Colberg Historisches Schauspiel in fünf Akten von Paul Heyse     87.–100. Auflage Stuttgart und Berlin 1910 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger   Personen         Neithart von Gneisenau , Major Brünnow , Leutnant vom Schill'schen Freikorps Steinmetz , Hauptmann Joachim Nettelbeck , ehemaliger Schiffskapitän Colberger Bürger: Würges , ehemaliger Soldat, invalide Grüneberg , Ratsherr Geertz , Stadtzimmermeister Schröder , Kaufmann Zipfel , Rektor Sein junger Sohn Blank , Witwe Heinrich , ihr Sohn, ein junger Kaufmann Rose , ihre Tochter Franz Arndt , Schiffer Der Kellermeister im Ratskeller Erste, zweite und dritte Ordonnanz Ein Gefreiter Weber , Wachtmeister Ein französischer Parlamentär Ein Wachtposten Ein Kellner Bürger, Soldaten, Frauen und Kinder Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt Erster Akt Zimmer im Hause der Witwe Blank. Türen rechts und links und im Mittelgrunde. Neben der letzteren, die sich auf die Straße öffnet, ein Fenster. Rechts ganz vorn eine tiefe Fensternische mit weißen Vorhängen, Nähtisch, Sessel, Vogelbauer. Links gegenüber neben der Tür ein altmodischer Schreibsekretär, davor ein Lehnstuhl. Schränke und Kommoden an den Wänden verteilt, alte Porträts und Silhouetten Erste Szene Rose (sitzt am Nähtisch, eine Arbeit auf dem Schoß, und sieht zum Fenster hinaus). Leutnant Brünnow (steht hinter ihr) Rose ( hinausdeutend ) Dort über die Bastion hinweg nach Süden, Seht Ihr das helle Feld? Brünnow                             Es scheint ein See, Der spiegelglatt in stiller Sonne glänzt. Doch kann es nur die Überschwemmung sein, Die künstliche, die unsre Mittagsseite So trefflich schützt. Rose                             Von diesem Fenster, deutlich, Wie sonst von keinem Punkt der ganzen Stadt, Seht Ihr die Wasserwerke ausgebreitet, Und jener Silberstreifen, der so schimmernd Hindurch sich windet, ist der Fluß. Brünnow                                           Das Werk Macht seinem Meister Ehre. Rose                                         Freilich; doch Auch Müh' und Schweiß genug hat's ihn gekostet. Aus eigner Lust und Vollmacht unternahm Mein Pate Nettelbeck, es herzustellen. Da ward der Damm, die Wasser aufzustau'n, Das weite Netz der Schleusen und Kanäle Von Grund aus neu gebaut, daß nun der Feind Von dorther wohl die Stadt in Ruhe läßt. Doch jenseits gegen Osten, da ist gleich Das hohe Feld , und hinter dem der Stadtwald. Seht Ihr den Rauch aufsteigen aus den Wipfeln, Dort, mehr nach links? Brünnow                           Richtig. Sie kochen eben Im Hauptquartier des Feindes. Rose                                             Manche Nacht, Wenn Sorg' und Kummer mich nicht schlafen lassen, Und ich vom Fenster aus die Lagerfeuer Der fremden Unterdrücker glänzen seh', Wünsch' ich mir ein Geschütz hier in die Nische, Das fernhin trüge über Wall und Feld. Wie gerne hülf' ich meiner Vaterstadt Mit mehr als frommen Wünschen. Brünnow                                           Jungfer Rose, Ihr habt ein tapfres Herz. Wem dieses Herz Und diese kleine Hand hier – ( ihre Hand ergreifend ) Rose ( ihm die Hand entziehend, ohne Unfreundlichkeit )                                             Leutnant Brünnow, Denkt, was Ihr mir verspracht. Obwohl mein Vater Dem Euren freund war und wir selbst Euch schätzen, Kein Wort, das glaubt mir, wechsl' ich mehr mit Euch, Wenn Ihr in dieser Zeit an andres dächtet, Als an des armen Vaterlandes Not. Brünnow Verzeiht; es soll nicht mehr geschehn. Doch sagt, Wie ist's nur möglich? Euer Bruder Heinrich, So ganz unähnlich Euch an Sinn und Art, Ein pulverscheuer Rechenknecht – Rose                                                   Ihr tut Ihm großes Unrecht; er hat Herz wie einer . Als Knabe schon, wenn mit den Nachbarskindern Wir auf dem Stadtwall unsre Spiele spielten, War er der Kühnste stets, der Wildeste. Und später, fragt nur nach, in Wassersnot Und Brandgefahr – wie oft wagt' er sein Leben! Brünnow Und dennoch jetzt, wenn man ihm folgte, gäbe Die Stadt sich auf, ohn' einen Schuß zu tun. Rose Ach, leider hat der Glanz des Kaiserreichs Ihn blind gemacht für seines Volkes Schmach. Er war ein Jahr auf Reisen, in Geschäften, Und kam entfremdet aus der Fremde wieder. Da schien ihm alles hier so eng und klein; Sein Mund floß über von der Wunderstadt Paris und dem, den sie vergötterte, Dem korsischen Erobrer. Da vernahm ich Zuerst ein Wort, deß Sinn mir dunkel blieb: Weltbürgertum. Brünnow                 Das Modewort der Zeit! Rose Wie? Fragt' ich, sind wir alle nicht Weltbürger, Schon weil wir Menschen sind und Kinder Gottes? Und hätte Gott die Länder und Nationen Vielfach gemacht an Art und Eigenschaft, Wenn er nicht wollte, daß ein jedes Volk In seinen Grenzen wohnte, mit den andern In nachbarlichem Frieden, doch bereit, Für seine Ehre mannhaft einzustehn, Wenn sie der Nachbar schädigt? Dann verfocht er Das Recht des Stärkeren; große Namen nannt er Und sprach von Kaiser Karl, deß mächt'ges Scepter Einst Frankenland und Deutschland überschattet; Ob es uns schimpflich wäre, solchem Herrn, Wenn Gott ihn wieder sendete, zu huld'gen? Und ich, ein ungelehrtes Mädchen, konnt' Ihm nichts erwidern; doch im Herzen fühlt' ich Mich unbekehrt. Ihr habt die Welt gesehn, Sagt Ihr mir – Aber still! Ich hör' ihn kommen. Ich bitte, reizt ihn nicht. Ich fühl' es wohl; In Zwiespalt ist sein Kopf mit seinem Herzen, Und weher noch, als uns, tut er sich selbst. Zweite Szene Vorige . Heinrich (tritt hastig durch die Mitteltür ein) Heinrich Ich störe? Rose ( steht auf, geht ihm freundlich entgegen )                         Heinrich, guten Tag! Was bringst du? Du bist erregt. Heinrich               Ich bringe Neuigkeiten, Die bald dem Unerträglichen – so hoff' ich – Ein Ende machen. Rose ( lebhaft )               Einen Sieg der Unsern? Abzug des Feindes? Heinrich                       Torheit! – der Besatzung! Der Kommandant empfing soeben einen Parlamentär. Rose ( sich schmerzlich abwendend )                     Wär's möglich? Nein – es kann nicht! Verrat? – Er kann uns nicht verraten wollen! Brünnow Kein Mann, der Ehre liebt, befürchtet das. Heinrich Der Ehre liebt? Herr, mit Verlaub: die Ehre, Die der Soldat so breit im Munde führt – Rose Heinrich! Heinrich         – ist freilich ein besondres Ding, Mit dem der Bürger nichts zu schaffen hat. Brünnow Das merk' ich allerdings. Heinrich                                       Sie spotten, Herr. Ein billiges Vergnügen. Jeder Stand Hat seine Ehre; auch der Würfelspieler, Der hinterm grünen Tisch die Nacht hindurch Sein alles einsetzt mit gelassener Miene; Der Tänzer auf dem Seil hat seine Ehre Und bricht für sie den Hals; der Gaukler selbst – Brünnow Sie bringen Ihre Ehre, mein Verehrter, In seltsame Gesellschaft. Hoffentlich Läßt sich die Bürgerehre, die auch ich Zu kennen meine, nicht so tief herab. Heinrich Nein, höh're Ziele kennt sie, als den Ehrgeiz, Das Glück von Tausenden wehrloser Menschen Um ein paar Fechterkünste preiszugeben, Und statt zu weichen der Notwendigkeit, Sich ihr kopfüber in den Weg zu werfen, Auf daß sie uns zermalme. Brünnow                               Wundersam, Wie ein so weiser, so vorsicht'ger Bürger Sich just in einer Festung angesiedelt, Wo Fechterkünste doch am Platze sind. Heinrich Festung? Wär' unsre arme Stadt befestigt, Wie sich's gebührt, und Widerstand nicht Wahnsinn, Ich täte selbst mit Freuden Waffendienst. Wie aber? Ward dies Colberg seit den Zeiten Des alten Fritz nicht fast ein offner Platz? Liegt auf den eingesunknen Wällen nicht Von Nesseln überwuchert das Geschütz Und die Lafette fault im Magazin? Brünnow Nun, umsomehr – Heinrich                             Der Feind, wenn's ihm beliebte, In einem Sturme fegt' er die Besatzung Von den Bastionen, und die heißen Köpfe, Die jetzt von Heldenfeuer glühn, sie würden Sehr unsanft abgekühlt. Ja, käm' Ihr Hauptmann, Der Schill, der glücklich jetzt das Weite suchte – Brünnow Ich muß Sie bitten, diesen Namen nur Mit Achtung auszusprechen. Heinrich                                     Leugnen Sie's, Dafern Sie können, daß Ihr Schill allein Den Wahnsinn angefacht, Colberg zu halten, Auch gegen jegliche Vernunft, auch gegen Des Königs eigne Meinung. Würde der Nicht eilen, uns Verstärkung herzusenden, Wenn ihm, da Magdeburg und Küstrin gefallen, Dies schwache Bollwerk noch am Herzen läge? Hätt' er nicht statt des siebzigjähr'gen Alten Uns einen jüngern Gouverneur geschickt? Er aber wußte: alles ist umsonst, Colberg muß fallen! Also schütze man Den Bürger vor den Schrecken der Belagrung Und tue gleich , was man mit Ehren kann. Da kam Ihr Schill, da ward dem Nettelbeck Der sonst schon starre Nacken noch gesteift, Die Bürger aufgeschreckt, der Kommandant Bestürmt, am morschen Nest herumzuflicken, Ein Rennen gab's, hier eine Handvoll Erde, Dort eine Maulwurfsschanze aufgewühlt, Bis selbst Ihr Schill, der Posse überdrüssig, Die arme Stadt sich selber überließ Und ihrem bessern Stern, der hoffentlich Dem Aberwitz heimleuchtet, heute noch! Brünnow So wähnen Sie , mit Ihrem Krämerwitz. Heinrich Herr, mäß'gen Sie die Zunge! Brünnow                                           Da Sie nicht Auf schärfre Waffen Rede stehn, so müssen Sie schneid'ge Worte sich gefallen lassen. ( Will gehen ) Heinrich Nicht von der Stelle! Rose                                     Heinrich! Heinrich                                               Wie? Auch du Trittst gegen mich? Gut denn! So lassen Sie Uns rasch entscheiden, wer von beiden ferner Hier aus- und eingehn soll. Brünnow ( sich kalt verneigend )   Ich bin bereit. Rose Ihr werdet nicht gehn, Brünnow! Heinrich ( sich hastig nach der Tür wendend )   Kommen Sie! Dritte Szene Vorige . Roses Mutter (aus der Tür links tretend) Mutter Kinder, was geht hier vor? Erklär mir, Rose – Rose ( an Brünnow herantretend, sehr ernst ) Ihr gebt mir Euer Ehrenwort, bevor Die Stadt befreit ist, keinem andern Gegner, Als dem da draußen, Euch zu stellen. Wollt Ihr?       ( da Brünnow zögert ) Ihr könnt mir dieses Wort nicht weigern, Freund, Soll ich von Eurem Vaterlandsgefühl Nicht schlechter denken, als von Eurem Mut. Brünnow Ihr fordert viel; – doch was versagt' ich Euch! Verzeiht, daß ich dem Streit nicht früher auswich. Mein Wort ist Euch verpfändet. Lebet wohl!       ( Mit einer Verbeugung gegen die Frauen ab ) Mutter Nun sagt nur, Kinder – Rose ( auf Heinrich zugehend )       Heinrich, hab' ich das Um dich verdient? Wenn dir das Elternhaus Nicht heimisch ist, wie sonst, wer trägt die Schuld? Sind wir verwandelt, wir nicht mehr die alten? Du wardst ein andrer, und wie viel ich leide, Seit wir vom Heiligsten verschieden denken, Das wissen meine Nächte. Heinrich ( ergriffen )                   Rose, Mutter, O, habt Geduld mit mir! Ich weiß, die andern Sehn mich mit vorwurfsvollen Augen an, Wie einen abgefallenen Sohn der Stadt. Und doch – Gott weiß, daß ich ihr Bestes will! Nur lernt' ich, über diese engen Mauern Hinauszublicken in die weite Welt, Und kann, was ich erkannt, mir nicht verleugnen. Ich sah den großen Mann, wie er zurückkam Von Austerlitz aus der Dreikaiserschlacht. Er hielt Revue; die Stadt war siegberauscht. Die Glocken Notredames erklangen noch Von des Tedeums Feier in die Salven, Die vom Montmartre dröhnten. Dichtgedrängt Auf allen Plätzen stand das Volk. Da kam er Auf seinem Schimmel langsam angeritten, Und wie sein Auge durch die Reihen flog, Fuhr's wie ein Blitz des Schicksals durch die Herzen, Ein Schlag in allen: diesem Mann gehört Die Zukunft einer Welt!       ( Lärmen auf der Straße, lauter Zuruf ): Hoch Nettelbeck! Hoch Vater Nettelbeck! Vierte Szene Vorige . Nettelbeck (tritt hastig ein, der Volksmenge zuwinkend, die ihm das Geleit gegeben hat) Nettelbeck Schon gut, schon gut! Still, sag' ich. Geht nach Haus! Ihr seid nicht klug, daß ihr mich leben laßt. Übt lieber das Vive l'empereur! euch ein, Doch besser noch: legt euch auf's Ohr und schlaft! Das ist das Ratsamste in faulen Zeiten.       ( Lachen und Zuruf draußen, Nettelbeck schließt die Tür und tritt rasch ins Zimmer ) Na, das war wieder mal ein saubres Stück! Ich muß wahrhaftig fest gezimmert sein, Daß all der Ärger mich nicht mürbe macht. Guten Tag auch, Mutter Blank! – O Zeiten, Zeiten!       ( Wirft sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibsekretär ) Rose ( eilig zu ihm tretend ) O Pate, ist es wahr? Sie reden wirklich Von Kapitulation? Mutter                         Laß doch den Paten Erst zu sich kommen. Kann ich Euch vielleicht Was Stärkendes, ein Gläschen Danziger – Nettelbeck Dank, Mutter! Lieber einen Aderlaß. Denn seht, für meine neunundsechzig Jahre Hab' ich noch zu viel Blut, Gott sei's geklagt! Ja, unser Kommandant, der weiß es besser, Daß alte Knaben ihre Ruhe brauchen. Ich aber, wie 'n blutjunger Sausewind, Gleich Feu'r im Dach und mir das Maul verbrannt, Pfui doch! Rose               Es ist nicht möglich, nimmermehr! Die Stadt ausliefern ohne Sturm? – O sagt, Ihr war't beim Kommandanten? Nettelbeck                                       Ja, mein Kind, Und eines alten Seemanns Mundbattrie Hat ihre gröbsten Stücke spielen lassen. Mutter Ihr redet Euch noch um den Hals. Nettelbeck                                             Gevatterin, Ihr seid 'ne wackre Frau, doch manchesmal Verdammt schwachmütig. Euer sel'ger Mann, Mein guter Martin Blank, der dachte anders, Und meine Rose ist ihm nachgeschlachtet. Sag Mädchen, sollt' ich dazu stille schweigen, Wenn über Colbergs Stadt und Bürgerschaft Verhandelt wird wie über einen Schafstall Und eine Lämmerherde? Rose                                     Also doch? Sagt: ein Parlamentär – Nettelbeck                         Und was für einer! Es schien, er hatte Colberg schon im Sack. Denn mit vier Pferden kam er angefahren, Zum Mühlentor herein, im schönsten Staat, Ein schmucker Herr Trompeter auf dem Bock, Zwei Nobelgarden, herrlich aufgeputzt Wie zur Parade, rechts und links am Wagen, Der langsam, daß man Zeit zum Staunen hätte, Mit schmetterndem Trara den Einzug hielt. Ich kam gerade von den Schleusen her, In Wasserstiefeln, trefflich abgemattet, Da seh' und hör' ich diese Fastnachtsposse, Die just am Kommandantenhause hält, Und unser alter Herr in großer Gala Steht richtig schon mit ganz scharmanter Miene Vorn auf der Rampe und komplimentiert Den werten Herrn Franzosen in sein Haus. Holla! dacht' ich bei mir, da müssen wir Doch auch dabei sein! – Also stracks hinauf. Da sah das Ding denn ganz besonders aus. Der Vorplatz voll von Offiziers, die alle Die Köpfe hängen ließen; von dem Alten Und seiner Staatsvisite nichts zu sehn. Die beiden hatten sich wie Liebesleute In einem Zimmer traulich eingeriegelt, Und kaum ein Wispern drang zu uns heraus. Rose Verraten und verkauft! Nettelbeck                           Ja, danach schmeckt' es. Seit Magdeburg und Neiße liegt so was Hier in der Luft. Ich aber faßte mir Ein Herz. Was? sagt' ich zu den Offiziers, Sie stehn hier, meine Herrn, als ging' Sie das Den Teufel an, was drin verhandelt wird? Da zuckten sie die Achseln; ihrem Chef Belieb' es so. – Was schiert uns sein Belieben, Wenn seine Pflicht zu tun ihm nicht beliebt? Herr Hauptmann, sagt' ich, sprengen Sie die Tür; Sie sind dazu der nächste nach dem Rang Und wissen, denk' ich, ganz so gut wie ich, Was auf dem Spiel steht. Wie ich noch so rede, Kommt meine alte Freundin, die schon zehnmal Die Augen gern mir hätten ausgekratzt, Die Mamsell Flips, Haus- und Zuhälterin Des Alten, wie 'ne Furie, sag' ich euch, Kommt mir das Weibsbild auf den Flur gestürzt: Wir sollten leiser sprechen, nämlich ich ; Denn alle andern pfiffen kaum wie Mäuse. Was? sagt' ich, leiser sprechen? Nein, Mamsell, Noch lauter sprechen, noch bedeutend lauter, Daß Ihrem alten Herrn die Ohren gellen. Und damit klopf' ich an, erst sacht, dann stärker, Bis endlich, sehr ungnädig, der Herr Oberst Die Tür aufriegelt und mit rotem Kopf Herausruft, wer sich unterstünde? – Ich, Herr, Sagt' ich und schob den Fuß gleich in die Tür, Daß, ungern oder nicht, er hören mußte, – Ich, Nettelbeck, Bürgerrepräsentant, Und wollt' nur eben sagen, daß die Stadt Nicht daran denkt , die Schlüssel auszuliefern, Und wenn die Herrn Soldaten so für sich Ein Kapitulationen schließen wollen, So wird die Bürgerschaft den Wall beziehn, Da jeder Colberger geschworen hat In seinem Bürgereide, Gut und Blut An die Verteidigung der Stadt zu setzen. Und dieser Eid, Herr Kommandant – das sagen Sie auf Französisch Ihrem guten Freund – Wer dazu rät, daß wir ihn brechen sollen, Der ist ein – nun, da braucht' ich denn ein Wort, Das wohl ein bißchen stark gepfeffert war. Deutsch aber war's; der Franzmann selbst verstand's. Nur hätte mir der Alte, wie er's hörte, Ums Haar den Degen durch den Leib gerannt, Wär'n nicht die Offiziers dazugesprungen; Die schoben mich hinaus. Indessen schien's Gewirkt zu haben. Zehn Minuten drauf Fuhr die Karosse richtig wieder ab, Diesmal im Trab, und ward auch nicht geblasen. Ich aber hatte meinen Ärger weg! Und jetzt, Gevattrin, gebt mir einen Danz'ger, Daß ich den Gift mir von der Zunge spüle. ( Die Mutter geht nach dem Wandschrank ) Rose ( Nettelbeck um den Hals fallend ) Ich muß Euch küssen, Pate. Nettelbeck                                 Immerzu! Auch das ist eine Herzstärkung, mein Kind; Holla! was macht der Junge da für Augen? Am Ende gar – ich will nicht hoffen, Junge, Daß es dir leid ist um die Staatsvisite! Mutter Ach redet ihm nur einmal ernstlich zu; Denn eben da Ihr kamt – Nettelbeck ( auf ihn zugehend )   Was soll's, Herr Querkopf? Heinrich Ich bitt' Euch, laßt mich schweigen. Wozu führt's, Zu streiten? Jeder bleibt bei seinem Sinn. Nettelbeck ( sieht ihn ernsthaft an ) Hör, Junge – –! Doch ich will mich nicht ereifern. Du warst ja in Paris. Seitdem, versteht sich, Ist unser Colberg nur ein Bettlernest, Und ob die große Nation den Brocken Auch noch in ihre große Schüssel wirft, Was liegt daran? Gesegnete Mahlzeit! Wir – Wir sind Weltbürger, ob wir nebenher Colberger, Preußen, deutsche Männer sind, Ein Narr, wen das bekümmert! Heinrich                                         Ihr verkennt mich, Bei Gott! Wenn noch ein Schein von Hoffnung wäre, Dem Feind die Stirn zu bieten – Nettelbeck                                       Halt, mein Sohn! Pfeifst du aus dieser Tonart? Laß dir sagen: Dergleichen weise Reden kennen wir. Auf jedem Schiff hat's so ein paar Kamraden, Die, wenn der Teufel los ist und die See Schon Mast und Steuer hungrig eingeschluckt, Dann, grade so wie du, von Weisheit triefen. Wozu sich noch abrackern, sagen sie, Da 's doch nichts hilft? Und werfen sich in Winkel Und schieben noch ein Priemchen in die Backe, Geh's drunter nun und drüber. Schande! sag' ich. Das heiß' ich Männer, die die Arme rühren, Solang ein Lappen Tuch zusammenhält; Denn Wind und Wetter stehn in Gottes Hand, Und eh man's denkt, kommt wieder stille See Und guter Wind. Dann flickt man seine Schäden, Wenn nur hier drinnen alles dicht geblieben. Fünfte Szene Vorige . Der Schiffer Franz Arndt (tritt, nachdem er angeklopft, herein) Nettelbeck Herein! – Sieh da, Franz Arndt! Was führt Euch her? Ich glaubt' Euch unterwegs nach Stockholm. Arndt Noch nicht, Kaptän; hab' meinen Kurs geändert. Der Kommandant – Nettelbeck                     Was? Der? Arndt                                             Schickt mich nach Memel An unsern König, weil zu Land die Briefe Nicht sicher gehn. Nun hab' ich fragen wollen, Ob Ihr vielleicht was zu bestellen habt. Ihr habt ja Freunde dort und Anverwandte. Nettelbeck Die könnt Ihr grüßen, Arndt. Sonst aber – halt! Da fällt mir was – Herr du mein Gott, das wäre! Ja, das – Hört alter Freund, seid Ihr pressiert? Arndt Nu, gut und gern ein Stündchen geht noch hin, Bis sie mir Paß und Schriften ausgefertigt. Nettelbeck ( für sich ) Es muß geschehn, bei meiner Seel' es muß! ( laut ) Arndt, kämt Ihr wohl hier wieder mit heran? Ich hätte was – Arndt                     Gern, Kaptän Nettelbeck. Allzeit zu Diensten. Na adjes indessen! ( ab ) Nettelbeck ( immer halb für sich ) Rose, du sollst mir – Aber halt! der Junge Braucht's nicht zu wissen. Frau Gevattrin, Ich hab' mit Rose was allein zu reden! Mutter ( zu Heinrich ) Und ich mit dir, mein Sohn.       ( Winkt ihm, daß er ihr folgen soll. Beide ab nach links ) Sechste Szene Nettelbeck . Rose Nettelbeck ( immer noch für sich )     So machen wir's! Rose Was habt Ihr vor? Nettelbeck                     Wir schreiben an den König. Rose Wir? Nettelbeck   Das heißt, ich. Du aber mußt mir helfen, Denn du bist fixer mit dem Schriftlichen. Rose Sagt nur, was wollt Ihr schreiben? Nettelbeck                                           Unser König Soll einen andern Kommandanten schicken. Denn wenn er wüßte, wie's um Colberg steht – Rose ( läuft an den Sekretär, legt Schreibgerät zurecht ) O das – das gab der Himmel selbst Euch ein! Da, setzt Euch, Pate! Nettelbeck                       Ich? nein, lieber du; Denn mir wird ohnehin ganz schlimm und schwül, Sobald ich eine Feder – Rose                                   Nein, Ihr selbst. Ihr sagt's ihm besser, sagt's eindringlicher, Als irgend wer. Was braucht es schöner Worte, Wo unsre Not so laut zum Himmel schreit? Nettelbeck ( hat sich von ihr zum Sessel hinführen lassen ) Nun denn, so will ich drangehn. Rose                                               Unter all Den braven Feldherrn wird doch einer sein, Der uns ein Retter werden kann. Ist nicht Der Gen'ral Blücher – Nettelbeck ( schreibend )       Der sitzt in Stralsund. Rose Doch Major Scharnhorst – Nettelbeck                                 Den gebraucht der König. Zerbrich dir nicht den Kopf; der König wird Schon wissen, wen , wenn er nur unsern Alten Uns erst vom Halse schafft. Doch stör mich nicht. Rose ( für sich ) O wenn ich denke: unser hoher Herr Und die geliebte schöne Königin Zurückgedrängt an ihres Reiches Grenze, Und nun die Hiobsposten Schlag auf Schlag, Die Stadt gefallen, jene ausgeliefert, Hier Kleinmut, dort Verrat, die Bundsgenossen Uneins und feige, und das Schreckgespenst Von dieses Kaisers Unbesiegbarkeit – Nettelbeck ( schreibt ) – – »und aller gute Wille einer getreuen Bürgerschaft kommt zu kurz, sintemal unsere wohlgemeinten Anerbietungen immer damit abgefertigt werden, – man brauche die Bürger nicht, und sie hätten nichts dreinzureden« – – Rose (ein Buch von ihrem Nähtisch nehmend) Glückselige Jungfrau von Orleans, Dich riefen deine Stimmen in den Krieg, Und gläubig folgtest du! Dein Vaterland Und deinen König durftest du befreien, Dein Leben opfern für die große Sache. Und ich, wenn ich mein Herzblut geben wollte – Was nützt' es wohl? Wer nähm' das Opfer an? Nettelbeck ( schreibend ) – »ersuchen deshalb inständigst unsern allergnädigsten König, daß er uns einen tapfern und erfahrenen Offizier senden wolle, an Stelle dieses alten« – ( stockt ) Sag mal Rose, Schickt sich das wohl, den alten Degenknopf So gradewegs ein altes Weib zu nennen? Rose ( lächelnd ) Der Amtsstil freilich scheint es nicht zu sein. Nettelbeck Hast Recht. Und da ich nicht als Schiffskaptän, Vielmehr als Bürgervorstand, sozusagen Im Namen Colbergs – aber weiß der Henker, 's wird einem sauer, so das rechte Wort, Das aus der Feder will, zurückzuschieben. Was setz' ich nur dafür? Hilf mir doch Kind! Studierst doch deinen Schiller nicht umsonst. Rose Der läßt mich hier im Stich. Nettelbeck                                 Na meinetwegen! ( schreibt ) – »statt dieser alten Schlafmütz!« So! nun Hab' ich mich diplomatisch ausgedrückt. Nur noch Die Unterschrift ( schreibt ) »Ersterb' in tiefster Ehrfurcht« – Siebente Szene Vorige . Ein Gefreiter (mit zwei Mann Wache) Gefreiter Herr Joachim Nettelbeck – Nettelbeck ( ohne aufzusehen )             Ist hier. Was soll's? Gefreiter Es tut mir leid, doch hab' ich Order, Herr, Euch in Arrest zu führen. Rose ( erstaunt )                       In Arrest? Nettelbeck ( fertig schreibend ) »In tiefster Ehrfurcht treugehorsamster Bürgervorsteher Joachim Nettelbeck.« Gefreiter Und zwar sofort und ohne Aufschub. Nettelbeck ( der nicht gehört hat )                         So! Das wär' getan. Nun noch gesiegelt. ( Sucht nach dem Petschaft ) Gefreiter                                               Hört Ihr? Nettelbeck Was gibt's? ( umblickend )                             Ja so! Was bringt Ihr mir? Rose                                                                   O Pate – Gefreiter Ihr habt sogleich mir in Arrest zu folgen, Herr Nettelbeck. Der Oberst – Nettelbeck ( aufstehend )                   In Arrest? Der alte Nettelbeck? Hör, lieber Sohn, Du bist wohl nicht bei Trost. Gefreiter (die Achseln zuckend)       Bedaure sehr, Doch meine Order – Nettelbeck                       Sieh eins! Und warum? Gefreiter Das weiß ich nicht. Doch merken konnt' ich wohl, Ihr habt den Gouverneur sehr aufgebracht. Nettelbeck Hab' ich? Das ist mir lieb. Ich dachte schon, Der Alte sei durch nichts mehr aufzubringen. Wenn der Franzos an deiner Pfeife sich Die Lunt' anstecken wollte, pafft' er sie Erst recht in Brand und griff an seine Mütze Und sagte: Serviteur! Hm! Also doch! Hab' ich ihm warm gemacht? Na dann geht hin Und meldet ihm, es sei recht gern geschehn, Und grüßt auch die Mamsell. ( zu Rose ) Du bring ein Licht. Gefreiter Ich bitte nicht zu spaßen. Nettelbeck ( auf den Tisch schlagend )   Himmelkreuz, Auch mir wird's außer Spaß! Achte Szene Vorige . Die Mutter (tritt hastig ein) Mutter                                         Barmherziger Gott, Soldaten! Nettelbeck     Kommt, Gevattrin! Ja, was meint Ihr? Wer hätte das von Nettelbeck gedacht, Daß er den Gouverneur verführen wollte, Die Festung zu verraten und dem Feind Die Schlüssel für ein Trinkgeld auszuliefern? Der Judas! Vor ein Kriegsgericht mit ihm, Und hängen muß der Schurke Nettelbeck, Wär' auch kein Strick in Colberg aufzutreiben, Als nur das Schürzenband der Mamsell Flips! Mutter Ist das erhört? Rose ( zum Gefreiten )     Es muß ein Irrtum sein. Gefreiter Jungfer, ich bin Soldat. Ihr tätet besser, Dem alten Ehrenmanne zuzureden, Daß er den sauren Dienst mir nicht erschwert. Ich kann ihm doch nicht helfen. Nettelbeck                                     Nein, mein Sohn, Ich hab' mir's überlegt. Der Nettelbeck Hat mancherlei Quartiere schon bewohnt, Nur in Arrest hat er noch nicht gesessen, Und alles muß ein junger Mensch versuchen. Rose Es darf, es kann nicht sein! Nettelbeck                                 Still, Kinder! Gebt Mir noch 'nen Danz'ger auf die Fahrt, Gevatt'rin. Ein gut' Gewissen und ein guter Schnaps – Ihr wißt wohl. Schenkt den Leuten auch ein Gläschen. ( Zum Gefreiten ) Ihr mögt nicht? Wie Ihr wollt. Und jetzt– Was Teufel! Die Feuerglocke! ( Draußen Glockengeläute und Lärmen. Rose läuft ans Fenster ) Rose                         Alles rennt hinab Der Vorstadt zu – Nettelbeck                   Wir haben West-Süd-West. Was mag nur wieder – Neunte Szene Vorige . Würges (rasch eintretend) Würges                             Dacht' ich's doch! Da ist er. Kommt, alter Freund! Man sucht Euch überall. Es brennt. Nettelbeck       Wo brennt's? Würges                                 Nicht weit vom Mühlentor. Bei Lorenz Rungen. Eine Bombe flog – Kaum war der Parlamenter aus der Stadt – In Rungens Dachstuhl – blautz und krach! Nettelbeck                                                     Der Sünder! Erst gestern sagt' ich ihm: schaff deine Gerste Vom Boden weg! Und justement sein Haus? Würges Ja ja! Der Herr Franzose fuhr vorbei Und sah sich's an und sah, daß dicht dabei Der Pulverturm – Nettelbeck                 Herrgott, da muß ich hin; Sonst, bei der lahmen Spritzenwirtschaft –       ( Er will eilig hinauf. Der Gefreite vertritt ihm den Weg ) Gefreiter                                                       Halt! Nettelbeck Ja so! Das hätt' ich fast vergessen. Denkt nur, Was man erlebt: da soll ich in Arrest, Bloß, weil ich mit dem Franzmann deutsch gesprochen. Würges Ei was nicht gar! Nettelbeck                     Na, lieber Sohn, du siehst – Hernach recht gern. Jetzt hab' ich mehr zu tun. Gefreiter Ich muß sehr bitten – Würges                                   In drei Teufels Namen, Da wird man auch noch lange parlamentern! ( Geht eilig hinaus ) Nettelbeck ( tritt auf den Gefreiten zu, faßt ihn am Kopf ) Hört, Herr Gefreiter, allzuscharf macht schartig. Ob es dem preußischen Staate nützlich ist, Daß ich auf Latten liege, weiß ich nicht. Doch, daß es ihm durchaus nicht nützlich ist, Wenn unser Pulverturm zum Kuckuck fliegt, Das weiß ich ganz gewiß, und das begreift Am End' auch so ein – Milchbart. Gefreiter                                           Herr, ich habe Gemessensten Befehl –       ( Lärm auf der Straße ):   Hoch Nettelbeck! Gebt Nettelbeck heraus! Zehnte Szene Vorige . (Die Tür wird aufgerissen. Man sieht) Würges (vor der Schwelle stehn, hinter ihm Volkshaufen) Würges Holla! Da wären wir, um anzufragen, Ob Ihr Euch nicht die Freiheit nehmen wollt, Ein bißchen mitzulöschen. Laßt doch sonsten Nicht gerne was anbrennen. Gefreiter ( zu Nettelbeck )               Euer Amt Und Eure Bürgerpflicht gebieten Euch – Würges Was? Will das Bürschchen Nettelbecken lehren, Was Bürgerpflicht? Der Tausendsappermenter! Nein, Kind, ich bin ein alter Militär, Und hab' vordem beim Regiment Schwerin Auch wohl die Bürger mehr als gut kuranzt. Doch der Soldat von damals war noch was, Der hat den preußischen Staat erst aufgebaut, Und wenn der Kamm ihm schwoll, so war es menschlich. Ihr aber, was tut ihr? Ihr lauft davon – – Gefreiter Herr! – Würges               – daß der alte Fritz im Grabe sich Umdrehte, wenn er was von Jena hörte Und Auerstädt und Magdeburg und Stettin. Und dafür noch Respekt und Fuchtelküssen? Nein, setzt es Prügel, lieber doch vom Feind, Als erst von euch, ihr Herrn, und hinterdrein Erst recht vom Feind. So, meinethalben kannst du Das rapportieren. Nettelbeck ( vortretend )   Stille, Kinder, still! Drum laß mich jetzt zum Feuer. Wenn's gelöscht ist, Stell' ich mich selber pünktlich zum Arrest. Bist du's zufrieden? ( Gefreiter schweigt ) Würges                         Nichts da von Arrest, Fort mit der Wache! Nettelbeck                     Kinder, laßt euch sagen – ( Während die Bürger drohend zustimmen, schweigt das Glockengeläute, das schon zuletzt immer schwächer geworden ist ) Elfte Szene Vorige . Franz Arndt (drängt sich durch das Volk) Arndt Platz! Kaptän Nettelbeck hat mich bestellt. Nettelbeck Schon fertig, Arndt? Die Rose wird Euch geben; Ich muß zum Brand. ( Will gehen ) ( Der Gefreite ist indessen an den Schreibsekretär getreten, nur von Rose bemerkt, und hat einen Blick auf das offen daliegende Schreiben geworfen ) Arndt                             Komm' eben davon her; Ist nicht der Rede wert mehr, denn der Wind Hat umgesetzt. Nettelbeck             Nun, Gott sei Lob und Dank! So geht nach Hause, liebe Freund' und Nachbarn; Wir kommen jetzt hier schon allein zurecht. ( Die Leute auf der Straße zerstreuen sich ) Rose Mein Herr Gefreiter – Gefreiter ( den Brief in der Hand )   Lassen Sie mich, Jungfer! Nettelbeck ( der mit Würges und Arndt gesprochen hat ) Nun seht ihr wohl – doch reinen Mund! Auch denk' ich, Man wird mir wohl erlauben, den Arrest Hier einzusitzen – Rose                           Pate, Euer Brief – Nettelbeck Ha, schnüffelt mir der Spitzbub' – Herr Gefreiter, Was untersteht Ihr Euch –? Gefreiter                                   Ich darf nicht dulden, Daß Ihr als Arrestant Komplotte schmiedet. Rose Das Schreiben ward noch vorher aufgesetzt. Gefreiter Gleichviel! Es darf aus dem Arrest heraus Nicht abgesendet werden ohn' Erlaubnis Des Kommandanten – Würges                               Bomben und Granaten! Ich will dem Bürschchen – ( Zieht den Säbel ) Gefreiter ( ebenfalls ziehend, heftig )   Kommt, Ihr habt noch was Auf meinem Kerbholz von vorhin. ( Sie wollen handgemein werden ) Nettelbeck ( dazwischentretend )               Steckt ein! O schämt euch alle beide! Wetter auch! Der Feind vorm Tor, und die ihn schlagen sollten, Landsleute, Brüder, brechen sich die Hälse Zum Zeitvertreib? Steckt ein, ins Herrgotts Namen! Ihr aber bringt den Fetzen Eurem alten –! ( hustet ) Mir ist es gleich, er liest nichts Neues drin. Gefreiter Ich will mir neue Instruktionen holen, Herr Nettelbeck, ob ich im Hausarrest Euch lassen darf. Doch erst versprecht Ihr mir, Nicht einen zweiten Brief, wie den, zu schreiben. Nettelbeck Du bist ja mächtig akkurat, mein Sohn. Nein, daraus kann nichts werden. Gefreiter ( kommandierend )                   Angetreten! Rose ( rasch und leise zu Nettelbeck ) Tut's, Pate, tut's! Ich steh' für alles ein. Nettelbeck Blitzmädel! Du? Was willst du –? Na, mein Sohn, Es bleibt dabei, ich schreibe keinen Brief. Gefreiter Ich dank' Euch! Gewehr auf! Würges                                               Und marsch mit euch! ( Gefreiter und Wache ab ) Zwölfte Szene Vorige (ohne die Soldaten) Nettelbeck ( zu Rose ) Nun sag in aller Welt – Arndt                                                       Wie nun, Kaptän? So fahr' ich ohne Brief? Rose Mich nehmt Ihr mit. Ich geh' zum König. Würges                         Bomben und – Nettelbeck                                           Du selbst? Mutter O Kind, das ist dein Ernst nicht! Rose                                                     Freilich, Mutter, Mein heiliger Ernst. Der Pate soll sein Wort Nicht brechen, doch der König muß erfahren, Daß wir verloren sind, wenn er nicht hilft. Mutter Bedenk, nach Memel, an den Hof! Was willst du Zum König sprechen? Pate, leidet's nicht! Und jetzt, Hals über Kopf – wenn wenigstens Der Schiffer warten könnte bis ich dir Dein bißchen Wäsch' und Kleider – ( Arndt zuckt die Achseln. Rose läuft nach dem Schrank, nimmt einen Hut und ein Tuch heraus ) Mutter                                                 O Gevatter, Das habt nur Ihr dem Mädchen, Ihr allein So in den Kopf gesetzt! Nettelbeck                         Ich? – Mutter Blank, Das hat dem Kind ein Höh'rer eingegeben. Ihr aber kommt mir vor wie eine Henne, Die 'n junges Entenküken ausgebrütet Und jammert, wenn die Brut aufs Wasser geht. Laßt sie nur ziehn, so wie sie geht und steht; Der König, wie der Herrgott, sieht aufs Herz, Nicht auf die Garderobe. Sag ihm nur, Ich ließ' ihn grüßen, und die alte Schlafmütz' – Rose Still, Pate; denkt an Euer Wort: Ihr dürft Nicht komplottieren im Arrest. Nettelbeck                                   Ha, ha! Hast Recht, mein Kind. Das ist mir eine saubre Verschwörung: mit dem eignen Herrn und König! Na immerzu! So nehmt sie hin, Franz Arndt; Ich binde sie Euch auf die Seele. Mutter ( sie umarmend )                       Reise Mit Gott, mein Töchterchen! Rose (in der Türe, mit dem Schiffer)   Leb' wohl, – lebt wohl! Nettelbeck Was meint Ihr, Würges: ist die Stadt verloren, Solang' sich noch sogar im Unterrock Freiwillige stellen, wie dies Wetterkind? O Zeit, wo Männer alte Weiber werden Und Weiber ihren Mann stehn! Na, Gott besser's! ( Der Vorhang fällt ) Zweiter Akt Der Ratskeller, ein hoher, spitzbogiger Saal, auf einem Mittelpfeiler ruhend. In der Mitte ein langer Tisch mit Lichtern, Pfeifen und Fidibusbechern. Vorn rechts ein kleiner Schachtisch, links ein Kartentisch. Zwei andere kleine Tische im Hintergrund Erste Szene (Beim Aufgehen des Vorhangs ist ein Kellner beschäftigt, die Lichter anzuzünden.) Brünnow und Gneisenau (letzterer im Mantel, treten durch die Mitteltür ein) Brünnow Wir noch die ersten? Umso besser! Gern Fragt' ich Sie noch ein wenig aus. Denn spärlich Und sehr veraltet hören wir das Neuste, Seitdem der Seeweg nur uns offen blieb. Ist's wahr, daß nach der Eylauschlacht der Kaiser Sein sehr erschöpftes Heer längs der Passarge Untätig aufgestellt? Gneisenau                   Das Wirksamste, Was ihm zu tun blieb. Denn sein linker Flügel Stützt nun Lefebvre, der vor Danzig liegt, Und wie er stets durch Sammlung aller Macht Auf einen Punkt die großen Schläge führt, So fürcht' ich auch für Danzig. Schweren Herzens Folgt' ich der Order, die von dort mich abrief; Doch gibt es allerdings auch hier zu tun. Brünnow Und wo hat unser Schill sich hingewandt? Gneisenau Die letzte Nachricht kam uns aus Stralsund. Ich gäbe viel darum, den wackern Mann Noch hier zu finden. Brünnow                       Seine Stellung ward Unhaltbar. Unverzeihlich schien's da oben , Daß ihn die Bürgerschaft auf Händen trug, Und daß er stets zu kräft'gem Handeln drängte. Auch wir sind übel angesehn und müssen Die Gunst erschleichen , unser Blut zu opfern! Gneisenau Unselige Beschränktheit! ( Der Kellermeister ist eingetreten und hat Brünnow ein Wort gesagt ) Brünnow                                       Sie verzeihn, Mein Herr Major: Dienstsachen rufen mich; Ich muß zu meinen Leuten. Doch bald bin ich Zurück, Sie zur Parole abzuholen. ( Leise ) Dafern Sie wünschen, Ihr Inkognito Zu wahren – Gneisenau           Allerdings. Brünnow                             So nennen Sie Nur meinen Namen. Als der Freund des Schill Ward ich sein Erbe in der Gunst der Bürger.       ( zum Kellermeister ) Der Fremde ist mein Gast. – Auf Wiedersehn! ( Ab ) Zweite Szene Gneisenau . Kellermeister . Kellner Kellermeister ( für sich, Gneisenau betrachtend ) Wer es nur sein mag? Gneisenau                       Kann man ein Glas Bier Bekommen, mein Herr Kellermeister? Kellermeister                                           Freilich! Lauf, Jakob! – Stadtbier, Herr Major? Wir haben Sonst auch Stettiner. Gneisenau                     Ganz nach Ihrer Wahl. Kellermeister ( zum Kellner ) Lauf! Einen Krug Colberger! – Das Stettiner Liegt schon ein bißchen lang. ( Kellner ab ) Der Herr Major Sind hier zum ersten Mal? Gneisenau                             Zum ersten Mal. Kellermeister Heut mit dem Adler einpassiert? Gneisenau                                                     So ist es. Kellermeister Und denken einige Zeit sich aufzuhalten? Gneisenau Solang es nötig ist. Kellermeister                         Hm! Ohne Zweifel In höherm Auftrag? Gneisenau ( an den Mitteltisch tretend )   Diese Plätze sind besetzt? Kellermeister Stammgäste, Herr Major. Doch möglich, Daß die Gesellschaft nicht vollzählig wird. 's ist nicht wie sonsten. Jeder Bürger steckt Voll Sorgen. Sind der Herr Major bereits Bei unserm Kommandanten –? Gneisenau ( auf ein Tischchen im Hintergrunde deutend )                                                 Dieser Platz scheint Frei zu sein. Kellermeister     Hier – mit der gütigen Erlaubnis – sitzt Herr Joachim Nettelbeck. Doch der kommt schwerlich, weil er alle Hände Voll Stadtgeschäfte hat. Ja, Herr Major, Wenn der nicht wäre – ( zum Kellner, der Bier bringt )                                   Auf den Tisch da!       ( Der Kellner sieht ihn fragend an )             Weiß schon! Doch wenn Herr Nettelbeck auch kommt, es wird Ihm eine Ehre sein. – Ja, was ich sagen wollte: Der Herr Major sind doch schon einquartiert? Gneisenau Gewiß. Kellermeister         Ich wollte nur –       ( während Gneisenau sich setzt ) Der Henker bring' Aus ihm heraus, was er nicht sagen will! Doch was Vornehmes muß er sein; man sieht's An seinem strammen Wesen. Und die Augen! Die blitzen einen durch und durch. ( Zum Kellner ) Was hast du Maulaffen feil? Man muß die Fremden nicht Mit Neugier molestieren. Lauf! Ich höre Die Gäste kommen. Dritte Szene Vorige . Die Bürger (treten nach und nach ein) Kellermeister ( zu Gneisenau )   Dies, mein Herr Major, Ist Ratsherr Grüneberg. Der mit ihm spricht, Ist Kaufmann Schröder, hatte ehedem Sechs große Schiff' in See, ein schwerer Mann; Spürt jetzo auch den Krieg. Dann kommt der Herr Stadtzimmermeister Geertz, der vor sechs Jahren Den neuen Dachstuhl der Marienkirche – Mit gütiger Erlaubnis, Herr Major! ( Geht den Gästen bewillkommnend entgegen und wechselt Blicke und leise Reden mit ihnen, auf Gneisenau deutend, der sich in ein Zeitungsblatt zu vertiefen scheint. Die Bürger nehmen Platz an dem Mitteltische ) Grüneberg ( zu Schröder, während sie sich setzen ) Ja, ja, Herr Nachbar, Ihr seid zu jung, Wißt nichts von der grausamen Teuerung, Die Anno dreiundvierzig die Stadt Schlimmer als der Franzmann belagert hat. Ich trug meine ersten Stiefel grade Und weiß noch, wie ich erschrocken war, Als die Mutter sagte: man wird noch gar Das Schuhwerk kochen. Das däuchte mir schade. Mehr um die Stiefel als um den Magen. Der Scheffel Roggen ward, ungeprahlt, Mit einem Taler acht Groschen bezahlt. Schröder Und das Geld war teurer in jenen Tagen. Jakob! ( Der Kellner bringt Bier ) Frischen Tabak! Nummer Drei. Kellermeister ( vortretend ) Die Sorte ist leider ausgegangen. Grüneberg Bitte, Herr Nachbar, nur zuzulangen; Hier ist noch ein Restchen. Schröder                                 Ich bin so frei. Kellermeister Die Bremer Schiffer fürchten sich wohl, Sie würden vom Feinde aufgefangen. Grüneberg Wenn man nichts Schlimm'res entbehren soll, Als seine gewohnte Sorte, da hat's Noch keine Not um 'nen festen Platz. Damals war freilich der Jammer groß, Als ein Schiff mit Roggen dicht vor der Bucht Zu scheitern kam und rettungslos Die See einschluckte die liebe Frucht. Ich sah's mit an von der Münder Vogtei, Und meine, mir klingt noch in den Ohren Der Weiber und Kinder Wehgeschrei, Und die Männer hatten den Kopf verloren. Und dennoch half uns der gnädige Gott. Geertz Er wird auch helfen aus dieser Not. ( Rektor Zipfel tritt ein, mit langer Pfeife, ein Samtmützchen auf dem Kopf ) Zipfel Guten Abend, ihr Herrn! Grüneberg                               Guten Abend! Wie steht's, Herr Rektor? ( Zipfel geht langsam an das Schachtischchen vor, setzt sich und fängt an, das Spiel aufzustellen ) Zipfel                 Wie man's treibt, so geht's. Aequam memento –! Grüneberg                             Da habt Ihr Recht: Memento mori, es kommt an uns alle, Sagte die Katz' zur Maus in der Falle. Die Frau doch munter? Zipfel                               Nicht gut, nicht schlecht. Ist immer mit Insomnie geplagt. Grüneberg Das soll sehr weh tun, wie man sagt. ( Halblaut zu Schröder ) Kurios! In so einem Rektorshaus Bricht immer was Lateinisches aus. ( Laut ) Sieh da, der Würges! ( Würges tritt ein, geht rasch auf das Tischchen zu, an welchem Gneisenau sitzt ) Würges                                     Da sitzt er ja! Na, Alter, ( Gneisenau auf die Schulter klopfend ) der Arndt ist wieder da. Was bringt die Rose? – – Wetter und Blitz! Das ist ja gar nicht –( Setzt seine Brille auf ) Bitt' um Exküse! Das ist sonst Nettelbecken sein Sitz. Meine Augen – kann ich mit einer Prise? –       ( Bietet ihm die Dose. Gneisenau lehnt ab ) Meine Augen sind nicht mehr die jüngsten. Mit wem hab' ich – Gneisenau                     Ich warte hier Auf Leutnant Brünnow. Die Herren verzeihn, Ich störe doch nicht? Würges                           Nicht im geringsten. Den Herrn Leutnant respektieren wir. So wie der sollten alle sein, Dem Bürgersmann auch seine Ehre geben, Dann wär's in der Stadt ein andres Leben. Ich, Herr, bin auch Soldat gewesen Und jetzt ein lahmer Invalid. Aber was man heutzutage sieht, Das faule, gamaschenknöpfige Wesen – Grüneberg ( halblaut ) Pst, Würges! Den Finger auf den Mund! Ihr wißt ja nicht – Würges ( mit einem prüfenden Blick auf Gneisenau )                             Habt Recht, Gevatter! Zwar recht was Resolutes hat er, Doch die besten sind heut nicht ganz gesund.       ( Kommt in den Vordergrund ) Na, wie sieht's aus, Altmeister Geertz: Machen wir ein Spielchen? Geertz                                     Hab' nichts dagegen.       ( Steht auf und setzt sich zu Würges vorn an den Kartentisch ) Kellermeister Jakob, die Pfeifen! Wie lange währt's? Würges Partie einen Sechser? Geertz                                   Meinetwegen! Grüneberg ( zu Würges ) Bringt Ihr was Neues? Würges ( Karten mischend )     Nichts Gescheidts. Das Ding will einschlafen beiderseits. Auch für dem Feind seine neuen Approschen Geb' ich keinen roten Silbergroschen. Grüneberg Sie scheinen ein Plänchen auszuhecken, Um uns im Schlaf in den Sack zu stecken. Würges Aber ich war in der Vorstadt eben; Da ist ein Gewimmel, ist ein Leben! ( Heinrich tritt ein, mustert rasch die Gesellschaft, spricht leise, auf Gneisenau deutend, mit dem Kellermeister und setzt sich dann, den Rektor begrüßend, stumm und finster an den Schachtisch ) Schröder Was hat's denn gegeben? Liegt ja schon alles in Rauch und Asche. Würges (während er eifrig spielt) Ja, nun kommen die armen Narren, Die der rote Hahn aus den Betten gekräht, Um irgend ein altes Hausgerät, Einen eisernen Topf, eine rußige Flasche Aus den Trümmern herauszuscharren; Schimpfen dabei auf den Gouverneur, Daß dem Alten die Ohren klingen müssen. Schröder Der hat für so was kein Gehör. Geertz Sagt lieber: er hat kein Gewissen. Konnt' er die Vorstadt nicht stehen lassen? Grüneberg Der Feind sollte drin nicht Posto fassen. Würges Ja, lassen wir ihn erst so weit kommen, Wird uns doch Luft und Atem benommen. Dann findet er Deckung auch hinterm Schutt Und schießt uns totalemang kaput. Grüneberg Das ist des Alten Taktik eben, Wie die Spinne im Netz zu kleben, Statt frisch aus dem Tor und drauf und drein Dem Feind immer auf dem Nacken zu sein. Im Siebenjährigen ward kein Haus In der Lauenburger Vorstad niedergebrannt. Schröder Da war auch der Heyden Stadtkommandant. Ja damals! Geertz             Ich steche mit Schellendaus. Grüneberg Und wenn's durchaus gebrannt sein mußt' – Denn, meine Herrn, nicht zu vergessen: Die Kriegskunst hat verdammte Finessen – Warum so halsüberkopf sie just Anzünden, daß kaum aus ihren Betten Die Eigentümer sich durften retten? Man hat sie ja freilich untergebracht In der innern Stadt; doch ihre Habe, Ihr bißchen Wohlstand ging zu Grabe; Sie sind Bettler! Würges                   Daran wird nicht gedacht. Fällt so einem Großhans mal was ein, Dann meint er, er sei wunder wie klug, Dann muß es im Hui geschehen sein. Ich spiele Herzkönig. Zipfel ( zu Heinrich )           Was hast du heut, Mein Sohn? Heinrich ( ausweichend )   O nichts! Zipfel                                         Du bist so zerstreut. Heinrich Schach Ihrem König! Sie sind am Zug. Würges Eins möcht' ich nur wissen. Grüneberg                                     Was wäre das? Würges Wenn der alte Fritz aus dem Grabe stiege, Was der wohl sagte zu diesem Kriege. Geertz Ja, der verstünd' eben keinen Spaß; Der wüßte die Feinde anders zu fassen, Statt sich in die Klemme drängen zu lassen, Vom Thron herunter bis auf den Schemel, Von Berlin bis hinten hin nach Memel. Grüneberg Ich muß sehr bitten – Schröder                                   Der Geertz hat recht. Ja, dann wär's anders! Grüneberg                         Nachbar, Ihr sprecht, Wie Ihr's versteht. Geertz                       Das tut ein jeder, Ich mit dem Maßstock, Ihr mit der Feder. Würges Herzdame! – Bedient, statt euch zu zanken. Darüber kann kein Streiten sein: Führ' der alte Fritz mit dem Krückstock drein, Wir würden all' unserm Herrgott danken. Jetzt haben wir auch Generals die Menge, Den Scharnhorst, den York und den alten Blüchern; Die verstehn den Krieg in die Breit' und die Länge, Aber wie man ihn lernt aus Büchern. Ja, wenn wir nur noch den Ziethen hätten, Der fackelte nicht, das wollt' ich wetten. Der sprach vor der Torgauer Aktion: »Meine Herren, heut haben wir Bataille. Unter uns ist keine feige Kanaille; Es muß gehn wie mit Butter geschmiert!« – Nun, wenn man so wird geharanguiert, Da ist's kein Wunder, wenn alles fliegt Und die Viktoria beim Wickel kriegt. Geertz Ja, ja! Würges         Und der Herr Napoleon, Der pfiffe schon längst aus anderm Ton. Geertz Wollt's meinen! Heinrich ( aufspringend )  Ich kann's nicht länger hören, Wenn ich auch weiß: was ich sagen muß, Wird neuen Streit heraufbeschwören. Zipfel ( ihn festhaltend ) Mein Sohn, du machst dir nur Verdruß. Heinrich Ich weiß, daß ich hier der Jüngste bin – Würges Ist nicht der schlimmste von Euren Fehlern! Heinrich Auch kommt's mir wahrlich nicht in den Sinn, Dem großen König den Ruhm zu schmälern – Würges Wär' auch ein Kunststück! Heinrich                                       Wer aber sagt, Daß ihn der Korse nicht überragt, Der – Würges     Donner und Wetter! (Wirft die Karten hin, Geertz hält ihn zurück) Geertz                                       Ausreden lassen! Würges Wer das sagt – Kreuzhimmelschwerenot! Ist ein miserabliger Patriot, Ein – ( Die Bürger sind aufgestanden und haben sich nach vorn gedrängt. Nur der Rektor ist sitzen geblieben und Gneisenau im Hintergrunde ) Grüneberg   Still doch! Heinrich ( zu Würges )     Mit Euch red' ich nicht. Ihr wollt Euch nicht mit Gründen befassen, Und wären sie klar wie das Sonnenlicht, Sondern schlechtweg nur lieben und hassen. Ich sage nicht: es war kinderleicht, Was unser großer König erreicht. Aber er war auf dem Thron geboren, Sein Vater ließ ihm ein starkes Heer, Sein ganzes Volk hatt' ihm Treue geschworen, Und wer da hat, gewinnt noch mehr. Hingegen der Korse, der Bonapart', Der nicht im Purpur erzogen ward – Den Thron, auf dem er heute sitzt, Hat er aus eignem Holz geschnitzt; Vom Unterleutnant, von Sieg zu Siegen Ist er zum Kaiser emporgestiegen Und wird nicht ruhen, bis er die Welt Unter seinem mächtigen Szepter hält. Und darum – ( Würges will reden ) Grüneberg           Stille! die Nutzanwendung! Heinrich Und darum nenn' ich es Verblendung, Zu kleben am Überlebten und Alten, Wenn rings die Welt sich will umgestalten; Und wenn ein gottgesandter Geist – Grüneberg Eine Gottesgeißel! – da habt Ihr Recht. Heinrich ( fortfahrend ) – die Schranken, die einst die Völker trennten, In mächtigem Schwunge niederreißt, Daß sich die Menschen verbrüdern könnten – Grüneberg Fraternité zwischen Knecht und Knecht! Heinrich – dann hinter dumpfen, wankenden Mauern Auf den Schatten des alten Fritz zu lauern, Daß der noch einmal durch ein Wunder Zusammenkitte den bröckligen Plunder, Der doch in kurzem – Würges ( von Geertz gehalten )   Laßt mich los! Hinaus mit dem Vaterlandsverräter! Sein Vater selig, der riefe Zeter, Hört' er ihn pred'gen wie ein Franzos. So hat man in Erfurt auch räsoniert, In Hameln, Magdeburg und Stettin, Und darum hundsföttisch kapituliert. Hinaus mit dem Burschen! Grüneberg                               Haltet ihn! ( Zipfel steht auf und streckt seine lange Pfeife zwischen die Streitenden ) Zipfel Ruh', liebe Nachbarn! Silentium! Herr Würges, Ihr seid ein alter Mann; Ihr wißt, daß der furor juvenum Austoben will. Würges                 Schlag' das Wetter drein! Nun kommt noch der mit seinem Latein. Ihr könnt mir – Grüneberg             Still, hört den Rektor an! Zipfel Mitbürger und Freunde! Ihr alle wißt, Obwohl ich, wie meines Amtes ist, Viele lateinische Bücher geschrieben, Bin ich doch stets gut deutsch geblieben Und treu bei meinen Bürgerpflichten. Erlaubt mir darum, den Streit zu schlichten. Die Bürger Ja! Ja! Zipfel                   Ich sage: die alten Weisen Warnten, den Menschen glücklich zu preisen Vor seinem Ende. Nur füg' ich hinzu: Man soll ihn auch nicht den Großen nennen; Denn wer wird dafür bürgen können, Ob er nicht noch was Schändliches tu', Das ihn erniedrigt?       ( Zustimmung unter den Bürgern )                             Von diesem Satz, Den in abstracto wir zugegeben, Wenden wir uns zum konkreten Leben. Würges ( sich unmutig abwendend, hustet ) Hm! Nachbar Geertz, wer ist am Geben?       ( Setzt sich wieder zu den Karten ) Zipfel Da sehen wir auf erhabenem Platz Den korsischen Imperator stehen. Denkwürdiges ist durch ihn geschehen; Aber solang' er in Fleisch und Blut, Wer hat ihn glücklich zu preisen den Mut, Oder wer darf ihn nennen »groß«, Wie unsern König, der in der Stille, Procul negotiis – beatus ille! – Ausruht in ewigen Ruhmes Schoß Von seinen Mühen und Heldentaten? Doch jenem – trotze seinem hitzigen Rennen – Kann leicht sein kühnes Spiel mißraten, Daß selbst, die heute er mit sich reißt, Seinen Namen voll Mitleid nennen, Da ja ein heiliger Mund uns heißt: Ihr sollt sie an ihren Früchten erkennen! Grüneberg Sehr richtig! Schröder                       Die Früchte sind allermeist Faul oder giftig, das sieht man schon. Heinrich Ich bitte, Herr Rektor – Zipfel                                         Gleich, mein Sohn. Also, wo bin ich stehn geblieben? Ich hab' einmal eine Dissertation Über einen andern Kaiser geschrieben, Nämlich de Julio Caesare. Grüneberg Nun kommt er ins Schwögen, gebt acht! Schröder                                                               O weh! Würges (heftig spielend) Da kann ich drüber! Zipfel                           Dem tieferen Blick Zeigt sich in beider Männer Geschick Viel Ähnlichkeit und viel Unterschied. Würges ( beiseite ) Wie man's bei den meisten Menschen sieht. Zipfel So hier wie dort der kühne Geist, Der die Welt erobernd mit sich reißt, Die Feldherrngaben, das Staatsgenie, Kurz: das große acumen ingenii . Doch kann der Forscher sich nicht verhehlen, Trotz dieser schlagenden Parallelen – Würges ( aufspringend ) Wer will uns schlagen? Was Parallelen? Herr, wollt Ihr uns hier bange machen? Was wißt denn Ihr von Festungssachen? Dem Feind seine Parallelen sind Nicht der Rede wert, das begreift ein Kind. Sie machen sie nur zum Zeitvertreib. Die erste rückt vom Bullenwinkel aus Kaum hundert Schritt dem Wolfsberg aus den Leib; Die zweite – Schröder             Da werd' einer klug daraus! Zipfel Ihr mißversteht mich offenbar, Und die Sache ist doch so leicht verständlich. Grüneberg Da kommt der Nettelbeck! Nun wird's klar! Vierte Szene Vorige . Nettelbeck (tritt ein und kommt rasch in den Vordergrund) Nettelbeck Guten Abend! Ja, da bin ich endlich. Würges Wo habt Ihr nur gesteckt? Kellermeister ( einen Sessel bringend )   He, Jakob! Nettelbeck ( ohne sich zu sehen )                             Kinder, Ich war in Sellnow, hab' revidiert, Scheuern und Ställe visitiert, Den Bauern die Hölle heiß gemacht, Proviant zu schicken noch diese Nacht. Zu Anfang machen sie saure Mienen; Sie wissen, daß es hier am Baren fehlt. Nun gut, so wartet, sagt' ich ihnen, Bis der französische Parlewuh Den Marktpreis euch auf den Rücken zählt Und gibt euch noch sein foutre dazu! Da sind sie denn zu Kreuz gekrochen Und haben Holland und Brabant versprochen. Grüneberg Ihr denkt an alles! Nettelbeck ( sich setzend )         Ein Glas Bier! Kellermeister Jakob! Würges ( Nettelbeck ins Ohr )   Der Adler ist wieder hier! Nettelbeck ( aufspringend ) Herr meines Lebens! Schon zurück? Und die Rose – Würges                   Wollte mir nichts verraten, Hat Euch gesucht in der ganzen Stadt, Macht ein Gesicht wie ein Diplomat. Nettelbeck So muß ich gleich – ( Der Kellermeister tritt ein ) Kellermeister                           Herr Nettelbeck, Man fragt nach Ihnen. Nettelbeck                       Wer? Kellermeister                           Hier draußen steht Frau Blank und Jungfer Rose. Nettelbeck                                   Desto besser! Was laßt Ihr sie nicht gleich – Fünfte Szene Vorige . (Der Wirt öffnet die Türe, man sieht) die Mutter und Rose (draußen im Flur stehen) Nettelbeck                                   Nur immer näher, Gevatterin! Hier sind lauter gute Freunde. Nur näher, Kind! Mutter ( eintretend )       Die Herrn verzeihn, wir haben Herrn Nettelbeck gesucht. Die Rose ließ Mir keine Ruhe. Grüneberg               Schönen guten Abend, Frau Blank. Was bringt Ihr uns? ( Die Bürger lassen die Frauen in den Vordergrund treten ) Nettelbeck ( Rose bei den Händen fassend )   Kind, bist du da? Ich hab' auf dich geharrt, wie Vater Noah Auf seine Taube. Rede: bringst du uns Ein grünes Blatt? Komm, sag mir's hier beiseite. Doch nein! es geht ja doch uns alle an. Wißt ihr, woher sie kommt? Von Memel kommt sie, Von unserm Herrn und König! Grüneberg                                   Herr, du mein –! ( Bewegung unter den Bürgern ) Nettelbeck Du hast ihn doch gesprochen? Rose ( nickt )                                             Lieber Pate, Laßt es mich alles in der Ordnung sagen, Wie ich's erlebt. ( Die Bürger drängen sich um sie )                         Als wir nach Memel kamen, Bat ich den Arndt, mich gleich zum Schloß zu führen, Denn kostbar schien mir jeder Augenblick. Das tat er denn und ließ mich unten stehn, Indessen er hinaufging, anzufragen. Wie klopfte mir das Herz, als ich so stand Und mich besann! Ach, alles, was ich mir Dem Herrn zu sagen tausendmal bedacht, Aus meinem Kopf war's wie weggeweht! Mutter Das arme Kind! Rose                             Dann kam der Arndt zurück, Ein Offizier mit ihm, der fragte mich Sehr höflich, was ich an den König hätte. Und ich: dies könn' ich nur ihm selbst vertraun. Da hieß er mich ihm folgen, und ich stieg Getrost die Treppen neben ihm hinauf Und hatte keine Furcht mehr. Wie ich aber Eintrete droben, und mein Führer sagt: Dort steht der König! – und ich ihn nun wirklich Umringt von seinen Generalen sah, Er ganz allein in schlichter Uniform – Es schien, ein wicht'ger Rat ward abgehalten – Da stockte mir der Atem in der Brust. Der König aber, freundlich wie ein Vater, Bot mir die Hand und sprach mir gütig zu! Von Colberg käm' ich; was ich Gutes brächte Aus seiner treuen Stadt? – Und plötzlich fühlt' ich Das Band, das meine Zunge hielt, gelöst, Daß ich die Worte nicht zu suchen brauchte; Sie strömten frei und leicht. Ich sagt' ihm alles, Wie sich die Stadt des Traurigsten versehe, Wenn er nicht Hilfe sende, einen Mann, Der Kopf und Herz hab' auf dem rechten Fleck Und gleich der Bürgerschaft entschlossen sei, Die Stadt zu halten bis zum letzten Hauch. Ganz still war's, wie ich sprach. Der König nickte Nur dann und wann sehr ernsthaft vor sich hin; Und, Pate, als ich Euren Namen nannte, Sagt' er: Ein wackrer Mann, der Nettelbeck! Sein Vater schon war Bürgeradjutant Beim alten Heyden. Er muß auch schon alt sein. Sehr brave Bürger das und gute Preußen! Nettelbeck ( ergriffen ) Mein König! Rose                   Dennoch, Majestät, versetzt' ich, Hat ihm der Kommandant Arrest gegeben. Nettelbeck ( eifrig ) Das hättest du nicht sagen sollen, Kind! Ich war ja auch schon andern Tages frei. Rose Es kam mir so. Der König aber sagte Kopfschüttelnd etwas, das ich nicht verstand. Da schwieg ich, und er sprach: Ich muß dich noch Zur Kön'gin bringen; wird ihr Freude machen. Komm mit! – Und so an seiner eignen Hand, Hindurch durch all die blanken Uniformen, Führt' er mich in ein kleineres Gemach. Da saß – Nettelbeck     Die Kön'gin? Mutter                               Du glücksel'ges Kind! Rose Jawohl, beseligt für mein ganzes Leben Durch diese Stunde. Könnt' ich's euch nur schildern, Wie mir die hohe Frau, die einzige, Erschienen ist. Was man von Engeln spricht, Bleibt hinter ihrem Anblick weit zurück. Denn die sind kummerlos. Es muß ein Abglanz Der Himmelsfreuden ihre Stirn umspielen. Doch diese Stirn! Mir war, ich sähe dran Die dunkle Spur von einer Leidenskrone, Und diese Augen hatten viel geweint. Mich aber lächelten sie an – so edel, Wie ich kein irdisches Auge lächeln sah. Hier bring' ich dir, Luise, sprach der König, Ein braves Mädchen, ein Colberger Kind. Sie wird dir sagen, was du gerne hörst; Ich lasse sie dir hier, hab' noch zu tun. Du aber, Rose Blank, grüß' mir mein Colberg. Sie sollen treu ausharren, wie's auch komme; Der Treue wird der Sieg. – Dann gab er mir Die Hand, er war sehr ernst und feierlich, Und in der Tür blieb er noch einmal stehn Und sagte: Grüß mir auch den Nettelbeck, Hörst du? und Gott mit dir! – So ließ er uns. Da mußt' ich der Frau Kön'gin viel erzählen, Und leicht und freudig ward mir's um die Brust, Wie wenn man all sein Leid dem Himmel klagt. Als dann die Kammfrau ins Zimmer trat, Merkt' ich, wie lang' ich schon geblieben, stand Erschrocken auf und bat, mich zu entlassen. Da streifte die erhab'ne Frau vom Finger Sich einen Ring – hier diesen –, küßte mich Und sprach: »Trag ihn zu meinem Angedenken. Es ist kein reicher Schmuck; denn, liebes Kind, Ich selbst bin eine arme Frau geworden. Doch hab' ich noch Juwelen, köstlicher Als manche Fürstin: meiner Landeskinder Unschätzbar echte Lieb' und goldne Treue. Grüß mir die teure Stadt, grüß deine Mutter, Und gebe Gott, daß wir in froh'rer Zeit Uns wiedersehn!« – Da stürzten mir die Tränen, Als ich mich neigte, ihre Hand zu küssen, Und so in Schmerz und Glück verließ ich sie. ( Pause ) Nettelbeck Und dann? Rose                           Vier Tag' im Gasthof wartet' ich, Und keinen Heller ließ man mich bezahlen. Es hieß: das sei besorgt vom Hofkassier. Auch kam ein Hoffräulein der Königin, Nach mir zu fragen. Doch sie selber sah ich Kein zweites Mal, den König nur von fern, Und als der Adler unter Segel ging, Mußt' ich nach Hause kehren, schweren Herzens, Unwissend, ob ich Hoffnung mit mir brächte! Nettelbeck ( wirft sich in plötzlicher Niedergeschlagenheit auf den Sessel und läßt den Kopf sinken ) Es ist am Tag: zu helfen ist nicht mehr; Colberg ist eine aufgegebene Stadt! Nichts bleibt, als ehrenvoller Untergang, Wo jede Hoffnung hin ist. Gneisenau ( der sich indessen mehr und mehr genähert hat, plötzlich vortretend, mit ruhigem Ton )                                         Wahr gesprochen, Herr Nettelbeck! Wo nicht zu helfen ist, Bleibt nur ein ehrenvoller Untergang. Nettelbeck ( betroffen aufblickend ) Nicht mehr zu helfen? Ha, wer sagt das, Herr? Gneisenau Ihr selbst in diesem Augenblick. Nettelbeck                                               Das hätt' ich Gesagt? ich selbst? So hab' ich – Gott verzeih' mir's! – Gefafelt wie ein Schwachkopf und ein Schurk'. Nicht mehr zu helfen? Stehn nicht Wall und Mauern Noch unversehrt? Sind nicht von Korn die Speicher, Von Munition die Magazine voll? ( Aufstehend ) Wer ist denn überhaupt der kluge Mann, Der hier dreinredet? Würges ( zuckt die Achseln, halblaut )   Brünnow führt' ihn ein. Er hat mir gleich nicht recht gefallen wollen. Rose ( rasch zu Nettelbeck ) Pate, der Offizier kam mit dem Adler. Ein Boot aus Danzig bracht' ihn uns an Bord. Nettelbeck Aus Danzig? Hm! – Nun, mein sehr werter Herr, Wenn Ihr so klug seid, sagt doch, wo es fehlt, Daß sich die Stadt, wie gegen Schwed' und Russen, Nicht gegen die Franzosen halten sollt'? Gneisenau Damals geschah der Hauptangriff zur See. Da ward die Schwäche der Befestigungen Natürlich minder fühlbar. Jetzt – ich habe Die Werke heut bei einem raschen Rundgang Geprüft und muß nach Überzeugung sagen: Sie widerstehen keinem ernsten Sturm. Es fehlt an Schanzen, an bedeckten Wegen, An Werken außerhalb. Was an Geschützen Vorhanden, ist gering, schwach das Kaliber, Die Eisenröhren, fürcht' ich, springen uns Beim zehnten Schuß, verfault sind die Lafetten, Und somit – ( zuckt die Achseln ) Heinrich ( rasch einfallend )   Sagt' ich's nicht? Ein Tollwahn ist's, Die Stadt zu halten! Nettelbeck                     Schweig! Das fehlte noch, Daß solch ein grüner Junge Recht behielte. Ihr aber, mein Herr Fremder, könntet auch Was Klüg'res tun – Gneisenau                   Wahrheit muß Wahrheit bleiben: Die Festung, wie sie ist, steht keinem Sturm. Nettelbeck ( sich erhitzend ) Hört nicht auf ihn, ich bitt' euch, Freund' und Nachbarn, Laßt nicht so jämmerlich die Flügel hängen! Das ist so einer von den Alleswissern, Die, kaum die Nase wo hineingesteckt, Drauf los orakeln: dies ist so und so, Und so wird's bleiben. – Herr, ich bin ein Seemann, Das aber, mit Verlaub, muß ich Euch sagen: Was Ihr da redet, hat nicht Hand noch Fuß. Zu Wasser wie zu Lande gibt den Ausschlag Das Herz , das hinter Bord und Mauer klopft, Das Herz im bunten wie im schwarzen Rock, Das Herz, mein Herr Major, das dreimal schon Die Stadt vor Feindesübermacht gerettet, Und das Ihr nie gekannt habt, wenn Ihr meint, Es sei nicht mehr das alte Preußenherz Und Colberg müsse fallen? Gneisenau                               Sagt' ich das? Verhüte Gott, daß ich so Schnödes dächte! Das aber mein' ich und behaupt' es fest: Nicht hinter Wall und Mauern, wackrer Freund, Ist diese Festung zu verteid'gen. Nein: Das Herz, das hoch schlägt für sein Vaterland, Muß Colbergs Tore sprengen, vor den Wällen Den Feind in Atem halten, bis wir Zeit Gewonnen, unsre Stadt so auszurüsten, Daß sie dem Sturme kann die Zähne weisen. Nettelbeck Herr meines Lebens! Das sind Mannesworte! Verzeiht, daß ich vorhin – o seht, wie mir Der freud'ge Schrecken, daß ich mich in Euch Getäuscht, in alle Glieder fuhr. Wer seid Ihr? Wär's möglich? Ihr – von Danzig – auf Befehl Des Königs –? Sechste Szene Vorige . Brünnow (der inzwischen eingetreten, tritt plötzlich vor) Brünnow               Mein Herr Kommandant, ich komme Zu melden, daß Ihr ganzes Offizierkorps Gewärtig ist, den neuen Chef zu grüßen. Erlauben Sie, den Bürgern Ihren Namen Zu nennen: Herr Major von Gneisenau, Dem Seine Majestät die Kommandantschaft Von Colberg anvertraut. ( Bewegung unter den Bürgern ) Gneisenau                           Ja, meine Freunde, Mein Herr und König hat mich hergesandt, Sein treues Colberg, neben Danzig jetzt Das letzte Bollwerk, das die Küste schirmt, Mit aller Macht zu halten. Sag' ich's nur: Ich kam nicht leichten Herzens, und der Anblick Der lang' versäumten Werke war kein froher. Doch dieser Mann hier ( auf Nettelbeck zeigend )                                   sprach das rechte Wort: Das Herz gibt hier den Ausschlag, und dies Herz Fand ich so wacker, daß ich freudig hoffe, Das Zutrau'n meines Königs nicht zu täuschen, Die Stadt zu retten, oder, wenn der Drang Der Übermacht zu furchtbar um uns schwillt, Mich unter Colbergs Trümmern zu begraben. Und so, nicht nur als Kommandant, als Bürger Und Freund der Bürger tret' ich unter euch, Und bitte: steht zu mir, wie ich zu euch, Vertraut mir, helft mir, harret aus mit mir; Der Ausgang steht bei Gott. Darauf schlagt ein! Nettelbeck Amen! ( Gneisenaus Hand fassend )                       Mit diesem Handschlag, Herr Major, Gelob' ich Ihnen Treue bis zum Tod Im Namen Colbergs. Die Bürger ( lebhaft einfallend )   Treue bis zum Tod! Gneisenau Wohlan! Noch diese Nacht fordr' ich von euch Den ersten Dienst. Denn merken soll der Feind, Daß andres Regiment hier eingekehrt. Ich will die Nacht zu einem Ausfall nützen, Sein Schanzenwerk zu stören. Euch vertrau' ich Den Wall- und Postendienst. In einer Stunde Erwart' ich euch in Waffen auf dem Markt. Bis dahin – Gott befohlen! Ihr, mein Freund,       ( zu Nettelbeck ) Begleitet mich; denn Eu'r erprobter Rat Soll mir vor allem jetzt zur Seite stehen. Nettelbeck Zuviel der Ehre! Doch mein Schöpfer weiß, Ich suche nur die Ehre meiner Stadt Und meines Vaterlands. Es lebe der König Und unser neuer Kommandant! Bürger                                           Hoch! Hoch! ( Gneisenau und Nettelbeck gehen hinauf, ihnen nach die Bürger. Würges mit triumphierender Miene auf Gneisenau zeigend ) ( Der Vorhang fällt ) Dritter Akt Marktplatz. Im Hintergrunde die Marienkirche. Rechts das Kommandantenhaus mit einer Rampe, zu der einige Stufen hinaufführen. Schildwachen unten rechts und links von der Rampe. Erste Szene Schröder und Heinrich (kommen von links) Schröder Ja, ja, Herr Blank, es geht zu Ende. Heinrich ( hastig und aufgeregt )                       Hab' ich's Nicht gleich gesagt? Schröder                       Seitdem der tück'sche Wind Es mit dem Franzmann hält und Brot und Pulver Nicht in den Hafen läßt, kann nur der Wahnsinn Auf Rettung hoffen. Just vor einer Stunde Sprach ich den Bauer Klas; ich kenn' ihn gut; Mein Vorwerk liegt nur einen Hundeblaff Von seinem Hof. Der war hereingeschlichen, Um eine alte Forderung einzutreiben, Und mußt' mit leeren Händen wieder gehn. Herr Schröder, sagt' er, ihr hier in der Stadt Könnt's noch mit ansehn, weil ihr hinter Schloß Und Riegel sitzt. Wenn's Bomben hagelt, kriecht Ihr in die Keller; kommt's zum Schlimmsten, geht ihr Zur See und laßt dem Feind das leere Nest. Wir aber auf dem Land – 'ne Schnecke, die Man aus dem Hause riß, ist nicht so wehrlos, So mutternackt wie wir. Heinrich                             Gott sei's geklagt! Schröder Die Plackerei, das Schinden Tag und Nacht, Dem Feind noch helfen müssen, Knecht und Pferd Und Rock und Hemd hergeben – und so weiter. Klas, sagt' ich, meinst du, daß wir in der Stadt Auf Rosen liegen? Gestern zum Exempel Kommt – ich war nicht zu Haus – der Jürgen Smidt, Der Tischlermeister, kommt zu meiner Frau Und klagt ihr, daß sein gutes Weib gestorben, Am Festungsfieber, wie er's nannt', – am Hunger. Sie darbte sich vom Mund den Bissen ab Für ihre Vier, die stets nach Brote schrien. Der Mann, hätt' er's gemerkt auch, konnt's nicht ändern. Verdienst ist keiner, Dienst bei Tag und Nacht. Wenn das noch lange dauert, sprach der Smidt – Und ein Gesicht dazu, sagt meine Frau, Ihr war's. wie in ein offnes Grab zu sehn, – So rudr' ich meine Vier ins Meer hinaus Und draußen – Gott verzeih' mir meine Sünde! – Auf einmal über Bord den ganzen Jammer! – Sie gab ihm, was sie hatte; viel war's nicht. Denn wo nimmt's Unsereiner her? Die Stadt Ist bankerott auf hundert Jahre. Heinrich ( der inzwischen in heftiger Bewegung vor sich hin gesonnen, plötzlich auffahrend )                                               Schröder, Ihr seid ein Bürgervorstand. Ich beschwör' Euch Bei Eid und Pflicht, kommt mit aufs Rathaus, sagt Dies alles, so wie mir, dem Bürgermeister. Den Rat soll er versammeln, daß die Stadt Einmütig – Schröder ( ihn unterbrechend )   Freund, kennt Ihr den Bürgermeister? Den hat der Nettelbeck im Sack, und so Den ganzen Rat. Soll ich mir's Maul verbrennen? Wenn Ihr bergab 'nen Wagen rollen seht Mit vier tollwüt'gen Hengsten, werdet Ihr Die Deichsel fassen wollen? Heinrich                                   Schande, sag' ich, Daß jeder sieht und fühlt und weiß, was not tut, Und jeder hinterm Nachbar sich verkriecht! Wer, wenn die Stadt zusammenhielte, risse Sie in den Abgrund fort? Jetzt noch sich wehren! Europa zittert vor dem Allgewalt'gen, Kaiser und Kön'ge lauschen seinem Wink, Und wir allein, dies winz'ge Häuflein Narren, Wir trotzen fort, dem Halbgott, dem der Himmel Der Herrschaft Stempel auf die Stirn gedrückt! Schröder Ihr habt nur allzu recht. Ich war, Ihr wißt's, Von je dagegen. Da heißt's gleich, man sei Kein Patriot, man zag' um Hab' und Gut. Nun, seine Reputation liegt jedem Am Herzen. Heinrich             Mehr als Pflicht und Recht und Mitleid Mit tausendfält'gem Elend? Ich – Gott weiß es! – Nie hing ich am Besitz. Was mein ist, gäb' ich Mit Freuden hin, könnt' ich die Stadt erretten, Und selbst der Nächsten Lieb' und gute Meinung, Ich opfre sie, – gleich jetzt. Ich geh' aufs Rathaus; Verlaßt Euch drauf, ich schaffe mir Gehör. Schröder Geht lieber gleich (auf das Kommandantenhaus zeigend)                                   dort vor die rechte Schmiede, Wo unser Wohl und Weh geschmiedet wird. Heinrich Mit dem hernach, und hoffentlich alsdann Aus anderm Ton, und hinter mir die Stadt. Schröder ( ihm die Hand reichend ) Wenn alle dächten so wie Ihr und ich – Heinrich Vordenken muß man den Gedankenlosen, Vorsprechen und Vorhandeln, und das will ich, Solang' ich Atem habe. Schröder                           Lebt denn wohl! Gott gebe, daß es glückt. Ich muß zum Hafen. ( Er entfernt sich nach rechts, Heinrich nach links ) Zweite Szene Arndt (einen Mantelsack über der Schulter, wie von der Reise, kommt mit) Würges (von rechts) Würges Nun, alte Wasserratte, wieder binnen? Ein stürmischer Sonntag, Freundchen, und mir schwant, Es gibt noch andern Sturm heut als von seewärts. Die gottverdammten Parallelen sind Uns über'n Hals gerückt, seitdem Ihr fort war't; Da war kein Halten mehr. Arndt                                   Ich bin heilfroh, Daß ich noch gestern gut vor Anker kam. Heut müßt' ich draußen vor der Reede kreuzen, Denn um die Riffe heult die See wie toll, Und schwerlich fänd' ich Lotsen. Würges                                           Ja, Franz Arndt, Es geht zu Land und Wasser nicht mehr glatt. Arndt Was macht der Nettelbeck? Wo steckt er wohl? Hab' ihm aus Riga ein Paar Juchtenstiefel Für Schleus'- und Dammgeschäfte mitgebracht; Die halten schon was aus. ( Seinen Sack öffnend ) Würges                                 Ja, unser Alter! Den kennt Ihr gar nicht wieder. Wenn Ihr wo 'nen jungen Menschen trefft, der vor sich hin »Freut euch des Lebens« pfeift, wenn rings um ihn Die Bomben krachen – das ist Nettelbeck, Ihr könnt drauf schwören. Wißt Ihr auch warum? ( Ihm ins Ohr ) Weil er verliebt ist. Arndt                                             Was Ihr sagt! der Alte? Nu, zuzutrauen wär's ihm schon. Doch sagt: In wen? Doch nicht – die Rose? Würges                                           Wär' nicht dumm, Doch die ist's nicht; 's ist gar kein Frauenzimmer. Arndt Ihr spaßt! Würges             Wenn Ihr's nicht weiter sagen wollt: Er ist verschossen in den Kommandanten, Den Gneisenau. Er denkt und spricht nichts mehr Als Gneisenau. Na, unrecht hat er nicht; Denn 's ist ein Mann recht nach dem Herzen Gottes. Ihr werdet Augen machen, wenn Ihr hier Die Werke seht, Bastionen, Wälle, Schanzen, Wie der das Ding in Schick gebracht. Der Wolfsberg, Von dem vorzeiten kaum die Rede war, Um den hat's einen Kampf gesetzt, als wär's Ein zweites Colberg: Sturm und abgeschlagen, Und wieder Sturm und wieder abgeschlagen, Bis wir das Mordloch endlich räumen mußten. Indessen war der Hauptzweck doch erreicht, Die Festung aus dem Gröbsten restauriert, Die Wälle neu armiert, und was noch sonst Vonnöten war. Ich selbst muß sagen, Arndt, Der Gneisenau versteht's. Und nebenbei Hat er auch Sentiments. Denn wie wir gestern Dem Waldenfels, Dombrowsky und den andern, Die bei dem letzten Wolfsbergsturm gefallen, Die Ehrensalven übers Grab geschossen, Da sah ich, wie der Kommandant sich selbst Umdrehte, weil's ihm naß ins Auge kam. Er hat ein Herz für jeden, ganz gleichviel, Ob Bürger, ob Soldat. Wer seine Pflicht tut, Dem ist er wie ein Vater. Arndt                                   Kann doch alles Nichts helfen, Würges. Endlich muß es hier Doch biegen oder brechen. Würges                                   Brechen? Ja! Doch biegen? nein! und helfen hilft es wohl . Seht, Freundchen, wenn ich heut als braver Kerl Die Lunte werfe in den Pulverturm, Um ihn dem Feind nicht in die Hand zu liefern, Und meine Glieder mir am jüngsten Tag Aus allen Winkeln muß zusammenlesen, So hilft das allerdings; denn es beweist, Daß nicht, wie es wohl manchmal scheinen möchte, Die braven Kerls heut ausgestorben sind! Und wie der alte Fritz sagt – ( Die Glocken fangen an zu läuten ) Arndt                                       Ich muß fort; Doch wenn Ihr Nettelbecken – Würges                                         Hört Ihr wohl? Da läuten sie zur Kirche. Dacht' ich doch, Choräle singen sie jetzt nur für Weiber; Da aber kommt auch eine Mannsperson. Dritte Szene Vorige . Frauen (von links, in die Kirche gehend). Der Rektor mit Schulknaben (die paarweise vor ihm hergehen) Würges Paßt auf, Franz Arndt, den Schwarzen angl' ich mir. Herr Rektor! ( Zipfel tut, als höre er nicht )                     Rektor Zipfulus! Zipfel ( stehen bleibend )                   Ich bitte, Ich schreibe mich Zipfelius. Ihr sollt Mir meinen Namen nicht barbarisieren. Würges Haha! Fällt mir nicht ein, Euch zu barbieren. Ich wollt' nur fragen, ob die alten Heiden Auch Sonntags in die Kirche gingen. Zipfel                                                   Wie? Die Heiden? Sonntags? Das ist barer Nonsens. Würges Ich weiß nicht, was das für ein Ding ist, Herr, Das aber weiß ich, daß Ihr so ein Ding seid. Denn seid Ihr nicht ein alter Heid' und geht Doch Sonntags in die Kirche? He? Wird etwa Von Euren alten Götzen drin gepredigt? Hehe! ( Zu Arndt ) Paßt auf, wie er jetzt anbeißt! Zipfel                                                                 Herr, Ihr wollt mich schrauben. Eurer Ignoranz Verzeih' ich manches hinterm Glase Bier; Doch öffentlich, coram discipulis – Würges Ich koramier' Euch nicht, Herr Zipulis. ( Zipfel will antworten, zuckt aber nur die Achseln und wendet sich zum Gehen ) Würges Geht nur! Man weiß, warum Ihr's eilig habt Mit Eurem frischgebackenen Christentum. Zipfel ( bleibt stehen ) Was soll das, Herr? Was meint Ihr? Würges ( zu Arndt )                                 Nämlich, Nachbar, Der Gneisenau hat vom Feind sich ausbedungen, Daß er am Sonntag beim Bombardement Nicht auf die Kirche zielt. Da hat der Pastor Nun mächtig Zulauf, stets die Kirche voll. Selbst alte Heiden können's kaum erwarten, Daß hier geläutet wird. Ich kenne manchen, Der sonst nicht viel vom Katechismus hielt; Dem ward sein Glaube plötzlich bombenfest! Arndt Haha! Spaßvogel! Zipfel                           Herr, was geht's Euch an, Was ich glaub' oder nicht? Würges                                   Mich? Ganz und gar nichts. Ich hab' den Glauben meines Königs; jeder Kann selig werden ganz nach eigener Fasson. Wünsch' gute Andacht. Zipfel ( würdevoll )                             Mit Gesinnung Zu prahlen lieb' ich nicht. Zur rechten Stunde Wird es an mir nicht fehlen. (Geht langsam in die Kirche) Würges                                     Bücherwurm! Schweinslederseele! Arndt                           Sonst ein wackrer Herr. Würges Ja sonsten, wo er im Ratskeller uns Vorschwadronierte, daß uns grün und blau ward, Jetzt ist er still geworden. Denn jetzt fragt man: Bist du ein Mann? – nicht: weißt du, wie ein Mann Auf griechisch heißt? – Doch seht, die Offiziere! Der Kriegsrat ist zu Ende. Vierte Szene Vorige . (Aus der Tür des Kommandantenhauses treten, im Gespräch, eine ansehnliche Zahl von Offizieren, kommen die Treppe herunter und gehen links und rechts über den Markt. Unter ihnen) Brünnow Würges                                 Pst! Herr Leutnant! Brünnow Wer ruft? Ah, Würges, Ihr! Würges                                             Sagt doch einmal, Ist unser Nettelbeck beim Kommandanten? Brünnow Er rief ihn eben, da er uns entließ. Würges ( ihm eine Prise bietend ) Es scheint, das Wasser rückt uns an den Hals. Brünnow Je nun, so lang noch Danzig unbezwungen Und von Stralsund her Hoffnung auf Entsatz – Würges Wenn wir uns nur nicht fast verschossen hätten! Sollt sehn, die gottverdammten Engelländer Die lassen uns mit ihrem Pulver sitzen. Brünnow Das wäre freilich schlimm. Doch ich muß eilen, Zu meinem Korps zu kommen. Guten Tag, Herr Würges! ( Geht nach links ) Würges               Nehmt mich mit! ( Zu Arndt ) He, Freundchen, kommt! Wenn Nettelbeck bei seiner Liebschaft ist, Wird ihm die Zeit nicht lang. Da könntet Ihr Hier Schildwach stehn bis an den Nachmittag. ( Ab mit Arndt ) Fünfte Szene (Es kommen wieder Kirchgänger, besonders Frauen und Kinder. Zuletzt) Rose . (Das Geläut hört auf. Dann) Nettelbeck Rose ( bleibt stehen und nähert sich dann einer der beiden Schildwachen am Kommandantenhause ) Sagt, ist Herr Nettelbeck im Hause droben? Soldat Ja, Jungfer. Rose                     Bleibt er lang? Soldat                                         Ich weiß nicht, Jungfer. Rose Ich dank' Euch. ( Kommt langsam in den Vordergrund )                           Ich will warten, bis er kommt. Wie könnt' ich heut auch in die Kirche treten, So andachtlos und traurig wie ich bin! Wär' ich der innern Stimme nur gefolgt Und hätte längst dem Paten meinen Kummer Vertraut, es wäre nicht so weit gekommen! Gottlob, da ist er! ( Nettelbeck tritt aus dem Kommandantenhause und bleibt an der Schwelle stehen ) Nettelbeck (ins Haus hineinsprechend)   Seid nur ohne Sorgen! Was menschenmöglich ist, das wird geschehen. Ich rapportier' Euch gleich aus Bastion Preußen.       ( Hinaustretend, für sich ) Ich Tor hab' mit dem Himmel einst gehadert, Als er den Sohn mir früh genommen. Jetzt Erkenn' ich: es war gut. Dem Jungen wär' Sein Pflichtteil Vaterliebe kaum geblieben, Seit dieser prächt'ge Mann das Herz mir stahl.       ( Kommt die Stufen herunter, sieht in die Luft ) Noch immer Süd-Süd-Ost! Das ist nicht gut. Wer weiß, an welchen Küsten unser Pulver Herumkreuzt. – Rose, Wetterkind, du hier? Rose Ich hab' auf Euch gewartet, lieber Pate. Ihr müßt mir helfen. Nettelbeck                     Nun natürlich! Mir Fehlt's ohnehin an Arbeit. Na, was gibt's? Was macht die Mutter? Rose                                 Ach, Ihr kennt sie ja. Sie schwebt in hundert Ängsten Tag und Nacht, Und seit die Gertrud neulich auf dem Markt Getroffen ward von einem Bombenstück, Hat sie sich nicht mehr vor die Tür gewagt. Doch was das Schlimmste: Heinrich – Nettelbeck                                               Will der Querkopf Sich noch nicht geben? Rose                                 Seit dem Tag, wo ich Von Memel wiederkam, hat er das Haus Nicht mehr betreten, außer wenn ich fern war. Er schläft in seinem Speicher! Trifft er mich Zufällig auf der Straße, sieht er weg. Ach, Pate, muß die schwere Prüfungszeit Die nächsten Herzen voneinander reißen? Nettelbeck Sieht weg? Der Hansnarr, der für solche Schwester Dem Herrgott sollt' auf seinen Knieen danken, Sieht weg? Den soll doch gleich – Rose                                                 Sprecht Ihr mit ihm! Der Mutter bricht's das Herz. Denn auch zu ihr Ist er so rauh und fremd. Und doch, ich weiß, Ihm ist nicht wohl dabei! Nettelbeck                           Der Hochmutsteufel Steift ihm den Nacken. Was sich nicht will schicken Nach seinem Kopf, das schimpft er Narrenkram. Ei freilich, er versteht's! Wir Alten sind Pfahlbürger, ob uns auch in Ost und West So mancher Wind schon um die Nase ging, Als er noch in der Wickel lag. Der Großhans, Weil er Französisch schnackt und in Paris Den Bonaparte sah,– doch wart'! Dem woll'n wir Was ganz Apartes sagen! Sechste Szene Vorige . Schröder (eilig von rechts) Schröder                               Nettelbeck! – Euch sucht' ich just. Nettelbeck                   Was soll's? Schröder                                       Das Schiff ist da, Das englische, mit Munition. Nettelbeck                               Gelandet? Nun Gott sei – Schröder               Nicht zu früh mit Eurem Loblied! Es kreuzt ohnmächtig auf der Außenreede, Und von den Lotsen keiner will in See. Nettelbeck Die Lotterbuben! Wart', die sollen mir – Schröder Ja, drohen hilft da nichts. Denn nie wie heut Sah ich die Brandung um die Riffe toben, Und, sagen sie, jetzt wär's doch einerlei: Was soll das Pulver noch, seit Danzig – Nettelbeck ( erschrocken einfallend )                 Danzig? Schröder Kapituliert, ja, ja! 's ist aus. Nettelbeck                                       Wer sagt das? Schröder Der Schiffer Albrecht, der von Danzig eben Zurück ist. Seinen Kutter ließ er draußen Und kam im Boot herein, der Unglücksrabe. Nettelbeck Das kannst du doch nicht wollen, Herr mein Gott!       ( Steht in tiefer Erschütterung ) Schröder Fragt selber nach. Ich muß nach Haus, mein bißchen Wertsachen einzupacken; denn nun heißt's: Es rette sich, wer kann! ( Eilig ab nach links ) Rose                                   Pate, was nun? Nettelbeck ( aus seinem Brüten aufstarrend ) Ich muß nur gleich den Gneisenau – doch nein, Am Hafen brauchen sie mich nöt'ger. Nachbar, Sagt Ihr dem Kommandanten – was? schon fort? Ein saubrer Bürgervorstand! Höre, Kind, Ich muß zum Hafen. Wenn die Jungens dort Mich sehn, so soll'n sie schon Courage kriegen. Du aber bring die Hiobspost geschwind Zum Gouverneur und sag ihm – Rose                                               Pate, ich? Nettelbeck Wer sonst? Der Posten dort darf nicht vom Fleck. Sput dich und sag, ich sei hinaus und würd' ihm Das Schiff zu bergen suchen, wenn die See Auch höher ging' als der Marienturm. O Danzig, Danzig! ( Eilt nach rechts ab ) Rose                           Rettet nur das Schiff! Die Stadt kann einzig noch ein Wunder retten. ( Sie geht rasch die Stufen hinauf. Währenddessen erklingt aus der Kirche ein kurzer Choralgesang mit Begleitung der Orgel ) Siebente Szene Bürger (kommen von links, unter ihnen) Grüneberg , Geertz , Offiziere und Ordonnanzen (gehen die Treppe zum Kommandantenhause hinauf und eilig hinein) Erster Bürger Wißt ihr von Danzig? Zweiter Bürger                               Danzig ist gefallen! Grüneberg Wenn's wahr ist! Viel Voreil'ges wird geschwatzt. Erster Bürger Der Schiffer Albrecht sagt es und beschwört's. Geertz Ja, ja, was schlimm ist, ist gewöhnlich wahr, Nur mit dem Guten ist's ein blauer Dunst. Grüneberg Ein übler Kasus. Weiß der Kommandant? Geertz ( auf die Offiziere deutend ) Die werden's ihm wohl melden. Grüneberg                                     Hm! Und was Sagt Nettelbeck? Geertz                     Was ist noch viel zu sagen? Wir sind kaput. Grüneberg             Ich will aufs Rathaus. Geertz                                                     Geht nur! Doch guter Rat wird dort so teuer sein, Wie hier. Grüneberg     Ja leider!       ( Zu Heinrich, der eben von links wieder auftritt )                             Wißt Ihr auch schon, Blank? Heinrich ( zerstreut ) Was? Geertz       Danzig hat kapituliert. Heinrich                                     Was sagt Ihr? Geertz Nun schnürt man hier in Colberg uns erst recht Die Kehle zu. Wir sind verloren! Heinrich                                         Nein, Und aber nein ; wir atmen wieder auf! Grüneberg Ihr seid ein seltsamer Politikus. ( andere Bürger von rechts und links ) Dritter Bürger Danzig ist über! Vierter Bürger                         Colberg folgt ihm nach. Dritter Bürger Was sagt der Kommandant? Heinrich                                                   Ja, fragt ihn nur, Fragt den Soldaten, was dem Bürger frommt: Die Antwort trägt er auf der Degenspitze, Denn weiter freilich reicht sein Auge nicht. Ich hab' euch längst gewarnt und ward verhöhnt, Verkannt, verlästert. Jetzt erlebt ihr's selbst. War Danzig nicht die festre Stadt, nicht dort Stärkre Besatzung? Doch ergab es sich. Nur unser schwaches Nest soll erst in Glut Und Blut ersticken, eh wir klüger werden, Weil einem lorbeertollen Offizier Die Stadt erst dienen kann zum Fußgestell Für seinen Ruhm, wenn sie in Trümmern liegt. Grüneberg Hört, junger Mann – Geertz                                       Es soll uns niemand hier Den Kommandanten schelten! Grüneberg ( zu Heinrich )                 Sagt ihm das Mal ins Gesicht! Heinrich                 Das wünscht' ich selbst. Denn mich, Mich hat er nicht gekirrt mit großen Worten, Wie Euch – und Euch. ( Sich zu den Bürgern wendend )                                   Doch hier die andern frag' ich: Soll's dahin kommen? Seid ihr feige Knechte, Die man dem Schlachtengötzen schlachten mag, Nicht freie Männer, Manns genug, dem Tollen, Der euch zum Abgrund schleift, ein »Halt!« zu rufen, »Bis hierher und nicht weiter!« Ha, das Kreuz, Das ihm sein Kriegsherr auf die Brust wird heften, Wenn er den Moloch der Soldatenehre Gesättigt hat mit eurer Kinder Blut, Entschädigt's euch für jenes Kreuz der Leiden, Das er auf eure zahmen Schultern wälzt? Jawohl, nun murrt ihr, ballt die Faust im Sack, Und alles bleibt beim Alten. Seid ihr Männer, So wehrt euch, statt die Not und Schmach zu dulden! Dort wohnt der Mann – Grüneberg                         Ihr predigt Rebellion! Heinrich Ich pred'ge Notwehr gegen die Gewalt.       ( Rose tritt aus dem Hause, bleibt oben auf der Rampe stehen ) Wer geht mit mir, ein freies Manneswort Vor dessen Ohr zu bringen, der gewohnt ist, Nur stumme Schergen in den Tod zu schicken? Erster Bürger Wenn Ihr der Sprecher sein wollt – Zweiter Bürger                                                   Ja, Herr Blank, Stellt Ihr's ihm vor. Der bare Selbstmord wär's, Noch fortzukämpfen. Dritter Bürger                 Hören muß er uns; Das kann er uns nicht wehren. Vierter Bürger                               Ja, er muß Ein Ende machen. Kommt! Zum Kommandanten! Heinrich In Gottes Namen, folgt mir! Achte Szene Vorige . (indem Heinrich sich nach der Treppe wendet, erblickt er) Rose Rose                                                   Folgt ihm nicht! Folgt nur dem einen , der uns retten wird! Wie? Hat die Stadt nicht ihrem Kommandanten Gelobt, zu ihm zu stehn bis in den Tod, Und nun auf einmal hätt' er dies Vertrauen Verscherzt? Wodurch? Er sorgte Tag und Nacht Und tat das Übermenschliche. Wir litten – Ein jeder nur für sich, – er für uns alle. Und dafür wollten wir statt alles Danks Ihm den Gehorsam künd'gen und die Treue? Nein, das kann nie geschehn! Das wär' ein Flecken, Den alles Wasser unserer baltischen See Nie wieder, nie von Colbergs Mauern spülte! Heinrich Kennt einer dieses Mädchen? Ha, sie gleicht Von fern der Rose Blank! Doch die ist's nicht. Denn die war sittsam; diese hier ist keck. Die war bescheiden, und die Fremde da Geht dreist bei fremden Männern aus und ein Und spricht auf offnem Markt vor allen Bürgern. Wär' sie ein Kind der Stadt, so hätte sie Ein Herz, das blutete beim Fall der Stadt. Doch seit sie heimgekehrt vom Hof, geehrt, Von königlichen Gnaden angestrahlt, Träumt sie von höhern Dingen, eine Heldin, Die nur mit Helden noch verkehrt – Rose ( ihm ins Wort fallend )                       O Heinrich, Was sprichst du? Du bist außer dir; du weißt nicht, Wie schwer du fehlst. Mein Pate Nettelbeck Hat mich als Botin in dies Haus geschickt, Dem Kommandanten Danzigs Fall zu melden. Er hält soeben Kriegsrat. Stört ihn nicht, Vertraut ihm – Heinrich               Fort von dieser Schwelle, sag' ich! Vertraun? Jawohl, auf unser gutes Recht, Uns selbst zu helfen. Folgt mir! Rose                                             O mein Gott! Neunte Szene Vorige . Gneisenau (tritt aus der Tür, hinter ihm zwei Adjutanten) Gneisenau Was geht hier vor? Grüneberg ( der mit Geertz sich von den andern ferngehalten hat )                                       Herr Kommandant – Heinrich ( auf der untersten Treppenstufe )                     Ich habe Das Wort zu führen. Herr Major, Sie hielten Soeben Kriegsrat. Darf die Stadt erfahren, Was Sie zu tun beschlossen? Gneisenau                                 Was die Ehre Der Stadt erheischt und unsre Pflicht. Heinrich                                                 Sie wissen, Daß Danzig fiel. Es kann nur Ihre Pflicht sein, Colberg zu retten. Gneisenau                   Junger Mann, wer sind Sie, Mich meiner Pflicht zu mahnen? Heinrich                                         Ich? Ein Bürger, Nichts mehr, nichts wen'ger. Doch zugleich der einz'ge , Der hier zu reden wagt, wo alles schweigt. Und so erfahren Sie: mit Knirschen trägt Die Stadt das Joch der aufgezwungnen Ehre Und will ein Ende machen. Wir verlangen Frieden auf billige Bedingungen Mit einem zehnfach übermächt'gen Feind, Dem standzuhalten nur der Wahnsinn hofft. Gneisenau ( zu den Adjutanten ) Seltsam! Die Alten hier sind alle wacker, Und nur die Jugend sehnt sich feig nach Ruhe. Gehn wir! Heinrich         Wie? feige? Nun bei Gott, ich hätte Wohl Lust, Sie eines Bessern zu belehren, Auf Kugelweite oder blanke Waffen. Dies aber dünkte mir ein billiger Mut; Der größre: meiner Meinung treu zu sein Auf jegliche Gefahr. Ha, wär' ich feig, Ich schwiege weislich, gleich den andern, ging' Im Schlepptau mit und ließe die gewähren, Die unser Colberg ins Verderben ziehn. Gneisenau Ist niemand hier, ihn in sein Haus zu führen, Daß er den Rausch ausschlafe?       ( Er steigt ruhig die Stufen hinab ) Heinrich ( sich ihm in den Weg stellend )   Herr Major, Nicht von der Stelle! Gneisenau ( ihn zurückstoßend )   Rasender, du wagst –? So muß ich dich unschädlich machen. – Wachen, Nehmt diesen Trunknen fest! Heinrich ( zurückfahrend )                             Wer rührt mich an? Gneisenau ( zur Wache ) Vorwärts! Heinrich ( ein Pistol ziehend )   Zurück! Hier diese Kugel dem , Der sich vergreift an mir. Soll die Vernunft In Colberg mundtot sein, indes der Wahnwitz Das letzte Wort behält? ( zu den Bürgern )                                     Und ihr – ihr steht Und duldet schweigend – Gneisenau                             Wirf die Waffe weg, Verblendeter! Du spielst um deinen Kopf. Rose Heinrich! Heinrich           Ich will Sie zwingen, mich zu hören, Nichts weiter. Gneisenau           Zwingen? mich? den Kommandanten? Laß sehn! ( Tritt plötzlich auf ihn zu, faßt ihn am Arm, der Schuß geht los ) Gneisenau ( Heinrich die Pistole entreißend und sie fortschleudernd )                   Führt den Verbrecher in Arrest! ( Wachen nehmen Heinrich in die Mitte ) Rose Heiliger Gott! Grüneberg und Geertz   Der Rasende, er schoß! Bürger Auf unsern Kommandanten legt' er an! Gneisenau Das Kriegsgericht tritt heute noch zusammen. Hinweg! ( Wendet sich zum Gehen ) Rose ( vorstürzend )   Gnade! Gneisenau                       Kein Wort mehr! Rose O mein Bruder! ( Sie will sich ihm nähern, er wendet sich trotzig von ihr ab ) Zehnte Szene Vorige . (während die Soldaten sich anschicken, Heinrich , der finster zu Boden starrt, abzuführen, drängt sich) Nettelbeck (hastig durch das Volk) Nettelbeck Macht Platz! – Das Munitionsschiff, Herr Major, Hätt' ich nun, Gott sei Dank, hereingelotst; – Doch was ist das? Hier ward geschossen – Heinrich – Gneisenau Ich dank' Euch, Nettelbeck. Jetzt ruft die Pflicht: Dem Feind zu zeigen, daß uns Danzigs Unglück Noch nicht entmutigt, daß zur rechten Zeit Die See, die uns verbündet, Hilfe brachte. Horch! Eben neu beginnt das feindliche Geschütz zu spielen. Laßt den Gottesdienst Durch diese Töne nicht zum Schweigen bringen; Denn Mut und Kraft von oben tun uns not. Geht, gute Fraun; die Männer folgen mir! ( Indem er sich rasch nach dem Hintergrunde wendet, tritt Nettelbeck zu Rose , die in Schmerz versunken unten an der Rampe steht. Unter fernem Kanonendonner wird die Orgel wieder angestimmt ) ( Der Vorhang fällt ) Vierter Akt Ein niedriges, festes Gemach über dem Lauenburger Tor. Türen rechts und im Hintergrunde. Vorn ein Tisch mit Karten und Schreibgerät, ein Stuhl, Bänke an den Wänden. Früher Morgen. Erste Szene Wachtmeister Weber (sitzt auf der Bank neben der Tür zur Rechten, mit dem Schlafe kämpfend). Nettelbeck (sehr abgerissen, das Gesicht von Staub und Rauch geschwärzt, tritt eilig durch die Tür im Hintergrunde ein) Nettelbeck Wo ist der Kommandant? Weber ( auffahrend )                           Wer da? Nettelbeck                                                   Gut Freund. Die Augen auf! Ich bin's. Nur fix, nur flink: Wo steckt der Kommandant? Weber                                       Herr Nettelbeck, Ein alter Mann wie Sie, der sollte klug sein Und Morgens um Glock fünf, statt andre Leute Zu molestieren, selbst ein bißchen nicken, Wenn achtundvierzig Stunden lang die Bomben Gebrummt wie's Weltgericht. Nettelbeck                                 Hört, guter Freund, 's ist keine Zeit zu Redensarten. Geht Und weckt den Kommandanten. Weber                                             Ich? Nein, Herr, Und wenn's noch ganz wer anders mir beföhle Als Sie, der Sie nur als Zivilperson – Nettelbeck Der Dienst verlangt's; verstanden, Unt'roff'zier? Weber Der Dienst? Nein, Herr Kaptän, den kenn' ich besser. Im Reglement steht's nicht, daß sich der Mensch Das Schlafen abgewöhnen soll, wie's Stehlen Und Saufen. Mein Major kann mehr als andere; Sechs Nächte schlief er bloß im Stehn. Heut ist Die siebente, da könnt Ihr ihm die Pritsche Nicht unterm Leibe wegziehen, wenn Ihr nicht Ein Unmensch seid. Nettelbeck                     Es tut mir leid genug; Doch wenn der Feind Parlamentäre schickt – Weber Laßt ihnen einen guten Kaffee kochen, Herr Nettelbeck. An Feuer fehlt es nicht, Die Stadt brennt ja an allen Ecken. Zwieback Will ich noch liefern. ( Zieht ein Stück aus der Tasche ) Nettelbeck                     Nun genug gespaßt, Hört Er? Weber         Nein, ich bin taub. Nettelbeck                               So soll Er fühlen! ( Packt ihn am Arm, ihn wegzustoßen. Weber macht sich los, ergreift die Bank und stellt sich damit vor die Türe rechts ) Weber Erst nehmt die Schanze, Herr. Oho! Wir haben Hier nicht umsonst den Festungskrieg gelernt. Doch wenn Ihr Lärm macht, scher' ich mich den Kuckuck Um Euer graues Haar – und schmeiß' Euch 'raus! Nettelbeck Was? Du? Das woll'n wir doch erleben. – Holla! Herr Kommandant! Weber                           Wollt Ihr wohl Ruhe halten? Nettelbeck Herr Kommandant! Weber                                     Nun schlag doch gleich das Wetter – ( Springt hinter der Bank vor und will auf Nettelbeck los ) Zweite Szene Vorige . Gneisenau (von rechts eintretend. Seine Kleidung trägt ebenfalls Spuren des langen Kampfes. Er ist noch nicht völlig ermuntert) Gneisenau Was geht hier vor? – Ah, Nettelbeck! Was bringt Ihr? Nettelbeck Es tut mir selbst am wehsten, Herr Major, Daß ich so früh – Gneisenau                 Wieviel ist's an der Zeit? Weber Glock fünf! Und darum meint' ich, Herr Major – Gneisenau Wir werden bald mehr Zeit zum Schlafen haben, Als manchem lieb ist. – Nettelbeck, was ist? – Herr Gott, wie seht Ihr aus! ( Setzt sich auf den Stuhl ) Nettelbeck ( sich betrachtend )       Der Rathausbrand Hat wohl ein bißchen abgefärbt. Je nun, Das Gröbste ist getan. Doch eben kam Von Gen'ral Loison ein Parlamentär. Den hab' ich, um den jungen Offizieren Nicht ohne Not ihr bißchen Schlaf zu rauben, Selbst durch die Stadt gelotst. Gneisenau                                 So bringt ihn mir. ( Nettelbeck ab ) Weber 'nen Schluck aus meiner Flasche, Herr Major? Gneisenau Nein; bring mir Wasser. Weber ( einen Feldbecher mit Wasser bringend )   Wollt' nur eben sagen, Wenn das die Frau Majorin säh', daß Sie Das schlechte Grabenwasser – obenein Nachdem Sie kaum ein Stündchen Ruh gehabt Und hier gleich wieder vor dem Riß steht müssen – Sie weinte sich die Augen aus. Gneisenau ( den Becher zurückgebend )   's ist gut. Es macht mich munter. Weber                               Ja, solang' es vorhält. Denn, Herr Major, Sie sind doch auch ein Mensch, Und Frau Majorin sagte – Gneisenau ( gutmütig )             Was weißt du Von meiner Frau? Weber                       's war auf dem Gut in Schlesien. Ich stand im Stall und striegelte den Rappen, Da kamen Sie mit ihr grad übern Hof. Gneisenau So? Weber             Und ich hörte, wie die Frau Majorin Zu Ihnen sagte: Neithart, sagte sie, Du wirst dich selber noch zu Grunde richten. Denk auch an mich und an die Kinder und – Und so dergleichen sagte sie. Gneisenau                                 Wer heißt dich Den Horcher machen? Weber                               Und da dacht' ich mir In meinem dummen Kopf: die Frau Majorin Hat rechte wie allemal. Gneisenau ( vor sich hin )       Mein gutes Weib! Dritte Szene Gneisenau . Weber . Nettelbeck (führt einen französischen Offizier herein und nimmt ihm, sobald er vor Gneisenau steht, die Binde von den Augen) Gneisenau ( aufstehend ) Sei'n Sie in Colberg mir gegrüßt, mein Herr! Ihr Name? Offizier           Martigny. Gneisenau                     Mir wohlbekannt. Sie waren's, der uns unsere Wolfsbergschanze Mit Strömen Bluts entriß. Was bringen Sie Von Ihrem Chef? Sie sprechen deutsch? Offizier                                                       Ich bin Ein Schweizer von Geburt. Mein General Entbietet Ihnen seinen Gruß, zugleich Den Ausdruck seiner Hochachtung – Gneisenau ( ihn unterbrechend )                 Ihr Auftrag Ist mündlich? Offizier               Hier das Schreiben General Loisons. Niemand kann die Erhaltung eines Mannes, Wie Sie, und wackrer Truppen, wie die Ihren, Mehr angelegen sein als meinem Chef. Der Ehre Ihres Namens, Ihres Königs Und dieser Stadt – bewundernd müssen wir's Gestehen – ist genug geschehn. Mein Chef – Gneisenau ( der den Brief überflogen hat ) Ich bin für dieses Ehrenzeugnis herzlich Verbunden. Doch im Punkt der Pflicht genügt Kein andres als das eigne. Darf ich bitten, Dort zu verziehn, bis ich die Antwort schrieb?       ( Zeigt nach der Türe rechts, die Weber öffnet ) Es fehlt hier manches zur Bequemlichkeit, Doch werd' ich suchen, kurz zu sein.       ( Der Offizier verneigt sich und geht rechts ab )                                                         Nun, Alter, Geschwind, ruft mir den Bürgerrat! Du, Weber, Bringst an das Offizierkorps diese Ordre.       ( Schreibt stehend eine Zeile, die er Weber einhändigt ) Nettelbeck Ich denk', es wird ein jeder auf dem Platz sein! ( Beide ab ) Vierte Szene Gneisenau ( allein, in den Brief blickend ) Warum nur dieses Blatt in meiner Hand Mir doch zu denken gibt! Als wüßt' ich nicht: Die Tür, durch die ich nur gebückten Haupts Mich retten kann, darf mir kein Ausweg heißen. Und hab' ich andrerseits nicht klar erkannt, Daß auch der Trieb, vom Elend dieser Zeit Verzweifelnd mich hinwegzuwenden, nicht Mich vorschnell in ein jähes Ende lockt, Nur das Bewußtsein, keine Rettung sei, Als wenn ein jeder alles setzt an alles? Und dennoch bin ich uneins in mir selbst Und frage zweifelnd: ist, was dieser Brust Gesetz und Inhalt gibt, die Pflicht für alle? Darf ich die Treuen, die mir anvertraut, Die ich mit stärkern Banden an das Leben Gefesselt sehe, darf ich, wie ich kann , Sie überredend fortzureißen suchen? Leicht in des Augenblicks erhabnem Drang Wächst auch der Schwache über sich hinaus. Doch nur die freie Tat bringt reine Frucht, Und nicht im Rausch gewonnen will ich sie An meine Ferse ketten. Sei es denn: Sie sollen selbst entscheiden!                                             Noch ein Wort An meine Lieben. ( Setzt sich und schreibt )                             »Mein geliebtes Weib! Ich löse mein Gelübde, auf den Trümmern Colbergs, den Degen in der Faust, zu fallen. Daß ich so freudig scheiden kann, das dank' ich Nur dir allein und deiner starken Seele. Denn unsre Kinder wirst nun du statt meiner Früh lehren, daß sie nicht sich selbst gehören, Nein, ihren Pflichten und dem Vaterland. Grüß mir – Fünfte Szene Gneisenau . Nettelbeck (tritt wieder ein) Nettelbeck       Ich störe? Gneisenau ( ohne aufzublicken )   Schon zurück? Nettelbeck                                                     Ich traf Den Würges draußen, der ist noch mobiler; Hat sich beim Löschen nicht so abgeäschert. Der ruft die andern jetzt. – Hm! Was ich doch Noch sagen wollte – schreibt nur ruhig fort! – Ich wollt' nur eben fragen, Herr Major: Das Kriegsgericht hat über Heinrich Blank Den Spruch gefällt? Gneisenau ( auf den Tisch deutend )   Da liegt das Urteil. Lest! Nettelbeck Ich bin so frei. ( nimmt das Blatt und liest )                                 Hm! Also wirklich: Tod! Hab's wohl gedacht. Das nennt man kurz und gut. Gneisenau ( fortschreibend ) Scheint's Euch nicht in der Ordnung? Nettelbeck                                             Hm! Je nun! Gneisenau Nur frei heraus! Nettelbeck ( das Blatt wieder hinlegend )   Ich mag's wohl nicht verstehn, Verstehe manches nicht. Ich wär' nun freilich Wohl alt genug. Doch Alter, wie man sagt, Schützt nicht vor Torheit; und so denk' ich mir, Wenn so ein junger Hitzkopf sich verfehlt, Soll man ihm Zeit, sich zu besinnen, lassen, Mit Brot und Wasser das Geblüt ihm kühlen, Bis er sich seiner grünen Dummheit schämt. Doch kurzweg füsiliert – mein Herr Major, Das mag so in den Kriegsgesetzen stehn, Doch nichts für ungut: mit der Menschlichkeit Besteht das schlecht, und was die himmlischen Heerscharen dazu sagen, fragt sich sehr. So! Meine Meinung habt Ihr wissen wollen, Da habt Ihr sie! Gneisenau             Ich dank' Euch. Ihr habt recht. Nettelbeck Wollt's meinen. Gneisenau                         Nämlich, daß Ihr alt genug seid, Doch leider noch nicht weise. Nettelbeck                                   Herr Major – Sechste Szene Vorige . Weber (tritt ein. Dann) Rose und die Mutter Weber Ein Frauenzimmer will zum Herrn Major. Gneisenau Wer? Weber               Rose nennt sie sich, sie tut als sei es Ihr sehr pressant. 's ist auch 'ne Alte bei ihr, Zu der sie Mutter sagt. Nettelbeck                         Herr meines Lebens! Die Weiber! Früh um fünf – Gneisenau                                 Führ' sie herein. ( Weber hat die Tür geöffnet) Rose und ihre Mutter (treten ein) Gneisenau Was führt Sie zu mir? Meine Zeit ist kostbar. In wenig Augenblicken wird der Kriegsrat Sich hier versammeln. Mutter                             Sprich doch! rede, Kind! Mir stockt das Wort vor Jammer in der Kehle. Ach, da ist der Gevatter – Gneisenau                             Kommen Sie Zur Sache, wenn's beliebt. Rose ( vortretend )                     Herr Kommandant, Man sagt, der Spruch des Kriegsgerichtes sei Gefällt und zwar – auf Tod. Gneisenau                               So fordert es Das Kriegsgesetz. Wer sich dem Kommandanten Mit Waffen widersetzt, der wird erschossen. Mutter Mein Sohn, mein Sohn!       ( Sinkt auf eine Bank, verhüllt das Gesicht ) Gneisenau Wir waren zur Begnad'gung sehr geneigt Um seiner Jugend willen und des Dienstes, Den seine Schwester dieser Stadt getan. Doch leider schnitt der Arrestant uns selbst Den Weg zur Milde ab durch starren Trotz. Er könne, sagt' er, nicht die Tat bereuen, Und käm' er frei, würd' er von neuem nur Auf Mittel sinnen, seine Vaterstadt Vor ihrem ärgsten Feind, vor mir, zu schützen. Nettelbeck Verwünschter Eisenkopf! Mutter                                             Ach, laßt mich zu ihm! Er muß sich geben, muß die Mutter hören! Gneisenau Weber! Weber                   Befehlen, Herr Major! ( Gneisenau sagt ihm ein Wort ins Ohr. Weber geht hinaus ) Gneisenau                                                 Es tut Mir herzlich leid. Doch wie die Dinge stehn – Rose Wir sind nicht hier, Herr Kommandant, mit Klagen Und Tränen Sie zu rühren. Nur das eine Erbitten wir: o gönnen Sie uns Aufschub, Bis ich die güt'ge Kön'gin angefleht, Ihr Fürwort einzulegen. Ich versprach ihr, In ernster Lebensnot sie anzurufen. Wenn Sie durch strenge Pflicht gebunden sind – Des Königs Gnade kann Sie dieser Pflicht Entbinden und die schwerste Schuld verzeihn. Ach, Herr Major, er ist so jung; er hat Noch viele Jahre vor sich, seine Tat Verabscheun und bereun zu lernen! Siebente Szene Vorige . Weber (tritt ein, hinter ihm Heinrich von zwei Wachen geführt) Die Mutter ( auf ihn zueilend ) Heinrich! O Sohn! o wie viel Kummer machst du mir! Heinrich Mutter, – was sucht Ihr hier? Mein Schicksal ist Entschieden, weiß ich. O erschwert mir's nicht! Glaubt man, ich würde mich erniedrigen Und Gnade flehn? Ich hab' auf dieser Welt Nur einen Wunsch noch: ungebeugten Hauptes Zu sterben. Mit den Nächsten so entzweit, So fremd der eignen Heimat, was mir Pflicht Und Recht erscheint, als Schuld und Schmach gebrandmarkt – Was wär' ein Leben wert, so alles Glückes Beraubt? Und wo – wo sollt' ich leben? Morgen Ist diese Stadt ein Trümmerhaufen. Laßt mich, Wenn Ihr mich liebt, die Augen schließen, eh' sie Das Ärgste sehn. Rose                         O Bruder! Heinrich                                   Was ich euch Zuleide tat, vergebt es und – vergeßt mich! Lebt wohl! – Führt mich zurück in meine Haft! Gneisenau Ihr bleibt, bis ich's befehle. Achte Szene Vorige . Offiziere und Bürgervorsteher , (unter ihnen) Grüneberg , Geertz , Schröder , Zipfel , Würges (treten ein. Gneisenau gibt Weber einen Wink, Heinrich nach einer Bank links im Hintergrunde zu führen) Gneisenau ( zu den Offizieren )                 Meine Herren! Aus wohlerwogenen Gründen, kraft der Vollmacht, Die mir zusteht als Gouverneur der Stadt, Kassier' ich kurzer Hand das Todesurteil.       ( Freudige Bewegung der Frauen ) In welche Strafe ich den Spruch verwandle, Davon hernach. Heinrich ( aufspringend )   Herr Kommandant – Gneisenau                                                     Ihr habt Zu schweigen, Heinrich Blank. ( Zu Rose ) Noch eine Bitte An Jungfer Rose hätt' ich. Dieses Blatt Enthält mein Testament und Abschiedsgrüße An Frau und Kinder. Wenn ich nicht mehr bin, So bringen Sie den Meinen dies Vermächtnis. Sie sind mir wert geworden, gern bekenn' ich's. Den Adel Ihrer Seele lernt' ich schätzen, Ihr Vaterlandsgefühl und Ihren Mut. Gott schütze Sie! Hier diesen Händedruck Send' ich den Meinen und mein Lebewohl! Und nun zu unserm Kriegsrat, meine Herren! ( Er ist zurückgetreten. Rose und die Mutter entfernen sich nach einem stummen Abschiede in tiefer Bewegung ) Neunte Szene Vorige (ohne die Frauen. Zur Linken im Halbkreis die Offiziere; rechts die Bürger. Gneisenau in der Mitte am Tisch stehend; Nettelbeck ganz vorn zur Rechten) Gneisenau Vom Hauptquartier des Feinds ward mir soeben Ein Schreiben überbracht, von dessen Inhalt Ich Sie in Kenntnis setzen muß. So schreibt Der Gen'ral Loison: ( liest ) »Unter Colberg, den 1. Julius 1807. Herr Gouverneur! Sie haben für Ihren Oberherrn, für den Ruhm seiner Waffen und für Ihren eigenen alles getan, was ein tapferer Mann an der Spitze tapferer Leute zur Verteidigung der Festung Colberg tun konnte. Ihrerseits haben die Einwohner der Stadt durch ihre Entbehrungen und zahlreichen Opfer Beweise ihrer Hingebung geliefert. Die Stellung des französischen Heeres, welches auf allen Punkten siegreich, Danzig, Königsberg u. s. w. besitzt, läßt keine Hoffnung auf Hilfe. – – Sie haben eine zu tiefe Kenntnis des Krieges, Herr Gouverneur, um nicht einzusehen, daß Ihre Verteidigung sich nur um einige Tage verlängern könnte – –« Um wieviel Tage wohl, Herr Hauptmann Steinmetz? Steinmetz Fünf oder sechs, Herr Kommandant, – gesetzt, Daß es dem Feinde nicht gelingt, die Werke Der Überschwemmung früher zu zerstören. Dann reichten unsre Batterien nicht aus, Ihn auch nach Süden hin in Schach zu halten. Gneisenau Wer steht am Schleusentor? Steinmetz                                           Das Bataillon Neumark. Nettelbeck       Und eine halbe Bürgerkompanie. Gneisenau 's ist gut. Ich fahre fort: – »um einige Tage sich verlängern könnte. Ich ersuche Sie daher, mir den Platz zu übergeben. Ich biete Ihnen die ehrenvollen Bedingungen an, welche Ihre schöne Verteidigung mit Recht verdient, – – späterhin würde ich nicht mehr dieselben Vorteile bewilligen können. Dann, Herr Gouverneur, würden Sie sich vorwerfen müssen, durch einen unnützen Widerstand die Zerstörung der Stadt Colberg herbeigeführt, den Untergang friedlicher Einwohner und einer tapfern Besatzung verschuldet zu haben, die Sie Ihrem Oberherrn und dem Lande erhalten konnten. Ich habe die Ehre u. s. w.«       ( Faltet den Brief wieder zusammen und legt ihn auf den Tisch ) Nettelbeck ( zu Würges ) Nun meiner Treu, ein höflicher Versucher! Gneisenau Ich wende mich nunmehr zuerst an Sie, Meine Herren Offiziere. Daß ich selbst Den Fall der Stadt nicht überleben will, Dafür verpfändet' ich mein Ehrenwort. Doch wer dem Vaterland und seinem König In andrer Weise mehr zu nützen glaubt, Der trete vor. Noch ist der Seeweg frei; Ich werd' ihn ohne Tadel scheiden sehn. Denn Stunden gibt's in der Geschichte, wo An das Gewissen jedes einzelnen Die letzte Frage tritt und jedes Machtwort Der Disziplin verstummt. ( Pause. Gneisenau ist an den Tisch getreten und blättert in Papieren ) Steinmetz                             Herr Kommandant, Im Auftrag – Gneisenau           Wessen? Steinmetz                           – Ihres Offizierkorps, Dem sich die braven Truppen angeschlossen, Hab' ich hier zu erklären, daß wir sämtlich Ausharren wollen bis zum letzten Mann. Wir wissen, Rettung ist nicht mehr zu hoffen, Doch auf dem Ehrenschilde der Armee Sind leider böse Flecken auszutilgen, Und uns zu Glück und Ehre schätzen wir's, Wenn unser Blut hiezu gewürdigt wird. Dies haben wir, schon als die Nachricht kam Von Danzigs Fall, in allen Kompanien Mit Handschlag uns gelobt, dies woll'n wir halten Und treu zu unserm braven Führer stehn. Gneisenau Ist dies die Meinung auch des Schill'schen Korps? Brünnow Ich hoffe, diese Frage, Herr Major, Schließt keinem Zweifel ein. Gneisenau                                 So dank' ich Ihnen, Daß Sie von Ihrer Pflicht so würdig denken. Ich hatt' es anders nicht erwartet. Bringen Sie auch der tapfern Mannschaft meinen Dank!       ( Reicht Steinmetz die Hand ) Und jetzt ( sich zu den Bürgern wendend )                 ein Wort zu Ihnen, meine Freunde. Sie wissen, welches Los der Stadt verhängt ist, Doch hoff' ich wohl, vom Feind mir eine Frist Noch auszuwirken, daß die Bürgerschaft Mit Weib und Kind und ihrer besten Habe Zu Schiffe sich nach England retten kann. Sie lassen uns die leere Stadt zurück, Und scheidend nehmen Sie die Hoffnung mit sich, Dereinst ein neues Colberg aufzubauen In glücklicheren Tagen. ( Pause ) Nettelbeck                           Herr Major, Ist es erlaubt – Gneisenau             Nein, Nettelbeck, Ihr werdet Noch schweigen. Ihr habt weder Weib noch Kind Und seid zu rasch, das Leben wegzuwerfen. Ihr sollt mir nicht die andern überrumpeln, Daß sie beschließen, was hernach sie reut. Herr Schröder, sprechen Sie: in wieviel Stunden Getraun Sie sich den Auszug auf die Schiffe Ins Werk zu fetzen? Schröder                       Bis zum Nachmittag, Herr Kommandant. Die Waren zwar, die uns In Speichern und Gewölben aufgestapelt – Nettelbeck ( halb für sich ) Ich halte mich nicht mehr! Gneisenau                               Bleibt ruhig, Alter! – Nun wohl! Herr Ratsherr Grüneberg, Sie werden Am Hafen sorgen, daß die Einschiffung In Ordnung vor sich geh', unnützer Kram, Womit die Weiber gern sich überladen, Den Platz an Bord den Menschen nicht verenge. Grüneberg Ich, Herr Major? Nein, mit Verlaub, ich habe Was Wichtigeres vor. Gneisenau                       So wende ich mich An Sie, Herr Zimmermeister Geertz. – Sie schweigen? Zipfel ( vortretend ) Herr Kommandant, ich hätte wohl ein Wort In meinem und in meiner Freunde Namen – Gneisenau Ich bitte nur, sich kurz zu fassen. Würges ( zu Nettelbeck )                                 Daß dich! Nun schnackt uns noch der alte Heide drein. Zipfel Ich werde kurz sein; brevis esse studeo . Als nämlich Xerxes, Persiens großer König, Von Norden einbrach gegen Griechenland, Sein Heer so groß, daß, wenn sie Lanzen warfen, Die Sonn' am Mittag davon dunkel ward, Wie von Gewitterwolken – Gneisenau                               Sparen Sie Den rednerischen Schmuck; zur Sache, bitt' ich! Zipfel Ich bin schon mitten drin. Denn, Freund' und Nachbarn, So groß war Persiens Macht, daß es den Klugen In Griechenland als eine Torheit schien, Noch Widerstand und Abwehr zu versuchen. Allein zum Glück, nicht alle waren klug. Die Mehrzahl sprach in ihrer schlichten Einfalt: Er kommt, uns unser Vaterland zu rauben, Den Fuß will er auf unsern Nacken setzen, Und eh wir das erdulden, lieber Tod! So sprach das kleine Griechenvolk. Und seht, Da war ein Engpaß in dem Nordgebirg, Thermopylä geheißen, ist verdolmetscht: Die Warmbrunnpforten. Diesen Paß gedacht' Ein Häuflein wackrer Männer zu besetzen, Weil wen'ge Großes hier vermochten. Nun, Das taten sie, und Spartas Held und König, Leonidas, verteidigte den Paß Drei Tage lang. Am vierten, als die Perser Schon müde wurden, fand sich ein Verräter, Dem König Xerxes einen steilen Saumpfad Zu zeigen über des Gebirges Grat. Den gingen Nachts die persischen Bogenschützen Und fielen so die Schar vom Rücken an. Die aber, die spartanischen Heldenseelen, Dreihundert kaum, anstatt hinwegzufliehn, Sie flochten wie zum Fest ihr langes Haar Und fielen, ihre heimischen Götter preisend, Ein lorbeernwertes Opfer, Mann für Mann. Als Xerxes das vernahm, erschrak sein Herz Und ahnt' ihm Böses. Als durch Griechenland Die Kunde flog, da in der höchsten Not Erjauchzten alle, und der Mut, der schon Zu sinken drohte, mächtig flammt' er auf, Und Sieg auf Sieg entsproß aus diesem Opfer, Bis Persiens Übermacht zu Boden lag. ( Pause ) Schröder Was soll das hier? Wenn Ihr nur sagen wollt, Daß unser Kommandant und seine Truppen – Zipfel ( ihn groß ansehend ) Nicht doch, Herr Nachbar! Ihr versteht mich falsch. Auf etwas andres hab' ich hingezielt. Nämlich: im alten Griechenland, da gab's Bekanntlich weder Bürger und Soldaten, Da gab es nur ein Volk , das hatte nicht Zweierlei Tuch und zweierlei Gesinnung. Das wußte, wenn das Vaterland bedroht ist, Hat jedermann sein Letztes einzusetzen. Da war kein einzler, auserwählter Stand, Der sich allein die Ehr' anmaßen durfte, Pro patria zu sterben. Die Spartaner, Die ruhmvoll bei Thermopylä gefallen, Die waren gute Bürger, so wie wir, Die hatten Weib und Kind und Haus und Gut Und auch genug der Schiffe, sich zu retten. Sie aber blieben . Denn dem Feind genüber War jedermann Soldat und hielt sein Blut Zu kostbar nicht, die Freiheit zu erkaufen. Nun, meine Freund' und Nachbarn, die Moral Ist klar genug. Ich denk', der Herr Major Versteht mich auch. Dixi et animam Salvavi! Nettelbeck ( ausbrechend )   Das war wie ein Mann gesprochen! Das soll Euch unvergessen sein! Grüneberg                                       Jawohl, Der Rektor sprach uns allen aus der Seele. Die Fraun und Kinder soll'n zu Schiffe gehn, Wer eine Waffe führt, bezieht den Wall! Geertz Auf unserm Bürgereide woll'n wir stehn Und fallen, wenn es sein muß! Die Andern                                   Ja, das woll'n wir! Gneisenau ( seine Bewegung bemeisternd ) Ich habe keine Worte, meine Freunde, Euch jetzt zu danken. Dieser Händedruck –       ( reicht dem Rektor die Hand ) Nein, kommen Sie an meine Brust! ( umarmt ihn )                                                     Ich nehme Das Opfer, das Sie bieten, freudig an, Das Land, wo Mannessinn sich so bewährt, Ist wahrlich nicht verloren. Ja, vom Volk, Das ohne Unterschied des Kleids und Standes Sein alles einsetzt, kommt uns einst das Heil. An dieser Macht, die aus den tiefsten Quellen Hervorbricht unaufhaltsam, wird der Trotz, Der freche, des Eroberers zu Schanden. Er fordre jede andre Macht heraus, Nur diese nicht; denn diese Volkesstimme Ist Gottesstimme, die früh oder spät Den eitlen Lärm des Ruhmes übertönt Und jenem Stolzen zuruft: du bist Staub! Dann wird sein unermeßlich Glück zerstieben Wie jenes Perserkönigs, und die Nacht Verschlingt das schreckenvolle Meteor! Dann wird man im befreiten Vaterland Auch derer denken, die sich unerschüttert Die Bahn gebrochen in der Dämmerung Und ihre Treue mit dem Tod besiegelt! – Gehn Sie nun alle! Nehmen Sie noch Abschied, Bestellen Sie Ihr Haus und retten Sie Die Zukunft Ihrer Kinder. Ich indessen Will ungesäumt dem Feind die Antwort schreiben. ( Er setzt sich an den Tisch, während einige Bürger und Offiziere das Gemach verlassen ) Weber ( vortretend ) Was, Herr Major, soll mit dem Arrestanten – Gneisenau ( schreibend ohne anfzublicken ) Du bringst ihn auf ein Schiff und sorgst dafür, Daß er so lang' bewacht wird, bis der Schiffer Die See gewonnen hat. Dann sei er frei Und nehme seine Strafe mit: zu leben , Der einz'ge Mann aus Colberg, der den Fall Der Festung überlebt. Heinrich ( vorstürzend )       Herr Kommandant – Gneisenau Dies wirst du pünktlich mir vollziehn. Heinrich                                                           Bevor Sie Mich in die Schande stoßen, Herr Major, O gönnen Sie noch einmal mir Gehör! Denn wie im Spiegel hat mir diese Stunde Mein wahres Bild gezeigt; so schuldbeladen Erschein' ich mir, so tief verachtungswert, Daß ich den härtsten Tod mit Freuden litte, Der fürchterlichen Selbstqual zu entfliehn. O lassen Sie mich niederschießen, gleich, Und fallend werd' ich Ihre Milde preisen. Doch wenn Sie menschlich fühlen, können Sie Mich dieser lebenslangen Schmach nicht opfern. Die Gnade, die ich wegstieß, knieend fleh' ich Sie auf mein schuldig Haupt: o gönnen Sie Dem Reuigen, sein Unrecht gutzumachen Im Dienst der Stadt, da, wo das Angesicht Des Tods am schreckenvollsten! Geben Sie Mir eine Tat der Sühne – Gneisenau ( unterbrechend )       Junger Mann, Die Ehre, für das Vaterland zu fallen, Hast du verwirkt. Nichts mehr! Heinrich ( aufstehend )                       Erbarmungslos? So fordr' ich eine Kugel als mein Recht! Gneisenau Es bleibt bei dem, was ich gesagt. Wir haben Das Pulver nöt'ger. – Weber! ( Sagt ihm leise ein Wort ) Weber                                         Zu Befehl! Gneisenau Verstanden? Geh! Heinrich ( von Weber und den Wachen in die Mitte genommen, außer sich )                                       Nun denn, es gibt noch Mauern, An denen man die Stirn zerschellen kann! ( Er wird abgeführt, hinter ihm gehen die übrigen Offiziere und Bürger hinaus ) Zehnte Szene Gneisenau (setzt sich an den Tisch und schreibt). Nettelbeck (der sich schon nach der Tür gewendet hat, bleibt wieder stehen) Gneisenau Nun, Alter? Nettelbeck                   Herr Major – Gneisenau                                         Noch nicht zufrieden? Nettelbeck Hm! – Ja! – Nu, wie man's nimmt. Gneisenau ( fortschreibend )                             Ihr nehmt es schwer. Nettelbeck Und Ihr, weiß Gott, macht's einem auch nicht leicht. Der arme Junge – doch ich will nichts sagen, Will meinen Kummer still hinunterwürgen. Mir altem Seehund kann es besser scheinen, Mehr Mensch zu sein und weniger Soldat. Ihr aber – werdet Eure Gründe haben. Gneisenau ( aufstehend ) Ich denke wohl. Denn, Freund, die Gnad' ist gut, Doch auch das Recht muß seine Würde wahren. Und sagt doch selbst: was diesen Ehrenmännern Als höchstes Kleinod gilt, ein freier Tod, Das sollt' ich so geschwind, als stünde mir's Nicht eben hoch im Preis, an den Verbrecher Verschenken? Nettelbeck       Freilich – wenn man's so betrachtet! Obschon ich – ( Weber tritt ein ) Weber                   Herr Major, ich muß nur melden, Daß noch nicht zwanzig Schritte von der Haustür Der Arrestant uns richtig echappiert ist Und wir, nach Order, ihn auch laufen ließen. Gneisenau 's ist gut. Hier dies an den Parlamentär. ( Weber ab nach rechts ) Nettelbeck ( der sich bemüht, seiner Bewegung Herr zu bleiben ) Hört, Gneisenau, ich bin ein alter Kerl, Und der Franzos, der heut das Licht mir ausbläst, Verdient sich einen Gotteslohn an mir, Denn diese Welt hier unten hab' ich satt. Nur einen Wunsch noch hätt' ich – Gneisenau                                           Den ich Euch Erfüllen könnte? Nettelbeck ( nickt )     Lacht mich immer aus! Ich hab' vorhin den Rektor sehr beneidet, Daß Ihr ihn – nu, daß Ihr ihn embrassiert habt. Wie wär's – wenn Ihr mich nur ein einzig Mal Du nennen wolltet, und dann könnte man – Wie man's bei Brüderschaft zu halten pflegt – Gneisenau ( gerührt ) Komm an mein Herz, mein Alter! Nettelbeck ( ihn umarmend )                   Bruder! – Sohn! Nun, Herr mein Gott, kann ich in Frieden fahren, Da ich dies Heldenherz an meins gedrückt. ( Der Vorhang fällt ) Fünfter Akt Das Zimmer im Hause der Witwe Blank wie im ersten Akt, jetzt infolge des Bombardements so zerstört, daß von der Hinterwand nur noch einige Pfeiler stehen, durch welche man die Straße draußen frei überblicken kann. Schränke und Kommoden sind geöffnet, überall Spuren eines hastigen Aufbruchs Erste Szene (Vorn am Fenster im Lehnstuhl) die Mutter . Rose (begleitet eine Magd und einen Knaben, die einen gepackten Koffer tragen, nach der Tür. Man sieht draußen während der ganzen Szene Bürgerfrauen, Mägde und Kinder mit Körben und Bündeln beladen, von links nach rechts vorübereilen) Rose Nun geht und grüßt den Kapitän und sagt, Wir kämen nach. ( Die beiden ab ) Nur noch den Korb gepackt; Dann sind wir fertig, Mutter. Habt Ihr auch Das Halsband von Topasen, das der Vater Euch aus Brasilien mitgebracht, die Kette Und das Granatkreuz – Mutter                               Kind, Kind – Rose                                                     Unsre Bibel Liegt schon im Korb. Mutter                           Die laß mir nur heraus! Ich muß doch etwas hier behalten, Kind, Zu meinem Trost. Rose                           Wie, Mutter? Hier behalten? Mutter Nun ja! Hast du im Ernst dir eingebildet, Ich ginge mit zu Schiff? Rose                                   Wie anders, Mutter? Ihr könnt doch nicht – Mutter                             Ja sieh, du bist noch jung; Du fängst noch anderswo ein Leben an. Ich aber – unter diesem Dache bin ich Geboren, hab' hier dich zur Welt gebracht, Und hier um deinen Vater mich gegrämt. Meinst du, ich könnt' aus unserm Häuschen gehn Wie aus der ersten besten Gastherberge? Nein, da, wo man gelebt hat, soll man sterben. Rose Unmöglich, Mutter! Ihr, da alles flieht, Ihr wolltet hier allein in Schutt und Trümmern – Mutter Laß nur! Wenn du auch sonst wohl klüger bist, Das weiß ich einmal besser. Lieber Heiland! Ich ohne meine Schränke, meine Stühle, In fremden Betten schlafen, meine Suppe Von fremdem Teller essen – nein, das bringt mich Doch in die Grube! Da ist's besser, Kind, Ich sitz' hier noch, solang' es Gott gefällt, Und wenn sie mir das Häuschen überm Kopf Zusammenschießen, bin ich eben nur Ein altes Möbel mehr und geh' in Stücke Am alten Fleck. Bin doch nichts weiter nutz! Rose Gut! Wenn Ihr bleiben wollt, so bleib' auch ich, So sterben wir zusammen! Mutter                                   Aber Kind, Was fällt dir ein? Das hieße Gott versuchen. Begreifst du nicht den Unterschied? Und denk nur, Wenn hier ein Hause Marodeurs, entmenschte Mordbrenner – Rose                       Keiner soll mich lebend fangen! Dort hängt des Vaters Büchse am Gesims. Ich lud sie neulich erst, auf alle Fälle. Allein was red' ich auch? Ihr müßt mir folgen! O Mutter, sind nicht Ältere noch als Ihr – Mutter Zum letzten Mal: ich bleibe! Willst du wirklich Zum Abschied noch mich böse machen? Rose ( sich ratlos umsehend, erblickt auf der Straße den Rektor mit seinem Sohn , beide bewaffnet, und eilt nach der Tür ) Herr Rektor! o nur auf ein Wort! Zweite Szene Vorige . Zipfel und sein Sohn Zipfel                                               Was gibt's? Was habt Ihr mir zu sagen, Jungfer Rose? Rose ( ihn hereinholend ) Helft mir die Mutter an den Hafen bringen! Denkt nur, sie will hier warten, bis das Haus In Trümmer stürzt und sie begräbt! Zipfel                                                   Ei, ei! Was sind mir das für Hirngespinste, Frau? Mutter ( die bisher teilnahmslos sich hingesehen ) Ihr seid's, Herr Rektor? Sagt der Rose doch, Sie soll mir nicht das Herz noch schwerer machen. Was alte Leute tun, das schickt sich nicht Für so ein junges Blut. Zipfel                               Nicht doch, Frau Blank! Ihr habt ein sehr verständ'ges Töchterchen, Und was sie rät, ist gut. Ei, ei, Ihr werdet Sie zwingen, Euch am Ende fortzuschaffen, Wie Held Äneas seinem Vater tat, Den er aus Trojas Brand, so wie man sagt Vernaculo sermone huckepack – Mutter Mich? Meine Rose? Lieber gleich den Tod! Zweite Szene Vorige . (Draußen von links kommen eilig, ebenfalls bewaffnet) Nettelbeck und Würges Nettelbeck ( draußen stehen bleibend ) Was? Ihr noch hier und haltet Kindtaufschwatz, Bis sich die Bomben zu Gevatter bitten? Holla, macht fort! Rose ( zu ihm hineilend )   O Pate, denkt, die Mutter –       ( Spricht leise zu ihm ) Mutter Sie wollen mich aus meinem Häuschen schleppen, Mich mit Gewalt von meinem Stuhl und Tisch Und allem hier, was mit mir alt geworden – Nettelbeck ( vortretend ) Hier warten, bis der alte Kasten einfällt? Ist das noch meine Frau Gevatterin? Schön, Mütterchen! Courag' ist immer schön, Am schönsten aber, wo sie hingehört, Und hier taugt sie wie Pfeffer an die Milch. Was? Dieser ausgediente Trödelkram, Die hundertjähr'gen Wurm- und Wanzennester – Die sind Euch lieber als Eu'r Fleisch und Blut? Nein, Frau, da schieben wir 'nen Riegel vor! Kommt, kommt; dies ist mein letzter Freundschaftsdienst. So, Mutter! ( Hebt sie zutraulich vom Sessel auf ) Mutter ( sich sträubend )   Zwingt mich nicht, ihr bösen Männer! Laßt mich nur einmal noch den Sekretär, Den Schrank – Nettelbeck ( sie fortführend )   Ei was, die hölzerne Bagage! Seht, keiner rührt sich, keiner weint Euch nach. Kommt, kommt; die Rose folgt uns. Rose                                                     Nur den Korb noch –       ( Läuft, während Nettelbeck die Mutter hinausführt, in die Kammer links ) Vierte Szene Zipfel und sein Sohn . Würges Zipfel Nun komm, mi fili, daß wir nichts zu spät Antreten. ( Wendet sich zum Abgehen ) Würges ( hustet )   Hem – hem! Was ich sagen wollte, Herr Rektor – Zipfel                   Was? Würges ( verlegen )           's ist nicht der Rede wert. Zipfel So könnt Ihr mir's ja auch wohl drüben sagen. Vorwärts, mein Sohn! Würges                             Nein, lieber hier, Herr Zipfel, Denn seht, wer weiß, ob man sich drüben trifft. Ihr kommt am End' in den latein'schen Himmel, Und unsereins – Zipfel                       Könnt Ihr die lose Zunge Nicht bändigen zehn Schritt vom offnen Grabe? Würges Ich? Straf' mich Gott, das Necken hab' ich satt. Konträremang, ich wollt' Euch eben sagen, Wenn ich Euch manchmal so von hinten 'rum 'nen Zopf gedreht – na, wir sind alle Menschen – So tut mir das anjetzt von Herzen leid. Zipfel Wirklich? Würges ( seine Mütze in den Händen drehend )                 Ich hielt Euch nämlich – rund heraus – Für nicht viel besser als 'nen alten Tröster, So 'ne schweinsledern staubige Scharteke, Wo alles drin steht und noch etwas mehr, Was vor und nach dem Sündenfall passiert ist, Nur nichts, was man für heute brauchen kann. Zipfel Ich dank' Euch für dies ehrliche Bekenntnis. Würges Na, wenn ich neben 'naus schoß, nehmt's nicht übel! So 'n alter Flintenhahn schnappt auch mal zu, Wenn blind geladen ist. Jetzt weiß ich's besser: Ihr seid, obschon Ihr tote Sprachen schnackt, Ein braver Mann und gar kein Hasenfuß. Was Ihr da von der Schlacht bei Warmbrunn sagtet – Es liegt ja wohl in Schlesien?       ( Zipfel schüttelt lächelnd den Kopf )                                           Na, gleichviel; Das Mordsgebirg, wo die Quartaner fielen, – Wie ich das hörte, sagt' ich bei mir selbst: Würges, du warst ein grober alter Esel, Daß du den wackern Mann – na und so weiter, Und hier ist meine Hand, Herr Zipfulus; Schlagt ein und sagt, daß Ihr nicht böse seid! Zipfel Es macht Euch Ehre, Freund, daß Ihr so sprecht. Nur schade, daß wir unsre Freundschaft schließen So kurz vorm Ende. Würges ( treuherzig )         Laßt Euch das nicht leid sein! Wer weiß, ob wir uns nicht von neuem zankten. Komm, junger Zipfel, gib mir deine Hand: Auch du sollst heut noch als Quartaner sterben, Obschon du ein Primaner bist. Da seht, Ich mache noch zuletzt lateinische Witze. Ja, was die Freundschaft nicht zuwege bringt! Na denn in Gottes Namen, zum Appell! ( Alle drei Arm in Arm durch die Mitteltür ab. Man hört in der Ferne Kanonendonner ) Fünfte Szene Rose (mit dem gepackten Korb links aus der Kammer) Rose Fort? Alle fort? – Was hält nur mich zurück? Ach, was die Mutter sagte, fühl' ich wohl; Es wär' ein Glück zu sterben, wo wir lebten! Uns ist kein frohes Leben mehr bereitet; Die Welt ist fremd, das Heimweh folgt uns nach Und die Erinnrung. – Heinrich! Welch ein Schicksal Erwartet ihn? Das ist das Bitterste, Das wird mir nachgehn über Land und See, Und wär' das Kissen unter fremdem Dach Auch noch so weich, wo soll ich Ruhe finden, Wenn mir die Stimme des Verlornen folgt In jeden Traum! ( Sie steht in Schmerz versunken mitten auf der Bühne. Heinrich erscheint draußen vor dem Fenster rechts ) Heinrich Rose! Rose ( zusammenfahrend )                   O Gott! Heinrich                       Bist du allein? Rose                                                   Ist's möglich? Heinrich! Heinrich       Bist du allein? Rose ( zum Fenster eilend )       Das Haus ist leer. O sprich, du bist gerettet? du bist frei? Heinrich ( springt ins Zimmer ) Gerettet von der Schmach und frei zu sterben Und sterbend meine Ehre reinzuwaschen. O Schwester, dieser Mann, des heil'ges Leben An einem Zittern meines Fingers hing, O er ist furchtbar! Bis zum Abgrund riß er mich Der Schande, der Verzweiflung, daß ich dort Mit Schaudern meines Wahnsinns inne würde. Dann zog er seine starke Hand hinweg Und überließ mich meinem guten Engel. Ja, Rose, diese Stunde schuf mich neu; Das Leben, das ich jetzt dem Vaterlande Zum Opfer bringe, ist ein neugebornes, Und nicht mehr wird es dir ein Vorwurf sein, Daß ich dein Bruder war. Rose                                     Heinrich, dies Wort Löscht alle Schmerzen aus in meiner Seele, Und tragen kann ich, was noch kommen mag. Heinrich ( sich sanft von ihr losmachend ) Laß! Es ist Scheidens Zeit. Schwester, mir ist, Als hätt' ich eine Welt dir noch zu sagen; Doch eine Bitte drängt sich allem vor. Rose Sprich! Heinrich       Gib mir unsres Vaters Waffen. Sieh, Ich bin auf weitem Umweg hergeschlichen, Denn niemand wag' ich ins Gesicht zu blicken, Eh ich's mit Wunden mir verdient. Da sah ich Am Schleusentor 'nen Trupp vom Schill'schen Korps. Ich weiß, sie werden mich nicht von sich weisen, Sobald sie meinen ernsten Willen sehn. Gib mir die Waffen! Rose                             Hier sein Degen, Heinrich. Du wirst ihn führen seiner wert. Und hier – Nimm das Gewehr. Heinrich                       Grüß unsre gute Mutter, – Gedenke mein! Rose                     So lange noch ein Herz In diesem Leibe schlägt! Leb wohl! Heinrich ( sie umarmend )                       Auf ewig! ( Er eilt zum Fenster und schwingt sich hinaus. Draußen dauert die Kanonade fort ) Rose Auf ewig – lebewohl – und gute Nacht!       ( Am Fenster ihm nachblickend ) Wie gerne folgt' ich dir! Du darfst im Sturm Dein Los vollenden, dein Geschick versöhnen, Ich seh' dir müßig nach in deinen Tod. Und doch, o Gott, der du mein Flehn erhört, Dank für den Trost, daß ich ihn so verliere!       ( Wieder hinausblickend ) Nun ist er schon den Wall hinab – er wirft Sich in den Graben – schwimmt hindurch, die Waffe Hoch überm Haupt – nun drüben – nun ein Blick, Der letzte noch, zu mir zurück – fahrwohl!       ( Winkt mit der Hand ) Nun sehn dich meine Augen niemals wieder!       ( Bedeckt die Augen mit der Hand ) Sechste Szene Rose . (Auf der Straße draußen von rechts marschieren die Bürger heran, unter ihnen) Würges , Grüneberg , Schröder , Geertz , der Rektor und sein Sohn (alle in Waffen) Würges Ganzes Bataillon – halt! – Gewehr ab! Nun rührt euch! Wir müssen hier auf Nettelbecken warten. Rose ( die wieder hinausgesehen hat ) Ha, was ist das? – Nein – nein, es kann nicht sein – Es schwimmt mir nur vorm Auge! Würges ( auf die Schwelle tretend )           Jungfer Rose, Was observiert Sie da für Neuigkeiten? Rose ( läßt die Arme sinken, hält sich am Sessel ) Es ist! o nur zu deutlich und gewiß! Ich soll den Untergang mit Augen sehn! Würges ( hereintretend ) Na so weit wird's jawohl nicht sein. Rose ( hastig umblickend )                         Ihr seid's? Kommt! Seht es selbst; da – dort – Würges ( sich die Brille aufsetzend )             Zum Kuckuck, was? Rose ( mit gedämpfter Stimme ) Die Überschwemmung – Würges                                 Bomben und Granaten; Ja, meiner Seel'! Rose ( rasch und leise )   Seht, wie das Wasser abfließt! Der Feind muß unsern Damm durchstochen haben, Das Schleusenwerk zerstört, – seht, drüben schon Das blanke Feld – Würges                       In zehn Minuten, Jungfer, Gehn wir in Strümpfen trocknen Fußes durch. Der Satan steckt in diesen Schelmfranzosen! Rose Das ist die letzte Stunde! Grüneberg ( hereinrufend )         Nachbar Würges, Was gibt's? Würges             O nichts! wir remarquieren bloß, Daß man bald wieder Hafer säen kann, Weil's dieses Jahr hübsch trocken ist. Geertz                                                   Was sagt er? Grüneberg Es muß da draußen was – ( Will eintreten ) Würges                                             Ganzes Bataillon Antreten! Stillgestanden! – Ja nun wollt' ich, Der Nettelbeck wär' da! Denn – ha, da kommt er! Rose Es scheint, er weiß – seht nur, wie blaß er ist! Würges ( traurig vor sich hin ) Das Schleusenwerk war immer seine Puppe. Siebente Szene Vorige. Nettelbeck (eilig von rechts, ohne Hut, nur den Säbel umgegürtet. Er tritt hastig ein, mit allen Zeichen höchster Aufregung, geht, ohne die andern zu beachten, ans Fenster und sieht durch ein kleines Fernrohr hinaus, indem er sich auf den Nähtisch stützt. Plötzlich verläßt ihn die Kraft, und er sinkt rücklings um in den Sessel) Rose ( aufschreiend ) Pate! ( Stürzt zu ihm, faßt seine Hand )           Er ist eiskalt! Pate, kommt zu Euch! O seht, die kalten Tropfen auf der Stirn – Hilfe, zu Hilfe! Einen Arzt! Er stirbt! ( Die Bürger drängen sich ängstlich herein ) Würges ( auf der andern Seite des Sessels ) Hab's wohl gedacht: er kann sein Schleusenwerk Nicht überleben! Nettelbeck ( öffnet die Augen und sammelt seine Besinnung wieder )                           Sterben, Kinder? Wer Traut Nettelbecken zu, daß er im Sitzen Sein bißchen Geist aufgibt? Nein, so bequem Macht's unsereins sich nicht. Da bin ich wieder! Nur eine kleine Schwachheit trat mich an, Noch von der letzten Nacht. Würges                                     Ihr braucht Euch nicht Zu schämen, Freundchen. Wir sind unter uns. Nettelbeck ( steht auf, tritt ans Fenster und sieht hinaus ) Ich hab's gewußt, schon draußen an der Brücke! Denn plötzlich sah ich die Persante wachsen, Daran erkannt' ich, wie am Puls der Doktor: Das letzte Stündlein schlägt. Nun, wie Gott will! Heut oder morgen. – Kinder, es wird Ernst. Der Jüngste muß sogleich zum Gneisenau Nach Bastion Preußen, ihm Rapport zu bringen; Denn droben merken sie's noch nicht sobald.       ( Der Sohn des Rektors entfernt sich eilig nach rechts ) Wir andern, denk' ich, stellen unsre Leiber Da in die Lücke, die der Damm gerissen, Und lassen für den Rest den Herrgott sorgen Und die Franzosen. Rose, gute Nacht! Denk manchmal an den Alten; geh zum Hafen! Nichts da von nassen Augen! – Angetreten! Richt euch! Gewehr auf Schulter – vorwärts marsch! ( Er hat den Säbel gezogen und sich an die Spitze der Bürger gestellt. Sie marschieren in soldatischer Haltung nach links ab. Rose ist in die Tür getreten und winkt ihnen nach. Man hört heftigeren Lärm der Geschütze ) Achte Szene Rose . Die Mutter (von rechts zurückkehrend) Mutter ( noch draußen ) Da ist sie! Hab' ich's doch gewußt! O Kind, Wie soll ich ohne dich – Rose                                   Mutter, was kehrt Ihr Noch einmal um? Mutter ( eintretend )       So soll ich gehn, du Angstkind, Und dich hier sterben und verderben lassen? Nun bleib' ich auch, nun bringt mich nichts mehr fort.       ( Setzt sich auf einen Stuhl links nahe dem Schreibsekretär ) Rose Mutter! Mutter           Zum zweiten Mal, du Hinterlist'ge, Schaffst du mich nicht beiseit'. Ich war dabei, Als meine Eltern und dein Vater starben, Und allen drei'n drückt' ich die Augen zu, So weh mir's tat. Jetzt will ich auch dabei sein, Wenn unsre arme Stadt begraben wird. Rose Ja, Mutter, Ihr habt recht. Mutter                                     Gib mir die Bibel. Ich fand erst gestern einen schönen Spruch, Wie unser Herr im Schwachen mächtig ist. Rose Hier, Mutter! Mutter                   Gib. Ich will's schon wieder finden. Rose ( für sich ) Sie weiß noch nicht; ich will es ihr verschweigen.       ( Wieder am Fenster ) Da sind sie schon am Schleusentor. Ich sehe Die weißen Haare meines lieben Paten. Er wendet sich. Die Sonne scheint so klar Auf seine offne Stirn. Nun deutet er Hinüber nach dem Stadtwald. Setzt nicht eben Ein Trupp des Feindes dort sich in Bewegung? Mutter! ( Sich umwendend, erblickt sie Gneisenau ) Mutter         Mir deucht, es war im Römerbrief. Neunte Szene Vorige . Gneisenau (vom Sohne des Rektors geführt, hinter ihm) Offiziere (von rechts) Gneisenau ( in der Tür stehen bleibend ) Von Bülow, bringen Sie dem Hauptmann Steinmetz Die Ordre, sich sofort zurückzuziehn. – Leutnant von Petersdorf – Offizier ( vortretend )                   Zu Befehl! Gneisenau                                                 Es soll »Sammeln« geblasen werden. Sie, von Schüler, In Eile zum Cörliner Damm. Von dort Und von der Ziegelschanze gehn die Truppen In guter Ordnung in die Stadt zurück. Das Feuer auf dem Wall ist einzustellen, Und alle Ordres treten jetzt in Kraft, Die für den Fall des Sturms gegeben sind. ( Einige Offiziere entfernen sich, andere treten mit Gneisenau ein ) Gneisenau Warum sind diese Frauen nicht zu Schiff? Wie, Jungfer Rose, Sie hier? Dies Ihr Haus? ( Rose zeigt auf die Mutter , die, ohne auf die Eintretenden zu achten, ruhig in dem Buch auf ihren Knieen blättert ) Gneisenau ( ist ans Fenster getreten, für sich ) Es ist, wie ich gedacht. Wir können jetzt Die Frist nach Stunden zählen!       ( Zu den Offizieren sich umwendend )   Meine Herren, Der Tag wird heiß; drum umso kältres Blut! Ich bitte, schreiben Sie. – An meine Stelle Tritt, wenn ich fallen sollte – Rose ( die wieder durchs Fenster gesehen hat )                                             Heil'ger Gott. Was seh' ich? Gneisenau ( sich unterbrechend )                       Was? Rose                               Dort auf dem hohen Feld Zum Schleusentor hinab – sehn Sie nicht dort Den Reiter, der in vollem Jagen nach Der Stadt heransprengt, hoch ein weißes Tuch In Lüften schwenkend? Gneisenau ( der zu ihr getreten )   Seltsam in der Tat! Und wie mich dünkt, da drüben – dort – und dort Auf allen feindlichen Schanzen Friedensfahnen!!       ( Bewegung unter den Offizieren, sie nähern sich dem Fenster ) Was soll das heißen? Noch ein rascher Stoß, Und Colberg fällt, und dennoch – Sehn Sie doch Einmal durchs Glas, von Hagen! Offizier                                           Das Feuer schweigt Auf allen Batterien! Rose                               Ja, er ist's! Kein andrer ist's, als Heinrich! Gneisenau ( wieder das Glas nehmend )   Wer? Ihr Bruder? Bei Gott, Sie haben recht. Und hinter ihm Ein Trupp des Schill'schen Korps! Rose                                                 Jetzt ist er schon Am Schleusentor. O seht, er spornt das Tier, Mein Pate winkt, die andern rufen Hoch! Allmächtiger – er stürzt! Gneisenau                           Er steht schon wieder Auf seinen Füßen, unsre wackren Bürger Umringen ihn. Von Hagen, eilen Sie Und bringen mir Rapport! ( Offizier ab nach links ) Rose ( zur Mutter hineilend )         O Mutter, Mutter, Ein Hoffnungsstrahl! Mutter                           Mein Kind, ich hab's gefunden, Hier steht's, im Jesus Sirach: »Wer Gott fürchtet, Dem widerfährt kein Leid, sondern dafern Er angefochten ist, so wird er wieder Erlöset werden.« Zehnte Szene Vorige . Ordonnanzen treten ein Erste Ordonnanz Zu melden hab' ich vom Cörliner Damm, Daß dort der Feind sein Feuer eingestellt hat. Leutnant von Breese fragt, ob er auch jetzt noch Der Ordre folgen soll, die ihm den Rückzug Befiehlt. Zweite Ordonnanz   Ein gleiches von der Ziegelschanze. Der Feind steckt weiße Fahnen aus und hat Auf seiner ganzen Linie das Gefecht Urplötzlich abgebrochen. Dritte Ordonnanz                 Hauptmann Steinmetz – Gneisenau Genug! Wir haben erst des Rätsels Lösung Zu hören. Dort kommt unsre Bürgerwehr. Letzte Szene Vorige . (Von links stürzt) Heinrich (herein, mit einer schweren Kopfwunde, hinter ihm) Nettelbeck , Brünnow , Würges , die übrigen Bürger und ein preußischer Offizier Heinrich Hoch Colberg! Rettung, Freiheit, Waffenruhe! Hoch Deutschland! ( Bricht ohnmächtig zusammen ) Rose ( zu ihm eilend )         Heinrich! – Er verblutet! ( verbindet ihm mit ihrem Tuch die Kopfwunde, die Mutter und einige Bürger helfen ihr, den Bewußtlosen auf den Sessel zu tragen ) Gneisenau Freund Nettelbeck – Nettelbeck ( vortretend )               Ja, mein Herr Kommandant, Noch lebt der alte Gott. Er hat in Gnaden Den Willen angenommen für die Tat Colberg ist frei! Ein Waffenstillstand ward Von unserm Herrn und König und dem Zaren Mit Kaiser Bonaparte abgeschlossen. Schon vor drei Tagen wußten sie's im Lager Des Feinds. Doch Monsieur Loison, der geschworen, Er wolle Colberg erst den Nacken brechen, In Wut und Ärger, daß mit Gut und Bösem Er nicht zum Ziel kam, unterschlug die Nachricht, Befahl, den Offizier, der die Depeschen Des Königs brächte, tückisch aufzufangen Und seines Protestierens unerachtet Zurückzuhalten, bis die Stadt erstürmt. Da führt der Himmel dort den Heinrich Blank –       ( sich nach ihm umwendend ) Seid ruhig, Kinder; solch ein Aderlaß Kann seinem hitz'gen Blut nur heilsam sein – Der Himmel, sag' ich, führt den Jungen hin Mit einem Schill'schen Freikorps, nah genug, Daß er die preußische Uniform, umringt Von den französischen Freibeuters, sieht: Und auf die Bande losgesprengt, den Hauptmann Wie rasend attackiert, mit Brünnows und Der andern Hilfe unsern Landsmann hier Herausgehauen, daß die Funken flogen, War fast so flink geschehn, als ich's erzähle. Da merkte denn der Feind, daß seine List Zu Schanden ward, und steckte zähneknirschend Die weißen Fahnen aus. Ihr aber, Kinder, Lauft nach dem Hafen! Sagt, das Weibervolk Soll nur in Gottesnamen wieder landen; Denn Colberg, Dank dem Himmel und dem Herrn Von Gneisenau, steht noch ein Weilchen fest Und hat sich seinen Ruhetag verdient. Gneisenau ( der indes die Depesche überflogen hat ) Und seines Königs Dank und einen Platz Im Ehrenangedenken unseres Volks. – Herr Gott, dich loben wir! Laß dieses Saatkorn Der Freiheit Wurzel treiben, daß es bald Das ganze deutsche Vaterland umschatte, Und keines fremden Unterdrückers Fuß Den heiligen geliebten Boden trete! Doch dieses Höchste kann nur eins uns schaffen: Ein treuverbrüdert' Volk, ein Volk in Waffen! ( Alle haben die Häupter entblößt, Gneisenau reicht Nettelbeck die Hand ) ( Der Vorhang fällt )