares Vermögen) entwirft und ruft aus allem Empfundenen neue Gestalten mit unglaublicher Schnelle und Leichtigkeit hervor, knüpft sie nach einem dunkel empfundenen Gesetz des Raumes, der Zeit und der inneren Thätigkeit zusammen, bis der Verstand sein göttliches Siegel des Erkennens, des Erfassens darauf drückt und nach seinem innigen Wesen, das Ursache und Wirkung zugleich ist, sie an das Band fortgehender Ursachen und Wirkungen knüpft. Wie nun diese mit mancherlei Namen genannten Kräfte in uns von einer Wurzel ausgehn und zum Gipfel emporstreben, so ist auch das Geschäft, an dem Sinn und Empfindung, Phantasie und Verstand unaufhörlich schaffen und wirken, nur ein Geschäft. Und welches ist dieses? Ins Chaos der Dinge Ordnung zu bringen, durch Selbstthätigkeit sich diese Ordnung zu schaffen , aus dem Unendlichen sich ein Endliches, aus dem Unermeßbar-Vielen sich ein genießbares Eins zu erwirken . Dies uns errungne Gut bezeichnen wir mit Freude des inneren Sinnes und Geistes; wir nennen es unser mit Freude des Herzens und der Empfindung. Geschehe die Bezeichnung mit Umrissen des Sonnenstrahls und der Farben im Raum , oder durch Verknüpfung dreier Momente, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Zeit , oder mittelst der noch innigern Verknüpfung von Ursache und Wirkung , die ganz geistig zur Geisterwelt gehört: allenthalben wird durch dies Geschäft Ordnung erschaffen, Genuß bereitet, und wir sind, selbst indem wir leiden, Selbstthäter, Schöpfer. Alle allgemeine Begriffe , wie viel Mühe haben sie dem Menschengeschlecht gekostet! und wie freute sich jedes Volk der seinen! Wie Gottheiten betete es sie an, kleidete sie in Symbole ein oder drückte sie durch Geberden, Worte, Gebräuche aus und heiligte diese Worte. Wie schwer es z.B. den Aegyptern geworden, die Ordnung eines Jahres zu bezeichnen, festzustellen und im Andenken zu erhalten, entwickelt eine Schrift, die man als den ersten Schlüssel zur ältesten Sprache durch Symbole ansehen kann, Dornedden's »Phamenophis«, fortgesetzt in Eichhorn's »Allgemeiner Bibliothek«, Bd. 10. St. 2ff. – H. Glücklich, wenn von den Erfindern nur Wahrheit geheiligt und auch als solche von den Empfängern erkannt und genossen ward! Combinirte man unverständig, falsch, flüchtig, ließ man die Phantasie allein schaffen und wirken, so erfand man Träume und ging oft Jahrhunderte in Träumen einher. Natürlich wurden diese Träumereien sodann immer verworrener, weil das erste bedeutungsvolle Moment der Erfindung und Empfindung vorüber war und man jetzt unter ganz andern Umständen alte verlegene Worte nur nachlallte. Hatte selbst der Verstand übel symbolisirt und entweder zu verstehen geglaubt, was er nicht verstand, oder hatte er das Wohlverstandne kraftlos bezeichnet, so baute man dort auf Vorurtheilen und Irrthümern, hier auf schlaffen Ausdrücken fort und redete die Sprache des halben Sinnes und Unsinns weiter. Ein unerläßliches Geschäft ist's also dem fortwirkenden menschlichen Verstande, daß er sein altes, sein frühes Jugendwerk munter forttreibe, unverdrossen sich selbst ausarbeite und läutre. Die allgemeinen Begriffe einer Sprache sind leitende oder mißleitende Sterne, nach denen sich Alles kehrt und wendet, Irrwische oder Polarsterne. Jahrhunderte lang hat oft ein sinnloses Wort den menschlichen Verstand aufgehalten, bethört, betrogen; eine neue glückliche Combination, ein neues Wort schuf ihm eine Welt voll neuer Ansichten, es organisirte seine Begriffe zu hellerer Wahrheit. Was im Reich der Wahrheit gilt, gilt kräftiger noch im Reiche des Rechts und der Sitten. Geboren, treten wir in eine gebildete oder mißbildete Gesellschaft ein; unsre ersten Begriffe über sittliche Gegenstände und Verhältnisse empfangen wir, da sie ihrer Natur nach unsichtbar sind, durch Worte. Wie mächtig wirken diese sittlichen Worte! Unauslöschbar bleiben sie im Gemüth und formen Charaktere, Gewohnheiten, Sitten, auf immerhin bildend oder mißbildend. Zaubertöne sind die Laute: »Das ist schön, edel, honnet, rühmlich!« oder gegentheils: »O wie häßlich, wie schändlich!« Eine widrige oder verachtende Geberde sowie bei anständigen Dingen ein Laut der Bewunderung, ein billigendes Wohlgefallen – vorm Auge der Unmündigen, im Ohr der Kinder sagen sie mehr als lange Collegien über die Moral. Den Geist ganzer Gesellschaften, Familien, Aemter und Stände bilden oder mißbilden sie, an ihnen erhält sich die schönste Zier der Menschheit, die moralische Grazie, oder wird durch sie verscheucht, verunziert, abgeschmackt, verderbt. Was folgt hieraus? Zuerst dieses. Jede Bemühung des menschlichen Verstandes, allgemeine, besonders sittliche Begriffe von Unsinn zu reinigen, sie in ihrer wahren Bedeutung festzustellen und zum bessern Gebrauch liebenswerth einzuführen, ist für unser Geschlecht Wohlthat, eine Wohlthat für die entferntesten Zeiten. Wer die Nußschalen leerer Worte aus der Philosophie wegkehrt, nicht etwa der Schule allein, dem Verstande der Nation selbst leistet er damit Dienste; denn alle diese Hohltöne kommen früher oder später durch Umgang in die gemeine Rede, oder sie sind ihr gar entnommen und werden sophistisch mißgebraucht. Rüstig gehe der Fleiß unsers Volks im Dienst der Wahrheit fort, Spinnweben und Unrath aus ihrem Tempel zu fegen! er folge darin andern Nationen, die der Philosophie, Kenologie, Matäologie, d.i. der kahlen Leerweisheit, längst ihr Kenotaphium bauten! Zweitens. Aus Wissenschaften, Functionen und Gewerben verbanne man mit jenen leeren Worten auch die leeren Formeln, aus denen der Geist ihrer Erfinder längst entflohen ist, noch mehr solche, an denen Unsinn oder Aberwitz haftet; denn eben sie machen den leeren Kopf zu einem desto lauteren Schwätzer, zum Heuchler und Formulanten. Wie bannt man sie aber am Kräftigsten? Durch neue Formeln nicht, sondern dadurch, daß man ihren Ursprung, ihre erste Bedeutung enthüllt, sie also entweder sinnvoll erneut oder ihre Entbehrlichkeit thätig darstellt. In der Rechtswissenschaft sowol als in der Theologie (ja, wo nicht sonst?) giebt's dergleichen Aloga, d.i. entbehrliche, verschraubte, ihres ursprünglichen Sinnes beraubte Wortformeln die Menge; oft verdrängte in ihnen ein leeres Formular das andre. Jedesmal aber fing die Wiederherstellung wahrer Wissenschaft damit an, daß sie den abgetragenen Buhlerschmuck der alten Babylonerin wegwarf und den Menschensinn in Freiheit setzte. Die Kunstsprache der Theologie z.B. wimmelt von mißverstandnen Ausdrücken, die man als gellende Töne beibehält und fortbreitet. Luther, Melanchthon, Grotius, Teller u.A. haben sich durch Musterung dieser Töne Verdienst erworben; die Arbeit ist aber bei Weitem noch nicht vollendet, vielmehr kommen immer neue Mißgeburten an den Tag, die der Prüfung bedürfen. – H. Drittens. Unter allen Classen der Menschen giebt es eine Philosophie des gesunden Verstandes, aus der alles Abergläubige, Bethörende hinweg sollte. Es wohnt in Sprüchen und Sprichwörtern sowol als in angenommenen, sich vererbenden Gebräuchen, denen man auch in Vorurtheilen gläubig folgt. Zu Anfange des verflossenen Jahrhunderts erschien ein Buch gegen diese Irrsale, dessen unfeiner Titel aber auch seine unfeine Behandlungsart zeigt; »Die gestriegelte Rockenphilosophie«, Chemnitz 1718. Des Engländers Thomas Brown's Pseudodoxia epidemica sive examen errorum popularium, die in mehrere Sprachen übersetzt ist, behandelt ihren Gegenstand feiner, ob sie ihn gleich für alle Nationen nicht erschöpft. – H. (Ueber den Verfasser Joh. Georg Schmidt vgl. Gosche's »Archiv für Literaturgeschichte«, I. 105 ff., 490 f. – D.) der Gegenstand, zu dem viel vorgearbeitet ist, verdiente eine angenehmere Bearbeitung. Wie nämlich entstanden diese Vorurtheile, diese abergläubigen Gebräuche? Wie führten sie sich in die Sprache, in den Geist der Nation ein? Offenbar sind viele im Scherz, andre aus Wahn und Betrug entstanden: diese hat der Zufall geboren, aus dem man eine Regel machte, bei andern ist eine verständige Absicht in einen albernen Gebrauch verkleidet; diesen behielt, jene vergaß man. Zahlreiche Bemerkungen über die Stärke und Schwäche des Geistes und Urtheils einer Nation, einer Provinz, einer Zunft und Gesellschaft, in der solche Grundsätze und Bräuche herrschen, über ihre Eigenheiten und Lieblingsfehler würden sich dabei ergeben, so daß Nachforschungen der Art eine bildende Nationalschrift würden. Es trete ein Arzt dieser theoretisch-praktischen Populär-Pseudodoxie auf! Seine läuternd-erläuternde Untersuchung nutzte mehr, als wenn man über Sprichwörter blos predigt. In vielen deutschen, auch jetzt erscheinenden Blättern sind Beiträge zu diesem Werk vorhanden; andre (z.B. das »Noth- und Hilfsbüchlein«) arbeiten dergleichen Vorurtheilen praktisch entgegen. Fast jede Provinz Deutschlands kann sich eines oder mehrerer Schriftsteller rühmen, die ihren Vorurtheilen entgegenstrebten. Die wirksamsten unter ihnen sind die, die den Unterricht dagegen in die Erziehung selbst einführten. In der Folge dieser Schrift werden manche dieser Namen und Beiträge mit Ruhm genannt werden. – H. Viertens. Alles was zur Aufhellung und Empfehlung moralischer Begriffe dient, sei uns werth und heilig; mit jedem rein bearbeiteten Begriff dieser Art hat man dem Verstande und Herzen eine kostbare Gemme geschenkt. Wer die Mythologie und Bilderlehre der Griechen in einer reinen Gestalt philosophisch, historisch, ethisch zeigte, wer uns nach dem Fortgange der Zeiten eine Ikonologie der Künste des Schönen, eine Symbolik menschlicher Begriffe überhaupt gäbe: welch ein lehrreiches Werk lieferte Der! er belauschte den menschlichen Geist in seiner geheimsten Werkstätte, wo er liebevoll erfindet, formt, nennt und bezeichnet, er belauschte ihn aber auch auf seinen Lust- und Irrgängen, in denen er sich oft zu lange anmuthig verweilte. Fünftens. Rohen, den Geist und das Herz einer Nation entehrenden Gemeinsprüchen kündige man entschlossen den Krieg an! Wo Niederträchtigkeit spricht, oder wo Rache schnaubt, Sprüche, die mit sophistischer Kunst das Recht verkehren oder mit knechtischem Nachgeben sich über Entehrung trösten, sollten aus der Sprache menschlicher Gesinnungen ebenso verbannt sein als kecke Aussprüche des anmaßenden Stolzes. An keiner dieser Sprucharten fehlt es den Deutschen; sie sind, wo nicht Gemälde hie und da herrschender Sitten, so gewiß Ueberbleibsel alter roher Zeit. Längst ward den Deutschen von mehreren Völkern Schuld gegeben, daß ihr gutmüthiger Gehorsam sich in ein schläfriges Nachgeben, ihre Scheu der Hoffart in Niederträchtigkeit, ihr bedachtsames Wesen in eine Kopflosigkeit verliere, die nie das Ende zu finden weiß; Aussprüche, die für Axiome des Rechts und der Wahrheit gelten, d.i. Gemeinplätze und Sprichwörter, sollen diese Nationalfehler weder unterstützen noch rechtfertigen. Alles Niedrige, Platte, Schlaff-Complimentirende, nie zur Endschaft Kommende werde wenigstens von den Musen gehaßt, so sehr Manches auch von unsrer Verfassung und Lebensart begünstigt werde! Kein Schriftsteller erlaube es sich, eine Niederträchtigkeit, wem sie auch zugehören möge, zu begünstigen, und wer sie begeht, Herr oder Knecht, Schriftsteller oder Nachdrucker, er stehe dem Fuß der Nemesis preis! So will's die Wahrheit! ––––– Antwort. Wir sind einiger, als Sie glauben. Ihr Brief führt ja selbst die Ursachen an, warum wir Deutsche (dem Gemeinen und der Menge nach, denn edle Ausnahmen giebt es und wird solche geben) das nicht sind, was wir unserm Charakter nach sein sollten und waren. Welche Nation in Europa hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschieden, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands und blicken in unsre Büchersprache! Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Uebergänge, die den Sprechenden am Stärksten charakterisiren: da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt oder werden einförmig gedehnt und in ewige Ausgänge von N-n-n, in schleppende Ge, in zischende S oder Sch verwandelt. Keine Nation hat das Nennen und Nemmen Diese mundartliche Form soll wol statt des zweiten »Nennen« stehen, das in der Adrastea sich findet. – D. das Sprechen und Schreiben selbst dem Laut dieser Worte nach so charakteristisch, d. i. so langweilig-fleißig ausgedrückt als wir hart- oder weichbenannte Deutsche und Teutsche. Unser Name verräth uns. Langsame Trochäen sind unsre liebste Versart, je länger, je besser; sie gehen abwärts oder laufen wie ein Spulrad von selbst ab und hinunter. Worte, die in andern Sprachen ein fröhlicher Aufruf sind: Amòr, onòr, pietà, honestàd u. s. w., sind bei uns ein- und zusammensinkende oder gar wispernde Namen: Liebe, Ehre, Frömmigkeit, Ehrlichkeit u. s. w.. Das I und E auf den Lippen, das S und Sch an Gaum und Zähnen find unsre Lieblingslaute geworden, und wer der Sprache aufhelfen will, spricht öhrlich, Oehre , daß man hinweglaufen möchte. Affectirt setzt man das Ge vor die Worte und läßt das En und En zischend ausgehn. Wo ist in dieser Zurichtung die Kraft- und Heldensprache, auf die unsre Vorfahren so stolz waren? Welche Nation in Europa hat sich die Anrede der Menschen und Stände an einander erschwert und verkünstelt wie die deutsche? Nicht nur die langweilig-abgeschmackten Titulaturen, mit denen wir ein Spott aller Nationen sind, und deren wir dennoch nicht entrathen mögen, sondern der ganze Bau unsrer öffentlichen Anreden, Zuschriften, Verhandlungen u. s. w. zwingen uns in Knechtsfesseln, zu sinnlos heuchelnden Knechtsgeberden. Unsre demüthigen Bittschriften und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen Expositionen unsrer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der Formelnstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher ganzen Ständen, Collegien und Aemtern zur zweiten Natur werden: wer kann und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indeß die Verkünstelung und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Doch war die alte römische, die alte deutsche Rechtssprache so kurz und bestimmt, so edel dreist und (fast möchte ich sagen) erhaben, daß sie für einen Spiegel des scharfen Verstandes sowol als biedrer Redlichkeit gelten konnte. Länder, Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen Verkreiselung: wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen Umgange sogar ist Jemanden bei seinem Namen zu nennen Schimpf, Titel und Würden bei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden; dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livrei erscheinen. Wie leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar abgeworfen! der Deutsche trägt's geduldig. Das Kind schon lernt die Titel »gnädiger Herr Papa, gnädige Frau Mama« stammeln; Titel und steife Würden gelten uns mehr als selbst die kindliche, bräutliche, herzliche, brüderliche Liebe. Den gewöhnlichen Troß unsrer Predigten halte man gegen Kaisersberg's, Luther's Reden ans Volk! In diesen springt Leben aus jedem Wort, dort singt und dämmert die langweiligste Kirchen- und neuerlichst gar die schlaftrunkne Kathedersprache. Welche Nation hat sich, und zwar in Zeiten der größten Gefahr und Noth, an metaphysischen Hirngespinsten und Träumereien, am kritischen Somnambulismus wie die deutsche erlabt? Von hier aus hoffte sie Heil und spazierte zum Monde hinauf langsam fort auf den Dächern. Welcher Nation ist das öffentliche Urtheil, laut ausgesprochene Ehre und Schande, offene Gewaltthätigkeit, unbefugtes Unrecht, schamlose Niederträchtigkeit und dummfrecher Frevel – welcher Nation sind diese öffentlichen Mißhandlungen und Missethaten gleichgiltiger als der deutschen? Errichte ein Habgierig-Frecher ein schriftstellerisches Tribunal, von dem die Würdigsten der Nation mißhandelt werden: wer wird, sobald er Stirn genug zur Unternehmung hat, es ihm wehren? Arbeiter, Beihelfer, Leser wird er dazu finden; je pasquillenartiger sein Gerichtshof ist, desto neugierig- freudigere Leser. Daneben errichte er einen Streitplatz, auf dem die mißhandelten Schriftsteller mit ihren maskirten Mißhandlern öffentlich baxen: der Mißhandelte zahlt sogar Geld für den Platz, um von der Maske neue Schläge oder Nasenstüber zu erbeuten, und das deutsche Publicum lacht gähnend. Wer sonst nichts liest, liest unwürdig-unbillige Kampfscenen, damit er doch wisse, wie es auf dem deutschen Parnaß hergeht. »Pasquille bringen jetzt allein Geld ein,« sagte ein junger deutscher Autor; »die bezahlt der Verleger, die liest man begierig.« Und sie werden geschrieben. Welche Nation hat mehr geheime und öffentliche Krambuden schlechter Anekdoten, zweckloser Schmähungen der Regenten, die durch dies Pasquillenwesen (daher sie es auch nicht stören) über Lob und Tadel hinausgesetzt sind, als die deutsche? Keine Nation als die unsrige hat ein stehendes Heer von Schriftstellern, die mit stolzer Verachtung aller Brauchbarkeit im Dienst des gemeinen Wesens von Maculatur leben. Sie haben genau berechnet, wie mittelmäßig ein Buch sein müsse, damit es, wie sie sagen, interessire, d. i. allgemein gelesen werde; denn ganz guten Büchern, heißt es, geschieht dies nicht. Und sie werden gelesen, sie unterhalten und verderben den Geschmack der Nation weiter. Welche Nation ist's, die ihren eignen Namen als Schimpfwort nicht nur duldet, sondern selbst ausspricht! »Ich will es Dir deutsch sagen« heißt: »ich will es Dir platt und grob sagen, daß Du es fühlst; ich will es Dir verdeutschen«. Vgl. dagegen die Erklärung des Ausdruckes oben S. 643. – D. Und gewiß, die schönsten Schriften, die zartesten Charaktere andrer Nationen haben die Deutschen sich verdeutscht . Von alten Zeiten her, was ward die Aeneïs in Beldeck's , was ward Rabelais in Fischart's , was ward Quevedo in Moscherosch's Händen gerade durch die deutschen Zuthaten, die sie ihrer Urschrift gaben? Diese Verdeutschungsgabe durch eigne Zuthat ist nicht ausgestorben; Cervantes, Le Sage , und wer nicht? zumal die humoristischen und Theaterschriftsteller der Ausländer haben es entgelten müssen. Verdeutscht mußten sie werden; dann wurden sie als deutsche Originale gepriesen. Ein deutscher Bauer mußte Sancho, der edle Held von Mancha ein Unsinniger werden; jetzt waren sie nationalisirt. So nehmen unsre Nachbarn das Wort nicht, wenn sie vom Francisiren , vom Anglisiren sprechen; und doch ist unsre Sprache und Denkart so biegsam, so gefällig, daß sie sich ohne gewaltsame Verrenkung jeder alten und neuen Sprache sowie jedem Charakter derselben fast unübertreffbar anschließt, sobald nur Hände da sind, die sie anzufügen wissen, und die leichtsinnige Frechheit des deutschen »Bessermachens« aus dem Spiel bleibt. Fast an allen Nationen haben wir uns, zu eignem Schaden, durch solche Nach- und Ueberstümpereien versündigt. Sie gestehen selbst, mein Freund, daß unsre besten Schriftsteller ungekannt oder vergessen sind, und wie viel haben Sie damit eingestanden! Wecken Sie nun die noch ältern auf, lassen Sie Lehrdichter und Minnesinger , den Freidank, Renner, Waldis , und wen sie wollen, im besten Gewande hervortreten, Caviar to the general , »Unschmackhaft für die Menge«. – H. [»Hamlet«, II. 2, im Gespräch mit den Schauspielern. – D. wie Hamlet sagt: sie werden, wie die schon erschienenen, Ladenhüter bleiben. Denn wer nimmt an Dingen solcher Art, an unsrer älteren Sprache und Denkart Antheil? Unser »Bragur« wird bald verstummen, Vgl. oben S. 704 nebst Anm. – D. wie so manche Unternehmungen zur Ehre der Nation vor ihm erlagen: »Wir Deutsche sind Deutsche«, sagt Luther . Der wackre Mann kannte sein Volk und hat es mehrmals mächtig geschildert. Gehen Sie Ihre deutschen Sprichwörter und Blumengärten unparteiisch durch: neben den vortrefflichsten Gewächsen des deutschen Witzes und Scharfsinns, der deutschen Biederkeit und Rechtsliebe werden Sie eine Menge so zäher Sprüche, so hinlässiger, niederträchtig duldsamer Sentenzen finden, daß man wider Willen an den Ausruf jenes biedern Deutschen denken muß: »Ein Hundsf–, der Ehre im Leib' hat! Herz muß man haben!« Schon in den Kreuzzügen war der tapfere furor Teutonicus , »Herz im Leibe« ohne Verstand und Ehre im zwecklosen Angriff, ein Sprichwort; die deutsche Geschichte hat die Querelles Allemandes ohne Kopf und Ende sowol als die folgsame Herzhaftigkeit ohne Zweck und Ehre auch gnugsam bewährt. Sprichwörter der Art, sobald sie sich mit Niederträchtigkeit trösten oder den Kopf schütteln und mit einem endlosen »Kommt Zeit, kommt Rath« hinter dem Ohr suchen, was nicht da ist, wünschte ich ausgetilgt und verworfen. Dagegen gebt uns muntre oder aufmunternde Sprichwörter, römische oder spanische refranes, deren wir sehr bedürfen! sie athmen Ehre und Anstand, Abscheu vor Niederträchtigkeit und ehrlosem Gehorsam. Daß dieser Brief nicht von einem Thersites seiner Nation geschrieben sei, soll, wenn Sie ein geduldiger Deutscher sind, ein andrer Brief bezeugen. ––––– Zweiter Brief Der Deutschen darf ich mich annehmen; die Fehler, die im vorigen Blatt getadelt wurden, lagen ursprünglich am Wenigsten in ihrem Charakter; ihre Sprache und ihre alten Sprichwörter, der Spiegel der Denkart einer Nation, sind deß Zeuge. Kühn und kräftig war ehemals die Sprache der Deutschen, nicht schleppend und schleichend; ihre Sittensprüche sind bieder und wahr, dazu oft so scharftreffend, so kurz und rund, daß sie mit jeder andern Nation nicht nur wettlaufen, sondern im Wettlauf über manche andre als Siegerin erscheinen könnte. Gehe man Agricola's, Pistorius', Hertel's und Andrer Sammlungen von Sprichwörtern, Sebastian Frank's »Paradoxa«, Lehmann's »Florilegium«, Zincgref's »Apophthegmen«, Luther's, Kaisersberg's, Moscherosch' und Andrer Schriften durch: welch einen Schatz reiner Lehren, auf Recht und Wahrheit, auf Ehre und Tugend, auf Billigkeit und Treue gestellt, enthalten sie! Und wie ächt deutsch vorgetragen, in wenig Worten gediegenes Gold! Schade nur, daß jetzt wenig Deutsche diesen Reichthum ihrer Vorfahren an Weisheit und Rechtlichkeit schätzen und kennen! Sie kennen ihn nicht, weil sie ihn nicht schätzen; sie schätzen ihn nicht, weil er ihnen unbekannt ist. Lehrhafter und lehrbegieriger Lehrbegierig schreiben auch Wieland, Ramler u.A. Adelung erkennt es an neben »lernbegierig« und »Lernbegierde«. – D. war von je her wol keine Nation wie die deutsche, allenthalben ging sie in die Schule und lernte. Und wie Manches haben andre Nationen von ihr gelernt, dessen sie sich als des Ihrigen rühmen! Fast in Allem schritt sie in ihren glücklichern Zeiten andern Nationen an kühnen Versuchen vor; leider aber mußten es bei ihr meistens nur Versuche bleiben. In unsrer ältesten Dichtkunst z. B. ist der Lehrsinn der Deutschen nicht unverkennbar? Eine überfeine Kunst der Erdichtung, ein himmelhoher Flug der Empfindungen sind nicht ihr Verdienst, wohl aber ein muntrer, fester, ruhiger Geist voll treuer, oft naiver und zarter Wahrheit. Mehrere, unrecht so genannte, Minnesinger, »König Tirol «, »Der Winsbeke «, » Freidank «, »Der Renner« und so viel Andre sind seiner Lehrsprüche voll, und als das Licht der Wissenschaften mit Erasmus , mit Luther die Reformation, mit Opitz eine neue Epoche der Dichtkunst anbrach: worin waren wir reicher und glücklicher als in Lehre? Lehrdichter sind unser dauernder Ruhm; unsre schönste epigrammatische, lyrische, selbst epische Poesie ist Lehre. Zum Spruch gehört die Fabel ; er will in einer Begebenheit dargestellt, in einem wirklichen Fall sichtbar gemacht sein, und wie reich sind wir an treffenden Fabeln! Oft sagt nach deutscher Weise in wenig Worten das Sprichwort die Fabel selbst oder citirt, treu wie ein Referent, die Veranlassung, bei welcher und von wem das Sprichwort gesagt ward; es giebt uns also auf einmal Frucht und Blüthe. Der alte Geist der deutschen Erzählung ist so ganz der ächte Geist der Fabel, daß ich glaube, Aesop selbst würde manche nicht anders als unsre alten Deutschen erzählt haben, so ruhig-heiter, so treu und ernst, oft so schalkhaft-witzig, im Ganzen aber so gemüthlich . Auch hier mögen Boner's Fabeln, mancher Minne- und Meistersänger, Burkhard Waldis und in neueren Zeiten wie Viele, Viele für den feinen ruhigen Lehrsinn der Deutschen reden! Nur daß zumal in der neuesten Zeitkrise dieser Reichthum gering geschätzt, das Gold aus dem Staube nicht hervorgesucht wird, indem wir unsre Pilpais, Lokmans und Saadis, Hagedorn, Gellert, Gleim, Lichtwehr u. s. w. vergessen und verachten. Boner ist uns unverständlich, Waldis ist in Keines Hand mehr. Gehe man diese Fabeln durch: ob man den Charakter der Deutschen eines Mangels an Biederkeit und Ehrgefühl oder der Sophisterei, Ziererei, niedriger Unterwerfung mit Recht beschuldigen werde? Von andern Nationen kam die süße Falschheit, das langweilige Cerimoniel, der gedunsene Formularstil zu uns herüber, dem deutschen Charakter eigentlich zuwider. »Ein Wort ein Wort, ein Mann ein Mann« ist unser Spruch. Eher sind wir Araber in unsrer Denkart, Geschichte und Dichtkunst als complimentirende Chinesen. Nur daß seit der Trennung der Religionen, noch mehr seit den öftern Einbrüchen fremder Völker in unser armes offnes Land, am Meisten seit der Errichtung so vieler Ludwigshöfe in hundert Residenzstecken und Dörfern u. s. w. Deutschland freilich sich selbst so fremde, seinem bürgerlichen Charakter, seiner Tugend und Sprache so abtrünnig werden mußte, daß wir uns aus ältern Geschichten erst selbst müssen kennen lernen. Die neuere Verwirrung Europa's endlich hat eine Menge deutscher Köpfe so verdreht, daß wir an uns selbst beinahe verzagen. In manchen Provinzen dürfen die Geist und Herz erhebenden Namen Freiheit, Gleichheit (Isonomie), die unsre Vorfahren in so viel republikanischen Städten gründeten, vertheidigten, bewahrten, nicht ausgesprochen, vor den Ohren Andrer die Worte Aristokratie , d. i. Regierung der Besten, Patriot , d. i. Freund des Vaterlandes, u. s. w. nicht genannt werden, blos weil andre Völker diese ehrwürdigen Namen gemißbraucht haben und man seiner eignen Zunge nicht traut. Die nachdrücklichsten Bezeichnungen unsrer Vorfahren von Tugenden und Lastern, von Gesinnungen. Eigenschaften, Aemtern und Geschäften, selbst von Zusammenkünften, Freundschaftserweisungen, Geschlechtsverbindungen und Geschlechtern haben wir aufgegeben und nennen sie, als ob wir dadurch geehrt würden, in andern Sprachen. Einst war dem nicht also. ––––– Antwort Unbegreiflich, was Sie an den Sprichwörtern haben, die doch nur Eselsbrücken, gemeine Marktplätze der Koch- und Kellerweisheit sind, bei denen sich kein Mensch von höherem Beruf aufhält, Krautkrämereien! Perrault schon hat mit vollem Recht die alten sieben Weisen Griechenlands als ianorante Pedanten und pedantische Ignoranten verabschiedet, weil sie Sinnsprüche, und zwar jeder nur einen , z. B. so einfältigen als: »Nichts zu viel!« »In Allem bedenke das Ende!« u. s. w. im Munde führten. Wer einen Spruch der Art sagt und ihn oft, sogar als Weisheit sagt, was ist er? was wird er? Seine Vernunft verkriecht sich endlich in diese Worte wie in eine leere Schale und – vertrocknet. Trauen Sie nie Menschen, die Gemeinplätze im Munde führen! Eben bringen sie solche aus, damit sie nach Belieben handeln mögen. Um die Hände frei zu haben, beschäftigen sie das Auge mit einer weiten, großen moralischen Aussicht; sie wissen, was sie dabei zu thun haben. Und wie beschränkend ist ein solcher Spruch! Je allgemeiner, desto beschränkender ist er. Er fesselt an hohle Ausdrücke, an leere Worte; er spricht von einer großen Heerde Löwen, Schafe oder Ziegen, ohne daß Du ein einziges vor Dir siehest; gehe nun hin und suche Dir Schafe und Ziegen, damit Du bei dem Reichthum im Allgemeinen, wo Du Alles und nichts hast, doch auch im Besondern etwas wirklich habest! Zudem, wer ans Allgemeine denkt, vergißt meistens das Besondere. Wer eine Gemeinregel im Kopf hat, übersieht meistens Umstände des Falls, der ihm vorliegt, besondre Umstände eines besondern Falls, die vielleicht eine andre Regel, also auch eine neue Ansicht erfordern, als ob keine Regel da wäre. Sprichwörter machen die Seele stumpf; man verläßt sich auf alte, gelernte Weisheit, um selbst weder zu hören, noch zu denken. Die Fibern des Gehirns, einseitig gerührt, werden stumpf bei solchen zuletzt ohne Sinn wiederholten Klängen, indeß die andern Fibern schlummern und der innere Sinn, der über alle wachen und sie alle melodisch beleben sollte, schläft. Dazu ist der Spruchrichter meistens ein stolzer Richter; er hat gesprochen, und es gilt, wenn sein Spruch gleich aus Weiß Schwarz, aus Schwarz Weiß machen sollte. »Wann Du zu Recht stellest,« sagt eine altdeutsche Handschrift, »so mußt Du einen Mann heischen allzeit; so giebt Dir der Vogt einen. Darnach heische noch einen zur Besserung, so giebt er Dir einen zur Besserung. Wann dieselben Männer aufgestanden, so sage ihnen, worauf Deine Sache stehet, und wann Du kannst ein Sprichwort anhängen, so thu es; denn nach Sprichworten pflegen die Bauern gerne zu sprechen!« Haltaus' Glossarium Germanicum medii aevi, p. 1710. – H. So weiland Sancho Pansa . Gehaben Sie Sich wohl! ––––– Gegenantwort. Für die Fibern Ihres Gehirns sorgen Sie nicht bei Anwendung der Sprichwörter; denn jede Anwendung will einen neuen Fall. Dieser muß übersehen und in allen Umständen erkannt werden, sonst ist das Sprichwort ein blinder Laut, den allenfalls auch der Esel sprechen könnte. Eben die genaue Anwendung auf den gegebenen Fall, die Verknüpfung des Allgemeinen und des Besondern, sie macht die Kunst des Sprechenden aus und setzt gewiß, falls Ihr Ohrgedächtniß vom Verstande nicht ganz getrennt ist, alle zur Sache gehörigen Verstandesfibern in Bewegung. Der Spruch wird, wie die altdeutsche Rechtssprache lautet, nach Erkenntniß der Sache gefunden . Hartsinnig werden Sie also bei diesem Finden auch nicht werden; denn nur der Suchende findet. Oder wir müßten der ganzen menschlichen Sprache uns nicht bedienen; denn auch in ihr schaffen wir nicht, sondern wir finden. Längst erfundene Worte suchen wir auf zu Auslegung unsrer Gedanken, je gerechter, um so treffender, sonst müßten wir neue Worte und in jenem Fall neue Sprichworte erdenken; wer wehrt uns solches? Da indeß viele Regeln menschlicher Denk- und Sittenweise da sind, scharf ausgedrückt und durch die längste Erfahrung bewährt, warum sollten wir uns den Gebrauch dieses vorhandenen Seelenreichthums versagen? Werden wir doch unvermerkt durch Regeln, meistens durch Aussprüche und Dicta erzogen und erziehen uns selbst durch solche. Daß also Kindern, Jünglingen dergleichen zu rechter Zeit, nie ohne den Fall der Anwendung gesagt, d. i. aus ihrer Seele gerufen werden, wer könnte dies tadeln? Nicht gelehrt werden sie ihnen, sondern erweckt in ihrer Seele, und wenn sie ihnen in Lesebüchern, in Vorschriften vorgedruckt, vorgeschrieben werden, noch sind sie nur Erinnerungen. Und warum sollte man sie nicht an das Beste, das in ihnen liegt, am Angelegensten erinnern? Unbewußt oder bewußt handeln wir Alle nach Sprüchen und Sprichwörtern, oft nach sehr abergläubigen und falschen. Oft stehen wir wie Buridan's Esel zwischen zweien, wendend den Kopf zur Rechten und Linken. Das Urtheil unsers Verstandes und Gewissens giebt uns allein einen festen Weg zwischen beiden. Daß im gemeinen Leben Sprichwörter selten angeführt oder ausgedrückt werden, hat keinen andern Grund, als daß wir das Bekannteste, Gewisseste voraussetzen, nicht aber buchstabirend anführen. In unserm Innern liegen diese Machtsprüche des Verstandes und Herzens als unwandelbare Axiome, nach denen wir handeln, ob wir sie gleich nicht predigen, wie ja jeder organische Bau von außen nur das Aeußere, Organe der Mittheilung zeigt, das Innere aber, die wirksamen Triebfedern unsers lebendigen Seins, verbirgt. Was Perrault über die Sprüche der sieben Weisen sagte, war Unverstand der Sache und Zeit. Wer berichtete ihn denn, daß sie diese Sprüche immer im Munde geführt, daß sie nur diese und keine andern gesagt haben? Und dann, da sie Gesetzgeber, Volksleiter waren, wer mit dem mindesten Aufwande das auszurichten vermag, was Andre mit vieler Anstrengung zu erreichen nicht vermögen, ist er nicht der größere Ausrichter? In der wahren Weisheit des menschlichen Lebens kommt es gewiß nur auf sehr Weniges an; nur daß dies Wenige strenge befolgt werde. Ist der Mittelpunkt und Radius gegeben, ziehe ich den Zirkel. Fénélon kehrte sich also an Perrault nicht, da er seinem königlichen Zöglinge die trefflichen Aussprüche der griechischen Weisen bekannt machte; kein Kenner des menschlichen Geistes und Herzens wird sich daran kehren. Alle moralischen Gemüther fanden an sinnreichen Sprüchen der Art ihr inniges Gefallen, und von Pythagoras an haben treffliche Menschen sie thätig eingeschärft. Sie enthalten, wie Steuchus sie nennt, die perennirende Philosophie ( philosophia perennis ), Des Steuchus »De perenni philosophia« neun Bücher erklärte Julius Scaliger für das beste Werk nach der Bibel. – D. Samenkörner, die sich in jedem neuen Boden, in jeder neuen Jahrszeit neu beleben. Die Sammlungen, die Erasmus und Grotius, Neander, Brunck u. A. aus Griechen und Römern gemacht haben, sind, wie sie sich auch nennen, goldene Werke, den heitersten Stunden der Jugend mit Recht und aus Liebe zu empfehlen, aufs ganze Leben süße Geschenke. Nicht aber von Griechen und Römern allein, von allen Nationen der Erde wünschte ich ihre Sprichwörter und Weisheitssprüche gesammelt. Von den meisten morgenländischen Völkern hat man derer bereits eine unschätzbare Ausbeute, die auch uns nicht unbenutzt bleiben sollen; aus andern Welttheilen enthüllen uns oft wenige derselben den Charakter der Nationen mehr als lange Erzählungen ihrer Besucher. Sie zeigen den Compaß ihrer Lebensführung, und da Wahrheit, Recht und Güte in allen menschlichen Gemüthern zwar eins, ihr Anblick und ihre Anwendung aber tausendfach verschieden sind: wer wird sich nicht freuen, denselben Edelstein auf so mancherlei Art brillantirt zu sehen, als es Zeitumstände, Organisation und Klima zu fordern schienen. Die europäischen Nationen sind in Sprüchen dieser Art unsrer Denkweise näher; auch ihrer Cultur waren sie Leiterinnen, sowol in den Künsten der Rede als in Bildung ihres Charakters. Der spanischen Poesie (und welcher andern nicht?) gaben die refranes Ziel und Weisung. Sancho mit seinen Sprichwörtern hätte seine Insel weiser und glücklicher regiert als manche Politik mit ihren abgefeimtesten Kniffen und Staatsregeln, die meistens ein falsches Einmaleins sind, das zuerst dem Betrogenen, zuletzt dem Betrüger selbst schadet. 9. Der Mann und sein Schatte Niemand. Vgl. oben S. 20. – D. ––––– Deutsche B. Politik? – D. Fragment.   1. Mann war der Name des deutschen Mannes, des Sohnes Teut , des landgebornen Gottes. » Mann «, sprach die Weissagerin Belleda (Andre nennen sie Hulda), » Mann soll er sein, oder er wird ein Schatte von ihm, Niemand .« In seine Brust nahm Mann den Gottesspruch auf und nannte seine sieben Söhne Männer, Wehrmänner, Germanen .   2. So lange die Söhne bei und mit einander auf ihrer Mutter Schooß Hertha als Mark- und Allemannen im Bunde mit einander blieben, stärkte sie ihres Stammes Kraft und ihrer Hulda Segen; als sie aber Schweifer und Wandler (Svever und Wandalen) wurden, erstarb ihre Stammeskraft. In fremden Ländern, bis in die Wüste Afrika's hinaus, verloren sie ihre Namen; kaum blieb in einem derselben, und zwar beim armen Lombard oder etwa bei Ställen, Rossen, Knechten, Wirthshäusern. Hofstellen und Trinkgelagen in Worten und Namen ihr Andenken übrig.   3. Die im Mutterlande Zurückgebliebenen betraf ein nicht linderes Schicksal. Einer seiner Brüder, Frank , hatte sich in ein nachbarliches Reich gedrungen, und einer seiner Nachkommen, Kerl der Große , war von einem ausländischen Priester gerufen, ihm wieder auf seinen Altar zu helfen. Kerl zog dahin; der Priester rief ihn in den Saturnalien der dunkeln Christnacht zu einem Cäsar aus, gegen welchen Namen Jahrhunderte lang die Deutschen gestritten hatten, und so ward ihnen auf Jahrhunderte hinaus mit diesem Namen eine römische Kette um den Hals geschmiedet.   4. Jahrhunderte lang trugen sie sie in wilder Verwirrung; ein Fürstenstamm nach dem andern rückte herzu und bot der Kette den Hals dar, bis dieser im fremden Lande ab- und wund und zu Tode gescheuert einem andern Stamme, zu scheuern und gescheuert zu werden, Platz machte. So erloschen die Männer (Mannen), ihr Blut floß allenthalben; auf fremden Ebnen, für und wider nichts, sanken ihre Leichname, treu dem Bunde ihrer Väter, aus Pflicht und Gehorsam. Im Mutterlande indeß erhoben sich Raubschlösser, Burge. Eine auch bei Voß u. A. vorkommende Mehrheitsform. Adelung erkennt nur Bürge an; Burgen ist nach ihm oberdeutsch. – D. Nicht Männer wohnten hier mehr, sondern Raubgesindel, Ritter und edle Knechts, deren Namen großenteils noch jetzt von ihrem Ursprung zeugen. Der Heer- und Wehrmann war ein Oger, ein Burgdrache worden, von dem Ihr so manche furchtbare Märchen gehört habt. Gezittert und geweint habt Ihr über die Unthaten der verwünschten Schlösser und Burge.   5. Allmählich sollte Ordnung kommen ins Land; man schrieb Gesetze, man blies in die Posaune. »Männer,« rief die Drommete, » Söhne des Mann !« Und erschrecklich! – die Wälder, Berg' und Hügel umher antworteten: » Niemann !« Ein Gottesmann erschien ( Lauter, Luther war sein Name). Er rief die deutschen Männer von jenem fremden Priesterdienst jenseits der Gebirge zurück. Ein Theil der Männer kamen, den andern in den Weinländern behagte ihre Weise; sie riefen seiner Stimme zurück: » Niemann !« So ward Teut's Geschlecht getheilt; die Brüder lagen einander selbst in den Haaren.   6. Feinde mischten sich zu Beilegung ihres Zwists unter sie; ihr gefährlichster Feind war der, dessen Sprache und Sitten sie annahmen. Mit Annahme seiner Sprache und Sitten huldigten sie ihm, ehe er durch Waffen sie überwunden hatte, und aus Vergötterung seiner eilten sie, ihm zu helfen in einer Gefahr, die ihnen nicht oblag. Das Schicksal strafte sie unerbittlich. 10. Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allgemeingeist Deutschlands. Dieser Aufsatz wurde durch einen der ehrwürdigsten, allgemein hochverehrten Fürsten Deutschlands veranlaßt, für welchen der Verfasser diese Idee im Jahr 1788, vor seiner Reise nach Italien, aufgesetzt hatte, und verdient von der Adrastea aufbewahrt zu werden. – Anmerkung des Herausgebers. – [Der Aufsatz gehört in das Ende des Jahres 1787. Vgl. »Herder's Leben« in unserer Ausgabe, Th. I. S. XCIX f. Die Antwort des Markgrafen von Baden, auf dessen Wunsch Herder den Plan entworfen hatte, und der aus diesem Plan hervorgegangene neue steht in den »Erinnerungen aus dem Leben J. G. von Herder's«, III. 132 ff. – D.] ––––– §.1 Da Einheit und Mannichfaltigkeit die Vollkommenheiten sind, die alle dauernden Werke der Natur und ihrer Nachahmerin, der Kunst, bezeichnen, so ist es wol unzweifelhaft, daß auch die höchste, schwerste und nützlichste Kunst der Menschen, die Einrichtung einer Nation zur allgemeinen Wohlfahrt, nach diesen Eigenschaften streben müsse und unvermerkt strebe. Je getheilter eine Nation ist, desto mehr Kräfte kann sie vielleicht haben; die Kräfte werden sich aber einander nicht kennen, mithin auch nicht auf einen gemeinschaftlichen Endzweck wirken. Ein Beispiel davon giebt die mittlere europäische, insonderheit die deutsche Geschichte. An Mannichfaltigkelt und Kraft hat es unsrer Nation von je her nicht gefehlt. Von jenen Zeiten an, da Deutschland ein Tummelplatz von Stämmen und ziehenden Völkern war, durch alle Jahrhunderte hin, da einzelne Gebiete und Provinzen kämpften, stritten, arbeiteten, strebten und erfanden, bis vielleicht selbst auf unsre Zeit war unser Vaterland ein Staatskörper, der seine eignen Kräfte nicht immer kannte, sie also auch nicht zu einem gemeinschaftlichen Zweck mit gehaltener Festigkeit anwenden konnte, ja vielmals zu falschen und fremden Zwecken gegen sich selbst mißbrauchte. Es ist also wol kein Zweifel, daß, je mehr Licht in diesen ungeheuren Wald menschlicher Bemühungen kommt, je mehrere helle Köpfe und thätige Hände sich zu dem einen großen Endzweck, der Nationalwohlfahrt , verstehen und verbinden lernen, desto mehrere Festigkeit, Ordnung und gesetzmäßige Freiheit muß der Staat von innen, desto mehr bestimmte Macht, Würde und Weisheit muß er in seinen Wirkungen von außen gewinnen; und in beiden Fällen wird er dem höchsten Vorbilde einer belebten Maschine, dem menschlichen Körper selbst, nacheifern, in dessen sämmtlichen Gliedern nur eine gemeinschaftliche Seele lebt. Nach unsrer deutschen Verfassung sind also alle Bemühungen ruhmwürdig, die nicht nur Licht zu verbreiten, sondern auch Licht zu vereinigen suchen, daß eine gemeinschaftliche Flamme werde. Alle Bemühungen, die dahin zwecken, daß die sämmtlichen Völker und Provinzen Deutschlands sich in ihren besten Köpfen, in ihren thätigsten Gliedern einander kennen, verstehen und in ihren Arbeiten fürs Wohl des Ganzen helfen und beistehen lernen, damit allenthalben nur ein Gesetz der Vernunft und Billigkeit regiere und jede blinde Parteilichkeit entkräftet werde, sind unsterbliche Wohlthaten für die gesammte Nation, die sich mit jedem Schritte mehr belohnen und tausendfache Früchte hervorbringen müssen. ––––– § 2. Wenn irgend eine Zeit zu allgemeinen Versuchen und Anstalten dieses großen Werks vorbereitet und bequem war, so scheint es die unsrige. Die allgemeine Menschenvernunft hat Licht und Stimme gnug gewonnen, um aus dem Gemälde der Barbarei voriger Jahrhunderte, aus ihren tausendfachen Irrungen, Unordnungen und leeren Bemühungen die Lehre anzuerkennen und laut zu sagen, »daß Finsterniß und Vorurtheil, daß gesetzwidrige Macht und Parteilichkeit, daß Verkennung seiner selbst und des Maßes seiner Kräfte, Vernachlässigung der unentbehrlichen Mittel zum Wohl des Ganzen keine guten Folgen haben können und nie gehabt haben«. Das Beispiel großer Männer auf dem Thron und im Cabinet, auf Richterstühlen und in Schriften ist vor uns, die diese Lehre anerkannten und mit einer Wirksamkeit ausübten, die wir noch anstaunen und bewundern. In alle Provinzen von Deutschland sind Strahlen dieses Lichts gedrungen, selbst wo man sie mit Gewalt zu verdrängen sucht, machen sie sich Bahn und glänzen in verborgenen Winkeln vielleicht desto stiller und reiner. Man sieht Werke des menschlichen Geistes in Gegenden erscheinen, wo man sie nicht erwartet hätte, und das Gründlichste und Beste entzieht sich vielleicht dem Auge des Publicums, entweder aus Mangel der Aufmunterung oder gar aus bescheidner Furcht, und weil es in der Unterdrückung schmachtet. Man sieht hie und da Anstalten zum Vorschein kommen, die eine Reihe der aufgeklärtesten Ueberlegungen voraussetzen, und leider auch gut gemeinte Anstalten scheitern, denen vielleicht blos eine fremde freundschaftliche Ueberlegung, eine glückliche Communication mit anderweit gemachten Erfahrungen fehlte. Die große Anzahl unsrer gelehrten und politischen Journale zeigt, welche Menge von Keimen sowol der Wissenschaft als politischer Bemühung in Regung sei und sich entweder als Kraut oder als Unkraut zeige. Die große Anzahl geheimer Gesellschaften, die meistens nur deswegen geheim sind, weil sie sich ans Licht hervorzutreten nicht wagen, zeigen auch in ihren Mißbräuchen und Verderbnissen, daß eine Gährung da sei, deren Wirkungen man nur dadurch zuvorkommt, daß man die Gemüther der Menschen öffentlich auf allgemeine, bessere Endzwecke leitet. Das Mißverhältniß unsrer deutschen Provinzen gegen einander in den Graden der Aufklärung, Verglichen mit ihrer Lage und der Zeit, seitdem sie diese Aufklärung genossen haben, dringt noch mehr auf eine Vereinigung ihrer Stimmen und Einsichten. Große Provinzen, gegen welche sich andre Gegenden von Deutschland das ihnen angestammte Recht erlauben, sie für Barbaren halten zu dürfen, wollen sich nicht mehr dafür halten lassen; sie murren und sind unzufrieden mit den Vorzügen, welche jene sich blos deswegen anmaßen, weil das Licht der Aufklärung und guten Einrichtung sie früher traf. Sie wollen von der Eintheilung. Deutschlands in zwo Hälften, deren eine licht, die andre dunkel sei, nicht mehr wissen und sagen: »Was thut Ihr jetzt denn mehr als wir? Indessen hindert sie oft ihre geographische oder politische Lage nebst vielen andern Umständen, unter welchen der Mangel an gelehrten Hilfsmitteln und an Communication keine kleinen Hindernisse sind, hervorzutreten und sich der Reihe allgemeiner Bemühungen so anzuschließen, wie sie es wünschten. Jedem Landesherrn und seinem Lande muß daran gelegen sein, daß dies Mißverhältniß der Provinzen Deutschlands gehoben werde. Es muß ihnen daran gelegen sein, daß allenthalben, wo man in Deutschland lebt, man auch zu Deutschland gehöre, die Sprache unsers Vaterlandes rein spreche und schreibe, in Bekanntschaft mit demjenigen sei, was auch außer unsern Grenzen Vorzügliches gedacht, gethan, gewünscht und erstrebt werde, daß also von ihren Bezirken der Vorwurf der Barbarei und Winkelunwissenheit verbannt werde. Eine aufgeklärte Provinz hat vor einer unaufgeklärten eine ungeheure Uebermacht, die sich auf alle Stücke der Staatshaushaltung, auf die kleinsten und größten Geschäfte, folglich auch auf alle Zwecke des Landesherrn verbreitet. Sein Sinn wird nur befolgt, nach dem Köpfe und Hände da sind, die ihn befolgen können, und selbst wenn er bei guten Vorsätzen in Ansehung der Mittel irrte, kann es ihm gewiß nicht gleichgiltig sein, ob eine aufgeklärte Vernunft ihm ihre Zweifel und Gegengründe aus eigner oder fremder Erfahrung bescheiden und mit aller Stärke der hellen Wahrheit vorlegt, oder ob ein blindes Vorurtheil des alten Herkommens boshafte Pasquille und Lästerungen gegen ihn schmiede. ––––– §. 3. Schon unsre Sprache allein, sie möge als ein gelehrtes oder politisches Werkzeug angesehen werden, verdient einen Vereinigungspunkt ihrer verschiedenen Provinzen, der ihnen sämmtlich eine neue Triebfeder zur Cultur dieses unentbehrlichen Werkzeuges würde. Unsre Nation kann sich rühmen, daß sie von den ältesten Zeiten an, die wir kennen, ihre Sprache unvermischt mit andern erhalten habe, so wie sie auch selbst unüberwunden von andern Völkern geblieben und mit ihren Wanderungen vielmehr auch ihre Sprache weit umher in Europa angepflanzt hat. Es ist also billig, daß diese Sprache nicht nur daure, so lange die Nation dauert, sondern sich auch aufkläre, läutre und befestige, wie sich die Nation in ihrer Verfassung befestigt und aufklärt. Unglaublich viel trägt eine geläuterte, durch Regeln bestimmte Sprache zur festen, bestimmten Denkart einer Nation bei; denn es ist ein Zeichen, daß wir uns selbst gering achten, so lange wir uns gegen uns und gegen andre Nationen unsrer Sprache schämen. Die Geschichte zeigt, daß alle herrschenden Völker der Weltperioden nicht durch Waffen allein, sondern vielmehr durch Verstand, Kunst und durch eine ausgebildetere Sprache über andre Völker oft Jahrtausende hin geherrscht haben, ja, daß selbst, wenn ihre politische Macht verfallen war, das ausgebildete Werkzeug ihrer Gedanken und Einrichtungen andern Nationen als ein Vorbild und Heiligthum werth geblieben. Die griechische, lateinische und arabische Sprache zeigen dieses in der alten und mittlern Zeit; in der neuern hat es zuerst die spanische, nachher die französische Sprache bewiesen, welche Vortheile, ja, welch ein geheimes Uebergewicht eine Nation erlange, deren Sprache sich gewissermaßen zu einer herrschenden zu machen gewußt hat. Billig also ist's, daß die deutsche Sprache wenigstens innerhalb der Grenzen ihrer Nation herrschend werde, daß deutsche Fürsten sie verstehen, rein sprechen und lieben und, durch ihr Exempel gereizt, der deutsche Adel sowol als jede andre feinere Gesellschaft ihr die Biegsamkeit und den Glanz zu geben suchen, durch den sich die französische so sehr auszeichnet. Dies wird geschehen, wenn unsre reinere Büchersprache immer mehr die Sprache der feineren Gesellschaften und jedes öffentlichen Vortrages zu werden sucht, da sie bisher von diesem allgemeinen Gebrauch noch weit entfernt gewesen; denn bekanntermaßen wird unsre Büchersprache, im reinsten Sinne genommen, beinahe nirgend geredet. Sie ist ein künstliches Gewächs, das aus der Mundart mehrerer Provinzen durch angenehme und vorzügliche Schriftsteller allmählich heraufgesproßt ist. Eine Provinz hat daran mehr Theil als die andere, keine aber darf sich eines ausschließenden Vorzuges rühmen; denn aus mehreren Gegenden Deutschlands haben merkwürdige Schriftsteller zu ihr beigetragen und fahren in diesem Verdienst fort. Die wachsende Cultur unsers Vaterlandes kann also keinen andern Weg nehmen, als diese geläuterte Büchersprache unter feinern Menschen aller deutschen Provinzen gemein zu machen, über die Gesetze derselben, von der Orthographie und Interpunction an bis zu den feinsten Wendungen des Stils, sich durch gute Vorbilder mehr als durch zwingende Regeln zu vereinigen und die Bekanntschaft dieser Muster mit wählender Sorgfalt weiter umher zu verbreiten. Da der Geschmack unsers Vaterlandes noch nichts weniger als bestimmt und sicher ist, indem in manchen Gegenden das Schlechte dem Guten gleich oder wol gar höher als dieses geschätzt wird und bei der großen Menge schlechter Schriftsteller, die dennoch Leser und Nachahmer finden, sich unsre neuere Literatur einer neuen Barbarei zu nähern scheint: so muß jedem Manne von Geschmack jede öffentliche Anstalt willkommen sein, die ohne Despotismus, aber mit der ganzen Würde der Vernunft und Wahrheit dem Bessern vor dem Schlechtem ihre Stimme giebt, jenes mit Ruhme nennt und dieses verschweigt, überhaupt aber in allen Feldern der Wissenschaft, die zum Wohl des Vaterlandes gehören, die noch ungebauten Plätze sowol als die glücklich angebauten patriotisch bemerkt, mithin dem Geschmack der Deutschen eine Ausbreitung, Richtigkeit und Festigkeit zu geben sucht, die ihm vielleicht noch fehlt. Die übertriebene Nachahmungssucht andrer Nationen, die man uns zur Last legt, würde dadurch eingeschränkt und in eine Nacheiferung verwandelt, die in einer Masse gesammelter Kräfte nicht anders als von gutem Erfolg sein könnte. Eine Menge Unkraut verlöre sich, wenn edlere Gewächse allein die öffentliche Aufmerksamkeit an sich zögen und den Anbau fänden, der ihnen gebührt. ––––– §. 4. Diese und andre Ursachen haben einige Fürsten Deutschlands auf den Gedanken gebracht, eine aus mehreren und vielleicht einst aus allen Provinzen gesammelte deutsche Akademie mit ihrem Ansehen und ihrer Unterstützung zu bekräftigen. Es war schon unsers unsterblichen Leibniz großer Gedanke, in mehreren Provinzen Deutschlands Akademien der Wissenschaften anzulegen und sie unter einander zu verbinden. In Berlin brachte er sein Werk zu Stande; Zeitumstände und endlich der Tod hinderten ihn, daß er in Dresden und Wien seinen Zweck nicht erreichen konnte. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 289, 293. – D. Das Bedürfniß der Zeit hat sich seitdem geändert, indem es an Akademien und Societäten der Wissenschaften in unserm Vaterlande weniger als an einem Vereinigungspunkt mehrerer Provinzen zur allgemeinen, praktischen Geistes- und Sittencultur fehlt. Die deutsche Akademie tritt also keinem der schon vorhandenen ruhmwürdigen und verdienten Institute in den Weg, sie läßt jeder Akademie und Societät die Erweiterung und Bearbeitung der Wissenschaften, die für sie gehören; Vielmehr hofft sie von ihren Bemühungen selbst Nutzen zu ziehen, sofern solche zu ihrem Zweck dienen. Dieser ist kein andrer als Vereinigung der getheilten, zum Theil unbekannten und zerstreuten Kräfte zu einem Ziel der patriotischen Ausklärung. Alles, was dahin abzweckt, gehört für diese Akademie, es betreffe solches das Werkzeug unsrer Gedanken, die Sprache, oder jede Wissenschaft, sofern sie nach der jetzigen Zeitenlage zum Wohl unsers Vaterlandes gehört. Alle kleinfügige Parteilichkeit, jede Verachtung andrer Provinzen und Religionen wird von ihr ausgeschlossen sein; denn Alles, was in Deutschland lebt, kann und soll für Deutschland wirken und denken. Kein getheiltes politisches Interesse einzelner Reichsstände soll wissentlich je die Ruhe ihres Kreises, die Klarheit ihres Urtheils oder den reinen Eifer ihrer Bemühungen stören; denn Deutschland hat nur ein Interesse, das Leben und die Glückseligkeit des Ganzen. Zu diesem Zwecke ist es schwer, ausschließende Classen ihrer Arbeiten und Bemühungen anzugeben, und zum Theil sind diese Classen mißlich, weil sie meistens mit der Zeit zu drückenden Einschränkungen werden. Einige Linien indeß wären diese: 1. Die Sprache . Die Glieder der Akademie werden sich nicht nur selbst bemühen, in ihren Schriften Muster der Reinigkeit, Stärke und jener ungekünstelten Einfalt zu werden, die unsre Nation ihrem Charakter gemäß am Besten kleidet, sondern sie werden auch, Jeder aus seiner Provinz, die Schriften nennen und mit dem ihnen gebührenden Ruhme bezeichnen, die dies Gepräge an sich tragen. Die Akademie hofft dadurch und durch ihre gemeinschaftlichen Bemühungen überhaupt zur Verbreitung dieser Schriften etwas beizutragen und, indem sie entweder ruhmwürdige Preise aussetzt oder vorzügliche Schriften, die ihr dargebracht werden, mit Preisen belohnt, auf mehrere Weise dem oft unterdrückten Guten emporzuhelfen. Für despotischen Gesetzen über die Sprache wird sie sich mit größter Sorgfalt hüten, dagegen sich desto mehr befleißigen, durch Beobachtungen, Vorschläge und kritische Regeln unsrer Sprache die schöne Sicherheit allmählich zu verschaffen, an der es ihr in Vergleich andrer Sprachen noch sehr fehlt. Alles, was zur Geschichte der Sprache, zu ihrer Bildung in einzelnen Provinzen, zu ihrer Grammatik, ihrem Stil, ihren Wörterbüchern gehört, wird der Akademie werth sein, und kein Werk des deutschen Geistes und Fleißes, es sei poetisch oder in Prose, Übersetzung oder eigene Arbeit, wird, sofern es die Vollkommenheit unsrer Sprache betrifft, ihrer Aufmerksamkeit unwerth scheinen. 2. Deutschlands Geschichte . So vielen Fleiß die Gelehrten unsers Vaterlandes zur Aufklärung einzelner Punkte und Perioden der deutschen Geschichte angewandt haben, so bekannt ist der Vorwurf, daß wir sowol über die Begebenheiten einzelner Länder als über die gesammte Geschichte Deutschlands, ohngeachtet einiger neuerer schätzbaren Werke, unsern Nachbarn noch wert nachstehn, wenigstens daß ein patriotisches Studium dieser Geschichte noch bei Weitem nicht eine allgemeine Liebe der Nation sei. Und doch ist zum patriotischen Geist des gesammten Ganzen dieses Studium unentbehrlich. Die Poesie kann Scenen der Menschheit schildern, ja auch einzelne Auftritte der Begebenheiten unsrer Nation rührend und merkwürdig machen; da aber nach dem Zustande Deutschlands ein allgemeines Nationaltheater in den Wirkungen, die man von ihm gehofft hat, beinahe unmöglich ist, so muß ohne Zweifel eine philosophische Geschichte ersetzen, was der Dichtkunst abgeht. Und sie kann dies reichlich, wenn sie, sowol in Theilen als im Ganzen, ihrem Beruf treu bleibt, die Begebenheiten und Veränderungen dem Licht der unparteiischen Wahrheit darzustellen und jede derselben mit Patriotismus fürs Ganze, für die Heiligkeit der Gesetze sowol als für die Rechte der Menschheit unparteiisch zu schildern. Die vortrefflichen Proben, die einzelne Schriftsteller über Provinzen sowol als über Theile der allgemeinen Geschichte gemacht haben, lassen hoffen, daß auch in den fehlenden Theilen die Mängel mit rühmlichem Fleiß werden ersetzt und das Ganze zu einer untadelhaften Vollkommenheit gebracht werden, sobald sich der öffentliche Blick des gesammten Vaterlandes darauf wendet. Wir erscheinen später, gegen andre Nationen betrachtet, aber wir kommen desto bereiteter und geprüfter. Die Hilfswissenschaften der Geschichte, Alterthümer, Naturgeschichte, Erdbeschreibung, Gesetzgebung und Staatsverfassung in verschiednen Zeiten sind zum Theil schon bearbeitet oder werden in jeder neuen Bemühung und Berichtigung der Akademie die werthesten Hilfsarbeiten sein, indeß sich ihr Blick unverrückt auf eine patriotische Geschichte des gesammten Vaterlandes heftet. Je unparteiischer und redlicher diese bearbeitet wird, je brauchbarer alle mühsamen Vorarbeiten zum allgemeinen Zweck des Gesammtgeistes und der öffentlichen Bildung eingeleitet werden, desto mehr wird die Akademie sich ihres Zweckes freuen und ihre Wünsche für erreicht achten. Der Sectengeist einzelner Länder wird ersterben, die Finsterniß, die in verschlossenen Winkeln herrscht, wird von dem Licht der Menschlichkeit, der Vernunft, Billigkeit und Wahrheit vertrieben werden, sobald es den Gemüthern Derer einleuchtet, die am Ruder der Wirksamkeit und des Staats sind. 3. Alles, was zur thätigen Philosophie der Nationalbildung und Glückseligkeit gehört, ist der letzte und höchste Zweck der Akademie, von welcher also auch nichts ausgeschlossen wird, was dazu dient. Jede hellere Wahrheit, die schädliche Vorurtheile und böse Gewohnheiten aufhebt oder vermindert, jeder praktische Versuch und Vorschlag zur bessern Erziehung der Fürsten, des Adels, des Landmannes und Bürgers, leichtere und bessere Einrichtungen in allen öffentlichen Anstalten, in Handhabung der Gerechtigkeit, im Umgange der Stände gegen einander, in Einrichtung der Kirchen und Schulen, in einer vernünftigen Staatswirthschaft und menschlichen Staatsweisheit werden Gegenstände des Nachdenkens, der Ueberlegung und Erfahrung der Akademie werden. Denn Niemand kann es leugnen, daß in unserm Vaterlande hie und da noch Vorurtheile und Thorheiten gelten, die in benachbarten Ländern öffentlich dafür erkannt sind und auch bei uns von jedem vernünftigen Herrn und Unterthan dafür erkannt werden. Niemand kann es leugnen, daß die Theilung in viele Staaten, Secten und Religionen den allgemeinen Menschenverstand, die allgemeine Klugheit und Billigkeit aufhalte, deren Grundsätze in andern Ländern längst zu einem sittlichen und politischen Calcül gebracht sind, an welchem Niemand mehr zweifelt. Diese Grundsätze auch für uns immer mehr ins Licht zu setzen, sie auf einzelne Fälle und Erfahrungen anzuwenden, Ungerechtigkeiten und Barbareien entgegenzuarbeiten, die jeder Fremde mit Lächeln oder mit Verachtung sieht, dagegen dem Licht der Wahrheit Wege zu bahnen, das sich allenthalben selbst läutert und mit der Zeit als Wahrheit zeigt: Bemühungen dieser Art setzt sich die Akademie vor. Aus allen Provinzen werden die Mitglieder bei ihrer Versammlung einen kurzen, wahren Bericht von dem erstatten, was in ihrer Provinz für die Menschheit an öffentlichem Guten gedacht, gewollt, bewirkt ist; sie werden dadurch die Mitglieder andrer Provinzen aufmuntern und belehren oder gegenseitig von ihnen aus Erfahrungen derselben freundschaftliche Berichtigung, Aufmunterung und Lehre annehmen. Die Landesherren oder ihre Räthe, die vielleicht selbst der Akademie zuweilen beiwohnen oder durch die Mitglieder ihrer Provinz von den Rathschlägen und Ueberlegungen der Versammlung Nachricht erhalten, werden ohne Schmeichelei und Verleumdung wie auf einem freien Schauplatz die Stimme der Wahrheit auch aus andern Provinzen hören und sich gewöhnen, sie hören zu mögen. Denn von ihren edeln und guten Einrichtungen werden die Acten der Akademie gleichsam ein fortgehendes Tagebuch, mithin in einigen Jahren die Annalen der Menschlichkeit, allgemeinen Billigkeit und Weisheit unsrer Nation werden. Der Starke wird den Schwachen begeistern, der Erfahrne den Wohlmeinenden belehren, auch entfernte Provinzen und verschiedene Religionen werden sich einander kennen, ertragen und lieben lernen, so daß nicht nur manche gelehrte Streitigkeit, manches Vorurtheil, das nur auf Unwissenheit beruhte, dadurch wegfallen, sondern auch eine Nacheiferung erweckt werden dürfte, an der die größte und kleinste Provinz Theil nimmt. Es versteht sich von selbst, daß alle Anzüglichkeiten gegen Landesherren und ihre Diener, gegen Religionen und Gelehrte sowol aus den Schriften als Unterredungen dieser Versammlung wegbleiben müssen, geschweige daß irgend eine Bitterkeit, ein literarischer oder politischer Groll in jene alten Zänkereien ausschlagen wollte, die nur für die Synoden dunkler Jahrhunderte gehörten. Der Zweck dieser Akademie ist reine, unparteiische Wahrheit, das Band ihrer Mitglieder ist Nationalinteresse, gegenseitige Achtung und Schonung. ––––– §. 5. Um diese angegebenen Zwecke der Akademie zu befördern, dürfte die Einrichtung derselben vielleicht folgende sein. 1. Jeder Landesherr, der an diesem patriotischen Institut Antheil nimmt, wählt aus seinem Lande oder aus seinen Ländern so viele Mitglieder , als er zum Besten seines Staats und zum Nutzen Deutschlands für nothwendig erachtet. So wäre es bei der ersten Einrichtung; künftig aber dürfte es besser sein, wenn statt der abgegangenen Mitglieder die Akademie, und besonders jede Provincial-Deputation neue Mitglieder bei ihrem Landesherrn in Vorschlag brächte. 2. Diese Glieder aus einer Provinz machen eine Provincial- Deputation aus. Einer von ihnen hat den Namen des Aeltesten oder Direktors, der zwar seinen Mitbrüdern keine Gesetze geben oder Arbeiten vorschreiben darf, sich doch aber mit ihnen über die Vertheilung der Arbeiten vereinigen mag. An ihn gehen vom Secretär der gesammten Akademie oder auch von den Deputationen andrer Provinzen Briefe, Anfragen u. dgl. ein, und er consultirt darüber seine Mitbrüder oder eröffnet ihnen den Inhalt. 3. Jede dieser Provincial-Deputationen stattet der Akademie bei ihrer öffentlichen Versammlung in einem oder in mehreren Mitgliedern einen Bericht von dem ab, was ihr zum Zweck der Akademie in ihrem Bezirk Merkwürdiges vorgekommen ist. Diese Berichte von Einrichtungen, Unternehmungen, Vorschlägen, Wünschen, Büchern u. s. w., mit genauester Wahrheit und mit philosophischem Geist vorgetragen, machen die eigentlichen historischen Acten der Akademie aus. Aus allen Provinzen Deutschlands, die an diesem Institut Theil nehmen, werden sie bei der öffentlichen Versammlung vorgelesen und als eine Geschichte der Akademie oder als ein Jahrbuch des deutschen Nationalgeistes zusammen gedruckt; da übrigens alle andern Abhandlungen der Mitglieder entweder einzeln oder ihrem Inhalt nach in getrennten Theilen bekannt gemacht werden. Denn erschiene Alles, was vorgelesen wird, in fortgehender vermischter Reihe, so müßte hier sehr bald die Folge eintreten, die sich bei den Schriften andrer Akademien gezeigt hat, daß sie durch die große Anzahl ihrer Bände unübersehbar, mithin weniger nützlich werden. 4. Die Mitglieder der Akademie sind entweder ordentliche oder Ehrenmitglieder . Jene verbinden sich zu den Arbeiten und Bemühungen, die der Zweck des Instituts fordert, die Ehrenmitglieder werden zu diesem Zweck nach Belieben beitragen und ihn sonst auf alle Art zu befördern suchen; die kleinste und leichteste Beförderung wird diese sein, daß sie damit stillschweigend als Abonnenten der akademischen Denkschriften angesehen werden, womit sie aber nicht verbunden sind, jede einzeln gedruckte, in der Akademie vorgelesene Abhandlung oder jedes von der Akademie mit ihrem Beifall beehrte Werk zu kaufen, wenn sie, wie doch zu hoffen ist, der innere Werth desselben nicht selbst reizt. Sie sind nicht verbunden, jede öffentliche Versammlung der Akademie zu besuchen, ob es dieser gleich zur Ehre und Aufmunterung gereichen wird, sie in ihrem Kreise zu sehen. Die ordentlichen Mitglieder dagegen verbinden sich dazu, und ihre Landesherren, die sie zu diesem Geschäft bestimmt haben, werden ihnen nicht nur die Zeit zur Reise und die Reisekosten huldreich gönnen, sondern, da wahrscheinlich der größte Theil derselben in öffentlichen Geschäften ist, ihnen das Maß dieser Geschäfte sofern gnädig erleichtern, daß ihnen zu einigen Arbeiten der Akademie Raum bleibt. Uebrigens wird auf den geistlichen oder weltlichen Stand dieser Mitglieder nicht gesehen, gnug, wenn sie im Stande sind, die Zwecke der Akademie zu befördern. 5. Der Versammlungsort der Akademie wird mitten in Deutschland sein, damit von allen Seiten die Ankunft der Mitglieder oder andrer Zuhörer, die das Institut mit ihrer Gegenwart beehren wollen, erleichtert werde. Es wird ein Ort dazu erwählt werden, der nebst den Bequemlichkeiten des Aufenthalts auch den Vortheil habe, daß er unter den Einflüssen keines Hofes stehe. Zur Zusammenkunft wird eine bequeme Jahrszeit gewählt und solche vom Secretär der Akademie den Directoren der Provincial-Deputationen kund gethan werden. Die Dauer ihrer Zusammenkunft kann nicht bestimmt werden, da sie von den Geschäften und Beiträgen der Akademie abhängt. Es gehört zu diesen Geschäften, daß jeder offene, patriotische Kopf, wenn er auch nicht als Mitglied der Akademie aufgenommen ist, Arbeiten, die zum Zweck des Instituts gehören, entweder der Akademie in ihrer Versammlung oder füglicher der Provincial-Deputation, zu welcher er ein Zutrauen hat, am Ort ihres Aufenthalts zur Bekanntmachung und Prüfung darlegen könne. Es steht auch bei ihm, ob er dies bei mehr als einer Deputation thun wolle. Durch diese vorläufige Prüfung werden die Arbeiten der Akademie bei ihrer Versammlung verkürzt und erleichtert, weil es sonst gewöhnlich der Fall sein müßte, daß Werke, die bei der Versammlung selbst überreicht werden, erst zur Prüfung ausgesetzt und das Urtheil über dieselben oder die Belohnung derselben ein Jahr aufgeschoben würde. Diese Belohnung bestünde bei entschieden wichtigen Werken in einem Preise, der aber dem Verfasser das Recht über sein Manuscript, es gegen ein Honorarium selbst drucken zu lassen, nicht benähme. Bei andern Arbeiten wird die Belohnung blos ein rühmliches Urtheil sein können, das dem Verfasser zum Druck seiner Schrift theils den Weg bahnen, theils die gute Aufnahme derselben beim Publicum erleichtern dürfte. Wichtigen und nützlichen Werken, denen etwa ein Verleger fehlt, wird die Akademie gleichfalls auf eine oder die andre Weise die Hand bieten, damit sie erscheinen. Bei Allediesem aber versteht sich, daß die Akademie von Zudringlichkeiten frei und ihres Urtheils mächtig bleibe. Jedes Mitglied, jede Deputation, der die Akademie die Prüfung eines Werks aufgetragen hat, muß für die unparteiische Treue und Wahrheit ihrer Berichte stehen, und auch nachdem diese erstattet sind, muß kein Mitglied oder keine Deputation die Akademie in der Entschließung stören, die sie darüber zu nehmen für gut findet. Die Stimmen in einem streitigen Fall werden durch ein suffragium mit Kugeln entschieden, wenn nämlich die Frage bis auf Ja oder Nein gebracht worden. So wäre es auch der Unparteilichkeit gemäß, daß bei allen vorgeschlagenen neuen Mitgliedern die Stimme der Akademie durch ein gleiches suffragium gehört würde. 6. Das Ganze der Akademie bedarf eines Secretärs und eines Präsidenten; Beide sind nothwendig, damit das Zerstreute eine Einheit gewinne und erhalte, Beide werden von der Akademie als solche auch besoldet. An den Präsidenten adressiren sich alle Geschäfte und Anfragen, die das Ganze der Akademie angehen, und in nöthigen Fällen tritt er mit den Directoren einzelner oder aller Provincial-Deputationen in Unterhandlung. Vor Eröffnung der Akademie ordnet er die Geschäfte, eröffnet sie sodann durch eine Rede, in welcher Nachricht gegeben wird, was an jedem Tage vorkommen soll, und besorgt, außer den Pflichten eines ordentlichen Mitgliedes, die Stimmensammlung und die übrigen Geschäfte des Ganzen. Der Secretär ist der Expeditor des Präsidenten in akademischen Sachen; außer der Versammlung besorgt er die Correspondenz, bei der Versammlung führt er das Protokoll, fertigt unter der Aufsicht des Präsidenten die Acten zum Druck aus und besorgt die Versendung derselben an die gehörigen Orte. Die Manuscripte und Bücher der Akademie hat er unter seiner Aufsicht, so wie er auch die eingesandten Berichte und Vorlesungen der Mitglieder abliest, die durch wichtige Ursachen verhindert worden sind, in Person zu erscheinen; es sei denn, daß sie ihr Geschäft einem Mitgliede ihrer oder einer andern Provincial-Deputation aufgetragen haben. So unterschreibt er auch mit dem Präsidenten der Akademie und dem Director der Deputation die Diplome neuer Mitglieder und fertigt solche denselben zu. Ueberhaupt besorgt er das ganze Secretariatsgeschäft, das bei einem Institut dieser Art vorfällt. Es wird also nothwendig sein, daß er mit dem Präsidenten an einem Ort lebe. 7. Die ordentlichen Mitglieder der Akademie können nicht wohl ohne Besoldung sein, es sei nun, daß diese an ihre Personen oder, was vielleicht besser ist, an ihre Arbeiten geknüpft werde. Denn da sie einmal dem Zweck der Akademie einen Theil ihrer Zeit, ihrer Kräfte und Mühe aufopfern und in Deutschland selten Plätze sind, wo man eins dieser Stücke verlieren oder aufgeben könnte, so hieße es, das ganze Gebäude auf Sand bauen, wenn man ihnen nicht diese öffentliche Mühe belohnte. Blos aus Nothdurft würden sich die fähigsten und wirksamsten Männer der Ehre, akademische Mitglieder zu sein, entsagen müssen oder würden ihr Geschäft nur sehr säumig und beiläufig treiben. Es ist also ein Fonds der Akademie nöthig, aus welchem nicht nur die Kosten bei ihrer Zusammenkunft, das Gehalt des Präsidenten und Secretärs, die Aufmunterungen, die sie ausgezeichneten Werken angedeihen läßt, sondern auch die Belohnungen der ordentlichen Mitglieder der Akademie bestritten werden könnten. Die Bestimmung und Einrichtung dieses Fonds würde für die patriotischen Fürsten, denen dieses Institut sein Dasein zu danken hätte, eine Kleinigkeit sein, und Deutschland könnte sich rühmen, daß nach Jahrtausenden jetzt zum ersten Mal seine Regenten aus freier Gnade eine gemeinnützige Anstalt für die Nachkommenschaft gegründet hätten. Alle ruhmwürdigen und guten Anstalten in dieser Art sind bisher in einzelne Provinzen eingeschränkt geblieben, und was fürs Ganze einer weitern Aufklärung und Cultur geschrieben und bewirkt worden, ist von Privatpersonen, vielleicht unter einer Last von Geschäften, unbemerkt und unbelohnt oder vielleicht gar verfolgt und angefeindet gethan worden. Es wäre also ein neuer und desto rühmlicherer Kranz für die Fürsten und Stände Deutschlands, wenn sie durch diesen patriotischen Beitrag das Versäumniß voriger Zeiten einholten und vielleicht für ewige Zeiten das erste Institut für den Allgemeingeist Deutschlands gründeten. Durch eine Communication und Verbindung dieser Art würden hundert nützliche Folgen entstehen, an die man jetzt selbst noch nicht denkt. Hier folgte das Gedicht »Schwungkräfte der Menschheit« (Werke, I. S. 155-158). – D. 11. Gedanken von Swift mit Nachgedanken. Swift . »Wir haben eben gnug Religion, uns einander zu hassen, aber nicht gnug, einander zu lieben.« Nachgedanken . »Religion der hohen oder parteiischen Kirche.« Die niedre, unsichtbare kennt keine Religion, die Menschen gegen Menschen gehässig, wol aber einen gegen den andern wohlthätig, erbarmend, liebend machte. Mißbrauch des heiligen Namens! ––––– S. »Bei vergangnen Dingen, als Kriegen, Unterhandlungen, Staatsparteien u. s. w., gehen wir so wenig ins damalige Interesse ein, daß wir uns wundern, wie Menschen um vorübergehende Dinge so mühsam besorgt sein konnten. In jetzt laufenden Zeiten finden wir dieselben Bestrebungen und wundern uns gar nicht.« N. Wenn sie durchaus nichtig oder überspannt sind, wundern wir uns auch jetzt darüber; in vergangenen Zeiten wundern wir uns, wie etwas damals so wichtig scheinen konnte. Ueber Manches, wornach wir streben, wird sich die Nachwelt wundern; indeß strebt die Vernunft zur Reife und Allgemeinheit. Der allgemeinen Vernunft ist das Heut wie Gestern, also auch die jetzige Thorheit nicht beliebter, als die vor tausend Jahren in Mode und Flor war. Ein Tag nach dem andern lehrt und entzaubert. ––––– S. »Ein weiser Mann muthmaßt und schließt aus vorliegenden Umständen; der kleinste Zufall aber (und im Lauf der Geschäfte vermag diese Niemand vorherzusehen) verändert so viel, daß zuletzt über den Ausgang der Dinge der Weise mit dem Unwissenden und Unerfahrnen gleich zweifelhaft ist.« N. In ganz gleichem Falle sind sie nie, so wenig als der Algebraist, der sich verrechnete, oder dessen Rechnung ein Umstand ändert, mit dem Wilden in gleichem Fall ist, der eine große Zahl blos dadurch bezeichnen kann, daß er sagt: »So viel als Sterne am Himmel oder Haare meines Haupts sind.« Indessen ist der Ausgang und Erfolg jeder Begebenheit für den menschlichen Verstand eine Irrationalgröße. 12. Berkeley. Fragment. Den Bischof von Cloyne in Irland, Georg Berkeley , würden wir den Fénélon seiner Nation nennen, wenn überhaupt dergleichen Bezeichnungen eines verdienten Mannes durch den Namen eines andern nicht, eher irre führten als zurechtwiesen. Er hatte Kenntnisse, die Fénélon nicht hatte, wogegen ihm bei gleichem Zweck Fénélon's Gewandtheit fehlte. Eine sonderbare Ebenheit des Geistes und Charakters, die, indem sie unnützen Scharfsinn vermeidet, den feinsten Scharfsinn erfordert, war die Gabe, die ihn im Leben wie in Schriften auszeichnet. Vor seinem zwanzigsten Jahr schrieb er seine »Arithmetik, ohne Algebra aus Euklides demonstrirt«, die er 1707 herausgab, zwei Jahre darauf seine »Theorie des Sehens«, Theory of vision. Man sehe D. Reid's Urtheil darüber in seinen »Untersuchungen über den menschlichen Verstand«, in denen er sie selbst sehr genützt hat. – H. deren Grundsätze nicht nur als eine Philosophie dieses edeln Sinnes für Mathematik und Psychologie gelten, sondern auch, indem sie die Begriffe des Gesichts und Gefühls rein und zart unterscheiden, der Plastik , d. i. einer Theorie des Tastens, Raum gemacht haben. Durch D . Cheselden's Erfahrungen an einem Blindgebornen, dem das Gesicht gegeben ward, erprobten sie sich thatmäßig, als Grundsätze sind sie durch sich selbst bewährt. Sie führten ihn auf seinen – Idealismus. Erschrecke Niemand vor dem Wort wie, dem Märchen nach, Malebranche auf seinem Todbette, als Berkeley mit ihm darüber sprach! In seinem »Hylas und Philonous«, im »Alciphron« u.s.w. – H. Der französische Philosoph, der Alles in Gott sah, mußte nah dem Tode sein oder zu fest an seiner eignen Vorstellungsart hangen, wenn er sich darüber ereifern konnte. Auch nach Berkeley sehen wir Alles in Gott, d.i. alle sinnliche Eindrücke und Vorstellungen sind die fein combinirte Sprache des höchstreellsten Wesens , das durch jeden Sinn zu uns auf eine diesem Organ gemäße eigne Art spricht, so künstlich, man möchte sagen, conventionell, als je eine Wort- oder Zeichensprache sprechen mag. An Gegenständen des Gesichts entwickelt Berkeley dies am Feinsten; S. Berkeley's »Philosophische Werke«, Th. I. 1781, worin die Gespräche »Hylas und Philonous« enthalten. Warum die Uebersetzung der wichtigern und unbekannteren Werke Berkeley's nicht erfolgt sei, ist unbegreiflich. – H. der Strahl des Lichts wird diesem Sinn, was der Schall des Worts dem Ohr ist, ebenso kunstreich. Indem er uns von den gewohnten groben Begriffen über die Materie entkleidet, führt er uns in eine Schöpfung, wo der vollkommenste Geist durch jeden Sinn zu uns spricht, höchstreell, prägnant und anmuthig. Ganz also ist sein Idealismus von der hohlen, leeren Larve unterschieden, die sich am Ende des Jahrhunderts den edeln Namen Idealismus Die lebhafte Unterredung mit Berkeley über die Erkenntniß Gottes soll Malebranche's Tod beschleunigt haben. – D. gegeben und selbst bekennt, daß sie keine Idee, sondern nur selbstgedichtete Traumgestalten gewähre, ohne Hoffnung, daß wir zu Erfassung einer Realität je kommen könnten. Berkeley's Idealism, der uns nicht nur Körper, sondern sogar den Raum entnimmt, gewährt uns dagegen eine Welt göttlicher Umrisse und Bezeichnungen voll inniger Wahrheit, vielseitig an Empfindungen wie an Gedanken. Bei Fichte und Schelling. – D. Dieser Idealismus führte ihn weiter, indem er die Leerheit der sogenannten abstracten Begriffe als bloßer Wortschälle zeigte, sobald sie sich nicht auf wirkliche Gegenstände beziehn, von denen sie ursprünglich abgezogen waren. Ob er hierin Recht habe, und ob nicht vielmehr in dieser sogenannten Abstractions- oder vielmehr in der eigentlichen idealischen Anschauungsgabe , zu der sie führt, die reellste Kraft der menschlichen Seele verborgen sei, darf hier nicht entschieden werden; gnug, Berkeley's Grundsätze, denen freilich alle Formular-Philosophen tapfer entgegen standen, liegen der Philosophie zum Grunde, die nachher durch Hume so viel Aufsehen gemacht hat. Nur daß sie bei Berkeley keine bloße Zweifelei, sondern der höchste Realism waren. Indem er Wortgespinnste verachtete, suchte er in Allem desto eifriger das einzig Bleibende, Feste, das Maß der Wahrheit . Weder hievon indeß, noch von seinem Streit mit den Mathematikern und Fluxionisten über ihre Dichtungen, über ihre damals neuerfundene Speciosa François Vieta († 1603) hatte die sogenannte analysis speciosa, auch Speciosa allein genannt, erfunden. Vgl. Montucla, Histoire des mathématiques, I. 600. 601. – D. kann hier die Rede sein, so auch nicht von seinen Gesprächen über die Freidenker oder sogenannten kleinen Philosophen, die ihm sowol der Einkleidung nach als wegen der oft anzüglichen Sprache vielleicht am Wenigsten geglückt sind. Einem Plato und Shaftesbury stehen seine sowie Bischof Hurd's Dialogen weit nach. An seine Menschenfreundschaft halten wir uns; sie nebst einer feinen Kunstrichtigkeit des Geistes war der Grundstrich seines Charakters. Auf seiner Reise nach Italien, die er mit Lord Peterborough that, hatte er Natur- und Kunstkenntnisse gesammelt und seinen Geschmack insonderheit in der Baukunst gebildet. Als er nach England zurückkam, besuchte er Künstler und Handwerker der verschiedensten Art, hielt sich in ihren Werkstätten oft und lange beobachtend auf, nahm an der damaligen Verlegenheit Englands bei dem sogenannten Südseehandel auch als Schriftsteller Antheil, nährte aber ein Lieblingsproject, das er auch als Dechant von Derry (eine Stelle, die 1100 Pfund trug) nicht aufgeben wollte. »Er ist«, schrieb Swift an den damaligen Vicekönig in Irland, Lord Carteret, »in Ansehung Titel, Reichthum und Würden ein ächter Philosoph und seit drei Jahren voll von dem Gedanken, zu Bermuda vermöge eines Freiheitsbriefes von der Krone eine Universität zu errichten. Er hat verschiedne unsrer hoffnungsvollsten jungen Theologen und Andre dazu zu bereden gewußt, deren Verschiedne schon gut versorgt und Alle auf dem besten Wege sind, gut versorgt zu werden. In England sind seine Eroberungen noch größer und werden, fürchte ich, in diesem Winter weiter um sich greifen. Er zeigte mir eine kleine Abhandlung, die er herausgeben will; in ihr werden Ew. Exc. seinen ganzen Entwurf eines akademisch-philosophischen Lebens und eines Collegiums finden, das er für indische Gelehrte und Missionäre stiften will, in welchem er für sich die ungeheure Summe von – 100 Pfund jährlichen Einkommens, für jedes Mitglied 40, für jeden Studirenden 10 Pfund fordert. Das Herz wird ihm brechen, wenn man ihm nicht seine Dechantstelle, die hier zu Lande die beste Versorgung ist und jährlich ungefähr 1 100 Pfund einträgt, nimmt und sie dem Gutbefinden Ew. Exc. überläßt. Ich suchte ihn durch Vorstellungen von der Kälte des Hofes und der Minister, die Alles dies für unmöglich und für Träume ansehen würden, abzuschrecken; aber bei ihm schlägt nichts an. Also ersuche ich Ew. Exc., entweder solche Ueberredungen zu gebrauchen, welche an Tugend und Gelehrsamkeit einen der ersten Männer dieses Königreichs ruhig zu Hause zu erhalten vermögen oder ihn durch Ihr Ansehn zu unterstützen, daß er seinen romantischen Entwurf ausführen könne, der indeß immer höchst edel und großmüthig ist und von einem Mann von Ihrer vortrefflichen Erziehung unterstützt zu werden wohl werth ist.« So schrieb der weltkluge Swift, und der Erfolg zeigte, daß er Recht gehabt habe. Berkeley machte 1725 zu London seine Abhandlung bekannt, er fand Beifall; drei Fellows gaben ihre Besoldungen auf und erboten sich, mit ihm zu ziehen. König Georg versprach 10,000 Pfund Beihilfe zu einem so frommen Unternehmen, wie er's selbst nannte, Andre subscribirten. Berkeley , voll Freude über den Fortgang seines Entwurfs, Man sehe die Verse begeisterter Hoffnung, die er darauf machte, im Original und übersetzt. Zerstreute Blätter, vierte Sammlung, S. 383 f.– H. (Die Verse stehen daselbst am Ende des Aufsatzes »Tithon und Aurora«; s. den folgenden Theil von Herder's Werken. – D.) bestieg mit seiner Gemahlin, die er einen Monat vorher geheirathet hatte, und einer ansehnlichen Summe Geldes aus seinem eignen Vermögen und einer Büchersammlung 1728 das Schiff, kam nach Rhode-Island , stand einstweilen So schreiben Herder, Wieland und Andere ihrer Zeitgenossen; Adelung kennt dies einstweilen nicht, führt aber einstweilen als der allgemeinen, besonders oberdeutschen Mundart angehörend an. – D. den dortigen Geistlichen bei und hatte den Vorsatz, von hier aus auf dem festen Lande Ländereien für sein Collegium anzukaufen, als nach zwei Jahren vergeblicher Hoffnung der Minister Robert Walpole ihm schrieb, daß – aus der versprochenen Summe nichts würde. Sein Plan, seine Dechanei und ein großer Theil seines Vermögens waren also dahin; ungekränkten Gemüthes theilte Berkeley die mitgebrachten Bücher unter die amerikanische Geistlichkeit aus, schenkte dem Collegium zu Connecticut seine Meierei auf Rhode-Island , kam nach England zurück, gab den Subscribenten ihr Geld wieder und schickte fernerhin Geld und Bücher jenem Welttheil, dem er einmal seinen Enthusiasmus gewidmet hatte. Indessen schlief auch für Europa sein menschenfreundlicher Geist nicht. Seit er im Jahr 1733 Bischof zu Cloyne in Irland war, that er nicht nur seinen Bischofspflichten Gnüge, sondern suchte auch dem Ort selbst aufzuhelfen und durch Anstalten sowol als Schriften im armen, verlassnen Irland Fleiß und Sittlichkeit emporzubringen, wie er wußte und konnte. Vielleicht sind seine in dieser Absicht verfaßten Schriften das Beste, obgleich das Unscheinbarste, was er geschrieben; was Swift durch Satire für Irland selten erzwingen konnte, förderte er durch Fragen und Zweifel , die bleibende, ewig feste Grundsätze enthalten, ernst und milde. Berkeley's Maxims; Discourse addressed to magistrates; A word to the wise; The querist u.s.w., zuerst in seinen Miscellanies, Dublin 1752, dann in der Quart-Ausgabe seiner Werke [in zwei Bänden, London 1784] gesammelt. – H. Und nicht Irland allein dienen sie, sondern jedem Lande, das dem durch Britanniens Uebermacht im Handel unterjochten, dürftigen Irland gleicht. Zuletzt, bei verfallner Gesundheit, wollte er sein Bischofthum mit allen Einkünften aufgeben, um in Oxford als Privatmann zu leben. König Georg, dem diese seltne Großmuth eines Bischofs auffiel und dabei den Namen seines alten Bekannten Berkeley's nennen hörte, dispensirte ihn von der Entsagung eines jährlichen Einkommens von 1 400 Pfund, mit der Freiheit, in Oxford zu leben. Er starb aber das Jahr darauf, den 14. Januar 1754. Pope's Vers über seinen Charakter: To Berk'ley ev'ry virtue under heav'n, sagt Alles, was über ihn gesagt werden kann. Auch sein Gaudentio di Lucca zeigt sein menschenliebendes Herz wie seine romantische Seele; es ist der »Telemach« dieses irischen Fénélon's , obgleich in ganz andrer Manier und Absicht. Vgl. Herder's Werke, II. S. 283. – D. 13. Gedanken aus Berkeley. Diese Gedanken sind aus mehreren Excerpten gezogen, die der Verewigte zu dem Denkmal, das er seinem hochverehrten Berkeley errichten wollte, aus dessen Schriften gesammelt hatte. Sie können hier dem angefangenen unvollendeten Umriß des geistigen Bildes eines der menschenfreundlichsten Männer zur Beleuchtung dienen. – Anm. d. Herausg. Ein weiser Staat hat keine Sache, die ihm näher am Herzen liege als die Erziehung der Jugend . ––––– Die Seele wie der Boden wird, ungebraucht, hart; Denken und Lernen ist Pflügen und Eggen. ––––– Ist's nicht ein böses Omen und Phänomen, wenn unsre großen Männer sich in den Kopf setzen, das Lernen und die Erziehung zu verlachen? ––––– Ein Feind des Lernens ist ein Barbar, und ist ein solcher Barbar nicht ein Feind des Landes? ––––– Homers Compendium der Erziehung: Μύϑων τε ρητήρ΄ έμεναι πρηϰτήρά τε έργων. »Beredt in Worten und rüstig in Thaten zu sein«. S. Ilias, IX. 443. – H. ist eine gute Lehre für die neue Erziehung. Das halbe Lernen und Studiren, aus Mangel des wahren und rechten Vortrags in unsern Schulen und Collegien, ist nutzlos. ––––– Das Thor, reich zu werden, sollte gegen Alle zugeschlossen sein, außer dem Fleiß und Verdienst . Jeder andre Reichthum ( wealth ) ist dem Publicum schädlich. ––––– Der wahre Grund des Wohlseins liegt in der Zahl, Frugalität und dem Fleiß des Volks . Alle andre Mittel sind eitel. ––––– Kein Epikureer kann ein Patriot sein. ––––– Das bloße Geldgewinnen oder von Hand zu Hand geben ohne Industrie ist kein Object, einer weisen Regierung würdig. ––––– Geld ist nur sofern nützlich, als es Fleiß befördert. Ob andre Mittel dazu nicht so nützlich seien als das Geld? ––––– Es giebt nur zwei allgemeine Methoden, wodurch Menschen am Nationalfonds von Reichthum und Macht Theil nehmen: Fleiß und Erbschaft . Es wäre also nicht weise in der Civilgesellschaft, den Theil zu verkleinern, der dem Verdienst und der Industrie gebührt. ––––– Nicht alle Arten des Verthuns sind dem Publicum gleich wohlthätig; und wer ist am Geschicktesten, schlecht zu verthun? ––––– Für eine Nation ist's Verderben, sich niederzusetzen und zu spielen, sei es mit Silber oder mit Papier. ––––– Giebt es keine Kunst, den menschlichen Stolz ( pride ) zu leiten, damit er dem öffentlichen Zweck ( public aim ) diene? Und dieser ist: das Volk zu beschäftigen . ––––– Sollte nicht der öffentliche Zweck in einem wohlregierten Staat sein, daß jedes Glied nach seinen gerechten Ansprüchen durch Fleiß und Verdienst auch Macht habe? ––––– Ein Entwurf für die Wohlfahrt der Nation, sollte er nicht die ganze Nation ergreifen? ––––– Ob nicht Nachahmung fremder Nationen, denen wir in Umständen gar nicht ähnlich sind, eine Ursache der Armuth unsrer Nation sei? ––––– Für die Armen sorgen, heißt die Wurzeln nähren, damit der Stamm aufschieße und Früchte trage bis zum Gipfel. ––––– In Holland hat der Arme keine Ressource als seine Arbeit, und doch giebt's dort keine Bettler. ––––– Oeffentliche Glückseligkeit wird durch Gesetzgebung, öffentliche Glückseligkeit hält die individuelle in sich. ––––– Alles spricht über Politik, und vielleicht ist in keiner Zeit weniger politische Weisheit verstanden. Ungebundenheit ( license ) soll Endzweck der Regierung sein, Volkslaune ( populare humour ) Ursprung der Regierung. Keine Achtung für die Gesetze, keine Anhänglichkeit an die Constitution; wenig Empfänglichkeit für Dinge von Consequenz; gelehrte Zänkereien über Kleinigkeiten; müssige Projecte über Religion und Regierung, als hätte das Publicum beide zu wählen; allgemeine Verachtung aller Autoren, göttlicher und menschlicher; Gleichgiltigkeit gegen prävalirende Meinungen, gleichviel, ob sie Ordnung oder Unordnung hervorbringen: dies sind die Symptomen des gegenwärtigen Zeitalters. Und Niemand nahm sich's an. Und doch muß der Staat auch von geltenden Meinungen Notiz nehmen, ihres Einflusses halber auf Leben und Handlungen der Menschen, mithin aufs Publicum. Das Betragen der Menschen ist die Folge ihrer Grundsätze; also müssen gute Principien gelten. Aeußere Form und Structur der Regierung thut nicht Alles, da die Majorität durch ihre inneren Triebräder ( ways of thinking ) geleitet wird. Notionen darf der Staat nicht übersehen; sie sind Principien des Lebens und können die größten Unordnungen und Uebel hervorbringen. ––––– Der Mensch ist ein fürchterliches Thier, beides, durch seine Leidenschaften und seine Vernunft. Seine Leidenschaften reizen ihn oft zu den größten Uebeln, und seine Vernunft beut ihm dazu die Mittel an. Dies Thier zu zähmen und es biegsam zur Ordnung, zum Menschen zu machen, ihm einen Sinn von Gerechtigkeit und Tugend zu geben, ihn von übeln Wegen durch Furcht zurückzuhalten, zu seiner Pflicht anzuspornen durch Hoffnung, ihn innen und außen zu bilden für die Gesellschaft, ist der Zweck aller bürgerlichen und religiösen Institute, das Bestreben aller Weisen und Guten zu allen Zeiten. Immer ist Erziehung für das beste Mittel dazu gehalten. ––––– Sind die Handlungen der Menschen Effecte ihrer Principien, d. i. ihrer Begriffe, ihres Glaubens, ihrer Persuasionen, so sind frühgesäte Principien die Samenkörner für den Herbst im reifen Alter. Man spricht von Notionen sehr leicht, und doch haben sie den gewaltigsten Einfluß. Meinungen und Notionen sind ein beständiger Zaum unsrer Lüste und halten unsern Leidenschaften die Stange, wenn sie sie auch nicht in jedem Augenblick controliren und regieren. ––––– Was zäumt die wilden Begierden des Menschen? was macht die Welt bewohnbar als die prävalirenden Notionen von Ordnung, Tugend, Pflicht und Providenz ? Das Auge der Obrigkeit ist hiezu nicht genug; thäte Jeder alles Böse, was er könnte, sobald sich Gelegenheit und Verhehlung darbietet, so wäre in der Welt nicht zu leben. ––––– Ein System von heilsamen Notionen ist absolut nothwendig zur Stütze einer jeden bürgerlichen Constitution. Ordnung ist notwendig, nicht nur zum Wohlsein, sondern auch daß ein Staat existire. Ordnung und Regelmaß der Handlungen ist aber kein Effect der Lüste und Leidenschaften, sondern des Urtheils; dieses wird von Notionen und Meinungen geleitet. In jedem Staat muß also ein System von heilsamen Notionen sein, prävalirende Meinungen, angenommen entweder durch Privatvernunft und Nachdenken, oder gelehrt und eingeprägt durch die allgemeine Vernunft des Publicums, d.i. durch das Landesgesetz. Wo Menschen ihre eigne Vernunft nicht brauchen können oder wollen, um für sich selbst zu denken und zu untersuchen, da werden freilich die ihnen beigebrachten Notionen mehr mit dem Gedächtniß als dem Urtheil gefaßt; folglich sind's Vorurtheile. Diese aber sind nicht weniger brauchbar und wahr, obgleich ihre Gründe nicht von Jedermann eingesehen werden. ––––– Vorurtheile sind Meinungen, angenommen ohne Gründe und Untersuchung. Die ersten Notionen über gesellschaftliche, moralische, bürgerliche Pflichten werden alle als Vorurtheile aufgenommen. Die junge Seele kann nicht leer bleiben; gieße in sie nicht etwas Gutes, so wird sie das Böse bekommen! Mache, was Du willst, es wird doch immer eine gewisse Neigung von der Erziehung zurückbleiben; ist's also nicht besser, daß sich diese Neigung auf das richte, was lobenswerth und der Gesellschaft nützlich ist? Diese Neigung wirkt immer, wenn sie gleich nicht immer prävalirt. Die ersten Begriffe haben den frühesten Einfluß, schlagen die tiefste Wurzel, geben Farbe und Complexion dem folgenden Leben. Nicht Gold, Ehre, Macht bewegt die Menschen zu handeln, sondern die Meinungen, die sie von diesen Dingen haben. Sagt also die Obrigkeit: »Ich will von Handlungen Notiz nehmen, nicht von Meinungen«, so ist sie schwach; denn wie die Meinungen so die Handlungen. ––––– Daß ein Mensch thue, was er wünscht, daß ihm gethan werde, seine Obern ehre; daß er glaube, daß Gott seine Handlungen sehe, sie lohne oder strafe; zu denken, daß Der, der sich der Falschheit und Ungerechtigkeit schuldig macht, sich selbst mehr schade als irgend Jemand anderm: dies sind Principien, auf die jeder weise Gesetzgeber vor Allem dringen wird, sie in das Herz eines jeden Einzelnen unter seiner Aufsicht zu pflanzen. ––––– Was nicht durch jedes Menschen eigne Beurtheilung erreicht werden kann, muß durch Vorschrift eingeführt und durch Gewohnheit eingeprägt werden, d. i. in allen civilisirten Staaten muß frühe Instruction sein von heilsamen Begriffen, auch für Die, die ihre Gründe nicht einsehen. Nimmt man diese weg, z. B. die Notionen oder Vorurtheile, die Beziehung auf Scham, Wohlanständigkeit, Gerechtigkeit, Wohlwollen ( charity ) haben, so habt Ihr Ungeheuer, unfähig zur menschlichen Gesellschaft. Den meisten Menschen fehlt Zeit, Gelegenheit und Fähigkeit, Conclusionen aus ihren Principien zu ziehen und Moralität auf menschliches Wissen zu gründen. Allerdings ist Röm. 1, 20 wahr; aber dies wird nur von Denen gesehen, die ihre Augen öffnen und diese Dinge genau sehen. Durch die ganze Welt hin sind nur wenige solche genaue Beobachter und Forscher, Wenige, die sich's zum Geschäft machen, Meinungen zu zergliedern und sie bis zu ihrer Quelle zu verfolgen, zu untersuchen, woher Wahrheiten entspringen, und wie sie sich aus einander entwickeln. Kurz, alle Menschen sind voll Opinionen, Wissenschaft ist in wenigen. ––––– Die Menge können keine Philosophen sein, d. i. Dinge in ihren Ursachen einsehen. Allenthalben sehen wir, daß alle Geschäftsleute nach Regeln und Schlüssen handeln, deren Theorie sie nicht ergründen, z. B. Gründe der Geometrie und Arithmetik. So auch in Moral, Politik und Religion. Frühgefaßte Regeln, nicht Opinionen bringen die besten Effecte hervor. Man sehe rings um sich! ––––– Der Unterschied zwischen Vorurtheilen und andern Meinungen besteht nicht darinnen, daß jene falsch sind, diese wahr, sondern daß jene auf Treu' und Glauben angenommen, diese durch vernünftige Ueberlegung erlangt sind. Wer die Unsterblichkeit der Seele auf Glauben annimmt, hat eine ebenso wahre Notion, als der sich in diese Meinung raisonnirt hat. Es folgt nicht, daß etwas, weil es ein Vorurtheil ist, falsch sei. Werden falsche Dinge früh beigebracht, so liegt der Fehler an Denen, die sie beibrachten, nicht an Denen, die sie annahmen. Auch in Euklid nimmt man verschiedene Propositionen simpliciter an, und überhaupt nehmen Menschen Schlüsse in Allem an ohne Deduction der Wissenschaft. Wie Gottesfurcht, Vorschriften der Eltern und Lehrer, die Weisheit der Gesetzgeber, gesammelte Erfahrung der Zeitalter die Stelle der Beweise vertreten, so sind Disciplin, Notionen, Constitutionen, menschliche und göttliche Gesetze ebenso viele Wegweiser, die dem Menschen den Weg zeigen, welchen er zu gehen hat. Es müssen also unter ihnen die Stützen des Menschengeschlechts Treu ' und Glauben sein und bleiben; der undenkende Theil von jedem Alter, Geschlecht und Stande muß diese Notionen empfangen und ihr Glaube an sie erhalten werden. ––––– Die neuern Entwürfe, die Religion und Moral trennen wollen, sind unvernünftig und der bürgerlichen Gesellschaft schädlich. Man sehe nur den wilden Zustand indisciplinirter Menschen, deren Seele mit keiner Doctrin genährt, von keiner Instruction gebrochen, durch kein Princip gouvernirt wird! Man zieht Wilde an. Was man an ihnen bewundert, ist nicht Unschuld, sondern Unwissenheit, nicht Tugend, sondern Notwendigkeit; dies selbst ist auch bei Thieren. Gieb ihnen nur die Mittel, zu überschreiten, und sie kennen keine Grenzen! Dagegen eine Societät von Menschen, in Principien des Christenthums genau erzogen: Geiz, Ueppigkeit, Ehrsucht etc. haben bei ihnen keinen Zugang. Ueberall sind religiöse Notionen von größtem Einfluß; sie sind der stärkste Zaum gegen Laster, der mächtigste Sporn zu einem würdigen Leben. Wir mögen die Ursachen der Dinge oder die Handlungen der Menschen zu allen Zeiten betrachten, so werden wir überzeugt, daß nichts wahrhaft Großes und Gutes in das Herz Dessen kommen kann, der an keine Grundsätze der Religion gebunden ist, der keine Providenz glaubt, nichts in jenem Leben hofft oder fürchtet. Strafe und Belohnung haben das größte Gewicht für Menschen, die der Religion am Meisten. »Halte mein Gebot, und Du wirst leben; es sei Dein Augapfel!« Sprüche Sal. 7, 2. Dabei darf Niemand den freien Gebrauch der Vernunft und Untersuchung aufgeben; ein Mensch von guter Einsicht wird diese Notionen nicht verwerfen, die durch Gesetze festgestellt sind. ––––– Die persönliche Autorität des Fürsten thut nicht Alles; Gehorsam gegen jede Civilmacht richtet sich nach der religiösen Furcht gegen Gott. ––––– Was für einen Halt können Obrigkeiten auf das Gewissen Derer setzen, die kein Gewissen haben? was kann man auf Principien Derer bauen, die keine haben? Kein Fürst kann glauben, vom Volk respectirt zu werden, das Gott nicht respectirt. ––––– Confucius sagt: »Ich kann Streitigkeiten hören und decidiren, so gut als irgend Jemand; ich wollte aber Streitigkeiten hinwegthun, daß sich die Menschen ihrer enthalten, aus innerer Liebe und Achtung zu einander.« ––––– Man glaubt, republikanische Form der Regierung könne ein Volk groß und glücklich machen. Aber in keiner Bauordnung kann ein gutes Gebäude von schlechten Materialien aufgeführt werden; keine Form von Regierung kann einen Staat glücklich machen bei schlechten Unterthanen. Ohne Principien der Religion aber sind Menschen kein Material für eine Gesellschaft, viel weniger für eine Republik. Religion ist das vereinigende Centrum. Religion ist der Cement, der die verschiedensten Theile des Staatskörpers bindet. So dachten alle weisen Männer zu allen Zeiten; und dachten sie recht, so ist jede andre Meinung falsch. ––––– Um die Menschen vom Untergang zu retten, sandte Jupiter den Mercur mit dem Befehl, Scham und Gerechtigkeit unter ihnen einzuführen als die festesten Bande der Gesellschaft. Werke der Gesetzgebung nennt Plato göttliche Werke. Plato, De legibus, VIII [p. 835 C]. und Protag. 34 H. ––––– Die Meinungen der Meisten (in Kutschen oder zu Fuß) sind Vorurtheile. Ist eine Meinung nützlich der Menschheit und dem Staat, so gnug: Nutzen und Wahrheit muß man nicht trennen! ––––– Der größte Theil von Denen, die Vorurtheile verbannen wollten, würden ihren Verlust am Meisten fühlen. Erbärmlich wären sie dran, wenn ohne alle Vorurtheile die Menschen auf der scharfen Wage des Verdienstes und innern Werths sollten gewogen werden. Manche Vorurtheile sind in der Wahrheit, Vernunft und Natur gegründet, als Achtung für Kenntnisse und Gelehrsamkeit, für das Alter, Honnetetät, Muth, anerkannt in allen civilisirten Staaten. ––––– Gott, der in sich Anfang, Mittel und Ende aller Dinge und Zeiten begreift, wirkt durch die ganze Schöpfung; er influenzirt durch Instinct, durch Licht der Natur, Erklärung seines Willens. Es ist Pflicht der Obrigkeit, diese göttlichen Eindrücke zu cultiviren in den Gemüthern aller Derer, die ihrer Aufsicht und Sorge übergeben sind. Man sage nicht, es sei dies Gottes Werk und nicht der Menschen. Guter Menschen unerläßliche Pflicht ist's, durch ihr ganzes Leben dem Willen der Vorsehung thätig zu Hilfe zu kommen. Hier folgte das Gedicht »Die Nacht« (Werke. I. S. 108–110). – D. 14. Aurora, die Erscheinung am neuen Jahrhundert. Gespräche. »Aurora« sollte eine Zeitschrift heißen, die der Verfasser mit dem beginnenden neuen Jahrhundert herausgeben wollte. Die ernstere Adrastea verdrängte sie; sie nehme dafür die Erscheinung dieser Göttin auf und bewähre ihre Worte! – Anm. d. Herausg. – [Schon 1787, in der Vorrede zu seinen Gesprächen über Gott, hatte Herder einen ruhigen, heitern Sommer sich gewünscht für seine »Adrastea, oder von den Gesetzen der Natur, sofern sie auf Weisheit Macht und Güte als auf einer innern Nothwendigkeit ruhen«. – D. ––––– 1. »Deine nächtlich trüben Gedanken aufzuhellen, trete ich vor Dich,« sagte die Erscheinung und stand vor mir im Glanz der Aurora; es war ein milder Glanz, ihr Blick war erquickend und tröstend. »Dunkelheit ist die Mutter der Furcht, Dämmerung die Mutter des Irrthums. Rede!« Ach, der entfloh'nen Hoffnungen! Welch Jahrhundert glaubte man, das mit der neuen Zahl aufgehen werde, aufgehen müsse! Das letzte Gut der Sterblichen in Pandorens Büchse ist also auch dahin! »Wer glaubte, wer hoffte dies? Und warum hoffte man? und warum hofft man nicht mehr?« Endlose Fragen! Jedermann hoffte. Wir Menschen sind so geneigt, uns über einen neuen Tag, über ein neues Jahr zu freuen, geschweige nach solchen Zubereitungen über ein neues Jahrhundert . »Der Name klingt prächtig; Manchem mag er seiner vielumfassenden Dunkelheit wegen gar erhaben tönen: Jahrhundert! Der Veränderung wegen kann es Euch Kindern angenehm sein, der bösen Sieben, zuletzt der langgeschweiften 99 loszuwerden und nach einem Jahr mit 00 bezeichnet in einer geraden Zahl 4 + 4 neu und frisch aufzuzählen. Ich wünsche Euch, daß im Jahrhundert 1800 Alles das doppelt geschehen möge, was im Jahrhundert 1400 einfach geschah. Du weißt, was Alles darin erfunden ward, wie für Europa sich Alles darinnen neugestaltete und, wie Ihr sagt, wiedergebar. Ihr erwartet jetzt die reichste, vollständigste Ernte jener Aussaat.« Nebst dem, was die Jahrhunderte 15, 16, 17 säten. Der menschliche Geist ist nicht stillgestanden, er ging fort – »Und wird fortgehen. Warum trauerst Du also?« Daß er noch immer nicht so glücklich ist, rein zu ernten, geschweige zu genießen, was er säte. Im Ablauf eines Jahrhunderts strengt er sich an, er glaubt zu Ende kommen zu müssen, mit beschleunigter Bewegung das Werk des Jahrhunderts zu vollenden. Seit 1789 geschahen Dinge, die sonst in Jahrhunderten nicht geschahen; in Worten, Tagen, Stunden geschahen Dings – »Man war also sehr in Eil' . Wolan denn! alle diese in Eil' geschehenen Dinge sind geschehen, auf der Tafel der Zeit stehen sie unauslöschlich, unwiederbringlich gezeichnet; die Früchte davon werdet Ihr und Eure Nachkommen erleben. Was trauerst Du also?« Eben dieser Früchte wegen. Wir hofften und müssen jetzt um so mehr fürchten. »Was fürchtet Ihr?« Das Gegentheil von Allem, was wir hofften; so ganz sind unsre Erwartungen umgeschlagen. Ach, Erscheinung, wenn Du in der Brust der Sterblichen liesest – »Ich lese darin und hörte Eure mißgebrauchten Worte.« Welche? Freiheit und Gleichheit . Jedermann schämt sich ihrer. Niemand braucht sie mehr. »Das ist Schade. Ich wollte, daß Du sagtest: »Niemand mißbraucht sie mehr«; denn brauchen müßt Ihr sie. Nicht blos dem Philosophen und Mathematiker, Euerm Geschlecht sind sie unentbehrlich; Ihr werdet sie auch wieder und besser gebrauchen.« Sie sind nicht die einzigen; wie diese giebt es Hundert, ja tausend mißbrauchte Worte. Die ganze politische Sprache ward entweiht – »Ward sie das nicht stets? wann sprach die politische Sprache genau, wahr, herzlich?« Die ganze menschliche Sprache ist entweiht; die edelsten Worte darf man nicht nennen, die der Menschheit innigsten Gefühle nicht ausdrücken, weil jeder Ausdruck beschmutzt ist. »So schafft Euch neue Worte! Hältst Du es für keinen Vortheil, dieser Irrthümer los, diesen Vorurtheilen und Mißbrauchen entkommen zu sein? Eine abgezahlte Schuld, ist sie nicht Reichthum? eine überwundne Gefahr, ist sie nicht lehrreich?« Bitter lehrreich ist diese. Welche Gräuel! »Sie gehören zum verflossenen Jahrhundert, sie sind vorüber.« Aber ihre Folgen bleiben. »Daß man auch sie hinwegthue und jede Schandsäule Ehrensäule werde. Das Rad, das hinunterging, geht aufwärts. Gute Düngung verspricht gute Ernte.« Ernte für wen? Für die wilde Gesetzlosigkeit? oder für den eisernen Zwang und Despotismus? und in beiderlei Fall für eine Barbarei, die hinter uns ist, der wir kaum zu entkommen vermögen. »Wie sehr irrst Du Dich! Indem Du Contraste genannt hast, siehst Du nicht, daß diese Gegensätze sich einander selbst einschränken und aufheben? Bemerkst Du nicht, daß das Resultat dieses Streits durchaus nicht Unwissenheit und Barbarei, d. i. weder ewige Verwirrung noch ein bloßes Null sein kann?« Wie lange aber wird der Streit währen? »Was ist lang und kurz im Buch der Zeiten? Geschehen muß immer etwas; je langsamer es geschieht, desto besser: da übereilt man sich nicht, wie Du vorhin sagtest. Alles, was geschehen kann, geschieht; für Sterbliche ist's aufmunternder Trost, daß Alles, was und wie es geschieht, nicht anders als also geschehen konnte, also geschehen mußte.« Aufmunternder Trost? »Es giebt keinen andern, es giebt keinen größern. Nur durch Einsicht und Ueberzeugung seiner lernen sie recht handeln und jede Unordnung, jede Verwirrung recht gebrauchen. Durch Gegensätze zweier und mehrerer Seiten wird eine Gestalt; mittelst aus- und einspringender Winkel wälzt sich der Strom fort. Eine gerade Linie giebt keine Fläche, keinen Körper.« Aber wer wird's erleben? »So sagte jener Lügenprophet auch, dessen Eselin scharfsichtiger als er war, und der an Fluches Statt segnen mußte. 4. Mos. 23. – D. Leben und streben sollt Ihr Menschen, nicht aber erleben, erstreben wollen, was nie ganz erlebt, erstrebt werden kann. Im Streben ist Genuß; im Nicht-Erleben liegt Deines Geschlechts Art, auf ihm beruht seine edelste Wirkung. Soll ich Dich morgen dessen weiter belehren? Aber meine Zeit ist vorüber, die Sonne geht auf. Geh zu Deinem Geschäft, und statt zu grübeln, arbeite!« Sie war auch in dem, was sie sprach, Aurora. Sie gab mir Schimmer und giebt mir, vielleicht schon morgen, erfreuendes Licht. ––––– 2. Mich dünkte, Dich heut in der Mitternacht zu sehen, Aurora! »In der Mitternacht, mich?« Ja Dich, die Morgenröthe des kommenden Jahrhunderts, unsre nordische Aurora. Ein röthliches Licht erschien; Spieße flammten gegen einander; es war ein fürchterlicher Anblick, der mir nothwendig den fürchterlichen Streit der Meinungen in den jetzt so erregten menschlichen Gemüthern vor Augen stellte. Er wird sich so bald noch nicht legen, dieser Streit, und was wird er nachlassen, was hervorbringen? Was das Nordlicht hinter sich läßt: Dunkelheit, und was es hervorbringt: man sagt, harte Kälte. »Du hast mich übel gesehen, Mitternächtiger. Ist mein Rosenlicht der Schimmer jenes Meteors? Worüber streiten denn Eure Meinungen mit Spießen, die Du so sehr fürchtest?« Ueber Alles, über die drei wichtigsten Punkte, von denen Glück und Unglück der Völker abhangt, über Religion, Staats- Verfassung und über Stände , ja, über den gesammten Zustand der Menschheit . »Ueber Religion ? Darüber ist nie gestritten worden, darüber sollte man nie streiten. Religion ist innere Gewissenhaftigkeit ; Gewissen in Alledem, was man für recht, wahr und gut erkennt, ist jedes Menschen heiligstes Eigenthum. Er kann und darf es nicht veräußern, man kann und darf es ihm nicht nehmen, wohl aber dies Heiligthum in ihm aufhellen, befestigen, läutern. Eben dies ist mein Amt; ich werde es in der Zeit, die mir angewiesen ward, mit meinem ruhigen Strahl erleuchten und damit wecken, beruhigen, es Gott und allen Wesen befreunden.« Bei Gemüthern, die dieses Strahls empfängig sind, magst Du es thun, wie Du es bisher gethan hast; aber bei jenen Streitern, Zänkern, wo ist bei ihnen ein religiöses Gemüth , das Dein Strahl anzuglänzen vermöge? »So mißbrauche man bei ihnen auch nicht den Namen der Religion; sie streiten über ganz andere Dinge, über Rang und Einkünfte, über politische Macht und Einfluß, über das, was sie Rechtgläubigkeit und Gottesdienst nennen, oder gar, das Elendeste von Allen, über Worte. Ordne diese Dinge recht, bemerke jedesmal, wer und worüber er unter dem Namen der Religion streite, und Du wirst dies innere Heiligthum jeder bessern Menschenseele durch sich selbst sehr gesichert finden. Ich will fortfahren, es zu sichern, doch nicht durch schneidende Waffen und spitzige Lanzen.« Wodurch denn? »Durch frühe Gemüthsbildung. Ihr kann nichts widerstreben, sie ist unaufhaltbar, unauslöschbar. Dünkt Dich nicht, daß das scheidende Jahrhundert viele, viele Streitigkeiten in einer Maße zu Ende gebracht habe, daß sie nie wieder aufzuleben vermögen? In mir wenigstens sollen sie nicht wieder aufleben; ich will fortfahren, zu reinigen, zu scheiden.« Daß vielleicht nichts übrig bleibe, indem bei diesen Scheidungen der Geist verraucht, verfliegt. »Ungläubiger, wie sprichst Du? Gegen Dein eigen Herz und Gewissen. Kein wahrer Geist der Religion verfliegt; wo er verrauchen konnte, war's ein falscher Geist, sein Nachbleibendes ein Todtenkopf ( caput mortuum ), Schlacken und Hefen. Danke dem Himmel, daß er verraucht ist, und ziehe aus den Schlacken, was sich daraus ziehen läßt! Das Gemüth der Menschen, diese heilige, ruhige Stätte, hat sich die Gottheit vorbehalten zu ihrer Einwohnung, zu ihrem Spruch. Der Vorhof ist den Heiden gegeben, sie mögen ihn zertreten; mein Geschäft, meine stille Wohnung unter den Menschen dauert fort.« Glück zu Deinem Geschäft! alle Lieblinge des Guten, des Rein-Wahren und Schönen mögen Dir Werkzeuge werden; aber die bittern Streitigkeiten über Staatsverfassung und Wohl der Völker, über Volksglück und Völkereinrichtung, wie willst Du die versöhnen? Dein sanfter Strahl über so empörten Meereswellen und Wogen – »Ist doch dem Schiffer eine freundliche Aurora, auf die er hofft und wartet. Kann mein Licht nicht sofort das empörte Meer zur Ruhe bringen, so zeigt es ihm doch, wo er sei, was er zu thun habe, und vielleicht gar ein freundlich nahes helfendes Segel. Ist dieser Aufruhr von Meinungen in Deinem Vaterlande entstanden, Freund? Gottlob, nein! ein nachbarliches Meer führte ihn an unsre Küsten. »So laß ihn auch da, wo er entstand, verbrausen! Die Nachbarin, an die Du gedenkst, ist an Charakter und innerer Art von Deiner Nation vor allen in Europa verschieden; es giebt keine natürlich und künstlich verschiedneren Völker, wie ihre beiderlei Sprachen, Sitten und Verfassungen zeigen. Die höchste Thorheit war's, wenn anderthalb Jahrhunderte hindurch Deutsche den Galliern nachäffen wollten.« Nennst Du Deutsche? Es waren ja die trödelhaft-müssigsten, die leersten, die versunkensten – »Rede sanfter! Auch Du bist also noch nicht ganz zurückgekommen, noch nicht von aller Gemüthswallung frei. Diese Nachäffer ernten und werden ernten, was ihre Schwachheit und Hinlässigkeit oder ihr frecher Verrath säte; Schande über ihre zertheilte Ohnmacht, über ihre nachsprechende Kriecherei haben sie bereits gnug geerntet. Länger als ein Jahrhundert übten sie sich in der Sprache und Denkweise der Herren , die sie von je her als Lakaien behandelt haben, um doch verstehen und nachsprechen zu können, wie man sie behandelt; laß sie! Die deutsche Nation ist an ihnen gerächt.« Gerächt? gerade das Gegentheil fürchte ich. Das tiefe Mißtrauen, der Haß und Groll, den die zehn letzten Jahre in ihnen erregt haben, ist ein gepflanzter Giftbaum auch für die nächstzukünftigen Zeiten. Freundschaften sind zerrissen, Gesellschaften zerstört, jeder zwanglosen Aeußerung im Umgange, die auf gutem Zutrauen beruhte, sind Ketten und Fesseln angelegt. Die Verfolgung der Unschuldigen endlich, der Hohn, mit welchem sich gegen eigne Ueberzeugung die freche Dummheit gegen den übersehenden Verstand, die dumme Frechheit gegen jede Aeußerung, gegen jede leutselige Mäßigung erhob, werden lange noch fortdauern und böse gähren. »Nichts von dem Allen. Die freche Dummheit ist gestraft, wie sie gestraft werden mußte; die gutherzige Schwachheit ebenso sehr. Keiner hat erlebt, was er zu erleben gewiß war, und – – auch in meinem Jahrhundert wird's Keiner erleben. Die Zeit tilgt und versöhnt Alles; bald wird man von diesen Scenen des mißtrauenden Hasses, der grollenden Abneigung und Verfolgung wie von bösen Fieberträumen reden; Denen, die sich dadurch am Meisten versündigt haben, wird am Unwohlsten zu Muthe sein. Nichts rächt sich härter und ernster als das Unrecht, das man ohne, ja gegen alle Vernunft und Veranlassung dem Gemüth eines Schuldfreien anthat. Der helle Verstand endlich, die rechnende Vernunft edler, weiser, gütiger Menschen hat mit diesem Katzen- und Hundestreit nichts zu thun; hinweg über sie schwebt er wie ein Genius und schwingt die Fackel weiter. In seinen Augen ist mein Licht, in seiner Seele meine Ruhe und Klarheit.« Du giebst mir die meinige wieder, Aurora. Mit aller Menschen- und Völkerfreundschaft lasse ich fremde Nationen vollenden, was sie angefangen haben. Von je her war unsre Nachbarin ein Ferment, zu Deutsch ein Sauerteig für andre Nationen. In ihr war der Hauptsitz des fürchterlichen, weit und weit verbreiteten Druiden-Dienstes; während der Griechen- und Römerzeiten, wie weit haben die Gallier Colonien gesandt und geraubt und geplündert! Gerade tausend Jahre sind's, da ihr Karl der Große (denn gegen Deutschland verfuhr er hart und hat mit seinen Anlagen uns ein Jahrtausend hindurch als ein bitterer Feind geschadet), tausend Jahre sind's, da er Rom einen Papst gab und zum Vertheidiger desselben als Kaiser sich bestellte; die Folgen einer römisch-fränkischen Hierarchie haben sich seitdem nicht über Europa allein verbreitet. Von Frankreich gingen die Kreuz- und Ritterzüge nach Orient aus, an denen Deutschland grob und seelenlos, d. i. für und wider nichts, Theil nahm, von Frankreich der Inquisitions- Kriegsgeist aus, der Ketzer und Unbekehrte als Wilde und Sarazenen bis zur Ausrottung bekämpfte. Von Frankreich aus kam der Hochgeist sowol als die Spiegelfechterei des Scholasticismus, der Geist Philipp's des Schönen, der Ludwige, der – Doch ich sehe, Du verschwindest, Aurora! – Sie ist verschwunden. ––––– 3. »Ich verließ Dich gestern im Hererzählen der Gährungen, die Eure gefährliche Nachbarin Europa und Euch gebracht hat. Gewann sie dabei?« Selten. Die meisten Störungen, die sie andern Nationen machte, wirkten zu ihrem Nachtheil zurück. Was hat sie in allen vorigen Jahrhunderten aus Italien, aus Holland und den Niederlanden, was aus Deutschland für sich erbeutet? Für sich; denn der Zuwachs einiger Provinzen nutzte der Nation nicht. »Ihr Gewinn war, daß sie ihre Kräfte übte. Das Ferment erreicht seinen Zweck, indem es sich mittheilt, indem es durchsäuert. So auch dies acidum universale . Jeder Masse, der es sich nähert, kommt es zu, seine Einwirkung auf sich zu modificiren, oder sie von sich entfernt zu halten. Wer dies am Besten, am Verständigsten thut, hält sich selbst werth und liebt sich würdig. Hat Frankreich je dem Geist Italiens gebieten können?« Nie, und ich zweifle, daß es ihm je gebieten werde. Es kann Italien berauben, es mag ihm flüchtige Modelle aufheften: bald aber werden mit seiner Flucht diese Modelle verfliegen, und der ihm entrissene Raub bleibt Raub, fortan ein Gepräng' auf einer fremden, unheiligen Stätte. O, hätte Deutschlands Geist dem französischen immer wie der Geist Italiens widerstanden! »Er hat's, und kräftiger als jener. In den Provinzen selbst, die längst französisch waren, ist der deutsche Geist nicht ausgetilgt; durch Gesetze, Manieren und Sprache läßt sich der französische Geist nicht lernen. Bleibt Euch also treu, Ihr Deutsche, und äfft nicht nach! An ihnen, nicht von ihnen dürft und sollt Ihr lernen. Seit den letzten zehn Jahren haben sie Euch so viel an ihnen zu lernen gegeben, daß, was Ihr von ihnen ungeschickt gelernt hattet, Ihr wohl vergessen mögt.« Die große Nation gab ein großes Schauspiel. Sie hat eine Probe an sich gemacht – »Die sie trotz aller erlebten Unfälle wol nutzen wird; denn ungeheuer viele sonst schlafende Kräfte hat sie geweckt und Gedankenverbindungen gewagt, die nicht sofort ausgelöscht werden mögen. Der Strom der Zeit rollt fort, nichts in ihm darf sich seinem Lauf entziehen; was nicht mit will, wird abgesetzt oder sinkt zu Boden. Es gab Zeiten, da viele Verfassungen Deutschlands anerkannt die ersten in Europa waren. Mit freudigem Antlitz begrüßte ich täglich die Municipalitäten, die durch Einrichtung und Ordnung, durch Fleiß und Treue hoch über jenen des alten Roms oder des neuen Italiens standen; ich übergüldete sie wie prächtige Linden, in deren Walde von Gerüchen und Blüthen zahllose Schwärme Honig suchten und fanden. Manche derselben hat ein fremder üppiger Epheu abgezehrt, vertrocknet stehen sie da; andre sind zu Hausgeräth, zu Bänken und Lusthäusern zerhackt und zersägt. Einige stehen noch da, und an mir soll es nicht fehlen, daß die fleiß- und treuvollen Völker Deutschlands, wo sie vom Gewinn ihres Fleißes verdrängt sind, auf ihre Bahn wieder eintreten mögen. Am Po und am Jordan, am Oby und Ohio, in allen Welttheilen floß ihr Blut, nicht für sich, sondern für andre Nationen; ich will die Zeit befördern, daß Deutschland an sich denke, für sich arbeite in allen Ständen und sich seiner Kraft, seines Charakters und Landes erfreue in allen Ständen.« Du nennst ein großes Wort, heilige Göttin, und hast ein weites Ziel vor Augen. Eben die Verwirrung, das gegenseitige Mißtrauen zwischen Ständen und Ständen – »Soll bald durch mein Licht verscheucht sein. Was sind Stände? Zustände sind sie oder Aemter. Wer der Vortheile, mit denen er geboren ward, sich nicht werth macht, sinkt um so tiefer unter seinen Stand hinunter; wer seinen Stand als Amt betrachtet, vergißt oder verachtet den Namen des Standes. Nicht stehen soll man in seinem Stande, sondern wirken; wem repräsentiren oder repräsentirt werden der Inhalt seiner Disputen, der höchste Zweck seiner Bestrebungen ist, disputirt und strebt noch fernab vom Ziel der politischen Glückseligkeit, der Realität und Wahrheit. Mein Strahl beglänzt die Ceder wie den Ysop, das Veilchen wie die Rose; alle Kinder und Bürger der Natur wachsen, blühen und fruchten in ihrer Art, ohne zu fragen, wie ein Kataster sie stelle und classificire. Menschen machen und bekleiden Stände, nicht Stände Menschen. In jedem Stande ist der Fleißige fleißig, der Weise weise, der Thor ein Thor. – Aber da kommt die Sonne und weckt Alles, was lebt, zur Munterkeit und zum Fleiß auf; ich berge mich und verschwebe im letzten Streif der purpurnen Wolke.« Lebe wohl, Aurora! Den Schluß bildete »Ossian's letzter Gesang« in Knebel's Uebersetzung. Vgl. Knebel's Nachlaß, II. 393 f.; »Zur deutschen Literatur und Geschichte. Ungedruckte Briefe aus Knebel's Nachlaß«, II. 49. – D. 15. Wir fügen diese Ankündigung nach der ersten Ausgabe von Herder's Werken, »Zur schönen Literatur und Kunst«. XII. (1809) hinzu. – D. Ankündigung der »Aurora«. Ein scheidendes und ein neu auftretendes Jahrhundert setzen gleichsam durch sich selbst dem Wandrer einen Grenzstein, auf welchem er, vor- und rückwärts blickend, gerne verweilt. Traurige und fröhliche Bilder ruft aus der Vergangenheit seine Phantasie hervor, die sein Urtheil bindet, woraus er dann eine Zukunft entweder voraussieht oder dichtet. Denn in dem feinen Gewebe der Zeiten ist Alles Zusammenhang, die Unordnung selbst wird einem höhern Blick Ordnung. Jedermann erkennt das nächstvergangene Jahrhundert als eins der wichtigsten in der menschlichen Geschichte. Beschleunigend hat es eine Reihe von Erscheinungen hervorgebracht, die kaum Jemand vermuthete, die noch jetzt der größere Theil verworren oder schreckhaft anstaunt, in deren trüber Dämmerung aber jeder Wohlgesinnte eine Aurora der Zukunft hofft oder wünscht. Eine Aurora; denn was nützte ein panisches Schreckengeschrei, das die Sinne verwirrt und den Muth entkräftet? Dem Wandrer in der Nacht ist der erste Strahl der Morgenröthe ein Bote der Hoffnung, ein angenehmer Gefährte. Den Griechen war Eos (die Morgenröthej eine freundliche Himmelstochter; mit Rosenfingern hebt sie den Schleier der Nacht auf und verjagt Schrecken und Träume. Sie verkündigt und giebt Licht, sie erweckt und belebt. Guercino und Guido , Beide Künstler von großen Eigenschaften, malten das Bild der Aurora, Jeder aber in seinem Geist, mit seinen Farben. So ist auch nicht leicht Jemand, der sich in der Zukunft nicht etwas Eignes denke, etwas Eignes erwarte. Das freie Spiel dieser Vorstellungsarten zu belauschen, den Traum angenehmer Hoffnungen auf sichere Resultate des Verstandes zurückzuführen, zu zeigen, wo wir sind, wohin wir streben, welche Hindernisse, welcher Wahn oder welche Wahrheit uns vorliegen, und uns dabei nur zum Edelsten, zum Besten aufzumuntern: dies ist die Absicht unsrer Aurora . Freudig tritt sie ihren Weg an; kein angenehm-nützlicher Gegenstand, keine Art gefälliger Einkleidung wird ihrem Geschäft fremde sein, einzig nur die politische Orakel- und Zaubertracht wird davon ausgeschlossen bleiben. 1. Nebst eingestreuten Gedichten von allerlei Art werden Erzählungen verschiedener Gattung, Romane, Novellen, Märchen u. s. w. (deren keines sich doch leicht mit unangenehmer Abbrechung in viele Stücke erstrecken darf) mit leiser Hand den Schleier aufheben, den seinen Neigungen und Wünschen das menschliche Herz gerne vorwebt; denn wie ließe sich die Wahrheit bescheidner sagen als im Traum einer Dichtung, im Märchen einer Erzählung? 2. Aufsätze , die nach und nach den Geist berühmter Schriftsteller aus mehreren Nationen und Zeiten, verglichen mit der nächstvergangenen Zeit, darstellen; Urtheile über bedeutende Menschen aller Zeiten; Miscellaneen der Lectur , interessante Begebenheiten, merkwürdige Eigenheiten der Vorstellungsart und der Charaktere, insonderheit sofern sie auf die Zeiten gewirkt haben, Gedanken großer Genien, deren einer oft eine neue Welt von Ansichten giebt; kleine philosophische Aufsätze endlich, unter der Rubrik: Blicke und Winke , werden wechselnd sich bestreben, den Leser, ohne ihn zu ermüden, zu Gedanken zu wecken und vielleicht hie und da mit einem neuen Gefühl zu beleben. 3. Anzeigen von Schriften, die Epoche machen oder machen sollten (jedoch ohne langweilige Auszüge), mit einem parteilosen Urtheil begleitet. Manchen Nebel des Wahns, falsche Anmaßungen und Blendwerke hoffen wir durch dies Urtheil zu zerstreuen, manch unbekanntes oder unterdrücktes Verdienst in seinen Glanz zu stellen und aufzumuntern. Bei einigen gepriesenen Werken werden wir mit dem ältern St. Pierre nur sagen können: »Ei denn, das ist noch schön, das gilt noch als wahr und groß und rühmlich«, bei andern mit desto freudigerm Bewußtsein: »Das ist durch sich schön, es wird immer groß und rühmlich bleiben!« 4. Sprache und Kunst können also von diesen Anzeigen nicht ausgeschlossen sein, da in ihnen der Geist der Nationen und Zeiten sich vorzüglich offenbart. Nach dem Sprichwort ist Aurora eine Freundin aller Musen, jede ist ihres Preises werth; doch wird sie keinem Werk zu nahe treten, das sich eigenthümlich und ausschließend mit diesen edeln Productionen der menschlichen Seelenkräfte beschäftigt. 5. Beobachtungen endlich über den Fortschritt der Wissenschaften , der sich aufheiternden Vernunft und des wachsenden Verstandes werden unser angenehmstes Augenmerk sein; denn (davon sind die Verfasser dieser Zeitschrift überzeugt) trotz aller künstlich gepflanzten Irrgänge muß die Wissenschaft fortgehn, die Vernunft sich erheitern, der menschliche Verstand wachsen. Glücklich, wenn wir zu diesem Fortschritt selbst beitragen können! Der Titel unsrer Zeitschrift verkündigt nur den Tag; wenn er da ist, verbirgt sich Aurora in den Strahlen der Sonne, in ihnen gerne verschwindend. Weimar, den 20. Mai 1799. Die Verfasser der Zeitschrift Aurora. ––––– Entwurf der von Herder in der »Aurora« abzuhandelnden Gegenstände. Ungenauer steht dieser Entwurf in den »Erinnerungen«, III. 164. – D. Geschichte des Himmels; künftige Geschichte. – Geschichte der Erde, Bildung der Erde; künftige Geschichte. – Geschichte des Lichts, der Elemente, der Organisationen. – Geschichte der Völker des Orients, der Griechen (Vaticanische Manuscripte). – Geschichte des Christenthums (Ähnlichkeit und Unähnlichkeit der Zeiten seiner Entstehung mit den jetzigen). – Geschichte des Mohammedismus. – Geschichte der nordischen Mythologie, ihres Ursprungs, ihrer Verschiedenheit von andern. – Geschichte der Erfindungen. Philosophie der Welt in Gedichten: Pope u. A. Geschichte der Philosophie im 18. Jahrhundert. Geschichte der Poesie, Geschichte, Theologie, des Rechts, der Medicin, Chemie u. s. w. Künftige Entdeckungen in Asien, Afrika, Amerika. Tendenz der allgemeinen Vernunft: in Kriegen, Handel, Negotiationen; in Wissenschaften, Künsten, Sprachen; in Einrichtungen. Fabeln nach altdeutschen Sprichwörtern in Agricola, Henisch u. A. Idyllen (Gespräch mit dem Schutzgeist. Jesaia's Aussichten auf unsere Zeit). Shakespeare's Naturwelt: im Tempest , Macbeth, Midsummernight , Hamlet, Lear, Romeo, Othello, Cymbeline, Wintermärchen. Von Milton kleine Stücke und Paradise regain'd. Leone, Gespräch von der Liebe. Desbillons' Fabeln. Lucrez für unsre Zeit. Camoens für unsre Zeit (Die Forsters, Cook u. s. w.). Roms Pantheon für die Nachwelt. Leben: Leibniz, Newton, Halley, Mac-Laurin, Linné, Buffon, Haller, Tobias Mayer (Wurf nach Herausgabe seiner Schriften), Ramler. Kritik: Formenpoesie, griechische Silbenmaße. Mably, Diderot, Fontenelle, Condillac, Swift. Aussichten auf die Zukunft u. s. w. 16. Fragment über Licht und Farben und Schall. Herder schrieb dieses Fragment für die Adrastea, wie sich aus der Stelle oben S. 464. Z. 27 f. ergiebt (»Daß die Theorie der Farben hiemit auch eine andere Ansicht gewinne, werden wir zu einer andern Zeit sehen«), da diese Aeußerung ganz mit dem Anfang unsers Fragments übereinstimmt; aber er kam in den folgenden Heften nicht mehr auf das Licht zu sprechen, und so blieb das Stück unbenutzt liegen. Herder's Sohn Gottfried übersah es bei der Nachlese, in die es ganz eigentlich gehört. Erst Johann von Müller nahm es auf, da es ihm »vortrefflich, voll der größten und feinsten, voll der scharfsichtigsten und der lebendigsten Ideen« schien; aber er brachte es nicht in der Nachlese, wozu es gehört, sondern nach Knebel's »Hymnus an die Sonne« (oben S. 465 f.). Herder dachte bei der »andern Zeit« offenbar an ein anderes Heft seiner Zeitschrift. Ueber die Farben hatte er sich schon im Jahre 1800 in der »Kalligone« (I. 3) erklärt. – D. Die Theorie der Farben gewinnt hiemit auch eine andre Ansicht. Indem Newton's und Euler's Hypothesen sich freundlich einander gesellen und aus jeder die Härte wegfällt, erscheinen uns auch freundlicher die Farben, und was von ihnen abhängt. 1. Sind Farben eine Erscheinung , so setzen sie eine Wesenheit voraus; so wenig sie aber tastbar sind, so wenig sind sie außer der Oberfläche der Körper oder außer dem Strahl, an dem sie erscheinen, endlich außer unserem für sie gebildeten Auge durch sich etwas. Auge, Licht und Körper, Sinn, also Medium und Gegenstand , gehören zusammen, wenn man von Farben redet. Die Aufgabe ist wie in der Geometrie das sogenannte Problem der drei Körper . 2. Wenn also der Sonnenstrahl durchs Prisma gebrochen wird, so darf das Bild, in welchem die Farben erscheinen, dem Sonnenstrahl nicht rein zugeschrieben werden: die Erscheinung kann ebensowol im Bau und in der Beschaffenheit unseres Auges liegen, daß wir den da- und dorthin gewandten Strahl blau oder roth sehen , als daß gerade diese und jene Farbe als constituirender Theil der Masse des Lichtstrahls von seiner mehr- oder minderen Brechbarkeit herrührte. Es ist nur Ordnung , in der wir die Farben sehen; ihr Gesetz wird sichtbar, nicht aber dessen physische Ursache. 3. Da wir nun die sogenannten sieben Farben auch schon deshalb schwerlich als zerspaltene Körper annehmen dürfen, weil sie Verflößungen in einander sind und tausend Mittelfarben zwischen sich Platz machen, wenn unser Auge diese zu sehen hinreichte, so sollte dies schon alle groben Begriffe von Zerspaltung eines Strahlenkörpers in sieben verschiedene, zusammengebundene Massen entfernen. Das Auseinanderfahren des Strahls zeigt die Kraft, mit der er fortgetrieben wird, die zarte Materie des Lichts aber entfaltet sich hold und freundlich. Zu beiden Seiten des Strahls, wie Schwingen des Lichts, zeigen sich die Farben; selbst daß man ihre beiden Extreme Pole hat nennen wollen, scheint ein hier fremder Ausdruck. Polartiges ist in ihnen nichts, es ist das Steigen und Sinken von und zu einem Maximum. Offenbar ist dies Maximum das von uns nie gesehene Licht, das reinste Weiß, ein Lichtpunkt; sein irdischer Repräsentant, mit Wärmestoff geschwängert, ist Gelb. Ihm zu beiden Seiten auf- und abschwingend breiten sich in Farben aus die Flügel des Lichtes. Der Theil der Materie, der das am Wenigsten entwickelte Licht ist, erscheint im dunkeln Blau; die Farben steigen bis zum mittlern, uns unsichtbaren Lichtpunkt und von ihm weiter zum schnellsten Roth, als dem ausgearbeitetsten, dichtesten Strahl. Die von uns bemerkbaren, sogenannten Hauptfarben beschreiben nicht gleiche Räume, das Gesetz der Ordnung und Verflößung zwischen ihnen ist aber unleugbar. Tobias Mayer hatte ebenso Recht, drei Grundfarben, Gelb, Blau, Roth, anzunehmen, als sie durch Mischungen bis zu 819 vollkommenen, blassen und dunkeln Farben zu vervielfältigen. Was er darstellte, waren freilich Pigmente , diese Pigmente aber sind ohne Farben, die der Lichtstrahl giebt, weder möglich noch denkbar.) Tob. Mayeri Opp., ed. Lichtenberg, IV. De affinitate colorum. Götting. 1774. p. 31. – H. 4. Allenthalben in der Natur sehen wir dies unverrückbar heilige Gesetz der Farbenordnung befolgt. Im Regenbogen nicht etwa nur und in der Flamme, sondern in jeder Farbenwandlung und in jedem Pigment. Blau ist unten das Licht der Flamme, auch um den zartesten Lichtpunkt, ihre Masse häuft sich zu Gelb an, das oben in der dichtesten Spitze zum Roth aufsteigt; durchs Prisma sieht man die anderen Farben um und um gelagert im hellsten Lichte. Bei allem Farbenwechsel der Körper gehen sie aus den nächsten in die nächsten Uebergänge über. Bei Entwickelung der Farben in Pflanzen, dem Schmuck der Thiere u. s. w. sieht man dieselbe Ausarbeitung der Natur in Stufen und Graden bei der verschiedensten Farbenmischung und Farbengebung. Die Regel, der feststehende Cyklus ist allenthalben sichtbar. 5. Warum sollte man nun die Farbenleiter nicht mit der Tonleiter vergleichen? Die Verhältnisse mit ihren feinen Uebergängen stehen da, beide einander ähnlich, für die verschiedensten Sinne, Auge und Ohr, gleichmäßig geordnet . In Newton's System der Brechungen des Strahls steht die scala musica der Farben ebenso da wie in Euler's System der Schwingungen des Aethers; beide sind unverkennbar. 6. Dazu haben beide die sonderbare Aehnlichkeit, daß, so wie der reine Mittelton des Toncyklus, den wir ebenso wenig hören, als wir den unsichtbaren, hellweißen Lichtpunkt sehen, für unsere beiden Sinne nicht in der Mitte zu liegen scheint. Der Theil des Farbencyklus vom Gelb zum Roth hinauf drängt sich enger zusammen als vom Gelb zum Blau und tiefer hinunter; der dunkleren Farben ist unser Auge empfänglicher als der zu lichten. So auch der niederen Töne des musicalischen Cyklus; zwischen dem Grundton und der Quinte weilt das Ohr unangegriffener als in den Tönen über dieser. Der obere Theil der Scala ist angreifender, zusammengedrängter, kürzer. Der Umfang beider Scalen so verschiedener Sinne ist wunderbarerweise in seinen Verhältnißgliedern ähnlich, obgleich irrational geordnet. Die Structur unseres Auges und Ohrs oder vielmehr unseres Seh- und Hörnervs muß eine Aehnlichkeit geben, die sehr denkbar ist, da auch hier ein Maximum und Minimum der Empfindung, des Wohlgefallens und der Harmonie vorkommen müssen . 7. Auch würde hieraus erklärlich, warum gewisse Töne, gewisse Farben Diesem und Jenem lieber sind als andere; sie sind das Verhältnis der Scala, bei welchem sein Organ das meiste Wohlbehagen findet, indem es von hier aus sich selbst die Scala aufs Bequemste ordnet. Jeder hat seinen Lieblingston wie seine Lieblingsfarbe. Andere hören weder reine Töne, noch sehen reine Farben. Bei Anderen, Weißgebildeten, Albinos, wofür man sonst Weißlinge sagt. – D. ist die Ordnung beider gar verwirrt, wovon Krankheiten und Mißfälle sonderbare Beispiele geben. Ueberhaupt sehen selten zwei Augen einander gleich, wie gewiß ebenso selten zwei Gehöre einander völlig gleich hören; indessen hält die Regel der Natur, die gebundene Scala der Töne und Farben sie zusammen, wenigstens in einer gemeinschaftlichen Sprache. Wir nennen alle Blau, Grün, Roth, so auch die Töne, und überlassen Jedem, was er in ihnen sehe und höre. Einen gemeinschaftlichen Maßstab haben wir nicht außer unseren Organen. 8. Wohin geräth also der Zwist zwischen dem Newton- und Euler'schen System? Auf einen friedlichen Mittelweg mit der Aufschrift: » Non liquet .« Aus beiden werden wir Manches verbannen, dem Beobachtungen widerstreiten. 9. Z. B. aus dem Newton'schen System, daß Farben als Massen des Lichts gedacht werden. Alle Farben zusammengemischt geben kein reines Licht, sondern ein schmutziges Grau. Das reine Licht ist hellweiß; Weiß aber so wenig als Schwarz sind Farben. 10. Desgleichen entferne man alle jene harten Ausdrücke, die aus den mißverstandenen Worten Brechung des Lichts oder Zurückprallung der farbigen Strahlenpinsel entstehen, da die Sache selbst, ob Farben aus Brechung oder Zurückwerfung entstehen (daß sie mit ihnen verbunden sind und darnach einstweilen geschätzt werden mögen, daran zweifelt Niemand), unausgemacht ist. Zum mathematischen System Newton's gehörten diese mechanisch-metrischen Darstellungen; sie sind auch höchst popular. Da indessen das Licht außer seiner schnellen Wirkkraft auch der zarteste Stoff ist, den wir kennen, so ist mit Stoß und Hieb , mit Auf - und Abprallen hier nicht Alles ausgerichtet. Wenn der einfärbige Körper sechs andere Strahlen einschluckt, d. i. unsichtbar macht, und nur eine , die seinige, zeigt, so ist's ebenso leicht zu sagen, die geistige Flüssigkeit, Licht , theile sich ihm dergestalt mit, daß seine Oberfläche unserem Auge nur unter seiner Farbe erscheine. Ein anderes scharfsichtigeres oder anders gebautes Auge mag höchst wahrscheinlich andere oder mehrere Farben in ihm sehen, wir nicht also. Die alte Farbenlehre ist in Allediesem eine Frescomalerin: sie malt groß, aber in ihren großen Strichen mechanisch. Der Chemie muß es überlassen bleiben, in die Bestandtheile der Farben und des Lichts einzudringen und sie miniaturmäßig zu ordnen. Jener großen Vorzeichnerin wird damit nichts benommen; nur sie bleibt bestehen, standhaft in ihren Grenzen. 11. Die kleinen Spiegel auf den Oberflächen farbiger Körper, so popular sie sind, verlieren sich damit von selbst; denn sie erklären nichts. Die successive Verwandlung der Pigmente zeigt auf einen viel tieferen Grund dem Körper imprägnirter oder einwohnender Farben. 12. Wenn jedes farbige Licht hinter dem Glase seinen eigenen Brennpunkt hat, sollte, ja müßte es ihn nicht auch im Auge haben? Die mechanische Mathematik setzte sich so sehr gegen die Beweglichkeit des Auges: sie ist erwiesen jetzt beinah in allen seinen Theilen. Nicht etwa nur im Augenstern, in Veränderungen der Hornhaut, der Krystalllinse, der Feuchtigkeiten, sondern auch der Retina selbst. Der gelbe Ring am Sehnerv, den Sömmering entdeckte, scheint vom Strahl aus das Farbengemälde in das Auge zu werfen; denn ist überhaupt nicht Alles, was wir sehen, ein unsichtbares Bild der Seele? Allerdings ist, was der Versuch darstellen kann, ihm harmonisch; nur ist er, sofern es Empfindung betrifft, die Sache nicht selbst und nicht einzig. 13. Und da kein Lichtstrahl in unserer Atmosphäre uns rein zukommt und die Verbindung des Lichts mit der Wärme unleugbar bekannt ist, wirkte auch dieser nicht auf die Farben? Offenbar brennt der zusammengespitzte rothe Strahl heftiger als der blaue, in dem sich das Licht noch nicht concentrirt hat; das Feuer dieses schwelt. Einige Wirkung davon muß, wie gering sie auch sei, auf unser Organ erfolgen; denn wir kennen kein Licht, ohne mit Feuerstoff verbunden. Das Reizendste, das wir kennen, ist Licht, und der zarteste schnellste Reiz ist Röthe, und diese ist die schnellste Wärme. Da wir also kein reines Licht kennen, wie wollten wir es außer dem Auge in Farbenbündel binden? Das Reizendste ist uns roth; das Wärmste, das Kälteste ist uns blau, das Ruhigste. Die Mitte enthält gemischte Farben, und der reine Lichtpunkt, der zu beiden Seiten in der gemischten Atmosphäre farbige Fittige aufschlägt, entzieht sich uns gänzlich. 14. Gegenseits Euler . Auch bei ihm scheinen die Ausdrücke wegfallen zu können, die eine zu enge Beziehung auf sein Tonsystem haben; denn Licht ist einmal nicht Ton und seine Bewegung nicht die Bewegung des Schalles. Neunmalhunderttausendmal schneller als dieser eilt es zu uns, ganz zu anderen Zwecken bestimmt, als die der Schall hervorbringen sollte. Die Sonne sich als eine läutende Glocke des Universums, den Aether höchst elastisch sich als die fortbewegte Luft zu denken und dann Strahlen zu uns kommen zu sehen, deren Schwingungen allein, gewisser Zeit gemäß, das Werk machen sollen, Alles dies giebt einen zu einseitigen Begriff der Kraft und Wunder des Lichtstrahls. 15. Wie aber? Sind Reiz (nicht Stoß) und Schwingung einander entgegen? Der höchste Reiz, den wir im Universum kennen, zumal mit Wärme verbunden, ist Licht, und da die Farben Empfindungen sind, so kennen wir auch hiezu keinen anderen Ausdruck als Schwingung. Das Licht reizt, Theile des Nervs schwingen sich, die Empfindung erfolgt – wir können kaum weiter. Und wenn zu beiden, zur Mäßigung des Reizes, zum Clavichord der Schwingungen Alles eingerichtet wäre, was wollten wir mehr? Der Schwung wäre Wirkung, der Reiz Ursache, angemessen ihr, die er hervorbringen wollte; das Innere und Aeußere (das Ob- und Subjective) wäre harmonisch. 16. Ja, auch im Aeußeren, dem Medium (wenn man abermals das grobe Mechanische abrechnet), warum sollte man die zarte Flüssigkeit der Lichtmaterie sich nicht ebensowol in Schwingungen bewegen lassen als in schießenden Pfeilen? Wir kennen den Sonnenstrahl nur, wie er zu uns kommt, mit Wärmestoff gerüstet, seine sanfteren Schwingungen und Directionen in der dephlogistisirten Luft kennen wir kaum, im Aether noch minder. Daß uns ein Sonnenstrahl, unbehindert, alle Gegenstände, jeden in seinem Licht zeigt, ist sehr für Euler . 17. Nur daß abermals die Schwingungen auf seiner Oberfläche nicht zu mechanisch genommen würden! In dem reinen Sonnenlicht badet sich Alles; Jedes zieht an, was es vermag, Jedes zeigt seine Farbe in einem sie alle offenbarenden Licht. 18. Das Verhältnis; der Töne zu den Farben dürfte nach Newton und Euler zusammentreffen; denn man erkläre die Fortpflanzung des Sonnenlichts durch Schwingungen oder durch Ausströmung, die, wie gezeigt, im Grunde Eins sein können, so besteht dies Verhältniß. Die niederen Töne müssen niederen Farben gleich sein, die höhern höheren Farben, nur darf man beide eben nach unserem Clavichord nicht fixiren. Andere Nationen theilten und theilen die Scala anders, sie liebten andere Intervalle wie andere Farben. Wenn Newton die rothe Farbe, die sich am Wenigsten von der Linie des Lichtstrahls brach, für die schwerste hielt, so war es ihm ohne Zweifel die dichtgedrängteste, die lichtschwerste; Violett, Indigo, Blau nehmen den größeren Theil ihrer Sphäre ein und sind gewiß die niedrigsten, schwersten. Daß überhaupt vom Gelb, als dem Repräsentanten des weißen Lichtpunkts, im Farbencyklus Alles ausgehe und man sich an die bekannten Namen seiner Abtheilungen nicht sclavisch zu kehren habe, zeigt die ungleiche Größe seiner Felder und die Rückkehr der Farben in einander. Auf Blau und das dunklere Blau folgt Violett, das sich dem Roth, sowie das Roth durch seinen Purpurstreif dem Violett nähert. Fein und fest ist das menschliche Auge durch diese Regel umschlossen und begrenzt. Statt daß Newton die sogenannten einfachen Farben neu theilen und in jeder ein ganzes Spectrum suchen wollte, wiefern Spectra sich wiederholen ließen, und ob das Auge der Menschen Mehreres zu sehen fähig sei als eine Farbenoctave, einen Cyklus. 19. Bei allen Vergleichungen der Töne und Farben muß jedem Ueberlegenden ein Farbenclavier völliger Mißbrauch dünken. Licht und Farben sprechen durchs Auge für unseren Verstand, zeichnend und zierend; Töne reden dem Herzen und Gefühl. Jene ungleich schneller, auf einmal aber eine Welt darbietend, so daß diese bleibe. Denn möge das Licht auch durch Schwingungen auf Körper wirken, im Körper schwingt sich dadurch nichts als etwa die Fasern des Sehnervs; seine anderen Wirkungen gehen, verbunden mit der Wärme, auf ein wesentlicheres Wohlsein, auf Leben, Genuß, Wachsthum, Nahrung, Gedanken. Dem Organ, das Empfindungen erregen soll, war ein bei Weitem nicht so feines Medium nöthig, der Schall. Harmonisch mit dem geschwungenen klingenden Körper klingt in uns ein geistiges Clavichord und tönt ihm nach. Zugemessen, zugezählt werden ihm die Töne, harmonisch, melodisch: ein unsichtbarer, weckender Geist spricht mit unserem fühlenden Ich in Succession. Umkehren hieße es die Natur, wenn man die Folge zur bleibenden Gegenwart, diese zur hinschwindenden Folge, das Aeußere zum Innern, das Innere zum Aeußern, Gestalt zu Ton und Wort, diese zur stummen Gestalt machen wollte: bleibe jedem Organ das Universum und das Mittel der Wirkung, das ihm gebührt! 20. So auch, ohne eine Theorie in die andere ziehen zu wollen, bleibe jedem deren Benennung: dem Ohr und Klange das Wort Schwingung , dem Licht und Auge Strömung . Bleibe der Sonne ihr Ehrenname, daß sie eine Quelle des Lichts sei; sie erarbeitet das Licht aus dem Aether und strömt die feine Materie auf alle Seiten hinaus, ihr Erwirker und ihr Reflector. Als, mit Wärme verbunden, sie die Luft locker machte, ward in dieser der Schall möglich; in den Strom des Lichts gesenkt, ihrer Natur nach elastisch, leuchten alle Wesen, tönen und tönen wieder. Die ganze Planetenwelt singt der Sonne einen ewigen Hymnus.