Wilhelm Heinse Aus Briefen – Werken – Tagebüchern »Sehr lieb ist es mir jetzt, daß ich Heinse gekannt habe; er war bis in die letzte Zeit derselbe, und ich glaube, er hat vielleicht klassischer gelebt als gedichtet ... Heinse ist mir eine der wunderbarsten poetischen Naturen, und bescheiden war er, er konnte mit Handwerkern zusammenleben. Ich weiß nicht warum, aber ich habe ihn gar lieb.« Brentano * Ich habe meinem Schicksal folgen müssen wie ein Bach, der sich vom Felsen stürzt, der anziehenden Kraft. I Ich – Natur und Welt 1 Gestehen wir es nur, daß die Phantasie die Schöpferin aller Glückseligkeiten der Menschen ist, und daß die Wahrheit immer ihr Glück zu Boden schlägt. Da stehen wir, als ein Klümpchen zu Sinnen erwachsener Materie, auf einem Punkt des Planeten Erde; lassen unsre Augen über und um uns herschauen, unsere Ohren um uns her hören, unsere Nase riechen und unsere Lungen Luft holen – und unbegreiflich ist es uns, daß ein Klümpchen Erde Dinge in ungeheuerer Entfernung, daß unsere Augen den Sirius empfinden können – und unbegreiflich ist es uns, wie wir jeder besonderen Empfindung unserer Sinnen uns wieder erinnern – und unbegreiflich ist es uns, wenn wir noch so sehr tief sinnen, wie wir diese wiedergedachten Empfindungen zusammensetzen und neue Gedanken machen. Wir wissen nicht, wie wir entstanden sind, und was aus uns werden wird – oder vielmehr, wir wollen nicht wissen, daß dieser Leib von zwei Menschen gebildet und hervorgebracht worden ist und bei der Ruhe der Bewegung stirbt, begraben oder verbrannt wird, daß er verfault und ihn Würmer verzehren. Wir steigen lieber mit unsrer Einbildung hinauf zu den Gestirnen und wandeln von Gestirnen zu Gestirnen fort, so lange, bis wir vielleicht einmal Kopfweh bekommen, wieder auf die Erde herabschwindeln und aufwachen. – Oh, weswegen hätten uns die Götter die Phantasie geschenkt, wenn wir uns ihrer nicht bedienen sollten? Sie ist ein unumstößlicher Beweis, daß die Menschen zur Glückseligkeit sind erschaffen worden. Wie der Zauberring des Salomo alle niedrigen und unedlen Metalle in Gold verwandelte, so erhebt sie das kleinste Glück, das kaum über die Erde flattern kann, bis ans Empyreum, macht aus einem Rosenbusch ein überirdisches Tempe, aus einer Flasche heiligen Weins ganze Bäche voll Nektar, aus einem Kuß ein ewiges Leben voll Liebe, eine kurze Blüte unverwelklich.   2 Ich bin zu allem andern, außer Natur und Kunst, verdorben. Meine Tage fliehen dahin in verzehrendem Feuer: die goldenen Stunden des Lebens, wo ich zu schaffen, und zu genießen, und zu schaffen vermöchte. Das kann ich nicht nach Herzenslust, ohne dem Schönsten, ohne der besten Natur und Kunst am Busen zu liegen und gelegen zu haben, Mark und Bein voll Seligkeit und ewiger Wonne. Ein unwiderstehlicher Zug reißt mich fort in die Täler und Höhen der Schweiz, unter die Schatten der Griechen zu Florenz und Rom, und weiter hin nach dem schönen Sizilien.   3 Warum sollt ich den Becher der sinnlichen Wonne nicht austrinken, wenn ich Durst habe und ihn mit Nektar angefüllt und Rosen bekränzt vor mir stehen sehe? Meinem Herzen nicht jede Art von angenehmen Empfindungen zu genießen geben? Einer meiner ersten Grundsätze ist, die Unglücklichen so glücklich zu machen zu suchen, als ich kann; und mit den Glücklichen ihr und mein Glück zu teilen, ohne es ihnen zu beneiden oder zu rauben zu suchen; und wenn das Unglück angezogen kömmt, mir's zum Vergnügen, zur Lustbarkeit zu machen, mich mit ihm gleich einem Herkules herumzuschlagen; und diesen Grundsatz hab ich denn bis jetzt auch sehr treulich befolgt.   4 Nachdem ich alle mögliche Lebenswandel austabelliert, habe ich gefunden, daß derjenige, insbesondre für einen Dichter und Philosophen von zwanzig bis vierzig Jahren, der beste sei, bei welchem die häufigste Abwechslung von Szenen ist. Ich würde vor Gleichgültigkeit erblassen, wenn ich jeden Tag das nämliche tun und reden, sehen und handeln müßte; vielleicht auch dann noch, wenn ich täglich einige Flaschen der Fee Concombre in Crebillons Tanzai ausleeren und dabei – auch sogar eine Danae, Laidion oder Almina – nicht von der Seite weichen sollte, obgleich diese Lebensart unendlich viele Reize zum Verführen hat.   5 Ich wollte den Deutschen nur Gelegenheit verschaffen durch den Tasso, mich in einen guten Stand zu setzen, aber sie sind und bleiben Barbaren, bei denen alles wie Unkraut aufwachsen und sich selbst forthelfen muß. – Woher ich unterdessen Leibes Nahrung und Notdurft nehmen werde, darum bekümmr' ich mich nicht sehr, sowie ich mich noch nie ängstlich darum bekümmert habe; wenn alles fehlt, wie ich nicht befürchte, so bin ich gesund wie ein Fisch, und jung und stark, und scheue weder Gefahr noch Arbeit: und gesetzt zum Scherz den äußersten Fall, so gibt es tausend Schiffe nach Ost und West und Kolonien in Amerika, und ich werde nicht viel unglücklicher sein als unter den deutschen Bücherschreibern.   6 Mein Brot zu erschreiben, geht in Deutschland nicht an, ist meinem Geist auch gänzlich zuwider, unterdrückt ihn und ist der jugendlichen Kraft, emporzufliegen, geradezu entgegen. Ein bis an mein Lebensende fortdauerndes Amt anzunehmen, ist es itzt ebensosehr, da nun einmal mein Herz so voll Glut und Flamme für das reizende griechische Mädchen Kalliope geworden und ich es ohne Pein und Tod nicht wieder von demselben abzuwenden vermag. Ein innerer Beruf treibt und quält mich und reißt mich ohn Unterlaß dahin zu den Ländern der Schönheit, um mein Wesen mit allem dem zu vereinigen, was das Geschlecht der Menschen je Großes, Edles und Liebevolles hervorgebracht. – Es ist mir unmöglich, zu glauben, daß der Mensch bestimmt sei, mit einem Stück Erde eins zu werden, eine größere naupengeheuerliche Masse durch sein Geld und Gut, die wie ein Felsen unbeweglich daliegt; lieber wollt ich als Tatar meine Herden über namenlose unbesungene Hügel und Täler treiben. Der Mensch, das endlose Geschöpf, ist gemacht nach meinem System, Zone von Zone zu durchwandern und mit seiner Seele Besitz zu nehmen von allem, was gut und schön ist; und das ist sein wahrer einziger Reichtum . Unsere neuern Staatsverfassungen sind alle Utopien außer der Natur, und die Quellen und Bäche der ersten Schöpfung Gottes sind zu stillen toten Seen geworden.   7 Reisen, die Erde und ihre Geschöpfe kennenlernen, ist die natürliche Bestimmung des Menschen: stillesitzen und Phantasien schmieden, sein unnatürlicher Zustand. Zur Zeit, wo die Menschen noch nicht wie Milben auf diesem Erdboden herumwimmelten und Korn, das Unkraut, nicht so viel Oberfläche einnahm und die Staaten noch nicht so verwickelt und zusammengeflochten waren, dachten so alle Nationen; besonders rückten von Jahr zu Jahr in ihren Wanderungen so zu neuem Leben die alten Deutschen.   8 Zu Anfang des Mai also ist der Vogel ganz gewiß flügge, und geht der Ausflug ohne Fehl vor sich. Und wie ein junger Adler fliegt, soll es gehn über Hügel, Berg und Tal, ein Land nach dem andern bis nach Konstantinopel und Smyrna und dem quellenreichen Ida. Oh, wie mir's so wohl, so jugendlichfroh wird ums Herz sein!   9 Ich halte das Reisen zu Fuß oder, wenn man schwach und steif ist, zu Pferd für die einzige wahre Art, zu Land zu reisen: im Wagen bleibt's ein abenteuerlich Stubensitzen und eine folternde, wandernde Modekerkerei, wobei man von den abwechselnden Schönheiten der Natur gar keinen Genuß hat, höchstens alles nur im Schwindel lediglich von einer Seite, mit Klappen an den Augen wie die scheuen Mähren behängt, ansieht.   10 Den 9. und 10. Juli bin ich von Frankfurt an Darmstadt vorbei, durch die Bergstraße fröhlich und vergnügt im Schatten der hohen Nußbäume, und dem fruchtbaren, glücklichen Sandlande zu Fuße, wie immerfort von Andernach an, nach Mannheim gestrichen. – Mannheim ist mit seinem prächtigen Schlosse wirklich eine schöne Stadt. Nur ist es so gebaut, als ob die Leute darin wohnen sollten und müßten, und nicht, als ob sie in den Häusern hätten wohnen wollen. Gemacht und nicht geworden. Es sieht aus despotisch, wie eine wahre Residenz.   11 Schwetzingen ist ein königlicher Garten mit einer bezaubernden Durchsicht. Die großen Gänge sind schatticht und kühl und die kleinern heimlich und freundlich, die Wasserwerke fürtrefflich. – Das Badhäuschen ist ein gar liebes Örtchen, wenn nur Ihr durchlauchtiger Karl Theodor keine so fatale Nase hätte, die alle Liebe wie eine Krebsschere so geradezu entzweischnitt. Der Apollotempel steht gar heilig auf seiner Anhöhe; nur hat der linke Gott darin einen erbärmlichen Hintern. – Das türkische Gebäude, welches jetzt aufgeführt wird, kömmt mir ganz albern vor; ich sehe da weder Absicht noch Zweck. So auch der Ruin von einer Römischen Wasserleitung, obgleich in seiner Art noch ungleich besser. O du ewige Zeit! Wer deine zerstörende Hand sehen will, der komme nach Heidelberg und betrachte die rührenden Trümmer des Schlosses; wie alte teutsche Größe und Herrlichkeit verwünschet daliegt, die noch Bruchstücke der leichten und zierlichen Fassaden zeigen und starke, zusammengekittete Turmfelsen. O könnten Sie diesen rührenden Ruin hier mit mir betrachten, die herrliche Pfalzgrafenburg mitten im grünen Gebirg, von Alter verfallen, dem Pulver und den Kugeln der barbarischen Franzosen zerschmettert und endlich aus Mitleiden von dem Blitze des Himmels vollends in Staub und Asche versenkt – sehen, wie das Gras aus den Löwenköpfen an den Fenstern hervorwächst und das Gesträuch sich üppig oben auf die Türme und unten über die Türen hineingepflanzt hat; und dann die schöne Welt Gottes die grüne Flut des Neckars hinunter in den weiten fruchtbaren, mit Hainen besäten Ebnen, welche die alten Helden vor sich liegen sahen und glücklich beherrschten. Wie viele Abwechslungen mich nur diese Viertelstunde am Himmel schon entzückt haben, läßt sich nicht vorstellen und beschreiben. Rechts an den Bergen hinaus die heiter untergehende Sonne, die sich im Neckar spiegelt; und auf der andern Seite ein in ihrem Schein goldner Strich von fruchtbaren Regen; und hinten der Grund vom blauen Gebirg, woran der klare Rhein in der Ferne an zwei entgegengesetzten Stellen hervorblinkt; und nun ein schwarzes Gewölk, durchblitzt von lichten Feuerstreifen; jetzt ein heiliges Windbrausen über mir oben in den hohen Buchen und Eichen; und nun wieder alles still und schauerig. Nichts regt sich in dem verfallnen Gemäuer; die Dämmrung bricht ein, und die alten ehrwürdigen Herrn zwischen den Fenstern scheinen auf mich zuzukommen und sich zu bewegen. Ich bin in der Schattenwelt, rund um mich graues Altertum. O wie selig könnte hier ein von Drangsalen Umrungener seine Leiden ausweinen!   12 Auf einem dunkeln Wolkensofa saß der Mond in Süden und erleuchtete wasserhell und klar die schönen Rebenhügel rechter Hand und linker Hand unten die reife Saat, die in seinem Silberlicht weiß wie ein See dalag, und blickte freundlich und oft mutwillig durch die sich bewegenden Nußbaumzweige an der Straße in das rechte Fenster unsers Wagens, daß ich das holde Straßburgergesicht meiner jungen Begleiterin sehen konnte. Schon wehte mich Morgenluft an, und die Strahlen der neuen Sonne schwangen sich kühn am östlichen Himmel herauf, als ich ihren länglicht runden warmen zarten Harfenhändchen den ersten zärtlichen Druck gab.   13 Der Münsterturm hat die lebendigste Form, die ich noch irgend je an einem Gebäude gesehen. Ich sah ihn zuerst in der Nähe, gerad wie die Sonne niedergegangen war. Das Durchbrochene gab ihm das natürlichst Zackichte und Luftige von einer Fichte. Und woher soll sonst ein Turm seinen Ursprung in der Natur haben als von einem hohen Baum? Und von welchem besser als von einer Fichte oder Zeder, die zu diesem Geschlecht gehört? Was sind Kuppeln hernach anders als Linden- und Eichengewölbe? Oder glaubt ihr, daß Kunst für sich bestehen könne, ohne Abbildung, Nachahmung von Natur? Ein totes Zahlenwesen, körperliche Abstraktionen! – Man tritt in das Münster gerade wie in einen heiligen Hain, wie in einen erfrischenden dreifachen Gang von äußerst hohen weitschattigen Bäumen. Das Alter der Fensterscheiben trägt zur Dämmerung bei; doch nicht, als ob der Tempel etwa zuwenig Licht hätte! Die Frauen und Jungfrauen können zu ihrem zarten Rosenteint kein schöneres haben ... Sechs Stämme auf jeder Seite des Hauptgangs. Zwei vierfach so starke Stämme, die die beiden innern Seiten der Türme ausmachen und mit diesem Gange eine Reihe bilden. Ebenso hinten im Chor zwei Stämme, nur nicht so schlank und hoch, aus Säulen mit Kapitalen zusammengesetzt. Welche also zusammen auf jeder Seite 10, doppelt 20 ausmachen. Oben formieren sie einen deutsch gewölbten Bogen. Die Zwischenräume von Stamm zu Stamm sind mit gemalten Fenstern erleuchtet, die wie luftige Zweige das Licht durchlassen. Zwischen den beiden Türmen vorne ist ein großes rundes Sternfenster aus sechzehn großen und sechzehn kleinern Strahlen, auch mit grün, gelb, rot und blau gemalten Scheiben. Über diesem Fenster ist der Glocken Platz, die unten vor der Tür gezogen werden. Neben dem großen hohen Gang ist auf jeder Seite ein etwas schmälerer niederer, welche also drei Gänge nebeneinander ausmachen. Die beiden Seitengänge sind ebenso, wie der hohe oben, unten mit gemalten Fenstern erhellt. Der Chor hinten ist ebenfalls korrespondierend mit dem Fenster über den Türmen mit einem länglichen Fenster erleuchtet. Es sind nur drei Hauptpforten ... Am Chor wird die Kirche niedriger und heiliger, dichter und dunkler, und die Wachskerzen tun da guten Effekt.   14 Basel. Schöne Gegend um die Stadt, besonders an der Birs hin. Aussicht nach Bergen, die den Anfang des Jura ausmachen. Der Rhein fließt vollströmend fast in einem halben Mond durch. Die schönste Aussicht in der Stadt ist auf der Terrasse vor dem Münster, vor dem auch der beste Platz ist. Die Stadt liegt auf lauter Anhöhen und Vertiefungen und hat einige prächtige Häuser, aber keine schöne Straße.   15 Der Rhein bei Schaffhausen tut einen solchen Schuß in die Tiefe, daß er das Laufen vergißt und sich besinnt, ob er Dunst werden oder Wasser bleiben will. Wenn man ihn zum ersten erblickt: so sieht man lauter Dunststaub wie Silberrauch in der Luft. Sein Brausen in der Ferne scheint wie Harmonie, in welche einzelne Flutenschläge die Melodie machen. Er sieht ganz wild und ernst aus und stürmt trotzig über die Felsen hin, kühn und sicher, nicht zu vergehen. Es ist eine erschreckliche Gewalt, und man erstaunt, wie die Felsen dagegen aushalten können. Das Wasser scheint von der heftigen Bewegung zu Feuer zu werden und raucht; aber sein Dampf ist Silber, so rein, wie sein Element ist.   16 Es ist, als ob eine Wasserwelt in den Abgrund aus den Gesetzen der Natur hinausrollte. Die Gewölbe der Schaumwogen im wütenden Schuß flammt ein glühender Regenbogen wie ein Geist des Zorns schräg herab. Keine Erinnerung, der stärkste Schwung der Phantasie kann's der gegenwärtigen Empfindung nachsagen. Die Natur zeigt sich ganz in ihrer Größe. Die Allmacht ihrer Kräfte zieht dauernd die kochenden Fluten herab und gibt den ungeheuern Wassermassen die Eile des Blitzes. Es ist die allerhöchste Stärke, der wütendste Sturm des größten Lebens, das menschliche Sinnen fassen können. Der Mensch steht klein wie ein Nichts davor da und kann nur bis ins Innerste gerührt den Aufruhr betrachten. Selbst der Schlaffste muß des Wassergebirggetümmels nicht satt werden können. Der kälteste Philosoph muß sagen, es ist eine von den ungeheuersten Wirkungen der anziehenden Kraft, die in die Sinne fallen. Und wenn man es das hundertstemal sieht, so ergreift's einen wieder von neuem, als ob man es noch nicht gesehen hätte. Es ist ein Riesensturm, und man wird endlich ungeduldig, daß man ein so kleines festes mechanisches zerbrechliches Ding ist und nicht mit hineinkann. Der Perlenstaub, der überall wie von einem großen wütenden Feuer herumdampft und wie von einem Wirbelwind herumgejagt wird und allen den großen Massen einen Schatten erteilt oder sie gewitterwolkicht macht, bildet ein fürchterliches Ganzes mit dem Flug und Schuß und Drang, und An- und Abprallen, und Wirbeln und Sieden und Schäumen in der Tiefe, und dem Brausen und dem majestätischen, erdbebenartigen Krachen dazwischen ... O Gott, welche Musik, welches Donnerbrausen, welch ein Sturm durch all mein Wesen! Heilig! heilig! heilig! brüllt es in Mark und Gebein ... Es ist mir, als ob ich in der geheimsten Werkstatt der Schöpfung mich befände, wo das Element von fürchterlicher Allgewalt gezwungen sich zeigen muß, wie es ist, in zerstürmten und ungeheuern großen Massen. Und doch läßt das ihm eigentümliche Leben sich nicht ganz bändigen und schäumt und wütet und brüllt, daß die Felsen und die Berge nebenan erzittern und erklingen und der Himmel davor sein klares Antlitz verhüllt und die flammende Sommersonne mit mildern Strahlen dreinschaut. – Es ist der Rheinstrom: und man steht davor wie vor dem Inbegriff aller Quellen, so aufgelöst ist er; und doch sind die Massen so stark, daß sie das Gefühl statt des Auges ergreifen, und die Bewegung so trümmernd heftig, daß dieser Sinn ihr nicht nachkann und die Empfindung immer neu bleibt und ewig schauervoll und entzückend. Man hört und fühlt sich selbst nicht mehr, das Auge sieht nicht mehr und läßt nur Eindruck auf sich machen; so wird man ergriffen und von nie empfundenen Regungen durchdrungen. Oben und unten sind kochende Staubwolken, und in der Mitte wälzt sich blitzschnell die dicke Flut wie grünlichtes Metall mit Silberschaum im Fluß; unten stürzt es mit allmächtiger Gewalt durch den kochenden Schaum in den Abgrund, daß er wie von einer heftigen Feuersbrunst sich in Dampf und Rauch auflöst und sich über das weite Becken wirbelt und kräuselt. An der linken Seite, wo sein Strom am stärksten sich hereinwälzt, fliegt der Schuß wie Ballen zerstäubter Kanonenkugeln weit ins Becken und gibt Stöße an die Felsenwand wie ein Erdbeben. Rundum weiterhin ist alles Toben und Wüten, und das Herz und die Pulse schlagen dem Wassergotte wie einem Alexander nach gewonnener Schlacht.   17 Ich fühle jetzt die Zeit in ihrer ganzen Geschwindigkeit, und wie das Leben vorbeirauscht. Nichts ist mir mehr einerlei, und die Szenen wechseln zu einem unendlichen Schauspiel. Ich werde mir selber zum Abgrund und kann mich nicht fassen, etwas wiederzugeben. Ich bin glückselig, wie wenige Menschen es sein können; gesund und hell und frisch, nimmer ermüdet und immer neu gestärkt an allen Sinnen. Es geht doch nichts über einen Reisenden zu Fuß mit fröhlichem Mut und heitrer Seele und Stärke und Munterkeit in den Gelenken, der seinen Reisebündel selbst trägt wie Pythagoras und Plato.   18 Soeben lang ich von dem angenehmsten Spaziergang hier an, den ich mein Leben lang gemacht habe; nämlich einem Spaziergang von Baden durch den Kanton Zürich, durch die Freiämter, durch den Kanton Zug, durch den Kanton Schwyz, durch den Kanton Ober- und Unterwalden. Mit einem Wort, ich bin durch den Mittelpunkt, durch den Kern der Schweiz gereist ... Zu sagen, was für entzückende Gefühle all mein Wesen durchschauert, ist mir jetzt nicht möglich; ich bin erst in die wahre große lebendige Natur hineingekommen, und das meiste, was ich vorher gesehen habe, war klein, verfälscht und verzerrt. In den Demokratien, die ich durchwandert bin, hat sich mein Herz zuerst recht an der Menschheit gelabt. Ich war wie in Athen zu den Zeiten des Themistokles.   19 Den 25. August, auf dem Zuger See nach Arth, von 10-12 Uhr. – Für himmlischer Freude bin ich fast vergangen; so etwas Schönes von Natur hab ich noch nie gesehen. Der spiegelreine, leicht und zartgekräuselte grünlichte See, die Rebengeländer, an den Ufern hinein mit Pfählen im «Wasser aufgestützt, die vielen hohen Nuß- und Fruchtbäume auf den grünrasichten, reinen Anhöhen, die lieblichen Formen, den Berg hinan mit Buchen und Fichten und Tannen besetzt, schroff und schräg hinein hier und da, und hier und da wandweise, hier buschicht wie Bergsamt, dort hochwaldicht mit mannigfaltigen Schattierungen süßen Lichts, und in der Tiefe hinten der hohe Riegenberg, graulicht und dunkel vor der Sonne liegend. Alle Massen rein und groß und ungekünstelt hingeworfen. Und weiterhin rechter Hand die hohen Schneegebirge, die über den Streifwolken ihre Häupter gen Himmel emporstrecken. Und wie sich das alles tief in den See unten hineinspiegelt, sanfter und milder. Man ist so recht seelenvoll in stiller lebendiger Natur, so recht im Heiligtum empfindungsvoller Herzen. Ich kann's nicht aussprechen; Gottes Schönheit dringt in all mein Wesen ruhig und warm und rein; ich bin von allen Banden gelöst und walle, Himmel über mir, Himmel unter mir, im Element der Geister wie ein Fisch im Quelle, Seligkeit einatmend und ausatmend. Alles ist still und schwebt im Genuß; nichts regt sich als die plätschernden Floßfedern von meinem Nachen, der unmerkliche Taktschlag zu dem wollüstigen geistigen Konzerte. Immer stärker läuft mir das Entzücken wie ein Felsenquell durch alle Gewebe meines Rückgrats.   20 Morgens 5 Uhr, den 26. August, auf dem höchsten Joche des Riegenbergs. – Hier sitz ich oben in den glänzenden Strahlen der neuen Sonne, die über die Glarner Gebirge jugendlich hervorspringt und Jubel und Wonne mir in die Seele leuchtet: erschrecklich tief unter mir die schroffen und senkelrechten Felsen herab, liegt die braune Nacht auf den stillen Seen, wo keine Welle ans Ufer schlägt. Weit und breit über die Erde her ziehen Heere von Nebelwolken, weißgraulicht, chaotisch und unförmlich, wie die tausendköpfige Mutter Nacht in Person, schwanger von unendlichem, unreifem Leben. Darüber blitzen hervor die Schneegipfel von Schwyz und Unterwalden wie ungeheure Brillantenblöcke. Und fernerhin schimmern und leuchten und funkeln rosenrote Streifwölkchen im himmelreinen Äther. Jetzt vermischt sich gegen Westen Himmel und Erde, und die Welt ist lauter Nebel. Gegen Osten bekämpfen ihn die Strahlen der Sonne, und er sinkt und fällt. Die Hügel stehn in Tau, und in den Alpen herum weiden die Kühe. Die Erde zeigt ihr holdselig Antlitz, und eine Menge freundlicher Seen lächeln um mich herum, und Flüsse gehen stolz und strahlend ihren Schlangengang, die Wesen zu erquicken.   21 Von meiner Reise durch Schwyz und über den Vierwaldstätter See durch beide Unterwalden kann ich nichts herausgeben; meine heiligen Gefühle wollen nichts mit der Metze, der Sprache, zu schaffen haben. Schwyz und Brunnen, und Buchs und Stanz und Saxeln haben mich entzückt, als ob sie das erste Paradies der Welt wären. Oben auf den fruchtbaren Alpen der hohen Gebirge weidet das schöne Vieh, und unten in den reinen Grastriften wohnt das Volk in Unschuld und Freude; jeder in seiner von dem andern fünfzig Schritt wenigstens weit entfernten Hütte Hausvater und Untertan und König. Die Menschen sind lauter Kraft und Stärke, und ihre Nerven scheinen Stahlgelenke zu sein. Keine Falte im Gesicht, alles so straff und festfleischig. Ihre Mienen und Gebärden und ihr Blick ist langsames Metallfeuer, Unbiegsamkeit und trotziger Enthusiasmus. Ich rede von den Kernleuten. In Schwyz ist der Wuchs hoch und schlank, in Unterwalden starkstämmicht. Beide Kantone sind eine wahre Fabrik von Menschen; es wimmelt aus jedem Hause gesund und frisch hervor. Bei ihrer Nahrung von Milch und Käse und dem besten Rindfleisch kann dies nicht anders sein unter dem gesundesten Himmelsstriche ... Sie haben gar wenig Arbeit und leben sehr bequem. Sie tun weiter nichts, als daß sie ihr Vieh melken und Käse machen, und das Heu mähen und einsammeln, und Korn und Wein für ihren Überfluß eintauschen. Die übrige Zeit bringen sie mit Schießen nach der Scheibe und Singen und Tanzen zu.   22 Im letzten Haus von Unterwalden ob dem Kernwald kam ich noch zu einem Schweizertanze, der mich zwei Stunden lang inniglich ergötzt hat. Ihr Tanz ist das ernsthafteste, feierlichste Zittern der Lust in allem Wesen, das bis zur Angst geht, besonders bei den Mannsleuten. Alle ihre Bewegungen und Tritte und Schwenkungen sind sehr freiwillig und hängen viel von jedem ab. Das Jauchzen dazwischen, das einem wiehernden Gegirre gleicht, macht es vollkommen zu einem erlaubten öffentlichen Vorspiel der Hochzeit.   23 Aus dem grauen Altertume der Welt, aus den Ruinen der Schöpfung schreibe ich Ihnen, wogegen die Ruinen von Griechenland und Rom zerstörte Kartenhäuser chen kleiner Kinder und nicht einmal das sind. Ach! ich wandle auf und wandle ab, und hoch schlägt mir das Herz. Es ist Mitternacht; mit ihrem ewigen Sonnenfeuer funkeln und strahlen im heitern Äther am südlichen Himmel Sirius und Orion, und um mich rauschen die Quellen des Ticino, und mit ihren kühlen Fittichen umwehen mich Boreas und Notus, die sich hier oben von Italien und Deutschland her brüderlich umarmen. Mit einem Wort: ich bin auf der Höhe des Alpenpatriarchen Gotthard, und mich umgeben seine Eis- und Felsengipfel, erhaben über Europa und über die halbe Welt. Von Basel aus bin ich durch manches erfreuliche Tal und über manchen entzückenden Berg und Hügel die Kreuz und die Quere die Schweiz durchwandert und über manchen wilden Strom und stillen, klaren, grünlichten See geschifft; und unter Freiheit und Glückseligkeit der ersten Welt, an Bedürfnissen selbst erst aus der Erde gewachsen, in Seligkeit und Wonne an dessen Fuß gelangt; und den Tag vor dieser Nacht das ungeheure Gebirg, an den brausenden und donnernden Stürmen über die Felsen der schäumenden Reuß, bei dem schönsten Wetter heraufgestiegen. Keine Wolke lag in den wüsten Tälern, die tausend Wasserfälle stürzten von den senkelrechten Felswänden ihren Perlenschaum zu den Tiefen, mit dem lieblichsten Farbenspiel in den Strahlen der Sonne; jungfräulich rein glänzte Schnee und Eis zwischen den Höhen und an den Gipfeln, auf welchen der blaue Himmel ruhte wie ein guter Vater mit dem Nacken auf den Schultern seiner Söhne. Hier ist wirklich das Ende der Welt. Der Gotthard ist ein wahres Gebeinhaus der Natur. Statt der Totenknochen liegen ungeheure Reihen von öden Steingebirgen und in den tiefen Tälern aufeinander gehäufte Felsentrümmer da. – Die Mitternacht weicht von hinnen. Ich komme wieder draußen aus der Kälte herein. Das Wollustauge des Himmels, der Morgenstern, blickt am Gebirg herauf. Schauer wie ein Erdbeben gingen durch mein Wesen. Ich trat auf und ab, leicht wie in Wolken an den Seen, woraus der Ticino rieselt; und nach einem brausenden Wirbelwind, der mir mein losgegangnes Haar um den Kopf herumschlug, ward alles still, bis auf das Geräusch ferner Katarakte, und mich wehte heilig leis in der Dunkelheit zwischen feuchten Felsen eine Stimme wie von einem Geist an. – »Was staunst du, Schüchterner, kleines Geschöpf! Auch hier war einmal ein Eden, schöner als Genf und Vevey in dem bezaubernden Tale, wo der wilde Rhodan von seinen Stürmen ausschnaubt und in süßem Schlummer heiter hinwallt, und schöner als die Gefilde, wo die Provenzalerin schon zum Schlag der Trommel tanzt. Ich stieg einer der ersten aus den Wassern hervor, und unter den kühlen Schatten meiner Pommeranzenwälder pflegten die neugebornen Kinder der Erde der jungen Liebe. O goldner Traum meiner Jugend in viele Jahrtausende hinein, wo noch die Nachtigallen in meinen blühenden Wipfeln schlugen, und Hirsche und Rehe um meinen Nacken spielten! Kannst du glauben, daß ich immer Fels war, ohne Pflanze, Halm und Staude? Und siehst du nicht, daß jeder grüne Berggipfel auch nach und nach so wird? Aber ich bin so alt, als dein Schmetterlingskopf mit seinem weichen, tagdauernden Hirn nicht auszudenken vermag. Zwar bin auch ich aus einem Element ohne Größe (denn jedes lebendige Ding hat seinen Mittelpunkt, woraus es wird und ist) einer der gewaltigsten Körper der Erde geworden, der noch jetzt mit seinen Knochen die Furka und den Grimselberg, das Wetter- und Schreckhorn hinunter ungeheuer daliegt; und wer weiß, was noch einmal aus dir wird. Jetzt spend ich als Winzer und Kellermeister, ehedem selbst Zecher, das Leben aus durch halb Europa; und alle deine Brüder und Schwestern, und Gras und Kraut und Vieh müßten, wann das Gestirn des Tages mit seinem verzehrenden Feuer an euern Häuptern vorbeiwallt, verlechzen und verschmachten, wenn ich Winter, Herbst und Frühling keinen Vorrat davon aufsammelte und einlegte. Sahst du nicht, und hörst und siehst du nicht, wie das freundliche Element, abgezapft von meinen Gipfeln, in Quellen ohne Zahl herabläuft, in Bäche rinnt und, um das Versäumte wieder einzubringen, durch ein ungeheures Tal nach dem andern in brausenden Stürzen und gähen Abschüssen sich in die Tiefen hineinwälzt, daß es lauter Schaum und Staub wird und alle Felsenwände seinen Jubel widerhallen? Ich bin der Anfang und das Ende. Erkenn in mir die Natur in ihrer unverhüllten Gestalt, zu hehr und mächtig und heilig, um von euch Kleinen zu euren Bedürfnissen eingerichtet und verkünstelt und verstellt zu werden. Jedes Element ist ewig wie die «Welt und kann weder erschaffen noch vernichtet werden; und alles andre wird und ist und vergeht; aber die Arten der Elemente und die verschiednen Formen, wozu sie anwachsen, sind unzählbar. Nun geh hin, dir ist ein Evangelium gepredigt!« Und eine unaussprechlich schöne Gestalt voll grauser Majestät schwebte wie ein Berggeist in der Dämmerung an mir vorüber. Schauer auf Schauer wallten wie Fluten durch meine Seele, und mir sträubten sich die Haare auf dem Haupt. Welsches Wirtshaus auf der Höhe des Gotthard, den ersten September, morgens um 4 Uhr im Jahr 1780.   24 Gletscher oben und unten. – Bogen über Bogen vorn, jeder blatternarbig, wie Grotten, bläulicht, grünlicht, mit Kies und Steinen untermengt. Erst wie im Winter, von oben herein durchspalten, unten rinnen Bäche hervor, rund herum ist es kühl wie Winterluft. Oben ist er ein zackichtes durchbrochnes Werk, von fern wie eine Art grünlichtes schwammichtes Rohrgesträuch. Oben herab eine Muschel von Schneeberg, zart und weiß zugefroren. Wie grünlichte Schlacken, hier und da mit Erde vermischt.   25 Vevey. Ich kam durch eine unannehmliche Gegend auf einmal hinein wie in ein Maienfest. Es kann keine schönere Aussicht auf der Welt sein als die auf der Terrasse oben vor der Kirche hinter Vevey. Der See liegt mit seiner zart gekräuselten spiegelhellen Fläche da wie ein großer stiller halber Mond an den erfreulichen Rebenhügeln, oben mit Hainen besät und unten und in der Mitte mit Lusthäuserchen und Lustörtchen. Gegenüber zieht sich immer höher in die Wolken und über die Wolken zum Kontrast das unfruchtbare Gebirg vielgipflicht bis vorn an Anfang, wo der Rhodan von dem tiefen zackichten Tal hineinfließt. Vevey selbst ist ein wohlgebautes Städtchen mit einem schönen großen Platz an dem See, der mit Kastanien bepflanzt ist; die Leute sind außerordentlich lustig und schießen und singen und tanzen. Auch ich war so gut und gütig, als ich in meinem Leben nicht gewesen bin. Wenn ich in meiner Kindheit nur zwei Jahre da gelebt hätte, ich wäre einer der besten Menschen geworden; aber so trag ich immer noch die Rauheit der Gebirge meines Vaterlandes an mir. Mein ganzes Wesen war Harmonie und Musik. Ich machte, der Empfindung überlassen, den Tisch zu meinem Klavier und phantasierte so rein darauf, als vielleicht die Engel im Himmel in süßen Melodien die Wonne um sich verbreiten, die in ihren Herzen schlägt. – Bacchusfest alle drei Jahre. Viele tausend Seelen von allen Orten der Küste, daß Vevey so scheint, als ob es sollte belagert werden. Die zwei besten Winzer tragen die Schilde und erhalten einen Preis und führen an. Bacchus liegt als Kind in einer Wiege oder Laube, und Kinder um ihn. Mohren im Zuge. Chor der besten Sänger. Alles weiß gekleidet mit grünen Knöpfen. Reiter zu Pferde avec des barils. Schmaus öffentlich. Arche Noä. –   26 Die ganze Grafschaft Avignon ist ein Olivenhain die weite Ebene längs dem Rhodan hin, und die Hügel gen Vaucluse hinein, worin Wein und Korn und Klee darunter und daneben auf die reizendste Weise abwechseln. Die Dörfer und Landhäuser und Schlösser liegen antik und lustig dazwischen, mit hohen Ulmen und Buchen eingefaßt.   27 Wovor mir bange war, hab ich nun nicht die geringste Sorge: ich kann die See vertragen wie ein Matrose und werde von neuem mit Entzücken auf diesem herrlichen großen Elemente zwischen den bezaubernden und alten berühmten Küsten herumwallen. – Als wir von Marseille aus dem Hafen fuhren, ging das Meer fürchterlich hoch. – Der Wind wurde immer heftiger, und wir flogen in den Wellen auf und ab wie ein Falk in Tälern und Gebirgen. Niemand aß oder trank, und alles sah blaß aus wie im Lazarett. – Ich allein mit den Schiffern hielt aus und fühlte nichts als ein paarmal bei andrer Richtung der Segel und starkem plötzlichen Wanken des Schiffs einige schneidende Krümmungen im Leibe, die aber gleich wieder weg waren. Ich bekam endlich Appetit und holte, ungeachtet aller Warnungen der andern, meinen Proviantkorb, aß nett ein kaltes junges Huhn auf, stärkte meinen so lange schon nüchternen Magen mit einer Flasche Provenzaler und nahm dabei ein Dutzend herrlicher frischer Feigen zu mir und ließ mir's über die Maßen eine Meile weit von den grünen Gestaden und Hügeln von Hierès und zwischen dessen Inseln wohl sein. Die Franzosen folgten, doch ganz schüchtern, auf mein Zureden nach, und endlich bekam das ganze Schiff Lust zum Essen und wurde darauf wohl; und alles war bei erster Nacht unter dem heitern gestirnten Himmel vergnügt und versang und verzählte seine Leiden. – Die ganze Reise, sechs Tage lang auf dem Wasser, hab ich nicht das geringste von Seekrankheit gespürt, und es kömmt mir selbst noch wunderbar vor. – Wie zum Gott gemacht im Genuß seliger Unendlichkeit hat mich auf dieser Fahrt das Himmelbett voll lebendiger Sterne über meinem Haupte, wenn ich des Nachts auf dem harten Verdecke so in kalter freier Luft in meinem bloßen Röckchen da hingewiegt wurde und zuweilen nach einem kurzen Schlummer das süße Gewimmel von Licht anderswohin geschwebt sah. O ihr glückseligen Araber, ihr seid doch die wahren Kinder der Natur; was sind wir dagegen in unsern Steinhaufen mit Ziegeldächern! Von der unabsehbaren Tiefe des unermeßlichen Elements und der schroffen Heldenform seiner heranziehenden Wogen und dem Aufgang des Morgensterns und der Sonne, blinkend hell und von frischen Strahlen träufelnd aus der Flut hervor in den heitern Äther – und den flammenden Kronen der Seealpen in ihrem Untergange – von den Aussichten und Stürmen bei Nizza, Savona und Genua – mag ich jetzt nichts sagen; Sie sollen meine heiligen Gefühle einmal anderswo finden. Wie beseufz ich die Jahre meiner Jugend, wo ich nichts von diesem ewigen Leben kosten durfte! Dank dem gütigen Himmel, daß ich endlich einmal in das füllendste Heiligtum der Natur hineinkam! –   28 In meinem Herzen ist fest beschlossen und gewiß, wenn nicht eine Seuche oder Schicksal vorher meine Jugend mordet, daß ich nach Griechenland und Kleinasien reise. Ich bin so überzeugt als von meiner Existenz, daß man weder italienische Musik, noch Poesie, noch Malerei vollkommen oder richtig verstehen und genießen kann, ohne in Italien gelebt zu haben; und ebenso ist's mit griechischer Kunst. Ich finde dies, was mich immer auf und davon getrieben hat, jetzt alle Tage in der Anschauung und Wirklichkeit wahr. Die alten Helden und Schönen und Weisen und Künstler sind gestorben: aber die Natur lebt noch. Schon hier in der Kirche der Griechen ist mir's, als ob ich Gesänge vom Pindar hörte.   29 Man kann Venedig nicht anders als eine Festung betrachten. Die Straßen sind oft so eng, daß kaum eine Person durchkann, und wenn Mann und Weib sich einander begegnen, so müssen sie sich mit den Rücken nach den Mauern und vorn einander drücken, bis jedes vorbei ist. Sie haben keine andre lebendige Natur vor sich als sich selbst, und der Mensch ist ihr täglich und stündlich Geschäft. Ihre Leidenschaften können nicht zerstreut werden und konzentrieren sich meistens in Liebe, weil wenige reisen und Schiffahrt treiben. Es wird denn hier auch geliebt, so sehr es der Mensch nur aushalten kann.   30 Die Venezianerinnen sind gewiß reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust. All ihre schönen Gesichter haben etwas brennend süß Gefälliges und äußerst Feines; besonders sind ihre Nasen schön, so wie bei den Römerinnen die Augen. Die Form ihres Gesichts ist meistens länglicht. Sie haben eine sehr zarte Haut und ein blühend Kolorit, weil sie nicht in die Sonne kommen. Sobald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräunliche Schamröte um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen, als ob man sie schon vor dem Bette halb entkleidet vor sich hätte. –   31 Im Sommer tragen die Venezianer weißseidene Mäntel, tabarri, im Winter rot scharlachene. Die Weiber gehen aber beständig im Zendale. Dieser kleidet sie sehr gut, und eine mittelmäßige Schönheit hat davon vielen Vorteil. Aber eine von den ersten sieht weit reiner und vollkommener im bloßen Haar aus.   32 Nach Rom ist Venedig der erste Ort für die Baukunst; und hier ist nicht nur ein Stil, sondern man sieht darin die Geschichte derselben der neuern Jahrhunderte. Und so etwas ganz Elendes, wie zuweilen in Rom, findet man hier nicht. Man sieht immer, daß ein Senat von vielen Personen herrschte, und nicht ein einzelner, oft schlechter und elender Mensch ohne Talent und Geschmack.   33 Nachts um zwei Uhr welsch abgefahren nach Padua. Herrliche heitre gestirnte Nacht, wo Jupiter und Mars wie Schutzgeister unsrer Sphäre näher schwebten. Warum so einen kleinen Punkt uns zum Genuß zu geben und nach den unendlichen Welten uns schmachten zu lassen! Wir sind wie lebendig begraben.   34 Herrlicher Sonnenaufgang am Ende des Gebirgs bei Verona. Breit liegt der See da im Morgenduft und die Berge im dünnen Nebel; ein leises Wehen kräuselt in der Mitte die Wellen und macht ihn lebendig und weckt seine Schönheit wie auf; er zieht sich hinten ins Tal hinein. Die eine Insel liegt lieblich in rötlichen Strahlen und sonnt' sich. Eine Barke wallt leicht mit voll geschwelltem Segel darüber hin. Die Häuserchen am Ufer allein scheinen zu schlummern mit ihrer Unbeweglichkeit, und weil die Menschen noch nicht heraus sind. Die unabsehliche Kette von Gebirgen liegt wie eine neue Welt da, als ob sie bestimmt wäre, lauter Titanen zu tragen. Süßer rötlicher Dunst bekleidet glänzend den östlichen Himmel, und die dünnen wollichten Wölkchen schweben still um den heitern Raum des Äthers, worin die Vögel entzückte Flüge zur Lust machen. Der herrliche Gang von Zypressen verändert linker Hand vor Sirmion lieblich die Szene, und sie stehen schön beleuchtet. Der See ist wirklich einer der schönsten, die ich je gesehen habe, so reizend sind dessen Ufer, und majestätisch und wild und mit so vielem mancherleien Farbenspiel und Licht und Schatten erhebt sich das Gebirg. Es ist eine Landschaft, von der Seite aus, wo man in das Tal hineinschaut, und Sirmion gegenüber steht auf dem Weg nach Desenzano, wie weder Poussin noch Claude je eine erfunden haben. Die Halbinsel Sirmion liegt in der Tat da wie der Sitz einer Kalypso, einer Alcina, um von da die ganze Gegend zu beherrschen, und hat das prächtige Theater von ungeheuren Gebirgen vor sich.   35 Von Brescia nach Crema ist ein bequemer Weg, und man fährt immer durch die schönsten Wiesen, meistens mit hohen Pappeln eingefaßt; alsdenn Reisfelder und ander Fruchtland, ergötzend anzusehen, obgleich nicht malerisch. Was geht den Naturmenschen aber das Bedürfnis der Kunst an, die keine Fläche wahr vorzustellen imstande ist, wo nicht Berg und Hügel die Leinwand voll macht? Freilich fehlt am Ende die Abwechslung; aber auch immer Abwechslung, ohne ein Stück Kern, ist bloß fürs Auge. – Der Fluß Oglio ist in der Tat ein wahres Öl für die Gegend – von Brescia, gleich oben an ihr fangen die Kanäle daraus an. Es ist recht erfreulich anzusehen, wie sein klares quellenhelles Wasser fleißig und emsig fortrinnt, auf beiden Seiten, bald hüben und drüben in den Kanälen sich mitteilt und alles fruchtbar macht. – Das Wasser scheint in seinem Fall mit Quentchen abgewogen zu sein. Jede Wiese und jedes Reisfeld steht immer erfrischt da, und dies mit den klarsten lebendigsten Fluten, die alle aus den lieblichsten Seen kommen. Dies ist das wahre Rindviehparadies; ein Ochse, der da durchwandert, muß vor Entzücken ganz außer sich kommen.   36 Porta fonte Branda (Siena). Ein schönes Landschäftchen auf den ruinierten Hügeln nach dem andern, unten hohe Oliven und grüne Maulbeerbäume, und oben ragen Eichen und Lorbeer in die Luft; und auf der Seite prangen die scharfen Felswände der Stadt und der alte Dom mit seinem Marmorturme und seiner heiligen Kuppel. Der Wind rauscht erquickend kühl durch das Land, darüber ruht im heitersten lichten Blau der ewige Himmel. Die hohen Pappeln an den Türmen ... Reben, junge Esel, die das zarte Laub abfressen, das seelenerheiternde Abendlicht. Ein enges kleines Tal, ganz von dem einen Hügel vor der Sonne beschirmt, alles still. Ein altes gotisches Gewölb mit drei spitzen Bogen, worunter ein starker Quell in fünf abgesonderten Sprüngen in ein vierecktes Becken rauscht. Die Wände sind mit wildem Epheu und tausend anderm Genist und Gesträuch bewachsen, und an den Zinnen grünt ein Rebengarten mit seinen Lauben. S. Joaquino auf einem Kies- und Sandfelsen mit Oliven eingefaßt, wo unzählige Taubenschwärme ihre Nester haben, wie eine alte gotische Kirche.   37 Das Abendrot war ein wahrer See von Purpurlicht und finsterm Nebel; und Feuerquellen blitzten hinein und schossen wieder heraus und verbargen sich hinter gigantischen Alpengipfeln. Eine neue Welt von Schatten und Strahlen. Und groß und hehr lag das Meer darunter, und das ewige Leben zitterte und wallte auf der Fläche. Livorno. Die weite grüne Fläche des Meers von einem leichten kühlen Weste sanft gekräuselt, wie sie daliegt, so groß in ihrer reinen Form! Man möchte sogleich in die Lüfte fliegen, um diese schöne lebendige Kugel Gottes ganz zu sehen.. Wie die Schiffchen mit ihren weißen Segeln so gemach auf dem weichen Elemente fort schweben! Livorno. Wie mächtig der strahlende Untergang das unermeßliche Meer erweitert und die Fluten des Lebens sanft und gewaltig aus ihren Abgründen aufwallen, voll Verlangen, in die himmlischen Lüfte sich zu verdunsten und in neuen Wesen frei unter der Sonne und den Gestirnen sich zu regen und zu bewegen und Lust zu genießen. Livorno.   38 Ich bin ganz Toskana die Kreuz und Quere durchzogen, schon ein paar Wochen in Rom – aber ich kann mich noch nicht mitteilen; der Sachen sind allzuviel, und das Ganze zu groß, und mein Genius gebietet mir wie ein Tyrann, mich dem Gesetz des Stillschweigens des Urphilosophen zu unterwerfen. – Ich sehe schon alles in lieblicher Fülle mir aufgehen; und der Himmel wird seinen Segen geben, daß es zur glücklichen Reife gedeihe. Wie oft ich Sie und euch Lieben alle so sehnlich zu mir gewünscht habe, muß Sie von mir angewandelt haben von dem Adriatischen Meer und dem Po aus, von den Höhen von Bologna und Florenz und den waldichten Gebirgen zu Vallombrosa, von Lucca, Pisa, Livorno und den freudigen Hügeln zu Siena. Nichts aber hat einen so starken Eindruck auf mich gemacht als Rom. Es war mir, wie ich anlangte, als ob ich mich der eigentlichen Herrschungssphäre näherte. Die triumphierende Lage, ungeheuer lang und breit, um den wilden Tiberstrom herum, mit den gebietrischen Hügeln voll stolzer Paläste in babylonischen Gärten und despotischer Tempel mit himmelhohen Kuppeln, an dem prächtigen Amphitheater der Gebirge von Frascati und Tivoli; die Brückengewölbe, türmenden Tore, flammenden Obelisken, bemoosten und mit Grün überzognen Ruinen alter Herrlichkeit und das kühle Rauschen von Schritt zu Schritt von tausend und abertausend lebendigen Springbrunnen wie in den quellenreichen Alpen drin und manche männliche und weibliche antike Gestalt mit heißem Blick und warmen Gebärden in Helden- und Siegerinnengang auf den weiten Plätzen und in den unabsehlichen Straßen erweckten eine Wunderempfindung von einer neuen Natur in mir, die ich noch nicht gehabt hatte. Es war schon gegen Abend, als ich mit meinem Felleisen im Wirtshaus am Spanischen Platz in Ordnung war. Ich konnte keinen Augenblick länger bleiben und ging sogleich aus, kaufte mir einen Plan von Rom; zog ohne alles weitere Geleit durch die Spazierfahrt der Kutschen am Corso, strich über den schönen Platz Colonna, über Monte Citorio und kam noch im seligen Licht der untergehenden Sonne an und in die Rotunda. Der Raum darin reißt ohne Wort und Feier einen Menschen von Gefühl zur Anbetung hin und entrückt ihn aus der Zeit in die Unermeßlichkeit. Sobald man hineintritt, fängt man an zu schweben, man ist in der Luft, und die Erde verschwindet. Das Licht, das einzig oben durch die blaue heitere' himmlische weite Rundung in die reine Form hereinleuchtet, hebt auf Flügeln mit schaueriger Leichtigkeit in die Höhe. Kein Tempel hat je so etwas Süßes Banges erquickend Unendliches in mir erregt; ich sehnte mich, frei zu sein und oben in Genuß und Ruhe. Der hohe Kreis korinthischer Säulen umgab mich wie jungfräuliche Schönheit; und Raphaels Brustbild und Annibal Carraccis Brustbild, die hier begraben liegen, und unsers Mengs seins blickten mich an wie Unsterblichkeit. Ich wäre so gern die ganze Nacht dageblieben, aber man wollte schließen, und ich mußte fort. Kurz, es ist der vatikanische Apollo unter den Tempeln, und nach ihm macht keine Kuppel mehr viel Freude; sie kommen mir alle als tote Nachahmungen vor ohne Zweck. Der Porticus mit sechzehn hohen Granitsäulen aus einem Stück und dem schroffen Dreieck von Wetterdach davor ist ganz Majestät, so wie das Inwendige mit den schlanken schönen Marmorsäulen alle aus einem Stück lauter Himmel ist. Es ist das vollkommenste Kunstwerk unter allen Gebäuden, die ich kenne, und die erhabenste Idee eines Sterblichen. – Ärgern muß man sich nach der Lust über die Kindereien, daß die Päpste die Balken von Bronze davon weggenommen und Kanonen daraus gegossen und dafür ein paar Türmchen darauf gekleistert und achtundzwanzig Wagen Märterknochen hineingefahren haben. Gegen alle Götter mußte wenigstens eine Legion Heiliger einquartiert werden. – An dem Hauptaltar ergänzte man gerad das Kapitäl an einer Säule, das der Blitz voriges Jahr abgeschmettert, der oben zur Öffnung hereingefahren, eben als der Priester daran Messe las. Ich wünschte, bei dem großen Schlag und Schauspiel unter allen den erschreckten wegfahrenden Gestalten zugegen gewesen zu sein. – Die Sonne war untergegangen; ich strich weiter fort durch die Straßen mit meiner Karte, und statt daß es dunkler werden sollte, machte der volle Mond an dem heitern Himmel den Abend fast wieder heller. Das Gewimmel neuer Menschen in den Straßen, die schönen Paläste und mancherlei Gesang und Gespräch und Gestalt und Leben in der erquickenden Kühle nach dem heißen Sommerbrand davor ergötzten meine Sinne. Ich kam bald ans Kapitol; ha, welch ein Anblick! Da war's still bis auf das Rauschen der Brunnen. Ich griff die Sphinxen an der Stiege hinauf an, die Bildsäule von Rom ohne Kopf und Arme fiel mir ins Aug; und nun stand ich oben vor dem Kastor und Pollux mit ihren Pferden und den Trophäen des Marius und in der Mitte des Platzes vor der metallnen Statue zu Pferd des Antonius. – Ich dachte weder an Papst und Kardinäle mehr, und mein Geist war unter Triumphen von Scipionen und Cäsarn. – Stolzer Hügel, höchste Glorie von Menschenherzen, Ziel der Edlen, unter hundert Völkern und Nationen für den größten erkannt zu werden und sich's zu fühlen! Stolzer kleiner Hügel, wogegen die höchsten Gebirge des Erdbodens plattes Land sind. – Ich wandelte leis und schwebend an dem Plätschern des Brunnens und dem Nil und Tiber vorbei nach dem Foro Boario und befand mich mitten unter Ruinen von Tempeln und Triumphbögen. Es war schauerig still und melancholisch im Mondschein; ich merkte wenig Menschen, und die Schatten von den Bäumen machten alles geistig. Meine Phantasie bildete sich die Gestalten der Tempel vom Jupiter maximus und tonans, die Tempel des Saturns, des Friedens und der Fortuna, und meine Augen sahen gerührt die einzelnen Trümmer und suchten den Tarpejischen Felsen. Immer weiter und weiter; und nun lagen die ungeheuren Massen des Kolosseums vor mir in luftiger Rundung – Ruinen, wogegen alles Stehende klein wird, Ruinen, wovon man noch eine Stadt erbauen könnte, soviel auch davon schon ist erbaut worden. Den Kopf voll Vorstellung von den Spielen der Weltbezwinger kam ich an Sankt Johann im Lateran und lenkte nun um nach Maria Maggiore, und es war gerad Mitternacht, als ich oben alla trinità de' Monti vor dem Spanischen Platze mich befand und das ganze Rom überschaute. Wenn man sich so seinen Sinnen überläßt und in der täuschenden Dämmerung dasteht: scheint es wirklich vom Schicksal bestimmt zu sein, die Erde zu beherrschen, es sei mit Legionen oder Zaubersprüchen. Und wer weiß, ob die Römer, wenn der Kaiser so fortfährt und andre ihm nachahmen, nicht statt der Messer wieder das Schwert ergreifen, die Schlüssel des Himmelreichs in die Tiber werfen und mit Kanonen donnern.   39 Mit jedem Volk muß man auf seine eigne Art umgehen lernen, so wie mit jedem Menschen. Die Römer halten jeden Fremden im Anfang für naseweis und dumm und sind auf ihre Weisheit stolz; und diesem muß man gleich zuvorkommen. Ferner denken sie, die Fremden muß man pflücken. Übrigens muß man lange mit ihnen umgehen, ehe sie Freund werden. Höflich sind sie gleich und haben Grazie. Im Umgang äußerst fein; in der Satire verschonen sie niemand als ihren besten Freund. Man muß sie immer fest an der Klinge halten und sehr aufpassen im Anfang.   40 Florenz macht einen starken Kontrast mit Rom, alles regt und bewegt sich, und läuft und rennt und arbeitet; und das Volk kommt einem trutzig und übermütig und ungefällig vor gegen das Stille, Große und Schöne der Römer. Der Römer überhaupt hat gewiß einen höhern Charakter. Die Politiker mögen die menschlichen Ameisenhaufen rühmen und preisen so sehr sie wollen, und diese selbst auf ihre Arbeitsamkeit sich noch soviel einbilden: Maul und Magen, denn dieserwegen geschieht's doch, ist wahrlich nicht, was den Menschen über das Vieh setzt! Wo nicht gemeinschaftliche Freiheit der Person und des Eigentums, und Rang in menschlicher Würde vor seinen Nachbarn, der erste Trieb und das Hauptband einer bürgerlichen Gesellschaft ist: verachte ich alles andere, und jedes Verdienst kömmt in kurze Berechnung. Der Boden trägt freilich auch viel dazu bei; Rom hat das Mark von dem mittlern Italien, und Toskana die Knochen, nach dem alten Sprichwort. Auch erhebt die Gegend nicht so, und Florenz fehlen die majestätischen Römischen Fernen.   41 Es kann nicht fehlen, jede Gegend stimmt die Seelen der Einwohner nach und nach nach sich. Rom ist weit, glänzend und groß in herrlichen Formen, schön in der Nähe, still auf seinen begrenzten Hügeln und einsam zum Genuß und Nachdenken; und so die Römer von jeher, und sie werden's bleiben. Die Ruinen geben ihnen selbst etwas Zerstörendes.   42 Es ist klar genug, daß ein solches Volk, welches noch überdies wirkliche Könige und Helden am Leben, wie Jugurtha, ihren letzten Tropfen Existenz in seinen öffentlichen Gefängnissen bis auf den äußersten Hunger ausdauern sah, der kleinern Atheniensischen Tragödie nicht bedurfte, um das Herz nach dem Aristoteles von Furcht und Schrecken zu reinigen. Und was sind wir, denen die Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen? Es ist wohl wahr, der Mensch bezieht alles auf sich selbst, und also auch die Werke der Kunst; sein Gefühl ist wie sein Charakter. Ein Miltiades, Themistokles, ein Sulla und Cäsar können bei Gegenständen Vergnügen empfinden, die bei einem Schwachen Abscheu erregen und ihn martern, weil er nicht die große starke Selbständigkeit hat, die Leiden andrer außer sich zu fühlen, ihre Natur und Eigenschaften wie jene mit ihren Kräften zu ergründen und zu erkennen, die Sphäre seines Geistes dabei zu erweitern und zugleich über alles dies emporzuragen, ohne sich als Teil damit zu vermischen und selbst zu leiden. Griechen und Römer vergnügte vieles, wovor wir frommen moralischen Seelen Abscheu haben. Der letztern Fechter waren meist zum Tode verdammte Sklaven; und die Tragödien der erstern zeigten ihnen, wie Menschen untergehen, die nicht vollkommen genug sind, und wie Held und Heldin bei Ausübung hoher Tugenden leiden soll, oder sich weise mit ganzem Bewußtsein unter das Gesetz der Notwendigkeit, den ungefähren Zusammenstoß der Begebenheiten, beugt. Dies ergreift männliche Seelen, und ein solch ausgewählt Leben, von trivialen Lumpereien fern, dringt in nichtsdestoweniger rein- und scharffühlende Herzen; es ging nach dem großen paradoxen, unsrer empfindelnden «Welt unbegreiflichen Grundsatze der Stoiker: Der Weise erbarmt sich, hat aber kein Mitleiden.   43 Die Römer liebkosten den Sinn des Gefühls mit Baden, wie wir ohngefähr mit Tabak unsre Nasen; sie fingen vom heißen an und gingen alsdann alle Grade der Wärme durch, teils im Wasser, teils in lauer Luft, bis zum kalten. Eine wahre Wollust, die alle verschiedne Wärme der Existenz nachahmt, vom heißesten Herzensgetümmel der hohen Leidenschaften bis zur frischen Besonnenheit, alle Grade des physischen Gefühls ohne das Seelenleben, das Geistige; welches sie sich jedoch auch vorphantasieren konnten, indem ihre weiblichen Schönheiten sich unter den Kaisern nackend mit badeten. Ihre Bäder waren eigentlich der Genuß, den sie von den Siegen ihrer Vorfahren über die Welt hatten; und die Gebäude dazu gewiß das höchste der Kunst im großen, was wir in der Geschichte der Menschen kennen. Es war da alles, was das Leben freut und angenehm macht, beisammen. Wir können uns, ohngeachtet der ungeheuren Ruinen, wenig davon vorstellen, weil uns diese Art Genuß ganz entrückt ist. Wenn wir ein halbes Jahrhundert von alten Römern aus den ersten Jahrhunderten wieder erwecken könnten, so würden sie sich aus Ekel und Verzweiflung alle binnen wenig Tagen umbringen ...   44 Griechenland und Rom sind das Herz der menschlichen Gesellschaften; wenn man diese studiert hat, braucht man sich mit den andern nicht abzugeben. Griechenland, welch eine Blüte und Reife! Welche zarte Empfindsamkeit und Festigkeit des Verstandes! Welche Schönheit durchaus! Rom, welch eine Stärke und Einheit! Wo ist die Stadt, solange wir die Welt kennen, die mit dieser kann verglichen werden? Sie haben nur kurze Zeit gestrahlt; lebendige Vollkommenheit kann sich nicht lange erhalten. Ein Mensch bleibt nur kurze Zeit mit sich selbst einig, geschweige eine Stadt, ein Land, Millionen Menschen. Alles entsteht aus dem Stand der Natur und löst sich wieder dahinein auf; so liegt Rom, so Griechenland jetzt wieder in seiner Wildheit. Leben an und für sich ist schon nichts Beständiges.   45 Ha! wenn man mit vollem Herzen und wachen Sinnen so in dem Theater der Zerstörung dasteht, so überläuft die Menschlichkeit ein Schauder bei einem, und man verschwindet mit seinen paar Knochen und Adern und Nerven wie ein Nichts in dem verschlingenden Abgrund der Zeiten. Die Seen von Albano und Nemi waren augenscheinlich Kessel von einem Ungeheuern Vulkan, dessen ausgebrannte Gewölbe brachen und einsanken; noch liegen davon herum klar und deutlich die Felsen von Lava und versteinerter Asche, und stehen hoch die Gipfel der kleinern Ausbrüche und grünen: und alle Sage und Geschichte weiß davon kein Wort. Wo bleibt das Römische Reich, dessen Ursprung schon so finster ist, wenn man das Alter des noch brennenden Ätna nur mäßig berechnet, und all unser Buchstabenwesen? Ach! es war so rührend, wie ich gegen Abend von Tivoli über den Teverone ging und auf der Heerstraße neben dem Schwefelsee da und dort stillestand und mich umschaute, in das herrliche Gebirg auf beiden Seiten eingeschlossen, mitten unter alten Villen und Ruinen von Wasserleitungen; näher zur Linken den Hügel von Präneste, wo Marius sich erstach und der Tempel des Glücks in hoher Feier mit süßer Hoffnung die Herzen schwellte, das ohne Altar und Opfer noch jetzt die Schicksale der Menschen lenkt, und in dämmeriger Ferne das emporragende Gewölbe der Kuppel der Peterskirche; rückwärts alsdann wieder das verlaßne Tibur auf seinen grünen Höhen in Olivenwäldern, und in der Pläne vor mir das melancholische hohe große runde Grabmal des Plautius, und weiterhin die Villa Hadrians mit ihren zerfallnen Tempeln und Mauerwänden von Palästen, wo immer ein Stück höher, das andre niedriger in Trümmern aus den Zweigen der Bäume hervorblickt und man die Zeit von so manchen Jahrhunderten wie persönlich gegenwärtig schaut; und ein pechschwarzes Ungewitter an den Bergen darüber hergezogen kam, woraus Blitze fuhren und Donner rollten, mit welchen Sturmwinde die tiefe einödige Stille unterbrachen. Und doch Geist ewig lebendig über dir, Zerstörung! Oder vielmehr Zerstörung du selbst wieder junge reine Seele, die das alte Tote göttlich zu frischem Leben aufweckt. Die Erde mit uns und allem was Odem hat und Gras und Kraut und Bäumen, in ihrem Ozean und dessen Seen ist eine unsterbliche Schlange, die von Zeit zu Zeit die Haut ablegt.   46 So empfindlich auch der Schirokko für die Haut ist: so macht er doch ein wunderbar Schauspiel für die Augen; wie ein ungeheurer feuriger Champagner-Dunst schwebte er in den Lüften. Als der in heißester Liebe erzeugte Sohn der Sonne regt sich vor seiner tyrannischen Majestät kein andrer Wind, und alles was Leben und Odem hat, schmachtet unter dem entkräftenden schweren Drucke. In Rauch und Dampf liegen die Berge, wie von einer großen unterirdischen Glut, und Gewitter darüber voller Blitze bereit zum Ausfliegen. Ein Untergang darin ist fürchterlich und schauderhaft entzückend.   47 Die Peterskuppel ist zu hoch und sieht aus, als ob sie ein Gebäude für sich wäre und nicht zur Kirche gehörte. Sie wölbt sich von fern, bloß wo sie gedeckt ist; wo die Fenster sind, scheint sie ganz gerad. Gewiß ist, daß sie nicht mit der Kirche und die Kirche nicht mit ihr in Proportion steht. Man kann dies am besten von der Villa Pamfili aus sehen. Und sie ist doch schwer; man sieht, daß sie entsetzlich muß getragen werden; von wegen der Höhe.   48 St. Peter ist an die dreihundert Schritt lang, und dessen Breite verhält sich wie drei zu vier. Die Kirche hat das Fatale, daß sie ins Kreuz gebaut ist, deswegen kann man sie nirgendwo ganz übersehen. Die Kuppel hält sie zusammen, und man genießt wirklich einer herrlichen Freiheit darunter, und sie erhebt einen; doch bei weitem nicht so innig und mächtig wie die Rotunda. Sie ist eine Sammlung von einer Menge kleiner Kirchen, die sich zu einer großen vereinigen, zu welcher sie aber gewiß weder Einheit noch Bequemlichkeit genug hat. Der Hauptaltar hat für Menschen, wie wir sind, gar keine Proportion; man sieht die Priester nicht davor, so ungeheuer groß ist er, und die Zuschauer und Zuhörer vorn stehen alle in gleicher Ebene und verhindern und bedecken einander selbst. – Es herrscht darin ungemein viel Pracht, aber auch bloße Pracht ohne viel Schönheit; die kostbaren Mosaiken sind mit allem Geschrei darüber doch nur verzerrte Kopien und die reichen Vergoldungen der Decke eitler leerer Tand. An den Denkmalen von Marmor und den Bildsäulen der Ordensstifter kann man wahrlich, so sehr in der Nähe vom Vatikanischen Museum, wenig Vergnügen finden. Die Kuppel selbst tut in der Ferne größere Wirkung als in der Nähe, wo die zweiunddreißig Doppelsäulen, die nichts tragen, einem nicht wohl behagen. – Der Berninische große Säulengang auf dem Platz davor ist herrlich, aber die zwei schrägen Gänge, die nach der Kirche von ihm laufen, verbinden ihn mit ihr sehr unharmonisch, es macht gerad die fatale Figur von einer Spitzzange, die nicht zu ist. Übrigens muß man doch gestehen, daß das Ganze meisterlich zusammengerechnet ist... und von innen und außen voll reiner Proportion in allen Teilen und schöner Verzierung an den Kapitälen und Kränzen dasteht, und überhaupt genommen das wichtigste Werk der neuern Baukunst ist. Alles, was Palladio und Vignola gebaut haben, ist, obgleich schöner in seiner Einheit, manches vielleicht doch klein gegen diesen Koloß. Schade, daß der Mensch so klein ist, daß man keine Musik durchs Ganze hört, und keine Predigt und keinen Segen.   49 Wir haben hier gestern das Petersfest gehabt, eins der feierlichsten von ganz Italien – das Volk zieht heraus auf den weiten Petersplatz, wo die Erleuchtung des ganzen Tempels und der Kolonnade in wenig Augenblicken schon in den blauen Lüften flammt. Wie eine geliebte Braut steht sie da die Kuppel mit ihrer Kirche in edler ernster Pracht, und brennt und glüht wie Lebensfeuer. Zuerst besteht die Erleuchtung aus Laternen und ist ganz geistig, alle die schönen Formen des herrlichen Gebäudes erscheinen in zarten Umrissen und scharfer Zeichnung. Eine Stunde hernach wird sie aber überall und auf dem freien Platze mit Pechfackeln verstärkt, so daß die Nacht heller als Tag ist, und die Römerinnen zeigen sich darin wie Göttinnen des Himmels auf dem Erdboden in ihrem schlanken Wuchs mit königlicher Tracht und Junos- und Venus- und Pallas- und Heben-Gesichtern, und die zwei unvergleichlichen Springbrunnen, denn sie sind in der Tat einzig, regnen lieblich und erfrischen. Es erfüllt mit Ehrfurcht, wie die päpstlichen Donner häufig dabei von der Engelsburg herunter brüllen und die tiefen majestätischen Töne am Vatikan abprallen, gleich Kanonenkugeln in der schönen Rundung des Platzes an den kolossalischen Säulen herumrollen und der letzte schmetternde Schlag oben auf dem Dache an den großen Gewölben widerhallt... Eine halbe Stunde nach den Fackeln, die indessen immer fortflammen, wird von der Engelsburg ein Feuerwerk abgebrannt, und an keinem andern Orte der Welt kann dazu eine glücklichere Lage erdacht werden. Wenn dies vorbei ist, so geht ein andres um Mitternacht vor dem Palast Colonna an, wozu die zwei Nächte nacheinander besondere Maschinen erbaut werden. Es springt hier Wein aus einem Brunnen, und der königliche Saal und die herrlichen Zimmer, mit den größten Meisterstücken von Gemälden ausgeziert, stehen beide Tage für jedermann offen. Den Morgen darauf, als den eigentlichen Peterstag, liest der Papst auf dem Hauptaltare Messe, welches des Jahres nur viermal geschieht. Es ist dies ohnstreitig der feierlichste Gottesdienst, der in der ganzen Christenheit gehalten wird. Der Altar ist mit schöngestickten goldnen Tüchern behangen, und es brennen da Wachskerzen in sieben großen Leuchtern nach Michelangelo, wie man behauptet, aus reinem gediegenen Gold fürtrefflich gearbeitet, und zur Linken sind die päpstlichen Kronen aus Silber und Gold und einer Menge der teuersten Edelsteine aufgestellt. Der Altar mit seinen gewundnen kolossalischen Säulen und der schön verzierten Decke aus Bronze unter der majestätischen Kuppel, die allein so groß als die ganze Rotunda ist, paßt dazu prächtig, und linker Hand macht die Kapelle in einem freistehenden Orchester durch ein herumlaufend Gegitter verborgen eine himmlische Sphären-Musik, wo immer ein Akkord beweglich und rührend in den andern auflöst, und die verschiednen Stimmen rein zusammenschmelzen. Der Papst sitzt vor und nach der Opferung dahinter auf zwei verschiedenen Thronen, der eine ist niedrig und der zweite in der Mitte erhaben, und alle Wände sind mit Purpur behangen. Er wird verschiedenemal anders angekleidet, und von den Prinzen Conti und Cesali bedient, das Waschbecken trägt herbei und hält der Gesandte von Bologna, zu beiden Seiten sitzen die Kardinäle in festlichem Gewande. Es wird eine Epistel lateinisch, dann griechisch gesungen, und so das Evangelium aus dem Matthäus mit den Binde- und Löse-Schlüsseln. Dieses hat in seiner Kürze in der Tat die stärkste Wirkung auf mich gemacht, als es der Kardinal Albani und hernach ein geborner Grieche begeistert hersagten, es war mir wie eine scharfe Schwertsmacht vor Augen und Ohren, und ein lebhaft schauerig Gefühl von Verbindung anderer Welten mit dieser durchdrang mich, die Würde, die Lieblichkeit und der Reiz der Aussprache des jungen Griechen täuschten auch so, als ob man die Stimme Jesus selbst vernähme, und dessen Kleidung trug dazu bei.   50 Das Colisäum liegt auf dem herrlichsten Platze, den man sich denken kann, gerad in der Mitte des alten Roms in dem Tale zwischen den drei Hügeln Palatino, Celio und Esquilino, und war der bequemste Freudenort für alle Einwohner. Es ist rührend und gräßlich zugleich, wie die Zwergenkel der heroischen Urväter und die Barbaren an den erhabenen auf Jahrtausende in schöner Form erbauten Massen genagt und zerstört haben, und sie doch nicht zugrunde richten konnten. Die eine Hälfte der äußern Einfassung ist weggetragen, und aus den geraubten Trümmern sind die stolzesten Paläste der neuern Welt aufgeführt; die andere steht noch, ein weiter Bogen in hoher grauer Majestät mit lauter Quaderstücken von Felsen und dreifachen festen Kolonnen übereinander mit schönen Korinthischen Pilastern oben gekränzt. Die Zusammenfügungen hat das Maulwurfsgeschlecht überall durchlöchert, um die metallenen Pflöcke herauszuholen; und die breiten Sitze von gebackenen Steinen stehen noch zum Teil in Trümmern, und zum Teil hat sie die Zeit in Ruinen darnieder gestürzt und sie liegen unten im Schutte. Gras und Kraut und Gesträuch grünt und blüht überall wie auf einem Anger von fruchtbarem Boden. Auf der Arena sind in der Rundung vierzehn Altäre angelegt, sieben auf jeder Seite, und das ganze Oval ist ein grüner Rasen. Bei dem einen Eingang hat sich im zweiten Stockwerk ein Eremit eingenistet und seine Einsiedelei mit dem Gärtchen umfassen hohe Lorbeerbäume. Eine solche Gestalt hat jetzt das ehemalige Wunder der Welt und erschüttert noch den kühnsten der heutigen Eroberer. Herum trauern der Esquilino und Palatino und Celio mit ihren zerfallnen Tempeln, Bädern, Wasserleitungen und niedern Gewölben.   51 Villa Aldobrandini. Hat eine der zauberischsten Lagen von allen, die in Rom sind. Das Colisäum schwebt da aus dem Grünen in die hohe Luft wie ein Gemälde voll Empfindung vergangener Zeiten, durch die hohen Bogen sieht man Fernen und Himmel. Die Villa Casali leuchtet rechter Hand daran hervor wie ein Lustsitz der Liebe, sowie weiterhin Castel Gandolfo, Rocca di Papa, Frascati; und das schöne Gebirg wölbt sich majestätisch herum gen Tivoli, und der hohe Sorakte macht einen prächtigen Beschluß. Rom liegt vor einem in den lieblichen Formen seiner Gebäude und den rührenden Ruinen mit Grün überzogen, woraus hier und da Pinien und Zypressen sprossen und ihr Haupt erheben.   52 Kloster St. Onofrio. Herrliches Oratorium im Freien nach Art eines antiken Theaters, ganz klein ohngefähr für hundert Zuhörer. Unten, anstatt des Proszeniums, steht der Katheder wie eine Nische, und das Gebälk und Dach, von zwei marmornen Säulen getragen. Nebenan geht die Einfassung mit einer Bank fort für die Ältesten. Linker Hand der Sitze eine prächtige Eiche, die hier kühlen Schatten gibt und von fern ein schönes Schauspiel zeigt, hinter den Sitzen sind junge Zypressen angepflanzt. Ich begreife nicht, warum noch keiner auf den Einfall gekommen ist, eine Kirche so anzulegen. St. Peter und selbst das Pantheon müßten davor verschwinden, das letztre hat überhaupt schon zu verschiedenem herhalten müssen, woran der Künstler nicht gedacht, der es erbaute. – Von hier aus genießt man eine der herrlichsten Aussichten über ganz Rom und in die ganze Ferne, herum von der Peterskuppel und Monte Mario linker Hand an, nach den Sabiner Gebirgen, denen von Tivoli und das Tal nach den Apenninen gen Neapel hin und Frascati, bis rechter Hand ans Meer bei Nettuno. Besonders hat man die Peterskirche mit dem Vatikan ganz vor sich, die Engelsburg in freier Rundung, Farnese, Farnesina, Corsini, das Pantheon, Monte Cavallo. Die eine Seite der Stadt bekränzen schön die Villen, Patrizia, Borghese, Ludovisi; und um die andre liegt das alte Rom mit seinen Kaiserpalästen, Thermen, der Pyramide des Cestius und Grabmalen in majestätischen Ruinen, wodurch der wilde Flußgott Tiber unsterblich und ewig derselbe seine Wasser fortwälzt.   53 Ich bin seit meinem letzten Brief in eine so tiefe Melancholie versunken, daß ich Ihnen darin gar nicht habe schreiben mögen. Mein liebster Aufenthalt war unter Ruinen, und ich sehnte mich in den weiten hohen runden Trümmern des Amphitheaters aus allen den Schlingen und Banden, allen den Dissonanzen dieser Zeitlichkeit in die ewige Harmonie und Klarheit aufgelöst zu werden, wenigstens ein neues Leben anzufangen, wär's auch in der Wurzel von irgendeinem Baum oder einem Vogel in der Luft.   54 Mein Lebenskahn schwimmt jetzt zwischen paradiesischen Inseln; wenn ihn eine Charybdis verschlänge: so wäre ich der Glückliche Solons. Nehmt mich auf, ihr Gestirne, wollt ich dann rufen, ich bin aufgelöst von allen Banden. Und ihr, o meine Heiligen, Xenophon und Plato, Phidias und Praxiteles, wo seid ihr, und alle ihr Töchter der Huld, deren Dasein schon hienieden lauter Licht und süße Harmonie war?   55 Ich reise morgen nach Neapel, und sobald ich ein sicher Schiff finde, nach Sizilien, wenn sich die Reisekosten nicht zu hoch belaufen. Gesundheit dazu hab ich alle Adern voll, und von Lust jede Nerve gespannt. Ach, wenn mir ein Vogel seine Flügel lieh, von da weiter nach Griechenland und Georgien zu schweben! Gott, welch ein Leben das der Seligen sein muß, so frei von dem trägen Erdenkörper von Sphäre zu Sphäre zu wandeln unter verliebten Sonnen, und alle Natur und Harmonie des Weltalls zu fühlen!   56 Neapel ist so recht ein wohllüstiges Nest fürs menschliche Geschlecht; zu strenger oder erhabner Weisheit ist's fast nicht möglich da zu gelangen. Es ist, als ob man immer einen Venusleib nackend vor sich hätte. Am besten und wahrsten sieht man's zu Portici. Zur linken die reizende Küste von Sorrent; dann die Fahrt nach Elysium Sizilien; dann die Insel der Freuden des Tiberius, Capri; dann die unendlichen Gewässer breit und offen, wo sich das Auge verliert; und daneben und darüber hin die alten Feuerauswürfe der Insel Ischia, und Procida, und den entzückenden Strich Hügel des Pausilipp, und das Gebirg der Kamaldolenser; welche bezaubernde Mannigfaltigkeit! Darunter wieder das Gemisch von unzählbaren Felsenhütten von Neapel, wo eine halbe Million Menschen sich gütlich tun, und bei uns, hinter dem schüchternen Portici, in schrecklicher Majestät Vesuv. Ein echter wonneschäumender Becher rundum dieser große Meerbusen! Hier schwimmt alles und schwebt in Lust, im Wasser, am Ufer und auf den Straßen. Die Feuermassen scheinen dies Land der Sonne näher zu rücken; es sieht ganz anders als die übrige Welt aus. Gewiß waren alle Planeten ehemals selbst Sonnen und sind nun ausgebrannt, und Neapel ist noch ein Rest jener stolzen Zeiten. Man glaubt in der Venus, im Merkur, einem höhern Planeten zu wohnen. Immerwährender Frühling, Schönheit und Fruchtbarkeit von Meer und Land, und Gesundheit von Wasser und Luft. Gleich die erste Woche haben wir uns mit der ganzen Gegend und der besondern Art Menschen bekanntgemacht, und den dritten Tag schon waren wir oben auf dem Vulkan und genossen den Anblick der höchsten Gewalt in seinem Krater, die man auf Erdboden schauen kann. Die Risse von unten heraus, trichterförmig, gehen über alle Macht von Wetterschlägen, auffliegenden Pulvertürmen und Einbrüchen stürmenden Meeres. Erdbeben, die Länder bewegen, wie Winde Wasserflächen, sind dagegen nur schwache Vorboten. Man glaubt in die Wohnung der Donnerkeile wie in ein Schlangennest hineinzusehen, so blitzschnell ist alles aus unergründlicher Tiefe gerissen, von Metall bespritzt und Schwefel beleckt: ein entzückend schaurig Bild allerhöchster Wut. Sein Gipfel besteht aus lauter Schlacken, dies gibt ihm von fern eine haarichte Riesengestalt. Dann wächst lauter Heide, und dann in der Mitte fangen Gärten und Bäume an. Der Vesuv ist augenscheinlich ein uralter Berg, dessen Krater einst zusammenstürzte, wovon die Risse noch an der Somma zu sehen sind. Alsdann hat er sich vom neuen durch viele Ausbrüche wieder aufgetürmt. Vorher war es ein einziger Berg; jetzt mag er nicht so schön mehr sein, aber desto furchtbarer.   57 Du bist glücklich, du läufst deine Bahn ewig fort, dein Schicksal ist entschieden. Das Große ist in Ordnung, das Kleine elend. Es wird in Millionen Stäubchen zermalmt und zerrieben, und nur das Lebendige kann sich wenige Momente retten. Freiheit? Posse; selbst die Erde mit allen ihren Geschöpfen ist Sonne und Mond und wer weiß wem unterworfen. Wohl dem, der sich am längsten durchschlagen kann; denn ohne Idee von Freiheit gibt's doch wahrlich keine lautere Glückseligkeit. Oh, wer in den großen Massen, Himmel und Meer und Mond und Sternen sein kann, ohne von den kleinen zerrissen zu werden! Was das für eine Ruhe und Seligkeit ist, man atmet so recht aus. Alles andre hienieden ist doch jämmerliche Sorge und Stück und Flickwerk. Der Mensch mag tun, was er will, er kömmt nie zur reinen Vollkommenheit; er gewinnt und verliert und da gibt es immer Höcker und Lücken.   58 Es ist entzückend, wie man die Erde gen Osten unaufhaltbar fortrollen sieht und die ganze Harmonie des Weltalls fühlt. Du bist glücklich, Mond, du läufst deine Bahn ewig fort, dein Schicksal ist entschieden. – Ein großer Feuerhof hebt sich vor ihm auf, und dann tritt er selbst hervor wie ein himmlisch Wesen im reinen Lichte. Dunkel liegt das Meer unten und erwartet mit unendlichen leisen plätschernden Schlägen seine Ankunft. Der Vesuv liegt still im Meer, und die andern Gebirge stehen da voll Ehrfurcht. Und die Menschen baden und singen und scherzen und fühlen bloß ihr Glück. Es ist eine wahre Vermählung Vulkans mit der Venus, des Feuergottes mit der süßesten Tochter des Meeres.   59 Wenn der Abend sich niedersenkt und der Duft die Gebirge einhüllt, alles verwischt wird, nach und nach seine Form und Gestalt verliert und ins Chaos zu fallen scheint, indes die reinen, vollkommnen Sterne oben ewig blinken: dann mein ich, ich müßte sogleich mich emporheben, das Grobe ausziehen und meine Stelle verlassen. Es ist unten alles so nichts, wenn es nicht von dem klaren himmlischen Licht seine Gestalt empfängt; und doch fühlen wir nur im Dunkeln unsre Existenz ganz.   60 Was wir sind, sind wir meistens von außen; bis auf unser Leben ist bloßes Verhältnis, Bewegung, die von Luft entsteht, von einem Ort zum andern. Unser eigen Ich ist ein unbeweglich Ding, das alles in seinen Kreis zieht und mit nichts sich fest vereinigen kann. Bei der Sonne haben wir das nämliche im großen.   61 Der Mond ging neben dem Vesuv auf mit seinem stillen Licht, wie ein weiser Mann neben einem feurigen Jüngling.   62 Was der Archipelagus sein muß, wo das immerwährende Leben so um die Inseln herum wallt! II Die hohe Kunst 63 Die Künste sind das Wallen des Meers nach einem Sturm, wenn keine Winde mehr brausen. Wenn die Kraft im höchsten Leben sich geäußert hat, gewirkt hat und ohne wirklichen Gegenstand sich von neuem äußert: das ist Kunst. Deswegen blühten die Künste allezeit nach großen Kriegen.   64 Alle Kunst ist ein Ersatz des Abwesenden, und das beste Mittel, es herzustellen, erhält den Preis, sei's Malerei oder Poesie. Sie zeigt allezeit Mangel an. Wenigstens war dies ihre Erfindung. Das Gegenwärtige festzuhalten, ist schon Luxus und Weichlichkeit und Mangel an Sinn für Natur.   65 Alle Kunst ist weiter nichts als ein Merkmal zur Erinnerung des verfloßnen Genusses, hauptsächlich für den Künstler selbst, und dann für diejenigen, die gleiches genossen haben. Und in diesem Verstand kann man sagen, daß es nur so viel gute Beurteiler gibt als Künstler; denn jeder versteht sich nur selbst vollkommen. Die Bilder gelten deswegen so viel, weil die mehrsten Menschen nur auf die Oberfläche sehen und dadurch glauben, die Sache zu kennen. Ein Akkord, ein Ton Musik tötet mit seiner seelenergreifenden Bewegung alle bildende Kunst sogleich, als er sich hören läßt.   66 Die Malerei ist die schwerste unter allen Künsten, weil keine so weiten Umfang hat wie sie; weil keine so von der heißesten Sommersonne bis auf den letzten Flimmer des Lichts, und von der äußersten Kraft des Herkules und dem Brüllen des Löwen bis auf das erste Wimmern des Kindes, keine so die ganze unermeßliche Natur in sich hat, und keine sich auf das augenblicklichste Dasein so einschränken muß. – Nur der unwissendste Phantast kann von der Malerei als einer bloß kurzweiligen Kunst reden. Sie ist für den gefühlvollen Menschen die erste unter allen; gibt Dauer völligen Genusses ohne Zeitfolge. Ein Gemälde, das die und den nicht gibt, ist ein Gedicht ohne Poesie. Freilich sind auch in der Malerei der Prosaisten ungleich mehrere als Pindare und Alkaiosse und werden leider eben auch oft den wahren Meistern von dem unwissenden Haufen vorgezogen. – Nur wenig Menschen haben in ihrem Leben viel und mancherlei Genuß, und nur die edelsten haben den der höhern Freuden. Und unter diesen beiden Klassen sind wieder nur wenige von so lebendiger Phantasie und unruhigem Herzen, daß sie den überaus feinen Augensinn in Gefühlssinn verwandeln, sich täuschen lassen und wie von wirklicher Gegenwart ergriffen werden könnten.   67 Schönheit ist Übereinstimmung mit Vollkommenheit (äußere Übereinstimmung mit innrer Vollkommenheit) ohne Fremdes, ohne Zusatz, versteht sich von selbst. Schönheit ist unverfälschte Erscheinung des ganzen Wesen, wie es nach seiner Art sein soll. Sie verträgt keine Vermischung, wenn sie nicht so eins geworden ist wie die verschiedenen Farben im Sonnenstrahl. – Schönheit ist Alcibiades und Lais. Hohe Schönheit die Erdkugel. Höhere Schönheit die Sonne mit ihren um sie herumschwebenden Planeten. Höchste Schönheit die unermeßliche Natur in den ungeheuren weiten Räumen des Äthers mit ihren heiligen furchtbaren Kräften, die bis in den kleinsten Staub sich regen und ewig lebendig sind. Von Gott können wir Menschen nicht wohl sagen, wie Mengs und Winckelmann, daß er die höchste Schönheit habe, da wir ihn in keinem Körper gedenken können, und er lauter Wesen und Vollkommenheit ist; wenn man nicht die ganze Natur für sichtbarliche Erscheinung Gottes halten darf.   68 Die schwankenden Begriffe von Schönheit kommen bloß davon her, weil wir, spitzfindiger als die Griechen, von äußerer Vollkommenheit, Schönheit und Güte dreierlei verschiedene Begriffe haben wollen, da sie doch im Grund eins und dasselbe sind; und dann, weil wir nur das schön zu benennen pflegen, was wir lieben, was wir fassen können mit unserm engen Sinn, womit wir uns vereinigen, eins werden möchten. Das andere ist uns unsichtbar, und so für jeden Sinn; und es kann nicht anders sein. – Deswegen ist der Mensch die schönste Gestalt für uns in der Natur; weil wir nicht einmal die Erde in ihrer Fülle, geschweige das Sonnensystem, geschweige die unzählbaren Sonnensysteme der Fixsterne, zu fassen vermögen. Der Löw, das Roß, der Hirsch, der Adler, in deren Leben und Empfindung wir mit aller unsrer Fabelkunst so wenig eindringen, würden zwar manches wider die Eitelkeit über unsre Gestalt noch einzuwenden haben, wenn sie reden könnten; aber wir würden gewißlich doch auch über sie triumphieren, da sie mit Gewalt gestehen müßten, daß sie alle in unsre Einheit stimmen. Nun aber Übergang von der metaphysischen Schönheit zur sichtbaren, aus dem Reiche der Vollkommenheiten in die wirkliche Welt. Hier läßt sich wenig mit Daraufzeigen und noch weniger mit Worten erklären. Wer das Gefühl des Schönen von Natur und dem Leben seiner ersten Kindheit und Jugend nicht hat, wird es nie durch die spätere Betrachtung und die Lehren der Weisen lernen; wenigstens wird es nie in ihm schaffen und wirken.   69 Die Malerei ist wie die Musik; zu denselben Worten können große Meister, kann einer allein ganz verschiedne Melodien machen, die alle doch in der Natur ihren guten Grund haben: es kommt nur darauf an, wie man sich den Menschen denkt, der sie singt. Nehmen wir zum Beispiel ein Lied der Liebe! Bei denselben Worten wütet ein Neapolitaner: und ein andrer im Gletschereise der Alpen bleibt ganz gelassen. Außerdem lieben wenige immer überein stark schon bei derselben Person; und es wird anders geliebt bei einer Blonden und Schwarzen, einer Sizilianerin von zwölf Jahren und einer nordischen Patriarchin. Und diese selbst lieben wieder anders Knaben, Jünglinge, Männer und Greise. Dichter und Maler und Tonkünstler nehmen von allem diesem das Vollkommenste, was am allgemeinsten wirkt; welches aber weder Rechenmeister noch Philosoph zu keinem Zeitalter bestimmt festsetzen konnten. Und dies hat die Natur sehr weislich eingerichtet; sonst würde unser Vergnügen sehr eingeschränkt sein oder bald ein Ende haben.   70 Es war einmal ein Mann, welcher unter den glücklichsten Einflüssen von Sonn und Mond und Wind und Wetter aus dem Chaos ins Dasein den wundervollen und unbegreiflichen Sprung getan. Und als er in frischer und reiner Kraft da war, hegte und pflegte ihn Mutter Nacht als ein liebes gutes Weib. Und er ward geboren und wuchs auf. Überall herum wurd es nun nach und nach seinen Sinnen Tag; und er hing sich an jedes gute Ding, eins nach dem andern, mit so viel Lieb und Wärme, als ob es Braut und Bräutigam wäre. So gewann er denn alles, was ihn rings umgab, und macht' es sich sein eigen; und wurde Knab und Jüngling und an Natur immer reicher. Er hatte zu viel, um alles zu behalten, und mußte mitteilen: mitteilen seinen Mädchen und Freunden, und deren Mädchen und Freunden, und den unschuldig Verunglückten, welche wenig von Gottes Gütern erhalten. Auf was Art und Weise? Nicht mit Worten. Ach! diese schienen ihm so lediglich von der Oberfläche abgegriffen und abgehört, so bloß zum Handel und Wandel erdichtet und eingerichtet, so allgemein, so verbraucht, so verstümpert, und schon so von alten Zeiten her, daß die meisten sie auswendig gelernt, als ein totes Kapital, und selten einer mehr weiß, woher er sie hat. Er fühlte dabei seine herrlichsten Früchte so oft als leere Hülsen in den Mund genommen, und so das Hundertste für das Tausendste, daß ihm alle Lust zu diesem Mittel verging und er ein andres wählte, welchem mehr Freude beschieden, und zwar das natürlichste, nach der zu beschränkten Bildhauerei, der ersten und edelsten unter allen Künsten: jedes Ding durch eine zauberische Täuschung so eigen wie möglich wiederzugeben als es ihm geworden. Er lernte die Sprache von Tag und Nacht, Kolorit und Licht und Schatten; die Linien des Lebens kannt' er schon. Und dann Ferne und Ideal. Und brauchte dazu Schulmeister, die in deren Grammatik ziemlich bewandert waren, und versuchte sich an Hunden und Katzen und Mädchen und Buben und Vögeln und Bäumen zu allerlei Stunde. Nachdem ihm dies gelungen, so ging er auf die hohe Schul Italien, und las und studierte da die Meisterstücke der Griechen vor zweitausend Jahren, zu Venedig, Florenz und Rom, dem Königinmütterchen der Welt, und schrieb sich die schönsten davon ab; und sang die Oden von Buonarotti, und die Volkslieder von Caravaggio, und studierte wieder die Werke des Tizian und seiner Vorfahren ihre, und hörte dann die andern trefflichen Komödien und Tragödien und Schäferspiele und Opern der großen welschen Meister aufführen, und ergötzte sich an ihren Heldengedichten. So trieb er da Wirtschaft sieben Jahr lang. Machte während der Zeit Bekannt- und Freundschaft mit verschiedenen Vornehmen. Gab selbst Stunden und las Collegia, und dichtete unterweilen für sich ein Lied voll Saft und Kraft; und reiste dann mit einem ganzen Beutel voll Geld und vielen Kostbarkeiten obendrein wieder nach Hause. Als er da wieder warm geworden, und ausgeruht und ausgeschlafen und wieder herumspaziert, und wieder unter seinen trauten Angehörigen war, in ihren Kammern und Klöstern und auf ihren Äckern und Wiesen und Weiden, und in ihren Marställen, und zwischen seinen Hügeln, in Wald und Tal und Hain und Flur, an Bach und See, so lieb und gut und allem so treu, und mit so vielen Gaben des Glücks und Geistes ausgerüstet; so konnt es nicht fehlen, daß er bald gänzlich der Liebling seines Volks wurde. Er redete nur die unmittelbare Sprache seiner Natur so meisterlich und mit dem Verständnis, womit Homer und Aristophan die ihrige sprachen, und sein Ruhm ging aus in alle Lande. Und dieser Mann heißt Rubens – Freilich war Rubens ein solcher Mann; ein solcher Mann und weit mehr. Großer Maler voll Gefühl und Umfassungskraft, großer Mensch und Staatsmann, liebevoller Gatte, zärtlicher Vater, treuer Freund gegen seine Schüler, und wahr und herzlich und überaus gut; nicht neidisch und falsch und grausam, ja grausam gegen sie, wie Tizian und andre gegen die ihrigen, und sonder Neid und Verleumdung bei allem Schönen, wo er's fand: ganz in sich selbst ohne viel Worte gegen Großsprecher und Schwätzer, und warmer Patriot; und bei diesem allen noch immer jung und voll Liebesleidenschaft, und herrlich und prächtig, wie der König Adler in den Lüften. Und dies wird immer sein und bleiben, solange sein Name und seine Werke dauern, trotz aller Verkleinerungen und Anekelungen verschiedener Schulmeister und Schüler. Für ihn eine Apologie zu schreiben, war ebenso überflüssig als eine Apologie der Natur. Griechische Schönheit konnt' er nicht, wie keiner, aus nichts erschaffen; römische war schon da, von Raphael und Polydor und Julio; und warum nicht besser flamändische für Flamänder? Fülle und Feuer gleichen Gefühls, als sie und die Griechen hatten, auf seinem Boden empfangen und geboren? Wer nicht nach Flandern reisen will, der reise nach Rom und Athen: aber dem Lande seiner Schönheit unbeschadet. Ich für mein Teil will freilich auch lieber im Julius auf dem Kessel des Ätna die Sonne aus dem Meere steigen und die Tiefe in einen Brand von Entzücken stecken sehn, als auf einen Holländischen Damm mich setzen und Pfeffer und Kaffee heransegeln sehn: und lieber in den Vatikanischen Hof und die Mediceische Tribüne mich einsperren lassen, als in irgendeinen andern Kunstort der Welt: und möchte freilich auch gerner eine schöne reizende junge Georgianerin zum liebenden Engel haben, als alle Farben samt und sonders, die je die Niederländer mit ihren fünf Fingern auf Holz und Leinewand getragen. Aber ich lasse nichtsdestoweniger jedes in seinen Würden. Und dann sollte überdies noch mancher Sultan sich in Rubensens schöne nackende Weiber vergaffen; so vergaffen, beim Jupiter! daß er in seines großen Propheten Paradiese zu sein meinen würde; wo alle Lust voller, alle Feldnelken gefüllte, und jede Dornblüte in eine Gartenrose verwandelt wäre. Wie es denn oft in der Tat so ist.   71 Es geht mir im Kopfe herum, daß ich Ihnen Gemälde von Rubens zu beschreiben versprochen; und fast gereut es mich. Gemalt und beschrieben ist schier so sehr voneinander verschieden, wie sehen und blind sein: wie der Zeiger einer Uhr im Julius auf der Ziffer vier von dem Morgenrot auf der Höhe des Brocken. Selbst die Beschreibungen Winckelmanns sind nur Brillen, und zwar Brillen für diese und jene Augen. Und ich verzweifle beinah in dergleichen Sachen an allen Worten. Indessen, denk ich, würde doch jeder, der in gleicher Verzweiflung schwebte, eine aufgefundne alte Handschrift, welche Beschreibungen der schönsten griechischen Gemälde zu Alexanders Zeiten enthielt, mit Hoffen und Erwarten zur Hand nehmen und daran in Entzücken hangen, wenn sie nur einigermaßen trefflich wären. Man hätte wenigstens Idee, Zusammensetzung, Vergleichung: und manches leicht feuerfangende Herz weinte wohl gar dabei noch Tränen, so süß, als läg es an der Urne seiner Geliebten. Und dies macht mir wieder Mut. Jedoch geb ich Ihnen aus keinem Gemälde mehr als die Idee und das Malerische derselben, so wie ich's erkenne; weil ich zu überzeugt bin, daß alles andre mit eignen Augen muß gesehen werden, wenn man keine Ausgabe in usum Delphini zu besorgen hat. Wir haben so viel Gemälde von Rubens, daß unsere Sammlung für eine der stärksten davon gelten darf; aber doch fehlen uns seine zwei höchsten Meisterstücke. Nämlich: seine Odyssee über Heinrichs Gemahlin Königin Maria von Medicis zu Luxenburg in vierundzwanzig Gesängen, worin leider! einige Heilige das Schönste, was Rubens nach Kennern gemacht hat, die drei nackenden Grazien, verdorben haben; und seine Abnehmung vom Kreuz zu Antwerpen. Und außer diesen fehlen uns noch die meisten seiner Lieblingsstücke, die er bloß für sich und seinen Freunden zur Lust gemacht hat; welche mir unter allen von ihm am liebsten sein würden, weil man darin den schönsten Schatz seines Lebens findet. Überhaupt kann man aus hundert Gemälden von Rubens, mit den besten Gründen, über ihn das ungerechteste Urteil fällen, da wenig Maler so viel Stücke als er gemalt haben, so daß sie nach den Nachrichten der Liebhaber sich auf einige Tausend belaufen. Es ergibt sich aus dem gesunden Menschenverstande, daß er die wenigsten ganz hat ausmalen können, daß er zu verschiedenen nur die Skizze gemacht, und zu manchen bloß die Idee hergegeben. Zwar war er, bis auf die letzten Jahre seines Lebens, immer gesund und stark und geschäftig, und alle seine Arbeit schnell; allein er mußte noch, außer der Menge, oft wichtige Reisen tun und Frieden stiften zwischen großen Mächten, und von zween Königen zum Ritter geschlagen werden; weswegen er sich doch nichtsdestoweniger bloß für einen Kollegen aller Maler hielt. Und während der Zeit arbeiteten für ihn seine herrlichen Schüler, die manchen Fehler begehen konnten, der itzt auf seine Rechnung geschrieben wird.   72 Die Flucht der Amazonen. Ein erschrecklicher Kampf zwischen den zwei Geschlechtern, wovon man nicht eher völligen Genuß haben kann, als bis man in die entfernteste Natur hinuntergestiegen. Ein malerisches Schlachtgetümmel, wo der Sieg endlich sich entschieden hat. Die armen Heldinnen müssen der Obermacht unterliegen, werden geschlagen, sind auf der Flucht, und die Feinde setzen ihnen über die Brücke nach. Die Verspäteten, und wohl die Tapfersten, werden zum Teil gefangengenommen und zum Teil in der Wut ermordet, und fackeln zum Teil auch nicht, und ermorden wieder. Das Beste vom Krieg für ein Heldenherz: die Lust nach Schweiß und Gefahr; und noch dazu mit Mädchen, die mit dem Schwert Männer anzugreifen sich erkühnt, wilde, grausame und doch reizende Empörerinnen wider die Rechte der Natur. Ein furchtbar schönes Schauspiel, dergleichen es wenig gegeben. Den Anfang, linker Hand des Gemäldes, macht ein schon fernes Getümmel der Flucht von Weibern und Pferden. Darauf setzen ein paar braune Streitrosse, ihrer Reuter entledigt, von der Brücke. Das vörderste ist so scheu und wild, daß es die fliegenden Mähnen noch in die Höhe sträubt, die Zähne fletscht und Dampf aus der Nase schnaubt, und das andre schlägt hinten aus, noch vom Gefecht entflammt. Dann kommt eine Amazone mit eines Heerführers Kopf in beiden Händen, den sie auf der Brücke noch abgehauen, wo der Rumpf vom Stummel ins Wasser blutet; und dabei in der Rechten das blutige Beil. Sie sitzt auf ihrem Rosse, gleich jenem Römer, der die Feinde abhielt, bis die Brücke abgebrochen war, noch den Verfolgern entgegen, und ein Krieger greift ihr nach der Beute, die sie nicht lassen will. Neben ihr kämpfen noch zwo (wovon unten die Erschlagenen zeugen und die ausziehenden Pferde), die eben in den Fluß mit ihren Wunden samt den Rossen stürzen. Dies ist die schönste Gruppe im Ganzen, und wohl mit dem Strome die erste Idee dazu; und vielleicht das Kühnste, was je gemalt worden. Die erste ist im Sturz von der Brücke, den Kopf schon unterwärts, wo von einem Hieb aus der Stirne Blut fließt: ohne Bewußtsein, das Mordgewehr noch in der Faust und die Knie im Sattel. Aus dem Köcher fallen die Pfeile. Ihr nach das Pferd, dem ein Wurfpfeil im Halse steckt, die Vorderfüße voran, den Bauch oben und die Hinterfüße von sich streckend. Unter ihr platscht die andre, gleichfalls mit dem Kopf voran, nur noch völlig lebendig und im Ritt, mit dem Rücken und ihres Schimmels Rücken in den Strom, in dessen weitem Wellenschlag man den ungeheuren Fall sieht. Ein Gesicht, noch voll Mordgier und Kampf und Ergebung in alles, was ihr dabei zuleide geschieht. Weiterhin im Wasser zur Rechten suchen ihrer zwo sich mit Schwimmen zu retten; und die stürzende letzte schlägt mit ihrem Pferd vor denselben nieder, und die andre, wornach die eine voll Angst sich wegwendend sieht, kommt von oben. Und zur Linken steigt seitwärts der Kopf einer vom Sturz in die Tiefe Geschlagenen in Entsetzen wie ertrunken hervor, und über ihr stürzt im Dunkeln von neuem ein Roß, dessen Reuter an der Mauer erschlagen liegt. Gleich vorn auf der Brücke wird einer die Standarte abgenommen, die sie aber nicht lassen will, und wogegen sie sich aus aller Macht wehrt. Schon ist sie an derselben zurückgerissen von ihrem sich in die Höhe bäumenden Rosse, womit sie aber doch noch eins ist mit den Schenkeln, gleich einem Zentaur. Einer und noch einer arbeiten an ihr. Beide halten die Fahne am Wimpel fest, der eine zu Fuß und der andre zu Pferd, welcher letztere nach ihr, gelb und blaß vor Wut und Mordgier, mit dem Schwert in der Rechten aus Leibeskräften ausholt. Weiterhin rechter Hand wird zuerst wahrscheinlich die Königin gefangen. Sie hält das Schlachtbeil in ihrer geübten Faust, straff und stark; vermag aber nichts vor der Menge und wird überall gehalten. In ihrem Gesicht ist Grimm über die eitlen Tyrannen und das Schicksal; Grimm und Verachtung in Augen und Lippen, und doch auch Bitterkeit des nahen Todes. Der eine hält sie bei dem Arm, und der andre bei der Schulter am Halse, und holt aus, sie zu erstechen; und einer hinter ihr richtet einen Wurfpfeil auf sie. Am Ende rechter Hand nebenan der Brücke kommt eine gesprengt, wie ein zuletzt flüchtiger Alcibiades unter ihnen, in vollem Gehalt amazonischer Freiheit und Eigenmacht, wovon sie alle aussehen; und das Roß ist im Begriff, weit ausgeholt in die Flut zu setzen, als ein Reuter, der sie da erreicht, ihr hinterdrein einen Kopfspalter ziehen will. Schon hat er ausgeholt, und sie, sich umgewandt, sticht ihm, mit der größten Gegenwart des Geistes, bis zu Tränen vor Scham und Zorn brennend, daß sie fliehen muß, mit dem scharfen zweischneidigen Schwert unter den aufgehobenen Arm ins Haarwachs, daß die Sehnen springen und bluten. Über ihr wird eine samt dem Pferd in den Strom von einem jungen Reuter gespießt; und längs dem Ufer unter ihr zieht ein Hungerleider ein paar im Treffen Gebliebene aus, um Beute zu machen: hat von der einen den Leichnam schon abgefertigt hingeworfen und zerrt der andern das Gewand unter dem Hintern weg, um sie zugleich damit ins Wasser zu schütteln. Unter der Brücke selbst ist das Fürchterlichste vom Schauspiel zu sehen. Sie hat nur einen, aber einen hohen, weiten und breiten Bogen, der von einem Michel Angelo gebaut zu sein scheint; welcher einen Schlagschatten von der größten Wirkung wirft, und das Licht aus der Ferne darunter her erhebt und belebt. Im Strom und denselben hinauf ist lauter Herabstürzen, Schwimmen, Retten, Durchschwimmen, Kämpfen und Ersaufen, ist Freund und Feind untereinander: weiter oben stehen am Ufer in der Ferne Kriegsheere, und anbei eine Stadt in loher Flamme. Der Fluß wälzt da und dort Toten auf. Es ist ein Stück voll heroischer Stärke aus dem Zeitalter des Theseus: nichts überladen, und alle Täuschung da, die mit Farben möglich zu machen ist. Gewalt in Männerschultern und Armen und Fäusten mit dem Mordgewehr, und Brust und Knie: in dem Bäumen, dem immer andern Satz und Strang und Wurf der Streitrosse. Feuerblick und Glut des Verfolgens, Wut und verzweifelte Rache des Entrinnenmüssens in höchstem Weibermute: Hauen und Stechen und Herunterreißen, Sturz in mancherlei Fall und Lage samt den Rossen in den Strom, Blut und Wunden, Schwimmen und Sterben, Blöße und zerhauenes Gewand und herrliche Rüstung; wahrstes Kolorit von Stärke, Wut und Angst und Tod in Mann und Weib: höchstes Leben in vollem Schlachtgetümmel unter furchtbarer Leuchte zerrissenen Morgenhimmels. Die Amazonen haben kein träges Fleisch an sich, sondern sind abgehärtet, edel, voll Gewalt und Feuer und nach ihrem zirkassischen Klima und den Antiken, leicht mit einem Untergewand und kleinem roten Mantel darüber von der linken Schulter herunter bekleidet, der ihnen beim Herabsturz ins Wasser meist abfällt, nachdem ihnen entweder das Band reißt oder durchgehauen worden, so daß die Bewegung der schönen Glieder überall lebendig zu sehen ist. Sie reiten auf bloßem Hintern mit beiden Schenkeln auf einem dünnen Sattel, nur die Beine vom Fuß zur Wade umwunden. Ihre rechte Brust hat Rubens immer so auf die Seite gebracht, oder in ein solches Licht, oder unter das Gewand, daß man wenig davon gewahr wird: vermutlich, um dem Vorurteil auszuweichen, als hätten die Amazonen den Namen daher, daß sie sich die rechte Brust weggebrannt. Jedennoch kann man sehen, daß sie da ist.   73 Raub der Töchter des Leukippos. Die Hauptperson in unserm Gemäld ist Kastor in griechischer Rüstung auf einem braunroten Rosse, dem ein Amor den Zügel hält, mit dem Pollux, der von seinem Schimmel gestiegen ist, dessen Zügel gleichfalls ein Amor hält. Kastor zur Rechten, Pollux zur Linken. Kastor hebt auf freiem Feld eine ganz entblößte junge Dame – an einem rotseidenen Tuche (das ihr vom Rücken am Hintern durchgeht, der davon einen schönen Widerschein wirft) mit der Rechten um den in die Höhe gezogenen linken Schenkel am Knie herum, mit der Linken um den rechten Arm – nach seinem Rosse. Pollux hat dieselbe unterm linken Arm mit seiner rechten Schulter gefaßt und hält mit der linken Hand ihre Schwester unter der rechten Achsel. Die Schönheit der Gruppe ist schwerlich mit Worten nur einigermaßen sinnlich zu machen. Kastors Roß steht rechter Seite des Gemäldes zu, und der Schimmel bäumt sich von der linken her in die Höhe. Die beiden Jungfrauen sind in vollem Licht vor den Pferden in der Mitte. Die erste, von der linken Seite her, mit den Brüsten und dem Kopf von ihrem Räuber abgedreht, der den linken Schenkel mit dem Knie schon am Sattel hat, indes sie das rechte Bein mit dem Schenkel am Pferde sinken läßt, den linken Arm über des Bruders Schulter hinausstreckt und die rechte Hand an des Räubers Arm über das gehobene Knie hält. Die zwote steht, gleichfalls von der linken Seite, an der ersten; erstaunt sich sträubend und den Rücken in die Seite krümmend, mit dem Gesicht nach dem Kastor sehend, und mit der Linken ihren Räuber etwas von sich haltend, der sie unter der rechten Achsel faßt. Ihr rechtes Bein steht, bis auf den Schenkel, welcher sich schräg zieht, noch gestemmt auf den Boden, und der linke Schenkel, der ganz zu sehen ist, berührt fast mit dem Knie die Erde. Pollux ist nackend, soweit man ihn sehen kann; denn die Mädchen verbergen von ihm Unterleib und Schenkel. Kastors Gesicht ist wahrhaftig schöne männliche Jugend, im aufgesproßten braunen krausen Barte. Inbrunst leuchtet überall hervor. Die erhabene Stirn, das in süßer Begierde Wollust ziehende Auge, die Lippen voll Glut, und die Wangen voll Scham, der nervichte Arm und das Hippodamische der Stellung machen einen reizenden Räuber. »Ach, daß ich dir Leid tun muß! (flüstert er) aber es war nicht möglich, daß du nicht die Meine sein solltest!« Das Bittende, die Zärtlichkeit ist unbeschreiblich: und die Kühnheit in dem über den Augen Hervorgehenden der Stirn, und die Blüte der Stärke. Die Jungfrauen sind beide ganz nackend in blonden Haaren, die los und in Flechten den Lüften zum Spiele dienen, wie aus dem Bett oder Bade: und in Jugendfülle, die im Zeitigwerden ist. Der Ausdruck im Gesicht der ersten ist unbeschreiblich fürtrefflich: Ergebung, in der Ohnmacht zu widerstehen; Scham und das süße stechende Gefühl derselben, und das Außenbleiben der Überlegung. Die Brüste schwellen sich empor in der drängenden Lage. Sie wendet das Gesicht vom Räuber und schielt doch zurück. »Ha, nun bist du weg! (scheint sie zu seufzen) er hat dich!« und doch furchtsame Hoffnung künftiger Freuden. Der junge Halbgott, der das Goldne Vlies zurückgebracht und den Archipelagus von den Räubern befreit, hat wider ihren Willen mehr Liebesgewalt über sie als ihr Bräutigam, was bei einem Mädchen nicht anders sein konnte; aber doch geht ihr dessen Schicksal nahe. Es ist Furcht und Liebe, Zweikampf zwischen Moral und Natur; um die Augen das Bange und Süße, um die Lippen das Weinen und Lächeln. Nur eine Phantasie, wie Rubens hatte, konnte diesen Ausdruck treffen. Ihr Leib schwebt wie eine Rose im Gepflücktwerden. Die zwote ist im Profil, voll Schönheit und Mädchenheit, und scheint sich auf das, was Mann ist, in Unschuld ein wenig zu verstehen. Sie blickt, sich lässig sträubend, nach dem Kastor, und was dieser mit der Schwester anfängt, und blickt nach ihm nicht ungern und lieber als nach dem, welchem sie zu Teile werden soll. Die Drehung und das Ringen in den Muskeln des Rückens, wie überhaupt das Fleisch des ganzen Rückens gehört unter die fürtrefflichste Malerei. In beiden ist Übergang von einem Glück zu einem größern; Furcht und Hoffnung; noch Mond und Stern im Herzen, und Aufgang und Sonne vor den Augen. Den Pollux habe ich nie für eine Person vom gleichen Stand mit dem Kastor nehmen mögen; denn er sieht mehr einem Begleiter und Gehilfen gleich; und man könnt ihn, wenn es nicht so sein müßte, gar leicht für einen Sklaven halten, der treulich beisteht und, nicht ohne Bedauernis, voll Freuden ist über den glücklichen Fang. Jedoch läßt sich Rubens dabei entschuldigen und wohl gar rechtfertigen. Er bezog alles auf den Kastor, weil es ihm vermutlich nicht wahrscheinlich dünkte, daß beide Brüder sich auf einmal zugleich in zwo Schwestern so heftig verliebt hätten, daß sie dieselben ihren edlen und tapfern Bräutigamen, die sie noch dazu zur Hochzeit eingeladen, mit Gewalt entführen müssen. Pollux entführt also die eine seinem Bruder zu Gefallen, welches sie auch zu merken scheint; und sein Ausdruck war ihm daher in seinem Klopffechtergesicht nicht sehr vorteilhaft. Kastor hat an der Einfassung des grünlichen Brustharnisches einen Medusenkopf. Pollux ist ganz ohne Kleidung bis auf die Beine, welche geschnürt sind. Der eine Amor denkt: »Wird euch nichts Böses widerfahren«, und der andere sieht schalkhaft aus, und hat viel zu tun mit seinem Schimmel. Beide waren hier nicht überflüssig. Die Pferde sind stolz und wild und voll Feuer; doch scheinen sie zu fühlen, wobei sie zugegen sind. Das Licht fällt auf die Mädchen, wie gesagt, und Roß und Mann erhebt das zarte Fleisch derselben unvergleichlich. Überhaupt gehört es unter die schönsten Stücke im Kolorit, die wir von ihm haben. Es ist der malerischeste Moment dieser Entführung, obgleich noch zwo Szenen darin ebenfalls sehr malerisch sind. Die Figuren sind beinahe in Lebensgröße.   74 Der Regenbogen, eine Landschaft. Bilden Sie sich in Gedanken die schönste und fruchtbarste flamändische Gegend ein, über die an einem Sommernachmittag ein warmes schwüles Gewitter mit Blitz und Strahl und Schlag und Regenguß gezogen, in dessen letzten elektrischen Wolken ein Regenbogen mit einem Streif-Widerschein rund herum entsteht, der an dem einen End in einen lustigen Wald steigt, in welchem das Wetter vorübergegangen: Wovon linker Seite des Gemäldes noch ein Trüppel Bäume auf einer moosigten Anhöhe zu sehen ist, hinter welcher zwischendurch krumm herum ein klarer Fluß hervor sich wässert, woran ein Hirt, der, wie der Himmel wieder heiter wird, seine Rinder hervorgetrieben, die herumstehen, und hineingehen, und darin auf ihre Furcht trinken und sich abspiegeln; und an dessen Ufer an der Krümme weiterher in Schilf und Rohr und Beergesträuch Enten den Regen von den Flügeln schütteln, und flattern, und schreien, und sich gütlich tun. Dann kommen ein paar Dirnen, die den Leuten Essen aufs Feld gebracht, mit leeren Töpfen, und in deren Mitte ein junger Bursch mit einer Heugabel, der liebkosend der Schönen linker Hand etwas gesagt hat, worüber sie lächelnd stilleschweigen und wo anders hinsehen muß; und seitwärts her ein Fuhrmann mit einem Heuwagen, der auf dem einen seiner zween Gäule wohlgemut dasitzt, und das verliebte Pärchen als ein Schalk betrachtet. Darneben eine in voller Frucht stehende Saat. «Weiter jenseits Heuhaufen um einen vielschössigen schlanken Erlenstamm, wovon zwei Mädchen und ein junger Kerl auf einen Wagen laden. Und endlich hinan die herrlichste Ebene voll Buschwerk, Gartenfeld, und Dorfschaften in die blaue Ferne, welche nach und nach noch im Regennebel sich verliert. Die wiederkommende Helle, die Frische, der aufsteigende Duft über Gras und Blatt, das Naß auf den herabsinkenden Zweigen, der Segen des Herrn in Saat und Feld, der stärkende Geist der aufgetanen Fruchtbarkeit spricht und lebt einen an, der des Gemalten nicht unkundig ist, wie aus wirklicher Natur. Außer diesem herzlichen Gefühl im Ganzen, das alles so warm in sich hegt, und womit vielleicht nur wenig Claudiusse, Salvator Rosas, Poussins und Teniers, wenige von meinen himmlischen Freuden zu vergleichen sind, ist diese Landschaft noch ein Meisterstück von Pinsel, ob er gleich schwerlich länger als einen Tag daran gearbeitet hat und die Farbe so leicht und dünn aufgetragen ist wie Buchstabe. Jeder Maler, der sich etwas einbildet, mag da stillestehen und die Zauberei betrachten, ohne sich von dem unausgemalten Regenbogen stören zu lassen, mit dessen Farben Rubens keine Schülerspielerei zu treiben hatte. Die Bäume sind keine von Bott, das Laub nicht Blatt von Blatt aufgefasert, aber doch so erkennbar in Stamm und Zug und Laub und Bewegung, so lebendig und ungemacht in ihrer Grüne, als die seinigen nur immer sein können. Die Saat reift allmählich heran und steht in dichten Halmen, vom Regen geschwängert; und wenn man's am Holze sieht, ist's weiter nichts als grüner und gelber Strich; weswegen nun freilich auch die Einge Vander Werfftierten sie mit scheelem Aug mögen ansehn. Perspektiv gehört darin unter das Fürtrefflichste, was man in dieser Art sehen kann. Kurz, es ist eine Gegend so voll frischer Wärme und Fruchtbarkeit, daß jeder Reisende seinen Postillion da haltzumachen befehlen müßte; denn so was lebt man wenige Tage seines Lebens; und eigentlich das, was ich lediglich von der Malerei verlange, Genuß und Täuschung.   75 Rubens mit seiner ersten Frau , in Lebensgröße, in einem Garten. – Er ist einer der wahrhaftig schönsten Männer, die man sehen kann. Sitzt, wie gelehnt, im Jugendstolze der ersten Mannheit, an einem schattenreichen Geländer von blühendem Geißblatt auf einer Bank; hat die linke Hand mit dem Daumen am Bügel seines gestützten, mit Brillanten besetzten Degens und die rechte auf dem linken, übergeschlagenen dicken Beine liegen, auf welches sein durch ihn durch und durch frohes und freundliches und sittsames, neben und unter ihm sitzendes schönes Weibchen die ihrige zarte mit der Fläche sanft auflegt. Seine übervermögende Seele blickt unter dem freien Hut und unter der mutvollen, sich an den kühnen Brauen wölbenden Stirn, aus den lichtbraunen Feueraugen die Eigenliebe jedes Sterblichen darnieder, und fängt ihm seine Art und Eigenheit. Die Nase steigt, wie reine Stärke, gerad durchs Gesicht; seine Wangen sind von gesunder Röte durchzogen; und in den Lippen sitzt, zwischen dem jungen Eichstamm von Bart, Adlerliebe zum Aufflug, wann's ihr gelüstet; sowie auf denen seines Weibchens die süße Huld und Traulichkeit. Sein Herz in der Brust scheint frühauf von einem Chiron mit Löwenmark genährt zu sein. Aus seinem ganzen Wesen strahlt sich fühlende Stärke, und man sieht an ihm augenscheinlich, daß er mehr ist als alles, was er gemacht hat, mehr als sein Gott der Vater, und Gott der Sohn, und Gott der Heilige Geist, und seine Heiligen, Engel und Helden. So sagt die Schrift, daß die Verklärten dereinst werden Gott schauen. O der unaussprechlichen Wonne, wenn unser Herz auf einmal ein Abgrund voll Entzücken von aller Welten Lebensquellen würde, die in einem Moment wie ungeheure Tiefen sich dahinein stürzten. Schwerer grenzenloser Gedank', ich erlieg unter dir. Welcher Sterbliche, welches Phänomen vermag ihn zu ertragen! Rubens erscheint hier als ein großer Mensch, voll Leben und Verstand, voll Saft und Kraft, und frei von schwacher, vielleicht auch zarter Empfindung. Alles an ihm ungewöhnlicher Geist in seltner Mannheit und Wohlbehagen seines Zustandes, und doch geheimer Gedanke der Vergänglichkeit aller Lust der Jugend. Sie freut sich seiner Liebe, und seines Ruhms, und ist ganz in ihm, lebt bloß von seiner Seele. Ein liebliches Bild geistiger ehelicher Zärtlichkeit für den, der's fühlen kann, von Bescheidenheit und wahrer Grazie; welche letztere doch mehr im Zug als in Form zu sehen ist. Er sitzt da wie die Natur in frischer Fruchtbarkeit, und Sie wie eine Rose in der Morgensonne der Liebe. Beide sind ritterlich gekleidet, und Sie in Schmuck und Pracht, aber doch in leichten Faltenwürfen, und der Spanische Strohhut mit dem schönen Schlagschatten rechts der Stirn hin sitzt ihr lüftiger als unsern Damen ihre Federn. Das Kolorit ist so wahr wie das Leben, besonders das Fleisch. Mit einem Wort: es gehört unter die Stücke, die er mit Lust gemacht hat.   76 Das höchste Leben ist das schwerste in allen Künsten, sowohl in den bildenden, als Poesie und Musik: Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann, Seelenvereinigung zwischen Mann und Weib, und Trennung, Abgeschiedenheit verliebter Seelen. Das Tote kann auch der bloße Fleiß darstellen, aber das Leben nur der große Mensch. Wen beim Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der Gottheit entzündet, der wird weder ein hohes Kunstwerk, noch eine erhabne Handlung hervorbringen. Schönheit ist Leben in Formen und jeder Regung, und nichts Totes ist schön, außer in einem Verhältnis von Leben. Warum ist der Torso schön, warum die Kolossen auf dem Monte Cavallo, warum unsre Venus? Weil sie in höchster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen Genuß ihrer Existenz sich befinden. Warum Apollo, warum der Fechter? Weil ihr Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt. Warum Laokoon, warum Niobe? Weil auch ihr höchstes Leben einer stärkern Macht unterliegt. Der Dichter deutet's mit Worten an, der bildende Künstler stellt's mit dessen Oberfläche selbst dar. Zu der Zeit, wo die Menschen am mehrsten lebten und genossen, war die Kunst am größten: zu der Zeit, wo sie am elendesten waren, am schlechtesten; dies ist die Geschichte derselben in wenig Worten.   77 Es ist ein sonderbares Ding um die Kunst; sie scheint ganz ihren Weg für sich zu gehn. Wenn man von ihrer Fürtrefflichkeit auf die Fürtrefflichkeit der Menschen zu gleicher Zeit sollte schließen können, welche Popanze müßten die Römer zu Konstantins Zeiten gewesen sein gegen die unter Trajans, wie man aufs komischeste sich die Vorstellung an einem Monumente zugleich machen kann, nämlich Konstantins Triumphbogen. Was konnte der arme Alexander dazu, daß er keinen Homer fand bei seinem Leben; überhaupt keinen Dichter, der ihn besang?   78 Ich bin überzeugt davon, daß sich wenig mehr über die wirkliche Malerei der Griechen sagen läßt als Märchen, trockne Nachrichten und Schwärmereien der Phantasie darüber ... Wer will sich eine sinnliche Vorstellung machen von der Eigenheit der Gemälde des Parrhasius und Apelles, da wir keine mehr von ihnen haben; da wir, außer einigen außerwesentlichen Anekdoten, nicht einmal umständliche Beschreibungen von den Ideen und Zusammenhängen derselben haben? Da uns nur einige dunkle und meist unverständliche Nachrichten von ihrer Weise zu malen übriggeblieben und überhaupt kein einziges Stück von den Meistern der guten Zeit, sondern bloß etliche verschimmelte römische Mauerfragmente, woraus wir vielleicht auf sie schließen können, wie von einem heutigen Holländer auf Raphaelen. Alles was man tun kann, ist, sich unter das griechische Volk hinstellen und mithelfen bewundern. Außerdem hat jede Kunst ihre Grenzen, über welche keine andre Eroberungen machen kann. Malerei, Bildhauerei und Musik spotten in ihren eigentümlichen Schönheiten jeder Übersetzung; selbst die Poesie, die allergroßmächtigste, muß dahausen bleiben. Verloren ist verloren. Wer Gabrieli nicht selbst hört, wird sie weder durch eine andre noch durch Noten hören; ebenso mit dem Apelles. 79 Der große Grundsatz der Griechen, nicht allein der Künstler, war, nichts zu machen, was nicht Natur ist, und alles Bürgerliche, alles bloß Konventionelle zu verachten; daraus entsteht von selbst hernach die Schönheit. Man findet bei ihnen nichts von Regent und Minister, sie haben keine Perser nachgemacht; sie schickten sich nicht für die Kunst. Sie waren die wahren Aufbehalter und Reinbewahrer der Natur; alle Philosophen in Dichtkunst und allen andern Künsten. Die neuern Künstler wollen alles machen, was nicht in der Natur ist, nämlich Antiken und Ideal, und sind dadurch unerträglich.   80 Der Künstler nimmt aus dem großen Ganzen der unendlichen Welt ein kleines Gliedchen und behandelt es als ein Ganzes; und tut also alle die Beziehungen weg, die es als Gliedchen hat. Seine Vollkommenheit ist im Grund ein Mangel und wird desto merklicher, je weiter und tiefer man dabei denkt. Die Menschen überhaupt kennen die Welt nicht als ein Ganzes, sondern nur stückweise, und wenn sie etwas davon vorstellen: so stellen sie es nur in Beziehung auf sich vor, und nicht mit anderm und dem großen Ganzen. Und diese Beziehungen werden endlich so eingeschränkt bis auf Land und Stadt und auf die Letzt wenig Menschen, bis zu einer Person; denn was ist ein Porträt oft anders als ein Teilchen des Unermeßlichen, zu einem Ganzen erhoben, außer aller Beziehung, für einen Liebhaber? Selbst das menschliche Geschlecht ist kein sinnliches Ganzes für uns, nur unsre Nation, nur unsre Stadt und Familie. Ein Künstler, der Menschen sinnlich vorstellen will, kann sie also nur aus seiner Nation nehmen; mit mathematischen, metaphysischen Menschen hat er nichts zu schaffen; denn diese sind weder für Auge noch Hand sinnlich. Unsre Nachahmung, der Antiken, wenn wir ihre Gestalten und in vieler Rücksicht auch die Form ihrer Glieder und Körper nachahmen, ist eine offenbare Albernheit folglich, da die Leiber der Griechen und Römer für uns gar nicht mehr sinnlich und ganz aus unserm Gesichtskreis hinaus sind. Ihre Gestalten bildeten sich in dem Leben ihrer Republiken, und ihre Glieder auf Ring- und Kampfplätzen. Ihr Verstand und ihre Weisheit und Dichtungen teilten sich durch Gespräch und Gesang mit; dies allein gibt schon andre Gesichtszüge und geschwelltere Muskeln an Lippen und Gurgeln, die wir gar nicht mehr sinnlich fühlen. Was haben unsre Künstler nach dem Raphael und Correggio und Tizian, nach Andrea del Sarto und Rubens, Van Dyck und Rembrandt hervorgebracht, die die Natur studierten, mit ihrem Abkonterfeien der Antiken! Mit allen Akademien und neuern gepriesenen Anstalten die Fürsten, die der enthusiastische Lärm Winckelmanns aufjagte? Elendes jämmerliches Zeug, Unsinn, der jeden gescheiten und vernünftigen Menschen jammern und anekeln muß.   81 Es ist eine Kleinigkeit, einen Sokrates von außen auch fürtrefflich zu malen und zu bildhauen, gegen das, herauszuholen, was in ihm steckt.   82 Nur das Wahre ist schön; wenn Franzosen, Spanier, Welsche, Deutsche, Engländer ganz anders aussehen und handeln als Griechen, so ist es ja unsinnig, griechische Gestalten zu machen, die sie vorstellen sollen.   83 Wenn das Altertum die Regel nicht sein soll, so ist gar keine. – Warum nicht? Der gescheiten Menschen ihre, wie zu jeder Zeit; was diese für fürtrefflich finden. Nichts Totes richtet, sondern allzeit das Lebendige, und der Vatikanische Apoll ist kein Gesetz der zwölf Tafeln.   84 Ich weiß nicht, warum man beim Raphael allezeit die Griechen anführt, und daß er die erhabne Seele aus den Griechen habe bilden lernen; seine Apostel und Madonnen doch wahrlich nicht, die sind gewiß sein eigen.   85 Wie falsch: je ruhiger der Stand des Körpers ist, desto geschickter ist er, den wahren Charakter der Seele zu schildern. – Wir Neuern sind von dieser hohen Stille weit entfernt, und unsre Künstler müssen sich gleichfalls davon entfernen, wenn sie der Natur nachwollen. Die jungen Künstler können am wenigsten diese Stille fühlen, daher ihre franchezza; man darf von den Menschen nicht mehr verlangen als sie können. Kometen, Ajaxe ... gefallen mir gerad von ihnen am besten. Diese können sie machen; der Teufel hole ihre ungefühlte, maustote griechische Exerzitien; Signor Abate Winckelmann kann sich daran laben nach Belieben.   86 Winckelmann und die Schar, die nichts in sich selbst haben, sprechen gerad wie die Besessenen, wie Verrückte, wenn sie sagen, man solle bloß die Antiken studieren und nachahmen. Sie machen das Mittel, einige Schönheiten der Natur leicht zu finden, völlig zum Zweck; und malen und zeichnen nicht anders als mit den Gipsgespenstern um sich herum; Ein wahrer Unsinn, als ob etwa die Schönheiten, die im Apollo, dem Laokoon und der Mediceischen Venus stecken, nicht schon da wären. Ihr Einfaltspinsel, die Natur ist reich und unerschöpflich; diese Sachen, die griechische Meister sahen und mit ihrer Kunst festhielten, haben wir schon, und wir wollen etwas anders. Vergrabt euch damit in eure höllische Leerheit, und nagt und geifert euch mit euerm Neid daran zu Tode, damit ihr einmal von uns wegkommt, ihr Ungeziefer, ihr garstiges. Die Freude und der Genuß der Edeln entscheidet in der Kunst, und nicht Pedanten und Schulmeister. Wo habt ihr den Beweis, daß diese und jene Statue die Regel sei? Die Natur ist die Norm, von eben dieser oder jener Statue, und diese ist mannigfaltig und hat Vollkommenheiten von vielerlei Art, ihr ewigen Einerleisrasende! Deswegen werden Arme und Beine keine Ungeheuer werden und doch alles seine gehörige Proportion haben. Und dies ist die Ursache, warum so oft hohe Geister bei einem Gemälde Dinge denken, wovon der armselige Handwerker von Maler nie sein Leben lang eine Spur im Wesen hatte. Alle bildende Kunst ist am Ende bloß Oberfläche. Und dies ist die Ursache, warum wahrhaftig große Menschen unter den Künstlern mit ihren Werken so selten zufrieden waren. Sie konnten nur wenig von dem hineinbringen, was sie fühlten, und dies nicht einmal so rein bestimmt, daß es gerade dasselbe Leben wieder erregte. Ein gen Himmel gekehrtes Auge, nehmen wir das edelste Glied, das am deutlichsten vom Innern spricht, was kann dies zum Exempel nicht für vielerlei ausdrücken? Bei einem Volk von Stummen, da möchten die bildenden Künste in der Tat viel vermögen; denn sie hätten da mehr Natur für sich nachzuahmen. Bei uns andern Menschen aber, die wir den größten Teil unsrer Empfindungen und Gedanken mit der Sprache ausdrücken, wobei sich besonders bei den Edelsten am wenigsten die Gebärden ändern, die, wie Winckelmann und der gescheite Lessing am Laokoon bemerkt, auch bei den heftigsten Gefühlen gar wenig von außen sich regen, läßt sie ihnen vielleicht gerad das Schlechteste übrig, und sie kann oft sowenig von einem Sokrates und Plato, Lykurg und Alexander und Epaminondas darstellen als von einem Pacchiarotti oder einer Gabrieli, oder einem Pugnani und Kramer. Nehmen wir vollends, wie sauer auch dies Schlechteste muß nachgeahmt werden, und welch eine unerträglich mechanische Übung auch für große Menschen dazu gehört, ehe sie es bis zur Vollkommenheit bringen, und daß das meiste Wirkliche der bildenden Kunst jämmerlicher Wust und Unsinn ist, so können wir sie immer stehen lassen. Ihre besten Gegenstände bleiben gewiß die andern Tiere, und Pflanzen, Gras und Bäume; die können sie darstellen, die Künstler, den Menschen sollen sie dem Dichter überlassen. Und also können wir gewissermaßen die Griechen übertreffen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstände machen, die sie verfehlt haben.   87 Von allem, was ich von Mengs gesehen habe, kommt nichts aus Empfindung und geht nichts in Empfindung, alles bleibt bloß im Verstande, Künstlerverstande. Sein Meisterstück zu Rom, das Werk in der Vatikanischen Bibliothek, ist, was schöne Formen anbelangt, vielleicht das Höchste der neuern Kunst; seine Buben sind jugendliche Zaubergestalten, besonders der vom Rücken neben dem Moses, aber sie haben weder natürliche Regung noch Ausdruck, und man weiß nicht, wer sie sind, noch was sie bedeuten; und sie schändet bloße Verzierung. Das Ganze hält ein elender Gedanke, ein armseliges Leben, eine Schmeichelei zusammen. – Und wie sieht der Moses dessen aus, der den des Michelangelo einen Galeerensklaven nannte? Ein vereinsiedelter schwacher Kopf von einem Weisen eher, als der heroische Anführer eines ganzen Volkes aus den Klauen eines Tyrannen, als strenger Gesetzgeber und Gottgeliebter. Viel Aufwand um Nichts oder eine Kleinigkeit, Prunk ohne innern Gehalt. – Schade, daß keine bildende Phantasie eine so fürtreffliche Künstlerhand beseelte! Daß alles von toten Formen, den Antiken herkam, und die ewig lebendige Natur nichts dabei zu tun hatte! Mengs würde als Bildhauer weit größer geworden sein; wenn er nur ein paar von diesen Buben und seine Madonna als Kind den Tempel hinaufgehend zu Caserta ausgeführt hätte in Marmor: sie hätten ihn unsterblicher gemacht als alle seine andern Arbeiten. Aber es wäre doch auch bloße Nachahmung der Antike ohne eigen Leben gewesen; ihm fehlte Gestalt, täuschende Gestalt, die mit innerm Leben ergreift, mit Naturwahrheit, ohne Porträt zu sein, Ideal, das über die Menschheit geht und doch Natur bleibt. Von Buben und Mädchen hat er die Schönheit der Form gefühlt – aber das Leben, die Seele davon hat er nicht sich zu eigen gemacht, er ist nie recht mit ihnen eins geworden; vor lauter Fleiß an toten Formen und eigner Weisheit ward er der Existenz der andern und dessen, was sie individuell regt und bewegt, nicht recht inne.   88 Jede Form ist individuell, und es gibt keine abstrakte; eine bloß ideale menschliche Gestalt läßt sich weder von Mann noch Weib und Kind und Greis denken. Eine junge Aspasia, Phryne, Lais läßt sich bis zur Venus, Diana oder Pallas erheben, nachdem man sich ihre Erziehung dazudenkt und die gehörigen Züge mit heißer Phantasie in ihre Bildungen zaubert: aber ein abstraktes bloß vollkommnes Weib, das von keinem Klima, keiner Volkssitte etwas an sich hätte, ist und bleibt ein Hirngespinst, ärger als die abenteuerlichste Romanheldin, die doch wenigstens irgendeine Sprache reden muß, deren Worte man versteht. Und solche unerträglich leere Gesichter und Gestalten nennen die elenden Schelme, die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen gelernt haben, wahre hohe Kunst, und wollen mit Verachtung auf die kraftvollen Menschen heruntersehen, die die Schönheiten ihres Jahrhunderts mit lebendigen Herzen in sich erbeutet haben.   89 Es ist komisch anzuhören, wie die Leute da und dort schöne oder nicht schöne Frauenzimmer finden; gewiß ist's, daß die hohe wahrhaftige Schönheit von Mann und Weib nur durch den schärfsten Sinn, das edelste Herz und den hellsten Verstand erkannt wird für das, was sie ist; und es gehört dazu die reinste sinnlichste Empfindung von Kindheit an von einem echten Sohne der Natur. In einem eingeschränkten Tal hab ich nie viel Schönheit angetroffen, immer meistens auf Ebnen mit Gebirg umgeben, zwischen Hügeln und Flüssen und Gärten.   90 Alles, was den Sinnen als eine Vollkommenheit vorgestellt zu werden fähig ist, kann auch einen Gegenstand der Schönheit abgeben. Insofern kann das Häßliche in einer historischen Komposition ein schöner Gegenstand sein; und flamändische Natur bei einer flamändischen Szene vollkommner und schöner als griechische sein; denn was ist Vollkommenheit anders als Übereinstimmung mit der Natur, oder Einheit des Mannigfaltigen zu einem Ganzen? Gerad hier steckt der Haken, an welchem bis jetzt alle Philosophen, so viel ich ihrer kenne, und auch Künstler eben aus Mangel an Begriffen gescheitert sind. Alle Kunst muß Nachahmung wirklicher Natur sein, wenn sie täuschen soll, aber sie muß gefallen, wie die Natur selbst gefällt, nur mit dem Fürtrefflichsten. Und dies Fürtrefflichste richtet sich nach Land und Menschen, wo es erscheint. Die Schöpfung aus Nichts müssen wir in der Kunst platterdings den Theologen und scholastischen Weltweisen überlassen; wir haben darin mit den Erdenkindern zu reden und mit irdischen Sinnen. Wir können keinen jugendlichen Ringer-Körper bilden, wenn wir noch keinen gesehen haben, da man mit der größten Fertigkeit im Anschauen in den griechischen Gymnasien noch das höchste Studium der Kunst verbinden und ein glücklich Geborener sein mußte, um einen solchen vollkommen mit Farbe oder Stein für Augen zu liefern, die die Natur kannten. So etwas greift sich nicht aus der Luft und mathematischen Hirngespinsten. Und so ein Klopffechter, so ein Diskuswerfer, so ein Alcibiades, so ein Aristoteles, so ein Pindar, so eine Aspasia und Phryne, dazu gehört nicht ein Blick, und reicht nicht hin eine Übung in der Betrachtung, sondern es muß Gewohnheit, Fertigkeit im Empfinden ihrer Eigenschaften und Schönheiten in der Seele sein. Und so geht's auch unter uns. Wollt ihr Philosophen und Theologen vorstellen, wie Raphael: so haltet euch zu weisen und frommen Männern wie er, und sitzt nicht als eingebildete Fratzen in euren Löchern bei Gipsköpfen.   91 Es bleibt ausgemacht, das Fürtrefflichste in der bildenden Kunst ist das schöne Nackende; mit dem Ausdruck geht's hernach wie bei der Musik: er ist die Blüte der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die Vollkommenheit selbst. – Die Schönheit nackender Gestalt ist der Triumph der Kunst; viel fürs Auge und den ganzen körperlichen Menschen, wenig für den innern. Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht, dazu gehört etwas, was selbst gleich unmittelbar von der Seele kommt und ihrer regenden unbegreiflichen Kraft, Leben, Bewegung. Und diese haben unter allen Künsten allein Musik und Poesie; neigt euch, ihr andern Schwestern, vor diesen Musen.   92 Apollo. Es ist eine Erhabenheit im ganzen, besonders aber im Kopf, die den Menschen ganz niederblitzt. Viel Stärke in der Nase und der übergetretenen Stirn an den Augen. Göttliche Schönheit in allem von den leichten gehörig langen Haaren nachlässig zusammengewunden bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen. Stand und Blick und Lippen voll Verachtung zeugen von seiner Hoheit. So ließ sich sein Ausdruck denken, als er die Familie der Niobe erlegte. Die Fülle der Jugend, besonders an der Brust und dem Unterleibe, ist auf ein Haar abgewogen, wo sie die Schönheit berührt; gerad ihre Blüte. Die Augen sind selig, voll Seele, wie ölicht, leicht aufzutun und zu schließen, zwei halbe Zirkelbogen, die sich groß durchkreuzen von oben und unten. Das einzige, was ich daran auszusetzen habe, ist, daß er mir nicht genug griechische Physiognomie oder wohl gar keine hat, sondern viel mehr etwas Neronisches in seinem ganzen Wesen. Er ist schier etwas hager vor Stolz und sieht mehr ärgerlich als glücklich aus. Nach dem Homer ist er aber doch gewiß gebildet; sein kleiner kurzer Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besonderen Art von Wesen und gibt ihm in der Tat etwas Übermenschliches. Es bleibt gewiß ein erstaunliches Werk menschlicher Erfindung und Phantasie; das Problem ist aufgelöst! Da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hervorgeholt und in zartem Marmor festgehalten für die Melancholischen, die ihr Leben lang nach einem solchen Blick schmachteten. Es ist der höchste Verstand und die höchste Klugheit.   93 Der sogenannte Antinous hat die Gestalt von einem Menschen, der auf etwas sinnt, oder empfindend zur Erde blickt, als ob er sich besinne, zu welchem Mädchen er gehen wolle, und Lippen, Stirn und Wangen sehen recht kräftig und zartnervig und anhaltend im Genuß aus. Eine echte atheniensische jugendliche Schönheit voll geistigen Reizes und süßer lieblicher Hoheit. Die Formen am Unterleibe sind noch nicht ganz heraus, und er muß noch ein wenig im Ringen zusammengeschlungen und im Klopffechten durchwamst werden. Übrigens ein göttlicher junger Bursch, so recht Kernstärke. Die Brust vom rechten Arm schwillt wirklich milchig, und ich kenne nichts verführerischers für ein Weib zur Umfassung. Mit einem Wort: er ist der schönste junge Mensch unter allen alten Statuen. Der Bauch allein ist ein wenig zu flach gehalten; vielleicht verhauen.   94 Der Torso. Ist das höchste von einem Ringerkörper; er ruht und sitzt auf seinem Löwenfell. Schönrer und vollfleischigerer Kernstärke, und alles in lebendigster Form abgewogen mit dem feinsten Wahrheitsgefühl, findet man nichts mehr übrig von alter Kunst. Er senkt die rechte Seite und hatte wahrscheinlich den linken Arm über den Kopf geschlagen. Das Brustbein ist so zart gehalten und mit sanfter Fettigkeit überzogen, daß man es kaum merkt. Brust und Schultern und Stärke vom Rücken herum sitzen über der schlanken Mitte ganz erdrückend und unüberwindlich. Die Schenkel sind lauter Mark. Alles ist an ihm Fluß und Bewegung; und doch ist's der allersanfteste Kontur. Man sieht alle Teile und ihre Kraft und Stärke, und doch tritt kein Knochen scharf hervor. Es ist recht das höchste Vermögen in höchster Bescheidenheit und Schönheit.   95 Der Kopf der Sappho. Ihr Haar ist niedlich in ein Netz gebunden, fast wie die neuern Welschen, außer daß es die Haare fester zusammenhält. Ihre Gestalt zeigt eine der tiefsten Seelen voll Leiden. Ihre Augen haben den Zug einer stillen wehmütigen Träne und damit himmlisch vermischt das Süße eines Venusblickes. Diesem allen entspricht ihr Mund, dessen Lippen voll banger Seufzer zittern; die Wangen ziehen sich ein wenig an den Augenknochen ein, wie nach schlaflosen Nächten; alles zusammen bildet ein herzergreifend erhaben Ganzes voll individueller Natur ohne weiter Ideal.   96 Die Gruppe der Niobe ist augenscheinlich von mehrern und zu verschiedenen Zeiten gemacht. Die besten Figuren sind die Mutter mit der Kleinen, die sich an sie in ihren Schoß flüchtet; eine reizende Gruppe. Die Mutter hat ein königliches erhabnes Gesicht voll natürlicher Gestalt in Wohlleben und kühlen Zimmern bei heißem glücklichen Klima aufgeblüht, weichlich geschwellt, ohne Überladung alles groß und gebieterisch, junonisch. Der Kothurn zeigt das hohe Tragische der Vorstellung. Ihr gleich, wo nicht noch schöner, gewiß reizender, ist die Tochter neben ihr, die in Schrecken verloren aufwärts schaut; ein Bild voll süßer Jungfräulichkeit; das Gesicht hat ganz die Form des der Mutter, augenscheinlich von einem Meister. Unter den männlichen Figuren sind der Tote und einer, der wie drohend schräg aufblickend dasteht, die schönsten. Das Subjekt ist fürtrefflich wegen der verschiednen Stellungen, die der Körper dadurch erhält, und des Erstaunens und Schreckens, das den Gesichtern die Schönheit läßt.   97 Ich weiß nicht, ob die Gruppe Laokoons wirklich so schön ist, als man sie macht; mir kömmt sie immer, je mehr und mehr ich sie betrachte, gekünstelt vor, und wie eine Tanzmeisterstellung, als ob die Schlangen abgerichtet wären, die eine oben herein durch die Arme, und die andre zwischen den Beinen hinaufzufahren und den Vater mit den zwei Söhnchen zu einem marmornen Sonnenfächer gleichsam zu flechten; und damit er einen Stiel hat, so muß der Papa auf den Altar sitzen. Im Gesichte kann ich die Erhabenheit auch noch nicht so überschwenglich finden; und in den Gesichtern der zwei Buben ist ohnedies Grimasse und keine wahre Natur.   98 Mediceische Venus . Erscheinung eines überirdischen Wesens, von dem man nicht begreift, wo es herkommt, denn es hat keine Leiden hienieden ausgestanden. Alles ist zur Vollkommenheit ungestört an ihm geworden. Selbst der schönste und edelste Jüngling unter den Sterblichen muß sich vor ihm niederwerfen: und das höchste, was er verlangen kann, ist ein Moment, nicht Huldigung auf ein ganzes Leben. Schönheit, zur Reife gediehen und gedeihend, noch ungenossen. Das sich regendste Leben wölbt sich sanft in unendlichen Formen hervor und macht eine entzückende Ganze. Adel, für sich bestehend, blickt aus den süßen lustseligen Augen, ein sonnenheißer Blick von Liebesfülle; flammt die Stirn herab, schwebt auf dem Munde, der wie eine frische Knospe aufgeht. Wie der lebendige Geist aus jeder Muskel und jedem Glied hervortritt und schwillt, und doch sanft, gibt ihr die höchste Jugendfülle ohne überlästige Fleischheit; und das ist das echt griechische. Die Mitte des Oberleibs ist kräftig und gar nicht dünn; die Schultern sind völlig so breit wie die Hüften und gehen noch darüber hinaus, sanft vom Halse herab gesenkt. Der Unterleib hat zwei zarte Einwölbungen, bis wo die Höhen der Freuden sich heben. Die Schenkel steigen wie Säulen hernieder und verbergen den Eingang der Lust mit einem gelinden Druck. Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen, ohne auszuschweifen. Sie erscheint von der Seite her schmal und von dem Rücken breit; alles Fleisch lebt, und nichts ist leer und müßig. Aus dem Ganzen spricht jungfräulicher Ernst und Stolz, nichts Lockendes; es ist Inbegriff höchster weiblicher Liebesstärke. Sie blickt auf wie eine Jugendgöttin, von den Edelsten angebetet. Und sieht, was es gibt, aus dem Bade, wo sie in den Zweigen etwas von fern rauschen oder sich regen hörte. Die Stellung ist allernatürlichst.   99 Venus Tizians. Eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren, mit schmachtendem Blick, aufs weiße widerstrebende Sommerbett, im frischen Morgenlichte, fasernackend vor innrer Glut von aller Decke und Hülle, bereit und kampflüstern hingelagert, Wollust zu geben und zu nehmen; die, anstatt die Hand vorzuhalten, schon damit die stechende und brennende Süßigkeit der Begierde wie abkühlt, und mit den Fingerspitzen die regsamsten gefühligsten Nerven des höchsten Lebens berührt. Bezaubernde Beischläferin und nicht Griechen-Venus; Wollust und nicht Liebe; Körper bloß für augenblicklichen Genuß. Ihre Formen machen einen starken Kontrast mit der Griechischen. Wie das Leben sich an dieser in allen Muskeln regt und sanft hervorquillt und hervortritt: und bei der Venezianerin der ganze Leib nur eine ausgedehnte Masse macht! Aber es ist schier unmöglich, ein schmeichelnder und sich ergebender und süß verlangender Gesicht zu sehen. Sie neigt den Kopf auf die rechte Seite, sonst liegt sie ganz auf dem Rücken. Das linke Bein in schöner Form ist reizend gestreckt, und das erhobne rechte Knie läßt unten die süße Fülle der Schenkel sehen. Der Kopf hat die Gestalt nach der Natur; ist aber, hingelassen nachdenkend mit dem zerflossenen Körper, matt und wenig gebildet gegen die Griechin. Die Blumen in der Rechten geben Hand und Arm durch den Widerschein bezaubernde Farbe und drücken den Leib zurück. Ihr Haar ist kastanienbräunlich und lieblich verstreut über die rechte Schulter mit einem Streif auf den linken Arm. Der Schatten an der Scham und die emporschwellenden Schenkel davor im Lichte sind äußerst wollüstig, sowie die jungen Brüste. Die großen grünlichtbraunen Augen mit den breiten Augenbrauen blicken in Feuchtigkeit. Sie ist lauter Huld, es recht zu machen in reizender sommerlicher Lage; und gibt sich ganz preis, und wartet mit gierigem Verlangen furchtsamlich auf den Kommenden. Man sieht's ihr deutlich an, daß das Jungfräuliche schon einige Zeit gewichen ist, und sie scheint nur Besorgnis vor mehrern zugleich zu haben wegen der Eifersucht. Tizian wollte keine Venus malen, sondern nur eine Buhlerin; was konnte er dafür, daß man diese hernach Göttin der Liebe taufte? Sein Fleisch hat allen Farbenzauber, ist mit wahrem jugendlichem Blut durchflössen; was er darstellen wollte, hat er besser als irgendein andrer geleistet.   100 Tempelgang Mariä von Tizian. Das größte und fürtrefflichste Gemälde, was Tizian vielleicht je gemacht hat, ist in der Scuola della Carità. Pracht und süßer Zauber für Augen und Seele. Die Geschichte ist, wie die kleine Maria, die Muttergottes, als Kind zum Tempel geht. Der Tempel ist von einer feierlichen majestätischen Architektur. Sie ist oben auf den Stufen und steigt die letzte Treppe hinan, von Glanz umgeben, und ein paar treffliche Priester kommen ihr entgegen. Vor den Stufen unten sind ein halbdutzend Weiber, worunter die heilige Anna im roten Gewände, mit ausgestreckter Rechten nach ihr zeigend, und neben ihr ein Frauenzimmer in herrlichem Wuchs und reizender Stellung in georgianischer Tracht, welche die glücklichste Wirkung mit ihrem weißen Gewande hervorbringt. Auf den Stufen selbst stützt sich ein Kerl auf, dessen Kopf wie wirklich lebendig hervorgeht, und vor der Treppe kniet ein Weib, das neben sich einen Korb voll Eier stehen und auf der andern Seite ein paar Hühner liegen hat; und einen unvergleichlichen Contraposten macht, und die zu einfache Masse der Treppe schön vermannigfaltigt, gleichfalls wie wirklich. Nach einem halbdutzend Weibern kömmt ein Zug Männer, die meisten Porträte, worunter der vorletzte Tizian selbst ist, welcher einem Weib mit einem Kinde ein Almosen in die Hand drückt, ein Kopf von herkulischer Kraft und Tiefsinn und Klugheit. Hinter den Männern steigen zwei Felsen ungeheuer auf, und Land und fernes Gebirg, und von Landschaft hab ich nie etwas gleiches Fürtreffliches bei einem andern Meister gesehen; es erhebt die Seele und führt sie weg auf die höchsten Gipfel der Alpen in die ewige Heiterkeit. Der Tempel oben ist voll Zuschauer. Mit einem Wort, es ist das vollkommenste Meisterstück der Malerei zu Venedig, was Farbenzauberei und Lieblichkeit der Vorstellung betrifft. Die Ermordung des Peter Marterer steht nur durch den tragischen Ausdruck und Hoheit der Geschichte darüber. Diese zwei Stücke setzen den Tizian unter die ersten Meister, die je gelebt haben.   101 Landschaften von Tizian . Sie erheben die Seele mit ihrer Lebhaftigkeit, und alles strebt himmelan. Sein heiliger Hieronymus mit dem Löwen, welch ein prächtig Bild! Der Felsen wie herrlich, die Löwen wie natürlich! Die lebendige einsiedlerische Natur rechts wie schön.   102 S. Giorgio Maggiore. – Im Speisesaal ist das berühmte Hochzeitsmahl von Paul Veronese; ein Stück von viel Laune, und die Geschichte ist darin erzählt wie eine spanische romantische Novelle. Christus mit seinen Aposteln als das Unbekannte sitzt am Tische im Mittelgrunde, und unbedeutend, bloß deswegen, weil er dasein muß. Die Hauptfiguren sind ein Tisch mit Spielleuten, die auf lieblichen Instrumenten Musik machen. Paul spielt eine Viola d'Amour, Tizian den Baß, Bassano, Tintoretto andre Instrumente. Sie sind meisterhaft gemalt, haben treffliche Gestalten und passenden Ausdruck und schön drapiert. Am Tische der Braut ist eine Sammlung der ersten Menschen seiner Zeit; alles voll Chronikwahrheit und Laune; sie müssen ihm das Drama aufführen. Die Luft im Hintergrunde ist gar leicht und heiter und schier Claudisch, so meisterhaft ist sie gemalt und so wohl hat sie sich erhalten. Architektur und Gefäße und Speisen verzieren sehr gut. Die Beleuchtung ist etwas verwirrt, breitet aber doch das Stück auseinander und scheint sehr natürlich.   103 Raphael bei den Nonnen zu Monte Luce (Perugia). Himmelfahrt und Krönung der Maria. Die Jünger, zwölf Apostel, finden den Sarg voll Blumen, Nelken und Jasminen, während sie oben ihr Sohn mit Engeln empfängt und krönt. Madonna ist eine der frischesten weiblichen Gestalten, voll Matronenreiz und edlem Ernst und heißer wunderbarer Empfindungen der Seligkeit, noch im Taumel neuer Gefühle wie vom Erwachen. Sie faltet die Hände kreuzweis an die Brüste und blickt durchaus gerührt mit entzücktem Aug auf ihren Sohn. Ihr Gesicht ist im Profil gehalten; man sieht ganz die rechte Seite und vom linken Aug nur den heißen Blick, große schwarze Augen, weit aufgeblickt mit vielem Weiß, und ein zarter schwarzer Bogen Augenbraue, und Kastanienhaar unter dem langen grünen Schleier. – Christus ist feurig im Gesicht wie ein sonnenverbrannter Kalabrier aus seinem starken Bart um die Kinnbacken; und sein ausgestreckter rechter Arm voll Kraft und Nerve, womit er ihr den Kranz aufsetzt. Der Engel mit Blumen in der Rechten an ihm hat einen Kopf voll himmlischer Schönheit, sonniglich entzückt; es scheint ihm überall Glanz aus seinem Gesicht hervorzubrechen. – Die Auffahrt geschieht ganz gemach auf einer dunkeln dicken Wolke mit lichtem Saum und hat nicht das leichte Schweben wie in andern Gemälden davon; aber eben dadurch gewinnt die Handlung Natur und Majestät. Raphael hatte eine sehr reine klare Empfindung, die ihn minder fehlen ließ als andrer scharfer Verstand. Je länger man den Christus betrachtet, desto mehr findet man etwas übernatürlich Göttliches, das sich nur gütig herabläßt; das Demütige der Madonna stimmt einen nach und nach dazu. Es ist etwas erstaunlich Mächtiges und Gebieterisches in seinem Wesen, das mehr im Ausdruck liegt als in der Physiognomie; wunderbare Strenge und Güte miteinander vereinbart. – Es gehört unter das Höchste, was die Malerei aufzuzeigen hat, diese Mutter und dieser Sohn, und die vier Engel um sie her; und ich kann mich nicht von der Herz und Sinn ergreifenden Wahrheit und Hoheit wegwenden. Die zwei Hauptfiguren sind ganz wunderbar groß gedacht, in der Tat pindarische Grazie und des Thebaners Schwung der Phantasie bis in die Draperien, die mächtige Falten werfen. – So kräftig hat er nichts anders gemalt; und nirgend anderswo sind seine Formen so vollkommen reif, stark in der Art Schönheit, die ihm eigen war. Die Apostel unten sind schwach und matt dagegen, und nur wie verwelkend sterblich Fleisch, des Kontrasts wegen; aber durchaus vortreffliche Männergestalten, besonders Petrus und ein andrer im Vordergrunde, in Bewegung und Leben.   104 Cäcilia. Die Idee ist schön, rein getroffen und lebt ewig da; entzückende Empfindung von Engelsgesang wallt in seliger Stille aus allen Gesichtern, am heiligsten und innigsten und reinsten aber in der Cäcilia, die sich ihr so ganz hingibt. Paulus hat sie schon oft gehört und fühlt sein Glück vom neuen in tiefer Betrachtung. Die andern lauschen in Verwunderung ohne Grimasse. Nichts Gekünsteltes. Unten liegt die Laute, Flöte und Dreiangel und die welsche Handtrommel, Zimbeln. Die majestätische heilige kleine Orgel, die ihre Frömmigkeit erfand, hat sie allein noch in der Hand behalten. Oben tut sich der Himmel auf, und die Engel singen fleißig und erbaulich nach Noten. Alles so in Frühlingsblüte hervorgegangen. Was Paulus mit seinem bloßen Schwert da will: mag das Costum entschuldigen. Der Johannes wirft ein wenig ein zu zärtlich empfindsam feurig Auge auf die Heilige. Paulus, der Bischof Augustin und sie sind drei herrliche Köpfe. Das Mädchen linker Hand schaut ganz natürlich auf die Zuschauer mit ihrem Ölfläschchen. Die Gewänder sind gut geworfen und ziemlich ungesucht. Das schönste daran bleibt die Idee und die herrliche Zeichnung; man weiß und sieht und muß fühlen, was das sagen will. Die Köpfe stehen freilich beinah in einer Reihe, aber warum sollen sie's nicht, da es ganz natürlich ist; wozu den albernen ewig einerlei Malerwohlstand mit aller seiner eingebildeten Mannigfaltigkeit? Das Kolorit ist nun nicht besonders; alle Köpfe haben fast einerlei Farbe, die Cäcilia sieht fast so braun aus als Paulus, doch sind es Menschen aus der Natur, der Charakter macht sie allein so verschieden, daß man nicht darauf achtet. Cäcilia hat ein weißbräunlich griechisch Gewand. Das andre Frauenzimmer zur linken ein blau weißlicht, und Paulus ein grünes, mit einer roten Art von Mantel. Vom Johannes guckt nur der Kopf mit dem Hals hervor, und der Bischof ist in seinem Ornat. Der Charakter der Cäcilia ist ganz göttlich; die festeste Entschlossenheit, auf dem Weg zum Himmel zu bleiben, blickt durch und durch in den sprechendsten wie von Kindheit an gewachsnen Zügen. Das Entzücken hebt ihr die Brust auf, und drängt den Kopf nach dem Nacken und auf die linke Seite; sie läßt beide Hände mit der Orgel auf die linke Hüfte sinken; und die großen braunen Augen mit vollem hervorgehendem Weißen blicken seelenwarm auf gen Himmel. Ach, wie alles bei dem Menschen so wahr ist, was da sein soll! Man vergißt dabei ganz den Mangel der Malerzieraten der andern, womit sie allein prangen. – So ein Mädchen läßt sich nicht verführen, ob sie gleich Engelsgesang durch und durch dringt. So etwas kann nur angebornes Wesen vereinigen; wer dies nicht glaubt, der versuch es einmal mit bloßer Kunst.   105 Die Herrgötter von Michel Angelo könnt Ihr freilich nicht in der Welt gesehen haben: aber gibt's in der neuern Kunst erhabnere Gestalten? und entsprechen sie nicht doch alle dem, was der gemeine Mann bei uns sich als Zauberer vorstellt? – Das Erhabne schlägt ein wie ein Wetterstrahl, und berührt am ersten die großen Seelen. Die Propheten und Sibyllen sind lauter mächtige Charakter in Feuer, Eifer und Begeisterung. Und im Jüngsten Gericht verdammt Christus streng, droht die Sünder majestätisch mit aufgehobner Rechten fort; indes die zärtliche Mutter mit angelegten Armen und Händen an die Brust die Seligen heraufwinkt; und es ist ein Spiel der Phantasie, wo der menschliche Körper in allen möglichen Stellungen wunderbar sicher ausgezeichnet ist.   106 Der größte Meister der neuern Zeit ist Michel Angelo an Richtigkeit im Nackenden und Erhabenheit seiner Denkungsart. Doch hat er kein Gefühl für schöne Form gehabt, und ein elendes Auge für Farbe, und war gar zu arm an Gestalt. Er hatte wenig Gemeinschaft mit andern Menschen und wußte also auch wenig, was sie freut. Raphael war lauter Herz und Empfindung und eine Quelle von Leben und Schönheit, wie's wenige Sterbliche waren. Edel, und liebenswürdig und bereit, von seiner Fülle mitzuteilen für jedermann, hat er die Gunst und Liebe und Bewunderung von dem Kern der Menschheit erhalten. Alles Nackende, was zu unsern Zeiten am Menschen sichtbar ist, hat er in seiner Gewalt. An Gestalt ist keiner reicher als er, und darin fühlt er einige Gattungen von Seelenschönheit aufs lebendigste. Die Farbe war ihm zu sehr Oberfläche; im Nackenden hat er zuweilen ihren Reiz gefühlt und übergetragen. Sein Fehler ist seine Gefälligkeit überall, auch wo sie nicht sein soll. Es scheint, als ob er nie ein widerwärtig Gesicht recht habe ansehen können; in seinen Köpfen vom Attila und Heliodor ist Grazie und Gefälligkeit. Die Charaktere, die für sich bestehen, einen Apollo, einen Herkules und diesen ähnliche hat er nie erreicht. Sein Nackendes an den Teilen, die man nicht sieht, ist wie aller andern Neuern meist Abschrift eines Modells, doch freut einen darin seine feste Hand. Die vollkommensten unsrer Antiken kennt er nicht; und sein Fürtrefflichstes ist wahrlich nicht das Wenige, worin er sie nachgeahmt hat. Sein Nackendes, wenn er sich auch noch so sehr geplagt hat, freut einen nicht; es ist nicht wieder andre Natur geworden. Bis auf Arme und Beine und Hände und Füße, die er in Gewalt gehabt hat. Seine Eva über der Theologie hat etwas recht verführerisch Wollüstiges im Gesicht, besonders ist der Blick ganz bezaubernd; doch scheint sie mir etwas zu schlank. Sonst ist sie durchaus schön und reizend, und diese Figur hat ihm gewiß nicht wenig bei seiner Geliebten gekostet. Man muß gewiß erstaunen über die große Anzahl seiner Werke bei so kurzem Leben und seinem Hange zur Wollust; besonders wenn man das meiste so gefühlt und ausempfunden sieht. Bei bloßer Manier und Fabrik läßt sich große Anzahl leicht begreifen, wo arme Sünder denselben Puppenkram, den kein Vernünftiger mehr erblicken mag, nur in andre Stellungen versetzen: aber alles Vollkommne, aus der Natur hergeholt, will reine volle Seele und kostet Anstrengung. Raphael hat sich innig, von zarter Kindheit an, als einzig liebes Künstlersöhnchen voll frischer Kraft selbst zum Maler in der Einsamkeit und beim Leben in der Welt gebildet und früh sich angewöhnt, Gestalten und Bewegungen derselben sich in der Phantasie zu sammeln und vorzustellen; und diese Übung und Gewohnheit ist nach und nach bei ihm zur stärksten Fertigkeit geworden. Seine Hand hat er gleichfalls geübt, wie Auge und Phantasie, und dabei seines Geistes Sphäre erweitert; und so ist der göttliche Jüngling zum Vorschein gekommen. Die Hauptsache, worin er alle übertrifft, bleibt eben die vollkommne Fertigkeit, sich Gestalten vorzustellen, die Grund in der Natur haben, mit Zweck und Absicht. Daher die wunderbare Menge seiner Gemälde. Das höchste in der Malerei, Gestalt, wobei sich andre, zuweilen die scharfsinnigsten Köpfe, vergebens abmartern, war sein leichtestes, ging von ihm aus wie Quelle. Aber doch sieht man bei seinen Kompositionen deutlich allemal die Figuren, wo er sich angestrengt und die wirkliche Natur nachgeahmt hat. Er besaß einen gar guten Volksverstand und dachte und empfand bei jeder Geschichte gleich das natürlichste; und seine Gestaltenphantasie, und sein kernhafter Stil, wo alles bestimmt ist, macht das Ganze gleich lebendig. Nach diesem allen sehe ich mich doch genötigt, ein Gegenlied von dem Lobe anzustimmen, was ich dem Papst Julius gab. Es war ein Glück für Raphaelen, daß dieser seiner Kunst Arbeit verschaffte, und vielleicht auch keins und das Gegenteil; denn dadurch ist er fast zum bloßen Kirchenmaler geworden. Das einzige große Werk außer seinen theologischen Gemälden und Porträten ist die Geschichte der Psyche in der Farnesina; und diese gehört, einzelne vortreffliche Figuren ausgenommen, nicht unter sein Bestes. Die Götter und Göttinnen darin machen einen großen Abstand gegen die Antiken. Jedoch muß man zu seiner Entschuldigung sagen, daß er das vom Apulejus so kostbar erzählte Märchen schier lucianisch behandelte; das Ganze ist ein Malerscherz und stellt ein kokettes Weib vor, welches keine reizende Schwiegertochter haben will, und sie endlich haben muß. Er und seine Schüler scheinen überdies sich auf Kosten des reichen Kaufmanns Chigi von Siena, der aus verschwenderischer Pracht bei einer Mahlzeit für Kardinäle und Prälaten die silbernen Gefäße, so wie sie abgetragen wurden, in den vorbeifließenden Tiberstrom werfen ließ, sich mehr nur einen Zeitvertreib gemacht zu haben, als daß ihnen, von der vatikanischen Strenge her, die Arbeit Ernst gewesen wäre; und der welsche Amsterdamer mußte ihm dabei noch ein Zimmer für seine Geliebte einräumen, damit er sie allemal gleich bei der Hand hätte, sooft ihm die Lust unter den wollüstigen Zeichnungen der nackenden weiblichen Gestalten zu ihr ankäme. Die Allegorie mit den Liebesgöttern ist das sinnreichste; Venus und Psyche übrigens einigemal bezaubernd; Zeus und Amor beisammen griechisch empfunden; Merkur und die Grazie vom Rücken Meisterwerk. Und Johann von Udine hat bei seinen Blumen einen himmlischen Frühling genossen. In seiner Galate neben diesem Saal ist die Zärtlichkeit und Empfindung der ersten Liebe ausgedrückt; sie hat viel Unschuld im Blick, aber noch etwas unreifes in der Gestalt, und ihr Gesicht ist noch nicht so klar und rein, wie zum Exempel die Köpfe in der Verklärung. Die drei fliegenden Bübchen schweben reizend in schönen Umrissen. In den Stanzen sind zwar einige Gemälde, die nicht zur Kirchengeschichte gehören: allein er mußte die Personen darin doch dem Orte nach so fromm behandeln, daß sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Athen für die Apostel Petrus und Paulus ansah, und ein andrer Unwissender dieselben mit dem Heiligenschein in Kupfer stach. Sein Parnaß würde vermutlich in einem Saale von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden sein. Und wie sind die Zimmer alle an und für sich schon schlecht beleuchtet und angeordnet, mit Malerei überladen! Man sollte fast denken, der Halbgott habe den größten Teil seines Lebens mit seinen Schülern hier gefangen gesessen und einem theologischen Tyrannen zu Gefallen alle Wände voll gepinselt, um ihn zur Erlösung zu bewegen. Raphael hat durch den Druck äußerst wenig und vielleicht nichts gemacht, wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefühlen und Neigungen und Erfahrungen ins Spiel gekommen wäre, wo die Sonne seines himmlischen Genius ganz auf einen Brennpunkt gezündet hätte. Es ist zwar wahr, aus der freiesten und schlüpfrigsten Szene der Welt kann der Künstler eine Gestalt in das frömmste Gemälde übertragen; allein es geschieht doch allemal mit Zwang, der, anstatt daß eine Begebenheit aus der profanen Geschichte oder Fabel die Phantasie erhöbe und begeisterte, die eigentlich lebendigen Züge verwirrt und verunstaltet, so daß sie ihre beste Kraft verlieren. Es bleibt ausgemacht: Das Element der großen Geister ist die Freiheit; und wer sie unterstützen will, muß diese ihnen erst gewähren. Aller Zwang hemmt und drückt die Natur, und sie kann ihre Schönheit nicht in vollem Reize zeigen. Deswegen die Athenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der höchste Gipfel der Menschheit.   107 Giulio Romano. Giulio war ein junger Römer, voll Kraft und Pracht und Herrlichkeit, der zu viel Feuer und Leben und Ungeduld hatte, um ein vollkommner Maler zu sein. Aus dem Lobe, das er ein paar Stücken von Correggio erteilte, erkennt man, daß er wohl wußte, was ihm fehlte; aber er wollte seiner Natur keine Tortur antun und frei und glücklich leben, und hatte völlig recht. In Rom folgte er bloß dem Raphael mit der anhänglichsten Gelehrigkeit, und man sieht aus allem, daß er ihn auf das zärtlichste liebte und verehrte. Er war nicht älter als einundzwanzig Jahre, als dieser starb; Raphael nahm ihn also als einen zarten Buben, wie von der Straße, zu sich. – In Rom sieht man weiter nichts von ihm als Schülerarbeit, wobei er sich rechtschaffen mag gequält haben: die Schlacht Konstantins war allein noch nach seiner Neigung; und dies ist auch am besten geworden. Man betrachte sie als die Arbeit eines jungen Menschen von einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahren, und man wird ihn gewiß hochschätzen und liebgewinnen. Die Geißelung Christi zu S. Prassede war ein Vorwurf, dem er nicht gewachsen war; was konnte er anders tun, als einen Tropf hinstellen, der sich ausprügeln läßt, und eine Menge Zuschauer unter und auf Hallen von prächtiger Architektur. – Wie er nach Mantua kam, überließ er sich ganz seinem Naturell; und hier erst lernt man ihn kennen. Dies geschah im November 1524. Der Marchese Friedrich Gonzaga, ein prächtiger wollüstiger Fürst, war auch gemacht, sein Patron zu sein. Das erste war gleich der Palast del Te. Von den Malereien in den Zimmern kann man mit Recht sagen, daß Giulio sein Mütchen gekühlt und seinen Genius hat austoben lassen. Es ist eine wahre Lust, die Werke dieses jungen kräftigen wollüstigen glücklichen Römers in Überfluß und Liebe und Freude hier zu betrachten. Alles sprudelt von Leben und Feuer. Mit seinen Farben die Sachen langsam und geduldig bis zur Natur treiben, war ihm zu dieser Zeit gewiß Marter und Höllenpein gewesen; auch hat er dies kaum hier und da nur versucht. Verschiedne von diesen Vorstellungen sind platterdings bloß erster Einfall, und gänzlich unverdaut; wohin zum Exempel sein so berühmter Gigantensturz gehört. – Im Zimmer der Psyche aber hat er alle seine Kraft angewendet. Die ganze Geschichte ist am Gewölb Stück für Stück nach dem Apulejus vorgestellt, worunter ganz fürtreffliche Bilder. – Für alle diese Sachen war Giulio voll Natur und Leben; hätte er nur mehr Geduld und Praktik in der Farbe gehabt, und sich mehr auf Wahrheit und Verschiedenheit der Gestalt gelegt: so wäre er gewiß einer der ersten Meister geworden. So aber hat er die Malerei nur flüchtig getrieben und sich meistens mit Bausachen abgegeben. Das größte Meisterstück von Giulio, was er in seinem Leben gemacht hat, ist ohnstreitig la sala di Troja nel Castello ducale. Hier war er recht in seinem Element und folgte dem Homer in seiner Begeisterung. Unter diesen Bildern sind viel klassische Figuren voll Schönheit in der Form der Teile und den Konturen; die Gruppen sind meistens mit wunderbarer Erfindungskraft ausgedacht. In den mehrsten ist die Zeichnung recht ausgefühlt und auf das Meisterhafteste vollendet. Weder Algarotti noch Mengs müssen diesen Saal zu sehen sich die Mühe gegeben haben; denn sonst hätten sie gewiß kein so schiefes Urteil über ihn gefällt. Er gehört unter das Fürtrefflichste, was die neuere Kunst aufzuzeigen hat. Es ist gewiß die genievollste Nachahmung der Alten.   108 Das Wichtigste, was man in Mailand von Kunstsachen jetzt zu sehen hat, ist ohnstreitig das Nachtmahl von Leonardo. Wie es frisch war, muß es gewiß erstaunliche Wirkung gemacht haben. Die Gestalten alle sind verschieden, und jeder Apostel hat nach seinem Charakter gehörigen Ausdruck; es sind sehr herrliche Köpfe darunter; besonders aber macht der Judas einen frappanten Kontrast mit allen andern. Der zur Linken Christi, der die Hände ausbreitet, ist fürtrefflich. Christus selbst tut wenig Wirkung, doch stört er nicht. Das Gemälde ist sehr verdorben worden durch Ausbessern. Die Köpfe linker Hand sind ganz matt. Der beste Kopf bleibt immer Judas; Johannes sinkt in Ohnmacht. In Öl gemalt, über Lebensgröße die Figuren. In der Kirche delle Grazie selbst ist ein hohes Meisterstück von Tizian. Die Gruppe an und für sich selbst macht eine feurige heroische Farbenmusik. Christus wird mit der Dornenkrone gekrönt und geschlagen. Seine Figur ist das kräftigste und lebendigste von Kolorit, und die starken Schatten sind ganz anders angebracht noch und machen weit natürlichere Wirkung als in der Petronilla vom Guercino, und beim Michel Angelo da Caravaccio. Die Beine und Arme Christi sind ein wahrhaftiges Meisterstück.   109 Zu Maria Vittoria einen Mantegna gesehen, der unter die seltensten und fürtrefflichsten Gemälde von Italien gehört. Die Madonna sitzt mit dem kleinen Jesus im Schoß stehend auf einem Thron, der reizend mit einer Laube von Früchten umflochten ist; wodurch in der Höhe eine Schnur Korallen und ein ganzer Ast in der Mitte von diesem Seegewächs hängt, gerad über ihrem Haupte. Es ist zum Erstaunen, wie wahr und frisch das Grün und die Früchte von allerlei Art gemalt sind, und wie vollkommen sich alles erhalten hat. Hinter der Madonna stehen auf beiden Seiten zwei alte Krieger; einer mit einer Lanze in der Hand, der andre mit einem Kreuz, wie ein Feldzeichen. Neben diesen vorwärts stehen zwei junge, geharnischte Männer mit bloßen Schwertern in der Hand, welche den blauen Mantel der Madonna halten und ausbreiten. Zur Linken kniet die heilige Elisabeth und neben ihr zur Rechten steht der kleine Johannes; und unten am Thron kniet ein Held aus dem Hause Gonzaga, geharnischt und mit zusammengelegten Händen anbetend. – Die Köpfe haben treffliche Gestalt und sind voll Wahrheit; die meisten gewiß Porträte. Die Madonna hat viel Hoheit und Heiterkeit und frohe Güte, in der Tat Reiz. Die zwei alten, bärtigen Krieger machen einen herrlichen Kontrast mit den zwei vordem Jungen; die junge Madonna mit der alten Elisabeth. Und nichtsdestoweniger nimmt sich der siegende Held, obgleich kniend und anbetend, fürtrefflich als Hauptfigur aus. Die grüne Laube voll Früchte wirft eine äußerst ergötzende Lieblichkeit über das Ganze, und die blaue Luft mit weißflammichten Streifwölkchen spielt freudig dazwischen. – Dieses Bild hat mir recht innige Freude gemacht; es ist so viel Naivität und süßes Religionsgefühl und zugleich kriegerisches Wesen der damaligen Zeit darin. Ein echtes Kernstück, das das Gepräge der damaligen Sitten und Denkungsart recht an sich trägt.   110 Der Bellino zu S. Zaccaria ist ein sehr interessantes Stück für die Geschichte. Die Venezianische Schule hat einen sehr braven Vorsteher gehabt. In den Figuren ist eine ähnliche Art Stil wie bei Peter von Perugia, nur noch mehr Wahrheit und etwas Größeres. «Welch ein Kopf ist hier der Alte linker Hand! er würde Tizianen selbst Ehre machen, so kräftig ist er gemalt und so warm und feurig.   111 Es haben wohl wenige die Theorie ihrer Kunst so innegehabt unter allen Malern und Bildhauern als Albrecht Dürer. Welch ein erstaunliches Studium findet man nur in seinem Werk von der Proportion! Er wußte aufs klarste, worin das Wesentliche der Schönheit besteht, aber er hatte nie die erhabnen Menschen, einen Alkibiades, Perikles, Plato, Pindar, und keine Aspasia, Lais und Phryne gesehen. Das Hohe in aller Kunst hängt gar zu viel von Glück und Zufall ab; wir können das Lebendige nicht anders nachbilden, als bis wir es entweder selbst gelebt oder mit unsern Sinnen in ergreifender Wirklichkeit empfunden haben.   112 Jedes Gemälde ist im Grund weiter nichts als ein Titel von einem Buch, das der Anschauende selber machen muß; und dies wird gut oder schlecht, nach dem der Herr ist. Der Maler kann höchstens nur die Hauptkapitel dazu andeuten; und der Kenner nur sehen, ob er Verstand und Auge für Schönheit der Gestalt und Farbenmusik hatte.   113 Man muß sich bei den bildenden Künsten beizeiten angewöhnen, platterdings nicht mehr zu sehen als da ist; und dies hält schwerer als mancher glaubt; ohne dies wird einer nie darin ein guter Richter. Daher sehen unsre jungen Phantasten und alte Phantasten in einer Vignette Wunderdinge, wo oft kaum ein Zügelchen von dem steckt, was sie vorstellen soll; daher fiel Winckelmann bei jedem mittelmäßigen Apollo ein alles, was er von diesem Gotte bei Homern und Pindarn, Junius gelesen hatte, und er goß es dithyrambisch aus, und allen Narren kam dabei eine Gänsehaut über den Leib. Die Malerei und Bildhauerei soll so viel wie möglich die Sache selbst und nicht bloß Zeichen sein.   114 Wenn ich Landschaftsmaler wäre, malte ich ein ganzes Jahr weiter nichts als Lüfte und besonders Sonnenuntergänge. Welch ein Zauber, welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel und Wolkenformen und heiterm Blau! Es ist die wahre Poesie der Natur. Gebirge, Schlösser, Lusthaine, immer neue Feuerwerke von Lichtstrahlen, Giganten, Krieg und Streit, flammende Schweife wechseln immer mit neuen Reizen ab, wenn das Gestirn des Tages in Brand und Gluten untersinkt.   115 Morgen von Claude. Der Wellenschlag strahlt und glänzt grünlich und ist unmittelbar nach der Natur mit Farben aufgetragen. Das Dunkel linker Hand, mit der kleinen Erdzunge in die See hinein, dem Türmchen und Bäumchen tut trefflich wohl, samt den Schlagschatten übers Wasser, und erhebt den fernen Glanz. Der hohe Baum rechter Hand im Vordergrunde ist von entzückender Schönheit, samt den lichten Reflexen von dem Gebäude an dem Wasser. Die Luft mit dem Glanz und Duft vom Aufgang, die weichenden Wolken und das Dunkelblau herüber göttlich. Herrliche Luftperspektiv am Himmel und auf der Erde. Zwei kleine Claudes; überall schöne Lagen und Gefühl der Liebe. Die Flucht nach Ägypten ist ein solcher Glanz von Schönheit einer Gegend mit waldigem Gebirg, Brücke und Wasser, daß man es kaum ansehen kann.   116 Claude Lorrain ist der größte unter allen wegen der Luftperspektive und der Wahrheit der Lokalfarben und Beleuchtung. Jede seiner guten Landschaften ist ein schönes Himmelszelt mit einem paradiesischen Boden. So geht es auseinander nach und nach, gerad wie in der Natur, vorn hoch und hinten niedrig der Raum zwischen Himmel und Erde; eine weite Strecke auf wenig breitem Raume, eine daliegende Fläche mit Hügeln und Tälern und Wald und fernem Gebirg, mit Flüssen und Seen, und Brücken und hohen Bäumen und Gebäuden und Tempeln, auf einem Stückchen hoher Leinwand, breit wie eine Ebne hingemalt für den getäuschten Blick, hingefühlt ohne Auslassung, ohne Lücke und Mangel, wie die Griechen taten. Welch ein Meisterstück seine Landschaft bei Altieri, bei Doria, bei Colonna!   117 Von der Natur, die ich bis jetzt genossen habe, gibt mir alle Kunst nur wenig wieder. Sie ist ein Gaukelspiel für die Unglücklichen, die von ihrer Geburt an gleich zu hart in den Banden der Gesellschaft liegen und hernach aus Gewohnheit ihre Kraft und Fähigkeit ihr Leben lang verträumen. Ich begreife selbst kaum, wie ich so lange so ernsthaft mich damit habe beschäftigen können; aber Lob und Schönheit bringt den Mann außer sich, geschweige den Jüngling.   118 Alle bloß bildende Kunst macht auch den geistreichsten Besitzer über kurz oder lang zum Tantalus. Das schönste Bild, sei's auch eine Venus von Praxiteles, wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft, es regt und bewegt sich nicht und verwandelt sich nach und nach wieder in den toten Stein, oder Öl und Farbe, woraus es gemacht war; und für den lebendigsten Menschen am geschwindesten. Ich glaube, daß, wenn die goldnen Zeiten der Griechen länger gedauert hätten, sie endlich alle Statuen würden ins Meer geworfen haben, um des unerträglich Toten, Unbeweglichen einmal ledig zu werden. Und so finden wir auch zu Rom, daß die aufgeheitertsten Kaiser, Antonin und Mark Aurel, des steinernen Volkes wirklich schon satt waren. Und so ist alles steinerne und gemalte Volk bei den neuern Römern bloßer Prunk, und man sieht es den Besten an, daß sie dessen von Herzen satt sind. Die Natur übt ihr Recht aus und zeigt ihnen mit Gewalt, daß es doch nur eitel Träumerei ist.   119 Unser Leben ist kurz: wer uns ein Ganzes täuschend am geschwindesten in die Seele bringt, erhält den Vorzug. Ein Dichter muß dem Maler immer in Schilderung körperlicher Gegenstände unterliegen; und gerade so geht's dem Maler im Gegenteil mit Handlungen. Nichtsdestoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkürlichen Zeichen über alle ihre Schwestern hervor. Kein Maler kann die Größe der Alpen, das unendliche Meer, den unendlichen Himmel schildern auf seinem Läppchen Leinwand; und kein Tonkünstler Kanonenschall, Donner und Orkan, ob er gleich das seelenergreifendste Mittel unter allen hat, da das lebendigste, woraus wir bestehen, selbst Luft und Feuer ist. Die Musik überhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus und wirkt mit bloßen verschiednen Arten von Bewegung, die von der Materie nur den Punkt zu ihrem Aufflug nehmen und durch ihre Proportionen Empfindungen erregen; und ich glaube schier nach dem Pythagoras, daß das eigentliche Element, worin die Geister existieren, reiner Klang und Ton ist. III Musik und Musiker 120 Heilige Luft, Gottheit der Musik, wie oft haben mich deine Zaubertöne schon entzückt! Inniger als die lieblichen Farben des Phöbus! Dir will ich einen Tempel bauen auf den lebendigsten Höhen des Ätna, und die Vögel des Himmels, die Tiere der Erde und die Fische des Tyrrhenischen Meeres sollen auf meine Kapelle lauschen.   121 Ich kann Ihnen jetzt, da ich schreiben muß, wie nur die Feder laufen will, unmöglich die Wirkung beschreiben, die dieses große, nie gesehene Schauspiel gleich zum Willkommen auf mich machte; und noch viel weniger jetzt und allezeit den Himmel und die Seligkeit aus Herz und Phantasie in Worte fassen, die die Jungfrauen in der Kirche della pieta mit ihren süßen Kehlen und Flöten und Geigen und Waldhörnern, anderthalbe Stunden lang, immer eine Stimme in den Arien nachtigallenartiger als die andre, in mich zauberten. Keine Kunst trifft doch so unmittelbar die Seele, wie die Musik; und es ist, als ob der Ton mit ihr von gleichem Wesen wäre, so augenblicklich und ganz vereinigt er sich mit ihr. Malerei, Bildhauerei und Baukunst sind tot gegen eine süße Stimme oder überhaupt schon gegen reinen Klang. Dieser ist das sinnlichste, was der Mensch vom Leben fassen kann.   122 Meine unaussprechliche Lust hier sind hauptsächlich die Sirenenkehlen und die schönen Augen und herrlichen Nasen und Gestalten der Venezianerinnen. Wer sagt, in Italien sei keine Musik mehr zu Hause, der muß wenigstens Venedig mit halbem oder zu großem Ohr oder unter einem äußerst ungünstigen Gestirn durchgereist sein. – Stolz kann ich sehr wohl leiden, und jeder, der seine Kräfte recht lebendig fühlt, muß stolz sein, und ist es zugleich mit der Tat: das ist in der Natur; so ist es der Löwe, so war es Alexander und Plato und Phidias; und so darf es Gluck sein; die königliche Eiche kann sich wie keine babylonische Weide gebärden. Aber nichts ist unerträglicher als Nationaleitelkeit; eben weil eine Nation in corpore einen gar zu großen ekelhaften Narren macht. Ich schätze die Teutschen, worin sie groß sind, wahrlich so sehr als einer; und die Franzosen auf der Rhone, und meine Reisegefährten auf dem Mittelländischen Meere mögen Zeuge sein, denen ich verschiedenemal, als diese Materie aufs Tapet kam, die Mäuler so gestopft habe, daß keins mehr hat pipsen dürfen. Aber mit unsern Sängerinnen dürfen wir wahrlich nicht so erschrecklich uns brüsten. Man sollte Mühe haben, in manchen halbdutzend Städten nur so viel auserlesene Sängerinnen aufzustellen, als hier allein in dem einzigen Waisenhause alle Mendicanti sich befinden: eine Marchetti, eine Giuliani, eine Lucovich, eine Almerigo, eine Cassini und verschiedene andre, deren Namen mir nicht beifallen, so gut ich auch ihre Stimmen kenne. Freilich wenn einer nur einmal in die Kirche hineinläuft, so hört er gerad oft nur eine Anfängerin; und das ist mir denn hernach der rechte Beurteiler. Ich wenigstens habe noch nichts von der Art gehört, und ich habe nie geglaubt, daß der Mensch so könne entzückt werden. O wie oft hab ich so eifrig einen Zauberstab in der Hand zu haben gewünscht, um euch alle herbeizaubern zu können! zu der göttlichen Musik, so himmlisch gesungen, und mit einem so guten Orchester, obgleich von lauter Mädchen begleitet! und zu so lieblichen Worten! Ach, wenn meine Slavonierin Lucovich mit ihrer reinen Kehle, die lauter Klang ist, woraus jeder Ton ein süßes Wehen aus dem Paradiese scheint, als Braut aus dem Hohenliede singt: »Veni dilecte veni Anima te suspirat, Languescit, et delirat Maesta expectando te – –« so ist es wahre Seelenmusik, die das Herz ergreift, Melodie, die die Chorden des Lebens in eine gleichschwebende süße Bewegung bringt. Und so sind hier vier Stiftungen, wo es von Sängerinnen voll ist; und die jungen wachsen immer den Ausgelernten heran, und es ist eine Lust, sie sich versuchen, und immer mehr wagen zu hören, gerad wie die jungen Nachtigallen. Außer diesen sind hier vier Operntheater, worinnen das Karneval hindurch täglich gespielt wird; drei für die Opera buffa und eins für die Opera seria. Und hier gibt's Sängerinnen und Sänger, die man die ganze Nacht noch vor Lust und Vergnügen im Traume fort hört; und die einen Vortrag und eine Fertigkeit und Geläufigkeit der Stimme haben, wovon man glauben sollte, wenn man sie hört, daß sie nicht höher steigen könnte; und doch scheinen sie sich vom neuen immer wieder zu übertreffen. Es werden hier jedes Karneval sechzehn neue Opern gespielt. Bei jedem Theater sind gewöhnlich drei Sänger und drei Sängerinnen, und im Durchschnitt gerechnet bei jedem zwanzig Tänzer und sechzehn oder auch zwanzig Tänzerinnen, wenn man noch die drei Komödientheater dazu rechnet, die alle sehr gut besetzt sind, so kann man wohl behaupten, daß kein Ort in Europa, selbst London und Paris nicht ausgenommen, es hierin Venedig gleichtue. Bei der Opera seria allein haben sie zwei Kastraten; der erste, und einer der besten von ganz Italien, ist Pacchiarotti. Ich habe diese unglücklichen Opfer des Ohrenschmauses nie anders betrachtet, als sich selbst spielende Instrumente, aber dieser hat mich manchmal mit seiner leidenschaftlichen Aktion vergessen gemacht, daß er eins war, und ich habe oft im entzückten Ohr gehabt: »O benedetto il coltello, che t'a tagliato li coglioni.« Eine süßere Stimme kann man nun einmal nicht hören; und was der Mensch oder Halbmensch für eine Kunst und Natur zugleich im Vortrag hat, übersteigt alle Vorstellung, und muß man selbst hören. Es ist eine Stärke und ein Anhalten im Ton, daß die Seele wie von einem Strom mit fort muß. Nach ihm ist die beste Sängerin Pozzi, die in der Höhe viel Gewalt hat, und ins dreigestrichne e wie ein Vogel überfliegt, und darin sich aufhaltend und schwebend wieder in die Tiefe herunterstürzt. Ich habe sie schon ein paar Töne höher flattern hören, aber das tut sie doch selten. Die Sängerin aber, die mir auf dem Theater am besten gefällt, ist Allegranti, das schlauste, sich einschmeichelndste Geschöpf mit dem lieblichsten sprechendsten Ton, und eine wahre Sirene in der Aktion. Sie ist bei dem Theater zu San Samuel; wo noch ein ganz fürtrefflicher Tenor ist, Carlo Rovedino, und eins der drolligsten Menschenkinder, Pinetti. Überhaupt muß das Theater zu San Samuel sehr einsichtsvolle Vorsteher haben; ihre Musik ist immer von den besten Meistern; und was die Poesie betrifft, so ist sie weit besser als bei den andern.   123 Eine schöne jugendliche, völlig ausgebildete Kastratenstimme geht über alles in der Musik. Kein Frauenzimmer hat die Festigkeit und Stärke und auch Süßigkeit des Tons, und so aushaltende Lungen. Bei den Kastraten kann man recht sehen, daß es darauf ankommt, was gesagt wird, und nicht in welchem Ton es gesagt wird. Die beste Musik an und für sich ist weiter nichts, als die höchste Gefälligkeit und der bezauberndste Reiz des Ausdrucks. Ein Pacchiarotti machte den Helden Giulio Sabino bei Weib und Kindern in der Sopranstimme täuschend bis zum Tränenvergießen. Die Diskantstimme bleibt immer die passendste für Melodie; die Stimme der Melodie soll vor allen andern herrschen, und die hohen Töne herrschen über die niedrigen. Man vergißt deswegen gar bald das Unnatürliche. Inzwischen war es doch ein äußerst glücklicher Gedanke, daß Gluck in seinem berühmten Teufelschor der »Alceste« einmal den Grundton der Harmonie durchschneidend herrschen, und die Melodie diesen in allerlei Sträubungen und Beugungen begleiten ließ. Ein echter Zug des Genies! Nichts konnte die eiserne Gewalt dieser Dämonen besser ausdrücken. Was Rousseau in seinem moralischen Eifer gegen die Kastraten einwendet, ist höchst übertrieben. Ihre Stimme dauert freilich nicht so lang wie Tenorstimmen, wegen der Stärke der Töne durch die kleine Öffnung der Kehle; aber immer lange genug, um auf allen Theatern Europas zu entzücken. Daß sie unförmliche Bäuche bekommen, geschieht auch andern Männern. Daß sie das R nicht aussprechen können, ist ganz falsch. Ebenso, daß sie ohne Feuer und Leidenschaft sängen; und daß Männer keine Kinder hinterlassen, auch noch so mannbar, ist bei unsern Regierungsverfassungen etwas Gewöhnliches. Wahr ist's jedoch, diejenigen sind recht elende Geschöpfe, deren Stimmen nicht geraten, welches Stärkste Rousseau nicht berührt hat. Höchste Vollkommenheit ist überall eine seltne Erscheinung.   124 Daß Sie nur die einzige Szene von Pacchiarotti und der Pozzi hören und sehen könnten, wo Rinald von der Armida sich trennen muß. – Eine solche Quintessenz von Entzücken ist noch bei keiner andern Vorstellung in Musik weder in mein Ohr noch in meine Augen und meine Seele gekommen. Die ganze Zeit, daß die Szene dauert, trifft ein konzentrierter Brennpunkt von unendlicher süßer wehmütiger Wonne das Herz. Welche Stimmen! welch ein Ausdruck, wie lauter reine Natur! welch eine Deklamation! welch ein Seelenleben! welch Hervorquellen unartikulierter Töne höchster leidenschaftlicher Melodie! welche Blitze von heftigen Regungen dazwischen, alle Glückseligkeit zu verlassen und zu verlieren! welche so nach und nach in weiche Tränenstille versinkende Akzente der Ohnmacht! und wieder, welch ein aufflammendes kriegerisches Feuer! erwachende Selbstmenschheit! Und dabei ein Nationalzug der Welschen, deren ich schon verschiedene ganz eigentümliche mir gesammelt habe. Wie die Szene zu Ende ging, als ich zuletzt das Stück hörte, flog ein Bündel Papiere aus einer Loge ins Parterre, welches gesteckt voll Zuschauer war, und es war ein fürtreffliches Sonett zum Lobe des Pacchiarotti bei dieser Szene. – Diese Szene nebst derjenigen, wo Rinald im bezauberten Wald die Myrte abhaut, sind auch die besten der ganzen Oper. (Die Musik ist von Bertoni, dem fürtrefflichsten Maestro des Waisenhauses delle Mendicanti.) – Auch die Pozzi (zum erstenmal auf dem Theater und schon Primadonna) macht die Rolle der Armida unvergleichlich, ganz im Charakter, ohne Hinzusatz, und die Blüte der Leidenschaft entzückt von ihr alles Wesen. Sie ist jung, sehr schön, und hat in der Tat ein paar große Zauberaugen und die reinste festeste und ungezwungenste Stimme; und wird immer größer in ihrer Kunst werden. Sie ist ohnstreitig die erste Sängerin von Venedig und die Allegranti muß ihr in der Stimme weichen, ob sie gleich mehr Kunst hat. Ach, wenn ein heftiger Ausdruck so das Ganze krönt, so durchfährt alles, was Leben hat, ein elektrischer Schlag.   125 Vom Karneval hab ich Ihnen noch gar nichts geschrieben, und ich könnte so viel Erbauliches davon erzählen; aber jetzt ist's unmöglich. Ebenso von Pacchiarotti in einer neuen Oper Giulio Sabino, wo die Musik weit fürtrefflicher als in der letzten war, und er noch weit mehr Bewunderung erregte. So völlig zur leidenschaftlichen Sprache geworden, hab ich noch keinen Gesang gehört. Für den Moment ist ein heiliges Plätzchen im Hain voll Blumen und Frühlingsduft, worin die verliebteste Nachtigall schlägt, indes der helle Bach über seine Kiesel murmelt, und alles andre vor Wonne still zu lauschen scheint; nur ein schwaches Bild von Parterre und Logen, Orchester und Pacchiarotti: Stilleben gegen hohes menschliches Leben voll Schönheit im Genuß; Triumph von oberm Herz und Geist über niedern. Wenn dieser Pacchiarotti so recht seine Fülle von Seelenton von sich quillt, so scheint er, ein Engel vom Himmel herabgekommen, die Sterblichen zu beglücken. Anstatt daß ihm etwas mangeln sollte, ist vielmehr das Gebrüll und Brummen der Brutalität von ihm weg; er brennt von selbst wie reiner Geist, und leuchtet ohne Lichtschnuppe. Für den Moment! – Die Natur allein löscht den Durst und erquickt das Leben mit Wirklichkeiten. Ein Rheinsturz bei Schaffhausen geht über alle Musik von Kehlen und Geigen; indessen laßt uns der Kunst auch ihren Tribut entrichten.   126 Die Konsonanzen und Dissonanzen und Grundakkorde werden ewig in dem Menschen dieselben Empfindungen erregen. Aber Gang und Art von Melodie und Harmonie hat seine verschiednen Zeitperioden. Das Verlangen der Seele nach Neuheit erklärt viele Veränderungen, bis sogar den Geschmack der Verständigen an albernen Moden. So dünkt uns in der Musik, daß die Leute vor hundert Jahren ganz andre Ohren gehabt haben. Dabei ist jedoch die Musik das sinnlichste Denkmal von dem Charakter jedes Zeitalters. Man hört im Miserere von Allegri das ganze Gewinde und den erstaunlichen Umfang der Römischen Hierarchie zur höchsten Vollkommenheit und Schönheit gebracht. Ein Meister, fern von dieser Zeit, kann so etwas nicht wiedergeben. Jomelli, Sarti und andre haben wahrscheinlich ihr Heroisches, wodurch sie sich von dem weichlichen Italienischen auszeichnen, Deutschland und Norden zu verdanken.   127 Miserere di Gregorio Allegri. (Si canta il Mercoledi e Venerdi nella Cappella Sistina.) Diese Musik ist vielleicht die älteste, die heutigestags noch aufgeführt wird: und sonderbar! es macht ihr wohl, was Wirkung betrifft, keine andre Musik ihrer Art den Rang streitig. Sie ist abwechselnd für zwei Chöre, in fünf und vier Stimmen geschrieben: zwei Sopranen, Alt, Tenor und Baß; bei den vier Stimmen bleibt der Tenor weg; dieses lautet etwas jugendlicher und bringt Abwechslung. Bei dem letzten Vers: »Tunc imponent super altare tuum vitulos«, kommt der erste und zweite Chor zusammen, und die Musik wird neunstimmig. Dieser letzte Vers wird langsam und leise gesungen; die Töne schmelzen ineinander und verlieren sich gleichsam nach und nach. Die Stimmen haben gar keine Begleitung von Instrumenten, nicht einmal der Orgel. Die bloße Vokalmusik ist eigentlich, was in den bildenden Künsten das Nackende ist. Ich habe dieses Miserere zweimal in der Sixtinischen Kapelle vortrefflich mit den besten Kehlen aufführen hören; und es hat so tiefen zerschmelzenden Eindruck auf mich gemacht, daß ich bis zu Tränen gerührt wurde. – Noch eine Kleinigkeit mag zur Wirkung beitragen, nämlich daß diese Musik alle Jahre nur einmal gemacht wird und also immer neu und heilig bleibt. Da die Worte keine Verse sind und keine gleichen Silben haben, und dieselbe Musik doch fünfmal rein wiederholt werden soll, so werden die Akkorde dazu wie im Canto fermo genommen, und die Worte unterlegt bloß nach der Deklamation. Darum müssen sich denn die Sänger miteinander dazu einstudiert haben, daß sie überein ihre Stimmen zur ganzen Harmonie passen. Und aus diesem allem zusammen entspringt die höchste Wirkung, welche Musik leisten kann; nämlich der Sinn der Worte geht in die Zuhörer in seiner ganzen Stärke und Fülle über, ohne daß man die Musik, ja sogar die Worte merkt und in lauter reine Empfindung versenkt ist. Schauder der Reue, Auf- und Niederwallen beklommener Zärtlichkeit, Seufzer und Klagen einer liebenden Seele. Das Zusammenschmelzen und Verfließen der reinen Töne offenbart das innere Gefühl eines himmlischen Wesens, das sich mit der Schönheit wieder vereinigen möchte, von der es Schulden trennen. Der letzte Vers ist mit großer Kunst gemacht; jeder von den zwei Chören macht für sich ein Ganzes, und beide vermischen sich auf das Innigste zusammen, gleichsam wie Mann und Weib, und das Adagio, piano und smorzando, macht den Triumph der Kunst vollkommen. Zwischen den Strophen des Gesanges werden immer Verse im bloßen Einklang von den Bässen und Tenören deklamiert; welches die ganze Gemeinde vorstellt.   128 Die Natur malt alles mit wenig Hauptfarben; und so stellt der Tonkünstler das reine Leben selbst dar mit wenig Grundtönen. Der Unterschied zwischen Malerei und Musik bleibt aber immer der, daß jeder Ton immer ganz Ton bleibt, und blau, rot oder gelb nur Teil von Strahl; und die Wirkung von Ton hat ein ganz ander Gewicht als die von Farbe. Das Lichtelement ist wesentlich zusammengesetzter als das Tonelement; und doch vermannigfaltigt sich der Ton ohne alle Vergleichung mehr als die Farbe, nach Art der Instrumente, wodurch er hervorgebracht wird. Farbe und Ton bestehen zwar beide in Bewegung; aber das menschliche Auge kann nur schwache ertragen. Bei Geschöpfen des Planeten Merkur oder der Sonne und Fixsterne können vielleicht die Farben im wütendsten Feuer stärkere Wirkungen als Töne hervorbringen; und das Jugend- und Liebesrot einer Magdalene des Sirius mag darauf einen Erzengel Michael ganz anders als eine Phryne einen Praxiteles auf unsrer kalten Erde entzücken und entflammen.   129 Kann man mit bloßem Ton etwas Individuelles darstellen, wie die bildenden Künste durch Porträte, und die Poesie durch Reden und Handlungen? Jeder, der nur einigermaßen ein gutes Gehör hat, wird im Dunkeln alle seine Bekannten und Freunde auch am bloßen Ton der Stimme erkennen. Im Ton der Stimme liegt, außer der mancherlei Verschiedenheit, noch etwas Charakteristisches, was die besondere Art der Nerven anzeigt, woraus ein Wesen zusammengesetzt ist. Für einen Blindgebornen ist er alle sinnliche Schönheit. Das Individuelle äußert sich also gewiß sehr stark durch Ton. – Ob aber eine besondere Art von Ton der Stimme auch einen besondern bestimmten Charakter anzeige, ist nicht so leicht zu beantworten. Es finden sich hiebei eben alle die Schwierigkeiten wie bei der Physiognomik; wahrscheinlich aber doch nicht mehr. Das geübte Ohr mag ein ebensogut physiognomischer Sinn sein, als ein geübtes Auge von einem Menschen voll Ahndung und Seele. Der vortreffliche Tonkünstler muß jenes haben, wie dieses der Maler und Bildhauer; vortreffliche Musik- und Theaterdirektoren beides, um passende Akteure zu den verschiedenen Rollen auszusuchen. Wenn beide auf das Herz wirken wollen, so ist diese Wahl von der allergrößten Wichtigkeit. Nie hab ich dies so sehr empfunden als zu Venedig in der Kirche des Hospitals dei Mendicanti bei dem Gesänge der Slavonierin Antonia Lucovich. Der griechisch süße und silberne Ton ihrer Kehle ergriff so magisch das Innre und trieb es in Entzücken herum, auch bei dem kurzen Umfang ihrer Stimme, als die außerordentlichsten Sänger und Sängerinnen nie vermochten. Nur eine solche kann eine heilige Cäcilia, oder eine Laura des Petrarca darstellen, oder eine Nina. Tiefe Empfindung überhaupt, dünkt mich, gestattet keinen weiten Umfang von Melodie; diese findet nur da statt, wo kühne und starke Phantasie weit und breit hin ihre Fittiche schlägt.   130 Der Tonkünstler stellt das Leben im allgemeinen dar; seine Kunst ist vielleicht die beschränkteste, aber die innigste. Er hat weiter nichts als die Masse der Luft und deren Bewegungen; aber da hinein und heraus ergießt sich alles Leben. Der Tonkünstler stellt überhaupt wenig Äußres dar, hauptsächlich die Gefühle im Menschen, deren Zartheit und leises Wehen, Stärke und Feuer, Süßigkeit und Bitterkeit, Mattigkeit und Mutwillen. Er stellt auch am mehrsten seine eigne Wirklichkeit dar, mehr noch als der Dichter. Bei einem Tonkünstler ist der eigne Charakter merklicher als bei jedem andern.   131 Ton ist die sinnlichste Darstellung der Seele und gleichsam das wahrste Bild ihres reinen, sich in sich selbst regenden Wesens. Veränderung desselben, Melodie; Verdoppelung, Verdreifachung, Harmonie und Disharmonie zeigt ihr ganzes Leben.   132 Der Tonkünstler ist der eigentliche Zauberer; er stellt die Geister dar, wie sie leben.   133 Virtuosen in verschiednen Künsten sind es bloß dadurch geworden, daß man sie in ihrer Jugend davon abhalten wollte; so natürlich ist Freiheit und Liebe zu eigner Tat, als wovon man allen Verdienst hat, dem Menschen; und so sehr reizt ihn alles Gegenstreben. Und so wird die beste Erziehung oft die schlechteste, und die schlechte gut; das Kind tut gerade das, was die letztre verbietet, wenn es reine volle Empfindung und Stärke zu denken hat; tut, was wahrhaftig Vergnügen bringt.   134 Die Musik herrscht vorzüglich, wo sie ausdrückt, was die Sprache nicht vermag, oder wo die Sprache zu augenblicklich ist. Die Sprache geht meistens der Tat vor oder folgt ihr nach; bei der Tat selbst bedürfen wir ihrer wenig. Wenn ich einen Freund aus der Not reiße oder mich für ihn aufopfre, so brauch ich ihm nicht erst zu sagen: ich liebe dich. Hier ist die Musik an ihrer eigentlichen Stelle, wie Pergolesi und Jomelli gezeigt haben. Der Jubelton bei gewissen Momenten übertrifft alle andre Sprache. So läßt sich auch das innere Gefühl bei andern Taten, das Wallen des Herzens, die hohe Flut in Adern und Lebensgeistern durch nichts besser ausdrücken. Worte sind Erfindungen der ruhigen Besonnenheit. Der heilige Augustinus hält bloße Töne des Entzückens ohne Worte für die beste Sprache gegen Gott. Bei Leidenschaften also ist die Musik an ihrer rechten Stelle; besonders bei heftigen, wo man nicht mehr an Worte denkt, sondern von den Sachen selbst durchdrungen wird. Wir stoßen einen Teil des Lebens aus, das in uns ist. Und dies geschieht am leichtesten durch Vokale. Die Konsonanten ahmen die Oberfläche der Dinge nach, oder wie sie sich durch Geräusch äußern, oder Gefühl und andre Sinne etwas Besonderes dabei und daran gewahr werden. Für alles, was aus unserm Innern unmittelbar selbst kommt, ist der Vokal der wesentliche Laut.   135 Unsre Musik unterscheidet sich von der ältern und der der Römer und Griechen durch Pomp und Pracht der Begleitung. Gewiß aber ist sie oft ganz gegen die Natur. Wenn eine, zwei oder drei Personen auf einem Zimmer vorgestellt werden, wo sollen die andern vielen Gefühle herkommen, die ein großes Orchester mit seinen Instrumenten ausdrückt? Denn die Begleitung kann man doch aus keiner andern Regel, aus keinem andern Grund herleiten, als daß sie die stummen Gefühle der Nebenpersonen und das Leben und Regen in der Szene ausdrücke. Bloß aus dem Leben und Regen der Wirklichkeit von Parterre und Logen bei der Vorstellung einer Oper läßt sich erklären, daß man unsre großen Orchester nicht unnatürlich findet. Sie stellen in der Tat die Mitgefühle der Zuschauer dar, meistens; und wir dürfen uns nicht mehr über den Chor der Griechen aufhalten; denn dieser war weit natürlicher. Unsre Handlung in Opern ist also immer doppelt, bei ihnen blieb sie einfach. Unser Orchester ist eigentlich ein Mittelding von Publikum und agierenden Personen, die selten etwas miteinander gemein haben. Es nimmt auch gerade so seinen Platz ein. Die Komponisten handeln damit aus Instinkt, wie die Biber und Schwalben, ohne klare Idee. Eine Opernszene auf dem Theater mit dem Pomp von Instrumenten bei vollem Hause von Zuhörern tut deswegen auch ganz andere Wirkung als in einem Saal oder gar Zimmer; da fällt das Unnatürliche sogleich wie ein Hagelwetter auf. Doch hat man auch hier sich nach und nach so ziemlich daran gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an alles!   136 In der Musik kommen die Deutschen gleich nach den Italienern und übertreffen diese noch in der Instrumentalmusik. In der Vokalmusik fehlt es uns hauptsächlich an Dichtern. Wenn Hasse, Gluck, Händel deutsche Texte zu Opern gehabt hätten, wie die Italiener vom Metastasio, wenn Kaiser, Könige, Fürsten sie unterstützt hätten, so würden wir ausgemacht einen eignen Stil und Charakter auch in der Vokalmusik von der erhabnen Art haben. Glucks und Händels Melodien sind jedoch auch bei fremden Sprachen charakteristisch deutsch; es ist so etwas Bescheidnes, Keusches, Ehrliches und bei Leidenschaften Kräftiges und Tapferes darin. Die Musik unsrer großen Meister hat nur den Fehler, daß sie zu gelehrt ist und gar selten wie vollkommne Natur täuscht.   137 Was Mozarten betrifft, so müssen Sie mich in unsrer freundschaftlichen Art von Scherz mißverstanden haben. Ich schrieb niemals über irgendein Werk von ihm eine besondre Rezension. Als Komponisten für das Klavier hab ich ihn immer unter die großen Meister gesetzt; nur bei seiner Theater-Musik konnte ich den so oft zweckwidrigen Pomp von Instrumenten nicht vertragen. Darauf hat sich, wie ich mich entsinne, eine Stelle in einem Aufsatze von mir bezogen. In seiner Zauberflöte zeigte er sich dann ganz anders; sowie schon in mehreren Szenen seines Don Juan. Ein Mann von üppigem Genie muß endlich durch die Erfahrung mit Gewalt darauf gestoßen werden, was eigentlich nur Effekt macht. Im zweiten und dritten Bande der »Hildegard« hab ich ihm in ein paar Nebenstellen sein Lob angedeihen lassen, da die Zeit, in welche Hildegard versetzt ist, mir nicht gestattete, weder den Don Juan noch die Zauberflöte zu analysieren.   138 Die mehrsten Instrumente sind Nachahmungen vom Ton der menschlichen Stimme, erreichen sie aber an Mannigfaltigkeit noch nicht bei weitem, geschweige am lebendigen Vortrage. Die Hoboe und der Fagott kommen ihr am nächsten, und das Horn und die Trompete. Alle Saiteninstrumente haben die Fülle nicht; doch greifen sie, mit Bogen gestrichen, wie Berührung von Händen die Nerven an und scheinen nicht allein aufs Ohr, sondern auf den stärksten und tiefsten aller unsrer Sinne, auf das Gefühl, zu wirken. Geigen und Bässe haben deswegen auch den Vorzug vor allen andern Instrumenten erhalten. Den schlechtesten Ton unter allen hat das Klavier. Man hat viel daran gekünstelt, aber nicht viel mehr als Stärke und Schwäche herausgebracht. Es hat den allerwenigsten Bezug auf Stimme und Gefühl und ist bei seinem großen Reichtum arm am innern Gehalt. Da die Komponisten alle ihre neuen Melodien und Harmonien hier auf die Probe bringen, so hat es der neuern Musik gewiß geschadet. Man hat das Gefühl für Mannigfaltigkeit von Ton verloren, den Geschmack gestumpft, und bemerkt wenig Unterschied von Ton zu Ton. Die mehrsten Instrumente ahmen Ton von besonderem Charakter der menschlichen Stimme nach; nur wenige die Äußerung von Ton des Lebens in der Natur; als die Flöten und Hörner das Windbrausen, die Trompeten und Posaunen das Kreischen der Raubvögel und des Sturms.   139 Unser Gefühl selbst ist nichts anders als eine innre Musik, immerwährende Schwingung der Lebensnerven. Alles, was uns umgibt, was wir Neues denken und empfinden, vermehrt oder vermindert, verstärkt oder schwächt den Grad ihrer vorigen Bewegung. Die Musik rührt sie so, daß es ein eignes Spiel, eine ganz besondre Mitteilung ist, die alle Beschreibung von Worten übersteigt. Sie stellt das innre Gefühl von außen in der Luft dar und drückt aus, was aller Sprache vorhergeht, sie begleitet oder ihr folgt.   140 Instrumentalmusik verstärkt 1. den Ausdruck der singenden Personen; drückt 2. ihre stummen Gefühle aus; 3. die der Nebenpersonen und ganzen Gesellschaft; und 4. alles Leben in der Natur, das sich durch merkliche Bewegung äußert; und 5. selbst das Stillschweigen und den Tod, durch die Gefühle der Menschen dabei. Ihr Umfang geht also viel weiter als der der Menschenstimme. Sie ist das Meer und die Luft, worin diese schwimmt und ihre Fittiche schlägt.   141 Die Sprache ist das Kleid der Musik, und nicht die Musik das Kleid der Sprache , wie man bisher vorgegeben hat. Wenn sie sich nach der Sprache richtet, so geschieht es wie der menschliche Körper nach den Kleidern. Nicht die italienische Sprache hat die welsche Musik geschaffen, sondern das welsche Herz und Feuer, die welsche Schönheit des Himmels und der Erde; und freilich ist die welsche Sprache leichter Schleier, griechisches Gewand der Empfindungen oder Töne.   142 Da schon ein Ton so unendlich verschiedenartig ist und mancherlei ausdrückt, wieviel mehr der Übergang zu einem andern, zu zweien, zu dreien, und der ganze Vortrag! Welche Verschiedenheit gibt nicht noch das Piano und Forte! das Zu- und Abnehmen desselben! Wenn man die ganze persönliche Darstellung dazu nimmt, so ist es kein Wunder, daß die Italiener die Sänger und Sängerinnen so teuer bezahlen und dem Komponisten so wenig geben. Dasselbe Stück, von einer andern Gesellschaft dargestellt, ist nicht mehr dasselbe. Und die Vernunft und Erfahrung hat endlich in einem so musikalischen Lande einführen müssen, daß die Komponisten immer für bestimmte Sänger und Sängerinnen schreiben, und die theatralischen Werke hernach von andern fast gar nicht aufgeführt werden.   143 Konzert ist eine musikalische Versammlung, Akademie; nach der ursprünglichen Bedeutung des Worts ein Wettstreit, Concertatio, Certamen. In der neuern Bedeutung kommt das Wort aus dem Französischen und heißt so viel als musikalische Probe. Tonkünstler kommen zusammen, verabreden sich und probieren die größern Musiken, bevor sie dieselben vor dem Volke aufführen. Jetzt ist die ursprüngliche und neuere Bedeutung zugleich in dem Worte. Man fand die Proben so angenehm und bequem, daß man sie selbst zu wirklichen Vorstellungen machte.   144 Salve Regina. Von Pergolesi. Vom Londner Bach. Wahrheit und Verstellung. Bach schrieb es bei Champagner und Burgunder, gesund und im Wohlleben; Pergolesi, als er selbst bald seine Seele aushauchen wollte; Pergolesi für schwärmerische fromme Lazzaroni und ihre Weiber, Söhne und Töchter; Bach für die Londner Schloßkapelle. Bach steht durchaus an Wahrheit des Ausdrucks unter dem Neapolitaner, hat aber dafür mehr Anstand, fromme Hofmiene, die er jedoch hier und da vergißt, als bei »lacrimarum valle«, wo man ebensogut Paradies, Bajä, Tempe unterlegen könnte. Pergolesi weint bei diesen Worten im Gegenteil ein wenig zu sehr in der Tat, gegen die Regeln der Schönheit. Gefühlvolle Menschen, denen es in dieser Welt wirklich übel geht, und die sich nach etwas Besserm sehnen, werden ohne Zweifel mehr in den Ausdruck Pergolesis einstimmen. Aber auch bloß als Musik betrachtet, ist ohne Vergleichung mehr Kern und individuelle schöne Natur in seiner Komposition. – Bach hat inzwischen doch auch schöne Züge, und sein Werk ist mehr gerundet zur Aufführung. »Gementes et flentes« ist vortrefflich, und »Eja ergo advocata« hat selbst Pergolesischen Akzent, wenn es nur nicht, wie das meiste andre, zu gedehnt wäre.   145 Die Armida abbandonata von Jomelli ist die schönste Rhapsodie aus dem befreiten Jerusalem des Tasso und macht ein großes reiches Ganze für die lyrische Bühne. Es gleicht einem Gewitter in schönen Frühlingstagen, das mit fürchterlichen Blitzen und Wetterschlägen schnell vorüberrollt. Das Wesen, der Hauptcharakter derselben ist die Leidenschaft der Liebe mit ihren Leiden und Freuden in dem Herzen einer gewaltigen jungen Zauberin, durch die treffendsten Seelenklänge dargestellt und ausgedrückt, Eifersucht, Genuß und Friede, Verlassung und Verzweiflung, Zorn und Rache, mit dem höchsten Reiz und brennendsten Feuer; und diese Oper mag wohl unter dem Klassischen über diese Leidenschaft den ersten Rang behaupten. Es ist wenig Pracht und Pomp darin, aber Melodie, Rhythmus und Begleitung, die so rein und scharf und schön und sicher die Gefühle darstellt, wie die Kunst des Praxiteles die Formen auserwählter Menschen. Der ganze erste Akt ist nur Vorspiel und Einleitung bis auf das göttliche Duett am Ende, wo die volle Glut der Liebe in den reinsten Himmelsmelodien und Harmonien die Herzen in Entzücken schmelzt. Rinald wird vorher reizend mit tanzenden Mädchen aufgeführt in Eifersucht unter dem Spiel einer schönen Ciaconne. Überhaupt sind Rinald und Armida ganz echte lyrische Personen, immer in Leidenschaft und nie in Ruhe. Die erste Arie des Rinaldo und die erste der Armida sind fast nur zur Bravour, um ihre Kehlen in Bewegung zu setzen; besonders die der Armida. Besser wäre es gewesen, wenn sie gleich ins Ganze gegriffen hätten. Das Duett samt dem Rezitativ gehört unter die schönsten der italienischen Musik, die edelste und süßeste Melodie, die reizendste Begleitung, und Abwechslung in den Stimmen. Wenn es zwei außerordentliche Kehlen singen, muß es ein wahres Entzücken sein. Vortrefflicher Ausdruck durchaus, und die entscheidenden Züge des Genies. Der zweite Akt ist der Kern vom Ganzen. Nach meinem Gefühl gehört er unter das Allerhöchste der Musik. Schon geht das Heitersüße in Bangigkeit über, und es entsteht Kampf, der noch einmal sich selig auflöst in der wahrhaft zärtlichen Arie des Rinald: »Caro mio Ben, mia vita, deh! non turbar que' rai.« Nun kömmt die Ahndung der schrecklichen Katastrophe bei der Armida in dem meisterlichen Rezitativ mit Begleitung misera me! und der kummervollen Arie: »ah, ti sento mio povero core.« Alles ist so recht ausgearbeitet, immer in einer Melodie und Harmonie nach dem Text, nichts von Schlendrian. Endlich rückt die große Katastrophe heran bei der Szene, wo Armida zu Rinalden sagt: »Dove corri o Rinaldo«; wie vortrefflich alles deklamiert ist! Griechischer Rhythmus. Und nun kommt das Tragische, wo Rinaldo, von Instrumenten begleitet, spricht: »Io gia ti lascio, gia ti lascio Armida«; alles lauter innigst gefühlte Seelenakzente tiefer Zärtlichkeit. Die heftigen Ausbrüche der Leidenschaft der Armida darauf gehören unter das erhabenste Lyrische der Musik; und ich kenne wenig, das sich ihm an die Seite stellen kann, recht hell und heftig brennend Feuer; wahr klassisch, keine Note zu viel und zu wenig. »Vivi felice? – Indegno, perfido, traditore« – wenn man hier so fühlt, wie die Instrumente den Ausdruck verstärken und wie mit Blitzen in die Seele brennen, so läßt sich an dem Vorzug der neuern Musik vor der der Griechen nicht mehr zweifeln. Und ebenso ist das Misera Armida der Verlassnen der Triumph der welschen Musik. Klassisch durchaus und das »Udite, o furie, udite!« – Donnerkeil des Äschylos, so wie das Folgende ein wahres, ganzes, tragisches Gewitter, lauter reine Stärke und Gewalt ohne Überladung. Im dritten Akt ist die Szene vom bezauberten Walde die Hauptszene. Der Übergang über den Fluß ist herrlich pittoresk; die Hörner und Hoboen tun gute Wirkung und sind wie Strom. Die Zauberei einer reizenden Gegend darauf äußerst lieblich mit dem Hoboensolo. Wie die Nymphen darauf aus den Büschen springen, ist wahre naive Mädchenmusik; und es ist zum Verwundern, wie ein so großer Kontrapunktist so spielen kann. Diese Oper macht ein vollkommen gerundetes Ganze. Die Hauptpersonen strahlen immer hervor, und die andern weichen zurück. Bei den wenigen Instrumenten ist doch die Einförmigkeit vermieden; sie sind aber auch meisterhaft gebraucht.   146 Armide, par Gluck. Text von Quinault. 1777. Ob sie gleich in Paris am mehrsten ist aufgeführt worden, so steht sie doch, selbst im Theatralischen, weit unter seiner Iphigenia in Tauris. Im ganzen ist wenig Natur; die Teufel und die Person Haß sind zu künstlich, und die Chöre meistens hineingezwungen. Nur einige Szenen ragen hervor: die, wo Armida den schlafenden Rinald töten will, und die letzte, wo sie allein bleibt, von Rinalden verlassen. Glucks Musik ist hier meistens Deklamation, und die Begleitung oft voll wie ein Wasserfall, das trockne Rezitativ ist ganz verbannt. Tänze und Chöre geben seinen Opern vor den Italienischen großen Reichtum; sie gleichen prächtigen Gemälden von Rubens und Paolo Veronese. Jomellis Armida und Rinald sind dagegen, was man kaum glauben sollte, wie nackte schöne Form in Marmor von Praxiteles. Wo Gluck ins hohe Pathos übergeht, ist's ein Regen und Sturmwind in Tönen. Stärke und Kraft hat er genug, aber wenig schöne Melodie. Was ihn in seinen neuen Opern von allen unterscheidet, ist die Einheit der Instrumentalmusik durchs Ganze und die immerwährend eigne Deklamation der Stimmen voll Rhythmus. Es ist Gluckischer Akzent, Gluckische Originalität. Der vortreffliche Ausdruck des Heftigen, Gewaltigen und Leidenden setzt ihn unter die ersten tragischen Meister.   147 Renaud. Trage die lyrique par Sacchini. 1783. Eigentlich die Aussöhnung der Armida mit Rinalden. Das Gedicht ist nach dem Tasso und hat nichts Hervorstechendes; doch ist es gut oft für die Musik mit einzelnen schönen Stellen. Die Musik ist rein, neapolitanisch schön durchaus, nichts beleidigt oder greift zu rauh an; sie macht Vergnügen, ergreift aber selten und erschüttert fast nie. Sich an den süßen Tönen schöner Kehlen zu weiden in den geschmeidigsten Melodien und reinsten Harmonien, scheint immer sein Zweck für die Zuschauer gewesen zu sein.   148 Il Trionfo d'Armida del S.Tommaso Traetta. In drei Akten auf dem Theater S. Carlo: ist wohl die erste Armida in Italien. – Die ganze Oper ist mager und meistens Schlendrian. – Die altern Opern sind fast alle bloß so bearbeitet, daß eine oder zwei Gruppen wie Gemälde hervorspringen; das übrige ist zur Ausfüllung, um in den Logen dabei spielen zu können. Ländlich sittlich. Die Szene der Armida gewinnt viel, wenn man weiß, daß sie für die Gabrieli geschrieben ist. Zur Zeit selbst, wo sie neu und Erfindung war, muß sie gewiß entzückt haben. Der Ausdruck ist meisterhaft. Aber wahr ist's, alles andre wäre jetzt unerträglich.   149 Armida von Salieri. Guter italienischer Schlendrian. Nichts Neues, und wenig Vorzügliches. Die einzige gute Szene des Traetta ist mir lieber als diese ganze Oper.   150 Armida von Haydn. Die Musik ist bis auf einige schöne Stellen, als des Terzetts: »Partirò, ma pensa ingrato«, und der Szene des bezauberten Waldes, die beide jedoch nicht zum Wesentlichen gehören, erlernte und gehörte italienische und nicht originell Haydnisch, wie man sie in seinen Instrumentalsachen gewohnt ist. Haydn kömmt mir bei seiner Musik zu Worten oft vor wie ein gekuppeltes Windspiel beim Laufen; es will nicht fort.   151 Antigona da Tommaso Traetta da Pietroburga 1772. Der Text ist von Coltellini nach dem Sophokles; das Ganze aber, so wie Euripides die Fabel bearbeitet hatte. Antigone wird erhalten und vermählt sich mit dem Hämon. – Doch ist Traetta dabei, als Bruchstück betrachtet, wahrhaft erhaben und greift bis ins Innerste. Man findet hier im Traetta den Vater der Gluckischen Musik; dasselbe Pathos in den Chören, nur mit weniger Stärke und Reichtum; dieselben Lieblingsakkorde, als den der verkleinerten Septime und Sexte, nicht so unaufhörlich gebraucht; den reinen keuschen tiefgefühlten Ausdruck, ebenso originell, und viel natürlicher und schöner. Gluck hat aber weit mehr Verstand, und seine guten Opern, deren nur sehr wenig sind, ordnen sich weit mehr zu einem großen, mächtig ergreifenden Ganzen. Auch hat er die Gewalt der blasenden Instrumente weit besser gekannt und zu brauchen gewußt und meisterlich ausstudiert, was eine große Menge von Menschen von allerlei Bildung und Charakter ohne Unterschied wie ein Strom hinreißt. Das italienische Publikum hat den italienischen Komponisten im ganzen so viel geschadet, als es ihnen bei einzelnen Szenen genützt hat. Die Opern im ganzen sind in Italien hauptsächlich Zeitvertreib, während derselben sie in einem Hause zusammenkommen und spielen und plaudern, und sich an den Stimmen schöner Sängerinnen und außerordentlicher Kastraten bei einzelnen Szenen ergötzen. Die Poesie ist gewöhnlich das Letzte, woran sie denken. Der größte Teil der Worte, selbst beim Metastasio, ist so, daß er nur im Recitativo secco deklamiert werden kann. Und zu einer Menge Arien paßt keine Melodie voll Leidenschaft oder auch nur Empfindung. Die Dichter selbst müssen mit ihrem Text drei Stunden ausfüllen; dergleichen Stoffe durchaus voll Leidenschaft gibt es wenig; und es würde bald den Italienern unerträglich sein, wenn sie immer ihre Aufmerksamkeit so spannen sollten. Diese Betrachtungen machen es sehr begreiflich, warum die Italiener zu Hause keine Opern haben, die man durchaus vollkommen nennen könnte, und daß auch ihre besten Komponisten auswärts immer unbedeutenden Schlendrian einmischen. Sie können sich's nicht abgewöhnen; sie glauben, das Gute nähme sich sonst nicht aus. Diese Oper von Traetta ist jedoch vorzüglich gut ausgearbeitet, und einiges ist so gediegen vortrefflich, daß es unter dem Klassischen bleiben wird, solange unsre Art von Musik dauert. Im ersten Akt ist nichts Außerordentliches. Die ersten Chöre sind schön, die Rezitative gut deklamiert, und die erste Arie der Antigone voll simpeln Ausdrucks. – Der Anfang des zweiten Aktes gehört aber unter das Allervortrefflichste der italienischen Musik; es ist so recht der eigentliche wahre edle tragische Ton aus der Seele geholt, was man empfindet, wenn man die erhabensten Stellen im Sophokles und Euripides liest. – Nach dem Chor: »O voi dell' Erebo pietosi numi«, kommt aber erst der echte Kern, Antigone in dem Rezitativ »Ombra cara amorosa«. Diese Musik ist so Akzent und Ausdruck der Natur, daß sie bei allen Völkern und in allen Zeitaltern ergreifen und rühren muß. – Und wenn sie in die Seele der Gabrieli geschrieben ist und, wie die Tradition sagt, ihr Triumph war, so muß sie gewiß edel und vortrefflich und schon gewesen sein. Die Arie darauf: »Io resto sempre a piangere«, geht so in demselben Ton fort, daß man den Unterschied gar nicht merkt. Ich kenne nichts Vollkommneres im ganzen Reiche der Musik. Der schönste Ausdruck schwesterlicher Zärtlichkeit und tiefer Trauer. Traetta hat unter allen Komponisten am mehrsten tragische Ader. – Der dritte Akt fängt mit einem ganz vortrefflichen tragischen Chor an, dem besten unter allen; und Antigone fällt so himmlisch ein, daß Gluck gewiß in keiner von seinen Opern ein besser Rezitativ hat. Die Szene der Antigone in der Grube, wo sie verhungern soll, »Misera ove m'inoltro«, ist wieder ein Vorbild von Glucken. Kurz, Traetta ist der Erfinder des wahren tragischen Stils.   152 Traetta hat ein erstaunlich reines Gefühl; in seinem Herzen muß manche Leidenschaft in ihrer Fülle gekämpft haben; er trifft den Ton auf ein Haar; besonders von Traurigkeit, Schauder, Schrecken, kühnen Entschlüssen, Übergängen von einer Leidenschaft in die andre.   153 Die Frage ist, ob in der Oper, oder überhaupt bei Singemusik die Poesie oder die Musik herrschen soll. Gluck hat bei weitem der Poesie den Vorrang gegeben, nach ihr als ein gehorsamer Diener gearbeitet und dadurch die große Menge der Tonkünstler und Liebhaber beleidigt. Er selbst widerlegte sich aber am besten; denn eben in seinen guten Opern herrscht die Musik mehr als in andern; nur flattert sie nicht herum und treibt kein Spielwerk, sondern drückt die Gefühle mit mächtiger Entscheidung aus. Und so herrscht im Gegenteil die Poesie bei manchem Italiener; denn wenn man die Worte nicht wüßte, so fühlte man oft gar nichts. Glucks neuere Opern unterscheiden sich von andern dadurch, daß das Ganze mehr Einheit und Zusammenhang hat, daß es nicht durch die eingeführten Formen, besonders der Arien, und die unzweckmäßige Kunst der Sänger und Virtuosen unterbrochen oder in seinem Gange aufgehalten wird, und daß alles Wesentliche in gehöriger Haltung hervorstrahlt. Darin hat er völlig recht; und es war Zeit, daß die übeln Gewohnheiten und Mißbräuche abgeschafft würden. Doch haben große Meister vor ihm nach denselben Grundsätzen gearbeitet. Darin aber hat er unrecht, daß die Poesie nur Zeichnung sein soll und die Musik nur Kolorit und Licht und Schatten. Jede von den beiden Künsten hat ihre Zeichnung, ihr Kolorit und Helldunkel. Dieses springt, dünkt mich, so in die Augen und wird so allgemein für wahr angenommen, daß es keines Beweises bedarf. Die Musik macht in der Oper ein Ganzes für sich aus: die Worte vereinigen sich damit, nicht als etwas Fremdes und Verschiednes, sondern als etwas Gleichartiges in Melodie und Harmonie; und sie bestehen in eben solchen abgemeßnen, nur durch Konsonanten bestimmter geformten Tönen, wie die Vokale der bloßen Musik. Die Personen der Sänger und die Worte stellen das Individuelle und Bestimmte dar, was die bloßen Vokale der Musik nicht vermögen. Glucks Hauptverbesserung besteht in der Form der Arien. Die seit Leos und Vincis Zeiten eingeführte italienische Hauptform war bei weitem nicht mannigfaltig genug und paßt in vielen Fällen gar nicht. – Inzwischen hat man noch immer keine bestimmte Idee, was Arie überhaupt eigentlich ist. Das Wort Aria ist italienisch und hat vielerlei Bedeutungen. In der Oper bedeutet es nichts anderes als das Werden eines besondern Ganzen im Strome der Handlung. Arie ist in Musik und Poesie die sich sammelnde Empfindung, das sich sammelnde Gefühl einer Situation, welches sich nicht selten in einem Bilde, in einer Sentenz äußert, wobei der Tonkünstler alsdann nicht sowohl das Pittoreske des Bildes, den Inhalt der Sentenz, sondern womöglich das Gefühl, woraus beide entstehen, darzustellen hat. Arien sind gleichsam reizende Thuner- und Genfer-Seen nach den wütenden Stürzen des Rhodan und der Aar, deren beim Einströmen trübe Fluten das vorangehende, von Instrumenten begleitete Rezitativ ausmachen; und ihre Formen können unendlich verschieden sein. Die Hauptform der italienischen Arien ist aus einer solchen Sammlung der Empfindungen entstanden. Die Worte werden verschiedentlich wiederholt, damit das Ganze derselben tiefer eindringe und von allen Seiten gezeigt werde. Bei solchen Sammlungen scheint auch die Handlung stillzustehen; der Strom derselben wird unmerklich; die Kehlen großer Sänger und Sängerinnen können darin, vollkommen der Natur gemäß, ihre ganze Gewalt, ihren ganzen Reichtum zeigen. Ein zu rascher Fortgang beraubt die Musik ihrer größten Schönheiten, die Oper ihres vorzüglichsten Reizes vor der Tragödie, die solche Stellen nur durch Pantomime und Stillschweigen, bei weitem nicht so lebendig, Herz und Sinn ergreifend durch glänzende Läufe, entzückendes Schweben auf süßen Tönen in allen Graden von Stärke und Schwäche und durch den Zauber der Manieren auszudrücken vermag. Anstatt daß die Handlung darunter leiden sollte, gewinnt sie vielmehr an Kraft und schreitet mit genährtem und geläutertem Feuer kühner fort. Von seinem System verführt, wollte Titan-Gluck alle die schönen Seen, auf denen die Farinellis und Faustinen so lange zu unaussprechlicher Freude herumschwammen, abgraben und höchstens nur in breite Kanäle verwandeln. Und das wäre in der Tat grausam und unvernünftig gewesen. Jedoch hat er sich bald eines Bessern besonnen und das Seichte, Magre einiger von seinen Arien wohl gefühlt. Was Gluck den Arien entzog, sollte durch die Fülle der Chöre, den Rhythmus der Tänze, die Mannigfaltigkeit und Stärke des Instrumentenspiels überhaupt reichlich wieder ersetzt werden. – Um die Einheit des Ganzen desto mehr hervorzubringen und das Abstechende zu entfernen oder zu verschmelzen, hat Gluck das Rezitativ meistens mit Instrumenten begleitet.   154 Orfeo ed Euridice von Gluck . Zu Wien 1764. Der Stoff gehört eher für die epische als dramatische Poesie. Alles, was bloß für die Phantasie ist, tut auf dem Theater wenig Wirkung; man geht davon weg wie von Lufterscheinungen; man wird nicht getäuscht, und das Herz bleibt leer. Hätte Gluck mit der Iphigenie in Tauris seine neue Laufbahn angefangen, so würde er weit mehr hingerissen haben; denn in dieser ist unendlich mehr Wirklichkeit. Aber es scheint, daß, wie bei den Griechen, Orpheus auch bei den neuern Nationen in der Kunst an der Spitze stehen solle. Polizian fing mit ihm das neuere regelmäßige Drama an. Das Wesentliche der Fabel ist Liebe, und Gewalt der Musik, selbst über die Götter des Tartarus. Und Schwachheit doch der menschlichen Natur am Ende. Calsabigi hat den Stoff ziemlich gut behandelt, bis auf den vierten Akt. Da er tragisch ist, so durfte das Ganze nicht, gegen die Fabel selbst, glücklich ausgehen, und Orpheus die Euridice doch noch bekommen. Der Dichter richtete sich aber nach der neuern verzärtelten Natur, besonders der Italiener, die nichts Tragisches mehr vertragen kann. Das Ganze rundet sich deswegen auch nicht, zerfällt in vier Akte und wird gleichsam viereckig. Der erste ist Leichenfeier und Erscheinung des Gottes der Liebe als Beistand. Der zweite Kampf und Sieg über die Hölle. Der dritte Verlust und Erliegung der Menschlichkeit. Der vierte Geschenk, Gnade und Glück. Gluck ist in seiner Musik wirklich Originalgenie. Er arbeitet beständig immer auf den Ausdruck, und sein Zweck ist dabei ein totaler Eindruck. Als Mann von Verstand und Gefühl und reicher Kunstkenntnis erreicht er ihn auch in seinen besten Werken. Allein dies ist noch lange nicht genug. Vollkommene Kunst besteht in Darstellung, nicht der Natur überhaupt, oder dieser und jener Art von Natur, sondern der gebildeten Natur in ihrer Stärke und Fülle, der edelsten und schönsten Natur. Kein Drama, kein historisches Gemälde, nicht eine Bildsäule, wenn sie nicht bloßes Porträt ist, kann in die erste Klasse gesetzt werden, wo nicht vortrefflicher Ausdruck und vortreffliche Darstellung auch der ersten Klasse von Menschen ist. Nach dieser Regel, die zu allen Zeiten wahr ist, kömmt er, was hohe Schönheit betrifft, den großen neapolitanischen Meistern, den Jomelli, Traetta, Map, äußerst selten gleich, wenn man die vortrefflichsten Szenen dieser mit den seinigen in Vergleichung stellt. Nichtsdestoweniger behauptet er, was den Totaleindruck betrifft, seinen Rang unter den ersten klassischen dramatischen Tonkünstlern und steht wohl unter diesen gar obenan. Seine gute Musik, denn auch unter seinen neuern Werken nach dem Orfeo sind mittelmäßige und ganz unerträglich leere Sachen, als z. B. eine Belagerung von Cythere, ist kernicht und erstürmt oft mit der größten Tonfülle der Chöre und Instrumente die Herzen der Zuhörer. Seine besten einzelnen Arien sind echt deutsch in Melodie und Harmonie, so etwas Herzliches, Gutes, Ehrliches und Gefühlvolles spricht in ihren Akzenten; so ein rechtschaffner Adel, eine so reizende Würde von Keuschheit und Männlichkeit. Der erste Akt ist eine Leichenfeier, wie der zweite Akt der Antigone von Traetta. Text und Musik gleichen sich in der Anordnung; aber jeder Unparteiische, der Gefühl und Erfahrung für hohe Schönheit hat, muß hier den Italiener weit über den Deutschen setzen. Wahr ist es inzwischen, Gluck ging hier dem Italiener vor; dieser schrieb seine Oper 1772; also acht Jahre nach ihm. Traetta rang hier offenbar mit Glucken. Gluck hält sein Ganzes gleichsam in einem Rembrandtischen Dunkel durch den verkleinerten Septimenakkord, der gar nicht aufhört, einem in die Ohren zu tönen. Man muß wehmütig wie dieser endlich werden, man mag wollen oder nicht. Er ist in allen Umkehrungen da, und bald führt dieser, bald jener Ton davon die Melodie bei verschiednen Stimmen und verschiednen Instrumenten. Akt 2. Dieser soll eigentlich der Triumph der Musik sein. Der erste Chor bedeutet an und für sich zwar wenig; aber der Gedanke ist herrlich ausgeführt, die Musik der alten Griechen wieder darzustellen; er ist in lauter Oktaven, zuweilen dreifachen, und vortrefflich deklamiert. Es wird recht fühlbar, daß die Oktave die vollkommenste Konsonanz ist. Das kurze Instrumentenspiel dazwischen tut große Wirkung als Abwechslung. – Die Arie »Deh placatevi con me« hat völlig italienische Melodie und ist gewiß sehr rührend mit der Begleitung der Harfe. – Diese Arie ist wirklich ein Meisterstück, nur muß sie von einer süßen tonvollen Stimme gesungen werden. Die Wiederholung derselben mit dem einfallenden Chor der Furien »No« macht sie tiefeindringender und ist voll Darstellung. Diese Musik hat wirklich, was im »Ardinghello« von der vortrefflichsten gesagt wird, daß man nämlich bloß den Sinn der Worte vernehme und die Musik selbst nicht merke, so nackend und rein ist die Darstellung. Nun geht er in Elysium. Das lange Rezitativ, worin er seine Empfindungen von sich atmet, gehört unter Glucks Vortrefflichstes, ist sehr simpel, obgleich glänzend begleitet, und macht durch seine heitre und zugleich rührende Harmonie einen entzückenden Kontrast mit dem vorigen. – Die Instrumente konzertieren höchst reizend miteinander, und die Begleitung der ersten Violine hält alles wie ein Murmeln zusammen. Es ist wirklich zauberisch; und der Triumph der vereinigten Künste, die Darstellung bis zur Täuschung. Der dritte Akt stellt nun die weibliche Schwachheit, und die männliche und den Verlust deswegen dar. – Euridice ist wie Italienerin fast; und Orfeo viel deutscher; rechte Einheit von Originalität ist noch nicht da. Das Rezitativ darauf zwischen beiden ist vortrefflich, aber wieder zu voll verkleinerter Septimen; sie halten einmal vier lange Takte an. Doch ist der Ausdruck immer meisterhaft; besonders wie Orfeo aufs äußerste gebracht wird und Euridice stirbt. Die Arie darauf: »Che faro senza Euridice ...« gehört unter Glucks Allervortrefflichstes, wo es nicht gar sein Allerhöchstes ist; es ist die ganz reine nackte Darstellung der allerheftigsten Leidenschaft. Die Melodie ist echt deutsch, oder vielmehr sie hat gar nichts von keiner Nation, sondern ist allgemeine Natur; aber eher deutsch ist sie als italienisch oder französisch. Im vierten Akt ist außer der Tanzmusik nichts Besondres, die mit einer Ciaconna und einem Chor den Schluß macht. Es bleibt immer eine Oper, wo sehr viele Gold- und Silberadern sind; doch keine Einheit.   155 Alceste. Tragedia messa in Musica dal Signore Cavaliere Christoforo Gluck. Zu Wien bei Trattnern 1769. In der Vorrede an Großherzog Leopold trägt er seine Ideen über Opernmusik vor. Er sagt: Die Musik darf weiter nichts zur Poesie sein, als was Kolorit und Licht und Dunkel zur Zeichnung ist; beides belebt die Figuren, darf aber ihre Züge nicht verändern. Ritornellen, Passagen, Kadenzen, die zweiten kurzen Teile der Arien sollen alle wegfallen, Symphonie Prolog sein; das Secco der Rezitative ohne Begleitung ausgemerzt, das einen zu großen Sprung auf einmal zu den Arien macht. Nichts Neues, wenn es nicht Ausdruck und Effekt befördert. In der Poesie müssen Beschreibungen, Gleichnisse und Sentenzen wegbleiben; starke Leidenschaften, interessante Situationen, immer verändert Schauspiel dasein. Die Symphonie ist vortrefflich und kündigt eine große Begebenheit ganz eigentümlich an. Sie trägt völlig den Stempel des Gluckischen Genies und ist warm und heiß von Leidenschaft. Der Anfang macht ein überraschend Schauspiel mit der Trompete, dem Herold und Chor. – Der Chor der zweiten Szene: »Misero Admeto, Povera Alceste«, ist noch stärker. Die verkleinerte Septime wird häufiger und macht das Kolorit und Dunkel trauriger und schwärzer. Die Arie darauf: »Io non chiedo«, mit dem kleinen Duett der Kinder darin, ist ein Meisterstück, bloß von Saiteninstrumenten begleitet. Sie ist mehr Rezitativ in Arienform mit abwechselndem Takt und Tempo als Arie selbst. Sie ist etwas ganz Neues in ihrer Art. Die Rezitative der Alceste sind bisher ohne alle Begleitung, aber vortrefflich deklamiert. Derselbe Chor schließt sich herrlich verstärkt und verziert. Der Marsch oder die Aria di Pantomimo der Priester des Apollo ist ein großes Meisterstück voll Charakter zu heiligen Schleppgewändern und durchaus neu erfunden. Der Ruf des Priesters, mit Fagotten, Hörnern und Trompeten im bloßen C-Akkord, ist erhaben in Melodie und Harmonie. Das Blasen drückt wirklich Sturmwind aus. Der Chor mit eben den Worten und weiter steigt immer höher, und die Begleitung ist voll rascher Begeisterung. In der Tat großes Meisterstück und alles neu. Die italienischen Chöre verschwinden. Das Gebet für den König dazwischen, vom Hohenpriester im As-dur angefangen und Dis-dur geendet, ist ganz göttlich . – Nun der Hohepriester: »I tuoi prieghi, o Regina ...«, gehört unter das höchste Erhabne mit dem Orakel in dem ganzen Vorrat der Musik, und ich kenne nichts, was ihm gleichkommt. Man glaubt in der Tat zu Delphi zu sein, so stark und gewaltig ist die Darstellung. Man muß gerecht sein: die Italiener haben nichts, was diesem gleicht, aufzustellen. – Es ist ein erstaunlicher Schritt vom Orfeo bis zur Alceste. Zweiter Akt. – Darauf kommt die herrliche Szene, wo sie im Wald allein sich den Todesgöttern zum Tode widmet. – Der Chor der Höllengötter: »E vuoi morire o misera«, die in einem Tone fortsingen, um den sich die Trompeten und Geigen winden, und welchen die Hörner in Oktaven gewaltig verstärken, ist ein großer Zug des Gluckischen Genius; die Melodie ist in einem Ton und macht den Baß ganz neu, furchtbar und schrecklich. Alceste fährt in vortrefflichem Rezitativ mit Begleitung fort und erholt sich. – Der Chor der Höllengötter unterbricht sie in dem Tone und der Harmonie darum wie vorher. – Es ist eine hinreißende Einheit und Gewalt der Darstellung. Die Baßarie des unterirdischen Gottes mit ihrer szythischen Stärke von Oboen, Hörnern und Fagotten und Trombonen begleitet, macht einen herrlichen Kontrast mit der schönen Weiblichkeit. – Die Arie darauf: »Non vi turbate no, pietosi Dei«, gehört unter Glucks Allervortrefflichstes, so entzückende herzvolle Melodie und rhythmusvolle Begleitung ist darin. Die Melodie ist recht originell, deutsch und gehört zum Triumph der deutschen Musik; Gluck ist darin im Mittag seiner Laufbahn . Die Arie des Admet: »No crudel, non posso vivere«, aus dem a-moll fällt gleich mit der Stimme ein und ist eins von den großen Meisterstücken dieser Oper. Die Musik ist so vortrefflich, daß man sie gar nicht merkt, sie paßt an den Text wie das schönste griechische Gewand einer Flora. Diese Oper bleibt ein großes Meisterstück. Der Gedanke, sich über die alten Vorurteile mit Gefühl und Vernunft wegzusetzen, ist kühn mit viel Genie und Kunst ausgeführt. Was diese Oper von allen vorigen unterscheidet, ist das Gediegene und die breiten Massen zu einem großen Ganzen. Er erreicht dies hauptsächlich durch die großen Chöre, welche durch Wiederholung die Rezitative und Arien binden; und den immerwährenden stilo stretto, wo man nur auf Poesie und Inhalt geheftet wird; und endlich besonders durch den Akkord auf der verkleinerten Septime, die in allen Umkehrungen, in allerlei Tonarten, in allen Instrumenten verändert, das Ganze gleichsam in ein tragisches Dunkel bringt und ihm feste Haltung gibt. Das Volk wird hingerissen, ohne zu wissen wie, und der Kenner gibt endlich nicht mehr auf die Kunst der Harmonie acht und läßt sich auch täuschen.   156 Iphigenie en Aulide par Gluck. Den 19. April 1774. Die Ouvertüre ist wohl ohne Streit die Königin aller Ouvertüren; ein wahrer Polyphem, der sich bäumt und schüttelt und voll Zorn zum Kampfe rüstet. Der reizende neue Eingang, der die Gefühle Agamemnons ankündigt, alsdann die Einheit des Ausdrucks vom wilden Charakter des tobenden Volks und die rührenden zärtlichen und tragischen Akzente dazwischen erheben sie über jede andre. Der Satz, wo sich die Elemente in den Einklang stürzen und darin und in Oktaven furchtbar aufsteigen, stellt gerade das sich empörende Volk vortrefflich dar, das sich wie ein wildes Roß bautet und nicht leiten und bändigen läßt. Die Griechen würden diese Ouvertüre in ihrer Art vielleicht noch über jenes Gemälde setzen, welches das Volk von Athen vorstellte. – Diese Symphonie kündigt mit erstaunlicher tragischer Majestät erst in der Wehmut bitterster Dissonanzen und dann in der größten Fülle und Stärke von breiten Tonmassen, durch Geigen und Bässe, Hoboen, Flöten, Hörner, Trompeten und Pauken das Ganze an. Sie ist viel ausgebildeter und leidenschaftlicher als die vor der Alceste. Schöne dramatische Musik hat Gluck hier überall; aber doch ist nicht so viel Vortreffliches da als in seiner Alceste. Die zwei Arien der Iphigenie im dritten Akt, Szene 2: »II faut de mon destin« und »Adieu! conservez dans votre âme«, sind im ganzen das Vortrefflichste überhaupt. Sie haben beide deutsche Melodie und den griechischen Rhythmus, den Gluck von Klopstocks Oden genommen zu haben scheint. Die Musik zu den Balletten ist für die Komponisten der französischen Opern sehr beschwerlich; sie macht eine eigne Gattung aus, zerstreut die Aufmerksamkeit auf das Ganze und muß die Formen streng beobachten. Glucks hoher tragischer Genius hat sich ziemlich glücklich durchgeholfen, und es finden sich schöne Melodien voll Rhythmus unter seinen Tänzen, als z. B. die meisterhaft ausgearbeitete Passecaille im Ballett des zweiten Aktes. Er nahm manches dazu aus seinen altern Werken. Sie sind heitrer Himmel zwischen den Wetterwolken. Gehemmte Gewalt, und dadurch leidende Unschuld, mit zärtlichen Klagen und wilden Ausbrüchen heroischen Feuers sind das Wesentliche dieser Oper. Das Treffendste, was Musik für solchen Ausdruck vermag, hat Gluck in verschiedenen Meisterstücken geleistet. Das minder Wesentliche und Gewöhnliche ist zuweilen sehr trocken und nachlässig; aber man muß wenig Opern kennen, wenn man ihm allein dies so hoch anrechnen will. Überhaupt brechen die italienischen Formen hier und da wieder hervor.   157 Iphigenie en Tauride von Gluck , den 18. Mai 1779 vorgestellt. Der Text ist von Gaillard; trefflich für ein lyrisches Drama; mit großer Kunst alles angelegt. Er hätte zwar mehr Schönheiten vom Euripides hineinbringen können; aber er hat auch viel Unnützes weggelassen, das Ganze für seine Zeit bearbeitet und Szenen erdacht, die wie Pfeile mit der Gewalt der Musik das Herz treffen. Diese Oper ist Glucks höchstes Meisterstück; und man kann sie kühn als das vollkommenste Meisterstück der Kunst bis jetzt überhaupt aufstellen. Es ist nichts Mittelmäßiges darin; alles greift ein und macht das rührendste Schauspiel tiefer Leiden von drei großen, vortrefflichen Menschen: der gefühlvollen, unter Barbaren verbannten Iphigenia; des echten Helden Orestes; und des echten Helden und Freundes Pylades. Die schönen Chöre der griechischen Priesterinnen, Szythen, Eumeniden, und endlich der Griechen, die alle nicht erzwungen, sondern natürlich herbeikommen, geben dem Ganzen Pracht und Haltung. – Da hier alles zweckmäßig vortrefflich ist, so läßt sich auch weniges Einzelnes anführen. – Die Gewittersymphonie gleich mit dem bald einfallenden Chor der Priesterinnen, unter Anführung der Iphigenia, ist ganz in einem Guß, originell pittoresk, besonders in dem Zug der Wolken, welchen die Hörner durch den vier Takte lang angehaltenen Ton bei dem Zephyrspiel der andern Instrumente im Andante vortrefflich darstellen; und sie ergreift, vorzüglich durch das hohe Pfeifen der Piccolflöten, gleich stürmisch erhaben. – Der Szythenchor, Akt I, Szene 4: »II nous fallait du sang«, ist einer russischen Melodie, die auch auf ein Studentenlied gebraucht wird, höchst glücklich nachgeahmt; die ganze szythische Musik ist vortrefflich und macht auffallenden Kontrast durch ihre rohe Härte. Der dritte Akt ist von der größten Wirkung auf dem Theater und steht unter allen obenan. Die wehmütige Deklamation und Melodie der Iphigenia schmelzt vorher das Herz, damit die heftigen Schläge hernach desto tiefer eindringen. – Das Rezitativ des Orestes gehört aber zu dem Allerstärksten, was ich auf dem Theater kenne. Die Wiederholung des »ne sais-tu pas?« mit immer höher steigender Leidenschaft und Erhöhung der Stimme bis zum Schreien und die Fülle der Begleitung, hauptsächlich die ganzen dreistimmigen Akkorde der stürmenden Posaunen mit den Klarinetten und Hoboen, und gegen das Ende mit den rauschenden Geigen – setzen die kleinste Faser der Zuhörer in Erschütterung und machen den Triumph der Musik über alle Künste; denn keine andre kann solche gewaltigen Empfindungen hervorbringen. Gluck umwindet sein Lieblingskind gleichsam mit einem Zaubergürtel, indem er das Gewitter, wie in der Ferne – ein Muster vom Gebrauch des Orchesters – bei dem Gefecht der Griechen und Szythen im vierten Akt, und die Begleitung der Arie des Orestes im zweiten Akt, während dieser zur Ruhe kommt und einschlummert – als Diana erschienen ist, passend wieder anbringt. Um einem recht fühlbar zu machen, was Musik ist und bewirken kann, lasse man dieses Drama, ohne Musik, von trefflichen Schauspielern aufführen. Es wird eine unerträgliche Nüchternheit entstehen und der größte Teil vom Rausche der Leidenschaft verschwinden. Die Pariser haben nicht übel geurteilt, wenn sie diese Oper meinten, als sie von Gluckischer Musik sagten: »De la douleur antique, des larmes grecques, et de la fraicheur virginale.« Alles Dreies ist wahr.   158 Wie ein Praxiteles die Formen, ein Apelles die Formen und Farben in der Natur nachbildet und zur höchsten Schönheit bringt, so lauert ein Gluck auf Töne und Bewegungen, auf deren Langsamkeit, Geschwindigkeit, Schwierigkeit und Hindernisse, Verwickelungen, Verflechtungen, leichte Schwalbenwendungen, hohe Adlerflüge und die Stöße des Falken, der seine Beute fängt. Er hat von Kindheit an seine Lust am Spiel und den Balgereien des Knaben, an dem zarten Gange und dem Freudentanz der Jungfrau, an dem leichten Laufe des Jünglings und dem kühnen unaufhaltbaren Tritt der Männer zum Kampf und zur Schlacht. Sein Entzücken ist das Säuseln der Weste in heiligen Hainen, der Orkan, der auf Wasserkolossen im Meere reitet, und die gebrochne Woge, die wieder zur Ruhe wallt. Aus seiner Phantasie und seinem Herzen schöpft er alsdann wie ein Gott das Spiel der zweiunddreißig Winde aller Leidenschaften und stellt, gleich einem Hannibal und Cäsar, die Faustinen und Gabrieli, die Farinelli und Pacchiarotti, die Lolli, Kramer, Lebrün und Punto in Schlachtordnung: ein Zeus, allgegenwärtig bei dem furchtbaren Gewitter; und der Donner rollt erschütternd mit vollem warmem Sommerregen über die schmachtenden Saaten seiner Welt. Zuhörer, die das Ganze nicht kennen, verlieren zu viel, wenn man einzelne Szenen aus Glucks neuern Werken für sie herausheben will; die Musik ist fast immer mit Poesie und Handlung unzertrennlich vereinigt, und alle Szenen bekommen ihren wahren vollen Gehalt durch das Vorhergehende und Nachfolgende. Außerdem gehört Musik, deren Wirkung das Genie für eine Peterskirche, für ein Theater von S. Carlo berechnet hat, nicht für Säle und Zimmer; die Sphäre ist schon viel zu beschränkt für die Gewalt der Posaunen, Trompeten und Pauken, und solche Musik paßt so wenig hinein, als Figuren aus einer Kuppel des Correggio, oder aus der Kreuzabnahme von Rubens. Dergleichen Sachen muß man an Ort und Stelle selbst sehen und hören, wie den Montblanc in Natur, das Wetter- und Schreckhorn, die Stürze des Rheins, Rhodans und der Aar, und die Wut des Boreas in den schäumenden Wogen des Weltmeers. IV Das Spiel des Wesens 160 Das erste und heftigste Verlangen der Seele, welches sie nie verläßt, ist Neuheit, und dann Durchschauung, und endlich Vollkommenheit oder Zerstörung der Dinge. Dies treibt die Unsterbliche durch alle Welten. Sie schafft und wirkt, ihre Schwingen sind unermüdlich und verlieren ihre Kraft nie, und sie kann nicht aufhören, sich zu bewegen und bewegt zu werden, so bescheiden gegen sich, daß sie von sich selbst nichts weiß: aber die Iliade zeugt überall genug von Homeren. Nun ist der Mensch selten in der Lage, daß seine Seele in der Wirklichkeit hienieden nach diesen ihren Neigungen glücklich sein könnte: sie wirft sich also aus Verzweiflung in die Kunst und treibt damit ihr Spiel. Wohl derjenigen, die lange in diesen seligen Träumen hinschwebt, ohne zu erwachen!   161 Und durch ewiges Wirken und Gegenwirken ist das All in schönem Leben. Das Wesen äußert immer seine Kraft, so wie immer die Sterne leuchten und umeinander durch die Himmel schweben. Auch wenn wir schlafen, bewegen wir unsern Erdball um seine Sonne. Wie vieles andre mag das Wesen in uns tun, ohne daß wir uns dessen bewußt sind, und wofür die Sinnen keine Sprache haben! Unsre innige Vereinigung mit dem Ganzen herrscht immerfort, und wir sind nur zum Schein ein Teil davon, jedes besondre Ding nur ein Spiel, ein Mutwille des Wesens. –   162 Alles Wesen besteht aus unergründlich Kleinem. Was unendlich klein ist, kann nur wenig Kraft und Bewegung haben. Um freier und gewaltiger zu sein, paart es sich mit seinesgleichen und vermehrt sich bis zu Sonnen- und Planetensphären, die sich durch die Himmel wälzen und schweben für uns in unbegreiflicher Fülle von Wonne, paart sich mit seinesgleichen und anderm, was es wie zum Fuhrwerk oder gleichsam Reittier brauchen kann. Und dies hat's auch wieder gut, indem es an der Lust des Edlern teilnimmt und für seinen Dienst reichlich versorgt wird. Das Zusammengesetzte aber aus Verschiedenem ist in Betrachtung des Einfachen eine wahre Kleinigkeit. Was sind alle Vögel, Tiere und Fische gegen die unermeßliche Luft, das blendende Gewimmel der Gestirne, und gegen Meere und Erden in ihrer ursprünglichen Reinheit? Zusammengerottete winzige Sonderlinge! Die großen Massen allein leben und schweben in ewiger angestammter Wonne und Glückseligkeit: nur wir Heterogenen leiden und sind elend und plagen uns mit unsrer Erhaltung, immer in der jämmerlichen Furcht zu vergehen. Mitteldinger zwischen Sein und Nichtsein! Zusammengeballte Grenzen des Verschiednen! Die sich mit Träumen plagen und ihre eigentliche Natur nicht finden können, und auf das kranke Gewinsel zerrütteter Kreaturen horchen, da uns das ewige Licht in die Augen blitzt, Meere in die Ohren rauschen und alles augenblicklich in uns strebt, sich mit dem großen Mächtigen wieder zu vereinigen. Bei solchem Einfachen gibt's kein Teilchen, jedes, wenn man sich es auch denkt, gehört so zum Ganzen, daß das Ganze zusammengenommen nichts bessers ist. Das Teilchen wie das Ganze und das Ganze wie das Teilchen, eins wirkt und regt sich wie das andre, jedes Gefühl blitzt durch das ganze All. Was das eine angeht, geht auch das andre an, es ist eins so mächtig, so ungeheuer und unermeßlich groß, wenn man eine solche Größe annehmen will, wie das andre. Die Meere und Tiefen von ursprünglichen Elementen sind es, woraus wir immer neu strömen und zusammenrollen, und unsre Urnatur ist unendlich göttlicher und erhabner als das augenblicklich zusammengeballte Eins verschiedner Kräfte, nach dem hohen Plato nur eine Stockung im unsterblichen Fluß der Glückseligkeit. Aber daß etwas sein muß, was das Weltall zusammenhält, ist wohl klar genug! eine unbekannte Ursache an und für sich, doch bekannt in ihren Wirkungen, ein Wesen, das die andern Elemente zusammenbändigt von ihrem Schlafe zum Leben, zur Existenz, zur Harmonie und Einheit. Wenn ich meinen Körper betrachte, und bedenke, daß ich ihn selbst soll zusammengearbeitet und gebildet haben, und doch nichts davon weiß, oder welches einerlei ist, daß das erste Menschenpaar dies soll getan haben, so dünkt mir augenscheinlich, daß ich nicht von mir selbst abhänge, und daß eine unbekannte Ursach im Spiel ist. Anfang und Ende ist für keines Menschen Kopf; und ebenso unbegreiflich, wie verschiednes ein lebendiges Eins macht. Unsre offenbare Willkür, der vorherbestimmte Endzweck aller unsrer Sinnen zum Beispiel, das Forterhalten der Gattungen, bleibt unerklärlich und übersteigt die feinste Philosophie. Wir erkennen uns bloß als Zusammensetzung, als Wirkung und nicht als Ursache. Bei uns ist sie mit unserm Verstand eins, und es findet da kein Gezweites statt; bei andern Dingen läßt sie vielleicht den Sonnenstrahl, sowie ihn unser grobes Auge blickt, nicht in ihre Verborgenheit. Rein existiert sie bloß in ihrer ursprünglichen Vortrefflichkeit, schwebt im Genuß ihrer selbst: und vermischt erkennt sie nur die Vermischung.   163 Bewegung und Berührung, Wesen und Form, Bewußtsein und darin entstehender Gedanke, dies ist das äußerste, wohin wir reichen. Wie das Wesen Form wird und sich in unendliche Gestalten verwandelt? durch Ausdehnung und Anziehung, auf eine uns freilich unbegreifliche Weise, die wir jedoch durch die ganze Natur wahrnehmen und Forscher bis auf den Embryo verfolgen, wo sie Sinn und Erfahrung verläßt.   164 Alles Wesen macht sich los, sobald es in irgendeiner Verbindung keine Lust mehr hat. Freiheit oder mit seinen Kräften nach Vergnügen zu schalten und zu walten, ist sein Element. Substanz kann von keinem Gott genommen, nicht vernichtet werden, sie ist undurchdringlich.   165 Das ist eine ganz andre Hoffnung, Sicherheit von Unsterblichkeit, wenn ich Stürme durch die Atmosphäre brausen höre und in mir fühle: bald wirst auch du die Wogen wälzen und mit dem Meer im Kampf sein! Wenn ich den Adler in den Lüften schweben sehe und denke: bald wirst auch du in mächtigem Fluge so über dem Rund der Erde hangen, als Komet durch die Himmel schweifen, Sonne, Welten beglücken! und, stolzer Gedanke! wieder in das Meer des «Wesens der Wesen einströmen! Aber auch das Verächtlichste werden? Wer weiß alles, woran das Wesen seine Freude hat? Offenbar erscheint es uns in unendlichen Gestalten. Stein und Metall ist vielleicht im stärksten Genuß glücklicher, als der Sonnenstrahl durch die Himmel schießt, an Planeten aufprallt und in die Unermeßlichkeit zerstäubt; Stier und Hirsch und Maikäfer im Lenz-Gefühl der Lust, bei Vergessenheit aller Gedanken und Sinne, ebenso glücklich als Häupter mit Königskronen, Bischofsmützen, Lorbeerzweigen und Herzen mit Ordensbändern. Und dann könnten wir noch für so viel Genuß ein wenig leiden, für so lange Herrschaft kurze Zeit dienen. Eins zu sein und alles zu werden, was uns in der Natur entzückt, ist doch etwas ganz anderes als das Schlaraffenleben, welches, vernünftigerweise und aller Erfahrung nach undenkbar, bezauberte Phantasien sich vorstellen. Und warum sollten wir nicht in der ewigen Natur noch verehren, was wir immer wirksam, schön und gewaltig darin empfinden? Die ersten Ausgesandten, Diener Gottes? uns sinnlich vereinigen mit den höhern Schwestern und Brüdern? Nur Verstand von wenigen dringt durch all das prächtige Getümmel durch bis zum Throne des Herrn! «Warum wollen wir die Welt nicht nehmen wie sie ist? – Aber wir alle sind über kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden, und das Wesen trachtet immer nach Neuem.   166 Das Leben ist etwas Flüssiges. Es ist also kein «Wunder, daß sich die Menschen täglich, stündlich, ja augenblicklich verändern. Wenn wir jemanden im höchsten Grad seiner Liebe für uns in Marmor verwandeln könnten! Aber wer wollt es aushalten? Drum laßt's gehn, wie es geht, und schickt euch so gut drein, als ihr könnt.   167 So müssen wir uns in das Schicksal fügen und dem Wesen gehorchen, das über alles waltet. – Genug, daß wir Leben haben und Menschen sind, wie vieles leidet unter einem härtern Drucke! Wer kennt die Freiheit? Ach, in der Natur ist alles eins dem andern unterworfen. Die Sonne hängt an Ketten, und kein Gestirn kann sich aus seiner Bahn bewegen.   168 Der Mond läuft als ein wahres Sinnbild der Freuden der Erde, bald zu-, bald abnehmend und bald verschwindend, um sie herum. Wohl dem, der sie in ihrer Fülle schöpft und genießt.   169 Ach! Daß alles bei uns so kurz ist und zerstückelt! In Nacht und Tag abgeteilt und Morgen und Abend, und daß wir den Tag noch mit unserm Mittagsmahl spalten! und immer essen und verdauen, und so wenig leben und Zeit haben, etwas Großes in einem Stück zu vollenden.   170 Not ist der Uhrschlüssel, womit die Springfedern des Herzens von neuem wieder aufgezogen werden, und Sturm und Wetter auf der See des Lebens unendlich entzückender als aller Sonnenschein, wenn es vorbei ist.   171 Der Mensch ist ein Wesen von Stahlfedern; seine Kräfte müssen immer einen Druck haben, um in Stärke zu bleiben, und dies gibt wunderlich zugleich frohen Genuß bei Leiden.   172 Die Erwartung des Übels macht fast allezeit größere Qual als das Übel selbst. Alles Unbekannte wirkt bloß auf die Phantasie, die immer vergrößert oder verkleinert und nie das Maß der Wirklichkeit trifft.   173 Auf andre Menschen bauen, heißt auf eines andern Dach bauen, wo man gar bald lästig, und schon ein geringer Grad von Wind zum Sturm wird.   174 Das Leben unter vielen Menschen ist ein Gemisch von tausend verschiedenen Lichtern. Wessen Auge, der Natur getreu, nur an eins gewöhnt ist, der wird darin, je schärfer er sieht, desto blinder; wenigstens tun ihm dabei die Augen so weh, daß sie ihm aus dem Kopfe springen möchten.   175 Die gewöhnlichen Reden, die man führt, sind Blätter, die der Wind bewegt. Blüte und Frucht erfordern mehr Stille. Doch kann man sie dabei sehen. Auch wohl abnehmen. Und zuweilen wie Samen, zuweilen wie Pfropfreis noch die Blätter mit dem Stiele.   176 Was weiß der Mensch von der Zukunft? Was gestern war, ist ihm ja schon ein Traum; und das hatte er doch gelebt. Von der Zukunft hat er weder etwas gesehn noch gehört.   177 Der Mensch weiß nie recht, was er will; und wenn er einmal hat, was er gewollt hat: so sieht er, daß es das nicht war. Und so geht all unser Bestreben ins Unendliche. Wir sind nie groß und glücklich, außer wenn wir aus uns selbst verschwinden. O Plato! Du hattest recht: wir sind gefangne Gottheiten. Wohl dem, der seinen Kerker bald durchbrochen.   178 Ein echter Einsiedler muß, soviel möglich einem Menschen, gleich sein Gotte, der sich selbst genug ist, und seine Glückseligkeit finden in den großen Massen der Natur, fern von den kleinlichen Leidenschaften der Gesellschaft; muß seine Menschheit ausgezogen haben, und mit tiefer Empfindung der Reihe der organischen Formen der Natur immer in erhabnen Betrachtungen schweben. Vor fünfzig Jahren kann da schwerlich einer hingelangen.   179 Das menschliche Geschlecht muß immer der Veränderung unterworfen sein, wenn es glücklich sein soll; ebenso wie der einzelne Mensch. Ein immerwährender Zustand von Glückseligkeit und Unglückseligkeit ist nicht möglich. Die verschiedenen Gesellschaften der Menschen und alles, was darinnen ist, Religion, Staatsverfassung, Moral, Künste, Wissenschaften, werden wie ein Wald angepflanzt und wachsen auf; die Eichen, so lange sie auch leben können, werden doch endlich alt, die Äste sterben ab, sie geben zuletzt keinen Schatten mehr, sie nützen nicht allein nichts mehr, sondern nehmen den jungen Stauden auch ihre Nahrung; der Wald muß abgehauen, wenigstens alle diese verdorrenden Bäume abgehauen und ein neuer gepflanzt werden. Dieses tun in den menschlichen Gesellschaften die großen Genien, die Eroberer, die Alexander, die Cäsarn, die Mahomete, die Sokratesse, Piatone, die Shakespeare, Arioste, Helvetiusse, Voltairen ... – jeder in seiner Sphäre; die Menschheit wird wieder zu ihrem Ursprünge, zu dem glücklichen Stande der Natur zurückgebracht, von dem sie so ausgeartet ist, daß man keine Spur mehr davon finden kann; da muß niedergehauen, niedergerissen werden das alte Werk ohne Barmherzigkeit, da gehören lykurgische Genies dazu, deren Stärke eine gewisse Art von Grausamkeit ertragen kann. – Sie fangen eine neue Ordnung der Dinge an, gleich der wiederkehrenden Frühlingssonne. Die unnützen Mitglieder der Gesellschaft werden ausgerissen, abgeschnitten, das Land wird umgepflügt, Samen hineingestreut, die Alexander sind die Pflüger, die Lykurge säen, die Sokratesse jäten, und die Arioste zäunen das Feld mit Rosen und Myrten ein und besingen die Schönheit der Flur. Es ist ein gefährliches Werk; die Bären, Wölfe, Eulen und Schlangen empören sich dagegen. Gelingt's, so sind sie Wohltäter der Menschheit; glückt's nicht; so haben sie die Pflichten der ersten der Menschen getan, und sie genießen bei diesem Gedanken einen Grad von Glückseligkeit, an welchen der Blick der Pygmäenseelen nicht reicht. Rousseau, Voltaire, Macchiavell haben in diese Knorpel von verdorrten Eichen bis jetzt nur einige Streiche tun können; die großen herkulischen Genies müssen noch kommen, die sie ganz darniederreißen und was Neues pflanzen.   180 Was dem Menschen vor allen andern Tieren eigen ist, das ist die Perfektibilität, oder daß er sich zu immer größrer Vollkommenheit bilden kann und läßt. Und dies geschieht hauptsächlich durch die Gesellschaft. Was wäre jeder einzelne Mensch ohne die Gesellschaft? In der Dankbarkeit, in der Erkenntlichkeit dagegen befindet sich eine der Hauptquellen der Moral. – Die Vortrefflichkeit der menschlichen Natur erscheint nur im ganzen Geschlecht. Ein Mensch hat nicht Lebenszeit genug, um alles zu tun und zu fassen, was der Mensch vermag. Er wird unwiderstehlich von der Natur zur Gesellschaft getrieben; es herrscht in seinem Gefühl, daß er nur ein Teil von einem Ganzen ist.   181 Jedes Wesen darf von Natur um sich greifen, soviel es Macht hat, es sei unter seinesgleichen oder andern Dingen. Du zürnst, daß du gehorchen mußt? Gehorche nicht, wenn du kannst! Daß der Sultan zu Konstantinopel herrscht, da es ihm Millionen Sklaven erlauben, wie kannst du das ihm übelnehmen? Willst du über nichts herrschen? Ist nicht jeder Mensch ein Sultan, wenn er kann? Nicht jedes Tier, wenn es kann? Die Verständigen werden freilich nie gehorchen, wenn sie nicht müssen; und ein despotischer Staat enthält, so klar als zwei mal zwei vier ist, mehr Narren und Dummköpfe in sich als gescheite Leute.   182 Mit der Idee von einem vollkommenen Staate kann man leider geschwinder fertig werden als der Wirklichkeit; da legen Grund und Boden, Ursprung und Geschichte des Volks, gegenwärtige Stärke an Leib und Seele, dessen Glauben, Meinungen und Sitten und Nachbarn unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg und kommen lauter unbezwingliche, borstige Ungeheuer zum Vorschein. Hier hast du kurz mein Glaubensbekenntnis; und ich will dir reinen Wein einschenken. Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen, die man einen Staat nennt, am besten als ein Tier, das von innen Kräfte, Proportion aller Teile haben und gesund sein muß, und volle Nahrung, um für sich auf die Dauer zu existieren und glücklich zu sein, und von außen Stärke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen die Feinde zu erhalten; denn alles von außen, wie Kindern bekannt, ist Feind. Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz, wie bei jedem lebendigen Dinge; und jede Staatsverfassung, wo nur ein Teil sich wohlbefindet oder gar abgesondert wäre, ist ein Ungeheuer, eine Mißgeburt. Ein Despot also, das ist ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des Ganzen entspringen, über die andern herrscht, ist kein Kopf am Ganzen des Staats, sondern ein Ungeziefer, ein Bändelwurm im Leibe, eine Laus, Mücke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute nährt; oder will man lieber: ein Hirt, weil doch dies das beliebte Gleichnis ist, der seine Schafe schiert und melkt und die jungen Lämmer schlachtet und die fetten alten, wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten. Der Staat ist endlich ein Tier, das seine Gesetze hat weder von Kühen noch Schafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und kein Mensch ist so über andre wie ein Hirt über seine Herde. Ein vollkommner Staat muß ein Tier sein, das sich selbst nach seiner Natur, seinen Bedürfnissen und Erfahrungen regiert, wie ein Ulysses für sich nach den Umständen und gegen andre. Eine reine Aristokratie, wo mehrere beständig herrschen nach ihrem Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen, nur mit Gesetzen für ihr Wohl, die sie nach Belieben ändern, ist eine vielköpfige Hyder von Despotismus, viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines. Ein Staat von Menschen, die des Namens würdig sind, vollkommen für alle und jeden, muß im Grund immer eine Demokratie sein; oder mit andern Worten: das Wohl des Ganzen muß allem andern vorgehn, jeder Teil gesund leben, Vergnügen empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand der Gesellschaft muß herrschen, nie bloß der einzelne Mensch. Die Lage aber zu erhalten, dazu gehört ein durchgearbeitetes Volk, das sich selbst, seine Kräfte und sein Interesse kennt und sich in einen Punkt vereinigen kann; und selten ist einer, der an der Spitze steht, aus Liebe oder Gewalt imstande, eine andre Verfassung in eine solche umzuändern, geschweig ein Philosoph auf seinem Studierzimmer. Die ursprüngliche Ungleichheit der Menschen und die daraus entspringende äußerliche Ungleichheit der Besitzungen und der Gewalt und des Ansehens machen noch überdies den gordischen Knoten, der durch keine Vernunft an und für sich, ohne Rücksicht auf die jedesmalige Verfassung, aufzulösen ist. Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von Menschen wie überein gedrechselte Maschinen in einen Raum, wo kein Grad der Breite von Europa, Afrika, Asien und Amerika ist, hinstellen und in beliebige Ordnung bringen. Was für Mühe kostete es nicht dem römischen Volke, das in dieser ersten Kunst über alle Nationen hervorragt, ehe es sich von der Gewalt der Könige losmachte und hernach durch seine Tribunen die Aristokraten bändigte? Oh, es ist dem Menschen so süß, über andre zu herrschen, deren Knaben und Töchter und Weiber sich aufwarten zu lassen, ihren besten Wein zu trinken, ihre besten Früchte, ihr bestes Gemüs und Fleisch zu schmausen, sie im Sonnenbrand arbeiten zu sehen und selbst im kühlen Schatten zu faulenzen, sie unter den Schwertern und dem donnernden Geschütz der Feinde zu wissen, wenn junge zarte Dirnen ihm sorgsam die Fliegen wegwedeln! ... Sie haben allerlei Blendwerk von Beschönigung ausersonnen, worunter das täuschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaffen und behende Stärke zu geben, und stellen sich an, als ob sie nur dessen erste Diener wären und große Lasten auf sich trügen. Wie ist aber ein Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich erkennt! Wie ist ein Bedienter, der nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keins annimmt, nach Willkür ohne Gesetze straft? Gesetzt auch, Ruh und Ordnung – ist dies Glückseligkeit? Im Kerker ist auch Ruh und Ordnung.   183 Kraft zu genießen oder, welches einerlei ist, Bedürfnis, gibt jedem Ding sein Recht; und Stärke und Verstand, Glück und Schönheit den Besitz. Deswegen ist der Stand der Natur ein Stand des Krieges. Das Interesse aller, die sich in eine Gesellschaft vereinigen, bildet darauf Ordnung, stiftet Gesetze und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabei, wie bei jedem andern lebendigen Ganzen, immer nach den Umständen. Der beste Staat ist, wo alle vollkommne Menschen und Bürger sind; und diesem folgt, wo die mehrsten es sind. Hier wird kein Nero gedeihen! Derjenige Mensch und Bürger ist vollkommen, welcher sein und seines Staats Rechte kennt und ausübt. Jedes hat fürs erste das Bedürfnis zu essen, zu trinken, mit Kleidung und Wohnung sich zu schützen und zu sichern, die Wahrheit von dem Notwendigen einzusehen, und wenn es mannbar ist, das der Liebe zu pflegen. Vermag es nicht, sich dieses friedlich zu verschaffen, so darf es dazu die äußersten Mittel brauchen; denn ohne dasselbe erhält es weder sich, noch sein Geschlecht. Wirkliche (nicht bloß eingebildete und erträumte) Glückseligkeit besteht allezeit in einem unzertrennlichen Drei: in Kraft zu genießen, Gegenstand und Genuß. Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen, verstärken und verschönern ... Die höchste Weisheit der Schöpfung ist vielleicht, daß alles in der Natur seine Feinde hat; dies regt das Leben auf! Sterben ist nur ein scheinbares Aufhören und kömmt beim Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was atmet, und wenn es auch Nestor wird, ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr dasselbe ... Was das ganze menschliche Geschlecht betrifft, durch Meere und Gebirge und Klima, durch Sitten und Sprachen abgesondert, welcher Kopf will es in Ordnung bringen? Die Natur scheint ewig wie ein Kind in das Mannigfaltige verliebt, und will zu jeder Zeit deswegen rund um die Erdkugel Szythen, Perser, Athen und Sparta.   184 Wenn kein Darius und Xerxes gewesen wären, so kennten wir keinen Miltiades, Leonidas, Themistokles und Aristides. Ohne Übel gibt's kein Leben; ohne große Übel kein großes Gut. Stärke und Größe zeigen sich nur und allein in großen Gefahren. Ohne sie müssen sie zugrunde gehen oder bestehen nicht. Eine Insel voll Löwen, ohne andre Tiere, müssen sich selbst zerfleischen, oder verhungern, oder sich ersäufen. So ging's Rom, da es keine Feinde mehr hatte. Daraus die Antwort auf die Grausamkeiten der Spartaner gegen ihre Iloten. Wenn der Adler nicht raubt und zerfleischt, ist er weiter nichts als ein paar Pfund Fleisch mit Federn überwachsen. Wenn Cäsar den Pompejus in die Pfanne haut, dann ist er fürchterlich. Setzt ihn auf einen Katheder und laßt ihn das herrlichste Kollegium über Krieg und Staatskunst lesen, und er ist eine Null wie die Grandisonen unsrer Romane und die theatralischen Herkulesse. Die stärkste Kraft ist ohne Leben und freie Bewegung nichts. Unsere Staaten gleichen Meeren, in Flaschen eingepfropft. Die stärksten Orkane, die von guten Geistern über die Menschheit darin geblasen werden, erregen keinen Sturm. Die Neuern unterscheiden sich von den Alten dadurch, daß sie mehr Ruhe und weniger Leben haben, und dieses wenige noch auf Kartenspiele verwenden. Der unruhige, tätige Geist ist von ihnen gewichen.   185 Unser heutiges Leben ist in der Tat nur ein gemachtes Leben, wie Uhrwerk. Es hat gar die Veränderung, Neuheit und Mannigfaltigkeit nicht mehr wie die Natur. Das beste Leben muß dem Wetter gleichen, Wind und Regen und Sonnenschein, Sturm und Erdbeben, Winter und Sommer. Unser Stubensitzen, unsre Regelmäßigkeit bringt uns um alle Freuden. Man sollte nichts bis zur bloßen Gewohnheit kommen lassen.   186 Gerad in einer so innerlichen Verwirrung, Gärung, Anarchie, wie zu Florenz nach der Vertreibung Peters von Medicis war, konnte ein Kopf reifen wie der Macchiavells. Es ist gerad der Zeitpunkt gewesen, wie die Beweglichkeit, innerliche Rege aller Säfte bei den Pflanzen nach Aufhörung des Winters, wo die Erde noch zerflossen ist und nichts sich festgesetzt hat; die größte Tiefe, wohin bürgerliche Verfassung reicht, Kampf aller Elemente derselben.   187 Die Welschen sind wie die giftigen Tiere; ihr Zorn ist Messerstich. Sie sind meist bloße Empfindung; ein tiefer Gedanke oder Empfindung mit umgreifenden Gedanken kann nicht bei ihnen hausen. Und so leben sie immer für den Moment.   188 Die Griechen und Römer, wie überhaupt südliche Völker, stehn jeder für sich da wie Bäume; die Norden wie Buschwerk, das alles ineinander steckt: keiner von den Norden existiert vollkommen für sich; alle in andern, wenige einzelne ausgenommen. Die Erfahrungen kann man überall machen.   189 Es ist ein Vergnügen, anzuhören, wie gebildet der gemeinste Mann meistens überall in Italien ist, und wie jede gute Poesie gleich der ganzen Nation eigentümlich wird, wie sie dieselbe deklamieren und so recht inniglich ihre Schönheiten fühlen. Aber wiederum ist wahr, die welsche Nation hat nicht genug Geduld und kein Phlegma auf keinerlei Weise, um stark in der Philosophie zu werden. Sie können kein Ganzes, das etwas lange währt, eh es völlig erscheint, ausbeobachten; und dies gehört platterdings mit Stille und langsam immer schärfer dringender Überlegung zu einem Philosophen. Die deutsche und englische Nation hat dazu die besten Eigenschaften von Natur.   190 Bozen. – Hier sieht man den Unterschied von deutscher Art und deutschem Blut erst recht. – Gutherzig und freundlich ist alles, und eins hängt an dem andern; totaler Unterschied von Welschland, wo jedes für sich ist. Voll Blut und Fleisch tritt jedes Geschöpf einher. – Man sieht in den Gesichtern viele Gedankenlosigkeit bei Langeweile; sie wissen sich nicht besser zu beschäftigen, als daß sie arbeiten. Die Bewegung der Lebensgeister mit ergründen und phantasieren ist ihnen ziemlich fremd. Besonders machen die Weiber hier einen starken Kontrast mit den Welschen; sie tun hier fast alles und in Welschland schier nichts, wo sie wie Göttinnen leben und sich selten oder im Schleier oder Zendale sehen lassen. Wie man in Rom die Facchinen auf den Straßen sieht und die Köche und Kammerdiener in den Küchen, so hier die Weiber und Mädchen mit ihren Schüsseln und Beuteln in einer Kette an den Miedern. Dies ist gewiß, daß der Mensch sein Glück auf verschiedene Art sucht, herumirrt und es selten findet, weil wenige wissen, worin das wahre besteht, und auf den Zweck losgehn, der täglich und stündlich anders ist und sein muß, wie die Bewegung, die jeden Moment andre Punkte von Wesen berührt. Was ist Leben anders als Bewegung?   191 Wir Teutsche können unsre Natur nicht leiden, unsern langen Winter und das Regenwetter im Herbst und Frühling und wünschen uns heraus: so sehr wir's auch im gemachten Enthusiasmus lobpreisen. Ferner haben wir die unkünstlerischste Staatsform: was in Wien gefällt, wird in Berlin verachtet, und umgekehrt; außerdem ist gar keine Republik, wo wahrer Geist der Freiheit und Drang in Geschäften herrschte, wo die Kunst einschlüge wie die Reden des Demosthenes, die Tragödien des Euripides und Komödien des Aristophanes in Griechenland – daraus entsteht, daß wir Welsche, Franzosen, Engländer mehr als uns schätzen und folglich auch deren Werke, und daß unsre Großen nicht Geld genug für uns haben und wir keinen eigentlichen Zweck bei unsern Arbeiten. Unser Publikum ist keines geläuterten Enthusiasmus fähig, wie bei den Italienern, Spaniern und Franzosen, wo die guten Köpfe nichtsdestoweniger dem Meister zu verstehen geben, woran's ihm noch fehlt; und unser Klima macht nirgendwo recht ein Ganzes.   192 Sobald man in Deutschland herübertritt, fühlt man eine neue nahrhaftere, frischere und rauhere Gegend, die alle Sinne angreift. Wie noch so ganz anders zu Roveredo! Dies geht durch alles bis auf die Bäume. Und so macht das Ganze bis an den Belt eine eigne Natur aus, die wenig mit Frankreich und noch weniger mit Italien gemein hat, wo alles trocken, zart und fest und fein ist. Hier hingegen ist alles saftig, frisch und steif, aber auch stark und mächtig und doch dabei gutherzig und freundlich. Eins hängt an dem andern. Gänzlicher Unterschied von Italien, wo jedes nur für sich zu sein scheint. Die größere Freiheit in den Künsten ist unser Bestes, eben weil sich die Mächtigen wenig darum bekümmern.   193 Die Produkte der Kunst müssen in Deutschland wie das Unkraut wachsen; da ist keine Pflege und Wartung. Sie sehen auch meistens darnach aus; denn bei keinem Volke, das klassische Literatur hat, ward so plattes Zeug ausgeheckt. Sie gehen da selten ins wirkliche Leben über. Das, was man bei uns gute Gesellschaft nennt, der Hof und der Adel und die Gelehrten selbst, die sie alle wie Frühlingsonne erziehen und zur Reife bringen sollten, bekümmert sich wenig um sie, betrachtet sie als unnütz, bloßen Zeitvertreib und hat sie niemals zur eigentlichen Beschäftigung gemacht, um echten guten Geschmack für sie zu gewinnen. Für alle Art von Schönheit in der Natur sind wir unwissend und platterdings Barbaren. Es scheint, daß eine Grenzscheide für Poesie und alle bildende Kunst gezogen wäre, wo die Sprachen aufhören, die von der lateinischen abstammen. Klima und Regierung ist ihnen da zuwider.   194 Der Deutsche ißt und trinkt gern etwas Gutes, aber nichts Allzufeines oder Allzuscharfes. Er hält überhaupt die herrliche Mittelstraße, wobei man wohl am glücklichsten zu sein pflegt; denn alles zu Scharfe oder zu Feine ist eine Spitze, die entweder nur einen Moment Empfindung läßt oder leicht Schmerz erweckt; doch ist dieser Moment immer das höchste Leben und folglich, wenn man Glückseligkeit ohne Rücksicht auf Zeit betrachtet, auch der glücklichste. Rheinwein und Mosler und noch lieber beständig gutes, saftiges, nicht allzu starkes Bier ist sein bestes Getränk. Der Kerndeutsche mag den Champagner nur für einen Moment, und so den Kapwein oder welsche und griechische Weine. Rindfleisch und Erbsen und Schinken und Sauerkraut sind sein Labsal. In der tierischen Liebe will er nichts von allen den französischen und welschen erkünstelten Stellungen, sondern er sieht auf das Bequeme, Füllende und Kräftige. Seine Tapferkeit ist Mut und Stärke und Verstand; die hinterlistigen Streiche sind ihm fremd, und es fehlt nur ein Hannibal, um es ganz zu unterjochen, wenigstens, zumal in unsrer ausgearteten Zeit, auf eine Zeitlang. Dasselbe Verhältnis ist im Moralischen. Der Kerndeutsche ist ein Mittelding im Glauben, er glaubt weder zu viel noch zu wenig, wenn er in guter Natur erwachsen ist. Sein Verstand erstreckt sich nicht auf Spitzfindigkeiten.   195 Die deutsche Geschichte ist ein Archipelagus von Geschichte; man findet da keine große Einheit, woran man sich halten könnte. Ein schönes Ganzes ist da schwerlich herauszubringen; sie ist außerdem noch am schwersten zu schreiben unter allen Geschichten, wenn man auch nur einigermaßen ein Ganzes machen will.   196 Der Geist wird nicht gesehen, denn er würde furchtbare Liebe erwecken, wenn so das Bild desselben allein dem Auge sichtbar wäre.   197 Der Mensch muß allezeit größer sein oder sich wenigstens größer machen als das Ganze, was er fassen will; wenn er Gott und die Welt denken will, muß er sich größer machen, als Gott und die Welt ist. Wenn man auch in Wirklichkeit etwas Unermeßliches vor sich hat: so nimmt die Seele gleich einen höheren Standpunkt.   198 Die neuen Ideen des Genies erzeugen sich von selbst in der Seele durch ein unbegreifliches Ohngefähr, wie die Welt mit allen ihren schönen Formen in Gott entstanden sein muß. Wenigstens kann, was den allerersten Ursprung betrifft, tiefer keine Metaphysik. Die verborgne Gottheit wird nirgends strahlender sichtbar als bei den erhabnen Produkten des menschlichen Geistes. Wie der Blitz am Himmel sich entzündet und glänzend das Wetter durchflammt, so wird der neue Gedanke; und oft schlägt er ein und hinterläßt dauernde Folgen seines Daseins.   199 Der große Mensch auf die Dauer muß zwar aus sich selbst bestehen, aber auch auf andre wirken, das ist: ihnen Gegenstände zum Genuß verschaffen, ihren Verstand und ihre Sinne reinigen und schärfen, sie aus der Trägheit ins Leben erwecken, sie zu Wohltätern der Gesellschaft bilden; kurz, ihnen Gutes tun, wie die Sonne der Welt – sonst ist er für sie ein Nichts, und noch weniger, ein Ungeziefer, das auf ihre Kosten lebt. Ein Mensch, der bloß auf andre wirkt, zu seinem Nutzen und zu ihrem Verderben, kann zwar auch groß sein, aber wahrhaftig glücklich nie; denn der Genuß ist nie völlig und lauter und rein, wenn man dasjenige nicht liebt, was man genießt. Und seine Größe wird nicht lange Bestand haben; denn ein kleines Ganzes muß der Natur der Dinge nach immer endlich einem größren weichen. – Groß ist, was über das gewöhnliche Maß geht. Wer also etwas groß nennt, muß das Maß angeben, das das Gewöhnliche bei ihm hält. Vom Menschen überhaupt ist derjenige groß, der ein freies, völliges Erkenntnisvermögen mit gesundem, reinem Sinne hat; denn gewöhnlich ist seine Seele schon mit Vorurteilen verdorben.   200 Sobald der Mensch zu klaren Begriffen über sich und seine Verhältnisse mit andern kommt, tritt er wieder zurück in den Stand der Natur; und er muß zu allem Bürgerlichen, was nicht auf Natur sich gründet, mit Gewalt gezwungen werden. Daraus der Verfall bürgerlicher Sitten in allen aufgeklärten Zeiten. Der Pöbel, das Kind, tut's dann dem Manne, dem großen Menschen nach und weiß die Freiheit der Natur nicht zu gebrauchen. Es mordet, wo jener herrscht, und hurt sich zuschanden, wo jener den Überfluß seiner Kraft mit tausendfacher Lust wie edle Pflanzen verteilt. Da entsteht dann, wie nicht anders sein kann, das bellum omnium contra omnes.   201 Gedicht ist ein Gesicht eines aus der Wirklichkeit entrückten Menschen, entweder in die Vergangenheit oder Zukunft, wobei ihn sein Geist wie eine Gottheit erleuchtet. Poesie hat bloß mit dem Unsichtbaren zu tun. Deswegen ihre genaue Verbindung mit Religion und Musik; denn auch diese ist etwas, was uns nicht zu dieser Welt zu gehören scheint, weil wir nichts mit dem Sinn des Verstandes, dem Auge, davon sehen und nicht, als Kinder der Natur, wie alle Wilden, begreifen, wie es zugeht. Der Ausdruck, die Sprache der Poesie ist also die Sprache eines Begeisterten, die Sprache eines, der trunken ist an allen Sinnen. Daher mag vermutlich der Beiname Homer der Blinde entstanden sein. Sie muß sich folglich über diese, die wir gewöhnlich sprechen, erheben. Sie ist voller, sinnlicher, die innigste Vermischung von Geist und Wort. Die Poesie erweitert unser Leben über die Spanne Wirklichkeit. Sie ist keine Sache der Jugend; es gehört dazu ein unendlicher Vorrat von Leben. Man muß gleichsam davon trunken sein und von außen nichts mehr bedürfen.   202 Die ersten Dichter waren Priester und ihre Gedichte nichts anders, als was bei uns Legenden der Heiligen sind. Wer ein neu Gedicht im Homerischen Geist machen wollte, müßte gerad die Heiligen so aufstellen wie er seine Götter; und gewiß würden sie das gläubige Volk entzücken, wenn sie mit Geist und Leben angebracht wären. Die Schwarzkünstler, womit sich Ariost und einige andere beholfen haben, kommen diesen lange an Wirkung nicht bei. Wenn Tasso episch Genie gehabt hätte, so war sein Stoff der glücklichste, den man aussinnen kann; aber der Pinsel hat an keinen Heiligen gedacht. Ganz erbärmlich ist's, wenn wir den Zeus und Apollo und die Venus und Grazien einflicken, ohne daß die Szene im alten Griechenland ist. Überhaupt ist der heutige vervielfachte Unterschied der Stände der Dichtkunst ganz nachteilig, und wenige Dichter haben das Gefühl des Wunderbaren aus der niedern Klasse von Menschen erlangt. Es ist lauter Nachäfferei.   203 Petrarca war in den Augen der Vernunft ein schmachtender Narr sein Leben lang, ohne alle Hoffnung. Laura hätte ihn gewiß drübergelassen, wenn er kein Poet gewesen wäre und schon soviel Lärm geblasen hätte. Sie konnte nicht anders und mußte aushalten, so weh es ihr auch vielleicht in der Seele tat, denn Petrarca war gewiß ein Mensch von dem feinsten Gefühl und außerordentlichem Talent. Nur äußerst schwach war er und von allen Menschen seines Jahrhunderts umfangen, die etwas zu bedeuten hatten, und dabei ebenso eitel. Man muß gewiß Mitleiden mit ihm und der Laura haben; es war Schicksal; sie konnten nie zusammen, es war zu weltkundig. Er war am meisten schuld, aber warum hörte er nie auf zu leiern? Großes hat er ganz und gar nichts sonst getan; seine Poesie erhebt sich über andre, weil er beständig in guter Gesellschaft lebte. Dante war ein Mann wie ein Fels, voll hohen Ehrgeizes, deswegen seine Theologie und Philosophie; er wollte über die Berühmtesten seines Zeitalters hervorragen. Wenn er Kraft genug gehabt hätte, sie zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedicht genommen hätte als so ein gotisches Gewirr, so wäre er der welsche Homer oder ein ebenso originaler Mann für Italien, wie Homer für Griechenland. Er hat Stärke, Feuer, tiefes Gefühl, Einbildung und männliche Würde, Adel und Herrschungsgeist. Der Fürst unter den welschen Dichtern wird er deswegen immer bleiben. Die Schicksale nach seiner Verbannung haben ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug gelassen. Boccaz war unter beiden am mehrsten Mensch und der Klügste. Er genoß das Leben und wickelte sich durch die Welt, wie's am besten gehen wollte. Er lernte besser die niedrige Klasse von Leuten kennen als jene, als Kaufmannsbursch und Reisender mit allerlei Art. Mit Leuten von Stande kam er aber nicht so zurecht und vermochte wenig über sie. Deswegen machte er auch so emsig den Bücherwurm, weil er wenig in Geschäften gebraucht wurde. Dante und er sind am mehrsten wahr; Petrarca geht meistens in der Luft mit den Füßen über der Erde. Der Mensch mit seinen fünf Sinnen hat mehr an ihnen. Alle dreie sind wilde Stämme ihres Zeitalters, für sich selbst hervorgeschossen und nicht gesät und gepflanzt. Sie haben Nahrung gesucht, wie sie sie um sich her fanden aus Trieb ihrer Natur. Sie sind groß geworden, und hernach hat sich alles unter ihren Schatten gesetzt. Dante und Boccaz sitzen eigentlich recht fest unter ihren Menschen und leben und weben mit ihnen und sind notwendig da und das, was sie sind. Petrarca ist ein luftig Phantasiewesen, was zu jeder andern Zeit auch sein konnte, wo gerad auch ein schönes, reizendes Weib war, das sich nach Schicksal ihm nicht preisgeben durfte; aber doch ist auch er bei seiner Laura aufgewachsen, und kein Mäzen hat ihn gemacht.   204 Niemand ist glücklicher zu unsern Zeiten als der Schriftsteller, aber er muß es recht anzufangen wissen und seine Sachen gut verstehen. Er kann die mehrste Wirkung machen und ist größer als König und Kaiser. Unser Krieg ist Maschinenwerk, unsere bürgerliche Verfassung Geburt und Zufall; es bleibt dem wahren Menschen nichts anders übrig. Auch wird dies von jedermann erkannt, so wie der schlechte Schriftsteller das elendeste Ding bleibt; weil nichts abgeschmackter ist, als wenn ein Esel sich wie ein Löwe gebärdet.   205 Der große Schriftsteller bleibt immer der größte Mensch. Er ist derjenige, der seine Wirkungen am weitesten verbreiten kann. Die andern Künste sind sinnlicher, aber wie tausendmal engere Schranken haben sie! Er hat Verstand und Empfindung mitzuteilen; die andern Künstler bloß Empfindung. Und alles, was der Mensch bloß empfinden kann, hat er mit dem Tier gemein. Dies ist auch durchaus stillschweigend anerkannt worden. Homer ist immer größer geblieben als der, welcher den Vatikanischen Apollo gemacht hat. Man fühlt es, daß der Mensch mehr bei ihm hat.   206 Lessing ist keiner von den Schriftstellern, die den Menschen ganz ergreifen. Das Große, Allgemeine war nicht seine Sphäre. Aus den Tiefen der Natur und der Leidenschaften hat er nicht geschöpft. Aber mit lautrer Seele und hellem Geiste faßte er scharf das einzelne. Man kann ihn mit Recht den Vater der deutschen Kritik nennen. Poesie, bildende Künste und Theologie sind seine drei Hauptfächer. Seine Dramaturgie, sein Laokoon, sein Nathan die Hauptwerke; und die Fabeln, Minna von Barnhelm und Emilia Galotti seine künstlerischen Produkte. Der Religion ist er nie bis auf den Grund gegangen; nur den Verfolgungsgeist hat er mächtig angegriffen und die Unfehlbarkeit der Theologie. In den bildenden Künsten hat er nicht Erfahrung genug gehabt und zuviel auf Hypothesen gebaut. In der Poesie selbst hat er sich nicht nach seinen Lehren gerichtet; seine unschuldige Emilia wird ermordet, die Tugend ist durchaus unglücklich, und das Laster geht unbestraft davon; und in seiner Minna verläßt er das Allgemeine. Seine Fabeln halten am mehrsten die Kritik aus. Seine Sinngedichte bedeuten wenig und haben mehr gelehrten als natürlichen Witz. Er scheint das Leben nicht genug genossen zu haben. Die Liebe hat er nie in ihrem vollen Feuer dargestellt. Seine Minna und sein Tellheim zeigen den heißen Durst der Leidenschaft nirgends; Tellheim würde auch sonst seinen Arm ganz behalten haben und etwas jugendlicher und kräftiger geworden sein. So äußert auch der Prinz in der Emilia nur Strohfeuer, und sie und ihr Bräutigam sind ziemlich kalt. Marinelli, ein reicher Gegenstand, ist etwas Kleinliches gegen einen Richelieu oder Potemkin. Und der Prinz, der in die Kirche läuft und hinter einem Mädchen kniet und ihm Liebeserklärungen vorsagt, ist wohl überhaupt gegen das Costume. Bei diesem allem bleibt er einer der angenehmsten deutschen Schriftsteller; Gedanken und runden Ausdruck vermißt man in seinen reifern Schriften nirgends. Seine Rettungen gehören unter sein Bestes und zeigen seine Güte und Gerechtigkeit. Überall erscheint er als ein Mann von Scharfsinn und hellem Verstand und geschliffnem Witz. Seine zu frühe Gelehrsamkeit mag ihn von dem großen unkonventionellen Natürlichen abgeleitet haben, das er im Detail oft meisterhaft trifft, rettet und rächt.   207 Faust. Ein Fragment. Gewiß Fragment! Denn es ist nichts von Plan zu einem Ganzen zu sehen. Oder doch sollt es vielmehr heißen: Ideen ohne Zusammenhang zu einem Faust? Verschiedenes ist vortreffliche Darstellung der Natur, und das beste: die Szenen mit Margarethen, welche auch die Hälfte ausmachen. Verführung eines unschuldigen Mädchens und deren Angst mit der Frucht der Liebe unterm Herzen und gewissermaßen Kirchenbuße. Wenn man kein Ganzes machen will und nur einzelne Szenen darstellen, ist es weit leichter, die Natur zu treffen. Übrigens merkt man, wo Goethens erstes Jugendfeuer noch ist und wo er neuerdings hinzugeflickt hat. Die Hexen- und Studentenszenen tun wenig Wirkung. Diese Kraftgeniestreiche sind jetzt schon alle durchgepeitscht und kommen zwanzig Jahre zu spät. Schwadronieren und hie und da kräftiger Sinn. Licht in einer düstern Rumpelkammer ... Es war ein König in Thule. – Ist ganz vortrefflich und das schönste. Margarethe ist das beste im Ganzen, ganz nach der Natur. – Du holdes Himmelsangesicht! Meine Ruh ist hin – vortrefflich Lied. Die Szene über Religion ist göttlich. Aber wie Faust so sprechen kann, unbegreiflich ... Die Knittelverse oft ganz vortreffliche Poesie in Kernsprache, sie schicken sich wirklich am besten zu originaldeutschen Szenen. Goethe hat's drucken lassen, weil doch um vieles schade war, daß es sollte verlorengehen; er konnt's anderswo nicht brauchen. Alles war ohne Plan gemacht oder gewiß nur in einer äußerst dunkeln Idee von Plan ...   208 Wilhelm Meisters Lehrjahre. Erster Band. 1795. Fülle von Leben, Gefühl und Empfindung, stark und zart; das einzelne scharf und fest fassender, überlegender Verstand; unendlich reiches Gedächtnis; aber Mangel an Kunst, ein Ganzes hervorzubringen, daraus zu bilden, das der Wahrheit und Schönheit des Wirklichen gleichkommt. Fast alle Personen sind im Widerspruch mit sich selbst hier, am mehrsten der Held des Romans ... 2. Buch, 3. und 4. Kapitel. Hier fängt das Meisterhafte an. Durchaus klassisch. Charakter, Begebenheiten durchaus vortrefflich. So etwas hält sich ewig. Welche reizende Schilderung und Aufführung der Philine! Und welche ebenso reizende von Mignon! Diese zwei Personen sind das eigentlich Vortreffliche des ganzen Werks, aber vorzüglich an Mignon hat er sich selbst übertroffen, so tief hat Goethe noch nichts ausgefühlt und auserdacht ...   209 Torquato Tasso. Ein geringes Haus mit den edelsten Materialien aufgeführt. Ein mittelmäßig Stück voll der lieblichsten Poesie, schönsten Bilder, sinnreichsten Gedanken. Antonio, auf den alles gebaut ist, ist ein Unding, ein Widerspruch, sein Charakter außer aller poetischen Wahrscheinlichkeit. Grob bis zur Plumpheit in Gegenwart des ausgebildetsten Fürsten gegen einen seiner Günstlinge: und dabei ein ausgelernter Hofmann; ein Dichter ohne Ader und Phantasie; und spricht originell, in dem schönsten Ausdruck; alt und kalt wie ein Felsen: und will höllisch eifersüchtig die Gunst schöner Weiber mit niemand teilen. – Tasso ist am besten dargestellt. Doch sollte zur Täuschung mehr von seiner ersten unglücklichen Jugend gesagt werden, die ihn so mißtrauisch gemacht hat. Übrigens erregt er bei seiner tollen Heftigkeit wenig Interesse. – Aus dem Stoffe hätte etwas ganz vortrefflich Hohes, Tragisches können gemacht werden: sobald Goethe den Tasso als großen Dichter aufstellen wollte, wie er getan hat. Der Stoff ist ohngefähr wie im wütenden Ajax von Sophokles. Aber da ist Ulysses ein ganz andrer Mensch als Antonio. Und Ajax ohne Vergleich theatralischer als Tasso. So gleicht dieser fast den neuern italienischen Stücken des sechzehnten Jahrhunderts, die man den Griechen nachmachte; kleinliche Leidenschaften. Das Ganze ist eins von Goethes ausgearbeitetsten Werken; und es ist schade, daß so viel göttliche gediegene Poesie für bloße müßige Lektüre ohne weitern Zweck verschwendet ist. Die Personen kommen und gehen wieder, man weiß nicht, warum; sie fangen Gespräche und Abhandlungen an, man weiß auch nicht recht, warum. Nichts im Zuge des Ganzen ist kräftig entschieden. Bloß das ist sichtbar: Tasso soll aus einem glücklichen Zustand durch seine Empfindlichkeit und Heftigkeit in einen unglücklichen gestürzt werden. Aber weder Glück noch Unglück ist theatralisch und bedeutend. Und die Mittel dazu unnatürlich, künstlich und unerheblich. Lächerlich ist's sogar, wie auf die letzt die kleine Mittlerin Leonore, und dann der Herr Antonio und der Herzog durch die Szenen zucken, herbeigelaufen kommen und das armselige Liebespaar überraschen. Ganz unweiblich ist's, daß die Prinzessin der Leonore zuvor ihre Liebe gegen Tasso entdeckte, welche sie selbst gleich im Anfange mit ihrer Neigung gegen Tasso foppt. Eifersüchtig hätten sie beide auf einander sein, und einander sich ihre Liebe verbergen sollen. Das ist Weiberart. Überhaupt ein paar matte gelehrte Kreaturen. Das ganze Stück ist Widerspruch auf Widerspruch. Goethe scheint immer eifersüchtig auf die Geschöpfe seiner eignen Phantasie zu sein. Man merkt überall die Absicht, daß er der Meister und mehr sein will als sie. –   210 Hyperions Briefe sind voll lebendiger Empfindung und tiefem Gefühl. Er ist ein Apostel der Natur. Es sind Stellen darin, so warm und eindringend, daß sie selbst den alten Kant ergreifen und von seinem bloßen Schein aller Dinge bekehren sollten. –   211 Es ist zum Verwundern, wie der nordische Philosoph so vielen gelehrten Leuten weisgemacht hat, sie könnten auf der Reise durchs Leben mit gemaltem Wein und Brot und Schinken sich ganz vortrefflich befinden, wenn man nur einen gewissen Talisman bei sich trüge, den er eigens dazu verfertigt habe, und wovon leicht Fabriken könnten angelegt werden. Am mehrsten haben sich noch die Hamburger dagegen empört, die sich auf Wohlleben verstehen. Und sie sagen oft in ihrem Unparteiischen Korrespondenten, daß sie diese Philosophie nicht ausstehen könnten.   212 Das Falsche und Unerträgliche des Kantischen Systems liegt darin, daß behauptet wird: Wir wüßten von den Dingen an und für sich gar nichts und hätten nur Vorstellungen davon, die gar nichts Wirkliches enthielten, die bloß Folgen der Kategorien und der Formen der Sinnlichkeit (Raum und Zeit) wären, welche wir auf die Dinge an und für sich anwendeten. – Dieses System ist zu tyrannisch für Leben in der Welt und für glückseliges Leben, als daß es ein Mensch, der fühlt, empfindet und denkt, erdulden könnte, sobald er es kennt und einsieht. Dem Menschen werden hier die Augen ausgestochen, die Nase zertreten, die Ohren taub geschlagen, die Zunge verbrannt und alles Gefühl verhärtet. – Nicht ob eins edler, mächtiger als das andre sei; Sonne, Luft und Wasser und Dreck seien weiter nichts als bloße Vorstellungen. Mit dem tollen unsinnigen Wort Vorstellungen wird alles abgefertigt. – Kants moralisches Prinzip ist nichts andres als: handle so, als ob du im tausendjährigen Reiche lebtest. Viel zu wenig wäre: handle so, als ob du in der Platonischen Republik oder Utopien lebtest. Damit würde man in unsern bürgerlichen Verfassungen schön ankommen!   213 Der Mensch, sich selbst überlassen, glaubt von nichts etwas zu wissen, bis er sich es einigermaßen sinnlich vorstellen kann; und wo der Sinn aufhört, fängt die Einbildungskraft an und kommt ihm zu Hilfe. Das ist so ganz seiner Natur gemäß, dadurch erklärt er sich endlich alles. Das ist die Quelle seiner Wahrheit, seines Irrtums; und er befindet sich dabei glücklich oder unglücklich, aber immer lebt er damit und regt sich und kommt damit an irgendein Ziel der Ruhe. Es gibt nichts anders für ihn in der Welt. Alle die hochtrabenden Phrasen von reiner Vernunft und Transszendentalem geben ihm keinen Genuß. Alles andre ist leer und hat keinen Gehalt. Fahren wir also noch weiter fort, uns diese feinen, dem Auge entschwindenden Sachen durch die Einbildungskraft in etwas sinnlich zu machen.   214 Nach Platons Erklärung ist die Schönheit die ursprüngliche Idee der Dinge in Gott. Und die Seelen, die sein Anschauen genossen und diese Ideen erkannten, schaudern, wenn sie in diesem Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken, erinnern sich dunkel ihres vorigen Zustandes, erschrecken und werden entzückt. Ihre Schwingen regen sich, gehen vom warmen Einfluß auf, der Federstock keimt. – Es ist gewiß eine erhabne Hymne auf die Liebe, und liegt tiefe Wahrheit zugrunde. Was sich selbst bewegt, ist Seele, ewig, ohne Anfang: davon alles Werden, und alle Körper, die sich bewegen. Schönheit ist die vollkommenste Harmonie der Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand. Schönheit gibt der Seele das lauterste Gefühl ihres Daseins. Schönheit ist die freieste Wohnung der Seele. Schönheit erinnert die Seele an ihre Gottheit, an ihre Schöpfungskraft, und daß sie über alle die Körperwelt, die sie umgibt, ewig erhaben ist. Im Anfang macht ihr dies Freude, aber endlich Pein; sie sieht sich gefangen, und daß sie nicht mehr ist, was sie war: und die Tränen rinnen über ihren nichtigen gegenwärtigen Zustand. Doch stärkt sie wieder ihre ewige Natur und die süße himmlische Hoffnung regt ihre Fittiche, daß sie doch bald aus dieser Dunkelheit, aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Scharen der seligen Geister, wo weder Frost noch Hitze abwechseln, und alles ist in seiner mannigfaltigen Wahrheit und ursprünglichen Schönheit. Nicht geboren werden übertrifft alle irdische Glückseligkeit; und wenn du da sein wirst, so ist, je geschwinder, je besser, wieder dahin zu kehren, wo du herkommst. Sobald die Jugend sich einstellt mit ihren tollen Streichen, wer windet sich mit aller Arbeit daraus? Wer steckt nicht in Plagen und Leiden? Morde, Parteien, Streitigkeiten, Gefechte und Neid. Auf die Letzt überschleicht uns das unzufriedne, schwache, menschenscheue, verhaßte Alter, wo alle Übel haufenweise zusammenwohnen. – So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner glücklichen und glänzenden Laufbahn.   215 Jedes lebendige Wesen bezieht alles, was in seinem Umkreis ist, auf sich und ist sich selbst mehr als alles. Folglich ist das Schwächste das Grausamste; denn es muß das Stärkere sich gleichzumachen suchen, damit es nicht mehr sei als es selbst. Kinder sind grausamer als Erwachsene, Weiber als Männer, Feige als Tapfere. Und so alles innere Vergnügen an Leiden anderer. Kein Starker hat Gefallen am Leiden eines Schwachen. Wäre der Schwache boshaft und litt verdiente Strafe, so wäre seine Bosheit selbst für den Starken Stärke, vor der er sich fürchten hätte müssen. Grausamkeit zeigt immer, wenn auch körperliche Stärke dabei sein sollte, eine schwache Seele. Und so auch mit der Schadenfreude; diese ist ein Kapitalschlüssel, die Herzen zu eröffnen; und ein Geheimnis im menschlichen Leben, womit man seinen Mann geschwind auf die Probe stellen kann. Außerdem noch freut sich keiner mehr über eines andern Schaden, als worin er selbst gebrechlich ist.   216 Wir können an uns selbst nicht im Spiegel sehn, auch in dem nämlichen Moment, was wir denken und empfinden; und sogar verschiedene Leidenschaften zeigen sich bis auf ihre hohe Grade im Gesichte überein. Die ganze bildende Kunst ist ein vages unbestimmtes Wesen, das seinen Hauptwert eigentlich von der Schönheit der Formen und der Konturen erhält, und dann außerwesentlich ist sie eine große Zierde der Poesie und Geschichte, die aber natürlich ganz ohne sie bestehen können. Poesie ist das innere Leben selbst; Bild von Farbe oder Stein bloß das Zeichen. Wer jenes nicht schon in sich hat, kann bei diesem wenig fühlen und erkennen. – Allerlei Gestalten träumen mag man sich wohl; aber Wahrheit, physiognomische mit Leib und Leben wie Wirklichkeit, ohne Miene und Gebärde Punkt für Punkt von der Natur selbst abkonterfeien, geht über des Menschen Kräfte, dazu haben wir noch keine Wissenschaft, keine Gründe und Regeln, weder Ja noch Nein. Unser Bestes ist noch die allgemeinen Züge der Leidenschaften und andern starken Empfindungen, die sich in Bewegung besonders von außen zeigen. Ich habe von dem Menschen, außer der fleischlichen Vermischung, hauptsächlich den Genuß durch seine Reden und Handlungen, durch Worte und Bewegungen, beides kann mir die bildende Kunst nicht geben. Man stelle sich seinen Freund auch in dem interessantesten Moment der freundschaftlichen Liebe auf einmal wie zu einer Büste versteinert, wie unveränderlich mit seinen Mienen und Gebärden vor. – Mit Erinnerung der Worte aller vor und nach dem Moment wird das Bild gewiß löblich in die Seele leuchten und jederzeit einen Freudenschauer erregen. Aber wie die Erinnerung sich schwächt, wird es nach und nach immer weniger bedeuten, und bei dem Gedanken an tausend andre Szenen endlich leer und sogar Spott werden, statt daß nur ein herzlicher Brief von demselben immer neu die Seele erquickt, sooft man nötig hat, ihn wieder durchzulesen. Was soll nun so ein Bild auf andre für Wirkung machen, die sich dabei platterdings gar nichts Gewisses vorstellen können, die die Person nicht kennen, nichts von ihr aus der Geschichte wissen? Geschieht dies bei wirklichen Menschen, was wollt ihr mit euren Idealen, wovon ihr nicht eine Form als wahr beweisen könnt? Die schönsten Bilder sind weiter nichts als ein geistig Licht in die Seele, die sie aufheitern und allerlei unbestimmte süße Gefühle in ihr erregen, wie ein reiner Akkord auf einem wohlklingenden Instrumente. Und solche Schönheit ist das eigentliche Wesen der bildenden Kunst, und keine Handlung, die die Poesie weit wahrer und lebendiger vorstellt.   217 Wenige Menschen kommen so weit, daß sie begreifen, daß sie das nicht selbst sind, was in ihnen denkt, daß dies ein Wesen ist, was alles durchdringt und sich mit nichts vermischt, vermischen kann, sondern nur die Masse aller andern Dinge durchwandelt, erkennt, was da ist, und ordnet; und daß ihr Selbst, Kopf, Brust und Arme und Beine mit Augen und Ohren nur wenig, verschieden zusammengeordnete Materie der ungeheuern Vorratskammer der Natur ist.   218 Pythagoras, als Zaubrer, der sich in alle Arten lebendiger Formen verwandeln kann, vom Wurm an und Fisch bis zum Esel, Hengst, Löwen und Menschen und Adler und wieder zurück bis zur Eiche und Blume, und in jeder die Glückseligkeit genießt, weswegen das reine göttliche ewige Wesen Form ward. Ein philosophischer, metaphysischer Roué.   219 Ich besitze ein Arkanum, vermittelst dessen mir das Innere eines Menschen, er sei Mann oder Weib, und wenn er sich auch mit den täuschendsten Masken verbergen könne – sichtbar wird, und wodurch ich die moralische Welt betrachte, wie die Astronomen den Sternhimmel durch ihre Sehröhre. Man muß aber eine gewisse Art von Nacht um sich machen, wenn man sich dessen will bedienen können – und dies können sehr wenig Menschen, insbesondre sehr wenig Bürger der gelehrten Republik, welche fast alle die Begierde haben, sich immer in ihrem höchsten Glanze zu zeigen.   220 Die schlechten Menschen irren nicht sowohl in dem Urteil, das sie über die Tugend der andern fällen, als daß sie sie nicht selbst ausüben: die Tugend hat ich weiß nicht was für göttliche Kennzeichen, die selbst den Bösewichtern nicht erlauben, sie zu verkennen.   221 Gut und nützlich und zuträglich ist einerlei; gut ist ein völlig relativer Begriff, und nichts ist an und für sich selbst gut. Aber schön ist jedes Ding in der Natur an und für sich, wenn es das ist, was es seiner Art und Zeit nach sein soll. Ein Löwe ist schön, ob er gleich nicht dem Menschen nützlich ist, und so jedes Element im Aufruhr. Die Sokratische Philosophie hat das Fatale, daß sie alles auf den Menschen und die Gesetze des Staates bezieht und nichts an und für sich betrachtet; ein herrlicher Bürger war der Alte, aber dadurch hat er alle Naturmenschen gegen sich aufgebracht. Er war Athenienser mit Haut und Haar.   222 Selbständig wirken ist Leben; mechanisch tun müssen Tod.   223 Der wahre Mensch ist immer traurig; seine Freuden sind Blitz in Nacht.   224 Aus eines schönen Weibes Antlitz blickt dem Manne, was er ewig sucht und nie findet.   225 Die Liebe ist desto stärker, an je mehr sie hängt. Der größte Mensch kann am stärksten geliebt werden und auch wieder lieben, nachdem der Gegenstand ist. Alle Liebe geht aber von Fleischeslust aus, das ist die Grundwurzel.   226 Die lebendigen Geschöpfe haben, wie die Blumen und Pflanzen, wie die Bäume, ihren Frühling, Sommer, Herbst, und leider! auch Winter; aber mit dem Unterschiede, nur einmal in ihrem Leben. Der Jugendgeist verschwindet auf ewig, wenn er einmal von uns Abschied nimmt. Die ersten heftigen Empfindungen des Herzens sind die Blüten der Glückseligkeit unsers ganzen Lebens. Wenn diese einmal verdorben sind, dann ist wenig mehr zu hoffen.   227 Der Mensch, bei dem die Zeiten der Liebe vorbei sind, ist ein Unedler geworden.   228 Der frappanteste Unterschied zwischen Unschuld und Sünde ist Anhalten im Genuß. Dadurch unterscheiden sich die Alten von den Neuern. Beweise sind alle Künste. Hauptsächlich aber Musik. Dadurch unterscheidet sich der unverdorbne Mensch von dem verdorbnen: der Große von dem Kleinen. Das ist der sicherste Probierstein im Leben. Dieser Satz ist einer von der reinsten Evidenz.   229 Die eigentliche wahre Liebe ist allein der Drang, mit einer Person vom andern Geschlecht ein Kind zeugen zu wollen; und dauert ihrer Natur nach so lang, bis das Kind geboren ist und als es den Eltern Freude macht. Wenn man unsre Heldengedichte, von den griechischen an, unsre Schauspiele und Romane liest, so findet man diese Leidenschaft fast nie in ihrer Fülle. Alles ist darinnen gewissermaßen nur Vorspiel dazu, ein leeres Wortgeklingel, dem Leser und Zuhörer ihr eigen Gefühl beilegen, welches nicht darinnen ist. Bei der Liebe des Paris zur Helena, bei der des Äneas zur Dido, des Rinald zur Armida, und fast allen Theaterspielen kömmt von Kindern selbst und was sich darauf bezöge, gar nichts vor. Diese Leidenschaft, so viele Millionenmal sie auch schon dargestellt worden ist, hat also noch in ihrer Tiefe volle Neuheit für einen Künstler; volle und mannigfaltige Neuheit. (Im Ardinghello ist sie wahr und rein hervorgeschöpft, bis auf die Vatergefühle und Muttergefühle, wozu der Zeitraum zu kurz war; bei der Lucinde sind sie nur mit wenig Worten angegeben.) Alles andre, was noch bei uns den Namen Liebe führt, ist Freundschaft, Geselligkeit, Wollust; welche letztere selbst mit dem höchsten Reiz einer Ninon von achtzehn Jahren, einer Lais und Phryne, eines Alkibiades ein bloßes Jucken der Zeugungsglieder und Spiel ist, gegen das Göttliche dieser Leidenschaft. Wenn ein Dichter ein Mädchen der Liebe schildern will, so kömmt es also wahrlich wenig darauf an, ob es kleine Füße, lange Haare usw. hat, sondern ob der Bau ihres Körpers vortrefflich ist, gesunde und starke Kinder zu empfangen und zu gebären, ob ihre Lenden gut dazu gewölbt sind, ob ihre Brüste kräftig sind, sie zu stillen, ihre Augen und Lippen gutherzig aussehen, alles Ungemach der ersten Erziehung zärtlich auf sich zu nehmen, ob sie stark genug ist, die Geburtsschmerzen auszuhalten. Nach diesen Regeln, die doch wohl die einzigen wahren sind, prüfe man nun einmal die Schreibereien unsrer Dichter, und man wird sich wundern, wie wenig Ahndung sie davon hatten, da sie doch so nah vor Augen liegen. Selbst Werther scheint bei seiner Lotte nur das zu lieben, daß alles so leicht von ihr gefaßt wird, was er spricht; und Wielands Danae ist nun gar zu sehr gemachtes Ding und hat auch nicht einen Zug von Natur.   230 Oh, wie verlangt mein Herz, jene glückseligen Inseln und das feste Land auf beiden Seiten noch heutzutag zu sehen und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet! Ach, wir sind so weit von der Natur abgewichen und von der wahren Kunst zurück, daß wir fast insgesamt einen bekleideten Menschen für schöner halten als einen nackten! Das kostbarste, prächtigste, feinste und niedlichste Gewand ist für den echten Philosophen und das Wesen, das nach klarem frischem Genuß trachtet, ein Flecken, eine Schale, die ihn hemmt und hindert.   231 Oh, wie will ich mich freuen, wenn ich einmal unter Menschen komme, die nackend gehen und wo ich nackend gehen kann.   232 Jedes muß sich selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit bedienen, womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und Sphäre, wohinein es bei seiner Geburt gesetzt wurde. Dies hebt den Menschen über Menschen und macht einen weit größeren Unterschied zwischen den Graden ihres Genusses, als zum Exempel zwischen den verschiedenen Weinen und ihrem Geschmack ist, wo man nicht glauben sollte, daß sie alle von derselben Rebe herkämen. – Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefällt, erwuchs, und Vermögen besitzt, wenn es sich das unauflösliche Joch der Ehe aufbinden läßt. Eine Göttin bleibt es, unverheiratet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von jedem wackern Manne, auf so lang es will. Es lebt in Gesellschaft der Verständigsten, Schönsten, Witzigsten und Sinnreichsten; erzieht seine Kinder mit Lust, als freiwillige Kinder der Liebe; erhöht sich zum Manne: da es hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden wäre, nichts mehr vermöchte nach Gesetz und Gewohnheit und sich endlich von dem kleinen Sultan selbst, welchem es sich aufgeopfert hätte, verachtet sehen müßte, ohn einem andern Vortrefflichen seine Hochachtung wirklich auf eine seelenhafte Art, nicht bloß mit Tand und Worten, erkennen geben zu dürfen. –   233 Was die Eifersucht betrifft: so ist sie gewiß ... eine unnatürliche Leidenschaft und entsteht ganz allein aus armseliger Schwäche, Mangel oder Vorurteil; Brüder und Helden, jeder wert, ein Mann zu sein, sollten sich eine Freude daraus machen, ein schönes Weib gemeinschaftlich zu lieben. Der geringste Genuß wird durch Anteilnehmung mehrerer verstärkt und gewinnt dadurch erst seinen vollen Gehalt: warum sollte es nicht so sein bei dem größten? Und ist eine junge Schönheit nicht imstande, ihrer viele zu vergnügen? Verliert der eine etwas, wenn der andre auch von der Quelle trinkt, woran er schon seinen Durst gelöscht hat? In einer guten bürgerlichen Gesellschaft sollte platterdings auch gesellschaftliche Liebe und Freundlichkeit sein; allein wir können uns von dem Krebsschaden der Vorurteile vieler Jahrtausende noch nicht heilen. Eins und eins ist wahrlich nicht viel mehr als einsiedlerisch und gegen die Natur; sie behauptet deswegen auch immer ihre Rechte, wie jeder weiß, der nicht ganz blind ist. Bei der großen Mannigfaltigkeit wäre es Unsinn, jederzeit von bloßem Brot zu leben. Jeder Mensch existiert für sich und in keinem andern; wenn dies die Natur gewollt hätte, so wären wir zusammengewachsen. Und geht's nicht so unter allen Gattungen von Tieren, Gras und Kraut und Bäumen? Jedes vereinigt sich mit dem andern nach Gelegenheit. Oh, ihr Armseligen, die ihr keinen Begriff von Leben und Freiheit habt und Großheit des Charakters! Daß dies die reine wahre Lust ist, mit seiner ganzen Person, so wie man ist, wie ein Element göttlich einzig unzerstörbar, lauter Gefühl und Geist, gleich einem Tropfen im Ozean durch das Meer der Wesen zu rollen, alles Vollkommne zu genießen und von allem Vollkommnen genossen zu werden, ohne auf demselben Flecke klebenzubleiben. Sobald etwas ganz genossen ist, weg davon! Dies ist das allgemeinste Gesetz der Natur, wodurch sie sich ewig lebendig und unsterblich erhält. –   234 Die Freundschaft ist die Grenze der Liebe. Die Liebe verlangt und will ihren Menschen ganz, und ruht nicht eher, als bis sie ihn ganz hat. Die Liebe ist inniger in Leib und Seele als die Freundschaft. Die Freundschaft steht bald bei ihr im Hintergrund, und wenn die Frucht der Liebe, ein wohlgebornes Kind, erfolgt ist, so verschwindet sie nach und nach. Dies ist in der Natur. Nur große Bedürfnisse können dies ändern. Gefahren im Kriege, große Zwecke in bürgerlichen Verhältnissen, der Gegenstand in der Liebe und Freundschaft endlich selbst. Doch muß der Freund die geliebte Person immer weit aufwiegen.   235 Was will das sagen: Leidenschaft? Die Leidenschaft ist mit ihm durchgegangen? Das so schief ausgedrückte: der Wille ist gut, das Fleisch ist schwach? Daß der Gedanke, alle Vernunft nur eine Eigenschaft ist, Modifikation, und nicht das eigentlich handelnde principium, das Wesen. Begierde, Abscheu gehen aus dem Innern des Wesens selbst hervor, und die Modifikationen verschwinden, sobald das Wesen vom Enthusiasmus erwärmt wird und seine ewige Verwandtschaft, chemisch zu reden, mit etwas fühlt. Man nennt diese auch Charakter. Man pflegt dabei auch zu sagen, wider besser Wissen handeln. Es kömmt nun freilich darauf an, wie die Grundsubstanz ist. Und da kann man nicht anders annehmen, als daß sie bei einem Epaminondas anders sein muß als bei einem Cäsar Borgia, reines Gold anders als mit Kupfer vermischtes. Daß, wo die Menschheit in ihrer höchsten Reinheit ist und handelt, die höchste Moral sich befindet, die Norm, der Kanon sittlicher Schönheit. Und daß viele entschieden vortreffliche Menschen durch alle Zeitalter hierüber entscheiden. – Wo das Wesen ganz offenbar für sich handelt und sich nicht nach den Gedanken richtet, sieht man nicht selten bei der Leidenschaft der Liebe. Die Sinnen allein erkennen den Gegenstand der Vereinigung in diesen Fällen, und alle andern Rücksichten von bürgerlicher Konvenienz, Schicklichkeit, verschwinden. Der Same und die Organe dafür handeln. So handelt bei Säufern die Zunge, der Gaumen, der Schlund, die ursprünglichsten Modifikationen des Wesens. Bei andern sogenannten Unmäßigen das Auge, das Ohr. Jeder, der zuweilen so gehandelt hat und seine Gedanken, wie leichte Nebel, in diesen Fällen verscheuchte, wird dies erkennen. Nur ein festes Gedankensystem kann dagegen mit Glück kämpfen, das mit dem Alter das Wesen gleichsam wie mit einer Kruste überzieht, daß es nach Belieben springen muß wie Brunnen in Röhren. Wenn das Wesen alberne Vorurteile durchbricht, dann muß man es als etwas Göttliches verehren.   236 Alles muß seiner Natur folgen. Ich zittre und knirsche mit den Zähnen, daß es nicht anders ist: der Mensch hat keine Freiheit. Sieh die Inseln der Glückseligkeit vor dir, mit vor Verlangen kochendem Herzen nach ihrer Lust, von üppigem Mut alle Nerven geschwellt: und widerstehe mit kalter Überlegung der Gefahren, die vielleicht auf dich warten, indes der günstigste Wind über dir in den Wipfeln hinsäuselt! Was ist das, daß der Mensch so nach Ruhe trachtet und sie hernach doch nicht leiden kann? Daß das Ziel keins mehr für ihn ist, sobald er es erreicht hat, und er immer ein neues Leben haben muß? Ach, unser Wesen hat keinen Frieden, und Brand und Glut in und über alles ist dessen erste Urkraft.   237 Ich sitze hier an den Höhen des Tals von Lucca, wo über mir der Wind durch die Buchen säuselt und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele, wie am Scheidewege meines Lebens. Oh, wer die Zukunft aufhüllen könnte! Aber diese kennt niemand als der, der alles weiß; wir sind nur Funken, unsers Schicksals ungewiß, die in dem Unermeßlichen herumstäuben. Wohl dem, der wie ein Schmetterling sich an den Blumen ergötzt, die er vor sich findet! Hat der, welcher mit Gefahren kämpfte und sein Ziel errang, am End etwas Beßres? Genuß jedes Augenblicks, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die Götter. Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart? Traum ohne Wirklichkeit alles übrige. Doch weg mit dieser Mückenweisheit! Unser Geist hat mehr Tiefe. Nur die Kraft ist selig, die Widerstand nach ihrem Maß überwältigt und ihn nach ihrem Wesen ordnet, sei's auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, der den Antäus bezwang, rannen die Schweißtropfen süßer hervor aus seiner Stirn, als ihm je die Umarmungen einer schwachen, gefälligen Dirne waren; und nur Omphale, die ihn die Spindel drehen machte, verdiente die Liebe des Helden.   238 Das ganze menschliche Geschlecht ist zu keiner Zeit weder alt noch jung; es bleibt immer in seiner völligen Kraft, wie die ewige Natur, und strebt immer nach größerer Vollkommenheit des Ganzen. Wer kann behaupten, daß es im 18. Jahrhundert nicht vollkommner ist, als es im siebzehnten war? Und so gehe man weiter zurück, und man wird finden, daß das Ganze selbst in den Jahrhunderten, die wir die finstersten nennen, im zehnten und elften Jahrhundert vollkommner war als zu den Zeiten der Römer und Griechen, wo nur kleine Punkte desselben strahlten und neunzehn Zwanzigteile in Wildheit und Elend vegetierten. Die Fackel der himmlischen Vernunft wird so lange zünden und in lebendige Flamme setzen, bis alles eine glückliche harmonische Masse ist, soviel als die Lage unsres Erdenkreises und die Kräfte der menschlichen Form vergönnen. Daß der Planet, den wir bewohnen, nicht immer so war, wie er jetzt ist, bedarf wohl keiner tiefen Untersuchung; man lese deswegen nur flüchtig den Naturkündiger Saussure über den Montblanc, die höchste und älteste Oberfläche von Europa, Asia und Afrika; daß er einmal eine flüssige Masse war, ist hier wohl klar genug. Wieviel Jahrhunderte oder Jahrtausende sie brauchte, bis sie zu vegetabilischem Leben fähig war, hat die Chemie und Astronomie noch nicht ergründen können. Ebensowenig wie alt die vollkommenste organische Komposition des Menschen darauf ist. Aber daß sie darauf einmal einen Ursprung gehabt hat und die menschliche Form nicht ewig ist, wie die Spinozisten vernünfteln, ist wohl ebenso klar. Und so wenig können wir wieder für die Zukunft ergründen, was aus unserm Planeten mit allen seinen organischen Formen werden wird. Eben weil die Natur, das ewige Wesen, unendlich und unergründlich für jede Form sein muß.   239 Wir sind ein ewiges Spiel der vis centripeta und centrifuga, wie alle Dinge, die wir sehn. Woraus bestehn sonst die Pflanzen und Tiere? Es gibt keine Schöpfung aus dem Nichts, folglich ist alles da, was ist; und das neue Werden ist weiter nichts als andre Zusammensetzung der Grundsubstanzen, der Elemente und ihre Auflösung. Wir können damit nicht weiter kommen als an die vis centripeta und centrifuga. Jedes Element hat seine Kräfte; die Hauptkraft von jedem scheint zu sein, sich mit seinesgleichen wieder zu vereinigen, Luft mit Luft, Wasser und Erde mit Wasser und Erde. Die Willkür, die wir nur bei Menschen und Tieren gewahr werden, hat ihre Schranken und kann nicht aus den Kräften der andern Naturen hinaus; wir können nicht von uns weg wollen, nicht in die Erde und über die Erde. Das Element der Organisation, worin es auch bestehen mag, scheint über alles zu herrschen, aber doch nur eine Zeitlang; es kann die Wirkung der andern Kräfte doch nicht völlig hemmen und nicht einmal leiten, wenn sie an Zahl zu mächtig werden. Aus diesen Sätzen können wir nun Systeme schneiden: wir kommen am Ende aber doch auf bloße Namen und unerklärliche Ursachen, wobei wir stehnbleiben müssen, weil wir nicht ins Dunkle sehen und nicht feiner fühlen können, als unser Gefühl ist. Daher geht alles System endlich ins Ungewisse und zerfällt von selbst. Es ist ein ewiger Kampf in der Natur, und wo die streitenden Parteien gleich mächtig sind, nennen wir's Ordnung, Form, Schönheit und Leben, und wie die Namen alle weiter heißen. Wie Kinder scheuen wir Tod und Vergehen; wir würden bei beständiger Dauer in immer einerlei Komposition vor langer Weile endlich auf ewiger Folter liegen. Die Natur hat sich aus eigenen Grundtrieben dies Spiel von Werden und Auflösen so zubereitet, um immer in neuen Gefühlen ewig selig fortzuschweben, und unser Urberuf ist, dies zu erkennen und glücklich zu sein. Pythagoras hatte ganz recht, die Welt ist eine Musik. Wo die Gewalt der Konsonanzen und Dissonanzen am verflochtensten ist, da ist ihr höchstes Leben; und der Trost aller Unglücklichen muß sein, daß keine Dissonanz in der Natur kann liegenbleiben. Die höchsten Granitfelsen von Wallis und Uri zermalmen endlich die Regen des Himmels und Katarakten der Eisdecken über ihnen; und Jahrtausende sind Momente der Ewigkeit ...   240 Alle Erfahrung erhärtet, daß auf unserm Planeten das Unterste zuoberst gewesen ist. Wo itzt Gebirge stehen, waren Seen, und wo Seen sind, waren Gebirge. Das Alter der Welt kann nicht anders als ungeheuer sein. Wann ein Sizilianer aus den Laven des Ätna die Welt schon um viele Jahrtausende älter macht, so ist für den Scharfsinnigen der Ätna selbst mit allen seinen Laven nur ein Moment, eine Schaumblase auf den Tiefen der vergangenen Zeiten. Die höchsten Eisgebirge müssen wieder zu Ebnen werden, in Täler sich verkriechen. Das Meer wird sie überschwemmen; sie werden bis zum Mittelpunkt der Erde versinken. Wenn Erde in Wasser zugrunde geht, warum könnte nicht einmal die ganze Oberfläche dieses Planeten eine runde Kugel von Wasser vorstellen? Hernach kann es wieder heißen: Und der Geist Gottes schwebte auf den Wassern?   241 Das Mächtigste und Sinnlichste, was wir auf festem Lande haben, ist ein Sturmwind. Und so hat der November und Dezember, die traurigsten Monate, auch seine hohen Naturfreuden. Am Ufer der Meere besonders.   242 Die Sonne löscht alle Freuden der Nacht aus! wie die schönen Sterne, so die süßen Melodien und Harmonien der Phantasie, und die stärksten Gefühle der Vergangenheit und Zukunft. Die Nacht hat etwas Zauberisches, was kein Tag hat; so etwas Grenzenloses, Inniges, Seliges. Das Mechanische der Zeitlichkeit, das einen spannt und festhält, weicht so sanft zurück, und man schwimmt und schwebt, ohne Anstoß, auf Momente im ewigen Leben.   243 Den 12. Mai. – Ich habe noch keinen süßern Übergang von Tag in Nacht gesehen. Die Harmonie der Lichttöne vom Safranrötlichen in milchweißen Schimmer. Jetzt reines, sanftes, stilles Blau, gelöscht, und den aschgrauen Saum der Wolken, die sich dunkel leicht auswölben, und unten sich alles in der Flut widerspiegelt, die hernach wie frische Quellentiefe fortströmt, und die grüne Nacht der Berge am Fluß, Abendstern vor mir, beinah Vollmond hinter mir, Nachtigallengesang, Grillenzirpen um mich, und aufschlipfende Fische, ist unbeschreiblich, nebst den freudigen Menschenkindern in der Ferne. Zwei Buben machten Feuer von Rohr an, und zu ihnen trieb ein Gärtner zwei Esel. Der Rauch und die Flamme und ihre Beleuchtung. Blinkende Johanniswürmchen. Der flammend zitternde Lichtschimmer mit der ganzen Harmonie von verschiedenen Lichttinten und dem gelöschten, heitern, stillen Blau dahinter dauert nur wenig Momente, keine Minute; und es gehört Phantasie und Empfindung dazu, ihn aufzubewahren, und viel Kunst, ihn täuschend langsam aufzutragen.   244 Den 4. Sept., 19 Minuten auf 6 Uhr, 1790. Nach und nach erblaßten die lieblichen Hörner des bald unsichtbaren Mondes, und verschwand der süße Morgenstern. Das schönste Purpurrot färbte den Saum still harrender Wolken und verging im Feuer. Der heitre Lichtdunst durchglänzt den reinen Äther, und nun blendet der Aufgang der Göttlichen, und ihre Strahlenkrone flammt mitten über Hochheim, und durch ihre Feuersäule strömt der helle Rhein.   245 Den 14. September. Ein dünner Nebel dampfte auf dem Rhein, umhüllte die fernem Rebenhügel; nur die höhern Bäume, Häuser und Kirchtürme der Dörfer ragten daraus hervor. Die ganze Gegend eine pittoreske Masse, groß und harmonisch, ein erhabnes Werden. Der schönste Purpurbrand am Himmel in den leichten, äußerst feinen, gleichsam damaszierten Streifwölkchen; wahre Süßigkeit fürs Auge. Der Morgenstern entfernt sich verschämt wie ein kleiner weißer Bursch. Der Altkönig und Feldberg beherrscht als Großvater die Gegend. Die Bergstraße ist verwischt in Duft und Nebel. Herrliches einfaches Ganze, wo nur die großen Formen sich sanft erheben. Die Sonne kämpft unüberwindlich und allmächtig mit dem schwachen Gebilde niederer Feuchtigkeiten. Nur die Spitze von Hochheims Turm schaut hervor. Der Morgenstern ist verschwunden. Der Tag nimmt überhand, und die Kontraste werden schwächer. Die Sonne flammt und glüht durchs Gewölk über dem Nebel (hundert Schritt weit gen Seiten von Hochheims Turm). Versteckter Aufgang in dunstigem und nebellichtem Gewölk macht den schönsten Tag. Schon strahlt sie weit und breit durch die freien Räume des Äthers. (Drei Viertel auf sechs Uhr.)   246 Den 15. Sept., den Schlag vier Uhr. Heitre Nacht, frische Luft, Sirius, Orion und der Große Bär strahlten grad über dem Rhein einander gegenüber und führten gleichsam wie eine Braut den tiefen Morgenstern herauf, der sich im Strom spiegelte wie eine Fackel. Ein leises Piano von Sonnenlicht glänzte pyramidenförmig von Osten herauf wie Nordschein, nur freudig und von lebendigem Quell. Die Eulen wünschten sich kreischend guten Tag, wie wir Menschen gute Nacht, und eilten in ihre Nester. (Bald darauf zeigte sich, was die Italiener alba nennen.)   247 Nacht vom 12. bis zum 13. Nov. 90. Reiner Ostwind, schwach wehend. (Von elf bis zwölf Uhr Mitternacht.) Nie sah ich so schön den Orion über dem Rhein strahlen. Er bleibt gewiß das schönste Gestirn, und man muß den Astronomen Beifall geben, die ihn zum Mittelpunkt der unendlichen Welt machen. Sirius geht auf wie eine konzentrierte Sonne und bildet eine Feuersäule in den Fluten. Wie göttlich Orion umlagert ist von den prächtigen Gestirnen des Stiers, des Fuhrmanns, der Zwillinge. Der ganze Himmel ist heiter und die Lüfte still und feiernd. Wie die Fixsterne der ersten Größe Strahlen werfen! Der Große Bär liegt still dagegen. Wie der ganze Strich Himmel über dem Rhein eine starke Musik von Glanz ist! Der tote blasse Mond würde hier alles dämpfen! So ein Sternenheer in lebendigen Strahlen geht weit über seine Beleuchtung. Sirius bleibt immer gegen ihn wie eine griechische Venus gegen eine mittelmäßige Matrone von Königin. Jener ewige Jugend. Um drei Uhr nach Mitternacht. Der Löwe schon hoch am Himmel und die Jungfrau. Um vier Uhr und fünf Uhr. Jupiter aufgegangen und eine Feuersäule im Rhein bildend. Saturn geht dunkler auf. Um sechs Uhr und ein Viertel. Merkur steht sonnicht am Rhein. Venus geht auf. Die äußerste Grenze des Horizonts wie mit einem Safranduft behaucht. Die Berge stehen blau da im reinen Kontur. Fünfzig Minuten: Merkur verschwindet. Sieben Uhr fünfzehn Minuten: die Sonne zeigt sich in einem Feuerreif überm Gebirg kurz vor dem Ausfluß des Mains. Ein paar Minuten vorher ein leichtes Aufwallen in Purpur des Safranhauches. Dies war das erstemal, daß ich den Merkur sah in meinem Leben, und so unerwartet, so immer neu getäuscht. Erst hielt ich auf einige Momente den Jupiter für die Venus; bewies mir's aber gleich, daß sie's nicht sein konnte. Dann sah ich sie wirklich bei der Sonne, von der sie nicht weichen kann, und plötzlich den Strahlenpunkt Merkur schon hoch am Himmel, so hoch als er stehen kann, eine halbe Stunde lang vor seinem Verschwinden. Merkur ist dieser Stern unrecht getauft, er sollte Amor heißen. Wenigstens sieht er wie dies Kind der Liebe aus, wenn er bei der Venus steht. Eine so schöne gestirnte Nacht hab ich noch nie gehabt. Wunderbar, den 12. und 13. November, den gewöhnlichen Regen- und Wolkenmonat! Der Aufgang war fast ganz ohne Morgenröte; aber Merkur und Venus ersetzten sie mir reichlich.   248 Den 14. Nov. 90. Es war um die Zeit, wo die Elemente noch einen Wettstreit der Schönheit miteinander hielten: der spiegelklare Rhein, ein unerschöpflicher Quell von Leben; die heitre leichte bewegliche erquickende Luft, die alles faßt, und worin die muntern Vögel mit Lust ihre Schwingen schlagen; die feste Erde mit ihren stolzen Gebirgen, Wäldern, Blumen und Tieren. Das Feuer spielte lieblich purpurn in den Wolken. Schön und stark und mutig war alles; der Kampf neigte sich zu süßer holder Freundschaft, als er auftrat, der König der Natur, Phöbus in flammenden heißen Strahlen. Als die Sonne aufging im hohen Sommer nahe beim Feldberg, war der Morgenstern bei ihr, als sie aufging im Herbst über Hochheim, war der Morgenstern bei ihr, als sie aufging über den Gebirgen der Bergstraße, tanzte Merkur und der Morgenstern wieder vor ihr her, und Jupiter und Saturn blieben, als alle andern Sterne schon verschwunden waren. – Sonderbar ist's, daß das Weltsystem, wie es ist, ein Preuße den Nationen erklären mußte und die Araber und Griechen es unter ihrem heitern Himmel nicht entdeckten. – Eine Lust ist's, so am heitern Morgen vor Aufgang zu sehen und zu empfinden , wie sich die kalten Planeten zur heißen, leuchtenden Sonne neigen und die belebende in Entzücken umschweben. Merkur, Venus und der Mond spielen wirklich wie drei Grazien um die Sonne. Bald tanzen sie vor ihr her, bald ihr nach, am Abend und Morgen. Wer dies so recht fühlt, ist ein Glückskind der Natur.   249 Der Mensch ist ein stolzes Geschöpf; er hat die Oberfläche der Erde gebildet, beherrscht den Adler und Löwen und bändigt das Meer mit seinen Schiffen: aber er weiß nicht, von wo er kommt, noch wohin er geht; erscheint, verändert sich augenblicklich, unsicher, ob er ein eignes Wesen ausmacht, und verschwindet. O ihr, die ihr um uns herum schlummert, Homere, Platone, Alexander! Was und wo seid ihr? Könnt ihr nicht erwachen und uns belehren? –   250 Bei einem Toten und Begrabnen ist nichts Bessers zu denken, als da muß wieder einer auferstehen; denn das eigentliche Leben läßt sich doch nicht unterkriegen, es ist nur ein Spaß.   251 Wenn das Feuer durch Rauch und Nebel bricht und flammt, ist's am schönsten; denn da überwindet's. – Wer das gediegenste Leben führte, das ist: viel mit der Natur rang und kämpfte und ihrer viel genoß von aller Gattung und sich des Kerns von jeder Szene noch bewußt ist wie ein Gott und daraus ziehen kann, was er will: der ist ein größrer Mensch als andre; so lebten die großen Griechen und alle Menschen von höherm Rang. Wer nur in den Tag hinein lebt, nichts Wichtiges merkt und sammelt und alles bald wieder vergißt: schöpft Wasser wie die Danaiden.   252 Oh, wären auch wir noch in unsrer Blüte wieder frei in das ewig Göttliche verschwunden! Nur die Zeremonien der Hinterlaßnen machen den Moment, wo es geschehen ist, traurig. Gewiß, o gewiß! Wen die Götter lieben, der stirbt jung; wenn er die Schönheiten des irdischen Lebens und dessen Freuden erlangt hat – ich mag mich nicht in den Roman von Leiden hineindenken, der gewöhnlich drauf folgt.   253 Glück und Unglück auf der Welt. Wenn man nur immer wüßte, was Glück und Unglück wäre!   254 Den 24. Julius 1802. Nach meiner Krankheit. Ich bin geworden; und bin nun; und werde aufhören. Ich kann mich nicht erinnern, vorher gewesen zu sein, und weiß ohngefähr die Zeit, wann ich nicht mehr sein werde. An und für mich bin ich eigentlich nichts. Ich bin nichts Einfaches, sondern etwas Zusammengesetztes. Was die Menschheit in mir ausmacht, weiß ich nicht. Wie das Ding, Menschheit, überhaupt erst entstanden ist, weiß ich nicht. Das Ding, Menschheit genannt, gehört nicht zum Wesentlichen der Natur, es ist etwas Vorübergehendes. Aber das einzelne, woraus es besteht, bleibt; etwas Wirkliches hört nicht auf. Die Schöpfung ist eine Art der Elemente, mit Zuneigung in Maß und Zeit zusammen zu sein, zu existieren, und nichts, was für sich besteht, nichts Ewiges. – Es ist ein interessanter Zeitvertreib, zu untersuchen, wie sie entstanden sein kann, wie sie fortfährt, und wie sie immer wieder aufhört. Es ist wie ein Wurf, der eine gewisse Weile dauert; der aber aus sich selbst wieder von neuem entsteht. Es ist also eine Kraft, die von neuem immer wieder beginnt, mitten in ihrer Stärke, gewöhnlich, sonst aber ihre Zeit dauert. – In der Lehre von den Verwandtschaften steckt das Ganze. Die Begierde, zu erkennen, ist das nämliche. Ob die Verwandtschaften mit der Zeit abnehmen, wie die Begierde, zu erkennen? Ob die Zeit den Reiz schwächt?   255 Was ist sterblich? Was ist unsterblich? Darauf kommt alles an. Unsterblich sind allein die Elemente, entweder teilweise oder rein beisammen, ewig oder untereinander in der Zeit. Das Untereinander besteht nur in der Zeit, oder, welches einerlei ist, zeitlich, sterblich ist es. Das Meer, das Wasser im Meer dauert am längsten beisammen, weil es etwas hat, was es festhält, das Salz. Es ist die einfachste Komposition. Die zusammengesetzteste Komposition kann am wenigsten dauern und ist also das Sterblichste. Also die einfachste Komposition nähert sich der Unsterblichkeit am mehrsten, wenigstens kann sie sich ihr in Menge, wie im Meer, im Erdball, am mehrsten nähern. Also die rollenden Weltkörper, die die anziehende Kraft am längsten zusammenhält. – Meine Dauer als Mensch ist eine unendliche Kleinigkeit gegen die Dinge. Das Schicksal des Menschen ist jeden Moment veränderlich. – Das Göttlichste für den Verstand und die Vernunft ist: die ewige Dauer der Grundsubstanzen, der Elemente im Reinen und Großen reizend und bezaubernd und mächtig in ihren Wirkungen zu schildern; und das Gedächtnis, das Persönliche als klein und elend und gegen das Große und Unermeßliche des Lebens in der unendlichen Welt. Man muß den Menschen zu großen Ansichten erheben, und von den erhabenen Wesen der Natur, Luft und ihren Erscheinungen, Meer, Gestirnen und Sonnensystemen den Anfang machen, und das Beste, was wir in uns haben, in ungeheure Massen bringen.   256 Tun wir den äußersten Flug menschlicher Einbildungskraft und nehmen Anfang an, wo es nur immer möglich ist. Stellt euch das Chaos vor, das alle Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Metalle und Steine gebar, wie einen unermeßlichen heißen Nebel im unendlichen Räume, worin Sonnen und Planeten noch zerstäubt schwimmen mit den Meeren, Erden und Lüften. Es begann die Zeit: Feuer und Lüfte, und Wasser und Erden schieden sich, und ein gleichartiges Wesen gesellte sich seiner ewigen Natur nach zu dem andern. Die jungen Sonnen wälzten sich und wuchsen, bis jede sich aus ihrer Sphäre, gleich ewigen blendenden Gewittern von lauter Blitzen und Wetterstrahlen (wovon wir an unsern Wolken zuweilen nur winzige dunkle Schatten sehen) zusammengesammelt hatte, und besäeten die Himmel. Die gröbern Massen sanken unter, jede nach ihrem verschiednen Grade; und machen nun die Planeten aus, die immer schwebend herumtanzen, sich wieder mit dem holden Lichte zu vereinigen, aber wegen ihrer Schwere nicht zum Anflug gelangen. Und die Liebe ward geboren, der süße Genuß aller Naturen füreinander, der schönste, älteste und jüngste der Götter, von Uranien, der glänzenden Jungfrau, deren Zaubergürtel das Weltall in tobendem Entzücken zusammenhält. Und alle lebendigen Geschöpfe erhaschten in diesem Getümmel ihren Anfang; und vermehren sich nach alter Art immer wieder aus einem kleinen neuen Chaos von Elementen, nach Anzahl, Maß und Form der ersten Zusammensetzung. Das Element, das alles füllt, das sich am freisten und ungebundensten durch das Unermeßliche breitet, ohne welches nichts bestehen kann, was lebt, selbst das Feuer nicht, ist die Luft. Wir Trismegisten und Orpheusse gaben ihm den Namen Zeus; und stellten diesen den Völkern in Wolken auf einem Donnerwagen mit dem flammichten, zackichten Keil voll furchtbarer Majestät als dessen Regenten vor; weil sie nicht bis zu dem Unsichtbaren gelangen und Gestalt für den Sinn haben müssen. Sein erstgeborner Sohn, Licht und Feuer, ist Apollo, der Sonnengott. Der Beherrscher der Wasser, Zeus' Bruder, Neptun. Den Erden, den Sammlungen unzählbarer andrer Elemente, setzten wir das Heer der übrigen Götter vor; und erteilten dem dritten Bruder Pluto in den Unterwelten den höchsten Zepter. –   257 Es wird eine Zeit kommen, und nach der Freiheit, womit die großen Geister schon anfangen, ihre Flügel zu schwingen, kann sie nicht mehr fern sein, wo die Sonne und die Fixsterne auch bei den Menschen ihren erhabnen Posten behaupten werden wie in der Natur und unsre kleine Erde mit den andern Planeten um ihre Lebendigmacherin herumrollen wird; es wird die Zeit kommen, wo der kleinste Nebelstern Sonne sein wird und ein hellerer Morgen in unsern Kerker einbrechen; bis wir uns endlich alle Bande abstreifen und des ewigen Daseins, unsres Eigentums, als echte Kinder Gottes genießen, in unaussprechlicher Wonne, sonder Grausen vor den armseligen Schreckwörtern Tod und Zerstörung.