Johann Gottfried Herder Italienische Reise Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1788-1789 Federzeichnung von Friedrich Rehberg, 1789 Briefe 1788 J. G. Herder an Herzog Carl August Weimar, 26. 4. 1788 Gnädigster, bester Herr, Inlage empfing ich so unvermutet, als ob sie mir vom Himmel zugefallen wäre; in einem Zustande, in welchem mich der Inhalt derselben eben so erfreuete, als betäubte. Ich habe mit der gestrigen Post geantwortet, u. den kleinen Dalberg gebeten, sich über das Wie? Wo? u. Wann? etwas näher zu erklären. Das Weitere müssen Euer Durchlaucht zu seiner Zeit beantworten, u. ich verspreche mir eine gute, gnädige Antwort. [...] Ich wünsche Euer Durchlaucht das beste Wohlsein von innen u. von außen. E[uer] H[erzoglichen] D[urchlaucht] untertänigster Herder. Herzog Carl August an J. G. Herder Aschersleben, den 28. April 1788. Der Antrag, den die Beilage Ihres Briefes enthielt, überraschte mich sehr angenehm. Schon lange wünschte ich eine gute, annehmbare Gelegenheit, die Ihnen den Vorteil verschaffen könnte, Ihre Atmosphäre zu erfrischen, welche hinter dem hohen Schieferdache der Stadtkirche zusammengepreßt werden mag. Der Vorschlag des kleinen Dalbergs ist mir um desto willkommner, da ich vermute, daß er die notwendigen Einrichtungen so treffen wird, daß Sie gewiß kein Hindernis finden werden, mit ihm die Reise nach dem gelobten Lande zu tun, und seine Gesellschaft von der Art ist, daß solche für Sie nicht die mindeste Beschwerlichkeit haben kann, sondern fähig ist, Ihnen vielerlei Annehmlichkeiten zu gewähren. Ich wünsche Ihnen recht herzlich Glück zu diesem angenehmen Zufalle, und werde mich recht herzlich freuen, Sie mit Ihrem Aesopischen Reisegefährten in den Wagen steigen zu sehen und auf dem Wege zu wissen, welcher Sie gerade zur erquickenden Quelle führen soll. Der Schwager Chronos (Goethe brauchte ihn einmal zum Postillon) ist doch im Grunde ein guter Fuhrmann, der seine Passagiers zu beurteilen weiß, und führt sie, wenn sie auch zuweilen auf seinem Postwagen vor Stößen geflucht oder zu anderer Zeit vor Langsamfahren gegähnt haben, doch endlich auf die Straßen, die ihnen angemessen und erwünscht sind. Selten verfehlt er ganz des Wegs, wenn er Reisende bedient, die seiner Aufmerksamkeit würdig sind. Aber auch ein Trinkgeld für ihn! das beste ist gewiß harren und vertrauen auf seine Geschicklichkeit. Glück zu! Dem kleinen Dalberg schrieb ich vor ein paar Tagen; es sollte mir leid sein, den guten kleinen Menschen nicht zu sehen. Wenn das Wo? Wie? und Wann? bestimmt ist, so schreiben Sie mir die Einrichtung desselben. Daß Sie Ihre Abwesenheit nach Ihrem Gefallen einrichten können, versteht sich von selbst. [...] Grüßen Sie mir Frau und Kinder und leben Sie recht wohl. Carl August H. z. S. Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder Trier, 5. 5. 1788 {...} Ich habe mich seit einigen Jahren sehr warm einiger Geschäfte angenommen, deren Erfolg ich wünschte, aber durch Drang unglücklicher, widerstrebender Umstände nicht allein nicht erreichen kann, sondern nach innerer Überzeugung und dem, was ich meiner Ehre schuldig bin, mich des Geschäfts entledigen muß, wenigstens auf einige Zeit, da meine schwächliche Gesundheit ohnehin Erholung und den erquickenden Hauch eines mildern Himmelsstrichs bedarf. Mein Plan geht dahin, zuerst an einem guten, nicht zu heißen Fleck Italiens oder der Provence zu ruhen, und den Sommer durch reinen Äther zu schöpfen, den Winter dann der Reise im Lande, dem Sehen und Genießen der hohen Kunst zu widmen. Ich kann mich auf einige Jahre von meinen Residenzen frei machen, und diese Zeit und meine fortdauernden Renten dort verzehren. Denn wie Sie wissen, ist die Kirche, die zwar auch Bannstrahlen hat, oft eine gütige Mutter und gestattet ihren Söhnen alle Freiheiten, wenn sie nur das Verlangen äußern, ihren mächtigen Vater mit der dreifachen Krone in Rom zu sehen. – Wie wäre nun folgender Vorschlag, bester Herder, wenn Sie die Zeit von hier bis in den September, die ich der Gesundheit und Ruhe widme, zur Vollendung ihrer Geschäfte anwendeten, und wir uns dann in der Schweiz, oder wo es sonst wäre, einen Ort bestimmten, wo wir uns träfen und als Pilgrime in das hohe Rom zusammen wallten? Der Plan unsrer fernern Reise durch Italien ließe sich dann immer noch machen. {...} J. G. Herder an Johann Gottfried Eichhorn Weimar, 6. 5. 1788 [?] [...] Ich placke mich mit dem 4. T[eil] der Ideen herum, mit dem ich mich den ganzen leidigen Winter durch umhergeplackt habe. Ich habe unter den nordischen, zumal der edeln Deutschen Nation so lange hausen müssen, daß ich mich recht freuete, wieder unter eine andre zu kommen, wo ich wenigstens des Privilegiums der Reisenden genieße, a beau mentir, qui vient de loin. Ich sehne mich herzlich nach dem Ende der Arbeit, die mir zu meinem Zweck unsägliche, vielleicht auch gar unkennbare Mühe kostet. [...] J. G. Herder an Karl Ludwig von Knebel Weimar, vor dem 30. 5. 1788 S. P. Ende voriger Woche erfuhr ich unvermutet, daß Dalberg in Kalbsried sei, wohin er die Fr[au] v. Seckendorf begleitet. Ich sandte an ihn einen Expressen, mit der Einladung nach Aschersleben, die mir der Herzog nachgelassen hatte, u. die er in der Nähe des Orts vielleicht annehmen würde. Der Expresse kam Sonnabend Abend zurück, mit einem Briefe von ihm, daß er den Sonntag drauf nach Aschersleben reisen, sodann nach Weimar kommen würde u. gern bei mir logieren wollte. Gestern Abend haben wir ihn umsonst erwartet; vielleicht kommt er heut, u. höchstens morgen. In der Frankf. Zeitung hat schon vorige Woche gestanden: er sei in meiner Gesellschaft nach Italien gereiset; diese Nachricht hat sich also auch hier verbreitet u. man nimmt mich für abgereiset an, u. fragt mich selbst, ob ich nach Italien gereiset sei. Sobald Dalberg herkommt, tue ichs Ihnen zu wissen, mein H[err] u. Freund, denn es ist billig u. recht daß Sie ihn sehen u. auch mich, jetzt in Italien, in seiner Gesellschaft sehen; anbei Zeuge sind, was u. wie es sich verhandelt. Ich höre, er geht erst auf eine Hochzeit des Gr[afen] v. der Leie, u. also bin ich noch ganz ungewiß, wie sich die Sache einrichten u. abmachen werde. Sie müssen aber zu uns kommen, alter Weiser, zumal da Dalberg in meinem Hause logiert. Ich bitte Sie sehr, u. er wird sich Ihrer selbst freuen. [...] Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Konstanz, 5. 6. 1788 [?] Daß ich von Constanz an dich nach Rom zu schreiben habe, ist wohl eine seltsame Sache, die mir noch völlig den Kopf verwirren könnte. Gestern Abend lese ich in der Vaterlandschronik, du seiest wirklich mit Dalbergen verreist. Ich glaube es und ergebe mich drein, ob es gleich für mich ein sehr harter Fall ist. Reise glücklich und erbrich den Brief gesund, da wo ich in meinem Leben das erstemal unbedingt glücklich war. Angelika wird dir ihn geben. Vielleicht erhältst du zu gleicher Zeit noch einen; denn ich schreibe gleich, wenn ich nach Hause komme, und Ihr haltet Euch wohl auf. Wenn Ihr einen Antiquar braucht, wie Ihr denn einen braucht, so nehmt einen Deutschen, der Hirt heißt. Er ist ein Pedante, weiß aber viel und wird jedem Fremden nützlich sein. Er nimmt des Tages mit einem Zechin vorlieb. Wenn Ihr ihm etwas mehr gebt, so wird er dankbar sein. Er ist übrigens ein durchaus redlicher Mensch. Alsdann suche einen jungen Maler Bury incontro Rondanini, den ich lieb habe, und laß dir die farbigen Zeichnungen weisen, die er jetzt nach Carrache macht. Er arbeitet sehr brav. Mache, daß sie Dalberg sieht und etwas bestellt. Dieser junge Mensch ist gar brav und gut, und wenn du etwa das Museum oder sonst eine wichtige Sammlung mit ihm, zum zweitenmal, aber NB. allein sehen willst, so wird es dir Freude machen und Nutzen schaffen. Er ist kein großer Redner, besonders vor mehreren. Meyer, der Schweizer, ist, furchte ich, schon in Neapel. Wo er auch sei, mußt du ihn kennen lernen. Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume, da ich dir dieses schreibe. Es ist eine starke Prüfung, die über mich ergeht. Lebe wohl, genieße, was dir beschert ist. Einer meiner angelegentlichsten Wünsche ist erfüllt. Wenn du nach Castell-Gandolfo kommst, so frage nach einer Pinie, die nicht weit von Herrn Jenkins' Haus, nicht weit vom kleinen Theater steht. Diese hatte ich in den Augen, als ich dich so sehnlich wünschte. Lebe wohl. Ich gehe zu den Deinigen, und will ihnen die Zeit deiner Abwesenheit verleben helfen. G. Wahrscheinlich wird Euch Hofrat Reiffenstein an einige Orte führen. Ich empfehle Hirten also zum Supplemente. Moritzen mußt du auch sehen. Du wirst noch andere finden: Lips etc. J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar, Mitte Juni 1788 Warum haben Sie mir nicht, gnädigste Herzogin, mit Ihrer schönen Italienischen Übersetzung der Lira zugleich etwas Italienischen Geist ins Couvert eingesiegelt, Ihnen Italienisch danken zu können; statt dessen, daß ich jetzt das liebliche, harmonische Blatt mit Bewunderung und etwas Neide lese, daß ich dagegen ein so barbarischer, Deutscher Ignorant bin. Indessen studiere ich seit ehegestern die Sprache, wie es sich tun läßt, und sehe den Zuruf der Lira eben auch als eine Stimme an, die mich dazu freundlich einladet. Ich will sie lesen u. wiederlesen, auch morgen die kleine Nachtigall in Manheim damit erfreuen. Haben Euer Durchl. für den süßen Enthusiasmus Dank, der darin herrschet: im schönen Lande jenseits der Alpen – – – wo die Zitronen blühn, hoffe ich Ihnen Italienisch, und also anmutiger danken zu können, als hier hinter der Peter- u. Paulskirche. Vorher aber hoffe ich es nächstens in Tiefurt tun zu können. – Die Fr. v. Dieden u. der Prinz August müssen durch Euer Durchl. Gnade doch ja auch die Musik des kleinen Ritters Valdimonte (so haben wir ihn übersetzt) hören. Ich empfehle mich zu E. D. Gnade Herder. J. G. Herder an Christian Gottlob Heyne Weimar, 22. 6. 1788 Liebster Freund, Die Zeitungen werden Ihnen, nicht nur sehr zu frühe, sondern auch mir sehr unlieb, gemeldet haben, daß ich nach Italien reise. Reisen mußte ich, wenn es auch auf den Walfischfang gewesen wäre, u. da diese Gelegenheit u. Anerbietung kam, sahe ich sie als einen Wink des Schicksals an, den ich nicht ausschlagen durfte. Wozu ich reise? wird die Zeit selbst negativ oder positiv zeigen: ich lasse ihr gern ihren Lauf u. will den guten Göttern nicht vorgreifen; ich hoffe aber das Letzte, oder vielmehr ich bin dessen gewiß, da doch alles Nichts ein Nichts ist. Wie angenehm, unterrichtend, ja gewissermaßen notwendig wäre es, wenn ich erst zu Ihnen nach G[öttingen] käme; ich habe im Ernst daran gedacht, den Gedanken aber sogleich verworfen. Meine Zeit ist beschränkt; ich weiß nicht, wie ich hier mit meinem Bündel zurecht kommen will; eilen müssen wir, weil wir durch die Schweiz ziehen, u. in der Provence uns zuerst erholen wollen, ehe uns, wie es die Reisende über die Alpen sonst zu genießen pflegen, das stolze Rom verschlingt; also kann ich nicht säumen, u. wie sehr haben wirs mit unsern Sitten, in unsrer Lebensweise darauf eingerichtet, daß wir uns nur immer in einem »minimum« genießen u. kosten! – Also das herzlichste Lebewohl, liebster, treuer, alter Freund, Sie am Ufer der Leine, u. ich wo ich sein möge. Haben Sie Aufträge für mich, wollen Sie mir Gesichtspunkte, Ideen, Aussichten geben, finden Sie es gut, wie ichs freilich gut fände, daß Sie mich nach Ihrer weiten Bekanntschaft in den dortigen Gegenden an einige Menschen, die mir nützlich sein können, empfehlen: so tun Sie, was Ihnen Ihr Sinn u. Herz gebietet. Alles aber ohne Zwang: denn mir ists ganz gleichgültig, wenn ich auch den u. den u. den nicht sehe; was ich sehen, u. einst gesehen haben will, sehe ich doch, u. was mir daher gewährt sein soll, ist in der Götter Händen. Mir selbst, so nahe ich dran bin, scheinet die Reise noch wie eine Fabel. So wird sie es auch sein, wenn sie vorüber ist: denn wie schnell vergehen einige Monate, in welchen wir uns wie Würmer einige Schritte weit zu Hause hingekrümmt u. am Ende doch nichts anders getan, als gemüht u. verdauet hätten – nun mögen sie auf andre Weise wie Schatten vorbeigehn. Die Augen will ich indessen auftun, u. dies schmale Interstitium mit Sorgfalt u. Muße gebrauchen. Ich weiß, Sie wünschen mir sodann eine glückliche Rückkehr, u. ich mir sodann einige Augenblicke oder Stunden, Sie sprechen zu können. Die Bücher, die ich von der Bibliothek habe, schicke ich an dem Ort, der Göttingen am nächsten ist, zu Ihnen, u. sage Ihnen sodann noch dankbar das letzte Lebewohl. [...] Leben Sie wohl, lieber Patriarch der Künste, bald schreibe ich Ihnen noch einige Zeilen. Überdenken Sie indessen etwas, ob Sie mir etwas mitzugeben haben. Herder 22. Jun. 88. J. G. und Caroline Herder an Karl Ludwig von Knebel Weimar, 22. und 23. 6. 1788 [J. G. Herder:] Sonderbar ists, wie die Geister wirken. Eben stand ich heut am Fest des H. Johanns vor Ihren 2. letzten Additamenten, zu denen ich durch einen unwiderstehlichen Trieb eben unter dem Lauten zur Kirche getrieben ward, ob ich gleich wußte, daß sie mich in meiner Johannspredigt stören würden, als der Bediente Ihren nassen Brief herauf brachte, den ein unsichtbarer Bote auf den Tisch vor meiner Frauen Zimmer gelegt haben muß. Er freuete mich sehr u. ich habe Alles sogleich besorgt. [...] Aber über Ihr Glück, einen alten Philosophen gefunden zu haben, sein Sie nicht zu stolz; denn Sie haben Ihren rückkommenden Freund durch die Reise gerade zu verfehlet. Er ist seit dem 18. Abends um 10. Uhr mit dem Vollmonde hier, ist gesund und wohl, u. hat uns schon 1000. Dinge erzählet. Das hat Ihnen Ihr alter Philosoph schwerlich gesaget: doch bin ich auf ihn sehr lüstern. Mich dünkte sonst, ich kennte alle alten Philosophen an ihren Bärten. Diese Nacht gehen Diedens weg, u. den 1ten treffen die Gore's ein: verlassen Sie also die Gebirge, u. kehren zur schönen Gesellschaft u. zum Römer zurück. Das ist artiger u. hübscher. [...] Die artige Gesellschaft hat mich sehr gehindert, an meine Reise zu denken. Morgen aber u. fernerhin solls desto ernstlicher getrieben werden. Von Dalberg habe ich seitdem noch keine Zeile; vielleicht kommt sie heut. [...] Leben Sie wohl, lieber Waldphilosoph u. kehren bald wieder zu uns: zum Einsiedler sind Sie doch nicht geboren. Ich umarme Sie herzlich. H. 22. Jun. 88. [...] [Caroline Herder:] Ich muß Sie auch bitten liebster Freund bald zu kommen, damit wir uns gemeinschaftlich an unserm Freund erfreuen. Diese Tage her hat der Hof durch die Anwesenheit der Fr. von Diede ihn ganz verschlungen. Er kam den Mittwoch Abends 11 uhr durch den Stern gehend, an; Frau von Stein u. der Herzog schliefen schon; er ging in sein Haus, wir erfuhren seine Ankunft gleich u. m[ein] Mann der eben von Tiefurt kam eilte zu ihm u. ich stand auch auf u. ging hin. er glaubte m. Mann sei schon auf der Reise, u. das Wiedersehen war also ganz erfreulich. Ich hoffe nun auf einige stille Abende wo wir ihn wieder sehen werden wie er ist. Da er nun da ist, fühle ich erst den schlimmen Tausch zwischen Rom u. Weimar. Doch die Liebe trägt ja alles. Herzl[lich] Adieu. Montag Abend. Goethe ist eben da u. grüßt Sie aufs beste. J. G. Herder an Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer Weimar, 23. 6. 1788 Guter, lieber M. [...] Der Antrag u. Ruf zu meiner Reise kam mir so sonderbar, als wenn mir ein Br. aus den Wolken zufiele. Da ich zuviel Gutes in meinem Leben unbesonnener Weise aus der Hand geschlagen habe, so fand ichs eine große Sünde, es auch jetzt aus der Hand schlagen zu wollen, u. nahms an. Mein Reisegefährte oder vielmehr der Führer meiner Reise ist hier gewesen, daß ich ihn auch persönlich näher kennen gelernt habe: denn schriftlich u. aus dem Hause seines Bruders, des Koadjutors, kannte ich ihn längst. Er ist der liebenswürdigste Mensch, u. ich kann nicht gnug zum Lobe seiner Seele, seines Herzens, seines Geschmacks u. Genies sagen; vorzüglich zeichnet ihn bei einer ungemeinen Schnelligkeit u. Leichtigkeit der Ideen eine Ruhe des Gemüts aus, die im höchsten Grade nach meinem Sinn u. beim Reisen ein wahrer Balsam ist. Er verachtet, was ich verachte, er sucht, was ich suche, u. kann mir {mit} tausend geübten Kenntnissen im Kunstgeschmack u. in der musikalischen Komposition helfen. In einigen Wochen, in denen ich noch alle Hände voll habe, gehe ich zu ihm: von Manheim aus gehen wir durch die Schweiz nach der Provenze u. schleichen sodann nach Italien über. O brächte ich nach Rom Heynens Kenntnisse, Heynens Studium mit! Aber das Schicksal hat mir diese Zubereitung versaget. Sie wissen, in welchem beschwerlichen Amt oder vielmehr farrago von Ämtern u. furfur von Geschäften ich lebe; da ich nun nach Italien nie mehr zu kommen hoffte, so rächete ich mich durch Abneigung gegen die Sprache, die mir jetzt teuer zu stehen kommt. Jetzt lese ich was ich kann, u. auch dieses sind nur Vierteilstunden. Ich verlasse mich aufs gute Schicksal, das mich rief, u. dessen Wink ich mit jeder sorgsamen Demut zu folgen gedenke. Meine Frau läßt mich gern ziehen: denn sonst wäre ich doch verkommen u. abgestanden, wie ein Fisch im Trocknen, hinter dem schwarzen Schieferdach dieser Kirche, ja vielleicht bin ichs schon jetzt. Also hinaus, u. lasset uns frische Luft schöpfen, so viel wir noch zu schöpfen vermögen. Der reditus in Orcum findet sich immer wieder. Mein Herzog gönnet mir die Reise u. hat sie mir längst gewünscht. Göthe ist seit dem 18. zurück; o hätte ich mit ihm in Italien sein mögen! es wäre ein siebenfacher – nicht Genuß, auf den reise ich nicht, sondern – Gewinn gewesen. Aber die unsterblichen Götter wollen es anders, u. die sind klüger als wir sterblichen Menschen. [...] Also leben Sie wohl, lieber Wanderer, u. wo das Glück Sie hinführt, denken Sie in Freundschaft an mich u. lassen was von sich hören. Senden Sie während meiner Abwesenheit die Br. nur an meine Fr., wenn Sie mir etwas zu sagen haben; mich lüstets in Rom ad limina S[ancti] Petri etwas von Ihnen zu hören, u. ich werde dort sodann Ihren Namen an einen schönen Baum schneiden, der verloren scheinet, aber es nicht ist, denn er blühet im Lande der Musen. Leben Sie wohl, Lieber, u. senden mir etwas von Ihrer Italienischen Sprache, wenn Sie können; Ihr gutes Herz gegen mich aber bewahren Sie treu. Herder. W. den 23. Jun. 88. J. G. Herder an Johann Gottfried Eichhorn Weimar, 28. 6. 1788 In einigen Wochen, liebster Freund, geht es mit dem FreiHrn. v. Dalberg auf die Reise, die die geschwätzige Fama für mich u. für ihn etwas zu frühe angekündigt hat. Haben Sie Aufträge mir zu geben: so bitte ich sie mir aus; wenn es nur keine Kollation morgenländischer Buchstaben ist, vor denen ich vor der Hand einen gesunden u. heilsamen Ekel habe, will ich sie bestens besorgen. Ich weiß, Sie gönnen mir den Ausflug u. wünschen, daß er glücklich ausschlagen möge. Sie, l[ieber] Fr[eund], treffe ich wahrscheinlich in J[ena] nicht mehr an; u. ich werde darüber nicht trauern. Ich habe Kn[ebel] recht herzlich gedankt, daß er Ihren wankenden Entschluß befestigt hat; er zeigt von Ihrer zarten Seele; Schritte indes müssen getan werden. Wo Sie auch sind, leben Sie mit den Ihrigen glücklich; dies wünscht Ihnen meine ganze Seele. Hier ist Ihr Spinoza wieder; habe ich noch mehr Bücher von Ihnen, so senden Sie mir eine Note; mich dünkt, den Hafiz des Bar[on] R[eviczky] haben Sie mir gütig geschenket. Leben Sie wohl, lieber, guter, Herzensguter E.; wo ich auch bin, werde ich Ihrer mit Liebe gedenken H. 28. Jun. Caroline und J. G. Herder an Johann Georg Müller W. den 30. Juni 1788. [Caroline Herder:] {...} Der Domherr Fritz v. Dalberg hat ihm eine Reise nach Italien angetragen – sein Brief war auf den Todestag unsres Kindes datiert u. es war uns als ob sein wegscheidendes Seelchen dies noch bewirkt hätte – wir stunden keinen Augenblick an ja zu sagen; die Notwendigkeit, Ort, Klima u. Gegenstände zu verändern, war bei meinem Mann aufs höchste gestiegen, u. wenn dieser Antrag nicht gekommen wäre, so hätte er Sie nach dem Carlsbad gewiß heimgesucht u. {wäre} vielleicht bei Ihrem Bündnis gegenwärtig gewesen. Unser Goethe ist den 18. wiedergekommen, gestärkt u. befestigt in seinem ganzen Wesen; er hat Ratschläge zur Reise gegeben, u. nun hängts von Dalberg ab ob es zuerst nach der Provence geht wies sein eigentlicher Plan war, oder ob sie nach Goethes Rat den kürzern Weg durch die Schweiz über den Gotthard nehmen. {In letzterem Fall werde Herder gewiß durch Schaffhausen kommen und Müller sehen. – Noch vor der Reise werde Herder Gottfried konfirmieren. – Grüße an Müllers Angehörige.} Ihre treue C. H. [J. G. Herder:] Es ist unerlaubt, liebster, bester M., auf so viele herzliche Gütigkeiten von Ihrer u. Ihrer Freunde Seite die Antwort so lange schuldig zu bleiben; auch können Sie gewiß glauben, daß schwerlich jemals Geschenke mit mehrerer Freude u. Liebe empfangen worden sind. Da aber der Tod den Strich machte; – so können Sie sich das andre leicht denken. Mein Herz u. ganze Seele blutet noch immer, wenn ich an das geliebteste, wirklich holde Kind gedenke. Es kommt zu uns nicht wieder; wir aber kommen zu ihm. Jetzt blühen Rosen auf seinem Grabe, wo er wie in einem Gärtchen liegt. Have animula cara, blanda, suavis, have! – In wenigen Wochen reise ich also, lieber Gevatter, wie Ihnen meine Frau gesagt hat. Ich wünsche, daß mich das Glück über Schafhausen führe, glaube es aber schwerlich; das sei der Rückkehr aufgespart, so Gott will. So bald ich an Ort u. Stelle bin, schreibe ich Ihnen, wo Ihre Br. mich finden können, u. ich werde, ausgespannt von meinem hiesigen Joch, zuweilen gern an Sie schreiben. Sagen Sie doch in unserm Namen den verbindlichsten Dank an alle Ihre Freunde, die zum Liebesgeschenk fürs Kind schrift- u. tätlich beigetragen haben; ich kann ihnen nicht danken. Sie, l. M., leben wohl u. grüßen Ihre Braut aufs herzl. in meinem Namen. Gott segne Euch beide. – Ihr Bruder ist Staatsmann; möge es ihm bestens wohlgehen. Lebt wohl, lieber Müller, lebt wohl. H. 30. Jun. J. G. Herder an Friedrich Christian Karl Heinrich Münter Weimar, 30. 6. 1788 [...] Jetzt melde ich Ihnen nur eigenhändig, was Ihnen wahrscheinlich auch schon die Zeitungen werden gesagt haben, daß ich mit dem jüngsten Bruder des Koadjutors in Mainz, Fritz von Dalberg, DomHrn. zu Trier, Worms u. Speier, auch Trierschen Geh[eimen] Rat, eine Reise nach Italien zu tun im Begriff bin. In einigen Wochen gehts fort, u. ich hoffe mit dem Einfluß guter Gestirne. Der Antrag dazu kam mir sehr unerwartet, u. ich nahm ihn als einen lange gewünschten, aber kaum gehofften Ruf des Himmels an. Aus Rom werde ich an Sie schreiben. Sie schicken Ihre Briefe nur mit Oblaten gesiegelt an meine Frau; die wird ferner wissen, wo ich lebe u. schwebe. Seit dem 18. dieses Monats ist Göthe hier; er ist voll von Rom, wie billig u. recht ist. Er kann sich mit dem hiesigen Himmel noch nicht recht vertragen. Ihre Münzenabdrücke haben ihn sehr gefreuet, u. er dankt Ihnen aufs beste. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon gemeldet habe, daß unser jüngster Sohn, Karl Alfred, im Dez. vorigen Jahrs geboren, im März dieses Jahrs von hinnen gegangen ist. Sein Verlust ist uns sehr schmerzlich gewesen, u. ich kann ihn noch nicht verwinden. Gerade im tiefsten Gefühl des Verlusts kam mir der Ruf zur Reise, daher ich ihn doppelt gern annahm. [...] Leben Sie wohl, l. M., der Himmel gebe Ihnen einen glücklichen Ausgang u. denn Ruhe, Gesundheit, Fleiß, Zufriedenheit u. Freude. Ich bin u. bleibe Ihr H. [...] Christian Gottlob Heyne an J. G. Herder Göttingen, den 2. Juli 88. Freilich glaubte ich bisher dem Gerücht von Ihrer Reise nach Italien nur halb; desto mehr Freude macht mir nun die Gewißheit. Die Reise muß Ihnen heilsam werden; sie wird auch uns andern Frucht bringen. Wie gern schwatzte ich mit Ihnen, liebster Freund, über einiges voraus, was Sie zu sehn bekommen, wenn nur die Zeit nicht zu kurz wäre. Aber doch eines, wenn Sie darüber völlige Belehrung mitbringen können. Von Kunstwerken halte ich mich nun überzeugt, daß die hohe Kunst bloß Ideale bearbeitete, entweder eigentlich Ideal, als Götter und Helden, oder sie verwandelt Portrait und wirkliche Natur in Ideal. Wo aber die Ideale noch am wenigsten bestimmt und gesichert sind, sind die weiblichen Antiken, weil die wenigsten alte oder doch nicht ihre eignen Köpfe haben, immer hat sich nur der Tronk, Gewand und Masse erhalten. Immer bleibt der Charakter nicht treu, der eine Minerva, Muse, Nymphe, Diana u. s. w. unterscheiden soll, so bestimmt gleich das Ideal ist. Eine Aufmerksamkeit bei einer großen Reihe weiblicher Figuren müßte Bemerkungen an die Hand geben. Ferner in der neuern Kunst ist alles, was groß Werk ist, ebensowohl Ideal: Christuskopf, Apostel, Märtyrer, männlich und weiblich. Daß die Leute so aussahen, wer glaubt das? Nun wäre die Entstehung dieser Ideale (so wie ich sie von den Göttern und Heldenidealen aufgefunden habe) und die ersten Meister einmal eine gelehrte Forschung; aber erst doch die genaue Bestimmung, was ist der Charakter, woher und wie gefaßt und wie genau zu bestimmen und auf Klassen zu bringen? Ein weibliches Ideal mit jungfräulicher Sittsamkeit – mit Beimischung von – ist eine Madonna s. f.; so wie Venus ein Ideal weiblicher Schönheit mit Grazie und Reiz. Alle weiblichen Figuren nennt man Venus. Wenn die Antikenoperateurs Acht geben könnten, manches würde auf andere Ideen bei Restaurationen geleitet haben. Gott leite Sie und bringe Sie glücklich zu den Ihrigen und dann aber gewiß einmal auch zu mir und zu den Meinigen. Alles ehrt und liebt Sie und Ihr Haus. – [...] J. G. Herder an Ursula Margarethe Konstanze Luise von Diede Weimar, 4. 7. 1788 Ihren Abschiedsbrief, holde Frau, bekam ich Montag Mittag unter des Herzogs Insiegel; ich wunderte mich nicht, denn ich erklärte mir gleich das Rätsel. Ihr anderes liebliches Andenken am Fuß der Gebirge hat es mir gesagt, daß Sie wenigstens bis dahin unser Bild sich haben folgen lassen; da das Ihrige so oft in Gesprächen u. angenehmer Erinnerung um uns schwebet. Jetzt sind Sie im Schoß Ihrer Freunde u. Freundinnen, u. gedenken unser, vielleicht wie man sich aus Elysium seiner Erdegenossen erinnert. Wir leben hier, wie wir leben. Die Tage sind schwül u. vergehen mir wie Schatten. Der Prinz ist noch hier, u. hat eine Kur unter dem Leibarzt Stark angefangen, die, wie es scheint, ihn angreift. Gore's sind noch nicht hier; dagegen 4. andre Engländer: ein Obrist Gordon u. drei andre junge Leute, die noch nicht recht flick sind, ihre Angesichter aber unter schreckliche Haargerüste von Toupé u. Seitenlocken gestellt haben. Der Obrist ist ein Welterfahrner Mann; die andern lasse ich gehen, da sie für mich nicht dasind. Sonst geht mein Leben in unaufhörlichem Taumel der Abschüttelung u. Zubereitung zu meiner Reise fort. Ich bin wie die Heuschrecke, die sich mit allen Gliedern krümmet, um sich ihrer Hülse zu entladen: das ist kein angenehmer Zustand. Auch spielt mir das Schicksal hie u. da wunderliche Streiche. So erfahre ich heut, daß Einer meiner ältesten Freunde, dessen Bild in meinem Zimmer der H. G. R. aus der Ferne für einen Kardinal ansah, in Münster gestorben, und im Garten der Fürstin Gallitzin begraben worden. Er ist den letzten Sonnabend gestorben, da Sie hier waren, u. ich, dem zu gut er mit nach Deutschland reisete, habe ihn nicht sehen sollen. Die Nachricht hat meinen Kopf heut so verwirret, daß ich mich noch gar nicht zu finden weiß. Abermals ein großes Band meines Lebens zerrissen; u. allmählich wirds immer einsamer um mich her. Verzeihen Sie also auch, beste Frau, die Wüstenei u. leere Unklugheit dieses Briefes. Mit Göthe habe ich auch noch nicht viel Gescheutes sprechen können; so verschwinden die Tage. Leben Sie wohl, holde Frau, u. empfehlen mich bestens Ihrem Gemahl, Ihren Hausgenossen u. am vorzüglichsten Ihrem eignen schönen Herzen, wenn ichs verdiene. Nicht wahr, Sie schreiben wohl eine Zeile, wenns zur Abreise geht, damit ich Sie nicht verfehle, aber auch nicht vergebens suchen dörfe, auf Ihrem der Sage nach so schönen Musenberge. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen auf das angelegentlichste u. ich küsse Ihre freundschaftliche, Saitenbelebende Hand mit dem süßesten Andenken der Ehrerbietung u. Liebe Herder. Weimar 4. Jul. 88. J. G. Herder an Friederike Sophie Eleonore von Schardt Weimar, 10. 7. 1788 Ihr Andenken aus dem Karlsbade, liebe kleine Psycharion, ist mir recht zur erwünschten Stunde gekommen und heiterte mich nach einem traurigen Geschäft und einigen traurigen Tagen recht auf. Sie wandeln also in den angenehmen katholischen Wildnissen auf Felsen, und zum Teil unter Bäumen, die so alt als die Welt sind, daher, und denken auch zuweilen unser, wie wir Ihrer auch gedacht haben, als wir dort umherirrten. Die Welt, die Sie dort haben, kann ich mir recht gut vorstellen; ich mags aber nicht, weil mir die halbgesottenen galanten Fische im engen Kessel dieser Gebirge und im Saal nicht gar zu wohl tun. – Die Gores sind hier; ich nehme an ihnen aber diesmal weniger Teil als im vorigen Winter. Die Emilie ist kränker, wenigstens der Farbe nach, und da ich mir selbst nicht helfen kann, so ziehe ich mein abgetragenes armes Gemüt zusammen, um nur mit mir zu wohnen. Es sind überdem so viel Prinzen und Herzoge um sie her, daß ich den Augenblick am angenehmsten finde, wo ich nach Hause schleichen kann. Wozu, sage ich bei mir selbst, alle der Aufwand, wo man ewig sucht und nie findet? – Unser Reiseplan hat sich verändert, wir gehen nicht über die Schweiz und die Provence, sondern gerade nach Rom über Augsburg, wo ich mich mit meinem Reisegefährten Anfangs des zukünftigen Monats begegne. Es kann also immer noch sein, daß Sie mich hier finden, wenn Sie früh zurückkehren; wo nicht, so nehmen Sie meine tausend Segnungen und apostolischen Wünsche auf die Zeit unserer weiten Trennung an, liebliche, gute Seele. Sein Sie gesund und vergnügt und gedenken meiner zuweilen, wenn's Ihnen wohl gehet. [...] Leben Sie wohl, holde kleine Frau, und grüßen Sie Schardt. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen aufs schönste, und ich nehme nicht Abschied, weil ich immer glaube, daß Sie mich mitten unter meinem Gewirr noch hier finden. Adieu, Donna suavissima, spirto gentil, alma cara. J. G. Herder an Markgraf Karl Friedrich von Baden Weimar, 21. 7. 1788 Durchlauchtigster Markgraf, Gnädigster Fürst und Herr, Euer Hochfürstl. Durchlaucht haben mir die Ehre erwiesen, sowohl in einem gnädigsten Schreiben, als in dem ihm beigeschlossenen Entwurf zur Zusammenkunft einer Gesellschaft, auf meine geringe Stimme huldreiche Rücksicht nehmen zu wollen; welche Gnade ich mit dem untertänigsten u. lebhaftesten Dank erkenne. Da ich aber eben im Begriff bin, mit dem Domherrn, Freiherrn von Dalberg eine Reise nach Italien anzutreten, zu welcher ich von der Gnade meines Landesherrn Vergünstigung erhalten habe: so kann ich vor der Hand als einer, der sich schon jenseit der Alpen fühlet, diesen rühmlichen Bemühungen für unser Deutsches Vaterland leider nichts, als meine besten u. aufrichtigsten Wünsche schenken; voll Hoffnung, daß bei Euer Hochfürstl. Durchlaucht mich mehr die Lage der Sache, als meine Worte entschuldigen werden. Im lebhaftesten Gefühl der Einsichtsvollen u. väterlichen Gesinnungen Euer Hochfürstl. Durchlaucht habe ich die Ehre vor tiefster Ehrerbietung zu verharren Euer Hochfürstl. Durchlaucht untertänigster Herder. Weimar, den. 21. Jul. 1788. Johann Wolfgang von Goethe an Christian Gottlob Heyne Weimar, 24. 7. 1788 [...] Daß Herder zu eben der Zeit als ich hier ankomme, weggeht, ist mir ein sehr leidiger Vorfall. So sehr ich ihm die Reise gönne; so mußte ich doch notwendig wünschen: daß er mir entweder hier oder ich ihm dort nützlich sein möchte. [...] Goethe. Weimar d. 24. Jul. 1788. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, Ende Juli/Anfang August 1788 [...] Die Abschrift meines Reise Journals gäbe ich höchst ungerne aus Händen, meine Absicht war sie ins Feuer zu werfen. Ich weiß schon wie es geht. So was sieht immer noch einer und wieder einer, es wird noch einmal abgeschrieben und endlich habe ich den Verdruß diese Pudenda irgendwo gedruckt zu sehn. Denn es ist im Grunde sehr dummes Zeug, das mich jetzt anstinkt. Du kannst sie nirgends brauchen als in Verona. Auf dem Rückwege würde sie dir fatal sein und ich bin in Unruhe wenn ich das Zeug auf Reisen weiß. Es ist nicht Knauserei sondern redliche Scham daß ich die Blätter nicht hergeben mag. Ich sehe dich noch heute. Adieu. G. Herzog Carl August an J. G. Herder Weimar, 5. 8. 1788 Ich weiß nicht, ob es Ihnen angenehm sein könnte, diesen Nachmittag noch einmal zu uns zu kommen, und einen Segen zu empfangen, den Sie zwar nicht bedürfen, da Ihre Humanität Ihnen den Boden des Erdenrundes überall glücklich betreten wird lassen, welcher aber nur als überflüssige Viktualien und zur Bequemlichkeit eines Frühstückes beigepackt werden kann. C. A. H. z. S. J. G. Herder an Herzog Carl August Weimar, 5. 8. 1788 Von Euer Herzogl. Durchlaucht nehme den mir zugeschriebenen Segen aufs dankbarste an, u. wünsche Euer D. gesund u. fröhlich wiederzusehen. Ich danke E. D. nochmals wie für so manche andre, so auch für die Gnade, diese Reise tun zu können, u. nehme davon das erkenntlichste Gefühl, das mich allenthalben begleiten wird, mit mir. Leben E. D. mit den Ihrigen wohl u. gönnen mir auch in der Abwesenheit Ihre Gnade. Herder. W. den 5. Aug. 88. J. G. Herder an Caroline Herder Erfurt, 6. 8. 1788 Liebe Frau u. lieben Kinder, Die erste Station ist glücklich zurückgelegt, halb in Betäubung, halb im Schlafe. Werner, der den zurückgelaßnen Elias Mantel holte, der mir in der empfindl. Kälte gute Dienste getan hat, brachte mir die traurige Nachricht, daß Du noch weintest. Tue es nicht, liebe, sei fest, geduldig u. froh. Gott wird helfen, u. ich sehe Dich u. die Unsrigen gesund u. verjüngt wieder. Lebe wohl, liebe, tausend-tausendmal wohl. H. 7 Uhr Grüße Alles u. lebe wohl. J. G. Herder an Caroline Herder Gotha, 6. 8. 1788 Ich bin glücklich in Gotha angekommen u. schreibe dies Briefchen am Schreibtisch der Fr. v. Fr[ankenberg]. Alles, was ich gefürchtet habe, ist eingetroffen, primo, daß ich mit ihr fast noch kein Wort habe reden können, secundo, daß mich die Herzogin hat heraufrufen lassen, dem ich denn nun nicht entkommen kann, u. also tertio heut noch nicht weiter komme. Morgen gehts mit dem frühesten fort u. zwar, wie ich fürchte, über Schmalkalden p weil von den andern Straßen zu viel Böses gesagt wird; ich will aber wie der Blitz reisen, nachdem ich noch den heutigen bösen Hoftag überstanden habe. Fr. v. Fr. ist sehr gut u. lieb, sieht aber wirkl. sehr krank u. schwächlich aus, daß ich das tiefste Bedauren über ihre geplagte Exsistenz fühle, die eine wahre Marter sein muß. – Lebe wohl, lieber Engel, u. sei froh u. fröhlich. Gott helfe mir nur erst einmal aus dem Thür[inger]land u. Bergen; das Wetter war heut kalt u. abscheulich; da blüht für mich kein Heil. In Franken wirds besser werden. Lebe tausendmal mit den Deinen. Die Fr. v. Fr. grüßt Dich aufs beste; sie dauret mich sehr. Ich finde Gotha abscheulich. H. Mittw. um 5. Uhr Abend Caroline Herder an J. G. Herder [Weimar,] Donnerstag Abend d. 7. Aug [1788] Lieber Engel. Der erste schmerzhafte Tag ist nun überstanden u. Gottlob daß er überstanden ist. Es war ein Tag wie ich noch keinen erlebt habe, selbst nicht da meine Mutter starb. Dein Leben u. Dasein ist ganz in das meinige verschlungen, ja ich lebe nur durch Dich, Du bist mir mehr als ich selbst mir bin – Ach Gott daß ich Dir das nie habe zeigen können. Deine lieben Zeilen haben mir den ersten Balsam gegeben, u. ich habe so viel vermocht daß ich den ersten Löffel voll Suppe mit dem Günther am Tisch mitaß u. Deinen Brief nicht aus der Hand ließ. Goethe kam den Nachmittag zu mir als eben die Volgstädtin da war. Er hat mich recht gutmütig getröstet, für mich war aber gestern kein Trost da. Die Kinder waren mitunter auch verscheucht, aber im ganzen fühlen sie eigentlich nichts klar u. das ist ihr Glück. Es war mir lieb zu hören daß Du in Gotha bleiben würdest – der regnigte Himmel machte mir Deinetwegen auch Sorgen u. es will gar nicht aufhören. Doch denke ich, hinter jenen Wolken scheint auch die Sonne für Dich u. mich u. die Kinder. Ich bin heute gestärkt aufgestanden, da ich zuerst mit den Kindern gebetet hatte, u. ging flugs hinauf das Repositorium mit dem grünen Vorhang in der Bibliothek aufzuräumen. Es war ein Heldenstreich, aber ich habe viel damit gewonnen – das erste was mir in die Hand fiel war ein unangenehmes Papier – wie freute ich mich jetzt daß Du [all] diesem Quark entronnen bist, u. Dich waschen wirst in einem reinen Quell, da wo Friede Gottes wohnt, wo Du [Dich] selbst wiederfinden wirst. Goethe kam auch heute wieder u. sagte mir die besten Folgen Deiner Reise vor. Unter andern sagte er auch daß er 14 Tage vor der Abreise aus Rom täglich wie ein Kind geweint habe; das hat mich sehr gejammert. Knebel kam auch diesen Morgen u. ermunterte mich zu allem Guten – das Gespräch kam bald auf die Herzogin Mutter; er meinte man könnte unendlich mehr Gutes aus ihr machen wenn man sie nur zu behandeln wüßte. Auch hätte sich die Herzogin Luise den letzten Abend, da er von Dir kam, noch sehr nach Dir erkundigt; unser Gespräch endigte aber damit, daß alles hier verrückt u. nichts an Ort u. Stelle sei, wo es hingehöret. Ach das haben mir die Papiere die ich aufräumte auf jeder Seite zugerufen. Ach lasse Dir wohl sein Du Guter Du Vielgeduldeter – möge Alles was Dich anhaucht Deine Stirn sanft kühlen, ich konnte u. wußte es nicht zu tun. Vielleicht wird auch mit mir eine Verwandlung vorgehen u. ich Deiner noch ein bißgen wert werden. Lösche nur den Funken Deiner Güte u. Nachsicht nicht ganz aus für mich – u. wo die Liebe nicht hinreicht so ersetze es durch Mitleiden. Gottfried ist sehr gut u. aufmerksam auf mich. Er tut alles williger u. wir reden jetzt nur von Dir u. tun was Du uns befohlen hast. Die Bücher nach Göttingen hat er helfen aufs beste packen. Sie werden alle ein Briefchen beilegen weil das Porto noch nicht viel kostet. – Die Elisa Gore hat mir heute ein gar gutes Billet geschrieben u. sich auf morgen nachMittag angemeldet, sie will nicht daß ich zu ihr komme. ich nehme sie an u. habe ihr wieder geantwortet. Die Frl. Waldner hat mich auch zum Frühstück geladen – ich hatte ihrs abgeschlagen, da kam ein Billet von ihr u. ich mußte endlich ja sagen. Was weiter sich zutragen wird will ich Dir morgen schreiben, für heute gute Nacht Du Einzig Guter. Du schläfst u. ruhst jetzt in Ilmenau wo ich u. die Kinder auch einmal mit Dir waren. Noch eins muß ich Dir sagen das Manuskript der Ebräischen Poesie lag auch verirrt unter den Amts Papieren, ich schlug es auf u. las »ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen daß sie nicht schauen nach fremden Frauen« ich lächelte fast daß mir gerade das gesagt wird. Ach ich möchte Dir noch so viel sagen, mein Herz ist so voll es will nichts heraus. Bleibe mir nur gut. Wie ich gestern Deine Kleider u. Deinen Hut sahe da brach mir mein Herz u. ich eilte wieder herunter um mich auszuweinen – Bald habe ichs überstanden – die Vernunft wird ja Herr über die Empfindung werden. Gute Nacht.   Freitag den 8. Aug. Abends 6 uhr. Deinen Brief aus Gotha habe ich heute früh in Deiner Bibliothek empfangen u. habe Dich umarmt, ich ging um 10 uhr zur Waldner, die 2 Gores, Fr. v. Trebra u. Fr. v. Schardt waren da. Es war für mich nicht viel Heil. Die Trebra war sehr lustig u. Emilia lachte immer. Elisa lächelte nur u. war im Ganzen nicht damit zufrieden. Nach 11 uhr kam der Herzog, erkundigte sich nach Dir, aß Kirschkuchen u. saß ¾ Stunden der Emilia gegen über die sich durch Spiritus stärkte. Der Elisa war es recht zu tun von Dir mit mir zu reden. Kurz, um 12 uhr fuhren sie mich in Gesellschaft des Herzogs nach [Hause]. Den Nachmittag kam die Göchhausen, u. bald darauf Elisa u. Emilia Gore. Elisa will Dir das nächstemal schreiben. Sie hat 2 Briefe aus Werther übersetzt ins Italienische; da wir eben dabei waren kam Goethe. Sie hat ein sehr warmes [Herz] für ihn u. konnte nicht mehr lange bleiben. Goethe grüßt dich [1000.] 1000mal. Er empfindet Deine Abwesenheit nach mir, am meisten. Durch Dein Gespräch, durch die Aufnahme seiner Gedanken u. Mitteilung der Deinigen die ihm forthelfen, hattest Du ihm viel gedienet – mit Knebel sagt er seie das nicht so. Auch im politischen sieht er daß nichts zu tun sei. Er hat sehr offen darüber gesprochen, das sich aber nicht schreiben läßt u. Du Alles selbst schon weißt. Sobald der Herzog fort ist, will er an den [achten] Band seiner Werke gehn. Will dies Jahr noch viel arbeiten, sein Motto ist abermals: wenn Du stille bist, wird Dir geholfen. Der Himmel fängt an sich aufzuheitern – ach wo bist Du jetzt u. magst Du an mich u. die Kinder gedenken? an uns, um derentwillen Du so [lange] eingekerkert warst – Ach lebe jetzt glücklich u. genieße genieße was Dir Gott nun gibt. Lebe wohl Du Du der Du mir Alles bist u. ich Dir nichts – lebe wohl wohl. C. H. Gottfried Herder an J. G. Herder [Weimar,] Freitag d. 8t. August. 1788. Reisen Sie glücklich, liebster Vater, und holen Sie sich Erquickung und Leben in jenem Lande, und kommen dann fröhlich zu uns wieder! Unsere Wünsche begleiten Sie täglich und Stund zu Stund, und unsere Gedanken schweben immer um Sie. Wir bitten Gott täglich Ihnen gut Wetter zur Reise zu geben; es wird gewiß auch gut werden, wenn Sie nur erst aus dem Thüringernest heraus, und nach Franken kommen. Lassen Sie sich nur zugemachte Chaisen geben, wenn es schlecht Wetter ist, damit Sie ja unterwegs nicht krank werden. Wie schmerzhaft war nicht der erste Tag, für die gute Mutter und uns! nur Ihr Brief brachte uns Trost; und wenn wir die ganze Reise von ihrer rechten Seite betrachten, so können wir nicht anders als getröstet sein. Wir haben schon angefangen alles in Ordnung zu bringen, und Sie werden sich freuen wenn Sie wieder kommen. Der Herr GeheimdenRat Göthe hat uns schon zweimal besucht, und läßt Sie vielmals grüßen. Wir sind bis jetzt alle recht wohl und gesund; Gott schenke nur Ihnen Ihre Gesundheit wieder, und bringe Sie uns wieder in unsere Arme. Leben Sie viel Tausend-Tausendmal wohl, und vergessen Sie nicht, und behalten Sie lieb Ihren gehorsamsten und Sie zärtlich liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner. August Herder an J. G. Herder Weimar, 8. 8. 1788 Liebster Vater. Wie sehr haben wir uns gefreut, da wir einen Brief von ihnen bekamen u wir durch den H.  Günther hörten, daß Sie glücklich in Erfurt angekommen wären, denn am liebsten hören wir, wenn es unserm lieben Vater wohl gehet. Kommen Sie nur gesund wieder. In der Zeit, da Sie nicht da sind, wollen wir uns im Lernen recht anstrengen, damit wenn Sie nach Hause kommen, daß Sie wohlgesittete u verständige Kinder finden. Den Sonntag früh, treten wir unsere Reise nach Naumdorf an. Gott reise mit Ihnen. Leben Sie wohl, u vergessen Sie nicht Ihren gehorsamen Sohn August Herder . d. 8. Aug. 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 8ten August [1788] Lieber Vater. Dieser erste Brief den Sie uns geschrieben haben war mir und uns alle sehr willkommen. Ich hatte es gar nicht gehofft, daß Sie schon aus Erfurt schreiben würden, aber wie der Herr Günther kam und den Brief her aus zog so war es eine sehr große Freude. Das Luisichen hat sich wieder mit dem Herrn Günther versehnt und der Herr Günther hat sie recht viel versprochen, wenn sie nach Mattstädt kommen würde. Die Mutter wird vielleicht nach Kochberg reisen mit August und Gottfried. Wir werden aber mit dem Herrn Schäfer nach Klosternaundorf fahren, und her nach mit Gottfried und August nach Mattstädt gehen. Leben Sie tausend mal wohl und behalten Sie mich lieb. Gott sei mit Ihnen, leben Sie wohl und vergessen Sie nicht Ihr gehorsamer Sohn Wilhelm Herder 1788 Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 8. 8. 1788 [?] An meinen lieben Vater Lieber Vater, mir haben bei den H.  Schäfer den Cornelius angefangen! mir reisen den Sonntag auch um fünfe nach Naumdorf; ich gege auch mit nach Mattstädt da bleiben wir bald eine Woche. Den Sonntag holt uns die Jumfer Schwarzen ab. Die luise kommt auch nach Mattstadt. Der H.  Günther hat gesagt sie sollte ein Lamm kriegen, leben sie wohl denken Sie immer an uns, denn wir haben immer an Sie gedacht den Abend wie ich bei der Mutter auf dem Canapee lag und die Augen zumachte habe ich sie immer gesehen. leben sie tausend tausend mal wohl. Ihr getreuer Sohn Adelbert Herder . Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 8. 8. 1788 [?] Lieber Vater Wir haben uns gestern recht gefreid über Ihren Brief den der Postillion in der Nacht brachte. Schreiben Sie oft u kommen Sie bald Wieder Wenn die Mutter nach Koch berg fährt so fahre ich mit so bald es schön Wetter wird. Lieber Vater wir beten alle tage mit der lieben Mutter für Sie. der liebe Gott wird mit Ihnen sein u wir Wollen gut sein das Sie uns lieb haben wenn Sie wieder kommen Ihre gehorsame Luise Herder J. G. Herder an Caroline Herder Bamberg, Sonnabend früh, den [9.] Aug. [1788]. Das erste Wort auf dieser meiner ersten Rast ist an Dich, liebes Weib, die ich in einer Stunde verlassen habe, wie ich sie nicht erwartet hätte. Ich fühle mich seitdem als einen Losgerissenen, Verbanneten von seinem Weib u. Kindern, dem nach seiner 44.jährigen Wanderschaft u. Bemühung noch diese sonderbare Wanderung u. Entbindung nötig sein mußte. Doch wir wollen auf diesem Wege nicht fortdenken, sondern mit Vorsicht u. Bescheidenheit hoffend fortgehn, wohin uns das Schicksal ruft u. winket. Nachdem ich in Gotha meine Hofbesuche gemacht u. bei Frankenberg zu Abend gegessen hatte: kam ich um 11. Uhr unter einem stürmischen Regen in seinem Wagen mit Fackeln nach Hause u. mußte die mancherlei Unhöflichkeiten, deren ich mich in diesem Verhältnis schuldig gemacht hatte, noch damit schließen, daß ich dem Kutscher u. den Bedienten nichts geben konnte, weil ich kein Silbergeld bei mir hatte u. die Leute in dem Wetter nicht warten lassen wollte. Die Fr. v. Fr. sieht innig u. herzl. krank aus: sie schien mir halb schon bei ihrer Lebhaftigkeit u. Geduld wie ein verklärter Geist: ihre Lage ist mir noch nie so ganz aufgegangen, wie diesmal; auch habe ich sonderbare Gedanken dabei gefaßt. Ich möchte u. könnte in Gotha um Alles in der Welt nicht leben. Begegne dem guten Wesen, die wie eine einsame, zerlechzte Seele lebt, oder kaum noch lebt, wenn sie an Dich schreibt, doch freundlich. Sie verdients gewiß, u. ich machte mir manche Vorwürfe auch ihretwegen, denen ich aber, wie Allem was mir von der Art vorkommen will, mit dem Thüringerwalde Abschied zu geben vorgenommen habe. Frankenb. hat mir eine Iliade des Homers in 2 Okt[av]B[änden] Glasgower Ausg[abe] geschenkt, die mir zu meiner Reise sehr lieb ist; die Odyßee wird mir der Himmel auch zuführen. Donnerstag früh zwischen 4-5. ging es zum Thüringerwalde in eine andre, reinere Luft. Am Fuß des höchsten Berges, den ich zu passieren hatte, verzehrte ich Dein Huhn, ließ den Werner auch Eins verzehren, trank einige Gläser Steinwein dazu, u. rauchte oben auf dem Berge die erste Pfeife Tobak, die mir auf dieser Höhe sehr wohl schmeckte. Alles lag im Nebel, aus dem sich die Bäume u. Höhen sonderbar schön hervorhoben, oder in ihrer dämmrichten Gestalt in mancherlei Grün zeigten: Die klaren, rauschenden Silberbäche, die gesunden, leichten, fröhlichen Menschen, Alles, alles zeigt, daß die hohen Berge der Schöpfungsort u. das Paradies der ersten Menschen waren u. aller Menschen sind, die noch in dieser Einfalt u. Armut zu leben das Herz haben. O wie wird Einem, wenn man auf solcher Höhe plötzl. an das Fürstenhaus u. den großen Saal zu W[eimar] oder an die mathematischen Kammern in Gotha denket. Es soll diese Empfindung mein erster Gruß an die Natur, oder meine erste Reiseidylle werden. So kamen wir mit unsern 2. Pferden hinunter nach Schmalkalden durch lauter Dörfer der Tätigkeit u. des hübschen Anstandes, nicht wie auf dem Gelmroderberge. Hier wollte mir der überkluge Postmeister 3. Pferde zuschanzen, die ich aber vermittelst des Zettels, den ich von ihm auspreßte, in Meinungen glücklich wieder los ward, u. so bin ich bis Bamberg mit 2. Pferden gekommen. In Meinungen kam ich zwischen 4-5. an, weil ich aber unter den Flügeln des zwar nicht weisen, aber weißen Georgs durchaus keine Nacht zubringen wollte: so nahm ich zwischen 5-6. Reiß aus u. kam um 12. Uhr glücklich in Hildburghausen an. Werner ward krank unterwegens, weil er Sauerbraten gegessen hatte; er mußte sich aber von demselben trennen u. blieb glücklich am Leben. Von Hildburghausen früh um 5. Uhr: um 11. in Coburg, u. wie froh war ich, da ich um 12. Uhr die Residenzen der Hrn. Vettern Gothaischer Linie u. um 3. Uhr ihr ganzes Gebiet durch war. Um 4. Uhr war ich in Lahne bei Lichtenstein, der mir seine unermeßlich prächtigen Ochsen u. Kühe wies, u. so fuhr ich, das schönste Wiesental zur Seite bis Abend zwischen 8-9. Uhr nach Bamberg. Es ist die schönste Gegend von der Welt, u. man errötet, wenn man an die Länder über dem Thüringerwalde zurückgedenket. Der Tag war wunderbar schön; die Leute alle höflich, frisch, freundlich: nicht übertrieben im Fleiß; bei allen aber wars merklich, daß sie von eigner Muße zu leben, mehr Begriff haben, als unsre geschundnen Thür. Bauern. Göthe u. Knebel können Dir von dem herrlichen Tal erzählen, das längs der Itz von Koburg hinunter läuft u. an welchem sich Geistliche u. Ritter mit ihren fetten weißen u. blauen Ochsen wohl gelagert haben. Gegen alle Städte, auch der andern Hrn. Vettern Goth. Lin[ie] kommt unser W. in keinen Betracht, u. in diesem kleinen Erdstrich schon zeigt sich durch die Vergleichung deutlich, wie wir so ganz ohne Basis unsern Luftbau des Ruhms u. 1000.facher Liebhabereien unternehmen. Doch ich bin noch immer jenseit der Thüringerberge. – – Hier brach ich den Brief ab u. wanderte mit dem Lohnbedienten die Merkwürdigkeiten Bambergs zu sehen; Werner mit, der alles redlich angestaunt hat. In der Universitätsbibliothek habe ich nicht das Mindste merkwürdige gefunden; dafür aber ein geistl. Gericht in Corpore gesehen, das uns im großen Kreuzgang entgegen kam, der Präsident voran, die geistl. Räte folgend; ein herrlicher Anblick. Meine Einbildungskraft hat eigentl. noch nichts getroffen, als einige Gemälde von einem Alten Deutschen Meister; u. der Dom als Institut betrachtet. Der Chor ist auf einen Felsen gebauet, die Residenz des Fürsten u. die Höfe der DomHrn wie Festungswerke umher, u. in den Winkeln versteckt sitzen die Vikarien, die das Dienstgeplärr verwalten, in verfallnen Häusern, wie unser Einer. Der Kaiser Heinrich mit seiner geliebten Kunigunde liegen in Marmor vor dem hohen Chor: er hat ein feines Fränkisches Gesicht u. sie ist auch nicht zu verachten gewesen; um den Schatz, wo seine Krone p gezeigt wird, habe ich mich nicht bekümmert. Ich bin durchs Mittagessen u. nachher gleich durch Besuche u. 100. andre Dinge, zu denen ich geschleppt bin, so müde geworden, daß jetzt, da ich nach Hause komme, u. die Post fortsoll, ich kaum ein Wort mehr schreiben kann. Nimm also diesen Brief für das an, was er ist, ohn Anfang u. Ende, nur als ein Zeichen meines Lebens u. Daseins. Lebe wohl, liebes Weib! lebt wohl, Ihr lieben Kinder! Macht, daß ich bald von Euch höre, daß ich in Nürnberg was von Euch finde u. lese. Mich verlangt sehr darnach. Lebt wohl, Ihr alle, meine lieben, lieben, lieben. O daß ich zu Euch fliegen könnte, oder Ihr zu mir. Lebe wohl, liebes treues Herz, küsse Deine Kinder in meinem Namen u. grüße Alles. Sonnabend Abend Bamberg. J. G. Herder an Caroline Herder [Bamberg,] Sonntag Abend, den 9.[10.!] Aug. [1788]. Ehe ich Bamberg verlasse, liebe treue gute Seele, will ich Dir noch einmal schreiben, ob ich gleich den Br. nach Nürnberg mitnehme. Mein letzter, der gestern abging, mit 2. weißen leeren Blättern endigte damit, daß ich fortgeschleppt worden sei, u. das ging so zu. Als ich gestern Mittag kaum gegessen, u. meine Pfeife geraucht hatte, kam der Leibmedikus des Fürsten, Hofrat Markus, mit einem Stadtrat zu mir, weil sie von dem berühmten Mann gehört hatten, u. Markus bezeugte insonderheit die Aufmerksamkeit des Fürsten, ihn auch zu sprechen, wenn er bis morgen bliebe. Da war nun nichts zu tun, als Ja zu sagen, u. er war seitdem unabtrennlich von meiner Seite. Wir sahen nochmals den Dom, die Dombibliothek, ein Kabinett beim DomHrn Horneck, der in parenthesi ein stupider Mensch ist, ein andres kleineres von alten Holzgemälden, das mich sehr gefreut hat, beim regens eines Seminarii Weiermann, die Zimmer u. Gemälde der Residenz, die herrliche Aussicht vom Michaelsberge der Benedictiner u. ihre Kirche (die Bibliothek nicht, weil der Bruder Bibliothekar weg war u. den Schlüssel nach alter Gewohnheit mitgenommen hatte), endlich des D[oktor] Markus eigne Gemälde, u. so kam ich, müde u. matt, beim schönsten Sonnenuntergange auf dieser großen Fläche, nach Hause; endigte geschwinde den Brief an Dich. Und siehe da war der H. Regens im langen Mantel u. Ornat noch selbst da, mir für die unbeschreibliche Ehre zu danken, die ich in seiner Abwesenheit seinen Gemälden erzeigt hatte. Ich sagte, ich hätte lieber Lust gehabt, ein paar mitzunehmen; er fragte, welche? u. damit ward die Sache mit den größten Ehrenbezeugungen, die kein Ziel u. Maß hatten, verredet. Du hast keinen Begriff von der Katholischen Hochachtung, die zumal Professoren, Regenten, junge Geistliche vor allen, u. sodann Alles bezeugt, was aufgeklärt sein will. Man muß sich ordentlich wie ein Gott hinstellen, oder da ich dies nicht kann, entsetzliche Gegenbücklinge machen, Trotz dem Herzoge von Braunschweig; u. sehr selten weiß jemand nur den Namen des Buchs. Einer redet von menschlichen Ideen, der andre von Blättern, der dritte von Schriften über die H. Schrift; ein Einziger junger Geistlicher oder Professor dankte mir für die Briefe über das Studium der Theol. mit Empfindung, so daß ich sahe, daß er sie wirkl. gelesen habe. Die zerstreuten Bl[ätter] hat in Markus Hause die Präsidentin Kalb in Kunde gebracht, die bei ihm logiert hat; einige theol. Schr[iften] haben die Professoren u. jungen Clerici gelesen; die menschlichen Ideen, glaub' ich, keine Seele. Der Eine reichte mir theses ein, die eben morgen für einen Doktorrang verteidigt werden sollen, u. wo in einem Artikel, nachdem Jerusalem, Michaelis, Döderlein, Leß etc. genannt u. von der Christkatholischen Lehre abgesondert waren, auch vorkam, daß der Verf[asser] in diesem Punkt nicht Herders Meinung folge. Nachdem ichs des Abends mit Lachen gesehen hatte, so sagte ichs heut auch so im Scherz einem jungen Geistlichen, der aber seinen Mitbruder gleich Schamrot entschuldigte, daß ers wohl aus einem gelehrten Journal werde genommen haben. Kurz, es ist einzig, das Gewirr in den Katholischen Köpfen zu sehen, die alle aufgeklärt werden, alle aber doch bei der christkatholischen Lehre bleiben sollen, u. bei dem entsetzl. Unrat unsrer Zeit kaum mit den Journalen und der allg[emeinen] Lit[eratur]Z[eitung], die sogar auch der Fürst bisweilen lieset, fortgehen können. Heut früh war ich streng eingeladen, den berühmtsten Prediger im Dom zu hören, u. ich muß sagen, daß die Protestanten selten eine so ausgesuchte, ausgearbeitete, wohlfließende, elegante Predigt zu hören bekommen. Es herrschte eine Stille, eine Aufmerksamkeit; mir indessen ward sie, so fein u. hübsch sie war, unausstehlich, u. ich mußte vor dem Ende hinausgehn, weil ich überdem im Zugwinde stand. Das war von 8-9.; von 9-10. war ich in die HofKapelle eingeladen, wo der alte Fürst-praeceptor seine Seminaristen predigen läßt. Das war nun ein ander exercitium, dem ich aber aushalten mußte, so wie auch die Messe, bei der es äußerst devot zuging u. eine schöne Musik war. Die Geistl. reden ihre Zuhörer Sie an, u. der Seminarist in der HofKapelle nennt die Versammlung, Hochansehnliche, kurz an Façon u. Art fehlts nirgend in der Kathol. Kirche. Ihr Chorhemd hat vorn eine Spitzen-Krause, u. der HofKapellan, geistl. Rat u. Cerimoniarius des Hofgottesdienstes, wie er sich nannte, ist der rundeste feinste Pfaffe, den ich gesehen habe, weiß u. rot, wie Milch u. Blut. Er trat, nach geendigter Messe, in dem vorbeschriebnen Ton an mich, bot mir seine Dienste an, u. da ich den Grafen Rotenhan sprechen wollte, (Lichtensteins Schwiegersohn, dessen Frau ich in Lahne gesehen hatte, u. der, wie er sagte, meinetwegen den vorigen Abend nach Bamb. gekommen war, mir auch morgends gleich seinen Jäger geschickt hatte) führte er mich zu ihm, wo ich denn auch dem Hrn. Ob[er]-Marschall etc. vorgestellt u. mir signifiziert wurde, daß der Fürst mich gegen 12. Uhr zu sprechen wünschte, jetzt sein, nach seiner tägl. Gewohnheit hinter der Messe, die Referendarien bei ihm. Die sogenannten Kavaliere zerstreuten sich nach Hause; ich ging ein entsetzl. großes u. schönes Krankenhaus zu sehen, das der Fürst bauet, u. so war die Zeit der Privataudienz da. Ich ward in sein Zimmer geführt, da der Referendar herauskam u. sprach mit ihm eine halbe oder ¾ Stunden von 1000.derl[ei] Dingen, wie Du leicht denken kannst u. von allen sehr gründlich. Zuerst von seinem Seminaristen, vom Domprediger, dem Seminarium für Clericos, Landschulen, von seinen Mädchenschulen, seiner Einrichtung der Universitäten, Bibliotheken, dem Deßauischen Philanthropin, von der Aufklärung, dem Dogma, der Freigeisterei, dem Wöllnerschen Edikt, Semler, Teller, der Lit.Zeitung, Kant, den Konduitenlisten der jungen Geistlichen, den Mänteln der philosophischen Studenten pppp Es ist ein eigner Schlag vom Menschen, mit unsern protestant. Fürsten gar nicht zu vergleichen, u. doch entsetzlich Fürst; dabei aber Geistlicher, Bischof, DomH., Präzeptor, Katholik, skrupulöser Landesvater u. Landespfleger pp von welchem Allem in der Mischung wir keinen Begriff haben. Von meiner Reise u. von Dalberg ward kein Wort geredet. – Nun war ich des Katholizismus so müde, daß ich nach Hause mußte, auch des Marcus MorgenEinladung mit ihm zu essen nicht annehmen konnte, von ihm u. von Allem Abschied nahm, als ob ich notwendig gleich fort müßte u. noch manches zu expedieren hätte pp u. so habe ich den Nachmittag bei mir zugebracht, zum erstenmal in der tödlichen Empfindung, daß man nicht nur mit Menschen, sondern mit Menschen auf Einer Basis stehen u. leben müsse, oder man geht unter. Der Katholizism ist ein abscheulich Ding, so fett, wohlbeleibt, etabliert, rund, behäglich, daß einem angst u. bange wird. Bloß hübsche fromme Weiber gibts in ihm. Gestern sah ich eine, die den Augenblick eine Madonna sein konnte. O mir Armen! wie wird mirs das Jahr hin ergehen! Ich glaube, ich sterbe vor Gemälden, Pfaffen u. Katholizismus. Da kam noch ein Kanonikus, u. schickte 3mal, daß ich doch sein Naturalienkabinett sehen sollte, zuletzt ließ er gar sagen: er stehe mit dem berühmten Gen[eral]Sup[erintendenten] Schröder zu Weimar in Korrespondenz. Aber ich blieb bei meiner höflichen Abweisung, daß es diesmal unmögl. sei, bei der Rückkehr pp O H[err] J[esus] X. wie sind pp Gute Nacht, liebes Weib, Du meine einzige wahre Mutter Gottes auf Erden. Lebewohl mit Deinen u. meinen lieben, u. sei mir hold u. gewogen. Denke an mich, wie ich an Dich denke. Lebewohl für Bamberg. Es schlägt 11. u. ich will morgen früh reisen. J. G. Herder an Caroline Herder Nürnberg, den 11. Aug. [1788]. Gottlob ich bin hier; aber ich finde keine Briefe, weder im Wirtshause noch auf der Post. Da der H. v. Holzschuher nach mir schon seit 2. Tagen hatte fragen lassen, glaubte ich, daß Er Briefe habe; aber auch nichts. Heut soll noch die Weimarsche Post kommen; vielleicht bringt die mir etwas. Wie sehr verlangt es mich, Deine erste Stimme, liebes Weib, zu hören, Deine Hand wieder zu sehen. Ich schreibe es der ersten Bestürzung, oder vielmehr meinem eignen albernen Konfusionsgeist zu, daß ich Dich nicht bestimmt gebeten habe, mich Briefe von Dir hier finden zu lassen – Doch ich rechne eben, daß sie noch nicht hier sein konnten, u. wahrscheinlich ist auch meine Hoffnung für heute vergebens. Der Himmel sei mit Euch, Ihr Lieben, u. Dir insonderheit, liebe Elektra, helfe er nur die ersten Wochen überstehen; nachher, hoffe ich, findet es sich allmählich. Aber was ich für Eine Freude haben werde, die ersten Nachrichten von Euch zu lesen, ist unaussprechlich. Ich bin heut Morgens aus dem christkatholischen Bamberg aufgebrochen; u. nachdem ich das Bambergische zurückgelegt hatte, und in das vortreffliche Erlangen eintrat, den Eindruck kann ich nicht beschreiben: So kleinlich, armselig; u. was die Universität sogleich aus einer Stadt an Menschen u. Tieren für ein abscheuliches Ding macht! Ich danke Dir 1000.mal, daß Du mich solange vom Universitätskram zurückgehalten hast; Du hast hierin einen richtigern Sinn als ich, weil ich so gut als keine Deutsche Akademie kenne, u. auf keiner gelebt habe. Apropos von Universitäten. In Gotha sagte mir Frankenb., daß Döderlein sich gegen ihn in einem Br. gerühmt habe, daß ihm Cramers Stelle angeboten sei, daß er sie aber ausgeschlagen habe. Und in Lahne wußte die Fr. v. Lichtenstein, daß sie Koppe angetragen sei, u. auch Er sie ausgeschlagen habe. Wahr oder nicht wahr; gnug hievon. Ich bin hier u. Holzschuher ist bei mir gewesen, ein artiger hübscher Mann. Danke Knebeln gar sehr für diese Bekanntschaft. Seine Schwester ist so lieb u. artig gewesen, auch an ihn meinetwegen zu schreiben, u. ich bin für die zuvorkommende Güte recht beschämt. Er hat geglaubt, daß Kn. die Reise nach Italien mitmachen würde, u. hat selbst sehr große Lust dazu. Ich wünschte, daß er in Italien sein könnte, wenn ich da wäre; es wäre auch für Rom eine hübsche Bekanntschaft. Heut aber sehe ich in Nürnberg nichts; ich bin unrasiert, unfrisiert, u. die Gegenstände gehen mir durch einander. Ich will u. mag nicht treiben, sondern heut Briefe schreiben, die wie ich eben höre, erst morgen weggehn; Du wirst sie also spät bekommen; ich aber habe dagegen eine Hoffnung mehr, Etwas von Euch zu erhalten. Den Murr über Nürnberg habe ich mir schon gekauft, u. will den auch heut Abend studieren. Welch eine andre Stadt Nürnberg ist, gegen das katholische Bamberg. Ich hoffe hier recht in die altDeutschen Zeiten der Kunst versetzt zu werden, wenn mich nicht Menschen daran hindern. Gestern Nachmittag fing ich in Bamberg an, meine alten Preisschriften für die Voßische Buchhandlung zu korrigieren; aber wie mir dabei ward, kann ich Dir nicht sagen; so krauses Zeug ists. Wir haben doch seitdem nicht vergebens gelebet. Aus Nürnberg indessen müssen sie fort, es koste auch, was es wolle. Selbst mit diesem Briefe hoffe ich heut einige mitgenommene Reste zu tilgen. O wenn ich nur auch morgen einen Br. von Dir bekäme. Vor jetzt schließe ich, u. will an diese Reste gehen. Lebt wohl, Ihr Lieben; hinten nach, wenn etwas abgetan ist, schreibe ich mehr. Vor meinem Fenster arbeitet das ganze Böttcherhandwerk der Kaiserl. Stadt Nürnberg, so daß ich kaum meinen eignen Gedanken zu hören vermag. Lebe wohl, liebe, – Nun da ist eine große Arbeit geendigt, u. ich bin müde. Hier ist der Br. an Niebur, der fort muß, ohne Siegel. Er wird in den Br. der Gr[äfin] Luise gelegt, ich habe die Überschrift bemerkt. Ein andrer an den Gr[afen] Leopold: u. endl. an den K[ammer]Sekr[etär] Bock, der mir am schwersten geworden ist, weil ich den guten Menschen nicht gern beleidigen möchte. Spediere sie fort, lieber Engel, der Gr. Luise mußt Du ja etwas dazuschreiben. – Nun auch kein Wort für diesmal mehr. Lebe wohl, liebe Gute Mutter, lebt wohl, lieben Kinder, Gottfried, August, Wilhelm, Adelbert, Luischen u. kleiner Dottfied, lebt alle wohl, Ihr Süßen. Lieben. H. Caroline Herder an J. G. Herder [Weimar,] Montag den 11. Aug. 1788. Das Wetter ist seit gestern unvergleichlich u. ich denke nur an Dich u. Nürnberg, u. kann dem Verlangen nicht widerstehen Dir zu schreiben. Vielleicht wäre es gut Dich nicht so oft an uns zuerinnern – aber warum wolltest Du uns sobald vergessen – Die Schale wirf weg u. gedenke nur des Kerns. Knebel war diesen morgen da u. hat mir soviel unvergleichliches von Nürnberg erzählt daß ich Deinen Genuß daselbst tausendfach mit Dir teile im Geist. Alle Gedanken an Dich, verkündigen mir Dein Wohlsein, Dein Glück. Die alte Stadt, die Türme, die Kirche die Du aus Deinem Fenster siehst, die gemalten Häuser, die Märkte kurz alles sehe ich mit Dir. Die Jungens sind gestern früh nach Nauendorf mit Schäfer gefahren, u. ich bin mit den Frl. Volgstädts den Nachmitt. spazieren gegangen. Sie hatten aus Spaß die Karte mitgebracht u. die wurde in Deinem Namen gelegt. Ich war wie billig entfernt von Dir u. Du warst zwischen einer Careau Dame u. cœur Dame. Über Dir lagen glückliche Karten über der cœur Dame aber viel Leid. Letztere ist aller Wahrscheinlichkeit die Fr. v. Fr[ankenberg]. Die careau Dame ist eine fremde, die Du vermutlich kennen oder kennen lernen wirst. Ich bitte mir also gelegentlich einige Nachricht von ihr zu geben. Bei mir lagen auch gute Sachen, u. vorzüglich ein guter Brief – das ist einer von Dir. Die Beklemmung meiner Brust fängt sich an zu verlieren u. meine Seele wird heiter, ruhig u. fest in Deinem Andenken. Vorgestern gegen Mitternacht schlug ich zum erstenmal nach langer Zeit im Schatzkästchen auf u. traf zu meiner Verwunderung den 6. August; mit dem Spruch: Schmecket u. sehet wie freundlich der Herr ist, wohl dem der auf ihn trauet. Wie teuer ist deine Güte o Gott daß Menschen [wie] Kinder unter dem Schatten deiner Flügel trauen; sie werden trunken von den reichen Gütern deines Hauses u. du tränkest sie mit Wohllust, als mit einem Strom. – ich könnte Dir noch manche Dinge so schreiben, alles spricht zu mir Gutes, ein jedes Blatt was ich auch von Deiner Hand finde. Mit dem Schrank bin ich heute fertig geworden, er ist in der besten Ordnung; der Gedanke freuet mich, wenn Du es einmal sehen wirst; jetzt bin ich bei den Kastens in der Bibliothek. Es ist ein Reichtum überall den Du nicht hast nutzen können – das wird jetzt Alles hübsch werden. [...] In dem letzten Fach des Schrankes lag Walchs Lebensbeschreibung, ich schlug das Büchlein auf u. las gerade wie er in Rom u. Frascati gewesen war, folgende Stelle. »An diesem Ort sahe der H. Walch noch viele Resultate die von dem alten Rom übrig geblieben waren, welches seiner Lieblings Meinung ungemein schmeichelte u. diese mannichfaltigen Anblicke waren ihm eine rührende Belustigung. Doch heftete er auch seine Aufmerksamkeit auf alles übrige was wegen eines vorzüglichen Wertes bemerkbar war, dahin unter andern auch die WasserOrgel gehört, wobei der starke Wind der die Orgel treibt, welcher durch das starke Fallen des Wasser verursacht wurde u. der vermittelst gewisser Maschinen an verschiedenen in der Wand u. am Fußboden befindlichen Löchern herausgehet, sein Nachdenken erregte, zumal, da er die Stärke dieses Windes daraus abnehmen konnte daß eine hölzerne Kugel, die man in eine runde Öffnung des Bodens wirft, wodurch der Wind herausgehet, nicht zu Boden fällt, sondern in freier Luft erhalten wird.« In Florenz genoß er die Gunst des Grafen Brighieri Columbi, des Freiherrn Stosch, des Probstes Gori, H. Lami, Biscioni, Ricci, u. s. w. Siehe, hier habe ich Dir etwas Gelehrtes mitgeteilt. [...] Grüße doch den Werner von uns. was macht er? schickt er sich gut zur Reise? Sei ihm gut, er ist doch ein treuer verständiger Mensch, erinnre ihn auch zuweilen an seine Gesundheit an Rhabarbar Pillen u. Magentropfen, damit er Dir nie fehlt. Nun lebe wohl Einzig Guter Lieber – Schreibe mir auch etwas von Fr. v. Fr[ankenberg] – u. laß mich doch in Deinem Herzen auch wohnen. Deine ewig treue. C. H. Luisgen u. Emil sind wohl u. spielen. Die Fräul. Volgstädt grüßen zu 1000 malen. J. G. Herder an Caroline Herder [Nürnberg,] Mittwoch den 13. Aug. [1788]. Endlich bekomme ich Deine liebe Hand zu sehen, gerade 8. Tage nach meiner Abreise; ich habe den Brief mit zitternder Freude erbrochen, und mit Tränen Deine u. unsrer Kinder liebe, süße Herzensworte gelesen. Gott segne Euch alle, alle; mehr kann ich nicht sagen. Was mich auch in Deinem Br. quält, ist der falsche ungläubige Wahn, den Du Dir über Dein Verhältnis zu mir machst u. nicht ablegen willt, so sehr ich Dich darum bitte u. so oft darum gebeten habe. Ich sage Dir vor Gott, Du bist mein größestes Glück u. Gut auf Erden, dessen ich tausendfach nicht wert bin. Du übertriffst mich in allem Guten, in aller Tugend; u. was ich echtes Gute habe, habe ich durch Dich u. an Deiner Seite erlangt, das ist wahr u. Amen. An dem mancherlei Überstandenen bist ja Du nicht, sondern das 1000.armige Schicksal, u. zuletzt, da alles sich auf uns zuletzt beziehet, ich selbst am meisten Schuld. Ich habe zu wenig Vernunft, u. zu viel Eigenheit, wenn diese auch selten weder Eigensinn, noch Eigenliebe ist. Doch gnug davon; es ist überstanden. Ehegestern schrieb ich Dir, u. legte ein ganzes Pack Briefe bei; Du wirst sie, wenn Du dies liesest, bekommen haben. Numeriere Deine Br., wie ich die Meinigen numerieren will, damit nichts verloren gehe. Ich schrieb aus Erfurt, Gotha, Bamberg, u. bei meiner Ankunft hieher ließ ich 2. Br. in Einem fortgehen; die 2. ersten, sehe ich aus Deinem Br., hast Du erhalten; die 2. folgenden wirst Du jetzt erhalten haben. Allgemein muß ich Dir sagen, daß man sich in der Stube das Reisen u. die Entfernung viel langwieriger u. schwerer vorstellt, als sie sind: es kostet nichts als Geld u. man ist hinüber. Ich bin in Nürnberg, u. die Reise ist mir ein Traum; nur Du u. unsre Kinder sind der Punkt, von dem ich mich entfernt fühle – Das Gefühl der Fremde an einem Ort ist unangenehmer, als die Reise selbst. Und doch wird man auch in diesem Stück oft früher bekannt, als es einem manchmal lieb ist. Nun zur weitern Geschichte. Noch war ich in Nürnberg aus dem Wagen nicht ausgestiegen, so sagte mir der Wirt, daß H. v. Holzschuher sich seit 3. Tagen tägl. nach mir erkundigen lassen, ob ich noch nicht dasei. Ich ließ ihm meine Ankunft wissen u. erwartete Br., die noch nicht dasein konnten; er kam gleich selbst, u. es kam heraus, daß Knebels Schwester mich bei ihm angekündigt habe u. tägl. nach mir fragen lasse, wie mir gestern Fr. v. Behaim gesagt hat, ja daß sie mit ihrem Bruder, wenn sie meine Abreise wüßten, mir entgegenkommen wollten. Das ist nun eine so zuvorkommende Güte, daß ich mich ihrer recht schäme: ich werde das Entgegenkommen natürlich nicht annehmen; desto mehr aber freue ich mich, so gute Menschen dort zu sehen, die mir ordentlich schon wie Bekannte scheinen. Danke Knebel recht sehr für seine Freundschaft; er muß mich wohl empfohlen haben. Montag Abend ging ich nicht aus u. schrieb den Br. Gestern bin ich mit Holzschuher umhergestiegen, u. habe das Rathaus u. die Burg beaugenscheinigt. Unter allen Gemälden die es hier gibt, interessiert mich Dürer am meisten: solch ein Maler möchte ich auch gewesen sein: er schlägt alles, was sonst hier ist, um sich nieder. Sein Paulus unter den Aposteln, sein eignes Bild über der Tür, u. sein Adam u. Eva, sind Gestalten, die in der Seele bleiben; auch sonst habe ich von ihm schöne, schöne Sachen gesehen; auch ein Gemälde von ihm in der Burg, da er in seiner Krankheit sich wie einen Halbtoten gemalt hat, u. den rechten Aufschluß seiner Gesichtszüge u. des ganzen vornehmen, kräftigen, reinlichen Wesens gibt, das in ihm gewohnt hat. Sonst auch viele andre schöne Sachen, die an eine Zeit Deutscher Art u. Kunst erinnern, die nicht mehr da ist u. schwerlich je wiederkommen dörfte. O wie haben die Fürsten den Geist der D[eutschen] Nation verkannt, unterdrückt, verschlemmet u. vergeudet. Sage Knebeln, daß ihn die alte Fr. Kastellanin schön grüßen läßt, u. noch ganz ist, die sie war. Sie hat Nürnbergischen Patriotismus statt der ganzen Schar junger Patrizier, die jetzt aufkeimen. Sie hat mich freundlich u. munter mit ihrem Konfekt bewirtet, u. dem Werner sogar noch ein Papier für mich zum Kaffee mitgegeben. Ich wollte, daß ichs den Kindern schicken könnte: denn es liegt noch da. Nachmittag habe ich Murr besucht, der mir an Raritäten in ein paar Stunden 100.lei vorgetischt hat u. unablässig war, mich mit dem u. jenem sogar beschenken zu wollen. Ich habe von seinen Anerbietungen wenig Gebrauch gemacht; außer einer kleinen Odyssee, die mir gar lieb ist, weil ich den Homer nun ganz habe. Er hat mir dagegen Aufträge nach Italien gegeben, die ich ihm auch erfüllen will, daß ich quitt werde. Er hat, wie er sagt, die Jüdischen Fabeln mir zum Geschenk geschickt; schicke sie mir nicht nach, sondern nur seinen Brief etwa, wenn etwas drin stehet, u. wenn sonst Br. eintreffen, deren Inhalt mir zu wissen nottut. Abends war ich bei einem Liebhaberkonzert mit Holzschuher, wo ich die Fr. v. Beheim, von der ich oben die Nachricht angeführt habe, kennen lernte. Sie ist Knebels Freundin; ich saß neben ihr bei Tisch, u. wir haben viel von ihm geredet. Imhof hat sich hier wie in W[eimar] aufgeführt, seiner Frauen dasselbe laut nachgesagt, was er dort nur verstohlen vorbrachte u. f. Er ist jetzt in München, wohin er mit einem Porträt von der Herzogin Mutter ihr entgegengereiset ist, aber nach einer gestrigen Nachricht meines Wirts elend an der Wassersucht liegen soll. Er hat im r[oten] Roß logiert, u. seine Sachen stehen hier: die Tochter ist in Erlangen; er wird gewiß noch einmal ein erbärmlich Ende nehmen. Hier hat er im Roß gesessen, außer der table d'hote sich ennuyiert, gebrummt u. gemalet. – Eben kommt der Wirt u. sagt, daß die Post erst Freitag weggehe; ich will also schließen u. die Sebaldskirche sehen. Nachmittage bin ich zu einer Landfahrt u. Abend zu einem Schießschmause geladen. Lebe wohl, liebe, liebe Seele. Donnerst[ag]. Ich ging gestern nach dem H. Sebald, St. Lorenz u. f. Es schlug sich in ersterer Kirche der Rektor der hiesigen Hauptschule Vogel zu mir, den ich Tags vorher im Konzert hatte kennen lernen, u. es kam heraus, daß er der Verf. der Br. über Tempelherrn u. Freimäurer sei, in denen er meine Partei gegen Nicolai genommen. Auch hatte es sich geäußert, daß er mit Jacobi, Witzemann u. dem Spinosismus in Verbindung stehe, u. daß Ersterer ihn gern mit zum Streiter für seine Sache habe machen wollen. Ein guter, gescheiter Mann; er begleitete mich bis Mittag, da wir vor dem roten Roß schieden. Kaum hatte ich mich zu Tisch gesetzt, als mir der Wirt die Nachricht brachte, daß Imhof in München tot sei. Es sei an seinen hiesigen Kommissionär geschrieben, u. seine Sachen sein dort versiegelt. Es wird seiner Frauen gemeldet sein, u. sie hat ja einen juristischen Bruder, der sich der Sache ferner annehmen kann. Bei meinem Wirt steht sein Wagen, u. liegen viele Sachen, die er auch unter Beschluß zurückgelassen. Er hat hier, da er aus Karlsbad kam, einen Krämer mit Karlsbadersachen abgegeben, u. man spricht von ihm, da man seine alte Wirtschaft mit 2. Mohren u. 12. Bedienten, seinen unsinnigen Bau p kennet; als von einem, mit dem es sich hinunter geneigt habe; welches man denn als die Ursache seines Mißmuts u. seiner Unruhe angibt. Mir scheints ordentlich, daß er seinen Tod unter fremden Leuten gesucht habe: denn mich dünkt, er sei falsch, u. wie die erste Nachricht ging, auf die Wassersucht kuriert. So entläuft niemand seinem Schicksal; wir wollen nicht in der Fremde sterben. Brauche, wenn die Fr[au] es noch nicht weiß, die Nachricht mit Vorsicht, u. lasse sie an Schardt sagen; doch das weißt Du selbst. Es ist für ihn u. für Frau u. Kinder gut, daß seine Szene geendigt ist. – Kaum hatte ich gegessen, so holte mich Holzschuher mit seinem Br[uder] ab, mich auf ein paar Landhäuser zu fahren; gegen Abend gings zum großen Schießschmause, wo ich die ganze Republ[ik] Nürnberg versammlet sah, neben dem Hrn. Kriegsobrist, ihm zur Linken saß, ihm zur Rechten der Preuß. Minister, u. die Herren des hohen Rats zu beiden Seiten hinunter, also auch aus dem großen silbernen Becher zu trinken, die Ehre hatte, der beinah so groß wie der Emil ist, nur nicht so dick, ein Nürnbergsches Feuerwerk ansahe u. vom Hrn. Kriegsobrist in hoher Person nach meinem Wirtshause geführt ward. So war auch der Tag zu Ende; was heut werden wird, wird die Zeit lehren; es regnet draußen u. ich werde mich einhalten. Der Abend kommt, u. der Tag ist verlaufen, ohne daß ich ihn gewahr worden bin. Vormittags von 8. Besuche bis 11. bei mir; nachher habe ich einen Band A[lt]Deutscher Gedichte angesehn, den ich hier von der Ebnerschen Bibliothek habe. Nach dem Essen habe ich die Fr. v. Hutten besucht, die eine verständige, brave Frau scheint; u. da fiel ich auf der Straße, wieder dem Murr in die Hände, der mich bis jetzt mit seinen 10.000. Rarioribus amusiert hat. Ich habe für den August in sein Kabinett ein Stückchen eingekochten Sinesischen Kaisertee p genommen, das ich beilegen will, wenn er auf ein Linschen kochend Wasser gießt, soll der stärkste, kräftigste Tee draus werden. – An Notizen für Italien ist er unerschöpflich, mit allen Jesuiten der Welt hängt er zusammen, von Lisbon bis Sina. Er ist gegen mich so zuvorkommend u. verbindlich, daß ich mich wundern würde, wenn ich nicht wüßte, wohin alles liefe. Geistl. habe ich noch keine besucht; ich will aber 2. besuchen, den Senior Mörl u. den Schaffner Panzer. Beide sind dicht bei mir. Morgen will ich mit Ernst dran gehen, daß ich die Preisschriften allmählich loswerde u. die Merkwürdigkeiten der Stadt endige: denn sogar den schönen Brunnen, der ohne Wasser ist u. in einer Scheune stehet, habe ich noch nicht gesehen. Gnug für heute. Lebe wohl, lieber Engel, ich danke Dir aufs herzlichste für Deinen Brief, erfreue mich posttäglich mit ihnen; wenn ich hier wegbin, sollen sie mir nachgeschickt werden: denn der Wirt ist ein ehrlicher, dienstfertiger Mann. Wie mir oft meine Einsamkeit, meine Entfernung u. Verbannung vorkommt, davon will ich nichts schreiben. Ich fühle schon gnug, wie manches ich anders ein- u. ansehen lerne; ich mußte diese harte Buße haben, weil ich sie verdiente. Lebe wohl, liebe süße Seele, o wärest Du manche Stunde bei mir! – Lebe wohl, liebe, u. grüße Alle; u. habe Hoffnung; denke an mich, wie ich an Dich denke. So sind wir gewiß Eins u. ungetrennet auf Erden. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 14. Aug. 1788. Unsre liebreiche Herzogin wollen Dir selbst einige Zeilen von mir bringen, u. ich schreibe Dir Lieber ob ich gleich nichts zu schreiben habe. Möge dies Blatt Dich zu einer guten u. glücklichen Stunde treffen – u. möge Deine Seele immer heitrer werden je weiter Du von uns gehst. Die Herzogin waren sehr gut u. hold u. haben mir viel Gutes Deinetwegen gesagt u. versprochen. Ein guter Genius begleite auch Sie! Bei uns steht Alles gut. Die Jungens sind noch in Nauendorf u. ich bin fleißig beim aufräumen. Wenn Du einmal nur halb so viel Freude daran haben wirst als mir das Geschäft macht, so wirds mir wohl tun. Die Papiere selbst freuen sich daß sie gesondert werden. Deine Tische, Kommoden, Schränke u. Bibliotheken sollen Dich rein u. gewaschen wieder aufnehmen zur bessern Existenz. Ich erwarte nun mit Sehnsucht Deinen Brief aus Nürnberg! Eben war Goethe da, er hat viel Lustiges, ich möchte sagen Betäubendes über seine häusliche menschliche Situation gesagt – es war aber in allem so viel Klarheit u. Richtigkeit daß das Betäuben nicht statt hat. Er hat nun alles Glück u. Wohlsein auf Proportion u. das Unglück auf Disproportion reduziert. Ihm sei es jetzt gar wohl daß er ein Haus habe, Essen u. Trinken hätte u. dgl. – alles was Du in Deinen 3 Bänden der Philosophie, von den Tatarn bis zu den Römern geschrieben hättest, käme alles darauf hinaus daß ein Mensch ein Hauswesen besäße u. (setzte ich hinzu) mit Vernunft sich regierte! Dies ist der kurze Auszug unsers Gesprächs, das wir mit ziemlich guter Laune gehalten haben. Speise u. tränke Du uns nur mit guten Briefen von Deinem u. unseres besten Dalbergs Wohlsein – dann mag der Wind auch noch so garstig heulen, wie heute den ganzen Tag, mich wird nichts anderes kümmern. Deine 2 Briefe die ich von Erfurt u. Gotha empfangen habe, lese ich noch allemal Abends vor Schlafengehen. Lebe wohl Lieber Guter. Lebe wohl. Diesen Brief bekommst Du vermutlich in Inspruck. Gedenke unsrer, u. sei mir gut. Deine Treue. C. H. Grüße den Besten der Menschen. Luisgen u. Emil grüßen den lieben Vater unter dem schönen Himmel. Caroline Herder an J. G. Herder [Weimar,] Freitag den 15. Aug. 88. Gestern Abend nach dem NachtEssen kam Dein Brief aus Bamberg! mit unbeschreiblicher Begierde erbrach ich ihn u. nach dem ich den Anfang gelesen hatte, erleichterte sich aufeinmal mein solange gepreßtes u. gedrücktes Herz durch einen Strom von Tränen. Ach ein einziggutes Wort von Dir ist mir wie die Stimme Gottes. Verlaß mich nicht mit Deinem Herzen lieber Engel, verlaß mich nicht; ich kann alles ertragen, nur dieses nicht – ich bin nun einmal auf ewig Dein, u. nichts nichts was um mich ist, gibt mir nur einigen Ersatz. – Durch das Aufräumen habe ich auf eine gewaltsame Art mein Gefühl der Trennung unterdrückt u. ich wollte Dein Glück in Gedanken mit genießen – ich war aber zu rasch damit, mein Schmerz ward eine Art von Fühllosigkeit – immer mischte sich der Gedanke ein: er ist glücklicher ohne Dich – und ich suchte denn alles hervor mich zu betäuben. Jetzt hast Du mein Herz wieder losgebunden – ein Tröpfgen Liebe von Dir u. ich will zufrieden sein wie das Cananäische Weib mit den Brosamen. Ich habe das Thüringerland mit alle seinem Elend in Gedanken mit Dir zurückgelegt u. Du sollst u. mußt jetzt nicht mehr daran gedenken. Ich lebe nicht hier, ich lebe mit Dir, bei Dir u. bin fröhlich u. glücklich mit Dir. Hat der liebe Gott endlich den Becher der Freuden gegeben, o so koste ungetrübt daraus – Sehne Dich nicht nach uns, ich bin unzertrennlich bei Dir. ich genieße den Geist Deiner schönen Reise aus Deinen lieben guten Worten, die mir kein Mensch so sagt wie Du – Luisgen u. Emilchen hüpften u. jauchzten über dem Brief, da sie mich aber so heftig weinen sahen, ach so fingen sie auch mit mir an, da ich besonders das Ende wo sie genannt waren ihnen gleich vorlas. Dann hörten sie die ganze ReiseRoute recht verst[ändig] zu u. gingen vergnügt zu Bette. In solchem Augenblick wünsche ich mir Flügel Flügel! Heute früh 10 uhr kam Eliza Gore zu mir um Abschied zu nehmen; sie gab mir inlieg[enden] Brief an Dich. Die Schardt war auch mit; Elisa erzählte von den Italienerinnen, u. es beruhigte mich, daß sie eben das Herz nicht fesseln. Sie mögen auf alle Weise Dein Leben angenehm machen, nur Dich nicht festhalten. Morgen gehn Gores fort u. der Herzog mit bis Leipzig. Heute früh ist die Herzogin über Jena abgereist. ich höre so eben durch den Koch daß sie den Dienstag ihr Testament gemacht hat in Beisein des Koppenfels, Wolfskehl u. Krüger. In Ihrem Haus erzählen die Domestiken folgende Veranlassung dazu. Sie sei den Montag in ihrem Garten spazieren gegangen u. auf einmal käme [ein] ArzneiGlas vor ihre Füße geflogen. Sie hätte sogleich hinaus sehen lassen, woher es gekommen sei, aber man hätte nichts finden [können.] Dies hätte sie alteriert u. zum Testament bewogen, ich hatte sie seit Deiner Abreise nicht gesehen, frug also vorgestern Vormittag an, wenn ich zum Abschied kommen dörfe u. erhielte von der Göchh[ausen] an die ich geschrieben, die Antwort um 11 uhr mit einem sehr guten Billet. Die Herzogin war sehr milde u. weich, sah blaß aus u. ich mußte ihr noch ein Briefchen an Dich schicken das Du durch sie erhalten wirst. Der gestrige Tag war ein fürchterlich stürmischer Tag wie man ihn nur im November erlebt. Heute war es abwechselnd. Die Elisa sagte, sie sei gestern den letzten Abend ganz verändert gewesen. Deinetwegen wünsche ich auch daß ihr nichts unangenehmes widerfahren mag; Du kannst Dich doch nicht ganz von ihr losmachen und sie bezeugte auch auf Dich zu rechnen; wie weit es Wahrheit ist, weiß ich nicht. Gestern kam vom H. v. Murr aus Nürnberg die längst gehofften Fuchs Fabeln vom Rabbi Barachia an. ich sähe es als ein glückliches Omen an, sende sie Dir aber nicht, weil sie vermutlich in Rom Dich nicht erbauen werden, ich werde sie für unsre Zeiten aufheben, da werden sie wieder für den Freund Elias der Wacholderbaum sein. Auf dem Titelblatt sitzt der prächtige Fuchs mitten unter allen Tieren auf einem großen viereckigten Stein mit der Inschrift: ich habe es treulich kopiert Goethe besucht mich fleißig, er war gestern da. ich habe Dir im Brief der Herzogin etwas vom Gespräch erzählt. Im Ganzen will es mir nicht wohl mit ihm werden. Er lebt jetzt ohne seinem Herzen Nahrung zu geben. Die St[ein] meint, er sei sinnlich geworden u. sie hat nicht ganz unrecht. Das Hof gehn u. Hofessen hat etwas für ihn bekommen. Er will sich diesen Winter ganz an die H[erzogin] halten, das sei die einzige die ihm geblieben. Mitunter sollte ich u. die Imhof zu ihm zum Tee kommen – ich sagte, ja wenn die St. mitkäme – ach mit der ist nicht viel anzufangen sagte er, sie ist verstimmt u. es scheint nicht daß etwas werden will, ich nahm ihre Partie so gut ich konnte; ich glaube aber nicht daß er ihr entgegen geht. Das schadet mir aber nichts, ich bedarf keines Menschen. Die Kinder u. Deine Briefe, füllen mein ganzes Dasein aus; u. kommt noch Deine Schwester so werde ich diese nicht verlassen. Auch begehren die Menschen etwas von mir, das sie von Dir gewohnt waren zu empfangen u. ich ihnen nicht geben kann. Übermorgen erwarte ich die Kinder wieder. Es ist unsäglich einsam. Von der reg. H[erzogin] habe ich noch keinen Laut vernommen, u. es wird mir immer wohler je weniger man Notiz von mir nimmt. Die gute Fr. v. Frankenberg hat mir heute geschrieben u. wünscht Nachricht von Dir zu haben, ich will ihr sogleich noch einiges aus Deinem Brief schreiben. Sage mir doch jedesmal in Deinen Briefen ob ich ihr ein Auszug darausmachen soll, von dem was merkwürdiges drinnen ist. Damit Du nicht mit ähnlichen Beschreibungen der Dinge in Deinen Briefen an sie Dir die Zeit rauben mußt. Sie ist sehr schüchtern in ihrem Brief gegen mich. Es ist sonderbar daß man die Ehefrau eines Mannes wie Du bist immer mit diesen Augen ansieht, ich will ihr aber allen Skrupel über mich suchen zu benehmen durch meine unbefangene Art. Sonderbar ists (um Dir nichts zu verhehlen) jetzt könnte ich eifersüchtig über sie werden. Ach sei gut gegen mich, verbirg mir nichts – u. verlasse mich nicht. Du bist mir ja Alles Alles, bist Vater Bruder Freund. Das Gefühl der alten glücklichen Zeit durchbohrt mir oft die Seele. Doch weg damit! Heute früh schlug ich auf, im Schatzkästgen, den 18. Aug. Siehe ich mache alles neu pp Lebe wohl Lebe wohl Einziger auf dieser Welt. Grüße den Werner von uns, er soll kein Sauerbraten mehr essen. Die Henriette ist seit 8 Tagen bei ihren Eltern auf dem Land u. braucht eine Kur, die ihr wohlbekommt. Wir übrigen sind alle wohl. Schreibe mir doch ja aus Augsburg, wo ich Dir nach Florenz [oder] einen andern Ort schreiben kann. Den nächsten Posttag schreibe ich Dir noch einmal nach Augsburg. Laß den Werner einen engen Kamm für Dich kaufen damit Du das italienische Ungeziefer abkämmen kannst. Lebe wohl wohl! Knebel ist wieder in Jena. Sollte Dalberg schon bei Dir sein, so sage ihm das Beste von mir. Hastu in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch an mich gedacht in Nürnberg? Wenn Du wieder schreibst so grüße die Schwarzin namentlich, sie ist mir jetzt recht behäglich. Caroline Herder an Karl Ludwig von Knebel W[eimar,] den 16. Aug. [1788]. Bester Freund, ich habe vorgestern von meinem Wanderer einen Brief aus Bamberg erhalten. Einen guten guten lieben Brief, der mein gepreßtes Herz recht erleichtert hat! Den ganzen Sonnabend hat er Rasttag in Bamberg gehalten u. hat sich an dem Weg dahin längs der Itz ungemein erfreut, u. mich an Sie u. Goethe verwiesen, die mir von dem schönen Tal mehr erzählen sollen. Einen Auszug aus dem Brief kann ich Ihnen nicht machen und schicken – ach das kann ich nicht – diese Heiligtümer lasse ich nicht aus meinen Händen. Wenn Sie uns besuchen, sollen Sie ihn hören oder lesen. Mit einer guten empfänglichen Seele hat er diese kurze schöne Gegend gesehen – o was ahnde ich für Gutes im Verfolg der Reise! Zusehends wohler ward ihm da er das Thüringerland verließ. Kommen Sie bald Lieber. Morgen abend erhalte ich gewiß einen Br. aus Nürnb. Ade ade. C. H. und wie geht es Ihnen in Jena Guter? Es fehlt mir etwas Sie so lange nicht gesehn zu haben. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 18. Aug. 1788. Du Einzig Guter, wie hat mich der Reichtum Deiner Liebe überschüttet! Gestern Abend kamen Deine Briefe N ro 3. 4. u. 5. nebst Einlagen auf einmal an! die Freude war unsäglich groß. Ich weidete mich noch an Deinem ersten Brief aus Bamberg gestern Nachmittag da ich allein im Garten wandelte u. meine Gedanken immer um Dich waren, ja stets bei Dir sind. Gott hat mir ja Alles Alles was er Gutes geben kann an Dir gegeben Du Einziggeliebter – u. meine Seele u. ganzes Wesen empfindet Deine Liebe jetzt doppelt neu wieder. Ach wir waren verstummt; dieser gewaltsame Stoß der Trennung mußte das Herz wieder lösen. Ja, guter Engel, Du sollst u. wirst mich anders wiederfinden, ich will meine letzten Kräfte aufbieten Dir Dein Leben zu versüßen, das sage ich Dir mit Tränen vor Gott. Wir zwei stehen auf der festesten menschlichen Basis zusammen, u. unsre Kinder rückt die Zeit auch zu uns herauf – was bedürfen wir denn viel anderer. Deine Seelenworte erquicken mein inneres Mark. Ach daß Du Dich nach Briefen von mir gesehnt hast! Wenn ich noch an das Fortrollen des Wagens gedenke – ich habe Dir von der entsetzlichen Empfindung nichts gesagt, es ist vorüber; komm laß uns vorwärts denken. Ich habe in dem ersten Augenblick da ich Deinen 2t. Brief aus Bamberg las nicht verstehen können warum Du den 2ten Tag noch in Bamb. geblieben bist. Hernach ging mir das Licht darüber auf u. es dünkt mich sehr gut daß Sie Dich dort gekannt u. geehrt haben u. Du in den Katholizismus iniciert worden bist. Es mußte doch einmal geschehen u. es ist besser daß es da geschah. – Über alle Universitäten u. unser künftiges Schicksal wolle uns Gott die Augen noch öffnen! Nürnberg habe ich in besondere Affektion genommen. Ob Du gleich das Schöne u. Hübsche ziemlich tumultuarisch genießest; u. aus der vorgenommenen Ruhezeit alldorten wohl nicht viel herausgekommen sein mag, so mußt Dus denn auch als einen gerechten Tribut Deines berühmten Namens annehmen. Der Schießschmaus pp gehört alles dazu ob Sie Dich kennen oder nicht kennen – gehts doch dem lieben Gott auch nicht besser. Den 15. habe ich Dir meinen 3ten Brief geschrieben, den 11ten den 2t. Br., den 8ten den ersten, den Du in Nürnb. erhalten hast. Der heutige ist nun der 4te.; ich habe also bisher alle Posttag geschrieben. – [...] Goethe besucht mich meistens all ander Tag. er war gestern Nachmittag da. Er ist beinah wie ein Cameleon. Bald bin ich ihm gut, bald nur halb. Er will sich auch nie zeigen, u. nimmt sich vor jeder Äußerung in Acht daraus man Schlüsse machen könnte, darum ändert er auch, glaube ich, so oft die Reden. Jetzt schreibt er sein Pflanzensystem auf u. erwartet Dich künftiges Jahr mit Verlangen dazu, er wills ins lateinische übersetzen u. Du sollst es korrigieren; dabei war nun zu hören, daß er auf einige Jahre Arbeit sich zugeschnitten hat. Er hat das 1te Buch u. das übers Christent[um] Deiner Ideen gelesen, u. hat großes Wohlgefallen daran; im ersten Buch hättest Du dem Gewirr der Völker ein eignes Intresse dadurch gegeben daß Du sie auf den Ursprung zurückgeführt. Dem Rom u. Papst hättest Du auch Gerechtigkeit widerfahren lassen indem Du gezeigt was sie getan hätten u. s. w. Deutlich kann ichs nicht so recht wiederholen; ich sagte ihm, er möchte Dir einmal ein Wort darüber schreiben. [...] Der Fr. v. Frankenb. Brief habe ich den andern Tag wieder gelesen u. fand ihn gar lieb u. gut. Meine Lebensgeister waren den ersten Tag aufgeregt u. da sieht man immer zu viel oder zu wenig, ich nehme alles zurück was ich in dem vorigen Brief hierüber geschrieben. Es war nichts. Das Wort Eifersucht (ein häßlich Wort) kenne ich in Beziehung Deiner gar nicht. Dabei wird es verbleiben so lange ich lebe. Du lebst in meinen kleinsten Fasern, was Dir Gutes widerfährt, geschieht auch mir. Die nämliche Nacht träumte mir, wir seien beide bei Frankenb. sie lehnte sich auf mich u. ich mußte sie irgendwohin tragen; sie wurde mir aber so leicht zu tragen, daß ich mich im Traum selbst darüber wunderte. – ich habe ein Blättchen an Dalberg hier beilegen wollen, er wird mit diesem Brief vielleicht bei Dir eintreffen. Ich bin zu weich um mein Gefühl ihm zu sagen: O sage ihm einen eigenen Willkomm in meinem Namen. Gott hat Euch zusammengeführt, Gott sei mit Euch, u. gebe Euch Freude u. lasse Euch finden was Ihr suchet. Lieber Engel, heute ist Augusts Geburtstag – der Deinige kommt nun auch – Adelberts u. Gottfrieds – u. Du bist nicht da. Wie wollen wir einmal nach dem Entbehren die Freude des Wiederbesitzens genießen! u. Du bist zu gut als daß Du dein Herz abstumpfen könntest ich möchte doch ohne dies trotzig u. verzagte Ding (ich meine mein Herz) nicht leben. – Die Kinder sind gesund u. fröhlich wiedergekommen u. werden wirklich täglich milder. Gottfried ist unsäglich gut. er möchte Dir gar gern schöne Briefe schreiben u. doch auch herzliche, das macht ihm noch einige Arbeit. August ist unter allen der gleichgültigste – Jetzt beschäftigen ihn seine Tauben, die er missen soll; ich habe ihm Zeit gelassen sich zu überwinden u. es wird eine große T[at] hierin geschehen. Gottfried sieht gesunder aus. sie waren dort meist auf dem Feld u. haben geritten. Wilhelm u. Adelbert sind gutherzige Buben, das siehst Du aus ihren Briefchen. Nun wird künftig nur einer schreiben, u. dies ist auch der letzte Brief auf deutschem Boden den Du von mir empfangest. O Du einzige Seele, vergesse nun Alles was dahinten ist u. genieße das glückliche Land! ich will doch den nächsten Posttag noch einmal schreiben u. den Brief nach Augsb. adressieren, hinterlasse auf der Post, wo sie Dir ihn senden sollen, ich will meine Stimme Dir solange nachrufen als ich kann! Goethe meint, Ihr werdet in 3 Wochen in Mailand sein. Wenn Du keine Adresse sendest, so will er einen Brief von mir einschließen à Mr. Franchi Professeur de Sculpture à Mi[lano] u. will Euch zugleich empfehlen. Die übersandten Briefe besorge ich bestens. In Murrs Brief steht nichts. Hier sagt man, Du hättest einen Ruf nach Durchlach als Präsident über das Geistl. Wesen u. Schulen. Dies Gerücht kommt wohl von der deutschen Akademie her. Die Steinin hat mirs heute von Kochberg auch geschrieben u. grüßt Dich herzlich. sie ist noch immer verscheucht u. einsam. Die Herzogin hat mich heute zu sich gebeten, ich habe es aber wegen dem Posttag u. Augusts Geburtstag abgeschlagen u. um einen andern Tag gebeten; es war mir eben so unlieb nicht, daß es so kam. Goethe ist den Mittag täglich oben. Knebel ist in Jena u. grüßt Dich, ich werde ihm Deinen Gruß u. Zufriedenheit in Nürnb. melden. Der Tod des Imhofs ist ein willkommnes Geschenk für die Frau u. sie kann sich jetzt verständig einrichten u. verständig betragen. Goethe sagte, die Herzogin Mutter sei sehr vergnügt abgereist mit dem Wort: künftiges Jahr sehn wir uns wieder. Lieber Engel nur noch einen diätetischen Rat! enthalte Dich Abends von 8 bis 9 uhr des Spazierengehns. Dies ist die Stunde in der kein Italiener geht, weil der Tau fällt u. man sich gleich erkältet. Wenn diese Stunde schlägt, o denn denke an mich u. die Kinder die ja ohne Dich höchst unglücklich wären u. mich hätten sie denn auch nicht mehr. Ich bin mit Deinen Papieren u. der Biblioth. ganz fertig, u. es ist mir gar wohl, ich hoffe Du wirst zufrieden sein, u. alles leicht finden was Du willst. Wenn ich in Deine Zimmer kam, ist immer ein Sonnenstrahl da gewesen u. ich muß unwillkürlich 2-3 mal hinauf. Deine Spur ist nirgend ausgetilgt, Du bist u. bleibst bei mir. In den Abendstunden wenn Du Deine Pfeife rauchst, wie habe ich Deiner gedacht. Deine Briefchen an die Kinder sind mir rührende Blättchen – sie warten nun auf das was sie von Dir aus Nürnb. bekommen sollen. Emil wollte Dir wieder schreiben, nahm ein Blättchen u. fing an Dein Briefchen an ihn abzuschreiben. Grüße den Werner von uns allen u. sage ihm, er möchte ja mit D[albergs] Bedienten gut sein u. manches nicht genau nehmen. Es soll ihm alles belohnt werden; Seine Treue, guter Willen u. Aufmerksamkeit. Ich habe hier ein Paar Reihen an ihn geschrieben, gebe sie ihm u. muntre ihn auf, er wird fürchte ich, neben dem andern Bedienten oft eine böse Stunde haben. Dein Coffre wird hinten auf Dalb. Kutsche gepackt werden, Werner wollte dafür sorgen daß er angeschraubt wird, damit er nie losgeschnitten werden kann. Erinnre ihn daran. Lieber Engel, der Abend kommt, ich schließe u. reiche Dir die Hand, leb wohl, leb wohl, leb wohl – Du unaussprechlich Guter. Gottfried Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 18 August. 1788. Wie sehr hat es mich gefreut, daß Sie auch mir einen so goldnen Brief geschrieben haben, und daß Sie auch meiner gedacht haben. Ich werde Ihre Lehren gewiß halten, und mich immer an Ihre heiligen Worte erinnern. Es war ein großes Fest, da wir auch Briefe an uns sahen, so wie es überhaupt allemal ein großes Fest ist wenn Briefe von Ihnen kommen, und wenn wir lesen daß es Ihnen wohlgeht. Wie oft wünsche ich mich zu Ihnen, um in Nürnberg mit Ihnen alle die schönen Sachen anzusehen, es geschieht zwar nicht wirklich aber doch im Traume. Wir sind von unserer Reise nach Naundorf, den Sonnabend-Abend glücklich wieder angekommen. Wir haben uns dort recht vergnüget, und auch ein merkwürdiges Grab gesehn, das vermutlich aus dem 30 jährigen Kriege her ist, und worinnen ein berühmter Mann muß gelegen haben. Die Knechte des Herrn Amtsverwalter Lüttich waren im Pflügen auf einen Stein gekommen, worunter noch ein eben so großer lag. Der Herr Amtsverwalter ließ diesen Stein abwälzen und hineingraben; man fand hier einen sehr dicken und großen Schädel und Gebeine. Zu den Füßen stand eine töpferne Urne, worinnen eine gelbe Erde war; das Grab selbst war 7 Ellen ins Quadrat, und 4 steinerne Platten umschlossen es. Es ist schon vieles bei Ihnen aufgeraumt. Herr Schäfer und ich wollen uns jetzt auch an die Bibliothek machen, sie nach Systemen ordnen, und einen Catalogum darüber machen, daß Sie sich recht freuen werden, wenn Sie wieder kommen. Es freut uns recht herzlich, daß Sie in Nürnberg so schöne Sachen zu sehen bekommen, und Ihre Beschreibungen sind uns gar lieb. Leben sie 1000mal wohl, reisen Sie glücklich, und Gott begleite Sie. Schreiben Sie oft an mich und behalten Sie lieb Ihren gehorsamsten und Sie zärtlich liebenden Sohn Gottfried Herder . Herr Schäfer läßt Ihnen gar viele Empfehlungen sagen. August Herder an J. G. Herder Weimar, 18. 8. 1788 Liebster Vater Heute ist mein Geburtstag gewesen, die Mutter hat mir etwas geschrieben, was ich Ihnen hier bei lege. Sie hat mir auch einen alten Rudolphs-Taler gegeben u einen Eutropius, letztern werd ich noch bekommen. Gottfried hat mir Damms Götterlehre gegeben, u auch etwas geschrieben. Willhelm die Acerra Philologica, u eine Sonne gemalt, da stand drin, Gott gebe Dir Licht u Weisheit, u Sonne gebe Dir Leben u Nahrung. Adel ein Paar Strumpfbänder u was geschrieben. Luise eine Landschaft u etwas geschrieben, u Emil hat mir etwas durch Willhelm zeichnen lassen, ein Genius der die Tauben wegnimmt, u einen Lorbeer kranz gibt, mit der Inschrift. Für das Geraubte einen Lorbeer kranz, dann kam auch ihr lieber Brief den ich gestern verschlafen hatte. Aber der Kaisertee war nicht dabei worüber ich große Freude hatte, u einen Kirschkuchen vom Geheimerat v. Goethe, es freut mich sehr, daß es Ihnen in Nürnberg so wohlgehet. Der liebe Gott sei mit Ihnen, wir wollen recht gut sein, damit wenn Sie wieder kommen daß Sie gute Kinder finden. Der Geheimrat v. Goethe läßt Sie viel tausendmal grüßen. Leben Sie wohl u behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder. d. 18 August. 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 18 ten August 1788. Lieber Vater, Ich freue mich sehr, daß Sie so viele schöne Häuser Kirchen und Gemälde gesehen haben, und ich wünschte, daß ich sie auch gesehen hätte. Wir sind mit dem Herrn Schäffer gesund und glücklich von der neuen Welt zurückgekommen und haben vieles gesehen und gelernt. Aber die neue Welt war nicht America sondern Kloster Naundorf, weil so eine schöne Gegend ist, und ich eine so schöne Gegend noch nie gesehen habe. Ich danke Ihnen auch für den schönen Brief den Sie mir geschrieben haben ich habe ihn sehr vielmal durchgelesen, weil er mir so gefiel, von den 3 Männern, und ich werde gewiß auch einmal so ein Mann werden. Leben Sie wohl und behalten Sie mich lieb, und vergessen Sie nicht Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 18. 8. 1788 [?] Lieber Vater Ich möchte die großen Ochsen auch die Blauen gesehen hätte und die lange Wiese. Schreiben sie mir wieder. Das glaube ich auch daß sie uns in hellen Tagen gesehen hatten. Denn wenn sie jetz allein sind denn wir denken immer an sie. Sie haben mir in den Brief geschrieben daß ich sollte das Weinen allegen daß will ich auch tun. Denn sie haben mich lieb und ich will tun was ihnen wohl gefället leben sie wohl ihr getreuer Sohl Adelber Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Dienstag früh, den 19. Aug. [1788] Nürnb. Endlich ist die Markgräfin fort; u. ich kann Dir einige Worte schreiben; doch langsam, u. in der Reihe. Als ich vorigen Freitag den Brief an Dich zugesiegelt hatte, läuteten sie eben in die Kirche, u. ich ging, ohne zu wissen, daß es ein Festtag war, weil hier immer geläutet wird, in die Sebaldskirche. Als ich in sie trat, sangen sie just die Worte (aus dem Lied: Jesu meine Freude): Weicht, ihr Trauergeister, Denn mein Freudenmeister p Denen die Gott lieben, muß auch ihr Betrüben, süßer Zucker sein. Es war ein Marien- oder wie sie hier sagen, ein Frauenfest, u. ich habe den ganzen Tag Dir zu Ehren gefeiert. Der Text des elenden Predigers war, meine Seele erhebe den Hrn p u. hinter der Predigt ward im Chor mit lateinischen Hymnen noch völlig ein Hochamt der Mutter Gottes gefeiert, das denn, gegen die Katholiken gehalten, schlecht u. arm d. i. protestantisch ausfiel. Nachher ging ich zum Schaffner Panzer, von dem Du oft gehört hast, u. sah seine herrliche Bibliothek. Unser Nachbar Weber, der mit ihm einen groben Streit gehabt hat, darf sich schwerlich mit ihm vergleichen; er sitzt hier, was solche Studien anbetrifft, recht in der Wolle, u. treibt die alte D[eutsche] Literatur mit einer Genauigkeit u. Kenntnis, daß ich ihn hierin für den Ersten in Deutschland halte. Ich habe ihm versprechen müssen, noch einmal zu ihm zu kommen, da er nur Eine Gasse von mir entfernt wohnet; wir wollen sehen, ob sich noch eine Vierteilstunde dazu findet. Er hat mich mit einer Demut aufgenommen, daß ich mich jedesmal schämen mußte, wenn ich dabei an meinen Bücherkram gedachte. Seit 14. Jahren predigt er nicht mehr, sondern verwaltet das Amt des alten Seniors, der seit einer Reihe von Jahren völlige, wie sie sagen, gelehrte Ruhe genießet. Das ist alles ein reichsstädtischer Zuschnitt, von dem wir bei unserm Getreibe keinen Begriff haben. Nach mittag besuchte ich die Stadtbibliothek, wo ich einen jungen Mann kennen lernte, den ich für den besten Kopf in N. halte; es ist der Verf. der Vandalengeschichte, aus der ich Dir manches vom Könige Genserich p erzählt habe, u. die wir gar lesen wollten, außerdem furchtsam, fleißig, dienstfertig, ein liebenswürdiger Mensch. Nun wanderte ich aus der Stadt zum H. Rochus, wo ich Knebels Bild in einem Dürerschen Gemälde in Gestalt des Pfaffen sah, der die sterbende Pirkheimerin ölet. Sage ihm, daß ichs gesehen habe, u. daß er sich zu solchen Ölungen trefflich schicken würde; es war aber ein weiter Weg. Ich kam mit Ende des Tages müde nach Hause, u. arbeitete fleißig bis in die Nacht; der Rektor Vogel begleitete mich u. schickte mir noch 5. Quartanten von Meistersänger-Poesien, die mir aber nicht einwollten. Harders süßen Ton fand ich auch oft genannt unter den Gesangweisen. Sonnabend stand ich früh auf, wie ich denn immer hier früh aufstehen muß, weil ich vor dem Gefahr u. Geklapper mit den Tonnen nicht schlafen kann, u. arbeitete fleißig, machte drauf ein paar notwendige blinde Besuche, wollte die Homannische Chartenfabrik sehen, die aber weil es Sonnabend war, nicht im Werk war. Dagegen unterhielt mich H. Monath mit ihrer Geschichte u. mit der ganzen Geschichte seines Hauses. Ich will sie noch sehen, wenn ich einen Augenblick erhasche. Ich kam nach Hause, u. fand den armen Vulpius auf mich warten. Erinnere doch Göthe an ihn; aus dem Menschen wird hier nichts, u. er geht verloren. Er hat mir Göthens Br. an ihn gewiesen, u. hat alle Hoffnung auf ihn gerichtet, ob ich gleich auch nicht sehe, wo man in W[eimar] mit ihm hinwill. – Bald nun kam der Fr. v. Hutten Wagen, bei der ich zu Mittag war; sie hatte eine artige Familie zusammen gebeten, die Stromers, u. nachmittage fuhren wir auch in den Stromerschen Garten, wo wir bis Abend waren. Die Gesellschaft war zahlreich; für mich aber fiel dabei nichts Erquickendes vor, obgleich viel sehr gute, gute Leute darunter waren. Sonntag hätte ich beim Kriegsrat von Haller unter seiner Familie in Gründlach sein sollen; ich verbat es aber, weil ich gern in der Korrektur meiner Preisschr. fortrücken wollte; ich habe seine Töchter nachher auf dem Konzert kennen gelernet. Mein Studium schritt aber nicht weit vor, Nachmittag kam der Hauptm[ann] Stromer zu mir, der lange blieb, u. mich in eine Abendgesellschaft führen wollte. Noch war er da, siehe da kam die Markgräfin aus Erlangen, die der Herz. Mutter ein Rendez-vous in Regensburg gibt; nun hatte alles Studium ein Ende. Beim ersten Tritt ins Wirtshaus frug sie nach mir, u. kaum war sie im Zimmer, als ich gerufen wurde. Diesen Augenblick ist sie fort, u. ich komme wieder zu mir. Daß sie, wie man sagt, sehr gnädig u. artig gegen mich gewesen ist, darf ich wohl nicht einmal sagen. Morgens, sobald sie angezogen war, ließ sie mich rufen, ließ den Prof. Hufnagel von Erlangen kommen, um mich kennen zu lernen, u. s. f.; indessen ist mir doch ein Tag geraubt, u. wie viele werden mir noch geraubt werden. Man lebt übrigens sehr leicht mit ihr, ob sie gleich einen viel ungebrochneren Fürstensinn, als die Herz. Mutter {hat}. Gestern um 6. Uhr nahm mich die Fr. v. Hutten in ein so genanntes großes Konzert, wo eine Harmonika (ohne Wirkung für mich) sich hören, u. die ganze vornehme u. schöne Nürnbergerwelt sich sehen ließ; völlig ein Konzert, wie ich sie einige Jahre in Riga gnug kennen gelernt habe. Da war mir also nichts neu. Heut Abend muß ich noch in eine Gartengesellschaft, der ichs nicht habe abschlagen können, u. am Tage will ich noch Einiges sehen, wo es eine Schande ist, es nicht gesehen zu haben; mit dem heutigen Jenaischen Wagen wollte ich schon mein Pack schicken u. mich freuen, daß ich von dem auch los wäre; aber es wird schwerlich gehen. Meine Zelebrität fängt mir an, so gar in Nürnberg beschwerlich zu werden, u. ich habe eben jetzt durch einen Gang auf den s[alva] v[enia] Abtritt mir einen Besuch zugezogen, der mir fast eine Stunde geraubt hat, vom Prediger Waldau. Tausendmal danke ich Dir für Deinen 2ten Br., ich bekam ihn ehegestern, eben da die Markgr. ankam, u. er hat mich sehr erfreuet u. gestärket. Schreibe mir viel u. oft; was Dir vorfällt; ich bin alsdenn so bei Dir, wie ich durch das Detail, das ich Dir vorsage, Dich bei mich zu setzen wünsche. Gott segne Dich u. die Kinder, liebe, liebe. Grüße Alles, u. habe doch ja in Deinem Herzen keine Rivalität mit der Fr. v. F[rankenberg]. Was soll das? Du kennest mich ja ganz. Lebe wohl, Einzige, liebe, gute – Ich umarme Dich, Herz. J. G. Herder an Caroline Herder Ansbach den 21. Aug. 88. Gestern Morgen habe ich Nürnberg verlassen, und am Mittage kam ich hier an. Knebels Familie ist eine außerordentlich gute Familie: seine Mutter eine so würdige, feste, verständige, muntre Frau, als es ihrer wenige gibt: seine Schwester hat eine außerordentliche Güte, u. eine schüchterne Zartheit, recht wie eine Taube: sein Bruder ist ihm sehr ähnlich, nur jünger u. fröhlicher wie Er. Auch drückt sich überall der Charakter des Landes hier mit aus, daß man bequemer, ungezwungener, natürlicher ist, u. lebet. Es herrscht eine Gutherzigkeit in diesem Hause, die äußerst wohl tut; und der Geist u. die originale Empfindung, die der Familie eigen ist, macht sie zu einem seltnen Kreise. Ich habe die Nacht wohl geschlafen, u. einen sehr angenehmen Morgen gehabt, indem ich zum Fenster hinaus in eine schöne Aussicht meine Pfeife rauchte. Nun denke ich allmählich weiter gen Süden hin u. je näher ich Augsburg komme, desto unruhiger werde ich, bis ich mich mit meinem Reisegefährten in Einem Wagen sehe. Sei doch so gut, u. laß für Knebels liebe Schwester, die Dir sehr gut ist, von Dalbergs Liedern die abschreiben, die sie noch nicht hat; es sind folgende: Flattre, flattr' p Flieht, ihr meiner p Heiter sind des Schicksals p Auch hier ist Arkadien } }  ich weiß den Anfang nicht u. wenn sonst welche sind. Sie hat nur den Schlaf u. den Gewinn des Lebens; auch Kaisers 3. kannst Du ihr abschreiben lassen u. sie Knebeln geben. Sie spielt so zart, als sie exsistiert u. empfindet. Ich wollte, daß ich ihr etwas Angenehmes schicken oder zum Denkmal lassen könnte: sie ist ein gar holdes Wesen. – Ein großes Pack mit der fahrenden Post über Jena wirst Du erhalten. Es sind unnütze Br. u. Bücher, die ich zurückschicke, u. für die Kinder Naschwerk. Das M[anu]skr[ipt] das ich an Göthe eingesiegelt habe, laß Dir von ihm geben u. bewahre es auf wie Alles, was ich so beiläufig schicken werde. Es sind alte Deutsche Sprüche u. Priameln. Nun lebe wohl, liebe Beste, Einzige, gute treue Seele. Ich bin in meiner Verbannung Dir näher, als ich Dir dort war, da ich auf meiner Stube, wie ein eingeschlossener, angeketteter Missetäter saß; nur freilich ists manchmal auch insonderheit Abends in wehmütigen Gedanken, denen ich indes nicht Platz u. Raum gebe. Deine Briefe sind mein Gebetbuch, u. ich hoffe in Augsb. bald welche zu empfangen oder zu finden. Grüße die Freunde, küsse, u. umarme die Kinder; seid meiner eingedenk, wie ich Euer tägl. ja stündl. eingedenk bin u. bleibe. Valete H. Caroline Herder an Johann Friedrich Hartknoch sen. Weimar den 21. Aug. 1788. Es ist an dem bester Freund, mein Mann ist den 6. dieses nach Italien abgereist; er hat mir aufgetragen es Ihnen zu schreiben, weil er in den letzten Tagen, noch mit zuviel Arbeit überhäuft ward u. nicht schreiben konnte. Er sagt Ihnen u. den Ihrigen das beste Lebewohl! Die Veranlassung zu dieser Reise, ist diese. Im Frühjahr, frug der jüngste Bruder vom Coadiutor in Mainz, Herr von Dalberg meinen Mann, ob er eine Reise nach Italien mit ihm machen wolle? – Der drückende Winter in dem mein Mann gelebt hatte, der Schmerz über den Verlust unseres Kindes, u. hundert andre Dinge, die meinem Mann manche Gemütsruhe raubten, ließen uns keinen Augenblick anstehn ja zu sagen. Wir hielten es für eine helfende Stimme Gottes. Denn gewiß, eine solche Gemütserholung, Veränderung der Gegenstände, reinere Luft u. Bewegung waren ihm höchstnötig geworden, wenn er noch sein Leben für die Seinigen fristen wollte. Gönnen Sie ihm also diese Erholung die nur ein Jahr dauren wird. Er hat den verflossenen Winter den 4. Teil der Ideen bis zum letzten Buch geschrieben, da er aber oft darinnen gestört war, so war die Arbeit nicht nach seinem Gefallen u. er wollte diesen Sommer das Buch umschreiben. Das konnte aber hernach nicht geschehen u. Sie müssen sich freilich noch ein Jahr gedulden. Der Teil der kommt ist der interessanteste wichtigste für uns alle. Sie werden durch ihn für alles entschädigt werden. Er hat die Plastik u. übers Erkennen u. Empfinden mit nach Rom genommen. Falls er die beiden Bücher dort umarbeitet, wie er Lust hatte, u. sie zum Druck herausschicken will, so werde ich sie nach seiner Vorschrift bei Schirach drucken lassen. Ich hoffe daß Sie ihm Ordre gegeben haben, alles zu befolgen was mein Mann zu drucken wünscht. Täglich erwarte ich die Schwester meines Mannes aus Mohrungen, die mit ihrem kränklichen Körper noch die Reise zu uns zu tun unternommen hat. Mein Mann hat ihr noch einen Wechsel von 50 R[eichstalern] geschickt u. ich will sie pflegen u. warten. [...] Nun leben Sie wohl Bester Freund. Gott sei mit Ihnen, segne Ihre Mühe u. lasse Sie auch an dem was Sie für uns getan haben, Belohnung finden. Noch lege ich Ihnen ein Zettelchen bei, ein Auszug eines Briefes aus Moskau; es betrifft den unglücklichen Lenz. Vielleicht können Sie das harte u. unmenschliche Herz des Vaters erweichen, daß er den unglücklichen Sohn zu sich nimmt u. ihn dem Gespött der Menschen entzieht. Ihrer lieben besten Frau, sage ich viel tausend Gutes, dem wackern Sohn auch. Gott gebe Ihnen Glück u. Freude an den Ihrigen u. sei mit Ihnen! Ihre eigene Carol. Herder. [...] J. G. Herder an Karl Ludwig von Knebel Ansb. den 21. Aug. [1788]. Aus Nürnberg, lieber K., habe ich an Sie nicht schreiben mögen, weil ich zu zerstreuet war; jetzt schreibe ich am Tisch Ihres Bruders, in einem so angenehmen u. hübschen Zimmer, als der Morgen u. die Aussicht schön ist. Ich habe Ihrem Wegweisenden Blatt treu nachgelebt, u. Sie also als den autor classicus meiner Fränkischen Reise betrachtet; nur angefahren bin ich nicht vor dem Hause Ihrer Familie, weil ich auf Ihrem Zettel fand, daß wenn man von Nürnberg um 5. Uhr ausführe, man um 10. Uhr in Ansb. ankommen müsse; ich kam aber, da ich die lange Allee hin meistens geschlafen hatte, u. also der Fuhrmann um mich nicht zu wecken, langsam gefahren war, erst halb 12. Mittags an. Ich stieg im Stern ab, Ihr H. Bruder, der Ihnen außerordentlich gleicht, nur daß er jünger, flüchtiger, fröhlicher, also auch toller u. kühner als Sie ist, besuchte mich sogleich, weil vom Tor aus die Nachricht zu ihm erschollen war; u. ich habe den gestrigen Nachmittag in Ihrer Familie fast wie eingeboren gelebt, diese Nacht in gegenwärtigem herrlichen Zimmer, wie ein Prinz geschlafen, meine Pfeife zum Fenster hinaus mit Ihrem Bruder fröhlich geraucht, u. will jetzt an seinem Schreibtisch Ihnen dies signaculum vitae schreiben, daß wenn Sie einst herkommen u. auch in diesem Zimmer sind, Sie sich auf dem ledernen Stuhl meiner erinnern mögen. Ihre Frau Mutter ist eine so brave Frau, daß sie so tolle u. gute Söhne zu haben verdient: Ihre Schwester ist ein in ihrer Art einziges, zartes Wesen. Mir war beim ersten Anblick, als ob ich sie schon einmal gekannt hätte u. nur nicht hinzubringen wüßte; von Stunde zu Stunde ward sie es immer mehr. Ein sonderbar-schüchternes Täubchen an Bescheidenheit, Güte u. wunderbarer Zartheit der Seele. Alles hängt an Ihnen, lieber alter Mönch, zumal Ihre Schwester; u. ich kann Ihnen nichts bessers wünschen, als im Kreise Ihrer Familie einmal die Tage leben zu können, die Ihr Herz wünschet u. auf die Ihre Seele feuret. Ich, für mich, danke Ihnen tausendmal, daß Sie mir diesen Zutritt u. gütige Aufnahme, über die ich ganz beschämt bin, verschafft haben; Sie selbst kenne ich jetzt viel besser, d. i. erklärbarer, als ich Sie bisher kannte. Nun gehts bald Ihren Geburtsort vorbei, u. ich werde mich, wenn ich das Schloß ansehe, so wie den ganzen Ried herunter, Ihrer oft erinnern, wie ich es außerdem auch gnug tue. Von Augsb. aus schicke ich Ihnen Ihr letztes Blatt, zu dem ich noch nicht habe kommen können, wieder. Denn lege ich Deutsche Sprache u. manches andre hinter mich; nur die Meinigen, unter welche auch Sie gehören, nehme ich über die Alpen mit hinüber. – Sonst mag ich über meine Reise u. Ausflucht noch keine Resultate {ziehen}; alle Resultate taugen nichts, wenn man sie von {einem} so unvollkommenen Anfange sondert. Leben Sie wohl, lieber Guter, u. denken an mich zuweilen mit Güte u. Freundschaft. In der Entfernung seid Ihr mir alle viel näher, als Ihr mir in der Thüringschen Atmosphäre waret: ich rücke Euch aus dem dortigen Nebel u. Ihr seid andre Gestalten. Ich hoffe auch, eine dergleichen zu werden. Leben Sie wohl, Lieber, u. gedenken meiner an einem so schönen Morgen, als an welchem ich jetzt an Sie schreibe. H. J. G. Herder an Magdalena Henriette von Knebel Augsburg, 23. 8. 1788 Auf welche Weise soll ich Ihnen, holde zarte Seele, den sonderbaren Eindruck bezeugen, den ich aus Anspach, u. am meisten von Ihnen, mit mir genommen habe. Ich kannte Sie lange schon aus herzlichen Reden Ihres Bruders, u. aus einigen Ihrer Briefe an ihn selbst; ich gestehe es Ihnen aber gern, daß ich auch jetzt die neue Erfahrung machte, die ich in andern Fällen so oft gemacht hatte, daß Worte u. Reden etwas anders als Gegenwart u. Dasein, daß Seele u. Herz endlich etwas anders sein, als sich je durch Bild u. Sprache ausdrücken läßt. Ich will Ihnen nichts sagen, was sich zudem auch nicht sagen läßt; aber liebe, reine u. treue Seele, ob ich Sie gleich noch immer als ein entferntes, heiliges Wesen, wie eine Nonne unter dem Schleier u. hinter dem Gitter betrachte, so weiß ich doch mehr als gnug von Ihnen, um Sie mit der innigsten Teilnehmung an Ihrem innern Wesen, an Ihrem Taubenzarten Charakter, u. ich weiß nicht an welchem Je ne sais quoi einer eignen, andern Welt, das Ihr Blick u. ganzes Betragen bis auf die kleinste Gebärde hat, hochzuschätzen u. zu lieben. Ich weiß nicht, ob ich Sie je wieder sehen werde; gönnen Sie mir aber Ihre Güte u. Freundschaft. Wie sehr wünschte ich, daß ich Ihnen, zarte Seele, je nur Etwas sein könnte; es war, da ich von Ihnen wegging, meine Hauptempfindung, daß ich Ihnen nichts, gar nichts gewesen war, noch hatte sein können. Mit Ihrem Bruder habe ich die vergnügteste Reise gemacht; er wird es Ihnen selbst sagen. Von Stunde zu Stunde wurden wir einander näher; u. ich hätte ihn so gut, als gar nicht kennen gelernt, wenn ich nicht mit ihm gereist wäre. Ich wollte, daß ich auch mit Ihnen so reisen könnte, oder nur die 8. Tage, die ich in Nürnberg zubrachte, bei Ihnen zugebracht hätte. Doch auch dieses haben die Götter also gefüget; darum es denn gut ist. Der Fr. G. Rätin küssen Sie, liebe Schwester, in meinem Namen aufs dankbarste u. liebevollste die Hand. Ihre mütterlich-muntere Stimme, mit dem heitern, zufriednen, gütigen Anblick sind mir noch im Ohr u. vor Augen. Leben Sie wohl, lieber zarter Engel in Ihrer holden Einsiedelei, in der Sie mit Ihrem Blick u. Ihrer Seele wohnen. Denken Sie zuweilen gütig an mich, ich werde auch jenseit der Alpen oft an Sie denken. Grüßen Sie Ihren Weimarischen Bruder, der jetzt wieder, wie meine Frau mir schreibt, in Jena ist, von mir aufs beste. Leben Sie mit Ihren beiden Freundinnen aufs beste wohl. Herder. Augsburg den 23. Aug. 88. J. G. Herder an Caroline Herder Augsburg den 23. Aug. [1788]. Gestern Abend bin ich hier angekommen, eben um Mitternacht mit dem Schluß des Tages, in Begleitung eines recht liebenswürdigen Mannes, des jüngsten Bruders unsers Knebels. Er ist, was man sagen kann, ein liebenswürdiger, biedrer, guter, treuer, sittlicher Mensch, der die Knebelsche Laune so hübsch gedämpft u. heruntergestimmt hat, daß es einem bei ihm recht wohl wird, ob er gleich hie u. da etwas zu furchtsam u. gut ist. Er wollte mich, mit Gewalt, bis Donauwerth begleiten, u. begleitete mich bis Augsburg, weil es uns beiden zusammen recht wohl war, u. heut früh haben wir zusammen die Merkwürdigkeiten Augsb. besehen, die wir heut Nachmittag mit guter Weile beschließen können und wollen. Heut morgen, da ich aufwachte, war mein Erstes auf die Post zu schicken, ob Briefe von Dir dawären; eine gewisse Unruhe hatte mich nach Augsburg getrieben, von der ich keinen Grund wußte, da es mir im Knebelschen Hause so äußerst wohl ging; und siehe ich fand Briefe. Zuerst einen Brief von Dir, eine Antwort auf meinen ersten Bamberger n. 3., der so erquickend, lieb u. heiter für mich war, daß ich den ganzen Tag mehr geschwebt habe, als gegangen bin unter diesem viel schönern Himmel, u. in einer Stadt, die die heiterste Stadt ist, die ich in Deutschland gesehen habe. Wie eine Taube kamst Du mit Deinen zwei kleinen Täubchen zu mir geflogen, u. hast mich ordentlich umschwebet. Wunderbar ists, daß Du mich fragst, ob ich in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch in Nürnberg an Dich gedacht habe? so sonderbar innig und gleichsam unwillkürlich an Dich gedacht, daß ich glaube, Du müßtest es empfinden. Es ist mir ein neuer Beweis, daß Seelen auch in der Entfernung untrennbar zusammenhangen, u. dieser Glaube, u. sein neuer Beweis soll mich auch in unsrer Untrennbarkeit stärken. Du bist mein, u. Du sollt mein sein: ich will Dich mit Geistesarmen zu mir ziehen u. an mir halten. In Anspach kann ich Dir nicht sagen, mit welcher Güte ich aufgenommen bin, u. wie ich, nachdem das erste Anstaunen vorüber war, die wenigen Stunden der anderthalb Tage recht brüderlich unter diesen seltnen Geschwistern gelebt habe. Knebels Bruder ist ein trefflicher Mensch, ganz Herz u. Familiengüte, unnennbar weich u. doch elastisch, schnell u. bieder. Knebels Schwester ist ein sonderbares Wesen, gar nicht schön, aber sie hat was fremdes, außerweltliches in ihrem Auge, u. ist zart u. eingezogen, wie eine Taube. Ich habe ihr versprochen, Deine Silhouette für sie zu erbitten; ich bitte Dich gar sehr, schicke sie ihr doch u. schreibe ihr einige Zeilen. Sie sind bei ihr so wohlaufgehoben, als nicht leicht bei jemand, in einem jungfräulichen, stillen Heiligtum. Auch laß Gottfried unter den ungebundnen Büchern das Leben von Turenne aufsuchen; es ist in Quart auf Postpapier, von Zanthier; Du erinnerst Dich, daß Reich es mir schickte. Das gib doch an Knebel, daß ers Maxen, seinem Bruder mit Gelegenheit schicke, zum Andenken. Ich habe es ihm versprochen; u. dafür von ihm ein Andenken, Geßners Idyllen genommen. Es ist ein gar lieber, biederherziger Mensch. Er ist, da ich dies schreibe, von Augsb. fortgereiset. Mein Br. wird konfus; denn ich habe ihn oft abbrechen müssen u. kehre zum Anfange zurück. Heut ist der 24. Aug. Sonntag, der Tag unsrer Verlobung im Geist, da ich Dir den ersten Br. brachte. Ich habe Dich 1000. 1000mal lieber, als da ich ihn Dir zitternd gab; o glaube es doch, glaube es mit Herz u. Seele, Du vielgeprüfte, gute, Lieb- u. Aufopferungsreiche Heldenseele. Du hast mich zu Allem gemacht, hast seitdem für alles gesorgt u. Dich für mich auf 1000.fache Art hingegeben. Und was habe ich Dir getan? u. wie kann ichs Dir vergelten? Sorge für Dich u. die Deinen, schone Deiner Gesundheit, u. wir werden, ich bins gewiß wie meines Daseins, ein neues bräutliches Leben führen, ja glücklicher, als das alte war: denn wir sind weiser u. am Ende doch auch besser geworden. Ich fühle es ganz, daß unsre kurze Trennung ein wahres Geschenk ist, das uns die ewige Güte zuwandte. Reiß allen Zweifel aus Deinem Herzen u. sei mit Deiner guten, starken Seele bei mir, mit Deiner lieben süßen Gestalt vor mir u. zu meiner Seite. Amen. Mit Deinem Br. empfing ich zugleich auch einen von Dalberg u. Einen von der Fr. v. Fr[ankenberg]. Über die letzte würdest Du kein, kein Fünkchen Eifersucht haben, wenn Du sie sähest u. ihren Zustand in Gotha kenntest. Ich will einige Reihen an sie beilegen, oder den Br. besonders gehen lassen, wenn er zu dick wird: denn Werner schreibt auch. Dalberg hat seine Ankunft auf morgen oder übermorgen im Briefe zugesagt, u. geschrieben, daß er für die Zögerung mir ein angenehmes, unerwartetes Geschenk mitbringe. Ich dachte hin u. her, was es sei; gestern Abend ließ sich ein Geistlicher von hier melden, mit dem Zusatz, daß er von meinem Reisegefährten mir eine nötige Nachricht zu geben habe. Sie bestund darin, daß Dalb. morgen eintreffen werde, welches ich schon wußte; die Fr. v. Seckendorf auch, welches ich freilich nicht wußte. Siehe, Du hast wieder wohlgeraten; sie hat doch die Reise nach Italien durchgetrieben, u. jetzt ist offenbar, warum er Aufschub machte. In manchem Betracht mags gut sein; in anderm vielleicht nicht; doch ich nehme alles als gut auf, was mir auf der Reise zustößt: denn ich kann nicht sagen, wie gut mir alles gehet, wie gut mich alles aufnimmt, u. wie mir alles glückt über Erwartung. Die mich kannten, haben sich von mir alle einen andern Begriff gemacht: die mich nicht kannten, beweisen mir lauter unerwartete Güte u. Freundschaft. Der gestrige Geistliche, der übrigens gar nicht nach meinem Sinn ist, hat sich recht aufgedrungen, mir zu dienen, u. auf heut vormittag 2. Domherrn angemeldet, die ich denn sehen werde. In Augsb. wird es mir also wahrscheinlich gehen, wie es mir in Nürnberg ging, u. meine arme 2te Preisschrift wird mit Mühe zu Ende gebracht werden. Ehrenhalber muß ich die hiesige protest. Kirche besuchen; den Kathol. Gottesdienst möchte ich denn auch sehen, weil heut Kirchweih ist. Nach dem Äußern der Stadt muß inwendig alles sehr splendid zugehen; das Verfallende von N[ürnberg] ist hier weniger merkbar, weil die Stadt eine bessere Verfassung, u. eine glücklichere Lage hat. Ich bin in ihr unter lauter glücklichen Auspizien erwacht, u. sehe sie, da sie der Schlüssel zu Italien ist, auch als den Schlüssel meiner Reise dorthin; mögen die Götter u. Genien meine bescheidene, demütige Hoffnung erfüllen. Doch sie tun mehr, als wir gedenken; u. ich traue es meinem u. Deinem Gott zu, daß er auch gegen uns die unendliche Liebe u. Güte sein wird. Lebe wohl, Geliebte, mit Deinen u. meinen Kindern. Du hast sie jetzt alle wieder um Dich: sei Ihnen Vater u. Mutter, wie Du es ja allein immer warest. Noch hoffe ich hier in A. einen Brief von Dir, u. will Dir auch noch, wenn D. ankommt u. ich weiterhin sehe, einen schreiben; Dir denn auch melden, wohin Du weiter die Br. adressierest. Auch in diesem Betracht ist alles so gut gegangen: Dein Br. an mich war nur Einen Tag früher eingetroffen, als ich selbst. Noch muß ich Dir sagen, daß mich in Anspach Uzens Bekanntschaft sehr erfreuet hat; er ist der Pendant zu Gleim, nur eingeschränkter u. nicht so auswerfend, weil er nicht so begütert ist, wie jener; aber auch ein Dichter nach der alten Art, dabei sehr aufgeweckt u. bei seinem Alter wie ein Jüngling lustig. So ein inkorrekter Schriftsteller als ich bin, hat er doch mit weinendem Auge von mir Abschied genommen, welches denn der erste Fall ist, den Knebels bei ihm gesehen haben. Auch bei dem G[eneral]Sup[erintendenten] Jungheim habe ich nicht vergessen das Handwerk zu grüßen, u. einen großen, stattlichen Geistlichen an ihm gefunden, über den Uz mir aber 1000. mal lieber ist. Nun lebe nochmals wohl, liebe Beste, lebt wohl Ihr lieben Kinder, Du guter Gottfried u. lieber Aug. u. braver Wilhelm u. Du wackrer Adelb., u. liebes Luischen u. Du kleiner goldner Emil, lebt wohl alle u. feiret morgen meinen Geburtstag mit Freude u. Liebe. Grüße Göthe, die kl[eine] Schardt, die Fr. v. Kalb, wenn sie da ist, die Fr. v. St[ein], wenn Du zu ihr kommst, oder an sie schreibest, die Fr. v. Imhof, der ich ein gutes Testament ihres elenden, gnug gestraften Mannes wünsche. (Denke nur, er ist zuletzt ganz herabgesunken, u. wie man sagt in einer Mönchskutte begraben worden. Es wird für die Herz. abermals ein schlechtes Augurium sein, wenn sie es in München erfährt.) Grüße auch Kn[ebel] von mir recht freundlich; ich habe ihn seiner Familie wegen noch einmal so lieb u. danke ihm viel Gutes auf meiner Reise. Lebe wohl, liebes Weib, Du mit Deinen Kindern mein einziger Schatz auf Erden. – Die Jungf[er] Schwarzin grüße auch, ich hoffe, sie wird Dir beistehn u. Dir Deine Last erleichtern. – Werner führt sich recht wohl auf. – addio, cara mia. J. G. Herder an Caroline Herder Augsb. den 25. Aug. [1788]. Liebe, beste! Ich kann meinen heutigen Geburtstag, ob es gleich gegen Mitternacht ist, nicht anders schließen, als daß ich noch einige Worte des herzlichsten Danks, der Liebe u. Freude an Dich schreibe, u. Dich um Deinen Segen zu meiner Wiedergeburt u. Reise bitte. Dalb. ist mit der Fr. v. S[eckendorff] hier, heut Abend angekommen, u. wir sind alle drei, wie drei Geschwister u. Kinder fröhlich. Laß Dir die Geschichte meines hiesigen Daseins seit dem Schluß meines vorigen Briefes zuvor erzählen. Ich schloß ihn gestern früh u. ging, weil ich es ohnedem nicht ablehnen konnte, in die vornehmste Protestantische Kirche, wo ich das Augsburgsche Frauenzimmer alles vor mir hatte u. sie in einer langweiligen Predigt gnugsam übersehen konnte. Nachher eilte ich zur Katholischen Kreuzkirche, wo Kirchweih war u. der Prälat mit Inful d. i. der goldnen Prälatenmütze u. dem Stabe thronte p Kaum war ich zu Hause, so kamen 3. Domherrn zu mir, deren Einer mir Dalbergs Ankunft auf morgen, der andre der Fr. v. S. Ankunft mit ihm meldete. Ich aß, trank Kaffee, u. ging wieder zur Kirche; eine Lustfahrt aufs Land hatte ich abgelehnt u. wollte arbeiten. Es ging aber nicht u. ich hatte einen trägen, einsamen Abend, weil ich vom frühen Aufstehen u. dem Tage ermattet war; ich ging also zu Bett, u. wartete, was es morgen, als an meinem Geburtstage geben würde. Um 5. Uhr Morgens wachte ich auf, u. was mir zuerst einfiel, war der Gesang der 3. Männer im feurigen Ofen. So possierlich das klingt, so war es mir ein bedeutendes, schönes Motto zu meinem neuen Jahre. Lies ihre Geschichte im Daniel u. unter den Apokr[yphischen] Büchern den Gesang selbst; Du wirst es schön u. treffend finden. Auf einen Br. von Dir hoffte ich nicht, weil ich hörte, daß die Post erst Dienstag käme. Ich arbeitete also stille fort, bis mein Diakonus kam u. mich zum Ausgehen abholte. Ich ging mit ihm zum Senior Tegmeier, von da zur Stadtbibliothek, wo schöne Sachen sind u. so war der Mittag zu frühe da. Ich hatte während der Zeit meine Sachen auf ein andres Zimmer bringen lassen, weil das vorige mir zu klein u. melancholisch gewesen war, u. als ich in mein neues trat: siehe, da trat Werner mit Deinem u. der Kinder Br. vor mich. Welch vergnügtes Mittagsmahl ich gehabt habe, kannst Du nicht denken, goldne, liebe. Ich danke Dir für jede Zeile, auch den 4. Kindern u. küsse Euch alle im Geist, ja ich habe Euch 100.mal geküsset. Ich esse wunderbar wenig, u. alle Wirte wundern sich, wovon ich lebe; es muß an der Luft u. an der Veränderung der Gegenstände liegen, von denen ich satt werde. Nachmittage ging ich zum Senior Urlsberger, der mich Tags vorher besuchte, wo ich die schönste Bibliothek eines Privat-Manns voll rarer Sachen fand u. noch darin stünde, wenn nicht der Domherr Ulm mit dem Domhrn. Hompesch gekommen wäre, welcher letzte von Aichstedt Dalbergs wegen hergekommen war, u. ein lieber Mensch ist. Ich ging mit ihnen zu Ulm, der mir viel Gefälligkeiten erwies, kam nach Hause, u. als ich mich kaum zu Tisch gesetzt hatte, blies der Postillion u. Dalb. war da. Der vorige Bediente ist nicht mit ihm, sondern ein ehrlicher guter Kammerdiener; die Fr. v. S. hat ihre Kammerjungfer mit sich: statt des vorigen Wagens ist ein 4.sitziger, den Wern[er] für sehr prächtig hält, ich aber noch nicht gesehen habe. Wern. wird sich zu diesen beiden wohl passen, u. ist mit der Veränderung sehr zufrieden. Ich auch, ob ich wohl glaube, daß es mit dem Gepäck schwer hergehen wird u. ich meinen Koffer wohl werde zurücksenden müssen. Doch das wird auch der morgende Tag lehren, u. wie ich hoffe, alles sich wohl arrangieren, weil wir alle drei Ein Herz u. Eine Seele sind. Bis jetzt ist geplaudert; Hompesch war auch schon hier, den D. sehr lieb hat. Dich hat er auch recht lieb u. ich habe ihm Deinen Willkomm herzlich gegeben; sie schlafen, nun will ich auch schlafen u. morgen, wenn ich mehr weiß, den Brief fortsetzen. Für heute habe den süßesten Dank für Deinen Br., an Aug. Geburtst., zu meinem Geb.tage u. zu Adelb. Geb.Tage geschrieben, der so wohl u. erfreuend traf. Ihr lieben, werft mir Kränze zu, u. Du weißt sie mit einer Genauigkeit u. Liebe, wie eine Griechin, die Du auch bist, zu werfen. Schlafe wohl, liebes Herz, schlaft wohl, Ihr Sprößlinge um den Palmbaum der Mutter! Schlaf wohl, liebe! u. verzeih, daß ich Dir so manche Kleinigkeit beinah Stundenzählend schreibe. Wenn Dirs nicht hilft, so hilft es mir; u. wird mir, statt eines Journals der Reise Erinnerung werden. Wohlan denn, mein Geb. T. hat sich gut geendet, u. ich singe den Gesang der 3. Männer mit tiefer Anbetung. Singe ihn mit mir, Du Engel der Erquickung, der Errettung, u. treuen Liebe. Gott mit Euch! Amen: denn es hat Mitternacht geschlagen. Guten Morgen. Ich habe mit der S. gesprochen, u. es wird sich alles gut arrangieren. Mein Koffer kommt hinten oben auf, u. ich will, nachdem ich mit D. durchgegangen bin, ob ich entbehrliche Bücher habe, sondern u. zurückschicken, was ich nicht brauche. Werner sorgt für sich u. hat Kostgeld: das übrige geht auf D. Rechnung. Die Kaiserlichen Dukaten will ich behalten; das übrige Geld hier umsetzen, wo ichs mit Vorteil tun kann, oder auch behalten, oder in seine Kasse liefern. Er ist jetzt bei dem Banquier, wohin er mich, ich weiß nicht, weshalb nicht mitnehmen wollte. Wir gehen nicht über München, sondern Inspruck, welches mir auch lieb ist; die übrige Reise ist noch nicht bestimmt; es scheint, er hat Lust nach Venedig. Mir ist alles Gleich, u. er ist sehr folgsam. Ehe dies Alles arrangiert ist, bin ich unruhig, daher ich jetzt auch den Brief schließe, u. Dir etwa noch vor der Abreise, oder aus Inspruck schreibe. Wenn Dein Br., den Du mir noch versprochen hast, nicht ankommt, lasse ich auf der Post Bestellung – ich nehme überhaupt noch von Dir aus Deutschland nicht Abschied, weil ich noch wenigstens aus Trident oder Inspruck schreibe. Hier ist ein Brief an die Fr. v. Diede, schicke ihn mit Wielands 3. T[eil] vom Lucian fort u. schreibe einige Zeilen dazu. Grüße alles was ich neulich genannt habe, auch die Mad. Schmidt. – Mit Hetzer ists kurios, schreibe mir doch von ihm weiter. Die Markgräfin ist von ihrem Rendezvous hier, hat mir aber ihr Dasein nicht melden lassen, also habe ich sie nicht gesehen u. von der Herzogin nichts erfahren. – Das Einzige, was dem Wern. wehmacht, ist daß er als 4ter im Wagen sitzen soll; weil die andern beiden nicht rückling fahren können, u. mir ists selbst unlieb. Doch von dem Allen aus Inspruck. – Lebe wohl, Liebe, wir sind die Stadt durchgangen u. es geht zu Mittag. Lebt wohl.   Den 26. Aug. – Gottfr. Geburtst. will ich im Geist u. Andenken feiren. J. G. Herder an Caroline Herder Augsburg, 26. 8. 1788 Hier, liebe, hast Du auch die zweite Preisschrift; die erste wirst Du von Nürnberg aus empfangen haben. Behalte beide bei Dir, u. nimm Dir die Mühe, sie mit den Korrekturen genau durchzugehen, denn ich habe sie in den größesten Zerstreuungen durchackert. Ich werde Dir bald weiter schreiben. Morgen früh gehts nach Inspruck. Lebe wohl, u. adressiere Deine Br. durch Göthens Bekanntschaft gerade auf Rom, oder auf die Römische Straße Bologna oder Florenz, poste restante. Es ist besser, daß ich warte, als daß die Briefe verloren gehen. Nach Venedig gehen wir nicht; vielleicht auch nicht nach Mailand, u. in Verona kommt Dein Brief vielleicht zu spät, doch will ich nach der Post allenthalben in den Hauptstädten fragen. Lebe wohl. Den 26. Aug. Abend. J. G. Herder an Luise von Diede Augsburg, den 26. Aug. 88. Ich war in einem so großen Taumel, ehe u. da ich Weimar verließ, daß ich keinen Augenblick fand, diesen zurückgelegten Lucian, den ich bei meiner Rückkehr selbst abholen werde, mit einem Schreiben zu begleiten, u. Ihnen, einzige Frau, für Ihre tausendfache Güte u. Großmut zu danken. Ihre liebreichen Hände erstrecken sich weit, u. Sie haben mich mit Briefen versehen, denen ich kaum werde ein Gnüge tun können: denn in manchen werden Sie mich nach Ihrer Seele, nach Ihrem Herzen gemessen haben, u. da werde ich ziemlich beschämt werden. Doch Alles kommt ja aufs gute Glück, Leben u. Reisen, zwei wahre Abenteuer, insonderheit darauf an, u. also werden u. wollen wir unser Heil versuchen. Gestern Abend ist Dalberg hier eingetroffen, u. morgen oder übermorgen gehets fort. Die Fr. v. Seckendorf ist mit Dalberg gekommen, u. gehet mit uns auf die Reise; wir sind alle, wie alle Collegia sein müssen, Drei. Wünschen Sie uns Glück auf die Reise, holde Frau, u. segnen mir zuweilen nach in Ihrem Andenken, wie ich weiß, daß Sie es gewiß tun werden. Sobald ich in Italien, in Ihrem Lieblingslande bin, lasse ich von mir zwar nicht hören, sondern lesen; u. wenn es aus Vicenz sein kann, um so lieber. Meine Frau habe ich über alle Vorstellung, die wir uns machten, erschüttert u. bewegt verlassen; sie sammlet u. fasset sich endlich aber, wie ihre Briefe zeigen. Die Gore's sind den 16. weggereiset, u. der Herzog hat sie bis Leipzig begleitet; die Herzogin Mutter den 15., u. ist über Schlez, Eger p gegangen, nach Regensburg, wo ihr den 20. die Markgräfin aus Erlangen ein Rendevous gegeben. Ich ging den 6. Aug. aus Weimar, über Gotha, Schmalkalden, Meinungen p Nürnberg, Anspach, bis ich jetzt hier bin. In Lane habe ich das Lichtensteinsche Haus gesehen, aber so gut nur als gesehen, weil ich über Nacht nicht bleiben konnte. Die Gräfin Rothenhan insonderheit ward mir nur ein Anblick von wenigen Minuten, u. die Walmoden war 2. Tage vorher fort. Rotenhan habe ich in Bamberg kennen gelernet. Meine Reise ist äußerst glücklich bis hieher gewesen, u. ich hoffe, sie werde es fernerhin werden. Alles kommt mir mit so vieler Güte zuvor, u. es fügt sich Alles so gut, daß ich die frohesten Augurien schöpfe. Erhalten Sie mir Ihre Gnade, Liebe u. Freundschaft, edelste Frau, ich nehme Ihr Andenken über die Alpen u. werde es da oft erneuren. An den H. G. R. meine schönste, beste Empfehlung u. Wünsche, bis auf ein glückliches Wiedersehen auf Ihrem Monte ameno. Leben Sie wohl, einzige Frau, ich küsse Ihnen mit unnennbarer Hochachtung, Liebe u. Verehrung die Hände. Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Insbruck den 29. Aug. 88. Den letzten Brief schrieb ich Dir, Liebe, vor meiner Abreise aus Augsb.; mir wird sonderbar enger ums Herz, da ich immer weiter von Dir rücke u. in wenigen Tagen nun Deutschland hinter mir sehen werde. Doch meine Wünsche sollen u. werden auch über die Alpen fliegen, u. Du wirst bei mir sein, mich ermuntern u. stärken, wie u. wo ich auch lebe. Unsre Reise hat sich nun freilich ganz verändert. Sonst war ich frei; jetzt bin ichs minder, indessen wie sich in einem Sack alles zusammenrüttelt u. schüttelt, so auch hier. Unser erste Reisetag war regnicht u. unangenehm; das Wetter klärte sich aber am folgenden Tage auf, u. heut ist ein entzückender Morgen gewesen. O was Tirol für ein schönes Land ist! prächtige Berge, gutherzige, naive Leute; hier in Inspruck schon ein halb-Italienischer Himmel, wirklich schon blauer, als wir ihn dort zu sehen die Ehre haben. Der Inn ist ein prächtiger Strom, u. macht die schönsten Gegenden, Amphitheater von Felswänden, lachende Wiesen, Felder voll Welschen Korns u. f. Aber die Regierung, Verfassung u. Einrichtung? O weh, weh! – Unter den alten Tirolergrafen muß das Land einzig u. glücklich gewesen sein; die Zeiten aber kommen nicht wieder. Wie sehr freuete ich mich darauf, einen Br. von Dir hier vielleicht zu finden; ich fand ihn nicht, wohl aber einen von Knebels Bruder, der sehr herzlich u. mir auch lieb war. Gewiß finde ich ihn also in Trient, weil Du schriebst, daß ich noch in Deutschland haben sollte. Ihr werdet an meinem Geburtstage an mich gedacht haben; ich gewiß auch an Euch, u. an Dich, lieber Adelbert, weil es Dein Tag war, vorzüglich. Sei Deiner Mutter und dem Hrn. Schäfer hübsch gehorsam, u. werde ein braver Mensch, so wirst Du mich sehr erfreuen, wenn ich den folgenden Geburtstag wieder mit Dir feire. Deine Gesundheit, lieber Gottfried, haben wir gestern alle drei, der Hr. v. D., die Fr. v. S. u. ich, mit des Hrn. G. R. Göthes seiner, jede besonders getrunken; den Segen, den ich Dir aber in meinem Herzen erteilte, da ich allein in meinem Zimmer in die Gegend zu Euch hinaussah, gab ich Dir allein u. besonders. Werde gesund, fest u. stark in allem Guten, lieber Junge, ich küsse Dich herzlich. An Göthe mag ich aus Deutschland nicht; ich will aus Rom an ihn schreiben. An Kn[ebel] schicke diesen Brief, es ist ein Blatt von ihm, das ich auch, wenigstens zwischen den Alpen, zurückfliegen lassen will. Grüße ihn bestens; Göthe, die Fr. v. Stein, Schardt, Kalb ppp versteht sich. Die HerzoginMutter hatte vor wenigen Stunden das Wirtshaus verlassen, als wir heute hier ankamen; hätten wir gestern ein paar Stationen mehr gemacht, so hätten wir sie hier begegnet. Es ist gut, daß es nicht geschah, u. wir werden sie jetzt schwerlich als in Rom treffen, weil wir unsern Weg über Ancona u. Loretto nehmen wollen, um bald in Rom zu sein; sie gehet rechts, wir links, u. sie macht einen größern Umweg. Sonst kann ich Dir von unsrer Reise noch wenig schreiben. Dalb. ist herzlich gut, munter u. fröhlich; die Fr. v. S. ists gleichfalls; nur etwas schüchtern. Der Kammerdiener u. die Jungfer sind gute Leute: Werner führt sich brav auf, u. alle haben ihn wert. Indessen ist das Alleinreisen doch immer etwas Anders; Freiheit! Freiheit! Wir wollen eilen, was wir können, daß wir in Rom sind; u. Du, Liebe, mache alsdenn, daß ich viele Briefe von Dir finde. Wenn Du mir nicht im nächsten Briefe was bestimmtes darüber meldest, werde ich sie bei Buri, oder der Angelika, oder auf der poste restante suchen; mache ja aber, daß ihrer viel da sind, u. siehe das Porto nicht an. Ich muß solange fasten; Dir aber will ich fleißig, treu u. redlich schreiben, so oft ich kann. Lebe wohl, liebe! lebt wohl, Ihr Kinder! und auch außer den 2. vorgenannten, Ihr andern, August, Wilhelm, Luischen u. Adelbert, lebt wohl, Ihr lieben. Wahrscheinlich schreibe ich noch aus Trient. – Ein Päckchen unbeträchtlicher Sachen wirst Du aus Augsb. erhalten haben, oder erhalten; ich konnte sie indessen nicht mitnehmen; u. die zweite Preisschrift mußte doch vor sich auf die Post gegeben werden. Wird mirs recht, so will ich noch diesem Briefe, die Vorrede beilegen, die an Voß zu schicken ist; wo nicht, so behalte beide, bis ich Dir diese übermachen kann, u. siehe beide Bücher indessen, ob es wohl eine beschwerliche Arbeit ist, genau durch. Lebe wohl, liebe, beste; ich umarme Dich aufs innigste, u. bin Dein mit Herz u. Seele. H. Die Vorrede ist fertig worden. Laß sie, wenn sie Dir gefällt, durch den Gottfr. 2. mal abschreiben u. schicke sie, wenn Du die Exemplare genau durchsehen u. gegen diesen Brief nichts einzuwenden hast, neben den korrigierten Exemplaren an Voß nach Berlin ab. Im Fall sie antworten, melde mir nach Rom, was sie schreiben. Hast Du aber etwas einzuwenden, so melde mirs zuvor u. schicke es noch nicht ab; wenn es wichtig ist; wo nicht, so frage Göthe, oder ändre es selbst. Lebe wohl, liebes Herz, treue gütige Seele. Du hast mich so verzogen, daß ich bei jeder andern Frauen nur den unendl. Abstand von Dir finde. Lebe wohl, lebe wohl! Um Kn[ebels] Br. mache ich keine Enveloppe, mache Du sie, ehe Du das Blatt fortsendest. An die Fr. v. Fr[ankenberg] sei doch so gut u. mache auch ein größeres Couvert; es ist so schlecht geschrieben u. so klein. Lebe wohl, liebe. J. G. Herder an Caroline Herder Botzen den 1. Sept. [1788]. Also nähere ich mich den Grenzen Deutschlands u. hoffe, in Trent morgen gewiß einen Brief von Dir zu finden, da Du mir noch Einen für Deutschland versprachst. Aus dem Ton meiner letztern Briefe wirst Du wohl gemerkt haben, daß ich nicht mehr allein reise, ob ich dies Gefühl gleich soviel ich kann unterdrücke u. noch mehr den Schmerz unterdrücke, daß alle die schönen Ideen, mit dem guten, wirklich guten Dalberg zu reisen, so gut als ein leerer Traum gewesen. Durch die S. ist ein Tropfe in den Teig gegossen, der keine Vereinigung möglich macht, sondern sie vielmehr verhindern soll; als worauf sie es vom ersten Abende angelegt hat. Gleich nach ihrer Ankunft kam ein junger Hompesch, Dalb. Freund, mit dem sie denn sogleich in einem trio abgeschlossene Cotterie machte. Den folgenden Tag in Augsb. kam es schon so weit, daß sie unter dem bekannten Vorwande der Kopfschmerzen u. des Schlafengehens ganz allein blieben, ob sie gleich tief in die Nacht hinein hauseten. Hompesch reisete die ersten Stunden mit u. Werner mußte reiten: er trennte sich von ihr, wie Liebende sich trennen; ich sah alles, ließ es gehen, überstand ein paar unangenehme regnichte Tage, wo wir garstig im Wagen zusammengepackt waren; das Wetter ward heiterer, der Sinn zerstreuete sich wenigstens von außen; von böser Laune habe ich mir gewiß nicht das Mindeste merken lassen, weil ich im Grunde alles als transitorisch ansah, fühlte aber immer, Trotz aller Intervalle dadurch ich uns drei zu Einem machen wollte, daß es nicht anging. Die gnädige Fr. hat die Impertinenz, uns als lästig zu fühlen, da sie im Grunde unsre Reise verdirbt. Das Geschlepp ist kostbar, u. muß es sein; da soll nun durch elende Knickereien erspart werden, was sich nicht ersparen läßt, weil sie wahrscheinlich den Verwandten oder dem guten D. selbst eingebildet hat, daß sie zur Ersparung mitreise. Wie jämmerlich dies sei, ist unsäglich, u. hilft nichts, sondern es schadet; indessen das ewige Gefühl davon, das durch alle Gespräche unterhalten wird, weil sie sonst äußerst leer ist, u. leerer nach Italien reiset, als je ein Mensch reiste, läßt mich eine Situation fühlen, die ich von jeher, auch in meinem ärmsten Zustande verachtet habe. Sie ordnet alles an, macht die intime Freundin D., der ihr wie ein Kind folgt, u. sucht mich wie immer möglich von ihm zu entfernen, u. die ganze Situation einzurichten, als ob ich von Gnade, ja von ihrer Gnade lebe, ob sie mir wohl, wofür ihr der T[eufel] danke, sehr höflich begegnet. Ich tue es auch, suche allem Unmut, der sich bei mir zuweilen melden will, zu begegnen, u. will sehen, wie es in Italien wird. Allmählich schneide ich ab, was ich allein brauche, u. will von morgen an meinen Kaffee selbst bezahlen, wie ich bisher schon Dies u. Jenes bezahlt habe. Geht es gut, was ich aus allen Kräften wünsche u. dazu beitragen werde, was ich kann, wohlan, so gehe es! Wo nicht, muß ich mit guter Manier u. ohne D. Güte zu beleidigen, einen Vetturino nehmen u. mein eignes Glück versuchen. Die Reise wird damit allerdings kostbarer; aber auch kürzer mein Aufenthalt; u. es ist dies nur ein äußerster Fall der Notwendigkeit, den ich mir selbst als eine schwere Strafe irgend für eine Sünde gegen die Weiber gedenke, die noch auf meiner Rechnung stehet. So kommt auch in den besten Plan ein Querstrich, u. wodurch? Durch unzeitige Nachgiebigkeit u. durch ein Weib. Sage aber von dem Allen niemanden ein Wort, auch Göthe nicht; mache Dir auch selbst keinen Kummer: denn wer kann wider das Schicksal? So lange ich Dukaten, u. zwar soviel habe, daß ich nach Rom kommen, u. daselbst einige Zeit leben kann, ist mir nicht bange; zu dem Fernern, wird, wenn es das Schicksal will u. fodert, sich auch schon Rat finden. Nur Dir schreiben mußte ichs; Du würdest, wenn ich nicht lügen wollte, es aus dem veränderten Ton meiner Br. doch bemerkt u. Dir vielleicht was ärgers gedacht haben, als da ist. Mit D. bin ich recht gut, wie ich ihm auch herzl. gut bin; nur er ist Kind gegen sie, u. sie ist nichts, als listig u. pfiffig, eingebildet u. eitel. Ein Mehreres wird die Zeit lehren u. wir wollen ruhig erwarten, was sie uns lehren werde. Übrigens ist die Gegend hinter den Tyroler Gebirgen unsäglich schön, u. milde; es ist hier warm, aber eine so innig durchdringende u. erquickende Wärme, als ob das Karlsbad sanft in die Luft gebreitet wäre. Obst gibts hier, wovon wir keinen Begriff haben; ich schreibe davon etwas an die Kinder. Auch einen säuerlichen Brunnen gibts in der Nachbarschaft, dessen Trank mir recht wohl tut. Sonst kann ich Dir nichts schreiben, als daß wir der Herz. Mutter auf den Hacken nachreisen; sie ist heut morgen von hier gezogen, u. wir kamen vormittags an. Denke Dir aber mein Erstaunen, als Werner plötzl. den Kaiser meldete, daß er ihn gesehen habe, u. ich ihn, er mich unvermutet sah. Kurz, er ist von der Reisegesellschaft zurückgeblieben, weil ers nicht länger ertragen konnte, u. das Gemälde, das er mir davon gemacht hat, hat ihn bei mir vollkommen gerechtfertigt. Es ist eine Bagage drei- u. vierfach, wie man sie sich denken kann; er hat nicht anders handeln können, als daß er noch vor der Grenze Italiens Reißaus nahm. Die Herz. hat ihm einige Dukaten Reisegeld gegeben, u. er sucht morgen den nächsten Weg nach Zürich. Laß aber die Sache durch Dich nicht auskommen; andre werden Dirs erzählen. Lebe wohl, liebe holde, u. laß mich morgen einen Br. von Dir in Trent finden, daß ich mit Deinem Segen in ein Land ziehe, wohin ich völlig als Fremdling trete. Lebe wohl, liebste Seele. J. G. Herder an seine Kinder Bozen, 1. 9. 1788 Alle meine lieben Kinder, Gottfried, August, Wilhelm, Adelbert, Luischen u. Emil. Ich bin jetzt nah an der Grenze Deutschlands u. habe die großen Tyrolerberge beinah zurückgelegt. Es sind hohe Berge, auf einigen war viel Schnee, und die sogenannte Pforte oder Klause, dadurch man nach Tyrol kommt, ist besonders wild, schön u. prächtig. Auch die Martinswand sind wir vorbeigekommen, wo der Kaiser Maximilian sich verstieg, u. haben in Insbruck mitten in der Kirche ein sehr schönes Monument auf ihn gesehen, davon ich Euch mündlich erzählen werde. Jetzt bin ich nun in Botzen, wo heut eine unsägliche Menge Volks ist, weil 19,000. Kinder gefirmelt werden sollen, da der Bischof in vielen Jahren nicht gefirmelt hat, weil er zu faul gewesen. Da ist nun vor unserm Wirtshause zur Sonne ein solcher Obstmarkt, als Ihr in Eurem Leben nicht gesehen habt, u. so schönes Obst, als Ihr noch nie gegessen habt, Birnen, Quetschen, Weintrauben, Nüsse, Feigen: denn hier wachsen schon Feigen, u. bald werden wir auch dahin kommen, wo die Pomeranzen- u. Zitronenbäume wachsen. O daß Ihr hier mit mir wäret, oder ich Euch einen Korb solches Obsts zuschicken könnte; aber das schöne Obst faulte unterwegs, wie zuweilen die schönsten menschlichen Hoffnungen von innen heraus verwesen. Auch gibt es hier schon platte Dächer, wie es in Italien viel geben soll, wo man denn weit umhersehen kann, u. die Luft ist gar sanft, warm u. milde. Auf den Tirolerbergen haben wir auch Gemsli springen gesehen; auch Eins in Inspruck gegessen, u. ein zahmes gesehen, das gar niedlich war, seiner Nährerin, einer Bauersfrau, überall hin folgte, u. so geschlank war, als ich Euch allen zu sein wünsche. Da wollte ich, daß Ihr dabei gewesen wäret u. es gesehen hättet; auch wünschte ich, daß Ihr die Tirolerberge einmal sehen u. fröhlich bereisen möget. Lernt nur fleißig, u. führt Euch gut auf; lernt auch hübsch zeichnen, denn das beklage ich sehr, daß ichs nicht kann. Es sind gar zu schöne Gegenden und zehntausend Wasserfälle zwischen den Bergen, die ein Strom, die Etsch oder Adige macht. Er fließt sehr schnell zwischen den Gebirgen, u. hat insonderheit im Bischoftum Brixen schöne Bäume an seinem Ufer, Pappel- Birken- u. Weidenbäume. Wir sind viele Stunden weit neben ihm gefahren; sucht nur hübsch auf der Karte nach, da könnt Ihr unsre Fahrt finden. Morgen kommen wir nach Trento, da finde ich vielleicht u. gewiß Nachricht von Euch. Lebt wohl, lieben Kinder, habt mich lieb u. seid gesund, u. lebt mit Eurer Mutter u. dem ganzen Hause wohl. Es ist jetzt spät, u. Ihr werdet schon meistens in Euren Bettchen schlafen. Schlaft wohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 29. Aug. [/4. 9.] 1788. Mit einer unbeschreiblich süßen Freude setze ich mich heute hin Dir zu schreiben Du Einzig Guter. Du hast mich gestern unnennbar erquickt durch Deinen Brief aus Augsburg vom 24ten. Er kam eben an, da wir zu Ehren des Gottfrieds Geburtstag den Abend einen Fisch gegessen hatten, bei dem die Frl. von Volgst. zugegen war. Alles war aufgeregt u. voll Freude, besonders da wir Augsburg auf der Adresse lasen. Mein Herz u. Gesicht glühte mir, die Kinder schrien, ich sollte den Brief laut lesen u. das geschah; außer den Stellen die nur für mich waren, u. die ich mit heftigen Tränen gelesen, u. beim Schlafengehn 3mal wieder gelesen hatte mit unaussprechlich süßer Liebe. O Gott was habe ich für einen Schatz für einen Reichtum an Dir, Du unaussprechlich Lieber, dem kein Mensch auf Erden gleicht. Sage mir nicht so viel Gutes, ich weine tausend Tränen vor Wehmut, daß das nicht so ist. Aber ich will alle meine Lebensgeister besänftigen, daß ich weise, sanft u. unablässig nur das tue was Dir wohlgefällt. Ach wie viel tausend Süßes möchte ich mit Dir reden! Ja es wird ein neues süßes Leben werden, wenn wir uns wieder haben! Den 22ten habe ich Dir meinen letzten Brief N r 5. nach Augsburg adressiert, in der Hoffnung daß Du ihn Dir wirst nachschicken lassen; es war freilich nichts drinnen als Liebe . Den 24. Abends kamen die Kinder von Mattst. wieder, u. zugleich kam Dein Brief vom 19ten aus Nürnberg ohne Nummer, der aber auf den vom 14. ten N ro 5. paßte u. also die Nummer 6. bekam. Das war nun der Anfang zum folgenden Geburtstag! ich beklagte Dich daß Du durch die Markgr. gestört worden warst u. auch ziemlich tumultuarisch das Gute hast genießen müssen. Daß Du meiner so dabei gedenkest, ach wie vergelt ich Dir das! Durch Deine Mitteilungen genieß ich mein Dasein mit Dir – es ist alles so u. nicht anders, was Du sagst u. schreibst. Den 25ten wurde denn dem guten Adelbert das Tischgen gedeckt – er solls Dir beschreiben. Für Dein Fest zu feiern, habe ich 6 grüne Büchelchen, inwendig mit weiß Papier binden lassen, mit dem Titel den ich geschrieben: Denk-Buch goldener Sprüche am Geburtstag des abwesenden besten Vaters zum Geschenk. Adelbert teilte jedem das Seinige aus, u. sie waren sehr vergnügt darüber, am meisten Emil. Der trägt es seitdem immer mit sich herum. Sie schrieben zum 25. alle; Die Furcht des Herrn pp Das Böse meiden, das ist Verstand. Wie sie einen Gedanken hören, der ihnen gefällt oder einen Denkspruch oder Verschen das sollen sie hineinschreiben. Um 11 uhr kam Knebel u. bald darauf Goethe. Zugleich kam auch das Päckchen Bücher aus Nürnberg u. das Jubeln der Kinder war sehr groß. Mir selbst tat es innig wohl daß gerade den Tag etwas von Dir eintraf; ich war eben nicht heiter aufgestanden u. lag etwas Verstimmtes über mir, die Ankunft des Päckchens tat Wirkung u. zerstreute Alles. Ich las aus dem Brief, (den ich den Tag vorher erhalten denn im Päckchen war nichts an mich) Goethe u. Knebeln vor, u. sie hatten beide gleiche Freude mit mir; nicht genug können sie die gute Art u. das reingewaschene Auge loben, mit dem Du Alles siehest u. so vielfach siehest – Goethe intressiert das um so mehr da er, wie er sagte, nur auf Eine Sache sähe. Nun wurde der Pack aufgemacht. Goethe bekam seinen Brief oder vielmehr Gedichte – Emil maßte sich den Pack Pfefferkuchen an, u. teilte so kindlich großmütig aus, daß bald keine mehr übriggeblieben wären, die Deute Zuckersachen wurde auf einen Teller getan, Goethe u. Knebel aßen von Allem mit, u. ich kostete im frommen Andenken an Dich einige süße rote Täfelchen, ein wahres besseres Abendmahl als von Gottschalg. Goethe war sehr gut. ich lobte ihn daß er zu dieser guten Stunde gekommen, da er die ganze Woche nicht da gewesen sei. Ja, sagte er, ich war schon auf dem Weg nach meinem Garten u. mußte umwenden; es trieb mich her, nicht die Liebe, sondern vielleicht die Verzweiflung, ich ging so eben vom H[erzog] weg. Nun war von seinem Geburtstag die Rede – ich erinnerte ihn an unsern Gott den er voriges Jahr erhalten hatte – »Da bekam ich, sagte er lächelnd, den Gott um dies Jahr an keinen zu glauben.« Es müssen unangenehme Dinge durch sein Gemüt gehn. Den Mittag aß Schäfer u. die Volgst. mit, den Abend wurde aus Spaß die Karte zum heutigen Fest gelegt, aber 3 mal lagen verdrießliche Sachen bei Dir, u. allemal die Careau Dame dabei, zuletzt ward mirs recht fatal. Endlich zum viertenmal lagen wir beide am Ende der Karte mit guten Sachen, zusammen. Da Knebel den Morgen mir schon gesagt hatte, daß die Fr. v. S[eckendorff] mit nach Italien ginge, so glaubte ich endlich gar, daß die Dame, sie sei. Lieber Engel schreibe mir doch alles alles, wenn Du das unangenehme mit mir teilst, so trägst Du es ja nicht mehr allein. Es ist sonderbar daß ich den 25ten Dir nicht hätte schreiben können. Wie begierig bin ich auf Deinen nächsten Brief! [...] Da gestern Gottfrieds Geburtstagsbescherung vorüber war, so schickte ich ihn u. August zu Goethe. Gottf. brachte ein Körbchen mit Feigen, Pomeranzen u. eine Melone. August eine Torte bedeckt mit einem Lorbeer u. Myrten Kranz. Auf den Früchten lagen folgende Worte, die ich selbst gemacht habe, wie leicht zu sehen: Aus dem Vaterland sendet Dein treuer Freund uns zu feiern Dein Fest, Liebling der goldenen Zeit! Komm u. erfreue Dich unsrer! und sieh, auch unter dem dunkelen Himmel sind wir, auch unter dem dunkelen Himmel sind Lorbeern und Myrten. Goethe selbst habe ich nicht gesehn, er muß immer beim kranken Zehen des Herzogs sein, auch war ein Ball im Komödien Haus, wo er gewesen ist. Der Herzogin habe ich Geßners Chrestomathie senden müssen. Nach Kochberg bin ich nicht gefahren, die Fuhre kostet 3 Rtlr. – das ist mir für 1 Tag hin u. den andern wieder her, zu viel. Sie ist noch immer nicht herzl. mit G[oethe] das merk ich aus allem. Er sollte männlicher sein u. sie bei der Hand nehmen, wie Dus oft getan hast, wenn ich unwillig herunterging. Ach das soll nie wieder geschehen! solche Erinnerungen sind mir Dolchstiche. Da sehe ich recht, wie Du mich liebtest! jetzt kommt die Reihe an mich. Es ist eine große Stille in der Stadt u. im Land. [...] Der Direktor war diesen Morgen da, empfiehlt sich u. hat sich nach Dir erkundigt. In Gött[ingen] hat er mit Hofrat Heyne, der sehr nach Dir u. Deiner Reise gefragt hätte, vielgesprochen. Am Sonntag war ich in der Kirche, Zinserling predigte, es war mir, ehe er kam, sehr weh – es verwischte sich aber da er nichts für mein Bedürfnis sagte; ich hielte mich an das Evangelium von den zehn Aussätzigen, wo einer wieder kehrte u. lobete Gott! – Ich kann Dir nicht sagen wie Dein gestriger Brief mir tausendfach wohl tut, wie ein heitrer Himmel voll Sonnenschein. Gott wird Alles gut machen! Zweimal hat es mir getraumt (in der Zeit da Du in Nürnb. warest) ich sei mit Dir nach Augsburg aus dem Carlsbad gekommen, u. Du hast zu mir gesagt: bleibe solang in Augsb. bis ich wiederkomme. Das zweitemal war ich wirklich mit den Kindern in Augsb. beschäftigt u. dgl. Sonderbar, daß dieser Ort, an dem Du gute Ahndungen hattest, mir im Traum so lebhaft vorkam. Weißt Du, die Nacht da Du in Nürnb. so sehr an mich gedacht hattest, konnte ich vor Gedanken an Dich nicht einschlafen, endlich im einschlummern war mirs ganz deutlich als legte sich jemand neben mich – ich wußte damals gewiß daß Du es warst – o Du Einzig Guter Engel wie will ich Dir meine Liebe zeigen, wenn Du wieder bei mir bist durch Tat [und] durch alles was ich vermag. – Was Du von Knebels Geschwister geschrieben freut mich. ich will an Kneb. schreiben, der sehr darnach verlangt. Das Buch an den Bruder, die Silhouette u. Brief an die Schwester werde besorgen. Hier liegt auch von Frankenb. ein Brief. Die arme Frau ist so krank gewesen! Vielleicht hatte sie keinen Brief von Dir! Ach sie jammert mich, ich will ihr einen kleinen Auszug aus Deinen Briefen machen, wenn es angeht. ich habe Dich in einem Brief schon darüber gefragt; sage mir ja oder nein! Gottfried ist sehr gut. Mit den andern gehts auch erträglich. Adelbert ist wieder ziemlich roh geworden unter den Pferden u. Kühen des Landes. Doch gehe ich jetzt nie gewaltsam mit ihm um; es ist ein so gewaltig Feuer in ihm, das ich nicht zerstören will. Gott wird mir Weisheit über ihn geben. Auf seinen Geburtstag hat er Damms Götterlehre u. ein altes Stück Geld bekommen. Eine Tasse u. Kleinigkeiten von den Geschwister. Vielleicht schreibt er Dir noch selbst. Ich habe den Kindern diesmal nicht so überhäuft geben mögen, damit sie wieder zur Mäßigkeit u. Genügsamkeit gewöhnt werden. Nun bist Du in Italien Du Lieber, in dem Land da Dein Geist so oft u. viel gewesen ist – Dein guter Genius begleite Dich überall! Sieh Du Glücklicher, alles liebt u. ehrt Dich wer Dich nur kennt u. das Glück ist mit Dir wenn Du nur aus Thüringen bist. Goethe war diese Woche noch 2mal da. er liest noch an Deinem vierten Teil. Die wilden Völker, Attila, Geiserich u. Konsorten haben ihn sehr intressiert, er hat viel davon gesprochen u. wird Dir schreiben. Er meint, wenn Du wieder kommst, wirst Du dem Werk einen eignen Glanz geben, aber in der Grundidee nichts ändern können, weil alles unvergleichlich u. glücklich gedacht u. gestellt sei. Er war wieder sehr heiter u. gut. Ich werde es nur aufgeben dem edeln unvergleichlichen Dalberg etwas zu schreiben. Meine Seele dankt ihm unaussprechlicher als es Worte durch die stumpfe Feder tun könnten. Wir haben nun hin u. her geraten ob die Frau von Seckendorf mit Euch oder der Herzogin Mutter fahren wird? Da war eine Deliberation über den Wagen von Dalberg – u. mir war schon leid daß es nicht der nämliche sein würde in dem ich gesessen habe – nun sagte Gottfr. er könne zu 4 Personen eingerichtet werden u. Goethe meinte für eine Frau wäre es immer angenehmer mit 2 Herren, als in der Herzogin Wagen mit 2 Frauen zu fahren. Dazu habe ich Ja u. Amen gesagt. Genießet also ein dreifaches Glück u. Freude! Gott behüte Euch u. sei mit Euch, Ihr Lieben Reisegefährten u. gedenket mein wenns Euch wohl gehet. Nun lebe tausendmal wohl Du Treuer Guter. Auch Du bist mein u. sollt mein sein; ich will Dich mit GeistesArmen zu mir ziehen u. an mir halten, auf immer, auf immer. Dein! Die Kinder wollten alle schreiben u. ist nichts zu Stande gekommen, der Tag ist schön, sie laufen im Garten herum u. grüßen u. küssen Dich tausendmal. Da Du sie alle nach der Reihe gegrüßt hattest, waren sie gar glücklich. Adieu Du liebes Herz.   P. S. Diesen Brief wollte Goethe nach Mailand adressieren, er wurde aber noch einen Posttag aufgehalten; um noch mit einem Kameraden vom heutigen Datum d 4. Sept. nach Florenz zu gehen. Goethe hat mir inliegenden Brief gesandt. Er kam den Nachmittag vorgefahren mit dem Prinz August u. wollten aussteigen – ich war aber gerade im Anziehen begriffen um mit den Kindern spazieren zu gehn – der Himmel war so schön wie ich ihn in langer Zeit nicht gesehen; ich war nur bei Dir u. mit Dir. Die Kinder waren so fröhlich, es war Adel, Luisgen, Emil, daß sie vor Freude Kartoffeln ausrauften u. versteckten. Die 2 Jüngsten werden das nächste mal schreiben. Wie wird es Dir sein wenn Du jetzt vielleicht oder früher schon, auf dem Brenner bist, u. das letzte mal nach uns blickest – Ach Du Guter, ich hange mit den Kindern an Deinem Hals [,] lebe wohl wohl! Laß Dich nichts im Genuß des Schönen stören, auch das Andenken an uns erheitre u. stärke Dich zum neuen Leben – Das dachten wir voriges Jahr nicht da Du durch meine Schuld krank geworden, daß Du dieses Jahr für Alles belohnt sollst werden! Gott sei mit Dir u. Deinen lieben Gefährten. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar d. 29. Aug. [/4. 9.] 1788. Lieber Vater. Was für eine große Freude war es, als Ihr Brief von Augsburg, gerade an meinem Geburtstage kam, da wir es gar nicht vermuteten. Ich hatte es recht gewünscht daß ich an meinem Geburtstag etwas von Ihnen hören möchte, u. mich freuts nur daß Sie so vergnügt und heiter sind. Wir sind alle recht wohl und vergnügt. Wie mein Geburtstag ist gefeiert worden, will ich Ihnen erzählen. Zuerst danke ich Ihnen für die Baille Hosen und Weste, die die Mutter in Ihrem Namen mir noch wird machen lassen. Von der Mutter habe ich einen 4eckigen Lämmchens dukaten, und ein silbern Leuchterchen bekommen, nebst einem Blättchen, das ich beilege. von August 2 Tafeln mit Gemmen, von Wilhelm einen Gulden, von Adelbert ein paar Strumpfbänder, von Luischen eine Tasse und Bleistift, und von Emil einen von Ihren Nürnbergischen Pfefferkuchen. Als ich zum Herrn G. R. Göthe ging, so schenkte er mir einen Ring mit einem geschnittenem Steinchen womit ich den Brief zusiegeln will. – Sie müssen es empfunden haben, wie sehr wir den ganzen Tag an Sie dachten. Herr Schäffer und ich arbeiten stark an der Bibliothek. Diese Woche kommen wir mit den Folianten durch; dann geht es an die Quartanten, es wird recht hübsch sein wenn alles in Ordnung ist. Das Gedenkbuch war mir ein recht liebes Geschenk an Ihrem Geburts Tag, ich habe schon verschiedenes hineingeschrieben. – Wir sind auch in Mattstedt gewesen, wo wir recht vergnügt waren, und wo uns Luischen und Emil mit der Jungfer Schwartzin wieder abholte. Von da habe ich meinen ersten Ritt bis nach Weimar getan, in 2 Stunden, und ich habe mir keinen Wolf geritten, nur taten mir die Beine ein paar Tage weh. H.  Schäfer kam mit einem Pferd, u. setzte sich heraufwarts in den Wagen. Möge es Ihnen, lieber Vater, überall so wohl und vergnügt gehn als bisher! reisen Sie glücklich mit Ihrem Reisegefährten. Unsere Wünsche begleiten Sie immer. Leben Sie tausendmal wohl, behalten Sie mich lieb, und denken Sie oft an Ihren treuen, gehorsamsten, und zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder . P. S. d. 4ten Septemb. Macte, macte in Italia! – Nun sind Sie dort, in dem Lande der Glückseligkeit, genießen Ihre Reise, und sind ein Italiener. – O könnten wir nur immer Briefe von Ihnen bekommen, und wäre doch der Weg nicht so weit, daß wir nur schnell wüßten was Sie machten. Bleiben Sie gesund, liebster Vater, und denken Sie bisweilen an uns, wenn Sie in Zitronenwäldern wandeln, Feigen essen, und Ruinen der Tempel der Götter sehn. Schreiben Sie doch oft, und an uns auch, damit wir auch Ihre Stimme an uns hören. Leben Sie wohl, liebster bester Vater, und behalten Sie mich lieb. Gott schenke Ihnen Friede, Freude und Gesundheit, und schenke Sie uns bald wieder. ×áéñå, ×áéñå vale. Addio. Auf dem Blättchen, das mir die liebe Mutter zu meinem Geburtstag gab, stand folgendes. den 28. August 1788. Lieber Gottfried, Sei und bleibe unsre Freude und Krone. Laß dich nie zum Bösen verführen, Steh fest auf gutem Wege Und bleibe an Gott hangen, Bei ihm wird man allein glücklich. Sei meine Stütze an deines Vaters Statt. Gott segne Dich u. sei mit Dir Dein Leben lang. Deine treue Mutter C. H. Und dies habe ich Ihr u. Ihnen versprochen es zu halten, u. es tief in meinem Herzen zu haben. Gottfr. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, zwischen dem 29. 8. und 4. 9. 1788 An meinen lieben Vater Ich will sie sagen wie das Fest gefeiert woren ist erstlich von der Mutter Geld und auf Ihre Silbette auf einer Tasse u. ein grünes gedenk bügelgen von ihnen Gottfird hat mir ein Farmenkasten gegeben und August und Willhelm ein paar Sporn und weiße Kreide u. Miel haben mir Bleistift u. [?] das war dasjenige Fest und wir haben ihre gesundheit getrunken. Leben sie wohl griesen sie den werner und Herr Schäfer grieset sie auch leben sie wohl ihr getreuer Sohn. Wir haben und das grisgise angefangen. Adeldelbet Herder J. G. Herder an Caroline Herder Verona den 4. Sept. [1788]. Seit gestern Abend sind wir glücklich hier, auch ist die Arena oder das Amphitheater in Augenschein genommen, samt den Sehenswürdigkeiten, die daran grenzen; bald solls in die Akademie, das Museum p gehen, u. während dessen schreibe ich Dir, liebste Einzige Gute Gute, einige Zeilen. Mit unsrer Reisegesellschaft gehts besser, seitdem ich meinen Teil für Quartier u. Kost mitzahle; dies ist von Roverodo aus geschehen, u. an Kaffee p schon einige Stationen früher. Allmählich haben sich die Gesichter der gnädigen Frau, des Hrn Kammerdieners u. selbst des guten D., der ganz von den Launen der S. abhängt, aufgeklärt, u. er freut sich, daß es weniger kostet. Sind wir nur erst in Rom, so wollen wir uns einrichten, wie wir können; es wird, ob eine Reise mit einer Frau gleich die unvernünftigste Sache ist, die sich denken läßt, doch allmählich etwas herausschütteln, daß man sich selbst, seine Exsistenz u. die Dinge umher genieße, deretwegen man sich aus seinem Nest gemacht hat. Ohne Kenntnis der Landessprache zu reisen ist immer u. überall, zumal in Italien, eine verdrießliche, lächerliche, kostbare u. am Ende unvernünftige Sache; wir arbeiten darauf, hier einen Sprachkundigen Menschen als Courier mitzunehmen, u. die Reise soll hoffentlich besser gehen. Wenn er nur erst angekommen wäre: denn das wird noch hart halten, weil er einige Dukaten notwendig kostet. Diese Kärglichkeit habe ich nicht vorausgesehen; sonst hätte ich mich anders eingerichtet, oder die ganze Reise unterlassen. Mit einem Vetturin zu reisen, wie G[oethe] gereiset ist, muß eine ganz andre Sache sein, als jetzt unter solchen Umständen al Barone, wo man geprellt werden muß, sobald man nur die Arche Noah von 6. Personen, Männer u. Weiber, von außen mit Gold eingefaßt, u. entsetzlich beladen, ansichtig wird. Sage von dem Allen aber niemanden nichts, auch nicht Göthe; in Rom wird sich erst etwas sagen lassen, u. eher schreibe ich nicht an ihn; er wird sich selbst, wenn er sich unsre Reise denkt, alles sagen. D. ist gut u. bleibt gut; hätten wir die Reise allein gemacht u. wäre er in meiner brüderlichen Gewalt gewesen, hätten wir auch nur dabei einige Sprachkenntnis mehr, so wäre alles anders. Indessen hast Du Dich nicht zu grämen: denn in wenigen Stationen sind wir im Römischen Gebiet, u. unter 14. Tagen müssen wir in Rom sein; denn ist das Schwerste überstanden. Der Werner ist über seine Unkunde der Sprache beinahe Trostlos; ich muntre ihn auf, wie ich kann, tröste ihn mit Rom u. gewinne ihn, wenn es möglich wäre, immer werter. Es liegt bei der kostbaren Kavalkade so mancherlei Strapazarei auf ihm, daß ich seine Geduld bewundre, u. ihn nur immer aufmuntre, alles leicht zu nehmen u. für sich u. seine Gesundheit zu sorgen. Verona ist sehr groß; in Absicht der Gebäude gibts, glaube ich, in ganz Deutschland nichts dergleichen: die Gegend umher ist wohlangebauet u. schön, aber einförmig. Prächtige Trauben schlingen sich überall zwischen den Maulbeerbäumen in Kränzen herauf, u. Werner hat schon manchen vollen Raub begangen, der hier allenthalben auf den Straßen erlaubt ist. In den Wirtshäusern siehts desto elender aus, ob mir gleich Alles sehr klar ist, u. ich manches sogar billige, worüber andere sich quälen. Der Italiener lebt sich selbst: wir armen Nordländer leben allein für andre. Doch von den Allen bei mehrerer Muße, u. noch mehr mündlich. O liebste, gute Seele, wie habe ich Dich lieb! wie verlanget mich nach Dir, meinem einzigen Gut auf Erden. Gibt mir der Himmel das Glück, wie ichs wünsche u. hoffe; nichts soll uns mehr irre machen u. scheiden; jede Unannehmlichkeit des Lebens will ich um Deinet u. unsrer Kinder willen gern u. mit frohem Mut ertragen; das habe ich dem Himmel auf der Grenze Italiens mit bedrängtem, vollem Herzen geschworen u. schwöre es ihm jeden Morgen, jeden Abend, ja jede Stunde, da ich an Dich gedenke. Wenn ich mich auf mein breites Italienisches Lager hinstrecke, bist Du mein letzter u. erster Gedanke: ich drucke Dich an mein Herz, bitte Dir tausendmal alles ab, womit ich Dich je erzürnt u. beleidigt habe, u. wenn ich mir sage, daß ich Dich wieder sehen werde, vergesse ich alles andre, Du mein Schatz, meine einzige treue Habe. Gott nehme Dich u. die Deinigen unter seinen Schutz, wende alles Unglück von Euch ab, erhalte Euch mir, u. mich Euch gesund u. fröhlich. Ich werde gewiß ganz anders wiederkommen, als ich ausgereiset bin, u. zwar nicht ins Schlimmere verändert. Lebe wohl, meine liebe, reine, treue, Gute; lebe wohl. Küsse die Kinder nach der Reihe in meinem Namen u. sage ihnen allen was Gutes. In Trient habe ich keinen Br. von Dir gefunden; wenn Du ihn nach Augsb. geschickt hast, so wird er mir nach Rom nachgeschickt werden, ich habe drum geschrieben. Da hoffe ich eine gute reiche Ernte zu finden, u. wenn es Euch allen wohlgeht, o wie werde ich froh. Da will ich auch, wenn ich alles überschlagen habe, schreiben, wie ich mit dem Gelde stehe. Es ist eine gute Partie weg, 4. L[ouis]dor, die 20. Laubtaler u. eine gute Partie von den Kaiserlichen Dukaten. Laß Dich dessen aber nicht dauern, ich spare, was ich kann, u. Wernern geht das Sparen über Alles. Die Herzogin ist gestern noch in Verona gewesen; wir haben aber nichts von ihr gehört, ob sie noch dasei, u. nehmen in der großen Stadt natürlich keine Notiz von ihr. Noch muß ich Dich bitten, daß Du nicht glaubst, als ob ich im mindsten etwas gegen D. habe; er ist die liebste, schönste, zarteste Seele; daß er die Frau mitgenommen hat, ist vielleicht gar ein Treiben der Verwandten gewesen, die die Reise nicht verstanden, so wenig als er, oder ich. Lebe wohl, liebe, die Post geht ab. Lebet wohl, Ihr einzig lieben, Gott mit Euch!!!!!!! Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 4. Sept. 1788. Mit Verlangen habe ich auf eine Adresse gehofft Du Einzig-Guter u. gestern kam das Päckchen Bücher mit Deinem Briefchen vom 26., u. vorigen Posttag den 31. Abends der vom 25 u. 26ten aus Augsburg, auf den ich mit sonderlichen Schmerzen verlangte, weil ich nicht wußte wie der erste Eindruck sein würde. Gottlob daß Du alles so gut aufnimmst. Ihre Gegenwart ist gewiß weniger lästig als einer andern Frauen, obgleich eine Frau jazuweilen den Männern zuviel ist. Es war das schönste was Du mir sagen konntest daß Ihr Ein Herz u. Eine Seele seid. Bleibt so Ihr lieben u. laßt Euch durch nichts fremdes stören – sie beneiden die Seckend. ganz entsetzlich. Ach wie süß war mir Dein Brief am Geburtstag um Mitternacht noch geschrieben! in meine Freude mischt sich noch soviel Wehmut u. Tränen, u. Sehnsucht – Ja ich bin inniger bei Dir als jemals – alles wird neu, Du sollst mich so gut finden als ich werden kann; der liebe Gott wird mir dazu helfen. Auch an ihm hange ich jetzt mit ganzer Seele, ich fühle wie gut ers mit uns meint, u. was er mir an Dir gegeben hat. Ja er spricht zu mir durch Dich Du Engel Gottes, u. meine Seele ist durch Deine Himmelsworte ganz erhöht u. erquickt. – Auch ich habe den Lobgesang mit Anbetung gelesen, ich kannte ihn noch nicht, er kam mir gewiß zum Trost. An Gottfrieds Geburtstag überfiel michs einige Augenblicke, daß ich laut aufweinen mußte. Den andern Tag schlug ich auf: Weine nicht, siehe es hat überwunden der Löwe pp dann wieder: Sei getrost u. unverzagt, ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen; Siehe ich habe dir geboten daß du getrost u. freudig seist. Laß dir nicht grauen u. entsetze dich nicht; denn der Herr dein Gott ist mit dir in allem das du tun wirst. Ja ich rief dich bei deinem Namen u. nannte dich, da du mich noch nicht kanntest.« Ferner: u. der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führete pp. Bei diesen Worten die ich in diesen Tagen aufgeschlagen, fühle ich recht was Gottes Wort ist. Dein Brief hatte mir alle Furcht vertrieben, ein Traum den ich aber gestern vom Dienstag auf den Mittwoch hatte, wirft wieder einen Schatten auf mich – unsre Hoffnung auf Gott wird uns aber gewiß über all erretten! u. Dein Lobgesang ist ein Bürge dafür. Es träumte mir, ich sei mit Gottfr. in einem großen Haus, es war ein Wasserwerk u. sollten auch viele Lichter angesteckt werden – es kam aber nicht zu stande u. ich ging mit Gottfried wieder nach Hause, es war ein fremdes Haus. Gottfr. lief voran Dich zu fragen warum Du nicht gekommen seist, ich folgte ihm bald, da fand ich Dich hinter einem Schirm im Bette liegend; Gottfried stand am Fenster Dir zu Füßen, den Kopf auf die Hand gestützt, u. sagte traurig zu mir: der Vater hat im Schlaf gesagt »ich habe das Fieber.« ich ging ängstlich an Dein Bett, da sagtest Du auch halb schlummernd zu mir: ängstige Dich nicht über diese Kleinigkeit« ich nahm Deine Hand, sie war voll gutem warmen Schweiß, das war mir lieb, u. ich dachte: nun hat sich die Krankheit gebrochen. Da sagtest Du wieder zu mir, »es ist schade daß Du Dein Bett nicht hierherstellen kannst« – ich wachte sogleich auf u. hörte einen Gesang von Ferne – endlich hörte ich, es war ein Loblied auf des Herzogs Geburtstag, der gestern war. Zwei Tage vorher war es mir als ob ich mit Dir spazieren wäre, u. ein Regen überfiel uns, bei einbrechender Nacht, wir eilten sehr u. entkamen dem Regen noch so ziemlich. Wir sind überall in Gottes Hand, das sage ich mir bei jedem traurigen Gedanken. Er wird Dich u. mich erretten u. erhalten u. wieder zusammenführen – freilich darf ich nicht daran gedenken daß ich mein Bette nicht bei Dich stellen kann Dir zu pflegen – doch es ist alles ein Traum! Durch Knebel habe endlich auch Dein Briefchen aus Anspach erhalten u. so ist kein Brief von Dir verloren gegangen. Dein letztes Briefchen aus Augsb. mit den Büchern bekommt die Nr. 10. Knebel ist sehr vergnügt über Dein Lob seiner Geschwister; er schreibt mir: »Herd. hat Gutes getan an mir u. den meinigen, das ich ihm nie genug verdanken kann. Danken Sie ihm in meinem Namen pp Henriette schreibt mir zugleich, Sie könne nicht glauben welche Achtungsvolle Zärtlichkeit, sie für den Mann erhalten hat. Er selbst hat mir dadurch wohlgetan auf lange Zeit. Ich hoffte darauf.« Die Lieder besorge ich bestens für Kn. Schwester, Deinen Schatten lege ich zu dem meinigen, er ist so gut geraten als noch keiner, u. es soll alles bald abgehn. Morgen fahre ich nach Kochberg mit Goethe u. der kl. Schardt; wir hoffen auf eine gute Stunde. Die kl. Schardt grüßt Dich gar herzlich. Alles frägt sehr nach Dir. In der Stadt spricht man aber über die Reise der S. mit Dalb. sehr. Besonders soll die reg. H[erzogin] sehr darüber reden. Es ist alles sehr begreiflich. Mir u. den Kindern tuts leid daß Du rückling fahren u. also das schöne Land mit dem Rücken zuerst siehest. Wie viel u. oft wir von Dir reden glaubst Du nicht. Keine fremde Gegenstände hindern uns daran. Goethe ist recht billig: »wie Herder die Sache mit der S. ansieht, so ist sie, sagte er; nimmt er sie gut auf, so ist sie gut.« Den Brief von Frankenb. lege ich Dir nicht bei. Sie war vom 12t. August an sehr krank am Fieber u. heftigsten Kopfweh. Sie bessert sich wieder u. das Kopfweh vergeht auch. Ich fürchte es hat sie geschmerzt daß Du ihr nicht gleich geschrieben hast. Ich habe ihr 2 Blätter Auszüge aus Bamb. u. Nürnb. gemacht; es hat mir aber Mühe gekostet u. ich kann dies Geschäft nicht über mich nehmen. Überlege wie Du es einrichtest, daß Du die Beschreibungen der Gegenstände so machst daß ich ihr das Blatt senden kann damit sie Teil daran nimmt u. Du doch des Geschreibs nicht gar zu viel hast. Auf ein besonder Blättchen kannst Du mir die süßen Herzensworte sagen, daß Du mein bist, daß ich Dein bin . Ich empfinde es tief daß die Frau ohne Dich nicht leben kann. Sei ihr, was Du sein kannst – sie kommt mir recht oft als ein Gegenbild der Gräf. v. Bückeb[urg] vor. Noch vor einigen Tagen da ich Briefe von der letztern fand. An Eifersucht ist nicht zu gedenken, ich liebe sie rein u. mit innigem Bedauren. Deine Schwester hat geschrieben, sie kommt diesen Herbst nicht weil es der Arzt nicht für gut hält. Künftiges Frühjahr soll ich ihr eine Gelegenheit vorschlagen. Ich will darauf denken. Wenn Hartkn. noch lebt, ist er wohl die beste Gelegenheit. Deine Preisschriften will ich mit größter Genauigkeit durchgehn. Deine Schwester hat den halben Brief voll Segenswünsche für Dich, die Kinder u. mich geschrieben, wenn ich nicht wüßte daß es ihre Art so sei, so dächte ich, es sei ihr letzter Segen. Osterode ist völlig abgebrannt u. ihr Arzt muß viele Meilen weiter mit dem Regiment ziehen. Darüber ist sie äußerst bestürzt u. betrübt. Das Geld hat sie empfangen. An die Diede werde gleich nach meiner Rückkunft schreiben u. Deinen Brief nebst Buch senden. Des Herzogs Zehen wird nur langsam besser, Goethe muß täglich, ich glaube auch stündlich bei ihm sein. [...] – Die Kinder haben ihre Schule wieder mit Freuden angefangen. Es geht alles Gottlob gut bei uns. Gottfried ist eine treue gute Seele. Er hat mich gestern immer suchen zu trösten da ich ihm den Traum erzählte, auch ist er mit Schäfer in der Bibl. sehr fleißig. Ein Wunderschöner Himmel ist heute, wie ich ihn noch nie gesehen habe, ohne ein einziges Wölkchen! Meine Seele wird auch so, während dem ich an Dich schreibe – ach Du bist so einzig einzig gut, fest u. treu! Gott belohne Dich jetzt für alles alles, unter dem glücklichen Himmel! In Florenz empfängst Du diesen Brief! Meine Seele ist ganz bei Dir! u. ich reise mit den Kindern auf der Landcharte sogar mit Dir. In Rom empfängst Du meinen nächsten Brief. – Wenn alles um mich still ist u. ich am Schreibtisch sitze, höre ich oft einen Ton, an der Stelle da unser Engel starb – u. kanns nicht heraus kriegen was es ist. Die Kinder sind fröhlich, gut u. glücklich durch Deine Grüße. In dem dumpfen Wesen steckt doch die Knospe Herz in ihnen. Sage viel tausend Gutes dem edeln Dalberg für den ich keine Worte habe. Die gute Soph. S. küsse ich, u. bitte daß sie Euch in guter Aufsicht halte, ich sehe sie überhaupt als das Zünglein in der Waage an, wenn die 2 Waagschalen nicht wissen was sie tun sollen, wird sie entscheiden. – Ach mein Lieber [unter] dem fremden Himmel umarme ich Dich jetzt mit unnennbarer ewig treuer Liebe: Du hast Dir [den] Lohn errungen, auch diese Erde Gottes zu betreten u. diese reinere Luft einzuatmen! welch einen Himmel müsset Ihr haben da der unsrige so schön ist. Lebe wohl wohl wohl Du mein Alles. August Herder an J. G. Herder Weimar, 4. 9. 1788 Lie[b]ster Vater. Glück auf in Italien! Glück, alles Glück wünsche ich Ihnen in dem Lande, da Milch u Honig fleußt. Im Geist sind wir alle mit Ihnen, u reden mit Ihnen. Unser Herz ist Ihr Herz, u Ihr Herz ist unser Herz. Neues ist hier nichts, als daß wir in Ihrer Stube Schule halten, weil die kleine Schwester von Herrn Schäfer die Blattern hat, u wir wegen Emil nicht dürfen zu ihm kommen. Vielleicht ist in Ihrer Stube Ihr guter Geist über uns, u wir werden viel lernen. Leben Sie wohl, u Grüßen sie Werner von mir vergessen sie nicht. Ihren gehorsamen Sohn August Herder d. 4 September. 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 4ten Septem. 1788 Lieber Vater Jetz sind Sie in Italien, Gott sei mit Ihnen. Wir freuen uns allemal wenn ein Brief von Ihnen kommt und lesen ihnen mit Freuden. Leben Sie dort glücklich und fröhlich damit Sie noch Ihr Leben mit lauter schönen Sachen die dort sind versüßen. Wir haben auch das Griichsche angefangen und sie ist sehr schön. Der Herr Schäfer grüßt Sie. Grüßen Sie auch den Werner und sagen Sie ihm, daß ich ihm noch danke für das Bildchen. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, beendet am 4. 9. 1788 Nun, lieber Bruder, sollst du auch einmal etwas von mir finden. Ich habe mich der Briefe an deine Frau sehr gefreut. Mögest du immer gleich vergnügt und empfänglich immer weiter reisen. Des Herzogs böser Fuß hält ihn wider seinen Willen hier und auf dem Kanapee; er nimmt sich jetzt, da er die Notwendigkeit sieht, sehr zusammen und läßt sich nicht merken, wie fatal es ihm ist; innerlich aber ist er in einer schlimmen Lage. Er hat sich in der Neigung zu dem Mädchen so ganz indulgiert, wie in seinem politischen Getreibe: beides hat keinen Zweck; wie soll es Zufriedenheit gewähren? Die Herzogin leistet ihm treue Gesellschaft mit guter Laune und Geduld. Ich esse alle Mittage mit ihnen und bin auch einen großen Teil des Tages dorten, wenn niemand anders da ist. So vergeht eine Zeit nach der andern; man wird des Lebens weder gewahr noch froh. Deinen vierten Band habe ich größtenteils gelesen. Im 16. Buche habe ich mich sehr gefreut zu sehen, wie du die Völkerwanderungen von dem beginnst, was noch geblieben ist, von den ersten in die Gebirge getriebenen Völkern. Es gibt ein gar gutes und faßliches Bild. Das Christentum hast du nach Würden behandelt; ich danke dir für mein Teil. Ich habe nun auch Gelegenheit, von der Kunstseite es näher anzusehen, und da wirds auch recht erbärmlich. Überhaupt sind mir bei dieser Gelegenheit so manche Gravamina wieder rege geworden. Es bleibt wahr: das Märchen von Christus ist Ursache, daß die Welt noch 10/m Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstand kommt, weil es ebenso viel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffs braucht, um es zu verteidigen als es zu bestreiten. Nun gehn die Generationen durch einander, das Individuum ist ein armes Ding, es erkläre sich für welche Partei es wolle, das Ganze ist nie ein Ganzes, und so schwankt das Menschengeschlecht in einer Lumperei hin und wieder, das alles nichts zu sagen hätte, wenn es nur nicht auf Punkte, die dem Menschen so wesentlich sind, so großen Einfluß hätte. Wir wollen es gut sein lassen. Sieh du dich nur in der Römischen Kirche recht um, und ergötze dich an dem, was in ihr ergötzlich ist. In meinen Schriften bin ich nur wenig vorgerückt. Der achte Band ist beinahe zusammen. Wieland hat ihn gegenwärtig in der Revision. Es sind noch einige Kleinigkeiten dazu gekommen, das Übrige kennst du. Sonst weiß ich dir beinahe nichts zu sagen. Daß Frau und Kinder wohl sind, erfährst du von ihnen selbst; sie haben mich mit einer Bisquitetorte und ein Paar Kränzen, nebst fremden Früchten, zum Geburtstage erfreut. Das Wetter ist immer sehr betrübt und ertötet meinen Geist; wenn das Barometer tief steht und die Landschaft keine Farben hat, wie kann man leben? Lebe wohl und glücklich! Du hast ja unerwartet eine Reisegefährtin gefunden; möge das Eurer Reise nicht schaden! Fast hätte ich vergessen, dir für die Meistersängersprüche zu danken. Es ist sehr artig zu sehen, wie sie mit den platten Lebens– und Handwerksbegriffen gespielt haben. Den 4. September. Prinz August ist gekommen, mit dem ich vielleicht die nächste Woche nach Gotha gehe. Morgen fahre ich mit deiner Frau und der kleinen Schardt nach Kochberg. Es scheint, wir werden gut Wetter haben. Übrigens drücken wir uns unter dem kimmerischen Himmel, der unglaublich auf mich lastet. Alles wollte ich gerne übertragen, wenn es nur immer heiter wäre. Lebe wohl. Du wirst nun wissen, was eine reine Atmosphäre ist, und wirst es noch mehr erfahren. Grüße deine Reisegesellschaft. Wie der Mensch ist, muß es ihm werden. Da hast du nun gar noch ein zierlich Weibchen im Wagen. Lebe wohl. Gedenke mein! Du brauchst mir nicht zu schreiben. Die Briefe an die Frau werden mir ganz oder zum Teil mitgeteilt. Grüße Dalberg. In Rom findest du die versprochene Nachricht über die Deutschen Künstler zu Eurem Gebrauch. G. W. den 4. September 88. J. G. Herder an Caroline Herder Verona den 5. Sept. [1788]. Als ich gestern den Brief an Dich mit sonderbarer Rührung geschrieben u. weggeschickt hatte, gingen wir das Theater, die Akademie u. die Antiquitäten zu besehen, die Maffei gesammlet hat. Die beiden ersten Gegenstände gingen mir leicht vorüber; unter den alten Steinen, die einem großen Teil nach Grabsteine u. Sarkophagen sind, übernahm mich das Andenken unsrer gemeinschaftlichen Freude, u. Arbeit so sehr, daß ich in ein Nachdenken kam, das mich fast zu Tränen erweichte. Da standen die Gegenstände der griechischen Epigramme ruhig da, die Hände, die sich einander auch auf dem Grabstein mit Treue gaben, u. die Kinder zwischen ihnen, hier eine häusliche Gesellschaft um den Tisch, dort ruhende Personen, 4-5 mal, auch unser Freund Schlaf mit der gesenkten Fackel. Du kannst denken, in welchen Gedanken ich unter den Arkaden umherging; nach Mittage sahen wir sie noch einmal in Gesellschaft wieder, des Morgens sah ich sie mit D. allein. Wir gingen u. sahen noch den Bogen Vitruvs, die kostbare Brücke über die Etsch, u. kehrten zum Mittagsmahle. Um Ein Haar hätte ich den Bartola schon hier erwischt; er war in Verona gewesen, hatte in den tre Rè, wo wir logieren, logiert, der Custode dell'Academia sagte, er sei noch da, er war aber ein paar Tage vorher verreiset. Gegen Abend fuhren wir durch Höflichkeit eines Bankiers, an den D. empfohlen war, zur Komödie in die arena, oder das Amphitheater, wo wir einen Akt durch blieben, u. das lustig-kleine Schauspiel bei hellem Tage sahen: sodann in ein Naturalienkabinett von merkwürdigen Petrefakten, dann im Corso umher, u. auf den Braa-Platz, wo die ganze Welt von Verona von der ersten Dame bis zur gemeinen Fille, vom Stutzer bis zum Pfaffen umherfährt, geht, konversiert, u. f. Wir gingen das größeste Kaffeehaus durch u. sahn die Gesellschaften, unter denen auch Damen waren, nahmen eine Tasse Schokolade u. kehrten nach Hause. So ward der erste Tag begangen u. beschlossen, den wir in einer Italienischen Stadt zugebracht haben; Du kannst denken, nach dem langen Wagengedränge sehr vergnügt. Locatelli hat meistens mit mir gesprochen, Italienisch, Französisch, Deutsch, wie man sich ausdrücken konnte: denn er kann alle 3. Sprachen u. ist gar ein artiger, gefälliger Mann; heut will er uns in die Kirchen, in einige Gärten u. Paläste führen; morgen reisen wir sodann mit besserm Mut weiter. Meinen Brief habe ich nicht abgeben können, weil die Exzell[enz], an die er ist, nicht hier sondern in Vicenza wohnet, wo er seitdem podestà, d. i. Gouverneur geworden u. eine große Kreatur ist. Es ist mir sehr lieb: denn ich bestehe noch mit der Sprache viel zu schlecht, als daß ich mich ihm mit Ehren zeigen könnte. – Eben fahren Wagen vorbei, ich gehe ans Fenster, u. es grüßet mich jemand vom Bock; es ist also die Herzogin, die wegfährt. Wir dachten, sie sei gestern schon verreiset, u. hörten erst gegen Abend, daß sie noch hier sei, als Locatelli kam, uns abzuholen. Da war keine Zeit mehr, für sie u. für uns, zu ihr zu schicken. Der Himmel ist hier sehr schön; u. alles lebt u. webet. Die Häuser sind gegen die Hitze wohl eingerichtet, nicht aber so gegen die Kälte. Der Himmel gebe uns heut einen so guten Tag, als wir gestern gehabt haben, u. ich werde den Brief froh endigen. Lebe wohl, Du Gute, Liebe. Der Tag ist zu Ende u. ich will vor dem schönen Monde unter diesem schönen Veronesischen Himmel noch beschließen, womit wir heut Verona beschlossen haben, denn morgen früh geht die Reise fort. Unter den Gemälden der Kirchen hat mir insonderheit ein Raphael Wohlgefallen, der erste, den ich in Italien sähe. Es ist eine Ankündigung: der Engel ist himmlischleicht, ein hinanschwebender Jüngling voll Naivetät u. Unschuld, die Maria bescheiden in sich gesenkt, gar nicht exaltiert, sondern innig menschlich, nicht eben schön, aber sehr sittsam u. bescheiden. Die Veronese sind nicht für mein Herz sprechend, so voll Kunst der Farben u. des Lichts sie sein mögen. Wir sahn den Bischöfl. Palast u. den Bischof selbst, eine schöne, große, edle Figur, mit einer Venetianischen Nase u. scharfen Augen, 70. Jahr alt u. noch sehr munter. Mich hat, wie er lebt u. wie er schläft, sehr behaget: zwei Figuren, die sich herzlich umarmen, in seinem Schlafzimmer u. neben an eine sehr sanfte Magdalene. Er nahm uns sehr würdig u. artig auf. Gegen Abend fuhren wir in die Giustischen Gärten, wo ich zuerst die Ehre hatte, unter Pinen (Zypressen) umherzuwandeln, u. diesen edeln, melancholischen Baum in die blaue Luft steigen zu sehen. Der Garten geht hoch an einen Felsen hinauf, so daß gleichsam Ein Garten über dem andern stehet, bis sich oben die weiteste, schönste Aussicht öffnet. Ganz Verona siehet man sich zu Füßen liegen, zur Linken die schöne Ebne, die bis Venedig hingeht, zur Rechten in die Ferne die blauen Gebirge, die unter einem Himmel, wie Ihr ihn nie sehet, daliegen. Vor sich hin siehet man die Türme von Mantua, die Berge von Parma – u. in dieser Aussicht ging die schöne Sonne unter, u. der holde Mond stand da. Ich war meistens wie im Traum, u. fühlte mich, da ich die schöne Sonne durch die Reihen von Zypressen untersinken sah, wunderbar still u. traurig. Wir fuhren nach dem Corso, wo ich nochmals mein großes, großes, majestätisches Amphitheater begrüßte, u. von ihm Abschied nahm. Morgen gehts weiter. Doch ach, ich habe mein Augenglas verloren; ein Verlust, der mir recht nahe geht. Es war von der Fr. v. Fr[ankenberg] u. hat mir so gute Dienste geleistet, daß ich gleichsam ärmer wegziehe, als ich kam: denn, glaube oder verzeihe mirs, ich habe in der Nähe der gn[ädigen] Fr[au], die mein Gefühl fast mit jedem Wort u. Betragen beleidigt, das Andenken besserer Menschen oft nötig, u. ich zweifle, ob ich mich, Trotz aller Mühe, je an sie gewöhnen werde. Morgen gehts nach Mantua, vielleicht zu Wasser nach Ferrara, denn nach Ravenna, Rimini, Ancona, Loretto, wohin ich zu Dir, meine liebe Mutter Gottes u. zu unsrer armen Heiligen Hütte, die freilich nicht voll Silber ist, wie diese Santa casa, mit herzlichen innigen Gebeten für Dich u. die Deinigen wallfahrten werde. Du denkst auch an mich u. betest für mich, meine Teure. So ist Verona beschlossen, wo uns ein Kaufmann Locatelli herrliche Dienste geleistet hat, dergleichen wir Deutsche keinem Fremden leisten. Ich habe mir eine Sammlung von Gedichten eines Veronesischen Nobile gekauft, der vor 3. Monaten gestorben ist, u. worin viele griech. Epigramme mit dem Original stehen; das nehme ich mit aus Verona. Lebe wohl, Teure! Grüße die Kinder. Seit Insbr[uck] trage ich einen Zopf, weil mir die runde Frisur zu lästig war. Das Sommerkleid habe ich mir in Nürnberg ändern lassen, u. habe es hier getragen, auch grauseidne Strümpfe. Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Jena, den 8. September 1788. Ich suche schon lange, bester lieber Herder, eine heitere Seelenstimmung, um mich den Gegenständen, mit welchen Sie leben, näher zu setzen und mich besser mit Ihnen unterhalten zu können; ich muß aber in dieser Erwartung den Tag wählen, da mich Ihre liebe Frau, mit Goethen und der kleinen Schardt, auch Fritz Stein, hier besucht hat. Sie kamen diesen Mittag von Kochberg und waren heitern und guten Muts, wie das schöne Wetter, das wir seit einigen Tagen genossen haben. Meine nächsten Fragen waren nach Ihren lieben Briefen, woraus ich einige gute und erfreuliche Nachrichten erhielt. Für Ihre lieben Zeilen aus Ansbach danke ich, und freue mich des Ortes und der Meinigen, daß Ihnen daselbst und unter ihnen hat wohl werden können. Sie können nicht glauben, was für gute Spuren Ihres Daseins Sie überall zurückgelassen haben! Die Meinigen haben Sie ganz glücklich gemacht, und meine Schwester, welche der zärtlichsten Achtung gegen Sie voll ist, schreibt mir, daß sie lieber von dem tiefen Eindrucke, den Sie auf ihre Seele gelassen, nicht schreiben möchte, nur daß dadurch eine neue Grundfeste ihres Glücks gelegt worden sei. Wie viel Dank muß ich Ihnen nicht haben, Lieber! und wie freut es mich, daß Sie, bei allen Ihren Eigenschaften, menschlich und gut sind! So weit besser, lieber, gefälliger ist der Prophet der Menschheit als der Prophet des – Prophetentums. Auch Frau von Hütten hat mir, wegen Ihrer Bekanntschaft, gar herzlich gedankt und spricht mit großer Rührung von Ihnen. Mit diesem Geiste ausgerüstet, lieber Mann, wo und was kann Ihnen fehlen? Vernunft und Menschheit sind so gute Schutzzeichen, als nur irgend ein Heiliger geben kann. Ich schreibe mich von Ihrem Orden, und mein Herz hofft dann sich selbst und Ihrer würdiger zu werden. Daß Sie sobald keine Resultate Ihrer Reise ziehen wollen, billige ich sehr; sie müssen von selbst abfallen wie reife Früchte. Doch bin ich begierig, ob nicht die allgemeine Menschheit sich auch eine Ernte davon zu versprechen hat, oder ob Ihre ganze Aufmerksamkeit nur durch die Verdienste der einzelnen in Kunst und Wissenschaft abgezogen wird. Man hat freilich recht, auf einer kurzen Reise nur auf das Vorzüglichste zu sehn; aber ist das Allgemeine nicht selbst vorzüglich? Ich hasse alle Individualität, die ohne eine richtige Wendung gegen das Allgemeine zu bestehn oder groß zu sein glaubt. Freilich gehört Individualität zu jeder Äußerung, aber die größte Individualität neigt sich wieder am meisten zum Allgemeinen herab. Dieses ließe sich auch auf den Geist des Künstlers anwenden; Raphaels Bilder haben mir immer die menschlichsten geschienen. Ohne Zweifel genießen Sie schon jetzo der Italienischen Luft. Der Geist der ersten Wiederhersteller der Wissenschaften wird Sie anwehen und in Ihrer Brust mehr erwecken, als Sie in allen Bibliotheken finden könnten; doch wünsche ich auch da Glück zu neuen Entdeckungen. Hier auf unsern Akademien und Weisheitsschulen entdeckt sich nichts; ihr einziger Apoll und Musagete ist Haß und niedere Verleumdungssucht, und dieser führt selten Musen und Grazien im Chor. Jeder lernt höchstens, soviel er kann, von fremder Wissenschaft zusammen, und wer den größten Haufen hat, schreit, er wäre der Größte. Daß Sie nun auch eine Grazie in Ihre Begleitung genommen haben, hat mich sehr ergötzt; ohne Zweifel ist es nur geschehen, um die Strenge des priesterlichen Ernstes gegen den apostolischen Stuhl etwas zu mildern. Wie wird sich die holde Psyche unter dem Schmucke echter Italienischer Blumen freuen! Sagen Sie doch, ich bitte Sie, Ihrer angenehmen Begleiterin und Herrn von Dalberg was Inniges, Gutes von mir! Allem Anscheine nach ist die Markgräfin von Erlangen ihrer Frau Schwester nach Italien gefolgt, wenn sie anders durch Augsburg passiert ist. Wenn nun die Feste des apostolischen Stuhls nicht erschüttert wird, so weiß ich es nicht mehr. Bei uns herrscht noch das alte Symbolum: In pace de bello cogitandum est; und alles was dahin Einfluß hat (die Ochsenhörner insbesondere) wird mit vielem Eifer getrieben. Der Herzog ist nach dem Sächsischen Lager abgereist, und wir leben, bei zur Ruh gesetzter Ehre und Vernunft, ein Leben, das eigentlich kein Leben ist. Frau von Kalb ist mit heiterer Stimmung wieder nach Weimar zurückgekehrt. Ich hoffe, sie wird mich mit Frau von Stein aus Kochberg nächstens einmal hier besuchen, und dann wollen wir bei den Jenaischen Rebenblättern Ihrer süßen Trauben gedenken. Leben Sie wohl und behalten mich, nebst Ihrer lieben Reisegesellschaft, in einigem Andenken! Ich will suchen, in der Vorstellung Ihres Daseins glücklich zu sein. J. G. Herder an Caroline Herder Ankona, den 11. Sept. [1788] am Meer Seit ich Dir aus Verona schrieb, liebe Treue süße Seele, u. den Br. in Mantua auf die Post gab, unter Adresse der Fr. v. Fr[ankenberg]; sind wir, wie Du auf der Karte sehen wirst, weit fortgerückt, u. was noch besser ist, unsre Reisegesellschaft hat sich so konson zu einander gestimmt, daß wir seit 3. Tagen aufs vergnügteste reisen. Die Natur der Sache bringt dieses mit sich, denn am Ende muß in einer so engen Gesellschaft jeder dafür sorgen, daß dem andern wohl sei, weil ihm sonst selbst nicht wohl ist; u. das tun wir jetzt alle. Auch für Werner wird gesorgt, u. er ist frisch u. fröhlich. Vergiß also alles, was ich in einigen Briefen unangenehmes herausgestoßen habe; es war zu frühzeitig, wie ich Dir auch selbst schrieb. Du wirst Niemanden, wie ich Dich bat, ein Wort davon gesagt haben, auch G[oethe] nicht: wir sind jetzt von Rom wenige Tagreisen entfernt, u. von da aus wird sich unsre ganze Einricht[ung] schreiben lassen. D. ist gut u. lieb; er läßt Dich aufs schönste grüßen; die Fr. von S. hat mir ein Gleiches aufgetragen. Sie überhäuft mich mit Güte u. Aufmerksamkeit, u. ich für mein Teil lasse auch nichts daran ermangeln, was ich ihr Gefälliges tun kann. Auch unsre Sitze im Wagen sind uns allen leicht geworden, weil wir oft wechseln, u. da wir uns mit den Wirten männlich durchakkordieren, u. mit den Posten, wo es sein muß, trefflich umherzanken, so gibt das der Gesellschaft Leben u. Bewegung. Laß Dir jetzt erzählen, wie wir auf dem Stiefel heruntergerutscht sind, u. was wir seitdem gesehen u. nicht gesehen haben. In Mantua logierten wir in einem so trefflichen Geschmackvollen Wirtshause, als ich auf allen meinen Reisen nicht gefunden habe; wir fürchteten die Bezahlung; es ging aber mit ihr ziemlich gnädig ab. Ich rauchte des Morgens meine Pfeife auf dem Balkon vor dem herrlichsten Morgenaufgang (versteht sich in meinem Überrock, weil ich der angenehmsten Kühle nicht traue u. mich sehr schone:) wir fuhren frühe ab, hatten ein kleines Abenteuer am Wagen, das erste auf unsrer Reise, das uns aufhielt, so daß wir durch Carpi schnell eilen mußten; u. auf schönen Alleenwegen in Modena spät ankamen. Hier hatten wir ein andres Abenteuer, daß wir unsern Courier, den wir aus Verona der Sprache wegen mitgenommen haben, u. der uns lauter Unbequemlichkeiten machte, zurückschicken mußten; seitdem wir denn für uns selbst unsre Reise besorgen, u. überall bisher gut durchgekommen sind. Weil in Modena im Wirtshause alles voll, u. der Tag uns fatal worden war, reiseten wir in der schönsten Mondnacht weiter, kamen bei Tagesanbruch durch Bologna, das wir auf unsrer Hinreise nicht sehen wollten. Wir kehrten Montags in Faenza ein, aßen u. warteten die Hitze des Tags ab, die seit Trident schon sehr stark worden war, da wir denn wieder die Nacht durchfuhren, die noch schöner war als die vorige. In Rimini wollten wir Halt machen; da wir aber hier mit Tagesanbruch ankamen, waren wir alle in so festem Schlaf, daß der Kammerd[iener] Dalb., der die Posten auszahlt, davon keine Notiz nimmt; wir fahren weiter, glauben nach Rimini zu kommen, sehen das Adriatische Meer, das in der Morgenröte u. Sonnenaufgang den herrlichsten, unnennbar schönsten Anblick gab, u. waren schon vorüber. Wir mußten also bis Pesaro fahren, wo wir aber alle sehr ermattet waren, u. entsetzlich schliefen. Seit Pesaro bis Ankona haben wir das Meer gar nicht verlassen, u. oft ging der Weg Stunden lang dicht am Ufer fort. Du kannst auf der Charte mit den Kindern nachreisen, den herrlichen Anblick kann ich Euch aber nicht mitteilen. Es war nicht ganz ruhig, aber auch nicht völlig im Sturm; die Schiffe flogen darauf, einige so nahe vor uns vorbei, daß wir die Segel u. Menschen erkennen konnten, u. Werner rief Einmal über das andre: »o wenn jetzt doch die Kinder hier wären!« u. nannte, was ein Jeder sagen würde. So kamen wir über Forli, Sinigaglia p bis Ankona, welche Stadt mit ihrem Hafen sonderbar malerisch u. schön liegt. Über dem Meer schwebte ein Gewitter, das uns zur Seite dann u. wann seine Strahlen schoß u. seine hohle Meeresstimme hören ließ. Als wir in Ankona waren, ward es stärker, gab uns den Abend prächtige Stimmen zu hören, u. heut Morgen 6. Uhr tat es einen Schlag aufs Meer, daß mein ganzes Zimmer wie in Flammen zu stehen schien. Jetzt ist 10. Uhr, es regnet noch, u. ist noch nicht vorüber. Diese Szene, dieser Anblick, die kühle erfrischende Meeresluft, nach einer Reihe so heißer Tage, die Ruhe, die wir in Pesaro, noch mehr aber hier in Ankona genossen, hat uns allen ein neues Leben gegeben. Mir sind die Seeszenen meiner Jugend wieder vor die Seele getreten, u. ich habe gestern Abend den ersten Blick wieder in Homers Odyßee getan. Heut morgen greife ich wieder nach ihr (Bodmers Übers[etzung], die D. mithat) u. denke, was ich aufschlage S. 256. die Worte über die Sirenen. Schlage sie Wundershalben auf; sie sollen mir gesagt sein, u. ich mache die Stricke zurecht, mich an den Mast zu binden. Diese Nacht habe ich auf meinem Bett unter dem prächtigsten Ungewitter recht majestätisch geschlafen, u. noch niemanden als Werner, die Kaffeekanne, Dalb. u. den alten Homer gesehen. Man kommt in Italien zu nichts; man mag nicht lesen, denken noch weniger; das Schreiben aber an Dich wird mir äußerst süß; es ist ein Zauber drin; wenn ich denke, daß ich hunderte von Meilen hinüber so herzlich u. vertraulich mit Dir sprechen kann, als ob Du vor mir säßest. Du sitzest auch wirklich vor mir; ich sehe Dich Nachts u. Tages in allen Deinen Lieblichkeiten, u. Deiner herzlichen, einzigen, unnennbaren Liebe u. Zartheit, die Du vor mich hast, u. hattest, u. mir tausendfach erwiesest. Dies sehe ich ohne alle Erhitzung der Einbildungskraft, vor der Du Dich auch, wie vor dem grimmigsten Feinde hüten mußt, bloß im Bilde einer genossenen Seligkeit u. einer Seligkeit, die wir, wenn uns der gute Himmel wieder zusammenführt, tausendmal süßer u. inniger genießen werden. Du meine treue Penelope, ich Dein alter gewanderter Ulyßes, u. unsre Kinder, Kleine u. große, um uns. Grüße sie alle von mir mit einem Kuß: hier lege ich ein Sträußchen vom Adriatischen Meer bei; mit solchen Gebüschen, klein u. groß, ist das Ufer bewachsen. Heut Nachmittage wollen wir das Merkwürdige in Ankona sehen, zu Wagen nämlich, denn die Stadt ist äußerst schmutzig u. es regnet unaufhörlich. Morgen gehts wahrscheinlich nach Loretto; da will ich Dein u. unsrer Santa casa in herzl. Gebet gedenken, wie ich vor dem grünen u. grauen Meer zum Dämon meines Lebens herzlich gerufen habe, da ich zu Pesaro allein nach dem Hafen ging, u. nachher die Segel der Wallfahrt auf den Wellen einen Tag lang dahinschweben sahe. O gütiger Genius, erhalte uns unser Leben, unser Herz, unsre Gesundheit, unsre Kinder, u. bringe uns wieder zusammen, u. gib uns bei gutem redlichem Mut ein frohes Schicksal; ewig, ewig will ich Dir danken, u. nichts erpochen, was Du mir versagest. – Nach den Nachrichten, die hier laufen, ängstet mich ein großer allgemeiner Krieg; daß er nur nicht auch meine Reise verderbe, u. Euch in Not, Gefahr u. Schrecken stürze. O die Fürsten, die Fürsten! – Lebe wohl, liebstes Weib u. sorge für Deine Gesundheit. Ich küsse Dir die Hände, die Arme, Deine Brust u. Dein ganzes Leben. Lebt wohl, Ihr Kinder, lebt wohl. In Rom finde ich von Euch allen Briefe. Sei so gut u. gib der Fr. v. Fr[ankenberg] in einigen Reihen Nachricht, auch mündlich allen, die es begehren; meine Br. aber kann keiner lesen, als Du allein. Aus Rom schreibe ich an den Herz., die Herz. u. Göthe. Nach u. nach auch an andre, die Du jetzt alle aufs beste grüßen magst. – Noch muß ich Dir sagen, daß ich seit Inspruck einen Zopf u. graue seidne Strümpfe trage, um nur mein geistl. Ansehen zu dämpfen. Zur Reise im Wagen habe ich mir Beinkl[eider] von Nanking machen lassen, weil die schwarzen mir unausstehlich enge waren u. zerrissen. Wie ich mich in Rom kleiden werde, wird die Zeit lehren. – Lebe wohl, süße liebe. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 11. Sept. [1788] Abends 9 uhr. Ehe ich Dir auf den Brief von Botzen, den ich so eben erhalten habe, etwas sage, so reiche ich Dir zuerst die Hand mit tausend tausend Tränen, in Rom! Nicht einen Augenblick verlasse ich Dich, Du vom Schicksal so sonderbar geführter, bald in die Höhe, bald in die Tiefe! Mein Gebet ist bei Dir u. Gott ist mit Dir, das weiß ich gewiß, u. Du wirst alles Ungemach überwinden, belehrt u. erquickt u. glücklich wieder zu uns kehren. Aus meinem letzten Br., den Du in Florenz unter Deiner Adresse wirst erhalten haben, wirst Du gesehen haben daß ich nicht heiter war; diese Stimmung ward durch die Fahrt nach Kochberg etwas unterbrochen aber nicht getilgt, kurz ich habe heute den ganzen Tag sehr traurig zugebracht, ging endlich hinten allein ans Fenster u. suchte Gott unter den dicken Wolken mit Seufzen u. Weinen auf; ein schwarzes Täubchen das einsam am Fenster stand machte mich noch trauriger – ich eilte zum Schatzkästchen u. fand »Es ist ein köstlich Ding daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfället u. der Hoffnung erwarte. Die Geduld des Herrn achtet für eure Seligkeit!« auf der andern Seite: »Die Güte des Herrn ists, daß wir nicht gar aus sind: seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sie ist alle Morgen neu; u. deine Treue ist groß. Der Herr verstoßet nicht ewiglich, er betrübet wohl u. erbarmet sich wieder nach seiner großen Güte, pp ich ließ die Kinder etwas lesen, es wollte mich aber nichts ganz erheitern, nach dem Essen kam Dein Brief aus Botzen, u. erklärte mir meine traurige Stimmung. Ich hoffte auf keinen Brief Du Einzig unaussprechlich Lieber, u. Du bist über Alles, über Alles gut. Ach könnte ich nur einen Augenblick mit Dir reden! aus Deinem Brief aus Inspruck war genug zu ahnden, ich sagte nur wenige Worte an Goethe, da antwortete er: er wird Italien schnell aber gut sehen, im Juni eilt er wieder zu ihnen. Es ist alles aufs höchste gegen die S. aufgebracht; u. das mit Recht, aus doppelter Ursache: Euch die Reise zu verderben, sieht ein jeder, u. dann die weibliche Ehre so ganz zu beleidigen. Die Kalb ist seit einigen Tagen wieder hier, kam gestern zu mir u. kanns der Frauen nicht verzeihen. Ihr selbst hat sie in Mannh[eim] ihre ganz Exsistenz verdorben; sie mußte ihrentwegen fort. Die kleinste Sache machte sie zur Intrique; es war undurchdringlich zu sehen, was sie in der nächsten Stunde tun würde pp Ich hoffe Du hast Dich mit dem Veturino allein auf den Weg gemacht, in Rom kannst Du Dich mit Dalberg wieder vereinigen; auf die erste Weise war die Reise höchst unangenehm, ich durfte nicht daran gedenken. In Rom kann Dalb. die S. nicht bei sich haben, das ist gegen alle Sitte, man duldet es sogar nicht. Goethe zuckt darüber die Achseln. In Neapel, sagt er, ist das alles erlaubt, nur in Rom nicht. Sie wird sich an die Herz. Mutt. anketten müssen, oder sich anderswo einlogieren oder sie werden beide nach Neapel eilen; wie er ja auch in einem seiner Briefe aus Mannheim hierher geschrieben hat an Dich. Mir wäre es lieb, so wärest Du ganz frei, aber freilich auch isoliert. Lasse Dir nur gleich ein paar hübsche Kleider machen, ich rate zu einem violettseidnen, welches die Farbe der vornehmen Geistlichen ist, u. ein schwarz seidenes. An guten seidnen Strümpfen u. guten Schuhen, muß es Werner nie fehlen lassen. Lieber Engel es ist eine harte Sache zwar, für den Beutel, allein zu sein, aber Du bist glücklicher u. auch anständiger. Es sei denn daß die S. nicht eurer Gesellschaft wäre. Um alles was ich Dich bitte, laß Dir die Exsistenz nicht durch ein Weib verderben. Bedenke, daß diese Zeit nicht wiederkommt. Suche oft die Angelica auf, die Goethe so hochhält, an andern u. viel Bekanntschaften wird Dirs nicht fehlen. Goethe ist gestern mit dem Prinz August nach Gotha gereist, sobald er kommt sollst Du einen Wechsel von 100 Dukaten haben, durch Reifenstein. ich werde ihm sagen daß Du zu Deinem equipieren noch Geld brauchst. Quäle Dich nur nicht u. ärgre Dich nicht; Du hast nun einmal ein solch zweiblättrigtes Schicksal. Mit Vernunft überwindet man doch endlich Alles. Das hast Du im 3. T[eil] d. Ideen so hübsch gesagt. Wir wollens zuerst ausüben. – Ach wie mir ist, da ich Deine Liebe so neu wieder genieße! ich bin unaussprechlich glücklich durch ein jedes Wort, u. denke manchmal: Du kannst doch vielleicht noch besser werden, da er Dich so lieb hat. Und wenn ich das wirklich zu werden strebe, sanfter u. fester werde, wie bin ich dann so glücklich – leider dauerts nicht lange. Wenn Du wieder kommst, soll Deine Gegenwart alles über mich vermögen. Ich liebe Dich jetzt, wie ich Dich noch nie geliebt habe, das weiß ich. Ja wie ich Dich immer geliebt habe u. ewig lieben werde. – Schlafe wohl Süßer unaussprechlich Lieber, für heute muß ich aufhören, ich muß meine Augen, Kopf u. mein armes Herz schonen. Nichts ist mir peinlicher als daß Du keinen Brief in Trient von mir gefunden hast. Den 12. Morgends. Guten Morgen lieber Engel. Der Gedanke daß Du Dich losgemacht u. mit dem Veturino allein gezogen bist, beschäftigt mich ganz. u. gibt mir Hoffnung daß Deine Reise doch nicht ganz ist verdorben worden. Goethe sagte neulich einmal, man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen. Ehe ich weiter schreibe, will ich Dir auch etwas von der Kochberger Fahrt sagen. Den 4. Sept. schrieb ich meinen letzten Brief nach Florenz. Den 5. früh 6 uhr fuhren wir ab. Goethe, die kl. Schardt, ich u. Fritz. Der Schönste Himmel wars, kein Wölkgen den ganzen Tag. wir waren alle gleich heiter gestimmt. Die Schardt ward über ihre Zuneigung zu den Engländern sehr railliert, Goethe hat ihr vornehmes u. borniertes Wesen detailliert, ist über das Betragen des Hofs gegen sie ziemlich pikiert u. hat offen u. sehr vernünftig darüber geredet. Um halb 11 uhr hatten wir den stoßigen Weg geendigt. Lotte Lengefeld kam zuerst, uns zu empfangen, denn die Fr. von Stein, die uns alle freundlich empfing, doch ihn ohne Herz. Das verstimmte ihn, den ganzen Tag. Wir sahen Zeichnungen die er mitgebracht. Nachmittag schlief er, u. Abends las ich ihr Stellen aus Deinen Briefen vor. Das gab nun eine allgemeine Wärme u. Teilnehmung. Tags vorher hatte Goethe dem Pr[inzen] Aug[ust] u. Herzog über das Christentum vorgelesen, die es außerordentlich erfreut hatte. Da bekam er nun in Kochb. einen Brief hierüber, den er Dir schicken wird – wir sprachen viel von Dir. Der andre Tag war in Allem diesem gleich, nur daß Goethe einiges vorlas das er in den Merkur geben will. Etwas über die Kunst, Beobachtungen über die Witterung u. von der heil. Cäcilia in Palermo. Der Abend war mit einem Spaziergang geendigt, u. der Mond war lieblich. Mich überfiel jeden Abend eine Sehnsucht nach Hause die ich im Bett mit Tränen erleichterte. Ich fürchte daß Du diese Sehnsucht empfindest u. bitte Dich tausendmal sie zu unterdrücken, damit Du Dir nicht die Gegenwart verdirbst. Den Sonnt. gings nach Rudolst[adt] ins Lengefeldische Haus, das eine Herzgute Familie ist. Schiller war auch da; Goethe betrug sich gut gegen ihn u. es war eine gute Stimmung. Die Gegend ist schön. Abends nach Kochb. im Mondschein. Goethe sagte das Gedicht üb[er] die Rosenkreuzer u. erzählte aus dem Tasso. Den andern Tag gings wieder nach Hause über Orlamünde u. Jena in dem unvergleichlichen Saaltal u. schönsten Wetter. Durch Schillers Aufsatz im Merkur über die Götter, den Du kennst, kam Goethe auf die Eigenschaften die die Alten in ihren Göttern u. Helden in der Kunst dargestellt haben; wie es ihm geglückt sei den Faden des Wie? hierin gefunden zu haben; er hat hierüber mit Dir da ich auch zuhörte, viel gesprochen. Die ganze Idee liegt, wie es mir deucht, wie ein großer Beruf in seinem Gemüt . Er sagte endlich wenn Ludwig der vierzehnte noch lebte, so glaubte er durch seine Unterstützung die ganze Sache ausführen zu können; Er hätte einen Sinn für das Große gehabt. Mit 10-12 000 Rtlr. des Jahres könnte ers in 10 Jahren, in Rom allein versteht sichs, ausführen. Der moralische Sinn darinnen hat mich sehr gerührt. Ihr Beide geht, wie zwei Genien der Menschheit, zu Einem Ziel. Gar schön wars, wie er sagte, daß ein einzelner Mensch nie einen Charakter in dem höchsten Ausdruck haben könne, er würde nicht leben können; er müsse vermischte Eigenschaften haben, um zu exsistieren. Er war in der Stunde, da er dies alles sprach, recht in seinem Himmel; u. wir haben ihm endlich versprechen müssen, mit niemand davon zu reden. Du warst natürlich nicht darunter begriffen, denn Du gehörst ja ganz eigentlich u. allein zu diesem Gespräch. Dich vermißt er je länger je mehr. Mit Kn[ebel] kann er über nichts reden, sagte er, Du verstehst ihn u. hilfst ihm vorwärts durch Dein großes Studium. In Jena aßen wir den Mittag bei Knebel, der durch die hiesige Wirtschaft ziemlich verstimmt war. Diesen Tag war der Herzog, ohnerachtet des noch nicht geheilten Zehs nach Dresden ins Lager gereist. Im alten Schloß werden Zimmer zurecht gemacht, damit die Kammer aus dem gelben Schloß herauskann, vermutlich soll dieses für die Gores zurecht gemacht werden. Kneb[el] las mir Stellen aus einem Br. von seiner Schwester vor, die gar lieb u. hochachtungsvoll von Dir schrieb. Abends kam ich stumm u. sehnend nach Hause, fand Deinen Brief aus Inspruck u. die Kinder gesund u. war beklommen glücklich! Ich habe gestern u. vorgestern angefangen die Preisschrift vom gesunknen Geschmack zu durchlesen; ich konnte meiner Stimmung wegen aber nicht fortfahren. Es soll in diesen Tagen geschehen u. künftige Woche abgehen, alles nach Deiner Anordnung wenn ich nichts erhebliches dagegen finde. O Du ganz Geist u. Seele u. unvergleichbares Gemüt! ich bin über alle Deine Gutheit u. Treue u. Liebe demütig bis in mein Innerstes. Ach daß ich mich nicht Stundenlang bei Dich hinzaubern kann! u. jetzt vorzüglich jetzt ! Noch bitte ich Dich um Gotteswillen, sehe u. genieße ohne Störung, was für Dich taugt, u. sehe jetzt nicht mehr auf die Werkzeuge Deiner Reise. Du bist ja Selbständiger als sie alle. Sie waren die gewaltsamen Mittel Dich auf den Weg zu bringen. Solcher bedurftest Du, sonst wärst Du noch hier u. grämtest Dich vielleicht. D. soll u. muß Deinen Dank u. Deine Liebe behalten. Die S. gehört nicht zu Euch. Es ist unbegreiflich wie die Frau ihre Ehre so hat an Nagel hängen können. Dalbergs Reise ist durch sie noch mehr verdorben als die Deinige – Du kannst Dich losmachen. Ich hoffe Kaisers Beispiel hat Dir zum Veturino Mut gemacht. In Mailand stößt Grave zur Herzogin. Sie bleiben sich überall ähnlich. Goethes Freunde u. der Dieden Empfehlungen werden Dir wohl tun. Du bist ja überall durch Deine eigne Person glücklich. Gehe ja gleich aufs Land nach Tivoli pp damit das schwere Rom Dich nicht so sehr drückt. Goethe sagte, wenn er wieder nach Rom käme, so würde er von 12 uhr bis 2 schlafen, die Stunden vor dem Essen; viele täten es so, u. befänden sich wohl dabei. Versuche welches Dir besser bekommt, vor oder nach dem Essen. Der Schlaf scheint dort eine notwendige Erholung zu sein. Einen seidnen Gürtel der dort morgends u. Abends getragen wird unter der Weste, kaufe ja bald, u. vergesse ihn besonders des Abends nicht: man trägt ihn in der Tasche mit sich, um ihn immer zu haben. O könnt ich unsichtbar Deine Begleiterin u. Pflegerin sein! Da ein Brief nach Trient 11 Tage unterwegs bleibt, so war das leider die Ursache daß ich nicht mehr nach Trient adressieren konnte. Wie schmerzt mich das, u. wie erwarte ich Deinen nächsten Brief von Da mit Wehmut! [...] Alles ist unzufrieden mit Dalberg daß er sich durch die S. hat bereden lassen. Alles ist auf Deiner Seite u. bedaurt Dich. Man hofft gewiß daß sie zur Herzogin sich schlagen wird, da sie Ehrenthalben nicht bei Dalb. bleiben kann. Sehe jetzt nur das Geld nicht an Lieber Engel, u. lasse Dir Dein Dasein nicht verderben, diese Zeit kommt nicht wieder , oder es müßte ein besonderes Glück Dich zum zweitenmal begünstigen! Alles ist ja möglich. [...] Lieber Engel, fahre fort mir Alles zu schreiben was Dich so nahe betrifft, verberge mir nichts. Das Vertrauen erleichtert ja allein, u. ich bin kein getrenntes Wesen von Dir, unsre Seelen trennt nichts! Was sind das für Stunden wenn ein Brief von Dir kommt! O Du Einzig Guter Lebe wohl u. grüße Dalberg u. wer Dich liebt. Daß Werner brav ist, freut mich sehr, in Rom lasse ihm ein neues Kleid machen nach der Landesart, u. was er sonst bedarf, damit er gut u. willig bleibt. [...] Ich werde Dir von jetzt an, alle 8 Tage richtig schreiben, es müßte dann sein daß ein Brief von Dir gleich Antwort erfordert, so erhältst Du noch früher einen. Sende nur gleich Deine Adresse. Kneb. hat mir inlieg. Brief gesandt, auch einen an ihn von der Fr. v. Hutten die ihm für die Bekanntschaft des Hochachtungswürdigen Mannes gar wacker danket. Goethe schreibt Dir aus Gotha, wie er mir versprochen. Ach das Fortrücken zieht meine Seele immer fester an Dich, Du mein einziges Glück auf Erden – Lebe wohl, lebe wohl. Gott sei mit Dir, erfreue Dich u. behüte Dich! Tausendmal lebe wohl Du unaussprechlich Guter. Die Stein u. Schardt grüßen gar herzl. es tut mir wehe daß erstere mit G. noch nicht gut werden will. Noch danke ich dir 1000. 1000 mal daß Du so oft schreibst u. mich beruhigst. Ich danke Gott daß er Dich gesund erhält u. er wird Dich behüten u. bewahren Du Guter. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 9. 1788 [?] Liebster Vater. Empfangen Sie auch von mir meinen Gruß in Rom, und holen Sie hier den Zweck Ihrer Reise, vergessen Sie allen Ihren vorigen Kummer, und kommen Sie mit neuen Seeles- und Leibeskräften bald wieder zu uns. Unserer täglicher Wunsch ist, daß es Ihnen nur wohl gehen möge, und ich schließe Sie immer in mein Gebet ein. Es hat mich und die Mutter recht gerühret, da Sie sagten, daß das Obst verfaule, wie oft die schönsten Hoffnungen verweseten –, O, denken Sie doch, daß aus einer fehlgeschlagenen Hoffnung manchmal etwas besseres und schöneres hervorgehet. Ich habe noch immer meine Schwären, aber ich werde gewiß recht gesund und fest darnach werden, bleiben Sie nur gesund und vergnügt. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen alles Glück, und umarme Sie in Rom. Behalten Sie mich lieb und vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner, und ich lasse ihn viel Glück in Rom wünschen, alle grüßen ihn. Alles ist gesund und die Mutter hat der Henriette eine Arzenei aus Hamburg verschrieben, u sie befindet sich recht wohl darnach.   [Nachschrift von Caroline Herder:] Den Werner grüße ich mit meiner eignen Hand aufs beste. Er hat doch meinen Brief erhalten? August Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 9. 1788 Liebster Vater. Gestern haben wir wieder einen sehr erfreuenden Brief von Ihnen bekommen, in welchem Sie uns die schönen Tyroler Gegenden u Berge beschrieben haben. Ach könnten wir doch mit Ihnen die schönen Sachen genießen, weil es aber nicht so ist, so sind wir mit Ihrer Beschreibung zufrieden und unser Geist und Gedanken sind bei Ihnen, und danken für alles. – Heute haben drei Primaner peroriert Cunis, Hederich u Mende. Sie sagen alle Hederich hätte Ihnen nach geahmt. Ich wünsche Ihnen viel tausend Glück in Rom unter den Pällsten u über all. Leben sie tausendmal wohl, ich liebe sie herzlich u vergesse Sie keinen Tag. u vergessen nicht Ihren gehorsamen Sohn August Herder. d. 12 September. 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 12ten Septem 1788. lieber Vater Ich bewillkomme Sie in Rom, daß Sie jetz dort glücklich leben möchen, und uns nicht vergessen. Ich gebe mir rechten Fleiß zum Zeignen, damit ich auch einmal dahin reiste wo Sie jetz sind, und alle die schönen Gegenden abzeigen kann. Ich schreibe Ihnen diesmal wenig, aber Sie sehn doch noch, daß ich Sie lieb habe und noch an Sie denke wir reden immer [von Ihnen?]. Leben Sie wohl und grüßen Sie den Werner, behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder. 1788. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 9. 1788 [?] lieber Vater. Nun sind sie in Rom! ich wünsche ihnen vieltausend Glück! über ihren lieben Brief aus Botzen habe ich mich rechtschaffen gefreut, die Gemsen hätten mir rechtwohl gefallen wenn ich sie gesehen hätte. Ach wenn ich nur bei Ihnen wäre, so wollte ich mich mit Ihnen recht freuen. der H. Schäfer hat uns Von dem Kaiser Maximilian erzählt wir haben auch Griechisch angefangen, daß lesen ist recht leigt leben sie wohl lieber Vater u. sein sie Glücklich – ich denke recht oft an Sie u. haben Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Adelbert Herder. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 9. 1788 [?] Lieber Vater. Kommen Sie bald wieder denn wir haben Sie gar lieb u mögen [von Caroline Herder darübergeschrieben: können] nicht ohne Sie leben, die Mutter hat uns auf der Landcharte Botzen gezeigt, wo so Viele Kinder u so viel Obst waren da haben mir recht gewünscht bei Sie zu sein. Jetzt lerne ich das Lied Jesus meine Zuversicht u. mir beten alle Tage mit der Mutter. Luise Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 9. 1788 [?] lieber Vater! Kommen Sie bald, u haben Sie mich lieb, und erzählen mir von den Gemslis u. da will ich wieder an ihnen hinaufe klettern u ich will Sie auh lieb haben, u wenn Sie kommn, bringen Sie Von die schönen Abrilikosen mit Dein getreuer Bruder Emil J. G. Herder an Caroline Herder Terni den 17. Sept. [1788]. Tausend Jahre scheinen mirs, mein liebstes Leben, seit ich nicht an Dich geschrieben habe, u. 10,000. seit ich keinen Brief von Dir empfangen habe; aber siehe auf die Charte, wie weit wir fortgerückt sind, so daß wir morgen bequem in Rom sein könnten, wenn wir nicht erst den berühmten Wasserfall bei Terni sehen wollten, der einige miglie von hier ist, u. wohin wir morgen unsre Reise steuren u. denn übermorgen nach Rom unsre Straße fortsetzen wollen, so daß wir, Ende dieser Woche, etwa Sonnabend, wenn uns der Himmel hilft, daselbst glücklich anzukommen gedenken. Bisher sind die Wirtshäuser so schlecht gewesen, daß ich nirgend gleichsam ein reines Winkelchen fand, wo ich Dir hätte schreiben können, so sehr es jeden Tag mein Herz begehrte; nimm also mit diesem Briefe den Zoll der Liebe u. des Andenkens von 8. Tagen an, u. lies unsern Fanciulli die weitern Abenteuer unsrer Reise vor, indem Ihr eine Charte zur Hand nehmet. Ich fange an, wo ich aufhörte, bei Ankona. Am ersten Tage passierte nichts so gar merkwürdiges: ich ging Nachmittag einen berühmten Missionar hören, den der Papst aus Rom nach Ancona geschickt hatte, die Ketzer zu bekehren. Er predigte auf einem großen Platz vor viel 1000. Männern u. Weibern, der abgefeimtste Pfaffe, in der schönsten Italienisch-Römischen Mundart, so infam, daß ich Dir den Gräuel nicht sagen mag: weil er mit den religiösesten Gebärden lauter Geschichtchen u. Gespräche der donne aus dem Beichtstuhl erzählte, hinter jeder derselben lachte das ganze andächtige auditorium laut auf, u. blieb immer andächtig. Wir haben keinen Begriff von solchen istruzzione, wie sie es nennen, in unsrer Gegend: wie seine Stunde aus war, trat er ab; es wurde wieder gesungen u. ein Dominikaner trat auf das Gerüste zu einer ernsthaften Predigt. So verbringt man die Zeit, wenn keine Oper oder Komödie da ist, u. das Damen, wie Herren u. das Volk. Man hat keinen Begriff von dem in den Tag hineinleben unter freiem Himmel. – Ich ging nach Hause u. rauchte meine Pfeife vor einem schönen Monde. Den Tag drauf wanderte ich allein durch die Stadt, weil D. zeichnete, u. die S. nicht wohl war: Gegen Mittag kam ich auf die schönste Höhe der Welt, die über den Hafen von Ankona aufs Adriatische Meer hinausblickt. Hier hat einst ein Tempel der Diana, an einem würdigen Platz gestanden, jetzt ist der Dom da; ich konnte mich von der schönen Höhe des blaugrünen Meeres nicht trennen, ging endlich aber doch hinunter, u. suchte die Börse, wo vom Balkon eine ruhige, unendlich schöne Aussicht aufs Meer ist. Nachmittag fuhren wir in einige der Kirchen, die ich vormittag schon gesehen hatte, auch auf meine schöne Höhe, u. beschlossen, da es schon dunkel wurde, mit der Börse u. der porta nuova. Die Aussicht aufs Meer machte mich jetzt unter dem schönen Monde so süß-traurig, daß ich im Andenken von Euch, meine teuren Einzigen Lieben, ein Stückchen Siegelwachs, das ich in der Tasche hatte, still u. andächtig ins schöne Meer hinab vom Balkon fallen ließ, u. mit einer Zähre in den Augen die Nymphen für Euch u. mich anflehte. Morgens drauf am Sonnabende gings aus Ankona nach Loretto, wo wir Mittags ankamen, sehr unrein, garstig u. schlecht logierten, u. gleich den Nachmittag die Santa casa der Maria, die im Altar ist, mit allen goldnen Kindern, allen unnennbaren Juwelen, Diamanten, Schmuck, Perlen, Gold-, silbernen Statuen ppppppp sahen. Es ist nicht zu beschreiben u. verdient auch keine Beschreibung, ich will Euch davon erzählen. Das beste für mich war, außer vortrefflichen Basreliefs rings um den Altar, eine Madonna von Raphael in der Schatzkammer, u. eine kleinere, nebst einem kleinen Johannes in den Zimmern des Papsts, wenn er herkommt. Den Sonntag drauf kniete D. u. ich vor dem Altar, sahen u. hörten alles noch Einmal, u. fuhren Mittags ab. Wir kamen über Recanati, wo erst die Santa casa gestanden, bis Macerata, logierten schlecht u. teuer, es regnete die Nacht durch, u. wir fuhren Morgens mit TagsAnbruch unter Regen in die Gebirge: es heiterte sich aber bald auf, u. wir kamen Abend unter der schönsten Mondbeleuchtung durch Täler u. Gegenden, von denen wir keinen Begriff haben, in Fuligno an. Morgens sahen wir einen Raphael, viel schöner als der in Loretto, eine Maria mit dem Kinde auf Wolken, das Kind steigt aus ihrem Schoß, u. tritt mit dem Einen Füßchen auf die Wolken. Unten ein vortrefflicher Joh[annes] der Täufer, ein Mensch, der eine Welt in sich hat u. auf das Kind zeigt; u. 2. Kniende Heilige, der Eine ist das Porträt dessen, für den Raphael das Bild malte: ein Sekretär des Papsts, sein Freund, u. hieß – – – a comitibus p Es ist ein herrliches Stück, nur leider beschädigt: die Nonnen lassen es verderben. Wir sahen noch einiges andre u. hätten von Fuligno in der schönsten Ebne von ganz Italien nach Perugia fahren können; die S. aber wollte nicht; wir reiseten also nachmittag fort, nach Spoleto, gleichfalls in einem vortrefflichen, entzückenden Tal zwischen den Apenninen. Von der Schönheit der Apenninen ist nicht gnug zu sagen: es gibt, glaub' ich, keine schönere Gegenden des Gebirges, ob die Tirolerberge gleich viel höher, wilder, kühner, größer sind. D. zeichnete hie u. da; ein schöner Fund, den wir antrafen, war ein ganz erhaltner Dianentempel, nicht weit von Vene, eine Station vor Spoleto. Da es der erste Tempel ist, den ich sah, lief ich voll Freude hinab, umfaßte die Eine schöne Säule, ganz mit Lorbeerblättern geziert, u. sah mit entzücktem Blick auf die schönen Flüsse u. Gegenden im Tal, mit ihren Nymphen hinab. Das innre Tempelchen hat ein Papst zur Kirche weihen lassen, damit es verschont bliebe; ich stieg, wie toll auf den Altar, zur Nische, wo die heilige Göttin gestanden hatte; sie war aber nicht da, ein schlechtes Bild des Gekreuzigten stand auf dem Altar. Hier hat Du 2. Zweiglein aus den Mauern des Tempels, die ich für Dich gepflückt habe, D. hat ihn in der Eile gezeichnet, u. will mir ihn zum Andenken der schönen Stunde geben, die wir da genossen. Die Gegend wird ewig in meiner Erinnerung bleiben. Zu guter Zeit waren wir in Spoleto, besahen noch die porta fugae, wo Hannibal floh, da er beim Trasimenischen See geschlagen war, ein Gemälde mit Wasserfarben von Raphael in seiner ersten Manier, u. die ungeheure Brücke zwischen 2. Bergen zur Wasserleitung. D. zeichnete diese den Morgen drauf, während dessen ich die Brücke beging, u. das Schloß bestieg. Ein sonderbarer Morgen. Um 10. Uhr fuhren wir weg, kamen Mittags auf die Somma, die höchste Höhe der Apenninen, nachmittags durch den ersten Olivenwald, von dem ich Dir ein Zweiglein von einem Ast beilege, der hier vor mir voll Früchte liegt, u. ich durch Werner pflücken ließ, damit ich Euch wie die Taube Noah ein Friedens- u. Weisheitszeichen übersende. Und nun sind wir hier in Terni; ich sitze u. schreibe: morgen gehts zur Kaskade. Lebt wohl, Ihr lieben; lebe wohl Du holde Maria, an die ich bei jedem Bilde von Raphael andächtig u. glücklich denke, lebt wohl, Ihr Kinder. Bald bin ich in Rom u. finde von Euch eine Menge Briefe. Gebe Gott, sie sein glücklich, Gebe Gott, daß Ihr alle wohl seid u. mir lauter frohe Nachrichten meldet. O mein liebes Herz u. Leben, erhalte Dich u. sorge für Deine Gesundheit, habe die Kinder lieb u. mache, daß ich sie wie Palmen wiederfinde. Was fehlet uns, wenn wir froh sind u. uns lieb haben? Nichts auf der Welt kann u. darf uns fehlen. Ich umarme Dich, Du Engel Gottes, Du, der ich ganz bin u. es immer sein werde. – Die Cena ist aufgetragen; nachher noch einige Worte. 18. Sept. Wir sind beim Wasserfall gewesen, u. eilen fort; ein großer Anblick, doch nicht größer, als meine Erwartung ihn dachte. Der Strom Vellino, ehe er fällt u. in der Enge zwischen Felsen rauscht, füllte mich mehr, als da er in seine Kluft stürzt u. allgemach sein Bette findet. Wir kamen im Regen von den Höhen hinab, u. eilen fort. Heut Nacht in Citta Castellana, denn geht der neue Weg an u. Morgen Mittag oder Nachmittag in Rom. Lebt wohl, Ihr Lieben, u. gedenkt meiner, u. wünscht mir alles Gute; wo nicht um mein- so um Euretwillen. Lebe wohl, Liebe, ich nehme diesen Brief nach Rom mit. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 19. Sept. 1788. Vorigen Posttag habe ich Deinen Brief aus Verona vom 4. Sept. erhalten, lieber Engel, auf den ich ängstlich wartete, der aber über alle Erwartung gut war. Doch ist es mir immer als ob Dir noch mehr unangenehmes begegnet sei in dieser Zeit, u. ich bin mit jedem überlebten Tage froh daß einer zurück ist u. Du bald nach Rom kommest. Die Übereilung gesellt sich nun einmal in alle unser gutes u. böses Schicksal; wie anderst angenehm u. glücklich wäre es für Dich gewesen, wenn Du Dich ein Jahr darauf hättest bereiten können! Da es nun nicht geschehen, so mußt Du Dich wie jener Musikus in Rom, auch einsperren solange bis Du nur ein wenig die Sprache weghast. Doch über das alles, hebe Dich ein guter Mut weg; atme u. sehe; u. sorge für Deine Gesundheit. Je länger ich an Eure Reisegefährtin denke, je unbegreiflicher wird sie mir. Die Reise muß dem Dalb. gerade noch einmal so hoch kommen u. wie manche Zeit u. Stunde wird er selbst verlieren, das Land u. seine Schätze kennen zu lernen. Laß Du Dich nur nicht stören lieber Engel, ich hoffe immer daß der große Eindruck der alten Welt, Deine Seele in etwas befriedigen möchte, u. daß wir an dem gesammelten Schatz nun die übrige Lebenszeit glücklicher und zufriedener leben werden! Ach Deinen Segen den Du uns noch an der Grenze gegeben, habe ich mit tausend heißen Tränen empfangen u. Gott angelobet, gut zu sein, täglich besser zu werden, für Dich u. die Kinder. Ach ich will Alles tun Du einzig Guter, fordre was Du willt; Gott wird mir ja Stärke u. Kraft dazu geben! – überall wo ich Deine Hand finde, finde ich etwas tröstendes u. aufmunterndes. [...] So lese ich manchen Abend vor Schlafengehen die Lieder in den zerstreut[en] Bl[ättern] u. die Blätter der Vorzeit; o wie fromm u. herzlich u. groß sind sie mir jetzt als mein Abendgebet; unmittelbar Gottesstimme von ihm u. zu ihm. Eine jede Zeile ein jedes Wort von Dir, ist mir Gottes Wort. Das wußt ich schon lange, aber jetzt weiß ichs noch inniger. Deine Preisschrift vom gesunknen Geschmack habe ich gelesen. Das ist ein unvergleichliches Werk u. ein lehrreiches; ich denke, es müßte den Schullehrern auch nützlich sein. Der Kern, Dein Geist, ist doch immer der nämliche gewesen – nur die Schale, der Stil hat sich um ein merkliches verbessert. Wenn wir es zusammen gelesen hätten, hätten wir über manchen Drang der Aussprache gelächelt. ich habe nichts zweifelhaftes gefunden, alles ist deutlich u. gar schön verbessert. Wenn Goethe von Gotha kommt, will ich ihn über ein Wort fragen, die offne Muse, (es war von den Griechen die Rede.) Gestern habe ich die über die Sprache angefangen u. werde es übermorgen zu Ende bringen, so daß den Mont[ag] alles nach Berlin abgehen kann. [...] Gleim hat gestern 10 Lose u. das Geld dazu, zum Musäusischen Garten, für die Kinder u. mich, geschickt, die Prof. hat sie ihm zum unterbringen zugesandt. Er frägt sehr nach Dir u. drückt sich auf eine eigne Weise aus: »ärgert sich mein Bruder Herder schon in Rom? Sitzt er im Schatten eines Ölbaums an der Quelle bei Vaucluse? wo lebt er? wo denkt er an uns? nun wünscht ich, er wäre noch bei uns u. schrieb an seiner geliebten Adrastea, so bekäm ich das herrliche Geschöpf in diesem Leben noch zu sehn!« auch schließt er den Brief mit den Worten: »Sie sind nicht sicher daß wir nicht einmal am Sonnabend angefahren kommen u. den Mont. wieder abreisen – wir dörfen doch?« – Das wäre mir nun ein artlicher Besuch! Wenn Goethe kommt sollst Du gleich einen Wechsel haben; ich hoffe, wenn Dir Geld gebricht, Du nimmst einsweilen von Dalb. oder Reifenstein. Ich bitte Dich doch ja hübsche Kleider zu tragen, nach der Gewohnheit des Landes. Hübsche Schnallen nicht zu vergessen. Jetzt kommts endlich auf ein paar hundert Taler mehr oder weniger nicht an. Sich behaglich zu fühlen mit andern, kommt doch gar sehr auf die Kleider an; das sehe ich immer mehr. Wie bin ich begierig auf Deine ersten Briefe aus Rom! Wenn Du Dir nur alles recht gemächlich u. gemütlich einrichtest! An Geld will ich Dirs nicht fehlen lassen. – Von der Herzogin habe lange nichts gehört. Du schreibst ihnen beiden doch gewiß aus Rom; ich bitte Dich darum. Anfang künftigen Monats kommt der Herzog wieder. Wie jammerts mich daß Ihr nicht über Florenz gegangen seid! Dort lagen 2 Briefe von mir. Ich habe sie durch einen italienischen Brief an das Postamt daselbst, unter der Adresse an Buri nach Rom zu senden gebeten. H. asses. Zinserling hat mir den Brief aufgesetzt; der überhaupt gar willfährig zu dienen ist. Solltest Du sie nicht empfangen haben, so schreibe selbst darum. Die Adresse war: à Mons. Herder Conseiller ecclesiastique à Florence, poste restante. Es war auch ein Br. von Goethe darinnen. Die Kinder u. ich sind alle wohl. Da ich große Anstalten zum sparen machte, haben wir sämtlich einen solchen Appetit bekommen, daß ich muß mehr Gemüs kochen lassen wie sonst; der Fleischer bekommt aber viel weniger. Etwas von der ältsten Fräul. Volgst. muß ich schreiben. Sie hat Dich doch so lieb. Als sies in der Stadt hörte (denn in der Stadt wußten sies früher als ich) daß die Seckendorf mitreiste, so war sie sehr [böse] auf sie u. sagte, jener arabische Weise hätte wohl recht; vor sieben Sachen soll man sich hüten, vor Ottern, Schlangen, Skorpionen pp u. vor einer schönen Frau . Nachmittag. Eine unaussprechlich große Freude habe ich so eben durch Deinen Brief vom 5. Sept. aus Verona, den mir die Frau von Frankenb. gesandt! ach wie viel tausendmal danke ich Dir dafür. Du bist über Alles über Alles gut, lieb u. treu Du unerschöpfliche Quelle; ich weinte von Herzen bei der Beschreibung der Grabmäler, u. das Andenken der verflossenen Tage kam recht wehmütig über mich. Doch freue ich mich auch der andern Dinge, Gebäude, Gegenden, des Himmels, den Du auch mit mir gesehen. Ja ich bin Dir immer zur Seite Du lieber Einziger, Du magst auf Deinem breiten Italienischen Lager liegen u. unsrer gedenken, oder den stillen Mond sehen, in den ich Dich tausendmal begrüße, immer u. unabtrennlich bin ich bei Dir. Keine neuen Gegenstände verhindern mir Dein Andenken – so schlafe ich ein u. so erwache ich. Wenn ein Brief von Dir kommt, denn bricht das arme Herz wieder los, u. die Kinder können nicht begreifen warum ich weine, da sie doch hüpfen u. springen bei des Vaters Brief. Nun Gott sei immer bei Dir, Du bestes Herz! Es ist doch Alles gar schön was Du aus Verona schreibst, u. ich fühle daß Dirs wohl war. Nun wird der Brief wieder zehnmal gelesen bis wieder ein andrer kommt. Wir sind alle sehr begierig Dich zu sehn in Deinem Zopf. Den Kindern macht das einen großen Spaß. Ich wünsche Du hättest Dir auch seidenes Futter in das Sommerkleid machen lassen. Spare nur an Deinem Leibe nicht. – O wie schön ist die Gegend die Du beschreibst! Gott gebe Dir viel tausend Gutes dafür. Ich kann Dir doch gar nichts erfreuendes dagegen sagen. Das schmerzt mich. Auch ist heute ein gar dunkler Himmel, es regnet gewaltig. Dein verlornes Augenglas wirst Du ja wohl wieder im Andenken der guten besten leidenden Fr. v. Fr[ankenberg] durch ein andres ersetzen; sage mir nicht mehr: »glaube oder verzeihe mirs, ich habe das Andenken besserer Menschen oft nötig« Du weißt wie ich über diesen Punkt gedenke. Ich lebe nun einmal ganz in Dir u. mich macht nichts irre; ich denke nicht einen Augenblick an mich; u. ich hoffe Dir dies Gefühl in vollem Maß zu zeigen, wenn Dich Gott wieder zu uns bringt. Das Leben ist zu kurz, u. ich zu arm für Deinen reichen Geist. Die ganze Welt ist Dein, genieße sie, ich bitte Dich. und wenn Du wiederkommst, wollen wir an Deinen Lippen hangen u. Du bist wieder unser, wie Du es ja jetzt auch bist. Lebe wohl Du guter lieber fester Mann. Gott gebe Dir Freude, Gott gebe Dir Segen u. behüte Dich! Gottfr. u. Aug. schreiben Dir heute. Wilhelm, Adelb. Luisgen u. Emil grüßen den lieben Vater u. werden das nächstemal schreiben, ich drücke Dich an mein armes treues Herz. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 9. 1788 [?] Liebster Vater. Ihre vortrefflichen Briefe aus Verona sind uns eine große Freude u. Erquickung gewesen. – Ich kann mir den Zypressen garten, an dem Felsen recht deutlich denken, und das schöne Wetter, und das herrliche Italien. Es freut mich, daß Sie auch einen Zopf tragen, da kann ich Ihrer auch spotten, wenn Sie über den meinigen lachen. O könnte ich Sie doch nur einmal sehen, oder Sie wieder hören, und Sie in meine Arme drücken!! Der Herr Direktor hat an die Mutter einen sehr höflichen Brief geschrieben und ihr das Programm für Sie geschickt, worinnen er das Stück aus den Blättern der Vorzeit, Salomon in seinem Alter übersetzt hat. Ich habe es der Mutter übersetzt, er hat es sehr schön übersetzt, und es ist dem genio der Lateinischen Sprache recht angemessen. Leben Sie wohl, teuerster, liebster Vater, und kommen Sie bald wieder. Herr Schäfer läßt Sie vielmals grüßen; wir sind in der Bibliothek recht fleißig. vale, vale. Behalten Sie mich lieb, Ihren gehorsamsten, u. Sie zärtlichst liebenden Sohn. Gottfried Herder Viel Grüße an Werner. August Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 9. 1788 Liebster Vater. Jetzt rede ich wieder mit Ihnen im Herzen, u. sage auch dank für die liebsten Briefe. – Morgen kommt der H. Geheimerat v. Goethe wieder von Gotha. Ich wünschte, daß ich sie mit ihrem Zopfe könnte sehen, es wird sehr lustig aussehn mit ihrem ernsthaften Gesicht, wenn sie wieder kommen muß sie Werner auch so machen, daß wir sie alle auch so sehn. Etwas muß ich Ihnen melden, ich trinke jetzt alle morgen ein Ei im Kaffee u. es bekommt mir sehr gut, u. da sie in Italien keinen Raum haben, sagt die Mutter So möchten Sie doch auch ein Ei im Kaffee trinken. Grüß Sie Werner von mir u. allen. Leben Sie wohl u. vergessen nicht Ihren gehorsamen Sohn August Herder d. 19. September 1788. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 9. 1788 [?] lieber Vater ich kriege ein neues Kleidchen von grunem Biber, es wird schon kalt, ich habe getraumt von Sie. Sie wären gekommen u. hätten Kuchen gebracht. Kommen Sie nur bald, ich habe Sie gar lieb. Gott wird Sie gesund halten. Ihr gehorsamer Bruder Emil Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 20. Sept. 88. Da sind wir in der Hauptstadt der Welt, u. alles Ungemach der Reise ist vergessen u. verschwunden. Gestern Abend, oder Nachmittag zwischen 4-5. Uhr langten wir an, stiegen bei Danon ab, der uns ein Haus im Corso anwies, wo wir uns denn nach einem Hause umzusehen Zeit haben, vor der Hand aber noch ziemlich enge u. unbequem zusammengepackt sind. Unsre erste Sorge war um Briefe; D., die S. empfingen die ihrigen; ich aber ging leer aus. Ich habe diesen Morgen nochmals auf alle Posten geschickt; aber vergebens. Wie mich das schmerzt, kann ich Dir, liebste auf Erden, nicht sagen; Es ist Euch, hoffe ich, nichts begegnet; sondern Alles, Alles, ich hoffe, hoffe es zu Gott, ein Mißbenehmen mit den Posten; dem Göthe doch wohl hätte zuvorkommen können. Die Briefe, die ich an Dich geschrieben habe, sind 1. Erfurt 2. Gotha 3. Bamberg 4. Bamberg in Nürnb. auf die Post gegeben. 5. 6. 7. Nürnberg, imgleichen ein Pack 8. Anspach, nebst Br. an Knebel 9. 10. Augsb. imgl. – 11. Insbr., wo Briefe an Knebel, Voß plagen auch die Vorrede 12. Botzen vom 1. Sept. 13. Verona den 4. 14. Mantua, aber zu Verona geschrieben, unter Adresse der Fr. v. Frank[enberg] 15. Ankona den 11. Spt. 16. von Terni der hier beikommt. Deinen letzten Br. habe ich in Augsb. an meinem Geburtstage erhalten; Du schriebst, daß Du noch Einen in Dtschl. an mich schreiben wolltest. Ich fragte auf allen Posten bis Trent u. Roveredo nach, aber vergebens; schrieb von Insbruck nach Augsburg, daß wenn er dort ankäme, man mir ihn à la poste restante nach Rom schicken sollte; aber auch den habe ich hier noch nicht gefunden. Ich ging gestern Abend zu Buri, u. glaubte, bei ihm würden welche sein; ich sahe Göthes Quartier, u. an Buri, den herzlichsten, liebevollsten Jüngling, aber keine Briefe. Er ging mit mir zu Angelika, die mir nichts als Göthes alten Brief von Costanz zu geben hatte, für den ich ihm sehr danke. Reifstein kam auch eben hin, daß ich also den ersten Abend gleich 3. Deutsche sprach: er hat Göthes Geldanweisung erhalten, sage ihm das; die Angelika wartet auf eine Antwort von ihm; sie hat nachgerechnet, daß sie sie schon haben könnte, sage ihm das auch. Sie ist eine feine, zarte, reine Seele, ganz Künstlerin, äußerst simpel, ohne Reize des Körpers, aber in allem sehr interessant; der Hauptzug ist Simplizität, Reinheit u. Feinheit. Schade für die Kunst u. Menschheit, daß sie schon etwas altert. Sie hat mich sehr artig empfangen, ich blieb aber nicht lange da, weil meine quodlibet-Gesellschaft zu Hause noch nicht arrangiert, u. ich nur so weggelaufen war. Die Nacht habe ich prächtig geschlafen, u. befinde mich gesund u. wohl. Werner, der einige, die letzten Tage der Reise über Kopfschmerzen klagte, befindet sich heut auch frischer u. gestärkter, welches ich ihm denn herzl. gönne. Er lag mir sehr am Herzen, u. es war Zeit, daß die Reise aus war. Gottlob, also, wir sind hier; u. was sich weiter machen wird, will ich Dir schreiben. Wäre ich allein, so wäre ich in Rom schon wie zu Hause; so unglaublich leicht wird einem alles gemacht, wenn man Geld hat (doch ists nicht teuer) u. wie ein Mensch reiset. Ein Troß aber, eine gnädige Frau, Knickerei und Kleingeist daneben machen es freilich nicht so leicht u. eben. Doch laß das gut sein, u. laß Dich gegen keinen nichts merken, wie ich Dich immer gebeten habe. Man gewinnt vor der Welt nichts gegen die Leute, u. sie sind durch sich selbst gnug gestraft; daher sie auch im Leben zu nichts rechtem, Innigen, Großen u. Festen kommen mögen. Wenn wir eingerichtet sind (welches bald geschehen wird; denn es gibt gnug u. satt leere Quartiere) werde ich ausführlicher schreiben. Während der Zeit habe ich auch Deine Br., u. werde sodann an den Herz. u. die Herz. schreiben. Vorjetzt grüße alle u. sage, daß ich gesund hier bin; grüße Göthen u. sage, daß ich sein Quart[ier] gestern bei Licht gesehen, heut will ichs sehen bei hellem Tage. Buri hat herzlich geweint, da er mich sah u. herumführte. Ich will heut Werner mitnehmen, daß er das Quartier kennen lernt; es ist in unsrer Straße. Die Herzogin M[utter] will den 25. in Florenz sein, wie Einsiedel Reifstein geschrieben; also kommt sie Ende dieses Monats hier an, wenn wir hoffentlich eingerichtet sein. Gesehen habe ich noch nichts, als aus meinem Zimmer das Stück vom blauen Römischen Himmel; das ist vorerst die Rotonda gewesen, unter der ich heut morgen mein Dankgebet getan habe. Es war zugleich eine herzliche Bitte um gute, glückliche Nachrichten von Euch, meine lieben. Lebt wohl, wohl, wohl, wohl u. denkt meiner. Hier ist das Zweiglein vom Tempel der Diana am Klitumnus, ein Blatt aus dem ersten Olivenwalde u. ein Lorbeerzweiglein vom Wasserfall bei Terni. Aus Rom meinen herzlichsten Kuß. Johann Wolfgang von Goethe an Caroline und J. G. Herder Weimar, 22. 9. 1788 Hier schick' ich noch ein Blättchen an den Mann. Ich habe mich etwas stark herausgelassen; warum soll man aber nicht die Wahrheit sagen? Ihm ist ja so ungeheuer manquiert, daß er ein für allemal nicht zu nachgiebig und gutmütig sein muß. Leben Sie wohl, Beste! G. Ich kann wohl wenig zu dem hinzufügen, was dein treues Weib in beiliegendem Brief dir wird gesagt haben. Wenn es noch Zeit ist, du dich nicht durch ein gutmütiges Point d'honneur außer Besitz gesetzt hast; so bitte ich dich inständig, unserm Rat zu folgen: Dalbergen männlich und einfach zu sprechen, von ihm das bedürfende Geld zu nehmen und lieber sein Schuldner zu bleiben als dich und die deinigen in die fatale Verlegenheit zu setzen. Dank's ihm im Grunde der Teufel, du brauchst ihm gar kein gut Wort dafür zu geben; es ist in jedem Betracht schurkisch; denn es ist kein Spaß, einen dahin zu locken, wo er nicht sieht, wie er zurück kann. Das Zurückgehn muß dein Hauptbegriff sein; denn du stickst nun einmal drin. Vor Ostern ist's nicht möglich. Laß du bis dahin die Frau das Geld sammeln. Ich gebe dir den Kreditbrief in Rom, und du gehst neugeboren zurück. O mein Bruder, welcher böse Geist trieb dich, mich zurückzuberufen? Ich hätte dich nun auffangen können und wir hätten sie alle ausgelacht. Es wende sich dir alles zum Besten, nur um Gotteswillen keine Gutmütigkeit, die pelikanmäßig ihren Busen aufreißt, um Bastarde zu säugen. Ich lebe sehr wunderlich. Sehr zusammengenommen, und harre auf Zeit und Stunde. Mein achter Band ist in Ordnung. Künstlers Apotheose soll dir eine gute Stunde machen. Nun bin ich an Tasso, der auch vorrückt. Behalte ich Frieden von außen, so gerät auch der. Leb wohl. Morgen fahr ich mit dem Erbprinzen nach Jena. Wir nehmen Augusten mit. Daß du Kaysern in Botzen antreffen solltest und auf solche Weise, war wunderlich genug. Er ist den 10. September in Zürich angelangt. Sehr verlangend bin ich von dir zu hören. Daß doch dein Reiseglück nicht beständiger war! Möge sich eine neue Epoche machen! G. d. 22. Sept. 88. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar, 22. 9. 1788 Lieber Engel ich schreibe Dir heute schon wieder; die Affaire des Geldes kränkt mich aber je länger je mehr. Je länger ich darüber denke, je unedler u. niedriger finde ichs, daß Dich D. bezahlen läßt. Er hat Dir die Reise angetragen, er wußte so gut als wir, daß Du nicht in der Verfassung bist, eine Reise nach Italien zu unternehmen, noch weniger mit ihm al Barone zu bezahlen. Unsre Gutheit spielt uns eben immer üble Streiche; u. in der ersten Aufwallung u. Teilnehmung an Deinem Verdruß, dachte ich, ich könnte u. müßte Dir Geld schaffen, wenn auch gleich zu unserm Nachteil. Die Sache wird mir aber je länger je wichtiger – ich habe daher gegen Dein Verbot gehandelt u. in Zeiten, ehe wir etwas durch gutherzige Übereilung verderben, Goethe um Rat gefragt. Wie ihn das ganze Betragen indigniert hat, kann ich Dir nicht sagen. An dem allen ist freilich niemand als die S. schuld; D. selbst aber ist äußerst schwach, daß er Dein Anerbieten des mitbezahlens angenommen hat. Jetzt müssen wir darauf denken daß wir in kein größeres Labyrinth kommen, ohne unsre Schuld. Das Resultat unsrer Beratschlagung hierüber ist dieses. Das Geld, was ich Dir diesen Winter bis Ostern ersparen kann, u. worüber ich Dir am Ende des Briefs eine vorläufige Berechnung beifügen will, müssen wir als einen Hinterhalt zu Deiner Rückreise aufheben. Du selbst mußt nun mit Dalberg mündlich u. allein, nur um Gotteswillen nicht schriftlich durch einen Brief etwa, sprechen, ihm ohngefähr dies sagen: Du hättest die Reise auf sein Anerbieten mit ihm unternommen. Er wüßte so wohl als Du daß Du nicht mit Frau u. 6 Kindern in dem Verhältnis wärest eine solche Reise auf Deine Kosten zu tun. Du sowohl als alle Deine Freunde hier, sind in der Meinung gewesen daß Du auf seine Kosten mitreistest. Er selbst war es gewiß nicht anderes Sinnes, da er in Augsburg alles zu zahlen übernommen hat. Da nun die Reise durch den Beitritt der Fr. v. S. so hoch gekommen, so hättest Du freilich aus übergroßer Gutmütigkeit Deinen Teil daran mitbezahlt; Du müßtest ihm aber sagen daß Du Dich nicht darauf eingerichtet hättest, auch nicht in der Verfassung seiest Dir von Hause Geld kommen zu lassen. Indessen wenn es seine Meinung sei, daß Du bezahlen sollst, so müsse er Dir aus seiner Kasse soviel leihen als Du brauchst u. Du würdest ihm solches nach Deiner Heimkunft nach u. nach abtragen.« Hier bitte ich Dich nun lieber Engel, auf den Knien, gegen undelikates Betragen nicht delikat zu handeln, sondern diesen Vorschuß als Gerechtigkeit von ihm zu verlangen u. Du wirst es auch erhalten. Goethe behauptet: D. müsse einen unbedingten Kredit-Brief mithaben, anderst hätte er die Reise nicht unternehmen können. Sie sind eben wie Kinder, sagte er, die einen Spinnrocken anzünden, u. wenn er denn brennt, darüber erschrecken. Ja ich weiß am besten was es für Geld kostet; u. oben drein ein Weib mitzuführen ist lächerlich, kostspielig u. macht weder Spaß noch Nutzen. Jetzt, Du Guter Lieber, gilts, unsre unnütze Großmut beiseite zusetzen u. der Notwendigkeit zu gehorchen . Aus den Fürstl. Kassen wird mir kein Geld vorgestreckt, weil durch ein Reskript verboten worden, solches zu tun. Und wer ist hier der einem Geld gibt ohne 6 prozent? 1000 Rtlr. wenigstens müßte ich Dir für diesen Winter bis Ostern schicken, ohne das Reisegeld zur Rückkunft. In welche neue Sorgen, die einem Lust u. Leben verzehren, würden wir wieder dadurch kommen. Beherzige das selbst lieber Engel, u. lasse uns jetzt nicht über unsre Kraft u. Vermögen gutherzige Narren sein. Ein andrer sinnlicher Mensch würde an Deiner Stelle, einen Kontrakt gemacht haben, nicht allein daß er in allem frei gehalten werden müßte, sondern er hätte seine eigne Person auch mit in Anschlag gebracht. Da das nun nicht geschehen ist so müssen wir uns mit heiler Haut suchen heraus zu winden, das ist unsre Pflicht, die wir auch den Kindern schuldig sind. Findest Du für notwendig von D. zu ziehen, mehrerer Ersparnis wegen, so ist das Zimmer das für den Kaiser bestimmt war u. worinnen Goethe logiert hat, noch ledig. Da könntest Du, wenn Du auch mit ihnen zu Tische gehest, was merkliches ersparen u. mit Buri kannst Du das alles abmachen; Goethens Freunde werden Dir dort mit Rat u. Tat an Hand gehn, wenn Du Zutrauen zu ihnen hast, sagt Goethe. Nun komme ich zu dem Geld das ich diesen Winter bis Ostern zu ersparen gedenke, u. Dir durch Goethens Vorschub, in einem Wechsel an Ostern übermachen werde. Es haben an Johanni verschiedene Sachen nicht bezahlt werden können, die ich jetzt abtragen muß, u. also vom Michael Quart. nichts erübrigen kann. Hingegen lege ich zurück: die den 1. Okt. Gefällige halbjährige Zulage vom Herzog 150 Rtlr. an Weihnachten 100 Rtlr. an Ostern 200 Rtlr. Die halbjährige Zulage vom Herzog den 1. April 1789 gefällig mit 150 Rtlr. Summa 600 Rtlr. oder 200 Dukat. Die Rückreise hat den Goethe 500 Rtlr. gekostet; Dich wird sie nicht um einen Pfenning weniger kosten; die 100 Rtlr. die darüber sind gehn für einige Liebhabereien zu kaufen, drauf. So wäre Dein Rückzug gedeckt u. gesichert. Noch will ich Dir über die gewiß von D. den 11. März empfangenen 400 Dukaten oder 1200 Rtlr. zu Deiner eignen Beruhigung eine Berechnung machen, die Dich in der Verbindlichkeit gegen D. gewiß erleichtern wird. Diese 1200 Rtlr. sind nämlich ganz allein zur Reise auf folgende Weise verwandt. Du hast bar mitgenommen 400 Rtlr. Notwendige Vorbereitungen zur Reise für Dich u. den Bedienten, an Kleidung u. andern Dingen die zu weitläuftig sind herzusetzen, u. wofür ich nur die geringe Summe hersetze von 100 Rtlr. ferner das Reisegeld zur Rückkunft das Du an Ostern erhalten wirst 600 Rtlr. ferner, den 2 Geistlichen die Dein Amt bisher verwaltet haben, zusammen 100 Rtlr. Summa 1200 Rtlr. So, wäre von dem schon empfangenen Geld, nichts zu unsern Bedürfnissen verwandt. Von dieser Berechnung lasse Dir vor der Hand nichts merken, sie soll Dir selbst nur Mut machen, nichts von eignem Geld, das wir ja auch nicht haben, aufzuwenden, u. jetzt allein der Gerechtigkeit u. Notwendigkeit zu gehorchen. Da Du mir aus Augsburg schriebst, daß D. alles bezahlt, wie billig u. recht, so hoffte ich diese 600 Rtlr. als einen Notpfenning für uns zu ersparen. Da das nicht geschehen kann, so wird Gott auch schon sorgen. Jetzt bleibt mir noch eine einzige Bitte übrig: nämlich, erhalte Dein Gemüt u. Deinen Geist heiter! mache das ganze Geschäft ohne Bitterkeit, aber auch ohne Nachgiebigkeit ab; u. dann sehe u. genieße mit reiner Seele. Ich kann Dir nicht oft genug zurufen: diese Zeit kommt nicht wieder; lasse sie Dir durch nichts verbittern noch vertrüben. Auch denke nicht, daß Du durch Arbeit u. Schreiben, Geld zusammenbringen willt, das hat alles Zeit, wenn Du hier sein wirst; durchaus mußt Du kein andres Geld dort ausgeben, als das Du von D. empfängst. Ich bitte Dich, sei hierinnen wacker u. fest zu unsrer künftigern Ruhe. Ich denke gewiß daß Dir die Berechnung der 1200 Rtlr. ein Licht gegeben haben, daß Du Dich nun weiters als keinen so drückenden Schuldner von Dalberg ansehen wirst. Wenn Du wieder hier bist, kannst Du Dich in einem Brief mit ihm hierüber erklären. Das ist für Euch beide notwendig. Auch, falls es Not tut, kann es noch früher geschehen. – Die S. hat an den Luck geschrieben, auf Zureden der Verwandten hätte sie sich zur Reise entschlossen; u. an die Schwägerin Fr. von Seckend. in Francken hat sie geschrieben, daß sie auf Einladung der Herzogin reise. Nun ist beides nicht wahr; sie hat vermutlich die Herzogin ausgeforscht oder angesucht ob sie sie mitnehmen wolle, u. da es nicht ging, aus depit, es mag auch kosten was es wolle, durchgesetzt. Der Coadiutor soll über die Reisegefährtin sehr gelacht haben. Wie könne es der Familie einfallen, sie zur Reise zu bereden, da sie ihrer unendlichen Bedürfnisse wegen, gewiß noch einmal so hoch kommen muß als wenn Ihr beide allein geblieben wäret. O wenn ich daran gedenke so jammert u. blutet mein Herz, daß Dir doch auch alles verdorben wird. Für den guten D. wünsche ich, daß ihm inzeiten die Augen über diese Frau geöffnet werden mögen, sonst bringt sie ihn auch noch in große Schulden. Denke, die Verwandten ihres Mannes haben 15 000 Gulden Schulden nach seinem Tod bezahlt, die während ihrer Ehe gemacht worden u. wozu sie redlich geholfen hat. Wenn sie diese Summe voraus gewußt hätten, so würden sie ihr kein so gutes Wittum ausgesetzt haben; u. anstatt daß sie dafür der Familie dankbar hätte sein sollen, war sie noch unzufrieden über sie. Wie dauert mich der arme D. daß er in den Klauen eines solchen Weibes ist. Wenn er durch diese Reise nicht kuriert wird, so ist er an dieser Krankheit unheilbar. – O Du Engels liebe gute Seele, sei Du nur fest u. standhaft, u. lasse Dich nicht durch Pfiffe u. List des Weibes um unser Geld bringen! Sei darinnen unbe[irr]lich; und wenn wirs ihm auch wieder geben müssen, so ists besser ihm schuldig zu sein, als hier den Leuten für ihre 6 prozent die Mäuler aufzusperren. – Bei der Herzogin Mutter verwundern sie sich auch gar gewaltig daß das reisen so viel Geld kostet! Gott gebe daß dieser Brief bald zu Dir kommt u. Du indessen keine nachteilige Einrichtung getroffen hast. Ach wie wünsche ich mir Flügel zu Dir Du über alles Guter Einziger. Ich habe vorgestern Nacht, da mein Brief an Dich fort war, in den Blumen aufgeschlagen, ich konnte nicht satt an den unvergleichlichen werden, endlich fand ich Der Kranz von Lilien u. Amaranth u. Das süße Finden! ich ward recht wehmütig u. fand nur im Bette endlich Ruhe. – Laß Dich nur von keiner Sehnsucht überwältigen, sondern genieße u. sehe, bis Du alles gesehen hast. Noch in der Nacht träumte ich, ich sei mit Dir in Rom. Ich habe ein Gebäude gesehen, wie ich selbst im Kupferstich noch keins von der Größe gesehen noch geahndet habe. Das Gebäude gab einen höchst feierlichen dämmernden Schatten. Endlich sah ich an dem Portal, das überhaupt wie ein Triumphbogen gemacht war, oben eine ruhende Familie alle in Lebensgröße in Bildhauerarbeit. Ich stand ganz erstaunt u. betroffen über das Gebäude, u. sagte endlich ganz vernehmlich: Das ist ein großer Gedanke. Dieser Traum ist nur ein lebhafter Eindruck von Deinem lieben süßen Herzensbrief gewesen. Du siehst u. empfängst das Gute wie es niemand sieht u. empfängt, Du triffst gleich den Geist u. echten Sinn. Wenn uns das Schicksal je gewürdigt hätte, eine solche Reise miteinander tun zu können, wie manch andres unnützes reiches Volk! Welch ein Genuß wäre das gewesen! Die Kinder sind alle wohl. Gottfried spielt nun gar hübsch auf dem Klavier, ich lasse ihm seit diesem Monat Stunden von Rudolf geben, der mit viel Ausdruck spielt. Du sollst aber davon nichts wissen, es ist ein Geheimnis, u. sollst bei Deiner Rückkunft damit überrascht werden. Die Kinder reden doch gar gern von Dir, sind sehr fleißig; August u. Wilhelm vorzüglich. [...] Ach Du Lieber, ich wünsche uns oft in einen Zauberspiegel daß Du uns sehen könntest. Noch sind die Tage schön u. ich lasse sie noch gern der Luft genießen; wenn die langen trüben Abende kommen, wollen wir uns alsdann zusammen setzen, an Einen Tisch; arbeiten u. lesen, u. von dem Vater erzählen. Immer ist mir im Gedächtnis, was Du in Verona gesehen hast, u. wird mir recht lebendig. Die gute Franckenberg beneide ich recht um ihr geschnittenes Steinchen der zwei Hände womit sie jetzt siegelt. Bringe mir ein liebes Andenken von der Art mit. [...] Nun lebe wohl Geliebter. Sei heiter u. guten Mutes. Ich hoffe daß Du nun alle meine Briefe empfangen hast. Die Kinder küssen Dich 1000mal. Es ist ein Seil im Garten aufgespannt das ihnen Fritz Stein gegeben hat, u. sie werden sich wohl von diesem neuen Spektakel nicht los machen um Dir zu schreiben. Die Preisschriften sind heute abgegangen. Es wurde nichts verändert. Das über die Sprache ist ein großes Psychologisches Werk u. hat ganz unvergleichliche Stellen, ich habe darüber den schönen Sonnenschein gestern u. ehegestern nicht geachtet u. bin beim lesen geblieben. [...] Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 22. 9. 1788 [?] Lieber Vater Sie werden nun in Rom sein, wir freuen uns alle Tage, wenn Freitag und Sonntag ein Brief von ihnen kommt. Wir haben recht lange von ihnen keinen Brief gekricht. Der junge Stein hat uns allen ein rechtes dickes Seil geschenkt das ist im Garten aufgespannt. Wir haben auch Gürtel an unserm Leib angekricht das wir sollen uns gerade halten. grißen sie den Werner leben sie wohl behalten sie mich lieb der Herr Schäfer griset sie. – ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 22. 9. 1788 [?] Lieber Vater. Es geht jetzt gar hübsch in der Schule ih rechne nun, u. Wir haben die Landcharte da suchen Wir oft Italien auf das liegt gegen Mittag u. ich habe auch Verona gesehn ich habe das Lied gelernt, befiehl du deine Wege u jetzt lerne ich meinen Jesu laß ich nicht. Kommen Sie bald wieder der liebe Gott wird Sie auch nicht verlassen Sie sind ein Guter Vater Ihre gehorsame Luise Herder 1788. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 22. 9. 1788 [?] lieber Vater Kommen Sie bald wieder. Es ist noch gar schön im Garten ich war beim Erbprinz u habe eine Schaferin von der Herzogin geschenkt gekriegt. u die Mutter hat uns auf der Landcharte gezeigt wo Rom liegt. Bringen Sie mir einen Atlas mit leben Sie wohl lieber guter Vater ich schreibe recht gern an Sie[?] Ihr gehorsamer Bruder Emil Herder J. G. Herder an Caroline Herder Rom den 24. Sept. 88. Endlich, liebes Weib, kann ich Dir freier u. gefaßter schreiben: denn ich bin in meinem Quartier und das letzte bedrückende Ungemach der Reise hat vor der Hand ein Ende. Ich schrieb Dir vorigen Sonnabend; und Sonntag früh gingen wir aus, Zimmer zu suchen. Sieben, acht Quartiere wurden angesehen, u. alles zur hohen Ansicht der gn[ädigen] Fr[au] auf Nachmittag aufgesparet. Diese Ansicht geschah, und das einzige, wo wir in 2. Stockwerken allzusammen vor den Preis hätten sein können, vor den sie jetzt mit D. Eine Etage allein bewohnet, wurde von ihr gerade zu verworfen. Es wäre keine gute Einteilung möglich, die Zimmer waren ihr nicht freundlich gnug; endlich ließ {sich} zum Unglück gar eine Geige in der Nachbarschaft hören, u. sie befürchtete, daß dies ihr sehr unangenehm sein würde. Also gings weiter; es ward diesen Tag aus allen Nichts, u. da D. drauf drang, daß künftigen Morgen doch Eins gewählt werden müßte, so fand sich zum Glück Eins, einem Palast gegen über, u. einem Hause vis a vis, in dem die Favorite des Kard[inals] Buoncompagni wohnen sollte; es schnitt zwei Hauptstraßen, den Corso u. die condutta, u. hatte einen Balkon, um die Ecke laufend zu beiden. Dies gefiel ihr; sie bekam eine Suite der besten, ruhigsten Zimmer, da D. sich mit 2. andern begnügen muß, die ich für die meinigen nicht tauschte. Eine Reihe der Vorzimmer mußte freilich unbesetzt bleiben, die jetzt der H. Kammerdiener bewohnen mag, u. für mich fand sich durchaus nichts. Ich sagte aber u. hatte es schon vorigen Tages gesagt, daß sie sich um mich keine Mühe geben dörfte; denn wenn sich für mich in einer Wohnung, die ihr gefiele, auch nichts fände, so fände ich überall in jeder Nachbarschaft Platz, weil ich nur für mich 1. kleines Schlafzimmer, u. ein andres brauchte, wo ich einige Menschen empfangen könnte, nebst einer Kammer für W[erner]. Dies tröstete sie denn: die Zimmer wurden vor 20 oder 25. Zechinen monatlich genommen; wir fuhren mit ihrem großen Vergnügen ab; sie nach Hause, wir zum monte Cavallo, u. als wir zurückkamen, ging ich mit Hirt, für mich zu sorgen. Buri hatte mir gleich den ersten Abend ein Quartier in Göthens gewesener Wohnung angeboten, weil dies aber v[on] D. gar zu ferne lag, konnte ichs nicht brauchen; ich hätte auch die guten Leute, die Maler, elend zusammengedrängt u. aus ihrer Fassung gesetzt, weil 3. schon in dem Hause wohnen. Nach vielen die ich sah, fand sich endlich eins für 5½ Zechinen monatlich, wo ich 2. Zimmer u. W. eine Kammer hat; der sich überdem sehr freuet, daß der Wirt ein Deutscher ist, u. meistens Deutsche Leute hat, weil neben an das Speisehaus der Deutschen ist, das er besorget. Göthe kennt die Gegend gut, denn eben neben mir im genannten Hause hat der Prinz Waldeck gewohnt. Du schreibst also künftig auf die Briefe nella Strada Condotti, casa del S. Cristian, Tedesco; zur rechten Seite ist das sogenannte Griechische Kaffeehaus, il Caffe Greco. Der Preis ist hoch, es wollte sich aber kein andres finden, das ich in D. Nachbarschaft mit Ehre u. Freude hätte beziehen mögen. Jetzt bin ich im Mittelpunkt der Fremden, u. Werner, der bisher wirklich in einem verlassenen Zustande gelebt hat, ist wie neu geboren. Auch ich spüre zum erstenmal, daß es mir hier wohl werden kann; u. dieses muß sein, oder man kann nichts in Rom sehen, u. tut besser, gleich von dannen zu gehen. Diese Nacht habe ich zum erstenmal drin u. wieder recht ruhig geschlafen; die erste ruhige Nacht, die ich in Rom genossen habe. Die Deutschen sind ein sehr gutes Volk; sie drängen sich sehr um mich; gestern Abend haben mich Moriz, Buri, u. Hirt, der dazu kam, in mein Quartier begleitet. D. Quartier kennt Göthe auch; Lucchesini hat drin gewohnet: er kann es Euch, so wie das Meine auf dem Kupferstich von Rom weisen. Soweit wären wir also mit der Wohnung; mit den Kleidern bin ich noch nicht eingerichtet. In 8. Tagen hört man auf Seide zu tragen, u. es wäre töricht, mir für diese Zeit ein seidnes Kleid zu kaufen. Ich gehe also in dem Sommerkleide, das Du mir machen ließest, u. ich in Nürnberg ändern ließ; herumzulaufen, oder zu fahren, ists recht gut. Müßte ich wohin gehen, wo ich es nicht anziehn kann, so muß das schwarze seidne Kleid herhalten; da man mich überdem hier allenthalben für einen Geistlichen hält. Die schwarzen Unterkleider u. die Krone auf meinem Scheitel (so heißt die Tonsur) machen das ihnen unwidersprechlich. Als ich in der päpstl. Kapelle auf dem Cavallo ins Innere eintreten wollte, zog mich der päpstl. Schweizeroffizier sacht zurück, u. sagte, es sei nicht erlaubt, weil ich als Geistl. in einer Landkleidung wäre, das sei gegen den Respekt des Papsts. Ich sagte, ich sei kein Kathol. Geistl.; er schüttelte aber den Kopf, sah nach meiner Glatze u. sagte, ich möchte es nicht übel nehmen, er könne nicht anders. Also muß ich mir ein tuchnes Kleid mit einer bescheidnen Farbe machen lassen, u. allenfalls einen Haarbeutel tragen, wenn ich in Gesellschaft erscheine. Doch das wird sich finden, auch werde ich mich nicht nach Gesellschaft drängen, zumal ich noch so gut, als gar kein Italienisch kann, weil alles was wir sehen u. hören, Deutsch redet. Msgnor. Borgia hat mich durch Zvega schon zu sich bitten lassen; ich werde es aber, so lange ich kann aufschieben, um erst etwas mehr in der Sprache fortzurücken, soviel es sich tun läßt. Der Senator ist auf seinen Reisen: die andern, an die ich Briefe habe, sind auf dem Lande, also bin ich so gut, als unter Deutschen u. Altertümern allein. Was ich von diesen sehe u. gesehen habe, will ich an Göthe schreiben; der wird Dir jedesmal den Br. geben u. Gottfried kann ihn abschreiben. So präget sich ihm auch Rom ein. Lebe wohl, liebes Herz, was weiter vorfällt, will ich Dir schreiben. Mit D. bin ich gut; er fühlet sogut als ich, daß unser Reiseplan ganz verrückt ist; mit Dalbergschem Leichtsinn aber läßt ers gehen u. mag sich die Sache nicht ganz sagen, weil er im Grunde nichts ändern kann. Ich bin in einer dummen Lage, indem ich nicht recht zu ihm gehöre, auch nicht recht allein sein kann u. mag. Ich werde Mittags bei ihm essen; W[erner] beköstigt sich von heut wieder selbst; da wir den Kurs machen, so sind wir ohnedem alle Tage beisammen. Ich will treu u. honett gegen ihn sein, u. ihn nicht verlassen, so weit ich kann; es wird sich ein Mittelweg der Exsistenz sehr wohl finden lassen, der uns allen dreien mit der Zeit der behaglichste sein kann, da wir alle doch nur Einen Zweck haben u. es uns daran gelegen sein muß, wenigstens uns beiden, Rom mit Muße zu sehen u. zu betrachten. Lebe wohl, liebe, u. wünsche mir zu meiner abgeschiedenen Exsistenz, die ordentl. das Schicksal gemacht hat, Glück. Nächstens mehr. H. Die Zeit ist vorüber, u. ich kann an Göthe nicht schreiben. Es schadet auch nicht; um so reicher wird, was ich ihm schreiben werde. Alles liebt u. bewundert ihn, was ihn hier gekannt hat. Grüße alle. Und Euch küsse ich herzlich, Ihr lieben, lieben Kinder. O daß ich seit so langer Zeit keine Briefe von Euch habe. Es ist unausstehlich. Lebt wohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 24. Sept. 88. Wie sehnlich verlanget mich zu wissen wie es Dir gehet Du einzig Guter. Keinen Augenblick bin ich ohne Dich, ich rede mit Dir, wir beratschlagen zusammen, ich ärgre u. gräme mich, wie doch keine gute Sache rein bleiben kann! Ich hoffe, Du hast meinen Brief vom 22. durch Goethe erhalten. Ich bin heute bei der Waldner gewesen, die Dich sehr grüßen läßt. Das erste Wort war von der S. Es versteht sich, daß ich nicht ein Wort davon gesagt, was mir Du geschrieben. – Alles ärgert sich darüber daß Du so angeführt worden seist, u. man will es dem guten Dalb. nicht verzeihen. Man sieht sie in dieser Sache als den Pendant der schönen Wertherin an, u. man spricht von ihrer Reise als beinah einer öffentlichen h. Sache. Bei Tafel ist vor wenig Tagen der Diskurs wieder davon gewesen, u. es soll jemand gesagt haben, daß die Verwandten von Dalb. sie so sehr zu dieser Reise genötigt haben, so hat die Herzogin darauf geantwortet: es sei nicht wahr. sie, die Seckend. habe die Schwägerin, Fr. von Dalb. in Mannheim, gefragt, ob es ihr wohl könne übel genommen werden von der Familie, wenn sie die Reise mit D. machte, sie wäre ihr für ihre Gesundheit angeraten worden, (merke hier, das war der Besuch nach Jena zu Starke, wie sie hier war.) Die Schwägerin soll ihr hierauf leicht geantwortet haben, die Familie mache sich daraus nichts, wenn sie das Gerede der andern auf sich nehmen wolle, so könne sie reisen. Dies hat der Coadiutor der Herzogin erzählt u. dies ist die lautre Wahrheit. Ich finde es je länger je impertinenter, Dir ins Gesicht zu sagen u. es hier auszubreiten, daß die Verwandten sie dazu genötigt hätten. Als ob er bei Dir nicht in hinreichend guter Gesellschaft gewesen sei. Die Waldner hat gar eine gute Französische Frage hierüber: sous quel Titre soll sie mitreisen? sagte sie. Keine Wirtin ist sie nicht, das ist Weltkundig. Wissenschaft hat sie keine u. weiß also von nichts mitzureden; Weltkenntnis hat sie eben so wenig u. weiß mit niemand Fremdem umzugehn. Sie besitzt nichts als Pfiffe u. List. Daß Sie Dir aber dadurch die Reise untergraben u. verdorben hat, das macht mich von Tage zu Tage unglücklicher. Was gäbe ich darum daß ich den Dalb. nur eine Stunde darüber sprechen könnte. Ich wollte ihm die Augen öffnen. Er ist zu gut u. verdients, daß er die Frau in ihrer wahren Gestalt kennen lernt. Ach wenn ich nur bald zu meiner Ruhe wüßte, wie Du Dich in Rom einrichtest, wie Du leben wirst u. wie Du mit D. sein wirst. Lasse Dich nur um Gottes willen, nichts irre machen u. bestehe auf dem Geld; wenn Du schon nach Deiner Konvenienz genötigt bist von ihm zu ziehen. Du bist aufs höchste von ihm beleidigt, da er Dich zur Reise als den zweiten u. einzigen einladet, u. hintergeht Dich hernach, schleppt noch ein Weib dazu u. läßt Dich, nicht allein den dritten Mann sein, sondern auch sogar bezahlen! Nein, lieber Engel, man muß sich nicht so ganz erniedrigen lassen. Dies ist jetzt ein öffentlicher Ehrenpunkt, der vor ganz Deutschland dasteht; es würde Dir von allen allen aufs höchste verdacht werden, wenn Du jetzt nicht Deine Würde in allem behauptest u. auch nicht einen Pfenning eignen Geldes aufwendest. Wenn es sich tun läßt, daß Du mit D. über die Reisegefährtin u. wie er Dir sowohl, als sich selbst manquiert habe, sprechen könntest, so hättest Dus von der Leber weg, u. die Wahrheit würde ihm hierin nützlicher sein, als unsre dumme u. blinde Gutheit. – Wenn Du Dir nur keinen Tag, keine Stunde von ihr verderben lässest in Rom, lieber Engel, das ist mein einziges u. größtes Anliegen . Ich sehe beinah zum voraus, daß Du Dich von ihnen trennen mußt, wenn sie nicht bei die Herzogin geht, u. glaube mir, es bringt Dir keinen Nachteil sondern vielmehr Ehre. Dann wünschte ich auch, lieber Engel, ob es nicht gut wäre, wenn Du eine kleine Nachricht hievon dem Coadiutor gäbest? Doch das wirst Du am besten wissen, ob es notwendig sei. Gute nacht, für heute Du Lieber Lieber, ach wenn mir Gott einen wohltätigen Traum schenkte! Den 26. Ich habe heute vergebens auf einen Brief von Dir gehofft; nun sinds 8 Tage da ich den letzten aus Verona von Dir empfangen habe. Ach was ich mir für unzähliche Gedanken mache! Bald fürchte ich Du bist krank, der Unmut u. Verdruß hat Dir geschadet. u. bald glaube ich, daß Du Dich abgesondert hast. Ich bin nicht eher ruhig, als bis ich weiß daß Du von ihnen bist. Das war also abermals ein Traum! O daß Dalberg vorher nicht ein Wort geschrieben u. man alles zuerst hätte überlegen können. Goethe ist seit Mittwoch in Ilmenau. ich war gestern bei der Kalbin die Dich herzlich grüßet. sie ist entsetzlich auf die S. aufgebracht; u. bedauert Dich unsäglich. Ich hoffe u. hoffe noch immer daß Du Dir Rom u. Neapel nicht verderben läßt! Ich bin so stumpf von Gedanken daß ich Dir auch gar nichts sagen u. schreiben kann, das Dich erfreute. Wir sind alle wohl, das ist das beste; den Kindern war es auch nicht recht daß kein Brief kam, wir haben also heute keine Freude gehabt. Ich stehe fast an, Dir den Brief so trocken zu schicken; u. doch glaube ich ists gut daß Du weißt, daß die Verwandten die Reise weder betrieben noch begünstigt haben. Wie Goethe vom Bezahlen hörte, rief er aus: den Teufel auf den Kopf! nicht einen Pfenning muß Herder dort bezahlen – glaubt der kleine Mensch daß er Herdern nicht unendliche Verbindlichkeit schuldig sei, daß er die Reise mit ihm unternommen hat? sein Verstand, seine Kenntnisse u. sein Wert müssen unschätzbar für ihn sein! Nein, Ihr müsset durchaus in keine Verlegenheit durch ihn kommen. Er muß bezahlen, das ist er schuldig! – Seitdem ich mit Goethe gesprochen habe, schlafe ich wieder besser; die Sorgen haben mich manche Nacht gegen 2 uhr aufgeweckt u. ließen mich nicht mehr schlafen. Ach wenn es Dir nur wohl wird, u. die verdorbene Sache in Ordnung kommt. Lebe wohl Du mein einziger Trost u. Genuß des Lebens. Gott gebe Dir Freude. Er wird ja das unschuldige Lallen der Kinder erhören mit denen ich täglich für Dich bete; u. stündlich allein für Dich seufze. Lebe wohl, erhalte mir Deine Liebe u. Dein gutes Herz, Du mein Glück auf Erden. Lebe wohl! C. H. Gottfried, August u. Emilchen, die heute nicht mitschreiben, grüßen Dich viel tausendmal u. bitten um Deine Liebe. Da ich eben schließe, finde ich noch diese Zeilen. Tausend muntre Farben Bricht der Strahl der Sonne In verhüllten Tränen Über grauer Dämmrung. Lebe wohl Liebes bestes Herz, gedenke mein! C. H. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 26ten Septem 1788 lieber Vater Ich habe mich jetz beschlossen, so ein Künstler zu werden wie Albert Thürer ud die andern waren, und um hernach hinzureisen wo Sie jetz sind, daß ich alle die Schönen Paläste und Gemälde abzeignen kann, ich haben auch angefangen zu tuschen, und der Herr Rat Krause hat mich sehr gelobt. Wir haben alle Gürtel bekommen, daß wir gerade und schön gehen ud sitzen. Mehr schreib ich Ihnen nicht darum weil keine Neiigkeiten sind vorgefallen. Leben Sie glücklich und fröhlich und denken Sie oft an uns wie wir an Sie denken. Leben Sie wohl und grüßen Sie den Werner, behalten Sie lieb. Ihren Gehorsamen Sohn Wilhelm Herder. 1788. [Nachschrift von Caroline Herder:] Ich grüße den Werner auch gar vielmal. Es wird gar oft auch von Ihm geredet! Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 9. 1788 [?] Lieber Vater. Wir haben uns über Ihre Briefe sehr gefreut, die Mutter hat sie uns vorgelesen Reisen Sie recht glücklich nach Italien der Herr Zöllner hat uns gezeigt wo Rom liegt lieber Vater kommen sie bald wieder Ihre gehorsame Tochter Luise Herder J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 1. Okt. 88. Gestern endlich fängt sich meine Zeitrechnung wieder an: ich habe einen Brief von Dir bekommen, teures Leben, den ersten in Italien. Denke, vom 25. Aug. – bis zum 30. Sept. keinen. Der nach Florenz adressiert, muß noch da liegen, wenn er poste restante überschrieben ist, u. ich werde ihn bald haben. Nun, Dank Dir fürs erste, daß Du mit den Deinigen wohl bist, u. daß Ihr Euch meiner mit Liebe erinnert. Ich gedenke gewiß oft an Euch, u. wünsche oft, daß die Berge nach gemachter Arbeit schon wieder überflogen wären. Mehr als ich dachte, ladet mich zu diesem Wunsche ein, u. ich werde wacker geprüfet. Werners Gesundheit ist auch darunter: er hat sich auf der Reise mit der Nacht-Luft nicht geschonet, wie ich ihm oft sagte: Teils lag, bei der verruchten, unvernünftigen Reise so viel auf ihm, u. er schluckte nach seinem harten Charakter so manche Ärgernis in sich, daß es ihm in Rom nie recht wohl ward. Ich riet ihm immer an, Pillen zu nehmen, drang ihm endlich Sonnabend auf, das Laxiertränkchen machen zu lassen, welches auch die höchste Zeit war. Er nahm es Sonntag, es operierte stark, zu stark, bis auf den Montag: Sonntag früh aber konnte er sich schon vor Kopfschmerzen, u. Bitterkeit im Munde nicht mehr stehend erhalten: eine Beklemmung in der Brust mit Husten u. Schmerz war dabei: kurz gestern früh mußte der Arzt gerufen werden, der denn auch bei aller angewandten Mühe in 2. Stunden kam, u. ihm einen guten leichten Trank zum Schweiß verordnete: Malven, Nitrum p Ein starker Schweiß folgte, die Beklemmung in der Brust u. der bittre Geschmack legten sich, der Kopfschmerz blieb; u. der Arzt sagte Abends, es müsse notwendig noch mehr Schweiß folgen. Er verschrieb ihm einige, wenige Pillen; der Schweiß stellte sich wieder ein, mit neuem laxieren: so liegt nun der arme Mensch, abgemattet wie ein Kind, u. noch nicht ohne Hitze u. Kopfbetäubung: phantasiert aber hat er nie. Da der Arzt so ganz seine Absicht erreicht hat, hoffe ich, die Krankheit habe sich gebrochen u. ich erwarte ihn mit Ungeduld diesen Morgen, in dem ich dies früh schreibe. Wie mir bei dem Allen zu Mut ist, u. welche Unruhe ich gestern u. diese Nacht gehabt habe, kannst Du denken; alles ist eine Folge der vermaledeiten Art zu reisen. Diese hat ihm auch den unendlichen Haß gegen die Italiener gegeben, in dem er nicht so ganz Unrecht hat; es ist aber fatal für mich u. ihn, zumal in der Krankheit. Seit gestern ist eine Deutsche Frau bei ihm gewesen, die auch diese Nacht bei ihm gewacht hat, damit er immer trinken möchte. Denn Alles geht ihm schwer ein, weil er einen verzweifeltharten Kopf hat. Der Himmel wird auch dies überstehen helfen, u. ich sehe ihn gewissermaßen als ein Opfer für mich: denn ich weiß, er hat sich auch für mich u. in meine Seele hineingeärgert. Gestern Abend sagte ich ihm aus Deinem Br. vor, was ihn anging; dies richtete ihn sehr auf, u. er hat diese Nacht fleißiger getrunken, nur ist er noch sehr ungeduldig. So leben wir in Rom, so ist unser Willkomm. Gott helfe uns darüber. Mit meiner Gesundheit gehts gottlob wohl; u. ich bin gewiß, daß der Tabak u. Kaffee, so mäßig wie ich sie brauche, mich erhalten. Von Tag zu Tage lerne ich mich auch mehr vor der Nachtluft wahren, weil ich sogleich die Folgen in der rechten Seite spüre: der Körper ist hier sehr offen u. das geringste Lüftchen der Tramontane ist mir bemerkbar, wie ich auch jedesmal an meinem Schlaf weiß, ob der Sirok oder die Tramontane wehet. Vom Schlaf, von dem Du mir schreibst, kann ich nichts sagen, indem ich hier vielweniger, als zu Hause schlafe: am Tage habe ich dazu keinen Trieb, weil ich auch fast nimmer allein bin. Nach dem Essen rauche ich bei einer Tasse Kaffee eine Pfeife: der Kaffee hilft der Unverdaulichkeit nach, die alle Italienische Speisen geben, die Pfeife führt gelinde ab, welches auch hochnötig hier ist. Magentropfen habe ich mir machen lassen: sie sind aber für dies Klima zu stark: ich nehme sie selten u. wenig. Der Arzt sagt, sie sein gut im schleichenden Fieber, wozu denn aber hier weniger Ursache sei, u. er kann recht haben. – So weit war ich heut früh, als der Arzt kam, u. über W[erners] Besserung guten Trost gab. Wenn der gute Mensch sich nur besser halten wollte; heut Mittag hat er sich den Schweiß durch kalte Limonade, die ihm der Arzt verboten hatte, wieder gestopft, u. ans Einnehmen will er noch weniger als ein junges Kind; ich muß es ihm einschmeicheln. Es ist eine rechte Not mit dem eigensinnigen Menschen; ich wollt, daß ich ihn nur wieder in Deutschland hätte; für Italien ists nichts mit ihm; er hat einen Haß gegen alle Italiener. Ich freue mich indessen, daß es aufwärts gehet, u. wünsche sehnl. seine Gesundheit. Der Arzt heißt Polelli, Göthe kennt ihn, er ist ein geschickter Mann, in seinen Verordnungen sehr einfach u. natürlich. – Du kannst leicht denken, daß unter solchen Umständen noch nicht viel an neue Kleider gedacht worden ist. Alles hält jetzt Villeggiatur: ich habe noch keine Besuche gemacht u. mich also mit meinen mitgenommenen, dem Sommerkleide u. bei kalten Morgen der Tuchkleider sehr wohl behelfen können. Ein seidnes Kleid mir machen zu lassen, riet man mir ab, weil die Zeit der Tuch-Kleider zu nah ist: da will ich denn sehen, wie man sich trägt, u. mich equipieren. Die Summe Geldes soll mir lieb sein, damit ich an meinen Holländischen u. D[eutschen] Dukaten nicht zu viel verliere, u. sie zur Rückreise aufheben kann: ich habe mich bisher mit den L[ouis]dor durchgeholfen, die ich in Augsb. umsetzte, bin aber auf der letzten Neige. An den Duk. verliere ich ansehnlich. Alles ist hier kostbar, wenn man als Fremder lebt; das Geld entwischt einem aus den Händen. Und eben das Mittelding, daß ich nicht mit D. lebe u. mich auch von ihm nicht ganz trennen will u. kann, macht mir meinen Aufenthalt kostbarer, als wenn ich ganz für mich wäre. Ich esse bei ihm, u. er ließ nicht nach, bis auch W[erner] die 3. Tage, da er gesund war, wieder dort aß. W., dem ichs freistellte, wollte es selbst, weil er sonst allein u. verloren ist; es ist ein BettelEinrichtung. Um Dir von meiner Lebensart etwas zu sagen, will ich Dir bloß das Register einiger Tage hersetzen u. künftig damit fortfahren. Es dient mir einmal zur Erinnerung, wenn es Dir auch in manchem nichts saget. Freitag Abend den 19. Sept. kamen wir an; ich ging noch zu Buri, u. mit ihm zur Angelika, wo das Erste was ich in Rom sah, Göthens Büste von Trippel war. Sonnabend früh war Buri u. a. bei mir, ich schrieb an Dich, besuchte Moriz u. der Tag ging zu Ende. Sonnt[ag] den 21. vormittag zu Hause; wir besahen Quartiere: ich besuchte Reifenstein u. Zwega: nachmittag wurden mit der gn. Fr. die Quartiere besehen. Ich trieb, daß wir Montag was von Rom sehen sollten, um nur aus dem Corso zu kommen. Vormittag besahen wir Enkaustische Malereien, die nach Rußland geschickt werden sollten; D. u. ich fuhren mit Hirt zum monte Cavallo, u. sahen die Zeremonien des Leichenbegängn[isses] von Ganganelli, den Papst, Kardinäle u. f. Ich ging mit Hirt u. besahe für mich Quartiere: Nachmittag fuhren wir zur rotonda, besahen die Reste der Bäder des Agrippa, fuhren den Corso hinab, u. ich fuhr Abend mit D. zur Angelika. Dienstag früh in den Peter u. das Clementinische Museum bis Mittag; nachmittag sollte ausgezogen werden, u. da ich bei der heil. hohen Staatsaktion nicht sein wollte, ging ich mit Buri und Moriz den Campo Vaccino hinab, bis zum Colisee: der erste fröhliche Nachmittag in Rom. Ich fand W[erner] in meinem Quartier u. hatte in meiner Einsamkeit einen Abend u. eine Nacht, wie ich sie seit Nürnberg nicht gehabt hatte. Mittwoch schrieb ich an Dich: D. besuchte mich: wir gingen in Göthens Quartier u. besahen die Arbeiten von Rehberg, Schütz u. Buri, die da wohnen. Nachmittags holte mich die gn. Fr. mit D. u. Hirt ab (erstere, um mein Quartier zu sehen, wo ihr denn das damastne Zimmer, das sie selbst nicht hat, sehr wohl gefiel). Wir fuhren zum Colisee, u. sahen alles wieder, was ich den vorigen Tag zu Fuß weit schöner gesehen hatte. Donnerst. früh wurde geruhet, weil die gn. Fr. nichts sehen wollte; nachm. fuhr D., ich u. Hirt ins Museum, ob gleich fast zu spät. Ich eilte voll Gedanken u. Empfindung nach Hause; Buri, Moriz, Rehberg besuchten mich aber u. blieben den Abend spät bei mir. Freitag gings zu Trippel, einem andern Wirtenb[ergischen] Bildhauer, u. More, einem Engl. Landschaftmaler. Nachmittags ohne D. in die Villa Medicis, um doch auch eine Villa gesehen zu haben. Sonnabend in die Villa Ludovisi, die Kirche St. Agnes außer der Stadt, dem Grabmal der Constantia. Nachmittag schrieb ich an Göthe den Anfang eines Br., den ich wahrscheinlich nicht fortschicken werde. Abend ich mit D. ins Theater, wo wir um Mitternacht zurückkamen u. ich W. krank antraf. Er nahm das Laxiertränkchen, u. ich ging mit Moriz in die Villa Borghese, wo wir Buri u. Schütz trafen. Die gn. Fr. war bei die Angelika geheim gefahren; ich weiß nicht, mit welchem Erfolg, weil ich die Angel. noch nicht gesprochen habe. Nachmitt. ging ich mit Hirt u. Werschaftel an der Tiber. D. wollte allein sein. Montag waren wir von Reifenstein nach Frescati eingeladen: sie hattens angenommen u. er sich drauf eingerichtet: Sonntag Abend spielte die gn. Fr. eine Intrique, daß sie u. D. nicht kommen könnten, weil sie beide plötzl. krank geworden. Schande halber mußte ich also allein hin, so ungern ichs tat, u. W. allein ließ. Die Reise hat mich über 5. Scudi gekostet, u. sie fuhren indes Nachmittag in der Villa Borghese spazieren, u. sahen Raphaels Villa, die ich noch nicht gesehen habe. Überhaupt war die gn. Fr. vor der Hand des Sehens müde, u. ich schlug also vor, daß wir die nächsten 8. Tage den Kurs nicht fortsetzen wollten, welches auch begierig angenommen ward, u. so treu befolgt ist, daß man Hirt nicht einmal vor sich gelassen hat, wenn er zum Besuch kam. Dienstag Vorm. war die Szene mit Werner u. dem Arzt: Nachm. ging auch hin, bis Trippel zu mir kam, Moriz u. Buri folgten, welcher letzte mir Deinen, so lang erwarteten u. gestern nicht mehr gehofften Br. brachte. Er hat mir einen guten Abend verschafft u. auch zu W. Trost beigetragen. Heut bin ich mit Hirt im Museum gewesen: Abend kommt Trippel mit dem Abbate Bonfigliolo zu mir: jetzt sitze ich u. schreibe. – Da hast Du mein Römisches Leben, von außen; von innen wird Dirs eine andre Zeit lehren. Mit meinem Ital[ienisch] gehts schlecht fort; weil ich beinah allein unter Deutschen lebe; die Zeit muß etwas tun, daß ich zum Durchbruch komme, sonst wird nichts. Habe 1000. Dank, liebes Weib, für Deine Nachrichten, u. die Sprache Deines lieben Herzens. Du bist wie eine Göttin um mich, ich sehe Dich im Museum sehr oft. Lebt wohl, Ihr Lieben u. habt Dank für Eure holden Br. Grüße auch Kn[ebel] u. danke ihm für den Seinigen. Von Göthe schreibe mir viel, was er spricht u. tut, es geht mich alles hier an. Von der Herz. L[uise] hast Du ja kein Wort geschrieben; doch vielleicht ists im Br., der in Florenz liegt. Die H[erzogin] M[utter] wird diese Tage erwartet; ganz Rom erwartet sie, u. sie kommt in eine kostbare, hohe Schule. Für meinen innern Menschen habe ich hier noch niemand. Moriz ist der Beste für den Verstand, Buri hat ein außerordentlichgutes Herz u. ist der liebenswerteste Junge. Wie die arme Frank[enberg] mich dauret, kann ich Dir nicht sagen. Hier sind einige Reihen. Grüße die Fr. v. St[ein], Schardt, Kalb, die Schmidt, u. wer sich meiner sonst gut erinnert. Du aber, mein Herz u. Seele, betrübe Dich nicht, sei fröhlich, gesund mit den Deinen, u. lebe, lebe, lebe, lebt alle wohl. Lebt 1000mal wohl u. denkt an mich mit Gebet u. Liebe. H. Auf meine Br. schreibe entweder bloß à M[onsieu]r/M[onsieu]r Herder, oder den Titel Surint[endant] gen[eral] des Eglises du Duché de Saxe-Weimar, nur nicht Conseill[er] ecclés[iastique] allein, es scheint sonst, als ob ich dies hier in Rom wäre, wofür mich Gott bewahre. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 1. Okt. 1788. Den Sonntag Abend hat mich Dein unvergleichlich lieber Brief aus Ancona aufs höchst erfreut u. ziemlich beruhigt; Du liebe beste treue Seele! ich bin den ganzen Tag aus Erwartung beinah krank gewesen; wenigstens sah ich geisterhaftig aus, weil mich die Gedanken etwas peinigten über dem Ausbleiben des Briefs. Du hast mich durch Deine gar zu große Güte u. Liebe so verwöhnt, liebstes Herz; u. Du hast nicht ganz unrecht, daß Du mich vor der Phantasie warnst, denn ich glaubte nicht daß ich sie kennte, jetzt ists aber änderst. Seitdem Du nicht mehr bei mir bist, bist Du nun unaufhörlich in meinen Gedanken, u. ich wünschte jetzt mehr als jemals für Dich wirken u. tun zu können als so müßig zu sein. O Du Lieber Einziger, Gott wird mir ja Kraft geben, meine Wünsche, meine Hoffnungen erfüllen zu können! – Wir sind über Deine Fahrt am Meer u. noch mehr über Deine Heiterkeit der Seele über Alles erfreut gewesen; der SeeGeist in Deinem lieben, herzlieben Brief hat mich selbst erquickend angeweht, u. er scheint auf Deine Reisegesellschaft auch gut gewirkt zu haben. Nur höre ich so beiläufig von Goethe, daß Ihr zu geschwind reiset, u. das tut mir doch gar leid. Habt Ihr den Volkmann nicht bei Euch? In Bologna ist ein Raphael aus seiner Jugend, ein Stück wie es nicht in Rom ist, ein Guido, ein Guerini die man nicht einmal sondern so oft sehen muß als es möglich ist. An dem eilen, ist wohl niemand als die schöne Dame schuld, weil sie kein Intresse hat etwas zu sehen, so müssens die andern auch nicht haben! nein es ist unverzeihlich so durchzujagen. Mein Gott, wie hast Du Alles änderst gesehen in Bamberg u. Nürnberg, wie Du noch allein warst! Möge Dir doch Dein guter Genius beistehen in Rom, daß Du alles siehest u. genießest, u. Dich durch das Weib nicht hindern lassest; u. wenn sie auch allen Zauber von Gefälligkeit über Dich schüttet. Meine Gutheit läßt mich das Unrecht so uns geschiehet nicht gleich empfinden; wenn ichs aber empfinde, so raffen sich auch alle Kräfte zusammen, mich dagegen zu sträuben. Wie wünschte ich Dir hievon jetzt etwas mitteilen zu können, denn ich fürchte, Du bist schon wieder zu gut. Ich habe leider Dein Verbot übertreten, wie Du aus meinem letzten Brief gesehen hast, u. habe G. die Sache erzählt. Ich glaube nicht daß ich so ganz unrecht getan habe; wirklich ist uns der Rat eines Dritten sehr notwendig; u. wie vorteilhaft u. gut ist er für uns ausgefallen! Auch ist G. ja so sehr verschwiegen. Überhaupt müssen wir uns für dem angebornen Edelmut in acht nehmen, wir kommen sonst immer in die Patsche. Nein ich kanns der Frau nicht verzeihen u. nicht vergessen daß sie Deine Stelle eingenommen, Dir Deinen Platz geraubt hat! Wenn ich denn [nun] so erbittert bin, so höre ich immer eine Stimme: wer weiß wozu es gut ist u. so tröste ich mich im Dunkeln, im Glauben daß nichts von ohngefähr geschieht. Seit dem Freitag, da ich meinen letzten Brief an Dich schrieb, ist nichts merkwürdiges vorgefallen, ich bin bei der Kanzler Schmidtin gewesen, u. die Kalbin hatte mich den Sonntag wieder besucht. [...] Goethe hat mir die erste Abteilung seiner Gedichte gegeben; es sind gar schöne darunter, besonders zwei Idyllenartig die mir vorzüglich gefallen. Ich habe recht vernünftig mit ihm darüber gesprochen; er wird auch an die Christel u. das Kätchen auf meine Bitte herauslassen. Ich lege Dir aus dieser ersten Sammlung 2 bei, als ein Geschenk. Ach wenn ich Dir nur meine Liebe u. mein Herz durch Worte überbringen könnte, Du Einzig Guter unaussprechlich Lieber! was gäbe ich nur für ein Stündchen, neben Dir oder auf Deinem Schoß zu sitzen! – Ach Dein Genius wird Dein u. mein Gebet erhören u. uns wieder gesund zusammen führen u. uns ein glückliches mildes Dasein zusammen u. mit unsern Kindern bereiten. Alles verkündigt mir eine schöne Abendröte des Lebens! Auch unsre Kinder werden sie uns bereiten helfen, die guten Geschöpfe unseres Herzens; die gut sind ohne es zu wissen. [...] Ich habe gleich den Montag der Fr. v. Fr[ankenberg] geschrieben, ich wollte ihr auch etwas von dem Sträußgen am Meer senden; ich konnts aber nicht übers Herz bringen. Es ist mir ein heiliges Andenken, u. das teile ich mit niemand. [...] Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar d. 3t. Oktober. 1788. Liebster Vater. Ich habe mich über das Sträußchen vom Adriatischen Meer recht gefreut, und noch mehr darüber daß es Ihnen so wohlgehet; ich wünsche auch einmal das Meer zu sehen, mit den Schiffen die darauf herumfliegen, und dahin zu kommen wo Sie jetzt sind. Wir sahen gleich auf der Landkarte nach, und fanden Ancona auf der Spitze liegen, und dachten uns in Gedanken recht lebhaft, wie es Ihnen nach der Hitze nun am Meer so wohl geworden war; Gott erhalte Sie nur in Rom gesund und frisch, und bringe Sie bald wieder zu uns. Ich bin nun endlich meine Schwären los, und befinde mich wohl. Wenn ich eine Viertelstunde Zeit habe, schwinge ich mich auch ein paarmal ums Seil herum. Ich wollte daß Sie uns sehen könnten, es ist eine recht lustige Lust, und unsere Schulkameraden finden alle ein Vergnügen daran. Indessen versäumen ich bei dem Vergnügen die Arbeit nicht, und hoffe daß Sie bei Examen mich als einen guten Primaner hinüber setzen sollen. – Herr Schäfer grüßt Sie aufs beste. Leben Sie wohl, liebster Vater, genießen Sie in Heiterkeit und Wohlsein Italien und Rom, und gedenken Sie unserer, die wir Ihnen so viel Tausend Gutes wünschen. Ihr gehorsamster, u. Sie zärtlichst liebender Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner vielmal von mir, u. sagen Sie ihm, er solle mir italienische Schmetterlinge mit bringen.   [Nachschrift von Caroline Herder:] Den Werner grüße ich auch u. wir alle. Er wird nun schon viel Italienisch können u. von seiner Kavalkade nun ausruhen. Er wird recht gescheut wieder kommen. Gott erhalte ihn auch gesund u. brav u. wacker, u. besorge Er doch ja alles recht hübsch, daß mein Mann recht schön u. reinlich in den Kleidern geht; denn die stolzen Römer sind, glaube ich, auch galant im Anzug. Ich bitte, sich nur vor Erkältung in Acht zu nehmen u. meinen Mann fleißig an den seidnen Gürtel u. alle die notwendigkeiten zu erinnern. Lebe Er recht wohl. u. lasse er sich nichts abgehn daß er nicht gar zu mager wieder kommt. C. H. August Herder an J. G. Herder Weimar, 3. 10. 1788 [?] Liebster Vater Vorigen Sonntag haben wir Ihren lieben Brief aus Ancona empfangen, welcher uns sehr erfreut hat, Sie haben uns sehr viel Schönes geschrieben vom Adriatischen Meer, das Sträußchen das Sie uns geschickt haben, hat uns allen sehr gefallen. Nun will ich Ihnen auch erzählen, was ich mache. Vorigen Dienstag, als den 23 September, bin ich mit dem Erbprinz, dem H. Geheimerat von Goethe u H. Landkammerrat nach Jena zu dem H. v. Knebel gefahren, und haben das Kabinett gesehn, wir sind auch in des H. Griesbachs Garten gewesen, u 2 mal spazieren; denn Abend sind wir gesund u vergnügt wieder gekommen u ich habe der Mutter viele Feigen gebracht, denn sie ißt jetzt die Italienischen Früchte sehr gern. Auf dem Seil, welches uns Steins fritz geschenkt hat machen wir lustige Kunststücke, ich gehe darauf, u wir überschlagen uns auf vielerlei Weise. Leben Sie Tausendmaltausendmal wohl, u vergessen Sie nicht Ihren Gehorsamen Sohn August Herder Grüßen Sie Werner aufs beste. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 3. 10. 1788 [?] lieber Vater. Kommen Sie bald wieder u. haben Sie mich lieb, ich habe am Sonntag das neue Kleidchen angehabt u. bin mit dem Gottfried in der Kirche gewesen, u bringen Sie Weintrauben u. Feigen u Pfirschen mit. Die Mutter hat mir ein neues Gesangbuch aus Ihrer Bibliothek geholt. Es ist gar schön u. es ist groß gedruckt, ich danke Ihnen dafür. Ich habe auch Ancona gesehen u. das Meer u. das Sträußgen was Sie geschickt haben, lieber Vater dein getreuer Bruder Emil Herder.   [Nachschrift von Caroline Herder:] Da noch Platz ist, in Deines Bruder Emil Herders Briefchen, so muß ich Dir das aufschreiben was die Luise Stolb[erg] von Dir geschrieben »Ich habe Herdern herzl. lieb, es gibt nur wenig Menschen die so wie er Herz u. Geist vereinigen u. in dem Maße u. mit solcher Grazie – das darf ich wohl sagen, da er dies nicht lesen wird. Seine Schriften liebe ich täglich mehr u. ich glaube daß ich besser den Sinn seiner Schriften fasse, als so manche andere. Es ist eine Kunst recht zu lesen, denn sie fordert Aufmerksamkeit, u. nichts ist so selten bei den Menschen zu finden als Aufmerksamkeit – tout le Monde parle, mais personne n'écoute. ich habe mich von jeher des hörens beflissen, dem der es versteht gewährt es unendlichen Genuß.« Die kl. Schardt war so eben bei mir, sie sagt Dir viel Gutes. Sie hat einen Engländer, Namens Obn, der einige Tage nach Deiner Abreise ankam, als einen Bruder liebgewonnen u. er sie auch u. vielleicht noch mehr. er ist heute wieder zurück nach Engl[and] u. sie geht morgen zur Ichtritz. Sie ist recht gut. Die Liebe macht doch Alles glücklich. Gott schenke uns ein glückliches Wiedersehen Du Einziger. Auch mir kommen die Szenen meiner Jugend, nämlich unsre erste Liebe wieder. Sie schlägt wie aus einer festen Wurzel neu hervor. Lebe wohl Lebe wohl, treues Herz. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar den 6. Oktob. 1788. Gestern Abend 9 uhr erhielt ich Deinen Brief aus Terni u. den ersten aus Rom! o mein liebstes Herz, anstatt mich zu freuen, war ich sehr betrübt daß Du keinen Brief von mir gefunden hast, daß meine Stimme Dich nicht bewillkommt hat! u. Deine Unruhe hierüber schmerzt mich unsäglich. Alles trug zu meiner schmerzhaften Stimmung bei; da ich eben Deinen Brief gelesen hatte, ging das große Geläute, mit dem der Witzleben begraben ward. Die Empfindung hierüber teile ich Dir nicht mit. Zuweilen ermannte ich mich, da die Glocken auch bei großen erfreulichen Gelegenheiten gelautet werden; der Haupt-Eindruck blieb aber Unmut über mich selber, daß ich nichts als Ungeschicktes begehen kann; endlich besänftigten mich Tränen, u. ein wohltätiger Schlaf. O verzeihe mir liebster Einziger Unaussprechlich Guter, daß ich Dir Deine Liebe so ungeschickt lohne u. Dir Unruhe gemacht habe. Ich wollte Dir früher Freude machen, indem Du aus Augsburg geschrieben, »adressiere die Briefe nach Florenz oder Rom,« dort haben sie bisher gelegen. Ich hoffte immer, daß Du meinen Brief vom 22. August, den ich noch nach Augsburg gesandt habe, Dir nach Rom wirst nachschicken lassen; auch den hast Du nicht gefunden u. ich fürchte daß er verloren gegangen ist. Ich werde heute noch an das Postamt nach Augsb. schreiben daß sie ihn unter Buris Adresse nach Rom senden. Wie gut ging doch Alles, da Du noch allein warst, seitdem Du Gesellschaft hast, hast Du noch keinen Brief von mir erhalten! O wie mich das peinigt. Du Lieber erquickst mich so oft mit Deiner Stimme, die mich aufrecht erhält; u. wenn es mir einfällt daß Du nun so lange von meiner Liebe u. Leben kein Zeichen gehabt hast, noch von den Kindern, so überfällt mich eine recht heiße Unruhe. Ich bin schon im Garten herumgelaufen, es ist ein unvergleichlich heller Himmel ohne Wolken, als ob ihn mir die Natur in Deinem Namen schenkte, aber es will bei mir nicht heiter werden. Mischt sich nicht ein eigen Schicksal in alle unser Glück? Wenn Dir die Unruhe u. Sorge hierüber nur nicht geschadet oder Dich in dem Genuß der hohen Gegenstände gestört hat. Das hoffe ich doch nicht. Ich denke Du wirst jetzt alle Briefe von mir empfangen haben u. wir wollen jetzt alles vergessen. [...] Mein ganzes Leben hängt an Deiner Seele u. an Deinem Wort. Das sagen Dir die heißen Tränen die ich weine, Du mein einziges Gut auf Erden. – Gott gebe daß nur noch 8 Tage um [sein] mögen, damit ich nur endlich erfahre daß Du einen Brief hast. Mein erster Gedanke heute warst Du u. bist Du allezeit, u. das erste was ich heute früh sahe, waren zwei Täubchen. Bald nachher ließ mir Goethe sagen daß er Briefe aus Rom hätte, Du seist da. Auch schickte er das Bild u. Vignette zum 8t. Band, von der Angelica gezeichnet. Es hat mich recht überrascht. Die hohe Muse wie sie ihn mit innigem Wohlgefallen ansieht u. in Betrachtung ist u. der Schmerz auf der Bildsäule sind unaussprechlich rührend. Das Ganze ist ein empfunden u. gedachtes Denkmal seiner Werke. Gott gebe Dir Freude u. Glück unter seinen Freunden. Gott verhindere nur alle Störung, damit Du Deine Zeit gut brauchest. Ich hoffe, Du wirst Dir einen Plan gemacht haben über alles das Du sehen willst u. mußt, u. daß Du Dich hernach durch nichts irre machen lassest. O des Kindischen lächerlichen Gedankens, ein Schätzchen kostspielig mitzuschleppen, um in Rom mit ihm zu liebeln. Abend 8 uhr. ich bin durch einen Besuch vom Erbprinzen u. Riedel, die sich auf diesen Nachmitt. angemeldet hatten um die Kinder auf dem Seil zu sehen, verhindert worden, weiter zu schreiben. Goethe kam auch, u. hat mir nachher, nachdem wir vorher viel von Dir geredet haben u. er sich recht gefreut hat über das was u. wie Du gesehen hast u. mich über das Ausbleiben der Briefe getröstet, u. es als notwendige Zufälle einer Reise betrachtet, so hat er mir nachher aus dem Tasso einige Stellen gelesen. Es ist eine vortreffliche Arbeit; eine vortreffliche würdige Sprache – ein herrlicher Geist der die Charaktere so präzis darstellt – ich habe nur noch wenig gehört, es gefiel mir aber sehr; u. es freute ihn. Er sagt die Jamben seien noch besser als in der Iphigenia. Es ist ihm lieb daß Du nun in Rom bist. Da, sagt er, brauchst Du auch nicht mehr so viel Italienisch, er hätte meist Deutsch gesprochen. Ich hoffe daß Ihr den Antiquarius Hirt nicht vergessen werdet zu nehmen, u. die Dukaten doch da nicht sparen werdet? Es freute ihn, was Du sogleich vom Buri u. der Angelica geschrieben. [...] Ich sollte Dir billig diesen Brief nicht schicken, es ist nichts darinnen; Laß Dein Herz u. Deine Liebe das Beste darinnen finden, u. bleibe mir gut wenn auch jetzt die großen Gegenstände mein Andenken etwas verdrängen wollten. Ich u. die Kinder klammern uns an Dich. Ach ja wir sind freilich die schweren Gewichte so lange gewesen, die Dir Deine Flügel gelähmt haben. Atme jetzt frei u. stärke Dich, Du Vielgeduldeter. [...] J. G. Herder an Caroline Herder Rom, 8. Okt. 88. Ich unterließ letzten Posttag an Dich zu schreiben, meine liebste Seele, weil ich vom Werner was Gewisseres schreiben wollte, als ich damals schreiben konnte; jetzt kann ichs, u. alle Umstände haben sich zum Guten geändert, so daß er, wie der Arzt versichert, auf dem sichern Wege der Rückkehr zur Gesundheit ist. Dieser Arzt ist aber nicht der Italiener, sondern der Deutsche, der D[oktor] Huschke, den die Herzogin mit sich hat. Jener hatte ihn auf einen so schlimmen Weg geführet, daß, wie Huschke versichert, eine Lungensucht u. der Tod ohne Zweifel das Ende vom Liede gewesen wären; jetzt hat ihn Gott, wie ich hoffe, errettet, u. der Arzt versichert, daß er vielleicht in 3. Tagen einen Versuch werde machen können, außerhalb dem Bette zu sein; seine Kräfte, die ihm der vorige Arzt bis zum äußersten Grade der Schwachheit genommen hatte, werden sich freilich langsamer wiederfinden. Doch auch hierüber ist von der Mutter Natur das Beste zu erwarten, sobald nur einmal die Ursache der Krankheit aus dem Körper ist. Polelli hatte ihm durch den Schweiß die Kräfte genommen, durch den Aderlaß die unabgeführte Galle ins Blut u. auf die Brust gejagt, u. durch die unzeitige China das Übel verstärket, indem er ihm mit Gewalt die Diarrhee stopfen wollte, durch welche die Natur sich helfen wollte. Eine minder-schwächere Natur wäre, wie Huschke sagt, drauf gegangen. Seit ein paar Tagen ist er merklich besser: seit ehegestern bewohnt er auch ein besser Zimmer, worin ich ihn näher bei mir habe. Er hat aber dahin müssen wie ein Kind hinabgetragen werden, u. konnte einige Tage sich auch im Bette nicht 2. Minuten aufrecht erhalten, ohne Ohnmacht: das Gedächtnis war ihm ganz weg, u. er kannte vor Schwäche selbst die Personen nicht, die er am besten sonst kennet. Das alles ist Gottlob jetzt anders u. besser; denke, wie mir war, u. welche Tage ich zugebracht habe. Jetzt läßt er Euch alle aufs beste grüßen auch seine Mutter u. Schwester, denen Ihr aber nichts sagen sollt, von seiner Krankheit. Alle Nachrichten, die ich ihm aus den Briefen gebe, sind ihm eine ordentliche Arznei, u. wenn ihm der Himmel aufhilft, wie ich nicht zweifle, wird, wie ich hoffe, auch sein Aufenthalt hier angenehmer werden: denn bisher hat er in Italien kaum eine frohe Stunde gehabt. Er ist ein äußerst guter Mensch, treu, fest u. bieder; er hat aber zu viel Galle, u. hat sich ordentlich über manches für sich u. für mich geärgert. Wenn ich ihn nur erst wieder außer dem Bett sähe! Seit meinem letzten Br. ist also auch der Faden gleichsam abgerissen, den ich aus der Erinnerung nur mit Mühe knüpfe. Sonnabend Abend kam die Herzogin Mutter gesund u. äußerst vergnügt an. Es traf sich eben, daß ich nach ihrer Ankunft im Hause gefragt hatte, als sie ankam; ich bemerkte den Wagen, ging zurück, u. ich war also der erste, den sie in Rom sah. Sie war sehr liebreich u. gütig, gab mir Deinen Brief, erlaubte mir den Arzt für W., der sich auch alle erdenkliche Mühe gegeben hat. Sonntag früh wartete ich ihr mit Dalb. u. der Seckend. auf: Montag ließ sie mich zu sich rufen, u. war sehr gut: Dienstag bin ich mit ihr in die Rotonda u. ins Museum gefahren, u. speisete bei ihr: Heut wollte ich zu Hause bleiben, da ich sie also noch nicht gesehen habe. Sie beträgt sich, als Fürstin, sehr gut, u. im Museum hatte sie eine wahre, innige, gefühlte Freude; ganz anders als unsre schöne Begleiterin, die von allem nichts weiß u. verstehet, alles ohne Teilnehmung siehet, u. die man nur mitschleppen muß, so daß ich nicht weiß, wenn wir mit Hirt unsern Kurs vollenden werden. Wenn sie einen halben Tag fährt, wird wieder ein paar Tage nichts ppp Doch dies alles bleibe bei Dir. Niemand kann sich zu etwas anderm schaffen, als er ist, noch sich eine andre Natur geben. Die Herzogin war äußerst verwundert, sie hier zu sehen; sie hatte es gehört in Regensb[urg] u. nicht geglaubt. Die Göchhausen sagte, sie habe es schon in Weim[ar] gemerkt, daß ihre Ideen dahin gingen. Doch habe ich mich gegen beide nicht weiter expliziert: was geschehen ist, ist geschehen, u. ich habe nur zu sorgen, wie ich mir aufs beste durchhelfe. Jetzt sitze ich eigentlich zwischen 2. Stühlen auf bloßer Erde; u. W. Krankheit hat das Maß bis zum Übermaß erfüllet. An Kleider u. dgl. habe ich noch nicht denken mögen: Teils weil ich sie so notwendig nicht brauchte, denn zum Kurs ist jedes Kleid gleich gut; der Senator ist nicht hier u. alle Welt ist auf dem Lande, Teils weil ich noch von keinem was recht Vernünftiges erfahren habe. Alle sagen mir, ich müsse ein schwarzes Kleid in die Gesellschaft haben, u. das wäre mir ärgerlich, hier im teuren Rom, mir ein schwarzes Kleid müssen machen zu lassen; ich wollte, daß ich Deinem Rat gefolgt wäre, u. mein schw[arzes] Kl[eid] mitgenommen hätte. Ich will jetzt ernstlich dran denken, u. Reifenstein oder die Angelika fragen: wünschte aber, daß ich in Allem schon steckte, weil ich in solchen Sachen wie ein Kind bin, indem ich solange nicht für mich gesorgt habe. Bei Monsignor Borgia, der mich vorigen Freitag mit seinen roten Strümpfen in meinem Hause selbst aufsuchte u. auf den Sonntag zu Tisch bat, hatte ich das schwarzseidne Kleid an, war rund frisiert d. i. mit einzelnen Buckeln wie in Weimar; u. er stellte mich seiner Gesellschaft als Bischof in meinem Lande vor, welches ich denn auch mit aller Bescheidenheit annahm, u. annehmen konnte, weil er von Allem unterrichtet ist. Er hat mich sehr wohl aufgenommen, u. ist wirklich ein gelehrter, dazu freier u. fröhlicher Mann. Ich habe mit ihm Latein gesprochen, u. er ist der einzige, den ich bisher habe kennen lernen, der es geläufig u. gut spricht. Diese Woche geht er auch aufs Land, u. ich habe Zeit gnug, für meine Kleider zu sorgen. Es wird sich ja wohl eine gute Seele finden, die sich meiner annimmt. Die Seckend. mag ich über nichts fragen; sie rät mir in allem entweder klein oder hinterlistig u. übel, ohne daß sie es weiß. Unsre Naturen sind zu sehr verschieden, so daß ich nicht geglaubt habe, daß ich von jemand in der Welt so fern sein könne, ohngeachtet alles Zwanges, den ich mir oft antat. Bin ich ausstaffiert, u. habe die paar Gesellschaften gesehen, die hier exsistieren u. die im Grunde für mich nicht sein können u. sein werden, ziehe ich mich zurück in mich selbst, u. suche etwas zu arbeiten. Jetzt bin ich ganz zerstreuet, unruhig u. außer mir, so daß ich in Rom noch keinen Genuß gehabt habe, wie ich mir ihn wünschte. Ich bin indes mit Sehen so fleißig, als ich sein kann. Außer dem Pantheon, der Peterskirche, dem Museum, das ich nun ganz durch bin, den Bogen, einer guten Partie von Säulen u. Trümmern, unter denen das Colisee oben ansteht, habe ich von Villen die Ludovisi u. die Borghese gesehen; ein Schatz, den ich bei weitem noch nicht verdauet habe. Mein Plan indes reihet sich fest, u. meine Plastik kommt mir ganz wieder; wahrscheinlich wird sie das erste sein, was ich aus- u. umarbeiten werde. Doch sage davon nichts an Göthe; es liegt ja noch alles in der Zukunft. Wie sehr mich Deine Br. erfreuen, trösten u. stärken, kann u. mag ich Dir nicht sagen: Du bist, möchte ich sagen, meine Vernunft u. mein treues, edles, reinestes Herz . Du sollst es auch bleiben. Grüße die Kinder u. küsse sie alle in meinem Namen. Ihre Br. sind mir sehr lieb u. machen mir ihre Personen so ganz gegenwärtig, als ob ich zugleich ihre lieben Stimmen hörte. Sie sollen mich im Zopf sehen, wenn ich zurückkomme: Gottfr. soll über mich lachen dörfen, u. dem Aug. will ich im Zopf kein ernstes Gesicht machen. Dem Emil will ich Kuchen mitbringen u. was er begehret. Lebt wohl, Ihr lieben Kinder, lebe wohl, ihre liebe Mutter, lebt alle wohl u. gedenkt meiner in Euren besten Stunden. Grüße Alles, schreiben kann ich noch an niemanden: ich werde es aber, sobald ich kann. Nach dem Br., der in Florenz liegt, habe ich geschrieben; nach dem in Parma schreibe ich heut, ich weiß nicht, von wem er sein mag. Besonders empfiehl mich der Herz., von der Du so gar nichts schreibest, wenn es nicht im Florent. Br. stehet, daß Du bei ihr gewesen. Die arme Fr. v. Fr[ankenberg] dauret mich sehr: mein nahes Leiden hat indes gemacht, daß ich an das entferntere weniger denken konnte. Ich komme wenig zu mir, habe wenig Gedanken u. schreiben kann ich gar nicht; ich habe auch dazu nicht Zeit. Lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl! Gott mit Euch dort, u. mit Uns hier. – Die Seck. hat mir einen Gruß an Dich aufgetragen. D. auch. Lebe wohl, liebe Seele. H. Göthe, Knebel, Fr. v. Stein, Kalb, Schardt, der guten Volgst[ädt] mit ihrem Arab. Spruch pp sage Grüße. Hat meine Schwester sich noch nicht gemeldet? Ist Heinze Progr[amm] nicht zu stark, so schicke es mir, doch ohne Decke, wenigstens das Blatt, wo an mich gedacht ist. Nochmals das beste Lebewohl. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, 10. 10. 1788 Sei mir herzlich in Rom gegrüßt und an jeder Stelle, die du betreten wirst. Keine merkwürdige wirst du betreten, in der ich nicht deiner gedacht hätte. Ihr habt Tadel verdient, daß Ihr bis Ancona so schnell, Lob, daß Ihr von daher die merkwürdigen Sachen mit Ruhe und einigem stillen Genuß angeschaut habt. Verzeihe deiner Frauen, wenn sie mir mehr, als du wolltest, vertraut hat; verzeih mir, wenn ich mich etwas heftiger gegen – erklärt habe. Sie muß nichts Wichtiges ganz in sich verschließen, wenn sie deine Abwesenheit tragen soll, und wie ich die Sachen nehme und trage, weißt du ja auch. Mich freuts, wenn du Angeliken und sie dir einige gute Stunden machst. Wenn dir Bury lieb wird. Sei doch ja gegen Rat Reiffenstein recht artig und rühme ihm, wie sehr ich seine Freundschaft gerühmt. Ich bleibe immer der wunderliche Heilige Gottes, der wunderlich geführt wird. Wenn du in mein hold Quartierchen kommst, so laß dichs einen Augenblick reuen, daß du mich herausgejagt hast. Das Blatt ist liegen geblieben; nun kommt dein Brief, der deinen Einzug in Strada Condotta benachrichtiget. Die S. ist eigentlich ein Racker, und spielt ihre Person in der Gesellschaft am besten. Du bist auf alle Weise zu honett; da es aber deine Natur ist, so bleibe dabei und laß sie dirs nur nicht zu grob machen. Der Dalberg ist, wie alle schwache Menschen, freilich sehr vergnügt, wenn du ihm das Leben leicht machst, da du's ihm sauer machen solltest, indes jene, die ihms leicht machen sollte, es ihm lästig macht. Ich lobe sie indessen, wie der Herr den ungerechten Haushalter. Es geht doch nichts über die Huren, dagegen kann kein ehrlicher Mann, keine ehrliche Frau, kein ehrlich Mädchen aufkommen. Lebe wohl, du guter, der du auch unter Wilhelms Verwandten dich auszeichnest. Genieße Rom, sorge, daß Ihr nach dem Karneval nach Neapel geht bis Ostern pp und vergiß nie, was du bist und was dir der Sperling schuldig ist. Liebe mich. Grüße die Landsleute. G. W. d. 10. Oktbr. 88. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 11. Okt. 88. Auf einmal, liebe, habe ich Deine 2. Flor[entiner] Br. nebst Inlagen der Kinder u. Göthes, auch Deinen Br. v. 22. Sept. mit Göth. Beilage erhalten. Auf den letzten, da er Geldsachen u. meine Einrichtung betrifft, zuerst. Und da muß ich Dir sagen, G. hat Dich auf alle Art irre geführet. Jeder Mensch muß aus sich u. für sich handeln; u. im höchsten Punkt der Pflicht u. Not muß man keine allgemeine Raisonnemens brauchen. Ich bin Gottlob noch nicht in diesem Punkt; bin ich aber darin, so ist es vergeblich, Worte zu sagen, wo man Tat brauchet. Ich schreibe Dir diesen Br. allein: nimm aber den Verfolg meiner Br. zusammen, u. Du wirst finden, daß kein Sterblicher mit mehr Nachgiebigkeit u. Geduld gehandelt habe, als ich; eben weil ich auf jeden Heller, den ich im Beutel hatte, so eifersüchtig bin u. war als der Bettler, der eine Reise nach Rom vor u. hinter sich hat, sein kann. Wäre es auf mich angekommen, so wäre ich eine Poststation hinter Augsb. aus dem Wagen gesprungen, u. hätte gesagt: fahrt zum T – Nun habe ich eine Reise getan, wie ich meinem Feinde nicht wünsche: Werner ist das Opfer geworden u. hat sich für seinen Hrn. geärgert. Bezahlt auf der Reise habe ich nur einge Stationen von Botzen ohngefähr bis Verona, da es mir zu nahe an den Hals ging. Alles aber, was ich auf der Reise allein genoß, u. nichts als Kaffee, Milch, Brot u. eine kleine Bouteille Liqueur war, habe ich bezahlet. Bei Tisch ertrug ichs, als ihr Gnadenhungriger angesehen zu werden, und mit zuessen, im elendsten Verstande des Worts. Für den W[erner] bezahlte ich bis Mantua, da ich denn, damit er nicht gar verhungerte, ihn in die gnädige Kost mit einredete. Laß mich davon nicht weiter schreiben: ich schäme mich vor mir selbst. Als wir endl. in Rom waren, kams zur Erklärung. Unter allen Quartieren, die besehen wurden, war immer der Fehler, daß ich nicht mitwohnen könnte; ich sagte also, meinetwegen möchte sich die g[nädige] Fr[au] nicht genieren, ich könnte auch besonders wohnen. Sie nahms (o warum muß ich nur an sie gedenken?) sosehr mit beiden Händen an, daß bei den freundlichsten Worten ihr das Quartier sogleich mißfiel, wo ich mit hätte wohnen können, u. sie in allem nur darauf sahe, wie sie als Prinzessin wohnen könnte, wie sie denn auch wohnt. Sie hat 5. Zimmer in der Suite, deren Türen sie sorgfältig auftat, da die Herzogin Tee bei ihr trank, Dalb. muß sich mit 2. elenden begnügen. Als ich mit D. sprach, sagte ich ihm in Liebe Alles, was Ihr mir sagen könnt, aber ohne daß ich ihm das Messer an die Gurgel setzte. Er sagte, er wolle mein Quartier bezahlen: mittags möchte ich doch bei ihm essen; ich esse bei ihm u. quäle mich in der vermaledeiten Gesellschaft, wo mir die g. Fr. zu sehen fatal, beim Durchgehen den Hrn K[ammer]Diener zu sehen abscheulich ist, u. mir im Grunde alles in Rom Gift u. Ekel ist – was wollet Ihr mehr? Ich fahre mit ihnen, schleppe mich auf ihrem Kurs mit, auf dem wir, so elend gehts, in 2. Jahren Rom nicht aussehen werden, warte auf die Zeiten, da es der g. Fr. beliebt, ärgre mich u. genieße nichts; was wollet Ihr mehr? – Wenn ich nun notgedrungen außer dem was sehen will, muß ich meine Pauls geben: denn ich sehe für mich. Wenn W. krank wird, Arzt, Medizin, Wärterin braucht, kostet es mich; was ich Morgens, Abends brauche, jeden Gang, den ich schicken muß, da ich entsetzl. überlästigt werde, mich – ppp Das Alles habe ich nicht gemacht, sondern die Situation, daß das Weib da ist u. ich nicht mit dem Kammerdiener wohnen, oder gleichgehalten werden will, oder ich würde mich aus Rom betteln. Die 5. Pauls, die das MittagEssen kostet, möchte ich ihnen in den Schlund werfen pp o warum muß ich dies alles schreiben, da ich bei jeder Zeile mich vor mir selbst schäme u. mit den Zähnen knirschen möchte. Weiter ist bisher nichts ausgemacht; ich glaube, er wird nach einiger Zeit selbst die Gnade haben, u. nach der Rechnung fragen. Erstreckt er diese bloß aufs Quartier; ich fodre von ihm nichts, nehme dies auch an, u. sehe was weiter zu tun ist; mit dem Messer an der Kehle werde ich keinen Bajok von ihm fodern. Und wie könnt Ihrs verlangen, da Ihr seht, daß selbst seine Güte – doch ich rede noch nichts hierüber; die Zeit wird reden. Gnug, vor der Hand habe ich noch kein Geld nötig; wenn ich aber schreibe, so glaube, liebes Weib, daß es das Schicksal selbst Dir geschrieben habe, u. schaffe, wieviel ich Dir sagen werde; es wird nicht viel sein, oder vielleicht gar nichts, was weiß ich? G[oethe] hat gut reden; alle seine Ratschläge in Ansehung Roms taugen nicht; er hat wie ein Künstlerbursche hier gelebet. Da schwätzt er u. warnt mich vor dem schwarzen Rock, u. macht, daß ich den meinigen nicht mitnehme. Und nun muß ich mir einen hier machen lassen, weil ich mit Keinem andern, auch keinem gestickten, der immer nur Frack ist, in eine Gesellschaft kommen kann, u. Einsiedel selbst einen schwarzen mitgebracht hat. Ich muß mich also in doppelte Kosten setzen, mir einen schwarzen u. violetten zu kaufen; u. so hat er mehr geredet; ich habe mich manchmal schon über ihn geärgert, daß ein Mensch, der 2. Jahr in Rom gewesen ist, einen so ziehen läßt. Ich würde es, da ich jetzt 2. 3. Wochen in Rom bin, keinem Fremden so tun, der mich früge. Gnug, gräme Dich nicht, sorge auch nicht voraus; halte aber Dein gutes Gemüt zusammen, glaube mir, u. laß mich machen. Wenn der Überschlag gemacht, u. die Sache zu übersehen ist: denn handle. Es wird Dich u. mich nicht gereuen. Ich bin darin u. muß durch. Ja wohl bin ich in Rom auf meine Lebenszeit genesen, aber in anderm Sinn, als G. es meinet. – Über das Alles ein andermal: für jetzt nur Eins. Sage von diesem Br. u. seinem Inhalt nichts an Jemand; schicke mir aber den 1. T[eil] der krit[ischen] Wälder mit erster fahrender Post. Er ist blau broschiert, lag in der Bibl[iothek] zum Mitnehmen auf dem Fenster bereit; u. ward vergessen. Ich brauche ihn hoch notwendig. Meine Adresse habe ich Dir geschrieben. Werner ist heut zum erstenmal aus dem Bett gewesen, ¼ Stunde oder noch weniger. Er sieht wie einer aus, der aus dem Grabe aufsteht; nichts ist an ihm: er wird wie ein Kind müssen gehen lernen. Er ist sicher aus der Gefahr, grüßet Euch alle herzl. u. rührend. Meine Eingeweide drehen sich um, wenn ich ihn ansehe. Heut kein Wort weiter. Auch Keins der tausendfachen Dankworte, die ich Dir auf Deine Florentinerbriefe zu sagen hätte. Gott sei mit Euch, liebes Weib, liebe Kinder u. bringe Euren Mann u. Vater einst gesund u. entronnen wieder zu Euch, auf Lebens-Lebenslang kuriert u. genesen. Lebt wohl, Ihr lieben. Noch Einmal bitte ich Dich, liebste liebe. Mache Dir keine Sorge ums Geld: es kann sich alles so finden u. fügen, daß ich nichts brauche: denn vor der Hand habe ich noch 50. Holl[ändische] Duk[aten] u. 10. Deutsche; auch eine Partei Scudi. Ich wirtschafte, wie ich kann. Wenn D. sich erklärt, oder den kleinsten Anlaß gibt, werde ich nochmals mit aller Liebe sehr aufrichtig sein; er ist aber ein schwaches Gefäß, ich kanns nicht bergen. Jetzt schikanieren mich insonderheit die Kleider. Sie sind der teuerste Artikel in Rom, u. zugleich der nötigste. Wenn ich nur erst ausstaffiert wäre! Als ich heut Deinen Br. u. G[oethes] gelesen hatte, u. voll Verdruß u. Kummer oder vielmehr Unmut umherging, schlage ich Ital. Gedichte auf u. finde das Griech. Epigramm (T[eil] 1 d[er] z[er]st[reuten] Bl[ätter]) Nacket kam ich p nackt geh ich p nackt von hinnen zu gehn, braucht es wohl Kummer u. Leid? Lebe wohl, Liebe! – Da Du mir einge Deiner Ahndungen schreibst, die leider so wohl eintreffen, muß ich Dir auch einge der Meinigen sagen. Den 24. Aug. da ich vorher so heiter gewesen war, befiel mich in Augsb. eine Traurigkeit ohne Grenzen; sie waren unterwegs. Als ich auf der letzten Poststat[ion] vor Rom auf dem Gipfel des zurückgehaltnen Unmuts u. zugleich der wunderbaren Erwartung war, wenn man sich diesem Abgrunde der alten Welt nähert, lasse ich mir den Bart rasieren. Mein Gemüt war Ahndungsfähig; u. siehe da, W[erner] schneidet mich zum erstenmal, solange ers getan hat. Ich fühlte u. wußte nicht was; nun weiß ichs. Traurig u. äußerst bekümmert gehe ich drauf u. setzte mich in den Schatten vor einer Kapelle nieder, ganz unfähig, auch nur das Auge aufzuschlagen. D. kommt u. über mir steht: ego tibi Romae propitius ero ich will Dir in Rom günstig sein. Worte, die Ignatius gehört haben sollte auf dem Ort, als er bekümmert nach Rom ging. D. lachte; ich lachte nicht, u. bete zu Gott, daß er die Erscheinung erfüllen möge, zu deren Erfüllung er mich durch lauter Prüfungen u. Widerwärtigkeiten führet. Zum drittenmal lebe wohl, Liebe. Lebt wohl, lebt wohl, Kinder, Kinder, alle meine lieben sechs. Amen. Helfe Gott auch mir. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 12. Okt. 1788. Liebster, Guter, Einziger. Mein letzter Brief vom 10. Okt. war so sehr in der Eile geschrieben, daß Du mirs tausendmal verzeihen wirst. Verzeihen sollst Du mir aber nicht die Wärme, mit der ich schon in verschiedenen Briefen über Dein Verhältnis mit der Reisegesellschaft geschrieben habe. Eine öffentliche Beleidigung vor ganz Deutschland darf man nicht auf die leichte Achsel nehmen. Ich bin nur auf den Ausgang dieser Reise begierig. Die Dame legt es recht groß an, u. hält sich hübsch hoch u. teuer. Dalbergs ganzes Vermögen, das in 20 000 Gulden besteht wird ganz gewiß daraufgehn, das glauben alle. Für dieses Geld hätte er 2mal mit Dir hinreisen u. unendlich mehr Nutzen u. Freude davon einernten können. Doch um ihn wollen wir uns nicht bekümmern, da er so unmännlich gewesen ist, Dir nichts davon zu entdecken. Rette nur die goldene Zeit damit keine Stunde verschwendet werde. Das wünscht Goethe selbst für Dich; denn er weiß wie es schmerzt, wenn die Zeit der Abreise kommt. Gestern war ich bei der OberMarschall von Witzleben zur Kondolenz; sie hat sich sehr nach Dir erkundigt u. empfiehlt sich Deinem Andenken. Man sagt daß sie hierbleiben, aber keine Pension vom Herzog annehmen wird. Dies ist von ihr sehr billig u. gerecht gedacht, ihr Vermögen wird über 50 000 Rtlr. geschätzt. Heute Mittag aß Schäfer mit, da wir am Braten waren meldete sich ein Fremder; und wer hereintrat war Johannes Müller aus Mainz! Seine Gegenwart erfreute mich sehr. Er ist wirklich etwas größer u. dicker geworden u. ist sehr verständig, herzlich u. männlich gewesen. Unser Hauptgespräch war von Dir; von Deinen Arbeiten vorzüglich; er verlangt sehr nach dem 4. Teil der Ideen von dem er durch Dalb., auch seinem Bruder, gehört hat. Er sprach mit so viel Verstand von Deinen Arbeiten: wie nicht allein die Sache selbst so durchdacht, sondern auch Dein Stil so vortrefflich sei. [...] Von Politischem hörte ich von ihm daß die Truppen marschieren werden. Darunter verstehe ich denn die Preußen, Sachsen samt dem ganzen Fürstenbund. Doch glaubt er daß es nur bei dem marschieren bleiben u. in Einem Jahr Friede sein wird. Der elende unglückliche Kaiser! Vermutlich werden wir hier Durchmärsche bekommen u. unser Fürst wird nun wieder ein Held werden auf 14 Tage. Von seinem Bruder ist auch viel geredet worden. Er selbst wünscht (im Vertrauen!) mit der Zeit eine Stelle in seiner Vaterstadt zu erhalten, in der er Muße bekäme, wieder für sich zu arbeiten. Ob er sich aber von dem politischen Seil losmachen kann, glaube ich kaum. Eine unangenehme Neuigkeit hat er mir gesagt, daß Reichardt aus Berlin auf einer Reise nach Italien u. Rom begriffen sei. Du wirst also diesen Freund dort sehen. In 8 Tagen wird der Herzog erwartet. Jetzt ist es doch vielleicht gut daß Goethe hier ist. Im heiligen Schoß der Kirche, werdet Ihr doch nicht Eine Unannehmlichkeit des Kriegs empfinden u. ich hoffe wir in Weimar auch nicht. Die Frucht steigt indessen schon im Preis u. vielleicht auch der Caffèe. Da ich meine Portion aus einem halben Lot mache, so werde ich diese Teurung wohl ertragen können. Das schlimmste ist, daß in bedrängten Fällen der Hunger u. Durst gemeiniglich zunimmt. [...] O welches Glück hat uns beiden der liebe Gott an Dir selbst gegeben! er wird Dich wieder glücklich zu uns führen, zu mir u. den Kindern u. nichts soll unser Glück stören. Wie unbedeutend wird mir aller Menschen Treiben. Wie wenig achtenswert! Wenn man sein eigentümliches Dasein gesichert u. befestigt hat, was braucht man mehr? Dienstag. Goethe kam den Montag zu mir. Von Müller sagte er: er sähe völlig wie ein Domherr aus; u. das ist wahr. übrigens gefällt er ihm so halbwegs. Die Zeit war freilich zu kurz. Vom Kaiser sagte er: er hätte das Haus Östereich durch diesen Krieg so heruntergebracht daß es sich in 100 Jahren nicht erholen wird. Ich sagte: so wirds unserm Herzog auch gehn. ja, nicht anders, antwortete er; u. so gehts uns allen, wenn wir unsre Eigenheit irgendwo oder am unrechten Ort, wie es gemeiniglich geschieht, durchsetzen. So ist mirs von Jugend auf ergangen; ich war frei u. reich, konnte sie also öfters u. mehr durchsetzen, als ein andrer, u. ich weiß am besten, wo u. wie sie mir geschadet; und wenn ich mich jetzt nicht so zusammennähme, so würde es noch mehr geschehen. So schadet dem Herder jetzt seine Eigenheit. Niemand wird es glauben, aber Zartheit u. Nachgiebigkeit ist seine Eigenheit u. nun leidet er darunter. Hätte er jetzt gefühlt wer er ist, u. wie ihm manquiert worden, er hätte von Augsburg aus, sich nicht so gütig betragen. Und daher kommts manchmal, daß er hernach am unrechten Ort gegen Menschen das rauhe herauskehrt.« Diese goldnen Worte waren, als ob sie aus unser beider Seele herausgeredet waren. Ich sagte ihm daß Du es so gut als ich wüßte; daß wir bei jeder Gelegenheit es merkten u. oft übel empfänden. Bei Deinem Verhältnis zu Dalb. sagte er ferner: u. wenn ihn Herder 3000 Rtlr. kostet so ists nicht zuviel; er hat ihm ja noch immer seine Person nicht bezahlt. Ferner sagte er: Die S. zeigt einen unsäglichen Verstand in ihrer Einrichtung – es ist das schönste Haus in Rom – mit Ecclat u. Anstand will sie den Schritt gutmachen; sie versteht ihr Handwerk u. der künftige Churfürst kanns bezahlen.« Nun liebster Engel auch Du mußt durchaus mit Anstand dort leben – es mag auch kosten was es will. Du bist einmal durch ihn dahin verlockt; Du bist als sein Gesellschafter engagiert, u. kannst doch wahrlich in der Kleidung nicht so gehn wie hier. Ach wenn wir nur eine Stunde mit Dir reden könnten. Ich hoffe Du wirst jetzt lange meinen Brief vom 22. Sept. erhalten haben, worinnen ich Dir geschrieben daß ich mit Goethe gesprochen. Gott gebe daß alles gut gehet; u. es muß. Jetzt ist es hohe Zeit seine Eigenheit bei Seite zu setzen, wenn wir nicht in Not u. Gram kommen wollen. Der H[ure] S. werde ich in meinem Leben nicht gut. Wenn Ihr nur Euern Kurs vernünftig einrichtet! Emil Herder an ]. G. Herder Weimar, 12. 10. 1788 [?] lieber Vater Kommen Sie bald wit ich kiege wieder ein neu Kleidchen, ein grun Jäckchen, bringen Sie uns Rom mit. das will ich zeichnen ich komme auch nach Rom. Ihr getreuer Bruder Emil Herder 1788. Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder Rom, 14. 10. 1788 [?] Lieber, Ihr Glück macht das meinige; hängt Ihre Existenz, Ihre Zufriedenheit daran, daß Sie sich von mir trennen – es sei – Sie stoßen mir einen Dolch ins Herz, aber ich bin schon gewohnt, ihn auch von Freunden zu dulden. Erster Tage gehe ich zu Lepri und überschicke Ihnen die bewußten 1000 Rtlr. Ihre Motiven, Bester, untersuche ich nicht, weil dies von Vorstellungen abhängt, und ein jeder die seinigen hat. Mein Wille war rein, mein Bestreben, Sie glücklich zu machen, so groß, als drückend das Gefühl, Sie leidend zu sehen. Zufall und der Wunsch, ein besseres Klima zu genießen, brachten bei der Frau von Seckendorf bloß auf mein (und sogar Ihr ) Anraten den Entschluß, mit nach Rom zu gehen, zu Wege. Sie waren immer ihr Freund, sind der meinige. Ich hoffte, ein harmonisches Band würde sich knüpfen, das aber weiß der Himmel welcher Dämon zerstörte – und das doch so gut bestehen könnte. Genug, Sie wollen sich trennen – ich untersuche nicht und befolge den Wunsch des Freundes. Alles soll übrigens ein ewiges Geheimnis zwischen uns bleiben. Sagen Sie mir mündlich oder schriftlich, wann und wie unsre (leider!) neue Lebensepoche anfangen soll. Also noch einmal, Liebster, Ihr Glück ist das meinige, mit meinem Leben wollt' ichs erkaufen, aber wahrlich Sie beförderten das meinige nicht dadurch, daß Sie mich in so manchen Punkten verkennen. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 15. Okt. [1788]. Endlich, liebes bestes Weib, fängt sich der Knote an allmählich aufzulösen, der mich solange zusammengeschnürt u. fast tot gedrückt hat; u. zwar auf eine gute Weise; Gott helfe, daß schon Alles getan sei. Sonnabend empfing ich Deinen Br. u. beantwortete ihn, verzeihe mirs, auf eine etwas heftige Weise. Ich konnte aber nicht anders im ersten Augenblick, weil ich selbst von der Last zu sehr gedrückt war, u. im Grunde mit Eurem Wort »sprich mit ihm: er muß bezahlen« nichts gesagt war: denn gesprochen war öfters, u. doch nichts entschieden, sondern alles nur verschoben. Sollte ich sprechen, so mußte es am Ende ihm bitter werden, u. das erträgt seine Gesundheit nicht; auch sein wirklich-guter Charakter verbot mirs. Also trug ich mich noch 2. Tage mit dem Ding auf die empfindlichste Weise, u. wälzte es umher: am Dienstag früh schrieb ich endlich einen Brief, lang, nachdrücklich, aber ganz u. gar unbeleidigend u. gut; ich sagte ihm gerade zu historisch, alles was geschehen sei, wie die Sache stehe, daß sie nicht so bleiben könne, u. wie ich wollte, daß sie eingerichtet würde. Das Erste will ich, weils zu jämmerlich u. widrig ist, nicht wiederholen; das Letzte war, ich müßte von ihm 1000. Tl. für u. zu meinem Aufenthalt in Italien haben, da mein Geld, der Rest der Summe des Unbekannten p zu Ende ginge, u. 600. Tl. zu meiner Rückreise, da er selbst sehe, daß ich mit ihnen nicht zurückgehen könne. Ich müßte mich für mich einrichten, da ich nicht mit ihm sein u. wohnen könne, stünde ihm aber übrigens zu allen, allen Gefälligkeiten bereit. Abends als ich nach Hause kam, fand ich seinen Br., herzl. u. gut geschrieben. Er beklagte, entschuldigte p (ich wills nicht wiederholen) versprach aber in einigen Tagen zum Wechsler zu gehen u. die 1000. Tl. mir zukommen zu lassen: von den 600. zur Rückreise sagte er nichts. Da er die Sache als Trennung ansieht, so habe ich ihm eben einen Brief geschrieben, daß sie gar keine Trennung, sondern nur Arrangement ist, das doch einmal gemacht werden mußte. Es könnte u. müßte also auch für alle, auch für die Herzogin, ein Geheimnis bleiben; wir trennten uns ja hier in Rom nicht mehr, als wir schon getrennt wären; sondern es finge sich eben jetzt eine neue Epoche der freien Liebe u. Güte gegen einander an u. f. Bloß das Eine werde geändert, daß wir nicht zusammen äßen, welches den Winter über doch nicht hätte sein können u. f. Diesen Brief will ich ihm heut Mittag geben; u. geht alles gut, so komme ich allmählich ins Freie u. Gute. Über die S. habe ich mich sehr linde u. gutmütig erklärt: Teils um ihn zu schonen, Teils aus Mitleiden gegen sie. Sie ist einmal hier, u. muß übertragen werden. Wenn sie mich nur nicht drückt, möge es ihr recht wohl werden. Das Klima behagt ihr nicht sehr; auch D. hat seit gestern die Diarrh. u. sah elend aus. Es ist ein hartes Ding für ihn u. seinen zarten Körper. Wenn es schön ist, ists außerordentlich schön; weht aber der verdammte Sirocco, so ists feucht, warm, kalt, widrig, u. alle Transspiration hört auf. Ein starker Rheumatism liegt auf dem Kopf, der sich nicht auflöset. Ich bin Gottlob gesund; nur den Sirocco spüre ich jedesmal wenn er kommt, schon im Bett, u. weiß sicher, wenn ich erwache, woher der Wind kommt. Auch eben heut bin ich mit einem starken Rheumatism aufgestanden, der sich nicht eher verliert, als die Tramontane wehet. Werner war gestern zum erstenmal wieder in meinem Zimmer, er sieht wie ein Erstandner aus, hat aber guten Appetit, nur kann er noch die Diarrhee nicht loswerden u. ist ganz ohne Kräfte: er kann kaum 3. Schritte weit gehen. Mich freuts indes, daß er soweit ist. Die Wärterin kann doch jetzt die Nacht abgeschafft werden, u. für die Pauls, die sie kostete, kann er essen u. trinken. Der Arzt sucht ihm durch Klistiere zu helfen, u. nimmt sich seiner sehr an: hat auch gemacht, daß ihm noch einge Tage aus der Herzogin Küche geschickt wird. Künftige Woche hoffe ich mich selbst einzurichten, u. es kann also auch diese Gnade wegfallen; welches mich sehr freuet. Die Göchhausen blickt mich sehr häßlich an, hat auch die Herzogin ganz kalt gegen mich gemacht; welches entweder das Essen des Werners ist, oder die S. hats durch Klatscherei bereitet. Es ficht mich indessen nicht an. Ich bin zwischen den beiden Weibern garstig in der Mitte: ich glaube, sie haben einen Dux: u. ich argwohne fast, die Reise ist zwischen ihnen so gut als abgeredet gewesen: Da die G[öchhausen] hörte, daß die S. hier wäre, wunderte sie sich gar nicht; die S. schließt sich sehr an die Herzogin an, die Herzogin hat sie gleich den folgenden Tag zum Tee besucht; seitdem sind sie wieder bei der Herz, gewesen, u. ich bin nicht invitiert worden. Auch die Angelika suchen sie zu sich zu ziehen, u. wollen eine Cotterie bilden, zu der ich nicht gehöre. Das mögen sie; ich kanns nicht ändern, u. werde mich deshalb nicht grämen, wenn W. nur erst gesund ist u. ich mit meinen Sachen in Ordnung bin. Denn fange ich an zu arbeiten, u. lebe mit mir selbst u. wenigen Menschen, destomehr aber mit Helden u. Göttern. Je mehr ich daran denke, daß ich gerade in dieser Zeit, zwischen diesen Weibern, unter solchen Umständen in Rom sein muß, desto mehr wird mir die Sache ein Rätsel, u. scheint mir ordentlich das fatale Spiel eines Geistes. Und doch ists alles durch Menschen gewebt; u. vielleicht ist die S., die Urheberin meiner ganzen Reise. Sie wollte in Italien sein, weil die Herz, dahinging, u. sah mich als den gutmütigsten Tropf an, mit dem sie durchkommen, u. zugleich als einen Mann von Namen, der sie decken könnte. Die Herz. brachte Göthe auf den Gedanken, u. so regt Eins das Andere; wir kommen überall nur zuletzt dazu, weil man uns brauchen kann u. weil kein andrer da ist; u. leider wir lassen uns brauchen. Indessen ist doch die Natur u. die weite Welt größer, als diese pfiffige Köpfe; sie weiß es Ihnen wieder zu vergelten. Und so glaube ich wird auch Rom selbst mich rächen u. trösten, weil ich dahin so unwürdig hin vexiert bin; ich für mein Teil will tun, was ich tun kann, es zu nützen u. den Fehler gutzumachen, den ich durch diese ganze Entreprise getan habe. Was hatte ich mit Rom zu tun? was Rom mit mir? Gott gebe mir jetzt Glück, Gesundheit u. Kraft, den Fehler zu bessern. Lebe wohl, liebes Weib u. sei ruhig, Du siehst, es fängt an gut zu werden. Werner grüßt Euch alle; ich lese ihm die Br. der Kinder vor, u. sie erquicken ihn sehr. Es ist jetzt 16. Tage u. Nächte, daß die Wärterin bei ihm gewesen; er war aber schon vorher krank. Moriz kommt zu Euch. J. G. Herder an seine Kinder Rom, 15. 10. 1788 Meine lieben, guten Kinder, Ihr habt mir so viel Freude gemacht mit Euren Briefen, daß ich jedem von Euch mehrere Briefe schuldig bin, und diese Schuld will ich Euch bald abtragen. Dir, lieber guter Gottfried will ich von römischen Altertümern, Dir, lieber August, von schönen Göttern u. Göttinnen, Dir, braver Wilhelm, von vortrefflichen Gebäuden, der Rotonda u. f., Dir, Du kernfester Adelbert von Italienischen Ochsen, Kühen, Bäumen, Dir, liebes Luischen von Gärten u. hübschen Bildern, Dir, Du lieber Emil von Weintrauben und andern schönen Sachen schreiben. Bald kommt auch H. Moritz zu Euch, der künftige Woche von hier wegreisen wird, u. wird Euch vieles von Rom u. von mir erzählen. Habt ihn lieb, u. fragt ihn nur viel; er ist ein gar guter Mann, u. ich habe ihn recht lieb. Er kennt auch Rom recht gut, u. hat es recht durchstudieret. Die Mutter u. Ihr, Ihr werdet Euch alle recht an ihm erfreuen; er wird Euch auch was mitbringen, daß Ihr mich nicht vergesset u. mich liebbehaltet. Küßt ihn alle, denn ich werde ihm einen Kuß an Euch alle mitgeben; auch H. G. R. Göthe wird große Freude haben, ihn wiederzusehen; mich aber betrübt es recht, daß er nicht hier bleibt; ich verliere an ihm den besten Menschen. Mich freuets, lieben Kinder, daß Ihr so fleißig, gehorsam u. artig seid. Dir danke ich, lieber Gottfr. u. dem Hrn Schäfer, daß Du Dich meiner Bibliothek so annimmst, u. mir so artige Briefe schreibest. So auch Dir, lieber August, u. guter Wilhelm, auch deswegen, daß Dich H. R[at] Krause über Deine Zeichnung gelobt hat. Mich schmerzt es jetzt alle Augenblicke, daß ich nicht zeichnen kann; ich bin wie ein Stummer, der zwar Gedanken hat, aber sich nicht auszudrücken vermag. Darum, lieben Kinder, lernt hübsch zeichnen, u. seid auch in den Sprachen fleißig. Auch schadete es nicht, lieber G[ottfried] wenn Du Dein Klavierspielen wieder anfingest, damit Du recht mit Ausdruck spielen lerntest. Als ich dem Hrn Rehberg, der ein vortrefflicher Maler ist, Deinen Brief vorlas, daß Du Albrecht Dürer werden wolltest, sagte er, warum ich Dich nicht mitgebracht habe; aber es ist noch zu früh; Du mußt erst auch andre Dinge lernen, ehe Du nach Italien reisest. Du hast mir, guter Adelbert, eine schöne Beschreibung von Deinem u. meinem Geburtstage gegeben; aber sie war nicht gut geschrieben. Das mußt Du nicht tun, Du mußt hübsch ordentlich u. richtig schreiben lernen. Es ist gut, daß Ihr das Griechische angefangen habt; seid nun recht fleißig: es ist die schönste Sprache auf Erden. Du lernst hübsche Lieder, liebes Luischen, u. Deine Blättchen an mich sind recht hübsch; insonderheit freue ich mich über das Lied: Befiel du deine Wege; Du mußt auch einige Verse aus dem Liede: Ich singe dir mit Herz u. Mund lernen: es ist ein gar schönes Lied. In Deinem neuen Biberkleidchen, lieber Emil, möchte ich Dich gern sehen; aber ich komme erst wieder, wenn Du es nicht mehr trägst. Trage es gesund, Du gutes Jüngelchen, u. behalte mich lieb; Deine Briefchen freuen mich sehr: Du bist ein verständiges Bübchen u. der kleine Gottfried. Ich lasse mir jetzt auch 2. neue Kleider machen, Eins von schwarzem ungeschornen Samt, der hier um die Hälfte wohlfeiler ist, als in Deutschland; Eins von Tuch. Ich bringe sie mit, u. Ihr sollt mich auch darin sehen, auch mit dem Zopf, den ich recht gern trage. Werner grüßt Euch alle; er hat Euch sehr lieb, u. wird schon wieder gesund. Er hat eine sehr harte Krankheit überstanden, u. ist dem Tode nahe gewesen. Wie vergnügt wird er sein, wenn er Euch wiedersieht. Nun lebt alle wohl, Ihr meine lieben guten Kinder, Gottfried, August, Wilhelm, Adelbert, und Du liebes Weibchen u. kleiner Emil, der Du so gern an mich schreibst. Lebt wohl u. grüßt die Fräul. Volgstedts, den Hrn. Schäfer, den Hrn. Direktor u. Konrektor, auch den Hrn. Rudolf, Fritz Stein, die Jungfer Schwarzin, die Henriette u. seid hübsch artig, vergnügt, gehorsam u. fleißig. Lebt wohl, Ihr Lieben. Herder Rom den 15. Okt. 88. Werner grüßt nochmals. Der arme Schelm muß viel ausstehn, u. freuet sich sehr auf den ersten Milchbrei, der eben für ihn bereitet wird. Er grüßt Euch alle. Caroline Herder an J. G. Herder [Weimar,] Freitag den 17. Okt. 1788. Gestern Abend kam Dein Brief vom 1. Okt. Du lieber Engel. Wie schmerzt mich Werners Krankheit Deinetwegen, ja wie schmerzt mich Alles, Alles! Ich sehe leider daß die S. vor der Hand alles verdirbt, Euern Kurs u. Eure Exsistenz; u. ein Tag geht nach dem andern vorüber. Der liebe Gott gebe Dir ein, wie Du Deine Zeit genießen magst u. gut einteilest. Über das Geld mache Dir doch um Gottes Willen keine Sorgen; er muß bezahlen einmal vor alle. Und ob man 1 oder 200 Zechinen verlangt, wenns ans fordern geht, das ist jetzt eins; er kann u. wird Dir hierinnen nichts vorenthalten. Werners Krankheit kümmert mich jetzt mehr. Wenn Dir nur der unangenehme Zufall, die Unruhe hierüber, u. die Entbehrung mancher Bequemlichkeiten nicht selbst schadet! Gott erhöre unser Gebet, Du unser Vater! Du hast mich beruhigt, daß Du selbst auf Deine Gesundheit Acht gibst u. Sorge tragest. Sonderbar ists daß mir diese unangenehmen Begegnisse in Träumen vorgekommen sind! Ich will sie Dir erzählen. Vom 3 auf den 4. Oktob. träumte mir: ich sei oben in der Stube, in der Du zuletzt wohntest (wo Gleim war) mit den Kindern, hatte viel Arbeit mit ihnen, ich kämmte sie, auch war der Georgi mit dabei, nun sehe ich von weitem den Goethe kommen, ich eile mich, daß alles in Ordnung kommen soll, endlich tritt er herein u. fragt: wenn wird denn eure Wäsche fertig? (Wäsche bedeutet allemal etwas unangenehmes, Verdruß pp) ehe ich ihm noch antworte, so antwortet er selbst auf den Montag . Ich führte ihn hinüber in Deine Stube, da war eben gescheuert worden, alles stund untereinander u. es hatte hinein geregnet, das war mir unangenehm, u. ich erwachte. Ich legte den Traum so aus: daß Du vielleicht auf den Montag als den 6. Oktob. meinen Brief vom 22. Sept. erhalten wirst, der die Geldsorgen u. Dein Verhältnis mit Dalb. ins reine bringen wird. Vielleicht deutets den Tag da Werner wieder gesund wird. Denn meinen Br. vom 22. kannst Du erst d. 8. Okt. erhalten, nach dem ersten zu urteilen, der 18 Tage unterwegs blieb. Mein zweiter Traum war von Werner selbst mich dünkt, Anfangs voriger Woche vom 6-7- oder 8. Okt., er kam plötzlich die Treppe herauf; ich fragte: wo ist denn mein Mann? Er hat einen französischen Bedienten antwortete er; mir gef[iels] da nicht; ich werde zu Wieland ziehen. ich glaubte daß sie Dir den Bedienten abspenstig machen werden. Was Dir auch vorfallen mag, Du hast Hirt, Reifenstein, Moriz, Buri pp Sie werden Dir gewiß Freundschaft genug erzeigen; es freut mich unsäglich daß sie Dich so aufsuchen. Das war mein Wunsch; ich bitte Dich, behalte sie in der Woche etlichemal des Abends bei Dir. Wenn Du mit ihnen die großen Dinge siehst ist es mir ungleich wohler. Goethe sagte es schon zum voraus. Herd. wird Rom gewiß gut sehen. Den Kurs macht er freilich mit Dalb. (der nichts recht sehen wird) alsdenn sieht ers hernach mit Hirt u. den andern für sich allein u. genießts erst. Das sehe ich nun alles so kommen. Du fragst nach der Herzogin. In dem Brief vom 22. Aug. den ich noch nach Augsb. adressiert habe u. den Du nicht erhalten hast, habe ich ein freundliches u. gütiges Andenken von ihr gemeldet; ich bin den 19 oder 20. August bei ihr gewesen; u. seitdem hat sie mich nicht wieder zu sich rufen lassen, obgleich der Herzog solange nicht hier ist. Zur Kalbin hat sie indessen gar herzlich u. gut von uns Beiden gesprochen. Über die S. ist sie aufs höchste Deinetwegen aufgebracht. Den August fragt sie allemal nach Dir. [...] Goethe ist recht brav u. gut gegen mich u. Dich, ich sehe ihn gemeiniglich die Woche ein oder 2 mal, u. werde alles von ihm schreiben. Es ist nur schlimm daß er immer seinen Panzer anhat, manchmal blicke ich doch durch! [...] Freitag Abend. Ich komme von der Gräfin Bernst[orff]. es war außer der Reck, die Kalbin, die Schardt u. der Schardt. Es war ein ungestörter guter Ton. [...] Lebe tausendmal wohl liebster Engel; mache alles gut; ehre Dich selbst! man frug mich heute, ob Du den Kardinal Bernis gesprochen. Es wird bei ihm meist Französch gesprochen u. sein Umgang u. Haus sehr gelobt. Kaufe Dir doch schöne Kleider u. gehe in diese guten Häuser, ich bitte, bitte liebster Engel. Lebe tausendmal wohl Du edle Seele! Du zartes Gemüt. Ach wie mich Deine Lage jammert, davon schreibe ich Dir nichts. Suche doch ja die besten Kardinäle auf, die besten verständigsten Menschen. Abends geht ja die Gesellschaft an; da versäumst Du alsdenn nichts. Aber nur Kleider Kleider . Wenn die Manschetten nicht fein genug sind, so laß Dir feinere machen. Angelica oder Reifenstein werden Dir zu allem behilflich sein. Welch ein elendes Betragen von D. u. S., Reifenstein wieder abzusagen! Es war vortrefflich daß Du allein gingst u. wenn es 10 Scudi gekostet hätte. Wenn Goethe das hört! Nun sie wird noch manche dumme Intrique spielen, wo es möglich ist, lasse Dich nicht darein verwickeln liebes gutes Herz. Grüße Moriz, Buri u. Hirt, der Dir ein damastnes Zimmer verschafft hat! Lebe wohl Du einzig Guter! lebe tausend mal wohl. Der Geist der Alten schwebe um Dich, stärke Dich, erhebe Dich! u. unsre treue Liebe erquicke Dich wie die Deinige mich! Der liebe Gott sei bei Dir u. verlasse Dich nicht. Deine treue C. H. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, d. 17 Oktob. 1788. Liebster Vater Ich freue mich herzlich, daß es Ihnen wohl gehet, und daß Sie gesund sind, denn nichts wünschen wir mehr. Holen sie sich dort Erquickung und Gesundheit, denn das macht uns alle glücklich. Es hat mich recht sehr geschmerzt, daß Werner krank ist, denn dadurch haben Sie manchen Abbruch gelitten; Gott wird auch diesem Übel bald abhelfen, so wie er alles, was uns betrübt und traurig macht zum Guten lenkt, das wir nachher erst einsehen. Wir sind alle recht gesund wohl, und ich bekomme wieder einen Ausschlag am Kopf, der mich vollends recht gesund machen wird. – Ich träume jetzt alle Nächte von Ihnen, daß Sie angekommen wären, und des Tags vergeht keine Stunde, wo ich nicht an Sie, liebster Vater denke. Das Liedchen »wenn ich ein Vöglein wär pp« fällt mir immer ein. In der Bibliothek wird stark gearbeitet. Wir stellen jetzt die Quartanten, das uns viel Mühe kostet, weil wir keinen Platz haben, wir müssen uns neue Bücherbretter machen lassen. Herr Schäfer grüßt Sie aufs schönste. Leben Sie wohl liebster, bester Vater, haben Sie uns lieb und kommen Sie bald wieder zu uns, denn wir sehnen uns sehr nach Ihnen. ÷áéñå, ÷áéñå, und denken Sie oft an Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. August Herder an J. G. Herder [Weimar,] d. 17 Oktbr. 1788 Liebster Vater. Ich habe mich recht sehr gefreut, über Ihren lieben Brief. Wenn ein Posttag ist, bleiben wir immer gar lange auf, u hoffen auf einen Brief, und des Abends, wenn wir gegessen haben, und noch an den Tisch sitzen; horchen wir immer, ob der Postknecht klingelt, u einen Brief bringt, u wenn er einen von Ihnen hat, u noch einen andren, so gibt er immer den andren zuerst, u Ihren zuletzt. – Den Dienstag bin ich mit dem Prinz wieder in Jena zur Weinlese gewesen bei den H. von Knebel, u haben eine Nacht da geschlafen, der H. Geheimrat v. Goethe u H. v. Wedel sind geritten. Den Dienstag Nachmittag sind wir auf dem Fuchsturm gewesen, u dem Mittwoch früh bei H. Hofrat Starke, u H. Major von Bentheim, u um halb 4 Uhr wieder nach Hause gefahren. Leben Sie tausendmal wohl, u behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 17ten Oktob. 1788 Liebster Vater. Ich freue mich daß Sie so glücklich nach Rom sind angekommen, sehr lange habe ich Ihnen nicht geschrieben. Ich gehe alle Tage von 9. bis 11. Uhr in die Zeigenstunde. Ich habe diese Ausstellung ein Bild mit der Feder und Tusche gemalt ud werde auch noch ein Bild mit farben malen. Wir sehen alle mal auf der Landkarte nach, wenn ein Brief von Ihnen kommt. In Grieschen lerne ich die deklinationen. Leben Sie tausendmal wohl liebster Vater und behalten Sie Lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder. 1788 Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 17. 10. 1788 [?] Lieber Vater Wie sie in den Brief geschrieben haben, daß sie in Rom wären, ich habe mich recht sehr gefreut, daß sie ein Loschie haben. Das Seil das ist runter gemach weil die Kälte daß Seil sehr Straff macht denn wir befürchten sonst das daß Seil reißen wird. Griesen sie den Werner sehr ich habe mich nicht gefreut daß der Werner Krank war. Wir wollen wünschen wenn sie wieder kommen werden nur alle beide gesund wieder. Ich habe in der Ausstellung ein Bild gemalt, sie werden sich recht freuen, wenn sie uns so schön zeigenen sehen. Leben sie wohl lieber Vater Ihr getreuer Sohn, Adelbert Herder. Friedrich Bury an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 17 Oktober 1788. [...] Der gute Herr Herder kann sich noch nicht recht in die hiesige Lebensart finden; die Ursache ist sein Bedienter; wenn der wieder hergestellt sein wird und [Herder] seine gehörige Aufwartung hat, so wird es schon gut gehen. Er geht täglich mit Herrn von Dalberg was zu sehen; es scheint als wenn er Hirten nicht mehr leiden könne; des Moritz seine Abreise tut ihm sehr leid; ich tue soviel ich kann, ihm dienlich zu sein [...]. Friedrich Rehberg an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 18 Oktober 1788. Ich kann Ihnen die Nachricht geben, lieber Herr Geheimrat, daß Ihr Wunsch Moritzen wieder in Berlin zu wissen, nun bald erfüllt sein wird. [...] Er hat noch wenigstens das nötigste von der Perspektive gelernt, und das Vergnügen gehabt, obgleich nur kurze Zeit sich täglich mit dem Herrn Herder zu unterhalten. Mit welcher Devotion werden ihn die Kinder sehn denen er so neue Nachrichten von dem lieben Vater mündlich bringen kann. Von dem Herrn Herder soll ich Ihnen viele Grüße schicken weil er heute nicht selbst schreiben wird. Sein Aufenthalt in Rom macht mir große Freude, und wird ihm selbst auch nunmehro hoffe ich so angenehm sein als Rom sein muß; denn im Anfange war es das nicht {...}. Einen Abend gingen wir spazieren, in der Gegend des Capitol, und da das Wetter schön, die Beleuchtung vortrefflich war entschlossen wir kurz, und hinauf auf den Turm des Capitols. Moritz war da, und legte Herdern das alte Rom vor, den viminalischen, den esquilinischen und Palatinischen Berg den Janiculus und wie sie alle heißen. Die Sonne tat das ihrige, die Gegenstände wurden immer goldener und goldner, ich habe Rom niemals so schön gesehn, und Herder mußte sagen er habe nicht geglaubt daß es so schön sei. Es heißt wir sehn Sie vielleicht bald wieder hier, ich brauche Ihnen nicht zu sagen wie sehr ich mich darauf freue, wenn es wahr wird. Ganz Ihr Rehberg. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, 19. 10. 1788 Hier kommt Moritz. Nimm ihn auf, wie Du irgend einen guten Menschen aufnehmen kannst, u. laß Dir u. den Kindern von mir erzählen. Ich habe ihn sehr lieb gewonnen, u. sehr ungern verloren. Er bringt dem Luischen einen Fächer mit: den Buben will ich selbst mitbringen, wenn ich komme, vor der Hand teile die Bilder unter sie aus, die mir so zugeflogen u. geschenkt sind; es ist grade gut für die Kinder. Für Dich kommt ein Italienisches Volksliedchen, das mir sehr wohl gefällt; lasse es Dir übersetzen, ich wills auch; die Melodie ist gar rührend. Den Kindern laß Moritz viel von Rom erzählen, insonderheit vom alten Rom, wo wir hie u. da mit einander gewesen sind; er kann das vortrefflich. Nun lebe wohl, liebe; wenn ich selbst zu Euch komme, o der vergnügten Stunde! H. Rom den 19. Okt. gerade einen Monat, seit ich hier bin.   Laß den Kleinen was Süßes holen, als ob ichs ihnen von Rom geschickt hätte, damit sie Zutrauen zu Moritz gewinnen. Er ist eine gar zu gute Seele. Nochmals lebe wohl, liebstes Leben. Wenn Du dies liesest, siehet er Euch alle, u. ist bei Euch; ich bin so weit entfernet. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 20. Oktob. 1788 . (heute vor 12 Jahren hastu Deine Anzugs Predigt getan) Ich habe zwar diesen Posttag keinen Brief von Dir erhalten lieber Engel, das ich auch vermutete; teils Werners Krankheit – vorzüglich aber Deiner Stimmung wegen – indes muß ich doch noch diesen Abend einige Worte an Dich schreiben Du sehr Geplagter; ich bin mit meinen Gedanken nur immer um Dich. Gott gebe daß nur Dein Verhältnis mit D. einigermaßen gut bleibt. Die S. fängts doch auch gar zu toll an. Reifensteins wieder abzuschlagen (der so manche Gefälligkeit erweisen kann) heimlich zur Angelica zu fahren u. s. w. Goethe ist diesen Augenbl[ick] bei mir gewesen. Er findet es eben so unverständig als ich. Er glaubt daß sie aus Knickerei nicht nach Frascati gefahren sind. Es freute ihn daß Du hingefahren bist. Er will nur sehen wie die Römer, die so beißende Zungen haben, den ganzen unverschämten u. ungewöhnlichen Auftritt ansehen u. bereden werden. Einem reichen Mylord ist von Seiten der Päpstl. Polizei an die Hand gegeben seine Maitresse wegzuschaffen, weil es nicht Sitte in Rom sei. Gegen den Bruder des künftigen Churfürsten, werden sie freilich schonender sein – aber Goethe glaubt doch, daß man sies wird empfinden lassen. Einmal erscheint sie doch als D. Maitresse, der ganze Zuschnitt ihrer Einrichtung zeigts deutlich genug. Eine ehrliche Frau treibts nicht so. Eine reiche schlesische adel. Frau mit ihrem Mann haben nur wenige Zimmer zusammen gehabt, wofür sie monatl. vielleicht nur 10 Zechinen gegeben haben, u. haben doch ein sehr gutes Haus ausgemacht, wie mir Goethe erzählte. Ich hoffte noch immer daß sie sich zur Herzogin schlagen wird – er meint: sie wird eine größere Rolle zu spielen suchen, als die Herz. Er bedauert Dich unsäglich: doch glaubt er gewiß daß es nach u. nach besser gehn wird. Das fatalste ist freilich daß Du Dich nicht von Dalb. losmachen kannst. Sei doch auch gegen die Herz. artig u. gut. Sie soll auf der Reise bisher unsäglich gut gewesen sein, ich wollte daß die S. mit dem Grave einen Roman anfinge u. dem D. doch einmal die Augen aufgingen u. er sie in ein benachbartes Bad schickte. Ihre Aufführung ist unverschämt, unverschämt. An Hof u. in der Stadt spricht man: daß sie mit Ehren nicht mehr zurück nach Deutschl. kommen könnte. – Die Angelica wird ihre Pfiffe schon durchschauen. Goethe hat der Angelica ihren Namen nicht genannt, auch Dalbergs nicht. Dich hat er ihr aber sehr empfohlen. Auch die Herzogin Mutter, mit dem Zusatz: ihr eigner Verstand wird das Gute an ihnen am besten selbst beurteilen. [...] Liebster Engel, richte nur in Zeiten alles so ein, daß Du nicht die Rückreise mit ihnen tust, sonst ist Deine ganze Reise verdorben. Auf der Rückreise hoffe ich noch das meiste Gute für Dich. Und solltest Du auch später abreisen als sie; desto besser. Wo Du Dich mit Ehren von ihr losmachen kannst, desto besser; verlasse hingegen Dalb. nicht [wo] es immer sein kann. Goethe u. ich werden [nicht aufhören] davon zu reden. Wie es so schön, so honorabel selbst für D. gewesen wäre, wenn er in Deiner Gesellschaft allein in Rom angekommen wäre u. lebte. Jetzt ist alles abscheulich. Gibt es denn nicht eine Gelegenheit daß Dus ihm deutlich machen kannst? er verdient es doch. Nach Frascati u. aufs Land werdet Ihr gefahren sein. Das war das erste was Euch Goethe angeraten. Doch was hilft das Leben genießen wenn man inwendig Verdruß hat. Der liebe Gott sei mit Dir, Du armer Guter! Ich bin glücklicher hier mit den Kindern in der Armut, als Du im Reichtum. Die Zeit aber wird auch aus dieser Lage was Gutes bringen. Die Kinder grüßen Dich viel tausendmal, wir singen oft zusammen: Befiehl du deiner Wege p Wilhelm zeichnet gar sehr brav. Gottfried ist gesund u. gut wie immer. August ist munter, sein guter Humor verläßt ihn nicht; u Adelb. u. Wilh. sind treue Seelen. Luisgen ist still um mich herum [u.] liest gern, nur die weibl. Arbeiten wollen ihr nicht ein. Emil ist herzig, immer singend u. hüpfend. Könnt' ich sie Dir einmal hinzaubern! Du treuer Vater, Du einzig gutes Herz! Die Stunden u. Tage werden aber e[ilen,] o genieße, genieße! Der Herz. Mutt. empfehle mich. Ich wünsche ihr zu Rom Glück, auch den Andern. Grüße auch Dalberg von mir. Lebe wohl, lebe tausendmal wohl bester. Die Preußen ziehen einen Cordon gegen die Dänen. Des Herzogs Regiment ist aber nicht dabei. Er ist noch nicht hier, wird immer von einer Woche zur andern erwartet. Vor Dresden hat er wieder einen so heftigen Sturz getan als voriges Jahr vor Berlin. Er hatte das Pferd den ganzen Tag geritten es war endlich müde, er wollte es nach Hause forcieren u. es überschlug sich wieder mit ihm. Goethe hat mirs selbst erzählt. Neues geht gar nicht bei uns vor. Adieu Adieu. Vorgestern traumte ich, Du warst wieder bei mir so herzlich gut pp Gott gebe daß Du mich gesund wieder findest. Die S. hat mir aber viel graue Haare gemacht. Doch bin ich gesund u. wohl. Gott wird uns ja behüten, um Deinetwillen. Grüße den armen Werner – daß er sich doch nach der Krankheit ja pflegt. Was Dich diese Krankh. peinigt. Gott behüte Dich. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 22. Okt. [1788]. Mit großer Freude, liebe Seele, empfing ich gestern Deinen süßen Brief auf den Meinigen aus Ankona. Du hast in Allem recht was Du schreibest, daß wir zu schnell u. gleichsam hundsföttisch gereiset sind; aber wer hat dies mehr empfunden, als ich? u. noch war selbst die Schnelligkeit dieser Reise, so unsinnig sie sein mochte, Wohltat. Gnug, das Blatt, ein finsteres Blatt ist überschlagen; nichts mehr hievon. Und am Ende habe ich nichts als Bologna verloren, das wir uns denn weislich auf unsre Rückreise sparten. Durch Bologna muß ich auf alle Weise durchkommen, auch wenn ich allein reise; u. das letzte ist um so besser. Auch hier ist unser Kurs halb in der Mitte geendiget, mit Hirt nämlich. Die Museen, Villen, Gebäude, Ruinen sind so ziemlich durch; so daß mir eigentlich nur die Villa Pamfili u. Mattei noch fehlet. An das was in den Palästen ist, u. an die Gemälde sind wir noch gar nicht gekommen, u. das kann wunderbar scheinen, ob es gleich sehr natürlich ist. Den halben Kurs hielt uns die gn[ädige] Fr[au] so unendlich auf, daß viele Stunden Vormittags verloren gingen u. Nachmittage ist nie was getan worden. Teils war Hirt im Anfange so unerträglich weitläuftig; die 2te Hälfte vom Kurs waren wir Männer meistens allein, da gings schneller. Dalberg war aber müde, die Frau trieb ihn auch vor der Hand zu endigen; ich selbst wünschte es, weil ich überfüllt war, u. nach solchen ermüdenden Zerstreuungen notwendig eine Einkehr bedarf; also ist er vor der Hand abgelohnt, u. der Kurs wird schwerlich mehr fortgesetzt werden, aus dem auch nichts herauskommt. Jetzt hole ich für mich nach, wiederhole, u. sehe mit Hirt weiter; es sei denn, daß dem Dalb. aufs neue die Lust ankommt. Ich habe diesen Monat zu viel gesehen, u. muß notwendig ausruhn u. ordnen. Werner hat mich heut zum erstenmal wieder frisiert (rasieren kann er bei weitem noch nicht;) worüber er sich sehr freuet. Ich auch. Er ist wie ein Kind, das gehen lernet; ich danke dem Himmel indessen, daß er soweit ist. Seine Krankheit hat mich viel gekostet; u. was Unbequemlichkeit betrifft, läßt sich fast keine mehr denken, als ich den Monat genossen habe. Gottlob, auch das ist vorüber. Wegen meiner Kleidung sei unbesorgt. Mein schwarzes Kleid von unaufgeschnittnem Samt ist fertig u. läßt sehr edel; es ist leicht, u. hier um ein Dritteil wohlfeiler gewesen, als Einsiedel das Seinige in Deutschland gekauft hat. Ein Frack nach hiesiger Mode wird jetzt auch gemacht, u. so werde ich allmählich ein Römer werden. Meinen Überrock habe ich dem ächzenden, frierenden, armen Werner gegeben; er wird eben auf seinen Leib geändert, u. ich lasse mir, sobald der Frack fertig ist, einen neuen machen. Schuhe habe ich mir hier schon auch machen lassen; der Hut ist aufgestutzt; also bin ich, wenn ich Schnallen u. einen Chapeaubas habe, für den Besuch fertig. Zum Kurs u. den bisherigen Besuchen ist alles, was ich hatte, gleich gut gewesen; u. auf der Straße ists gar einerlei, wie der Forestiere erscheinet. Er könnte mit einem schwarzen u. einem weißen Strumpf gehen; gnug, er ist ein Forestiere. Diese Leute stehen hier unter keiner Obrigkeit, u. niemand bekümmert sich um sie. Indessen wird mir recht lieb sein, wenn ich einmal in der Wolle bin; alles was ich mir anschaffe, kann ich auch dort tragen. Daß ich zu weltlich erscheine, dafür fürchte Dich auch nicht. Bisher im Kurs bin ich mit einem Zopf u. meistens mit grauseidnen Strümpfen gefahren; in Gesellschaft u. sonst werde ich immer erscheinen, wie es sich für mich schickt, da jeder meinen Stand weiß. Der Herzogin bin ich immer noch zu geistlich. Von meinem Br. an Dalb. habe ich Dir neulich geschrieben. Er hat mir vor einigen Tagen 50. Zechinen in Papiergelde geschickt; damit bin ich nun auf eine Zeit versorgt, u. das Weitere wird sich finden. Sei also ruhig, u. glaube mir, daß ich Alles so gut u. glimpflich einrichten werde, Dir u. Mir u. Ihm unbeschadet, als es sich einrichten läßt. Er ist ein äußerstguter, bonhomischer Mensch, aber etwas bänglich in der Ausgabe; u. jetzt kann ers sein, da ihm das Etablissement mit der Frauen so viel Geld kostet. O wie gut wäre mit dem guten Menschen zu leben! Jetzt ist einmal die Blüte unsres Plans hin, welches Er sowohl, als ich, fühlet. Was ist aber zu tun? Die Frau ist hier, ohne Interesse, isoliert, ohne Sprache; er muß seine Last mit ihr tragen. Die Eitelkeit aber vergeht dem Köpfchen nicht; es scheint vielmehr, daß sie sich auf diese geliebte Weiberneigung mehr u. mehr konzentriere. Wie alles ausgehen wird, mögen die Götter wissen, ich weiß es nicht. Gnug, wenn ich meine Haut u. Exsistenz rette. Daß ich allein zurückgehen werde, habe ich D. auch geschrieben u. die Reise 600. Tl. angeschlagen; er hat aber in seiner Antwort den Punkt nicht berühret. Ich will u. muß alles vergessen, wenn ich mich selbst wiederfinden will, u. zusehen, wie ich von jetzt an meine Zeit nützlich einteile, u. sammle; der Genuß, der einzige den Rom geben kann, liegt bloß darin. Denn sonst ist der Ort für mich gar nicht; mit Seel' u. Magen geht man drin zu Grunde. Gesund bin ich Gottlob! u. der Rheumatism ist alles, was ich bei jedem Übergang der Witterung leide. Nur mein Magen taugt nichts; er kann sich noch nicht Italienisch fügen, u. selbst der Wein ist für mich ohne Reize. Ich muß ihn bloß trinken, wie ich das Essen esse, damit ich lebe. Moritz ist ehegestern weggereist; ich habe ihm ein Italienisch Liedchen mit gegeben, das mir sehr wohl gefallen hat, auch wegen des Inhalts, der schönen Melodie zu geschweigen. Deshalb habe ichs für Dich übersetzt; aber nur für Dich; andern gib den Italienischen Text, den Dir M[oritz] übersetzen wird, oder höchstens nur die 2. ersten Strophen; nächstens von ihm ein Mehreres. Lebe wohl, liebe beste, an die Kinder schreibe ich heut nicht, da Werners Br. schon so dick ist; es ist sein erster Versuch u. ich habe ihm die Freude sehr gegönnet. Nächstens schreibe ich ihnen nach der Reihe von den Merkwürdigkeiten Roms, sie werden sich freuen, u. Moriz oder Göthe kanns ihnen weiter erklären. Küsse sie alle in meinem Namen, lebt wohl Ihr lieben, Weib u. Kinder, ihr seid mein siebenfach Herz. Von der Herz. schreibst Du mir ja gar nichts. Bist Du nie bei ihr gewesen. Ich werde sobald schreiben, als ich nur was zu schreiben weiß. Dank für alles Übersandte, u. nochmals mein innigstes Lebewohl. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar den 24. Okt. 1788. Ich habe mit Schmerzen auf Deinen nächsten Brief gehofft Du gutes Herz, aber die große [Pein] für den armen Werner, habe ich mir nicht vorgestellt. Gottlob daß sie in diesem Augenblick vorüber ist! Ach wie bedaure ich Dich. Was wirst Du dabei gelitten haben. Gott erbarme sich doch nur über uns, daß Du nicht krank wirst! Schone, ach schone Dich, Du armer Geplagter. Ich darf mir Deinen Zustand nicht lebendig vorstellen; so schmerzlich weh wirds mir. Vorgestern Abend, ehe ich ins Bett ging, u. mein Gemüt voll Wehmut an Dich dachte, sah ich gen Himmel über unsern Garten, er war wie in zwei Teile geteilt, die untere Hälfte war ganz dunkel, u. am Rand des Dunkels standen 4 glänzende große Sterne u. der obere Teil des Himmel war helle. ich ging recht getröstet zu Bette. Heute früh schickte mir Goethe mit inliegendem Billet, einen Brief von der Herzogin Mutter an ihn. sie sagte darinnen, daß sie recht glücklich durch Deine Gegenwart sei, u. durch Deinen Geist sähe u. genieße.« Das Alles u. was Du von ihr geschrieben, hat mich recht gestärkt u. erfreut. Sie ist Dir mit ihrem Arzt wie ein Engel erschienen; u. ich sehe daß sie mit der S. nicht Partie gemacht hat, wie ich vermutet habe. Dies ist unsäglich gut; u. Dein Umgang mit ihr, wird Euch beiden gegenseitig wohltun. Wo man nichts hofft, da wirds oft am besten. Ich kann Dir nicht sagen, wie leicht u. wohl der Gedanke mir macht, daß Du gut mit ihr bist. Ich nehme also das zurück, was ich in einem meiner letzten Briefe geschrieben daß Du Dich nicht viel zu ihnen gesellen mögest; ich dachte, sie würden eine verabredete Cotterie zusammen ausmachen. Ich wünsche sehnlich daß ich in einem Deiner Briefe bald lesen möge daß Du ein schwarzes schönes Tuchkleid u. dann wieder ein schönes Violettkleid wie es einem Bischof geziemt gekauft hast, u. in allem wohl u. vornehm ausstaffiert bist. Angelica u. Reifensteins werden Dir ehrlich u. treu raten; nur in nichts die S. gefragt, ich nehme alles zurück, was in den Briefen die nach Florenz waren, irgend Vorteilhaftes für sie steht. Vorgestern war ich endlich einmal wieder bei der reg. Herzogin. Sie läßt Dir sehr viel Gutes sagen u. hat mir ihren Unwillen über die S. vornehmlich Deinetwegen geäußert. Was ich Dir schon vom Coadiutor geschrieben habe, hat sie mir alles wiederholt. Er hatte sich über die buckeliche Reisegesellschaft fast zu tode lachen wollen. Er selbst hat auch nicht eher ein Wort davon gewußt, bis alles mit der S. richtig war. Ferner sagte die H[erzogin] daß der Senator, den sie voriges Jahr gesprochen hat, Deine Bekanntschaft sehr wünscht; Du möchtest ihn doch ja aufsuchen; sie freut sich daß Du allein wohnst u. hofft auch mit mir, daß Du die besten Gesellschaften aufsuchen wirst. Darum bitte ich Dich recht sehr, sehr, Lieber Engel, um aller Ursachen willen, die nah u. fern sind. Da Du Dich mit den Künstlern, wie Goethe selbst sagt, in das Detail, ihre Mühe, u. Arbeit nicht einlassest, so hast Du mit ihnen auch den Genuß nicht, den er hatte. Ob Du mit dem gutherzigen Bury umgehen kannst, zweifelt er, das Gemüt (nämlich des Buri gutes Gemüt) kann ja nicht sprechen, sagte er. Gestern war die Schardtin bei mir u. diesen Augenblick war die Stein eine Viertelstunde bei mir. Sie freute sich von Dir zu hören u. grüßt Dich bestens. Gegen mich war sie trocken u. kalt. Endlich sagte sie mir daß die Kalbin ihr gesagt: daß ich recht liebenswürdig geworden wäre, ich spräche seit Deiner Abwesenheit mehr u. wäre gar artig; ich hätte aus Bescheidenheit nur immer den Mann reden lassen pp Der Ton oder die Art u. Gelegenheit wie sies sagte, fiel mir auf. In ihrem Herzen wird sies wohl dem Umgang mit Goethe zuschreiben, den ich alle Woche einmal sehe. Die Zusammenkünfte mit ihr u. Goethe werden mir also diesen Winter nicht erbaulich werden u. es werden ihrer wenig sein. Sobald man Eifersucht erregt, so ist man in allem schuldig. Gottlob daß ich über die gute edle Frankenb., diesen Satan nicht im Herzen habe. Sie ist ein Engel. Die wenigen Worte, die wir uns schreiben, haben unsre Herzen so rein u. gut zusammen gebracht, daß ich innig gern an sie schreibe. Sie hat eine goldene Treue u. Liebe. Ihre Krankheit rührte gewiß von Deinem Abschied u. Ausbleiben eines Briefs her, auf den sie vermutlich von Dir hoffte. Wenn wir diese Frau hier haben könnten, das wäre ein Schatz unsres Lebens. Von Günther hörte ich, daß man hier spräche, der Geh.R. Lynker käme an die Regierung u. Du würdest Geheimerat beim OberKonsistorium. Ich achte nun auf kein Gerede; kommt Zeit, kommt Rat. Wir wollen klug werden u. unsre eigne Exsistenz bauen. Die Schardt sagte: es wird Herder gewiß wieder wohlgefallen hier; es ist doch gut hier u. wird für Herder gewiß immer besser. Der Lynker wird nicht mehr lange leben er hat matte Augen u. eine matte Stimme. Der Minister Bernstorf hat an meine Tante geschrieben: an Cramers Stelle wünsche ich niemand anders als Herder, da er aber kein eingeborner ist, so gehts nicht, ich antwortete: ich zweifle ob er die Stelle nach seiner Reise nach Rom annehmen würde. Die Gedanken der Menschen ändern sich durch Umstände gar oft. Sie grüßt Dich. Die Kalbin auch. Noch eins muß ich nicht vergessen. Die Herzogin hat mir auch gesagt, daß sie vielleicht guter Hoffnung ist; sie hats erlaubt daß ich Dirs schreiben darf. Ich fand sie aber im Ganzen nicht heiter. Sie hat üble Träume. Auch hat sie einige unmutige Worte über die Gores ausgestossen. Der Herzog ist den 10. Okt. mit ihnen von Leipzig nach Dessau gezogen, der König ist den 22. dahin gekommen, jetzt erwartet man endlich den Herzog auf den Sonntag. Wenn [es] sich bestätigt so ist die Herzogin im 4ten Monat schwanger. Der Monsignor Porgia gefällt mir unendlich, ich habe ihn recht lieb daß er Dich aufgesucht hat. Spreche nur der liebe Vater recht viel Italienisch. Der Wilhelm fragt mich, ob es denn so schwer ist? Indessen ists köstlich daß Du mit dem lateinischen so durch kommst. Es ist ja auch die alte Muttersprache Roms. Mit meiner ganzen Seele bin ich bei Dir unter den alten Trümmern der alten Beherrscherin! Wer hätte das geahndet, da Du über die Römer schriebst? O wie werde ich auf Deine süßen Worte hören, wenn Du mir erzählen wirst, Du Allerliebster Guter. Gott erquicke Dich jetzt. Gott gebe Dir Freude, für die viele Plage. Die Henriette ist plötzlich auch krank geworden; sie hat am Dienstag ersticken wollen u. mußte eiligst zur Aderlassen. Jetzt ist sie wieder wohl, ich ließ sie aber nach Hause gehn, daß sie sich diesen Winter recht abwarten kann u. gebe ihr wöchentlich einen halben Taler Kostgeld. Gottfr. hat heute eine latein. Rede dem H. Schäfer gehalten. Alle herzen u. küssen Dich, Deine gutherzigen Kinder. Ich habe mitunter manchen Pein von ihnen auszuhalten, sie haben aber meist recht u. meine Ungeduld unrecht. Lebe wohl bestes Herz. Werner wird doch jetzt völlig hergestellt sein! Grüße ihn von mir herzlich, er soll sich doch ja pflegen. Vor 3 Wochen war seine Mutter da u. frug ängstlich nach ihm; sie habe so ängstliche Träume von ihm. es ist sonderbar! Lebe wohl unser Vater unser Alles auf der Welt. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 24 ten Oktbr. 1788 Liebster Vater Ich freue mich, daß Sie so viele schöne Dinge gesehen, und noch immer sehen werden. Meine Mutter hat mir versprochen, daß Rom meine Universität wäre, denn Sie sagte, nur in Rohm könnten große Maler gebildet werden. Dann werde ich auch alle diese schönen Sachen sehen, die Sie sehen, auch sehen, und ich freue mich schon darauf. Wenn Sie wiederkommen werde ich schon ein kleiner Maler sein. Leben Sie wohl und haben Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 10. 1788 [?] Liebster Vater ich habe Ihnen recht lange nicht geschrieben. Ich freie mich recht daß Sie gesund sind, ich habe Zahnweh u einen geschwollenen Backen Kommen Sie bald denn wir sehnen uns nach Sie Jetzt sitzen wir des Abens beisammen, die Mutter hat uns ein Spiel gelernt bekommt ein geder ein Blättchen darauf wird ein Wort geschrieben. Rose oder schaf oder ein andres u da muß man eine Beschreiwun davon magen das Spiel gefällt mir recht u Emil spieltes auch mit. Ich lerne Jetzt das Lied Sollt ich meinen Gott nicht singen. Leben Sie wohl liebster Vater ich habe Sie recht lieb. Ihre gehorsamen Luise Herder. Luise von Göchhausen an Karl Ludwig von Knebel Rom d 25ten 8ber 88 [...] Einen gar lieben und lehrreichen Gesellschafter haben wir an den Hofrat Reifenstein der fast täglich mit uns ist. Herder, die Seckendorf u. Dalberg halten sich auch fleißig zu uns, u. es vergehen wenig Abende, wo sich nicht diese kleine Gesellschaft, Mad. Angelica u. ihr Mann, mit eingeschlossen, bei uns um den Tee Tisch versammelt. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 27. Okt. 1788. Liebster Engel. Ich will Dir nicht sagen, wie mir Dein Brief vom 11. Oktob. das Herz zerschnitten hat. Laß uns nicht davon reden. Du bist in der Hölle. Das fühle ich sattsam u. schmerzlich genug. Du hast aus meinen vorigen Briefen gesehen, wie ich gleiches Gefühl hierüber mit Dir habe, u. wie bereitwillig ich war, Dir Geld zu schicken. Ich weiß, wie es mir in der ersten halben Stunde war, als mir Goethe den Rat gab. Ich sah freilich die verfluchte Verbindlichkeit von D. ein, u. seine Niedrigkeit, Dich so sitzen zu lassen. Im Ganzen, wollen wir der Sache nicht auf den Grund gehen – das Weib ist vielleicht das Triebrad zu allem gewesen, aber peinigen soll sie Dich nicht länger. Ach wenn Dir Deine Ehre u. Dein Leben noch lieb ist, so erbarme Dich über mich u. die Kinder u. trenne Dich augenblicklich von ihrem Tisch u. Kurs. Bei dem ersten, schütze Deine Gesundheit vor, u. bei dem zweiten die Kürze Deiner Zeit. Ich schwöre Dir hiermit, daß es Dir an Geld nicht fehlen soll. Den nächsten Posttag, sollst Du einen Wechsel von 100 Dukaten haben. An Weihnachten sollst Du haben, soviel Du verlangst u. an Ostern desgleichen. Aber Eine Bitte lieber Engel, die erfülle mir, wenn Du einige Liebe für mich hast! arbeite nicht, in diesem entsetzlichen Gemüts Zustand, in dem Du in diesen 12 Jahren hier nicht gewesen bist. Arbeite nicht! suche zuerst Dein Gemüt zu beruhigen, u. das Andenken des erlittenen auszutilgen. Ach wodurch kann ich Dich bitten als durch meine heißen bittern Tränen u. daß ich Dir Deine Kinder vorführe, die die Schlachtopfer des Schicksals werden, wenn Du ihnen entrissen wirst. O wie hoffte ich, daß Dein Leben durch diese Reise gefristet werde, u. sie ist bisher zu Gift geworden. O Du Gott, erfülle die Weissagung des armen Ignatius! Ja lieber Engel, sie wird erfüllt werden, das hat mir mein Herz in dem Augenblick gesagt. Mehr als einmal habe ich in den vorigen Wochen aufgeschlagen Zuletzt meine Brüder seid stark in dem Herrn pp u. mehr dergl. ähnliche Zurufe, u. gar oft diesen: Siehe es hat überwunden der Löwe pp. Ich darf mirs nicht denken, daß Du solange in der entsetzlichen Gemütsverfassung gewesen bist, u. vielleicht bis zu diesem Brief sein wirst. O verzeihe mir, u. verzeihe mir Gott, daß ich mich so übel an Dir versündigt habe. Ja Du wirst es mir verzeihen Du edles Gemüt, antworte mir gleich auf diesen Brief u. sage mir daß Du von ihnen bist . Darinnen bestehet jetzt meine einzige Ruhe u. Gesundheit. Wie ich mich hier schon über Goethes Rat wegen den Kleidern immer geärgert hatte, das habe ich Dir nie gesagt. Ich hoffe Du hast jetzt ein schwarzes u. ein violettes Kleid. Vielleicht wäre Dein schwarzes im packen verdorben worden, da Dein Coffre so klein war u. da es nicht nach Deinem Gefallen gemacht war, so laß das auch fallen. Schwarze Kleider brauchst Du ja immer, u. so hast Du auch eines das in Rom gemacht ist. Ich habe wohl immer gute Gedanken das weiß ich, weil sie aber nicht zugleich das Gepräge von Verstand haben, so werden sie verw[orfen]; u. ich habe nicht Zutrauen genug auf mich, auch nicht Verstand, mich hierüber zu explizieren. O liebster Engel, wie innig fühle ich, daß Du auch durch mich leidest. Gott helfe mir. Hier sind einsweilen 3 feine breite chapeaux an Deine feinsten Hemder, den nächsten Posttag kommen noch 3. Du hast 6 feine neue Hemden mit, an diese soll Werner diese 6 Chapeaux nähen lassen, u. diese Hemden tust Du allein in die Gesellschaft an. Verzeihe auch diese Kleinigkeit. Man trägt breitere Chapeaux als Du mit hast, worüber mir aber weder Fr. von Stein noch Schardt die ich darüber befragt hatte, gründliche Nachricht gab; bis ich selbst überall meine Augen auftat. Du mußt, Du mußt in gute Gesellschaften gehn; sie sind für Dich jetzt notwendiger als Arbeit . Ach, spare doch diesen Artikel hier zu Deiner Gesellschaft, ja zu der notwendigen Exsistenz Deiner Seelen, auf. Goethe beklagte es schon einige mal, daß er in Rom gearbeitet hätte; er wolle es nie wieder tun. – Die gute Fr. von Frankenberg schrieb mir heute, daß Du im Frühjahr schon wieder gedächtest in Deutschl. zu sein. u. frug mich ob ich etwas näheres hierüber wisse. Ich hoffe nicht liebster Engel, daß Du Deine Rückkehr nun noch gar übereilen wirst. Nein das tust Du nicht. Ich sagte allen, die nach Deiner Rückkunft frugen, daß Du Ende Juni wieder kommen würdest. Lasse Dich auch nicht durch die Niederkunft der Herz, übereilen. Was tut es, ob Du einmal dabei bist oder nicht; u. überdem weiß man ja nie wie es geht. Ob das Kind lebt oder nicht. Darf ich Dir meine gutherzige Meinung sagen, so gehe 6 Wochen vor Ostern nach Neapel, vor dem Palmsonnt. wieder nach Rom; alsdenn nehme den Mai u. Junius zu Deiner Rückreise, u. gehst über Florenz, Bologna, Ferrara nach Venedig u. über Padua, Vicenz u. Verona zurück. Goethe sagte, man könne Mailand entbehren; Venedig u. die Städte dahin, seien ungleich merkwürdiger. O welch eine andre Reise, wird die Rückreise sein. Liebster Engel, wirst Du denn auch meine Bitte erfüllen u. Dich von Ihnen augenblicks trennen? u. Deiner Ehre u. Würde gemäß leben? Ja das wirst Du; u. Du wirst dadurch überall gewinnen! O warum hastu mir nicht über alles längst ernstlicher gesprochen. Gehst Du darum nach Rom, um Dich zu ärgern u. Gnadenbrot zu fressen, aus einer Hand die man nicht liebt noch ehrt. Ich hoffe daß Du Dich getrennt hast ehe dieser Brief kommt! Da ich heute früh voller Gedanken noch im Bette liege, sagt Emilchen der Mensch denkt, Gott lenkt. Das war eine himmlische Stimme, u. ich stand getrost auf; wie Du, aus des Ignatius Kap[elle.] Die Kritischen Wälder habe ich diesen Morgen sogleich mit der fahrenden Post die eben abging, unter Deiner Adr. abgesandt. Ich habe das zweite Stück dazu gepackt, weil es dabei lag. Das 3. hat Günther. Aber nochmals bitte ich Dich, nicht zu arbeiten! O verzeihe mir alle die Briefe, die ich bisher über den fatalen Artikel des Geldes geschrieben habe. Rette Deine Exsistenz, ich bitte was ich bitten kann. Des armen Werners Zustand geht mir innig nah. ich darf dabei nicht an Dich gedenken. Grüße ihn tausendmal von uns. lasse ihm nahrhaftige Speisen geben. Wenn nur die Herzogin Mutter aus ihrer Küche etwas für ihn verabfolgte. Empfiehl mich ihr untertänigst. Allem Anschein nach wird sie Dir u. Du ihr wohl tun. Wenn ich Dich nur in den Kleidern wüßte! Dieser Artikel wird Dir gewiß eine bessere Exsistenz geben. Ich habe Deinen Brief aber u. abermals gelesen; bei dem Schmerz den er mir immer macht, fühle ich doch durch, daß Du meinen Brief nicht verstanden hast, oder ich mich undeutlich erklärt habe. Meine Idee war eigentlich die daß Du Dich gleich von ihnen trennen sollst, aber D. müsse Dir Geld lehnen, solange bis wirs ihm mit Muße abtragen können – ich erinnre mich geschrieben zu haben, es sei besser sein Schuldner zu sein, als bei jemand hier. Du solltest durchaus nicht in Kleinigkeiten als Logis u. Essen von ihm abhangen, als ob Du sein Untergebener seist, nein, meine ganze Idee ging dahin: Du solltest ihm sagen, Herr, die ganze Reise ist verdorben, ich bin nicht auf diese Art bei Ihnen, wie Sie mich dazu eingeladen – ich kann nicht länger bei Ihnen bleiben; indessen habe ich mich nicht darauf eingerichtet, leihen Sie mir so u. soviel Geld, ich wills Ihnen wieder bezahlen wenn ich nach Hause komme. Dies war eigentlich meine Hauptidee; die andre schloß sich freilich gleich daran, daß wirs ihm nicht wiedergeben wollten u. er Alles bezahlen müsse da er Dich so beleidigt habe! Diese Erläuterung schreibe ich Dir nochmals daß Du meinen Brief nur recht verstehen mögest. Was Goethe hierüber geschrieben, weiß ich nicht; krieg ihn auch heute nicht zu sprechen. Meine erste u. einzige Idee war immer, sich von ihnen zu trennen, u. eher hast Du keinen Genuß, u. fast möchte ich sagen: auch keine Ehre. O daß die Briefe solange unterwegs bleiben; Gott gebe Dir ein, was Du zu Deiner Ruhe u. Glück tun mögest. Gestern Nachmittag legte ich das Blatt vom Dianen Tempel u. das Ölblatt zwischen den letzten Brief von Terni u. den ersten aus Rom, u. hatte eine so [schöne] u. heitre Empfindung u. eine so gute Ahndung dabei, [als] bei dem Blatt des Friedens, wie Du es nanntest, u. auf den Abend wie Dein Brief kam, war alles trübe. Gott gebe diesem Brief Flügel daß er bald zu Dir kommt. Lebe wohl mein Herz, Lebe wohl Du Einsamer. Gott wird unser Gebet erhören! Du hast diese Reise nicht errungen, hast nicht daran gedacht; sie kam von ohngefähr, ohne all unser Zutun – so wird sie auch der liebe Gott zu Deinem Besten wenden. Darauf traue ich fest. u. Du mußt es auch tun, wirst Dich erheitern u. beruhigen. Das niederträchtige Weib ist ja nicht wert daß man sich durch sie ärgre. u. sie lebt in ihrem Hurensinn fröhlich dahin. Nochmals liebste edle Seele verzeihe mir u. verlange von mir was Du willst. Diese Woche sollst Du noch einen Wechsel haben. Lebe wohl. Ach liebe mich u. sei mir gut. Deine ewige C. H. Ich habe nur 2 Chapeaux einpacken können, der dritte machte den Brief zu dick. Der Herzog ist noch nicht hier. Die Kinder grüßen ihren teuren Vater tausend tausendmal. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 28. Okt. 88. Heut soll mein Br. an Dich nur ein Einschlag sein zum Br. an die Herzogin, den ich fast zu lange aufgeschoben habe. Wenn Sie Dich zu sich kommen läßt: so kannst Du treu mit ihr sprechen; es ist doch alles bei ihr, wie in ein Heiligtum gelegt: sie ist die edelste, treuste Seele. Die Entfernung u. das Leidenschaftlose, in dem ich jetzt ganz u. gar lebe, hat mir ihr liebes Bild wieder so rein u. klar vor die Seele gebracht, als da ich sie zum erstenmal liebgewann u. ihr wirklich auf ewig in meinem Herzen die reinste Achtung weihte. Ich habe ihr einen recht herzlichen Br. geschrieben; ich wollte, daß sie Dir ihn zeigte. Dein heutiger Br. mit G[oethes] begleitet, hat mich, wie immer, sehr gefreuet. Es freut mich, daß Dir mein Alleinwohnen gefällt; wenn es Dir aber auch nicht gefiele, wie es mir denn widrig einging, es war ein Werk der Notwendigkeit, der man die Bequemlichkeit aufopfern mußte. Nun hast Du noch eine harte Woche mit W[erners] Krankheit gehabt; u. es tut mir leid, daß ich Dich damit geängstigt habe. Ich konnte aber nicht anders, als Dir auch hievon Nachricht geben, u. jetzt freuets mich, daß er wieder ziemlich wohl auf ist. Auch der dumme Br. über das Geld wird Dir einige böse Tage machen; aber auch nur bis zu einem Posttage. So ists, wenn man in so großer Entfernung so nahe zusammenhängt, wie wir an einander hängen. Man teilt sich einander seine Schmerzen mit, ohne daß man denkt, daß wenn der Br. ankommt, sie die gütige Zeit schon gemildert u. gelindert habe. Es ist eine böse Folge der weiten Entfernung, die man schon muß ertragen lernen. Die Saite vibriert freilich zu weithin; indessen ists doch besser, als öde Verstummung, die ein lebendiger Tod ist. Seit der Quasi-Endigung unsres Kurses ists nun anders gegangen. D. komponiert u. lebt im Komponieren. Am Mittwoch schrieb ich Dir den Br., u. machte in einer Vierteilstunde auf seinen Wunsch beiliegendes Gedicht zum Geburtstage der Herz., das er komponieren wollte. Donnerstag komponierte ers; Freitag am Geburtstage, sang es die – ab. Er hat es unvergleichlich komponiert, u. sie sang es sehr gut, weil es für sie komponiert war. Der Herz. gefiel es sehr, u. ist oft wiederholt worden, auch vorigen Sonntag in Gegenwart der Angelika, da ich nicht dabei war. Am Geb[urts]tage fuhren wir auch in Raphaels Villa u. waren bei der Herz. vom Mittage bis zum Abend. Sonnabend Morgen ging ich mit Rehberg nach Tivoli: ich ergriff nämlich den schönen Tag u. hatte auch zwei unvergleichliche Tage. Ich werde an Gottfr. über Tivoli einen ordentlichen honetten Br. schreiben; kurz ich war wie aufgelebt u. kam guten Muts nach Hause. Es war verabredet, daß Sonnt. Abends die Herz. das Museum mit der Fackel sehen wollte, u. ich war auch eingeladen. Sie glaubten, daß ich nicht kommen würde; ich {kam} aber wie neugeboren zu sehr guter Zeit an, u. wohnte dem Zuge bei; darüber will ich denn an August auch einen honetten Br. schreiben. Montag trat ich denn allein mit Hirt meinen Kurs an, u. besah das Museum im Capitol, das ich noch nicht gesehen hatte. Abends war ich mit der Herz. im Theater, denn meine beiden Reisegefährten waren wie gewöhnlich krank. Die gn[ädige] Fr[au] hatte sich im Museum erkältet u. der gute Dalb. komponierte. Heut hat es geregnet, abscheulich geregnet; wir haben ungewöhnliche Kälte, öftern Regen u. gar keinen guten Herbst. Dafür hat mich Hirt mit einer langen Vorlesung im Bett beglückt, der mich überhaupt sehr quälet. Er ist indes wieder so dienstfertig, u. ich brauche ihn so sehr, daß ich ihn tragen muß, ob er mich gleich hart ennuyieret. Er ist ein hölzerner Mensch, u. war mir im Grunde von Anfange an zuwider; er weiß indessen viel, u. ist ein armer T.; man muß ihn dulden. Er tut mir alles zu Gefallen, obgleich immer nicht viel herauskommt, indem man mit ihm nicht von der Stelle kommt. Wer mir sonst außerordentlich viele Gefälligkeiten erweist, ist Rehberg. Er ist ein sehr verständiger Mensch, u. Verstand ist doch das beste im Leben. Er kennet Rom seit vielen Jahren, u. hat mir bei meinen Kleidern u. sonst gute Dienste geleistet. Über meine Kleider sorge nicht: mein Kleid von unaufgeschnittnem Samt u. mein Frack von dunkelm Tuch mit einer ihm ziemenden Weste sind fertig; der zweite hat seine Probe schon bestanden. Jetzt lasse ich mir noch einen Überrock, oder wie ihn die Italiener nennen, einen copre-miseria machen, weil ich dem W[erner] den meinigen in seiner Krankheit geben mußte. Auch W. bekommt sein Kleid: denn lasse ich mir den Pelz mit violett Garnitur überziehen, u. bin ausstaffieret. Einen Haarbeutel habe ich nie getragen u. werde ihn nie tragen; beim Frack habe ich ein Zöpfchen der Bequemlichkeit wegen. Wenn ich das schwarzseidne Kleid anhatte, u. das samtne anziehen werde, zur Gesellschaft bin ich frisiert, wie in W[eimar]. Über solche Anständigkeiten trage keine Sorge. Alle meine Kleider kann ich auch in W. tragen. Mit Kardinälen Bekanntschaft zu machen, habe ich noch keinen Reiz gehabt; sie sind auch alle auf dem Lande. Im Novemb[er] kommt alles allmählich zurück: der Senator kommt: ich übergebe ihm den Br., u. das übrige wird sich finden. Jetzt sind Vakanzen von Gesellschaften, Gerichten, selbst von Audienzen, nach denen mich auch nicht dürstet. Die Gesellsch[aften] gehn um 10. Uhr Abends an, u. es wird nur darin gespielet. Agincourt habe ich mit D. besucht, u. auch das wollte ich noch nicht einmal; der sonderbare Hirt hatte es betrieben. Keine einzige Bibl[iothek], selbst die Vaticana habe ich noch besucht; u. keine Bekanntschaft deshalb machen können, die für mich zu dem Zweck diente. Ich muß erst mit dem toten Rom, wenigstens halb fertig sein u. da fehlt noch viel. Rom ist so groß u. reich: eine Welt von dritthalbtausend Jahren ist hier zu suchen u. zu finden, alles liegt so weit aus einander, u. hat Ideen neben u. vor sich, daß ich mir jeden Tag unwissender dünke. Ich habe 1000 Sachen im Kopf u. noch keine Zeile schreiben können, was ich gesehen habe. Da vergißt man Papst u. Kardinäle. Gute Nacht, liebes Leben. Es ist spät; morgen noch ein Blättchen. Grüße G[oethe]; ich werde an ihn schreiben, sobald ich kann u. etwas für ihn zu schreiben weiß. Gute Nacht, Ihr lieben Kinder, Ihr schlaft nun alle u. ich will auch schlafen. Die Fr. v. Kalb ehre ich wie Du; u. habe also nie von ihr geredet. Wir sind auch hier, wie in Allem, am Gefühl einander gleich. Grüße Sie u. die Stein, u. alle die mir hold sind. Ich habe, weil heut kaltes, trübes Wetter war, an 2 der Kinder geschrieben u. meinen Kurs wiederholt; an Wilh. u. Adelb. will ich ein andermal schreiben. Lebewohl, meine Liebe. J. G. Herder an Gottfried Herder Rom, 28. 10. 1788 Lieber Gottfried, Ich muß an Dich, da Du doch schon ein Academicus bist, auch einmal einen ordentlichen Brief schreiben, u. das zwar v. Tivoli, oder dem alten Tibur, das ich vorigen Sonnabend u. Sonntag mit dem größten Vergnügen gesehn und genossen habe. Die Stadt selbst ist ein Bettelnest, wie alle kleine Städte im Kirchenstaate, u. die Straße dahin ist wie alle Gegenden um Rom wüste und öde. Aber die Natur hat alle menschliche Faulheit nicht zerstören können; sie ist noch dieselbe wie sie in Horaz Oden u. in der Römischen Geschichte gemalt ist. Hier war die Villa des Mäcens; sie steht in den Ruinen des untern Stockwerks u. der unterirdischen Gewölbe noch prächtig da; das stolze hohe Haus aber, die Superba alta domus Maecenatis ist verschwunden. Sie sah weit vor sich; stand aber noch mehr da um gesehn zu werden, u. muß über alles, was wir jetzt machen, schön u. prächtig gewesen [sein]; jetzt aber stehn Weinreben auf ihr; es wachsen über Stangen die großen schwarzen Trauben Pergolese. An der andern Ecke des Bergs, wo jetzt die Villa d'Este ist, u. im Garten 300jährige hohe Zypressen stehen, auch die Königin der Fontainen, wie sie Michael Angelo nannte, ihr Wasser ausgießt, war die Villa des Cäsars, die nachher Sallustius kaufte. Alles dies aber was die Vorderseite gegen Rom zeigt, ist nichts gegen das, was das hintere Tal verbirgt; der sanftschleichende Anio glaubt nicht, daß in wenigen Schritten ihm soviel Kampf und Sturz von der Natur bereitet worden. Wunderbar sind die Grotten, durch die er stürzt, der praeceps Anio des Horaz, und schön ist der Anblick, den er gibt, wenn mit Regenbogenfarben die Sonne auf ihm spielt. Ich habe 2 schöne Tage, dieses Schauspiel der Natur zu sehen, bin beide Tage in der besten Stunde bis zur innersten Grotte Neptuns hinuntergestiegen, u. habe in der Silberwolke des aufstäubenden Wassers mit dem sanften Entsetzen, welches die Alten Begeisterung der Nymphen nannten, gestanden. Oben an der Ecke des Bergs steht ein lieblicher Tempel der Vesta, gemeinigl. der Sybillentempel genannt, rund u. schön; wir haben beide Tage Mittags in ihm gegessen. Der stille Anio ist vor dem Blick; der rauschende Anio im Ohr u. erfüllt das ganze Tibur, wo man geht u. steht, mit Einer hohen u. schönen Empfindung des Schauers u. der göttlichen Gegenwart. Nachmittag stiegen wir hinab, den Anio hinüber u. umgingen das Tal, wo der Strom alle seine kleinern Leiden hat u. seine lieblichen Künste beweiset. Das ist ein Spaziergang, wie wohl wenige in der Welt sind; auch haben die Römer, die zu leben wußten, jeden Fleck dieser schönen Höhe benutzt u. genossen. Am schönsten Ort der Aussicht, wo jetzt das Kloster des Antonio ist, hatte Horaz sein Haus, wenn er in Tivoli war; seine kleine Villa lag 3 deutsche Meilen in den Sabinerbergen, deren mons Lucretilis voll Ziegenherden ich auch einmal besuchen will; der Weg von ihr nach seinem Tibur am Anio hin, soll sehr schön sein. Hier war denn der Winkel der Erde, der ihm am schönsten gefiel, u. wo er sein ruhiges Alter hinbringen wollte; es ist auch ein gar lieblicher Erdenwinkel, der die Phantasie so ausfüllt in einem engen Raum, daß ihr nichts übrig bleibt. Hier waren denn das Domus Albuneae resonantis et praeceps Anio ac Tiburni lucus et uda mobilibus pomaria rivis vor seinem Blick, wo er allen seinen Freunden Fröhlichkeit zusang, als den einzigen Genuß des Lebens. Ich bitte Dich, lies mit Hrn. Schäfer die 7te Ode des 1. B[uches] u. die 6. des 2ten; u. habe den Horaz lieb, den, wie Du weißt, ich immer lieb gehabt, u. jetzt siebenfach lieber habe, nachdem mir die Wahrheit u. Schönheit seiner Empfindungen der Natur u. des Lebens in seinem heiligen Tibur recht lebhaft gemacht worden. – Ach, wer einige Wochen zu guter schöner Zeit in diesem Lustort der Natur verweilen, und jedes Plätzchen in seiner Tagesstunde genießen könnte; es ließen sich schöne Sachen daselbst denken. Unsern kurzen Nachmittag haben wir sehr glücklich genutzt, sind zu den Kaskatellen an jedem schönen Ort hinuntergestiegen, u. haben das ganze Tal unten, wie einen schönen Tempel der Natur durchwandert. Auf der schönsten Kaskatelle sahen wir die untergehende Sonne mit ihren letzten Strahlen, u. begrüßten noch in der schönsten Abendröte die Quelle Aquonia, die so heimlich u. still liegt, daß man jeden Augenblick die Erscheinung der Nymphen Dianens erwartet. Dann stiegen wir müde u. vergnügt den Berg hinan, u. aßen jeder seine 2 Eier, u. legten uns so sanft zur Ruhe, als ob unsere rauschende, knirschende Schilfmatratze das schönste Bett wäre. Das Wirtshaus steht in der schönsten Gegend, u. der Tempel der Vesta gehört zu ihm, er steht in seinem Gärtchen. Der Anio rauscht einem also auch im Schlafe ins Ohr, u. da ich immer wenn ich die Augen schließe, wie Du weißt Bilder sehe, so schwebte Tibur wie ein schöner Kranz vor mir, in dem die Strecken der dunkeln ruhigen Ölbäume, Rosmariensträuche, u. die hellen, silbernen Kaskatellen die Perlen u. Edelgesteine waren. Unter den vielen Villen, die den Kaskatellen gegenüber lagen, war auch des Varus Villa, an den Horaz die 18. Ode machte; er war sein Nachbar; auf ihren Trümmern wachsen auch jetzt nichts als Weinreben, als ob Horaz Ode erfüllet würde. Ich bitte Dich also noch einmal, lerne hübsch Latein u. halte den Horaz in Ehren; er ist ein gar lieber Dichter. Rammler u. alle seine Nachahmer sind steife Böcke gegen ihn: denn ihnen fehlt der Geist u. die schönste Blume seiner Lieder, Leichtigkeit, Fröhlichkeit, Artigkeit, lieblicher Anstand, das Gefühl der schönsten Lebensweise, welches seine Philosophie sowohl, als seine Begeisterung war. Viel Dinge um Tivoli habe ich noch nicht gesehen, z. B. die Villa des Hadrians in ihren ungeheuren Ruinen. Auch die Königin Zenobia hat, da sie als eine Gefangene aufgeführt war, bei Tivoli gewohnt; man hat noch ein Grabmal ihrer Tochter mit einem goldnen Armbande gefunden; ich habe aber die Stelle, wo die stolze Königin ihr Leben als eine Hausmutter verleben mußte noch nicht betreten. So auch noch nicht die Villa Catulls, wo jetzt ein Kloster auf dem Berge ist; die größesten u. elegantesten Leute, Marius, Atticus ppp haben hier gewohnt, und alles was schön und ruhig leben wollte, ist hier hinausgeflüchtet. – Sei fleißig und gut, lieber G., wenn ich lebe, sollt Du auch Tivoli sehn, u. zwar jünger als ich, dem diese Ansicht jetzt nur wie eine schöne Nachmittagsstunde kommt, indes sich die Sonne neiget. Lebe wohl, Du Guter lieber und habe mich lieb. Herder. J. G. Herder an August Herder Rom, 28. 10. 1788 Auch Dir, mein lieber Prinz August, will ich heut schreiben, u. zwar, weil Du so ein feiner artiger Knabe bist, von lauter schönen Göttern u. Göttinnen. Vorigen Sonntag sahen wir das Museum des Vatikans mit der Fackel, die so u. anders gewendet wird, daß die Statue recht ins Licht kommt; das war ein schöner Anblick. Da saß, als wir hereintraten, der große, schöne Herkules, dem aber Kopf, Arme u. Füße fehlen: seine Muskeln, seine weite Brust, sein schöner Rücken, seine tapfern Beine sind bis zum leben. Wir gingen aber schnell in die lange Galerie zum großen Jupiter, der auf dem Thron sitzt. Er sah mit seiner gewaltigen Stirn, aus der die Weisheit heraustrat, auf uns wie ein sanfter, gütiger Vater herunter. Nicht weit von ihm stehen viele schöne Köpfe, unter denen auch einer dem Hrn. v. Knebel sehr gleich ist. Du kannst ihn grüßen u. ihm sagen, daß bei lebendigem Leibe sein Kopf im größesten Museum der Welt unter Göttern u. Helden, unter Kaisern u. Philosophen stehe, u. daß ich ihm daselbst meinen tiefen Respekt bezeugt habe. Weiterhin zur linken Hand, wenn man vom Vater der Götter kommt, kam die schöne Jägerin Diana auf uns zu; das ist eine so leichte, schöne, jungfräuliche, schlanke Figur, daß ich sie gerne mitnehmen, u. dem Luischen bringen wollte, daß sie auch eine so hübsche Person würde. Weiterhin kam ein schöner, lieblicher Genius: da saßen u. standen Faunen in mancherlei Stellung: eine schöne Heldin Amazone stand da; ein trauriger Adonis am Schenkel verwundet: da saß Paris gar breit u. gemächlich, um der schönsten Göttin den Preis zu geben, u. viele andre Gestalten. Auf der andern Seite stand Neptun mit seinem Dreizack, da lag ein schöner Bacchus mit seinem umgestürzten Kruge, da stand eine schöne Nymphe mit einer großen Schale in der Hand, auf die sie traurig hinabblickt, daher man sie auch die weinende Danaide nennet. In einem Erkerchen stand eine schöne Göttin mit erhobnen Händen, die man Pietas nennet, auch nicht weit davon ein sehr treues Denkmal der ehelichen Liebe, Mann u. Frau in halben Figuren, die sich einander so treu die Hände geben, u. im Gesicht so redliche Züge haben, daß man schwöret u. glaubt, sie leben. Von da kamen wir in ein kleines schönes Zimmer, in dem ich wohnen möchte. Es ist ein schöner Fußboden von Mosaik u. herrliche alte Porphyrstühle aus den Bädern der Alten stehn darinnen. Da kehrte sich denn die Venus, wie sie aus dem Bade steigt, am Licht der Fackel umher, u. ließ uns ihren schönen Rücken u. Hintern sehen: da stand auch ein schöner Adonis u. f. Wir gingen ins Zimmer der Tiere, das ich einmal dem Adelbert beschreiben werde: da lagen zwei ungeheure Flußgötter, die Tiber u. der Nil, auf dem 16. kleine Jüngelchen herauf- u. herabklettern. Da stand wieder eine hübsche Diane, aber nicht so schön, wie der erste; u. ein vortrefflicher Meleager, der Jäger, nebst vielen andern schönen Figuren. – Nun kamen wir aber ins Heiligtum der Musen, das mir vor allen wohlgefällt, u. wo ich in der schönsten Gesellschaft der Welt zu sein glaube. Beim Eintritt steht Apollo, der Eidechsentöter u. ein schöner Schlaf. Er hat sein Haupt seitwärts geneigt, u. eine hinabsinkende Fackel in seiner Rechten. Alsdenn kommt man zum Apollo u. allen Musen, die in einem schönen Kreise umherstehn. Apollo ist der schönste Jüngling, fast wie ein Mädchen schön, u. fast auch mit einem weiblichen Mantel bekleidet: er schlägt die Leier, u. hebt das Auge in einer hohen Begeisterung, daß man seinen Gesang fast zu hören glaubet. Sage dem H. G. R. Göthe, daß unter den Musen mir vorzüglich die zur rechten Seite gefallen, die Mnemosyne oder die Fabel, die ihre Arme so still in den Mantel schlägt, die horchende Kalliope mit der Schreibtafel, Urania, aber am meisten seine Muse, die tragische Melpomene. Diese ist, neben der Diane, der hohen Juno Ludovisi, der hohen Melpomene weiterhin in der Rotonda p meine Göttin u. wenn sie auch die Seine ist, soll michs sehr freuen. Sie hat eine Würde, einen Adel u. einen hohen, stillen Schmerz, der mir ganz neu war. In der Rotonda stand die hohe tragische Muse, die breite Ceres, die beiden Juno's prächtig da; auch Jupiters Kopf, u. der Kopf Hadrians zieren ihre Stelle (wo Du denn wieder dem H. G. R. Göthe sagen kannst, daß sein Antiquarius Hirt ihn mit aller Gewalt zu diesem Kopf Hadrians machen will; welches denn keine Schande für seinen Kopf ist.) Und nun gingen wir zum schönen Antinous zurück, u. von ihm zum schönen Apollo, zum duldenden, ausatmenden Laokoon, u. wieder zum schönen Apollo, wo wir denn unsre große Göttererscheinung schlossen. Siehe, mein lieber August, so viele Dinge kann man zu Rom an einem Abende sehen; aber das alles sehen, wie man es sehen soll, dazu gehört mehr Zeit; auch muß man was Gutes gelernt u. Lust u. Liebe zur Sache haben, sonst siehet man nichts. Lerne auch Du fleißig die Mythologie, die alte Geschichte, die alten Sprachen u. vernachlässige ja nicht das Zeichnen. Wenn ich zeichnen könnte, dünkte ich mich in dieser hohen Göttergesellschaft noch einmal so viel; nun gehe ich wie ein Stummer umher, der nicht reden kann, wie Du weißt; so bin ich auch ein Stummer, weil diese Dinge sich nicht durch Worte, sondern durch Linien u. Formen allein ausdrücken lassen. Aber dennoch sind auch mir diese hohen Gestalten sehr lieb u. wert: unter Göttern gewinnt man die Menschen lieber; man lernt, was in menschlichen Formen u. Charakteren alles verborgen sei, u. wird gar rein u. vornehm, wenn man unter diesen Anschauungen lebet. So habe ich aus den Dichtern mehr Philosophie gelernt, als aus den Philosophen, u. weil Du Deines Gewerbes ein Philosoph werden willt, mußt Du ja die alten Sprachen u. Zeichnen lernen; da kannst Du denn Dichter lesen u. Kunstwerke sehen, u. ein exzellenter Philosoph werden. Lebe wohl, lieber Junge. Dein Ureltervater, der Kaiser Augustus glorwürdigen Andenkens zeigt sich hier oft, nackt u. bekleidet, als Held, Konsular u. Oberpriester. Er hat aber nicht hinter der Kirche zu Weimar, sondern auf dem palatinischen Berge in einem großen Hause von schöner Aussicht gewohnt, das allen Kaiserpalästen den Ursprung gegeben. Lebewohl. J. G. Herder an Herzogin Luise Rom, 28. 10. 1788 Durchlauchtigste Herzogin, Gnädigste Fürstin, Vielleicht kommt dieser Brief Euer Durchlaucht wie die Stimme eines aus dem Reiche der Toten: denn da man sich das alte Rom nur als eine Gegend von Überbleibseln der Vorwelt denket, so bin ich vielleicht von Euer Durchlaucht auch längst unter diese Trümmern im Andenken begraben worden, und mein Stillschweigen hat ohne Zweifel dazu beigetragen. Über das letzte will ich kein Wort einer Entschuldigung verlieren: denn wenn Euer Durchlaucht die Gnade haben, von meiner Frauen einmal eine Reihe von Umständen meiner Reise u. der ersten Wochen, die ich in Rom gehabt habe, sich erzählen zu lassen ( Ihnen darf sie nichts verschweigen) so hoffe ich entschuldigt gnug zu sein. So viel ist gewiß, daß, wenn in jedem Augenblick, da ich an E. D. gedacht habe, indem Ihr edles Bild durch so mancherlei Gegenstände der alten Römerwelt geweckt, oft, sehr oft von selbst vor meine Seele trat, ein erinnerndes Lüftchen E. D. umschwebt hätte: so wären manche große u. schöne Bilder Ihrer Seele vorübergegangen, die plötzlich u. unerwartet die Römerin an ihr Vaterland erinnert hätten. Aber leider ists auch so von der andern Seite; in Rom verlernt man das Schreiben. Die Gegenstände dringen zu gewaltig auf die Seele, ihre Zahl und Masse überhäuft u. übertäubet, so daß ich noch immer aus jedem hohen Ort, den ich betreten hatte, wie ein Berauschter zurückkam, und mich oft müde u. stumm zwischen Statuen oder Trümmern niedersetzen mußte. So ging es mir im Museum des Vatikans, so kam ich vom Capitol, vom Campo vaccino im alten Rom bis zum Coliseum hinab, vom Pantheon, aus der Villa Borghese u. Albani, aus der Sixtine u. Raphaels Stanzen, von den Kaiserpalästen, dem Cirkus des Caracalla, nebst allem, was dahin liegt, den Bädern des Diokletians u. s. f. ja noch ehegestern aus Tivoli zurück, u. habe noch keine Feder ansetzen können, um über das was ich gesehen u. betrachtet hatte, mir selbst einige Rechenschaft zu geben. Man ist, oder wenigstens ich bin in einem Meere, wo große zuweilen etwas plumpe Wellen einen umbrausen, prächtig heben u. denn unvermutet an eine Klippe werfen, wo man nur sein Haupt sichern muß. Das älteste, alte, mittlere, u. neue Rom tritt nicht nur mit seinen Gegenständen in wilder, bunter, dissonanter, oft fataler Verwirrung vor die Seele; sondern indem es Ideen weckt, woher denn dies alles geworden? woher es gekommen? wohin u. wozu es gewirkt habe? so erliegt mein armer Kopf ganz u. gar, so daß ich Gefahr laufe, aus Rom unwissender zu gehen, als ich hineinkam. Wäre meine Reise nicht so unvermutet gewesen, hätte ich mir vorläufige Notizen nehmen können, wie ich sie jedem andern würde angeraten, ja selbst von ihm würde gefodert haben, wäre ich endlich jünger u. hätte mich nicht im Dienst des Staats, der Kirche u. der gelehrten Republik so sehr verlebet, hätte ich endlich Geld u. könnte wie ich wollte, ja so lang ich wollte, reisen, mit der schönen Aussicht, zwanzig Jahre meines Lebens zurückzuhaben, u. sie anwenden zu können, wie ich wollte: so wäre etwas. Aber nun? – jetzt? – Doch ich mag keinen Calcul ziehen, u. dränge mir das arme Wozu? so oft es mir vorkommen will, mit Gewalt weg aus der Seele: Ein sonderbares Schicksal hat mich hergeführet u. ich lasse in mich schreiben, was mir das Schicksal vorzeigt. – Verzeihen E. D. daß ich soviel von mir rede; aber ich betrachte mich nur, indem ich dies schreibe, als Werkzeug, durch welches eine Partikel vom Weltgeist gewisse Sachen der Vor- u. jetzigen Zeit siehet; man muß eine verzweifeltstarke Ichheit haben, wenn man sie in diesem Strom der Dinge vorwiegend jeden Augenblick fühlen wollte. Was mich in der Seele dauret, ist, daß E. D. nach Ihrem Römergeist und Römerherzen, nach der lecture, die Sie in Römischen Schriftstellern gemacht, und den Kenntnissen, die Sie sich darin erworben haben, (so daß ich, ohne Kompliment zu reden, dagegen ein Kind bin) nicht Einen, Einen lebendigen Anblick dieser Gegenden haben können. An Genuß denke ich dabei gar nicht; der ist im jetzigen Rom weder zu suchen, noch zu finden; aber nur Eine Ansicht wünschte ich E. D., u. einen unsichtbar-sichtbaren Spaziergang durch diese Gegenstände. Mit Ihnen auf dem Capitol u. seinem Turme, auf dem palatinischen Berge an der Ecke des Hauses Augusts zu stehen und umherzuschauen, oder im Friedenstempel des Titus, im Koliseum, im Cirkus, in den Thermen pp der Kaiser umherzuwandern; das wäre freilich was Großes! Ach, daß Rom so entfernt liegt, u. doch ists gut, daß es daliegt; denn seit ich Italien kenne, bin ich sehr gern ein Deutscher. Die Herzogin Mutter hat ihre Reise über alle meine Erwartung gesund vollbracht, u. ist hier sehr fleißig u. fröhlich. Sie macht ihren Kurs beinah ununterbrochen, u. beschämet uns hierin am Fleiße: denn wir haben ihn, ohngefähr in der Hälfte, aufgegeben u. ich sehe jetzt allein, so weit ich reiche. Nach dem Grunde, der gelegt ist, ist das auch gut: jeder kann nun nach seiner Muße sehen u. betrachten. Ehegestern gab uns die Herzogin eine Beleuchtung des Museums im Vatikan mit der Fackel, welches Fest ich mir noch einmal vor meinem Abzuge aber einsamer wünschte: es ist ein großer Anblick. Die Nachrichten von der Gesundheit Euer Durchlaucht, die mir meine Frau gibt, erfreuen mich sehr; und die andre Hoffnung, die ich durch einen andern Kanal erfahren habe, bietet alle meine Wünsche des Herzens auf, daß sie zu Euer Durchl. völligsten Freude gedeihen möge. Gott weiß, wie ich Euer Durchlaucht verehre u. immer verehren werde; auf dem engen, verworrenen Wege meines Lebens ist das Bild E. D. eine zu große, schöne Erscheinung gewesen, als daß es nicht mit unter die ewigen Gedanken und Empfindungen gehörte, die nur der letzte Strom, durch welchen wir müssen, aus mir tilgen könnte. Wie vieles ich E. D. schuldig bin, habe ich nie sagen können; vielweniger kann ichs schreiben. Leben E. D. aufs schönste wohl, u. gedenken zuweilen meiner in Güte. Auch bitte ich, die Gnade zu haben, mich bei dem Herzoge über mein Stillschweigen zu entschuldigen: in dem bisherigen Rumor meiner Seele war mir ein vernünftiges Schreiben unmöglich, und wie sehr mein Innres Ihm für diese jetzige Muße danket, weiß ich, wird ihm selbst sein Inneres sagen. Ich hatte sie verdient, ja vielleicht noch eine bessere, als wie sie mir das Schicksal beschert hat; aber was das Schicksal gibt, ist immer das Beste. Ich küsse Euer Durchlaucht ehrerbietigst die Hände, und wünsche Ihnen und allen den Ihren das herzlichste Lebewohl, über den Kirchenstaat, die Apenninen und Alpen hinüber. In tiefster Ehrerbietung beharrend Euer Herzogl. Durchlaucht untertänigster Herder. Rom den 28. Okt. 88. Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder Rom, 30. 10. 1788 Ich war gestern Abend an Ihrem Hause, traf Sie aber nicht; zwei Ursachen führten mich zu Ihnen. Erstens wollte ich Ihnen ein Arrangement wegen unserm Gelde vorschlagen, so mir eingefallen war. Es besteht darin, Ihnen, Lieber, sobald Lepri zurückkehrt, gegen Ende Novembers eine Anweisung an ihn für die ganze unter uns verabredete Summe zu geben. Mir ist es einerlei und Ihnen bequemer, indem Sie sie auf diese Weise ganz nach Ihrem Belieben erheben können. Zweitens daß Ihre unerklärbare Art, mit mir zu existieren und mich zu behandeln, mich nicht allein unruhig, sondern höchst unglücklich macht. Ich sinne auf alles, was Ihnen nur im mindsten Vergnügen schaffen und Ihr hiesiges Dasein freudiger machen kann; und doch – lassen Sie mich nicht wiederholen, auf welche Weise Sie mir gestern Mittag fühlbar machten, daß Ihnen meine Gesellschaft zur Last sei! Wodurch habe ich dies verdient? welches neue eingebildete Mißverständnis ist Ursache? wird – kann dies fortdauern, ohne daß wir am Ende alle darüber zu Grunde gehen? Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 31. Okt. 1788. Liebstes Herz. Es war gestern Abend nach 10 uhr als ich schon verzweifelte einen Brief zu erhalten, als Dein Trostbrief vom 15. Okt. ankam. Aufeinmal war nun der Stein vom Herzen gewälzt! Wer war froher als ich, daß Du Dich getrennt u. geäußert hast; ich durfte nicht daran denken daß Du tägl. mit ihnen sein u. essen mußtest! Gottlob daß Du mich verstanden hast. Habe ich denn ganz u. gar vergessen zu schreiben, daß Du Dich von ihnen trennen müßtest? Dies ist ja die Hauptsache Deiner Exsistenz dort! Gerecht u. billig ists, daß D. zahlt; aber auch dafür hätte ich Rat geschafft, wenn es sein mußte. Ich sehe aber wohl daß mein Herz seinen alten Fehler noch hat u. meine Briefe so schnell liest, daß er die Hauptsache überschlägt; nun, ich muß mich unter die gewaltige Hand demütigen, u. höre doch nicht auf Dich zu lieben, wenn Du auch schon in den Träumen, die ich diese Tage gehabt, mich nicht liebreich angesehen hast. Du bist mein Leben u. mein ganzes Dasein; das weiß ich auch aus dem Schmerz wenn es Dir übel gehet. Ich sprach mit Goethe wegen dem Wechsel. Es sind 150 Rtlr. bar da, des Herzogs halbjähr. Zulage, ich wollte noch 150 Rtlr. dazu leihen u. den vollen Wechsel von 300 Rtlr. Dir schicken; er wiederriet mir aber das leihen, u. meint, vor der Hand soll ich Dir nur 150 Rtlr. oder 100 Scudi (durch Scudi gewinnt man, durch Zechinen aber verliert man) schicken, welches er auch vorigen Posttag Mittwoch besorgt hat. Du empfängst den Wechsel durch Paulsen über Frankfurt. In 4 Wochen, da ich durch das Weihnachtquartal u. Fruchtverkauf, wieder soviel zusammengebracht hätte, wäre das andre erfolgt, bis ich über die ganze Summe mir Rat geschafft hätte. Gottlob daß das jetzt vor der Hand nicht nötig ist. Indessen muß ich Dir zu Deiner eignen Beruhigung sagen, daß ich Dir 1000 Rtlr. nach u. nach bis Ostern schicken kann, wenn Du sie brauchst. Lasse Dir also, ich bitte Dich tausend tausendmal, nichts abgehen was Ehre, Wohlstand u. Bequemlichkeit u. vorzüglich Sorge für die Gesundheit erfordert. Dies letzte ist ein Artikel, den Du aus Liebe für Deine 6 armen Kinder nicht vernachlässigen wirst, darum bitte ich Dich auf den Knien! Für den Sirocco, laß mich Dir einen vernünftigen Rat geben lieber Engel. Kaufe Dir 2 Ellen Flanell. Dieses Stück lasse immer in Dein Bette zu Deinen Füßen legen. Weht der Sirocco so wickle die Füße bis über die Knie hinein u. Du wirst Dich wohl befinden, glaube es mir! Auch unter Dein Kopftuch lege ein Stückchen Flanell auf den Wirbel u. eins auf die HerzGrube, den Mittelpunkt aller Nerven. Folge mir liebstes Herz. Daß Du zwischen den Weibern verraten u. verloren bist habe ich längst besorgt. laß sie nur gehen. Schließe Dich immer u. immer mehr an gescheute aber auch vornehme Männer an; ich habe immer bemerkt daß Dich die Männer gefühlter ehren u. lieben, als die Weiber; ich nehme die einzige Fr. v. Fr[ankenberg] aus. Sie ist ein Engel von Herz u. Verstand, das empfinde ich in jedem Wort was sie sagt. Bleibe der edlen Seele gut, u. gib ihr was Du ihr geben kannst. Sie verdients. Sie ist die zweite Gräfin von Bückeb. Ich freue mich über Deine Kleider. Ich sehe Dich bischöflich einhergehen, an guten Strümpfen, Schuhen u. Schnallen wie die Geistl. sie dort tragen, lasse Dir doch nichts abgehn. An nichts nichts was zu alle dem gehört. Kostet ihn das Weib doch zehnmal mehr als Du! – [...] Über die Götter u. Helden will ich Dir doch etwas sagen, was ich damals beiläufig von Goethe gehört habe, als er von den Charakteren in den Bildsäulen sprach, als wir von Kochberg zurückfuhren. »Es ist selbst schwer einen echten u. wahren Götter- u. Heldenkopf unter den alten aufzufinden. Der Künstler hat oft, wenn er diesen oder jenen ehren wollte, sein Porträt zum Gott oder Helden, oder jenes Frauen Porträt zur Göttin genommen. Dazu gehört ein Studium, die echten Ideale aufzufinden.« Vielleicht weißt Du dies schon, oder es wird Dich aufmerksam machen. Wenn Goethe begünstigt würde durch Glück, Geld u. Künstler in Rom, so glaube ich gewiß daß er jeden menschlichen Charakter vom Scheitel bis auf die Fußsohle wie er glaubt, herausbringen könnte. Dies scheint tief in seiner Seele zu liegen. Sage aber um Gottes willen keinem etwas davon weder der Angelica noch den Malern; wir haben ihm ein heiliges Stillschweigen angeloben müssen. Die Schardt hat mich Dienst. Abend zur Steinin abgeholt. Der Stein ist nicht wohl. Es hat ihn vorige Woche wie eine Lähmung im rechten Arm überfallen; er hälts für einen Schlag, u. ist sehr hypochonder darüber. Sie hat mich gut u. ordentlich empfangen. Die Kalb u. Imhof die Gans (von der vermutl. der St. Jalousie herrühren mag) waren auch da. Es wurde in der Reise der la Roche gelesen, die, wie ich auch daraus wiedersehe, die leibhaftige Schwester von Lavater ist. Die Kalb u. ich haben laut unser Urteil gesagt u. die Schardt stimmte sanft bei. Die übrigen staunten. Die Kalb ist ein trefflich Geschöpf – ich bin ihre Vertraute; u. ich glaube daß sie jedesmal gestärkt von mir geht. Sage aber niemand von unsrer nahen Freundschaft. Ihr Verhältnis wird sich über lang oder kurz ändern; sie ist in einem unwürdigen u. leidenden Verhältnis, das ich aber nicht dem Papier anvertrauen kann. Ich bin die einzige hier zu der sie spricht. Nun lebe wohl liebster Engel. Ich habe einen gewaltigen Schnupfen u. Kopfweh. Mein Gemüt ist aber wieder aufgerichtet, gesund u. heiter. Wie verlange ich nach der Nachricht daß Du völlig abgeschnitten bist; nur mit D. noch gut bist, er verdiente nicht in die Hände einer solchen Coquette zu fallen, die ihm die Haut über die Ohren streifen wird. Es fällt mir so eben ein, ob es nicht gut wäre, sich bestimmt bei D. zu erkundigen, ob er Dir vor Deiner Reise Geld geschickt habe? ob er auch der Ungenannte ist [oder] ist ers nicht. So dünkts mich, nimmt Dein Geldverhältnis noch immer eine andre Wendung. Ich schreibe Dir das Briefchen das dabei lag ab. Damit Du nochmals siehst was darin gestanden. Nur mußt Du freilich klug oder gerade zu fragen. Doch überlasse ich Dir den ganzen Gedanken. – Schreibst Du noch nicht bald an die Herzogin u. den Herzog? Es ist doch fatal daß mein Brief vom 22. Aug. nach Augsburg [fehlt]. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 31. 10. 1788 [?] Liebster Vater. Wie sehr hat mich Ihr lieber Brief an uns gefreut, darinnen Sie uns soviel gutes und herzliches schreiben, ich danke Ihnen recht sehr dafür, daß Sie auch unserer in Rom gedacht, und uns etwas von sich geschrieben haben. Ich freue mich recht sehr auf Herrn Moritz, der uns recht viel von Ihnen und von Rom erzählen wird. Bleiben Sie nur gesund, liebster Vater trotz dem Sirocco, wir wollen Ihnen gewiß immer gute Luft zuschicken, und der Tramontane soll Ihnen allemal Glück, Freude und Gesundheit bringen. Wir sind bisher gottlob alle recht gesund und wohl, und Gott wird uns ja auch noch fernerhin Friede, Freude und Gesundheit geben. Ich muß Ihnen doch auch etwas zu lachen schreiben, das mir passiert ist: Am WillhelmsTage stand ich in der Kirche neben dem H. Hofmaler Cleß, der bald 80 Jahr alt ist. Dieser fing ein Gespräch mit mir an, ohne mich zu kennen, und beklagte sich sehr über die jetzigen Zeiten. »Vor Alters, sagt er; da war es doch noch etwas, aber ach! wie sieht es jetzt mit uns aus!!! – Man sehe nur die Geistlichen an, sie treten auf die Kanzel, reden und reden, und wissen nicht was. – Ja! und der Superintendent ist da nach Italien gereiset bloß aus Neugierde, er wird gewiß nicht auf die Kanzel treten und uns erzählen wo er gewesen, und was er gesehn hat, ob er weiß, ob der Papst einen goldenen oder dreckigten Pantoffel an hat,« u. d. gl. mehr, das uns rechten Spaß gemacht hat. Leben Sie wohl, liebster Vater. Der Herr Konrektor und Herr Schäfer grüßen Sie bestens, auch Herr Rudolph, der Ihnen sagen läßt, daß es im Seminario recht gut ginge. Leben Sie wohl, wohl! und gedenken Sie Ihres gehorsamsten und Sie zärtlichst liebenden Sohnes Gottfried Herder. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, 31. 10. 1788 Mein lieber, du verzeihst einer treuen Meinung, wenn sie dir einen unangenehmen Tag machte. Es ist so gefährlich, in die Ferne sittlich zu wirken. Spricht man mit einem Freund, so fühlt man seine Lage und mildert die Worte nach dem Augenblick. Entfernt spricht man nicht recht, oder es trifft nicht zur rechten Zeit. Dein letzter Brief erquickt mich. Was ich wünsche und bitte, das tust du; setze dich zusammen, laß das Verlorne verloren sein, aus dir wird dirs gewiß wohl. Ich bin sehr einsam und fleißig. Des alten Königs nachgelaßne Werke machen mir gute Tage. Deine Frau und Kinder sind wohl. Der Herzog ist nach einer beinahe zweimonatlichen Abwesenheit zurückgekommen. Knebel sitzt in Jena. Die Herzogin lebt still, wie immer. Adieu, genieße die Zeit. G. W. d. 31. O. 88. Luise von Göchhausen an Johann Wolfgang von Goethe Rom d. 1ten 9 br 88. [...] Den Abend waren wir bei der Angelica, die sich fleißig zu uns hält. Bei diesen allen ist der alte Reifenstein ein gar lieber und lehrreicher Gesellschafter, er wird ordentlich wieder jung, und will die Herzogin gar nicht aus den Augen lassen, sie mags anstellen wie sie will. Gewöhnlich kommt er Vormittags und bleibt bis Abends beinahe 10 Uhr, da gehts denn überall in ganz Rom herum, bis Mittags wo die Minestra sehr gut schmeckt, und Abends versammeln wir uns um einen großen runden Tisch, wobei gezeichnet und geschwätzt wird. Jetzt ist zu dieser Versammlung auch noch ein Abade gekommen, Ceruti, er hat den Homer übersetzt und Herder hat ihn zu uns gebracht. Es scheint ohne eine solche Figur kann in Rom keine Gesellschaft bestehn. Dieser scheint ein verständiger Mann. Herder ist seit einiger Zeit wie umgewandt; er ist wohl und fröhlich und genießt in reichem Maße. Zu dem Glück was uns hier beschieden ist, gehört gewiß auch seine Gegenwart. Er ist fast beständig mit uns und meinen lieben Reifenstein hat er auch beinahe eben so lieb als ich ihm selber habe. [...] Gedenken Sie mein! und schreiben Sie bald Ihrer G. Angelika Kauffmann an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 1. Nov. 1788. Wissen Sie wohl mein teürer freünd ich komme nach Weimar – hätten Sie sich das wohl träumen können. Ihro Durchlaucht die Frau Herzogin hat unseren guten Hrn. Rat Reiffenstein – Zucchi und mich auf das gnädigste eingeladen entweder mit Ihr zurück oder Ihr zu folgen. Die fräulein von Gechhaußen – der Herr Herder – waren zugegen, stimmten auch mit über ein – wie war es möglich ein so schönen antrag der auf die gnädigste art gemacht wurde zu widerstehen. Das Versprechen wurde gemacht, so ferne die umstände es erlaubten . Das glückselige Weimar das, seit dem das Glück mir gegönnt Sie zu kennen, ich so oft beneidet habe, wo ich mich mit gedanken so oft und so gerne aufhalte, sollte ich das sehen, und Sie da sehen, oh schöner traum! doch noch vor die Reise angehete hoffe ich Sie noch einmal in Rom zu sehen, indessen habe ich Ihnen zu danken mein bester freund, das die frau Herzogin sich so gnädig gegen mir erzeigt, diese gnädige fürstin hat meine Wohnung schon verschiedne mal beehret und erlaubt mir zu Ihr zu kommen, wie oft wird von Ihnen gesprochen und welche freüde fühl Ich in meiner Seele. Vor einigen Abenden gingen Ihr Durchlaucht mit der ganzen gesellschaft, nämlich Herr baron von Dalberg – die frau von Seckendorf, Herr Herder p. nach dem Museum. Zucchi und Ich, hatten die Ehre auch mitzukommen. Das war vor mich ein großes fest aber mir fehlte doch noch etwas mein Vergnügen vollkommen zu machen, Ihr namen erschallte im Saale der Musen, ich sah mich um und sehe Sie, aber nur im Geiste. Da wir alle vor dem Apollo gestanden, wurde proponiert dem Gott ein gebet zu opferen, Herr Herder sagte es würde wohl ein Jeder, oder eine Jede, eine eigne bitte an den Gott zu machen haben, meine bitte an den Apollo war, das er Sie inspiriere nach Rom zu kommen, das mein bitten doch erhöret würde, das müßte sein ehe dem Ich nach Weimar Komme, wie angenehm ist die ganze gesellschaft, wie gut wie vertraulich, und wie sehr lieb hab ich die fräuln von Gehaußen, sie ist so verständig und so lebhaft, und findet sich so wohl, so auch die fürstin scheint sehr vergnügt zu sein, das wetter ist so schön, alles zeigt sich so vorteilhaft, die frau von Seckendorff empfehlet sich Ihnen auf das beste. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 8. [7.!] Nov. 1788. Zu einer süßen Stunde kam gestern Dein lieber Brief vom 22. Okt. mit dem Röschen u. dem Dorn, Du mein liebstes Herz. Ich war den Nachmittag bei der Stein u. sie beredte mich in die Komödie zu gehn; es war eine Operette von Sardi: wenn sich zwei streiten gewinnt der dritte. Die Musik ist unvergleichlich u. mehr als jemals sind mir die liebenden Arien süß u. zärtlich gewesen. O Du mein Leben, Du warst in dem innersten meines Gefühls bei mir – alles glühte an mir wie ich nach Hause kam u. ich wachte heute frühe wieder mit Dir auf, Du warst bei mir in meinem Bettchen, ach wie verlangte ich nach Dir! Du Süßer. – Wie wird es Dir u. mir ergehn, wenn Du nun die vortreffliche Musik in Rom hörst! Da bei mir, durch das geringe Spiel, die ganze Phantasie erregt ist. Goethe scherzte letzthin: es würde Dir nicht eher wohl werden in Rom, bis Du liebst. Gebe das gute Schicksal Dir gute Stunden, für manches lange Leiden; nur sei klug u. vorsichtig lieber Engel – über den Alpen bist Du wieder ganz mein; ja Du bist mein, Du bist mein. Vorgestern Abend nach 9 uhr, da ich allein war u. meine Haare aufwickelte, sagte ich mir das Lied vor »Hoher Freundschaft Sympathien pp u. da ich an der Zeile war: u. sind jetzt, was noch – als Widerhall? hob sich ein Stuhl in der Stube auf u. wieder nieder, als ob ihn jemand sehr laut niedersetzte; so war den ganzen Abend und Tag vorher, meine Seele aufmerksam auf alles. Bei dem neuesten Himmel, rauschte der Wind in unserm Garten sonderbar – es war kein allgemeiner Wind. So hagelte es auch, den Mittwoch (als vorgestern) Abend um 6 uhr da die Kalbin bei mir war, auf einmal sehr heftig u. war sogleich wieder Sternenhell u. der Himmel heiter. Gehe es Dir allein nur wohl. Wie gern möchte ich alle Deine Leiden auf mich nehmen. Es ist in dieser Woche nichts besonderes vorgefallen. Vom Herzog höre ich nichts. Die Herzogin soll wohl u. in der Hälfte der Schwangerschaft sein. Sie ist gestern auch in der Komödie gewesen, hat sich aber nach mir nicht umgesehn, wie es immer ihre Gewohnheit ist. Ich bin seit Deiner Abwesenheit nur 2mal bei ihr gewesen den 20. August, u. den 22. Okt. Sie nimmt an Dir herzlich Teil; u. ich warte mit Schmerzen auf einen Brief von Dir an Sie, so wie an den Herzog. Knebel ist noch in Jena u. will nicht herüberkommen ohnerachtet sein Logis bereitet ist. Er leidet, glaube ich, wieder durch den Herzog. Es ist Waffenstillstand zwischen Schwed. u. Rußland; die Preußen marschieren also nicht u. unser Held muß also auch zu Hause bleiben. [...] Auch sagt man in der Stadt, daß die Herzogin, nicht länger als ein Jahr ausbleiben wird, weil alles noch einmal soviel kostet, als sie geglaubt hat. O wie zähle ich bei Dir Tage u. Stunden. Wie freuten wir uns den 6. Nov. daß nun 3 Monate zurückgelegt sind! Gott wird die übrigen auch überstehn helfen. Wenn es Dir nur wohl wird Du armer geplagter! Wie ich mich über Werners Genesung freue, kann ich nicht beschreiben. O wie gut ists daß Du von Deiner Gesellschaft geschieden bist. Das war ja ein unvernünftiger Kurs, mir ist lieb daß er abgeschnitten ward. Sehe für Dich allein. O wie schön hattest Du in Bamb. u. Nürnberg gesehen, da Du allein warst! Tilge in Deinem Gemüt das Vergangene aus u. genieße u. sehe! ich lasse Dirs nicht an Geld fehlen, das schwöre ich Dir! Gehe ja gut in Kleidung! ich bitte, bitte. Voss aus Berlin hat gestern für das Honorar, der verbesserten Preisschr[iften] 50 Rtlr. oder 10 Louisd. gesandt; u. weiter nichts dabei geschrieben. Das kommt nun auch in Deine Sparbüchse für Rom. [...] Die Kinder sind gesund u. fröhlich. Sie tun alle 4 ihr möglichstes im lernen aber auch im rasen u. ich verbiete es ihnen nicht. Frühling währt nicht immer. u. mich jammert ein jeder trübe verschwundener Augenblick – denn er kommt nicht wieder, da ich ihn besser hätte brauchen können. Die Zeit die Zeit sie ist unser Schatz. Deine Trennung u. Abwesenheit o wie öffnet sie mir die Augen! Wenn sie keinen andern Vorteil uns brächte, als unsre Zeit unsern Schatz zu gebrauchen, so hätten wir schon dadurch gewonnen. Ja liebstes Leben, ich hoffe so viel über mich zu vermögen, daß Du durch mich keinen trüben Augenblick haben sollst. Ich habe Dir im vorigen Brief die Abschrift vom Brief des Unbekannten geschickt, ich erzählte es Goethe u. sagte wie wichtig es für uns sei jetzt zu wissen ob das Geld von Dalb. sei. Da antwortete er: ihr habt das bisher immer so gewiß angenommen, als obs D. sei; man glaubt aber es sei der Markgraf von Baden, Dalb. sei dabei meliert gewesen; ich habe ihn so eben durch ein Billet gefragt ob er mir etwas Gewisses hierüber sagen könne? er antwortete aber nichts darauf. Verzeihe daß ich noch einmal diese Sache berühre; es ist aber das letztemal u. ich werde in keinem Brief mehr daran denken. Nachdem was Goethe gesagt wird es mir evident, daß es der Markgraf ist u. D. was davon weiß. Ja da er Dich einiges hat bezahlen lassen, so kommt es mir vor als haben sie auf Deine Person wegen den 1200 Rtlr. Jacht gemacht, damit er Dich nicht in allem frei halten dörfe. Diese Vorstellung empört mein ganzes Gemüt; uns das zu entziehen, was das gute Schicksal uns zuwenden wollte, u. wir auf einmal aus allem Labyrinth gekommen wären. Es schmerzt mich bitter, wenn ich daran gedenke; u. an die Hure wendet ers. Doch es mag sein. Wir werden gerächt werden. Der liebe Gott hilft uns gewiß. – Nun künftig kein Wort mehr davon! Die tausend Grillen u. Sorgen habe ich mir durch das Spinnen zu vertreiben gesucht; u. es ist mir jedesmal gelungen; das Spinnrädchen ist wie jenes Epigramm »flieht ihr Sorgen!« Meine Haare sind indessen um die hälfte grau geworden, u. dies danke ich der schönen S. Nun gutes Herz auf meine grauen Haare mußt Du nicht sehen; wenn Du wieder kommst, sind alle Schmerzen vergessen. Der gute Gott erhalte Dich nur gesund, u. behüte Dich vor dem Sirocco. Die Tramontane weht Dir meine treuen frommen Wünsche zu. O sie sollte Dir immer wehen, meine Gedanken sind ja immer bei Dir. Lebe wohl wohl treue Seele. Lebe wohl u. gedenke mein u. sei mir ein wenig gut. Gott sei mit Dir u. erfreue Dein Herz u. Gemüt! C. H. Gottfr. u. August küssen u. grüßen Dich herzlich, noch eins. Vorigen Sonntag stund ich mit dem Gedanken auf, ein Pasquill auf einen Deiner Feinde zu machen, ich beschäftigte mich beim Anziehn ganz damit. Da kam das Luisgen mit Gleims Fabeln u. las mir: »manche Blume hat doch Gift u. du saugst aus allen Blumen – ja das Gift laß ich darin.« Wie beschämt ich in meiner Seele war, kannst Du denken. Die Kinder sind meine Engel u. Wächter geworden; u. Du mein zweiter Schöpfer u. Bildner! Lebe wohl bestes Herz! ich küsse Dich für das Röschen u. den Dorn. Alles grüßt u. liebt Dich. […] Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Jena, den 7. November 1788. Schon längst hätte ich bei Ihnen, liebster Herder, meinen armen Besuch in der großen und reichen Hauptstadt der Christenheit abgelegt, wenn es nicht auch mit der nachlässigen Zögerung ginge, wie mit andern Übeln; sie hängen an einander. Stets erwartet man die Stunde, die dem Freunde geheiligter und gewidmeter wäre, und darüber vergehen Stunden und Tage. Indes ist meine Seele oft und innigst bei Ihnen, Sie seelenlieber Mann und Freund! Ihre gleichfalls seelenliebe und werte Frau gibt mir zuweilen Nachricht von Ihrem Dasein; die nehme ich dann begierig auf und teile gelegentlich meinen Ansbacher Geschwistern mit, die immer von Ihnen wissen wollen und denen Sie zum Heiland geworden. Ich wünsche nur, daß Sie alles Gute, was um Sie ist, mit vollem Herzen genießen möchten, und das übrige in die faule Tiber werfen. Sie kommen in dieses Tal der Cimmerier wieder zurück, und erinnern sich dann wenigstens des schönen Sonnenscheins mit Freuden. Mich hat Ihre schöne Lebensfreude vom Anfange Ihrer Reise an sehr ergötzt; dabei lassen Sie es; es ist ja sonst nicht der Mühe wert zu leben. So ist es mit uns, von denen es kaum der Mühe wert ist zu sprechen. Das Beste, Schönste, was das Leben macht, ist Anteil und Freude; die sind bei uns nicht zu finden; man hat für Nichtswürdigkeiten und fremde Dinge seinen Anteil und sein Vermögen hingegeben. Doch damit will ich keinen Schatten in einen lichten Augenblick von Ihnen mischen; der Mensch lebt ja schon durch Gewohnheit und lebt auch bei den Pescherähs – – da geht es uns also recht gut hier. Ich lese seit kurzem Barettis Briefe über Italien, und da habe ich noch öfter Gelegenheit an Sie zu denken. Sie sind trefflich geschrieben, und desto besser, da sie einen gewissen Engländer Sharp zu Grunde richten, der schlimm von Italien geschrieben. Der Italiener, der sie Englisch geschrieben und dieser Nation und Sprache sehr kundig, mordet mit einem doppelten Dolch seinen unwissenden Gegner, den sich selbst dünkenden Englischen Arzt und Kaufmann. Auch sind jetzt des Königs von Preußen Werke erschienen und beschäftigten wahrscheinlich den denkenden Teil von halb Europa. Ich habe erst seine Briefe an Voltaire und Argens gelesen und jetzt lese ich Histoire de mon temps. Dies ist ein Codex gesunder Vernunft in Geschäften, militärischer und politischer Politik. Es ist das einzige Buch seiner Art, mit unerhörter Freimütigkeit, männlichem Geist und Kraft geschrieben. Der Stil ist nachlässig schön und groß, selbst wo er witzig ist und häufige Anekdoten sagt, die ihm ganz ein eigenes Leben geben. So kann nur der schreiben, der selbst im Zentrum der Dinge sitzt und den das Seinige so sehr interessiert. Unsere Fürsten könnten nachahmen; aber was werden diese nachahmen, die nichts interessiert als Ausschweifung oder Torheit! Aber ihre Verachtungswürdigkeit und Inkonsequenz erhält auch in diesem Werke blutige Streiche, die gewiß vor den Augen der Nachwelt werden da stehn bleiben. Ich lebe noch immer im alten Jena und fürchte mich nach Weimar zu gehn, obgleich, wie ich wohl weiß, viel Gutes da ist. Aber es baut und trägt nichts zusammen und kann wohl auch nicht, und das ist denn kein gutes menschliches Leben. Lassen Sie uns eine Kolonie aufrichten, Lieber, wenn Sie wieder zurückkommen! So klein die Mittel sind, so schmal der Boden, so wechselnd der Himmel, so soll es uns gewiß wohl sein, wo nur ein gemeinschaftliches Interesse ist. Hier ist es Landesverbrechen, ein gemeinschaftliches Interesse zu haben und ohne das wird es keinem Menschen wohl. Goethe ist zuweilen bei mir. Letzt war er verschiedene Tage hier. Er ist nicht wohl fähig, eine andere Vorstellungsart aufzunehmen als die seinige, oder er macht jene zu der seinigen. Ich habe seinen dringenden Geist in allem, dessen sich seine Vorstellung bemeistern will, noch wahrer als sonst angestaunt. Die Kunst hat ihn ganz eingenommen; er sieht solche als das Ziel aller menschlichen Erhöhung. Ich kann solches in seiner Seele begreifen, wenn nämlich sinnliche Blüte für das höchste Dasein der Menschheit erkannt wird. Er ist geboren und gebildet zum Künstler, und nichts kann ihm weiter sonderliche Nahrung geben. Adieu, mein Lieber! Nehmen Sie meinen Herzenskuß zum Zeichen des Andenkens! – Grüßen Sie und empfehlen Sie mich allen Freunden: der Herzogin, Dalberg, Einsiedel u. s. w. Sie sollten wohl ein gutes Leben unter sich führen können! J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 4.[/8.] Nov. 88. Es ist jetzt 8. Tage, liebes Leben, daß ich nicht an Dich geschrieben, u. auch diesen Br. lasse ich bis zur Sonnabendpost warten, da ich gehört habe, daß es auf ihr sichrer sein soll. Deine Br. habe ich bisher alle u. zwar unaufgebrochen erhalten; den vom 22. Aug. nach Augsb. adressiert ausgenommen, worüber ich denn an Moriz Auftrag gegeben habe, ihn zu erhalten. In Parma hat auch einer, wie Einsiedel sagt, gelegen; ich weiß nicht, ob es derselbe ist: ich habe sogleich ans Postamt geschrieben, aber bisher noch nichts empfangen. Deine Br. vom 12. u. 17. Okt. habe ich heut bekommen, u. mich freut herzl. Eure Gesundheit u. Euer Teilnehmen. Aber, liebes Weib, die Regeln aus Göthe's Munde schmecken mir nicht. Was sollen die Tadeleien, die Korrektionen, wo uns ja das Schicksal selbst scharf gnug korrigieret. Ist diese zärtliche Schonung meine Eigenheit: so kann ich nicht dafür; ich kann ohne sie nicht leben, u. will lieber untertreten werden, als untertreten. Du hast überhaupt gefehlt, daß Du ihm aus meinen Br. so viel mitgeteilt hast; ich schrieb für Dich, u. gewiß für keinen andern: ich bat Dich auch ausdrücklich, niemanden von dem allen, was hier zwischen uns vorging, zu sagen. Gutes kann daraus auf keine Weise erwachsen: denn sowohl von dem Beklagt- als Ausgelacht werden, welche beide Stücke im menschlichen Leben oft wechseln, halte ich nichts. Wie Göthe hier gelebt hat, habe ich Dir schon geschrieben, kann, mag u. will ich nicht leben; verzeihe mir den Kommentar hierüber, der sich eher sagen, als schreiben läßt. Bei meiner ganzen Reise habe ich mir keinen Fehler vorzuwerfen, als daß ich mit einem Menschen, wie D. ist, eine solche Reise aufs ungewisse unternommen hatte; mit diesem Fehler war Alles getan, u. in Augsb. war, das könnt Ihr mir glauben, nichts mehr zu ändern, als daß ich zurückgereiset wäre, welches denn offenbar mir ein Schimpf u. ihm höchst angenehm gewesen wäre. Also spart jetzt Eure Weisheit, lieben Leute, gebt mir Rat wie Ihr wollet; tadelt aber nicht, u. philosophiert nicht, weil das letzte, weiß Gott, auf nichts passet. Göthe spricht über Rom, wie ein Kind, u. hat auch wie ein Kind, freilich mit aller Eigenheit, hier gelebet; deshalb ers denn auch so sehr preiset. Ich bin nicht G., ich habe auf meinem Lebenswege nie nach seinen Maximen handeln können; also kann ichs auch in Rom nicht. Ich nehme aber, so viel ich kann, meine Vernunft zusammen, um so würdig, u. gut zu handeln, als sich unter einer gegebnen Reihe von Umständen handeln läßt. Das Alles ist bloß für Dich geschrieben, u. ich bitte Dich, mein Gebot diesmal nicht zu übertreten. Von D. bin ich jetzt ganz los; ich ließ den Apfel so lang hangen, bis er abfiel, weil ich nach meinen Grundsätzen, die ich nun einmal befolgen muß, ihn mit Gewalt nicht abschlagen wollte . Eben als ich vor 8. Tagen den Br. an Dich u. an die Kinder geendigt hatte, ging ich zu Tisch, u. war ungewöhnlich still u. schweigend. Teils war ich nicht recht wohl, weil ich Halsweh hatte, teils war mir auch alles so sehr zu Halse gestiegen, daß ich kein Tischgespräch halten konnte, sprach aber nach Tisch mit ihm gut u. zart wie gewöhnlich; ging aber gleich weg, u. setzte meinen Kurs fort. In der Nacht drauf fiel mein Bett auseinander; ein Brett nach dem andern, u. ich sank mit den Betten zur Erde. Ich wunderte mich drüber, stand morgens auf, u. war eben auf der Straße, um nach der Villa Pamfili u. der Verklärung Raphaels mit Hirt zu gehen, als ich ein Billet von ihm, eines sonderbaren Inhalts, erhielt. Er beschwerte sich nämlich, über meine unerklärliche Art mit ihm zu exsistieren, wobei wir alle zu Grund gehen müßten u. f. Er sinne alle Augenblicke drauf, mir Freude zu machen (NB seit der Endigung oder vielmehr dem Abbrechen unsres elenden Kurses waren wir völlig getrennt, u. hingen bloß durch den jämmerlichen Tisch an einander: er fuhr mit der S. aus, u. war ihr Demonstrator; ohne mir je einen Antrag zu tun, mitzufahren.) Sobald der Banquier in die Stadt käme, fuhr er fort, wolle er mir die verlangte Summe Geldes auf einmal zustellen; u. f. (Ich bringe dies Billet, wie alle mit.) Nun war freilich meine Geduld zerrissen; ich setzte indessen meinen Gang fort u. schrieb ihm nach dem Essen ein kurzes gutmütiges, aber kräftiges Billet, das mich ekelt zu wiederholen. Der Inhalt war, er sollte die 1000 T. für meinen Aufenthalt in Rom u. Neapel, u. die 600 T. zur Rückreise schicken, sobald es ihm beliebte; bliebe davon etwas übrig, sollte ers in Manheim haben. Übrigens habe ich heut zum letztenmal mit ihm gegessen u. f. – Das war Donnerst, den 30. Okt. Mein Bett wurde gemacht u. ich schlief recht sanft. Freitags vor 8. Uhr kam er selbst zu mir, sagte, daß er es bei solcher Trennung nicht könne bewenden lassen, die Summe Geldes gebe er herzl. gern. Mich ärgerts, weiter zu reden, was Er u. was Ich sagten: kurz, er ging weg, u. ich, mit leichtem frohen Herzen, als ob mir ein Stein vom Halse sei, bestieg die Peterskirche, bis oben zum X., die ich Einem von den Kindern einmal beschreiben werde. Es war ein gar schöner Tag. Drauf ging ich mit Hirt u. Schütz, die beide oben gewesen waren, zur Villa Madama, wo Buri u. Rehberg nachkamen, wir hielten ein fröhliches Mittagsmahl. Ich kam nach Hause, fand ein Billet, daß ich durch die Herzogin, d. i. durch die S., die der G[öchhausen] Billet an sie ins Billet an mich gelegt hatte, zur Angelika eingeladen war; ging also müde u. matt noch dahin; die Herz. brachte mich nach Hause, u. ich ging froh zu Bett, u. beschloß den Okt. fröhlicher, als ich ihn angefangen hatte. Seitdem esse ich nun für 5. Pauls zu Hause, u. lebe wie ein König. Auch W[erner] befindet sich dabei sehr wohl u. trefflich. – – Rom, den 8. Nov. Soweit hatte ich Dienstags gleich nach Empfange Deines Br. geschrieben, als Ein Besuch nach dem andern ankam, u. ich zuletzt nach der Angelika ging, u. bei ihr mit ein paar angenehmen Stunden den Tag schloß. Den Mittwoch drauf, weil es ein sehr schöner Tag war, zog mich Hirt wohl auf 12. 13. Millien umher; Abends kamen wieder Besuche u. der Tag ging zu Ende. Donnerstag früh ging ich mit Zoega zu Borgia nach Velletri (siehe drauf nach der Charte) wo er seine Villeggiatur hält u. mich zu sich gebeten hatte. Er hat mir Höflichkeiten erwiesen; er hatte es bestellt u. eingerichtet, daß ich bei ihm, d. i. im Hause oder Pallazzo seines Bruders, eines Malteserritters wohnen mußte, wo ich die besten Zimmer bewohnt habe. Ich wollte gestern nach dem Mittagsessen weg, es kam aber Gesellschaft, das Essen ward verzögert, u. die Nacht brach an, daß ich noch dableiben mußte. Die 2. Tage sind Teils mit seinem Museum, u. mit 1000. Merkwürdigkeiten, die er aus aller Welt Ende hat, Teils mit Gesprächen vorbei gegangen: denn die Villeggiatur zu genießen, wollte das Wetter nicht gestatten. Hier habe ich nun zuerst im Hause eines Römischen Nobile gewohnet, u. die innere Lebensart bemerket. Die Frau hat 11. Kinder gehabt u. gehet mit dem 12.ten; 6. leben: es sind gute Kinder, u. scheint eine brave Familie. Der Monsignor ist gegen mich ein guter, sehr gefälliger Mann. Ich habe 1. Zechin Trinkgeld im Hause gegeben, und gegen die Leute des Monsignors will ich in der Stadt auch nicht knickerich sein: denn das öffnet die Türen. Nun wieder zur vorigen Geschichte. Ich lese über, was ich geschrieben habe, u. bitte Dich, es nicht übel zu deuten. Gebet mir in Allem Euren Rat u. verhehlet ihn nicht; schont aber meiner: denn die Lage, in der ich bin, zeigt mich mir selbst gnugsam. Ich wiederhole es: mein erster Fehler war, die Reise zu tun u. in meinen Jahren sie unter solchen Umständen, so ungewiß zu tun; das übrige konnte alles folgen. Ich werfe es mir nicht vor, solange getragen zu haben, u. mich eher haben wegstoßen zu lassen, als daß ich mich mit Caprice getrennt, oder mit Absurdität aufgedrängt hätte; das letzte ist, um alles in der Welt, nicht in meinem Charakter. Mein geheimer Widerwille gegen Leute dieser Art hat sich in seiner Wahrheit gnugsam geoffenbaret: Du weißt, was ich von der Unzuverlässigkeit auch des Koadjutors immer gesagt, u. wir ja auch erfahren haben; vor der Welt behält man ohnedas immer Unrecht mit diesen Leuten. Also muß ich nur suchen, daß ich auf eine gute Art loskomme, u. meine Reise honett vollende; von Deiner Seite ists nötig, daß Du von dem ganzen Verhältnis u. Mißverhältnis schweigest . Göthen kannst Du den Vorfall sagen; etwa der reg[ierenden] Herz. auch, wenn sie Dich fragt; sonst aber muß es ein Geheimnis bleiben; man lacht entweder, oder zuckt die Achseln, u. beides ist abscheulich. Verdorben ist einmal meine Reise, u. ich hätte sie nie tun sollen; doch wer weiß, wozu auch sie gut ist. Mir gibt sie einen Ruck auf mein ganzes Leben, ob sie mir gleich nie eine angenehme Erinnerung sein wird. Auch von Göthes Gesellen habe ich eigentlich wenig: es sind junge Maler, mit denen am Ende doch nicht viel zu tun ist, geschweige daß ich mit ihnen Jahrelang leben sollte. Göthe wohnte unter ihnen, u. wußte sie zu brauchen, wie er sie auch durch Arbeiten, die er für die Herz. M[utter] bestellte u. machen ließ, zu belohnen wußte; das alles kann ich nun nicht. Sie sind alle gutwillige Leute, die aber von meinem Kreise zu fern abliegen; der einzige, der mir recht wesentliche Dienste getan hat, ist Rehberg, ein Bruder des Schriftstellers in Hannover: ein verständiger Mensch, u. ich möchte sagen, der verständigste unter ihnen, der mir bei Kleidern u. sonst sehr gute Dienste getan hat, u. dem ichs immer gedenken werde. Hirt ist ein nicht böser Mensch; aber ein gelehrter Pedant, mit dem nicht viel zu tun ist, u. der manchmal meine Geduld auf die Probe gesetzt hat. Der Zoega, mit dem ich bei Borgia war, ist ein Däne, der hier geheiratet hat u. katholisch worden; er ist eigensinnig u. seltsam, wie ein Mensch, der sich durch Einen Jugendschritt seine Bahn auf immer verrückt hat; das hat ihm aber eine Tiefe gegeben, in sich zu arbeiten, wirklich ein Philosoph zu werden u. was Tüchtiges aus sich zu machen. Es steckt eine Gelehrsamkeit in dem Menschen, die selten ist, u. die ich auf der Reise erst, da wir vertraulicher wurden, kennen gelernt habe; Hirt ist gegen ihn ein leerer Topf u. eine klingende Schelle. Leider aber, daß auch diese eigentliche Römische Gelehrsamkeit völlig von meiner Straße abliegt: denn auch zu ihr werden Jahre erfodert, die ich nicht anwenden kann, noch mag. Ich bin fleißig, ohne daß ich im mindsten den Effekt meiner Reise berechne; sie ist eine etwas unangenehme Spazierfahrt gewesen: denn auch unser Oktober ist so gar angenehm nicht gewesen, u. die kalten Regenmonate sind vor uns. Ich bin geduldig, u. hoffe, wo ich nicht sehe u. fühle. Die Herz. M. hat den Oktob. hingebracht, wie ich; nur ich kann mich noch des Fleißes über sie rühmen. Überdem habe ich noch Frescati, Tivoli, Velletri gesehen, da keiner der andern aus Rom gewesen ist. Der Kardinal Buoncompagni u. Herzan haben sie besucht: Bernis hat zu ihr geschickt u. sie oft komplimentieren lassen; da aber im Oktober weder Gesellschaften, noch Geschäfte u. Audienzen sind, so hat sie bloß ihren Kurs verfolget. Ein einziges Gastmahl ausgenommen, wovon ich Dir die drolligte Geschichte erzählen muß, ob ich sie gleich noch nicht ganz weiß. Heut vor 8. Tagen komme ich zu ihr u. finde sie eben in einem feinen Konzert, das sie, Dalb., sein Kammerdiener u. Einsiedel hatten; die S. u. G[öchhausen] waren Zuhörerinnen; ich war dazu nicht gebeten, wie mich denn die Herz. noch zu nichts gebeten oder geladen hat. Als ich eintrete, sagt sie, »wären Sie doch eine halbe Stunde früher gekommen; ich habe 2. Kardinäle hier gehabt; ich bin auch hübsch zu einem Diné auf künftigen Dienstag vom Kard. Staatssekr[etär] eingeladen; Dalberg auch.« Ich gratulierte ihr, ließ es bewenden, u. ging bald fort. Montag gehe ich zu Einsiedel u. erkundigte mich näher, weil mir doch dies Partiemachen wurmte; da erfahre ich, daß der Kard. sie beinah auf die Folter gebracht habe, Leute zu nennen, die sie mitbringen möchte, u. daß er gens de lettres ausdrücklich genannt habe. Sie aber wie ein Kind verlegen, macht immer nur Komplimente, bis Dalb. angemeldet wird, u. Er selbst diesen wenigstens vorschlägt. Dalb. kommt mit der S.; er bittet weder diese, noch jenen, u. schickt am Montage nur zu E[insiedel], daß D. doch mitkommen werde. D. nimmts natürlich nicht an, unter dem Vorwande, daß ihm der Kard. ja selbst nichts gesagt habe, (eigentlich aber, weil die S. nicht mitgeladen war.) u. so mußte die Herz. mit den Ihrigen allein wandern. Ich habe seitdem noch nicht mit ihr gesprochen, weil meine Reise nach Velletri zwischenkam; was ich aber bei dem ganzen Vorfall tun zu müssen glaubte, war, ihr u. der G[öchhausen] gerade zu sagen, daß es sich nicht schicke, daß sie mich hier desavouiere (d. i. verleugne). Jedermann wisse, wer ich sei, auch die Kardinäle; nur habe ich bisher dem K[ardinal] Staatssekr. nicht aufwarten können, weil ich keine Adresse an ihn hätte, Bernis auf dem Lande u. der Senator nicht hier sei. Sie möchte die Gnade haben, dem Kard. bei Gelegenheit zu melden, daß ich ihm aufwarten wolle; welches sie denn auch, (etwas beunruhigt) zu tun versprach; ob sies getan hat, weiß ich nicht; es ist aber auch nichts dran gelegen. Bernis kommt diese Woche in die Stadt, u. da will ich mein Heil versuchen. Bei den Kard. Staatssekr. ist mir auch schon von jemanden angetragen, mich zu ihm zu führen; es war aber einer, von dem ich mich nicht eben gern führen lassen wollte. Und in Rom kommt auf alle das viel an; es ist im Zeremoniell u. Anstande die hohe Schule. Gestern bin ich bei Borgia der Prinzessin von Albanien (nat[ürliche] Tochter des verst[orbenen] Prätendenten) vorgestellt worden, die sehr neugierig auf mich war u. sagte, daß beim Kard. Herzan viel von mir sei geredet worden. Ein Gleiches habe ich von der Tafel des Span. Ministers gehört; wir wollen sehen, u. nichts versäumen, ob dieses alles gleich, wie Du siehest, meine Welt nicht ist u. sein kann. Die 2. Monate in Rom werden wie ein Traum verschwinden: denn u. vielleicht noch eher gehts nach Neapel; ich komme wieder, u. gehe sobald ich kann, nach Florenz u. weiter; weil mich eigentlich ganz Italien, nicht Rom allein interessieret. Gebe Gott mir ein gutes Schicksal; ich flehe sehr darum, u. weiß, daß Du es auch tust u. tun wirst. Grüße die Kinder; ich schreibe heute nicht an sie, u. nimm ja diesen Br. nicht übel. Glaube auch nicht, daß ich etwas gegen Göthe habe: alles, was er sagt, ist wahr, u. ich habe ihn lieb, wie meinen Bruder. Lebe wohl! Nochmals lebe wohl, meine liebe! u. gräme Dich nicht. Alles geht gut u. wird gut gehen; nach Leid kommt Freude. Was sprichst Du von grauen Haaren, die Dir die S. macht; sie ist nicht wert, daß Du an sie denkest. Lebe wohl. Herzog Carl August an Herzogin Anna Amalia Weimar, 9. 11. 1788 [...] Herder schreibt so viel Zärtliches an seine Frau, daß ihm keine Zeit noch Raum übrig bleibt, an andere, die nicht seine Bettgenossen sind, zu denken. Sagen Sie ihm doch viel Schönes von mir [...]. Caroline Herder an Karl Ludwig von Knebel Weimar, 10. 11. 1788 Der fröhliche August hat Auftrag, den zwei Weisen des Landes meinen ehrerbietigen Gruß zu überbringen u. Ihnen Heil u. Glück zu wünschen! Der Herr SteuerRat Ludecus hat mir heute inliegende zwei Briefe zum Einschluß an Sie gegeben, da er hörte daß August mit dem Erbprinzen zu Ihnen fährt. Er hat mir von der Feier des 24. Oktobers in Rom erzählt u. sagte daß in Ihrem Brief die Abschrift des Gedichts läge. Wollen Sie mir sie mitteilen bester Freund, so sind Sie gar freundlich darum gebeten. Ludecus hat auch Auftrag Glaubrisch Salz nach Rom zu schicken u. hat mir ein Plätzchen im Paket für etwas literarisches angeboten. Wissen Sie oder Goethe eine neuherausgekommene Schrift die meinen Mann dort intressieren könnte, so bitte ich, nennen Sie sie mir, oder senden Sie sie mir, da unser Buchladen hier so schlecht ist. Eine andere u. größere Gefälligkeit würden Sie mir erweisen, wenn Sie den Hofr. Starke fragen wollten, ob das Glauberische Salz für die Reisenden, (wie es mich dünkt) bestimmt ist, u. ob das Carlsbader Salz nicht besser sei? Im letzten Fall will ich meinem Mann Carlsbader schicken, von dem ich noch eine Schachtel Vorrat habe. Sie werden mich durch eine baldige Antwort hierüber, u. wenns möglich wäre, durch die Botenfrau morgen, sehr verbinden. Ich empfehle Ihnen meinen kleinen HofKavaliere unter Ihren Schutz u. Schirm, von meinem Mann habe ich gestern keinen Brief erhalten. Leben Sie mit Ihren Gästen aufs beste wohl! C. H. Montag Abend. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar d. 11. Novembr. 1788. Liebster Vater. Es hat uns allen heute recht viel gefehlt, daß kein Brief von Ihnen gekommen ist, wir hoffen aber daß Sie doch wohl und vergnügt sind, und wir warten recht auf den nächsten Posttag. Der Herr Pastor Liebeskind hat an mich den zweiten Teil von den Palmblättern geschickt, und hat einen recht artigen Brief dazu geschrieben, darinnen es unter andren heißet. »Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter, und sagen Sie Ihr, daß mein Geist noch täglich nach dem Ideale ringe, das ich mir durch Sehen und Hören in ihrem Hause geschaffen habe.« Die Mutter meint das Ideal wären Sie, lieber Vater. – Die Vorrede ist auch recht artig, er wünscht »daß auch dieser Band der Empfehlung wert sei, mit welcher der erste von einem der größten und besten Männer so großmütig und so liebreich unterstützt ward.« Ich lese der Mutter darinnen vor, es sind schon verschiedene schöne Stücke gekommen, einige sind aber sehr kurz, und hören manchmal auf, wo man es gar nicht erwartet. Die Mutter sagt, es fehle manchen ein gewisses Ganze, und eine eigentliche Gestalt. Die kalten Tage verhindern nun mich und Herrn Schäfer, daß wir nicht mehr so oft in der Bibliothek sein können, wir hoffen aber doch noch fertig zu werden ehe Sie wieder kommen. Wir haben im Hebräischen die Psalmen beim Herrn Schäfer angefangen, und ich will mich bestreben daß ich auch so viel hebräisch lerne als Sie, und überhaupt will ich alle Ihre Tugenden nachahmen, damit ich einst auch ein solcher Vater, als Sie sind, werden. Leben Sie wohl; behalten Sie mich lieb und denken Sie oft an mich. Meine Gedanken hängen stets an Ihnen und an Rom. Bleiben Sie gesund, und schreiben Sie ja oft, auch an uns, damit wir auch Ihre liebe kindliche Stimme mit uns hören, vale, vale, ×áéñå. Ihr gehorsamster und Sie zärtlichst liebender Sohn Gottfried Herder. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar den 14. Nov. 1788. Da es gestern 8 Tage waren, da ich Deinen letzten Brief vom 15. Okt. erhalten hatte, so habe ich den Abend gewiß auf einen Brief gehofft, aber vergebens, u. ich ging traurig zu Bette, liebes Herz. Ich hoffe zu Gott nicht daß Dich etwas unangenehmes abgehalten hat; oder gar Krankheit. Dies letzte ist mir entsetzlich zu denken, u. ich darf durchaus meine Gedanken nicht daraufrichten; eine Bangigkeit u. ein Zittern in den Gliedern überwältigt mich gleich. Auch traue ich Deiner guten Diät u. Vorsorge jetzt soviel zu; daß ich hoffe, daß keine Hauptkrankheit an Dich kommen wird. Der liebe Gott wird sich ja über Dich u. uns erbarmen u. unser Seufzen erhören. Vielleicht hast Du meinen Brief an Goethe adressiert, u. er ist jetzt gerade in Jena, u. hört bei Loder Collegia mit den Studenten. Er ist seit Sonnt. dort. August fuhr mit dem Erbprinzen u. Riedel den Dienst, nach; er erzählte mir, daß Goethe bei der Zergliederung eines Kopfs gewesen sei. Goethe hatte mirs längst gesagt daß er auf 6 Wochen nach Jena gehn wollte. Es sind dies lauter Vorbereitungen zum CharakterStudium des menschlichen Körpers. Er tut sehr wohl daran u. ich wollte daß er den ganzen Winter drüben bliebe. Sein Betragen ist gar sonderbar. Vorigen Sonnabend wurden wir endlich zur Ansicht der Zeichnungen zu ihm eingeladen, die Stein, Schardt, Imhof u. ich . Wir hofften auf diesen engen Zirkel, weil es das erstemal war. Aber siehe, die Fr. von Oertel ihr Mann u. alle Kinder waren dazu geladen, auch Voigt. Die Kalbin kam nicht, da er ihr noch nicht einmal einen Besuch gemacht hat. Es war uns allen höchst unwohl u. ein jedes ging vor 7 uhr mit Vergnügen weg. Die Schardt erzählte mir hernach daß er den Tag vorher auf dem tanzenden Picknick, mit keiner gescheiten Frau ein Wort beinah geredet, sondern den Fräuleins nach der Reihe die Hände geküßt, ihnen schöne Sachen gesagt u. viel getanzt hätte. Die Kalb. findt das nun abscheulich daß er die jungen Mädchen auf diese Weise reizt pp kurz, er will durchaus nichts mehr für seine Freunde sein; ich vermute daß er nach Weihnachten bald zu Euch kommt; u. dies wäre sehr gut. Für Weimar taugt er nicht mehr; im Gegenteil glaube ich, daß das Gelecke an den jungen Mädchen, dem Herzog, der dabei war, eben nicht die besten Eindrücke gibt. Der Herzog kam den Sonnab. auch zu Goethe, er frug nach Dir u. sagte, ich solle Dir von seinetwegen sagen, ob Du nichts anderes als zärtliche Briefe an Deine Frau zu schreiben wüßtest, ich entschuldigte Dich aufs beste; es schien aber nicht daß die Entschuldigung ihm genügte er war ganz freundlich. Seitdem habe ich niemand außer die Kalbin gesehen. Der Ludecus kam auch diese Woche, bot ein Plätzchen für etwas literarisches an, indem er glauberisch Salz u. ein Skelett an Huschke nach Rom zu senden habe. Ich bin in der gelehrten Welt aber ganz fremd seitdem Du weg bist. Eine halbe Schachtel Carlsbader Salz hatte ich noch vorrätig; die sende ich Dir durch diese Gelegenheit, auf Anraten des Hofr. Stark. Indessen hat auch Er bei den Arzneien die er an D. Huschke schickt, Rücksicht auf Dich genommen. Gott gebe daß Du sie nicht brauchst. Mein Gott, wie unteilnehmend hat doch Goethe in allem geraten! Die Arzneien sollen in Rom so enorm teuer sein. Ein Gedanke ist mir diese Woche eingefallen, der gewiß wahr ist, u. den wir noch vor Deiner Abreise hätten beherzigen sollen. In einem geistlichen Staat, gilt doch der Geistliche am meisten, wie in dem militärische der Soldat; nun denke ich, ists ein Vorteil für Dich, daß Du ein Geistlicher bist, u. ich hoffe daß Dir Dein Stand bei allen Gelegenheiten gute Dienste tun wird. Es war ein törichter Gedanke, daß Du dort nicht als Geistlicher erscheinen mögest. Mir ists lieb daß es nicht anderst angegangen ist, u. daß mein stiller Wunsch erfüllt wurde. Hätte ich damals gleich diesen Vorteil anführen können, so hätte ich Dir u. mir manche unangenehme Empfindung bisher erspart. Die Räder meines Verstandes gehn eben gar zu langsam, u. werden so gehen bis das ganze Rad abgelaufen ist. Ludecus erzählte mir auch, daß ihr den Geburtstag der Herzogin gefeiert habt. Die Göchhausen hatte das Gedicht an Knebel gesandt, u. ich habe es von ihm erhalten. Es ist gar hübsch. Besonders hat mir der zweite Vers u. der letzte sehr gefallen; u. Dein gutes Herz ist überall ein Kleinod. Ich habe diesen Tag sehr an Euch gedacht was Ihr beginnen werdet; darum hat Euch auch die Tramontane geweht; sage dies mit meiner Untertänigkeit, der Herzogin. Alles hofft u. wünscht, daß sie künftiges Jahr wiederkommen wird, weil es dort sehr teuer ist. Ich denke in einem Jahr hat man für die Menge Geld, Italien satt, wenn man kein Künstler ist. Goethe gedeiht am Besten in Rom. Sein ganzes Wesen ist mir noch ein Rätsel, ich weiß nicht wie ich ihn entziffern soll? Vor mehreren Wochen, sagte er mir einmal, er für seine Person hätte viel Glück, ja es strömte ihm von allen Seiten zu, aber nur für andre habe er kein Glück. ich fühlte diese Wahrheit sehr tief. Sogar s[ein] Petschaft, mit dem Du mir siegeltest, hat mir nichts Gutes gebracht. Hier ist ein Briefchen von der guten, Engelguten Frankenb. auch eins von Knebel. Er kommt diesen Winter nicht nach Weimar sondern bleibt in Jena. Der Herzog scheint nichts für ihn tun zu wollen u. er flieht daher seine Gegenwart. Goethe wirds auch wohler in Jena, er fühlt sich dort zu Hause u. hier fremd; das sagte er mir selbst. Neues geschieht doch gar nichts. Den alten Direktor hat Dein Gruß so sehr erfreut daß ers in Prima gerühmt hat. [...] Hier sagt man, daß die Seckend. in Rom nicht in Gesellschaft gehe, weil sie Wohlstandswegen nicht gehn kann. Ist es an dem? Du schriebst mir noch in keinem Brief daß Du mit Dalb. in eine Gesellschaft gegangen seist. Geht er nie mit Dir in Gesellschaft zu Kardinälen oder andere Vornehme oder Gelehrte? Ich bitte, was ich Dich bitten kann, liebster Engel, reise nur nicht mit ihnen zurück . Sonst ist Deine Reise von Anfang bis Ende verloren u. verdorben. Ach lasse Dich ja nicht bereden. Sie werden alles anwenden, u. ihre Pfiffe werden aufs Höchste gehn; aber lasse Dich nicht berücken von dieser niederträchtigen eitlen Pfiffigen Seele. Nach Neapel gehe doch auch allein, liebes Herz; u. lasse Dich nicht wieder mitschleppen; er mags jetzt empfinden, wie er Dir manquiert hat. Die Kinder sind Gottlob wohl, sie frugen heute gar oft, ob denn kein Brief gekommen sei? Das Schreiben will mir heute auch gar nicht rücken, ich bin halb verstimmt, gedrückt u. matt. Gott sei mit Dir Du Guter, u. erquicke Dich. Ich war heute oben in Deiner Stube. Wie leer ist es da! aber wie wird es Dir sein, wenn Du in dieser Leere u. Einöde wieder wohnen sollst. Und doch finde ichs nicht leer. Wie manche Stunde haben wir eigentüml[ich] da gelebt, in Freude u. Leid. Gott öffne uns immer mehr die Augen über das was er uns gegeben hat. Lebe wohl Lieber Einziger, Lebe wohl, gesund u. heiter. Sei glücklich u. gedenke mein: Deine Treue. ich träume fast alle Nacht von Dir, Du guter Engel; vielleicht gedenkst Du hier[her,] gedenkst Du meiner. August Herder an J. G. Herder Weimar, 14. 11. 1788 Liebster Vater. Nun schreibe ich wieder dem Leiter unsers Herzens, u unserm besten geliebtestem Vater. Ich habe Ihnen viel zu schreiben: Wir haben neue Kleider bekommen, die grün aussehn, u den Sonntag haben wir sie zum erstenmal beim Prinz angehabt. Den Dienstag bin ich als den 11 Novembr mit dem Prinz wieder in Jena gewesen, den Abend sind wir bei H. Professor Batsch gewesen, der hat uns lauter chymische Experimente gemacht. Den Mittwoch kam der Herzog auch hin, Nachmittag ist er mit H. Geh. v. Göethe in das Collegium von der Anatomie, welches H. Prof. Loder liest gegangen. Der H. Geh. v. Goethe ist schon den Sonntag nach Jena gereist, u bleibt noch 14 Tage dort, er geht alle Tage von 3-4 Uhr ins Collegium. Den Dienstag sagte er zu mir, wenn es appetitlicher wäre, so hätte er mich mit genommen. Den Mittwoch um 4 Uhr fuhren wir wieder fort. Nun habe ich erzählt was passiert ist, Von meinen Studien, will ich Ihnen nichts erzählen, bis sie selbst kommen, sehen u hören was ich gelernt habe. Leben Sie tausendmal wohl, u denken Sie oft an mich wie ich immer an Sie denke. Ihr gehorsamer Sohn August Herder. den 14 Novembr. 1788 Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 14. 11. 1788 [?] Lieber Vater. Ich habe sie recht lange nicht geschrieben. Es ist was sehr Merkwürdiges in unserer Stadt; denn das Alte Schloß wird wieder Aufgebaut, aber es wird 10 Jahre dauern ehe es Aufgebaut ist. Denn es nimmt sehr viele Zeit weg. Mit unserer Römischen Geschichte geht es ganz gut. Der Herr Schäfer grieset Sie, und griesen Sie den Werner. Ich habe ihren Brief den sie an mir geschrieben haben der Frau von Frankenberch [gezeigt] denn sie hat einen Babakei, ein Rotkehlchen und einen Spitz, leben sie wohl Ihr getzreier Sohn Adelbert Herder. Gottfried Herder an Werner Weimar d. 14t. Novembr. 1788. Lieber Werner Ich danke Ihm recht sehr für seinen lieben Brief, den er noch mit kranker Hand an mich geschrieben hat. Ich habe ihn allen im Haus vorgelesen und seine Krankheit hat uns wieder aufs neue geschmerzt. Wir wünschen daß die nahrhaften Speisen ihn jetzt völlig wieder gesund gemacht haben. Die Mutter sagt, wenn er an statt den ölichten Speisen, die er mit Ekel und Ärger gegessen hat, nur lauter Obst genossen hätte, so wäre er nicht krank geworden. Schone er sich nur jetzund, und nehm er sich bei allem wohl in Acht, und folge er dem H. D. Huschke. Der Herr Hofkirchner Koch hat auch recht oft nach ihm gefragt, und läßt ihn grüßen. Wenn er wieder kommt, so will ihm die Mutter rechte nahrhaftige Speisen kochen lassen, denn er wird wohl wie ein Geist aussehen. Sorge er doch auch ja für unsern guten Vater; die Mutter läßt ihn recht sehr darum bitten. Auch möchte er doch nicht vergessen die schwarze Wäsche alle 8 Tage der Wäscherin zu geben, damit immer alles weiß ist. Der Brief an die Henriette ist nach Magdala geschickt worden. Sie braucht dort eine Kur und bekommt von der Mutter die Woche einen halben Taler Kostgeld. Seine Schwester ist vor einigen Tagen auch da gewesen, meine Mutter hat die Grüße an sie ausgerichtet, und selbst mit ihr gesprochen. Sie hat sich gefreut daß er wieder wohl ist, seine Mutter und Schwester grüßen ihn vieltausendmal. Weise läßt ihn auch grüßen, und ihm sagen, daß er ihn noch in gutem Andenken behalten solle. Folgendes Jahr wird das alte Schloß wieder gebauet, und die Kammer hineinverlegt. – Es ist jetzt die Hasenjagd, da müssen die Soldaten mit dem Herzog auf die Jagd, damit sie gut zielen lernen. Seine Stube ist jetzt das Quartier von einem Regimente gelber und grüner Kürbisse. Sonst ist gar nichts neues passiert. Meine Geschwister, August, Willhelm, Adel, Luischen und Emil grüßen ihn alle. Lebe er vielmals wohl, u. behalt er mich lieb. Söhne er sich wieder mit den Italienern aus, u. lasse er es sich jetzt in Rom recht wohl sein. vale. Sein treuer Freund Gottfried Herder. Friedrich Schiller an Christian Gottfried Körner Weimar d. 14. Nov. 1788. Freitag [...] Herder ist durch Dalberg häßlich zirkumveniert worden; ohne daß man ihn darum gefragt oder preveniert hätte, hat sich eine Dame eine Frau von Seckendorf, die Schwester des H. von Kalb bei der Partie gefunden, die die Reise nach Italien mitmachte und mit der Dalberg in Herzensangelegenheiten stehen mag. Herder fand erstaunlich viel unschickliches darin, mit einer schönen Witwe und einem Domherrn in der Welt herum zu ziehen, und in Rom hat er sich ganz von der Gesellschaft getrennt und man sagt, daß er auf Ostern die Konfirmation wieder in Weimar verrichten wolle. Er wird in Rom sehr gesucht und geschätzt; der Sekretär der Propaganda, Borgia hat ihn bei einem Souper einigen Kardinälen als den Erzbischof von Sachsen Weimar präsentiert. [...] J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 15. Nov. [1788]. Tausendmal bitte ich Dich um Verzeihung, mein liebstes Leben, daß ich durch meinen unmutigen Brief, über den ich gestern Abend Antwort erhalten habe, Dir unangenehme Stunden veranlaßte. Wie sehr ich ihn seit der Zeit beklagt habe, wirst Du aus meinen seitdem empfangenen Briefen wahrgenommen haben. Damals indessen, als ich ihn schrieb, war mir kein andrer Ausdruck möglich. Ich hätte einen Posttag sollen vorübergehen lassen u. f. so hätte sich die Sache selbst geändert. Gottlob indessen daß sie geändert ist: u. so hat die Zeit selbst Linderung des Übels gemacht, unter dem ich damals auf dem höchsten Punkt litt, also daß wirs beide nur unsrer treuen Offenherzigkeit zuzuschreiben, die auch 200. Meilen hinaus spricht, als ob wir in Einem Zimmer wären, u. nicht bedenkt, daß, wenn ein solcher Br. ankommt, natürlich sich schon Alles verändert haben müsse. Es soll nicht mehr geschehen, u. Du wirst mir, da Du mir 1000. mal viel ärgern Unmut verziehen hast, auch diesen verziehen haben. Laß uns von der Sache nicht mehr sprechen, u. auch den Namen der, die an diesem allen durch Einen unvorsichtigen, nicht böse gemeinten Schritt schuld war, nicht mehr nennen. Ich müßte sehr irren, oder sie leidet selbst mehr darunter, als Du glaubst, u. ich habe für sie sofern nichts als Mitleiden übrig. Von etwas anderm. Mit dieser Woche, da die Wintervergnügungen angegangen sind, bin ich denn endlich auch in die sogenannte große Welt eingetreten. Sonnabend, d. i. heut vor 8. Tagen schrieb ich Dir, da ich von Veletri kam. Sonntag drauf aß ich bei der Herzogin, u. da der Kardinal Staatssekr. sie gegen Abend besuchte, ward ich ihm vorgestellt. Er war außerordentlich höflich gegen mich; u. des folgenden Vormittags fuhr ich mit D. zu ihm. Gegen D. war er sehr artig, gegen mich möchte ich sagen mehr als das, recht einnehmend, zuvorkommend u. freundlich. Sobald wir ihm angemeldet waren, stellte er sich mit der Audienz, die er noch gab, so, daß er mich im Vorzimmer im Auge hatte u. sehr bemerkte. Er ließ uns zu seinen beiden Seiten sitzen, u. war sehr höflich. Dienstag fuhr ich zu Bernis u. gab den Brief ab, den ich hatte; er war bei dem Papst, hatte sich aber sogleich dieses Tages bei Einsiedel sehr nach mir erkundigt. Donnerstag fuhr ich mit D. zu ihm. Er ist ein sehr höflicher, guter Alter, der uns mit recht väterlicher Miene aufnahm, mir sehr artige Komplimenten machte, die er auch gegen die Herz, seitdem u. gegen andre wiederholt hat. Er bat uns auf den folgenden Tag zur Tafel u. zur Abendkonversation; bei jener hatte er viele Aufmerksamkeit für mich; bei dieser war ich allein, weil D. nicht wohl ward. Die Tafel war ungeheuer groß u. reich; die Konversation bei einem Konzert gedrängt von Menschen, weil das ganze brillante u. hohe Rom, 6. oder 7. Kardinäle, eine Menge Principe's u. Principessa's, Monsignor's, Fremde u. f. versammlet waren. Und so habe ich denn auch diesen Trupp gesehen. Freitag Vormittag war ich mit D. bei dem Spanischen Gesandten, einem gar verständigen, braven Mann, dessen Bekanntschaft ich vor allen, die ich in Rom gesehen habe, wünsche. Er zeigte uns 3. Stunden lang alle seine Schätze der Kunst, die mir eben so viel Vergnügen machten, als sein Charakter mir wahre Achtung einprägte; auch bei Bernis war er gegen mich sehr artig, so daß ich seine nähere Bekanntschaft wünsche. Heut bin ich, weil Reifenst. unpaß ist, mit der Herzogin ausgefahren gewesen u. habe mit ihr gegessen. Sie ist gegen mich sehr gut, hat mir auch eine Nemesis heut im Ringe geschenkt, mit der ich siegle. Sie grüßet Dich gar freundlich, u. ich fühle es, daß ihr meine Exsistenz hier wohl tut. Mir die ihrige auch: sie beträgt sich sehr verständig u. genießt in Rom Ehren, von denen jeder sagt, daß sie keine Fürstin genossen habe, auch nicht die Herzogin von Parma u. a. Den Römern gefällt die Art, daß sie sich nicht als Prinzessin affichierte, sondern als eine Liebhaberin der Künste beträgt; deswegen tun sie ihr, als einer Altezza Real aus dem Preuß. Hause so viel Ehre an, u. der alte Kardinal mit dem Kard. Staatssekr. beeifern sich gegen sie um die Wette. Diese Ehre kommt auch mir wohl zu statten, ob ich gleich nicht zu ihrer Suite gehöre; auch E[insiedel] u. die Göchhausen sind gegen mich sehr gut. Du weißt, wie argwöhnisch ich gegen diese immer gewesen bin; jetzt aber bin ichs nicht, weil wir Einerlei Zweck u. Interesse haben. Sie ist wirklich gut zu mir, u. läßt Dir auch viel, viel Gutes sagen. Heut habe ich auch ein ander Quartier gemietet, viel freundlicher als das Meine, in dem ich den Winter über erfroren wäre, u. dazu noch etwas wohlfeiler, dabei anständiger seiner Lage nach, u. ich hoffe in ihm, wenn der gute Gott hilft, vergnügtere Stunden zu haben, als ich in diesem Keller gehabt habe. Montag ziehe ich ein u. schreibe Dir denn die Adresse. Um meine Kleider laß Dir auch nicht bange sein. Ich habe ein schwarzes Kleid von unaufgeschnittnem Samt, das sehr wohl gemacht ist, einen Rock von einer anständigen dunkeln Farbe, Chapeau-bas, Schnallen, gehe übrigens rund frisiert, wie ich zu Hause gegangen bin. Jedermann weiß, wer ich bin u. ein paar haben mich schlechthin l'Eveque de Weimar genannt, dem gemäß will ich mich denn auch, sofern es angeht, halten. Über meine Hemde mache Dir auch keine Sorge; ich habe zu den Spitzen, die ich mitgebracht habe, noch eine Garnitur für 11. Scudi gekauft, mit denen ich durchzukommen gedenke, weil der Gesellschaften hier nicht so viel sind u. für mich nur wenige sein werden, wozu sie hinreichen. Einen neuen Überrock von Tuch habe ich mir auch angeschafft, u. lasse mir den Pelz mit Violett Seidenzeug überziehen. Werner ist auch ausstaffiert, u. so habe ich Manches vom Halse. Lebe wohl, liebes Leben, u. verzeihe mir diesen trocknen Brief, der Dich aber mehr beruhigen wird, als ob ich Dir viel süße Worte geschrieben hätte. Lebe wohl mit Deinen u. meinen lieben Kindern u. grüße alle, die mich lieben. Lebe wohl, mein liebes, einziges Leben, lebe wohl. Ich habe es bisher vergessen gehabt, Dir die Verse auf der Herz. G[eburts]Tag zu schicken, die D. sehr artig komponiert hatte. Auch die Angelika hat sie bei der Herz, gesungen u. sie singt recht schön. Sie ist ein gar zartes Wesen, recht eine Seele von einer Frauen. Ich bin aber leider sehr wenig bei ihr, weil ich nicht dazu komme. Der Senator wird erst gegen die Mitte Dez. erwartet. Lebe wohl, mein Herz, meine liebe; lebt wohl, Ihr Kinder. Nochmals bitte ich Dich, verzeih die Unruhe die ich Dir gemacht habe, u. danke Gott für alles; Dein Dank ist das beste Gebet für mich, gute Seele. Ihm empfohlen!   NB Bald hätte ich ein Hauptstück vergessen, das ich heilig versprochen habe. Voriges Jahr ist in Göttingen ein Preis aufgegeben worden, de Geographia Homeri, über den 3. Schriften gedruckt sind. Eine hat der Direktor. Bitte doch den Hrn. Schäfer, daß er gleich zu ihm gehe u. aus dem Vorbericht oder sonst die Namen der beiden andern ersehe; kaufe sie sodenn in Weimar, Jena, Gotha, Erfurt, wo sie sich finden, u. schicke sie mit der ersten fahrenden Post alle drei. Siehe das Geld nicht an, das es kostet; ich tue hier einem Gelehrten damit einen ungeheuren Gefallen, von dem ich für mich viele, viele Gefälligkeit hoffe. Aber bald, bald, aufs eheste u. schnellste: presto, subito, adesso, adesso, subito, subito, schreien die Italiener, wenn es auch noch eine Stunde währet. Du wirst Dein subito mit größerem Eifer u. mit gutem Glück besorgen, liebe, treue Seele. Also laß Dir die Bitte sehr empfohlen sein, sonst kommt alles zu spät: u. kommen muß es, ich habe mein Wort gegeben. Vale, vale.   [Beilage:] 24. Okt. Sei gegrüßet, schöne Sonne, sei willkommen, Tag der Wonne in der Musen Heiligtum. Ihre Schwester kommt zu ihnen; holde Musen, ihr zu dienen schafft uns ein Elysium. Fühl' ich nicht von jenen Höhen heitre, schöne Lüfte wehen, voll Gesundheit, voller Ruh. Ach, die Wünsche ihrer Treuen, die entfernt sich mit uns freuen, wehn uns diese Lüfte zu. Wir, die heute sie umschließen, Die sie liebend näher grüßen, gehn am Glücke jenen vor. Helfet sie mit uns umschließen, helfet sie mit uns begrüßen, Musen werdet mit ein Chor! Apollo, komm! Laß deine Locken fliegen u. weih' ihr deinen jüngsten Kranz. Wie Weste sich um ihre Göttin wiegen, Umschwebe sie der Charitinnen Tanz. Hygea schling' in ihre Tänze, in ihren jugendlichen Reihn den schönsten ihrer Kränze den Kranz der Freuden ein. Genieße diese Tage, die lang' erwünschten Tage im alten Heiligtum. Auch im Andenken werde Dir einst auf fremder Erde Rom ein Elysium. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 22. Nov. 88. Zuvörderst danke ich Dir, l[iebes] W[eib], für den Wechsel von 100. Scudi. Er kam ehegestern unvermutet u. ist richtig gezahlt worden; laß Dir das Geld nicht leid tun. Was mein ist, ist Dein; was Dein ist ist mein; also ist hier nur die Rede von den Wechselspesen, welcher Verlust eine Kleinigkeit ist. Zweitens für Deinen lieben Br., den ich eben heut, da ich von der Angelika kam, erhalten u. sehnlichst erwartet habe. Gottlob, die fatale Br. sind zu Ende: seit meiner Trennung scheints, als ob mir wieder das Glück wohlwollte, u. jede Unbequemlichkeit, die ich etwa noch zu tragen habe, rührt offenbar von jenem Assortiment her. Danke dem Göthe gar herzl. für seinen Br.; ich werde ihm nächstens schreiben u. drücke ihn an meine Brust. Die vorige Woche ist vorübergegangen, ich weiß selbst nicht wie. Vorigen Montags bin ich schnell ausgezogen aus meinem vorigen Quartier u. wohne jetzt dal. Sign. Sarmento, alla Piazza d'Espagna, accanto alla Piazza Magnanelli; u. wohne recht gut daselbst. Der Platz Magnanelli ist vor mir u. der Span. Platz weiter hin; ich habe die Morgen- u. Mittagsonne, u. in der Nacht große Stille. Vor meinem einen Fenster geht eine Treppe auf die Trinità de Monti herauf, fast bis unmittelbar vor Reifensteins u. der Angelika Haus; von der Herzogin bin ich auch so gar weit nicht, von D. etwas weiter. Die Propaganda kann ich aus meinem Fenster sehen, u. der Palast des Span. Ministers ist gerade vor mir. Auf einen Monat ist mein Aufenthalt also ziemlich leidlich, u. ich will diesen letzten Monat im Jahr 88. recht fleißig zu gebrauchen suchen. Meine Gesundheit ist Gottlob gut; ich danke Dir für Deine gute Ratschläge u. will davon Gebrauch machen, wo es not tut. Daß Du schreibst, »ich habe Dich weniger lieb«, schmerzt mich; o daß Du mein Herz sehen könntest. Ich hätte Dir billig nichts von alle dem schreiben sollen; aber wie konnte ich das? Gnug, es ist vorüber. Und wenn ja künftig (welches ich nicht hoffe,) so etwas kommen sollte, so denke, es ist vorbei, wenn mein Br. ankommt. Ich wollte wahr sein u. auch in der Entfernung von Dir ungetrennt leben; darum schrieb ich Dir dies alles, darum habe ich Dich leider! unnütz geängstet u. beschweret. Diese Woche bin ich denn wieder in der großen Welt gewesen, d. i. bei Bernis, der hier einzig große Welt gibt, wenn der Senator nicht da ist. Donnerstag speiste ich bei ihm; gestern Abend war Konzert u. Versammlung. Heut will ich der S[an]ta Crocc aufwarten, wenn sie mich annimmt: ich bin ihr gestern vorgestellt worden; es war ihr erster Ausgang, bisher ist sie krank gewesen. Hirt fängt künftige Woche mit einer Livländischen Familie, den Kurs an. Es ist mir lieb, u. ich habe ihn aufs beste empfohlen. Was ich noch zu sehen habe, sehe ich mit der Herzogin, oder allein mit einem Lehnbedienten. Sie ist sehr gut gegen mich, u. führt sich artig. Mit künftiger Woche nehme ich auch einen Abbate zur Übung im Italienischen, u. will die Vatikana besuchen, welche mir zu öffnen Msgor. Reggio endlich den Befehl erhalten. Diese Woche bin ich fleißig in der Minerva gewesen; das Resultat für mich ist aber noch nicht groß. Alles liegt hier so weit aus einander; u. man kommt, außer den Denkmalen der Kunst zu allem nur durch Zeitverlust, u. manche leere Mühe. Ein Fremder muß hier nur immer ein Vogel sein, der sieht, fliegt u. wegzieht; ich sammle mir Ideen, auch künftig Rom zu gebrauchen. Übrigens hat der Maler Kleß ganz u. heel Recht; er soll gelobt sein. Mad. Angelika grüßet Dich. Werner ist wohlauf. Die Herz, u. Göchh. grüßen auch aufs beste; wir sind sehr wohl miteinander, ohne daß wir einander genieren. Grüße die gute Kalb; wenn ich an G[oethe] u. an den Herz, geschrieben habe, soll sie die erste sein, an die ich schreibe. Auch der Stein, Schardt, Bernst[orff] p kannst Du mich empfehlen; ich brauche Dirs nicht zu sagen, da Du eine verständige Frau bist. Bei Gelegenheit u. wenn ich dazu komme, will ich an jeden, wo es Not tut, die Schuld abtragen. An die Herz. habe ich schon geschrieben. Morgen wird die Herz. dem Papst vorgestellt; er nimmt sie allein, wie Königl. Personen. Ich buhle um diese Ehre nicht: denn am Ende, was soll sie mir helfen? Meine Wünsche sind in Rom wunderbar beschränkt worden, u. ich bin durch diese meine Reise, zumal durch die große Welt, wie ich sie hier sehe, in vielem, vielem sehr genesen. Weiß Gott, wozu Alles gut ist: denn nichts ist doch in dieser Welt u. in meinem Leben vergebens gewesen. Wenn nichts weiter, so hat mich die Reise u. selbst die Not u. Verlegenheit aus einer Lethargie erweckt, die doch kein Glück war. Lebe wohl, meine Liebe, Einzige, Du mein Herz u. meine innigste Seele. Grüße u. küsse die Kinder zu 1000.malen; an 2. sind hier Br., Luischen u. Emil sollen auch die Ihrigen haben. Lebe wohl, mein Schutzgeist auf Erden; Gott u. alles Gute sei mit Dir! Amen! P. S. Sei doch so gut, u. schreibe an Kn[ebel], daß Büttner »ein Verzeichnis der Worte schicke, die er in den fremden Sprachen der Propaganda will.« So wird das Ding eher u. Zweckmäßiger als wenn man da auf Geratewohl hinschreiben läßt. Ich bin mit einigen Spaniern bekannt geworden, die mich fast mehr interessieren, als die Italienischen Gelehrten. Von den letzten sind mir vorigen Mittwoch ungeheuer viel in einem gelehrten Zirkel der Signora Pizzelli vorgestellt worden, die (Eia!) sogar den Homer in der Grundsprache lieset. Künftigen Mittwoch soll ein dies illa bei ihr gegeben werden, uns zu Ehren; da wird erst eine Gesellschaft von Abbaten sein! – Lebe wohl, liebe Elektra, sei eine Griechin, ohne Griechisch zu lernen. Lebe herzl. wohl. J. G. Herder an Wilhelm Herder Rom, 22. 11. 1788 Lieber Wilhelm, Weil Du ein so wackrer Mensch bist u. mir so gute Briefe schreibest, auch mir die Hoffnung machst, daß ich bei meinem Wiederkommen schöne Arbeiten von Dir finden soll, will ich Dir auch einen ordentlichen Brief schreiben, von einigen schönen Sachen u. Gebäuden, deren es in Rom so viele gibt. Die schönste Kirche oder vielmehr der schönste Tempel nach meinem Sinn ist die Rotonda: wenn Du wirst zeichnen können, mußt Du dieselbe oft zeichnen. Wenn man alle Dächer u. Kuppolen in Rom von einer Höhe sieht, zeichnet sie sich eben sowohl von oben schön u. prächtig aus, als wenn man sie von vorn oder von innen betrachtet. Auch wenn der Mond sie bescheinet, ist sie gar schön, so wie alle Tempel, Paläste, Obelisken, Säulen und Ruinen, die im Mondschein was recht Zauberisches an sich haben. Ich habe die Säule Antonius u. das Kolisäum an schönen Mondabenden gesehen, und man kann nicht davon wegkommen; insonderheit im Colisäum wirds einem gar sonderbar zu Mut. Das ist nun wohl der größeste Bau, der in der Welt exsistiert, in dem nämlich alles so genau ausgerechnet, u. so schön geordnet ist. Du mußt dies auch einmal zeichnen lernen; ich bin darauf so weit gegangen u. geklettert, als man darauf gehen u. klettern kann: es ist ein großes Überbleibsel vom Kaiser Titus, von dem auch noch sein Triumphbogen, auch drei Bogen von seinem Friedenstempel, auch Reste von seinen Bädern da sind; allesamt große Werke. Wenn man vom Kapitol hinunter auf dem so genannten Campo Vaccino geht: so geht man zwischen Resten des Altertums, die an die größesten Dinge erinnern, u. alle liegen wenige Schritte von einander. Da stehen Säulen, prächtige Säulen von einem Tempel des Jupiter Fulgurator, u. wenige Schritte davon schöne Säulen vom Tempel der Concordia. Nicht weit davon ist der Triumphbogen des Kaisers Septimius Severus, aus welchem man erst die schöne Promenade antritt. Da stehn zur Rechten zwei hohe Säulen vom Tempel des Jupiter Stator; dicht daran war das Forum Romanum, und andre Fora, da hielt Cicero u. so viel andre große Männer ihre Reden; das Capitolium war gar nicht weit von ihnen. Da war der Platz, auf dem die Sabinerinnen sich ins Mittel schlugen u. zwischen den Römern u. ihrem Volk Frieden machten; die beiden Völker kamen von zweien Bergen, die gar nahe beisammen liegen. Hier war auch der Schlund, in welchen sich Curtius gestürzt haben soll; auch der Ort, wo Romulus u. Remus ausgesetzt waren, ist nicht weit davon; auch die Juturna, die erste Quelle der Römer, an welcher Castor u. Pollux ihre Pferde tränkten, da sie den Römern zu Hilfe kamen; auch die Cloaca maxima, die Tarquinius anlegte; auch der sogenannte Janustempel; alles liegt an Einem Ort, wenige Schritte von einander. Da sind die Gebäude recht zusammengedrängt gewesen, von denen aller Ruhm der Römer ausgegangen ist. Nun fangt sich zur Rechten der palatinische Berg an, auf welchem die Kaiserpaläste waren; sie nahmen mit der Zeit den ganzen großen Berg ein, u. das goldne Haus des Nero erstreckte sich auch zwischen den Bergen weit umher, so daß das Coliseum zu stehen kam, wo ein großer Teich im Garten dieses goldnen Hauses war. Du hast keinen Begriff, lieber Wilhelm, wie weit es die Kaiser in ihrer Pracht getrieben haben; Kaligula wollte sogar vom palatinischen bis zum Kapitolinischen Berge eine große Brücke führen lassen, die über das Forum Romanum u. viele Tempel wegginge; er ward aber, ehe das Werk zu Stande kam, ermordet. Auch der Brand, den Nero anlegte u. den er den Christen Schuld gab, war rings um diesen Berg: er wollte Raum zu seinem goldnen Hause haben u. ließ also Tempel, Häuser u. Gebäude wegbrennen. Es muß ein fürchterlicher Brand gewesen sein, den er oben vom Berge aus seinem Palast mit Freuden ansah, wie die Flamme sich soweit umher erstreckte, u. sang dazu seine Verse. Es sind rechte Ungeheuer gewesen, diese Kaiser, so große Gebäude haben sie aufführen lassen, u. alles in wenigen, wenigen Jahren. Wenn man die Bäder des Carakalla betrachtet, die an einem andern Ort liegen, so kann die Einbildungskraft kaum den Umfang ihrer Einrichtungen fassen; so groß ist er. So muß auch das goldne Haus des Nero gewesen sein, u. denke Dir einmal, wie ihm zu Mut war, da er sich in diesem ungeheuren Hause nun plötzlich von aller Welt verlassen fand u. er überall vergebens einen Sklaven suchte, indes das empörte Volk hinzudrang, ihn zu finden, zu geißeln u. wie einen Verbrecher zu bestrafen. Lerne hübsch die römische Historie, ich werde Euch, wenn ich zurückkomme, vieles erzählen, was vom Anblick Roms zu ihrer Erläuterung dienet. Zur linken des Berges der Kaiserpaläste sind eben so treffliche Denkmale. Ein schöner runder Tempel des Romulus, in den ich immer gehen muß, wenn ich hier vorbei wandre: schöne Säulen von einem Tempel des Antonins u. der Faustina: die Reste vom Friedenstempel des Titus, in welchen alle Beute zusammengebracht ward u. alle Kostbarkeiten der Welt waren; der Tempel der und des , die auch gar schön sind, u. von deren Einem man in den andern kommen konnte: denn sie stehen dicht neben einander. Dann geht man durch den Bogen des Titus, auf dem noch der Jüdische Leuchter abgebildet ist, weiter hin und kommt zum Colisäum, mit dessen Anblick sich der herrliche Spaziergang endigt. Ihm zur Seite ist der Bogen Constantins, der die vortrefflichen Basreliefs vom Bogen Trajans hat, von dem Constantin sie stahl; die kann man auch sehen, u. denn gehet man recht mit Vorstellungen beschwert, nach Hause. Wenn Du fleißig u. gut bist, wirst Du auch einmal vor dem Colisäum sitzen u. zeichnen, ob Du wohl deshalb eben kein bloßer Maler zu werden brauchst; Du mußt alles lernen, u. ein nützlicherer Mensch, als die meisten Maler sind, werden. Lebe wohl, lieber W. u. sei gut u. fleißig. Grüße den Hrn Schäfer u. danke ihm für die Mühe, die er sich mit meiner Bibliothek gegeben hat. Habe ihn lieb u. sei folgsam in allem, was er Dir sagt. Auch der Mutter wirst Du, wie Du es ja immer so gern tust, folgen, u. ein hübscher Mensch sein, wenn ich wiederkomme. Lebe wohl, braver W.; ich denke an Dich recht mit Freuden. J. G. Herder an Adelbert Herder Rom, 22. 11. 1788 Dir, mein lieber Adelbert, will ich einen Brief von lauter Tieren schreiben; nicht damit Du immer von Ochsen u. Kühen sprechen sollst, sondern weil Du so gern davon sprichst; ich weiß doch, daß Du dabei auch andre Dinge gern siehest u. andre Sachen lernest. Als ich nach Italien kam, u. sah, wie sich die Tiere veränderten, dachte ich manchmal, was würde Adelbert, wenn er hier wäre, sagen? Der würde schreien: »Vater, da ist eine ganze Herde schwarzer Schweine, u. exzellente kleine Schweinchen, so glatte Ferkel, als ob sie geputzt wären.« Oder: »ei sehen Sie doch, Vater, die weißen Ochsen, mit den kuriosen, großen Hörnern: die Hörner sehen so aus, wie ich auf den Kupfern die Leier Apolls gesehen habe.« Oder: »ach, da hat sich ein großer Ochs losgerissen; alle römischen Jungen laufen ihm nach; was das für die unnützen, müßigen, zerrissenen u. zerlumpten Buben für ein Fest ist.« Oder: »ei was die Schafe da für kuriose, lange, struppichte Wolle haben u. s. f.« Aber von diesem allen will ich Dich jetzt nicht unterhalten, sondern von ehernen, oder steinernen Tieren. Da sitzt oben auf dem Kapitol der Kaiser Antonin zu Pferde u. sieht nicht nur prächtig, sondern auch gütig aus. Er war ein sehr guter Kaiser, u. ich gehe nie seine Statue vorüber, ohne daß ich mich darüber freue, daß er dasteht und den Römern einmal wieder einen guten Kaiser Antonin wünsche. Unten an der Treppe, wo man aufs Kapitol steigt, stehn 2. prächtige Löwen, die Wasser speien; 2. noch prächtigere stehn bei der Fontana felice, u. sind alle aus Ägypten: denn die Ägypter haben gar prächtige Tiere gearbeitet. Auf dem Monte Cavallo, wo der Papst im Sommer wohnt, stehn auch 2. prächtige Männer mit ihren Pferden, die man Castor u. Pollux nennt: oben an der Treppe des Capitols gleichfalls; das sind brave Kerle, insonderheit die ersten, die ich nannte. – Im Museum des Vatikans ist ein ganzer großer Saal voll von Tieren. Da stehn 2. große Hunde an der Tür, die den, der hineingeht, anbellen; aber sie sind von Stein u. man {kann} sie nicht bellen hören. Gleich an der Tür ist ein vortrefflich Schwein, an dem die Jungen saugen, u. das sich sogern aussaugen läßt, daß man seine Freude im Stein recht siehet. Du würdest sagen: »das ist ein exzellentes Schwein!« Und würdest mich denn zu einem toten Lamm rufen, das auf einem Altar hängt. Der Kopf hängt so herunter, mit allen Gliedern, daß man glauben möchte; es sei ein wirkliches Lamm. So ist eine vortreffliche Kuh, die da blökt, von Erz; eine schöne Ziege, die ehemals ein Kind am Bart gefaßt hat; man siehet aber nur noch die Hand des Kindes: ein Hirsch, den 2. Hunde anfallen, und 2. Windhunde, die mit einander spielen: ein Storch, der eine Schlange frißt, u. ein Adler, der sich aufschwingt. Auch sonst noch viele, viele andre Tiere: Raubvögel, Rehe, Pfauen, eine Henne, eine Taube u. f. bis sogar ein Stachelschwein, u. ein roter, roter Krebs, alles aus Steinen. Dabei sind auch denn schöne Figuren, die mit den Tieren was zu tun haben: Ganymed z. E. den der Adler wegführet, die Jägerin Diana, ein gar schöner Meleager mit dem Jagdhunde (H. Schäfer wird Dir die Fabel von ihm erzählen) ein Amor, der auf dem Zentaur reitet, ein Zentaur, der ein Mädchen entfuhrt, das Mädchen schreit gewaltig: eine Katze, die ein Huhn geraubt hat, ein Fuchs raubt es ihr wieder: Amor auf einem Wagen von 2. wilden Schweinen gezogen, ein Bild dessen, daß die Liebe auch die wildesten Leute bändige. Vor allem aber liegen in diesem Saal 2. ungeheure große Flußgötter, der Nil u. die Tiber. Ich müßte Dir eine ganze Seite schreiben, wenn ich Dir diese beschreiben wollte. Um den Nil spielen 16. Kinder, sie klettern an ihm, herab u. herauf; einer kuckt aus seinem Füllhorn, die andren sind ihm auf Arm u. Beinen. Das wäre recht für Emil zu sehen, da könnte er auch klettern lernen. Die Wölfin, die den Romulus u. Remus gesäugt hat, siehet man in Rom sehr oft; auch viele, viele kleine schlafende Amors, einige schlafen sogar in Nesterchen u. liegen mit Arm u. Beinen gar hübsch übereinander. Die stehen denn in manchen Palästen auf den Tischen u. sind von weißem Marmor, als ob man sie aufessen sollte. Solche schöne Kinderspiele findet man aus der alten Kunst viel, u. wenn es auf schönen Marmor, auf prächtige Treppen u. Tische, auf Statuen u. Gemälde ankäme: so wären wohl keine glücklicheren Häuser in der Welt, als viele in Rom: denn es sind da gar schöne marmorne Treppen, Tische von Porphyr u. Marmor, Vasen von Alabaster, Säulen u: Statuen u. Gemälde die Menge. Aber siehe, lieber A., darauf kommt nicht Alles an. Da sitzen sie denn in einem engen Winkel u. lassen diese schöne Zimmer leer stehen, u. leben wohl gar schmutzig u. geizig; sie halten eine Menge Bedienten u. geben ihnen sehr wenig; auf manchen Kutschen stehn 4. hinten, u. einer auf einem hangenden Tritt, der die 4. an den Füßen hält; das sind lauter unnütze, müßige Leute. In ganz Rom ist alles voll Müßiggänger; die Familien, die Geld haben, haben Alles; die andern sind arm u. müssen sich nähren, wie sie können u. mögen. Die Häuser der Bürger u. gemeinen Leute sehen entsetzlich schmutzig aus; u. alle sorgen nur für den heutigen Tag. Das ganze Land um Rom herum ist unbebauet: da siehet man keine schöne Ochsen u. Kühe, keine Gärten u. Früchte; alles muß weithergebracht werden, auf Eselein gar eben, mit lauter klingenden Glöcklein u. man hat manchmal die Ehre, einige 100. Esel, die vom Markt wiederkommen, auf einmal zu begegnen. In den Römischen Gärten wachsen zwar Lorbeerbäume, Pinien, Zypressen, u. Zitronen; aber kein Obst u. keine Gemüse. Selbst die Zitronen sind in gewissen Monaten hier teurer, als bei Euch in Weimar; weil man sie nicht aufbewahret, sondern vom Baum her verkaufet. Siehe, mein Freund, das ist eine üble Wirtschaft; u. der Wein hier ist mit Respekt zu sagen, meistens widerlich oder schwer u. abscheulich. Dafür aber sind hier schöne Statuen u. Gemälde. Lebe wohl, lieber A. u. lerne fleißig u. schreibe mir bald einen artigen saubern Brief. Luise von Göchhausen an Johann Wolfgang von Goethe Rom, den 22ten Novembre 1788. Liebster bester Geh. Rat [...] Herdern wirds alle Tage wohler, was er uns ist, können Sie sich vorstellen. Auch die Herzogin hat die Freude zu sehn wie ihre Gegenwart ihm Gedeien bringt. Leben Sie wohl, bester lieber Geh. Rat, ich muß eilen, weil ich mit zurückgehender Post antworten wollte. Gedenken Sie Ihrer L Goechhausen. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 23. Nov. 1788. Endlich habe ich nach 14 Tagen, Deinen lieben Brief vom 28. Okt. den 20. dieses erhalten. Ich habe mich über das Ausbleiben ziemlich geängstet; Gottlob daß es nur an der Post gelegen hat. Vielleicht hat ihn auch der, der ihn auf die Post zu tragen hatte 8 Tage lang bei sich herumgetragen; denn so sahe er gerade aus. Eine Beschäftigung hat mir die letzten 8 Tage meine Gedanken etwas zerstreut, u. das war mir heilsam. Diese Beschäftigung wird Dich gewiß freuen. Das liebe Emilchen hat unvergleichliche gute Blattern; er hat 22 im Gesicht u. vielleicht kaum 100 am ganzen Körper; er ist sehr munter dabei u. ich trage ihn den ganzen Nachmitt. herum. Gestern vor 8 Tagen klagte er Vormitt. Frost; ich machte ihm gleich ein Fußwasser u. ließ ihn im Bett sich erwärmen. er ward wieder munter, doch kam gegen Abend das Fieber wieder, ich blieb bei ihm bis 1 uhr, alsdenn stund die Schwarzin auf. Er hatte Hitze, aber weder Phantasie noch Zucken. Den Sonntag morgen war er wieder wohl, ich ließ indes den Hufl. rufen, er glaubte nicht daß es Blattern würden, weil er zu heiter war. Den Mont. bekam er eine gelinde Abführung; den Dienst, zeigten sich einzelne Fleckchen, den Mittwoch noch mehrere mit sehr gelindem Fieber. Den Donnerst, [lag] er in betäubendem Schlummer, der sich aber durch Brech- u. andre Mittel bald hob. Seitdem ist er heiter, singt, ißt, u. schläft u. mag nicht im Bette bleiben. Wie oft wir Deiner dabei gedenken Du lieber Vater, u. wie ich Gott danke daß er mir u. dem guten Kleinen diese ängstliche Krankheit so über allen Ausdruck erleichtert. Ach er will mir gewiß die mancherlei Leiden des vorigen Winters vergelten! u. Dir wird er in Rom gewiß auch Deine trüben Tage vergüten u. vergelten. Ich frug Emilchen was ich dem Vater schreiben soll? so sagte er: von den Blattern. Die Blattern stehn wie d[ie] Sterne am Himmel; auf dem linken Backen ist der große Bär, ganz deutl. zwischen den Augen ist ein [neues] Gestirn, drei schöne große Blattern wie ein Kleeblatt, die übrigen sind einzeln auf dem rechten Backen, an der Nase eine, an der Lippe eine, am Kinn zwei. Er braucht wenig Arznei. Die Blattern sind im völligen schwären u. der Hufl. ist mit seinem Befinden, eben so zufrieden als ich. Er empfiehlt sich Dir aufs beste, über diesen Brief ekle Dich nicht, ich räuchre ihn mit Essig ehe ich ihn zusiegle. Emilchens Bett ist neben meinem seit Sonntag, ich bin seitdem nicht aus der Stube gekommen. 3 mal hatte ich eine Wächterin dabei, aber es ist ganz unnötig; ich bin jetzt ganz allein mit ihm. Seine Augen sind so helle u. klar als ob ihm nichts fehle. Er hat, seitdem Du verreist bist, viel PockenPillen, auch Rhabarb. genommen; im August, Sept. u. Okt. wurden die Blattern hier sehr bösartig u. haben viele Kinder mitgenommen. Gottlob daß das glückliche Bübchen so gut durchkommt. Schreibe ihm ja ein Briefchen, wenn Du diesen Brief erhältst, ich nenne ihn allemal namentlich, wenn ich Deine Briefe lese, wenn er schon nicht genannt ist, er ist gar ehrgeizig u. hat Dich auch gar lieb. Nun danke ich Dir für den Brief an die Herzogin herzl. ich habe ihn ihr den Freit, früh gleich geschickt mit ein paar Zeilen u. sie hat mir den Nachmitt. wieder geantwortet: ich lege das Billet bei. Das Ende davon rührt von dem letzten Besuch her; ich kann Dir aber nichts davon schreiben, es sind accouchement Sachen. Diese 2mal, als ich sie gesprochen, habe ich gesehen wie innig sie an Dir Teil nimmt. Es hat sie sehr gefreut als ich ihr sagte daß Du besonders wohnst. Alle die Dich ehren u. lieben haben nichts anderst vermutet oder gehofft. – Goethe u. Knebel sind gestern von Jena gekommen; sie haben mich besucht, jeder einzeln u. trafen sich zusammen. Goethe hat den ganzen menschlichen Körper durchgenommen bei Loder u. ist sehr heiter, er hat die Briefe an Gottf. über Tivoli u. an August über das Museum, gelesen u. sich sehr darüber gefreut; ich selbst habe sie wohl 6mal gelesen, u. ist mir innig wohl gewesen daß Du in Tivoli so glücklich warst, ich erinnre mich daß ich den 26. Okt. den ganzen Tag allein u. so innig vergnügt gewesen bin. Es ist freilich, wie Du mir schreibst, eine üble Sache mit der weiten Entfernung; wenn der andre antwortet so ist alles anderst u. ich sehe daß Dir mein Mitgefühl nicht einmal wohl tut. Verzeihe meine dummen Briefe hierüber. Das geschriebene Gefühl ist eine elende Sache u. besonders jetzt in Rom. Entziehe mir aber Deine Erzählungen nicht; das würde mich tödlich kränken. Verzeihe alles was ich geschrieben habe über Einrichtung, Geld u. den ganzen Quark. Es geschieht nie wieder. [...] Den 24. Abends. Unvermutet kam heute Dein Brief vom 4. u. 8. Nov. datiert u. ich erhielt ihn zum Morgengruß im Bette. Wir freueten uns alle daß Du wohl bist. Daß Du bei Monsg. Borgia in Velettri gewesen freuet mich tausendmal. Genieße den mannichfaltigen Reichtum nun ungestört u. Gott [gebe] auch mir Weisheit u. Verstand daß ich Dir keine dummen Briefe mehr schreibe. [...] August Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 11. 1788 [?] Liebster Vater. Dank, Dank für Ihre Briefe, Dank, Dank für den an mich Ach! welche schöne Briefe, Hast du geschrieben auch an mich. Ach! wie sehr freuen wir uns! Wenn kommt ein Brief aus Rom, Wenn kommt ein Brief von unserm besten Vater Es ist, als redest Du mit uns, Und wir mit Dir Du zwar in Rom Aber wir dahier Ach das schadet nichts Wir reden doch mit deinem Geist. Lebewohl du bester Vater Und denke auch an deinen Gehorsamen Sohn August Herder Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 24ten Novem. [1788] Lieber Vater Heute bin ich mit dem Herrn Schäfer nach Tertia gegangen, aber nicht ordentlich eingeführt, sondern nur weil von 9. bis 10. Griechisch ist, ud es ist sehr schön darinne. Ich zeigne noch immer fort, damit ich auch einmal nach Rom kann, ud dort kein Stummer will sein sondern ein redender, ud ich alle die großen Gebeide ud Gemälde abmalen kann, ud darnach Ihre ud ud der Mutter ihre Stube damit schmücken kann, da haben wir immer Rom vor den Augen damit wir immer sein können, als wenn wir in Rom leben. Leben Sie wohl ud behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder den 24ten Novem. 1788 Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 11. 1788 [?] Lieber Vater. Sie haben sehr lange mir keinen Brief geschrieben. Sie haben Aber in der Mutter ihren Brief geschrieben das sie mir und Wilhelm einen Brief schreiben werden. Wenn sie wollen uns einen Brief schreiben. Ich und Wilhelm haben sehr lange Griechisch gelernt. Wir haben Winter und Sie haben Sommer. Leben Sie wohl ihr Getreuer Sohn Adelbert Herder. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 11. 1788 [?] Lieber Vater! Wir haben uns über ihren brief recht sehr [von Caroline Herder ergänzt: gefreut]. Es regnet bei uns, und bei ihnen ist schönes Wetter. Wir schneiden Blümchen aus dem Bunten Papier u wenn ich ein schönes gemacht habe! so will ich ihnen eins schicken. die Andere Woche bekomme ich ein Spinnrädgen die Mutter u die Junfer Schwarzen Spinnt auch Leben Sie tausendmal wohl ich habe den Vers gelernt wenn ich schlafe wacht sein Sorgen. Leben Sie wohl guter lieber Vater. Ihre gehorsame Tochter. Luise Emilie Theodore Herder. 1788. Herzogin Luise an J. G. Herder Weimar, 28. 11. 1788 Ich kann Ihnen nicht sagen, wie angenehm mir Ihr Brief gewesen ist, wie sehr mich Ihr Andenken freut – und halten Sie dieses für Wahrheit und für kein Kompliment. Der Gedanke, Sie auf dem Wege nach Italien zu wissen, war mir lieb; ich habe aber seitdem oft mit dem Schicksal gezürnt, daß es die Reise so seltsam gelenkt hat. Nehmen Sie aber indessen das Gute mit, und vergessen Sie das übrige so gut sie können. Sie wünschen mir, den Anblick von Rom zu genießen, und wie oft und wie sehnlich hab' ich's gewünscht, zugleich mit Ihnen genießen zu können. Nun fühle ich aber, daß dieser Wunsch unbescheiden war; denn der Leichtsinn und die Torheit derjenigen, die größtenteils ganz ohne Kenntnis nach Italien reisen, hat mich in meinen Wünschen bescheiden gemacht; und nun vollends, da Sie sich dazu unvorbereitet finden wollen; wie wohl tut ein jedes, das nichts weiß und kann, wenn es ferne bleibt. Teilen Sie mir mit, wenn Sie wieder bei uns sind, was ich begreifen kann, und ich will froh sein und es mit Dank annehmen. Der Herzog, der viel Anteil an Ihrer Reise nimmt, und Ihnen viel Gutes wünscht, ärgert sich mit allen Ihren Freunden über den mißratenen, schönen Traum. [...] J. G. Herder an Caroline Herder 29. Nov. [1788] Rom Heut schreib' ich nur Ein Wort, meine liebe, denn die Zeit ist nicht da, u. ich bin verhindert. Ich bin gesund u. fleißig, treibe Italienisch, sehe, betrachte, schreibe auf, lerne. Dienstag waren wir bei der S[an]ta Croce in Konversation, Mittwoch beim Kard. Staatssekretär zu Mittag. Morgen sind wir bei Bernis. Deinen lieben, lieben Br., samt dem Pack mit den Wäldern hab ich am Mittwoch erhalten, letzteres hat nicht viel gekostet. Ich danke Dir für alles, grüße auch die Kinder; ich will bald schreiben. Die Herzogin ist sehr gut gegen mich u. befindet sich wohl. Werner wollte gestern wieder krank werden; ist aber heut wieder besser. Lebe wohl, liebstes Leben, küsse die Kleinen u. Großen, grüße alle die sich mein mit Liebe erinnern. Auch Göthe sage für sein Briefchen den herzl. Dank, u. melde ihm, daß wenn Liebe zur Glückseligkeit in Rom gehört, ich leider noch nicht liebe. Die Angelika grüßt Dich sehr. Lebe wohl, liebe Seele, wohl, wohl. Gott mit Dir, wie er mit mir sei. H. Ich schicke den Br. des Herz, weil ich befürchte, daß er nicht da sein könnte, u. wenn ich diesen Zettel in den Seinen legte, Du ihn alsdenn spät erhieltest. Vale J. G. Herder an Herzog Carl August Rom, den 29. Nov. 88. Euer Herzogl. Durchlaucht verzeihen gnädigst, daß ich erst nach einem Vierteiljahre, seit ich in Italien bin, ein Zeichen des Lebens von mir gebe; es ist dies etwas später, als die Kinder in Mutterleibe zu tun pflegen; aber ich bin ein altes Kind, u. hatte fürwahr längere Zeit nötig. Meine Reise in Deutschland war sehr angenehm, alles ging mir auf derselben nach Wunsch u. Hoffnung; nachher änderten sich manche Umstände; auch drängten sich so viele Gegenstände neu auf mich, daß Ein Monat nach dem andern verging, ehe ich zur Sprache kommen konnte. Endlich glaube ich weit gnug zu sein, um Euer Durchlaucht mit einiger Reife schreiben zu können, wie es hier ist: denn ein leerer Brief voll Höflichkeiten wäre sowenig der Erwartung E. D. als des Postgeldes wert gewesen. Auf unsrer Reise in Italien haben wir den Weg über Verona, Ancona, Loretto, Terni u. f. genommen. Es sind weniger Merkwürdigkeiten auf dieser Straße, als auf der andern; indessen sind das Amphitheater u. Museum in Verona, das Ufer des Adriatischen Meers, an welchem unser Weg lange fortging, die Handelsplätze des päpstlichen Gebiets Sinigaglia u. Ancona, die reiche Toilette der H. Jungfrau zu Loretto, der prächtige u. in seiner Art einzige Wasserfall zu Terni, einige Altertümer u. Gemälde dieser Gegenden ungerechnet, unter denen auch 2. 3. Raphaels waren, nebst dem ganzen schönen Tal vor Spoleto, dem schönsten in den Apenninen, der Aufmerksamkeit wohl wert. Die andern Städte der Lombardei, Florenz u. Bologna, sind mir auf meine Rückreise aufgespart, zu welcher die Götter mir gute Vögel senden wollen u. wie ich hoffe, senden werden. Nun waren wir also in der alten Hauptstadt der Welt, u. wohl verdient sie diesen Namen mit allen Resten, die der Seele immer neue Fäden der Erinnerung knüpfen, zu deren Entwickelung lange Zeit gehöret. Der Anblick dessen, was die Stadt selbst war, wo sich der Römische Staat entspann, u. wo jene Wölfin die beiden Findlinge säugte, alle die Plätze, wo Schlachten geliefert, geredet, beratschlagt, geurteilt, gewütet, gemordet, gespielt, gebadet, u. tausend andres tolles Zeug getrieben wurde, das denn insonderheit die Herrn Kaiser auf die unverschämtste Weise trieben, geben der Seele wo nicht neue, so doch frische u. wahrere Bilder, über alles was man von ihnen gelesen u. gehört hat. Ich wollte, ich hätte Rom gesehen, ehe ich den 3.ten Teil meiner Ideen schrieb; indessen auch jetzt ist von allen diesen Eindrücken u. Rektifikationen nichts, wie ich hoffe, für mich zu spät, u. ich habe auf manchem Spaziergange von ein paar Stunden mehr gelernt, als ich durch das Lesen von hundert Büchern je würde gelernt haben. Auch Tivoli (das alte Tibur), Fraskati, Velletri habe ich gesehen, u. hoffe die ersten mit dem Anfange des Frühlinges wieder sehen zu können, wodurch sich denn Horaz u. manche andre Stellen der Römischen Geschichte recht verklären. Den schönsten Anblick indessen von dem, was das alte Rom zeigt, gewähren die Denkmale, die diese Räuber der Welt zusammengeschleppt hatten, soviel deren nämlich die alte Mutter Erde in ihrem Schoß verborgen uns aufbewahrt hat: denn der größeste Teil ist wohl zerstört oder liegt noch unter der Erde, oder im Schlamm der Tiber. Da muß ich denn nun E. D. bekennen, daß die Schätze der Kunstwerke im Clementino, auf dem Capitol, in der Villa Borghese, Albani, Giustiniani u. s. f. für mich gerade das Reizendste sind, was Rom hat, alle Zeichen u. Wunder Raphaels selbst nicht ausgenommen. Die Seele bekommt unter diesen Denkmalen Formen der Wahrheit u. Schönheit, des Anstandes und der Bildung allgemeiner Begriffe, die sie vorher nicht hatte u. sonst nirgend in der Welt erlangen kann. Verleihe mir die Muse auch einige derselben; sie aber in Worten wiederzugeben ist äußerst schwer, ja oft unmöglich. Da ferner alle Bildung christlicher Institute u. Formen, die fast 2000. Jahr hin Europa beherrscht haben, von Rom ausgegangen ist, so ist auch dies ein sehr reicher, obgleich nicht so angenehmer Gegenstand, der sich hier in tausend Erinnerungen darbeut. Hier stehen noch die ältesten christlichen Kirchen von Constantins Zeiten an, hier sieht man den Cultus in seiner alten Gestalt, wie ihn Rom allmählich ausdachte, da alle andre Länder ihn nur in verdorbnen Abdrücken zeigen; hundert Sachen der Kirchen- u. Ketzergeschichte erklären sich von selbst, sobald man Rom u. das Oberhaupt desselben, samt seinen Mithelfern u. dem Volk, auf welches sie am nächsten zu wirken hatten, kennet. Und da die Geschichte der neueren schönsten Kunst durch Raphael, Michael-Angelo u. f. fast ganz aus Rom ausgegangen, u. diese Stadt so glücklich gewesen ist, die besten Werke fast aller großen Künstler entweder zu besitzen, oder sich doch viele Meister mit einem Teil ihrer Arbeiten zuzueignen, wenn jene ihr auch nicht gehörten; so wird die Seele von selbst dahingezogen, hier u. in Florenz die Wiege der neuern schönen Kunst zu finden, u. zu untersuchen, woher dies Knäblein oder Mägdlein nicht zur Vollkommenheit u. Schönheit ihrer alten unsterblichen Mutter gelangt ist. Zu dieser Untersuchung ist indessen auch Florenz, Bologna, Venedig, Parma, Mailand nötig, u. sie fodert mehr Kunstsinn, Muße u. Bequemlichkeit, als ich habe oder in meinem Alter u. unter meinen Umständen genießen kann. Mit der Geschichte vieler Wissenschaften, die aus Italien gekommen sind, ists ein Gleiches. Endlich ist das Theater der Römischen Welt an sich schon auf eine Zeit das Sehenswürdigste, was sich denken läßt; es ist der Hof eines Klosters, in welches Fäden aus der ganzen christlichen Welt gehen u. das sich noch auf dem Felsen dünkt, den die Pforten der Hölle nie überwältigen sollen. Jeder nähere Anblick dieser Maschine u. ihrer Werkzeuge ist lehrend, u. was auch immer das Resultat sein mag, es ist gut, das Alles gesehen zu haben, ob ich gleich nicht darein verflochten zu sein wünschte. Selbst das Römische Theater mit seinen kastrierten Donne gehört zu dieser Klosterzucht u. wird deshalb in seiner Art einzig – auf eine Zeit. Dies, gnädigster Herr, ist der Abgrund, in den ich mich, seit ich in Rom bin, gesenkt fühle; was für Resultate aus diesen Eindrücken erwachsen, weiß ich noch selbst nicht; gnug, ich sehe u. lerne kennen, wozu sich mir die Gelegenheit darbeut. Seit dem November, da die Villeggiatur aufgehört hat, gehört auch die Römische große Welt dazu, in der ich gar, bloß um der Kürze der Formel willen, für den Vescovo di Weimar gelte; E. D. können mir also künftig keinen geringern Titel geben, als den mir die Hauptstadt der christlichen Welt mit tausend Komplimenten gibt: denn ich passiere hier für einen sehr großen Gelehrten. Ich bescheide mich indessen gern, daß es nur ein erborgtes Licht ist, das mir bloß die Gegenwart Ihrer Frau Mutter gegeben hat u. gibt; ich bin also in meinem Leben nie demütiger gewesen, als ich in Rom bin u. wünsche, daß ich schon in Neapel oder Florenz wäre. Ihre D. die Herzogin Mutter genießt hier alle ausgezeichnete u. ich möchte sagen, königl. Ehre. Sie ist vorigen Sonntag dem Papst vorgestellt worden, u. ist mit der Aufnahme sehr zufrieden; der Kardinal Bernis u. der Kard. Staatssekretär wetteifern, ihr den Aufenthalt teils anständig, teils so ruhig zu machen, als es der Zweck ihrer Reise fodert, u. mit der nächsten Woche, hoffe ich, sollen manche beschwerliche Zeremonien zu Ende sein. Ihre Gesundheit ist sehr gut, u. die Sachen in Rom siehet sie mit einem Interesse u. einer Richtigkeit, wie ichs, die Wahrheit zu sagen, nicht geglaubt hätte. Geht alles so gut, wie bisher: so wird sie sich ihrer Reise angenehm u. mit Nutzen erinnern. Und nun, gnädigster Herr, da eben das Papier zu Ende geht, möchte ich den Brief noch anfangen u. E. D. nicht nur für die gnädige Erlaubnis zur Reise, sondern auch für Ihre innere Teilnehmung an derselben aufs beste danken. Körperliches Vergnügen, weiche Bequemlichkeit u. Anmut hat bisher für mich diese Reise wenig oder nichts gehabt; vielmehr habe ich in meinem ganzen Leben nie unbequemer u. unwohllüstiger gelebt, als ich hier lebe; selbst das geistige Vergnügen muß in Rom u. in Italien mit mehr Mühe erkauft werden, als manches derselben wert ist. Noch weniger mag ich an meine Jahre, u. an die Umstände denken, die mich dort wieder erwarten; ich bin indessen einmal darin, u. habe gefunden, daß sich aus allem Gewinn ziehen läßt, wenn es auch nur der wäre, daß man den Kreis, zu dem man gehört, um so lieber gewinnen lernt, u. nachdem man alle Herrlichkeiten der Welt gesehen hat, zufrieden in seine Hütte zurückkehret. Sehr oft denke ich unter diesen Empfindungen an E. D. zurück u. küsse Sie in Gedanken. Leben Sie wohl u. gesund, gn[ädigster] H[err] u. erhalten mir Ihr Wohlwollen u. Ihre mir innigstschätzbare Gnade. Ihrer Frau Gemahlin wünsche ich ein Gleiches, u. empfehle mich untertänigst, in treuer Liebe u. Ehrerbietung beharrend Euer Herzogl. Durchlaucht untertänigster Herder. J. G. Herder an Luise von Diede Rom, den 29. Nov. 1788. Fast möchte ich mich vor mir selbst schämen, daß ich Ihnen, holde gütige Frau, nach so vielen Erweisen Ihrer Teilnehmung u. Liebe, noch nicht aus Italien Einmal geschrieben habe. Sie kennen ja aber Italien, Sie kennen Rom, u. wenn Sie noch so manches dazu wüßten, das mir eine Zeitlang die Stimme versagt hat: so würden Sie sich in meinem Namen selbst u. also schöner, als ichs tun kann, die Entschuldigung hierüber sagen. Vergessen waren Sie gewiß meiner Seele u. meinem Herzen nie, u. es ist kein Ort, keine Stelle, kein Gegenstand, an dem ich mit einiger Rührung u. Teilnehmung verweilte, wo sich nicht das Andenken an Sie gleichsam unwillkürlich u. von selbst mit der Frage einschlich, was Sie hier wohl gedacht, gesagt, empfunden haben. Wie oft sich dazu der Wunsch gesellet habe, daß Sie hier wären, oder daß ich so glücklich gewesen wäre, mit Ihnen Rom zu sehen, mag u. will ich nicht sagen: u. doch hätte es – Aber was das Schicksal tut, ist immer das Beste; ich sollte einmal nur mit dem Andenken an Sie in Rom vorliebnehmen u. gleichsam nur auf den Tritten Ihnen nachgehn. Und auch so ist ja das Bild Ihrer Güte u. Freundschaft mir ein wahrer Schutzgeist, ein Genius, der mich erfreut u. belebet. So oft an Sie gedacht u. von Ihnen gesprochen wird (in Rom wird dies oft) fühle ich es; u. als ich bei dem alten Reifenst. zum erstenmal Ihr Bild sah; so wenig es mir getroffen schien, so war mirs in dem Augenblicke, als ob ich zu Ihnen hingerissen würde u. mit der innigsten Seele Ihre Hand hätte küssen mögen. Nie bin ich bei ihm, daß dies Bild nicht mein Hauptaugenmerk wird, dem ich gegenübersitze, oder zu dem ich promeniere. Der Alte spricht von Ihnen nach seiner Weise mit der größesten Achtung u. mit einer süßen Erinnerung der Zeiten, da Sie, holde, hier waren, u. auch ihn zuweilen Abends besuchten. Er hat jetzt einige Wochen her seine alte Rheumatische Winterkrankheit (eine Krankheit zur Gesundheit) gehabt, da ich ihn denn zuweilen besucht habe; sonst ist er gesund u. stark wie ein Löwe. Er hebt die Fackel das Clementinum zu erleuchten, wie ein Jüngling, u. lief in Fraskati den hohen Berg hinan, wie ein Läufer in den alten Spielen. Er empfiehlt sich Ihnen u. dem Hrn. G[eheimen] R[at] aufs beste und schönste. Wir sind sehr gut mit einander: denn überdem ist er mein Landsmann, ein Preuße, in dem ich noch meine ganze Landesart u. Landessprache sehe u. höre, da ich ihr leider abtrünnig worden bin. Doch zu uns selbst zu kommen: so danke ich Ihnen, beste gn[ädige] Fr[au], aufs schönste u. wenn ichs tun könnte, würde ich Ihnen aufs zierlichste für die Empfehlungen danken, mit denen Sie mich weit über, ja ohne alles mein Verdienst nach Italien so gütig beglaubigt haben. Den Br. nach Verona habe ich noch bei mir; weil Pindemonte jetzt Podestà in Vicenza ist, wohin wir diesmal auf unsrer Reise nicht gelanget sind (mein Br. aus Vicenza mußte also auch ausbleiben). Die Adresse nach Bologna habe ich auch noch bei mir, weil wir durch Bologna in der Nacht durchfuhren; dieser schöne Ort, Einer meiner kleinern Zwecke in Italien, bleibt also auch meiner Rückreise aufbehalten. In Rom ist der Senator leider noch nicht hier, u. wird erst in Mitte des Dezemb. erwartet, welches für mich sehr unangenehm ist. Aber der Br. an Bernis hat seine gute Wirkung gehabt, u. der alte gute Mann, der noch immer wie ein Jüngling ist, hat mich aufs gütigste empfangen u. fährt mit seiner Güte fort. Ich gab den Br. nur ab, da seine Villeggiatur zu Ende war, also in der Mitte des Nov., weil ich zuerst den Kurs in der alten Welt machen wollte; seitdem habe ich öfter bei ihm gegessen, wie ich auch morgen bei einem Dinèr, das er der Herzog. gibt, sein soll; u. bin in seiner Konzertkonversation. Der Alte Mann gefällt mir ausnehmend; insonderheit höre ich ihn so gern erzählen aus alten Zeiten. Beim Kard. Staatssekr. habe ich mit der Herz. vorigen Mittwoch gegessen: er ist auch gar artig gegen mich u. hat auf der Vaticana befohlen, daß man mir alles, was ich verlangte, zeigen sollte – Das Alles habe ich nun Ihrer Güte, ja ich möchte sagen, der Fülle Ihrer Güte, obwohl unwürdiger Weise zu danken. D'Agincourt ist auch gut nach seiner Weise; nur ich weiß nicht, er zieht sich immer so seitwärts, daher ich noch nicht recht weiß, wie ich mit ihm dran bin. Sie können leicht denken, l[iebe] g[nädige] Fr[au], daß ich bei dem Kreise, den Sie mir geöffnet haben, bei Bernis, der P[rincipessa] d[ella] S[an]ta Croce, dem K[ardinal] Staatssekretär u. f. viele u. auch sehr interessante Bekanntschaften gemacht habe. Sie sind indes alle noch jung, u. ich lasse sie daher, wie edle Früchte, erst reifen. Sobald der Senator kommt, auf welchen sich Alles freuet, schreibe ich wieder. Aber was soll ich Ihnen von der alten Welt auf u. hinter dem c[ampo] vaccino u. sonst überall, im clementino, dem Kapitol, der V[illa] Borghese, Albani, Giustiniani u. f., oder von dem schönen Erdwinkel Tivoli, von den Aussichten in Fraskati (Albano habe ich noch nicht genossen, ich bin kaum durchgefahren nach Velletri) sagen? Am besten, ich sage Nichts, u. verspare alles bis ich zurückkomme u. meinen Weg über Zieg[enberg] nehme. Denn ist auch dies Obst meiner Gedanken reif: denn so lange, hoffe ich, wird es sich halten, u. nicht verwesen. So viel ist gewiß, daß je länger man in Rom ist u. je mehr mans kennen lernet, desto mehr siehet man, was drin zu lernen sei. Dazu gehören Jahre; u. ich schätze Sie glücklich, edle seltene Frau, daß Sie u. zwar mit Bequemlichkeit Jahre darauf haben wenden können, u. mit so viel Verstand u. Wahl den Aufenthalt geteilt genossen haben. Die Früchte davon müssen Ihnen bleiben, u. auch ich hoffe meines Teils, daß wo nicht Früchte, mir wenigstens Blätter des Andenkens bleiben werden. Den Palmbaum habe ich von Ihnen freundlich gegrüßt, auch den Kopf des Ajax u. was Sie mir sonst genannt haben – o Sie sollten hier sein, große, liebe Frau! Hier wollten wir mehr mit einander sein, sprechen u. leben, als in W[eimar] bei den erzwungenen Spaziergängen u. den müßigen Kreisen. Mir ist oft, als ob ich Sie, wenn ich an Sie gedenke, bei manchen Gegenständen umarmen müßte, voll heiligem KunstEnthusiasmus. Leben Sie wohl, tausendmal wohl, edle Seele; mit meinem Briefe fliege auch mein Geist zu Ihnen, Sie manchmal freundschaftlich zu stören. Empfehlen Sie mich dem Hrn. G[eheimen] R[at], den ich seit seinem letzten Aufenthalt in W[eimar] noch einmal so lieb habe, so sehr ich ihn immer schätzte. Aber Eins muß ich in heiligem Amtseifer hinzufügen, der Ramdohr mit seiner Beschreibung ist ein – Asino oder Somaro, oder wie Sie den Strich supplieren wollen. Es gesellt sich, unter manchen guten Urteilen, die zum Unglück verführen, soviel Schlechtes, halb- u. ganz Unwahres, Falsches, ja gar Unsinniges zu dem was er gutes sagt, u. das zwar mit einer so unausstehlichen Prätension und einer öftern Auslassung des Besten, daß man nicht weiß, was man aus dem Gecken machen soll, u. ich ihn jedesmal wenn ich hineinsehe, mit Unwillen aus der Hand werfe. Ich wohne bei meinen Göttern u. Göttinnen, bei meinen Helden, Musen u. Grazien sittsamer u. bescheidner; auch fangen Sie mir an so hold zu werden, daß ich, völlig vergessend der lebenden großen Welt, schon von ihnen träume. Leben Sie wohl, holde Muse, ich küsse ehrerbietig Ihre Hand, wie ich letztens die hohe Melpomene des Museums wirklich im Betrachten ihres schönen Antlitzes küßte, addio, Signora, addio. Herzogin Anna Amalia an Johann Wolfgang von Goethe Rom, d 29ten Novembre 88. [...] Bei der Angelica habe ich schon zweimal gesessen es wird ein sehr schönes Tableau wo ich mit prangen kann, als ich das letztemal saß las Herder Ihre Gedichte uns vor; die gute Angelica wurde so begeistert daß das Bild immer schöner wurde. Der alte Herder wird immer besser es gefällt ihm mehr, seine Gesundheit ist gut, er ist lustig und guter Dinge er hat sich von seiner Gesellschaft getrennt, die meiste zeit ist er bei mir, er wird hier der Archeveque genannt, und man gratulieret mir so einen Mann bei mir zu haben er gefällt sehr, sogar bei den Damen, doch hat seine liebe Frau nichts zu befürchten, denn er bleibt ihr treu wie ein General Superendent. [...] Herzog Carl August an Herzogin Anna Amalia Weimar, 29. 11. 1788 [...] Letztern [d. i. Herder] kann ich mir recht deutlich vorstellen; denn ob er gleich in Deutschland neuerlich so viele Ideen ausschüttete, daß ein anderer sich ganz ausgegeben fühlen würde, wenn er deren so viel ans Licht gebracht hätte, so erstickt jetzt Herder in Ideen, die durch das Neuere gewaltsam herfürgetrieben werden und die er selbst vielleicht in seinen Vorrat von Keimen nicht kannte. [...] Haben Sie nun die Gnade, etwas zu besorgen, welches mir lieb zu erhalten sein würde, nämlich Göthens und Herders Büste im schönsten Marmor gehauen bei Trippeln für meine Rechnung zu bestellen und den Rat Reiffenstein zu bitten, daß er solche, wenn sie fertig sind, mir zur See nach Hamburg schicke, aber mich benachrichtige, wenn sie abgehn. [...] Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Weimar, den 30. November 1788. Unter diesem fortwährend düstern Schneehimmel möchte ich Blick und Gedanken irgend auf ein Glück heute hinwenden, und ich weiß es nirgends besser zu finden als bei Ihnen, Lieber, dessen Liebe, Freundschaft und Umgang mir schon so viel gute und glückliche Stunden gegeben hat. Gottfried brachte mir diesen Morgen Ihren Brief an ihn, und das war mir schon ein gutes Zeichen; denn ich mochte gern durch denselben in das Land des Horaz mit hineinblicken. Nur glaube ich, daß, um dasselbe so zu genießen, wie es Horaz genossen hat, ein gewisser Vorrat von Lebensglück vorausgesetzt wird, sonst bleibt es doch nur immer sentimentalische Spekulation. Dies sieht man den Oden des Horaz zu deutlich an; er sang aus Überfluß, malte aus Froheit und zuweilen Mutwill des Geistes und Sinnes; wir singen, um uns hören zu lassen, um unsere Pension nicht umsonst zu verdienen oder Beiträge in die Journale zu liefern. So geht es dem guten Ramler, der wahrlich seine arundinem jetzt so dünn schneidet, daß kaum ein Ton mehr zu hören ist – und doch müssen sie auf das prächtige Papier der Akademie der Künste zu Berlin abgedruckt werden. Wir andern in Norden müssen auf das schöne sinnliche Dasein, die Mutter aller Künste, zumalen aber der bildenden, schon etwas Verzicht tun, und wenn uns ein höherer Sinn (wie wir denn das Reich der Metaphysik besonders dazu ausersehen haben) nicht anderswohin leitet, so dürfen wir nicht träumen, den Alten in ihren Kunstwerken nachzukommen. Vielleicht ists auch nicht mehr Zeit dazu, und die Menschheit müßte in ihre Jugend zurückkehren. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 30. Nov.[/1. 12.] 1788. Aus meinem letzten Brief, vom 24t wirst Du gesehen haben, lieber Engel, daß Emilchen so glücklich die Blattern hat. Seit Dienstag ist er den ganzen Tag angekleidet außer dem Bette, ist fröhlich u. wohl, u. man wüßte nicht daß er die Blattern hätte, wenn man nicht hie u. da eine bemerkte. Vorgestern hat er was Abführendes genommen, in einigen Tagen geschieht es noch einmal zum Beschluß der ganzen Krankheit, die schöner u. glücklicher gewesen ist, als irgend eine Inokulation. Er wacht alle Morgen mit Gesang auf u. ist meine kleine HimmelsLerche im Winter. Dem lieben Gott sei tausend Dank gebracht, für diese guten u. glücklichen Tage. Doppelt angenehm ist mirs daß die Blattern jetzt in Deiner Abwesenheit gekommen sind! Ein gütiger Genius begleitet das liebe Bübchen – möge er ihn so glücklich sein ganzes Leben begleiten! Emil grüßt den lieben Vater gar fröhlich, er hofft auf ein Briefchen von ihm u. hat heute schon etliche mal das Briefchen aus Nürnb. das ich ihm geben mußte, gelesen. Er ist sehr guten Humors, der denn freilich auch daher gekommen ist daß ich mich immer mit ihm abgegeben habe; ich trug ihn die meiste Zeit selbst, u. seitdem er angekleidet ist, war ich auch gar sein Pferd u. er mein Reuter. Ich sehe daraus daß man wohl heitre u. fröhliche Kinder haben könnte, wenn man selbst mit ihnen fröhlich wäre. Wie gern wollte ichs sein, wenn mir das gute Schicksal meine alte Fröhlichkeit wieder geben wollte. Lieber Engel, auf Deinen letzten Brief werde u. mag ich Dir nicht antworten. Der Weg nach Rom ist zu lang u. bringt Dir meine Antwort nicht rein hin. Ich habe die sonderbare Bemerkung gemacht daß meine Briefe gerade das Gegenteil bei Dir wirken. Was ich als Lob schreibe, nimmst Du für Tadel auf. Ich drücke mich freilich im schreiben sowohl als im reden verwirrt aus. Gott gebe mir doch einmal Verstand, wenn mein armes Gehirn u. meine Jahre noch dazu taugen. Höre nicht auf, liebes Herz, mir zu verzeihen. Entziehe mir Deine Güte nicht immer; ich habe sie nötig, u. werde sie täglich nötiger haben. An meinem guten Willen soll es nie fehlen; aber auch diese frommen Wünsche achte ich nicht mehr hoch, wenn der Nachdruck, die Ausübung fehlt. Dulde mich u. verzeihe daß ich Dich auch in Rom kränke durch meine Dummheit; es schmerzt mich mehr als Du weißt. [...] Gottfried hat mir die Oden von Horaz mündlich übersetzt u. ich höre u. lese mit süßem Vergnügen Deinen Brief an ihn von Tivoli, ob ich gleich das Ende davon überschlage. Mögen Dir vom guten Schicksal mehr dergl. ähnliche glückliche Tage beschert werden! und sie werden Dir gewiß beschert! Warum mußtest Du auf eine so sonderbare Weise nach Rom entrückt werden! Gott erhalte Dich nur gesund u. sorge für Dich. Das ist mein tägl. stiller Seufzer. Lege er doch alles Ungemach auf mich hier u. entferne alle Übel von Dir. Die Kinder sind alle wohl u. ich auch. Der Winter ist mit gewaltigem Schnee u. Kälte bei uns eingetreten; die Kinder freuen sich darüber u. ich sehe ruhig die Schneeflocken schweben. Von der guten Schmidtin, die noch in Frankfurt ist, habe ich ein klein Briefchen erhalten. Sie grüßt Dich u. bittet um Dein Andenken. Kein vertraulich Wörtchen stund im Brief. Ich lobe ihre Klugheit. Kapellmeist. Wolf hat eine KirchenKantate für Lübeck komponiert. Sie ist vorigen Sonnt, in der StadtKirche aufgeführt worden. Rudolph lobt sie sehr. Die kleine Jagemann hat dabei gesungen u. soll nach Rudolfs Urteil, eine große Sängerin werden, wenn sie nämlich nach Berlin in guten Unterricht gebracht werden könnte. Hier ist ein Brief von der Henriette an Werner. Sie macht ihm eine Nachricht kund, die er noch nicht weiß; sie ist im 4ten Monat schwanger von ihm. Seit 4 Wochen habe ich sie nach Magdala geschickt um sich wegen dem Magenkrampf dort zu pflegen, ich hörte in dieser Zeit daß es nicht richtig mit ihr wäre. Gestern kam sie unvermutet wieder; u. da sie mir bisher nichts davon entdeckt hatte, sondern mich noch gar für 1 Louisd'or Wunder Essen aus Hamburg hat kommen machen die sie auch gebraucht hatte; so ließ ich die Lieberin gleich kommen. Sie fand daß sie 4 Monat schwanger sein müßte, die Henriette wollte aber nicht gleich gestehn, bis nach langem hin u. her reden. Sie stattet jetzt dem Werner Bericht ab. Glaubst Du daß es seine Gesundheit nicht erträgt so halte den Brief noch etwas zurück. Wissen muß ers indes bald, da es die Hofbedienten Weiber ihren Männern nach Rom schreiben werden. Werner hat der Henriette die Ehe versprochen u. wünscht ein Hofbedienter zu werden. Ob er sein Wort halten wird, wird die Rückkehr entscheiden. Vielleicht kann er sich unter der Hand der Herzogin Mutter empfehlen, wenn sie ihn leiden kann. Vielleicht hat seine Krankheit ihm auch schon einiges Intresse gegeben. Ich hoffe nicht daß Dich dieser Vorfall ärgern wird; er ist menschlich, mich hat er weder verwundert noch befremdet; ich mag u. will mit meiner Empfindung an diesen Menschen keinen so nahen Teil mehr nehmen. Sie haben mir zuviel unangenehme Stunden gemacht, dadurch daß ich mich ihnen zu sehr genähert habe. Auch ist die Henriette ganz ruhig u. vergnügt. Ich will diesen Winter im stillen für sie sorgen daß sie nicht Mangel leiden soll, sie will sich hier bei einer Frau aufhalten. Das Einzige bitte ich Dich. Versiegle meine Briefe oder verbrenne sie gleich. Werner wird jetzt eine eigene Neugierde darnach haben u. glauben ich schriebe über diese Sache etwas. ich mag nicht daß er meine Briefe lese. Gute Nacht Lieber. Den 1. Dez. Da ich gestern Abend Eben zu Bett wollte, kam Dein lieber Brief vom 15. Nov. u. brachte mir u. Gottfr. u. August viel Freude, Du Lieber! Er hätte mit keinem schönerm Symbol gesiegelt werden können als der Nemesis! sie sei u. bleibe bei Dir! Dies Geschenk mit Seele u. Geist, freut mich von der Herzogin sehr. Danke auch für mich; denn was Du empfängst, empfängt Dein Schatte hier auch! empfehle mich ehrerbietig, u. der Göchh. freundlich. Es war endlich doch gut daß alle die Dissonanzen sich harmonisch aufgelöst haben. Auch die Göchh. hat an die Steinin einen guten Brief hierüber geschrieben den mir die St. mitgeteilt hat. Es freut mich daß sie endlich fühlen, was sie an Dir haben. Genieße der guten glücklichen Stunden jetzt ununterbrochen, bis Du wieder zu uns in die Enge kommst. Alles genieße ich mit Dir. Alles, Alles. Und wie froh macht mich der heutige Brief. Laß uns für Alles, für das Böse u. Gute dem Schicksal danken. Es geht alles vorüber; aus dem ersten lernt man das zweite schätzen u. genießen. Ich habe sogleich diesen Morgen nach den gelehrten Schriften geschickt. Zwei waren hier im Buchladen, das dritte wird heute von Erfurt verschrieben, u. soll diese Woche alles noch abgehn subito. Mich intressiert der spanische Gesandte wie Dich, ob ich ihn gleich kenne. Welch ein Glück ists, unter einer edeln Nation geboren zu sein! Ich träumte diese Nacht sehr lebhaft daß Du angekommen seist, indem ich geschlafen habe, u. da ich aufstand u. Dich bewillkommen wollte, warst Du sehr kalt gegen mich, ich wünsche nicht daß es eintreffen möge. Lieber wollt' ich daß Du jetzt kalt u. hernach warm wärest. Emilchen hat durchaus heute an Dich schreiben wollen, er weinte da ichs ihm abgeschlagen hatte; ich gab ihm zur Befriedigung während als ich schrieb ein Blättchen u. er schrieb ganz allein, ein so artiges Briefchen das ich Dir schicken muß. Er hat an den Händen keine Blattern mehr; indessen räuchre ichs stark mit Essig, so wie die Übrigen Blätter, daß Du nichts Böses von uns erhalten sollst. Lebe wohl liebstes Herz. Gott sei überall bei Dir. Verzeihe eine Frage. Wenn Du nach Neapel gehst, wirst Du wohl nicht lauter bares Geld sondern Wechsel mitnehmen, damit es Dir nicht abgenommen werden kann. An Huschke hast Du auch wohl ein Präsent von 6-8 Dukaten wegen Werner gegeben? Dies wird doch nötig sein. Verzeihe, u. antworte nicht auf die Fragen, wenn sie Dir unangenehm sind. Lebe wohl mein Guter Einziger auf dieser Welt. Gott sei bei Dir u. belohne Dir Alles. Gottfried u. Aug. grüßen den guten Vater. Sie scheuen sich gewaltig auf Deine herrlichen Briefe zu antworten, die guten Schelme, sie meinen, sie müßten Dir gerade auch so schreiben, adieu, adieu. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 1. 12. 1788 [?] lieber Vater Ich hätte Sie ein Blümigen geschick, aber wie ich eins hatte so ging es entzwei und ich konnte nicht wieder daran kommen kommen Sie bald wieder ich kann ohne sie nicht leben wenn ich wieder eins gemacht habe so will ich sie eins schicken. Ihre Gehorsame Tochter Luise Herder 1788 Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 1. 12. 1788 [?] lieber Vater! ich kriege auch wieder ein neises Kleid krins Gegchen ich bin Vellig wieder gesund, ich habe nicht genubbert. die Mutter hat mir auf dem Glafir [von Caroline Herder ergänzt: gelernt:] Rosen auf den weg gestreit, und des Harms vergessen! ihr getreider bruder Emil Herder 1788. J. G. Herder an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 3. Dez. 88. Endlich ists wohl Zeit an Dich zu schreiben, mein günstiger H[err] u. Freund, u. Du hast es, wie durch Deine vielfache Güte u. Teilnehmung an mir, so auch dadurch verdient, daß Du mein Stillschweigen so wohl erklärt hast, u. nicht müde geworden bist, mir einige stärkende Worte, die nie verloren gewesen sind, zu sagen. Ich bin jetzt solange in Rom, um darüber ein Wort sprechen zu können, u. doch ists nichts, gegen das, was mir bevorstehet u. ich zu genießen u. zu erforschen wünsche. Wenn ich bloß die Statuen nehme, die im Grunde mein liebstes u. wahres Heiligtum sind, so vergesse ich jedesmal {a}lles andere darüber, u. ich gehe von meiner Schreibe{rei} über sie vor ihrem Antlitz, allemal unwillig nach Haus{e}. So einen andern Weg ich in diesem u. andern Dingen gehen möge, als Du, Tausendkünstler, dabei gegangen bist: so finden wir uns am Ende doch zusammen, u. wir werden, hoffe ich, manche angenehme Stunde in einer gemeinsamen Erinnerung haben, wenn sie uns das Schicksal bescheret. Einzelnes kann ich Dir nichts schreiben, so wie auch nichts von meinen andern Zerstreuungen hie u. dorthin; dafür schreibe Du mir öfters, lieber G., ich bringe Dir, was ich in mich sammeln kann, als ein Verstummter (wie Du es selbst voraussagtest) mit. Auch mit den Zypressen, Pinien pp habe ich mich zu versöhnen angefangen, so wie mit dem Römischen Himmel u. allem, was durch Ungezogenheit u. Faulheit der Menschen davon abhangt. Auch fange ich an, die Ital. Sprache zu lieben, u. sehe mir so manche Quellen eines neuen künftigen Vergnügens geöffnet, daß ich selbst, obzwar sehr bescheiden, glaube, daß die Reise nach Italien für mich in Manchem gut sein werde. Deine hiesigen Freunde lieben Dich alle unbeschreiblich, u. Du lebst noch bei Ihnen. Bei Büri sind nie die Tränen weit, wenn ich mit einiger Innigkeit von Dir rede. Ich habe mit ihm die Paläste Colonna u. Borghese gesehen, das Einzige was ich außer Rondanini, wo ich mit Hirt war, von Gemäldegalerien gesehen habe. Sie jagen mich immer zu meinen geliebten Statuen zurück, von denen ich schon sogar träume. Die Angelika ist eine liebe Madonna; nur in sich gescheucht u. verblühet auf ihrem einzelnen schwachen Zweige. So ein ehrlicher Preuße Reifenst., u. so ein guter Venezia{ne}r ihr Zucchi sein mag: so stehet sie doch allein da ohne {Stü}tze u. Haltung; daher ich allemal mit betrübtem Herzen von ihr scheide. Du hast ihr sehr wohlgetan, u. sie findet an mir nichts von dem wieder, was sie an Dir verloren. Hirt hat Dir, wie er mir einmal gesagt hat, geschrieben, daß er einen Br. an Dich richten wollte. Laß es ihn tun: der Mensch bessert sich gewaltig u. er hat mir einige Sachen, z. E. über Drouet u. F. ... (nun wie heißt der alte Maler, dessen Bild in der Minerva an der Einen Tür stehet?) geschrieben, die recht brav sind. Es wird ein nützlicher Mensch in der historischen Kunststatistik aus ihm werden. Ich treibe u. hobele ihn gewaltig, u. er hat viel von mir zu leiden, welches er alles aber recht gut aufnimmt. Er hat mir viele Gefälligkeiten erwiesen, u. Du stehest bei ihm hoch droben. Er führt jetzt eine Livländerin mit ihrer Familie, u. ich sehe ihn also wenig. Sonst kann ich nicht leugnen, daß mir die Menschen hier viel Zuvorkommendes, Liebes u. Gutes erweisen; indessen sind sie doch immer am artigsten, wenn man sie nicht brauchet. An Bekanntschaften fehlt es mir nicht, u. ich fange an abzulehnen, wiefern es sich tun läßt. Die Herzogin ist sehr gut gegen mich: so auch die G[öchhausen] u. E[insiedel]; wir leben sehr gut mit einander, u. die Herzog. beträgt sich überhaupt sehr gut. Ich werde wahrscheinlich mit ihnen nach Napel gehen, von woaus mir schon Tischbein seine guten Dienste hat anbieten lassen. Auch das bin ich Dir schuldig. Am meisten aber habe ich Dir Dank, lieber G., daß Du Dich meiner Frauen so brüderlich annimmst; nie werde ich Dirs vergessen können: denn ich fühle es leider stark gnug, wie töricht es gewesen sei, daß ich ih{r} {aus} 100. von Meilen meine Unbehaglichkeiten u. mein{en} {Kum}mer mitgeteilt habe. Ich war aber unter der Gew{alt} {der} fremden Lage, u. konnte nicht anders. Hilf ihr fer{ner,} lieber Bruder, wo u. so gut Du kannst; Du weißt ja {doch} ohne mich, daß in Manchem wir uns allein verstehen u. uns einander auch helfen müssen, soweit es angeht. Die Erinnerung des Überstandnen wird für uns alle süß u. Fruchtreich werden. Lebe wohl, Lieber, u. gehe Deinen Studien nach, ohne dabei lebendige gute Menschen zu verabsäumen. Empfiehl mich dem Herz. u. der Herz. u. sprich sonst das Beste für mich, wo Du kannst: denn viele wird gewiß meine Reise ärgern, u. es müssen notwendig schiefe Urteile gefällt werden. Sie kümmern mich indessen nicht: denn in Rom lebt man nur für das Gegenwärtige u. für heute. Lebewohl u. empfiehl mich der Fr. v. Stein aufs schönste u. beste. Angelika u. {a}lle grüßen Dich, mit denen Du hier gelebt hast; so gar ein Sonett, das man auf Dich in der Arkadia vorgelesen hat, habe ich ehegestern mir vordeklamieren hören. Valeto. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 5. Dez. 1788. Ich erscheine heute schon wieder bei Dir lieber Engel; die Herzogin schickte mir inliegenden Brief den ich nicht aufhalten will, auch ist von Fr. v. Fr[ankenberg] ein Brief gekommen der beiliegt; u. 3tens ist Moriz vorgestern angekommen! Da Goethe in Gotha war so kam er gleich zu mir. ich wollte eben meinen Nachmittags Caffèe trinken als er kam; Du kannst leicht denken wie mir mein Herz schlug. Er machte es gar hübsch; gab nach gewissen Pausen eins nach dem andern seiner Kreditive heraus. Den Brief u. das Liedchen an mich zuerst – denn die allerliebste Eventaille für Luisgen, die sie mit stiller Freude angenommen hat. Das Konfekt wurde auch nicht vergessen u. es schmeckte ihnen wirklich als obs aus Rom gekommen sei. Die Kinder waren bei Schäfer, wie sie nun versammelt u. ihn angestaunt hatten, kamen die Italienischen Früchte (die sie zwar erfreuten, aber doch lieber gegessen hätten) dann die Möglichen Bilder alle, die hernach durchs Los verteilt wurden, wovon Wilhelm der Maler das große Los erhielt: nämlich Goethens Büste mit der Melpomene nebst der Kleinern. Er hatte sichs in seinem Herzen gewünscht u. mit großer Freude erhalten. Moriz blieb einige Stunden bei mir, u. ich war so bekannt mit ihm als ob ich ihn lange kennte. Das meiste ward von Dir u. Rom gesprochen. Nun ging er weg um auszuruhen u. spazieren zu gehn. ich lud ihn auf den andern Tag zum Mittagessen; er kam gar gern. Knebel sollte auch dabei sein, er war aber zur Herzogin gebeten; es war auch so besser. Nun ging beim Essen bald die Erzählung von dem alten Rom auch mitunter von den Päpstlichen Zerimonien an. Alles horchte. Ihn muß man nur erzählen hören. Er ist ein gar trefflicher u. verständiger Mensch. Vom Monsig. Borgia u. der Propaganda gab er mir auch einen Begriff. Ich hatte einen so köstlichen Mittag. Wir waren seine Gäste u. er der Wirt. Nach dem Essen, las er beim Caffèe, aus Rehbergs Brief den er hier erhalten hat, Stellen, die Eure LustReise in Tivoli betrafen; Gottfried gab den seinigen u. wir bekamen ein vollkommenes Bild von Tivoli, durch seine mündliche Erläuterung hierüber; selbst Francesco der Sybillenwirt, wurde nicht vergessen. Zugleich hörte ich auch von dem freundschaftl. Streit zwischen Dir u. Rehberg, vom nützlichen u. angenehmen in der Kunst. Wir hattens hier auf der Stelle gleich so entschieden; daß wenn das angenehme uns unangenehme Stunden verhindert oder erheitert, das angenehme dadurch für unser Gemüt nützlich wird; u. also das angenehme u. nützliche für uns Ephemeren, dicht beisammen steht; dies war die Augenblickliche Entscheidung; wie ich aber allein war, so dachte ich nach, daß man aus manch angenehmen Eindrücken manchmal lange unangenehme Wirkungen empfinde – diese angenehmen Eindrücke sind uns also nicht nützlich u. sind zu vermeiden. In wiefern dies mit dem angenehmen u. nützlichen in der Kunst zu vergleichen sei – wirst Du am besten zergliedern. Mich freuts daß Du Rehberg hast – aus den Stellen seines Briefs, die Moriz gelesen, zu urteilen, hat er einen festen Charakter. Moriz u. er leben für u. miteinander, wie es mir scheint. Es ist ein schönes Gefühl um eine edle männliche Freundschaft! aber aber, die Natur hat doch ein süßeres u. unwandelbareres Band gewußt. Jetzt, in unsrer Zeit, sind alle männliche Freundschaften doch nur auf gleiche Meinungen über diese u. jene Sache, u. nicht auf Zweck oder Tat gebaut – u. wie leicht verändert man Meinungen! Verzeihe diese weibliche Abweichung. Moriz zeigte noch eine Zeichnung von einem durch Hirt neuentdeckten Gemälde, vom Pat. Franz. di Fiescoli, das mir ganz außerordentlich gefällt. Die Weiber sitzen so charakteristisch schön vor ihm, daß mich dünkt nichts wahreres gesehen zu haben. Wenn unser Wilhelm ein solcher Maler wird, dann glaube ich, hat er den menschlichen Gipfel in dieser Kunst erreicht. Von Anton Reiser sprachen wir auch noch. Mit dem untern Teil des Gesichts gleicht Moriz ganz einem Schwärmer; sein gutes Schicksal u. Verstand hat ihn noch gerettet. In seinen tiefliegenden Augen ist ein fester Blick. Nach 4 uhr kam Knebel von Hof bei dem er Vormittags gewesen, u. holte ihn zur Frau von Kalb ab, die ihn zu sehen wünschte. Sie waren kaum eine Viertelstunde weg, so ließ Goethe seine Rückkunft von Gotha sagen; er logiert bei ihm u. wird vermutlich einige Zeit hier bleiben, er achtet u. ehrt Dich recht hoch. Vorgestern erhielt ich von der Luise Stolberg die unvermutete Nachricht daß die gute Agnes nach einer 8tägigen Krankheit in Koppenhagen den 15. Nov. gestorben sei. Nachdem der Arzt sie besser glaubte u. ihr Mann an ihrem Bette für den ruhigen Schlaf Gott dankte, wachte sie nicht wieder auf. Sie hinterläßt 4 Kinder u. war 27 Jahr alt. Der Graf Christian ist sogleich nach Koppenh. u holt den Bruder mit den 4 Kindern zu sich nach Tremsbüttel. Die Gräfin Luise hat mir aufgetragen es Dir zu schreiben. [...] Sage mir doch, hast Du mir einen Brief an den Herzog geschickt? erhalten habe ich noch keinen. Oder hast Du ihm unter seiner Adresse geschrieben? ich bin begierig es zu wissen, da die Fr. von Fr[ankenberg] mir heute schreibt daß Du an den Pr. August geschrieben hast. Unser Herzog ist da gerade in Gotha gewesen. Von Elisa Gore habe aus Berlin einen gar hübschen Brief wieder erhalten, sie wünscht Dir viel Gutes u. empfiehlt sich Deinem Andenken. Das dritte lateinische gelehrte Buch erwarte ich nächsten Posttag von Gotha, wenn sies haben, wo nicht so gehn die 2 einsweilen allein ab, mit der fahrenden MontagsPost. Emil hat gestern, da Moriz mit aß, zum erstenmal Fleisch gegessen, es war also ein vollkommener Festtag. Er hätte es nicht verdauen können daß Luischen ein so schönes Gemälde von Dir erhalten hat, u. er nicht; die andern hatten das nämliche Gefühl behieltens aber verschwiegen im Herzen. Ich habe 2mal meine Zuflucht zu Deinem Brief genommen u. die Stelle laut u. mit Nachdruck vorgelesen »den Buben bring ich selbst aus Rom mit«. Solang ichs las wars gut; wenn aber der Brief wieder in der Tasche war, empfanden sie doch etwas unrechtes oder ungerechtes. Nun Lebe wohl liebstes Herz, ich habe Dich heute, wie immer mit nichts unterhalten. Nimm vorlieb, u. höre nicht auf mir gut zu sein. Meine Gedanken sind nur bei Dir, u. Du bist mein Alles, mein Verstand u. mein Herz. Nichts gleicht Dir, Du Einziger. Gott gebe Dir Freude u. Gesundheit u. sei überall bei Dir. Das schöne Liedchen habe ich den ersten Abend bis nach 11 uhr gesprochen u. singe es Dir u. mir vor. Sei fröhlich u. glücklich wo Du das Glück findest, u. wenn Dich mein Andenken daran hindert, so vergesse mich. Dich selbst verliere ich nie aus meinem Herzen, lebe tausendmal wohl. C. H. Auch diese Briefe sind noch mit Essig geräuchert, um Dir nicht Böses zu senden. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 12. 1788 [?] Liebster Vater. Welche Freude hat uns Herr Moritz gemacht, da er uns von Ihnen und Rom erzählte, u. uns so schöne Sachen mitbrachte. Ich danke Ihnen recht herzlich für alles, für die schönen italienischen Früchte und für die Bilder. Es ist darum gelost worden, u. da habe ich denn wie alle einen Socrates, den Herrn Voltair im Schlafrock, den Geistl. mit der vortreffl. Perücke und der Glorie um den Kopf und noch schöne andere bekommen. Ich und wir alle haben den Herrn Moritz recht lieb, er hat uns den Brief den Sie an mich von Tibur geschrieben haben erklärt und prächtige Sachen erzählt, von der schönen Quelle Aquoria, dem alten Rom, Pantheon, von den Zitronen, Feigen und Kastanien, von dem Papst und vielen andern Dingen die uns außerordentl. gefreut haben, und beim Weggehn sagte er, daß er noch lange nicht fertig sei. O könnte ich doch Ihnen auch etwas schicken, wir sind aber so arm, daß ich nichts als Liebe, Gehorsam, Dank und inniges Andenken an Sie schreiben kann. Leben Sie wohl und denken Sie auch oft an mich. Ich soll auch viel Grüße vom Herrn Direktor, Konrektor und Herrn Schäfer an Sie sagen. – Es ist jetzt sehr schöne Schlittschuhzeit, und ich fahre recht oft mit meinen Brüdern. Haben Sie mich so lieb, wie ich Sie, bleiben Sie gesund und vergnügt und vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten und Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner von mir vielmal. August Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 12. 1788 Liebster Vater. Der H. Moriz ist vor gestern hier angekommen, u hat uns gar viel erzählt, auch von Ihnen. Ich danke Ihnen auch für die schönen Bilder u Früchte die Sie uns geschickt haben. Wie der H Moriz die Früchte austeilte, so freuten wir uns schon, aber hernach griffen wir sie an, da sahen wir daß sie von Stein waren. Die Bilder sind verlost worden, u ich habe den Sokrates, einen alten Helden, den ich aber nicht kenne u noch 4 leer bekommen. In Tertia geht es recht gut, u der H Subkonrektor ist recht höflich gegen mich er läßt Sie auch grüßen. Auf dem Eis bin ich jetzt auch noch fleißig. Leben Sie wohl u vergessen Sie nicht Ihren gehorsamen Sohn August Herder. Grüßen Sie Wernern. d. 5 Dezember am Buß tag 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 5ten Dezem. 1788 Lieber Vater Ich danke Ihnen recht sehr für die lieben Bilder die Sie uns geschenkt haben. Der Herr Moritz ist ein sehr guter Mensch. Er hat uns auch viel von Rohm erzahlt. Wir waren gerade alle in der Schule als Gottfried nicht, es war den 3ten Dezember Vormittag um 3 Uhr. Nun brachte er die früchte her aber sie waren eingewickelt, er ließ zum Unglück eine fallen, aber er entschuldigte sich gleich ud sagte es war ein futteral darüber. Nun wickelte er sie alle heraus. Wir glaubte Anfangs Alle daß es ordentliche wären, aber die Mutter griff eine an, ud wir sahen daß es steinerne waren, nun fingen wir alle sehr an zu lachen. Die Bilder wurden Alle verloset? Ich bekam die Inschrift von dem Herrn Geheimerat Göthe. Ich hatte mir es gewünscht? ud siehe, das Glück bescherte mir es. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre liebe Güte die Sie uns zu getan haben. Leben Sie wohl ud grüßen Sie den Werner, behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder 1788. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 12. 1788 [?] Lieber Vater. Ich danke sie gar sehr für die Liebe die sie uns getan. Der Herr Moriß ist Vorgester angekommen um zwei uhr. Der Herr Moriß ist ein rechter guter Mann er hat den Donnerstag bei uns gegessen ich dank sie für ihre Bilder und früchte wie der Herr Moriß die früchte herausgezogen hat so freuten wir uns; aber als er es aufmachte so waren es Steinerne früchte, ich habe Sechs Bilder im Los gekrieg den Alten Sokrates und daß Wappen Möglich und die Arbeit mit dem Ruhm, und zwei Leere. Auf den Eis gehet es recht gut. Griesen sie den Werner. Leben sie wohr ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. [Nachschrift von Caroline Herder.] eine Neuigkeit muß ich noch melden: der H. von Werther heuratet die 2te Tochter vom H. von Ziegesar in Gotha. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 12. 1788 [?] lieber Vater Ich danke sie recht sehr für den Fächer und die Bilder hier schicke ich sie jetz blumen. Ich habe einen Brief von dem Herrn Günter gekriegt da stand darin wie gehts in ihrer schönen Stadt. Emil war betrübt wie er sah das ich ein Fächer hatte und er nichts. Ihre Gehorsame Tochter Luise Herder. 1788. Ich habe die Mutter mit den Kind Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 12. 1788 lieber Vater der Herr Moriz hat uns von Rom erzählt und hat uns auch von die golden quelle erzählt er hat mir auch von sie paar bilder gebracht Sokrades ein Herzog und den ersten Juni ein kleiner Emil der aus einem Horn Rosen aus gießt, ich darrnke ihn dafür lieber Vater, ihr getreuer Sohn, Emil Herder den 5 desemmer 1788. J. G. Herder an Caroline Herder Rom 6. Dez. [1788]. Ich schreibe Dir heut nur wieder einige Reihen, liebster Engel; gnug, wenn Du erfährst, daß ich wohl bin. Man kommt in Rom zu nichts, u. man wird seiner Zeit nicht froh, so gehts hin u. wieder. Morgens habe ich eine Sprachstunde: denn gehts zu sehen; nachmittag oft zu hören, da kommen Besuche: denn bin ich auch jetzt sehr fleißig im Aufschreiben für mich, dabei mir die Sinne recht aufgehn: so kommt Mitternacht heran u. eine Woche ist vergangen, ohne daß man sie gewahr wird. Diese Woche bin ich viel mit u. bei der Herz. gewesen; sie ist gar gut. Sonntags waren wir bei Bernis u. Abends ich mit D. in einem Orator[ium]. Donnerstag waren wir alle in der Arkadia: sie ist zum Mitglied aufgenommen unter dem Namen Palmirena Atticense; mir ists diesmal glücklich vorübergegangen, u. ich will mich wohl hüten, die heilige Schwelle wieder zu betreten. Sie führt sich aber bei allem, was ihr geschieht, sehr wohl auf. Wahrscheinlich werde ich mit ihr nach Napel gehen, gleich nach Weihnacht; die andre Reise tue ich allein. Sage doch in Deinen Br. was Schönes über sie, daß ichs vorlesen kann; es gefällt ihr hier gut, doch läßt sie die Vernunft über sich gebieten. Sonst kann ich Dir wenig Neues hier schreiben; das wird alles zur Rückkunft aufgesparet. Mich dauerts, daß Du Eine Woche ohne Br. von mir gewesen bist: sie müssen kommen, u. Du wirst durch die Folge sehen, ob einer verloren gegangen ist. Ich hoffe es nicht. Knebels Br. hat mich sehr gefreut; ich will ihm nächstens schreiben. An die Fr. v. Dieden habe ich auch geschrieben; der Br. geht mit diesem ab. Den Kindern danke ich gar sehr für ihre guten Br. u. Nachrichten. Moritz wird nun wohl schon bei Euch gewesen sein, das hoffe ich denn im nächsten Br. zu hören. Wenn dieser Br. ankommt, seid Ihr dem H[eiligen] Christ nahe; ich werde bei Euch in Gedanken sein: bereitet mir auch ein Eckchen im Winkel: Euch meiner zu erinnern. Dem Emil beschere doch auch etwas an unsres lieben Alfreds Stelle, daß er Uns statt 2er werde. Er ist ein gutes Knäbchen: seine Br. freuen mich sehr. Es wird mir sonderbar sein, Euch alle u. insonderheit die Kleinen wieder zu sehen: die sind in der Zeit andre Menschen geworden, indes wir stille stehn oder abnehmen. Desto fester u. treuer wollen wir an uns halten u. der Zeit genießen, solange wir hier sind. Von der S[eckendorff] schreibe ich nicht gern. Sie ist aus Caprice eingeblieben, bis vor 14. Tagen, u. gab eine Krankheit vor, wahrscheinlich weil sie den Senator erwartete, u. sich in ihr Köpfchen gesetzt hatte, nicht durch die Herz., sondern als selbstständige hohe Dame zu erscheinen. Endlich hat sie nachgeben müssen, u. ist mit der G[öchhausen] herumgefahren, um Visiten zu machen, seitdem sie denn auch in der Gesellschaft erscheinet. Ich wünsche ihr alles Gute, ob sie mir gleich natürlich Spinnenfeind sein mag in ihrer Seele. Den D[alberg] hat sie auch ganz u. gar gegen mich erkältet, u. ich wünsche, daß ich ihren Namen nie mehr höre. Er will mir auch gar nicht von der Zunge, u. ich muß mich immer bedenken, wie sie heißt. Sonst bin ich noch in keine nähere Bekanntschaft getreten, wozu auch Alles in Rom zu weitläuftig ist: man wird mit Zerimonien überladen u. die Besuche aus Höflichkeit werden unendlich, sobald man sich einläßt. Wozu diese Mühe auf eine so kurze Zeit? Dafür lebe ich mit den Statuen u. Kunstwerken, die mir eine ganz andre Welt aufschließen u. die schönste Philosophie gewähren. Ich vergesse bei ihnen Zeit u. Stunde, wie ein Verliebter. Lebe wohl, liebes Weib, Du meine Göttin u. Griechische Muse: ich umarme u. küsse Dich herzlich; o wenn Du es jedesmal empfändest, wenn ich Dein gedenke. Ich segne u. küsse die Kinder zum H. Christ. Lebe wohl, Liebe, Du mein Engel in weiblicher Bildung. Adieu, Adieu, Adieu, remember mi!!! Herzog Carl August an Herzogin Anna Amalia Weimar, 10. 12. 1788 [...] Haben Sie doch die Gnade, mir etwas über Herders Verhältnis mit Dalbergs und seinen weiblichen Überflusse zu schreiben; recht brillant mag es nicht damit gehn. [...] Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 11. Dezem. 1788. Lieber Vater Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie das Tiboli, oder Tibor gesehen haben, ich wollte daß ich auch dabei gewesen wäre. Wir haben bei den Herrn Schäfer ich den Cornelius den Phocion angefangen und er ist ein sehr heldenmütiger Feldherr. Mit den Zeichen sagte der Herr Waitz ging es immer besser, er läßt Sie grüßen. Nehmen Sie es nicht übel daß ich heute so wenig schreibe, weil nicht viel bei uns ist vorgegangen. Leben Sie wohl und behalen Sie lieb. Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 12. Dez. 1788. Ich habe Deinen lieben Brief vom 22. Nov. Montag den 8. dieses, erhalten liebes Herz u. Du hast mir u. den Kindern abermals große Freude gemacht. Wilhelm u. Adelbert waren über ihre Briefe hocherfreut. Gottlob daß Du immer wohl bist u. ein so schönes Logis bewohnst. Goethe kam den Abend ein wenig zu mir um zu hören, was ich Gutes von Dir hätte. Er nahm an allem Teil, u. besonders daß die Herzogin so artig gegen Dich ist. Die Göchhausen schrieb an die Stein u. die Kalb viel Gutes von Dir; so wie sie an die Steinin von Deinem Mißverhältnis mit der S. ein Wort fallen ließ; u. an andere vielleicht schon mehr darüber geschrieben. Kurz, Goethe erzählte mir daß der Herzog ihn darüber befragt u. daß er nicht umhin gekonnt hätte, ihm die Wahrheit zu sagen. Darauf habe der Herz. gesagt: wenn Herder was braucht, so will ichs ihm geben. Goethe lehnte es aber ab u. sagte: für diesmal muß D. zahlen u. ist hierüber alles in Richtigkeit, wenn sie aber zu einer andern Zeit etwas für ihn tun wollen, so tun sies. Mich dünkt diese Antwort war von Goethe ganz verständig u. gut. ich hoffe nicht, daß Du darüber ungehalten wirst. Jedermann weiß hier, daß Du nicht bei D. wohnst u. nicht mehr bei ihm issest; u. es würde sonderbar lassen wenn man gegen die Wenigen, mit denen wir umgehn, ein Geheimnis daraus machen wollte. Goethe grüßt Dich herzl. Moritzens Gegenwart tut ihm sehr gut, u. er muß solange hier bei ihm bleiben bis Tasso fertig ist; ich habe Moriz seitdem ich Dir geschrieben, den Sonntag Abend bei Fr. v. Stein u. den Dienstag da er mich besuchte u. wir Caffeé zusammen tranken, gesehen. Er ist unerschöpflich in seinen Erzählungen, u. beschreibt alles so genau, daß man die Sache von der intressantesten u. richtigsten Seite weiß. Gottfr. u. ich saßen recht aufmerksam bei ihm (die andern waren nicht zu Hause.) endlich kam die Schardt noch dazu; das Gespräch wurde unvermerkt metaphysisch: über das Glück der Beschränktheit unsres Daseins. Man hört ihn recht gern. Knebel wohnt hier, ich habe ihm ein Billet über den Auftrag an Büttner geschrieben; er war guter Laune den Tag u. hat einen tollen Brief an Büttner geschrieben, erstl. daß die Herzogin Mutter ihn grüße u. wünsche daß er bei ihr in Rom wäre, zweitens daß Dich schon verschiedene Kardinäle selbst besucht haben, u. daß Dir auf Befehl des Papsts die Vaticana geöffnet sei. Kneb. erzählte mirs mit großem Gaudium, wie Du ihn kennst, u. glaubt daß Büttner es nach Gött. schreiben wird; wie bald er aber die Wörter die er aus der Propaganda will, schicken wird, darauf wirst Du wohl bis Ostern warten müssen. [...] Eins verspreche mir aber lieber Einziger. Laß Dich nicht von D. Güte noch der Herz. Artigkeit bewegen, des einen oder der andern Reisegefährte zu werden; sondern bleibe frei u. unabhängig in Deinem eignen Wagen . Daß Du Dich mit der Herzogin auf der Rückreise in einigen Städten Italiens begegnen mögtest, wünsche ich beinah; vorzüglich wegen dem Arzt, wenn Dir allenfalls was zustoßen sollte. Doch ist das nur ein Wunsch – u. die Umstände werden alles arrangieren. Lasse Dich nur nicht zu Dalberg wieder bereden, außer wenn die S. nicht dabei wäre. Das ich aber nicht glaube. [...] Sei so gut lieber Engel u. schreibe mir die Datum meiner Briefe wie Du sie jedesmal erhaltest. Besonders nenne mir die Inlagen der Briefe, ob sie darinnen sind; ich habe Dir gegen Mitte des Oktobers einen Brief von der Kalb, an Einsiedel gesandt; u. Du hast mir bisher den Empfang nicht gemeldet. Als Dein Brief an Prinz August kam, stand gerade Goethe bei ihm u. bat ihn, unserm Herzog nichts davon zu sagen, weil er noch keinen von Dir erhalten hat. [...]   Abends 8 uhr. Ich bin diesen Nachmitt. zu Fr. v. Stein eingeladen worden, weil Moriz bei ihr war. Goethe blieb nur eine Stunde noch da – wir waren heiter; die Kalbin kam auch, u. die Gelegenheit gabs daß Moriz über die dramatische Kunst, gar hübsche Sachen sagte; u. ich komme so eben vergnügt zurück. Alles grüßt Dich u. liebt Dich herzlich. Gottfr. August u. Luisgen grüßen den Vater, sie haben heute nicht geschrieben. Die andern haben in meiner Abwesenheit geschrieben. Sie können meistens nichts antworten wenn Du Ihnen so prächtige Briefe schreibst. Es geht ihnen wie der armen Mutter. Lebe wohl liebstes Herz. Lebe wohl. Lebe wohl. Gott sei mit Dir Du Bester. C. H. Ach wie ich Dich manchmal suche in Deinen kalten Zimmern! Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 12ten Dezemb [1788] Lieber Vater Ich danke Ihnen für den lieben Brief, den Sie mir geschrieben haben. Ich freue mich daß Sie an einen so schönen Ort gekommen sind, wenn ich auch einmal nach Rom komme will ich auch da wohnen, wo sie jetz wohnen. Der Herr Waitz ist heute bei uns gewesen, er hat gesagt daß er auch nach Rom wollte reisen. Daher hab ich die Freude, daß ich und mein Lehrer zusammen reise. Nehmen Sie es nicht übel, daß ich Sie heut so wenig schreibe Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder 1788. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 12. 1788 [?] Lieber Vater. Ich danke sie über ihren Schönen Brief ich will die Sachen tun, der Herr Schäfer hat die geschichte erzählt, ich und Wilhelm und August haben den Pocion angefangen ist ist ein rechter guter Mann gewesen aber er ist in einen großen haß gekommen. Ich danke über ihren Brief, es ist eine rechte Schöne geschichte, ich kriege was rechtes hiepsches zum Weihnachten ein Reißzeig und ein Gesangbuch und ein Paiser und ein griesches Testament. Der Herr Schäffer grieset sie recht sehr griesen sie den Werner. Leben sie wohl, ihr getreuer Sohn. Adelbert Herder. [Nachschrift von Caroline Herder:] Der Diaconus Münzel in Buttelstädt ist vor 8 Tagen am Schlag gestorben. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 12. 12. 1788 [?] lieber Vater! An Sonntage bin ich zu erstenmal wieder in der borgseise beidi Freilen Volsted gewesen! [von Caroline Herder eingefügt: ich habe mein] weißes Kleid [von Caroline Herder eingefügt: angehabt, ich bekomme] Soldaten zum Weinadden, bibelhistdoie Gaukelmann kerl. ihr gedreirer sohn. Emil Herder J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 13. Dez. [1788]. Tausend Glück wünsche ich Dir, liebe holde, zu der, wie ich hoffe, glücklich überstandnen Blatternkrankheit unsres kleinen Bacchus-Emils. Küsse ihn in meinem Namen vielmals, den lieben glücklichen Kleinen; u. Dich küsse ich dankbar im Geist, liebe gute Mutter des lieben Engels für die Sorge, die Du auf ihn gewandt hast. Da die Blattern im Menschen eine neue Periode hervorbringen: so wird er sich auch jetzt fortan hübsch entwickeln u. ich freue mich, ihn wiederzusehen. Ich will selbst, da die Periode ohnedem jetzt ihn u. das Luischen trifft, an ihn schreiben. Moritz wird jetzt auch endlich bei Euch gewesen sein: er hat sich, wie seine Art ist, zu schlendern, lange in Venedig, Mantua u. f. aufgehalten; es ist gut, daß er aus Rom weg ist, u. ich habe ihn stark angespornt, es zu verlassen. Rom erschlafft die Geister, wie man selbst an den meisten hiesigen Künstlern siehet; vielmehr einen bloßen Gelehrten; es ist ein Grabmal des Altertums, in welchem man sich gar zu bald an ruhige Träume u. an den lieben Müßiggang gewöhnet. Auf mich hat es nun zwar die Wirkung nicht, da ich soleicht keinen Tag vorbeistreichen lasse, ohne was gesehen, oder mich um etwas bemühet zu haben; es bleibt indessen auch für mich ein Grabmal, aus dem ich mich allmählich herauswünsche. Man fühlet sich darin wie in einer Tiefe, in der man nicht viel weiter kommt, je mehr man mit Händen u. Füßen strebet. Das Altertum, als Studium betrachtet, ist unendlich an Tiefe u. Weite; die Fäden, die sich aus Rom in alle Geschichte schlingen, sind so vielartig, u. die Mittel, sie zu verfolgen, werden hier so erschweret, daß es besser ist, zu guter Zeit sie aus den Händen zu lassen u. nur den Knäuel in seinem Gemüt zu behalten. Aus dem Vatican werde ich nicht viel bringen; er liegt mir zu weit ab, mir fehlt Zeit, einen freien Gebrauch der Katalogen habe ich nicht erhalten können, noch weniger eine freie Ansicht der Schränke. Ich muß fodern, so wird mir, obwohl mit Mühe der ungeschickten Sucher, gewährt, was ich fodre, kann aber nichts mitnehmen; u. so gehen Stunden u. halbe Tage hin, ohne daß man was erbeutet. Das Glück müßte mir sehr wohl wollen, wenn ich noch einen Fund täte; ich wills hoffen u. wünschen, kanns aber noch nicht glauben. O wie manches ist Anders in der Wirklichkeit, als in der Idee u. Hoffnung. Desto fleißiger bin ich nun nach meiner Art in der Kunst; obwohl auch hier die kurzen, oft sehr oft regnichten Tage, die weiten Wege u. f. die Zeit, die man in Rom zubringt, von der, da man Rom gebraucht, sehr unterscheiden. Indessen bin ich gesund, gesunder als jemals: das Klima bekommt mir wohl: u. jedermann sagt, daß ich eine Farbe habe, wie ich sie in Deutschland nie gehabt habe. Das macht, man lebt unter dem schönen Himmel (wenn es nicht regnet, alsdenn ists ein Jammer u. Elend) ein bloß sinnliches Leben; das Denken u. die Mühe verlernt man ganz u. gar, weil sich immer der Gedanke zuerst aufdringt: wozu die Mühe? wozu das Denken? Dabei aber, glaube ich, gewinnt, wenn ein solches Leben nicht zu lange anhält, die innere Elastizität des Geistes u. Körpers. Ich bin von guter Laune u. eine gewisse sinnliche Gleichgültigkeit ist die einzige Göttin, die mich regieret, weil doch Alles ein Traum ist u. für mich in Kurzem sein wird. Die Herz. ist sehr gut gegen mich, so auch die G[öchhausen] u. E[insiedel], wir leben, wie in Einer Familie. Gestern waren wir beim Kard. Zelada zum Dejeuné oder vielmehr den Teil des Museums zu sehen, der nur in Gegenwart des Kardinals gezeigt wird. Das endigte mit den Merkwürdigkeiten der Vatikana, die vorgezeigt werden. NachMittage besahen wir die Villa, die die Herz. wahrscheinlich nehmen wird, wenn sie aus Napel zurückkommt. Sie liegt auf Trinita del' Monte, u. der Garten stößt dicht an den Garten der Angelika: sie liegt in der höchsten Gegend von Rom, hat unbändig viel Gelaß, u. ich werde wahrscheinlich auch in ihr mein Plätzchen finden. Die Herz. hat mir angetragen, mit ihr nach Napel zu gehen, welches ich sehr gern annehme, weil Reifenst. auch mitgeht, der gegen mich so gut, honett u. freundschaftlich ist, als es irgend ein Landsmann sein kann. Morgen esse ich mit ihm bei der Angelika zum erstenmal, bisher sind immer Hinderungen gewesen: sie ist eine gar zarte, jungfräuliche Seele, wie eine Madonna, oder wie ein Täubchen. In kleiner Gesellschaft zwischen 2. u. 3. ist sie gar lieblich; sie lebt aber sehr eingezogen, ich möchte sagen, in einer malerischen Ideenwelt, in der das Vögelchen auch nur alle Früchte u. Blumen mit dem Schnäbelchen berühret. Ihr alter Zucchi ist ein braver Mann in seiner Art; er kommt mir aber immer wie ein Venezianischer Alter in der Komödie vor, u. im Grunde wird mir hier alles ein Schauspiel. Die große Welt, die Kardinäle, Monsignori, Principi u. Principesse fangen mich auch an zu ennuyieren; es ist indessen auch gut, dies Schauspiel gesehen zu haben, an etwas Ernsthafteres ist hier nicht Zeit zu denken. An Liebe vollends hier gar nicht; sie scheint in diesem Lande gar nicht Sentiment, sondern sinnlicher Genuß zu sein; das andre ist ein train von Seelenlosen Konversationen und Observanzen, die zu viel Zeit u. Geld kosten, als daß sie der Mühe wert wären. Ich bin auch in ein paar Kreise vom sogenannten 2ten Adel eingeführt worden, wo unbeschreiblich viel Geist und Liebenswürdigkeit wohnen sollte; es ist viel Gutes, mehr Geist u. Genuß darin, als im Gewühl des ersten Ranges, für mich aber, der ich der Sprache bis zu den Feinheiten des Witzes nicht kundig bin, ist nicht viel mehr auch darin, als Musik, Gesang u. hie u. da eine feine Italienische Seele. Ich kehre also wahrscheinlich, ob ich gleich sehr höflich bin u. die Damen es gegen mich auch sind, mit sehr unbefangenem Herzen wieder. Da habe ich Dir nun ein großes Glaubensbekenntnis abgelegt, liebe treue Seele; u. nun muß ich Dich noch 1000.mal um Vergebung bitten, daß ich Dich mit Einem meiner Br. beleidigt zu haben scheine. Basta, es soll nicht mehr geschehen; es waren Zeiten des Drucks, der auf mir lag, u. sie sind jetzt hoffentlich vorüber. Entziehe mir Deinen guten Rat nicht, ich bitte Dich, um Alles; in Dir wohnt ein guter, heiliger Geist, ich spüre es immer mehr, von Tage zu Tage. Denke z. E. auch darin hast Du recht gehabt, daß Du mich die Uhr nicht mitnehmen ließest: seit 3. Tagen ist die meinige weg, verloren, gestohlen, ich weiß nicht, verschwunden. Alle Mühe, die ich mir deswegen gab, ist bisher vergebens gewesen. Du kannst nicht glauben, wie mich der Verlust derselben, insonderheit auch der Siegel dauert: ich kanns noch nicht verschmerzen, oder begreifen. Abscheulich! – D. ist seit gestern früh mit der S. nach Napel. Sie hielten die Reise bis aufs letzte geheim, u. Montag, da ich ihn in seiner vorgegebnen oder wahren Krankheit besuchte (sie waren immer beide zusammen krank) sagte er mir kein Wort davon. Mittwoch Abend finde ich die S. bei der Herz. (d'Agincourt war da u. erklärte seine Kupfer) wie er weggeht, nimmt sie die Herz. in ein andres Zimmer u. bittet sie, es mir zu sagen, daß sie übermorgen früh der Gesundheit halben nach Napel gingen. Wie ich nach Hause kam, finde ich ein Billet von ihm, worin er dasselbe sagt u. auch Familienangelegenheiten vorwendet. Den folgenden Tag kam er zu mir, u. wiederholte dasselbe. Ich habe herzl. Abschied von ihm genommen: denn er ist, wenn man mit ihm allein ist, eine liebe Seele; aber ganz u. gar unter der Frauen. Ihr Aufenthalt in Rom ist auf die höchste Weise albern gewesen, u. sie hat ihm auch den Seinigen ganz u. gar verdorben. Erst ruinierte sie uns unsern Kurs, nachher ward sie krank, weil sie durchaus nicht in der Suite der Herz. in der großen Welt erscheinen wollte, u. saß über einen Monat zu Hause, wo er denn ihr zu Gefallen auch meistens mitbleiben mußte, unter dem Vorwande der Gesundheit. Wahrscheinlich verließ sie sich darauf, daß der Senator kommen sollte, an den sie einen Brief hat; da er aber zu lange ausblieb, mußte sie sich bequemen, mit der G[öchhausen] die Visiten umherzumachen. Sie erschien bei Bernis, hat beim Staatssekr. u. bei Bernis einmal mit uns gegessen; u. sie hat alle Ehre genossen, die sie fordern kann, da sie mit der Herz. kam. Vorigen Sonntag, da wir beim Span. Minister aßen, war sie schon wieder krank u. der gute D. mit ihr; so blieben sie, bis sie sich gestern eklipsierten. D. ist den Tag vor seiner Abreise bei einge Kardinäle umhergefahren; dem Papst selbst ist er aber noch nicht vorgestellt worden, weil der Kard. Herzan krank ist, u. er, um nicht knien zu dörfen, ohne ihn keine Audienz nehmen wollte. In Napel rechnet sie nun wahrscheinlich durch seine Bekannten, die er dort von Deutschland her hat, eine große Rolle zu spielen, u. vielleicht der H[erzogin], die sich dort ganz stille halten will, auf eine alberne Weise zu trotzen, daß jetzt sie in der großen Welt glänze. Es möge ihr gelingen! ich gönne es ihr, weil sie sonst in der Welt nichts anders hat, u. wünsche dem guten D. gute Gesundheit. O was bin ich für ein Tor gegen die Weiber, daß ich ihnen auf ihre glatte Haut viel mehr Gutes zutraue, als sie nur zu haben begehren. Doch auch hievon gnug u. zuviel; wir sind geschieden, u. jetzt scheiden uns schon Meilen u. Tagereisen, wie vorher Straßen von einander. Lebe wohl, liebe Gute, Du Einzige Deiner Art, die ich von Tage zu Tage mehr als solche erkenne u. für Dich Gott im Himmel preise. Grüße die Kinder u. danke Gottfr., Aug. u. Wilh. für Ihre lieben Briefchen. An Luischen u. Emil will ich selbst schreiben. Dank Dir auch für das Salz, das gestern angekommen ist, u. für die Nachrichten, die Du mir gibst, auch für das Madagask. Liedchen. Verzeihe mir, daß ich die Uhr verloren habe: der Verlust kränkt mich, wie er Dich nicht kränken kann, u. ich schäme mich bei dem Verdrusse; sage aber davon Niemanden. Ich habe heut von dem überschickten Salz genommen u. bin deshalb zu Hause geblieben; gewinne ich Zeit, so will ich an Knebel auch schreiben. Was ist das für eine Kirchenmusik, die in der Stadtkirche von Wolf aufgeführt worden? wer hat den Text dazu gemacht? u. wenn ward sie gegeben? Sobald Göthens Lieder heraus sind, überschicke sie mir doch; Du darfst sie mir nur unter Buris Adresse senden. Lebe wohl, Holde, Liebe. H. Vielleicht kommt dieser Br. auf den H[eiligen] Christ zu Euch, wenigstens kommt er nach demselben u. noch vor dem N[euen] J[ahr]. Zu beidem wünsche ich Euch allen tausendmal Glück; wünschet es mir auch, meine Lieben. O Du sonderbare Zahl 789. was trägst du in deinem Schoße? Du bist der Übergang zu einer so runden 90 und hast so eine arithmetische Progression in dir. Bringe uns gutes, heiliges, liebes Jahr, wir wollen uns bestreben, es zu verdienen. Lebe wohl, Herz, ich küsse Dir Deine lieben Hände. – Den Br. an Kn[ebel] lege in einen Zettel u. schicke ihm denselben versiegelt zu; ich habe ihn offen geschickt, um ein Couvert zu ersparen. J. G. Herder an Karl Ludwig von Knebel Rom, den 13. Dez. 88. Ihre beiden Br., l[ieber] K[nebel] u. Ihre kleinen Denkverse sind mir höchst erfreulich gewesen, ob ich sie gleich so lange nicht beantwortet habe. Sie wissen aber, der Br. an einen Freund ist wie eine Rechenschaft, zu der man ehe das Caput geschlossen ist, ungern gehet; im Gewühl endlich u. in der Menge solcher Gegenstände, als Rom enthält, läßt sich eigentlich gar nicht schreiben. Desto fleißiger habe ich an Sie gedacht, u. bin oft mit Ihnen meine große Stube durchwandelt. Wahrlich, l. K., Götter u. Genien wandeln u. spielen mit unserm Schicksal, obgleich zuletzt Alles von natürlichen Ursachen, von den Leidenschaften u. Phantasien, der Vernunft u. Unvernunft der Menschen ppp abhängt. So bin ich nach Italien gekommen: so lebe ich drin; so werde ich zurückkehren; und das Beste, das man allenthalben davon bringt, ist oder sind wir selbst. Gleichviel, ob man wie der H. Bartholom[äus] in Angelo's j[üngstem] Gericht seine geschundene Haut, oder wie die Venus den schönen Hintern vorweiset. Allenfalls ists gut, wenn man sich auf beides gefaßt macht, u. das Beste in sich selbst verwahret. Ich lebe in Rom fort, gesund u. seit ich in meiner Freiheit bin, ziemlich glücklich, wenigstens so beschäftigt, daß ich nicht weiß, wie Tage u. Wochen entfliehen, ob ich sie gleich nicht immer nach barem Gewinst berechnen kann. Im Vatikan z. E. ists mir noch nicht geglückt, etwas zu finden; ich kann aber auch nicht sagen, daß ich darin hätte suchen mögen, auf die Art, wie es mir daselbst zu suchen vergönnt ist. Man hat Befehl, mir vorzulegen, was ich begehre; den Katalog aber habe ich nicht in meiner Gewalt, er soll auch sehr unvollständig sein u. da läßt sich nicht viel begehren. Man verliert Zeit; u. wo nähme ich Zeit her, auch nur gehörig abzuschreiben, wenn ich was fände? Aus dem Vatikan wird kein Mskr. verabfolgt, u. der Vatikan ist eine halbe D[eutsche] Meile von mir. Also, wenn das Glück mich nicht zu guter letzt sonderbar heimsucht, werde ich diese meine Hoffnung, die vielleicht auch eine kleine Eitelkeit war, wohl aufgeben u. andern Glücklichern überlassen müssen. Ja, wenn ich 2. 3. Jahr hier bliebe; da ließe sich was suchen u. finden. In der Kunstbetrachtung bin ich nach meiner Weise fleißiger, u. ich gebe Göthen in Allem recht, was Er darüber saget. Das Einzige Schlimme dabei ist – aber ich will nicht einreden. Ich studiere, so oft ich kann, täglich 3. Stunden an diesen Gestalten der alten Welt, u. betrachte sie als einen Kodex der Humanität in den reinsten, ausgesuchtsten, harmonischen Formen. Mir verschwindet dabei Raum u. Zeit; ich habe die Idee, aus der Alles ward, aber ich habe keine Sprache, sie herzustammeln. Sie läßt sich, wie Alles in der Welt, nur durch Tat, durch Schöpfung zeigen; in meiner Seele indes soll sie bleiben. – Ich lese jetzt ein Spanisches Mskr. vom Ideal-Schönen, u. sehe, was es mit dem Schreiben für ein elendes Ding ist. Die lebendige, große, mittlere u. kleine Welt in Rom, die ich gnug zu sehen Gelegenheit habe, ist auch ein Bild, das ich nicht so leicht vergessen werde. Auch hierin ist Rom einzig in seiner Art, ein sonderbares Wesen: man kann u. muß in ihm, wenn mans recht sehen will, sich durch alle Zeiten durchleben. Man sieht in ihm Aegypten, Griechenland, den A[lten] Römischen Staat, das Juden- u. endlich das päpstl. Christentum durch alle Zeiten. Wer nur Augen u. Zeit hätte, alles zu finden, alles zu erfassen u. zu ordnen. Ich bin aber ein armer Wicht; meine Augen reichen nicht weit u. mein Glas ist dunkel. D[alberg] grüßet Sie sehr: er ist gestern früh mit der S[eckendorff] nach Napel gereiset, u. hat Rom wenig, ich will nicht sagen, genießen, sondern auch nur sehen können u. dörfen. Das kleine Köpfchen war immer krank oder mißlaunig, u. da mußte Er, der fröhlichste, beste Mensch, es ihr zu Gefallen, meistens mitsein. Gehe es Ihnen recht wohl in Napel, u. möge die Frau da finden, was ihre Seele begehret. Gnug, mir hat sie die Reise verdorben, u. meine verdammte Gutmütigkeit hat mir mehr fatale u. unnütze Tage gemacht, als ich mir durchaus hätte sollen machen lassen. Indessen habe ich mir jetzt um so weniger vorzuwerfen; u. auch das ist, obwohl ein elender Trost. Ich lebe jetzt viel mit der Herzogin u. wir sind alle sehr gut mit einander. Die Herz. ist sehr vergnügt, u. hat es jeden Augenblick auch sein können, weil es ihr in Allem sehr wohl u. glücklich gehet. Ich gehe mit ihr nach Napel; meine Rückreise über Florenz mache ich Allein; gebe Gott mit gutem Glück, helfen Sie es mir auch erbitten u. wünschen. Ihrer Schwester sagen Sie doch unendlich viel Liebes u. Gutes: ihr Bild steht oder vielmehr sitzt mir oft wie ein heiliges Klosterbild vor, insonderheit sehe ich sie in ihrem eigenen Zimmer sitzen am Garten, wo ich ein paar Augenblicke war. Von Neapel am Meer will ich an sie schreiben; auch an andre, die meiner vielleicht im Guten gedenken. Grüßen Sie doch auch Max. aufs beste, die gute, gute, brave Seele. Er hat mir mehr als einmal aufs innigste das Herz beweget; das kommt mir immer bei seinem Andenken u. Bilde zurück. Grüßen Sie ihn aufs beste u. wenn ich sagen kann, recht wie ein Bruder. Und wie gehts Ihnen, Lieber, mit Ihren Studien? mit Ihrer Philosophie u. f. O wenn Sie mich einmal mit einem oder einigen Aufsätzen der Art erfreuten! Sie versprachen es mir, haben mir aber nicht Wort gehalten. Wüßten Sie, wie unphilosophisch man hier lebet, wie abgeschnitten man hier auch sogar von allen Büchern der Art sei, u. wie schön sich doch hier unter dem blauen Himmel, bei Sonnen- u. Mondlicht philosophieren ließe; gewiß, Sie besuchten mich wie ein stiller Geist mit Ihren Phantasien, die mir immer so wert waren. Leben Sie wohl, liebe Seele, u. vor allen Dingen, alter Philosoph, lebe heiter. Heiterkeit ist das höchste Gut des Lebens, u. nur Gleichmütig- u. Gleichgültigkeit vermögen uns sie zu geben. Nur ein Hirtenknabe teilt den Apfel der Schönheit aus, u. die nackteste Göttin empfängt ihn. Lebe wohl, Lieber, ein gutes Xkindlein u. glücklich 1789. zum N[euen] J[ahr] – Der Br. ist zu weit beschrieben; er muß offen bleiben, was schadets auch? Meine Frau darf ihn zwar, aber sie wird ihn nicht lesen. Vale. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 19. Dez. 1788. Ohnerachtet ich heute beinahe nichts zu schreiben weiß, so muß ich Dir doch schreiben lieber Engel, damit Dir die wenigen Zeilen sagen mögen daß es uns wohl gehet. Ich habe vorigen Posttag vergebens auf einen Brief von Dir gewartet; auch heute kam keiner. Warum Du nicht geschrieben hast liebes Herz, getraue ich mir kaum zu sagen. Denn daß der Brief wieder solange unterwegs bleibe als das vorigemal, glaube ich nicht, weil sich keine Sache so dicht aufeinander ähnlich ist. Indessen bin ich ruhiger als das vorigemal beim Ausbleiben. Gott ist ja überall bei Dir u. wird Dich auch unsertwegen behüten. Ja das wird der gute Gott tun. – Ich wachte heute aus einem sehr lebhaften Traum wo ich Dich entkleidet sähe da Du eben einer FeuersGefahr entronnen bist. O Lieber Engel wenn es Dir irgend möglich ist, so schreibe mir doch alle 8 Tage u. wenns nur 6 Reihen wären; ich glaube daß meine Besorgnis um Dich, mir dergleichen Träume erschafft. Sehe doch auch darauf daß die Briefe zu ordentlicher Zeit auf die Post getragen werden, u. wenn etwas an einem Brief gelegen ist, so wäre es gut ihn durch Einsiedel in Ludecusens Brief einzuschließen; weil dieser die Briefe sehr richtig u. schnell bekommt. Er ist diesen Morgen bei mir gewesen, u. erzählte mir von der Herzogin Audienz beim Papst, die ihm Einsiedel beschrieben hat; indessen so gut u. hübsch Alles dort für die Herzogin geht, so wünscht Einsied. doch daß die Herz. Künftiges Jahr vor Eintritt der Hitze an die Rückreise denken möchte u. fürchtet nur die Göchh. die den Aufenthalt zu verlängern sucht. Er lobt Dich sehr u. sagt daß die Herz. auf Deinen Rat höre. In diesen letzten 8 Tagen ist nichts bemerkenswertes vorgefallen. Goethe war vorigen Sonnab. eine Stunde bei mir; es waren aber die Volgst. gerade da. Von Moriz wurde viel gesprochen, u. ich freue mich recht an seinem metaphysischen Kopf. Er hat uns letzthin mit einer ganz eignen Deutlichkeit u. Innigkeit gesagt, nur der sei ein Dichter, Künstler, Schöpfer, der seinem Werk eine vollständige Form, u. lebendige Gestalt geben könne, in welcher Sache als es auch sei. Nie müsse ein Dichter auf Effekte arbeiten; nur das Ganze u. nicht zerstückte Geschöpf, das er jetzt hervorbringen will, muß seine Seele erfüllen. Er hat es so bildlich schön gesagt daß ich kein Wort von ihm wiederhole; auch sagte er zu unsrer Freude daß er eine Abhandlung darüber geschrieben habe. Er selbst scheint kein erfinderischer Geist zu sein, was ihm aber vorkommt oder was ihn intressiert (welches vorzüglich die Kunst ist.) weiß sein Geist auf solche deutliche u. anschauliche Grundregeln zu bringen, daß es eine Lust ist ihm zuzuhören. [...] Alles was Moriz gesagt hat, habe ich durch Dich längst gewußt, ja ich hätte es aus jeder Deiner Schrift wissen können; aber unser einer muß mit der Nase drauf gestoßen werden. Jetzt weiß ich deutlich von einer Seite, warum mir Deine Arbeit so ganz gefällt; von der andern Seite habe ich sie längst durch u. durch empfunden. [...] Ludecus ließ heute auch ein Wort von der Rückreise der Herz. fallen, daß sie nämlich vielleicht durch das südliche Frankreich gehen möchte, welches ihr in allem Betracht gesunder wäre als in Italien die Hitze auszuhalten. Ich vermute daß dies Einsied. Wunsch ist, u. es wäre so übel nicht sie dazu zu bereden, ehe etwas ungeschicktes in Rom noch vorfiele. Nach dieser Königl. Audienz beim Papst sind wohl aller Augen auf sie gerichtet u. sie hat sich sehr zusammen zu nehmen. Lebe wohl liebstes Herz, erfreue mich bald mit einem guten Brief – wie koste ich jedes Wörtchen das Du schreibst. Lebe wohl mein Einzig u. ewigteurer; Gott nehme Dich in seinen heiligen Schutz u. wende alle Übel ab. Lebewohl. Die Kinder sind alle gesund u. grüßen Dich tausendmal. Emil ist diese Woche beim Erbprinz gewesen. Es ist Besuch so eben bei den Kleinen, darum schreibt Luise u. Emil nicht. Grüße auch den Werner wieder einmal, ich hoffe daß er noch immer seine Sache gutmacht; seinetwegen allein gebe ich der Henriette wöchentl. etwas, ich hoffe er wird das durch Aufmerksamkeit u. Treue an Dir erkennen. Lebe wohl lieber Pilgrim. C. H. Gottfried Herder an J. G. Herder [Weimar,] d. 19t. Dezembr. 1788. Liebster Vater. Es freut mich außerordentlich, daß es Ihnen jetzt in Rom so vergnügt geht, daß Sie so viele Ehren von den Kardinälen genießen, und daß Sie die Vaticana sehn; manchen schönen Schatz werden Sie darinnen finden, und manche vergnügte Stunden haben. Noch Tausend, tausendmal danke ich Ihnen für den schönen, lieben Brief aus Tivoli, ich kann mich nicht satt daran lesen, immer finde etwas neues, das ich vorher noch nicht so bemerkt habe. O schreiben Sie mir bald wieder, und zwar von der Vaticana, denn damit kann man mich am meisten vergnügen. – Es sind ohnlängst Prämien in Secunda ausgeteilt worden, und da habe ich des Xenophon memorabilia Socratis bekommen, die ich auch bald mit Herrn Schäfer anfangen will zu lesen. Wir haben schon seit 14 Tagen keinen Brief von Ihnen bekommen, und die Mutter war recht traurig. Der Herr Geheimderat Göthe heiterte uns aber wieder auf, da er uns einen Brief von der Herzogin Mutter aus Rom zu lesen schickte, worin sie gar viel Gutes von Ihnen sagt, unter andern: daß man Sie überall gar gern hätte, und auch bei den römischen Damen beliebt wären; sie schrieb aber auch, die Mutter sollte sich darüber keinen Kummer machen, denn Sie blieben ihr so treu wie ein General-Superintendent. Da habe ich denn auch den Herrn Bajozzo im Bilde, mit einem römischen Soldaten exerzieren sehn. Bringen Sie doch einige Gemälde aus Tivoli mit, ich bitte Sie recht sehr darum, daß wir alles in natura sehen können. O wie sehnlich sehen wir jetzt der Rückkehr entgegen, uns um Ihren Hals zu schlingen, unsern besten Vater wieder an unsern Busen zu drücken, u. von so schönen Sachen erzählen zu hören. Immer näher rückt sich diese Zeit, und die Hälfte ist so schnell schon dahingeflossen, daß die andere eben so schnell verstreichen wird. Übrigens wünsche ich Ihnen viel 1 000,0000 Glück zum neuangetretnem Jahre, lassen Sie uns ferner Ihre Huld so genießen, als im vorigen Jahre, und 1 000,000 Dank für alles so vieles Gute, das ich's Ihren Händen empfing. Leben Sie wohl, liebster Vater, Lieben Sie mich und denken Sie oft an mich. Der H. Konrektor, Professor Kästner und H. Schäfer lassen Sie vielmals grüßen. Bleiben Sie gesund, u. vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten u. Sie zärtl. liebend. Sohn Gottfried Herder. August Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 12. 1788 Carissime pater. Nos jam post decem dies nullas epistolas accepimus, qua e re valde tristis sum. Ego et Guielmus apud pueros Danzelmanos edimus et ei mihi placent propter integritatem eorum, et bis cum eis in glaciem ivimus. Ego etiam aegrotus fui et quidem doloribus capitis et vomitione vexatus sum, sed nunc rursus sanus factus sum. Mens meum spe in sanctum Christum impleta est. Vale, faveque obedientissimo filio tuo Augusto Herdero. die XIX Decembr. 1788. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 20. Dez. 88. Dank Dir tausendmal, meine Liebe, für Deine 2. lieben guten Br.; der erste auf den Meinigen, der mir viel Unruhe machte, daß er Dich ohne Not u. wider meinen Willen kränken würde, hat mich durch die Sanftmut u. den verhülleten Schmerz, der darin herrschet, aufs innigste verwundet. Gott weiß, ich habe Dir nichts übles schreiben wollen; alles war damals unangenehmer Druck meiner Seele. Was in der Welt könnte ich haben u. wollen, um Dich zu kränken? Dich, die mein Alles ist, u. an der meine Seele, wie diese an ihrem Körper hänget. Du leidest, duldest, schaffst, sorgest dort, indessen ich mich, Gott weiß wozu? umhertreibe, u. auch die Wahrheit zu sagen, nicht viel gewinne. Vergib mir diesen Br., er soll der u. das letzte sein, das Du mir vergibest; u. vor allen Dingen entziehe mir Deine treue Meinung u. Deinen guten Rat nicht. Er ist mir wahrlich wie die Stimme eines Engels, möge ich auch darüber, was ich wolle, sagen. Was in der Welt wäre u. würde es, wenn wir einander unsre Gedanken verschleierten u. zurückhielten? Da wäre mein letztes Glück des Lebens, mein Schutzgeist u. Orakel, verstummt, verloren u. verschwunden. Ich zittre, daran zu gedenken, u. bitte Dich um nichts als um Licht, Liebe u. Leben, wie mein altes Petschaft saget. Für die Sorge, die Du auf den lieben Kleinen gewandt hast, sage ich Dir 1000.mal Dank: ich schreibe an ihn, u. werde sehr in Gedanken bei Euch sein, wenn Ihr Euren H[eiligen] Christ feiert. Wie werde ich ihn feiern? Küsse den lieben Jungen, u. alle seine Geschwister, auch das liebe Luischen für ihren angenehmen Br. Ich schreibe bald wieder an sie alle, nach der Reihe. Mir gehets hier so gut, wie es gehen kann. Das Wetter ist schlecht u. der Winter diesmal sehr regenhaft; da ist denn nicht gut sein. Indessen bin ich gesund, u. was will ich mehr? Auch sehe ich, wozu sich Gelegenheit darbeut; an arbeiten, denken pp ist bei der Witterung kein Gedanke. Bleibts, wie es beschlossen ist, so gehen wir mit dem n[euen] Jahr nach Napel, worauf ich mich freue: denn mit allem ist Rom doch ein Grab. Bleiben wir aber auch noch hier, so ists mir auch recht; ich habe, was ich nützen, versuchen, u. tun kann. Am Ende kommts auf Eins heraus, wenn man hier oder dort sei; die Zeit hat im Ganzen doch ihren Umriß. Ehegestern ist der Senator wiedergekommen; gestern Abend ist er zuerst erschienen, wo ich ihn denn bei der Herz., bei Bernis u. Borghese gesehen habe. Heute habe ich nicht zu ihm kommen können, um meinen Br. abzugeben; das soll morgen, so Gott will, geschehen. Er scheint ein gar hübscher, feiner, u. ist ein sehr ansehnlicher Mann. Ich wollte indessen, daß er für Rom früher gekommen wäre; jetzt ist die Zeit vorüber, u. eine große Gleichgültigkeit, oder Gleichmütigkeit hat sich meiner bemächtigt, die ich eben nicht für Weisheit ausgeben will, weil sie Natur der Dinge ist. Ich wollte, ich hätte meinen Lauf geendigt. Der Herzog hat bei Trippel meine Buste in Marmor bestellen lassen; es ist Ehre für mich, ich kann aber auch nicht sagen, daß ich große Freude dran hätte. Die Kunst, u. die Unsterblichkeit in ihr wird mir auch gleichgültig; indes ists für den Künstler mir nicht zuwider. – Der Herz. Antw[ort] auf meinen Br. sehe ich zwar voraus, u. doch erwarte ich sie sehr. Nun ein andres Blatt. Und da zuvörderst Werners dummen Streich. Ich habe ihm den Br. gegeben, sogleich da ich das Couvert erbrach; nachher habe ich ihm nur 3. Worte gesagt, worüber er denn sehr anfing zu weinen. Weiter mag ich mich mit ihm nicht ausreden; es ist u. bleibt dumm. Tue Du dort, was Du tun kannst; ich wills hier tun, es ist ein Flegelstreich, insonderheit vor der Abreise. Übrigens bin ich Deiner Meinung: man muß sich der Menschen u. zwar solcher Menschen nicht zu sehr annehmen mit Sorgen u. Gedanken. Gnug darüber. Tue für sie, was Du kannst; im Ganzen ist sie doch – – – Ach, liebe Seele, über alles das mag ich Dir jetzt ordentlich mein Herz nicht eröffnen. Je mehr man die Menschen kennen lernt, desto weniger lernt man sie schätzen; desto mehr aber hält man an dem, was man kostbares hat. Sorge nicht, daß ich kalt gegen Dich zurückkomme, die Entfernung hat mich tausendfach an Dich gebunden, u. ich bin Dein mit Herz u. Seele. Der Traum hat Dir das Gegenteil bedeutet, wie Tr[äume] zu tun pflegen. Lebe wohl, Liebe. Die Herz. grüßt Dich gar sehr, auch die Göchhausen. Die Herz. ist gar gut gegen mich, ich wollte, daß ich ihr auch was sein könnte. Lebe wohl, Beste, Einzige; lebt wohl, Ihr Kinder. Noch Einmal schreibe ich Euch in diesem Jahre, u. will mit Euch Weihnachten feiren. Lebt wohl, wohl! H. Grüße Göthe u. Knebel; danke dem letzten für seinen Brief, auf den ich bald antworten werde. Ich wünsche, daß ich für Ihn mehr tun könnte, als Br. schreiben. Lebewohl Engel. Luise von Göchhausen an Christoph Martin Wieland Rom, 20. 12. 1788 [...] Jeder Vormittag, sehr wenige ausgenommen, sind der Kunst gewidmet, wir sahen noch jeden etwas neues, ich nehme das Museum und noch einge Dinge, als das Pantheon, die PetersKirche etc. aus, wohin wir oft wiederholte Wallfahrten machen. Bei diesen Vormittägigen Wanderungen begleitet uns Herder und Reifenstein. Wir fahren gegen 10 Uhr aus und kommen um 2 wieder zurück. Beide Herrn essen bei uns, zuweilen auch noch einer oder der andere unserer hiesigen Bekannten, und da werden denn oft Tischreden gehalten – denen auch Sie bester Freund, mit Vergnügen beiwohnen würden, und zu welchen, so oft, mein Herz Sie sehnlich wünscht. Einige Zeit nach Tisch begibt sich jedes in sein Kämmerlein, oder, wenn der Nachmittag sehr schön ist werden Spazierfahrten in irgend eine merkwürdige Gegend in und um Rom veranstallt und der Abend versammelt alles um den TeeTisch, um welchen sich denn verschiedene der hiesigen Bekannten mit einfinden. Da jetzt kein Theater ist, werden auch zuweilen kleine Konzerte veranstaltet. Dies ist unser gewöhnliches Leben; da aber die Herzogin auch genötigt ist einige Tage der Woche der großen Welt darzubringen, so leidet dieser Gang alsdann kleine Abänderungen. Außer Haus ißt die Herzogin bei niemanden zu Mittag (da sie ihrer Gesundheit wegen alle große und Ministerial Dinérs verbeten hat) als bei'm Kardinal Staats Sekretär Boncompagni, den Kardinal Bernis, und den Spanischen Gesandten Cevallier Azara, der nämliche der Mengsens Werke herausgegeben. Diese Dinérs sind meist sehr interessant, weil nur wenige aber vorzügliche Personen dazu eingeladen werden, und diese 3 Männer schon für sich zu den besten und ausgezeichnesten gehören. Der Kardinal Bernis kommt beinahe einen Abend um den andern zur Herzogin und ohngeachtet seines beinahe 70 Jährigen Alters ist er von der besten Gesellschaft die sich denken läßt; er hat bei viel Verstand, Welt und Menschenkenntnis, alles gute was seine Nation vorzüglich für die Sozietät auszeichnet. Er lebte mit den besten Köpfen aus den Zeitalter Louis XIV, Voltaire Fontenelle und so viel andern großen sowohl Weltleuten als Gelehrten, und erzählt gern und gut von diesen Zeiten. Da die Herzogin nur wenig Personen zu ihrer Abendgesellschaft aufgenommen, weil sie sonst genötiget gewesen wär alle Abend für halb Rom zu Hause zu sein; so bringt der Kardinal nur einige der besten und interessantesten mit sich, die denn von 7 Uhr Abends freien Zutritt haben, und ich darf wohl behaupten daß man nicht leicht in besserer Gesellschaft sich befinden kann. In die sogenannten großen Konversationen wo, wie man sich hier ausdrückt, ganz Rom versammelt ist und die aus 2 bis 300 und noch mehr, Menschen bestehn, geht die Herzogin nur zuweilen, höchstens die Woche einmal. Ich gestehe daß auch diese, der Neuheit wegen mich sehr unterhalten haben. Die Schönheit der Paläste, der Illumination und die Unzahl und Verschiedenheit der Menschen die alle so bequem und lustig einherwandeln, da der ungeheuren Säle wegen an kein Gedränge zu denken ist, gibt ein sehr unterhaltendes Schauspiel. Bei diesen Konversationen ist entweder Konzert oder es wird gespielt. Die Herzogin spielt Wist den Fisch 1 Dukaten, auch meine Wenigkeit, aber dito etwas geringer zu 1 Konvent. Tr., welches, wenn ich Unglück hätte, noch immer hoch genug wäre, bis jetzt gings aber ganz gut. Da man sich einer ganz außerordentlichen, und ich darf wohl sagen, für die Römer ungewöhnlichen Höflichkeit gegen die Herzogin befleißiget, so kommt par contre Coup auch viel davon auf mich, und ich kann mit Wahrheit sagen daß mirs in meinem Leben so wohl noch nicht gegangen ist. [...] Herzog Carl August an J. G. Herder W[eimar], den 24. Dezember 1788. Ihren Brief vom 29. November, lieber Freund, erhielt ich am 21. dieses. So sehr man sich hier zu Lande in die Genüsse zu versetzen mag, welche Sie umgeben, so wenig kann man sich gewiß bei Ihnen den leidenden Ungenuß sinnlich fühlbar machen, der uns der schönsten Rechte der Menschheit beraubt. Der Winter ist nämlich mit der Hälfte vorigen Monats so wütend eingetreten, daß bloß Notwendigkeit einen Einwohner unsers vernachlässigten Himmelsstrichs es konnte erdulden heißen, was er beim Gebrauche der freien Luft aushalten mußte. Ein unmäßiger Schnee nahm vollends der Landschaft, die sonsten bei dürrem Froste Reize behält, alle Mannigfaltigkeit. Endlich gesellt sich noch zu allen diesen Unformen ein Tauwetter hinzu, welches diese Nacht mit abscheulicher Gewaltsamkeit eintrat und uns in ein Meer von Kot und zerflossenen Salzen taucht. Die Natur behandelt uns gewaltig ins Ganze; wenig einzelne Sorgfalt zeigt sich, welche sie zu unserer Erhaltung anwendet. Von allen Teilen des menschlichen Körpers, welche zur Bildung eines Kunststücks anwendbar sind, hat uns in unserm kunstlosen Lande das Schicksal bloß die Zunge gelöst; denn die Produktionen der Hände und Finger fallen täglich ärmlicher aus. Das Organ der Sprache ist auch das einzige, durch welches wir uns Trost mitteilen und welches unsere Existenz von der der Bäume und Pflanzen unterscheidet, die duldend ihre Keime in die Schale und Rinde verschließen. Ein Gast, den wir seit einiger Zeit hier besitzen, der Professor Moritz, trägt das Seinige bei; sein scharfes Spähen und die seltsame und eigene Art, seine Entdeckungen einzuwickeln, um sie wieder zu zerlegen, erweckt neue Gedanken und gibt Belustigung. Knebel hat das Glück, das Ungemach der Jahreszeit über den Zorn zu vergessen, welchen bei ihm die Heirat des Kammerherrn von Werther mit dem mittelsten Fräulein von Ziegesar erweckt. Goethe lebt von den Renten seines großen Kapitals, welches so sicher zu stehen scheint, daß keine äußeren Zufälle oder Mängel ihm Furcht für Schwächung derselben einflößen können. Meine Frau ist in ihrem Zustande wohler und vergnügter, als ich sie je in einer solchen Lage kannte; die Kinder wachsen einfach und ohne Übel heran. Die Ihrigen spielen treulich mit meinem Sohne die Existenz hinweg. Leicht kann ich mir es vorstellen, wie es ohnmöglich scheinen muß, irgend ein passendes Wort und eine viel einschließende Silbe zu artikulieren, welche irgend einen Begriff deutlich ausdrücken soll, den die Gegenwart irgend einer Bildung des Altertums so lichtschnell in die Seele drückt. Ich glaube, daß man die Sprache jener Kunstwerke ohne Wörterbuch mit einer Leichtigkeit verstehen kann, daß es einen dünkt, man habe den Gedanken selbst geschaffen; mit verhältnismäßiger Langsamkeit kann aber auch dieser gefühlte Eindruck zum lautenden Worte werden; vielleicht erstickt er gar in der Geburt. Deswegen kömmt mir das Stummsein dererjenigen, welche in der Nähe der wiederkehrenden Göttergeschlechter sind, so natürlich vor. Ich freue mich darauf zu erfahren, welches Sie für die Ursachen halten, die es denen jetzt lebenden Geschlechtern verbieten, die Muster der Kunst auch nur zu kopieren. Die Erscheinung ist doch wunderbar, weniger aber das Nichtimponieren der Römisch-kirchlichen Gebräuche auf Ihren Geist. Ich dächte, diese müßten einem an Wahrheit gewöhnten und gereiften Manne ekelhaft und ärgerlich werden. Ihr sehr grau beleuchtetes Vescovato hat sich sehr aufgeheitert, da neulich unter andern Moritz einem der Schulkollegen hier (Schwaben) erzählte, Sie hätten der hiesigen Schulen in Rom gegen ihn erwähnt. Es ist rührend zu sehen, wie jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten die Liebe und das Vertrauen Ihrer Untergebenen sich öffentlich zeigt und ausdrückt. Die politische Lage der Staaten, obgleich sie kraus genug aussieht, läßt doch denenjenigen, die die inneren Zusammenhänge etwas genauer als der gemeine Haufen kennen, hoffen, daß wir Ruhe behalten und keinen alles unterbrechenden Krieg bekommen werden. Das Glück ersetzt, was oft die Vorsicht und genaue Berechnung unterläßt. Bei Ihrer Rückkunft erwartet Sie die Geschichte der Regierung des verstorbenen Königs in Preußen, von ihm selbst beschrieben; dieses Buch gewährt Ihnen gewiß große Zufriedenheit. Leben Sie wohl, lieber Freund, und erinnern sich der Zurückgelassenen eben so gerne, als wie diese Ihrer mit Liebe und treuer Anhänglichkeit gedenken. C. A. H. z. S. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 25. Dezemb. 1788. Dein Brief vom 29. Nov. mit der Inlage an den Herzog ist endlich vorgestern Abend angekommen, u. die Inlage sogleich an den Herz. durch Gottfried hinaufgesandt worden, der den Br. dem Kammerdiener gegeben, welcher ihn sogleich hinein getragen hat. Wie angenehm mir der Brief endlich erschienen ist, kann ich nicht genug sagen; ich saß eben u. nähte noch an 2 Brieftaschen für Adelbert u. Emil als dieser Brief zu einer ungewohnten Zeit u. Stunde ankam. Den Sonntag hatte ich den vom 6. Dez. erhalten, u. vermutete daß einer noch dazwischen geschrieben sein mußte. Gottlob daß er nicht verloren ging; er ist auf die fahrende Post gegeben worden. Ich wünschte daß Werner in dieser Sache doch sehr akkurat wäre. Nun lieber Engel haben wir gestern Abend den h. Christ das erstemal ohne Dich gefeiert – u. da wars denn freilich als fehlte Geist u. Seele. ich rüstete alles mit beklommenem Herzen, u. da der Baum brannte u. die ganze Szene mit ziemlich stummer Freude vorüber ging, konnte ich mich auch nicht länger halten u. weinte mich recht satt aus. Dein u. Alfreds Andenken, durfte ich mir durch kein äußerliches Zeichen lebhaft machen; ich weiß was ich in diesen Tagen in mir getragen habe, u. noch liegts wie ein schwerer Stein in mir. Aber Gott hilft mir tragen. Die Kinder werden Dir schreiben, was beschert worden ist. Wilhelm war am fröhlichsten wegen seinem Farbenkasten. er bescherte mir zwei Zeichnungen. Ein Genius mit einer Schale voll Rosen u. Früchte; u. ein Priester der eben Weihrauch auf dem Altar opfert. Gottfried legte in das Schatzkästchen, das immer auf meinem Arbeitstischgen liegt, den Hirschdukaten, als ein Scherflein zum heil. Christ, weil ich etwas unwillig war, daß er mir höher gekommen ist, als ich mirs vorgesetzt hatte, ich nahm aber den Dukaten nicht, wie Du leicht denken kannst. Sein Gemüt ist so zart u. weich; Gott erhalte es ihm. Luisgen wird Dir im nächsten Br. schreiben; sie hat zuviel Pfefferkuchen gegessen u. den Magen verdorben, ich lasse sie daher heute nicht schreiben. Da alles weggeräumt war, setzten wir uns um den Tisch, ein jedes nahm sein beschertes Buch u. nun wurde gelesen. Adelbert übersetzte einen Vers aus dem Griechischen Testament u. las hernach mit Luisgen u. Emil in der Bibl. Historie; er wählte Elias Himmelfahrt, Luisgen die Geschichte Samuel wie ihn der Herr im Tempel gerufen hatte, u. Emil wollte das lesen: wie die Israel. Kinder durchs Meer gegangen sind, u. Mose ins Meer mit dem Stock geschlagen hat. Die 2 ersten wurden gelesen; Emil war voll Feuer die seinige auch zu lesen, u. es ging bis zur Hälfte ziemlich, da ihm die Mutter die schweren u. 2silbigen Worte vorsagte; die einsilbigen gehen gut. August übersetzte eine Griechische Fabel: vom Fuchs als er den Löwen zum erstenmal sah. pp Den Montag war die Stein, die Kalb u. Moriz zum Caffèe bei mir, gegen Abend kam Goethe u. Knebel. Wenn wir Frauen mit Moriz allein sind, da geht es gar hübsch; er ist alsdann unser Prophet u. unsre Kenntnisse nehmen jedesmal zu. So war er 2 Tage vorher zum Caffèe allein bei mir; Wir kamen auf Goethens Werke zu sprechen: da sagte er mir, wie er durch das Studium der Perspektive darauf gekommen sei, den Mittelpunkt in einem Stück aufzusuchen; oder um ein Stück zu beurteilen müsse man den Mittelpunkt aufsuchen. Den müsse man nun nicht am Ende des Stücks sondern in der Mitte suchen, so wie alle Radien vom Mittelpunkt ausgehn u. sich in den Anfang u. Ende verlieren. So ist in Egmont der Mittelpunkt die Szene, da Clärchen vor Egmont kniet u. frägt: bist du der Egmont pp u. er antwortete: nein der Egmont bin ich nicht dem das Volk anhangt pp Dein Egmont bin ich. u. Clärchen: so laß mich sterben, die Welt hat keine Freuden auf diese. Hier sei der höchste Punkt des Stücks. Er u. Klärchen . Politik ist ihm nichts, gegen dieses Verhältnis – an dieser Szene hängt nun sein Tod u. Clärchens freiwilliger Tod. Moriz hat noch vieles u. manches auseinander gesetzt, das hier zu weitläuftig ist. Mich dünkt, es sei eine gute u. leichte Art die Sache, worauf es ankommt, zu suchen. Er selbst hat hier nur erst den glücklichen Fund durch das Studium der Perspektive getan; u. ist selbst darüber in seiner gehaltenen Gemütsart sehr zufrieden, weil Goethe ihm recht gibt. In Werther setzt er den Mittelpunkt in den Brief »hätte ich Fittige eines Kranichs pp kurz Werthers Geist u. Gemütsart ist zu groß für seine Menschheit gewesen, er hat sich sozusagen überwachsen, u. der geringste Anlaß seis Liebe oder etwas anderes brachte ihn an sein Ende. [...] Er hat mir eine gar schöne glückliche Stunde durch diese Aufklärung gemacht; u. wir haben Deiner gar sehr gedacht; er sagte mir auch daß Du seinen Aufsatz über die Kunst gelesen hättest. Den Montag war nun wieder die Rede davon u. wir frugen nach dem Mittelpunkt in Götz von Berlichingen; den sollten wir aber selbst aufsuchen, sagte er. er hätte ihn auch gefunden, u. es Goethe gesagt; da hätten sie zusammen sehr gelacht. – Goethe war über Deinen Brief an ihn vergnügt; er dankt Dir u. grüßt Dich, auch Knebel, Fr. v. Stein, u. Kalb. Sonst sehe ich niemand. Wir freuen uns alle daß Du so wohl u. heiter bist. Inssonderheit aber freut u. rührt mich die Güte der besten Herzogin gegen Dich. Auch in Briefen hierher äußert sie Gutes u. das Beste von Dir u. es ist mir beinahe als ob die [ersten] guten Zeiten wiederkommen wollten, da sie so zuvorkommend liebreich gegen uns gewesen ist. Nun der römische Himmel verjünge Dein Leben u. verjünge das Ihrige u. bringe die alten guten Zeiten wieder für Dich. Empfehle mich der Durchl. Palmirena untertänigst u. sage Ihr daß ich mit Zärtlichkeit an Sie dächte, u. Ihr für jedes liebreiche Andenken die Hand küsse, ich danke Ihr oft in Gedanken für die Reise nach Italien – u. halte Sie beinah wie Deine Schutzheilige, ich will Ihr gewiß einen Altar aufrichten. Wie sonderbar muß sich doch alles treffen. [...] Nun lebe für heute wohl liebes Herz. Gott sei bei Dir, erhalte Dich Gesund u. gebe Dir Freude. Die Kinder sind alle wohl, ich hoffe u. wünsche, daß sie an Seele u. Körper gewachsen sein mögen, wenn Du sie wiedersiehest, ich tue nicht viel dabei; ich fürchte mich immer daß ich etwas schlimmes tue u. da mögen denn die Bäumchen so wachsen. Sie sind bisher gesund gewesen; der Appetit wächst immer mehr u. der Cacao Caffee den sie des Morgens trinken bekommt ihnen auch wohl. Kann leider auch nicht rühmen daß ich viel erspare, ich mag es anfangen wie ich will, u. ich werde nicht mit Ehren vor Dir bestehen. Der heil. Christ hat ein tüchtiges Loch gemacht; u. alle Woche kommt etwas unerwartetes u. ungerechnetes. Es ist spät Abend, Schlafewohl liebes Herz. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 12. 1788 [?] Liebster Vater. O wie sehr haben wir Sie vermißt, bester Vater, da uns am heiligen Christ bescheret wurde; unsere Freude war nur halb, weil Sie nicht da waren, ob wir doch gleich so schöne Sachen bekommen. Ich bekam von der lieben Mutter einen sehr schönen, feinen Hut, ein Uhrband, Bröders lateinische Grammatik, die der Herr Konrektor sehr angepriesen hat, und bald auch einen Suetonium, aus dem ich übersetzen will. Wie sehr wir an Sie gedacht haben, können Sie kaum glauben, es fehlte uns etwas. Ich hätte mich jetzt nach Rom gewünscht die prächtigen Feierlichkeiten in der Peterskirche zu sehen, um desto begieriger bin ich nun, sie von Ihnen zu hören. Leben Sie wohl, liebster Vater, gedenken Sie meiner. Bringen Sie mir doch auch hübsche Abdrücke von Gemmen mit. Viel Grüße vom Herrn Schäfer und der Fräulein von Volgstädt. vale. Behalten Sie mich lieb, wie ich Sie. O wie sehr freue ich mich auf den glücklichen Augenblick des Wiedersehns. ?áéñå. und vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner von mir August Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 12. 1788 Liebster Vater. Nun bester Vater habe ich Ihnen viel zu erzählen u zwar vom h. Christ, u dem was mir beschert worden ist. Wie wir nun in die Stube gerufen wurden, So fand ich: einen Hut, ein Halstuch, Esopi griechische Fabeln, welche ich nun übersetze, Papier, Federn, Bleistift, Pfeffer kuchen, u Schüttchen. Gottfried hat mir ein allerliebstes Quotlibet u Petschaft beschert, u ich ihm eine Brieftasche. Wir freuten uns alle sehr, aber doch würden wir uns mehr gefreut haben, wenn unser liebster Vater zugegen gewesen wäre. Ich beschere Ihnen nichts als wie mein treues Herz. Sie werden gewiß viel Schnitzer in meinem vorhergehenden lateinischen Brief gefunden haben, denn ich habe ihn in Eil verfertigt, den folgenden will ich besser machen. Leben Sie wohl u vergessen Sie nicht Ihren Sie liebenden Sohn August Herder. Grüßen Sie Wernern von mir. Weimar, den 26ten Dezember. 1788. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 26 ten Dez. 1788 Liebster Vater Gestern ist nun der liebe h. Christ gewesen, und meine liebe Mutter hat mir sehr schone Sachen gegeben. 1) Einen herrlichen Farben Kasten, mit sechs Pinsel eine Reißfeder ein Bleistift, und in den Farben Kasten waren 18 Muscheln von Porzellan. 2) Auch ein paar Bogen Papier wo der Bogen 1 g. kost, wo ich mit den Farben daraufmalen soll. 3) Die Mutter hat mir einen Schein gegeben, daß ich noch ein Reißzeig und Baser bekommen soll, und hat nach Nürnberg geschrieben. Aber den Baser kaufet August in Tertia. Der Zucker Baum hat auch recht schön gebrannt aber es war nicht so viel Freude da, wie sonst, denn Sie haben gefehlt, und wenn Sie nicht dasind da ist auch keine Freude, aber wir haben doch Freude gehabt. Auch noch was vom Gottfried habe ich zum Weihnachten bekommen, und zwar daß was ich am liebsten hab, nämlich ein sehr schönes Bild. Der Herr Schäfer läßt Sie auch grüßen, er hat gester nachmittag gepredigt. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 12. 1788 [?] Lieber Vater. Ich habe einen Römischen Solltaten gesehen mit der Flinte und auch einen Zwerg mit barfußen Beinen. Ich habe an Weihnachten eine Brieftasche gekriecht auch das griesche Testament Papier und eine Feder und Bleistift ich kriege noch ein Gesangbuch ein Reichzeig, und ein Baser. Kommen sie bald wieder. Grießen sie den Werner. Leben sie wohl. Ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 12. 1788 Lieber Vater, ich habe eine neue Pappe zum helliger Geist gekreist eine Biwelhistdorie Soldaten und eine schreibtafel schreiben Sie Mir Viele Briefe daß ich Sie hinein tun kann der Baun hatte schübsch gebrend und über den Engel war ein Stern Meine Ferfer Kugen habe ich Alle aufgegessen und die Mutter hat mir einen Schüttcher und 4 Täpfel aufgehomen Wir warennich lustig als Sie dagewesen wären leben Sie wohl lieber Vater, ihr gedreirer Sohn Emi Herder den 26 Dember 1788. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 27. Dez. 88. Endlich geht das 88. Jahr zu Ende, liebes treues Weib, u. dies ist wahrscheinlich der letzte Brief, den ich Dir jetzt aus Rom schreibe: mit dem neuen Jahre gehts nach Napel, von da ich Dir denn mehr u. freier schreiben werde, weil wieder ein Schritt weiter getan ist. Den 24. Dez., da der H. Christ beschert wird, war ich mit Herz u. Seele in Eurer Mitte; ich saß vor meinem Kamin zur Stunde der Bescherung, allein, u. an Euch denkend, u. segnete Euch alle meine Lieben. Nun geht das Jahr zu Ende; o welch ein Jahr! Ich weiß noch, wie ichs, mit dem Zusammenkramen meiner Br. angefangen habe; ein prophetisches Kennzeichen, daß auch in meiner Lebensrechnung viel zusammengekramt werden sollte. Auch weißt Du, in welchen Troubeln ich damals mit dem Konsistor[ium] lebte. Ich schrieb den 4. T[eil] der Ideen; unser Alfred starb; u. nun kam alles, was Du weißt, leere Hoffnung, Zerstreuung, Betäubung u. f. Wohlan, auch das Alles ist gut gewesen, wenn es nur gut ausgeht; denn o Gott u. Herr, um wie Manches hat mich die Reise klüger gemacht, wie viel Seiten meines Wesens hat sie leise u. unleise berührt, die ich sonst kaum kannte. Das weiß ich gewiß; sie hat mir die Augen über die Menschen tausendfach geöffnet, u. mich recht gezwungen, den wahren Wert des Lebens finden u. insonderheit Treue u. Liebe schätzen zu lernen, weil es ihrer in der Welt so wenig gibt. Wie ein getäuschter, einzelner Mensch sich unter Fremde gestoßen zu sehen, deren Sprache man nicht weiß, das größte Gut des Lebens, an dem ich vielleicht zu viel hing, Unabhängigkeit, sich entrissen zu fühlen, ohne daß einmal etwas an die Stelle träte, das im mindesten der Mühe wert wäre u. s. f., wenn das nicht die Augen öffnete, was sollte sie denn öffnen? Italien u. in Specie Rom ist also freilich für mich eine hohe Schule gewesen, nicht sowohl aber der Kunst, als des Lebens. Ernster wirst Du mich gewiß finden, wenn ich wieder komme; aber fürchte meinen Ernst nicht; er knüpft mich an Dich u. die Meinigen mit neuen unauflöslichen Banden. O wenn ich wieder Dein liebes Antlitz schaue! u. Du mir Deine treue Hand reichst! Ich kann mir den Augenblick nicht denken, ohne daß all mein Schreiben ein Ende hat. Gebe Gott ihn mir! gebe Gott ihn mir zur glücklichen Stunde! Er mache das 89. Jahr für Dich u. mich gut, u. für unsre liebe Herde! Er wirds, er wirds. Amen! – Moritz ist also endlich bei Euch gewesen; u. alles, was Du von ihm schreibst, ist wahr. Die Empfindung der Buben ist sehr natürlich; aber nicht ich bin daran schuld, sondern die hiesigen Hrn. Maler, mit denen auf dieser Welt wenig anzufangen ist. Ich hätte ihnen nur einige Pasten schicken dörfen; so hätten sie doch etwas gehabt, daran aber dachte keiner. Kupferstiche war das Einzige, was sie kannten, u. was sollten ihnen die, da sie für mich hier teuer waren. Also nahm ich zusammen, was im Kasten lag, u. schämte mich selbst. Überhaupt werde ich sehr arm bei Euch erscheinen; ich habe weder Göthens Talente, noch sein Glück, um Kunstwerke zusammenzubringen; noch endlich auch, ein sehr notwendiges Ding, Geld. Wenn ich indessen mich nur gesund wiederbringe: so müßt Ihr Euch zufriedengeben. Der Herzogin Br. ist gar gut gegen mich; eine kleine Picque auf die Herz. ist dabei sehr sichtbar. Der Herzog, der jetzt meinen Br. lange haben muß, wird mir wahrscheinlich auch einen guten Br. schreiben; ich schätze Alles sehr, nur wäre es mir noch lieber, wenn Einer von ihnen den Gedanken hätte, mir zur Reise einen hübschen Beitrag zu machen. Da sie einmal verunglückt, u. nicht durch meine Schuld verunglückt ist, wäre es so artig u. edel, hieran zu denken; daran denkt aber keiner! Auch das ist gut; noch brauche ich nichts, wenn ich aber noch vor meiner Abreise Dich um eine Remesse bitten sollte, so säume damit nicht. Da ich allein zurückreisen muß, so ists gar beschwerlich, sich winden u. drehen zu müssen u. immer zu sorgen, daß man nicht ausreiche. Auch bitte ich Dich um einen Abdruck meines verlornen Siegels, (mit dem Namen nämlich) es wird wohl noch an einem meiner Br. hangen, oder sich sonst finden. Ich muß es mir hier stechen lassen, damit ichs wieder habe. Die Herzogin ist hier recht glücklich: sie hat ein Präsent vom Papst erhalten, ein vortreffliches Mosaik, worüber sie sehr erfreuet sein soll. Der Bogen Constantins soll drauf sein mit der Aussicht aufs Coliseum: in einem prächtgen bronzenen Rahmen. Ich habe es noch nicht gesehen, weil ich gestern (den ersten Tag auf meiner ganzen Reise) ganz im Bett zubrachte. Ich wachte nämlich mit einem starken Katarrh auf u. glaubte mich schonen zu müssen; heut ist mir ziemlich besser u. ich will ausfahren. Indessen ists mit dem Klima hier eine hundische Sache: Kälte u. Regen wechseln so schnell mit einander, daß der Körper zu gar keiner Bestandheit kommt; u. da man sich gegen keins von beiden schützen kann, so wird man des Lebens nicht froh. Es ist ein unangenehmer Aufenthalt im Ganzen, u. man muß sich das Gute auf der andern Seite recht herräsonieren, um das mannichfaltig-widrige Gefühl zu unterdrücken. Wir haben einen abscheulichen, traurigen Winter; mein guter Körper hält aber sehr aus. Werner hat sich 8. Tage Zeit genommen, zu antworten, er war sehr betroffen, beschämt, u. verwirrt. Was ist indessen zu tun? Er hat mich weinend gebeten, daß ich ihn nicht verstoßen möchte; dies habe ich ihm auch versprochen. Das Glück mag weiter vor ihn sorgen. Der arme Mensch hat wenig Freude in Italien, u. wird von jetzt an noch weniger haben. Du tust wohl, wenn Du Deine Br. jetzt wieder an Buri adressierst; so wie ich ihm auch Kommission geben werde, die jetztkommenden an mich zu spedieren. Ich wollte, daß wie jetzt nach Napel, ich schon an die Rückreise zu denken hätte; das hiesige Wetter macht ganz unlustig, etwas zu sehen u. zu hören. Grüße Göthe, ich schreibe vielleicht selbst an ihn; Kn[ebel] danke für seinen Br., ich will ihn aus Napel beantworten, so wie auch von dortaus an mehrere schreiben. Der Herz. empfiehl mich, wenn Du Gelegenheit hast u. danke ihr für ihren guten Br.; an die Fr. v. Fr[ankenberg] schreibe ich selbst. Sonst kann ich Dir von hier aus gar nichts neues schreiben; es ist ein altes Rom für mich, u. die große Zerimonie des Papsts am Weihnachtsfeste hat mich nicht im mindsten gerühret. Es ist indessen gut, sie auch gesehen zu haben. Und nun lebe wohl, herzige Liebe, lebt wohl, Ihr Kinder, Gott gebe Euch ein gutes Neujahr, denkt meiner u. betet für mich. Dir, liebes Luischen danke ich gar sehr für Dein Blümchen; es kam mir zum H. Christ aus Deiner lieben Hand. Auch Dir, guter Emil, Adelbert u. Wilhelm danke ich für Eure Briefchen; Ihr werdet jetzt die meinigen an Euch längst haben. Ich küsse Euch alle, lebt wohl, Ihr Lieben. Lebe wohl, Herzensliebe, wohl, wohl. H. P. S. An die Fr. v. D[iede] habe ich Einmal geschrieben, u. schreibe heut wieder. Der Br. hatte einen Umweg genommen, weil sie in Regensb[urg] ist, wie ich vom Senator höre. An Fritz Stolb[erg] will ich aus Napel schreiben; es muß ihm übel zu mut sein: denn auch mich hat der Tod recht gerühret. Das Schmetterlingchen ist entflohen; wo ist sie? J. G. Herder an Johann Wolfgang von Goethe Rom, den 27. Dez. 88. Ich kann das alte krumme Jahr 88. nicht beschließen, ohne daß ich Dir noch von Rom aus ein Lebenszeichen gebe, mein Lieber. Wir haben hier dummes Wetter u. einen erbärmlichen Winter; das macht nun jeden unmutig u. unlustig, der nicht daran gewohnt ist, die Herzogin ausgenommen, die immer gesund, vergnügt, u. guter Laune ist, wie es ihr denn auch in Allem recht wohl gehet. Gestern hat ihr der Papst ein Präsent gemacht, das sie denn wohl selbst beschreiben wird; weil ichs, da ich gestern den ganzen Tag im Bett zubrachte, selbst noch nicht gesehen habe, kann ich nichts davon sagen, als daß es jedermann lobt u. daß sie darüber sehr vergnügt sein soll. Außerdem beschäftigt sie sich sehr mit der Musik, wie ihr denn auch schöne, u. ich möchte sagen, die trefflichsten Sachen gegeben werden, die Italien besitzet. Außer dem Konzert bei Bernis, wo zu viel Geräusch ist, sind 4. Konzerte bei Ruspoli gegeben worden, in denen man die ausgesucht-schönsten Sachen hörte, von denen sie denn auch das Beste sammlet. Dies bringt mich auf einen Gedanken, oder vielmehr ich sage ihn nur nach meiner Weise und Einsiedel hat mich eigentlich darauf gebracht. Du weißt, wie es einem ist, der aus Italien soll, u. Du kannst denken wie es ihr sein wird, die in Weimar nichts Lockendes vor sich findet. Könnte ihr nicht ein Reiz dadurch verschafft werden, wenn man ihr vorstellte, daß sie diese Stücke dort wieder aufführen könnte, u. sie eine Art von Intendanz über Musik u. Theater bekäme? E[insiedel] meint, daß ihr dies sehr schmeicheln u. sie dort amüsieren wird, damit sie ihre Reise nach Italien dort einigermaßen anzuwenden hätte. Da Klinkowström nicht da ist u. entweder gar nicht, oder sobald nicht wiederkommen wird, steht diesem Kompliment keiner im Wege; der Herzog macht sich ja auch nichts daraus u. weiß an sich selbst am besten, wie es einem zu Mut ist, der wieder in die Enge nach Hause soll. Im Ganzen will ja auch jeder etwas haben, was ihn reize; und wenn ihr dies Kompliment schön u. unvermerkt gesagt würde, könnte es zur rechten Zeit gesagt, ihr nicht anders als schmeicheln. Überlege das, Lieber, u. tue das Beste; sonst fürchte ich, wird ihr die Abreise im Frühlinge schwer werden: denn es geht ihr hier zu wohl u. sie hat in Weimar nichts, das sie hiegegen auf die Waage lege. Mir ist nun freilich nicht ganz so, u. ich kann mich, in dem was ich suchte u. erwartete, des guten Glückes nicht so ganz rühmen. Da aber in der Natur der Dinge nichts vergebens ist, so wird auch dies übelgeratne Impromtu meiner Reise nicht ganz vergebens sein, wenigstens dadurch, daß es mich vor jedem ähnlichen bewahre. Ich will nur dagegen kämpfen, daß ich nicht in Deine Fußtapfen trete, u. eine »Gleichgültigkeit gegen die Menschen« nach Hause mitbringe, die mir übler bekommen würde, als Dir, weil ich keine Kunstwelt, wie Du, an die Stelle des Erloschenen zu setzen wüßte. Fast möchte ich sagen, daß ich von der Kunst nie kühler gedacht habe, als hier, da ich sie in ihrem Werden, Tun u. Wirken dem ganzen Umfange nach vor mir sehe; einst wars eine schöne Blüte des menschlichen Bestrebens, jetzt aber ists eine Blumenfabrik wie unsrer Freunde Krause u. Bertuchs. Auch sonst läßt die römische Welt meine Seele entsetzlich leer, wozu Du Dir die Ursachen wohl ausfinden wirst. Nicht der geringsten ist diese Eine, daß den armen Tom hier entsetzlich friert, u. wenn man friert, mag man weder sprechen, noch denken, noch empfinden, kaum sehen u. hören; u. am wenigsten von Allem, sprechen lernen . Mit Dir wars in Allem anders, weil Du ein artifex bist, u. mich freuets, daß Du Deinem Beruf treu bleibst u. dort Dein Werk fortsetzest. Wenn ich aus Italien komme, will ich mir von Dir erzählen lassen, was Du gesehen hast u. ich hätte sehend sehen sollen u. meinen Mund dazu nicht auftun. Denn wollen {wir} Dich in den Wagen setzen u. wieder nach Rom senden. Ich fürchte, ich fürchte, Du taugst nicht mehr für Deutschland; ich aber bin nach Rom gereist, um ein echter Deutscher zu werden, u. wenn ich könnte, würde ich eine neue Irruption germanischer Völker in dies Land, zumal nach Rom veranlassen. Die Italiener sollten mir dienen, u. in Rom wollte ich insonderheit werben . Wenn ich nach Hause komme u. wieder warm werde, will ich einen Aufsatz schreiben, wie Rom im Jahr Christi 1800. aussehen wird, u. ich wollte, daß ich Hand anlegen könnte, diesen Plan der trefflich ausgedacht ist, zu realisieren. So lange lebe wohl, Lieber, denn ich kann für Kälte nicht mehr schreiben; mein Herz ist ganz zugefroren, u. auf meiner Seele tauet nur Glatteis. Lebe wohl u. grüße Alle, den Herz., die Herz. u. wer sich sonst meiner noch etwa erinnert. Lebewohl, Lieber. H. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, 27. 12. 1788 Ich bin mit dir, teils im Geiste teils durch deine Briefe an deine Frau, immer in Unterhaltung geblieben. Ich danke dir, daß du auch ein Wörtchen aus der Stadt an mich richtest. Ich habe herzlich mit dir gelitten, dagegen freue ich mich jetzt, daß alles gut geht. Daß meine Römischen Freunde an mich denken, ist sehr billig; auch ich kann eine leidenschaftliche Erinnerung an jene Zeiten nicht aus meinem Herzen tilgen. Mit welcher Rührung ich des Ovids Verse oft wiederhole, kann ich dir nicht sagen: Cum subit illius tristissima noctis imago, Quae mihi supremum tempus in urbe fuit. Ich fühle nur zu sehr, was ich verloren habe, seit ich mich aus jenem Elemente wieder hieher versetzt sehe; ich suche mir es nicht zu verbergen, aber mich so viel als möglich auch hier wieder einzurichten. Ich fahre in meinen Studien fort, und hoffe dir in manchem entgegen zu arbeiten. Es ist ganz natürlich, daß du dich gleichsam ausschließlich an die Statuen hältst. Sie sind uns ja allein von den besseren Zeiten der Kunst übrig. Bei Gemälden muß man schon, wie Spinozas Gott zum Irrtume, noch etwas hinzudenken, anstatt daß jene uns mit einem vollkommenen Begriff schon entgegen kommen. In physiognomischen Entdeckungen, die sich auf die Bildung idealer Charktere beziehen, bin ich sehr glücklich gewesen. Ich bin noch immer gegen jedermann darüber geheimnisvoll, und werde mich um so mehr beeifern, etwas zu tun, weil ich dich, noch wenn du von Rom kommst, in Verwunderung setzen möchte, das viel unternommen ist. Tasso ist noch immer nicht fertig. Bald darf ich nicht mehr davon reden, der achte Band ist bald gedruckt; ich schicke das erste Exemplar gleich an Angelika, damit Ihr es bald habet. Moritz ist nun schon 3 Wochen hier und tut uns allen sehr wohl, besonders haben ihn die Frauen sehr in Affektion genommen, denen er allerlei Lichter aufsteckt. Es ist ein grundguter Mensch, und sein Aufenthalt hier wird ihm viel nutzen. Ich freue mich, daß du Hirten auf den Grad wohl willst, um ihn gelegentlich zu rüffeln, welches ihm sehr nötig ist. Es ist wirklich ein guter und brauchbarer Mensch. Er mag den Brief immer an mich richten, wenn es ihm Spaß macht. Gib ihm nur die Erlaubnis dazu. Wahrscheinlich wird dir dieser Brief nach Neapel folgen; möge er dich recht froh unter dem schönen Himmel finden! Mit der Herzogin Mutter geht ja alles recht schön und gut. Wenn der Rückzug dem Eintritt gleich ist, wird es ihr so viel Ehre als Freude machen. Deine Frau seh' ich von Zeit zu Zeit und öfter, wenn der geistliche Arzt nötig sein will. Ich habe manche Dose moralischen Cremor tartari gebraucht, um die Schwingungen ihrer Elektraischen Anfälle zu bändigen. Jetzt ist sie sehr vergnügt. Daß Emil so glücklich durch die Blattern gekommen ist, ohne an seiner Gestalt oder seinem Humor etwas zu verlieren, ist gar schön. Wenn ich nur deiner Frau, wie auch der Frau von Stein, die verwünschte Aufmerksamkeit auf Träume wegnehmen könnte. Es ist doch immer das Traumreich wie ein falscher Lostopf, wo unzählige Nieten und höchstens kleine Gewinstchen unter einander gemischt sind. Man wird selbst zum Traum, zur Niete, wenn man sich ernstlich mit diesen Phantomen beschäftigt. Lebe wohl und vollende glücklich deinen Lauf! Grüße alles. Gedenke mein! G. W. den 27. Dezember 88.   Wir haben tiefen Schnee und große anhaltende Kälte, mitunter entsetzlichen Sturm. Ich habe mich in meinem Stübchen ganz eingepackt, indessen du in der freien schönen Welt herumwandelst. Jeder muß an die Reihe kommen. Übrigens sei nur ruhig! Die guten Menschen gönnen dir alle die Reise, und wer wollte nach den andern fragen? Luise von Göchhausen an Johann Wolfgang von Goethe Rom, den 27 Decembre [1788] Ich kann nicht aus Rom gehn ohne von Ihnen liebster Geh. Rat Abschied zu nehmen. ich glaube die Kälte treibt uns fort da seit 8 Tagen man sich von der Seite beinahe Illusion machen könnte man sei in Teutschland. Zum Herumlaufen wenigstens ists jetzt keine Zeit und da will die Herzogin nach Neapel sich an den Vesuv zu wärmen der ganz unbändig sein soll, und sich was vor singen zu lassen. Die Oper soll dort dieses Jahr cosa maravigliosa sein und hier gibts außer Rubinelli nicht viel. Zu Ende des Carnavals sind wir wieder hier. Reifenstein freut sich wie ein altes Kind auf diese Reise, Herder geht wie Sie wissen auch mit. Seine edle Reisegesellschaft ist schon seit einen Monat weg ohne Notiz von ihm zu nehmen, doch gilt dies bloß von dem weiblichen Teil, Dalberg ist ein guter Mensch aber verliebt und daher ein armer Wurm. [...] Briefe 1789 Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 2. Jan. 1789. Ich will auch im neuen Jahr meiner Gewohnheit treu bleiben u. Dir heute da Posttag ist, schreiben, ohnerachtet ich den Montag keinen Brief erhalten habe. Vermutlich ist die fortdaurende Kälte daran schuld daß die Posten nicht eintreffen, oder Deine eigne Arbeit. Es freut mich daß Du wohl u. heiter bist u. keine Zeit zum schreiben hast; denn die Briefseligkeit ist mitten im Genuß eine Zeitverderberin. Ich will mir alles im Geist vorstellen bis Du es künftig mir selbst vorlesen wirst. – Freitag d. 26. Dez. hatte ich Dir geschrieben. Sonnab. ließ mich die Herzogin zu sich kommen. Sie ist wohl, ziemlich heiter u. läßt Dir viel Gutes sagen. Der Herzog kam auch herunter, u. war so artig u. gütig wie ich ihn in langer Zeit nicht gesehen habe, ich mußte ihm viel von Dir erzählen u. er nahm an allem Teil. Sein Betragen gegen mich hat mir in der Tat wohl gemacht. Es war ihm lieb daß Du mit der Herzogin Mutter nach Neapel gehest u. er sowohl als die Herzogin glauben daß Du auch mit ihr zurückkommen wirst. Wenn es Euch Beiden konveniert, so soll es mich freuen. Des Herzogs gütiges Bezeugen in Ansehung Deiner u. der Kinder (es ward von ihnen gesprochen) hat sich mir aufs angenehmste eingeprägt u. ich wollte daß man nur einigermaßen das Verhältnis so gut erhalten könnte. Der Herzogin hats sehr gefallen daß Du die Spanier so hoch schätzest. Ich glaube wenn Du ihr ein spanisches Altertum mitbringen könntest, oder etwas in Spanischem Geist, das würde für sie sein. Sie entließ mich gnädig u. gab mir das gewöhnl. Weihnacht Geschenk von 10 Louisd. mit. Sie grüßen Dich Beide. Den Dienstag Mittag kam eine Schachtel von der Fr. v. Frankenb. darinnen Neujahr Geschenke für die Kinder waren, die ihnen allen unsägliche Freude machten. August gebärdete sich vor Freude ganz ungebärdig, er bekam einen englischen Farben Kasten der gewiß 3 Louis d. wert ist; sie werden Dirs beschreiben; die Geschenke sind gewiß über 10-12 Louis. wert. ich war recht verlegen darüber. Nun wollten wir uns den Mittwoch hinsetzen u. ihr schreiben, da trat Goethe herein, den ich seit 14. Tagen nicht gesehn habe. Er nahm Teil an der Freude, schrieb den Kindern ihre Briefe, die sie wieder abschrieben u. buchstabierte dem Emil den Seinigen vor; in einer Stunde war alles expediert, ich bitte Dich daß Du Ihr einen guten herzigen Brief schreibst. [...] Ich habe das 88ziger Jahr fromm u. still beschlossen. Gott hat uns darinnen viel gegeben u. viel genommen. Mögen wir durch alle Ereignisse unsres Lebens mehr zur Erkenntnis der Wahrheit kommen! Ehe ich zu Bette ging schlug ich noch in meinem Schatzkästlein auf, das mich zu jeder Stunde, wenn ichs bedarf unterrichtet u. stärket, ich schlug auf: ich will einen ewigen Bund mit ihnen machen, daß ich nicht will ablassen ihnen Gutes zu tun u. will ihnen meine Furcht ins Herz geben daß sie nicht von mir weichen, u. soll meine Lust sein daß ich ihnen Gutes tun soll. Und will sie in diesem Lande pflanzen treulich von ganzem Herzen, u. von ganzer Seele. Ich will ihnen ewiglich behalten meine Gnade.« Dies war zum Beschluß des Jahrs. Und zum Anfang hieß es: Lasset uns Gutes tun u. nicht müde werden denn zu seiner Zeit werden wir ernten ohne Aufhören – (u. auf der andern Seite) Lasset kein faul Geschwätz aus Euerm Munde gehn, sondern was nützlich zur Besserung ist, da es Not tut, daß es holdselig sei zu hören u. betrübet nicht den heiligen Geist Gottes pp. – Der erste Tag im Jahr war heiter, gut u. still. Die Kalbin u. die Steinin besuchten mich, weil ich einen gewaltigen Schnupfen habe. Sie grüßen Dich gar sehr. Auch Ludecus war bei mir, u. empfiehlt sich Dir. Er ist gar gut u. sehr honett; gedenke doch namentlich seiner in Einem Brief. Goethe hat mir seine abgedruckten Gedichte gegeben, u. da ich nach dem Abendessen allein war, las ich darinnen. Ich war aber in keiner Stimmung dazu. Ich mußte etwas frommes u. heiliges haben. Da schlug ich in Deinen zerstreuten Blättern auf u. fand die Lerche . Lieber Engel ich kann Dir nicht ausdrücken was mir das Lied in diesem Augenblick geworden ist! Es war wie vom Himmel zu uns beiden gesprochen, u. ich bin außerordentlich heiter darnach geworden. Jede Zeile hast Du für uns empfunden u. gedacht. O möchtest Du es doch jetzt wieder lesen u. mit mir gleichempfinden. Genieße glückliche Tage an dem Ufer des Meers in dem glücklichen Neapel mit der gütigsten Herzogin u. Ihren Gefährten. Der Herz. küsse ich mit zärtlicher Liebe die Hand. Nie hätte ich geglaubt daß Ihr Andenken mir so süß sein wird. Sie hat auch meiner in dem Brief an die Herzogin gedacht auch an sie Beide von Dir Gutes geschrieben. Ein guter Genius sei bei Euch! [...] Noch eins. Der Herzog sagte mir, daß das unbekannte Geld nicht vom Markgraf sei: er habe Edelsheim darüber schriftl. befragt u. dieser geantwortet: es sei nicht von ihnen, an solche edle Taten glauben sie nicht. [...] August Herder an J. G. Herder Weimar, 2. 1. 1789 Liebster Vater Nun muß ich Ihnen auch von dem Neujahrs-Geschenk, welches ich von der Frau von Frankenberg bekommen habe erzählen: Ich habe einen exzellenten Farben Kasten, wo die Farben nicht in Muscheln, sondern in 4 eckigen Stückgen sind, mit 3 Bleistiften worunter ein weißer ist. Und unter dem Farbenkasten, ist ein Schub kästchen, wo Rötel, weiß u schwarze spanische Kreide ist, auch eine goldene Feder mit einem Bleistift. Ich gratulieren Ihnen zum neuen Jahr, u wünsche Ihnen viel Glück u Vergnügen, u freue mich, daß ich Sie dies Jahr wieder sehn werde. Leben Sie wohl u behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder. den 2 ten. Januar 1789. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 2. Jänner 1789. Lieber Vater Wir haben zum Neuen Jahr geschenkt von der Frau von Franckenberg gar schöne Sachen geschenkt gekriegt. Ich habe 1) ein Etui, wo ein schönes Messergen darin ist, 3 Federn gar schöne kleine Oblädien, welche classiert sind und kleine Gläserchen wo man allerhand hinein tun kann. 2) Ein Elfenbeinernes Fuderal wo eine Bleifeder darin ist welche sehr dick ist. Die Elfenbeinerne Bleifeder ist gerade ein halben Schuh lang sie hat auch aben wo man sie aufschraubt einen goldenen Ring. Ich gratuliere Ihnen auch viel tausend mal zum Neuen Jahr, und wünsche daß Sie es noch viele Jahre erleben mögen. Leben Sie wohl und behalten sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 2. 1. 1789 [?] Lieber Vater Ich bin wieder gesund und habe zum heil Christ bekommen Spinnrädchen und eine schöne Puppe die die Mutter gemacht hat, u bekomme ein Asch graues Staub Röckchen [von Caroline Herder ergänzt: das noch beim Schneider ist]. Vom der Frau von Franckenberg haben ich einen Blau und Goldenen Ring mit Perlen bekommen leben Sie wohl im neuen Jahr. Ihre gehorsame Tochter Luise Herder. 1789 Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 2. 1. 1789[?] Lieber Vater ich habe eine blau und goldene Nadel bekommen darauf steht eine weiße Frau und hat ein Füllhorn im arm ich gratuliere ihnen zum neuen Jahr lieber Vater Emil Herder . J. G. Herder an Caroline Herder Napel den 6. Jan. 89. Liebes Weib. Ich bin glücklich in Neapel. Ehegestern Nacht kamen wir an, die Nacht vom Sonn- auf den Montag: die Reise war beschwerlich, denn die schönen Orangenwälder dieses glücklichen Erdstrichs liegen unter ungesehenem u. unerhörten Eise: ein trauriger Anblick, u. Pferde u. Menschen, die des Schnees, des Eises u. der Kälte eben so ungewohnt waren, konnten sich auch nicht drin finden u. fanden es brutta cosa bei solchem Wetter zu reisen. Wer konnte es aber voraussehn? u. am Ende hoffen wir, daß es gar nicht von Dauer sein soll. Trotz der Kälte ist die Luft hier, wie ich sie Zeitlebens noch nicht gefühlt habe, balsamisch u. erquickend. Vom drückenden Rom befreit fühle ich mich wie einen ganz andern Menschen, wiedergeboren an Leib u. Seele. Was muß das für ein Aufenthalt sein, in der schönen Jahrszeit? Ich glaube, man vergißt hier die ganze Welt u. wünscht, mit den Seinigen hier nur zu sehen, nur zu atmen. Wir wohnen am Meer mit der schönsten Aussicht, die ich Dir ein andermal beschreibe, wenn ich alles gesehen habe; jetzt sind wir noch so enge beisammen, weil wir nicht gnug Zimmer haben erhalten können, daß ich zum Schreiben meine Seele noch nicht recht ausbreiten kann. O wenn Du mit den Kindern hier wärest! Hier wünschte ich Dich, nicht im verwünschten Rom; hier ist eine Welt die Gott gemacht hat, Gesundheit, Ruhe u. Leben. Ich glaube es den Napolitanern, daß wenn Gott sich eine gute Stunde machen will, er sich ans himmlische Fenster legt, u. auf Napel herabsiehet: Auch sehe ich, oder fange an zu fühlen, wie man ein Grieche sein konnte. Schade, daß dieser Aufenthalt, doch endlich nicht lange für mich sein kann; u. daß ich ihn nicht ganz werde genießen können, wie ich ihn wünschte. Doch man muß nehmen, was da ist. Die Herzogin ist gesund u. grüßet Dich sehr: sie ist gütig gegen mich u. liebreich. Tischbein u. Meier habe ich auch schon kennen gelernt; 2. gute Menschen, insonderheit Meier, den ich in Rom wünsche gehabt zu haben, oder noch haben zu können. Der alte Reifenst. ist auch mit uns; er ist heut in Kaserta bei Hackert u. krüppelt auf seine Weise herum. Sonst kann ich Dir nichts schreiben: denn ich kenne noch nichts von Napel; gestern hielt mich die Kälte zu Hause, u. die ersten Besuche. Auch Dalberg habe ich noch nicht gesehen. Denke einmal, Cacault ist hier, der bei uns in Bückeburg war, das erste Jahr unsrer Verheiratung. Er ist Französischer chargé d'affaires hier, u. hat sich gestern u. heut mit einem Zettel gemeldet, weil er selbst krank ist. So trifft sich alles in der Welt wieder. Als ich von Rom ausreiste, war die Post wegen der ungeheuren Kälte noch nicht da, sie ist also 2. Tage später angekommen, als sie sollte. Rehberg schickt mir die Briefe nach, schreibe also nur unter der vorigen Adresse fort; mich verlangt herzl. nach Deinem Br., da es jetzt fast 14. Tage ist, seit ich den letzten empfing zum Christtag. Lebe wohl, liebes Weib, lebt wohl, Ihr lieben Kinder. Ihr müsset dort schreckliche Kälte haben; o wenn ich Euch in Napel hätte! O wenn wir hier unser bißchen Leben ausleben könnten, wie wir wollten! Es ist unsäglich u. unaussprechlich. Lebe wohl, lebe wohl!!! meine Einzige, süße Liebe, Du Griechin solltest hier leben. Schreibe doch ein paar Zeilen zu dieser schnellgeschriebnen Einlage. Lebewohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 9. Jan. 789. Den Dienstag Abend kamen endlich die 2 ausgebliebenen Briefe an, vom 13 u. 20. Dez. datiert, u. die sich wegen der üblen oder undurchgänglichen Schneewege verspätet hatten. Unser aller Freude war sehr groß, u. mich haben sie sogleich gesund gemacht, ich lag an einem Fieber mit Halsweh zu Bette, das ich mir den Tag vorher bei der Stein, geholt hatte. Gott belohne Dir Deine Herzensworte lieber Engel, u. gebe Dir was Dein Geist u. Herz bedarf. Dein Wohlsein u. Deine frische Gesundheit ist meine Glückseligkeit; u. ich sehe daß das gute Schicksal, das in allem über uns wacht, auch unsre Hoffnung der Reise nicht läßt zu Schanden werden. Als eine Kurreise haben wir sie im ersten Augenblick betrachtet; u. ich sehe daß sie Dirs für Seele u. Körper sein wird. Bereite Dir doch der l. Gott ein solches Los, daß Du den Verlust Deiner jetzigen Freiheit nicht zu sehr empfinden mögest, wenn Du wieder zu uns heimkehrest! ich vertraue dem guten Schicksal fester als jemals; nichts kommt mir in unsern Ereignissen, beinah mehr willkürlich vor. Sollte auch Deine Abwesenheit nur darum gut gewesen sein, damit Du den strengen Winter hier nicht aushalten durftest. In Deiner großen Stube wäre nicht auszuhalten; u. das predigen vollends, wo der Atem vor dem Munde beinah erstarrt, ist Gift für die Lunge. Täglich u. stündlich preisen wir Dich glücklich daß Du nicht bei uns bist. Du hast gewiß einen guten und glücklichen Genius über Dir – o daß wir ihn nie beleidigen mögen! – Emil war durch die 2 Briefchen die er auf einmal erhielt so glücklich, daß er über u. über glühte, u. läßt seitdem die Brieftasche nicht von sich. Wer nur hereinkommt, der muß es wissen, daß ihm der Vater geschrieben hat. Er entwickelt sich allerdings nach den Blattern merklicher; seine sinnliche fröhliche Selbständigkeit hat ungemein zugenommen, so wie sein Trotz auch; er gefällt mir aber auch darin so wohl, daß ich ihn nie strenge behandle. Die Begierde zum lesen hat durch die bibl. Historie so sehr zugenommen daß ich glaube er wirds in kurzer Zeit können. Seine Jovialität weiß oft keine Schranken u. ich erfreue mich selbst an ihm, u. sehe wie sie sich den andern mitteilt. O wenn er Deine Briefchens liest, so sieht er gar holdselig vergnügt aus, ja als die Glückseligkeit selber. Er wird in allem Guten unser Flügelmann sein, wenn Du wiederkommst. Obwohl die andern alle gut u. fröhlich sind, so trägt er doch den Kranz vor. Auch danke ich für das Briefchen an Luisgen, ich hoffe es soll gute Wirkung tun bei der weibl. Arbeit. Sie hat doch wieder gestrickt, u. das Spinnrädchen getreten. Es ist aber vor der Hand nicht ihr Element. H. SteuerRat Ludecus kam vorgestern gleich zu mir u. sagte daß die Reise nach Neapel auf den 31. Dez. gesetzt sei, u. daß Einsiedel sehr zufrieden darüber sei, daß Du mit ihnen gingst. Auch hätte ihm die G[öchhausen] im Vertrauen etwas von dem albern Aufenthalt des D. mit der S. geschrieben. Kurz, es ist gut, daß sich alles so hübsch mit der Herzogin macht, daß sie so artig u. liebreich ist. Sie ist Deine Nemesis in Italien, sage Ihr das in meinem Namen untertänigst, u. wie ich Ihrer Gottheit täglich ein Opfer des dankbarsten Andenkens bringe. Wenn das alles nun einmal mündlich, beim Kaminfeuer, so wird erzählt u. angehört werden, die Abenteuer der Reise! welch schöne Aussichten! Ich hoffe es wird doch H. v. E[insiedel] u. Frl. G[öchhausen] auch ein Tagebuch der Reise machen, das ihnen nur wenigstens ein Fingerzeig wird zum Erzählen. Einsiedel ist schon durch seine matinée verpflichtet es zu tun. Bitte sie Beide in meinem Namen darum. Den Montag ward ich zum Tee bei die Stein eingeladen, die Herzogin bat sich eine kleine Gesellschaft bei ihr aus. Sie war also da mit der Waldner (die Dich gar oft oft grüßet) der Herzog, Kalbin, Schardt, Moriz u. ich, der Stein versteht sich, u. die Voß die Tee einschenkte. Goethe kam mit Moriz, ging aber bald wieder nach Hause; er arbeitet viel am Tasso, u. Moriz soll nicht eher reisen, bis er damit fertig ist. Der Herzog brachte endlich den Moriz darauf daß er die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte erzählte, u. wir hatten denn einen sehr intressanten Abend. Da das Quecksilber diesen Tag so veränderlich auf u. niedergefallen ist, so vermutete man von Erdbeben zu hören; u. da ist Rom immer der erste Gedanke; Moriz bewies aber daß man in Rom am sichersten sei, weil durch die Katakomben alles untergraben sei. Das war denn ein großer Trost für mich. In Napel sichert Euch der Vesuv; u. wir wünschen alle daß er Euch ein schönes Schauspiel zeige. An Knebel habe den Br. nach Jena geschickt, er hat sich wieder dort eingenistet. Über Morizens Aufsatz über die Kunst, hat er zu ihm selbst gesagt, ich kann es nicht ganz gelten lassen, es zerstört mir meine Existenz. [...] Ich habe Dir die 12 Lieder der Madagasker abgeschrieben; einige darunter sind sehr schön; es sind die sinnlichen; deren bedarfst Du jetzt nicht, da Du in dem sinnlichen Napel lebst; ich wollte fast wetten, daß Du mir in dieser Nacht, vom 8 - 9t. untreu – nein das nicht – nur daß Du genossen hast. ich habe einen närrischen Traum diese Nacht gehabt. Goethe warnte mich aber letzthin sehr ernstl. vor meinen Träumen – das schlimmste dabei sei: sie machen den Verstand krank. Über den ersten Punkt hast Du längst mein Bekenntnis – das macht mir keine Unruhe, von dieser Torheit bin ich frei; u. die Träume machen mir, als Kräfte der Seele, doch Freude, sie mögen mir auch sagen was sie wollen. O mein Innigster, mein Herz u. Geist ist Tag u. Nacht bei Dir; ich muß wohl wissen wie es Dir geht, es wäre ein Wunder, wenn ichs nicht wüßte. Auch für die Erfrischung unsres Lebens, unsrer Liebe, ist Deine Entfernung gut u. wir werden noch die Abendröte zu nutzen wissen. Gott gebe mir Kraft u. Weisheit dazu. Deine Lerche habe ich seitdem oft u. oft gelesen. Gottfried soll sie deklamieren, ich möchte sie ihm tief in sein junges Gemüt prägen. [...] Deine eigene Bemerkung der treffenden drei Zahlen 789, hat mich sehr aufmerksam gemacht – Es wird auch für uns ein gutes Jahr werden, wo wir eins aus dem andern erkennen werden, u. wo Dich die heilige 9 wieder zu uns bringen wird! was wir säen, werden wir ernten, das lehren uns diese drei. [...] Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 9. 1. 1789 Liebster Vater. Ich habe Ihnen das vorige mal nicht geschrieben, ich will es daher einholen, was ich versäumt habe. – Einige Tage vor dem neuen Jahre bekamen wir alle Geschenke von der Frau von Frankenberg. Ich bekam ein prächtiges Etuis, mit einem goldnen Schloß, das gewiß ein paar Louisd'or kostet. Es ist vollständiger als alle die ich habe und hat mir eine große Freude gemacht. Vor einigen Tagen lag die Mutter und ich am Halsweh krank, und seit 14 Tagen hatten wir keine Briefe von Ihnen. Da machten Sie uns durch Ihre 2 lieben goldenen Briefe beinah völlig wieder gesund. Doch hat ein Gläschen Punsch auch das seinige getan. Sie schreiben soviel gutes, holdes und liebes darinnen!! – Aber unter andern auch daß Sie schwerlich einen Fund im Vatikan tun würden, ich hoffe es aber gewiß, wenn Sie sich nur den Weg nicht verdrießen lassen; Doch lieber Vater, Sie haben durch Ihre bessere Gesundheit ja selbst den besten alten Autoren gefunden! Hiemit sind wir zufrieden. – Mich dauert meine Uhr, die Sie verloren haben, doch noch mehr die Petschafte, denn ich kriege doch eine andere wieder, die vielleicht noch schöner sein wird als die vorige. O könnten Sie uns doch jetzt italienische Luft schicken. Wir haben hier einen solchen kalten Winter, wie wir ihn in vielen, vielen Jahren nicht gehabt haben. Die halbe Stadt hat Halsweh und den Schnupfen und es ist rechter Holzmangel. Da der Herr Moritz noch hier ist haben wir den Anton Reiser wieder beherziget und ich habe ihn mit großem Vergnügen wieder gelesen, es ist ein vortrefflicher Mensch. Leben Sie wohl liebster Vater. Schreiben Sie uns recht viel von Neapel. Mich freuts recht daß die Herzogin so gnädig gegen Sie ist, und daß Sie mit ihr nach Neapel gehn. Vergessen Sie mich auch dort nicht, ich habe in diesem neuen Jahre wieder frische Liebe und frischen Gehorsam geschöpft, und die alte Liebe mit herüber genommen. Bleiben Sie nur gesund und bringen Sie Ihre gesunde Farbe auf immer mit hieher. vale, ÷áéñå. behalten Sie lieb Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. grüßen Sie Werner. W. d. 9t. Januar. 1789. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 9 ten Jänner 1789 Lieber Vater Ich habe ein Reißzeig bekommen und zwar ein sehr schönes. Es sind erstlich 3 Zirkel, die man einschraubt, ein Linial, Winkelmaß, Transporteur und 2 Muschelchen. Ein Reißzeig kostet 4 Gulden wir haben uns alle darüber alle gewundert daß es so wenig kostet und jedermann ratet einen Carolin. Wenn wir doch nur so schöne Veilchen hätten wie Sie dort, Sie haben Veilchen, und wir haben Schnee und dickes Eis. Es ist hier so kalt wie ich gehört habe, daß schon viele Menschen erfroren sind. Es ist auch eine große Veränderung in der Natur vorgefallen, nämlich das Quecksilber ist auf einmal gestiegen, und wiedergefallen, der Herr Schäfer sagte es wäre ein Erdbeben gewesen bei Frankfurt. Die Frau Osan läßt Ihen auch grüßen. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 9. 1. 1789[?] Lieber Vater Ich habe von der Frau von Frankenberg ein Schönes Eckqui bekommen, welchen man pflegt in die Tasche zu stecken aber es man nicht verliert, aber ich bin so Gescheit. Ich hab es der Mutter gegeb, die Schere hat einen Goldenen Griff. Leben Sie wohl. Ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. 1789. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 9. 1. 1789 [?] lieber Vater Ich habe mich sehr gefreut über den Brief, über die schönen Bäume und über die schönen Veilchen. Hier sehn wir noch keine Veilchen es liegt ein kalter dicker Schnee überall unsere Schule ist auch wieder angegangen nun wollen wir wieder fleißig sein den ich will nicht faul werden wie die italienischen weiber damit Sie mich auch so Lieb haben mögen wie Sie die liebe Mutter haben. Leben sie wohl. Ihre Gehorsame Tochter Luise Herder Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 9. 1. 1789 Lieber Vater! ich habe mich sehr gefreut über die 2 Briefe ich habe sie in Meine briefetasche gesteckt und lese sie gar oft denn sie gefallen mir gar zu wohl ich möchte allen Meschen gern erzähln ich darf Aber nicht aus gehn als nur bei dem Erbprinsen den Sonntag gehe ich ins Konsert die Herzogin hats gesagt ich komme bald in die biblsche Historig da will ich Viel draus er zählelen leben Sie wohl lieber Vat. ihr gedreier Sohn Emil Herder. den 9 ganuar 1788. Erzbischof Giuseppe Capecelatro an J. G. Herder Neapel, 11. 1. 1789 Monsieur Mi prando la libertá di pregarvi di un favore. S. Altezza mostró sommo gradimento nel vedere i Guanti della Lana-Pinna di Taranto: Io non ardisco di presentarcene quattro paja, se voi non accompagnate la semplice offerta colle piú sincere dimostrazioni del mio rispetto. L'aria di questa Pupa, le sue maniere, i tratti della sua vivacitá, la grandezza delle sue riflessioni hanno un certo grado di forza sul mio spirito, che ne vivo sommamente incantato. Vorrei dirvi mille cose; ma poiché i Sovrani hanno la disgrazia di esiggere generalmente gli applausi delle Nazioni, perció mi trattengo di parlarne piú oltre: il solo sospetto che i miei sentimenti possano sembrar figli della vile adulazione, mi arresta. Spero che questa sera voi sarete nella nota societá dell' amabile Dama; almeno il mio cuore lo desidera. Intanto credetemi che sono pieno di stima. Il Vostro Div: mo Servitor Vero Giuseppe Arciv: vo di Taranto. Di Casa 11 dell' 89 J. G. Herder an Caroline Herder Napel den 12. Jan. 89. Noch keinen Br. von Dir, lieber Schatz, in diesem ganzen Jahre: den vorigen erhielt ich den 24. Dez. Zwei Kuriere waren in Rom ausgeblieben, des Frostes u. Schnees wegen; ob es auch der 3.te sei, weiß ich nicht; ich muß es aber fast glauben, weil keiner von Uns heut wieder Briefe gehabt hat. Desto größer wird die Freude sein, wenn das Pack kommt. Auch in Napel ist das Wetter bisher nicht von der Beschaffenheit gewesen, daß wir viel haben sehen können; u. was noch schlimmer ist, sind wir so enge logiert, indem ein Russischer Admiral zu Lande noch nicht fortwill, der schon den 29. Dez. fortwollte. Die Luft ist indessen auch in Kälte, im Scirocco u. im Sturm des Meers hier so schön, daß man alles andre vergißt, u. nur atmen, sehen, essen u. trinken möchte. Auf meiner ganzen Reise habe ich mich nicht befunden, wie hier; ich esse u. trinke für 4. Personen, u. es bekommt mir recht wohl. Ich bin gerade in dieser Seeluft, wie ich war, als ich die Meere durchstrich, u. hoffe bloß durch Napel gesund u. gestärkt zurückzukehren. Hier ists nicht möglich, daß Jemanden ein Wölkchen auf die Stirn kommen, oder lange darauf weilen sollte; man gibts der Luft u. den Winden. Und wenn der König mich hier irgendwo zum Erzbischof machte u. der Papst mir erlaubte, Dich u. die Meinigen zu behalten: so kämest Du mit den 6. Kindern nach oder vielmehr ich holte Dich ab, u. wir wollten hier leben. Und das ist jetzt in der stravagantsten Jahrszeit, da alle Elemente für die Italiener ungewöhnlich in Rumor sind; was muß es sonst sein! Lasset uns das bißchen Luft genießen, so lange wir hier sind u. mit traurig-vergnügtem Herzen nachher scheiden. Rom ist eine Mördergrube gegen diesen Ort, u. ich sehe jetzt gar wohl, warum es mir da nie recht wohl ward. Ich wollte, daß alle Gegenstände des Studiums hier wären. Hier habe ich den Erzbischof von Tarent kennen lernen, den gescheutsten, lebhaftsten, gelehrtesten, sinnreichsten, liebenswürdigen Geistlichen, den ich je gesehen habe. Ich habe mit ihm schon 5.mal Konversationen gehabt, u. habe einen Ort, wo ich fast täglich ihn sehen kann, welches mir denn sehr wohl tut. Heut Mittag habe ich ihm Visite gemacht, u. bin nach 2. Stunden mit allen seinen Schriften, die er mir schenkte, von ihm gegangen. Ich werde Dir viel von ihm erzählen. Hier sind andre Menschen, als in Rom; auch andre Schriften: auch in diesen bin ich schon recht glücklich. Auch Italienisch wollte ich nirgend als hier lernen, hier lernte sichs von selbst – Gott sei herzl. gelobt, daß ich hier doch wenigstens in der Luft einen Genuß meiner Reise habe. Wenn Ihr alle hier wäret, gingen wir auf den Sommer auf die Insel Ischia, u. lebten da, von der Welt abgeschlossen u. als ob uns alle Welt gehörte. Nun Gott sei mit Dir, liebe Liebe! u. mit unsern Zweigen. Ich denke oft an Dich, wenn ich das Meer anschaue, u. wünsche, daß es mir immer sowohl sein könnte u. diese Physiognomie mir auch hinter der Peter-Paulskirche bliebe. Sie wird mir indes gewiß eine lange Zeit bleiben, u. ich danke Gott für Napel. Wenn ich etwas mehr Zeit u. Raum haben werde, will ich den Kindern von diesen Gegenden u. Orten schreiben; da geht nichts drüber. Himmel u. Hölle, Elysium u. der Tartarus ist hier erfunden, Homer u. Virgil haben das einzige Ewige ihrer Gedichte aus Einer Gegend genommen, die vor meinen Augen ist, rechter Hand vor meinem Fenster. Lebewohl, Liebe, alle guten Geister sein mit Dir, o wenn Du hier wärest. Grüße die Kleinen u. Großen, auch Göthe, Knebel u. alle Freundinnen, denen Du allen sagen kannst, daß ich in die Juno u. Venus-Amphitrite d. i. in Luft u. Meer, verliebt bin, u. daß es mir recht wohl ist. Wenn ich nur erst Briefe von Euch hätte. Auch für meine Philos[ophie] der Gesch[ichte] habe ich hier in 8. Tagen mehr erwischt als in Rom in 3½ Monat. Lebe wohl, Einzige beste. H. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 16. Jan. 1789. Die üblen Wege haben mir auch heute nichts von Dir gebracht, liebes Herz; es sind 10 Tage da ich die letzten Briefe erhalten u. auch darauf geantwortet habe. Ich muß Dir aber dennoch heute schreiben mein lieber Einziger – mich quält die dumme Stelle vom Traum in meinem letzten Brief; ich bitte Dich tausendmal, verbrenne den Brief oder schneide die Stelle aus. Unmut, Scham u. Verdruß darüber, haben mich in diesen 8 Tagen recht gepeinigt. Ich kanns nicht begreifen wie ich so was habe schreiben können. Mein Fieber, Halsweh u. die Kälte verstimmten mich damals sehr, ich wollte davon nichts merken lassen u. überspannte mich zu dieser Albernheit – o laß mich dadurch nicht unwert bei Dir werden! Die Kälte hat mir Körper u. Seele zusammengeschnürt – seit 6 Tagen ist es Tauwetter, mit dem auch mein Herz wieder weich geworden ist. ich habe Deine letzten Briefe oft wieder gelesen u. mit Tränen gelesen, daß Du mich so lieb hast – Gott gebe daß ich sie verdienen u. wert werden möge! ich habe einen süßen u. einzigen Genuß darinnen daß ich wieder mit Wehmut an Dich denken kann. Du bist unzertrenn[lich] bei mir. Gottlob daß die Hälfte Deiner Abwesenheit nun überstanden ist! Die folgenden 5 Monate werden schnell verschwinden; ich rechne daß Du im Juni oder Juli zu uns kommen wirst; u. dann ist alles ein Traum gewesen; u. doch kein Traum; die Gesundheit u. den guten Mut den Du erbeutet hast, ist ein Schatz für uns alle; im stillen Gebet danke ich Gott dafür u. bitte es uns zu erhalten. Die Kinder sind alle wohl u. küssen Dich 1000mal; sie haben nicht geschrieben, weil heute keine Zeit dazu war; Emil aber tut es nicht anders, er legt sein Blättchen bei. [...] Goethe Gedichte sind noch nicht ganz fertig; ich habe sie 2 Tage gehabt aber gleich wieder zurück geschickt – es war ein Stachel für mich drinnen; der P. Brei ist nach dem Plundersweiller Jahr, vorgedruckt es hat mir sehr weh getan daß ers nicht weggelassen hat. ich kann in den nächsten 4 Wochen nicht mit ihm leben; er ist mir fatal. [...] Hier ist ein Br. an Werner von seiner Mutter, sie ratet ihm ab, die Henriette zu heuraten, er ist übel dran, heuratet er sie, so wird er freilich nicht glücklich; u. heuratet er sie nicht, so ist er ein Schurke. Die Wiederkehr wird entscheiden. Der besten Herz. empfehle ich mich untertänigst u. den guten Reisegefährten, u. freue mich täglich daß Du zu Ihr gehörst. Sei glücklich u. heiter lieber Einziger, Du meine Seele u. mein Alles. Bleibe mir gut u. denke gern an mich, mein Herz ist immer bei Dir. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 16. 1. 1789 [?] Lieber Vater ich habe vom Adelberd Esops Fabeln geschenkt bekommen und lese dar innen beim Herrn Zöllner: ich habe heute angefangen: nun werden Sie den großen Berg sehn wo Feuer heraus kommt: Jetzt kommen Sie Bald wieder. Ihr getreuer Sohn Emil Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Napel, den 19. Jan. 89. Ich bin gesund im schönen Napel, liebe Liebe, das wird Dir gnug sein. Wir kommen eben aus Pompeji u. haben zugleich nebst einer Maccaroni-Fabrik die Herkulanischen Gemälde durchsehen, an einem sehr schönen, reizenden Tage. Luft, Himmel, Berge, Meer u. Erde sind ein Zauberanblick, in den man wie versunken ist, so daß man darüber kein Wort hat. O eine Gegend! Man fährt mitten im Winter durch Gärten Adonis u. wird von dem holden Traum trunken. Lange indessen könnte ichs hier nicht aushalten in dem Zustande, worin ich bin; meine einsame Seele wiegt sich zuletzt in den Wellen des Meers zum Abgrunde oder in die Ferne traurig, traurig. Ehegestern fuhr ich allein um den Pausilipp herum wie hinein in die Abendröte u. kam so sanft-traurig wieder, daß ich 3. Stunden hernach wie stumm war. Verzeihe mir also, daß ich aus Napel überhaupt u. auch jetzt Dir so wenig schreibe. Wenn wir durch sind, will ichs an die Kinder tun, die Du darüber versichern u. darauf verweisen kannst; denn liesest auch Du es; noch ist mirs unmöglich. Die Herzogin ist wohl u. gegen mich gütig; wir leben alle gut mit einander, nur sind wir Mannspersonen enge bei einander, durch des alten Reifensteins dumme Bestellung u. weil ein Russischer General nicht fort will, der schon den 29. Dez. abreisen wollte. Übrigens ists entsetzlich teuer in Napel, daher wir auch nicht überlange hier sein werden. Was ich in Napel suche, finde ich sehr u. werde es von Tage zu Tage mehr finden. Grüße Zinserling; mit nächster Post schreibe ich nach Göttingen für ihn. Die Bücher, die Du mir gesandt hast, höre ich, sind in Rom angekommen; habe den besten Dank dafür. Du klagst über die Verspätung meiner Br.; sie müssen alle kommen; jede 8. Tage habe ich richtig geschrieben u. sie sind durch Werner sicher auf die Post gekommen. Frost u. Schnee haben wahrscheinlich die Posten irre gemacht, wie ich denn auch in 3. Wochen keine Br. von Dir gehabt habe. Vorigen Donnerst, kamen 2. mit einander, u. der morgende Tag, hoffe ich soll mir wieder 2. bringen, weil die Bahn offen ist; zähle darnach meine Br. über, ob Dir welche fehlen. Der Br. an Einsiedel ist bestellt. – Grüße Göthe, u. Knebel; u. sage dem letzten, daß ich ihn oft herwünsche, mit ihm am Ufer des Meers spazieren zu gehen, den Vulkan mit ihm zu besteigen, am Grabe Sannazars, auf Capo di Monte oder sonst mit ihm in magna Graecia zu philosophieren. O wie ist die Natur hier groß u. schön! Ich glaube, meine Seele ist von hier nach den Nordländern herübergeflogen; hier, wenn ich hier meine Heimat hätte, wiegte sie sich wie ein Vogel auf den Zweigen. Jetzt aber fliegt sie höchstens wie eine See-Möwe, sich ein paar Fische zu holen. Lebe wohl, liebe, küsse von mir die Kinder, u. wenn es anginge, küsse Dich selbst von mir, holde Seele, mein einziges, inniges Leben. Ich könnte hier wiedergeboren werden, wenn ich nicht so alt wäre u. jemand um mich hätte, mit dem ich von Herz u. Seele lebte. Indessen bin ich gesund u. sehe die See u. den Mond drüber, u. die Lichter auf ihr, die da fischen, u. höre in der Nacht die hohen Wellen brausen. Lebe wohl, Engel, u. denke an Deinen einsamen Ulyßes am Ufer des Meers freundlich. Alle guten Geister sein mit Dir; meine Sehnsucht sendet sie Dir über Meer u. Berge zu, u. ziehet Dich oft her in meinen Gedanken. Lebe wohl, meine liebe! Grüße die Kalbin, Steinin, Schardtin u. empfiehl mich der Herzogin, ihr dankend für ihren guten, gnädigen Brief. Addio, cara, carissima mia, addio! addio! Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 19. Jan. 1789. Gestern Abend spät kam Dein lieber Brief vom 27. Dez. auf den ich sehnlichst gehofft hatte, lieber Einziger, als auf eine Seelenerquickung; u. das ist er mir denn auch gewesen. Deine zusammengezogene Summe des 88ziger Jahrs, ist meine innigste u. stumme Empfindung am Ende desselben gewesen, u. Du hast mir sie wieder wehmütig rege gemacht. Laß uns aber das Schicksal für alles danken; wir haben doch noch immer süßes aus dem bittern gezogen, u. bittres aus dem süßen – u. Beides gehört ja zum leben. Unser eigen Verhältnis ist aufs beste gesichert, das weiß ich, u. das fühlst Du ja auch – das einzige womit wir vielleicht nicht sobald ins Reine kommen können, ist freilich das Verhältnis mit andern. Wir sind nun einmal gewohnt unsre Goldmünze zu geben; u das gefällt denn den Menschen, sie aber mögen, wollen u. können vielleicht nichts anders als Scheidemünze geben, u. so empfinden wir denn endlich den schlimmen Tausch, u. ziehn in unsre Zelle zurück u. lernen freilich da nicht mit Scheidemünze wuchern. Für die wenigen Monate, da Du noch unter Fremden leben mußt, wünsche ich beinahe daß Du mit Scheidemünze wuchern lerntest. Doch was wünsche ich! Ziehe nur über Dich selbst kein Resultat Deiner Reise. Du hast genug erbeutet, daß Du nicht hier gewesen bist. Das Schicksal hat es gut gemeint, glaube mir, u. wir wollen ihm vereint dafür danken, wenn wir wieder zusammen an Deinem Fenster stehn werden u. den Himmel ansehen. O Gott wenn ich in Deine Zimmer komme, wie ist mirs jedesmal! [...] Man kann hier nicht begreifen warum die Herzogin [gerade] jetzt da sie nach Napel geht einen Palast mietet, da sie doch wenigstens 2 Monate dortbleiben wird, auch schließt man daraus daß sie den Sommer noch in Italien bleiben wird u. fürchtet die Hitze für ihre Gesundheit. Darüber wird doch wohl der Arzt Sorge tragen. Wenn ich die Herzogin wäre, ich würde den Sommer in der französischen Schweiz im pais de Vaux zubringen; einige Gedichte von Salis, haben mir das Land wieder gar lieb gemacht, u. eigentlich ist ihre Lebensweise u. ihr Klima dem unsrigen ähnlicher. Beinahe scheint es aber daß die Herzogin Goethe in Rom wieder erwarten will; u. es ist immer gut sich nicht zu genau um ihre Plane zu bekümmern. Goethe ist fleißig beim Tasso gewesen, wie mir gestern Moritz sagte; er ist aber noch nicht damit fertig u. pausiert ein wenig. Ich habe gestern u. vorgestern die Abhandl. von Moritz über die bildende Nachahmung des Schönen gelesen, die ersten Entwicklungen über nützlich, gut, schön u. edel dünken mich sehr wahr u. das übrige von der Bildungskraft ist mir auch einleuchtend, so wie ich das folgende alles als wahr u. vortrefflich empfunden habe, wenn es mir schon nicht völlig klar geworden ist. Knebel hat Zweifel dagegen, u. wünscht Deine Gegenwart, damit Du das Dunkle aufhellen mögest. Moritz ist der Prophet über Goethe; er schließt den eigentlichen Sinn über seine Stücke auf, u. weist den Mittelpunkt . Der reg. Herzogin hat der Mittelpunkt von Clärchen im Egmont nicht behagen wollen; ich weiß nicht ob er sie noch belehrt hat. Soviel ist gewiß, er hat eine helle u. verständige Vorstellungskraft u. ist ein echter Metaphysiker. Die Kalb war gestern auch bei mir, da er gerade da war; u. da den Tag vorher Kabale u. Liebe von Schiller gespielt worden, so mußte sies dulden daß er das Stück zergliederte u. bewies daß kein Funke poetisches Drama darinnen sei. Das ganze Gespräch lief darauf hinaus daß man nichts schlechtes dulden müsse, u. daß man dafür das Gute 10 u. 20 mal lesen ja bis zum auswendig lernen lesen müsse, wie die Alten es getan haben. Darunter rechnet er vorzüglich, Goethes Schriften, den Shakespear u. Homer von Voß übersetzt. Die Griechische Schaubühne sei uns vor der Hand noch zu hoch, ich teile Dir nun so abgerissen die Gedanken mit, u. weiß nicht was sie in der Ferne wirken. Du hast seinen Aufsatz auch gelesen; er sagte mir Du hättest ihn wahr gefunden. Moritzens Bekanntschaft freut mich um so mehr, da es ein wirklicher Schatz fürs Leben ist, einen verständigen Menschen mehr zu kennen, ob ich ihn gleich nicht so oft sehe; u. Goethe dieses Jahr nur wenige Minuten bei der Stein gesehen habe; ich habe ihm Deinen Brief heute geschickt u. er hat mir sagen lassen: Du hättest ihm viel hübsches geschrieben. Über das Geld sei unbekümmert, schreibe [mir] nur in Zeiten, damit Dus zu rechter Zeit erhaltest; 6 Wochen dauert es immer, ehe Du es nach Deinem Brief erhalten kannst. Du wirst aus einem meiner Briefe gesehen haben, daß der Herzog etwas hat tun wollen, daß es aber Goethe nicht für notwendig gehalten hat. Du hast mir nie geschrieben ob u. wieviel Du von Dalb. erhalten hast oder erhalten wirst. Dein Stillschweigen hierüber tat mir sehr wehe. Mags aber sein wie es will; Du sollst Geld haben soviel Du brauchst. Kaufe für niemand etwas als für die Frau von Frankenb. etwas ausgezeichnet Schönes, dazu wird Dir gewiß die Angelica helfen; empfiehl mich ihr u. bitte sie in meinem Namen darum, ich habe Dir geschrieben, Du möchtest der Herzogin etwas kaufen; das fällt jetzt von selbst weg, so wie für mich auch; ich hänge nicht daran; Du bist mir mehr als hunderttausend Ringe u. Gemmen, gedenke nur der Kinder mit etwas wenigem, u. lasse Dir nur selbst nichts abgehn. [...] Nun lebe wohl liebstes Herz; ich freue mich, daß Du nun längst in Neapel bist u. die schöne glückliche Lage der Natur mit Leib u. Seele in der besten Gesellschaft genießest. Des Menschen höchste Kunst ist doch nur ein Abglanz von dem All der Natur, wie Moritz sagt; das All der Natur selbst ist ja doch mehr. [...] Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 1. 1789 [?] Liebster Vater. Ich sende Ihnen heute nur einen Gruß und Kuß, denn ich weiß nicht viel zu schreiben. Wir freuen uns sehr daß wir im neuen Jahr sind, wo wir Sie wiedersehen werden, und daß Sie uns auch gern wiedersehn. O liebster Vater, wozu sollen viel Worte, um zu sagen, daß Sie mein liebster, teuerster, einziger Vater sind, und daß ich Sie zärtlich liebe!! – Gedenken Sie auch meiner im schönen Neapel, und auf dem rußigen Vulkan (der itzt speien soll); bringen Sie uns etwas von ihm mit, damit wir uns seiner desto lebhafter erinnern können. In der Schule geht es noch den gewohnten Gang. In dem Buche, das ich als Prämie bekommen habe steht: Iuveni ornatissimo, Auditori suo praeter caeteros dilecto, Gottfried Herdero, Hocce munusculum, Diligentiae morumque venustorum Praemium, offert I. G. S. Schwabe. Gymnasii illustris Conrector. d. IV. Jan. 1789. Nun leben Sie wohl, bleiben Sie gesund, lieben Sie mich und vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner recht sehr von mir, das nächste mal will ich ihm auf seinen Brief antworten. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 1. 1789 [?] Lieber Vater Ich habe ein Staub Röckchen bekommen ich sehe gar schön darin aus es ist Grau und hat einen Roten Kragen und Zackigt und ich bin darin gar Lustig Leben sie wohl. Ihre gehorsame Tochter Luise Herder 1789 Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 19. 1. 1789 [?] lieber Vater! ich habe mich über ihren Brief gefreut grusen Sie Werner u haben Sie mich lieb. Wenn Sie wieder kommen tue ich das grüne Kleid an das Sie mich sehen ich kriege auch weiße Hosen ihr Ihr getreuer bruder Emil Herder Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 26.t Jan 1789. Lieber Engel, ich hoffe daß Dein Willkomm in Neapel heiter, gesund u. warm gewesen ist; wie verlange ich nach dem ersten Brief daher. Heute ist keiner von Dir gekommen, es war wohl nicht möglich. [O] genieße der glücklichen Gegend dort, denn ich will Dich sobald nicht wieder auf so lange [Z]eit von mir lassen. Ich bin nun einmal mit der Wurzel meines Daseins so um Dich geschlungen daß mir nichts anderes Saft u. Kraft geben kann. Aber was wird Dir hier Saft u. Kraft geben? Wenn ich Dir [auch] nichts anderes sein kann, so will ich Dir dienen u. Dich pflegen, doch nur, wenn Du es gern annehmen magst. Doch laß uns die Zukunft still u. vertrauend erwarten. [...] Moriz ist meist bei Goethe, da er nur noch wenige Zeit hier ist; er geht nämlich den 1. Feb. mit dem Herzog nach Berlin, dem er bisher Stunden im Englischen gegeben hat, u. gemeinigl. 2-3 Stunden oben bei Ihm zubringt; der Herz. soll in der kurzen Zeit viel gelernt haben. Überhaupt glaubt Knebel daß Moriz auf den Herzog einen milden Eindruck gemacht habe; Gott gebe daß es Bestand hat. Es herrscht jetzt eine große Stille u. Ruhe hier. Man hört nur, daß Balken zum Schloßbau gefahren werden. Die Elisa Gor hat mir vor 6 Wochen geschrieben daß sie dieses Jahr hofft uns öfters zu sehen. Sie läßt Dir das schönste sagen. Ich muß ihr nun leider wieder antworten! [...] Die Kalb u. Schardt habe ich lange nicht gesehen. Es ist ein Kot auf den Straßen daß niemand gehen kann. Gottlob daß wir alle wohl sind. Ach wenn ich Dich doch in einem Zauberspiegel sehen könnte! Meine guten Träume machen Dich mir oft sichtbar. Der gute Gott sei überall mit Dir. Ich werde oft nach Deiner Rückreise gefragt u. kann niemand etwas Bestimmtes sagen, als daß Du bald nach Ostern von Rom abzureisen gedenkest. Wenn Du wieder von Neapel zurückbist u. Deinen Plan darüber gemacht hast, so schreibe mirs. Heute bin ich im Traum unter dem Bogen des Titus in Rom gewesen: es war dicht ein Wasser dabei, Luisgen u. Emil tanzten am Ufer miteinander u. fielen zusammen hinein; ich war in der größten Verzweiflung als sie auf einmal aus dem Wasser herausge[gangen] kamen. Wie leicht war mirs da ich den Traum überdachte. [...] Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 1. 1789[?] Ich umarme Sie liebster Vater, und drücke den wärmsten Kuß auf Ihre Lippen. – Behalten Sie mich lieb und bleiben Sie gesund, und kommen bald zu uns. Leben Sie wohl. Ihr Gottfried P. S. Ich bin jetzt wieder recht wohl u. mache zum Zeitvertreib eine Kopei von einer stupend-großen Tabelle über die ganze alte Geschichte, vale August Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 1. 1789[?] Liebster Vater. Der H. Geheimrat von Goethe hat uns 2 Bilder geschickt wo Brunnen in Rom ganz mit Eis überzogen waren, und alles beschneit war, und ließ dabei sagen: so sähe es jetzt in Rom aus, aber Sie wärmten sich am Vesuv. Jetzt sind Sie in Neapel, grüßen Sie den Großvater der Berge den Vesuv. Adelbert kann nicht schreiben, er muß Exercitia machen, denn jetzt gehts scharf in Tertia, weil der H Subkonrektor krank ist so hält H Schäfer Schule u nimmt Willhelm u Adelbert mit hinein, er läßt Sie grüßen. Leben Sie wohl u vergessen Sie nicht Ihren gehorsamen Sohn August Herder Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 26 Januar 1789. Lieber Vater. Heute habe ich zwei Bilder gesehen, wo ich ganz darüber erstaunt war, nämlich, daß in Rom auch Eis und Schnee gibt, denn der Herr G. rat v.  Göthe hat sie uns und der Mutter geschickt wo zwei Brunnen gefroren waren. Ich und Adelbert gehen jetz mit nach Tertia weil der Herr Subkonrektor ein böses Bein hat. Wir haben auch schon etliche mal Exercitium bekommen, wir machen auch in den Grigiischen alles mit wie Tertianer. Sie werden auch jetz sehen wie der Vesuvus Feuer speut. Nehmen Sie es nicht übel, daß ich Ihnen so wenig schreibe, denn wir haben heute wieder ein Exercitium bekommen und das müssen wir Morgen herweisen. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 1. 1789 [?] Lieber Vater. 1789. Es geht mit den Spinnrädchen nun immer besser. Vielleicht kann ich spinnen wenn Sie wieder kommen Da will ich Ihnen auch einmal Hemden spinnen Das ist nicht schön daß in Rom Eis gibt wir haben geglaubt es geben lauter Veilchen bei Ihnen bei uns regnets jetz auch u. wir können nicht in den Hof gehen, leben Sie tausendmal wohl. Ihre horsame Luise Herder Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 26. 1. 1789 [?] lieber Vater ich habe wieder einen Wagen da Fahr ich mit Es werd bald bei uns Frühling der Schnee ist bald weg und bei Ihn ist Eis wir haben heute gemalte Eis Brunnen aus Rom gesehen Kommen Sie bald zu uns lieber Vater Ihr getreuer Sohn Emil Herder den 6den Januar 1789 J. G. Herder an Caroline Herder Napel den 27. Jan. [1789]. Endlich schreibe ich Dir, liebes Herz, aus einer etwas freieren Wohnung; ich glaube aber, daß ich auch heut Dir nicht so gar viel werde schreiben können: mir fehlt noch immer dazu in Napel der rechte Augenblick. In unserm Schauen der Natur rücken wir allmählich weiter; der Vesuv ist auch bestiegen, Pozzuoli u. Pästum sind noch vor uns u. ein Teil der lebendigen Welt in der edeln Komödie, wenn diese angeht. Von meinem Innern bei alle diesem kann ich Dir nichts sagen, ich wills an die Kinder schreiben. Nur sonderbar ists mir hier: das Klima weckt den Geist auf um zu schlummern, weiter kann ich nichts sagen – Hier ward ich gestört u. bins den ganzen Tag durch gewesen. Eben komme ich vom Essen beim General Salis, wo ich mit Hamilton Bekanntschaft gemacht habe, u. muß sogleich wieder fort. Lebe wohl für heut, lieber Engel u. erfreue mich bald mit Deinem Briefe. Morgen will ich Deinen Geburtstag im Geist u. mit heiliger, einziger Andacht feiern. Grüße die Kinder, u. entschuldige mich diesmal bei der Fr. v. Fr[ankenberg], daß ich heut nicht schreibe. Adieu, Engel, künftigen Posttag gewiß mehr. Lebe wohl, liebes Wesen. Liebe, liebe! Adieu H. Der Herzog hat an mich einen artigen Br. geschrieben. Empfiehl mich der Herz, wenn Du sie sprichst; ich hätte sogern eine Agrippina für sie im Camée, Jenkins will aber 200. Zechinen. Es muß sich was anders finden; sage aber niemand nichts. Für Dich bringe ich nichts mit, als mich selbst. Vale, Vale H. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 30. Jan. 1789. Inliegender Brief kam vorigen Posttag zu spät zum Einschluß beim Rat Ludecus, u. es war gut daß das leere Blatt zurückblieb. Heute, lieber Engel, habe ich Deinen ersten lieben Brief aus Napel erhalten, u. er macht mich auf Tagelang um Deinetwillen froh u. glücklich. Der unerhörte Schnee u. Eis [in] jener Gegend, kommt mir wunderbarlich vor, u. ich hätte Lust abergläubisch zu sein, daß ein guter u. toller Dämon Euch begleite. Du kannst aus jener Kälte dort schließen wie es bei uns mag ausgesehen haben. Dies ist nun alles wieder gut. Den 28t. an meinem Geburtstag hats den ganzen Tag beinah warm geregnet; ich stund fröhlich auf, u. war meines Daseins froher als jemals; warum? weiß ich nicht, denn ich bin leider um kein Haar besser geworden. Daß Du mein erster u. letzter Gedanke an diesem Tag warst, darf ich Dir nicht sagen, liebstes Herz; die Kinder bereiteten mein GeburtstagsTischchen. Gottfr. gab ein paar Handschuh mit eingen Versgen, August ein Messer u. Verse, Wilhelm ein Nadelbüchschen mit Nähnadlen, Adelbert eine Waage! (dies Geschenk hat mich am meisten gefreut u. soll mir ein neues Symbol des Lebens sein.) Luisgen Blumen u. Versgen, die die Jungfr. Schwarzin gemacht u. Emil hat mir eigentlich das größte Geschenk gemacht, seinen ganzen Reichtum . Er bestand in 2 Nadelbüchschen, die er kürzlich bekommen u. die er sehr lieb [gehabt] hatte u. einen Kupferstich von der Herzogin; mit diesem trug er sich wohl 6 Tage vorher u. zählte den Geburtstag recht herbei. Kurz, wir waren vergnügt u. Dein Geist war unter uns. Wenn Du den Tag vergessen hast, so haben wir Dich unwiss[entl.] zu uns gezaubert. Knebel sandte eine Torte u. eine frische Blume, von der ich Dir 2 Blättchen sende. Den Abend kam er u. Moriz noch selbst auf eine Stunde zu mir. In meinem Schatzkästchen habe [ich] aufgeschlagen: Mache dir ein neu Herz u. einen neuen Geist. Auf der andern Seite: Martha Martha, du hast viel Sorge u. Mühe. Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben. u. in Deinen Blättern den unsterblich Vogel der Wahrheit; u. damit habe ich denn mein 40zigstes Jahr angetreten, – das gute u. gerechte Schicksal laß michs in Deinem Schoß glücklich endigen! [O] wie freue ich mich daß es in Neapel so schön ist! Du wirst einen Schatz des Lebens sammeln den Du jetzt noch nicht berechnen kannst, der aber für Dich u. für uns in der Folge gewiß wohltätig werden kann, je mehr wir unser Dasein in uns selbst befestigen! Darauf wollen wir arbeiten, liebes Herz, u. weder zur Rechten noch Linken schauen. Auch macht einen sogar nichts mehr von außen irre oder unruhig. Darin liegt die größte u. einzige Lebensweisheit. Moriz ist mir ein eindrückliches Bild davon geworden u. seine Abhandlung über die bildende Kunst ist mir ein großes Licht geworden; ein Maßstab für das Beste. ich habe mirs abgeschrieben u. dadurch ist mirs sehr klar geworden. Wenn Du wiederkommst müssen wirs zusammen lesen. Er hat heute Abschied bei mir genommen u. geht übermorgen früh mit dem Herzog nach Berlin. Die Luise Stolberg u. Mann grüßen Dich liebevoll; sie schreibt unter andern: Ahlemanns Nachfolger in Altona ist gestorben; der Superintendent Struensee ist gestorben, der Kanzl. Cramer ist gestorben – u. doch kann ich nichts hoffen, darf nichts wünschen. Gott leitet alles pp. ich werde ihr antworten, daß Alles so recht gut sei pp dies ist mir auch aufs deutlichste klar. wir wären ja unter den groben Holsteinern wie verschlagen; nicht zu gedenken daß das feuchte Klima uns allen sehr übel bekäme. Wir wollen also Gott danken der bisher unsre Kindische Wünsche nicht erhört hat. Wir werden ja doch einmal klug werden! Wenn wir nur halb soviel Entschluß u. Festigkeit haben, als Spinoza. [...] Der allerbesten Herzogin in Napel empfehle ich mich untertänigst u. grüße die Reisegefährten freundl. Wenn ich doch auch, wie der liebe Gott, zum Fenster heraus, auf Euch in Napel schauen könnte! genieße ganz das 3mal glückselige Land; sei fest in Dir selbst, u. laß Dich von außen nichts kümmern – niemand kann Dir ja etwas geben. Verzeihe diese Philosophie die mir in diesen Tagen so lebhaft erschienen ist. ich will Dich dadurch nicht belehren; ich will Dir nur mein Gefühl sagen. Die Kinder küssen Dich tausendmal. Hartknoch hat auch heute geschrieben u. will die Schwester an Ostern mitbringen. Gottfried u. August gehn heute auf die Redoute, nun muß ich endigen. Lebe wohl treuer, Bester Einziger lebe wohl! wohl. J. G. Herder an Karl Ulysses von Salis-Marschlins Neapel, Ende Januar 1789 Hier haben Sie, lieber Salis, (erlauben Sie, daß ich Sie statt leerer Titel mit einem herzlichen Namen nenne) den ersten Teil des Buchs in quaestione, das Sie noch nicht kennen. Sehen Sies an, wenn Sie Zeit haben, nicht als Übersetzer, sondern als Freund u. als ein Sachkundiger Leser. Da Sie gerade die Teile der Wissenschaften kennen, lieben u. bearbeiten, die der einzige Grund des menschlichen Philosophierens sein sollten, u. hier in Napel gewiß unbefangen lesen, es sei denn, daß etwa das Brausen der Wellen Sie störte: so bin ich auf Ihre Meinung über einzelne Stücke u. wenn Sie wollen, über das Ganze sehr begierig. Alsdann wollen wir weiter sprechen u. überlegen. Wie erfreut ich bin, so unvermutet einen Mann wie Sie hier zu finden, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich reiche Ihnen darüber meine Hand, reichen Sie mir die Ihrige; u. lassen Sie uns die kurze Zeit da ich hier bin, einige Stunden oder Augenblicke zusammenleben. Empfehlen Sie mich Ihrem Hrn. Onkel: ich verliere seine heitre, feste u. gütige Miene gar nicht aus meinem Gedächtnis. Adieu, lieber Salis. Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Napel 2. Febr. 89. Liebstes Herz. Ich danke Dir 1000.mal für Deine zwei Briefe vom Januar, die ich mit Einer Post empfangen habe. In beiden waren fröhliche Briefe aller unsrer Kinder, u. dies ist ein gutes Zeichen aufs Jahr 789. Das Geschenk der Fr. v. Fr[ankenberg] hat mich ganz beschämt. Ich habe ihr gedankt, wie ich konnte; aber ich bleibe beschämt, auch mit allem, was ich ihr mitzubringen vermögte. Laß Dir um Gottes willen von einer solchen Idee gegen sie nichts merken; sie hat ihr im letzten Br. entgegenzuwirken gesucht, wie sie kann u. mag. Das Glück helfe mir zu Etwas. Dank Dir 1000mal für Deine unnennbare, unerschöpfliche Güte u. Liebe. Dir bringe ich nichts, als mich selbst mit; aber wie ich hoffe, neugeboren. Träume Dir nichts von solchen Fällen zwischen dem 8-9. Jan. Du hast falsch geträumt. Wahrscheinlich komme ich Dir so treu u. ganz zurück, wie ich von Dir ging, u. ich bin gewiß, 10mal ganzer. Ich lebe in der höchsten Sinnlichkeit von außen so ätherisch-unsinnlich, daß ich selbst davon keinen Begriff in Deutschl. gehabt hätte. Bloße Wohllust ist wider meine Natur, und vor allem Attachement hüte ich mich in Italien, wie ich mich noch nie gehütet habe. Tausend Ursachen sind hiezu da, u. die vornehmste, daß man sosehr dazu gestimmt ist. Mein innerer Zustand ist Sehnsucht zurück nach den Meinen u. nach Dir, meine liebe; siehe, da hast Du mein Herz u. meine Seele. Hier lege ich Dir einen Br. von andrer Art bei, woraus Du siehest, daß ich hier ein Paar kopuliert habe. Es war vorigen Sonnabend, Französisch, nach der Englischen Liturgie, u. ich habe damit einem liebenden Paar zusammengeholfen, das noch lange nach einem protestantischen Geistlichen hätte warten können, weil hier keiner ist. Die Sache ist jokos, zeige den Br. an Göthe u. Knebel. Die Menschen haben mich übrigens ziemlich gern, eine Duchessa Jovene, eine geborne Deutsche, schätze ich sehr hoch, u. ich werde Dir nächstens von ihr schreiben. Es geht aber nicht auf Liebe. Der Erzbischof von Tarent ist gar lieb u. gut: der General Salis ein braver Mann, u. sonst drängen sich die Napolitanischen Gelehrten an den Vescovo di Turingia, wie mir eben einer sein Buch mit solcher Überschrift geschickt hat, sehr an. Mit Einsiedel logiere ich zusammen auf Einem Flügel u. wir leben recht wie Brüder, ohngefähr wie ich mit seinem Bruder lebte. Heute sind wir Pozzuoli, Bajä ppp durch, u. ich bin müde, daher ich Dir auch nicht viel schreibe. Künftig mehr. Grüße die Kinder u. danke allen für ihre Briefe. Auch Göthe, Knebel u. die Weiber; vergiß auch die Waldner nicht; ich habe sie recht lieb, weil ich mit Einsiedel so gut lebe. Nächstens will ich an die Kalbin pp schreiben. – Lebe wohl, liebster Schatz, mein einziges holdes Leben; ich schreibe Dir nicht viel. In Napel läßt sich nicht schreiben, sondern nur sehen u. träumen. Lebe wohl, Einzige, liebe. Empfiehl mich dem Herz. u. der Herzogin. Vom 1ten habe ich einen sehr guten Br. erhalten. Der Herzog[in] M[utter] gehts wohl. Letzte Post hatte ich mit Deinen 2. reichen Paketen auf Einmal 10. Briefe. Borgia ist Kardinal, das mich sehr freuet. Dein Halsweh ist doch vorbei? Mache daß ich Dich froh u. gesund finde. Die Werke Friedrichs kaufe, wenn der Preis gering ist, wo nicht, so laß es bleiben, bis mir sie einer schenkt. Lebe wohl, Beste. Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Weimar, den 2. Februar 1789. Ihren Brief voll Liebe, Geist und Seele, liebster Herder, habe ich erhalten. In allem ist Ihre Art zu sehn die menschlichste, und deshalb wohl die wahrste. Alles muß hauptsächlich Bezug haben auf uns selbst, auf den Kern und dessen Güte und Beschaffenheit; das übrige ist nur Schale, Rinde, Hülse oder Anzug und Flitterstaat. Wie sehr ich Sie um aller dieser Wahrheiten willen liebe, die so wahr und innig in Ihnen wohnen, kann ich Ihnen nicht sagen. Lassen Sie uns nur immer Menschen fürs Ganze bleiben, und die Teile nicht auf Kosten des Allgemeinen zu sehr erheben. Daß Sie nun in Neapel eines reinern, liebern Himmels und einer liebern Erde genießen, freut mich unendlich. Die Erde gab ihr Bestes an die, denen sie am meisten schuldig ist! – Um Ihnen von unserm philosophischen Wesen, wie Sie wollen, etwas zu sagen, so ist die Sache sogar unter uns zum Kriege gekommen. Goethe hat nämlich aus Italien eine Menge eingeschränkte Begriffe mitgebracht, so daß wir von dem allen nichts wissen, daß unser Wesen zu eingeschränkt sei, um von der Dinge Dasein und Wesen nur einigen Begriff zu fassen, daß alles absolutissime auf die individuelle Existenz eingeschränkt sei, und daß uns also nichts zu denken und zu begreifen übrig bleibe als einzelne Fälle und Untersuchungen, oder der Umfang der Kunst u. s. w. Diese Sätze wurden mehr und mehr in Gesellschaft des guten Moritz, der ein sehr mikroskopisches Seelenauge hat, zubereitet, und da ich nicht ganz derselben Meinung war, auch mich wider einige Sätze und sonderlich wider die Manier des Stils und das Mystische desselben in Moritzens Schrift von der Nachbildung des Schönen einigermaßen erklärt hatte, nach und nach auf mich zugemünzt. So lange ging alles freundschaftlich und gut. Vor acht Tagen schickt mir Goethe einen, im neusten Stück des deutschen Mercurs gedruckten Brief von ihm von Neapel datiert zu, mit dem schriftlichen Beisatz, daß dieses die Antwort auf meine von Jena aus geäußerten Meinungen (wegen Kristallisation des Eises an den Fensterscheiben, worin ich den Hofrat Büttner für mich hatte) sei und daß er sich damit gegen alle unsere hagestolzen Meinungen verwahren wolle etc. Eine gedruckte Antwort auf einige unbestimmte Meinungen in einem bloß freundschaftlichen Briefe mit dieser persönlichen Adresse verdroß mich. Ich sagte ihm dieses sogleich denselben Mittag bei Frau von Stein, wo wir in größerer Gesellschaft beisammen aßen. Ich sagte, ich würde auch gewiß darauf antworten etc. Dies wurde mit gewöhnlicher vornehmer Gleichgültigkeit behandelt. Unterdes schlug sich Moritz in Weg und wollte mit seiner Gutheit den kleinen Groll, den ich gefaßt hatte, besänftigen. Ich sagte ihm, Goethe habe mich auf eine ganz unschickliche Art öffentlich angegriffen, und da noch seine Argumente überdies sehr schlecht wären, so glaubte ich, er habe es bloß getan, Um mir Verdruß zu machen oder mich auf diese Art demütigen zu wollen. Er leugnete dieses, und ich erhielt darauf ein Schreiben von Goethe, um die Sache zu akkomodieren, das ich aber grob von mir wies. Nun sollte die Beleidigung auf meiner Seite sein; ich gestand es aber nicht zu und verfertigte die Antwort auf das gedruckte Schreiben, die ich Moritzen zuschickte. Goethe weigerte sich, solche zu lesen, weil ich ihn nun vorher durch meinen Brief beleidigt hätte; ich sagte aber an Moritz, er müsse den Brief lesen, oder ich ließe ihn drucken, und es fände keine Vereinigung mehr unter uns statt. Er tats und verlangte nun, daß der Brief, mit Auslassung alles Leidenschaftlichen, gedruckt werden möchte; er wolle auch wieder antworten. So weit ist es, und wir sind nun wieder Freunde, und ich bin gestern bei ihm gewesen. Ich möchte Ihnen gar gerne meine Antwort zuschicken, aber ich fürchte die Weitläufigkeit des Transports, und Sie müßten Goethes Brief dabei haben. Ich habe bei diesem Streit niemand auf meiner Seite gehabt als Frau von Stein, die gar fein und richtig fühlt und lieb und brav ist. Niemand habe ich sonst davon gesagt, und ich bitte Sie, sagen Sie auch Ihrer dortigen Gesellschaft nichts. Moritz ist doch auch meinen Gründen nicht zuwider gewesen. Moritz ist gestern mit dem Herzog nach Berlin gereist. Sein Abschied hat uns allen leid getan. Der Schloßbau soll hier mit Macht betrieben werden; dies Jahr werden alle Materialien zugefahren; der Herzog will selbst mit seiner Familie da wohnen; das Land hat große Freude daran. Es wäre zu wünschen, die Herzogin dächte auch so was für Tiefurt; denn man ist doch nur ganz wohl, wo man zu Hause gehört, und es ist Pflicht da zu sein, wo uns das Schicksal hingewiesen hat. Die Ihrigen sind wohl und mir doppelt lieb und wert, um Ihret- und ihrer selbst willen. Alles Liebe und Gute, das nur denkbar ist, sei mit Ihnen! Versichern Sie die Herzogin meines treuesten, ehrfurchtsvollen Andenkens. Sagen Sie Einsiedeln recht viel Gutes. Ich habe seinen guten Brief noch nicht beantwortet, den ich sogleich beantworten wollte. Künftig schreibe ich alle acht Tage. Grüßen Sie Fräulein Göchhausen und alle Welt. Meine Geschwisterte wissen nichts über Sie; Sie sind ihre größte Anliegenheit. Leb wohl, Du guter, vortrefflicher Mensch! Karl Ludwig von Knebel an Caroline Herder Weimar, 5. 2. 1789 [?] Sine die. Seien Sie außer aller Sorge wegen Ihrer Sünde; ich denke, sie ist so groß nicht, daß Sie deshalb eine besondere Absolution zu erbitten hätten. Was Moritz betrifft, so bleibt es bei unserm gestrigen Diskurs. Ich glaube, daß das Urteil Ihres Mannes von ihm so weit nicht irre geht; er ist ein seltener und ein guter Mensch. Mich dünkt, wir wollen lieber unser weiteres Urteil aufschieben, als Herdern Unrecht tun, der ohne Zweifel auch gewußt hat, was er sagen wollte. Übrigens lassen Sie sich nicht bange sein. Ich behandle Herders Interesse wie mein eigenes, und ich weiß wohl, zu welcher Zeit es schicklich sei, eine Meinung zu sagen oder nicht. Unser Freund Goethe aber ist in seinen Meinungen selbst so poetisch, als wir andern nur immer. Er setzt gar leicht etwas auf die höchste Spitze, wenn er davon eingenommen ist. Dies muß auch so sein; denn sonst wäre er kein Dichter, und die äußere gesetztere Gestalt verwahrt nur fester den leicht beweglichen Dichtergeist, den er ja selbst von sich gesteht und gestehn muß. Deshalb ist er uns nicht weniger lieb und teuer; wir verehren ihn, aber keine ausschließenden Eigenschaften für die Erkenntnis der Wahrheit gibt es deswegen nicht. Wir sind alle auf einen Boden gepflanzt; jeder zieht die Säfte seiner Art und seiner Organisation aus ihm, der Palmbaum andere als die Weide; beide haben ihre verschiedene Art zu sein, ihr verschiedenes Recht, den Himmel über ihnen und die Erde unter ihnen zu betrachten. Genug hievon! August spottet über mein langes Billet, und Sie verzeihen es. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 6. Feb. 1789. Du hast mich vorigen Dienstag unerwartet u. unsäglich erfreut mit Deinem 2ten Brief aus Napel vom 12. Jan. O liebstes Herz, wie danke ich Gott, daß es Dir so wohl ist, u. daß er die Welt dort so schön gemacht hat! Im stillen Gemüt empfinde ichs tief, daß Du eben überall mit Deinen eignen Augen siehst u. mit Deinem eignen Gefühl empfindest. Knebel, die Steinin u. die Kalbin freuen sich auch hierinnen mit mir u. sie hängen recht an jedem Deiner Worte; denn es ist Wahrheit u. nicht hinaufgetürmte Kunst. Die Natur ist doch überall die allmächtige; sie ist gütig u. gerecht gegen Dich, wie Du gegen sie, u. Du wirst gewiß aus Napel soviel mitbringen daß der Eindruck auf Dein ganzes Leben wohltätig sein wird! wie jammerts mich daß die Herzogin dort so kurz verweilet, da sie doch für ihre eigne Gesundheit u. Erholung länger bleiben sollte; u. vielleicht trifft Dich dieser Brief schon gar wieder in Rom, das mir leid tun würde; denn ich wollte Dich bitten, daß Du noch einen Monat länger bleiben mögest, wenn auch die Herzogin früher nach Rom ginge, das wird sie ja nicht ungütig aufnehmen, da Du diese Gegend nur einmal siehest; Sie sie aber noch mehrmalen sehen wird. Darum, meine ich, wäre es unendlich gut für Dich u. mich u. uns alle, wenn Du in Napel bleiben könntest solange als möglich, u. Deinen Geist u. ganzes Wesen von dieser balsamischen Luft u. Meer ganz erfülltest, gegen Ostern nur erst nach Rom kämest u. dort nicht länger verweiltest als nötig wäre, das notwendige noch nachzuholen, damit Du mit dem guten Eindruck, der nie auslöschen sollte, nun zu uns kämest. Dein guter Genius lenke Deine Reise, Dein Bleiben u. Kommen zu Deinem Besten! denn nur wenn Dirs wohl ist, ist mir wohl; ja es ist mir fast, als ob Dein Brief, mir die Balsamische Luft gebracht hätte. Ach daß der liebe Gott uns so weit von der glücklichen Gegend hat lassen geboren werden! [...] Moritz ist wenig zu mir gekommen u. war die letztenmale etwas zurückhaltend, ich glaubte, daß Du vielleicht etwas aus meinem ersten Brief über ihn, an Rehberg gesprochen hast, u. dieser es übel verstanden, wieder an ihn geschrieben hätte. Es tat mir leid, denn ich meine, man muß das Gute u. Verständige lieben u. hochhalten, wo man es findet, u. die Eigenheit des Menschen dabei vergessen; dadurch lernt man erst, den Glauben u. den Grund in uns fürs Gute u. Verständige recht stärken u. Moritz ist gewiß ein trefflicher Mensch. Ich habe mich aber vermutlich in meiner Meinung geirrt; gestern vertraute mir Kn[ebel] etwas von seinem Streit mit Goethe u. Moritz über des letztern Abhandl. wovon er Dir vorigen Posttag geschrieben hat. Es ist nun alles wieder gut. Goethe zeigt Moritzens Abhandlung in der Litterat. Zeitung an, u. hat einen Auszug davon gemacht den er Knebel gestern gegeben hat, worüber er sehr zufrieden war u. ihm nur nochmals seine eigne Vorstellungsart von der Schönheit der Kunst u. der Schönheit der Natur deutlich gemacht hat, u. worüber wie mich dünkt Knebel die richtige Grenze gefunden hat; ? Moritz hat diese Grenze in der Abhandl. nicht deutl. bemerkt, oder gar in Eins gebracht. Dies wars, was den Knebel so sehr aufbrachte; Heute schrieb er mir: »grüßen Sie doch H. tausendmal von mir; selbst kann ich nicht schreiben. Ich war gestern den meisten Teil des Abends noch bei Goethe. Den Unterschied der Schönheit, als Vollkommenheit eines Ganzen, u. als Vollkommenheit eines scheinbaren Ganzen, erkannte er nicht nur, sondern sagte auch darüber noch mehrere sehr richtige Sachen. Schönheit der Natur ist Vollkommenheit des Ganzen, zu einer anschaulichen Erkenntnis gebracht; Schönheit der Kunst ist gleichsam der Anblick des Vollkommenen, in der Seele des Künstlers zur Gestalt gereift, u. durch innre Kraft wieder zur Gestalt wirkend. Die Erstere Schönheit besteht in Ordnung u. Gesetzen der Natur, so weit sie übereinstimmend erkannt werden; die Schönheit des Künstlers gründet sich auf dieselbe Ordnung, aber sie wirkt stärker auf die SinnesKräfte u. äußert sich durch die Art u. Weise, wie der Künstler jene aufzunehmen u. darzustellen vermag. Beiderlei Arten mischen sich in der Seele; die letzte allein bestimmt den Wert des Künstlers. – So etwas. Ich denke das wird uns Licht geben, über Beide Arten konsequent zu denken; daß Philosoph u. Künstler in richtigem Verhältnis nebeneinander stehen können. Leben Sie wohl.« So weit Knebels Billet, das so eben kam, u. da ich eben bei der philosophischen Materie war, Dir mitteilen mußte. Verzeihe mir daß ich mich darein mische; diese Materie geht ja aber Dich auch an; u. was Dich angeht, geht ja mich an. – Die Kinder sind Gottlob wohl, u. werden Dir schreiben, ich habe mich über die Bildchen für die 2 Kleinen selbst wie ein Kind gefreut; die Mutter mit den Zwillingen ist auch gar zu schön. Dein unvergleichlicher Erzbischof von Tarent gefällt mir aber über alles wohl. O Gott wenn Du einer werden könntest; ich wüßte nicht was Opfer ich nicht für Dich tun könnte! Doch laß uns nicht nach dem verbotnen Baum greifen u. darüber das ganze Paradies verlieren; wenn es schon mit Dornen umzäunt ist, so ist es doch ein von Gott beschertes auch selbstgebautes Paradies. Mit welcher Hoffnung u. Verlangen Du Dich aber diesem Paradies wieder hier nähern wirst, weiß Gott. Darüber darf ich gar nicht nachdenken. Es ist nichts um ein Haar besser geworden, seit Deiner Abwesenheit, weder ich, noch die Kinder, noch die ganze Situation, noch der Staat u. die Menschen darinnen. Mache Dir in der Ferne nur keine bessre Illusion von uns; damit Du es hernach nicht anderst findest! Nun lebe tausendmal tausendmal wohl, mein Einziger! Gott u. Dein guter Genius geleite Dich, u. erhalte Dich gesund u. [heiter.] C. H. ? Den Unterschied der Schönheit der Kunst zwischen der Schönheit der Natur setzt Knebel darinnen, daß erstere der Inbegriff aller Vollkommenheit u. aller Verhältnisse sei; u. daher bei ihr nicht mehr die Rede sein darf noch kann von nützlich, gut pp denn sie begreift alles dies in sich; sie ist aufs höchste nützlich aufs höchste gut, denn durch ihre Vollkommenheit begreift sie alles in sich u. schließt nichts aus. Die Schönheit der Kunst darf hingegen ausschließen, das nützliche pp da sie nur ein Abglanz von jener ist. – so habe ich ohngefähr Knebeln gestern darüber verstanden. Der gütigen Herzogin empfehle ich mich untertänigst u. hoffe daß die unvergleichliche Gegend Sie so glücklich u. heiter macht wie Dich. Die Reisegefährten Frl. Göchh. u. Einsiedel grüße ich aufs schönste. [...] Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar d. 6ten Febr. 1789. Liebster Vater Wie sehr freuen wir uns, daß Sie in Napel so vergnügt, heiter und wohl sind; O bringen Sie alle diese Wohltaten auf immer mit hieher hinter unsre Peter- u. Paulskirche, daß sich diese dicke Luft verkläret und wir alle die reine Luft einatmen. Könnten wir Ihnen nur auch hier eine so schöne Aussicht verschaffen als in Napel, aber omnia non possunt omnes; bringen Sie daher lieber ein Stück von Napel mit hieher, oder zum wenigsten eine Zeichnung davon, damit wir uns durchs Ansehn erquicken. Wir lesen jetzt das erste Buch des Horaz beim Herrn Schäfer, ich habe diesen Dichter recht sehr lieb, u. Sie werden mir über manches Aufschlüsse geben. Schreiben Sie nur recht viel auf, denn dem Gedächtnis ist nicht immer ganz zu trauen. – Die Mutter läßt Ihnen auch noch sagen, daß es heute 6 Monate sind, daß sie weg sind, und sie freute sich (wie wir alle uns auch herzlich) daß wir so weit gekommen wären. – Ich bin mit August auf der Redoute gewesen, wo wir recht vergnügt waren; ich tanzte brav, und um 3 Uhr kamen wir wieder nach Hause. Diesen strengen Winter hat die Bibliothek geruht, jetzt bald soll es aber wieder frisch dran gehen, daß wir mit Ehren bestehen können. Leben Sie wohl liebster Vater, gedenken Sie meiner, u. lieben Sie Ihren gehorsamsten, u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner recht sehr von mir. August Herder an J. G. Herder Weimar, 6. 2. 1789 [?] Liebster Vater. Jetzt haben wir schon 2 Briefe von Ihnen aus Neapel bekommen, und wie Sie sich dort freuen, so freuen wir uns hier, wenn ein Brief von Ihnen kömmt, u Sie vergnügt und gesund sind. Den vorigen Freitag als den 30 t Januar bin ich mit Gottfried auf der Redoute gewesen, und da war ich auch sehr vergnügt, und der H. v. Knebel hat mich der Herzogin präsentiert, Gottfried in einem Tabero und ich in einem Kleid das wär 3 Finger rot u 3 Finger weiß gestreift u es hat dem H. v. Knebel u Frau von Kalb sehr gefallen, um 3 Uhr kamen wir wieder von der Redoute, und sie ist uns sehr gut bekommen. Mit H. Subkonrektors Bein gehts besser, er empfiehlt sich Ihnen, H. Schäfer grüßt sie auch! Jetzt ist auch ein neuer Kantor von Suhl mit Namen Remde da. Leben Sie wohl u behalten Sie auch in Neapel lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 6. Februar 1789. Lieber Vater. Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie so ein schönes Loschie haben und daß Sie so eine schöne Bekanntschaft gemacht haben, und ich wünsche, daß Sie immer vertrauter miteinander werden bis in die Ewigkeiten hin. Ich wünschte daß Sie dort in Neapel Erzbischof würden, daß wir hinreisen könnten, Da könnten wir die prächtigsten Sachen sehen die wir hier bei weiten nicht haben. Da könnte ich auch den Vesuvs abzeignen wie er Feuer sprüht, und noch andere schöne Sachen. Leben Sie immer fröhlich und gut in Neapel. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 6. 2. 1789 [?] Lieber Vater. Ich habe ein Schönes Reißeig bekommen denn die Mutter hat es uns Versprochen es sin 3 Zirkel drinne und auch ein Tranzborter, man kann auch ein großen Zirkel machen einen Bochen groß. Und es hat mich große Freide gemacht und wenn sie wieder kommen werden sie sich auch darüber sehr freuen werden: Ich wünße daß es sie in Neaber recht wohl mege bekommen. Grießen sie den Werner. Leben sie wohl ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 6. 2. 1789 [?] lieber Vater Emil und ich haben um die 2 Bildchen geloset da bekam ich den Baum. ich danke Ihnen dafür Jetzt spinne ich die zweite Spule u. spinne recht gerne da schicke ich Ihnen ein Bildchen wie ich aus sehe beim spinnen. Wir möchten alle gern bei Ihnen in Napel sein weils Ihnen so wohl gefällt Leben Sie wohl u. kommen reht vergnügt zu uns Ihre Gehorsame Luise Herder 1789 Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 6. 2. 1789 [?] Lieber! Vater! ich habe die Mutter mit den Kindern bekommen ob auch das zwillinge sind? ich gehe den Sonntag wieder zum Erbpinsen, ich danke Sie für das schöne bildgen wir haben auf der Land, Karte, Neapel, aufgSuht wo Sie jetst gnügt sind hier schick ich Ihnen auch ei bildgen Ihr getreuer Sohn Emil Herdr in neabbel J. G. Herder an Caroline Herder Napel den 10. Febr. [1789]. Deinen lieben Br. vom 13. Jan. empfing ich gestern, da wir eben nach Portici hinauswollten u. ich habe ihn im Angesichte des schönen Meers auf einem herrlichen Balkon voll süßer Freude gelesen. Vielleicht ist dies der letzte, den ich Dir aus Napel schreibe: denn wir denken an unsern Rückzug. Meine Gesundheit hat hier eine sonderbare Crisis gehabt, aus der ich gemerkt habe, daß mich vielleicht Napel allein ganz gesund machen könnte. Wir waren in den Schwefelbädern u. in den Grotten der Solfotara gewesen: der warme erquickende Dampf durchdrang mich so innig, daß ich spürte, hier allein könnte meine alte böse Leber durchaus erweicht werden. Ich hielt mich länger drinnen auf, als ich sollte u. dorfte; eine Erkältung an der Luft war nachher fast unvermeidlich: ich trank einige Gläser Syrakuser, die mir auch ins Blut gingen; und Abends darauf bekam ich einen mir hier ganz fremden Kopfschmerz. Den folgenden Tag hatte ich die Kopulation u. trank wieder mancherlei Weine; am Abend war mir unwohl u. des Morgens darauf fühlte ich deutlich, daß meine Galle wieder in Anmarsch sei. Ich blieb Sonntag im Bett; der Doktor, der ein trefflicher Mensch ist, kam sogleich mit einem Abführungsmittel zu Hilfe. Das Übel war aber noch nicht gehoben, u. am Ende der Woche ward der Feind insonderheit mit Lavements, zu denen Einsiedel ein treffliches Werkzeug mit sich führt, allmählich in die Flucht geschlagen, so daß ich fühle, daß dies das einzige Mittel für meine Konstitution ist u. mir in Rom, wenns irgend angeht, sogleich auch einen solchen Nothelfer präparieren lassen werde. Nochmals gesagt, dieser Zufall hat mir mehr Licht über meine Konstitution gegeben, als lange Jahre Quacksalbereien in Weimar. Wären hier bessere Anstalten, hätte ich Geld u. Gelegenheit, so würde ich die Schwefelbäder, aber mit großer Sorgsamkeit u. Vorsichtigkeit gebrauchen. Wo nicht: so schickt es vielleicht das Glück, daß ich über Karlsbad zurückkehre – alles aber liegt noch, selbst die Art meiner Rückreise in den Händen des Schicksals. Laß Dich den Zufall nicht im mindesten ängstigen: denn er ist vorbei, u. im Grunde mir sehr heilsam u. belehrend gewesen. Hier wird alles aufgeregt, u. hervorgetrieben: das Klima will, daß die Menschen gesund werden sollen, u. jagt die verborgnen Feinde in Alarm. Wir wollen seinen Ruf, so gut es angeht, benutzen oder wenigstens hören. Über Deine Träume beunruhige Dich doch nicht; schreibe alles, was u. wie es Dir am Herzen ist, wir sind ja Eins mit Seele u. Körper. Ich habe Dir schon geschrieben, in welcher jungfräulichen Enthaltsamkeit ich lebe, u. wahrscheinlich immer leben werde: denn das andre Ding ist der Mühe nicht wert, oder es hat zuviel Gefahren für Seele u. Körper. Überhaupt ist die Armut u. die Gebundenheit ein großer Sittenwächter, wenn es auch sonst nichts wäre. Überhaupt denke ich jetzt über diesen Punkt ganz sonderbar, Teils weil ich gesund u. immer beschäftigt bin, Teils weil ich mit Euch, Weib u. Kindern, als ein verständiger Mensch mein Leben zu endigen gedenke. Ich fühle es, Buhlereien schicken sich nicht mehr für meine Jahre, u. sie sind mir durch die Umstände meiner Reise ganz fremd geworden. Wo alles sinnlich ist, wird man unsinnlich; man sucht mit seiner Seele etwas, das man mit den Sinnen nicht findet. – An Heine schreibe ich Zinserlings wegen mit dieser Post; grüße den guten Mann aufs beste – über Schwabens Br. hast Du Dich geirret; er gedachte Gottfrieds mit einem zärtlichen Lobe, nur lateinisch. Daher der Irrtum. – Was Du über Göthe schreibst, ist ganz wahr: meine Reise hieher hat mir seine selbstige, für andre ganz u. im Innern unteilnehmende Exsistenz leider klärer gemacht, als ichs wünschte. Er kann indessen nicht anders; laß ihn machen; es tut wehe, es zu fühlen, daß man einen angenehmen Traum verloren habe, u. doch ists besser wachen, als träumen. – Sein entsetzlicher Enthusiasmus für Moritz gehört auch dazu. M[oritz] ist ein guter Mensch, auch ein seltner Mensch in der Art, wie er sich seine Ideen stellt u. stellen muß; in ihnen aber ist nichts lichtes, nichts geendigtes, u. mich ärgerts, was die Damen dort für ein Wesen aus ihm machen, u. wie sies mit ihm treiben. Auch von Dir hats mich gewundert, daß Du einige seiner Gespräche so hoch u. neu aufgenommen hast; sie lassen weder Klarheit noch Erquickung zurück, u. im Grunde ist er ein gedrücktes, krankes Wesen auch in seiner Gedankenreihe, die nicht für mich ist; wir sind weiter. Mit Göthe ists anders, weil Moritz in ihn vernarrt ist, u. seine ganze Philosophie darauf gerichtet hat, ihn als das Summum der Menschheit zu vergöttern. Zu dem Allen gehört die Geschichte ihres römischen Daseins, wo M[oritz] sehr gedrückt war u. G[oethe] ihm wie ein Gott erscheinen mußte. Das mag gut für beide sein; andre Menschen aber müssen sich nicht irre machen lassen, u. jeder seines Weges fortgehn. Übrigens ist M. ein Herzguter Mensch u. ich will ihm nichts zu Leide gesagt haben. – Danke Knebeln für sein Gedichtchen aufs schönste; das ist mehr Philosophie für mich, als alles, was M. mystisieret. – Über Gustel Einsiedel nächstens. Sein Bruder selbst meint, daß er ein Engagement dahin nicht annehmen würde; auch habe ich etwas dabei zu wirken, nicht die mindeste Gelegenheit. – Gegen die Fr. v. Fr[ankenberg] sei doch recht gut u. freundschaftlich; das ist eine Seele, wie ihrer wenige zu finden sind, so treu u. rein ist ihr Gefühl u. ihre gute Meinung. – Ach, lieber Schatz, wie viel ändern die Zeiten! Was hat sich im 88. Jahr allein mit mir geändert! – Hamanns Tod, meine Reise, die wunderbaren Umstände dabei, meine Entfernung von Dir, des guten Alfreds will ich nicht erwähnen; wenn das nicht eine Schule ist, so gibts keine. Jetzt fühle ichs, was ich an Dir habe, Du guter Geist, den ich mit Seele u. Körper liebe, Du mein Heiliges, Alles, mit Deinem lieben Leibe u. Deiner seltnen, einzigen Seele; bleibe mein, ich will u. werde ewig der Deinige sein: denn ich kanns nicht anders. Grüße die Kinder; wenn ich kann, so schreibe ich noch an sie, wenigstens an Emil u. Luise. Küsse sie alle nach der Reihe von mir u. sage Ihnen, daß ich sie herzlich lieb habe u. mich sie wiederzusehen freue. Lebe wohl, Engel, lebe wohl, holdes weibliches Wesen, meine Treue, meine liebe. Ewig der Deine. H. J. G. Herder an Luise von Diede Rom, den 31. Dez. 88. [/Neapel, 10. 2. 1789] Ich kann weder aus Rom gehen, noch auch das alte Jahr beschließen, ohne daß ich Ihnen, holde gnädige Fr., noch voraus den verbindlichsten Dank sage für die gute Aufnahme, die Sie mit Ihren zu gütigen Briefen mir hier verschafft, u. für die interessanten Bekanntschaften, die Sie mir hiedurch gewährt haben. Der Senator ist der Erste unter allen, für die ich Ihnen nicht gnug danken kann. Welch ein liebenswürdiger Mann! was man nur sagen kann, liebenswürdig. Vom ersten Augenblick an neigte sich mein Herz zu ihm, das sich im ersten Augenblick neuer Bekanntschaft so selten auftut, u. mit jedem mal da ich ihn sehe, gewinne ich ihn lieber. Sogar die angenehme, liebenswürdige Verlegenheit hat er noch nicht verloren, die in seinem Stande, in seinen Jahren, u. nach seiner großen Weltkenntnis eine eben so seltne Sache ist, als sie, der ich hierin ein Frauenzimmer bin, in meinen Augen reizet. Wenn er von Ihnen spricht, (u. er tuts so gern) geschieht es allemal mit der sanften Rührung, die offenbar zeigt, daß er das ganze Einzige Ihres Charakters u. Wesens sich gleichsam zu eigen gemacht u. in seine männliche Brust gepflanzt habe. Wir speisen heut Mittage bei ihm u. morgen gehts, obwohl in strenger Kälte, von der auch die Züge dieses Briefes zeigen, nach Napel. In Absicht der Witterung sind wir also nicht so glücklich, als Sie wahrscheinlich gewesen sind, holde Frau, als Sie in Italien waren. Die Kälte ist über alle Beschreibung. Nach langem unfreundlichen Regen fing sie den Tag vor Weihnachten an, u. sie hat mit untermischter Nässe u. fortwährendem Schnee bis jetzt fortgedauret. Wir leben also jetzt wirklich wie in Deutschland u. noch um ein gut Teil ärger, weil das Italienische Stuben- u. Feuerwerk nicht darauf eingerichtet ist. Man möchte jetzt immer im St. Peter leben, wo es bei der großen Weihnachtszerimonie sehr annehmlich warm war; wenn er nur nicht so weit wäre, u. man darin schlafen könnte; es sollte ein angenehmer Konversationssaal werden, u. ich gewinne es mir auch noch nicht ab, das ungeheure Gebäude anders zu betrachten. – Napel, den 10. Febr. So lange ist der Anfang dieses Briefes liegen geblieben, beste gn[ädige] Fr[au] u. ich bin selbst unentschlossen, ob ich ihn fortschicken soll. Ich tue es indessen, weil er, so wie er ist, zu meiner Entschuldigung dienet. Sie kennen Napel, und also darf ichs nicht weitläuftiger erklären, wie sehr diese Nymphe oder Sirene Parthenope reize. Sie kommt nicht aus dem Wasser hervor, sie schwebt unaufhörlich über den Wellen des Golfo u. bestrickt so die Seele, daß man ans Schreiben nicht kommt. So habe ich denn auch endlich die Gegenden gesehen, die ich je zu sehen fast verzweifelte, den Pausilipp mit seiner Grotte, mit seinen schönen Landhäusern u. den Zauberinseln, die vor ihm liegen: den See Agnano, den Avernus u. Acheron, den Styx, die Elysischen u. Phlegräischen Felder, Gegenden, aus denen alle Dichtkunst über Himmel u. Hölle entsprang: das Misenische Vorgebirge u. das reizende Bajä mit seinen wenigen kostbaren Trümmern. Ich bin in den Grotten des alten Kraters, der Solfatara gewesen, u. habe auf der andern Seite, unter den Kostbarkeiten des alten Herkulans, und in Pompeii umhergewandelt; jetzt ist uns Pästum noch übrig, wohin wir morgen gehen; alsdenn schöne Parthenope, lebe wohl! – Denn gehts wieder ins alte Rom, u. allmählich ziehe ich mich zurück nach Deutschland, ein Land u. ein Volk, das ich jetzt noch mehr schätze u. liebe, seit ich Italien kenne u. den Geist u. die Wirtschaft seiner Nation gesehen habe. In Napel habe ich Tischbein gefunden, der mit seinen Arbeiten auch Ihnen bekannt ist, liebe gn. Fr. Sie kennen seinen Stil, seine Zeichnung, u. den poetischen Geist seiner Malerei; drei Dinge, die ihm auch der ärgste Feind nicht absprechen könnte, u. er ist gewiß jetzt in seiner Art der einzige u. erste Maler. Nun aber leidet dieser gute, nur etwas zu empfindliche Mensch in seinem Gemüt: Hackert, der alte Reifenstein selbst, der bei aller seiner anscheinenden u. von ihm selbst geglaubten Ehrlichkeit der borniertste, platteste Ba-Ba ist, den ich zu kennen die Ehre habe, drücken ihn insgeheim, u. mit dem größesten Schein der Freundschaft lassen sie ihn nicht aufkommen. Der Mensch frißt sich im Innern ab, u. sehnt sich zurück nach Deutschland. Oder wenigstens wünscht er eine kleine Pension, die ihn mit einem Hofe binde, seine Studien hier sichre, u. ihn auf guter Bahn erhalte. Des Herzogs von Gotha Pension, in der er den Conradin gemalt hat, hat seit 2. oder 3. Jahren durch ein plötzliches Nicht-Antworten des Herzogs aufgehört, worüber er dem alten Ba-Ba-Ba auch die Schuld gibt; des Gothischen Herzogs gothischer Charakter kann sie aber meines Erachtens allein tragen. Können Sie nicht etwas für ihn tun, liebe, holde; gewiß Sie könnens u. an Ihrem Wollen ist noch weniger zu zweifeln. Nur daß er erst irgend woher eine Pension bekäme, wofür er bisweilen ein Stück machte u. die Aussicht hätte nach Deutschland. Seine Zeichnung, sein Stil u. sein Geist qualifizieren ihn gewiß zum würdigsten Direktor einer Akademie für junge Leute, die ihm auch hier sehr anhangen, u. er könnte auf diese Weise noch einige Jahre mit Nutzen in Italien bleiben, wenn ihn nur nebst der notwendigen Unterstützung die Hoffnung erhielt, seine Nation wieder sehen zu können. Er hat einige treffliche Stücke sich gekauft, unter denen ihm das Glück auch einen Raphael (es ist ein Johannes, die lieblichste himmlische Gestalt die ich sah) zugeführt hat: er will sich von diesen Bildern zwar nicht trennen, wenn er aber irgend ein fixes Engagement fände, siehet er sie als ein Dot an, das er mitbrächte u. seinem Fürsten überlassen, auch in solchem Fall in den Jahren, da er noch hier bliebe, ihm für weniges Geld zu den schönsten Stücken allmählich helfen könnte, die noch hier u. da verborgen liegen. Über alles dies hat er einen Aufsatz gemacht, u. der kleine Dalberg hat nach Mainz geschrieben; sein Erbieten ist so annehmlich u. nützlich für den Fürsten, der es tun will, es hat auch von mancherlei Seiten so gute Modifikationen, daß es mich dauren sollte, wenn es nicht irgendwo angenommen würde. Daher, liebe gn. Fr., nehme ich mir die Freiheit für den seltnen, guten Menschen bei Ihnen zu interzedieren. Sie haben einen so großen u. schönen Wirkungskreis, in dem Sie die schönste Güte des Herzens mit der treffendsten Tätigkeit verbinden, daß man zu Ihnen, als zu einer helfenden Göttin gehen kann, die im Stillen wirket. Unterstützen Sie unvermerkt durch Ihre Freunde in Mainz seine Idee, oder bringen Sie solche anderswo, wo es Ihnen besser dünkt, in Gang; in Mainz aber dünkt mich, wäre eine gute Sphäre. Der Kurfürst geht mit einer Akademie u. Galerie um: der Koadjutor kennt Tischbeins Arbeiten u. ist selbst ein Liebhaber; seine gutmütige Flüchtigkeit muß bloß unterstützt u. fixiert werden. Ich habe Ihnen dieses, auch was Flackert u. den alten Reifenstein anbetrifft, im engen Vertrauen geschrieben: denn ob ich gleich weder Künstler, noch Antiquitätenkuppler bin, mag ich doch mit ihnen nichts zu tun haben. Sie sind nicht recht wohl gewesen in Regensburg, holder Engel; mich dauert es sehr; ohne Zweifel sind Sie besser. Wie freuets mich, Sie wiederzusehen, wenn ich alle diese Gegenden durchwandert habe, u. wie Ulyßes wieder in mein armes Ithaka zurückkehre. Die Herzogin ist wohl u. sehr vergnügt: sie lebt wie in einem Elysischen Traume u. empfiehlt sich Ihnen aufs schönste. Leben Sie wohl, holde Frau; meinen Römischen Brief nach Friedberg geschrieben, werden Sie doch empfangen haben. Ich küsse Ihnen ehrerbietigst die Hände u. empfehle mich dem Hrn. G. R. aufs schönste u. beste. Leben Sie wohl u. glücklich, treffliche Seele. Ihr untertänger Herder. J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia [Neapel,] den 12. Febr. 89. Der Traum von Salerno. In eines öden Bettes Raum träumt' ich den schönsten Wundertraum. Mit immer-steigend-sanftem Schwellen Umgaben mich wie Meereswellen: Ich streckte schüchtern meine Hand, die eine weiße Blume fand; Aus ihrem Kelche sprang ein Knabe, o daß ich ihn nicht vor mir habe! ein Knäbchen, wie's Albano malt: aus seinen holden Augen strahlt ein Blick der Liebe. Sanfte Locken umflossen, zart wie Silberflocken die kleinen Schultern. Unschuldvoll sah er mich an: mein Busen schwoll von Neugier, Zärtlichkeit und Freude. »Wer bist Du Kind im Flügelkleide?« redt' ich ihn an. »Kennst Du mich nicht?« sprach er mit freundlichem Gesicht; »Du kennst mich wohl!« – Und wie verschwunden war er im Augenblick. Da stunden sogleich und wie von ungefähr viel schöne Knaben um ihn her; und ihm, dem Schönsten unter ihnen schien diese ganze Schar zu dienen. Sie schlossen um ihn einen Kranz in leichtem, frohen, zarten Tanz, getragen wie von Zaubertönen – bis er der Schönste dieser Schönen aus ihrem Reihen zu mir trat, und ein Geschenk zu nehmen bat. Es war ein kleiner Silberpfeil, geschärft wie eine Nadel. – »Heil und Glück«, sprach er, »mit diesem Pfeile! Trag' ihn an Deiner Brust.« – »Verweile«, rief ich ihm nach; er war nicht mehr: verschwunden waren um mich her: die schönen Knaben. – Und ich fand mich plötzlich an des Meeres Strand'. Ein fremder Schiffer stand vor mir: »Was«, sprach er wundernd, »trägst Du hier an Deinem Busen?« – Und ich sah beschämt hernieder; siehe da! Da war, was ich bisher ein Haupt des Silberpfeils zu sein geglaubt, mein eigen Bild. Der kleine Knabe, mit einer zweiten sondern Gabe, in aller seiner Schönheit Zier, stand auf dem Bilde neben mir; und denkt – vom holden Göttersohne empfing ich – eine Königskrone. Der Traum verflog in seine Fern' und ich erwachte in Salern.     Auslegung des Traumes. Kennst Du den Knaben nicht, den Du heut im Traume gesehen, Der aus Wellen des Meers und aus dem Busen Dir stieg? Der im Flügelgewand' und mit gepanzerter Stirne viele Gespielen um sich schwebend im Tanze regiert, Der dann an Deine Brust aus seinem Köcher Dir reichte einen silbernen Pfeil; kennst Du den Lieblichen nicht? »Ach, Du kennest mich wohl!« sprach er Dir selber, und wandelt plötzlich des Pfeiles Haupt, um in Dein eigenes Bild, Dem er die Krone reichte. – Sei hold dem lieblichen Knaben, Der Dir in Träumen zeigt, was er Dir wachend gedenkt. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 13. Feb. 1789. Dein dritter Brief aus Napel vom 19. Jan. habe ich den 8. Feb. erhalten mein Lieber, Guter, Einziger. Ich kann es Dir nicht aussprechen wie mich Dein Wohlsein u. Dein Genuß glücklich macht! So sind Dir denn vom lieben Gott noch diese Tage aufgehoben gewesen. Ich hoffe u. wünsche daß dieser Eindruck ewig bei Dir dauren wird, u. Dir Ruhe, u. Zufriedenheit gewähren wird, auch hier unter Deinem Häuflein, das Dir nichts geben kann, dem Du ja aber Alles bist. Und denn wirst Du alles übrige zur rechten u. Linken liegen lassen. Wenn Du mir schon nichts von der unbeschreiblichen Natur erzählen kannst, so genieße ich sie doch im Geist u. in der Seele mit Dir freudig u. wehmütig. Goethe besuchte mich den Montag u. läßt Dich herzlich grüßen. Er begreift u. versteht Dein inniges Gefühl ganz. Er sagte, wenn man sich die Gegend zueignen will, so geht man unter.« – oder nach meinem Gefühl, man verliert sich selbst in dem großen Ganzen, u. vergißt alles u. die Welt, wie Du sagst. – Diesen Brief wirst Du nun wieder in Rom erhalten. Da der Genuß der höchsten Glückseligkeit nur kurz dauret, so mußt Du auch diesen kurzen Aufenthalt dort ansehen. Möge der frische lebendige Atem Gottes, den Du geholt hast, Dir auch für die kurze Zeit in Rom noch nutzbar sein; u. laß mich doch bald hören wie u. wann Du Deine Rückreise zu machen gedenkest? u. wieviel ich Dir noch Geld schicken soll? Soviel Du verlangst liebes Herz, sollst Du haben. Es ist in diesen 8 Tagen nichts Neues geschehn. Ich tue auch nicht viel, u. das beste was ich zuweilen in glücklichen Augenblicken mit den Kindern treibe, vergesse ich gemeiniglich Dir zu sagen. So hat mich Emilchen einen Abend einmal recht ergötzt; er kam über den 3. T. der zerstreuten Blätter u. las mit Eifer u. Freude die Gedichte darinnen; Lilie u. Rose, der Neid, der Regenbogen, der Himmel u. der Mond; u. es war beinah als ob er alles verstünde. O wenn ich das Kind nach seiner Natur rein u. schön erziehen könnte. So ist auch im Adelbert ein Feuer u. Verstand, daß ich oft wünsche Du könntest ihn allein erziehen. Mit Goethe habe ich mich am Montage über die Leonore im Pater Brei ausgesprochen, ich frug ihn, ob ich diese Person so ganz gewesen wäre? BeiLeibe nicht, sagte er; ich solle nicht so deuten. Der Dichter nehme nur soviel von einem Individuum als notwendig sei seinem Gegenstand Leben u. Wahrheit zu geben, das übrige hole er ja aus sich selbst, aus dem Eindruck der lebenden Welt; u. da sprach er gar viel Schönes u. wahres darüber – auch daß wir den Tasso, der viel Deutendes über seine eigne Person hätte, nicht deuten dürfen, sonst wäre das ganze Stück verschoben; u. s. w. kurz ich war völlig befriedigt, da ich mir ihn so ganz als Dichter denke. Er nimmt u. verarbeitet in sich aus dem All der Natur (wie es Moritz nennt) in das ich auch gehöre, u. alle andre Verhältnisse sind dem Dichter untergeordnet. Das sehe ich jetzt deutlich; u. ich sehe ihn täglich mehr in seinem eigentlichen Licht. Er ist eben ein glücklichbegünstigter von der Natur. Er hat eine unvergleichliche Abhandl. in den Merkur gesetzt, die ich Dir durch Gottfried abschreiben lasse; sie kommt mir so gerade recht hinter Moritzens Abhandl., sie ist mir gar ein schöner Maßstab u. berichtigt u. erhellt mir mein Gefühl, – so wie mir Moritzens Abhandlung einen Total Begriff für die Kunst gegeben hat. Knebel grüßt Dich herzlich, er war gestern bei mir u. läuft heftig auf u. nieder, wenn ich ihm von Deinem Genuß in Napel erzähle oder Stellenweis lese. Er ist Dir seit Deiner Abwesenheit noch inniger gut geworden. Ich habe ein dutzend seiner kleinen Gedichte gelesen u. ihm mein Urteil gesagt; das hat ihm gefallen u. Dein Andenken hat ihn gar herzlich gerührt. Der Fr. von Frankenb. habe ich Moritzens Abhandlung auch geschickt u. sie hat sie gar verständig gelesen. Wie ich diese Frau liebe, kann ich Dir nicht sagen. Sie ist eben ein geläutertes Gold. Den Adelbert hat sie recht lieb daß er den Tieren so gut ist; sie nimmt eben an allem Teil was uns angeht; u. wenn mein Gefühl nicht so vertrocknet u. verdorret wäre, würde sich mein Herz recht innig zärtlich an sie ketten. Das ist aber vorbei; ich habe kaum soviel Dich u. die Kinder zu umfassen. Gestern haben wir Wilhelms Geburtstag gefeiert. Er wird Dirs beschreiben. Du warst bei uns u. hast uns doch gefehlt. Diese Festtage wollen mir ohne Dich nicht schmecken u. ich darf fast mein Gefühl für diese Tage nicht erwecken. Lieber Engel ich wünsche u. hoffe Dich so oft zu uns u. fürchte Deine Gegenwart. Wenigstens bitten will ich Dich, Deine Freiheit zu verlängern so viel Du kannst, ich möchte nämlich, daß Dir in der Ferne nichts mehr zu verlangen übrig bliebe; kurz daß Du gesättigt kämest, um nur auszuruhen. [...] Die Schwangerschaft der Henriette bestätigt sich nicht; sie fühlt kein Leben des Kindes; u. die heftigen Schmerzen im Unterleib fangen wieder an. Die Lieberin glaubt es sei ein Gewächs das doch endlich fort muß. Du kannsts doch dem Werner sagen; ohnerachtet die Henriette nicht will daß ers wisse; ich denke aber, es soll ihn nichts betrüben. Gottfried hat die Abhandl. abgeschrieben u. schreibt Dir also heute nicht. Er küßt Dich, so wie August u. Adelbert die beim Erbprinz sind; Luisgen u. Emil spielen u. küssen auch den Vater. [...] Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 13 ten Februar [1789] Lieber Vater. Jetzt habe ich wieder ein Jahr meiner Jahre vollendet, ud bin schon ein Schritt näher zur Ewigkeit. Ich bin eilf Jahr geworden, ud ich muß daher von Jahr zur Jahr ud Tag zu Tag klüger ud weiser werden, wie mir der August gewünschet hat. Die Mutter hat mir ein Gesangbuch, Geldbeutel, Mandeltorte, ud eine große Bretzel gegeben, ud hat mir einen Gulden gegeben in Ihrem Namen, ud mit der Überschrift! Von dem lieben Vater aus Napel. Gottfierd hat mir was gar schönes geschrieben, ud hat mir Büschings Einleitung Papier, Tusche ud Feder gegeben. August hat mir auch was schönes geschrieben ud hat mir eine Rose ein paar Hosenschnallen ud Federn gegeben. Adelbert hat mir auch was schönes geschrieben welches mir sehr wohl gefallen hat ud hat mir ein Messer ud Papier gegeben Luise hat mir auch was geschrieben ud hat mir gar viele Federn ud Papier gegeben. Emil hat auch was geschrieben, ud hat mir ein Bleifeder ud Papier geschenk. Die Jumpfer Schwarzin hat mir eine große Bretzel gegeben. Es tat uns leid daß Sie nicht bei uns waren Leben Sie wohl ud beh[a]lten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder. 1789. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 13. 2. 1789 [?] Lieber Vater. Ich habe mich gar sehr gefreut daß sie noch wohl sind. Wir haben heute auch den Geburtstag gefeuert von dem Herrn Schäfer, wir sind auch bei dem Prinz gewesen, und er hat aus dem Komedienhaus ein Felsen gekricht, und er gibt ihn wieder hin wenn er ihm überdrießig ist. Grießen sie den werner ich habe mich gefreut daß werner wieder gesund wird leben sie wohl. Ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 13. 2. 1789 [?] lieber Vater! ich freue mich recht sehr wenn Sie wiederkommen und mir Kuchen bringen ich bin schon wieder beim Erbpringengen gewesen und der hat ein felsen der aus den Komödienhaus it ich buchstebier recht gern lieber Vater und denke immer an Sie,! [?] nunwohl Sie da Emil Herder 1789. Die Mutter hat ein buntes Papier gekauft.   [Nachtrag von Caroline Herder:] NB. Dieser Brief hat viele Mühe gekostet u. viele Freude bei der Arbeit gemacht. Die Augen glänzten noch einmal so schön, u. da das Essen kam, so sagte er ganz verwundert: ich bin doch noch gar nicht hungrig. J. G. Herder an Caroline Herder Napel, den 18. Febr. [1789]. Nur mit 2. Worten sage ich Dir heut, meine liebe, daß ich gesund bin, u. daß wir morgen von Napel scheiden. Ich habe hier einige gute Menschen kennen gelernt, u. Rom dünkt einen, wenn man in Napel dran denkt, wie ein böses Kloster. Ich wollte, daß die Fastenzeit schon vorüberwäre, u. ich mich auf den Rückweg machen könnte, im Wagen Elias. Lebe wohl, liebes Weib, mit unsern Kindern. 2. Posttäge habe ich keine Briefe von Dir: sie liegen in Rom, weil wir früher reisen wollten; desto angenehmer wirds mir sein, sie dort zu finden. Lebewohl. H. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar d. 20. Feb. 1789. Deine lieben wenigen Zeilen vom 27. Jan. habe ich vorigen Sonntag erhalten; u. jedesmal nehme ich neuen frischen Teil an Deinem Wohlsein, wenn so ein neuer Bote kommt; ob mir dieser gleich so wenig gesagt. Dein Geist ist aufgewacht um zu schlummern! Diesen Zustand kann ich, wie die höchste Glückseligkeit, ahnden; Es ist das was Emil so eben liest: ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen u. meine Seele ist genesen! Indessen bin ich gerechter wie Du; Du schwimmst in einem Meer von Genuß u. reichst mir davon kein Tröpfgen; u. ich teile das Tröpfgen das mir zu Teil wird, mit Dir. Hier ist es: die erste Szene aus Tasso. ich habe sie vorgestern von Goethe bekommen u. sie eilig für Dich abgeschrieben. Aber nur für Dich allein. Ich bitte Dich um alles, lasse sie Deinen Reisegefährten nicht sehen; am wenigsten der Göchhausen. ich glaube Dir damit eine gute Stunde zu machen, da ich Dir aus mir selbst nichts erquickendes reichen kann. Mich dünkt das sei ein wunderschöner Anfang; der Vorhang so schön aufgemacht. Die Prinzessin, ihre Freundin u. der Dichter so wunderschön anziehend, man kennt u. liebt sie nun u. wird nun alles mit ihnen teilen. Goethe kam den Montag um nach Dir zu fragen. Es freute ihn sehr als ich ihm sagte, wie Dir sei. So war mirs auch, sagte er; ich ließ die Hände sinken u. tat nichts mehr. Knebel kam noch dazu. Goethe setzte sich nieder u. zeichnete mir ein Landschäftchen. Es war ein guter Geist u. ein gutes Gespräch unter uns, denn Du warst immer dabei. Zuletzt wurde noch viel vom Römischen Carneval gesprochen. Er gibt nämlich, eine Beschreibung des Römischen Carnevals wie es in den letzten 8 Tagen ist, mit 18 Kupfern heraus, die schon meist durch Krause fertig sind. Die Beschreibung davon ist so voll Ordnung u. einer eignen Darstellung des Ganzen, die Euch wohl schwerlich, wie er selbst sagt, zum ersten mal in dem entsetzlichen Gedränge, erschienen ist. Das Ende schließt sich mit einer Betrachtung über das menschliche Leben die mir sonderbar rührend war. Auch dieser Abend schloß sich bei den Kindern mit dem sia amazato pp sie bliesen sich die Lichter aus, da sie hinunterleuchten sollten. Ich kann nicht bergen daß mir diese Abendstunden, unter denen die ich mitunter zwar sparsam, in Gesellschaft zubringe, diese die liebsten sind. Ein verständiges Wort zu hören u. den Atem eines guten Geistes zu fühlen, das ist leben. O wenn mir dies Gefühl wieder bei Dir, Du mein Einziger, innig u. lebhaft wird! Ich kann weinen vor Freude, wenn ich daran gedenke. Die Kinder sind wohl u. fröhlich, wir freuen uns, wenn die Sonne ein wenig lacht. Heute ist ein heller Himmel aber kalt u. windig. Vorigen Sonnabend bin ich mit der Stein u. Kalb spazieren gefahren, seitdem habe ich niemand von ihnen gesehen. Die Kalbin u. Steinin sind jetzt viel zusammen, mein Herz sagt mir immer daß die St. nicht lauter gegen mich ist. In Moritzens Abhandl. ist ihr die Moral am unbegreiflichsten gewesen, daß das Individuum ins Ganze übergehen muß, u. s. w. [...] Goethe u. Knebel grüßen Dich. Die Kinder küssen Dich; ich lasse sie heute nicht schreiben, daß der Br. nicht zu dick wird. Lebe wohl, liebes Herz; ich träume jetzt fast alle Nacht von Dir, heute wars ein sonderbarer Traum, den ich Dir nur mündlich erzählen kann. Lebe wohl mein Einziger; sei glücklich u. heiter! Lebe wohl mein Lieber, mein Guter, mein Bester. Lebewohl u. sei mir ein wenig gut. Der gütigen Herzogin u. Gefährten empfehle mich. In Moritzens Abhandl. hat G. das Wort nützt, in meinem letzten Gespräch hierüber, in dient verwandelt; dies dünkt mich noch viel richtiger. Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Weimar, den 20. Februar 1789. Es scheint, meine Seele ahmt der Neigung der Blumen nach, die wir an unsern Fenstern erziehen, und zieht sich nach dem Lichte. So oft verlangt mich nach Ihnen, Lieber, und ich werde nicht eher in die Höhe wachsen, als bis Sie wieder bei uns sind. Man sagt mir, Sie seien vermutlich wieder in Rom. Das mag sein; die Stelle macht mir nichts zu ihrem Dasein, außer wenn Sie näher sind. – Die Philosophen lehren mich so ungleichartige Dinge. Sie sagen, nichts könne die bestimmte Form eines Individui aufheben oder zu einer andern bilden; und doch wollen Sie mir glauben machen, man sei ein anderer Mensch in Rom oder Neapel, als man zu Weimar sei. Entweder ist diese Lehre falsch oder es muß etwas daran sein, daß die Formen ihre hauptsächlichste Bestimmung von der Zufälligkeit erhalten. Meine Form ist dermalen auf die allereinfachste Gestalt eingeschränkt, und ich schieße nicht besser an als gewöhnliches Küchensalz, z. B. in gemäßigter Stubenwärme. Die höhern Bildungen kann nur ein höherer Grad der Hitze hervorlocken. In diese Infusion fließen doch hie und da fremdartige Teile, die daher einer nützlichen Beschauung unterworfen sind. Gestern wurde ich Mirabeaus histoire secrète de la Cour de Berlin habhaft. Dieser schildert eine noch etwas dumpfere und plumpere Infusion, wo mancherlei Tiere aber schwer sich bewegen. Er hat dabei die Augen des Liebhabers, nämlich eines solchen, der Absichten, Endzwecke, Bewegungen zu erraten und zu deuten wünscht. Für die Tiere selbst hat er die bitterste Verachtung und er findet sie, bis auf ihre innerliche Struktur, abgeschmackt. Schade, daß unser Herzog auch mit hineingeflossen ist! Er findet ihn eine verve militaire, eine fumée ambitieuse, die auf nichts deutet, mit petits moyens nur versehen ist und nur die Kasten verwirren helfen will. Er meint, daß er und der Fürst von Dessau (le plus faible des hommes) dem Herzog von Braunschweig nur zum Kontraste dienten, und daß des Herzogs militärische Neigungen bloß auf eine Finanzspekulation zielen könnten, um seinen armen Sachen etwas aufzuhelfen. Sehen Sie, so gibt man uns Absichten und Endzwecke schuld, die wir nie gehabt haben; ja wir sind so rein davon, daß auch die vernünftigsten Endzwecke nie einen Gedanken nur erregt haben. Aber diese politischen Köpfe wissen von der eigenen Selbständigkeit nichts und hängen ihr kleinlichtes Wesen nur immer andern an die Köpfe. Dies Buch übrigens, wovon ich rede, scheint viel Aufsehen zu erregen, und enthält mehr Wahrheiten, als man glauben sollte. Am meisten leidet darunter der Prinz Heinrich, Bruder des vorigen Königs (tout est petit en ce prince), und freilich scheint durch, daß der Verfasser selbst so absichtslos nicht gewesen und daß fehlgeschlagene Erwartungen ihm den Kopf warm gemacht haben. Ich habe das Buch nur ein paar Stunden unter meinen Händen gehabt, sonst wollt' ich Ihnen mehr davon sagen. Schiller kommt nun als professor historiarum nach Jena. So ungern ich seine Trauerspiele leiden mag und so wenig ich von seinem übrigen weiß, so ist er doch nichts weniger als ein böser Mensch. Wie ihm die neue Stelle behagen wird, muß sich erwarten lassen. [...] Grüßen Sie und empfehlen Sie mich den besten Reiseverwandten. Genießen Sie der phantastischen Karnevals-Erscheinung nach Ihrer Art, und bleiben mir treu und hold! Denn kein anderer liebt Sie mehr. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 21. Febr. 89. Seit gestern sind wir wieder in Rom; und statt des hellen, ewig beweglichen Meers stehn stille, dunkle Zypressen mir vor den Augen, an denen sich kein Wipfelchen reget. Alles ist stumm u. tot um uns her, weil die Villa Aquaviva oder Malta, wo wir auf dem monte Pincio wohnen, meistens schon unter Gärten liegt. Rom mit seinen Dächern u. Kupolen ist unter uns, u. auch da wars äußerst tot auf den Straßen, gegen Napel gerechnet, als wir gestern gegen Abend unsern Einzug hielten. Diese Nacht habe ich fast von nichts geträumt, als daß ich in einem Grabe schliefe; nicht aber tot, sondern lebendig; es war keine böse Ahndung im ganzen Traume. Hier fand ich zween Deiner Briefe, die mich, wie alle u. jedesmal aufs zarteste rührten, so daß ich den ganzen Abend noch stiller war. Ich will Dir auf alle die Punkte, die Du von mir wissen willt, schreiben, so viel ich weiß, mein liebes Leben: denn daß ich bisher davon nichts geschrieben, rührte Teils davon her, daß ich zu wenig wußte, u. denn daß ich Dich mit dem Andenken an Dinge verschonen wollte, an die ich selbst ungern denke. Mit D[alberg] bin ich nichts weniger, als im Reinen. Du weißt, wozu er sich anerbot, u. daß ers selbst war, der um mich los zu sein, mir antrug, die Summe auf Einmal zu zahlen. Dies ist so wenig geschehen, daß der Teil, den {er} mir ausbezahlt hat, spät kam u. von mir gefodert werden mußte. Er reisete still nach Napel, wollte wieder eben so still nach Rom reisen: ich schrieb ihm einen Zettel; er schickte mir darauf einen Wechsel, auch noch nicht auf die ganze rückständige Summe, u. meldete sogleich, daß er ihn äußerst zu seiner Reise selbst nötig habe; er wolle in Rom die Rechnung abtun. Zugleich erklärte er, daß er die 1600. Tl. nur in Rheinschem Münzfuß zahlen könne u. f. Ich ließ mir alles gefallen: denn ich will durchaus nicht gegen ihn Härte brauchen, ich kanns nicht. Der gute Mensch leidet, u. eben die Kosten treiben ihn aus Italien: so daß er in wenigen Tagen Rom zu verlassen gedenket. Mich flieht er schüchtern: sein Herz ist verschlossen, u. selbst sein guter Charakter ist mißtrauisch geworden, durch das alberne Weib. Ich wills mit ihm so gut abzutun suchen, als sichs tun läßt; reicht das Geld nicht aus zu meiner Rückreise: so suche ich hier von der Herzogin oder sonst was aufzunehmen: denn ich mag u. kann ihn nicht drücken; ich hoffe es aber nicht. Bekümmere Du Dich um nichts: der Himmel wird mir wieder zu Euch helfen, u. ich werde an alles alsdenn als an einen Traum denken, der im Guten u. Bösen nützlich geträumt ward. Aber verzeihe mir zugleich zu sagen, daß ich des G[oethe] Antwort an den Herzog, da er für mich was tun wollte, äußerst albern u. abgeschmackt finde. Zuerst wußte er ja nicht, wie es mit mir stand; u. wußte ja, was man auf einer Reise in Italien für Geld braucht. Er wußte ja, daß der Herzog noch nichts für mich getan habe, u. daß wenn man so einen Augenblick bei ihm vorbeigehn läßt, man der ärgste Narr sei. Ihm ists jetzt so, als ob er mirs gegeben habe, bloß weil ers geben wollte; u. ich habe nichts. Was wäre es denn nun gewesen, wenn er mir einige 100. Zechinen zu einer Reise in Italien geschenkt hätte? Eine elende Kleinigkeit für einen Fürsten. Andre lassen sie ja ganz auf ihre Kosten reisen, u. ich muß mich überall, wie ein appendix durchbetteln. Kommt meine Reise dem Herzoge nicht zu gut? u. müßte er mir nicht Dank wissen, daß ich sie auf seine Kosten täte? D[alberg] hat nichts davon, u. es wäre Himmelschreiend, ihn über sein Vermögen zu drängen, bloß weil er einen dummen Streich aus Güte des Herzens gemacht hat. Zudem hatte ichs durch ein paar Worte im Briefe der Herzogin selbst darauf angelegt, da ich nämlich sagte, daß ich auf eine so unwürdige Weise, reisen zu müssen, nie geglaubt oder verdient hätte. Davon war nun jener Entschluß die Folge; u. G[oethe] kommt mit seinem großen »für diesmal braucht ers nicht« in den Weg, als ob ich noch ein andermal die Reise tun wollte. Verzeihe mir, daß ich das Alles von ihm nicht begreifen kann, der ja wissen muß, daß man, um sich in Italien etwas zu kaufen, für andre zu kaufen, immer sogleich eine Reihe Zechinen nötig habe, weil alles Gute auf diesem großen Marktplatz der Welt sehr teuer ist. Aber so ist er durchaus, u. ich sehe jetzt seine Exsistenz heller, als jemals. Er ist nur in sich u. für sich; andern schadet er eher, als daß er ihnen helfe. Auch wenn der Herzog für meine Situation in W[eimar], wie ers im Sinn hatte, {etwas} wird tun wollen, wird ers mit dem besten Willen verderben. – Das alles ist nur für Dich geschrieben, liebes Herz, nicht daß Du Dich darüber quälest: denn das brauchts im mindesten nicht, sondern daß Du sehest, wie ich die Sache ansehe u. sie auch so ansehen lernest. Was hilfts, daß man Zweifel in sich verberge, wenn sie doch einmal dasind u. ihre Veranlassung haben? Aller Trug ist nichts, u. dauert nicht, er sei so schön, als er wolle. So ists auch mit Moriz Philosophie u. Abhandlung. Sie ist ganz Göthisch, aus seiner u. in seine Seele; er ist der Gott von allen Gedanken des guten Moritz, für mich aber haben die Herzogin L[uise] u. Knebel mit ihren Gefühlen ganz recht: mir ist diese ganze Philosophie im feinsten Organ zuwider: sie ist selbstisch, abgöttisch, unteilnehmend u. für mein Herz desolierend. Ich mag die Öde nicht, in der auch ein Gott um sein selbst willen allein exsistieret. Doch das mag hingehen; ich komme zu wesentlichern Dingen für uns Beide; u. in alle diesem rede ich Dir, liebes Leben, Herz an Herz, Seele an Seele. Von meiner Rückreise weiß ich Dir noch nichts Bestimmtes zu sagen. Ich sehne mich aus Italien, u. wollte, daß ich schon an der Deutschen Grenze wäre, ob ich gleich an meine kirchliche u. politische Situation in W[eimar] nicht eben mit Vergnügen denke. Auf der andern Seite wünscht die Herzogin, daß ich mit ihr nach Napel auf den Sommer zurückkehre. Der Erzbischof von Tarent hat mir äußerst angelegen, nur ein halbes Wort une demi-parole darüber zu geben; u. der General Salis hat mir durch seinen Neveu gar den Antrag tun lassen, mit ihm nach Sicilien zu gehen, wohin er im März oder April zu gehen gedenken. Das alles wäre nun wohl recht gut; aber a) fürchte ich meine Leber, die auf der Einen Seite freilich vielleicht allein in Neapel kuriert werden, aber auf der Reise in Sicilien, die man nur zu Pferde tun kann, in der Hitze auch leiden könnte, b) habe ichs etwas satt, als appendix unter den Menschen, wenn auch unter guten Menschen zu leben, u. sehne mich nach meiner Heimat. In weniger Zeit wird sich alles entwickeln, u. ich werde Dir bestimmt schreiben. Sei um nichts bekümmert: es waltet über uns ein gutes Schicksal. Die besten Menschen, die mich kennen lernen, haben mich lieb u. wert u. Gott wird mir durchhelfen. Mit Einsiedel habe ich in Napel recht als Bruder gelebt, u. die Herzogin ist mir sehr gütig; die Göchhausen auch, so viel sies bei ihrer tausendfach verdorbnen Laune sein kann; ihr wäre es indessen insgeheim lieber, daß ich reiste. Der Herzogin aber würde es äußerst fatal sein. Die Zeit wird alles bringen u. entwickeln. – In Einem habe ich mich sehr betrogen, daß ich vom Englischen Konsul ein großes, honettes Präsent hoffte. Er hat es mit höflichem Dank bewenden lassen, so auch der alte Geck Hamilton, in dessen Hause ich ein andres Paar kopuliert habe. Ich konnts nicht abschlagen, weil ich die erste Funktion verrichtet hatte. Mich dauert indes auch das nicht, wer weiß, wo es mir zu gut kommt: ich wollte, ich könnte allen Menschen Freude machen u. ihnen helfen. Unter 1000. hilft mir auch Einer wieder. Lebe wohl, liebes Herz mit Deinen Kindern. Grüße sie alle, alle, u. danke Ihnen für Ihre Briefe. Heut kann ich nicht an sie schreiben; ich hoffe aber nächstens. Eben ist die Herzogin in meinem Zimmer gewesen: sie grüßt Dich schön u. will auch einmal an Dich schreiben, um Dir Rechenschaft von mir zu geben. Lebe wohl. Nochmals, liebes Weib, kümmere Dich mit keinem Gedanken über mein Geld oder hiesiges Auskommen. An Mitbringen vieler Sachen wird wohl nicht zu denken sein, aber mir, hoffe ich, soll nichts fehlen. Gott mit Dir u. den Unsern!   [Beilage:] Kommissionen, die ich Dich sorgfältigst auszurichten bitte: Meine Ideen in Quarto T. 1. 2. 3. 5. Ex. der Œuvres posthumes des verst[orbenen] Königs von Preußen NB die in Gotha bei Ettinger herausgekommen sind; nicht die Berliner. Auf gut Papier. Beide zusammengepackt, u. nach Hamburg, aufs wohlfeilste da Du kannst, spediert, unter der Adresse: à Messieurs Novelletto et Bombardini à Hambourg pour adresser les livres pour Mr. George Hackert à Naples In dies Pack, das Du inwendig unter jener äußern Adresse an Mr. George Hackert Sculpteur Royale à Naples noch besonders adressieren kannst, legst Du versiegelt ein Päckchen meiner Preisschrift in Quart über den Einfluß der Regierung auf die Wissenschaften u. der Wissenschaften auf die Regierung. unter der Adresse: a Madame/Mad. la Duchesse Jovene al Palazzo Real à Naples so daß es Hackert nur hinschicken darf. An mich schickst Du nach Rom, sobald Du kannst, meine Preisschrift über den Verfall der Künste, nebst den Ursachen p die Du für Voß korrigiert hast. Der junge Salis will sie ins Italienische mit Anmerkungen für die Italiener übersetzen u. wünscht sie bald. Säume auch mit dem ersten Pack nicht lange, weil sonst die Schiffe von Hamburg nach Napel abgehn; u. melde mir den Preis der Œuvres posthum. bei Ettinger, so daß Du mir seine eigne Note übersendest, u. etwas das Porto nach Hamb. in meinem Briefe, wenns hoch kommt, anmerkest. Das andre sind Geschenke, u. ich danke Dir, daß Du mir die zerst[reuten] Bl[ätter] aufdrangst, Sie haben viel Freude gemacht, u. ich wollte, daß ich mehrere meiner Sachen mitgenommen hätte. Lebe herzl. wohl, liebe, Gute, u. bleibe mir hold. J. G. Herder an Christian Gottlob Heyne Rom, den 21. Febr. 89. Sie erwarten vielleicht, liebster Freund, da Sie meine Handschrift sehen u. Rom über dem Briefe lesen, einen Brief voll Merkwürdigkeiten dieser Gegenden. Nichts aber von Allem; ich komme gestern von Napel zurück u. bin von Allem noch zu voll, als daß ich etwas von mir geben könnte. Wenn nichts weiter, so hat mich die Reise auf meine Lebenszeit verjüngt, und tausend Ideen in mir berichtigt. Heut nur eine Bitte für Einen meiner Lieblinge in Weimar. Es ist der junge Zinserling, der im Gymnasium daselbst unter meinen Augen als ein Saftreiches, Hoffnungsvolles Gewächs aufgeblühet ist, nachher in Jena mit eben so vielem Fleiß, als Verstande u. guten Mut zu leben seine Studien recht nach meinem Wunsch fortgesetzt hat. Er kommt auf Ostern nach Göttingen, und wünscht nicht nur Ihnen empfohlen zu sein, sondern auch Ihre väterliche Liebe zu genießen, die er gewiß verdient. Sein Vater ist ein sehr braver Mann, aber arm, u. hat eine zahlreiche Familie: er ist Archidiaconus an meiner Hauptkirche u. jetzt in allen Sachen, die mir am Herzen lagen, mein Vicarius; ich habe ihm die größeste Verbindlichkeit, wie er auch gegen mich eine seltne Güte u. Freundschaft hat. Mir zu Liebe tun Sies doch also u. verschaffen dem jungen Mann einen Freitisch, nehmen sich auch sonst seiner an, wo Sie können: er wirds gewiß nicht übel lohnen. Ich kenne ihn u. kann für ihn gut sagen; mir ists, als ob Sie die Güte meinem Kinde erwiesen. Leben Sie wohl, liebster Heyne, o daß Sie nie nach Italien kamen! u. o daß ich nicht jünger dahin kam. Zu lernen ist da unsäglich viel; in den Bibliotheken wären Schätze zu nutzen, die jetzt unbrauchbar liegen, weil zu ihnen zu kommen Gelegenheit, oder sie zu nutzen Zeit fehlet. Indessen sehne ich mich zurück nach meiner Heimat, u. könnte wie ich jetzt bin, um Alles nicht in Italien leben, so wohl es mir übrigens gehet. Nochmals sage ich Ihnen aufs beste Lebewohl, u. bitte, mich Ihrer Gemahlin u. Tochter aufs beste zu empfehlen. Ewig der Ihrige Herder In größter Eil Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 23 Feb. 789. Heute früh kam Dein lieber Brief vom 2. Feb. durch Ludecus, u. erfreute mich schon durch seinen Anblick da ich auf heute Verzicht getan hatte. O wie danke ich Gott, daß es Dir einmal in der Welt wohl geworden ist! Jeder Brief von Dir aus der glücklichen Gegend kommt mir wie ein Täubchen mit dem Ölblatt. Genieße, u. koste was Dir die reiche Natur darreicht, Deine Ernte wird mir denn auch einmal ein süßes Körnchen reichen. Das französ. Billet u. die Priesterliche Funktion des Monseigneur le Prelat de Herder, hat mich in Scherz u. Ernst erfreut. Du wirst dem liebenden Paar in diesen Tagen wie ein Engel vom Himmel erschienen sein. Das glückliche Zusammentreffen der Umstände, worinnen man sich selbst als ein gutes Werkzeug fühlet ist so schön; und dies Gefühl mußt Du auch unter unserm dunkeln Himmel künftig täglich mehr empfinden. Ich habe das Billet an Goethe gesandt u. ihm Deine Empfehl. an den Herz. u. die Herzogin aufgetragen. Der Herzog ist gestern von Berlin wieder zurückgekommen: die Elisa Gore hat für das Luisgen einen Amor mit der Fackel u. einem Schmetterling den er in der einen Hand hält gesandt, um es am Hals zu tragen, »cet petit medaillon, que j'ai trouve l'autre jour dans ma Casette, est un des derniers souvenir qui me restent de Rome pp – es ist an einem rosenfarbenen Bändchen. Der Grund davon ist blaulichtgrau u. der Amor weiß. Sobald ich Goethe sehe, werde ich ihn um das Kunstwerk befragen. Heute früh hat Emil auf eine rührende Art gezeigt, wie er das Luisgen liebt. Seit 8 Tagen ist nämlich die Ordnung eingeführt, wer etwas umherliegen läßt, von Papier, Büchern u. dgl. der gibt einen Pfenning Strafe. Nun haben sich der Gottfried u. das Luisgen diese erste Woche ohne Strafe ausgezeichnet, ausgenommen einmal, das aber nach dem Gesetz allen begnadigt ward. Heute [früh] fiel sie nun durch etwas in die Strafe. Das schmerzte sie entsetzlich u. sie konnte ihre Äuglein nicht aufschlagen, endlich brach sie in stille Tränen aus; Emil war bei ihr u. sah sie so bitter weinen, das bewegte den gutherzigen Jungen so heftig daß er in eine Ecke ging u. aus dem Innersten bitterlich anfing [zu] weinen wie ich ihn noch nie gesehen habe. Kurz, die Mutter die schon durch des Vaters Brief erweicht war, weinte mit – – u. alles war begnadigt. Die zwei Kinder haben eine eigene zärtliche Liebe zueinander u. meine ganze Zärtlichkeit war durch sie aufgeweckt oder kindlich genährt. Deine Abwesenheit erhält mich wach u. munter. Vorgestern hat mich die reg. Herzogin zu sich kommen lassen; sie war sehr sehr gut, wir sprachen meist von Dir u. Neapel; Fr. von Diede hat ihr geschrieben, daß der Senator enchantiert von Dir sei. Dann sprachen wir von Goethe u. der St[ein]. – Das Verhältnis ist noch immer nicht im Gleis. Sie will nicht verzeihen, u. er nicht um Verzeihung bitten. So scheint es uns. Ich mag nicht tiefer hinein sehen. Ich denke er seis wohl wert daß man um ihn etwas leidet. [...] Alles wünscht daß die Herzogin Mutter mit Dir kommen möge, aus vielen Ursachen, Geist- u. leiblichen! Man wünscht daß sie mit Ehren aus dem hohen Rom, den Rückzug nähme. Unsre Herzogin ist wohl u. läßt Dich aufs schönste grüßen. Emil ist gestern mit beim Erbprinzen gewesen, hatte seine Brieftasche mit u. hat dem Erbp. Deinen Br. gezeigt; da hatte dieser ausgerufen: wenn ich doch nur auch einen Brief bekäme! Hastu vielleicht einmal Lust u. Zeit diesen Kindischen Wunsch zu erfüllen? Vielleicht schreibt ihm auch die Herzogin Mutter; es könnte ihn doch leicht anfeuern sich im schreiben besser anzugreifen. [...] Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 23. 2. 1789 [?] Lieber Vater! Ich danke Ihnen für Ihr liebes Briefchen das ist recht lustig wie die Leute auf der Straße wirtschaften als ob die Kinder auf der Gosse spielten, aber das sind alte Kinder die Elise Gor hat mir einen Amor mit einen Schmetterlin geschenkt und ich habe in Ihrer Bibliothek die Psyche gefunden u. will sie Ihnen erzählen wenn sie wieder kommen wir wünschen daß ein recht Zephir sie zu uns bringen mag. Leben sie wohl lieber Vater ich will auch ihre fleißig Tochter werden. Luise Herder. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein an J. G. Herder Neapel, 28. 2. 1789 Mir tut sehr leid das ich nicht bei Ihnen in Rom sein kann, nur einige Werke der Kunst mechte ich mit Ihnen besehen, denn wie ich an Ihnen bemerkte so waren Sie nicht ganz zufrieden, welches auch ich nicht anders sein kann, nach dem wie ich mir vorstelle das Sie die Sachen gesehen haben. – Ich wollte Sie besehen einige Sachen ganz alleine für sich, ohne das Sie jemand mit sich nehmen, denn öfters machen einen die Führer mit ihrem Geschwätze nur irre, und man stehet vor einem Bilde als vor einem stummen menschen, der nichts zu einem sagt, und so stehet man vor einem Bild und guckt ohne das man siehet. Ich will Ihnen nur einige Sachen aufschreiben die mir besonders gefallen, und ich bitte Ihnen, lassen Sie sich durch einen Bedienten nur an den Ort führen und besehen die Sachen für sich ganz allein, und denken so wie Sie in Ihren reinsten jahren dachten. In der Kapelle Sexti besehen Sie die malereien des M. Angelos, in dessen Werken werden Sie den Größten Verstand und den verwegensten Geist sehen, er ist weit hin aus über das Gewehnlige mit seiner Geistigen Einbildung gegangen. Sein, und Wirken hat er bis zur Karikatur getrieben – Ich sollte hier in das tedaly gehen, und Ihnen zeigen wo ich dieses bemerke – aber da ich nicht bei Ihnen bin, ist es zu schwer zu sagen, suchen Sie es selbst zu sehen, und lassen Sie sich dieses genug sein, das diese malereien seit einige jahrhunderte für das größte Werk des Geistes und der erfindung ist erkannt worden. Ich schreibe vielleicht meine Gedanken nicht deutlich genug, ich bin es auch nicht imstand meine Gedanken mit Wörter auszudrucken, aber ich tröste mich damit das ich mit einem Gelehrten spreche der mich wohl verstehen werd, und ich bitte Ihnen denken Sie nicht gegen mich, sondern mit mir. Von Rafaelo betrachten Sie genau die Schlacht des Constantins, die unter denen Gemälden was die Ilias unter denen Gedichten ist, da ist ein Ganzes, und alle einzelne vorfälle die nötig sind eine Schlacht zu erzählen. Der Heliodor ist vielleicht das Glückligste welches er erfunden hat. Dieses Bild ist einem auf den ersten anblick klar. Die vorstellung ist deutlich. Wenn ich dieses Bild betrachte, denn kommt mir die Liebe Gottes vor, wie er zum zweiten mal mit seiner hand menschen schafft, wie er Rafaels Stirne Bildet, und ihm seine Seele ein Bläst. Die Farnesine betrachten Sie als eine idealische malerei, durch die Ausführung lassen Sie sich nicht irre machen, denn es ist von Rafaels Schüler gemalt worden, und nach her durch restaurieren sehr verdorben worden. Auch gehen Sie in diesem Palazzo eine Treppe höher und sehen die Gemälde von Sotoma, es ist die Geschichte von Alexanders, die fäls[ch]lich für die arbeit des Julius Romano aus gegeben werd. Denn gehen Sie in die Galerie Borgese, und sehen die h. Sicilia von Dominicino, und die Grablegung von Rafael, und die so genannten drei Grazien von Tician, bei diesem Stück halten Sie sich so lange auf bis es Ihnen gefällt, und gehen Sie eher weg, so müssen Sie nie wieder ein ander Bild besehen. In dem Palazzo Spata, besehen Sie die Dito von Guercino, nur den Kopf und Hals müssen Sie allein betrachten, da werden Sie eine verliebte schwärmerin sehen, nicht die Königin die Cartago erbaute, sondern eine verliebte Italienerin. In S. Gregorio sehen Sie eine Geißelung von Dominicino, und in einer anderen Kapelle ein betender Papst zur seite stehen Engels, von A. Caracci, das ist alles was man in der Kunst in Öl zu malen sehen kann. Alla trinita de Monte in der Kirche ist das große Kunststück von D. de Voltera, und bei der Angelica Kaufman, besehen Sie ja das Bild von D. de V. recht aufmerksam, denn da sind viele teile der Kunst in vereiniget. Ich könnte Ihnen noch mehr aufschreiben, aber ich förchte Ihnen irre zu machen, besehen Sie nur dieses recht aufmerksam, die andere gute Bilder werden Ihnen schon von selbst auffallen. Von denen Griechischen Werken welche sich in Rom befinden will ich Ihnen nichts sagen, weil Sie in Der Welt mehr bewandert sind als ich, und Winkelmann hat auch zugut drüber schon gesprochen, und das ist Ihnen alles bekannt. Nur bitte ich besehen Sie ja die Werke der italienischen Maler auch, denn da sind große menschen unter gewesen. Nur schade das sie gebunden waren Geistlige Geschichten zu malen, und das für Pfaffen – wenn diese leute Vorstellungen gemacht hätten um auf den Verstand zu wirken, so werden sie eben so viel getan haben als sie auf den Glauben gewirkt haben, denn darum war es ihnen nur zutun, und der Katholische Glauben hat auch gewiß viele Festigkeit durch die Bilder bekommen. Man muß also die Vorstellung bei vielen Bildern nicht betrachten, sondern die Kunst womit es gemacht ist. Doch sind einige sehr gut vorgestellt, als die Geschichte des hl. Paulus von Rafaels. Auch die jüdische Geschichte in denen logen des Vaticans und einige heilige Familien u. m. Jetzo ist es fast unmöglich das die Malerei wieder auf den Punkt kommt wie sie unter denen Päpsten war. Ich habe noch vieles mit Ihnen zu sprechen. Sie sind mir zugeschwind wieder von hier gereist, und hier konnte ich Ihnen nicht einmal recht sprechen, Sie waren zuviel zerstreut, und ich bin ganz zerrissen, denn meine lage läßt mich nicht sein was ich bin. Aber ich habe noch Hoffnung wir sehen uns in einer besseren Zeit, das unser Gespräch mir nützlich sein kann. Ich habe doch noch einige Gedanken im Kopf die ich gerne malen mechte, und dabei werde mir Ihr rat sehr nützlich sein. Ich wünsche sehr das Sie wieder nach Neapel kommen, wir lernten uns besser kennen und werden uns besser verstehen, und nachher könnten wir vieles durch Briefe ausmachen. Ihr Porträt mecht ich auch gerne fertig machen, und ihrer Frau Gemahlin geben, damit sie sich dabei erinnere das ihr Gatte ein Freund in fernen lande hat. Kommen Sie nicht wieder so kann ich es nicht fertig machen, und dieser Entwurf bleibt für mich, und soll so lange ich lebe ein Ergetzen für mein Auge sein Ihre Gestalt zu sehen, in meinem Herzen habe ich Ihre Seele. Ihnen kennen zu lernen, und Ihnen zu sehen hat mir eine wahrhafte Freude gemacht. So eine lust ist mir lange nicht geworden. Wären Sie auch so nicht gewesen als ich mich Ihnen vorstellte, und als ich Ihnen fand, so wäre ich unglücklig geworden, denn lange schon bin ich nicht mehr mit denen menschen zufrieden, Sie aber haben mich wieder mit denen ausgesehnt. Vor einigen Tagen ware ich zu Pesto, und hatte das schönste Wetter von der Welt. Diese Tempels müssen Sie sehen, man weiß sonsten nicht was vordiesem die menschen waren, es übertrifft alles was man in Rom siehet, an Ernst und männligem unternehmen ist ihm nichts gleich. Von da kam ich zurück und ging durch das alte Pompeia und habe mich recht gefreut über die Malereien, und an dem denken der Alten. Empfehlen Sie mich an die gnädigste Herzogin, die Teemaschine und das Teezeig werden selbige schon erhalten haben. Die andern Sachen sind auch schon eingepackt, und werden mit erstem von hie zuschiff abgehen, just gehet die andere Woche ein Schiff auf Rom das sie mit nehmen wird. Ihre Vasen sind auch mit ein gepackt, und auf jeder ist Ihr name geschrieben, auch habe ich für Ihre Kleine noch einige Muscheln mit bei getan, die ich selbst am Meer auflas. Das Porträt der M. Hart kommt auch mit. Diese Woche werde ich nach Caserta gehen um die M. Hart noch einige mal malen. Ich mechte gerne auf Rom kommen, wenn es mir nur irgend möglich ist, so komme ich einige Wochen vorher hin, ehe Sie abreisen, um mit Ihnen als denn wieder nach Neapel zu kehren. Empfehlen Sie mich an die Gd. Fräulein und an H. v. Einsidel, und den andern Freunden. Das logie in meinem Haus wird für Ihnen zurecht gemacht, und die besten Bilder darin aufgehangen, damit Sie vergnügen haben sich darin aufzuhalten. Behalten Sie mich lieb. W. Tischbein Napel den 28. Feb. 1789 J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 27. Febr. [/1. 3.] 89. Ich habe den Br. von Dir, meine Liebe, eine Antwort auf meinen 2ten aus Napel, nebst den Briefen der Kinder u. den beiden vortrefflichgeratenen Bildnissen des Luischens, wie sie spinnt, u. Emils, wie er in der B[iblischen] Gesch[ichte] lieset, mit großer Freude erhalten; u. danke Dir für den Teil, den Du an meinem Wohlsein in Napel nahmst. Dein Gedanke war lange auch der Meinige, länger als die Herz. in Napel zu bleiben u. aus eben den Gründen; zuletzt wandte es sich aus andern Gründen anders, worunter der der vornehmste war, daß ich mit D[alberg] noch nicht zu Rande gekommen war u. nicht wußte, wohin er hinauswollte. Meine Reise ist einmal zerrissen u. verwirrt; ich kanns nicht ändern: man muß sich geduldig dem Schicksal fügen. In Rom habe ich die ersten 5. 6. Tage die erschrecklichsten, ängstlichen Nächte gehabt, eine toller als die andre, daß W[erner] endlich nicht wußte, wie er mit mir dran wäre. Ich hätte nie in der Welt geglaubt, daß eine plötzliche Veränderung des Klima so stark auf einen Menschen wirken könne, habe auch in meinem Leben davon keine solche Probe gehabt. Seit 2. Nächten ist mir besser, und ich schlafe wieder wohl; indessen ist Rom kein Ort für mich, so viel Schätze der Kunst, (vielleicht auch der Literatur, wenn solche zugangbar wären) darin gesammlet sein mögen. What's Hecuba to him or him to Hecuba? sage ich mit dem guten Hamlet u. will mich gern wieder in meine kleine Nußschale einsperren, wenn ich nur schon zu ihr gelanget wäre. Meine Abreise von hier ist bei mir selbst noch unbestimmt. Die Herz. will, daß ich mit ihr nach N[eapel] zurückgehen soll; ich mags aus einer Reihe von Ursachen nicht, die zu weitläuftig anzuführen wären. Sie will, daß ich in der Fastenzeit allein nach Florenz soll, um auf die H[eilige] Woche wieder bei ihr in Rom zu sein; bin ich da, so komme ich wahrscheinlich nicht wieder rückwärts, u. das Ende wird sein, daß mir das Spektakel der H. Woche u. des Osterfests auch geraubt wird. Was tuts? Ich habe an Weihnachten gnug, u. eine Woche h[eilige] Kastratenmusik mehr oder minder wird mir auch nicht der größeste Verlust sein. Im Grunde sind dies alles für mich Pfützen aus einem toten Meer, so sehr sich auch G[oethe] den Mund aufreißt, ihre Süßigkeit zu loben. Was G[oethes] Streit mit K[nebel] betrifft, von dem der Letzte mir auch geschrieben hat, so bin ich ganz u. gar auf K. Seite. M[oritzens] Abhandlung ist ein verwirrtes Ding u. ich wundre mich, wie auch Du so viel Geschma{ck} daran hast finden können. Für mich lesen konnte ich sie ganz u. gar nicht; u. als er sie mir vorlas, sagte ich ihm, bei dem Vielen einzelnen Guten, das daran ist, sei sie im Ganzen für mich ungenießbar. Sie ließ eine unangenehme Empfindung in mir zurück, u. der Wert, den Er aus G[oethes] Munde daraufsetzte, war mir zwar erklärlich, weil es ein Kleid ist auf G[oethe] gepaßt u. gemacht, aber desto mehr beinahe beleidigend. Daß M[oritz] zuletzt rückhaltend gegen Dich geschienen hat, ist mir für ihn, aber nicht für Dich leid, was auch die Ursache davon sein möge. Grüble über diese nicht nach, u. besitze Dich selbst; Du hast in Dir mehr, als andre Dir geben mögen, eine reine klare Quelle gesunden Sinnes u. einer zarten lebhaften Menschenempfindung, durch Handlungen geprüft u. durch Leiden gestärket. Alle weitere Subtilisationen, Abgöttereien mit sich u. andern, Weiber-Tatscheleien u. f. hole der T- Ich laufe mit Meier jetzt noch einmal die Hauptdenkmale des Altertums über. Er ist ein vortrefflicher Mensch, Einer aus 1000. u. abermal 1000. an Sinn u. tiefem Verstande. Sprich aber auch hievon nichts zu G. Meinen öffentlichen Lauf schränke ich hier auch allmählich ein, so gut es gehn mag. Ich habe bei Bernis einmal, einmal beim Dänischen Gesandten, u. einmal bei der Angelika zu Mittag gegessen: das ist gnug für 8. Tage. Die Angelika ist gar lieb u. hold: leider aber durch die fatale Kunst, in der sie obgleich wie ein Engel exsistieret u. von Kindheit auf exsistiert hat, auf ihrem Stamme vertrocknet. Sie ist eine Dichterin mit dem Pinsel, u. hat eine sehr zarte Empfindung: sie grüßet Dich sehr, u. hat mir angetragen, mein Gemälde ihr zu lassen zum Pendant von G. den sie auch gemalt hat. Ich hasse die Pendants, u. weiß überhaupt nicht, ob sie dazu Zeit gewinnen wird, sonst wäre es der Mühe wert, zu sehen, wie sie mich sieht u. denket. G. Bild hat sie sehr zart ergriffen, zarter als er ist, daher die ganze Welt über Unähnlichkeit schreiet; die doch aber wirklich im Bilde exsistiert. Die zarte Seele hat ihn sich so gedacht, wie sie ihn gemalt. Der Herz. Bild ist vortrefflich; aber auch ganz u. gar idealisieret. Sie kann nicht anders u. ist überhaupt eine zarte Engelsfrau, oder vielmehr Jungfrau, das sie leider noch sein ma{g.} Wenn mich etwas in Rom tröstet, sinds die Statuen u. Köpfe. Deinen Charakter habe ich auch gefunden, u. wir wollen den Namen Electra jetzt fahren lassen: Du bist Ariadne . Zwar bin ich nicht Theseus, u. Bacchus nur sofern ich Wein trinke u. Tobak rauche; ich kann Dich auch nicht zur Himmelsgöttin erheben. Dafür habe ich Dich aber auch nicht verlassen u. Deine treue, feste Reinheit, die Liebestrunkne Großheit u. Anmut Deiner Seele ist eine Gabe, die Dein ist u. Dir keiner, weder geben noch rauben kann. Bleibe mein, ich will Dein bleiben, mein süßes, einziges Leben, mein Weib u. meine Geliebte, mein Bruder u. meine Freundin. Grüße u. küsse die Kinder 1000mal mit dem besten Dank für Ihre Briefe. Vielleicht schreibe ich noch an einige; jetzt will ich ins Museum. Hier sind ein paar meiner Visitenbillets aus Napel, damit sie doch den Vesuv wenigstens im Abdruck sehen. Die Tempel auf Freudenheims Billet sind die von Pästum. Die Zeichnung hat Rehberg im Augenblick gekritzelt, da er mir den Br. brachte, ich ihn las u. ihm die Bilder der Kleinen zeigte. Lebe wohl. Ich kann Euch weder pretiosa an Kunst schicken, noch mitbringen, noch selbst machen, wenn ich mich nur als ein armes Naturgewächs glücklich wieder hinüberschaffe. Wenn ich glücklich bin auf der Reise, hätte ich große Lust durch die Schweiz zu wandern. Müller v[on] Schafh[ausen] hat mir geschrieben, herzl. gut u. traurig. – Lebt wohl, Ihr Guten, liebt mich u. betet für mich. Grüße die brave Kalbin, {Kne}bel, die Steinin u. alle Guten. Lebe wohl, Liebe. H. P. S. Hier ist ein Briefchen, das mir die Herz. an Dich gegeben. Es ist wirklich schön u. Poetisch geschrieben, u. der Spaß beruhet darauf, daß als Hamiltons H[ure], sie heißt Mad. Hardt ihre tausend Stellungen u. Figuren im Griechischen Gewande machte, ich sie neckte, u. sie gegenteils ihre bacchantischen Attitüden in der Gesellschaft immer an mich adressierte. Übrigens ist sie a fonds eine sehr gemeine Person in ihrem Innern, ohne feineres Gefühl wie ich glaube, für irgend etwas, was erhaben, groß u. ewig schön ist; eine Äffin aber, daß nichts drüber geht. Da alles vorbei war, bin ich über sie recht ergrimmt worden, daß sie mich so gewaltig aus dem Traum geweckt, u. einen großen Teil meiner Ideen über die Kunststellungen, die freilich in aller Einfalt etwas übertrieben waren, ziemlich ruiniert hat. Ich sahe nämlich, wie entfernt man vom wahren Sentiment jeder edlen Art doch so ein glücklicher Affe sein könne. Überhaupt komme ich aus dem Lande der Kunst beinah als ein Feind der Affenkunst, oder wenigstens sehr gleichgültig gegen sie zurück. Dies dient zur Erläuterung des Briefes; sage sie aber niemanden: sondern lasse den Brief in seiner poetischen Dichtung. Antworte artig u. höflich dankend. Mich freuts, daß sie im Br. nichts davon erwähnt hat, daß ich den Sommer noch hier bleiben solle. Sie muß also selbst ein Vorgefühl haben, daß nichts daraus werden werde, u. das ist das Beste. Lebe nochmals wohl. An die Kinder kann ich heut nicht schreiben: grüße sie herzlich. – Eben sehe ich meinen Br. an, u. da ich über M[oritz] u. K[nebel] geschrieben, so bitte ich Dich, ja nicht zu glauben, daß ich auf G[oethe] etwa einen Groll habe. Ich ehre ihn, wie immer: denn ich sehe zu klar, daß er nicht anders sein kann, als er ist. Übermorgen fängt Trippel meine Buste an, die zu G. seiner ein Pendant werden soll, auf des Herzogs Bestellung. O der leidigen Pendants! G. hat sich als einen Apollo idealisieren lassen; wie werde ich Armer mit meinem kahlen Kopf dagegen aussehn! Desto besser, so stehe ich nackt u. arm da. Addio! Herzogin Anna Amalia an Caroline Herder Rom d 1 ten Marz –89 Da ich mir wohl vermuten kann daß Ihr liebes zweites Ich fleißig an seine Bessere hälfte schreibt und alles sagt wie es mit ihm und mit uns stehet so habe ich bis jetz anstand genommen Ihnen liebe Herdern selbst zu schreiben. Ich kann aber nicht umhin Ihnen nur mit wenigen Zeilen zu sagen, daß ich einen Kleinen Sieg über unsern Herder gewonnen habe, er wird es zwar wohl nicht gestehn, denn wer will es zu geben daß ein Stärkerer von einem schwächern überwunden wird, allein es ist nun so. Ich hatte mir im Anfange alle Mühe gegeben ihm etwas von seiner Philosophie, abzuziehen damit er werden möchte wie unser einer, es war aber nichts zu machen. Ich reiste ganz mißmutig mit ihm nach Napel. Was geschah da! die Zauberische Partenope mit allem ihren Reiz umschlung den Philosophen mit ihren schönen gerundeten Armen, sie liebkosete ihm, nannte ihm ihren Sohn ihren liebling. Wer konnte da widerstehen! unser Philosophe fing an zu lächeln, wurde heiter, gab doppelt wieder was er mit Zärtlichkeit impfing, u die Kalte Weisheit verschwand. Diese Stolze, eifersüchtig über den Sieg der Partenope, überträufelte ihm im schlaf mit wenige tropfen von ihrem kalten Sinne; es entstand ein kleiner Kampf, Partenope geschmeichelt von ihrem Sieg suchte ihm auf aller weise zu behaupten, sie schickte eine ihrer zauberischsten Syrene ab, die durch Gestalt, Gesang, u zauberischte attituden, der schönsten Grieschen Kunst ihm entzückte – Weg war die trockene Weisheit; wie mit einen Elektrischen funken wurde leben Wonne u Seligkeit über sein ganzes wesen ergossen, er wurde ein Gott u wollte selbst schaffen. – Die kalte unnütze Philosophie, wußte zu gut was sie an ihm hatte, sie tat einen verstärk[t]en Anfall auf ihm, u der wirkte leider! Er fing an unzusammenhängende Dinge zu reden, wollte ein Mann sein – ja es kam bis zum eigen lob, nun warf er wieder einen Blick auf die Syrene; aus diesen zwei streitenden Mächten entstand endlich – der Alp, der ihm jetzt alle Nacht drückt. Doch bleibt er bei guten Leibes Kräften dabei u ist recht gesund. So stehen die Sachen jetzt ich leügnen nicht daß ich eine kleine Schaden Freude darüber habe, doch fürchte ich, es wird nicht lange dauren, denn seine Blicke gehen oft nach Norden wo er alles hat was liebe u zärtlichkeit in ihm erregen kann. Sein sie immer ruhig über des Schicksals ihres Mannes, die Götter mein[en] es gut mit ihm, er wird Ihnen ein liebe volles u vergnü[g]tes herz zurück bringen. Gedenken Sie zuweilen meiner so wie ich an Ihnen denke, u grüßen Sie den Kindern. Amelie Caroline Herder an J. G. Herder Weimar d. 2. März 1789. Heute früh kam Dein lieber Brief vom 10.t Feb., u. ich danke Dir liebes Bestes Herz daß Du mir Nachricht von Deinem Befinden gegeben hast. Ich sehe aus diesem Zufall wieder, daß alle Ereignisse einem immer eine Lehre zurücklassen. Gottlob daß das Übel sich so schnell hat abweisen lassen, wofür ich auch dem trefflichen Arzt herzlich danke. Die Lehre über die Klistier freut mich sehr, u. wir wollen recht verständig damit umgehn; daß Du den Weg über Carlsbad nehmen mögest habe ich lange gewünscht. Schreibe mir doch bald, wieviel Geld ich Dir schicken soll. Du mußt gesund, rein u. fröhlich zu uns kommen, so wirst Du unsre Armut freundlicher aufnehmen. Wir tun jetzt nichts als unsern Leib nähren, u. es schmeckt uns allen trefflich; wies mit der Seele aussieht, weiß ich nicht. Du mußt uns Leben u. Geist mitteilen. O wie fühle ichs tief genug, daß Du nicht da bist, Du mein Leiter u. Führer. Über G[oethe] habe ich wirklich einen großen Aufschluß bekommen. Er lebt eben wie der Dichter mit dem Ganzen, oder das Ganze in ihm, u. da wollen wir als einzelne Individuen nicht mehr von ihm verlangen, als er geben kann. Er fühlt sich als ein höheres Wesen, das ist wahr; aber er ist doch der beste u. unwandelbarste unter Allen. Seitdem ich weiß was ein Dichter u. Künstler ist, seitdem verlange ich kein engeres Verhältnis; u. doch wenn er zu mir kommt, fühle ich daß ein sehr guter Geist um u. in ihm ist. Lieber Engel ich freue mich daß wir im Grund über alles gleich denken u. empfinden u. mir wird jede neue Entdeckung im Reich der Geister schätzbar; ich will lieber Wahrheit als Täuschung. Dein übriger Brief, mein Einziger, sagt mirs innig daß wir selbst über die Täuschung weg sind! Wenn wir nur selbst unsre Welt allein wären, da würde es ziemlich leidlich gehn. – Ich habe gestern Julius Cäsar von Shakesp. gelesen, u. habe beinah nichts als den Brutus im Gemüt. So gehts überall wenn ein Einzelner fürs Ganze mit Schurken, etwas tun will, u. dann die rechte Linie überschreitet. Cäsar u. Brutus haben Beide im letzten gefehlt. O es ist ein köstliches Stück; es stärket u. belehret. Gebe uns doch Gott daß wir diese Welt wieder einmal miteinander durchlesen u. durchleben mögen. Wie wird das anderst sein als so allein. Die Kinder sind für diese Speise noch zu jung, u. Gottfried etwas zu unteilnehmend, das jetzt vor der Hand auch sein Gutes für den Körper haben mag. [...] Ich bin diese Woche 2mal bei der guten Waldner gewesen, um Rat über Kleider zu holen, sie ist eben gar verständig. Die Kalbin habe ich im Vorbeigehn gesehn; die Stein u. Imhof waren da u. blieben zum Soupée; heute kommt sie u. mir ein u. anders zu erzählen; ich hatte ihr ein Billet geschrieben; mit ihr kann ich mich über alles verstehn u. erklären; mit der St. aber nicht; sie ist zu selbstich; kurz ich gehöre nicht in ihr Reich; Gottlob daß ich das meinige habe, kenne u. liebe. Ich habe die Fr. v. Fr[ankenberg] mit meinem Enthusiasmus über Moritz angesteckt; das mußt Du nicht hoch aufnehmen. Wenn Du nicht da bist, so gehts denn nun so die Quere; ich glaube gar, daß es noch der letzte Rest der Mystik in mir war. O wenn die Sonne kommt, vergehn die Nebelgestalten! [...] Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, 2. 3. 1789 Tischbeins Verhältnis zum Herzog steht sehr fatal. Ich hatte alles auf gutem Wege, der Herzog war in den besten Intentionen; ein Brief von Reiffenstein hat alles umgeworfen. Ich habe den Brief nicht gesehen, auch den Herzog diese Zeit her nicht gesprochen, ich kann also nur ohngefähr raten, wie der Alte zu Werke gegangen ist. Der Herzog von Gotha will von einem Maler, den er pensioniert, auch was sehen und will doch auch diesen Maler einmal bei sich wissen, wenigstens voraussehen, daß er einmal kommen wird. Tischbein dagegen ließ sich auf das ungeheure Bild der Helena ein, das er zuletzt stehen ließ, schickte in 3 Jahren nichts an den Herzog, glaubte zuletzt ihn entbehren zu können, und zog die Pension nicht mehr. Dieses geschah von der Zeit an, als er nach Neapel ging, und er erklärte mir selbst, daß er sich von dem Herzog getrennt ansähe. Tischbein ist mit allen guten Qualitäten ein wunderliches Tier, ein Art Hasenfuß, ist faul, unzuverlässig, seitdem er von den Italienern in das Metier der Falschheit, Wort- und Bundbrüchigkeit zu pfuschen gelernt hat. Sich zwischen den Herzog und ihn zu stellen, ist ein böses Unternehmen, doch habe ich es nach meiner Rückkunft gewagt, weil ich aus Tischbeins Briefen merkte, daß es mit seinem neapolitanischen Zustande nicht ganz just war. Jetzt aber kann ich nichts weiter tun, weil ich, um den Eindruck von Reiffensteins Brief auszulöschen, mich stärker für Tischbein verbürgen müßte, das ich nicht kann und mag. Denn eigentlich ist es Tischbein mit der Gothaischen Pension und Retraite nach Deutschland gar nicht ernst. Er will nur eine Hintertüre offen behalten, woran er auch ganz recht hat. Wenn es unser Herzog wäre, dem sagte ich gerade, wie die Sache steht, und der wäre großmüßtig genug, das so gehn zu lassen. Der Herzog von Gotha aber will für sein Geld was haben, und was man ihm zusagt, soll man halten. Ich habe es vorausgesehen, daß Tischbein nicht reuissieren würde. Er hält sich für fein, und ist nur kleinlich, er glaubt intrigieren zu können, und kann höchstens die Leute nur verwirren. Er ist unternehmend, hat aber weder Kraft noch Fleiß zum Ausführen. Einen subalternen impiccio weiß er noch leidlich zu leiten. Über Deutsche hat er durch die Exuvien von Redlichkeit, mit denen er sich aufstutzt, und durch seine harmlos scheinende naive Hasenfüßereien eine Weile ein Ascendant. Ein Nachklang von Gemüt schwankt noch in seiner Seele. Es ist Schade um ihn. Ich kenne ihn recht gut, und wußte, daß er mich in einigen Jahren würde sitzen lassen; ich habe aber doch gewagt, ihm den Herzog zu versöhnen. Interim aliquid fit! dachte ich. Allein der Alte hat mit seiner Tatze mir alles verdorben. Der und Hackert verstehen das Handwerk, und Tischbein wird zwischen zwei Stühlen niedersitzen, ohne daß ihm jemand helfen kann. So steht das ohngefähr. Laß meinen Brief niemand sehen, vorzüglich um Tischbeins willen. Ich sage niemand, wie ich von ihm denke. Wer mit ihm zu tun hat, mag ihn selbst kennen lernen. Dein Leben in Neapel freut mich; es wird dir ein heller, lichter Blick durchs ganze Leben bleiben. Ich habe mich schon wieder eingehamstert und bin wohl auch nach meiner Art recht vergnügt. Trutz Schnee und Himmelgrau laß ich mir das Beste von Kunst und Natur fürtrefflich schmecken, und habe meine ganze Einrichtung ad intus gemacht. Vom Tasso, der nun seiner Verklärung sich nähert, habe ich die erste Szene im Kreis der Freunde publiziert. Deine Frau und Knebel haben sie am meisten genossen und durchgefühlt. Ich habe diesen Prologus mit Fleiß dem Werke selbst vorausgeschickt. Lebe wohl. Empfiehl mich der Herzogin und allen. Ich kann niemanden schreiben. Meine Schriften achter Band sind nach Rom. Sobald Tasso fertig ist, soll eine Abschrift an Angelika abgehn. Das mag denn für eine Menge Briefe gelten. Frau und Kinder sind wohl. Heut Abend werd' ich dort sein und dein gedenken. G. Weimar den 2. März 89. Amalientag. Johann Wolfgang von Goethe an Caroline Herder Weimar, zwischen dem 2. und 8. 3. 1789 Ich halte nicht für gut noch für nötig, daß Sie Sich mit dem Gelde übereilen. 1) Heißt das wieder in seine eigne Eingeweide wühlen. 2) Ist es recht gut, daß Sie ihm 500 Rtlr. zu seiner Rückreise bestimmen. Es ist ja aber immer besser, er läßt sich das Geld dort von Einsiedeln zahlen, wie er es braucht oder soviel er braucht, und man zahlt es an Ludecus zurück. 3) Wenn er es auf der Reise braucht, so ist es ja besser, man verschafft ihm einen Brief nach Venedig oder sonst wohin. 4) Wenn ich jetzt das Geld durch Paulsen zahlen lasse, so empfängt ers dort in Papieren (Bankzetteln); Briefporto, Provision, Interessen müssen gezahlt werden. Will er es auf der Reise brauchen, so muß er es wieder mit Schaden umsetzen. Das ist ja eben das, wodurch die Kaufleute reich werden und wodurch eine Reise immer teurer wird. Es ist also nichts simpler, als: »Wenn er von Rom verreisen will, läßt er sich von irgend einem Banquier einen Kreditbrief auf die Orte geben, wo er durchreisen will. Auf das Wort der Herzogin, ja auf Reiffensteins Wort (den er aber vielleicht nicht brauchen will), kriegt er ihn gleich. Wie er dort abreist, so schickt man gleich 100 Dukaten auf Abschlag an den Banquier, damit keine Interessen aufwachsen, und den Rest, wie er ihn aufnimmt oder wie er zurückkommt.« Schreiben Sie ihm das, schicken Sie ihm allenfalls das Blättchen. Übrigens bleibe ich auf dem Sinne, daß Dalberg nicht los zu lassen ist. Leben Sie wohl, ich sehe Sie bald. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 6. 3. 1789 Lieber Vater! ich habe mich Recht über Ihr briefchen gefreit wenn Es doch bei uns auch so schön wetter wäre bringe Sie viele Pomeranzen! mit da wollen wir Recht springen wenn wir Sie sehen ich habe Sie Recht lieb und will Ihnen Recht Vorlesen ich lese jetzt in den Volkslieder, wollt ihr hören wie Elise Klagend im gefängnis sang ich lese gar gern was Sie gemacht haben! Ihr gedreier Sohn Emil Herder den 6ten märz 1789 J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 7. März 89. Gottlob, daß wieder 8. Tage in dem traurigen Rom vorüber sind! Ich kann der Hauptstadt der Welt keinen Geschmack abgewinnen, vielmehr wird sie mir von Tage zu Tage mehr lästig; u. schämte ich mich nicht, in Rom einen Teil der Fasten durch gewesen zu sein, ohne die berühmte Musik in der Heil. Woche, samt den andern Zerimonien abgewartet zu haben, setzte ich meinen Wanderstab frisch weiter; ob ich gleich nicht glaube, daß auch diese Dinge im mindsten selbst dies Warten belohnen. Das andre, das mich festhält, ist Trippel, der meinen Kopf fabriziert; auch Angelika will mich malen, u. ich mag es der guten jungfräulichen Engelsseele nicht weigern, daß sie meinen alten kahlen Kopf so zu Ehren bringen will: denn hole ich noch allerlei nach, mehr nachgeholt zu haben, als daß es für mich neuen Nutzen brächte, u. so gehen die Tage hin. In der Vatikana bin ich seit meiner Rückkunft von Napel noch nicht wieder gewesen: Teils, weil wir jetzt noch entfernter wohnen u. der H[eilige] Peter am andern Teil der Welt liegt, Teils weil mich eine Art inneren Ekels u. Überdrusses von diesem Kerker zurückhält, in dem so viele Gefangene hinter Schlössern unnütz liegen. Man müßte, um sie zu befreien, ganz andre Muße u. Bequemlichkeit, am meisten aber mehr Zeit u. Zugang, im Grunde auch mehrere Jugend haben, die zu solchen Entführungen bezauberter Prinzessinnen den regsten Zunder gibt; mir hat das Schicksal dies Gl{ück versag}t. Bis in die Mitte Novembers waren Ferien, nachher trat das böse Wetter ein: denn wieder Ferien: denn die Reise nach Napel, u. was seitdem geschehen ist, habe ich Dir geschrieben. Jetzt sehnet mein Herz sich aus Rom hinaus u. ich werde die porta populi mit mehr Freuden verlassen, als ich sie zum erstenmal grüßte. Rom ist mir ein totes Meer u. die Blasen, die darauf emporsteigen, um bald zu zerknallen, sind für mich nicht erfreulich. Auch die Zeit wird vorübergehn, u. ich brauche sie so gut ich kann. Dein Br., liebe Süße, hat mir große Freude gemacht: er war vom 13. Febr., Antwort auf meinen 3.ten aus Napel. Ich wünsche dem Wilhelm zu seinem verlebten Geburtstage das beste Glück, daß er, wie ein guter braver Knabe ist, auch ein braver Jüngling u. Mann werde, daß ich an ihm u. seinen Brüdern u. seiner Schwester viel Freude erlebe. Grüße u. küsse ihn aufs beste, auch alle seine Geschwister: das Emilchen, daß es so hübsch auch in den zerstreuten Blättern lieset; die Luischen, daß sie so artig u. fleißig ist, u. auch hübsch spinnet, den Adelbert, daß er so brav ist, den August, den ich gewiß als ein feines Herrchen wiederfinden werde, u. den guten Gottfried, der mir so hübsche Lehren gibt u. gar Abhandlungen für mich abschreibet. Ich wollte, daß ich ihnen allen, Sachen mitbringen könnte, die so recht für sie wären; das alte Rom aber ist für mich nicht ergiebig, weil ich keinen recht willfährigen Menschen hiezu habe. Mit den Künstlern ist für mich nichts anzufangen; Du weißt, ich kann die Leute nicht brauchen, weil ich auch für sie wenig tun kann. Tischbein in {Napel war} gar willfährig gegen mich; er ist gestern aus {Napel eingetroffen, hat} sich aber heute noch nicht gemeldet. Meier ist auch ein herzlichlieber, verständiger gutsinniger Mensch, eine rechte Seele vom Menschen. Er ist jetzt mit einer Russin in Tivoli u. wird mit ihr auch wohl die andre Campagna sehen. Buri ist ein gutes, leichtsinniges Kind, u. Hirt zeigt sich von Tage zu Tage mehr als einen Phantasten. Er hat neulich eine Abhandlung über den Laokoon vorgelesen, darin er mit solcher stolzen Keckheit auf Winkelm[ann] u. Leßing losgeht, u. überhaupt die ganze Kunst so grobsinnig behandelt, daß er mein Innres ganz von sich entfernt hat. Er ist ein Kohlstrunk u. wird ein Kohlstrunk bleiben. – Göthens Gedichte sind hier angekommen; er hat ein Ex[emplar] noch ohne Titel an die Angelika geschickt. Ich kenne die meisten u. es sind unglaublich schöne Stücke darunter; alles aber, wie es da ist, hätte er nicht sollen drucken lassen. Nicht nur, daß er den Kritikern das Maul darüber aufreißt, sondern auch weil die jugendlichen Fratzen u. Spaße doch niemals recht für den Druck sind. Was Du, gutes Herz, zu seiner Entschuldigung sagst, reicht meinem Gefühl nicht zu. Hole der Henker den Gott, um den Alles ringsumher eine Fratze sein soll, die er nach seinem Gefallen brauchet; oder gelinder zu sagen, ich drücke mich weg von dem großen Künstler, dem Einzigen rückstrahlenden All im All der Natur, der auch seine Freunde u. was ihm vorkommt bloß als Papier ansieht, auf welches er schreibt, oder als Farbe des Paletts, mit der er malet. Lobpreisungen solcher Art, wie sie Moritz macht, müssen verwöhnen, wenn man sie nicht verachtet; u. doch wird nichts schwerer zu verachten, als ein Lob, das der andre nur wie aus unsrer Seele aus {spricht und bringt} ja nur {unser Ge}fühl in Worte. Gott sei Lob u. Dank, daß er mich nicht zu einem so hellstrahlenden Spiegel des Universums gemacht hat; ich mag gern eine dunkle Scherbe bleiben. Grüße Kn[ebel] u. danke ihm für seinen Brief: meine Philosophie, sage ihm, sei in Italien ganz vertrocknet. Man müßte zum blauen Himmel hinan, wenn man etwas von ihr erhaschen wollte; auf der Erde gibts keine. Wäre ich ein Naturkündiger, so wäre es freilich anders. Lebe wohl, meine Liebe. Das dunkle, stürmige, regnichte Wetter des heutigen Tages macht auch meinen Brief, ich spüre es selbst, herbe. Gnug aber, ich bin gesund, u. auch diese Stimmung gehört in die Natur der Dinge; sie zieht das Gemüt zusammen u. stärkt es, wenn sie nicht lange dauret. Du frugst nach Borgia neulich: er ist ein braver Mann: er war der erste, der mich besuchte, sobald er hörte, daß ich wieder in Rom sei. Gestern sagte er mir bei Bernis, daß mich die Akademie der Volsker in Velletri zum Mitglied aufgenommen habe, welches ich denn geschehen lassen muß, wenn das Diplom nur nicht zu viel kostet, welches auch nicht sein wird. Der arme Hoyer dauert mich sehr; schicke doch den Gottfried zu ihm, u. laß ihm eigen mein wahres Mitgefühl bezeugen. Dem guten Zinserl[ing] kannst Du sagen, daß ich aus Napel an Heyne gleich geschrieben habe, so warm u. angelegentlich als ich nur konnte. Gegen die Fr. v. Fr[ankenberg] kannst Du nicht liebreich u. freundschaftlich gnug sein; Ihre Güte rührt mich immer bis zum Verstummen u. zu{m Err}öten. Die Fr. v. Diede hat an mich geschrieben, {Textverlust}; ich habe aber den Br. noch nicht, weiß Gott {Textverlust} er ihn nach Napel geschickt hat. Lebewohl, lebt wohl, alle Ihr lieben. Eben schickt mir D[alberg] Bancozettel auf die meiste Summe, mit einem Briefe, aus dem ich noch nicht recht klug werden kann, ob er sie gern noch bis Florenz haben möchte. Ich habe ihm mit aller Güte u. Offenheit des Herzens willfährig geantwortet, u. werde sehen, wie es weiter geht. Alles dies aber treibt mich, daß ich auf meine Heimreise denke u. vielleicht selbst nicht Ostern in Rom erwarte: denn dies Rom drückt mich abscheulich. Lebe wohl u. gräme Dich nicht über mich, sondern wünsche mir Gutes von Gott u. eine glückliche Reise. Lebe wohl, Liebe. Caroline Herder an Christian Gottlob Heyne Weimar, um den 8. 3. 1789 Teurer Freund. Ihr gütiger Brief, worinnen Sie mir Nachricht geben, von einem Antrag an meinen Mann, kam mir, wie Sie leicht denken werden, höchst unerwartet. Göttingen lag in unserm Lebensplan seit geraumer Zeit, weit von uns; ja bei mir, ich gestehe es, ganz im Reich der Unmöglichkeit. Meine Gesinnung Ihnen also hierüber zu sagen fällt mir schwer. Mein Mann hat seit einigen Jahren Ursache mit unserm Herzoge zufrieden zu sein; u. ob er gleich, der mancherlei nicht für ihn passenden Geschäfte zuweilen müde ist, so sehnt er sich gerade jetzt nicht von hier. Die schönen Aussichten bei Ihnen, müßten wir indessen der Kinder wegen, noch einmal beherzigen – wieviel aber dagegen mein Mann an seiner Person aufopfern würde u. ob er das jetzt mit seinen Lebenserfahrungen tun kann u. mag, steht zu erwarten. Wir sind hier an eine stille aber nicht gemeine Lebensart gewöhnt, gehn mit wenigen aber den besten Menschen um; sind auch nicht genötigt uns in große Gesellschaften zu verflechten. Ich liebe es, bei meinen Kindern zu sein u. eine schwächliche Gesundheit hält mich auch willig zu Hause. Wie würde dies nun in Göttingen werden? ich höre so viel Zerstreuendes von der Lebensart der Herren Professoren – wenn es ein notwendiger Ehrenpunkt ist eben so zu leben, so wäre auf einmal unsre häusliche glückliche Stille u. meine Gesundheit u. Ruhe ganz verloren. Doch der wichtigste Punkt ist das politische u. persönliche Verhältnis meines Mannes. hierüber sagen Sie ihm, treuer Freund die reineste Wahrheit; dies muß aufs beste u. annehmlichste sein; denn unter Kabalen zu streiten oder zu leiden, dazu ist er in allem Betracht zu gut u. der Tausch wäre für sein Leben u. Gemütsruhe schlimm u. allzuteuer erkauft. Kurz, bester Fr[eund] schreiben Sie an ihn, u. berühren alle Punkte. Er ist jetzt wieder in Rom. Sie können den Brief an mich zum Einschluß oder gerade nach Rom senden. Im letzten Fall, machen Sie gefälligst noch einen Umschlag um den Brief mit folgender Adresse: [à] Mons. Bury Peintre all[emand] al Cors[o] pp Teurer Freund Ihre unermüdet tätige Freundsch[aft] u. Liebe rührt mich mehr als es Worte ausdrücken können. O könnten wir Ihnen je unsre VerEhrung u. Liebe innig zeigen. Das gute Schicksal, dessen Werkzeug Sie sind, walte u. entscheide über uns zum Besten. C. H. Nach meinem heutigen Brief aus Rom muß ich Sie bitten, den Brief an meinen Mann nicht mir zu senden sondern gerade nach Rom zu adressieren. Er denkt an seine Rückreis. Indessen kann ihn Ihr Br. dort noch antreffen. Caroline Herder an J. G. Herder [Weimar,] Sonntag den 8. März. 1789. Guter Engel. Das Schicksal ist wieder über uns in Bewegung. Vorigen Freitag erhielte ich beiliegenden Brief von Heine. Wie sehr ich darüber betroffen war, kann ich Dir nicht sagen; ich war den ganzen Tag darüber in Bewegung, konnte auch nicht gleich schreiben, da Gottfried ein Flußfieber hatte u. ihm wegen des krampfigten Hustens Blutigel gesetzt wurden; es geht jetzt besser mit ihm u. ich schreibe eben an seinem Bette, das heißt an dem Meinigen, worinnen er liegt u. Dich gar herzlich grüßt. Heinens Brief an Dich, den Du in weniger Zeit erhalten wirst, wird nun Alles deutlicher enthalten, ich lege Dir abschriftlich meine Antwort an ihn bei. Wenn ich an Göttingen denke, an das Verhältnis mit den Menschen, an ihre Gastmahlereien, an ihr Silberzeug u. Equipagen u. daß man so nagelneu unter ihnen, doch arm gegen die eingewurzelten u. eingefleischten immer ist u. bleibt so wird mir gar nicht wohl u. an Dich, wie es Dir unter ihnen behagen wird mag ich auch nicht gedenken, u. doch glaube ich muß mans vor der Hand nicht abweisen, sondern hören u. prüfen; Dein guter Genius wird Dir alles deutlicher u. bestimmter sagen als der meinige. Einen Entschluß wirst Du über das Ganze doch nicht eher fassen, als bis Du hier bist; u. ist es beschlossen, daß wir hinwandern müssen, so muß man nur nicht delikat sein, sondern für sich u. die Kinder reichlich sorgen. Ich mag mirs aber nicht denken was wir dagegen verlieren, Ruhe, Gesundheit u. häusliche Glückseligkeit. Doch will ich mich nicht mit ungewissen Gedanken u. Furcht quälen – es kann alles änderst sein u. anderst gehen. Das einzige bitte ich Dich daß Du Deine HerReise nicht um einen Tag eher beschleunigest; sehe u. genieße noch alles mit Muße u. gehe doch ja über Carlsbad liebstes Herz. Heute bin ich aus einem Traum aufgewacht, der mir bestimmt sagte daß etwas kommen wird, das über uns entscheiden wird; ich bin darüber jetzt ruhig. Vor ohngefähr 6 Wochen träumte ich: Emil seie sehr krank, ich sahe ihn sterbend, u. Du hattest eine Mütze in der Hand die Du ihm als seine Totenmütze aufsetzen wolltest; u. da Du so bei ihm stundest um sie ihm aufzusetzen, richtete er sich auf, sah sehr gesund aus nahm die Mütze mit einer Sehnsucht u. Freude, setzte sie sich selbst auf u. es ward um seinen Kopf zu einem goldnen Kranz mit grünen Blättern. Nun war alles gut u. ruhig, ich saß auf einem niedern Stuhl u. wir besprachen uns über unsern Abzug von hier, Du wolltest eine andre Stelle annehmen u. ich hatte nicht Lust, Du sagtest heftig zu mir: was hast Du denn hier, als hinter der Kirche zu sitzen? Darüber wachte ich auf, u. behielte den Traum in einem stillen Herzen. O der gute Gott leite u. führe uns, u. gebe uns ein, was uns gut ist. ich verlange heute recht herzlich auf Deinen ersten Brief aus Rom u. wie es mit Deiner Gesundheit gehet. Ach wie oft gedenke ich Dein u. kann Dir nichts sagen. Schreibe mir doch auch Heinens Brief ab den Du erhalten wirst u. sende mir ihn gleich mit Deinen Gedanken hierüber. [...] Goethe u. Knebel waren gestern einen Augenblick da u. besuchten uns. Ich habe nun das Geheimnis von der St[ein] selbst, warum Sie mit G. nicht mehr recht gut sein will. Er hat die junge Vulpius zu seinem Clärchen u. läßt sie oft zu sich kommen pp sie verdenkt ihm dies sehr, da er ein so vorzüglicher Mensch ist, auch schon 40 Jahr alt ist, so sollte er nichts tun wodurch er sich zu den andern so herabwürdigte – was meinst Du hierüber? Dies alles aber sub rosa! Montag abends. Fr. v. Stein u. Schardt waren bei mir u. grüßen Dich tausendmal. Erstere war heute sehr gut u. ich habe Mitleiden mit ihr. [...] Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 8 ten März 1789. Lieber Vater. Ich wollte daß hier auch so viele und schöne Zitronen wachsen, hier bei uns sind die Zitronen sehr teuer, und so schlecht, eine kommt 2 g. Es ist bei uns wieder ein großer Schnee gefallen, daß die Leute wieder Schlitten fahren. Wir haben auch heute neue Oberröcke bekommen, die Farbe ist gar schön helle grün, wir haben es aus Erfurt kommen lassen und ist sehr wohlfeil. Ich habe auch ein Bild angefangen mit bunten Farben, ich bin aber seit etlichen Tagen nicht in die Zeigenstunde gekommen? weil ich Husten und Schnupfen habe, aber fast hatten jetz die ganze Stadt. Der Herr Lippolt ist wieder gesund gewesen, und hält wieder Schule. Aber dafür ist ein anderer krank geworden, nämlich der Herr Zinserling, er ist sehr krank gewesen und wollte beinahe sterben, aber gestern hat es sich wieder gebessert. Wir haben auch das Karneval gesehen, und die Masken alle, von der Queuceri hat uns der G. Rat von Göthe erzählt und sie haben uns alle sehr wohl gefallen. Wir haben auch einige abgezeignet. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . August Herder an J. G. Herder Weimar, 9. 3. 1789 Liebster Vater. Werden sie ja nicht böse, daß ich Ihnen so sehr lange nicht geschrieben habe; aber ich konnte nicht, denn wir mußten immer bei den Prinz; aber dafür will ich Ihnen einen längren schreiben. Die Mutter hat jetzt ein Gesetz gemacht, daß, wer sich beim Tische auflegt, oder sich nicht gut aufführt, muß 1 Pf. geben, wer seine Bücher nicht ordentlich stellt, oder das andere anfährt u. a. m. muß 1 Pf. geben, und da bekömmt jeder jeden Sonntag. 1 g. und die Mutter hofft von ihnen auch recht viel Pfennige zu bekommen. Vorigen Sonntag, als d. 1 t März habe ich meinen Geldbeutel mit 6 g verloren aber nicht der Gute. Ich habe auch italienische Pinchen vom G. v. Goethe, und die sind aufgegangen, und da wollen wir einst recht viel darunter spazieren gehn. Bringen Sie mir Steine mit Lieber Vater, der G. v. Goethe sagte; es wären dort Kaufleute die hätten solche Scherbel und Steine v. Karneol, Achat, Onyx, Chrösopras, u. d. g. zu verkaufen, und bekäme man für ein paar Pfennige einen großen Haufen. Der Herr Subkonrektor ist wieder gesund und hält auch selbst Schule, und ist gar gut. Im Griechischen lese ich Äsops griechische Fabeln und das neue Testament. Die Herzogin Amalia hat dem Erbprinz, sehr schöne italienische Trachten geschickt, und ich wollt' sie wären mein. Leben Sie wohl lieber Vater und behalten sie mich lieb Ihr gehorsamer Sohn August Herder d. 9 t März. 1789 H. Schäfer läßt Sie grüßen. Grüßen Sie Wernern. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 14. März [1789] Ich danke Dir, treues liebes Herz, für Deinen Brief, auf meine kurzen Zeilen von Napel; ich konnte damals nicht mehr schreiben, u. Du hast Alles wohl zurechtgeleget. Rom setzt einen in Ruhe, da schreibt sich mehr. Ich denke jetzt mit Ernst auf meine Abreise, ob ich gleich der Herzogin mit Fleiß noch nichts gesagt habe; indessen mag sies merken. Ich erwarte Ostern u. reise denn sacht nach Florenz u. Bologna; wohin ich weiter den Weg nehme, weiß ich selbst noch nicht. Die Adressen der Briefe, die auf meine Reise fallen, will ich Dir bald schreiben. Wünsche mir Glück zu dieser Fahrt, daß wie sie einsam ist, sie auch schön sein möge. Sage aber noch niemand davon: damit nicht Kreuzweise dies u. jenes hieher geschrieben werden. Jedes Lüftchen des blauen Himmels ruft mich zur Reise, die ich für meinen Italienischen Lenz halte: denn in Rom haben wir, solange wir hier sind, meistens das ärgste Wetter gehabt, sogar diese Woche abermals Schnee u. einen unendlichen Regen. In einem dieser unfreundlichen Tage, da ich eben Deinen Br. erhalten hatte, schrieb ich diese Stanzen; so wie sie dastehn; ich habe sie nicht abschreiben u. verbessern mögen. Der Inhalt gibt von selbst, daß sie durchaus nur für Dich sind: sie sind kein Kunstwerk, sondern ein Abdruck meiner Seele. Die Poesie ist ein Spiegel des Herzens, man sieht sich in ihr mehr, u. sagt mehr, als in aller Prose. Göthens Szene habe ich mit Vergnügen gelesen; er kann nicht anders, als sich selbst idealisieren, u. immer aus sich schreiben, so daß er sich zugleich selbst malet. Für mich ist das gut; aber ich fürchte, wie das durch die 5. Akte gehen werde; immer aber wirds ein Geistvolles, interessantes Stück werden. Ich habe diesen Akt keinem gewiesen; höchstens weise ich ihn der Herzogin allein, u. bin neugierig, was sie darüber sagen werde. Vielleicht tue ich aber auch das nicht. Sonst wiederhole ich jetzt so fleißig, als es mir das böse Wetter zuläßt. Gestern Abend sahen wir das Kapitol mit der Fackel, u. das Coliseum im Monde. Bei Trippel habe ich noch Einmal zu sitzen. Alle Welt sagt, daß die Büste sehr gut werde; ich kann darüber nichts sagen. Angelika will mich morgen oder übermorgen anfangen zu malen: sie ist gar ein gutes, liebliches Wesen, so bescheiden, sanft, u. in ihrer Kunst wie ein Vögelchen lebend. In diesem Felde ist ihre Seele noch so eine junge Liebhaberin der poetischen Malerei, als ein unschuldiges Mädchen zwischen 17. 18. Jahren. Ich wollte, daß Du sie, u. sie Dich kennte. Schicke doch mit nächster Post Deinen Schattenriß u. die Schattenrisse der Kinder: bei Starke sind ja alle zu haben, u. Du darfst sie nur so einzeln in den Brief legen. Aber mit nächster Post, ich bitte Dich sehr – u. schlage mir vor den Kopf, daß ichs nicht früher getan habe. Mir selbst ist Dein Bild nicht nötig; ich wills der Angelika geben. Knebel grüße aufs beste u. danke ihm für seinen Br. Heut bin ich zu leer, um ihm antworten zu können; ich werde aber noch aus Rom an ihn schreiben. An die Herzogin u. den Herzog gleichfalls, vielleicht schreibe ich an die erste noch heut. Ich wünsche ihr alles Glück zu ihrer Niederkunft, insonderheit da ich vom Doktor höre, daß der Prinz wieder den Husten hat. O was würde die Frau anfangen, wenn das Kind stürbe. Doch das hoffe ich nicht, u. wills nicht denken. Gebe ihr der Himmel jetzt einen zweiten, gesunden u. starken Prinzen. Die Kinder grüße aufs schönste. Ich bin heut nicht in der Fassung, jedem besonders schreiben zu können; ihr liebes Bild ist aber in meiner Seele, u. ich segne sie alle mit meinem herzlichsten Segen. Dich, liebe Seele, mein Ein u. Alles drücke ich aufs herzlichste an meine Brust. Von Hoyer denkst Du, wie ich gedacht habe, u. ich spüre es in jedem Briefe, wie unser Sinn für die Menschheit Ein u. derselbe sei, außer wo Du Dich durch Deine gutmütige Lebhaftigkeit hinreißen lassest. Und auch die laß Dir nicht nehmen: sie ist die Sprosse Deines gesundesten Lebens. Lebewohl, lieber Engel. Lebt wohl, Ihr lieben, Gottfried, August, Wilhelm, Adelbert, Luischen u. Emil. Lebt wohl. Ich freue mich auf die Stunde, wenn ich Euch wiedersehe u. küsse u. umfasse. Habt u. behaltet mich alle lieb, Mutter u. Kinder, wie ich Euch liebe. Lebt wohl! H. Aus meinem vorigen Br. wirst Du gesehen haben, daß die Stein mit Ihrer Unzufriedenheit über Moritzens Abhandlung nicht so ganz unrecht habe. Vergiß den ganzen Kram; er ist nicht wert, daß Du so viel daran Teil nimmst. Eben bekomme ich Deinen Br. vom 23. Febr., der mir viel Freude gemacht hat. Das Geschenkchen an Luischen wird eine kleine Muschel sein, u. das liebe Mädchen wird sich daran freuen. Mit Steinen u. sonstigem Kunstwerk bin ich hier nicht glücklich; daher ich mich auch nicht wage. Ihr müßt mich nehmen, als eine alte Bildsäule, weil ich Euch nicht viel mitbringen werde; für das Nötige wird der Himmel sorgen. An den Prinzen will ich wohl einmal schreiben: diesmal habe ich an die Herzogin geschrieben, wozu mich mein innerer Geist trieb. Über Göth. Karnelvalslustbarkeit wundre ich mich: er ist ein sonderbarer Mensch; ich lasse ihn für sich walten, ohn ihn auch nur beurteilen zu wollen: er folgt seinem Genius, u. der ist nicht der Meine. Grüße die Kinder über ihre gute Aufführung, u. die kleinen beiden, Amor u. Psyche, küsse doppelt in meinem Namen für ihre Liebe. Ja, es sind schöne Blümchen, die wir lieben u. wertachten wollen. Lebe wohl, u. betrachte meine Stanzen ja nicht auf einer tragischen Seite. Lebe wohl, meine Liebe. Stanzen. Im ersten Herbst von meinen Lebensjahren, nachdem mich mancher schwüle Tag gedrückt, nachdem ich beiderlei Geschick erfahren, das eigne Schuld und fremdes Glück uns schickt, auch mancherlei Gespenst des Wunderbaren und manche Lieb'- und Huldgestalt erblickt, rief eine Stimme mich, jenseit der Höhen das Land der Abenteur und Kunst zu sehen. »Lebt,« sprach ich, »lebet wohl ihr meine Freude mein Trost, und meiner Wünsche kleine Schar ihr, deren Anblick mir in manchem Leide ein Nektartropfe vom Olympus war und du, an der ich meine Seele weide, die mir mich selbst, die mir mein Glück gebar lebt alle wohl und laßt mich jetzt verschwinden, bald neuverjüngt euch freudig wiederfinden!« »Leb wohl,« so sprach mit Schluchzen und mit Weinen großmütig Ariadne, »lebe wohl!« Und schlang den Arm um mich und unsre Kleinen; noch hör' ich es, wie ihre Stimme scholl. Noch seh' ich mir ihr liebes Bild erscheinen, die Hände ringend, rufend: »Lebe wohl!« und bin gewiß, so lang der Ton mich leitet, daß nie mein Schritt, nie meine Hoffnung gleitet. Ich schied; und über Nebel, Berg' und Tale zog mich der Weg ins schöne Frankenland, wo ich bei manchem alten Ehrenmale der Deutschen Kunst auch Deutsche Sitten fand und, wie vorübergleitend mit dem Strahle der Sonne, manches gute Herz gekannt. So glitt ich sanft hinab, und mit Vergnügen sah ich im Geist die Alpen vor mir liegen. Ach! aber da umfing in Augspurgs Mauern mich welch ein böser fürchterlicher Traum! Schreckbilder sah ich vor mir, um mich lauern; ich sah und traute meinen Augen kaum. »Was hilft dir«, sprach ich, »deine Angst, dein Trauern? gib deinem Herzen, deinen Blicken Raum!« Und sieh, da kam, von Westen hergetragen, Pandora an auf Epimetheus Wagen. »Ich komme nicht um mich, nur eurethalben; verschönen will ich euer Wandeln euch.« So sprach sie, duftend ihrer Büchse Salben, als öffnete sie uns Cytherens Reich. »Uns werden Rosen blühn; die welken, falben, verwandeln sich vor uns in Knöspchen gleich.« So sprach sie; aber ach, ihr guten Stunden, ihr waret mir, mir war mein Glück verschwunden! Wie zog ich mich auf grauer Alpen Rücken, beschwert im Herzen, mühsam auf und ab! Jedweder Fels schien ächzend mich zu drücken, jedwedes Tal schien meiner Wünsche Grab; und als mit neuem, wonnigem Entzücken Verona seinen Schoß dem Blicke gab, da sprach zu mir, nie werd' ich es vergessen, ein Geist herab vom Wipfel der Zypressen. Ich stand, der Abendsonne mich zu freuen, und übersah die weite Lombardei. »Woher«, sprach ich, »o Geist, dies Mißgedeihen Schuldloser Wünsche? sprich, woher es sei?« »Die alte Schuld unwahrer Buhlereien!« So sprach der Geist und rauschte sanft vorbei. »Statt jetzt dies Land in Friede zu genießen, kamst du hieher, für alte Schuld zu büßen. »Verwöhnt von deinen nur zu milden Sternen, schien dir zu arm des Lebens reichstes Glück. Was du genossen, sollt du kennen lernen; denn nur im Darben sieht der Tor zurück. Drum hieß von deinen Lieben dich entfernen dein günstiges, dein besserndes Geschick. Du sollt, um deine Weisheit neu zu üben, jetzt Bilder sehn und Menschen lernen lieben. »Nie hast du im Geräusch der Welt den Frieden des eignen Herzens sittsam dir bewahrt, nie zwischen Mensch und Menschen unterschieden, nie eingesehn, was für ein Glück dir ward, es zu betrüben, nie genug vermieden, es zu genießen, nie genug gespart; dafür, den treusten Herzen jetzt entnommen, bist du hieher ins Land der Künste kommen.« Er sprachs; und ach, wie wahr hast du gesprochen, Geist der Zypresse, wie so grausam wahr! Ihr guten Herzen seid genug gerochen, ich sehe mich und euch so hell und klar. Was tätig und untätig ich verbrochen, macht jeder Schritt mir kund und offenbar. Ich seh', ich mußte mich von euch entfernen und durch Verlust, des Lebens Weisheit lernen. Dank also euch, ihr göttlichen Medusen, die mich gelehrt, daß ihr Medusen seid. Dank euch, ihr toten Künste, kalte Musen, zerfallne Mauern, Grab der Eitelkeit. Wenn je dem falschen, je dem Marmorbusen statt wahrer Herzen, Weihrauch ich gestreut, so nehmt von mir den letzten Zoll hienieden, der Reue Zoll, und laßt mich ziehn in Frieden. Auch Euch, ihr der Natur erhabne Szenen, Gebirge, Felsen, Ebnen, Ufer, Meer, du Meer von Adria und ihr Syrenen Parthenope's, ihr Inseln um sie her, Dank Euch, daß, mit mir selbst mich zu versöhnen, ihr meine Brust von Seufzern machtet schwer; Mit Unschuldvollem, Liebeszarten Sehnen weiht' ich, der Menschheit froh, euch stille Tränen. Und ihr erquicktet mich, als in Verona die Sonne nieder, als sie aufwärts stieg in Rimini; und ich dann in Ankona mich mit dem Meer vermählete und schwieg; mit Dir vermählt' ich mich, o Dea Bona du gute Göttin mit der Hoffnung Sieg. Und wie die Sonne war ich Liebestrunken aus deinem Arm in deinen Schoß gesunken. O gute Göttin, darf ich, darf ich nennen den heilgen Namen? Nenn' ich Dich Natur? Nenn' ich Dich Liebe? Ach, nur Dich zu kennen, irr' ich umher auf alles Wissens Spur, und doch, um reiner Flamm' in Dir zu brennen, bedarf ich reiner Lieb' und Weisheit nur. Nicht Kunst, nicht Wissenschaft. Die Kunst des Lebens ist Wissenschaft; sonst ist die Kunst vergebens. Du Göttin weißt, daß ich an jedem Bilde des schönsten Marmors Dich, nur Dich gelernt; daß Du, so freundlich und mit Weisheit milde, durchs Schöne mir nur den Betrug entfernt. Dann schlich ich mich in andere Gefilde, als die man mit Palett' und Meißel lernt, ich lernt' an eurem Knie, an eurem Busen nichts als – Humanität, erhabne Musen. Und sah sie in den göttlichsten Gestalten, sah Weisheit, Güte, Macht als Menschenbild, sah jeder Knospe Schönheit sich entfalten, sah jede Art in Menschenform gehüllt, sah Kräfte sprossen, wachsen und veralten und jeden Zweig von seinem Saft erfüllt, sah hier das Licht aufgehen, steigen, schwinden und lernte stets die Menschheit wiederfinden. Daneben sah ich – darf ich Dich auch nennen, Du inhumanes, alt- und neues Rom? Doch, wer wird Dich im Namen nicht schon kennen du Kapitol und du St. Peters Dom? Du Pfuhl, aus dem die Erde zu verbrennen ausging ein alter und ein neuer Strom. Von Kriegern einst bewohnt und Senatoren, von Pfaffen jetzt bewohnt und Monsignoren. Ich lernte Dich und Deiner teuren Prinzen Und Deiner Prinzessinnen schönes Heer, die Wüsten Deiner darbenden Provinzen, und Deiner Wissenschaften totes Meer; die Weisheit lernt' ich sehn mit Augen blinzen, die Andacht sehn, von altem Taumel schwer, die Heuchelei mit stolzen Sklavenmienen, den Knecht der Knechte, dem die Völker dienen. O daß mir einst, dies alles zu verkünden, der Erdengenius sein Buch verlieh', daß ich, wie Geister allgemach erblinden und Heilige erkranken wie ein Vieh, daß ich das große Buch der Menschensünden entwickeln könnt' mit seinem Wann und Wie? Vom ganzen Heer Kastratennachtigallen sollt' Ave! Amen! in die Lieder schallen. Jedoch mein Geist, wohin schwingst du die Flügel und moderst noch in dieser Totengruft? Erst über Strom und Wüsten, Berg' und Hügel, bis dich ein neuer, mildrer Atem ruft. Dann fühle froh der Gottheit großes Siegel, dann schweb entzückt im holden Frühlingsduft, und dann laß, süßumarmt von allen Deinen, was in dir glänzt, auch andern widerscheinen. J. G. Herder an Herzogin Luise Rom, den 14. März 89. Ich kann nicht anders, gnädigste Herzogin, als Ihnen nochmals zu Ihrer bevorstehenden Niederkunft das beste, herzlichste Glück zu wünschen; es ist, als ob mich ein Geist dazu triebe. Vielleicht sind Sie schon, wenn dieser träge Brief ankommt, im mütterlichen freudigen Besitz Ihres Wunsches, der unser aller Wunsch ist; oder, wenn Sie noch darauf warten, o so gebe Ihnen der Himmel eine glückliche Stunde, und Ihr in sich gescheuchter stiller Geist werde durch das Gefühl erquickt, daß der Himmel Sie liebe, u. Ihnen dies Geschenk gebe, um Ihren guten Mut zu beleben und Ihre edle Brust zu erweitern. Ich kann es Ihnen nicht ausdrücken, gnädigste Herzogin, wie sehr mir die Entfernung Ihr Bild erhoben u. erleuchtet hat; in so manchem stillen und reinen Augenblick ists vor mir mit einer Innigkeit und Wahrheit erschienen, die sich wohl in kein Wort fassen läßt. Vielleicht ist keiner der Sterblichen gewesen, die Sie kennen, der mit so durchdrungener, inniger Teilnehmung, wie ich, Ihr innerstes Wesen geliebt, u. im eigentlichsten Verstande verehrt hat; es waren Zeiten, da ich wirklich mehr in Ihnen, als in mir selbst lebte. Mit der Zeit schrieb ich Ihnen, warum soll ich es bergen, eine gewisse kalte fürstliche Gleichgültigkeit zu, die mich zuerst traurig machte, denn in mich selbst zurückschreckte, weil ich mir nämlich sagte, daß wo der Unterschied des Standes u. der Lebensart zu wenig gleichartige Verhältnisse zuläßt, jede nähere Teilnehmung doch immer Torheit sei, und auf unnütze Weise das Gemüt des Teilnehmenden, der immer als Fremdling dasteht, unglücklich mache. Nie habe ich Ihnen, gnädigste Frau, von diesem Allen persönlich eine Silbe hervorbringen können; die Abwesenheit eines halben Jahres und die Entfernung in ein andres Land, unter andre Menschen, hat meine Seele in mehr als Einem Betracht so aufgeräumet, daß, indem ich mich selbst u. andre klärer zu erkennen glaube, ich auch gar nicht Schamrot werde, Ihnen diese meine Schuld, die Folge einer vielleicht übermenschlichen Hochachtung, rein zu gestehen. Mir ist dabei nicht anders im Gemüt geworden, als Einem, dem sich ein schönes, herrliches Bild entwölkt, das er für Rauch u. Nebel lange nicht sehen konnte u. der sich selbst mit Freude für einen Toren achtet, daß er den Nebel dem Bilde selbst zuschrieb. Wenn meine Reise zu nichts gut ist, so wird sie's hoffentlich dazu sein, daß sie meinen Geist entwölkt, mein Herz freier u. ich kann wohl sagen, auch froher und lauterer gemacht hat. Je mehr Menschen man kennen lernt, desto mehr lernt man Menschen unterscheiden, und wenn man, wie ich, so ganz unvermutet u. unvorbereitet, aus Verhältnissen, Sprache, Sitten u. allem gesetzt wird, was Jahre lang uns zur Natur geworden war, so ists sehr natürlich, daß Auge, Herz u. Geist klärer gewaschen werden. Mit welcher furchtsamen Freude ich also an die Zeit denke, da ich Euer Durchlaucht wiedersehen u. nur zuweilen ein Wort mit Ihnen sprechen kann, möge Ihnen ein guter Geist, oder vielmehr Ihr holdes, reines, gütiges Herz selbst sagen. Von meiner Reise kann ich wenig melden. In Napel habe ich mich wie neugeboren u. verjüngt gefühlt, so daß ich mich aus meinem Leben keiner ähnlichen Metamorphose erinnere; es ist aber auch ein einziges Land von solcher Art in Europa. Das alte Rom kommt mir wie ein Mausoleum vor, in dem ich meine Lektion wiederhole, und nach Ostern mit Freude an den Ausflug denke. Es ist mir selbst unlieb, daß Ostern so spät kommt, u. daß ich auf die Feierlichkeiten der heiligen Woche so lange warten muß; wäre diese mir nicht im Wege gewesen, so hätte ich mich schwerlich wieder hieher gewöhnet. Zu sehen u. zu lernen ist indes alle Tage, sobald es nur das Wetter zuläßt; diese Wochen indes ists meistens schlecht gewesen u. vor einigen Tagen hatten wir wieder Schnee. Wie mags bei Ihnen in Deutschland aussehen? hinter den Thüringschen Bergen. Meine Kinder geben mir zuweilen vom Prinzen, von Euer Durchlaucht gibt meine Frau mir öftere Nachricht; eine der schönsten wirds für mich sein, wenn ich das lese, wovon der Anfang meines Briefes lautete. Haben Euer Durchlaucht die Gnade, mich dem Herzoge aufs beste zu empfehlen; ehe ich vom alten Rom scheide, nehme ich mir noch die Freiheit an Ihn zu schreiben. Die Herzogin Mutter ist wohl; sie will aber an ihre Rückreise nicht gern erinnert sein, u. sobald man Lust, Geld u. Gesundheit hat, mags immer gut sein, alle vier Jahrszeiten in Italien durchlebt zu haben. Ich für mich aber tue gern Verzicht auf diese Freude; in Rom u. selbst in Napel würde ich nicht bleiben; ich würde mich nach Sicilien hinsehnen, u. dazu traue ich nicht meiner Gesundheit. Ich habe ihr indes von meiner Rückreise noch nichts sagen mögen, ob sie gleich gnugsam merkt, wohin mein Geist flieget. Leben Sie wohl, gnädigste Herzogin, edelste der Frauen, leben Sie tausendmal wohl; der Himmel gebe, daß ich Sie gesund und vernügt wie den Morgenstern wiedersehe. Ich verharre mit innigster, reinster Verehrung Euer Durchlaucht untertänigster Herder. Christian Gottlob Heyne an J. G. Herder Göttingen, 15. 3. 1789 Zu den Sonderbarkeiten unserer Schicksale gehört auch dieses, mein lieber Freund, daß ich Ihnen nach Rom über eine seltsame Angelegenheit schreiben muß, die Ihnen nach ehmaligen Vorfällen anfangs unbegreiflich sein muß. Kurz, ich habe Ihnen, in Auftrag des Ministerii, unter höchster Genehmigung, den feierlichen Antrag zur Professio theologiae ordinaria und ersten Universitätspredigerstelle mit dem Charakter eines Konsistorialrats, der in unsern Landen der höchste ist, mit Stelle in der Fakultät, mit einem Gehalt, den Sie nach Ihrer jetzigen Lage selbst bestimmen können und müssen, mit 200 Rtlrn. jährlichen Witwengehalt, mit 40 Pistolen Antrittskosten, zu tun. Wie dieses alles so herumgebracht worden ist, gehört in diesen Brief nicht. Genug, Sie haben völlig Satisfaktion für das Vergangene. Aber was ich dabei fühle, mein Teuerster, kann ich Ihnen nicht sagen; noch weniger was ich wünsche. Und doch will ich mich keinem Wunsche eher überlassen, als bis ich höre, wie Sie über die Sache denken. Ihre Lage und Verhältnisse in Weimar kenne ich nicht. Also hierüber kein Wort. Was Sie nicht so wohl wissen können, ist, was Göttingen anbetrifft. Hier hat sich alles verändert. Hier ist alles zu Ihrem Vorteil. Sie können, Sie müssen hier geehrt und glücklich sein. Selbst unser Leß, mit dem ich kürzlich sprach, sieht Sie als die einzige Rettung unserer theologischen Lage an. Welche Veränderung der Sachen in so wenig Jahren! Jetzt sind Sie als einzige Stütze der gesunden Theologie von Hohen und Niedrigen betrachtet, gewünscht, gesucht. Alle Ministri sind für Sie. Sie sind in London vorgeschlagen und genehmiget, und ich habe durch ein solennes Reskript Auftrag, alles mit Ihnen zu verhandeln. Koppe in Hannover und Eichhorn in G[öttingen] erleichtern noch mehreres. Mit Einem Worte: hier haben Sie nichts als Achtung und Liebe zu erwarten, nirgends Anstoß. Die Predigerstelle bei der Universitätskirche gibt Ihnen einen mächtigen Einfluß in das Ganze, und in das theologische Fach insonderheit. Das ganze Praktische der theologischen Kollegien fällt in Ihre Hände. Als zweiter Prediger soll Marezoll eingesetzt werden. Moral und Dogmatik wären außerdem Ihr Anteil: Günstig ist also jetzt alles, und ich wüßte nichts, was Ihre Lage drücken oder schmälern könnte, dagegen was könnten Sie in der Lage alles wirken! Ihre häusliche Lage müßte gewinnen bei der bessern Gelegenheit, die Sie für Ihre lieben Söhne haben; sowohl für den Unterricht auf Akademie, als für künftige Versorgung. Eingeschränkt leben wir hier in unserm Innern größtenteils, wer nicht Tor ist und es anders will. Ich lebe für meine Familie, habe das ganze Jahr kaum zwei-, dreimal Gesellschaft. Und so machen es andere, jeder nach seinem Willen. Jeder ist sich selbst Gesetz. Da die Sache in meiner Hand ist, so würde ich alles einleiten, wie Sie es wünschen. Ehe ich aber hierunter weiter gehe, muß ich erst wissen, was Sie beschließen können und wollen. Erweisen Sie mir die Liebe und antworten Sie mir bald u. s. f. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 16. März. 1789. Liebstes Herz. Dein lieber Brief vom 1. März mit Deinem sitzenden Bild, hat mich auf eine sonderbare Weise heute bewegt. Mein Gemüt ist in diesen Tagen, wie Du nach meinem letzten Brief vom 9., leicht denken wirst, äußerst bewegt, u. meine Gedanken sind wie ausgebreitete Flügel zu Dir hingespannt; ich sinne u. rede u. ratschlage mit Dir. Alles habe ich schon bei mir selbst pro u. contra abgesprochen; Jetzt horche ich nur auf Deinen Genius der entscheiden muß. Der liebe Gott wird mit Dir sein u. es Dir selbst sagen! Da ich nicht in der gleichgültigen Ruhe bin, als vor 6-7. Jahren, so ahnde ich fast, daß ein höheres Schicksal uns ruft. Ich folge Dir überall gern u. willig, um endlich einmal mit Dir den Hafen zu erreichen, wo es Dir wohl werden kann. – Wenn Dir mein Brief an Heyne nicht gefallen hat, o so denke daß ich ein gedrücktes u. schwaches Geschöpf bin u. mache durch Deine Antwort alles gut. Nur so schnell, willig u. gutmütig muß u. kann man sich nicht hingeben! Wir müssen durch sie total ins Reine kommen, uns auch dort so einrichten daß wir nicht mit Sorgen von einer Stelle zur andern uns bewegen. Dies alles ist sowohl für Deine als meine Exsistenz notwendig. – Da Gottfrieds Husten ein Magenhusten ist u. mein alter Magenhusten sich, seitdem er krank ist, durch Unruhe wieder eingestellt hat, so habe ich in diesen Tagen, den Plan gemacht, Dir mit Gottf. u. ein paar andern Kindern ins Carlsbad entgegen zu gehn. Da Du aber Lust durch die Schweitz hast, so folge Dir hierinnen u. brauche das Bad von Pfeffers, das wie ich glaube, auflösend u. stärkend ist. Die Reise durch die Schweitz ist teuer, ich wünsche daher daß Du mit jemand die Reise überrechnen könntest. Dein guter Meier wird Dir hierüber gewißres Licht geben können. O mein lieber Einziger, mein Alles, wie haben mich Deine Herzensworte heute erquickt u. gestärkt. Ich hatte es sehr sehr nötig. In diesen letzten Tagen, [dachte] ich an nichts anders als aufräumen u. in Ordnung bringen. Deine Papiere hatte ich wohl vorigen Herbst im Großen geordnet, aber nicht im detail; da nahm ich sie jetzt vor. Aber das war recht mit einem Messer mir im Herzen zu wühlen; ich übertäubte mich manchmal, aber es ging nicht, u. mein alter Seelenschmerz u. Verzweiflung über mich selbst, war wieder da. Du bist durch mich, auf Deinem Lebens- u. Seelenweg verirret, aufgehalten Gott weiß was alles. Kurz ich bin das Kreuz an das Du geheftet worden bist. Was ich da nun alles wieder von Gott gebeten gewünscht u. erfleht habe, will ich Dir nicht sagen. O daß meine Kräfte nicht meinem Willen gemäß sind. Wenn Du eine verständige Frau bekommen hättest so wäre alles anders; mein einziger Trost ist, daß Du keine mit einem bessern Willen hättest bekommen können. O Lieber guter Geist trage u. dulde mich so fort; ich bedarfs wenn ichs schon nicht verdiene, ein gutes Wort von Dir ist mir Lebensbalsam; u. Gott wird Dich dafür belohnen. Du mein Theseus, dem ich gern den Faden im Labyrinth geben möchte, um das Böse zu erlegen u. ihm glücklich zu entkommen – ja mein Theseus Du bist nun einmal zum Kämpfen auf der Welt; o wie süß ists, Deine Ariadne zu sein; wie danke ich Dir für diesen Namen, der mein Innerstes allemal bewegte wenn ich ihn hörte. Noch vor wenig Monaten (im Jan.) hat Gottfr. die Ariadne mit Horn u. einigen Schülern, mit Musik in meiner Stube gespielt; ich, die Kinder u. jungf. Schwarzin waren die Zuschauer. So unvollkommen als es war, so habe ich doch bitter weinen müssen. Ja mein Süßer ich bin u. bleibe Deine Ariadne . [...] Wie sonderbar trifft sich das jetzt so zusammen! Gott bringe Dich in Deine tätige Sphäre, wenn es sein Wille u. uns gut ist. – Für Dein liebes Bild danke u. küsse den guten liebevollen Rehberg, der es empfindet, wie er mir Freude machen konnte. Es ist gar sehr charakteristisch gemacht. Dein sitzen, lesen, rauchen, selbst wie Du Deine Füße hältst, den einen am Stuhl, den andern ausgestreckt – alles ist so lebend vor mir; die Kinder haben sich auch recht daran ergötzt, Emil wollte nun in der Stunde aus Freuden recht fleißig sein, viel lesen, u. da es 9 uhr schlug weinte er, daß die Stunde aus war. Dein sonderbarer GemütsZustand in Rom ängstet mich doch ein wenig; ist es der Vorbote von dem Göttingischen Antrag? oder ist es bloß Veränderung des Klima? Zehnmal ist mir in dieser Woche eingefallen was Dir dort vor Rom in der Kapelle erschienen ist: ego tibi Romae propitius ero. Nun der liebe Gott wird durch seine Werkzeuge alles gut machen! [...] Eben ist Kneb. u. die Stein bei mir gewesen u. grüßen Dich herzlich. Beide freuen sich Dein u. Deiner Wiederkunft. Ich habe Dir noch viel schreiben wollen, ich bin jetzt aber gestört. O Du weißt es ja inniger was in meiner Seele vorgeht als ichs Dir sagen kann. Ich fürchte u. sehne mich nach Deinen Briefen jetzt mehr als jemals, da Du so sonderbar gestimmt bist. Der schöne poetische Brief der Herzogin u. ihre Güte hat mich sehr erfreut – hier ist eine Antwort an sie. Wenn etwa zuviel oder zu wenig darinnen ist so verzeihe u. denke, daß meine [Nemesis] jetzt nicht bei mir ist. O daß Du mir immer zur Seite wärst Du mein Engel u. mein Führer! Über G[oethe] u. Moritz hast Du völlig recht. Mündlich mehr darüber. G. sagte mir in dieser Woche daß er im Sept. nach Rom zur Herzogin reise u. künftigen Sommer mit ihr heraus käme. Er hat mirs nicht als ein Geheimnis anvertraut, deswegen habe ich in meinem Brief an sie darauf gedeutet. Sie kanns als Wahrheit oder Dichtung ansehn. Vermutlich wird sies Dir selbst sagen, wenn sies anderst weiß. An Frl. Göchh. u. Einsiedel empfehle ich mich bestens. Ich hoffe u. hoffe gewiß, daß Du Dich von der zarten holden Angelica wirst malen lassen; dies wäre mir lieber als Deine Büste. Ihr Andenken an mich rührt u. erfreut mich allemal so ganz eigen, daß eine so treffliche u. Seelenvoll[e] Künstlerin meiner gedenkt; o sage ihr doch, wie ich sie recht herzlich, besonders durch Deine Erzählungen liebe u. ehre! Die zarte kunstreiche Seele. O wenn sie Dein Bild mir schenkte. Doch es bedarfs nicht. Ich lebe u. sterbe mit Dir! Bringe mir ja nichts mit. Du selbst bist mein Einzig Kleinod. Der kleine Amor von der Elisa Gore ist von einer Muschel geschnitten. Goethe sagte mir, daß man solche Kleinigkeiten häufig dort haben könne, das Stück für 1 Zechine. Für die Jungens ist dies indessen nichts. ich weiß auch gar nichts vorzuschlagen was Du ihnen kaufen sollst. Jedem eine kleine Gemme zum Ring, ist vielleicht das gescheutste, wenn sie nicht zu hoch kommen. Noch habe ich eine Bitte für Werner zu tun. Der Silberdiener der Herzogin ist gestorben; sie wird vermutl. einen ihrer Bedienten dazu machen, u. wenn da eine Stelle ledig würde, so empfehle ihn der Herz., so könnte er die Henriette heuraten, die aber nicht schwanger ist. Ihre Krämpfe kommen von [verstocktem] Blut her u. daher ist auch ihre Zeit ausgeblieben, die sich wieder gezeigt hat – die Lieberin hat auch noch einmal nachgesehen u. sie nicht schwanger befunden. [...] Nun lebe wohl, bestes Herz, ich bin ermattet u. müde, u. schließe Dich in meine treue Arme u. mein armes aber treues Herz – O Gott wenn ich Dich wieder selbst umarmen werde. C. H. Die Kinder küssen Dich 1000mal. sie konnten heute unmögl. schreiben. Grüße den Werner auch von mir u. sage ihm daß ich ihm doch noch gut sei. Gottfried Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 16t. März 1789. Geliebtester Vater. O wie lange habe ich Ihnen nicht schreiben und meinen Gruß u. Kuß senden können! – doch der alte Chronos wollt's nun einmal so, u. im Herzen u. Geiste war ich beständig um Sie. – Ich habe seit 14 Tagen an einem Katarrhfieber u. gewaltigem Krampfhusten krank gelegen, u. es hat mir sehr weh getan nicht an Sie schreiben gekonnt zu haben. Es geht doch gottlob jetzt besser; ich steh wieder auf u. wäbele (wie man zu reden pflegt) so mit fort. Gebe der Himmel uns nur gut Wetter, das wird alles rein u. von Grund aus heilen. Der Herr Geheimderat Göthe ist gar gut gegen uns, ich habe ihn recht sehr lieb; er schenkte mir in meiner Krankheit, die so prächtige Ausgabe des Curtius von Pitiskus, mit vielen Kupf., die mich halb gesund wieder machte, wenn ich nur bald wieder in die Schule gehen u. Gebrauch davon machen könnte! – Wie sehr haben wir gewünscht, daß Sie noch länger in Napel geblieben wären, und noch länger die schönen Früchte des Paradieses genossen hätten, die allein unsterblich machen, noch länger in Elisyums Gefilden gewandelt u. Neptuns Wallen Sie entzückt hätte! – Doch des Guten nicht zu viel sagt Jupiter, u. nenne nicht das Schicksal grausam, wer weiß, wo zu es gut war. – Kommen Sie nur bald zu uns, ein neues Elysium u. ein neues Paradies bereiten wir Ihnen, u. unsre Arme stehn Ihnen offen! – Wie sehr hat mich Ihr liebes, liebes Bildchen gefreut, o könnten wir Sie nur bei uns bald so sitzen sehn! Auch ist der junge Danz Autor worden, er hat die Perser des Aeschylus übersetzt, u. sie mir mit einem artigen Briefe geschickt. – O schicken Sie uns doch etwas Südluft, der kalte Ost- u. Nordwind braust uns immer um den Ohren herum, u. wir können gar nicht gesund werden. Leben Sie wohl, liebster Vater u. behalten Sie mich lieb. – O möge es Ihnen ewig wohl sein, u. bleiben Sie immer gesund im großen öden Rom, und schlafen Sie ruhig, wir schließen Sie ja allemal in unser Gebet ÷áéñå, vale u. vergessen Sie nicht Ihren gehorsamsten u. Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie doch Werner. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 20. März. 1789. Da ich weiß daß Du jetzt eben so viel an mich denkst mein liebes Herz, als ich an Dich, so muß ich Dir heute schon wieder schreiben u. lege Dir die Abschrift des Briefs an die Berlepsch bei, deren Brief ich vorigen Posttag Dir sandte. Heyne hat mir heute auch wieder geschrieben; erstl. daß sein Brief an Dich abgegangen sei u. 2tens »unsre Lebensart hängt hier von eines jeden Willen ab. Der größte Teil lebt so eingeschränkt daß wir hingegen Weimar u. Gotha als Sitz des Luxus ansehen. Wir leben in unsern Familien; in meinem Hause ist jährl. kaum dreimal Besuch oder Abendgesellschaft. Böhmer u. Pütter geben Gesellschaft; aber das ist gewaltig eingeschränkt.« Über Zinserling schrieb er, der Vater solle den Sohn nur schicken, er wolle für ihn tun, was er könne. Daß Du Deinen Entschluß über Gött, sehr rein nehmen wirst, weiß ich; es wird Dir mehr um einen größern Wirkungskreis als der äußern Vorteile, zu tun sein; u. das ist von Dir Recht u. Deinem Geist angemessen. Ich u. die Kinder sind hingegen Dein irdischer Teil, u. über diesen hat es noch Zeit uns mündlich zu besprechen. O was gäbe ich darum, wenn ich jetzt bei Dir wäre u. Deine innre Stimme hören könnte. Gott sei bei u. mit Dir Du lieber Engel. Ich habe mich schon ganz matt u. müde darüber gedacht, u. lasse jetzt alles ruhen. Wie schwach ist des Menschen Geist in solchen wichtigen Fällen; ich bin gestern Abend so sonderbar, durch die Anstrengung meiner Gedanken, zu Bette gegangen, daß ich jetzt alles Dir u. der Zukunft überlassen will. Der liebe Gott wird es ja! Gut mit uns meinen. Mit Gottfrieds Husten gehts täglich besser, wenn kein Schnee läge so könnte er wieder ausgehen. Du siehst wie nördlich es noch bei uns aussieht. Mein Husten nimmt auch ab, beim Gebrauch der dulcamara. Ich habe die Fortsetzung von Tasso wieder abgeschrieben, Goethe kam dazu, er absolvierte mich hierüber wie leicht zu denken u. grüßt Dich. Von diesem Stück sagte er mir im Vertrauen den eigentlichen Sinn. Es ist die disproportion des Talents mit dem Leben . Er freut sich recht über mich, daß ich es selbst so gut empfinde. Der Augenblick da der zarte Dichter bekränzt wird, ist mir recht rührend gewesen; nun ist er eingeweiht zum leben, lieben u. leiden! [...] Die gute Kalbin, die wirklich eine treffliche Seele ist, grüßt Dich herzl. – sie war diese Woche bei mir. wir haben viel von Dir gesprochen u. sie achtet u. liebt Dich hoch, sie nimmt Goethens Tasso gar zu speziell auf Goethe, die Herzogin, den Herzog u. die Steinin; ich habe sie aber ein wenig darüber berichtigt. Das will ja auch Goethe durchaus nicht so gedeutet haben. Der Dichter schildert einen ganzen Charakter wie er ihm in seiner Seele erschienen ist, einen solchen ganzen Charakter besitzt ja aber ein einzelner Mensch nicht allein. So ist es mit dem Dichter Talent selbst, so mit der Kunst zu Leben, die er durch den Herzog oder Antonio darstellt. Daß er Züge von seinen Freunden, von den Lebenden um sich hernimmt, ist ja recht u. notwendig; dadurch werden seine Menschen wahr, ohne daß sie eben einen ganzen Charakter lebend sein können oder dörfen. [...] Das Ende der dritten Szene hat mir Goethe so eben noch geschickt, ich habe ihn gefragt ob Dus der Herzogin u. Angelica lesen darfst, so antwortete er mir: Du könntest beliebigen Gebrauch davon machen. [...] August Herder an J. G. Herder Weimar, 20. 3. 1789 Lieber Vater. Nehmen sie es nicht übel, daß ich Ihnen ein so kleines Briefchen schreibe. Wir haben jetzt neue hellgrüne Oberröcke bekommen auf den Sommer und auch weil ich dies Jahr, mit dem Erbprinz verreisen werde; darum auch habe ich mir ein Buch gemacht, daß ich den Prinz unter wegs unter halte denn er reist nach bis nach, Ilmenau, od. noch an viele Orte und in dem Buch sind viele Bilder, und der G. v Goethe, hat den Anfang gemacht. Dieses ist es alles was ich weiß; dies Jahr sammle ich mir wieder recht viel Steine. Leben Sie wohl und denken sie auch an mich. August Herder. d. 20 ten März 1789 H. Schäfer läßt sie grüßen. Grüßen sie auch Wernern von mir. Wilhelm Herder an J. G. Herder Weimar, 20. 3. 1789 [?] Lieber Vater Wenn Sie einmal wiederkommen, so will ich Sie auch abzeichnen und illuminieren, dieses ist alles was ich Ihne heute sage, und die Mutter hat gesagt wenn Sie noch einmal ins Carlsbad reisen will sie mich mitnehmen. Kommen Sie bald und gesund und fröhlich wieder. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 20. 3. 1789 [?] Lieber Vater Ich habe sehr lange nicht an ihnen geschrieben. Die liebe Mutter hat uns grüne Überrecke gekauft wir haben uns gefreut über die hüpsen Bilder die sie uns geschickt haben, in Weimar ist es wüste und sehr viel Schnee. Wir haben den Eutropius angefangen. Ich bedauere es sehr das ich nicht mehr schreiben kann. Leben sie wohl ihr getreuer Sohn. Adelbert Herder. die Mutter sagt das Bild würde noch schöner sein, wenn wir den Tabak riechen könnten. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 20. 3. 1789 [?] Lieber Vater Ich habe recht lange nicht an Sie geschrieben ich lerne jetz in der Bibel ich muß jetz oft bei die Prinzessin. Ich wünsche mir oft das ich bei Ihnen wäre ich habe mich gefreut wie ich Sie auf dem Stuhl habe sitzen sehen Luise Herder. 1789. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 20. 3. 1789 [?] Lieber Vater! ich habe Vorgestern Einen Brief an den Erbrinz geschrieben, und der Erbrinz hat sich darüber gefreit wir haben uns [von Caroline Herder ergänzt: über Ihr Bild] Recht gefreit, die Mutter hat Es an die wand gesteckt, wenn sie wieder kommen dann wollen wir springen Ihr getreier Sohn Emil Herder J. G. Herder an Caroline Herder Rom, 21. 3. 1789 Tausend Dank, liebe Gute, für Deinen Br. v. 2. März. Mich freuets, daß Du wohl bist u. die Kinder; das ist das Hauptwerk; der Faden, an welchem alles Andre hangt. Ich bin so wohl, als man bei dem hiesigen bisher abscheulichen Wetter sein kann, da es seit einem Monat wie mit Wassereimern unaufhörlich geregnet hat. Dabei vergeht Einem nun alle Lust u. Freude: 2. Portionen Salz, die ich gestern nahm, wirkten nichts, u. vielleicht hätte die heutige dritte auch nicht gewirket, wenn nicht heut zum Glück der erste fröhliche, heitre Tag gewesen wäre. Ich glaube nicht, daß die Besserung noch Bestand haben werde: denn ich traue der Römischen Serenità gar nicht; indessen muß es doch einmal anders werden, u. was werdet Ihr in Deutschland für Wetter haben? Zu meiner Reise ist bei dem allen ein so ausgezeichnet schlechter Winter keine besonders vorteilhafte Anstalt, wenn ich mich nicht schon Ein- für Allemal in Allerlei zu schicken gelernt hätte. Nur dies zu lernen, sehe ich, ist Zweck meiner Reise, kein andrer. Meine Stanzen hierüber wirst Du erhalten haben. Wenn Du nichts dagegen hast, kannst Du sie der Fr. v. Fr[ankenberg] schicken; sonst aber sieht sie in Weimar keiner. Ich lege an die Fr. v. Fr. heut ein paar Gedichtchen bei, bloß um die entsetzliche Leere meiner Br. einigermaßen auszufüllen, oder zu vergüten. Sie wird Dir solche auch mitteilen; es sind ein paar Einfälle über Kunstwerke, aber auch ohne Geist u. Salbung. Diese Gabe des Himmels muß mir erst wieder in meiner Heimat werden; hier ist alles erzwungen Werk, u. die Ursache liegt am Tage. Trippels Buste von mir ist fertig worden u. alle Welt versichert, daß sie mir gleiche. Vorigen Sonntag habe ich bei Mad. Angelika gesessen, morgen sitze ich wieder; der erste Ausblick des Bildes hat mich sehr gefreut, u. überhaupt ist Angelika jetzt meine einzige Trösterin in Rom. Je mehr ich sie kennen lerne, desto mehr gewinne ich dies seltne jungfräuliche Kunstwesen lieber; eine wahre himmlische Muse voll Grazie, Feinheit, Bescheidenheit u. einer ganz unnennbaren Güte des Herzens. Sie hat mich auch recht gern, u. die Stunden, die ich bei ihr zubringe, sind mir ohne allen Vergleich die liebsten, die ich in Italien genossen habe; es sind aber nur wenige, weil sie äußerst fleißig ist, u. ich mag sie in ihrer Arbeit nicht stören. Sie grüßet Dich aufs schönste, mit einer so lieblichen Furchtsamkeit u. Bescheidenheit, als ob sie ein höheres Wesen grüßte. Sie ist ein gar zartes Geschöpf, u. ich werde an sie Zeitlebens mit der reinsten Liebe u. Freude denken. Ich wollte, daß sie in unserm Kreise wäre, welches aber nie sein kann u. sein wird; leider! – Wenn meine Schwester kommt, nimm sie gut auf, liebes Herz u. tue was Du kannst, Dich ihren Begriffen zu bequemen, u. sie bei der Lumpen-vornehmen Weimar. Welt, mit der sie ohnedem nichts zu tun haben kann, nicht unwürdig dem Ruf nach erscheinen zu lassen. Das alles weißt Du besser als ich, u. wirst mir hierin mehr zu Gefallen leben, als ich in Bitten bei Dir auszudrücken vermöchte. Wozu sind auch unter uns, die wir Eins sind, Bitten nötig? Grüße Sie, wenn sie ankommt, von mir aufs beste u. laß ihr wohl sein; es ist ein Grund mehr, daß ich zu Euch eile, ohne mich doch zu übereilen. Zinserlings Krankheit macht mich sehr unruhig. Grüße ihn doch aufs freundschaftlichste von mir, u. sage mir, wie es mit ihm stehet. Seine Krankheit oder gar sein Tod wäre ein neuer Wink für mich, daß ich hinter die Petersk[irche] mich verfüge. Und wenn ich dort bin, welch ein sonderbarer Traum wird mich meine Reise nach – u. in Italien dünken! – Heute kein Wort weiter; als 1000. Grüße u. Küsse an die Kinder, diese guten Herzen, Lämmer Deiner Obhut jetzt wie immer empfohlen. Ich vermag den Gedanken an Euch kaum mit aller Stärke auszudenken! Gott bringe mich gesund zu Euch, u. laßt mich Euch gesund wiederfinden. Lebe wohl, herzliche gute Seele, lebt wohl, Ihr lieben. Rom, den 21. März 89. J. G. Herder an Kardinal Stefano Borgia Rom, 22. 3. 1789 Valde erubesco, vir illustrissime paucisque diebus eminentissime, Tibi me adhuc debere nomen meum, quod, honorem non meritum mihi inter Volscos Tuos destinans, benigne a me quaesivisti. Semper adire Te, Teque salutare gestiebam; impeditus autem tum caeli inclementia, tum valetudine mea hinc inde infirma, variisque aliis districtus negotiis, tardissime perago, quod altero statim die agere debuissem, nomenque meum scriptione Tibi indico. Aut potius, quod magis placet, subscriptione, cetera humanitati Tuae relinquens. Dicere quidem deberem: quid Saulus inter prophetas? quid ego inter Volscos? sed oblivioni tradens omnia ista, non meritum meum, sed amorem in me Tuum perpendo, istaque gratissima recordatione acquiesco. Vale, vir amicissime et ut Flaccus dicit – sume superbiam – quaesitam meritis Semper mihi carissimum erit egregium nomen Tuum, semper memoria Tua, viri inter plures unici, perquam dulcis. Vale, vir illustrissime, mihique fave. Joann. Godofred. Herder. Dabam XXII. Mart. MDCCLXXXIX. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 23. März 1789. Mein Einzig Lieber, Dein Brief vom 7. März, den ich gestern Abend erhielte, worinnen Du mir von Deiner fortgehenden Unbehaglichkeit in Rom, u. von Goeth. Natur u. Art schreibest hat mir sehr weh getan. Beides sind mir 10 tausend Dolchstiche gewesen. Wenn ich Dirs mit dem Geld längst gesagt hätte, wie ich hätte tun sollen, so wärst Du in Napel länger geblieben – u. über G. gestehe ich, habe ich bisher immer zu parteilich geschrieben – ich habe geschrieben, wie ichs jedesmal empfunden habe. Liebster Engel Du hast über ihn ganz u. vollkommen recht, Du beurteilst ihn, Mann gegen Mann. War unser Gefühl nicht schon lange hierüber berichtigt? u. wenn er es eine Zeitlang durch Umstände zu mildern gewußt hat, so hat er doch seine Natur nicht abgelegt. Seine Alleinherrschaft u. hundertkleine Eitelkeiten empfinden ja Freunde u. Feinde, u. meine Abgötterei ist nicht so weit gediehen, daß ich sie gar für göttliche Eigenschaften ansehe. O mein Einziger auf der Welt, verkenne mich doch hierinnen nicht! meine ganze Empfindung ist ja unendlich mehr u. inniger, mit Deinen Eigenschaften, mit Deinem Geist und Gemüt verwebt – Deine Wirksamkeit, Dein treues reines Gemüt u. Dein MitGefühl für Alles Leidende u. Gute, steht bei mir auf der höchsten Stufe u. ich wollte Dich um alle Güter der Welt, nicht um einen eiteln Dichter vertauschen. Daß ich soviel Aufhebens davon gemacht habe, rührt bloß daher, weil ich vom Dichter u. der Poesie, vom Künstler u. der Kunst, noch keinen so anschaulichen Begriff gehabt habe; u. ich war eben wie ein Kind das einen neuen Buchstaben hat kennen gelernt. Leid tut es mir beinah daß ich Dir den Tasso abgeschrieben habe. Er bestätigt darstellend u. ausführend die ganze Vergötterung des Dichters. Liebes Herz, sehe doch darüber weg u. laß uns auf unserm Boden feststehen u. ein bessres Erdreich für Dich u. uns suchen u. Du Deiner edeln Natur so wie ich der meinigen treu bleiben. – O ich möchte alle die Briefe bisher über ihn u. die Kunst ungeschrieben haben! was geht mich der Dichter u. die Poesie an! Freilich war es mir bisher mitunter eine Erholung, um nicht ganz in der angestrengten Empfindung in meiner Einsamkeit unterzuliegen – Wenn ich Dir ein detail machen sollte, wie ich diesen ganzen Winter kaum 3 oder 4 mal ausgewesen bin – u. nichts mein Gemüt erquickt hat als die Briefe von Dir, so solltest Du mich eher bedauren – Nichts quält mich mehr, als daß ich über meine vorgesetzte Rechnung mehr Geld ausgegeben u. dafür auch nicht einen Pfennig Freude empfangen habe. Die Kinder sind noch so wie Du sie verlassen hast, u. ich bin auch nicht besser geworden; dafür aber bin ich älter geworden u. – doch was sage ich viel. Die Entfernung macht die Briefe sonderbar scharf u. ernst; Laß uns einander doch nicht verkennen, Du mein Ein u. Alles. Verzeihe daß ich Dir auch G. Billet, in dem Brief vom 9. März beilegte, ich glaubte, Du kämest mit dem Geld nicht aus; u. ich versuchte, da ich das vom Herz. verlangen wollte, ob er vielleicht noch etwas beitrüge. Wenn sich nun das Schicksal ändert, so sehe [ich,] ists fast besser, daß es nicht geschehen ist. Liebes Herz, gern sehr gern will ich Dir all meinen Unverstand auf den Knien abbitten, kehre doch nur mit keinem bittern Gemüt zurück. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 27. März 1789. Mein Lieber Guter. [...] Ich habe Dir bisher immer vergessen zu schreiben daß die ältste Fräul. Volgstädt seit dem Januar kränkelte. Es war ein übelabgewartetes Brust u. Gallenfieber, das mit der Wassersucht drohte. Indessen besserte sie sich diesen Monat merklich, bis sie vor 8 Tagen wieder ein Rezitiv bekam – äußerst ängstliche Nächte erfolgten, u. gestern früh erfolgte ein Schlagfluß von oben, u. nahm sie sanft weg. Ich habe sie diesen ganzen Monat nicht gesehen, wegen Gottfrieds u. meinem Husten; u. diese Woche bin ich noch unbehaglicher gewesen; fange nun ernstlich zu arzneien an, mit Abführung u. China u. hoffe durch diese Mittel u. ein günstiges Frühjahr bald davon befreit zu sein. Die gutherzige Volgstädt wirst Du also nicht mehr finden. Als ich vor 4 Wochen das letztemal bei ihr gewesen bin, u. wir alle glaubten daß die Gefahr vorbei sei; sagte sie mir noch: es ist gut daß ich diesmal nicht gestorben bin; denn unserm lieben Herder wäre ich gewiß erschienen, auch in Italien. Ich gönne ihr herzlich die Ruhe. Sie ist auf ihren ausdrücklichen Befehl, geöffnet worden; da fand sich nun daß die Klappen im Herzen, durch die das Blut fortgespritzt wird, ganz verknöchert waren, ein Umstand der sehr selten sein soll. Auch die Leber war übermäßig groß u. hatte einen tiefen Eindruck, daß man beinah die Hand hinein legen können. Das vom festen Schnüren hergekommen sein mag. Ruhet wohl ihr Toten. Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint; sie hatte beinah eine Leidenschaft für uns, u. unsern Abschied hätte sie kaum ertragen können. Die arme Schwester ist herzlich zu bedauren. Nun zu den Lebendigen! Hier ist eine Promotion vorgegangen. Koppenfels ist Kanzler geworden, Voigt Geheimd. Regier. Rat u. die übrigen Herren nach der Reihe Hofräte. Koppenfels u. Mandelsloh Eglofstein u. Wolfskehl mit GeldZulage u. Hetzer, (wenn er nämlich wieder gesund würde) kommt als Ober Konsistorial Präsident nach Eisenach. Dies ist aber wohl nur ein Kompliment. Der 2te Sohn vom Fritsch als Regierungs Ass. u. Hofjunker. Knebel ist so eben bei mir gewesen u. grüßt Dich gar sehr; er hat heute an Einsiedel geschrieben u. Dich darinnen vergessen zu grüßen. Er hat mir letzthin viel von der reinen Luft erzählt, u. ich erinnerte mich daß Du mir sagtest, sie sei wie Sonnenlicht. Das ist gewiß unsre reine himmlische Seele. Heute muß ich bald endigen mein Herz, Ludecus eilt immer mit dem Zumachen der Briefe. Du wirst nun auf die Rückreise denken; Gott bringe Dich glücklich gesund u. froh zu uns, mein Einziger! Mutter u. Kinder küssen ihren Vater zu tausendmalen. C. H. Mit Gottfried gehts sehr gut, er könnte ausgehn, wenn nicht alles voll Schnee läge u. immer mehr schneit. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, 28. 3. 1789 Äußerst unerwartet kam mir gestern Abend in Deinem Br., liebes Herz, die vorläufige Nachricht vom Gött[inger] Antrage. Nichts liegt einem in Italien entfernter, als das Leben Gött. Professoren; es gibt selbst im Andenken einen unangenehmen Geruch, den man hier weniger als in Norden ertragen kann. Und gerade fiel mir Spittlers Br. mit der Professorhand geschrieben zuerst ins Auge. Weiter kann ich jetzt nichts sagen. Laß Heinens Br. kommen: übereilen will ich mich auf keine Art u. Weise. Dein Br. an ihn ist meisterhaft geschrieben, wahr, klug u. herzlich; die Menschen dort haben aber verstopfte Sinne, sie sind der Göttingschen schweren Luft gewohnt. Mir ists jetzt so fremde, mich als Profess. der Luther. Theologie zu denken, als wenn ich künftigen Montag hier in Rom Kardinal werden sollte; zum letzten würde ich mich noch eher anschicken können. Geben die guten Götter uns in diesem Punkt Weisheit u. kluge Überlegung, zu wählen wie sie wählen würden. Und sie werden es tun. Betrübe u. kümmere Dich nur {nicht}, liebe zarte Seele, Du mein Engel u. meine Lebensfreundin. Was mich noch mehr im Br. verwirrte, war die Nachricht von Gottfr[ieds] Krankheit. Ich fürchte nämlich, Du hast mir etwas verschwiegen u. habe mich sehr geplagt; o wie erwarte ich Deinen nächsten Br. Der arme gute Mensch hat eine schwache Brust; helfe ihm der Himmel nur die kritischen Jahre hinüber. Ich darf Dir nicht sagen, daß Du für das gute liebe Blut aufs beste sorgest: er ist ein Abdruck Deiner Güte, unsre erste Freude, dessen Ankunft u. Kindheit uns so viele viele süße Stunden gegeben hat. Die schöne zarte Blüte wird uns eine gute Frucht geben, wenn sie der gütige Himmel auferzieht, worum ich ihn herzl. u. mit innigster Regung bitte. Er wird mich u. Dich erhören, liebe mütterliche Seele, Amen. Was Du von G[oethes] Clärchen schreibst, mißfällt mir mehr, als daß es mich wundern sollte. Ein armes Mädchen – ich könnte mirs um Alles nicht erlauben. Aber die Menschen denken verschieden, u. die Art, wie er hier auf gewisse Weise unter rohen, obwohl guten Menschen gelebt hat, hat nichts anders hervorbringen können. Auf mich macht Italien in Allem nun Einmal den ganz entgegengesetzten Eindruck; ich kehre wie ein Geist zurück u. kann Dir nicht sagen, wie mir vor dem gewöhnlichen Troß der Buhlereien pp ekelt. Ich fühle mich zu gut dazu; das ist nicht Stolz, u. Prätension, sondern Natur u. Wahrheit. Daß sie dies sei, wirst Du an mir kennen lernen. Was mich in diesen letzten Wochen auf eine sonderbare Weise, wenn ich so sagen darf, gereinigt u. veredelt hat, ist der Angelika Freundschaft. O daß ich so viel Zeit in Rom verloren u. mich gequält habe, ohne diese zarte u. edle Seele, die so schüchtern u. zurückgezogen, wie eine himmlische Erscheinung ist, näher kennen zu lernen. Jetzt da ich seit meiner Reise in Neapel klarere Augen u. eine ruhigere Seele habe, ist mir diese Frau über alles, was in u. um Rom ist, teuer. Ich bin bei ihr so gern, u. immer in dem Zustande einer süßen u. stillen Verehrung, wie auch sie es gegen mich zu sein scheinet, u. wirklich ist. Von Dir spricht sie in Ihrer holden Schüchternheit eben also, u. sieht Dich wie ein höheres, glückliches Wesen an; ihr Eindruck wird mir wohl tun auf mein ganzes Leben: denn er ist von allen Buhlereien, aller Eitelkeit u. Falschheit entfernt; sie weiß nichts davon, u. ist bei aller der demütigen Engelsklarheit u. Unschuld, von der alle ihre Arbeiten zeigen, vielleicht die kultivierteste Frau in Europa. Ich sage Dir dies alles, weil ich weiß, daß ich Dirs sagen kann, u. weil Du mir nach so vielen unnützen u. fatalen Monaten in Rom diese gefundene Perle oder Lilie ordentlich als einen Lohn des Himmels gönnest. So sehe ich sie auch an u. danke Gott vor die Erscheinung. Wir rücken der H[eiligen] Woche jetzt näher; künftigen Montag werden die Kardinäle gemacht, unter denen auch Borgia ist, u. die geistl. Festlichkeiten fangen an. Nach Ostern wollen u. müssen wir noch die Campagna sehen, sobald sich das Wetter ändert. Wir haben traurige Monate gehabt, u. der Regen läßt noch nicht nach: das ist für Italien der übelste Querstrich, zumal für Fremde. Wozu G[oethe] 4. oder 6. Wochen anwenden konnte, dazu werden mir armen Schelm hoffentlich so viel Tage gegönnt sein. Wegen des Geldes gräme Dich nicht; es wird sich alles finden. Grüße die Kinder u. danke den 4. für Ihre Br. – Aug[ust] ist sehr irre, daß man die Steinchen für Pfenninge haben kann, u. ich weiß nicht, was G[oethe] redet, ob ich gleich zugestehe, daß er in allem dem, mehr Glück gehabt hat u. haben konnte, als ich, weil ihm in seinem Kreise u. im Corso alles bei der Hand war. Das macht aber auch nicht glücklich. Dafür will ich Ihnen alle Römische Denkmale in Zucker mitbringen, da können Sie sie studieren u. aufessen nach Herzens Lust. Goulon hat mir schon ein großes Papier voll geschickt; o was wird der Emil kucken u. naschen. Lebe wohl, Herzensweib, ich habe heut von der Villa Ludovisi, vom Grabe Taßos, gestern von der H[eiligen] Agnes u. Cäcilia Abschied genommen, vom Museum, dem Kapitol, den Hauptkirchen pp längst, u. schicke mich allmählich in den Zustand des Verlassens. Lebe wohl; wie etwas sich weiter findet, will ichs Dir schreiben. Erhalte Dich u. die Kinder gesund, mein treues Weib, mein süßes Leben. Heinens Br. u. meine Antwort will ich Dir schicken, wenn sich gleich antworten läßt. Grüße Alles u. lebe wohl, Engelsliebe. 28. März J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Rom, Ende März 1789 Der Purpur, den Du Heldenmütge Fürstin, Der rote Römerschmuck, den Du mir gönnest, war wohl des Wunsches wert; doch höre gütig, wie er allein jetzt meine Wünsche reize. Einst zu der Römer, zu der Griechen Zeiten war er die Zier der Könige und Helden, ein Lohn der Edlen, den für ihre Tugend die Königin der Völker ihnen reichte. Es sank ihr Reich; da sank auch ihres Lohnes erhabner Wert; und der erblichne Purpur ward Beute des Betruges und der Ränke. Laß wiederkehren jene alten Zeiten, Du der dazu die Götter Mut verliehen, alsdenn gib mir Roms königlichen Purpur. Emil Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 2 ten April 1789 Lieber Vater. Ich wünsche Ihnen viel Tausend glück auf Ihrer Reise und Das Sie gesund wieder kommen und uns Reche lieb haben wir wollen Auch Recht Artig sein wen Sie wieder kommen noch Tausendmal Tausend mal Glück lieber Vater. Ihr getreuer Sohn Emil Herder . Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 3. April 1789. Mein Einzig Guter. [...] Deinen lieben Brief vom 14. März mit Inlage an die Herzogin u. den Stanzen habe ich vorigen Montag erhalten. Da ich aber gerade an einem kleinen Nervenfieber, (das erste in meinem Leben) das ich durch einen kleinen Diätfehler bekam zu Bette lag, so las mir Gottfried den Brief vor, u. ich danke Dir liebes Einziges Herz für alle Deine Liebe die ich durch nichts verdiene, als mein treues Gemüt zu Dir. Ich bin den andern Tag wieder aufgestanden u. es ist mir wieder wohl, doch ist noch eine kleine reizbare Schwäche zurück u. Gottfried, der die Stanzen gelesen hat, ratet mir sie erst in einigen Tagen zu lesen; u. das will ich denn tun; sonst errege ich mir alle wehmütige Empfindung auf. Fr. von Fr[ankenberg] hat mir die Verse abgeschrieben die Du ihr gesandt hast. O mein Lieber, Gott erhalte Dir alle die süßen Erinnerungen zur Stärkung u. Labsal aufs Leben. Wir können Dir auf alle dieses hier nichts mehr geben – selbst die treueste Liebe wird Dir unschmackhaft sein; u. darauf will ich mich gefaßt machen – denn was ist ein elendes Individuum gegen den großen allmächtigen Eindruck einer solchen Natur. Du bist auf Deiner sonderbaren Reise sehr geprüft worden, o laß mich die Früchte davon in einer duldenden Liebe u. Nachsicht empfinden, Gott wird es Dir wieder vergelten. Wie gern träume ich mir den süßen Traum, Dir mit Gottfr. Wilhelm u. Luischen ins Carlsbad entgegen kommen zu können u. mich noch einmal an der Quelle mit Dir zu stärken. Dörfte ich wohl von dem Geld der Freundin 150 Rtlr. dazu anwenden? Wenn Dein Gemüt nein sagt, so ist [mir] das ein heiliges Wort. Der Frühling, Die Hoffnung u. Deine Gegenwart wird mich mehr als alle Gesundbrunnen stärken. Daß Du auf Heynens Brief nicht mehr lange in Italien bleiben wirst, konnte ich sicher schließen, ich habe daher allen Freunden gesagt, daß Du bald nach Ostern die Rückreise antreten wirst; u. habe es auch ins Publikum verbreitet, weil sie alle auf Deine baldige Rückkunft gespannt sind; es tat eine bessere Wirkung als wenn ich das Gegenteil gesagt hätte. O wie wünsche ich Deine Gedanken u. Empfindungen über Gött. zu wissen! Je länger ich darüber denke, so glaube ich daß es nicht von ohngefähr kommt; u. daß das gute Schicksal mütterlich für uns sorgt; ja für Deinen eignen Wirkungskreis u. Dein fröhlicheres Dasein! Ich kann jetzt mit gar viel Ruhe u. Zufriedenheit daran denken u. bete u. danke der Vorsehung Deinetwegen. Welch ein einförmiges totes Leben würdest Du nach Deiner Reise hier verleben müssen! Alles ist, wie es gewesen; Du würdest auf einmal wie in ein totes Meer versunken sein. Aber nun ruft Dich Gott – Gutes zu wirken mehr u. besser als es hier geschehen kann. Wir wollen ihm folgen, wenn Du nicht etwas ganz bestimmtes in Deiner Seele dagegen hast. Auch die gute Fr[ankenberg] hofft viel Gutes davon. Wenn Du meinen Wunsch mit Carlsb. gut heißest, so bestimme mir doch bald die Zeit wenn Du dort eintreffen kannst. Vor Mitte des Juni wünsche ichs nicht, weil die Witterung im Gebirg noch lange schlimm bleibt. Doch lieber Engel, siehe dies nur als einen frommen Wunsch an der nicht erfüllt werden darf. Ich habe die Schatten auf Ein Blatt machen lassen; wenn es nicht recht ist, so werde nicht böse; u. wenn Dir das geschriebene nicht gefällt, so radiere es aus, liebes Herz; ich habe die Engelsfrau außerordentlich lieb; sage es ihr u. gebe ihr einen zärtlichen Kuß von mir. Die Stein hat mir im Vertrauen etwas von ihrem Schicksal erzählt. Ich weiß nicht ob Dus weißt; in ihrer Jugend ist ein Betrüger gekommen, hat sich für reich u. vornehm ausgegeben u. sie hat ihn geheuratet; Bald nachher entwand er ihr viele Praeciosa u. verließ sie. Das war ein schreckliches Schicksal! u. ich kann recht bitter um sie weinen. Ich hoffe daß sie Deinen lieben ernsten heiligen Kopf recht gut machen wird. O wenn sie mirs schenkte! Wird Deine Büste an den Herzog herkommen? so werde ich sie doch auch sehen. Kann nicht ein Abguß davon gemacht werden? die plumpen Klauer schen, will ich dann zernichten. Nun mein Ewiglieber, dies ist nun das letzte Blättchen, das Du in Rom von mir erhältst – gehe freudig, hoffend u. glücklich aus Deinem großen PrüfungsOrt u. denke daß Du zu denen wiederkehrst die Dir Gott gegeben hat. Mit tausend Tränen reiche ich Dir die Arme entgegen – Gott begleite Dich, Gott behüte Dich u. sei überall bei Dir! Ich will Tag u. Nacht für Dich beten. Der das Ohr gemacht hat, sollte der nicht hören? der das Auge gemacht hat sollte der nicht auf uns sehen u. für uns sorgen? Ja er wird Dich segnen, u. Dich unsern Vater, glücklich wieder zu uns bringen. Er wird unser lallen u. unsre Tränen sehen! Bei der liebreichen Herzogin nehme auch in meinem Namen einen zärtlichen Abschied. Sie ist bisher Dein vielfacher Schutz-Engel gewesen, dies werde ich nie vergessen u. Ihr ein ewig dankbares Herz schenken. Wenn einem in der Zeit der Not Gutes getan wird, das hat einen himmlischen u. unvergänglichen Wert. Die Reise Gefährten grüße aufs beste. Auch den guten Meier u. Rehberg, Bury. Nochmals der besten Angelica meinen zärtlichsten Kuß. Gott lohne ihnen alle Liebe u. gute Stunden die sie Dir gemacht haben. Auch Du wirst dankbar gegen das allgütige Schicksal, von dannen scheiden – der mannichfaltige Genuß von Gutem u. Bösem, wird auch Deinem Geist u. Gemüt Stärkung u. Labung einst sein. Wie viel edle große Geister haben dort gelebt u. gelitten – Du bist auch ihr Bruder. Komm nun, unser Treuer, gern u. zufrieden in die Arme Deiner Kinder zurück, in eine stille friedliche Einsamkeit. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, d. 3ten April. 1789. Liebster Vater Nun gottlob nur noch 2 Monate sinds, so sehen wir Sie wieder und drücken Sie an unsre Brust, und hören Sie dann im Kreise erzählen. Gott geleite Sie und bringe Sie fröhlich, vergnügt und gesund bald zu uns. Doch eilen Sie ja nicht so schöne, von Ihnen noch nicht gesehene Städte vorüber, genießen Sie Florenz mit mehrererm Glücke als Rom; erfreuen Sie sich in Bologna und Venedig, und dann auf Fittigen zu uns. Sein Sie doch so gütig, lieber Vater und bringen Sie mir einige Arien u. Musikalien von dem berühmten Cimaroso mit, ich will doch das Klavier nicht ganz vernachlässigen, und in Florenz sollen sehr viele Musikalien zu bekommen sein. Nochmals tausend, tausend Glück auf die Reise, alle gute Geister seien mit Ihnen, o wie sehr freuen wir uns auf das glückliche, erfreuliche Wiedersehn! – wenn wir nur den Schwager schon blasen hörten!!! – Leben Sie wohl geliebtester Vater, gedenken Sie meiner, und haben lieb Ihren gehorsamsten und Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. Grüßen Sie Werner.   P. S. Die Herrn Novelletto e Bombardini haben unterm 25sten März gemeldet, daß der Pack nach Neapel an Hackert, mit dem Capitain Jenking a Livorno abgegangen sei. – Auch ist Fritz Stein Hofjunker und Kammerassessor geworden. August Herder an J. G. Herder [Weimar,] d. 3 ten April. 1789. Liebster Vater. Nun wünsche ich Ihnen 1000 Glück auf ihre Rückreise und daß Sie gesund und wohl wieder zu uns kommen mögen, und wir wollen vom lieben Gott erbitten daß wir Sie, und Sie uns fröhlich und gesund finden. Der H. Geheimrat v. Goethe hat mir auch viele italienische Gewächse gegeben, und die sind auch aufgegangen. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen noch viel tausend tausend Glück auf die Reise, und kommen Sie nur recht gesund und fröhlich wieder. Leben Sie nochmals wohl, u behalten Sie lieb. Ihren gehorsamen Sohn August Herder. Sagen Sie Wernern, wenn er spazieren oder aus geht, u er findet Samen, daß er mir ihn doch mit brächte, den d. Geheimrat Goethe sagte, dort röchen alle Blumen gut. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 3ten April 1789. Lieber Vater Dieses ist das letzte Briefchen von mir, daß Sie in Rom empfangen, daher wünsche ich Ihnen viel tausend tausend Glück, ud Freude, damit Sie gesund ud fröhlich wieder zu uns kommen. Da wird es eine rechte große Freude werden unter uns alle wen es heißt der Vater kömmt, ud der Postknecht, das Posthorn bläst, da werden wir alle gesprungen kommen, und wir Sie alle küssen, daß Sie wieder bei uns sind. Leben Sie wohl ud behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder. 1789. Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 3. 4. 1789 Lieber Vater. Ich freie mich recht sehr daß sie jetzt von Rom abreisen. Ich habe jetzt den Husten aber nur ein kleines bißgen, also kann ich auch nicht in die Schule gehn. Ich weiß weiter nicht was in der Stadt vor gegangen ist. Herr Schäfer laß sie recht sehr griesen. Ich wünsche sie 1000 1000, 1000, 1000 Glück zu ihrer abreise, und kommen sie so gern zu uns als wir sie lieb haben. Leben Sie wohl, ihr getreuer Sohn Adelbert Herder. den 3ten April. 1789. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den Sonnabend von dem Palms[onntag; 4. 4. 1789]. Hier ist der Br. von Heine, lieber Schatz, wäre auch nur sobald die Antwort darauf gegeben. Ich empfing ihn den 1. Apr. Abends, u. habe ihn, Deinem Willen gemäß, abgeschrieben; nun siehe ihn rein an, wie er Dir in meiner Handschrift vorkommt. Ich kann Dir bisher noch nichts, als die Geschichte meiner Empfindung schreiben; wollte Gott, daß ich auch so die Geschichte der Deinigen lesen könnte. O daß wir aus einander sind u. gerade auch bei diesem Vorfall aus einander sein müssen. Doch Alles ist gut, u. gewiß auch dieses. Nichts schien mir im Anfange fremder u. insipider, als der Antrag; auf meiner Reise hatte ich an meine politisch-theol. Lage in Deutschland gar nicht gedacht, u. sie zu vergessen nicht nur gestrebt, sondern wirklich vergessen. Wie H[eynes] Br. kam, wollte ich ihn gar nicht eröffnen; ich tats indessen doch, u. vergaß den Inhalt ein Paar Tage mit Fleiß. Ich wollte Deinen 2ten Br. erwarten. Der ist nun heut angekommen, mit der Berlepsch Br., u. da hebt sich die Sache immer mehr aus der Meerestiefe meines Gemüts hervor. Ich kann aber noch nichts sagen, als was Du sagest: »ich ahnde fast, daß ein höheres Wesen uns ruft.« Weiter ists bei mir noch nicht gediehen, u. ich wollte, daß ich Dein Innres lesen könnte. Hier ist etwas von meinen Überlegungen, die mir allmählich aufsteigen, aber bei weitem noch kein Hauch oder Trieb sind. Erstens denke ich: sollte es wohl umsonst sein, daß sich uns das G[öttingen] so oft u. jetzt so besonders aufdringt? Jetzt haben wir doch nichts gesucht, ich habe nicht dran gedacht u. wir haben so lang entgegengestrebet. Dagegen dachten wir an Kiel, u. zwischen beiden, wenn geändert werden muß, ist doch keine Vergleichung. Hier ist Schauplatz, u. dort ein Winkel in der Ecke unter halben eingebildeten Barbaren. Im Hannöverschen ist doch viel für uns gestimmt u. vorbereitet; das muß uns unser Herz sagen, wenn es auch nicht Heynens u. der Berl[epsch] Brief sagte; u. wo wäre das sonst in Deutschland? Man halte Berlin, Sachsen, selbst Holstein dagegen; es ist kein Vergleich der für uns zubereiteten Gemüter. Das Schicksal hat die Frucht, wie es scheint, reif werden lassen, u. wirft sie uns jetzt ungesucht, ja selbst mit Befremden aller, die da schütteln helfen, in den Schoß. Sollte es eine ganz böse Frucht sein? Das, dünkt mich, haben wir nicht verdienet, u. dazu bin ich gewiß, hat uns der Himmel zu lieb. Wenigstens haben wir uns keinen Vorwurf zu machen, daß wir unser Unglück uns errungen, ertrieben hätten. Ich bin in Italien geduldig wie ein schlummerndes Lamm oder Schaf gewesen, das weiß Gott. II. Über W[eimar] wird mir schwer, etwas zu sagen, da ich bisher alle Gedanken polit[ischer] Beziehung verbannt habe. Die Herz., weißt Du, liebe ich am meisten; Du kennst aber Ihre unkräftige Güte. Der Herz. ist gut u. brav; was kann, was mag er aber für mich tun? Und überhaupt, wie müde ich des Zusammenhanges mit Fürsten u. Fürstinnen geworden bin, die immer unverständige Kinder bleiben, deren Unser Eines nicht lenken kann, mag ich Dir nicht sagen. Daß G[oethe] für uns wenig mehr sein kann, wird mir beinah einleuchtend; er ists im öffentlichen Bezuge nie gewesen. Die Damen gehen ihren Weg hin u. überhaupt ist ja für uns eigentlich keine Sphäre in W[eimar]. Wir sind einsam u. werden es mit jedem Jahr mehr werden. – Also verlieren wir wirklich weniger kräftige, uns völlig gleiche Freunde als wir meinen; u. an die politischen Werkzeuge, an das, was an der Weim. Staatswirtschaft ist u. je werden kann aus ihr, an Kinder pp mag ich nicht denken. Ich traue mir wohl zu, wieder anfangen zu können; aber anzufangen, wo ichs gelassen habe, um in W. begraben zu werden, scheint mir schwer. Und doch müßte ich dies nicht, wenn ich dies ausschlüge? Wird, kann mir je ein Antrag wieder so werden? – Und nachher in dem verbissenen Gram der Reue umherzugehn, ist eine schwere Aussicht, so wie es überhaupt fatal ist, in eine ausgeatmete politische Luft ohne einigen frischen Atem zurückzukehren. Viel besser, zu versuchen u. zu wandern. Einmal muß es doch noch gewandert sein; warum nicht jetzt, da es noch Zeit ist. Und wozu, kommt mir ein, hat der Himmel eben meine sonderbare Reise verhängt, als um mich abzuschütteln, abzustreifen u. zu einer neuen Situation zu gewöhnen? Zu nichts anderm. Und gerade kommts jetzt vor meiner Rückreise zu rechter Zeit, nicht früher, nicht später. III. Über meine Situation in Gött. will ich Dir nächstens schreiben, was ich denke. Dies alle sieh für keine Conclusa an; u. ich will sie auch nicht dafür halten u. mich ja nicht übereilen. Für heute gnug. Sorge, liebster Schatz, für Deine Gesundheit: sie geht mir über Alles, u. Dein Husten quält mich in der Seele. Des armen Gottfr. Brief hat mich wehmütig gerührt; o könnt ich dem armen süßen Jungen meine Liebe u. innigste Teilnehmung bezeugen. Und Dir, liebe Ariadne, was kann ich Dir tun, sagen, sein u. geben? Das glaube mir gewiß, ich bringe mich Dir ganz, u. zwar siebenfach ganzer u. herzl. mit, als ich von Dir ging. Nur Du sei auch fröhlich u. werde gesund, u. verbanne die Teufelsgedanken, daß Du, für mich die höchste Wohltat Gottes, mich unglücklich gemacht habest. Das siehest Du doch wohl aus meiner ganzen Ital. Reise, wie ganz ich an Dir hange u. ohne Dich nichts bin. Auch sobald Dir Dein Geist etwas gegen G[öttingen] sagt, so hat es gewiß Gott gesagt, u. ich nehme sogleich einen andern Ausweg. Vor jetzt wollen wir uns nicht übereilen. An die Fr. v. Fr[ankenberg] schreibe ich heut nicht: schreibe ihr doch ein paar Reihen, daß ich wohl bin u. nächstens schreiben werde. Auch wollte ich wissen, was Sie bei dem G[öttinger] Antrage denke. Dein Br. an die Herz. hat ihr gar sehr gefallen; er ist auch, wie von einem Engel geschrieben. Lebe wohl, beste, liebe, u. sorge für Deine Gesundheit. Dich in Karlsb[ad] zu finden, war eben mein süßer, erster Gedanke. Nächstens davon mehr. Lebe wohl, liebe. Angelika, die zarte, treue, reine, feste Seele grüßet Dich als Schwester u. Freundin. Ich bin bei ihr fast alle Tage, wenns auch nur Augenblicke wäre; sie ist die einzige Seele für mich in Rom; seit ich sie kenne, vergesse ich aber auch leicht des andern vornehmern Trosses; u. die blöde, reine, heilige Künstlerin hat mich, ob ich gleich so ein Kunstloser Mensch bin, auch lieb, so daß ich Ihre Bekanntschaft u. Freundschaft recht für den Fund einer tiefverborgenen Perle rechne. Sage aber G[oethe] hierüber nichts, als gemeine Dinge; ich will nicht, daß er wisse, wie ich von ihr denke. Lebe wohl; Engel! lebt wohl, Ihr lieben Kinder! Gott helfe uns glücklich zusammen u. gebe uns, wo es sei, ein vergnügtes Leben. Lebt wohl. Aloys Hirt an Johann Wolfgang von Goethe Rom d. 4. April 1789. An Herrn Geheimen Rat von Göthe. Noch bin ich Ihnen meinen Dank schuldig, daß Sie mich so vortrefflichen Menschen wie Herder und Dalberg sind, empfehlen wollten. Unser Kurs würde vollkommen gut von statten gegangen sein, wenn nicht öftere Unpäßlichkeit der Dame in der Gesellschaft denselben unterbrochen hätte. Ich muß indessen auch dieser Dame alle gerechtigkeit widerfahren lassen, obwohl ihr Geschmack mehr für das Moderne als das antike zu sein scheint. Ihre Frage war öfters nach Ihnen, und sie schien nichts so sehnlich zu wünschen, als daß Sie noch möchten hier geblieben sein. Dalberg ist eine gute Seele; wie sehr verdiente er in einer bessern und robustem Hülle zu stecken! – In Herders Umgange lerne ich noch täglich, und sein offenes Gemüt gegen mich hat all mein Zutrauen gewonnen, ich könnte meine größten Sünden vor ihm bekennen. Auch korrigiert er mich und vielleicht ist seither mein Starrsinn etwas leidentlicher geworden. [...] J. G. Herder an Caroline Herder Rom am Palmmittwoch [8. 4.] 89. Du hast höchst recht gehabt, liebste Seele, daß mir jetzt Deine Gedanken u. Br., die mir jedesmal süß-tröstend u. erwünscht waren, noch erwünschter sind, da Sie die Reihe Deiner Empfindungen über die uns angebotene Veränderung auch unwillkürlich eröffnen, die ich von Stund zu Stund wissen möchte. Ich schrieb Dir neulich einige Überlegungen darüber, u. mußte abbrechen; seitdem ist mein Gemüt unmerkl. immer mehr für G[öttingen] gestimmt worden, ob ich gleich entschlossen bin, die heil. Woche noch ganz still u. ruhig in mich wirken zu lassen, bis sich mir mit Ostern auch die Auferstehung offenbaret. Je mehr ichs überlege, desto mehr kommt mir W[eimar] wie ein abgetragen Kleid vor; ich sehe es in der Entfernung anders, als wenn ich hinter der P[eters]Kirche säße. Was an unsrer Staatswirtschaft ist, weißt Du, u. was die guten, gnädigen Gesinnungen unserer Großen sein, zeigt dünkt mich das ganze Resultat unsres Lebens bis zum Strich meiner Reise; ja die ganze Gestalt meiner Reise selbst. Da wieder das Latus zu übertragen u. fortzusalbadern, wäre, dünkt mich, gegen den Wink der Vorsehung selbst, die mich so sonderbar losgemacht u. mit vieler Abstreifung in Umstände gesetzt hat, klar zu überlegen; was, wenn man im Gewühl sitzt, so schwer wird. Mich dünkt, wir müssen ein ander Leben anfangen, die Unabhängigkeit u. eine belohnende Arbeit der Gunst der Großen vorziehn, u. für uns u. unsre Kinder sorgen. Wären dies Mädchen, so wäre ihnen die Universität fatal; jetzt sinds Buben, denen sie vorteilhaft ist, wenn wir unser Auge auf ihnen behalten; an die künftige Sphäre der Versorgung nicht einmal zu gedenken. Jetzt bin ich noch jung gnug, und Italien hat mich wenigstens aufgeschüttelt, um einen frischen Lauf zu beginnen; nach 10. Jahren wäre es töricht. Jetzt da ich bald Sign. Herder, bald H[err] u. M[onsieu]r Herder, bald Monsignor u. Vostra Eccelenza heiße; ist mirs gleich viel, wie ich künftig genannt werde, u. der Name Konsist[orial]R[at] gefällt mir recht wohl. Auch daß ich nicht der erste in der Fakult[ät] bin, ist mir recht; ich will keinen beleidigen, indem ich ihm vorrücke: ich bleibe doch, wer ich bin, u. bin der Erste zu sein, vor der Hand müde: denn es führt mancherlei Nachteile bei sich. Eine Universität ist eine Republik; wir wollen u. werden unsern Geist dahin mitbringen u. nach unsrer Weise denken u. leben. Es kommt mir hübsch vor, Dich wieder Konsistor[ial]Rätin nennen zu hören, wie Du es in Bückeb[urg] warst, u. mich dünkt, mit Niedersachsen u. dem engern häuslichen Kreise rücken wir unsrer alten treuen Glückseligkeit wieder näher, die wir in der W[eimar]schen Hofsphäre so sehr vermißt haben. Mich dünkt, ich werde durch den öffentl. Vortrag in Wissenschaften tägl. vergnügter u. muntrer sein, als durch Beicht pp denn jeder lebendige Vortrag entwickelt mir neue Gedanken. Nach den Stunden (u. für mein Gehalt darf ich nur 4. lesen) bin ich mein eigner H[err] u. König: ich kann schreiben u. werde besser schreiben, als bisher, weil ich in einer lebend[igen] Welt des Gedankenhandels u. Ausdrucks lebe; auch die Bibl[iothek] ist wirklich als ein Kapital zu betrachten, von dem man für den Geist Interessen ziehen kann, u. das eine ganze Liste von Ausgaben unnötig macht. Selbst daß ich mich in ein neues Fach werfen muß, wird mir Trotz der anfängl. Beschwerde wohltun, u. auch dazu ist die Reise ein vorgängiges gutes Laxativ geworden. So denke ich bei mir; indessen alles geht zurück, wenn Dein Herz u. Dein guter heil. Geist nein sagt: ich ehre die Stimme über die Meine. Fodern müßten wir 2000. oder 1800 Tl. keinen Schilling minder, u. statt 40.100 L[ouis]dor Antrittskosten; auch ich den Doktor- u. Magisterhut vorher frei, daß er mir mit dem Ruf zugeschickt würde, u. ich darüber keine neue Ausgaben u. Hudelei hätte. Mich dünkt immer, Romae tibi propitius ero, ist auf diesen Antrag gegangen; es fängt sich damit eine neue Bahn des H[eiligen] Ignatius an, die wenn sie glücklich ist, mir mehr wert werden kann, als alles was ich in Rom gesehen habe, oder hätte ertrödeln können. Wer von W[eimar] mit uns will, kann uns nachziehn z. E. die Kalbin; sie würde nach ihrem Genius dort besser leben als in W.; doch wünsche ich auch dies nicht, ich will mit Dir u. den Meinigen frei sein, u. ihnen allein zugehören. Der Fr. v. Fr[ankenberg] bin ich fast eben so nah, als in W.; auch können wir uns zuweilen an Mittelörtern viel besser sehen. Ich schreibe heut an Sie darüber: denn sie hat schon darauf gewinket. Wir wollen die ganze Sache Gott zutrauend empfehlen, u. er wird uns keinen Irrweg nehmen lassen; das bin ich gewiß: meine ganze wunderbare Reise ist offenbar der Vorsehung Werk zum Abschütteln des Alten u. zum Aufschütteln zu einem neuen Werk. Bedenke, wie sonderbar ich überall aus innerm Triebe sans rime et sans raison Abschied genommen habe; darüber sich der alte Direktor, wie der fromme Simeon wunderte. Irre ich in diesem Allen nicht, so wird Dir, wie mir allmählich (denn so gehets mir) dieselbe Stimme der Vorsehung merklich werden: nie bin ich aufmerksamer auf jeden Wink Deiner Br. als jetzt: denn ich bin gewiß, es ist Ein Geist, der in Dir u. mir wirket. Als ich Heinens Br. ein paar Tage mit mir getragen hatte, konnte ich bei mir selbst nicht anders, als ihn der verständigen, frommen u. sanften Angelika zeigen. Sie war völlig zweifelhaft darüber u. stimmte eher auf Nein! – Ich ließ sie nachher den Br. der Berlepsch lesen, (es war am Palmsonntage) u. sie sagte außerordentl. furchtsam u. bedächtig, wie sie in allem ist: sie habe ihn 2mal durchlesen u. den Inhalt von allen Seiten erwogen: es schiene ihr wirklich, auch selbst wider unsern Willen, ein Ja zu werden. Es sei ein zu sonderbares Zusammentreffen der Umstände, u. wirklich ein Wink u. Schritt der Vorsehung dabei; wobei sie denn sehr bescheiden u. sehr verständig geredet hat. – Überhaupt, liebes Weib, ist diese Frau eine wahre Perle der Freundschaft u. Unschuld, die ich noch zu guter letzt gefunden habe, u. immer aufbewahren werde. Sie ist wie ein geläutertes Gold, zart wie eine in sich zurückgescheuchte Taube, die aber in einer eignen, großen u. fröhlichen Welt, die in ihr ist, lebet; u. dabei die Moralität, Frömmigkeit, Sittsamkeit, Reinheit u. Unschuld selbst. Ich ließ Sie neulich an eben dem Palmsonntage, da wir in einer Ecke der Gesellschaft über G[öttingen] sprachen, die Stelle Deines Br., die von ihr handelt, lesen; sie brach auf einmal in Tränen aus u. war so bewegt, daß sie sich lange nicht fassen konnte. Sie hat Dich wie einen Engel, ja ich möchte sagen, wie eine Göttin lieb u. sagte neulich so nach ihrer stillen Weise, daß sie doch wenigstens bei uns zu sterben wünschte, da sie nicht mit uns leben könne: Dich kennen lernen müsse sie wenigstens gewiß, wenn sie nicht bald stürbe. Ich suche dies Alles unterzutauchen u. zu besänftigen; aber ich glaube gewiß, wir haben an dem Engel einen trefflichen, treuen Seelenschatz unsres Lebens. Leider, daß sie in Rom, dem verwünschten Rom lebet, u. noch so manches andre Leider! – Sie will Dir in der ersten Muße (denn sie ist sehr überhäuft,) ihr Bild malen; das Meinige kopiert Reifenst[ein], u. sie behält das Original: es war ihr nicht recht, daß er sich dazu anbot. Sie ist eine heilige Seele. – Lebe wohl, süßer Engel, ich werde Dir jetzt alle Posttage schreiben; o daß Du es auch tätest. Glaube gewiß, gute Geister wachen über uns u. sind mit unserm Schicksal im Spiele. Es interessieren sich zuviel gute Menschen um uns. Grüße die Kinder; es ist heute im Vatikan Fest u. ich kann heut nicht an sie schreiben. Auch ist mir nicht so recht, weil wieder der Sirocc eintritt. Das hiesige Klima ist nicht für mich; ich bin ein Nordliches Wesen. Lebe wohl, liebe treue Seele, u. habe guten Mut. Gott wird uns helfen. An G[oethe] sage doch nichts spezielles von dem, was ich über Angelika schreibe; hat Er doch kaum den Mund über sie geöffnet. Für den Taßo danke ihm, schreibe aber nicht mehr ab u. sorge für Deine Gesundheit. Karlsb[ad] ist ein treffl. Gedanke. O wären wir alle schon beieinander. Von Tag zu Tage, wenn ich an G[öttingen] denke, ist mir ruhiger u. wohler zu Mut. Nochmals einen Kuß, meine Liebe, küsse die Kinder. Sorge doch liebes Herz für Deine Gesundheit u. nimm sie nicht zu leicht. Du bist ja mein Alles auf der Erde. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 10. April 1789. In der Hoffnung daß Du die Rückreise zu Deinen Treuen glücklich angetreten hast, sende ich Dir mein EinzigBester diese wenigen Zeilen die Dich in Florenz bewillkommen sollen. Gott gebe Dir Freude u. Glück wo Dein lieber Fuß hintritt, u. gebe Dir nun einen reinen ungestörten Genuß zu dem was Du noch in dem schönen Lande zu sehen hast. Nehme ja alles merkwürdige mit u. versäume nichts durch eilen; die Wochen Tage u. Monate werden nur zu schnell verschwinden da Du wieder in Norden sein wirst. Venedig wirst Du doch ja nicht vorbei gehn. Mit Freude kann ich Dir auch sagen daß es mit meiner Gesundheit völlig gut gehet. Mein Husten ist weg; meine Lebens-Geister sind wieder gestärkt u. ich bin sehr wohl. Die Rhabarb. u. China haben mich hergestellt u. die Frühlingsluft die ich im Garten einatme, ich habe wieder Mut zum Leben bekommen u. empfinde weder Krankheit noch Schwäche. Carlsbad ist also auf einmal ausgestrichen; ich u. Gottfried sind wohl; auch nährt uns die Gesundheits Chocolade so gut daß wir anfangen dicke Bäuche zu bekommen. Es tut mir herzlich leid daß ich Dir in einigen meiner Briefe so angelegentlich von Carlsbad gesprochen habe. Denn jetzt ist es gänzlich unnötig, u. die Reise würde mich auf mehr als eine Weise drücken u. genieren. Auch sind HauptGründe dagegen. Erstl. das liebe Geld, u. dann kommt Deine Schwester gerade zu der Zeit; ich bin also unentbehrlich zu Hause, u. werde sie so empfangen daß Du u. sie zufrieden sein wird; sie ist ja meine Schwester da sie die Deinige ist; es soll an nichts fehlen. Sei also ruhig auch über mich u. meine Gesundheit. Ich bin in diesen 8 Tagen sonderbar gestärkt worden u. fühle nichts mehr von der innern Klein[mut,] die mich sehr drückte. Alles ist wie weggewischt. Den letzten trüben Abend da ich zu Bette ging schlug ich auf: »Sei getrost u. unverzagt, ich will dich nicht verlassen [noch] von dir weichen. Laß dir nicht grauen u. ent[setze] dich nicht, denn der Herr dein Gott ist mit dir [bei] allem das du tun wirst. Ja ich rief dich bei deinem Namen u. nennte dich da du mich noch nicht kanntest.« Seit diesem himmlischen Zuruf bin ich sonderbar heiter; es dünkt mich daß diese Worte besonders Dich angehn – u. ich denke jetzt nicht mehr mit Sorgen sondern mit Hoffnung an Dich. Deinen letzten Brief vom 21. März habe ich vorigen Montag erhalten, u. ich danke Dir herzlich dafür. Aus Vorsorge, wenn Du noch in Rom sein könntest, habe ich Dir heute nochmals dahin geschrieben, aber zugleich Einsiedel bitten lassen Dir den Brief nachzusenden, wenn Du abgereist wärest. Ich fürchte immer daß Du mir die Adressen zu spät schickest u. Dich meine Briefe an den Orten nicht mehr treffen werden. Aus Deinen nächsten Briefen werde ichs sehen. Frage indessen immer auf den Posten nach in Bologna, Ferrara, Venedig, u. Trient; u. mache Bestellung daß Dir der Brief, falls Du ihn nicht vorfändest nachgesandt werde, ich will nicht bestimmt sagen daß ich Dir an jedes dieser Orte schreiben will; Deine nächsten Briefe werdens entscheiden ob ich Dir notwendig antworten muß. Mich freuets nur, daß ich der Reise nach Carlsbad, die einige Woche mir wie ein Traum vorschwebte, entledigt bin. Nötige mich auch nicht dazu, mein Engel; es wäre Sünde u. Verschwendung die mich hernach doch peinigen u. gar krank machen könnte. Brauche Du das Carlsbad mit Segen u. Freude u. kehre neugebadet zu den Deinigen zurück. O könnten wir Dir ein glückliches Leben bereiten! Lebe wohl Du Guter. Die Kinder küssen Dich tausendmal. Sie sind alle wohl u. heiter u. sind im Garten. Der Schnee ist endlich weg u. es ist warmes Wetter. Zinserling ist völlig wohl u. predigt wieder. Lebe wohl wohl zu Tausendmalen. Ein guter glücklicher Genius begleite Dich Schritt vor Schritt zu uns! C. H. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 10. April 1789. Mein EinzigGuter. ich habe Dir in meinem letzten Brief vor 8 Tagen vergessen zu sagen, daß ich nun den nächsten Brief nach Florenz poste restante adressieren will. Ein solcher ist nun Heute dahin abgegangen à Mons. Herder Surint. Gener. des Egl. du Duché de Saxe Weimar. Ich benachrichtige Dich hierüber, falls Du durch ein Hindernis noch in Rom aufgehalten würdest. Zugleich melde ich Dir mit Vergnügen daß es mit meiner Gesundheit wieder so gut gehet daß ich nicht mehr huste. Rhabarb. Pillen u. China haben mich völlig hergestellt. Die Paar Tage heitres Frühling Wetter hat auch dazu beigetragen. Mein innres Leben ist wieder aufs neue gestärkt; u. den Gedanken des Carlsbades habe ich völlig fallen lassen; u. das aus drei guten Ursachen. Erstl. ist es nicht mehr nötig; ich u. Gottfr. sind völlig hergestellt. Es war bei mir auch viel Hypochondrie die durch Unruhe u. Gedanken erregt worden war, aber nun völlig getilgt ist. 2tens wollen wir das liebe Geld sparen, welches höchst notwendig ist; u. 3tens kommt Deine Schwester entweder im Mai oder Juni; u. es wäre für sie kränkend wenn ich gleich verreisen oder gar nicht da sein würde. Brauche Du also in Gottes Namen das Carlsbad allein u. eile dann zu uns! Deinen lieben Br. vom 21. März habe ich vorigen Montag erhalten nebst Inlage an Fr. v. Fr[ankenberg]. Es wundert mich, daß Du Deine Abreise noch nicht bestimmt hast. Deine lieben Stanzen habe ich den Palmsonntag nachmittag gelesen ach laß mich kein Wort darüber sagen Du EinzigGutes Treues Herz – jedes Wort geht mir durch die Seele u. ich darf sie nicht oft lesen. O wir wollen dem guten Gott vertrauen, er weiß durch das Bittre uns zu stärken u. zu erquicken. Ich habe die Stanzen der Fr. v. Fr. geschickt u. sie haben ihr auch das Herz zerrissen. Die [kleinen] Gedichte will sie mir nächstens schicken. [...] Vorgestern träumte mir, ich besuchte Dich in Neapel; die Herzogin war sehr gnädig gegen mich, Du selbst stundest am Fenster kamst aber nicht zu mir, da ging ich zu Dir u. reichte Dir die Hand u. Du gabst mir die Deinige. Nun wollte ich gern das Meer u. den schönen Himmel sehen den ich durch die Häuser sonderbar blaugolden glänzend ein wenig erblickte ich wurde immer begieriger darauf, denn so etwas hatte ich noch nie gesehen, Ihr zögertet aber u. ich erwachte. Wenn Du nicht mehr in Rom bist, so wird Dir Einsiedel diesen Brief nachsenden. Gottes Engel begleiten u. behüten Dich Du Einzig guter Lieber. Die Kinder küssen Dich zu tausendmal; sie sind spazieren bei dem schönen Wetter. O möge Dein Gemüt u. Dein Geist heiter u. glücklich sein. Gott mit Dir Du unser Alles! C. H. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 10. 4. 1789 [?] Liebster Vater. Ich danke Ihnen tausendmal für ihren lieben goldnen Brief, und suche ihre so schöne Beschreibung von Tibur und den Villen der alten Helden, Philosophen und Dichter. O könnte ich doch Ihnen auch was angenehmes, was erfreuendes schreiben! nichts weiß ich zu schreiben, als daß ich Sie liebe und immer lieber bekomme, wenn wir einen Brief von Ihnen bekommen, und daß ich alles tue was Sie, liebster Vater nur haben wollen, daß immer meine Gedanken um sie schweben, und mein Herz voll Dank und Gehorsam immer bei Ihnen ist. Haben Sie mich lieb und denken Sie auch oft an mich. Nächstens werde ich ihnen die Übersetzungen von den beiden Oden des Horaz schicken, und mehr schreiben als heut. Ich freue mich daß es Ihnen wohl gehet und Sie jetzt alles ruhiger sehen können. Schreiben Sie uns nur gleich wenn Sie die Bibliothek des Vaticans gesehen haben, die Sie doch bald sehen werden, und erzählen Sie uns recht viel davon. Leben Sie wohl liebster, bester Vater, und haben Sie lieb Ihren gehorsamsten und Sie zär[t]lichst liebenden Sohn Gottfried Herder. J. G. Herder an Caroline Herder [Rom,] Am stillen Sonnabende [11. 4.] 89. Eben kommt Dein lieber Br., holde gute Seele, auf den ich wie auf Engel gewartet habe zum morgenden Ostertage; und siehe da, er durchbohrt mir das Herz, daß ich Dich, gutes liebes Gemüt, mit Etwas beleidigt habe. Ich weiß wahrlich nicht womit? denn was ich dir über G[oethe] schrieb (ich erinnere es mich eigentlich nicht) war doch im mindesten für Dich kein Vorwurf, vielweniger daß es Deine liebe Seele bitter kränken sollte. Gott weiß, daß es mit keinem Gedanken böse gemeint war; u. wenn ich was wollte, wars, Dir meinen Gesichtspunkt über diese Dinge mitzuteilen, u. Dein Herzensgutes, rasches Gemüt zu dem meinigen zu lenken. Es kränkt mich also, daß Du meine Worte so hart gegen Dich aufgenommen hast; lies den Br. nochmals über, u. Du wirst ihn gewiß gelinder finden. Wie in der Welt habe ich Deine gute Meinung verkennen können, daß Du mir die Szenen aus Taßo abgeschrieben hast, mich damit zu erfreuen? Die Absicht ist doch wahrlich unverkennbar, u. wenn ich etwas dagegen hatte, wars, daß Du Deine herzlichen lieben Augen u. Dein Gemüt anstrengtest. Verzeihe mir also, beste Seele, nur noch jetzt zum letztenmal; ich will auch jetzt, da Du mit Recht sagst, daß die Entfernung alle Worte hart u. schwer macht, sie mehr auf die Waage der Vernunft legen; denn auf der Waage der Wahrheit u. Liebe gegen Dich haben sie immer gelegen. O Gott, was hilft es uns, daß wir einander kränken; laß uns doch, wie gute Kinder u. herzl. Eheleute an einander treu u. fest glauben, u. alles mit Liebe annehmen. Gott im Himmel weiß, was ich darum gäbe, wenn ich Deinem lieben Gemüt den einzigen Stachel entnehmen könnte, der jedes meiner Worte so ernst aufnimmt. Liebster Engel, Du kennest mich ja, u. weißt, wie treu u. ganz ichs mit Dir meine, daß ich Dir alle mein Glück verdanke, u. diesen Dank, das weiß Gott, ewig im Herzen fühle. Ich habe ja auch darin in Dir ein seltnes u. auf der Erde vielleicht einziges Glück, daß ich Dir alles was ich denke, u. wie ichs denke, als einem Mann u. meinem Freunde sagen kann: Du bist ja mein bester u. in alle diesem Einziger Freund auf der Erde, bists so lange gewesen, u. ich habe Dir nichts umwickeln, oder verbergen dörfen u. können; wie ists möglich, daß die Entfernung uns etwas von dieser Herzensoffenheit nehme? Aber Du hast Recht; ich sollte nicht so scharf urteilen, u. ich wills lieber gar nicht mehr tun. Eben da ich heut die Br. zusammengepackt habe, habe ich so viel wahre Erweise von G[oethes] männlicher Treue, Freundschaft u. Liebe gegen mich gefunden; daran will ich mich halten; was geht mich übrigens seine Privatvorstellung an. Ich habe gnug an mir selbst zu richten, daß ich nicht gerichtet werde. – Also heitre Dich auf, liebes Herz; alle meine folgenden Br. werden Dir gesagt haben, wie unverrückt ich bei u. mit Deiner Seele wohne. O Gott, wie dauert es mich, wie Du den Winter durchlebt hast. Auch daran bin ich Schuld; indessen er ist vorüber u. fröhlichere Zeiten, Zeiten der Jugend u. ersten Liebe, erwarten uns nach dieser langen, sinnlosen Trennung. Das weiß ich u. hoffe es vom Himmel, ja ich sehe die Erfüllung selbst in dem Schicksal, das er uns vorbereitet. Nur noch einige Schritte der Mühe laß uns tun, liebes Herz, u. sie nicht achten; das einzige Gut, wozu ich aus Italien zurückkehre, ist mit Dir u. in Dir u. mit den Meinigen, vernünftig u. freundlich zu leben. Zehntausend andre Dinge habe ich abgestreift; Buhlereien u. was sonst zum öden Tande der Welt gehöret, Hofgunst u. f., selbst manchen Quark schöner W[issenschaften] u. K[ünste]. – Mein Zweck ist für uns u. die unsrigen zu leben, u. die Vorsehung scheint mir wirklich entgegenzukommen, mit der neuen Sphäre, die sie mir anweist. Ich schreibe das letzte nicht als Entschluß, ich muß erst Deine Meinung hören, holde Liebe, sondern als Traum u. Ahndung. Gebe Gott, daß es ein glücklicher, guter Traum sei. Gräme Dich also nicht, arme Verlassene; u. am meisten gräme Dich um das Geld nicht. Ich habe Geldes gnug, u. habe auf meiner Reise wenigstens Kleider erbeutet, wie jene Israeliten in Aegypten. Anhänglichkeiten lasse ich in Italien nicht nach: der guten Angelika Feundschaft, (sie grüßet Dich schwesterlich u. herzlich) achte ich für einen wahren Gewinn des Lebens u. sie wird mir, als ein reines u. geistiges Gut, auch über die Alpen folgen. Wenn ich von hier weggehe, weiß ich noch nicht: Deine Br. nach Florenz wirst Du am besten a la poste restante bezeichnen: denn ich habe noch keine nähere Adresse. Sodann findet es sich schon weiter. In 14. Tagen hoffe ich gewiß von hier wegzusein, u. will, sowohl mit der Campagna als sonst, eilen was ich kann; gewisses kann man nichts sagen, weil alles vom Wetter abhängt. Indessen genieße Du den Frühling mit unsern Kindern fröhlich u. in Hoffnung; genieße ihn auch für mich u. in meine Seele: denn ich werde ihn wahrscheinlich in W[eimar] nicht mehr durchleben; ich habe lange gnug wie ein armer Einsiedler das Tal längst der Ilm durchwandert. Durchwandre Du es jetzt noch zu guter letzt; mein Geist wird Dir manchmal darin, freundlich u. Liebevoll erscheinen. Denke daran, wo wir bisweilen saßen, {größerer Textverlust} allmählich zum Abzüge; so wird uns nachher das Scheiden desto leichter. Wunderbar, daß ich Alles vor meiner Abreise so angesehen u. vorläufig abgemacht habe, als wenn ich nicht wiederkommen sollte. Allmählich geht mir jetzt der ganze Traum meiner Reise, der mir bisher immer als eine Art Sinnlosigkeit vorkam, auf, u. ich sehe, das Schicksal gängelt uns als Kinder u. präperiert uns zu andern Klassen u. Stationen. O daß ich schon Einige De{iner Briefe} über diesen Punkt hätte; ich sehne mich darnach, wie nach Boten Gottes, wie nach Herolden einer himmlischen Stimme, die Dir sprechen wird, wie mir. Lebewohl u. küsse die Kinder. Und sei fröhlich, liebes Herz, Du Seele meiner Seele; ich küsse Dir demütig u. abbittend Deine treuen Knie, die ich in Deinen Geburtsschmerzen hielt u. so oft mit Freude u. Liebe umfaßte. Lebe wohl, liebe reine u. treue Seele. Dein unwürdiger H. P. S. Grave ist hier; er ist zu der Musik der H[eiligen] Woche, die, wie bekannt, in Rom einzig ist, hier angekommen u. wird wahrscheinlich mit nach Napel reisen. Er logiert nicht bei uns, u. ich bin gewiß, daß die Herz, sich mit ihm so {Textverlust} daß seine Ankunft, eines Sängers, wie es {Textverlust} Folgen sein {Textverlust} Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 13. April 1789. Mein Lieber Einziger, ich habe gestern Abend Deinen lieben Brief vom 28. März erhalten, u. er hat mich sehr erquickt u. gestärkt, besonders Dein Gefühl über den Ruf nach G[öttingen] – wie es auch kommen mag; ich ruhe nur in Deinem Willen; wenn u. wo Dir wohl ist, da ist mir auch wohl. Deine Abreise scheint sich noch zu verzögern indem Du mir in den 2 letzten Briefen nichts bestimmtes davon schreibst. Verzeihe meine Voreiligkeit, daß ich schon nach Florenz adressiert habe. Es steht nichts im Brief das Dir zu wissen notwendig sei, u. er kann Dich dort erwarten. Wie gerne gönnte ich Dir noch einige Wochen Balsamische Luft in Neapel – übereile Dich nicht zu uns liebes Herz u. laß Dir wohl sein, wo es Dein Gemüt u. ganzes Wesen bedarf. O wie danke ich Gott daß er Dir die treffliche Angelica gezeigt u. gegeben hat. Ja ich gönne Dir, Du mein EinzigGuter, dieses reine schöne Glück, u. ich teile es mit Dir so inniglich treu, wie Du mich ja kennest. Alles was Du mir von ihr schreibst ist mir teuer u. heilig. Sage ihr wie ich sie liebe [u.] wahrhaft verEhre. Genieße des zarten Glückes, sie zu kennen – wie jammert mich jetzt die Kürze Deines Dortseins! ach was können wir Dir hier geben! – doch davon jetzt nichts. Es wird Dir nicht unangenehm sein daß ich Dir selbst Nachricht von der Niederkunft unsrer guten Herzogin gebe. Sie ist diese Nacht um ein uhr durch Starke von einem toten Prinzen der noch einige Lebenszeichen von sich gegeben, entbunden worden. Sie soll viel ausgestanden haben; doch befindet sie sich wohl, ist aber, wie mir die Stein schreibt, über diese fehlgeschlagne Hoffnung sehr betrübt. [...] Der Herzog ist in Aschersleben gewesen, u. diesen Mittag um 1 uhr eingetroffen. Wir hatten schönes Wetter bis gestern Mittag, da ein heftiger Regen, u. heute Regen mit Schnee kam, als ob der Himmel mittrauerte. Bei solchen Vorfällen muß man, wie die Griechen, an das unvermeidliche Schicksal, dem Jupiter selbst unterworfen war, glauben, u. den Schmerz im Stillen tragen; u. doch kann ich nicht umhin zu sagen – o warum hat sie mich nicht auch zu sich gerufen! [...] J. G. Herder an Kardinal Stefano Borgia Rom, 14, 4. 1789 Viro Eminentissimo, Stephano Borgia S[alutem] P[lurimam] Benigne ac humaniter, Vir Eminentissime, Serenissimae Ducissae Saxo-Wimariensi nuper promisisti, illi, dum adhuc es in Propaganda Tua, monstrare velle res instituti huius, cuius Praesul meritissimus fuisti, adspectu et memoratu dignas. Si cras, i. e. die Mercurii ante meridiem Tibi horula superesset ab negotiis vacua, pergratum foret Ducissae nostrae, Te salutandi ductumque Tuum in hac Propaganda, quae haereticis nobis etiam instituta est, sequi. Si Tibi convenit, vir eminentissime et humanissime, verbulo tantum unico notam mihi facias horam, qua Te adeamus; simulque indulgentissime excuses, Tecum me scripto loqui, cum meum esset, Te de persona salutare. Ast praesentia mea intempestiva turbam Te nunc salutantium interpellere nolui, cum certus sim, Te de mea in Te observantia, quae ita summa est, ut nec mitra extollere, nec cauda purpurata elongare eam potuerit, minime dubitare. Vale, optime vir, mihique cultori Tuo observantissimo fave. XIV. April. Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den Tag nach Ostern [15. 4. 1789]. Dein gestriger Br., lieber Engel, vom 27. März hat mich sehr bestürzt u. bekümmert; denn Teils was Du von Deiner Krankheit sagst, Teils Deine Hand u. der abgebrochene Ton Deines Briefes machen mir Furcht, Du habest etwas verschwiegen. O liebe Seele, sorge doch vor Dich recht ernstlich, u. sei fröhlich u. gutes Mutes wegen der Zukunft. Die wenigen Monate, da ich zu Dir komme, gehn ja wie ein Traum vorüber; auch die Mühe, die Dir unser Abziehen u. dortiges Einrichten macht, fodern Deine Gesundheit. Nimm Dich doch mit Ruhe u. Hoffnung zusammen: ich bin gewiß u. überzeugt, Gott wird für uns Alles zum Besten wenden. In der Nacht vom Montag auf den Dienstag, d. i. auf gestern sähe ich u. hörte Dich im Traum bitterlich weinen; ich schriebs dem letztempfangenen Briefe von Dir zu, daß der einen solchen Eindruck in mir zurückgelassen u., wie bei mir gewöhnlich, in der 3ten Nacht sich durch Bild u. Sprache zeige. Ich glaube es auch noch, u. hoffe es von unserm Gott, er werde uns auch die letzten Schritte zu einander gesund u. glücklich überstehen helfen, daß wir uns einander freudig u. munter wiederfinden, um uns nie mehr von einander zu trennen, in diesem u. jenem Leben. Denn alle Trennung auf die Länge tut doch nicht gut: man muß auch die Bürden des Lebens gemeinschaftlich u. fest an einander tragen u. aushalten; welches wir denn auch tun wollen, u. ich kann mich nicht irren, die folgende Zeit, wenn wir einige Schritte getan haben, muß eine gute Zeit für uns werden. Wir sind jetzt beide geheilet, u. Gott wird uns die Gnade geben, fürjetzt u. künftig uns zu leben u. nicht andern. O daß ich schon einen Br. von Dir hätte, was ich in Gött[ingen] fordern soll, u. wenn wir uns in Carlsb[ad] antreffen wollen; im ersten Punkt schwanke ich zwischen 1800. u. 2000. Tl. (Du wirst meinen Br. über das Andre, was ich noch dazutun will, nämlich 100. L[ouis]dor Antrittskosten u. die freie Doktorprom[otion] erhalten u. gewiß schon beantwortet haben:) vom 2ten Punkt, wenn wir uns antreffen wollen, hängt die Direktion meiner Reise ab; ich wollte, daß ich auch darüber schon etwas wüßte. Übrigens habe ich nicht Lust, mich in W[eimar] lange zu verweilen. Bringe in Ordnung, was Du kannst, so komme ich als ein Fremder dahin u. kann als ein Fremder von dannen ziehen. Auch wollte ich, daß mit G[öttingen] von jener Seite alles abgemacht würde, so lange ich auf der Reise bin; das denn notwendig zuerst abgemacht sein muß, damit wir dort von dieser Seite keine Trödelei haben, u. ich vielleicht schon mit Michael frisch anfangen kann. Der Winter wird unter dieser neuen Arbeit, wie ein Traum vergehn u. ich habe von ihr eine gute Vorahndung. An nichts fehlt es mir, als am Zustimmen Deiner Seele, an Deinen Briefen, die die Wegweiserinnen meines Lebens sind, wie Deine holde u. treue Stimme es immer sein wird. Die gute Volgst[ädt] ist also von hinnen. Ich war u. bin äußerst betroffen, u. schäme mich, daß ich die gute Seele so wenig gegrüßt habe. Grüße die Schwester, u. tröste sie, wie Du kannst, auch von mir. Sie ist mir nicht erschienen, die Abgeschiedene, die an uns wirklich so viel Teil nahm; tue sie es, wenn sie mir ein gutes Wort von Dir zu sagen hat; ich will sie gleich darum fragen, u. ihr meinen Dank für ihre Liebe aufs herzlichste sagen. Ihr Abschied ist mir, wie so manches andre, ein Zeichen, daß uns das Schicksal von W. ruft; unter welche Zeichen auch das neue Avancement gehöret. Ich fühlte so ganz in dem Augenblick, daß ich nicht mehr unter der Zahl dieser Männer stehe, u. so begegnen mir von allen Seiten Winke. Glaube, lieber Engel, das Schicksal meint es wohl mit uns; es faßt mich ordentlich ein innerer Schauer, wenn ich so manches Fügen hie u. da betrachte, u. mich wie im Gespinst höherer guter Wesen fühle. Sie sind klüger als wir; offenbar; wir wollen gegen sie u. gegen uns treu handeln. Die gute Angelika grüßt Dich herzlich. Sie hat mir am Iten Ostertage den Ring für Dich geschickt, mit dem ich siegle; ich soll ihn nur diesseit der Alpen als mein ansehn u. Dir ihn sodann von ihr schwesterlich geben. Niemand weiß von dem frommen Geschenk als sie u. Reifenstein, der ihn bestellt hat. Er legt das Symbol, (das wahre Kennzeichen ihrer reinen, verschwiegnen u. zarten Seele) auf seine Art so aus, daß Freundschaft u. Liebe, wie er sagt, die Nahrung der Seele sein; ihr Sinn ist aber wohl der, daß ihr Seelchen, als ein Schmetterling auf dem Myrtenkranz, auf unserm Bande der Freundschaft u. Liebe ruhe, u. auch abwesend unter uns schwebe. Sage niemande davon etwas; nimm aber das liebe, gute Andenken wohl auf; eine zartere, reinere Seele gibts schwerlich auf Erden: sie hat als ein frommes Opferlamm ihrer Kunst von frühester Jugend in der wunderbarsten Geschäftigkeit gelebt u. lebt (jetzt nahe dem 50. Jahr wie ich glaube) noch so. Sie hat eine herzl. Liebe zu mir gefaßt, u. ich liebe u. verehre sie ordentlich wie eine Heilige. Glaube indessen nicht, Herzensweib, daß mich die Freundschaft zu ihr nur einen Tag länger in Rom halten werde, als recht ist; sie würde selbst die erste sein, die mir die Reise anriete, wenn sie mich müßig sähe: denn sie hat bei aller ihrer Zartheit einen sehr klaren Sinn, der sie in Allem leitet u. eine sehr männliche Seele. Auch ich nehme mich selbst vor aller zu großen Teilnehmung in Acht, u. sehe die ganze sonderbare Fügung dieser Freundschaft nur als einen Keim für die Zukunft an, Trotz aller Entfernung, u. als einen Lohn meiner Reise für so lange leere u. öde Zeiten. Nimm sie auch so an, liebe Seele, ihr Dasein weckt endlich auch die späte Klugheit in mir auf, für mich u. Dich u. die Meinigen still u. fleißig zu leben, oder vielmehr ich werde auch durch sie darin bestärkt, da mich alles dazu aufzufodern scheinet. – Lebe wohl, Herzensseele, u. küsse die Kinder. O daß Dich, treue Liebe, dieser Br. gesund u. fröhlich anträfe, u. den Gottfried auch u. so die ganze Herde. Lebewohl, Herz; lebewohl Gottfried, Aug., Wilh., Adelb., Luischen u. Emil; bald sehe ich Euch, bald sehet Ihr Euren Vater. Gott befohlen. Grüßt Alles; die Uhr schlägt, ich muß mich anziehen u. mit der Herzogin in die Propaganda. Lebewohl, treues Herz u. behalte mich lieb, wie ich Dich liebe; u. sei gesund, gu{t} u. fröhlich, fröhlich in Hoffnung. H. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 17. April 1789. Ob ich gleich vorigen Posttag geschrieben habe, lieber Engel, so muß ich doch heute wieder schreiben; ich bin gestern Nachmittag bei der Herzogin gewesen; unser einziger Trost ist daß sie selbst sehr wohl ist. ich habe aber eine wehmütige Stunde bei ihr gehabt; so innig tieftraurig habe ich sie noch nie gesehn. Wenn ich an sie denke möchte ich um sie weinen. Sie hat mir mit einer Herzlichkeit aufgetragen Dir für Deinen guten Brief zu danken; sie habe Dir noch antworten wollen; ich soll Dir Alles erzählen – Du habest ihr geschrieben »sie solle glauben daß der liebe Gott sie lieb habe – jetzt könntest Du sehen, obs so sei? [...] Sie erschien mir gestern wie ein höheres überirdisches Wesen. Aber bitter beklagt sie ihr Schicksal, das soll ich Dir sagen – u. ob es nicht ein äußerst hartes Schicksal sei? ich sagte ihr, der l. Gott sei doch gütig gegen uns daß er bei diesen 2 Gefahren uns nur die kleinste zugeschickt hätte; nein, antwortete sie, die große ist geschehen, die kleinre nicht; es wäre besser ich wär im Blutsturz geblieben damit der Herzog eine andre Frau heuraten könnte. Dies sind wie Du siehst, augenblicklich schmerzhafte Empfindungen die Gott u. die Zeit mildern werden. Ich habe ihr klar u. deutlich bewiesen daß ja keine Prinzen notwendig da sein müssen. Ja wenn man das schlimmste annähme, daß der Erbprinz nicht leben bleibt (wie es doch eben nicht wahrscheinl. ist) so stört es ja ihr u. des Herzogs Glück nicht – es ist ja nur immer ein patriotischer Wunsch fürs Land. Und wenn sie beide tot sind was liegt ihnen im Grabe daran, wer nach ihnen regiert. O schreibe ihr doch ein gutes trostvolles Wort. [...] Ich suchte Balsam hervor wo ich wußte, aber sie ist sehr tief verwundet. Das Einzige kann ich mir selbst nicht verzeihen daß ich diesmal nicht hinaufgegangen bin, ohngerufen. Der Erbpr[inz] kam tot u. dies Kind kam lebendig – u. ich weiß, daß durch meine unermüdete Anhaltsamkeit der Erbp. zum Leben kam, da schon die Umstehenden anfingen zu verzweifeln. Das ist nun einmal Schicksal u. nun vorüber. Der Herzog beträgt sich sehr gut gegen sie, das sagte sie selbst. Sie will mich bald wieder zu sich rufen lassen, u. das soll mich freuen – ich kann Dir nicht genug sagen wie herzlich sie von Dir sprach – es war als ob Du allein sie verstündest u. alles erklären könntest – noch nie habe ich sie so weinen sehen wenn ich daran denke so muß ich weinen. Gewiß sie ist die Krone u. das Edelste von dem was wir kennen, u. ich fühle recht wie ihr Gemüt im Leiden uns nahe ist u. uns liebt. O wie oft habe ich gewünscht daß Du jetzt hier wärest! Meinen Brief vom Charfreitag wirst Du erhalten haben. Meine Gesundheit ist sehr gut. Husten u. Hypochondrie ist alles weg. Gottfr. ist sehr wohl, er nimmt zu u. die Leute sagen ich werde auch stärker. Was Du mir also auch auf meine Wünsche wegen dem Carlsb. antworten wirst; so bleibt es dabei daß ich nicht komme; denn es ist völlig unnötig ja ich möchte sagen auch unnütz. Gottlob daß ich wieder Mut u. Gesundheit habe das beides durch den langen Winter, durch die Unruhe u. Erkältung des Nachts bei Gottfr. u. die ängstliche Sorge über Göttingen so niedergedrückt ward. Alles ist nun wieder gut. Indessen ist meine Seele bei dem unerwarteten Schicksal der Herzogin sehr beunruhigt gewesen u. ich habe einige Nächte ängstlich geschlafen u. geträumt. Da die Psychologen die Träume als eine Fortsetzung wachender dunkler Ideen halten, so gebe ich nichts mehr auf Träume, ich will Dir aber doch den erzählen den ich jetzt vom Oster Montag auf den Dienstag träumte; ich nahm mirs gleich beim Erwachen vor u. wills nicht unterdrücken. Es war als nahmst Du mich abermals nach Neapel mit um mir das Unvergleichliche zu zeigen. Anstatt mir aber das Meer u. den Himmel zu zeigen, führtest Du mich in eine elende Straße voll Bettler u. sagtest mir Siehe für diese Leute, ist das Land gemacht! wir gingen die Straße auf u. ab; es war wie Jahrmarkt; da waren Leute die spielten Hazardspiele, sie legten Holz übereinander, zündeten es an u. wenn es abgebrannt war, lag Gold darunter, ich sagte zu Dir: mache es auch so. Da antwortetest Du: o nein, das ist mir zu niedrig. Plötzlich warst Du nun von mir weg, ich suchte Dich sehr ängstlich – rufte Dich laut, u. es war mir als ob Du mich vorsätzlich verlassen hättest – Du kannst Dir denken wie mir war, u. zum Glück wachte ich auf. Siehe, Du könntest mich doch noch zur Ariadne machen! Ich muß nun freilich bekennen, daß ich einige Deiner Briefe u. die Stanzen vor Schlafengehn gelesen hatte – ich war auch den ganzen Tag über die Niederkunft sehr bewegt – dieser Traum kann also keine Deutung haben – aber ich wünsche dennoch nicht daß Du durch irgend einen Anlaß wieder nach Neapel gingest; darum habe ich mirs vorgenommen es Dir zu schreiben. Emilchen ist mein rechter Engel; er lernt das Lied: Ich singe dir mit Herz u. Mund p da las er gestern, da ich eben in Gedanken war, mir den Vers Was kränkst du dich in deinem Sinn u. grämst dich Tag u. Nacht, Nimm deine Sorg u. wirf sie hin auf den der dich gemacht. Ich hoffe nun gewiß liebes Herz, wenn Ihr die Campagna gesehen habt, daß Du Deine Rückreise froh u. glücklich antreten wirst – ja vielleicht findet Dich dieser Brief schon darauf. Mehr als jemals sehne u. atme ich nach Dir. Du meine Stütze u. mein Alles – Du gibst mir Leben u. Dasein! o wie verlange ich nach dem Brief, der mir Deine Rückkunft meldet. Noch habe ich vergessen Dir zu sagen daß der Herzog mir gestern bei der Herzogin viele Komplimente an Dich aufgetragen – »schreiben sie ihm noch, daß er das Postgeld recht an mir gespart hätte.« Das war nun freilich wahr, u. ich konnte ihm nichts dagegen sagen. Goethe u. Knebel, die Kalb, Steinin u. Schardt grüßen Dich. Du kannst denken wie uns allen zu Mute ist. Auch die Gräfin Bernstorf bei der ich den ersten Ostertag war, grüßt Dich sehr angelegentlich; sie war gar eigends gut; u. sie hat mit Empfindung Deiner gedacht. Kurz alle gute Menschen lieben u. achten Dich. [...] Luise von Göchhausen an Christoph Martin Wieland Rom, 17. 4. 1789 [...] Herder dankt für Ihr gütiges Andenken, diesen werden Sie bald wieder sehn, seine Penelope und kleinen Thelemachs ziehen diesen Ulisses zurück, und er wagt es nicht die Syrenen noch einmal singen zu hören. Möge es ihm wohl gehn! die Trennung von ihm wird uns weh tun. [...] Johann Wilhelm Ludwig Gleim an Caroline Herder Halberstadt, den 19. April 1789. Kniend vor Ihnen, Herzensmutter, Schwester und Gevatterin, möcht' ich Ihnen abbitten die große Sünde, das Schreiben von Ihnen, das so viel, so viel Vergnügen mir machte, nicht den Augenblick beantwortet zu haben. Bestraft genug bin ich dafür! ich habe von meinem einzigen lieben Griechen in Napel nichts weiter erfahren! O meine Liebe, Teure! bestrafen Sie den armen Sünder nicht noch härter! Er ist ein reuiger Sünder. Richten Sie vielmehr ihn auf, dadurch, daß Sie dem lieben Gottfried Herder aufgeben, alle die nachher eingegangenen Nachrichten abzuschreiben für ihn! Sie glauben nicht, können sichs nicht vorstellen, was für Freude Sie mir machen! Es ist nicht möglich, daß ein Dritter unsern Herder kenne, liebe, ehre, wie Sie und ich. Gott gebe ihm alles, was er wünscht, auf seiner Reise, führ' ihn zurück ins Vaterland gestärkt am Leib, und lieb' uns noch und seine Musen, wie vor der Reise. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 20. April 1789. Gestern Abend erhielt ich Deinen lieben Brief vom 4ten nebst der Abschrift von Heinens Brief, lieber Engel. Sobald ich mich von dem ersten Befremden, als mir H. erster Brief kam, erholt u. ich mein schwaches sorgsames Gemüt beruhigt hatte, waren meine Empfindungen, u. Gedanken, über den Ruf u. über unsre Situation hier, die nämlichen die Du mir aus Deiner Seele schreibest. O Gott wie sind wir in allem nur Eins! Daß das Hannöversche den Vorzug vor Preußen Sachsen u. Holstein hat ist unleugbar – die zarten Fäden an denen wir hier hangen, kann leicht ein Zufall zerreißen; so wie durch 2 u. 4 Augen sich alles hier umändern kann! – Bleibt da noch eine Wahl übrig, das gewisse für das ungewisse zu nehmen? War nicht vor 8 Tagen die Gefahr die H[erzogin] zu verlieren so nah – wenn ich mirs von dieser Seite so wie Deine ganze polit. Situation hier, vorstelle; so sehe ichs als eine Notwendigkeit an, zu gehn. Indessen wäre mirs lieber gewesen zu wissen, was Du über Deine Situation in Gött. u. Dein Geschäft daselbst eigends in Deiner Seele empfindest u. denkest! . Dies ist bei aller schönen Aussicht doch die Hauptsache ob Du mit Lust u. Liebe dies schwere Geschäft noch auf Dich nehmen magst? u. ob u. wie es Deiner Gesundheit zuträglich sein wird? Dies ist der einzige Knote. Magst u. willst Du Dich dahineinbegeben; ist nichts für Deine Gesundheit zu fürchten – so ist nicht mehr zu wählen, liebes Herz; Nun hoffe ich, Du wirst vorläufig an Heyne nur ein unbestimmtes Ja geschrieben haben, u. die Unterhandlung so wie Deinen ganzen Entschluß bis zur Rückkunft verschoben haben. Durch Briefe können wir in dieser Zeit nichts mehr ausmachen. Und über das ökonomische habe ich viel mit Dir zu reden. Wie angehende Professoren kannst Du Dich nicht dorthin verpflanzen, die Einrichtung mit Schulden wieder anfangen, um auf gut Glück künftiger Einnahme, die ersten Jahre mit Sorgen u. Unlust wieder so dahin bringen das geht nicht. Zu einem solchen Anfang sind wir zu alt; was sie durch Deine Person erhalten, müssen sie Dir vergüten; obgleich Dein Gutes nicht mit Geld zu bezahlen ist, so gehört es zur Notwendigkeit Deinen Geist sorgenfrei u. heiter zu erhalten. Dies habe ich alles in den ersten 14. Tagen darüber bei mir beraten u. sogar einen großen Brief an die Berlepsch hierüber aufgesetzt, den ich aber als zu voreilig zerrissen, u. den abgesandt habe, wovon Du eine Kopie hast. Hier weiß schon jedermann von dem Antrag indem es von Göttingen an den Direktor geschrieben worden. Der Herzog hat es durch den Fürst von Dessau erfahren u. Goethe darum gefragt. – Soviel sagte Goethe zu mir hierüber vorige Woche; wenn der Herz. klug ist, so muß er ihn auch nur Jena wegen, erhalten; denn sein Hinziehn nach Gött. ruiniert ihm Jena. – Wie es auch kommen mag, diese Sache kommt von Gott u. nicht von ohngefähr, das fühlst Du so innig wie ich – Gott bringe Dich nur glücklich u. bald zu uns damit wir darüber sprechen können. Das schreiben, um nach 5 Wochen Antwort zu erhalten, ängstet mich. Dein Stillschweigen über Deine Abreise von Rom ängstet mich gleichfalls. Diesen Brief, der den 10. Mai nach Rom käme, kannst Du ohnmögl. mehr dort erhalten. Ich fürchte Du kommst in zu große Hitze – da Du die Abreise so sehr aufschiebest – von einem Posttag zum andern erwartete ich Adressen die Du mir senden wirst, aber vergebens. Ich bitte Dich herzl. herzlich, bedenke doch die gute Zeit u. Deine Gesundheit. Der Frühling wird bei uns so schön – in Rom muß es schon heiß werden. Vorigen Posttag habe ich Dir noch einmal nach Rom unter Buris Adresse geschrieben, ich mag u. will nicht denken daß Du noch dort bist – Sei mir also tausendmal willkommen auf Deinem Wege zu uns. Mit süßem Glauben an Deine Liebe u. Güte hange ich an Dir; begleite Dich – erwarte Dich, u. hoffe auf Dich als auf mein Ein u. Alles. Die Herzogin ist wohl, ich bin gestern wieder bei ihr gewesen; sie kann ihr trauriges Schicksal nicht vergessen – es ist auch noch zu neu. Gott wirds ihr ja tragen helfen. Fr. von Fr[ankenberg] hat der Antrag zuerst auch sehr befremdet; im zweiten Br. aber sagte sie gleich, sie hoffe gar viel Gutes davon, besonders daß Du glücklicher u. freier handeln könnest u. überhaupt unsre ganze Lage dadurch besser werde. Goethe sagte, es ist soviel dafür als dagegen zu sagen – im Ganzen findet ers gleichwohl s[ehr] gut daß es so gekommen ist. Nein, wir haben es nicht verdient, daß ein böses Schicksal uns wegruft. Nein, es ist Gott selbst u. er hat uns lieb. Lebe wohl unser Vater, unser Alles! Gott will Dich belohnen auch meinetwegen. Liebes Herz nimm meinen dumpfen elenden Brief gut auf – ich habe Kopfweh, bin oft gestört worden, habe auch zu Luisgens Geburtstag der den Donnerstag fällt, einiges zu besorgen gehabt – meine Gedanken an Dich – Göttingen pp alles zusammen hat mich unfähig gemacht einen vernünftigen Gedanken aufzusetzen. Der Prinz August hat auch Voltaire geschickt u. sich über Dein Stillschweigen beklagt, dem mußte ich antworten – pp Verzeihe also nochmals meinen Brief mein Kopf u. Gemüt ist heute angegriffen, bis mich der Schlaf wieder erquickt hat. Lebewohl Du mein Einziger; Gott gebe Dir gute u. glückliche Gedanken. ewig Dein. August, Adelb. u. Luisgen küssen Dich u. schreiben nächstens. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, d. 20. April. 1789. Unaussprechlich danke ich Ihnen, für Ihren teuren, lieben Brief, und für Ihre zärtliche Liebe gegen mich, bester Vater, ich verspreche Ihnen aber gewiß die goldne Hygiea auf keine Art zu beleidigen, oder zu verletzen, und Sie sollen mich, so Gott will, gesund wieder finden. – Gebe der Himmel uns bald die Freude Sie wohl und gestärkt bei uns zu sehn! Ich kann mir jetzt nichts angenehmeres denken, als vielleicht das Glück zu haben, bei Ihnen Collegia zu hören, um Ihre Denkungsart und Meinung über so mannigfaltige und dem Menschen heilsame Materien von Ihnen selbst zu hören; o möge der Himmel es wahr machen! gewiß viel Gutes werden Sie dadurch stiften. Ich bin jetzt wieder gottlob recht wohl, geh in die Schule, und habe meine Arbeiten wieder mit Liebe angefangen. Ich werde mit August nächsten Monat das französische anfangen, das ich doch nun auch wissen muß. Leben Sie wohl, geliebtester Vater, und behalten Sie mich lieb. vale, ?áéñå. Ihr gehorsamster und Sie zärtlichst liebender Sohn Gottfried Herder. grüßen Sie Werner. Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 20. April 1789 Lieber Vater Ich bewillkomme Sie in Florentz und wünsche daß Sie möchen gesund von Rom da angekommen sein, und daß Sie immer glücklich und gesund von Stadt zu Stadt möchen fortrücken. Sie kommen uns jetzt immer innäher und es wird auch immermehr Freude werden. Aber eulen Sie ja nicht von so schönen Städten weg, betrachten Sie die Städte, die Sie noch nicht gesehen ja recht damit Sie uns recht viel erzählen können. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Emil Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 20ten abrill [1789] Lieber Vater! Nun sind Sie In Florenz und Kommen sie bald zu uns die Mutter hat mir den Vogelbauer geschenk den [unlesbares Wort] der Carl Er ist gar schön Leben sie Wohl und behalten sie mich lieb. Ihr getreuer Sohn. Emil Herder 1789 J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 22. April [1789] Den letzten Br., den Du an mich nach Rom adressieren willt, habe ich empfangen, süßes Herz, u. sehe also, daß ich 8. Tage hier ohne Deine Br. sein werde: desto lieber werden sie mir sein, wenn ich sie in Florenz finde. Das Wetter hat uns aufgehalten, (u. etwas liegt die Schuld auch an uns) daß wir außer Freskati noch nichts von der Campagna gesehen haben: morgen essen wir beim Kard. Herzan, übermorgen gehts nach Albano: denn wollen wir mit Tivoli, das ich in Einem Tage nur sehr flüchtig gesehen habe, schließen; u. denn eile ich langsam zu Euch, Ihr Lieben. Wohin Du unterwegs Deine Br. adressierst, weiß ich selbst nicht, am besten ists wohl à la poste restante: Florenz, Bologna, Parma, Mailand, sind die gewissen Örter, über die ich reise; ob ich nach Venedig komme, oder über die Schweiz gehe, zur Rechten oder zur Linken, weiß ich selbst nicht. Da ich in Rom 8. Tage über Deine Rechnung bleiben muß (mein Geist hat mich seit Ostern unaufhörlich fortgetrieben), so kann ich allenthalben Br. von Dir finden, u. ich werde nicht unterlassen, an jedem dieser Orte auf der Post anzufragen, u. Dir so fleißig, wie ich Dir bisher geschrieben habe, schreiben. Jedes Rollen des Rades bringt mich sodann näher zu Euch. Ich nehme der Sicherheit wegen noch einen Menschen mit, einen Deutschen, der Göthen hier aufgewartet hat, und seitdem krank gewesen ist, u. sich nach Deutschland zurücksehnet. Er ist ein guter, sicherer Mensch, dem eine große Wohltat geschieht, wenn ich ihn mitnehme, u. mir ists selbst Wohltat. Ich hoffe, Gott wird uns eine sichere, frohe Reise schenken. Deine Gebete, lieber Engel, u. auch die guten Wünsche, die mich von hieraus begleiten, werden mir Schutzgeister sein, u. von meiner Seite solls an Vorsicht u. Behutsamkeit nicht fehlen. Ich bin zwar schon viel gereist, aber Italien mit seiner Reise war für mich ein Einziges seiner Art: meine Rückreise soll hoffentlich nicht so werden. Dein Nervenfieber, liebe Seele, quälet mich entsetzlich; doch hoffe ich wie Du, meine Rückkehr u. Gegenwart, soll uns beiden ein neuer Quell des Lebens werden. Du kannst nicht glauben, wie fröhlich u. guten Muts ich nach G[öttingen] gedenke; u. jetzt um so mehr, da ich sehe, daß auch Dein Genius Dich dahinwinket. Hättest Du mir nur mit Einem Wort geschrieben, was ich fodern soll, ob 1800. oder 2000 Tl.: so antwortete ich Heinen noch aus Rom. Vielleicht kommt noch ein Br. von Dir, daß Dirs ein Genius eingibt auf meine indes empfangenen Br.; wo nicht, so mags warten. Ich weiß wohl, daß wir über 1800. Tl. nicht bekommen; indessen ists der Foderung wert. Ich weiß gewiß, Gott sagt Ja zu unserm Unternehmen u. wir wollen ihm fröhl. folgen. Bereite, was Du bereiten kannst; es ist Dir jetzt weniger empfindlich, als wenn in meinem Dasein der Aufbruch geschehen müßte. Jetzt bist Du fast ein Jahr hin eine Verlassene gewesen, u. ich bin für W[eimar] ein Fremder. Es ist gut, daß der Herz. mich nicht unter seine Avancanten gesetzt hat (wie er billig hätte tun müssen); auch dies Übersehen ist gut u. ein Wink der Vorsehung, als ob wir nicht mehr dahingehörten. Was ich auf meiner Reise vorzüglich gelernt habe, ist, daß man auf alle Art streben muß, in eine Art Aisance zu kommen, u. drin zu leben; u. zwar so lange es Zeit ist; sonst bleibt man mit den Seinen ein Bettler; u. diese Gutmütigkeit wird weder im Gesetz noch im Evangelium von uns gefodert. Alle Welt lacht darüber, u. verachtet u. mißbraucht den gutmütigen Armen. Habe doch keinen Zweifel, liebes Herz, von dem benannten Gelde so viel zu brauchen u. mitzunehmen, als nötig ist. In der Zukunft, bin ich gewiß, wirds uns der Himmel alles geben. Che dubbio? sagt der Italiener. Schreibe mir nur genau, wenn Du in Carlsb[ad] zu sein gedenkst; ich arrangiere darnach meine Reise. Überhaupt wird sich alles dies unterwegens finden. Die 8. Tage, die ich in Rom zugebe, sind auch gutgewesen: seit ehegestern habe ich einen so starken Schnupfen, als ich in Deutschland] mich kaum erinnere gehabt zu haben; der eintretende Frühling ist daran Schuld, u. besser, daß ich {ihn} in Rom habe, als unterwegens. Hier ist ein Br. an Dich von der guten, guten Angelika; es ist ein Engel von einer Frauen, die mir mit ihrer Güte alles siebenfach vergilt u. wegwischt, was mir andre ihres Geschlechts widriges getan hatten. Sie ist aber auch ganz u. gar nicht von dem gemeinen Geschlecht der Weiber, so wenig als Du es bist, wie ich Dir oft gesagt habe: sie ist an Tätigkeit ein Mann u. hat mehr getan, als 50. Männer in den Jahren tun können u. mögen; u. wirklich an reiner Herzensgüte ist sie wie ein überirdisches Wesen. Deinen Kuß habe ich ihr im Br. zu lesen gegeben, ohne ihn abzustatten. Ich habe einigemal ihre Stirn geküßt, u. sie hat unvermutet meine Hand ergriffen u. wollte sie küssen; das ist unser Verhältnis. Ich danke Gott, daß er mich die reine, liebe Seele noch zu guter letzt finden ließ u. ich durch sie ein frohes Andenken nach Italien hin behalte. Sie ist zuweilen bei der Herzogin, d. i. mit uns, u. die Herz. liebt sie ihrer großen Bescheidenheit wegen; auch bei ihr sind wir zuweilen, u. ich bin dort jede Stunde, die ich erübrigen kann. In Frescati war sie mit; sie überraschte uns da, ohne daß jemand es wußte; ich weiß nicht, ob es uns auch in Tivoli so gut sein werde. Habe sie lieb in meinem Namen, lieber Engel: denn sie verdients, die seltne zarte redliche Seele. Dich verehrt sie recht u. wir sprechen oft von Dir, worauf sie denn ganz stille sagt: sie schätze mich u. Dich sehr glücklich. – Die Geschichte, wie sie Dir die Stein gesagt hat, ist gewiß falsch, ob ich gleich die eigentlichen Umstände selbst nicht weiß. Sie wollte sie mir einmal erzählen, kam aber nicht dazu vor tiefem Schmerz, den sie verbiß, auch noch im Andenken. Nimm ihren Br. gut auf; sie ist nicht stark in Worten, aber in Taten eine redliche Seele. Das Ital. u. Engl, spricht u. schreibt sie schön; das Deutsche ist ihr eine seltnere Sprache. Ihre guten Wünsche begleiten mich gewiß, u. ihre Freundschaft gegen uns wird gewiß dauren, solange sie u. wir leben. Dies ist also das Testament meines Herzens aus Rom, natürlicher Weise bloß für Dich geschrieben: denn ich muß u. will Dir alles schreiben, wie mirs ums Herz ist. Lebe wohl, liebe, u. erhole Dich bald u. lies die Stanzen, meine Reisebeschreibung. Auf der Reise will ich einen zweiten Gesang dazu schreiben. Lebt wohl, Ihr Kinder! Ich schreibe aus Rom wenigstens noch einmal u. vielleicht bekomme ich auch noch einen Br. hier von Euch, addio cara. Küsse die Kinder, liebes Herz, der Br. wird zu dick; ich schreibe an sie nächstens. Luise von Göchhausen an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 23. April 1789. [...] Ich beginne mit der Nachricht, die Ihnen gewiß immer willkommen ist, daß es uns nämlich wohl geht. Dazu kommt schönes Wetter und gute Freunde: ergel: Herz was begehrst du? Eine einzige Sache tut mir leid, Herder geht von uns! wenn ich indessen bedenke wie wenig Fähigkeit ihm zum Genuß bleibt, wenn er fern von Weib und Kindern ist, so tröste ich mich. Nur fürchte ich wem's in Rom weh ist, dem wirds nirgend wohl werden. Wir reisen noch zusammen nach Albano und Tivoli, alsdann geht er dahin wo's Sempre nero ist, und wir in unser Herr Gotts schönen Garten, der ihm selbst, so alt er ist, noch bei guter Laune erhält. In unsern guten Vaterland, finde ich, braucht man Lebenskraft meist zum Ertragen, hier bloß zum Genießen; hat man die, für's übrige ist alles gesorgt. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 24. April 1789. Du hast mich heute unvermutet durch Deinen lieben Brief vom Palmmittwoch erfreut, Du mein Einzig Guter, der das Resultat Deiner Empfindungen über Deine eigne Situation in Göttingen enthält; u. dieses endlich zu hören war mir sehr sehr lieb. Ich bin gestern abermals bei der Herzogin gewesen, sie läßt mich jetzt fleißig rufen; da ich noch allein mit ihr war, sagte ich daß Du einen Antrag nach Gött. hättest (ich hielte es nämlich für unschicklich länger zu schweigen da die ganze Stadt voll davon ist.) – unter welchen Bedingungen? frug sie: unter keinen, antwortete ich: mein Mann soll sie sich selbst machen. »So«! rief sie verwundert u. schwieg eine Weile, »was hat ihr Mann beschlossen?« Antw. er will u. muß den Antrag beherzigen; beschließen will er aber nichts bis er hier ist u. mich gesprochen hat. »Weiß es der Herzog?« Antwort ich glaube daß ers weiß, »ich bin überzeugt daß der Herzog alles tun wird um ihn zu behalten.« ich schwieg, bald darauf trat jemand herein, u. unterbrach das Gespräch das eigentlich geendigt war. sie war überhaupt sehr still, u. jetzt stellt sich erst die Schwäche ein. [...] wie ich nach Hause kam fand ich Goethe bei dem Kinderfest. Wir sprachen bald von Gött., wie wir denn schon einigemal davon gesprochen haben. Daß Du den vorteilhaften Antrag beherzigtest u. beherzigen müßtest, sagte ich ihm; er fand es ganz recht; so wie er denn gleich von Anfang den Antrag, als ein gutes Evenement, wir möchten nun bleiben oder gehn, ansah. Er will Dir selbst schreiben den nächsten Posttag, heute kann er nicht. Er dringt aber darauf, daß wir ihn allein von der ökonomischen Seite betrachten u. gebrauchen müssen. In der Verhandlung mit den Hannov. müssen wir mit Recht, das hoch anschlagen, was wir Gutes hier haben – Kurz, in eine Waagschale das Vorteilhafte von G., u. in die andre das Gute von hier legen. Dieses war, nachdem ich mich von der ersten Gemütsbewegung des Antrags erholt hatte, mein eigner erster Gedanke gewesen, der mir nicht von ihm eingehaucht worden ist, ich schwieg Dir aber davon, weil ich Dein Gefühl rein darüber erst hören wollte. – Glaubt nicht, sagte er gestern, daß er dort frei von Verdruß u. Ärger sein wird – er wird überall die Neider u. Heuchler u. wie sie heißen, finden – sein Gemüt bringt er ja überall mit – also von dieser Seite, ists dort nicht um ein Haar besser, als überall. Kurz, laßt nur das Gemüt aus dem Spiel u. bleibt bei dem äußerlichen Vorteil stehn. Der Herz. kann u. darf ihn nicht gehn lassen, er ruiniert sich Jena u. Weimar zugleich. Auch nicht einmal nach Jena wünsch ich Herdern; ich habe ihn zu lieb; er ist zu gut zum Professor; er kennt ihre kleinliche Leidenschaften noch nicht. Es ist gut daß der Antrag gekommen ist, jetzt kann ihm durch das Muß u. mit Ehren ein gutes u. sichres Etablishement für ihn u. die Seinigen gemacht werden, u. die ganze Stadt wird damit zufrieden sein, u. es wünschen. Ich schreibe Dir dies Alles, liebstes Herz, damit Dir keine Gedanken, keine Überlegungen in dieser Sache fremd sein. Wir wollen beides beherzigen. Im Grund kränkts mich doch daß Du ein Professor sein sollst der täglich wie ein Lasttier 4 Stunden lehren soll. Ich glaube wohl, daß es die ersten Jahre Reiz genug für Dich haben wird; kann dieser Reiz aber dauern? Ach wie oft bitte ich Gott, daß er über uns entscheiden möge! wir wollen es hoffen daß ers tun wird, wie Du es sagest – denn Du bist ihm lieb vorzüglich lieb; warum hätte er Dir einen solchen Geist u. Herz gegeben! Ja ich hoffe u. traue darauf. Laß uns in seiner Liebe ruhn u. uns fröhlich u. getrost wiedersehen. An Heyne schreibst Du doch vor der Hand nichts von Bedingungen, bis wir uns gesprochen haben. Es fiel mir in seinem Brief auf, nach dem großen Antrag »Bedingungen sollen u. müssen Sie sich selbst machen« zu lesen nebst 40 Pistolen Anzugs Geld . Aus Deinem heutigen Brief sehe ich daß Dir dieses auch aufgefallen u. Du auf 100 rechnest. Dies war mir lieb zu lesen. Was wirst Du aber sagen, liebstes Herz, wenn ich nun meine, daß wir uns dort neu meublieren müssen von oben bis unten; verschiednes Weißzeug, Silber, Hausgerät, Tafelzeug u. Kleidung anschaffen müssen, daß wir zu alle diesem wenigstens 2000 Rtlr. haben müssen. Wollen wir uns auch mit Hartknoch, dem wir mit Intressen über 500 Rtlr. schuldig sind, ins reine setzen, u. alle die kleinen Posten noch berichtigen, die ich vorige Ostern nicht ganz habe tilgen können, u. sich gegen 500 Rtlr. belaufen – kommt die Summa 1000 Rtlr. heraus. Und warum sollten u. könnten wir nicht 3000 Rtlr. zum Anfang fordern? Wenn Du ihnen ihre theologische Fakultät wieder aufrichten sollst, so können wir von ihnen verlangen daß sie unsre ökonomische Lage dagegen verbessern. Dies alles habe ich einen Sonntag im März, (es war der 15te) so lebhaft gedacht u. berechnet, daß es bei mir fast zur unumstößlichen Notwendigkeit geworden ist. Ja selbst Dein fatales Verhältnis u. Geldaffaire mit Dalb. hat mich dazu ermuntert u. bekräftigt. Den Brief den ich hierüber an die Berlepsch geschrieben u. nicht abgesandt hatte, habe ich gefunden u. Du sollst ihn sehen. Mache Dich jetzt liebes Herz einsweilen mit meinen ökonomischen Gedanken bekannt, u. mache kein unfreundlich Gesicht dazu – der liebe Gott wird uns zusammen helfen u. mündlich wird alsdann alles besser gehn, u. Du wirst mir nicht böse sein, mein Einzig Guter! Liebes Herz, wie sonderbar ich mich an dem erfreue u. erquicke was Du mir von der Angelica sagst, ist unbeschreiblich; ich bin recht zärtlich bewegt u. strecke meine Arme nach ihr aus, um ihr zu danken, für ihre Liebe u. ihr wohltuendes Dasein für Dich. Ja diese heilige Seele hat Dir Gott gegeben, für Dein langes Entbehren eines treuen Gemütes u. Ungemachs in Rom. Alles Gute in der Welt sehnt sich nach Dir u. verbindet sich mit Dir; ist das nicht Vergütung alles Widrigens. Schreibe ihr das Zärtlichste u. Süßeste von mir – Sie ist meine Heilige, meine Engelsschwester – Ach daß mir das Glück nicht gewollt hat, unter einer solchen Seele erzogen zu werden – Jetzt dauerst Du mich, daß Du Rom verlassen mußt. [...] Liebes Herz über G[oethe] u. K[nebel] habe ich sehr klare u. reine Begriffe bekommen. Der erste ist bei Dir jetzt im Schatten, aber ich weiß Du erkennst ihn wieder. K. bleibt ein unstetes unsichres Rohr. Er ist u. mag im Grund gut sein, aber ein jedes Lüftchen beugt u. wendet ihn anderst. Das habe ich in den letzten 4 Wochen zum Erstaunen bemerkt. Er kommt jetzt selten zu mir, ja fast gar nicht u. hängt an der elenden Imh[off] wieder; über Gött. hat er mich noch mit keinem Laut gefragt, die gute Kalbin hingegen, das reine treue Gemüt, frug mich vorigen Sonnab. den Augenblick als sies erfahren hatte gleich. K. macht mir bei jeder Gelegenheit das Sprichwort wahr: bei einer ungewissen Sache erkennt man den Freund. Er hat so ein großes Maul gegen Moritzens Abhandlung gehabt u. da G. einen nur wörtlichen Auszug gemacht u. ihm gegeben hat, da fand er es ganz vortrefflich golden u. verständlich – u. es waren Moritzens eigne Worte u. Zeilen. So liest er immer, mit einem heißen Kopf und so ist er einige Zeit grob u. fremd gegen mich ohne Ursache. G. bleibt sich gleich; er steht auf festem Boden. Mündlich mehr im detail hievon; es schmerzt mich, daß Du Dein Gemüt von ihm abwendest, u. er ist doch der Einzige reingute Mensch hier. Gott begleite Dich. Gott behüte Dich u. wende alles unangenehme von Dir; auch den Sirocco; der mich immer ängstet. Ich bin sehr wohl liebes Herz, Gottfr. auch u. die [andern] alle. Wir küssen Dich Einzig Liebster auf der Welt. Verzeihe daß ich Dir wegen meiner Gesundheit Sorgen machte; o die weite Entfernung! alles ängstet einen [Textverlust] Gott behüte Dich, liebes Einziges Herz. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 4. 1789 [?] Lieber Vater bleiben Sie gesund, und haben Sie mich ferner lieb und kehren Sie hoffend zu uns zurück. August Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 4. 1789 Lieber Vater Dieses Briefchen bekommen Sie in Florenz, wo Sie auch viel schöne Sachen u Denkmäler der Kunst sehen werden. Bringen Sie mir lieber Vater, einen italienischen Pfennig mit, denn ich sammle mir Pfennige aus allen Ländern. H Schäfer läßt Sie grüßen, u auch die Bibliothek, und sie freut sich, daß Sie bald wieder gebraucht werden wird. Leben Sie wohl, das Glück begleite Sie auf ihrer Rückreise. Leben Sie wohl, u behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder. d. 24 t April 1789 Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 24. 4. 1789 [?] Lieber Vater. Ich habe Ihnen heute recht viel zu erzählen. Gestern war mein Gebutstag da war der große Tisch gedeckt in der Mitte waren eine Brezel u. 2 Torten. Von Ihnen und der Mutter bekam ich ein neu weißes Chemischen mit blauen Bande u. ein weißen Hut mit einem Kranz Von Vergißmeinnicht. Das kleine Kästchen Vom Carl und den Schweizer Kalender. Vom Gottfried eine Bibel Gellerts fabeln u. Zeichnungen. August eine Nadel büchse Volks Märchen u. Psalter. Wilhelm baumwolle zum stricken Stricknadeln u. eine kleine Waage 1 Orbis Pictus und ein Katechismus. Adelbert ein Messer ein Bleistift u. Papier. Emil Schnü Bänder Papier eine Rose u. die Leselehren, was ein jedes darzu geschrieben liegt hierbei. Den Nachmittag kamen Mähten u. da spielten wir recht hübsch. Nun Freuen wir uns alle das Sie Bald kommen werden lieber Vater, da wollen wir noch fröhlicher sein als gestern wir beten alle Tage mit der Mutter zum lieben Gott das Sie glulich mögen zu uns kommen Ihre Gehorsame Tochter Luise Herder. 1789 Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 27. Apr. 1789. Gestern Abend kam Dein unaussprechlich guter Brief vom heil. OsterAbend, der mir aber Herz u. Seele durchschnitt, ich hoffte zu meiner eignen Büßung, Du solltest mit mir schmälen, u. Deine himmlische zarte Liebe macht mir jetzt unendliche Schmerzen u. Wehmut, ich lief mit zerstreuten Haaren in der Stube umher u. weinte, daß ich Dich so mißverstehen konnte u. Du mich so zärtlich auf den Händen trägst. Der arme Gottfried hatte an mir zu trösten aber ich fühlte daß ich Dein nicht wert sei u. nicht wert werden kann – denn was hilft alle Güte ohne Verstand, u. was helfen mir alle die tausend Tränen die ich Tag u. Nacht darum weine, ich werde nicht verständiger. Ach Du hast eine harte Prüfung mit allem was Dich umgibt armer Lieber – nichts ist Dir gleich – nichts Deiner Wert. Möge es Gott jetzt nur erträglich für Dich ändern! – Du hast Dir doch das Osterfest durch meinen dummen Brief nicht verderben lassen? O das kränkt mich am meisten, daß Du was Gutes erwartest hast von mir. Dafür bin ich auch durch eine schlaflose Nacht gepeinigt worden, nur einige Stunden Schlaf u. ein Traum erquickte mich, da Du mir oben am Fenster zu Dir winktest (ich war im Garten mit den Kindern) u. mich so tröstend u. zärtlich in den Arm nahmst, wie Dein ganzer Brief es mir sagte. [...] Meinen Brief hatte ich damals im Fieber geschrieben, das ich Dir mündlich erzählen will; entsetzlich ängstlich habe ich die Woche vom Ostertag bis zum 22. Apr. zugebracht, bis Luisgens Geburtstag mich erheiterte. Wenn Dir nur nichts unangenehmes in diesen Tagen zugestoßen ist! Alle Worte, alle Zeilen die mir in die Hand fielen, ängsteten mich. Der liebe Gott wird Dich ja bewahrt haben u. mein Gebet nicht umsonst sein lassen! ach wie verlange ich jetzt nach Deinen Briefen, Du mein alles auf der Welt. Nun zu der fröhlichen Aussicht nach G. wieder. Du wirst meinen Br. vom 24. den ich nach Florenz Poste restante adressierte, erhalten u. meine ökonomische Berechnung auch beherzigt haben. Ich habe Dir Goeth. Meinung so trocken geschrieben – es ist ja auch nur Meinung – im Innern sagt mir aber eine Stimme: wir gehen, u. ich kann sagen daß ich bei dem letzten beruhigter bin, als bei dem bleiben, ich rechne die wehmütige Empfindung, bei dem Gedanken des Abschiedes von hier, ab. – wir haben Leid u. Freude hier genossen, u. beides wurzelt als Eigentümlich ins Gemüt ein. Die Menschen finden wir so leicht auch nicht wieder. Indessen wachsen die Kinder heran, ihre Empfindungen wachen auf, u. wir wollen die ersten sein die ihnen ein ungeteiltes Herz geben, damit sie früh kennen lernen was das für ein Schatz ist. ich bin den Sonnab. bei der Stein gewesen; sie kam von der Herzogin die viel mit ihr über Dein weggehn gesprochen: es geht ihr sehr nahe, sagte sie, sie hoffe daß der H[erzog] ihn nicht wird gehn lassen;« auch der Steinin gehts sehr sehr nah – wir gingen nachher zur Kalbin, wo Knebel, die Imhof u. Schiller waren. Die gute Kalbin konnte mit ihrem vollen Herzen nicht mit mir davon reden, wir blieben nur stumm im Fenster zusammen. Endlich da sich der Zirkel setzte, fing K[nebel] von England an, u. daß der König u. die Königin nach Hannover kämen. Sogleich darauf: »der Eichhorn befindet sich sehr wohl, er hat ein Haus für 5000 Rtlr. gekauft – in Göttingen blüht doch noch Heil für die Herren Gelehrten pp« Dies alles sagte er nun so, ohne mich ansehn zu können – sein Geist war mir recht zuwider u. ich konnte kein Aug aufschlagen. Er freut sich gewiß, daß wir gehn, damit der Herz, desto mehr an andre wenden kann. Er steht auf unreinem Boden u. das Motto schreib ich ihm auf Lebenslang unter: amicus certus in re incerta cernitur. Mit mir hat er von der ganzen Sache noch kein Wort gesprochen, oder gefragt; er soll auch warten. Über Carlsbad habe ich Dir in einigen Briefen wieder ab geschrieben, meine Gesundheit ist u. bleibt gut; u. Gottfrieds seine auch; die Reise wäre für mich u. Gottfr. ganz unnütz; ich ärgre mich recht über meine Voreiligkeit! Du selbst aber wirst doch das Carlsbad brauchen, damit Du rein u. gesund nach G. ziehn kannst. O wenn ich nur erst wüßte, daß Du im Carlsb. bist! [...] Daß Du mir gar keine Nachricht von Deiner ReiseRoute gibst! Lieber Engel, Deine Abreise von Rom schmerzt mich so sehr, als Dich immer mehr. Jetzt da es Dir wohl wird, mußt Du fort. Grüße in jedem Brief die Engelsseele A. Sollte ich sie in meinem Leben einmal sehen, so würde sie mir eine himmlische Erscheinung sein. Siehe, was man nicht sucht das findet man, u. das Beste: eine solche Seele, ja ich möchte mit Dir jammern daß Du so viele Zeit ohne sie in Rom verloren hast! Lebe wohl ewigteures Herz u. Geist. Ach werde meiner Schwachheit nicht müde! Die Kinder Küssen Dich tausendmal. Lebe wohl! Lebewohl! wir zählen jetzt Tage u. Wochen u. folgen Deinen Schritten. Gottes Auge wache über Dich u. sorge für Dich, mein Einziger. Gott sei mit Dir. Amen, amen. Deine Ewige Liebes Herz, wirst Du nicht Heyne fragen, wie hoch eine Haushaltung in Göttingen wie die Unsrige, mit 6 Kinder, Informant u. Jungfer nebst Domestiquen, an Ausgaben zu rechnen sei? wie hoch die Seinige u. einiger andrer Professoren mit Familie Jährl. komme? Und dann vorzügl. müßte man die Einnahmen der vornehmsten Professoren wissen, sowohl an Gehalt, Collegia u. allenfallsigen Benefizien für Frau u. Kinder . Sobald man ein Detail hierüber von allem hat, so kann man eher seine Forderungen einrichten. Montag Abend Eben war die gute Kalb bei mir u. grüßt Dich tausend tausendmal. Auch Knebel war da u. hat Tee mitgetrunken u. mich endlich nach Göttingen gefragt. Er war leidlich gut. Alles ist auf des Herzogs Äußerung hierüber gespannt. Er kommt Anfangs künftigen Monats hierher. Willst Du allenfalls an Goethe vorläufig von dem Antrag schreiben (nur nichts von dem dummen 40 Louisd. Anzug) damit er dem Herzog in Deinem Namen etwas davon sage oder schreibst Du lieber selbst dem Herz. etwas davon – Lebe wohl lebe wohl treues himmlisches Gemüt – ich drücke Dich an mein Herz. Gottfried u. ich haben uns fast die Augen ausgeguckt was das für Buchstaben auf Deinem Petschaft sind? J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 29. April [1789] Noch in Rom; aber nicht lange mehr. Gestern sind wir von Albano zurückgekommen, oder vielmehr von Castel-Gandolfo, wo wir denn vom Freitag her Castel, Albano, la Ricci, Gensano, Nemi, schöne Gegenden mit ihren Bäumen u. Tälern, u. Seen u. Bergen gesehen haben. Bis Ende dieser Woche ruht die Herzogin aus: Sonntag gehn wir nach Tivoli, mit welchem großen Hymnus der Natur ich hier denn alles Schaubare zu beschließen gedenke. Die Herzogin geht nach Napel, ich nach Florenz u. w[eiter]. – Es ist mir also sehr angenehm gewesen, liebstes Herz, daß Du bei dem Br. den Du nach Florenz geschrieben hast, auch Einen hieher hast laufen lassen. Ich habe schon Reifenst. gebeten, daß er mir den Florent[iner] herverschaffe; u. o enthielt er Antwort auf das, worüber ich mit Dir beratschlagt habe, über Gött., wieviel ich nämlich fodern soll, u. ob Dir meine Bedingungen recht sind. Diese Sache liegt mir jetzt sehr am Herzen u. ich wollte, daß Alles während meiner Reise, Carlsbad eingerechnet, ausgemacht werden könnte, damit ich nach W[eimar] bloß als ein Fremder käme, der seinen Abschied nähme. Tue, bestes Herz, zur Förderung der Antwort, was Du tun kannst. Deine Gesundheit freuet mich sehr, so wie auch Gottfrieds seine: Du glaubst nicht, was mir die Nachricht von Deinem Übelbefinden u. vom Husten des armen zarten Knaben für Sorge gemacht hat. Aber daß Du nicht nach Carlsb. kommen willst, ist mir gar nicht recht. Es war ein so schöner Gedanke, der mir unsäglich viel Freude macht, daß ich ihn noch nichts weniger als aufgeben kann. Was soll ich ohne Dich in Karlsb. Ich bin des Alleinseins satt, u. in Karlsb., wo ich immer mit Dir war, könnte ich ohne Dich gar nicht aushalten. Da ginge ich lieber geradezu nach W[eimar]. Also richte es ein, liebes Herz, daß Du kommst mit den Kindern. Das Geld siehe nicht an; an Geld wird es uns künftig nicht mangeln, wenn dieser letzte Ruck vorüber ist. Mit meiner Schw[ester] suche es auch zu arrangieren: sie wird Dich nicht aufhalten, noch hindern, mir, Deinem Mann u. ihrem Br[uder] entgegenzugehen; wir wollen uns in Karlsb. nicht lang aufhalten; u. die wenigen Wochen gehn bald vorüber. Dich dort erst in unserm Hause wiederzusehen, will mir gar nicht ein. Sie kann u. wird solange gern mit der Jungf. Schwarzin leben, da sie ja an Stille u. Einsamkeit gewohnt ist. Doch alles dies hängt davon ab, wie Du sie findest, wie ihre Gesundheit ist, u. wenn sie ankommt; alsdenn tue Du das beste. Ich werde fleißig unterwegs schreiben u. auch von Dir Br. finden, da können wir alles abmachen u. wollen uns wechselseitig mit unserer Ankunft aufs beste erfreuen u. einander trösten u. stärken. Mein starker Rheumatism war in Castel gleich weg, u. so hoffe ich, wird mir die Reise auch wohltun. Lebe wohl, Herzensseele u. habe mich lieb, wie ich Dich lieb habe, Du mein Herz u. mein Kleinod. Grüße die Kinder aufs schönste u. mache Dir nur ja über nichts Sorge; alles wird gut gehen in unserm künftigen Leben, wenn wir nur erst beisammen wären. Helfe uns Gott dazu, u. er wirds tun; ich flehe u. bete darum. Amen, Amen. – Welch ein Geist mich aus Rom treibt, kann ich Dir nicht sagen, schlafend u. wachend ruft er mich auf, u. läßt mir keine Ruhe. Die Campagna indes mußte gesehen werden, als ein Hauptstück der Reise; jetzt wird sie bald gesehen sein, u. eher gings nicht an, des bösen Wetters wegen. Nochmals Lebewohl, bester, süßer Engel, Du mein Leben, meine Jugend; behalte mich lieb, treues Herz, ich drücke Dich an meine Br[ust] mit innigster Liebe. Die gute Angelika grüßt Dich als Freundin u. Schwester. Der Abschied von mir wird der frommen unschuldigen Seele schwer werden, da das Hinscheiden so weit scheidet: sie ist aber so ganz Resignation in allem, daß nichts darüber gehet. Du würdest die Fr[au] unendlich liebhaben, wenn Du sie kenntest: sie ist wie ein feiner zarter Klang, der die Sinne beruhigt. Grüße die Fr. v. Fr[ankenberg], ich kann ihr heut nicht schreiben. Es ist noch so manches zu sehen u. noch einmal zu sehen, daß man von der alten Roma nicht los kann, insonderheit wenn man wie ich leider alles läßt auf die letzte Stunde. Lebe wohl, Liebe, Gottes Segen mit Dir u. den Kindern, u. viel Ruhe u. Freude um Dich, um sie, um Uns alle u. auch um mich. Lebt wohl, Ihr lieben, u. Du liebe der Lieben. H. Die Herzogin grüßet Dich schön; die andern auch. Angelika, die heut mit uns gegessen hat, am meisten. Lebe wohl, liebe Seele, wohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar], d. 1. Mai 1789. Ich habe gestern Abend Deinen lieben Herzensbrief vom OsterMittwoch erhalten; er hat mir gleich Feuer u. Mut eingehaucht an Heyne heute zu schreiben; Du hast mir zwar keinen Auftrag gegeben, sondern nur, daß ich hier abtue, was abzutun ist; Du bist aber eine so großmütige Seele, daß Du unsre ganze Einrichtung die uns viel Geld kosten wird; die gewisse Versorgung der Kinder (welches man auf schwarz u. weiß haben muß) etwas zu vernachlässigen scheinst. Ich weiß daß es nicht in Deiner Natur liegt viel zu fordern; Du wirst mir also verzeihen Du mein Einziger, mein Herz, daß ich diesen Brief an H. geschrieben habe. Man wird hier ernstliche Anstalten machen, Dich zu behalten; die Herzogin die Dein Weggehn unendlich schmerzt, hat durch die Stein an den Herzog schreiben lassen u. auch selbst dazu geschrieben; sie will die Erziehung zweier Kinder auf sich nehmen. Daß der Herzog Ehren- u. Nutzenhalben Dich nicht gern weglässet u. alles aufbieten wird, sieht ein jedes klar. Alle Freunde sind deshalb in Bewegung; es ist also notwendig daß man wisse was sie in G. für uns tun wollen, damit man es gegen Das erwäge, was hier versprochen u. dokumentiert wird. Die Erfahrung mit Dalberg hat mich in diesem Punkt sehr aufs klare u. sichere geführt. Du für Dich, tust Dein Geschäft aus Deinem Geist u. Gemüt rein u. ohne Intresse. Die Kinder aber u. unsre eigne Existenz fordert eine Berechnung. Sollen wir ewig die guten u. letzten Narren überall sein? Es gehört zur guten Laune, zur Zufriedenheit mit andern, daß man gekleidet ist wie sie, ißt, wohnt u. lebt wie sie. – Ich bitte Dich liebes Herz, werde also über meinen Brief an H. nicht unwillig. Ich sollte ihn billig noch liegen lassen, aber ich fürchte Du eilst Dich u. forderst ohne meine Antwort abzuwarten. Verderben, hoffe ich wird er nichts; auch ist es nötig für sie, zu wissen daß man Dich hier nicht so leicht ziehen lassen wird; u. daß sie was tüchtiges tun mögen, wenn sie Dich erhalten wollen. So weit hatte ich diesen Vormitt. geschrieben, als ich um 3 uhr zur Herzogin mußte. Von G[öttingen] können u. dörfen wir nicht viel reden; es kränkt u. schmerzt sie u. mich gar sehr. Wenn ich jetzt schreiben könnte, sagte sie, würde ich gewiß an H[erder] schreiben. Ich wollte sehr daß er hier wäre. Von dieser Frau uns zu trennen, wird etwas kosten. Die Steinin grüßt Dich herzlich. Über G[oethe] leidet die Arme noch immer sehr viel; u. ich fühle u. sehe daß ers zu toll macht. Den Reichardt, der es von ihm verlangt, hat er zu sich ins Haus genommen. Er komp. die Claudine die ich in Gesellschaft bei ihm gehört habe; worunter nur einiges gut ist, G. aber alles hübsch findet. Nun fällt mir G. eine Zeitlang auch aus den Händen, da er gute u. schlechte Menschen mit gleicher Freundlichkeit aufnimmt. Ich habe mit ihm von Dir, so lange Reich. hier ist nicht gesprochen; kann Dir also auch den Brief von ihm nicht senden den ich Dir letzthin versprochen habe, u. den er mir senden wollte. O mein Herz nach dem ich atme u. seufze, führe Dich doch Gott bald glücklich zu uns. Dein Traum vom Oster Montag auf den Dienst. hat mich recht verwundert; Du wirst in meinem Brief vom 17. Apr. gesehen haben, was ich in der nämlichen Nacht geträumt habe. Der gute Gott wird uns ja in den letzten Tagen kein Leid zuschicken; ich kann ohne Dich nicht viel tragen. Deinen süßen treuen Brief vom heil. Abend, habe ich seitdem noch oft mit tausend Tränen gelesen – er macht mir Schmerzen u. nimmt mir sie wieder, u. ich hänge an Deinem Hals u. weine u. möchte Dich mit tausend Armen zu mir ziehen. – Doch eile Dich nicht, genieße noch das schöne glückliche Land, denn leider eilet jetzt dort die Zeit nur allzuschnell für Dich, u. Du bist bald wieder unter dem dunkeln Himmel bei uns, bei Deinen Treuen. Die Heilige, Beste Schwest. A. küsse ich mit dem reinsten Kuß. Ich liebe sie wie Du, u. genieße Dein Glück mit Dir. Ach Du kennst mich hierinnen; ich fühle mich nicht abgetrennt von Dir; ich genieße, ich lebe in u. mit Dir. O wenn ich Dirs so ganz sagen könnte! [...] Du hast mir aufgetragen von den einsam glücklichen Orten unsrer Spaziergänge Abschied zu nehmen – O mein Herz, wie kann ich das, ohne Dich? ich zittre wenn ich daran gedenke! [...] Gott mit Dir! Lieber Engel der Brief an Heyne ist nicht fertig worden; es schlägt 10 uhr u. die Post will nicht warten. Den nächsten Posttag also. C. H. J. G. Herder an Caroline Herder Rom, den 2. Mai 89. Heut ist der 2. Mai, liebes Herz, u. der erste Tritt aus meinem Bett ist an den Schreibtisch, um Dir an diesem Tage meine brüderliche Hand zu reichen. Ein sanfter Morgentraum treibt mich dazu u. die Art, wie ich aufgewacht bin, zu diesem Tage, den ich zum Tage meiner Reise, wiewohl vergebens angesetzt hatte, weissagt mir wie alles eine glückliche Zeit unsres fernern Zusammenlebens. Mir fällt dabei unsre Kopulation ein mit manchen kleinen Umständen, die mir oft als bedeutend in den Sinn gekommen sind; u. wie fröhlich ging nach Deinem Weinen die Sonne unter. Gräme Dich also nicht, liebes Herz, süße treue Seele; ich bin beinahe gewiß, der Himmel wird Dir wie mir eine glückliche Ahndung beschert haben am heutigen Tage u. wir wollen den weitern Weg unsres Lebens munter u. vergnügt antreten: zurücklassen, was nicht zu uns gehört u. mit wenigen treuen Menschen, am meisten mit uns selbst u. den Unsern leben. Angelika rechne ich auch zu dieser Anzahl; sie ist an Jahren über mir, u. mehr eine Seele, als ein Körper: sie ist aber ein so treues, gutes Herz, als wenige sein werden, u. da sie an mir u. durch mich auch an Dir mit einer recht wunderbaren Liebe u. ich möchte sagen, Andacht hängt: so wollen wir sie auch in diesen Bund reiner u. treuer Freundschaft aufnehmen. Sie sagt mir oft, daß ihr Glück des Lebens auch in der Entfernung davon abhängt, u. daß sie am liebsten jetzt gleich sterben möchte, nachdem sie mich, u. zwar auf so wenige Zeit, wie einen Traum gesehen hätte. Ich schreibe Dir dies alles hin, weil ich Dir alles schreibe: Du weißt, daß so etwas mich nicht eitel macht, sondern demütig. Ich sehe es als eine Güte des Himmels an, daß er mir die Bekanntschaft u. Freundschaft dieser edlen Frau noch zu guter letzt verschafft u. mich damit von allem abgewandt hat, was irgend auf eine törichte Art die Sinne empören könnte: denn sie reizt nicht die Sinne, sondern besänftigt sie, u. ist wie ein zartes gütiges Wesen. Habe sie also mit mir lieb, liebes Weib, die gute Seele; wir wollen auch in der Zukunft mit unsrer armen Exsistenz alles tun, was die willige Märtrerin ihrer Kunst erfreuen kann; sie grüßt Dich zu tausendmalen: denn ich habe ihr gestern, da ich sie einen Augenblick sah, gesagt, daß heut unser Hochzeittag sei. Und wenn ich heut bei ihr sein kann, wollen wir Dein u. der Kinder Andenken, als ob sie mit zu uns gehörte, feiern. Morgen geht die Herz. nach Tivoli: sie geht vielleicht mit: nach 3. oder 4. Tagen kommen wir wieder, u. denn steige ich flugs in den Wagen. Von Bernis habe ich gestern schon Abschied genommen u. bin also bis auf 3. 4. Besuche mit Ehren aus der großen Welt los. Man hat mir dabei so artige Komplimente gemacht, daß Einsiedel sagte, ich könnte sie einmal als Epigramme vor meine Leichenrede beirücken lassen. So ist auch der Wahn vorüber. Wornach ich äußerst verlange, ist Dein Br. aus Florenz, ob ich gleich zweifle, daß dieser sich schon über meine Anfrage u. Bedingungen in Ansehung G[öttingens] erkläret. Ich möchte sogern die Sache geendigt oder eingeleitet wissen, ehe ich nach W[eimar] zurückkehre, wo es mir lieb ist, daß Alles schweigt. Über Karlsbad, u. wie sehr ich wünsche, daß Du dahinkommst, habe ich Dir neulich geschrieben; ordne alles aufs beste u. siehe das wenige Geld nicht an: wenn der Himmel mir das Vergnügen zugedacht hat, wird er alles fügen, auch mit meiner Schwester, die ich Dir nochmals aufs beste empfehle, ob ich dies gleich Deinem guten Herzen nicht tun darf, das sie gewiß als ihre eigne Schwester mit Nachsicht u. Liebe annimmt. Wie sonderbar machen sich die Dinge alle! u. wie sonderbar kommt mir jetzt Dein Traum vor, den Du mir nach Napel schriebst, daß wir weg sollten. Eben damals, als ich in Napel war, hat mans schon in Rom gewußt, daß ich nach G[öttingen] sollte: es war von G. aus brühwarm an einen Deutschen geschrieben. Nun wollte ich, daß sich Alles während der Reise zurechtlegte u. fügte, damit kein tötendes Nachgeschlepp würde. Frisch daran, u. Gott wird helfen. An die Fr. v. Fr[ankenberg] werde ich heut schwerlich schreiben können; ich kehre u. fege aus, bezahle, gebe wieder pp Auch drängen sich die Menschen zu; u. es ist wunderbar, welche Sensation ich mit meiner armen verschlossenen Exsistenz selbst hier in dem wüsten Rom u. bei Leuten gemacht habe, die ich bloß für Menschen aus u. für die große Welt hielt. Lebe wohl, liebe, ich werde gestört; vielleicht schreibe ich noch einige Zeilen. Abend den 2. Mai. – Als ich unterbrochen wurde, kam ich nicht weiter zum Br. Ich mußte nachher zum Chev. d'Agincourt, der mich 5. Tage nacheinander vergebens gesucht hatte. Als ich zurückkam u. bei der guten, lieben Angelika ansprach, steckte sie mir mit der bescheidensten Grazie ein kleines goldnes Kettchen an den Finger für Dich u. mich zum Andenken des heutigen Tages von Ihrer Seite. Sie ist ein gar liebreiches, sittliches, Engelreines Wesen. Ich kann Dir das Kettchen nicht schicken, da es den Br. zerreiben würde; also bringe ichs Dir mit, u. sende Dir jetzt nur ihren herzl. Gruß zu. Traue dem einsamen süßen Wesen auf eine ewige Freundschaft: ich danke dem Himmel, daß ich sie kennen gelernt habe u. liebe sie sehr. Als ich nach Hause kam, fand ich Deinen lieben Br., halb vergnügt durch die Nachrichten von Dir, halb traurig der Niederkunft der armen Herzogin wegen. Ich war ganz betäubt u. ging zum Essen, wo ich die Herz. Am[alia] sehr niedergeschlagen fand. Nachher ging der Wirbel bestellter Stunden fort, bis Abend jetzt um 9. Uhr, da ich mich zu erholen eine Pfeife Tobak geraucht, ein Glas Wein getrunken habe. Nun ist keine Zeit mehr zu verlieren, da der Br. noch vor 10. auf die Post muß, u. ich noch gern nur ein Wort an die arme Herz. schreiben möchte. Also lebe wohl, gute Liebe, Du mein Weib, mein Schutzgeist u. mein Leben. Lebe wohl mit den Kindern u. habe u. behalte mich lieb. Ich umarme Dich von ganzer herzl. Seele, lebe wohl u. Gott sei mit Dir. Amen H. Das war die Gesch[ichte] vom 2.ten Mai mit Leid u. Freude; der Freude aber mehr. – Vale, valete. J. G. Herder an Herzogin Luise Rom, den 2. Mai 89. Nur Ein Lebenszeichen von mir, gnädigste Herzogin, daß ich Ihre heilige Hand ergreife u. Sie aufs innigste bitte, sich auch über den neuen Unfall zu fassen u. nicht hoffnungslos zu werden. Sie gehen freilich einen harten, dunkeln Weg durchs Leben; aber Geduld, Fröhlichkeit u. guter Mut leiten wechselsweise doch Schritt für Schritt weiter; u. am Ende sind wir alle doch nur Werkzeuge eines verborgenen Schicksals. Jetzt, da E[uer] D[urchlaucht] diesen Brief empfangen, ist ein Teil der trübsten Wolke vorüber: für uns ist der Schmerz gegenwärtig, der für Sie entfernt ist. So spielen Raum u. Zeit mit uns, u. was ist die Entfernung von Rom nach Weimar, u. die Zeit eines Briefes gegen unser Dasein. o fortes peioraque passi – pellite curas Leben Sie wohl, gnädigste Herzogin, edle Frau mit einem männlichen Mut; ich beuge mich vor Ihrem Schatten u. küsse aufs ehrerbietigste Ihre Hände oder den Saum Ihres Kleides. Leben E. D. aufs beste, da es sich tun läßt, wohl! wohl. Herder. Herzog Carl August an Johann Wolfgang von Goethe Weimar, 3. 5. 1789 1. Will ich seine Schulden bezahlen, u. zwar auf eine Art daß im Publico nichts davon eklatiere. 2. Ihn zum Vize Konsist. Präsidenten mit der Versicherung ernennen daß er nach Abgang von Lynkern die wirkliche Präsidenten Stelle erhalten solle. 3. Ihm vom Quartal seiner Rückkunft an 500 Rtlr. inklusive der 300 welche er schon jetzt von mir hat, jährl. zulegen. 4. Ihm die Versicherung geben, daß ich es bei denen connutritoren der Akademie Jena durchsetzen wolle, daß ihm das Universitäts Kanzelariat übertragen würde. 5. Seiner Wittib ein Versicherungsdekret eines Witwen Gehalts von 200 Rtlr. geben. 6. Will ich für die Kosten des Studierens seiner Kinder u. für deren Unterkommen sorgen. Carl August Hz. S. W. W. den 3t Mai 1789 Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 4. Mai 1789. Liebes Herz, Es war gut daß ich letzthin mit Heynens Brief nicht zu Ende kommen konnte; er war zu weitläuftig. Auch geschah mir etwas närrisches dabei, als ich am Ende war u. die Worte schrieb: Sie sind das Werkzeug unsres Glücks  –«, so kam über den Tisch her, eine große Spinne mir gerade übers Papier entgegen. Lächle nur; denn ich lache selbst über meine Albernheit, nahm mir indessen vor, einen andern Brief zu schreiben, den ich auch ohnedem geschrieben hätte, weil der erste nichts taugte. Es ist alles Deinetwegen hier in großer Bewegung. Der Herzog ist den 2. Mai hier angekommen u. hat sogleich der Herzogin versichert, daß er Dich nicht gehen ließe, gestern gab er dem Goethe vorläufig auf einem Billet, die Punkte die er für Dich tun will; ich habe sie von ihm erhalten u. schreibe sie Dir ab, weil ich des Herzogs Billet verwahren will, ich ging auf die Promenade um die Stein aufzusuchen, die ich fand u. den Herzog bei ihr. Er trug mir gar eigends freundlich auf, Dirs zu schreiben u. besonders zu sagen, daß er ohnedem etwas habe tun wollen, Du sollst nicht glauben daß es dieser Sache wegen allein geschähe. Alle Freunde sind voll Hoffnung daß Du bleiben wirst. ich habe dem Goethe gesagt, daß wir soviel haben müssen, wenn wir hier bleiben, daß Du nicht mehr schreiben dörfest. Dies habe ich ihm auf die derbste Weise gesagt u. er billigt es. Er meint auch, daß noch mehr Zulage unter den Namen für die Erziehung der Kinder, werden könne. Überlege u. beherzige alles in Deinem Gemüt wohl, lieber Engel! die Entschließung verspare bis wir uns gesprochen haben. Man fühlt jetzt wohl, da Du weg sollst, was man an Dir hat. Die Gedanken hin u. her verwirren mich wieder so ganz daß ich einzeln keine Entschließung fassen könnte. Du bist jetzt von beiden Orten fern – betrachte beide in reinem Gesichtspunkt. O wenn es uns Gott sagen wollte! An Heyne habe ich heute einen andern kleinen Brief geschrieben der abschriftl. beiliegt. Es ist doch notwendig zu wissen, wie sie sich erklären. Denn Blindlings wollen wir ihnen doch nicht in die Arme fallen. [...] Die Herzogin habe ich aufs neue lieb innig lieb bekommen; ich sehe wie sie Dir so gut ist – mehr als wir wissen u. es geglaubt haben. Der Hofkirchner kam den 2. Mai zu mir in den Garten, fragte mich auch wegen Göttingen u. sagte: o bleiben Sie doch, es werden so viele Rosen auf dem Grab ihres Kindes blühen – es ist alles voll Knospen; den andern sind sie erfroren. Unser Gemüt u. die Vernunft wird in sonderbaren Streit kommen. Ach wie verlange ich nach Deiner Ankunft. Zur Frau von Stein sagte ich: es wird schwer halten, daß er jetzt seine Gedanken wieder hierher lenkt, da er sich in allem schon fremd gefühlt hat. Es wird auch noch mehr erfordert, nämlich die alten Eindrücke auszulöschen u. frisch u. rein anzufangen. Die Steinin fühlt dies alles, wünscht u. hofft aber daß Du bleiben mögest; Du seist die Seele von Weimar. Die Herzogin will Dir selbst schreiben, sobald sie schreiben kann. Sie will Dir nur wenigstens selbst sagen, wie es sie schmerzt. Der Herzog ist heute wieder abgereist, ich bin diesen Mittag bei der Kalbin zum Essen gewesen; die Steinin, Imhof u. Knebel waren da, es war der Abschied, weil die Steinin morgen ins Embser-Bad geht. Den Nachmittag hörten wir abermals Claudine; morgen geht Reichardt fort. Goethe hat ihn über Erwarten gut aufgenommen, doch aber nichts anderst als Musik mit ihm abgehandelt. Die Kinder grüßen Dich tausendmal. Es ist schön daß Du ihnen die Briefchen schenken wirst, sie sind fröhlich u. gut. Jetzt da es Abend ist, finde ich daß es besser ist daß ich nicht an Heine schreibe, damit ich durch meine Person nichts verderbe, ich lege das Briefchen im Original aber nur zu Deiner eignen Ansicht bei. Hier hat man schon ausgesagt, Du bekämest 3000 Rtlr. Besoldung u. die Witwe 500 Rtlr. u. die Kinder alle versorgt. – Heine schweigt von den letzten ganz still; u. dies ist doch wahrlich ein Hauptpunkt. Schreibe Du selbst über diese Sachen an ihn, bestimmt u. gerade heraus. Wenn ich so recht im Stillen überlege, so kommt mir die Frage ein: geraten auch die Kinder auf einer Universität, da sie täglich so viel Lärm u. Verführung um sich haben? u. dann möchte ich wieder wissen, ob Du selbst das Geschäft mit der Liebe forttreiben wirst, mit der Du Dirs jetzt vorstellst. Und doch kommt mirs oft sehr lebhaft vor, daß Du mit einem eignen Glück, Wohlgefallen u. großen Nutzen diese Arbeit tun wirst. O könnten wir doch nur darüber reden! Lebe wohl Du mein Einziger! reise glücklich! Gott sei mit Dir u. seine Engel! Schone Dich u. erkälte Dich nicht liebes Herz. Du bleibst doch die Mittage stille liegen? Lebe wohl, mit jedem Tag sehne ich mich unruhiger nach Dir. Lebe wohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 8. Mai 1789. Meinen letzten Brief vom 4. Mai habe ich nach Bologna adressiert u. ich hoffe Du wirst ihn erhalten haben, Liebstes einziges Herz. Er enthält die Anerbietungen des Herzogs. – ich sagte zur Fr. v. Stein, (die mit der Herzogin Eine Seele hierinnen fühlt u. handelt) die 200 Rtlr. Zulage können u. werden Dir nicht genügen; sie glaubte es selbst, u. meinte Du müßtest jetzt Bedingungen machen. Sie sagte es nachher der Herzogin, u. diese ließ mich den Dienstag wieder zu sich rufen um mehr mit mir darüber zu reden. Zum voraus muß ich Dir aber sagen lieber Engel, daß ihre Achtung u. Liebe für Dich, sich jetzt im reinsten Licht zeiget. Als ichs ihr sagte, daß Du einen so vorteilhaften Antrag nach Gött. hättest, vermutete ich daß sies schon wisse, weils der Herzog u. die ganze Stadt schon wußte; es war ihr aber noch unbekannt, sie war betroffen u. stille, u. es tat auf ihre Gesundheit einge Tage lang eine üble Wirkung; sie ward noch blässer, sehr matt u. kraftlos, u. sprach wenig; die Wochenbesuche trafen gerade in diese Tage u. ein jedes nahm Teil an ihrem Befinden. Jetzt gehets wieder gut. Wenn ich bei ihr bin spricht sie von nichts liebers als von Dir. Dein letzter Brief hat ihr außerordentlich wohlgefallen, u. wohlgetan. Man muß den Glauben an diese edle Seele durch nichts schwächen lassen; sie ist zu gut; u. jetzt kommts recht ans Tageslicht wie hoch sie Dich schätzt. Ihre Furcht daß Du weggehn wirst, ihr gutes Wort u. Wunsch hierüber zeigt es genug wie sie Dich liebt. Auch die Steinin zeigt sich als eine wahre Freundin. Der Herzog hat zur Herzogin u. ihr gesagt, es sei nicht möglich daß Du weggehn könntest – er wolle alles tun Dich zu erhalten. Dies alles jetzt vorausgesetzt so sagte mir noch die Herzogin, daß der Herzog nur einsweilen diese Punkte aufgesetzt hätte, damit Du Deine Wünsche u. Bedingungen dagegen äußern mögest, u. daß der Herzog alles erfüllen wird. Diesen nämlichen Tag, war Vormittags die Buchhändl. Ruprechtin aus Göttingen mit ihrem Mann bei mir. Sie erzählten mir, wie die meisten Professoren u. Studenten Dich dort erwarteten mit großer Freude; es seien zwar auch welche die es nicht glaubten, weil sies nicht gerne sähen; u. so seien denn die Stimmen vor u. gegen Dich geteilt; doch mehr auf Deiner Seite. Nun ließ ich mir von der dortigen Lebensart erzählen; die vornehmen, reichen u. eingenisteten, leben sehr gut u. sehr zerstreuend. Alles ist auf den Aufwand gestimmt. Indessen leben die gescheuten einsam u. allein für sich. Freundschaft hält niemand recht viel miteinander. Heyne lebt für sich; seine Frau ist Hypochonder u. kränklich u. geht zu niemand. Eichhorn geht nur mit Schlötzer um, u. lebt sehr eingeschränkt. Um einen Dritteil ist es teurer als hier. Das Klima wie das hiesige, nur viele Nebel wegen dem nahen Harz. Es sind 5 Prof. aus Schwaben dort, die halten sehr zusammen. Indessen konnte die Ruprechtin, so sehr sie alles lobte u. für die Leute eingenommen ist, nicht umhin sagen, da ich äußerte daß Du Dich der Kinder wegen vorzüglich entschließen würdest, wenn Du den Antrag annähmest; daß die jungen Knaben schon so früh, mit dem 12-14 Jahr den Studenten in Kopf bekämen u. eben so früh in die Collegia gingen. Wie das Gymnasium dort beschaffen sei, wisse sie nicht. Ruprecht erzählte ferner daß Deine Stelle eine ganz abgesonderte Professor Stelle sei – Du seist nicht im Rang mit den andern, u. hättest also dadurch eine große Annehmlichkeit, da Du nicht in Kollision kämest mit den andern. Dies scheint bloß Gerede der Leute. Über Eichhorn gehn 2 Gerüchte. Das eine, er sei sehr vergnügt in Göttingen u. Michaelis habe für dies halbe Jahr kein Collegium zu Stande gebracht. Das andere; er sei im Innern nicht vergnügt. Habe dort bei weitem nicht die Zuhörer als in Jena, u. die Frau jammere sehr, u. könne es dort nicht gewohnen; Er hat sich ein Haus für 5000 Rtlr. gekauft, dieses Geld habe er sich aber in Jena gesammlet. Die ganze Erzählung der Ruprechtin machte leider bei mir nicht den gewünschten Eindruck. Ich stellte Dich mir nun als den theologischen Professor vor der über Dogmatik u. Homiletik u. wie es weiter heißt sitzt u. 4 Stunden des Tages, den jungen meist rohen ungebildeten Menschen sein bestes Mark hingibt u. dafür, denn alle halbe Jahr 2000 Rtlr. mit Besoldung einerntet. Dafür aber, zu seiner GemütsErholung sich mit neuen, fremden Geistern, (die meist weiter zurück sind) sich erst üben u. versuchen muß, so wie unser Gemüt sich furchtsam nach einem Freund u. Freundin umhersehnen wird u. auch da wieder erst suchen, fehlgreifen u. prüfen wird. Doch dies ist vielleicht alles zu suchen u. zu finden – nur glaube ich nie, nie wieder so wie hier. Die Herzogin sagte mir letzt: die Berlepsch wird Dich tot machen; Zimmermann der einen breiten Rücken hat, habe sie nicht mehr ertragen können. Die Gräfin Bernstorf zeigt sich auch jetzt wieder als eine wackre Frau u. ihre alte Zuneigung erscheint wieder. So wie die ganze Stadt nur Eine Stimme ist. Der Herzog u. die Herzogin sind hierinnen freilich die vornehmsten; u. es freut u. rührt mich daß sie sich jetzt so zeigen. Nichts ist mir angelegentlicher zu wissen, als welches Geschäft Deinem Geist u. ganzer Exsistenz zuträglicher, befriedigender u. erheiternder sei: das in G. oder hier? Zu überlegen ist es wohl, daß Du dort nur theologische Sachen zu lesen hast – u. dies so von Morgen bis Abend! Willt Du etwas Philosophisches nur schreiben, so hast Du die ganze Fakultät zu Feinden. Außer Deinem theol. Metier ist für Dich nun kein Heil. Und schreiben darfst Du nicht aufgeben . Ruprecht sagte, die meisten H. Prof. haben auch durch ihre Schriften viel gewonnen, so wie sie auch alle sehr fleißig schreiben, weil es vom Ministerium in Hannover gern gesehen wird . – Dies alles lieber Engel beherzige doch mit ruhiger Seele. Ein altes Joch abzuschütteln hat viel Reiz u. in dem süßen Wahn von abschütteln, glaubt man daß der neue Stand keine Bürden habe. Des Herzogs Anerbieten ist zu beherzigen; noch mehreres zu bedingen; worunter ich auch 400 Rtlr. Zulage rechne, ohne die es nicht sein darf. Aber nicht unter dem Namen Erziehung der Kinder, dies wäre entehrend für Dich. Daß wir die Kinder hier moralischbesser erziehen werden, ist keine Frage, u. wir selbst leben edler, neidloser u. menschlich glücklicher hier; dies sagt Dir gewiß Dein Herz auch, wie es das meinige sagt. Über die Sicherheit der Unterstützung u. Versorgung der Kinder, davon wollen wir mündlich reden; so wie über noch manch anderes. ich bin jetzt in der Sorge daß meine Briefe an Dich erbrochen werden; u. mag nicht alles schreiben. Mögen auch die, die sie erbrechen, hier einsehen u. lesen: daß das Schicksal dem Verständigen u. Rechtschaffenen zu seiner Zeit hilft. [...] Wenn es Dir möglich ist liebstes Herz so schreibe nur einen kleinen guten Brief an die Herzogin; sie ist es ihrer goldenen Seele wegen tausendfach wert. Auch dem Herzog wünsche ich daß Du schriebest – wenn Du ihm auch schon nicht ganz zusagest, sondern lieber alles auf die Rückkehr versparest, so verdient doch sein Anerbieten ein gutes dankbares Wort; so wie man wirklich diese Zuneigung der Gemüter jetzt nicht so gering achten muß. Die Herzogin sagte mir noch, der Herz. habe dies nicht auf Zureden getan, es sei ihm aufs allerhöchste fatal daß Du wegwolltest, u. es sei dies seine eigene Bestimmung Dir dieses u. noch mehr zu geben, was Du verlangen wirst. Du möchtest doch nur Dein Jawort nicht an Göttingen geben. Zureden aber, wollten wir Dir nicht, dies haben wir ausgemacht; u. dabei bleibt es. Überlege alles wohl in dieser Zeit der Herreise; es ist auch dies gut, daß Du es so lange überlegen kannst. Das gute Schicksal mag u. wird auch Dich bestimmen, zum bleiben oder zum gehen, wie es uns gut sein wird. Auch daß Du beim avancement übersehen worden bist muß uns die Lehre geben: daß das Schicksal Dich dennoch nicht vergißt, wenn man schon glaubt, es denke nicht an uns; zur Entschuldigung des Herzogs kann vielleicht gesagt werden: daß er bei Deiner Rückkunft, Dich zum VizePräsidenten habe erklären wollen. Denn sehr angelegentlich hat er mir aufgetragen Dir zu schreiben, daß Du doch ja nicht glauben sollst, es geschähe bloß der gegenwärtigen Veranlassung wegen, er habe ohnehin etwas tun wollen. Die Steinin kann ich nicht genug loben bei der Gelegenheit. Da der Herzog in Aschersleben war, so hat sie in der Herzogin u. in ihrem Namen an ihn deswegen geschrieben, u. ich glaube, daß er nur bloß deswegen auf zwei Tage herübergekommen ist; alle Vernünftige sehen ein, daß er Dich unmöglich gehen lassen kann; er ruiniere sich Jena beinahe, u. auch Weimar selbst; auch wünschens die Guten um des Herzogswillen selbst. – Sobald Du kannst so schreibe nur ein paar Reihen auch der Steinin. Sie ist es wert; u. dann tröste sie auch, sie ist sehr sehr unglücklich u. G. beträgt sich nicht hübsch. Da die Unglücklichen immer unter der Zahl der Heiligen bei mir sind, so steht auch sie jetzt bei mir in dieser Zahl, u. ich fürchte der Kummer verkürzt ihr Leben. Sie ist den Dienstag nach Embs ins Bad gereist. Er hat sein Herz, wie sie glaubt, ganz von ihr gewendet u. sich ganz dem Mädchen (die eine allgemeine H. vorher gewesen) geschenkt. »Ich habe mich immer auf Herdern gefreut, sagte sie mir, wenn er wiederkommen wird, so bleibt mir nun gar nichts mehr.« Ich sagte ihr neulich bei der Kalbin, da Knebel auch mitgegessen; daß sie sich so brav gezeigt hätte, wollte ich ihr das lateinische Sprichwort zum Motto geben: amicus certus pp Knebel verstand mich recht gut daß das Motto auch ihn galt u. er wurde noch recht gut, u. meinte Du könntest u. dörfest nicht von hier fort. Sie sehn Dich doch alle als den notwendig moralischen SchutzEngel an. Was sagst Du zu dem Kanzelariat über Jena? Goethe meint, er wolle Dir nicht dazu raten, Du würdest Dir den Griesbach zum großen Feind machen. Nachdem ichs aber so bei mir überlege, glaube ich doch, daß es anzunehmen ist, wenn Du hier bleibest. Dieser Einfluß ist von zu großem Wert u. wirklich gutem Nutzen auch in der Folge der Zeit u. darf nicht ausgeschlagen werden. Sobald man sich in einem Staat festbinden will, so muß man auch kein Seil dieser Art ausschlagen. Der Hauptgedanke Deines lieben Briefs den ich gestern erhielte, daß man sich aisance verschaffen müsse, ist u. bleibt wahr u. muß von uns bedacht werden, ich habe es der Herzogin neulich gesagt, daß das Gefühl, von Mangel an Eigentum, das Dir durch die Reise so lebhaft und bitter geworden ist, Dich nach Gött. entschließen wird. Sie nahm diese Wahrheit gut auf u. billigte dies Gefühl. »Wenn nun aber der Herzog für die Kinder sorgen will; wird er dies nicht in Anschlag bringen?« Diese gute Aussicht für die Kinder muß man doch auch als ein Kapital ansehen das einem eben so sicher ist, u. das man sich dort erst erwerben müßte. Daß das Land dort größer u. reicher, u. die Versorgungen der Kinder vorteilhafter sind, das ist wahr; aber bei dem vielköpfigen Ministerium wird man auch zu seiner Zeit, sich deswegen kriechen u. schmiegen müssen. Liebes Herz, Du wunderst Dich gewiß daß ich jetzt so anderst als in den vorhergehenden Briefen rede; es ist aber notwendig, daß man das Gute u. Schlimme auf beiden Seiten beherzige u. nur das wähle bei dem sich unsre Exsistenz am wenigstens gedrückt fühlt, nach der Art wie man zu leben u. zu empfinden gewohnt ist. Ich habe zu allen gesagt, daß Du noch keinen Entschluß gefaßt hast, noch fassen wirst, bis Du hier seiest. Wende diese Zeit zur besten Überlegung an. [...] Die Ruprechtin sagte mir auch, daß Koppen Frau an der Auszehrung ohne Hoffnung läge. Die Nähe des Harzes scheint doch auch nicht gesund zu sein. Ich schreibe Dir dies alles, liebes Herz, damit Du alles bedenkest. Mündlich wollen wir alles noch vollständiger beherzigen, das pro u. contra, u. da ist es noch immer Zeit daß Du Dich entschließest. [...] Die Kinder sind alle wohl. Ihre Briefschreiberei hat das schöne Wetter ganz zerstört. Es wird jetzt von nichts anderm, als Deiner Ankunft gesprochen; dies muß Du für Briefe annehmen. Meinen nächsten Brief werde ich Dir wieder nach Parma adressieren. Gott führe Dich [auf einem] guten glücklichen Weg zu uns, entweder durch die Schweitz oder Venedig. Ich habe so eben die LandCharte aufgeschlagen u. begreife nicht wie Du bei dieser angehenden Hitze von Mailand nach Venedig das obere Italien quer herübergehn willt. Mein unmaßgeblicher Rat ist dieser: Du gingest durch die Schweitz u. entkämest bald der Hitze. Dieser Weg würde Dir in allem Betracht an Leib u. Seele wohl tun u. mich Deinetwegen sehr beruhigen. Tue es, lieber Engel; Du wirst durch den Eindruck dieses Landes, auch für uns wieder eingeweiht u. eingeboren. [...] Goethe sagte diesen Winter einmal, daß Mailand bei weitem nicht so intressant sei als Venedig. Indessen was Du in Venedig zu sehen bekommst, hast Du in Neapel unendlich schöner gesehen; u. was Du da zu hören bekämest, hast Du in Rom eben so gut gehört; u. die Gefahr in der Hitze jetzt dort zu sein ist wohl zu überlegen u. zu meiden. In der Schweitz reisest Du sichrer für Deine Gesundheit. O wenn mich bald ein Brief hierüber beruhigte! Nach Carlsbad komme ich nicht, wie ich schon in Briefen Dir geschrieben habe. Reise doch ja bequem liebe Seele u. lasse Dir u. Deinem Gefährten nichts mangeln. Es gehet jetzt [in] Einem Bezahlen hin . Die Göttinger oder der Herzog werdens tun. Kehre nur [gesund] zu den Deinigen zurück; zögern kannst Du, so lange Du willt. Mein Traum den ich Dir letzthin geschrieben habe, macht mich auch gar Venedig fürchten, weil es eine Stadt am Meer war. Gehe lieber nicht über Venedig. Nun lebe tausend tausendmal wohl mein Einzig Guter. Gottfr. wird Dir vielleicht noch schreiben. Alle küssen Dich, ihren lieben Vater, für den wir alle beten. Gott begleite Dich. Wie freue ich mich, daß Du noch einen Gefährten hast; er beruhigt mich sehr, da Goethe so viel Gutes von ihm erzählt hat. Lebe wohl mein Süßer, u. reise glücklich! C. H. J. G. Herder an Caroline Herder Rom 9. Mai [1789] Liebes Herz. Dies ist der letzte Br. den ich Dir aus Rom schreibe; es sei denn, daß ich Dir Einen zurücklasse, oder daß meine Reise durch äußere Umstände aufgeschoben würde. Gestern Nacht sind wir von Tivoli zurückgekommen, wo wir sehr vergnügte Tage gehabt haben, u. ich schätze sie mit unter die glücklichen meines Lebens, d. i. unter die glückl[ich]sten die ich in Italien erlebt habe; deren sind mir wenige worden. Die Gegenden der Natur haben Reize auf mich, die mir immer unaussprechlich, d. i. sehr einsam-still waren; so war Tivoli, das Adieu von Rom u. ein wahrer Hymnus für mich im höchsten Grad. Unsre sehr zahlreiche Gesellschaft stimmte sehr gut zusammen, u. für mich (ich glaube für alle, unerkannter Weise) war Mad. Angelika, eine schweigende sittliche Grazie, gleichsam der Zusammenklang, der der ganzen Natur u. Gesellschaft Ton gab. O was ists für eine Grazie, eine sittsame Menschennatur; eine Natur, wie die Deine, ohne Ansprüche u. mit sanftem Gefühl der großen Ordnung aller Wesen. Die Herzogin ist auch sehr vergnügt gewesen u. ich scheide vergnügt aus Rom, bloß Tivoli's halben. Deinen Br. nach Florenz geschrieben, fand ich bei meiner Rückkunft hier. Mich freut Dein Wohlsein, u. ich hoffe, daß alles so wahr sei. Mit Karlsb. will ich Dich weiter nicht plagen; da wir so weit mit unsern Br. aus einander der Zeit u. dem Raum nach sind, so wird sich das Weitere von Deiner u. meiner Seite auf der Reise geben. Deinen bösen Tr[aum] lege ich, in Ansehung der Bettler, deren Handwerk ich nicht mitmachen wollte, von Deinen Gedanken über Gött. aus. Tue Dir keinen Zwang an, liebes bestes Herz, Du hast jetzt meine Br. empfangen u. wirst entschieden haben. In Ansehung des Verlassens hat der Name Ariadne dazu Anlaß gegeben; fürchte Dich aber nicht dafür. Wohin könnte ich fliehen? alles treibt mich zu Dir, u. Du wirst keine rohe stürmige Heldennatur, sondern eine sanfte sittliche Menschennatur an mir sehen. O ich habe gelernt, was ich an Dir habe, wenn ichs auch nie gewußt hätte; fürchte auch nichts von der Angelika Freundschaft. Sie ist die honetteste Frau von der Welt; ihr u. mein Gemüt wendet sich anders wohin. Sie ist, wie ich wiederholen muß, eine wahre sittliche Schönheit, die Dich wie eine Göttin verehret u. mich wie einen Geist der Erscheinung liebet. Sie grüßet Dich aufs schönste; u. nimm von meiner Hand ihren Gruß an; sie ist ein lieber guter Engel; in Tivoli ist ihre Silhouette genommen, die ich Dir nächstens senden werde. Sie hat mir recht sehnlich aufgetragen, Dich aufs schönste zu grüßen, u. ich wollte, daß Du, wenn Du es nicht getan hast, auf Ihren Br. an Dich, an Sie schriebest. Lege nur den Br. in den Meinigen ein; ich wollte, in keinen andern. O über wie manches werde ich indessen schon Antwort von Dir haben, wenn dieser Br. ankommt. Lebe wohl, liebes Herz, ich muß in die neue Oper zum letztenmal, u. schreibe noch einmal aus Rom vor meiner Abreise. Tag u. Stunde sind noch nicht bestimmt; aber diese Woche, die wir morgen anheben, gehts in Gottes Namen fort. Lebe wohl. Grüße u. küsse die Kinder. Auch alle gute Freunde u. die arme gute Herz. besonders. Die Herz. Amalia wird mir einen Br. an Dich mitgeben, den ich nicht aufmachen soll. Sie ist sehr gut. Lebe wohl, liebe Seele, u. sei mir gut. Gott sei mit Dir u. mit mir auf der Reise. Grüße die Fr. v. Fr[ankenberg], an die ich nächstens schreibe. Lebe bestens wohl, wohl. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, 10. 5. 1789 Ich wünsche dir mit diesem Blatt noch irgendwo zu begegnen, da ich von deiner Frauen höre daß du, mehr als gut ist, dem Gedanken nachhängst: von hier zu scheiden und nach Göttingen zu gehen. Wenn es dein Glück, dein ökonomischer Vorteil ist; so will ich dir es gern gönnen und selbst raten; aber wenn man vorteilhaft tauschen will; so muß man das nicht verachten was man besitzt. Entschließe dich zu nichts bis du wieder da bist, laß uns alles erwägen und dein und deiner Kinder Heil soll entscheiden. Jetzt beruhige dich! Allein, unberaten, ohne Stimme eines Freundes, agitiert von so vielen Gegenständen, unbehaglich mitten in den Unbequemlichkeiten der Reise, da ist wahrlich nicht der Platz einen Entschluß zu fassen der das künftige Schicksal bestimmen soll. Hier ist zu rechnen und nicht zu fühlen, zu erwägen und nicht in einen Lostopf zu greifen. Dein und deiner Frauen jetziger Zustand macht mir recht bange. Wenn ihr euch nicht im Glauben und Zutrauen an einen Freund halten mögt, den ihr lange genug kennt; so seid ihr in Gefahr euch auf Zeitlebens zu Grunde zu richten. Ich wiederhole: Mir ist nicht an Weimar noch Göttingen gelegen, sondern an dir und den deinigen. Bedenke daß du nicht als ein junger Mensch dein einzeln Schicksal aufs Spiel setzest, das in der Folge sich immer wieder bessern kann, wenn man es auch einmal verpfuscht, sondern daß du in Jahren, mit einer großen Familie dich veränderst und daß dein Gemüt, wie das deiner Frau nicht aushalten würde, wenn der Göttinger Zustand mißlingen und euch drückend werden sollte. Reise glücklich und komm gebadet zu uns, dann wollen wir konsultieren und dein Heil soll das höchste Gesetz sein. Lebe wohl. Ich habe mich wacker durchgehalten und bin wohl und vergnügt. Ich brauche noch auf mehr als eine Weise deinen Segen und deine Hilfe, die du mir nicht versagen wirst, wenn auch dein Entschluß dich zum Scheiden von uns neigen sollte. Leb wohl. G. Johann Wolfgang von Goethe an Herzog Carl August Weimar, 10. 5. 1789 [...] Leider zeigt Herder in seinen Briefen einen großen Hang nach Göttingen, der die Frau selbst verlegen macht. Ich habe ihm wieder geschrieben keinen Entschluß zu fassen bis er wiederkommt. [...] Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 10.[/11.] Mai 1789. Liebstes Einziges Herz. Du wirst meinen letzten Br. vom 8. Mai den ich nach Parma adressiert habe, doch nicht so aufgenommen haben, als wollte ich Dich zum Bleiben bereden. Nein, liebes Herz, folge hierinnen ganz Deiner Neigung. Denn wo Du glücklich bist, da bin ichs auch. Ich habe heute Deine letzten, lieben Briefe wieder gelesen, u. Deine Stanzen zweimal, u. mein Herz ist unaussprechlich bei Dir. Deine treuen Worte, Dein Geist u. Deine zarte Liebe zieht mein ganzes Leben u. Dasein nur für Dich auf. Alles reizt mein Verlangen nach Dir – die wunderschöne Blütenzeit bei dem hellen Himmel u. der sanft schwermütige Mond, der mich meine Einsamkeit recht empfinden läßt – u. die tausend Gedanken, Fragen, Wünsche u. Hoffnungen, was das gute Schicksal uns bereiten will, das so unerwartet jetzt an Dich, an uns, gedenkt – u. die Hoffnung Dich bald wiederzusehen, bewegt auf so tausend Weise mein armes Herz. Beschließe nur nicht, bis Du hier bist; mündlich läßt sich über alles unendlich besser reden u. beherzigen. Ich habe Dir bisher Goethe so wenig genannt, weil ich ihn wenig allein gesprochen habe. Gestern hat er den Tasso, bis auf 3 Szenen bei der Herzogin vorgelesen; o wie bestrafe ich mich, daß ich ihn auch nur einen Augenblick verkenne. Er ist durchaus eine treue männliche Seele – u. es freut mich daß Du dies in einem Deiner letzten Briefe so gut wieder erkennest; er kam gestern Abend noch zu mir u. da wir über Tasso fertig waren, (über den Du Dich gewiß freuen wirst) warst Du unser Gespräch. Dem Herzog hat er gesagt daß unsre Schulden 1800 bis 2000 Rtlr. betragen. Es war des Herzogs eigner Entschluß sie zu bezahlen. Die übrigen Bedingungen müssen alle alsdann noch besser u. anderst eingerichtet werden, wenn wir bleiben wollen. [...] Unter die glücklichsten Ereignisse Deines Lebens, u. Deiner Reise, rechne ich je länger je inniger, die Freundschaft der Einzig Trefflichen Frauen! Gott hat sie Dir u. uns gegeben! Auf das sonderbarste werde ich gerührt, durch alles was Du mir von ihr sagest. O Du gutes Herz, Du bist es wert das beste u. vortrefflichste zu besitzen – ertrage den Abschied Du Armer; ich klage in meinem Herzen für Dich, darüber; keine Zeit noch Entfernung soll sie Dir u. uns rauben. Ihr Brief an mich ist so brav u. edel daß der meinige fast ein Geschwätz dagegen scheint u. es doch nicht ist. Mein Gemüt ist auf eine sonderbare Weise gegen diesen Engel bewegt u. hingezogen u. daß sie mir gut ist, verdanke ich Dir ganz allein. Noch mehr aber danke ich ihr daß sie Dein Gemüt u. ganze Seele wieder reingestimmt, was die häßliche Pandora verstimmt hatte. Von Gott kommt alles – die Freunde vor allen, u. in ihm vereinigen sie sich auf ewig. Von Deiner Herreise, meint Goethe, Du hättest besser getan, wenn Du von Bologna nach Ferrara u. den schönen Städten hinauf nach Venedig, dann quer über Oberitalien nach Mailand u. durch die Schweiz gegangen wärest. Jetzt da Du schon in Parma seist, ginge dieser Weg nicht mehr an. Parma läge schon zu weit ab von dieser Route. Recht leid tut es mir daß Du Venedig nicht siehst. Ich nehme alles wieder zurück was ich von meinem Traum letzthin geschrieben habe. Wir sind ja überall in Gotteshand; u. Träume sind ja nicht immer Weissagungen. Ich wünsche gar sehr, daß Du Deine Rückreise so einrichten mögest, daß Du ganz von ihr zufrieden seiest, u. nichts intressantes vermissen mögest. [...] Ich habe diesen Posttag auf einen Brief von Dir gehofft, aber vergebens. Ach wenn die Tage doch jetzt Flügel hätten! Deine Trennung von der Guten Heiligen darf ich mir nicht denken. Ich fühle daß Du ein solches Kleinod noch nicht gefunden hast. Laß uns Gott dafür danken, u. das Bittre dabei standhaft ertragen. Wir sehen sie gewiß noch einmal; ich wünsche oft, daß sie Dich nach Florenz begleiten möge. [...] Die Kinder sind wohl u. freuen sich des herrlichen Wetters, u. küssen Dich tausendmal. Lebe wohl mein Engel. Gott sei mit Dir! Wenn Du die Abende in der Herberge so allein bist, so denke daß ich bei Dir bin, auf Deinem Schoß sitze u. meine Arme um Dich schlinge, wie ich Dich denn ewig umfasse. C. H. d. 11. Mai. Wenn der Brief an die Liebe, Dir nicht gefällt so behalte ihn zurück u. grüße sie tausendmal. So eben schickt Goethe diese Inlage – ich setze nichts dazu, seine Stimme redet von selbst u. Du wirst sie gut aufnehmen. Wenn Du mir in Deinem nächsten Brief nicht andre Ordre gibst, so adressiere ich meinen künftigen Brief nach Mailand. Lebewohl wohl! Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar d. 11t. Mai 1789. Kommen Sie, kommen Sie liebster Vater aus dem heißen Italien bald zu uns, wo Phöbus und schwüle Gewitter Sie jetzt drücken; eilen Sie, zu unsrer kühleren Atmosphäre, und laben Sie sich bei uns. Wie freu ich mich in der Hoffnung Sie zuerst wieder zu sehn, denn als Ritter werde ich Ihnen gestiefelt und gespornt entgegenkommen. O, wie wirds mich freun, wenn Sie mich oft in meinem hohen Stübchen besuchen werden, das Sie gewiß tun, denn ich und August sind in die Stube gezogen, wo ehedem Herr Liebeskind gewohnt hat, und es gefällt uns außerordentlich wohl darinnen, weil wir eine so herrliche Aussicht haben. O sind Sie nur erst in Carlsbad, da sind wir nur 3 Tage von Ihnen entfernt, und sehen Sie dann schon im Geiste. Bestimmen Sie nur ja den Tag, daß wir Ihnen alle entgegen kommen und Ihren Umarmungen zuvor kommen können. Leben Sie wohl, geliebtester Vater, bleiben Sie auf Ihrer heißen Reise gesund, und behalten Sie lieb Ihren gehorsamsten und Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. grüßen Sie W. An meinen lieben Vater nach dem Catull , I, 9. Geliebtester, du mir von allen Menschen Verständigster, der liebste mir, der Beste; Du kömmst zurück zu deiner süßen Heimat, Zu deinen Herzenskindern, deiner Gattin; Du kömmst zurück, o welche sel'ge Botschaft! Ich werde Dich gesund nun wiedersehen, Ich werde dich vom Lande der Lateiner, Geschichten, Trümmern, Wohnungen und Sitten Erzählen hören; denn so pflegst du, Guter. Ich werde an den Busen dir die Lippen Voll Freude drücken, dir die Augen küssen! O wer von Menschen glücklich ist und sein kann, Der fühle meine Freude, meine Wonne. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 11. 5. 1789 [?] Lieber Vater. Nun kommen Sie bald wieder lieber Vater. Jetz ist bei uns schönes Wetter, aber wir gehen nicht viel Spazieren aber wir gehen dafür in den Garten. Nun lieber Vater wollen wir Sie freudig empfangen Leben Sie wohl lieber Vater. Ihre Getreue Tochter Luise Herder 1789 Johann Wolfgang von Goethe an Herzog Carl August W[eimar,] d. 12. Mai 1789. [...] Eine meiner vorzüglichen Sorgen ist nun Herders Schicksal. Sie werden mir erlauben, daß ich einmal gelegentlich über diesen Fall und verwandte Fälle, ein Wort aus dem Herzen sage. Es wird einem Fürsten, der so mancherlei Mittel in Händen hat, leicht das Glück von manchem, besonders der Nächsten zu machen, wenn er es wie eine Baumschule behandelt, nach und nach und immer so fort wenig, aber das wenige zur rechten Zeit tut. So kann der Mensch, dem nachgeholfen wird, von sich selber wachsen. Und am Ende von allem, was unterscheidet den Mächtigen? als daß er das Schicksal der seinigen macht, es bequem, mannigfaltig und im großen machen kann, anstatt daß ein Partikulier sein ganz Leben sich durchdrücken muß, um ein Paar Kinder oder Verwandte in einige Aisance zu versetzen. J. G. Herder an Caroline Herder Rom den 13. Mai 89. Wohlan denn in Gottes Namen: der Koffer ist gepackt, alles ist abgetan: morgen früh geht es aus Rom gen Pisa in Gottes Namen. Ich bin gesund, u. habe, alles überlegt, in Rom sowohl als in Napel eine Aufnahme gefunden, deren sich wenige Fremde rühmen können. Ich habe gesehen, so viel u. mehr als mir not ist; daß meine Hoffnung in Ansehung der Bibliotheken nicht erreicht ist, hat nicht an mir gelegen. Die Herzogin grüßet Dich aufs beste u. will mir einen Br. an Dich mitgeben, liebes Herz, den ich Dir aber erst selbst überreichen soll. Sie geht künftigen Sonntag auch fort u. hat ihren Aufbruch um einige Tage beschleunigt: sie geht nach Napel, also nach Süden, ich nach Norden; u. zuerst ins stille Pisa, wo es mir, wie ich zuvor weiß, sehr wohl sein wird. Die liebe, über allen Ausdruck gute Angelika grüßt Dich auch herzlich u. schickt Dir ihre Silhouette. Nimm sie mit Liebe u. Freundschaft an: der Engel hat in den letzten Monaten oder Wochen mir den Aufenthalt hier über alle Maße erfreulich gemacht, so viel es in ihren Kräften gestanden; ich wollte, ich hätte sie früher kennen lernen, die honette, stille, schöne Seele. Sie hat mich sehr lieb u. ich sie auch; unsre Freundschaft wird mit jedem Jahr zunehmen, denn sie ist auf reine Achtung u. Liebe gebauet. Du wirst u. mußt auch, wenn Du mich lieb hast, so herzl. als ich an dieser Liebe teilnehmen: Du wirsts, sobald Du sie näher kennen wirst, die zarte, gute Seele. Die Herz. selbst hat große Achtung für sie; ja alles was sich ihr nähert, muß Achtung für sie haben, da sie wirklich wie ein kleiner wohltätiger Geist lebet. Heut Mittage esse ich noch bei ihr, u. Nachmittag wollen wir noch, einige zurückgebliebene Sachen zu sehen fahren. Der Himmel segne u. bewahre das gute Wesen. Den nächsten Br. also empfängst Du, so Gott will, aus Pisa, u. es wird, wie ich hoffe, ein fröhlicher Br. sein. Ich habe das schönste Wetter, u. der später eingetretne Frühling ist mir jetzt sehr willkommen, so unangenehm mir das lange Warten auf ihn u. die Campagna war. Lebe also wohl, liebes Herz, Du u. die Kinder; wenn Du diesen Br. erhältst, bin ich schon viel näher bei Dir. Gott empfohlen. Sorge für Deine Gesundheit u. grüße die Schwester, wenn sie wie ich glaube, da ist. In Florenz werde ich Deine lieben Br. finden. Lebe wohl, gute Seele, Du nicht-verlassene Ariadne, lebe wohl. Sei fröhlich, u. denke auch an mich fröhlich: es geht mir allenthalben wohler, als ichs verdiene. Lebe wohl, meine Liebe: lebewohl u. grüße alle die sich mein in Liebe erinnern.   {Beilage: } Kommission NB. Aufs baldigste, baldigste u. mit erster Post schicke doch des Königs v. Preußen Œuvr. posthumes, die bei Ettinger herausgekommen sind, unter der Herzogin Adresse, die Du bei Ludekus erfragen wirst, hieher. Das Päckchen wird nach Rom adressiert; im Fall aber die Herz., wie wahrscheinlich, nicht mehr da, sondern in Napel sein sollte, so kann unter die Adresse an Sie gesetzt werden, dal Sign. Consigl. Reiffenstein so wird das Päckchen bei ihn gebracht, u. er beförderts weiter. Aber ja unter ihrer Adresse: oder Du kannsts Ludecus geben, daß ers aufs eiligste befördre: denn ihr ist viel, viel dran gelegen. Lebe wohl, beste. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 15. Mai 1789. Dein lieber Brief vom 29. Apr. den ich gestern erhalten habe, Du EinzigGuter, macht mich über Carlsbad aufs neue unschlüssig u. unruhig. O Gott wie verlange ich Dich zu sehen! u. der Gedanke Dich im Carlsbad wiederzufinden hat mich vielleicht mehr als die Arznei selbst, gesund gemacht. Ich will Deinem u. meinem Verlangen nicht ganz widerstreben; will zusehen wie es wird, wenn die Schwester ankommt, die ich tägl. erwarte. Meine u. Gottfrieds Gesundheit sind gut; Rhabar. u. China tun abwechselnd mit dem schönen Wetter, alles was wir wünschen. Wir sind wohl. Ich halte es beinahe für einen kleinen Übermut die Reise zu tun, wenn mich nicht das Verlangen Dich zu sehen, entschuldigte. Gewisses will u. kann ich heute nicht versprechen, bis Deine Schwester kommt. Sie ist in Leipzig wo sie wegen aufgebrochenen Füßen liegen u. ausruhen mußte – sie ist sehr mutlos hierüber, ich habe sie aber getröstet daß dieser Umstand ihr Leben verlängern wird. Wenn sie kommt, will ich gleich Starke holen lassen. Sie hat leider die Reise mit Hartknochs Diener auf dem Postwagen tun müssen u. daher sind ihre Füße so schlimm geworden. Hartknoch ist den Tag, da er von Riga abreisen wollte, an einem aufgebrochenen Lungengeschwür gestorben; sein Sohn hat es mir gemeldet u. aufgetragen es Dir zu sagen u. ihn Deiner Freundschaft aufs angelegentlichste zu empfehlen. [...] Es ist unmöglich lieber Engel, daß ich Dir über das was Du in Gött. fordern sollst, etwas schreiben kann; Es ist zu wichtig unsre künftige Existenz beruht ja darauf. Wir müssen uns gut betten, dies ist nun einmal eine Hauptsache, u. von diesem Augenblick hängt alles ab. Du wirst an H[eyne] vorläufig ja gesagt haben; mehr verlangt er vor der Hand selbst nicht. Die Unterhandlungen müssen auf deutschem Grund u. Boden geschehen. Man muß pro u. contra überlegen u. nun ernstlich für sich u. die Kinder sorgen. Ich habe Dir in meinen 2 Briefen nach Parma, worinnen auch einer von Goethe liegt, ausführlich, so viel es sich tun läßt, geschrieben. Beruhige Dich Bestes Herz, bis wir zusammen vereint, das gute Schicksal um Beistand anrufen können. Daß Du an Heine noch gar nicht geantwortet hast, ist nicht gut; er wollte ja sogern Deinen vorläufigen Entschluß wissen. [...] Der Herzog ist noch bei der Revue. Bei der Herzogin bin ich den Dienstag gewesen u. muß heute wieder zu ihr. Liebes Herz Du kannst nicht denken wie gut sie ist. Sie fragt immer nach Dir u. wünscht zu hören daß sich Deine Gedanken, hierher lenken möchten – sie ist sehr besorgt u. in Furcht darüber, u. sucht denn freilich das unangenehme von Gött. mir vorzustellen; ich nehme es nicht anderst als gut auf, ihre Liebe u. Zuneigung spricht es ja, u. dies Kleinod muß man hoch halten. Ihr Schicksal hat sie abermals sonderbar geläutert u. erhöhet – u. ich hänge zärtlicher als jemals an ihr, da sie Dich, Dich, so außerordentlich jetzt erkennet u. liebt. Komm u. sehe fühle selbst. [...] Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 15. 5. 1789 [?] Nun lieber Vater reisen Sie glücklich von Rom ab; ich wünsche Ihnen viel Tausend Tausend Glück zur Reise. Der liebe Gott sei mit Ihnen ich will alle Morgen u. Abend für Sie beten O wie wollen wir uns freuen wenn wir Sie wieder sehn. Leben Sie Tausend mal wohl. Ihre Getreue Tochter Luise Herder. 1789. Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 15. 5. 1789 [?] Lieber Vater. ich habe sie geküßet. in zwei Wochgen da ist Mei geburstag. kommen Sie balde wieder ich wünsche noch tausend glück auf ihrer Reise Wenn Sie da sind und kaugen eine pfeife tabak da will Sie die Pfeife anstecken, ihr gedreier Sohn Emil Herder 1789 J. G. Herder an Caroline Herder Florenz, am Himmelfahrts Tage [21. 5.] 89. Die Aufschrift des Orts in diesem Briefe, liebe treue Seele, wird Dir lieb sein, u. ich hoffe, so auch sein weiterer Inhalt; er wird Dir die paar Tage, die Du länger auf einen Brief hast warten müssen, ersetzen. Den Tag vor meiner Abreise aus Rom, den 14. Mai schrieb ich an Dich u. meldete sie Dir; den 15. Mittag um 1. Uhr ging ich ab mit meinem Vetturino. Es war Donnerstag; Sonntag Abends war ich in Siena; Dienstag Nachmittag in Pisa, wo ich 2. halbe Tage blieb u. kennen lernte, was ich kennen lernen wollte. Seit heut Mittag bin ich in Florenz, wo mein erster Gedanke nach Deinen Br. war, die ich denn endlich um 4. Uhr nach Mittage erhielt, 3. an der Zahl, so daß mir nach Deiner eignen Rechnung keiner fehlet; die andern habe ich in Rom erhalten. Wie sehr ich auf dies Himmelfahrtsfest mich unterwegs Deiner Br. wegen gefreuet u. mich darnach gesehnt habe, kann ich Dir nicht sagen; u. sonderbar, daß mir immer dabei der halbpossierliche Nebengedanke einfiel, daß wir auf unsrer Brautreise einmal an diesem Fest gerade in Gött. waren u. ich des dummen Einpackens halben in der Nacht Dein Gewand anhatte. Es waren kindische u. glückliche Zeiten; ich wollte, daß wir dies Himmelf[ahrts]Fest auch mit einander auf der Reise, nur nicht eben in Florenz u. in Italien hätten zubringen können. Nun wohlan! Es geht ja Schritt für Schritt weiter: die Berge werden auch, so Gott will, überstiegen werden, u. die Stunde wird kommen, da ich Dich liebe Treue als meine mir zum zweitenmal neugeschenkte Braut, wie Ulyßes die Penelope, wieder in meine Arme fasse u. zu Dir sage: »Gott Lob u. Dank! Auf so lange, u. so einfältig wollen wir uns nie mehr trennen, so lange wir leben!« Hilf mir von Gott erflehen die baldige glückliche Stunde. Amen! Weiter also an den Text. Gottlob u. Dank! Ich bin gesund u. habe sehr schöne Tage zu meiner Reise gehabt; der einzige heutige Vormittag war warm; das tut mir aber nichts, ich halte mich ruhig u. lege nie meinen ledernen Gurt, der die Leber deckt, vom Leibe. Weder bei Tage, noch zur Nachtzeit: ich finde es sehr nötig: denn wie das Klima in Italien mit Wärme u. Kälte auf mich wirkt, ist unbeschreiblich. Ich bin bei der Wärme sogleich wie aufgelöst, wenn andern leidlich warm ist, bin ich ein lebendiger Brunnen, daß sich alle Menschen wundern u. der alte Zucchi in Tivoli sagte, er habe noch in seinem Leben keinen Menschen so schwitzen sehen. Jetzt sehe ich erst, was ich für eine heiße u. zarte Konstitution habe, die wie fließendes, ungeleimtes Papier ist. Habe indessen keine Sorge: ich reise nicht bei Nacht, u. mit jedem Schritt komme ich dem Deutschen Klima näher, ja aus den Gegenden des eigentlichen Sirocco bin ich heraus. Auch habe ich vom Doktor Klistiere u. tartarus mit mir, die künftig meine Leibarzneien sein werden; bisher habe ich sie unterwegs noch nicht gebrauchet. Dein Segen u. Gebet, so wie das Gebet der Kinder u. die Wünsche mehrerer guten Menschen, deren ich ordentlich nicht wert bin, werden mich schützen u. begleiten. Was mich Deine u. unsrer Kinder Br. heut erfreut, gerührt u. erquickt haben, ist unsäglich. Gott lohne es Euch, meine Lieben; weiter kann ich Euch, mit Tränen in den Augen nichts sagen. Auch darin hast Du Recht, daß ich von meiner Reise u. Reiseroute zu wenig gesagt habe. Aber wie sagen, wenn man selbst nicht weiß? Du weißt ja, wie es bei Fürsten und Fürstinnen ist; sie sind wie Kinder. Das Land bei Rom mußte gesehen werden, u. es wäre unverzeihlich gewesen, so von Rom wegzureisen, wie ich aus Napel wegging, ohne Pästum gesehen zu haben. Ich trieb was ich konnte; aber immer ward aufgeschoben – von alle dem mündlich. Über meine Reiseroute bin ich bis auf diese Stunde nicht Eins. Nach der Schweiz gehe ich nicht, das ist gewiß, u. Mailand lasse ich also auch liegen. Worüber ich ungewiß bin, ist Venedig. Es ist etwas in mir, was sagt: »laß die Stadt im Wasser auch sein pp« u. denn möchte ich doch gern Padua (die Universität) sehen, was nahe dabeiliegt. Kurz, Bologna, u. Dein Brief, den ich dafinde, auch wie meine Reise sich indessen gestaltet – dies soll entscheiden. Ich bin des Sehens u. Reisens satt, u. sehne mich herzlich über die Alpen u. zu Euch, Ihr Lieben. Weiterhin weißt Du den Weg, Verona, Inspruck, München, Regensburg (über Augsb. komme ich jetzt nicht) Nürnberg . Ob ich nach dem Karlsb. gehe, weiß ich auch noch nicht; das wird sich auch finden. Habe ichs nicht nötig, warum sollte ich in den Fischkessel; spüre ich aber, daß es mir gut ist, so gehe ich auf 3. Wochen hin u. brühe mich aus. Auch dies ist denn aber ein Beweggrund mehr, daß ich Venedig liegen lasse, wo es liegt u. gehe weiter. Dies wird sich alles finden, u. Du hast einen so guten sichern Geist, daß Deine Br. mich nie verfehlen werden. Nur immer poste restante geschrieben. Bisher hat sich noch keiner, als jener nach Augsb. adressiert, verloren. Über Gott, denken wir auch einig; 2. Punkte ausgenommen, die ich Dir offenherzig melde. Ein Remboursement unsrer Schulden bei dem Weggange in Anschlag (bei uns selbst) zu bringen, geht Hannover nicht an. Warum haben wir bisher einem Fürsten gedient, der seinen so hoch- u. wertgeachteten Diener so bezahlt hat! wir gutherzigen Tröpfe! Da müssen wir uns also jetzt ansehen, als ob wir ohne Schulden wären, u. nur Fleiß anwenden, sie abzutun, da unsre jetzige gnädigste Herrschaft bei allem Wohlmeinen gewiß nichts tun wird. O wie ich durch meine Reise u. auch durch die Nachbarschaft mit der Herz. M[utter] gewitzigt bin, über die Leute zu denken! Weg von ihnen, das ist mein einziges Thema, u. nur nicht auf ihre Freundschaft u. Dankbarkeit gerechnet! Zweitens. Mit dem Herz. lasse ich mich in keine Unterhandlung ein, ehe ich einen Schluß gefaßt habe. Das wäre klein u. wegwerfend; an ihn ist jetzt die Reihe, mich zu fragen: »wie stehts um die Sache? jeder spricht davon – –« nicht an mir, eine untertänigste Anzeige zu tun, als ob ich markten wollte. An Göthe will ich schreiben u. den Br. offen in den Deinen einlegen; laß er damit tun, was er will. Ich bin des kleinlichen Ganges der Verhandlungen in W[eimar] auf immer satt u. müde. – O, lieber Engel, hätte ich Deine Stimme in Rom gewußt! Ich wartete drauf von Post- zu Posttage; die Sache wäre beinah entschieden. Romae tibi propitius ero, lag mir dabei immer im Sinn; in Florenz wage ich jetzt nichts zu tun. Heine mag also noch warten; es ist doch Eins, wenn ich ihm nicht was bestimmtes schreibe. Haben sie doch selbst so lange gewartet. Übrigens ist alles wie aus meinem Herzen, was Du über die beiderseitige Lage schreibst; aber was zu tun? man muß wählen! – Und das Verlassen der Freunde? Ach Gott, was sind sie uns, was sind sie Dir? was sind sie mir gewesen? Die gute Kalbin schätze ich gewiß wie Du; aber der ist auch wiederum Schiller gnug, u. am Ende haben doch wir beide einzig u. allein mit uns selbst gelebet. Erinnre Dich an alles, u. Dein Herz wird Ja sagen. Menschen zur Gesellschaft, wie wir sie brauchen, finden sich allenthalben. – Über K[nebel] denkst Du vielleicht zu hart. Ich kenne seine Unarten, die oft gerade denn sich äußern, wenn ers am besten, d. i. am grimmigsten meint. Noch neulich entfuhr es der Herz., daß Ers gewesen, der Jahrelang dem Herz. vorgepredigt, es sei unverzeihlich, wie ich stehe. Als von G[oethe] das Gespräch kam, zuckte sie die Achseln u. sagte, es sei Schade, daß er nichts zu Stande bringen könne, u. sich in die Person andrer nie zu versetzen wisse. Du stehst ihnen beiden jetzt zu nahe. Doch gnug für heut. Der Br. geht erst übermorgen fort u. ich bin herzl. müde. Lebe wohl, schlafe wohl, holder Engel mit allen den Unsern. Es ist 11. Uhr u. ich bin müde. Schlafe wohl, liebe Seele, morgen mehr. J. G. Herder an Caroline Herder [Florenz,] Freitag, den 22. Mai [1789] Der heutige Tag ist von mir sehr rüstig u. fleißig zurückgelegt worden; es ist spät, u. der Br. wird ziemlich kurz werden. Was helfen auch lange Br., wenn Du nur weißt, daß ich wohl bin, u. daß ich zu Dir hinstrebe. Heut also ist die berühmte Venus, Niobe pp samt der Galerie gesehen worden; die verschlossenen Zimmer bin ich 2mal durchlaufen, muß aber noch wenigstens 1. oder 2. Tage dran wenden. Gottlob, in Florenz fängt mir das Herz wieder an aufzugehen; hier sind, wie jener Schiffer sagte, doch wenigstens Fußtritte von Menschen, von großen Menschen alter Zeiten, die alle auf diesem Punkt gelebt u. gewirkt haben. Denke Dir, wie ich heut Nachmittage in der Kirche St. Croce unvermutet auf dem Ort stand, wo Mich. Angelo Buonarotti, Galilei, Macchiavell, 3. der größten Geister die Florenz u. durch sie die Welt gehabt hat, begraben liegen, unter schönen Monumenten. Und neben ihnen andre brave Männer, Filicaja, Lami, Leon. Bruno, Cocchi, Micheli, auch Staatsmänner pp Und zwischen ihren Grabmalen Altäre mit Werken der denkendsten Maler, die die Flor[entinische] Schule fast ausschließend hat, in simpler Bedeutung gezieret. Und als ich nachher in die Kirche Annunciada kam, u. meinen lieben Andr. del Sarto im Vorhofe unter den Meisterstücken seiner Kunst u. seiner Bildsäule begraben fand u. beim Eintritt der Kirche seinen männlich schönen Christus, den schönsten nach Vinci, unter einer Last von Gold, Silber, Edelgesteinen, Gelübden u. Marmor verehrt sah, u. so weiter hinauf bis in die letzte Grabkapelle des Joh. de Bologna rückte, drauf beim Herausgehen eins seiner vielen Werke den Großherzog Ferdinand in Erz grüßte, u. in die Gärten Boboli eilte, um über dem Arno die Sonne untergehen zu sehen. So war mir gestern, da ich Giotto u. Cimabues Bild im hiesigen Dom, u. in Pisa, da ich Algarottis Grab neben Giotto's alten heiligen Anfängen der Kunst im Campo Santo fand: so war mir heut morgen, da ich in der Galerie die unendliche Reihe der Bilder großer Männer alter Zeiten, u. in 2. Sälen die von ihnen selbst gemalten Bildnisse aller großen Maler aller Nationen sah u. auch meine liebe Angelika, wie einen Engel im weißen Gewande unter ihnen erblickte. Hier sind Fußtritte von Menschen, nicht Heilige u. Götzenbilder allein – morgen solls in den Palast Pitti gehen u. s. w. Der heutige Tag ist in der Witterung so schön gewesen, daß nichts drüber gehet. Die Straßen u. Kirchen sind schön kühl u. der Boden so rein, daß man allenthalben niedersitzen u. Gastmahl halten möchte. Wünsche mir Glück, daß es so gut fortgehe, u. {ich} also bald u. fröhlich reisen kann; ich will nichts versäumen, u. auch keine Stunde zögern. Also auch heut von Gött. nichts; was hilft das Reden. Ich will an Heine schreiben, was sich unverfängl. schreiben läßt; nächstens auch an Göthe. Heut kann ich nicht: denn es ist spät u. ich habe noch an die gute Fr. v. Fr[ankenberg] zu schreiben, eine Antwort auf 4. ihrer Br. Außerordentlich freuets mich, daß Du von unsrer lieben Angelika so gut u. harmonisch mit mir denkest. Ein guter Geist hat Dir die Worte eingegeben u. ich will sie ihr schreiben. Ach Gott, wenn Du die großmütig-gute, stille, schweigende Frau am Morgen des Abschiedes gesehen hättest. Sie konnte nichts reden, sah aber sehr elend aus u. als sie den Pinsel nehmen wollte, zitterte sie so, daß sie ihn augenblicklich niederlegte. O das ist eine heiliggute Seele! Mich ängstigts, daß ich noch {keine} Zeile von ihr habe. O wie wirst Du die Frau liebgewinnen, wenn Du sie näher kennen wirst; nochmals gesagt, sie ist eine seltne heilige Seele; wäre sie krank geworden, ich könnte ordentlich nicht zufrieden werden. Morgen will ich an den Engel schreiben. Nun lebe wohl, liebes Weib, lebt wohl, Ihr lieben Kinder. Dank Dir, herziges Luischen, u. Du kleiner Bacchus Emil für Eure Briefe, auch Euch andern Dank für Eure artigen Wünsche an Eure Schwester, u. für Eure guten, niedlichen Br. an mich, die ich alle hier vorgefunden habe. Ist mir einmal in einer Stunde, da ich nicht ausgehen kann, recht, so will ich noch an Euch sämtlich u. sonders schreiben. Zu schreiben habe ich viel. Lebt wohl, Ihr lieben 7. Herzen, Mutter u. Kinder, lebt wohl, ich komme zu Euch. Grüßt alle gute Menschen u. Du, liebes Weib, grüße die gute Kalb herzlich. P. S. Da hast Du, liebes Luischen, auch etwas von mir zu Deinem Geburtstage; Du mußts aber nicht verlieren. Es ist die Morgenröte, von Hrn. Meier aus der Schweiz ausdrücklich für Dich gezeichnet. Lebe wohl u. sei artig, Du kleines Seelchen, Dir, lieber Emil, schicke ich nächstens auch etwas, u. bringe Euch allen hübsche Steinchen mit. Lebt wohl, Ihr Herzen, lebt wohl. Angelika Kauffmann an Johann Wolfgang von Goethe Rom den 23. Mai 1789. [...] Ihr Durchlaucht die Herzogin waren sehr gnädig gegen mich und alle die mit Ihr seind, voller Güte. Den 19. dieses seind Ihr Durchlaucht wieder von hier abgereist den Sommer in Neapel zuzubringen, mir scheint der genuß so guter Nachbarschaft ein traum zu sein von dem ich zu früh erwacht. und lebe wieder in meiner einsamkeit sehr traurig – auch der gute und vortreffliche Herder ist abgereist, wünsche er wär schon bei den seinigen die ich ehre und liebe. Heute vor 14 tagen war ich noch mit der Respektablen gesellschaft in Tivoli, in der Villa D'este. unter den großen Cipressen hat Herr Herder uns den überschickten teil von Ihrem Tasso vorgelesen; mit welchem Vergnügen ich zugehört kann ich Ihnen nicht sagen, ich denke es ist unter Ihren schönen Werken eins der schönsten, wer kann ein so vortreffliches musterstück lesen ohne begierig werden zu dem ganzen – Herr Herder hat mir die schrift gelassen. Habe Ihnen auch recht herzlich darvor gedankt. [...] A. K. Z. PS. Zucchi empfehlet sich Ihnen auf das höflichste. Dem abbatte Spina seind Sie unvergeßlich. Die Frau Herzogin war Ihme sehr günstig. Der Herr Herder hatte Ihn auch sehr lieb. Empfehlen Sie mich des Herrn Herders seiner Frauen, die ich liebe und aufs höchste achte. Hoffe bald wieder von Ihnen zu hören, leben Sie indessen recht wohl. [...] Der Carl so bei Ihnen hier in Diensten gewesen, hatte das Glück von Herr Herder aufgenommen zu werden, der ihn vermutlich bis nach Weimar bringen wird, er hat mich gebeten ihn bei Ihnen bestens zu Rekommandieren – der Arme mann ist von der malaria auf den tod krank gewesen. weiß nicht wie er die Reis aushalten wird. [...] Caroline Herder an J. G. Herder Weimar d. 25. Mai 1789 Dein lieber Brief vom 9. Mai hat mich gestern über alles erfreut, Einzig liebes Herz. ich hatte vorigen Posttag keinen erhalten u. war darüber bekümmert weil Du mir in einem Deiner letzten Briefe versprochen hattest, noch alle Posttage zu schreiben. Meine Gedanken u. mein ganzes Gemüt lebt jetzt mehr bei Dir als hier, da die glückliche Zeit des Wiedersehens sich täglich nähert. O ich darf mich dem Gedanken nicht ganz überlassen, besonders heute nicht meine Empfindungen aufregen – ich will schweigen u. hoffen. Du wirst mir alles wiedergeben u. bringen, was ich bedarf. Du wirst Dich freuen lieber Engel, wenn ich Dir sage, daß Deine herzliebe Schwester bei mir ist. Sie hat eine harte Reise auf dem Postwagen ausgehalten; die ich Dir mündlich erzählen will. Ihr Geist u. außerordentlicher Mut hat sie aber alles überstehen helfen. Ein guter Arzt u. gute Menschen, worunter die Ruprechtin aus Göttingen war, haben sich ihr in Leipzig sehr angenommen, u. ihre Füße wurden bald so gut daß sie reisen konnte. Den Tag vor dem Himmelfahrtsfest kam sie an; Du kannst leicht denken mit welchem Herzen ich sie empfangen habe; ich sprang hinunter u. führte sie selbst in das Haus, das wir ihr zum Himmel machen wollen, da sie 23 Jahr in der Hölle gelebt hat. Ich will Dir keine Beschreibung ihrer Leiden machen, Du mußt sie selbst von ihr hören u. dann sollen sie, wo möglich auf immer vergessen sein. Ihr geistvolles schwarzes Auge u. ihre schöne regelmäßige Bildung rühren mich jedesmal wenn ich sie ansehe. Sie sieht Dir nicht ähnlich, doch kann man sehen, daß sie Deine Schwester ist – unser August sieht ihr entfernt ähnlich. [...] Da die Krankheit der l. Schwester so erträglich ist, so komme ich mit tausend Freuden zu Dir ins Carlsbad – denn um vieler Ursachen wegen muß ich Dich zuerst außer Weimar sehen u. sprechen. O es tut mir sehr wohl daß Du das nämliche Gefühl hast. Goethe wird Dich auch auf einige Tage dort aufsuchen; er will den Eger brunnen trinken, den der alte König lange Jahre getrunken hat; er soll eine besonders auflösende u. stärkende Kraft zugleich haben. [...] Dein genossenes Glück in Tivoli erneure ich ganz in meiner Seele u. teile alles mit Dir, Du mein Einziges Leben. So hat die gerechte Nemesis, Deine letzten Tage in Rom über Erwarten verschönert u. es trifft Dein Neujahrtext von 2 Jahren auch hier wieder ein: das Ende eines Dinges ist oft besser als sein Anfang. [...] Nun lebe wohl für heute, guter Engel, verlasse das Land segnend worinnen Dir aufs neue Gott u. die Wahrheit u. ein Engel von Frauen erschienen ist. Wir wollen ihm für alles danken, wenn wir uns wieder vor seinem Angesicht umarmen, für Leid u. Freude wollen wir ihm danken. Deine Schwester erzählte mir, daß Du als ein Knabe bei dem Anblick von Italien, auf der LandCharte in die Hände geklopft u. ausgerufen habest: O mein liebes Italien! Wie wehmütig hörte ich ihr da zu! Ich habe Dein Bild, von Graf, in das Zimmer gestellt, daß sie Dich immer vor Augen hat. Mit meinen Augen des Geistes sehe ich Dich inniger u. lebhafter. Die Kinder sind alle wohl. es ist Jahrmarkt u. schönes Wetter, sie legen daher keine Briefe bei u. küssen nur ihren Vater tausendmal. Lebe wohl Treues Gemüt u. lieber Geist. O wie will ich mich wieder an Dir laben! Gott sei mit Dir, begleite Dich, u. halte sein Auge über Dir. Lebe wohl. C. H. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 25. 5. 1789 [?] Ich freue mich herzlich Sie nun bald in Carlsbad zu sehn, liebster Vater, und Sie nach so langer Zeit wieder zu genießen, und Ihre lieben Worte wieder zu hören; o könnte ich doch die süße Stunde des Wiedersehns Flügel anlegen, schneller zu uns zu kommen! – Gestern habe ich meinen Herrn Bruder August, in Belvedere mit Herrn Schäfer zu Pferd besucht, und das Glückskind befindet sich überall recht wohl, er läßt Sie vielmals grüßen. Wie freu ich mich auch daß meine liebe Tante da ist, und insonderheit, da der Hofmedicus so gute Hoffnungen macht, o ich habe diese würdige Frau recht lieb. Kommen Sie nur bald, wir können die Zeit gar nicht erwarten; ich will Ihnen auch recht viele Übersetzungen aus dem Griechischen vorweisen, die ich in Hexametern gemacht habe u. die sie verfeinern müssen. Leben Sie wohl, liebster Vater, behalten Sie immer lieb Ihren gehorsamen und treuen Sohn Gottfried Herder. J. G. Herder an Caroline Herder Florenz, den 28. Mai 89. Morgen früh gehts von hier u. ich tue also einen neuen Schritt den Gebirgen näher, die uns, liebe, so lange getrennt haben. Ich schreibe jetzt u. lasse den Brief nach, weil ich nicht weiß, wenn die Post in Bologna fortgeht, wo ich Br. von Dir zu finden hoffe u. das Weitere ersehen u. Dir schreiben werde. Hier bin ich fleißig gewesen, sofern man mit dem bloßen Sehen fleißig sein kann, es ist doch ein bloßer u. am Ende lästiger Müßiggang, das Reisen. Mit dem Großherzoge habe ich 2. Stunden allein gesprochen; u. es ist mir äußerst merkwürdig, ihn kennen gelernt zu haben, ob mich gleich übrigens die große Welt nicht angehn darf, weil sie mich nicht bezahlet. Lebe wohl u. sei fröhlich, meine Liebe. Gott erhalte Dich gesund u. die Deinen; ich bin wohl. Grüße die Fr. v. Fr[ankenberg], an die ich aus Bologna schreiben werde; hier fehlt mir die Zeit, so wie Du auch diesen kurzen u. elenden Brief aufs beste entschuldigen wirst. Ich bete zu Gott, daß er mir eine glückliche Reise beschere u. mich gesund u. froh zu Euch bringen möge, damit ich auch Euch alle gesund u. froh finde. Tut desgleichen, meine Lieben, u. behaltet mich lieb. Lebe wohl, Herzensliebe, ich drücke Dich an meine Brust, Du gute liebe, lebe wohl, wohl. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 29. Mai 1789 Ich erhielte gestern Abend Deinen Brief vom 13ten Liebes Herz; u. mein Herz klopfte heftig bei der Nachricht Deiner Abreise! Gott sei mit Dir, Du mein Einziger u. bringe Dich glücklich zu uns. Wie es Dir aber hier sein wird, unter Deiner armen Frau u. Kinder, wird Gott wissen, ich darf nicht daran denken, will aber auf Dich hoffen u. trauen gutes Herz. Die Silhouette der Angelica hat mich außerordentlich frappiert. So ein innig zartes heiliges u. verständiges Gesicht habe ich noch nicht gesehen. Ja mein l. Herz, ich liebe sie, u. werde sie noch mehr lieben wenn Du mir mündlich von ihr erzählen wirst. Sie soll die Seele unsres Lebens sein. Gott hat sie Dir u. auch mir gegeben. Doppelt wird der Spruch des h. Ignatius erfüllt, der liebe Gott hat Dich lieb. Vorigen Posttag habe ich einen Brief nach Venedig an Dich adressiert. ich wußte nicht, daß Du über Pisa gehn wirst. Es liegt einer von der Herzogin u. Fr. v. Frankenb. darinnen, ich meldete Dir, daß ich ins Carlsbad kommen kann u. gern kommen will, denn ich muß Dich vorher außer Weimar sprechen. Goethe will auf einige Tage zu Dir, reitend, ins Carlsb. kommen. Er ist in diesem wichtigen Zeitpunkt jetzt unser treuester Freund; u. Einen Freund müssen wir jetzt haben. Glaube mirs. Einen Brief von ihm wirst Du in Parma finden, wenn Du, wie ich glaube diesen Weg nimmst. An die Ang. liegt auch ein Brief dort. Antworte doch dem Goethe daß Du Dich vor der Hand nicht in Unterhandlung mit Gött. einlassen willst; bis wir alles reiflich überlegt haben. Der Herzog will u. wird mehr tun; denn mit 200 Rtlr. Zulage können wir nicht bleiben. Es wid alles zu Deiner u. meiner Zufriedenheit ausfallen; Zeige nur selbst daß Du gegen sie nicht abgeneigt bist, wenn unsre Situation verbessert wird. Im Carlsbad wollen wir darüber mehr reden u. es von allen Seiten beherzigen. Goethe liebt Dich, u. ists vor allen Menschen wert, von Dir geliebt zu sein. Wende Dich nicht von ihm ab. Du achtest u. liebst an der Angelica was die Natur ihr glückliches u. heiliges gegeben hat; er ist von dieser Seite ihr Bruder u. wir wollen ihn nicht mehr verlieren, wie Du es einmal (vor 6 Jahren wars) so heilig zusagtest. Es schmerzt ihn daß Du in dieser wichtigen Sache so stumm gegen ihn bist. Ich habe Dich entschuldigt. Das Wiedersehen im Carlsb. wird alles gut machen. Laß michs bald wissen wenn Du eintreffen kannst. In dem Brief nach Venedig habe ich Dir von dem Befinden der lieben Schwester Nachricht gegeben. Sie befindet sich gar leidlich, u. wird morgen einen Versuch machen aufzustehn. Sie liest fleißig in den Blättern der Vorzeit u. erwartet Dich mit Sehnsucht. Du wirst sie recht lieb bekommen. Gott gebe ihr Freude in unserm Haus u. Gesundheit. Der Hufland gibt gute Hoffnung. Herzl. wünsche ich daß Du den Brief von der Herzogin bald erhalten mögest. ich kann Dir nicht Gutes genug von ihr sagen. Komm u. siehe es selbst u. habe uns lieb; u. verlange doch nicht zu viel von uns; Gott hat uns nicht gegeben was er Dir gegeben hat. Sei mitleidig gegen die Armen u. Schwachen, das heißt gegen mich, Gutes Herz. Du weißt wie ich Dich liebe. Grüße die schöne, in sich gekehrte heilige Seele A. u. lebe wohl! Die Kinder sind fröhlich u. küssen Dich. Gott sei mit Dir, u. behüte Dich, [l. Engel.] Goethe ist in Belvedere, ich habe ihn heute über den Brief der in Venedig liegt um Rat gefragt. Da ein gutes Wort über Dich im Brief ist, so schicke ich Dir seinen Brief selbst. Nimm aber das Wort guten Alten nicht übel auf; er liebt Dich wie Du es nicht weißt. Das glaube mir. Lebe wohl, mein inniges Herz. Lebe wohl, u. bringe einen guten Willen mit. Johann Wolfgang von Goethe an Caroline Herder Belvedere, 29. 5. 1789 Folgen Sie mir und lassen den Brief in Venedig liegen, schreiben dem guten Alten sogleich nach Bologna einen guten Extrakt von allem, was wir wünschen und denken . Daß Sie nach Carlsbad gehen wollen und daß ich vielleicht auch hinkomme. Daß wir ihn herzlich lieben und ihn freundlichst erwarten. Nur bitte ich, tun Sie von nun an nichts im Elektrasinne und fragen mich hübsch. Ich kann in einzelnen Sachen irren, aufs Ganze werde ich nie fehlen. Der Brief in Venedig liegt ohne Wort ganz ruhig; geht er nach Venedig, so findet er ihn; geht er nicht hin, so lassen wir ihn zurückkommen. Schreiben Sie ihm nur aber und abermal, daß er sich mit Göttingen nicht weiter einläßt. Sonntags komme ich wohl in die Stadt. Ich möchte Euch wohl einen schönen Morgen einladen. Wir wollen es abreden, daß es ohne weitere Gefahr geschehe. Morgen sage ich noch ein Wort. Tasso ist so gut als fertig. Noch aber darf ich nicht groß tun. Adieu, Liebe. Tun Sie nur jetzt nichts ohne meinen Rat. Der ist immer zu haben. Adieu. Hier oben geht alles nach Wunsch. G. J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Florenz, den 29. Mai 89. Ich hatte mir vorgenommen, gnädigste Herzogin, aus Pisa Euer Durchlaucht einen langen Danksagungsbrief zu schreiben; die Worte versagten mir aber u. sie versagen mir noch. Ich muß also diesen Punkt übergehen, u. will den Dank nur unvergeßlich u. für mich unaussprechlich in meinem stillen Herzen über die Alpen nehmen, wohin mich der Himmel geleiten möge. Meine Reise von Rom nach Pisa war gut u. gemächlich; ich bin dem Sign. Collina für den guten Vetturin viel Dank schuldig. In Pisa blieb ich 2. halbe Tage u. sah an Menschen u. Steinen u. Farben, was zu sehen war; wandelte drauf mit demselben Vetturin nach Florenz, von da ich morgen früh abgehe. Ich habe die Tage sehr fleißig zugebracht u. gesehen, was sich nur sehen ließ. Die Mediceische Venus u. die Niobe mit ihrer Familie empfehlen sich E. D. aufs schönste; sie allein sind wert, daß man nach Florenz reiset. Ehegestern habe ich dem Großherzog aufgewartet, der gegen 2. Stunden mit mir gesprochen hat; Tages vorher den Prinzen; die Großherzogin ist auf dem Lande. Der Graf Hohenwart, der den ältesten Prinzen in der Geschichte Unterricht gegeben, hat mir insonderheit viel Freundschaft erwiesen; u. so jedermann; die Florentiner sind ein viel feineres Volk als die stolzen u. groben Römer. Ich wollte, daß ich zuerst nach Florenz gegangen wäre u. in Einer seiner Städte Italienisch gelernt hätte; hier bekommt man Lust zum Italienischen, in Rom nie. Es ist auch in der Sprache ein Babel, ein Tummelplatz der Völker; das Eselsgeschrei, mit welchem dort die Damen ihre schöne Reden anfangen, das Oh, Ha, Eh, Ih und dergleichen liebliche Akzente höret man hier nie. Bis alle Klassen u. Stände erstreckt sich diese Artigkeit. Mein Wirt, der Signor Dottore Vanini, der das vornehmste Albergo der Stadt am Arno hat, u. bei dem auch der Kardinal Ex-Minister in Frankreich gewohnt hat, ist ordentlich ein Muster der Höflichkeit, wie alles in seinem Hause. Ich wollte, daß E. D. bei Ihrer Rückreise durch Florenz bei ihm herbergten. Der Kardinal ging ab, als ich an kam; ich habe ihn also nicht gesehen; er hat hier aber allgemein ein großes Lob der Artigkeit, Kenntnisse pp nachgelassen; auch der Großherzog lobt ihn sehr. Er hat sich (der Großherzog nämlich) nach dem Aufenthalt E. D. und der Länge desselben erkundigt, u. es schien mir, als ob man bei der Rückkunft durch Florenz aufmerksam darauf sein wolle. Auch geht hier die Rede, daß die Markgräfin von Baireuth, in Gesellschaft des Prinzen Friedrich nach Italien kommen wolle; das wird aber wohl noch lange ein guter Wunsch bleiben. Freudenheim ist noch hier; ich habe ihn aber nicht gesprochen, ob er gleich im Einem Hause, oder vielmehr im andern Teile des Hauses wohnet. Übrigens ist alles hier sehr still und ordentlich, fast nach Deutscher Weise: der Geist Deutscher Regierung ist allenthalben sichtbar. Und wie leben Euer Durchlaucht jetzt in Ihrem lustigern Neapel? Die Pontinischen Sümpfe sind glücklich passiert, und die schöne Nymphe Parthenope präsentiert Ihnen täglich ihren silbernen Spiegel. Ich habe mein Antlitz von ihr gewandt u. schaue jetzt nach den Deutschen Bergen, doch mit voller Dankbarkeit für die heitern Stunden, die sie einst auch mir gönnte, u. die ich der Güte u. Huld Euer Durchlaucht zu danken habe. Wenn meine Wünsche einige Macht über das Schicksal haben: so müssen E. D. den schönsten Sommer durchleben u. dann im schönen Herbst – – – Die Bedeutung dieser Striche wird E. D. weissagendem Geist überlassen, ohne daß ich sie vollende. Ihr göttlicher Sänger, wie ihn Buri nennt, wird nun wohl auch auf seine Venezianische Rückreise denken; ich für meine Person werde auch an diesem Strande die Sirenen nicht singen hören: mein Sinn steht über die Alpen. Leben Euer Durchlaucht aufs schönste wohl mit Ihrer kleinen Reisegesellschaft; und haben die Gnade, Einsiedel anzutreiben, daß er in Napel oder auf einer Insel etwas dichte. Mir ists recht unlieb, daß ich diese Gegenden nicht durch etwas angezeichnet habe, das der Rede wert ist; selbst in die schöne Marionette habe ich mich {nicht} verlieben können, ob E. D. es mir gleich Schuld gaben. Nochmals das schönste Lebewohl, und einen Wunsch, sich meiner in mancher frohen Stunde als eines – Verbannten, oder als eines patriotischen Deutschen, der sein Vaterland mehr als die Nymphe Parthenope liebte, in Gnaden zu erinnern. Ich küsse E. D. ehrerbietigst die Hände u. sende Ihnen tausend Segnungen zu. Herzogin Anna Amalia an Karl Ludwig von Knebel Portici d 29 ten Mai 1789 Ich bin Ihnen, lieber Knebel für Ihr Andenken sehr verbunden. Das Gute und schmeichelhaft[e] was Sie mir sagen ist von einer Art daß besäß ich mehr Eigenliebe, ich stolz darüber werden könnte; es soll mir aber vielmehr zur Ermunterung dienen mich noch mehr zu befleißigen meinen Freunden nützlich zu werden um bei meiner Zurückkunft in meinen Kreise, so viel wie möglich mitzuteilen was ich hier in Italien empfangen habe. Unterdessen bitte ich Sie, lieber Knebel lesen Sie den 6ten Gesang der Eneide Virgils, Sie werden darinnen alles finden was ich jetzt fast beständig vor Augen habe; wie sehr wünschte ich daß ich es mit Ihnen genießen könnte! Der Vesuv zu dessen Füßen ich jetzt wohne, hat die große Höflichkeit und gibt mir alle Abend ein kleines Feuerwerk. Für jemanden der nie dergleichen sahe ist es eine große Erscheinung. Vor einigen Tagen war er mit Wolken ganz umkränzt, die Mündung ausgenommen die eine dunkelrote hohe Flamme ausstieß, die glühenden Steine die er auswarf tanzten leicht in der Luft, als denn kam die Lava die sich mit den Nebelwolken mischte und sie verteilte. Der widerschein der Lava machte über den Berg eine dunkel rote Glühende Glorie die bis tief in die Nacht dauerte. Es war das schönste Schauspiel was ich in meinem Leben gesehn habe; ich ermangele auch nicht alle Abende meine Andacht den Vesuv gegenüber zu halten, u kann mir recht gut vorstellen wie es nationen gibt die das Feuer anbeten. Herder ist jetzt von mir weg. Es tut mir sehr leid daß er nicht bei mir geblieben ist, denn viel genossen hat er nicht in Italien, doch kömmt er nicht leer zurück. Der Fr: von Kalb danken Sie für Ihr Andenken an mich; ich erwidere es ihr gewiß, grüßen Sie sie auf das freundschaftlichste; auch mein Alten Wieland der mich ganz vergißt. Sie, lieber Knebel, bleiben Sie immer mein Freund so wie ich Ihre Freundin sein werde. Amelie. J. G. Herder an Caroline Herder Bologna, den 31. [30.!] Mai [1789] Ich bin Gottlob gesund hier angekommen, u. finde Deine beiden Br. vom 1. u. 4. Mai, für die ich Dir herzl. danke. Wo Du weiter hin schreiben wirst, hast Du nicht gemeldet. Du wirst weiter in meinen Br. gefunden haben, daß ich nicht über Venedig zu gehen gedenke; ich habe einen geheimen Schauder vor dem Ort u. will dieser blinden Abneigung diesmal folgen. Übermorgen oder Dienstag gehe ich also von hier über Modena, Parma, nach Mailand u. von da gerade hin nach Trident; allenthalben werde ich mich auf der Post nach Briefen befragen, u. auch von Mantua, falls ein solcher da sein sollte, ihn mir nachschicken lassen, daß also wahrscheinl. nichts verloren gehen wird. Die Post geht heut Abend fort, u. ich will Bologna sehen; über alles, was Du mir geschrieben hast, ist also nicht Zeit zu reden. Des Herzogs Anerbietungen lauten groß u. sagen wenig. Nur No. 1. 3. 5. 6. ist wirklich von Wert; n. 2. 4. will nichts sagen, u. am Ende gewinne ich doch im Ganzen nichts als 200 Tl. jährlich. Was will das sagen? Laß also alles ruhen, bis es rechtl. an mich kommt. Was soll jetzt auf der Reise die Übereilung? An Heine habe ich noch gar nicht geschrieben; Du hast ihm also im Eingange des Br. das Jawort zu früh gegeben, das er endlich als Kompliment aufnehmen kann. Sonst wird Dein Br. an ihn nichts wirken; man muß deutl. u. bestimmt fodern; oder die Sache abbrechen. Mir tuts leid, daß sie diese langsame Wendung genommen hat. Ich hätte gern in Rom die Foderungen gemacht, wenn ich Deine Meinung bestimmt gewußt hätte. Du schwiegst aber darüber einen ganzen Monat – Nun alles ist gut; nur wäre es, wenn wir aufs neue ins Garn gelockt würden, abermal – u. zwar für die Lebenszeit – Schicksal, ein hartes Schicksal. Die Hauptsache ist, in G[öttingen] an einem Platz zu sein, wo ich für mich selbst verdienen kann, nachdem ich fleißig bin u. Glück habe. Das ersetzen mir keine Titel, keine leeren Gnaden, keine 200. Tl. jährl., bei denen ich doch umkommen muß. Ich schätze alles, wie ich soll; aber aufs neue Dupe zu werden, nachdem ichs so lange gewesen bin, sollte mich in der Seele schmerzen. Was kann ich in W[eimar] angreifen, woran nicht alter Kummer u. Verdruß hängt? Fast mag ich keine Person in Geschäften wiedersehen, so sehr ist mir alles verbittert u. verleidet. Gnug, wenn ich kann, schreibe ich an Heine, u. schicke Dir die Kopie; abgemacht soll nichts werden. Nur der Punkt, daß der K[önig] v[on] Engl[and] meine Weimar. Schulden bezahlen soll (wie man auch die Sache einkleide) ist untulich; ich kann nur ein anständiges Anzugs- u. Einrichtungsgeld fodern; oder sie wollen mich dieser Lumperei wegen auf ewig an G[öttingen] binden, u. das ist mir nur zu denken unausstehlich. Gnug, grüße Alle u. sei ruhig, u. quäle Dich nicht unnütz ab, liebe. Ich gehe über Inspruck, München, Nürnberg, da werde ich Deine Br. finden u. was besonneneres schreiben. Auf einer Reise mit dem Vetturin, wo man jede Stunde nutzen muß, wenn man nicht die lieben Zechinen umsonst ausgeben will, ists nicht möglich. Ich habe heut seit frühauf in meiner Seele einen mißmutigen Tag, an dem mag ich nicht schreiben. Morgen ist das Pfingstfest. Gesund bin ich übrigens u. ich wünsche u. hoffe, daß Ihrs auch seid. Die Herz. rührt mich im Innersten; was kann ich aber für sie tun? Nichts, nichts; u. sie im Grunde für mich auch wenig. Was hilft also das Ängsten? Die Spinne, die zu Dir kroch, ist wahr u. überwahr; Du hast wohlgetan, daß Du den Br. nicht abgeschickt hast; darüber denke ich sehr klar, u. will, wenn Gott es will, nur wie ein Manufakturer vom Fleiß leben. Was ich brauche, ist eine Werkstätte; die ist in W. nicht: es ist ein Gnadenbrot u. am Ende Bettelei für sich u. die Seinen, deren ich satt bin. Lebe wohl, liebe, Gott helfe mir zu Dir, da können wir uns besser beraten. Was hilft das Schreiben? Lebt wohl, Ihr lieben. Lebt tausendmal wohl.   So weit war der Br. geschrieben, u. von mir selbst auf die Post gegeben, als ich wie durch eine Inspiration sage: »laßt uns noch ans andre Bureau der ankommenden Br. gehen u. fragen, ob keine Br. mehr an mich da sind.« Wir tuns u. eben war Dein Br. vom 15. Mai, meinem Abzugstage aus Rom angekommen, der nun meinen Plan soweit ändert. 1. Ich gehe nach Venedig künftigen Mittwoch mit dem Courier, bloß um diese Stadt gesehen zu haben, gehe nach Pavia, u. sodann sobald möglich, mit dem Courier nach Modena, Parma, Mailand, wo ich Deine andern Br. finden werde. Von Mailand über Brescia, nach Trident. Sodann nach Inspruck, München, Nürnberg. Nach der Schweiz gehe ich nicht; ich bin zu voll von Eindrücken u. kann jetzt nichts mehr sehen, also wenigstens in München u. Nürnberg finde ich von Dir Br. 2. An Heine schreibe ich, da ich jetzt einen Tag länger hier bleibe, von hier. Daß ichs solange nicht tat, tat ich mit guter Überlegung. Die stolzen Herren sind der Sache so gewiß, daß ich komme u. kommen muß; daß auch meine vorläufige Antwort nicht zu eilig sein darf. Heine schrieb nur »antworten Sie, sobald Sie können u. mögen« u. überhaupt wird mit diesem vorläufigen Br. nichts ausgerichtet. Der Fuchs hat die Bedingungen, wie weit er gehen kann, doch schon im Sack u. will nicht damit heraus, u. Winkelzüge wirds noch gnug geben. – Nimm auch die Stelle meines Br., die vom Verzögern handelt, nicht hart auf; Du siehst, daß ich mir daraus nichts mache, u. am Ende wird auch dies gut. 3. Der Herz. sage doch das Beste, Schönste von mir; o wie mich ihre Liebe u. Treue rühret. Wegen Karlsb[ad] tue, was Du willt, nur schreibe mir, daß ich in Nürnb. wenigstens den Br. finde. Kommst Du nicht, so gehe ich vielleicht auch nicht hin, insonderheit wenn mein Geld nicht hinreicht. Folge Deinem Triebe, nicht mir; ich will Dir u. der Notwendigkeit folgen. 4. So ist Hartkn[och] auch tot; nun ruhe wohl, guter Mensch, auch Du hast ausgestöhnet. – Meiner Schwester Krankheit beunruhigt mich. Ach es war eine törichte Reise, gegen die immer meine Seele war: Ich sehe sie für nichts an, als für die letzte Unruhe des Kranken: sie will bei uns sterben . Pflege sie, tue, was Du kannst, Gott wird Dirs belohnen. Und lebe, lebe wohl. Grüß die Kinder, Dank Amor u. Psyche für ihre Briefe, lebt wohl, Ihr Herzen, lebt wohl! Caroline Herder an J. G. Herder Weimar den 1. Juni 1789 Auf unsres Rosen Emils Geburtstag, schreibe ich Dir also den letzten Brief nach Italien, u. segne Dich an dem Tage zu glücklicherer Wiederkunft, daran uns Gott gesegnet hat. Sei glücklich mit den Glücklichen u. stark bei den Schwachen die Dein erwarten – Genuß u. Lohn begleiten Dich für Beides. Ludecus hat mir heute die Nachricht gebracht daß Du wirklich von Rom den 14. abgereist seiest, u. Deinen Weg durch die Schweiz nehmen wirst. Dies letzte ist mir um so beruhigender da Du schneller der Hitze entkommen wirst, die in Italien jetzt schon groß sein muß. [...] Glaubst Du, Dich in Carlsb. für Weimar oder Göttingen vorzubereiten, so komme ich mit Freuden zu Dir u. bringe Gottfried, August u. Luisgen mit. Bist Du aber des Reisens müde u. sehnst Dich nach Ruhe zu Hause, so bist Du mit Sehnsucht erwartet; ob ich gleich weiß, daß Du das erste halbe Jahr höchst unglücklich durch den gewaltigen Wechsel des Klima, Landes, der Gegenstände u. des Glücks, sein wirst, so stehe ich gerüstet mit meiner schwachen Kraft u. bitte die guten Götter, mir u. Dir bei zu stehn – dies werden PrüfungsTage aufs ganze Leben sein; u. gut ists, wenn man sie kommen sieht u. sich vom Feind nicht überraschen läßt; ob des Menschen Herz gleich überall ein trotzig u. verzagtes Ding ist. Ich erinnre mich, daß Du nach der Reise von Hamburg, da Du den Emil fandest, einige Monate zu tun hattest, Dich in Deinem Hause zu gewohnen – Welch ein Unterschied zwischen Holstein u. Italien! Bringe mit Deinem zarten Gemüt, Stärke u. Kraft zu allem mit; Du bedarfst für Dich u. mich. Läge es jetzt bei mir, Deinen Aufenthalt in Rom verlängern zu können, was gäbe ich darum! Ja mein Leben wäre mir nicht zu lieb es für Dein Glück zu geben! u. es schmerzt mich daß ich es nicht hingeben kann; u. daß es eben zu nichts nützet. – Du wirst von allen Freunden mit stiller Liebe u. Achtung erwartet – es freut mich zu sehen wie Du geschätzt wirst. Das sind lichte Punkte des Lebens, die nicht immer so helle glänzen; indessen sind sie da, u. da gewesen. [...] Emil ist heute so glücklich wie ich Dirs nicht sagen kann, mein Lieber Einziger, die Beschreibung des Geburtstags wollen wir Dir mündlich machen, daß wir Dir auch noch etwas zu erzählen haben, das Deinem Herzen wohltut. Ein glücklicher Genius schwebt um das Kind, u. die unschuldige Heiterkeit erquickt mich wenn ich in sein offenes Angesicht sehe. Er schläft mit Luisgen seit einiger Zeit bei mir im Alkoven; wenn er nun erwacht so kommt er aus dem Bette, umfaßt u. küßt mich u. sagt: ich habe sie lieb – dann geht er wieder ins Bettchen. [...] Die Einziggute Angelica grüße in Deinen Briefen u. sage ihr wie ich sie liebe u. verEhre. Deine Briefe die Du mir während der Reise geschrieben hast, liegen in einer Pappe mit blauen Bändern zugebunden, dazu legte ich Deinen u. meinen Schatten, die ich vorrätig hatte, die Angelica legte ich sogleich neben Dich, u. wir haben Dich wie zwei Schwestern (obgleich sehr ungleiche am Geist) nun in unsrer Mitte. Ich kann Dir nicht ausdrücken was mir ihr unvergleichliches Profil alles sagt. Gestern bin ich mit der guten verständigen Kalb in Belvedere gewesen u. wir haben einige sehr gute Stunden da gehabt, ob es gleich regnete. Der Herzog ist gestern wieder von der Revue zurückgekommen; Goethe wird wohl nicht mehr lange den stillen Aufenthalt, in dem er sehr fleißig gewesen ist, genießen. Der Pan ist wieder erwacht, sagte die Kalbin. So eben fällt mir ein, wenn Du nicht über Carlsbad zu gehn Lust hast, so gehe über Ilmenau, u. ich komme Dir sodann mit allen Kindern dahin entgegen, u. wir können einige Tage ruhig u. abgeschnitten überlegen u. uns ausreden. Nun lebe wohl zu tausend tausend tausendmalen Du gutes treues Einziges Gemüt, mein Geist u. mein Alles. Engel Gottes tragen Dich auf ihren Armen zu uns u. bereiten Dir hier Glück u. Freude u. Wohlgefallen an Deinen Kindern u. den Deinigen. Gott erfülle die stillen Wünsche meiner Seele, an Dir Du Bester auf Erden! C. H. Johann Wolfgang von Goethe an Herzogin Anna Amalia Anfang Juni 1789 [?] Ich muß Ew. Durchl. eine Nachricht mitteilen die Sie beunruhigen wird, wenn Sie solche nicht schon wissen: Wir sind in Gefahr Herdern zu verlieren. Die Göttinger haben ihn gerufen und ihm selbst überlassen die Bedingungen zu machen. Der Herzog hat ihm ansehnliche Vorteile zugedacht, allein die Hannoverische Waagschale ist schwer aufzuwiegen. – Was diesen Mann vorzüglich beschwert sind die vielen Kinder, für welche man besonders zu sorgen sich von dort aus erklärt hat. Ich habe den Vorschlag getan: daß unsre gnädigste Herrschaften, in die Vorsorge für diese Kinder sich teilen und sich es dergestalt wechselsweise erleichtern möchten. Der Herzog und die reg. Herzogin sind es wohl zufrieden und ich hoffe Ew. Durchl. werden mehr aus Freundschaft für Herdern, als in Betrachtung des gegenwärtigen dringenden Falles Sich gleichfalls gerne dazu entschließen. Es käme darauf an ob es Ihnen gefällig wäre, jährlich einige hundert Taler vorerst auszusetzen. Es verstünde sich daß die Kinder bei den Eltern blieben und man nur von Seiten der Herrschaften für Kleider und andre Bedürfnisse nach dem Wachstume der Geschöpfchen sorgte. Daß man Ihnen dereinst eine Ausstattung zusicherte und es Ew. Durchl. gefallig wäre Ihrem Testamente, in welchem Sie so manche Person bedacht, eine Verordnung beizufügen, in welcher Sie einige Tausend Taler den Kindern zuwendeten. In Betracht was Ihnen persönlich Herder war und sein wird werden es vielleicht Ew. Durchl. mit mir beklagen daß Sie nicht früher veranlaßt worden es zu tun, weil es jetzt aussehen möchte als täte man es mehr gezwungen, als aus wahrer Neigung. Haben Sie die Gnade mir bald zu antworten und übrigens niemand etwas von der Sache zu eröffnen. Ich möchte gern ihm, wenn er ankommt, mit allen freundlichen Offerten entgegen gehen und die Eindrücke der Göttinger entkräften. Diese schreiben schon in der ganzen deutschen Welt herum: es sei gewiß, er komme zu ihnen. Ich wünsche Ihnen nur Gesundheit das übrige haben Sie alles. G. J. G. Herder an Christian Gottlob Heyne Bologna den 3 Jun. 89. Sie werden meine Antwort auf Ihre Einladung nach G[öttingen] vielleicht längst erwartet haben, bester Fr[eund] denn die Gedanken eilen schneller, als Entschlüsse u. Briefe; eine kleine Erinnerung meiner jetzigen Umstände aber u. wie schwer es sei, unter ihnen einen dergleichen Entschluß mit den dazugehörigen Bedingungen zu fassen, wird mich entschuldigen, daß ich die Antwort solange aufgeschoben habe. Sie kennen meine Neigung für G., u. für den Wirkungskreis, zu dem Sie mich einladen u. in dem ich gewiß nicht ohne Nutzen zu sein hoffe. Ich danke dem K[öniglichen] Ministerium, für das Zutrauen, das es auf mich setzt, u. im Fall das Schicksal mir wirklich dies Feld anweiset, werde ich mich gewiß als einen treuen Arbeiter zeigen. Nur sind noch Überlegungen nötig, die auf einer Reise, wie die meinige ist, ohnmögl. geendigt werden können. Da ich auf der Rückreise bin, so linden mich Teils die Antworten nicht, Teils ists natürlich, daß ich zuerst in den Kreis zurücktrete, aus dem ich gegangen bin u. hinterrücks nichts Voreiliges unternehme. Schon vor meiner Abreise hatte der Herzog, dem ich mit seiner Zufriedenheit diene; im Sinn, einige Umstände meiner bisherigen Situation zu ändern, er hat mir, ohne die mindeste Anregung von meiner Seite einige Punkte darüber zukommen lassen, u. es erfodert also sowohl die Pflicht der Dankbarkeit gegen ihn, als die Sorge für die Meinigen, daß ich nichts übereilt tue. Sobald ich wieder in W[eimar] bin, welches in Monatsfrist sein kann, werde ich mich der Freiheit bedienen, die mir die Gnade Ihres Königs gestattet, u. die Bedingungen melden, unter welchen ich in G. sein kann. Solange gönnen Sie mir, H[ochgeschätzter] Fr[reund], einen Aufschub, den meine jetzige Lage selbst fodert. Werden wir Eins, so werde ich nachher auf keine Weise zögern, sondern tun, was ich zu tun habe. Indessen leben Sie wohl pppp H. Caroline Herder an J. G. Herder Weimar d. 5. Juni 1789. Gestern Abend erhielte ich Deine lieben Briefe aus Florenz vom 21 u. 22. Mai, Lieber guter Engel. Meine Knie zitterten mir für Freuden, Dich denn endlich auf dem Wege zu uns zu wissen! ich schlief spät ein u. wachte frühe wieder auf. Dies lasse Dir für heute genug sein zu wissen, wie meine Seele in Bewegung ist, da Du mir, Du wohltätiger lieber Geist näher kommest. Gott wird uns ja, an uns selbst, das wieder finden lassen, was uns niemand hat geben können, treue Liebe u. Duldsamkeit. Gott begleite Dich überall glücklich u. behüte Dich für allem Schaden, Dich unsern Einzigen! ich habe Dir den 1. Juni nach Mailand geschrieben u. durch eine besondere Eingebung nach Ilmenau eingeladen, um Dich da mit allen Kindern zu empfangen u. einige Tage in dieser glücklichen Abgeschiedenheit mit Dir zu leben u. uns über Deine Situation ungestört zu besprechen. Den Tag darauf höre ich daß die Gores ins Carlsbad gehn, u. daß unser Herzog seitdem er hier ist, sich auch nicht wohl befindet u. vermutlich das Carlsbad notwendig in Gesellschaft brauchen muß. Das wäre nun eine Sekkatur von der ersten Art, mich dahinzuschleppen – ich bin fest entschlossen nicht hinzugehn; es wäre mir unerträglich unter ihnen, mit Dir zu leben, in diesen ersten Tagen, ich tue also ganz Verzicht auf Carlsbad u. wenn Du es nicht unumgänglich nötig hast, so tue mir den Gefallen u. gehe auch nicht hin. ich wünsche Dich außerordentlich vorher allein zu sprechen ehe Du Dich in Unterhandlung mit dem Herzog einlässest. Goethe wird auch nach Ilmenau zu uns kommen. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, wo er seine Treue u. Freundschaft zeigen wird, mündlich mehr von alle diesem. ich mag nichts schreiben, weil leicht die Briefe geöffnet oder verloren werden können. In dem stillen Ilmenau wollen wir Leidenschaftlos u. mit Bedacht Alles überlegen. Es sollte mich schmerzen wenn Du nicht hinkämest. Auch kann ichs nicht bergen, daß ich auf 8 Tage mich irgendwo stärken u. frischen Mut fürs Leben holen möchte – Ich bin wohl u. gesund; mein Gemüt ist nur jetzt in einer so eigen gereizten Lage, daß mir eine gesunde Luft notwendig ist. Wenn Du indessen nach dem Carlsb. willt, so laß Dich nichts hindern, ich erwarte Dich alsdenn hier; denn nach dem Carlsb. komme ich jetzt nicht. Ich kann nicht französch u. mag nicht unter ihnen die Stumme u. Dumme sein. es ist genug daß Du meine Armut weißt. Nach Bologna habe ich Dir noch den 29. Mai geschrieben, in der Vermutung daß Du Dich in Florenz 14 Tage aufhalten wirst u. Dich der Brief den 9 Juni in Bologna noch treffen wird. Nach Venedig habe ich den 22. geschrieben u. nach Mailand den 1. Juni. Du wirst sie schon zu Dir bringen können, wenn Du diese Orte nicht berührst. Je früher Du aus Italien kommst desto lieber ist mirs. Die 2 Briefe die in Parma lagen, wirst Du wohl erhalten haben. [...] O mein liebstes Herz, wie wird es uns sein, Dich wieder zu sehen! Freude u. Sorge bemächtigt sich wechselseitig meiner – u. ich sollte das letzte verscheuchen, Du bist ja so gut. Nach München u. Nürnberg will ich Dir noch schreiben. Um die gute Angelica habe ich recht gelitten, wenn ich an Euern Abschied gedachte. Nun dies heilige reine Wesen, soll uns niemand rauben. In Verona erhältst Du diesen Brief; In den hohen Gärten unter den Pinien segne noch das Land, wo Du diesen Engel gefunden hast, den Dir Gott gegeben. Die Morgenröte von Meier hat mich u. Luisgen sehr gefreut – sie ist ja diese aus den Paramithien. Daß Dir in Florenz so wohl ward, gibt mir eine stille gute Hoffnung; O nehme den besten Eindruck mit, von den großen u. guten Menschen vorigr Zeiten; sie sind alle Deine Brüder. O wie oft bitte ich Gott, daß er Dich so führen u. leiten möge, wo Du Dich nur irgend ein wenig glücklich fühltest. Dies Gefühl ist Dir in Deutschland noch nicht worden. Ach ich weiß die Ursache die leider nicht mehr zu heben ist. Lebe tausend mal wohl mein Einziger. Die Kinder, die nicht geschrieben haben, küssen Dich, u. warten kindlich freudig auf Deine Erscheinung! Lebe wohl, wohl; Gott u. seine Engel begleiten Dich. Täglich beten die Kinder für Dich – sollte Gott das Lallen der Unschuldigen nicht erhören! C. H. Schreibe mir so bald Du kannst bestimmt Zeit u. Tag wenn Du in Ilmenau einzutreffen gedenkest. Goethe grüßt Dich als der treueste Bruder. Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 6. 1789 [?] Reisen Sie recht glücklich liebster Vater, und behalten Sie mich lieb. Wie bald sehen wir sie, denn die Zeit eilt. – Ich küsse Sie herzlich. Leben Sie wohl, Alle gute Geister mögen sie begleiten. Ihr gehorsamster u sie zärtlichst liebender Sohn Gottfried. grüßen Sie Werner. August Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 6. 1789 Liebster Vater Mich freuet es sehr, daß Sie nun uns näher sind, in Florenz werden Sie auch viel sehen; ich sehe Sie auch bald, denn ich reise mit ins Karls baad. Jetzt logiere ich mit dem Prinz oben in Bellevedere, ich bin heute mit dem Prinz in Weimar, ich gehe aber um 1 Uhr wieder hinauf; ich habe Ihnen lange nicht geschrieben aber ich bin in Belle vedere ein wenig faul. Der H Landkammerrat Riedel läßt sich Ihnen empfehlen. Der H Geheimerat v. Goethe wohnet auch mit oben. Leben Sie recht wohl u behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder Weimar d. 5 ten Juni. 1789 Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 6. 1789 Lieber Vater Ich habe sie recht lange nicht geschrieben. Ich habe mich recht gefreut daß sie aus Florens geschrieben haben ihre Schwester ist gekommen, und sie sieth recht wohl aus und auch recht gut. Den Donnerstag sind unsere Schulen wieder angefangen Kommen sie bald wieder. Und Herr Schäfer grüßet sie, grüßen sie den Werner. Leben sie wohl ichr getreuer Sohn Adelbert Herder Weimar, d. 5. Junius. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 5. 6. 1789 [?] Lieber Vater Ich danke Ihnen für die schöne Morgen Röte ich will auch früh aufstehen. Es freut mich daß Sie bald wieder kommen leben Sie Tausend mal Glück auf Ihre Reise. Luise Herder 1789. Emil Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 5 Juni 1789 Liebster Vater. mich Freid Es gar serg Des sie in Florendst sind gestern bin ich in pelvedere gewesen heute war august da und um 1 fuhr er fort aber aß nicht mit den wie er kam So word es gedeckt da schlug es 1 d ging e in das Schloß da drag Friederrikche seinen Rock in das Schloß ich wünsche noch viel tausend mal glück auf ihrer Reise Leben sie wohl Ihr getreuer Sohn Emil Herder J. G. Herder an Caroline Herder Venezia, den 6. Jun. [1789] Seit gestern Nachmittag bin ich hier; sehr gesund, u. ich habe abermals das Erfrischende des See-Elements gefühlet, das mich in meiner Jugend, da mich vorher der Wind umwerfen wollte, neu stärkte. Den 3. Pfingstfeiertag Abend ging ich mit dem Courier von Bologna zu Schiff nach Venedig: es war ein schöner Mondabend; in der Nacht schlief alles, wie u. so gut es konnte. Ich gar schön; gegen Mittag waren wir in Ferrara. Ich begrüßte Ariosts Grab, nachmittag gings weiter u. gestern zwischen 2-3. waren wir in Venedig. Nachdem ich mich erholt u. die Sachen abgemacht hatte, die eine Last der Reise sind, sahe ich den Markusplatz u. alle Gebäude desselben von außen, die Brücke Rialto etc. Kaufte mir den Ariost, sahe den Markusplatz nachher erleuchtet, u. ging Abend Zwischen 10. u. 11. in die Oper, die gegen 2. aus war. Heut morgen bei den Banquier, auf die Post, (wo ich leider nichts von Dir fand, so wenig die poste restante vorigen Tags etwas unter meinem Namen kennen wollte), sahe drauf St. Markus u. seine Gebäude, die Bibliothek etc. inwendig, hörte die Advokaten, aß u. sitze jetzt hier den Vetturino über meine weitere Reise zu erwarten, die, wills Gott übermorgen weiter fortgesetzt werden soll; über Padua, Vicenza p Dein Br. soll mir nachkommen; in Parma u. Mailand werde ich die andern finden. Es geht brav über das Geld her; aber man kann nicht anders. Heut Nachmittag will ich einen giro um Venedig in einer Gondel machen u. wenn Zeit ist, den Kindern noch etwas von dieser Seestadt schreiben. Das ist keine Parthenope wie Neapel mit sanften lockenden Armen, sondern ein Seeungeheuer mit 10,000 Händen, das in jedem Gliede lebt, u. auf Nutzen bedacht ist. Es reuet mich indessen nicht, daß ich auch diese Nymphe der Lagunen hinter Rohr u. Schilf gesehen habe. Es ist ein ganz eignes Universum in ihr; in allem das Gegenteil von Rom u. von allen Landstädten. Selbst Amsterdam ist an Seltenheit nichts gegen sie; es ist eine Seespinne mit hundert Füßen u. Millionen Gelenken. Die Luft bekommt mir sehr wohl; u. die Unruhe, in der Alles ist, teilt sich mit, wie auch dieser Brief zeiget. Lebe wohl, liebes Herz, in Parma, u. nachher in Mailand finde ich gewiß Deine Briefe. Nachher gehts in die Alpen, für die Schweiz habe ich keinen Raum mehr, weder im Hirn, noch im Beutel. An Heine habe ich aus Bologna geschrieben. Hier ist der Brief. Nochmals das beste Lebewohl Dir u. den Unsern. Vale, Valete H. J. G. Herder an seine Kinder Venedig, 6. 6. 1789 Lieben Kinder, Nun bin ich in solch einem kleinen schwarzen Hause geschwommen, das man eine Gondel nennt. Es ist lang u. schmal, vorn u. hinten spitz, u. sieht wie ein Frauenpantoffel aus; das viereckigte Kämmerchen darauf, mit 4. Sitzen, ist mit schwarzem Tuch beschlagen, so wie auch die Gondel schwarz ist. Der Gondelier steht hinten drauf u. lenkt die Gondel mit seinem Ruder so geschickt, daß man es sich kaum denken kann, wenn mans nicht gesehen hat. Man schwimmt dicht auf den Wellen so sanft, wie in einer Wiege, u. sieht an beiden Seiten große hohe Paläste Einer dicht am andern; unter den Brücken fährt man durch; zwischen Gondeln, Schiffen, Barken fährt man wie auf einem Pfeil hin, daß im größten Gedränge Eine Gondel die andre kaum berühret. In manchen ziemlich engen Kanälen gehen 3. Gondeln neben einander so schnell vorbei, als ob man einander vorüberflöge. Die Damen sitzen mit ihren Herren drin, u. sie haben es zehnmal bequemer, als wenn sie in den Kutschen gerüttelt würden. In Venedig sind keine Kutschen, alles wiegt sich in Gondeln, was nicht über die Brücken Trepp-auf u. ab laufen will. Es ist eine sonderbare Stadt, die gleichsam aus der See emporsteigt, voll Gedränges von Menschen, voll Fleiß u. Betrügerei. Es ist mir lieb, daß ich sie gesehen habe. Übermorgen oder vielleicht schon morgen gehts nach Padua, auch zu Wasser, fort: denn weiter hin zu Lande u. endlich 2. mal über die Berge, bis ich bei Euch bin u. Euch wiedersehe. Lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl; ich sehe Euch bald, behaltet mich lieb, wie ich Euch lieb habe. Gebt alle 6. der Mutter einen Kuß in meinem Namen, u. seid hübsch artig u. ihr gehorsam. Lebt wohl, Ihr Lieben. J. G. Herder an Caroline Herder Mailand, den 13. Jun. [1789] Hier bin ich endlich in Mailand, liebes Herz, aber wie? daß ich auch hier keinen Br. von Dir finde? Den Tag vor Pfingsten empfing ich Deinen 3ten Br. nach Bologna adressiert, als er eben ankam, in dem Du mir meldetest, daß Du nächstens nach Venedig u. Mailand zugleich schreiben u. mich benachrichtigen wolltest, ob Du nach Karlsbad kämest oder nicht. Ich blieb die Feiertage in Bologna, kam in Venedig an u. fand Deinen Br. nicht; ich ließ Ordre, daß er mir nach Mailand nachgesandt werden sollte, er ist nicht gekommen. Und hier finde ich auch nichts von Dir. Du mußt Dich gewaltig in meiner Reisezeit verrechnet haben; u. das tut mir leid, weil ich fürchten muß, daß es jetzt immer so gehen werde. Und mit dem Nachschicken der Br. ists eine böse Sache: den Postmeistern bezahlts keiner u. wo habe ich allen Orten Privatbekannte, die die Br. auslösen, u. mir nachschicken wollen. Das wird schlimm werden; u. warten kann ich auf die Br. nicht, wenigstens nicht hier an einem teuren Ort. Nachher gehts wieder mit dem Vetturin fort, der seine abgemessene Wege hat; so fürchte ich jetzt ungewiß über Deinen Entschluß, u. ohne Nachrichten von Dir zu bleiben, fast bis Nürnberg. Ich hoffe aufs gute Glück, das mir aus diesen disconto heraushelfen soll; das ich mit Deiner Genauigkeit im Rechnen gar nicht reimen kann. Solltest Du in 14. Tagen nicht geschrieben haben? u. wohin? Es ist mir unbegreiflich, da in Venedig, Mantua, Parma nichts war u. hier auch mit der eben angekommenen Post nichts ist. – In Parma habe ich Deine 2. früheren Br. mit Göthens Einschluß empfangen. Göthens Br. ist grob; er behandelt mich als einen jungen Narren von 20. Jahren; ich kann ihm also nicht darauf {antworten.} Indessen da er doch eine gute Absicht haben soll: so danke ihm dafür, u. sage ihm, was Du schon aus meinem Br. an Heine weißt, von dem ich Dir eine Kopie aus Venedig geschickt habe, daß ich nichts weniger als mein Jawort für G[öttingen] gegeben, welches ja auch ohne zwischen mir u. Dir verabredete u. dort angenommene Bedingungen unsinnig zu denken wäre. Aber so gehts! Man muß die kleinen, schwachen Menschen, die nur »fühlen, nicht sehen« können, fein dumm u. sinnlos machen, um zu ihnen als ein höherer Geist zu reden. Die Güte der Herz. u. alles was Du mir von ihrer Sorge uns in W[eimar] zu erhalten schreibst, rührt mich unendlich. Ich kann jetzt unmöglich an sie schreiben, wie ichs wünsche, u. ihr danken; sobald ichs kann, will ichs tun, auf die beste Weise. So auch an die Fr. v. Stein, deren Freundschaft sich bewährt, d. i. handelnd, nicht schwätzend zeiget. Mich dauert sie, wie sie Dich dauert; ich will ihr ein freundlich Wort zureden, aber was kann ihrem zerknickten Geist das helfen. Ich fürchte, wie Du, es ist eine Wunde an ihrem Herzen bis zu ihrem Sarge. Gott bewahre jedes männliche u. weibliche Herz für solchem Wurme. Und nun, lieber Engel, lasse ich die Sache mit Göttingen in Friede ruhen, bis ich Dich sehe. Was hilft alles Treiben, u. Abmatten in Gedanken? Tue mir den einzigen Gefallen u. sei auch ruhig: schreibe an Heyne nicht mehr, was er Dir auch antworten möge, matte Dich auch nicht mit Sorgen u. Überlegungen ab, die zu nichts dienen. Höre alles, was Dir gesagt wird u. schweige; behalte es zu meiner Rückkunft auf: denn wollen wir überlegen. Deine beiden Br., die ich in Parma fand, haben mir um Dich so bange gemacht, daß ich selbst ein Fieber bekam u. in Burgo eine elende Nacht zugebracht habe. Nun habe ich alles dem guten Geschick in den Schoß gelegt, u. will u. mag während meiner Reise nichts denken. Ich will hierin von der Hand auch ein Herz. von Sachs. sein, wie jener, von dem der Prinz Aug[ust] erzählte. – Dem Herzoge danke für seine Erbietungen aufs untertänigste, u. melde ihm das, was ich Dir oben für Göthe schon gesagt habe u. Du selbst weißt. Schreiben kann ich nicht, oder nicht viel an ihn; u. was soll das Unterhandeln über diese Materien in Italienischen Wirtshäusern? Laßt mich ruhig reisen u. ankommen: meine äußerstscheugewordene, in sich zusammengeschreckte, matte Seele kann jetzt nichts mehr, als – reisen. Aus Florenz habe ich Dir 2.mal, einmal aus Bologna, u. aus Venedig einmal geschrieben. Seitdem bin ich über Padua, Vicenz, Verona, Mantua, Guastalla, Parma, Piacenza gegangen, u. jetzt bin ich hier. Nun basta! An die Schweiz ist nicht zu denken: meine Seele faßt keine neuen Eindrücke für jetzt mehr, u. die Schweiz, wenn man sie noch nicht gesehen hat, zum Appendix von Italien zu machen, wäre unverzeihlich. Um den Genfersee zu sehen, an dem mir am meisten gelegen ist, müßte ich mich über Turin u. den Mont Cenis hinschleppen, u. das ist mir jetzt zu weit um, u. zu kostbar. Laß das sein, bis wir einmal zu guten Schmidtin reisen, wenn es anders das Schicksal so will. Denn sehe ich diese schönen Gegenden mit Dir; allein mag ich nichts mehr sehen. Ich gehe über Trento, Inspr[uck], München, Regensb., Nürnberg, wohin Du mich weiter weisest. Mein Br. ist heut außerordentlich matt; aber meine Seele ists auch; verzeihe mir also, daß ich Dir heut nicht mehr schreibe. Sonst bin ich wohl u. gesund, danke Dir 1000.mal für Deine unaussprechl. Liebe u. Güte gegen mich, auch für Deinen Br. an Angelika, den ich in Parma beigeschlossen fand. Er ist gar lieb u. herzlich; sie verdient ihn aber, die englische Seele, u. er wird ihr unendlich tröstend u. lieb sein. Lebe wohl, holder Engel, wenigstens für heut; vielleicht schreibe ich noch morgen etwas hinzu, u. auch wenn ich Zeit habe, etwas an die Kinder. Wo nicht, so grüße u. küsse sie herzlich u. danke ihnen für ihre lieblich-einladenden Stimmchen. Lebe wohl, gute Seele u. grüße Alles, was sich meiner mit Liebe erinnert. Gott sei mit Dir, mit mir u. mit unsern Kindern. Amen. P. S. Ich bin nicht wieder zum Schreiben gekommen u. die Post will fort. Ich will noch die nächstankommende abwarten, ob ein Br. von Dir komme, u. alsdenn so Gott will nach Trento. Grüße die Kinder u. betet für mich, daß Gott mir zu Euch helfe; ich sehne mich herzl. nach einer Heimat. Grüße Göthe, u. sage ihm nichts Übles von meiner Empfindung. An die Herz. will ich, noch von hier aus schreiben. Lebe wohl, herzliebe Gute u. Treue, Gott gebe Dir Ruhe u. mir erhalte er die Gesundheit. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 15. Juni 1789. Du hast mich außerordentlich erfreut, durch Deinen Brief aus Venedig vom 6. Juni, Liebstes einziges Herz. Ich war in unbeschreiblicher Unruhe, als ich Deinen Brief aus Bologna erhielt, worinnen Du mir sagtest: ich habe einen Schauer gegen Venedig pp u. Dich dennoch auf einen Brief von mir, entschlossen hattest dahinzugehen. Gott wird überall Dich in Gefahr beschützet u. bewahret haben, das ist meine einzige Hoffnung – ich will Dich nicht mit meinen sorgenden Gedanken unterhalten; Laß uns Gott danken u. bitten, daß er sein Auge über uns erhält. Dein Brief an Heine ist vortrefflich. O wie sehne ich mich nach dem Augenblick, wo ich mich mündlich mit Dir über alles besprechen kann. Im schreiben läßt es sich nicht tun. [...] Auch hoffe u. bitte ich Dich, mir sogleich Nachricht zu geben, wenn Dein Geld ausgehn will, damit ich Dir sogleich welches schicken kann. Deine Schwester küßt u. grüßt Dich; ihr geschwollener Leib ist noch nicht viel gesunken; sie bleibt aber immer voll Mut u. Hoffnung, auch gibt ihr heitres Aussehen die beste Hoffnung. Sie ist eine zarte gute Seele, u. 1000mal Geistvoller u. verständiger als Dein armes Weib, das nur durch Dich empfangen hat, das Lichtlein das sie noch beseelt. Die gute Angelica hat Goethe geschrieben, wollte ihm einen großen Brief schreiben, es sei ihr aber nicht möglich; sie sei zu traurig durch den Abschied der Freunde u. versenke sich wieder in ihre Einsamkeit. Sie hat mich gar achtungsvoll grüßen lassen. O Du hast ihr vielzuviel Gutes von mir gesagt. Nun lebe wohl Einzigtreues Gemüt u. Geist. Lebe wohl u. nähere Dich uns immer mehr mit guter Hoffnung u. Liebe. Nimm uns nur wie wir sind! Die Kinder sind alle wohl, u. graben ein Bergwerk im Garten u. danken u. küssen Dich für Deinen 1. Brief. Es ist nach 14 Tagen Regen wieder schönes Wetter, darum schreiben sie heute nicht. Ich habe niemand in diesen Tagen gesehen als Goethe. O den mußt Du als Deinen treuen Bruder lieben u. behalten. Mündlich mehr. Fr. v. Fr[ankenberg] hat mir vorigen Posttag u. heute einen Brief gesandt, darum folgen diesmal 2. Lebe tausendmal wohl, mein Alles auf der Welt! Wenn ich Dir durch meine Sorgen in dem Brief nach Mailand, wehe getan habe, so verzeihe mirs. ich wollte Dir nicht wehe tun, vielmehr es Dir, wie mir selbst, zur Klarheit bringen, daß wir uns über Schatten oder Notwendigkeiten nicht quälen. O Gott, wie ist mir heute, nach 14 Tagen sonderbarer Unruhe Deinetwegen, heute so leicht, daß ich Dir nach München schreiben kann. Gott begleite Dich u. seine Engel, mein Einziger. [...] Luise, Emil, Adelbert, Wilhelm, August und Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 15. 6. 1789 [?] Lieber Vater reisen Sie glücklich und kommen bald zu uns, im Garten blühet jetz alles o wenn Sie jetz bei uns wären Luise Wenn sie im Garten sitzen u tabak rauchen so will ich Ihnen die Pfeife an stecken Lieber Vater Emil Und ich will ihnen die schönsten Rosen bringen und sie gehn dann mit uns wieder Spazieren. Kommen sie Glücklich zu uns lieber Vater. Adelbert Herder Lieber Vater ich und Adelbert sind gestern in eine neue Stube gezogen nun wünschen wir daß Sie bald bald zu uns kommen möchen. Gott begleite Sie. Wilhelm Lieber Vater, wir alle erwarten sie mit großem Verlangen und keins hat jetzt Lust zu schreiben es ist auch so schönes Wetter, daß sie's uns gewiß lieber gönnen, wenn wir in der schönen Luft sind. Ich gebe Ihnen nur ein Zeichen meines Lebens und wünsche Ihnen glücklige Reise. Leben Sie wohl. August Herder. Liebster Vater, verzeihen Sie auch mir, daß ich so lange nicht geschrieben habe, u. behalten Sie mich noch lieb; sehnlichst wünschen wir Sie wieder zu uns. Ich und August haben das französische angefangen u. wollen bald mit Ihnen reden. Leben Sie wohl, nächstens schreibe ich mehr. Behalten Sie lieb Ihren Gottfried Herder. J. G. Herder an Alexander Trippel Mailand, 15. 6. 1789 Hochgeschätzter, HochzuEhrender Herr, Ehe ich Italien verlasse, kann ich nicht umhin, noch einige Zeilen an Euer HochEdl. zu erlassen, u. Sie bei meiner Buste um einige kleine Änderungen zu bitten, über die ich vor meiner Abreise gern mit Ihnen gesprochen hätte, wozu aber die Zeit zu kurz war. Ich lege sie Ihnen, als dem Schöpfer u. Künstler der Buste, zur Beurteilung vor, u. diese allein mag darüber entscheiden, ob meine Bitte statt haben könne, oder nicht. Zuerst wünschte ich, daß die Schultern nicht so breit ausfielen: der Kopf bekommt dadurch etwas kolossalisches u. Gigantisches, welches in einer großen Höhe zwar Wirkung machte, aber in einer Höhe, wie unsre Busten meistens gesetzt werden, scheint es mir drückend u. schwer zu werden. Ich weiß nicht, ob Göthe seine Buste kolossal bestellt hat; meine ist aber selbst größer geworden, als die seine. Meine Bitte ist vielleicht unnötig, weil E. H. bei dem Marmor vielleicht eine etwas kleinere Form zu nehmen gesonnen waren; u. in diesem Fall bitte ich um Verzeihung. Zweitens auf der Stirn wünschte ich etwas mehr Haar . Jetzt ist sie fast kahl in der Buste, welches mich gar zu philosophisch macht; das Haar, das über das Ohr in einer Locke fällt, wünscht' ich dagegen etwas dünner gehalten, damit es mit dem Haar auf der Stirn in Verhältnis käme. – Drittens dünkt mich die Augenbraue etwas zu gespannt, u. schräg sich hinaufziehend; ich habe sie, wie mich dünkt, etwas gerader u. sanfter. Auch wird das ganze Gesicht dadurch etwas Einnehmenderes bekommen, wenn diese Spannung aufhöret. – Verzeihen Sie, bester Mann, daß ich die Bitten an Sie tue. Jedem ist doch sein Gesicht u. seine Person lieb; man ärgert sich, wenn darüber etwas gesagt, u. freuet sich in die Seele des Künstlers, wenn es in Allem, Allem als Muster der Vollkommenheit gelobt wird. Insonderheit wünscht man doch immer, daß das Bild einen guten Eindruck von der Person gebe, woran es schon 2. früheren Busten, die in Weimar von mir exsistieren, sehr fehlet. Mich dünkt, der Kontrast zwischen mir u. Göthe sei etwas zu stark: er sieht wie ein junger Alexander oder Apollo aus, u. ich gegen ihn wie ein kahler, trockner Alter. Verzeihen Sie, bester Mann, meine Bitte; Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze u. wie eifriggut ichs mit einem so braven Künstler als Sie sind meine. Ich sehe Ihr Werk ordentlich als das Meinige an, u. ich möchte gern, daß Ihr Ruhm auch durch meine geringe Buste in Deutschland ein lebendiges, ewiges Monument erhielte. Dies wird auch gewiß sein: denn so vortrefflich die Ähnlichkeit, so fein die Züge, so glücklich die Draperie ist: so wird sich auch durch diese angedeuteten kleinen Stücke im Marmor das Gesicht noch mehr beleben, daß jeder es mit Freude betrachtet. Leben Sie wohl, Hochgeschätzter] H[err], haben Sie Dank für Ihre an mich gewandte Mühe, u. für Ihre mancherlei mir erzeigte zutrauliche Güte. Wenn ich je etwas zu Ihrem Vorteil tun kann, will ichs gern tun, u. werde immer mit Hochachtung an Sie gedenken. Übermorgen gehe ich von hier weiter; aber nicht über die Schweiz, sondern über die Alpen; indessen werde ich mich Ihres jungen braven Schweizers doch erinnern, so gut ich kann. Leben Sie wohl, würdiger Mann, verzeihen Sie die Freiheit dieses Briefes u. bleiben mir wohl gewogen. Ihr ergebenster Herder Mailand den 15. Jun. 1789. Johann Wolfgang von Goethe an J. G. Herder Weimar, Mitte Juni 1789 In Parma hast du wahrscheinlich ein Wort von mir gefunden, nun gehe ich dir mit diesem nach München entgegen. Du hast an Heyne sehr gut geschrieben und behältst dir auf diese Weise einen ruhigen, überdachten Entschluß vor. Der Herzog hat mir neuerdings geäußert: daß er dir 1800 rh. geben wolle jährlich, um dich in deinem Häuslichen mehr zu beruhigen. Wenn er nun deine Schulden bezahlt; so ist das auch auf 10 Jahr eine Zulage von 200 rh. zu rechnen, die Intressen nicht einmal in Anschlag gebracht. Das also vorläufig. Mögest du recht wohl uns immer näher kommen. Schreibe nur gleich von München aus und bleibe etwa ein Paar Tage in Nürnberg. Deine Frau hat dir Ilmenau vorgeschlagen um dir dort zu begegnen. Das ist sehr gut. Ob du von Coburg auf Ilmenau oder Salfeld gehst ist ganz eins. Wenn du nun von Nürnberg gleich schreibst und den Tag bestimmst wann du in Ilmenau sein kannst; so kann sie gleich ab und dir entgegen gehn. Frage aber in Coburg auf der Post: ob nicht ein Brief an dich da liegt. Wir wollen dir dorthin schreiben. Lebe wohl und vollende deine Reise glücklich. G. W. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 22. Juni 1789 Es sind heute 8 Tage da ich Deinen Brief aus Venedig erhalten habe, liebstes Herz, u. ich hoffte heute ganz gewiß auf einen Brief, aber vergebens, in welcher Unruhe ich bin, glaubst Du wohl nicht. O warum bist Du doch nach Venedig gegangen! wie habe ich wissen können daß Du einen Schauer gegen diesen Ort hast! ich kann mir meinen Brief hierüber nicht verzeihen, Dich dahin verlockt zu haben. Bin ich denn nur immer das Werkzeug zu Unglück! Ich weiß daß Dich Gott zu uns bringen wird, daß wir noch glücklich sein werden, daß aber noch etwas unangenehmes geschehen wird. Ich will Gott um Stärke bitten. Gräme Dich doch nur selbst über nichts. Auch wenn Dir Geld geraubt sollte werden so gräme Dich doch nicht. Ach hättest Du mir doch nur eine Zeile geschrieben! Du kannst ja denken in welcher Erwartung u. Unruhe ich jetzt bin. Deine Schwester ist zwar heiter von oben, der Leib aber bleibt wie er ist; Hufl. u. Starke suchen jetzt erst durch Arzneien zu erweichen u. werden hernach treibende geben. Es ist schade um die Frau, sie ist so heiter u. verständig u. so klug, wir beide sind gegen sie Kinder – u. sie hat dabei etwas weiblich vornehmes in ihrem ganzen Wesen; ich bin wie eine gutherzige Magd. Gebe ihr auch die Klistiere selbst, wofür sie mir oft die Hand küßt. Gott führe Dich doch glücklich zu uns! u. laß Dich doch Freude u. Ruhe finden bei den Deinen. Vor 8 Tagen habe ich Dir auch nach München geschrieben worin eine Einlage von Goethe war. Ich hoffe daß Du gern hier bleiben magst. Es kann ja alles ungleich besser werden – u. man hat doch hier zwei Dinge, die man in Gött. nicht hat: Ruhe für sich u. eine stille Erziehung der Kinder . Für das Auskommen wird ja einiger maßen gesorgt, u. mehr kann man ja nicht als essen u. sich kleiden. Egal stehn wir ja ziemlich hier mit den übrigen; u. in Gött. hättest Du brav arbeiten müssen, um es dahin zu bringen. Ich habe diese Woche niemand gesehn als Goethe u. Knebel. Ich habe Deine Zimmer eingeräumt u. wünsche daß Du schon darinnen wärest! Die Tapete habe ich aber nicht aufgemacht, Du sollst erstlich kommen u. entscheiden. Ich bin heute zu Goethe zum Tee geladen, mit den andern Frauen; ich habe aber heute nirgends Freude, da Du nicht geschrieben hast. Lebe wohl mein Einziger. Gott sei mit Dir u. begleite Dich. Die Kinder küssen Dich tausendmal u. Deine Schwester grüßt Dich herzlich. Lebe wohl, wohl u. glücklich C. H. Abends. Ich muß Dir noch eine freundliche Gute Nacht sagen, lieber Einziger! ich bin mit der Gesellschaft spazieren gewesen u. habe die Herzogin gesehen, das war das Beste, an ihr hab ich mich erquickt u. meine Seele beruhigt. O liebstes Herz verlasse mich doch in den letzten Tagen nicht u. gönne mir noch Deine freundlichen Worte u. Dein Gutes Herz! ade, ade! J. G. Herder an Caroline Herder Inspruck, den 25. Jun. 89. Hier bin ich jetzt, liebes Herz, u. Gottlob gesund u. glücklich; nur auch hier finde ich Deine Br. nicht, eben so wenig als in Trent, Mailand, u. f., da Du mir doch von Deinem Entschluß über Karlsbad nach Mailand u. Venedig Nachricht zu geben versprachst, u. dies 3.– 4. mal wiederholtest. Ich begreife nichts u. wünsche nur, daß kein schlimmer Umstand Deine Br. verhindert habe; sondern daß es nur die Ungewißheit sei, in der Du über meine Reiseroute warest. O daß Du Dich in diese hast einleiten lassen! denn hättest Du fortgefahren, wie Du bis Bologna getan hast, so hätte ich nachdem was Du weiter schriebst, daß Du tun wolltest u. wornach ich mich wieder auf der Reise richtete, jedes {Bla}tt Deiner Hand zur rechten Stunde erhalten. Nun weiß ich seit dem 10. 15. Mai nichts von Dir, selbst nicht ob Du nach Carlsb. kommen willt, kommen kannst, nichts von der Schwester pp––––Wie das mich ängstigt, mag ich nicht sagen. Gnug, ich bleibe meinem Wort treu, u. reise, sobald ich kann, nach München. Ich sage, sobald ich kann, denn bisher bin ich mit Vetturins gefahren u. ich tue mich hier auch nach einem Deutschen Fuhrmann herum. Es ist mit dem Ab- u. Aufpacken bei jeder Poststation eine höchstbeschwerliche Sache, auch muß man mit allerlei Wagen vorlieb nehmen; u. denn habe ich an dem Menschen, den ich mit aus Rom geschleppt, mir eine beschwerliche Last auf den Hals gebunden. Ich will ihn noch bis München mitschleppen; denn mag er sich weiter forthelfen – Reifenstein hat ihn loswerden wollen u. hat ihn mir aufgehalset. – 26. Jun. So weit war ich gestern, u. erwartete mit Sehnsucht die Post, die Abends eintreffen sollte. Sie hat mir 2 Br. von Dir mitgebracht, Einen nach Bologna adressiert vom 29. Mai, den andern nach Mailand adressiert vom 1. Jun. In Einem lag ein Br. v[on] d[er] Fr. v. Fr[ankenberg], im andern ein Zettel von Göthe. Den Br. nach Venedig habe ich noch nicht erhalten; habe aber seinethalb Vorkehrungen gemacht, u. will nochmals schreiben. Diesmal hast Du Dich übel verrechnet, welches alles davon kommt, daß Du nicht in der ersten Route fortgefahren bist: die Briefe konnten ja alle auf mich warten. Es tut aber nichts, wenn ich sie nur nach erhalte, u. der Br. der Herz. nicht verloren ginge, welches ich aber nicht hoffe. – Gnug, mich freuets, nach Monatfrist wieder Deine Hand zu sehen u. zu vernehmen, daß Du u. die Kinder gesund bist, auch daß es mit der Schwester leidlich gehet. Tue an ihr, was Du kannst, Gott wird Dirs lohnen. Grüße sie von mir aufs beste; wenn dieser Br. eintrifft, werde ich auch bald dasein. Mit Karlsb. bin ich nach diesen beiden Br. ungewisser, als ich war: der Eine sagt, »ich komme«, der andre »ich komme nicht« u. willt von mir Entscheidung hören. Diese zu geben, ist jetzt zu spät, u. ich muß es erwarten, ob ich auf meiner weitern Reise einen Br. finde, der mir darüber etwas sage. Mit mir stehts also. Auf der Einen Seite bin ich des Herumziehens u. Geldausgebens herzl. satt u. müde, so daß ich lieber heut als morgen in einer Heimat zu sein wünsche. Von der andern Seite habe ich einen beschwerlichen Husten, wie ich ihn in Karlsbad hatte, u. auch in Rom eine Zeitlang gehabt habe. Da er indessen nur eine Folge der Reise ist, so wird er sich auch ohne Karlsbad wie ich hoffe, bloß durch die Ruhe von selbst geben. Er hat sich nur in Mailand eingestellt, u. die Veränderung des Klima muß ihn natürlich eine Zeitlang nähren. Ich kann also über meine Ankunft noch nichts sagen, werde zuerst sehen, ob ich in München, Regensb., Nürnberg was bestimmtes von Deinem Entschluß über Karlsb. finde, u. wie es weiterhin mit meiner Gesundheit stehe. Von Nürnberg aus werde ich denn wenigstens schreiben; kannst Du mir denn, wenn Du Karlsb. aufgegeben hast, noch nach Ilmenau entgegen kommen, so soll es mir sehr lieb sein. Wo nicht, so bin ich zufrieden, wenn ich nur hinter der Kirche gesund eintreffe, u. Euch alle gesund finde. Etwas quält es mich, ich kann es nicht leugnen, daß Du Dich für meiner Ankunft zu fürchten scheinest, so sehnlich Du sie erwartest. Diese Aufschraubungen u. Aufspannungen, liebes Herz, sind doch nicht gut: sie matten die Seele ab, verderben alle Stunden des reinen Genusses, u. nagen am Leben. Nimm mich, wie ich bin; ich will Dich nicht anders, als wie Du bist, habe Dich auch nie anders gewünschet. Das muß Dir doch Dein eignes Herz sagen, daß ich Dich lieb habe, wie irgend jemand auf Erden seine Frau u. Geliebte lieb gehabt hat; was beunruhigest Du also Dich u. mich mit Deinen zweifelnden Gedanken? Aller Zweifel ist böse; u. ich habe ihn bei Dir, Gott weiß, nicht verdienet. Sei fröhlich u. heiter, grüße u. küsse die Kinder, auch besonders Luischen u. Emil, grüße die Schwester u. mache Dein Gemüt ruhig. Deine Unruhe ängstigt mich sehr. Meine Br. aus Florenz, Bologna, Venedig, Mailand wirst Du erhalten haben; der Br. der in Parma an Angelika einschlössen war, ist von Mailand aus an sie geschickt. An die Herzogin schreibe ich heut u. lege das Briefchen bei, ob ich gleich den Ihrigen noch nicht habe. Danke Ihr 1000.mal in meinem Namen. Weiter kann ich vorjetzt an Niemanden schreiben, das weiß Gott. Lebe wohl, liebes Herz, Du mein treues Weib u. meine innig-Geliebte, lebe wohl mit den lieben Mein- u. Deinen, u. sei ruhig, u. denke mein in Güte u. Liebe. Morgen gehts gegen München. Daß ich an den Husten gedacht habe, mache Dir keine Sorge. Er ist der Rede nicht wert. Lebe wohl, liebe. Die Fr. v. Kalb grüße schönstens. Auch die Fr. v. St[ein] wenn sie zurück ist ppp J. G. Herder an Herzogin Luise Insbruck, den 26. Jun. 1789. Durchlauchtigste Herzogin, Gnädigste Frau, Vor allen Dingen komme ich Euer Durchlaucht, da ich wieder in Deutschland bin, mit meinem treuesten Glückwunsch zu E. D. allmählich wieder erneueten u. gestärkten Gesundheit entgegen. Sie ist doch das Hauptgut u. gleichsam das Kapital aller Wünsche, mit denen wir leben, u. die aus ihr nur wie Zinsen steigend u. fallend ihren Ursprung nehmen. Der Himmel wird mir wie ich hoffe, bald die glückliche Stunde schenken, E. D. gesund u. so fröhlich als es in diesem sterblichen Leben sein kann, wieder zu sehen u. mich Ihres geliebten, heiligen Daseins zu erfreuen u. zu vergewissern. Zweitens schreibt mir meine Frau von so unendlich vieler Güte u. Gnade, die Euer Durchlaucht bei Gelegenheit des Göttingschen Antrages für meine Person u. für das Wohl der Meinen geäußert haben, daß, so wie sie nicht Worte gnug hat finden können, die Gnade und Liebe Euer Durchlaucht für unser armes Haus auszudrücken, ich dergleichen noch viel weniger finden kann, Ihnen, geliebteste gnädigste Fürstin, dafür zu danken. Von Anfange an trieb mich mein Geist an E. D. einzig in dieser Sache zu schreiben, um wenigstens nur Jemanden das zu entwickeln, was in meinem Gemüt lag u. sich sehr gewaltsam darin umherkehrte. Ich sahe Italien als die wahre Krise an, wie weit es mit mir im ganzen Resultat meines Lebens gekommen sei, (wie ichs auch noch ansehe) und da niemand in Weimar ein Ohr für diese Disgrazie meiner Lage zu haben schien: so kann ich nicht leugnen, ich fühlte mich meines ganzen Daseins daselbst satt u. müde. Jedes Wort schien mir überdrüssig, das ich an Personen täte, die mich 12. u. mehrere Jahre hatten dulden gesehen u. denen der ganze Unfall meiner Reise beinahe gleichgültig sein konnte. Euer Durchlaucht wollte ich, nicht als der Fürstin des Landes, sondern als der von mir verehrtesten Person in Weimar, die Ursachen vorlegen, die mich zu meinem halb-verzweifelten Entschluß nötigten; bloß u. allein hielten mich die körperlichen Umstände zurück, in denen sich E. D. damals befanden, und die ich auf keine Weise durch Materien der Art verschlimmern wollte. Sonderbar hat mich also die Teilnehmung getroffen, mit der, meines Stillschweigens ungeachtet, Euer Durchlaucht diese Revolution meines Schicksals haben ansehen wollen; mir wars, als ob unsichtbar mein Geist zu Ihnen geflogen wäre und Ihnen seinen Kummer entdeckt hätte. Zwar habe ich E. D. gnädigen Brief, den meine Frau nach Venedig geschickt hat, noch nicht empfangen, u. weiß von seinem Inhalt nichts; indessen, daß einer da ist, ist für mich gnug, um diese ganze Sache, die mir immer ein Fieber macht, wenn ich lange daran gedenke, ruhen zu lassen, bis ich Euer Durchlaucht, den Herzog u. etwa die Wenigen gesprochen habe, die mein Schicksal interessiert. Des Herzogs huldreiche Anerbietungen habe ich in Bologna empfangen u. ich fühle mich gewiß darüber aufs dankbarste gerühret. Da aber auf Reisen, zumal auf Reisen meiner Art, wo mein Gemüt äußerst angegriffen u. selbst meine Gesundheit etwas in Unordnung ist, Punkte der Art schwer auszumachen sind: so habe ich selbst den Dank dafür bis zu meiner Ankunft in Weimar aufschieben müssen, u. hoffe, Se[ine] Durchlaucht werdens nicht ungut aufnehmen. Übereilt ist nichts; zu einer solchen Torheit bin ich zu alt; ich habe an Göttingen nichts weniger als mein Jawort gegeben, sondern alles bis zu meiner Wiederkunft in Weimar verschoben. Dies erforderte Anstand, Dankbarkeit u. Überlegung; u. so unterdrücke ich auch jetzt jeden Gedanken, der sich hie- oder dorthin lenke. Wie auch die Würfel fallen mögen: so wird das Herz u. die Seele, die Euer Durchlaucht in dieser Verlegenheit, der äußersten u. entscheidenden meines Lebens, gegen mich u. die Meinigen erwiesen haben, mir ewig-heilig u. unvergeßlich sein. Ich kann nichts daraufsagen, als: Euer Durchlaucht zeigen sich jetzt wie Sie sind u. wofür ich Sie immer gehalten habe; vielleicht bin ich aller der Gnade nicht wert. Die wenigen Tage u. Wochen werden ja auch hinrollen, da ich mein windichtes palatium hinter der Kirche wiedersehe, u. höre was weiter das Schicksal mit mir will. Was ich an Weimar verlöre, weiß ich selbst am besten, ich will u. mag es mir aber nicht sagen; weil ich überhaupt an diese bittre Kur meines Lebens gewiß nicht mit jugendlichem Leichtsinn denke. – Leben also E. D. solange aufs beste wohl; ich küsse Ihnen mit einer Empfindung von Dankbarkeit u. innerer Wehmut die Hand, die ich mir selbst nicht entwickeln mag. Ich bin u. verharre, gütigste Herzogin, mit stummer Verehrung E. D. untertänigster Herder. J. G. Herder an Caroline Herder München, den 29. Jun. (Sonntag, ich glaub es ist der 29.) [1789] Den Augenblick komme ich hier an, finde mit großer Freude Deinen Br. vom 15. Jun., nebst den Br. der Fr. v. Fr[ankenberg] u. Göthes Briefe. Zuerst Dank für die Gewißheit, daß Du nicht nach Carlsb. gehest. Ich gehe auch nicht hin; ich könnte da nicht weilen. Mein Husten mindert u. die Weimarschen Pillen, die ich auf Italien. Boden ganz vergessen u. vernachlässigt hatte, tun mir wohl. Wie lang' ich hier bleibe? wenn ich von Nürnberg reise? etc. etc. weiß ich noch Alles nicht. Auch ists mir, die Wahrheit zu sagen, gleich, wo ich Dich wiedersehe? Ists in Ilmenau; wohl! wo nicht, – ist der Herzog da u. f. – nach Salfeld komm mir nicht entgegen. Ich komme ruhig an u. freue mich, daß ich die Reise vollendet – In der Zeit nun werden meine andre Br. von Mailand, Inspruck angekommen sein, oder ankommen. Auf Deinen Br. nach Venedig will ich noch bis Nürnb. warten, u. denn auch nach dem in Verona schreiben. Sonst fehlt mir nichts. Lebe wohl u. küsse die Kinder. Mich freut die Heiterkeit der Schwester, grüße Sie sehr. So auch Göthen, u. der Herzog. empfiehl mich; ich habe ihr aus Inspruck geschrieben. An die Fr. v. Fr[ankenberg] schreibe doch nur ein paar Zeilen mit Dank für Ihre herzl. gütigen Br. Ich kann nicht: denn die Post geht fort. Lebe bestens wohl, liebe. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] den 29. Juni [1789]. Deinen 1. Brief vom 13. Juni aus Mailand habe ich gestern Abend erhalten, u. danke Dir u. dem lieben Gott herzlich dafür, denn er hat mich aus einer sonderbaren Todesangst gerissen; ich habe seit 14 Tagen keinen Brief von Dir gehabt u. konnte mir nichts als lauter Übles vorstellen. Gott sei gedankt daß Du wohl bist; ob mich gleich der ganze Brief u. der Zustand Deines Gemüts sehr schmerzt, u. ich mit Kummer an Dich denke. So wird denn die Freude des Wiedersehens nicht rein u. süß sein! O wodurch haben wir das verschuldet! In Mailand u. München wirst Du meine Briefe erhalten haben, worinnen ich Dich bat den Weg über Ilmenau zu nehmen. Lieber Engel, wenn es aber Deine Gesundheit erfordert nach Carlsbad zu gehn, o so bitte ich Dich auf den Knien, gehe hin, erleichtre u. stärke Dich, u. komme fröhlich zu uns. Willt Du es aber nicht, so gib mir Nachricht wenn Du in Ilmenau sein kannst; Du mußt aber darauf rechnen daß die Briefe von Nürnb. sehr unrichtig ankommen, 3, 4 auch 5 Tage unterwegs bleiben. Ist Dir überhaupt dieser Umweg fatal, so gehe lieber wieder über Gotha u. ich komme Dir mit den Kindern bis Erfurt entgegen. Die Fr. v. Fr[ankenberg] wird sich sehr freuen; denn sie hat Leid u. Freude wie ein himmlisches Wesen mit mir getragen. Auch leidet sie wieder an der Brust, u. Deine fröhliche Gegenwart wird sie stärken. Doch mußt Du sie auf Deine Ankunft vorbereiten, allenfalls durch einen Expressen. Sie ist die Freundin die mir jenes gesandt hat, das ich Dir aber nicht sagen durfte. Gott führe Dich glücklich u. heiter zu ihr u. mir u. uns allen! Mein Gemüt ist Deinetwegen so besorgt; o Gott was hat Deine Seele so scheu gemacht u. in Dich zurückgeschreckt. Ich will Dich nicht bereden hier zu bleiben, Gott bewahre mich, wenn es so sehr Deine Seele beleidigt. Zuvor wollen wir mündlich reden u. entscheiden. Wenn Dich dieser Brief schon in Nürnberg findet, so wird es wohl zu spät werden daß Du mir über Ilmenau Nachricht gibst, quäle Dich alsdann darüber nicht u. komme über Gotha; nur lasse mir ja wissen wenn Du in Erfurt gedenkst zu sein; damit ich das ängstliche Harren zu Hause durch das Fahren vertreibe. O mein l. Herz, Gott gebe uns doch eine gute Stunde des Wiederfindens! ich glaubte es in meiner Einsamkeit verdient zu haben – aber es ist nicht so – Gestern schlug ich auf: so jemand kämpfet, so wird er doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht! Deine Schwester ist heute Vormittag wieder abgezapft worden. Sie war sehr standhaft dabei u. befindet sich wohl u. erleichtert. Sie hat eine herrliche Natur, u. wird vielleicht noch das Übel überwinden. Die Abzapfung wurde notwendig, da in diesen Tagen die Geschwulst hoch stieg u. ihr den Atem erschwerte. Sie grüßt Dich tausendmal u. kann fast die Stunde nicht erwarten Dich zu sehen. Die Operation, die Bernstein sehr gut verrichtet hat, hat mich indessen, so wenig ängstlich sie ist, zuletzt gedrückt u. ich habe den Nachmitt. einige Stunden zu Bette liegen müssen. Jetzt da ich schreibe ist mir wieder wohl. Ach wenn ich Dich nur sehen könnte, nur etwas wieder hätte, das meiner Seele Kraft gäbe. Ich war dies Frühjahr so wohl u. in der Hoffnung so glücklich – jetzt ist wie eine Wolke vorgezogen. Vielleicht ist dahinter eine schöne Sonne. Gott gebe sie uns! Die Kinder sind wohl u. schreiben Dir heute, außer August, der ist beim Erbprinzen. Lebe tausendmal wohl mein Einzig Gut auf Erden! mein erster u. letzter Gedanke bist Du, u. wirst es sein, so lang ich lebe. Gott erquicke Dich! C. H. Wenn Du nach Carlsb. gehst, so schreibe mir wieviel Geld, ich Dir schicken soll? Gottfried Herder an J. G. Herder Weimar, 29. 6. 1789 [?] Geliebtester Vater. Willkommen auf deutschen Grund und Boden, wenige Tage sind es, dann sehen wir Sie wieder, und freuen uns Ihrer Ankunft. Fast weiß ich nichts mehr zuschreiben, und Sie werden mir es verzeihen, da ich nur ganz auf das liebliche Wiedersehn harre, wie die Wächter auf Zion der Morgenröte harreten. – Gottlob daß Sie nur gesund sind, denn wir schlugen uns 14 Tage mit mancherlei kummervollen Gedanken herum und hoffeten sehnlich auf einen Brief, der endlich erschien. Ich kritisiere jetzt scharf Übersetzungen und Exercitia beim Herrn Schaeffer, wodurch ich denn auch die artem criticam lerne, die manchen so verhaßt ist –. Herr Schäffer läßt Sie auch vielmals grüßen, wir sind mit der Bibliothek fertig, nur fehlt noch der catalogus, der mit der Zeit auch noch kommen soll. August grüßt Sie herzlich, er kann nicht selbst schreiben, weil er mit dem Prinz beim Herrn Geheimderat Göthe zu Gaste ist. – Leben Sie wohl. Neuigkeiten kann ich Ihnen weiter nicht schreiben, als daß gestern der junge H. Hufkirchner Koch Hochzeit gehabt hat, und daß vor 8 Tagen des Herrn Subkonrektors [von Caroline Herder eingefügt: Lippolds] Sohn ? in der Ilm im Stern ertrunken ist; Leben Sie wohl, bringen Sie ein Füllhorn voll Gesundheit mit, und behalten Sie lieb Ihren gehorsamsten, und Sie zärtlichst liebenden Sohn Gottfried Herder. grüßen Sie Werner.   [Nachschrift von Caroline Herder:] ? er war blödsinnig u. elend, Gott hat ihnen durch die Wegnahme eine Wohltat erzeigt. August Herder an J. G. Herder Weimar, 29. 6. 1789 Lieber Vater. Zum Zeichen, daß ich noch lebe u wohl bin, schreibe ich nur diese wenige Worte, küsse sie, u wünsche daß sie bald bei uns sein. Ich komme so eben vom Erbprinz, u die Mutter will den Brief zusiegeln, darum kann ich nichts mehr schreiben. Leben Sie wohl u kommen sie bald. Behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn August Herder den 29 t Wilhelm Herder an J. G. Herder [Weimar,] den 29ten Juni 1789 Lieber Vater Ich bewillkomme Sie in Nürnberg wieder auf teutschen Boden. Wir kommen Ihnen entgegen und bewillkommenen Sie mit tausend Freuden. Leben Sie wohl und behalten Sie lieb Ihren gehorsamen Sohn Wilhelm Herder . Adelbert Herder an J. G. Herder Weimar, 29. 6. 1789 [?] An meinen lieben Vater Mich hats recht sehr gefreit, daß sie einen Brief geschickt haben aus Meyland kommen sie bald zu uns. Und bringen sie mir was rechtes hübsches mit, ich weiß nichts mehr zu schreiben. Grießen sie den Werner, leben sie wohl, ihr getreier Sohn, Adelbert Herder. Luise Herder an J. G. Herder Weimar, 29. 6. 1789 [?] Lieber Vater! Nun sind sie bald da lieber Vater. Die Mutter hat mir ein Gebet gegewen das Sie gemacht haben O! Herr mit Ehrfurcht nenn ich dich das lerne ich jetz. Wir wollen Ihnen entgegen fahren liebster Vater Gott behüte Sie überall und bringe Sie glücklich zu uns. Leben Sie Tausendmal wohl. Ihre gehorsamste Tochter Luise Herder. 1789 Emil Herder an J. G. Herder Weimar, 29. 6. 1789 [?] Lieber Vater! Nun Kommen sie Bald wieder und ich wünsche tausend mal tausendmal glück auf ihre reise die Mutter hat gesagt wwirden ihnenen entgegen fuhren da will ich recht achtung geben das ich sie zuerst sehe der Herr Zöllner grüßt sie gehorsamst, leben sie wohl lieber gute Vater ihr getreuer Sohn Emil Herder 1789 Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 3. Juli 1789. Da Dein zweiter Brief aus Mailand mit gestriger Post nicht gekommen ist, so bin ich in der nahen, obgleich ungewissen angstvollen Hoffnung Dich bald bald selbst zu sehen mein Einziger. Wenn Du noch einen Postt. in Mail. geblieben bist so kannst Du meinen Brief vom 1. Jul. erhalten haben. O wenn Du wüßtest wie mir jetzt ein jedes Wort von Dir notwendig u. stärkend ist. Die Posttage sind jetzt die angstvollesten Tage für mich, wenn ich hoffe u. nichts erhalte. Der liebe Gott wache über Dich u. nehme Dich ganz in seinen Schutz! Nach Ilmenau können wir diesmal nicht gehn; das Posthaus in dem wir sonst so schön u. bequem logierten, ist vermietet. u. ein andres Logie zu suchen ist mit zuviel Unbequemlichkeiten verknüpft. Der Himmel selbst ist uns nicht dazu günstig, es regnet seit 10 Tagen unaufhörlich – u. bei solchem Wetter ist fast unmöglich dahin zu reisen. Wir wollen es also aufgeben. Über Gotha zu gehn, habe ich Dir letzt angeraten, Fr[ankenbergs] gehn aber den 10ten ins Carlsb. u. Du könntest sie leicht verfehlen. Prinz August ist auch nicht da, u. in Erfurt müßtest Du notwendig den Koadjutor sehen, der seine Wohnung wieder da genommen hat, weil er sich mit dem Churfürsten brouilliert hat. Wenn Du nun nicht ins Carlsb. gehst, so ist es beinah besser Du kommst den geraden Weg über Saalfeld. Knebel ist jetzt ge[wiß] in Jena. Wenn es angeht so vermeide Jena oder ihn, oder vermeide ihn nicht, er ist Dir äußerlich sehr zugetan, ich begreife aber nicht warum er so fremd gegen mich geworden ist. Schone [nur] das Verhältnis mit G[oethe] u. dem Herz. wenn Du ihn sprichst u. laß Dir keine Pfeile ins Gemüt werfen. Er spielt mit solchen Dingen wie ein Knabe u. kümmert sich nicht um die Wirkung. Bringe Dein Gemüt unverrückt zu uns u. urteile nicht bis Du mich gesprochen hast. Da es mit unsern Briefen jetzt so verwirrt gehet; so habe ich Dir soeben einen nach Nürnb. geschrieben des nämlichen Inhalts; damit Du Dich beizeiten darnach richten kannst. Darinnen meldete ich Dir daß der H. Dir nach München durch G. 400 Rtlr. Zulage versprochen hat, so daß wir jährl. 1800 Rtlr. haben. Dies Anerbieten wirst Du erst im wahren Licht sehen, wenn wir uns über alles ausgesprochen haben. Gott helfe uns zu dieser Stunde, woran unser Schicksal hängt u. gebe Dir ein, zu tun was für Dich gut ist. Gott bringe Dich doch nur bald u. glücklich zu uns. Eine große Unruhe quälet mich fast Tag u. Nacht um Dich. Diesen Brief erhältst Du in Coburg. Ich werde Dir also nicht entgegenkommen liebes Herz. In unserm Haus wollen wir Dich empfangen u. es uns dadurch aufs neue einweihen. Lebe Tausendmal wohl mein Alles. Gott bringe Dich auf seinen Händen zu uns u. laß Dich Ruhe u. Zufriedenheit finden. Die Schwester grüßt Dich herzl. ist wohl u. leichter wieder u. harret Dein mit Schmerzen. Die Kinder küssen Dich unendlich. Lebe wohl, wohl. Liebstes Herz. C. H. Caroline Herder an J. G. Herder W[eimar,] d. 3. Juli 1789 Ich habe gestern mit großem Verlangen auf Deinen zweiten Brief aus Mailand gehofft, den Du mir versprochen hast, lieber Engel, u. den ich als eine Antwort des meinigen vom 1. Juni dahin, erwartete, da Du ihn in diesen Tagen erhalten konntest. Der Posttag ist aber leer u. angstvoll für mich vorüber gegangen. Ein sonderbares Mißgeschick, daß sich jetzt unsre Briefe so kreuzen. Ach wie ist mir jetzt um ein jedes Wort von Dir, bange, ich bin so unruhig, als ich noch nie gewesen bin. Der Plan mit Ilmenau kann nicht bequem ausgeführt werden, lieber Engel; das Posthaus in dem wir hätten wohnen können hat die Frau von Staff bezogen. Es ist also vor der Hand nichts da, wo wir mit Wohlgefallen sein könnten. Auch hat es seit 10 Tage unaufhörlich geregnet, u. die Lust nach Ilmenau völlig verschwemmet. Wir wollen es also für diesmal liegen lassen. Wir würden der mancherlei Unbequemlichkeiten wegen, keine Freude da haben. Ob der Weg über Gotha Dir diesmal annehmlich sein wird, steht dahin. Frankenbergs gehn zwischen dem 10 u. 12. nach dem Carlsbad, Du könntest sie gar nicht finden; auch wohnt der Koadjutor wieder in Erfurt, der sich mit dem Churfürst brouilliert hat u. nicht mehr nach Mainz gehet. Diesem müßtest Du notwendig in Erfurt aufwarten. Es ist also am besten, wenn Du nämlich nicht ins Carlsb. gehst, Du kommst gerade über Saalfeld hierher, u. ich erwarte Dich hier in unserm Hause. Dies wiederfinden darinnen wird es uns aufs neue lieb u. wert machen. O wäre diese Stunde schon da! Knebel ist in Jena; er ist gut gegen mich, aber fremdegeworden. ich bitte Dich, sei redlich aber nicht offen, gegen ihn. Schone G. u. den Herz. gegen ihn; urteile nicht, bis Du mich gesprochen hast. Bringe nur ein reines Gemüt mit; alles wird sich finden oder wir gehen – ob Du meine Briefe in München erhalten hast, zweifle ich jetzt sehr. Der Herzog hat Dir darinnen durch G. 400 Rtlr. Zulage versprochen, so daß wir 1800 Rtlr. jährl. haben. Dies zeigt genug daß Dich der Herzog nicht lassen will. Es kommt jetzt alles darauf an, wie Du es ansiehst. Es ist mir lieb daß Du den Herz. nicht hier findest damit man vorher ruhig überlegen kann. Er ist den 1. Jul. über Ilmenau nach Eisenach gegangen u. also nicht nach dem Carlsbad. Ich wünsche daher beinahe daß Du ins Carlsb. gehn mögest, wenns Deine Gesundheit erfordert. [...] J. G. Herder an Caroline Herder Nürnberg, den [um den 4.] Jul. 89. Gottlob, ich empfange Deinen Br., liebes Herz, auf den ich mit großer Sehnsucht gewartet habe. Erst hier fiel es mir ein, daß es, nach Deinem Münchner-Br. zu schließen, eine Antwort auf meinen Mailänder sein werde. Und da war mir für Dich bange; ich hatte ihn in dem größten Unwohlsein Leibes u. der Seele geschrieben, u. so sehr ich alles zu verbergen gesucht hatte, so war doch in meinem Gemüt der Stachel zurück, daß er Dir nicht wohlmachen könnte. Gottlob, auch diese Zeit ist überstanden; Du wirst indes meine Br. aus Inspruck u. München erhalten haben, u. wenigstens daraus ersehen, daß ich mich Euch näher bringe – Näher bringe dem Körper nach, im Geist war ich stets bei Euch; das soll mir kein Feind leugnen: nur zu sehr, u. zu oft bin ich bei Euch gewesen. Jetzt komme ich – aber nicht im Triumph; daher ist an kein Entgegenkommen zu denken. Kommt dieser Br. vor mir an; so warte, lieber Engel, ruhig, bis ich komme; ich weiß nicht, wenn? Über Gotha gehen kann ich nicht; das fühlst Du wohl selbst. Es ist mir unmöglich. Rede also auch den Kindern das Entgegenkommen aus, das für sie freilich eine große Freude wäre. Wir wollen einander mal mit einander ausfahren, nach Ilmenau, oder wohin es sei? Vorjetzt – habe ich Dich in meinem Hause hinter der Kirche verlassen; da wünsche ich Dich u. die Meinigen wiederzufinden. Diese Gnade wird mir der Himmel schenken, u. weiter begehre ich vor der Hand nichts. Außerordentlich wohl hat mirs getan, seit ich wieder in Deutschland bin, nach welchem Lande ich mich zuletzt so gesehnt habe, daß mir Speise, Trank, u. Schlaf nicht mehr gefielen. O wie mich die Alpen erquickten! Aber vom ersten Kaiserlichen Zollamt begleitete mich ein Gewitter, das vor dem Brenner so arg ward, als ichs in meinem Leben nicht gesehen habe, u. die unsägliche Kälte veranlaßt hat, mit der ich bis zur Donau gereiset bin. Dicht vor München heizte man am Ende des Junius, u. in München hatte ich eine krasse Kälte, daß mich noch schauert. Vor Regensburg, u. noch mehr im Fichtenwalde vor Nürnberg fing ich endlich an, eine bessere Luft zu fühlen, u. der Eintritt in Nürnberg u. in mein altes rotes Roß war mir sehr erfreulich. Doch trage ich mich noch mit meinem Husten, der freilich nicht auf einmal verschwinden kann. Nach Karlsb. indessen gehe ich nicht; ich weiß ja selbst nicht, ob diese Hygea dem Husten zuträglich wäre, u. an der Leber fühle ich ganz u. gar nichts. Also gehts nach W[eimar]; u. morgen voraus in die Spiegelfabrik, ob ich gleich, wie Du weißt, die Spiegel nicht leiden kann u. mich wenig auf ihren Gebrauch verstehe. – Aber, nochmals gebeten, kümmere Dich ja nicht, wenn oder woher ich komme? Gnug wenn ich Euch gesund u. mich liebend wiederfinde; u. so viel möglich in der Stille zu Euch kommen kann. Die Reise hat mich, glaube ich, sehr verändert; Gottlob indessen, wenn ich dabin, ist sie vorüber. Nach Karlsb. u. Gotha zu gehen, wäre mir jetzt unmöglich; alles hat sein Ziel, seine Zeit u. Stunde. Der Schwester wünsche ich Glück über ihre abermalige Operation; aber was das, auch nur im Anblicke für Dich ist, mag ich nicht ausdenken. Grüße sie bestens; grüße die Kinder, u. danke den lieben für Ihre Briefe. Adieu, liebe. Wenn wir zusammen sind, wollen wir Gott herzlich u. stille danken. Tue mir ja den Gefallen u. komme mir nicht entgegen, weder nach Ilmenau, noch nach dem abscheul. Jena. Ich weiß selbst noch nicht, welchen Weg ich nehme. Gott bringe uns glücklich zusammen, das ist alles was ich wünsche; aber in unserm Hause. Lebe wohl, Herzensliebe. Karl Ludwig von Knebel an J. G. Herder Weimar, 10. 7. 1789 Ich freue mich recht herzlich Ihrer Ankunft, und mein Geist kommt Ihnen schon entgegen, der sich in Ihrer Abwesenheit oft nach Ihnen gesehnt hat. Seien Sie willkommen in dem einsamen Weimar, und in meinem mir täglich weniger einsamen Garten, seitdem mich die Denkungsart der meisten immer mehr und mehr dahin einschließt. Ich komme auch bald, mich nach Ihnen zu erkundigen. Leben Sie indes wohl und freuen sich mit mir des milden Sonnenblicks und der holden noch grünen Natur! Johann Wolfgang von Goethe an Herzog Carl August [Weimar,] d. 10. Juli [1789]. [...] Nun ist auch Herder wieder da, guten Humors, gesund. Ich hoffe das Beste für ihn und uns. In den ersten Augenblicken ist von der Hauptsache wenig gesprochen worden. [...] J. G. Herder an Herzog Carl August Weimar, 12. 7. 1789 Durchlauchtigster Herzog, Gnädigster Fürst und Herr, Euer Herzogl. Durchlaucht habe hiemit meine gesunde Rückkehr nach Weimar untertänigst anzeigen und zugleich für die gnädigsten Anerbietungen danken wollen, deren Nachricht mir auf der Rückreise zukam. Es war mir unmöglich, dafür mit einiger Bestimmtheit während meiner schnellen überhäuften Reise zu danken, wie es mir auch in dieser ersten Betäubung, wo Alles auf mich zustürmet, bisher unmöglich gewesen; es soll u. muß aber meine erste Arbeit sein, weil von dem gnädigen Entschluß, den Euer Herzogl. Durchlaucht darüber zu nehmen geruhen, meine Ruhe und Situation abhängt. Vorjetzt nehmen E. D. meinen reinsten Dank an für Ihre zuvorkommende Gnade, die keine wärmere Erkenntlichkeit finden kann, als in meiner Seele. Die Herzogin Mutter habe ich gesund u. vergnügt verlassen; die Kälte in Deutschland wird für sie in Napel wahrscheinlich eine sehr angenehme Kühle sein. So ist für mich auch dieser Traum zu Ende, u. ich fühle es noch in allen Gliedern der Seele, daß von Rom; das ich den 15. Mai verließ, bis Weimar, wo ich den 9. Jul. ankam, mit allem, was zwischenlag, ein großer Sprung sei. Kommen E. D. gesund u. glücklich zu uns zurück aus Ihren Thüringer Wäldern, wo ich vom 7. auf den 8. Jul. kaum eine Vierteilstunde entfernt von Ihnen übernachtet habe, u. bringen mir Ihre alte Liebe und Gnade freundlich mit. Ich verharre in tiefester Ehrerbietung Euer Herzogl. Durchlaucht untertänigster Herder. Weimar den 12. Jul. 89. J. G. Herder an Herzogin Luise Weimar, 12. 7. 1789 Durchlauchtigste Herzogin, Gnädigste Fürstin, Wie sonderbar ist mir zu Mut, da ich wieder in Weimar diesen ersten Brief an Euer Durchlaucht schreiben kann, hier an einer Stelle, wo ich in so mancherlei Engen des Herzens u. des Daseins, in Situationen der Freude u. der Betrübnis, in Sorge u. Dank zum Himmel, immer aber mit einer Teilnehmung u. Verehrung schrieb, die mir jetzt als einem Wiederkehrenden eine sonderbar-süße u. doch zugleich, ich weiß nicht warum? eine beklommene Rührung wird. Mein guter Wille ist da, hier zu bleiben; möge nun ein gutes, ein günstiges Schicksal auch Alles so einrichten, daß ich mit Freude u. Hoffnung hierbleiben kann, u. mich dieser gute Wille nie gereuen dörfe. Daß Euer Durchlaucht dazu beitragen werden, was in Ihrer Macht ist, bin ich gewiß; meine Verehrung u. Liebe für Euer Durchlaucht ist gewiß Grenzenlos u. wird bis zu meinem letzten Lebenstage wachsen. Ich will u. mag nicht fodern, sondern will nur die Anerbietungen des Herzogs auf eine nähere Weise zu bestimmen wagen, die mir irgend nur annehmlich u. leidlich ist. Ins alte Joch wieder zu treten, in dem ich 12. Jahre unwürdig verloren habe, ist mir so schauerlich, daß ich statt dessen lieber das Ärgste zu wählen bereit wäre. Es kommt jetzt auf die Gnade u. Billigkeit des Herzogs an, wie u. wohin die Sache entwickelt werde. Ich will die Punkte aufsetzen, u. wenn Euer Durchlaucht es erlauben, sie Ihnen voraus zur Ansicht überreichen. Verzeihen E. D. mir diese Kühnheit; da es aber ein Schritt fürs Leben und E. D. sich für mich u. die Meinigen in einer so großmütigen, edeln Gestalt aus freiem Entschluß gezeigt haben, so darf ich Verzeihung dieser meiner Kühnheit erwarten. Der Himmel möge alles zum Besten wenden. Hier sind die Kleinigkeiten, die Euer Durchlaucht zu sehen verlangten: sie sind meistens Geschenke des Andenkens, weil ich auf Sachen dieser Art kein Geld wenden konnte, u. mir sind sie deswegen noch werter. Darf ichs wagen, Euer Durchlaucht beikommende drei Italienischen Dichter, die drei vornehmsten, die diese Sprache hat, untertänigst zu überreichen, auch als ein kleines Andenken meiner Italienischen Reise. Ich habe sie für Euer Durchlaucht mitgebracht; verachten Sie also das arme Geschenk nicht, u. gönnen ihm ein Winkelchen unter Ihren Büchern. Es ist eine Handvoll Wasser, die jener Arme dem Persermonarchen reichte u. die er gütig aufnahm. In ewiger Hochachtung, Liebe u. Verehrung beharrend Euer Herzogl. Durchlaucht untertänigster Herder. Weimar den 12. Jul. 89. J. G. Herder an Prinz Carl Friedrich Weimar, Mitte Juli 1789 Lieber Prinz, Es wurde mir nach Rom geschrieben, daß Sie auch wohl so ein Briefchen haben möchten, als ich zuweilen an meine Kinder schrieb. Ich konnte es Ihnen damals nicht schreiben, weil ich bald darauf aus Rom reisete; ich schreibe es Ihnen also jetzo, und wünsche, daß es Ihnen wohlgefallen möge. Sie haben die Statuen und Büsten so gern; ich habe Ihnen keine aus Rom mitbringen können, weil sie so schwer sind und weil man Abgüsse davon in Deutschland und auch hier gnug hat. Aber doch nicht ganz leer zu kommen, und um Ihnen doch, lieber Prinz, ein kleines Andenken zu geben, daß ich in Rom gewesen bin, habe ich Ihnen dies Köpfchen mitgebracht. Es ist oder soll ein Prinz aus der Familie des Augustus sein; wir wollen es einen Jüngern Germanikus oder einen jungen Titus nennen, bis ich etwa auf Münzen oder auf andern Denkmalen etwas Bestimmtes finde, und wollen voraussetzen, daß es ein liebenswürdiger guter Prinz gewesen sei, wie seine Gesichtszüge auch sagen, von liebenswürdigen, guten Eigenschaften und von vortrefflichen Eltern, wie die Ihrigen sind, lieber Prinz, und wie wir hoffen, daß auch Sie mit jedem neuen Lebensjahr es immer mehr sein werden. Nehmen Sie also dies kleine Köpfchen gütig auf, und behalten es mir zum Andenken; Sie müssen mir aber auch ja durch ein kleines Briefchen hierauf antworten; das Briefchen darf nur drei Reihen lang sein. Leben Sie wohl, lieber Prinz, und sein fernerhin gesund, fröhlich, munter, artig, gut und fleißig. Herder. J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar den 16. Jul. 89. Nur drei Worte, gnädigste Herzogin, nehme ich mir die Freiheit an Euer Durchlaucht zu schreiben; ein Kennzeichen meines Lebens und meiner glücklichen Ankunft im hochberühmten Weimar. Den 9. dieses Monats, morgens um 2. Uhr, geschahe diese ohne andre Festivitäten, als daß der schönste Mond an der Einen, die schönste Morgenröte an der andern Seite des Himmels stand und die Nacht sehr schön war. In meinem Hause war alles bereit mich zu empfangen; nur fehlte der Schlüssel zur Haustür, mich hereinzulassen, u. mußte ich also die Gefälligkeit haben, etwas zu warten, bis meine Frau vermutlich ihren Liebhaber zur Hintertür hinaus in den Garten geschafft hatte; da ich denn recht kam u. mich alles, groß u. klein, mit großer Freude empfing. Seit der Zeit bin ich hier wie der Abgott Baal; ich esse, trinke, schlafe u. spreche: der Deutsche Wein u. die Deutschen Gerichte tun mir nach meiner 2. monatlichen Reise sehr wohl; weiter ist mirs noch unmöglich an etwas zu denken, u. tun kann man nach einer Reise in Italien gar nichts; welche Erfahrung ich als eine Prophezeiung auch Euer Durchlaucht demütigst zu Füßen lege. Man ist wie eine geschwungene Glocke, die stillsteht u. in sich selbst sanft wiedertöset. Der Herzog ist nicht hier; also ist mit meinem Arrangement, ob? wo? und wie? noch nichts arrangieret. Den gnädigen Brief Euer Durchlaucht an meine Frau habe ich überbracht; nur, wie E. D. gar richtig prophezeiten, entsiegelt; ich sahe ihn lange an, u. wollte doch endlich wissen, was drin stünde. Ich danke Euer Durchlaucht für die gnädigen Gesinnungen in Ansehung meines Hierbleibens. Die Würfel liegen auf dem Tisch; und das gute Schicksal mag entscheiden; an meinem guten Willen soll es nicht fehlen, und sobald der Herzog aus den Thüringerwäldern zurück ist, wird alles klar werden. Hier ist alles wie es war: Turm, Kirche, mein Haus u. f. stehen noch auf der alten Stelle; es ist alles, als ob ich gestern abgereiset wäre. Euer Durchlaucht wird es auch so sein: die ganze Reise dünkt einem ein Traum. Mir ist sie, so sehr ich dort auf Italien geschimpft habe, ein sehr angenehmer Traum, u. E. D. kommen mir in der Entfernung wirklich wie die Göttin in einem Roman vor, die vom Schicksal bestimmt war, sie mir angenehm zu machen; wofür alle Götter der Erde u. des Meers, des Himmels u. aller Elemente E. D. reichlich segnen mögen. Meine Rückreise in Deutschland war sehr kalt; die Deutsche Kälte wird Ihnen in Portici eine angenehme Kühle gewesen sein. O seid gegrüßet alle ihr schönen Wesen, die ihr dort wohnet, du Nymphe Parthenope mit den breiten Armen, u. du alter Pausilipp, u. ihr freundlichen Inseln, die ich nur von fern gesehen habe, u. du Mond, ihr Sterne, du Meer, du Abendrot, du untergehende Sonne, gesegnet! gesegnet! Schafft denen Freude, die Euch sehen u. lieben; u. mir erscheint, wenn ich einmal ins Elysium quer über Euch fliege. Meine Frau empfiehlt sich Euer Durchlaucht untertänigst; ihre Antwort auf E. D. holden Brief wird erfolgen, sobald die Sache abgemacht ist. Göthe u. der ganze Kreis der schönen Frauen um ihn ist wohl; Alles lebt auf die alte Weise, nur wie mich dünkt, zutulicher u. freier. Die Herzogin ist hold u. gut; nur noch niedergeschlagen u. erholt sich langsam. Der Prinz ist lieb u. munter. Alles freut sich, wenn ich das Wort aussprechen darf, auf E. D. glückliche u. heitre Rückkunft; insonderheit Tiefurt, wo ich ehegestern war u. es außerordentlich schön fand, selbst nachdem ich in 2. Monaten noch so viel, viel, viel schöne Gegenden gesehen hatte. Ich bin gewiß, daß es E. D. neu u. schön sein werde; es läßt sich in ihm allerliebst von Italien sprechen, schwatzen u. träumen. Traum ist doch Alles in der Welt, u. oft ist der Traum mehr als der Genuß selbst; so dünkt michs jetzt – Mich? u. ich kann nicht so schön, wie E. D. träumen. Leben Sie wohl, gnädige, gute Herzogin; ich küsse Ihnen aufs ergebenste die Hand, u. meine Wünsche werden Sie über die Paludischen Sümpfe, (wie Einsiedel sagt) sanft hinübertragen. Leben Sie wohl mit Ihrem Reisekreise u. kommen glücklich zu uns hinüber, früher oder später, nur munter u. glücklich. E. D. untertängster Herder. Frau u. Kinder küssen E. D. aufs innigste für sie u. für mich die Hände. J. G. Herder an Luise von Diede Weimar den 3. Aug. 89. Endlich komme ich ans Schreiben, um Ihnen holde gn[ädige] Frau, mein Hiersein zu melden. Ich reisete den 15. Mai aus Rom aus, ging über Pisa, Florenz, Bologna, Venedig, Padua, Vicenza, Verona, Manuta, Parma, Mailand, Pavia, Brescia, Inspruck, München, Regensburg, Nürnberg u. kam in der Mitte vorigen Monats in Weimar an. Meine Reise war in Deutschland so eilig, daß ich in Regensb. nicht einmal dem Grafen Görz aufgewartet habe; denn wie ein Körper im Fall immer mehr eilet, so ists auch mit der Sehnsucht nach Hause u. zu den Seinigen, die ich Gottlob alle gesund wiedergefunden habe. Die Nachrichten, die ich von Ihnen hörte, liebe gn. Fr., waren nicht so erfreulich; schon in Rom sagte mir der Senator bisweilen von Ihrem Übelbefinden währenden Winters in Regensb., u. die Beschreibung endlich, die ich vom Abschiede Ihres Engels hier vorfand, sagte mir Ihren Schmerz aufs innigste. So grenzen in der Welt Freude u. Leid; der Übergang ist immer schwer; doch aber ist u. bleibt es gut, denn auf das Leid kann nach diesem großen Gesetz der Abwechselung abermals nichts als Freude folgen. Ich hoffe, die Zeit wird mit ihrer sanften Hand u. ihrem verdunkelnden Schleier allmählig die Tränen Ihren Wangen enttrocknet haben; daher ich schweige. Das Andenken eines seligen Engels muß nicht anders, als mit Dank u. Liebe gefeiert werden. Vorjetzt also, beste gn. Fr. wollen wir von andern Dingen reden. Zuerst habe ich vom Hrn. Senator ein klein Päckchen an Sie oder vielmehr an Ihren Hrn. Gemahl überschrieben. Da ich nicht weiß, wo Sie sind, oder wohin ich das Päckchen sicher adressieren kann: so nehme ich mir die Freiheit, diesen Br. als Vorläufer zu senden. Haben Sie die Gnade, l[iebe] g[nädige] Fr[au], mir nur durch ein paar Zeilen zu melden oder melden zu lassen, wohin ichs zu richten habe: so soll's mit der nächsten Post fort. Zweitens, muß ich Ihnen klagen, daß ich in Italien so unglücklich gewesen bin, nur Einen Ihrer Br. zu erhalten. Der Br. z. E. den Sie in den Br. des Senators gelegt hatten, ist, ich weiß nicht wie? verloren gegangen. Ich war damals in Napel; er sagt, er habe ihn dahingeschickt; ich hatte nichts erhalten, u. erhielt auch nichts, da ich auf der Post nachfragen, da ich selbst die Postcharte nachsehen ließ – Er war mir also nicht beschert, u. ich weiß nicht, was darin gestanden? Desto mehr danke ich E[euer] G[naden] für die Erinnerung, die ich hier fand, ob sie gleich wehmütig gnug war. Was Tischbeins Empfehlung betrifft, so danke ich Ihnen aufs beste für Ihre gütige Mühe; bitte aber auch zugleich um Verzeihung, daß ich über den alten R[eiffenstein] einige vielleicht zu harte Ausdrücke gebraucht habe. Der Grund derselben ist völlig wahr; da aber niemand anders handeln kann, als wie Er siehet u. empfindet, so ist bei dem Alten auch vieles zu entschuldigen u. am Ende alles zu erklären. Sie kennen ihn ja so gut als ich; u. da er mir, insonderheit die letzte Hälfte meines Daseins in Rom viel Gefälligkeiten u. Freundschaften erwiesen hat, so mag ich von ihm nichts geschrieben oder geurteilt haben. Bedecken Sie alles mit dem seidnen weißen Mantel der christl. Liebe u. vernichten den Brief, wenn Sie ihn nicht längst schon vergessen oder vernichtigt haben. Endlich kann ich Ihnen, beste gütige Fr., für Ihre Empfehlungen nicht gnug danken. Sie haben mir die Bekanntschaft trefflicher Leute verschafft u. überall die Türen eröffnet, so daß ich in Italien eine Aufnahme genossen habe, wie ich sie in manchen andern Gegenden schwerlich genießen würde. Da der Graf Savioli in Bologna tot ist, so habe ich den Br. an ihn noch verschlossen bei mir; den Br. an den Gr[afen] Pindemonte gleichfalls: denn ob ich gleich durch das schöne Vicenza, wo er jetzt Podestà ist, durchreisete u. alles zur Notdurft sah, was sich im Kurzen sehen ließ: so fürchtete ich doch den Br. abzugeben, weil ich im schönen Vicenza zu lange aufgehalten zu werden, mich gleichsam vor mir selbst fürchtete. Es muß ein so schönes Leben an diesem Ort sein, als vielleicht sonst in wenig Italienischen städten, weil alles dazu beiträgt. In Mailand haben mir der Graf Wilzek mit seiner Gemahlin, auch der KammerH[err] Kinigl p viel Artigkeiten erzeiget, u. jedermann hat Ihr Andenken mit Hochachtung u. Freude erneuret. Die beiden rückständigen Briefe werde ich E[uer] G[naden] mit dem größesten u. verbindlichsten Dank wiederschicken, sobald Sie es befehlen. So ist denn nun auch der sonderbare Traum von meiner Italienischen Reise ausgeträumt, u. das schöne Italien ist meiner Seele jetzt selbst ein Traum. Rom u. Napel, Tivoli u. Bajä, Salern u. Nemi, Ankona u. Venedig, Foligni u. Vicenza, nebst allen Vorratshäusern u. Vorratssälen der Kunst u. des Andenkens voriger Zeiten sind lichte schöne Schatten, die in weniger Zeit dunkler u. dunkler sein werden, so daß ich bald Mühe haben dürfte, zu sagen, ob ich Italien gesehen, oder davon nur geträumt habe? Indessen ist auch dieser Traum vom Jupiter gesandt gewesen u. wird nicht ohne Folgen für mein Leben [sein]. Er hat meine Seele sehr gereinigt u. erweitert; er hat hundert Dinge weggestreift, hundert enge u. falsche Ideen unvermerkt berichtigt – Nur gehört, zumal für meinen langsamen, trägen Geist Zeit dazu, dies Chaos zu ordnen, u. mich gleichsam mit mir selbst u. mit meiner Lage wieder ins Gleichgewicht zu setzen, aus der ich ziemlich geraten bin. Das wird denn auch die allmächtige Mutter Zeit tun, sie, die den Menschen, wie ein Kind, mit mancher notwendigen zarten Täuschung bald hier– bald dorthin führet. Es tut mir leid, daß ich bei meiner Rückkunft nicht Göthens Glück hatte, E. G. hier zu finden; es wäre ein schönes Geschwätz gewesen. Den Herzog selbst habe ich noch nicht gesehen; er wird aber in diesen Tagen hier erwartet. Die Herzogin Mutter habe ich in Rom gesund u. vergnügt zurückgelassen, 3. Tage nach meiner Abreise ist sie nach Napel zurück gegangen, wo sie sich in Portici sehr wohl befindet. – Leben Sie wohl, edle gn. Fr., mit dem Hrn. G[eheimen] R[at] u. allen Ihren Freunden. Meine Fr[au] empfiehlt sich Ihnen aufs beste, u. ich, in Erwartung der paar Zeilen, um die ich gebeten habe, bin mit Herz u. Seele ppp Herder. Herzog Carl August an Herzogin Anna Amalia Eisenach, 3. 8. 1789 [...] Herder ist sehr vergnügt zurückgekommen. Ich habe ihn noch nicht gesehn; ich verfehlte ihn auf den Thüringer Walde um ein paar Stunden. Er ist doch viel häuslicher, als ich es ihm zutraute, denn begierig eilte er dem Seinigen zu. Auf Göttingen hat er völlig Verzicht getan; es ist doch sehr löblich, wenn der Mensch einmal sich ein Vaterland und Wirkungskreis festsetzet. [...] Herzogin Anna Amalia an Johann Wolfgang von Goethe Napel d. 7ten Septembre 89. [...] Die Hoffnung die uns Herder gibt, zu bleiben ist mir herzlich lieb, auch will ich gerne dazu beitragen ihm bei uns zu halten, man kann auf mich rechnen; ich bitte nur daß man geduld habe bis ich wieder zurück komme. Ich bin überzeuget, daß Herder vielleicht jetzt mehr Italien genießt als da er wirklich im besitz des schönen landes war, auch kann ich nicht leugnen daß die Umstände von seiner her Reise viel dazu bei getragen haben einen Widerwillen in sein Gemüte zu erregen, und Sie kennen ja seine Irritabilität. – [...] Grüßen Sie von mir Herder und sein liebes Weibchen. Adio. Amelie. Alexander Trippel an J. G. Herder Rom, 9. 9. 1789 WohlEdler Hochgeehrtester Herr, Dero schätzbare Zuschrift habe ich zu seiner Zeit richtig erhalten vom H. R. Reiffenstein, würde sie gleich beantwort[et] haben wenn ich nicht durch viele umstände wäre davon verhindert worden. Die anmerkungen die Sie gemacht haben über Ihre Buste, sind wir ziemlich Übereins, und das meiste davon habe ich schon im Modell verändert, oben auf dem Kopf habe ich mehre Haare aufgetragen, und hat die Wirkung getan, das die Seiten Haare nicht mehr zu voll scheinen, in deme Sie sich mit einander vereinigen, und macht, das das ganze dadurch ein Jüngeres ansehen bekommt. Die Schultern werde ich ein wenig schmeiller halten, für all das das Sie nicht breiter ist als des H. von Goeden seine, die höhe ist gleich, und ich glaube, das sie Kolasaisch aussehen kann der schade nicht groß sein, und besser tut als wann sie klein und Mager aussehen würden, die Köpfe sind um keinen Viertels Zoll größer als die Natur. Die Augenbraun sind schon verändert und tut gute Wirkung, es wird alles in Marmor weicher und sanfter gehalten, das das ganze, ein ganz anderes ansehen bekommen wird. Dero Hoch-Edlen können versichert sein, das ich mein möglichsten Fleiß dabei anwenden werde, weilen es mir eben so viel daran gelegen ist wie Ihnen und meine Ehre würde darunter leiden. Sie ist schon in Marmor angefangen, und allem anschein nach so wird es vortrefflich ausfallen, bis dahin hat sich noch nicht den geringsten Fleck entdeckt, die Farb ist Wahre und geht in den Gelblichten Ton aus, das sie mit dem H. von Göthe seiner, gut harmonieren wird. [...] Außerordentlich wird es mir angenehm sein zu vernehmen wenn Sie Glücklich und Wohl angelangt sind, und Ihre ganze Liebe Familie bei gutem Wohlsein angetroffen haben, Bitte meine Entfehlung an Sie und habe die Ehre mich in Dero Wohlgewogenheit zu Entfehlen Ihro Ergebenster Diener Alexr. Trippel Rom den 9t Sep. 1789 Bitte meine Entfehlung an H. von Göthen und H. Lips wenn er angelangt ist J. G. Herder an Charlotte von Stein Weimar den 14. Sept. 1789. [...] Nämlich: das Deutsche Klima macht mir noch allerlei Unheil, Fieber, Engbrüstigkeit, unterdrückte Transspiration u. f., woraus denn auch ähnliche Seelenübel erfolgen, die aber von Morgen an durch die Thüringsche Quetschenkur bestmöglichst vertrieben werden sollen. [...] J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar, den 18. September 1789. Durchlauchtigste Herzogin, Gnädigste Fürstin, Euer Durchlaucht gnädigstes Andenken ist mir in Ihrem lieben Briefe so erfreulich gewesen, daß ich im schönen Neapel und auf dem noch schönern Ischia mit meinem Geist selbst zu sein glaubte. Sonderbar sind dergleichen Gedanken in die Ferne: denn es fehlt nicht viel, daß ich, in Italien gewesen zu sein, ganz für einen Traum halte, weil alle Erinnerungen in eine so ganz andre Welt gehören. Ich kann es mir wohl denken, daß in recht barbarischen Zeiten man alle Erzählungen von außen her entweder ganz glaubte, oder ganz für Lügen hielt, wenn man nicht zum Glauben aufgelegt war; und wer weiß, kommt nicht die Zeit, da ich mich selbst besinnen werde, ob es wahr sei, daß ich in Rom und Neapel an E. D. Seite gesessen, hie und dort gewesen, diesen oder jenen Wundertraum gesehen habe. Ihnen, gnädigste Herzogin, wird es nicht völlig so gehen, Teils weil Sie länger in der Zaubergegend geblieben sind, als ich, Teils weil Sie eine weise Fürstin sind und alles mit mehrerer Zueignung sehen; indessen sehe ich doch die Zeit voraus, da auch Sie davon als von Träumen und Märchen sprechen werden. Das glücklichste dabei ist, worüber ich mich auch und jedermann sich freuet, Euer Durchlaucht Gesundheit. Bringen Sie diese auch auf der langen Rückreise (die sich indessen auch in einen kurzen Traum verlieret) ungestört, heiter und fröhlich zu uns zurück; und ich bin gewiß, daß der schönste Genuß Italiens Ihnen in der Erinnerung noch erst bevorstehe. Diese Zauberin rückt Zeiten und Gegenstände nachher zusammen, läßt alle Mühe und Langeweile, kurz alle sich mit eindrängenden odiosa weg, und bereitet unsrer Phantasie, unserm Gebrauch und Gespräch eine reine vollkommene Nahrung. Was Lukrez von seiner Philosophie sagt: Süß, wenn tobender Sturm des Meeres Fluten empöret, Ists vom sicheren Ufer der Schiffenden Arbeit zu schauen u. f. wird auch Euer Durchlaucht Philosophie sein, sobald Sie in den stillen Hafen nach Tiefurt angelangt sein werden und dann zuweilen den Überblick des Zurückgelegten mit stolzer und froher Seele sich selbst gewähren. Sie sehen, gnädigste Herzogin, wie sehr ich schon wieder impatriiert bin; Teils aus Liebe, Teils aus Not habe ich mir die fremden Dünste ziemlich aus dem Kopf gescheuchet, und lasse die Gedanken nur noch wie Sommervögel zuweilen um mich flattern; auch meine redselige Zunge ist ziemlich schon wieder verstummet; nur lasse ich mir meine Spaße und Paradoxa, womit ich die Fräulein zuweilen böse gemacht habe, auch hier noch nicht nehmen: denn sie gehören wirklich zum Genuß des Lebens. Knebel sagte neulich: »es schiene, daß ich sie von meinem August lernte:« und wenn sie mir ausgehen, will ich sie auch wirklich von ihm lernen, und behalte mir bloß vor, sie auf der Kanzel nicht zu brauchen. Auf dieser bin ich denn auch Gottlob schon einmal wieder gewesen; ich dachte, ich würde gar nichts hervorbringen können, und wie ich heraufkam, war es auch beinahe so. Da ich indes jetzt weniger zu predigen habe: so will ich mir schon durchhelfen: denn im Grunde lernt sich Alles wieder. Wir haben uns, gnädigste Herzogin, aus Italien klare Augen geholt, und damit wollen wir uns schon durchhelfen; so lange uns guter Mut und im Notfall Späße nicht verlassen, mit denen man Unmut und lange Weile wegscherzt. Ich finde alle Menschen hier besser, als ich sie verlassen hatte, weil ich selbst besser geworden bin; wie [sie] mich finden, das kümmert mich minder. Der Prinz August ist einige Wochen hier gewesen, obwohl sehr kränklich. Goethe, Wieland, Knebel und ich haben da oft und fast täglich einige von uns gut und froh zusammen gelebt. Wieland ist von sehr gutem Humor, gleicher als ich ihn jemals gekannt habe; Knebel habe ich gedrückt gefunden, wovon die Ursachen sehr natürlich sind; Goethe hat sich eingerichtet, und es gelingt ihm alles, was er als Dichter, Philosoph, Künstler und sonst treibt, zu seiner und unser aller Herzensfreude. Er hat sich gegen mich sehr brav erwiesen, und ich bin ihm zehnfache Dankbarkeit schuldig, daß er mich von dem leidigen Professorpfade zurückgehalten hat. Der Weg ist breit und die Pforte ist weit, die zur Hölle führt, und ohne mich sind Schwätzer genug, die sie finden. Den Herzog, der vor 8 Tagen weggereiset ist, habe ich etwas stiller und ich möchte sagen zusammengedrängter gefunden, als er sonst war: man sieht, daß ihn sein Dienst und sonstiges Verhältnis sehr beschäftigt; er hat sich aber gegen mich so edel und bieder gezeigt, daß ich ihn nicht genug loben kann. Er wollte mich noch mehr von meinen geistlichen Arbeiten losmachen, als es vor der Hand anging, oder ich selbst es nach Lage der Sache annehmen konnte. Von E. Durchlaucht habe ich ihm viel erzählt: er hat sich mit wahrer, gutmütiger Teilnehmung nach allem erkundigt und E. D. Freude und Genuß wirklich als Freund und Sohn geteilet. Der Prinz Constantin ist auf ein paar Tage auch hier gewesen; er sieht gesunder als jemals aus, ja recht blühend im Gesicht, und ist gesetzt, wie es einem General gebühret. Der Dienst hat ihm wirklich wohl getan, und E. D. werden sich seiner freuen, wenn Sie ihn wiedersehen. Ich schreibe von lauter Männern; denn da ich als Geistlicher in die galante Welt nicht gehöre, und E. D. darüber von Ihrem galanten OberKammerherrn und Reisemarschall ohnstreitig bessere Nachricht werden erhalten haben, als ich zu geben vermag: so übergehe ich diesen, den schönsten und Hauptteil der Schöpfung mit ehrerbietigem Stillschweigen, und nehme mir die Freiheit, noch einige häusliche Kleinigkeiten hinzuzufügen, die E. D. nach Ihrer Güte gegen mich wenigstens verzeihen werden. Meine Frau befindet sich ziemlich wohl; sie war zuerst mit ihrem wiedergekommenen Herrn Gemahl hie und da nicht recht zufrieden, sie ergibt sich aber jetzt nach der angebornen weiblichen Güte und Geduld so ziemlich in ihr Schicksal; nur an ihren neuen Ehrennamen kann sie sich noch nicht recht gewöhnen. Euer Durchl. hat sie neulich einen ganzen Extrakt unsres neuen hiesigen Etablissements gegeben, das uns eben so vorkommt, als wenn sich die Schwalbe ihr Nest neu zusammen flickt; geben Sie uns, gn[ädigste] Herzogin, einen guten Wunsch, daß es wohl geflickt sein möge. Die Kinder sind alle wohl, und Gottfried, der eben jetzt die Masern auf die beste Weise hat, ist seit meiner Abwesenheit recht stark in der Musik worden. Er spielt Haydn's 7 Worte auf dem Klavier recht schön, und soll auch einiges von meinem Mitgebrachten seinen Fingerspitzen mitteilen. Fahren Sie fort, gnädigste Herzogin, hübsche Musik zu sammlen: sie wird uns hier zu großer Freude gereichen. Cranz, den ich neulich in einem kleinen Konzert gehört habe, spielt recht schön; und es wird sich manches hier geben lassen, was uns in Weimar noch erquickender sein wird, als in des Kardinals oder Senators musikalischen Schwitzstuben; für diese hat das Klima bei uns gesorget. Ich freue mich schon auf die Abende, die wir zuweilen zwischen dem Kopf des Homers und der Ariadne genießen werden, und freue mich auf das Ehrendenkmal, daß sich der Palmyrena-Thalia von selbst errichten wird, indem sie es genießet. Leben E. D. aufs Beste wohl und kehren glücklich wieder. Wo in der Welt mögen Sie jetzt sein? Im südlichen Frankreich ists nicht gut hausen. Der kleine Schack ist vor 8. Tagen hier durchgegangen (ich habe ihn verfehlt) und hat üble Dinge daher erzählet. Der Himmel geleite E. D. und gebe Ihnen die besten Gesinnungen ein, wie Sie sich allmählig zu uns wenden; da Sie davon ganz schweigen, so schweige ich auch, wünsche Ihnen aber das Beste, als ob ichs selbst mitgenösse und verharre in Liebe und Verehrung E. D. untertänigster Herder. J. G. Herder an Maximilian von Knebel Weimar, den 18. Sept. 89. Als ich auf meiner Rückreise Ihnen vorüber eilte, herzlicher lieber Freund, war ich im Geist mehr bei Ihnen, als Sie mich aus Güte erwarten konnten; aber meine Segel waren so aufgespannt, und durch mancherlei Umstände ward mein Schiff so fortgetrieben, daß es nicht frühe gnug in seinen Hafen einlaufen konnte. Verzeihen Sie also, daß ich mir selbst das Vergnügen versagen mußte, Sie wieder zu sehen u. mein ehemaliges brüderliches Zimmer zu bewohnen. Um so mehr freute es mich, da ich hörte, daß Sie mein Nachfahr über die Alpen würden. Der Himmel gebe Ihnen glückliche Fahrt u. Rückfahrt; Ihre eigne Vorsicht u. Mäßigkeit wird gewiß diesen guten Wunsch zur Wirkung bringen, u. dem Himmel seine Sorge erleichtern. Mit einem Fürsten zu reisen, hat sein Unbequemes, sobald man für sich selbst auf einen Zweck gespannt ist; findet sich dieses nicht, so ist die Gelegenheit, also zu reisen, sehr erwünscht u. man kann das fremde Land mit Vorteilen sehen, die ein einzelner Reisender entweder aufgeben muß, oder teuer erkaufet. Ich kann also nicht anders, als Sie glücklich schätzen, Lieber; über die Gelegenheit, die sich Ihnen darbeut, da ich Ihren gesetzten, schlichten, guten u. männlichen Sinn kenne. Die Reise wird Ihnen tausendfach nützlich sein, da sie uns, auch gleichsam wider Willen, über tausend Dinge die Augen u. Sinne öffnet. Daß Sie dieses bei sich tun lassen, ist meine einzige Bitte u. der vornehmste Rat, den ich Ihnen zu geben habe. Sehen Sie alles, wozu sich Ihnen die Gelegenheit darbeut; alles aber ohne Anstrengung u. widernatürliche Spannung, die ein Deutscher seiner Ehrlichkeit wegen, wie ich von mir selbst weiß, nur mit Mühe ableget. Ganz Italien mit allem, was Ihnen Natur, Politik u. Kunst darbeut, sei Ihnen wie ein Guck-Kasten, den Sie mit Muße u. Gemächlichkeit, ohne Anspannung u. innere Unruhe sehen. So sehen Sies am besten; das Klima u. die ganze Lebensart der Menschen wird Sie dazu einladen, u. die Wahrheit zu sagen, eines Mehreren ist auch die ganze Reise fast nicht wert. Alles sehen kann man doch nicht; und was hülfe es, wenn mans gesehen hätte? Die Seele kann es doch nicht fassen; das Gedächtnis doch nicht alles behalten; u. wie nun alle diese Mühe anwenden? da Enden aller Geschichte, aller Kunst, des ganzen Altertums, der Gesetze, Kirche u. f. in diesem geographischen Stiefel, zumal an seiner Wade in Florenz u. Rom zusammengehen. Also muß man hier auch, wie Sokrates durch den Jahrmarkt, mit offnem, aber heitern Auge gehen, sehen u. merken, so viel man kann, u. das Beste in der Erinnerung erwarten. Diese wird Ihnen nachher gewiß einen reichen Schatz von Bemerkungen gewähren, deren Sie sich selbst beim Anblick der Dinge nicht bewußt waren: Sie werden mit genährtem u. erweitertem Geist, mit weiterer Brust, mit geläutertem Auge über hundert u. tausend Dinge zurückkehren; u. eine ungewohnte neue Freude an Deutschland, einen Hang fürs ruhige häusliche, sittliche Leben mitbringen, das Sie in Italien sehr vermissen werden. Geschwister, Freunde, alles was Sie das Ihre nennen, Aufklärung, Deutscher Umgang u. f. wird Ihnen lieber werden: Sie werden sich unter dem schönen Himmel zum guten Mut eines immer frohen Lebens gestärkt haben; was kann man mehr wünschen oder von einer Reise erbeuten? Wie werde ich mich freuen, wenn ich einst nach einer glücklichen Wiederkunft höre, daß ich ein wahrer Prophet gewesen sei, u. wenn Sie mich selbst dessen versichern werden. Die Reise durch die Alpen wird Ihnen ungemein angenehm sein; die Natur u. selbst die Menschenart rufen dem Reisenden zu, daß er hier die wahre Deutsche Schweiz finde. Ich wünschte, wenn ich zum Regenten bestimmt wäre, ein Landgraf von Tirol zu sein, in den mittlern Zeiten. In Inspruck insonderheit z. E. in der Hauptkirche sind schöne Denkmale vom Geist der Zeiten, die jetzt leider nicht mehr sind, u. schwerlich wieder kommen werden. Wenn Sie über den Alpen sind, bietet sich Ihnen die schöne Gegend von Verona dar, wo alle nordische Völker zuerst das Paradies sahen, das sich durch die ganze Lombardei bis nach Mailand zu ausbreitet. Denken Sie an mich, wenn Sie oben auf dem Amphitheater (arena genannt) oder im Hofe des Philarmonischen Museum umhergehen, oder auf den Höhen der Justischen Gärten die Sonne untergehen sehen u. die Stadt unter sich, die Etsch (Adige) und einen guten Teil der Lombardei beschauen. Sollten Sie sich von Verona nach Venedig wenden: so denken Sie an mich im schönen Vicenza, dessen Gegend über Padua, an der Brenta, bis nach Venedig hin, ich das Paradies des Paradieses nennen möchte. Vicenza ist voll von Gebäuden des großen Palladio, das Ufer der Brenta voll der schönsten Lusthäuser: die Menschen sind gut u. freundlich u. auf dem Campo Marzo zu Vicenza sehe ich noch meinen Geist, wie im schönsten Amphitheater zwischen Bergen wandeln. Der Anblick von Venedig wird Ihnen auf einige Zeit sehr angenehm sein, weil man da wie in einer eignen Welt lebet; ich empfehle Ihnen insonderheit den Markusplatz nebst dem was daran liegt, weil hier die Republik zusammengedrängt ist, u. die Insel der Benediktiner, S. Giorgio Maggiore. An Gemälden wird Ihnen aus der Venezianischen Schule ein solcher Reichtum entgegenkommen, daß man zu sehen fast müde wird, u. doch ists noch nichts gegen Bologna, Florenz, Rom u. Napel. Im volkreichen Bologna sind Schätze der Kunst von Guido Reni, Guercino, Albano u. a., bis man dann nach Florenz als in den wahren Putzschrank von Italien kommt. Hier ist in der Galerie, im Naturalienkabinett u. im Palast Pitti alles so gesammlet, so geordnet, daß man sich nur Augen u. Zeit u. Muße wünscht, Alles sehen u. wiedersehen zu können; auch in mehreren Kirchen sind schöne Denkmale. Erfreuen Sie sich des schönen Landanbaues in diesem Lande, u. der feinen, höflichen, Geistreichen Sprache seiner Einwohner; Sie finden diese letzte sonst nirgend in Italien wieder. – Rom ist ein Ozean der Kunst u. Merkwürdigkeiten, das wohl soleicht kein Reisender erschöpfen wird, in welchem es aber auch gnug ist, nur so viel zu kosten, als für uns dienet. Wenn Sie sich da aufhalten, so werden Sie wahrscheinlich bald mit dem Rat Reifenstein bekannt werden, der die fremden Fürsten u. Standspersonen meistens führet; wollen Sie außerdem für sich [seh]en so ist H. Hirt, gleichfalls ein Deutscher, u. ein geschickter Mann, der Ihr Wegweiser sein kann. Außerdem sind in Rom viel Deutsche Künstler, u. mich dünkt, der Markgraf selbst unterhält einige, die Ihnen dann ein Weiteres sagen werden. Es kommt darauf an, wie lange Sie sich aufhalten, u. wieviel Zeit Sie dran zu verwenden haben; so richtet sich der Führer darnach ein. Gehen Sie aber zuerst durch Rom nur durch, u. wenden sich gleich nach Napel; desto besser, da sind [Sie] wie im wahren Griechenlande. Grüßen Sie mir ja den schönen Himmel u. das schöne Meer, u. die lieblichen Inseln, die vor Ihnen liegen, den schönen Mond, die sanfte balsamische Luft u. die helleren Sterne. Grüßen Sie mir Portici, und das königl. Museum daselbst, wo Sie die ganze Lebensart der Griechen aus dem herausgegrabnen u. da aufbehaltnen Herkulanum mit Herzensfreude sehen werden. Sodann den Pausilipp u. alles was hinter ihm liegt, Bajä, die Elisäischen Felder, den Styx u. Acheron, das Misenische Vorgebirge; Gegenden, wo alle Fabeln der alten Dichter über Himmel u. Hölle entstunden, oder von Dichtern wenigstens benannt wurden. Auf der andern Seite versäumen Sie nicht, das alte Pompeji, die aufgegrabne Griechische Stadt zu sehen, wenn es sein kann den Vesuv zu besteigen, u. Napel sowohl von der See, als von St. Elmo aus alles rings zu betrachten: denn es ist ein einziger Anblick in der Welt, der mich fröhlich macht, wenn ich an ihn gedenke. Ich habe Ihnen nur sehr allgemeine Sachen geschrieben; wüßte ich etwas Besonderes, worüber Sie meine Gedanken wissen wollen, u. sobald ichs weiß, will ichs schreiben, wenn Sie mirs nur anzeigen. An Büchern haben Sie mit dem einzigen Volkmann (Nachrichten von Italien, neueste Ausg.) Alles, was, ja noch mehr als Sie brauchen, u. dem Weitern hilft ein gescheuter Lohnbedienter aus. Es ist leichter zu reisen, als man denkt, sobald man nur Geld, Gesundheit u. guten Mut hat. Um sich die Gesundheit zu erhalten, hüten Sie sich vor gar zu jäher Erhitzung u. Erkältung, vor der letzten insonderheit gegen die Nacht, an den Artikel der Weiber ohnedem, zumal in Napel, nicht zu gedenken. Verzeihen Sie mein Geschwätz u. leben wohl. Empfehlen Sie mich Ihrer Fr. Mutter u. Fräul. Schwester aufs ergebenste; ich denke an Euch Alle, Ihr herzlich lieben, mit inniger Liebe u. Teilnehmung. Leben Sie wohl, lieber Max u. lassen noch vor Ihrer Abreise was von sich hören. Gott mit Ihnen. Amen. Wenn Sie wiederkommen, werden Sie sich u. allen den Ihrigen neu geschenkt sein, u. wie eine alte Haut abgestreift haben. Nochmals das beste Lebewohl u. Gott empfohlen. Herder. Friedrich Hildebrand von Einsiedel an J. G. Herder Neapel, den 29. September 1789. Mir verkündigt die Fama, die keine Entfernung achtet, und den Schall ihrer Tuba von den Ufern der Ilm bis zu dem Gestade unserer Nymphe leicht fortbewegt, daß Sie, liebster Herder, in dem gelobten und geliebten Thüringen bleiben, und Ihre Lorbeeren und Rüstung in dem großen Arsenal alles Wissens und aller Weisheit, erbaut am Fuße des Hexengebirgs, nicht prangen lassen wollen, wozu ein jeder unserer Patrioten sagen wird: »Amen! das ist wohl getan.« Und so sage ich auch. Ein Weiser steht überall auf gutem Boden! und wenn ich Ihrem Entschluß nicht meinen Beifall gäbe, so versündigte ich mich an Ihrer Weisheit und an meinem Vaterlande zugleich. Dies Motto fällt mir gerad' ein, weil ich es heut' in Hamiltons Saal, mit goldenen Buchstaben geschrieben, las, indes verfehlt es dort seinen Sinn; denn die Schäferin mit dem Finger im Mund und die Bacchantin im lockern Gewand mit dem Widder am Rosenband deuten klärlich an, daß der Hausherr eigentlich auf Brittischem Grund und Boden steht – oder besser zu sagen, ruht . [...] Noch ist es unentschieden, ob wir bleiben oder gehen? wann und wohin wir von hier aus wandern sollen? Doch bald muß ein Entschluß darüber gefaßt werden; denn wir können nicht, wie jener Feldherr, der Sonne Halt gebieten, und den Schnee vom Brenner wegschmelzen, wenn der Wintermond ihn damit bedeckt hat. Als ich Ihnen das vorigemal schrieb, war unser Leben und Tun noch nicht völlig geordnet; dermalen ist es ungefähr folgendes. Zwei Abende der Woche füllt das Theater aus, zwei andere Abende Konzerte in unserm Hause, wo sich der Kreis der Zuhörer täglich mehrt; die übrigen Abende besuchen wir die sogenannten Akademien der nobili und amici wechselweis, und dann und wann auch eine Konversation. Die Morgen werden auf der Gitarre verklimpert, die Nachmittage verschlafen; Portici oder der Pausilipp dienen zu Spazierfahrten – und was unter dem Fittig der Nächte vorgeht, das soll meine Feder nicht enthüllen! – Von den umliegenden Gegenden haben wir noch keine wieder bereist; denn überall, rechts und links, ist mal' aria, die der allgemeinen Sage nach noch ein paar Wochen dauern soll. Dermalen wird uns Hirt begleiten, welches uns allen guten Nutzen bringen kann; denn Genuß möchte ichs nicht nennen, durchs Ohr zu vernehmen, was in der Vorzeit, vielleicht auch nie, zu sehn gewesen ist. Als ich im vorigen Monat zu Ischia war, habe ich unzähligemal an Sie gedacht, und eben so oft Sie zu uns gewünscht! Es ist unaussprechlich schön auf dieser Insel, und Ihre liebe Gegenwart würde alles verschönert und verherrlicht haben! Und ich hätte die glücklichen Tage, die ich dort zubrachte, so gern mit Ihnen geteilt; denn die romantischen Felsen, die dunkeln Täler dazwischen, alles wie Zaubergärten! Die reizenden Ufer und die noch reizendem Insulanerinnen würden alle Ihre Sinne und Gefühle zum schönsten wachenden Traume gestimmt haben. Das große Neapel ist dermalen an Neuigkeiten, die Sie interessieren könnten, so leer, wie an Fremden; denn, einige verwirrte Engländer ausgenommen, sind wir die einzigen. Gesund sind wir alle; der Sommer war nicht heiß, und der Herbst beginnt mit Regen. Der Vesuv macht kleine Eruption, und ist das cheval de bataille unserer Hofdame, so wie es ehedem die éloge de Guibert zu Rom war. Daß wir den Erzbischof nicht gefunden haben und nicht sehn werden, wenn wir auch noch so lange verweilten, das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Alle Ihre hiesigen Bekannten wollen, daß ich sie Ihrem Andenken empfehle. Die Herzogin schreibt Ihnen selbst, und ich endige dies Blatt mit der Bitte und dem Wunsch, daß Sie meiner dann und wann gedenken mögen, bis daß ich komme! Leben Sie wohl, und alle die Lieben, die Sie umgeben! Herzog Carl August an Johann Friedrich vom und zum Stein 1789 Oktober 7. Aschersleben. {...} Je chargerai Herder de me rapporter par écrit son entretien avec le Grand Duc de Toscane. Il devra y faire entrer ce que je voudrais qu'on dise. J'adresserai le tout à Vous, pour que Vous en fassiez la lecture au Roi {...}. J. G. Herder an Herzog Carl August Weimar, vor Mitte Oktober 1789 – – Sehr interessante Stunden waren es für mich, da ich nach so vielem Merkwürdigen, das ich in Florenz gesehen hatte, die Ehre und das Glück genoß, den Großherzog selbst zu sprechen, ohne daß ich darum angehalten hatte. Er hatte durch den Grafen Hohenwart von mir gehört, und als er an Einem seiner gewöhnlichen Tage in die Stadt kam, um die Klagen oder Bitten seiner Untertanen anzuhören, war ich um 11. Uhr bestellt, da er denn sogleich mich vor sich ließ und bis fast zwei Uhr sich über eine Menge Dinge mit mir so gedrängt und lebhaft unterhielt, daß während dieser ganzen Zeit kein leerer Augenblick sich zwischen ein zu schleichen Raum hatte. Das Gespräch betraf fast mit keinem Worte die Gelehrsamkeit, und noch weniger die gemeinen Trivialitäten, von denen man mit Reisenden reden zu müssen glaubt, wenn man nichts bessers weiß: sondern, wenn ich so sagen darf, allgemeine Bedürfnisse der Menschheit, Anstalten für dieselbe, den Zustand der und jener Nation, Grundsätze dieser oder jener Regierung, mit so Manchem, was davon abhängt oder sich daran bindet. Der Großherzog selbst leitete das Gespräch; er fragte, und sagte seine Meinung; das letzte allemal mit der Energie, die ihn ganz charakterisieret, und die bei jedem Wort zeigte, daß er in diesen Sachen zu Hause ist, daß er sie oft durchdacht hat, und darin, wie in einem Geschäft, wie in einer Kunst lebet. Ich glaube nicht, daß er sich von einer bloßen Wort-Theorie nur einen Begriff machen kann, ob er gleich viel und täglich lieset, die besten Schriften der aufgeklärten Nationen Europa's kennet und sein System daraus gebildet hat; es ist aber ein praktisches System, sein Geist ist ganz energisch, tätig und praktisch, wie es auch seine Gestalt und seine tägliche Lebensart zeiget. Ich glaube nicht, Euer Durchlaucht von der letzten unterhalten zu dörfen, da sie bekannt ist; und auch den Faden eines so gedrängten, lebhaften Gesprächs zu wiederholen, würde mir unmöglich sein, so sehr ichs wünschte. Unvermerkt legt man Poesie in solche Gesprächszenen, sobald man sie niederschreibt; und immer geben sie doch nur ein täuschendes, unvollkommenes Bild des wahren Gespräches. Aber die Grundsätze, die aus des Großherzogs Seele, so wie aus allen seinen Urteilen und Äußerungen hervorleuchteten, haben sich zu kenntlich in mein Gemüt gedrückt, als daß ich von ihnen nicht sicher sprechen u. schreiben könnte; seine Regierung selbst ist auch zu ihnen gleichsam die Probe, und ich kann mir nach dieser Unterredung manches in dieser erklären, was ich vorher nicht recht zusammen zu reimen wußte. Nichts drückte sich so Augenscheinlich in seinem Gespräch ab, als daß er den Kriegsgeist wilder Eroberung nicht liebe, und die Regierungskunst in ganz etwas anders setze, als in eine unruhige, oder eigennützige, oder eitle Erweiterung der Länder. Natürlich hat ihn seine Situation in Italien, in welche er frühe kam, und in der er solange fortgewirkt hat, in dieser Denkart befestigt; sie ist aber auf etwas Tieferes und Edleres, als auf diese seine jetzige Lage gegründet, nämlich auf Einsicht in das Wohl eines Landes und den Zweck aller menschlichen Regierung. Er hat seit einer Reihe von Jahren bessere Beschäftigungen eines Regenten kennen lernen, als zu Friedenszeiten ein einfältiges Puppenspiel mit menschlichen Maschinen treiben, die man zu Kriegszeiten oft für – oder wider nichts aufopfert. Er sprach vom Eroberungsgeiste als von einem Rest voriger roher u. barbarischer Zeiten so bestimmt, hat es auch sowohl durch die Grundsätze, nach denen er regiert u. die Stände seines Landes betrachtet, als auch durch die Grundsätze, in denen seine Prinzen erzogen werden, wie mich dünkt, gnugsam erwiesen, daß der Geist seiner Regierung bürgerlich, nicht militärisch sei. Und eben hiedurch, glaube ich, wird er, falls das Schicksal ihn noch zum Nachfolger seines Bruders bestimmt hätte, den Staaten desselben sehr aufhelfen, indem er in solchem Fall gewiß zeigen würde, was durch Ordnung, Klugheit u. feste Verträge der Friede über den Krieg vermag. Als vom Fürstenbunde die Rede war, sagte er: »wenn der Fürstenbund nichts als die Erhaltung der Deutschen Konstitution zum Zweck hat, so ist er nicht zu tadeln, u. ich sehe nicht, warum nicht der Kaiser selbst ein Mitglied davon sein könnte; die Konstitution Deutschlands zu erhalten, ist er ja eben Kaiser.« Überhaupt hat er von dem, was wahre Konstitution eines Landes ist, sofern solche auf Gesetzen, auf innerlicher Ordnung u. Beobachtung gegenseitiger Pflichten, auf einem Gleichgewicht der verschiedenen Stände gegen einander beruhet, einen hohen Begriff, wie er denn auch seinem Lande, das vorher im Grunde keine Konstitution hatte, zuerst eine solche gegeben. Gegen den Despotismus sprach er mit einer Art Eifer: er redete von ihm als von einer nicht nur ungerechten, sondern unverständigen Sache. Der Depotismus helfe nichts, sondern bringe alles in Verwirrung. Gesetze müßten regieren, nicht Willkür; denn am Ende könne doch die Willkür des Fürsten weder die Dinge, wie sie sind, noch ihre Folgen ändern. Er sprach von einem benachbarten Hofe, der auch in weltlichen u. in Regierungssachen infallibel sein wollte, mit einer Art von Verwunderung, wie man so sein könnte; und er selbst hat sich nicht geschämt, Gesetze frei zurückzunehmen, sobald sie nicht taugten. Er geht aber auch mit langsamem Schritt zu wirklich neuen Gesetzen; er versucht die Sache, sobald sie ihm zweifelhaft scheint, erst durch partikulare Befehle, bis er sich von der Güte derselben überzeugt hat, da ihn denn auch nichts mehr wankend macht, oder davon abwendet. Energie scheint mir überhaupt die Basis seines Charakters zu sein; Calcul und Ordnung sind die notwendigen Erfordernisse, seine Wirksamkeit zu bestimmen u. einzuschränken. Als ich ihm über die letzte ein Kompliment machte, sagte er: »Da loben Sie mich über etwas, was ich wirklich aus Bequemlichkeit tue, u. aus Not tun muß. Nichts erspart so viel Zeit, als Ordnung: nichts gibt so klaren Begriff einer Sache, als der Calcul. Wer beide nicht von selbst lernen will, den muß sie die Not lehren.« In beidem aber hilft ihm auch ungemein sein großes Gedächtnis; so wie ich gegenseitig glaube, daß dies sein ungeheures Gedächtnis, von dem man mir sonderbare Proben erzählt hat, sich eben auch durch die Ordnung, die in seinen Geschäften herrscht, durch den immer frischen Anblick, den er sich von Personen u. Sachen gibt, durch die Erzählungen, die er sich dabei tun, durch die Nachrichten, die er sich von individuellen Umständen fortgesetzt geben läßt, sehr geordnet u. gestärkt habe. Daß dabei ganz der Geist des zu kleinen Details zu vermeiden sein sollte, läßt sich nicht vermuten; indessen ist dem Großherzoge dadurch sein kleines Land so übersehbar geworden, daß ers beinah wie ein Hausvater sein Haus oder Landgut kennet. In manchen Dingen, versichert man, um die er sich in den ersten Jahren vielleicht zu sehr bekümmerte, hat er einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit nachgelassen; und es kann nicht fehlen, daß er sie in manchem nicht noch mehr herabstimmen sollte, wo sie nicht zu seiner täglichen Lebensweise gehöret. Er ist nahe am Ziel, sein Land völlig umgeschaffen u. eingerichtet zu haben; und er hat, nach dem Zustande, in welchem er sein Land fand, nach dem Verhältnis, das es insonderheit gegen Rom hat, nach der Proportion desselben zu seiner Familie u. f. während seiner langen Regierung u. täglichen Bemühung gewiß regieren gelernet. Vielleicht fragen Euer Durchlaucht, woher es denn komme, daß bei allen diesen, und so lange fortgesetzten Bemühungen fürs Wohl seines Landes den Großherzog nicht eben die allgemeine Liebe seines Volks belohne? woher es komme, daß zumal in Florenz die alte Fröhlichkeit u. mit ihr ein Teil des Genie's dieser Geniereichen Nation unterdrückt u. auf eine Zeit erstorben scheine? wie es sein könne, daß ein so einsehender Regent an einigen revoltanten Einrichtungen mit einer Festigkeit hange, die mehrere Begüterte aus dem Lande getrieben? ja vielleicht noch manches andre, das die sogenannte Hofpartei der Jansenisten, die Unzufriedenheit des Adels, das Mißtrauen des Fürsten gegen die Nation, die Mutlosigkeit der Akademien, die Schläfrigkeit der Universitäten anbetrifft u. f. Allein in allem Diesem greifen so mancherlei Dinge in einander; es scheinet mir dabei so vieles auf die Lage von Florenz u. seine vorige Beschaffenheit, auf die Erziehung u. Familiendenkart des Großherzogs, auf die Nähe Roms, auf die ganze jetzige Gestalt und den Grad der Kultur Europa's anzukommen, daß hierüber zwar Manches zu mutmaßen, zu reden, Weniges aber zu behaupten u. zu schreiben sein dörfte. Keinem Sterblichen haben die Götter Alles verliehen: so auch keinem Lande, keiner Zeit Alles. Der ökonomisch-politische Geist unsres Jahrhunderts drückt ja nicht nur in Florenz, sondern überall auf Alles sein Siegel. Und gewiß werden nicht allenthalben so große Anstalten für die Nachwelt gemacht, wie in Toskana. Das ganze Instrument wird rein gestimmt u. ist scharf bezogen; kann doch einst ein jüngerer Nachfolger hie u. da eine Saite nachlassen, wo sie ihm überspannt dünket. Den Schlüssel zu einer mildern Harmonie muß ihm alsdenn der Geist seiner Zeit geben – – – Herzog Carl August an Johann Friedrich vom und zum Stein Weimar, 17. 10. 1789 [...] Herder dont la sagacité, l'esprit perçant et le jugement juste Vous est connu me parla beaucoup après son retour de l'Italie sur le sujet du Grand Duc de Toscane avec lequel il avait eu un long entretien. L'existimation d'un homme comme Herder me paraissant décisive, je le priai de me faire une espèce de portrait de ce Grand Duc et d'y faire entrer les traits les plus caractéristiques du discours que ce Prince lui avait tenu, pour qu'on eût pour l'avenir une espèce de norme d'après laquelle on pût juger si les actions du Grand Duc égalisaient ses principes et si l'on avait bien jugé sur les apparences. C'est pour cet effet qu'il coucha par écrit les lignes que je Vous communique et que Vous veuillez présenter au Roi, Sa Majesté désirant peut-être de connaître le Souverain de la Toscane de plus près. [...] Caroline und J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar, 23. 10. 1789 [Caroline Herder:] Durchlauchtigste gnädigste Herzogin. Euer Durchlaucht lieber vortrefflicher Brief hat uns beiden so viel Freude des Herzens gemacht, daß ich meinen innigsten Dank nicht lange verbergen kann; ich muß Ihnen die liebe Hand tausendmal dafür küssen u. kann es nicht ausdrücken, wie wir Sie edle Fürstin, aufs neue unser nennen. {Erwartung ihrer glücklichen Heimkehr und Hoffnung darauf, ihre Erzählungen von Italien in Tiefurt mit anhören zu dürfen. Auch Herder werde dann mehr aufgemuntert, über seine Reiseerlebnisse zu sprechen. Freilich werde die Herzogin sich erst allmählich wieder an die Thüringer gewöhnen.} Von meinem Mann muß ich nun das Beste rühmen, er gewöhnt sich wieder an uns, hat uns lieb, unterscheidet was wir prestieren können oder nicht, erkennt auch gelegentlich daß wir doch auch Menschen sind obgleich unter einem dunklern Himmel, worunter er nun selbst mit gehört – unter dem manchen Guten hat er vorzüglich ein reines Verhältnis mit Jedem bekommen; u. für dieses Gute segne ich die Reise 1000fach u. alle die dazu beitrugen. {Wiederholte Bitte um baldige Rückkehr der Herzogin. – Diese Woche habe eine} Frau von Krook {Herder} zu Gefallen den Weg über Weimar nach Rußland genommen {und nur ihn und Wieland aufgesucht.} Es war gut, gnädigste Herzogin, daß mein Mann beizeiten aus Italien zurückgekehrt ist, denn es hätte wohl wahr werden können: aus den Augen aus dem Sinn, u. ich hätte vielleicht manch artigen Besuch (wenn er nämlich Lust gehabt hätte wieder heimzukehren) erwarten müssen. {Gute Wünsche und Ausdrücke der Ehrerbietung, auch von Seiten der Kinder.} Euer Durchlaucht untertänigste C. Herder. [J. G. Herder:] Nicht nach Pästum! Er schallet mir nicht der fröhliche Chor mehr Nicht nach Salerno mehr strebet mein ahnender Sinn. Ferne verklungen sind die Welschen lieblichen Töne, Ferne verschwunden sind jene Gestalten der Kunst, Hohe Wundergestalten voll Griechischer großer Gedanken, die mich im Marmor oft hungrig und durstig gemacht. Aber statt Pästum sing ich mir jetzt im höheren Baßton »Ins Konsistorium! storium! storium!« vor Und statt der Musen im Vatikan umgeben mich Kinder, lebende Kinder, die mir auch eine Griechin gebar Und ich bin ihnen leibhaftig der Musagetes im Schlafrock zwar ohne Leier, doch nicht sonder Italisches Rohr Denn an Vesuvius statt erhebt sich ein niedliches Wölkchen am Italischen Rohr aus einem Türkischen Kopf Und da sinn' ich, Trotz aller Griechen, erhabne Gedanken und da steigt, wie ein Traum, mir auch Italien auf. Komme zurück, o Fürstin, und mache den Traum uns zur Wahrheit laß uns mit Ton u. Gespräch Tiefurt Italien sein. Scripsit ex Stegereifio di Sua Altezza Serenissimo il devotissimo Servo Herder den 23. Okt. 1789.   Morgen ist E. D. Geburtstag; wir wollen ihn im besten Andenken feiren, vielleicht denken Sie unser auch an diesem Tage. Leben Sie aufs beste wohl, gnädigste liebe Fürstin. Caroline Herder an Johann Georg Müller Weimar, 25. 10. 1789 Liebster Freund, Daß ich Ihnen bisher keine Nachricht von der Rückkunft meines Mannes gegeben habe, ist freilich Sünde über Sünde. Wir waren aber beide mitunter so gequält, daß wir nicht zu uns selbst kamen, vielweniger zum schreiben. Den 9. Juli früh-Morgends vor der Morgenröte kam er an, u. Mutter u. Kinder stürzten sich ihm, beinah wie im Stande der Unschuld, in die Arme. Er ist guten Humors wieder gekehrt u. seine Seele ist, wenn ich so sagen darf, weiter u. allgemeiner geworden, u. dies ist zu seiner eigenen Ruhe gewiß vorteilhaft. Seine Gesundheit ist gut, außer einem Husten den er unterwegs bekommen hat, der aber vielleicht eher nützlich ist, denn er empfindet seitdem nichts an der Leber. So stehet es mit Leib u. Seele, Lieber. Nach Göttingen hatte er große Neigung u. das Publikum könnte wohl mit seinem Schutzgeist zürnen daß er nicht dort ist. Da aber der liebe Gott einen jeden Menschen zuerst u. zunächst seines eignen Daseins wegen erschaffen hat, so traf sichs eben so sonderbar daß sich hier die Vornehmsten um sein Dasein bemühten, das er in beiderlei Sinn nicht zu achten schien – weil es ihm rühmlicher u. würdiger dünkte sich dem Publikum aufzuopfern! Die Vorsehung hatte ihn aber lieber u. erhielte ihn hier. Danken Sie Gott mit uns, u. sein Sie auch froh daß Sie nicht auf jenem Morast wohnen, aus dem aufsteigen allerlei böse Gedanken pp [...] Der Herzog u. die Herzogin haben sich bei Gelegenheit des Weggehns meines Mannes sehr schön betragen u. gezeigt wie sehr sie ihn lieben u. seinen Wert schätzen. Er hat 300 R. jährl. Zulage erhalten, dies ist das was wir noch unumgänglich brauchen – indessen soll auch für die Kinder zu seiner Zeit gesorgt werden. Schon für ihre Moralität ist glaube ich viel getan daß sie nicht auf der Universität erzogen werden. Goethe hat sich auch jetzt als unsern treuesten Freund gezeigt. {...} C. H. J. G. Herder an Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer Weimar, den 7. Dez. 89. Glück zu in Rom. Ihre Reise nach Italien, lieber M. hat mich u. meine Frau sehr gefreuet; Sie werden nicht wie der Narr Arkenholz reisen, um die Blößen dieser alten Matrone mit frecher Hand aufzudecken u. sie im Kontrast mit England zur Schau zu stellen, sondern den Geist, der in den alten Monumenten, zur traurigfeierlichen u. doch süßen Erinnerung lebt, daß diese grausame Römergröße vorbei ist, die liebliche Stimme, die aus den Jahrhunderten Dante, Petrarka's, Ariosto u. Taßo's tönt, samt dem andern was ihm so widersprechend gegen über steht, sanft zu Herzen zu nehmen, u. es Ihren Landesleuten, so viel diese können, zu genießen zu geben. Das sehe ich aus Ihren Br., an mich u. an Heyne geschrieben, welchen letztern dieser mir mit seiner gewöhnlichen Miene mitgeteilt hat. Also Glück zu! Gewöhnen Sie sich, denn darauf kommt alles an, mit sanftem Gemüt an die Nation u. das werden Sie tun, weil Sie den Geist u. das Herz dazu haben. Übersehen Sie die Ungemächlichkeiten, die Sie dem Leibe nach haben müssen, u. denken, daß alle Apostel es nicht besser gehabt haben. Was mir leid tut, ist die Französische Flut, die jetzt Alles überschwemmt, u. Alles noch teurer machen muß, als es sonst war. Auch dem läßt sich endlich durch gute Bekanntschaft u. Gelegenheit entkommen. Der Mann, der Ihnen diesen Br. gibt, wird Ihnen zu Vielem nützlich sein können: er ist willfährig u. gutmütig; ich habe Sie ihm auf das beste empfohlen. Genießen Sie lernend im größten Mausoleum, das uns Europa u. die Geschichte darbeut. Wenn ich so klug gewesen wäre, als ich jetzt bin, u. meine Reise von mir abgehangen hätte, würde ich mich zuerst im Garten Gottes, im obern Italien hie u. da aufgehalten, Mailand, Parma, Mantua, Verona, Vicenza, Venedig langsam gesehen, u. mich damit zur zweiten Stufe, Florenz u. Bologna vorbereitet haben; sodann zur dritten, Rom u. Neapel geschritten sein, nicht aber, unbereitet, Rom zum ersten u. längsten Wohnsitz gemacht haben. Wie Sie denn nun auch gereiset sind, halten Sie sich an keinem Ort länger auf, als Ihnen Ihr Genius eingibt, u. lassen sich dabei durch keine fremde Zungen lenken. Über Italien herrschen Vorurteile, wie über kein anderes Land; u. da Sie weder als Künstler noch Antiquar reisen, so muß Ihre Muse selbst Ihnen sagen, wo Sie am liebsten, längsten, u. nützlichsten verweilen sollen. Für Bücher, u. für eine lebende Welt der Handlung u. des Theaters ist Venedig: in Bologna lernen Sie Guercino, Guido u. Francia besser kennen, als sonst nirgend: in Mantua schwebt der Geist von Julio Rom.; in Parma Correggio, in Mailand sind Trümmern vom großen Da Vinci, in Florenz ist ein heiliger Boden von Allem was durch Wiedererweckung der Kunst u. Wissenschaft auf Europa gegangen ist: Rom ist das alte Heiligtum aus Griechenlandes, Roms, Raphaels u. allen Schulen; es ist wie der Hauptaltar gegen alle jene Nebenaltäre: in Napel u. Portici endlich finden Sie das alte Griechenland in seiner reinsten Gestalt, unter dem schönsten Himmel wieder. Verzeihen Sie, daß ich dies abgerissene Wort schreibe: Sirach sagt, irre die Spielleute nicht, u. so muß man auch die Reisenden nicht irre führen. Der Geist wirds Euch alles sagen, u. Euch erinnern an Alles, was Euch nicht ist gesagt worden. Mich freut es, daß Sie dem Antiquariengeist seine engere Kammer angewiesen haben; er muß nicht das Hauptgemach bewohnen, sonst wird eine Rumpelkammer draus, oder ein abscheuliche{r} Schau-Laden nach Sir Ramdohrs Weise. Ihr Gesichtspunkt für Sprache, Musik, Dichter, den Schauplatz u. das Geistige der Kunst ist so schön genommen, daß ich Ihnen nichts, als gut Glück wünschen kann, davon auf Reisen so viel, viel abhängt. Schreiben Sie mir nach Empfang dieses Br., wenn Sie wollen bald, u. zwar individuell u. lokal; ich will Ihnen sodann mehr schreiben. Durch Rat Reifenstein müssen Sie ja suchen, auch Mad. Angelika kennen zu lernen; sie ist was ihr Name sagt, die Hochachtungswürdigste Frau wie man es nur sein kann; mit dem Fleiß, dem Verstände u. Studium von fünfzig Männerseelen haben ihr die Grazien alle zarte Blüte der Anmut, Einfalt u. Kunst ihres Geschlechts beschieden; ihr Haus u. ihr Museum ist ein wahres Heiligtum der Musen. Das Papier ist zu Ende. Leben Sie wohl, Lieber. Meine Fr. grüßet Sie aufs schönste: sie hat mir Ihren Br. an Heyne mit großer Beistimmung vorgelesen, u. wir denken oft an Ihren freundl. Aufenthalt bei uns mit aller Wärme der Freude u. Liebe. Leben Sie bestens wohl, Lieber, in Ihrem Schafsgewande der Unwissenheit; inwendig aber ppp. addio, carissimo mio, addio. Johann Wilhelm Ludwig Gleim an Caroline Herder Halberstadt, den 13. Dezember 1789. [...] Weil unser Herder ein so vornehmer Mann geworden ist, und der Geschäfte, wenigstens in den ersten Jahren, mehr bekommen hat, so schreiben Sie mir, mein bestes Hausmütterchen, doch öfter als bisher, und können auch Sie nicht, so lassen Sie den lieben Gottfried Herder mir schreiben. Alles, was mein Herder aus Rom und Napel, dem neuen Rom und neuen Napel geschrieben hat, das möcht' ich lesen! Er sollte doch etwas über seine Reise seinen Freunden sagen; es würde ganz was anders sein, als was die Dupaty und alle die andern uns sagten. Wie Herder sieht, sehen nur die höhern Geister, von welchen einer unsern Newton sah so, wie wir einen Affen sehen. Leben Sie wohl, mein Herzensmütterchen, und grüßen Sie den Herzog und die Herzogin von Ihrem alten Gleim! [...] Briefe 1790 J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia Weimar den 22. Jan. 90. Wo dieser Brief auch Euer Durchlaucht zu Händen kommen möge: entbeut er Ihnen, gnädigste Herzogin, den schönsten besten Segensgruß zum neuen Jahr u. zu allen 90ger Jahren. Das süße, artige Andenken, mit dem Euer Durchlaucht uns noch in den letzten Tagen zu Napel haben begrüßen wollen, ist mir wie der letzte Gruß der schönen Abendsonne in Napel gewesen, wenn sie sich groß u. sanft u. rührend ins Meer taucht. In Deutschland werden Sie uns als eine Morgensonne aufgehen. Ja gnädigste Herzogin, auch ich war in dem Arkadien, ob ichs gleich nur gesehen, u. auch nicht alles einmal in ihm gesehen habe. Euer Durchlaucht haben unstreitig sich mit hundertfach mehreren Banden der Erinnerung daran gefesselt. Tant mieux! Erinnerung ist in der Welt vielleicht der schönste, wenigstens der reinste u. längste Genuß; also werden Sie, ich bins überzeugt, wie jener Philosoph von dem Gastmahl des Lebens aufstehen wollte, am Tage des Abschiedes frisch von dieser Tafel aufgestanden sein; vielleicht wars gar den 1. Jan. an welchem wir vorm Jahr aus Rom aufbrachen, aber gewiß mit bessern Winken des Himmels u. der Witterung, die, nach unserm Winter zu rechnen, Ihnen nicht anders als angenehm u. glücklich sein kann. Und so möge sie es sein u. bleiben! – Aber warum, gnädigste Herzogin, schon im März über die Berge? warum wollen Sie noch den Abschied des Winters bei uns sehen, da Sie sich in die Arme des jungen Frühlings werfen könnten? Warum in Venedig, das auch eine Nymphe, wie Parthenope ist, so kurz verweilen? Es ist eine Welt in ihm; Theater, Lage etc. kann, glaube ich, einige Wochen sehr vergnügen, ja selbst nützen u. unterrichten. Eine Ausflucht nach Vicenza, wo Palladios Geist ganz schwebet, halte ich über Padua an der Brenta hin, für unentbehrlich; Euer Durchlaucht beraubten sich sonst des schönsten Anblicks der Kunst in Gebäuden, Lustsitzen u. f., da jener Kaiser aus Constantinopel selbst das Paradies in diese Gegend setzte, falls er nicht aus der Bibel wüßte, daß Gott der Herr es in Asien erschaffen hätte. Aber ohne Zweifel ist jede dieser Fragen unnötig, weil E. D. selbst darauf werden Rücksicht genommen haben. Was mich betrifft, tat es mir recht leid, daß ich so schnell von Venedig weg, u. auch Vicenza nur durchfliegen mußte. Der Campo Marzo am letzten Ort ruhet mir sehr angenehm im Gedächtnis. Sobald ich auf die Alpen stieg, kam ich in Donner, Blitz, Regen u. Kälte; ich bekam einen Husten, von dem ich noch nicht recht frei bin; herzlich wünsche ich E. D. einen schönern Flug dahinüber. [...] Ich küsse Ihnen aufs dankbarste die Hand und empfehle mich Ihrer Gnade aufs schönste. Der alte Vizepräs. hinter der Kirche. J. G. Herder an Johann Wolfgang von Goethe Weimar, Anfang März 1790 Bamberg. Der Leibmedicus, Hofrat Markus, wird, sobald er nur Deinen Namen hört, Dich ohne Dir überlästig zu sein, mit allem Sehenswürdigen bekannt machen, insonderheit den Gemälden AltDeutscher Schule, die hier u. da gesammlet sind. Er selbst hat einige, der Domprediger u. Regent eines Collegii junger Leute, W[eyermann], noch mehr, insonderheit einen Dürer, die H. Anna, aus dem er viel macht. Nürnberg im roten Roß, bei Hrn Rothe zu logieren. Augsb. im weißen Lamm; es ist ein gescheuter Lohnlaq[uais], der einem alles Sehenswürdige mit den Taxen gleich vorsagt, u. die Wahl überläßt nach Zeit u. Lust. Der Senator der über die Geschichte der Künste u. das Sehenswürdige in Augsb. ein paar brauchbare Bücher in Oktav geschrieben hat, deren eigentl. Titel ich nicht weiß, heißt von Stetten; an seiner Person verliert man nichts. Seine Bücher sind besser als Murrs Beschr[eibung] v[on] Nürnberg. Der Lohnlaq. kennt u. bringt sie. Das Schloß bei Inspruck, wo die alten Merkwürdigkeiten der Grafen von Tyrol sind u. sonst die große Menge geschnittener Steine von denen die besten aber schon nach Wien gebracht sein sollen, heißt Ambras . Die Hofkirche bitte ich auch nicht zu vergessen. Man logiert in der goldnen Sonne. In Mantua ist der Abbate Andrés, der Verfasser der Storia d'ogni Litteratura, der Dir sehr dienstfertig sein wird. Die Gemälde von Jul. Rom. sind im Herz. Palast, u. vor der Stadt im Palast T. Wo das Grab des Mantegna sei, steht im Volkmann; aber nicht wo sein Bild, die Maria, ist; in einem Kloster, ich weiß nicht welcher Mönche. Das Logis ist nirgen{d} zu nehmen, als im albergo Imperial, dies ist wohlfeil, bequem u. prächtig. Caroline Herder an Johann Wilhelm Ludwig Gleim Weimar, 14. 5. 1790 [...] Sie hatten wohl recht, als Sie bei der Nachricht von seiner Italienischen Reise zur mir sagten, er käme nicht wieder – beinahe ists ihm u. mir so, als ob er noch nicht oder nur halb wiedergekehrt sei – das ist denn immer die Wirkung von einer langen Reise u. freilich von einer Reise in dieses Land kann man nichts anderes erwarten. Die Zeit wird auch wieder ins Gleis bringen, was hineinzubringen ist. [...] Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder Trier, den 7. September 90. Heil dem jungen Weltankömmling, Heil seinen guten Eltern und dem engern Kreise Heil, der hierdurch zwischen uns geschlossen ward! O, Ihr Guten und Lieben! womit soll ich Euch dies neue Zeichen Eurer Freundschaft lohnen? womit anders als mit den wärmsten Wünschen für des Kindes, für der Eltern Wohl, mit der treuesten Versicherung inniger Freundschaft und Liebe? Segensvoll lebe und wachse Rinaldo, zur Freude des Vaters, und wenn die liebende Mutter ihn in den Armen trägt, so denke Sie zuweilen an seinen Paten, der Ihr und Ihnen so ergeben ist. Amen. Nein, Lieber! Brutus schlief nicht, Ihnen wenigstens nicht, und wenn ich auch lange geschwiegen, so war mein Herz Ihnen immer noch so nah, als in jenen Tagen, da wir zusammen wandelten am Clitumnus, an der Tiber und am Strande der schönen Parthenope! Ach, unvergeßlich bleibt mir der süße Traum, der selbst im Nachgenusse noch so schön ist, und auch mir mehr Gleichmütigkeit und Ruhe in die Seele gießt; selbst das, was ich an Kenntnissen dort erntete, wiegt diese Ruhe nicht auf; denn ohne sie ist kein Glück, aber in ihr alles Dasein, alle Vervollkommnung, alle Reinheit, ich möchte sagen alle Göttlichkeit; denn je ruhiger und heiterer das Gemüt, desto gottähnlicher! Diese weise Mäßigung, diese Gleichmut, dies innere Leben wirksam in mir zu machen, ist mein vorzügliches Streben, und hiezu ist nur ein Weg: das Herz nämlich dem Guten zu öffnen; dann wirkt es von selbst in ihm oder aus ihm; denn das Gute liegt ursprünglich in uns, und breitet sich aus, wenn es nicht gehindert wird. [...] Und nun noch einmal Heil dem holden Kinde, Heil den lieben Eltern! Liebt mich, wie ich Euch liebe; auch ich stehe am Altar der Freundschaft, und opfere meinen Kranz. Ihrer würdigen Frau tausend Segenswünsche zu Ihrer Genesung. Caroline u. J. G. Herder an Friederike Luise Gräfin zu Stolberg-Stolberg [Weimar,] 8. Nov. 90. [Caroline Herder:] Wenn und wo wir nur an Sie gedenken, erhebt sich unsre ganze Seele, und Sie beide sind uns schöne lichte Sternen an unserm Himmel. – Unsere Herzogin Mutter ist freundlich u. gesellig aus Italien heimgekehrt, ob sie gleich mit meinem Mann u. den andern Pilgrimen Italiens oft den heitern Himmel u. was unter ihm an Geist und Kunst gedeiht, vermißt. Wer nicht ein Weltbürger ist, der überall sein Vaterland hat, sollte nicht reisen; der Grund seines Verhältnisses wird erschüttert und er hat viel zu tun, sich wieder darin zu befestigen.   [J. G. Herder:] Wie oft wollte ich Ihnen schreiben, insonderheit da ich in Rom vom Tode der zarten lieblichen Agnes lesen mußte. Sie schwebte recht wie eine Erscheinung vor mir – um so mehr, da ichs, sobald ich sie kennen lernte, oft sagte und bei mir für ausgemacht annahm, daß sie nicht lange hier, sondern einmal unvermutet wie ein leichter Hauch hinweg sein würde. So ists auch gewesen: Nun dann, ruhe sie sanft, die weiße liebe Gestalt, u. der entflogene Schmetterling schwebe auf der unverwelkenden Blüte Elysiums fröhlich! Von meiner Reise kann ich Ihnen nichts sagen, denn ich habe mir selbst über sie noch das wenigste Zeit gehabt zu sagen pp Überhaupt muß bei mir der Same im Erdreich lange ruhen, ehe er hervorgehen kann, wenn er nicht indes gar verweset. Ich bin nun O[ber] Konsist[orial] VizePräsident, un altro nome e con ello altre cure. Gott helfe mir nur, daß ich zu irgend etwas, was es auch sei, in eigner Geistesarbeit gelange: sonst vertrockne ich ganz. In Absicht der Französischen Revolution mögen sich unsre Gedanken manchmal begegnet sein, da es scheint, daß Sie daran soviel Anteil nehmen. Auch ich habe es getan: denn es ist ein gewaltiges Thema, daraus und daran im Guten und Bösen zu lernen. Jetzt ermatten beinah meine Kräfte, da so vieles gedacht, gesagt, beschlossen, u. so wenig recht eingerichtet und ausgeführt wird. Noch bin ich auf ihre Projekte über die NationalErziehung begierig: denn schließe ich das Buch vor der Hand, und warte ruhig die Zeit ab, die am Ende alles aufs beste ordnet. Wenn nur kein Krieg das ganze Spinnengewebe zerreißt: denn da so wenig ausgeführt u. fest eingerichtet ist, bleibt das meiste am Ende doch alsdenn ein Spinnengewebe. Das Problem der Stellung Frankreichs mit andern Europäischen Mächten u. dem ganzen Bedürfnis unserer Zeit ist mir immer das schwerste Stück der Auflösung gewesen. Wenn nur eben an diesen spitzen Ecken nicht das ganze Werk scheitert! Denn leider, es ist keine Insel zu einem völlig neuen Zustande. Sie haben zu tief herauf u. zu weit umher graben müssen, daß sogleich ein fruchtbarer Boden werden könne. Doch was bekümmert uns Frankreich! uns Deutsche, die wir jetzt ein neues Oberhaupt, u. also den Kranz und Gipfel der besten Konstitution haben. Wenn ich mich nur selbst konstituieren könnte; wäre mirs genug. Wir leben wirklich zuviel außerhalb Landes – Indessen ists unleugbar, der Gang der Dinge geht rasch; vor 1800 werden wir noch manches erleben. Gedichte aus Italien Parthenope Ein Seegemälde bei Neapel Ermüdet von des Tages schwerem Brande Setzt' ich danieder mich ans kühle Meer. Die Wellen wallten liebend hin zum Strande Des holden Ufers, das mich rings umher Umfing mit seinem zaubrischen Gewände Mit seiner gaukelnden Sylphiden Heer; Der Liebe luftger Schleier, rings umflogen Von Zephyretten, spielte mit den Wogen. Und über mir, hoch über mir in Lüften Des blaue Äthers säuselte der Baum, Der reingeläutert von der Erde Düften, Ein himmlisches Gewächs, den runden Saum Umschreibet mit der Sonne goldnen Schriften Und gibt dem Fluge der Begeistrung Raum, Die schlanke, schöne Königin der Bäume, Die Pinje rauschte mich in goldne Träume. Ich hört'! und aus des Meeres leisen Wogen Erhob sich einer Stimme Silberton: »Vernimm mich! Nie hat dich dein Herz betrogen, Du liebest Wahrheit, und verdienst zum Lohn, Daß dir die Hülle werd' emporgezogen, Die alle Wesen bis zum lichten Thron Der schaffenden Natur in Schatten hüllet; Vernimm mich, und dein Wunsch wird dir gestillet.« Ich sah; und aus des Meeres zarten Wellen Hob eine Nymphe göttlich sich empor. Ihr Antlitz schien die Dämmrung aufzuhellen, Bis an der Sonne goldnes Abendtor. Die Wogen küßten sie mit sanftem Schwellen; Um ihren Busen wallt' ein reger Flor; Sie sang; ein Saitenspiel von zarten Saiten War schüchtern, ihre Stimme zu begleiten. Sie sang: »Was rings dir deine Blicke zeigen, Was alldurchwallend die Natur bewegt, Was droben dort in jenem heilgen Schweigen Des Äthers, drunten sich im Staube regt, Und in der Welle spielt, und in den Zweigen Der Fichte rauscht, und dir im Herzen schlägt, Und dir im Auge, jetzt von Tränen trübe, Jetzt freudentrunken himmlisch glänzt, ist – Liebe . Nur Liebe war die Schöpferin der Wesen, Und ward der Liebgebornen Lehrerin. Willst du den Sinn des großen Buches lesen, Das vor dir liegt; sie ist die Seele drin. Und will dein Geist, und soll dein Herz genesen, So folge treu der hohen Führerin; Wer außer ihr, der Mutter alles Lebens, Natur und Wahrheit suchet, sucht vergebens. Sie ist Natur; sie bildete Gestalten, Naht und verknüpfet und beseligt sie; Sie läßt den Keim zur Blume sich entfalten, Daß in der schönen Blume Liebe blüh'. Die zarten Bande, die das Weltall halten, Die ewigjunge rege Sympathie, Die Himmelsglut, in der die Wesen brennen, Wie willst du anders sie, als Liebe nennen? Schau, wie die Welle, nahend dir, am Rande Des Ufers spielet, und es leise grüßt; Sie gleitet weg von dem geliebten Strande, Zerfließend, wie ein süßer Wunsch zerfließt, Und kehrt zurück zu dem geliebten Lande, Wie wiederkehrend sich das Herz ergießt; So drängen sich mit immer neuem Schwellen In aller Schöpfung Meer der Liebe Wellen. Schau, wie umher der ganze Himmel trunken Sich spiegelt in des Meeres Angesicht! In Amphitritens heilgen Schoß gesunken, Wie wallt, wie zittert dort der Sonne Licht! Und droben glühen schon der Liebe Funken, Die Sterne. Sieh, auch Luna säumet nicht; Sie schleicht heran mit zarten Silberfußen, Um ihren Liebling, ihren Freund zu grüßen. Dort steht sie; sieht bescheiden sich im Spiegel Der Wellen an, und weilt und schämet sich, Und blickt hinan zu jenem Schlummerhügel: › Endymion, ich lieb', ich liebe dich!‹ Und drückt auf ihn der Sehnsucht zartes Siegel: › Endymion, auch du, du liebest mich!‹ –« So sang Parthenope; mit süßen Schmerzen Fuhr ihrer Stimme Pfeil zu meinem Herzen. Ich sah, ich sah bei ihren Freudenmahlen Die Götter in der Freuden Überfluß; Da labet Zeus sich in den süßen Strahlen Des schönen Jünglings mit dem ewgen Kuß. Sein Auge küßt; es küßt zu tausendmalen Und blickt in alle Himmel Wohlgenuß; Läßt Göttlichkeit in jede Ader fließen Und reine Liebe sich durchs Weltall gießen. Ach, sprach ich, und die Menschheit, in der Kette Der Erdewesen sie der erste Ring, O! daß sie noch das Kleinod Unschuld hätte, Das ihr die Mutter an den Busen hing, Als liebend mit den Göttern um die Wette Ihr erster Mutterkuß sie froh umfing; »Geh, sprach sie, zartes Kind. Im Erdgetümmel Wird Lieb' und Unschuld dir allein zum Himmel. Versäume nie, zu stolz für diese Freuden Die Lieb' und Unschuld auf beblümter Flur. Verschmähe nie dein Glück, und suche Leiden Der Unvernunft auf falscher Weisheit Spur!« Ach, aber ach, getrennt von ihnen beiden, Von Lieb' und Unschuld, Wahrheit und Natur, Wie taumelt jetzt der Mensch, und sucht dem Herzen Ein süßes Gift, für Liebe – Gram und Schmerzen. So seufzte ich. Die Königin der Wogen Erhob noch einmal ihren Silberton: »Vernimm dein Herz. Nie hat es dich betrogen. Du liebest Unschuld, und sie wird dein Lohn. Was unter diesem goldnen Himmelsbogen Von meinem Meere, bis zu Jovis Thron Erklingt, das klinget dir im Herzen wieder, In deinem Herzen.« – Und sie schlüpfte nieder. Die Farbengebung Ein Gemälde der Angelika Kaufmann (Mit begeistertem Blick taucht die Malerei den Pinsel in die Farben der Iris. Mannichfaltige Blumen blühen ihr zu Füßen, und ein Chamäleon schleicht zwischen ihnen.) Nicht vom Chamäleon, so oftermalen Er auch sein Kleid verändert, wunderschnell; Nein! um der Gottheit Abglanz uns zu malen, Nahmst du die Farben aus der Farben Quell; Tauchst in Aurorens, tauchst in Iris Strahlen Den Pinsel, und dein Blick wird himmlisch hell, Zu sehn, wie aus dem Lichtstrom Bäche fließen, Und Strahlen sich in Farben leise gießen. Wer hob die Hand dir? wer erhob zum Himmel Den Blick dir, himmlische Begeisterung? Daß über Nebel, über Erdgetümmel, Im sanften Fluge, mit der Taube Schwung Du aufsteigst, fühlst in dir und trägst den Himmel In uns mit täuschender Beseligung; Und lässest, was du dort in lichten Höhen Der Gottheit sahst, uns hier in Schatten sehen? Ein Gott wars. Und die Blume dir zu Füßen Weiht ihren Brautschmuck deiner Schwester-Hand. Ein Lüftchen weilt, die Körper zu umfließen, Die du erschaffst, und wird ein Brautgewand Der Seele, die, sich sichtbar zu genießen, In deiner Seele Äther-Hüllen fand. Du malest, was du bist. Auf Edens Auen Gibst du, in Menschen, Engel uns zu schauen. Amor, der den Bogen spannt (Eine berühmte Statue) Auf wen, o Knabe, rüstest du den Bogen denn fast entrüstest prüfst du ihn den Mächtigen. Wer hat zum Kampfe dich gezogen? wer war so törichtkühn? O der Verwegene wird grausam büßen wenn er den Pfeil im Herzen fühlt, wird einen zweiten Pfeil von dir erflehen müssen der ihm die Wunde kühlt. Triff wen du willt. Nur Knabe, schon' o schone der Unschuld träumendsüße Ruh. denn führt dein Köcher gleich der Liebe viel zum Lohne ach aber lohnest du mit Einer Freude, die das erste Sehnen den ersten zarten Wunsch vergilt? leg ab den Bogen, sieh hier in der Unschuld Tränen als Kind dein süßes Bild. Amor und Psyche (Eine berühmte Gruppe) Ein Seufzer, der von Mund zu Munde fliegt, Wann Seele sich zur Seele innig schmiegt; Des Herzens Übergang, wann leis' und still Der Liebe Wort zum Wort nicht werden will; Das Wort, das nicht zum Worte werden kann; Verschwiegen schauen sich zwei Seelen an, Und schöpfen in der Gottheit reinstem Quell Und fassen sich im Blicke zart und hell; Der Atem, der das Leben süß verlängt, Der Hauch, in den sich Geist und Körper drängt, Ein Augenblick, der Ewigkeit Genuß, Der Engel reinste Wollust ist – ein Kuß. Die sinnende Zeit Du blickest still auf deine Sense nieder, die alles mäht, du ernste alte Zeit. Suchst du die Blumen in dem Staube wieder, die einmal du dem Staube hast geweiht: Wie oder fühlst du müde deine Glieder vom traurigen Geschäft der Sterblichkeit, Und blickst mit Schmerz auf Millionen Leichen, die jetzt vielleicht im Grabe dich erweichen? Ach nicht! der Blick, mit dem die Götter sinnen, ist Ruhe, wenn sie mahn und mahn nicht mehr. Ihr Enden ist ein werdendes Beginnen. Sanft ist ihr Blick, nur ihre Hand ist schwer. Was je entsproßt', es eilte schnell von hinnen; was wiederkommt, entflieht, wie das vorher. So laß mich denn, o Zeit, zu deinen Füßen der Blume Glück, doch dieses ganz genießen. Zu sein, so lang ich bin, o Gott der Zeiten, dies ist des Schicksals und der Weisheit Schluß. Will je mein Blick sich vor – und rückwärts weiten, so zeig' er mir nur jetzigen Genuß, und hör' ich dich allmählich näher schreiten, so walle, wie in Zephyrs reinstem Kuß mein welkes Haupt zur Erde leise nieder und aus mir blüh ein Blümchen schöner wieder. Angedenken an Neapel 1789 Ja, verschwunden sind sie, sind verschwunden, Jene kurzen, jene schönen Stunden, Die auch ich am Pausilipp erlebt. Holder Traum von Grotten, Felsen, Hügeln, Inseln und der Sonne schönen Spiegeln, Seen, Meer – du bist mir fortgeschwebt! Fortgeschwebt die zaubernde Sirene, Die mich ohne süßer Flöten Töne Schwesterlich in ihre Arme nahm; Und mein Herz schlug voller und geschwinder, Und mein Blut floß reiner und gelinder, Da ihr Atem mir entgegen kam. Sehnend sah ich ihres Busens Wellen Sanfter sich und reger zu mir schwellen, Schwamm dann mit der Fläche sanft dahin; Sah den schönen Kranz von Fels und Hügeln, Sah die Sterne, sah den Mond sich spiegeln In der süßen Freudegeberin. Sah die Inseln in den Wellen schweben, Träumt' auf ihnen ein beglücktes Leben, Unbekannt und aller Welt entflohn; Sammelt' nur um mich den Kreis der Meinen – Ach, ihr Wellen, oft saht ihr mich weinen Um sie, für sie, zu der Göttin Thron! Wenn die Abendröt' im stillen Meere Sanft verschwebte, und mit seinem Heere Glänzender der Mond zum Himmel stieg, Ach, da flössen mit so neuem Sehnen Unschuldvolle, jugendliche Tränen; Nur ein Seufzer sprach, und alles schwieg. Nimmer, nimmer sollt ihr mir entschwinden, Immer wird mein Herz euch wiederfinden, Süße Träume, rein und zart und schön. Nie wird euch mein Auge wiedersehen, Doch ein Hauch wird lispelnd zu euch wehen: »Ich, auch ich war in Arkadien.« Reisetagebuch Mittwoch, den 6. August, ausgereiset: Gotha. 7. Schmalkalden, Meinungen, Hildburghausen. 8. Coburg, Bamberg. Sonnabend, 9., Bamberg: Hofrat Marcus. Regent Weiermann sammlet alte Gemälde. 10. Bamberg: den Bischof. Preisschrift über die Sprache korrigiert. Montag, 11., Erlangen, Nürnberg. 12.-20. in Nürnberg. Geist des deutschen Kunstfleißes, woher? wenn? woher Nürnberg hier? Alter deutscher Geist in Zieraten, Handwerk, Künsten, Gemälden: wie genau u. fleißig in Kleidern, Gesichtszügen, Charakteren! Immer viel auf ein Gemälde! Wie verschieden vom italienischen Geschmack! wie treu! – Italiener: wenig Figuren voll Geist, Leidenschaft, Erhabenheit! Deutsche Treue, Reichtum, Wahrheit – kein Ideal. Woher dies nicht? was ist's? Die Italiener aus den Alten. Geschmack vor Dürers Zeit: Dürer voll Reinlichkeit, edler Mann. Was er gesehen? Zeitalter Dürers u. seiner Zeitgenossen! Kleinliche Unterstützung der deutschen Künste, u. doch gut. Grobheit des Nürnberger Geschmacks gegen Augsburger, z. E. Brunnen, Augsburg näher an Italien. Jetzige Verfassung: das drückende Patriziat ohne Parität, das viele Land, Streit mit Regenten, in beiden gegen Augsburg, die lutherische Religion, der andre Weg des Handels, erhält sich bloß durch Wohlfeilheit der Waren, wie die holländische Schiffahrt, weil alles schon da ist etc. Menschen wandren hinaus, Künste darben. Jetziger kleiner Geschmack, Altertümer u. Bibeln zu sammeln. Panzer hat einen deutschen Roman, hat Freidank zum Druck fertig, seine Annalen. Häfelein hat den Hans Sachs herausgegeben. Rektor Vogel, der die Briefe über Freimaurer etc. hat Manuskript von Hans Sachs Lieder etc. u. Meistersänger, ein Pfarrer in Poppenbruck hat alles von Hans Sachs. Aus Hallischen, Eschenb. Bibliothek 2 Manuskripte. An Rektor Vogel Hamann zu schicken. Professor Meinert Geographie der Alten, Schwiegersohn Nagels. Fust von Stromberg empfiehlt der Senator Stromer sehr. Frau von Hütten, Frau von Schickert, Kaufmann Merkel, Wirt im roten Roß, Roth. Die 1. Preisschrift fortgeschickt nebst Büchern von Murr. Ansbach: 20., 21. August Graf Platen, Pinto. – Uz. 22. August Reise bis Augsburg mit Max. 23. August, Sonnabend, gesehen Straßen, Kirchen, Brunnen, Gemälde: wie schöner, freier, feinerer – näher an Italien. Die Fuggers – Schönerer Brunnen: 3 Figuren: Eine drückt sich die Haare aus, eine spült sich den Fuß aus der Urne, eine windet die Wäsche aus; schöne Stellung des Dreiecks. Augsburger Künste scheinen insonderheit Mechanik u. Mathematik. Wasserwerke etc., woher das? Uhren, Instrumente etc. Landkarten, Kupferstiche etc. – Stettens Geschichte u. Beschreibung. Augsburg Parität: ohne Land, ohne Schulden. Rektor Martens, alte Manuskripte. Senior Tegmeier, Urlsperger, bei ihm alten deutschen Stobäus, italienischen Folianten mit Figuren (von Raffael, wie man sagt). Konsulent von Schad, der so viel schwatzt. Domherr von Ulm hat die Bibliothek unter sich: dienstfertig. Diakon Christopher an der lutherischen Kreuzkirche. In Augsburg vom 23. bis 26. die 2. Preisschrift geendigt u. fortgesandt. 27. bis Bidloh, 28. Füssen, 29. Innsbruck. – 29. Innsbruck, noch feinere Denkmale, eigentlich deutsch. Maximilians Stadt u. Land. Maximilians Zeitalter daherum sichtbar; sein Grabmal: Geschichte desselben. Grab Ferdinands: seine Geschichte zu untersuchen. Statuen in der Hofkirche. Ein Herr von Primaße hat Ambras unter sich, das wir nicht gesehen haben. Korrespondenz mit ihm zu suchen. Von Innsbruck die Vorrede fortgeschickt nebst Knebels Aufsätzen. 1. September in Bozen: Herr von Fritz, der junge so artig, Kaiser. 3. September Verona: Pindenonte ist Podestà in Vicenz. Arena, fällt nicht hoch in die Augen, aber wie groß, wie voll, wie vollendet, gleichsam in sich selbst gnugsam, ewig, daher schön, trefflich. Vgl. mit gotischer Baukunst, die zierte, schnörkelte, teilte, in die Luft baute. Probe, was Geschmack, innere Fülle, Wahrheit, Harmonie mit der Bestimmung, Proportion tue. Was dagegen neues Theater, welche Stücke, wie gespielt, welche Zuschauer; was würde ein alter Römer etc. Museum: Lapidarium sepulcrum, welche Wahrheit, Einfalt, Rührung, sie stehen für sich da, nicht für andre, wie anders die christlichen Gemälde. Welch ein Gang unter den Arkaden durch Zeiten und Völker. Geschmack der Philharmonisten dagegen. Schöne Brücke über die Etsch, schöne Lage von Verona: Anblick für die Barbaren, wie sie über das Gebirge kamen. Größe der Stadt, unerwartet. Keine Bekanntschaft gemacht mit Bibliothek. – Erkundigungen eingezogen zur Geschichte Verona, ob von Dietrich etc. etc. Gemälde: in St. Georgio von Veronese das Hauptgemälde, wie verschieden von Raffael, den Römern u. Florentinern. Aufgabe: wie die Venezianische Schule entstanden? Provinziell, so alle Schulen, durch Veranlassung des Orts u. der Zeit, so von Italien aus bis Deutschland hinein. Wie Palladio in Vicenz entstanden? was er gewesen? Raffael in St. Georgio: seine Engel, seine Maria etc. Beide scheinen sein Hauptsujet gewesen zu sein; ein Heiliger-Familien-Maler. Wie licht die Engel, wie bescheiden Maria, u. nicht übermenschlich. Die schlechtesten Gemälde in Italien haben bessre Form als deutsche, groß u. schön; Deutsche mehr Treue in Zügen. Italienische Form. Naturalienkabinett bei Vicenz Bossa, Spicciale à St. Luca, der von Seetieren u. Naturkörpern um Verona. Fortis hat eine Beschreibung davon machen wollen u. ist nach Napel gegangen. Corso: Italienischer Geschmack an Pferden, Equipage, fast unserer. Vermischung der Stände, u. wie Nacht alles bedeckt. Prälat, Bischof Morosini: andres Gepränge der venezianischen Geistlichen als deutsche u. römische Domherren, Geistliche: Bischof zeigt den Nobile u. doch den Bischof. Würde, Freiheit, Popularität, Feinheit. Gemälde in seinem Schlafzimmer angenehm, obgleich geistlich, küssende Personen, eine sanfte Magdalene etc. Bertola verfehlt; er ist in Milano. Canz. des Pompei gekauft: Er ist tot. Gegend um Verona: vorher aus der chiusa. Sonderbar garstige Menschenrasse an der Grenze Italiens; woher? erst im römischen Gebiet merklich besser u. zum Teil schön: wie verschieden von den weichen Schönheiten in Tirol etc. diese Züge, fest, hoch. Justische Gärten: Zypressen, untergehende Sonne, Felsen, Höhe. Mantua: 6. September. Hotel Imperial: französisch eingerichtet, schöner Geschmack, Anordnung, Arabesken, wie verschieden von den Arabesken am alten Canossischen Palast, schöner Balkon, aufgehende Sonne. Andrès nicht besucht. Jude Wechsler, weiß schon die Veränderungen des Ministeriums in Frankreich, seinen Plan mit andren für einen Krieg. Schweigendes, gedrücktes Wesen in kaiserlichen Städten gegen Verona, Modena u. den Römischen Staat. 7. September Carpi, Modena, in der Nacht Bologna. 8. September Faenza, Rimini; 9. September Catholika, Pesaro – welche tolle Reise! Im wohlgebauten Modena Geschichte u. Zustand zu sehen, wie eine Stadt unter einem altfürstlichen italienischen Hause. So auch Carpi etc. bis Pesaro: in Büchern nachzuholen, was man kann. Bologna insonderheit als Übung der Künste u. Mittelpunkt der Wissenschaften, als päpstliche Republik, u. was das gewirkt. Bologneser Schule sehr merkwürdig. In Pesaro am Meer. 10. September Fano, Ancona: hier den Pfaffen auf der Piazza predigen hören, abscheulich! Kirche v. Vorgebirge. Geschichte des Adriatischen Meers etc., des päpstlichen Handels, ob keine Päpste sich seiner angenommen? Sinigaglia, woher seine Aufnahme, Juden haben den Handel, nicht Christen etc. Elende päpstliche Politik. Schöne Aussicht von der Börse, vom Hafen, Bogen Trajans etc. 11./12. September Ancona. 13. September Loreto: Haus der Heiligen Jungfrau, welcher Geschmack? welche Verehrung? Canonici, Reichtum der Kirche an Juwelen u. Land etc. Ein Sänger von Loreto ist Primadonna in Rom. Abscheuliches Wirtshaus. Gemälde von Raffael in Papsts Zimmer, im Schatz. Schatz abscheulicher Reichtum; wäre besser anzuwenden. Keine alte Jungfer solchen üppigen Schrank an Putz. 14. September Macerata, über Recanati: malerisch schöne Gegenden. 15. September von Macerata bis Foligno; Raffael, schöne Maria. 16. September von Foligno bis Spoleto: schöne Piaina, vortreffliche Gegend, alles wollustatmend zwischen Bergen. 17. September von Spoleto bis Terni. Spoleto Wasserleitung, alter Raffael. Terni: Wasserfall. 18./19. September Rom: Empfindungen auf der letzten Station. Kapelle Ignatius. Bury, Angelika, Reiffenstein gleich kennengelernt. 20. September, Sonnabend, Moritz; Mariotti. 21. September, Sonntag: Quartiere gesucht, das alte Bild bei der Smidt gesehen, das man dem Mengs zuschreibt, Jupiter mit Ganymed. 22. September, Montag: die Enkaustische Malerei, die nach Rußland geschickt wurde, worunter das Gemälde der Aldobrandinischen Hochzeit, einige aus Herkulaneum, z. E. Amors am Ufer, die Verkäuferin der Amors u. so fort, auch schöne Arabesken. Desgleichen die Exequien des Papstes Ganganelli auf dem Cavall, den Papst u. die Kardinäle. Nachmittags die Rotonda u. Bäder des Agrippa. 23. September Peterskirche, Museum Clementinum etc. Weil ich von jetzt an nicht den Kurs tageweise bemerkt habe, auch oft ausgesetzt worden, so zeichne ich nur an, was bis zum 22. Oktober in Monatsfrist gesehen worden: Das Museum Clementinum oft. Raffaels Stanzen einmal. Die Sixtina mit Rehberg u. Moritz von mir allein. Die Campo Vaccino mit Moritz u. Bury von mir allein, ein sehr vergnügter Nachmittag, den 23. September, da ich ins Quartier zog. St. Pietro in vincoli, der Bogen Konstantins mit Hirt von mir allein. Der Bogen Severus, u. was auf dem Vaccino ist, mit Hirt u. der Gesellschaft. Der Friedens-Sonnen-Mondtempel, die Kaiserpaläste mit Hirt u. Dalberg. Der Circus des Caracalla, Grab der Metella, die Nymphe Egeria, der Bacchustempel, die Porta, die Katakomben mit Hirt u. der Gesellschaft. Die Bäder Diokletians, die Löwen bei der Fontana Sixtina, die schönen Bäume im Kloster, die schöne Kirche Santa Maria ab Angelis, die Kirche S. Maria Maggiore, die Säule davor, die Kirche Johannes Lateranus mit Hirt u. Dalberg. Die Kirche St. Agnes, das Begräbnis der Constantia, die Villa Ludovisi nebst den Gärten mit Hirt u. allen. Desgleichen ein andermal die Juno in der Bibliothek Ludovisi. Die Villa Albani u. Borghese ich mit Hirt allein. Die Bäder des Caracalla, Forum Nervae, das Frontispiz zum Tempel der Minerva, woran die weiblichen Arbeiten sind, den sogenannten Janustempel, den Brunnen des Castor u. Pollux, die Cloaca mit Hirt u. Dalberg. – Einige dieser Stücke hatte ich schon mit Rehberg gesehen. Das Capitol von außen, Tempel der Eintracht, Säulen des Jovis Fulguratoris, den Tarpejischen Felsen, Hof mit Statuen etc. mit Hirt u. Dalberg. – Einiges u. das ganze Rom vom Capitol hinab hatte ich schon mit Moritz u. Rehberg gesehen u. genossen. Raffaels Villa mit Moritz u. Hirt. Die Gärten der Borghese mit Moritz u. Bury; ein andermal das Äußere, die Basreliefs des Palasts Borghese mit Hirt. Den Monte testacco mit Rehberg. Den Palast Rienzi, den Ponte rotto, Schiff des Äskulaps, Tempel der Vesta, Pyramide des Cestius, St. Paulskirche mit Hirt u. Dalberg. Von Komödien gesehen die Circe Maga zweimal; ein neues Stück, das verunglückte, u. ein spanisches aus Molière. Von Künstlern Trippel, von zwei Württenbergern Herbst u. Winter, Rehbergs, Schütz, Bury, des Engländers Moore (bei ihm einen Claude u. Correggio), Verschaffelt. Von Bekanntschaften: Zoega, Monsignore Borgia ich allein; d'Agincourt mit Hirt u. Dalberg, Abbate Bonfigliuolo durch Trippel, Abbate Tacqui durch Hirt, Ceruti bei der Angelika; einige bei Borgia: von Fremden Seau, Siebenkees, Baron Freudenheim aus Schweden. Gelesen: wenig in Tolomei Briefen, in Winckelmann des Fea, in Ramdohr, in Visconti Museo Clementino, in Hermanns Mythologie. Mit Hirt des Metasio Kantaten u. manches in den Canzoni antiche gelesen; gemacht ein Liedchen auf das nasci nel April vezzoso, u. den 23. die Kantate auf den Geburtstag. Gekauft: 22 Bücher aut. class. von Moritz. Lettere di Tolomei, Sallustius u. Rapins Ecl. vom Corso. Bonama carmina in monumentis, kleine Poesien vom Corso. Kleider: [Text bricht ab.] Palast Rondanini Schöne Hygea, mit zurückgestrichnem Haar, bekleidet fast bis zum Halse, lang, schlank, imposant, schöne Brust, Leib, Hüften. Sie sitzt in schöner Stellung; rechte Hand liegt auf dem Schoß u. hält eine kleine Schlange. Linke etwas übers Knie erhoben, hält Schale; eine schöne, große Gestalt, die schönste Hygea, die ich gesehen. Ceres sitzend, eine hohe Matrone mit dem Diadem; die rechte Hand fast gerade neben dem Schoß mit einer modernen Fackel, die linke hält Früchte etwas über das Knie erhoben; sitzt sehr schön, majestätisch; den linken Fuß etwas vorwärts. Voller Busen, aber schön. – So ganz anders als Hygea an Proportionen u. so fort. Im 3. Winkel eine Bacchante, aber so bescheiden, vornehm, daß es fast keine Bacchante sein kann; die Klapper, die sie schlägt, ist neu, indessen hat sie eine leichte Handlung gehabt. Der Wurf ihrer Kleidung u. die Kleidung selbst ist leicht, über den Schoß geschlagen, schön ihre Stellung, ihr Stand vornehm, ihr Gesicht recht junonisch. Wenn sie zum Gefolg des Bacchus gehört, verdient sie den Platz einer Ariadne. Eine Roma im Basrelief, den Spieß in der Hand, sehr zierlich, freundlicher als Minerva, sitzend, gewandt mit dem Gesicht heraus, rechte Hand auf dem Schoß ruhend. Ein Brutuskopf, alt, über einer halben neuen Statue, da er sich erstechen will, ein Kopf voll Kraft u. Bedeutung. Ein Alexander, der mit dem rechten Fuß auf den Helm tritt; Helm, Panzer hinter ihm u. rechter Fuß unten sind modern, beide Hände auch neu; sein Kopf alt. Eine starke, kurze, schöne Heldenfigur, einzig. Ein Bacchus, sehr u. zu weiblich. Eine Pallas, lang, fein, jungfräulich, stolz im Blick u. fröhlich. Locken hangen an beiden Seiten sehr zierlich herab, Helm ist neu, Gesicht alt, Hände neu; steht auf dem rechten Fuß, linken etwas zurückgezogen, ihre gewöhnliche Stellung. Eine schöne Statue, pentelischer Marmor. Mehrere schlafende Amors auf den Tischen. Mnemosyne, große Statue, schön eingehüllet, rechte Hand langt herab, unter dem Gewand kenntlich, steht auf rechtem Fuß, linke ruht; sehr schöner Ernst im Gesicht. Noch eine kleinere Mnemosyne. Meduse: offner Mund, Gesicht etwas breit, rund, wie Schrecken es macht, aber holder Schrecken. Augen trefflich, offen, nur zwischen den Augbrauen leichte Anzeige des Zorns oder der Erstarrung; durch kleine Einbuchtung, durch die Öffnung des Mundes wird die Oberlippe sehr bedeutend, das Kinn bekommt eine große Festigkeit. Die Flügel schön zur Bewegung im Gesicht. Zorn in Schlangen u. Flügel verlegt, u. auf dem Gesicht die schönste Maske. Ein Affekt dieser Art gibt dem Gesicht Intensität, Erstarrung, Breite. Ein liegender Römer, die Büste seiner Frau auf dem Schoß, Füße ruhend übereinander geschlagen. Ein Grabdenkmal. Kopf des jungen Herkules mit der Stirn vom Stier, im Profil insonderheit kenntlich. Ceres–Faustina; eine andre Kaiserin als Mnemosyne. Eine schöne Muse mit der Flöte. Basreliefs: Ein Ödipus, blind, seine beide Söhne an beiden Seiten, schön gewandt, der eine zurück, der andre hin, sie halten ihn. Ödipus, der Blinde, in der Stellung, die Füßli vielleicht hieher nahm. Ein Krieger blickt herauf, als ob Blitz, Donner oder ein Gott ihm den Sohn getötet hat, den er im Schoß hält. Das Roß läuft erschrocken weg. Er hält Schild. Groß Basrelief: Peleus kommt zu Thetis, Amor deckt sie auf. Auf der andern Seite Diana zu Endymion, wo Morpheus mit Schmetterlingsflügeln. Soll in Winckelmanns »Monumenti« stehen. Jupiter u. Vulkan, in altem Stil, schön. Jupiter sitzend, Vulkan ihm zur Rechten mit der Axt, aber weggewandt von ihm. Schönes Basrelief, ein Sterbender; ein andrer hält ihn. In Winckelmanns »Monumenti«. Herkules opfert dem Priap, ein Hund hinter ihm, unten Kühe; Winckelmann. Komischer Dichter mit der Larve, zweite Larve auf dem Tisch vor ihm; ein leuchtender Dritter (sonderbare Gestalt), hinter dem Tisch Muse mit der Rolle; schönes Basrelief. Gemälde: ein Porträt von Raffael, fälschlich Calvin genannt. 3 Freskogemälde von Correggio, Engelsköpfe aus einer Glorie; auf zweien ein Kopf, auf einem zwei Köpfe beisammen. Ein Christus, für Vinci ausgegeben, aus der Schule von ihm. Eine Betende, vielleicht von Vinci, wahrscheinlich aus einem größeren Gemälde, hängt beim Bethaus, sehr sanft, voll Andacht, schöne Seele. Ein Gemälde von Tizian, Cosmos mit dem Kosmographen Dante u. Redi, dem Antiquarius. Jener zeigt auf gezogne Linien, dieser hat einen Apoll in der Hand. Michelangelos Christus am Kreuz, schön. Eine Skizze von Guido, Christus, da er vom Engel gestärkt wird. Ein Gemälde von Passi, dem Lehrer des Claude Lorrain, ein Sturm. Porträt von Paul Bril, dem 1. Landschaftsmaler, von ihm auch eine Landschaft. Mehrere Landschaften von Vernet. Von Bassignano eine Maria, die Christo ein Butterbrot gegeben. Sie sieht sehr hausmütterlich auf ihn, er hört sehr aufmerksam kindlich auf sie, Joseph arbeitet innen Holzwerk. S. Maria del Populo Jonas von Lorenzetto, nach Raffaels Zeichnung oder vielleicht Aufsicht. Ein junger Amor in einer reizenden Stellung, der in den Rachen des Walfisches tritt: schön, voll Grazie, in der Stellung insonderheit des linken Fußes u. des Gewandes, aber ohne Prophetenbedeutung, u. auch der Körper mehr glatt u. sanft als bedeutend. Kopf von Antinous. Elias ihr im Kreuz gegenüber; die Tradition von Raffael ebendieselbe. Habakuk u. Daniel von Bernini, windig wie alle seine Werke u. übertrieben. Am Altar unten, in der Kapelle Chigi, ein Basrelief von Lorenzetto. Gemälde von Pinturicchio, einem alten Mitschüler Raffaels, in zwei Kapellen, schön u. voll Bedeutung, obwohl im alten Stil. Die Grabmäler in beiden von Veracchio, auch alten Stils, genau u. bedeutend, obwohl steif u. hart. Im Museum Clementinum Jupiter: ein guter Alter, sein Haupt steht gerade auf den Schultern, etwas vorgebeugt; das Haar gelockt u. an beiden Seiten gleich, so der Bart, bis zu Mitte des Halses, auch über dem Kinn in Locken; obere Stirn etwas voran, das ihm hohes Denken gibt, in ihrer Mitte eine kleine Vertiefung; gütig denkend mit seiner Vorbeugung. Keine Augenbrauen; die Brust groß gewölbt; doch jener schöne Rest aus Sizilien noch größer. Bis zur Mitte des Leibes u. obere Armknochen sind allein alt; Arme, Hände, Füße, Beine sind Zusatz. Jupiter Serapis dagegen als schwarze Büste in der nächsten Abteilung oben, wie anders. Sein Haar fällt wie in Zapfen geteilt über die Stirn, der Bart ist breiter u. rauher, die Augen tiefer, die Nase nach vorn steht noch mehr hinaus, die Wange unter den Augenknochen tiefer, Oberlippe u. Bart gehen mehr hinaus; dies alles gibt ihm einen düsteren, traurigen Blick. Der Kopf steht gerade auf den Schultern, dies gibt ihm ein in sich gekehrtes Wesen; das ganze Ansehen ist gemeiner, obwohl der Oberkopf noch breit, stark, vorwärts weitumfassend, Ideal ist. Schultern u. Brust sind bekleidet. Unter ihm der Kopf einer Ariadne, wie anders! Stirn in der Mitte viel Oberfläche; dies macht sie zum Spiegel: sie fließt zu beiden Seiten sanft herab, dadurch die Stirn nicht Tonne wird, sondern ein schönes breites Planum inclinatum; gleichergestalt zieht sie an der Wange herab; die Nase neu, das Gesicht hie u. da restauriert; die schöne breite Form im ganzen, wie auch der Übergang von der Stirn zur Nase ist aber alt u. ganz. Die Augen breit, offen, sanft; im schönen breiten Viereck des Gesichts ungemein viel Offnes, Ruhiges, Sanftes, Großes. So auch das breite Kinn, der schöne Mund, dessen Oberlippe (etwas restauriert) kurz, bedeutend u. mit dem feinen, scharfen Punkt der Empfindung bezeichnet ist. An beiden Seiten vom zurückgeschlagnen Haar fließt ein sanftes Löckchen herab, wo bei uns der Seitenbart ist. Der Hals schön u. vorn durch zwei Knochen bezeichnet; ein Band fließt auf beide Schultern herab, mit dem hinten das Haar gebunden ist; eine schöne Figur. Viele Köpfe stehen ringsum voll Ausdruck, Charakter; in jedem aber ist eine Spur des Menschlichen sichtbar, die uns eben das Ideal der andern Köpfe mehr empfinden läßt. So z. E. ist in dem einen Antonin etwas Klagendes, das am meisten im Augenknochen u. im tiefliegenden Auge zu liegen scheint, daher auch die Wange matter herabfließt u. der Mund sich traurig schließet. Im andern ist etwas Trocknes u. Mühseliges, in der gefurchten Stirn, in der gemeiner hervorgehenden Nase, so daß das ganze Gesicht mannigfaltig u. zerteilt wird. Neben ihm dagegen ist ein Kopf von gemeiner Breite u. Stärke, fast viereckt, Augenbraunen, die sich über die Nase beugen u. einen scharfen Winkel machen; im ganzen Kopf etwas sehr Bestimmtes u. Festes, ein scharfer Wille, ein Eigensinn, der sich selbst im breiten Untermunde, in der breiten Oberlippe, im Kinn, im breiten Halse offenbaret. Der Kopf von Caligula in seiner Wendung ist ein tyrannischer Befehlshaber, aber ohne diese Wendung wäre er sogar häßlich. Die Runzel dicht über der Nase, das runde, kleinliche Gesicht, der breite, kurze Kopf, die sträubenden Augenbrauen haben was Grausames. So weit bei den Charakterköpfen. Dagegen eine Pieta mit den erhobnen Händen: der Kopf ist einer Kaiserin, aber die schöne Stellung ist von einer Vestalin. Der linke Fuß steht, der rechte ruht etwas vor; die breite Brust ist bedeckt, über beiden Armen ist das Gewand schön in die Quere geworfen. Die Büste des Antinous, seitwärts den Blick, etwas traurig; sie hat Augenbrauen, aber nur angedeutet; der Mund ist geschlossen, der Augapfel angedeutet durch ein Loch; das Haar fällt weit auf die Stirn u. deckt die Ohren; der Kopf ist nicht ideal, aber schön menschlich; von Augenknochen zu beiden Seiten geht die Wange schon länger herab; so ist auch Nase, Mund, Kinn, bloß menschlich. Ein schöner Oberleib, rechter Armknochen schön hinterwärts, daß die Brust hervorgeht; indes der Kopf nach der linken Seite gewandt ist. Schönes Eben u. Unebenmaß, Einheit u. Vielheit der Stellung. Dagegen ein römischer Konsul, wie anders. Kurze Stirn, kurzes Haar, lange Ohren, Trockenheit im Munde, als ob er zahnlos wäre; echte Senatorweisheit. Ajax, heraufblickend mit dem Helm: eine starke Mittelgrube des Halses, viel Leiden u. Bewegung in der Stirn, so daß bis auf die scharfen Augenknochen alles auf ihr Ebbe u. Flut, Welle u. Bewegung ist. Sein Mund ist offen: eine sonderbare Einheit bis aufs Herabströmen des Haars über beide Ohren. Unten ein liebliches Figürchen ohne Kopf, Arme, Beine, weiblich bekleidet: Gewand sanft u. dicht an, umfließend gleichsam das süße, enge, jungfräuliche Leibchen; denn schlägt sich das Kleid über den Schoß: die Figur war sitzend, vielleicht eine Muse. Eine Minervabüste: der Kopf ist seitwärts sehend, aber ein zu langes Oval, zu lang u. glatt, das gibt ihr was Gemeines. Der neue Helm steht zu hoch über der Stirn; das gibt dem ganzen Kopf etwas Keckes, was nicht minervisch ist. Nebenan ein allerliebstes Weibergesichtchen, wie geblasen in einem Hauche. Das schöne Dreieck der Stirn, das sodann zur Nase gerade herabgeht, so daß diese, die gar nicht spitz ist, mit der Stirn das trefflichste Ganze macht; sodann die stille Ruhe u. Lieblichkeit im gehaltnen, sanftgeschloßnen Munde, die schöne Wange zu beiden Seiten bis zum lieblichen Kinn hinunter; eine lange Haarlocke fällt zu beiden Seiten herab, das Ohr ist halb frei; die Haare so schön zusammengebunden, daß in der Mitte über der Stirn es wie eine Rose wird. Im Halse ist eine geringe Wendung, so daß der Kopf nicht ganz gerade steht; ein niedliches Figürchen. Die treuen beide, die einander die Hände geben; sie legen die Hände übereinander; der Mann faßt mit der Linken sein Gewand an der Brust; der linke weibliche Arm ist unsichtbar. Der Mann wendet sein Gesicht zur Rechten, das Weib zur Linken, aber beide sehen vor sich hin; ein schönes Denkmal der ehelichen Treue u. Liebe. Phokion, in 4. Abteilung des langen Ganges, ein guter Mann: er wendet seinen Kopf etwas zur Linken, das gibt ihm zu der stillen Güte den Ton. Das arme Gewand, das nur wie ein Stück Mantel über den Leib hängt, kontrastiert sonderbar zum Helm; der rechte Arm hängt herunter, in der Linken hat er den Griff vielleicht von einem Schwert. Der liegende Faun mit dem Schlauch; Füße, der ganze rechte u. beim linken der Unterarm sind neu, so das linke Bein zur Hälfte. Aber welch schöne Biegung des Körpers, welche schöne halbliegende Stellung für trunkne Ruhe u. Freude! Welch schöne Wendung des Faunenkopfs voll Heiterkeit u. Freude: der offne Mund, die offnen Augen, die etwas eingebogne, doch wohlgestalte Faunennase, der treffliche Rücken, die schöne Brust; die Beine hübsch auseinander, die Scham in Ruhe (die Haare über ihr im Ganzen angedeutet, aber nicht ausgeführt), das schöne Vorstrecken des rechten Beins – welche liebliche Figur! recht in der Jugendzeit u. in der Faunengattung, sich zu freuen, zu genießen, hingestreckt zu liegen u. wieder aufhüpfen zu können u. so fort. Die Stellung ist schön kontrastiert, zu beiden Seiten Gleichgewicht, wie es von der Seele hervorgebracht wird. Der Schlauch, worauf er liegt, ist auch alt. Diane, äußerst schlank u. leicht, die Statue fast aus nichts gemacht: ein leichter rascher Tritt, der linke Fuß vor, das Kleid bis zum Boden hinunter, so daß nur die halbe Fußplatte erscheint; der Leib schmal, die Brüste hoch, aber jungfräulich straff wie ein Hügel, insonderheit die linke. Eine außerordentlich schöne Gewandwerfung, schönbekleidete Beine; der rechte Oberarm geht schön herunter, sie hält in der Rechten ein Hörnchen; die Linke, aufwärts erhoben, trägt Fackel, das Köpfchen ist scharf, die Augen schön geschnitten, groß, ernst, frei, offen: eine Schwester des Apollo. Über der Stirn eine Binde, die die obere Stirn schön verhüllt, so daß an beiden Seiten die Haare über das Band fallen. In den Haaren, ob sie gleich nicht fliegen, auch der Schein von Bewegung, u. gleichsam sanfter Wind, in der Art, wie sie geteilt u. gerade gefurcht sind. Es ist ungemein viel Schönes u. Jungfräuliches im Köpfchen u. in der ganzen Figur. Apoll dagegen völliger, stärker als sie, u. doch wie leicht! ein Hirsch, der schönste, schnellste, leicht'ste Jüngling. Schon in seinem Stande liegt Schnelligkeit: er steht auf dem rechten langen Schenkel, der andre ruht, etwas, aber nur wenig vorragend. Viel von seinem Stolz liegt darin, daß sein Gesicht gerade ins Profil gekehrt ist, daß sein Kopf so edel steht u. gerade vor sich blickt, daß sein Blick zielt u. trifft, wohin seine Hand weiset. Auch daß sein Haar wie eine Krone gebunden ist, daß Blick u. Arm gleich gehet u. so fort. Eine schöne Brust, schöner Oberleib; er hat unter dem Unterleibe schon das Geschlecht, aber sehr sanft angedeutet, u. stehet da wie eine Blume des Helden- u. Götterkörpers. Ein schöner Kontrast ist in seiner Stellung; der eine Arm ruht, der andre ist vorgestreckt; bei jenem ist die Hand offen u. bis auf die Finger belebt. Schön ist die Wendung u. Haltung; die Bewegung schnell u. doch fein, wie ein Lichtstrahl. Schön ist der Wurf des Kleides, das am wenigsten verdeckt u. doch in seinem Hange am linken Arm die ganze Figur nicht bloß malerisch macht, sondern auch die Bewegung selbst trefflich bezeichnet. Schön ist, daß er auf dem rechten Fuß ruht u. sodann nach der Linken blickt; große Mannigfaltigkeit fast durch ein Nichts gegeben. Um den Baum, auf welchem er die offne Hand hält, windet sich eine Schlange, zum Zeichen, daß er den Python erlegt habe oder ein Gott der Gesundheit sei oder etc. Über der Nase ist, vom Profil angesehen, etwas Erhebung, wie in Eile, wo diese gerade nicht Zorn sein soll. – Hirt meint, die Figur könne zur Gruppe der Niobe gehört haben, u. will aus einem Sarkophag es wahrscheinlich machen, wo Apoll so eilend kommt u. schießet. Aber warum nicht das Bild der Iliade. Wie unterschieden von ihm der spielende Apollo im Saal der Musen! Er scheint kleiner, ist wenigstens viel schmaler, lang bekleidet, unter der Brust gegürtet, der Mantel fliegt etwas in schönen Falten, das lange Kleid zieht sich schön nach seinem Schreiten; der linke Fuß vorwärts, der rechte nach; die langen Schenkel werden durch die hohe Gürtung noch schlanker, u. ungemein schön ist der rückbleibende ruhende rechte Fuß u. Schenkel, so wie auch unter der Gürtung der Leib äußerst sanft u. hold ist. Er hält u. rührt die Leier, daher die Stellung u. Bewegung; der rechte Arm geht querüber zum linken, indessen der rechte Fuß zurücktritt, daß also Handlung auf beiden Seiten sich verteilt; der rechte Arm spielt, der linke Fuß schreitet. Sein Kopf horcht, sanfte Bewegung, etwas zurückgebogen, ein klein wenig zur Rechten hinterwärts; dies macht mit der Leier wieder ein schönes Ganze, Wirkung u. Gegenwirkung. Er ist bekränzt, das Haar fast wie eine Jungfrau; daher das Dreieck der Stirn, das durch die Bewegung des Kopfs bis auf die Nase geht, im schönsten Profil: schön, jugendlich, stolz, einsam, allein, hält, rührt u. hört die Leier der Schöpfung u. führt an die Chorgesänge der Musen. Die Muse, die neben ihm sitzt u. die Leier rührt, hat eine Wendung gegen die Leier, die sie in der Linken hält; sie beugt sich zur Rechten, Kopf also horchend, aber Blick auf die Leier; das gibt schöne Stellung des Haupts, schönste Wendung der Brust u. des Oberleibes, Handlung, Bewegung, Seele, Mannigfaltigkeit. Der Unterleib also kommt zur Linken einwärts, u. nun zieht sie wieder ihren rechten Fuß zurück, den linken streckt sie etwas vor, dadurch Handlung bis auf die Füße verteilt wird, als ob sie aufmerke auf den Ton; Einheit also in der ganzen Figur. Das Oberkleid liegt auf dem Schoß, Bekleidung bis auf die Mitte des Fußblatts, wo die Zehen nur angedeutet sind. Die Muse mit der Rolle in der Linken, welche Sanftheit im Sitzen, welche liebliche Zurückgezogenheit des Unterleibes, welche süße Wahrheit u. Unschuld der Geschichte, die sie vorstellt. Sie hält die Rechte etwas über dem Bein, nach der Richtung desselben, gerade als ob sie etwas sagte u. mit der Hand auch spräche, aber in sanftester Bewegung. Kopf sanft vorgebogen, nach der Rechten sehend, wo teils die deutende Hand ist, teils weil in der Linken sie die Rolle hält u. sie diese also gleichsam sanft zueignet. Daher auch das rechte Knie höher als das linke, aber nur etwas höher; das Gewand wieder über dem Schoß. Unter der Brust gegürtet, liebliche Brüste, das Kleidchen bis unter den Hals, liebliches Gesichtchen u. Köpfchen, die Haare ohne viel Schmuck rund u. lieblich zusammengearbeitet. Die Stirn vorgebogen; es ist, als ob sie sanft sinne u. ihr Werk reinlich aussinne: so hält sie es, so ist u. sitzt sie – eine liebliche Muse. Die folgende steht mit der Leier: sehr einfach, auf dem rechten Fuß, auf ihm also das Kleid in langen Falten gerade herunter; das linke Knie etwas vorwärts u. daher hinter dem Gewände sichtbar. Der Fuß in Ruhe rückwärts, der Kopf fast gerade, ernst, spielend, horchend, allein. Die Fabel oder Mnemosyne, o liebliches Wesen! Mit Rosen bekränzt; der rechte Arm u. Hand mit dem Mantel quer zur linken Schulter; das schöne Köpfchen mit einer kleinen Bewegung zur Rechten, aber fast unmerklich. Mit der rechten, die allein (die Hand nämlich) bloß ist, faßt sie das andre Gewand, das Arme u. die ganze linke bedeckt, ja die letzte, die gerade herabhängt, trägt gleichsam alle Gewänder. Sie steht auf dem linken Fuß, der rechte ruht, weil die rechte Hand wirket. Darum ist auch das Köpfchen zur Rechten gestellt; so fließt auch das Gewand herab, es zieht sich zum rechten Knie herunter. Das Anschmiegen des verhüllten Arms ist von unbeschreiblich schöner, lieblicher Wirkung. O du, meine, meine Muse! Die Muse mit dem Täfelchen in der Linken hat die Rechte schön aufs Knie gestützt, das Gewand liegt unter dem Ellenbogen, die Finger wie abzählend im Nachdenken schön erhoben, das Köpfchen nach der aufgehobnen Hand gebeugt, wie auch das ganze Leibchen, das mit einem Bande lieblich gegürtet ist unter der jungfräulichen Brust. Sie tritt auf den rechten Fuß, der daher höher steht, der linke ruht, also etwas vorwärts. Dies gibt eine gar schöne Biegung des Leibs vorwärts, u. durch das Vorwerfen des Gewandes über den Schoß ist das dünne engbekleidete Leibchen bis zum Schoß sichtbar. Das Füßchen ist nur über den Zehen bloß, die Zehen nicht angedeutet, sondern wie dicht bekleidet, unten eine Sohle. Das Ärmchen ist bis über die Mitte fast bis zum Ellenbogen mit einem Hemdchen bekleidet, wo fünf Schleifchen übereinander bis auf die Achsel sehr zierlich auf die Mitte des Arms stehen. Das Gewändchen zwischen den Brüsten beugt sich niedlich herunter. Die Stirn ist sehr niedlich. Die Haare mit kleinem Winkel in der Mitte der Stirn bedecken halb das Ohr. Ein liebliches Wesen, voll Bedeutung in der Biegung des Kopfs, im Stützen des Arms, im Halten der Hand u. des Fußes, des Knies u. der ganzen Stellung. Urania steht, in der Linken hält sie die Kugel, in der Rechten den Griffel; die Kugel hält sie etwas erhoben, mit sanftgebognem, auf der Hüfte leise ruhendem Arm, die rechte Hand ist frei, aber den Griffel hält sie hinabwärts. Sie steht also auf dem linken Fuß u. Schenkel, weil die Linke die Kugel trägt, der rechte Fuß ruht, sein Knie also etwas vor, daher sich die Falten an u. unter ihm von der Linken zur Rechten bis unten über dem gebognen Fuß hin sanft hinziehen. Auch auf dem linken stehenden Bein ist das Knie etwas kenntlich. Unter diesem Gewand sieht man unten noch ein sehr faltiges, das zwischen den Füßen herabhängt, damit kein Loch bleibe. Eine Falte vom Obergewande läuft schon von der linken Hüfte über die Scham quer zum rechten Bein hin, daß sie also anständig bekleidet wird; u. über die Brust geht das Obergewand unter der rechten Brust über die linke bis zur linken Schulter hinauf, daß die linke Brust also auch überdeckt wird u. nur unter dieser Falte das Spitzchen sanft kennbar bleibet. Überdem ist alles, auch die rechte Brust bekleidet, mit dem Unterkleide, bis zum Halse hinauf. Dieser ist hoch, schlank u. frei; das Haupt der Muse ist gegen die linke Seite etwas gebeugt, weil sie in der Linken die Kugel hält; Gesicht u. Stirn sind frei; Haare fließen hinten längs dem Halse in Locken sanft hinab, so daß auf der linken Schulter die Locke etwas vorwärts ruhet. Eine schöne Uranie; sie steht gleichsam zwischen Himmel u. Erde; auf dem rechten Arm geht die Bekleidung nur bis zum Ellenbogen, um die Linke ist das Gewand geschlagen fast bis zur Hand, doch außerhalb weiter als inwärts, wo etwas mehr sichtbar ist in einer schönen Kurve. Die lange Figur, der Stand, der schlanke, freie Hals, die Biegung des Kopfs, die Haltung der Arme, alles macht ein schönes Ganze. Die komische Muse sitzt ganz ernst u. fest; der rechte Arm ist etwas zurückgebeugt u. hält den Stab, der sich über den Ellbogen hinaufbeugt; das Gewand ist wieder über den Schoß geschlagen: ein schöner Leib, schöne Brüste; das Gewand über der Hälfte des Oberarms in schöner Beugung, mit einer Art Fransen besetzt; Kopf etwas nach der Rechten, nachdenkend, stille, nicht lustig; die Maske ruht neben ihr zur Rechten auf dem Sitz, die Linke hält das Tympanum auf dem Bein, das Tympanum ist stehend, daß der Arm frei ist; das Kleid ist über denselben geschlagen, die Füße unten sanft übereinander, die Knie aber dicht nebeneinander, u. das Gewändchen mit vielen Falten hangt zwischen ihnen herab; die ganze schlanke u. dünne Figur wird unten durch das Halten der Füße noch schlanker u. subtiler. Durch die Haltung kommt die linke Schulter etwas tiefer, die rechte höher durch die Biegung zur Rechten, ein schönes Ganze. Das Gesicht der Muse ist sehr simpel, schmal u. stark vorgearbeitet, die Stirn freier, da die Stirn der tragischen Muse fast ganz bedeckt ist. Melpomene steht auf dem rechten Fuß, dessen Schenkel daher auch etwas vorgehend angedeutet ist, mit einem schönen Kamisolchen faltig bekleidet, unter der Brust breit gegürtet, eine schöne, spitze, jungfräulich strenge Brust; das Wämschen geht bis unter den Hals. Der rechte Arm hält die Maske u. liegt auf der etwas vortretenden Hüfte sanft auf; das Oberkleid, über den rechten Arm an der Stelle des Ellbogens geschlagen, hängt herab; der linke Fuß tritt hoch auf. Sie ist ganz bekleidet bis zu den Zehen, die Falten biegen sich sehr schön an Wämschen u. Kleidung; der linke Arm ruht auf dem erhobnen Bein: sie hält in ihm den tragischen Stab fast vorn am Knoten, so daß der Zeigefinger sanft an ihm umhergeht, u. der Stab nicht vor-, sondern längs dem Arm bis aufs Bein zurückgeht; der Kopf ist zur Linken gewandt, vor sich hin, oder eher etwas, aber unmerklich emporsehend. Das Haar unaufgebunden, ein starkes volles Haar, das über die Ohren bis dicht ans Gesicht u. fast zu den Schultern hinabgeht, daher es durch die Biegung des Kopfs auf die linke Schulter etwas voller fällt. Das Gesicht ist hohe Schönheit, Ernst, Wehmut, ein hoher Unwille u. Schmerz, der sich im Augenknochen, der Nase, dem Munde u. der Biegung des Halses offenbart, so daß in der Kehle ein Seufzer nah zu sein scheint. Diese Stellung sehr erhebend u. rührend. Das eine Ende des Mantels ist über die linke Schulter geschlagen, daß das Ende hinten hinabhängt, längs dem aufgestützten Arm, offenbar der Pracht wegen. Das Haupt ist stark mit Efeu bedeckt, so daß zur Linken der Kranz recht dick über dem Haar liegt. Das Kleid auf dem linken Arm bis auf die Mitte des Unterarms ist ohn alle Verzierung, simpel glatt anliegend, das Westchen geht ihr über den Leib bis auf den Anfang der Schenkel. Es ist solche keusche Majestät in ihr, daß man die kühne Stellung, in der sie steht, nicht als unanständig, sondern als hohe Kühnheit betrachtet; der lange Schenkel, die außerordentlich schöne Beugung auf ihn herunter, alles wird vergessen über dem hohen Gesicht u. der großen Miene. O Muse, so vornehm, keusch, rein, kühn, erhaben, wäre Dein Bild das ewige Bild in meiner Seele, ihre Gestalt, Form u. das Objekt, in dem sie selbst sich anschaute u. ehrte. Die Muse auf dem Felsen mit der Flöte sitzt: sie ist von andrer Arbeit, mich dünkt, nicht so fein u. überdacht. Ihr rechter Arm etwas zurückgebeugt, hält den Felsen mit ausgebreiteter Hand, aber sanft; dieser Arm ist ganz nackt, hängt aber zu gerade hinter; überhaupt hängt sie nur so am Felsen, d. i., sie sitzt sehr gerade vorwärts, das rechte Bein etwas zur Linken gewandt, mit dem linken hält sie sich wie am Felsen. Der linke Arm etwas niedriger, hält die Tuba, über der Hand ist um ihn ein Teil des Oberkleides geschlungen, das hinten vom Leibe heruntergefallen ist, als ob sie darauf säße; es bedeckt hinten nur die Hüfte. Das Untergewand an der Brust ist vielleicht etwas zu naß gearbeitet, so daß die Brüste zu glatt sind. Der Gurt unter der Brust ist nicht breit, die Brüste jungfräulich hart, der Nabel stark angedeutet u. überhaupt der ganze Oberleib auch unter dem Gewände beinah sichtbar. Zwischen den Beinen hängt das Gewand in langen Falten hinab, daß also doch bescheidne Stellung. Sie sieht zur Rechten hin, ernst u. einsam, als säße sie in der Einöde; ein schöner Kopf, aber nicht so lieblich gearbeitet als der andere. Die sogenannte Mutter der Musen (zur Rechten vorm Eingange in die große Rotonde) steht stark verschleiert da, etwas auf der rechten Hüfte. Den rechten Arm hält sie dicht am Leibe zum Gesicht, d. i. fast bis zum rechten Ohr hinauf, u. faßt den Schleier; die Hand über dem Gewände ist aber neu, wie es auch das Gesicht scheinet, aber der Hals, der Hinterkopf mit dem Schleier sind alt, mithin die ganze Stellung. Der linke Arm geht quer über den Leib, so daß der rechte Ellbogen auf der linken Oberhand zu ruhen scheinet; die Finger an dieser sind zu zwei geteilt, so daß sich der mittlere am weit'sten ausstreckt, aber diese ganze Hand ist bedeckt, ob man wohl unter dem Gewande die Artikulation der Hand u. Finger deutlich, nur zu skrupulös siehet. Der Schleier, den sie mit der Rechten am Haupt anfaßt, fließt in langen Falten über den linken Arm bis zum linken Knie lang hinunter, von der Rechten also sanft zur Linken hinunter. Der rechte etwas angespannte Schenkel ist voll, reich, fest, aber tief unter dem vollen Gewände; denn außer dem oben, das bis aufs Knie geht, ist ein andres faltiges, ja etwas schleppendes bis zur Erde, so daß vom rechten Fuß nur drei Zehen, vom linken ruhenden der halbe Fuß über den Zehen hervorblickt. Sie steht mit beiden Füßen auf einer zwei Daumen hohen Erhöhung, damit das Kleid in der Mitte noch tiefer sinke; der rechte etwas sanft hervorgehende Fuß zeichnet sich indessen doch etwas unter dem Gewände, doch nur unter dem Knie. Alle übrigen Glieder soll man an der heiligen Matrone nicht ahnden. Der Rücken ist schön. Es könnte eine Juno sein, wenn das Gesicht alt u. junonisch wäre, sie hat auch ein Diadem, das aber neu scheint. Jetzt ist sie eine erhabne, schweigende Matrone, voll Harmonie u. hoher Ruhe im ganzen, mit einem schönen Unebenmaß in den Armen, zwischen welchen das Gesicht wie eine bedeutende Tafel dasteht u. alles im hohen schweigenden Bilde erklärt. Wahrscheinlich war's eine Kaiserin, die sich so machen ließ als Göttin der Verschwiegenheit u. himmlische Matrone. Ihr gegenüber steht ein wahrer Kontrast zu ihr: eine Kaiserin, die sich als Venus mit dem Apfel hat bilden lassen: der Kopf ist aufgesetzt, hat Augbrauen u. ist offenbar Porträt. Mit dem rechten Arm faßt sie das nasse Gewand hinten über der rechten Schulter mit zwei Fingern. Das Gewand fließt zu naß den Körper hinab, daß selbst die Erhöhung der Schamgegend angedeutet ist, auch auf der rechten Brust, die gleichwohl schön ist, klebt es; zwischen der rechten u. linken Brust laufen Falten hinunter, die Falte läuft unter der linken Brust den Arm hinauf, der etwas zurückgebogen über der linken Hüfte Biegung macht u. den Apfel hält. Sie steht auf dem linken Fuß, der rechte ruht etwas vorwärts; Schenkel, Knie, selbst der Anfang der Wade ist kenntlich, nur aber der Anfang: denn da fließt das hängende Gewand herab u. läuft bis zum Fuß, der nur halb entblößt dasteht. Im Ganzen, selbst im Gewände, das hier Hauptgegenstand ist, ist schönes Unebenmaß, denn wie die rechte Hand das Gewand über die Schulter im Zipfel erhoben hält, so fließt's unter der linken Brust um dieselbe auf den rückgebognen linken Arm u. an ihm hinten herunter. Eine Venus-Berenice. Die hohe kolossalische tragische Muse in der letzten Rotonde. Sie steht sehr ernst u. majestätisch da, auf dem rechten Fuß, den linken hat sie frei, wie in Regung eines sanften Trittes: daher das linke Knie etwas vor, u. das Gewand fließt an ihm hinunter; am andern auch, aber in mehr Falten, u. zwischen den Füßen ist's in schwerere, aber sehr schöne Falten gelegt: sehr anständig für die ganze Figur. Sie ist unter der Brust gegürtet mit einem breiten Bande, das Kleid geht in sanften Falten über die Brüste bis zum Halse hinauf; u. ein Knöpfchen auf einer Schulter hält den Mantel, der hinten hinabgeht. Die Brüste sind unter dem Gewände sichtbar, aber jungfräulich stark u. hart. In der rechten Hand hält sie die Maske, sehr anständig den Arm bis zum Ellbogen am Leibe hinunter; denn die Hand sanft weg vom Leibe. Die Linke geht eben so sanft hinab, mit großem Anstände macht sie mit offner Hand einen anständigen Gestus hinabwärts. Wo sie die Maske hält, dahin auch sanft das Haupt geneigt, zur rechten Seite die Haare in regelmäßigen Furchen über der Stirn, so daß sie von der Mitte aus sich teilen. Außerordentliche Würde, Selbständigkeit u. Höhe ist in der Figur; die kleinere hat mehr Schmerz, Wehmut u. Bewegung. Diese ist die Muse Äschylus', eine hohe Muse. Die linke Hand ist etwas tiefer als die andre; Maske daher höher. Viel Wohlstand in der ganzen Figur u. Stellung. Ceres neben ihr, nicht so groß, breit an der Brust, breit am Leibe. Sie ist nicht unter der Brust wie Jungfrauen, sondern tiefer hinab eben über dem Unterleibe sanft-mütterlich gegürtet. Die Brüste auch nicht so hart wie bei den Musen. – Gerade vorwärts steht sie mit Kopf u. Brust: der Hals gerade, das Gesicht erhoben, die Linke ausgestreckt faßt den Stab, die Rechte hinabwärts hält Ähren. Das Oberwämschen auch sehr symmetrisch zwischen den Brüsten, u. denn auf dem Unterleibe in fast etruskischen Falten, je weiter vom Unterleibe, desto weiter geht's an beiden Seiten hinunter. Der ganze rechte Fuß ist mit geraden Falten bedeckt bis zum Zeh hin, daß nichts von ihm sichtbar. Sie steht wie die Mnemosyne mit beiden Füßen auf etwas, daß zwischen den Füßen das Gewand tiefer hinunterfalle. Eine offne Stellung, wie im Gange. Die ganze Figur mütterlich, weiblich, Hinten hängt ihr das Gewand bis an die Lenden hinunter. Juno nicht so groß, wie man sich die Königin der Götter denkt, aber edel; eine reine, hohe Frau. Die Rechte hält den Stab u. geht also aufwärts, die Linke die Opferschale u. geht also etwas hinterwärts, an der Schulter zurückgebogen, längs der Hüfte hinunter, daß die Schale unter die Hüfte kommt. Sie steht auf dem linken Fuß, der rechte also etwas vorwärts, der rechte Arm nackt u. frei; das Oberkleid hängt von der rechten Schulter u. läuft, wie über den Unterleib geschlagen, quer, daß gegen das Knie in der Mitte die Spitze hangt u. sie es mit dem linken Ellbogen zu halten scheint, aber ungezwungen. Nun läuft ein andres bis gegen das Ende der tibia u. macht nach dem vorstehenden Knie Falten, am rechten Fuß tiefer als am linken; das dritte Unterkleid hangt in Falten zwischen den Füßen zur Erde. Die Füße stehn auf einer Erhöhung, sind halb bloß, aber mit einer fibula u. Bändern, zum Zeichen, daß sie eine Sohle trage. Die Brüste sind stark, jungfräulich u. schön; über ihnen liegt eine starke Falte des Gewandes querüber. Das Gesicht ist ernst u. vor sich sehend, unmerklich gebeugt, sofern die Wendung zur Stellung gehöret, weil in dieser Bewegung ist u. die sich bis aufs Haupt unmerklich erstreckt, aber sehr unmerklich: eine edle, reine Figur, in Milch gebadet. Andre Juno von Lanuvium: Gesicht u. Blick ist ernst u. groß. Sie ist im geraden Gange vor sich hin: so geht auch Blick u. Gesicht, u. alles an ihr ist sehr symmetrisch gearbeitet. Ein Fell ist um ihre Schultern (Wolfsfell), zwischen den Brüsten zusammengebunden, daß unter den Brüsten die beiden Klauen herabhangen, nun ein größeres Fell, wie ein Jagdkleid, drüber, u. die beiden Klauen hangen an den Knien an beiden Seiten hinunter. Die Haare sind in quere Furchen gearbeitet, die Nase viereck't u. groß. Die Stirn ist oben hoch u. hat etwas jupitermäßiges: sie hat ein Diadem u. drüber eine Haut u. einen Helm, dessen Spitze vorn hervorstehet. Die Brust unter der Fellbekleidung ist groß u. majestätisch, obgleich nicht eigentlich angedeutet; das Gewand um den Unterleib, um beide Beine u. Füße schmiegt sich dicht an, weil sie wie eine Amazone gehet; u. zwischen den Beinen hangt die große Falte hinunter, die unter dem Knie vergrößert, unten mit den Falten, die von hinten her hangen, eins wird, so daß sie als eine edle weibliche Figur, halbmännlich vortritt, mit dem linken Fuß vorwärts. Sie tritt über eine Schlange, die vielleicht neu ist; diese sperrt den Rachen auf. Die Göttin hat an der Linken den Helm rückwärts, in der Rechten einen kurzen Speer, den sie quer hält, hinab u. einwärts die Spitze, nach sich gekehrt. Eine junonische Diana oder dianenmäßige Juno. Jupiters Kopf in der Rotonde ist insonderheit durch die minervenschwangre Oberstirn wunderbar: Über dem Stirnknoten ist eine Querfurche; der Knoten fest u. doch sanft, die Nase viereckt u. an den Seiten doch sehr gegliedert; in den Augenknochen viel Gedanke. Fest u. lebendig. Beide Augen sind sehr tief; Nase, Mund u. Wangen gütig; das Haar ist auf beiden Seiten bis zu den Schultern hinab, so daß das Gesicht aus ihm u. dem Bart nur wie hervorkommt; es fällt symmetrisch, so sind auch Bart und Kinn. Etwas vom Gewände ist auf der linken Schulter. Der Gott des Olymps voll Festigkeit u. Ruhe vorzüglich im Oberhaupte. Dabei ein Kopf, den man den Fluß Indus nennt u. ich für den indischen Bacchus halten möchte. Sein Barthaar fließt eigentlich hinunter, u. an beiden Seiten sehen zwei Tierköpfe mit Schnauzen aus ihm hervor. Das ganze Gesicht ist offen, weich, wollüstig, der Mund offen u. statt der Augbrauen Blätter (wie Efeu oder Weinreben). Mitten auf der Stirn eine sanfte Rinne, Haare allenthalben auf der Stirn, wie von einem Scheitel herabfließend, sind sanft mit Trauben vermengt. Auf dem Kopf zwei Hörner, die gar nicht mißzieren: denn sie stehen hinter dem Kranz u. Haarschmuck, sind nicht spitz noch hoch u. wenig sichtbar. Jupiter mit den Strahlen u. dem Modius, sieben Strahlen stehn auf einer breiten Binde des Haupts; sein Kopf gerade, etwas gebeugt; sonst wie der schwarze Serapis mit der tiefern Wange, daher in sich gekehrt, u. einer gemeinern Nase, als Jupiter hat, übrigens nicht so finster als jener Serapis u. wie er bis zum Halse bekleidet. Zwei Köpfe an der Tür, die komische u. tragische Muse, beide schön gewandt zueinander u. von trefflicher Arbeit. Die komische Muse hat Augbrauen, die tragische nicht. Beide haben eine doppelte Binde um die Stirn u. Haare herabfließend zu beiden Seiten bis über die Schultern. Tragische Muse edler; beide Köpfe vielleicht Porträte u. keine Musen, aber sehr schön. Kolossalischer Kopf einer Kaiserin neben der Tür mit Augäpfeln u. Augbrauen; ein andrer, kleinerer ihr gegenüber. Schöner kolossaler Kopf des Augusts; ein trefflicher des Trajan; noch eine Kaiserin u. eine Nische offen. Apollo, der Eidechsentöter, steht auf dem rechten Fuß, der linke ruht, u. das Knie des letzten vor. Sein linker Arm auf den Ast eines Stamms gelegt, etwas höher, als er selbst ist, also steht rechte Schulter tiefer u. Ellbogen auf der rechten Hüfte; in dieser Hand hält er das Stöckchen, mit dem er nach der Eidechse zielt, u. sein Köpfchen lehnt sich also auch auf die rechte Seite, indem er nach der Eidechse blickt zur linken. Ein reizendes Unebenmaß kommt also in die schöne jugendliche Figur, an Kopf, Arm, Beinen. Das Gewächs ist edler als des Faunen: ein junger Held u. Gott in Ruhe u. im Spiel. Gegenüber der Schlaf: rechte Hand hält die Fackel abwärts, die nicht groß ist; die rechte Hand ist unten neu, die Fackel scheint alt, wie es auch der Arm ist u. also die Stellung. Mit der Linken lehnt er sich auf den Stamm eines Baums; das Gewand ist über die Brust u. den linken Arm geschlagen, sonst ist er nackt. Der Kopf liegt auf der linken Schulter, zur Rechten ein Altarchen. Er steht auf dem rechten Fuß, der linke ruhet. Er ist mit den Musen in Hadrians Villa gefunden; Musen u. der Schlaf. Antinous steht mit dem Haupt nach der Rechten, etwas gesenkt, daher auf dem rechten Fuß. Der rechte Arm (in Handlung) fehlt, der linke hangt, u. das Gewand ist über den Unterarm desselben geschlagen; der ruhende linke Fuß ist etwas vorwärts. Ein schöner Heldenkörper, etwas nach der Linken gewandt, wie der Kopf nach der Rechten; daher auch die Beine etwas nach der Linken. Die Haare sind kurz u. gekrauset, wie der Helden; so auch die Stirn, ein sehr zusammengenommenes Gesicht, länglich, sehr sanft, stille u. fast traurig. Eine Fortuna, die mit der Linken ein Füllhorn hält, das sie sanft an die Schulter lehnt, in der Rechten ein Steuer zu den Füßen; sie steht auf dem linken Fuß, der rechte ruht vorwärts, unter der Brust gegürtet; eine mittelmäßige Statue. Eine Venus, die eine Muschel vor sich hält, daher etwas vorgebeugt, sanft, wie es Venus fodert. Sie hält die Muschel in beiden Händen, steht auf dem linken Fuß, der Kopf daher auch nach der Linken; das Gewand ist um die Hüfte, doch so, daß die Knie heraussehn; auch mittelmäßig. Venus mit dem Amor, wahrscheinlich eine Kaiserin mit ihrem Sohn. Sie steht auf dem rechten Fuß; das linke Knie ist stark vorwärts. Das Kleid unter der Hüfte, mit dem sie die Scham verhüllt; es fällt in langen Falten hinunter u. bedeckt den rechten stehenden Fuß ganz. Da sie auf dem rechten Fuß stehet, so biegt sich der Körper zur Rechten sanft, u. so hält auch die Rechte, weil die Linke sinkt, das Gewand, das über dem Unterarm liegt, erhoben. Amor ist neben ihr: ihm fehlen beide Hände; er biegt den Kopf fast in den Rücken, sieht aufwärts u. spricht mit ihr; seine Handlung ist weg, weil beide Hände fehlen. Er hat Flügel u. hebt sich so gerade, daß er fast auf den Zehen stehet; auch mittelmäßig. Meleager sehr schön; ein trefflicher Heldenjüngling. Er steht auf dem rechten Fuß, u. der linke ist also mit dem Knie vorwärts; sein rechter Arm ist über der rechten Hüfte, auf der der Körper ruht, sanft hinter dem Rücken; eine schöne ruhende Stellung; der linke Fuß ist wie im Rücktritt; die linke Hand hält den Jägerstab, wie gelehnt, aber nur wenig. Daher ist auch die linke Schulter ein klein wenig erhoben; u. es wird daher ein schönes Unebenmaß in der ganzen Figur, mit dem hinterwärts gebognen rechten Arm, mit dem sanft den Stab haltenden linken Arm, dem sanftgebognen Körper, der auf der rechten Hüfte ruhet, dem etwas vorstehenden linken Knie u. so fort. Er sieht ernst u. schön nach der Linken; ein kurzes Heldenhaar; sein Gesicht aber rundlicher als des Antinous u. überhaupt ein mehr idealisches Köpfchen. Sein Gewand geht von der rechten Schulter, wo es geknöpft ist, über die linke weg, um den rechten Oberarm geschlungen u. hinten flatternd. Sein Hund steht zur Rechten neben ihm, aufheulend; zur Linken ein Wildschweinskopf als Attribut. Die ruhende Kleopatra: ihr Kopf ruht nach der Linken zu auf der linken Hand, die sie zurückgeschlagen hat, daß auf ihr sanft die Wange ruhe; der rechte Arm ist über dem Haupt, daß hinten die Finger wie weghangen u. der Ellbogen wie von oben das schlafende Gesicht schützet. Das Gewand geht hinter dem rechten Arm hinten herab; die linke Brust ist allein bloß, die Füße übereinander, der rechte über dem linken. Sie hat Sohlen u. Fußschmuck, ist mit einer Decke umhüllt voll schöner Falten; daher man's nicht begreifen konnte, wie der rechte Fuß nach hinten durch das Kleid komme. Es ist aber kein Kleid, sondern eine Decke, die sichtbar bis zu den Hüften geht u. hinterwärts auf die Erhöhung fällt, auf der ihr Arm ruhet, von da sie herabgeht in Falten. Das Kleid ist unter der Decke, fällt ihr von der rechten über die linke Brust, wo ein Gurt es hält; denn sie ist unter der Brust gegürtet. Die Decke ist also zwischen dem Knie tief eingeschlagen, daß beide Füße darunter u. daneben schöne Falten von denselben dem Auge fühlbar werden. Ein außerordentlich schöner Wurf des Gewandes um die Hüften über die Beine bis zum Knöchel des Fußes: denn hangt's herab oder ist schön untergeschlagen. Hinten tritt die rechte Hüfte hervor, sanft u. schön; ein schönes Unebenmaß in der Lage, auch mit dem Fallen des Gewandes, zwischen u. unter den Brüsten, eine große treffliche ruhende Figur. Ganymed mit dem Adler, der ihn mit den Klauen in den Seiten unter dem Arm sanft fasset u. aufhebt. Der rechte Fuß gerade, der linke nach hinten wie schwebend; da aber die Figur nicht schwebend gemacht werden konnte, so ist alles an einen Baumstamm geklebt; so der Adler, mit beiden ausgebreiteten Flügeln; der linke schwebende Fuß des Ganymed wie am Stamm, der rechte, der schon erhoben ist, durch ein Stäbchen gestützt. Ein offenbarer Beweis, daß eine Statue eigentlich nicht schwebend sein kann. Ganymed hebt den Kopf rückwärts u. sieht nach dem Adler, der linke Arm ist in schmachtender Stellung zum Adler erhoben, der rechte, sanft hinabwärts gebogen, hält den Schäferstab, der sich in ihm sanft zurückbiegt. Der Adler ist mit seinen beiden Flügeln gerade, er hält den Kopf aufwärts, als nach dem Himmel. Der Jüngling hat das Gewand bloß über den Schultern; es fällt über die etwas erhobnere linke Achsel frei herunter. Der schönere Ganymed hat den Adler neben sich, der zu ihm hinaufsieht wie Ganymed zu ihm hinunter. Der Adler bewegt etwas die Flügel; Ganymed lehnt sich mit der Linken auf den Stamm eines Baums u. steht auf den rechten Fuß gestützt, den linken vorwärts über den rechten sanft übergeschlagen in ruhiger Schäferstellung. In der Rechten hält er die Schale, in der Linken den Schäferstab; der Stab liegt sanft im linken Arm, der rechte geht mit der Schale über die schöne Hüfte, auf der er steht, sanft hinunter; das Köpfchen allerliebst vorwärts; das Gewand über die linke Schulter geschlagen, um den linken Arm gewickelt, hängt über die Hand herab; ein süßer Jüngling mit der phrygischen Mütze; sein schönes Haar bedeckt das Ohr. Adonis oder wie er heiße, in der schönen Kammer der Venus, steht, den rechten Fuß vorwärts, auf dem linken, sehr simpel vor sich sehend; die Rechte hält ein Stäbchen; die linke macht eine zärtliche Bewegung; beide Schultern beinah gleich, wenig Unebenmaß im Ganzen, ein schöner Körper, schöne Beine; alles sehr weich, süß u. sanft. Unweit von ihm die sogenannte Bacchantin, die mit den Fingern des rechten Arms das Gewand über der rechten Schulter, mit der Linken das Gewand über der Scham zusammenhält; wahrscheinlich eine Venus. Es ist ein reiches Gewand wie ein Mantel; außer ihm ist sie aber auch bekleidet, naß; das Kleid ist auf der rechten Schulter mit einem Knopf befestigt u. geht sodann über die linke Brust hinab, daß diese drüber nackt ist; unter ihr in Mitte des Arms ist's wieder befestigt, fließt aber zurück, daß der Arm bloß bleibt u. jenes sich herab schlingt. Sanft u. naß fließt's also am Leibe hinab, daß hinten die nassen Falten liegen, bis über den Unterfuß; der Kopf scheint neu. Die Venus aus dem Bade hat das rechte Bein vorliegend, den Fuß hinter demselben dicht untergeschlagen, daß sie nur auf den Zehen stehet; das Knie kommt also schön hervor, u. das Bein geht in schöner Runde allmählich aufwärts. Der linke Fuß steht fest auf, also tritt Wade fest auf, doch aber ohne den Abschnitt der Heldenbeine, u. das Oberbein sieht man in seinem Hinterteil sanft bis zur nicht angedeuteten Scham herabgehn. Den linken Arm legt sie also über das linke Bein, daß die Finger sanft u. frei in der Luft hangen, getrennt auseinander. Damit zeigt sich die schöne Hand in loser Stellung u. der Arm in fester schöner Runde. Sie blickt zur Rechten, den Kopf sanft gebeugt; also auch rechte Schulter hinunter; den rechten Arm hält sie vor beide Brüste, daß Ellbogen gerade in die Mitte unter die Brüste kommt u. also beide bedeckt u. beschützt scheinen. Die rechte Hand geht also wie zur linken Schulter hinauf in sanfter Bewegung, als ob sie sie faßte; sie hält die Finger aber wieder frei in der Luft auseinander. Der Kopf macht also eine sehr sanfte Stellung, sich wendend zur Rechten, daß man gerade das Profil sieht; die Haare sind schön, über den Nacken gebunden, aber nicht herabfließend, der Nacken frei. Sieht man die Statue also von der Seite zur Rechten, so kommt das Gesicht hervor, die rechte Brust unter dem Arm wird sichtbar; man sieht die sanfte Krümmung des Leibes; die linke Hand hängt herab, u. die innere Weiche des linken Beins, die ganze schöne linke Hüfte, die auf dem linken Fuß ruht, wird sichtbar. Von hinten zeigt sich der schöne Hintere, ohne das, was unter ihm ist; ein schöner vorwärts gekrümmter Rücken, die linke Schulter höher als die rechte; die Haare, etwas von dem schöngebognen Gesicht, Augen u. Nase, u. die schönen Hüften unter dem sanften Leibe. Sie sitzt auf einem umgestürzten Kruge, unter den sich ihr linker Fuß stemmt; u. doch sitzt sie nicht, sondern scheint ihn nur mit dem Hintern zu berühren. Zur linken Seite sieht man die schöne Krümmung u. Hebung ihres Leibes, die linke Brust unter dem linken Arm, mit dem Ellbogen vorwärts, die vortreffliche reiche linke Hüfte, auf der sie sitzt mit allem schönen Reichtum der Weiche der untern Seite, die stehende Wade, das untergeschlagne rechte Bein u. die Finger der vorgebognen rechten Hand; dies ist wohl die ahndungsreichste, wollüstigste Seite. Indes da sie sich mit dem linken Knie auch wie zusammennimmt, so ist auch von ihr alles züchtig; denn eine Figur kann sich nicht mehr zusammennehmen, sich zu verhüllen, ob sie gleich nackt ist, als diese tut. Der rechte Arm deckt die Brüste, u. doch läßt sich die linke gerade zwischen den beiden Händen sehen. Der linke Arm ruht auf dem Bein, daß er die Scham verhüllen könnte; das Gesicht sieht weg; sie kniet, steht, krümmt sich zusammen, um sich zu verhüllen, tut also alles, was sie kann. Die Hände sind offen, eben wegen des Affekts, der im Bilde herrscht, einer künftigen Verhüllung wegen, u. eben dadurch zeigt sie am meisten ihren Liebreiz. Ihre Wendung wird schönes Profil, ihr Hals wird schön durch Biegung, die Schultern durch Herablassen der einen u. Erhöhen der andren, der ganze Körper durch Krümmung in sich, die Beine durch Verändrung, eines herab, das andre hinauf; eine Weiche frei, die andre aufliegend, so auch Wade, Fuß, Hände. Eine treffliche Statue in Vielheit der Andeutungen. Das rechte Knie liegt auch nicht dicht an der Erde (eine Stütze drunter); nur als ob's die Erde berühren sollte, vor Scham u. Verhüllung. Rechte Probe, wie Scham u. Denudation verschieden ist u. gegeneinander: so auch Scham u. Schönheit. Verhüllung u. Nacktheit streiten, was verhüllt werden muß, auf der höchsten Spitze des nackten Reizes. Die Jägerin Diana, nahe dem Meleager, in starkem, etwas zu starkem Schritt. Arme u. Füße in Bewegung, rechte Hand u. Arm nach hinten, linke nach vorn, rechter Fuß nach vorn, linker nach hinten; alles aber seitwärts. Beide Arme bloß, an den Schultern hört das Obergewand auf u. ist unter den Brüsten wie ein starkgeschlungner Gurt um den Leib gebunden. Brüste hinter demselben sind sehr schön, das Gehenk geht von der rechten zur linken Schulter, also unter der linken Brust weg; das Gürten des Kleides unter den Brüsten ist vortrefflich. Dies fliegt hinten, aber nicht wie bei Bernini; das Untergewand oder Hemdchen geht am Leibe, über den Beinen bis über die Knie, macht einen schönen Leib, schöne züchtige Falten zwischen den Beinen, geht an den Beinen glatt, hinten hangt's in Falten vom Leibe abwärts. Beine u. Waden ungemein schön; schöne nackte Füße; Sohlen über dem Fuß u. unter der Wade wie Halbstiefelchen gebunden, so daß Knöchel frei ist, u. auf dem Blatt nur ein Riemen. Ihr Kopf sieht zur Linken, wohin ihre Hand reicht, in der sie den Bogen hielt; hierin eine Schwester des Apollo, dem sie auch ähnlich im Tritt ist, nur jener simpler u. prächtiger. Ihre Haare schön in Furchen zurückgelegt u. oben wie beim Apoll, wie eine Lockenkrone. Der Satyr, dem ein Pan den Dorn aus dem Fuß zieht u. entsetzlich zu schreien scheint, als ob's weh tun würde, zeigt recht den Unterschied zwischen Pan u. Faun. Er hat Bocksohren, aber nicht Bocksschenkel; der Herausziehende hat dies, sein Gesicht ist auch viel länger u. endigt fast wie mit einem Bocksbart. Der Satyr sitzt auf der linken Hüfte; hält den rechten Fuß, als den verwundeten, in die Höhe, rechter Arm geht an ihm mit, daß er ihn über dem Blatt hält. Sein Gewand ist am Halse gebunden u. liegt hinten; den linken Fuß stützt er auf die Erde. Vor ihm kniet der Pan u. zieht ihm den Splitter mit großer Aufmerksamkeit heraus; er kniet auf dem rechten Knie, so daß sein Bocksfuß hinterwärts untergeschlagen ist, auf dem vorgestreckten Fuß des Fauns, den er also festhält; sein linker Bocksfuß ist vorgestreckt u. kommt also in den Schatten der Gruppe in ihre Mitte.   Aus dem Kapitol Sarkophag 1. Oben eine schlafende Figur, Mohn in der rechten Hand, die sanft über den Leib geht, die andre unter dem Haupt, ein Hündchen, sie ansehend, neben ihr in der Mitte, nahe der Hand am Mohn; oben am Kopf ein Genius, der einen Vogel hält u. gibt ihm Trauben zu kosten. Basrelief zu Füßen: ein Baum; zwei nackte Figuren wie Kind decken die Scham, das Weib steht tiefer als der Mann u. hat beide Hände über der Scham zusammengeschlagen. Der Mann steht auf einem Felsstück, bricht etwas von dem Baum u. gibt's dem Weibe. – Nun kommen die Zyklopen, die hämmern, u. gerade auf der Ecke des Sarkophags ist noch einer, der hämmert, so daß man offenbar sieht, daß die Fabel fortgeht. Vordere Seite: Dicht an ihm unten Amor u. Psyche, die sich küssen; u. über ihnen Neptun auf einem Wagen mit vier Pferden, das Steuer in der Hand: er bringt eine Psyche, die die Hand erhebt, als ob sie bittet (ist's eine Seele?). Unten steht eine Göttin mit dem Füllhorn, das zwei Genien ihr helfen halten; sie hält's mit beiden Händen u. sitzt, zurück – d. i. nach der Mitte des Sarkophags blickend, in sanfter Stellung. Oben vor den vier Pferden Neptuns geht eine Psyche, die eine Spindel in der Hand hält u. webet. Nun sitzt unten Prometheus u. bildet den Menschen; über u. hinter ihm eine Figur, die auf eine Kugel schreibt; die Kugel liegt auf einer Säule. Vor Prometheus auf einem Postement steht der gebildete Mensch; Minerva hinter ihm hält den Schmetterling über das Gebilde, das er noch in der Hand hält, so daß das fertige Gebilde zwischen beiden stehet. Der Schild der Minerva u. die Eule sind hinterwärts gearbeitet. Jetzt eine ganz verhüllte Figur so groß wie die Minerva, d. i. wie das ganze Basrelief. Sie steht wie die Mnemosyne da, die rechte Hand unter den Mantel zur linken Schulter geschlungen, die andre hangend unter dem Kleide: man sieht nicht, ob sie was hält; denn es steht hier der Genius mit dem Kranz u. der gesenkten Fackel über dem Leichnam des Toten: die Fackel ist auf der linken Brust desselben; das Haupt des Genius ist geneigt u. seine Hand auf der linken Schulter, die Füße übereinander. Über ihm eine fahrende Figur mit zwei Pferden, die sie mit Gewalt anhält; das Kleid fliegt um die Schultern, wie der Figur, die der Gott mit vier Pferden brachte. Es ist auch wahrscheinlich dieselbe Figur u. steht mit ihr in Symmetrie auf dem Sarkophag. Hinter dem Toten sitzt die Figur, die die aufgeschlagne Rolle in der Hand hält; ihre Füße sind auf das Lager gestellt, auf dem der Tote liegt; die Rolle ist fast über seinem Haupte. Die fahrende Figur zwischen beiden fährt aufwärts. Und nun vor den Pferden gleich ist die schwebende Seele, die Merkur empfängt; sie schwebt über den Schultern der sitzenden Figur, die da schreibet. Merkur ist im Gange u. nimmt sie sanft mit der Linken, indem er nach ihr zurücksieht; der Caduceus ist in seiner Rechten. Unten zwischen seinen Füßen steht ein Fruchthorn, das ein kleiner Genius umfaßt; er sieht zurück nach dem Haupt des Toten; nur die Füße der schreibenden Figur sind zwischen ihnen. Eine liegende Figur ist's, die das Fruchthorn hält u. gerade die Ecke der Vorderseite macht zur Rechten. Ihr Kopf ist zurückgebeugt durch den Fuß eines Mannes, der auch die Ecke macht u. ihr gerade auf den Kopf tritt. Es ist Prometheus. Der Geier steht auf seinem Knie u. pickt ihm den Leib mit den Brüsten in der Mitte. Der linke Arm ist gewaltsam auf die andre, d. i. die Kopfseite des Sarkophags gebogen, aufwärts u. angeschmiedet. Kopfseite: nun kommt Herkules mit einem entsetzlich großen Bogen, den Geier zu erlegen, u. er füllt fast diese ganze Seite, die schlecht gearbeitet ist. Hinter ihm hängt unten die Löwenhaut auf einer Säule; u. über dem Fell ist eine heranschwebende Figur, die zusieht; die rechte Hand gebeugt, als ob sie ein Horn in der Hand halte (wie ein Triton), um die linke scheint sich der Schwanz eines Seetiers zu schlingen, wenn es nicht ein vielblättriger Zweig ist. So gedrängt die Figuren sind, so sind sie doch mit einiger Symmetrie geordnet: so daß der bildende Prometheus u. Minerva in der Mitte sind mit den beiden Gebilden; u. die Psyche, die auf der Kugel schreibt, hinten ganz in der Mitte. Die Figur zur Rechten, die verhüllt ist, u. zur Linken, die die Spindel trägt; zur Rechten der liegende Tote mit seinem Genius u. die Figur mit der Rolle; zur Linken die Figur mit dem Fruchthorn u. ihren zwei Genien; oben die Wagen mit zwei u. vier Pferden wieder in Symmetrie u. dieselbe Figur darauf. Unten zur Linken Amor u. Psyche, zur Rechten der Genius mit dem Fruchthorn unter den Füßen des Merkur mit der Seele. Die hämmernden Zyklopen an der einen Seite; Prometheus an die andere gebunden. Sonderbare Allegorie, gewiß aus späten Zeiten, ganzes Poem. Sarkophag 2. Amor {darüber geschrieben: Genius} auf einem Wagen mit zwei Pferden; u. ein kleiner Amor, der sie mit Gewalt am Zügel zurückhält: er stützt den Fuß auf den Hals des einen Pferdes u. hat die Fackel auf der rechten Schulter. Auf dem Wagen ein großer Genius, der zurücksieht, geflügelt, faßt mit der Rechten den Wagen, mit der Linken unter dem Kopf. Er steht vorn im Wagen, der aufwärts gelehnt steht. Aus ihm ist Diana getreten, die sanft den Endymion beschleicht. Der Halbmond ist auf ihrem Haupt, ihr Kleid flattert, der Schleier flattert, der sich um die linke, zurückbleibende Hand schmiegt, um die rechte vorwärts schlingt er sich, u. sie hält ihn. Amor geht voran u. faßt sie am Schleier, sieht nach ihr zurück, als ob er spräche: »Komm«, macht einen großen Tritt u. hält in der Rechten die Fackel hoch oben. Über ihm eine schwebende weibliche Figur, die nach der Diana sieht u. mit ihr spricht, mit der Rechten auf den schlafenden Endymion herabweiset; in der herabgebeugten ruhenden linken Hand, auf welche sie sich, weil sie sitzt, stützt, scheint sie einen Kranz zu halten, u. ist gerade in der Mitte des Basreliefs. Nun beginnt die Gegenseite, da auch die Figuren nach andrer Seite gewandt sind. Endymion schläft, die eine Hand unter dem Haupt, das Haupt gesenkt, den rechten Arm gesenkt. Er schläft im Schoß einer männlichen schönen Figur, die mit der Linken sein Gewand um die Scham aufhebt, als ob sie ihn sanft entblößte; die rechte Hand Endymions hängt über dem rechten Bein dieser Figur hinunter. Er ist wie ein Gott im Gesicht, die Haare wohl gearbeitet, ein Flügel an der rechten Seite merklich. Er stützt sich auf den rechten Arm mit Gewalt, um den Endymion zu halten, u. sieht auf das Gewand, das er hebt, hinunter. Wahrscheinlich Morpheus, welche schöne Idee Zug für Zug mit Schoß, Halten, Entblößen, stillem Herabsehen u. so fort. Der Hund liegt unter dieser rechten Hand des Mannes, scheint zu schlafen, hat aber den Kopf gegen Endymion zu. Nun liegt ein umgestürzter Term, u. denn steht ein Baum. – Oben u. an beiden andern Seiten sind Meerungeheuer zur Verzierung. Sarkophag 3. Desselben Inhalts, viel größer. Zur Rechten (Morpheus) ein Alter: der stützt sein bärtiges Haupt auf die Linke, hat zwei Flügel auf dem Kopf u. an den Schultern Schmetterlingsflügel; der andre Arm auf einem Vorsprung ruhend, der über dem Endymion weggeht u. auf dem noch die zwei folgenden Figuren stehen. Er ist bekleidet u. kommt über den Vorsprung nur halb hervor, aber eine große Figur. Neben ihm auf ebendiesem Vorsprung ein Alter, der ganz u. nur halb so groß ist als Morpheus. Er scheint ein Schaffell auf dem Schoß liegen zu haben, die rechte Hand auf den Fels gestützt, auf dem er sitzt; sein Gewand ist zweimal um sie geschlagen. Er sitzt mit vorgebeugtem Haupt wie in Gedanken. Der Dritte auf dieser Erhöhung ist Amor; er hält mit der Linken die Fackel über der Schulter, mit der Rechten faßt er den Schleier, der rings über ihrem Haupt schwebet (schöne Idee dieser Schleier, für unsichtbare Figuren). Unter dieser vorgehenden Abteilung schläft Endymion, auf den linken Arm gestützt, die Rechte über das Haupt erhoben. Ein Amor schwebt über ihm; ein andrer steht neben ihm u. entblößt ihn sanft. Diana schleicht zu ihm; eine große Figur, so hoch wie der Sarkophag; rings über ihrem Haupt schwebt der Schleier, den sie in der rechten u. linken Hand hält; sie sieht den Endymion u. setzt den linken Fuß sanft im Tritt voran, der rechte steht noch im umgekippten Wagen. Die zwei Pferde stehn also in der Mitte; ein Amor hält sie mit Gewalt zurück. Er sitzt auf dem Pferde, das vorn steht, blickt also schon zur Linken; der Amor aber, der über ihm schwebt u. den Schleier hält, sieht noch zur Rechten. Hier ist also die Mitte des Basreliefs. Über dem zweiten Pferde ist hinten eine Figur, die zur Linken des Basreliefs sieht, eben so mit dem fliegenden Schleier über dem Haupt als dort die Diana. (Sollte sie es selbst sein, in der Mitte der Zeit, um zu zeigen, daß sie nur einen Augenblick dort sei u. gleich zurückkehre?) Nur ihr Oberleib ist sichtbar. Vor den Pferden geht ein geflügelter weiblicher Genius mit einem Kranz in der Rechten, mit der Linken, als wollte sie die Pferde anfassen u. zurückführen. Sie ist geflügelt u. sonst bekleidet wie eine Nymphe der Diana. Nun sitzt ein Hirt mit einer Schale, der einen Hund tränkt, zur Rechten gekehrt; hinter dem Hunde u. über ihm sind Schafe u. Ziegen. Der Vorsprung ist wieder da (um die Entfernung auszudrücken), u. die Schafe u. Ziegen klettern teils, teils liegen sie auf demselben. Jetzt geht Diana wieder zurück mit ihrem Wagen u. hält selbst die emporstrebenden Pferde. Sie sieht sich leise um, ob sie auch jemand gewahr worden, u. faßt den Zügel mit beiden Händen. Der schwebende Schleier ist wieder über ihr, Amor fliegt zu ihr u. zu den Pferden mit der Fackel, sieht auf sie zurück; u. unter den Pferden eine heraufblickende Figur, die Augapfel (Punkte) hat, heraufblickt u. die eine Hand aufhebet. Auf die andre scheint sie (dem Armknochen nach) sich zu stützen; u. der Schleier fliegt um sie wie um die Diana. Nur die linke Hand u. der Oberleib ist sichtbar; wo sie sich verliert, sind Punkte ausgearbeitet (ob's Wasser wäre?), es geht aber bis unter den Hirten, der den Hund füttert, so punktieret. Die ganze Seite ist voll Symmetrie. Die Figur mit dem Kranz ist in der Mitte, die kommende u. rückgehende Diane auf beiden Seiten; aber auch bei der kommenden stehen die Pferde zur Linken, als ob sie nur einen Augenblick da sei u. sehe. Hinter der Figur mit dem Kranz u. Hirten steht ein Baum. Auf der Kopfseite ist ein Jüngling mit übergeschlagenen Beinen, auf eine Keule gestützt, die er in der rechten Hand hält; die linke unter dem Haupt. Neben ihm eine Kuh schlafend, eine andre ruhig stehend, oben über ihm ein Schaf schlafend, alles schlecht gearbeitet u. zuletzt ein Baum. Auf der anderen Seite nichts gearbeitet. Auf dem Deckel vorn nach den Abteilungen der Felder zur Verzierung: α. Pluto u. Proserpina, sitzend auf Thronen, Szepter in der Hand, neben Pluto der Cerberus u. ein Opferaltar, neben Proserpina ein Genius, der was in der Schale bringt, u. ein Leuchter oben brennend, β. Nun ein Feld zur Linken: Ein Merkur im Schritt zu Pluto, in der Linken den Caduceus. Er blickt zur Linken, in der Rechten eine Rute oder Stecken, γ. Nun zur Linken, Mann u. Frau auf einem langen Sofa; die Frau schlägt die Hand dem Mann um die Schulter, der Mann wendet den rechten Arm zu ihrer Hand; die linke Hand beider ruht. Zwischen ihnen u. dem Felde, wo Merkur ist u. zurücksieht u. zu Pluto geht, ein Hund, der sie treu ansieht. δ. Auf dem andern Felde symmetrisch mit β. eine verhüllte Figur, sie scheint in der rechten Hand unter dem Gewande was Rundes zu halten, ε. Weiter zur Rechten symmetrisch mit γ. sind fünf Figuren, die mittelste die größte, weil oben der Deckel spitz ist; sie hält ein Fruchthorn in der Linken, eine Waage in der Rechten. Ihr zur Rechten eine Figur mit der Spindel, sie sieht auf jene, ihr ins Gesicht, aufwärts. Ihr zur Linken eine Figur mit der Rolle, aufgeschlagen, blickt vor sich. Dieser zur Rechten kniet der Mann mit einem Fuß, der andre steht, mit aufgehobnen bittenden Händen. Nächst jener ein Weib in ebender Stellung, auch bittend, nur bescheidner, die Hand nur bis zur linken Brust erhoben. Treffliche Symmetrie im Ganzen. Sarkophag 4. Die Musen: 1. Mittlere hat sich mit dem Arm auf einen Felsen gestützt, den Kopf in der linken Hand, den rechten Fuß über den linken geschlagen; eine schöne Stellung, hörend oder denkend. 2. Vor ihr zur Rechten eine mit zwei Flöten in beiden Händen; sie steht gerade u. sieht zur Rechten. 3. Vor ihr eine, die sie ansieht, die Hand auf dem Altar, der zwischen beiden ist, u. die zweite stützt ihre Flöte auf die Hand dieser; mit der andern hält sie vorn ihr Gewand am Halse, ist bis unten bekleidet. 4. Die folgende ist nur bis an die Knie bekleidet, in der Linken eine Maske, in der Rechten einen krummen Stab. Das Obergewand um die linke Schulter geschlagen; an ihr zur Linken ein Altar. 5. Weiterhin zur Rechten die letzte Figur, mit der Rolle, einen Fuß über den andren, rechte Hand hält das Gewand am Busen, linke eine Rolle über einem hohen Altar. 6. Jetzt zur anderen Seite der Mitte die liegende Muse. Eine geradstehende schöne Figur: sie liest in einem kleinen Tafelbuche, das sie in der Linken hält, Rechte mit spitzem Ellbogen rückwärts über der Hüfte der mittlern, nur nicht auf ihr; sie hält was in der Hand, als ob sie sich hinterwärts worauf lehne, u. blickt zur Linken des Basreliefs. 7. Folgende ganz zur Linken gestellt, fast im Profil, mit der großen Leier in der Hand; die rechte Hand also quer u. ganz sichtbar. Sie hat einen Mantel, der hinten prächtig herabfällt, das Haupt bekränzt. 8. Folgende ist zur Rechten gewandt, stützt auf die Linke das Haupt, in der Rechten einen Stab, weist auf die Kugel, die ihr zu Füßen liegt; die Füße übereinander; die Haare hinten so gebunden wie die mittlere Muse, die sich aufgestützt hat u. denket. 9. Ihr gerade entgegen die letzte, tragische Muse. Maske als Helm auf dem Haupt, den rechten Fuß auf einem Felsen, die rechte Hand auf dem Knie, das Kinn in der Hand, den linken Arm hinter dem rechten verborgen, sehr simpel in Falten, bis hinab bekleidet; eine treffliche Figur. – Oben auf dem Deckel mancherlei liegende Figuren, männliche, weibliche, alte, junge, in mancherlei Stellungen etc. Der sogenannte Pankratiast steht mit dem linken {Fuß} auf dem ...; den rechten Arm auf dem Knie, das Gewand über dem linken Knie; Oberleib nackt u. schön; rechter Arm neu; Gesicht horchend; Kopf klein, Haar kurz, Ohren dicht an; alles wie Helden u. Kämpfer, deren Ideal Herkules zu sein scheinet. Kopf etwas zur Rechten gewandt, Gewand über der Hüfte. Er steht auf dem rechten Bein fest; eine sonderbare, kühne, aber doch korrespondierende Stellung durch Aufheben des einen Arms u. Auflegen des andern. – (Vermutlich Helden u. Kämpfer in mancherlei Stellungen, wie Akademie gleichsam.) Aus dem Museum Clementinum oben Larven, stehend u. sitzend; dort auf einem Fuß aufstehend, hier den einen über den andren geschlagen, mit einer Art Pelz, alte Figuren. Bacchus stehend, Haare an beiden Seiten wie eine lange Locke auf die Schultern hangend, ein Gefäß in der rechten Hand, den Thyrsus wie einen langen Stab in der linken, neben ihm ein Tiger, der den Kopf aufhebt, ihn anzusehen. Schönes Körperchen, ein schöner Kopf, schöne Haare, oben auf der Stirn unter den Haaren wie eine Binde, das Haar hinten aufgebunden, über dem Haar, das wie ein Kranz ist, ein Efeukranz; alles halb weiblich. Ein größerer Bacchus, auf dem linken Fuß stehend, den rechten ruhend, rechter Arm erhoben u. eine Traube haltend, linke Hand nieder, eine Schale haltend in der Mitte des Leibes, Haare in Locken zu beiden Seiten über der Schulter bis an die Brust. Er blickt zur Rechten, ein unschuldig-schöner Jüngling, feine Binde auf der Stirn unter dem Haar, mit Trauben sein schönes Haar umflochten, daß Trauben zu beiden Seiten wie ein Kopfschmuck an den Ohren herabhängen. Sein Gesicht sehr kenntlich zwischen Jüngling u. Jungfrau; ein schönes, volles Kinn, breitliche Stirn, lange wohlgeöffnete Augen, Körper rundlich u. gar schöne Hüften. Der Merkur gegen ihm über, schlecht u. stark restauriert. Sein Körper in schönem Stil, aber schlechter Arbeit, etwas zurückgebogen, härter, steht auf dem rechten Fuß, den linken ruhend, Gesicht u. Haare lange nicht so schön. Nemesis steht fast gerade, rechter Fuß etwas voran ruhend, daß das Knie unter dem Gewand merklich. Langes Gewand bis zu den Füßen; nur Zehen sichtbar u. am großen Zeh der Riemen des Sandals. Rechter Arm hängt am Leibe herab (ungeschickt u. neu), das Alte nur über dem Ellbogen, daher man nicht weiß, was sie gehabt hat. Das Oberkleid, das von der Schulter herabgeht, faßt sie mit der Linken u. hält's aufwärts, der Arm nackt, das Kleidchen bis zum Halse, Köpfchen sanft vor, etwas nach der Linken, weil der linke Arm die Bewegung macht. Haare mit einem Bande umbunden, stark, schön, simpel, gehn über die Ohren oval. Ceres ihr gegenüber: ein abscheulich langer Hals (schlecht aufgesetzt), Haare in langen, breiten, schönen Furchen hinaufwärts, hinten gebunden; sie blickt ernst zur Linken, ein Matronengesicht, etwas breitlich, stark bekleidet, nur die linke Brust bloß, das Oberkleid von der rechten Schulter über den linken Arm hinunter, in dem sie die Früchte hält; steht auf dem rechten Fuß, linker ruhend, daher sie den rechten Arm an die rechte, etwas vortretende Hüfte sanft lehnet, aber unter dem Kleide. Das untere Gewand bis zu den Zehen, das andre wie ein Mantel drüber. Ein kleiner Caestusschläger mit geballten, umschnallten Händen, eine erhoben, die andre links an der Seite, tritt mit rechtem Fuß vor, dünnes Haar, anliegende Ohren wie Fechter. Ein kleiner Phokion, eben in der Stellung wie der große; ganz antik, in der Linken hat er das Heft, unten sind nur die Füße neu. Der Hermaphrodit, eine schöne leise Stellung, linker Fuß voran, rechten hinter sich ziehend auf dem Zeh, sehr leise wie eine Erscheinung; der Körper etwas voran, das Gesicht vor sich hin sehend, außerordentlich unschuldig, ein schönes Oval, schöne wohlgeschnittene Augen, Kopf etwas gesenkt, ein klein wenig zur Linken. Er erscheint wie gewaschen, milchrein, unschuldig. Die Haare über die Stirn schlicht herabgekämmt, das Ohr frei; denn wieder schlicht gelockte Haare dicht am Halse, aber nicht bis zur Schulter. Weibliche Brüste; der übergeschlagne Saum des Hemdes geht von der linken zur rechten Schulter unter der Brust; denn ein breiter dünner Gurt, dicht anliegend, u. nun geht's dicht anliegend mit dünnen Falten bis zur Mitte des halben schönen Beins hinunter. An der linken Schulter ist's wieder in Falten zurückgeschlagen, daß der Arm nackt u. frei ist. Rechter Arm nach unten vom Leibe weg in sanft-leiser Stellung, linker höher, auch vom Leibe weg, Finger aus einander, wie ein kommender Geist, wie ein nahender unschuldigwollüstiger Gedanke. Das faltige Hemdchen zwischen den Beinen geht sanft einwärts; voraus sollen unter ihm Spuren des männlichen Geschlechts gewesen sein, die weggebracht sind. Eine außerordentlich liebliche Gestalt. Neben ihr ein Tronk vom Baum, auf dem ein Palmzweig gebildet ist, also ein Palmbaum, das Ende vom wegstehenden Hemdchen reicht oben zu ihm. Die Statue soll nur von vorn gesehen werden; hinten ist der Rücken zwar schön, aber der Hintere unter dem Hemdchen nicht gebildet. Gegen ihm über eine (schöne Venus oder) Atalanta mit dem Apfel in der Hand, ganz u. doppelt bekleidet, ein schönes ernstes Gesicht; den Apfel reicht die rechte Hand vor sich, die linke hält wie ein Stäbchen oder Griff; Haare oben wie eine Krone; sie steht auf dem linken Fuß, den rechten vor sich, daß das Knie unter dem Gewande vorblickt. Nur die Arme sind bloß, das Obergewand unter der Hüfte über den linken Arm geschlagen u. hinten herabhängend. Satyr mit einem Böckchen im linken Arm u. dem Hirtenstab in der Rechten. Schöne Jägerin Diana, kleiner als die beide unten, fast gerade stehend, wenig im Schritt, steht auf dem rechten Fuß, den linken etwas ruhend. Rechter Arm sanft über die Schulter gebogen, als ob sie einen Pfeil aus dem Köcher über die Schulter herausziehe, linker Arm am Leibe, hält den Bogen, der da ist u. mit dem einen Ende auf die Erde reichet. Das Hirtenkleidchen ist vom Arm zurückgestreift, daß beide bloß sind; es geht bis zum Knie in schönen Falten; ein andres Gewand ist unter den Brüsten wie ein Gürtel zusammengeschlagen. Unten Halbstiefeln, die den Fuß freilassen u. nur Riemen sind; der Hund heult zu ihr hinauf, ihr dicht am Leibe; das Kleid sehr wohl geordnet, daß es ein rechter Schmuck ist, wie die beiden Zipfel vorn herabhängen. Das Haar sehr schön zurückgebogen wie eine Krone, oben Locken wie Flämmchen, zwei zur Rechten, zwei zur Linken. Gegenüber eine andre Diana, fast ägyptisch, d. i. schmal, lang, das Kleid dicht am Leibe, den rechten Fuß fast ägyptisch gerade voran, den linken zurück; Köcher unter dem linken Arm an der linken Hüfte dicht herabhängend, linken u. rechten Arm am Leibe. Die Hände ab vom Leibe, die linke hält wie ein Heft oder so was, die rechte offen in einer Stellung, als ob sie sich beklagte oder spräche. Der Kopf etwas zur Rechten, erhaben u. etwas rückwärts, Mantel über den Schultern in Mitte des Halses auf der Brust geschnallt, hängt hinten herunter, das andre doppelte Gewand liegt dicht an u. geht bis zu den Füßen hinab, eine Falte zwischen den Füßen herabhängend. Ein Halbmöndchen auf dem Kopf; schönes Haar u. Gesicht, wie sprechend u. sich beklagend, daher auch vielleicht die ganze Gestalt also. Ein Hund springt ihr ans rechte vorstehende Knie auf, hebt die linke Tatze, als spräche er mit ihr teilnehmend. Rechte Hand niedriger, linke höher, eine sprechende Stellung also. Eine Kaiserin als Mnemosyne mit großem Kopfputz. – Ein junger Römer, stark bekleidet. – Noch ein Bacchus mit Gefäß u. Traube, mit Weinlaub u. Trauben bekränzt, Tiger, rechter Arm, der das Gefäß hält, auf einen Baum gelegt. Sitzende Figur mit einer Mauerkrone, rechter Fuß über den linken geschlagen; sie tritt auf einen Mann, der mit halbem Leibe ihr unter den Füßen hervorkommt, den Kopf aufwärts zurückschlagend, die Brust vorwärts, die Hände auseinander, sie anflehend; sie tritt ihm auf die rechte Schulter. Den rechten Arm hat sie aufs rechte Knie gestützt, Ähren in der Hand; mit dem linken hält sie den Fels, auf dem sie sitzt; das Kleid zieht sich daher in Falten zu diesem Arm hinunter, u. linker Fuß wird gar nicht sichtbar. Hinten fällt ihr ein Schleier zur Rechten vom Haupt, der vorn am Halse von der rechten zur linken Schulter geht u. da wieder zurückfällt. Sie blickt etwas zur Linken; eine majestätische Figur: ernst, eine Siegerin. Eine weibliche Figur mit einem großen Kranz in der Rechten, den sie vor sich hält, steht an einen Baum gelehnt, den linken Arm über den Kopf haltend, ruhend. Sie ist geflügelt, steht auf einem Schilde oder einer Maske; das Kleid, unter dem Unterleibe umgeschlagen, fällt links herab, daß also Oberleib u. linke Hüfte ganz nackt sind, nur der Unterleib vorn bekleidet, doch so, daß der vorgestreckte linke Fuß auch unter dem Gewände ganz sichtbar bleibet. Über dem linken Arm hängt das andre Kleid in langen Falten hinunter. Kleiner Amor mit zwei Fackeln. – Kleiner Amor mit einer Fackel u. Delphin. – Vielbrüstige Diana. – Ihr gegenüber das Ungeheuer, mit Schlange umwunden, geflügelt, mit großen Flügeln. Fünfmal schlingt sich die Schlange um den Leib, von den Füßen bis zum Haupt; der Kopf der Schlange kommt mitten auf der Stirn des Löwenhaupts hervor. Der rechte Arm ist erhoben u. hält den Stab; der linke weniger erhoben, auch etwas haltend. (Winckelmanns »Monumenti«). Ein schöner kleiner Krieger mit Schild u. Stab. – Ein Baum mit zwei Stämmen, auf jedem ein Nest mit fünf kleinen Jungen. Zwei schöne Leuchter, unten mit Basrelief auf einem Dreieck: Auf einem Jupiter: er steht u. geht zur Rechten, Vorderleib ganz sichtbar, steht auf dem rechten Fuß, den linken vor sich, rechte Hand hängend, hält den Blitz, linke erhoben, den langen Szepterstab, so daß die Hand der Schulter gleichkommt; auf der linken Schulter das Gewand, das herabsinkt. Der ganze Körper nackt; vom Haar eine lange Locke über die rechte Schulter; Jupitersbart, Gesicht, Diadem, Haare, Brust, über der Scham Haare. Juno geht zur Linken, daher rechte Hand von hinten, den Stab haltend, an dem sie geht u. der größer als sie ist. Ihr Gesicht im Profil; sie hat das Diadem, ist ganz bekleidet; die linke Hand hält das Gewand aber am Leibe u. in ruhiger Stellung; sie ist stark bekleidet u. nur die Zehen sichtbar. Merkur, von hinten sichtbar drei Viertel vom Körper. Linke Hand trägt Schale vor sich gerade, er sieht auf sie, als ob sie voll sei; kleiner Merkurskopf u. Hut, rechter Fuß voran im Gange, hinter ihm gearbeitet ein Bock, den er mit der Linken am linken Horn hält zum Opfer. Das Gewand über die Schulter geschlagen, hangt hinterwärts, Körper nackt. Auf dem zweiten {Leuchter} Venus, eine Blume in der Hand, mit dem Vorderleibe sichtbar, im Profil; sie sieht nach der Rechten, linke Hand hält die Blume vor sich, rechte Hand faßt das Gewand, als ob sie's trüge. Daher schöne Falten: das Oberkleid fliegt von der Schulter weg, das Kleid über dem Oberarm in schöne Schleifen gebunden, der Unterarm bloß, auf dem Kopf das Diadem; eine schöne Figur im Gange zur Rechten. Minerva (Medica) geht zur Rechten, die rechte Hand trägt eine Schale mit der Schulter gleichsam; aus der eine Schlange trinkt; die Schlange hat sich um sie geschlungen von unten herauf, daß am Fuß das Ende derselben. Die linke Hand kommt hervor u. faßt die Schlange, diese geht dem erhobnen Arm, der die Schale hält, sanft nach in Ringen. Sie hat den Helm auf mit Sphinx u. zwei geflügelten Pferden, hinter ihr hängt der Panzer (Pichler {hat} sie gestochen). Mars im Profil von hinten sichtbar, den Spieß in der Linken, Kleid über den Schultern um den linken Arm geschlungen, herabhängend, daß Körper nackt, die rechte Hand in der Seite, er blickt zur Linken, linker Fuß vor. Leuchter mit Basrelief viereckig: Minerva, was Rundes in der rechten Hand, die linke, zurückgebogen, hält den Stab, gehend, bis unten bekleidet, von hinten sichtbar. Jupiter von vorn sichtbar, in der Rechten Strahl, links den Stab, fast ganz gerade. Venus, im Profil das Gesicht, den Leib von vorn, beide Hände fassen jede eine Locke, Oberleib sanft etwas zur Linken gebeugt, Gewand über den Hüften fällt lieblich zwischen den Beinen hinunter. Oberleib ganz u. auch der Leib sichtbar, nur Scham u. Beine verhüllt. Apoll auf einen Baum gestützt, von vorn, aufrechten Arm gestützt, Beine übereinander, Linke hält einen großen entspannten Bogen, ganz nackt. Im Museum, wenn man von oben kommt, vor der großen Rotonde Eine sitzende Muse, bekränzt, in der Linken die Rolle zur Schulter erhoben, die Rechte auch vom Leibe ab, rechte Schulter etwas vor, ganz u. schön bekleidet, daß nur die Arme bloß sind; sie sitzt recht majestätisch u. doch sonderbar zierlich, das linke Knie u. Fuß etwas voran, unter den Brüsten, die majestätisch unter dem weichen Gewände sichtbar sind, schön gegürtet, weiche u. schöne Falten im ganzen Kleide; eine treffliche Stellung, ein schönes ernstes Gesicht, Haare hinten in Locken herabfallend; das Anziehen des rechten Fußes ist gar schön. Muse mit der Leier steht u. sieht vor sich; Linke hält die Leier, Rechte hangt; der Mantel hinten herab; bekränzt, unter der Brust gegürtet ihr kleines Wämschen. Venus aus dem Bade, stehend, das Gewand zusammengenommen, über der Scham haltend; es fällt zwischen den Beinen in Falten hinunter; nur das linke Knie blickt vor; sie steht auf dem rechten {Bein}. Die linke Hand zurückgelehnt, hält ein nasses Gewand; rechte Schulter sanft vorwärts; das Haar zurückgekämmt u. gebunden, der Rücken u. Hintere ganz bloß, so daß das Gewand noch etwas von den Beinen unter dem Gesäß sehen läßt; das Gewand Kupfer. Juno mit der Schale u. Szepter: Rechter Arm hält dieses, sich erhebend, linker Arm die Schale herabwärts. Dieser Arm also etwas nach hinten. Sie steht auf linkem Fuß, den rechten vor, schön bekleidet, Brüste unter dem Gewände schön merkbar, nur die Arme sind nackt, unter dem Oberleibe ist das Gewand in Falten quer übergeschlagen u. zur Linken hinabfallend; sie sieht etwas zur Linken. Das Diadem auf ihrem Haupt. Fortsetzung der langen Galerie des Museums Die sogenannte Dido, eine sitzende Figur, die sich auf die Linke stützt, sie sitzt sehr schön: die linke Schulter hoch, weil der Arm auf sie gestemmt ist; das Gewand läuft von der rechten zur linken Seite unter der linken Brust herunter, die bloß ist. Das linke Knie kommt voran, das rechte höher u. sanft zurückgezogen, schöne Falten zwischen den Knien, an der Brust, am Unterleib; rechter Arm beinah auf dem rechten Bein, nur nicht aufliegend, die Hand etwas erhoben, der Oberarm bekleidet; sie blickt zur Linken herab; ein schöner Kopf mit schönem Haar. Schöner liegender Bacchus, mehr zurückgebeugt als jene, denn er liegt wollüstig. Die linke Schulter u. linker Arm ganz mit Gewand überhangen, daß nur die Hand vorkommt, die einen Krug umfaßt, der Kopf ein wenig gebogen, der Leib sanft, schlank, fast weiblich. Ein Gewand über dem Schoß, schlanke Füße, unten übereinander; der Kopf macht ein schön Profil, mit Trauben bekränzt u. Weinlaub; rechter Arm liegt sanft auf dem erhobnern rechten Bein über dem Gewände, die Finger ruhig auseinander. Trajan sitzend, Kugel in der Linken, Rechte kaum erhoben u. den Finger regend, Kopf fast gerade, rechter Fuß zurückgezogen auf dem Tritt, linker vorwärts, Mantel über den Schoß geschlagen. Schöner Genius, sieht zur Rechten, sehr lieblich. Ein schönes längliches Köpfchen, Arme an beiden Seiten, soweit sie da sind, gerade herunter, schöne Brüste, Leib: bis unter die Scham ist er da, diese schön u. ruhig; eine liebliche Erscheinung. Triton, sieht aufwärts, Kopf zur Rechten; scharfe, feste Augenknochen, Furche quer über die Stirn, wie leidend, schreiend, als ob er hinten gebunden wäre; das Fischgewand über den Schultern, vor der Brust zusammengebunden, scharfe Brustknochen, scharfer Hals, aber sehr schön alles gearbeitet, sonderbar charakteristisch. Nymphe mit dem Gefäß, das Gewand unter den Lenden, Körper schön gebogen, kleiner Kopf, Haar nicht gebunden, linke Schulter voran mit dem linken Arm, sie hält das Gefäß mit beiden Händen, eine schöne Sklavin. Villa Borghese Zwei Amors mit Weinlaub bekränzt: einer melkt eine Ziege, die sich zurücklehnt u. den Mund öffnet voll süßer Empfindung. Sie ist auf den Vorderleib gestreckt, den rechten Vorderfuß untergeschlagen, den linken Vorderfuß vorwärts gestreckt u. wollüstig eingebeuget, den Hinterleib erhoben. Der melkende Amor ist auf ein Knie; beide Hände der Ziege unter dem Leibe. Der andre zur Rechten trinkt sehr begierig aus der Schale, den Kopf rückwärts gebogen. Die linke Hand hat er am Schwänzchen der Ziege, das auch erhoben ist u. sich wollüstig kräuselt; eine schöngeründete Gruppe. Drei Amors geflügelt, auf einem Tisch schlafend. Einer auf dem Rücken, den Kopf auf den Beinen des andren. Zwei auf der linken Seite, einer den Kopf auf des Mittlern Leib. (Diese Gruppe, mehrmals im Palast Giustiniani, soll die älteste sein, nach der die andren.) Venus, sitzend auf der linken Hüfte, eine Muschel in der rechten Hand, die quer hinabgeht in sehr sanfter Linie zur Linken. Sie dreht also auch den Kopf zur Linken, stützt sich auf die Linke, linke Brust offen, das Gewand darunter wie ein Hemdchen herabfallend mit übergeschlagnem Saum. Dies Hemdchen geht über den Unterleib, fällt zwischen den Füßen, mitten auf den Beinen herunter, Beine, Knie nackt, das rechte sanft über dem linken, daß beide Knie u. Füße liegen; der rechte Fuß geht über den linken weit nach hinten, an der rechten Hand teilt sich das Hemdchen u. geht hinunter, daß sie daraufsitzt, u. es liegt gespreitet an der Erde. Eine sanfte, schöne Bewegung des Leibes; die Hände, auf die sie sich stützt u. die Schale hält, sind wie eine sanfte Bedeckung. Eine liebliche Figur, die Haare mit einem Bande gebunden. Ein Amor, den linken Fuß auf den Sitz gestellt, Hände auf das Knie übereinander gelegt, blickt schalkhaft zur Rechten. Bacchus mit dem Silen, jener gar schön u. süß, Binde über der Stirn unter dem Traubenkranz, der zu beiden Seiten herabhängt. Die Linke, hocherhoben, hält eine Traube, die Rechte eine Schale. Die rechte Hüfte gleich. Er steht auf dem rechten Fuß, die Hüfte sanft herausgebogen, das linke Knie vorwärts. Schöne Brust, schöner Körper. Silen hat ihn mit dem rechten Arm umfaßt, biegt den Körper zur Rechten mit trunknen geschloßnen Augen, den Schlauch in der Hand, das rechte Knie vorwärts. Ein dicker, stark haariger Körper, am Halse, Brust, Scham, Bauch haarig; ein Fell von der rechten zur linken Schulter. Eine kleine Ceres sieht zur Rechten, weiset mit der rechten Hand, über die das Gewand geschlagen zur Linken fortläuft. In der Linken die Ähren in Mitte des Körpers; der Schleier läuft vom Kopf über die rechte Seite unter die linke Brust über den linken Arm. Gerade u. simpel von Haupte. Kopf etwas vor. Ein sitzender Philosoph, sehr schön, rechter Fuß etwas vor, rechte Hand auf dem rechten Knie liegend, umgewandt, Finger in die Höhe, als ob er zählte. Linke Hand unter dem Mantel. Dieser nur umgeschlagen vom Rücken wie ein Tuch, daß man die nackte Brust u. das Innere des rechten Arms sehen kann; der Mantel umhüllt ihn nur. Gerade vor sich den Kopf gebeugt, sehr charakteristisch. Ein Jupiter sitzend; mit der Rechten faßt er das Gewand auf dem Schoß (das neu ist), linker Arm mit dem Blitz erhoben (auch neu), nur Brust, Leib u. Beine sind alt, Kopf, Hände, Füße neu u. schlecht. Drei Grazien, zwei stehen vorwärts: rechte sieht zur Rechten, linke zur Linken, mittlere, die sich von hinten zeigt, zur Linken. Rechte hat Blumen u. Früchte in der Rechten; ein Armband um den etwas nach hinten gebeugten Arm; die linke Hand legt sie der mittlern auf die linke Schulter. Die mittlere legt die linke Hand auf die rechte Schulter der rechten, daß der Arm bis auf die Brust dicht anliegt; mit der Linken greift sie quer über den Leib der linken unter ihrer linken Brust zu ihrem linken Arm, der auch Früchte hält, so daß Arm u. Finger übereinander liegen. Schön ist diese Berührung an Schultern, Brust, Händen. Die rechte steht auf rechtem Fuß, den linken zurückgezogen, vorgebogen, anschmiegend; die linke auf dem linken Fuß, mittlere auf dem rechten. Auf beiden Seiten zwei Tronke, auf denen das Gewand liegt. Sie stehen alle drei fast in gerader Linie, außer sofern die Stellung ein kleines Unebenmaß notwendig machte. Eine kleine Venus: mit der Rechten faßt sie das Gewand, das aber nicht über die Schulter, sondern vor dem Vorderarm in die Höhe hebt; es fällt hinter dem Ellbogen hinunter. Die linke Hand liegt auf einem Gefäße u. hat ein nasses Tuch unter sich. Sie steht auf dem rechten Fuß, den linken stark vor sich; da kommt nun das Gewand, das sie mit der Rechten aufhebt, über die linke Hüfte u. fällt unter der Scham zwischen den Beinen hinunter u. ruht auf dem ziemlich stark vorgehenden linken Bein, das deswegen erhoben steht auf einem Blöckchen; eine graziöse Stellung. Sanft u. nicht zu viel geht die Hüfte vor, schön biegt sich der linke Fuß etwas vorwärts. Ein dünnes Gewändchen ist um ihren Leib, nur linke Brust ist bloß u. Schulter, so daß von der rechten Schulter unter die linke Brust es zurückgeschlagen ist. So auch unter dem rechten Arm, der auch ganz nackt steht, nur Armband; bis zu den Zehen läuft das Hemd hinunter. Sie hat den Kopf zur Linken, gleichsam von der Handlung des Aufhebens weggebogen, nur gerade; eine süße harmonische Stellung von unten bis oben. Der Hermaphrodit am Fenster steht ganz gerade, den Kopf gerade; das Haar von einem kleinen Scheitel auf beide Seiten schön gearbeitet, das Gesicht weiblich-schön-unschuldig. Die Schultern etwas nach hinten, daher Gesicht u. Kopf etwas abwärts, dabei treten die schönen starkgeschwollnen jugendlichen Brüste vor, Bauch noch etwas mehr; die runden Beine noch mehr, u. das Glied wird das vornehmste. Es hebt sich sanft (fast drei Viertel) bis zum Gewände, das sie mit beiden Händen aufhebt, beide Testikeln gleich u. dicht an; das Glied sanft elastisch, nur oben etwas entblößt u. da bis zum Löchchen gearbeitet. Beine gar schön rund hervorgehend; unter den Knien also Füße zurück, schöne Waden, schöne Füße u. Zehen, an beiden Seiten hängt das Gewand hinunter, Hände halten es dicht an den Hüften, unter der Brust gegürtet mit einem schmalen Gurt. Über den Schultern das andre Gewand an beiden Seiten symmetrisch herabhängend. Das Untergewand geht in der Mitte der Brust etwas auseinander. Eine niedliche Wollust ist in der Stellung mit dem sanften Vorsinken der Knie, Vortreten der Beine, der Brust, des Kopfes, Zurücktreten der Schultern. Bis auf die Zehen geht diese Empfindung; auch diese biegen sich, u. die Waden voll u. schön. Sie ist nicht völlig mannsgroß. Vier Daumen lang die schöngeschwollne elastische Scham. Andrer Hermaphrodit liegt auf der linken Seite, das Auge sanft geschlossen. Er liegt auf dem rechten Arm, der unter dem Haupt ist, die Finger gehn ruhig auseinander, der Ellbogen dem Haupt gleich, so daß der Kopf vor der Hand ruht. Das Haar jungfräulich hübsch gearbeitet. Der linke Arm auf dem Kissen: sie stützt sich auf ihn etwas, die Finger wollüstig auseinander, das Gewand, das unter ihm liegt, deckt etwas von diesem Arm unter dem Ellbogen, daß die Hand wie hervorkommt. Nun zieht sich der Rücken sanft von der linken zur rechten Seite, daß das Rückgrat in ungemein schöner Linie läuft; die linke Hüfte liegt also stark vor u. läuft bis zum Knie, auf welches die Figur sich stützt; nun kommt der linke Fuß über die rechte Wade zurück, daß er in der Luft schwebt; nur etwas vom Gewande läuft unter seiner Wade herab, bis an den Knöchel, u. der Zeh wird wollüstig sichtbar. Das rechte Bein, das auf der Decke liegt, dehnt sich gleichsam, sie sanft zu berühren, das Knie etwas vorwärts. Wade, Bein u. Fuß sind sanft angespannt, u. mit dem Zeh hebt er spannend die Decke, die vom linken aufgelegten Fuß herunterläuft. Eine ungemein wollüstige Stellung, die recht einladet, nach hinten zu greifen. Da findet man denn eine sanft aufliegende, sanft angespannte weibliche linke Brust, deren Knöspchen man noch fühlen kann, ein sehr feines Knöspchen; ein schöner wollüstig gebogner Unterleib mit Nabel u. sanft angespanntem männlichem Gliede. Es ist ziemlich lang, elastisch, hebt sich aber nicht bis zum Leibe, sondern bis zur Mitte; elastisch gebogen ruht's auf der Decke, die Eichel nur oben etwas entblößt, den Testikel angezogen. Die Oberbeine unter den Hüften laden in der schönen Stellung ebenfalls ein, so die Biegung hinter dem Knie u. so fort. Ein schöner jungfräulicher Kopf u. Hals, schön gebeugt; die Haare zierlich gearbeitet, man möchte den ganzen gebognen Rücken, Schultern, alles genießen u. fühlen. Venus mit dem Amor. Sie steht auf dem linken Fuß, den rechten beschämt gebogen; hält mit der Rechten das Gewand über der Schulter, linke Hand auseinander, die Finger etwas erhoben in bewegender Stellung. Amor, die Fackel in der Linken, hebt die Rechte zu ihr auf u. deutet auf sie mit dem Finger. Das Gewand liegt über dem linken erhobnen Unterarm. Sie steht zur Linken, den Kopf etwas gebeugt, Haar fällt ihr auf beide Schultern in Locken hinunter. Eine andre kleine ganz nackte Venus hat in der Linken das Gewand, die Rechte verhüllt die Scham. – Apollo, die Leier in der Hand, die rechte erhoben. Die zwei Brüder, der rechte steht auf dem rechten Fuß, das rechte Knie vor ruhend, rechte Hand herabhängend, Finger auseinander, linke erhoben unter die Brustgegend. Der andre scheint sich auf ihn zu lehnen, tut's aber nicht, steht auf linker Hüfte, linke Hand auf sie gestützt, rechte hinten hervor, aber zu ihm gebeugt: sie sprechen sanft miteinander. Hinten ein Tronk, darauf eine alte Axt u. wie eine Fackel gebildet. Mars u. Venus, beides gemeine Köpfe; Venus einen halben Kopf kleiner als Mars; sie tritt zu ihm, daher linkes Knie vortretend, redet zu ihm schmeichelnd, den rechten Arm nach seiner Brust, den linken von hinten, als ob sie ihn umarmen wollte. Gewand fällt um ihren Schoß; aber ganz bekleidet, nur der Arm ist bloß. Mars dagegen ganz nackt, nur Riemen um die Brust von der Rechten zur Linken, steht auf linken Fuß, rechten vor. Die Statue nicht vorzüglich an Kunst u. Stil. Kleiner Junge mit phrygischer Mütze, ganz verhüllt, rechte Hand unter dem Gewand über der Brust haltend. Amor mit dem Bogen, Bogen lang; er beugt sich, als spannte er ihn, steht auf linkem Fuß, den rechten vor, hinter den er ihn gestützt hat, sieht nach der Rechten, Körper gebogen in spannender Stellung, jugendlich schlank, schön, geflügelt. Schöne Ordnung der Glieder. Schöne Statue, als Flora: sie blickt zur Rechten, in der rechten Hand Blumen, diese erhoben; die Linke an den Hüften hält auch Blumen, sie ist hoch mit Blumen bekränzt, ein schönes Gewand, schöne Brust drunter, schöne Haare. Ein heitres, ernstes, fast hohes Gesicht, die Brust unter dem Gewand schön gearbeitet. Das Oberkleid geht von der Rechten zur Linken unter dem Oberleib quer u. fällt über linken Arm hinunter. Sie steht auf linkem Fuß, der wohlbedeckt u. trefflich gearbeitet ist, der rechte Fuß ruht vorwärts, u. das Gewand fällt in Falten schön hinunter. Eine schöne Figur, vielleicht ursprünglich eine mit Blumen bekränzte Muse, die man als Flora restauriert hat. Eine andre Venus, die sich das Haar ausdrückt, die rechte Hand über der Schulter, daher Brust stark geschwellt; sie steht auf linkem Fuß, den rechten vorruhend, die linke Schulter gebeugt wegen der Handlung. Das Gewand ist um den linken Unterarm geschlagen, mit dem sie das Gewand hält, das um die Hüfte läuft u. hinten den Hintren halb, vorn das rechte Knie u. den rechten Fuß, das linke Bein aber fast ganz zeigt. Die Querstellung ist wieder wie beschützend, deckend, verhüllend, nicht aber so angenehm wie die erste. Eine Muse mit der Flöte. Sie steht gelehnt an einen Tronk oder Wand, auf linker Hüfte, das rechte Bein vor, der rechte Fuß kommt vor u. geht über den linken; ganz u. schön bekleidet mit zierlichem Gewand, das unten Saum hat; am Oberleib faltig u. recht modisch gearbeitet. Rechte Hand zurück-, heraufgehend, hält eine Flöte, linke aufgestützte Hand die andre Flöte, aber jede die ihrige in andrer Stellung. Arme allein bloß. Kopf hoch, ernsthaft, etwas zur Rechten, Hals gerade, ein schönes unschuldiges, liebliches Musengesicht, schöne volle Unterarme. Sie denkt u. ist in begeisterter Stellung; das Kleid geht bis zum halben Fußblatt hinunter, unter diesem Sohle. Die Brüste unter dem Gewande sind jungfräulich schön. Ein schönes Unebenmaß in der Stellung u. Reichtum in Gebärden u. Gewande. Ein bekränzter Genius in Basalt, liegend, schlafend, rechte Hand überm Kopf (neu, Algardi: der Schlaf). Muse, die über dem Tronk steht, gestützt u. nachdenkend. Mit Rosen bekränzt. Sie ist auf den rechten Arm gestützt, die Hand mit den Fingern unter dem Kinn, linker Arm untergelegt, bis an die Hand bekleidet. Diese kommt ruhig hervor, so daß die Finger das Gewand fassen. Trefflich ist das Obergewand um die Schultern u. rechten Arm, daß es nur wie ein Laken aussieht in kleinen Falten u. geht um den rechten Arm, so daß nur die Hand bloß ist; denn ist's über den Tronk geschlagen, daß sie sanft auf ihm ruhe. Ihr Untergewand geht in großen Falten hinunter; der Rücken sanft vor; der eine Fuß hinten nackt zu sehen, Knöchel u. Fuß: sie streckt ihn zurück u. steht auf Zehen. Es ist der linke; denn sie steht auf dem rechten. Die Haare hinten gebunden. Eine treffliche Figur, ganz vor sich, die Welt vergessend, voller Schönheit u. Würde, mir unvergeßlich. Der Fechter steht auf dem rechten Fuß, das Knie stark vorwärts, den linken streckt er hinten aus, auf seinen Zehen stehend, die Scham selbst etwas angezogen, daß Testikel dicht dran ist u. das Skrotum sich unter ihm in einen Beutel zusammenzieht. Er sieht zur Linken hinauf, linker Arm aufwärts, Rieme um den linken Arm unterm Ellbogen; rechter Arm zurück, hält den kleinen Spieß. Vortrefflich alle Glieder, höchster Reichtum verteilt. Kreuz zur Gegenwehr in ganzer Stellung. Linker Arm herauf, rechter herunter, linker vor, rechter hinter, Kopf zur Linken vor, rechter Fuß vor, linker zurück; größte Statue für körperliche Stellung. Eine hohe Ceres, vielleicht eine Juno; die Fackel erhoben in rechter Hand, wie sie sonst vielleicht den Stab gefaßt hielt (denn Fackel neu, die Früchte in der Linken auch neu). Rechter Fuß u. Seite etwas voran, daher auch in etwas gewandt, aber sehr imposante Stellung. Die Wendung daher, daß sie mit der Linken das Kleid anhält u. den linken Arm also dicht an den Körper schließt, als ob sie sich etwas auf die Hüfte stützte. Schöne Brust unter dem Gewande, Kopf gerade vor sich sehend, etwas mit dem Kinn erhoben, gar majestätisch. Statue, der man in die Linke einen Palmzweig gegeben, der am Tronk herabgeht; nur das Ende desselben ist alt, das auch ein Stäbchen sein könnte; die Linke trägt einen Kranz von Bronze, vielleicht auch in die Hand gegeben. Sie steht auf rechtem Fuß, sieht etwas zur Rechten. Eine andre, die mit der Rechten aus einem Gefäß Salbe in die Linke gießt, steht auf rechter Hüfte, das linke Bein voran ruhend, steht gerade, sieht nicht aufs gießende Gefäß. Ein Knabe, der sich den Dorn aus dem Fuß zieht, linken über dem rechten liegend. – Ein Caestusschläger, die Hände ergänzt, beide hangend. Er sieht zur Rechten, steht auf rechtem Fuß, der linke tritt ruhig vorwärts. – Andrer Fechter, dem man Wurfscheibe in die Hand gegeben, steht auf linkem Fuß, rechten vor, Kopf etwas gebeugt, viel Harmonie in der ganzen Stellung. Muse mit Maske, etwas breitliches, nicht schönes Gesicht (wenn es nicht neu ist), ist bekränzt; aber Bekleidung gar sonderbar, wie ein umhüllendes Laken, der linke Arm dicht am Leibe bis zur linken Brust u. Hand erhoben, daß man sie zu sehen glaubt. Denn läuft eine Falte auf der linken Schulter; über den linken Arm hängt das Laken, das um den ganzen Leib geht, noch weit herab, daß nur linke Hand hervorkommt, die die Maske hält, u. unten Zehen. Unter diesem Laken noch ein faltiges Kleid sichtbar. Ein kleiner Amor, mit offenem Munde schlafend, linke Hand weg, rechte über dem Leibe, geflügelt, Kopf zur Linken auf den Schultern. Statue mit Rolle in der Linken, Stab in der Rechten, ein Obergewand vorn bis übers Knie hängend, sonst ganz bekleidet; das Obergewand läßt rechte Schulter frei u. geht auf die linke. Freie schöne Stellung einer Muse. Amor u. Psyche. Amor steht, Psyche kniet auf dem linken Knie, der rechte Fuß steht. Sie ist ganz u. sehr zierlich bekleidet; Brust, Knie, das kniende Bein sind nicht sichtbar, aber unter dem Gewande ganz merkbar; ein vortreffliches Gewand: ein Kamisolchen am Oberleib, unter der Brust gebunden, vorn Schleife, sehr leise, liebliche Falten, beide Arme bis zur Schulter nackt. Sie sieht bittend aufwärts, sehr beweglich schön u. klagend, die Haare sinken. Sie hat Schmetterlingsflügel – Amor neben ihr steht, viel größer, so daß sie in der knienden Stellung ihm bis an die Hüfte reicht. Er steht auf rechter Hüfte, zu ihr zur Rechten gewendet, linkes Bein ruht. Beide Arme neu (man weiß nicht, wie sie gehabt hat), die Rechte hält was, die Linke sinkt auf einen Tronk, der mit einem Gewande bedeckt ist. Sein Gesicht ist jugendlich unschuldig, der Mund offen, Köpfchen etwas nach der Rechten gesenkt, aber nicht rundlich, kein Kindskopf; ein sehr schöner Jüngling, Haare über die Ohren, etwas unordentlich wie jugendliche Locken, wie sanfte Reben; eine süße liebe Scham; hinten geflügelt, sehr unschuldig. Genius u. Psyche sehr rührend. Sie hält bittend die rechte Hand auf der rechten Brust, die linke vor sich, bittend, aber nicht erhoben. Nur ihr Gesicht ist sehr flehend. Der schöne Genius, geflügelt, steht auf rechtem Fuß, streckt den linken vor sich, ruhend. Sehr rundliche schöne Oberbeine; das linke indes, das neu ist, zu rundlich u. ungeschickt angesetzt, oder vielmehr hängend. Er stützt sich mit der Linken auf einen Tronk, daher linke Schulter aufwärts, Brust außerordentlich schön, etwas gebogen zur Linken u. in schwebender Linie von Brust zum Nabel. Die rechte Hand hält er im Gestus, die aber neu ist, linke hält auch etwas. Kopf außerordentlich schön, vor sich sehend, reiner Blick, unschuldig wartend. Sein Haar nicht gebunden; ein Löckchen hängt von beiden Seiten herab, das Ohr halb sichtbar. Nase sehr schön organisiert, eine schön belebte Gestalt. Faun, der eine Traube emporhält, schön, aber kein Bacchus; kurzer u. breiter Oberleib etwas zurückgebogen, daß Unterleib vorsteht, welches bei Bacchus nicht also. Sein Kleid über den rechten Oberarm, sonst nackt. Er blickt die Traube an. Zentaur, auf dem Amor reitet. Die Hände ihm auf den Rücken gebunden; Amor sehr klein, faßt ihn an den Haaren. Venus faßt mit der Linken das Gewand, tief unten in der Hälfte des Beins, soweit die Hand reicht, u. Rechte hält sie im Gestus aufwärts. Das Gewand unter dem Leibe um die Hüften, da sie es denn hält; es ist mit Gürtel zusammengebunden, läßt aber die linke Seite des linken Beins von der Hüfte bis unten u. die Hälfte des rechten Unterbeins sichtbar. Rechter Fuß tritt voran, auf dem linken steht sie. Oberleib vor, Gesicht vor, sie blickt zur Linken; ein schönes unschuldiges Gesicht, u. die Stellung ist in ihrer Art auch schön. Herkules mit dem Kinde, steht auf dem rechten Fuß, linker voran, sieht zur Rechten, das Kind auf dem rechten Arm, er hält's am linken Bein; es sieht zur Linken, streckt die rechte Hand kindlich offen aus, hält sich mit der linken. Er hat in der Rechten die Keule, aber rechter Arm u. Füße neu. Das Löwenfell, ihm auf die Brust gebunden, hängt nach hinten. Der Tritt seiner Füße ist schlecht. Der Kopf gut, herkulisch u. doch mit sanftem Blicke. Eine Muse, der Kopf scheint neu oder wenigstens nicht schön aufgesetzt, blickt zur Linken. In der linken Hand hält sie eine Flöte, rechte Hand über der linken Brust, das Gewand über dem Arm bis zur Hand, fällt sodenn über die linke, die die Flöte hält; sie hält sie gar nicht weit vom Leibe; die rechte faßt das Gewand, das von der linken Seite herabkommt. Das Obergewand bis über die Knie wie ein Laken, Untergewand bis zu den Füßen, daß es auf dem Boden noch etwas zurückgebogen aufsteht; nur durch den zurückgezognen rechten Fuß, der mit seinem Knie unter dem Gewande zur Seite merkbar wird, sind die Zehen sichtbar. Der Fuß steht auf einem Sandal. Der linke Fuß, auf dem sie steht, ist unter den zurückgebognen Falten an den Zehen auch sichtbar. Mann mit dem Schwert in der Hand, Gewand über den Schultern, Rechte hängt, soll Mark Aurel sein. Fremder Barbar, stehend mit langen Hosen, kurzem Gewand drüber bis zu den Knien, unterm Leibe gegürtet, hält in der Rechten Stab; Obergewand hängt von der rechten Schulter über den linken Arm, mit dem er das Ende in seinen vielen Falten hält. Sein Haar stark u. dick über die Stirn gekämmt, ein gutes Barbarengesicht, starker Bart, wie viereckt, steht auf rechtem Fuß, linkes Knie vorwärts. Eine schöne Ceres, Kopf Porträt; der erhobne rechte Arm, der die Blumen hält, schön; schöne Bekleidung. Das Matronenröckchen bis über die schöne Brust, unter ihr eine Schleife; denn das Gewand am Leibe; denn das Obergewand von der Rechten zur Linken unter dem Leibe, das das vorstehende Knie des rechten Fußes, der nach hinten im Schritt ist, in schönen Falten hebt. Auf dem linken Fuß steht sie. Das lange Untergewand geht bis zur Erde. In die linke Hand hat man ihr ein Fruchthorn gegeben. Das Gewand bis zum Ellbogen hängt wie ein schöner Ärmel, daß der schöne Arm frei ist. Merkur mit dem Beutel in der Rechten. Kopf scheint neu; er steht auf rechtem Fuß, das linke Knie vor ruhend, der Fuß bleibt hinten. Das Gewand von rechter Schulter, wo Schnalle ist, über dem Arm, dem man den Stab gegeben. Eine schöne Figur wie ein junger Held, nicht so weich als Bacchus, nicht so schlank wie Apoll. Noch eine Muse mit der Flöte in der Rechten, steht auf linkem Fuß, rechtes Knie voran ruhend. Die linke Hand macht einen Gestus mit dem Zeigefinger u. Daumen. Das umgebende Obergewand geht von der rechten Schulter, wo der Arm aufhört, quer über die Brust in Falten zur linken Schulter hinauf u. fällt denn über den Rücken u. zur Seite hinunter. Sie sieht zur Rechten, wo der vortreffliche Fuß die Weisung gibt, ernst u. schön, das Köpfchen etwas zur Rechten gebeugt. Ein Soldat, der zur Rechten soldatisch blickt, den Griff vom Schwert in der Rechten, die Scheide in der Linken, auf der von der linken Schulter das Gewand ruhet. Die Statue ist ein martialischer Kopf, ein Porträt, wenig Haare, große Ohren. Muse mit zwei Flöten, die Stellung fast gerade u. breit. Sie steht auf linkem Fuß, das rechte Knie sanft voran, den Fuß zurück; das Obergewand außerordentlich schön. Von der Schulter geht's den Arm hin bis unter den Ellbogen, von da in schönen Falten mit weiter Wölbung über dem Leibe, daß es über den linken Arm hinabhängt. Wahrscheinlich dazu auch die Stellung der beiden Arme mit den Flöten; der rechte ist also über dem Gewande, das sich um ihn wölbt; der linke unter dem Gewande, das über ihn herabhängt; auch die Falten des Gewandes über der Brust laufen quer, u. das Gewand liegt über den schön angedeuteten Brüsten, wohin es oben unter dem rechten Arm hervorgeht, daß derselbe also schön umschlungen ist u. sich zwischen beiden Enden desselben Gewandes sehr hervorhebt. Die untere Bekleidung geht bis an den Hals. Sie sieht fast gerade vor sich, etwas zur Rechten, ernst u. schön, hat ein Diadem über dem schönen Haar, eine schöne Muse. Ein Kaiser mit Imperatorstab in rechter, linke Hand erhoben, befehlend, nackt, steht auf rechtem Fuß, die Scham stark behaart, starker Bart, Kopf gerade. Mars, der heruntersieht zur Rechten, traurig, steht auf dem linken Fuß, der rechte stark voran, hat eine Fessel über dem Knöchel desselben. Offenbar ist dieser Fuß leidend, daher der Kopf, nach dieser Seite gesenkt, wie auf ihn deutet. Ein schöner Körper, breitere Brust als vielleicht die Brust eines Helden wäre; aber die Muskeln des Unterleibes sind nicht so stark angedeutet, schöne Beine u. Füße; die rechte Hand hält den Griff vom Schwert etwas erhoben. Sein Gesicht ist lang, jugendlich schön; es scheint kein Göttergesicht, sondern aufs reinste menschlich; der Mund ist offen, wie sprechend, Er hat den Helm auf, das Haar ist schlicht vor dem Ohr u. hinten. Es ist als ob der Finger auf den Fuß wiese. Haare über der Scham; alles zeigt wohl den Menschen, den Helden, aber wen? Ein schöner Faun mit der Traube; ein allerliebster Knabe, ein jugendlich schönes Gesichtchen (vielleicht neu) Er hält Traube in die Höhe (Arm neu) aber der schöne Körper ist alt, bis unters rechte Knie u. bis zur Sohle des linken Fußes, auf dem er stehet u. der wunderbar schön ist. Der linke ist gespannt, denn er tritt darauf; der rechte schwebt allerliebst; ein wunderbar schönes Knie, schöne Hüften, Hintern, Rücke, u. die Seite, da er den Arm erhebt; rechte Schulter hinaufwärts, linke nieder, linker Arm nach hinten zurück; eine sehr schöne Stellung. Das Gewand über den Sturz daneben: ein allerliebster Knabe. Jüngling der hinunterstürzen will, oder mit Schrecken hinuntersieht; linker Arm erhoben, Finger auseinander; rechter hinunter: rechter Fuß aufgestützt auf eine Erhöhung; auf dem linken steht er, u. sieht zur Linken hinunter. Eine schöne Stellung zur Vielheit der Glieder, die Brust fällt vor, Arme auseinander, herauf, herab; Füße verschieden im Stande u. f. 2. Camillen halten beide den rechten Arm vor, den linken herab. Apollo mit der Eidechs, wie in Mus., nur mich dünkt noch ein schöner Gesichtchen, länglich wie einer Muse. Die Anlehnung des Arms auf den Stamm macht die sanfteste Bewegung des Körpers; der auf dem rechten Schenkel steht, den linken Fuß ruhend mit Knie vorwärts. Da er zur Linken sieht, auf die Eidechs beugt sich der Kopf zur Rechten schön vor; die linke Hand lehnt sich nicht auf den Stamm, sondern nur zur Seite an ihn, daß sie frei hervorgeht; dadurch bekommt ganze Figur eine eigne schöne Stellung; u. dies war wahrscheinlich die Absicht dieser Gestalt. Die linke Seite wird dadurch gerade, die rechte geht weich umher, allerliebste Schenkel. Eine Minerva fast gerade, steht auf linkem Fuß, der rechte ruht, mit dem Knie u. Bein etwas doch nicht viel merkbar. Kopf gerade, nur so fern der Tritt ihn etwas zur Rechten lenkt; ihr Oberwämschen geht bis unter den Leib, aber in schöner Mannichfaltigkeit gearbeitet, bei großer Einheit. Bei ihr denkt man an nichts verhülltes, so jungfräulich verbirgt den Leib das Wämschen, daß an keine Brust gleichsam zu denken ist. Denn die Brust ist männlich u. das Wämschen selbst Panzer. Der linke Arm herunter u. hält den Schild; der rechte ab vom Leibe, hat den Speer gehalten. Nebenan Venus, wie sie aus dem Bade gebückt kommt; auf dem linken Fuß steht sie, das rechte Knie gebogen, aber nicht bis zur Erde, sondern bis unter die Wade des andren, an dem es liegt. Dadurch Stellung nicht so lüstern, als die im Museum. Sie steht auf den Zehen dieses Fußes, die Ferse dicht am Hintern daß sie also auf dem Fuß sitzt; der Hintre u. Rücke schön, nur unter der linken Brust u. an linker Seite sind Falten welche nicht schön sind: Brust schön. Den rechten Arm hält sie gegen linke Schulter, hat einen Striegel in der Hand mit einem Armband geziert am Arm den sie übers linke Knie legt, daß Finger der offnen Hand, bis zum rechten Bein oben nicht weit vom Leibe reichen u. sie also die Scham zu verhüllen scheint. Sie blickt zur Rechten, ein schönes Venus Gesichtchen; Haarl{ocken} gehn wie Kranz umher u. nur auf jeder Seite aus dem Kranz ein Löckchen heraufwärts, daß ein Krönchen wird; der linke Arm hat kein Armband; gemacht, daß sie von der linken Seite, wohin sie blickt, angesehen werde; die Haare sind hinten aufgebunden. Der liegende Bacchus; ein Kindchen vor ihm kniend, das seinen linken Arm ihm auf den Leib legt. Er hat den rechten ruhenden Arm liegen, daß seine Finger auf den Rücke des Kindes kommen u. ers umfassen zu wollen scheinet. Das Kindchen hat einen Apfel in der Hand u. sieht lächelnd zu ihm aufwärts. Er blickt vor sich hin mit seinem schönen Bacchus Gesicht, das rundlich ist, die Ohren stehn (etwas Faunartig) abgebogen vor: denn ein großer Kranz von Weintrauben u. Blättern ist auf seinem Haar, u. das Haar geht hinter die Ohren; auf der Stirn ist die Binde. Er lehnt sich auf den linken Arm, daß die Finger sanft herabsinken. Ein Ast voll Trauben liegt in diesem Arm; auch Trauben sind unter seinen Fingern auf das Lager gearbeitet, als ob sie dalägen. Über das Ende der linken Schulter auf die er sich stützt, liegt etwas Gewand, u. geht bis zur Mitte des linken Arms, der also bedeckt ist, daß nur die Hand bis über den Knöchel vorkommt. Brust u. linker Arm ist nackt u. frei. Nun liegt das Gewand über den Beinen fast bis zu Knien; nun der rechte Fuß über den linken geschlagen, aber nur vorn. Sanfte Stellung, rücklehnend, ruhend, wollüstig, bequem – Diese Statue besser als die im Museum. 3. Grazien, die eine Schale über dem Palmbaum tragen; sie fassen so, daß jede die Hand über die andre schlägt. Ein kleiner Amor mit einem Schlauch, liegend auf rechter Seite. Herkules als Knabe hat die Schlange zerrissen, sitzt auf linker Hüfte, stützt sich auf linken Arm. Ein Teil der zerrißnen Schlange ist um diese Hand geschlungen, so daß der Kopf aus derselben vorblickt; der andre Teil der zerrissenen Schlange ist um sein linkes Bein geschlungen, so daß er das abgerissene Ende wieder in der Hand hält. Sklave im Bade abscheulich, schwarzer Basalt. Eine Hand aufwärts, die andre nieder. Herkules ruhend auf der Keule, die unter dem linken Arm ist; der rechte auf den Rücke über der rechten Hüfte gelegt, Brust und Schultern gut, Kopf abscheulich, untre Füße schlecht. Palast Strada Statue des Pompej; der ausgestreckte steife Arm neu; in der Linken die Kugel. Aristides stützt sich mit rechtem Arm aufs rechte Knie, den rechten Fuß also zurück u. höher; die linke Hand faßt das Gewand, das liegt zwischen den Beinen. Gewand hängt nur auf linker Schulter; der rechte Arm bloß, mit ihm gehts wieder herunter; linker Fuß voran; er sieht nach rechter Seite. Basreliefs, die der Treppe St. Agnese fuora d. mure gehört haben, wären sehr der genauern Aufmerksamkeit wert. Palast Giustiniani Ein sitzender Römer, linker Fuß vor, rechter zurück, rechte Hand hält Rolle auf dem Bein, linke faßt den Sitz. Er sitzt sehr würdig u. schön. Kupido sieht einen Kleinen Kupido vor sich schlafen; es ist geflügelt, Kleiner Pfeil u. Bogen beiher. Er siehts lachend an. Die 3. schlafende Bübchen, die so oft vorkommen. Eine kleine Figur, den Arm unter dem Kinn, den rechten Fuß weit vor, die Hand darauf, linker Fuß hoch aufgestützt auf einen Fels, wo der Ellbogen darauf ruht. Mann u. Frau geben sich die Hände, der Mann umarmt die Frau, der linke Arm der Frau hält das Gewand. Eine kleine Vestale hält mit der rechten das Gewand am Halse, Finger unter dem Gewand bis zur Hand merkbar, Schleier vom Kopf, linke Hand zur Rechten liegt dicht am Leibe. Ein kleiner Phrygier (vielleicht Ganymed) rechte Hand erhoben, als von oben einen Angriff erwartend, kniet auf dem rechten Knie, auf dem Fuß u. linken Backen sitzt er, linker Fuß weit zur Linken gestreckt, linke Hand hinter dem linken Fuß auf der Erde; jugendlich schön, vielleicht eines Fechters Akademische Stellung. Minerva, sie steht fast gerade, auf dem linken Fuß, der rechte etwas zurück, daß das Knie unter dem Gewande merkbar wird, die rechte Hand in der Stellung, als ob sie den Speer hielt, die linke Hand (alt) faßt die letzte Falte des Obergewandes, das von der rechten Schulter herabgeht. Sie hat eine männlich breite Brust, breite Schultern, ein sehr feines, sichres schönes Profil in ihrer schönen Minervenbildung, das Obergewand hängt über den ganzen rechten Oberarm hinab, daß der untere frei hervorgeht; das 2te Gewand geht von der Linken zur Rechten hinauf p sie steht sehr majestätisch jungfräulich dar; die schönste Minerva (wo nicht der Kolossale Kopf in der Villa Albani ihr vorginge.) Die große Vestale, hart gearbeitet; vom Kopf fällt ein Schleier auf beide Schultern. Den rechten Arm hat sie auf die rechte Hüfte gestützt, mit dem äußren der Hand, daß Finger verwendet herabgehn, der linke Arm hält die Finger in die Höhe; die Figur ist fast gerade, die Falten gehen grob hinab, daß keine Füße zu sehen sind. Den Kopf etwas zur Rechten. Ein schönes Basrelief mit der Nymphe, die den Jupiter als Kind in einer Schale tränkt. Sie kommt sehr schön, linke Hand ist sichtbar u. reicht die Schale, der linke Fuß bleibt im Schritt nach. Das Gewand bis an die Waden leise nachfliegend, die linke Schulter bloß, von ihr fällt das Gewand herab. Das Kind sitzt unter einem Baum und trinkt; den Baum hat eine Schlange umwunden, hinten bläst ein Faun. Verzeichnis antiker Plastiken 1. Sturz vom Torso. 2. Laokoon. 3. Apoll. 4. Mediceische Venus. 5. Borghesischer Fechter. 6. Barberinischer Faun. Sturz vom Bacchus, Villa Ludovisi. 7. Antinous. 8. Herkules Farnese. 26. Dioskobolos. 27. Silen von Borghese. 10. Flora Farnese: ohne Kopf, bei Albacini. 13. Venus Kallipyges. 14. Hermaphrodit. Kl{einer Hermaphrodit?}. 15. Ganymed. {getilgt: Mars in Ludovisi.} 24. Genius im Museum. 20. Juno im Capitol. 19. Leukothea, Villa Albani. 18. Pallas, Villa Albani. 22. Thetis. 17. stehende Hermaphrodit. 21. Venus im Capitol. {Numerierung von Heinrich Meyers Hand, von ihm auch die folgende Aufstellung von Bildwerken:} Die Justinianische Minerva. Die eine Figur vom Monte Cavallo. Die Muse im Palast Barberini. 11. Der Sturz vom Bacchus bei Albacini. 16. Der sterbende Fechter. 23. Castor u. Pollux in Spanien. 29. Die kolossalische Muse im Museo. 9. Der Farnesische Ochse. 12. Die Venus, die aus dem Bad kömmt, im Museo. Köpfe: Die Juno der Villa Ludovisi. Die Pallas in der Villa Albani. Ariadne. Alexander. Die Amazone. Homer in Neapel. Der junge Herkules in Portici. Jupiter im Museo. Achilles, Villa Borghese. Der Apollo, der die Eidechs tötet. Der junge Faun, der die Flöte spielt. Der Genius. Meleager im Museo. Der Nil-Strom. Der Triton mit der Nymphe. Der Triton, halbe Figur. Der Bacchus, halbe Figur. Die Amazone. Phokion oder Ulyß. Adonis. Die Kleopatra. Urania. Antinous im Capitol. Amor, der den Bogen spannt. Der Junge, der die Maske übern Kopf hat. Die beiden Faune der Villa Ludovisi. Pätus u. Arria. Elektra u. Orest. Äskulap in der Villa Albani. Der Mars. Notizen über Bücher, Gelehrte und Künstler von Herders Hand Dell' Origine progresso, abusi e riforma delle confraternite laicali, Firenze 1785. per Cambiagi. – Della legittima sepoltura dei cristiani nell' Occidente, 1784. – Catalogo delle storie particolari civili ed ecclesiastiche delle città e de' Luoghi d'Italia, le quali si trovano nella domestica libreria dei fratelli Coleti in Venezia quart. – Cartas familiares dei Abate D. Juan Andres a su hermano, Madrid 1786. Spanier u. Italiener Ferrara: Gallisà, Gelehrsamkeit, Urteil, Geschmack. – à Pla, Griechisch, Hebräisch, Arabisch. – Conca, mit an den Novelle lett. di Firenze. Aimerich: Carraz. – Requenò (nun in Bologna), Buch über Enkaustik. – Montengon, lateinische Satiren, spanische Oden, u. Eusebio. – Campcerver, Amaltheum prosodie. – Prats, Griechisch. Gustà, Latein, Leben des Barotti etc. Bologna: Lasala y Colomes, Coriolan, Ines, Scipio Tragödien. – Pou, Griechisch u. Latein, Xea. – D. Piquateli. – Molina, Geschichte von Chile, Clavigero. – Augusto de Castro. Rom: Eximeno. – Masdeu. – Diosdado, verbessert den Nikolaus Antonius. – Belon. Mantua: Pinazo, Tord Millas. Ferrara: Museum: Münzen hat Bellini gesammlet, meist aus mittleren Zeiten, auch Bücher übersetzt. – Bibliothek: Handschriften von Ariost u. Tasso. Gallisà Bibliothekar. – Universität: Monteiro. Zecchini Della dialectica delle donne. Ferri Professor der Eloquenz. Varani Poet. Migliori Altertümer. Frizzi Geschichte. Minzoni. Bologna: D. Monti, Botanik u. Naturforschung. – Kanonikus Monti, Latein u. schöne Wissenschaften. – Graf Savioli, Poesie u. Geschichte. – Graf Casali. – Notizie dell' origine e progr. del Instituto delle Scienze di Bologna von Marquis Angeleli. – Archiv des Signore Masini. – Große Kirche von San Petronio. – Meridian von Cassini. – Trombelli Arte di cognoscere l'età de cod. Lat. ed Ital. Im Konvent des Sanct Francesco ist Pater Martini. – Bologneser Schule: Caracci, Guido Reni u. Guercino. – Zaccaria Iter litterarum per Italiam. Florenz: Manni de inventis Florentinis. – Bandini specimen litterarum Florentinarum. – Mehus in Briefen vor Ambros. Camalduli. – Pelli Saggio storico della Reale Galleria di Firenze 1779, schließt mit 1775. – Perini Sekretär der Florentinischen Akademie u. Präfekt der Magl. B. – (Andr. hat ein Saggio della filosofia del Galileo gegeben.) – Fontani, Bibliothek Riccardi. – Pater Adami, in der Bibliothek der Annunziada, Servite. – Fontana, beim Physikalischen Kabinett. – Brenna, lateinische metaphysische Sachen. – Proposto Lastri, Autor der Novelle lettere. – Manfredini. – Senator Nelli, Leben des Galilei. – Improvisatore fantastici, Irene Parenti. Pisa: Fabroni. – Lampredi. – Pignotti. – Guadagni. – Der Physiker Santi. – Slop. – Pater Cometti. – Bartolommeo Binnucci. – Antonioli Griechisch. Siena: Auf dem Rathaus viel Papiere von Ochin, Sonzino, Cittadini, Macchiavelli. – Der Pater della Valle hat die Lettere Senese geschrieben, er ist Maior conventus. Rom: Marini, Archivar im Kastell St. Angelo u. Vaticana. Reggio. Angelika. Das August{inerkloster}, wo Passionei. Georgi. Collegium Romanum. Lazzeri u. Luochini. Minerva Audifredi. Bücher, die Herder nach Italien mitgenommen hat, von ihm und Caroline Herder notiert [Von Caroline Herder notiert:] Winckelmann Volkmann 3 Teile Plastik Erkennen und Empfinden Laokoon Webb und Mengs Pindar, 2 Bände Theokrit Junius, Über die Malerei Anthologiam Geschriebnes Büchlein Über deutsche Art und Kunst 8 geschriebene Bücher Handbuch der Mythologie Im Mantelsack: Italienisch Lexikon Italienisch Grammatik Befreites Jerusalem [Von J. G. Herder notiert:] Pastor fido D{eutsch} u. Ital. Preisschrift über Spr{ache} Urs{ache} des gesunknen Geschmacks Gedicht eines Skalden Tändeleien Socrate immaginario Aufnahmeurkunde der Accademia de' Volsci, Velletri LA SOCIETA' LETTERARIA DE' VOLSCI ISTITUITA IN VELLETRI. La nostra città, intenta a restituire a questa Provincia de' Volsci l'antico splendore, ha istituito una Società Letteraria, la quale colle sue diligenze, ed adunanze faccia, che sempre più vi rifioriscano le buone arti, e le scienze. Desiderosi Noi pertanto di fornirla, e d'illustrarla col nome di chiari uomini, ed essendoci noto, quanto sia grande in Voi Chiarissimo Sig: r Giovanni Gottofredo Herder l'amore delle medesime, non che la gloria, che ne avete già riportata, vi abbiamo concordemente eletto nostro Socio, persuasi, che colle vostre nobili produzioni accrescerete li pregi di questa nostra sì commendevole intenzione. Dato in Velletri 9: 0 dì ns Gro: 1789 Arcip. te Stefano Colonnesi pro Dittatore Registrat. a pag: n 60 Paolo Cav: r Toruzzi Giorgi Seg