Johann Gottfried Herder Journal meiner Reise im Jahr 1769 Den 23 Mai/ 3 Jun. Links vom Schrägstrich steht das Datum nach dem im russischen Riga geltenden Julianischen Kalender, rechts das Gregorianische Datum. reisete ich aus Riga ab und den 25/5. ging ich in See, um ich weiß nicht wohin? zu gehen. Ein großer Theil unsrer Lebensbegebenheiten hängt würklich vom Wurf von Zufällen ab. So kam ich nach Riga, so in mein geistliches Amt und so ward ich deßelben los; so ging ich auf Reisen. Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter weder, in dem Kraise, da ich war; noch in der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Ich gefiel mir nicht als Schullehrer, die Sphäre war [für] mich zu enge, zu fremde, zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht, als Bürger, da meine häusliche Lebensart Einschränkungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule, oft eckle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles also war mir zuwider. Muth und Kräfte gnug hatte ich nicht, alle diese Mißsituationen zu zerstören, und mich ganz in eine andre Laufbahn hineinzuschwingen. Ich muste also reisen: und da ich an der Möglichkeit hiezu verzweifelte, so schleunig, übertäubend, und fast abentheuerlich reisen, als ich konnte. So wars. Den 4/15 Mai Examen: d. 5/16 renoncirt: d. 9/20 Erlaßung erhalten d. 10/21 die letzte Amtsverrichtung: d. 13/24 Einladung von der Krone: d. 17/28 Abschiedspredigt, d. 23/3 aus Riga d. 25/5 in See. Jeder Abschied ist betäubend. Man denkt und empfindet weniger, als man glaubte: die Thätigkeit in die unsre Seele sich auf ihre eigne weitere Laufbahn wirft, überwindet die Empfindbarkeit über das, was man verläßt, und wenn insonderheit der Abschied lange dauret: so wird er so ermüdend, als im Kaufmann zu London. Nur denn aber erstlich siehet man, wie man Situationen hätte nutzen können, die man nicht genutzt hat: und so hatte ich mir jetzt schön sagen: ei! wenn du die Bibliothek beßer genutzt hättest? wenn du in jedem, das dir oblag, dir zum Vergnügen, ein System entworfen hättest? in der Geschichte einzelner Reiche – – Gott! wie nutzbar, wenn es Hauptbeschäftigung gewesen wäre! in der Mathematik – – wie unendlich fruchtbar, von da aus, aus jedem Theile derselben, gründlich übersehen, und mit den reellsten Kän[n]tnißen begründet, auf die Wißenschaften hinauszusehen! – – in der Physik und Naturgeschichte – – wie, wenn das Studium mit Büchern, Kupferstichen und Beispielen, so aufgeklärt wäre, als ich sie hätte haben können – und die Französische Sprache mit alle diesem verbunden und zum Hauptzwecke gemacht! und von da aus also die Henaults, die Vellys, die Montesquieu, die Voltaire, die St. Marcs, die La Combe, die Coyers, die St. Reals, die Duclos, die Linguets und selbst die Hume's französisch studirt: von da aus, die Buffons, die D'Alemberts, die Maupertuis, die La Caille, die Eulers, die Kästners, die Newtone, die Keile, die Mariette, die Toricelli, die Nollets studirt; und endlich die Originalgeister des Ausdrucks, die Crebillons, die Sevigne, die Moliere; die Ninons, die Voltaire, Beaumelle u. s. w. hinzu gethan – das wäre seine Laufbahn, seine Situation genutzt, und ihrer würdig geworden! Denn wäre diese mein Vergnügen und meine eigne Bildung; nie ermüdend, und nie vernachläßigt gewesen! Und Mathematische Zeichnung, und Französische Sprachübung, und Gewohnheit im historischen Vortrage dazu gethan! – – Gott! was verliert man, in gewissen Jahren, die man nie wieder zurückhaben [kann,] durch gewaltsame Leidenschaften, durch Leichtsinn, durch Hinreißung in die Laufbahn des Hazards. Ich beklage mich, ich habe gewisse Jahre von meinem Menschlichen Leben verlohren: und lags nicht blos an mir sie zu genießen? bot mir nicht das Schicksal selbst die ganze fertige Anlage dazu dar? Die vorigen leichten Studien gewählt, Französische Sprache, Geschichte, Naturkänntniß, schöne Mathematik, Zeichnung, Umgang, Talente des lebendigen Vortrages zum Hauptzwecke gemacht – in welche Gesellschaften hätten sie mich nicht bringen können? wie sehr \<nicht\> den Genuß meiner Jahre nicht vorbereiten können? – Autor wäre ich alsdenn Gottlob! nicht geworden, und wie viel Zeit damit nicht gewonnen? in wie viel Kühnheiten und Vielbeschäftigungen mich nicht verstiegen! wie viel falscher Ehre, Rangsucht, Empfindlichkeit, falscher Liebe zur Wißenschaft, wie viel betäubten Stunden des Kopfs, wie vielem Unsinn im Lesen, Schreiben und Denken dabei entgangen? – Prediger wäre ich alsdenn wahrscheinlicher Weise nicht oder noch nicht geworden, und freilich so hätte ich viele Gelegenheit verloren, wo ich glaube, die besten Eindrücke gemacht zu haben: aber welcher übeln Falte wäre ich auch damit entwichen! Ich hätte meine Jahre gemessen, gründliche, reelle Wißenschaft kennen, und Alles anwenden gelernt, was ich lernte. Ich wäre nicht ein Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei, nicht ein Wörterbuch von Künsten und Wißenschaften geworden, die ich nicht gesehen habe und nicht verstehe: ich wäre nicht ein Repositorium voll Papiere und Bücher geworden, das nur in die Studierstube gehört. Ich wäre Situationen entgangen, die meinen Geist einschlossen und also auf eine falsche intensive Menschenkänntniß einschränkten, da er Welt, Menschen, Gesellschaften, Frauenzimmer, Vergnügen, lieber extensiv, mit der edlen feurigen Neubegierde eines Jünglinges, der in die Welt eintritt, und rasch und unermüdet von einem zum andern läuft, hätte kennen lernen sollen. Welch ein andres Gebäude einer andern Seele! Zart, reich, Sachenvoll, nicht Wortgelehrt, Munter, lebend, wie ein Jüngling! einst ein glücklicher Mann! einst ein glücklicher Greis! – O was ists für ein unersätzlicher Schade, Früchte affektiren zu wollen, und zu müßen, wenn man nur Blüthe tragen soll! Jene sind unächt, zu frühzeitig, fallen nicht blos selbst ab, sondern zeigen auch vom Verderben des Baums! »Ich wäre aber alsdenn das nicht geworden, was ich bin!« Gut, und was hätte ich daran verlohren? wie viel hätte ich dabei gewonnen! O Gott, der den Grundstof Menschlicher Geister kennet, und in ihre körperliche Scherbe eingepaßt hast, ists allein zum Ganzen, oder auch zur Glückseligkeit des Einzeln nöthig gewesen, daß es Seelen gebe, die durch eine schüchterne Betäubung gleichsam in diese Welt getreten, nie wissen, was sie thun, und thun werden; nie dahin kommen, wo sie wollen, und zu kommen gedachten; nie da sind, wo sie sind, und nur durch solche Schauder von Lebhaftigkeit aus Zustand in Zustand hinüberrauschen, und staunen, wo sie sich finden. Wenn o Gott, du Vater der Seelen, finden diese Ruhe und Philosophischen Gleichschritt? in dieser Welt? in ihrem Alter wenigstens? oder sind sie bestimmt, durch eben solchen Schauer frühzeitig ihr Leben zu endigen, wo sie nichts recht gewesen, und nichts recht genossen, und alles wie in der Eil eines erschrocknen, weggehenden Wandrers erwischt haben; und alsdenn gar durch einen diesem Leben ähnlichen Tod, eine neue ähnliche Wallfahrt anzutreten? Vater der Menschen! wirst du es würdigen, mich zu belehren So denkt man, wenn man aus Situation in Situation tritt, und was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen. Oft ist jener der Studierstul in einer dumpfen Kammer, der Sitz an einem einförmigen, gemietheten Tische, eine Kanzel, ein Katheder – oft ist diese, eine kleine Stadt, ein Abgott von Publikum aus Dreien, auf die man horchet, und ein Einerlei von Beschäftigung, in welche uns Gewohnheit und Anmaßung stossen. Wie klein und eingeschränkt wird da Leben, Ehre, Achtung, Wunsch, Furcht, Haß, Abneigung, Liebe, Freundschaft, Lust zu lernen, Beschäftigung, Neigung – wie enge und eingeschränkt endlich der ganze Geist. Nun trete man mit Einmal heraus, oder vielmehr ohne Bücher, Schriften, Beschäftigung und Homogene Gesellschaft werde man herausgeworfen – welch eine andre Aussicht! Wo ist das veste Land, auf dem ich so veste stand? und die kleine Kanzel und der Lehnstul und das Katheder, worauf ich mich brüstete? wo sind die, für denen ich mich fürchtete, und die ich liebte! = = O Seele, wie wird dirs seyn, wenn du aus dieser Welt hinaustrittst? Der enge, veste, eingeschränkte Mittelpunkt ist verschwunden, du flatterst in den Lüften, oder schwimmst auf einem Meere – die Welt verschwindet dir = ist unter dir verschwunden! – Welch neue Denkart! aber sie kostet Thränen, Reue, Herauswindung aus dem Alten, Selbstverdammung! – bis auf meine Tugend war ich nicht mehr mit mir zufrieden; ich sah sie für nichts, als Schwäche, für einen abstrakten Namen an, den die ganze Welt von Jugend auf realisiren lernt! Es sei Seeluft, Einwürkung von Seegerichten, unstäter Schlaf, oder was es sei, ich hatte Stunden, wo ich keine Tugend, selbst nicht bis auf die Tugend einer Ehegattin, die ich doch für den höchsten und reellsten Grad gehalten hatte, begreifen konnte! Selbst bei Beßerung der Menschen; ich nehme Menschliche Realitäten aus, fand ich nur Schwächung der Charaktere, Selbstpein, oder Änderung der falschen Seiten – o warum ist man durch die Sprache, zu abstrakten Schattenbildern, wie zu Körpern, wie zu exsistirenden Realitäten verwöhnt? = = Wenn werde ich so weit seyn, um alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören, und nur selbst zu erfinden, was ich denke und lerne und glaube! – Gespielen und Gespielinnen meiner Jugendjahre, was werde ich euch zu sagen haben, wenn ich euch wieder sehe und euch auch über die Dunkelheit erleuchte, die mir selbst noch anhing! Nichts, als Menschliches Leben und Glückseligkeit, ist Tugend: Jedes Datum ist Handlung; alles übrige ist Schatten, ist Raisonnement. Zu viel Keuschheit, die da schwächt; ist eben so wohl Laster, als zu viel Unkeuschheit: jede Versagung sollte nur Negation seyn: sie zur Privation, und diese gar zum Positiven der Haupt[t]ugend zu machen – wo kommen wir hin? – Gespielin meiner Liebe, jede Empfindbarkeit, die du verdammest, und ich blind gnug bin, um nicht zu erkennen, ist auch Tugend, und mehr als die wovon Du rühmest, und wofür ich mich fürchte. Du bist tugendhaft gewesen: zeige mir deine Tugend auf. Sie ist Null, sie ist Nichts! Sie ist ein Gewebe von Entsagungen, ein Facit von Zeros. Wer sieht sie an dir? Der, dem du zu Ehren sie dichtest? Oder du? du würdest sie wie Alles vergessen, und dich, so wie zu Manchem, gewöhnen? O es ist zweiseitige Schwäche von Einer und der Andern Seite, und wir nennen sie mit dem grossen Namen Tugend ! Die ersten Unterredungen sind natürlich Familiengespräche, in denen man Charaktere kennen lernt, die man vorher nicht kannte: so habe ich einen tracassier , einen verwahrloseten Garçon u. s. w. kennen gelernt. Alsdenn wirft man sich gern in Ideen zurück, an die man gewöhnt war: und so ward ich Philosoph auf dem Schiffe – Philosoph aber, der es noch schlecht gelernt hatte, ohne Bücher und Instrumente aus der Natur zu philosophiren. Hätte ich dies gekonnt, welcher Standpunkt, unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophiren, und die Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können. Philosoph der Natur, das sollte dein Standpunkt seyn, mit dem Jünglinge, den du unterrichtest! Stelle dich mit ihm aufs weite Meer, und zeige ihm Fakta und Realitäten, und erkläre sie ihm nicht mit Worten, sondern laß ihn sich alles selbst erklären. Und ich, wenn ich Nollet, und Kästner und Newton lesen werde, auch ich will mich unter den Mast stellen, wo ich saß, und den Funken der Elektricität vom Stoß der Welle, bis ins Gewitter führen, und den Druck des Waßers, bis zum Druck der Luft und der Winde erheben, und die Bewegung des Schiffes, um welche sich das Waßer umschließt, bis zur Gestalt und Bewegung der Gestirne verfolgen, und nicht eher aufhören, bis ich mir selbst alles weiß, da ich bis jetzt mir selbst Nichts weiß. Waßer ist eine schwerere Luft: Wellen und Ströme sind seine Winde: die Fische seine Bewohner: der Waßergrund ist eine neue Erde! Wer kennet diese? Welcher Kolumb und Galiläi kann sie entdecken? Welche urinatorische neue Schiffart ; und welche neue Ferngläser in diese Weite sind noch zu erfinden? Sind die letzten nicht möglich, um die Sonnenstralen bei stillem Wetter zu vereinigen und gleichsam das Medium des Seewaßers, damit zu überwinden? Was würde der Urinatorischen Kunst und der Schifffart nicht dadurch für unendliche Leichtigkeit gegeben? Welche neue Seekarten sind über den Ocean hinaus zu entdecken, und zu verfertigen, die jetzt nur Schiff- und Klippenkarten sind! Welche neue Kräuter für einen neuen Tournefort, wovon die Korallen nur eine Probe sind! Welche neue Welt von Thieren, die unten im Seegrunde, wie wir auf der Erde leben, und nichts von ihnen, Gestalt, Nahrung, Aufenthalt, Arten, Wesen, Nichts kennen! Die Fische, die oben hinauffahren, sind nur Vögel; ihre Floßfedern nur Flügel: ihr Schwimmen, Fliegen oder Flattern. Wer wird nach ihnen alles bestimmen wollen, was in der See ist? wie? wenn sich ein Sperling in den Mond erhübe, wäre er für unsre Erde Naturregister? – Der kalte Norden scheint hier der Geburtsort so gut der Seeungeheuer zu seyn, als ers der Barbaren, der Menschenriesen, und Weltverwüster gewesen. Wallfische und große Schlangen und was weiß ich mehr? Hierüber will ich Pontoppidan lesen, und ich werde in den Horden ziehender Heeringe, (die immer feiner werden, je weiter sie nach Süden kommen; sich aber nicht so weit wie die Vandalen und Longobarden, wagen, um nicht, wie sie, weibisch, krank, und vernichtigt zu werden, sondern zurückziehen) die Geschichte wandernder nordischen Völker finden – welche grosse Aussicht auf die Natur der Menschen und Seegeschöpfen, und Climaten, um sie, und eins aus dem andern und die Geschichte der Weltscenen zu erklären. Ist Norden oder Süden, Morgen, oder Abend die Vagina hominum gewesen? Welches der Ursprung des Menschengeschlechts, der Erfindungen und Künste und Religionen? Ists, daß sich jenes von Morgen nach Norden gestürzt, sich da in den Gebürgen der Kälte, wie die Fischungeheuer unter Eisschollen erhalten, in seiner Riesenstärke fortgepflanzt, die Religion der Grausamkeit, seinem Clima nach, erfunden, und sich mit seinem Schwert und seinem Recht und seinen Sitten über Europa fortgestürzt hat? Ist dies, so sehe ich zwei Ströme, von denen der Eine aus Orient, über Griechenland und Italien sich ins südliche Europa sanft senkt, und auch eine sanfte, südliche Religion, eine Poesie der Einbildungskraft, eine Musik, Kunst, Sittsamkeit, Wißenschaft des östlichen Südens erfunden hat. Der zweite Strom geht über Norden von Asien nach Europa; von da überströmt er jenen. Deutschland gehörte zu ihm, und sollte recht in seinem Vaterlande seyn, diese Geschichte Nordens zu studiren. denn es ist Gottlob! nur in Wißenschaft ein Trupp südlicher Colonien geworden. Ist dies, wird der dritte Strom nicht aus Amerika hinüberrauschen, und der letzte vielleicht vom Vorgebürge der Hoffnung her, und von der Welt, die hinter ihm liegt! Welche grosse Geschichte, um die Litteratur zu studiren, in ihren Ursprüngen, in ihrer Fortpflanzung, in ihrer Revolution, bis jetzt! Alsdenn aus den Sitten Amerika's, Africa's und einer neuen südlichen Welt, beßer als Ihre, den Zustand der künftigen Litteratur und Weltgeschichte zu weißagen! Welch ein Newton gehört zu diesem Werke! Wo ist der erste Punkt? Eden, oder Arabien? China oder Egypten? Abyßinien, oder Phönicien? Die ersten beiden sind alsdenn entschieden, wenn es bewiesen ist, daß die Arabische Sprache eine Tochter der alt Ebräischen sei, und die ersten Monumente des Menschlichen Geschlechts keine Arabische Verkleidungen sind. Die zweiten sind denn entschieden, wenn China nach der Deguignischen Hypothese als eine Tochter Egyptens bewiesen, oder gar gezeigt würde, daß sie sich nach Indien, nach Persien und denn erst nach Asien ausgebreitet. Die dritten sind denn abolirt, wenn Abyßinien blos als eine Tochter Egyptens und nicht das Gegentheil gezeigt würde, was Ludolf u. a. behaupten: und Phönicien, als eine Tochter Asiens oder Aegyptens erschiene, nicht aber, wie es aus ihrem Alphabeth Schein gibt, selbst älter, als Moses wäre. Wie viel Zeitalter der Litteratur mögen also verlebt seyn, ehe wir wissen und denken können! Das Phönicische? oder das Aegyptische? das Chinesische? das Arabische? das Aethiopische? oder Nichts von Allem! so daß wir mit unserm Moses auf der rechten Stelle stehen! Wie viel ist hier noch zu suchen und auszumachen! Unser Zeitalter reift dazu durch unsre Deguignes, Michaelis und Starken! = = Und das wäre erst Ursprung! Nun die Züge! die Origines Griechenlands, aus Egypten, oder Phönicien? Hetruriens, aus Egypten oder Phönicien, oder Griechenland? – – Nun die Origines Nordens, aus Asien, oder Indien, oder aborigines ? Und der neuen Araber? aus der Tartarei oder China! und jedes Beschaffenheit und Gestalt, und denn die künftigen Gestalt[e]n der Amerikanisch-Africanischen Litteratur, Religion, Sitten, Denkart und Rechte – – – Welch ein Werk über das Menschliche Geschlecht! den Menschlichen Geist! die Cultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Policei und Philosophie! Aegyptische Kunst und Philosophie und Policei! Phönicische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! Papistische Zeit, Mönche, Gelehrsamkeit! Nordisch asiatische Kreuzzieher, Wallfahrter, Ritter! Christliche Heidnische Aufweckung der Gelehrsamkeit! Jahrhundert Frankreichs! Englische, Holländische, Deutsche Gestalt! – Chinesische, Japonische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten u. s. w. – – Grosses Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt! Ich komme wieder aufs Meer zurück und in seinen Grund. Ist da nicht solch eine Kette von Geschöpfen, wie auf der Erde? Und wo die Seemenschen? Tritonen und Syrenen sind Erdichtungen, aber daß es nicht wenigstens Meeraffen gebe, glaube ich sehr wohl. Maupertuis Leiter wird nicht voll, bis das Meer entdeckt ist. Natürlich können sie so wenig schwimmen, wie wir fliegen. Der Fisch fühlt wenig: sein Kopf, seine Schuppen – sind, was dem Vogel Federn und sein Kopf, jedes in sein Element. Da singt der Luftvogel und dazu sein Kopf: der Fisch, was thut er? was hat er für neue Waßersinne, die wir Luft-Erdengeschöpfe nicht fühlen? Sind sie nicht Analogisch zu entdecken? Wenn ein Mensch je die Magnetische Kraft inne würde, so wäre es ein Blinder, der nur hören und fühlen, oder gar ein Blinder, Tauber, Geruch- und Geschmackloser, der nur fühlen könnte: was hat ein Fisch für Sinne? in der Dämmerung des Waßers siehet er: in der schweren Luft höret er: in ihrer dicken Schale fühlt die Auster – welch ein Gefühl, daß solche starke Haut nöthig war, sie zu decken, daß Schuppen nöthig waren, sie zu überkleiden? aber ein Gefühl welcher Dinge! vermuthlich ganz andrer, als Irrdischer. Wie sich Welle in Welle bricht: so fließen die Luftundulationen und Schälle in einander. Die Sinnlichkeit der Waßerwelt verhält sich also wie das Waßer zur Luft in Hören und Sehen! Ei wie Geruch, Geschmack und Gefühl? – Wie die Welle das Schiff umschließt: so die Luft den sich bewegenden Erdball: dieser hat zum eignen Schwunge seine Form, wie das unvollkomme Schiff zum Winde! jener wälzt sich durch, durch eigne Kraft: dieser durchschneidet das Waßer durch Kraft des Windes! Der Elektrische Funke, der das Schiff umfließt, was ist er bei einer ganzen Welt? Nordlicht? Magnetische Kraft? – Die Fische lieben sich, daß sie sich, wo kaum eine dünnere Schuppe ist, an einander reiben, und das gibt, welche Millionen Eier! Der unempfindliche Krebs und der Mensch, welche Einwürkung und Zubereitung haben sie nicht nöthig! – Kennet der Fisch Gattin? sind die Gesetze der Ehe anders, als untergeordnete Gesetze der Fortpflanzung des Universum? Das Schiff ist das Urbild einer sehr besondern und strengen Regierungsform. Da es ein kleiner Staat ist, der überall Feinde um sich siehet, Himmel, Ungewitter, Wind, See, Strom, Klippe, Nacht, andre Schiffe, Ufer, so gehört ein Gouvernement dazu, das dem Despotismus der ersten feindlichen Zeiten nahe kommt. Hier ist ein Monarch und sein erster Minister, der Steuermann: alles hinter ihm hat seine angewiesenen Stellen und Ämter, deren Vernachläßigung und Empörung insonderheit so scharf bestraft wird. Daß Rußland noch keine gute Seeflotte hat: hängt also von zwei Ursachen ab. Zuerst, daß auf ihren Schiffen keine Subordination ist, die doch hier die strengste seyn sollte: sonst geht das ganze Schiff verlohren. Anekdoten im Leben Peters zeigen, daß er sich selbst dieser Ordnung unterwerfen, und mit dem Degen in der Hand in die Cajute habe hineinstossen lassen müssen, weil er unrecht commandirte. Zweitens, daß nicht jedes seinen bestimmten Platz hat, sondern Alles zu Allem gebraucht wird. Der alte abgelebte Soldat wird Matrose, der nichts mehr zu lernen Lust und Kraft [hat], und dünkt sich bald, wenn er kaum ein Segel hinanklettern kann, Seemann. In den alten Zeiten wäre dies thunlich gewesen, da die Seefart als Kunst nichts war, da die Schiffe eine Anzahl Ruder und Hände und Menschen und Soldaten und weiter nichts enthielten. Jetzt aber, gibts keine zusammengesetztere Kunst, als die Schiffskunst. Da hängt von einem Versehen, von einer Unwißenheit alles ab. Von Jugend auf müßte also der Ruße so zur See gewöhnt [werden], und unter andern Nationen erst lernen, ehe er ausübt. Aber sagt mein Freund, das ist ihr Grundfehler in Allem. Leichter nachzuahmen, zu arripiren ist keine Nation, als sie; alsdenn aber, da sie alles zu wissen glaubt, forscht sie nie weiter und bleibt also immer und in allem stümperhaft. So ists; auf Reisen welche Nation nachahmender? in den Sitten und der Französischen Sprache, welche leichter? in allen Handwerken, Fabriken, Künsten; aber alles nur bis auf einen gewissen Grad. Ich sehe, in dieser Nachahmungsbegierde, in dieser kindischen Neuerungssucht nichts als gute Anlage einer Nation, die sich bildet, und auf dem rechten Wege bildet: die überall lernt, nachahmt, sammlet: laß sie sammlen, lernen, unvollkommen bleiben; nur komme auch eine Zeit, ein Monarch, ein Jahrhundert, das sie zur Vollkommenheit führe. Welche grosse Arbeit des Geistes ists hier, für einen Politiker, darüber zu denken, wie die Kräfte einer Jugendlichen halbwilden Nation können gereift und zu einem Originalvolk gemacht werden – – Peter der grosse bleibt immer Schöpfer, der die Morgenröthe und einen möglichen Tag schuff; der Mittag bleibt noch aufgehoben und das grosse Werk »Kultur einer Nation zur Vollkommenheit!« Die Schiffsleute sind immer ein Volk, das am Aberglauben und Wunderbaren für andern hängt. Da sie genöthigt sind, auf Wind und Wetter, auf kleine Zeichen und Vorboten Acht zu geben, da ihr Schicksal von Phänomenen in der Höhe abhängt: so gibt dies schon Anlaß gnug auf Zeichen und Vorboten zu merken, und also eine Art von ehrerbietigen Anstaunung und Zeichenforschung. Da nun diese Sachen äußerst wichtig sind; da Tod und Leben davon abhängt: welcher Mensch wird im Sturm einer fürchterlich dunkeln Nacht, im Ungewitter, an Ortern, wo überall der blasse Tod wohnt, nicht beten? Wo Menschliche Hülfe aufhört, setzt der Mensch immer, sich selbst wenigstens zum Trost Göttliche Hülfe, und der unwissende Mensch zumal, der von zehn Phänomenen der Natur nur das zehnte als natürlich einsiehet, den alsdenn das Zufällige, das Plötzliche, das Erstaunende, das Unvermeidliche schrecket? O der glaubt und betet; wenn er auch sonst, wie der meinige, ein grober Ruchloser wäre. Er wird in Absicht auf Seedinge fromme Formeln im Munde haben, und nicht fragen: wie war Jonas im Wallfisch? denn nichts ist dem grossen Gott unmöglich: wenn er auch sonst sich ganz völlig eine Religion glaubt machen zu können, und die Bibel für nichts hält. Die ganze Schiffsprache, das Aufwecken, Stundenabsagen, ist daher in frommen Ausdrücken, und so feierlich, als ein Gesang, aus dem Bauche des Schiffs. – – In allem liegen Data, die erste Mythologische Zeit zu erklären. Da man unkundig der Natur auf Zeichen horchte, und horchen mußte: da war für Schiffer, die nach Griechenland kamen und die See nicht kannten, der Flug eines Vogels eine feierliche Sache, wie ers auch würklich im grossen Expansum der Luft und auf der wüsten See ist. Da ward der Blitzstral Jupiters fürchterlich, wie ers auch auf der See ist: Zevs rollete durch den Himmel, und schärfte Blitze, um sündige Haine, oder Gewäßer zu schlagen. Mit welcher Ehrfurcht betete man da nicht den stillen silbernen Mond an, der so groß und allein da steht und so mächtig würkt, auf Luft, Meer und Zeiten. Mit welcher Begierde horchte man da auf gewisse Hülfsbringende Sterne, auf einen Kastor und Pollux, Venus u. s. w. wie der Schiffer in einer neblichten Nacht. Auf mich selbst, der ich alle diese Sachen kannte, und von Jugend auf unter ganz andern Anzeigungen gesehn hatte, machte der Flug eines Vogels, und der Blitzstral des Gewässers, und der stille Mond des Abends andre Eindrücke, als sie zu Lande gemacht hatten, und nun auf einen Seefahrer, der unkundig der See, vielleicht als ein Vertriebner seines Vaterlandes, als ein Jüngling, der seinen Vater erschlagen, ein fremdes Land suchte. Wie kniete der für Donner und Blitz und Adler? wie natürlich dem, in der obern Luftsphäre den Sitz Jupiters zu sehen? wie tröstlich dem, mit seinem Gebete diese Dinge lenken zu können! Wie natürlich dem, die Sonne, die sich ins Meer taucht, mit den Farben des fahrenden Phöbus, und die Aurora mit aller ihrer Schönheit zu mahlen? Es gibt tausend neue und natürlichere Erklärungen der Mythologie, oder vielmehr tausend innigere Empfindungen ihrer ältesten Poeten, wenn man einen Orpheus, Homer, Pindar, insonderheit den ersten zu Schiffe lieset. Seefahrer warens, die den Griechen ihre erste Religion brachten: ganz Griechenland war an der See Kolonie: es konnte also nicht eine Mythologie haben, wie Aegypter und Araber hinter ihren Sandwüsten, sondern eine Religion der Fremde, des Meeres und der Haine : sie muß also auch zur See gelesen werden. Und da wir ein solches Buch noch durchaus nicht haben, was hätte ich gegeben, um einen Orpheus und eine Odyßee zu Schiff lesen zu können. Wenn ich sie lese, will ich mich dahin zurücksetzen: so auch Damm, und Banier und Spanheim lesen und verbeßern und auf der See meinen Orpheus, Homer und Pindar fühlen. Wie weit ihre Einbildungskraft dabei gegangen ist, zeigen die Delphinen. Was schönes und Menschenfreundliches in ihrem Blicke ist nicht; allein ihr Spielen um das Schiff, ihr Jagen bei stillem Wetter, ihr Aufprallen und Untersinken, das gab zu Fabeln derselben Gelegenheit. Ein Delphin hat ihn entführt, ist eben so viel, als Aurora hat ihn weggeraubt: zwei Umstände kommen zusammen und sie müssen also die Folge seyn von einander. So ist Virgils verwandelter Mast, die Nymphen, Syrenen, Tritonen u. s. w. gleichsam von der See aus, leicht zu erklären, und wird gleichsam anschaulich. Das Fürchterliche der Nacht und des Nebels u. s. w. Doch ich habe eine beßere Anmerkung, die mehr auf das Wunderbare, Dichterische ihrer Erzählungen führet. Mit welcher Andacht lassen sich auf dem Schiff Geschichte hören und erzälen? und ein Seemann wie sehr wird der zum Abentheurlichen derselben disponirt? Er selbst, der gleichsam ein halber Abentheurer andre fremde Welten sucht, was sieht er nicht für Abentheuerlichkeiten bei einem ersten stutzigen Anblick? Habe ich dasselbe nicht selbst bei jedem neuen Eintritt in Land, Zeit, Ufer u. s. w. erfahren? wie oft habe ich mir gesagt: ist das das, was du zuerst da sahest? Und so macht schon der erste staunende Anblick Gigantische Erzählungen, Argonautika, Odyßeen, Lucianische Reisebeschreibungen u. s. w. Das ist das Frappante der ersten Dämmerungsgesichte; was siehet man in ihnen nicht? Ein Schiffer ist auf solche erste Wahrzeichen recht begierig: nach seiner langen Reise, wie wünscht er nicht Land zu sehen? und ein neues fremdes Land, was denkt er sich da nicht für Wahrzeichen? Mit welchem Staunen ging ich nicht zu Schiff? sahe ich nicht zum erstenmal alles wunderbarer, grösser, staunender, furchtbarer, als nachher, da mir alles bekannt war, da ich das Schiff durchspatzierte? Mit welcher Neuerungssucht geht man gegen Land? Wie betrachtet man den ersten Piloten mit seinen hölzernen Schuhen und seinem grossen weißen Hut? Man glaubt \<in ihm\> die ganze Französische Nation bis auf ihren König Ludwich den Grossen in ihm zu sehen? Wie begierig ist man aufs erste Gesicht, auf die ersten Gesichter; sollten es auch nur alte Weiber seyn; sie sind jetzt nichts als fremde Seltenheiten, Französinnen. Wie bildet man sich zuerst Begriffe, nach Einem Hause, nach wenigen Personen, und wie langsam kommt man dahin zu sagen[:] ich kenne ein Land? Nun nehme man diese Begierde, Wunder zu sehen, diese Gewohnheit des Auges zuerst Wunder zu finden, zusammen: wo werden wahre Erzählungen? wie wird alles Poetisch? Ohne daß man lügen kann und will, wird Herodot ein Dichter: wie neu ist er, und Orpheus und Homer und Pindar und die Tragischen Dichter in diesem Betracht zu lesen! – Ich gehe weiter. Ein Schiffer, lange an solches Abentheuerliche gewohnt, glaubts, erzählts weiter: es wird von Schiffern und Kindern und Narren mit Begierde gehört, forterzählt – und nun? was gibts da nicht für Geschichten, die man jetzt von Ost und Westindien, mit halbverstümmelten Namen, und Alles unter dem Schein des Wunderbaren höret. Von grossen Seehelden und Seeräubern, deren Kopf nach dem Tode so weit fortgelaufen, und endlich gibt das eine Denkart, die alle Erzälungen vom Ritter mit dem Schwan, von Joh. Mandevill u. s. w. glaubt, erzählt, möglich findet, und selbst wenn man sie unmöglich findet, noch erzählt, noch glaubt, warum? man hat sie in der Jugend gelesen: da paßten sie sich mit allen abentheuerlichen Erwartungen, die man sich machte: sie weckten also die Seele eines künftigen Seemannes auf, bildeten sie zu ihren Träumen, und bleiben unverweslich. Eine spätere Vernunft, der Anschein eines Augenblicks kann nicht Träume der Kindheit, den Glauben eines ganzen Lebens zerstören: jede etwas ähnliche Erzählung, die man als wahr gehört (obgleich von Unwißenden, von halben Abentheurern) hat sie bestätigt: jedes Abentheuer, das wir selbst erfahren, bestätigt – wer will sie wiederlegen? Wie schwer ists, zu zeigen, daß es kein Paradies mit feurigen Drachen bewahrt, keine Hölle Mandevils, keinen Babylon. Thurm, gebe? Daß der Kaiser von Siam in seinem Golde das nicht sei, was er in solcher Dichtung vorstelle? Daß die weissen Schwanen und der Ritter mit ihnen Poßen sind? Es ist schwer zu glauben sagt man höchstens, und erzählte fort oder streitet dafür mehr als für die Bibel. Ist aber ein solcher Leichtgläubiger deßwegen in jeder Absicht ein Thor, ein dummes Vieh? o wahrhaftig nicht. Solche Träume und geglaubte Poßen seines Standes, seiner Erziehung, seiner Bildung, seiner Denkart ausgenommen, und er kann ein sehr vernünftiger, thätiger, tüchtiger, kluger Kerl seyn. Hieraus wird erstlich eine Philosophische Theorie möglich, die den Glauben an eine Mythologie und an Fabeln der Erzälung erklärt. Unter Juden und Arabern und Griechen und Römern ist diese verändert: im Grunde aber, in den Vorurtheilen der Kindheit, in der Gewohnheit zuerst Fabel zu sehen, in der Begierde sie zu hören, wenn unsre eigne Begebenheiten uns dazu auflegen, in der Leichtigkeit, sie zu fassen, in der Gewohnheit sie oft zu erzählen, und erzählt zu haben, und geglaubt zu seyn, und doch manches damit erklären zu können, sollte es auch nur seyn, daß Gott nichts unmöglich sey oder andre fromme Moralen – das sind die Stützen, die sie unterhalten, und die sehr verdienen, erklärt zu werden. Hier bietet sich eine Menge Phänomena aus der Menschlichen Seele; dem ersten Bilde der Einbildungskraft, aus den Träumen, die wir in der Kindheit lange still bei uns tragen; aus dem Eindruck jedes Schalles, der diesen sausenden Ton, der in dunkeln Ideen fortdämmert, begünstigt und verstärkt; aus der Neigung, gern Sänger des Wunderbaren seyn zu wollen; aus der Verstärkung, die jeder fremde Glaube zu dem unsrigen hinzuthut; aus der Leichtigkeit, wie wir aus der Jugend unvergeßliche Dinge erzälen – – tausend Phänomena, deren jedes aus der Fabel der ersten Welt ein angenehmes Beispiel fände, und viel subjektiv in der Seele, objektiv in der alten Poesie, Geschichte, Fabel erklärte. Das wäre eine Theorie der Fabel, eine Philosophische Geschichte wachender Träume, eine Genetische Erklärung des Wunderbaren und Abentheuerlichen aus der Menschlichen Natur, eine Logik für das Dichtungsvermögen: und über alle Zeiten, Völker und Gattungen der Fabel, von Chinesern zu Juden, Juden zu Egyptern, Griechen, Normännern geführt – wie groß, wie nützlich! Was Don Quichotte verspottet, würde das erklären, und Cervantes wäre dazu ein grosser Autor. Zweitens siehet man hieraus, wie eine relative Sache die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit sei. Sie richtet sich nach ersten Eindrücken: nach ihrer Masse, Gestalt und Vielheit. Sie richtet sich nach der Langwierigkeit und Öfterheit ihrer Bestätigungen: nach einer Anzahl von Concurrenzen, die ihr die Hand zu bieten schienen: nach Zeiten, Sachen, Menschen. Ein Volk hat sie in dieser Sache anders in andrer Gestalt, und Graden, als ein anders. Wir lachen die Griechische Mythologie aus, und jeder macht sich vielleicht die seinige. Der Pöbel hat sie in tausend Sachen: ist seine Unwahrscheinlichkeit dieselbe, als des zweifelnden Philosophen, des untersuchenden Naturkundigen? Klopstocks dieselbe als Hume, oder Moses in eben der Sphäre? Jeder Erfinder von Hypothesen welche eigne Art Unwahrscheinlichkeiten zu messen: Hermann v. der Hardt? Harduin? Leibniz, und Plato, die beiden grösten Köpfe zu Hypothesen in der Welt: Deskartes, wie zweifelnd, wie mißtrauisch und welche Hypothesen? Es gibt also eine eigne Gestalt des Gefühls von Wahrscheinlichkeiten, nach dem Maas der Seelenkräfte, nach Proportion der Einbildungskraft zum Urtheil, des Scharfsinns zum Witze, des Verstandes zur ersten Lebhaftigkeit der Eindrücke, u. s. w. welche Theorie der Wahrscheinlichkeit aus der Menschl[ichen] Seele hinter Hume, Moses, Bernouille, und Lambert. Jeder Stand, jede Lebensart hat ihre eignen Sitten: Hume hat in Geschichte und Politischen Versuchen viele solcher Charaktere sehr auszeichnend gegeben: ich lerne aus einzelnen Menschen Classen und Völker kennen. Ein solcher Schiffer – welch Gemisch von Aberglauben und Tollkühnheit: von roher Größe und Unnutzbarkeit: von Zutrauen auf sich und Feindseligkeit mit andern; in vielen Stücken wird ein alter Held kennbar: Wie er von sich erzälet, auf seine Kräfte pocht, seine Belesenheit für untrüglich, die Summe gemachter Entdeckungen für die höchste, Holland auf dem höchsten Grade hält: seine rohen Liebesbegebenheiten, die eben so unwahrscheinlich sind, seine Heldenthaten u. s. w. daherkramet = = doch gnug von solcher Charakteristik des Pöbels. Es wäre beßer gewesen, wenn ich einen Euler oder Bouguer und Le Caille von der Schiffart, Schifsbau, Pilotage u. s. w. gehabt hätte – ein Theil der Mathematik, den ich noch nothwendig lebendig studiren muß. Jetzt wenn ich den Hiob aus der Sandwüste las, so war es dem Ort eben so unangemeßen, als ein Hebräisches Lexicon zu studiren. Auf dem Meer muß man nicht Gartenidyllen, und Georgika, sondern Romane, abentheuerliche Geschichten, Robinsons, Odyßeen und Aeneiden lesen! So fliegt man mit den Fittigen des Windes, und schifft mit dem abentheurlichen Seehelden: statt daß jetzt die Bewegung des Geistes und des Körpers entgegen streben. Man bildet sich ein, daß man auf Meeren, indem man Länder und Welttheile vorbeifliegt man viel von ihnen denken werde: allein diese Länder und Welttheile siehet man nicht. Sie sind nur fernher stehende Nebel, und so sind auch meistens die Ideen von ihnen für gemeine Seelen. Es ist kein Unterschied, ob das jetzt das Curische, Preußische, Pommersche, Dänische, Schwedische, Norwegische, Holländische, Englische, Französische Meer ist: wie unsre Schiffart geht, ists nur überall Meer. Die Schiffart der Alten war hierinn anders. Sie zeigte Küsten, und Menschengattungen: in ihren Schlachten redeten Charaktere und Menschen – jetzt ist alles Kunst, Schlacht und Krieg und Seefahrt und Alles. Ich wollte den Reisebeschreiber zu Hülfe nehmen, um an den Küsten jedes Landes dasselbe zu denken, als ob ichs sähe; aber noch vergebens. Ich fand nichts, als Okularverzeichniße und sahe nichts, als entfernte Küsten. Liefland, du Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwißenheit, und eines angemaaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sklaverei, wie viel wäre in dir zu thun? Zu thun, um die Barbarei zu zerstören, die Unwißenheit auszurotten, die Cultur und Freiheit auszubreiten, ein zweiter Zwinglius, Calvin und Luther, dieser Provinz zu werden! Kann ichs werden? habe ich dazu Anlage, Gelegenheit, Talente? was muß ich thun, um es zu werden? was muß ich zerstören? Ich frage noch! Unnütze Critiken, und todte Untersuchungen aufgeben; mich über Streitigkeiten und Bücherverdienste erheben, mich zum Nutzen und zur Bildung der lebenden Welt einweihen, das Zutrauen der Regierung, des Gouvernemen[t]s und Hofes gewinnen, Frankreich, England und Italien und Deutschland in diesem Betracht durchreisen, Französische Sprache und Wohlstand, Englischen Geist der Realität und Freiheit, Italienischen Geschmack feiner Erfindungen, Deutsche Gründlichkeit und Kenntniße, und endlich, wo es nöthig ist, Holländische Gelehrsamkeit einsammlen, grosse Begriffe von mir, und grosse Absichten in mir erwecken, mich meinem Zeitalter bequemen, und den Geist der Gesetzgebung, des Commerzes und der Policei gewinnen, alles im Gesichtspunkt von Politik, Staat und Finanzen einzusehen wagen, keine Blößen mehr geben und die vorigen so kurz und gut, als möglich zu verbeßern suchen, Nächte und Tage darauf denken, dieser Genius Lieflands zu werden, es todt und lebendig kennen zu lernen, alles Praktisch zu denken und zu unternehmen, mich anzugewöhnen, Welt, Adel und Menschen zu überreden, auf meine Seite zu bringen wissen – edler Jüngling! das alles schläft in dir? aber unausgeführt und verwahrloset! Die Kleinheit deiner Erziehung, die Sklaverei deines Geburtslandes, der Bagatellenkram deines Jahrhunderts, die Unstätigkeit deiner Laufbahn hat dich eingeschränkt, dich so herabgesenkt, daß du dich nicht erkennest. In Critischen unnützen, groben, elenden Wäldern verlierst du das Feuer deiner Jugend, die beste Hitze deines Genies, die gröste Stärke deiner Leidenschaft, zu unternehmen. Du wirst eine so träge, lache Seele, wie alle Fibern und Nerven deines Körpers: Elender, was ists, das dich beschäftigt? Und was dich beschäftigen sollte? und nach Gelegenheit, Anlaß und Pflicht beschäftigen könnte? = O daß eine Evmenide mir in meinen Wäldern erschiene, mich zu erschrecken, mich aus denselben auf ewig zu jagen, und mich in die grosse nutzbare Welt zu bannen! Liefland ist eine Provinz, den Fremden gegeben! Viele Fremde haben es, aber bisher nur auf ihre Kaufmännische Art, zum Reichwerden, genoßen; mir, auch einem Fremden, ists zu einem höhern Zwecke gegeben, es zu bilden! Dazu sei mein geistliches Amt; die Colonie einer verbeßerten Evangelischen Religion zu machen; nicht schriftlich, nicht durch Federkriege, sondern lebendig, durch Bildung. Dazu habe ich Raum, Zeit, und Gelegenheit: ich bin ohne drückende Aufsicht: ich habe alle Groß- Gut- und Edeldenkende, gegen ein paar Pedanten, auf meiner Seite: ich habe freie Hand. Laßet uns also anfangen, den Menschen und Menschliche Tugend recht kennen und predigen zu lernen, ehe man sich in tiefere Sachen mischst. Die Menschliche Seele, an sich und in ihrer Erscheinung auf dieser Erde, ihre sinnlichen Werkzeuge und Gewichte und Hoffnung[en] und Vergnügen, und Charaktere und Pflichten, und alles, was Menschen hier glücklich machen kann, sei meine erste Aussicht. Alles übrige werde blos bei Seite gesetzt, so lange ich hiezu Materialien sammle, und alle Triebfedern, die im Menschlichen Herzen liegen, vom Schreckhaften und Wunderbaren, bis zum Stillnachdenkenden und Sanftbetäubenden, kennen, erwecken, verwalten und brauchen lernen. Hiezu will ich in der Geschichte aller Zeiten Data sammlen: jede soll mir das Bild ihrer eignen Sitten, Gebräuche, Tugenden, Laster und Glückseligkeiten liefern, und so will ich alles bis auf unsre Zeit zurückführen, und diese recht nutzen lernen. Das Menschliche Geschlecht hat in allen seinen Zeitaltern, nur in jedem auf andre Art, Glückseligkeit zur Summe; wir, in dem unsrigen, schweifen aus, wenn wir wie Roußeau Zeiten preisen, die nicht mehr sind, und nicht gewesen sind; wenn wir aus diesen zu unseren Mißvergnügen, Romanbilder schaffen und uns wegwerfen, um uns nicht selbst zu genießen. Suche also auch selbst aus den Zeiten der Bibel nur Religion, und Tugend, und Vorbilder und Glückseligkeiten, die für uns sind: werde ein Prediger der Tugend deines Zeitalters ! O wie viel habe ich damit zu thun, daß ichs werde! wie viel bin ich aber, wenn ichs bin! – Welch ein Großes Thema, zu zeigen, daß man, um zu seyn, was man seyn soll, weder Jude, noch Araber, noch Grieche, noch Wilder, noch Märtrer, noch Wallfahrter seyn müsse; sondern eben der aufgeklärte, unterrichtete, feine, vernünftige, gebildete, Tugendhafte, geniessende Mensch, den Gott auf der Stuffe unsrer Cultur fodert. Hier werde alles das Gute gezeigt, was wir in unserm Zeitalter, Künsten, Höfflichkeit, Leben u. s. w. für andern Zeitaltern, Gegenden, und Ländern haben; alsdenn d[as] Grosse und Gute aus andern dazugenommen, sollte es auch nur zur Nacheiferung seyn, so weit es möglich wäre, es zu verbinden – o was schläft in alle dem für Aufweckung der Menschheit. Das ist eine Tugend, und Glücksel[igkeit] und Erregung, gesammlet aus mehr als aus Iselins Geschichte, aus dem lebendigen Vorstellen der Bilder aller Zeiten und Sitten und Völker; und gleichsam daraus die Geschichte eines Agathon in jeder Nation gedichtet! Welch ein grosses Studium! für Einbildungskraft und Verstand und Herz und Affekten! Einer aus Judäa und ein Hiob aus Arabien , und ein Beschauer Aegyptens , und ein Römischer Held, und ein Pfaffenfreund, und ein Kreuzzieher und ein Virtuose unsres Jahrhunderts gegen einander und in allem Geist ihres Zeitalters, Gestalt ihrer Seele, Bildungsart ihres Charakters, Produkt ihrer Tugend und Glückseligkeit. Das sind Fragmente über die Moral und Religion aller Völker, Sitten und Zeiten, für unsre Zeit – wie weit laße ich damit hinter mir die Bruckers und die Postillenprediger und die Mosheimschen Moralie[n] . Ein solches grosses Geschäfte, in seiner Vollendung, welch ein Werk würde es für die Welt! Aber was sorge ich für die Welt; da ich für mich, und meine Welt und mein Leben zu sorgen und also aus meinem Leben zu schöpfen habe. Was also zu thun? Dies in allen Scenen zu betrachten und zu studiren! Die ersten Spiele der Einbildungskraft der Jugend, und die ersten starken Eindrücke auf die weiche empfindbare Seele zu behorchen; aus jenen vieles in der Geschichte unsres Geschmacks und Denkart erklären; aus dieser alles Rührende und Erregende brauchen zu lernen. Das erste Verderben eines guten Jünglings auf seine Lebenszeit, was gibts auch aus meinem Leben für rührende Züge, die noch jetzt alle meine Thränen locken, und so viel Homogene ähnliche Verwirrungen und Schwächungen auf mein ganzes Leben würken. Alsdenn das Wunderbare und Immer Gute, was jeder Schritt unsres Lebens mit sich bringet – weiter! ein Bild von allen Gesichten und Nationen und merkwürdigen Charakteren und Erfahrungen, die ich aus meinem Leben mich erinnere – was für Geist und Leben muß dies in meine Denkart, Vortrag, Predigt, Umgang bringen. So lernte ich ganz mein Leben brauchen, nutzen, anwenden; kein Schritt, Geschichte, Erfahrung, wäre vergebens: ich hätte alles in meiner Gewalt: nichts wäre verlöscht, nichts unfruchtbar: alles würde Hebel, mich weiter fortzubringen. Dazu reise ich jetzt: dazu will ich mein Tagebuch schreiben: dazu will ich Bemerkungen sammlen: dazu meinen Geist in eine Bemerkungslage setzen: dazu mich in der lebendigen Anwendung dessen, was ich sehe und weiß, was ich gesehen und gewesen bin, üben! Wie viel habe ich zu diesem Zwecke an mir aufzuwecken und zu ändern! Mein Geist ist nicht in der Lage zu bemerken, sondern eher zu betrachten, zu grübeln! Er hat nicht die Wuth Kenntniße zu sammlen, wo er sie kann; sondern schliesset sich schlaf und müde in den ersten Kreis ein, der ihn festhält. Dazu besitze ich nicht die Nationalsprachen, wohin ich reise. Ich bin also in Frankreich ein Kind: denn ich müßte Französisch können, um mich geltend zu machen, um Alles zu sehen, zu erfragen, kennen zu lernen, um von meinem Orte und aus meinem Leben zu erzählen und also dies auf gewiße Art zu wiederholen und gangbar zu machen. Ich bin also, ohne dies alles, in Frankreich ein Kind, und wenn ich zurückkomme, eben dasselbe: Französische Sprache ist das Medium um zu zeigen, daß man in Frankreich gelebt und es genossen hat – so auch mit andern Sprachen – wie viel habe ich zu lernen! mich selbst zu zwingen, um nachher Einer seyn zu können, der Frankreich, England, Italien, Deutschland genossen hat, und als solcher, erscheinen darf! Und kann ich als solcher erscheinen, was habe ich in Liefland als Prediger, für Vorzüge und Geltungsrechte! Mit allen umgehen, von allem urtheilen zu können, für eine Sammlung von Känntnißen der policirten Welt gehalten zu werden! Was kann man mit diesem Scheine nicht thun! nicht ausrichten! Wie viel liegt aber vor mir, diesen Schein des Ansehens zu erreichen, und der Erste Menschenkenner nach meinem Stande, in meiner Provinz zu werden! Bin ichs geworden, so will ich diesen Pfad nicht verlassen, und mir selbst gleichsam ein Journal halten, der Menschenkänntniße, die ich täglich aus meinem Leben, und derer, die ich aus Schriften sammle. Ein solcher Plan wird mich beständig auf einer Art von Reise unter Menschen erhalten und der Falte zuvorkommen, in die mich meine einförmige Lage in einem abgelegnen Scytischen Winkel der Erde schlagen könnte! Dazu will ich eine beständige Lecture der Menschheitsschriften, in denen Deutschland jetzt seine Periode anfängt, und Frankreich, das ganz Convention und Blendwerk ist, die seinige verlebt hat, unterhalten. Dazu die Spaldinge , Resewitze und Moses lesen; dazu von einer andern Seite die Mosers , und Wielands und Gerstenbergs brauchen; dazu zu unsern Leibnizen die Shaftesburis und Locke's ; zu unsern Spaldings die Sterne's , Fosters , und Richardsons ; zu unsern Mosers , die Browne und Montesquieus ; zu unsern Homileten jedes Datum einer Reisebeschreibung oder merkwürdigen Historie dazu thun. Jahrbuch der Schriften für die Menschheit! ein grosser Plan! ein wichtiges Werk! Es nimmt aus Theologie und Homiletik; aus Auslegung und Moral; aus Kirchengeschichte und Ascetik, nur das, was für die Menschheit unmittelbar ist; sie aufklären hilft; sie zu einer neuen Höhe erhebt, sie zu einer gewissen neuen Seite verlenkt; sie in einem neuen Licht zeigt; oder was nur für sie zu lesen ist. Dazu dient alsdenn Historie und Roman , Politik , und Philosophie , Poesie und Theater als Beihülfe; bei den letzten Allen, wird dies nicht Hauptgesichtspunkt, aber eine sehr nutzbare und bildende Aussicht! Ein solches Journal wäre für alle zu lesen! Wir habens noch nicht; ob wir gleich Materialien dazu haben! Es würde in Deutschland eine Zeit der Bildung schaffen, indem es auf die Hauptaussicht einer zu bildenden Menschheit merken lehrte. Es würde das Glück haben, was kein Journal so leicht hat, Streitigkeiten und Wiederspruch zu vermeiden; indem es sich von allem sondert, und nur bilden will. Es wurde seinen Autor berühmt, und was noch mehr ist, beliebt machen: denn das Menschliche Herz öfnet sich nur dem, der sich demselben nähert und das ist ein Schriftsteller der Menschheit! O auf dieser Bahn fortzugehen, welch ein Ziel! welch ein Kranz! Wenn ich ein Philosoph seyn dörfte und könnte; ein Buch über die Menschliche Seele, voll Bemerkungen und Erfahrungen, das sollte mein Buch seyn! ich wollte es als Mensch und für Menschen schreiben! es sollte lehren und bilden! die Grundsätze der Psychologie, und nach Entwicklung der Seele auch der Ontologie, der Kosmologie, der Theologie, der Physik enthalten! es sollte eine lebendige Logik, Aesthetik, historische Wißenschaft und Kunstlehre werden! aus jedem Sinn eine schöne Kunst entwickelt werden! und aus jeder Kraft der Seele eine Wißenschaft entstehen! und aus allen eine Geschichte der Gelehrsamkeit und Wißenschaft überhaupt und eine Geschichte der Menschlichen Seele überhaupt, in Zeiten und Völkern! Welch ein Buch! – – und so lang ich dies nicht kann! so sollen meine Predigten und Reden und Abhandlungen und was ich künftig gebe, Menschlich seyn! und wenn ichs kann, ein Buch zur Menschlichen und Christlichen Bildung liefern, das sich, wie ein Christ in der Einsamkeit u. s. w. lesen lasse, was empfunden werde, was für meine Zeit und mein Volk und alle Lebensalter und Charaktere des Menschen sei! – Das wird bleiben! – Ein Buch zur Menschlichen und Christlichen Bildung! Es finge von der Känntniß sein selbst, des weisen Baues an Leibe und Geist an: zeigte die Endzwecke und Unentbehrlichkeiten jedes Gliedes an Leib und Seele; zeigte die Mancherleiheit, die dabei statt fände, und das doch jedes nur in dem Maas möglich und gut ist, wie wirs haben: alsdenn Regeln und Anmahnung, sieh an Leib und Geist so auszubilden, als man kann. Dies erst an sich, und so weit ist Roußeau ein grosser Lehrer! Was für Anreden sind dabei an Menschen, als Menschen, an Eltern und Kinder, an Jünglinge und Erwachsne, an mancherlei Charaktere und Temperamente, Fähigkeiten und Menschliche Seelen möglich! Alsdenn kom[m]t ein zweiter Theil für die Gesellschaft , wo Roußeau kein Lehrer seyn kann. Hier ein Catechismus für die Pflichten der Kinder, der Jünglinge, der Gesellschafter, der Bürger, der Ehegatten, der Eltern; alles in einer Ordnung und Folge und Zusammenhang, ohne Wiederholungen aus dem vorigen Theile, ohne Einlaßung auf Stände und blos Politische Einzelnheiten – wäre ein schweres Werk. Drittens ein Buch für die Charaktere aus Ständen , um die bösen Falten zu vermeiden, die der Soldat und Prediger, der Kaufmann und Weise, der Handwerker und Gelehrte, der Künstler und Bauer gegen einander haben; um jedem Stande alle seine Privattugenden zu geben, alle mit einander aus den verschiednen Naturen und Situationen der Menschheit zu erklären, und zu versöhnen, alle dem gemeinen Besten zu schenken. Hiemit fängt sich ein vierter Theil an, wo Unterthanen und Obrigkeiten gegen einander kommen; vom Bauer an, der dem Sklaven nahe ist, denn für Sklaven gibts keinen Catechismus, zu seiner bürgerlichen Herrschaft, zum Adel, zum Prinzen, zum Fürsten hinan: alsdenn die mancherlei Regierungsformen, ihre Vor- und Nachtheile und endlich Grundsätze eines ehrlichen Mannes, in der, wo er lebt. Hieraus werden fünftens die schönen, überflüßigen Bedürfnisse: Kunst, Wißenschaft, gesellschaftliche Bildung: Grundriß zu ihnen: ihre Erziehung nach Temperamenten und Gelegenheiten: ihr Gutes und Böses: Auswahl aus ihnen zum ordentlichen, nützlichen und bequemen Leben unsres Jahrhunderts: und hier also Philosophie eines Privatmannes, Frauenzimmers, u. s. w. nebst einer Bibliothek dazu: Sechstens : Mängel, die dabei bleiben, uns zu unterrichten, zu beruhigen, zurückzuhalten, aufzumuntern: Christliche Känntniße, als Unterricht, Beruhigung, Rückhalt, und Erhebung: Was Menschen davon wissen konnten und wie Gott sich Menschen geoffenbaret hat, in Absicht auf die Schöpfung, Ursprung des Uebels in der Welt, Wanderungen des Menschengeschlechts, Erlösung, Heiligung, künftige Welt. Begriffe von der Theopnevstie überhaupt; von der Gestalt der Religion in Judäa; im alten und neuen Testament, und in den verschiednen Jahrhunderten. Alles im Gesichtspunkt der Menschheit – und hieraus Lehren für Toleranz: Liebe zur Protestantischen Religion: wahrer Geist derselben im Akademischen Lehrer, Prediger, Zuhörer, Privatchristen. Christliche Erziehung: Taufe: Confirmation: Abendmal: Tod, Begräbniß. – – – Ich liefre nur kurze Gesichtspunkte, wohin würde die Ausarbeitung nicht führen! – Noch ist Alles Theorie: es werde Praxis und dazu diene die Seelensorge meines Amts. Hier ist ein Feld, sich Liebe, Zutrauen und Känntniße zu erwerben: ein Feld, zu bilden und Nutzen zu schaffen – wenn die Religion z. E. bei Trauungen und Taufen und Gedächtnißreden und Krankenbesuchen, den Grossen edel und groß und vernünftig; den Geschmackvollen mit Geschmack und Schönheit; dem zarten Geschlecht zart und liebenswürdig; dem fühlbaren Menschen fühlbar und stark; dem unglücklichen und sterbenden tröstl[ich] und hoffnungsvoll gemacht wird. Und hier ist ein Feld besonders für mich. Sich vor einer Gewohnheits- und Kanzelsprache in Acht nehmen, immer auf die Zuhörer sehen, für die man redet, \<sich\> immer in die Situation sich einpassen, in der man die Religion sehen will, immer für den Geist und das Herz reden: das muß Gewalt über die Seelen geben! oder nichts gibts! = = Hier ist die vornehmste Stelle, wo sich ein Prediger würdig zeigt: hier ruhn die Stäbe seiner Macht. Alles muß sich heut zu Tage an die Politik anschmiegen; auch für mich ists nöthig, mit meinen Planen! Was meine Schule gegen den Luxus und zur Verbeßerung der Sitten seyn könne! Was sie seyn müsse, um uns in Sprachen und Bildung dem Geschmack und der Feinheit unsres Jahrhunderts zu nähern und nicht hinten zu bleiben! Was, um Deutschland, Frankreich und England nachzueifern! Was um dem Adel zur Ehre und zur Bildung zu seyn! Was sie aus Polen, Ruß- und Kurland hoffen könne! Was sie für Bequemlichkeiten haben, da Riga der Sitz der Provinzcollegien ist, und wie unentbehrlich es sei, die Stellen kennen zu lernen, zu denen man bestimt ist. Wie viel Auszeichnendes eine liefländische Vaterlandsschule haben könne, was man auswärtig nicht hat. Wie sehr die Wünsche unsrer Kaiserin darauf gehen, und daß zur Kultur einer Nation mehr als Gesetze und Colonien; insonderheit Schulen und Einrichtungen nöthig sind. Dies Alles mit Gründen der Politik, mit einem Vaterlandseifer, mit Feuer der Menschheit und Feinheit des Gesellschaftlichen Tons gesagt, muß bilden und locken und anfeuren. Und zu eben der Denkart will ich mich so lebend und ganz, als ich denke und handle, erheben. Geschichte und Politik von Lief- und Rußland aus, studiren, den Menschlichwilden Emil des Roußeau zum Nationalkinde Lieflands zu machen, das, was der grosse Montesquieu für den Geist der Gesetze ausdachte, auf den Geist einer Nationalerziehung anwenden und was er in dem Geist eines kriegerischen Volks fand, auf eine friedliche Provinz umbilden. O ihr Locke und Roußeau, und Clarke und Franke und Heckers und Ehlers und Büschings! euch eifre ich nach; ich will euch lesen, durchdenken, nationalisiren, und wenn Redlichkeit, Eifer und Feuer hilft, so werde ich euch nutzen, und ein Werk stiften, das Ewigkeiten daure, und Jahrhunderte und eine Provinz bilde. Die erste Einrichtung meiner Schule sei, so viel möglich, im Stillen, und mit Genehmigung meiner Mitlehrer: auf solche Art ist die Bevestigung seiner Absichten natürlich, und ich sichere mich der Liebe meiner Collegen. Ists möglich, einzuführen, daß jeder seine Arbeiten wählt, die für ihn sind, Stunden wählt, die für ihn sind, keinen Unterschied an Classen und Ordnungen findet und finden will: wie viel wäre damit ausgerichtet. So hat jeder seine Lieblingsstunden und Arbeiten: so fällt der Rangstreit weg, und das, was da bleibt, ist nur Ordnung: so wird die Achtung der Schüler unter die Lehrer vertheilet: so wird der Einförmigkeit und dem verdrüßlichen Einerlei, immer einen Lehrer und eine Methode zu haben, abgeholfen: so wird Veränderung in das Ganze der Schule gebracht, und alle Classen nehmen daran Theil: so wird keine ganz und gar verwildert, da doch alle Subjekte bei Einer Schule nicht Alle gleich gut seyn können: so wird ein größeres Band unter Lehrern und Schülern: so bekommt jeder die ganze Schule auf gewisse Art zu übersehen, zu unterrichten, und wird ein Wohlthäter des Ganzen: so bekommt der Aufseher das Ganze der Schule mehr zu kennen: so und überhaupt so ist die Vertheilung die natürlichste. Nun wird nicht Alles der Lateinischen Sprache aufgeopfert und ihr gleichsam zu Liebe rangiret: nun kann jeder Schüler, nach jeder Fähigkeit, hoch und niedrig und gerade an seinem Ort seyn: nun darf keiner, um einer Nebensache willen, in Allem versäumt werden: das Papistisch Gothische, das die Lateinische Sprache zur Herrscherin macht, wird weggenommen, und Alles wird ein regelmäßiges natürlich eingetheiltes Ganze. Jedem Lehrer bleibt sein Name, sein Rang, seine Lateinische eigne Classe; nur jede andre Wißenschaft, Theologie, Physik, Gr[iech]. Ebr. Franz. Sprache, Geographie, Historie, Realien, Poesie u. s. w. wird vertheilt. Eine Realklasse fängt an. Die ersten Känntniße mehr der Naturgeschichte, als der Naturlehre, mehr von sich, als von Entferntem Fremden, von Körper, Seele, merkwürdigen Sachen, die man täglich braucht, und siehet und nicht kennet, Kaffee und Thee, Zucker und Gewürze, Brot und Bier und Wein u. s. w. Die ganze äußere Gestalt der Welt, in deren Mitte das lernende Kind steht, wird erklärt. Er auf den Unterschied, und Ähnlichkeiten und Beschaffenheiten der Thiere geführt, die er so liebt: die gemeinsten Bedürfnisse des Lebens, Erfindungen und Künste ihm gezeigt, damit er sich selbst kennen, in seinem Umkreise fühlen, und Alles brauchen lerne. Das wird ihn zu keinem Fremdlinge in der Welt machen, wo er ist: ihm keine unverstandnen Ideen lassen, die er sonst mit Sprache und Gewohnheit lernt, ihn aufwecken, selbst zu betrachten, und überhaupt dem grossen Zwecke nacheifern, ihm das zu erklären, oder ihm die Erklärung von Alle dem finden zu lehren, was ihm die Sprache, als Vorurtheil einprägte. Hier brauchts keines Genies für Lehrer und Schüler; nur Treue, Fleiß und Aufmerksamkeit. Hier kommen lebendige Sachen und Kupfer zu Hülfe: er kennet seine Welt: hier wird Alles lebendig: er findet sich, daß das eben dasselbe ist, was er wuste und nicht weiß, zu kennen glaubte und nicht kennet, spricht und nicht denket. Welche Wetteiferungen! welche Revolution in der Seele des Knaben! welche Erregung von unten auf! Eifer, nicht blos Akademisch todter Erklärungen, sondern lebendiger, lebendiger Känntniße; das erweckt die Seele. Das gibt Lust zu lernen und zu leben: das hebt aus der Einschläferung der Sprache; das lässt sich den Eltern, zum Ruhm der Kinder, vorpredigen; das läßt sich anwenden: das bildet auf Zeitlebens. Buffons Naturhistorie ist hier für den Lehrer, mit Auswahl, ein gutes Buch: die Artikel von der Menschheit, von vielen einzelnen Thieren, ohne System, ist blos für die Jugend und sonst kaum gut. Hoffmanns Kinderphysik war es sonst, und muß es, in Ermanglung eines Beßern, noch seyn: Rothe ist so ein Stymper, wie Baumeister: und nichts weniger, als eine Naturlehre für Kinder. Man siehet, daß sich mit dieser Klasse von selbst manches zusammen schlinge, insonderheit aus der Geschichte der Künste, der Handwerke, der Erfindungen; nur daß dieses alles blos untergeordnet bleibt und kein Hauptzweck wird, wie in der Domschule. Ein Schüler, der von Künsten und Handwerken ohne lebendige Anschauung allgemeinhin schwatzt, ist noch ärger, als der von Allem nichts weiß: der aber, dem jede Kunst dienet, um andres von lebendigen Känntnißen, die er als Knabe schon haben muß, zu erklären; der bleibt noch immer Knabe, indem er auch davon hört, und wird nicht ein Maulaffe von einem unwissenden nachplaudernden Lehrjungen. Man siehet, daß Mathematische Begriffe eben so gut hiezu gehören, aber nicht, wie sie in unsern Büchern stehen, sondern wie sie der Hauptbegriff einer ganzen Wißenschaft sind, Töne, Farben, Waßer, Luft, Figuren, Erscheinungen, Maschienen u. s. w. kommen als Spielwerk, hieher und werden die Basis zu einem sehr grossen Gebäude. Erzählungen von dieser und jener Begebenheit, Sache, Erscheinung, Erfindung, Denkwürdigkeiten, weben sich überall ein, plündern Historie und Geographie, ohne von beiden einen pedantischen Schatten zu leihen, würzen und beleben Alles, geben lauter Data, und Merkwürdigkeiten, ob sie gleich nur immer, es war einmal ! erzählen: von der heiligen Historie knüpft sich hier nichts ein, als was würklich Menschlich ist: Adam, die Schöpfung, das Paradies, die Sündfluth. Kirchenceremonien, die von Christo herkommen, Taufe und Abendmal, machen dessen Geschichte unentbehrlich und rührend; alles blos jüdische und noch mehr Ärgerliche wird vermieden: es wird Hauptzweck, dem Knaben von alle Dem lebendige Begriffe zu geben, was er sieht, spricht, geniesst, um ihn in seine Welt zu setzen, und ihm den Genuß derselben auf seine ganze Lebenszeit einzuprägen. Mit einem solchen Anfange wird er nie der Wissenschaften und noch weniger des Lebens überdrüßig werden; nie seine Schulzeit beklagen: sich nie in einer andern Welt gebohren zu seyn wünschen, weil ihm durch keine andre der Kopf verrückt ist, und die seinige sein erster Horizont wurde. Schöne Klasse: die erste und beste den Menschlichen Geist zu bilden: die angenehmste, die Entwicklung einer schönen jugendlichen Seele zu behorchen, und sie auf ihre ganze Lebenszeit weise, gründlich, von Vorurtheilen frei, und glücklich zu machen. Sie verschließt auf immer den faulen morrastigen Weg, auf Wörter, Bücher und Urtheile andrer stolz hinzutreten und ewig ein schwatzender Unwissender zu bleiben. O wäre ein solches Buch geschrieben! oder vielmehr hätte ich einmal einen solchen Cursus durchgelehrt! und noch mehr ihn selbst durchgelernt! und zuerst durchgelernt! und wäre so gebildet! Nun bleibt mir nichts, als eine zweite Erziehung übrig: ich will mich in Frankreich bemühen, die Buffons, und Nollets recht schätzen zu lernen, überall Kunst und Natur und Auftritte der Menschen aufzusuchen, und in mich zu prägen und recht zu geniessen: und: die rechten Quellen von Büchern kennen lernen, um mich nach ihnen, wenn ich sie habe, zu bilden – Genius meiner Natur! wirst du mich an mein Versprechen, das ich dir und mir thue, erinnern! Für das Herz gehört eben eine solche Klasse. Der Catechismus Luthers muß recht innig auswendig gelernt werden und ewig bleiben. Erklärungen über ihn sind ein Schatz von Pflichten und Menschenkänntnißen. Was auch Basedow über das jüdische der zehn Gebote sage, mit rechten Erklärungen und leichten Einleitungen sind sie eine schöne Moral für Kinder. Das Artikelbekänntniß, ist dem ersten Stück nach, vortreflich und mit jedem Wort der Erklärung groß: das zweite führt auf die Lebensgeschichte Jesu, für Kinder so rührend und erbaulich: das dritte mehr nach den Worten des Artikels selbst, als jedem Buchstaben der Erklärung sehr nützlich und gleichsam die Basis zum Bekenntniß dessen, was Christliche Republik ist. Luther ist nicht in seinen Sinn eingedrungen, der mit jedem Wort eine Politische Einleitung ist, schön und unterrichtend. Das Gebet Christi ist schwer zu erklären und Luther zu weitläuftig: es ist im Sinn und mit Worten der Zeit Jesu; zum Theil auch nach den Vorurtheilen der Jünger, die auf Ein beßeres mit ihren eignen Ausdrücken gelenkt werden: es hat also eine Jüdisch-Hellenistische Farbe, und muß, da es einmal täglich in unserm Munde ist, in solche Worte, eben so kurz und verständlich übersetzt werden, als es ein Christus jetzt, für Kinder beten würde. Das Sakrament der Taufe ist vortreflich, um zu bilden, um daran zu erinnern, was man versprochen, um Christliche Bürger zu machen. Eine Taufe ohne Unterricht nach derselben ist Nichts; mit diesem, in den ersten frühesten Jahren, die nutzbarste Sache von der Welt. Das Abendmal ist das, worauf sie zubereitet werden sollen und nicht zeitig und innig gnug zubereitet werden können. Das soll einer meiner grösten Zwecke seyn, dies Sakrament würdig zu machen, es zu erheben, die Confirmation in alle Feier ihres Ursprungs zu setzen, und die ersten Eindrücke so ewig zu machen, als ich kann. Dazu will ich Karfreitag und Alles Rührende zu Hülfe nehmen, um es wenigstens von Außen so ehrwürdig zu machen, als ich kann: die ersten Eindrücke in ihrem ganzen Einfluße aufs Leben zu zeigen, den Pöbel zu empören, die schönen Geister zu überzeugen, die Jugend zu erbauen. Der Cathechismus der Menschheit, wie ich ihn oben entworfen, fängt hier an, und wie schließt er sich mit Luthers Catechismus zusammen. Züge, Porträte, Geschichte, Leben aus aller Historie kommt dazu, um Menschlich zu bilden; aus der Bibel wenig – Kain, die Sündfluth mit gehörigen Einschränkungen, die Geschichte Josephs, Eli, einiges von David, die Geschichte von Jesu in ein[i]gen Handlungen u. s. w. Die Geschichte andrer Völker und Zeiten, in grossen Beispielen und Vorbildern drängt sich Haufenweise heran: lebendig werde sie erzählt, wieder erzählt, nie gelernt, nie Pedantisch durchgefragt und durchgeknätet: so bildet sich Seele, Gedächtniß, Charakter, Zunge, Vortrag, und nachdem wird sich in späterer Zeit, auch Styl, auch Denkart bilden. Mit jedem solcher Geschichten wird die Seele des Knaben in einen guten Ton gewiegt: der Ton trägt sich stille fort, wird sich einprägen, und auf ewig die Seele stimmen – Die zweite Realklasse ist schon ein completerer Cursus, der sich dem Wißenschaftlichen mehr nähert. Die Naturhistorie wird schon mehr Naturlehre, allgemeiner, zusammenhängender, mit Instrumenten und Erfahrungen. Da bekommt der Jüngling Wunderdinge zu sehen und noch mehr, zu arbeiten : wie bin ich aber hierinn versäumt? Weiß ich Instrumente zu wählen, zu brauchen, zu verbeßern? Hier muß mir meine Reise zu Hülfe kommen, oder alles ist vergebens. Die erste beste Instrumentensammlung, wo ich sie finde: wo ich mit einem Manne bekannt werde: insonderheit in Deutsch- und Holland, wo ich der Sprache mächtig bin – ich will sie sehen, und kennen lernen, und jeden Mann nutzen, mit dem ich umgehe, und mich zu solchen drängen, mit denen ich umgehen kann, und keinen Winkel leer lassen. Eine Reisebeschreibung jedes Landes soll mir die Merkwürdigkeiten in Natursachen, Instrumenten und Kupfern sagen, die da zu sehen sind: und da jeder Mann gern seine Sachen erklären mag, so hoffe ich Erklärer zu finden. Und wenn ich zurückkomme: o so will ich alles erregen, um die Nutzbarkeit und Unentbehrlichkeit solcher Sachen des Anschauens zu zeigen, ich will das Elende der Worterzählungen beweisen und nicht ruhen, bis ich der Schule einen Schatz von Instrumenten und Naturalien verschaffe, und nachlasse. Vielleicht wird sich, wie Büsching das Glück gehabt, solche zu finden, auch für mich und meine Absichten Beförderer finden – – Die Naturgeschichte wird in das Entferntere fortgesetzt; durch Kupfer und Natursachen. Buffon, Swammerdam, Reaumur, Röseler u. s. w. sollen hier spielende Bücher seyn, deren Bilder mit Erzählungen begleitet werden. Wie vieles habe ich hier selbst zu lernen, was ein Philosoph, wie Reimarus wuste. – Eben hiemit wird ein Weg zu Büschings Vorbereitung zur Geographie: ein Buch, das ich wünschte, wie ein Collegium, in seinem Umfange, durchzuwissen. Die Naturhistorie verschiedner Reiche führt auf die Geographie, die in ihrem Anfange am schwersten ist. Wie ich von meiner sichtlichen Situation ausgehe? wie Naturansicht einer Insel, Halbinsel, festes Land u. s. w. auf eine Karte komme? wie ich diese in der Natur finde? wie eine Karte der Welt werde? wie sich Meer und festes Land im Ganzen verhalte? wie Flüße und Gebürge werden u. s. w.? wie die Erde rund seyn könne? und wie sie sich umschiffen lasse? wie sie in der Luft schwebe? wie Tag und Nacht werde? – siehe da! so wird der Anfang der Geographie natürlich Physische Geographie. Hier versammelt sich Naturlehre, Naturhistorie, etwas Mathematik und viel Data, viel Erscheinungen, viel Geschichten. Es ist nicht zu sagen, wie schwer manches den Kindern zu erklären sey, wovon sie immer schwatzen; aber eben auch ists nicht zu sagen, wie nutzbar ein solcher Cursus seyn müße. Hier wird die vorige Naturgeschichte ausgebreitet: ich finde, daß jedes Land seine Menschen, und Geschöpfe habe: ich lerne sie überall kennen, jedes an seine Stelle setzen, und den ganzen Umfang einsehen, in den Alles gehört, den ganzen Körper der Erde. Man läßt sich also in jedes Landes einzelnes und am wenigsten Politisches Detail noch nicht ein: von allem die Hauptbegriffe, und wie Alles insonderheit zum Ganzen gehört. Natur bleibt also Natur und die Erste: Menschengattungen, politische und wilde und halbwilde Welt, in ihrer Gestalt, Kleidung, Lebensart; also nur Hauptstädte, aber viel Data von Sitten, Haupteinrichtungen und Zuständen: was sie haben und liefern, sind und nicht sind: wiefern alles ein Ganzes ist, oder nicht ist. Bei allem kommt Erzählung und Bild zu Hülfe; die ganze Geographie wird eine Bildersammlung. Wenig und keine erzwungene Reflexion, keine Charakteristik, noch keine einseitige Ideen; aber Data, Erzählungen: da lernt der Jüngling aus seinem Winkel hinausgehen, er lernt Humanität, nichts blind verachten und verspotten, alles sehr kennen, und seinen Zustand geniessen, oder sich einen beßern suchen. Grosses Studium! wer wird dabei ermüden? Lindingers Charaktere sind ein elendes Werk: die Geographie in Dodsleis Lehrmeister ist ein Anfang. aus den besten Reisebeschreibungen, aber im Geschmacke eines Reisenden, wie Roußeau (s. Emil 4. Th. über die Reisen) muß ein lebendiger Auszug alles beleben! Welche Welt hier für den Jüngling! zu hören! zu behalten! wieder zu erzählen! aufzuschreiben! Styl, Denkart, Vernunft zu bilden! abzuwechseln – welche Welt! Was Pikard in Absicht auf Religionen allein ist, ist dies auf Alles! Mathematik wird noch nicht anders getrieben, als mit Physik verbunden: wie viel aber kann und muß da schon getrieben werden, um jene nicht zu verlassen. Zur Geographie schließt sich Astronomie, Chronologie, Gnomonik: zur Känntniß des Lichts, der Luft, des Waßers, der Körper, Optik, Aerometrie, Hydrostatik, Mechanik: zur Känntniß der Karten Geometrie und Perspektiv – von allem also lebendige, nette, vollständige Begriffe; ist der Raum klein oder groß? Aber es kommt noch ein grösserer, die Historie: diese muß jetzo schon eine Historie der Völker werden, und wie das? Daß sie dem andern treu bleibe, nur die Hauptveränderungen und Revolutionen jedes Volks erzähle, um seinen jetzigen Zustand zu erklären, alsdenn nur die Hauptveränderungen und Revolutionen zu erzählen, wie der Geist der Cultur, der Bekanntheit, der Religion, der Wißenschaften, der Sitten, der Künste, der Erfindungen von Welt in Welt ging: wie vieles dahinsank und sich verlor; andres neues herauf kam und sich fortpflanzte: wie dieser mit jenem Geschmack abwechselte, und weiter fortging, und der Strom der Zeiten sich immer fortsenkte, bis er unsre Zeit gab, den Punkt, auf dem wir stehen. Man sieht, diese Historie ist nichts, als eine Reihe von Bildern, in vielen Gattungen; nur muß in keiner kein einziger todter Begrif gegeben werden, sonst ist alles verlohren. Von keinem Geschmack, Erfindung, Kunst keine Geschichte gegeben werden, wo nicht der Begrif schon in der ersten Klasse liegt, von keinen Revolutionen z. E. in der Politik, feinen Kriegslehre u. s. w. erzählt werden, wo nicht der Gesichtspunkt schon vorgesteckt ist. Man sieht, daß hier nichts von unsrer Geschichte bleibt: keine Reihe von Königen, Schlachten, Kriegen, Gesetzen, oder elenden Charakteren; alles nur aufs Ganze der Menschheit, und ihrer Zustände, der Völkerwanderungen und Einrichtungen, Religionen und Gesetze und Denkarten, Sprachen und Künste – lauter Hauptbegriffe. Keine Geschichte einer einzelnen Kunst wird hier vollständig gegeben, so wenig, als eine einzige vollständige Theorie zum Grunde lag; aber der Same zu allen Theorien und allen Geschichten; einzelner Künste, Wißenschaften, Gesetze u. s. w. so fern er im Strom der Zeiten lebendig herbeigeschwommen, darsteht. Wir haben gnug Geschichten des revolutions von Franzosen und Engländern; alle sind sehr zu brauchen und keine soll vergebens da seyn; nur keine muß, wie sie ist, gebraucht werden, und Rollin am wenigsten. Geschichte der Juden , von Prideaux , der Aegypter von Marigni , Mallet , mit Shaw , mit Pocock verbunden, der Chineser von Duhalde , der Japaner von Kämpfer , der Tartaren von de Guigne , der Indianer und Perser von Tavernier , der Araber von Marigni , der Griechen von Linguet , Winkelmann , Mably u. s. w. von Toscana , von Rom , von den neuern Völkern – welche grosse Anzahl Sammlungen, in der ich nicht eher ruhen will, bis ich eine kleine complete Sammlung der besten in jeder Gattung habe, und mir daraus eine Geschichte des Menschlichen Geschlechts mache. Abbt unternahm sie, und führte sie nicht aus; Boßvet hat einige vortrefliche Bilder, und Voltaire noch nutzbarere Betrachtungen: die Boisens und Häberlins sammlen vor: die Mehegans u. s. w. behandeln auf ihre Art: die Gatterers streiten über Historische Kunst; ich will nichts als eine bildende, Materielle Geschichte des Menschlichen Geschlechts suchen, voll Phänomena und Data. Montesquieus Geist der Gesetze, und Römer, Hume über England, Voltaire, Mably, Goguet, Winkelmann u. s. w. sind hiezu grosse Leute! Doch ich gerathe zu weit In diesem grossen Fortfluß der Geschichte, ist Griechenland ein kleiner Platz, und in diesem kleinen Platz die Mythologie eine Einzelne Merkwürdigkeit – immer merkwürdiger, als hundert andre Mythologien, da sie sich über drei grosse Völker und so viel Zeiten und Dichter und Weltweisen und Künstler erstreckt, die die Lehrer der Welt sind. In der Kunst und Dichtkunst ist diese Mythologie am sichtbarsten, am schönsten, am anschaulichsten: in jener wird sie wie eine lebendige Daktyliothek für Kunst und Denkart und Poesie und Nationalgeist studiret: und allerdings ist sie ein grosser, Beitrag zur Geschichte des Griechischen Geistes. Statt der blassen zerstückten Erklärungen könnte man für die Jugend schöne Stellen der Dichter, ganze Beschreibungen und ganze Gedichte aufsuchen und die todte Kunst durch die lebendige Poesie beleben. Ueberhaupt kann man nicht zu viel thun, um das blos Fabelhafte in der Mythologie zu zerstören; unter solchem Schein, als Aberglaube, Lüge, Vorurtheil hergebetet, ist sie unerträglich. Aber als Poesie, als Kunst, als Nationaldenkart, als Phänomenon des Menschlichen Geistes, in ihren Gründen und Folgen studirt: da ist sie groß, göttlich, lehrend! Der Uebergang von Mythologie der Griechen auf Geschichte unsrer Religion ist rasch und hier nichts als Zufall: diese ist hier, wie eine Geschichte der biblischen Bücher aus Zeit, Volk, Nation, Denkart zu studiren. Michaelis Einleitung ins A. T. würde das beste Buch hier seyn, wenn wir sie hätten; jetzt wird aus seiner Einleitung ins N. T. nur ein weniges merkwürdiges herausgezogen, was für die Jugend wißenswürdig ist: und bei dem A. T. ist auf seine Uebersetzung zu warten und indessen ein Karpzow, Moldenhawer u. d. gl. zu brauchen. Es ist nicht zu sagen, was ein solches Pragmatisches Studium der Religion für Nutzen brächte: noch ist kein Kompendium, kein System in der Seele der Jugend präetablirt: noch ist nichts als Christliche Oekonomik der Kirche nach Luthers Catech[ismus] getrieben; jetzt wird Geschichte, die es aus Zeit und Volk erklärt, wie Theopnevstie, und die Schriften der Theopnevstie müssen verstanden werden. Das wird angenehm, wie Geschichte, wie lebendige Exegetik, wie ein Hinwandeln in andre Zeiten und Länder. Das wird bilden, und Pragmatische Einleitung zur Quelle der Theologie. Das gibt auf Lebenslang Hochachtung und Verstand der Religion: das ist das beste Mittel, ein neues Christliches Publikum zu schaffen. Mit dem Catechism der Menschheit wird dabei fortgefahren, und er ist das Buch zur Bildung. Ordnung des Heils wird nicht anders getrieben, als so fern sie jedesmal aus der Bibel im Zusammenhange der Zeit, Geschichte und Sinnes folgt: das einzige Mittel eine wahre Dogmatik zu bekommen, die weder eine Sammlung Biblischer Sprüche, noch ein Scholastisches System sey. In diesem Zeitraum muß die Einbildungskraft leben; wie im ersten Gedächtniß, Neugierde, Sinn und Empfindung befriedigt wurden. Hier ist Alles Bild, Gemälde, der erste Schritt von der Erfahrung zum Raisonnement, was jetzt folgt Und das wird dritte Klasse. Hier wird die Physik schon in ihren Abstrahirten Grundsätzen, im Zusammenhange einer Wißenschaft gezeigt. So auch die Mathematik und hier wirds also schon Gesichtspunkt, eine Schlußreihe zu übersehen, wie sie die Newtone gedacht und ausgedacht haben. Ebenfalls nähert sich die Naturgeschichte einer Kette; blos der Ordnung und des Uebersehens wegen; blos also aus Schwäche und nicht aus Nothwendigkeit. In allem diesen offenbart sich jetzt Philosophie der Natur; allgemeine grosse Aussichten, um so viel als möglich die Kette der Wesen anzurühren, die in der Natur herrscht. Von Newton bis Maupertuis ; von Euler bis Kästner gibts hier Lehrer des Menschlichen Geschlechts, Propheten der Natur, Ausleger der Gottheit. Auf solche Art wird das System nicht zu frühe Geist der Erziehung; es kommt aber auch nicht zu spät: es schichtet die Seele, gibt der Jugend den letzten Druck, und Aussichten auf die ganze Zeit des Lebens. Hier bediene man sich des Sulzerschen Geistes der Encyklopädie, um bei allem Stuffe der Vollkommenheit, Mängel, und wahre Beschaffenheit zu zeigen: man werde überall, wie Bacon, um auf Lebenszeit zu entzünden und den Jüngling auf die Akademie zu lassen, nicht als einen, der seine Studien vollendet hat, sondern sie jetzt erst anfängt, jetzt erst ein Bürger der Republik wird, jetzt erst zu denken anfängt und dazu auf die Akademie und aufs ganze Leben eingeweihet wird. Eltern, Obrigkeiten, könnt ihrs gnug belohnen, daß man dadurch Faulheit und Ausschweifung bei eurer litterarischen Jugend auf Akademien fast unmöglich, Moralisch wenigstens unmöglich macht. Die Geographie wird hier eben so vollendet. Ein lebendiger Abriß der Statistik jedes Landes, und des Zusammenhanges aller Länder durch Sprache, Commerz, Politik u. s. w. Hier wird, wer Geist dazu hat, eingeweihet, um ein Schutzgeist der Nationen zu werden; ihr Intereße gegen einander wird gewogen: er vergleiche, denke, wähle, verbeßre, ordne. Wie viel Unterwißenschaften öfnen sich hier! Oekonomie des Landes, Gesetzgebung, Handel, in allen ihren Zweigen! zu allem die Samenkörner, zu allem die Morgenröthe zu einem glücklichen Tage. – – Hier schließt sich die Geschichte an. Sie läßt sich schon auf jedes Reich im Detail ein, und so werden Könige, Reihen, Geschlechter, Namen, Kriege u. s. w. unvermeidlich. Alles aber wird nie eine Geschichte der Könige, der Geschlechter, der Kriege: sondern des Reichs, des Landes, und alles dessen was zu dessen Glückseligkeit oder Abfall beigetragen hat, oder nicht. Es versteht sich, daß es hieher gehört, wie sich alle Reiche zusammenschlingen, auch blos in Politischen Verträgen betrachtet: dies ist der letzte und veränderlichste Theil der Geschichte: nach welchen Aussichten über alle Zeiten und Völker nach dem Genie des Montesquieu, dem Bemerkungsgeist eines Mabli, der Politik eines Hume u. s. w. – Erziehung, die für unser Zeitalter, wo der Kriegerische und Religionsgeist aufgehört hat, wo nichts als der Commerz- Finanzen- und Bildungsgeist herrscht, sehr nöthig und nützlich ist So wie jede Lehre auf dieser Classe schon überhaupt näher dem Wißenschaftlichen wird: so auch die Künste und Handwerke. Hier müssen einige z. E. Zeichnung, Malerei, in besondern Stunden vorausgesetzt, und mit Hülfe dieser von andern durch Nachzeichnungen u. s. w. Nachricht gegeben werden. Alle Instrumentalkünste sind in diesem Felde die schwersten: was soll man von ihnen zeigen? Instrumente? die würken nur, indem sie würken und diese Momente sind in ihnen nicht sichtbar. Wortbeschreibungen? wie elend, wie schwach, wie leicht werden sie die Sprache eines Halle. Man besuche also die Buden einiger Künstler, z. E. Uhrmacher u. s. w. und pflanze nur dem jungen Menschen Lust ein, die andern selbst zu besuchen. Man zeige ihm, wie viel Geist, Fleiß, Erfindung, Verbeßerung, Vollkommenheitsgabe in allen ruhe, und daß dieser Theil der Menschen der nächste sey an der unnachahmlichen Kunst der Thiere, die gewißermassen Kunst der Natur selbst ist. Hier siehet er den grösten Schauplatz des Menschlichen Geistes, den der Jüngling so leicht und gern verkennen lernt, und darinn blind bleibt. Auf dieser Klasse ists erst Ort zur völlig Abstrakten Philosophie und Metaphysik, mit der man sonst zu frühzeitig anfängt: die aber hier unentbehrlich ist, und auch eine ganz andre Gestalt annimmt. Sie ist hier das Resultat aller Erfahrungswissenschaften, ohne die sie freilich nichts als eitle Spekulation wäre, hinter denen sie aber auch der bildendste Theil ist. Die Psychologie, was ist sie anders, als eine reiche Physik der Seele? Die Cosmologie anders, als die Krone der Newtonischen Physik? Die Theologie anders, als eine Krone der Cosmologie, und die Ontologie endlich die bildendste Wissenschaft unter allen. Ich gestehe es gern, daß wir noch keine Philosophie in dieser Methode haben, die recht Jünglinge bilden könnte, und die Ontologie insonderheit, die vortreflichste Lehrerin grosser Aussichten, was ist sie, als Terminologie geworden! O was wäre hier eine Metaphysik in diesem Geiste durchgängig, seine Aussichten von einem Begriffe auf einen höhern auszubreiten, im Geist eines Bako, was wäre das für ein Werk! Und ein lebendiger Unterricht darüber im Geist eines Kants, was für himmlische Stunden! Die Logik wird nichts als eine Experimental Seelenlehre der obern Kräfte, und so wird sie ein ganz ander Ding, als sie ist. Welch ein Abgrund von Erfahrungen, wie die Seele, Ideen sammlet, Urtheilet, schliesset, liegt hier verborgen, und was ist die kleine elende Ab.c. Tafel die unsre Logik enthält. Man muß immer verbergen, daß man lehren will, und nur Ideen aufwecken, die in uns schlafen; unsre Logik thut das Gegentheil, nichts als lehren thut sie und siehe! sie lehrt trocken und erbärmlich. – – Eben hieraus leuchtete hervor, was für ein kleiner Theil in ihr entdeckt sey: welch ein weit grösserer ist die Aesthetik, als eine Philosophie der Sinne, der Einbildungskraft, der Dichtung! – Welch ein grösserer, die Philosophie des eigentlichen Bonsens, worunter das Wahrscheinliche, das Phänomenon u. s. w. nur kleine Funken sind, und die die wahre Lehrmeisterin des Lebens wäre. Eben so die Moral mit der Seelenlehre, die Ethik mit der Menschlichen Natur, die Politik mit allen Phänomenen der Bürgerlichen Haushaltung verbunden! wie schließt sich alles an, was für ein Bako gehört dazu, um dies alles nur zu zeigen, wie es in den Plan der Erziehung und Aufweckung einer Menschlichen Seele gehört! der es ausführe und selbst dahinbilde! Die Theologie tritt hier heran, wird ein System, aber voll Philosophie eines Reimarus, so wie sie in der vorigen Klasse voll Philologie eines Michaelis und Ernesti war. Alsdenn wird sie weder ermüden, noch vereckeln: sie wird denkende Christen und Philosophische Bürger machen – und wohl dem, der mit ihr, als Theologe, auf die Akademie geht. Auf die Akademie geht , und siehe da! eine Krone aller Philosophie, den Jüngling zu erheben, daß er sich selbst bestimme, seine Studien recht einzurichten wisse, gut lese, höre, betrachte, geniesse, sehe, fühle, lebe, daß er wisse sein eigner Herr zu seyn. Welch ein Pythagoräisch Collegium! wie ein Gespräch mit sich selbst beym Schluß des Tages! Geßners Encyklopädie, mit mehr Realität durchwürzt, wäre darüber das beste Lehrbuch, und Sulzer ihm zur Seite. Jener, um die Menschliche, dieser um die gelehrte Seite des Jünglings zu decken: jener mit dem Geist eines Roußeau, dieser eines Bako erklärt: das muß anfeuren, bilden, und auf die ganze Lebenszeit anstossen! Ich habe mich über Sprachen nicht ausgelassen und also nur drei Classen gesetzt: denn es ist besser, daß man lange auf einer Classe bleibe, als zu geschwinde springe. Ist der Lehrer derselbe: so ist eine solche zu öftere Veränderung nur ein Name; ist er andrer, ist seine Methode anders, so ist der zu öftere Sprung schädlich. Ueberdem gibts hier würklich drei Stuffen in der Natur der Sache: das Kind lernt nichts, als sich alles erklären, was um ihn ist, und er sonst nur schwatzen würde, und legt durch Neugierde, Sinnlichkeit und Empfindung den Grund zu allem: der Knabe dehnt sich in Aussichten und Känntnißen der Einbildungskraft so weit aus, als er kann, und überfliegt das Reich der Wissenschaften in hellen Bildern: der Jüngling steigt auf alles herunter, und erforscht mit Verstand und Vernunft, was jener nur übersahe. Sinn und Gefühl ist also das Instrument des ersten: Phantasie des andern, und gleichsam Gesicht der Seele: Vernunft des dritten und gleichsam Betastung des Geistes! Der Materie nach theilte sich jede Stuffe wieder in drei Behältniße, Naturlehre, Menschliche Geschichte, und eigentliche Abstrakte Philosophie. So z. E. in der ersten Klasse: Naturlehre, Geschichte, Christlicher Catechismus. In der zweiten, Naturlehre, mit Naturhistorie und Mathematik: Geographie und Geschichte: Einleitung in die Geschichte der Religion und Catechismus der Menschheit. In der dritten Mathematik und Physik und Künste: Geographie, Geschichte und Politik: Metaphysik, Philosophie, Theologie, Encyklopädie. Die Eintheilung ist überall natürlich. Der Physiker kann nicht ohne Mathematik und umgekehrt; der Historiker nicht ohne Geographie und umgekehrt: der Philosoph nicht ohne Religion seyn und v[ice] v[ersa] . Das erste ist für den Sinn, das andre fürs Gesicht des Geistes und Einbildung, das dritte für Verstand und Vernunft: so werden die Seelenkräfte in einem Kinde von Jugend auf gleichmäßig ausgebessert, und mit Proportion erweitert. Das ist das Kunststück aller Erziehung und der Glückseligkeit des Menschen auf sein ganzes Leben! Hiezu habe ich also drei Lehrer, oder neun Lehrer, oder im höchsten Nothfall nur Einen nöthig. Das erste ist das beste, und jeder der dreien lehrt auf drei Stuffen seiner Klasse: dies ist von außen gut, um ihm durchgängiges Ansehen zu verschaffen; und von innen, um ihm mehr Raum zu geben, von unten auf seine Wißenschaft zu excoliren, die mancherlei Stuffen derselben in Evidenz, Nothwendigkeit und Bildung zu zeigen, Methode des Menschlichen Geistes in drei Classen zu lernen, und ihm endlich, wenn er sich seinem Felde gibt, Ruhe von außen und von andern Arbeiten und Verwirrungen zu verschaffen. Der Schüler wiederum wird an eine fortgehende Methode gewöhnt, sieht, daß es immer der Lehrer ist der vorher mit ihm Kind war, jetzt Knabe, jetzt Jüngling wird, und gewinnt ihn desto lieber, indem er ihn immer beßer verstehen, nutzen, anwenden lernt. So wird das Gebäude ohne Verwirrung und ohne Unordnung, und da der Vormittag vier Stunden gibt: so bleibt jeder eine übrig, und die vierte zu einer Sprache. Die ganze Realschule wird also ein simpler Plan von 3. Classen, 3. Lehrern; 9. Abschnitten und 9. Hauptarbeiten, die aber viel unter sich begreifen Claße 1. Natur Classe 2. Geschichte Classe 3. Abstraktion Ordnung 1. lebendige Naturhistorie einzeln lebendige Geschichte aus aller Zeit einzeln Catechismus: Sprüche: Empfind. Deutsche Poesie: und Sprache: Ordnung 2. Naturlehre . künstl. Mathem. Physik Geschichte und Geographie künstlich Bilder aller Völker aller Zeit unsrer Zeit Einleitung in die Geschichte der Religion und Catechismus der Menschheit. Ordnung 3 . Naturwissenschaft scientif. Mathem. Physik Naturlehre Künste Geschichte und Geographie politisch: Grund aller Zeiten aller Völker unsrer Zeit Philosophie und Metaphysik Logik, Aesthetik, Bonsens Moral, Politik, Ethik Theologie, Abschied, Encyklopäd[ie]. Es ist natürlich, daß ich dazu fähige, willige, jugendliche Subjekte von Lehrern nöthig habe. Obern, die mich äußerlich unterstützen, mit Raum, Zeit, Instrumenten, Bildern: und denn Lehrbücher. Es wäre nicht unnütz, wenn der Aufseher einer Schule selbst Schemata zu den letzten gebe, wo wir sie noch nicht gedruckt haben; gedruckt aber sind sie in gewisser Maasse nach unsrer Welt besser, und nach der Pythagoräischen schlimmer. Jetzt Sprachen! – Sprachen? – Es wird immer einen ewigen Streit geben, zwischen Lateinischen und Realschulen: diese werden für einen Ernesti zu wenig Latein, jene für die ganze Welt zu wenig Sachen lernen. Man muß also Stückweise fragen. Ist die Lateinische Sprache Hauptwerk der Schule? Nein! Die wenigsten haben sie nöthig: die meisten lernen sie, um sie zu vergessen. Die wenigsten wissen sie auch auf solchem höllischen Wege in der Schule selbst: mit ihr gehen die besten Jahre hin, auf eine elende Weise verdorben: sie benimmt Muth, Genie und Aussicht auf Alles. Das ist also gewiß, daß a) keine Schule gut ist, wo man nichts, als Latein lernet; ich habe ihm zu entweichen gesucht, da ich drei völlig unabhängige Realklassen errichtet, wo man für die Menschheit und fürs ganze Leben lernet?   b) daß keine Schule gut ist, wo man nicht dem Latein entweichen kann: in der meinigen ists. Wer gar nicht nöthig hätte, Latein zu lernen, hätte Stunden gnug, in dem was gezeigt ist und gezeigt werden soll   c) daß keine gut ist, wo sie nicht wie eine lebendige Sprache gelernt wird. Dies soll entwickelt werden. Man lobt das Kunststück, eine Grammatik, als Grammatik, als Logik und Charakteristik des Menschlichen Geistes zu lernen: schön! Sie ists, und die Lateinische, so sehr ausgebildete Grammatik ist dazu die beste. Aber für Kinder? die Frage wird stupide. Welcher Quintaner kann ein Kunststück von Casibus, Deklinationen, Conjugationen und Syntaxis Philosophisch übersehen? Er sieht nichts, als das todte Gebäude, das ihm Quaal macht; ohne Materiellen Nutzen zu haben, ohne eine Sprache zu lernen. So quält er sich hinauf und hat nichts gelernt. Man sage nicht, die todten Gedächtniß Eindrücke, die er hier von der Philosophischen Form einer Sprache bekommt, bleiben in ihm, und werden sich zeitig gnug einmal entwickeln. Nicht wahr! kein Mensch hat mehr Anlage zur Philosophie der Sprache, als ich, und was hat sich aus meinem Donat je in mir entwickelt? Weg also das Latein, um an ihm Grammatik zu lernen; hiezu ist keine andre in der Welt als unsre Muttersprache. Wir lernen diese dumm und unwissend: durch sie werden wir klug im Sprechen und schläfrig im Denken: wir reden fremder Leute Worte und entwöhnen uns eigner Gedanken. Was für Geschäfte hat hier die Unterweisung und welches wäre früher, als dieses! Die ganze erste Klasse von Naturhistorie ist ein lebendig Philosophisches Wörterbuch der Begriffe um uns, sie zu erklären, zu verstehen, anzuwenden: ohne Pedanterei der Logik, ohne Regeln der Grammatik. Die ganze erste Klasse der Geschichte ist Uebung in der leichtesten, lebendigsten Syntaxis, in der Erzälung des historischen Styls. Die ganze erste Klasse für die Empfindungen ist Rhetorik, erste Rhetorik der Sprachenergie: alles lebendige Uebung. Nur spät, und wenig aufschreiben; aber was aufgeschrieben wird, sei das Lebendigste, Beste, und was am meisten der Ewigkeit des Gedächtnißes würdig ist. So lernt man Grammatik aus der Sprache; nicht Sprache aus der Grammatik. So lernt man Styl aus dem Sprechen; nicht Sprechen aus dem künstlichen Styl. So lernt man die Sprache der Leidenschaft aus der Natur; nicht diese aus der Kunst. So wirds Gang, erst sprechen d. i. denken , sprechen d. i. erzählen , sprechen d. i. bewegen zu lernen; und wozu ist hier nicht der Grund gelegt! Die erste Klasse der Sprache sei alle Muttersprache, die sich mit den vorigen zusammenschlingt, und immer Eine Arbeit auf Eine Seele fortsetze. Der Lehrer lehre denken, erzählen, bewegen: der Schüler lerne dreies: so lernt er sprechen: diese Klasse ist also nicht von der vorigen, der ersten Ordnung durch alle 3. Klassen unterschieden. Die Wiederholung und Methode des Lehrers ist schon Sprachübung. Aus dieser ersten Ordnung des Sprechens folgt in der zweiten, das Schreiben : und also der Styl. Laß den Schüler die Erfahrungen und Versuche, die er sieht, in aller Wahrheit aufschreiben: die Bilder der Historie und Geographie in allem ihrem Lichte aufschreiben: die Einleitung in die Geschichte der Religion und Menschheit in aller Stärke aufschreiben, und er hat alle Uebungen der Schreibart, weil er alle der Denkart hat. Er lernt zwar freilich damit nicht Sachenlose eckle Briefe, Chrien, Perioden, Reden, und Turbatverse machen, die bei aller Ordnung noch Turbatverse, bei allen Materialien Schulchrien, bei aller Kunst der Wendung, linke Perioden, bei allem Geschrei kalte Reden bleiben; aber er lernt was Bessers: Reichthum und Genauigkeit im Vortrage der Wahrheit: Lebhaftigkeit und Evidenz, in Bildern, Geschichten und Gemälden: Stärke und unaufgedunstete Empfindung in Situationen der Menschheit. Jene erste Methode verdirbt in Briefen, Reden, Perioden, Chrien und Versen auf ewig: sie verdirbt Denk- und Schreibart: gibt nichts, und nimmt vieles, Wahrheit, Lebhaftigkeit, Stärke, kurz Natur: setzt in keine gute; sondern in hundert üble Lagen, auf Lebenszeit, macht Sachenlose Pedanten, gekräuselte Periodisten, elende Schulrhetoren, alberne Briefsteller, von denen Deutschland voll ist, ist Gift auf Lebenszeit. Die meinige lehrt alles, indem sie nichts zu lehren scheint: sie ist die bildendste Klasse des Styls, indem sie nichts als ein Register andrer Klassen ist, so wie auch würklich die Worte nur Register der Gedanken sind. Sie gewöhnt also dazu, nie Eins vom andern zu trennen, noch weniger sich auf eins ohne das andre was einzubilden, und am wenigsten, das Eine gegen das andre zu verachten. Mit ihr erspart man unendlich viel Zeit, unnütze und unmögliche Mühe, die auf jedem andern Wege seyn muß, thut mit Einem, was nicht durch 7. gethan werden [kann], bildet Sachenreiche Köpfe, indem sie Worte lehret, oder vielmehr umgekehrt, lehrt Worte, indem sie Sachen lehret, bildet den Philosophen, indem sie den Naturlehrer unterrichtet, und hebt also zwischen Beiden den ewigen Streit auf: bildet den Schriftsteller der Einbildungskraft, indem sie aus der Geschichte und Weltkarte unterrichtet, und hebt also zwischen Beiden den ewigen Streit auf: bildet den Redner, indem sie den Philosophen der Menschheit [unterrichtet,] und hebt also zwischen Beiden den ewigen Streit auf. Der Logiker und der Naturerklärer wird Eins: was er ursprünglich auch ist, und in den Tsirnhausens, Pascals, Wolfen, Kästners und Lamberts war. Der Geschicht- und Schönschreiber wird Eins, was er ursprünglich auch war da die Herodote, Xenophons, Livius, Nepos, Boccaze, Macchiavells, Thuane und Boßvets, Hume, und Winkelmanns galten. Der Redner ins Herz und der Redner über Situationen der Menschheit wird Eins, was er auch war, da die Platone und Demosthene: die Catonen und Ciceronen, die Boßvets und Bourdeloue und Roußeaus, u. s. w. noch sprachen. Da war im ersten Fache noch keine Baumeistersche Logik, im zweiten keine Gatterische Historienkunst, im dritten keine Aristotelische oder Lindnersche Rhetorik vorhanden. Da lernte man beschreiben, erzählen, rühren, dadurch daß man sahe, hörte, fühlte! – Die dritte Klasse wird hier eine Philosophische Klasse des Styls, wie es schon ihre Arbeiten mit sich bringen, die nichts als Philosophie sind. Nichts in der Welt ist schwerer, als Kunst und Handwerk zu beschreiben: wie gut muß man gesehen haben! wie gut sich auszudrücken wissen! wie oft seinen Styl wenden, Worte suchen, und recht fürs Auge reden, damit man begreiflich werde! Und dazu führt die erste Ordnung – zu einer Gattung von Styl, die ganz vernachläßigt wird, zu einer Gattung, in der die Halle's so elend sind, zu einer Gattung, die für alle am nöthigsten ist, für Kaufmann und Handwerker, für Mann von Geschäften und Erfahrungen, für Alle. Hier ist Gellert elend wie es Mai durch sein Beispiel zeigt: und hier ist doch die wahre Nutzbarkeit und Würde der Schreibart, in unsrer Sachen- und Politischen- und Commerz- und Oekonom[ischen] Welt, vom Staatsminister, bis zum Projektmacher; vom Mühlenschreiber bis zum Praktischen Philosophen, vom Handwerker zum Kaufmann. Hier zeigt sich die rechte Würde, in welcher z. E. ein Baumeister, ein edler Mechanikus, ein Kaufmann, wie H., und ein Staatsmann reden, der nicht wie in Regensburg schreibt. Hier sind wir Deutsche mit unsern Kreis- und Staatsgeschäften, mit unsern Oekonomie und Handelsbüchern, mit unsern Pütters und Estors, noch so sehr hinten: hier muß der Jüngling anfangen, und vollkommen werden. Dasselbe bezieht sich auf die zweite und dritte Klasse dieser Materie; wo er in allen Arten der Realität – von Politik bis zur Philosophie Unterricht erhält, und hier eben wird die Rhetorik in ihrer grossen Allgemeinheit erst offenbar. Beschreibungen von Künsten und factis : Beschreibungen von den Gründen einer Situation, d. i. Politik und denn Raisonnement bis zu allen Gattungen der Abstraktion; o wie viel Arten des Styls mehr, als unsre Redekünste geben. Vortrag in Metaphysik, Logik, Aesthetik, Bonsens, Moral, Ethik, Politik, Theologie; allemal in ihrem Umfange – Gott! welcher Reichthum, Verschiedenheit, Menge an Materien und Formen! Und endl[ich] von Allem aus Philosophische Blicke auf Sprache und Alles! = = Das ist Styl der Muttersprache und sonst nichts in der Welt! Jeder Lehrer legt in seiner Classe den Grund zu den Materialien dazu; die Aufsicht und Correktur derselben gehört dem Inspektor. So lernt er jeden Schritt der ganzen Schule, jedes Verdienst jedes Lehrers, jedes Talent jedes Schülers, und jeden Fortgang jedes Talents derselben in vollem Maasse, und nicht durch Behorchen der Lektionen, nicht durch Berichte der Lehrer, nicht durch falsche vage Ex[p]loratorien und Examina, sondern durch Proben und Effekte kennen. Der Lehrer hätte nichts zu thun, als die Schüler dazu anzuhalten, und der Inspektor, dem Lehrer Plan oder Lehrbuch zu geben: alles thut sich von selbst, ohne Bitterkeit, Musterungsbegierde und Herrschsucht. Die erste Klasse, die nicht schreibt, sondern sich nur übt, zeigt diese Uebungen kindlich auf und erzählt desto mehr: das ist beßer, als Paränetische und Betstunde: das ist das jugendliche Wettspiel feuriger Kinder. Eine allgemeine Versammlungsstunde der Lehrer und Schüler, wo die würdigsten hervorgezogen, die unwürdigen gesichtet, und eben dadurch auch den Lehrern Aufmunterungen gegeben werden. Eine freundschaftliche Stunde monathlich unter Lehrern, wo man nicht betet, sondern sich bespricht, sich freuet, aufmuntert, ergötzet, als Mitarbeiter in einer Ernte! – Eigentliche Rhetorik und Poetik als Kunst, ist noch nicht hier, sie wird später hinten kommen! – Man siehet, daß der Lehrer in jeder Stunde Materialien gibt; der Schüler sie zu Hause, oder in der letzten Viertheilstunde ausarbeitet: und der Inspektor hat wöchentlich neun oder wenigstens 6. Stunden nöthig, um alles zu hören, zu lesen, zu beurtheilen. Man begreift, daß eben damit ein gar zu grosses Quantum von selbst wegfalle. Daraus wird wechselsweise eine Geschichte der Arbeiten gemacht, wie die Geschichte der Memoirs der Akademie: die bleibt bei der Schule. Die Anzahl der Correkturen wird jedem Schüler, und der Rektor wählt nur die Meisterstücke, um zum Denkmal und zur Verewigung der Guten im Archiv der Schule aufbehalten zu werden. Es versteht sich, daß die Gerügten Faulen eben so gut im Archiv der Schule, wie auf der Rolle des Censors mit einer Note aufbehalten werden; nur daß dies jedesmal nur das dritte mal geschieht. Am Examen, das jährlich einmal öffentlich ist, wird diese Geschichte der Akademie laut und zur feierlichsten Stunde vorgelesen: der Lehrer hat eine in seiner Klasse, wenn er will; die von der Schule, bleibt bei dem Rektor, um auch äußerliche Ungezogenheiten der Schülerrache zu verhüten. Der Rektor ist selbst der Sekretär davon, der es monatlich aus den Uebungen herauszieht, und in den Versammlungen vorlieset. Nach der Muttersprache folgt die Französische: denn sie ist die allgemeinste und unentbehrlichste in Europa: sie ist nach unsrer Denkart die gebildetste: der schöne Styl und der Ausdruck des Geschmacks ist am meisten in ihr geformt, und von ihr in andre übertragen: sie ist die leichteste, und einförmigste, um an ihr einen Praegustus der Philosophischen Grammatik zu nehmen: sie ist die ordentlichste zu Sachen der Erzählung, der Vernunft und des Raisonnemens. Sie muß also nach unsrer Welt unmittelbar auf die Muttersprache folgen, und vor jeder andern, selbst vor der Lateinischen vorausgehen. Ich will, daß selbst der Gelehrte beßer Französisch, als Latein könne! Drei Classen gibts in ihr: die erste hat zur Hauptaufschrift Leben ; die andre Geschmack , die dritte Vernunft – in allem der entgegengesetzteste Weg von unserer Bildung, die todt anfängt, Pedantisch fortgeht und mürrisch endigt. Es muß ein Französischer Lehrer daseyn, der spreche , Geschmack und Vernunft habe; sonst sei er von allem entnommen. Das erste Wort hieß Leben , und das erste Gesetz also; die Sprache soll nicht aus Grammatik, sondern lebendig gelernt werden: nicht fürs Auge und durchs Auge studirt, sondern fürs Ohr und durchs Ohr gesprochen, ein Gesetz, das nicht zu übertreten ist. Ich weiß, was ich mir für verwünschte Schwürigkeiten in den Weg gelegt, aus Büchern, mit dem Auge, ohne Schall und Vestigkeit sie zu verstehen und zu verstehen glauben: da bin ich mehr, als ein Unwissender. Die erste Sprache ist also eine Plapperstunde. Der Lehrer spricht mit dem Schüler über die bekanntsten Sachen des gemeinen Lebens, wovon überdem die erste Ordnung handelte[.] Der Schüler kann fragen, der Lehrer muß ihm antworten, und sich nach ihm richten. Ein Schüler hat nach dem andern Freiheit, (aber nur im zweiten Theil des Cursus) Materien vorzuschieben; nur alle weitere Methode, Lehre, Frage, Ausdruck bleibt dem Lehrer. So wird der Schüler ein lebendig Gespräch und wie schön ist, wenn er das wird und ist: denn ist er auf ewig auf dem 1[.] besten Wege. Nichts als eine kleine Geschichte wird bei dieser Klasse gehalten nach der sich alsdenn der Inspektor richtet: dessen Stunde hier, wie dort, eine Stunde kindischer Babillards ist; aber für ihn eine Stunde seyn muß, der er gnug thun kann: sonst ist Alles aufgehoben. Die 2. Französische Classe spricht und lieset; mit Geschmack für die Schönheiten und Tours der Sprache: hier sind Boßvets und Fenelons, Voltaire und Fontenelle, Roußeaus und Sevignes, Crebillons und Duklos Leute für den Geschmack der Sprache, der Wißenschaften, des Lebens, der Schreibart. Hier wird gelesen, das Buch geschlossen und geschrieben; also gewetteifert. Hier werden alsdenn die Schönheiten der Sprache recht erklärt und gehäuft, um einen Originalen Französischen Styl zu bilden. Uebung und Gewohnheit ist überall Hauptmeisterin, und so wie das Lehrbuch der Classe ein Auszug aus Büffons, Nollets, und allen Geschichten und ein Catechismus der Menschheit aus Roußeau u. s. w. ist: so ist das Geschichtbuch der Classe nichts minder, als ein Wetteifer mit diesen grossen Leuten. Drittens und endlich kommt die Philosophische Grammatik der Sprache. Bei der Muttersprache hatten wir wenig Bücher; aber wir konnten sie, eben weil es Muttersprache war, lebendig selbst ableiten und bilden. Hier haben wir nicht blos gute Bücher, Restauts, d'Arnauds, Duklos, Desmarais , sondern die Grammatik ist auch die leichteste unter allen Sprachen. Die Sprache ist einförmig, Philosophisch an sich schon, vernünftig: ungleich leichter als die Deutsche und Lateinische, also schon sehr bearbeitet. Zudem hats auch den Vorzug, wenn man an ihr Philosophische Grammatik recht anfängt, daß ihr Genie zwischen der Lateinischen und unsrer steht: von dieser wird also ausgegangen und zu jener zubereitet. Dies Studium ist hier also am rechten Orte, angenehm und bildend: es sagt die Mängel der Sprache, wie ihre Schönheiten: es verbindet Lesungen und Uebungen über die Werke der grossen Autoren selbst. Es übet sich im Mechanischen, Physischen, Pragmatischen Styl, indem uns die Franzosen, in allem, in ihren Politischen, Physischen, Mechanischen Werken so sehr überlegen sind: übet sich in der Geschichte, wo die Französische Sprache die meisten feinen Unterschiede in Zeiten, Fluß in Bildern, Reihe von Gedanken u. s. w. hat: übet sich in der Philosophie, in der die Französische Sprache den meisten Schwung genommen: und thut zu allem die Urtheile der Critiker, der Frerons und Voltaire und Clements hinzu, um auch die Sprache der Französischen Critik lebendig zu lernen. Aus allem kommen Proben an den Direktor, der diese Sprache also nach aller Feinheit verstehen muß; oder der Zweck ist verloren. Dies ist Eins von den Mitteln, wodurch die Schule brilliren muß, und ohne ihr Wesen zu verlieren, und falsch zu brilliren. – – Jetzt sollte die Italienische Sprache folgen, das Mittel zwischen der Franz[ösischen] und Lat[einischen] insonderheit für den Adel, die Kenner von Geschmack, und die, die sonst nicht Lat[einisch] lernen, unentbehrlich; die Aussicht ist aber zu weit – ich komme aufs Latein. Warum soll man bei dem eine Ausnahme machen, um es nur todt und vereckelt lernen zu wollen? Es ist eine todte Sprache! gut Historisch- Politisch- Nationaltodt; aber litterarisch lebt sie; in der Schule kann sie leben. Aber so wird sie nicht rein und Classisch gesprochen? warum nicht? wenn es der Lehrer spricht, wenn er nur Sachen wählt, über die es lohnt, Latein zu sprechen, warum nicht? und denn, gibt Natur und Fluß und Genie und Kern der Construktion, und lebendige Verständlichkeit der Lat. Spr[ache] nicht mehr, als das Schattenwerk weniger reinen Worte und Phrases? und werden nicht mehr Zwecke in der gelehrten Republik erreicht, wenn ich Latein kann, um zu sprechen, zu lesen, zu verstehen, zu fühlen: als zu Wortsichten, zu feilen, zu mäcklen? Und ists nicht endlich Zeit, von dieser Sucht hinweg zu lenken, und das Studium der Lateinischen Sprache würdiger zu machen? Die Wiederherstellung der Wissenschaften fing sich in Italien an: dies Land spricht beinahe Latein, indem es Italienisch spricht; Ohr und Zunge sind Latein: das konnte die Sprache adoptiren. Die Lateinische Sprache hatte in den Klöstern die Wissenschaften und Religion erhalten: sie schien von beiden und insonderheit der letzten also untrennbar. Italien konnte also seine Reihen von Vida's und Sannazars haben, in denen wenigstens die leichte holde Italienische Natur, die holde Musik der Sprache u. s. w. zu sehen sind: indessen hat doch schon, wie jeder weiß, und der Aut[or] über die Ital. Liter. gezeigt hat, diese Sprache viele Jahrhunderte durch sehr dadurch verlohren; sie hat Anagrammatisten und Critiker gezält, und den grossen Geist aufgehalten, der in Italien schläft. Was geht dies alles uns entfernte Deutsche an? wohlan also! mit unserer eignen, Nordischen, Originalsprache, sei Zu ergänzen etwa: "begonnen." Die erste Lateinische Klasse spät, weit nach der Muttersprache, hinter der Französischen und selbst Italienischen, wenn es seyn kann. Sie fange zwar nicht mit Sprechen (denn das Genie ist zu verschieden!) aber mit lebendigem Lesen an, in Büschings Buch, wenn es nur Originallateinischen Perioden hat, oder in den histor. select. oder im Cornel. Nepos, oder wo es sei. Nur lebendig, um den ersten Lat. Eindruck stark zu machen, den Schwung und das Genie einer neuen, der ersten Antiken Sprache recht einzupflanzen, und also wahre Lateiner zu bilden. Hier wird nichts geplaudert, von Seiten der Schüler; und der Lehrer spricht nur immer als Lektion, lebendige Lektion, rein und vorsichtig. Aber viel wird gelesen, immer Eindrücke, lebendige Bemerkungen, eingepflanzt: hier ist also die erste Classe was bei der Französischen die zweite war; aber wie viel Vorschritte hat nicht auch der Schüler schon? Die zweite Klasse fährt schon gelehrter fort, übt sich in allen Arten des Styls, und schreibt also. Da sind Livius , und Ciceronen und Sallustius und Curtius u. s. w. was für eine neue Welt von Reden, Charakteren, Geschichtschreiberei, Ausdruck, Höflichkeit, Staatswelt! wenig wird übersetzt! denn [wird] dies wenigstens nicht Hauptzweck! aber alles lebendig gefühlt, erklärt, Rom gesehen, die verschiednen Zeitalter Roms gesehen, das Antike einer Sprache gekostet, Antikes Ohr, Geschmack, Zunge, Geist, Herz gegeben: und Allem nachgeeifert! Welch Gymnasium! welche schöne Morgenröthe in einer Antiken Welt! Welch ein Römischer Jüngling wird das werden! Hier also kommt Antike Historiographie, Epistolographie, Rhetorik, Grammatik! Man sieht, wie übel, daß man die Rhetorik fürs einzige nimmt! Die antike Rhetorik mit der Modernen verwechselt! Die Antike Historiographie nicht erklärt, die Epistolographie zum Muster nimmt, und überhaupt Grammatik einer Antiken Sprache, nicht von der Modernen unterscheidet. Hier wird alles unterschieden, lebendig gekostet, nachgeeifert! in dieser Klasse muß sich der Lat. Styl bilden! Die dritte folgt: und hier die Poeten: Lukrez und Virgil, Horaz und Ovid, Martial und Juvenal und Persius, Catull und Tibull. Hier ist das gröste Feld, antike Schönheit, Sprache, Geist, Sitten, Ohr, Regiment, Verfassung, Wissenschaften zu fühlen zu geben. Hier keine Nacheiferungen; es sei denn, wen die güldne Leier Apolls selbst weckt; aber viel Gefühl, Geschmack, Erklärung. Auf dieser Klasse sind die Blumen und die Krone der Lateinischen Sprache: die Virgile und Horaze, die Ciceronen in ihrer Philos. und höchsten Rede, die Pliniusse und Tacitus: die grösten Muster also Antiker Poetik und Poesie, Antiker Rhetorik und Rede, Antiker Politik und Naturhistorie – welche Welt, wahre Gelehrte, Weise aus der Alten Welt, Römische Sachgelehrte zu bilden, die die Römer kennen! Wie viel habe ich selbst noch auf solche Art zu studiren! – Griechisch endlich, ist das unter den Antiken, was Französisch unter Modernen war. Auch der blosse Theologe fängt nicht mit dem Lateinischen Testament und der Hällischen Grammatik [an], sondern mit einer Reellen Grammatik, deren wir viele haben, und so gleich mit Lesen des Herodots, Xenophons, Lucians und Homers. Wohlverstanden in einem Cirkus von Zeit, Fortschritten und Wißenschaften! Hier ist die wahre Blume des Alterthums in Dichtkunst, Geschichte, Kunst, Weisheit! Welcher Jüngling wird hier nicht, der die Lateinische Sprache durchschmeckt, höher athmen und sich im Elysium dünken. Drei Classen gibts hier: ich bin aber noch zu wenig mit mir selbst über Methode einig, um sie genau zu bestimmen. Am sichersten, daß sie sich nach dem Latein richten: in der ersten viel gelesen , in den Herodots und Xenophons und Lucianen , oder im ersten allein. In der zweiten viel geschmeckt und bemerkt , in allen Prosaischen Gattungen. Im dritten der ganze Griechische Geist gekostet, in Poesie und was dem anhängt. Es schadet nichts, daß diese in der Geschichte vorausgegangen ist: denn in der Geschichte des Geistes nach unsrer Zeit, Welt, Sitten, Sprache geht sie nicht voraus. zuerst genommen verdirbt sie sogar: da gegentheils hinten nach erscheinend, alles auf sie bereitet und einladet, wie blühende Kinder auf ihre blühendere Mutter! O wer hier ein Kenner der Griechen wäre. In der Hebr. Spr[ache] möchte ich mit Michaelis einig seyn, sie gar nicht, oder wenigstens müßte sie mit der kleinsten Auswahl getrieben werden, gleichsam der innigste Kreis eines Pythagoras. Sie komt also sehr spät, und wird blos als Orientalische, Botanische, Poetische, Sprache, eines Buchs oder einer Sam[m]lung wegen getrieben, die vortreflich ist. Dies ganze Studium ist Philosophie: die Sprache geht zu sehr ab, als sie sprechen, in ihr schreiben zu können, aber als Orientalische Natur und Nationaldenkart betrachtet – welch eine Welt! Moses fängt an, und wir lernen seine Lieder selbst wie Kinder – von Abraham bis Moses wird lebendig zu lesen gesucht: Jacobs Lobgesang und Mirjam wird studirt: Moses Leben und Republik studirt, erklärt und so weit muß man gekommen seyn, um auf Akademie zu wandern. Wer weiter will, geht Josua und die Richter durch, fängt die Samuelis an, und geht jetzt an die Psalmen, Jesaias und einige Propheten: fährt in den Königen fort, und geht mit einer Auswahl der Propheten und Psalmen weiter: mit einigen Büchern Ezechiel, Daniel, Malachias, Esra, Nehem[ia], Esther zu endigen ist kaum nöthig. – – Hier ist eine Tabelle der Klassen der Sprachschule: Deutsche Sprache hat Vorsprung, Französische folgt: Italienische bei manchen: bei andern Lat. Franz. Ebr. Also 1. Deutsche Klasse Erste Ordnung Franz. Klasse Erste Ordnung Lat. Klasse Erste Ordnung Griechische Erste Ordn. Hebräische Zweite Gr. Ordn. Zweite Deutsche Zweite Französische Zweite Latein. Dritte Lat. Dritte Deutsche Dritte Franz. Zweite Ital. Erste Italien. Repitit. des Franz. Repitit. des Deutschen Man siehet mit Fleiß nur zwei Ital., 2. Gr. Classen; denn beide sind sich an Subjekten entgegen. Nur eine Hebr., denn sie ist die letzte, Philos., eingeschränkteste Sprache; und ihr Anfang ist leicht; so wie ihr schwerster Fortgang zum Glück blos Akad. ist, nicht Scholastisch ist. Franz[ösisch] hat 4. Klassen, denn es muß immer fortgesetzt werden: Lat. nur drei: Deutsch fünf, denn es dauret so lang, als Unterricht in den Wissenschaften dauret, und ist nach unsrer Methode unabtrennbar von den Gedanken. Die erste Deutsche Klasse coincidirt mit der ersten Ordnung der 3. ersten Klassen, und fodert keine Besonderheit, als die Correktur des Lehrers. Die zweite Schichte, wo die Französische anfängt wills, und das bis zur Griechischen Schichte: das sind täglich 3. Stunden, wovon die eine zwei, die andere 3., die 3te 4. Absonderungen hat. Die Hebräische Schichte fällt auf 2. Stunden die Woche, etwa Mitwoch und Sonnabend mit 5. Abtheilungen. Und so sind mit allen diesen Spracharbeiten täglich 3. und Mitwoch und Sonnabend eine Stunde besetzt, mit den vorigen 3. zusammenaddirt sind tägl[ich] 6., Mitwoch und Sonnabend eine nach Mittage, und das ist auch der Raum der Schule. Hier ist also Haupttabelle des Ganzen:   7 – 8. 8. – 9. 9 – 10. 1. Ordn. Katechism. etc. Abstrakt. Lebend. Geschichte Leb. Nat. Histor. 2. Ordn. Geschichte u. Geogr. Naturlehre Relig. 3. Ordn. Naturwissen Philosoph[ie] Gesch. u. Geogr. Sprachenschule 10. – 11. 2 – 3. 3 – 4. Mitw. u. Sonn. Erste Franz: Klasse: 2te Deutsche 3te Deutsche Hebr. Erste Lat.      " 2te Franz. 3te Franz. Gr. u. Ital. Erste Gr. od. Ital. 2te Lat. 3te Lat. Deutsch u. Franz. So wechseln, Lehrer, Schüler, Arbeiten, ab; alles! Daß die Schule so möglich National und Provinzialfarbe bekomme, versteht sich, und das in Religion, Geschichte, Geographie, Naturhistorie, Politik, Vaterlandsgegenden u. s. w. Daß dies aber nicht mehr, als Farbe seyn müße, versteht sich eben so sehr: denn der Schüler soll für alle Welt erzogen werden. Die Ritterklassen sind Reiten, Zeichnen, Fechten; sie sind vor 7. um 11. oder nachmittag um 4. oder endlich Mittwochen und Sonnabend. Sonnabend nach Mitt[ag] bleibt wenigstens ganz von Scholastischen Arbeiten leer! Aber Ausführen? und warum könnte ich eine solche Stiftung nicht ausführen? Wars den Lykurgen, Solonen möglich, eine Republik zu schaffen, warum nicht mir eine Republik für die Jugend? Ihr Zwingels, Calvins, Oekol[a]mpadius, wer begeisterte euch? und wer soll mich begeistern? Eifer für das Menschliche Beste, Größe einer Jugendseele, Vaterlandsliebe, Begierde auf die würdigste Art unsterblich zu seyn, Schwung von Worten zu Realien, zu Etablißemens, lebendige Welt, Umgang mit Grossen, Ueberredung des Gen. Gouv[erneurs], lebendiger Vortrag an die Kampenh[ausen], Gnade der Kaiserin, Neid und Liebe der Stadt! = = o Zweck! grosser Zweck, nimm alle meine Kräfte, Eifer, Begierden! Ich gehe durch die Welt, was hab' ich in ihr, wenn ich mich nicht unsterbl[ich] mache! Ich schiffete Kurland, Preußen, Dännemark, Schweden, Norwegen, Jütland, Holland, Schottland, England, die Niederlande vorbei, bis nach Frankreich; hier sind einige Politische Seeträume. Kurland: das Land der Licenz und der Armuth, der Freiheit und der Verwirrung; jetzt eine Moralische und Litterarische Wüste. Könnte es nicht der Sitz und die Niederlage der Freiheit und der Wißenschaft werden, wenn auch nur gewisse Plane einschlagen? Wenn das was bei dem Adel Recht und Macht ist, gut angewandt, was bei ihm nur gelehrter Luxus ist, aufs Grosse gerichtet würde? Bibliothek ist hier das Erste, es kann mehr werden, und so sei es mir Vorbild und Muster der Nacheiferung und Zuvorkommung. Auf welche Art wäre dem Liefländisch[en] Adel beizukommen zu grossen guten Anstalten? dem Kurländischen durch Freim.* dem Liefländisch[en], durch Ehre, Geistliches Ansehen, gelehrten Ruhm, Nutzbarkeit. Also zur Verbeßerung des Lyceum, also zur Anschaffung eines Physischen Kabinets von Natursachen und Instrumenten, also zur Errichtung neuer Stellen zum Zeichnen, und der Französischen und Italienischen Sprache u. s. w. Der gute Umgang zwischen den Predigern im Kurland sei mir auch Vorbild! = = Was für ein Blick überhaupt auf diese Gegenden von West-Norden, wenn einmal der Geist der Kultur sie besuchen wird! Die Ukraine wird ein neues Griechenland werden: der schöne Himmel dieses Volks, ihr lustiges Wesen, ihre Musikalische Natur, ihr fruchtbares Land u. s. w. werden einmal aufwachen: aus so vielen kleinen wilden Völkern, wie es die Griechen vormals auch waren, wird eine gesittete Nation werden: ihre Gränzen werden sich bis zum schwarzen Meer hinerstrecken und von dahinaus durch die Welt. Ungarn, diese Nationen und ein Strich von Polen und Rußland werden Theilnehmerinnen dieser neuen Kultur werden; von Nordwest wird dieser Geist über Europa gehen, das im Schlafe liegt, und dasselbe dem Geiste nach dienstbar machen. Das alles liegt vor, das muß einmal geschehen; aber wie? wenn? durch wen? Was für Samenkörner liegen in dem Geist der dortigen Völker, um ihnen Mythologie, Poesie, lebendige Kultur zu geben? Kann die Katholische Religion ihn aufwecken? Nein, und wirds nicht nach ihrem Zustande in Ungarn, Polen u. s. w. nach dem Toleranzgeist, der sich auch selbst in dieser und der Griechischen Religion mehr ausbreitet, nach dem anscheinenden Mangel von Eroberungen, den diese Relig[ion] mehr machen kann. Vielmehr werden also unsre Relig[ionen] mit ihrer Toleranz, mit ihrer Verfeinerung, mit ihrer Anrückung an einander zum gemeinschaftlichen Deismus einschlafen, wie die Römische, die alle fremde Götter aufnahm: die brausende Stärke wird einschlafen, und von einem Winkel der Erde ein andres Volk erwachen. Was wird dieses zuerst seyn? Auf welche Art wirds gehen? was werden die Bestandtheile ihrer neuen Denkart seyn? wird seine Kultur blos off- oder defensiv im Stillen gehen? was ists das eigentlich in Europa nicht ausgerottet werden kann vermöge der Buchdruckerei, so vieler Erfindungen und der Denkart der Nationen? Kann man über alles dies nicht rathen nach der Lage der gegenwärtigen Welt, und der Analogie verflossner Jahrhunderte? Und kann man nicht hierinn zum Voraus einwürken? Nicht Rußland auf eine Kultur des Volks hinzeigen, die sich so sehr belohne? Da wird man mehr als Bako: da wird man im Weißagen größer als Newton: da muß man aber mit dem Geist eines Montesquieu sehen; mit der feurigen Feder Roußeaus schreiben, und Voltairs Glück haben, das Ohr der grossen zu finden. In unserm Jahrhundert ists Zeit: Hume und Locke, Montesq[uieu] und Mablys sind da: eine Kaiserin v. Rußland da, die man bei der Schwäche ihres Gesetzbuchs fassen kann, wie Volt[aire] den Kön. von Preußen: und wer weiß wozu der gegenwärtige Krieg in den Gegenden bereitet. Hier will ich etwas versuchen. Schlötzers Annalen, Beilagen, Merkwürdigkeiten, Millers Sammlungen, jenes seine Geschichte der Moldau soll mir Gedenkbuch seyn, das ich studire: Montesquieu nach dem ich denke und wenigstens spreche: das Gesetzbuch der Kaiserin wenigstens Einfassung meines Bildes, über die wahre Kultur eines Volks und insonderheit Rußlands . Worinn die wahre Cultur bestehe? nicht blos im Gesetze geben, sondern Sitten bilden: was Gesetze ohne Sitten, und fremdangenommne Grundsätze der Gesetze ohne Sitten sind? Ob bei Rußlands Gesetzgebung Ehre das erste seyn könne? Bild der Nation? Ihre Faulheit ist nicht so böse, wie man sie beschreibt; natürlich, war bei allen Nationen und Schlaf zum Aufwachen. Ihre List – ihre Nachahmungssucht – ihre Leichtigkeit – wie in allem der Saame zum Guten liege? wie er aufzuwecken sei? was ihn verhindre? Weg zur allmälichen Freiheit. Was eine plötzliche schaden könne? Weg zur allmälichen Einrichtung? Was plötzl[iche] Colonien, Vorbilder u. s. w. schaden können? Was die Deutschen geschadet haben? Vortreflichkeit guter Anordnung , die über Gesetze und Hofbeispiele geht. Einrichtung des Ackerbaues, der Familien, der Haushaltungen. Der Dependenz der Unterthanen, der Abgaben, ihrer Lebensart. Einige Vorschläge für die neue Oekonomische Gesellschaft, die mehr den Geist der Oekonomie in Rußland betreffen. [I.] Daß andre Länder und selbst Schweden nicht immer Vorbilder seyn können. Vom Luxus. Daß Befehle hier nichts machen können, üble Folgen in Riga. Daß das Exempel des Hofes nur an Hofe gelte, und da auch grosse Vortheile aber auch Nachtheile habe. Daß viele einzelne Exempel in einzelnen Provinzen mehr thun; und noch mehr einzelne Beispiele in einzelnen Familien. Folgen davon, daß die Rußische Herren das ihrige in Peterburg verzehren. Daß der Peterb[urger] Staat ins Prächtige Geschmacklose verfällt; wogegen unsre Kaiserin arbeitet. Daß es mit Frankreich anders sei durch den Besuch der Fremden und andre Anstalten, und daß auch selbst dieses sich erschöpft. Uebles Beispiel der Gouverneure in den Provinzen, und der Hausväter in Fabriken und Bauerhütten. II. Daß weder Englands noch Frankreichs noch Deutschlands gesetzgeberische Köpfe es in Rußland seyn können. Wie sehr man sich in der Nachahm[ung] Schwedens versehen. Daß man Griechenland und Rom nicht zum Muster nehmen könne. Daß es Völker in Orient gebe, von denen man lernen müße. Persien, Aßyrien, Egypten, China, Japan. Grundsätze hievon, nach dem Charakter, der Vielheit und der Stuffe der Rußischen Nationen. Eintheilungen in ganz cultivirte, halb cult[ivirte] und wilde Gegenden. Für diese ihre Gesetze, um sie herauf zu bilden, das sind Gesetze der Menschheit und der ersten rohen Zeiten. Wie diese Nationen von Rußland vortreflich zu brauchen sind. Wie das Halbcult[ivirte] Gesetze haben muß, um gesittete Provinz nichts aber mehr zu werden. Unterschied des Geistes der Cultur in Provinz und Hauptstädten. Endlich Gesetze für Haupt- und Handelsstädte. Wie Montesq[uieu] Muster seyn kann. Die wilden Völker sind an den Gränzen: das halbges[ittete] ist Land: das gesittete Seerand. Gebrauch von der Ukraine. Vorige Plane hieher. III. Das Materielle von den Gesetzen und der Beitrag jedes auf die Bildung des Volkes macht das dritte aus. Alles nach Montesq[uieus] Methode kurz, mit Beispielen, aber ohne sein System. Die Fehler der Gesetzgebung frei beurtheilt, und ihre Grössen frei gelobt. Viel Beispiele, Geschichten und Data angeführt und o ein grosses Werk! und wenn es einschlüge? was ists ein Gesetzgeber für Fürsten und Könige zu seyn! und wo ist ein beßerer Zeitpunkt als jetzt, nach Zeit, Jahrhundert, Geist, Geschmack und Rußland! Die Staaten des Kön. v. Preußen werden nicht glücklich seyn, bis sie in der Verbrüderung zertheilt werden. Wie weit ists möglich, daß nicht ein Mann, durch sich, kommen kann? wie groß, wenn man ihn in allen geheimen Spuren seines Geists verfolgte? wie groß, wenn er sein Politisches Testament schriebe, aber ohne das Epigramm zu verdienen, was er selbst auf Richelieu gemacht hat. So dünkt er uns jetzt, wie aber der Nachwelt? was ist denn sein Schlesien? wo wird sein Reich bleiben? Wo ist das Reich des Pyrrhus? Hat er mit diesem nicht grosse Ähnlichkeit? – – Ohne Zweifel ist das Größeste von ihm Negativ, Defension, Stärke, Aushaltung; und nur seine grossen Einrichtungen bleiben alsdenn ewig. Was hat seine Akademie ausgerichtet? Haben seine Franzosen Deutschland und seinen Ländern so viel Vortheil gebracht, als man glaubte? Nein! seine Voltäre haben die Deutschen verachtet und nicht gekannt: diese hingegen haben an jenen so viel Antheil genommen als sie auch immer aus Frankreich her genommen hätten. Seine Akademie hat mit zum Verfall der Philosophie beigetragen. Seine Maupertuis, Premontvals, Formeis, d'Argens was für Philosophen? was haben sie für Schriften gekrönt? den Leibniz und Wolf nicht verstanden, und den Hazard eines Premontv[al] die Monadologie eines Justi, den freien Willen eines Reinhards, die Moralphilosophie und Kosmologie eines Maupertuis, den Styl eines Formei ausgebrütet. Was ist dieser gegen Fontenelle? was sind die Philosophen auch selbst mit ihrer schönen Schreibart gegen die Locke und Leibnitze? – Ueber die Sprachen sind sie nützlicher geworden. Michaelis, Premontval und die jetzige Aufgabe; aber doch Nichts grosses an Anstalt, und für ewige Ausführung. Mathematik hat einen Euler gehabt; der wäre aber auch überall gewesen, so wie le Grange sich im Stillen bildete. Und denn fehlts allen seinen Entdeckungen noch an dem grossen Praktischen in der Anwendung, wodurch Völker lernen , und Weise ihre Theorien verbessern um sie augenscheinlich ins Werk zu richten. Der Geschmack der Voltaires in der Historie, dem auch Er gefolgt ist, hat sich nicht durch ihn ausgebreitet: seine Unterthanen waren zu tief unter ihm und Voltaire, um ihn zum Muster zu nehmen: zu sehr unwißende Deutsche, zu sehr Unterthanen. Seine und Voltairs Philosophie hat sich ausgebreitet; aber zum Schaden der Welt: sein Beispiel ist schädlicher geworden, als seine Lehre. Daß er seine Deutsche nicht kennet? warum er Preußen verachtet? Daß er Machiavell folgt, ob er ihn gleich wiederlegt hat. Aussichten auf das Glück seiner Unterthanen nach der Zertheilung. Schweden: da sehe ich die Klippe des Olaus! Wie war die Zeit, da er lebte, da er starb! Wie grosse Gedanken gibt sein Grab mit Nebel und Wolken bedeckt, von Wellen bespült u. s. w. von dem Nebel und der Zauberei seiner Zeit? Wie hat sich die Welt verändert! Was für drei Zeiten, die alte Skandinavische Welt, die Welt des Olaus, unsre Zeit des armen ökonomischen und erleuchteten Schwedens. Hier wars, wo voraus Gothen, Seeräuber, Wikinger, und Normänner segelten! Wo die Lieder ihrer Skalden erklangen! Wo sie ihre Wunder thaten! Wo Lodbroge und Skille fochten! welche andre Zeit! Da will ich also, in solchen dunkeln trüben Gegenden ihre Gesänge lesen und sie hören, als ob ich auf der See wäre: da werde ich sie mehr fühlen, als Nero seine Heroide da Rom brannte. Wie verändert von diesem, als auf dieser See die Hanseestädte herrschten. Wisby, wo bist du jetzt? Alte Herrlichkeit von Lübeck, da ein Tanz mit der Königin Bornholm kostete, und du Schweden ihren Gustav Wasa gabst, wo bist du jetzt? Alte Freiheit von Riga, da der Altermann seinen Hut auf dem Rathhause lies und nach Schweden eilte, um die Stadt zu vertheidigen, wo jetzt? Alles ist zurückgefallen: mit weichen Sitten ist Schwachheit, Falschheit, Unthätigkeit, Politische Biegsamkeit eingeführt; der Geist von Hanseestädten ist weg aus Nordeuropa, wer will ihn aufwecken? Und ists für jede dieser Städte, Hamburg, Lübeck, Danzig, Riga nicht grosse wichtige Geschichte, wie sich dieser Geist verlohren? nicht, wie sich ihr Handel, ihre Privilegien u. s. w. sondern ihr Geist vermindert und endlich Europa verlassen hat, und haben wir solche Geschichte von Hanseestädten? Willebrand sollte sie schreiben, wenn er nicht zu fromm wäre: und alle Hanseestädte auf ihren offenbaren Rechtstägen lesen! – Jetzt, Riga, was ists jetzt? Arm und mehr als arm, elend! Die Stadt hat nichts, und mehr auszugeben, als sie hat! Sie hat eine dürftige, nutzlose Herrlichkeit, die ihr aber kostet! Ihre Stadtsoldaten kosten, und was thun sie? ihre Wälle und Stadtschlüßel kosten und was thun sie? Das Ansehen ihrer Rathsherren kostet ihnen so viel schlechte Begegnung und nutzt nichts, als daß sie sich brüsten und den Bürgern für den Kopf stossen können. Alles reibt sich an der Stadt: Gouverneur und Regierungsrath, Minister und Kronsschreiber: Dieser gibt sich ein dummes Ansehen mit seinen 150. Rubeln über Bürgerm[eister] und Rath: das ist Uebelstand. Der Minister läßt sichs bezahlen, daß er nicht schade: Uebelstand. Der Regier[ungs]rath zwackt Foderungen ab, daß er helfe: Uebelstand. Gouverneur wird in Ansehen Despot und verbindet noch Intereße: Uebelstand – alles ist gegen einander. Kaiserin und Stadt: Hof und Stadt: Gouvernement und Stadt: Kronsbediente und Stadt: Titelräthe und Stadt: Adel und Stadt: Schmaruzer und Stadt: Rathsherren und Stadt – welcher Zustand! Man kriecht um über andre sich zu brüsten: man schmarutzt, um sich zu rächen: man befördert sein Intereße, und schiebts auf die Kaufmannschaft: man erkauft sich einen Titel, um elend zu trotzen: man bereichert sich, um mit leeren Versprechungen zu helfen. Welcher Zustand! Unmöglich der Rechte, sondern die Hölle zwischen Freiheit und ordentlichem Dienste. Es höre der Unterschied zwischen Stadt und Krone auf: der Rath behalte seine Einrichtungen, Freiheiten, Departemente, Gewalt: nur [er] bekomme einen Präsidenten, der sie gegen Militarische Begegnung durch sein Ansehen schütze. Auch sie müssen Kronsbediente werden, und aller Unterschied der Begegnung z. E. bei Gerichten u. s. w. aufhören: sie selbst und jeder unter ihnen, Advokat u. s. w. Rang bekommen: Die Casse muß ihr bleiben, nur der Präsident sei das Mittel, das sie mit dem Hofe binde und von allem wisse. Er sei der Burggraf, und der Vater der Stadt: der Vertreter gegen Gewalt, und Vorsprecher bei der höchsten Obrigkeit. Im Commerzcoll[egio] bekomme der Präfect. der Stadt mehr Ansehen und könne dem Oberinspektor näher kommen. Der Oberpastor stehe über dem Past[or] der Jacobikirche, aber unter dem Sup[erintendenten] und das Stadtconsistor[ium] so unter dem Oberconsist[orium], wie Magistr[at] unter Hofgericht. Die Kanzelei sei nicht erblich, aber doch die Stadtkinder behalten Vorzug und kein militarisches Aufdringen sei möglich. Sie balancire mit der Krone und aller Haß werde ausgelöscht. Man nehme Rathsherrn so gut aus Advokaten hier, wie bei der Krone: Kanzlei und Advokatur sei kein Wiederspruch; aber auch keine nöthige Verbindung. Man wähle, wo man findet, und lasse nicht 2. Rathsherrn und den Advokaten freie Hände. Kein Bürger werde in Ohrenklagen gegen den Magistrat gehört, und kein Magistrat beschimpft. Der Partheiengeist werde erstickt: in der Handlungsverbeß[erung] beßere bürg[erliche] Commission gesetzt: so im Geistl[ichen] auch, wo so viel Verbeßer[ung] nöthig ist, und die Stadt werde Eins, ruhig glücklich. Sie bleibe keine Scheinrepublik, keine R[es] p[ub]l[ica] in republ. ; aber eine Dienerin mit Vorzügen und Range: wie glücklich wer das könnte! der ist mehr als Zwinglius und Calvin! ein Befreier und zugleich Bürger – sind dazu keine Wege möglich? aber jetzt nicht: spät: durch Gewalt an Hofe. Ich bin bei der Stadt gewesen, mit Advokaten, Canzl[ei] und Rath umgegangen; komme unter die Krone, werde dies Departement kennen lernen; beides untersuchen – soll dies nicht Vorurtheil für mich seyn? Kampenhausen und Tesch und Schwarz und Berens nützen: im Stillen arbeiten, und vielleicht bekomme ich einmal ein Wort ans Ohr der Kaiserin! Was Morellet in Frankreich ausrichtet; ich das nicht an einem andern Ort. Dazu will ich meine Gabe zum Phlegma und zur Hitze ausbilden, mir erste Anrede und Gabe des kalten deutl[ichen] Vorschlages geben, den nur spät ein Enthusiasmus unterstütze, und so mich im Stillen bereiten, um Einst nützl[ich] zu werden – o hätte ich doch keine Critische Wälder geschrieben! – – – Ich will mich so stark als mögl[ich] vom Geist der Schriftstellerei abwenden und zum Geist zu handeln gewöhnen! – Wie groß, wenn ich aus Riga eine glückliche Stadt mache. Die dritte Periode auf der Ostsee sind die Holländischen Domainen: Holland, dies Wunder der Republik; hat nur Eine Triebfeder, Handelsgeist , und dessen Geschichte möchte ich lesen. Wie er auf den Geist der Feudalkriege folgte? sich aus Amerika und Asien in Europa übertrug, und einen neuen Geist der Zeit schuff. Er war nicht einerlei mit dem Erfindungsgeiste: Port[ugal] und Span[ien] nutzten nichts von ihren Entdeckungen: er war eine Oekonomie Europens zu dem sich aus Morrästen eine arme, dürftige, fleißige Republik emporhob. Welch ein grosser Zustrom von Umständen begleitete sie zum Glück! zum Glück von Europa! Aber von ihnen hat Alles gelernt: derselbe Geist hat sich überall ausgebreitet: England mit seiner Akte, Frankreich, Schweden, Dännemark u. s. w. Holland ist auf dem Punkte zu sinken; aber natürlicher Weise nur allmählich. Der Verf. des Commerce de la H[ollande] hats gezeigt: sein Mittel aber zur Entdeckung des 5t[en] Welttheils wird nichts thun: der Entdeck[ungs]geist ist nicht der Kaufmannsgeist. Daher hat man nichts einmal unternehmen wollen: auch unternommen, wäre für Holland kaum eine Einnahme und Einrichtung zur Bothmäßigkeit mögl[ich]: und endlich würden sie es so gewiß verlieren, als Holland sein Brasilien und Port[ugal] sein Ostindien verlor. Dieser Verfall ist kaum mehr vermeidlich: die Gestalt Europens ist zu sehr darnach eingerichtet, daß sie ihn fodert; und Holland sinkt durch sich selbst. Seine Schiffe gehen umsonst: die Preise der Compagnie fallen: die Republik ist weniger in der Waage Europens, und muß dies Wenige bleiben, sonst wird sie noch mehr [verlieren]. Sie bereichert sich von dem, was andre ihr zu verdienen geben, und diese geben ihr weniger zu verdienen, und werden endlich von ihr verdienen wollen. Es wird also einmal und vielleicht schon bei meinen Lebzeiten eine Zeit seyn, da Holland nichts als ein todtes Magazin von Waaren ist, das sich ausleert und nicht mehr vollfüllen mag und also ausgeht, wie eine Galanteriebude, die sich nicht ersetzen will. Der Geldwechsel wird noch länger als der Waarenhandel dauren; wie aber, wenn England mit seinen Nationalschulden da einmal ein Fallißement macht? In diesem Betracht aber kann es sich noch lange erhalten: denn einmal ist doch vor ganz Europa eine Geldwechslerin nöthig: diese muß eine Republ[ik] seyn: liegen, wie Holland liegt: mit dem Seedienst verbunden seyn: die Genauigkeit zum Nationalcharakter haben und siehe! das ist Holland! Republik, in der Mitte von Europa, für die See geboren, arbeitsam und nichts als dieses, genau und reinl[ich] wie im Gelde so in der Rechnung: es wird lange Wechslerin bleiben, was ists denn aber als dieses allein? Keine Seemacht, sondern Seedienerin; keine handelnde Nation mehr, sondern Dienerin und Hand des Handels: welche grosse Veränderung! Denn wird man sehen, was Handelsgeist, der nichts als solcher ist, für Schwächen gibt: das wird alsdenn kein grübelnder Philosoph, sondern die Reelle Zeit lehren, nicht mit Worten, sondern Thaten: in einem grossen Beispiel, für ganz Europa an einer ganzen Nation. Da wird man sehen, wie der blosse Handelsgeist den Geist der Tapferkeit, der Unternehmungen, der wahren Staatsklugheit, Weisheit, Gelehrsamkeit u. s. w. aufhebet oder einschränket: man kanns zum Theil in Holland schon jetzt sehen. Ist hier wahres Genie? einen ehrlichen Friso nehme ich aus; diese Provinz ist nicht Holland: das übrige ist, als öffentliche Sache, Lat[einisch], Griech[isch], Ebräisch, Arab[isch] Experiment. Medicin. Kram; sehr gut, nach unsrer Litterat[ur] vortreflich, ein Muster, unentbehrlich. Sie kommen weiter, als die Deutschen und Franzosen, die sich allem widmen, und weniger weit, als die Engländer, die immer Genie mit ihren Erfahrungen verbinden, und das erste oft übertreiben. Alles ist in Holland zu Kauf: Talente, und die werden also Fleis: Gelehrsamkeit und die wird Fleiß: Menschheit, Honnetete, alles wird vom Kaufmannsgeiste gebildet – doch ich will erst Holland sehen! – Und zum Uebersehen des Genies, oder zum Gedächtnißlernen des Krams der Gelehrsamkeit ist das, glaub ich, das erste Land! Was wird aber auf den Handelsgeist Hollands folgen? Geist der Partheien, d. i. der Ekonomischen innerlichen Handlung eines jeden Landes? Auf eine Zeitlang glaub ichs, und es läßt sich dazu an in ganz Europa. Oder der Partheien, d. i. der Aufwieglung? Dies ist auf das eben genante unvermeidlich. Eines der großen Völker im Ekon[omischen] Handel z. E. England wird ein andres aufwiegeln, das wild ist, und dabei selbst zu Grunde gehen – könnte dies nicht Rußland seyn! – Oder der völligen Wildheit, Irreligion, Ueberschwemmung der Völker? was weiß ich. Die Jesuiten in Amerika haben aufgehört: ich habe mich betrogen: seinem Untergang indessen wird der feine Politische Geist Europens nicht entgehen. In Griechenland sprach man nicht ein Wort von Rom, bis dies jenes überwand: so mit Griechenland und Egypten: Egypten und Persien: Aßyrien und Meden. Nur Rom und die Barbaren – das war anders: da munkelte es lange, wie der Pöbel sagt: in unsrer Zeit muß es noch länger munkeln, aber desto plötzlicher losbrechen. – Was wollen doch alle unsre Kriegskünste sagen? Ein Griechisches Feuer, Eine neue Erfindung, die alle vorige zerstört, ist allen überlegen. Was will alle Gelehrsamkeit, Typographien, Bibliotheken u. s. w. sagen? Eine Landplage, eine Barbarische Ueberschwemmung, alsdenn ein Herrnhutischer Geist auf den Kanzeln, der Gelehrsamkeit zur Sünde und Mangel der Religion und Philosophie zum Ursprunge des Verderbens macht, kann den Geist einführen, Bibliotheken zu verbrennen, Typographien zu verbrennen, das Land der Gelehrsamkeit zu verlassen, aus Frömmigkeit Ignoranten zu werden. So arbeiten wir uns mit unserm Deism, mit unsrer Philosophie über die Religion, mit unsrer zu feinen Cultivirung der Vernunft selbst ins Verderben hinein. Aber das ist in der ganzen Natur der Sachen unvermeidlich. Dieselbe Materie, die uns Stärke gibt, und unsre Knorpel zu Knochen macht, macht auch endlich die Knorpel zu Knochen, die immer Knorpel bleiben sollen: und dieselbe Verfeinerung, die unsern Pöbel gesittet macht, macht ihn auch endlich alt, schwach und nichts tauglich. Wer kann wider die Natur der Dinge? Der Weise geht auf seinem Wege fort die Menschliche Vernunft aufzuklären, und zuckt nur denn die Achseln, wenn andre Narren von dieser Aufklärung als einem letzten Zwecke, als einer Ewigkeit reden. Alsdenn muß man die Diderotschen und Schweizerischen Politiker wiederlegen, oder, da dies im Geist unsrer Zeit, da der AntiRoußeauianism. herrscht, zu einer Fabel wird und noch zu früh auch für Nutzen und Ausführung wäre, bei sich das beßere denken. Alle Aufklärung ist nie Zweck, sondern immer Mittel; wird sie jenes so ists Zeichen daß sie aufgehört hat, dieses zu seyn, wie in Frankreich und noch mehr in Italien, und noch mehr in Griechenland und endl[ich] gar in Egypten und Asien. Diese sind Barbarn, und verachtenswürdiger als solche: die Mönche von Libanon, die Wallfahrter nach Mecca, die Griechischen Papa's sind rechte Ungeziefer aus der Fäulniß eines edlen Pferdes. Die Italienischen Akademien in Kortona zeigen die Reliquien ihrer Väter auf und schreiben drüber, daß es erlaubt sey, sie aufzuzeigen, lange Bücher, Memoires , 4t- und Folianten. In Frankreich wird man bald so weit seyn: wenn die Voltaire und Montesq[uieu] todt seyn werden: so wird man den Geist der Voltaire, Boßvets, Montesq[uieu] Racine u. s. w. so lange machen: bis nichts mehr da ist. Jetzt macht man schon Encyklopädien: ein D'Alembert und Diderot selbst lassen sich dazu herunter: und eben dies Buch, was den Franzosen ihr Triumph ist, ist für mich das erste Zeichen zu ihrem Verfall. Sie haben nichts zu schreiben und machen also Abrégés, Dictionaires, Histoires, Vocabulaires, Esprits, Encyclopedieen , u. s. w. Die Originalwerke fallen weg. – Daß ein Volk durch seine Feinheit des Geistes, wenn es einmal auf Abwege geräth, desto tiefer hinein sich verirre, zeigt der unvergleichliche Montesquieu an den Griechen, die durch ihren feinen Kopf eben so tief hinein in die Spekulation geriethen über die Religion, die ihr Gebäude umwarf. England – in seinem Handel geht es sich zu ruiniren? seine Nationalschulden werden die Verfall des Ganzen machen? – aus Amerika wirds da nicht von seinen Colonien, Schaden nehmen? was ists in der Concurrenz andrer Nationen? wie weit kann diese dagegen noch steigen? = geht es im Handel also zu Bette, oder noch höher zu werden? Aber sein Geist der Manufacturen, der Künste, der Wißenschaften wird der sich nicht noch lange erhalten? Schützt es da nicht seine Meerlage, seine Einrichtung, seine Freiheit, sein Kopf? Und wenn es insonderheit die Aufwieglerin überwindender Nationen seyn sollte, wird es nicht dabei wenigstens eine Zeitlang gewinnen? und lange für dem Ruin sich wenigstens noch bewahren? = = Frankreich: seine Epoche der Litteratur ist gemacht: das Jahrhundert Ludwichs vorbei; auch die Montesquieus, D'Alemberts, Voltaire's, Roußeau sind vorbei: man wohnt auf den Ruinen: was wollen jetzt die Heroidensänger und kleinen Comödienschreiber und Liederchenmacher sagen? Der Geschmack an Encyklopädien, an Wörterbüchern, an Auszügen, an Geist der Schriften zeigt den Mangel an Originalwerken. Der Geschmack an äußerlichen fremden Schriften, das Lob des Journal etranger u. s. w. den Mangel an Originalen: bei diesen muß doch immer Ausdruck, Stempel u. s. w. verlohren gehen und wenn sie doch gelesen werden, so ists ein Zeichen, daß der blosse Werth und die Natur der Gedanken schon reichhaltig gnug sey, um nicht die Wortschönheit nöthig zu haben. Und da die Franzosen von der letzten so viel und Alles machen, da ihnen Wendung, Ausdruck und überhaupt Kleid des Gedankens alles ist: da die Deutschen so sehr von den Wendungen und dem Lieblingsstaat der Franzosen abgehen und doch, die so verachteten Deutschen doch gelesen werden – so ist dies ein grosses Kennzeichen von der Armuth, von der demüthigen Herabkunft des Landes. Marmontel, Arnaud, Harpe sind kleine Stoppeln, oder sprossende Herbstnachkömmlinge: die grosse Ernte ist vorbei. Was hat das Jahrhundert Ludwichs würklich Originelles gehabt? Die Frage ist verwickelt. Aus Italien und Spanien haben ihre grösten Geister vieles her, das ist unleugbar: die Klubbe unter Richelieu arbeitete über fremde Gegenstände: Corneilles Cid ist Spanisch: seine Helden noch Spanischer: seine Sprache in den ersten Stücken noch Spanischer, wie Voltaire in seinem Comment[ar] darüber zu lesen ist. Seine Medea war ein Hexenstück: sein Cid s. davon die merkw[ürdige] Vorrede Volta[i]rs und die Romancen drüber. Von Moliere findet man etwas im 2ten Th. der Bibl[iothek] der Ana – der Cardinal Mazarin, der Quinault und die Oper aufweckte, war Italiener. Die Ritteraufzüge, Festlichkeiten u. s. w. Italienisch: Lulli ein Italiener: der Geschmack der Kunst, Baukunst, Bildhauerei, Verzierungen, Münzen, Italienisch: die Komödie Italienisch. Die Gesellschaft der Wißenschaften meist Italiener im Anfange s. Fontenelle und Voltaire: Telemach ein Gedicht halb Lateinisch, halb Italienisch in seinen Beschreibungen: u. s. w. Die vornehmsten Künste waren erfunden oder zurückerfunden von den Italienern: was haben die Franzosen gethan? nichts, als das Ding zugesetzt, was wir Geschmack nennen. Dazu disponirte sie ihre Philosophischere Sprache, mit ihrer Einförmigkeit, Reichthum an Abstrakten Begriffen und Fähigkeit, neue Abstrakte Begriffe zu bezeichnen. Da kam also der Spanische und Italienische Geschmack mit ihren Gleichnißen und Spielwörtern ab, man nenne diese Katachresen, oder Concetti oder wie man wolle, wovon noch die ersten Französischen Romanen, Tragödien und Poesien voll sind. Die zu hitzige Einbildungskraft der Span[ier] und Ital[iener] ward in der kältern Sprache und Denkart der Franzosen gemildert: das gar zu feurige der Liebe verschwand; es ward gemildert; aber mit dem Abentheuerlichen ging auch das wahrhaftig zärtliche weg: es ward endlich frostige Galanterie, die nur Adel in Gedanken, Franchise in Worten und Politesse in Manieren sucht. So wird also keine wahre zärtliche Liebe mehr die Scene eines Franzosen von Geschmack seyn. – Man sehe sie selbst auf ihrem Theater: welche ausstudirte Grimassen! einförmige Galanterien! – Sie haben das Herzbrechende weggeworfen: das gar zu niedrige von Küssen u. s. w. ist weg: das Uebertriebne von Augen u. s. w. ist weg: die wahre eheliche Liebe wird nicht gespielt; der wahre Affekt der Brautliebe ist gemein, ist einem Theil nach unedel und verächtlich; dem andern Theile nach übertrieben und lächerlich – was bleibt über? wo sind die schönen Griechischen Scenen der Iphigenia u. s. w. auf dem Franz[ösischen] Theater? – – Eben so ists mit dem Helden des Franz[ösischen] Geschm[acks]. Der Spanier abentheuerlich; Italien hat jetzt keine mehr: was ist aber der galante Held Frankreichs. – – Die Komödie ist in Ital[ien] zu gemein, zu Hanswurstmässig; in Frankreich ist sie in Scenen des gesellschaftlichen Lebens ausgeartet. Moliere ist nicht mehr. Man schämt sich von Herzen aus zu lachen: man lächelt wie im Lügner des Gressets und andren; (s.Clements Nouvell. darüber). Die Franz. Komödie macht Scenen des gesellschaftlichen Lebens; Abende nach der Mode, Marquis, oder nichts. – – Die wahre Kanzelberedsamkeit weg: keine unmittelbare Rührung, sondern Tiraden von grossen Bildern, langschwänzigen Perioden, nichts mehr. Können die Boßvets, Flechiers, u. s. w. rühren! Dazu ist weder Thema, noch Publikum, noch das Ganze der Rede; erleuchten, hie und da erschüttern, das können sie – – nur jener Redner vom jüngsten Gericht in einer Provinz wuste zu rühren mit dem Ganzen der Rede; in Paris wäre er ausgelacht, oder ausgezischt u. s. w. Also ists nur eine gewiße Annäherung an die kältere gesunde Vernunft, die die Franzosen den Werken der Einbildungskraft gegeben haben: das ist Geschmack und ihr Gutes. Es ist aber auch Erkältung der Phantasie und des Affekts, die sie ihm damit haben geben müssen; und das ihr Geschmack im bösen Verstande, der endlich nichts, als das bleibt, was Montesq[uieu] Politische Ehre ist. Dieser grosse Mann gibt auch hierinn eine Bahn zur Aussicht. Griechenland war gleichsam wahre Republ[ik] der Wissenschaften; da galt auch seine Triebfeder, Litt.-Tugend, Liebe zu den Musen. In Rom wars Aristokratie: da schrieben nur einige Vornehme und ihre Tugend war Moderation. Mit einemmal wards Despotism unter der Päbstischen Regierung. Eine andre Art von Gestalt bei der Wiederauflebung, wo es Ehre war die Alten nachzuahmen; das war Aristokratische Monarchie: die Alten das Depot der Gesetze und des Senats. Vergleichung dieses Zeitpunkts mit den Römern, bei denen die Griechen auch ein Depot der Gesetze und Senat waren; aber bei ähnlichem Sitten, Sprachen, Zustande; also minder tyrannisch, minder Venetianisch, wie die letzte. – In Frankreich wars Monarchie! Ehre und wie sie Montesq[uieu] beschreibt, ward Triebfeder in Allem – in England ists Despotism und Demokratie, Shakesp[eare] u. s. w. regieren: und werden verspottet: Bolinbrocke regierte und wird verspottet – was ists in Deutschland. – In Holland Despotism und Schaarwerksarbeit; in Deutschland Akademische Aristokratie, die sich in Der Satz bricht am Anfang der letzten Zeile einer Seite ab. Wie kann sie in Deutschland nachgeahmt werden? Eben um so weniger, da wir von dieser Monarchie, von diesem Hofzustande, von dieser Honneur in der Litteratur wenig wissen, sie nicht haben können und wo wir sie haben, mit Verlust erkaufen. Der Franzose weiß nichts vom Reellen der Metaphysik und kann nicht begreifen, daß es was Reelles in ihnen gebe (s. Clement bei Gelegenheit Condillacs, Maupertuis, Königs u. s. w. Siehe eben so die Spöttereien Voltaires, Crebillons u. s. w.). Er hat lauter Convention des Gesellschaftlichen in seiner Philosophie, die er hat und sucht; wir lieben Abstrakte Wahrheit, die an sich liebenswürdig ist, und das Faßliche ist nicht Hauptwerk sondern Conditio sine qua non . So auch in der Physik u. s. w. Bei Fontenelle erstickt alles unter Gespräch, in seinen Lobreden alles Materielle unter schöne Wendung, daß die Wissenschaft selbst Nebensache wird. So auch in der Menschlichen Philosophie: bei Roußeau muß alles die Wendung des Paradoxen annehmen, die ihn verdirbt, die ihn verführt, die ihn gemeine Sachen neu, kleine groß, wahre unwahr, unwahre wahr machen lehrt. Nichts wird bei ihm simple Behauptung; alles neu, frappant, wunderbar: so wird das an sich Schöne doch übertrieben: das Wahre zu allgemein und hört auf Wahrheit zu seyn; es muß ihm seine falsche Tour genommen; es muß in unsre Welt zurückgeführt werden, wer aber kann das? Kans jeder gemeine Leser? ists nicht oft mühsamer, als daß es das lohnt, was man dabei gewinnt? und wird nicht also Roußeau durch seinen Geist unbrauchbar oder schädl[ich] bei aller seiner Größe? – Endlich Voltäre gar – was ist bei dem Historie als ein Supplement und eine Gelegenheit zu seinem Witze, seiner Spotterei, seiner Betrachtungslaune? Diese ist an sich schön; sie kann, insonderheit die Deutschen, sehr bilden; nur nachgeahmt werden? in der Historie nachgeahmt werden? Muster der Historie seyn? mit oder ohne Volt[aires] Geist – nie! mit ihm wird die Historie verunstaltet; ohne ihn noch mehr verunstaltet – man lese ihn also als Volt[aires] Einfälle über die Historie! so recht und kann viel lernen. Dies gilt noch mehr die Abstrakten Wißenschaften, die Newtonische Philosophie und am meisten seine Metaphysik. = = Thomas was muß man ihm nehmen und geben, daß er würdig lobe! Geben den Geist der Helden, die er lobt, Sulli, und D'Agueßeaus, Trouins und des Marschalls, und insonderheit Deskartes – hat er den? kann er den haben? Er ist also ihr Deklamateur, was man bei allen, am meisten bei Deskartes, Sulli und dem Marschall sieht: macht Kleinigkeiten groß, und vergißt Grössen: hat so viel ers auch verbergen will, seine loci communes von Erziehung, Schutzgeist, Ungewöhnlichem der grossen Seele, Charakter aus Trüblet und Boßvet: hat noch mehr seine erschreckl[ichen] loci communes bei Beschreib[ung] der Länder, der Wißenschaften, der Völker, Kriege und grossen Unternehmungen – da siehet man die Thomasschen Aufstutzungen, die, ihm genommen, was bleibt übrig? seine Anekdoten, die er anführt, und histor[ische] Umstände! Indessen ist er bei seinen Fehlern zu lesen: diese sind süße, bildende Fehler! aber nicht das sie das Hauptwerk der Lobreden werden. Ein Deutscher, der Wolf und Leibniz lobte, wie anders der? Rochefoucault! wie entfernt er sich! wie vertieft er sich! seine Hauptmaxime selbst ist nur halbwahr: und welche unmenschliche Anwendung! politisch wahr und vielleicht auch nützl[ich]! aber Menschl[ich] nicht wahr und erniedrigend, demüthigend, nicht beßernd, sondern verschlimmernd – die Ausgeburt eines scharfsinnigen Kopfs, eines witzigen Gesellschafters, der oft betrogen ist, und sich durch seinen Stand ein ernsthaftes Deßus gibt; eines Melanchol[ischen] Temper[aments] und gallichten Herz[en]s. Ich lese meinen Tristram lieber! – Montesquieu endlich selbst; ist er ganz frei vom faux-brillant ? man sehe, wie oft er in der Uebersetzung unkenntlich ist, und es zum Theil seyn muß, der Güte und Fehler seiner Sprache halben. Ganz frei vom falsch Philosophischen? noch minder! und seine Uebersetzung in unsre Philosophischere Sprache ist hier noch mehr Zeugin. – Man sieht, die Mühe, die er sich gibt, Abstrakt, tiefsinnig zu seyn: Ideen zu verkürzen um nur viel zu denken zu geben und es scheine, daß er noch mehr gedacht habe: Aufstutzungen kleiner juristischen Fälle und Phänomene unter Gerüste von grossen Aussichten, Continuat[ionen] desselben Sujets, Bemerkungen, Zubereitungen u. s. w. Selbst seine Grundsätze sind wahr, fein, schön; aber nicht vollständig und einer unendl[ichen] Mischung unterworfen: Es gibt Demokratische Aristokratien und v[ice] v[ersa] Aristokratien und Demokratien in verschiedner Stuffe der Cultur diese, der Macht und des Ansehens jene. Aristokratische Monarchien und Monarchische Aristokratien wie z. E. Rom, Florenz u. s. w. diese; jenes Schweden und Polen sind, und selbst diese wie verschieden sind sie? und noch mehr können sie seyn, nach Einricht[ungen], Sitten, Kult[ur,] Macht der Aristokraten und des Monarchs. Monarchischer Despotism, da dieser durch jenen nur gemildert wird, wie unter Ludw[ig] XIV. und Richelieu in Frankreich; und Despotische Monarchie, wie in Preußen und mit schwächern Zügen in Dännemark. Aristokratischer Despotism, wie in Rußland; Demokratischer, wie in der Türkei – Demokratisch Aristokratische Monarchie wie in Schweden; Monarchische Aristokratische Demokratie wie in England, u. s. w. wer kann alle Kleinere Republ[iken] und Staatsverfaßungen durchgehen? in allen Zeiten? Ländern, Veränderungen? Das einzige Rom wie viel hats gehabt? wenn war es sich gleich? Nie! welch ein feines Werk ist da noch aus Montesq[uieu] (G[ei]st der Gesetze) über Montesq[uieu] (G[ei]st der Römer) zu schreiben, was er und Mably nicht geschrieben! – Wie muß er also verstanden, vermehrt, ausgefüllt, recht angewandt werden! wie schwer ist das letzte insonderheit? Das zeigt das grösseste Beispiel, die Gesetzgebung Rußlands! Wie groß für Montesquieu, wenn er so geschrieben hätte, um nach seinem Tode ein Gesetzgeber des größesten Reichs der Welt seyn zu können? jetzt ist ers, der Ehre nach; aber ob auch der Würde, dem würklichen Nutzen nach? Das weiß ich nicht. Die Monarchin Rußlands setzt eine Triebfeder zum Grunde, die ihre Sprache, Nation, und Reich nicht hat, Ehre. Man lese Montesq[uieu] über diesen Punkt, und Zug für Zug ist die Rußische Nation, und Verfaßung das Gegenbild: man lese ihn über Despotism und Crainte, und Zug für Zug sind beide da. Nun höre man ihn selbst, ob beide zu einer Zeit da seyn können. Die Ehre will, daß man sich von Mitbürgern unterscheide, schöne, grosse, außerordentliche Handl[ungen] thue: ein Ruße kann nicht diese Triebfeder haben, denn er hat keine Mitbürger: er hat für Bürger kein Wort in seiner Sprache. Der junge Ruße von Stande sieht an Bürgern nichts als Knechte, wovon ich selbst ein redendes Beispiel gekannt habe: der junge Ruße ohne Stand sieht nichts als Pfiffe, wodurch er sich heben kann. Diese Pfiffe sind nicht Geist der Nation, weil sie Grösse des Geistes sind, sondern weil sie Vortheile bringen: so hebt sich der Grosse, wenn er glücklich rebellirt, und der Arme, weil er dadurch reich wird. Beide wagen, als Sklaven, ein letztes! unglücklich oder glücklich! Furcht oder Hoffnung! = ganz also das Gegentheil der Ehre! Ists honett ein betrügerischer Kaufmann, ein Schmeichler, ein Rebell, ein Königsmörder zu seyn? Der Ruße ist alles durch Natur! Die Ehre will, daß man nicht niedrig schmeichle: der Ruße ist nie andres, als niedrig in seiner Schmeichelei, damit er groß gegen andre sei: d. i. er ist Sklave um Despot zu werden. Die Ehre will, daß man die Wahrheit spreche, wenn es Honetete gebeut; der Ruße sagt sie denn am wenigsten, und wenn es auch nur der geringste Vortheil wollte. Die Politeße der Rußen ist grob Despotisch z. E. im Saufen, Küssen u. s. w. hat grobe Ehre; oder ist grobe Gewohnheit; oder endlich Betrügerei. Kein Ruße ist fein, um zu zeigen, daß er nicht grob und niedrig ist: denn sonst würde ers immer seyn, auch gegen Bediente, Untere u. s. w. sondern gegen die ist er eben Despot. Solche Sitten haben sich z. E. dem Rathe in R[iga] selbst eingeflößt, und der dicke B. ist ein Muster Rußischer Politesse: sein Anhängling hat wahrere Französische, um ihr selbst willen, daß er doch nicht B. sey. Diese Triebfeder ist also nicht blos nicht; die Sklavische Furcht ihr Gegentheil ist um so mehr würksam. Wie kann jene nun zur Triebfeder genommen werden? Damit sich der Hof betrüge! damit das Gesetzbuch nie gehalten werde! damit eine völlige Verwilderung einbreche! Der Furcht und ihren greulichen Unternehmungen wird nicht zuvorgekommen, sie nicht eingehalten, sie nicht gelenkt: die Gesetze sind zu gelinde! Von der andern Seite werden Gesetze keine Ehre einflössen, diese also nicht würksam machen: der Staat hat also keine Triebfeder; er wird Despotische Aristokratie, oder wenigstens Demokrat. Aristokr. Despotism. bleiben, und sich in eine grosse Umwälzung hineinrollen, so bald das Gesetzbuch und nicht die Person eines Prinzen regiert. Diese regiert jetzt: wird sie aber immer regieren? Die Monarchin will, um ihre Nation nicht zu schmälern, den Despotism verkennen, in der Triebfeder: vielleicht verkennet sie ihn auch im Effekt: denn wie und welche Art und woher sie regiert, ist sie keine Despotin und kann es auch nicht seyn. Aber sieht sie denn keine Despoten ihrer Selbst? sieht sie keinen Senat, Grossen u. s. w., denen sie sich bequemen muß. Und was ist nun ärger, als ein Aristokratischer Despotism? = = Sie sieht nichts als Aristokratische Republik im Senate: sie ehrt ihn mit dem Namen eines Depots der Gesetze u. s. w. sie nimmt Regeln aus einer Republik her, um sie auf ihn zu passen. Grosse Kaiserin! wie unrecht genommen! = = Diese Herren stellen sie das Reich vor? sind sie aus dem ganzen Adel des Landes genommen? durch rechte Wege hineingekommen? sind sie die Gewährleute der Gesetze, da Rußland keine Gesetze hat? haben sie die gehörige Macht zu wiedersprechen? die gehörige Triebfeder fürs Reich zu reden? was ist ihr Reich? ihre Unterthanen? Die sind Sklaven. Dein Reich! Große Kaiserin! Nein! ihr Palais, Güter, Luxus, Bedürfniße, Parthen, die sie durch Geschenke gewonnen, das ist ihr Reich, dem sie dienen! für das sie alles thun werden – für welches sie Pöbel für Dir sind, um Despoten über Dich und das Reich zu seyn; welche Republik! welch eine Zerstreuung! = = und nun wo ist Montesquieu an seiner Stelle. Ein zweiter Montesquieu, um ihn anzuwenden! Die Normandie = o Land, was bist du gewesen? Wo ist dein Geist der Galanterie und des Heldenthums, der Gesetze; und der Erziehung, wo ist er? und wie groß war er? was hat er nicht in Europa ausgerichtet? in Frankreich, in England, in Neapel, in Sicilien, in Italien, in Asien durch die Kreuzzüge, in Cypern, in der Welt? Eine Geschichte von ihm wäre mehr als eine Geschichte des Französischen Patriotismus: sie enthielte zugleich einen grossen Theil des Ritter- und Riesengeschmacks, mithin der Französischen, Englischen und Italienischen Litteratur. Und wohin ist dieser Geist verflossen? Er hat sich im Fluß der Zeiten verdünnet, er ist in Orden und Cerimonien, in Kreuzzüge und Wanderungen verflossen: er ist nicht mehr. Indessen warens doch noch meistens aus der Normandie, die die berühmtesten Schriftsteller Frankreichs gewesen: Marot, Malherbe, Sarrazin, Segrais von Kaen: Scuderi von Havre, die Corne[i]llen, Brebeuf, Fontenelle von Rouen, Benserade dabei, und der Kardinal Perron aus Niedernormandie. Einer in den Ana zerbricht sich darüber den Kopf wie dies mit dem Phlegma der Provinz zu reimen sey: ich hätte Lust hievon zu abstrahiren, und die zweite Wiederauflebung ihres Geistes hier zu suchen. In Frankreich: alles spricht hier Französisch, so gar Piloten und Kinder! Man legt die letzte Frage einem Deutschen Bedienten in den Mund und es wird Buffonnerie. Wie viel Sachen aber sind nicht von den Alten, die wir so untersuchen, daß uns nur immer ein Bedienter diese Frage zuruffen sollte. So wenn wir die Griechische Sprache im Homer untersuchen: diese Sprache muß man alsdenn denken, sprachen alle Kinder! verstanden alle Leute! Poeten und Narren sangen sie auf den Gassen. Das waren Götter des Volks und des Pöbels! Geschichte und Heldenthaten des Volks und der Kinder! Accente und Sylbenmaasse des Volks und der Nation! So muß man sie lesen, hören, singen, als ob man sie in Griechenland hörte, als ob man ein Grieche wäre! = = Was das für Unterschied gibt zwischen einer lebendigen und todten Sprache, das weiß ich! Diese lieset man mit den Augen: man sieht sie; man hört sie nicht: man spricht sie nicht aus: man kann sie oft nicht aussprechen, wenn man sie gleich verstehet. So entbehrt man allen lebendigen Klang, und bei einem Poeten, bei einem Griechischen Poeten allen lebendigen Wohlklang: alles malende im Ton der Wörter. alle Macht des Sylbenmaasses, des Schalls, der Annehmlichkeit. So wenig ich alle Süßigkeiten in Voltairs Sylbenmaassen fühlen kann: so wie ichs immer mehr lernen muß, sie in ihm und Greßet und Racine zu fühlen; tausendmal mehr mit der lebendigen, tönenden, im Leben abgezognen, lebendig gesungnen Griechischen Sprache. Welche Zauberei gehört dazu, sie zu singen, nicht zu deklamiren, sondern zu singen, zu hören, wie sie Io bei Plato sang und hört und fühlte und wer kann das? = Wie viel Bemerkungen Clarks, Ernesti fallen da nicht weg! werden unleserlich! unausstehlich! In Holland will ich Homeren so lesen und den dürftigen 2t. Th. meiner Crit. W[älder] damit vollfüllen! = Zweitens! fällt mit der todten Sprache aller lebendige Accent weg: die Flick- und Bindewörter, auf die sich die Rede stützt, wenn es auch nur ein eh bien! ma foi! u. s. w. seyn sollte, aber so hörbar ist, um Leben oder nichts zu geben. So sind im Französischen das n'allés pas etc. das je m'en vais etc. und 1000. andre Ausdrücke, und viele Phrases, Bindewörter, u. s. w. müßens im Griechischen seyn. Hier ist Clarke sehr zu brauchen und für mich zu wünschen, daß ich einen gebohrnen Griechen fände oder selbst nach Griechenland käme, auch nur, wie es jetzt ist: um diesen lebendigen Ton des Sinnes, den Accent des Ausdrucks u. s. w. zu hören, um NationalGriechisch sprechen zu können. Wie viel 1000. kleine Unterschiede gibts da nicht, bei Construktionen, temporibus , Partikeln, Aussprache, die man blos durch die lebendige Rede hört. Die Franzosen z. E. scheinen mit ganz andern und höhern Organen zu reden, als wir: unsre scheinen tiefer im Munde und Rachen zu liegen: so Holländer, Engländer; jene höher, öffnen mehr den Mund: insonderheit wird das beim Singen merklich. Daher auch mit je höhern Organen man spricht, man Musikalischer wird und sich dem Gesange nähert: s. Roußeaus Wörterbuch unter Accent, Schall, Ton, Stimme u. s. w. Die Deutschen singen also wenig oder gar nicht: der Franzose mehr: der Italiener seiner Sprache und Organen nach noch mehr: der Grieche noch mehr und sang. Das gehört zu haben, so sprechen zu können, so die Sprache in allen Accenten der Leidenschaft kennen: das heißt Griechisch können. O könnte ich Homer so wie Klopstock lesen! Skandire ich nicht: welch andrer Poet! Weiß ich für die Leidenschaft und Natur ihn zu scandiren; was höre ich da nicht mehr! Welche Verstärkung, Stillstand, Schwäche, Zittrung u. s. w. O sänge mir Homer, Pindar, und Sophokles vor. Drittens endlich; der Sinn und Inhalt der Rede: Lieblingsausdrücke und Bezeichnungen der Nation: Lieblingswendung und Eigenheit in der Denkart – Gott! welcher Unterscheid! Wie hier der Franzose das Jolie liebt, immer vom Amusanten spricht, von Honnetete, die bei ihm ganz was anders ist; was hatte da der Geist der Griechischen und Lateinischen Sprache? Nicht, was das Wort heißen kann, nach ein Paar Wörterbüchern; sondern nach dem Sinn des lebenden Volks, hier, jetzt, und mit Eigensinn heißet? So muß Thersit charakterisirt werden und alle Charaktere und Homer und Alles! Welch ein Feld zu lernen, den Geist der Griechischen Sprache zu lernen! nach Zeitaltern und Schriftstellern. Da muß man aber in der Erziehung ein Monta[i]gne und Shaftesburi gewesen seyn und lebendig Griechisch können, oder kann nichts! Welche grosse Sache, wenn ein Professor der Gr[iechischen] und Lat[einischen] Spr[ache] diese so kann! nicht durch Wörterbücher, und Grammatik, sondern durch ein feines innerliches Gefühl, was uns unsre Ammen beßer beibringen, als unsre gelehrte Aristarche! Dies feine Gefühl am Sinn der Worte, der Redarten, der Construktion, des Klanges haben es im Lateinischen Geßner und Ernesti? hat es Klotz gehabt? kann er Geßner und Christ und Crusius beurtheilen? Wie beurtheilt er sie und Reiske und Sannazar insonderheit und Vida u. a.? Hier muß man sich aus den alten Lateinern und aus den neuen Italienern und aus den Favoritsprüchen in ana bilden, und ja gewisse Jahre und Fertigkeiten und am meisten lebendige Eindrücke nicht versäumen. Hat Ruhnke dies Gefühl im Griechischen? Herel im Griechischen? Heine nicht im Lateinischen! das wäre Weg ihn zu loben (im 2t. Th. der Kr[it]. Wälder) Hats Klotz in Absicht auf Horaz? Hats Algarotti in Absicht auf diesen mehr? Wie sind in diesem Betracht die verschiednen Urtheile verschiedner von einem Manne zu vereinigen! Siehe die Bibliothek der ana p. 84. 85. u. s. w. Hat Lambin, B. – – – und Ramler ein solch Gefühl von Horaz! Klotz von Tyrtäus, Weiße? = = Dies ist auch der beste Weg mich herauszuziehen, wo man mich der Wörtlichen Schwäche im Gr[iechischen] und Lat[einischen] beschuldigt. Hiedurch werden die Krit. Wälder sich im 1. und 2. Th. sehr heben und das soll Holland thun! So will ich in Frankreich Französisch, in Holland Lateinisch und Griechisch, in England Englisch, in Ital[ien] Italien[isch) und Lat[einisch] und Gr[iechisch] lernen: ei wo Hebräisch und Arabisch? = = ja aber, das ich nirgends die Frage vergesse: in Frankreich reden auch die Kinder Französisch? Von diesem Geist der Zeit hängen Sprachen, wie Regierungen ab: die Sache wird bis zum Augenschein frappant, wenn man vergleicht. Derselbe Geist der Monarchischen Sitten, den Montesquieu an seiner Person so augenscheinlich mahlt, herrscht auch in ihrer Sprache. Tugend, innere Stärke, hat diese so wenig, wie die Nation; man macht mit dem Kleinsten das Größeste was man kann, wie eine Maschine durch ein Triebrad regiert wird. Nationalstärke, Eigenheit, die an ihrem Boden klebt, Originalität hat sie nicht so viel; aber das was Ehre auch hier heißt, das Vorurtheil jeder Person und jedes Buchs und jedes Worts ist Hauptsache. Ein gewißer Adel in Gedanken, eine gewisse Freiheit im Ausdruck, eine Politeße in der Manier der Worte und in der Wendung: das ist das Gepräge der Französischen Sprache, wie ihrer Sitten. Nicht das, was man andern lehrt ist Hauptmine, sondern das, was man selbst weiß und lehren kann; was man sich selbst schuldig ist, und das weiß keiner vortreflicher als Voltaire, und Roußeau, so sehr es der letzte auch verläugnet und so gräulich verschieden sie \<es\> auch sind. Sie sinds doch, der erste eitel und frech auf sich; der andre stolz und hochmüthig auf sich: aber beide suchen nichts so sehr, als das Unterscheidende. Nur jener glaubt sich immer schon unterschieden zu haben, und verficht sich blos durch Witz; dieser durch seine unausstehliche, immer unerhörte Neuigkeit und Paradoxie! So sehr Roußeau gegen die Philosophen ficht; so sieht man doch, daß es auch ihm nicht an Richtigkeit, Güte, Vernunft, Nutzbarkeit seiner Gedanken gelegen ist: sondern an Grösse, Außerordentlichem, Neuen, Frappanten. Wo er dies finden kann, ist er Sophist und Vertheidiger: und daher haben die Franzosen auch so wenig Philosophen, Politiker und Geschichtschreiber; denn diesen drei Leuten muß es blos an Wahrheit gelegen seyn. Was aber opfert nun nicht Voltaire einem Einfall, Roußeau einer Neuigkeit, und Marmontel einer Wendung auf. Die Galanterie ist daher so fein ausgebildet unter diesem Volk, als nirgends sonst. Immer bemüht, nicht Wahrheit der Empfindung und Zärtlichkeit zu schildern; sondern schöne Seite derselben, Art sich auszudrücken, Fähigkeit erobern zu können – ist die Galanterie der Französischen Romane und die Coquetterie des Französischen Styls entstanden, der immer zeigen will, daß er zu leben und zu erobern weiß. Daher die Feinheit der Wendungen, wenn sie auch nichts sind, damit man nur zeige, daß man sie machen könne. Daher die Komplimente, wenn sie nur nicht niedrig sind: daher also aus dem ersten die Crebillons, aus dem zweiten die Fontenelle, aus dem dritten die Boßvets und Flechier, die Prologen und die Journalisten. Hätte Fonten[elle] die Gaben auf den Inhalt gewandt, die er jetzt auf Wendungen und die Oberfläche der Wißenschaften wendet, welch ein grosser Mann wäre er geworden, in einer Klasse; da jetzt als Sekretär aller Klassen keiner über ihn ist unter denen die vor ihm gewesen und nach ihm kommen werden. So die Komplimenten der Journalisten: keine Nation kann beßer, feiner, genauer, reicher schildern als diese: nur immer wird diese Schilderung mehr zeigen, daß sie schildern können, daß sie Erziehung haben, daß sie nicht grob wie Deutsche sind, als die Sprache des Sturms der Wahrheit und Empfindung seyn. Die Galanterie ist nichts weniger als die Sprache des Affekts und der Zärtlichkeit: aber des Umgangs und ein Kennzeichen, daß man die Welt kenne. So auch der Tadel: er ist immer die Sprache, die da zeigt, daß man auch zu tadeln hardi und frei und klug gnug sey: nicht die Sprache, daß der Tadel unentbehrlich, nützlich, nothwendig, gut, gründlich sey. Das ist Wahrheit des Pöbels, der sie blos aus Simplicität um ihr selbst willen sagt. – – So auch der Wohlstand: er ist Hauptsache der Manier. Man will gefallen; dazu ist der grosse Ueberfluß der Sprache an Wohlstands-Höflichkeits-Umgangsausdrücken; an Bezeichnungen fürs Gefällige, die immer das Erste sind: Bezeichnungen für das, was sich unterscheidet: an Egards, ohne sich was zu vergeben u. s. w. Die Hofmine hat die Sprache von innen und außen gebildet und ihr Politur gegeben. Geschmack ist Hauptsache und tausendmal mehr als Genie, dies ist verbannt, oder wird verspottet, oder für dem Geschmack verkleinert. Der beständige Ueberfluß von vielen Schriften und Vergnügen, macht nichts als Veränderung zur Haupttugend: man ist der Wahrheit müde: man will was Neues, und so muß endlich der barokste Geschmack herhalten um was Neues zu verschaffen. Dies Neue, das Gefällige, d[as] Amüsante ist Hauptton. Auch als Schriftsteller, auch in der ganzen Sprache ist der Honnethom[m]e der Hauptmann. Tausend Ausdrücke hierüber, die auch im Munde des Pöbels sind, geben der Sprache ein Feines und Cultivirtes, was andre nicht haben. Jeder wird von seiner Ehre, von Honnetete, u. s. w. sprechen und sich hierüber so wohl, und oft so fein, so delikat ausdrücken, daß man sich wundert. Hierinn ist sie Muster, und es wäre eine vortrefliche Sache vom Geist, vom Wohlstande, von der Ehre, von der Höflichkeit der Franz[ösischen] Sprache und ihrer Cultur zu schreiben! Aber nun umgekehrt: wo ist Genie? Wahrheit? Stärke? Tugend? Die Philosophie der Franzosen, die in der Sprache liegt: ihr Reichthum an Abstraktionen, ist gelernt ; also nur dunkel bestimmt, also über und unter angewandt: also keine Philosophie mehr! Man schreibt also auch immer nur beinahe wahr : man müste auf jeden Ausdruck, Begrif, Bezeichnung Acht geben, sie erst immer selbst erfinden; und sie ist schon erfunden: man hat sie gelernt: weiß sie praeter propter : braucht sie also, wie sie andre verstehen und ungefähr brauchen: schreibt also nie sparsam, genau, völlig wahr. Die Philosophie der Franz[ösischen] Spr[ache] hindert also die Philos[ophie] der Gedanken. – – Welche Mühe hat sich hierüber Montesq[uieu] gegeben: wie muß er oft bestimmen, sich immer an einem Wort festhalten, es oft neu schaffen um es zu sichern! wie muß er kurz, trocken, abgeschnitten, sparsam schreiben, um völlig wahr zu seyn: und doch ist ers nicht immer und das seiner Sprache halben! doch ist er nicht genau, oft seiner Sprache halben! und den Franzosen unleserlich, kurz und freilich, da man immer ins Extrem fällt, zu abgekürzt. Helvetius, und Roußeau bestätigen noch mehr, was ich sage, jeder auf seine Art. Hieraus werde beurtheilt, ob die Französische Sprache Philosophische sey? ja sie kans seyn, nur Franzosen müsten sie nicht schreiben! nicht sie für Franzosen schreiben! sie als todte Metaphysische Sprache schreiben! und da nehme man doch ja lieber gerade statt dieser Barbar[ischen,] die es damit würde, eine andre noch mehr Barbarische, die nicht Franzosen erfunden: die sich nicht wie die [der] Franzosen verändert, die todt, Metaphys[isch], bestim[m]t ist, die Lat[einische]. – – Aber freilich in Sachen lebendigen Umgangs mit etwas Teinture der Philos[ophie] keine beßer, als die Französische! Sie hat einen Reichthum an feinen und delikaten Abstraktionen zu Substantiven , eine grosse Menge Adjektiven zur Bezeichnung insonderheit [der] Dinge des Geschmacks, eine Einförmigkeit in Construktionen, die Zweideutigkeiten verhütet, eine mehrere Kürze von Verbis als die Deutsche: sie ist zur lebendigen Philosophie die beste. Insonderheit in Sachen des Geschmacks! Grosser Gott! welche Menge, Reichthum, glücklicher Ueberfluß in Bezeichnungen, Carakterisirung der Schönheit und Fehler herrscht nicht in Clements Nouvellen! Welch ein Ueberfluß von Hof- und Galanter Sprache im Angola, im Sopha, in den feinen Romanen des Jahrhunderts! Selbst der Mangel hat hier Reichthum gegeben! Man macht Subst. aus Adject. : man macht Bezeichnungen mit dem genitive: c'est d'un etc. man formt neue Wörter: man biegt andre alte in einen neuen Sinn – was wäre hier für ein Wörterbuch und für eine Grammatik über den Geschmack in der Französischen Sprache zu schreiben[,] wie das Comische z. E. bekannt ist: so hier das Aesthetische, das Feine, das Galante, das Artige, das Polie! Ich wünsche und wäre es nicht werth mich daran zu üben! Wer von dieser Seite die Französische Sprache inne hat, kennt sie aus dem Grunde, kennt sie als eine Kunst zu brilliren, und in unsrer Welt zu gefallen, kennt sie als eine Logik der Lebensart! Insonderheit aber wollen die Wendungen derselben hier berechnet seyn! Sie sind immer gedreht, sie sagen nie was sie wollen; sie machen immer \<eine\> Beziehungen von dem, der da spricht, auf den, dem man spricht: sie verschieben also immer die Hauptsache zur Nebensache, und die Relation wird Hauptsache und ist das nicht Etiquette des Umgangs? Mich dünkt, diese Quelle der Wendungen hat man noch nicht gnug in diesem Licht angesehen, und verdiente doch so sehr, philosophisch behandelt zu werden. Hier geht die Französische Sprache von allen ältern ab: hier hat sie sich einen ganz neuen Weg gebahnet: hier ist sie andern und der Deutschen Sprache so sehr Vorbild geworden: hier und hier allein ist sie Originalsprache von Europa. Die Alten kannten dies Ding der galanten Verschiebungen nicht: wie oft ist Montesquieu in Verlegenheit, wenn er seinen Perser Französische Wendungen machen läßt, oder ihn Orientalisch will reden laßen und also diesen Wendungen entsagen muß. Und doch ist Montesquieu noch so edel, so simpel, so einfach in seinem Ausdruck, daß er in seinen Briefen z. E. oft wie ein Winkelmann spricht, und in seinen Sachen, die ausgearbeitet sind, und wo er nicht drechselt, noch mehr. Und doch ist Montesquieu der vielleicht, der unter allen Franzosen am meisten von seinen Freunden den Römern und Orientaliern gelernt hat! Wie viel verliert man daß sein Arsaces nicht erscheint! wie würde er da auch über die Eheliche Liebe Morgenländisch denken und Französisch sprechen! Nun nehme man aber andre, die die Franz[ösische] Sprache haben Orientalisiren wollen, um den Unterschied zu sehen! Wo bleibt da das Morgenländ[ische] Wiederholen des Chors? Es wird in Französische Wendung umgegossen. Hier will ich noch die Lett[res] Turques von S[ain]t Foix lesen und überhaupt sehen wie dieser delikate Geist den Orientalismus behandelt! Alsdenn die Peruvianerin mit ihrer Französischen Liebesmetaphysik! Alsdenn den guten Terraßon in seinem Sethos! Ramsai in seinem Cyrus und hier wäre die Parallele schön, wie Xenophon den Perser gräcisiret und Ramsai ihn französiret, oder nicht! Alsdenn ein Blick über die Türkischen Spione, Sinesischen und Jüdischen, Iroquesischen und Barbarischen Briefe, über die Französischen Heroiden aus Orient her, über die Orientalischen Erzählungen in den Englischen Wochenblättern, in Wieland, in Sonnenfels, in Bodmer – – um aus allem Verschiedenheit des Genius der Sprache zu sehen. – – Die Griechische Sprache hat eben so wenig von diesen Wendungen des blossen Wohlstandes gewußt, wie es ihre Sprache der Liebe, des Umganges, des Affekts, der Briefe, der Reden zeigt. Daher der jämmerliche Unterschied wenn Euripid und Racine seine Griechischen Liebhaber! wenn Corneille und Sophokles seine Helden sprechen läßt – bei den Griechen ist alles Sinn, bei dem Franzosen alles loser, gewandter Ausdruck. Voltaire hat Recht, daß es schwer sei, Griechische und Lateinische Verse Französisch zu machen und das Corneille dabei viel Kunst bewiesen! Viel Kunst freilich: Voltaire hat wahr, daß aus einem meist 2. werden, weil Wendung und Endreim in der Französischen Sprache gegeben sind, und vorgestochen daliegen! Aber wehe der Sprache, die so was giebt! und vorzeichnet, das sind nicht Olympische Schranken! Hier öffnet sich überhaupt die grosse Frage, ob bei dieser Bildung des Französischen Stelzenausdrucks in der Tragödie nicht viel an Corneille gelegen! an seiner schweren Art sich auszudrücken! an dem Geschmack den er vor sich fand! an der gewandten Ritter- und Höflichkeitssprache, die man liebte, der er aus dem Spanischen folgte! die ganz Europa angesteckt hatte! Und denn, Corneille war ein Normann, so wie die Scuderi, so wie Brebeuf, so wie Benserade, so wie Fontenelle! und haben alle mit ihrem Normännischen Romangeist im Ausdruck nicht eben so viel und mehr zum Verfall des guten simpeln Geschmacks beigetragen, als mans von den Seneka und Persius und Lukans aus Spanien abmißt! Seneka und Corneille, Lukan und Brebeuf, der Philos[oph] Seneka und Fontenelle, wie gut paßen sich die nicht überhaupt. Vom Fontenelle zeigts die Vorrede vor dem Esprit de Fontenelle : von Corneille hats Voltaire in einigen Remarquen gezeigt und wäre über ihn ausführlicher zu zeigen. Von Brebeuf, Scuderi, Benserade, Marot ist alles bekannt! Von hieraus ein Weg über die Verschiedenheit des Ausdrucks in der Griechischen und Französischen Tragödie! und wie viel Corneille auf diese gewürkt! eine grosse und weder vom Elogisten Fontenelle, noch vom Commentat[or] Voltaire berührte Frage. Racine folgte dieser Sprache nach und hat sie zur künstlichsten Versification zugeschmiedet: und Belloi und Marmontel, jener in der Zelmire, dieser im Dionys. und Aristomen u. s. [w.] wie übertreiben sie! Noch artiger wäre die Aufgabe von der Verschiedenheit des Griechischen, oder Röm[ischen] und Französ[ischen] Wendungsausdrucks in Reden ! Hier müßte man Uebersetzungen vergleichen und Original gegen Original halten, Demosthen gegen Boßvet, Cicero gegen Flechier und urtheilen! Daraus entscheiden sich die Inversionen der Französ[ischen] Sprache, über die Batteux und Cerceau und Dider[ot] und Clement so getheilt sind. Ohne Zweifel hat die Franz[ösische] Sprache viele, aber das sind Tours des Wohlstandes! nicht Inversionen für die Einbildungskraft! wie das Latein, wie das Griechische! Diese den Alten ganz unbekannte Sprache, so fern sie ans Dekorum gränzt, würde den zweiten Theil der Krit. W[älder] sehr heben! und wäre völlig neu! Woher ist aber dieser Geist des Wohlstandes bei den Franzosen entstanden? Aus dem Genie der Nation? die wie StFoix will, schon als Barden das schöne Geschlecht ehrten und schon zu Julius Cäsars Zeiten leichtsinnig und Tänzer waren? Alsdenn aus dem Feudalgeist der alten Franken! wo hier die Gesetze der Ehre und der Monarchie für Montesquieu sich herleiten, da hier die Gesetze der Ehre in der Sprache! Alsdenn aus dem Spanisch-Italienischen Geschmack, der vor dem Jahrhundert Ludwichs die Welt beherrschte! Alsdenn aus dem Hofgeschmack Ludwichs, der die Teniers aus seiner Stube hinwegroch und bei dem vieles aus seinem jugendlichen Romangeist erklärt werden kann! Und endlich aus dem einmaligen Ton, in den sich die Nation gesetzt hat und auf welchen sie andre Nationen besuchen um ihre Höflichkeit zu sehen und zu lernen. Mit diesem Geist des Wohlstandes geht aber den Franzosen das meiste in[n]re Gefühl weg! So wie die Regelmäßigkeit ihrer Sprache aus Wohlstand immer verschoben ist, daß sie sich nie recht und gerade zu ausdrückt: so macht auch überhaupt der Wohlstand Barrierre für den Geist! Ihr Vive le Roi ist Wort, Ausdruck, den sie empfinden, wie sie alles empfinden, leicht, ohne Jugement, auf der Oberfläche, ohne Grund und dabei sind sie glücklich – sie preisen ihn und dienen ihm und thun alles pour le Roi , auch wenn sie aus der Schlacht laufen! Die Deutschen grübeln schon mehr, murren, wenn ihr König Invaliden die Erlaßung gibt und der Kön. von Frankreich thuts immer: murren, wenn sie nicht aus dem Lande sollen und die Franzosen machen sich eine Ehre draus, es nicht zu wollen! murren bei Auflagen und Verpachtungen, und in Frankreich ist alles verpachtet! Kurz, in Frankreich ist alles selbst bis auf den Namen Ludwichs des Vielgeliebten Ehre des Patriotism, darüber man schreiben möchte: sie wissen nicht, was sie thun? und warum sie es thun! So die Generos[ité] des Franzosen! Sie ist Politesse; selten reelle, Gründliche Freundschaft, E[i]nlaßung in die Situat[ion] des Andern. So selbst ihr Vergnügen: Agrement, Zerstreuung; nicht innerliches Eindringen und daher hat Yorik Recht, daß es eine zu ernsthafte Nation ist: ihre Gayete ist Flüchtigkeit, nicht innerl[iche] Freude. Ihr Lachen ist mit Wohlstand verbunden; daher wenig von dem süßen beseligenden Lachen, das uns den Genuß der Natur zu fühlen gibt: sondern so wie es Clement in s[einem] ersten Briefe bei Gelegenheit des Mechants von Greßet und im letzten bei seinem Der Teufel ist los, zeigt. Daher hat ihre Komödie so grosse Schranken, und schildert nichts als Auftritte des bürgerlichen Lebens, oder Komplimentenscenen, oder Wohlstandsübungen. Worinn sind die Franzosen glücklicher als in diesen? Im Abend nach der Mode, in Visiten, in Stellungen um eine Gruppe zu machen, in Amanten nach den Affenminen des Wohlstandes. Aber den wahren Liebhaber? wer macht den mit dem Händedrücken und Affektiren – den wahren Menschen im Auftritt – das wird gemeinigl[ich] Coup de theatre wie z. E. in de la Chaussee Prejugé à la Mode der beste schönste Auftritt ein Theaterstreich wird. Das kann der Franzose nicht sehen, daß ein gerührter Ehemann wiederkehrt, und zu Füßen fällt, und die ganze Scene sich ordentlich entwickle, dazu muß Masque und Radebrechen in Epigrammatischen Versen, und ein bout rimé nöthig seyn. Das wahre Lachen ist überdem aus der feinen neuen Französischen Comödie so glücklich ausgestorben, als der wahre Affekt von ihrem Trauerspiel. Alles wird Spiel, Schluchsen, Händeringen, Deklamiren, Scene, Bindung der Scenen u. s. w. Von diesem letzten und von dem was Wahrscheinlichkeit des Orts, Zeit, u. s. w. ist, haben sie ein Gefühl von dem der Deutsche weniger, der Engländer nichts fühlt. Und es ist auch in der That nichts als Etiquette des Theaters, woraus sie das Hauptwerk machen. Man lese alle Voltairische Abhandlungen über das Theater und in seinen Anmerkungen über Corn[eille] gleich die erste Anmerkung vom Schweren und Wesentlichen des Theatral[ischen] Dichters, und man sollte schwören, den Cerimon[ien] M[ei]st[e]r, nicht den König des Theaters zu lesen. So wie bei aller Franz. Anordnung der Häuser doch nicht in allem Bequemlichkeit herrscht: so wie sie bei ihren Gesellschaftszimmern ein andres eben so nöthiges vergessen: so wie sie bei ihrem Etiquette sich Lasten aufgelegt haben, die sie nicht aber andre fühlen, so auch bei ihrem Theater, Romanen, und allem, was Scene des Wohlstandes heißt. Welche freiere Natur haben da die Engl[änder], nur auch freilich übertrieben! und was könnten wir Deutsche uns für eine schöne mitlere Laufbahn nehmen. Die Komödie vom Italiener, die Tragedie vom Engländer, in beiden die Französische Feile hinten nach[,] welch ein neues Theater! Da wird keine Zelmire sich mit hundert Verbrämungen es zu sagen schämen, daß sie ihrem Vater die Brust gegeben! Da wird kein Ehemann sich schämen, sich mit seinem Weibe zu versöhnen! Da wird die Opera comique nicht Lieder und petits airs des Wohlstands lallen, sondern Scenen der Empfindung, Lieder der Empfindung haben! und wieviel hätte sie damit gewonnen – o was wäre hierüber zu sagen! – – – D. 4./15. Jul. stiegen wir in Painböf an Land, und unser Wahrzeichen war ein altes Weib. Man gewöhnt sich an alles, sogar ans Schiff und mein erster Eintritt in die Barke war nicht ohne kleinen Schauder so bei Helsingöhr, so hier. Wie gut wäre es gewesen mich bei Koppenhagen zu debarquiren. Ich erinnere mich noch der himmlischen Nächte, die ich vor Koppenhagen hatte, der schönen Tage, da wir die Jagdschlößer des Königs und seine Flotte vorbeizogen, der schönen Abende, da wir seine Gesundheit im letzten guten Rheinwein trunken. Ich bin aber zu gut um mich lenken zu lassen und ich gab mein Wort ohne daß ich selbst wollte und ohne daß ich sagen kann, ein andrer habe mich dazu gezwungen. Der Geist Klopstocks hatte nicht gnug Anziehung vor mich, um über die kleinen Hinderniße der Reise zu profitiren, und so ward mein ganzer Plan vereitelt. In Deutschland wäre kein Schritt für mich ohne den größesten Nutzen gewesen und meine Beschäftigung wäre in ihrem vollen Feuer geblieben. Klopstock wie sehr dachte ich ihn zu nutzen, um seinen Geist und sein Temperament kennen zu lernen! um mich mit ihm über sein Bild des Meßias und seiner Zeit und seiner Religion überhaupt zu besprechen! um einen Funken von seinem Feuer zu bekommen! um seinen Meßias noch einmal und von Angesicht zu Angesicht zu lesen! ihn lesen, ihn deklamiren zu hören! und also auch nur von seinen Sylbenmaassen rechten Begrif zu erhalten! = = Resewitz! über wie viel Punkte der Offenbahrung hatte ich nicht zu reden, wo man nur mündlich offenherzig ist. Ueber die ersten Urkunden des Menschlichen Geschlechts. Ueber unsere Begriffe von den Patriarchen. Von Moses und seiner Religion. Von der Theopnevstie und dem Zustande der jüdischen Kirche zu aller Zeit. Vom Charakter des Erlösers und der Apostel. Vom Glauben. Von den Sakramenten. Von der Bekehrung. Vom Gebet. Von der rechten Art zu sterben. Vom Tode und Auferstehung. Von einer andern Welt nach den Bildern der Christen = = welch ein Catechismus der Redlichkeit und mündlichen Offenherzigkeit! = = Alsdenn Cramer und ihn predigen zu hören, ihnen meine Ideen von der geistlichen Beredsamkeit zu geben, vielleicht selbst zu predigen! = = Das Münzkabinet zu sehen und da Begriffe zu sammlen, die ich durchaus noch nicht habe! = = Gerstenberg aufzusuchen, mit ihm die Barden und Skalder zu singen, ihn über seine Liebe und Tändeleien im Hypochondristen und wo es sey, zu umarmen, die Briefe über die Merkwürdigkeiten etc. mit ihm zu lesen, von Hamann, Störze, Klotz u. s. w. zu sprechen, und Funken zu schlagen, zu einem neuen Geist der Litteratur, der vom Dänischen Ende Deutschlands anfange und das Land erquicke. Alsdenn da über die Skalden zu schreiben, und nach Kiel hin ins Arabische zu verschwinden. Das war meine erste Periode, werde ich sie in Frankreich erreichen? Es ist freilich vortreflich, die Französische Sprache und Nation von ihr selbst aus zu kennen; aber wenn man schon wählen muß, wenn man nicht lange Zeit, nicht viel Geld zu reisen hat, und am meisten noch nicht reisen gelernt hat: muß man da Frankreich wählen? Für die Kunst, für die Wissenschaft, was ist da zu sehen, wo alles in dem grossen Paris versteckt liegt, wo alles mit Luxus, Eitelkeit, und Französischem Nichts verbrämt ist? Wie viel grosse Leute gibts denn, die für mich so merkwürdig sind. Etwa einen Wille und wird der nicht vielleicht blos Künstler seyn? Einen Diderot, und hat der sich nicht vielleicht schon ausgelebt? Einen Buffon, Thomas, Du Klos, D'Alembert, Marmontel – und sind die nicht gewiß in einen Hefen Französischer Welt, und Anstandes und Besuchs eingehüllet? Und wem kann ich mich denn mittheilen? Wem Intereße an mir einflössen? Gegen wen mir den Stempel des Ausdrucks geben, der nach der Französischen Denkart allein den Menschen von Geschmack und von Geist ausmacht? Ton, Anstand, Geschwindigkeit, Wendung! siehe dahin ist alles geflohen[.] armer! wirst du dich mit deiner Deutschen Denkart, die mit deiner Muttersprache so zusammen gewachsen ist, mit deiner Deutschen Langsamkeit dich nicht durch alle Französische Litteratur nur durchbetteln müssen? Und in welche Kluft stürzest du dich alsdenn von Beschämungen, Mißvergnügen, unaufgeräumten Stunden, verfehlten Visiten, müssigen Tagen? Wo wirst du einen Freund finden, der mit dir dies Land der Fremde für dich, durchreise? Louvre und Luxemburg aufsuche, Thuilleries und Gärten durchpromenire, dir Bibliotheken und Naturkabinette aufschliesse, dich Künstler und Kunstwerke betrachten lehre? Wo wirst du ihn finden? und wirds ein Franzose oder ein Deutscher seyn? Ich habe A. gesagt; ich muß auch B. sagen: ich gehe nach Frankreich: eine Nacht vor Helsingör hats entschieden. Ich überließ mich meiner Trägheit, meiner Schläfrigkeit, um zwei Tage zu verderben: da mir nichts leichter gewesen wäre, als von Hels[ingör] nach Koppenh[agen] zu gehen: wir sind fortgesegelt: ich fand mich in der See: ich gehe nach Frankreich. Nun ist also die Französische Sprache nach der Mundart der Nation, nach ihrem Ton, und Nasenlaut, nach ihrem Geschmack und Schönheit, und Genie mein Hauptzweck = und da, denke ich, in 14. Tagen, wie mir mein Freund B[erens] Hoffnung gemacht hat, in den Ton zu kommen, und mit ihr, wie viel habe ich, insonderheit in Riga, gewonnen! Welche Schande, bei Landräthen und Sekretairen von Wind und von Geschmack kein Französisch zu sprechen! Welche Schande eine Schweizerfranzösin und einen durchwandernden Franzosen insonderheit wenn es ein Abbe wäre nicht zu verstehen! Welcher Vortheil hingegen mit jedem Narren nach seiner Narrheit zu reden! den Geschmack auch in der Sprache des Geschmacks hören zu lassen! Werke des Geschmacks in Poesie, Prose, Malerei, Baukunst, Verzierung, auch in der Sprache des Geschmacks zu charakterisiren! Anekdoten von Paris zu wissen! wenigstens alles Das kennen, wovon andre plaudern! = Ferner, die Französische Oper, und Komödie zu studieren, zu schmecken! die Französische Deklamation, Musik und Tanzkunst zu gemessen! mir wenn nicht neue Äste der Vergnügen, wenigstens neue Farben zu geben! Kupferstecher- Maler- und Bildhauerkunst, wenn es möglich ist, unter der Aufsicht eines Wille, zu studiren! Von allem, was zum Jahrhundert Frankreichs gehört, lebendige Begriffe zu haben, um z. E. einen Clement, einen de la Place, einen Freron recht verstehen zu können! = Ferner die Französischen Gelehrten kennen zu lernen, wäre es auch nur, wie sie aussehen, leben, sich ausdrücken, bei sich und in Gesellschaft sind! Auch sie nur kennen bringt Leben in ihre Werke, und wenn nicht einen Stachel der Nacheiferung, so doch ein gutes Exempel, sich wie sie zu betragen. Das ist alsdenn ein Cursus der domestiquen Litteratur in Frankreich, der viel erklärt, an sich und im Contrast von Deutschland, und viel aufschließt! = Endlich die Französische Nation selbst, ihre Sitten, Natur, Wesen, Regierung, Zustand: was daraus auf ihre Kultur und Litteratur folge? was ihre Kultur eigentlich sey? die Geschichte derselben? ob sie verdiene, ein Vorbild Europens zu seyn? es seyn könne? was der Charakter der Franzosen dazu beigetragen? durch welche Wege sie das Volk von Honnetete, Sitten, Lebensart und Amusemens geworden sind? wie viel sie dabei wesentlichere verlieren? und es andern Nationen durch die Mittheilung ihrer Narrheit rauben und geraubt hatten! = Ja endlich! sollte sich denn keiner finden, der mein Freund und mein Muster werde, als Mann von Welt, um seine Känntniße recht vorzutragen, in unsrer Welt geltend zu machen, als Mann von Adreße und von Umgange, um auch in den Sachen, für die ich reise, es zu werden und das in meiner Zeit auszurichten, wozu ich da bin! Gütiges Schicksal, gib mir einen solchen[,] lehre mich ihn kennen! und gib mir Biegsamkeit, mich nach ihm zu bilden! Vorjetzt bin ich schon in Frankreich, ich muß es nutzen: denn gar ohne Französische Sprache, Sitten, Anekdoten, und Känntniße zurückzukommen, welche Schande! In Painböf Begriffe von Frankreich holen, welche Schande, und gibts nicht Reisebeschreibungen, die sie so geholt haben – Smollet z. E. und selbst grosse Reisebeschreibungen in den 5.t[en] Welttheil, die von den Küsten aus geurtheilt haben. Meine Reisegesellschaft von Painböf nach Nantes: es ist immer wahr, daß eine Niedrigkeit dem Dinge anklebt, von solchen Gesellschaften nach der Manier Teniers und Tristrams Gemälde nehmen wollen. Ich verstand weder Pilot, noch Wirthin, noch alte Weiber mit alle meinem Französischen. So müste ebenfalls ein Grieche daran seyn, wenn er nach Griechenland käme. O Pedanten, leset Homer, als wenn er auf den Strassen sänge; leset Cicero, als wenn er vor dem Rathe deklamirte! Der erste Anblick von Nantes war Betäubung: ich sah überall, was ich nachher nie mehr sahe: eine Verzerrung ins Groteske ohngefähr; das ist der Schnitt meines Auges, und nicht auch meiner Denkart? Woher das? ein Freund, den ich über eben diesen ersten Anblick fragte, stutzte und sagte daß der seinige auch vast, aber vaste Regelmäßigkeit, eine grosse Schönheit gewesen wäre, die er nachher nie in der vue à la Josse hätte finden können. Entweder hat dieser kälter Geblüt, oder wenn ich so sagen darf einen andern Zuschnitt der Sehart. Ist in der meinigen der erste Eintritt in die Welt der Empfindung etwa desgleichen gewesen? ein Schauder, statt ruhiges Gefühl des Vergnügens? Nach den Temperamenten derer, die dazu beitrugen, kann dies wohl seyn, und so wäre das der erste Ton, die erste Stimmung der Seele, der erste Anstoß von Empfindung gewesen, der nur gar zu oft wieder kommt. Wenn ich in gewissen Augenblicken noch jetzt meinem Gefühl eine Neuigkeit und gleichsam Innigkeit gebe: was ists anders, als eine Art Schauder, der nicht eben Schauder der Wohllust. Selbst die stärksten Triebe, die in der Menschheit liegen, fangen in mir so an, und gewiß wenn ich in diesen Augenblicken zum Werk schritte, was könnte für eine frühere Empfindung dem neuen Wesen sich einpflanzen, als eben dieselbe? Und breite ich nicht also eine unglückliche verzogene Natur aus? oder ists kein Unglück, diese zu haben? oder werden mir bei reiferen Jahren, in der Ehe, bei rechten sanften Schäferstunden andre Gefühle und Schwingungen bevorstehen? Was weiß ich? Indessen bleibt dies immer Bemerkung in mir, die sich auf alles erstreckt. Ein erstes Werk, ein erstes Buch, ein erstes System, eine erste Visite, ein erster Gedanke, ein erster Zuschnitt und Plan, ein erstes Gemälde geht immer bei mir in dies Gothische Grosse, und vieles von meinen Planen, Zuschnitten, Werken, Gemälden ist entweder noch nicht von diesem hohen zum schönen Styl gekommen, oder gar mit dem ersten verschwunden. Gefühl für Erhabenheit ist also die Wendung meiner Seele: darnach richtet sich meine Liebe, mein Haß, meine Bewunderung, mein Traum des Glückes und Unglücks, mein Vorsatz in der Welt zu leben, mein Ausdruck, mein Styl, mein Anstand, meine Physignomie, mein Gespräch, meine Beschäftigung, Alles. Meine Liebe! wie sehr gränzt sie an das Erhabne, oft gar an das Weinerliche! wie ist die Entfernung in mir so mächtig, da es bei den Angolas nur immer der gegenwärtige Augenblick ist! wie kann mich ein Unglück, eine Thräne im Auge meiner Freundin rühren! was hat mich mehr angeheftet, als dieses! was ist mir rührender gewesen, als jene, die Entfernung! = = Daher eben auch mein Geschmack für die Spekulation, und für das Sombre der Philosophie, der Poesie, der Erzählungen, der Gedanken! daher meine Neigung für den Schatten des Alterthums und für die Entfernung in verfloßne Jahrhunderte! meine Neigung für Hebräer als Volk betrachtet, für Griechen, Egypter, Celten, Schotten u. s. w. Daher meine frühe Bestimmung für den geistlichen Stand, dazu freilich Lokalvorurtheile meiner Jugend viel beigetragen, aber eben so unstreitig auch der Eindruck von Kirch und Altar, Kanzel und geistlicher Beredsamkeit, Amtsverrichtung und geistlicher Ehrerbietung. Daher meine erste Reihen von Beschäftigungen, die Träume meiner Jugend von einer Waßerwelt, die Liebhabereien meines Gartens, meine einsamen Spatziergänge, mein Schauder bei Psychologischen Entdeckungen und neuen Gedanken aus der Menschlichen Seele, mein halbverständlicher halbsombrer Styl, meine Perspektive von Fragmenten, von Wäldern, von Torsos, von Archiven des Menschl[ichen] Geschlechts – – alles! Mein Leben ist ein Gang durch Gothische Wölbungen, oder wenigstens durch eine Allee voll grüner Schatten: die Aussicht ist immer Ehrwürdig und erhaben: der Eintritt war eine Art Schauder: so aber eine andre Verwirrung wirds seyn, wenn plötzlich die Allee sich öfnet und ich mich auf dem Freyen fühle. Jetzt ists Pflicht, diese Eindrücke so gut zu brauchen, als man kann, Gedanken voll zu wandeln, aber auch die Sonne zu betrachten, die sich durch die Blätter bricht und desto lieblichere Schatten mahlet, die Wiesen zu betrachten, mit dem Getümmel darauf, aber doch immer im Gange zu bleiben. Das letzte Gleichniß habe ich insonderheit in den Wäldern in Nantes gefühlet, wenn ich ging oder saß und meinen Belisar, meinen Thomas auf Dagueßeau las, und über mein Leben nachdachte und dasselbe für meine Freundin in Gedanken entwarf, und mich in grossen Gedanken fühlte, bis selbst das Leben des Erlösers in seinen grösten Scenen mir zu imaginiren, und denn aufblickte, die Allee, wie einen grünen Tempel des Allmächtigen vor mir sah, und Gedanken aus Kleists Hymne und seinem Milon aus dem Herzen aufseufzete, und wieder las, und durch die Blätter die Sonne sah und das weite Getümmel der Stadt hörte und an die dachte, die mein Herz besaßen und weinte! Da soll es seyn, wo mein Geist zurückwandert, wenn er Marmontels erste Kapitel und Thomas Dagueßeau lieset, und den Meßias fühlt und ein Leben Jesu entwirft. Wie kann man sich in dem Charakter eines Menschen beim ersten Besuch irren, insonderheit wenn er sich hinter der Maske des Umgangs versteckt. Der erste, der mich in N[antes] besuchte, schien die Munterkeit, Belebtheit selbst: wer hätte in ihm den Türken an Bequemlichkeit, und den Langweiligen errathen sollen, der sich auf seinem Lehnstuhl zermartert und die schrecklichste höllische Langeweile auf die muntersten Gesichter ausbreitet, der immer einen Diskurs zu lang findet, frägt und keine Antwort Lust hat zu hören, mitten im Diskurs ein langweiliges Gähnen hervorbringt und an nichts Geschmack findet – wer hätte den in ihm rathen sollen? Artig gnug! sollte man sagen, wenn alle Französische Männer so sind, wer wird denn = = und siehe es sollte umgekehrt heißen: Gleißend gnug! wenn alle Franz. Männer so anders beim Kartentisch mit andern, und zu Hause sind, so heißt das Feuer aufraffen, damit es ersterbe und todte Flammen geben. Und würklich an diesem Charakter war recht das Französische zu sehen, was nichts als Gleißnerei und Schwäche ist. Seine Höflichkeit war politesse und honneteté , oft auswendig gelernt und in Worten: seine Lobeserhebungen fingen damit an, »er sprach Französisch[«] und endigten damit, [»]er war von einer politesse , Artigkeit, daß[«] – – und der Nachsatz fehlte. Seine Geschäftigkeit war leicht, aber auch um nichts: Briefe schreiben, wie Waßer; es waren aber auch gewäßerte Briefe, die nichts enthielten als Metereologische Verzeichniße über Regen u. s. w. Seine Delikateße war todte Ordnung z. E. Symmetrie auf dem Tische, oder Faulheit: Seine Ruhe Gedankenlosigkeit: Sein Urtheil eine Versicherung voriger Jahre über die er weiter nicht dachte: sein Wiederspruch oft der simpelste Gegensatz ohne Umschweif und Gründe: kurz, bei allen guten Seite[n], die abgebrauchteste, entschlafenste Menschliche Seele, die Gähnendes gnug hatte, um zehn Andre um sich einzuschläfern und gähnend zu machen. Seine Freundin, der entgegengesetzteste Charakter von der Welt hielt ihn für unglücklich: er wars nicht, als nach ihrer Empfindung: dieser Gegensatz zeigt, wie opponirt beide Charaktere waren; zeigt aber auch die schöne Seele, die halb aus Freundschaft, halb aus Mitleid seit Jahren in die Gewohnheit hineingedrungen ist, mitzuschlafen, und sich aufzuopfern! Auf die Dogmatik müste ein anderes Werkchen folgen, wie die Christliche Religion jetzt zu lehren sey. Hiezu viel Data, wo der gemeine Unterricht Schwächen, Irrthümer, Mißbildungen gibt; wo er unnütz ist in Geheimnißen und Dunkelheiten von Abstraktionen: wo er was zu denken scheint und nichts zu denken gibt, in der ganzen Orientalischen Seite: wo er gar verderbl[ich] werden kann, in manchen Pflichten der Ewigkeit, der Unnützlichkeit guter Werke u. s. w. wo er veraltet und unvollkommen ist, wo ihm also aus unser Zeit zugesetzt werden muß – Hiezu immer Data, so kurz, so einfältig, daß nichts mehr und minder werde, als ein Catechismus der Christlichen Menschheit für unsre Zeit. Die geistliche Beredsamkeit ist lange ein Lieblingsplan meiner Seele gewesen; aber wie wenig habe ich noch Materialien gesammlet. Ein grosser Theil davon kommt ins grosse Werk, daß man nehmlich nicht wie Propheten, Psalmisten, Apostel predigen müsse; und zweitens wie die verschiednen Geschichten und Stellen der Offenbarung KanzelMaterien seyn können. – – Das übrige des Werks von den Kirchenvätern z. E. Chrysostomus an, über Luther, und die neuern Engl[änder], Franz[osen] und Deutschen muß allein abgehandelt werden. Christliche Kirchengeschichte – was blos ein Christ vom Zustande der Kirche aus jedem Jahrhundert wissen muß. o welch ein ander Werk – als Schröck! – Um alles das auszuführen, um davon wahre Begriffe auch nur für mich zu bekommen, was habe ich da zu studiren! Und um das zu studiren, was wie ich glaube, kein andrer für mich thun kann, so ists Geist der Zeit und Känntniß der Menschlichen Seele! Eine Deutsche Bibel und eine Bibel nach dem Grundtexte und Poli Commentar sind mir dazu Hauptstücke: alsdenn die Englischen Uebersetzer, die Jüdischen Paraphrasten, Richard Simon, Michaelis, u. s. w. o grosses Werk! Und geschrieben muß es werden! ohne System, als blos im Gange der Wahrheit! ohne übertriebnen Schmuck, als blos Data, nach Datis! Viel Beweise, Proben, Wahrscheinlichkeiten! Schlag auf Schlag! Adel, Größe und Unbewußtheit der Größe, wie Oßian, und Moses! Edle Erhobenheit über kleine Wiedersprüche und Kabalen der Zeit, wie für die Ewigkeit geschrieben! Sprache an den gesunden Verstand und das Menschliche Herz wie Pascal und Roußeau, wo er nicht Paradox und Enthusiast ist! Viel Materie, und in Form Simplicität! Kein Esprit der Franzosen, der Montesquieu so verunziert: keine Enthusiasterei! die Sprache der Wahrheit für alle Welt! insonderheit für die Nachwelt! = = Grosses Werk empfange meine Wünsche! meinen Eidschwur! meine Bestrebung! Ich komme auf meine Deutsche zurück, die viel denken und nichts denken, und nichts ist von zwei Seiten betrachtet, unwahrer und wahrer als der Satz. Unwahrer; der Erfinder der Luftpumpe, des Pulvers, des Laufs der Sterne, der Infinitesimalrechnung etc. der Kupferstecherkunst sind Deutsche: und also die Guerike, Keplers, Schwarze, Leibnitze, Dürers u. s. w. aber gegen wenige Erfindungen welche Menge von Systemen! In der Theologie, und haben wir eine Erklärung der Bibel? Haben wir Polos , Locke, Bensone u. s. w. In der Juristerei und Historie – da sind wir als Sammler, einzig. In der Medicin reichen unsre wahren Bemerker an die Burhave und Sydenhams? In der Philosophie endl[ich]. Wie vieles ist bei Wolf System, Zuschnitt, Form, Methode! Eine Probe ist die Aesthetik: wie viel scheinen wir gedacht zu haben! wie wenig denken wir! Ich habe z. E. etwas über die Aesthetik gearbeitet, und glaube, wahrhaftig neu zu seyn; aber in wie wenigem? In dem Satze, Gesicht sieht nur Flächen, Gefühl tastet nur Formen: der Satz aber ist durch Optik und Geometrie schon bekannt und es wäre Unglück, wenn er nicht schon bewiesen wäre. Blos die Anwendung bliebe mir also: Malerei ist nur fürs Auge, Bildhauerei fürs Gefühl: eine Entdeckung, die noch immer arm ist, und wenn sie zusehr ausgedehnt ist, lächerliche Folgen geben kann wie wir jetzt sind, da wir Gesicht für Gefühl gebrauchen, und zu gebrauchen gewohnt sind. Also sei dieser Satz blos Wegweiser zu mehrern Erfahrungen, über Gesicht und Gefühl! ich muß ein Blinder und Fühlender werden, um die Philosophie dieses Sinnes zu erforschen! ich glaube, dabei schon auf einigen neuen Wegen zu seyn: laßet uns sehen! Von der Bildhauerkunst fürs Gefühl s. Collektaneenbuch hinten unt[er] d[en] Alten Schwäb[ischen] Poes[ien.] Bl. 3. Illusion der Statue vom Fleische: von der Bekleidung Ursachen etc. von der Griechischen Nacktheit Aufklärung Warum Malerei nicht       "       noch Waßergewänd[er] nachahme von Haaren, Augenbranen, Binde um den Mund u. s. w. von Adern, Knorpeln, Schaam vom Griechischen Profil von vorgebognen Armen, kleiner Taille und Füssen. Illusion der Statue vom Geiste: von der Stirn, dem Tempel der Gesinnung vom Auge dem Redner des Verlangens von der Nase von der Augenbrane, dem Wink des Willens vom Munde dem Sitz der Grazie und des Reizes von der Stellung des Kopfs zur Seite, vorwärts, zurück   "     "         "     der Brust, aus- einwärts, zur Seite   "     "         "     der Hände und Füße, Correspondenz zwisch[en] Stirn und Brust, Auge und Hand, Mund und Fuß. Vom Schönen durchs Gefühl (hint[er] Baumg[arten] Aesth.) Daß es der Blinde habe:   "     "   die fühlbare Form des Guten und Bequemen sey also ein fühlbarer Begrif der Vollkommenheit Erklärungen daraus auf die Kunst der Thiere des blühenden Alters Ruhe und sanfte Ruhe. Von der Philosophie des Gefühls überhaupt (neu Pap[ier] K) Sprache, die ein Blinder erfunden seine Welt s[eine] Kosmol[ogie] die Erinner[ung] seines Ichs, wie es sich ins Univers[um] geoffenb[art] h[at], s[eine] Psychol[ogie] u. Kosm[ologie] s[eine] Ideen von Raum, Z[ei]t, Kr[aft] s[eine] Ontologie     "         "     von Unsterbl[ichkeit] d[er] Seele, Θ, Welt, Religion Theol[ogie] Nat[ur]. Das ist ein Plan, den ich schon entworfen, der aber noch sehr zu beleben ist, durch die Gesellschaft und das Studium der Blinden und Stummen, und Tauben! Diderot kann Vorbild seyn, Versuche zu machen, nicht aber blos auf seine Versuche zu bauen und darüber zu systematisiren! Ein Werk von der Art kann die erste Psychologie werden, und da aus dieser alle Wißenschaften folgen, mithin eine Philosophie oder Encyklopädie zu diesen allen. Vorzüglich aber will ich der Sucht der Deutschen wiederstehen, aus Nominalerklärungen alles herzuleiten, was folgt und nicht folgen kann. Italiener sind die feinsten und erfindsamsten; für die mitlern Zeiten ists wahrhaftig wahr. Ihre Komödie lebt: ihre Heldengedichte sind Originale: in ihnen ist Kunst geschaffen: Galilei und Tartini, Machiavell, und Boccaz, Ariost und Taßo, Petrarch und die Politiane, Columb und Vespuc[ci], der Erfinder der Ferngläser und des Kompaßes – alles Italiener! der ganze Französische Parnaß ist aus Spanien und Italien gestohlen: in beiden Ländern lebt mehr wahre Natur, Genie, Schöpfung. Die Italien. und Franz. Komödie, Ariost und La Fontaine, Taßo und Voltaire, die Italien. und Franz. Musik, Petrarch und die Franz. Liebesdicht[er] – welcher Unterschied! O daß ich Italien kennte, mich in ihre Natur setzen, und sie fühlen, und mich in sie verwandeln könnte! Ich habe in Nantes die neue Voyage d'Italie gelesen und zu excerpiren angefangen. Welche Anstalten die gewesen sind und zum Theil noch sind – ich habe darauf gedacht, manche von ihnen in meiner Republik nachzuahmen! Wie viel ist da zu sehen, was ich durchaus nicht gesehen habe! Insonderheit lebende Natur. Alsdenn über sie ein Bild liefern, was Frankreich und Europa von ihnen genutzt! Was sie unter den Römern und mittlern Zeiten gethan, geleistet! Ich wurde in N[antes] mit einem jungen Schweden, Koch, bekannt – durch die Klotzische Bibliothek! so muß sich selbst das Pasquillhafte oft zu Zwecken finden! Wer hätte mir sagen sollen, daß dies Buch dienen würde, um mich in Nantes bekannt zu machen: hätte ich aber verlohren, wenn ich nicht bekannt geworden wäre? Dieser junge Mensch hatte vielen Geschmack am Wahren, Guten, und Würklich Schönen! Ich hab es oft bei ihm gesehen, daß sein Auge und sein Geist mehr für das Richtige geschaffen war, als meines; daß er in Allem ein gewisses Gefühl von Realität hatte, das ihn nicht mit Hypothesen sätigte; daß er nicht aus Büchern Sachen lernen wollte, die auf Erfahrung und Praxis beruhen, sondern zur That schritt. Zeichnen, Geometrie, wahre Mathematik, Physik, Algebra, Augenschein der Kunst – werde ichs nie lernen, und immer die Akademie der Wißenschaften nur aus Fontenelle kennen? Womit habe ichs in meinem vergangnen Zustande verdient, daß ich nur bestimmt bin, Schatten zu sehen , statt würkliche Dinge mir zu erfühlen? Ich geniesse wenig, d. i. zu viel, im Uebermaas und also ohne Geschmack: der Sinn des Gefühls und die Welt der Wollüste – ich habe sie nicht genossen: ich sehe, empfinde in der Ferne , hindere mir selbst den Genuß durch unzeitige Präsumption, und d[urch] Schwäche und Blödigkeit im Augenblick selbst. In der Freundschaft und Gesellschaft: zum Voraus unzeitige Furcht oder übergroße fremde Erwartung, von denen jene mich im Eintritt hindert, diese mich immer trügt, und zum Narren macht. Ueberall also eine aufgeschwellte Einbildungskr[aft] z[um] Voraus, die vom Wahren abirrt, und den Genuß tödtet, ihn matt und schläfrig macht, und mir nur nachher wieder fühlen läßt, daß ich ihn nicht genossen, daß er matt und schläfrig gewesen. So selbst in der Liebe: die immer Platonisch, in der Abwesenheit mehr als in der Gegenwart, in Furcht und Hoffnung mehr, als im Genuß, in Abstraktionen, in Seelenbegriffen mehr, als in Realitäten empfindet. So bei der Lectüre wie walle ich auf, ein Buch zu lesen, es zu haben; und wie sinke ich nieder, wenn ichs lese, wenn ichs habe. Wie viel auch selbst der besten Autoren habe ich durchgelesen, blos der Wahrheit ihrer Känntniße wegen, in der Illusion ihres Systems, in der Fortreißung ihres Ganzen, blos des Inhalts wegen, ohne Niedersinken, und Ermatten[,] so lese ich, so entwerfe ich, so arbeite ich, so reise ich, so schreibe ich, so bin ich in Allem! Empfindungen der Art haben mich, wie Walter Shandy, auf die Ideen gebracht, ein Werk über die Jugend und Veraltung Menschlicher Seelen zu erdenken, wo ich theils aus meiner traurigen Erfahrung, theils aus Beispielen andrer Seelen, die ich zu kennen Gelegenheit gehabt, einer solchen Veraltung zuvorzukommen, und sich seiner Jugend recht zu erfreuen und sie recht zu gemessen lehre. Der Plan entstand mir schon in Riga, in traurigen Tagen, wo die Organisation meiner Seele gleichsam gelähmt, das Triebrad der äußeren Empfindungen stille stand, und sie in ihr trauriges Ich eingeschlossen, die muntere Sehnsucht verlohren hatte, sich Ideen und Vergnügungen und Vollkommenheiten zu sammlen. Da ging ich umher, dumm, und Gedankenlos, und stumpf, und unthätig, sprach zum Lachen etc. nahm hundert Bücher, um hundert von ihnen wegzuwerfen, und doch nichts zu wißen. Hier fiel mir der ehrliche Swift ein, der über den alten elenden grauen Mann, den er im Spiegel sahe, die Achseln zuckte, und zum Gegensatz schilderte sich mir die junge fröliche Welt des Plato und Sokrates vor, wie sie unter Scherz und Spiel ihre Seelen und Körper übeten, und bildeten, und schlank, stark, und vest machten, wie schöne Oelbäume am Rande der Quelle. Der alte und immer junge Monta[i]gne fiel mir ein, der sich immer zu verjüngen wuste im Alter und ich stand da, stutzig, betäubt und alt in meiner Jugend. Die Begriffe samleten sich: es sollte eine Abhandlung in die Königsberg. Zeitungen werden und wurde nicht, wie viel andre Plane meines Lebens. In der Unthätigkeit von Nantes brachte mich die Umarbeitung der Kritisch[en] Wälder, die Bekanntschaft mit diesem Jünglinge, der so sehr auf das Wesen hinzueilte, und am meisten das Gefühl des Leeren, Reelllosen in mir, wieder auf die Gedanken. So wie es aber immer mein Fehler ist, nie recht an Materie, sondern immer zugleich an Form denken zu müssen; so ward ein Riß daraus, zu dem der Abt Clement die muntre Jugend seines Styls hergeben sollte. Der Plan ward lange umhergewälzt, und es ging ihm also, wie bei allen Umwälzungen; zuerst werden sie grösser; nachher reiben sie sich ab. Einen Abend gab ich meinem Schwedischen Jünglinge davon Ideen, die ihn bezauberten, die ihn entzückten: das Gespräch gab Feuer; der Ausdruck gab Bestimmtheit der Gedanken: werde ich jetzt, in der frostigen, unbequemen Stellung, da ich sitze, noch einige Funken von dem fühlen, was mich so oft durchwallte, wenn ich der Unthätigkeit und der Vernichtung der B.– – -schen Gesellschaft entrann: Die Menschliche Seele hat ihre Lebensalter, wie der Körper. Ihre Jugend ist Neugierde , daher kindischer Glaube, unersättliche Begierde, Dinge zu sehen, insonderheit Wunderdinge, die Gabe Sprachen zu lernen, wenn sie nur an Begriffen und Dingen hangen; jugendliche Biegsamkeit und Munterkeit u. s. w. Ein Alter, von der Neugierde, ist immer verächtlich und ein Kind. Das Kind konnte an Allem, was es durch Neugierde kennen lernte, noch nicht viel Antheil nehmen: es sahe nur , es staunte , es bewunderte . Daher seine Ehrerbietung für die Alten, wenn sie ihm wahrhaftig ehrwürdig sind: daher die Tiefe seiner Eindrücke, die durch Staunen und Bewundern gleichsam eingesammelt werden. Je mehr Seele und Körper wächst, je mehr die Säfte in beiden zunehmen und aufwallen: desto mehr nähern wir uns gleichsam an die Gegenstände an, oder ziehen sie stark zu uns. Wir mahlen sie also mit Feuer des Geblüts aus: das ist Einbildungskraft , das herrschende Talent der Jugend. Da ist Liebe mit allen ihren Scenen die bezauberte Welt, in denen sie wandelt: oder in der Einsamkeit sinds Dichter, alte entfernte Dichterische Geschichten, Romane, Begeisterungen. Da wohnt der Enthusiasmus von Freundschaft , sie mag Akademisch oder Poetisch ausgemalt werden: da die Welt von Vergnügungen , von Theilnehmungen , Zärtlichkeiten. Da wird auch in den Wißenschaften, alles Bild , oder Empfindung , oder aufwallendes Vergnügen. Das ist der Jüngling: ein alter tändelnder feuriger Greis ist ein Geck. Er wird Mann und Gesellschafter : dies zuerst, und also nach unsrer Welt werden die heftigen Züge der Einbildungskraft ausgelöscht: er lernt sich nach andern bequemen, sich von andern unterscheiden: das ist[,] Witz und Scharfsinn kommen los. Er wird Gesellschafter; lernt alles Feine, das in der gesellschaftlichen Politur besteht: und wozu ihn Liebe, um seiner Schöne[n] zu gefallen und was zu gelten, Freundschaft , die bei uns meist Gesellschaft ist, Vergnügungen , die nie ohne das Gesellschaftliche so allgemein sind, kurz alles einladen. Ein Fontenelle, der in der Akademie d[er] W[issenschaften], und in seinem 103. Jahr witzelt, ist lächerlich. – – Aus dem Gesellschafter wird Mann , und dies ist eigentlich die reelle Stuffe, da der Gesellschafter blos ein Zugang ist, den man nicht entbehren kann, in dem man aber nicht stehen bleiben muß. Im Mann regiert Bonsens , Weisheit zu Geschäften. Er hat die Bahn der Neugierde durchwandelt, und gefunden, daß es viel Leeres gibt, was blos ersten Blick verdient und nichts mehr; er ist die Zeit der Leidenschaften durch, und fühlt, daß sie gut sind, sich in die Welt hineinzuleben, nicht aber sich durch sie hinwegzuleben, sonst verliert man alles. Er hat also kaltes Geblüt, wahre Dienstfertigkeit, Freundschaft, Weisheit, Brauchbarkeit, Bonsens. Sein Alter, seine Gesellschaft, seine Denkart, seine Beschäftigungen s[ind] d[ie] Reellsten im Menschlichen Leben: er ist der wahre Philosoph der Thätigkeit Weisheit Erfahrung. Der Greis ist ein Schwätzer und Philosoph in Worten. Seine Erfahrungen, matt, weitläuftig, ohne Bestimmtheit in Lehren vorgetragen, werden loci communes : und er ist reich an ihnen, weil er Erfahr[ung] zu hab[en] glaubt, und sie vorträgt, da er d[ie] Jugend so von sich entfernt sieht, sie für zu frei hält, weil er nicht mit springen kann u. s. w. Das ist das Alter der Ruhe[.] Neuen Eindrücken ist die Seele kaum mehr offen; sie ist verschlossen: zu neuen Erfahrungen kaum aufgelegt: zu furchtsam: für neuen Unterricht nicht mehr biegsam gnug; gesätigt gleichsam an Lehre. Das was vorher weich, und gleichsam Knorpel der Bewegung waren, sind Knochen der Ruhe geworden. Die Seele geniesst ihr Leben, das sie geführt und verlebt sich; und es ist diese eingezogne Furchtsamk[ei]t auch gut, weil der Greis kaum mehr Kraft und Stärke hat, sich aus seiner Austernschaale zu bewegen. Das ist der Greis. – –Aristoteles, Horaz, Hagedorn haben die Lebensalter geschildert: ihre Schilderung muß für die Seele auf gewisse Hauptbegriffe Psychologisch zurückgeführt werden, und diese sind Neugierde, Einbildungskraft und Leidenschaft, Witz und Bonsens , endlich die alte Vernunft . Und aus ihnen wird so ein System des Menschlichen Lebens, wie Montesquieu die Regierungsarten geschildert hat. Jeder Mensch muß sie durchgehen: denn sie entwickeln sich aus einander: man kann nie das folgende geniessen, wenn man nicht das vorhergehende genossen hat . das erste enthält immer die Data zum Zweiten: sie gehen in Geometrischer nicht Arithmetischer Progression fort: in ihrer ganzen Folge nur geniesst man das Leben, und wird auf honette Weise alt. Man kann nie das vorhergehende völlig zurücknehmen, (auch in Verbeßerung) ohne das gegenwärtige zu verlieren . Hingegen aber, wenn man 1) dem Lebensalter nicht Gnüge thut, in dem man ist 2) wenn man das folgende vorausnimmt 3) wenn man gar alle auf einmal nimmt 4) wenn man in verlebte zurückkehret: da ist die Ordnung der Natur umgekehrt, da sind veraltete Seelen: junge Greise, greise Jünglinge. Unsre Vorurtheile der Gesellschaft geben viel Gelegenheit zu solchen Monstern. Sie nehmen Zeitalter voraus, kehren in andre zurück, kehren die ganze Menschliche Natur um. So ist Erziehung, Unterricht, Lebensart: hier eine Stimme der Wahrheit und Menschheit ist Wohlthat: sie schafft den Genuß der ganzen Lebenszeit: sie ist unschätzbar. Und dazu das Buch. Erster Theil: nach Fähigkeiten der Seele: und eben dabei nach den Zeitaltern der Menschheit . Erster Abschn. von der Ausbildung der Sinne: und also von der Seele der Kindheit. Man verliehst seine Jugend, wenn man die Sinne nicht gebraucht . Eine von Sensationen verlaßene Seele ist in der wüstesten Einöde: und im schmerzlichsten Zustande der Vernichtung. Nach langen Abstraktionen folgen oft Augenblicke dieses Zustandes, die verdrießlichsten im Leben. Der Kopf wüste und dumm: keine Gedanken und keine Lust sie zu sammeln: keine Beschäftigung und keine Lust sich zu beschäftigen: sich zu vergnügen. Das sind Augenblicke der Hölle: eine völlige Vernichtung, ein Zustand der Schwachheit, bis auf den Grad, was zu begehren. – – Man gewöhnt die Seele eines Kindes, um einst in diesen Zustand zu kommen, wenn man sie in eine Lage von Abstraktionen, ohne lebendige Welt; von Lernen ohne Sachen, von Worten ohne Gedanken, von gleichsam Ungedanken ohne Gegenstände und Wahrheit hineinquält . Für die Seele des Kindes ist keine größere Quaal, als diese: denn Begriffe zu erweitern, wird nie eine Quaal seyn. Aber was als Begriffe einzubilden, was nicht Begriff ist, ein Schatte von Gedanken, ohne Sachen; eine Lehre ohne Vorbild, ein Abstrakter Satz, ohne Datum, Sprache ohne Sinn – das ist Quaal; das ältert die Seele. (Alle Tugenden und Laster sind solche Abstrakta aus 1000. Fällen herausgezogen: ein feines Resultat vieler feinen Begriffe.) Gehe also in eine Schule der Grammatiker hinein: eine Welt alternder Seelen, unter einem veralteten Lehrer. Jeder Mensch muß sich eigentlich seine Sprache erfinden, und jeden Begrif in jedem Wort so verstehen, als wenn er ihn erfunden hätte. Eine Schule des Sprachunterrichts muß kein Wort hören lassen, was man nicht versteht, als wenn mans denselben Augenblick erführe. Man gehe ein Deutsch Lexicon durch, ob man so die Sprache versteht: man gehe eine fremde Sprache durch, tausendmal weniger. Ein Kind lernt tausend Wörter, Nuancen von Abstraktionen, von denen es durchaus keinen Begrif hat; tausend andre, von denen es nur halben Begrif hat. In beiden wirds gequält, seine Seele abgemattet und auf Lebenslang alt gemacht. Das ist der Fehler der Zeit in der wir leben: man hat lange vor uns eine Sprache erfunden, tausend Generationen vor uns haben sie mit feinen Begriffen bereichert: wir lernen ihre Sprache, gehen mit Worten in 2. Minuten durch, was sie in Jahrhunderten erfunden und verstehen gelernt. Lernen damit nichts: veralten uns an Grammatiken, Wortbüchern und Discursen, die wir nicht verstehen, und legen uns auf Zeitlebens in eine üble Falte. Weg also Grammatiken und Grammatiker. Mein Kind soll jede Todte Sprache lebendig, und jede lebendige so lernen, als wenn sie sich selbst erfände. Monta[i]gne, Shaftesburi lernten Griechisch lebendig: wie weit mehr haben sie ihren Plato und Plutarch gefühlt, als unsre Pedanten. Und wer seine Muttersprache so lebendig lernte, daß jedes Wort ihm so zur Zeit käme, als er die Sache sieht und den Gedanken hat: welch ein richtiger, philosophisch denkender Kopf! welch eine junge blühende Seele! So waren die, die sich ihre Sprache selbst erfinden musten, Hermes in der Wüste, und Robinson Crusoe. In solcher Wüste sollen unsre Kinder seyn! nichts als Kindisches zu ihnen reden! Der erste abstrakte unverstandne Begrif ist ihnen Gift: ist, wie eine Speise, die durchaus nicht verdaut werden kann, und also wenn die Natur sich ihrer nicht entledigt, schwächt und verdirbt. Hier eben so, und was würden wir, wenn die Natur nicht noch die Güte hätte, uns dessen durch Vergessenheit zu entledigen. Wie ändert sich hier Schule, Erziehung, Unterricht, Alles! Welche Methode, Sprache beizubringen! Welche Genauigkeit und Mühe, Lehrbücher zu schreiben und noch mehr über eine Wißenschaft zu lesen, und sie zu lehren! Lehrer! in Philosophie, Physik, Aesthetik, Moral, Theologie, Politik, Historie und Geographie kein Wort ohne Begrif, kein Begrif präoccupirt : so viel, als in der Zeit eine Menschliche Seele von selbst fassen kann , und das sind in der ersten Jugend, nichts als Begriffe durch Sinne . Auf diese eingeschränkt, wie lebt die Menschl[iche] Seele auf: nun kein Zwang, keine Schule mehr. Alles Neugierde, die Neugierde Vergnügen. D[a]s Lernen Lust und Ergötzen; üben, sehen, neu sehen, Wunderdinge sehen, welche Lust, welche schöne Jugend. Hier ein Plan, was und wie sie in allen Wissenschaften hindurch zu lernen hat, um immer jung zu seyn, ist Verdienst der Menschheit. Umgekehrt aber: sehet die elenden Schüler, die in ihrem Leben nichts als Metaphysik an Sprache, sch[önen] K[ünsten] und W[issenschaften], und Allem nichts als Metaphysik lernen! sich an Dingen zermartern, die sie nicht verstehen! über Dinge disputiren, die sie nicht verstanden hab[en]. Sehet elende Lehrer! und Lehrbücher, die selbst kein Wort von dem verstehen, was sie abhandeln. In solchen Wust von Nominalbegriffen, Definitionen, und Lehrbüchern ist unsre Zeit gefallen: drum liefert sie auch nichts grosses: drum erfindet sie auch nichts. Sie ist wie der Geizige[:] hat Alles und geniesset nichts . Ich darf nur meine eigne Erziehung durchgehen, so finde ich einen Reichthum von traurigen Ex[empeln]. Ein Kind muß blos durch sich und seine Triebfeder handeln, das ist Neugierde : die muß geleitet und gelenkt werden; ihm aber keine fremde eingepflanzt werden z. E. Eitelkeit u. s. w. die es noch n[ich]t hat. Durch die kans viel lernen, nichts aber an seinem Ort, zu seiner Zeit. Die Jugend der Menschlichen Seele in Erziehung wiederherzustellen, o welch ein Werk! Das einzige, was den Schwarm von Vorurtheilen tödten kann, der in Religion, Politik, Weltweisheit u. s. w. die Welt bedeckt! ich zweifle aber, ob es g[an]z in unsr[er] Gesellsch[aft] angeht. Jeder lernt die Masse von hundert andrer Gedanken und wird damit alt. Nicht, als wenn man nicht von der Gesellschaft andrer profitiren könnte: der Mensch ist ein so geselliges Thier, als er Mensch ist. Die Senkung zur Sonne ist den Planeten eben so natürlich, als ihre Kraft fortzueilen. Aber nur, daß die Geselligkeit unsre Eig[en]h[ei]t nicht g[an]z tödte: sondern sie nur in eine andre schönere Linie bringe. So also wird die Gesellschaft uns auch tausendmal mehr Begriffe geb[en] könn[en], als wenn wir allein wär[en]: allein nur immer Begr[iffe], die wir verstehen können, die begr[iffen] s[in]d. Der Führer muß uns den Weg verkürzen, uns aber selbst gehen lassen, nicht trag[en] woll[en], und uns damit lähmen! Es ist eine schwere Sache, jede Wissenschaft in allen Begriffen und jede Sprache in allen Worten auf die Sinne zurückzuführen, in denen und für die sie entstanden sind, und das ist doch zu jeder Wißenschaft und Sprache nöthig. Zweitens. Alle seine Sinne zu gebrauchen . Das Gefühl z. E. schläft bei uns, und d[as] Auge vertritt[,] obgleich manchmal nur sehr unrecht, seine Stelle. Es gibt eine Reihe von Modificationen des Gefühls, die kaum unter der Zahl der bisherigen 5. Sinne begriffen werden können, und in denen allen die schöne Jugend geübt werden muß. Ueberhaupt ist kein Satz merkwürdiger und fast vergeßner, als[:] ohne Körper ist unsre Seele im Gebrauch nichts: mit gelähmten Sinnen ist sie selbst gelähmt: mit einem muntern proportionirten Gebrauch aller Sinne ist sie selbst munter und lebendig. Es gibt in den alten Zeiten der schönen Sinnlichkeit, insonderheit in den Morgenländern Spuren, daß ihre Seele gleichsam mehr Umkreis zu würken gehabt habe, als wir. Alsdenn würden sich theils neue Phänomena theils die Alten auf neue Art [zeigen]. Das ist der Weg, Originale zu haben, nehmlich sie in ihrer Jugend viele Dinge und alle für sie empfindbare Dinge ohne Zwang und Präoccupation auf die ihnen eigne Art empfinden zu lassen. Jede Empfindung in der Jugendseele ist nicht blos was sie ist, Materie, sondern auch aufs ganze Leben Materie: sie wird nachher immer verarbeitet, und also gute Organisation, viele, starke, lebhafte, getreue, eigne Sensationen, auf die dem Menschen eigenste Art[,] sind die Basis zu einer Reihe von vielen starken, lebhaften, getreuen, eignen Gedanken, und d[as] ist das Originalgenie: Dies ist in allen Zeiten würksam gewesen, wo die Seele mit einer grossen Anzahl starker und eigenthümlicher Sensationen hat beschwängert werden können: in den Zeiten der Erziehung fürs Vaterland, in grossen Republiken, in Revolutionen, in Zeiten der Freiheit, und der Zerrüttungen wars würksam. Diese sind für uns weg: wir sind im Jahrhundert der Erfahrungen, der Polizei, der Politik, der Bequemlichkeit, wo wir wie andre denken müssen, weil wir, was sie sehen, wie sie sehen lernen, und man es uns durch Religion, Politik, Gesellschaftston, u. s. w. selbst zu denken verbaut, wie wir wollen. Wir sehen in unsrer Jugend wenige Phänomena, wenn es noch Zeit ist, sie zu sehen, damit sie in uns leben. Diese Phänomena sind meistens schwach, gemein, unwichtig, aus einer bequemen, üppigen Welt, wo die Regierung der Staaten, und alle grosse Handlungen des Menschlichen Geschlechts geheim, oder verborgen, oder gar verschwunden sind: und also ihr Anblick kein Zunder zu grossen Thaten geben kann. Wir werden durch Worte und das Lernen fremder allgemeiner Begriffe so erstickt, daß wir nicht auf sie merken, wenigstens nicht mit dem ganzen Feuer auf sie merken können. Die rührendsten Auftritte der Natur sind bei uns weg. Wir bekommen also nur schwache, monotone Stöße: unsre Jugendlichen Sensationen sagen wenig unsrer Seele: diese erstirbt. O gebet mir eine unverdorbne, mit Abstraktionen und Worten unerstickte Jugendseele her so lebendig, als sie ist; und setzet mich denn in eine Welt, wo ich ihr alle Eindrücke geben kann, die ich will, wie soll sie leben! Ein Buch über die Erziehung sollte bestimmen, welche und in welcher Ordnung und Macht diese Eindrücke sollten gegeben werden ! daß ein Mann von Genie daraus würde, und dieses sich weckte! Durch Repräsentation der Sachen fürs Gesicht, noch mehr aber Gefühl: durch Körperliche Uebungen und Erfahrungen allerlei Art, durch Bedürfniße und Ersättigungen, wie sie nur seyn können. Alles versteht sich pro positu , in welcher Art von Welt man lebt, und sehen kann. Jeder Mensch wird finden, daß seine später verarbeiteten Gedanken immer von solchen Eindrücken, Visionen, Gefühlen, Sensationen, Phänomenen herrühren, die aber oft schwer zu suchen sind. Die Kindheit in ihrem langen tiefen Traum der Morgenröthe verarbeitet solche Eindrücke und modificirt sie nach allen Arten, dazu sie Methoden bekommt. Dies führt auf ein drittes: Man gebrauche seine Sinne, um von allem Begriffe der Wahrheit zu bekommen, und nicht gleich mit dem ersten Eindruck dem Häßlichen und Falschen eigen zu werden . Ich weiß nicht, wie viel vortrefliche Folgen nicht entstehen müßten, wenn alle erste Eindrücke, die man uns liefert, die besten wären. Unsre Gothische Fratzen und Altweibermärchen sind sehr schlechte erste Formen: die ersten Eindrücke von Tempeln, und Religion sind Gothisch, dunkel und oft ins Abentheuerliche und Leere: die ersten Bilder und Gemälde sind Nürnbergsche Kupferstiche: die ersten Romane Magellonen und Olympien[;] wer denkt wohl dran, in der Musik, die ersten Töne schön, sanft, Harmonisch, Melodisch seyn zu laßen? Daher kommts auch, daß unsre Seelen in dieser Gothischen Form veralten, statt daß sie in den Begriffen der Schönheit erzogen, ihre erste Jugend wie im Paradiese der Schönheit gemessen würden. Hier sind aus meinem Beispiel die Folgen klar. Nach den ersten Eindrücken meiner Erziehung hat sich viel von meiner Denkart, von der Bestimmung zu einem Stande, vielleicht auch von meinem Studieren, meinem Ausdruck u. s. w. gerichtet. Was kann aus einer in Geschichte, Kunst, Wißenschaft und Religion Gothisch verdorbnen Jugendseele werden? Und was würde aus einer werden können, die mit den schönsten Begriffen des Schönen genährt würde? Hier starke Menschliche Anreden! Proben z. E. von einem richtig gewöhnten Auge, Ohr, von einem Sinn des Schönen! Und denn Vorschläge und Vorbilder! Wenn ich hier von Vorbildern der Schönheit u. s. w. rede: so sage ich nicht, daß unsre Seele in der Kindheit alle die feine Verbindungen von Begriffen schon habe, die in uns dies Sentiment bilden: die hats noch nicht. Allein eben [dadurch,] daß man der Verwirrung von Begriffen zuvorkommt, bildet man ihn. Wir lernen die feinsten Abstraktionen, die das Resultat langer Betrachtungen sind, die nicht anders als aus einer Menge feiner und seltner Verbindungen und Aßociationen mit andern haben entstehen können, in einem Augenblick durch den Hasard der Sprache, oder durch schlechte Gelegenheiten. Ein schöner Jüngling müste nichts als richtige Sensationen haben, und aller Ideen beraubt werden, die noch nicht für ihn sind. Weil er aber in der Gesellschaft lebt, und leben sollen, so geht diese Beraubung nicht lange an, aber in der Mittheilung auch deßen, was andre für ihn ausgedacht haben, und worinn derselbe eingeweihet wird, muß wenigstens so viel Philosophie wohnen, daß er nichts wider seinen gesunden Verstand annehme, wenn auch schon manches durch die Gesellschaft accelerirt wäre: daß er nichts ohne richtige Sensation annehme, was er ausspricht u. s. w. So muß er zum Begrif feiner Worte, feiner Tugenden und feiner Sentiments der Schönheit kommen. Die Schönheit z. E. von wie vielen Ideen ist sie das Compositum? von wie vielen Ideen aus ganz verschiednen Sachen gezogen? wie fein verflochten sind alle diese Ideen von denen sie das Resultat ist? was setzen sie vor feine Begriffe schon wieder voraus von Ordn[ung,] Maas, Proportion? Und diese Begriffe was für eine Reihe Bemerkungen, Sitten, Convenanzen wieder? wie ändern sie sich also nach diesen Convenenzen nach Ort, Zeit, Völkern, Nationen, Jahrhunderten, Geschmacksarten? wie viel Weisheit gehört also dazu einer Jugendseele die ersten Eindrücke des Schönen in Formen, Gestalten, Körpern, Tönen richtig zu machen! ihn noch nichts von Schönheit überhaupt reden, sondern nur das Einzelne, jedes beste Schöne in seiner Art begreifen lassen! ihn allmälich von einem simpeln Gegenstande zu einem mehr verflochtnen führen! von Bildhauerkunst zur Malerei, von einfach schöner Musik zu einfach schönen Tänzen! lebendige Gestalt wird er sieh selbst suchen, nur laßt uns seine Seele so zur Richtigkeit der Begriffe und sein Herz zur Richtigkeit der Tugend gewöhnen daß er auch in dieser so complicirten Wahl noch richtig geht. Was für einen Unterschied in der ganzen Doktrin gäbe dies! Die ganze Moral ist ein Register feiner Abstrakter Begriffe: alle Tugenden und Laster das Resultat vieler feiner Bemerkungen[,] feiner Situationen, feiner Fälle! Jahrhunderte, Gesellschaften, Convenanzen, Religionen haben dazu beigetragen! Welche kindische Seele kann sie alle indem sie das Wort hört und lernt, entziefern! Welcher Philosoph hat sie entziefert! Welcher lebendige Philosoph wenn jener sie auch entziefert hätte, hätte sie so lebendig, um sie anwenden zu können! um dem Strom von Sprache, Gesellschaft, feinen Unterricht wiederstehen zu können, der auf eine Seele losstürmt! Hier ein grosses Geschäfte: der Verf. des Gouverneurs ou Essai sur l'education (Lond. Nourse) hat einige angefangen, Schönheit, Herrschaft! simpler, und Philosophischer als er, will ich ihm nachfolgen Das Alter der Einbildungskraft ist leicht. Sie nimmt keine neue Bilder mehr an: sie wiederholt nur die vorigen. Noch ein andres höheres Alter: sie wiederholt sie auf einerl[ei] Art. Das höchste endl[ich:] sie wiederholt sie, ohne sie einmal völlig und ganz auszudrücken. Sie spricht wie mit schwacher Zunge, wie im Traum. Alle Bilder, die wir sehen, malen sich in unser Auge, in unser Gehirn: da bleiben welche vielleicht materielle Spuren, das macht das Gedächtniß. Diese Spuren können aufgefrischt und zur idealen Gegenwart gebracht werden: das ist Imagination. Wie sie sich ins Gehirn malen? Physisch ist dies Problem noch nicht gnug aufgelöset: die Bemerkungen, die Maupertuis vorschlägt mit dem Gehirn der Maleficanten würden dazu helfen, und denn würde gleichsam die Welt Materieller Ideen lebendig. Wie sie sich im Gehirn erhalten, und nicht von andern ausgelöscht werden? Huart hat darüber Spitzfündigkeiten gegeben, die bei seinem Scharfsinn es wenigstens zeigen, daß eine beßere Auflösung unmöglich sei, wenn man zuviel grübeln will. Wie sie sich im Gehirn wieder aufwecken laßen? Das ist eine von den 3en Unbegreiflichkeiten, die Scaliger nicht auflösen konnte – laßet uns die Metaphysik laßen und Praktisch reden. So lange das Gehirn, oder die Tafel der Seele weich und zart ist, alle neue Bilder, mit aller Stärke, in allen Farben und Nuancen, mit aller Wahrheit, Neuigkeit und Biegsamkeit einzunehmen: da ist die weiche und wächserne Jugend der Seele! da fühlt ein Klopstock in seiner Kindheit alle die Bilder, die er nachher singt, modellirt und so mannichfalt verarbeitet! da steht die Einbildungskraft offen, und o wenn nur die guten, die besten Bilder jedesmal hineingebracht würden! – – Allmälich schließt sich die Seele d. i. sie verarbeitet die vorigen Ideen: sie wendet sie an, so oft sie Gelegenheit hat: dadurch werden jene zurückgerufen und gleichsam stärker eingeprägt: immer zurückgeruffen und immer stärker: das Gehirn also härter und vester: endlich werden sie eben durch die starke Erneurung die einzigen und ewig. Sie kommen immer wieder, und die Seele kann nichts denken, ohne daß sie wiederkommen. So kommen dem Klopstock seine eiserne Wunden, und seine letzten Stunden immer zurück, daß er fast nichts ohne sie etc. Natürlich daß sie endlich andern Ideen den Eingang wehren, und an unrechtem Ort zurückkommen: die Seele, die gleichsam in einer neuen Gesellschaft mehr Neuigkeit, aber auch mehr Zwang hätte, stützt sich auf die alte, schon bekandte: die besucht sie: da gefällt sie sich: diese Furchtsamkeit neue Ideen zu besuchen, diese Anhänglichkeit an die Alten Freunde ist ein Zeichen des Alters. Endlich komt man gar so weit, so lange zu erzälen, bis man im Erzälen sich vergißt, und nur schwache und träge Abdrücke in Worten gibt von dem, was man denkt und sich einbildet. So wie ein langer Lügner endlich selbst seine Lügen vorträgt, ohne daß ers inne wird: so auch ein langer Erzäler, ohne daß er erzälet. Er verliert die Aufmerksamkeit auf das, was er sagt: ob es auch für einen, der so etwas nicht gesehen, nicht gehört, oder nicht so oft erzälen gehört hat, als dieser es selbst erzält hat, so ganz , so eindrücklich, so vollständig sei, daß es ganzen Eindruck geben könne. Daher z. E. bei Klopstock in s[einen] Liedern die schwachen Wiederholungen aus seinem Meßias: ihm sind diese und jene einzelne Züge im Ganzen eindrücklich gewesen: er glaubt, daß s[ie] andern, so einzeln, als sie ihm einkleiben, auch so mächtig seyn müßen: er vergißt also das Eindrückl[iche] Ganze zu geben, und wird schwach, matt, todt. O Jugend der Seele, die so stark spricht, als sie siehet und fühlet! Mit jeder Wiederholung schwindet ein Zug der Aufmerksamkeit: mit jeder Wiederholung schwächt sich [das] Bild, es wird nur Nachbild, Nachabdruck, und endlich ists die geschwächste Gestalt der Seele! O ihr grossen Meister aller Zeit, ihr Moses und Homere! ihr sangt durch Eingebung! pflanztet was ihr sanget, in ein ewiges Sylbenmaas, wo es sich nicht regen konnte: und so konnte es so lange wiedergesungen werden, als man wollte. Wir in unsrer matten, unbestimmten, uns selbst und jedem Augenblick überlaßnen Prose wiederholen und prosaisiren so lange, bis wir endlich nichts mehr sagen. So gehts einem alten Profeßor, der gar zu oft einerlei gelesen: einem alten Prediger, der gar zu oft einerlei gelehrt, gesagt, verrichtet hat, einem alten Witzlinge; er wird endlich schwach, was Stachel seyn sollte, ists nicht mehr, was Delikatesse seyn sollte, wird Finesse: kurz Fontenelle, in seinem Alter, wie ihn auch Clement charakterisiret: einem alten Anakreontisten, wie es Gleim zeigt: einem alten Spötter, wie es Voltaire beweiset u. s. w. Welche grosse Regel, mache deine Bilder der Einbildungskraft so ewig, daß du sie nicht verlierest, wiederhole sie aber auch nicht zur Unzeit! eine Regel zur ewigen Jugend der Seele. Wem seine ersten Bilder so schwach sind, daß er sie nicht stark und in eben der Stärke von sich geben kann, da er sie empfangen, der ist schwach und alt. So gehts allen Vielbelesnen und Zuviellesenden, die nicht Gelegenheit haben, das was sie gelesen, Einmal stark und lebendig zu wiederholen: oder die nicht Lebhaftigkeit gnug haben, zu lesen, als ob man sähe, fühlte, selbst empfände, oder anwendete: oder endlich, die durch zu Ueberhäuftes, schwächliches, Zerstreutes Lesen sich selbst aufopfern! So gehts mir. Indem ich mich zu sehr aus meiner Sphäre wage: indem ich nie mit ganzer zusammengenommner, natürlich vollkommnen Seele lese, so wird kein Eindruck ganz! Nie so ganz, als ihn der Autor empfand, oft nicht einmal so ganz, daß ich ihn sagen, oder mir nur stark und vollendet denken kann. O Greise, schwache Beschaffenheit der Seele! Der Magen ist verdorben: die Natur geschwächt: die Seele [hat] keinen wahren Hunger, also auch keinen wahren Appetit zur Speise: also auch keine starke völlige Verdauung: also auch keine gesunde Nahrung. Wie ist ihm zu helfen? Wenig eßen, viel Bewegung und Arbeit: d. i. ohne Allegorie wenig Lesen, viel Ueberdenken mit einer gewißen Stärke und Bündigkeit, und denn Ueben, Anwenden. Wie wenn dazu meine Reisen dienten! Da komme ich in die Nothwendigkeit, nicht immer lesen oder vielmehr lesend schlendern zu können: da muß ich Tagelang ohne Buch bleiben. Da will ichs mir also zum Gesetz machen, nie zu lesen, wenn ich nicht mit ganzer Seele, mit vollem Eifer, mit unzertheilter Aufmerksamkeit lesen kann. Hingegen will ich alsdenn an das, was vor mir liegt, denken, mich von der greulichen Unordnung meiner Natur heilen, entweder zu sehr voraus, oder zu spät zu denken; sondern immer die Gegenwart zu gemessen. Alsdenn wenn ich das Buch ergreife – nicht anders, als mit voller Lust und Begierde, und so daß ich endlich so weit komme, ein Buch auf einmal so lesen zu können, daß ichs ganz und auf ewig weiß; für mich und wo ich gefragt werde, wo ichs anwenden soll, und auf welche Art auch die Anwendung seyn möge. Ein solches Lesen muß Gespräch, halbe Begeisterung werden, oder es wird nichts!