Johann Gottfried Herder Gesammelte Abhandlungen, Aufsätze, Beurtheilungen und Vorreden aus der Weimarer Zeit.   Herder's Werke Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe. Siebzehnter Theil.   Herausgegeben und mit Anmerkungen begleitet von Heinrich Düntzer.   Berlin. Gustav Hempel. Vorbemerkung des Herausgebers   Wir vereinigen in diesem Bande alle seit 1775, in welchem Jahre Herder nach Weimar kam, erschienenen oder wenigstens geschriebenen selbstständigen schönwissenschaftlichen, geschichtlichen und philosophischen Abhandlungen , die er selbst weder in den »Zerstreuten Blättern« gegeben noch sonst gesammelt hat, nebst den in Zeitschriften mitgetheilten Aufsätzen , den zu einzelnen fremden Werken geschriebenen Vorreden , die in den frühern Bänden keine Aufnahme finden konnten, und seinen Beurtheilungen . Manches davon ist von hoher Bedeutung für Herder's Anschauung und Auffassung, wenn auch nur Weniges auf die Zeit selbst einen bewegenden Einfluß übte. Wir beginnen mit den drei Preisaufgaben der baierischen und der Berliner Akademie der Wissenschaften aus den Jahren 1778 bis 1780, welche über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker, über den Einfluß der Regierung auf die Wissenschaften und über die bösen und guten Folgen der schönen Wissenschaften für die höhern handeln. Am Bedeutendsten und Eigenthümlichsten sind die beiden ersten, von denen die eine einen geistreichen Ueberblick der Wirkung der Dichtkunst bei den einzelnen Völkern, die zweite des Einflusses der Regierungen auf die Wissenschaften giebt, die dritte kürzere mehr den praktischen Zweck hat, zu zeigen, wie schöne und höhere Wissenschaften zu gegenseitiger Förderung und zu reiner menschlicher Ausbildung getrieben werden sollen. Herder's schöner Menschensinn und seine feine Auffassung geistiger Entwicklung glänzten auch hier, wie Manches auch für unsere, nicht am Wenigsten durch seinen mittelbaren Einfluß in der Erkenntniß jeder menschlichen Bildung fortgeschrittene Zeit längst ins allgemeine Bewußtsein übergangen oder auch durch Erweiterung unserer Kenntnisse überwunden ist. »Herder hat wieder einen Preis in Berlin gewonnen,« schreibt Goethe am 3. Juli 1780 an Lavater. »Es war zu gleicher Zeit in einem andern Fach einer aufgestellt, den er auch hätte gewinnen können, wenn er nur gewollt hätte.« Schon zweimal hatte er in Berlin den Preis davon getragen, 1771 mit der Abhandlung über den Ursprung der Sprache, mit der er über dreißig Mitbewerber, obgleich er gegen die Stellung der Aufgabe selbst sich erklärt hatte, den Sieg davon trug, vier Jahre später mit der Lösung der Frage über die Ursachen des gesunkenen Geschmacks bei verschiedenen Völkern, bei denen er geblüht. Zur Lösung solcher Preisaufgaben fühlte sich Herder nach seiner umfassenden und tiefdringenden Kenntniß sehr gestimmt, nur fehlte ihm leider meist die nöthige Zeit. Noch in seinen letzten Lebensjahren sehen wir ihn mit einer Preisaufgabe des französischen Instituts beschäftigt, er kam aber nicht über den Entwurf hinaus. Vgl. unten S. 598 ff. Großen Werth legte er mit Recht auf die Abhandlung »Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele« und auf seine »Plastik«, die gleichzeitig im Jahre 1778 erschienen. Die erstere, welche J. A. Eberhard's mehr mechanische »Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens« (1776), die aus einer Preisaufgabe der Berliner Akademie hervorgegangen war, stillschweigend bekämpft, sucht auf sehr feine, begeistert in die Tiefe der menschlichen Natur eindringende Weise die innige Verbindung zwischen Erkennen und Empfinden und den Einfluß beider Kräfte in einander wie auf Charakter und Genie des Menschen nachzuweisen und spottet jeder nüchtern mechanischen Trennung beider mit der tiefen Ueberzeugung von der Schalheit einer solchen dem Wesen des einigen Geistes des Menschen widersprechenden Lehre. Herder hielt diese aus vollster Seele geflossene, jeden von der Würde menschlicher Natur erfüllten Sinn mächtig ergreifende Entwicklung mit Recht noch höher als seine »Plastik«, deren größter Theil, schon in den Jahren 1768 bis 1770 geschrieben, jetzt nur zusammengestellt und neu durchgesehen worden war. Herder's erstes »Kritisches Wäldchen« (1768) hatte bereits über Lessing's »Laokoon« gehandelt, dessen Werth und Vortrefflichkeit er auch in Bezug auf die Grenzen der Dichtkunst und Malerei gebührend anerkannte, nur meinte er, dieser tiefe Denker habe blos zeigen wollen, was Dichtkunst gegen die Malerei gehalten nicht sei; es bleibe nun noch übrig, sie mit allen übrigen schwesterlichen Künsten und Wissenschaften zu vergleichen, woraus sich endlich das Wesen der Dichtkunst ergeben werde. In dem vierten »Wäldchen«, das er aber nicht erscheinen ließ, bestimmte er den Gegensatz der Malerei und Plastik, die er als Künste für das Gesicht und für den Tastsinn unterschied (1769). Daneben hatte er schon seit dem vorigen Jahre eine selbstständige Schrift über Plastik im Sinne, die seine Lieblingsaufgabe bildete, auf deren Lösung er seine beste Kraft verwenden wollte. Hierzu sammelte er während seines Aufenthaltes in Frankreich, besonders in Paris, der ihm manche ihm so sehr abgehende Anschauungen der bildenden und malenden, der Schauspiel- und Tanzkunst darbot. Reiche Vorstudien dazu haben sich erhalten; es sind die in »Herder's Lebensbild«, II. S. 361-394 mitgetheilten Abhandlungen: »Von der Bildhauerkunst fürs Gefühl. Gedanken aus dem Garten zu Versailles« (welche die irrige Angabe von Herder's Gattin veranlaßte, im Antikengarten zu Versailles habe er den Plan zur »Plastik« gefaßt), »Ueber die schöne Kunst des Gefühls«, »Zum Sinn des Gefühls«, »Noch zur fühlbaren Kunst«, »Politik und Naturlehre des Gefühls«. Daselbst sind S. 395-426 auch ältere Entwürfe und Aufzeichnungen verwandten Inhalts gegeben. Als er auf dem Wege nach Eutin über Hamburg kam, lernte er hier zu seiner Freude Lessing kennen. Wir wissen nicht, ob damals auch die Rede auf die »Plastik« kam. Auch während der kurzen Zeit, die er Lehrer und Reisebegleiter des Sohnes des Fürstbischofs von Lübeck war, beschäftigte ihn die »Plastik« so lebhaft, daß der Prinz sich noch später bei ihm erkundigte, wie es mit dieser stehe. In Mannheim, auf der Reise nach Straßburg, erfreuten ihn die Antiken, während alles übrige Schöne, was er dort sah, für ihn zu kalt war. Er habe dabei so viele neue Erläuterungen zu seiner »Plastik« dunkel geträumt, als die Plastik des Herzens auf Seiten des Ausdrucks hinweisen könne, schreibt er an Merck . Von Straßburg aus theilt er am 5. September seinem vertrauten Freunde und Verleger Hartknoch mit: »Meine Plastik liegt. Wie ich im dritten Abschnitte war, brach die Reise [mit dem Prinzen], und seit der Zeit bin ich im Getümmel der Welt und ohne Ruhe des Herzens.« Und so blieb sie auch Jahre lang liegen. Leider war er in der ersten Bückeburger Zeit durch mancherlei persönliche Umstände so verstimmt, daß er weder zu dieser noch zu der ihm jetzt vorschwebenden dichterischen Gestaltung der darin zu entwickelnden Ansichten in einem Pygmalion Vgl. die später in Rom entstandenen zwei Gesänge dieses Namens in Herder's Werken, I. S. 229-240. gelangen konnte. Fast könnte man geneigt sein, mit Schöll anzunehmen, das Befragen der Blindgeborenen (S. 280) falle in die Zeit seines Bückeburger Wirkens; dann müßte es aber in der Anmerkung 1771 statt 1770 heißen. Bei einem Besuche Heyne's in Göttingen kam es zu einem sehr anziehenden Gespräche mit diesem in alter Kunst sehr erfahrenen, in mancher Beziehung von Winckelmann und Lessing abweichenden Forscher, der ihm seine »Einleitung in das Studium der Antike« mittheilte. Am 21. Februar 1772 schreibt Herder Diesem: »Nächstens suche ich sogleich die Blätter meiner Plastik zusammen, bei der ich auf Ihr Urtheil bei jedem Worte am Begierigsten bin.« Aber dazu kam es nicht, da seine Studien über die älteste Völkergeschichte ihn fast ganz in Anspruch nahmen. »Ueber die Plastik habe ich recht viel auf dem Herzen, mit Ihnen zu sprechen,« schreibt er fast ein Jahr später dem Göttinger Freunde, »aber jetzt nicht.« In den folgenden Jahren trat seine »Plastik« hinter manchen andern, ihm damals bei seiner einsamen Abgeschlossenheit näher liegenden Arbeiten ganz zurück. Die Hoffnung, daß die Sammlung »Winckelmann's Reliquien« seine »Plastik« aufwecken werde, die er gegen Hartknoch am 12. April 1773 aussprach, bestätigte sich nicht; es fehlte ihm dazu an allem äußern Anreiz. So blieben die Blätter denn liegen, bis er, wahrscheinlich zu Ende des Jahres 1777, den Entschluß faßte, auch sie mit der Abhandlung »Vom Erkennen und Empfinden« erscheinen zu lassen. Am 4. Januar 1778 fragt er bei seinem Verleger an, ob er an den Buchdrucker Breitkopf in Leipzig schicken könne. Auf dessen bejahende Antwort vom 25. Februar sandte er beide Handschriften sogleich ab. Daß die »Plastik«, die er Jahre lang am Herzen getragen, und um deren sorgfältigen Druck, da bei diesem Buch und Inhalt jeder Druckfehler abscheulich sei, er dringend gebeten, erst zuletzt übereilt und mit scheußlichen Fehlern gedruckt sei, ärgerte ihn gewaltig. Die Schrift, in welcher sich der volle Herder mit seiner ganzen lebhaften Begeisterung und seiner ganzen bittern Schärfe gegen Verzerrungen der reinen natürlichen Ansicht der Künste ausprägt, von welchen man jede das thun lassen solle, was sie allein und am Besten thun könne, fand leider keineswegs die verdiente Anerkennung. Wieland bat am 2. August Merck , doch Herder's Volkslieder und seine »beiden metaphysisch-ästhetischen Tractätlein« für den »Merkur«, wo nicht zu recensiren, doch wenigstens noch pro hoc mense condigne anzuzeigen; sage Herder auch nichts darüber, so sei er doch »natürlicherweise sensibel für dergleichen Attentionen«. Merck lieferte für das Augustheft wirklich eine kurze Anzeige der erstern, aber auf die beiden andern Werke ließ er sich nicht ein, und auch Wieland selbst wagte nicht, sich darüber auszulassen. Eine genaue Entwicklung und Würdigung von Herder's »Plastik« giebt Ad. Schöll im »Weimarischen Herder-Album« (1845), S. 215-237, nur möchte der Zusammenhang, den er zwischen der »Plastik« und der Abhandlung vom »Erkennen und Empfinden« aufstellt, Herder ganz fern liegen. Den einzelnen selbstständig erschienenen Schriften Herder's, von denen wir nur die Gespräche über Gott ausgeschlossen, weil diese in naher Beziehung zur »Metakritik« stehen, lassen wir die in die frühern Bände noch nicht aufgenommenen Aufsätze aus Zeitschriften folgen, von denen dem »Teutschen Merkur« Wieland's die erste Stelle gebührt, da Herder vom Sommer 1776 bis zum Mai 1782 sich an diesem betheiligte, wo der plumpe persönliche Gegenschlag Nicolai's ihm jeden Antheil an Zeitschriften verleidete. 1785 trat er dann mit seiner eignen Sammlung »Zerstreuter Blätter« hervor. Der erste der in diesem Bande mitgetheilten Beiträge des »Merkur« ist gegen die leere Speculation einer Modephilosophie gerichtet, die nicht weniger verderblich als Schwärmerei wirke. Daran schließen sich die Bemerkungen über das Leben und Wirken des Kopernicus, Reuchlin und Savonarola, welche Beigaben zu deren vom »Merkur« gebrachten Bildnissen dieser hochbedeutenden Männer waren. Vorangegangen war das »Denkmal Ulrich's von Hutten« (Herders Werke, XV. S. 355-377); es folgte ihnen das »Andenken an Winckelmann, Lessing und Sulzer«. Eine sehr bittere Frucht sollte ihm sein Angriff auf Nicolai's oberflächliche Darstellung der Beschuldigungen der Tempelherren und der Entstehung des Freimaurerordens bringen. Nicolai ließ dagegen einen zweiten Theil seines Buches los, das schon durch den Vorspruch: Ὁ αὐτὸς ἥλιος τήϰει μὲν τὸν ϰηρὸν, ξηραίνει δὲ τὸν πηλόν, seine Schärfe bekundet. Der erste viel kleinere Theil desselben ist gegen K. G. Anton 's »Untersuchung über das Geheimniß und die Gebräuche der Tempelherren« (Dessau 1782) gerichtet und in anständigem Tone geschrieben, um den Gegensatz zu der Bekämpfung des als Schwindler behandelten verhaßten Gegners desto schärfer hervortreten zu lassen. Schon gleich am Anfange heißt es: »Der Ungenannte hat Mittel gefunden, Alles unerhört zu verwirren, mich fast immer mehr oder weniger sagen zu lassen, als ich sage, und also meine Meinung unrichtig vorzustellen, Citationen, wo nicht wissentlich zu verfälschen, doch mit unglaublicher Nachlässigkeit falsch anzuführen, viele Dinge herbeizuziehen, die gar nicht zur Sache gehörig sind, und geflissentlich wegzulassen, was nothwendig erwogen werden mußte.« Schon hier schiebt er ihm persönliche Gründe unter. »Stünde nicht mein Versuch auf irgend eine Art den Absichten des Ungenannten im Wege,« fragt er, »woher so viel Bitterkeit?« Aber immer schärfer wird er, je näher er der Widerlegung Herder's rückt, von dem er zeigen will, wie wenig er leiste, indem er sich die Miene gebe, Alles zu leisten. Und nun fährt er grimmig über ihn los und reißt ihm die Maske der Namenlosigkeit herab. »Dieses Letzte [wenig zu leisten mit der Miene, Alles zu leisten] ist die Welt in der That von diesem Ungenannten , der aber nicht unbekannt ist, gar sehr gewohnt«, fährt er los. »Es wird nicht leicht Jemand in unserm Zeitalter sein, der in dem Maße wie dieser Ungenannte die Kunst versteht, die wenigste Kenntniß von einer Sache am Meisten geltend zu machen und den trivialsten Sachen das Ansehen neuer und wichtiger Erfindungen zu geben. Dies weiß er zu erlangen dadurch, daß er immer seine Gedanken so hinwirft, als sähe er weit über das weg, was Andere gesehen haben, dadurch, daß er immer seine Begriffe so schweben läßt, daß man sie nur halb fassen kann, immer ein Wenig mehr oder weniger sagt, welches leicht war, indem es scheinet, er habe gerade das Rechte gesagt, welches schwerer gewesen sein würde. Wenn es dienlich ist, weiß er seinen Gegenstand in ein so wohlthätiges Dunkel zu hüllen, daß man glauben möchte, man sehe was, da man gerade nichts sieht, und er weiß auch seinen Ausdruck so zu schnitzeln, daß man glaubt, man vernehme tiefe Weisheit, da man nichts als Worte tönen hört. Alle Gelehrten, die vor ihm über eine seiner Materien geschrieben haben, pflegt er aufs Verächtlichste wegzuwerfen, damit es scheine, als ob er mit viel höherer Wissenschaft begabt sei, und pflegt beständig so dreist zu entscheiden, daß sich Jeder scheuen soll, wo Alles so ausgemacht ist, nur eine Einwendung zu machen. So hat er mehrmals gehandelt; ich berufe mich auf diejenige(n) seiner Schriften, durch die die Welt in Erwartung gesetzt und getäuscht wurde. Diesem Dünkel hat er so oft den Nutzen, den seine wirklichen Talente hätten stiften können, aufgeopfert, hat so oft die verdientesten Gelehrten, die ihm im Wege waren, oder an denen er seinen Muth kühlen wollte, auf die stolzeste, wegwerfendste, verächtlichste Art behandelt.« Zum Beweise des Letztern beruft er sich darauf, daß er vor neun Jahren Schlözern zu meistern gesucht, der in einem besondern Buche (dem zweiten Theile seiner »Vorstellung meiner Universalhistorie«) gezeigt, »wie wenig das ganze Wesen dieses Mannes zu historischen Untersuchungen sich schicke«. Vgl. Herder's Werke, I. S. LXIX. Aus Herder's Nachlaß, I. 374; II. 81. Von und an Herder, II. 165 f. Mit höhnischer Bitterkeit streift er Herder's »Provincialblätter«, die »Aelteste Urkunde«, seine Deutung der Apokalypse. Zu seiner Deutung des Namens Termagant (S. 364) bemerkt er: »Die Geduld möchte Einem reißen, wenn man solch Zeug lieset. Seit Klotzens Zeit hat in Deutschland kein Schriftsteller mit zusammengestoppelter, sein sollender Gelehrsamkeit seinen Lesern so unverschämt einen blauen Dunst vorgemacht, wie hier der Ungenannte.« Herder gebe nicht eine bloße Muthmaßung (S. 369), sondern eine Idee, um Anderer Ideen zu wecken, »wolle einen Begriff von lebendiger Ueberlieferung, von Fortpflanzung eines Gebrauchs, von lebendigstem Creditiv von dem Alterthum der Gesellschaft erregen«. Dessen sehr verständige Bemerkung, hänge wirklich der Freimaurerorden, wovon Lessing geschichtliche Spuren gefunden haben wolle, mit den Tempelherren zusammen, so könnte dieser Orden allein den Punkt wegen des Baphometuskopfes aufklären, was er der historischen Wahrheit wegen wünschte, reißt Nicolai zu dem so unbesonnenen als schmähenden Ausruf hin: »Ist es nicht eine Schande für einen Gelehrten, daß er die Aufklärung einer historischen Frage der historischen Kritik, der sie allein gehört, aus den Händen winden will und ins Dunkle hin eine Gesellschaft allein dazu fähig hält, die allezeit noch dabei geblieben ist, ihre Geheimnisse für sich zu behalten und sie außer ihrem Kreise nicht zu erklären!« Und doch hatte Nicolai selbst die Freimaurer hereingezogen. Sollte man nicht glauben, er habe die Freimaurer gegen Herder aufregen wollen, was er Diesem in Bezug auf sich selbst Schuld giebt! Herder hatte (S. 354) launig die Tempelherren als Deisten bezeichnet, weil sie nach Nicolai »an den Gott glauben, der nicht gestorben ist, nicht sterben kann«. Das nennt Nicolai hämisch und abgeschmackt, da nach ihm die Tempelherren gnostische Christen seien (als ob die häretische Gnostik nicht deistisch wäre), und ruft: »Schande über den niederträchtigen Verleumder!« Das wagt er, obgleich er selbst sagt, die Tempelherren hätten nur an den einen Gott geglaubt, der Himmel und Erde erschaffen. Aber er hatte eben den bittersten Groll gegen Herder, seit Dieser mit ihm gebrochen, Vgl. Von und an Herder, I. 357 ff. und war jetzt auf das Tiefste dadurch verletzt worden, daß Dieser mit seiner von seinen Berliner Freunden beifällig aufgenommenen Schrift so unbarmherzig umging und sie als eine flache, im Modeton der Zeit, die an derartigen Dingen besonderes Gefallen fand, und auf den Beifall derselben berechnete Buchmacherei abfertigte. So suchte er denn den Weimarer Generalsuperintendenten als einen gewissenlosen Schwindler der Verachtung bloßzustellen. Freilich hatte er ihm ein paar unangenehme Versehen nachgewiesen, besonders die Verwechslung von malhommerie mit machommerie, und daß er in den Worten: Dit ce mot Sarracin: Y halla (in der Urkunde steht Yalla ) das Sarracin mit zu der Anrede gezogen (S. 357, 382), und Herder hatte einzelne Vermuthungen, ohne selbst viel Werth darauf zu legen, gewagt, die sich nicht halten lassen, auch Manches unnöthig auf die Spitze getrieben, da er sich seiner Laune hingab, die zum Theil Nicolai unsanft, ja bitter traf, wobei nicht immer die feine Linie des Rechtes inne gehalten wurde; aber in der Verwerfung dessen, was Nicolai über die Freimaurer und Rosenkreuzer bemerkte, in der lächerlichen Herleitung Freilich hatte Nicolai Recht, Herder's Bemerkung, sein System sei blos auf seine Deutung von Baphometus gebaut, als nicht zutreffend abzuweisen, aber sie bildete doch ein Hauptstück seiner Aufklärung, auf das er sich viel zu Gute that, und Herder hatte guten Grund, sich dagegen ganz besonders zu richten. Hätte er es dabei bewenden lassen, so würde Nicolai einen schweren Stand gehabt haben; aber die Laune riß ihn eben zur Behauptung hin, die Tempelherren hätten nicht die Tinctur der Weisheit, sondern die des Goldes besessen, und zum Nachweise, man habe diese nur »mit dem Ketzerschwert erwürgt«. des Baphometus und mancher beschränkten Auffassungen Nicolai's, dem er im Einzelnen viele Versehen nachwies, hatte er Recht, nur hätte er sich nicht verleiten lassen sollen, die den Tempelherren gemachten Beschuldigungen als absichtlich zum Verderben derselben nur ersonnen hinzustellen. Mit Recht bemerkte er, Herder's Behauptung, daß wir die Tempelherren nur aus den Protokollen der Inquisitoren abhören könnten, sei irrig, da wir Vertheidigungsschriften von ihnen besäßen, in Frankreich und auch in England die Tempelherren Vieles freiwillig bekannt hätten, wenn auch freilich oft auf diese Geständnisse ebenso wenig zu geben als auf die in Hexenprocessen. Nicolai hatte richtig bemerkt, daß nicht die Habsucht Philipp's und des Papstes die Tempelherren gestürzt, sondern manche Glieder des Ordens, vom christlichen Glauben abgefallen, in Anknüpfung an gnostische und andere ketzerische Ansichten sich rohem sinnlichem Genusse hingegeben, was die neuern Forschungen von Wilcke, Havemann u. A. ins volle Licht gesetzt. Hamann und Hippel hatten Herder's Abfertigung mit großem Beifall aufgenommen und sich über die Niederlage des »Großsprechers und Philisters« gefreut. »Ist Jemand im Stande, Lessing's Stelle zu ersetzen, so sind Sie es«, schrieb Ersterer an Herder, »... ich meine gegen jene hypokritischen Heuschrecken, die sich für Riesen von den Kindern Enak's halten und possunt, quia videntur .« Als Nicolai's zweiter Theil erschien, meinte Derselbe, dieser übertreffe noch den Schlözerischen; die Mißhandlung des Freundes that ihm wehe, dessen unter der Chiffre + erschienenen Briefe er gern auf sich genommen hätte. An Reichardt klagt er: »Wie sind die Helden gefallen! Die Töchter der Philister freuen sich, die Töchter der unbeschnittenen Allgemeinen Bibliothek frohlocken. Ach, mein Auserwählter, ach Du Bruder meiner Muse, ach mein erwünschter würdiger Argusbesieger! Was kein Gott, kein Freund das Herz gehabt, hat   Sch[lözer] und Vetter Nabal [so nannte er Nicolai] gethan. Bien vous fasse comme aux chiens l'appetit de l'herbe. « Und kurz darauf: »Ich beneidete meine Feinde, dasjenige gethan zu haben, wozu sich kein Freund brauchen läßt, und wünsche meinem Landsmann und meinem doppelten Gevatter   et ab hoste consilium für die Zukunft, weil ich wenige Unglückliche gekannt, die nicht in irgend einem Sinne hätten sagen können: Pol me occidistis, amici. « Herder wendet sich um Rath, was er thun solle, an den Königsberger Freund. »Nicolai's grobes Buch werden Sie gelesen haben. Ich habe es noch nicht, höre aber, daß es in Berlin Jedermann wieder zurückgenommen hat. Was rathen Sie mir? zu antworten oder zu schweigen? Auf Ihr Orakel kommt mir äußerst viel an.« Hamann wies ihn zunächst auf das et ab hoste consilium hin. Freunde seien gegen uns zu schwach und zu parteiisch, das principiis obsta an uns auszuüben. Könne er dem Philister Nicolai nicht blos danken, sondern vergeben, so solle er nur Alles aufschreiben, was ihm Herz und Kopf eingebe. »Ungeachtet des tödtenden Buchstabens, der wider Sie streitet und Sie zu Boden wirft, glaube ich steif und fest, daß Sie im Geiste recht gesehen und der Sinn für Sie ist.« Er müsse Nicolai's Buch lesen, dessen ganzes historisches Verdienst die elendeste Mikrologie und Schulfüchserei sei, die täusche, aber der wahren Philosophie der Geschichte entgegengesetzt sei. Antworten müsse er, auch, wenn er wolle, unter seinem Namen, ohne seiner Würde etwas vergeben zu müssen, mit der wahren Demuth und Großmuth eines christlichen Bischofs auch diese Posse zum Besten der einzig guten Sache einlenken. »Gott gebe Ihnen des frommen Pascal Geist, um diese Berliner Jesuiten und unsers Herrn und Meisters Geißel, um diese allgemeinen Wechsler und Beutelschneider zu züchtigen ϰατὰ μοῖραν.« Herder unterließ jede Erwiderung, da er überzeugt war, daß er in der Hauptsache, besonders in Bezug auf die Rosenkreuzer, die Freimaurer und Nicolai's Baphometusthorheit Recht habe und er mit einem so gehässigen persönlichen Gegner nichts weiter zu thun haben wollte. Unter Denen, die ganz auf Herder's Seite standen, war auch der geistreiche Kriegsrath Scheffner ; Hamann aber meinte, ihr Freund in Weimar habe viele Blößen gegeben, wenn er auch im Grunde mehr Recht als sein Gegner habe. Nicolai hatte auch den ersten Theil seines Buches in einer zweiten Ausgabe gebracht, in welcher er die von Herder gerügten Versehen wegschaffte und ein paar aufklärende Zusätze gab. Ob diese zweite Ausgabe sich nöthig gemacht hatte, weil die erste vergriffen war, oder Nicolai, um die ärgerlichen Versehen wegzubringen, eine neue machte, wissen wir nicht. Die Vorrede derselben lautet: »Bei dieser neuen Ausgabe des ersten Theils sind nur die häufigen Druckfehler nebst einigen Fehlern in der Schreibart geändert und einige wenige Zusätze gemacht worden. Einige Materien sind in dem zweiten Theile näher erörtert worden. Hiezu nöthigte mich der heftige Anfall eines Ungenannten, der meine Meinungen so sehr verdrehet hat, daß ich sie weiter auseinandersetzen und seine Trugschlüsse zeigen mußte. Ich hoffe, wahrheitliebende Leser überzeugt zu haben, daß ich sorgfältig untersucht und die Wahrheit zu erforschen getrachtet habe. Berlin, den 4. Heumonats 1782.«   So hatte Nicolai, da er das letzte Wort behielt, in den Augen der Welt den Sieg davongetragen, den Gegner schien er vernichtet zu haben. Herder schwieg, weil er auf den angeschlagenen Ton nicht eingehen konnte und sich selbst gestehen mußte, daß er den Mann, von dessen Rechthaberei er durch sein früheres Verhältniß zu ihm genugsame Proben hatte, mit dem er sich deshalb nicht weiter hätte einlassen sollen, persönlich gereizt hatte. Warum hatte er es nicht wie früher gehalten, daß er, wo er mit Nicolai's Meinungen nicht übereinstimmte, »abbog und davon schwieg«, wie er am 29. Juli 1774 schrieb, als sich sein Verhältniß zu Dessen »Allgemeiner deutscher Bibliothek« löste! Von und an Herder, I. 357. Hätte er doch bedenken sollen, daß dieser »stolze Mann«, wie ihn Goethe nennt, nach seiner Weise in diesem Angriff nur persönliche Feindseligkeit von ihm und zugleich von Wieland, dem Herausgeber des »Merkur«, sehn würde, der vor vier Jahren seinen »Bunkel« angegriffen hatte; hätte er doch bedenken sollen, wie widerwärtig persönlich derselbe Nicolai damals gegen den guten Wieland losgeschlagen, der ihn freilich als Verleger gereizt hatte. Wieland mußte sich von dem wüthend Gereizten sagen lassen, er habe mit seinem Angriffe persönliche Rache nehmen wollen, weil er sich gegen eine frühere Beschuldigung Nicolai's nicht habe rechtfertigen können; er mußte sich sagen lassen, er habe das Publicum durch seinen »Merkur« und bei der Pränumeration auf »Agathon« betrogen; er mußte sich als einen »verächtlichen Menschen« vor der Welt hinstellen lassen. Herder hätte sich sagen sollen, daß Nicolai es ähnlich mit ihm machen, er seine ganze Schriftstellerei für Schwindelei des Hochmuths erklären würde. Aber der Widerwille gegen die bei allem historischen Schein dem Wesen nach oberflächliche und unhistorische Weise, die sich bei Diesem hier breit machte, hatte ihn hingerissen. Herder's Ansicht über Andreä's Unschuld an der Rosenkreuzerei erfuhr auch im »Württembergischen Repertorium« einen doppelten Angriff, indem von der einen Seite ihm ein größerer Antheil daran zugeschrieben, von der andern sogar die Fama fraternitatis ihm abgesprochen wurde. Auch darauf schwieg Herder; erst als er vier Jahre später die Vorrede zu Sonntag's Uebersetzung von Andreä's Dichtungen schrieb, vertheidigte er seine Ansicht und sprach die Hoffnung aus, einmal aus Andreä's eigenen Aeußerungen es so wahrscheinlich, als es bei irgend etwas der Art möglich sei, zu machen, daß Andreä Verfasser der Fama sei. (Vgl. unten, S 708 ff.) Auf den Baphometus kam Herder erst gegen Ende des Jahrhunderts in seinen unvollendet gebliebenen Persepolitanischen Briefen zurück. Dort bemerkt er (vgl. unten, S 560), der »in neuern Zeiten berühmt gewordene« Baphometus sei weder ein Geber der Verstandestaufe (nach Nicolai) noch der Demiurg, sondern der persische Alte der Zeiten , nach gnostischer Weise gestaltet, wobei er eine Namendeutung zu versuchen und seiner eigenen Beziehung desselben auf Mahomet zu gedenken ganz unterließ. Wahrscheinlich hielt er seine Beziehung auf Mahomet für vereinbar mit dieser Auffassung. Erst im Jahre 1794 ließ sich Herder wieder bestimmen, an einer Zeitschrift Theil zu nehmen. Schiller lud ihn am 4. Juli 1794 zur Theilnahme an den Horen ein, welche durch die bereits getroffenen Anstalten beträchtlich mehr zu leisten Hoffnung machten, als bis jetzt durch irgend ein Unternehmen ähnlicher Art habe möglich gemacht werden können. Schon die Anzahl sowol als der Name der bereits dazu verbundenen Mitglieder bürge für eine nicht gemeine Vollkommenheit derselben, wobei er die bedeutendsten Männer nannte, die ihren thätigen Antheil zugesagt hätten oder sehr wahrscheinlich beitreten würden. »Je größer der Antheil sein wird, den Sie unserer Schrift schenken wollen, desto mehr werden Sie uns und das Publicum verpflichten; und hat unser Vorschlag das Glück, Ihren Beifall zu erhalten, so verstatten Sie uns vielleicht, über die eingesandten Manuscripte zuweilen Ihr Urtheil einzuholen, wozu Herr Geheimerath von Goethe bereits uns berechtigt hat. Uebrigens unterwerfen wir uns mit Bereitwilligkeit allen Bedingungen, welche uns vorzuschreiben Ihnen gefallen wird.« Die Horen sollten nach der Ankündigung sich über Alles verbreiten, was mit Geschmack und philosophischem Geiste behandelt werden könne, und also sowol philosophischen Untersuchungen als poetischen und historischen Darstellungen offen stehen. Herder ging gern auf den Vorschlag ein, aber da ihn seine »Terpsichore« und die »Briefs zu Beförderung der Humanität« neben seinen Berufsarbeiten fesselten, konnte er erst auf wiederholte Bitte Schiller's am 19. Februar 1795 einen Beitrag senden, den Dieser gar glücklich gewählt und ausgeführt fand und gleich ins dritte Stück der Horen aufnahm. Auch zur Theilnahme an seinem Musenalmanach , dessen Druck im Sommer beginnen sollte, lud Schiller ihn ein. »Möchten Sie doch veranlaßt werden, Alles, was Ihnen von jetzt an in die Feder kommt, unserm Journale zu bestimmen,« bat Schiller am 12. Juni. »Machen Sie Herrn Cotta Ihre Bedingungen; er wird Alles, was Sie wünschen, mit Freuden eingehen, und ich bitte Sie darum so inständig, als man nur bitten kann, Ihren Antheil an unserm Journal so weit als möglich auszudehnen. Darf ich zugleich meine Bitte wegen des Almanachs bei Ihnen erneuern? In sechs Wochen soll mit dem Druck der Anfang gemacht werden.« Herder versprach, wie Goethe an Schiller meldet, baldigst etwas über Homer. Aber Goethe erhielt den Aufsatz erst am 21. August. Vgl. über ihn und den dadurch veranlaßten Ausfall Wolfs Herder's Werke, VII. S. 28 ff. Den 18. September ward Goethe von Schiller gebeten, doch Herder zu bewegen, daß er kleine Sachen im Geschmacke der griechischen Anthologie in die letzten Stücke der Horen stifte. Ihrem Herzensfreunde Gleim meldet Herder's Gattin bereits am 28. September: »In den nächsten Stücken der Horen finden Sie einige Aufsätze von meinem Mann, Homer und Homer und Ossian . Sie müssen ja die Horen halten. Mein Mann wird jetzt ein fleißiger Mitarbeiter; ich werde Ihnen seine Aufsätze jedesmal nennen. Von Proklus ein Hymnus [Herder's Werke, VII. S. 222-224] ist auch von ihm. Auch werden Sie die kleinen poetischen Stücke von ihm erkennen.« Am 3. October dankt Schiller für die schönen kleinen Gedichte, die Herder zu den Horen geliefert. Den 16. kann er Goethe mittheilen, daß Herder für das elfte Stück einen Aufsatz über die Grazien geschickt, in welchem er diese mißbrauchten Gestalten in ihre alten Rechte zu restituiren suche [Herder's Werke, II. S. 22 u. 267-282], und er verspreche noch einen Beitrag zum zwölften. Dieser Aufsatz war »Iduna oder der Apfel der Verjüngung«. Schiller erhielt ihn am 30. October, sprach aber am 4. November bei aller Anerkennung seine auf ganz anderer Anschauung des Zweckes der Dichtung beruhende abweichende Meinung aus. Seine Ansicht, der poetische Genius müsse sich aus dem Gebiete der wirklichen Welt zurückziehen, stand der Ueberzeugung Herder's, die Dichtung solle aus dem Leben, aus der Zeit, aus dem Wirklichen hervorgehn, solle damit Eins ausmachen und darein zurückfließen, schnurstracks entgegen. Der Aufsatz erschien im ersten Stücke des folgenden Jahrgangs. Der so scharf zu Tage getretene Gegensatz ihrer Ansicht vom Wesen der Dichtung, verbunden mit Wolf's grobem Ausfall auf Herder's Aufsatz über Homer und das Epos scheuchten Herder zurück. Nicht blos lehnte er den Antrag, Diderot's Religieuse für die Horen zu übersetzen, entschieden ab, da sie schon übersetzt sei oder nächstens eine Uebersetzung erscheinen werde, sondern am Anfange des Februar 1796 dispensirte er sich für unbestimmte Zeit von den Horen . Schiller wußte nicht, woher diese Kälte komme, oder ob Herder wirklich durch eine andere Arbeit abgehalten werde. Von jetzt an hielt er sich ganz von den Horen zurück. Die »Xenien« erbitterten ihn aufs Aeußerste und vollendeten die entschiedene Trennung von den verbündeten Dichtern. Zu derselben Zeit, wo Herder sich an den Horen betheiligte, lieferte er auch mehrere Aufsätze in die »Deutsche Monatsschrift« von Gentz in Berlin. Schon das Januarheft 1795 brachte das Gespräch »Voraussicht und Zurücksicht« (Herder's Werke, II. S. 22 u. 251-266), denen sich im Laufe des Jahres die drei in unserm Bande gegebenen Aufsätze anschlossen. Zunächst hörte mit dem Jahre 1795 jede weitere Betheiligung an Zeitschriften auf. Von blos beurtheilenden Blättern hatte sich Herder seit seiner Anstellung in Weimar ganz zurückgehalten und seit der plumpen Erwiderung Nicolai's gar keine Anzeige neuer Schriften geschrieben. Die seit 1785 in Jena erscheinende »Allgemeine Literaturzeitung« von Schütz und Bertuch war ihm besonders seit Kant's Angriff auf den ersten Band seiner »Ideen« (Herder's Werke, IX. S. 15-17) verhaßt und er sehr erbittert darüber, daß die Beurtheiler dieses das Oberrichteramt sich anmaßenden Blattes nicht den Muth hätten, mit ihrem Namen für ihr Urtheil einzustehen. Um so freudiger begrüßte er die von der Akademie nützlicher Wissenschaften in Erfurt herausgegebenen »Nachrichten von gelehrten Sachen«, in welchen alle Anzeigen mit dem vollen Namen unterschrieben sein sollten. In diese gab er von 1797-1800 eine Reihe von Beurtheilungen, die sich durch feine Beobachtungen auszeichnen, aber auch freilich den beschränkten sittlichen Standpunkt in Würdigung der dichterischen Erscheinungen zeigen, den schon die »Briefe zu Beförderung der Humanität«, später die »Adrastea« vertrat. Von Vorreden zu fremden Schriften geben wir hier vier aus den Jahren 1784, 1786, 1791 und 1798. Von der höchsten Bedeutung sind die Aeußerungen in der in Briefform gekleideten Vorrede zu J. G. Müller 's »Bekenntnissen merkwürdiger Männer von sich selbst« (S. 711 ff.), in welchen Herder's Innigkeit und Tiefe des Gemüths so hell strahlt, daß sie ihm jedes empfängliche Herz gewinnen müssen. Die zu Monboddo giebt zu seiner Ansicht über den Ursprung der Sprache und insonderheit zu seiner Preisschrift, mit welcher er schon bald nach der Abfassung derselben nicht mehr zufrieden war, sehr beachtenswerthe Andeutungen. Auch die übrigen sind noch heute immer sehr lesenswerth, obgleich die betreffenden Bücher sich überlebt haben. Die Vorreden zu dem ersten Bande der von A. J. Liebeskind bearbeiteten »Palmblätter. Erlesene morgenländische Erzählungen für die Jugend«, und zur zweiten Ausgabe von G. Forster 's Uebersetzung der »Sakontala« sind bereits in Th. VI. S. 175-183, 223-228 abgedruckt. Die Vorrede zu Herder's eigenem »Buchstabir- und Lesebuch« (vgl. Herder's Werke, XVI. S. XXXVIII f.) dürfte zur Aufnahme in die Werke sich nicht eignen. Aus Herder's Nachlaß geben wir Alles, was J. Müller in der Ausgabe der Werke mitgetheilt hatte, und fünf Entwürfe aus den »Erinnerungen« seiner Gattin. Von jenen drei Stücken bezieht sich das eine auf eine ihm mitgetheilte Schrift seines Freundes, des Coadjutors Dalberg in Erfurt, das zweite ist eine weitere Ausführung seiner Ansicht über die Bedeutung der sogenannten Sündfluth, die er aus der Naturgeschichte der Erde zu erklären sucht; am Bedeutendsten sind die an verschiedene Gelehrte gerichteten »Persepolitanischen Briefe«, die freilich für die Wissenschaft selbst, welche diesen Standpunkt schon längst überwunden hat, ohne Werth, aber durch den in ihnen wehenden Geist eindringender Forschung wie durch feinen Blick, glückliche Beobachtung und künstlerische Anordnung auch heute noch höchst anziehend sind, wie in anderer Weise Lessing's »Briefe antiquarischen Inhalts«, obgleich sachlich veraltet, durch scharfsinnige, lebendige, die Schwächen des Gegners geschickt aufspürende und treffende, geistsprühende Behandlung sich bis heute frisch erhalten. Sie sind reich an den glänzendsten, Herder's reiches Gemüth und hohen Sinn entfaltenden Ausführungen, die man am Wenigsten in denselben erwarten sollte. Im Februar 1876.     I. Abhandlungen und Aufsätze. Ueber die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten. 1778. Aus den »Abhandlungen der baierischen Akademie über Gegenstände der schönen Wissenschaften«. Erster Band. München, 1781, S. 25-138. Der Ausgabe der Werke, welcher wir folgen, ist ohne Zweifel eine von Herder selbst besorgte Durchsicht dieser Abhandlung zu Grunde gelegt. Herder hatte nämlich in Folge der Ankündigung einer Sammlung seiner Werke von Seiten eines Nachdruckers noch in seinem letzten Lebensjahre das Erscheinen einer von ihm selbst bearbeiteten Gesammtausgabe seiner Schriften angezeigt, und auf die zu diesem Zwecke gemachte Durchsicht sind die Textänderungen, welche die Ausgabe der Werke dem ersten Drucke gegenüber aufweist, zurückzuführen. Einzelne Versehen der Ausgabe der Werke konnten wir nach dem ersten Drucke verbessern. Manche Fehler des letztern sind auch in jene übergegangen und nur zum Theil später berichtigt worden.   D.   Utcunque defecere mores, Dedecorant bene nata culpae. Horat . Carm., IV. 4, 35. 36.   D.   Nach vielen Zeugnissen der Alten war Poesie bei ihnen vom stärksten Einflusse auf die Sitten. Sie, die Tochter des Himmels, soll, wie die Dichtung sagt, den Stab der Macht gehabt haben, Thiere zu bändigen, Steine zu beleben, den Seelen der Menschen einzuhauchen, was man wollte: Haß und Liebe, Muth und Sanftmuth, Ehrfurcht gegen die Götter, Schrecken, Zuversicht, Trost, Freude. Sie soll's gewesen sein, die rohe Völker unter die Gesetze, Verdrossene zu Kampf und Arbeit, Furchtsame zu Unternehmungen in Todesgefahr muthig und geschickt gemacht. Sie war das älteste und nach der Erzählung das wirksamste Mittel zur Lehre, zum Unterricht, zur Bildung der Sitten für Menschen und Bürger. Mercuri, nam te docilis magistro Movit Amphion lapides canendo.   Mercuri, facunde nepos Atlantis, Qui feros cultus hominum recentum Voce formasti.   Gelidove in Haemo, Unde vocalem temere insecutae Orphea silvae Arte materna rapidos morantem Fluminum lapsus etc. Horat . [ Carm., III. 11; I. 10. 12]. Der Stellen, die ein Gleiches sagen, sind bei den Alten sehr viele.   H. Wie? sind alle diese Nachrichten Fabel und selbst Poesie? oder wenn sie Wahrheit enthalten, wie konnte Plato ihr den Eingang in seine idealische Republik versagen? Oder hatte sie die Wirkung, hat sie sie noch? Was hat sich geändert, sie selbst oder die Welt um sie, Zeit, Sitten, Völker? Und hätte sie sie nicht mehr, was ist an ihre Stelle getreten? etwas Besseres? Schlechteres? nichts? Und wie könnte man ihr in den beiden letztern Fällen ihre alte Würde und Hoheit wiedergeben, ihr zurückhelfen auf den Thron ihrer Väter? Oder wäre sie so tief verfallen, daß sie sogar übeln Einfluß auf den Charakter und das Glück der Menschen hätte, wie könnte man diesem Uebel steuern, ihr das Gift nehmen und die verderbten Seelen der Menschen zur reinern Sprache des Olympus wieder gewöhnen? Mich dünkt, diese und andere Fragen liegen vor mir. Ein weites Gebiet, groß wie die Geschichte gebildeter und ungebildeter Nationen! Zugleich umfaßt es Tiefen der menschlichen Seele, ihre edelsten Kräfte in Wirkung und im Empfange fremder Wirkung, in dem, was wir Sitten, Charakter, Gutes und Böses im Einzelnen und im Ganzen, Menschen- und Völkerglückseligkeit nennen. Nichts ist angenehmer und lehrreicher als die Aussicht auf ein solches Feld und eine solche Ausbeute der innersten Menschengeschichte; nichts ist aber auch schwerer, als dies Feld zu ordnen und diese Ausbeute zu Tage zu legen. Soll ich also, da ich von Poesie schreibe, eine poetische Muse oder, da ich von ihrem Einfluß auf die Sitten schreibe, Wahrheit und Geschichte zum Beistande rufen? Mich dünkt, das Letzte. Von Poesie als ein Poet zu reden, bringt nicht weit; bist Du der, so rede nicht von ihr, sondern zeige sie selbst, dichte! Auch über Wirkungen und empfangene Einflüsse der menschlichen Seele allgemein zu sprechen, ohne besondere Zeugnisse, Proben und Gewährleistung dessen, was man behauptet, kann nie weit bringen, und am Mindesten weit bei einer so großen und verflochtenen Frage, als hier die Wörter Poesie, Einfluß, Sitten, alte und neue Zeiten in sich schließen müssen. Allgemeine Behauptungen Außer dem, was in allen Poetiken zum Besten der Poesie steht und stehen muß, haben Fraguier ( T. I, II der Mémoires de l'Académie des belles-lettres ), Massieu ( T. II derselben Mémoires ), Racine ( T. VIII ) und Andere gnug darüber geschrieben, deren Verzeichniß man in Schmid's Literatur der Poesie (Leipzig 1775), S. 154-157 finden und sich selbst vermehren kann. Das Gröbste, was meines Wissens gegen die Poesie gesagt ist, und zwar nicht unter dem Scheine der Andacht, sondern des gesunden Verstandes und der Wahrheit, steht in den Parrhasianis , p. 1-130 , deren sonst verdienter Verfasser aber bei Erklärung biblischer Poesien gnugsam gezeigt hat, daß ihm für Dichtkunst der Sinn fehlte. Es ist der berühmte Le Clerc ( Clericus ).   H. über ein solches Thema liest man mit Widerwillen und Ekel; man weiß nie, wo man ist, noch wovon man, bestimmt gesagt, redet. Die Akademie hat durch die Bestimmung »alte und neue Zeiten« einen Wink gegeben, daß die Frage nach der Geschichte , aus den Sitten der Zeiten und Völker beantwortet werden solle; und das sei nach einem kurzen Capitel über das Allgemeine der Gang dieser Abhandlung. Erschöpft kann in ihr nichts werden; einzelne Früchte und Blumen einer langen und mühsamen Ernte bringe ich dar. I. Was ist Poesie, wirkende Dichtkunst? und wie wirkt sie auf die Sitten der Menschen? II. Wie wirkte sie bei den vornehmsten Nationen der Alten, die wir näher kennen, bei Ebräern, Griechen, Römern und etwa den nordischen Nationen? III. Welche Veränderung geschah mit ihr in den mittlern und neuen Zeiten? und wie und was wirkt sie jetzt? Die Preisschrift der Akademie zu Mantua »Ueber den Einfluß der Dichtkunst in die Politik« vom Jahr 1770 habe ich nicht gelesen. Die Schrift, die am Meisten Aehnlichkeit mit unsrer Aufgabe hätte, wären Dr. Brown's Betrachtungen über Poesie und Musik (übersetzt Leipzig 1769), deren Verfasser bekanntermaßen die scharfe Schätzung der Sitten seiner Zeit geschrieben hatte. Da er aber mehr einer Kunsthypothese nachgeht, der (bei allen Uebertreibungen, worin sie sich verirrt) doch nicht ganz Gerechtigkeit geschehen ist, so hat er freilich die besten Sachen nur berühren, oft schief berühren müssen. Ich schweige davon, was über die Sittlichkeit der Schaubühne, Anakreontischer Dichter u. s. w. häufig für und gegen geschrieben worden. Praschii Werk De variis modis moralia tradendi ist eine bloße Compilation.   H. Nothwendig fordert ein Umfang solcher Fragen, daß wir uns, so viel wir können, in jede Zeit, unter jedes Volk ganz hinstellen und nicht, wie die Schnecke ihr Haus, unsre enge eigene Denkart allenthalben umhertragen. Die schönsten und schlechtesten Einflüsse der Dichtkunst sind doch fein und vorübergehend gnug, um bei entlegenen Völkern und Zeiten sie auch nur in einem Schatten wahrnehmen zu können, der an die Wirklichkeit erinnere.   Erster Abschnitt. Was ist wirkende Poesie, und wie wirkt sie auf die Sitten und Völker der Menschen?   Ist Poesie das, was sie sein soll, so ist sie ihrem Wesen nach wirkend. Sie, die Sprache der Sinne, erster mächtiger Eindrücke, der Leidenschaft und der Einbildungskraft; sie, der Ausdruck großer Handlungen und der Freude oder des Schmerzes, mit welchen man sie erlebt, gesehen, bewirkt oder ihr Andenken empfangen hat, Poesie, die Sprache der Liebe und des Hasses, der Furcht und Hoffnung   wie sollte diese nicht wirken ? Natur, Empfindung, die ganze Menschenseele floß in die Sprache, drückte sich in sie als ihren Körper ab, wirkt also auch durch ihn in Alles, was gleicher Natur ist, in alle mitempfindende Seelen. Wie der Magnet das Eisen zieht, wie der Ton einer Saite die andre regt, wie jede Bewegung, Leidenschaft und Empfindung sich fortpflanzt und mittheilt, wo sie nicht Widerstand findet, so ist auch die Wirkung der Sprache der Sinne , d. i. der Poesie, allgemein und im höchsten Grade natürlich . Sie drückt sich der Seele ein, wie sich Bild und Siegel in Wachs oder Leim formt. Es sind dies meistens Gleichnisse und Bilder, die Plato, Cicero und die Dichter selbst von der Art ihrer Wirkung gebraucht haben; es wäre zu weitläuftig, die Stellen alle zu citiren.   H. Je wahrer also, je kenntlicher und stärker der Ausdruck unsrer Empfindungen ist, d. i. je mehr es wahre Poesie ist, desto stärker und wahrer ist ihr Eindruck , desto mehr und länger muß sie wirken. Nicht sie, sondern die Natur, die ganze Welt der Leidenschaften und Handlungen, die im Dichter lag, und die er durch die Sprache aus sich zu bringen strebt, diese wirkt. Die Sprache ist nur Canal, der wahre Dichter nur Dolmetscher oder eigentlich der Ueberbringer der Natur in die Seele und in das Herz seiner Brüder. Was auf ihn wirkte, und wie es auf ihn wirkte, das wirkt fort, nicht durch seine, nicht durch willkürliche, conventionelle, sondern durch Naturkräfte. Und je offner die Menschen sind, diese zu fühlen oder zu ahnen; je mehr sie Augen haben zu sehen, was in der Natur geschieht, und Ohren zu hören, wie es ihnen der Bote der Schöpfung mittheilt, desto stärker wirkt nothwendig die Dichtkunst in ihnen . Und sofort wirkt sie aus ihnen weiter . Je mehr sie auf Menschen in Menge wirkt, die ihre Eindrücke gemeinschaftlich empfangen und einander wie zurückgeworfene Strahlen der Sonne mittheilen, desto mehr nimmt Wärme und Erleuchtung, die aus ihr quillt, zu; der dichterische Glaube kann Glaube des Volkes, Handlung, Sitten, Charakter, Theil ihres Schadens oder ihrer Glückseligkeit werden. Nun haben es schon treffliche Männer untersucht, in welchem Zustande und Zeitalter das menschliche Geschlecht und seine Gesellschaft dieser Sprache der Natur, ihrer Sinne und Leidenschaften am Offensten und Fähigsten sei, und alle Ich will besonders und vor Allen nur Blackwell's Untersuchung über Homer's Leben und Schriften (übersetzt Leipz. 1776), Wood's Versuch über das Originalgenie Homer's (übersetzt Frankf. 1773), Blair's Abhandlung über Ossian (vor der Denis'schen Uebersetzung desselben) nennen; denn die meisten Neuern haben aus diesen geschöpft, sowie sie wiederum die Samenkörner ihrer besten Betrachtungen in den Alten selbst fanden. Wenn Viele den Satz so mißverstanden haben, als ob in gebildeten Staaten kein Dichter leben und werden könne, so muß man den Mißverstand bessern, nicht aber die Wahrheit der Geschichte aufgeben oder verändern.   H. haben es für die Kindheit und Jugend unsers Geschlechts, für die ersten Zustände einer sich bildenden Gesellschaft entschieden. So lange ein Mensch noch unter Gegenständen der Natur lebt, die ihn ganz berühren; je mehr er Kind Ἰδιώτης πᾶς ϰαὶ ἀπαίδευτος τρόπον τινὰ παῖς ἐοτι. Strab . [1. 2]. Det primos versibus annos Maeoniumque bibat felici pectore fontem. Petron . [5, 12. 13].   H. dieser lebendigen, kräftigen, vielförmigen Mutter ist, an ihren Brüsten liegt oder sich im ersten Spiele mit seinen Mitbrüdern, ihren Abdrücken und seinen Nebenzweigen auf einem Baume des Lebens freut; je mehr er ganz auf diese wirkt und sie ganz auf sich wirken läßt, nicht halbirt, meistert, schnitzelt, abstrahirt; je freier und göttlicher er, was er empfangen hat, in Sprache bringen kann und darf, sein Bild von Handlungen ganz darstellt und durch die ihm eingeborne, nicht aufgeheftete Kraft wirken läßt; endlich je treuer und wahrer die Menschen um ihn dies Alles empfangen, aufnehmen, wie er's gab, in seinen Ton gestimmt sind und Dichtkunst auf des Dichters, nicht auf der Zuhörer Weise wirken lassen: da lebt , da wirkt die Dichtkunst, und gerade ist dies in den Zeiten der ganzen wilden Natur oder auf den ersten Stufen der politischen Bildung. Weiterhin, je mehr Kunst an die Stelle der Natur tritt und gemachtes Gesetz an die Stelle der lautern Empfindung (Zustände, in denen die Menschen nichts mehr sind, oder was sie sind, ewig verhehlen), wo man sich Sinne und Gliedmaßen stümmelt, um die Natur nicht zu fühlen oder nicht von sich weiter wirken zu lassen: wie ist da Poesie, wahre, wirkende Sprache der Natur möglich? Lüge rührt nicht, Kunst, Zwang und Heuchelei kann nicht entzücken, so wenig als Nacht und Finsterniß erleuchten. Dichtet (im wörtlichen Verstande), dichtet immer;Οὐ τέχνη ποιοῦσιν, ἀλλὰ ϑείᾳ δυνάμει.   Οὐχ οὑτοί εἰσιν οἱ ταῦτα λέγοντες, ἀλλ᾽ ὁ ϑεὸς αὐτός έστιν ὁ λέγων. Plat. [ Ion, 5 , wo aber ταῦτα λέγουσιν statt ποιοῦσιν steht.   D.] Σοφὸς ὁ πολλὰ εἰδὼς φυᾷ, μαϑόντες δὲ λάβροι παγγλωσσίᾳ, ϰόραϰες ὡς, ἄϰραντα γαρύετον Λιὸς πρὸς ὄρνιχα ϑεῖον. Pind . [Ol., II. 94-97].   H. erdichtet Euch eine Natur, Empfindung, Handlung, Sitten, Sprache: die große Mutter der Wahrheit und Liebe sieht Euerm Spiele zu, sie lacht oder jammert; die wahre Poesie ist todt, die Flamme des Himmels erloschen und von ihren Wirkungen nur ein Häufchen Asche übrig. Das ist also Dichtkunst, und so wirkt sie; aber was wirkt sie? wie bringt sie Sitten hervor? und sind diese gut oder böse ? Mich dünkt, diese Fragen allgemein zu beantworten, ist gar nicht möglich. Alle Gabe Gottes in der Natur ist gut, und so auch die große Gabe über sie alle, ihre lebendige Sprache . Sinne, Einbildung, Handlung, Leidenschaft, Alles, was die Poesie ausdrückt und darstellt, ist gut; mithin kann auch ihr Eindruck auf Andere durch Harmonie und Einstimmung nicht böse genannt werden. S. Basilius , De legendis Graecorum libris .   H. [Aus dem Griechischen mehrfach übersetzt, auch von Hugo Grotius .   D.] So wie aber Alles in der Schöpfung und gerade das Edelste am Meisten mißbraucht wird , so kann auch die Poesie , der edle, entzückende Balsam aus den geheimsten Kräften der Schöpfung Gottes, süßes Gift, berauschende, tödtende Wollust werden. Saecli incommoda, pessimi poetae. Catull ., 14. 23.   D. Das liegt alsdann nicht an der Sache, sondern am Mißbrauche; und eben weil es nur an diesem und also ganz in den Händen der Menschen liegt, müssen die Grenzen um so sorgfältiger geschieden, die Gegend des Mißbrauches um so genauer verzäunt und verwarnt werden. Wir öffnen also ohne alle weitere metaphysische Umschweife von dem, was Poesie, Einfluß, Zeitalter, Gut und Böses heiße, das Buch der Geschichte : sie soll beweisen, lehren, warnen und entscheiden.   Zweiter Abschnitt. Wie wirkte Poesie bei den vornehmsten Nationen der alten Welt, die wir näher kennen, bei Ebräern, Griechen, Römern und nordischen Völkern?   Erstes Capitel. Wirkung der Dichtkunst bei den Ebräern. Daß dieses Volk herrliche wirkende Poesie gehabt habe, können auch seine Feinde nicht leugnen; und was insonderheit den Geist ihrer Dichtkunst, die Art und Absicht ihrer Wirkung betrifft, darin, dünkt mich, sind sie das sonderbarste und einzige Muster der Erde. Auch blos in Wirkung ist ihre Poesie göttlich . Gott ist's, der da spricht; vom Geiste Gottes sind ihre Gedichte voll; auf Gott fließen sie zurück. Ihn darzustellen, zu preisen und zu offenbaren, das erwählte Volk zu seinem Volke, zu einem Volke Gottes zu bilden, das allein ist ihre große, reine Absicht. Ich übergehe die ersten Denkmale von der Schöpfung und den ersten Schicksalen des Menschengeschlechts bis auf die Trennung der Völker. Sie sind, obwol sie dichterische Stellen haben, nicht eigentlich Poesie; jene aber müssen sie haben, weil sie gerade den Inhalt »Himmel und Erde, Schöpfung des Menschen und seinen ersten Zustand, die Umarmung der ersten Braut, die erste Sünde, Gefühl und Fluch des ersten Mörders, das große Gericht der Ueberschwemmung nebst dem Wiedergefühle der erneuerten Erde beim ersten lachenden Regenbogen«   diese und dergleichen große Dinge enthalten. Die einfachste Erzählung des Allen, jedesmal nach dem ersten ursprünglichen Eindruck, muß natürlich die wundersamste Wirkung machen; sie macht sie noch auf alle Kinder und unbefangene Gemüther; ja, sie hat sie auf der ganzen Erde gemacht, unter allen Völkern, wo je diese Ursagen der Welt hindrangen. Ueberall finden wir sie in der ältesten Geschichte, Einrichtung und Religion selbst der entlegensten und wildesten Völker, nur meistens verstellt, verändert und oft tief verkleidet, wieder, finden sie immer deutlicher wieder, je älter das Volk ist, und je mehr es seine ersten Denkmale erhalten, sehen sodann immer deutlicher, wie die ersten Gesetzgeber, Dichter und Weise in Bildung einzelner Völker auf diese Ursprünge der Menschenkenntniß mehr oder minder gebaut haben; Cithara crinitus Jopas Personat aurata, docuit quem maximus Atlas. Hic canit errantem lunam, solisque labores, Unde hominum genus etc.   (Silenus) canebat, uti magnum per inane coacta Semina terrarumque animaeque marisque fuissent etc. Virg. Aen., I. 740-743; Buc., VI. 31. 32 . D] Von den Griechen s. das ganze erste Buch von Fabricii Bibliotheca Graeca und von allen Völkern ihre alte Mythologie, Kosmogonie u. dgl.   H. mithin hatten diese geringen poetischen Ueberbleibsel die größte Wirkung und ein ziemlich unerkanntes, oft angestrittenes, aber um so edleres Verdienst um die Sitten der Welt und um die Bildung der ersten Völker . Indessen da dieser Gegenstand zu fern liegt, er auch in einzelnen Büchern oft bis zum verwegensten Uebermaße ausgeführt worden und wir ihn bei Gelegenheit der Griechen vielleicht auf seiner deutlichsten Stelle ins Auge bekommen werden, so sei hier gnug von demselben. Wir wenden uns zur eigentlichen Nationaldichtkunst des ebräischen Volkes. Dies Volk war dichterisch selbst in seinem Ursprunge. Ein göttlicher poetischer Segen war's, der das Geschlecht Sem's, Abraham's, Isaak's, Jakob's und seiner zwölf Söhne unterschied 1. Mos. 9, 24-27; 15, 12-17; 27, 27-46; 49, 1-27.   H. und vom sterbenden Vater ihnen als Krone auf ihr Haupt gesetzt, als Balsam auf ihre Scheitel gegossen wurde. Esau's Thränen und seine lange Rache beweisen es, wie hoch dieses Erbe göttlicher Worte geschätzt wurde. Es ging bis auf Kinder und Kindeskinder hinab: das Geschlecht Cham's blieb verflucht und ist es noch bei den morgenländischen Nationen, das Geschlecht Ismael's hat noch die Sitten des poetischen Spruches, S. Sale , Einleitung zum Koran , und eine eigne Abhandlung davon in Delany's Revelation examin'd with candour , T. II . Was Genealogien, Geschlechtssegen und Ruhm der Väter auf alle Stämme und Völker der Morgenländer für Wirkung haben, ist aus Nachrichten und Reisebeschreibungen bekannt gnug.   H. der auf ihren Urvater fiel, erhält sich darin und rühmt sich dessen: »Ihre Hand gegen Jedermann, Jedermanns Hand wider sie; die Wüste, das freie Feld ist ihnen gegeben.« Mit eben dem Glauben und mit noch größerer Entzückung und stolzer Freude konnte Isaak's und Jakob's Geschlecht an seinem Geschlechtsliede hangen. Sitten und Schicksale waren ihm darin vorgeprägt; das Gesicht Jakob's über seine Söhne enthält auf eine bewundernswürdige Weise ihr Bild, ihre Sitten, ihre Geschichte im ersten Abdrucke und bis in die spätesten Zeiten. Die Wirkung dieser Lieder aufs ganze Geschlecht war mehr als ein Golderbe, als todte Wappenbilder und erstrittene Fahnen. Als nach Jahrhunderten ihr Befreier und Gesetzgeber dem muthlosen und unterdrückten Volke erschien, sollte er ihnen keinen andern Namen nennen, der ihnen Muth und Gefühl von der Würde ihres Ursprungs gebe, als den Gott ihrer Väter , den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's. Er that's, er errettete sie durch Wunder und Zeichen, und als er sie, nun sein Volk, ein Volk Gottes , in seinen Händen hatte, wie umfing er sie? womit gab er ihnen den ersten Eindruck ? Durch Poesie ! durch das herrliche Lied ihres Ausgangs , 2. Mos. 15, 1-21.   H. das in der Ursprache, auch dem Schalle nach ganz lebendige Dichtkunst, als Mauer dasteht am Schilfmeere sowie sein letztes Lied 5. Mos. 32, 1-44.   H. als die andere Mauer am Berge Pisga. Dort ist man unter Pauken und Tänzen der erretteten Männer und Weiber; hier   wer hat dies Lied gelesen und hat nicht gefühlt: so hat kein Gesetzgeber geendet! Die ganze Seele und das Herz Moses', sein Gesetz, sein Leben, das Herz, die Sitten des Volks, seine Bestimmung, Glück und Unglück, seine ganze Geschichte ist in dem herrlichen Liede. Es sollte ein Denkmal des Gesetzgebers, ein Lied sein, das auf die Sitten und das Herz des Volkes ewiglich wirkte . Die rührende Wiederholung des Gesetzes im fünften Buche voll Geschichte, Fluches und Segens war dazu Vorbereitung, lebende Grundlage zu einer lebendigen Denksäule, und der darauf folgende Segen 5. Mos. 33, 1-29.   H. (der wenig veränderte Segen ihres letzten Stammvaters) war der dichterische Kranz, der die Bildsäule krönte. Welcher Gesetzgeber wollte tiefer auf Sitten seines Volkes wirken als Moses? Selbst Lykurg ist ihm nicht zu vergleichen; und wenn er nun die Wirkung seines Daseins in Worte zusammennahm, ward's   ein Lied . Auch umliegende Völker mußten so auf dies Volk wirken. Die Geschichte Bileam's 4. Mos. 22-24.   H. zeigt, welche Kraft Moab seinen poetischen Flüchen zugetraut habe, die sich in Segen über Segen auf Israel wandeln müssen. Noch jetzt kann man den höchst poetischen Ausdruck dieser Gesichte und Entzückungen 4. Mos. 23 und 24.   H. nicht ohne Ehrfurcht und heiligen Schauer, zugleich aber auch mit wie hoch aufwallender Brust lesen; wie mag sie Israel gehört, gelernt, gesungen, empfunden haben! Den Fluch seiner Feinde wand es sich als Siegeskranz des Lobgesanges um seine Schläfe. So zog's in sein Land: seine Siege wurden in Gesängen , die wir nicht mehr haben, dem Volke preisgegeben. Josua 10, 13.   H. Einen derselben haben wir, und er ist national, voll Wirkung aufs Volk , auf Freunde und Feinde, auf sieghafte und müssige Stämme, selbst auf die verschiedenen Stände und Classen des Volkes, als ich sonst keinen kenne   das Lied der Heldin und Dichterin Deborah . Richt. 5, 1-31.   H. Lob und Tadel, Spott und Ruhm fliegen aus der Hand der Siegerin in mehr als Pindarischen Pfeilen Nach Pindar's Ausdruck, Ol. II. 150. 163,   D. : an seinem lebendigen Feste muß er große Wirkung gehabt haben! Wie sie unter Palmen, so wohnte Israel damals unter Weinstöcken und Feigenbäumen, genoß die Natur und verstand ihre Sprache. Als der unterdrückte, verfolgte, kaum entkommene Flüchtling Jotham seine Landsleute zur Barmherzigkeit gegen sich und zur Einsicht über ihren blutigen Unterdrücker bringen wollte, that er's   durch eine Fabel Richt. 9, 7-20.   H. Vielleicht die episch-politisch- und historischglücklichste Fabel, die je gesagt ward: sie enthält den Ursprung und die Sitten des ganzen Tyrannengeschlechts auf Erden. Der zweite König in Israel, er, der unter allen Königen die größte Wirkung auf sein Volk gethan, daß Name und Regierung ihnen das Sprichwort der Macht und Herrlichkeit eines Königs wurde, war Hirt und Sänger , der lieblichste Psalmensänger, Sirach 47, 1-13.   H. den Israel gehabt hat, und der eben durch Psalmen königlich wirkte. Die mächtige, Angst und Wuth zähmende Harfe war's, 1. Sam. 14, 14-23.   H. die ihn an Saul's Hof brachte, ein Siegesreigen der Weiber seiner Nation, 1. Sam. 18, 7. 8.   H. der ihm Saul's Haß und Neid zuzog. Die Harfe war's endlich, die ihn in die Wüste und auf den Thron, in Leid und Freude, in die Schlacht und zum Altare begleitete und allenthalben den Gott seines Volkes pries. Alle Zustände seines Herzens, die größten und gefahrvollsten Begebenheiten seines Lebens flossen in Lieder, in Lieder von so außerordentlicher Wahrheit und Wirkung aufs Herz, daß sie Jahrtausende die Probe gehalten und unter den verschiedensten Umständen und Zeitläufen von außen Herzen erquickt und Seelen regiert haben . In allen ist der König Israel's Knecht Gottes , dem Gott hilft; das Volk, das ihm anvertraut war, ist Gottes Volk , eine Heerde, deren Hirt der Herr ist, und das auch an Sitten unvergleichbar sein soll unter allen Völkern auf Erden. Die Psalmen David's sind eigentliche National-Psalmen : auch wenn sie das Volk sang, ertönte eine Musik, von deren Art und Wirkung wir wirklich keinen Begriff haben. Es war der Siegeskranz am Ende seines Lebens; 2. Sam. 23, 1. 2.   H. [Die Stelle ist ungenau wiedergegeben.   D.] so sprach der König lieblich mit Israel's Psalmen : »Der Geist Gottes hat durch mich gesungen, sein Wort ist durch meine Zunge geschehen.« Der Ruhm seiner Lieder blieb, die Wirkung derselben überdauerte die Wirkung seiner Siege. Das Volk sang ihn, und die Propheten weckten den Geist seiner Gesänge, wie ihn der Geist Moses' erweckt hatte. Er lebt noch! Wir hören ihn um Abner, um Jonathan klagen 2. Sam. 3, 33-38; 2. Sam. 1, 19-27.   H. und weinen mit ihm; wir hören ihn frohlocken und frohlocken mit ihm; der Geist, der um seine Harfe schwebte, hat große Wirkung gethan auf der Erde und wird sie thun, wenn vielleicht die Poesie andrer Nationen ein Traum ist. Wie die Regierung Salomo 's war, war auch seine Dichtkunst, ein redender Beweis, wie Sitten auf Gedichte und Gedichte auf Sitten wirken. Fein, glänzend, berühmt, scharfsinnig, wollüstig wie sie, so sang und regierte er. Die Königin eines fremden Volkes kam, ihn mit Räthseln und Dichtkunst zu versuchen, 1. Kön. 10, 1-9; 2. Chron. 9, 11.   H. und ward überwunden; er war so reich an Liedern als an Gold und Pracht und Weisheit; 1. Kön. 4, 29-34.   H. seine Sprüche sind ein Köcher voll Pfeile des schärfsten Sinnes und Witzes, ihr Flug ist befiedert, und sie treffen das Herz; Nach Pindar, Ol. II. 149-152.   D. seine Lieder der Liebe sind die zartesten, geheimnißvollen Morgenrosen, die im Thale der Freuden je eine Königshand brach; sein Hof war glänzend, voll Sänger und Dichter, voll Liebhaber und Wetteifrer seiner königlichen Muse; indessen zeigt sein letztes poetisches Buch Der Prediger.   H. wie der Ausgang seiner Regierung, daß Alles eitel sei, was sich nicht auf die Furcht Jehovah 's gründe. Weder ihn noch sein Volk konnte die glänzende oder zarte Dichtkunst glücklich machen; Israel seufzte nach einem Könige, der kein Poet sei. Das Reich zerfiel, und nun gehen hie und da Gesandte Gottes ans Volk, Propheten, Sänger umher; aus der Königsstadt oder aus der Wüste, von Bergen schallt ihre Stimme, die Stimme Gottes an sein Land und seine verlaufenen Söhne. Wer kann noch jetzt sie lesen und wird nicht warm! stolz oder bange um seinen Gott, den Gott Israel's, um seine Worte und Verheißung! Vom Geiste Gottes sind voll, die da sprachen; nicht ihre, sondern Gottes Sache, Gottes Wort war's, was sie sprachen; es ängstete oder entzückte sie, was sie sahen und hörten, und da mußten sie singen. Jesaias und Habakuk, Hosea und Micha, Amos und Jeremia . Brand zu singen fühlten sie in sich, und Gluth sind ihre Gesänge! Das Land um sie ist Gottes Land, Schauplatz der Thaten Gottes in die tiefste Ferne; das Volk um sie ist Gottes Volk in Fluch und Segen, in Lohn und desto härtern Strafen; da stehen sie und arbeiten und schildern und bilden vor. Ihre Stimme will den Sturz abwenden, aber vergebens! Der Fall kömmt, und nun wird ihre Harfe voll rührender Klage, Trost und Hoffnung. Auch in der Ferne hatten sie den Blick des zerstreuten Volkes auf ihr Land geheftet , richten ihn immer zu den Bergen, von welchen ihnen Hilfe kommen würde, empor. Das Volk blieb immer Volk Gottes auch im fremden Lande; an den Flüssen Babel's sitzen sie und weinen, wenn sie an Zion dachten; Ps. 137, 1-4.   H. ihre Harfen hangen an den Weiden verstummt und traurig: »Wie sollten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?« Unter Weissagung kamen sie zurück, und unter traurigen Gesängen der Gegenwart, aber großen Gesichten der Zukunft stiegen die Mauern Jerusalem's und des Tempels wieder hervor. Die Stimme des Geistes ertönte durch ihre Sänger und Patrioten fort, bis sie wieder ein Volk waren, und auch später in elenden, kümmerlichen Zeiten kam immer ein Ton des Trostes, ein Hall der Freude zur rechten Zeit. Glücklich, wenn diese göttliche Dichtkunst jedesmal die Wirkung ganz gethan hätte, die sie thun sollte und dazu der Keim in ihr lag! daß sie immer ein Brand gewesen wäre, der Herzen durchglühte, und ein Hammer, der Felsen zerschlug! Ader freilich war's auch ihr Schicksal: »Höret's und verstehet's nicht! sehet's und merket's nicht!« Jes. 6, 9.   H. Da es hier nicht darauf ankam, zu loben, zu bewundern oder die Ohren sich kitzeln zu lassen, sondern zu thun , zu folgen , zu gehorchen , Sitten und Neigungen zu ändern und in einem andern Geiste zu leben, so war das freilich eine zu hohe Forderung, eine zu schwere Last der Dichtkunst. Man fürchtete den Propheten oder haßte und verfolgte ihn. Da der Zweck seiner Gesänge so hoch über den Zweck der bloßen Menschendichtkunst als sein Geist über den Geist dieser ging, so war auch ihr Lohn anders. Statt sie auf den Parnassus zu führen, warf man sie in die Grube: das Lied von einem Weinberge, der Heerlinge trug statt süßer Trauben, war oft die Geschichte ihrer Wirkung . Jes. 5, 1-4.   H. Dies lag aber wol nicht an Denen, die sangen, sondern an Denen, die hörten; und noch fand zu jeder Zeit ihr Wort, »der Thau, der vom Himmel fiel, zu machen die Erde fruchtbar und wachsend«, seine Stelle. Groß ist die Wirkung, die die Dichtkunst der Ebräer auf dies Volk und durch sie auf so viel andre Völker gemacht hat. Zu welchem Volke that sich auch in Gesängen und Liedern sein Gott also, wie zu diesem der seine? Die Dichtkunst der andern ward bald Fabel, Lüge, Mythologie, oft Gräuel und Schande; diese ist und blieb Gottes ! die Tochter des Himmels, die Braut seiner Ehre und Rächerin seines Namens. Wenn unter allen Völkern eben Dichter die ersten Götzendiener, Schmeichler des Volkes und der Fürsten, Tändler und zuletzt Verschlimmerer der Sitten geworden sind, daß ihnen fast nichts mehr heilig bleiben konnte, so waren hier gerade Dichter die Eifrer gegen Abgötterei, Selbstruhm, Schmeichelei und weiche Sitten; ihre Poesie war Altar des einzigen Gottes der Wahrheit und Tugend . Welche Schilderungen! welche Beschreibungen desselben in Hiob, Moses , den Psalmen und Propheten ! Man sei Jude, Christ oder Türke, man muß ihre Hoheit fühlen und die reinen Pflichten, die immer daran geknüpft werden, im Staube ehren. Die einzelne Vorsehung Gottes , wo ist sie kräftiger gepriesen und erwiesen als in der Geschichte dieses Volkes und in den Liedern, Prophezeihungen, Psalmen, die aus dieser Geschichte reden? Das Christenthum mit seiner simpeln göttlichen Weisheit ist aus diesem Stamme gesproßt, zog Saft aus dieser Wurzel in Bildern und Sprache. Lehre und Trost, Aufmunterung und Warnung, Alles, was ein Mensch Gottes bedarf, wornach er dürstet in den Tiefen seiner Seele, ist hier kräftig enthüllt oder reizend verhüllt , und wenn alle Menschendichtkunst Rauch und Pfütze würde, so glänzt in dieser die Sonne voll Licht, Leben und Wärme, hoch über Wollen, Dunst und Nebel. Aber warum mußten so erhabne Lehren und Triebfedern zur Sittlichkeit der Menschen in eine so enge, übertriebene, dunkle Nationaldichtkunst eines Volkes verhüllt werden? Ich glaube nicht, daß Jemand so fragen könne, der den Geist dieser Gedichte an Stelle und Ort gefühlt hat. Für dies Volk waren sie ja eigentlich, und so mußten sie in der Sprache, den Sitten, der Denkart des Volkes und keines andern in keiner andern Zeit sein. Nun lebte dies Volk noch unter Bäumen, wohnte in Hütten, in einem Lande, wo Milch und Honig floß; philosophische Grübeleien und sogenannte reine Abstractionen, die als aufgethaute Schälle, als unsichtbare Geister in der Luft fliegen, waren ihm und seiner Sprache fremde. Wie Gott also in der Natur zu ihm sprach und durch alle Begebenheiten seiner Geschichte, so wollte auch der Geist ihrer Dichtkunst zu ihnen sprechen, ans Herz, für Sinne und den ganzen Menschen. In Bildern konnte gesagt werden, was sich durch mutternackte Abstractionen nimmer oder äußerst matt und elend sagen läßt. Die Sprache der Leidenschaft und der Gesichte konnte unsichtbare oder zukünftige Welten umfassen, Dinge zur Aufmunterung, zum Trost darstellen, die erst eine späte Folgezeit entwickelte, ohne daß durch eine zu lichte Vorspiegelung eben die Erfüllung des Geweissagten verhindert wurde. Es waren Träume des Reichs Gottes , der geistigen und festen Zukunft, in Nebel gehüllt, aber eben in einen erquickenden, gesunden, Himmelsthau triefenden Nebel. Gesänge dieser Art sollten den Menschen treffen mit Herz, Muth und Sinn, nicht einen leeren Kopf voll Spinnweb der Abstractionen oder ein philosophisches Schattenantlitz. Die himmlische Leyer mußte also Saiten haben für jeden in uns schlafenden Ton , für jede fühlbare Taste unsers Herzens. Ueberdies, wer fühlt nicht, daß in diesem Engen und Eignen des Volkes und der Menschengattung die beste Wirkung ihrer Poesie ruhe? S. davon Manches in Lowth' De sacra poesi Hebraeorum , insonderheit Prael. VIII. IX.   H. Daß der Geist derselben so geheim und zuthätig zu ihnen sprach, um alle ihre Gegenstände des Heiligthums, der Natur, des häuslichen Lebens liebreich und vertraulich umherging und eben daraus Seile für ihr Herz wand, Bilder in ihrem Thale schuf für Himmel und Zukunft: lag nicht darin eben das Andringliche und Sittliche der Wirkung dieser Gedichte? Macht sie zu einer Abstraction, zum Hirngespinste für alle Zeiten und Völker, und sie werden für keine Zeit und kein Volk mehr sein. Der blühende Baum ist ausgerissen und schwebt, eine traurige, dürre Abstractions- und Faserngestalt, über den Bäumen. Und endlich, was ist's für Wahn , für eine taumelnde stolze Thorheit, zu verkennen, wer wir sind, uns als reine Geister, als philosophische Atome zu spiegeln und zu wollen, daß Gott sich uns, wie Jupiter der Semele, in dem, was er ist und wie er sich denkt, offenbare? Wie die ganze Natur Gottes, wie alle Geschichte zu uns spricht, so spreche auch die Dolmetscherin beider, die göttliche Dichtkunst! Freilich ward dem erwählten Volke selbst diese göttliche Dichtkunst zuletzt Fall . Als der Geist von ihnen gewichen und nur noch der Leichnam derselben, der unverstandene, mißgedeutete Buchstabe da war; als man Wörter zählte, Silben fädelte und den Sinn dahingab, ihn mit eignem Tande, mit müssigen Träumen umflocht und daraus deutete, was man wollte: freilich da war Wolke ums Volk und eine Binde um die Augen ihrer Weisen. Vor lauter Glanz der Bilder sah man die Sache nicht, erkannte nicht, den man kennen sollte; der Kreis lebendiger Wirkung dieser Gedichte ans Herz und für die Sitten des Volkes war verschwunden. Der Zauber war aus, das Land den Heiden gegeben, die es zertraten; Sprache und Denkart ward Hellenismus, ein Gemisch und Chaos von fremden Völkern und Sprachen; die jungfräuliche Blüthe ihrer Dichtkunst war weg, und wann ist sie je einem Volke, einem Menschenleben zum zweiten Male wieder geworden? Es war verlebte Jugend, ein süßer Traum verstrichener blühender Jahre. Zwar regte sich der Geist der Dichtkunst noch hie und da im Stillen, und je reiner, desto wirksamer. Auch noch auf dem Bettlersmantel der spätesten Rabbinen Im Talmud , besonders in den Sprüchen der Väter , im Buch Zohar u. s. w.   H. sind Flicke großen Sinnes, Prophetenstellen, die man bedauert, daß man sie hier und also findet. Leider! eben durch solche Flicke und Prophetenstellen zogen sie sich zu Titus' Zeiten hartnäckig ihren Untergang zu und wurden ein Ball unter den Völkern der Erde. Entfernt von ihrem Lande, entfernten sie sich immer mehr von den heiligen lebendigen Quellen ihrer Dichtkunst, so theuer sie diese auch bewahren und eben damit das Aeußere ihrer Sitten und Gebräuche sich noch eigen erhalten. Wird einst eine Zeit sein, da der Geist ihrer Propheten sie wieder besuche, ihnen Erfüllung zeige und sie zum alten Volke des Herrn, ihres Gottes, mache? Jetzt zeigt die Geschichte und der Charakter dieses wunderbaren Volkes selbst in seinem Falle, von welcher Wirkung die heilige Dichtkunst einst auf ihre Väter gewesen und zum Theile noch auf sie ist. Und welches war, mit einem Worte, diese Wirkung? Sie war göttlich, theurgisch . Was alle Dichter rühmen oder in Lügen formeln und in Formeln lügen, das war hier Wahrheit: Eingebung der heilige Quell ihrer Dichtkunst und die Absicht ihrer Wirkung nichts Unreiners und Geringers als Sitten , das ganze Herz des Volkes im innigsten Verstande. Es sollte ein Priesterthum Gottes, ein königliches Volk sein; nichts Anders und zu nichts Anderm war die Dichtkunst. Sie ist also in Allem, was sie war und nicht war, was sie erreichen sollte und nicht erreicht hat, das merkwürdigste, lehrendste Muster, »wie Dichtkunst auf Sitten eines Volkes wirken sollte, und was sie oft nicht wirke !«   Zweites Capitel. Wirkung der Dichtkunst bei den Griechen. Auch hier war die Poesie im Anfange göttlich, die Bilderin der Sitten der Menschen und Völker . Die ältesten Sagen und Märchen Griechenlandes schreiben's ihr zu, daß sie die Wilden gebändigt, Gesetze gegeben, sie den Menschen eingeflößt und unvermerkt in Gang gebracht habe. Die ältesten Gesetzgeber, Richter der Geheimnisse und innigsten Gottesdienste, ja endlich der Sage nach die Erfinder der schönsten Sachen und Gebräuche zur Sittlichkeit des Lebens waren Dichter . Fabricii Bibliotheca Graeca , L. I.; Brown's »Betrachtungen über Poesie und Musik«, Abschn. V.; Vossius , De poetis Graecis u. s. w.   H. Ich mag die Fabeln von Orpheus, Amphion, Linus, Thales und alle den 70 Dichternamen vor Homer , die sich meistens wie Spielzeug einer in den andern und zuletzt die meisten in ein Bild , eine Allegorie stecken lassen   ich mag sie hier so wenig wiederholen als einzeln deuten. Gnug, Hymnen der Götter, Geheimnisse, Kosmogonie , die alten Geschichten der Urwelt, Gesetze, Sitten , meistens auch in Bildern, in Sagen, war ihr Gesang, ihre Lehre und Weisheit. Bei den meisten sieht man offenbar, woher sie gekommen, von welchen Geschichten sie der gebrochene Nachhall sind, und Baco nennt die älteste griechische Dichtkunst mit Recht einen Jüngling, der mit morgenländischem Winde zum Zeitvertreibe auf einer griechischen Flöte pfeift. Hier ist's nur unsre Sache, den Eindruck zu bemerken, den, nach den eignen Märchen der Griechen selbst, dies Alles auf sie gemacht hat. Von diesen alten Kosmogonien, Hymnen, Geheimnissen, Fabeln rechnen sie selbst ihre politische und moralische Sittlichkeit her; noch nach Jahrhunderten waren die Namen Linus, Orpheus, Musäus, Thales , und wie sie weiter heißen, als Wohlthäter der Weisheit und als Väter ihres Ruhms heilig. Auch später, wo die Namen aufhören und wahre Gedichte da sind, blickt noch dieser heilige sittliche Gebrauch der alten Dichtkunst durch. Nur von Hymnen und Kriegen der Götter kam man aufs Lob und auf Kriege der Menschen: die ältesten Aoiden waren heilige Personen, jener bei der Klytämnestra der mächtige unbezwingbare Wächter ihrer Tugend. Odyssee, III. 267 f.   D. »Die Fürsten«, sagt Hesiod noch von der alten Sitte, Hesiod . Theog ., 88-104.   H. »die Fürsten kommen vom Jupiter, die Sänger von den Musen und dem Apoll. Glücklich ist der Mann, den die Musen lieben; seine Lippen fließen über von sanften und süßen Tönen. Ist Jemand, der in seiner Seele einen geheimen nagenden Kummer fühlt, der Sänger, ein Diener der Musen, hebt nur an das Lob der Götter und alten Helden, sogleich vergißt er seinen Kummer und fühlt sein Leid nicht mehr. Seid mir gegrüßt, Jupiter's Töchter! begeistert mich mit Eurem mächtigen Gesange!« So sahe Hesiod die Dichtkunst an, und wie sie der Sänger fürs Vaterland, der wackre Tyrtäus , wie sie der Sänger für Griechenland, Pindar , brauchte, wie sie die alten Pythagoreer und Gnomologen anwandten, liegt noch in Ueberbleibseln zu Tage. Sowol Trauerspiele S. von Diesem und Anderm Aristoteles' Dichtkunst, Vossius, Scaliger und die unter allen Nationen Europens darüber commentirt haben; bei zu bekannten oder zu viel fassenden Sachen unterlassen wir Citationen.   H. als die meisten lyrischen Gattungen sind aus gottesdienstlichen Chören und Gebräuchen entstanden. Plato mit aller seiner Weisheit ist in jeder dunkeln verwickelten Frage von Dichtersprüchen und Sagen der alten Zeit voll; S. Timäus, Phädon u. s. w.   H. die ihm das verargen, thun sehr Unrecht; denn ohne sie wäre nie ein Plato worden . Aus Dichtern der Vorwelt hat sich also, nach Geschichte und Tradition, bei den Griechen ihre ganze Verfassung und Weisheit erzeugt. Und zwar geschahen die größten Wirkungen der Dichtkunst, da sie noch lebendige Sage war, da noch keine Buchstaben, viel weniger geschriebene Regeln da waren. Der Dichter sah, was er sang, oder hatte es lebendig vernommen, trug's lange mit sich im Herzen als sein Schooßkind umher; nun öffnete er den Mund und sprach Wunder und Wahrheit. Der Kreis um ihn staunte, horchte, lernte, sang, vergaß die Göttersprüche nie: sie waren ihm mit Nägeln des Gesanges in die Seele geheftet. Kam's nun noch dazu, daß der Dichter höhere Absicht hatte, daß er wirklich ein Bote der Götter , ein Mann für sein Volk und Vaterland , ein heiliger Stifter des Guten auf Geschlechter hinab war und diesen Schatz und diesen Drang in sich fühlte: wie Pfeile flogen die Töne aus seinem goldenen Köcher ins Herz der Menschen. Die griechische Musik, Töne, unter griechischem Himmel den Saiten entlockt, nahmen ihn auf ihre Flügel; Musen und Grazien halfen den Gesang vollenden. Die Wirkung davon zeigt das Bild der Griechen in der Geschichte ihrer Werke und Productionen , ja ihr Charakter bis auf den heutigen Tag. Sie waren die erste cultivirte Nation, wie selbst Aegyptier und Phönicier nicht waren. Ihre Sprache war so dichterisch , biegsam, klingend, fein und reich, daß man wol sieht, frühe Dichter haben sie gebildet, und sie konnte wieder neue Dichter wecken. Alles, was sie bei den Nachbarn sahen, von den Ausländern lernten, faßten sie rund und ganz als Gedicht , als schöne Weise und bildeten's selbst, bis auf Namen und Geist der Sache, nach ihrem Charakter wie zum Klange der Leyer. Die Götter der Aegyptier wurden bei ihnen schöne dichterische Wesen, sie warfen überflüssigen Putz und alles schwere Geräth ab und zeigten sich, wie Mutter Natur sie geschaffen, nackt, in schöner menschlicher Bildung und dazu, wie es dem Gange der Dichtkunst und dem Fluge ihrer Saiten geziemte, in menschlicher, oft zu menschlicher Handlung . Die Kunst fing mit der Dichtkunst an zu wetteifern; aus zwei Versen Homer's Ilias, I. 528-530.   D. ward Phidias' Jupiter wie durch Offenbarung. Der Geschmack ihres Lebens konnte dem Gange ihrer Dichtkunst voll Götter und Helden nicht unähnlich werden; sie machten sich Alles leicht, kränzten sich Alles mit Blumen. Unter Musik und Gesange übten sie sich in Kämpfen und Spielen ; unter Flötenschalle und wie im Tanze zogen sie zur Schlacht . Ihre Erziehung in den schönsten Zeiten waren Leibesübung, Musik und Dichtkunst; diese standen unter der Aussicht der Obern und waren von den Gesetzgebern ihrer Staaten zu Grundfäden ihres Charakters angewandt worden, durch die sich nun Gesetze und Lehren schlangen. Homer war ihnen Alles, und der feine Blick , mit dem dieser Alles gesehen, jeden Gegenstand, nicht straff angezogen, sondern in seinem leichten, reinen Umrisse richtig und leicht gemessen, gezeichnet hatte   der feine Blick , das leichte, richtige, natürliche Verhältniß in Allem wurde auch ihr Blick . Leichte also und natürliche Gesetze , ein geschicktes Verhältniß der Menschen gegen einander waren ihre Anstalt, ihre Erfindung. Die Denkart der Menschen, ihre Sitten und Sprache bekamen einen Strom , eine Fülle , eine Runde , die sie noch nicht gehabt; alles zu Tiefe wurde erhöht, das Schwere leicht, das Dunkle helle; denn aus Homer holten sie Sittlichkeit, Kunst und Weisheit   und freilich machten sie auch aus Homer, was Jeder wollte, nachdem ihm eine Lust ankam, dies oder das zu kosten. Daß in diesem dichterischen Charakter der Griechen Alles zu bewundern und nachzuahmen sei, will ich nicht sagen. Offenbar ward hiemit Manches zu sehr schaugetragen , Alles zu flüssig und leicht gemacht. Die Religion ward auch der Wirkung und dem Werthe nach Mythologie , die fremde, zumal alte oder Alltagsgeschichte Märchen , die Staatsweisheit Rednerei , die Philosophie Sophistik . Wahrer Werth verlor sich mit der Zeit aus Allem, und es blieb schönes Spielwerk , bunte Oberfläche übrig. So lange noch Reste der Heldenzeit da waren und das heilige Feuer der Freiheit hie und da glimmte, waren sie edel, wirksam, fochten und fühlten; bald fochten und fühlten sie, zumal die Athenienser, nur in Worten, gaben sich der Cabale, dem Vergnügen und den Rednerkunstgriffen preis. Im peloponnesischen Kriege hungerten sie lieber, als daß sie tägliches Schauspiel entbehrten; gegen den Philippus ließen sie den Demosthenes fechten und, überwunden, waren sie, insonderheit um Lob, die niedrigsten Schmeichler. Das waren sie unter den Macedoniern und unter den Römern noch mehr: freiwillige Sclaven, wenn ihnen nur der Name der Freiheit und das Lob ihrer Dichtkunst, Rednerei und andrer Siebensachen blieb. Ihr Charakter, ihr Kriegs- und Nationalglück war also auch nur ein Gedicht , d. i. eine schöne Fabel, nach Zeit und Auftritten behandelt. So sind sie noch. S. A. P. Guy 's Voyage littéraire de la Grèce , T. I. II.   H. Lieder kränzen die Ketten, die sie tragen; Lieder und ihr altes Lob wiegen sie ein auf dem Ruhebette der Armuth und Verachtung. Hätten sie weniger poetische Talente, vielleicht wären sie stärker, frei, glücklich. Da indessen einige dieser Stücke, so kurz gesagt, zu schwer auffallen könnten, so muß ich ein paar Worte ausführlich hinzuthun. Die Griechen waren immer Kinder , wie sie jener Aegyptier nannte, also immer auf etwas Neues begierig und alles Neue zum Vergnügen, zur Ergetzlichkeit brauchend. Vielleicht hatten die alten Gesetzgeber, Dichter und Weise nur zu ihnen als Kindern geredet; daß sie aber nun solche blieben, Alles zu Ergetzlichkeit und zu Märchen machten   mich dünkt, die Wirkung der Dichtkunst war weder groß noch nützlich . Die Dame Mythologie hat viele Ritter gefunden, die für sie fochten, und wenn für eine Mythologie zu fechten war, so mag's immer griechische sein und keine andre. Aber was heißt Mythologie, und was ist sie? Daß anfangs in ihren Grundzügen Bedeutung gewesen, daran ist nicht zu zweifeln; auch der ärgste Lügner kann nicht ohne Grund lügen. Aber daß nun schon in den ältesten Zeiten, die wir kennen, und aus denen wir Gedichte haben, das Meiste bloße Volkssage gewesen, mich dünkt, das ist auch schwer zu leugnen. Schon bei Homer ist's eine alte Bemerkung, daß seine Götter unter seinen Menschen stehen. Bei diesen ist er zu Hause; jene sind ihm nur Maschinen, die er zur Fortleitung des Gedichts und zum Vergnügen der Hörenden einflocht. So braucht Pindar die Göttergeschichte auf seine , so die Tragiker und Komödienschreiber auf ihre Weise. Sie war ein zarter Leim, aus dem man machen konnte, was man wollte, weil der Leim dazu da und von je her Alles daraus gemacht war. Nun läßt sich, auch sehr dichterisch gedacht, ein solcher mythologischer Dichtungskram wol zur Grundlage einer festen Sittlichkeit und Religion des Volkes rechnen, wie wir die Worte nehmen? Schon Plato verbannte die Dichter aus seiner Republik und führte die Ursachen an, warum er sie verbannte. Wie mußte sich Plutarch , der freilich hier mehr den Schulmeister als den Philosophen machte, krümmen, als er die Frage aufwarf: » wie man die griechischen Dichter lesen müsse .« In der Schrift: »De audiendis poetis« .   D. Man stelle sich vor Aristophanes' Bühne hin, wenn er seine Götter aufführt, und frage, was das für Eindrücke aufs Volk habe geben sollen. Da Dichter die Religion schmiedeten und verschmiedeten und nirgend etwas Gewisses war, so mußten sich nothwendig schöner Aberglaube und Unglaube ins Volk theilen. Daher finden wir die leichtsinnigen, zum Schönen aller Kunst gebildeten Griechen auf der einen Seite den Ahnungen, den übeln Vorbedeutungen, der Einwirkung der Dämonen so sehr ergeben, als auf der andern Seite ihre Philosophen willkürlich an Sittlichkeit und Religion flickten, als ob diese erst ganz von ihrem Geschwätze und System abhinge, und falls sie sich nicht eine ersännen, gar keine da sei . Auch ihre erhabensten Hymnen und prächtigsten Pindarischen Gesänge sinken im mythologischen Theile, und über die Religion ihrer Schaubühne wird noch lange gestritten werden können. Ueber die Griechen selbst in ihrem Zeitalter und Weltende sind wir in diesem Allen keine Richter; wir aber, jetzt , und wo wir leben, wenn wir den leichten Duft der griechischen Mythologie in unser Eis verwandeln, sie aus hohem Geschmacke des Alterthums auch in ihren dürftigen Begriffen, in ihrem leichten Sinne und schönen Aberglauben nachahmen wollten, was wäre das? Hesiod, Aeschylus und Aristophanes können so wenig das Maß unserer Religion und Sittlichkeit im epischen Gedichte oder auf der Schaubühne sein, als wenig wir jetzt im alten Athen oder Ionien leben, als wenig unsere Religion das sein soll, was die ihrige war. Mit solchem Gebrauche der Mythologie war ein anderes Ding verbunden, das, wenn man will, die Dichtkunst schön machte und in Regeln brachte, aber auch bald in ihrer ursprünglichen Bestimmung und Wirkung herabstieß, nämlich sie wurde im eigentlichsten Verstande Dichtkunst, Machwerk . Das Geschlecht der Aoiden ward eine Zunft , ihre Sängerei Handwerk. Homer , der auch in den kleinsten Zügen, die wir kennen, so unendlich sich an Natur und Wahrheit hielt, machte Sängern Raum, die zum Vergnügen des Ohres sangen, und je besser Jemand das konnte, desto mehr war er Poet . Nun entstanden Dichtungsarten, Provinzen , in die man sich theilte, die meistens das Ohr des Volkes zum Richter und ihr Vergnügen zur Absicht hatten; man leitete also nicht, sondern folgte . Das Hauptwerk der Dichtkunst ward jetzt, wie es auch die Kunstrichter laut sagen, Erdichtung, Fabelei zum Ergetzen. Der große Sophokles ! wenn man seine Personen nur mit denen im Homer vergleicht, wie mußte er umbilden, verändern, sich schmiegen, daß ein Theaterstück , daß seine Theaterabsicht erreicht wurde! Und welches war diese Theaterabsicht? Der Kunstrichter Aristoteles hat gut sagen, »die Leidenschaften zu reinigen «; wie dies in jedem Moment des griechischen Trauerspiels geschah, wird immer ein Problem bleiben. Der Philosoph sagte ein Gesetz, Zog aus den besten Situationen der besten Trauerspiele etwa die beste Absicht heraus und gab sie als Wirkung des Trauerspiels an; die einzelne Anwendung des Gesetzes ist das Schwerste. Auch kann ich mir nicht vorstellen, daß Athen, wenn so viel Trauerspiele ihre Wirkung thaten, zugleich so viel Lust an Aristophanes' Stücken fand und in denselben, oft mit ziemlich ungereinigten Leidenschaften, selbst die Rollen spielte. Auch die langen theatralischen Wettstreite ließen wol nicht immer die Wirkung, die Aristoteles vorschreibt, suchen oder erreichen; wenn man den ganzen Tag Schauspiele sieht, thut man's kaum, die Leidenschaften zu reinigen. Plato und Epiktet , die Beide Griechen waren, unterwarfen die Bühne einer scharfen sittlichen Musterung , von der es schwer zu behaupten ist, daß sie sich in Athen immer habe finden lassen oder je gefunden habe. Also wird dieser Endzweck des griechischen Theaters wol noch lange Problem bleiben. Nicht immer thut's zur Sache, ob Dichter selbst die Sitten haben, die sie schildern; so viel ist aber gewiß, daß etwa ein allgemeines Gemälde der Sitten aus ihrer Art, Gegenstände zu behandeln, folge. Anakreon kann für sich immer ein Weiser, d. i. ein Poet gewesen sein, da er Wein und Liebe sang, und vermuthlich sind die Gedichte, die seinen Namen führen, gar nur eine Anthologie des Inhalts, zu dem er den Ton gab. Sappho mit ihrer Liebe zu Phaon, Archilochus mit seinen Satiren, der große Solon mit seinen leichten Liedern, Andere mit ihren Lobpreisungen der Knabenliebe mögen Ausnahmen machen, oder diese Sitten wirklich unschuldig oder etwa nur schöne Flecken sein im Charakter der liebenswürdigen Griechen; für uns, die wir keine Griechen sind, die wir nicht wie sie unter Tänzen, Festen und Kränzen leben, ist wenigstens diese Seite nicht gerade die erste nachzuahmen oder zu lobsingen. Die Alcibiades unseres Volkes werden meistens Gecken sowie die große Schaar junger Anakreonten elende Tändler. Und wenn sie auch nicht die Sitten verderben , wozu meistens ihre Muse zu schwach und arm ist, so helfen sie doch den Sitten eben nicht auf ; denn wahrlich, durch sie werden wir auch im guten, im ganzen feinen Gefühle jener Stücke, in der unschuldigen Wollust, die sie für Griechenland hauchen, nicht Griechen werden. Alles dies abgerechnet oder geschätzt, wie man will, wird die griechische Dichtkunst ewig eine schöne Blüthe der Sittlichkeit menschlicher Jugend bleiben. Die schöne Natur, die schöne Menschheit, Lust und Freude zu leben, die Freiheit kleiner Staaten in einem schönen Himmelsstriche, die leichteste Wissenschaft, Kunst und Weisheit wird nie angenehmer gesungen werden, als sie die Griechen besungen haben; auch haben die Stobäi große Schätze von Moral aus ihren Dichtern gesammelt, die bei den Edelsten der Nation in ihren besten Zeiten durch stille Thaten besser sprach , als je ein Dichter sie besingen konnte. Der Verfasser fühlt's lebhaft, was diesem ganzen Capitel von den Griechen noch fehle; für diesmal und für diesen engen Raum muß es gnug sein. Clodius' Versuche aus der Literatur und Moral der Griechen , die fast dieselbe Materie abhandeln, sind ohne mich bekannt gnug.   Drittes Capitel. Wirkung der Dichtkunst bei den Römern. Mit den Römern hatte es andere Bewandniß. Sie waren nicht wie die Griechen unter dem Schalle der Leyer gebildet, sondern durch Einrichtung, Gesetz, politische Religionsgebräuche eherne Römer. Als die Dichtkunst der Griechen zu ihnen kam, hatten sie ihre Arbeit fast vollendet. In den ersten Zeiten, da Rom in Armuth, im Kampfe und immerwährenden Drange der Noth war und, wie Horazens duris ilex tonsa bipennibus , Carm., IV. 4, 57.   D. unter harten Stürmen erwuchs, waren sie zu beschäftigt und zu roh, als daß sie dichten und Gedichte empfangen konnten. Die Musik bei ihren Opfern, die rohen Verse ihrer salischen Priester und die frühen Gesänge von den Thaten ihrer Vorfahren bei Gastmählern Numerorum illa summa vis carminibus est aptior et cantibus, non neglecta, ut mihi videtur, a Numa Pompilio, rege doctissimo, majoribusque nostris, ut epularum solemnium fides ac tibiae Saliorumque versus indicant. Cic ., De orat ., III. 51, 197. Est in Originibus, solitos esse in epulis canere convivas ad tibicinem de clarorum hominum virtutibus. Cic . Tusc ., I. 2, 3. Utinam exstarent illa carmina, quae multis saeculis ante suam aetatem in epulis esse cantata a singulis convivis de clarorum virorum laudibus in Originibus scriptum reliquit Cato. Cic ., De clar. orat ., 19, 75.   H. waren die einzige Poesie der Römer; roh war sie gewiß, aber vielleicht von großer Wirkung . Alle etrurischen Religionsgebräuche, die Rom in sein Staats- und Kriegssystem eingeflochten hatte, waren bei ihnen in den ersten Zeiten so schauerlich groß, die Thaten ihrer Väter lebten in ihnen, daß, was hier der Kunst abging, gewiß die Wahrheit des Gefühls und Stärke des Ausdrucks ersetzte. Selbst Horaz , wenn er seinen August hoch loben will, geht in diese Zeiten und ruft: Carm., IV. 15, 25-32.   H. Nosque et profestis lucibus et sacris Inter jocosi munera Liberi, Cum prole matronisque nostris Rite Deos prius apprecati, Virtute functos, more patrum , duces, Lydis remisto carmine tibiis, Trojamque et Anchisen et almae Progeniem Veneris canemus. Sobald die Römer eigne Poesie bekamen, so ging auch ihre Wirkung in den ersten und besten Zeiten hauptsächlich zu diesem Zwecke . Denn wenn ich die ersten rohen Spiele der römischen Jugend ausnehme, die wol nichts als Gaukeleien, Possen und Erholungen von der Art gewesen sein mögen, wie alle rohe Nationen sie als Zeitvertreib in den Zwischenzeiten müssiger Ruhe haben und haben müssen, so verwandelte sich diese Satire bald ins römische Schauspiel, das am Glücklichsten die Geschichte ihrer Vorfahren dargestellt haben soll. An einem andern blos Künstlichen, Erborgten, Fremden konnten sie lange nicht Geschmack finden und hatten eigentlich gar keinen Begriff, was die schöne, feine Dichtkunst für ein rühmliches Amt im Staate sei. Lange waren ihre Schauspieler Knechte und ihre Dichter überwundene, müssige Griechen aus den Provinzen. Casaubon 's Abhandlung De satyrica Graecorum poesi et Romanorum satyra , und Dacier 's Mémoires , T. II der Académie des Inscriptions , enthalten die gesammelten Stellen hierüber, doch hat der Letzte seine Hypothese. S. auch Jagemann's Geschichte der Wissenschaften in Italien u. A.   H. Im sechsten Jahrhunderte Rom's kam nach der Eroberung Siciliens Livius Andronicus nach Rom; Nävius, Plautus, Ennius, Terenz folgten. Entweder bildeten Diese den Griechen nach, und dann hatten sie wenigstens die Wirkung, Sprache und Sitten auf dem Schauplatze zu verfeinern; oder sie bequemten sich nach dem römischen Geiste, und da waren wol Plautus und Ennius die Ersten: Jener durch seinen reichen Witz und so treue Gemälde der niedrigen Stände; Dieser, der erste eigentliche Dichter der Römer , der ihre Unternehmungen in seinen Jahrbüchern schrieb und auch zu seinen Trauerspielen die Geschichte dieses Volks wählte. Mit Ruhm heißt er also Vater der römischen Dichtkunst; noch zu Gellius' Zeiten Vgl. Gell ., XVIII. 5. 1.   D. wurden seine Jahrbücher auf dem Schauplatze zu Pozzuoli vor dem ganzen Volke vorgelesen, und seine Bildsäule stand neben den beiden Scipionen auf ihrem Grabe. Liv ., XXXVIII. 56.   D. Ungeachtet der Menge Schauspiele dieser Dichter hat die Bühne Rom's nie Wirkung aufs Volk gehabt, die eine Bühne haben soll, oder die solche bei den Griechen hatte. Quintilian bekennt, daß das römische Trauerspiel dem Lustspiele vorgehe, weil zu diesem der römischen Sprache und den römischen Sitten Feinheit fehle. Das Trauerspiel selbst, wenn es nicht römische Geschichte war und als solche reizte, beschäftigte wenig. Mitten in ihrer Vorstellung forderte das Volk Horat ., L. II. Ep. I. Ad Augustum. Ein trefflicher Brief über die römische Dichtkunst, wie sie Horaz ansah.   H. Thier- und Gladiatorengefechte, und die Ritter wünschten Triumphe von Königen, überwundnen Völkern und erbeuteten Schätzen zu sehen mit einem Getöse und Händeklatschen, daß man von den Schauspielern kein Wort vernehmen konnte. Was sich daher auch am Längsten erhielt, waren die mimischen Spiele . Die Römer liebten sie sehr, und was auch Cicero von seinem Roscius prahle, Pro Arch., 8. 17.   D. so war er vielleicht mehr mimischer Spieler als Schauspieler, wie wir das Wort nehmen. So wie der Mensch zu Mehrerem da ist als zum Geschmacke, so ist auch ein Staat, die Hauptstadt eines Reiches, wie das römische war, zu etwas Anderm da als zum Schauspiele . Wären sie Römer geworden, wenn sie Griechen hätten sein wollen oder sein können? Gladiatoren und verliebte Helden, Thiergefechte und rührende Schauspiele zusammen kann eine Bühne niemals leiden, und da Rom einmal zur Eroberung der Welt eingerichtet war, so konnten damals sanftere Sitten und die Blumen feinerer Dichtkunst wol nicht gedeihen. Auch Lucilius , der Erfinder der römischen Satire, war ein Dichter von römischer Stärke und Kühnheit; Wahrheit war seine Muse, die römische Tugend und Freimüthigkeit die Ader seiner Begeisterung. Man muß sich an Horaz vielleicht nicht zu sehr kehren, wenn er über diese ältern Dichter spottet; er spottet als Mann von Geschmack, als Dichter des goldenen Zeitalters, als Höfling August's, der freilich solche alte Zeiten und Sitten nicht anpreisen konnte. Je feiner Rom ward, desto feiner ward seine Dichtkunst, desto schlechter und schwächer aber auch deren Wirkung . Es bekam einen philosophischen, gar Epikurischen Dichter, Lucrez . Je edler die Stärke seiner Sprache, desto schlechter , auch für das stoische Rom schlechter , ist sein System. Rom in den Gärten Epikur's konnte kein Rom mehr bleiben. Catull erschien; schön ist seine Sprache, mannichfalt und reizend seine Dichtkunst; aber wie ist großentheils ihr Inhalt? Wie verfallen waren die Sitten, wo ein Catull so schrieb und scherzte? Qui (versus) tum denique habent salem ac leporem, Si sunt molliculi ac parum pudici, Et quod pruriat, incitare possunt. [16, 7-9.]   H. Als er gegen Cäsar dichtete, behielt ihn Dieser zum Abendschmause, und damit war der Zwist geendet. August regierte, und nun blühten die Dichter unter dem glänzenden August. Die großen, ewigen Namen Virgil, Horaz, Tibull, Properz, Ovid , sie mit der classischen Richtigkeit, Zierlichkeit, Feinheit Nebenbuhler der Griechen und ewige Muster des guten Geschmackes! Alles wohl! nur verzeihe man, daß ich die Wirkung ihrer Dichtkunst in Rom, dem Rom, zu schildern mich nicht getraue. So viel ist gewiß, daß sie den Augustus fein lobten. Sie, vor Allen Horaz , erquickten ihn, daß er der kriegsmatten Erde den Frieden gegeben hatte, in den Höhlen der Musen mit Gesange, Carm., III. 4. 37-40.   D. sie schmückten seinen Hof, seine Sprache, seine Regierung; Horaz gab dem römischen Scherze, der römischen Muse eine Urbanität , die bisher nur die Atheniensische gehabt haben sollte   Vieles dergleichen mehr. Wie weit das aber auf Sitten reichte, kann ich nicht untersuchen. Ohne Zweifel war's die Absicht dieser Dichter nicht, die Sitten der Zeit anzugreifen oder zu bessern; vielleicht konnten sie auch nicht, zumal durch sie nicht, gebessert werden. Horaz, der Tiefste von ihnen, hat auch sittlich herrliche Oden, schildert die alten oder zu bessernden Sitten Rom's vortrefflich; wenn man indessen andere Stellen liest, so sollte man denken, daß auch jenes nur Dichtergluth und nicht sein Ernst war. Er scheint sein Schild wegzuwerfen, wie er's in der Schlacht wegwarf; Carm., II. 7. 10.   D. und auch in seinen Satiren spottet er nicht mehr, als er bessert? Sein Brief an die Pisonen ist wol keine römische Nationaldichtkunst, sowie Virgil 's Aeneide mehr den Glanz Rom's anging als die Sitten desselben. Seine Georgica sollen den Feldbau empfehlen, sagt man; und seine Bucolica sollen das Hirtenleben empfehlen, sagt man ebenfalls. Am Sichersten ist's wol, daß beide die Nachahmung der Griechen empfehlen sollen, so wie es gewiß ist, daß Ovid's Kunst zu lieben diese Kunst wirklich und mit vielem Nachdruck empfohlen habe. Der arme Herr mußte dafür unter die Scythen pro eo, quod tres libros amatoriae artis conscripserit , Nach der früher verbreitetsten Annahme. Er selbst sagt (Trist., II. 207): Perdiderint cum me duo crimina, carmen et error.   D. und winselte darüber, wie Bussy Rabutin , etliche Meilen von Paris verbannt, Wegen seiner »Histoire amoureuse des Gaules« und eines Spottgedichtes auf Ludwig XIV.   D. bis ans Ende seines Lebens. Die feine Sittlichkeit des Dichters hatte zu nah in das Geschlecht des Kaisers gewirkt, und so mußte er jetzt dafür büßen. Hatte die Dichtkunst dieser Höflinge keine andre Wirkung , so war's die, poetische Blumenketten um die Fesseln Rom's zu winden, damit dieses etwa sie angenehmer und sanft getäuscht trage. Die dem August nachfolgenden Tyrannen zeigen, wie wenig die Dichtkunst als Kunst , als Schulübung über lasterhafte Gemüther, zumalen über Despoten des Menschengeschlechts vermöge! Tiberius, Caligula, noch mehr Claudius, und Nero am Meisten, waren in ihrem Sinne große Dichter , schrieben, sangen, ließen ausschreien und stifteten auch für die Dichtkunst Manches; aber scheußlich war Alles, zu ihrem närrischen Selbstruhme und zu anderer Menschen, zumal besserer Dichter Verderben. Lucan , der überspannte, feurige und dichterische Jüngling, erlag in seinem Blute. Juvenal und Persius züchtigten die Sitten Rom's, aber da half kein Züchtigen mehr. Das mimische Schauspiel spottete, aber unvermerkt. Andere schmeichelten, witzelten, krochen, und Die hatten freilich den besten Theil. Ueberhaupt wird am Meisten Tugend gelobt, wo am Wenigsten zu loben ist, und wo schon so viel gelobt wird, wo Panegyristen in Poesie und Prose declamiren, da ist's übles Zeichen, da wirkt selbst das Lob nicht viel mehr. So ging's mit Rom in seinen verfallenen Zeiten. Kein Held konnte retten, geschweige ein Dichter! Barbaren mußten kommen und dem entvölkerten Italien, dem mit der Grundsuppe von Menschen überschwemmten Rom Brand und Verwüstung und sodann neue Kräfte, neue Sitten, neuen Lebensgeist geben. Nehmen wir Alles zusammen, so ist in Rom die Dichtkunst wol nie eine Triebfeder , noch weniger eine Grundsäule ihres Staats gewesen. Die Mauern Rom's wurden nicht unter dem Schalle der Leyer, sondern unter Waffenklang und Bruderblut erbaut; die Nymphe Egeria war keine Dichterin, sondern eine religiöse, strenge Vestalin. Das kämpfende Rom hatte keinen Tyrtäus vor sich her, wenn's auszog; seine Kriegszucht und Staatssitten hingen von etwas Festerm ab als von dem Tonmaß einer Flöte. Wenn dem Volke und den Edeln daher immer Rauhigkeit und Stärke blieb, so konnten ohne solche keine Reguli und Scauri, kein Curius incomtis capillis und kein Camillus, quem utilem bello tulit saeva paupertas et avitus apto cum lare fundus, werden. Hor ., Carm. I. 12, 37-44.   D. Die männliche Beredsamkeit und Rechtskraft der Römer vertrat die Stelle der Dichtkunst; des Menenius Agrippa Fabel, dadurch er das entwichene Volk wieder nach Rom brachte, Liv ., II. 32.   D. war mehr werth als zehn blöde Trauerspiele nach Mustern der Griechen. Auch was auf einzelne edle Römer die Dichtkunst wirkte, war mehr Zierde als Nothdurft, mehr Kranz auf ihren Helm als Brustharnisch. Die Scipionen waren Ennius' Freunde und selbst Dichter; sie dichteten aber nicht, sondern redeten im Senat, ordneten im Heer, schlugen. Als später die Ritter selbst Schauspiele machen durften, wissen wir, welche bittere Verse es den Laberius kostete, als Cäsar ihn sein Stück selbst zu agiren zwang; er hielt's für den größten Schimpf seines Alters, und die Ritter nahmen ihn mit Mühe auf ihren Sitz wieder. August und Mäcenas wurden durch die treffliche und zum Theil so altrömische Poesie ihrer Dichter weder sittlicher noch stärker ; Mäcenas' kranke Wollust trug vielleicht mit zu seinem Ruhm in der Dichtungsgeschichte bei. Er konnte nicht schlafen und ließ sich also Verse vorlesen und ward darüber der unsterbliche Mäcenas. Wo indessen auch in einzelnen Charakteren die Wirkung der Dichtkunst anschlug, da bildete sie Männer, die am Umfang von Talenten kaum anderswo Ihresgleichen hatten. Ein Römer, der Held und Redner, Geschichtschreiber und Liebhaber der Dichtkunst war, ist ohne Zweifel ein anderes Geschöpf als ein Barbar unserer Tage mit Stiefeln und Schwert. Da wurden edle Scipionen , ein Germanicus , ein Titus ; und auch dem Hadrian und Seinesgleichen schadete wenigstens ihre Liebhaberei nicht. Ueberhaupt sind die edeln und sittlichen Blumen , auch der römischen Sprache, unverwelklich; selbst in den dunkelsten Zeiten haben Virgil's Georgica, Horazens Sermonen, Boëthius' Tröstungen der Philosophie zu wirken nicht aufgehört und nebst Bildung des Geschmackes und der Sprache auch in Sitten wol ihr Gutes geleistet. Uebrigens wollen wir lieber den feinen Geschmack der Priapeen , einiger Catullischen, Horazischen und Martialischen Gedichte entbehren, als daß wir uns die Sitten wünschen oder liebhaberisch nacherkünsteln sollten. Die deutsche Uebersetzung Petron 's Von Heinse (1773) unter dem Titel: »Begebenheiten des Encolp, aus dem Satiricon des Petron übersetzt«.   D. wird also Stellen, Noten und dem Geiste des Buchs nach, trotz ihrer Kunst, ein Flecke unserer Sprache bleiben.   Viertes Capitel. Wirkung der Dichtkunst bei den nordischen Völkern. Wir kommen hier wieder in ein lebendiges Feld der Dichtkunst, wo sie wirkte , wo sie lebendige That schuf . Alle nordischen Völker, die damals wie Wellen des Meers, wie Eisschollen oder Walfische in großer Bewegung waren, hatten Gesänge, Gesänge, in denen das Leben ihrer Väter , die Thaten derselben , ihr Muth und Herz lebte . So zogen sie nach Süden, und nichts konnte ihnen widerstehen; sie fochten mit Gesange wie mit dem Schwert. Den nordischen Gesängen haben wir's also mit zuzuschreiben, daß sich das Schicksal Europens so änderte, und daß wir da, wo wir jetzt sind, wohnen. Daß Rom über Deutschland nichts vermochte, haben wir ihren Helden und Barden zu danken, dem Schlacht- und Freiheitsgesange, der zwischen den Schilden ihrer Väter tönte. Tacitus , De situ, moribus et populis Germaniae [3].   H. O, hätten wir diese Gesänge noch, oder fänden wir sie wieder! Vielleicht besitzt das Land, für das ich jetzt schreibe, einen irgend verborgenen Rest dieses Schatzes! Vielleicht hat der edle Kreis, in dem ich jetzt gelesen werde, das Glück, ihn zu suchen und zu finden! Es wäre die lebendigste Beantwortung der Frage von Wirkung der Dichtkunst auf die starken, edeln, keuschen, redlichen Sitten unsrer Väter . Die nordischen Völker sind glücklicher gewesen, haben ihrer mehr erhalten, und da es im Grunde eine Sprache und ein Volk ist, so ist uns der Schluß frei, was für ein Muth in dem unsern gelebt habe. Ein gelehrter Däne hat im Buche »Von Verachtung des Todes der alten Dänen« Bartholini Antiquitatum Danicarum de causis contemtae a Danis adhuc gentilibus mortis libri II.   H. durch Proben und mit einer unermeßlichen Gelehrsamkeit gezeigt, was die Gedichte , die Sagen , der Glaube , die Mythologie der Skalder auf die Heldenväter der Nordländer für große Wirkung gehabt hat, wie sie furchtlos und ruhmvoll dem Tode zulächelten, auf dem Felde und nicht im Bette oder vor Alter zu sterben sich sehnten, Wunden im Rücken, Flucht und Gefangenschaft ärger als die Hölle scheuten, und was dazu die Vorbilder ihrer Väter , ihre Gesänge , der Stein auf ihrem Grabe, ihr Glaube an Odin 's Mahl, an die Helden mit ihm, an die Freuden der Walhalla und an das Schicksal der Walkyriur beitrug. In Regner Lodbrog's, Asbiom Prude's, Hako's Sterbegesängen und in unzähligen andern Schlachtliedern, die in den nordischen Sagen als Belege ihrer Helden- und Fabelgeschichte zu finden, lebt diese Wirkung noch. S. diese Gesänge in Olai Wormii Literatura Runica , Bartholinus a. a. O. und in den Sagen.   H. Ueberhaupt hatten diese Nationen einen unendlichen Glauben an die Kraft solcher Gesänge und Lieder. Sie setzten sie der Zauberei zunächst, und Odin S. Edda . [Odin's Runenlied.   D.] In Mallet's Geschichte von Dänemark , Th. 1 findet man Vieles, wiewol Alles verstümmelt und nichts im Geist des Originals mehr.   H. rühmt sich, Lieder zu wissen, wodurch er »Hilfe geben, Zank, Krankheit, Traurigkeit, Schmerz vertreiben, die Waffen der Feinde stumpf machen, Bande und Ketten von sich abwenden, den Haß auslöschen, Liebe erregen, ja Todte lebendig machen und zur Antwort bringen könne«. Ein Glaube der Art mußte große Wirkung hervorbringen; er war die Seele ihrer Lieder; auch haben ihn Thaten bewährt. Wo sind die Normänner nicht hingekommen in den mittlern Zeiten? wo haben sie nicht gestreift, geschlagen und überwunden? Rauher Heldenmuth war die Seele dieser Gesänge, obgleich auch andere Stücke zeigen, wie zart sie vom weiblichen Geschlechte gedacht und, wie schon Tacitus von den Deutschen rühmt, das Göttliche in ihnen verehrt wurde. Ihr Land, Klima, der Bau ihres Körpers und am Meisten ihr langer Beruf und die Seele, die ihnen ihr Führer Odin eingehaucht hatte, machte sie den Rosen des Gesanges unempfindlich; als sie diese in den Südländern genießen lernten, war die Stärke ihrer Brust dahin, sie entschlummerten in Armida's Armen. Indessen zeigt der Charakter einiger großen Männer dieser Völker, die wir näher kennen, daß sie nicht so barbarisch gewesen, als sie ihre Feinde ausgaben und ausgeben mußten: ihr Eroberungs- und Verwüstungsgeist war eine traurige Folge von vielerlei zum Theil edeln , zum Theil zu entschuldigenden Gründen, ob sie gleich freilich Ideal der Sittlichkeit damit nicht werden, auch nicht werden wollen. Briten, Iren, Gallier, Schotten hatten Dichter, vates, Religions-, Muth - und Tugendsänger E. Evans , De Bardis . Es ist ein Gemisch darüber 1770 (Leipzig bei Dyk) ins Deutsche übersetzt worden, aber unvollständig und ohne Proben. In der Collection of several Pieces of Mr. Toland steht ein Specimen of the critical history of the Celtic religion and learning, das wünschen macht, Toland hätte das größere Werk zu Stande bringen können; es wäre vielleicht seine beste Schrift geworden.   H. wie alle alte Nationen, nur scheint's nicht, daß die Gesänge dieser so hart und wild als der Normänner gewesen. Sei Ossian ganz alt oder nur aus alten Gesängen zusammengesetzt und geschaffen: welche weichere Seele ist in ihm! Ein Zauber der Einsamkeit und Liebe, des Muths und der Schonung! Sturm und Mondlicht, Mitternacht und die Stimme der Väter wechseln mit Thränen und mit den zartesten Tönen der Harfe. Für uns haben diese Lieder noch so viel Macht; auf ihrer Stelle, zu ihrer Zeit, in ihrer Sprache, welche Wirkung müssen sie gehabt haben! O, hätten wir noch die Gesänge der Barden! Hätte unter unsern Vätern ein Ossian gelebt! Bei allen Nationen, die wir Wilde nennen, und die oft gesitteter als wir sind, sind Gesänge der Art ihr ganzer Schatz des Lebens ; Lehre und Geschichte, Gesetz und Sitten, Entzückung, Freuds und Trost, die Stunden ihres Himmels hier auf Erden sind in ihnen. So lange es Barden gab, war der Nationalgeist dieser Völker unbezwinglich, ihre Sitten und Gebräuche unauslöschbar. Man weiß, welche Grausamkeit ein Tyrann Englands in der mittlern Zeit an den walischen Barden verübte; die Kraft ihrer Lieder war dauernder Aufruhr gegen die Gesetze seines Reiches. In Evans' Specimen of the Poetry of the anciens Welsh Bards sind einige rührende Elegien über diese Schicksale der letzten Barden. Daher war auch das Schicksal der meisten, daß sie untergingen , als sich mit Art und Zeit die Sitten des Volkes , ihre Religion und Denkart änderte. Wie die Barbaren die Mythologie, Kunst und Dichtkunst der Römer zerstörten, so ging auch die ihrige einem großen Theile nach zu Grunde, weil ihre alten Sitten, Meinungen und Sagen gar zu kräftig in ihren Gesängen lebten . Was wir haben, ist nur dem Schiffbruche entronnen und hat sich an Küsten, in den Winkeln der Erde, wo noch jetzt zum Theile mit diesen Gesängen die Sitten der Väter herrschen, gerettet. Sie kamen in die Mittagssonne, und was sollten nun die kleinen Lampen weiter? Wie es indessen Providenz war, daß diese Völker so lange in dem Zustande, den wir Wildheit nennen, wie unter einem wohlthuenden Nebel schlummern, auf Licht warten und fern von Verfeinerung, Gelehrsamkeit, Ueppigkeit und Reichthum ihre rauhen Kräfte erhalten sollten, so war gewiß auch Absicht darin, daß ihnen das Christenthum gerade jetzt und in solchem Zustande werden mußte. Späterhin hatten sie weder Einfalt für seine Lehre noch gesundes starkes Herz für seinen Gesang. Es wäre ihnen so ekel gewesen als der mythologisch-atheistisch-deistischen Ueppigkeit der Griechen, Römer oder unsers Jahrhunderts. Daher war's auch meistens in Gesängen und Gebräuchen , d. i. nach ihrer Weise, wie sie's aufnahmen. Die Bibel ward in Verse ihrer Sprache gekleidet, so gut es ihre Bekehrer konnten; S. Schilter 's Thesaurus antiquitatum Germanicarum , T. I, und den zweiten Theil von Hikesii Thesaurus linguarum septentrionalium .   H. Legenden der Heiligen kamen dazu und flossen mit den Gesängen ihrer Väter wunderbar zusammen; es war der einzige Weg, auf sie zu wirken. Ihre Sprache war undisciplinirt, auch wurde sie von den lateinischen Fremdlingen wol nicht in aller Macht gefaßt und behandelt; daher sind die ersten Versuche dieser Art so roh, arm und elend; sie beweisen indeß, daß Ohr und Seele ihrer Bekehrten an nichts als so etwas gewöhnt war. Und nun müssen wir abbrechen, wenn wir über die folgenden mittleren Zeiten etwas Gründliches sagen wollen. Sowol Dichtkunst als Sitten der Völker Europens war damals ein so wunderbares Gemisch und zusammengesetztes Gebäude, daß wir von allen Seiten der Welt Materialien zusammenholen müssen, um den Einfluß des Einen ins Andere zu zeigen. Die enge Nationaldichtkunst sowie die enge Nationalwirkung derselben auf Sitten und Charakter hört auf; es wird eine bunte Fluth, eine Ueberschwemmung Europens.   Dritter Abschnitt Welche Veränderung geschah mit der Poesie in den mittlern und neuen Zeiten? Und wie wirkt sie jetzo? Vgl. hierzu Herder's spätere Ausführung, in den Briefen zu Beförderung der Humanität , Herder's Werke, XIII. S. 382 ff.   D.   Erstes Capitel. Wirkung der Dichtkunst unter den Arabern, die einen Theil Europens überschwemmten. Von je her waren die Araber Dichter, ihre Sprache und Sitten war unter und zu Gedichten gebildet. Sie lebten in Zelten bei immerwährender Bewegung und Veränderung, unter Abenteuern und dabei in sehr einförmigen, alten, mäßigen Sitten, kurz, ganz in dichterischer Natur . Statt der Kronen rühmten sie sich der Turbane, statt der Mauern ihrer Zelte, ihrer Schwerter statt der Schanzen und statt bürgerlicher Gesetze ihrer Gedichte . Auch haben diese von je her mehr auf ihre Sitten gewirkt, als jene vielleicht je auf Sitten wirken können. S. Pococke , Specimen historiae Arabum , Sale 's Vorrede zum Koran, Pococke , Ad Carmen Tograi u. s. w.   H. Welch ein Abdruck sind die Gedichte der Araber von ihrer Denkart , von ihrem Leben ! Ich kann nur von denen reden, mit denen Schultens und Reiske uns beschenkt haben; die andern sind verborgene Schätze der Bibliotheken oder einzelner Kenner und Liebhaber. Es wäre aber, da die freilich reichere Absicht, daß sie im Original gedruckt würden, so selten und lästig erreicht werden kann, wenigstens gut, wenn treue Uebersetzungen davon veranstaltet würden. Die der Sage nach sprachgelehrtesten Franzosen wollen uns nichts als Einfälle der Morgenländer geben.   H. Sie athmen Ununterwürfigkeit und Freiheit, sind voll des Abenteuergeistes , der Ehre zu Unternehmungen, des Muths , der so oft in unauslöschliche Rachsucht gegen die Feinde als Treue gegen die Freunde und Bundesgenossen ausbrach. Ihr Ziehen und Entfernen hat den Abenteuergeist auch in der Liebe geboren, verliebte Klagen sammt männlichem Muth, im Andenken seiner abwesenden Braut Alles zu unternehmen. Lange vor Mohammed waren sie Dichter; als Dieser ihnen aber seine poetische Religion und sein Meisterstück von Dichtkunst, wo er alle Dichter zum Wettkampf vorrief, den Koran eben aus poetischer Kraft und im dichterischen Glauben aufgeschwatzt hatte, wirkte er dadurch in ihre Sitten wie in ihre Dichtkunst. Der Glaube an Gott und seine Propheten , die Ergebung in seinen Willen, die Erwartung des Gerichts und das Erbarmen gegen die Armen ward ihr Gepräge. Als sie von den Griechen Alles annahmen, nahmen sie die Mythologie und den Geist griechischer Dichtkunst nicht an; sie blieben ihrer Poesie treu wie ihrer Religion und Sitten ; ja, durch jene haben sich diese eben auch so lange unverändert und unverrückt erhalten. Als Araber einen Theil Europens überschwemmten und Jahrhunderte darin wohnten, konnten sie nicht anders als Spuren, wie ihrer Dichtkunst, so auch ihrer Wissenschaften und Sitten lassen. Durch jene, die Dichtkunst, haben sie vielleicht so viel gewirkt als durch diese, die Wissenschaften, die wir fast alle aus ihren Händen empfingen; und die Sitten sind ein Gefolge von beiden. Es kam ein Geschmack des Wunderbaren , des Abenteuerlichen S. hierüber viel Merkwürdiges in Wharton ' s History of the English Poetry in der ersten Preliminary Dissertation on the origin of the Romantic fiction in Europe .   H. in Unternehmung, Religion, Ehre und Liebe nach Europa, der sich unvermerkt von Süden immer weiter nach Norden pflanzte, mit der christlichen Religion und zugleich mit dem nordischen Riesengeschmack mischte und einen sonderbaren Druck auf die Sitten der Völker machte, auf die er flog. Artus und seine Tafelrunde, Karl der Große und die Pairs von Frankreich, Feen-, Ritter- und Riesengeschichten entstanden; denn der Geist dieser Völker war zu massiv, als daß er den Duft der arabischen Dichtkunst rein fassen konnte; er mußte mit ihren Ideen vermengt und gleichsam in Eis und Erz gehüllt werden. Die Araber mit ihren Stammtafeln haben jene falschen Ableitungen und Chronologien erzeugt, von denen die Chroniken der mittleren Zeit voll sind; dies mischte sich bald in die Legenden, und Alles endlich, Märchen aus Süden und die wirklichen Abenteuer und Streifereien aus Norden bereiteten den Geist der Kreuzzüge nach Orient hin, der so erstaunende Wirkungen in Europa hervorgebracht hat. Ueber Begebenheiten, die große Blätter aus dem Buche des Schicksals sind, sollte man nicht kunstrichtern, sondern nur Ursache, Art und Folgen zeigen. Das Wunderbare ist die einzige Nahrung der Menschen in dem Zustande, da diese Völker damals waren; sie standen und staunten, suchten zu umfassen, was sie noch nicht umfassen konnten, und übten damit Geisteskräfte und bereiteten sich zu besserer Speise der Wahrheit. Ueberdies kann ich's nie glauben, daß der männliche Geist von Unternehmung, Freigebigkeit, Erbarmen, zarter, wunderbarer Liebe , wenn er auch nur in Romanen und abenteuerlichen Erzählungen vorschwebte, damals, als man in Unwissenheit daran glaubte, einen bösen Eindruck gemacht haben kann. Die romantische Liebe zum Frauenzimmer, unterstützt von nordischer Keuschheit, hat Jahrhunderte herab viel Gutes auf Europa gewirkt, was freche Romanen und zügellose Gedichte nie wirken werden. Laß Alles steif und unnatürlich sein; die Sitten der Zeit waren selbst steif, und der Grad des Unnatürlichen oder Wahrscheinlichen richtet sich nur nach dem Maße unserer Unwissenheit und Fähigkeit zu glauben. Ueberhaupt ist's thöricht, die Wirkung einer Sache zu einer Zeit aus dem Geiste einer ganz andern zu beurtheilen oder gar zu leugnen. Durch rohe Dinge von der Art wurden damals Unternehmungen hervorgebracht, die wir jetzt mit unserer feinen Poesie und Staatsklugheit kaum hervorbringen könnten; die Kreuzzüge nach Orient sind deren gewiß eine. So wie sie nun von Sitten und Sagen , mit Gründen der Religion unterstützt, sonderbar hervorkamen, so hatten sie wiederum auf die Sitten und Sagen Europens noch einen sonderbarern Einfluß . Nun flossen Erzählungen, Wunder und Lügen noch eines dritten Welttheils dazu; Norden, Afrika, Spanien, Sicilien, Frankreich, das gelobte und das Feenland wurden gepaart. Der europäische Rittergeist ward morgenländisch und geistlich; es entstanden Heldengesänge, Abenteuer - und Wundererzählungen , die aufs unwissende und abergläubige Europa mit Erstaunen wirkten. Alles war voll Sagen, Romanzen und Romanen . An den Höfen der Könige und in den Klöstern, auf Märkten und selbst in Kirchen wurden Gedichte gesungen, allegorische Ritterspiele, Mysterien und Moralitäten gespielt. Die Mönche selbst machten dergleichen, und sie hatten des Volkes Ohr. Da man damals sehr wenig Bücher hatte, da außer geistlichen Gesängen und Legenden, Erzählungen der Art die beste Seelenweide waren, und dazu eine so prächtige, wunderbare, fernhergeholte Weide, so stand Alles und gaffte und horchte. Die Conteurs, Jongleurs, Musars, Comirs, Plaisantins, Pantomimes, Romanciers, Troubadours, und wie sie zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Absichten und Oertern hießen, waren damals Homere , sie sangen Gesta und Fabliaux fernher und waren die Stimme der Zeiten. S. Percy 's Essay on the ancients English Minstrels vor seinen Reliques of ancient English Poetry , Vol. I, Hurd 's Lettres on Chivalry , insonderheit Wharton 's History of the English Poetry , T. I. Von den Franzosen kennt man die Mémoires de la chevalerie par Mr. Curne de St. Palaye , T. III , die Histoire litéraire des Troubadours , T. III , ebenfalls aus seinen Papieren, und die einzelnen Abhandlungen von ihm, Lancelot u. A. in den Mémoires de l' Académie des belles lettres .   H. Wenn es nun schon ziemlich ausgemacht ist, was das Feudal-Ritterwesen, Kreuzzüge , und was zur Herrlichkeit dieses Zeitalters gehört, für gute und nachtheilige Wirkung auf die Sitten Europens gemacht haben, so ist der Schluß über die Poesie , die davon sang, ziemlich gleichförmig. Sie gehörte mit zur Pracht und zum Schmucke dieser Aufzüge, Einrichtungen und Abenteuer; die Dichter selbst zogen mit und waren den Fürsten zur Seite. Bei allem Unförmlichen erhielten diese Gesänge und Anstalten den Geist der Tapferkeit , des Ruhms , der Unternehmung , der Andacht und Liebe rege. Solche Heere und solche Pracht hatte Europa noch nicht gesehen, solche Erzählungen noch nicht gehört. Die feindseligsten Nationen, Fürsten und Stände wurden Brüder, Christen unter einer Kreuzesfahne; das harte Band der Knechtschaft fing an zu erschlaffen oder hie und da aufgelöst zu werden. Die Kenntniß verbreitete sich, das Wunderbare näherte sich schon von ferne der Wahrheit; man fing an zu lesen; auch die sonst nie gelesen hatten, Ritter und Herren, lasen diese wunderbaren, tapfern, andächtigen Geschichten. Schade nur, daß ihre Sprachen für uns so veraltet sind, und wie es der Geist der Sache war, auch die Mundart ein Gemisch von Sprachen sein mußte! Dadurch ist für uns die Wirkung, auch wenn die Zeit sich nicht so sehr geändert hätte, großentheils verloren. Eine andere Gattung von Poesie aus demselben Stamme und von eben der großen Wirkung auf Sitten war der Minnegesang , die Akademie der Liebe . Außer der Histoire litéraire des Troubadours, Mémoires de la chevalerie par Curne de St. Palaye hat Bodmer für Deutschland den Gegenstand am Meisten behandelt in seiner Sammlung kritischer Schriften, Crito , den kritischen Briefen u. s. w., sowie auch in den großen Mémoires de Petrarque viele Nachrichten über die Provençaux und Sonettendichter vorkommen.   H. Sie waren Blüthen der Galanterie des damaligen Rittergeistes. Kaiser und Könige, Fürsten und Grafen schämten sich nicht, daran Theil zu nehmen. Sie machten Sprache und Sitten geschmeidig, verwandelten eine wilde Leidenschaft in zartere Empfindungen und ketteten die voraus zu sehr getrennten Geschlechter durch unschuldige Blumenkränze. Die sogenannte Petrarchische Liebe ist Geist gewordener Duft dieser Zeiten, sowie Petrarca selbst seine schönsten Sonette und Lieder aus diesem Garten der Liebe brach. Der spätere Mißbrauch und die bald erfolgte erschreckliche Einförmigkeit der Wendungen und Gedanken kann zwar die Sache selbst nicht verleiden; indessen ist doch kaum zu leugnen, daß zu viel Blumenspiel dabei stattfand, und daß Alles endlich in die überfeinen Sentiments ausartete, die der wahren Liebe wenig Nahrung gewähren. Wie alles Vorhergehende, so gehörte auch diese Poesie zum Uebergange , zur Verschmelzung der Sitten ins Feinere, bis sie so fein geworden sind, als das heutige Tageslicht zeigt.   Zweites Capitel. Wirkung der christlichen Poesie auf die Sitten der Völker. Das Christenthum hat höhere Zwecke, als Poeten hervorzubringen, auch waren seine ersten Lehrer keine Dichter. Die Wirkung desselben aufs menschliche Herz sollte nicht vom Schmucke der Bilder und vom Geklingel ins Ohr, sondern von einfältiger Wahrheit kommen und auf Geist und Leben wirken. Indessen konnt's nicht anders sein, als daß auch die ersten Christen schon ihre Empfindungen in Lieder gossen Koloss. 3, 16.   H. und sich damit gegen Spott und Verachtung stärkten. Von Wüthrichen verfolgt, in Nacht und Höhlen klangen ihre Lieder, deren Wirkung nicht von Kunst abhing, so wie sie nicht für den Zeitvertreib gedichtet waren, sondern Gott den Herrn in ihrem Herzen sangen. Wer ist noch, der den ältesten Gesängen der Kirche, Ueber diesen ganzen Abschnitt ist des Abt Gerbert 's Buch De cantu sacro voll Materialien und Geschichte, so wie die Wirkung einzelner Lieder theils in Vorreden und Anmerkungen zu Cantionalen häufig berührt und registrirt worden. Das gar zu große Detail wäre aber für diesen Ort zu weitläuftig.   H. den Hymnen Ambrosius', Synesius', Sedulius', Prudenz' u. s. w. Kraft und Drang zur Seele absprechen könnte? Mit dem lieblichen Klange des Liedes, sagt Augustin , zieht sich das Wort Gottes ins Herz; die Seele wird hinaufgeschwungen und fühlt mehr die Wahrheit, den Ton, das Leben ihrer Lehre. An der Wirkung also, die das Christenthum auf die Sitten der Welt gehabt hat, Im ersten Druck findet sich zu dieser Stelle folgende Anmerkung: » Rothens Buch von den Wirkungen des Christenthums auf die Sitten Europens ist eine ekle Lobrede im spitzesten, schwülstigsten Ton. Der große Gegenstand fordert noch einen Meister , der ihn behandle, obgleich die Engländer bereits viel treffliche Beiträge dazu geliefert haben.«   D. nimmt auch sein großes Werkzeug, das Lied , Theil; nur geht auch hier die Kraft des Himmels stille und verborgen einher; die Wirkung keiner Poesie ist vielleicht verkannter als dieser. Und doch wirkt sie auf den besten, treusten Theil der Menschheit, und das nicht selten, sondern täglich, nicht über Gleichgiltigkeiten, sondern eben bei den drückendsten Umständen am Meisten, da ihm Hilfe noth thut. Jene heiligen Hymnen und Psalmen, die Jahrtausende alt und bei jeder Wirkung noch neu und ganz sind, welche Wohlthäter der armen Menschheit sind sie gewesen! Sie gingen mit dem Einsamen in seine Zelle, mit dem Gedrückten in seine Kammer, in seine Noth, in sein Grab; da er sie sang, vergaß er seiner Mühe und seines Kummers; der erdermattete traurige Geist bekam Schwingen in eine andere Welt zur Himmelsfreude; er kehrte stärker zurück auf die Erde, fuhr fort, litt, duldete, wirkte im Stillen und überwand. Was reicht an den Lohn, an die Wirkung dieser Lieder! Oder wenn sie im heiligen Chor den Zerstreuten umfingen, ihn in die hohe Wolke des Staunens versenkten, daß er hören und merken mußte; oder wenn im dunkeln Gewölbe, unter dem hohen Ruf der Glocken und dem durchdringenden Anhauch der Orgel sie dem Unterdrücker Gericht zuriefen, dem verborgnen Bösewicht Gewalt des Richters; wenn sie Hohe und Niedre vereinten, vereint auf die Kniee warfen und Ewigkeit in ihre Seele senkten: welche Philosophie, welch leichtes, lichtes Lied des Spotts und der Narrheit hat das gethan und wird's je thun können? Wenn diese Poesie nicht auf Charakter und Sitten wirkt, welche wird denn wirken? Ich leugne nicht, daß in den Mittlern Zeiten die lateinische, die Mönchssprache viel Rührendes in der Art gehabt hat. Außerdem, daß sie immer, weil sie lateinisch war, eine Anzahl andrer Schriften und Kenntnisse mit sich erhielt, sind mir im elenden Mönchsstil Elegien, Hymnen zu Gesicht gekommen, die ich wahrlich nicht zu übersetzen wüßte. Sie haben ein Feierliches, ein Andächtiges oder ein so dunkel und sanft Klagendes, das unmittelbar ans Herz geht, und dem zu seiner Zeit es gewiß an Wirkung nicht fehlte. Die ersten Stimmen in den Reformationszeiten waren Elegien oder Satiren ; diese bereiteten die Gemüther vor, bis sie auch in der Landes- und Volkssprache erschallen konnten. In England gingen die Plowman's Visions und Plowman's Creeds Wiklefen sowie in Deutschland Klagen und Elegien Hussen voraus. Von beiden Seiten wird überall, wie mit Streitschriften, so auch mit Liedern gefochten, und Lieder sind allemal, Gesinnungen unter das Volk zu bringen, das wirksamste Mittel gewesen. Was die Gesänge der böhmischen Brüder und Luther 's Lieder ausgerichtet, ist bekannt. Auch in unserm Jahrhunderte unterließ Zinzendorf nicht, durch Gesänge auf seine Brüdergemeinen zu wirken. Ein Chor Singender ist gleichsam schon eine Gesellschaft Brüder; das Herz wird geöffnet; sie fühlen im Strom des Gesanges sich ein Herz und eine Seele. Die ersten wirksamen Gedichte in der Volkssprache waren also auch, da sich die Dichtkunst wieder emporhob, Kinder aus dem Schooß und Busen der Religion . Dante 's großes herrliches Gedicht umfaßt die Encyklopädie seines Wissens, das Herz seines Lebens und seiner Erfahrungen, die Blüthe aller Mysterien und Moralitäten, Himmel und Erde. Von diesem Baume brach Milton seinen Zweig, da er das Verlorne und Wiedergefundene Paradies schrieb. Die erhabensten und rührendsten Stellen Petrarch 's gewährt ihm die Unsterblichkeit seiner Laura. Die Poesie ist so sehr Kind des Himmels, daß sie sich nie reiner und voller in ihrem Ursprunge fühlt, als wenn sie sich in Hymnen , im unendlichen All verliert. Wenn also eine Poesie der neuern Zeiten Werth hat, so müßte es diese sein; und wie kommt's, daß eben sie und die moralische Dichtkunst, ihre Schwester, am Meisten ihre Kraft verloren? Wir gehen zu den neuern Zeiten über und wollen aus dem so vervielfältigten, reichen und bunten Garten der Dichtkunst nur die für uns notwendigsten Blumen und Früchte brechen.   Drittes Capitel. Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten neuerer Zeiten. Vgl. Herders Werke. XIII. S. 417 ff.   D. Als die Wissenschaften in Italien auflebten, entstand zuerst eine neulateinische und wo möglich neugriechische Dichtkunst . Man war in die wieder aufgefundenen Alten so verliebt, daß man sie, wie man nur konnte, nachahmte, sogar die alten Götter und Göttinnen als schöne Phrasen hervorbrachte und sich nun überredete, daß man recht classisch schrieb. Nun ging's freilich nicht an, sich flugs in einen Griechen und Römer zu verwandeln, und noch schwerer war's, die ganze Welt um sich griechisch und römisch zu machen; aber das schadete nicht, es war doch eine so schöne Sprache ; es waren so schöne Muster ; man versificirte und dichtete römisch . Daraus mußten Nachtheile entstehen, die einem gewissen Theile der Menschen das ganze Ziel der Dichtkunst verrückt haben. Das Volk verstand diese Sprache nicht, und aufs Volk konnte die Dichtkunst also nicht wirken; der beste lebendige Zweck und Prüfstein der Güte ging also verloren. Gelehrte schrieben für Gelehrte, Pedanten für Pedanten, die meistens, wie ihre herrliche Auslegung der Alten zeigt, gar keiner Wirkung der Dichtkunst fähig waren. Schrieb man also für die, so brauchte es auch keiner poetischen Talente , keiner Kraft und Absicht zur Wirkung. Die Muster der Alten waren da; schrieb man nur wie diese in schönen abgemessenen Zeilen, nach allen, oft sehr elend abgezogenen äußern Regeln, Geist der Alten mochte sein, wo er wollte, ein Schreiber klatschte dem andern zu: »Du bist classisch! ich bin's auch! Jene, das Volk , sind Barbaren, Pöbel der lieben Frau Muttersprache , sind verflucht!« So wurden nun elende, lendenlahme, kraftlose, gemalte Schatten geheiligt; sie waren der Traum von einem Traume und wurden Muster . Und so ward Dichtkunst nun das laue Ding, das Niemand zu haben und zu genießen wußte, der Natur, dem Sinne des Volks, seinem Herzen, dem Herzen des Dichters selbst fremde: und sollte Wunderdinge wirken! Wie lange quälte sich Italien mit dieser Nachahmung und jede andre Nation im mindern Grade, gerade wie vormals im Anfange die Römer mit dem griechischen Schauspiele! Apostolo Zeno vermachte den Dominicanern in Venedig eine Bibliothek von 4000 Stücken im Geschmack der sogenannten alten Komödie , die alle in einem Jahrhundert geschrieben und alle in demselben Jahrhundert vergessen waren. Mit dem Trauerspiele ging's ebenso, und Italien hat noch keines. Zeno wandte Alles an, die Oper griechisch zu machen; von Pastoralen , von arkadischen Tändeleien , die im Geschmack der Alten sein sollten, wimmelte Italien, und da diese dem Lande, der Zeit, den Sitten so fremde, zum Theil so unnatürlich waren, auf wen konnten sie wirken? Die Dichtkunst ward Ergetzlichkeit, schöne Kunst, Spiel . Ursachen aus aller Welt Ende kamen damals zusammen, Europens Sitten zu ändern , mithin ward auch ihr Nachbild, die Dichtkunst, theils anders, theils kam diese immer mehr außer Wirkung . Aus Spanien wurden die Mohren vertrieben; ihr Carthago war also zerstört: der Rittergeist fiel allmählich ; das Land kam in sanften Tod, d. i. in politische Ordnung . So ging's dem Rittergeiste in allen Ländern: statt der Mohren wurden die Vasallen gedemüthigt, die Provinzen vereinigt; Monarchie im Staate erhob ihr Haupt. Je mehr nun Freiheit, Natur, Eigenheit der Sitten in allen Ständen abnahm; je mehr einzelne Kräfte geschwächt wurden, um zu den Füßen des Einen zu ruhen; je mehr überall mechanische Ordnung an die Stelle des Muths, der Wirkung individueller Seelen trat: so mehr entging der Dichtkunst lebendiger Stoff und lebendige Wirkung . Der alte Rittergeist konnte nur zum Spotte gebraucht werden; die neuern Sitten , sie hingen so wenig mit Poesie zusammen, als sie von ihr abhingen, vom Gesetze und Rechte und ganz veränderten Umständen der Welt gingen sie aus. Den Regenten schmeicheln, einförmige Kriegszüge, politische Rechtshändel, Macchiavellische Negotiationen besingen, war das Zweck der Dichtkunst? Wie mit dem Rittergeiste war's mit der Religion ; ihre Wirkung ward verlacht; sie konnte in Gedichten nur als Fratze oder als Mythologie neben rein lateinischen, antiken und mythologischen Namen gelten, und so trat sie auch hervor. Ich will bekannte Gedichte und zum Theile sehr berühmte Namen nicht einzeln nennen; es war der sonderbare Geschmack dieser mit neuem Lichte aufgehenden Zeiten. Nun wird mit der Religion des Volks der Dichtkunst Herz und Seele genommen: ein Volk, das keine Religion hat oder sie als Burleske braucht, für das ist keine wirkende Poesie möglich. Meistens nennen wir diesen Zustand Wachsthum der Philosophie ; er sei's, aber diese Philosophie dient der Dichtkunst und dem menschlichen Herzen wenig. Streicht alles Wunderbare, Göttliche und Große aus der Welt aus und setzt lauter Namen an die Stelle; deß wird sich kein Geschöpf auf Gottes Erdboden als etwa der Wortgelehrte freuen. Die Dichtkunst kann nie entspringen und nie wirken, als wo man Kraft fühlt, lebendige Kraft selbst sieht, aufnimmt und fortpflanzt. Bayle 's atheistischer Staat wird wahrlich keine oder elende Dichter haben, sowie alle philosophische Staaten Kerker . Sie lassen Dichter weder zu , noch können sie solche erzeugen , und diese können an einem philosophischen Schatten- und Plaudervolke ihre Kunst nimmer erweisen . Alle große Revolutionen damals flossen wie ein Meer zusammen, auf dem die Dichtkunst nicht anders als zum Spiel hinfürder schwimmen konnte. Zwei Welttheile wurden erfunden . Man denkt vielleicht beim ersten Anblicke: ei, wie neuer, reicher Stoff zur Dichtkunst! Der Erfolg zeigt, daß dieser Stoff nichts zu bedeuten hatte gegen die Wirkung , die im Ganzen die Dichtkunst durch diese Entdeckungen verlor . Gold und Silber, Gewürze und Bequemlichkeiten mögen viel Guts hervorbringen, nur nicht neues Leben für die Poesie; die Kaffeetasse ist kein Trank des Odin und die Prickeleien fremder Gewürze auf unsrer Zunge und in unserm Blute kein goldner Stachel des Apollo . Die Buchdruckerei hat viel Gutes gestiftet; der Dichtkunst hat sie viel von ihrer lebendigen Wirkung geraubt . Einst tönten die Gedichte im lebendigen Kreise zur Harfe, von Stimme, Muth und Herz des Sängers oder Dichters belebt; jetzt standen sie da schwarz auf Weiß, schön gedruckt auf Blätter von Lumpen . Gleichviel, zu welcher Zeit einem lieben geneigten Leser nun der Wisch kam, er ward gelesen, sacht und selig überflogen, überwischt, überträumelt. Ist's wahr, daß lebendige Gegenwart, Aufweckung, Stimmung der Seele so ungemein viel und zum Empfange der Dichtkunst am Meisten thut; ist's ein großer Unterschied, etwas zu hören und zu lesen , vom Dichter oder seinem Ausleger, dem göttlichen Rhapsoden es selbst zu hören oder sich es matt zu denken und vorzusyllabiren: so setze man nun, alles Vorige dazu genommen, die neue Sitte in ihren Umfang, wie viel mußte mit ihr die Dichtkunst an Kunst gewinnen und an Wirkung verlieren ! Jetzt schrieb der Dichter, voraus sang er; er schrieb langsam, um gelesen zu werden, voraus sammelte er Accente , lebendig ins Herz zu tönen. Nun mußte er suchen, schön, verständlich zu schreiben; Kommata und Punkte, Reim und Periode sollten fein ersetzen, bestimmen und ausfüllen, was voraus die lebendige Stimme tausendmal vielfacher, besser und stärker selbst sagte. Endlich schrieb er jetzt gar für das liebe classische Werk und Wesen , für die papierne Ewigkeit, da der vorige Sänger und Rhapsode nur für den jetzigen Augenblick sang, in demselben aber eine Wirkung machte, daß Herz und Gedächtniß die Stelle der Bücherkammer auf Jahrhunderte hin vertraten. Die Musik ward eine eigne Kunst und sonderte sich von der Dichtkunst. So gewiß es ist, daß dadurch beide als Künste gewannen, so viel scheint's, daß sie an bestimmter Wirkung beide verloren. Die Empfindungen, die die Musik allein sagt, kann sie nur dunkel sagen; nähme man nicht unvermerkt das Kunstgefühl immer zu Hilfe, so wäre uns Vieles in ihr ein Buch mit unbekannten Lettern, und wir würden sie nicht lange in solcher Unbestimmtheit ertragen. Die Dichtkunst ohne Klang und Gesang mußte bald Letternkram, Naturwissenschaft, Philosophie, Sittenlehre, trockne Weisheit, Studium werden. Je mehr die Länder zusammenrückten , die Cultur der Wissenschaften, die Gemeinschaft der Stände, Provinzen, Königreiche und Welttheile zunahm, je mehr also, wie alle Literatur, so auch Poesie an Raum und Oberfläche die Wirkung gewann, desto mehr verlor sie an Eindrang, Tiefe und Bestimmtheit . In engen Staaten, bei kleinen Völkern, ihren einförmigen Sitten, engem und jedem einzelnen Gliede anschaulichem Interesse, bei Thaten, wo Jeder Richter und Zeuge sein konnte, hatte sie gewirkt und geblüht: jetzt zerfloß ihre Flamme in Staaten und Schimmer auf der Erde. Wer konnte übersehen, was ein Fürst wollte, und was für Recht er dazu hatte? Und wenn man's konnte, wer wollte, wer durfte es? Weder Volk noch Dichter. Den freien politischen Satiren der mittlern Zeiten war der Mund gestopft; aus der Mündung der Kanonen flammen keine poetische Thaten. Weder Helden noch Bürger der alten Zeit ziehen zu dem meistens entfernten, ungereizten und unübersehbaren Kriege; es sind arme Kriegsknechte, die dahin ziehen, und den Ländern ist's meistens gleichviel, welchem Deo ex machina sie fröhnen und dienen. Die Kriegs- und Friedensposaune lassen also gern alle neun Musen liegen und beweinen höchstens Blutvergießen, Hunger, Krankheiten und gekränkte Rechte der Menschheit von beiden Seiten . Endlich und am Meisten, wenn die Sitten und Herzen aller sogenannten gebildeten Völker allmählich abgegriffene Münzen werden, da die Dichtkunst nur mit Schaustücken zu thun haben soll: wie anders, als daß diese auch so werde? Fein ausgearbeitet, bequem und schön, aber meistens ohne Inhalt und Werth der alten engen Nationaldichtkunst . Der meiste Theil ist Scheidemünze, wo das Kupfer durchblickt; den edeln Theil lassen wir ungebraucht ruhen, damit er unsre Taschen nicht reiße, oder wandeln ihn schnell in das, was wir nöthiger brauchen als Sitten der alten ächten Dichtkunst . Uns bilden Gesetze, Gesellschaften, Moden, Stände, Sorgen der Nahrung; unsre Musen sind das Vergnügen und der Apollo derselben die liebe Noth. Die Poesie ist Literatur , ein Paradies voll schöner Blumen und lachender Früchte; nur zeigt die schöne Farbe nicht von Güte derselben, noch weniger der süße Geschmack. Die italienische Poesie war's, die sich zuerst formte. Ihre schöne Sprache, das Land, der Charakter der Nation, ihre Verfassung, die mithelfenden Künste trugen bei, daß sie bald und in blühender Gestalt erschien, eine liebliche Blume auf der Römer Grabe, aber nur Blume. Im großen Dante kämpfen noch alle seine Leidenschaften; sein Gedicht ist Umfang seines Herzens, seiner Seele, seiner Wissenschaft, seines besondern und öffentlichen Lebens; er ist noch ein Stamm aus dem alten Walde der Freiheit und Mönchswirkung. In Petrarca lebt seine Laura , sofern es die Gesetze des Sonetts und des Liedes der Provençalen zulassen; seine Mitgehilfen ergaben sich noch mehr der lieben Mythologie oder den ausgelassenen Sitten des Zeitalters. Im Jahrhunderte der Medicis ward Alles classisch ; man schrieb Latein oder schöne Sonette und liebliche Stanzen nach Petrarch's Weise. Ariost erschien, und der göttliche Ariost schrieb einen Roman zum Vergnügen , wo sein Herr und Freund Der Cardinal Hippolyt von Este .   D. vorzüglich zu bewundern hatte, wo er alle solch Zeug hätte auffinden können. Er und Tasso lebten von Nachlässen der mittlern Zeiten , weil zu ihren Zeiten wenig Poetisches mehr zu wirken war; die Nachfolger im vermehrten Verhältniß. Die Dichtkunst der Italiener ist wie ihre Seele, ein stilles Meer voll gehaltner tiefer Leidenschaft und Stärke; tief unten kann der Sturm wüthen, und oben fließen noch sanfte Wellen. Vielleicht hat die Dichtkunst viel zu diesen Sitten , deren Bild sie trägt, selbst beigetragen . Sie unterhält so sanft, beruhigt und ergetzt so süße; der Gondelfahrer auf dem Meere und der Pilger zu Lande singt, spielt und ist fröhlich, vergnügt auch unterm Drucke, fröhlich auch in der Armuth. Wie Vieles zeigt nicht aber in auffahrenden Funken, was in ihnen für eine Flamme schlafe, die nur auf andere Umstände, auf einen Wind des Himmels wartet? Mit der Poesie Frankreichs (ich spreche mit aller Bescheidenheit eines Idioten, der nur nach seinem Gefühle zu urtheilen wagt) ist's in Betracht ihrer Wirkung auf Sitten noch unbestimmbarer. So wie dieses Volk vielleicht weniger Poesie und poetische Sprache hat als die Italiener, so hat auch nach Maßgabe ihres Charakters diese mindere Poesie auch mindere Wirkung auf Sitten haben müssen. Anstand ist ihr großer Richter und Gesellschaftskreise der Schauplatz ihrer Poesie; selbst ihr Theater ist Kreis der Gesellschaft. Oben spielt eine Partie Herren und Damen und oft l'auteur durch sie, unten desgleichen; und wie elend ist oft die Pythia, die schon vorher völlig den Ton stimmt! Oft werden Sentenzen, Tiraden und Declamation bewundert, d. i. Alles, wovon in der Gesellschaft gesprochen werden kann   und so werde denn gesprochen! Der theatralische Staats- und Kriegsmann Corneille , der tragische Idyllendichter Racine, Voltaire , der Maler und Philosoph, herrschen nach angenommenem Gesellschaftsmaßstabe, d. i. sie erleuchten und amüsiren. Voltaire insonderheit, er, in Poesie Philosoph und in Prose Dichter, er, der große Lehrer unserer Zeit in leichter Philosophie und Skepticismus , der große Verfasser der Pièces fugitives und der göttlichen Pucelle   welche Mängel , welche Bedürfnisse des Jahrhunderts (anderer Länder beinahe mehr als seines eigenen Volks) füllt er nicht aus ! Wie reine, feste Sitten waren's nicht, die er bildete! Als ob heut zu Tage ein Dichter schriebe, um Sitten zu bilden! Und wozu schreibt er denn? Er sucht Ruhm, er folgt der Laune, er opfert den Götzen des Jahrhunderts, er amüsirt. Gutes oder Böses, was daraus komme   was ist dem Dichter gut oder böse? Meine Absicht ist nicht, zu kunstrichtern, sondern zu bezeichnen, was mich also dünkt. Seit dem goldnen Jahrhunderte Ludwig's wurde die französische Poesie als unterhaltende Gesellschafterin aufgeführt; und ist sie das nicht geblieben? Die Epopöe Fénélon 's wurde vergessen, höchstens spricht man von ihren Blumen ; aus Quinault weiß man zarte Sentiments, aus Boileau Moralen oder ungerechte Streiche, aus La Fontaine schöne Niäserien. Molière dichtete als großer Dichter, dem übrigens Alles gleich war, was lachen machte, und jetzt   weiß ich nicht, was man dichtet. Man wiederholt, man trillert aux Italiens tausendmal Einerlei nach, man bettelt. Geßner und Young, Haller und Ossian, Shakespeare und der Otaheite , Alles macht gleiche Wirkung   keine ! Das heißt, wie der große Voltaire meldet, das Licht ist so verbreitet, daß nirgend mehr Flamme werden kann. Die Sitten der Nation sind so gebildet , daß nichts mehr zu bilden ist. Und o! eine Dichtkunst zu Paris die Sitten der Nation bilden! warum nicht gar des Universums? Und was sind moeurs ? und was ist effet und influence nach dem französischen Nachdrucke? Und endlich, was ist wirkende Poesie? Etwa ein Trinklied oder ein Roman der Liebe? Wir schiffen über den Canal, und plötzlich sind wir in einem olim wilden Lande, das jetzt auch sehr gesittet zu sein beginnt; es ist das stolze England . Aus den Resten der Ritterzeit hat es Dichter, große Dichter   Chaucer, Spenser, Shakespeare! Shakespeare insonderheit, der Mann, der eine Welt voll Charaktere, Kräfte, Leidenschaften, Sitten, Begebenheiten umfaßt und eine Welt derselben nachbildend in uns wirkt! Welch ein Schatz der Nation ist's, einen Shakespeare , ein Buch der Sitten und menschlichen Scenen aus und nach ihm zu haben! Er hat freilich kein System; seine Seele ist weit wie die Welt, sein Schauplatz ist für alle Sitten und alle Völker. Eine ähnliche Seele gehört auch dazu, Shakespeare zu umfassen und, wie er angewandt sein will, anzuwenden! Und da man jetzt Alles nach dem flüchtigen Augenblicke und mit dem Maßstabe des leichten Geschmackes mißt, so wird seine Desdemona bald der Zaïre und sein Hamlet dem französischen Hamlet billig weichen. Er ist, sagt man, für unsere Sitten zu stark, zu rauh, zu wechselnd, zu geschmacklos . Seitdem Geschmack an die Stelle des Genies trat und England seinen letzten Genius, Swift , nach Irland verbannte, ist die Poesie viel correcter, moralischer, classischer, feiner geworden; aber nicht zugleich auch viel unwirksamer, unpoetischer, kälter ? Wer hat schönere Moralen in Reimen geklingelt als Pope , und wer schönere Stubencharaktere gezeichnet als Addison ? Man frage indeß nicht um jedes Worts Ursprung, Zweck und Wirkung . So viel ist gewiß, wenn moralische Sentenzen und Wochenblätter Sitten bilden können, so haben Pope, Addison, Steele ihre Nation (die beiden Letzten auf allen Kaffeehäusern insonderheit) gebildet . Ihre Schriften werden die ersten ihrer Art bleiben und Addison insonderheit der Sokrates seines Volkes. Indessen ist's drückend wahr, der Geist des Jahrhunderts, dem sich eben die edeln Schriftsteller ja auch in der Einkleidung bequemten , will, daß das Alles als Gedicht , als periodische Schrift, als Wochenblatt gelesen werde; und wie oft zerstört da eben die Schönheit der Einkleidung ihre Kunst , ihre Feinheit alle Wirkung! Der Reim ist eine schöne Sache, wo er ungezwungen da ist: er stützt , wie ein deutscher Dichter sagt, und hebt die Phantasie   und leimt die Rede ins Gedächtnis ; Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 394.   D. indessen ist's eben auch so gewiß, daß, wenn keine andere Seele, kein höherer Geist weckt, der Reim einschläfert und mit süßem Geklingel sanft betäubt. Wird das Gemüth mit sogenannten Samenkörnern der Tugend überhäuft und gleichsam zu dick besät , so kann nichts aufgehen, zumal ja Alles allgemein ist und nichts seine rechte Stelle findet. Merkt man's nun noch dem Dichter an, daß er Dichter ist, als Nachtigall sang und als Versificateur oder artiger moralischer Schriftsteller schrieb, so liest man ihn auch als solchen , hört der Nachtigall als Nachtigall zu, läßt ihr seinen Dank widerfahren und geht nach Hause. Bei allen moralischen Dichtungen der Art kommt's also darauf an, wie wir's lesen, ob's uns Scherz oder Ernst ist. Und mein! warum mußte denn dies, die Hauptbedingung der Kraft auf unsere Sitten, warum mußte sie unbestimmt bleiben? Ja, warum mußte der Dichter eben durch seine Kunst, durch seine ewigen Bequemnisse für unsere Ergetzlichkeit uns gar überreden, daß es ihm nur um diese und um Lob dieserhalb zu thun sei? Löscht er überdies mit der einen Hand aus, was er mit der andern schrieb, wie ist uns nun zu Muth? was sollen wir glauben? Und bei wie vielen Dichtern, Reimern, Einkleidern und Romanschriftstellern insonderheit ist gerade das der Fall! Die Engländer haben zwei Gattungen der Romanclasse: die eine ist idealisch, die andere treue Natur; Richardson und Fielding sind ihre Führer. Beide Gattungen haben Vortheile und Nachtheile; Alles kommt hier wie überall auf den Gebrauch an. Sich in idealische Wesen verlieben, kann herzlich gut sein, aber auch sehr gefährlich. Man findet den schönen Traum entweder, wo er nicht ist, sieht allenthalben Engel, Clarissen und Grandisons fliegen und wird jämmerlich betrogen; oder der Engel Clarisse thut nur einen kleinen Fehltritt , den ihm ja Jedermann verzeiht , und der Folgen hat, für denen sich jeder gesunde Bauernverstand, der kein Engel ist, bewahrt hätte. In beiderlei Fall hilft das Uebertreiben und Idealisiren zum Unfall; und überhaupt ist's eine so feine Speise, ein so süßer Duft, daß er starke Bewegung und gute Säfte fordert, wenn er nicht schädlich sein soll. Bekanntermaßen haben nun Die, die sich am Meisten dieses Duftes bedienen , nicht viel Bewegung, nicht viel Anblick der ganzen gesunden Menschheit in wahren Beziehungen des Lebens; was Wunder also, daß sie träumeln und kränkeln und, wenn sie einmal an dies Opium gewöhnt sind, nie mehr davon lassen können. Das nennen wir Verfeinerung der Sitten und Gesinnungen durch angenehme und unterhaltende Lectüre ; die Verfeinerung ist aber oft wahres Verderbniß . Meistens macht sie zu aller gesunden Speise, zu gründlicherer Nahrung des Geistes und Herzens, am Meisten zu wahren Freuden und wahrem Gebrauche des Lebens untauglich. Wenn die romantischen Engel aus ihrem Mondparadiese zur Erde kommen und die im heiligen Schleier der Entfernung erschienenen Liebhaber einander in der Nähe von Angesicht zu Angesicht schauen, so ist in mehr als einem Verstande der Roman aus; die durch schöne Dichtung verdrängte Wahrheit kommt, wie die Göttin Ate , Vielmehr die Dike .   D. nach und rächt sich gewaltig. Die Fielding 'sche Gattung des Romans ist dem Auge Dem idealisirenden, das überall Engel sieht.   D. nicht unterworfen, sie öffnet das Auge ungemein für Wahrheit . Und wenn sie nun mit eben der Wahrheit das Herz für Güte öffnet und diese zum bestimmten Zwecke hat, so kann sie die schönste Galerie des menschlichen Lebens heißen. Wie kommt's nun aber, daß meistens auch diese Gattung Schriften den Schwächen der Zeit nachgiebt , statt diese zu überwinden ? wie kommt's, daß auch die individuellen Charaktere meistens in einem Lichte stehen, wie sie das liebe Herz gern hat? War den Verfassern an dieser kranken Sympathie, an diesem ängstigen Zuwallen gelegen, das eben daher rührt, weil ihre Hand den Wunden unsers Herzens schmeichelt? Dichter, bist Du alsdann Mann? ehrlicher Menschenfreund? Diener der Gesundheit, Glückseligkeit und Wahrheit? Was würdest Du von dem Arzte halten, der Opium oder süßes Gift reichte, nur daß die schöne Kranke ihm die Hand drücke? Soll der Dichter schwachen Seiten, bösen Sitten seines Jahrhunderts fröhnen? oder soll er sie bessern? Wenn Cervantes' trefflicher Roman den Sitten seiner Nation Leid angethan und mit dem Lächerlichen der Ritterschaft auch viele Tugenden derselben ausgetilgt haben soll (das wol des Dichters Absicht nicht war); wenn mit ihrem Fehltritte die himmlische Clarisse und die philosophische Julie , so wie bei Terenz jenes Jupitersgemälde, geärgert und Jünglinge zu Tom-Jones gesagt haben sollen: Si iste, cur ego homuncio non ? Ter . Eun., III. 5. 42: Ego homuncio hoc non fecerim?   D. wenn Fälle der Art wahr sind: welcher Dichter wird nicht selbst über zu lautes Lob und warmes Aufwallen zittern und, so viel an ihm ist, das quid honestum, utile, decens? Vgl. Hor . Epist., I. 2. 3.   D. ja nicht schwankend sein lassen! Ueberhaupt aber sind Schriften der Art leider zu sehr das Ruhekissen weicher Bequemlichkeit, als daß man die hohen moralischen Wirkungen derselben für etwas Anders, als sie selbst sind, für Dichtung und Roman halten könne. Ich sage dies bei den Engländern, es gilt aber bei allen Nationen. Endlich hat die englische Wuth der Freiheit sich einer Gattung Dichter bemeistert, die recht national sein und auf Sitten wirken wollen; es sind ihre politischen Parteigänger und satyres . Butler mit seinem Hudibras steht obenan, Swift in der Mitte, Churchill und horum progenies vitiosior Nach Horaz' Carm,. III. 6. 48.   D. folgen. Bestimmt gnug ist's, was sie sagen, und an Leidenschaft und Stärke fehlt's auch nicht, womit sie Alles beleben; ob aber der moralische Nutze davon so groß sei, kann ich nicht entscheiden. Meistens ist Alles so parteilich, grimmig und schrecklich übertrieben , daß jedem Fremden auch bei den stärksten Stellen weh ist. So spottet Butler und hat Schaden angerichtet; so zerfleischt Swift mit Tigerklauen die Menschheit, daß man Mitleid über ihn und nicht über die Menschheit weinen möchte; so züchtigt Churchill . Es sind blutreiche Auswüchse, ekle, aber saftvolle Geschwüre der gepriesenen englischen Freiheit, die wir ihnen nicht zu beneiden haben. Meistens sind sie auch durch sich selbst unkräftig; die Gegenpartei handelt und läßt diese sprechen , wüthen; und nach wenigen Jahren ist Alles entweder vergessen, oder die schärfsten Pfeile des Genies, in Gluth der Hölle gehärtet, haben ihre Spitze verloren. Ueberhaupt ist alles Uebertriebene (und wer übertreibt mehr und lieber als ein Engländer?) in eben dem Maße unkräftig. Wo Milton Teufelsbrücken baut, rührt er nicht, und wo Young den Gräbern des erhabenen Unsinns zu nahe wirbelt, wird er nicht bessern. Wo Thomson und seine Gesellen zu viel schildern, ermatten sie und ermüden Andre; und wo die Adler ihrer Pindarischen Oden mit Beiwörtern beladen und vollgestopft sind, da kommen sie gewiß nicht zur Sonne. Vielleicht gleicht die Poesie dieses Landes anjetzt einem überfüllten Körper, der zuletzt für lauter Epithetenfülle und Gesundheit auf dem Leichengerüste prangt! Und da bei ihnen Alles so national ist, so muß, je mehr die Sitten sinken, je mehr Ueppigkeit und selbstgenügsamer Stolz, heroische Dummheit und Bestechung regieren, auch die Dichtkunst sinken und davon Farbe tragen. Ihr letztes, so vergöttertes Genie, Sterne   man lese seine weichen Schriften und hintennach die Briefe seines Lebens , herausgegeben von seiner eignen Tochter, und man wird fühlen, worauf ich deute. Jetzt soll ich von meiner Nation reden, aber ich kann kurz sein, weil ich oft nur wiederholen müßte, was ich bei andern, denen wir lange nachgebuhlt haben, schon sagte. Von je her hat die Poesie weniger Wirkung auf uns gehabt als auf die beregten Nationen. Unsre Barden sind verloren, die Minnesinger lagen auf der Pariser Bibliothek ruhig; die mittlere Zeit hindurch ward Deutschland immer außer Deutschland geschleppt oder mit andern Völkern überschwemmt, bekam also nicht Zeit, sich zu sammeln und auf die Stimme seiner eignen Dichtkunst zu merken. Ueberdem ist's ein getheiltes Land, ein Sund von kleinen monarchischen Inseln. Eine Provinz versteht die andere kaum; Sitten, Religion, Interesse, Stufe der Bildung, Regierung sind verschieden, hindern und sondern die beste Wirkung. Opitz sang für gewisse Provinzen Deutschlands lange, als ob er in Siebenbürgen gesungen hätte. Schweizer und Sachsen wollten sich lange nicht für Landsleute erkennen, und Nord - und Süddeutschland wollen's in manchem Betracht noch nicht. Ueberdem kommt bei uns das Volk in dem, was wir Sitten und Wirkung der Dichtkunst auf Sitten nennen, gar nicht in Betracht; für sie existirt noch keine als etwa die geistliche Dichtkunst. Was bleibt uns nun für ein lesendes Publicum übrig, von dessen dichterischen Sitten wir reden sollen? Gelehrte ? Aber die haben ihre Sitten schon und sind oft keiner Wirkung der Dichtkunst fähig; sie lesen zum Zeitvertreib, einen dumpfen Kopf sich etwa zu erheitern. Also Kunstrichter ? Aber die, ob sie gleich meistens nicht Gelehrte sind, haben mit jenen theils ein gleiches, theils noch das ärgere Schicksal, daß sie als Kunstrichter lesen, von Buchhändlern gemiethet, wol gar gestimmt und oft an Leib und Seele erblindet. Genießt der Krämer den Duft seiner Gewürze? Und ist's nicht Wohlthat für den Reiniger dunkler Gemächer, daß ihn sein Geruch nicht mehr stört? Also dichte man für Jünglinge ? Aber auch die sind nach dem neuesten Geschmack selbst Dichter und dienen an einem Almanach deutscher Musen; also ist auch da die Wirkung gebrochen und veräfft. Also für geschmackliebende Jungfraun , ihre Bonnen und Tanten? oder für jene vornehmen Leser und Leserinnen , die es neulichst von den Franzosen vernommen, ersehen und erlernt haben, daß auch Deutschland Dichter besitze, und daß man diese wirklich lesen könne ? Allein was ist nun auch für diese zu dichten und was an ihren Sitten zu bilden? Nach zehn französischen Büchern ein deutsches zu durchlaufen, mit matter, verdauungsloser Seele es zu durchträumen, durchnaschen, durchgähnen, sodann zu jenen zehn hinstellen und abermals nach den neuesten Modebissen schnappen: ist das Dichterlectüre ? was kann sie nützen? wer mag für sie dichten? wer in den Armen einer verwelkten Buhlerin liegen und ihr gar Sitten geben wollen? Also bliebe nichts als die Buchhändler übrig, für die denn auch wirklich die meisten Meßjünger schreiben; was diese erwählte Schaar aber (die Jupiters, Apollos und Mäcene der deutschen Musen!), was diese aus ihrer poetischen Meßwaare für Sitten ziehen, mögen sie selbst unter einander am Besten wissen! Was für Wirkung können Gaben thun, die verhandelt und erhandelt werden? Was für Sitten kann ein Tempel der Dichtkunst stiften, wo Wechslertische und Taubenkrämer, Joh. 2, 14.   D. Recensenten und Ochsenhändler S. die Geschichte Hieronymus' in Nothanker 's erstem Theil.   H. ihr Gewerbe treiben? Ihr, Dichter der Vorwelt, Ossian und Orpheus , erscheint wieder! Werdet Ihr Eure Mitbrüder erkennen? werdet Ihr für die Presse singen und jetzt in Deutschland gedruckte, recensirte, gelobte , elend nachgeahmte Dichter werden? Man verzeihe, daß ich bei diesem Aeußern verweile; von solchem Aeußern hängt das meiste Innere ab. Der Buchhändler kauft und verkauft, erhandelt sich Autor und Recensenten, bestimmt den Werth seines Meßguts, und nach dem Anklange geht die Stimme fort. Dem lieben Deutschland ist Alles gleichviel, wenn's in den Zeitungen nur gelobt ist. Siegwart und Agathon, Messias und den Nothanker, Werther's Leiden und Werther's Freuden liest's mit gleichem Muthe; und das ausländische Gemisch, woher es auch komme, und was für Sitten es wirke, bleibt billig im Vorrecht. Bei diesem dürftigen Zustande der Leserei haben wir uns über die Dichter und die Sitten, die sie wirken wollen , gewiß nicht zu beklagen. Opitz und Brockes, Gellert und Hagedorn, Kleist und Geßner, Haller und Withof sind untadelhaft von dieser Seite; der ehrliche fromme Charakter der Deutschen zeigt sich auch hier. Sie wollten lieber minder Dichter sein als unsittliche und unweise Dichter. Der erste Dichter, der auf die Nation vorzüglich gewirkt, war gewiß fromm, Gellert . Auch der höhere Kranz, nach dem sodann die deutsche Muse lief, war den Sitten fürwahr unschädlich: es war die biblische Dichtkunst . Hätte diese Wirkung auf die Nation machen und den Glauben des Volkes verdienen können, der einem Inhalte der Art gebührt! Aber dann hätte vor Klopstock kein Milton sein, dann hätte sein Messias nicht mitten in einem Haufen Dichtungen und Episoden stehen müssen, die ewig allen Glauben abzwingen und abwürgen! Wie es indessen sei, verdient seine Dichtkunst nicht den Preis der Engel, so verdient sie den Kranz unschuldiger Menschen, nachgebender Jünglinge, zärtlicher Kinder. Nie wird man ihr und der Muse des kältern, gelehrten moralischen Bodmer's sittliches Uebel nachsagen können, wenn auch nicht Alles himmlisches Gold wäre. Vielleicht war's selbst diese übergroße Moralität der Deutschen, die, wie an so vielen Patriarchaden, an den Bardengesängen des jüngsten bald verstrichenen Zeitalters Schuld war. Unmaßgeblich reizte die Tugend der Frau Thusnelde so stark als die Tapferkeit des Herrn Hermann's : man freute sich dessen , übersah das Andere, und da Ossian dazukam, war der Bardengesang geboren. Sollte es also auch mit der Wirkung dieser Gesänge und Fabellehre auf unsere Sitten nicht so ganz recht sein, so bleibt dem errichteten Altare immer eine Aufschrift: Pietati! »Ein etwelches Denkmal, der Tugend und den Sitten der Väter heilig.« Da die deutsche Muse eine so ehrwürdige Vestalin, die Priesterin der Wahrheit und Tugend ist, warum sollten wir nicht auch die Kleinigkeiten übersehen, die hie und da Alten oder Ausländern zu weit nachfolgen. Ist Gleim denn nur Anakreon , oder ist er nicht auch der wackre Helden - und Tugendsänger ? Und ist er's in jenen Scherzen denn auch je außer den Grenzen der Zucht? Hat Wieland hie und da sich mit der Muse Crébillon 's zu nahe befreundet, wie viel Anders im andern Geschmacke hat er geschrieben! In der That ist's viel , was wir von den lieben Musen des heiligen römischen Reichs verlangen, und äußerst wenig , was wir, das lesende Publicum, ihnen gewähren; Geschenke und Gaben verstehe ich damit nicht. Gebt uns andre Zeiten , andre Sitten , andre Leser und Leserinnen , andre Schriften , die Leser und Leserinnen bilden, und die Dichtkunst wird ihnen nicht widerstreben. Freilich ist's auch hier edel, vorzugehen , und einem gottgegebenen Dichter wird nie sein Kreis williger Ohren und Herzen mangeln. Ein Dichter ist Schöpfer eines Volkes um sich; er giebt ihnen eine Welt zu sehen und hat ihre Seelen in seiner Hand, sie dahin zu führen . So soll's sein, so war's ehemals; immer aber und überall kann nur ein Gott solche Dichter geben. Was Menschenwerk ist, folgt auch menschlichen Sitten um sich her; es ist von der Erde und spricht irdisch: der Sänger, der vom Olymp kömmt, ist über Alle, und eben der Stab seiner Wirkung ist das Creditiv seines Berufs. Wie der Magnet das Eisen, kann er Herzen an sich ziehen, und wie der elektrische Funke allgegenwärtig durchdringt, allmächtig fortwandelt, so trifft auch sein Blitz, wo er will, die Seele. Er wird weder Weichling sein noch Kitzler noch Sittenverderber, nicht aus Gesetzen von außen, sondern weil er edleres Feuer, höhern Beruf in sich fühlt. Wir, die keine Götter sind, solche Sittenverwandler zu schaffen und der dürftigen Zeit zu geben, wollen ihren Werth wenigstens erkennen und ihr irdisches Werden nicht aufhalten. So lang unsere Dichtkunst Meßgut ist und Carmen an den Geburtstagen der Großen, so wird jeder Chiron in den Fels Auf dem Pelion. Ovid . A. A., I. 11. 12.   D. gehen und einen jungen Achilles etwa allein die Leyer lehren. Kein Tyrtäus wird vor unsern nach Amerika verkauften Brüdern einherziehen und kein Homerus diesen traurigen Feldzug singen. Sind Religion, Volk, Vaterland unterdrückte, neblichte Namen, so wird auch jede edle Harfe dumpf und im Nebel tönen. Ja endlich (die Ursache von Allem!), so lange wir in naturloser Weichheit, Unentschlossenheit und üppigem Zagen für Geld und Ruhm singen, wird nie eine Leyer erschallen, die Sitten schaffe , die Sitten bilde . Fortes creantur fortibus et bonis. Est in juvencis, est in equis patrum Virtus, nec imbellem feroces Progenerant aquilae columbam. Doctrina sed vim promovet insitam Rectique cultus pectora roborant: Utcunque defecere mores, Dedecorant bene nata culpae . Hor . Carm., IV. 4, 29-36.   D. Οὐχ οἶόν τε ἀγαϑὸν γενέσϑαι ποιητὴν, μὴ πρότερον γενηϑέντα ἄνδρα ἀγαϑόν. Strab ., I. 2. Ἡ ποίησις ἱερόν τι χρῆμα ϰαὶ ϑεσπέσιον. Dieser Satz steht nicht bei Plato .   D. Ὃς ϑ᾽ ἂν ἄνευ μανίας Μουσῶν ἐπὶ ποιητιϰὰς ϑύρας ἀψίϰηται, πεισϑεὶς, ὡς ἄρα ἐϰ τέχνης ἱϰανῶς ποιητὴς ἐσόμενος, ἀτελὴς αὐτός τε ϰαὶ ἡ ποίησις ὑπὸ τῆς τῶν μαινομένων ἡ τοῦ σωψρονοῦντος ἠψανίσϑη. Plat . [Phaedr., p. 245 A.]   H.   Beschluß. Die Hauptsätze meiner Abhandlung wären also diese: 1) Dann ist die Dichtkunst am Wirksamsten, wenn sie wahre Sitten, lebendige Natur darstellt; sind die Sitten gut, stellt sie die lebendige Natur zu guten Zwecken dar, so kann sie auch gute Sitten wirken und lange erhalten. 2) Unter den Ebräern wies Gott, welches der Zweck der Dichtkunst sei, auf welche und zu welchen Sitten sie wirken müsse; das Volk blieb der Absicht des Gottes, der sie begeisterte, unendlich zurück; und unter den Griechen ward die Dichtkunst nach guten Anfängen und mit einzelnen herrlichen Ausnahmen Mythologie, Machwerk, schöne Kunst, Märchen und endlich mit die Verderberin ihrer Sitten. 3) In Rom war sie unabhängig vom Staate: gut, aber roh, so lange die Sitten gut waren; unnütz, müssig oder böse und verschlimmernd in dem Maße, als diese fielen. Unter Nordländern, Arabern und allen einzelnen thätigen Völkern hatte und erhielt sie den Charakter der Nation im Guten und Bösen. 4) Als Europa von den nordischen Völkern neue Sitten und neue Verfassung erhielt, änderte sich auch die Dichtkunst. Eben aber die Mischung und Wanderung der Völker gab ihr einen unbestimmten, zusammengeflossenen Märchencharakter . Auch in den rohesten Zeiten hat die simple Poesie des Christenthums großen Nutzen gehabt und hat ihn noch. 5) Mit der Nachahmung der wiedergefundenen Alten und dem neuen Zustande der Welt ward die Dichtkunst regelmäßiger, aber auch unwirksamer , abgetrennt von Wirkung lebendiger Sitten. Sie hat sich unendlich verfeint, alle Vorstellungsarten und Moralen erschöpft, wirkt aber wenig und kann und soll jetzt leider nur wenig wirken; sie ist zum lieben Vergnügen. 6) Proben darüber in einzelnen Gattungen bei mehr als einem Volke und stille Winke, daß sie lebendiger und wirksamer werde.   Vom Einfluß der Regierung auf die Wissenschaften und der Wissenschaften auf die Regierung. 1780. Zuerst erschienen als Separatdruck unter dem Haupttitel: »Dissertation sur l'influence des Sciences sur le Gouvernement et du Gouvernement sur les Sciences; qui a remporté le prix exposé par l'Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres pour l'année MDCCLXXIX. A Berlin, Chez George Jacques Decker, Imprimeur du Roi. MDCCLXXX.« Der zweite Titel lautet wie oben. Die Akademie hatte am 3. Juli 1779 die Preisaufgabe gestellt: »Quelle a été l'influence du Gouvernement sur les Lettres chez les Nations où elles ont fleuri? Et quelle a été l'influence des Lettres sur le Gouvernement?« Die Arbeiten mußten am 1. Januar 1780 eingeliefert sein. Der Preis ward in der Sitzung vom 1. Juni 1780 ertheilt. Vgl. den Brief von Herder's Gattin an Gleim vom 8. Januar 1781.   D.   In magnis voluisse sat est. Prop., II. 8. 10 , wo aber noch et vor voluisse steht.   D.   Erste Frage. Inwiefern und auf welche Art hat die Regierung auf Wissenschaften gewirkt bei den Völkern, wo diese blühten?   Es ist ausgemacht, daß nicht alle Wissenschaften zu jeder Zeit, unter jedem Volk und Klima geblüht haben; nur hie und da und jetzt und dann und meistens immer nur auf kurze Zeit ward ihr edelster Geist sichtbar. Das Licht der Wissenschaften hat nur einen schmalen Streif der Erde und auch ihn nur farben- und periodenweise berührt. Woher nun diese Seltenheit und schnelle Abwechslung? Durchs Klima? Die Länder, wo die Wissenschaften blühten und verblühten, veränderten ihr Klima nicht oder wenig; Aegypten, Rom, Griechenland liegen, wo sie lagen, und wie anders ist ihre Verfassung an Literatur, Wissenschaften und Künsten, als sie ehemals war! Frankreich, England, Deutschland, Schweden haben sich seit Cäsar's und Tacitus' Zeiten durch Anbau und Aushauung der Wälder gewiß nicht dahin verändern können, wohin sie verändert sind. Auch der Stammcharakter eines Volks kann nicht die Ursache solcher Veränderungen sein; denn jener bleibt: er ist an Griechen, Römern, Galliern und Deutschen noch nach alten Zeiten kenntlich; Fähigkeiten und Geist sind dieselben und ihre Productionen und Früchte doch so verschieden. Kurz, warum wollen wir theilen, was die Natur verband? Klima mag immer das Erdreich sein, in dem der Same der Wissenschaft wächst, wo er hie und da besser gedeiht; Nationalcharakter mag die Art des Samens näher bestimmen, der in solcher und solcher Gestalt hie und da fortkommt: die politische Verfassung eines Volks im weitesten Verstande, seine Gesetze, Regierung, Sitten, bürgerliche Schicksale sind ohne Zweifel die nähere Bearbeitung des Ackers, die Aussaat des Samens und zugleich die Himmelswitterung im weitesten Sinne des Worts, ohne die nichts aufgehen, nichts gedeihen kann. Gerade mit ihr, wie die Geschichte der Welt zeigt, hat sich der Geist und die Blüthe der Wissenschaften verändert. So allgemein gesagt, ist das Factum ziemlich bekannt und unleugbar; aber nun näher betrachtet, was war's eigentlich in der politischen Verfassung eines Volks, in seiner Gesetzgebung und Regierung, das die Wissenschaften förderte und zum Flor brachte? War's in allen Regierungen, unter allen Völkern, zu allen Zeiten dasselbe? für alle Wissenschaften dasselbe? Oder hat jede Wissenschaft etwa ihre Regierung, ihre Zeit, ihre Lieblingsstelle, wo sie am Schönsten gedeiht? Kommen in der Geschichte diese Fälle wieder, oder ist Alles nur einzeln gewesen und jede Wissenschaft wie jeder sonderbare Zeitpunkt der Regierung hat nur einmal existirt? Lassen sich allgemeine Grundsätze finden, wie gewisse Arten der Regierung sich zu Arten der Wissenschaft und Zeitpunkte der Regierung zu Zeitpunkten der Wissenschaft verhalten? oder ist in der Geschichte des menschlichen Geistes und Volks Alles ein Wald, ein Chaos? Da dies nicht zu vermuthen ist, lassen sich obige Gesetze und Bemerkungen auch anwenden? Kann man Zeiten, Wissenschaften, Künste wiederbringen, die nicht mehr sind? und welche Wissenschaften werden von unserem Zeitgeist der Regierung und Bedürfnisse des Staats genährt? Wie stehen wir darin gegen die Alten? haben wir gewonnen oder verloren? und was haben wir für die Zukunft, nachdem sich jetzt die politischen Räder des Schicksals drehen, für die Wissenschaften zu hoffen oder zu fürchten? Ich fühle innig die Verflochtenheit, Feinheit, Tiefe und Umfang dieser Fragen; sie sind der Knote, der die politische Geschichte mit der Geschichte der Wissenschaften, das Reich des Unsichtbaren menschlicher Kräfte mit der ganzen Sichtbarkeit seiner Anlässe, Triebfedern, Hindernisse, Veränderungen u. dergl. aufs Sonderbarste und in jedem Zeitraum auf eine so eigene Art verwebt, daß vielleicht nirgend die Allmacht und Ohnmacht menschlicher Bemühungen sichtbarer wird als in diesem so mühsamen, weiten und verflochtenen Gange. Indessen In magnis voluisse sat est! ist der Wahlspruch so meiner Geschichte als meiner Betrachtung. Die königliche Akademie kennt die Schwierigkeiten der Aufgabe besser, als ich sie kenne, und doch gab sie die Frage auf. Sie erwartet die Antwort eines Menschen, nicht den Aufschluß des Genius der Wissenschaften und der mancherlei Regierungen der Völker.   1. Vom Einfluß des väterlichen Regiments auf den Keim der Wissenschaften. Wo keine Regierung ist, findet auch keine Wissenschaft statt; wir können den Satz kühnlich annehmen, ob es gleich keine Beweise davon in der Geschichte giebt. Das Menschengeschlecht ist nie ohne Regierung gewesen; diese ist ihm so natürlich als sein Ursprung, als die Zusammenkettung seiner Glieder in Geschlechter; wo Geschlecht ist, ist sogleich Regierung da. Auch Völker, die eigentliche Wissenschaft nicht haben, Regierung haben sie immer, obwol unvollkommene Regierung; selbst Menschen, die unter die Thiere gerathen, lernen die Künste, Sitten und Lebensweise der Thierart, deren Mitbürger sie wurden, die sie ernährte und auferzog. Von utopischen Träumen also hinweg, sehen wir auf die Geschichte der Regierung des menschlichen Geschlechts, wie sie ist, wie sie sein mußte. Der Mensch wird von Vater und Mutter, also im Schooß der Gesellschaft, unter der mildesten Regierung geboren, die ihm seine Schwachheit nothwendig macht, und von der er den Keim der Wissenschaft auf die leichteste, natürlichste Weise ererbt bekommt. Er lernt Sprache von seinen Eltern, und mit der Sprache empfängt er Kenntnisse, Nachrichten, Gesetze, Rechte. Die Begriffe seines Vaters, die Lehren seiner Mutter gehen in ihn mit der Milch, mit dem Anblick täglicher Gewohnheit, mit Uebungen und Jugendspielen über; und da kein Ansehen über väterliches Ansehen, keine Weisheit über Vaterweisheit, keine Güte über Elterngüte geht, mithin diese kleine Regierung die vollkommenste ist, die gefunden werden kann, so sind auch die Eindrücke davon sehr tief in den Herzen der Kinder und Kindeskinder, zumal in den Zeiten der Unschuld und frühen Einfalt. Sage der Väter war immer der Urquell aller Weisheit; ihr Urtheil, ihre Sprüche waren der höchste Beweis, über den nichts hinausging, wie das alte Buch Hiob in trefflichen Exempeln weist. Der Vater erbte seinen Schatz von Erfahrung, Naturkenntnissen, Unterricht, Lehre durch Tradition hinunter; dieser ward wie ein Heiligthum angenommen, vermehrt oder verfälscht. Die ältesten Proben und Keime menschlicher Wissenschaft sind Worte , bedeutende, mächtige Sprüche und Sprichwörter , sittliche Gebräuche, Weisheit - und Lebensregeln , meistens auf eine künstliche Weise dem Gedächtniß zur ewigen Erinnerung gesagt; sodann Fabeln, Geschlechtsregister, Lieder von Thaten , von Tugenden, Sitten der Väter, ihr Segen , ihre letzten Worte, Weissagungen , die über dem Geschlecht schweben, die ihm sein Glück, seine Zukunft prophezeihen   lauter Abdrücke der ersten, väterlichen Regierung . Selbst die Religion nahm diese Gestalt an. Der Vater der Menschen ward dieses Geschlechts Vater; der Gott ihrer Väter erschien gleichsam in der ersten, freundlichen Gestalt derselben, ihre Hütte ward Tempel, ihr Tisch Altar, Vater und Erstgeborner die Priester desselben. Alle ältesten Religionen sind voll solcher Geschlechts-, Vater- und Kindeszüge , und wie konnte den Menschen, was ihnen so nöthig war, Wissenschaft, Weisheit, Sitte, Religion, Tugend, sanfter empfohlen und angebildet werden als durch diese zarten Bande der väterlichen Regierung! hier bildete, hier lehrte Alles. Die erste Gesetzgebung war Natur, der erste Gehorsam zu lernen Erbtheil, Erziehung, Wohlthat. Nachdem diese väterliche Hütte Stand, Gegend, Lebensweise, Geschäfte, Erfahrung hatte, nachdem war auch der Keim der Wissenschaft, den sie gab und forterbte. Ist die Gegend um sie her ein Garte der Natur, auf der ihre Kinder wie Lämmer auf der Aue umherspielen; ist ihr Klima, ihr Geschäft, ihr Blut leicht, ihr Leben angenehm, ihre Sitten gefällig: die ersten Sprossen ihres Geistes werden Blumen, werden Früchte hiernach zeigen. Eine Schäferaue giebt Schäferlieder , ein Tempe, ein Arkadien lockt einen Apollo vom Himmel herunter. Geschwister, die sich lieben, Braut und Bräutigam, die liebend um einander dienen, schöne Scenen der Natur, schönere Scenen des Herzens und der ungekünstelten Empfindung geben Idyllen, Liebesgesänge, Unschulderzählungen, Schäferpsalmen , eine Mythologie voll Hirtenweisheit . Ueberall in der Welt, wo es Flecken und Winkel von so glücklicher Verfassung giebt, sieht man auch die Blumen derselben, oft nahe dem Scepter des ärgsten Despotismus, gedeihen. Sicilien war von je her das Land der Idylle, was auch in den Städten für eine Regierung herrschte; Irland bis auf die Zeiten der Eroberung das Land der Schäferlieder, das beinah keine anderen Denkmale seiner Vorfahren kannte; der Hirt in Spanien, mit Armuth und seiner schönen Wüste vergnügt, singt und weiß nichts vom Druck und dem Gewühl der Städte; selbst in der Türkei und dem heißen Afrika giebt's viele solcher schönen Flecke, die, dem Despotismus der Bassen fern, in ihrer Wüste wie glückliche Inseln im Meer liegen und, wo nicht Früchte, so doch Blumen solcher Art tragen   Blumen, die bei ihnen Natur sind, in den Schulen aber und im Nebel der Städte Kunst, oft sehr entweihte, gemißbrauchte Kunst werden. Der Blumenstrauß solcher Empfindungen und Sprache entfärbt sich und verwelkt, wo ihn nicht mehr Athem der Natur anweht; zuletzt schiebt man bunte Papierblumen, wohlgeätzt und wohlgebunden, an seine Stelle, aber ohne alle Kraft und Wirkung. Alles mag die Kunst schaffen können, nur nicht Natur; die Naturstücke dieser Art aus dem ersten frühen Alter der Welt voll Kindereinfalt und Hirtenunschuld und Jungfrauenschöne werden die einzigen solcher Art bleiben, bis etwa wieder solche Zeit kommt. Steht die väterliche Hütte nicht auf so glücklichem Grunde, der Lebensunterhalt wird ihr schwer, das Klima ist rauh und wüste, sie ist mit Gefahren umringt, muß streiten, muß jagen, muß wandern: sofort nehmen ihre Kenntnisse, ihre Gesinnungen andern Weg, der Ausdruck derselben bekommt andere Farbe. Treten viele Geschlechter und Stämme zusammen, so wird ein Khan, ein Sultan, ein Anführer, der zuerst gemeinschaftlicher Vater ist und, wo es nicht Umstände hindern, mit der Zeit ein eigenmächtiger Beherrscher wird. Wir betrachten ihn jetzt nur im ersten Falle, so lange Noth die Seinen wachend erhält, daß er nur Vater, nur Anführer bleibe. Mithin ist seine Horde entweder im Kriege oder im Frieden; hiernach und nach dem Zustande, den Gesinnungen, der Verfassung und Lebensweise in beiden formen sich auch ihre Ideen und Lieder . Die Araber, die ihre Wüste zwingt, ein Volk in Stämmen und frei zu bleiben, haben Jahrtausende durch ihren Charakter, ihre Sprache, ihre Religion und Dichtkunst erhalten. Letztere ist gerade das, was ihre Verfassung will und ihr zu sein gebietet: Geschlechtsregister, Ruhm des Stammes, Sage der Väter, Lehre der Weisheit in Bildern, in Räthseln, im Sprichwort, Gesang der Tapferkeit, der Rache und Stammesfreundschaft, Abenteuer in Muth und Liebe, wunderbare Erzählungen , die ihre Wüste und Einsamkeit, ihr Hin- und Herziehen, ihre Entfernung von einander, ihr Geschäft, ihre Lebensart so sehr begünstigt. Es ist wunderbar und fremde, wenn ein gelehrtes, sitzendes Volk aus lieber Muße und Langerweile ihnen hierin nachahmen oder zuvorkommen will, da weder von außen noch von innen etwas in ihm diese » Stammeswissenschaft und Dichtkunst « will oder fördert. Die Sprache der nordischen Jagdnationen , die ebenfalls ihr Klima in solchem Zustande festhält, ist bekannt gnug in ihren Gesängen und Reden, und nicht minder mit ihrer Verfassung einig. Was kann in ihr gedeihen als Kriegestanz und Blutgesang, Wort des Führers und Heldenlied der Väter ? Vielleicht waren die Gesänge der alten Deutschen ihnen ähnlich, so wie die Seele aller ziehenden Streitnationen in solchen Liedern gelebt hat. Die nordischen Völker, zu Lande oder auf Schiffen kämpfend, wußten von keiner andern Literatur als von Abenteuern des Muths und der Liebe. Sie mögen viel oder wenig von Ausländern angenommen haben, der Stamm ihrer Dichtkunst und Mythologie liegt in ihrer Verfassung, in ihren Sitten, in ihrer Regierung. Selbst die celtische Poesie, so zart und fein sie ist (vielleicht durch Macpherson geworden), ist hievon Zeuge; sie ist Poesie der Stämme , der Geschlechter . Ihr Fingal ist Held und Anführer, aber auch Liebhaber, Bräutigam, Gemahl, Freund, Vater; Ossian ist Krieger, aber auch Sohn des edeln Fingal's und in dieser Beziehung eben der Lobsänger seines Vaters, seiner Freunde, seiner Brüder, seiner Söhne. Die Poesie des Stammes, und zwar solcher kleinen schottischen Stämme, kann kaum in ein schöneres Licht gesetzt und die Situationen derselben ungeschmückter, natürlicher, reicher behandelt werden, als in diesen Gesängen (sie mögen alt oder neu sein) geschehen ist. Sie sind die Blüthe solcher Verfassung, solches Lebens von seiner schönen Seite, und es ist elendes Nachgesinge, wenn wir in unsern Städten und Häusern Ossiane sein und Fingals, Shilriks und Vinvelas Vgl. Ossian 's Lied »Carricthura«.   D. singen wollen, wie sie dort waren und   nicht mehr sind. Wo in der Verfassung die Zeit solcher Abenteuer, Stamm - und Ritterzüge wiederkehrte, kehrte ihr Abdruck in den Wissenschaften, zumal den Gesängen, wieder; ich darf nur an die Zeiten der Troubadours, der Provençalen und anderer Sänger ihrer Art erinnern. Einzelne Feldzüge, Fehden, Abenteuer lebten damals in Waffen und in der Liebe; der Abdruck davon war auch ihr Gesang, und die ersten Heldendichter Italiens haben aus dieser Quelle geschöpft. Würde Dante seinen Himmel, Hölle und Fegfeuer wol durchwandert haben, wenn er darin nicht seine Geliebte, seine Freunde und Feinde, die Feinde seines Geschlechts, die Familien seiner Vaterstadt hätte finden wollen? Io mi son un, konnte er sagen, che quando Amore (odio) spira, noto e a quel modo Che detta dentro, vo significando; Purgatorio , Canto XXIV. 57-59.   D. in solchem Geist der Zeit und der Verfassung ward Virgil sein Führer. Liebte Petrarca seine Laura , sein Vaucluse nicht wie ein ziehender Araber seine Selima und seine schöne Wüste? Pulci, Ariost, Scandiano nützten die Reste des Abenteuer- und Rittergeistes, schöpften aus Novellen und Sagen, die damals noch im Munde des Volks oder im Andenken der Erinnerung waren; sie lebten im Lande kleiner Staaten, berühmter Familien, Häuser und Personen, die einst so viel Zwiste gehabt, so viel Abenteuer und Wunder verübt hatten; der Geist dieser Verfassung war ihre Muse. Ja, was säume ich an diesen späten, schwächeren Nachbildern der Stammes -, der Geschlechts -, der Helden - und Vätersage ? Der erste und größte Heldendichter der Welt, Homer , sang er nicht den Geist seiner Väter und ihrer Verfassung und Stämme und Thaten? Homer, hätte er in einem despotischen Lande gelebt, wo Alles Sultan oder Sclave, wunderbar oder verhüllt ist, hätte er singen können, wie er sang? Jetzt singt er ein versammeltes Griechenland, eine Aristokratie von Königen und Helden, zu einem gemeinschaftlichen Abenteuer versammelt. Der Ruhm seines Stammes, seiner Helden, ihrer Völker und Geschlechte ist vor ihm, und er zeichnet jeden und jedes frei und rein und unverhüllt nach dem Maße, wie es wirken soll; hiernach ist Wind und Welle, Roß und Mann, Gott und Göttin gewählt und geordnet. Sein Ulysses ist ein Abenteurer zu Schiff, wie sein Agamemnon und Achilles, Hektor und Paris zu Lande. Die griechischen Dichter vor ihm haben alle aus diesem Quell des Nationalruhms , der Geschlechts - und Stammessage geschöpft; ihre beste, auch spätere Dichtkunst ist daraus erwachsen, ihre Mythologie darnach verkleidet. Die ältesten Proben griechischer Weisheit waren, wie überall, Gesänge der Vorwelt, Thaten und Sprüche der Väter; auch in spätern Zeiten bedienten ihre Gesetzgeber sich dieses Mittels zur Bildung und wurden gleichsam ihrer Vaterstadt Väter. Kurz, die ersten Keime der Wissenschaft, die wir jetzt schon in sehr verwickelte Zustände verfolgt haben, wurden überall auf gleiche Weise gebaut und fortgepflanzt, nämlich durch Geschlechtsbildung, Stammesehre und väterliche Regierung . Hier durfte noch kein Gold, kein Zwang, keine Belohnung wecken; die Luft, worin man lebte, das ganze Medium der Verfassung, Erziehung, der Begriffe und Zwecke, in denen, für die man lebte, sie weckte den natürlichen Ausdruck, der an ihr hing, das Geschlechtslied , die Lehre , die Helden - und Liebessage . Diese waren nichts als der Schall, der aus solchem Zusammentreffen entstand, der elektrische Funke, der sichtbar wurde.   2. Vom Einfluß der despotischen Regierung in die Wissenschaften. Es scheint, die Natur habe den Zustand väterlicher Regierung nur als Einleitung ins menschliche Leben, als sanfte Vorbereitung verordnet, den Menschen zu härtern Zuständen und mehrerer Wirksamkeit zu gewöhnen. Bald fallen Stämme zusammen; so wird durch Stolz oder Güte ein Allgemeinvater, ein Allgemeinherrscher. Es wird ein Ehrgeiziger geboren, der unbewehrte Hirten jetzt selbst als Schafe vor sich treibt und Kinder allmählich als Sclaven behandelt. Verblendet von seinen Talenten, seiner Uebermacht und Größe, gewöhnt man sich, sein Joch zu tragen, mit der Zeit auch es zu küssen und mit Blumen zu umwinden; aus dem Menschen wird ein Gott, aus dem Vater ein Sultan. Aller Despotismus des Orients, wo er aus vielen Ursachen recht zu Hause ist, hat darin etwas Göttliches, daß sein Wille als Gebot des Schicksals verehrt wird und dem Sultan immer ein Mufti zur Seite steht. Die Hauptwissenschaft eines solchen Staats muß also gewissermaßen immer Theologie , sein Hauptbuch ein Koran werden, neben dem eigentlich kein anderes aufkommen darf und soll. Der Iman deutet's, und zwar mündlich; der Kadi führt's mit schneller Gewalt aus; zu disputiren gilt hier nicht, noch weniger zu philosophiren; es sind Aussprüche Gottes und seiner Gesandten. Was soll Staatskunst, Philosophie der Gesetzgebung unter einem Sultan? Die zarte Pflanze kann unter dem drückenden, schwarzen Baum nicht gedeihen; der Sultan ist Gott, sein Wille Gesetz, sein Wort Tod und Leben. Was soll feine, neue, ergrübelte Kriegskunst, die nicht etwa von den Vätern geerbt ist? Glück und Unglück kommt aus den Händen des Schicksals und rauscht in der Fahne des Propheten. Selbst die Arzneikunst, wo sie nicht väterliches Gebot war, ist unmächtig; Leben und Tod kommt aus der Hand Gottes, und Islamismus , Ergebung in seinen Willen, ist Hauptwissenschaft und Weisheit. Ist diese mit Muth, Entschluß, Klugheit, Kühnheit, Glück verbunden, wie weit kann sie führen! zu welchem Reichthum! zu welcher Höhe! aber auch zu ebenso schnellem Fall. Alles Aeußerste grenzt hier zusammen, Höhe und Tiefe, Muth und Feigheit, Alles und Nichts. Kein Mittelstand, keine Dauer, und also auch nichts von den Pflanzen, die diesen Stand, diese Dauer, diese ruhige Pflege und Wartung fordern, wie's doch die meisten Wissenschaften sind. Was nicht lautester Hymnus ist, wird die versteckteste Räthselweisheit ; was nicht als Gottes- und Königspflanze blüht, muß sich ein ruhiges Thal suchen, wo es für sich verborgen lebe und weder von drückendem Schatten noch brennender Sonnenhitze verzehrt werde. Ich kenne unter spätern Schriften des Orients kein schöner Buch als das persische Rosenthal von Scheikh Saadi ; es enthält, dünkt mich, die feinste Blüthe, die im Garten eines Sultans gedeihen kann. Vgl. Herder's Werke, VI. S. 89-160.   D. Seine Moral ist wahr, einfach, edel, fein eingekleidet und, wenn ich so sagen darf; mit göttlichem Ton menschlich. Sein Inhalt ist: »der Könige Gemüther und Sitten, der Derwische Art und Sitten, Resignation, Verschwiegenheit, Liebe und Jugend, Schwachheit und Alter, Kinderzucht und gute Sitten, Höflichkeit und Sprichwörter«. Mich dünkt, diese acht Capitel sind Hauptüberschriften von dem, was unter der sultanischen Regierung an Philosophie und Moral in Betracht kommt. Seine Vorrede fängt mit dem schönsten Hymnus auf Gott und mit Fabeln an, in denen seit den ältesten Zeiten die Morgenländer so einzig waren; sie endigt aber mit einer Dedication »an Abubekr, den Sohn Saadi, den König, der in der Welt der Schatte Gottes, König aller Könige, der Gewaltigste unter den Völkern, Beherrscher der Erde und des Meers, Erbe vom Reich Salomo«   und noch viel mehr ist; welche Dedication mit dem, was er sonst von seinen Lebensumständen anführt, Vieles in seinem Buch aufschließt. Wer in aller Welt den Hymnus , die Fabel , das Bild , das Sprichwort , die feinste Räthselweisheit u. dgl. suchen will, wird sie unter solcher Regierung finden. Hier blühn die gewürzreichsten Blumen unter den dicksten, breitesten Blättern; hier strebt die Ceder und der Palmbaum neben dem Dorn und Ysop empor, und um sie her ist weite Wüste. Der reinste Despotismus sollte wol nach Absicht des Gesetzgebers die jüdische Theokratie werden; ihr Führer errettete sie ja eben aus dem Gluthofen der Dienstbarkeit Aegyptens und gab ihnen Gesetze gottesdienstlicher Verfassung, um sie künftig für Tyrannen und Pharaonen zu bewahren. Der Gott ihrer Väter ward König, der oberste Priester sollte sein erster Diener sein und das Volk Gottes Knechte und Kinder. Es ist nicht zum Ideal dieser Verfassung, mithin auch nicht zur Wirkung derselben gelangt; da indessen der Plan Moses' doch nicht ganz verworfen werden konnte und selbst unter den Königen, die durch ihn nicht eben aufkommen sollten, Stückwerk bleiben mußte, so sehen wir noch immer einige gute Folgen jener alten theokratischen Gebote, insonderheit auch auf Regierung und Wissenschaften. Auch der König sollte nur Vater des Volks und an der Stelle Gottes da sein; der lauteste Psalm besang nur Lob Gottes in seinem Lobe. Sprüche und Sittenlehren , selbst wenn sie aus dem Munde des reichsten, prächtigsten, wollüstigsten Königs flossen, mußten sich in »Furcht Gottes«, als »Anfang der Weisheit«, Psalm 111, 10; Sprüche Salomonis 1, 7.   D. kleiden und diese als das Ende aller menschlichen Betrachtung und Umsuchung zeigen. In den Zeiten des Verfalls konnten noch immer Propheten sein, die nach dem Gesetzbuch der Nation gegen ihren Despoten sprachen, wie Israel's König sein sollte . Aus dem Munde Gottes nahmen sie Segen und Fluch und hielten wenigstens die Augen des Volks wachsam über das, was recht und gut und erlaubt sei. Ihre Prophezeihung vertrat die Stelle der Staatsweisheit, wo in einigen verwickelten Fällen der Erfolg es gnugsam zeigte, wie übel es ging, wenn man davon wich. Kurz, der großen Seele des Moses, seiner Gesetzgebung und seinem Bunde haben wir eine Reihe der folgenden trefflichen Schriften in Dichtkunst, Geschichte, Lehre und Weisheit zu danken, die kein anderes Volk besaß. Propheten, Weise, Lehrer des Volks, Priester, selbst die guten Könige gingen auf seiner Spur; sein theokratisches Gesetzbuch ward die erste Vormauer gegen Gräuel der Abgötterei, Unmenschlichkeit und Unterdrückung sowie eine Pflanzschule reiner Begriffe von Gott , edler Hymnen, Psalmen, Anmahnungen und Lehren . Vgl. oben S. 13.   D. Wie glücklich, wenn's ganz in Erfüllung gegangen wäre! Nun waren viele ihrer Könige trotz des Gesetzbuchs schwache Despoten, kleine Tyrannen, und der Staat ging durch den Contrast solcher Grundsätze und Verfassung nothwendig um so eher unter. Von der Regierung sowol als den Wissenschaften der Chaldäer, Aegypter und anderer alten monarchischen Völker wissen wir zu wenig, als daß wir davon urtheilen könnten. Bei beiden Nationen waren Wissenschaften und Künste erblich ; ihr Gutes scheint sich also nach Vaterart herabgeerbt zu haben, wovon wir im vorigen Abschnitt geredet, und sofern hing's nicht vom Monarchen ab. Zudem stand bei den Aegyptern der Priesterstand , der die Wissenschaften besaß und verwahrte, dem Könige nah zur Seite, schränkte ihn zuweilen selbst ein und hing wenigstens nicht von ihm ab; wenn also auch hinter seinen heiligen Wissenschaften viel gewesen sein sollte, so war's altes Priestererbtheil, und der Thron war daran unschuldig. So auch mit der Polizei der Aegypter und ihrer gepriesenen Eintheilung des Landes. War sie, wie man sie preist, so ist sie kein Werk des Despoten, sondern des Vaters , der jedem seiner Kinder das Seine giebt und dafür wacht, daß es ihm erhalten werde; die Künste also, die hieraus entstanden, wurden abermals aus einer gerechten väterlichen Regierung. Drittens endlich, wozu man den Despotismus braucht, Städte zu bauen, Pyramiden, Obelisken, Kolosse, Labyrinthe zu errichten, wahrlich, dies trägt auch sein Gepräge an sich! Wozu diese ungeheuern Massen? zu welchem Nutzen des Landes? Ihr sprecht: »Zum Ruhm der Monarchen«; aber welcher Monarchen? wer nennt sie? wer kennt ihre Namen? wer nennt sie anders als Namen der Unterdrücker, die ihre Unterthanen zu nichts Besserem zu brauchen wußten und selbst dabei nichts thaten? Oder »bauten sie daran ihre Gräber?« und wer liegt darunter? und kann ein ellenlanger Despot nirgend als unter einer Pyramide liegen? Vgl. Herder's Werke, XV. S. 180.   D. Kurz, die älteste Geschichte Aegyptens ist zu ungewiß, als daß ich mir darüber etwas zu sagen getraue. Mit den Mauern der Semiramis, dem Schutte Persepolis', den Riesenwerken Indiens und China's ist's desgleichen. So viel man China rühmt, so sichtbar wird's aus Allem, was man sagt: das gerühmte Gute kommt nur von den Gesetzen und der Vorsicht ältester väterlicher Regierung ; wo diese aufhört und der Despotismus anfängt, stockt alles Gute. Sprache. Gesetze, Wissenschaften, Künste bleiben Jahrtausende dieselben; sie können und wollen nicht fort, sie sind eingemauert und einbalsamirt in   alte Gewohnheit. Ueberhaupt ist wol der entschiedenste Einfluß, mit dem sich Despotismus auf die Wissenschaften äußert, Pracht, Uebermaß, kolossalische Größe, Willkür . Was diese nährt, in Gedanken wie in der Baukunst, in Anordnungen wie in Festen, das wird beliebt, das hat Beifall. Alles soll ungemein, wunderbar, übernatürlich sein und verliert daher meistens sein Maß zum Staat und zur Glückseligkeit der Menschen. Auch wie in spätern Zeiten in Occident der Despotismus theilweise und in seinen Larven wiedergekehrt ist, hat er eben diese Wirkung bewiesen. Papst oder Sultan, Schach oder Kaiser   die Hymnen finden sich immer wieder, nur nach dem Geschmack des Zeitalters gekleidet. Die Legenden und Chroniken der Mönche unter dem Joch des Aberglaubens haben so viel Wunderbares als die Geschichte Tamerlan's, Afrasiab's, Rustem's. Die Zeiten des Lehnrechts, da Alles Herr und Sclave war, kleiden sich natürlich in die Zaubereien der Ritter und Riesen, die mit Lindwürmern und Drachen streiten. Ludwig's Despotismus liebte die Pracht und Alles, was diese nährte in Wissenschaften und Künsten. Der Charakter einzelner Menschen, die die Wissenschaften bauen, beweist selbst dies Verhältniß: es giebt einen Despotismus des Geschmacks wie der Regierung, der Gedanken sowol als der Gesetze und Sitten; und meistens ist derselbe mit Pracht, kolossalischer Größe und Uebermaß begleitet. Die Regierung, unter der allein Natur, rechtes Maß und Verhältniß stattfindet, ist   Freiheit.   3. Vom Einfluß freier Gesetzgebungen auf Wissenschaften und Künste. So sehr Homer die Monarchie preist, so sehr zeigt er sich zugleich als Sänger und Boten der Freiheit. Nichts ist in ihm verhüllt, unbegreiflich und riesenförmig, als was so sein mußte; Alles hat Maß, Stelle, Kenntlichkeit und Charakter, selbst sein Wunderbares ist menschlich, seine Wiederholungen süß und kindlich. Der schöne Umriß, der glückliche griechische Blick in Bezeichnung seiner Helden, die Weisheit und Menschlichkeit, mit der er auch rohe Leidenschaften und Scenen mildert, sie charakterisiren nicht den Sclavendiener, sondern den Sänger der Natur, der Menschlichkeit und Freiheit. Griechenland war das erste Land der Welt, das sich von seinen kleinen Tyrannen allmählich losriß und mit einer neuen Regierung auch neue Wissenschaften und Künste sichtbar machte. Lykurgus zog die Seinen zu einem strengen Grundsatz, der Aufopferung und Liebe zum Vaterlande , zusammen; in diesem Raum mußten auch die Wissenschaften bleiben; hiernach formte sich selbst die Sprache des Lakonismus . Reichthum, Schauspiele, üppige Verse waren verschwunden; unnütze Redner, Sophisten und Schwätzer verbannten sich selbst, sie fanden keine Luft in Sparta. Kriegskunst war ihre Wissenschaft und Uebung, die Flöte war ihr Instrument und Tyrtäus ihr Dichter. Sparta ist das stärkste Beispiel, wie sehr ein Staat die Wissenschaften wählen, modeln und im Zaum halten muß, ja, auch im Zaum halten kann ; denn welch ein Gegenbild gegen Athen war Sparta! Und doch war's vielleicht Lykurgus, der in Asien Homer's Rhapsodien gesammelt und den Griechen gegeben; Nach Ael . V. H., XIII. 13. Daß er sie nicht nach Sparta gebracht habe, ist durchaus unglaublich.   D. seinem Sparta gab er ihn nicht, wenigstens nicht als Muster. Ganz einen andern Weg ging Solon, der Reichthümer mit Freiheit, Ueppigkeit mit Vaterlandsliebe zu paaren suchte, den Vornehmen die Berathschlagung, dem Volk die Entscheidung überließ und seine Republik also, wie Aristophanes sagt, Equit . 1098. 1099, wo freilich des Solon nicht gedacht wird.   D. zu einem Greise machte, der zu Hause klug, öffentlich kindisch war, oder, wie wir sagen wollen, der für sich weise sein konnte, öffentlich aber anständig, schön, beredt sein mußte. Nothwendig weckte Solon mit dieser Verfassung Alles auf, was man Volkswissenschaft nennen konnte: Rednerei, Poesie, Philosophie, Künste. Rednerei ; denn der Redner war Demagog, und der Staat selbst unterhielt Redner. Ueber alle öffentliche Geschäfte, die fürs Volk kamen, ward geredet und nach dem Moment des Eindrucks die Sache entschieden. Welch ein Feld war dies für die Beredsamkeit! welche Schule! Ueber Geschäfte, Expeditionen, Wohl und Weh des Staats ward geredet, nicht über Worte. Zur jetzigen Entscheidung, nicht zum Vergessen und Ueberhören, im Ernst, nicht aus alter Gewohnheit und im Scherze. Der Redner sprach an sein Volk, einen Kreis, den er kannte, nicht für Fremdlinge und Despoten, ans Atheniensische Volk, eine Menge, die durch Poesie, Lieder, Künste, Schauspiele in der feinsten Sprache der Welt gebildet ward, nicht für Scythen und Longobarden. Ist's möglich, daß man eine Beredsamkeit, einen Rednerkreis, eine politische Verfassung zu reden, die römische einigermaßen ausgenommen, mit dieser vergleiche und insonderheit Dinge mit ihr vergleiche, die von der disparatesten Art sind: Reden und Complimente vor Despoten, Geschwätz an ein Volk, das kein Volk ist, über Materien, die keine Materien sind, ohne Zweck, ohne Absicht? Schafft uns ein Athen her, die Demosthenes und Perikles werden von selbst werden. Ebenso war's mit dem Theater der Griechen; es diente der Demokratie wie die Rede. Das Volk sollte über Freiheit geschmeichelt werden, und so ward die Tragödie Tyrannenwürgerin, Rednerin der Freiheit. Es sollte, an alten Helden und ihren Thaten und Schicksalen genährt, gebildet, seine griechischen Vorzüge und Stammesherrlichkeit fühlen; darum lebten diese ihre Geschlechtssagen so prächtig auf der Bühne. Als Religionsfeierlichkeit war sie entstanden, in Kurzem ward sie Bedürfniß des müssigen, nach Ergetzung dürstenden Staats. Handel und Wohlstand blühten in Athen und sollten nach dem Plan des Stifters darin blühen; mithin zogen alle Lustbarkeiten, Musen und Grazien ein, die gebornen Liebhaber der Musik, des Tanzes, des Gesangs, der Freude zu vergnügen. Ob Solon gleich, der selbst ein Dichter war, sich über das erste Schauspiel, das er sah, unwillig bezeigte und seine übeln Folgen prophezeihte, so lag doch der Grund davon in seiner Verfassung und in der Natur des Volks. Ein Atheniensisches Theater kann eher nicht als unter ähnlichen Umständen wieder werden. Die Philosophie der Griechen sproßte im Umgange, in Kreisen attischer Gesellschaft und hing mit ihrer Rednerei, Sophistik, Staatskunst, Poesie und Declamation nahe zusammen. Bekanntermaßen führte insonderheit Sokrates die Weisheit der Redner, Poeten und Sophisten seiner Zeit von ihrer Höhe herunter; sein Genius der Ironie und guten Gesprächslaune entkleidete die Bühne von ihrem Panzerschmuck, die Redner von ihrem Geschwätz, die Sophisten von ihrer falschen Staatsweisheit, um das Volk, die Kreise von Jünglingen, die Häuser, in denen er sprach, wahre Volks- und Lebensweisheit finden zu lehren. Solch ein Sokrates gehörte freilich nur für Athen, wo das Volk auf so etwas zubereitet und solcher Gespräche empfängig war. Unsere Gesellschaften hieße es beschimpfen, wenn man in ihnen und über solche Materien Sokratisch fragte. Darum glückt uns auch der Ton solcher Gespräche in Büchern selten, weil er uns im gemeinen Leben so fremd ist. So viel Sokratische Vernunft in so weniger Zeit, unter so wenigen Personen, auf eine so leichte, natürliche Weise! Dafür wollen wir lieber Beweise, freche Urtheile, Declamationen; da, glaubt man, habe man doch etwas! Freilich machte die griechische, zumal Atheniensische Leichtigkeit auch, daß Alles zu bald in leeres Geschwätz von System und Wortkram überging. Die Philosophen wurden Worttrödler, Sophisten leerer Systeme, und es ist Eigensinn des Schicksals und der unglücklichen Andacht gegen Griechen und Alterthümer, daß wir in manchen ihrer Worte unendlich mehr gefunden haben, als sie wahrscheinlich selbst hineinlegten. Vieles von ihrer Philosophie war Hypothese des Gesprächs , Griechenweisheit. Da die Geschichte eines Volks Abdruck seiner Sinnesart und Regierung ist, so ist's auch die Beschreibung dieser Geschichte; Athen's Verfassung konnte also gewiß die besten Geschichtschreiber liefern. Xenophon und Thucydides waren selbst Feldherren, Männer von Geschäften; nur solche können vom Kriege und von Staatsgeschäften schreiben. In Athen lag Alles nahe zusammen, Philosophie und öffentliche Wirksamkeit, Redekunst und Grammatik; ein Geist war's also, ein und derselbe Atticismus, der ihnen die silberhelle Klarheit oder die goldne Würde ihres Stils, ihrer Reden, ihrer Reflexionen verlieh und die verschiedensten Talente mit größter Einfalt zu einigen wußte. Auch in den spätern Zeiten waren's Staats- oder Kriegsleute, kurz, Männer von Geschäften, die die Geschichte wiederherstellten und den Xenophontischen Geist, Staat und Geschichte zu betrachten, hie und da erneuten. Glückliche Republik für die Wissenschaften, wo der Schüler Sokrates' zugleich Feldherr und Staatsmann war! Ohne mich auf die übrigen Staaten Griechenlands einzulassen, kann ich nicht übergehen, was überhaupt die Menge und Verschiedenheit der wetteifernden Städte und Staaten Griechenlands auf die Wissenschaften wirkte. So viel Städte und Republiken, die einander nah durch Sprache, Ehre des griechischen Namens, zum Theil durch Stammesart und Verfassung mit einander verbunden waren, mußten nothwendig mehr oder minder wetteifern in dem, was Ruhm ihres Geschlechts hieß, und da dies (nebst der Kriegskunst und Macht im Kriege) Freiheit des Vaterlandes, Liebe zu den Wissenschaften und schönen Künsten hieß, so blieb wenigstens kein Staat den Musen völlig fremde. Man wetteiferte mit Statuen und Gebäuden, Schauspielen und Dichtern. Da die gemeinschaftlichen Spiele Griechenlands gewissermaßen alles Blühende und Edle zu sich versammelten, so stritt man daselbst in Mehrerem als den eigentlichen Kampfspielen. Da las Herodot seine Geschichte und erwarb sich einen Nacheiferer; Thucydides .   D. da stellten Künstler ihre Werke der Bewunderung des ganzen Griechenlandes aus. Die Spiele selbst gaben Gelegenheit zu Gesang und Künsten; den schönsten lyrischen Kranz, den ein Grieche getragen, hat gleichsam die gesammte Hand Griechenlands geflochten. So viel Städte, so viel Völker, so viel Sieger und ihre ewig ruhmwürdigen Geschlechter, so viel Götter und Helden, die mit diesen Geschlechtern verwebt waren, sind Blätter und Blumen dieses Kranzes. Wer giebt uns ein Olympia und seine Spiele und seine Siege und das dabei versammelte Griechenland und sein Interesse, seinen Ruhm, seine Sprache wieder? selbst ein dickes Thebe wird alsdann einen Pindar nicht versagen. Berüchtigt war die dicke Luft Böotiens; daraus leitete man die Rohheit her, die man besonders später den Böotiern mit großer Uebertreibung Schuld gab.   D. Aus Allem, was gesagt ist, erhellt, daß Griechenlands eigenste Wissenschaften und Künste, in denen keine Zeit sie übertroffen hat, in denen sie jetzt über zweitausend Jahr alle Zeiten und Völker übertroffen haben, Töchter ihrer Gesetzgebung, ihrer politischen Verfassung , insonderheit der Freiheit , der Wirksamkeit zum gemeinen Besten , des allgemeinen Strebens und Miteifers gewesen. Ich schließe Nationalcharakter, Sprache, Klima, Lage, Zufälle der Geschichte und manches Andere nicht aus; Alles dies ward schon erfordert, die griechische Verfassung zu gründen, es floß mit ihr zusammen und stand ihr treulich bei. Indeß zeigt die Geschichte, daß, sobald Freiheit dahin war (Sprache, Klima, Genius des Volks, Fähigkeiten, Charakter blieben), so war der Geist der Wissenschaften wie verschwunden. Ihre Poesie war hin; das Theater ward leere Zeitkürzung des überwundenen, müssigen Volks. Demosthenes war ihre letzte Stimme der Freiheit, Aristoteles und Theophrast ihre letzten Philosophen. Jener wurde verbannt, nach Dieses Tode gar ein Gesetz gegeben, daß Niemand öffentlich mehr Philosophie lehren sollte ohne des Senats Erlaubniß, und sonach gewissermaßen alle Philosophie auf eine Zeit verbannt. Die Lehrer ihrer Wissenschaften wurden nun bald Grammatiker, Sophisten, Literatoren, und was an Wissenschaften jetzt nach Asien, nach Aegypten überging, kam dahin wie in fremdes Land eine verpflanzte Blume, der ihr Naturboden mangelt. Unter den Römern erhielt Athen seine Wissenschaften, aber nicht lebendig; es handelte mit ihnen wie mit Samenkörnern, zu denen der Verkäufer etwa das Recept des Gedeihens und Gebrauchs hat. Die wohlmeinendsten römischen Kaiser konnten in Griechenland kein Griechenland schaffen; die Freiheit, die sie Athen gaben, war Schatte, und die Wissenschaft und Rednerei, die daraus erwuchs, war Schatte des Schattens, nichts als der Nachhall besserer Zeiten. Der Berg Athos hat jetzo Mönche gnug, aber keine Redner, Dichter und Philosophen; die schönsten Trümmern aller Provinzen erwecken keinen Künstler im Geist der Alten. Warum nicht mehr? Die Luft, das Klima, die Bildung, der Charakter der Griechen ist derselbe, aber Verfassung, Regierung fehlt ihnen, ohne die sie nie sein können, was sie gewesen. Der Geist ist weg, der ihre Talente und Glieder belebte; Talente und Glieder sind todt. Und wie belebte er diese? was war eigentlich die Art, wie griechische Regierungsform auf Talente, Wissenschaften, Künste wirkte ? Ich kann nicht anders sagen, als durch sich selbst , dadurch, daß solche Regierungsform , solche Verfassung zu einer solchen Zeit existirte . Sehet diese Pflanze an, wie wächst sie? woher ihre Blüthe, ihr Gedeihen? Sie steht auf ihrem Boden, auf ihrer Naturstelle, Luft, Witterung, Jahrszeit ist ihr günstig, dies ist gnug. Was sie werden soll, liegt in ihr und wird sich schon durch innere Kraft hervortreiben. Boden und Luft reichen ihr Nahrung und Säfte, die Sonne Wärme, der Wind Bewegung; nun wird sie, was sie sein soll. Der Pflug macht die Erde nicht fett, wohlriechendes Wasser die Blume nicht blühend. Was wachsen soll, muß natürlich wachsen, und so die feinste Blume der Welt, Wissenschaft, Seelenfreiheit. Was Athen that, war, daß es seinen Poeten, Rednern, Philosophen Saft zuführte , durch seine Bewegung und Einrichtung ihr elektrisches Feuer in Bewegung setzte . Seine Akademie hieß Ruhm, Griechenname, Vaterland, Freiheit . So sang der Dichter, so sprach der Redner, so schrieb der Geschichtschreiber und Weise. Sie waren Griechen, sie waren Bürger, spotteten des Satrapen, verachteten den Barbaren, glaubten durch ihre Wissenschaft und derselben Ausübung sich immer zum Besten des Staats wirksam. War Demosthenes einige Zeit nicht größer als Philippus? war Perikles in seinem Kreise nicht mehr als ein Sclavenkönig? Die Kränze, die Statuen, die den Dichtern wurden, was ging über die Kränze? Hatte Alexander eine andere Belohnung seiner Thaten, als daß die Athenienser ihn loben sollten? Und wer nun über den gemeinen Ruhm, über das Urtheil des Volks hinaus sein Vaterland wirklich liebte und ihm diente, ein Theseus, Thales, Lykurgus, Solon, ein Sokrates und Aristides, Phocion und Plato, so viel andere ruhmvolle Männer, jeder in seiner Kunst, in seinem Geschäft, in seiner Wissenschaft groß, und meistens dicht auf einander oder neben einander, sich durch ihr Beispiel, ihr Vorbild weckend, mit einander wetteifernd, einander übertreffend, durch Rede und That, Gesang und Wissenschaft das Scepter der Freiheit Griechenlands wechselsweise in Händen führend und damit als die Einzigen in der Welt weit über den großen König hinaus bis zur Reihe der Unsterblichen hinan siegprangend: was konnten Seelen der Art liefern! was konnten sie werden! Brauchten sie Stimmen der Aufmunterung, wo Alles sie rief, wo die ganze Verfassung ihres Vaterlandes das Medium ihrer Wissenschaft, ihrer Kunst war? Brauchten sie Sold, wo Alles sie besoldete, wo Ruhm, Ansehen, Unsterblichkeit, Ehre der schönste Sold war, wo endlich, wenn es auf Zahlung ankam, eine Ode Pindar's, eine Bildsäule Phidias', eine Rede Demosthenes' ja mehr bringen konnte, als jetzt   doch ich mag nicht vergleichen, die Verschiedenheit der Zeiten erlaubt auch keine Vergleichung. Athen verarmte durchs Schauspiel und die gemeinschaftliche Casse Griechenlands beinahe mit ihm. Wir kommen zu einer andern Gattung von Republik, den Römern . »Rom ward zu kriegerischem Stolz schon von der Wölfin gesäugt«, und es ist bekannt, daß in den ersten fünf Jahrhunderten die Wissenschaften in ihm wenig Platz fanden. Was Numa hineinbrachte, was aus der Nachbarschaft Etruriens sich etwa hinüber modificirte, war äußerstes Bedürfniß ihres strengen Gottesdienstes und Kriegsgeistes ; dahin denn auch ihre etwanigen Gesetze, Rechte, Tagbücher und Lieder von Thaten ihrer Vorfahren gehören möchten. Rom war als ein kriegerischer Stamm, als eine Kriegsstadt anzusehen, die nicht, wie Sparta, sich blos schützen, vertheidigen, keine Eroberung machen und selbst den Feind nicht verfolgen wollte; Rom's Grundsatz war, keinen unüberwundenen Feind zu haben, selbst überwunden, ihn auch im Frieden zu verfolgen und sich zur Herrschaft der Welt zu rüsten. Hiernach richtete sich auch die Einführung der Wissenschaften bei ihnen. Sie kamen als Ueberwundene und flohen gleichsam zur Sicherheit in den Schooß der Mutter aller Eroberung. Die ersten Dichter Rom's waren Fremdlinge, Freigelassene, Knechte, ihre Schauspiele rohe Ergetzlichkeiten oder Lohnwerk. Im Senat ward's als ein Problem zu Ja oder Nein behandelt, ob man den griechischen Rednern und Philosophen in Rom Zutritt gestatten sollte; und Cato, der selbst kein Barbar war, entschied geradezu für Nein! So lange und so gut konnte sich Rom ohne Griechenlandes Wissenschaften behelfen; ja, es gehörte dazu, daß es sich ohne diese Wissenschaften zu einem Rom, der Erobrerin der Welt bildete. Es drängte und ward gedrängt, hatte also nicht Zeit zu schreiben, zu philosophiren, zu studiren. Auch da Rom die Wissenschaften aufnahm, fanden eigentlich die allein glücklichen Boden, die mit ihrer Staats - und Kriegsverfassung zusammenhingen und diese nährten und stützten. Die Poeten des Schauspiels wurden wie Knechte mit Lohn bezahlt, und aus vielen Ursachen, die im Staat und Charakter der Römer lagen, ist ihr Schauspiel nie das erste der Welt worden. Zur Größe des Römers gehörte es nicht, ein großer Schauspieler zu sein, geraume Zeit auch nicht einmal, den Geist des Schauspiels zu fühlen. Wir wissen, wie sehr es noch zu Cäsar's Zeiten jenem Ritter D. Laberius . Vgl. Macrob . Sat., II. 7.   D. schmerzte, den er auf der Bühne zu erscheinen zwang, und daß er gleichsam die Schmach nicht verwinden konnte. Aber Geschichte, Rednerkunst, thätige Philosophie, männliche , insonderheit lehrende Poesie, Kriegskunst, Wissenschaft der Rechte : sie waren die Zweige der Literatur, deren sich mit der Zeit auch der edelste Römer nicht schämte, ja, die eben dadurch, weil so berühmte und thatenvolle Männer sie trieben, eine Würde, eine Festigkeit, eine Größe erlangt haben, die wirklich die unschuldigste römische Größe ist. Ich gönne den Scipionen immer die Zerstörung der unglücklichen Nebenbuhlerin Rom's, der Stadt und Republik Carthago; daß edle Scipionen aber auch die Ersten waren, die ihren blutigen Lorbeer mit dem Oelzweige der Musen mischten, daß Scipio der Afrikaner den Vater der römischen Dichtkunst Ennius .   D. an seiner Seite hatte, den Lucilius seiner Freundschaft, den Terentius seiner Mitarbeit werth hielt; daß Fabius und Publius Scipio sich des trefflichen Polybius nicht schämten und durch ihr Beispiel auch in andern edeln Jünglingen, einem Lälius, Furius, Tubero, Scävola Liebe zu römischer Wissenschaft weckten: mich dünkt, hierin und in ihren persönlichen Tugenden glänzt ihr Name schöner. Nie sind die Zeiten wiedergekommen, da in so wenig Jahren so viel große Männer auf dem Gipfel der Welt einander kannten, folgten und drängten, ja, da die meisten von ihnen auf mehr als eine Weise in Rede und That, in Geschäften des Kriegs und Berathschlagungen des Friedens, in thätiger Liebe der Wissenschaften und ihrer Kenntniß groß und wahre Römer waren. Cato und Scävola, Lälius und Scipio, Cornelia und die Gracchen, Crassus und Antonius, Hortensius und Cicero, Atticus und Nepos, Sallustius und Varro, Sulla und Cäsar, Hirtius und Brutus   sie gaben der römischen Sprache die Majestät, Fülle und Nachdruck (Jeder auf seine Weise), daß gleichsam auch ihr Wort That, ihr Gedanke Kraft und Anstand wurde. Die Ueberwinder der Welt, die Richter über das Schicksal aller Nationen krönten sich mit einem schönen Kranze, dem Kranz der Wissenschaft und thätigen Weisheit. Es erhellt hieraus, was eigentlich in der römischen Verfassung es war, das zwar eine so kurze, aber eine so lichte und würdige Periode der Wissenschaft machte: es war nämlich theils Bedürfniß des Staats auf seiner jetzigen Höhe von Geschäften , theils das hinreißende Beispiel der edelsten Männer und Geschlechter . Der römische Redner , über wie wichtige Sachen sprach er! Für den großen Pompejus, gegen einen Cäsar, Sulla, Antonius zu reden, welch ein Geschäft! Ueber Kriegsbedürfnisse und Friedensanschläge zu rathschlagen, um welche Könige bettelten, von denen das Wohl und Weh eines Reichs, eines halben Welttheils abhing, welch ein Geschäft! Im Drang der Begebenheiten und gleichsam im Wettkampf menschlicher Kräfte zu sprechen, zu schreiben, Meinung oder Geschichte zu schreiben, welche Höhe, welcher Zeitpunkt! Der Gefährte Scipio's, der Geschichtschreiber sein selbst zu sein, wenn man ein Sulla, Cäsar, Lucullus, Brutus gewesen, der Geschichtschreiber Rom's zu sein, das solche Männer gehabt hat, in deren Anblick man gleichsam noch lebt   mich dünkt, da mußte der Geist der Thaten in den Geist der Worte übergehen und sich Majestät und Macht, Kürze und Ernst römischer Verfassung auch ihrer Schreibart mittheilen. »Wie Einer ist, so thut er; wie Einer thut, so schreibt er.« Cäsar's Leichtigkeit zu siegen ist auch an seiner Schreibart kenntlich; der Geist Lucullus' und Sulla's würde ebenso kenntlich sein, wenn wir ihre Denkwürdigkeiten noch besäßen. Ach aber, wie sehr hat uns das Schicksal mit Werken der Griechen und Römer beneidet! Stücke, um die wir Bibliotheken neuer Maculatur geben würden, die meisten Werke Aeschylus', Sophokles', Pindar's, Menander's, so viel von den Schriften Polybius', Diodor's, Ennius', Cato's, die Aufsätze eines Lälius und Scipio, Hortensius und Atticus, Sulla und Lucullus, Varro und Cäsar's   so viel anderer edler Römer Schriften, die gewiß von ihrer Seele zeugen würden, sind verloren! Wenn ein Varro, Cicero, Cäsar selbst über Sprache und Grammatik schreibt, konnten sie nicht anders als Varro, Cicero, Cäsar schreiben; und diese Leute haben nur einmal in der Welt gelebt. Auch nur ihr Freund, ihr Begleiter, ja, was noch mehr ist, ihr Wetteiferer, ihr Nebenbuhler zu sein   die Idee verschlingt beinah alle Vergleichung. Scipio und ein deutscher Reichsfürst! Cäsar und eines Fleckens Bürgermeister! Jene selbst Geschichtschreiber, Redner, Miteiferer in den Wissenschaften, die in ihnen nicht nach andern Gesetzen gerichtet werden konnten, gerichtet werden wollten als jeder Andere, der mit ihnen in die Schranken tritt! die Neuern so oft untüchtige Mäcenaten, zu loben, was sie nicht verstehen, und mit Pfennigen zu belohnen, worüber sich der Kluge schämt! Ueberhaupt hat der kurze Zeitpunkt der Blüthe römischer Wissenschaft an Veranlassungen und Folgen beinah nichts Gleiches in der Geschichte. Als Ueberwinder der Welt schmückten sie sich mit der Beute der Wissenschaft; thätig und miteifernd gingen sie schnell zur größten Höhe; denn sie standen gleichsam auf dem Gipfel der Zeiten. Ebenso schnell aber wich auch der Geist der Wissenschaft von ihnen; sie war ihnen nur Schmuck, nur Triumphkleid, oder wo sie zur Freiheit und Verfassung des Staats gehörte, sank sie mit dieser. Wo in andern Zeitpunkten auch nur Nachbilder römischer Größe, Schatten ihrer Verfassung und Handlungsweise erschienen, fanden sich auch Spuren römischer Denk- und Schreibart wieder. Frankreichs und Englands Parlamente reichen nicht ans römische Forum ; in beiden sind indeß treffliche Stücke der Redner- und Staatskunst über Gesetze und Begebenheiten erschienen. Die beste Geschichte zu allen Zeiten war die, die Helden und Staatsmänner selbst schrieben; nur durch die Denkwürdigkeiten solcher Männer ist in den neuern Zeiten die wahre Geschichte wieder erweckt worden: Comines, Sully, Clarendon, Retz, Thuanus, Turenne, Montecuculi u. s. w. sind Zeugen. Durch Betrachtung der römischen Geschichte ist nach Wiederherstellung der Wissenschaften der Geist der wahren Geschichte wieder erweckt worden, wie Macchiavell's Betrachtungen über Livius und so viel andere über Sallustius, Cäsar und Tacitus zeigen. Nichts in aller Welt ist aber vom Geist römischer Wissenschaft entfernter als unsere neuere Schulsprache in lateinischen müssigen Phrasen. Ein gedankenloser Grammaticus, ein von den Knaben selbst, geschweige von den Regierungen verachteter Declamator   was ist er gegen Cicero, Varro, Cäsar? wo ist da römischer Geist in der angeblichen römischen Sprache? Es ist mir lieb, daß ich mich über die Zeiten des Verfalls der Wissenschaften nicht ausführlich und eigentlich einzulassen habe, was auch zu ihm die Regierungen beigetragen. Das Meiste trugen sie dadurch bei, daß sie die Freiheit und den Gemeinwerth ( common-wealth ) einzelner Republiken zerstörten und ein Gebäude aufrichten wollten, das in sich selbst zerfiel . Was trieb den griechischen Alexander nach Asien? was sucht' er dort? was konnt' er finden? Beschwerde, Mühe, Ueppigkeit, Tod, Auflösung seiner Kräfte und seines Reiches. Nun bringt freilich die Vorsehung ein Gutes hin, auch wo Menschen nicht darauf dachten: Alexander's Züge, die griechisches Blut bis am Indus verspritzten, breiteten auch griechische Sprache und Wissenschaft umher, errichteten hie und dort griechische Städte und Colonien. Die Reiche seiner Nachfolger machten neue Sitze der Wissenschaften in Syrien, Asien, insonderheit Aegypten. Das Museum, die Bibliothek, das Siebengestirn der Dichter, die Grammatiker, die Philosophen zu Alexandria sind so berühmt; auch kann man ihnen nicht absprechen, daß sie zur Erhaltung und Vermehrung der Wissenschaften in spätern Zeiten das Ihrige beigetragen haben. Indessen ist's wahr, diese Nachblüthe unter den griechischen Königen war nur ein schöner Herbsttag; seine Blumen hatten viel Farbe, aber wenig Geruch; der Frühling und Sommer war vorüber. Es ist meistens das Schicksal solcher Monarchien, wenn die Ernte vorbei ist, die Nachlässe prächtig zu sammeln , und man sucht durch Menge der Bücher, durch Bibliotheken und Gelehrsamkeit zu ersetzen, was der Wissenschaft an Werth und Kraft abgeht. Indeß hat Alles seine Zeit. Auch die Grammatiker zu Alexandria und die Bibliothek daselbst wäre ein Schatz gewesen, den man allein der Monarchie würde zu verdanken gehabt haben, wenn er bis auf die Zeiten der Buchdruckerei gereicht und ihn nicht eine strengere Monarchie zerstört hätte. Bei der römischen Monarchie ist's vielleicht äußerst zu bedauern, daß Cäsar, ihr wahrer Stifter, sie nicht auch einrichten, Senat und Kriegsmacht gegen einander ordnen und wirklich erster Monarch, Cäsar, sein konnte. Die dreiundzwanzig Wunden, mit denen er starb, öffneten dem römischen Staat unendlich mehrere; und da der schwache Augustus nichts als Privatmann zu sein wußte August wird (nach unserer Meinung) hier zu sehr herabgesetzt. Der ohne schreiende Härte die vielgestaltete Römerwelt so frisch nach der Republik funfzig Jahre festhielt und auf sein Jahrhundert den Beinamen eines goldenen prägte, war der ein so gar schwacher Privatmann? Ein schwacher Mann, hätte er hingereicht, der (obwol müden) Welt eine Ordnung der Dinge anzugewöhnen, welche ein halbes Jahrtausend hindurch immer insofern blühte oder sank, so wie sie mehr oder weniger seinem Vorbild glich? Was kann eine ermüdete, vorhin schon höchst verdorbene, der Freiheit nicht mehr fähige, nicht mehr würdige Welt Besseres, Größeres sich wünschen als einen August !   Anm. J. Müller's. und also Alles nur schwebend erhielt, so konnte er freilich auch auf die Wissenschaften nicht anders als Privatmann wirken. Er gönnte Dichtern seine Freundschaft, den Zutritt in seinem Hause; er selbst und sein Mäcenas und sein Agrippa waren Dichter; dies konnte den Wissenschaften nicht anders als einen schönen Nachmittag geben. Schöne Stunden, auf die bald ein neidiger Abend, eine stürmische Nacht folgten! Als Tiberius Den, der ihn übertraf, mit dem Tode bestrafte; Hier schwebt wol Suet ., Tib. 61 vor.   D. als Cajus Caligula den Homer, Virgil, Livius, ja die ganze Rechtsgelehrsamkeit vertilgen wollte; Suet . Cal. 34.   D. als Nero seine schlechten Verse durch alle Straßen singen, in allen Schulen ablesen ließ; Beruht wol auf Irrthum.   D. als selbst der bessere Hadrian klein gnug war, den Cicero, Homer und Virgil gegen sich zu verkleinern, und der Erste in jeder Art sein wollte Herder denkt wol an das, was Spartianus , Hadr. 17 , berichtet.   D.   allerdings wirkte da die römische Regierung schlecht auf Wissenschaften und Künste . Und wiewol sie noch immer nicht Alles verderben konnte, da das römische Reich so groß und die guten Muster und wahren Römerseelen ihnen noch so nahe waren, ja insonderheit, da auch unter guten Kaisern die Welt mitunter einen schönen Sonnenblick bekam: dessenohngeachtet waren Rom's Wissenschaften nicht mehr, was sie zur Zeit der Republik gewesen; denn jetzo waren sie   im Staat müssig . Die Redekunst schwieg oder declamirte. Die Geschichte ward bitter oder log Schmeicheleien und tiefe Räthsel; die Poesie machte Epigramme oder Satiren; die Sprache verfiel mit jedem neuen Jahrhundert. Cajus hatte Wettstreite der Beredsamkeit , Nero Wettstreite der Poesie errichtet, die Domitian erneute; allein das konnte die Natur der Sache und das Wesen des Staats nicht ändern. Selbst die bessern Anstalten , die Vespasian, Titus, Trajan, Hadrian, Antonin, Marc-Aurel, Severus u A. zur Aufnahme der Wissenschaft trafen, die Schulen, Bibliotheken , öffentlichen Belohnungen , die sie anordneten: so gut, so nothwendig sie waren, der mit Gewalt einbrechenden Barbarei zu steuern und wenigstens das Andenken guter Muster zu erhalten, so wenig konnten sie doch jene Welt wiederbringen, in der diese Muster wirkten und lebten. Nur was unentbehrlich, was jetzt nützlich und wirksam ist, das lebt. Und das waren damals, wenig bessere Menschen ausgenommen, meistens nur die Handwerks - und Brodstudien : Grammatik, Rechtsgelehrsamkeit, Astrologie, Sophisterei, Arzneikunst; die edleren Wissenschaften waren mit der römischen Luft verflogen. Noch weniger will ich mich darauf einlassen, was nicht die Regenten, sondern die Regierung an sich selbst und im Ganzen zum Verfall der Wissenschaften beigetragen habe: die Unruhe derselben nämlich, das herrschende Soldatenregiment , die Schwachheit des Reichs, sich gegen die andringenden Barbaren nicht schützen zu können, sondern sie selbst in sich zu locken; das aller Welt gegebene Bürgerrecht endlich, wodurch selbst die römische Sprache verfiel, und so manche andere Dinge. Ein Reich, das sich nicht schützen kann, wie sollt's die Wissenschaften, feine Sprossen seiner Blüthe, vor dem Verfall bewahren? Ein in allen Gliedern verderbter Körper, wie sollte an ihm Haupt- und Lebenssaft gesund sein? Eine neue, schon sehr verderbte Religion kam dazu, die ein Orientalisches in Gesetze und Schreibart, Befehle und Redekunst brachte, das dem römischen Staat wenig anstand. Die Schwachheit der Kaiser nährte Verfolgung der Ketzereien, elende Sophistereien und Disputirkünste, die zu nichts dienten, aber äußerst verderbten. Kurz, womit konnte die Disharmonie einer so schwachen, unruhigen, sich selbst widersprechenden Regierung als mit Barbarei und dem Tode aller vernünftigen, nützlichen Literatur endigen? Hier war kein Griechenland, kein Rom mehr; Europa war ein dunkles Getümmel ziehender Barbaren.   4. Vom Einfluß der Regierung in die Wissenschaften gegen die Barbarei und den Aberglauben. Wir sind auf einer Stelle, wo schon nicht eigentlich die Frage ist, was gethan sei, sondern was habe gethan werden wollen . Folgende sind Ursachen, warum auch besseren Regenten und Regierungen mit allem guten Willen oft so wenig gelang. Zuerst . Europa war ein Gemisch von Barbaren , das in einer Fluth gekommen und hie und da wie erstarrte Wellen sitzen blieben war; diese hatten Sitten, Gesetze und Rechte , die den Wissenschaften nicht hold waren, und für deren Erhaltung sie doch, eben im Gefühl ihres Glücks und Werths, glühten. Zweitens . Wissenschaften sollten sie von Völkern annehmen, die überwunden, schwach , ihnen verächtlich und wirklich zum Theil selbst durch Mißbrauch der Wissenschaften so verächtlich worden waren. Das nähere Medium dieser Mittheilung waren Pfaffen , die mit ihnen, den Kriegern, den Wilden im härtesten Contrast standen, die sie theils ihrer sitzenden Lebensart wegen gering hielten, theils fürchteten wegen des Bandes mit Rom und der so oft entdeckten Spitzfindigkeiten und Betrügereien. Drittens . Die Wissenschaften selbst waren von der schlechtesten Art, Hülsen vom Kern alter Zeiten oder Klosterstudien, das bivium und quadrivium der Gelehrsamkeit, das ihnen wenig nütz war, und auf dem sie auch Pfaffen und Müssige zu werden glaubten. Diese und so viel andere Ursachen, die im Detail einzelner Zeiten und Umstände lagen, machten die Aufklärung schwer. Ein hartes Land mußte gepflügt werden, das noch niemals Samen angenommen hatte und lange erst umgekehrt an der Luft liegen, ja oft umgekehrt werden mußte, ehe es nur den feinern Geist der Fruchtbarkeit einsaugen lernte. Wie verschieden war diese Zeit von der Bildung Rom's und Griechenlandes! Dort einzelne Städte , ein Nationalcharakter , eine Verfassung , die dem Geist der Wissenschaft offen war und ihn zu seinen Zwecken als Bedürfniß verlangte . Hier von Allem das Gegentheil: rohe, disparate Medien, die ineinanderbrausten, den Wissenschaften eher feind als freund, wenigstens gleichgiltig und fremde waren, ein rauher Kriegsgeist, der den Geist der Wissenschaft vertrieb oder unnütz machte. Dort waren's Gesetzgeber , edle Männer des Stammes selbst, die aus eigenem Triebe die nächsten Anlagen ihres Staats weckten und als schwangere Keime gleichsam nur zur Reife beförderten, die dem Volk Schritt vor Schritt die Blüthen und Früchte davon in lebendiger Wirksamkeit wiesen; hier waren's todte Körner, mit denen man handelte, die von den Händen der Verkäufer nicht eben die größte Empfehlung erhielten. Die Wissenschaft sollte erleuchten, aber nicht zu viel; sie sollte bilden, aber ja nicht aus dem Joch des heiligen Gehorsams. Die Regierungen, die bilden wollten , hatten meistens an Denen, die bilden sollten , das größte Hinderniß; nothwendig ging die Sache langsam und kam nicht weit. Um so ruhmwürdiger aber sind die Namen der Regenten und Regierungen , die auch unter der Wolke Biblische, Herder gangbare Redensart.   D. strebten, auch an dem harten Boden nicht verzagten. Sie thaten, was sie konnten, stifteten gegen die herrschende Unwissenheit Schulen , kauften Bücher , beförderten ihre Abschrift , suchten und ehrten die Gelehrten , setzten sich den Hindernissen des Lichts, dem Aberglauben und der Barbarei, entgegen . Ihr Werk war nicht verloren. Cassiodor brachte es mit seinen Anstalten weiter als manche Zeiten vor ihm, es ward wenigstens eine lichte Dämmerung am dunkeln Abend. Karl der Große zog aus allen Ländern, was er konnte, Lichtes und Guts zusammen, er machte Anstalten für die Wissenschaften, die seinen Namen bis jetzt erhalten. Der liebenswürdige, wirklich große Alfred that, was er konnte, machte Ordnung, stiftete Oxford, schrieb und übersetzte selbst. Er sahe sich nach Händen um, die ihm helfen sollten, und fand so wenig, er rüstete sie sich gewissermaßen selbst zu; von Noth gedrungen, that er in seinem dunkeln Jahrhundert mehr, als in lichten Jahrhunderten der eifrigste Prinz mit fremder Beihilfe thun mag oder darf, und obgleich Vieles in der Unruhe folgender Zeiten verloren ging, ging drum nicht Alles verloren. Fürsten solcher Art sind wir's schuldig, daß noch etwas von den Wissenschaften übrig geblieben ist, daß sie wenigstens hinter dicken Kloster- und Schulmauern Zuflucht fanden. Ich will dem päpstlichen Regiment sein Verdienst um die Wissenschaften nicht absprechen; Vgl. Herder's Werke, XII. S. 121 ff.   D. wenigstens erhielt's die lateinische Sprache und die dürftigsten Kenntnisse der Alten. Klöster blieben die Trümmern heiliger Literatur, und auch das schlechteste Abschreiben alter Bücher bleibt noch Verdienst der Mönche. Indessen ist's eine andere Frage, ob dies erzwungene Verdienst Schadloshaltung gegen den größern Schaden ist, den der Aberglaube, die Streitsucht, der Verfolgungsgeist, der unruhige Despotismus des Papstthums über Völker und Reiche auch den Wissenschaften gebracht hat. Alles verdarb und ward eine trübe Quelle; die heiligsten, schönsten Wissenschaften wurden ein Zankapfel, der zuletzt Ekel und Furcht erweckte. Der Streit um den Primat, die Trennung der lateinischen von der griechischen Kirche trug allein schon so viel zur Barbarei Occidents bei, als die Verlegung des Kaisersitzes nach Constantinopel zu ihrer Zeit thun mochte. Rom's Bannstrahlen erleuchteten nicht, sondern machten auch die schwachen Schimmer des wahren Lichts feindlich. Immer ward mehr erfunden, die Finsterniß festzuhalten und ehrwürdig zu machen auf der Erde, insonderheit um den Thron. Auch in Klöstern verfielen mit der Zeit Schulen, Fleiß, Ordnung; die Bücher gingen unter, und zuletzt gerieth's dahin, daß selbst an Päpsten Wie Silvester II.   D. Gelehrsamkeit Zauberei und Gotteslästerung hieß. Der römische Stuhl scheint selten und nur in rühmlichen Ausnahmen eigentliches Interesse gehabt zu haben, die Wissenschaft als Wissenschaft zu befördern. Fast möchte ich hierin dem Papst den Mohammed und Mönchen die Sarazenen vorziehen. Sie haben wirklich die Wissenschaften aus Liebe zu ihnen selbst gesucht und getrieben, einige gelehrte Khalifen sie aus Liebe zu ihnen geschützt und befördert; auch sind die nützlichsten Wissenschaften, Chymie, Medicin, Astronomie, Naturlehre, mit Erfindungen und Tritten dieses Volks bezeichnet. Ein Khalif, ein Sarazen hatte gewiß mehr zu überwinden, wenn er die Wissenschaft lieben wollte, als ein Christ, ein Päpstler haben durfte; und doch, wie sehr haben sie diese übertroffen in Allem, was sie getrieben haben! Sie traten wirklich auf den Weg der Erfahrung ; Al Mansor, Harun Al Raschid, Al Maimon u. A. begünstigten diese; aus ihren Händen haben wir Bücher und zum Theil Methoden erhalten, die zur Erweckung der nützlichsten Wissenschaften den Weg bahnten. Hier war die Macht und Wirksamkeit des Despoten an rechter Stelle; sonst würde Europa vielleicht länger in seiner Nacht geblieben sein. Vgl. Herder's Werke, XII. S. 142 ff.   D. Auch die Herrschaft der Kaiser in Orient hat zur Erhaltung der Wissenschaft beigetragen, unruhig, schwach und zanksüchtig, wie sie war; Constantin hatte doch einmal den Wissenschaften einen Mittelpunkt bereitet, wo sie, geschützt vor der Zerstörung wilder Völker und wenigstens durch die Sprache dem feinen Griechenland nahe, Jahrhunderte durch erhalten wurden. Daß es gelehrte Kaiser und Prinzessinnen in Orient gegeben, ist bekannt, und die Namen eines Basilius, Porphyrogeneta, einer Anna Comnena sind durch Anmunterungen und eigene Schriften unvergeßlich. Wiewol nun ihre Wissenschaften nicht eigentlich dem Reiche selbst zu Nutz kamen, da die gelehrtesten Kaiser meistens die unglücklichsten waren und Alles unter Priestergezänk und Weiberherrschaft begraben wurde, Europa kamen sie sehr zu Statten. Die Eroberung Constantinopel's jagte gleichsam die Musen als Flüchtlinge nach Italien; mit ihnen bekam es griechische Bücher , griechische Sprache , auch hie und da griechischen Geist wieder. Der schwächste Versuch also des schwächsten Liebhabers der Wissenschaften war im Verfolg der Dinge nicht verloren. Aber lasset uns näher sehen, was die Regierungen Occidents thaten und thun mußten, das Joch des Aberglaubens und der Barbarei, das ihnen selbst mit der Zeit so hart fiel, zu brechen oder zu mildern! Sie sahen, daß aus der Finsterniß nichts ward, daß Knechtschaft, Unruhe, Elend in ihrem Gefolge war. Von welchen Stürmen ward damals Europa erschüttert! welche Wirbel einheimischer und auswärtiger Zerrüttung verwüsteten die Welt! Keine Krone war auf dem Haupte des Regenten, kein Geschlecht desselben auf seinem Thron sicher; mächtige Vasallen, Geistliche und Päpste, die solche aufhetzten, machten eine ewige Verwirrung. Heller oder dunkler fühlten es die Regenten, daß sie nur durch Licht Ruhe gewännen, nur durch Wissenschaft ihren Ländern Ruhe gäben . Die Exempel so mancher unglücklichen Kaiser und Fürsten mußten endlich Gedanken wecken, und ewig werde der Name der schwäbischen Kaiser, insonderheit eines Friedrich 's II. , mit Ehrfurcht genannt, der selbst ein Märtrer der Aufklärung wurde, die er Europa zu geben geneigt war. Gelehrt und klug und tapfer ging er den Feinden des Lichts und der Ruhe unermüdet zu Leibe, nahm aus den Händen der Araber die besten Schriften verschiedener Art und ließ sie übersetzen und lehren, errichtete die Universitäten zu Neapel, Wien, vielleicht auch Padua, verbesserte die zu Bologna, zu Salerno, die wie Morgensterne die ersten Strahlen geworfen hatten. Sein unglücklicher Petrus de Vineis stand ihm treulich bei; es ward Dämmerung im Reich der Schatten. Streit also gegen drückende Mißbräuche hat überall das erste Licht befördert, und die Finsterniß hat sich mit ihrer übermachten Rohheit selbst geschadet. In mehr als einem Lande stand ein Ketzer auf, den die Regierung nicht zuerst und meistens nur dann verfolgte, wenn seine Meinungen schon verbreitet waren. Ueberall drang man auf Kirchenverbesserung , auf Reformation der Schulen und Klöster . Die Rechte der Fürsten sollten vertheidigt werden; dies brachte die Rechtsgelehrsamkeit hervor. Einzelne Gelehrte wagten's, sie selbst gegen den Papst in Schutz zu nehmen; dazu ward überlegene Wissenschaft erfordert, diese also gesucht und belohnt. Eine Reihe äußerer Umstände der Regierungen kam dazu, die entschlafene Wissenschaft von den Todten zu erwecken, unter denen öffentliche Züge, Expeditionen die vornehmsten waren. Man lernte sich, lernte fremde Reiche, Völker, Länder und Regierungen kennen, lernte fremde Sprachen, sah fremde Dinge, nutzte fremde Erfindungen; die Reiche bewegten sich in großen Massen auf einander, bis in ihrem Innern auch heilsame Gährung ward. In Amalfi fand Kaiser Lothar, wenn die Sage wahr ist, das Exemplar der Pandekten, das die Rechtswissenschaft in Gang brachte. Der Compaß ward ebendaselbst erfunden. Chymie, Medicin, Mathematik zogen sich theils aus Neapel, theils aus Spanien herauf, und im letztern war's Alphonsus der Weise, der mit eines Khalifen Großmuth die Mathematik unterstützte und mit dem Fleiß eines Privatmanns sie selbst vermehrte. Aus Reibungen an den Grenzen der Sarazenen sprangen die ersten Funken des Lichts; Raimundus Lullus, Arnoldus de Villanova, Roger Baco, kurz, die größten Erfinder damaliger Zeit sind der arabischen Wissenschaften Schüler. Zwei Hilfsmittel insonderheit nutzten die Fürsten, den Geschmack an Wissenschaft zu verbreiten: die Akademien der Liebe und Universitäten für die Gelehrten . Jene, die unter dem Namen der Corte oder Parlamento d'amore bekannt gnug sind, verbreiteten sich von den Höfen der Berengare und anderer Fürsten aus Spanien und der Provence nach Frankreich, Italien und endlich nach Deutschland. Sie brachten die Muttersprache dieser Länder allgemach empor, und zwar durch Gegenstände und auf eine Art , die den allgemeinsten Eingang finden, Gesang und Liebe. Die Fürsten selbst waren von ihrem Kreise, und in allen diesen Ländern, England eingeschlossen, sind Namen bekannt, die sich sowol durch Gesänge als Thaten verewigt. Kaiser Friedrich I. und II. , Heinrich VI. , König Richard I. , Alphons II. , Wenzel, Conrad und so viel Herzoge und Grafen in ihrem Gefolge. Der Geist des Abenteuers und der Feldzüge hatte Lieder und Liebe erweckt; der Kriegsgeist schmolz in einige Milde, die der Sprache und auch andern Wissenschaften wohlthat. Universitäten waren damals die Lieblingsstiftungen der Fürsten; durch sie wurden die Gelehrten Glieder des Staats , von den Kaisern selbst auf ehrwürdige Weise eingeführt. Sie genossen Rechte des Adels; hiedurch ward der rohe Kriegsgeist und die stolze Unwissenheit des letzten etwas geschwächt. Allmählich sonderten sie sich von Klöstern und wurden eine Art literarischer Aristokratien , also ein Freistaat im Staate . Die Wissenschaften fanden eine Ehre und Sicherheit, die sie sonst nicht gehabt hatten; auch die sogenannten Ketzer zogen sich lange hinter den Schild literarischer Privilegien zurück und konnten schwerer angetastet werden. Disputationsweise ward Manches behandelt, wovon positiv reden zu können noch keine Zeit war; einzelne Lehrer traten oft auf die Seite der Fürsten, und zuletzt wurden die Universitäten selbst Rüstkammern gegen den Papst. Rechtsgelehrte wurden Orakel der Fürsten und ihre Räthe; die Facultäten standen als geschlossene Zünfte und Phalangen der Literatur im Staate da. Allerdings ist also durch sie die Wissenschaft sehr befestigt und ausgebreitet worden. Die Scholastik und andere Scienzen wurden, wo nicht sogleich nützlich, so doch sehr fleißig, formell, pünktlich getrieben; die Lernenden wallten schaarenweise dahin, meistens in ziemlich reifen Jahren, hielten sich auch länger darauf auf, als jetzo nur gedacht wird; das Studium ward überhaupt wie die Ritterwissenschaft gradweise und mit anhaltendem Fleiße getrieben. So damals; aber was sind jetzt solche Universitäten , als Mittel der Wissenschaft in den Händen der Regierung betrachtet? Die Ritterzeiten sind vorbei, sie haben sich aus Schlössern, Schlachten, Häusern verloren; und im stillen Reiche der Wissenschaften, im Felde, wo die Jugend zur Wahrheit, Weisheit und Glückseligkeit gebildet werden soll, müßten sie noch Zuschnitt und Form erhalten? Die erste Einrichtung der Universitäten war klostermäßig; der Rittergeist und die Rittergrade schlugen sich hinzu, und so entstand mit der Zeit das gothische Gebäu von Gesetzen, Rechten, Facultäten, Würden, Uebungen der Universitäten   wahrlich, ein seltsam Gebäu zum Besten des Staats in unsern Tagen ! Was sollen Schwüre auf den heiligen Aristoteles und auf ihm gleiche Abstractionen, wie der Ritter auf Mutter Gottes, Dame und Lindwurm schwur? Braucht die Regierung sich des Geistes ihrer Unterthanen so zu versichern? darf und soll sie's im Reich der Wissenschaften, wo sie selbst Partei ist, im Reich der freien, allgebietenden Wahrheit? Können Rechte der Akademien die Wissenschaft als einen Schuh behandeln, der so und nicht anders, von Dem und ja von keinem Andern gemacht werden soll? Und wenn sie hierüber nun gegen einander zu Felde ziehen; wenn Universitäten gegen Universitäten, Facultäten gegen Facultäten als geschlossene Corpora kriegen und die Wahrheit in ihrem Phalanx gefangen führen; wenn zum Aergerniß unakademischer Laien oft Rechthaberei, akademischer Stolz und Anmaßung die Insignien der Wissenschaften sind, mit denen sie kaiserliche Majestät begnadet: was soll das in unsern Zeiten? Damals war manches Streitgerüst und Gepränge solcher Art nützlich, wenigstens nothwendig der barbarischen Zeit wegen; aber jetzt? und für junge Leute? oft nur für Kinder (so haben sich die Zeiten verändert!), die auf solchen Tummelplätzen der Gelehrsamkeit und Aemulation erste Eindrücke der Wahrheit und stillen Brauchbarkeit aufs ganze Leben erlangen sollen? Die Facultäten und Handwerksgebräuche, nach denen der Knappe lernen, von Magistris nostris freigesprochen, und wenn er ihres Geistes und ihrer Hand ist, d. i. eine Disputation, ein Rittergefecht gegen drei oder vier waffenlose Schützen bestanden hat, nun facultatem bekommt, die ihm oft die Natur nicht gegeben, einen Trauring des Gehorsams gegen die alma mater, den Ehrenhut erhält, der sein Gehirn überschattet und von nun an mit allen Musen, die Grazien oft ausgeschlossen, zu Gast ist: ich begreife wol, wie das Alles habe entstehen können, nicht aber, wie es sich als Hilfsmittel der Wissenschaft in den Händen unserer Regierung forterbe. Daß außer den Facultäten keine facultas, außer den Universitäten kein Heil sei, daß sie Universitates literariae, d. i. die gelehrten Weltalle seien, aus denen Alles kommt, durch die Alles muß, auf denen Alles wohnt, was zum Licht und Frommen des Staats dient; daß der Weg, zu dieser Weisheit zu kommen, Prälectionen , ewige Prälectionen , daß ihr Meisterstück Disputation , daß ihre Frist ein triennium, quadriennium sei, in welches alle Weisheit und Wissenschaft gezwängt, zerschnitten, eingestopft werde; daß die meisten Lehrer von aller Uebung der Wissenschaft frei, ohne Ansicht des Staats, der Stände, der Nutzbarkeit des gemeinen Lebens, oft des gesunden Verstandes und Geschmacks, in Abstractionen und generalibus, in ewiger Wiederholung derselben Logik, Metaphysik, Dogmatik oder vielmehr ihres Schatten, Compendii, veralten und, weil sie in weniger Zeit alle eigene Wissenschaft wegsenden, zuletzt dürre Skelette fremder Kenntnisse sein müssen und sich also aus lieber Noth in den Dunst akademischer Polyhistorie und Pansophie hüllen, ihren Zöglingen auf diesen Tummelplätzen aller Wissenschaften und Künste so viel davon mitgeben, als in so kurzer Zeit, in der größten Verwirrung von Ideen, ohn' alles Gefühl von Anwendung, Würde und Weisheit in ihren Kopf will, und sie sodann zur glücklichen Vergessenheit desselben und von frisch auf im Leben etwas Besseres zu lernen entlassen müssen: sollten Einrichtungen der Art in den Händen unserer Regierung den Nutzen bringen, den sie bringen sollen? Ich habe nicht im Sinn, einen einzigen würdigen Mann, Lehrer oder Schüler, auf Universitäten mit meinen Zweifeln zu beleidigen; vielmehr, glaube ich, wird ein Jeder, der über den gemeinen Haufen denkt und nicht blos auf seinen Schritt vor sich sieht, selbst gnug die Bürde seines Standes, das Unbequemliche seiner Situation (wer fühlt nicht in seinem Stande dergleichen?) gefühlt, und wenn er's mit der Wissenschaft wohl will, dagegen gestrebt, Aenderung der Mißbräuche gewünscht haben. Auch rede ich nur ganz allgemein von Universitäten als Mitteln der Wissenschaft in den Händen der Regierung , nicht von einzelnen Existenzen und Ausnahmen der Studenten oder Professoren. Ich gehe auf diesem allgemeinen Wege weiter. Und komme auf die schöne Zeit, da die Wissenschaften wiederkamen, da Päpste, Kaiser, Fürsten, Städte, reiche Kaufleute, Priester, Cardinäle so viel thaten, sie aufzunehmen , zu lieben , zu verpflegen . Die Familie der Medici, die Päpste Nicolaus und Leo, die Kaiser Friedrich und Maximilian, die Könige Alphonsus von Neapel, Franz I. , Heinrich VIII. , so viel andere Fürsten, Republiken, Städte haben sich dadurch unsterbliches Verdienst erworben. Es war ein Wetteifer , der beinah ein Jahrhundert dauerte und noch jetzt, wenn man von ihm liest, Muth macht. Die Berühmten in den Wissenschaften gelangten zu Ehrenstellen oder zur angenehmsten Ruhe des Privatlebens; es schien, als ob Kaiser und Fürsten kein milderes Verdienst kennten, als Lorbeern des Geistes zu verleihn oder selbst zu tragen. Ein oder zwei Gelehrte eines Landes wurden wie eine Akademie angesehen, geschätzt, geliebt, und die Gelehrten aller Länder machten gleichsam nur eine freundschaftliche oder wetteifernde Akademie aus. Vielleicht ist niemals schärfer gerichtet und das Urtheil, die Mitarbeit der Gelehrten näher an einander gewesen als damals; und doch gab's noch keine erdungene kritische Journale. Die Briefe und Werke der Gelehrten an oder über einander war das größte Journal der Zeiten. Buchhändler herrschten noch nicht, die Bücher bestellten , sondern Fürsten, die Werke belohnten , und man hat eben keine Urkunden darüber, daß sie deswegen verarmt oder die Sachen ihrer Regierung schlechter gegangen wären, weil sie gelehrte und tüchtige Männer dazu brauchten. Die Fürsten selbst hatten von Erneurung der Wissenschaften den größten Vortheil; mit ihnen und auch zum Theil durch sie fing sich in Krieg und Frieden, Herrschaft und Sitten eine ganz neue Periode Europens, Reformation , an. Allerdings trat damals eine Menge Ursachen zusammen, die die Regenten zu thätigen Freunden und Beförderern der Wissenschaft machten. Nach langen Zeiten der Unruhe und Unterdrückung genossen große und kleine Regenten das erste Gefühl von Ruhe, Sicherheit und Herrschaft; sie sahen, was sie den Wissenschaften in vorigen Zeiten schuldig waren, und kränzten sie darum mit dem Laube der Dankbarkeit und pflegten sie darum mit Wohlthaten, um durch sie auch die Reste der Barbarei zu überwinden und gleichsam mit Blumenkränzen zur Ruhe zu fesseln. Alle Wissenschaften und Erfindungen machten Ordnung , mehrere Leichtigkeit im Handeln, Mechanismus, Friede . Die Gemüther wurden besänftigt und kämpften nicht mehr, sondern studirten, lasen; eine Ruhe, die den Regenten sehr zu gut kam. Die Reformation machte sie vom Joche des Papstes los und setzte sie gewissermaßen an seine Stelle. Viele Universitäten, Stipendien und Wohlthaten wurden von Klostergütern gespendet und fielen also nicht schwer; andere zogen sie gar an sich und bereicherten ihre Kammern. Der neue Zirkel, in dem Alles ging , die entdeckten Welttheile, die veränderte, blühende Handlung brachten Pracht, Ueppigkeit, Geschmack an Künsten des Großen und Schönen, mehr Geld und mehrere Reize nach Europa; den schönen Künsten also konnten die Wissenschaften nicht zurückbleiben. Wer besser baute, mußte auch besser schreiben; der Fürst, der Gemälde und Statuen liebte, lernte auch Schilderungen und Gedichte lieben. Mit einer feinern Pracht, einem ausgesuchtern Wohlstande kam auch Witz und Schlüpfrigkeit an die Tafeln der Fürsten; viele von ihnen sind des Einen und des Andern wegen bekannt. Jetzt lernten sich nicht neue Länder einander kennen, sondern neue Welttheile ; aus ihnen kam Gold, Silber, Gewürze, Arzneien, so viel Wunderbares, so viel Fremdes. Dies nährte Wissenschaften, dies nährte Künste. Man brauchte die Mathematik zum Schiffbau, zur Seefahrt, zu Maschinen, zur Zeitrechnung; sie ward belohnt und nahm zu. Das einzige Pulver , die Nothwendigkeit der neuen Befestigung, des neuen Krieges erfand wie viel andere Künste! Die veränderte Art, mit einander umzugehen, zu tractiren, zu handeln , machte neue Wissenschaften und Ausbildung nöthig. Die erfundene Buchdruckerei gab so viel mehr Reize, Manuscripte aufzusuchen, Bücher zu schreiben, seinen Namen zu verbreiten. Die unendlich mehrere Bekanntschaft und Concurrenz der Reiche band alle Regierungen an eine Kette, trieb sie in ein Gefolge des Wetteifers, wie vieler andern Sachen, so auch der Wissenschaften und Künste. Auch in die dunkelsten Winkel Europens kamen Lichtstrahlen; der Wetteifer ward allgemein. Das Schönste bei der Sache ist, daß es viele Fürsten gab, die nicht als satte Mäcenaten, sondern als Liebhaber und Haushälter ihres Reichs die Sache trieben. Es war nicht dummer Stolz, sondern wahre Bewunderung oder gar Kenntniß und Gefühl des Nutzens, der Wahrheit, die sie zu Liebhabern machten. Es ist nicht zu leugnen, daß auch aus dieser Zeit Manches sich überlebt habe und jetzt als leeres Gerüst da stehe. Wenn Maximilian I. alle Reichsfürsten antrieb, Universitäten anzulegen, so würde er ihnen jetzt vielleicht rathen, sie zu vermindern, sie in gute Schulen und Seminarien der mancherlei Classen von Menschen und Wissenschaften zu verwandeln. Wenn damals zu Vertreibung der Unwissenheit, zu Ausbreitung besserer Kenntnisse und Meinungen das viele Reden , das tägliche Predigen über dieselbe Sache, dieselben Materien auf eine und dieselbe Weise gut und nöthig war, so würden dieselben Reformatoren von Fürsten, Städten und Ständen, wenn sie jetzt lebten, es gewiß seltner anordnen und dafür den geistlichen oder Lehrstand mehr mit Schulenaufsicht, praktischer Unterweisung und bestimmter Nutzbarkeit für Menschen und mancherlei Stände verbinden. Wenn damals der Sectengeist, daß Jeder sich zu seiner Partei hielt und auf seinen Mittelpunkt drängte, arme Noth war und darnach auch Gesetze, Einrichtungen gemacht werden mußten: wie anders jetzo, da solche Bande erschlafft, solche Abzirkungen minder nöthig sind und Freiheit, Nutzbarkeit, Wahrheit allein die Grazien sein dürfen, deren Reihen die Wissenschaft einschließt. Besserten wir jetzt mit dem Eifer, dem Feuer, mit dem man damals allenthalben besserte, wir wären weiter, statt daß jetzt uns oft das Ruhmwürdige jener Zeiten Hinderniß am Ruhm und am Verdienst wird.   5. Vom Einfluß der Regierung in die Wissenschaften nach Wiederauflebung der Literatur. Wie alle Fermente abgähren und Alles unter dem Monde wechselt, so auch die starken Antriebe für die Wissenschaften von Seiten der Regierung. Mit der Zeit fand man, daß man hie und da im Uebermaß bewundert hatte, daß Ciceronianer deswegen noch keine Ciceronen, Commentatoren der Griechen und Römer deswegen noch keine Griechen und Römer wären. Die Kritik artete mehr und mehr in Streitigkeiten, die Kunst in Nachahmung, nutzbare Wissenschaften in bloße Gelehrsamkeit, sogenannte Reformationen in schädliche Sectirereien, in Unruhen und Wortkriege aus; die Gelehrten machten sich also unter dem Namen ungesitteter Pedanten den Regierungen selbst verächtlich. Es versteht sich, daß dies nicht allgemein und ohne Ausnahmen gesagt sei. Jedes Feld der Wissenschaften behielt seine würdigen Männer, und in den Ländern, wo das erneuerte Licht später hindrang, behielten sie auch länger ihr Ansehen, ihre Wirkung; in Republiken länger als in Monarchien, in Ländern, wo man eben nicht das Feine liebte, länger als in Sitzen üppiger Cultur. In diesen, sobald man merkte, daß man der Gelehrten nicht nöthig habe, setzte man auch die Gelehrsamkeit herunter; sobald man inne ward, daß man ohne Religion witzig sein könnte, ward der Priester wiederum als Pfaffe behandelt. Unglücklicherweise war die Reformation (ich will nicht untersuchen, durch wessen Schuld) nur auf halbem Wege stehen geblieben; man hatte reformirt, aber nicht ganz, und wirklich hie und da zu keinem Endzweck. Die Mängel mußten bald ins Auge fallen, und da die Regierungen das Ihre gethan hatten, überhaupt auch der erste Stoß vorbei war, so vergalt man die vorige Hitze jetzt mit Kälte. Man ließ die Gelehrten zanken, die Pfaffen disputiren, die Pedanten lesen und schreiben; man dünkte sich weise und klug ohne sie, ja, man verachtete sie in Geschäften und verlachte sie in der Gesellschaft. Da sie aus obangeführten Ursachen einmal so tief im Staat gesetzt und so unwirksam gemacht waren, so sanken sie immer tiefer zu mehrerer Unwirksamkeit herunter. Unglückliche Kriege, angeblich der Pfaffen und Religion wegen, mit der doch viele Wissenschaften verwebt waren, kamen dazu, und so entstand das Jahrhundert der Pedanterei , der Zänkereien , der politischen Verachtung . Glücklich, daß eine andere Quelle sich für Musen und Staat aufthat! es war Philosophie, Wissenschaft des Versuchs, Mathematik, Naturlehre, Staatskunst . Die Unterhaltung der Verbindung zwischen Reichen und Ländern konnte, wenn alle Wissenschaften, so doch nicht die Staatswissenschaft sinken lassen; das Recht der Völker bildete sich immer mehr. Aus ihm, aus mancherlei Behandlungen einzelner Geschäfte ist eine neuere Philosophie erwachsen, wie thätlich erwiesen werden kann. Baco, Grotius, Hobbes, Thuanus und so viel Andere sind Zeugen darüber. Glückliche Versuche fanden am Himmel eine neue Welt, also Raum der Wissenschaften unter den Sternen, als man ihnen auf der Erde einen Ehrenplatz versagte und sie in staubige Kerker zwang. Von Geschäften des Staats ausgeschlossen, erfanden die Musen Gesetze der Welt, gruben in die Geheimnisse der Natur, machten die frappantesten Erfindungen und ordneten gleichsam das Weltall. Auf Copernicus' Tritten Tycho, Cartesius und Baco, Kepler und Galilei, Harvey und Boyle, Tschirnhausen, Hevelke , Der Danziger Astronom Hevel , auch Hevelke (Hewel, Hewelke) genannt, lateinisch Hevelius .   D. Huygens, Newton und Leibniz , wenn solche Namen und ihre Erfindungen und Versuche die Regenten Europens nicht zu neuer Liebe der reellsten, erhabensten Wissenschaften hätten reizen können, was hätte sie reizen sollen? Sobald also die Religionsstreitigkeiten und Wortkritik abgährte, kam der physisch-mathematische Geist empor. Die ersten Erfindungen und Versuche waren Unternehmungen von Privatpersonen; denn das Genie ist bestimmt, sich immer selbst seinen Weg zu bahnen. Baco's Atlantis fand beim sophistischen Könige Jakob kein Gehör; er selbst stand als Kanzler und nicht als Philosoph in Betrachtung. Cartesius war aus seinem Vaterlande verbannt; Copernicus entdeckte sein Himmelssystem erst am Tage seines Todes, und Galilei mußte wegen seiner Himmelsentdeckungen Ketten tragen. Es ist bekannt, daß Harvey wegen seiner Erfindung verklagt ward, und wie lange hat Newton 's System kämpfen müssen, ehe es Zutritt in Gallien fand! Ueberhaupt ist's der Regierung vielleicht nicht zuzumuthen, daß sie sich der Wissenschaft in ihrer Empfängniß und Geburt annehme; gnug, daß sie das gesunde, durch Mutterkraft geborne Kind nur aufnehme, erziehe und zu ihrem Dienst verwende. Als die Erfindungen vollbracht waren, entstanden Akademien und Societäten ; und auch von diesen waren die ersten beinahe das Werk von Privatpersonen. Nichts ist rühmlicher für die Fürsten als diese edle Unterstützung, die sie den kostbarsten, nützlichsten, dauerndsten Wissenschaften gaben. Wenn der menschliche Geist in etwas den Funken seiner Göttlichkeit spürt, so ist's in Gedanken, womit er Himmel und Erde umfaßt, die Sterne wägt, den Sonnenstrahl spaltet, sich in die Geheimnisse der Tiefe wagt, die Körper theilt, die Gesetze der Natur erräth und die Unendlichkeit berechnet. Es ist edel, eine Versammlung und Verbrüderung der Geister zu stiften, die so etwas unternahmen, sie in ihrem Werk zu unterstützen und zu gemeinschaftlichen Zwecken zu leiten. Wenn alles Geschwätz des Wahnes und der Sophistik zerfressenes Holz sein wird, so werden wahre Versuche und Beobachtungen der Natur dauern und vielleicht in andern Theorien sich bewähren. Wenn Ludwig in nichts großen Geist zeigte, so war's in dem großen Gesichtspunkt, in dem er seine Akademie der Wissenschaften anlegen ließ, in dem ihm auch die meisten der folgenden Akademien gefolgt sind. Vgl. Herder's Werke, XIV. S. 34 ff.   D. Kamen die Untersuchungen ihrer Mitglieder nicht gleich seinem Lande und seiner Regierung, so kamen sie doch der Welt zu Statten, und was nicht ist, wird werden. Alle große Akademien laufen jetzt offenbar in einer Rennbahn; ihre Werke sind Denkmäler der Zeit, und es braucht nicht, wie ein Witzling gesagt, einer neuen Akademie, ihre Werke zu nutzen und anzuwenden. Die Zeit wird sie anwenden, die Lieblinge jeder Wissenschaft werden weiter bauen und ordnen; gnug der Weg , den sie nahmen, so abgerissen und Stückwerk er ist, dünkt mich in seiner Art der sicherste und beste . Darf ich, der mit dieser Schrift vor der berühmtesten Akademie Deutschlands erscheint, bescheiden einige Gedanken äußern, wie auch den Einwendungen, die man diesen Areopagen der Wissenschaft macht, vielleicht zu begegnen wäre? Man rückt ihnen zuweilen Mangel an Erfindung, hie und da eingeschlossenen Gesichtskreis in Aufgaben, vielleicht Parteilichkeit in Beurtheilung der Antworten vor u. s. w. Entweder Unvollkommenheiten, die von jedem menschlichen Institut unabtrennlich sind, oder gewöhnliche Vorwürfe, die sich selbst widerlegen, die die Mißbräuche treffen und nicht die Sache selbst. Jeder Mensch hat seinen Gesichtskreis, folglich auch jede Versammlung, selbst der erleuchtetsten Menschen. Aus ihm geben sie Fragen, nach ihm entscheiden sie Auflösungen; hiemit werden sie selbst Partei, und das Publicum, Welt und Nachwelt ist Richter. Kein Gott auf der Erde hat noch jemals Köpfe unison stellen können; der Gott der Wissenschaften will's und soll's nicht; er spielt auf einer Leyer von vielen Saiten, von vielen Tönen. Mehr als einmal haben Akademien sich selbst widerlegt, theils in kurzer Zeit, theils im Verfolg ihrer Geschichte; die Akademie der Inscriptionen liefert davon frappante Beispiele, und die Wahrheit kommt vielleicht damit frei und vielseitig an den Tag. Zudem sind die meisten der Wissenschaften, denen die Akademien zum Heiligthum bestimmt sind, der Parteilichkeit minder fähig : Mathematik, Physik, Geschichte, Bemerkung; Meinung bleibt Meinung, und Jedermann steht wiederum die seine darüber frei. Jede Preisaufgabe der Akademie erzeugt ja meistens eine Menge Schriften, die der Preisschrift als Nebenbuhlerinnen nach- oder neben- oder vorfliegen; das Publicum kann sie alle genießen und wählen; die Akademie veranlaßte sie. Allerdings wäre eine Akademie nicht unnützlich, die ohne bestimmte Fragen allgemein die Classe benennte, in der sie Schriften, Werke, Erfindungen, Beobachtungen anzunehmen und nach Befinden zu krönen bereit wäre. Vielleicht käme manches stille Genie mit einem Meisterstücke hervor, dadurch der Saal der Akademie nicht verunehrt würde. Alle Erfindungen nämlich müssen erfunden, alle Meisterstücke frei und im Stillen vollendet werden. Die beste Preisfrage stört sie vielleicht, berührt das Land nicht, wo die Erfindung liegt, oder trifft nur seitwärts auf sie. Die herrlichsten Gedanken des menschlichen Geistes wurden so im Stillen vollendet. Es wäre schön, wenn das verborgne Genie ein solches Olympia wüßte, wo es sein Werk, die Arbeit seiner besten Kräfte und schönsten Stunden, einem versammelten Griechenlande darstellen, sein Urtheil hören, namenlos und verborgen, wenigstens keiner Schande der Entdeckung ausgesetzt, den Kranz seines Verdiensts empfangen könnte. Und wie, wenn die Akademie eine Reihe solcher wetteifernden Meisterstücke, alle frei, alle aus eigner Erfindung, in Wissenschaften wie im Saale der Kunst anträfe und, von ihnen überrascht, nicht Preise der Belohnung gnug hätte und einen Wetteifer, eine freie Concurrenz errichtete, die von der rühmlichsten, besten Art wäre? Jetzt hat vielleicht der beste Kopf eben zu dieser Frage nicht Lust, nicht Zeit; sie wird mittelmäßig beantwortet, und die Akademie muß unter dem Schlechtern das Bessere krönen. Oder er zwängt sich in die Frage, geht in Lieblingsgesichtspunkte ein, frappirt, bezaubert. Und denn, welch ein böses Richteramt, funfzig Beantwortungen einer Frage zu lesen und nun zu richten, zu wählen! viele andre Mißfolgen des Neides, der Mißgunst ungerechnet! Dort arbeitet ein Jeder frei; das stille Nein der Akademie läßt ihm sein Werk eigen, als ob's nicht eingesandt wäre. Mich dünkt, so würde eine Akademie die edle Mutter aller Wissenschaften, die vor ihr erschienen, ein treffliches Mittel der Regierung, allerlei Erfindungen zu wecken , zu prüfen, ans Licht zu ziehen , zu belohnen . Irre ich nicht, so würde eine freie Concurrenz der Art von den rühmlichsten und nützlichsten Folgen werden. Ich fahre fort, von den Mitteln des Einflusses zu reden, dadurch in den neuern Zeiten die Regierungen auf Wissenschaften zu wirken gesucht haben, und da muß ich zuerst die Erziehungsmethoden nennen, um welche sich endlich die Gesetzgebung näher zu bekümmern gelernt hat. Bei den Alten war Erziehung Alles: sie wurde als das erste Mittel zur Bildung des Staats angesehen; die kleinsten Dinge, selbst Ergetzlichkeiten, Musik, Lebensweise, blieben nicht unbemerkt; der Aendrung von ihnen wurde das Aeußerste, das Größte zugeschrieben. Noch im Papstthum wissen wir, was theils überhaupt, theils von einigen Orden durch die Erziehung bewirkt ist. Wie? und bessere Grundsätze sollten nicht Wurzel schlagen? Grundsätze und Methoden eines Rousseau, Locke, Fénélon, Chalotais sollten unwirksam bleiben? Nur freilich ist die Einrichtung davon ein Werk der Regierung . So lange die Bestellung der Lehrer und Form der Schulen schlechten Unterobrigkeiten überlassen ist, die zu Vorstellungen der Art weder Sinn noch Lust haben und dem schnöden, schändlichen Gott Herkommen ( Hercomannus ) dienen, so lange bleiben unsere Schulen elend lateinisch, wo man für lauter Latein nichts und das Latein am Wenigsten lernt. Die bessern Anstalten, die hier erleuchtete Regenten und Regierungen gemacht haben (und sie sind gottlob an mehr als einem Orte gemacht worden!), sind wahre Ausbeuten für die Wissenschaften wie für den Staat und die Glückseligkeit der Bürger, Menschen, Geschlechter. Die höhern Schulen erwarten vielleicht eben die Sorge der Regierung. Wenn Vieles von ihnen wirklich altes barbarisches Gerüst ist, das in unsern Zeiten fremde da steht; wenn so manche schreiende Verlegenheit des Lehrers, so manche rufende Mängel und Unbestimmtheiten ihrer unpraktischen Lehrart , so manche fehlgeschlagne Hoffnung bescheidner Jünglinge, die, überfüllt mit Kenntnissen und Universitätswahne, erst eine neue Laufbahn anfangen müssen, wenn ihnen zu rathen sein soll; wenn dies Alles oder nur Einiges davon wahr ist: sollten wir nicht darauf gestoßen werden, den innern Geist dieser Anstalten zu verändern? sie mit Schulen, Akademien, Seminarien, Geschäften, Aemtern anders zu verbinden oder vielmehr sie selbst ganz in Schulen und Seminarien wirklicher Geschäfte , und zwar classenweise , und nicht in einem wüsten Tumult aller Facultäten, jede Classe den Edelsten ihres Geschäfts unterworfen, zu verwandeln? So dauerte eine Universität nicht zwei Jahre, sondern so lange, bis wir zum Geschäft reif sind; so wären die Lehrer derselben nicht müssige Orakel, sondern Väter und Meister, jeder in seinem Stand und Amte; ganze Provinzen würden in Wissenschaften wie in Brauchbarkeit mit einander verbunden und gleichsam lehrend und lernend nur eine Akademie der Bildung . Ich bescheide mich, daß diese wenigen Linien, so unbestimmt angegeben, dunkel und vielleicht unpraktisch scheinen müssen; sobald ich sie erläutern könnte, blieben sie's nicht und dünken mich im höchsten Grade leicht und praktisch. Nur das Unnatürliche ist schwer, nur eine falsche Zusammenordnung macht Verwirrung. Jede Facultät zu einer praktischen Akademie an ihrer Stelle, an ihrem Ort geschaffen und hiernach die Wissenschaften der Provinz, des Landes geordnet   wo ist der Lykurg und Solon, der diese neue Atlantis wirklich mache? Endlich haben die Regierungen in neuern Zeiten vorzüglich dadurch auf die Wissenschaften gewirkt, daß sie den praktischen, mechanischen Theil derselben aufgemuntert, nützliche Naturlehre und Oekonomie, Schifffahrt, Mechanik, Handel, Waffen und Künste . Die Kriegskunst hat durch ihre Anführer die eigentliche Gestalt der Wissenschaft erhalten und scheint sich dem Punkt zu nahen, mit der wenigsten Bewegung durch wenig entscheidende Schritte, gleichsam als Duell zweier Armeen, als zwei Körper, in denen der Gedanke ihrer Führer wohnt, Vortheile zu gewinnen und zu enden. Die Künste des Friedens sind insonderheit von der Seite des Nützlichen befördert worden. Akademien der Oekonomie wetteifern, die reichsten und ärmsten Länder auf ihre Weise. Wo Akademien fehlen, treten die Regierungen selbst zu durch Aussetzung der Preise auf diese oder jene Erfindung, so daß man das Jahrhundert in der Theorie beinahe das ökonomische nennen möchte. Die Cultur einzelner Länder und Provinzen wird befördert, und insonderheit in Deutschland wird, durch das Vorbild eines großen Monarchen aufgemuntert, hie und da gesucht, was sonst begraben lag, bekannt gemacht, was sonst verachtet geblieben wäre. Die vaterländische Geschichte einzelner Provinzen , die Quellen des Nützlichen und des Reichthums derselben, Handelsvorschläge, Plane zur Aufweckung der Industrie, Berechnung der Einwohner und ihrer Kräfte u. dergl. treten häufig ans Licht, von der Regierung theils veranlaßt , theils geduldet . Auch der unthätigste Fürst will durch Aufmunterung der Wissenschaften, der nützlichen oder schönen, berühmt sein, und obgleich bei dieser Aufmunterung Vieles ins Flittergold, in Eitelkeit und leere Nachahmung übergeht; obgleich so vieles Nutzbare vergeblich gedacht und erfunden ist, weil man's nicht anwendet und an dieser Seite der meiste Mangel zu liegen scheint: so muß man doch jede gute Gabe auch der Wissenschaft annehmen, wie sie uns die Vorsicht verleiht. Ganze Zeitalter wetteifern in Gedanken, andre werden im Thun wetteifern: jene in der Erfindung, diese in der Ausübung; und es ist unleugbar, daß schon vieles Nützlich-Erfundene, insonderheit zur Bequemlichkeit des Gebrauchs , ausgeübt werde. Der Handel aller Nationen, das Interesse der Völker gegen einander ist eine Wissenschaft worden, die zum feinsten Calcül reicht. Die Polizei sucht Alles licht, ruhig, sicher zu machen, und die Gesetzgebung selbst sucht im Tone der Menschlichkeit und Ueberzeugung zu reden. Grobe Eingriffe ins Recht der Völker fallen offenbar ins Auge und müssen von den Regierungen gegen einander selbst (was sonst unerhört war und nicht erfordert wurde) mit Wahrheit, Recht und Menschlichkeit beschönigt werden. Schiffe werden ausgerüstet der Entdeckung der Welt wegen, nicht zur tyrannischen Unterjochung der entdeckten Länder: man hat zwei Nationen Europens in einem erröthenden Vertheidigungsstreit gesehen, auch nur eine neue Krankheit wider Willen dem entdeckten Volk gebracht zu haben. Kurz, je mehr die Weisheit, Güte und wahre Menschenliebe der Regierungen gewinnt, desto mehr werden auch die Wissenschaften von solchem Genius beseelt, zu solchen Zwecken geleitet werden. Man wird ganze Wissenschaften und Stände nutzbarer machen, sie mehr verbinden, als sie verbunden sind, alte Vorurtheile ausrotten und, was Licht ist, auch zur Güte und Glückseligkeit gebrauchen. Ich setze, nachdem wir die Zeiten durchwandert sind und das Gebäude gleichsam ringsum von außen gezeichnet haben, einige Resultate hinzu, die es im Innern , im Aufriß zeigen sollen.   6. Allgemeine Beobachtungen, wie die Regierung in die Wissenschaften einfließt. Sie kann nicht anders in sie einfließen als durch Erlaubniß, Gelegenheit, Erziehung, Vorbilder, Uebung und Belohnung . Wir wollen die Stücke durchgehn und sie insonderheit mit Exempeln der Geschichte belegen. 1. Das leichteste Mittel ist die Nichthinderniß , die Erlaubniß , eine gute Sache zu treiben, die Gedankenfreiheit . Alle Inquisition ist dem Reich der Wissenschaften schädlich; sie macht die Luft erstickend und benimmt den Athem. Ein Buch, das erst durch zehn Censuren gelangen muß, eh es das Licht der Welt sieht, ist kein Buch mehr, sondern ein Machwerk der heiligen Inquisition, sehr oft ein verstümmelter, ein mit Ruthen gegeißelter, im Munde geknebelter Unglücklicher, immer aber ein Sclave. Es ist weltkundig, wie sehr die Reiche der Inquisition an Wissenschaften zurück sind; desto reicher sind sie an Aberglauben, Dunkelheit und Erbauungsschriften. Im Gebiet der Wahrheit, im Reiche der Gedanken und Geister soll und kann keine irdische Macht entscheiden; die Regierung kann's nicht, geschweige ihr bekutteter Censor. Im Reich der Wahrheit ist er nicht Richter, sondern Partei wie der Autor: er muß über sein Ausstreichen, über sein Nein so gut und schärfere Rechenschaft geben als der Verfasser über sein Ja; denn er fängt hochmüthig den Streit an; er ist Unterdrücker, und zwar Unterdrücker des edelsten Safts der Menschheit, des besten Geschöpfs der Schöpfung, des Lichts , der Gedanken -, der Seelenfreiheit . Alle Besserung kann nur durch Erleuchtung werden; ohne Kopf und Hirn regt sich weder Hand noch Fuß. Ich bin ferne davon, eine zügellose Frechheit oder Gleichgiltigkeit der Gedanken zu empfehlen, insonderheit wo sie offenbar die Räder des Staats inne hält, sein Principium unwirksam macht und also gerade seine Zwecke und Glückseligkeit stört. Wohlsein geht dem Menschen über Speculation, das Wohlsein Vieler über die Speculationsglückseligkeit Eines. Ich glaube also, es sei dem Staat frei gelassen, ja nothwendig, gewisse Wissenschaften sowie Ergetzlichkeiten und Beschäftigungen gerade auszuschließen , wenn er sie mit seinem Principium der Wirksamkeit nicht binden zu können sich getraut. Alles darf nicht überall wachsen. So wie es selbst nicht allenthalben stehn will, so hat auch der Gärtner Freiheit, es nicht überall stehn zu lassen, wo es sich hindrängt; nur durch diese Einschränkung und Ausschließung wird Richtigkeit, Zweck, Ordnung, Schönheit und Nutze, d. i. Feld und Garte. Wer Unkraut ungestört wachsen lassen will, weil es zuweilen schön aussieht und doch auch in seiner Art gut ist, der darf nicht säen und ernten. Durch Ausschließung der Uebel fingen alle alten Gesetzgeber an auf das Gute zu wirken. Moses verbot seinem Volk die Abgötterei; die Bildnerei mußte er also mit untersagen und alle schönen Künste der Götterfeste. Wie strenge war Lykurg! nur durch Ausschließung der Ueppigkeit , wie in Wissenschaften so in Sitten, gelang es ihm, sein Volk auf den Mittelpunkt seiner Stärke, spartanische Tugend und Vaterlandsliebe, zu drängen und darauf festzuhalten. Sobald Sparta aus sich selbst ging und Alles, was zu ihm wollte, hineinließ, verfiel es. Auch dem mildern Solon war nicht Alles gleichgiltig. Er sagte zu Thespis, als er bei seiner Wiederkunft nach Athen das erste Trauerspiel sah: »Ich wundre mich, daß Du Dich nicht schämst, vor einer so großen Versammlung zu lügen«; und als Thespis sich mit angenehmer poetischer Erdichtung entschuldigen wollte, schlug er mit dem Stock auf die Erde und sagte: »Finden wir einmal an der Lüge zu unsrer Belustigung Geschmack, so wird sie sich bald auch in unsre ernstlichsten Geschäfte einschleichen.« Plut . Sol., 29.   D. Die Geschichte Athen's hat Solon's Weissagung offenbar bekräftigt. Ich entscheide es nicht, ob Cato ganz Unrecht gehabt habe, da er der Aufnahme jedes müssigen griechischen Schwätzers so scharf entgegensprach. Plin . N. H., VII. 31.   D. Mich dünkt, der Erfolg hat sein Wort bekräftigt, und wenigstens wäre Beurtheilung und Unterscheidung dessen, was aufgenommen werden sollte, Rom nicht schädlich gewesen; zuletzt war's zu spät, da der Willkür und dem Geschmack der Luculle Alles frei stand. Gleicherweise kann's auch noch Republiken und Städte geben, wo z. B. die Einführung eines Schauspiels nicht vom besten Erfolg ist und die Regierung sich derselben trotz aller Declamationen und Pasquille der Schöngeister und Aufklärer der Welt ernstlich widersetzen darf und muß. Jeder Staat hat seine Zwecke , sein Principium , seine Grenzen ; je mehr die Regierung diese in Allem, also auch in den Gesetzen über Literatur und Künste , im Auge hat, desto mehr wird der Staat gedeihen und mit Hinwegräumung des fremden Unkrauts gleichsam auf seiner Wurzel leben. Wir gestehen, daß die hier vorgetragene Lehre nicht ohne Bedenklichkeiten scheint. In einem Staat, wo nicht eben immer die erhabenste Weisheit mit großer Kraft herrscht, wer wird entscheiden, ob nicht Alles, was über die Gemeinheit (Vulgarität) sich erhebt, entbehrlich und insofern gefährlich ist, als die Gehorchenden dadurch klüger werden könnten als die Befehlenden! Die vorherrschende Kaste, sei sie adelig oder geistlich oder büreaukratisch, wird gegen alles Liberale viel einzuwenden wissen. Eine gute und wachsame Regierung darf, glauben wir, Freiheit gestatten; sie soll aber nicht geschehen lassen , sondern leiten , so daß dem Blendwerk des Irrthums nicht ein Verbot entgegengesetzt werde, sondern die unüberwindliche Kraft wohl dargestellter Wahrheit. Hiezu werden die Mittel nie fehlen, wenn sie die ersten Köpfe sich als Freunde und Gehilfen associirt hält.   Anm. Müller's. Aus dieser Weisheit einschränkender Gesetze folgt aber nichts minder als blinde Dummheit in Verwerfung alles Neuen und Nützlichen , was nicht nach unserm Hirn ist, kurz, Inquisition . Diese nimmt nicht den Staat, sondern ganz etwas Anders zur Meisterin ihrer Censur, zur Regel ihrer Unterdrückung an, und meistens ist solches Popens Dulness, die bleierne Göttin mit verschlossnen Augen. Auch ist's ein großer Unterschied, fremde Wissenschaften nicht einzulassen, und die schon im Staat sind, wohl zu regieren . Diese sind einmal da, sie sind Triebfedern, Mittel zu Gutem oder zum Bösen. Schläft da das Auge der Regierung und nimmt zum Grundsatz: »daß nur nichts anders werde, daß Alles, wie es ist, bleibe« (und meistens ist dies der löbliche Grundsatz), so ist das nicht Weisheit, sondern Schlaf, nicht Ruhe, sondern Grausamkeit und Schwachheit. Einmal ist's gewiß, daß nichts in der Welt, was es ist, bleibe. Es nutzt sich immer ab; seine Bande und Triebfedern werden schlaff und matt, und wenn nicht nachgesehen, nicht nachgeholfen wird, so steht unvermuthet das schönste Werk, zumal von vielfacher Composition, still. Gewiß ist dies der Fall mit den Wissenschaften im Staat in Verhältniß zu seinem Aufkommen oder Sinken. Die Wage ist hier so fein, die Grade des Verhältnisses so mancherlei und vielfach, daß gewiß kein schläfriger Censor oder stolzdummer und dummstolzer Inquisitor zur Entscheidung gehört. Und immer dünkt mich's eben dieser Verflochtenheit und der Schwachheit menschlicher Entscheidung wegen besser, frei als sclavisch, mild als enge und grausam zu sein, zumal wo es die äußersten Bedürfnisse des Staats gar nicht berührt. Jener König von Frankreich ist lächerlich, der in der mittlern Zeit zwischen den Nominalien und Realien der Scholastik, zwischen quisquis und kiskis entscheiden wollte und dazu Lettres de cachet brauchte. Der Papst ist lächerlich, der den Bischof Vergerius in den Bann that, weil er Gegenfüßler annahm. Das Gericht zu Rom ist unvernünftig und grausam, das den Galilei ins Gefängniß warf, weil er's unter den Sternen anders fand, als sie es finden wollten; über die Sterne ging ihr Gerichtskreis nicht: weder sie noch Galilei konnten von dorther Advocaten holen. Es ist lächerlich, wenn Harvey sich über den Umlauf des Bluts vor Gericht vertheidigen mußte, und abscheulich, wenn in den mittlern Zeiten die besten Leute über die wahrsten Entdeckungen, Meinungen und Hypothesen als Zauberer und Gottesleugner verfolgt, verschrieen und verbrannt wurden. So dünkt es uns jetzt, ihnen damals nicht also, und so sollen dergleichen häßliche und schreckliche Fehltritte der Nachwelt wenigstens Warnung sein. Vieles wird entdeckt werden, was noch nicht entdeckt ist, viele Vorurtheile zernichtet werden, die jetzt noch als Wahrheit gelten. Können wir sie selbst nicht wegräumen, so lasset uns wenigstens bessere, mächtigere Hände daran nicht hindern, dem Licht und der freien Luft wenigstens nicht Fenster und Löcher verschließen, wenn sie mit Gewalt zu uns wollen! Je gegründeter ein Staat in seinen Principien, je geordneter und heller und stärker er in sich selbst ist, desto weniger läuft er Gefahr, vom Winde jeder Meinung, von jedem Pasquill eines aufgebrachten Schriftstellers bewegt und erschüttert zu werden; um so mehr wird derselbe auch Freiheit der Gedanken und, mit einiger Einschränkung nach seiner Situation und Lage, Freiheit der Schriften gönnen, bei der die Wahrheit am Ende doch gewinnt. Nur Tyrannen sind argwöhnisch, nur geheime Bösewichter furchtsam. Ein offner Mensch, der Recht thut und auf seinen Grundsätzen fest ist, läßt Alles über sich sagen; er wandelt am Tage und nutzt selbst die ärgsten Lügen seiner Feinde. So auch eine Regierung , auf Gesetze, Freiheit und Wohl der Menschen gegründet; so auch eine Religion des Staats , die wahr ist und durch jede Beleuchtung nicht anders als endlich gewinnen kann. Alle Monopolien der Gedanken sind schädlich; alle drückende Zünfte und Societäten derselben sind   hie und da noch, nirgend aber müssen sie letzter Zweck werden. Nicht ihnen soll die Wahrheit, sie sollen der Wahrheit dienen, oder sie sind ihrer Stelle nicht werth. Ueberhaupt ist Freiheit der Gedanken die frische Himmelsluft, in der alle Pflanzen der Regierung, zumal die Wissenschaften, am Besten gedeihen. Der Regent eines Staats muß beinahe ohne Lieblingsmeinungen sein, damit er die Meinungen Aller in seinem Staate umfassen, dulden, läutern und zum allgemeinen Besten lenken könne; daher sind große Regenten auch so selten. * 2. Näher wirkt die Regierung auf die Wissenschaften durch Gelegenheiten , die sie zu ihnen veranlaßt und fördert , und diese werden insonderheit durchs Band der Länder und Religionen , durch Kriege, Bündnisse, Handel . Griechenland bekam seine Buchstaben aus Phönicien, seine ersten Keime der Einrichtung aus Aegypten, Etrurien aus Aegypten und Griechenland, aus Griechenland Rom, aus Rom die Völker. Die Sarazenen holten aus Constantinopel Bücher, Wissenschaften, Künste; von Sarazenen bekamen sie die Christen. Unter diesen hat ein Land vom andern gelernt und geerbt; oft ziehn Regierungen die Kette der Wissenschaften von Land zu Lande, und die Vorsehung gebraucht dazu zuweilen die blutigsten, schrecklichsten Wege. Alexander's Zug in Asien ließ Wissenschaften und die griechische Sprache daselbst; die Römer überwanden die Welt und pflanzten überall ihre Gesetze und Denkart; die Barbaren stürzten über Europa und wurden endlich von Religion und Wissenschaft gebändigt. Die Sarazenen überschwemmten Spanien und Italien und ließen Reste und Spuren ihrer Kenntniß. Die Kreuzzüge erweiterten Europens Begriffe und zerbrachen seine harten Bande; die mancherlei Kriege der Mächte Europens unter sich schleppten Länder in Länder und theilten einander (schlechter Ersatz so großer Uebel!) wenigstens hie und da Bücher, Kenntnisse, Meinungen mit. Es ist bekannt, was Spanier und Franzosen lange Zeit nur auf Deutschlands Sprache gewirkt haben; in Wissenschaften wie mit den Familien unsrer Regenten und unserm armen Blut haben wir ja beinahe allen Völkern Europens gedient. Woher kommt's, daß unsre Literatur ein solches Gemisch ist, das für großer Fruchtbarkeit zu keiner Bestandheit kommen kann? Wir sind in ewigem Conflict mit uns selbst und andern Nationen , die uns brauchen und verachten, denen wir dienen und sie verehren. Wie Deutschlands Verfassung und Geschichte ist, ist auch seine Literatur. Es ergiebt sich von selbst, daß nicht alle Mittel solcher Mittheilung und Gemeinschaft der Völker gleich gut sind; der Weg des Krieges und der Dienstbarkeit ist der härteste und schlechteste. Sich in die Dienstbarkeit zu stürzen, ist leicht; nicht immer aber kommt ein Moses, der sein Volk befreie und es dafür auch mit dem Raube ägyptischer Gesetzgebung lohne. Die wilden Kriege pflanzen Haß und nicht Liebe der Völker; die Liebe und bessere Bekanntschaft, die sie stiften, war wenigstens nicht der Kriegenden Zweck . Welch ein schöneres Mittel der Ausbreitung guter Kenntnisse waren die Colonien der Alten ! Phönicier und Griechen haben sich dadurch verewigt. Sie veranlaßten neue Sitze der Wissenschaften sowie der Handlung und beschämen die Etablissements der Christen in den mittlern Zeiten sehr. Marseille bekam seinen Pytheas , wie Batavia und Goa noch keinen gehabt hat und vielleicht nie haben wird. Die einzigen Colonien der Engländer machen eine ewig rühmliche Ausnahme. Vielleicht wenn die Wissenschaften in Europa verfallen sein werden, werden sie dort aufgehn mit neuer Blüthe, mit neuen Früchten. Die Bemühung eines Staats, uncultivirte Striche zu cultiviren und mit glücklichen Einwohnern zu bepflanzen, ist, wie auch das Rad des Schicksals laufe, das reinste Verdienst für die Nachwelt. Die schönsten Striche der Welt, selbst in Europa, liegen jetzt noch öde. Griechenland und Nationen, die ihm gleichen, sind traurig-schöne Wüsten; vielleicht wird sich das Rad des Schicksals kehren, die Länder am Schwarzen Meer und weit umher und tief hinunter werden aufleben und in neuen griechischen Wissenschaften und Tänzen vergnügt sein. Glücklich möge die Regierung sein, die den Strom einer gerechten und schönen Bildung dahin leitet! Oft waren Reisen , zumal veranlaßt von der Regierung oder von Staatsmännern und Philosophen selbst angestellt, das Mittel der Verpflanzung der Wissenschaften aus Gegend in Gegend . In Griechenland reisten die Philosophen und Gesetzgeber selbst: Lykurgus, Solon, Pythagoras, Plato. Mit Reisen fing sich die Aufklärung Europens an, insonderheit waren Wallfahrten, Kreuzzüge, Seeabenteuer dergleichen. Viele Sagen der Normänner, die meisten Fabeln und herrschenden Gedichte, zuletzt hellere Nachrichten und Meinungen von fremden Völkern kamen daher. Die damalige Art des Handels war persönlicher, die Bekanntschaften förmlicher und enger. Die Jahrhunderte der Negociationen kamen (so viel ihrer bekannt sind, eine bündige Quelle der Geschichte); endlich kam die Zeit der wirklichen gelehrten Reisen . Ludwig XIV. sandte solche zum Nutzen der Wissenschaften und zum Ruhme seines Reichs aus, Andere sind ihm gefolgt. Die Reisen Tournefort's, Vaillant's, Cassini's , die spätern Reisen der Akademisten für Astronomie und die Gestalt der Erde, die Reisen der russischen Missionarien nach Sibirien für Naturlehre und Geschichte der Länder, die neuesten englischen Reisen zu Entdeckung des Meers und neuer Länder sind ansehnliche Mittel der Regierungen zu Erweiterung der Wissenschaften und Kenntnisse unsrer Erde. Europa hat jetzt einen Vorzug vor allen Zeiten, daß es die Länder der Welt durch Macht und Schifffahrt bindet, mithin Gelegenheit hat, auch nach Kenntnissen zu reichen, wohin es will. Engländer und Franzosen haben gewetteifert, uns Denkmale des ältesten Asiens zu geben, und Anquétil Zend-Avesta . Préface .   H. hat in seinem Entdeckungseifer gar eine wandernde Akademie für alle Welttheile vorgeschlagen, der nichts als ein Ludwig XIV. fehlt. Zu eben solchen Veranlassungen gehört noch, daß eine Regierung die Schätze der Literatur ihres Landes nicht verheimlicht, wo sie nicht zu verheimlichen sind; denn auch darin sind die Wissenschaften Licht, daß sich an ihnen anzünden läßt und sie damit nichts verlieren. Es ist Zeichen der Schwachheit, Barbarei und Trägheit, wenn eingeschlossen wird, was gemein sein soll, wenn, was gebraucht werden soll, vermodert. Eingeschlossene Bibliotheken, vergitterte Urkunden und Manuscripte, unzugängliche modernde Archive   wie viel sind nicht noch ihrer! Welch ein Vortheil wäre es für die allgemeine Literatur Europens, wenn eine gütige Regierung sich um die literarischen Schätze Constantinopel's, Escurial's, Aegyptens , so vieler undurchsuchten Bibliotheken und Klöster in Europa (selbst in Deutschland), Afrika und Asien bekümmerte und das ohne Zweifel unzählig Merkwürdige ans Licht brächte! Noch sind solche Veranlassungen und Gelegenheiten in Menge; sie können aber hier nicht aufgezählt werden, weil sie einzeln sind und meistens ein glücklicher Zufall sie dem Wachenden giebt. * 3. Erziehung war das große Triebwerk der alten Regierungen, mit dem sie auf Sitten und Wissenschaften wirkten. In Republiken sieht man mehr auf sie als in Monarchien, in kleinen, einfachen Staaten mehr als in unendlich zusammengesetzten Ländern. Unter dem Joch des Despotismus verschwindet die Erziehung und die öffentliche Sorge für sie; der hat andere Bande, die Menschen zu lenken, als früh eingeprägte edle Begriffe. Und was sollen auch diese? wie sind sie möglich, wo ein Volk sie in lebendigen Beispielen nicht um sich sieht, wo es selbst das schrecklichste Gegentheil ist von dem, was die Erziehung gut heißt? Die grünsten Blätter der Lorbeern römischer und griechischer Geschichte verwelken in solchen Händen zu elenden Phrasen; man lernt und sieht ewig Worte, weil man die Sachen nicht anwenden kann , weil der Inhalt selbst für uns zu groß ist. Regierungen geben also den Wissenschaften den tödtlichsten Streich, wenn sie den Menschen die Sinne nehmen, was gut und schön ist, in ihnen zu sehen, was häßlich und schlecht ist, zu verdammen und wie die Hölle selbst zu fliehen. Ein freies Herz erzeugt auch eine freie Seele; ein edler Geist kann nicht würdig denken und unwürdig leben. Tyrannen erzeugen Sclaven, Wortkrämer, Pedanten, Schmeichler, kriechende, niederträchtige Seelen   das zeigt die ganze Geschichte. Mit der Regierung verfällt die Erziehung , mit ihr Wissenschaft, Freiheit, Muth eines Volks, Alles. So war's mit der Erziehung der mittlern Zeiten . Der geistliche Despotismus setzte Wissenschaften, die zu lehren sein sollten, in Form und Methode; Alles gerieth darnach. Ein Gleiches ist's mit der Erziehung noch jetzt in schlecht bestellten Staaten, so daß man sie und die öffentliche Bildung gewissermaßen einen Spiegel von jener nennen kann in Mängeln und Fehlern. In Ländern, wo keine Religion gilt, wird sie auch in Schulen nicht gelten; wo Altfranken am Ruder des Staats sind, werden auch Altfranken lehren. Einem vernünftigen Regenten kann's gewiß nicht gleichgiltig sein, welche Wissenschaften und wie sie auf Schulen gelehrt werden, welche ersten Eindrücke sein künftiger Bürger und Unterthan bekommt, mit welchen Jünglingen die Aemter seines Staats besetzt werden. Alle bessre Bildung fängt hier von Jugend auf an, im Stillen , im Kleinen . * 4. Die Erziehung dauert durchs ganze Leben, und das wirksamste Mittel, wie der Staat auf Wissenschaften wirkt, ist ihre öffentliche Anwendung und Uebung . Jeder Kunst ist's die schönste Belohnung, wenn ihr ein Kreis der Uebung wird, in dem sie sich als Kraft fühlen darf und strebt; eine müssige Kraft drückt nur, ein unnützes Korn vermodert. Dies war das große Mittel, wodurch nebst der Erziehung Griechen und Römer wirkten: die Wissenschaften wurden ihnen lebendige Pflanzen, bürgerliche Kräfte. Benimmt eine Regierungsform ihnen dies, den Kreis ihrer Anwendung, ihres wahren Lebens, sperrt sie sie in unfruchtbare Wüsten oder macht sie zum Schemel der Unwissenheit aller Stände, so sind sie, wenn ihre Natur Anwendung will, verdorben. Nun kann freilich jede Regierung nicht alle gleich brauchen; die sie aber brauchen kann, brauche sie recht und lasse andere andern Regierungen und Zeiten. Ein Staat, der gegen alle Wissenschaften gleichgiltig ist, ist eine lässige Regierung; ein Staat, der auch die verschiedensten gleich anwendet, hat seine Vernunft verloren. Wenn der Schreiber Minister, der Priester Lustigmacher, der Jurist ein Witzling sein soll und Alle, eben weil sie dies sind, befördert und an ihre Stellen gesetzt werden: wahrlich, so wird die Austheilung gelehrter Aemter ein Kartenspiel; man nimmt die Karte, wie sie fällt, insonderheit wie sie bunt ist, und wer nicht hungern will, muß nicht die Wissenschaft lernen, die zum Amt gehört, sondern die zu ihm führt ! Priester zu werden, lernt er tanzen; Richter zu werden, spielt er die Geige. Schändliche Verachtung der Wissenschaften und des Staates selbst im Staate! Wer wird sich Mühe geben, wenn Mühe verlacht wird? wer Wissenschaften der Anwendung treiben, wo ihm der Unwissendste andrer Talente wegen vorspringt? Und doch geschieht dies öfter, als man glaubt; ja, man ist in einigen Fällen schon gewohnt, daß es geschehen könne und dürfe . Manche Prüfungen, ehe man zu Aemtern gelangt, sind wahre Pasquille aus Wissenschaften und Aemter. Man fragt Sachen, wo es eine Schande ist, zuweilen sie zu wissen, zuweilen sie zu fragen; man fragt sie auf eine Art, wo es ein Unglück wäre, wenn der Geprüfte sie in seinem Stande also anwenden wollte; ja, was bedeutet endlich diese ganze Prüfung? Sie entscheidet wegen zukommender Nebenumstände nichts; sie tastet, wenn sie auch am Besten geriethe, das Wesentliche des Amts, das Innere dieser Person wenig an; sie ist ein gutes » Hilft's nicht, so kann's nicht schaden «. Und sie schadet wirklich, wie Alles, was nicht nutzt, wo man Hilfe will, schadet. Weiß man, wie schlecht die Pforten zu den Aemtern im Staate besetzt sind, so rüstet sich Jeder aufs elende Compendium der Formeln, die von den Thürhütern gefragt werden, lacht selbst darüber und passirt. »Ei, wenn ich nur meinen Stryk , meinen Hutter und Bayer kann, rechtlehrig und kriechend oder schieflehrig und galant, wer fordert mehr?« So sind manche Stände zum Pöbel hinabgesunken und ganze Wissenschaften mit ihrer Anwendung unter die Schlaftrunkenheit, Unwissenheit, den Geiz oder andre Leidenschaften ihrer Brabeuten verkauft; in weniger Zeit wird sodann das wahre Verdienst der Aemter Austheilenden und Empfangenden selbst zum Gespött und Ekel. Erstere sind sich bewußt, ein halb Jahrhundert so ausgetheilt zu haben; warum sollten sie jetzt anders? Mithin ist die Wissenschaft der Art verbannt, wenngleich das Formular ihrer Würde sich auf unnütze Art forterbt. Die wirkliche Anwendung derselben widerspricht ja dem Formular, und der öffentliche Contrast macht oft nur die Sache ärger. Sein wollen und nicht sein, ist schlimm; sein sollen und doch auch nicht sein sollen, ist das Aergste vom Argen, und solcher Widersprüche sind in Absicht auf die Anwendung mancher Wissenschaften viele Länder und Staaten voll, worunter ich insonderheit den geistlichen und den Erziehungsstand rechne, andrer zu geschweigen. Was würden die Alten, was würde Numa, Lykurg und Solon sagen, wenn sie diese Einrichtungen, die Anwendung und Triebfedern der Wissenschaft sein sollen, sähen? Das wahre Auge und der göttlichste Blick eines Regenten ist, in jedem Stande, in jeder Wissenschaft den Werth zu entdecken, der in ihnen liegt , und sie zu diesem Werthe mit wohlthätiger Hand gleichsam zu zwingen , genau die Zugänge zu bewachen, wie Wissenschaft Belohnung sucht, und sie auf den Platz im Staate zu führen, wo Wirksamkeit ihre schönste Belohnung ist , und wo ihr Gutes sich auf alle benachbarten Stände fortbreitet. So werden Kräfte geweckt, so werden Wissenschaften und Gaben aufs Neue gewürdet. Trajan und Gustav Adolph waren nicht gelehrt, sie trugen aber mehr zur Aufnahme wahrer Wissenschaft bei als vielleicht Hadrian und Christine; sie wußten sie anzuwenden, zu schätzen, zu gebrauchen. * 5. Groß ist der Einfluß, den dergleichen Anwendung auf die Wissenschaften hat, nicht nur an sich, sondern auch als Vorbild Andrer betrachtet. Der Literatur eines ganzen Landes ist's Ehre und Freude, wenn ihre Lieblinge geehrt, gebraucht, geschäftig sind; sie sind die Aufmunterung der Jünglinge, ihre thätige Beihilfe und treiben junge Knospen hervor. Alle goldne Zeitalter der Wissenschaften beweisen's, daß in ihnen nichts so wirkend und hinreißend war als das Beispiel ; und das lauteste Beispiel giebt immer die Regierung . Wenn in jedem Stande nur einige geschickte Männer am Werk sind, so wecken, so bilden sie bald Ihresgleichen; unvermerkt wird Unwissenheit und Finsterniß in den Winkel verdrungen und muß knirschen und sich schämen. Jede Wissenschaft , wenn sie nur von einigen Beispielen würdig behandelt ward, breitet auch auf andre, insonderheit nachbarliche Wissenschaften Würde und Licht aus; zuletzt werden auch, wenn auch nur dem Contrast zu entgehen, die Ecken lichter. Der ganzen Schriftstellerei eines Landes ist's Vortheil, wenn sie Schriftsteller von anerkannten Verdiensten auch im thätigen Leben gehabt und insonderheit frühe gehabt hat; sie haben ihren Geist den Schriften eingeprägt, und diese werden Muster . Engländern, Italienern und Franzosen, noch mehr aber Griechen und Römern hat's gewiß nicht geschadet, daß die würdigsten Männer ihrer Regierung auch geschrieben und zum Theil die Handlungen ihres Lebens selbst verfaßt haben. Ich weiß es wohl, daß vorzüglicher Geist nicht eben an vorzüglichen Stand gebunden sei und oft mit demselben wunderbar contrastire; an vorzügliche Geschäfte aber sollte er gebunden sein, und diese sollten im Staate und in der Wissenschaft vorzüglichen Stand geben . Es ist nicht das beste Zeichen, wie in Deutschland Wissenschaft und Regierung mit einander stehen, daß jene dieser so verächtlich ist und sich für Hochachtung nicht zu lassen weiß, wenn der Mäcenat sich herunterläßt, ein Blatt oder ein Buch   zu schreiben. In andern Ländern ist eine Sclavenmiene der Art unerhört; wenn ein Minister und Cardinal schlecht schreibt, so hat ein Minister und Cardinal   schlecht geschrieben. * 6. Ohne Zweifel ist's noch eine größere Aufmunterung der Wissenschaften, wenn der Fürst selbst Beispiel giebt ; allein fast ist das Beispiel zu hoch, zu theuer. Freilich, wenn der Himmel, wie in Cäsar, Marc-Antonin, Friedrich und wenigen andern Regenten, die seltnen Gaben, glücklich zu denken und zu handeln, vereinigt, daß die Feder weder dem Scepter noch Kriegesstabe schadet, so sind eben so außerordentlich vereinte Gaben an ihrer Stelle doppelt ehrwürdig und schätzbar. Meistens ist aber der Name eigentlich gelehrter Prinzen der Geschichte nach unglücklich. Nicht an sich selbst   denn Wissenschaften und die Gabe zu herrschen, die selbst die höchste Wissenschaft ist, stehn in keinem Streite: nur freilich des so leicht zu befürchtenden Mißbrauchs wegen. Der gelehrte Fürst liebt vielleicht Musen und nicht Geschäfte: er sammelt Gelehrte um sich und vergißt die Männer des Staats; Feinde dringen ihm auf den Hals, er liebt die Ruhe und erkauft vielleicht einen schimpflichen Frieden. Zu theures Opfer für die Wissenschaften, Ehre und Glückseligkeit des Staats, die sich auf Wirken und nicht auf Denken allein gründet. So übereilte Christine unwürdig den Frieden und vernachlässigte die Regierung und verschwendete die Güter des Staats. So war Alphonsus in Castilien, Erich in Dänemark, Kaiser Friedrich III. in Deutschland, so viele Kaiser in Orient, so manche Despoten in Rom gelehrte, aber lässige oder unglückliche Kaiser, die selbst durch ihr Beispiel und ihre Regierung der Wissenschaft mehr verderbten als nützten. Am Meisten ist aber auch der Geschmack der Monarchen der freien Wissenschaft furchtbar. Ist er gut, so ist nichts wirksamer als dies Vorbild, wo nicht, nichts schädlicher als dasselbe. Der Geschmack Mäcenas' und Caligula 's, die Verse Nero 's und Hadrian 's, die sophistische Spitzfindigkeit Jacob 's I. und andere Beispiele nebst den übeln Folgen, die sie gaben, sind Warnungen in der Geschichte. * 7. Am Besten spricht der Regent durch allgemeine Schätzung und Belohnung . Zu ihnen gehört, daß er die Wissenschaften kenne und liebe, daß er auch durch eignen Versuch, wenigstens in der Jugend, ihre Mühe kenne und zur Aufmunterung seines Geistes miteifre; der thätigste Einfluß aber bleibt ihre Anwendung im Staate. Je edler, wahrer, zweckmäßiger diese ist, desto höher steigt der Ruhm und das Verdienst des Fürsten, oft durch Vergleichungen von Jahrhundert zu Jahrhundert höher. Zehn Fürsten in zehn Zeitaltern können eine Wissenschaft schätzen und lieben, aber in sehr verschiednem Grade der Würde, des Verstandes, des Glücks, des Verdienstes. Schöne Wissenschaften, Philosophie, Religion, Beredsamkeit, Dichtkunst   zu allen Zeiten eine und dieselbe Sache, aber in verschieden Zeiten und Regierungen wie anders angesehen, angewandt, belohnt, behandelt ! Auf dieser Laufbahn liegt der Ruhm des Fürsten; er wetteifert mit allen guten Regierungen, die vor ihm waren, um die Talents seines Zeitalters, seines Reichs noch besser als jene , noch nutzbarer und edler zu brauchen. Ein Fürst, der Wissenschaften liebt, aber schlechte Wissenschaften, dazu enge, kleinkreisig, unedel, wird den bessern durch seinen Einfluß auf diese gewiß schaden. Der Geschmack des Herzogs von Orléans, als Regenten von Frankreich, Karl 's II. von England, Kaiser Julian 's u. A. breitete sich bald umher; Alles suchte Gold, liebte Kothmalereien und üppige Gedichte, Theurgie u. dergl. Hinter dem Grabe des Regenten erscheint bald seine wahre Gestalt, auch mit welcher Kenntniß und Neigung er Wissenschaft liebte und belohnte. Die Flittern der Eitelkeit bleiben im Strom Lethe; leerer Dunst, den man seinen Zeitgenossen machte, kommt nicht hinüber. Auch wird sodann meistens die Disproportion vom Wollen und der That , vom leeren Streben zu nichtigen Endzwecken sichtbar. Der Fürst, der durch die Ehre seiner Gesellschaft dämonisch machen, durch Gold Genie inspiriren will, berührt meistens mit heiliger Hand   Kröpfe. Deren Heilung die französischen Könige sich zuschrieben.   D. Der Einfluß der Regierung ist, wie die Witterung, wie Gott und die Natur wirken, nicht willkürlich und wörtlich, sondern im höchsten Grad stille, fortgehend, thätig .   7. Allgemeine Beobachtungen von Veränderung der Wissenschaften, nachdem sich die Regierungen verändert. Alles ist auf der Erde im Wechsel, so Wissenschaften, so Staaten. Die Wissenschaft wie die Regierung in abstracto ist auf unserm sich immer drehenden Balle noch nicht erschienen, auch vielleicht nirgend erscheinbar. Sie sich also zu gedenken, nach diesem Ideal, einem schönen Trugbilde, zu haschen, ist schön und nützlich (man findet Vieles auf dem Wege); der Welt indessen ist sie immer nur in einzelnen Zügen, nach solchen und solchen Veranlassungen die Entwicklung gewisser Localumstände gewesen. Je vortheilhafter diese waren, je länger, thätiger und besser sie entwickelt wurden, desto schönere Ausbeuten gab's in Wissenschaften und der Regierung. Der glänzendste Monarch ist nicht immer der größte, die Zeit der Blüthe einer Wissenschaft nicht immer die verdienstreichste. Wer gesät, wer den Acker durchgebrochen und die Frucht hergeschafft hat, that mehr, als der da erntet. Es wird leicht, den Faden dieser Verändrungen auf unsrer Erde zu verfolgen, aber schwer, sie mit deutlichen Charakteren zu bezeichnen, und noch schwerer, sie mit den Regierungen ihrer Zeit zu berechnen. Man nennt über Wissenschaft und Staatsform allgemeine Worte, z. B. Republik, Monarchie, Despotismus; Poesie, Beredsamkeit, Philosophie, Künste , deren Geist sich doch so sehr verändert hat, die oft nach weniger Zeit an derselben Stelle nicht mehr dasselbe waren. Keine zwei Republiken und Monarchien sind sich noch einander gleich gewesen, so wenig als zwei Wissenschaften, die Triebfedern ihrer Regierung. Die Zeit selbst verändert eine jede mit ihren Momenten, und der philosophischen Geschichte bleibt nichts übrig, als diese Einzelnheiten scharf zu bemerken und anzuwenden. Ich wünschte, wir hätten eine solche philosophische Geschichte sowol der Wissenschaften als der Regierungen und ihres Einflusses in einander! Schöne Bruchstücke haben wir insonderheit in der politischen Geschichte, in Bearbeitung einzelner Perioden derselben; der Baum des Ganzen, » wie Wissenschaft in ihren Zweigen und Früchten allmählich, hie und da und durch welche Veranlassungen sichtbar geworden ,« fehlt. Die väterliche Regierung scheint zuerst die nothwendigsten menschlichen Kenntnisse, insonderheit Religion gegründet zu haben, welche letztere unter dem Despotismus zur größten Pracht gerieth und sich ihm gleichsam zur Seite setzte. Despotismus scheint die Kenntnisse, unter dem väterlichen Regiment erfunden, zu Gesetzen des Landes fixirt , hiemit zuerst genützt, nachher aber insonderheit durch sein Uebermaß, seine Gewaltthätigkeit und Willkür unendlich geschadet zu haben. Der Baum der Wissenschaft stand still und wuchs nicht weiter. Die Freistaaten brachten Maß und Verhältniß wieder, sowol der Bürger zu einander als der Wissenschaften zum Staat; sie unterscheiden sich also überall durch Natur , durch menschliche oder politische Wahrheit , durch gemeine Nutzbarkeit und Verhältniß . War die Republik Demokratie, so waren's Volkswissenschaften , die da blühten, Poesie, Redekunst, Popularphilosophie, Künste, die ins Auge oder Ohr fielen; war sie Aristokratie, so waren's mehr Wissenschaften stiller Ueberlegung , Staatskunst, Philosophie, Geschichte; waren beide Formen vermischt, so liefen auch die Wissenschaften beider durch einander. Ist eine Republik auf Fleiß, eingeschlossene Emsigkeit, Ackerbau u. dergl. gebaut, so werden die Künste des Nützlichen und der Sparsamkeit gelten; ist sie eine Republik des Handels, so wird sie die Kenntnisse treiben, die ihn begünstigen, oder die er hervorbringt, nach dem er ist. Genießt sie selbst die Ausbeute davon, so werden's Künste der Ueppigkeit sein; ist sie nur Unterhändlerin, die sich durch Sparsamkeit erhält, so wird sich dieser Charakter auch ihrer Wissenschaft und Lebensart mittheilen. Ueber alle diese Bemerkungen sind die Freistaaten Griechenlandes und in neuern Zeiten Venedig, Florenz, Schweiz, England (sofern es Republik ist), Holland Zeuge. Ist ein Freistaat auf Krieg gegründet, so ist dieser Grundsatz entweder Vertheidigung desselben, wie Sparta; mithin halten sich auch alle Wissenschaften und Künste in dem Kreise: oder er will angreifen, überwinden, sich ausbreiten ; so hat er das Schicksal Rom's, durch seine Größe unterzugehen, in Wissenschaften wie im Staatswerthe. Ist eine Monarchie auf Untergang der Freistaaten gegründet, so sind diese entweder bloße Eroberungen , wie die Republiken Griechenlandes unter der Monarchie waren; mithin kann sich der Flor ihrer Wissenschaften noch eine Zeit lang erhalten, nachdem ihr Zustand minder verändert wird und die Monarchie, ihre Erobrerin, ihres Weges geht. Ist die Monarchie durch schreckliche Mißbräuche der Freiheit aus dem Freistaat selbst entstanden, wie zu Rom, so verdient sie selten diesen Namen, sie ist meistens Tyrannei, Despotismus; die Blüthen des Freistaats gehen also schnell zu Grunde, nachdem sie vielleicht eben im höchsten Triebe ihres Flors waren. Kommen Umstände zusammen, diese Tyrannei bei Zeiten einzuschränken, dem Staat, wo nicht wieder die Freiheit, so doch eine feste, gesetzmäßige Monarchie zu geben, so kann er sich wieder erholen und Früchte andrer Art bringen; wo nicht, und bleibt er schwankend, ohne Scheidewand zwischen Gesetz und Willkür, so geht Alles (einige schöne Ausnahmen der Willkür beiseite gestellt) verloren, wie die Geschichte Rom's zeigt. Die Last war zu groß, als daß sie sich ordnen, der Staat war zu mächtig, als daß ihn ein Andrer, ein Fremder vorm Fall bewahren konnte: es blieb nichts Anders, als daß Barbaren, denen die Schwächen gezeigt waren, ihn und die Wissenschaft in ihm, das nichtige Spinnengewebe, zerstörten. Eine Monarchie, auf christlichen Despotismus gegründet, ist ein schwaches Ding, in ewigem Widerspruche mit sich selbst und seinen Wissenschaften, wie die Geschichte Constantinopel's zeigt. Das Christenthum will keinen Despotismus, und Pfaffen- und Weibergeschwätz kann keine Kräfte verleihen, auszurichten, was es will; also bleibt Staat und Wissenschaft in Schwachheit, Gezänk und Abstraction liegen. Die barbarische Lehnsmonarchie war ein schwaches Wesen für sich und die Kenntnisse, die sie nährte; nur für den Krieg erfunden, muß sie in ewigen Zügen, in beständiger Wirksamkeit sein, oder sie wird Unruh und zernichtet sich selbst. Wissenschaften hat sie gar nicht in sich; der geistliche Stand ward zwischengeschoben, dies Hilfsmittel zu vertreten. Aus Monarchien dieser Art entstand Despotismus oder Freiheit, nach dem die Würfel des Schicksals fielen; aber auch der Despotismus rieb sich ab und mußte, gleichsam wider seinen Willen, Monarchie werden, auf Gesetze des Staats gegründet . Wenn aus keinem andern Grunde, so geschah dies daher, weil zwischen Staaten von besserer Verfassung der Despotismus keine Stelle, keine Sicherheit findet und gleichsam sich selbst vernichtigt. Dies ist die Geschichte der Monarchien Europens in den letzten Zeiten , mithin auch ihrer Wissenschaften und Künste . Sie mußten erst dem Lehnregiment dienen, sodann kam auf kurze Zeit ein subtiler Despotismus, der sich immer mehr in gesetzmäßige Monarchie auflöst. Die klappernden Räder reiben sich ab und gehen sanfter; die Monarchie wird eine Oligarchie , wo aus Schwachheit oder aus Größe der Regenten endlich Gesetze regieren müssen und nicht Fürsten. Auch die Wissenschaften werden also den Gesetzen dienen, nachdem das Wohl des Staats sie fordert; dieser wird Schulen, Akademien, Seminarien, Stände anlegen, ihnen Materie und Lehrart vorzeichnen und sie unter sich und zum Ganzen ordnen . Die Monarchie wird eine Pyramide werden, wo Gesetze die Basis, Wirksamkeit die Steine, Wissenschaften der Kitt derselben, der Fürst der Gipfel ist, der auf Allem ruht und ihre Weltseiten ordnet. Die Wissenschaften des Wahren und Nützlichen müssen also wahrscheinlich einmal obsiegen. Jeder Staat hat seine Periode des Werdens, des Bleibens und des Verfalls ; darnach richten sich seine Wissenschaften und Künste. Im väterlichen Regiment sind sie im Anfange vom reinsten Geiste, nachher geht's schon in Stämme, Tradition, Verfälschung, Zank oder Vergessenheit und Despotismus. Der Despotismus ist meistens am Glänzendsten unter seinem Stifter . Eben die Umstände und überwiegenden Talente, die ihn zum Despoten machten, beförderten auch die schnellste Aeußerung derselben in Pracht, Uebermaß, Hoheit. Die Pyramiden in Aegypten, die Gebäude der Semiramis sind aus den ältesten Zeiten; die Ruinen Persepolis' gehen gleichsam über alles Datum der Geschichte und verlieren sich im Abgrunde der Zeit. Von Geschlecht zu Geschlecht fällt der Despotismus und wird Schwachheit, Verwirrung und Unordnung. Republiken sind wie Pflanzen, die aus Samenkörnern gezogen werden; ihre Blüthe kommt nicht am Tage der Saat. Aber sie wachsen, sie dauern, so lang ihre Lebenskraft dauert; dann nehmen sie ab und sterben. Nachdem die Wissenschaft enger oder weiter mit ihrem Zweck zusammenhängt, kommt sie auch früher oder später zum Vorschein; meistens aber folgt auf die Zeit der Macht , des Glücks , der größten Anstrengung die Zeit des Ansehens , der Ruhe , der meistens kurzen Blüthe . Dann blühen die Wissenschaften mit, mit Allem, was in ihnen blüht. Kann eine glückliche Aristokratie der Gesetzgebung diesen Zeitpunkt verlängern , oder geht der Freistaat gar in eine sanfte Monarchie festgestellter Gesetze über, so dauert der Flor länger, wie die neuern Republiken, Florenz, Venedig, Holland, die Schweiz, England, Schweden zeigen; wo nicht, so ist alle Blüthe, auch der Wissenschaften schnell vorüber. Ueberhaupt scheint's, daß die neuern Staaten an Stärke und Dauer gewinnen, was ihnen an schneller Blüthe abgeht. Keiner derselben hat's in kurzer Zeit so hoch in Künsten und Literatur gebracht als Rom und Athen, keiner in so kurzer Zeit solche Meisterstücke vollendet; vielleicht aber haben sie Platz gewonnen, in einer größern, stillen Folge, in einförmigem Gange mehr zu thun, und ihr Gutes ungleich mehr verbreitet. Auch das Licht der Wiederauflebung der Wissenschaften wäre nur eine kurze, wegbrennende Flamme gewesen, wenn nicht Monarchien ihre Lichter dran angezündet und, wiewol in schwächerm Glanz, die Flamme erhalten hätten. Allerdings aber sind Republiken in so glücklichem Zeitraume der rechte Zunder der Flamme ; die kühnsten, göttlichsten Gedanken des menschlichen Geistes sind in Freistaaten empfangen, die schönsten Entwürfe und Werke in Freistaaten vollendet worden. Auch in mittlern und neuen Zeiten ist die beste Geschichte, die beste Philosophie der Menschlichkeit und Staatskunst immer republikanisch . Die Monarchie bringt sie unter Gesetze und bewahrt sie auf. Vielleicht könnten unsere Betrachtungen bisher etwas Gewisses in dem Rangstreit ausmachen, der über die Wissenschaften der Alten und Neuen vielleicht mit mehrerer Wärme als Philosophie geführt ist. Daß die Natur nie ersterbe, kann man sicher annehmen. Daß sie zu allen Zeiten, auch unter verschiednen Völkern und Nationalcharaktern edle Keime wecke, ist ebenso gewiß und oft in den größten Mißbräuchen bewiesen. Nur daß diese Keime oft keine gute Stelle finden, daß es an Zuständen fehlt, jetzt dieses, jetzt ein anderes Talent zu üben, ihm Wirksamkeit und Wettstreit zu verschaffen , nur das, dünkt mich (Klima und Nationalcharakter nicht ausgeschlossen), macht den größten Unterschied der Wissenschaften und Zeiten . So wie man nun nicht dem Strom der Jahre und Weltverfassung gebieten kann, daß er rückwärts fließe; wie kein Gesetzgeber durch eine Zauberruthe ein Rom, Athen, Griechenland herrvorufen kann, wo es nicht ist und in nächsten Anlagen auf Reife wartet: so wäre es unvernünftig, aus Liebhaberei alter Zeiten die seine zu verkennen und zu versäumen, Rom anzuzünden, damit man ein brennendes Troja sehe und neue Homerische Verse lese. Das Volksregiment Athen's, die Verfassung Rom's, da die Wissenschaften in ihm am Meisten blühten, hatten Seiten, die wir uns ihrer Redner und Poeten wegen nicht eben zurückwünschen möchten, und die unruhigen Zeiten Italiens, die Dante und Petrarch hervorbrachten, sind auch nicht neidenswerth. Manche Wissenschaften sind schöne Blüthen stachlichter Pflanzen, herrliche Trauben eines schwachen Gewächses von Weinstock; ein reiches Aehrenfeld ist uns nöthiger und besser, wenn's gleich nicht so schön aussieht. Wir sind ein Gemisch von Völkern und Sprachen, haben ein Gemisch von Verhältnissen und Zwecken; der reine griechische Nationalcharakter, ihre Einfalt in Wissenschaft und Bildung kann uns nie werden: also lasset uns werden, was wir sein können , ihnen nachstreben, sofern es unsre Verfassung erlaubt, und in dieser werden, was jene nicht sein konnten ! Vielleicht ersetzen wir an Frucht , was uns, gegen sie betrachtet, an schöner Blüthe , an Dauer und Ausbreitung , was uns an Leben und Innigkeit abgeht.   Zweite Frage. Was und wie haben die Wissenschaften auf die Regierungen gewirkt in den Zeiten, da sie geblüht?   Ich werde hier kürzer sein können; denn das Meiste läßt sich aus vorstehender Abhandlung leicht herleiten und mit denselben Beispielen belegen. Ein allgemeines Lob der Wissenschaften in ihrem Verhältnisse zum Staat ist hier mein Zweck nicht; der große Baco , der gelehrte Babeyrac und Andre, zumal die gegen Rousseau's Preisschrift Discours sur la question: Le rétablissement des sciences et arts a-t-il contribué à épurer ou à corrompre les moeurs? (1750). Wieland schrieb dagegen 1770: »Ueber die Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig sei« (in unserer Ausgabe seiner Werke, Th. XXXI. S. 125 ff.).   D. schrieben, und wie er sie selbst rechtfertigt, haben diesen Gegenstand ziemlich erschöpft. Hier kommt's auf bestimmte Fälle und Thatsachen an. Ich folge den Schritten meiner vorigen Abhandlung. * 1. Die Keime der Wissenschaften in der väterlichen Regierung tragen ihr Gutes selbst in sich. Sie waren sanfte Mittel, Kinder zu einem Stamme zu bilden und den Geist des Vaters auf sie zu prägen. Die ersten Sprüche und Wörter, Prophezeihungen, Segen und Lieder eines Stammes, seine Versuche und Erfahrungen, in Sprichwörter geprägt, in Mythologie und Tradition gedichtet, sind von größter Wirkung , oft Jahrhunderte, zuweilen ein Jahrtausend hinab gewesen. Sie flossen auch in die spätern Zustände der Bildung ein und dienten diesen zu Hilfsmitteln , zu Mustern . Nun kommt's darauf an, wie diese ersten Eindrücke der Wissenschaft beschaffen seien, ob wahr oder falsch, gut oder böse . Wahre Erfahrungen aus dem Leben des Vaters, wahre Lehren, aus seinem Munde und mit seinem Ansehen bekräftigt, können nicht anders als die beste Wirkung auf Bildung des Stammes, auf Erleichterung und Verschönerung seines Lebens haben. So wirkten die Sprüche der sterbenden Väter, ihre Lieder, ihre Gebräuche; man hielt sich an sie wie an einen ererbten heiligen Stab, durch sie ward der Charakter des Stammes gebildet. Waren die Eindrücke hingegen falsch und böse , stolz, grausam, unterdrückend, anmaßend; verwischte das Wahre in ihnen die Tradition, und eine Reihe böser Anwendungen machte das Beste in ihnen zum Gifte: allerdings wurden sie sodann die Werkzeuge politischen Uebels . Ein stolzer Stamm, der sich mit Liedern der Weissagung seiner Größe, mit Gesängen vom Vorrecht seiner Väter, mit Anmaßungen auf Länder, Siege, die Unterdrückung und Sclaverei andrer Stämme trug, hatte damit eine feindliche Flamme in der Hand, zu brennen, zu verwüsten. Die Lieder der Araber, die unversöhntes Unrecht, ungetilgte Schmach, Wuth und Rache athmen, sind glühende Funken in ihrem Busen, die nur durch Blut und Asche verlöscht werden. Die Gesänge der alten nordischen Völker, die nichts als Krieg, Blutgefecht, Geschrei der Adler, Klirren der Schwerter und Helme, kurz, Bardit In dem ganz ungeschichtlichen Sinne, in welchem man das Wort nach dem Berichte des Tacitus (Germ. 3) gebildet hatte. Klopstock hatte dramatische Bardiete gedichtet.   D. tönten, erhielten den Kriegsgeist in ihnen, nicht eben zur Ruhe und zum Besten der Welt. Wir wissen, daß Gothen und Hunnen durch solche Lieder belebt wurden, Europa zu durchstreifen und zu verwüsten, daß Normänner und Sarazenen zu Land und zu Schiffe mit Gesängen und Weissagungen Fahnen und Segel in Schwung brachten, daß ein Seeräuber Lodbrog sowie ein rechtgläubiger Muselmann unter Gesang und Gesicht starb, daß sein Heldentod ihm Paradies und Walhalla öffne. Kurz, wir sehen, Alles komme auf Anwendung , auf Gebrauch an, und den kann sich die Sache selbst nicht geben. Regner Lodbrog's Gesang bleibt ein schöner Gesang; der freudige Tod des Helden bleibt ein schöner Tod; Muth und Tapferkeit eines Volks, durch Vorbilder und Lieder erhalten, ist an sich eine schöne Tugend: Alles beruht darauf, wie sie vom Stande , der Situation eines Volks , von der Weisheit und Güte seiner Anführer gebraucht wird. Sind Traditionen der Art Waffen der Freiheit gegen die Unterdrücker, wie es die Gesänge der Deutschen und Celten gegen die andringenden Römer waren; werden sie Stimme der Väter , ihre Söhne vor schändlicher Ueppigkeit, vor Müssiggange und Trägheit zu bewahren, bei ihrer alten Lebensart, Strenge, Gerechtigkeit und Kriegsarbeit sie festzuhalten: was geht sodann an politischen Hilfsmitteln über die Nutzbarkeit ihrer Wirkung? So befahl Theodorich seinen Gothen, daß sie, von den Wissenschaften der Ueberwundnen fern, bei ihren Liedern und Kampfspielen blieben. So haben alle Völker im Zustande des Heroismus und der Freiheit diese Gesänge als Seele derselben angesehen und sie unter dem Namen Heldenlieder, Gesänge der Vorzeit, Stimmen der Väter u. dergl. lange fortgeerbt. So rauh und fabelhaft, wie sie waren, haben sie mehr gewirkt als eine Gattung neuerfundener Literatur und Künste; denn sie waren dem Genius des Volks angemessen, der Athem seines männlichsten Lebens; mit ihnen und durch sie lebte und starb man nach Begriffen des Volks edel . So stirbt der Eskimo an seinem Marterpfahl unter den grausamsten Schmerzen vergnügt und heiter; er ruft in Gesängen seinen Freund, ihn zu rächen und mit dem Hirnschädel seiner Feinde ihm dort zu begegnen; der Ruhm seiner Vorfahren und die Ehre seines Stamms und das Wiedersehen seines Freundes schließt ihm die Augen. So mußte, wenn die Lieder ächt sind, die Seele Fingal's unter seinen Kindern noch fortleben; sein Beispiel der Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Güte, Verschonung des Ueberwundnen, Bereitwilligkeit, dem Unterdrückten zu helfen, stand vor ihnen wie der Geist seiner Tapferkeit und seines Muthes. Je reiner Traditionen solcher Art sind, entfernt von Blutgier, Aberglauben, Zauberei und Schadenfreude, desto schöner sind sie, und oft hat der Charakter des Volks, unter dem sie leben, ihr Gepräge bestätigt. So auch in friedlichen Zuständen einer Nation. Wer wollte es ihr nicht gönnen, daß sie ihre sanftern Beschäftigungen, Stunden der Muße und Freude, ihre Tänze und Spiele mit Liedern , gar mit Religionsgebräuchen und Glückssagen würze und kröne? Wenn sie dadurch zuletzt in Weichheit, Ueppigkeit, Unwissenheit, Dienstbarkeit geräth, so liegt's an ihrer Gesetzgebung, nicht an den Werkzeugen derselben, die von ihr abhangen, recht gebraucht und zu rechter Zeit verändert werden sollten. * 2. Ein Gleiches ist's mit Wirkung der Literatur auf den Despotismus . Sie wirkt auf ihn wenig, sie will aber wirken; darum erscheint sie unter ihm in solcher Gestalt. Die Religion setzt sich neben den Thron des Despoten, damit er doch etwas , ein Höheres, als er ist, sich zur Seite habe, und da nichts auf Erden ihn einschränken kann, ihn wenigstens der Himmel einschränke und ordne. Gelingt's der Religion, was sie sein soll, zu werden , so ist nichts menschlicher und nützlicher als dieselbe. Da sie den Despoten zum Diener Gottes macht, so wird er in ihrer Hand vielleicht auch ein Nachbild Gottes, zu beglücken, zu segnen. Die Titel der orientalischen Monarchen sagen immer, daß dies der Zweck ihrer Würde sei; es liegt also nur an ihnen selbst, an der Unwirksamkeit und Verderbniß solcher religiösen Namen, daß sie es nicht sind. Gott läßt Gras wachsen auf der Erde, und sie machen um sich Wüste; er hilft Menschen und Vieh und hat für Alles gesorgt, Alles geordnet, sie lassen untergehn und sorgen für nichts: er der allgegenwärtige, allwirksame, überall rege Geist, sie verschlossen in üppige Gemächer, schwach und elend. Die ältesten Gesetzbücher despotischer Nationen zeigen, daß hierauf der Zweck ihrer Religion ging. Wenn d'Anquétil's Zend-Avesta auch nur, wie es offenbar ist, späte Liturgie der Perser, also Nachhall vom Nachhall Zoroaster's sein sollte, so ist noch unter der Decke der abergläubigsten Formeln und Gebote der Geist und Zweck seines Urhebers sichtbar, »die Könige zu Bildern seines segnenden Gottes Ormuzd, alle Stände zu ihren Kindern, das Land zum belebten Garten, alle Geschäfte zu Ordnungen segnender Geister zu machen, die das Böse vertreiben, das Gute fördern und bauen sollen«. Confucius' Gesetzgebung ist die gerechteste Moral aller Stände ; sie fängt vom Fürsten an und endet beim geringsten Manne. In den despotischen Gegenden Indiens bis nach Siam hinunter ist das alte religiöse Vorbild ihrer Gesetze und Regierung groß und edel; am Vorbilde liegt's nicht, daß die Länder so tief sanken. Die älteste Ordnung Aegyptens ist durch diese theologisch-politische Gesetzgebung entstanden ; in den gebildeten Staaten der ersten Welt war der Monarch, mit priesterlichem Ansehen bekleidet oder Religion zur Seite habend, immer der erste Ordner. Nur freilich, wo Religion gemißbraucht ward, wie sie es denn bald ward, da stiftete sie in despotischen Reichen um so mehr Schaden . Ihr Gift hatte kein Gegengift und war so fein und drang allenthalben durch. Ward der Priester selbst Schmeichler des Monarchen und räucherte dem Gott und frohnte seinen schwärzesten Leidenschaften; blies er dem Tyrannen Stolz ein und Rache und Wuth der Verfolgung, zu der ihn der Himmel selbst ersehen hätte; erfand er Weissagung in seines Gottes Namen, Aberglauben der Nation, ungerechte Kriege zu befördern: was geht über die Gräuel? Nichts widersteht solcher Wuth, solchem Eifer, der vielleicht auf etlichen geweihten Worten und Sprüchen ruht; er führt mit Allem Krieg, was nicht er selbst ist, sogar mit Büchern, Weibern, Wissenschaften und Künsten. »Entweder steht in diesen Büchern, was im Koran stehet, oder nicht; in beiderlei Fällen weg mit ihnen!« Ausspruch des Khalifen Omar. Vgl. Herder's Werke, XII. S. 137.   D. Indessen auch in diesen gefährlichen Zuständen, wo die heilsamste Arznei Gift wird, ersetzt sie sich selbst, eben weil sie ein einziges Mittel ist und ihrer Natur nach wohlthun soll, bald zum stillen Gegengifte. Religion ist's, die unter dem härtesten Joch des Despotismus den Unterdrückten allein tröstet ; aus Ergebung in den Willen Gottes ergiebt er sich in die Hand des Despoten und wird still und ruhig. Wir sehen die wunderbaren Wirkungen des Islamismus bei den Morgenländern; er ist Opium, wo er nicht mehr gesunde Speise sein darf. Auch in den Zeiten der Unterdrückung Europens hatte Religion diese Wirkung. Das erste Christenthum fand eben auch so vielen Eingang, weil es als Trösterin kam in elenden Zeiten und den Menschen Unsterblichkeit der Seele und andres Leben nicht als Problem, sondern Factum, als eine gewisse, thätige Wahrheit zeigte. Bald wurden Gräber der Märterer, Wüsten, Klöster die Zuflucht der Unglücklichen, ihre traurig-schönen Ruhestätten; wenn nirgend Hilfe kam, so ward Religion das feierliche Lied, das die gedrückte Seele von hinnen zog in ewige Auen des Friedens. Auch die versteckte Räthselweisheit der Morgenländer war vielleicht Hülle gegen ihre Tyrannen ; sie sagten sich einander Trost und Lehre insgeheim, wo sie laut nicht gesagt werden durfte. Gewiß zogen die ägyptischen Priester den Schirm der Dunkelheit und Tiefe um sich, damit sie nicht verderbt, nicht beraubt werden könnten, ob sie wol in der Folge durch sich selbst verderbt wurden. Ueberhaupt sprach das orientalische Gleichniß immer den Klugen des Volks : »Wer Ohr hat, höre!« und zu allen Zeiten, unter allen Völkern sind leider die Klugen immer die Wenigsten und Schwächsten gewesen. Die bessere Wissenschaft bleibt also in solchem Zustande meistens unkräftig fürs Ganze; nur eine verborgne Perle für Den, der sie besaß, nicht durch ihre Schuld so verborgen und unkräftig. * 3. In Freistaaten entwickelt sich mehr die Wirkung der Wissenschaften, da in ihnen Alles offen und frei ist; auch ihr Gebrauch und Mißbrauch also, ihre Wirkungen ins Gute und Böse . Zuerst muß und darf man sagen: Freistaaten sind sich selbst der Aufklärung, der Wissenschaft schuldig . Woher kam's, daß edle Gemüther sich über die gewöhnliche Denkart erhuben, das Joch des Despotismus abzuwerfen und ein Volk nach neuen, unerhörten Begriffen der Freiheit und der Verbindung einzurichten unternahmen? Woher anders, als weil sie durch Erfahrung gelehrt, durch Versuche gewitzigt, durch mancherlei Reisen, die Verfassung verschiedner Nationen unterrichtet waren und jetzt großes Herz gnug hatten, ihrem Vaterlande, zum Theil mit Entsagung eigner Vortheile und Ansprüche, dies bessere Gepräge, ein Ideal der Nationalglückseligkeit, das in ihrer Seele lag , aufzuprägen. Irrten sie oder nicht, bauten sie glücklich oder unglücklich, dauerten ihre Staaten länger oder kürzer: der Werth ihres Werks als Wissenschaft, als Thätigkeit der Seele , bleibt und wird immerdar die edelste Thätigkeit heißen. Einen Staat zu gründen, ist doch mehr als ein Gedicht; eine Republik zu errichten, mehr als eine Komödie. Der edle Moses , in aller Wissenschaft der Aegypter gelehrt und von Jugend auf fürs Beste seines Volks brennend   der Gott seiner Väter würdigte ihn, ihn zur Befreiung desselben gleichsam zu zwingen und es mit einer Gesetzgebung und Einrichtung zu begaben, die für seinen Zustand die einzige war und große Aussichten hatte. Alle seine Kenntniß ägyptischer Gesetze stand ihm bei, und doch drang er so sehr dahin, ägyptische Vielgötterei, politische Knechtschaft unter den Aberglauben, Handel und Ueppigkeit zu vermeiden, ja, so viel es an ihm lag, auf ewig zu untersagen. Er machte die Idee des einen wahren Gottes zum Grunde seiner Gesetzgebung und hat schon dadurch unendliches Gute auf die Welt gewirkt. Es war ein großer Dienst, den seine aufgeklärte Denkart der Gesetzgebung leistete, daß er alles Zeichendeuten, Fragen der Todten, Menschenopfer, Kriege zur Fortpflanzung der Religion, Unterdrückung der Armen u. dergl. ausschloß und ein brüderliches Volk reiner Gottesanbeter durch politische Gesetze gründen wollte. Treffliche Wirkung seiner Wissenschaft auf seine Gesetzgebung! An die fabelhaften Namen Orpheus' u. A. nicht zu gedenken, wissen wir, daß Weise die ersten Stifter der Freiheit Griechenlandes waren, bis ein Staat hierin dem andern folgte. Ueberlegen dem Volk an Einsicht und Tugend , gewannen sie Macht über die Gemüther, endlich auch über ihre Lebensweise. Die Zeit war vorüber, da es eine Ehre war, deswegen für eine Gottheit angesehen zu werden; sie wollten Menschen bleiben und wurden würdige Menschen, Gesetzgeber. Wenn Pythagoras' Schule nichts erfunden und nichts gewußt hätte, weil sie es etwa nicht nach unsrer Weise demonstriren mochte, wie unendlich mehr hat sie durch ihre Gesetzgebung , durch die Staaten , die sie eingerichtet hat, zum Wohl der Welt gewirkt als lahme Demonstranten tauber Abstractionen und Hypothesen! Solon's Verse , wären sie auch keiner tauben Nuß werth für unsre Zeiten, durch die Wirkung, die sie damals thaten, sind sie ungleich werther geworden, als was jetzt beinahe geschrieben werden mag. Sie eroberten Salamin, sie verbreiteten seine Gesetze, sie trösteten ihn endlich, da seine Arbeit halb mißrathen war und Pisistratus in Athen herrschte. War nicht zu Rom, dem trügerischen Rom selbst, auf einen kriegerischen Romulus ein weiser, denkender Numa nöthig? Da Rom ihn nicht selbst hatte, wurde er aus einem andern Volk geholt. Seine Religion und stille Weisheit gab dem Staate Dauer und Einrichtung, die er sonst nicht gehabt hätte; selbst die Wilden erwählen ja den Verschlagensten, Erfahrensten, Klügsten zu ihrem Kaziken. Es will daher nichts sagen, wenn es heißt, Rom habe im Anfange Wissenschaften verachtet und sei dadurch so groß geworden. Durch die Verachtung der Wissenschaften ward's nicht groß, sondern durch ganz andre Dinge. Auch ist's nicht wahr, daß es schlechthin die Wissenschaften verachtet. Es hatte ihrer, so viel es damals brauchte; und daß es nicht mehr brauchte, daß es von Anfange an auf den räuberischen Plan der Eroberung ausging und dabei fast niemals, insonderheit anfangs nicht zu Athem kommen konnte, mich dünkt, das war weder Vorzug noch Weisheit noch Menschenliebe, es war ruhmsüchtige, drückende Noth. Gnug, was auch von seiner Einrichtung an Gutes in den Staat kam, war nicht durch Wild- und Tollheit hineingekommen; Klugheit der Regenten, Erfahrung und Nachbarschaft hatte es hineingepflanzt. Zweitens. Die Wissenschaften, die im Staat waren, haben zum Bösen oder Guten beigetragen, nach dem die Zeit war, nach dem der Staat sie duldete oder lenkte; an sich aber war jede Wissenschaft gut, und jede konnte nützlich werden. Lykurgus , als er die Wissenschaften in Sparta theils ausschloß, theils einschränkte, hatte die Wage des Gemeinwerths der Republik in den Händen; hiernach ordnete er und schloß aus. Seine Erziehung war nicht roh, sondern praktisch ; Gesänge für Freiheit und Vaterland litte und liebte er, und vielleicht hat, außer Gesängen der Wilden, keine Poesie mehr Wirkung aufs Volk und den Staat gehabt als ἐμβατήρια, Kriegsgesänge eines Tyrtäus. Als Solon Athen ordnete, war ihm nicht jede Wissenschaft gleichgiltig; das Schauspiel sahe er nicht vorher, es mißfiel ihm, wenigstens in seinem Alter; dem Beisitzer des Areopagus war verboten, ein Lustspiel zu schreiben oder an öffentlichen rauschenden Ergetzlichkeiten Theil zu nehmen. Er ordnete öffentliche Gastmahle an, verhinderte aber, daß sie geschlossene Kreise würden; erlaubte dem Volk, auf dem Markt zu reden, gebot aber, die Aeltesten sollten reden, und setzte überhaupt Senat und Areopagus in das Ansehen, in welches er sie setzen konnte. Auch gegen die Redner aus dem Volk waren Redner des Staats geordnet; und wenn in der Folge die öffentliche Redekunst zum Verderben der Republik ward, so lag die Schuld weder an ihm noch an der Wissenschaft, sondern an ihrem Mißbrauch und der Schwachheit des Staats , sich gegen die Schmeichler des Volks zu schützen. Es ist bekannt, daß nach dem glücklichen persischen Kriege die Macht des Volkes sehr erweitert, das Ansehen des Areopagus sehr eingeschränkt wurde, und daß hievon, wie vornehmlich durch den Reichthum, Luxus und Uebermuth desselben, die nicht von Wissenschaften, sondern von Siegen und vom Handel kamen, sich der Verfall des Staats anfing. Auch die Wissenschaften gingen freilich mit in denselben; ihr Verfall aber war nicht Quelle, sondern Abfluß, nicht Ursache, sondern Folge. Und so darf und mag ich nichts von dem Allen leugnen, was mit Recht wider den Mißbrauch der Wissenschaften Athen's in Ansehung seines Staats gesagt wird. Daß auf Volk und Redner Alles ankam, daß der würdigste Mann vertrieben, selbst mit dem Tode bestraft wurde, wenn ein Schwätzer die Sinne des Volks bezauberte, daß Miltiades im Gefängniß starb, Themistokles, Aristides, Cimon und so viel andre berühmte Männer verbannt, Sokrates und Phocion , die edelsten Athenienser, getödtet, die Redekunst Demosthenes' über die Staats- und Kriegsklugheit Phocion's siegen konnte, und so viel andre Dinge mehr, veredeln die Redekunst der Athenienser nicht. Aristophanes' Schauspiele, ihre ältere Komödie, viele Ausschweifungen ihrer Liebe und Feste, zuletzt ihre niederträchtigen Schmeicheleien und öftere Treulosigkeit gegen die wohlthätigsten Ueberwinder veredeln ihre Bühne, ihre Lieder, ihre Satiren und Lobsprüche nicht. Wie das Schiff des Staats ging, mußte auch Alles gehen, was es mit sich führte; vielleicht hat Niemand über die guten und bösen Seiten der atheniensischen Demokratie besser geurtheilt als Xenophon , der Athenienser, selbst. Indessen ist aller dieser Mißbräuche wegen keine einzige Wissenschaft derselben an sich verwerflich; Alles kam auf Umstände der Anwendung an . Die größten Dichter ihrer Bühne sowol als ihre größten Redner und Philosophen sind in Behandlung der Gegenstände ewig denkwürdige Muster   allenfalls zu besserm Gebrauch. Ueber das Moralische ihrer Sitten und Charaktere mag ich gar nicht urtheilen, es gehört nicht in meine Frage. Ein Gleiches war's mit der Blüthe und dem Verfall der Römer . Jene ward nicht durch Wissenschaften, sondern durch Tugenden, Thaten und Glück befördert; dieser ward ebenfalls eigentlich nicht durch Wissenschaften, sondern durch Laster, übermächtige Siege und Parteien des Staats bewirkt; die Wissenschaften folgten beiden auf ihrem Schritte . Sie kleideten sich mit der Strenge Cato 's, mit der Würde Scipio 's, mit der Vorsichtigkeit Cicero 's, mit der Sanftheit Atticus ', mit der edeln Freiheitsliebe Brutus '; sie folgten auf der andern Seite dem Glücke und der Leichtigkeit Cäsar 's, dem despotischen Geiste Sulla 's, der Ueppigkeit Lucull 's, der Schwachheit Augustus '. Sie waren der bildsame Thon, der von jeder Zeit, von jedem Charakter Gestalt annahm. Mich dünkt, es sei unbestimmt geredet, daß Wissenschaft an sich , der rohen Unwissenheit entgegengestellt, Sitten oder Staat verderbe ; sie verdirbt solche so wenig, als rohe Unwissenheit sie hebt und bessert: Alles kommt darauf an, wie die Wissenschaft sei, wie sie gepflegt und gehandhabt werde . Hätte Rom auch keine Wissenschaften gehabt, und es wäre auf dem Gipfel der Siege, mithin des Stolzes, der Ueppigkeit und Macht einzelner Parteien gewesen: sein Fall wäre befördert worden, wie er befördert ist, dazu auf rohere, schrecklichere Weise. Denn nun, waren es nicht Wissenschaften allein, die Rom's Strenge etwas milderten und ihr Joch sanfter machten ? In den ersten Zeiten der Republik, gar unter den letzten Königen, welche harte Sitten, welche eiserne Zeiten, sogar für das Volk unter den Patriciern, nachher gegen die verdientesten Männer des Staats unter den Tribunen! Und was heißt's endlich, wenn man von der Gerechtigkeit der Kriege Rom's, von ihrem Adel und Völkerrecht redet? Hätte Rom die leichteste, größte Wissenschaft eines Menschen, Menschlichkeit, früher gehabt, würde es seine Nebenbuhler also ausgerottet haben? Milderung der Sitten war also diesem Wolfe der Nationen sehr zu wünschen, wodurch sie auch bewirkt würde, und was davon die Folge wäre. Mich dünkt, an den Scipionen , einer Cornelia und ihren Gracchen verdarben die Wissenschaften nichts, und das Lob Dieser wird gegen den ungerechten Senat von allen Rechtschaffenen erkannt werden. Kam Brutus nicht eben durch seinen zu edeln Platonismus zu seiner unerhörten That? und wird man, wenn man die Reden Cicero's gegen Verres, Clodius, Catilina liest, wol seine Wissenschaft verdammen? Selbst in Sulla's, Lucull's, Cäsar's Kranze ist sie ja die unschuldigste Blüthe, und hätte Cäsar die Monarchie einrichten sollen, würde ihm seine überlegne Wissenschaft gewiß nicht geschadet haben. Selbst da der Staat fiel, waren Wissenschaften beinah die einzigen Mittel, die Wuth der Tyrannen zu zähmen und sie wenigstens zum Schein der Menschlichkeit zu gewöhnen . Ich weiß nicht, wie viel daran ist, daß Mäcenas seine Dichter insonderheit gebraucht haben soll, die Blutgier Augustus' zu lindern; wenigstens schadeten sie ihm nicht, wenn sie ihm nicht viel nützten. Die Ode des Horaz , da er alle Musen vom Himmel zaubert, dem Kaiser sanften Entschluß und Lohn darüber zu verleihen, Carm., III. 4. Vgl. oben S. 30.   D. ist eine seiner schönsten; die Werke des unschuldigen Virgil 's (seinen pium Aeneam nicht ausgeschlossen) mußten ihn gewiß, wenn er Geschmack daran fand, zur Ruhe und Güte einwiegen. Tiberius , wenn er las und schrieb, that doch besser, als wenn er Schandthaten übte; seine unwürdigen Nachfolger desgleichen. Ich bin sehr entfernt davon, daß ich den Wissenschaften in diesem Zeitpunkt die Wirkung zuschreibe, die sie, zumal als Erzieherinnen dieser Unthiere, billig hätten haben sollen. Rechtfertige Diderot Essai sur la vie et les écrits de Séneque . Par. 1779.   H. (Vgl. unten die zwei Briefe über Seneca.   D.) seinen Seneca , wie er wolle, mein Herz wird ihn nie rechtfertigen; ich höre immer nur, wie ein Sophist den andern vertheidigt. Vermochte Burrhus nicht mehr über Nero als sein stoischer Philosoph? Scheute er sich nun vor Jenem, warum nicht vor Diesem, den er, wenn's mit seiner Tugend und Erziehung recht bestellt gewesen wäre, über Alles hätte scheuen müssen? Ueberdem, warum blieb der strenge Weise bei Hofe und ließ sich beschenken und sah die ärgsten Lasterthaten mit an, schrieb im Namen des Muttermörders an den Senat, die kalte Schandthat durch Erzählung der Fehler der Zerfleischten zu verkleinern, und klatschte dem kaiserlichen Gaukler mit zu? Der stoische Philosoph wandelte, des Lebens unsicher, in seinen prächtigen Palästen und Gärten, aß Kräuter und schund die Briten mit Zinsen seiner Millionen, hatte kein Blut mehr und verließ noch ungern das Leben, da es das Wort seines edeln Erzognen ihm endlich nahm. Wenn stoische Philosophie schöner Worte, erhabner Sprüche und eines unwürdigen Lebens, wenn philosophische Erziehung eines Regenten und die Regierung desselben unter den Augen seines so reich besoldeten zufriednen Lehrmeisters je ein Brandmal in der Geschichte haben können, haben sie's hier. Und doch war die Philosophie selbst nicht Schuld, wozu Nero und Seneca sie mißbrauchten. Hatte das Ungeheuer nicht fünf Jahre löblich regiert? hätte er nicht immer so regieren können ? Am Wissen lags ihm nicht. Sowol Athen's als Rom's Beispiel zeigt also, daß, wo ein Staat verdorben ist, nothwendig auch seine Wissenschaften mit verderben müssen ; sie werden theils unwirksam , theils wirklich mißbraucht . Unwirksam : denn die Ueppigkeit der Sitten und das herrschende Verderben giebt ihnen kein Gehör, und so rufen sie sich heiser und werden des verachteten Guten müde und wenden sich selbst auf den Weg des Verderbens. Mißbraucht : denn die sie treiben, sind Menschen, sind Glieder im Staate. Sind einmal die Reize zum Mißbrauch derselben da; wählt und treibt man sie nicht mehr zum Besten, sondern zur Ueppigkeit, zum süßen Verderben; müssen sie jetzt statt der strengen Tugend schnöden Leidenschaften Derer, die sie üben, und denen zu gut sie geübt werden, dienen: so wehe ihnen! wehe dem Staat durch sie! Theile seines Lebenssaftes, gehn sie mit in seine Geschwüre, in seine Krankheit über und helfen den Tod des verwesenden befördern. Das zeigt Rom, das zeigt Athen. Vellejus schmeichelt einem Sejan , sogar Quintilian erhebt einen Domitian zum Himmel; wo war da Rom's unparteiische Geschichte? Auch schlechte Kaiser bekamen Lobreden; wo war da die strenge Redekunst Cato's? Sophisten schmeichelten, der Senat kroch, die Wahrheit schwieg oder ward getödtet, die Dichtkunst erging sich an Epigrammen und unzüchtigen Versen. Indessen, wie dem auch sei, ich muß es wiederholen, daß es nicht an der Wissenschaft, sondern an der Zeit und am Mißbrauch lag . Der unzüchtige Catull hat auch herrliche Stücke gedichtet und hätte lauter solche dichten können. Lucan und Sallust schrieben edel und lebten schlecht; es gehörte nicht zu ihrer edeln Schreibart, daß sie also lebten. Gegen Schmeichler und Epigrammatisten gab es auch tugendhafte Persius und kühne Juvenale , selbst die Laster der Großen zu geißeln, und sobald ein Augenblick Freiheit kam, stand der volle, gedrängte Tacitus da, die Sitten der Tyrannen zu schildern. Die Wissenschaften fühlen es also selbst am Empfindlichsten, wenn sie gemißbraucht werden oder unwirksam bleiben; ihre Natur ist's, wie aller Elemente, zum Nutzen zu dienen und nicht zum Verderben. Die besten Kaiser waren auch Freunde der Wissenschaften und des guten Geschmacks in denselben: Titus und Nerva, Trajan und Antonin, Marc-Aurel und Alexander Severus . Der Genius der Wissenschaften muß dem Staate gewiß kein feindlicher Genius sein, da er über den zartesten Liebhabern desselben als ihr Liebhaber schwebte. Wer in aller Welt wird Titus ' Liebe gegen den Josephus und Trajan 's Achtung für Plinius und Marc Aurel 's dankbare Betrachtungen, »was auch die Wissenschaften an ihm gebildet,« I. 17. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 129 ff.   D. dem Staat feindlich finden? Wer in der Welt wünschte nicht, daß alle Regenten solche Titus, Trajane und Marc-Aurele wären? Auch in Athen hat's selbst in den verderbtesten Zeiten des Staats noch immer edle und reine Liebhaber der Wissenschaften, selbst der mißbrauchtesten Wissenschaften gegeben; die Flamme brannte um so lichter, wo sie in der unreinen Finsterniß einen reinen Docht fand. Lebte Sokrates nicht zur Zeit der Tyrannen und Sophisten? seine Schüler lebten noch näher dem Abhange des Staats, und endlich, der gerechteste und beredteste Mann, Phocion und Demosthenes, begruben sich mit ihm. So sehe ich auch die stoische Philosophie an, die in den spätern Zeiten Rom's so geliebt ward; sie dünkt mich ein unglücklicher, doch verzeihlicher Trost gegen das Tyrannenübel . Freilich ist's ein Zeichen, daß der Mensch nichts Bessers mehr zu thun weiß, wenn er sich hinsetzt zu sterben. Brutus wählte lieber des Tyrannen Tod als seinen, so lang er dachte, daß Rom's Freiheit noch zu erwecken war. Da an dieser zuletzt Alles verzweifelte, da kam statt der Epikurischen Philosophie in den beglücktern Zeiten der leidige Stoicismus mit gebundnen Händen und Füßen, unglückliche Menschen dadurch zu trösten, daß Schmerz kein Schmerz, daß Uebel kein Uebel sei: ein wahrer kalter Brand der Freiheit sowol in Wissenschaften als in der Regierung. * 4. Als die Barbaren Europa überschwemmt und verdunkelt hatten, war's nichts als Wissenschaft, die dem ganzen unruhigen Meer Licht und Stille geben konnte . Das Licht war zuerst schwach und trübe; es vertrieb aber die Wolken, machte Tag, bis es zuletzt, auch vom Mißbrauch ergriffen, hie und da in verderbliche Flammen ausschlug. Wir haben das Christenthum hier nur als Wissenschaft zu betrachten, als das Schimmerlicht, das damals die Nacht durchstrahlte und ihr, auch nur zu einiger Ruhe und Sicherheit und Ordnung, so nöthig war . Nur auf den Schleichwegen des Betrugs ward es Irrlicht, nur in den Händen der Räuber eine verderbliche Fackel. Wenn Theodorich durch seinen Cassiodor die Wissenschaften befördern ließ, so ging darum sein Reich nicht unter; durch die Beförderung der Wissenschaften blühte es so mehr. Wenn Karl der Große sich der Wissenschaften annahm, so ging darum sein Reich nicht unter; es gelangte eben auch durch sie, wie durch Gesetze, Handel und Siege, zu mehrerer Aufnahme, zu mehrerem Ruhme. Endlich das schönste Exempel Alfred 's, wer ist, der auf sein Land, seine Regierung in Krieg und Frieden weiser, edler, besser gewirkt hat als er? Und er wirkte mit durch Wissenschaften und Künste. Gegen die Nacht läßt sich nur durch Licht streiten, Unordnung und Trägheit allein durch Fleiß und Ordnung überwinden; Unwissenheit, Aberglaube und falscher Eifer wird nur durch Aufklärung, Wissenschaft und bessere Einsicht allmählich verdrungen. Ich sehe kein anderes Mittel, so wie damals und in allen Zeiten es keinen edleren Zweck giebt. Er theilte sein Reich ein wie seine Zeit und Einkünfte; er ordnete die Versammlung des Volks wie Schulen und Klöster, gab gute Gesetze wie belehrende Schriften, und Eins half dem Andern. Wozu Gesetze, wenn sie Niemand las? wozu eine Religion, wenn sie Niemand wußte? Nicht nur, daß die glücklichsten Regierungen sich auch immer der Wissenschaften annahmen, das Unglück der andern fing immer auch von Barbarei, Unwissenheit, Schwachheit, Aberglauben an . Hätte Ludwig der Fromme bessere Einsichten gehabt von dem, was er als Fürst, was gegen ihn Pfaffe und Bischof sein sollte: hätte er sich von ihnen so richten, so behandeln lassen? Er und seine Nachfolger mußten's gnug büßen, daß er in frommem Eifer selbst seine wenige und elende Jugendwissenschaft verwünschte. Ein Ball in der Hand der Vasallen, ward er in den Koth getreten; sein Haus und sein Reich gingen durch Zerrüttungen und Pfaffenregiment unter. Hätte Karl der Große mehr wahre Wissenschaft der Religion gehabt, mit Blut und Schwert würde er nicht die Sachsen bekehrt, sie nicht nach Norden gedrängt haben zu unversöhnlichen Feinden seines Stammes. Allein durch Licht kamen die Rechte der Prinzen, was Religion und Regierung sei, an den Tag; allein durch Licht kam der Fürst aus der Gewalt der Pfaffen und ihres Banns und des schändlichen Bekehrungs- und Verfolgungsgeistes. Die meisten Unruhen der mittlern Zeiten entstanden von den Ansprüchen des Papsts, der Macht der Vasallen, der Herrschsucht der Bischöfe, die die Regenten auferzogen und Alles für sie thun wollten, von der Rohheit des weltlichen und der Hinterlist des geistlichen Standes; ein Uebel vermehrte das andre. Das Faustrecht und der Bann wetteiferten; Regierung und Unterthan litt durch Beides. Eher kein Friede, keine Ruhe und Ordnung, bis Occident seine übermäßigen Kräfte in Orient verblutet hatte und statt des rauhen Kriegsgeistes der sanftere Geist der Wissenschaften erschien . Ich weiß wol, daß er nicht allein kam, daß Weichheit der Sitten, Ueppigkeit und Entvölkerung ihm bald folgte; mich dünkt aber, die Wissenschaften an sich sind hier so unschuldig, als sie es in der alten Welt waren. Kreuzzüge und Handel hatten Europa bereichert. Italien südlich, späterhin die Hansestädte in Norden hatten einen groben Luxus verbreitet, der auch ohne Wissenschaften bei den rohesten Sitten schon da war. Nur es war ein grober Luxus; er ersetzte durch Fülle, Pracht, Uebermaß, was ihm an Geschmack abging. Nun wurden Welttheile erfunden und die Reize der Ueppigkeit so ungleich vermehrt; mich dünkt, der Verfall der Sitten wäre fortgegangen, wenn auch kein Constantinopel erobert, keine Griechen westwärts gekommen wären. Ich sehe nicht, was in der griechischen Grammatik, im Lesen und Aufsuchen alter Manuscripte für erster Reiz zum Verfall der Sitten und Staaten liege. Die Ankunft dieser Studien traf in Länder und Zeiten, wo alles Verderben schon da war, ja, wo es auf grobe Art sich schon mehr als einmal selbst abgegährt hatte. Was die Wissenschaften thun konnten, war   bessern, was sich bessern ließ, oder sich mit verderben lassen ; und es geschah Beides. Liebe war immer gesungen und geübt; in groben Zeiten gröber, in feinen feiner; wenn jetzo Petrarch kam und sie himmlisch machte, so dünkt mich, that er den Sitten keinen Schaden. Er verfeinte ein grobes Medium , und wenn er den Rittergalanterien etwas vom Solde der Minne nahm, so gab er solches dem Geist und der Empfindung wieder. Er mag den Thatengeist der Ritterschaft um Liebe dadurch geschwächt haben; dieser Geist aber sollte geschwächt werden, es kam Vielerlei mehr dazu, das ihn schwächte, und es war also wirkliches Verdienst seiner neuen schönen Wissenschaft, daß sie ihn höher zog und auf etwas Besseres lenkte. Wenn Jahrhunderte nachher in Liebesgedichten, Petrarchischen und Platonischen Geistesseufzern hinwelkten und erstarben, so waren weder Petrarch noch Plato daran Schuld, sondern die Sitten, Anlässe und Zeiten, die ihre feine Süßigkeit so übel brauchten . Possen und Lächerlichkeiten waren immer gewesen, auch immer gesungen und beschrieben worden, wie die groben Fastnachtsspiele, Narren- und Eselsfeste S. L'origine de la Fête des Foux et de l'institution de la Compagnie de la mère folle in den Variétés historiques , T. III (Par. 1752) , von p. 342 an.   H. und so viel andre Schändlichkeiten der mittlern Zeiten zeigen. Wenn jetzt Facetiae daraus wurden, Boccazische Märchen und feinere Obscönitäten, so war es Unrath der Zeit, dem die Wissenschaften nicht hätten dienen sollen, den sie aber wenigstens nicht brachten. Es waren immer gottlose Päpste, liederliche Reiche, tyrannische Fürsten gewesen; wenn jetzt Philosophie, schöne Künste, alte Geschichte der Staaten und Politik dazu mißbraucht wurden, so waren freilich Hilfsmittel mehr, aber doch auch feinere Hilfsmittel da, die den Geist der Krankheit selbst verfeinten und immer in sich selbst auch das Gegengift der Krankheit hielten; denn die Wissenschaft an sich selbst ist gut, ist löblich. Es war ein und dasselbe Concilium, das für die Wissenschaften gute Gesetze und für den Orden der Tempelherren Scheiterhaufen beschloß; ja, vielleicht brauchten Papst und König, die Beides beschlossen, die Güter der Verbrannten, um, wie ihre Ueppigkeit so auch die Künste zu verpflegen. Schreckliche Schandthat, die der besten Sache nichts Gutes bringen konnte! Wenn indeß die Sitten auch nur als Vorwand des Gräuels und die Wissenschaften auch nur als Beschönigung desselben angegeben wurden, so sieht man, sie mußten an sich etwas Gutes sein, aus ihnen mußte wirklich Gutes kommen , weil sie selbst solche Frevelthaten beschönigen sollten. Atheisterei, wenn sie aus bloßer Grobheit entsprang und keine Gründe hatte, konnte auch durch keine Gründe widerlegt werden; sobald sie sich in eine falsche Philosophie hüllte, stand sie doch einer wahrern Philosophie , sie abzuleiten und zu verbessern, bloß. Sobald erst einige, auch nur falsche Politik ward, mußte mit der Zeit immer eine bessere aus ihr und selbst durch sie veranlaßt werden. Ein Gleiches ist mit den schlecht zusammengerafften Gesetzen dieser Zeiten und einer bessern Gesetzgebung. Freilich wäre es zu wünschen, daß die Wissenschaften bei ihrer Wiederkunft in die Abendländer eine bessere Zeit, bessere Regenten und Verfassungen gefunden hätten, die sie anwandten, denen sie dienten. Wenn Macchiavell Secretär eines Lykurgus und Numa statt eines Borgia gewesen wäre, er hätte seinen Prinzen nicht also geschrieben. Herder irrt: Macchiavell war Secretär der Republik Florenz . Sein »Principe« ist an Lorenzo dei Medici gerichtet.   D. Plato und Cicero in den Händen andrer Menschen als müssiger Privatleute, untüchtiger Schullehrer oder üppiger Cardinäle, Fürsten und Päpste würden andere Folgen gehabt, auch auf die Regierungen andern Einfluß gehabt haben; allein wer kann wider das Schicksal? Lasst jetzt die Künste eine Peterskirche bauen, lasst die Raphaels und Angelos jüdische Personen, Geschichte der Heiligen bilden und malen, lasst in den Gedichten damaliger Zeit Mythologie und Bibel, Wahrheit und Lüge wechselsweise wirken: es war kein andrer Weg, wie Wissenschaften und Künste nach dem, was vorhergegangen war, angewandt werden konnten . Keine andre Materie war da, und kurz, sie gaben dieser doch eine bessere Form. Schnell kam die Reformation hinter ihnen, sie durch sich selbst zu reinigen und zu bewähren. Wenn Leo die schöne Peterskirche von Sünden der Deutschen baute, so wurde diese Sünde ihm hart gestraft. Es ist wol noch Niemand gewesen, der das Wohlthätige der Reformation in seinen Einflüssen auf die Regierung bezweifelt hätte, ohne damit zu leugnen, daß solche nicht noch viel wohlthätiger hätte werden können. Einmal ist's gewiß: die brausenden Medien kamen aus einander, es sollte Ruhe   man fing an, mit eignen Augen zu sehen, es sollte Licht   Geistliches und Weltliches ward gesondert, es sollte Eintracht werden. Daß nicht Alles geworden ist, lag nicht an den Wissenschaften, sondern an Denen, die sie brauchten, an Umständen und Zeiten. Die ersten Gerichte, die man ansetzte, die erste Ordnung, die man traf, waren meistens aus Noth, in höchster Eile gemacht; es war kein Uebel daß sie gemacht , sondern nur, daß sie in so unvollkommenem Zustande als unwandelbar verewigt wurden. So ist's mit manchem Codex der Gesetze und symbolischen Bücher, mit politischen Einrichtungen und Kirchengebräuchen. Die Schritte waren zu schnell, und so mußte man zu bald ermüden. Die Reformation pro und contra brauchte der Regenten: diese ließen ihr bald ihre Hand fühlen; sie schlugen, da ihr Zweck erreicht war, ihr Gepräge der Vollendung auf Dinge, die nichts weniger als vollendet waren. Sie selbst haben den Schaden davon gespürt. Ein Licht, das durch Gährungen bewirkt, durch Gesetze aufgedrungen, durch einen politischen Stempel verewigt wird, ist kein reines Licht mehr; es wirkt Gährung gegen Gährung, Gesetze gegen Gesetze. Die nur politische Form unterdrückt und hindert den Stempel der innern Wahrheit, den die Wissenschaft allein verlangt , der auch allein in ihr nützt und sie immer fördert . Dies ist die Geschichte der Unruhen und Kriege, in welche die Regierungen fielen. Religion und Politik waren so lange von einander mißbraucht und übel zusammen verwachsen, daß sie sich auch jetzt nicht von einander zu finden wußten. Licht macht keine Verwirrung, und geistliches Licht sollte keine weltlichen Kriege geben dürfen. Republiken und Städte besserten meistens in Friede, so weit ihre Einsicht reichte; Monarchien und der Despotismus unterdrückten, betrogen, zerfleischten einander aus betrogner Schwachheit oder teuflischer Blutgier. Religion und Wissenschaften waren daran unschuldig, und hinter allen Stürmen, nach manchem Märtrerthum einzelner Regierungen und Länder ging fürs Ganze (das ist unleugbar!) Wahrheit, Ordnung und Freiheit schöner hervor, wo nicht positiv, so wenigstens verneinend , in erkämpfter Wegräumung alter Vorurtheile und Fesseln der Gesetze, die keine Gesetze, der Sitten, die keine Sitten waren. * 5. Alles scheint in der Welt durch Extreme zu gehen und zu werden; man sprach so lange von der Freiheit zu denken , bis man ins Joch zu handeln fiel. Die Regenten sträubten sich gegen fremde Bande so stark, bis ihre Unterthanen gebunden wurden und sich in diesen der Trieb zur Freiheit abermals regte. Mißbrauch der Wissenschaften hat jenen Despotismus, Gebrauch und Mißbrauch derselben hat diese Freiheitsliebe befördert; der Erfolg von beiden kann aller Gährungen ungeachtet nicht anders als gut sein. Mich dünkt, dies ist die jetzige Lage der Wissenschaften gegen die Regierung . Den meisten cultivirten Ländern Europens ist ihre Form der Wissenschaften (zum Theil auch der Verfassung) im Jahrhundert der Reformation oder doch nach seinen Grundsätzen angebildet worden; in jedem Lande zufolge seiner Regierung . Auch Länder, die bei der alten Religion blieben, suchten sich selbstwirkend zu machen in ihren Grenzen; für eigentliche Demokratie war nach gestilltem Bauernkriege nirgend mehr Raum. Man ließ Aristokratien und Monarchien wurzeln; und in der That sind dieses auch die besten Regierungsformen, wie an sich, so insonderheit unter Nationen, wo Gräuel des Bauernkrieges nur werden konnten . Es konnte kaum anders sein, als daß nicht Aristokratie und Monarchie sich der neuen, noch so unvollkommenen Einrichtung zuweilen auch im Uebermaße bedienten; und da keine Aufrühre der getroffenen Ordnung wegen so leicht mehr möglich waren, sie auch kaum einen Nutzen schaffen konnten, so sann man auf feinere Mittel , dem Despotismus zu entweichen: die Wissenschaften leisteten abermals Vortheil. Es verbreitete sich Philosophie, Freiheit zu denken , zu der die Regierungen zuweilen ihre Unterthanen zwangen, und die oft Frechheit wurde. An Veranlassungen hatte sie meistens Recht, an Folgen meistentheils Unrecht; sie wollte die Regierungen untergraben und hat sie oft befestigt, im Ganzen aber den Despotismus doch geschwächt und einer bessern Gesetzgebung , wenn auch gegen sich selbst, den Weg gebahnt . Lasset uns einige frappante Beispiele davon merken. Sobald Frankreich von auswärtigen und inwendigen Unruhen frei war, eilte es mit großen Schritten zum Despotismus, zur Unterdrückung der Hugenotten und Stände. Es verstopfte sein Ohr zu den Klagen, den Vorstellungen alter Rechte, und, Richelieu war der glückliche Usurpator, der die Sorbonne zu disputiren, die Akademie zu complimentiren anlegte und, was er auch von Religion und Wissenschaft, sollte es auch nur Astrologie und Narrenandacht sein, zu seinen Planen brauchen konnte, brauchte. Er hinterließ das Reich einem jungen Fürsten, der, in Grundsätzen der Art gebildet, seiner Macht Glanz gab, dem Despotismus Anstand . Er führte Kriege und stiftete Akademien des Ruhms wegen ; er lohnte Alles, was zu seiner Ehre gereichte, haßte Alles, was ihm bittre Wahrheit brachte, erschöpfte sein Reich und starb. Nach mancherlei Ausschweifung und Schwachheit, nach leeren Planen falscher Politik und ihrer mißrathenen Täuschung hat das verbreitete Licht , die eben durch solche Schwachheiten und Täuschungen erweckte bessere Politik , nicht unterlassen, ihren Weg zu gehen, alte Vorurtheile zu zerstören, Menschenliebe und Ideen von besserer Regierung zu verbreiten. Das Reich hat glückliche Augenblicke gehabt, da die Theorie auch That werden sollte; und wiewol nun manche gutgemeinte, aber zu weit gespannte Entwürfe scheitern mußten, sollte darum alles erkannte Wahre und Gute vergebens sein? Sollte das milde Land, wenn auswärtige Kriege und inwendige Unglücksfälle es nicht sich selbst entreißen, nicht einmal , unter einem Regenten und Minister davon die glücklichen Folgen spüren? Der Despotismus nutzt sich ab, nichtige Ehre ermüdet, und eitler Glanz wird ekel. Es müssen Zeiten kommen, da Regenten es durch sich einsehen lernen, daß ihr Bestes auf das Beste der Unterthanen trifft und Beides eins ist; ächte Wissenschaft ist's, die auf beiden Seiten die Zeit fördert. England , die Insel der Nationen, ging einen andern Weg. Sobald es, in sich gedrängt, sich mit sich selbst beschäftigte, stieg's schnell empor; der eine Heinrich VIII. und die eine Elisabeth thaten mehr, als Jahrhunderte ihrer Vorfahren thun konnten, Jener als Tyrann, Diese als Monarchin. Durch eine Reihe der sonderbarsten Contraste von Regenten und Regierungen , nach denen sich immer auch die Wissenschaften bequemten, kam's zum jetzigen Zustande des Reichs, zu dem auch gewiß mehr als in einem andern Lande die Wissenschaft mitgeholfen. Sie ward unter Jakob I. eine spitzfindige Rednerin und half die Göttlichkeit der Königsmacht, unter Cromwell eine Schwärmerin und half den Königsmord vertheidigen; unter Karl II. eine Ueppige, verlachte sie die Schwärmerei und wollte unter der Königin Anna durch abstracte Philosophie die Welt bessern. Jede Periode hat ihre Wirkung gethan, das Zeitalter der Gelehrsamkeit und Rechte unter Heinrich , wie Spenser, Shakespeare u. s. w. unter der Elisabeth, Baco unter Jakob , die Schwärmer unter Cromwell, Butler und die üppigen Schriftsteller unter Karl , das Triumvirat der Philosophen unter dem Regiment der Anna : Swift, Addison, Bolingbroke , und wenn man will, auch Pope . Ich will nicht untersuchen, wozu oder was jedes gewirkt: Milton's Paradies und Butler's Hudibras, Addison's Cato und Churchill's Satiren   was jede Production der freien Seele Gutes hat, bleibt und geht spät oder früh in die Masse der Nation über; der Zeitgeist verliert sich mit den Jahren. Aus Monarchie wird Freiheit, aus Freiheit (wenn erkaufte, gedungne Parlemente und eine schädliche, unkräftige, sich selbst zernichtende Parteilichkeit Freiheit ist) später oder früher Monarchie; da alsdann zuletzt alle Schwätzer der Freiheit das Ihrige beigetragen, diesen Punkt zu erreichen. In Deutschland dauert das sechzehnte Jahrhundert noch fort oder soll wenigstens noch fortdauern. Eine Trümmer dieser alten Verfassung, nährt's Wissenschaften, die mit sich selbst und dieser Verfassung im sonderbarsten Gegensatz sind und sich ihr ungeachtet doch fortbreiten, forterben. Vielleicht werden wir ersetzen, was wir im obgenannten Jahrhunderte zu rasch thaten. Die Letzten darin, Wissenschaft und Regierung auf einerlei Grundsätze zu bauen und in ein Werk zu einigen, werden wir's vielleicht desto reifer vollenden. Angrenzende Reiche und Provinzen gehen uns stark vor; wir sind aber vielleicht zu reich, um unsern Reichthum zu übersehen, zu nützen, zu ordnen. * 6. Nach so vielen Beispielen der Geschichte lasset uns allgemeine Summen ziehen und fragen, wie Wissenschaft auf die Regierung wirkt . Ich kann simpel antworten: durch sich selbst. Durch die Art, wie sie ist und im Staat ist , durch die Ideen , die sie verleiht, die Urtheile , die sie verbreitet, die Anwendung , in der sie steht, insonderheit durch Erziehung, Umgang und tägliche Lebensweise . Daß Alles, was sich Wissenschaft nennt, ohne Aufsicht und Lenkung im Staate sein soll und sein darf, ich glaube, kein alter Gesetzgeber würde von dieser Freiheit Begriff haben. Unleugbar ist's doch, daß es Mißbräuche der Wissenschaften giebt, die sich mit nichts als Frechheit, Ueppigkeit, Zügellosigkeit beschönigen können und also gewiß den Sitten oder der Denkart einer Gesellschaft schaden. Wer offenbare Gotteslästerungen oder, welches ebenso viel ist, Lästerungen der gesunden Vernunft, Ehrbarkeit und Tugend entschuldigen will, entschuldige, ja preise sie sogar: dem Staat steht's nicht nur frei, sondern er ist dazu gezwungen, seine Glieder dagegen zu schützen und zu verwahren. Ueber gewisse Punkte der Gesundheit und Glückseligkeit im Denken sind alle Menschen eins ; von ihnen muß sich die Regierung nicht verdrängen lassen, oder sie geht selbst unter. Und das um so viel mehr, da der Same solcher Insecten schon Fäulniß zeigt, die darnach begierig ist und oft nicht anders als mit der Verwesung des Ganzen endigt. Ein Körper, aus dem der ordnende Geist weicht, in dem der Puls still steht und die Empfindung sein selbst aufhört, ist unfehlbar der Raub der Verwesung. Lasset uns setzen, daß gotteslästerliche, üppige, schändliche Schriften in einem Staat erlaubt sind: auf wen werden sie wirken ? Auf Niemand als die schwachen, kranken, unbewehrten Theile desselben, und gerade da ist ihre Wirkung am Meisten schädlich . Der gesetzte Mann, der denkende, ehrbare, arbeitsame Mitbürger wirft dergleichen Dinge verächtlich weg; für ihn ist nichts zu besorgen. Aber der müssige Weichling, das schwache Weib, der unerfahrne Jüngling, ja, vielleicht gar das unschuldige Kind liest sie; je feiner, schöner, einnehmender sie sind, um so mehr, um so lieber lesen sie solche, und eben durch diese zarten Theile des Staats wird am Meisten verderbt. Ein vertändeltes, gottloses, unehrbares Weib, die nun Gattin, nun Mutter wird, deren Leibes- und Seelensaft verdorben ist, und die nun Andre erziehen soll nach ihrem Bilde; ein Jüngling, der seine besten Jahre verliert und, wenn er schwach ist, seine Ideen vielleicht auf lebenslang verwirrt: Alledies gedacht, Alledies menschlich in Folgen durch empfunden, wer ist, der nicht schauert ? Auch sehe ich nicht, was man je dafür sagen kann oder dafür gesagt habe. Man gebe die Schriften eines Verführers nur seinem Weibe, nur seinen eignen Kindern in die Hand und lasse ihn die Folgen empfinden! Der Staat ist die Mutter aller Kinder ; sie soll für die Gesundheit, Stärke und Unschuld aller sorgen. Sind Schriften der Art einmal in ihrem Schooße, sie sind nicht mehr zu vertilgen, die Wirkung ist fortgehend und ewig. Die Unterdrückung solcher Schriften ist solchermaßen Regenten-, ja Bürgerpflicht, daß hoffentlich Niemand glauben wird, wir haben durch eine unserer obigen Bemerkungen dieses Recht anstreiten, diese Pflicht schwächen wollen.   Anm. Müller's. Man wird mich nicht beschuldigen, daß ich der Freiheit des menschlichen Geistes, für die ich so laut geredet habe, Ketten anlege; Geschmack ist etwas Anders als Wahrheit, Sitten sind etwas Anders als zollfreie Gedanken . Sage Jeder, was ihm Wahrheit dünkt; nur er sage es als Wahrheit , nicht spottend, nicht schimpfend, nicht lästernd. Mache ein Jeder, was er für gut, schön und ehrbar hält, reizend ; Laster und Schande wird kein Mensch, auch der Dichter selbst nicht für ehrbar halten. Giebt er also dem Fieber seiner Phantasie oder dem Ausbruch seiner Unvernunft Raum, so muß es immer dem Staat freistehn, ihn als einen Kranken und Irren zu behandeln. Ich habe in der vorhergehenden Geschichte die schlüpfrigsten Productionen der Wissenschaften auf ihrer Stelle erklärt, gar entschuldigt, nie aber gerechtfertigt und immer ihren Mißbrauch, ihre schnöden Veranlassungen und Wirkungen gewiesen. Nun leben wir hinter einer Reihe von Zeiten nicht dazu, daß wir ohne Unterschied den Unrath derselben verschlingen und, was auf uns gekommen ist, verzehren müßten; gerade umgekehrt sind deswegen so manche Zeiten, Staaten und Länder vor uns, daß wir uns an ihnen spiegeln, von ihnen das Beste lernen und aufs Beste anwenden sollen. Aretin und Grécourt, Boccaz und die Priapeen zu übertreffen, sollte zu unsrer Zeit weder Verdienst noch Ehre heißen. Heißt's also, so ist's ein Kennzeichen, daß Koth im hohen Geschmack uns Honig oder uns Alles gleichgiltig, kurz, daß an uns nichts mehr zu verderben ist. Eine jede Wissenschaft hat ihren Mißbrauch, nicht blos Theorie der Religion und Gedichte . Die Philosophie kann so deraisonniren, die Kritik so ungesittet, frech und bübisch, die Geschichte so falsch und schief in der Anwendung, die Schriftstellerei so verachtet, schlecht und taglöhnerisch werden, daß es der Regierung nicht immer gleichgiltig bleiben darf, so viel Talente mißbraucht, die wahre Wissenschaft so abnehmend, die falsche so wachsend, jener so viel Hindernisse gelegt, dieser so viel Schlupfwinkel eröffnet, zuletzt alle gute Wirkung der Literatur verderbt zu sehen. Sie wird dagegen steuern, wie sie kann, nicht etwa nur durch kahle Verbote, die, wenn ein Uebel eingerissen ist, oft nur lächerlich werden und das Ansehen des Uebels vermehren, sondern dadurch, daß sie den Wirkungen der guten Literatur an und durch sich selbst aufhilft . Stünden junge Leute auf Akademien und, ehe sie zu Aemtern gelangen, und wenn sie in Aemtern sind, unter Aufsicht; käme in Betracht nicht blos, wie sie aussehn und was sie etwa wissen , sondern auch, womit sie sich beschäftigen , was sie schreiben ; wäre Jedweder gehalten, ein Verzeichniß dessen, was er gethan , womit er sich und dem Publicum die Zeit gekürzt, Denen, die ihm die Regierung vorsetzt, zu liefern und erginge hiernach Zurücksetzung und Beförderung, Lohn und Strafe; wäre jeder Verleger angehalten, im Fall es erfordert würde, seinen Autor und Criticus zu nennen oder für das Geschriebene selbst zu haften; müßte insonderheit die Kritik, das eigentliche Afterreden hinter Werken, dabei man selbst nichts wirkt , nie namenlos erscheinen; geschähe so manchen Uebervortheilungen im Handel der Literatur Einhalt: mich dünkt, es würden Mißbräuche der Wissenschaft aufhören, die jetzt den übelsten Erfolg auf die Köpfe der Leser und Schriftsteller, ja ganzer Stände und Aemter haben. Es kann einem Staat nicht gleichgiltig sein, ob er junge Polygraphen in seine Aemter, Anakreontiker auf seine Kanzeln, Kritiker in seine Gerichtsstühle und Romanschreiber in seine Laufgräben bekommt. Solche Verdienste, so gestellt, sind meistens von sehr übler Wirkung auf Stand und Geschäfte; wiewol meistens Alles, was und wie es von Akademien kommt, zumal wenn es Autor ist, gelehrt heißt, sei es dem Staate nachher; was es will. Soll Wissenschaft auf den Staat wirken, so müssen Stände gebildet werden und nicht Gelehrte, Männer von Geschäften und nicht Polygraphen. Minister und Kriegsmann, Arzt und Richter, Handwerker und Priester, jeder hat seine Wissenschaft, seine Erziehung und Bildung nöthig. Je mehr er diese in einem Staate erlangen, eigen für sich erlangen kann, ja, je mehr er gedrungen wird, sich solche zu verschaffen und sie anzunehmen, desto mehr wirkt Wissenschaft im Staate . In Ländern, wo Priester und Lateiner allein gebildet werden, steht's mit der Wissenschaft schlecht. Am Nothwendigsten ist die Bildung Derer, die Andern vorstehn , die, hoch oder niedrig, in ihrem Stande die Ersten sein sollen, insonderheit also der Regenten . Was hier die Wissenschaft einem Staate nutzen oder schaden kann, ist unsäglich. Bei Alexandern schreibt man's dem Lesen Homer 's zu, daß er Asien erobert; ich glaube von dem Märchen wenig. Aristoteles wird ihm in seinem Homer gewiß nicht die Verwüstung Asiens erklärt haben; und wo hat denn auch Achilles Indien erobert? Der Ehrgeiz des Knaben, der den Bucephalus zähmte, suchte überall seiner Leidenschaft Nahrung und fand sie also im Homer auch . Nun wäre es freilich ein großer Sieg des Philosophen gewesen, wenn er diese Flamme gelöscht und frühzeitig durch wahre Begriffe der Ehre und Größe eines Regenten wohlthätig gemacht hätte; sodann wäre es wahr worden, dessen Alexander sich jetzt auch nur aus Stolz rühmte, daß er dem Aristoteles mehr als dem Philippus zu danken habe: ganz Asien hätte sich der Wissenschaft Aristoteles' erfreut. Wie schwer wird's aber, einen Löwen zu bändigen, zumal wenn der Raub so nahe und die Reizung so groß ist! Wollte ihn doch nur Kallisthenes nicht anbeten und ward dafür gekreuzigt! Die Todesart des Kallisthenes wird verschieden angegeben ( Plut . Alex., 55; Arrian ., IV. 14; Diog. Laert ., V. 1, 6; Val. Max ., VII. 2 ext., 11), aber der Kreuzigung gedenkt Niemand.   D. Ohne Zweifel ist's die größte Wirkung der Wissenschaft auf das Herz eines Monarchen, eben weil sie die schwerste ist und sich in Folgen so weit verbreitet . Sie hat die größten Hindernisse und nachher den größten Einfluß. Alles um einen gebornen Regenten strebt der wahren Wissenschaft und strengen Weisheit, sowol zu leben als zu regieren, entgegen; Alles will sie vereiteln, und seine angeborne Meinung, der Titel, den er trägt, am Meisten. Dies zu überwinden, ist mehr als Chiron's, eines Helden und Halbgotts, Arbeit; überwunden aber, giebt's auch großen Ruhm des Herzens und schöne Siege. Ich setze Fénélon mit dem Plan und der Art seiner Erziehung den alten Weisen zur Seite; er und Xenophon und wenige Andre werden immer Heilige der Wissenschaft und Menschheit bleiben, wenn die Macchiavells junger Fürsten Satane sind in den Wirkungen, die sie stiften. Oft kann ein Wort, ein gegebnes Wort oder nicht ausgerottetes Vorurtheil, ein Buch, das man zur Unzeit liest, eine Methode, die man zur Unzeit wählt, Funken im Zunder sein, das Beste wegzubrennen und zu verwüsten. Ein elender Lehrer macht dem Zöglinge die ganze Wissenschaft, eine elende Methode die trefflichste Wahrheit ekel; Unbeständigkeit in Meinung endlich, schwacher Skepticismus verdirbt Alles. Das fehlt einem Regenten nur, zu wissen, »daß nichts wahr , daß Alles wahr und falsch, gut und böse sei, nach dem man's ansieht, und daß es eigentlich keinen Zweck menschlicher Handlungen und menschlichen Daseins in der Welt gebe, über Alles lasse sich disputiren , Alles lasse sich malen .« Das fehlt ihm und der Wissenschaft zum schönsten Siege über die Regierung! Da ist's besser, daß der Regent nicht schreiben gelernt habe und nur tüchtige, feste Hand behalte, einmal schreiben oder allenfalls fechten zu lernen, als daß ihm jetzt durch seine Wissenschaft Verstand, Hand und Auge gelähmt sei, nichts mehr im rechten Lichte zu sehen, zu wollen und zu begreifen. Verderbte Wissenschaft ist tausendmal ärger als Unwissenheit, wahres und das feinste Gift der Seele. Was Wissenschaft durch Lehre anfängt, hilft sie durch That , durch tägliche Aeußerungen des Umgangs vollenden. Wir wissen, wie schädlich der Königin Christine Bourdelot war; und selten fehlt's einem Regenten und einer Regierung an Sophisten ihrer Rathschläge und Neigung. Die Gesinnungen, die sich in einem Stande, einem Collegium, einem Lande und Reiche thätig äußern, sind gleichsam die praktische Wissenschaft, der stille Lebensgeist , der sich von einzelnen wenigen Subjecten oft einer Menge, einem Heer mittheilt. Wir werfen ab und empfangen Bilder, handeln seltner nach deutlicher Wissenschaft als nach dunkeln Begriffen, Maximen, Mustern und gewohnter Lebensweise. Hierin liegt gut und böse der größte Einfluß, die größte Wirkung, die sich nur bei sehr wenigen Personen in deutliches Erkennen auflöst. Die wahre Wissenschaft ist immer so gern und so vielseitig praktisch, als sie's sein kann; sie betrachtet sich selbst dem Staat und Vaterlande schuldig; sie will aber auch durch Zufälle lieber nicht nützen als wirklich schaden. Man hat sehr viel vom Einfluß der Wissenschaften auf den Staat geredet, auch durch die mehrere Umgänglichkeit der Gelehrten, die leichtere Faßlichkeit und Popularität ihrer Schriften , die Art, Alles ad modum et captum der Gesellschaft , des schönen Geschlechts zu machen und dergl. Ich gestehe Alles sehr gern ein, falls nur nicht der zu leicht geschnitzte Bogen bricht und die übermachte Höflichkeit sich selbst schadet. Ich sehe es nicht ein, warum eben die Wissenschaft der Optik, Cartesianische Wirbel, Theorien der Politik und dergleichen Abstractionen dem Theil der menschlichen Gesellschaft zu gut aus ihrem Wesen gehoben werden müssen, der sie nicht ihrer Natur nach, in ihrem Zusammhange begreifen kann oder will ; mit Verkleidungen der Art hat er doch nichts, und was ärger ist, er dünkt sich jetzt etwas zu haben und mißbraucht's. Ebenso ist's oft mit dem Umgange der Gelehrten : er unterrichtet weniger, als er Geschwätz ausbreitet; er klärt weniger auf, als er sich selbst vergiebt. Gewisse Ideen kommen ins Publicum; es ist aber eine andre Frage, wie sie dahin kommen, was sie daselbst thun , und was für eine Verachtung und Geringschätzigkeit sie sich nun bei den Halbgelehrten selbst zuziehen. So ist's mit vielen Lehren der Philosophie, ja mit ganzen Wissenschaften und Künsten gegangen; ihre innere Würdigkeit verlor nichts, aber ihr Mißbrauch ward allgemeiner, und auf eine Zeit kamen sie selbst so in Abnahme, daß sie sich einen andern Namen suchen mußten, um wieder nützlich zu werden. Ueberhaupt geht's mit den Blüthen menschlicher Erkenntniß wie mit den Bäumen und der Flur: sie haben ihre Jahrszeiten im Staate; gesät und geerntet, gepflückt und abgestreift, müssen sie ersterben und kommen als neue Wesen wieder. Ohne Zweifel sind die Wissenschaften und Uebungen die besten, die nicht vom Wahn der Menschen abhangen, sondern ihre Nutzbarkeit in sich haben, wie z. B. die nothwendigen und mechanischen Wissenschaften. Sie sind der Wald, der immer grünt; zwar weniger lustbar, aber gewiß und dauernd. * 7. Soll ich endlich, wie ich bei der ersten Abhandlung gethan, einige kurze Sätze vom Verfolg der Regierungen in Beziehung auf die Wissenschaften aus unsern Begebenheiten der Geschichte herausziehn, so wären es ohngefähr diese: 1) Die Regierung scheint am Glücklichsten, in der jede Wissenschaft einfache, praktische Weisheit ist, und in welcher Ueppigkeiten des Geistes wie des Lebens keinen Raum finden. So sind die Republiken im Anfange; auf den Punkt müssen sie und ächte Monarchien wieder zu kommen streben. Alle nichtige, müssige, zwecklose Kenntnisse entkräften; sie nehmen der wahren Wissenschaft wie dem nützlichen Geschäft Zeit und Raum weg, und der Staat wird nicht glücklich durch Speculiren, Tändeln, Schwätzen, Lesen , sondern durch Arbeit und Ruhe, Emsigkeit und Weisheit. Es ist eine feine Wage, die die Regierung hier in Händen haben muß, sowol in Betracht auf sich als in Beziehung auf andre Völker, mit denen sie zu thun hat. 2) Die Wissenschaften, die einem Staat natürlich sind, die in ihm selbst entstehen oder sich ausbilden, haben homogenere Natur mit ihm, als die, unter andern Völkern und Himmelsstrichen gebildet, zu ihm kommen oder sich einschleichen ; in diesen hat die Regierung noch mehrere Vorsicht nöthig. Ist ihr die Einführung fremder Waaren nicht gleichgiltig, sollten es ihr die feinsten Gifte oder Arzneien menschlicher Seelen sein? Jene abzuwenden, diese aufzunehmen, auszubreiten, ja andern Nationen hierin vorzukommen und sich mit ihrer Beute zu bereichern, ist so sehr Klugheit als irgend eine andere. Schon das, daß solche Sachen fremd sind, daß der Staat sich lange ohne sie behalf, macht Erwägung; Exempel der übeln Folgen, wenn die beste Sache schlecht eingeführt ward, macht sie noch mehr; endlich die beste Einführung der besten neuen Sache ist ja immer das Meisterstück der Regierung. Da nun die wirksamsten Kenntnisse im Guten und Bösen sich durch Reisen einführen, sollten diese der Regierung, zumal bei jungen Leuten, gleichgiltig sein? sollte es gleichgiltig sein, welche Schriften übersetzt , welche fremde Muster insonderheit auf der Schaubühne nachgeahmt werden, da Schauspiele und dergleichen neue, fremde Gemeinschriften doch immer die öffentlichsten und wirksamsten Ausbreitungen neuer Ideen und Maximen sind? 3) In unserm Zustande von Europa, bei der so großen, in einander greifenden Concurrenz der Staaten, bei ihren so mancherlei Verhältnissen, Zwecken und Hilfsmitteln, die sie auch in Wissenschaften aus allerlei Zeiten haben, bei dem Grad von Verfeinerung endlich, der in der Erziehung und Denkart ganzer Stände und Gegenden herrscht, wird beinah aller Calcül der Einwirkung so geistiger, feiner Medien unmöglich . Alles fließt durch und in einander, Gesetze und Sitten, Wissenschaften und Gewohnheit; Eins bestimmt und vermindert das Andere, und in der Gesetzgebung wird zuweilen auf die größten Contraste neben einander gerechnet . Hier geradezu zu tadeln, eine Sache aus ihrer Verbindung zu reißen und zu verdammen, ist unnütz; plötzlich zur spartanischen Strenge mit ganzen Ländern zurückkehren wollen, ist thöricht und unmöglich. Die Aenderung fängt hier, wie überall, vom Einzelnen, vom Kleinen an. Wenn einzelne würdige Personen und Familien sich der Enthaltsamkeit auch in Wissenschaften befleißen, die wahre Gesundheit der Seele und praktische Weisheit ist; wenn sie dies Gepräge sodann allmählich ihrem Geschäfte, Stand und Amte eindrücken, unvermerkt Muster werden, und ihnen der Staat nur beihilft, nur nicht eigensinnig widerstrebt: so geht mit der Zeit ihr Gutes in seine ganze Gestalt über. So ist die Rechtsgelehrsamkeit, die Verwaltung öffentlicher Geschäfte, das Priesterthum, die gemeine Erziehung bisweilen von wenigen bessern Menschen im Staat umgebildet worden, wenn die Regierung sie nur machen ließ und zu rechter Zeit schweigend unterstützte. Das Auge dieser muß bei Einwirkung der Wissenschaft insonderheit auf dem Ganzen ruhen. Wenn z. B. niedre Stände das Land verlassen und vornehmlich der Wissenschaft und Künste wegen in die Städte schleichen; wenn hie und da es fast gewöhnlich wird, daß der Bauer sein krankes Kind, das nicht zum Pfluge taugt, der Wissenschaft opfert: so verdienen Vorurtheile der Art die steuernde Hand der Regierung; denn sie werden der Wissenschaft und dem Lande schädlich. Dem Lande : denn es braucht nicht nur Buchstaben, sondern auch Brod, und Italien, das Land der Kunst und Literatur, ist ein lehrendes Beispiel, was aus dem Ackerbau und aus der Gegenwehr werde, wenn die Flur in die Städte zieht und Künste und Wissenschaft treibt. Der Wissenschaft : denn sie wird durch rohen Gebrauch und bäurische Anwendung, zumal als Stand betrachtet, selbst verächtlich. Armuth, die sonst die Erfindung schärft, kann auch die ärgsten Brodstudien machen, und Rohheit der Sitten, die zuweilen den Fleiß befördert, macht mit der Zeit einen ganzen Stand der Wissenschaft bäurisch. Der Adel fängt sodann abermals an, sich ihrer zu schämen, und genießt der Ehren des Staats ohne Wissenschaft und Weisheit, was der Regierung ebenfalls nicht vortheilt. Jedoch zum Ende! Anwendungen der Art gäbe es zahllos, nach dem man auf dem Ocean meiner Materie hie oder da an Land steigt. Mein Bestreben war, nicht leeren Wetteifer der Gelehrsamkeit, sondern eine Gelegenheit zu suchen, wo ich nach mancherlei Nachforschung und Erfahrung zur Blüthe und Frucht der Wissenschaft auch in unsern Staaten etwas Nützliches sagen könnte.   Ueber den Einfluß der schönen in die höhern Wissenschaften. 1781. Zuerst gedruckt in den »Abhandlungen der baierischen Akademie über Gegenstände der schönen Wissenschaften«. Erster Band. München 1781, S. 139-168. Daraus abgedruckt im ersten Bande von J. G. Heinzemann's »Literarischer Chronik«, I (1785). S. 137-162. Vgl. Herder's Schulrede »Vom falschen Begriff der schönen Wissenschaften« (1782), Werke, XVI. S. 55 ff. Wir folgen dem Texte der Ausgabe der Werke, welche aus dem oben S. 3, Anm. angeführten Grunde vom Originaldrucke bedeutend abweicht   D.   Ut hominis decus ingenium, sic ingenii ipsius lumen est eloquentia. Cic . Brut. 15, 59.   D.   Zuvörderst ist auszumachen, wie man das Wort schöne und höhere Wissenschaften nimmt. Sollen die erstern nichts Anders sein, als was junge, müssige Gemüther gern darunter verstehen möchten, eine tändelnde, üppige Lectüre, schale Verse und Romane, Kritiken und witzige Journale, so ist wol vom guten Einflusse derselben nicht viel zu sprechen. Und da solcher Mißbrauch des Wortes in unsern Tagen ziemlich allgemein ist und die kurfürstliche Akademie ohne allen Zweifel zum Zwecke hat, daß die Beantwortung ihrer vorgelegten Frage praktisch und nützlich werde, so muß leider der Anfang dieser Abhandlung vom Mißbrauche der Sache und von seinem bösen Einflusse handeln, damit wir sodann auf den bessern Gebrauch und seine Nutzbarkeit kommen. Zu nichts ist die Jugend geneigter, als vom Schweren auf das Leichtere zu springen, zumal wenn dies zugleich angenehm ist und eine schöne Oberfläche hat. Sie läßt also gern die alten Autoren, die die wahren Muster des Schönen sind, Philosophie, Theologie und gründliche Kenntnisse anderer Art ruhen, um sich an den witzigen Schriften ihrer Sprache zu erholen und die Einbildung damit zu füllen. So geht's in Schulen und auf Akademien, und da in den frühern Lebensjahren der Geschmack seine Richtung erhält, so schreitet man fort, wie man begann. Auch in Zeiten und Ständen, wo man's nicht vermuthet, sieht man jetzt Schönwissenschaftler und Schönkünstler, wie man sie gern entbehrte: ästhetisch-poetische Prediger, witzige Juristen, malende Philosophen, dichtende Geschichtschreiber, hypothesirende Meßkünstler und Aerzte. Das Leichte hat über das Schwerere gesiegt, die Einbildung hat vor dem Verstande Platz genommen, und je mehr Reize und Anlässe es von außen giebt, diese Auswüchse menschlicher Seelenkräfte und schöner Literatur zu befördern, desto mehr gedeihen sie und ersticken das Trockne, Schwerere mit ihrem üppigen Wuchse. Der Schade hievon ist theils für die Subjecte selbst, die auf diesen Irrweg gerathen, theils für die Wissenschaften, die sie bauen oder bauen sollen, beträchtlich und oft lange unersetzlich. Wir werden Alles, was wir sein sollen, nur durch Mühe, durch Uebung. Unter welchem Vorwande, zumal in jüngern Jahren, wir diese vernachlässigen, haben wir schon immer den Nachtheil, daß, wenn unsere Nerven ungeübt, unsere Kräfte unentwickelt blieben, wir, so reich unsere Beute von außen sein mag, in uns selbst arm und schwach sind. Ein Jüngling, allein in den schönen Wissenschaften erzogen, ist ein Zärtling in den Gärten der Armida oder gar in der Grotte der Kalypso verzaubert: Vgl. Herder's Werke, XVI. S. 41.   D. er wird nie, wenn ihm nicht die ernstere Wahrheit als Retterin erscheint, ein Held oder ein verdienter Mann werden. Das Schöne in den Wissenschaften, wie er darnach läuft, ist nur Colorit, nur Oberfläche; er pickt darnach wie der Vogel nach der Farbe, er hascht darnach wie nach einer schönen Wolke: die schöne Ansicht vergeht, und er hat nichts. Zudem ist nicht Alles Gold, was glänzt, und nicht Alles schön, was einem unerfahrnen Jünglinge oder verzärtelten Weibe so scheint. Die Modelectüre der Zeit ist oft ein Garte voll Sodomsäpfel, auswendig schön, inwendig voll Staub und Asche. Ein Jüngling, der, was und wie etwas sogenannt Schönes gedruckt erscheint, es begierig verschlingt, hält gewiß ungesunde Mahlzeit; Gutes und Böses ißt er durch einander, und da das Meiste süß und üppig ist, so wird sein Geschmack verdorben und verwöhnt. Das Reich seiner Wissenschaft, wenn es so enge wie seine Zeit ist, kann ihm nicht bessere Früchte geben, als diese giebt, und er kann aus ihnen nicht gesündere Säfte kochen, als die Früchte ihm gewähren. Kommt nun noch dazu, daß der also genährte Jüngling selbst Richter in den schönen Wissenschaften wird, ehe er Schüler, Meister, ehe er Lehrling geworden: gnade Gott für den Einfluß! Was je die Sophisten zu Sokrates' Zeit waren, sind solche Kunstrichter in unsern Tagen: sie wissen Alles, sie entscheiden über Alles; die Kunst zu schwatzen haben sie gelernt, und worüber läßt sich nicht schwatzen? Am Meisten darüber, wovon man nichts weiß; da kann man unbegriffene Sachen wünschen, da kann man witzeln und schöngeistern. Jede Wissenschaft, in die ein solches Gemüth tritt, wird durch seinen ungesunden Anhauch verpestet und durch seine üppige Behandlung entnervt und verdorben. Welch ein unwürdiges Geschöpf ist ein eleganter Theolog nach dem neuesten Gewächse! Nicht Gottes Wort predigt er, sondern schöne Phrasen, hexametrische Tiraden, eine aus witzigen Schriften erbettelte Moral. Im ersten Druck steht hier: »Phrasen, Klopstockische Hexameter oder Crébilon'sche Moralen«.   D. Nicht Gottes Wort liest er, er übersetzt an ihm alte Geschichte, Briefe und Lieder in die neueste ästhetische Form; er commentirt Moses, David und Johannes , wie Ariost, Milton und La Fontaine . Seine Glaubenslehre ist eine liberale Philosophie, seine Pastoralklugheit eine ästhetische Wohlgefälligkeit gegen alle herrschenden Meinungen und nutzbaren Laster. Einem Menschen, dem Würde in seinem Amt, strenger Umriß in dem, was er denkt, will und sucht, fehlt, ihm ist alles Zubehör schöner Wissenschaften von außen her, Schminke oder ein zusammengeflickter Narrenmantel. Ich übergehe Juristen und Aerzte, um mit einigen Zügen den Zärtling vorzustellen, der als ein sogenannter schöner Geist in der Philosophie, Geschichte oder gar Mathematik schön thut. Wenn er uns über alle diese Sachen artige Modeworte, Porträte, Bilder, Aehnlichkeiten, witzige Einfälle und Geschichtchen giebt; wenn er uns sagt, nicht was geschehen sei, sondern malt, was hätte geschehen sollen; wenn er uns, was da ist, nicht zeigt, sondern mit Blumen umhüllt, damit es errathen werde: ei des schönen Philosophen, des poetischen Geschichtschreibers, des witzigen Mathematikers, des herrlichen Kunstrichters! Alle diese, alle höhere Wissenschaften werden verderbt, wo solche Affen Muster sind und Exempel geben. Eine Bibel ist nicht Bibel mehr, wenn sie ein ausgemaltes ästhetisches Kunstbuch, eine Glaubenslehre nicht Glaubenslehre mehr, wenn sie ein Kram geschminkter Meinungen sein soll, und auch eine Philosophie nicht Philosophie mehr, wenn sie, statt zu lehren, tändelt und, statt Wahrheit zu erforschen, nach Farben und Flittergolde läuft. Was ist eine Geschichte ohne Wahrheit? was eine Wissenschaft ohne Gewißheit und strengen Umriß? was eine Sittenlehre ohne feste Grundsätze der Uebung? was eine Weisheit voll Tandes und schöner Thorheit? Alle Geschäfte werden von diesen Buttervögeln schöner Wissenschaften benascht und verunehrt; sie saugen an ihnen nach Bequemlichkeit Saft, und was sie nachlassen, sind Keime verheerender Raupen. Die höchste Wissenschaft ist ohne Zweifel die Kunst zu leben; und wie Manchen haben seine schöne Wissenschaften um diese einzige, diese göttliche Kunst gebracht! Die Liebe, die glücklich macht, wird selten durch Romane dem Herzen angebildet; die größten Romanhelden oder -Heldinnen finden in der wahren Welt selten, was sie suchen, und oft etwas ganz Anders, als wovon sie träumten. Ihre überspannte Einbildungskraft ermattet bei wirklichen Gegenständen und kann nicht genießen, was sie hat; erschlaffte, weiche, üppige Hände können aus der Materie des Lebens das Kunstbild nicht bereiten, was aus ihnen erst bereitet werden soll. Ein immer nur dem Vergnügen nacheilender Jüngling, wie kann er ein Mann, ein würdiger Ehemann und Vater, ein arbeitsamer Geschäftsmann, ein unermüdeter Diener des gemeinen Wesens, ein untersuchender, gerechter Richter, ein tüchtiger Arzt, ein geschäftiger Weiser, ein Wahrheitsforscher und Wohlthäter des menschlichen Geschlechts in seinem Kreise werden? Zu Allediesem gehört ernste Bildung, wahre Erziehung, Geschmack an Mühe und Fleiß, ein treues Herz, ein guter Verstand, ein redlicher Zweck und mit festem Willen auch erworbene Kräfte, den Zweck zu erreichen. Ist dies Alles nicht da, buhlen wir in Allem nur um das Flittergold des Angenehmen, des Leichten, Wohlgefälligen und Schönen, verachten, was Mühe bringt, was Untersuchung kostet: die Götter geben uns nichts ohne Mühe, sie verkaufen alle ihre Gaben theuer, Vgl. Herder's Werke, XVI. S. 31 f.   D. und am Theuersten ihre edelste Gabe, den Kranz der Belohnung eines guten Gewissens. Die Ueberzeugung, gethan zu haben, was wir thun sollten, was Keiner für uns thun konnte, wird nicht durch elogia fremder Zungen und Federn, nicht durch Schminke von außen, nicht durch Geschwätz oder Schönkünstelei erworben: sie ist die Frucht der ernstesten Anstrengung, die höchste Wissenschaft und Kunst des Lebens. Alles, was zu dieser nicht führt, ist Eitelkeit und Dunst, ein schöngefärbter, aber betäubender und vielleicht giftiger Nebel. Viele Mängel und Unglückseligkeiten unsrer Staaten, unsrer Stände, Aemter und Geschäfte lassen sich auf die unglückselige Ueppigkeit und Weichheit zurückführen, die sich in unsere Erziehungskammern, in Schulen, Kirchen, Paläste und Häuser eingeschlichen hat und allenthalben ihre bösen Wirkungen zeigt. Das Beste ist auch hier, ein Besseres durch That und Vorbild in bessern Begriffen und Beispielen zu zeigen; es ist dies die Absicht der Frage: welchen Einfluß die schönen Wissenschaften, recht gefaßt und recht geübt, in die höhern Kenntnisse haben . Schöne Wissenschaften sind die, welche die sogenannten untern Seelenkräfte , das sinnliche Erkenntniß , den Witz , die Einbildungskraft , die sinnlichen Triebe , den Genuß , die Leidenschaften und Neigungen ausbilden sollen ; ihre Erklärung selbst zeigt also gnugsam, daß sie auf die höhern Wissenschaften, die sich mit dem Urtheil und Verstande, dem Willen und den Gesinnungen beschäftigen, den schönsten und besten Einfluß haben . 1. Alle Kräfte unsrer Seele sind ursprünglich nur eine Kraft , wie unsere Seele nur eine Seele. Wir nennen oben und unten, hoch und niedrig, was nur vergleichungs- und beziehungsweise so ist; im Ganzen aber ist ein richtiger Verstand ohne richtige, wohlgeordnete Sinne, ein bündiges Urtheil ohne eine geregelte und zu ihrem Dienst brauchbar gemachte Einbildungskraft, ein guter Wille und Charakter ohne wohlgeordnete Leidenschaften und Neigungen nicht möglich. Also ist's Irrthum und Thorheit, die höheren ohne die schönen Wissenschaften anzubauen , in der Luft zu ackern, wenn der Boden brach liegt. Wer hat je einen Mann von richtigem Verstande gekannt, den sein sinnliches Urtheil immer irre führte? Wer sah je mit dem Verstande recht, wenn er mit seinen Augen und der Phantasie immer falsch sah? Wer war Herr über seinen Willen, dem seine Leidenschaft nicht gehorchte, dem die Phantasie befahl, der in allen seinen geheimen Neigungen Stricke fühlte, die ihn, den Simson, sieben- und tausendfach fesselten, ohne daß ihn eine andre Kraft befreite? Die schönen Wissenschaften sind also oder sollen sein Ordnerinnen der Sinne, der Einbildungskraft, der Neigungen und Begierden; das Sehglas zur Wahrheit, die sich uns Sterblichen immer nur im Schein offenbart; Dienerinnen, die den Grund unsrer Seele ordnen, damit Wahrheit und Tugend sich ihr offenbare: ein Mehreres kann kaum zu ihrer Rechtfertigung und höchsten Bestätigung gesagt werden. 2. Sinne und sinnliche Kenntnisse sowie geheime Neigungen und Lüste sind das Erste, das in unsrer Seele aufwacht ; der Verstand kommt spät und die Tugend, wenn sie uns nicht durch sinnliche Uebungen eingepflanzt wird, gemeiniglich noch später. Also ist mit der Jugend jugendlich anzufangen; unsere sinnlichen Kräfte sind sinnlich zu behandeln und zu bilden, durch leichte Regeln und, noch besser, durch gute Exempel. Die schönen Wissenschaften beschäftigen sich mit beiden; also ist ihr früher Gebrauch der Natur und Ordnung der menschlichen Seele angemessen und hiemit für alle andern Wissenschaften gnug empfohlen. Wem in seiner Jugend Gedächtniß, Sinne, Witz, Phantasie, Lust und Neigung verkümmert und abgestumpft wurden, was wird dessen Verstand in reiferen Jahren für Materialien haben, die er bearbeite, was für Formen und Formeln, nach denen er sich übe? Was kann sein Wille thun, wenn seine Kräfte, richtig zu imaginiren, zu wollen und zu thun, unerweckt und ungebildet oder gar mißbildet sind? Er schreibt auf einem vermalten, verknitterten, ungeleimten Papiere; mit stumpfen Waffen will er streiten und mit ungeschickten, verrosteten Werkzeugen oder gar ohne Werkzeug das größte Kunstwerk des Lebens, die Bildung seiner Seele, vollführen. Wie die Morgenröthe vor der Sonne vorhergeht und Frühling und Saat vor der Ernte hergehen müssen, so die schönen vor den höheren Wissenschaften . Sie streuen aus, was die letztern ernten; sie geben schönen Schein, diese wärmen und leuchten mit ihrer ganzen Wahrheit. 3. Sinne und Leidenschaften, Phantasie und Neigung können in gewissem Verstande die größten Feinde des Guten und der Wahrheit werden. Sind sie überwunden und nach geschlossenem Frieden der Wahrheit zu Freunden erworben, so ist die Sache gemacht: die höheren Wissenschaften triumphiren auf ihren Schilden. Das allein ist wahre Weisheit, die den Sinnen durchaus nicht nur nicht widerspricht, sondern sie vielmehr berichtigt, ordnet und bestätigt. Das allein ist ein schöner Vortrag der Geschichte, zu dem die That selbst gleichsam den Ausdruck gewählt hat, in dem sie wie die Seele in ihrem Körper lebt. Das ist das wahre Recht, was auf jeden Vorfall einzig und ganz paßt, gleichsam eine lebendige Intuition desselben. Das ist die schönste Gottesgelahrtheit, die mit Würde, Wahrheit und Einfalt auf menschliche Herzen wirkt. Die höhern Wissenschaften sind also alle die Frucht einer gesunden Geistesorganisation, deren schöne Naturblüthe die andern, die sogenannten schönen Wissenschaften pflegten. Ich fühle wohl, wie viel ich hiemit gesagt habe, und daß man mich fragen kann, wo es denn dergleichen schöne Wissenschaften gebe. Ohne mich hiedurch vom Wege schrecken zu lassen, antworte ich blos, daß, wenn es schöne Wissenschaften giebt, sie solche sein und den Zweck und Nutzen haben sollten , oder sie verdienen nicht diesen Namen. Es ist keine schöne, sondern eine häßliche Wissenschaft, die die Phantasie aufregt und verführt, statt sie zu ordnen und recht zu führen; die den Witz mißbraucht, statt ihn zum Kleide der Wahrheit zu gebrauchen; die die Leidenschaften kindisch kitzelt und sie empört, statt sie zu besänftigen und zu guten Zwecken zu leiten. Ich bin gewiß, daß die Alten auch in diesem Betracht mehr schöne Wissenschaft als wir hatten; sie nämlich, auf ihrer Stelle. Ihre Poesie und Beredsamkeit, ihre Erziehung und Cultur hatte viel mehr Weisheit und Zweck, aufs Leben zu wirken, in sich als unsere meiste Lectüre oder unsere schönen Schulphrasen. Also auch von dieser Seite ist die Lesung der Alten, recht gebraucht und wohlgeordnet, die wahre Wissenschaft des Schönen zu Vorbereitung einer höheren Kenntniß . Wo nämlich ist der sogenannte schöne Ausdruck so genau und natürlich das Bild und Kleid der Wahrheit als bei ihnen, den Griechen und Römern? Wer die Sprache der Natur lernen will, wo lernt er sie mehr und angenehmer als bei Griechenlands ersten Dichtern? Wer bürgerliche Weisheit hören will, wo hört er sie angenehmer als in ihrer Beredsamkeit und Geschichte? Homer war der erste Philosoph und Plato sein Schüler; Xenophon und Polyb, Livius und Tacitus sind gewiß große Menschen- und Staatskenner, aus denen in spätern Zeiten die größten Staatsgelehrten Im ersten Druck steht: »aus denen Macchiavell und Grotius«.   D. ihre Weisheit holten; Demosthenes und Cicero sind Redner, von denen man mehr lernen kann als den Numerus ihrer Perioden: und welcher größere Geist der neuern Zeiten wäre es überhaupt, der sich nicht eben an den Alten zum Reformator seiner höheren Wissenschaft gebildet hätte ? Dem Theologen z. B. ist die Kenntniß und Auslegung der Bibel nöthig: welcher Theolog hat je diese Auslegung vorzüglich und glücklich getrieben ohne genauere Kenntniß der Alten und ohne Bildung der schönen Wissenschaften? So lange diese lagen, lag auch das gelehrtere Studium der Bibel; mit jenen lebte es auf, und fortan gingen beide beinahe in gleichem Schritte. Ein Theil der Bibel ist Poesie; wer ist, der sie glücklich auslegte ohne Gefühl fürs Schöne und Wahre der Dichtkunst? Welche Schaaren und Heerden von Commentatoren die Propheten und Psalmen dogmatisch- und grammatisch-erbärmlich zerrissen und mißdeutet haben, weil der Geist der hohen poetischen Sprache derselben sie nie begeistert hatte, weil sie, was poetischer Naturausdruck sei, nicht verstanden! Auch die Geschichte und die Anmahnungen der Bibel sind voll Bilder und sinnlicher Vorstellungen; Niemand kann sie verstehen und anwenden, der diese Vorstellungskraft nicht hat und übt. Der Prediger soll ans Volk reden; wie soll er zu ihm reden, wenn er's nicht kennt, wenn er weder zu seinem Verstande noch zu seinem Herzen den Zugang weiß, weil es ihm selbst an Herz und Bildung fehlt? Er soll die Geschichte und Sittenlehre einer andern Zeit der seinigen eigen machen; wie kann er's, wenn er weder jene noch diese im rechten Licht sieht und im rechten Sinne vergleicht? Die Irrthümer und Fehltritte, die aus dieser Unwissenheit und Ungeübtheit entstehen, wären durch alle Felder der Theologie in dicken Beispielen anzuführen, wenn es Ort und Zweck erlaubte. Von der Rechtsgelehrsamkeit haben es Andre gnug erwiesen, daß es ihr nicht Schaden, sondern den größten Vortheil bringe, wenn mit dem Gefühl der Billigkeit der reine gesunde Verstand und schlanke Sinn der Wahrheit in Sachen und Ausdruck sie belebt. Daß die Geschichte und Staatsklugheit sich mit der feinern Cultur und Humanität wohl geselle, wird Niemand zweifeln. Was sollte humaner gedacht und geschrieben sein als eine Menschengeschichte ? Und wo sollte mehr Menschenkenntniß und Humanität herrschen als in der Wissenschaft, die die Menschen regiert ? In reiferen Jahren werfen ohnedas die meisten sogenannten gründlichen Gelehrten und Geschäftsmänner das bloße Spielzeug und Klapperwerk der Musen weg und ergetzen sich am Verständigen, am Menschlichen in Poesie und Geschichte. Ein Menschenleben, wie es Homer verfolgt, ein Glückswechsel, wie ihn Aeschylus und Sophokles schildern, ein Charakter, wie ihn Tacitus festhält, Begebenheiten und Leidenschaften, wie sie Shakespeare in ihren verborgensten Fäden entwickelt, Fehler und Albernheiten, wie sie Aristophanes und Lucian, Hudibras, Swift und Sterne zeichnen, ein schönes Leben, wie Horaz und Addison, Montaigne und Fénélon es abbilden: gewönne man an ihm nicht Menschenkenntniß, häusliche und politische Weisheit, woher ließe sie sich lernen? Der berühmteste Eroberer las den Homer als ein Kriegsbuch; mehr als ein Staatsmann lernte aus den alten Geschichtschreibern und Rednern seine beste Geschäftsweisheit. Ueber die nothwendige und nützliche Verbindung der schönen Wissenschaften und Weltweisheit ist die ganze Geschichte Zeuge. So lange und so oft beide Freundinnen waren, blühten beide; schieden sie sich und haßten einander, so ging eine und die andere zu Grabe. Plato flog wie eine Biene über Homer's Blumenbeeten, und Aristoteles selbst war gewiß kein Musenverächter. Als aber in den mittlern Zeiten die Scholastiker sich allem Sonnen- und Tageslicht entzogen und in ihren gelehrten Klüften barbarische Worte erfanden und Namenschälle zertheilten, was ist aus ihrer Logik und Metaphysik geworden? Nur da die schönen Künste zurückkehrten, ging auch den Wissenschaften der Abstraction ein Licht auf; sie fingen nicht nur an, in Gemeinschaft zu leben, sondern oft war derselbe gute Kopf dort und hier ein Erfinder. Von Baco bis zu Leibniz waren alle helle Denker in der Philosophie auch Freunde des Ergetzenden und Schönen; ihr Ausdruck war klar wie ihr Geist; selbst ihre Gedankenspiele wurden oft Leiterinnen zur Wahrheit. Sollte ich alle großen Namen nennen, die die schönen mit den höheren Wissenschaften oft selbst mit mehr als einer derselben glücklich verbanden, welche Namenreihe wäre vor mir! Beinahe scheint's ein Vorzug aller edleren Geister zu sein, daß sie sich nicht in eine Kunst oder Wissenschaft einschlossen, sondern die eine durch die andere belebten und gleichsam in keiner, die den Geist bildet, ganz fremde waren. Das Reich der Wissenschaften in allen seinen Gebieten ist ein Reich, wie die menschliche Seele in allen ihren Kräften nur eine und dieselbe Seele ist. Jene Provinzen liegen einander näher oder entfernter; abgerissen und inselhaft ist aber keine, und zu allen ist Zugang. In der Geschichte des menschlichen Geistes wie der menschlichen Wissenschaften hat es die sonderbarsten Combinationen der Gedanken gegeben, und eben durch sie ist aus und in jeder Wissenschaft ein eignes neues Gute erwachsen. Der Dichter und Redner, der Philosoph und Staatsmann betrachtet und behandelt, wenn er Theologie treibt, sie auf andere Art; Jeder kann mit der seinigen einen Nutzen schaffen, den der Andere nicht schaffen konnte. So in allen andern Feldern der Wissenschaften: auf allen kann die Blume des Schönen gedeihen nach der Gattung, zu der sie gehört, und dem Orte, den sie einnimmt. Allgemein geben die schönen Wissenschaften den höheren Licht, Leben, sinnliche Wahrheit, Reichthum ; sie geben dies sowol dem Stoff als der Form , sowol den Gedanken als dem Ausdrucke ; ja, sie sollen's dem ganzen Geiste und Charakter , dem Herzen und Leben Dessen geben, der sie mit rechter Art treibt. Ein Mensch, der schön denkt und schlecht handelt, ist ein so mißgebildetes, unvollkommenes Wesen als ein andrer, der richtig denkt und sich krumm und elend ausdrückt. Einheit ist Vollkommenheit, sowol in den Wissenschaften als in den Kräften der menschlichen Seele, sowol im Stoff als in der Form, im Gedanken wie im Ausdruck. Ich könnte noch mehr ins Detail gehen und bei einzelnen Wissenschaften, schönen und höhern, zeigen, wie sie sich einander stützen und heben; ich halte es aber dem Zwecke, zu welchem ich schreibe, undienlich. Vielmehr will ich von der Ordnung und Methode reden, die nach meiner Meinung und Erfahrung von Jugend auf am Besten zu nehmen sein möchten, dabei beiderlei Kenntnisse sich aufs Beste einander beistehen und helfen. 1. Die schönen Wissenschaften müssen den höhern vorausgehen, doch also, daß auch in jenen Wahrheit zum Grunde liege . Die Ordnung, wie sich Tages- und Jahreszeiten, menschliche Lebensalter und die Kräfte unsrer Seele entwickeln, zeigt uns diesen Weg. Wie die Morgenröthe dem Mittage und Frühling dem Sommer vorgeht, wie mit der Jugend, dem Frühlinge des Lebens, zuerst die Blüthen der Seele, Sinne und sinnliche Kenntnisse erwachen: so hat die Erziehung, die der Natur folgen soll, diese auch zuvörderst zu ordnen. Die schöne und angenehme Geschichte der Natur , ein Reich der Anschauungen, das Abbild der Schöpfung Gottes, geht ohne Zweifel der abstracten Physik vor, einem Reich menschlicher Gedanken und Speculationen; nicht anders die leichte und angenehme Geschichte der Menschheit einer abstracten Metaphysik und Sittenlehre. Die Logik, die sich mit deutlicher Erkenntniß, mit Begriffen, Sätzen und gelehrten Schlüssen beschäftigt, werde von einer andern Logik vorbereitet, die den gesunden Verstand und die Phantasie leitet; und da dies besser durch Beispiele als durch Lehren geschieht, so kommen wir eben hiemit wieder auf den schönen Weg der alten Schriftsteller . Werden diese den Jünglingen aus den Händen gespielt, um sie dafür mit sogenannten höhern Kenntnissen zu beschenken, so weiß ich nicht, ob ihnen, wenn sie gleich alles gelernte Scientifische im Gedächtniß behielten, der Schade jenes Verlusts ersetzt würde. Was man zu früh lernt, lernt man nicht recht. Ein metaphysisches Kind, ein systematischer Knabe ohne Materialien, ohn' alle Blüthe der Erkenntniß ist ein junger Greis, der verwelkt war, ehe er blühte. Schaffe der Jugend erst Reichthum an Sachen und mancherlei sinnliche Gewißheit ; die Deutlichkeit gelehrter Begriffe wird aus ihnen wie die Frucht aus dem Keim und der Blüthe zu ihrer Zeit werden. Es versteht sich hiebei, daß man weder bei Alten noch Neuern Worte von Gedanken, Ausdruck von Sachen zu trennen habe; gedankenlose Worte, der schönste leere Ausdruck ist eine verwelkte Blüthe. Wer in den Alten nur Phrases fängt, hat nicht einmal Schmetterlinge gefangen; er haschte nach dem Staube ihrer Flügel. Wer in den Neuern nur Formeln und Ausdrücke aufjagt, füllt den Kopf seiner Lehrlinge vollends mit Spinngewebe. Aber gute Sachen wohl gesagt ihnen darstellen, treffliche Beispiele schön vorgestellt ihnen entwickeln, wohlgeordnete Bilder und Phantasien in einer schönen Sprache ihnen ins Gemüth prägen , das bildet und nützt lebenslang. Hier folgt im ersten Druck noch: »Sie sind Bienen auf einem Blumenfelde, die nicht müssig fliegen, nicht leer wiederkommen, sondern mit Honigbeute; ist diese erst da, so ist Zeit, sie zu schichten und zu ordnen.«   D. Ein Jüngling, der in diesen Uebungen versäumt, in diesen Wissenschaften verwahrlost ist, wird sie sich mühsam und spät ersetzen, dagegen das sogenannte Höhere sich auf ihren Grund zu rechter Zeit selbst baut. Nur liege auch den schönen Wissenschaften Wahrheit zum Grunde! Ein Lehrer, der in den höhern Wissenschaften erfahren ist, wird diese bei jeder seiner Vorübungen im Sinn und Hinterhalte haben, wenn er sie auch nicht der Form nach treibt. Denn muß nicht, vom Buchstabiren und Lesen an, ein Mensch wissen, was er liest? und wenn er zu den Uebungen der Schreibart geht, muß er nicht wissen, was er schreibt? Es wäre die äußerste Schande, leer Stroh zu dreschen, wenn in jeder Literatur die Felder voll Früchte stehen; und wenn die Frucht in Speise verwandelt werden soll, o so unterscheide man nur zwischen gesunder und ungesunder Speise! Ein an guten und schönen Mustern geübter Jüngling, der seine Kräfte fühlt, wird unmöglich fach- und wortarm bleiben. Mit der Materie wird sich ihm die Form eindrücken; unvermerkt wird er in dieser fortdenken, fortschreiben und, wenn es das Glück will, forthandeln. Leset ihm gut vor, und er wird, ohne daß er's weiß und fast will, gut lesen lernen. Lasset ihn sich an guten Mustern üben und das Schlechte ihm nicht bekannt werden, bis er sich jene eigen gemacht hat, so wird er auch in den höhern Wissenschaften gut denken, mithin auch gut reden; denn das schönste Kleid der Gedanken ist immer das engste, das anschließende Kleid der Wahrheit. Im ersten Druck folgt hier noch: »Unvermerkt kommt der Jüngling in das ernsthafte Schwerere, und es ist ihm nicht schwer, er hat gleichsam nur dazu gelernt.«   D. 2. Die schönen Wissenschaften , recht verstanden, haben den Vorzug, daß sie für alle Stände und Geschäfte sind , statt dessen jede höhere nur ein abgesondertes Feld baut; sie müssen also, zumal mit der Jugend, in dieser Allgemeinheit getrieben werden . In frühern Jahren weiß Niemand so leicht, wozu er lernt; der Beruf und die Geschäfte des Lebens hangen nicht immer von unsrer Neigung und Willkür ab. Ist also ein Mensch gar zu einschließend und abgeschränkt auf eine höhere Wissenschaft oder Lebenssphäre vorbereitet worden, und das Glück ist ihm ungünstig, so ist er verloren; er kann nicht sein, was er sein wollte, und er war nichts außer diesem. Zudem so hat eigentlich kein Geschäft und keine Wissenschaft eine so abgezäunte Sphäre, daß sie nicht mit andern zu thun hätte; völlige Einseitigkeit also in einem Fache gebiert nichts als Haß und Neid, unbillige Verachtung und taube Unschicklichkeit gegen jedes andere, das uns vielleicht zunächst grenzt. Der pure pute Jurist verachtet den Theologen so unbillig, als dieser jenen aus Rache oft mißversteht und mißbraucht; der Metaphysiker verketzert den Poeten, wie dieser jenen verspottet: Alles nicht zur Ehre der Wissenschaft oder zum Nutzen des gemeinen Wesens, das Aller bedarf und jeden Würdigen in seiner Art schätzt und ehrt. Die schönen Wissenschaften und der gesunde Verstand sind gleichsam die Gemeinflur, wo sich alle höheren Kenntnisse zusammen finden und erholen, wo jede ihres besondern Amts vergißt und sich des allgemeinen Zweckes der Menschheit erinnert. Ist dieser Platz von Jugend auf von Allen besucht und bestellt worden, so sind sie gleichsam Jugendfreunde; sie haben einerlei Philosophie des Lebens gelernt und sich zu ihren verschiednen Geschäften in einer Schule bereitet. Und da öffentliche Anstalten für die Wissenschaften Versammlungsörter sind, aus denen die Lehrlinge nachher in alle Stände und Aemter gehen, so können diese Gemeinfluren, als Vorübungen für Alle , nicht sorgsam und unparteiisch gnug angebaut werden. Es ist nicht gut, wenn Schulen blos für Theologen sind und alle Vorübungen in ihnen, als ob nur Theologen daher kommen sollen, getrieben werden; es wäre aber ebenso übel, wenn irgend eine andere Wissenschaft oder Facultät sich ausschließend zum Zwecke machte. Die schönen Wissenschaften heißen humaniora , sie dienen der Menschheit und sollen ihr in allen Ständen und Formen dienen. Sie sind zu etwas mehr da, als ästhetisch zu predigen oder Anakreontisch zu dichten; auch der Staatsmann soll sich an ihnen nicht nur ergetzen, sondern durch sie bilden; auch der Philosoph und Meßkünstler soll an ihnen sein gesundes Gefühl stärken. Alle sind wir Menschen und sollen Humanität lieben; auch waren's zu allen Zeiten und in allen Ständen Zierden der Menschheit, die sie geliebt und geübt haben. 3. Es ergiebt sich aber auch hieraus, was eigentlich schöne Wissenschaften sind , die diesen Namen verdienen; humaniora sind's, Wissenschaften und Uebungen, die das Gefühl der Menschlichkeit in uns bilden . Wodurch dies gebildet wird, das ist schöne Wissenschaft; wo nicht, da ist sie's nicht, mit welchen Titeln sie auch prange. Man rechnet Sprachen und Poesie, Rhetorik und Geschichte dazu; es kommt aber immer darauf an, wie Sprachen und Poesie, Rhetorik und Geschichte getrieben werden; sonst können auch sie häßliche, unnütze Wissenschaften bleiben. Der Sinn der Menschheit ( sensus humanitatis ) macht sie zu dem, was sie sein sollen; alsdann ist aber auch die Philosophie ihnen nicht fremd oder widrig, vielmehr müssen sie alle mit einer Art Philosophie getrieben und durch sie zur Humanität belebt werden: eine solche Philosophie ist gewiß doctrina humanitatis . Es ist unleugbar, daß die alten Theoristen, Aristoteles und Quintilian , diesen Sinn der Menschheit bei ihrem Unterrichte mehr im Auge hatten als die meisten neuern Theoristen. Aristoteles' unvollständige Poetik zergliedert die griechische Tragödie und will sogar ihr die Reinigung der Leidenschaften zum Zweck machen; ein Lehrer der Wissenschaften, der den Homer und Sophokles in dieser Absicht erklärt, hätte eine große Bahn vor sich. Aristoteles' Rhetorik ist ebenso voll von Kenntniß der menschlichen Seele und der Leidenschaften als voll Kenntniß der bürgerlichen Zwecke und Geschäfte, zu denen geredet werden soll. Plutarch's Schriften sind alle in diesem zarten Sinne der Menschheit geschrieben, sowol seine Abhandlungen als Lebensläufe; Cicero selbst kommt ihm hierin nicht bei. Quintilian ist eine Tenne voll goldner, gereinigter Weisheitskörner. Unter den neueren Theoristen hat sich Rollin insonderheit nach dem Geschmacke der Alten gebildet, und unter uns hat insonderheit Sulzer in diesem Geschmacke des Wahren und Guten theorisirt. Mit diesen und andern Hilfsmitteln, theils unter den genannten, theils unter andern Nationen, läßt sich in unsern Tagen wol eine Theorie der schönen Wissenschaften vortragen, von der man sagen kann, daß sie den höheren mit Geist und Leben diene. Wie aber Theorie allein nicht Alles thut, so kommt's am Meisten auf Beispiele Solcher an, die in den höhern Wissenschaften mit dem wahren Sinne der Menschheit, und in den schönen mit Sinn und Vorgeschmack der höhern geschrieben und gehandelt haben. Ich will mein Lied nicht doppelt singen und die alten Dichter, Redner, Geschichtschreiber und Philosophen, bei denen Alles noch glücklicherweise Eins war , abermal und aufs Neue rühmen. Auch unter den Neuern hat jede höhere Wissenschaft schöne Genien gehabt, die sie im wahren Geiste der Menschheit behandelt haben, wie es auch an Dichtern nicht gefehlt hat, die mehr als Dichter waren und dies Mehrere ihren Werken eindrückten. Ich darf von den Letzten nur die Namen eines Dante, Petrarca, Tasso , eines Milton, Swift, Pope , eines Haller, Withof, Lichtwer, Lessing und Kästner nennen, sowie unter Jenen an Thuan und Montaigne, Sidney und Shaftesbury, Macchiavell und Sarpi, Erasmus und Grotius erinnern, um das Andenken so vieler Andern in andern höhern Wissenschaften zu erneuern. Ein Lehrer der Humanität, der im Geiste dieser Männer lehrt, wird, und wenn, wie in Trotzendorf 's Schule, Heere von Jünglingen von ihm für alle Stände und Aemter wären, für Alle lehren. Er wird nicht mellitos verborum globulos et omnia dicta factaque papavere et sesamo sparsa auswerfen: qui inter haec nutriuntur, non magis sapere possunt, quam bene olere, qui in culina habitant, Petron ., 1. 3.   D. sondern Stoff und Form geben, daß der Geist seiner Schüler hell , ihre Phantasie und Sinne wohlgeordnet , ihr Ausdruck durch Wahrheit schön und geschmückt durch Einfalt werde, am Meisten aber, daß sich in ihnen der Sinn bilde, die Menschheit überall zu lieben und ihr wahres Gute zu befördern   der beste Einfluß in die höhern Wissenschaften sowol als die große Kunst des Lebens. Hier schließt sich im ersten Druck noch an: »Wohl dem Lande, das die schönen Wissenschaften also pflegt! wohl dem Lande, wo sie diesen Einfluß in die höhern Gebiete der menschlichen Wissenschaft haben!«   D.   Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Riga, bei Joh. Fr. Hartknoch 1778. Im März zeigt Herder dem Verleger an, daß das Manuscript bei Breitkopf in Leipzig zum Druck sei. Im Mai klagt er: »Welche Barbarei im Titel Vom Erkennen etc., welches Zusammendrängen der Zeilen, als ob Alles auf eine Seite müsse, und alle Mottos, die durch Seiten getrennt waren, auf eine Seite!« Gerichtet war die Schrift gegen die Abhandlung von J. A. Eberhard : »Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens« (1776). An Gleim schreibt Herder am 6. December 1778, die Bogen »Vom Erkennen und Empfinden«, die er für sich noch mehr achte als seine Plastik , seien aus der Berliner Preisaufgabe vor zwei Jahren entstanden, wo Eberhard so scheußlich gelobt und gekrönt worden sei; sie winkten nur von fern auf die ganze Welt von Ideen und Sachen, die Dieser mit keinem Finger berührt habe.   D. Bemerkungen und Träume.   Τὸ πνεῦμα, ὅπου ϑέλει, πνεῖ, ϰαὶ τὴν φωνὴ · αὐτοῦ ἀϰούεις, ἀλλ᾽ οὐϰ οἰὸας, πόϑεν ἔρχεται ϰαὶ ποῦ ὑπάγει. Joh. 3, 8.   D.   Est Deus in nobis, agitante calescimus illo.   Virg . Vielmehr Ovid . Fast., VI. 5. Auch Gleim (Werke, V. S. 117) schreibt diesen Spruch dem Virgil zu. Er fehlt im ersten Druck.   D.   Erster Versuch. Vom Erkennen und Empfinden in ihrem menschlichen Ursprunge und den Gesetzen ihrer Wirkung.   In Allem, was wir todte Natur nennen, kennen wir keinen innern Zustand. Wir sprechen täglich das Wort Schwere, Stoß, Fall, Bewegung, Ruhe, Kraft , sogar Kraft der Trägheit aus, und wer weiß, was es inwendig der Sache selbst bedeute? Je mehr wir indeß das große Schauspiel wirkender Kräfte in der Natur sinnend ansehn, desto weniger können wir umhin, überall Aehnlichkeit mit uns zu fühlen, Alles mit unsrer Empfindung zu beleben. Wir sprechen von Wirksamkeit und Ruhe, von eigner oder empfangener, von bleibender oder sich fortpflanzender, todter oder lebendiger Kraft völlig aus unsrer Seele. Schwere scheint uns ein Sehnen zum Mittelpunkte, zum Ziel und Ort der Ruhe, Trägheit die kleine Theilruhe auf seinem eignen Mittelpunkte durch Zusammenhang mit sich selbst, Bewegung ein fremder Trieb, ein mitgetheiltes fortwirkendes Streben, das die Ruhe überwindet, fremder Dinge Ruhe stört, bis es die seinige wiederfindet. Welche wunderbare Erscheinung ist die Elasticität ! Schon eine Art Automat, das sich zwar nicht Bewegung geben, aber wiederherstellen kann, der erste scheinbare Funke zur Thätigkeit in edeln Naturen. Jener griechische Weise, Empedokles .   D. der das System Newton's im Traum ahnte, sprach von Liebe und Haß der Körper; der große Magnetismus in der Natur, der anzieht und fortstößt, ist lange als Seele der Welt betrachtet worden. So Wärme und Kälte und die feinste, edelste Wärme, der elektrische Strom , diese sonderbare Erscheinung des großen allgegenwärtigen Lebensgeistes. So das große Geheimniß der Fortbildung, Verjüngung, Verfeinerung aller Wesen, dieser Abgrund von Haß und Liebe, Anziehung und Verwandlung in sich und aus sich: der empfindende Mensch fühlt sich in Alles, fühlt Alles aus sich heraus und drückt darauf sein Bild, sein Gepräge. So ward Newton in seinem Weltgebäude wider Willen ein Dichter, wie Buffon in seiner Kosmogonie und Leibniz in seiner prästabilirten Harmonie und Monadenlehre. Wie unsre ganze Psychologie aus Bildwörtern besteht, so war's meistens ein neues Bild, eine Analogie, ein auffallendes Gleichniß, das die größten und kühnsten Theorien geboren. Die Weltweisen, die gegen die Bildersprache declamiren und selbst lauter alten, oft unverstandnen Bildgötzen dienen, sind wenigstens mit sich selbst sehr uneinig. Sie wollen nicht, daß neues Gold geprägt werde, da sie doch nichts thun, als aus eben solchem, oft viel schlechtern Golde ewig und ewig dieselben Fäden spinnen. Aber wie? ist in dieser » Analogie zum Menschen « auch Wahrheit? Menschliche Wahrheit gewiß, und von einer höhern habe ich, so lange ich Mensch bin, keine Kunde. Mich kümmert die überirdische Abstraction sehr wenig, die sich aus Allem, was » Kreis unsers Denkens und Empfindens « heißt, ich weiß nicht auf welchen Thron der Gottheit setzt, da Wortwelten schafft und über alles Mögliche und Wirkliche richtet. Was wir wissen, wissen wir nur aus Analogie, von der Creatur zu uns und von uns zum Schöpfer. Soll ich also Dem nicht trauen, der mich in diesen Kreis von Empfindungen und Aehnlichkeiten setzte, mir keinen andern Schlüssel, in das Innere der Dinge einzudringen, gab als mein Gepräge oder vielmehr das widerglänzende Bild seines in meinem Geiste: wem soll ich denn trauen und glauben? Syllogismen können mich nichts lehren, wo es aufs erste Empfängniß der Wahrheit ankommt, die ja jene nur entwickeln, nachdem sie empfangen ist; mithin ist das Geschwätz von Worterklärungen und Beweisen meistens nur ein Brettspiel, das auf angenommenen Regeln und Hypothesen ruht. Die stille Aehnlichkeit, die ich im Ganzen meiner Schöpfung, meiner Seele und meines Lebens empfinde und ahne; der große Geist, der mich anweht und mir im Kleinen und Großen, in der sichtbaren und unsichtbaren Welt einen Gang, einerlei Gesetze zeigt: der ist mein Siegel der Wahrheit. Glücklich, wenn es auch diese Schrift auf sich hätte und stille, züchtige Leser, weil ich für andre nicht schreibe, ebendieselbe Analogie , das Gefühl von dem Einen , der in aller Mannichfaltigkeit herrscht, empfänden! Ich schäme mich nicht, an den Brüsten dieser großen Mutter Natur nur als ein Kind zu saugen, laufe nach Bildern, nach Aehnlichkeiten, nach Gesetzen der Uebereinstimmung zu Einem , weil ich kein andres Spiel meiner denkenden Kräfte, wenn ja gedacht werden muß, kenne, und glaube übrigens, daß Homer und Sophokles, Dante, Shakespeare und Klopstock der Psychologie und Menschenkenntniß mehr Stoff geliefert haben als selbst die Aristoteles und Leibnize aller Völker und Zeiten.   1. Vom Reiz. Tiefer können wir wol die Empfindung in ihrem Werden nicht hinabbegleiten als zu dem sonderbaren Phänomenon, das Haller »Reiz« genannt hat. Das gereizte Fäserchen zieht sich zusammen und breitet sich wieder aus; vielleicht ein stamen , das erste glimmende Fünklein zur Empfindung, zu dem sich die todte Materie durch viele Gänge und Stufen des Mechanismus und der Organisation hinaufgeläutert. So klein und dunkel dieser Anfang des edeln Vermögens, das wir Empfinden nennen, scheine, so wichtig muß er sein, so viel wird durch ihn ausgerichtet. Ohne Samenkörner ist keine Ernte, kein Gewächs ohne zarte Wurzeln und Staubfäden, und vielleicht wären unsre göttlichsten Kräfte nicht ohne diese Aussaat dunkler Regungen und Reize. Schon in der thierischen Natur, was für Lasten sind auf die Kraft und Wirksamkeit eines Muskels gebürdet! Wie mehr ziehen diese kleinen, dünnen Fäserchen, als es nach den Gesetzen des Mechanismus grobe Stricke thun würden! Woher nun diese so höhere Kraft, als vielleicht eben durch Triebfedern des innern Reizes ? Die Natur hat tausend kleine lebendige Stricke in tausendfachen Kampf, in ein so vielfaches Berühren und Widerstreben verflochten; sie kürzen und längen sich mit innerer Kraft, nehmen am Spiele des Muskels jeder auf seine Weise Theil; dadurch trägt und zieht jener. Hat man je etwas Wunderbareres gesehen als ein schlagendes Herz mit seinem unerschöpflichen Reize? Ein Abgrund innerer dunkeln Kräfte, das wahre Bild der organischen Allmacht, die vielleicht inniger ist als der Schwung der Sonnen und Erden. Und nun breitet sich aus diesem unerschöpflichen Brunnen und Abgrunde der Reiz durch unser ganzes Ich aus, belebt jede kleine spielende Fiber   Alles nach einartigem, einfachen Gesetze. Wenn wir uns wohl befinden, ist unsre Brust weit, das Herz schlägt gesund, jede Fiber verrichtet ihr Amt im Spiele. Da fährt Schrecken auf uns zu; und siehe, als erste Bewegung, noch ohne Gedanken von Furcht und Widerstande, tritt unser reizbares Ich auf seinen Mittelpunkt zurück, das Blut zum Herzen, die Fiber, selbst das Haar starrt empor, gleichsam ein organischer Bote zur Gegenwehr; die Wache steht fertig. Zorn im ersten Anfall, ein zum Widerstande sich regendes Kriegsheer, wie rüttelt er das Herz, treibt das Blut in die Grenzen, auf Wangen, in Adern, Flamme in die Augen: Μένεος δὲ μέγα φρένες ἀμφιμέλαιναι Πίμπλαντ᾽, ὄσσε δέ οἱ πυρὶ λαμπετόωντι ἐΐϰτην; Ilias, I. 103 f.   D. die Hände streben, sind kräftiger und stärker; Muth hebt die Brust, Lebensothem die wehende Nase; das Geschöpf kennt keine Gefahr. Lauter Phänomene des Aufregens unsrer Reize beim Schrecken, des gewaltsamen Fortdranges beim Zorne. Hingegen die Liebe , wie sänftigt sie und mildet! Das Herz wallt, aber nicht zu zerstören, das Feuer fließt, aber nur, daß es hinüber walle und seine sanfte Gluth verhauche. Das Geschöpf sucht Vereinigung, Auflösung, Zerschmelzung ; der Fibernbau weitet sich, ist wie im Umfassen eines Andern und kommt nur dann wieder, wenn sich das hinüberwallende Geschöpf wieder allein, ein abgetrenntes isolirtes Eins, fühlt. Noch also in den verflochtensten Empfindungen und Leidenschaften unsrer so zusammengesetzten Maschine wird das eine Gesetz sichtbar, das die kleine Fiber mit ihrem glimmenden Fünklein von Reize regte, nämlich: Schmerz , Berührung eines Fremden zieht zusammen ; da sammelt sich die Kraft, vermehrt sich zum Widerstande und stellt sich wieder her. Wohlsein und liebliche Wärme breitet aus , macht Ruhe, sanften Genuß und Auflösung. Was in der todten Natur Ausbreitung und Zurückziehung, Wärme und Kälte ist, das scheinen hier diese dunkeln stamina des Reizes zur Empfindung, eine Ebbe und Fluth, in der sich, wie das Weltall, so die ganze empfindende Natur der Menschen, Thiere, und wo sie sich weiter hinab erstrecke, bewegt und regt. Wie zu Allem, gehört auch hiezu Modulation, Maß , sanfte Mischung und Fortschreitung . Furcht und Freude, Schrecken und Zorn, was plötzlich wie ein Blitzstrahl trifft, kann auch wie ein Blitzstrahl tödten. Die Fiber (mechanisch zu reden), die sich ausbreitete, kann nicht zurück; die sich zurückzog, kann sich nicht wieder längern: Todesschlag hemmte ihr Spiel. Jeder treffende Affect, selbst die sanfte Scham kann plötzlich tödten. Sanfte Empfindungen sind freilich nicht so gewaltsam, aber ununterbrochen zerstören sie gleichfalls; sie ermatten, machen stumpf und kraftlos. Wie mancher Sybarit ist unter Kitzeln und Rosendüften gewiß nicht eines sanften Todes bei lebendem Leibe verblichen! Sind wir ganz ohne Reiz   grausame Krankheit! sie heißt Wüste, Langeweile, Kloster. Die Faser zehrt gleichsam an sich selbst, der Rost frißt das müssige Schwert. Daher jener verhaltene Haß , der nicht Zorn werden kann, der elende Neid , der nicht That werden kann, Reue, Traurigkeit, Verzweiflung , die weder zurückrufen noch bessern   grausame Schlangen, die am Herzen des Menschen nagen. Stille Wuth, Ekel, Verdruß mit Ohnmacht ist der Höllenwolf, der an sich selbst frißt. Zum Empfangen und Geben ist der Mensch geschaffen, zu Wirksamkeit und Freude, zum Thun und Leiden. Im Wohlsein saugt sein Körper und duftet, empfängt leicht und wird ihm leicht zu geben; die Natur thut ihm, er der Natur sanfte Gewalt an. In dieser Anziehung und Ausbreitung, Thätigkeit und Ruhe liegt Gesundheit und Glück des Lebens. Ich bin auf die Preisfrage begierig: »was das Othemholen eigentlich für Wirkungen im lebendigen Körper hervorbringe«. Zu meinem Zwecke betrachte ich's hier nur ebenmäßig als den harmonischen Tact, mit dem die Natur unsre Maschine schwingen und mit Lebensgeist anhauchen wollte. So ist sie bis auf die feinsten Werkzeuge der Empfindungen und Gedanken in ewiger Anstrengung und Erholung; Alles arbeitet wie jene Steine zur Leyer Amphion's. Hor . Carm., III. 11. 1. 2.   D. Durchs Othemholen wird das Kind, das Pflanze gewesen war, Thier. Bei einem Kranken, bei einem Aechzenden, wie giebt das Othemholen Muth! dahingegen jeder Seufzer gleichsam Kräfte verhaucht. »Lob sei dem Allmächtigen«, sagt der persische Dichter Sadi , »für jeden Lebensothem! Ein Othem, den man in sich zeucht, stärkt, ein Othem, den man von sich läßt, erfreut das Leben; in jedem Othemzuge sind zweierlei Gnaden.« Vgl. Herder's Werke, VI. S. 91.   D. Wie jede Pulsader schlägt, wie nur durch Zusammenziehung das Herz Kraft bekommt, den Lebensstrom ausbreitend fortzuschießen, so muß auch von außen der Lufthauch kommen, es in Modulationen zu erquicken und zu beleben. Alles scheint nach einerlei Gesetzen geordnet. Doch ich würde nicht fertig werden, dies große Phänomenon von Wirkung und Ruhe, Zusammenziehung und Ausbreitung durch alle seine Wege zu verfolgen; lasset uns weiterhin eilen!   Ein mechanisches oder übermechanisches Spiel von Ausbreiten und Zusammenziehen sagt wenig oder nichts, wenn nicht von innen und außen schon die Ursache desselben vorausgesetzt würde, » Reiz, Leben «. Der Schöpfer muß ein geistiges Band geknüpft haben, daß gewisse Dinge diesem empfindenden Theil ähnlich, andre widrig sind; ein Band, das von keiner Mechanik abhängt, das sich nicht weiter erklären läßt, indeß geglaubt werden muß, weil es da ist , weil es sich in hunderttausend Erscheinungen zeigt . Sieh jene Pflanze, den schönen Bau organischer Fibern! Wie kehrt, wie wendet sie ihre Blätter, den Thau zu trinken, der sie erquickt! sie senkt und dreht ihre Wurzel, bis sie steht; jede Staude, jedes Bäumchen beugt sich nach frischer Luft, so viel es kann; die Blume öffnet sich der Ankunft ihres Bräutigams, der Sonne. Wie fliehen manche Wurzeln unter der Erde ihren Feind, wie spähen und suchen sie sich Raum und Nahrung! Wie wunderbar emsig läutert eine Pflanze fremden Saft zu Theilen ihres feinern Selbst, wächst, liebt, giebt und empfängt Samen auf den Fittigen des Zephyrs, treibt lebende Abdrücke von sich, Blätter, Keime, Blüthen, Früchte; indeß altet sie, verliert allmählich ihre Reize, zu empfangen, und ihre Kraft, erneut zu geben, stirbt   ein wahres Wunder von der Macht des Lebens und seiner Wirkung in einem organischen Pflanzenkörper. Durchschauten wir den unendlich feinern und verflochtenern Thierkörper, würden wir nicht ebenfalls jede Fiber, jeden Muskel, jeden reizbaren Theil in demselben Amt und in derselben Kraft finden, sich Saft des Lebens zu suchen nach seiner Weise? Blut, und Milchsaft, werden sie nicht von allen Fasern und Drüsen beraubt? jede sucht, was ihr noth thut, gewiß nicht ohne entsprechende innere Befriedigung. Hunger und Durst in der ganzen Maschine eines thierischen Körpers, welche mächtige Stacheln und Triebe! und warum sind sie so mächtig, als weil sie ein Aggregat sind alle der dunkeln Wünsche, der verlangenden Sehnsucht, mit der jeder kleine Lebensbusch unsers Körpers nach Befriedigung und Erhaltung seiner dürstet. Es ist die Stimme eines Meers von Wellen, deren Schall sich dunkler und lauter in einander verliert, ein nach Saft und Leben dürstender Blumengarte. Jede Blume will ihr Werk treiben, empfangen, genießen, fortläutern, geben. Das Kraut zehrt Wasser und Erde und läutert sie zu Theilen von sich hinauf; das Thier macht unedlere Kräuter zu edlerm Thiersafte; der Mensch verwandelt Kräuter und Thiere in organische Theile seines Lebens, bringt sie in die Bearbeitung höherer, feinerer Reize. So läutert sich Alles hinauf; höheres Leben muß von geringerm durch Aufopferung und Zerstörung werden . Endlich der tiefste Reiz sowie der mächtigste Hunger und Durst, die Liebe ! Daß sich zwei Wesen paaren, sich in ihrem Bedürfniß und Verlangen eins fühlen; daß ihre gemeinschaftliche Regung, der ganze Brunn organischer Kräfte wechselseitig eins ist und ein Drittes wird in beider Bilde: welche Wirkung des Reizes im ganzen lebenden Ich animalischer Wesen! Thiere haben sich noch ohne Haupt begatten können, wie ein ausgerissenes Herz noch lange reizbar fortschlägt. Der Abgrund aller organischen Reize und Kräfte scheint im wechselseitigen Ueberstrome; der Funke der Schöpfung zündet, und es wird ein neues Ich, die Triebfeder neuer Empfindungen und Reize, ein drittes Herz schlägt.   Man hat »über den Ursprung der Menschenseelen« so sonderbar mechanische Träume gehabt, als ob sie wahrlich von Leim und Koth gemacht wären. Sie lagen geformt im Monde, im Limbus und warteten, ohne Zweifel nackt und kalt, auf ihre prästabilirte Scheiden oder Uhren oder Kleider, die noch ungebildeten Leiber; nun ist Gehäuse, Kleid, Uhr fertig, und der arme, so lang müssige Einwohner wird mechanisch hinzugeführt, daß er   bei Leibe nicht in sie wirke, sondern nur mit ihr prästabilirt harmonisch Gedanken aus sich spinne, wie er sie auch dort im Limbus spann, und sie, die Uhr des Körpers, ihm gleich schlage. Es ist wol über die unnatürliche Dürftigkeit des Systems nichts zu sagen; aber was dazu Anlaß geben können, wird mir schwer zu denken. Ist Kraft da in der Natur, die aus zweien Körpern blos durch organischen Reiz einen dritten bilde, der die ganze geistige Natur seiner Eltern habe, wie wir's an jeder Blume und Pflanze sehen; ist Kraft da in der Natur, daß zwei reizbare Fibern, auf gewisse Weise verflochten, einen Reiz geben, der aus einer nicht entstehen konnte und jetzt von neuer Art ist, wie uns, dünkt mich, jeder Sinn, ja jeder Muskel analogisch zeigt; ist endlich Kraft da, aus zwei Körpern, die uns todt dünken, aus der Vermischung zweier Elemente, wenn's die Natur thut, einen dritten darzustellen, der den vorigen ähnlich, aber ein neues Ding ist und, durch Kunst in jene aufgelöst, all seine Kraft verliert; ist dies Alles, so unbegreiflich es sein mag, da und nicht zu leugnen: wer ist nun, der den Gang der Analogie, den großen Gang der Schöpfung mit seinem Federmesserchen hier plötzlich abschneide und sage, daß der eröffnete Abgrund des Reizes zweier durch und durch organischer lebenden Wesen, ohne den ja beide nichts als todte Erdklumpen wären, jetzt in größter Innigkeit des Fortstrebens und der Vereinigung, keinen Abdruck von sich darstellen könne, in dem alle seine Kräfte leben? Hat das Herz Macht, Empfindungen, die um dasselbe gelagert sind, so zu einen, daß ein Trieb, eine Begierde werde ; hat der Kopf Macht, Empfindungen, die den Körper durchwallen, in eine Vorstellung zu fassen und jene durch diese, die so andrer Natur scheint, zu lenken : wie, daß nicht aus der Flamme aller vereinigten Reize und Leben ein Lebensfunke, gleichsam im schnellen Fluge und also über den kriechend langsamen Gang mechanischer Stock- und Triebwerke weit hinaus, zu einer neuen, höhern Stufe seiner Läuterung walle und als Abguß aller Kräfte zweier für einander geschaffener Wesen erstes Principium eines Lebens höherer Ordnung werde ? Keimt nicht alles Leben weiter? läutert sich nicht jeder Funke der Schöpfung durch Canäle zu feinerer Flamme hinauf? Und hier sprang ja der beseelteste Funke des Reizes und der Schöpfungskraft zweier durch und durch beseelten Wesen. Ich sage nicht, daß ich hiemit was erkläre ; ich habe noch keine Philosophie gekannt, die, was Kraft sei, erkläre, es rege sich Kraft in einem oder in zweien Wesen. Was Philosophie thut, ist bemerken , unter einander ordnen, erläutern , nachdem sie Kraft, Reiz, Wirkung schon immer voraussetzt . Nun begreife ich nicht, warum man, wenn sich in jedem Einzelnen nichts erklären läßt, die Wirkung des Einen ins Andre leugnen und Erscheinungen der Natur in der Vereinigung Zweier Hohn sprechen müßte, die man bei jedem Einzelnen unerklärt annimmt . Wer mir sagt, was Kraft in der Seele sei, und wie sie in ihr wirke, dem will ich gleich erklären, wie sie außer sich auch auf andre Seelen, auch auf Körper wirke, die vielleicht nicht in der Natur durch solche Bretterwände von der Seele (ψυχή) geschieden sind, als sie die Klammern unsrer Metaphysik scheiden. Ueberhaupt ist in der Natur nichts geschieden, Alles fließt durch unmerkliche Uebergänge auf und in einander; und gewiß, was Leben in der Schöpfung ist, ist in allen Gestalten, Formen und Canälen nur ein Geist, eine Flamme. Insonderheit, dünkt mich, hätte dem großen Erfinder des Monadenpoëms das System prästabilirter Harmonie fremde sein dürfen; denn mir scheint's, beide bestehen nicht wohl bei einander. Niemand sagte es besser als Leibniz , daß Körper als solcher nur Phänomenon von Substanzen sei, wie die Milchstraße von Sternen und die Wolke von Tropfen. Selbst die Bewegung suchte Leibniz ja als Erscheinung eines innern Zustandes zu erklären, den wir nicht kennen, der aber Vorstellung sein könnte, weil uns sonst kein innerer Zustand bekannt ist. Wie? und auf diesen innern Zustand der Kräfte und Substanzen ihres Körpers könnte die Seele als solche nicht wirken? sie, die ja von der Natur jener und selbst innigste, wirkendste Kraft ist? Sie herrschte also nur im Gebiet ihrer Schwestern, lauter ihr ähnlicher Wesen, und könnte sie da nicht herrschen?   Doch es ist zu früh, einzelnen Folgerungen Raum zu geben; wir bleiben noch bei Erscheinungen der ganzen Maschine. Der innere Mensch mit alle seinen dunkeln Kräften, Reizen und Trieben ist nur Einer . Alle Leidenschaften, ums Herz gelagert und mancherlei Werkzeuge regend, hangen durch unsichtbare Bande zusammen und schlagen Wurzel im feinsten Bau unsrer beseelten Fibern. Jedes Fäserchen, wenn wir's einsehen könnten, gehört ohne Zweifel mit dazu, jedes engere und weitere Gefäß, jede stärker und schwächer wallende Blutkugel. Der Muth des Löwen wie die Furchtsamkeit des Hasen liegt in seinem beseelten innern Baue. Durch die engern Pulsadern des Löwen dringt das wärmere Blut mit Gewalt hin; der Hirsch hat ein Herz mit weiten, offenen Gefäßen, ein scheuer König des Waldes trotz seiner Krone; zur Zeit der Brunst ist indeß auch der scheue Hirsch kühn: es ist die Zeit seiner erregten Reize und vermehrten innern Wärme. Im Abgrunde des Reizes und solcher dunkeln Kräfte liegt in Menschen und Thieren der Same zu aller Leidenschaft und Unternehmung. Mehr oder minder Reiz des Herzens und seiner Diener macht Helden oder Feige, Helden in der Liebe oder im Zorne. Das Herz Achill's wurde in seinen Netzen vom schwarzen Zorn gerüttelt; Mit Bezug auf die oben S. 168 angeführte Stelle der Ilias.   D. es gehörte die Reizbarkeit dazu, ein Achilles zu werden. Der satte Löwe hat seinen Muth verloren, ein Weib kann ihn jagen; ein hungriger Wolf aber, Geier, Löwe   wie mächtige Geschöpfe! Die tapfersten waren meistens die fröhlichsten Menschen, Männer von offener, weiter Brust, oft Helden in der Liebe wie im Leben. Ein Verschnittener ist wie an Stimme so an Handlung ein stehengebliebener Jüngling ohne Kraft und tiefen Ausdruck. Die Innigkeit, Tiefe und Ausbreitung, mit der wir Leidenschaft empfangen, verarbeiten und fortpflanzen, macht uns zu den flachen oder tiefen Gefäßen, die wir sind. Oft liegen unter dem Zwerchfell Ursachen, die wir sehr unrichtig und mühsam im Kopfe suchen; der Gedanke kann dahin nicht kommen, wenn nicht die Empfindung vorher an ihrem Ort war. Wiefern wir an dem, was uns umgiebt, Theil nehmen, wie tief Liebe und Haß, Ekel und Abscheu, Verdruß und Wollust ihre Wurzeln in uns schlagen, das stimmt das Saitenspiel unsrer Gedanken, das macht uns zu den Menschen, die wir sind. Vor solchem Abgrunde dunkler Empfindungen, Kräfte und Reize graut nun unsrer hellen und klaren Philosophie am Meisten; sie segnet sich davor als vor der Hölle unterster Seelenkräfte und mag lieber auf dem Leibnizischen Schachbrett mit einigen tauben Wörtern und Classificationen von dunkeln und klaren, deutlichen und verworrenen Ideen, vom Erkennen in und außer sich, mit sich und ohne sich selbst u. dergl. spielen. Diese Methode ist so leicht und lieblich, daß man's schon zum Grundsatz beliebt hat, lauter taube Wörter in die Philosophie einzuführen, bei denen man so wenig denken dürfe als der Rechnende bei seinen Zahlen; das werde der Philosophie zur Vollkommenheit der Mathematik verhelfen, daß man immerfort schließen könne, ohne zu denken: eine Philosophie, für der uns alle Musen bewahren! Was macht's eben, daß auch die gute, wahre Philosophie so tief herniedergekommen ist, als weil man bei ihr durch ganze Capitel und Lehren über lauter Allgemeinworten nichts gedacht hat? Nothwendig wirft die jeder gesunde Kopf beiseite und spricht: »Ich will bei jedem Worte was Bestimmtes zu denken haben , auch an jeder neuen Stelle, wo es neu vorkommt.« Und mein! wie mangelhaft sind unsre metaphysischen Begriffe und Wörter! welche Sorgsamkeit hat man also nöthig, jeden Augenblick den Begriff festzuhalten, genau zuzusehen, ob es noch in diesem Fall derselbe oder nur noch sein leeres Phantom sei! Meines geringen Erachtens ist keine Psychologie , die nicht in jedem Schritte bestimmte Physiologie sei, möglich. Haller 's physiologisches Werk Elementa physiologiae corporis humani.   D. zur Psychologie erhoben und wie Pygmalion 's Statue mit Geist belebt   alsdann können wir etwas übers Denken und Empfinden sagen. Drei Wege weiß ich nur, die hiezu führen möchten: Lebensbeschreibungen, Bemerkungen der Aerzte und Freunde, Weissagungen der Dichter   sie allein können uns Stoff zur wahren Seelenlehre schaffen. Lebensbeschreibungen, am Meisten von sich selbst, wenn sie treu und scharfsinnig sind, welche tiefe Besonderheiten würden sie liefern! Sind keine zwei Dinge auf der Welt gleich, hat kein Zergliederer noch je zwei gleiche Adern, Drüsen, Muskeln und Canäle gefunden: man verfolge diese Verschiedenheit durch ein ganzes Menschengebäude bis zu jedem kleinen Rade, jedem Reiz und Dufte des geistigen Lebensstromes   welche Unendlichkeit, welcher Abgrund! Ein Meer von Tiefen, wo Welle über Welle sich regen, und wo alle Abstractionen von Aehnlichkeit, Classe, allgemeiner Ordnung nur bretterne Wände des Bedürfnisses oder bunte Kartenhäuser zum Spiel sind. Hätte ein einzelner Mensch nun die Aufrichtigkeit und Treue, sich selbst zu zeichnen, ganz, wie er sich kennt und fühlt; hätte er Muths gnug, in den tiefen Abgrund Platonischer Erinnerung hineinzuschauen und sich nichts zu verschweigen, Muths gnug, sich durch seinen ganzen belebten Bau, durch sein ganzes Leben zu verfolgen, mit Allem, was ihm jeder Zeigefinger auf sein inneres Ich zuwinkt: welche lebendige Physiognomik würde daraus werden, ohne Zweifel tiefer als aus dem Umriß von Stirn und Nase! Kein Theil, glaube ich, kein Glied wäre ohne Beitrag und Deutung. Er würde uns sagen können: »Hier schlägt das Herz matt; hier ist die Brust platt und ungewölbt, dort der Arm kraftlos; hier keucht die Lunge, dort dumpft der Geruch; hier fehlt lebendiger Othem, Gesicht, Ohr dämmert; der Körper dictirt mir hier schwach und verworren: so muß also auch hie oder da meine Seele schreiben. Das fehlt mir, da ich jenes und aus solchem Grunde habe.« Verfolgte der treue Geschichtschreiber sein selbst dies sodann durch alle Folgen; zeigte, daß kein Mangel und keine Kraft an einem Ort bleibe, sondern fortwirke, und daß die Seele nach solchen gegebnen Formeln unvermuthet fortschließe; zeigte, wie jede Schiefheit und Kälte, jede falsche Combination und fehlende Regung nothwendig immer vorkommen und in jeder Wirkung man den Abdruck seines ganzen Ich mit Kraft und Mangel liefern müsse : welche lehrende Exempel wären Beschreibungen von der Art! Das werden philosophische Zeiten sein, wenn man solche schreibt; nicht da man sich und alle Menschengeschichte in allgemeine Formeln und Wortnebel einhüllt. Wenn der Stoiker Lipsius Der durch seine religiöse Unbeständigkeit verrufene gelehrte Philolog verfocht die Grundsätze der stoischen Philosophie, so besonders in der an herrlichen Sprüchen reichen Schrift: »De constantia in publicis malis«. Das Leben dieses Jesuitenzöglings beschrieb Miräus .   D. und Andre seines Gelichters sich also hätten zeichnen wollen, wie anders erschienen sie, als sie aus den dämmernden Wortproductionen ihres obern Stockwerks jetzt erscheinen! Mir sind keine Lebensbeschreibungen einzelner Menschen von sich selbst bekannt, die nicht immer, so einseitig und flach manchmal ihr Gesichtspunkt war, viel Merkwürdiges gehabt hätten. Außer dem, was Augustin, Petrarca, Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 235 ff.   D. Montaigne in ihre Schriften von sich selbst eingestreut, will ich nur Cardan und einen weichen Selbstmärterer M. Bernd 's »Eigne Lebensbeschreibung sammt einer aufrichtigen Entdeckung einer der größten, obwol großentheils unbekannten Leibes- und Gemüthsplage«. Leipzig 1738. Insonderheit S. 257-372.   H. nennen, bei dessen äußerster Schwäche, ewigem Hin- und Wegbeben vom Selbstmorde man schauert. Einige sonderbare Phänomene, wie ein Geschöpf so blindlings in die Gefahr rennen oder so schwindelnd, furchtsam und feige ewig vor seinem Schatten fliehen kann, haben nicht grausender erörtert werden können als also, aus dem weichen Mark seiner eignen Empfindung. Es ist sonderbar, wie eine eigne Lebensbeschreibung den ganzen Mann auch von Seiten zeigt, von denen er sich eben nicht zeigen will, und man sieht aus Fällen der Art, daß Alles in der Natur ein Ganzes sei, daß man sich gerad' eben in dunkeln Anzeigungen und Proben vor sich selbst am Wenigsten verleugnen könne. Da wir indeß noch lange auf Lebensbeschreibungen der Art werden warten müssen und es vielleicht nicht einmal gut und nützlich wäre, das tiefste Heiligthum in uns, das nur Gott und wir kennen sollen, jedem Thoren zu verrathen, so treten Fremde an unsre Stelle, und was bei Kranken der Arzt ist, sollte bei merkwürdigen Personen ihr Freund werden. Daß unter den vielen Bemerkungen der Aerzte alter und neuer Zeiten nicht auch eine Menge sein müßte, die diese dunkeln Reize und Kräfte ins Licht setzten, ist gar kein Zweifel; die verflochtenste Pathologie der Seele und der Leidenschaften hängt von ihnen und nicht von der Speculation ab; aber meines Wissens sind sie ungeordnet, ungesammelt, und nicht Jeder hat dazu Lust oder Muße. Mit ihnen kämen gewiß die sonderbarsten Anomalien und Analogien menschlicher Abenteuerlichkeit zum Vorschein, und der Vorsteher eines Toll- und Siechhauses gäbe die frappantesten Beiträge zur Geschichte der Genies aller Zeiten und Länder. Wenn ich die Freunde zu den Aerzten zähle, thue ich nicht Unrecht, sie haben eben die Absicht, die jene haben, dazu noch in den Umständen mehrerer Vertraulichkeit und Handlung. Es ist unbegreiflich, was oft eine menschliche Seele in die andre für dunkle Wirkung, Ahnung und Zug hat, wie man's oft an den sonderbarsten Proben einstimmiger Gemüther, Lüste und Kräfte sieht. Sympathie und Liebe, Wollust und Ehrgeiz, Neid und Eifersucht enträthseln durch Blicke, durch geheime Winke, was unter sieben Decken hinter der Brust verborgen liegt, wittern gleichsam aus lauter kleinen sichtbaren Anzeigen das tief verborgne Geheimniß. Dies sind kleine verzerrte Proben von dem, was eine reine menschliche Seele mit Fleiß, Liebe und Wartung über den Andern und wie weit sie in ihn hineinzudringen vermöge: eine Tiefe, von der man noch bisher weder Grund hat, noch zum Grunde zu kommen ein Senkblei weiß. Der reinste Mensch auf Erden kannte sie alle, bedurfte keines Zeugnisses von außen; denn er wußte wohl, was im Menschen war , und es wird dem Menschengeiste in einer besonders herrlichen Analogie mit dem Geiste der Gottheit zugeschrieben, daß nur der Geist des Menschen, was im Menschen ist, wisse , gleichsam auf sich selbst ruhe und in seinen Tiefen forsche. Wenn Niemand anders, so haben dies die Weissagungen und geheimen Ahnungen der Dichter bewiesen. Ein Charakter, von Shakespeare geschaffen, geführt, gehalten, ist oft ein ganzes Menschenleben in seinen verborgnen Quellen; ohne daß er's weiß, malt er die Leidenschaft bis auf die tiefsten Abgründe und Fasern, aus denen sie sproßte. Wenn neulich Jemand behauptet hat, daß Shakespeare kein Physiognomist sei aus dem Profil der Nase, so gebe ich's ihm gerne zu; denn zu einem Detail der Art hat er wenig Zeit, außer wo es wie bei Richard III. die offenbarste Noth fordert; aber daß er kein Physiolog sei, mit Allem, wie sich Physiologie auch von außen zeigt, das müßte Niemand sagen, der Hamlet und Lear, Ophelia oder Othello nur im Traume gesehen hätte: unvermerkt malt er Hamlet bis auf seine Haare. Da alles Aeußere nur Abglanz der innern Seele ist, wie tief ist nicht der barbarische gothische Shakespeare durch Erdlagen und Erdschichten überall zu den Grundzügen gekommen, aus denen ein Mensch wächst, so wie Klopstock zu den geheimsten Wellen und Schwingungen einer reinen himmlischen Seele! Das Studium der Dichter zu diesem Zwecke haben meistens nur die Engländer (versteht sich, nur an ihren Dichtern; denn was wird ein Engländer außer England Guts finden?) versucht; uns Deutschen ist statt unnützer Lobreden und kindischer Recensionen hier noch ein großes Feld von Zeiten und Völkern übrig. Und bis dahin, daß diese drei Aufgaben erschöpft sind, mag die Antwort aufgeschoben werden, »unter welchen Bedingungen etwas reize«. Ich könnte in tauben und unstäten Ausdrücken zehn Formeln zur Auflösung geben, sagen: daß uns etwas reize, wenn wir nicht umhin können, daß es uns nicht reize; wenn der Gegenstand uns so nah liegt, daß er sich an uns reibt und uns regt; oder ich könnte sagen: er reizt, wenn er uns so ähnlich, so analog ist; aber was hieße dies Alles? Im Grunde nur immer, er reizt, wenn er reizt, und das glaubt ein Jeder. Es muß auch geglaubt , d. i. erfahren, empfunden werden und flieht jedes allgemeine Wortgekram und abstracte Vorhersehen. Wenn ein Gegenstand, von dem wir nicht träumten, nichts hofften, sich plötzlich so nahe unserm Ich zeigt, daß, wie der Wind die Grasesspitzen, der Magnet den Feilstaub regt, ihm die geheimsten Triebe unsers Herzens willig folgen: was ist da zu grübeln, zu argumentiren? Es ist neue Erfahrung , die wol aus dem System der besten Welt folgen mag, aber nicht eben aus unserm System jetzt folgt; es ist ein neuer weissagender Trieb, der uns Genuß zusagt, dunkel ihn ahnen läßt, Raum und Zeit überspringt und uns Vorgeschmack giebt in die Zukunft. Vielleicht ist's also mit dem Instinct der Thiere. Sie sind wie Saiten, die ein gewisser Klang des Weltalls regt, auf denen der Weltgeist mit einem seiner Finger spielt. Sie hangen mit dem Element, mit dem Geschöpf, mit den Jungen, mit der unbekannten Weltgegend zusammen, wohin sie eilen; unsichtbare Bande ziehen sie dahin, sie mögen dahin kommen oder nicht, es mag ein Ei sein oder Kreide, worauf die Henne brütet. Die Seiten der Schöpfung sind so vielartig; und da jede Seite sollte gefühlt, geahnt, hinanempfunden werden, so mußten die Instincte, Reize und Wurzeln der Empfindung so mancherlei sein, daß sie oft kein anderes Wesen, als was sie selbst empfand, begreift oder ahnt. Trefflich auch, daß es also und die tiefste Tiefe unsrer Seele mit Nacht bedeckt ist! Unsre arme Denkerin war gewiß nicht im Stande, jeden Reiz, das Samenkorn jeglicher Empfindung, in seinen ersten Bestandtheilen zu fassen; sie war nicht im Stande, ein rauschendes Weltmeer so dunkler Wogen laut zu hören, ohne daß sie es mit Schauer und Angst, mit der Vorsorge aller Furcht und Kleinmüthigkeit umfinge und das Steuer ihrer Hand entfiele. Die mütterliche Natur entfernte also von ihr, was von ihrem klaren Bewußtsein nicht abhangen konnte , wog jeden Eindruck ab, den sie davon bekam, und sparte jeden Canal aus, der zu ihr führte. Nun trennt sie nicht Wurzeln, sondern genießt Blüthe; Düfte wehen ihr aus dunkeln Büschen zu, die sie nicht pflanzte, nicht erzog; sie steht auf einem Abgrunde von Unendlichkeit und weiß nicht, daß sie darauf stehe; durch diese glückliche Unwissenheit steht sie fest und sicher. Nicht minder gut für die dunkeln Kräfte und Reize, die auf so subalternem Standort mitwirken müssen: sie wissen nicht, wozu , können und sollen's nicht wissen; der Grad ihrer Dunkelheit ist Güte und Weisheit. Ein Erdkloß, durchhaucht von Lebensothem des Schöpfers, ist unser Leimengebäude.   2. Sinne. Unterlag unsre Seele dem Meere kommender Wellen von Reiz und Gefühl von außen , so gab uns die Gottheit Sinne von innen , so webte sie uns ein Nervengebäude . Der Nerve beweist feiner, was dort von den Fibern des Reizes allgemein gesagt wurde, er zieht sich zusammen oder tritt hervor nach Art des Gegenstandes, der zu ihm gelangt. Jetzt wallt er entgegen, und die Spitzen seiner äußersten Büsche richten sich empor. Die Zunge schmeckt zum Voraus; die Geruchbüschlein thun sich auf dem kommenden Dufte; selbst Ohr und Auge öffnen sich dem Schall und dem Lichte, und insonderheit bei den gröbern Sinnen eilen die Lebensgeister mit Macht dazu, ihren neuen Gast zu empfangen. Gegentheils, wo Schmerz naht, fleucht der Nerve und graust. Wir schauern zusammen bei einem äußerst disharmonischen Schalle; unsre Zunge widert bei übelm Geschmack wie der Geruch bei widrigem Dufte. Das Ohr, sagt der Lateiner, entsetzt sich zu hören, das Auge zu sehen; Herder denkt an den Gebrauch von horrere .   D. könnte sie, so schlösse sich die Gefühlsknospe wie die Blume dem kalten Abendhauche. Grausen, Schauer, Erbrechen, bei dem Geruche das Niesen sind lauter solche Phänomene des Zurücktritts , des Widerstandes , der Stemmung , als ein sanftes Hinwallen und Zerschmelzen bei angenehmen Gegenständen Uebergang und Uebergabe zeigt. Im Grunde sind's also noch jene Gesetze und Phänomene, die wir bei jeder Reizesfiber bemerkten; und daß auch noch bei den geistigen Empfindungen des Schönen und des Erhabnen jenes Gesetz stattfinde, daß jedes Gefühl des Erhabnen nämlich mit einem Zurücktritt auf sich, mit Selbstgefühl und jede Empfindung des Schönen mit Hinwallen aus sich, mit Mitgefühl und Mittheilung verbunden sei, hat der vortreffliche Verfasser einer sehr bekannten Abhandlung Burke , »Untersuchung über den Ursprung unsrer Begriffe vom Erhabnen und Schönen«. Riga 1773.   H. gut ausgeführt; eine Theorie, über die ich ihn, ob sie gleich unter edeln Geschäften und Gesinnungen nur Spiel, nur Erholung für ihn war, fast beneide. Vielleicht wird mir bald günstige Muße, Aufsätze zu sammeln, die ich über die Empfindungsart einiger einzelnen Sinne hingeworfen habe; hier geht mein Zweck nur aufs Allgemeine, und bemerke, was ich dort bei dem Reiz und seinem Gegenstande sagte, daß auch hier bei den Sinnen ein Medium , ein gewisses geistiges Band stattfinde, ohne welches der Sinn weder zum Gegenstande, noch der Gegenstand zum Sinne innig gelangen könnte, dem wir also bei allen sinnlichen Kenntnissen trauen, glauben müssen . Ohne Licht wäre unser Auge und unsre sehende Seelenkraft müssig, ohne Schall das Ohr leer; es mußte also ein eignes Meer geschaffen werden, das in beide Sinne fließe und die Gegenstände in dieselben bringe; oder mit andern Worten, » das so viel von den Geschöpfen abreißt, als diese Pforte empfangen kann, alles Uebrige, ihren ganzen unendlichen Abgrund ihnen aber läßt «. Wunderbares Organ des Wesens, in dem Alles lebt und empfindet! Der Lichtstrahl ist sein Wink, sein Finger oder Stab in unsre Seele; Schall ist sein Hauch, das wunderbare Wort seiner Geschöpfe und Diener. Wie mächtig hat der Schöpfer hiemit seine Welt für uns geweitet ! Alle groben Sinne, Fasern und Reize können nur in sich empfinden; der Gegenstand muß hinzukommen, sie berühren und mit ihnen gewissermaßen selbst eins werden. Hier wird schon dem Erkennen außer uns Weg gebahnt. S. Sulzer 's vortreffliche Abhandlung »Vom Denken und Empfinden«, in seinen »Vermischten philosophischen Schriften«, Abhandlung VII., und Histoire de l' Académie Royale de Berlin , T. XIX. p. 407-420 .   H. Unser Ohr hört über Meilen hin; der Lichtstrahl wird Stab, mit dem wir bis zum Sirius hinaufreichen. Unmittelbar vor meinem Auge hat das große Auge der Welt ein allgemeines Organ ausgebreitet, das tausend Geschöpfe in mich bringt, das tausend Wesen mit einem Kleide für mich bekleidet. Um mein Ohr fließt ein Meer von Wellen, das seine Hand ausgoß, damit eine Welt von Gegenständen in mich dringe, die mir sonst ewig ein dunkles, stilles Todtengrab bleiben müßte. Da gebraucht mein Sinn alle die Kunstgriffe und Feinheiten, die ein Blinder mit dem Stabe gebraucht, zu tasten, zu fühlen, Entfernung, Verschiedenheit, Maß zu lernen, und am Ende wissen wir ohne dies Medium nichts, ihm müssen wir glauben . Betrügt mich der Schall, das Licht, der Duft, die Würze, ist mein Sinn falsch, oder habe ich ihn nur falsch zu brauchen mich gewöhnt, so bin ich mit alle meiner Kenntniß und Speculation verloren. Auch kann der Gegenstand für tausend andre Sinnen in tausend andern Medien ganz etwas Anders, vollends in sich selbst ein Abgrund sein, von dem ich nichts wittre und ahne; für mich ist er nur das, was mir der Sinn und sein Medium, jenes die Pforte, dies der Zeigefinger der Gottheit für unsre Seele, dargiebt. Innig wissen wir außer uns nichts; ohne Sinne wäre uns das Weltgebäude ein zusammengeflochtner Knäuel dunkler Reize; der Schöpfer mußte scheiden, trennen, für und in uns buchstabiren. Nun muß ich nochmals bemerken, daß den Beitrag genau zu untersuchen, den jeder Sinn der Seele liefere, ein angenehmer und äußerst merkwürdiger Lustweg sein müßte, den wir uns auf andre Zeit ersparen. Daß aber nicht bei zwei Menschen dieser Sinnenbeitrag an Art und Stärke, Tiefe und Ausbreitung einerlei sein kann, bezeugen viele Proben. Gesicht und Gehör, die den meisten Stoff zum Denken geben, sind selten bei einem Menschen in gleichem Grad der Ausbildung und natürlichen Stärke. Klarheit des Auges haßt oft tiefe Innigkeit des Ohrs (geistig zu reden); die beiden Rosse sind also ungleich, die zunächst am Wagen der Psyche ziehen. Ein Platonisches Bild.   D. Die drei größten epischen Dichter in aller Welt, Homer, Ossian und Milton , waren blind; als ob diese stille Dunkelheit dazu gehörte, daß alle Bilder, die sie gesehen und erfaßt hatten, nun Schall, Wort, süße Melodie werden könnten . Ein blindgeborner Dichter und ein taubgeborner Philosoph müßten sonderbare Eigenheiten geben, so wie der blinde Saunderson Vgl. unten S. 223 f.   D. mit dem Gehör, Geruch und Gefühl liebte. Wenn eine allgemeine philosophische Sprache je erfunden würde, wär's vielleicht von einem Taub- und Stummgebornen, der gleichsam ganz Gesicht, ganz Zeichen der Abstraction wäre. Keine zwei Dichter haben je ein Silbenmaß gleich gebraucht und wahrscheinlich auch gleich gefühlt. Eine Sapphische Ode bei der Griechin, bei Catull und Horaz ist fast nicht dasselbe; welch mittelmäßiges Ohr wird nicht einen Hexameter von Klopstock, Kleist, Bodmer oder von Lucrez, Virgil und Ovidius beinah auf den ersten Klang unterscheiden? Dem einen Dichter ist seine Muse Gesicht, Bild , dem andern Stimme , dem dritten Handlung; ein Prophet ward durch Saitenspiel geweckt, der andre durch Gesichte; keine zwei Maler und Dichter haben einen Gegenstand, wenn auch nur ein Gleichniß, gleich gesehen, gefaßt, geschildert. Eine Unendlichkeit müßte es werden, wenn man diese Verschiedenheit des Beitrages verschiedner Sinne über Länder, Zeiten und Völker verfolgen könnte, was z. B. daran Ursache sei, daß Franzose und Italiener sich bei Musik, Italiener und Niederländer sich bei Malerei so ein ander Ding denke. Denn offenbar werden die Künste auf dieser Wegscheide von Nationen mit andern Geistessinnen empfunden, mit andern Geistessinnen vollendet. Hier indeß fahren wir fort, daß, so verschieden dieser Beitrag verschiedner Sinne zum Denken und Empfinden sein möge, in unserm innern Menschen Alles zusammenfließe und Eins werde. Wir nennen die Tiefe dieses Zusammenflusses meistens Einbildung ; sie besteht aber nicht blos aus Bildern, sondern auch aus Tönen, Worten, Zeichen und Gefühlen, für die oft die Sprache keinen Namen hätte. Das Gesicht borgt vom Gefühl und glaubt zu sehen, was es nur fühlte. Gesicht und Gehör entziffern einander wechselseitig; der Geruch scheint der Geist des Geschmacks oder ist ihm wenigstens ein naher Bruder. Aus dem Allen webt und wirkt nun die Seele sich ihr Kleid, ihr sinnliches Universum. Auch hier sind oft Blendwerke und Visionen, Krankheiten und Träume die sonderbarsten Verräther dessen, was in uns schläft. Der Riesenmann Pascal , dessen Seele immer Felsen abreißt und flammende Abgründe daneben zeigt, kam so weit, daß er zuletzt den dunkeln, brennenden Abgrund immer neben sich sah. Mehr als ein Schwärmer sanfterer Art glaubte sich immer von hellem Licht umgeben, und selbst der große Denker Tschirnhausen , S. »Éloge de Tschirnhausen par Mr. Fontenelle« .   H. dessen Art zu studiren wenigstens romantisch gnug war, fand sich nicht eher im wahren Gedankenstrome, als wenn er Funken und Strahlen um sich sah. Das Exempel eines andern Philosophen ist mir bekannt, der bei dem Anfange seiner Krankheit in einer Art sonderbaren Ohnmacht Worte hörte, die letzten Worte von dem, was er gelesen. Ein Mensch besitzt die Kunst zu sehen ungleich mehr als die Kunst zu hören ; nach dem wird sich, er sei Dichter oder Philosoph, gewiß seine Erkenntniß, sein Vortrag, sein Stil, seine Zusammensetzung richten. Wie Viel heißen Dichter und sind nur Witzlinge oder Verstandmänner, weil ihnen ganz die dichterische Einbildung an Gesicht und Gehör fehlt, und wie Manche, die wie Plato nur einige Gleichnisse ausmalen, und die Gleichnisse bleiben ewig! Doch ich komme zu weit.   Wenn also aus unsern Sinnen in die Einbildungskraft, oder wie wir dies Meer innerer Sinnlichkeit nennen wollen, Alles zusammenfleußt und darauf unsre Gedanken, Empfindungen und Triebe schwimmen und wallen: hat die Natur abermals nichts gewebt, das sie einige, das sie leite? Allerdings; und dies ist das Nervengebäude , zarte Silberbande, dadurch der Schöpfer die innere und äußere Welt und in uns Herz und Kopf, Denken und Wollen, Sinne und alle Glieder knüpft; wirklich ein solches Medium der Empfindung für den geistigen Menschen, als es das Licht fürs Auge, der Schall fürs Ohr von außen sein konnte. Wir empfinden nur, was unsre Nerven uns geben; darnach und daraus können wir auch nur denken. Nenne man nun diesen lebendigen Geist, der uns durchwallt, Flamme oder Aether, gnug, er ist das unbegreifliche, himmlische Wesen, das Alles zu mir bringt und in mir eint. Was hat der Gegenstand, den ich sehe, mit meinem Hirn, das Hirn mit meinem wallenden Herzen gemein, daß Jenes Bild , daß Dies Leidenschaft werde? Siehe, da ist ein Etwas, das von sonderbarer Natur sein muß, weil es so sonderbaren Verschiedenheiten dient. Das Licht konnte nur Eins: den ganzen dunkeln Abgrund der Welt zum Bilde machen, dem Auge Alles veräugen ; der Schall konnte nur Eins: hörbar machen, was sonst nur für andre Sinne da wäre. So weiter. Dieser innere Aether muß nicht Licht, Schall, Duft sein, aber er muß Alles empfangen und in sich verwandeln können. Er kann dem Kopfe Licht, dem Herzen Reiz werden; er muß also ihrer Natur sein oder zunächst an sie grenzen. Ein Gedanke, und Flammenstrom gießt sich vom Kopf zum Herzen; ein Reiz, eine Empfindung, und es blitzt Gedanke, es wird Wille, Entwurf, That, Handlung: Alles durch einen und denselben Boten. Wahrlich, wenn dieses nicht Saitenspiel der Gottheit heißt, was sollte so heißen? Hätte ich nun Macht und Kenntniß gnug, dies edle Saitenspiel in seinem Bau, in seiner Führung und Knotung, Verschlingung und Verfeinung darzustellen, zu zeigen, daß kein Ast, kein Band, kein Knötchen umsonst sei, und daß nach der Maße, wie es binde und sich leite, auch unsre Empfindungen, Glieder und Triebe (freilich nicht mechanisch durch Hieb und Stoß!) einander binden, anregen und stärken: o, welch ein Werk von sonderbar feinen Entwicklungen und Bemerkungen aus dem Grunde unsrer Seele müßte es werden! Ich weiß nicht, ob es schon da ist, ob ein denkender und fühlender Physiolog es insonderheit zu dem Zwecke, zu dem ich's wünsche, geschrieben. Mich dünkt, es müßte die schönste Buchstabenschrift des Schöpfers enthalten, wie er Glieder band und theilte, sie mehr oder minder beseelte, Gefühle ableitete, unterdrückte, knotete, stärkte, so daß das Auge nur sehen darf und die Eingeweide wallen, das Ohr hört und unser Arm schlägt, der Mund küßt und Feuer fließt durch alle Glieder: Wunder über Wunder! eine wahre, feine Flammenschrift des Schöpfers! Aber wir bleiben wieder nur bei allgemeinen Phänomenen, z. B. den sogenannten »Wirkungen der Einbildungskraft in Mutterleibe«. Viele haben sie, weil ihr System sie nicht ertrug, gerade geleugnet, da doch beinahe Jedermann frappante Beispiele davon bekannt sein können: was hülfe es also, Erfahrungen gegen die Sonne leugnen? Wäre in unserm Körper und insonderheit im zarten Körper der Mutter zu der Zeit, da sie den Ungebornen trägt, von plumpem Mechanismus, hölzernem Druck und Stoß die Rede; säße die Seele mit ihrer Einbildungskraft in der Zirbeldrüse und sollte nun mit Stangen und Leitern zum Kinde gelangen müssen: freilich, so könnte man das weise Haupt schütteln. Nun aber, da nach allen Erfahrungen Alles voll Reiz ist und Leben, da diese Leben auf so wunderbare Art ein Eins in uns sind, ein Seelenmensch (ἄνϑρωπος ψυχιϰός), dem alle mechanische Triebwerke und Glieder willig dienen, und da nun eben dies zusammengeströmte beseelte Eins in uns Einbildung heißt, wenn wir das Wort in seinem wahren Umfange nehmen: was ist Ungereimtes darin, daß diese Seelenwelt, in deren Mitte gleichsam das Kind schwebt, dieser ganze psychische Mensch, der's in seinen Armen hält, ihm auch jede Eindrücke, jede Reize von sich mittheile? In einem Zusammenhange geistiger Kräfte verschwindet Raum und Zeit, die nur für die grobe Körperwelt da zu sein scheinen. Wir werden gebildet, sagt die alte morgenländische Weisheit, im Schooße der Lebensmutter wie im Mittelpunkt der Erde, wohin alle Einflüsse und Eindrücke zusammenströmen. Hierin sind Weiber unsre Philosophen, wir nicht die ihren. Mit dem sogenannten »Einfluß der Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele« hat es eben die Bewandniß. Sollte hier etwas durch Zirbeldrüse, elastisch-gespannte Nerven, Hieb und Stoß erklärt werden, so stehe man immer an und leugne. Nun aber, da unser Gebäude nichts von solchem hölzernen Weberstuhle weiß, da Alles in Reiz und Duft und Kraft und ätherischem Strom schwimmt, da unser ganzer Körper in seinen mancherlei Theilen so mannichfaltig beseelt, nur ein Reich unsichtbarer, inniger , aber minder heller und dunkler Kräfte zu sein scheint, das im genauesten Bande ist mit der Monarchin, die in uns denkt und will, so daß ihr Alles zu Gebote steht und in diesem innig verknüpften Reich Raum und Zeit verschwindet: was natürlicher, als daß sie über Die herrsche, ohne die sie nicht das wäre, was sie ist ? denn nur durch dies Reich, in diesem Zusammenhange ward und ist sie menschliche Seele . Ihr Denken wird nur aus Empfindung; ihre Diener und Engel, Luft- und Flammenboten strömen ihr ihre Speise zu, so wie diese nur in ihrem Willen leben. Sie herrscht, mit Leibniz zu reden, in einem Reich schlummernder, aber um so inniger wirkender Wesen. Ich kann mir überhaupt nicht denken, wie meine Seele etwas aus sich spinne und aus sich eine Welt träume, ja nicht einmal denken, wie sie etwas außer sich empfinde, wovon kein Analogon in ihr und ihrem Körper sei. Wäre in diesem Körper kein Licht, kein Schall, so hätten wir auf aller weiten Welt von nichts, was Schall und Licht ist, Empfindung; und wäre in ihr selbst oder um sie nichts dem Schall, dem Licht Analoges, noch wäre kein Begriff dessen möglich. Nun aber zeigen alle Tritte, die wir bisher zurückgelegt haben, daß die Gottheit uns dies Alles durch Wege und Canäle schaffte, die immer empfangen, läutern, fortschwemmen, mehr einigen, der Seele ähnlicher machen, was ferne ihr noch so unähnlich war. Ich fürchte mich also gar nicht vor dem alten Ausdruck, daß der Mensch eine kleine Welt sei, daß unser Körper Auszug alles Körperreichs wie unsre Seele ein Reich aller geistigen Kräfte, die zu uns gelangen, sein müsse , und daß schlechthin, was wir nicht sind, wir auch nicht erkennen und empfinden können . Die Formularphilosophie, die Alles aus sich, aus innerer Vorstellungskraft der Monade herauswindet, hat freilich alle dies nicht nöthig, weil sie Alles in sich hat; ich weiß aber nicht, wie es dahin gekommen ist, und sie weiß es selbst nicht. »Aber so wäre ja die Seele materiell? oder wir hätten gar viele immaterielle Seelen?« So weit sind wir noch nicht, mein Leser; ich weiß noch nicht, was material oder immaterial sei, glaube aber nicht, daß die Natur zwischen beiden eiserne Bretter befestigt habe, weil ich die eisernen Bretter in der Natur nirgend sehe und gewiß da am Wenigsten vermuthen kann, wo die Natur so innig vereinte. Gnug, wir gehen jetzt zuvörderst zum 3. Erkennen und Wollen. über. Alle Empfindungen, die zu einer gewissen Helle steigen (der innere Zustand dabei ist unnennbar), werden Apperception, Gedanke ; die Seele erkennt , daß sie empfinde . Was nun auch Gedanke sei, so ist in ihm die innigste Kraft, aus Vielem, das uns zuströmt, ein lichtes Eins zu machen, und, wenn ich so sagen darf, eine Art Rückwirkung merkbar, die am Hellsten fühlt, daß sie ein Eins , ein Selbst ist. Eine Bildersprache der Art scheint freilich mystisch; in Geheimnissen aber und im tiefsten Geheimniß der Schöpfung, unsrer Seele, kann man sich kaum anders erklären. Gnug, was wir bei jedem Reiz, jeder Empfindung, jedem Sinne sahen, daß nämlich die Natur »ein Vieles eine«, das geschieht hier auf die hellste, innigste Weise. Wollen wir nun der Erfahrung folgen, so sehen wir, die Seele spinnt, weiß, erkennt nichts aus sich , sondern was ihr von innen und außen ihr Weltall zuströmt und der Finger Gottes zuwinkt. Aus dem Platonischen Reiche der Vorwelt kommt ihr nichts wieder; sie hat sich auch selbst nicht auf den Platz gesetzt, wo sie steht, weiß selbst nicht, wie sie dahin kam. Aber das weiß sie oder sollte es wissen, daß sie nur das erkenne, was dieser Platz ihr zeige, daß es mit dem aus sich selbst schöpfenden Spiegel des Universum, mit dem unendlichen Auffluge ihrer positiven Kraft in allmächtiger Selbstheit nichts sei. Sie ist in einer Schule der Gottheit, die sie sich nicht selbst gegeben; sie muß die Reize, die Sinne, die Kräfte und Gelegenheiten brauchen, die ihr durch eine glückliche, unverdiente Erbschaft zu Theil wurden, oder sie zieht sich in eine Wüste zurück, wo ihre göttliche Kraft lähmt und erblindet. Der abstracte Egoismus also, und wenn er auch nur Schulsprache wäre, dünkt mich der Wahrheit und dem offnen Gange der Natur entgegen. Ich kann hier nicht ins Einzelne gehen, bei jedem Sinne zu zeigen, wie weise und gütig der Vater unsrer Natur uns überall an Formeln seiner Weisheit und Güte übt ; daß er uns aber unaufhörlich also übt, daß unsre Seele eigentlich nichts könne und thue, als Formeln der Art aufzulösen, mit einem Abdrucke göttlicher Energie , zwar nicht aus Finsterniß, aber aus Dämmerung Licht, aus einer nassen Flamme helle, warme Funken hervorzurufen, mich dünkt, dies zeigen und sagen alle Handlungen unsrer erkennenden, wollenden Seele. Sie ist das Bild der Gottheit und sucht auf Alles, was sie umgiebt, dies Bild zu prägen, macht das Vielfache eins, sucht aus Lüge Wahrheit, aus unstäter Ruhe helle Thätigkeit und Wirkung, und immerdar ist's, als ob sie dabei in sich blicke und mit dem hohen Gefühl: »Ich bin Tochter Gottes, bin sein Bild«, zu sich spreche: »Lasset uns!« und will und waltet. Wir haben von keiner innigern Thätigkeit Begriff, als deren eine menschliche Seele fähig ist; sie tritt in sich zurück, ruht gleichsam auf sich selbst und kann ein Weltall drehen und überwinden. Jeder höhere Grad des Vermögens , der Aufmerksamkeit und Losreißung , der Willkür und Freiheit liegt in diesem dunkeln Grunde von innigstem Reiz und Bewußtsein ihrer selbst, ihrer Kraft , ihres innern Lebens . Man ist gewohnt, der Seele eine Menge Unterkräfte zu geben, Einbildung und Voraussicht, Dichtungsgabe und Gedächtniß ; indessen zeigen viele Erfahrungen, daß, was in ihnen nicht Apperception, Bewußtsein des Selbstgefühls und der Selbstthätigkeit sei, nur zu dem Meer zuströmender Sinnlichkeit, das sie regt, das ihr Materialien liefert, nicht aber zu ihr selbst gehöre. Nie wird man diesen Kräften tief auf den Grund kommen, wenn man sie nur von oben her als Ideen behandelt, die in der Seele wohnen, oder gar als gemauerte Fachwerke von einander scheidet und unabhängig einzeln betrachtet. Auch in der Einbildung und dem Gedächtniß , der Erinnerung und Voraussicht muß sich die eine Gotteskraft unsrer Seele, » innere in sich blickende Thätigkeit, Bewußtsein, Apperception «, zeigen; in dem Maße dieser hat ein Mensch Verstand, Gewissen, Willen, Freiheit , das Andre sind zuströmende Wogen des großen Weltmeers. Man nennt das Wort Einbildungskraft und pflegt's dem Dichter als sein Erbtheil zu geben; sehr böse aber, wenn die Einbildung ohne Bewußtsein und Verstand ist: der Dichter ist nur ein rasender Träumer. Angebliche Philosophen haben Witz und Gedächtniß verschrieen, jenen nur Schalksnarren, dieses Wortkrämern übergeben; Schade alsdann für die edeln Kräfte! Witz und Gedächtniß, Einbildung und Dichtungsgabe sind von guten Seelen so verständig gebraucht worden, daß ihr großer Verstand gewiß nicht ohne jene weitfassenden Wurzeln hätte erwachsen können. Homer und Shakespeare waren gewiß große Philosophen, wie Leibniz ein sehr witziger Kopf, bei dem meistens eine Metapher, ein Bild, ein hingeworfnes Gleichniß die Theorien erzeugte, die er auf ein Quartblatt hinwarf, und aus dem die Weberzünfte nach ihm dicke Bände spannen. Rabelais und Swift, Butler und selbst der große Baco waren witzige Köpfe; der Letzte gehört auch zu Denen, »deren Ring durch ein Gedankenpaar, Vertraulich keusch vermählt, oft tausende gebar.« Es wäre aber nicht mein Feind, dem ich ihren Witz und ihre Bildersprache wünschte. Baco war dem scholastischen Scharfsinn feind, aber nur dem scholastischen Scharfsinn, der jede lebendige Creatur Gottes in Moder auflöst; wahren Scharfsinn liebte und bewies er selbst. Locke 's Philosophie war das Federmesser zu Descartes' Gespinnsten, und es gehörte Leibnizens Witz dazu, Baylens dialektischen Scharfsinn in seinem Uebertriebnen zu entfalten. Das Wortgedächtniß der Schulpedanten ist eine elende Sache und trocknet die Seele zum jämmerlichen Namenregister auf; zu einem Cäsar und Mithridat aber, gehörte da nicht auch ihr Namengedächtniß ? Kurz, alle diese Kräfte sind im Grunde nur eine Kraft, wenn sie menschlich, gut und nützlich sein sollen; und das ist Verstand, Anschauung mit innerm Bewußtsein . Man nehme ihnen dieses, so ist die Einbildung Blendwerk, der Witz kindisch, das Gedächtniß leer, der Scharfsinn Spinnweb; in dem Maß aber, als sie jenes haben, vereinigen sich, die sonst Feindinnen schienen, und werden nur Wurzeln oder sinnliche Darstellungen einer und derselben Energie der Seele . Gedächtniß und Einbildung werden das ausgebreitete und tiefe Bild der Wahrheit; Scharfsinn sondert, und Witz verbindet, damit eben ein helles wichtiges Eins werde; Phantasie fleugt auf, Selbstbewußtsein faltet die Flügel: lauter Aeußerungen einer und derselben Energie und Elasticität der Seele. Wie aber? hat diese innere Elasticität keinen Helfer, keinen Stab, an dem sie sich stütze und halte? kein Medium , wenn ich so sagen darf, das sie wecke und ihre Wirkung leite, wie wir's bei jedem Reiz, bei jedem Sinne fanden? Ich glaube, ja! und dies Medium unsers Selbstgefühls und geistigen Bewußtseins ist   Sprache . Stumm- und Taubgeborne zeigen durch sonderbare Proben, wie tief die Vernunft, das Selbstbewußtsein, wo sie nicht nachahmen können, schlummre; und ich glaube, meiner vorigen Meinung ziemlich zuwider, In seiner Preisschrift: Ueber den Ursprung der Sprache .   D. daß wirklich ein solcher Stab der Aufweckung unserm innern Bewußtsein zu Hilfe kommen mußte, als das Licht dem Auge, daß es sehe, der Schall dem Ohr, daß es höre. So wie diese äußeren Medien für ihre Sinne wirklich Sprache sind, die ihnen gewisse Eigenschaften und Seiten der Dinge vorbuchstabiren, so, glaub' ich, mußte Wort, Sprache zu Hilfe kommen, unser innigstes Sehen und Hören gleichfalls zu wecken und zu leiten. So, sehen wir, sammelt sich das Kind, es lernt sprechen, wie es sehen lernt, und genau dem zufolge denken. Wer Kinder bemerkt hat, wie sie sprechen und denken lernen, die sonderbaren Anomalien und Analogien, die sich dabei äußern, wird kaum mehr zweifeln. Auch in den tiefsten Sprachen ist Vernunft und Wort nur ein Begriff, eine Sache: λόγος. Der Mensch gafft so lange Bilder und Farben, bis er spricht , bis er inwendig in seiner Seele nennt . Die Menschen, die, wenn ich so sagen darf, viel von diesem innern Wort , von dieser anschauenden, göttlichen Bezeichnungsgabe haben, haben auch viel Verstand , viel Urtheil ; die es nicht haben, und schwämme ein ganzes Meer von Bildern um sie, gaffen nur, wenn sie sehen, können nicht erfassen, nicht in sich verwandeln, nicht gebrauchen. Je mehr man diese innere Sprache eines Menschen stärkt, leitet, bereichert, bildet, desto mehr leitet man seine Vernunft und macht das Göttliche in ihm lebendig, das Stäbe der Wahrheit braucht und sich an ihnen wie aus dem Schlummer emporrichtet. Die große Welt von Folgen, die dies giebt, werden wir an einem andern Orte sehen. Unser Erkenntniß ist also, ob's gleich freilich das tiefste Selbst in uns ist, nicht so eigenmächtig, willkürlich und los, als man glaubt. Das Alles abgerechnet, was bisher gezeigt ist, daß unser Erkennen nur aus Empfindung werde, sieht man, der Gegenstand muß noch durch geheime Bande , durch einen Wink zu uns kommen, der uns erkennen lehre . Diese Lehre, dieser Sinn eines Fremden, der sich in uns einprägt, giebt unserm Denken seine ganze Gestalt und Richtung. Ungeachtet alles Sehens und Hörens und Zuströmens von außen würden wir in tiefer Nacht und Blindheit tappen, wenn nicht frühe die Unterweisung für uns gedacht und gleichsam fertige Gedankenformeln uns eingeprägt hätte. Da hob sich unsre Kraft empor, lernte sich selbst fühlen und brauchen; lange und oft lebenslang gehen wir an den uns gereichten Stäben frühester Kindheit, denken selbst, aber nur in Formen, wie Andre dachten, erkennen, worauf uns der Finger solcher Methoden winkt: das Andre ist für uns, als ob es gar nicht wäre. Meistens ist diese » Geburt unsrer Vernunft « den Weisen unsrer Welt so unanständig, daß sie sie ganz verkennen und ihre Vernunft als ein eingewachsenes, ewiges, von Allem unabhängiges, untrügliches Orakel verehren. Ohne Zweifel gingen diese Weisen nie im langen Kleide, lernten nie sprechen, wie ihre Wärterinnen sprachen, oder haben vielleicht gar keinen eingeschränkten » Empfindungskreis «, keine Mutter - und Menschensprache . Sie sprechen wie die Götter, d. i. sie denken rein und erkennen ätherisch; daher denn auch nichts als Götter- und Vernunftsprüche von ihren Lippen kommen können. Alles ist ihnen angeboren, eingepflanzt, der Funke untrüglicher Vernunft ohne einen Prometheus vom Himmel gestohlen. Laß sie reden und ihre Bildwörter anbeten; sie wissen nicht, was sie thun. Je tiefer Jemand in sich selbst, in den Bau und Ursprung seiner edelsten Gedanken hinabstieg, desto mehr wird er Augen und Füße decken und sagen: »Was ich bin, bin ich geworden. Wie ein Baum bin ich gewachsen; der Keim war da, aber Luft, Erde und alle Elemente, die ich nicht um mich setzte, mußten beitragen, den Keim, die Frucht, den Baum zu bilden.«   Auch Erkennen ohne Wollen ist nichts, ein falsches, unvollständiges Erkennen. Ist Erkenntniß nur Apperception , tiefes Gefühl der Wahrheit, wer wird Wahrheit sehen und nicht sehen? Güte erkennen und nicht wollen und lieben ? Eben diese Abtheilungen zeigen, wie sehr der Baum unsers Innern zerzaust und verfasert sei, daß Speculation uns für Erkenntniß und Spiel für Thätigkeit gelten kann. Speculation ist nur Streben zum Erkenntniß; ein Thor nur vergißt das Haben über dem Streben. Speculation ist Zertheilung; wer ewig theilt, wird nie ganz besitzen und brauchen. Besitzt man aber und fühlt, daß man besitze, so ist bei einem Gesunden das Brauchen und Genießen natürlich. Auch ist so denn keine Leidenschaft, keine Empfindung ausgeschlossen, die nicht durch solches Erkennen Wollen würde; eben im besten Erkenntniß können und müssen alle wirken, weil das beste Erkenntniß aus ihnen allen ward und nur in ihnen allen lebt. Lügner oder Entnervte, die mit lauter reinen Grundsätzen prahlen und Neigungen verfluchen, aus denen allein wahre Grundsätze werden! Das heißt ohne Wind segeln und ohne Waffen kämpfen. Reiz ist die Triebfeder unsers Daseins, und sie muß es auch bei dem edelsten Erkennen bleiben. Welche Neigung und Leidenschaft, die sich nicht mit Erkenntniß und Liebe Gottes und des Nächsten beleben ließe, daß sie nur um so reiner, sicherer und mächtiger wirke? Die Schlacken werden weggebrannt, aber das wahre Gold soll bleiben. Jede Kraft und jeder Reiz, der in meiner Brust schläft, soll aufwachen und nur im Geist meines Urhebers wirken. Aber wer lehrt mich dieses? Giebt's ein Gewissen, ein moralisches Gefühl, das mir, abgetrennt von allem Erkenntniß, richtigen Weg zeige? Die Worte selbst scheinen Unsinn, wenn man sie so vorträgt; ich glaube aber kaum, daß so etwas je eines Menschen Meinung gewesen. Ist jedes gründliche Erkenntniß nicht ohne Wollen, so kann auch kein Wollen ohn' Erkennen sein: sie sind nur eine Energie der Seele. Aber wie unser Erkennen nur menschlich ist und also sein muß, wenn es recht sein soll, so kann auch unser Wollen nur menschlich sein, mithin aus und voll menschlicher Empfindung. Menschheit ist das edle Maß, nach dem wir erkennen und handeln; Selbst - und Mitgefühl also (abermals Ausbreitung und Zurückziehung) sind die beiden Aeußerungen der Elasticität unsers Willens; Liebe ist also das edelste Erkennen wie die edelste Empfindung. Den großen Urheber in sich, sich in Andre hinein zu lieben und dann diesem sichern Zuge zu folgen, das ist moralisches Gefühl, das ist Gewissen. Nur der leeren Speculation, nicht aber dem Erkennen steht's entgegen; denn das wahre Erkennen ist lieben , ist menschlich fühlen . Siehe die ganze Natur, betrachte die große Analogie der Schöpfung: Alles fühlt sich und Seinesgleichen, Leben wallt zu Leben. Jede Saite bebt ihrem Ton, jede Fiber verwebt sich mit ihrer Gespielin, Thier fühlt mit Thier; warum sollte nicht Mensch mit Menschen fühlen? Nur er ist Bild Gottes , ein Auszug und Verwalter der Schöpfung; also schlafen in ihm tausend Kräfte, Reize und Gefühle; es muß also in ihnen Ordnung herrschen, daß alle aufwachen und angewandt werden können, daß er Sensorium seines Gottes in allem Lebenden der Schöpfung, nach dem Maße es ihm verwandt ist, werde. Dies edle allgemeine Gefühl wird also eben durch das, was es ist, Erkenntniß , die edelste Kenntniß Gottes und seiner Nebengeschöpfe durch Wirksamkeit und Liebe . Selbstgefühl soll nur die conditio sine qua non, der Klumpe bleiben, der uns auf unsrer Stelle festhält, nicht Zweck, sondern Mittel. Aber nothwendiges Mittel; denn es ist und bleibt wahr, daß wir unsern Nächsten nur wie uns selbst lieben. Sind wir uns untreu, wie werden wir Andern treu sein? Im Grad der Tiefe unsers Selbstgefühls liegt auch der Grad des Mitgefühls mit Andern; denn nur uns selbst können wir in Andre gleichsam hineinfühlen. Mich dünkt, es sind also leere Streitigkeiten, wo das Principium unsrer Moralität sei, ob im Wollen oder Erkennen, ob in unsrer oder in fremder Vollkommenheit. Alles Wollen fängt freilich vom Erkennen an, aber alles Erkennen wird auch wiederum nur durch Empfindung. Eigne Vollkommenheit kann ich nur durch die Vollkommenheit Andrer wie diese durch jene erlangen. Schon Hippokrates nannte die menschliche Natur einen lebendigen Kreis , und das ist sie. Ein Wagen Gottes, Auge um und um, voll Windes und lebendiger Räder. Man muß sich also für nichts so sehr als für dem einseitigen Zerstücken und Zerlegen hüten. Wasser allein thut's nicht, und die liebe kalte speculirende Vernunft wird Dir Deinen Willen eher lähmen, als Dir Willen, Triebfedern, Gefühl geben. Wo sollte es in Deine Vernunft kommen, wenn nicht durch Empfindung? Würde der Kopf denken, wenn Dein Herz nicht schlüge? Aber gegentheils, willst Du auf jedes Pochen und Wallen Deines Herzens, auf jeden Nachhall einer gereizten Fiber als auf die Stimme Gottes merken und ihr blindlings folgen, wo kannst Du hingerathen, da alsdann Dein Verstand zu spät kommt? Kurz, folge der Natur! sei kein Polype ohne Kopf und keine Steinbüste ohne Herz; laß den Strom Deines Lebens frisch in Deiner Brust schlagen, aber auch zum feinen Mark Deines Verstandes hinauf geläutert und da Lebensgeist werden! Auch die Frage entschiede sich hier also: ob dies unser Wollen was Angeerbtes oder Erworbnes, was Freies oder Abhängiges sei. Es entscheidet sich ganz aus dem Grunde, daß wahres Erkennen und gutes Wollen nur einerlei sei, eine Kraft und Wirksamkeit der Seele . War unser Erkennen nun nicht durch sich, willkürlich und ungebunden; hatte es, wenn es sich aufs Tiefste als Selbst fühlen wollte, Stäbe der Aufrichtung, innere Sprache nöthig: wahrlich, so wird's dem Willen nicht anders sein können! Agamemnon hatte seinen Scepter von Thyest , der von Atreus , dieser von Pelops , dieser vom Zeus endlich, und Hephästus hatte ihn geschmiedet: Ilias, II. 101-108.   D. so geht's auch mit dem edelsten Königsscepter, »der Freiheit unsrer Seele «. Von Freiheit schwätzen, ist sehr leicht, wenn man jedem Reiz, jedem Scheingut als einer uns sufficienten Ursache dient. Es ist meistens ein erbärmlicher Trug mit diesen sufficienten Gründen, wo das Allgemeine immer wahr scheint, und das besondre Einzelne des bestimmten Falles ist Lüge. Man ist ein Knecht des Mechanismus, dieser aber in die lichte Himmelsvernunft verkleidet, und wähnt sich frei; ein Sclave in Ketten und träumt sich diese als Blumenkränze. Sobald man ins Speculiren kommt, kann man aus Allem Alles machen, dünkt sich aufgeflogen zum Empyreum, und der arme Wurm liegt noch in der Hülle ohne Flügel und Frühling. Da ist's wahrlich der erste Keim zur Freiheit, fühlen, daß man nicht frei sei, und an welchen Banden man hafte. Die stärksten, freisten Menschen fühlen dies am Tiefsten und streben weiter; wahnsinnige, zum Kerker geborne Sclaven höhnen sie und bleiben voll hohen Traums im Schlamme liegen. Luther mit seinem Buch De servo arbitrio ward und wird von den Wenigsten verstanden; man widerstritt elend oder plärrt nach: warum? weil man nicht wie Luther fühlt und hinaufringt. Wo Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Je tiefer, reiner und göttlicher unser Erkennen ist, desto reiner, göttlicher und allgemeiner ist auch unser Wirken, mithin desto freier unsre Freiheit. Leuchtet uns aus Allem nur Licht Gottes an, wallt uns allenthalben nur Flamme des Schöpfers , so werden wir im Bilde seiner Könige aus Sclaven und bekommen, was jener Philosoph Archimedes .   D. suchte, in uns einen Punkt, die Welt um uns zu überwinden, außer der Welt einen Punkt, sie mit Allem, was sie hat, zu bewegen. Wir stehen auf höherm Grunde und mit jedem Dinge auf seinem Grunde, wandeln im großen Sensorium der Schöpfung Gottes, der Flamme alles Denkens und Empfindens, der Liebe . Sie ist die höchste Vernunft wie das reinste, göttlichste Wollen; wollen wir dieses nicht dem heiligen Johannes, so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlichern Spinoza glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um diese Achse bewegt.   Prima creatura Dei fuit lux sensus, postrema lux rationis.   Et hoc ipsum est, coelo in terris frui, quando mens humana in caritate movetur, in providentia quiescit et supra polos veritatis circumfertur. Baco, De veritate . Sermones fideles, I. Vgl. Herder's Werke, XIV, S. 582 f.   D.   Luce intellettual, piena d'amore, Amor di vero, ben pien de letizia, Letizia, che trascende ogni dolzore. Dante . Paradiso, Canto XXX. 40-42.   D.   Sie war die Laute seiner Hand, Die er zu seiner Lust erfand; Er gab ihr Millionen Saiten, Und jede klingt, und jeder Klang Tönt zum harmonischen Gesang Der Lehre seiner Heimlichkeiten. Withof .   Zweiter Versuch. Einfluß beider Kräfte in einander und auf Charakter und Genie des Menschen. (Von welchem letztern ein andermal mehr.)   Beinah zu lange haben wir uns in Allgemeinörtern aufhalten müssen, hinter denen Mancher, der an die liebe Abstraction nicht gewöhnt ist, vielleicht so klug ist, als er war; lasset uns, um einigermaßen nützlich zu werden, die Philosophie vom Wolkenhimmel auf die Erde rufen Nach dem bekannten Worte von Sokrates .   D. und unsern Satz in bestimmten einzelnen Fällen und Classen betrachten. I. Unser Denken hängt ab vom Empfinden. 1. Bei jedem einzelnen Menschen . Wer ins Tollhaus geht, findet alle Narren auf verschiedne Art, jeden in seiner Welt rasen: so rasen wir Alle sehr vernünftig, Jeder nach seinen Säften und Launen. Der tiefste Grund unsers Daseins ist individuell, sowol in Empfindungen als Gedanken. Bemerkt nur in einzelnen Fällen, aus wie sonderbaren Keimen und Samenkörnern Jenem und Diesem die Saat seiner Leidenschaften wachse. Wobei der Eine kalt bleibt, dabei glüht der Andere; alle Thiergattungen unter einander sind vielleicht nicht so verschieden als Mensch vom Menschen. Würde ein Mensch den tiefsten, individuellsten Grund seiner Liebhabereien und Gefühle, seiner Träume und Gedankenfahrten zeichnen können, welch ein Roman! Jetzt thun es nur etwa Krankheiten und Augenblicke der Leidenschaft; und oft welche Ungeheuer und blaue Meerwunder wird man gewahr! Man sollte jedes Buch als den Abdruck einer lebendigen Menschenseele betrachten können; je lebendiger und wahrer der Abdruck ist, je weniger der Verfasser hofirte und ein elendes Allgemeingeschwätz zwischen den vier Ecken des Randes gab: wie sonderbar und einzeln dünkt es uns öfters! Oft ist's ein Räthsel ohne Auflösung, eine Münze ohne Umschrift: die flachsten Leser, und meistens die hohlsten, daher auch die lautesten von allen, die respectabeln Kunstrichter, messen nach ihrem unmaßgeblichen wenigen Selbst, schreien und verdammen. Der bescheidnere Weise urtheilt wie Sokrates über Heraklit's Schriften, sucht mehr im Geist des Urhebers als im Buch zu lesen; je mehr er dahin eindringt, je lichter und zusammenhängender wird Alles. Das Leben eines Autors ist der beste Commentar seiner Schriften, wenn er nämlich treu und mit sich selbst eins ist, nicht einer Heerde an Wegscheiden und Landstraßen nachblökt. Jedes Gedicht, zumal ein ganzes, großes Gedicht, ein Werk der Seele und des Lebens, ist ein gefährlicher Verräther seines Urhebers, oft, wo dieser am Wenigsten sich zu verrathen glaubte. Nicht nur sieht man bei ihm etwa, wie der Pöbel ruft, des Mannes dichterische Talente; man sieht auch, welche Sinne und Neigungen bei ihm herrschten, durch welche Wege und wie er Bilder empfing, wie er sie und das Chaos seiner Eindrücke regelte und fügte: die Lieblingsseiten seines Herzens sowie oft die Schicksale seines Lebens; seinen männlichen oder kindischen Verstand, die Stäbe seines Denkens und seiner Erinnerung. Doch ich mag unsern Kunstrichtern, die von so etwas in ihrem Leben nicht geträumt, schon viel zu viel gesagt haben. Freilich ist nicht jede Kothseele eines solchen Studiums werth; allein von einer Kothseele brauchte man auch keine Abdrücke, weder in Schriften noch in Thaten. Wo es der Mühe lohnt, ist dies lebendige Lesen , diese Divination in die Seele des Urhebers das einzige Lesen und das tiefste Mittel der Bildung. Es wird eine Art Begeisterung, Vertraulichkeit und Freundschaft, die uns da, wo wir nicht gleich denken und fühlen, oft am Lehrreichsten und Angenehmsten ist, und die eigentlich das, was man Lieblingsschriftsteller nennt, bezeichnet. Solches Lesen ist Wetteifer, Heuristik ; wir klimmen mit auf schöpferische Höhen oder entdecken den Irrthum und die Abweichung in ihrer Geburtsstätte. Je mehr man den Verfasser lebendig kennt und mit ihm gelebt hat, desto lebendiger wird dieser Umgang. Ein Mensch in verschiednen Lebenszeiten ist sich nicht gleich, denkt anders, nachdem er anders empfindet. Jedermann weiß, wie öfters, zumal bei plötzlichen Leidenschaften, uns unser erstes Urtheil trüge, und wie gegentheils der erste Eindruck an Frische und Neuheit nichts seinesgleichen habe. Das erste unbefangne Werk eines Autors ist daher meistens das beste; seine Blüthe ist im Aufbruch, seine Seele noch Morgenröthe. Vieles ist bei ihm noch volle, ungemessne Empfindung, was nachher Grübelei oder reifer Gedanke wird, der schon sein Jugendroth verloren. Wir lieben immer mehr das Halbe als das Ganze, den versprechenden Morgen mehr als den Mittag in höchster Sonnenhöhe. Wir wollen lieber empfinden als wissen, lieber selbst und vielleicht zu viel errathen als langsam hergezählt erhalten. Indessen sind zum Besten der Welt alle Lebens- und alle Tagszeiten nöthig. Die alten Deutschen faßten Entschlüsse in Trunkenheit und führten sie nüchtern aus; Tac . Germ., 22.   D. Andre werden sie nüchtern fassen und trunken ausführen. Indeß ist's wahr, unsre Kugel bewegt sich immer um diese beiden Brennpunkte unsrer Ellipse und ist selten beiden gleich nahe. Vielleicht kann sie und soll sie's auch nicht sein; nur hüte sie sich für jedem Aeußersten, aus dem sie nicht wieder zurück kann. Sie ermattet im reinen Verstande und sinkt in der brennenden Leidenschaft unter. Vielleicht hat Niemand die Schwachheit der Menschen und ihre Abhängigkeit von den kleinsten Kleinigkeiten der Empfindung reicher und natürlicher bemerkt als Montaigne und Yorick . Sie haben die Hygrometrie der Menschheit bearbeitet; die Photometrie und die Dynamik menschlicher Seelen müssen Andre geben; Shakespeare , glaube ich, giebt Proben von Allem. 2. Wie einzelne Menschen , so sind noch mehr Familien und Völker von einander verschieden; nach dem Kreise ihrer Empfindungs- richtet sich auch ihre Denkart. Söhne eines Stammvaters von gleicherer Organisation in einerlei Welt und Klima müssen einander ähnlicher denken als Antipoden an Sitte und Empfindung. Man hat die Religion und Moral der Völker, die in rauhen Gegenden, zwischen Gebirgen und Felsklüften, auf einer feuerspeienden, oft erbebenden Erde oder an schrecklichen Meeren wohnen, allemal wild, schrecklich und staunend gefunden, und oft machen Nationen, die offenbar eines Ursprungs sind, dicht an einander, hierin den sonderbarsten Unterschied. Gesetze, Regierung, Lebensweise thun noch mehr, und so wird die Denkart des Volks, eine Tochter deß Allen, auch deß Allen Zeugin. Ich mag keine Beispiele anführen, weil die ganze Erdkugel davon Zeuge ist und wir schon einige gute Sammlungen über den verschiednen Geist der Völker aus ihrem Empfindungs - und Lebenskreise haben. Ich wollte, wir hätten eine ohne alle Hypothesen und, so viel möglich, voll geprüfter Wahrheit. Einer Nation auf den ganz ungeänderten Stamm ihrer Empfindungen eine neue Lehre und Denkart aufzwingen wollen, ohne daß sich jene mit dieser im Mindesten mische, ist meistens unnütz, oft auch schädlich. Die Denkart eines Volks ist die Blüthe seiner Empfindungsweise; in diese muß man einfließen, oder jene ist welkend. Einem wilden Volke plötzlich das Resultat der feinsten Abstractionen aufbürden, wozu es weder Kopf noch Herz, weder Analogie von Lebensart noch Sprache hat, wird allemal ein wunderbarer Mischmasch. Was ward Aristoteles in den Händen der Araber? was ist das Papstthum in China worden? Jener ein Muselmann, dies ein lebendiger Confucianismus. Wenn Missionarien nach Indien gehn und Thierblut duften, wofür der Brame schauert: wie viel hat der arme Indianer zu bekämpfen, ehe er hören kann, was man von ihm wolle! Und wenn das einfache edle Christenthum (gewiß die Religion für alle Völker der Erde!) ihnen gar in dem Dunst einer engen Secte und Studirstube erscheint, wie muß sich das mit ihrem Hirn und Hirnlein fügen? Die Vorsehung selbst ist die beste Bekehrerin der Völker; sie ändert Zeiten, Denkarten, Sitten, wie sie Himmel und Erde, Kreise von Empfindungen und Umständen ändert. Man vergleiche Deutschland mit dem, was es zu Karl's des Großen oder Hermann 's Zeiten war. Würden Diese es erkennen, wenn sie wieder erschienen? Die größte Veränderung in der Welt ist »dieser Fort- und Umlauf im Reiche der Geister nach veränderten Empfindungen, Bedürfnissen und Situationen .« Die Geschichte der Völker forscht ihm nach; wer weiß aber bei den verwickelten Gängen des Schicksals Zweck und Ziel ? Da die Vorsehung indeß nie ohne Mittel handelt, so sind eben auch zu dieser » Umbildung der Kenntnisse durch Empfindungen « Menschen die edelsten Werkzeuge. Die Männer, die auf der Welt das Meiste ausgerichtet, blieben nie bei der Blüthe solcher und solcher Meinungen stehen, sondern wagten sich zur Wurzel der Empfindung, dem Herzen, der Lebensweise. Dichter oder Weise, Gesetzgeber oder Heerführer, Religionsstifter oder Demagogen, sie trafen das Herz, und damit wirkten sie auf Ideen. Baco ließ Eintheilungen und scholastische Speculationen liegen und ging auf erste Begriffe, Sachen, Natur; er grub wie jene Brüder Fab. Aesop., 23.   D. nach dem Schatze, und die reiche Ernte auf dem umwühlten Acker wuchs von selbst. Die größten Wahrheiten wie die ärgsten Lügen, die erhabensten Kenntnisse und die scheußlichsten Irrthümer eines Volks wachsen meistens aus Samenkörnern, die nicht dafür erkannt werden; sie werden von Einflüssen belebt, die oft gerade fürs Gegentheil dessen, was sie sind, gelten. Der Arzt also, der Uebel heilen will, suche sie im Grunde; aber eben wenn er da sucht, wird das Kind oder das kranke Jahrhundert ihm schlecht danken. Läßt er sich zu seinem lieben Siechthum herab und sucht es mit Gesundheit zu überweben   wer ist größer und willkommner als er, die Säule aller Wissenschaft und alles Ruhmes! Nun aber greift er nach unserm Herzen, nach unsern Lieblingsempfindungen und Schwächen, mit denen uns so wohl war: hinweg mit ihm, dem Verräther der Menschheit, dem Mörder unsrer besten Kenntnisse und Freuden! Wir wollten einen Bund mit ihm machen, droben am Baum zu bleiben, und wollten ihm darum baß dienen; nun gräbt er zur Wurzel und schlitzt die glatte Rinde auf   der Undankbare! Sokrates vor seinen Richtern verglich die weise Stadt Athen mit einer Gesellschaft Kinder, denen er ihre Näschereien nehmen wollte und sie also sämmtlich zu Feinden hätte. Sokrates starb, nicht als Dieb Atheniensischer Näschereien, sondern als Verführer der Jugend und Gottesleugner. Die Sophisten seiner Zeit, die treulosen Aerzte, die süßes Gift mischten, arbeiteten alle am Flor der Wissenschaft und Glückseligkeit ihrer Bürger. Der beste Segen, den ein Vater seinem philosophirenden, gubernirenden (und wie man weiter das Irende fortsetzen will) Sohn nachlassen kann, ist dieser: »Liebes Söhnlein, streichle die Wangen Deines Geschäfts und laß das Geschwür inwendig fressen und zehren! Pflege den Baum an seiner Krone und schneide ihn nach der neuesten Gestalt etwa, um Wurzel und Stamm aber sei unbekümmert!« Es ist gerade der Segen des Vaters in der Gellert 'schen Fabel, »Der sterbende Vater«.   D. nur mit feinern Worten. Es ist eine alte, ewige Bemerkung, daß die würdigsten Erleuchter und Besserer der Welt nicht sogleich wirkten, oft lebenslang verkannt wurden, und nach Jahrhunderten blühte erst ihr Ruhm hervor. Warum? Ihre Gedanken- oder Empfindungssphäre war dem Jahrhunderte zu fern und zu hoch. »Was will dieser Steinklump sagen?« sagten sie zum Fuß der Bildsäule (denn höher hinauf langte ihr Blick nicht) und bewarfen das arme Postement (nicht die Bildsäule, an die ihre Hand voll Mist nicht reichte) mit Koth. Nach Jahrhunderten, da hellerer Tag war, rückte die Natur aus dem Nebel, und nun zeigte sich, daß im Dunkeln auch damals schon Manches gewirkt hatte und besserer Zeit Platz machte. Ueberhaupt war nie ein wahrer Gedanke und eine gute Empfindung verloren. Was wahr und gut ist, hängt mit dem Sensorium der Schöpfung, dem großen Geiste zusammen, an dessen Gewande nichts umkommt. Die Aloe blüht spät, aber herrlich: ein ganzer Garte in einem Baume! 3. Wie es eine allgemeine Menschenempfindung giebt, so muß es auch eine allgemeine Menschendenkart ( sensus communis ) geben; mit keinem Wort aber treiben die moralisch-philosophischen Philister ärgere Schleichwaare als mit diesem. Wenn Jeder, wo der Schuh sein Hühnerauge drückt, sich gleich auf allgemeinen Menschenverstand und Menschenempfindung bezieht, so ehrt er den Genius der Menschheit, den er in sein Hühnerauge verwandelt, wahrlich nicht und zeigt jedem Klugen nichts weiter, als daß der leidende Herr sich mit nichts Besserm zu trösten wisse. Für Menschenvernunft und allgemeinen Menschenverstand und Menschenempfindung allen Respect; aber, lieber Freund, diese Dinge sind etwas Anders als Eure Schlafmütze. Ich könnte hier über den allgemeinen Menschenverstand manch Märchen erzählen, als z. B. von jenem klugen Mann, der alle Schiffe im Hafen zu Athen sein glaubte und sich dabei sehr wohl fand; oder von jenem Araber, der alle seine Brüder der Wüste immer zu Gast ruft, ob er gleich nichts für sie hat und wohl weiß, daß Meilen umher keine lebendige Seele da ist; oder von jenem Mohrenkönig, der allen Potentaten der Erde nun zu speisen erlaubt, nachdem er gespeist hat; oder   oder   ich fürchte aber, die allgemeine Menschenvernunft und Menschenliebe und Menschentoleranz und Menschen*** möchte sich gegen mich, den Unmenschen, zuerst wenden; also satis superque ! Freilich muß es einen allgemeinen Menschen- wie Engels-, Löwen- und Bestienverstand geben; ich fürchte aber, daß ein Einzelner, zumal Siech - und Preßhafter des Geschlechts darüber schwerlich Auskunft geben und die Höhe, Tiefe, Breite und Länge desselben zeichnen könnte. So viel wir von allgemeiner Vernunft schwatzen, so wenig haben wir's noch erörtert, was diese eigentlich sei, und wo sie hause, woher sich unsre Vernunft entsponnen, wo Völker abgehen, und wo alle sich zusammenfinden. Die allgemeine Menschenvernunft, wie wir das Wort gern nehmen möchten, ist Bemäntelung unsrer Lieblingsgrillen, Abgötterei, Blind- und Trägheit. Und was wahre Menschenvernunft, Menschenempfindung und Bedürfniß ist und ewig sein wird, davor schließen wir Augen und Ohren. Doch abermal gnug, und hinzu zur andern lichten, herrlichen Frage: II. Was wirkt unser Denken aufs Empfinden? Und darf ich da auch erste Empfindung zur Antwort schreiben, so muß ich sagen: »Jetzo sehr wenig!« Was weiß unser Jahrhundert nicht! wie übt sich's nicht im Denken, Erkennen, ja sogar ex professo im Empfinden! Und wenn der Baum nur aus Früchten erkannt wird, von diesem Denken und Empfindeln, wo ist die Frucht? »Ohne Zweifel muß es also nicht das rechte Denken, das rechte Empfinden sein!« Und das glaube ich auch. Bloßes Speculiren und Sentimentalisiren hilft nichts; jenes stumpft die Seele wie dies das Herz ab. Der Kopf wird zum überschütteten Kornboden, wo nichts aufgeht, das Herz zum ausgewaschnen, zerrissenen Lappen, der zuletzt zu nichts taugt, als daß er Mist werde. Das Uebel fängt früh an, oft schon in Mutterleibe. Wie wir sind, sind unsre Kinder; Niemand kann was Bessers als sich selbst der Nachwelt geben. Zu früh erschöpfte Lebensgeister, von Weichheit, Ueppigkeit und Müssiggang welke Fibern pflanzen sich fort; denn kein Abfluß springt höher als seine Quelle. Die berühmtesten Speculanten und Empfindler werden also schon geboren . In dies zähe Mark, in dies verfließende Wachs, was kann hineingedrückt werden, das da bleibe, das fortwirke? wie Schleim und Gallert entschlüpft das Geschöpf den Händen seiner Bildung. Also erzogen, also wächst's auf. Die Lehrer thun alle, als ob, was sie ihm sagen, nicht wahr wäre ; ihnen ist's auch meistens nicht wahr; denn sie haben's ebenso gelernt und in ihrem Leben nichts davon gespürt und empfunden. So sind Eltern und Lehrer, Kanzeln und Katheder; das Kind und der Knabe hört überall Geschwätz, Lüge , wo wenig fehlt, daß man nicht mitten in der Rede innehalte und sage, was Jener über die Höllenstrafen sagte: »Fürchte Dich nicht, liebes Kind, ich muß Dir das nur sagen! Glaube nichts davon; denn ich glaube selbst nichts, wie Du siehst.« Die große Stimme des Beispiels sagt ihnen dies laut und unaufhörlich. Erwachsen also unter lauter Wortkrämerei und thätiger Lüge , lernt der Knabe nur eine Wahrheit erkennen , die er auch von ganzem Herzen glaubt , nämlich: »Krieche wie Die, so vor Dir sind, durchs Leben, genieße und schwätze viel; thue aber wenig, Alles nur für Dich, damit Du Dir nichts abbrechest, und fröhne Deinen Lüsten!« Aus jeder weichen, bösen Gewohnheit, aus jeder würzigen, süßen Tasse und warmen Schüssel, von jedem wallenden Busen und liebäugelnden artigen Gesichte duftet und fliegt ihm die Lehre zu; er übt sie früh, und er wird sie lebenslang üben. Wie giebt das nun feine Empfindungen und Speculationen? Ihr warmen Stuben, Ihr weichen Polster, Ihr artigen Gesellschaften, und Du, lieber Wohlstand stummer und lauter Sünden, welche wilde Leidenschaften habt Ihr vertilgt, welche schöne Romane von Empfindungen und Speculationen habt Ihr geboren! Das Auge ist verlöscht, der Körper welk, der Blick unstät, das Hirn sich selbst verzehrend. Es wallt auf und sinkt nieder; keine Eindrücke, weder Geliebte noch Freund haften. Am Wirklichen kein Geschmack, keine Hoffnung und keine Kraft mehr zu genießen; desto mehr romantische Träume und Plane im Monde. Empfindungen, Systeme, Speculationen mit einer liebenswürdigen Flüchtigkeit und Feinheit, an die kein Mensch weniger als ihr Urheber glaubt . Wie sollte er auch? er kann an nichts mehr glauben, nichts auserkennen, nichts durchempfinden. Wohl Dir, unschuldiger Jüngling, auf keuschem Stamm, aus edlem Samen, eine gesunde, fest geschlossene Knospe! Nicht zu früh blühend und entfaltet, um bald zu verwelken, nicht üppig Dich wiegend im Hauche lauer Zephyre; lieber von rauhen Winden geschüttelt, in Noth, Gefahr und Armuth erwachsen, damit Deine Erkenntnisse That, Deine blöden, keuschen, verschlossenen Empfindungen Wahrheit, Wahrheit aufs ganze Leben würden. Multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit, Abstinuit Venere et vino, Hor . A. P. 413. 414.  D. cui Ex meliore luto   fingit praecordia Titan. Nach Juvenal , XIV. 35.   D. Wie gut hat der Vater der Menschen für den größten Theil seines Geschlechts gesorgt, daß er ihn fern von diesen überfüllenden Kenntnissen und verzärtelnden Empfindungen geboren werden ließ! Der gemeine Mann und Landmann erkennt und empfindet viel gesunder als der Vornehme und Gelehrte, der gesittete Wilde viel gesunder als der ungesittete Europäer, der Mann von Anschauung und Thätigkeit besser als das müssige, halb wahnwitzige Genie. Reiz und Salz gehören zum Leben; sie müssen aber wie alle Würze mäßig gebraucht werden, sonst fressen sie, statt zu nähren. Wenn man die treue Menschengattung sieht, die wenig weiß, aber das Wenige ganz empfindet und übt, und sodann den andern Theil von Menschen wahrnimmt, wo Erkenntniß die Empfindung und diese jenes zerstört , daß aus beiden nichts wird: sollte man nicht denken, Speculation und Empfindelei seien uns zum bittersten Fluche gegeben? Wer blieb seinem Berufe treuer? wessen Kräfte sind mehr in Ebenmaß und Ordnung? wer genießt mehr Seligkeit und Ruhe? Weder Erkenntniß noch Empfindung allein können sie geben, wenn nicht beide einander unterstützen, heben und stärken. Die gesundesten Menschen aller Zeit hatten nichts ausschließend: Erkenntniß und Empfindung floß in ihnen zu Menschenleben, zu That, zu Glückseligkeit zusammen . Auch die abstracteste Wissenschaft hat ihre Anschauung, und meistens ward der glücklichste Blick auch in ihr nur in Geschäft, That, Handlung geboren. So Baco, Sarpi, Grotius und fast immer jeder Beste seiner Art. Er kam zur Wissenschaft als Freund, als Liebling, nicht als Leibeigner und Sclave; darum fand er Gunst und Beifall. Wären Homer und Sophokles, Ossian und Shakespeare, Milton und Dante Professoren der Poesie gewesen oder zu ihrem Gesange fürstlich besoldet worden: sie wären kaum, was sie sind, worden. Erkenntniß und Empfindung leben nur in That , in Wahrheit . Religion ist ausgestorben in einem Kreise, wo sie nicht in Vorbildern lebt. Todtes Bekenntniß, Gebräuche, Formelngelehrsamkeit und Silbenstecherei, wenn sie auch selbst in den Ursprachen und auf den Lippen der Stifter ihr Werk triebe, kann jene Tochter des Himmels weder darstellen, noch ersetzen, die in Menschen leben muß; oder sie ist nicht mehr: sie ist wie Asträa Ovid . Met., I. 150.   D. zu ihrem Vaterlande gekehrt. In Zeiten also, da noch Alles näher zusammen war und man die Fäden menschlicher Bestimmung, Gaben und Kräfte noch nicht so losgewunden und aus ihrem verflochtnen Knäuel herausgezaust hatte; in Zeiten, da ein Mensch mehr als Eins und Jeder Alles war, was er sein konnte: die Geschichte zeigt offenbar, daß große, thätige, gute Menschen damals unseltner gewesen als in Zeitaltern, wo Alles getrennt ist, Jeder nur mit einer Kraft oder einem Kräftlein seiner Seele dienen soll und übrigens unter einem elenden Mechanismus seufzt. Ich nehme die Griechen in ihren schönsten Zeiten zum Beispiel. Was durfte ein Mann sein! und was war er! Aeschylus, Sophokles, Xenophon, Plato : da stützte eine Kraft die andre, und Alles blieb im kräftigen Naturspiele. Seitdem mit Ständen, Rang und Lebensarten sich auch, eheu! die Fähigkeiten getheilt; seitdem es auf unserm Stuhl geschrieben steht, » was der sein soll, der da sitze «, und er's also, wie die Pythia, ohne Zweifel von unten auf lernt; seitdem Diplome, Bestallungen und ausschließende Freiheitsbriefe aus Jedem Alles machen, was ein Affe wollte: seitdem denkt nur der Eine , er sieht, forscht, empfindet, handelt nicht, ruft nur immer wie jener eingesperrte Vogel, der nichts zu schwätzen wußte: » Ich denke !« Ein Andrer soll ohne Kopf handeln und anordnen ; kein einzelnes Glied nimmt mehr am Ganzen Theil, das doch im lieben menschlichen Körper, dem ersten Vorbilde der Republik vieler Kräfte, selbst das Haar und der Zeh thut. Und so giebt's denn jene Menge trockner oder fauler Auswüchse, Excrescenzen und Nägel; zusammengeworfne Haufen Austerschalen, die, reihweise aufgenagelt oder in Pulver gestoßen, sehr schmücken und zieren: Speculanten ohne Hand und Auge, Schwätzer ohne Gefühl, Regelngeber ohn' alle Kunst und Uebung, Papageien, Raben und Kunstrichter, elende Halbdenker und Halbempfinder. Kaum fährt denn irgendwo im kranken, dürren, abgelebten Körper ein neues Geschwür oder ein kleines Blätterlein auf der Haut empor, so läuft und wallt Alles hinzu, staunt und bewundert, wie viel der selige Körper noch Kraft und Saft habe. »Traurige, arme Dame Philosophie ,« sagt Shaftesbury ; »sie ist in dunkle Mauern, Collegien und Schulkerker eingeschlossen und sinnt und denkt«, zerlegt, was sie nicht hat, nicht genießt, und denkt, wovon und worüber sie nichts empfindet. Was war die scholastische Grübelei der mittlern Jahrhunderte, auf den todten Aristoteles eingeschränkt, den man nicht verstand und desto mehr zerlegte? Und was sind die tauben Begriffe, Wortkränze und Abstractionen, jene Legion moralisch-politischer Systeme, jenes Trictrac philosophischer Sprache, wo Alles entweiht ist, wo Niemand mehr was denkt oder was dabei will, weder Autor noch Leser? Wortidole! und desto mehr werden sie angebetet , weil sie nichts wirken sollen und nichts wirken . Kein Mord ist verderblicher als an den drei edeln Gaben Gottes, Vernunft, Empfindung, Sprache . Der Jüngling soll abstrahiren und speculiren lernen: lernt er's, so wird er elend, ein junger Greis, ein hohles Gefäß, das aber desto lauter tönt; lernt er's nicht und tritt das Spinnweb mit Füßen, wie viel Gutes wird mit zertreten! Wer hat's gemacht, daß die große Diana deutscher Epheser, die Philosophie, jetzt so verschrieen und unwürdig verachtet wird als weiland? Ihre lieben Anbeter, die Fabrikanten nicht goldner und silberner Tempelchen, sondern hölzerner Compendien, Theorien und Systeme. Ihnen entgegen ist die Secte der Empfindler groß geworden, der kleinen Riesen mit hoher Brust, starker Leidenschaft und Thatkraft. »Hat's nicht der weiland große Helvetius bewiesen, daß Genie und Tugend zu einander wie Katze und Hund gehören, und sind moralische Menschen nicht die schwächsten, erbärmlichsten unter der Sonne? Großer Wille, starke Ungebundenheit und Selbstheit, ein ewiger Kampf mit Göttern und Dämonen, das giebt Helden, Nephilim, Löwen.« Wenn's Leute gäbe, die in Ernst so dächten, so, glaub' ich, würde wenig Glückseligkeit in dem Heroismus ruhen; denn Milton's Teufel, der das Pandämonium und gar eine Brücke übers Chaos baute, Die Brücke bauen Tod und Sünde. Milton , X. 282 ff.   D. blieb immer ein unseliger Teufel. Wallenstein und Cromwell waren zuletzt unselige Menschen, und vom Löwen, mit dem sie zu thun hatten, waren vermuthlich ihnen selbst am Tiefsten die Klauen im Gesichte. Wie Ungeheuer und wilde Thiere kann auch Menschen der Art eine verdorbne Zeit und Staatsverfassung wol brauchen; oft sind sie Rattenpulver und Kehrbesen, den Saal zu fegen. Ebenso oft aber werden auch die besten, sittigsten und wirklich größten Menschen unter Bildern der Art verschrieen, weil sie etwa einem Unterdrücker und Leuteschinder zu nahe traten, oder weil sich Ratten und Frösche gegen sie empörten. Seiner Stärke und Größe kann überhaupt Niemand weder ein Quentlein noch eine Elle zugeben, und das Geschrei der Jungen auf Stelzen hinter dem Riesen, der vor ihnen geht, oder das Yah der Eselein in Löwenhäuten wird bald verrathen. So viel ist gewiß, jede große und starke Seele hat auch Anlage, die tugendhafteste zu werden. Wo diese Leidenschaft möglich war, war auch eine andre möglich, die ihr das Gegengewicht hielt; und überhaupt, welche Leidenschaft und Empfindung muß denn aufs Böse verwandt werden, daß man nicht anders könnte? Vielleicht haben Menschen von starker Seele mehr Mühe , sich zu überwinden, sie haben aber auch mehr Kraft , und nur wenn sie den Sieg vollendet haben, sollte man sie große Menschen nennen, das ist, wenn sie gute Menschen geworden. Und alsdann ist's doch wol ohne Zweifel, daß ein Schiff, das mit großen Winden und wohlgerüsteten Segeln fährt, weiter kommt als der träge, lecke Kahn da am flachen, seichten Ufer. Tiefe Empfindungen müssen immer auch tiefe Kenntnisse gewähren können, die über jene herrschen, und sodann sind die stärksten Leidenschaften und Triebe, wohlgeordnet, nur das sinnliche Schema der starken Vernunft, die in ihnen wirkt. Selbst jede mißrathene große Seele beweist dieses in ihren bessern glücklichen Stunden. Wenn sie hinter Ausschweifungen und Tollheiten zu sich kommt, Reue und die gute Natur in ihr zurückkehrt, wie tiefer fühlt sie dann das gestiftete Gute und Böse als jene redseligen Schwätzer, jene flachen Köpfe und Herzen! Blutthränen möchte sie weinen, und das auch späte bessere Erkenntniß wird gewiß in der Folge in ihr tiefer graben, stiller und mehr wirken, als das sprudelnde Geschwätz aller Sophisten in ihrem eignen werthen Selbst, geschweige in Andern gewirkt hat. Ich kenne in der Geschichte keinen verfallnen großen Mann, wo man nicht immer auch noch im Schutt den Tempel bewundern und seufzen müßte: »Edler Palast, wie bist Du zur Mördergrube worden!«   Ich glaube diese Betrachtungen wol nicht weiter fortsetzen zu dürfen, weil ja nicht die starken, sondern die schwachen, feinen und zarten Empfindungen die Lieblingssaiten unsers Instruments sind, und wir jene nur für Abenteuer Abenteuer , von allem Wunderbaren, wie auch Goethe sagt: »wo man wilde Thiere oder sonstige Abenteuer für Geld sehen kann«; auch von Personen, wie: »da sitzt das Abenteuer«, »das seltne Abenteuer«.   D. halten. Der Strom der Zeiten fließt sonderbar zwischen seinen Ufern; er schlängelt sich wie alle Ströme und selbst das große Weltmeer hie- und dorthin in entgegenstehenden Winkeln. Bald ist der Boden für Erkenntniß, bald für Empfindung, und allemal blühen sodann die Pflanzen am Besten, die aus dem Naturboden dieses Volks, dieser Zeit sprossen. Zu einer Zeit gaffen die Weisen alle empor, sehen gen Himmel und zählen die Sterne, übrigens nirgend weniger als in ihrem Vaterlande, in ihrer Stadt zu Hause; bald thut man Kreuzzüge nach dem güldnen Vließ der Toleranz, allgemeinen Religion und Menschenliebe, vielleicht ebenso abenteuerlich als die Kreuzzieher des heiligen Grabes und des Systems fremder Welten. Dieser arbeitet, das Menschengeschlecht zu jenem Bilde mit goldnem Haupt zu machen, das aber auf Füßen von Thon ruht; Dan. 2, 32 ff.   D. einem Andern soll's Ungeheuer, Greif und Sphinx werden. Die Gottheit läßt sie arbeiten und weiß eine Wagschale durch die andre zu lenken: Empfindung durch bessere Kenntnisse, Kenntniß durch Empfindung. Ueber wie viele Vorurtheile sind wir wirklich hinweg, vor denen eine andre Zeit die Kniee beugte! Einige milde Lichtstrahlen aus der edlern Seele göttlicher Menschen zeigten sie, zuerst mit Schimmer, in Morgendämmrung. Die Finsterniß wappnete sich und stritt lange; aber da ging die herrliche Sonne auf, und die dunkle Nacht mußte hinwegrollen. Verzage nicht, lieber Morgenstern, oder Ihr schönen einzelnen Strahlen der Morgenröthe! Ihr macht noch nicht Mittag, aber hinter Euch ist die Fackel der Allmacht; unwiderstehlich wird sie ihren Lauf anfangen und enden. Licht war der Anfang der Schöpfung, und es giebt kein edleres Loos in der Welt, als zu erleuchten, wenn das Licht rechter Art ist. Selbst der Sohn Gottes konnte hienieden nichts Bessers thun, als Wahrheit lehren; aber sein Licht war Wärme, seine Wahrheit ewiges Leben. Der Ausspruch ist niedergeschrieben, daß die Menschen nur deswegen Wahrheit hassen und die Finsterniß mehr als das Licht lieben, weil ihre Werke nicht taugen , daß in diesem geheimen und oft sehr verschönten Hasse aber auch das größte Gericht sei. Joh. 3, 19.   D. Er ward nicht müde, Wahrheit zu lehren und selbst als ein König der Wahrheit zu sterben. Er kehrte zurück, woher er gekommen war , und ließ seinem Fußtritte den Segen nach, daß Licht ewig Licht bleiben , seiner Natur nach immer die Finsterniß überwinden müsse und Alles zu Gott kommen werde , was in ihm gethan sei . Mich dünkt, dieser Schwung wird vielen Lesern so hoch scheinen, daß es wol am Besten ist, abzubrechen und eine Frage zu behandeln, die mehr im Gesichtskreise und nach der Lust unsrer Zeit ist. III. Was wirkt das mancherlei Erkennen und Empfinden auf die mancherlei Genies, Charaktere, oder wie die Zaubernamen heißen? Da bin ich aber ganz im Dürren, weil ich in der Welt nichts weniger weiß, als was Genie ist, es mag der, die oder das Genie heißen. Niemand hat davon mehr gewußt als die geniereichen Franzosen, zumal der tiefe Speculant Helvetius selbst. Im ersten Druck steht »seel.«   D. Er hat, dünkt mich, Genie haben, Genie sein, Mann von Genie und kein Mann von Genie sein , sehr fein und weise unterschieden, auch unwidersprechlich bewiesen, daß es eigentlich gar kein Genie (angeborne Naturart) gebe, sondern daß wir Alle als gleiche Plattköpfe auf der Welt erscheinen, Alles komme darauf an, wie wir dressirt werden, und welchen Fraß wir, Genie zu werden , erwischen. Dem Vaucanson habe eine Uhr im Vorzimmer, da er einmal warten mußte, sein Genie gegeben u. s. w. Der schönen und tiefen Spur sind wir Deutsche in den letzten Zeiten denn auch nachgegangen. Unsrer Philosophie und Sprache fehlte so Vieles, da beide noch nichts vom » Schenie « wußten; plötzlich gab's Abhandlung über Abhandlung, Versuch nach Versuch darüber, und wahrscheinlich haben wir noch von irgend einer metaphysischen Akademie in Dänemark, Holland, Deutschland und Italien eine Aufgabe übers Genie zu erwarten: »was Genie sei, aus welchen Bestandtheilen es bestehe und sich darein natürlich wieder zerlegen lasse; wie man dazu und davon komme« u. dergl. »Der bescheidne Deutsche«, sagt Klopstock , »nennt's dankbar Gabe «, und weiter habe ich davon weder Begriff noch Erklärung. Genie und Charakter sind »die einzelne Menschenart , Genius, ingenium, indoles, vis animae, character haben in allen Sprachen diese Bedeutung.   H. die einem Gott gegeben«, weder mehr noch minder. Nun sind der Gaben so viel, als Menschen auf der Erde sind, und in allen Menschen ist gewissermaßen auch nur eine Gabe, Erkenntniß und Empfindung , d. i. inneres Leben der Apperception und Elasticität der Seele. Wo dies da ist, ist Genie, und mehr Genie, wo es mehr , und weniger , wo es weniger ist u. s. w. Nur dies innere Leben der Seele giebt der Einbildung, dem Gedächtniß, dem Witz, dem Scharfsinn, und wie man weiter zähle, Ausbreitung, Tiefe, Energie, Wahrheit . Laß ein Genie buntere Farben schlagen als der Pfau mit seinem Schweife, jenes einbildungsreicher sein als Bellerophon's Gaul, dies feinere Sachen als Spinnweb theilen, aber trenne von ihren Werken und Unternehmungen Verstand, Gefühl der Wahrheit , inneres Menschenleben : so sind's nur Thierkräfte, an denen sie jedesmal ein Vieh überwindet. Der Redner wird Silbenzähler, der Dichter Versificateur oder Tollhäusler, der Grammatiker Wortkrämer, sobald ihm der Himmel jene lebendige Quelle versagt hat oder diese ihm versiegt. In dem Verstande ist die Natur also an Genies nicht so unfruchtbar, als wir wähnen, wenn wir blos Büchergenies und Papiermotten dafür halten. Jeder Mensch von edeln, lebendigen Kräften ist Genie auf seiner Stelle, in seinem Werk, zu seiner Bestimmung, und wahrlich, die besten Genies sind außer der Bücherstube. Es ist einfältig, wenn der studirte Gray in seiner Elegie auf dem Kirchhofe da den jungen Bauerkerl bedauert, daß er kein Genie wie er geworden; er würde vermuthlich ein größers als Gray worden sein, aber weder sich noch der Welt zum Besten. Auch die ewigen Fragen: »warum die Natur weniger große Dichter als große Gesetzgeber, Generals u. dergl. hervorbringe«, sind herzlich einseitig und einfältig, werden auch, wie jener Löwe sagte, da er seinen erschlagnen Bruder auf der Tapete sah, meistens nicht von Löwen, sondern von Menschen, Zeugen in eigner Sache, stolz oder sehr andächtig beantwortet. So lange die Natur an gesunden Keimen und blühenden Bäumen keinen Mangel hat, wird sie's auch nicht an Menschengenies haben, wie die ekeln abgöttischen Schmeichler und Nachtreter großer Leute immer befürchten. Mr. Thomas, in seinen Éloges über große Männer, ist insonderheit an dergleichen geschraubtem Witz und Bombast reich, ohne Zweifel, weil er selbst ein großer Mann ist. Die Natur hat der edeln Keime gnug, nur wir kennen sie nicht und zertreten sie mit den Füßen, weil wir das Genie meistens nach Unförmlichkeit , nach zu früher Reife oder übertriebnem Wuchs schätzen. Ein wohlgebildeter, gesunder, kräftiger Mensch, lebend auf seiner Stelle und daselbst sehr innig wirkend, zieht unsre Augen nicht so auf sich als jener andere mit einem übertriebnen, vorgebildeten Zuge, den ihm die Natur (in Gnade oder in Zorn?) verlieh, und den von Jugend auf hinzuwallende überflüssige Säfte nährten. So wie, wenn ein Auge fehlt, das andre etwa schärfer sieht, wie sich am Holzhauer und Lastträger seine Arbeitsmuskeln am Meisten stärken, wie es endlich Krankheiten giebt, da ein Glied, der Kopf z. B., aufschwillt und zum Riesen wächst, indeß die andern Glieder verdorren: so ist's mit dem, was die Pöbelsprache Genie nennt. Hier ein übertriebner Witzling ohne gesunden Verstand und Herzenstreue, dort ein fliegendes Sonnenroß und verbrennt die Erde; hier ein Speculant ohne die mindeste Anschauung und Handlung, der mit den wichtigsten Dingen wie mit unbedeutenden Zahlen spielt, ein Held mit Leidenschaft bis nahe der Verrückung; ein guter Kopf endlich, wie man's nennt, das ist ein Sprudler und Schwätzer über Dinge, davon er kein Wort versteht, über die er aber mit den Modeformeln spielt. Ist das Genie, wie bist Du vom Himmel gefallen, Du schöner Morgenstern, Jesaias 14, 12.   D. und webst und tanzest gleich einem Irrlichte auf sumpfigen Wiesen oder rollst als ein schädlicher Komet daher: vor Dir Schrecken und hinter Dir Pest und Leichen! Ist das Genie, wer wollt's haben? wer nicht lieber wünschen, daß die Natur außerordentlich selten solche Höcker und Ungeheuer bilde? Auch bildet sie die Natur seltner als unsre menschliche Gesellschaft. Wenn in dieser alle Stände, Aemter, Berufsarbeiten und Anlässe zu wirken so getheilt und meistens lauter kleine Zähler zu einem Nenner sind, den kein Mensch auszusprechen wagt, so will jeder verdorbne stolze Liliput gern ein Riese auf seiner Stelle, vor tausend Andern ausgezeichnet, in seiner Sphäre werden. Er zwängt den Strom seiner Erkenntnisse und Empfindungen auf einen Punkt hin, daß er da herrlich brause, sucht durch das größte Uebertreiben ein Einzelner seiner Art zu werden: er heißt ein Genie ! Dank der Natur, daß solch Unkraut nicht an allen Zäunen wächst! Vor jede Heerde, sagt Huart , gehört nur ein Geißbock, sonst verliefen sie sich alle. Man lese nur das Leben solcher Leute, und es ist ein Beweis mit Flammenzügen vom Unglück ihres Schicksals. Wo tobt mehr Unruh, Neid, Menschenhaß, Eifer und Rachsucht, oder wenn sie noch niedrigere Zwecke hatten, mehr Geiz, Eitelkeit oder Wollust als bei solchen Aftergeburten und Bastarden der Menschheit? Daher bei Diesem jener gottlose Fleiß, der alles Oel aus seiner Lebenslampe trocknet, bei Jenem ein nagender Hunger nach Wissenschaft und Uebermacht, daß er wie ein Seelengerippe mit Gluthaugen oder wie eine lebendige Nachtlampe da steht. Dieser ist eine zusammengebeinte Abstraction, Jener ein klappernder Storch auf der Thurmspitze in einem Nest voll geraubter Schlangen und Kröten. Am ersten Genie, das den Funken vom Himmel stahl, nagte der Geier, und jene Genies, die gar den Himmel bestürmen wollten, liegen unter dem Aetna und andern Bergen. Prometheus und die Titanen.   D. Sie hatten zum Theil auch hundert Hände und Schlangenschwänze wie die himmelstürmenden Genies und neuen Religionsschöpfer unsrer Zeiten; aber Vater Zeus war ihnen gewachsen. Glücklich, den frühe die Natur für solcher Geniesucht bewahrte! dem zeitig sich der Engel entgegenstellte und allenfalls auch, wenn er sein Thier schlug, diesem den Mund aufthat, sich seiner Fahrt zu widersetzen, damit er nicht weissagte nach Gelüsten , sondern sein Herz und seine Art in Unschuld bewahrte! Lasset uns, da ich's nicht von mir erhalten kann, diese Gattung feindseliger Genien des Menschengeschlechts nach allen Prädicamenten und Attributen von Begeisterung, Schöpferkraft, Originalität, himmelaufstrebender, sich aus sich selbst entwickelnder Urmacht u. dergl. zu loben, lieber die Flügel falten und das »wahre Genie, das sich nur durch seine Bescheidenheit auszeichnet«, auch seiner Bescheidenheit gemäß, mehr durch das, wovon es nicht weiß, als das, wovon die Welt tönt, preisen. Ich wünsche nichts, als daß diese hingeworfnen Züge Leser finden, die ihnen Wahrheit nicht zujauchzen, sondern mit sanft klopfendem Herzen nach- und vorempfinden.   Jede edle Menschenart schläft wie aller gute Same im stillen Keime, ist da und erkennt sich selbst nicht. Was in Absicht auf Seelenkräfte Genie heißt, ist in Absicht auf Willen und Empfindung Charakter . Woher weiß der arme Keim, und woher soll er's wissen, welche Reize, Kräfte, Düfte des Lebens ihm im Augenblick seines Werdens zuströmten? Ella si sedea Umile in tanta gloria, Coverta già dell' amoroso nembo: Qual fior cadea sul lembo, Qual sulle trecce bionde,   Qual si posava in terra, e qual sull' onde. Petrarca .   [Canzoni, X].   H. Das Siegel Gottes, die Decke der Schöpfung ruht auf ihm; er ward gebildet im Mittelpunkt der Erde. So viel sehen wir, daß ein Kind, wie die Gestalt seines Körpers und Angesichts, auch die Züge seiner Art zu denken und zu empfinden mitbringt; es ist ein gebildeter ganzer Mensch, obschon im Kleinen. Du kannst kein Glied hinzuthun, das ihm fehlt, keine Leidenschaft, keinen Hauptzug hinwegthun, der da ist. Wer das zarte Saitenspiel junger Kinder und Knaben zu behorchen, wer nur in ihrem Gesichte zu lesen weiß: welche Bemerkungen von Genie und Charakter, d. i. einzelner Menschenart , wird er machen! Es klingen leise Töne, die gleichsam aus einer andern Welt zu kommen scheinen; hie und da regt sich ein Zug von Nachdenken, Leidenschaft, Empfindung, der eine ganze Welt schlafender Kräfte, einen ganzen lebendigen Menschen weissagt, und es ist, dünkt mich, die platteste Meinung, die je in einen Papierkopf gekommen, daß alle menschliche Seelen gleich, daß sie alle als platte, leere Tafeln auf die Welt kommen. Vgl. oben S. 208.   D. Keine zwei Sandkörner sind einander gleich, geschweige solche reiche Keime und Abgründe von Kräften als zwei Menschenseelen, oder ich hätte von dem Wort Menschenseele gar keinen Gedanken. Auch das Leibnizische Gleichniß von Marmorstücken, in denen der Umriß zur künftigen Bildsäule schon da liegt, dünkt mir noch zu wenig, wenigstens zu todt. Im Kinde ist ein Quell von mancherlei Leben, nur noch mit Duft und Nebel bedeckt; eine Knospe, in der der ganze Baum, die ganze Blume eingehüllt blüht. Nicht zu früh reiße sie auf, diese lebensschwangre Knospe! laß sie sich ins Laub der Bescheidenheit und oft Dumpfheit, wie wir sagen, verstecken! Es ist ein unersetzlicher Schade, wenn man die liebe jungfräuliche Blume aufbricht, daß sie lebenslang welke. Fühlst Du die Freuden der Morgenröthe, ihren lieben ersten Dämmerungsstrahl nicht? Warte! die große Sonne wird schon hervorschreiten. In unsrer Zeit, da Alles früh reif wird, kann man auch mit der Auferziehung junger menschlicher Pflanzen nicht gnug eilen. Da stehen sie, die jungen Männer, die Kinder von hundert Jahren, daß man sieht und schauert. Die verworrne Rührung, die sich, wie Winckelmann sagt, zuerst durch einen fliegenden Reiz verräth, muß gleich bestimmt, Erfahrungen und Kenntnisse, die erst Früchte männlicher Jahre sein sollten, mit Gewalt hineingezwungen werden, daß in weniger Zeit Jünglingen selbst die Lust zu leben vergeht, die ächten Freuden der jungen Jahre immer seltner werden und Uebermuth, Vorwitz, Tollkühnheit, Ausschweifung sich mit elender Schwäche und Mattigkeit abwechseln oder enden. Wenn ein Mann vor der Sündfluth, ein Patriarch oder auch nur (sehr unidealisch geredet) ein alter treuherziger Bauer Begriff hätte, den Aufschrei und das unverschämte Gekreisch unsrer jungen Genies zu richten: arme Menschheit, wie würde er Dich bedauern! Ist Genie und Charakter nur lebendige Menschenart , nichts mehr und nichts minder: bemerket diese, nähret die innere Quelle, übet die Thätigkeit und Elasticität der Seele, aber nur wie sie geübt sein will ! Wortgedächtniß, Schalen ohne Kern und Körper ohne Seele sind unnütz; denn auch das kleinste Kind ist ein lebendiger Mensch und hat alle menschlichen Seelenkräfte, nicht blos, wie Ihr wähnt, die edle Gedächtnißgabe. Aber wie die Natur Alles wachsen läßt, muß auch ihre edelste Pflanze, das Menschengeschöpf, wachsen in Hüllen; wehe Dem, der eins der Unschuldigen durch seine Frühklugheit und ordnungslose Sittenweisheit, vielleicht auf immer, zerstört und ärgert! Der erwachende Jüngling findet sich an der Wegscheide seines Lebens, wenn sich Knaben- und Jünglingsalter trennen. Oft erscheint ihm da sein Genius und zeigt ihm Weg und Höhen seiner Zukunft, aber nur   in dunkelm Traume. Indessen auch einem Greise, am letzten Tage seines Lebens ist der Traum der Jugend, der erste Pulsschlag all seines künftigen Lebens, prophetische Entzückung. Wer zu seinem künftigen Werk und Wesen nur wenig Entwicklung braucht, findet seinen Entwickler auch leicht. Ein Euklides , eine Uhr, ein Gemälde, ein Blatt unbekannter Ziffern weckte Manche auf, als ob's Apollo selbst mit der Leyer wäre; für Andre ist viel Gefahr, Erfahrung, oft ein Rubicon nöthig. Cäsar an Alexander's Bildsäule, Alexander an Achill's Grabe weinend   welch ein weissagender, rührender Anblick! Da schläft's in der Seele, oder vielmehr es schläft nicht mehr, kann aber jetzt nur in Thränen heraus; einst wird's anders herausströmen. Auch hier entdeckt nur Seele die Seele; eigne gute Menschenart kann eine fremde Menschenart allein verstehen, trösten und ahnen. Oft ist's ein erfahrungsvoller, stiller, neidloser Greis, der den Jüngling, verloren in sich selbst, bemerkt und ihm ein Wort spricht, das lebenslang in seiner Seele tönt. Oder es wirft derselbe nur so einen Blick, ein Zeichen, eine Gluthkohle sorglos neben sich nieder: der Jüngling nahm sie auf; sie war lange todt und vergessen, und da glimmt sie gerade jetzt, in der Zeit dieser Niedergeschlagenheit, Trübsal und Kälte wieder; er wärmt sein Herz an ihr, als käme sie jetzt eben vom Altar der Liebe und Weisheit. Oft sind dem jungen Schiffer schon unterm Angesicht der Morgenröthe Stürme beschieden. Er verschlägt, kommt ins Land der Ungeheuer und Riesen oder geräth in die Gärten der Armida . Glücklich, wenn ihm die Göttin mit dem Spiegel der Wahrheit bald erschien, daß er sich selbst sehe und wieder ermanne! Alsdann, wenn er zeitig gnug entkommt, waren ihm die Stürme und Wallfahrten sehr nützlich, die sein unversuchtes Schiff übten. Jeder edle Widerstand, jedes tiefe und stille Leiden prägt treffliche Züge uns in Gesicht und Seele; die ersten Triumphe unsrer Jugendzeit werden das punctum saliens unsers ganzen leidigen Lebens. Jammer aber, wenn der Jüngling unterliegt, wenn er drückenden oder hinüberziehenden Gegenständen zu nahe weilt! Er verbildet sich, wird hart und dürre oder weich und lüstern und verhaucht sein Leben im Lenz der Jahre. Zu früh geliebkost, liebkost er wieder und versteht nichts Anders; zu früh und zu lange befeindet, überzieht er Alles mit Menschenhaß und Galle: so sind viel gute Menschen ganz oder halb verloren. Es ist bekannt, daß eine Eiche lange und langsam wachse, dagegen der Erdschwamm in einer Nacht aufschießt. Auch bei den sonderbarsten und zu den größten Dingen berufenen Menschen trifft dies oft ein. Junius Brutus blieb lange brutus ; Ximenes ging lange mit dem Bettelsack umher, der ihm schlecht anstand, und Correggio war nicht jung mehr, da er sein Io Anch' io .   D. son pittore! ausrief. Der edle Mensch hat die Himmelsleiter in sich, die er erst hinauf sein muß, eh ihm ein Wort entfahre; der Alltagsschwätzer, das ist der gute Kopf , der redselige Mensch von leichter Lippe, ist immer, auch eh er angefangen hat, am Ende. Er hat, wie man sagt, Alles gleich weg ; er kann den Ocean mit einer aufgeknackten Nußschale zum Nachtisch aussaufen. O Du heilige, liebe Stille Zarter, bescheidner Gemüther, wie wohl thust Du! Wohl thust Du Dem, der Dich genießt; er erspart sich hundert Vorwürfe, Gaukeleien, Wundernisse, Fragen und Zweifel; er erspart Andern den Anblick der Mühe und giebt That. Newton , der Jüngling, hatte alle Theorien, die sein Leben verewigten, fertig und wußte nicht, daß er sie habe Der Fall eines Apfels unter dem Baume lehrte ihn das System der Welten, und zeitlebens blieb er der bescheidne, stille, keusche Mann, der wahre Gottesverehrer. Siehe Shakespeare in sein Gesicht, ob da auf der sanften stillen Fläche, in dem sich alle Gegenstände, Handlungen und Charaktere der Welt spiegeln konnten, der Affenwitz, die grinsende Schadenfreude, der Yahoo Swift 's.   D. herrschte, der andre Genies auszeichnet? Er war und blieb Schauspieler, der sich nie einmal zu den ersten Rollen erhob. Baco 's Lichtseele hatte mit dem Gestirn viel Aehnlichkeit, bei dessen Verfinsterung er allemal in Ohnmacht sank; er brennt nicht, aber er glänzt sanft und leuchtet. Welch ein liebender Menschensänger muß Homer gewesen sein, wenn man den immer gleichen und sanften Strom seiner Gesänge hinabgleitet! wie stille, neidlose Männer Virgil und Horaz, Petrarca und Lafontaine, Copernicus und Kepler, Montaigne und Sarpi ! Der Schwärmer Malebranche ließ sich von R. Simon erst lange mit der Kritik martern, ehe er seinen Descartes fand. Luther kämpfte lange mit sich, ehe er mit der Welt anfing zu kämpfen, und blieb immer, trotz eiserner Härte und Stärke, im Werke seines Berufs, im Privatleben der weichste und redlichste Mann, der mit sich selbst mehr rang, als Manche von ihm glauben. Ueberhaupt ist's Knabengeschrei, was von dem angebornen Enthusiasmus , der heitern, immer strömenden und sich-selbst belohnenden Quelle des Genies daher theorisirt wird. Der wahre Mensch Gottes fühlt mehr seine Schwächen und Grenzen, als daß er sich im Abgrund seiner »positiven Kraft« mit Mond und Sonne bade. Er strebt und muß also noch nicht haben , stößt sich oft wund an der Decke, die ihn umgiebt, an der Schale, die ihn verschließt, geschweige daß er sich immer im Empyreum seiner Allseligkeit fühle. Der Strahl, der ihm bisweilen tief in sein Innres wird, was er sei, und was kein Andrer für ihn sein solle , ist meistens nur Trostblick, nur Kelch der Stärkung zu neuem Fortstreben. Je unendlicher das Medium, die Weltseite ist, für die er unmittelbar hinter seiner Erdscholle Sinn hat, desto mehr wird er Kraftlosigkeit, Wüste, Verbannung spüren und nach neuem Saft, nach höherm Auffluge und Vollendung seines Werks lechzen. Ich könnte noch lange Züge der Art hinzeichnen, die freilich nur für den Verständigen da stehen und dem großen Haufen Unsinn scheinen sollen: aber was hülfe es? Dem Mann, der Genie und Charakter , d. i. gute eigne Art hat, wie Gott sie ihm gab und er sie nicht umsonst empfangen zu haben glaubt, sagen dergleichen Striche unendlich weniger, als er selbst weiß, und da sie dem Haufen Krähen, Spatzen und Elstern ohne Zweifel nichts sagen, so ruhe, lieber Kiel! gieb ihnen lieber eine Definition vom Schenie und seinen mancherlei Arten, dem universalen und particularen, philosophischen und ästhetischen, historischen und psittaco Von psittacus , Papagei.   D. -kritischen Genie u. s. w.   Aber leider kann ich von meinem Gänsekiel das nicht erhalten. Er schnattert mir vor, daß das ja keine Unterscheidungen der Natur , sondern menschlicher Zünfte und Bücher sind, daß aber die Natur nicht nach den Fächern unsrer Repositorien und nach den Doctorhüten unsrer Facultäten eintheile. Er hat das Gänsegenie und den Gänsecharakter, laut zu sagen, daß in diesen Zellen und Bezirken oft der gesunde Menschenverstand und Menschencharakter, die das einzige wahre Genie sind, aufhöre, ja hätte beinah Lust, lieber die Straßen der Schuster und Schneider, Trödler und Leinweber, Jäger und Miethkutscher durchzuschnattern und ihr mancherlei Schenie zu begacksen. Du hast Recht, lieber Kiel! denn kein Gärtner hat noch seine Gewächse nach dem blauen oder rothen Topfe genannt, in die er sie etwa setzte, geschweige daß ein Botanist blos die Kräuter, die auf Mistbeeten und in Treibhäusern wachsen, für die ganze lebendige Flora angesehn hätte. Man müßte also entweder aus der Seele heraus charakterisiren oder alle die Stellen, Formen und Bestimmungen durchlaufen, in und zu denen die Natur je ihre Menschen bildet. Wer kann das aber? und wer kann also Genies eintheilen und charakterisiren? Indessen lasset uns wenigstens eine Eintheilung versuchen! In Allem, was Kraft ist, lassen sich Innigkeit und Ausbreitung unterscheiden; so muß es auch bei der Menschenart sein, und das wäre etwa eine Eintheilung. Ein Mensch, der stark in sich selbst ist, fühlt sich nur in Weniges, aber sehr tief hinein und kann fast in einer Sache leben und weben. Das sind Menschen von starkem Sinn, von tiefem Erkennen und Empfinden, und die Mutter Natur hat diese Gattung ihrer Kinder selbst schon bezeichnet. Man sieht keinen unstäten Blick, kein kleines fliegendes Feuer, keine verworrenen, halb entworfnen Züge; was die Bildung sagt, sagt sie ganz, einfältig und tief in Wirkung. Ein Mensch, der sich durch alle Glieder und Leidenschaften also stark, gesund und wohl fühlt: wie treu muß er Alles empfangen und geben! von wie vielen Zerstreuungen, Vor- und Halburtheilen frei sein! ein sterbliches Ebenbild göttlicher Stärke und Einfalt. Gegen zehn kleine Laster gewappnet, verachtend viele kleine Triebfedern, handelt er lieber durch eine große, sieht nicht auf Andre, weil er sich selbst fühlt u. s. w. Eine andre Gattung von Kraft ersetzt durch Ausbreitung, durch Lebhaftigkeit und Schnelle, was ihr an tiefer Innigkeit abgeht. Sie sind Esprits , Geister , alle Farben im Spiele. Die Natur hat ihre Bildung beseelt , ihnen Neigungen gegeben, die nicht Gluth, aber Strahlenschimmer weit um sie her sind. Voll Phantasie, Flug, Anlage, Leichtigkeit zum Entwerfen, zum Verkündigen, zum Vorzeigen, aber wenig von Bestandheit, That, Ausdaurung. So könnte ich eintheilen und viel Spielwerk machen, wie sich nun der Herr Verstand und die Frau Empfindung dabei verhalte, wie diese beiden Classen von Denkern und Empfindern gegen einander nöthig sind, sich einander einzuschränken, zu stärken, zu heben, daß die Innigkeit Mittelpunkt, die Ausbreitung Radius sei u. s. w. Hinter alle dem Spielwerk aber, was wäre nun Bestimmtes gesagt? Und brächen sich nicht noch immer die Grade der Innigkeit und Ausbreitung unendlich in und aus einander? Nun könnte ich die Seelenkräfte alphabetisch durchnehmen und zeigen: Thus in the soul, while memory prevails, The solid power of understanding fails; Where beams of warms imagination play, The memory 's soft figures melt away, wie es dem weisen Pope An Essay on Criticism, I. ; 50-59. Herder hat That statt » Thus « und bright statt » warms «.   D. zu nennen beliebt hat. Oder mit Baco die trocknen, kalten Unterscheidungsmacher von den warmen erhabnen Paarern neuer Gedanken und Bilder sondern; eine Abtheilung, worin allerdings mehr tiefe und bescheidne Wahrheit ist als in jenem Popischen Klingklang. Oder mit Pascal die deux sortes d'esprits: l'un de pénétrer vivement et profondément les conséquences des principes, l'esprit de justesse; l'autre de comprendre un grand nombre de principes sans les confondre, l'esprit de géométrie, was meistens auf meine erste Eintheilung von Innigkeit und Ausbreitung der Geistesgabe hinausläuft. Diese deux sortes d'esprit könnte ich verfolgen und mit Huarte gar die vier Kapseln des Gehirns darnach ordnen. Aber gnug! laß Alles bis zur Aufgabe irgend einer europäischen Societät, die gern wissen möchte, was Genie sei, und wie vielerlei Genie es gebe. Gewaltig groß ist der Körper der allgemeinen Menschennatur, und wer weiß, wer an ihm Fäserchen vom Auge oder ein Theil der Herzmuskel, Nagel am Fuß oder ein Häutchen der Fingerspitze sei, »das man sich abraspelt, um seiner zu empfinden«, wie der jüngste Theorist aller gelehrten Genies, die Empfindler und Schwärmer nicht ausgenommen, bemerkt hat.   Lieber will ich mit ein paar allgemeinen Anmerkungen das Ganze meiner langweiligen Abhandlung schließen. 1. Ist etwas in ihr wahr: wie fein ist die Ehe , die Gott zwischen Empfinden und Denken in unsrer Natur gemacht hat! Ein feines Gewebe, nur durch Wortformeln von einander zu trennen. Das oberste Geschöpf scheint mit uns ein Loos zu haben, empfinden zu müssen, wenn es das Ganze nicht aus sich ruft und denkt . Und welches Geschöpf kann das? Keins als unsre Philosophen, die Lehrer und Lehrlinge am hohen Baume der Weisheit. 2. Alles sogenannte reine Denken in die Gottheit hinein ist Trug und Spiel, die ärgste Schwärmerei, die sich nur selbst nicht dafür erkennt. Alle unser Denken ist aus und durch Empfindung entstanden, trägt auch, trotz aller Destillation, davon noch reiche Spuren. Die sogenannten reinen Begriffe sind meistens reine Ziffern und Zeros von der mathematischen Tafel und haben, platt und plump auf Naturdinge unsrer so zusammengesetzten Menschheit angewandt, auch Ziffernwerth. Dem Manne, der in der ganzen neuern Metaphysik diese Geisterchen aufsucht und abthut, deß warten mehr als des Gespensterhelden Thomasius Ehrenkränze; nur muß er sich auch nicht für manchem leeren Schrecken und für Griffen dieser Geisterchen in sein Gesicht fürchten. 3. Einigen drückenden Empfindungen entgehn zu wollen dadurch, daß man die Bürde dieses Lebens abschüttelt, ist ein gefährlicher Schritt; denn Träume , wie Hamlet sagt, oder, wie wir sagten, Empfindungen und Gedanken müssen wieder kommen. Und nun welche Empfindungen? welche Gedanken? Man trete an einen Entleibten, frage, warum er's that, wie klein die Ursachen waren, wie leicht abzuthun, wenn man nur in ihn geblickt hätte. Und nun verschloß er sich: der Baum nahm seine Gewalt zusammen, um sich zu entwurzeln   da liegt er. Verdorrt, aber Wurzel und Zweige sind an ihm; und wo ist die Dryade, die diesen ganzen Baum belebte? wo ist sie? 4. Unsterblichkeit einer metaphysischen Monas ist nichts als metaphysische Unsterblichkeit, deren Physisches mich nicht überzeugt. Ist Seele das, was wir fühlen, wovon alle Völker und Menschen wissen, was auch der Name sagt, das nämlich, was uns beseelt , Urgrund und Summe unsrer Gedanken, Empfindungen und Kräfte: so ist von ihrer Unsterblichkeit aus ihr selbst keine Demonstration möglich. Wir wickeln in Worte ein, was wir herauswickeln wollen, setzen voraus, was kein Mensch erweisen kann oder auch nur begreift oder versteht, und können sodann, was man will, folgern. Der Uebergang unsers Lebens in ein höheres Leben , das Bleiben und Warten unsers innern Menschen aufs Gericht , die Auferstehung unsers Leibes zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde läßt sich nicht demonstriren aus unsrer Monas. 5. Es ist ein inneres Kennzeichen von der Wahrheit der Religion, daß sie ganz und gar menschlich ist, daß sie weder empfindelt noch grübelt, sondern denkt und handelt, zu denken und zu handeln Kraft und Vorrath leiht. Ihr Erkenntniß ist lebendig , die Summe aller Erkenntniß und Empfindungen, ewiges Leben . Wenn's eine allgemeine Menschenvernunft und Empfindung giebt, ist's in ihr, und eben das ist ihre verkannteste Seite.   Plastik. Riga, bei Hartknoch 1778. Schon im März ward die Handschrift an die Breitkopfische Buchdruckerei in Leipzig gesandt. Im Mai schreibt Herder , der die ersten Aushängebogen empfangen hatte, an Hartknoch : »Was das für Druckfehler in der Plastik sind, einem Buche, das ich Jahre lang ... am Herzen getragen habe!« und er sandte eine Liste der Druckfehler, deren Menge nicht allein, sondern auch ihre Art ihn scheußlich ärgere. Die angehängten Verbesserungen betreffen 17 Stellen, viele andere Fehler sind übersehen. Heyne , der die Plastik in den Werken herausgab, hat diese Verbesserungen Herder's nicht beachtet und andere offenbare Fehler stehen lassen; auch sind neue Fehler hinzugekommen.   D. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalion's bildendem Traume.   Τί ϰάλλος; Ἐρώτημα τυφλοῦ. Wol ungenau nach Aristoteles. Diog. Laert ., V. 1, 20: Πρὸς τὸν πυϑόμενον· διὰ τί τοῖς ϰαλοῖς πολὺν χρόνον ὁμιλοῦμεν; (Ἀριστοτέλης) Τυφλοῦ, ἔφη, τὸ ἐρώτημα. Stob. Floril ., LXV. 15: Ἀριστοτέλης ἐρωτηϑεὶς· διὰ τί τῶν ϰαλῶν ὁ ἔρως· Τυφλοῦ, εἶπεν, ἡ ἐρώτησις.   D.   Geschrieben größtentheils in den Jahren 1768-1770.   Der unvollkommene Anfang zu ähnlichen Versuchen einer Anaglyphik, Optik, Akustik u. s. w.   En! ille in nubibus arcus Mille trahit varios adverso sole colores. Virg . Aen., V. 88. 89 , wo das Ganze ein Gleichniß ist und statt » en ille in « blos ceu steht. Herder hatte gewünscht, das Motto und jede der beiden vorangehenden Bemerkungen sollten auf einer besondern Seite stehn.   D.   Erster Abschnitt.   1. Jener Blindgeborne, den Diderot bemerkte, Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient.   H. [ Diderot spricht von diesem zu Puisaux geborenen Blinden gleich zu Anfang seines Briefes.   D.] stellte sich den Sinn des Gesichts wie ein Organ vor, auf das die Luft etwa den Eindruck mache wie ihm ein Stab auf die fühlende Hand. Ein Spiegel dünkte ihm »eine Maschine, Körper im Relief außer sich zu werfen«, wobei er nicht begriff, wie dies Relief sich nicht fühlen lasse, und glaubte, daß ein Mittel, eine zweite Maschine möglich sein müsse, den Betrug der ersten zu zeigen. Sein feines, richtiges Gefühl ersetzte ihm in seiner Meinung das Gesicht völlig. Er unterschied bei der Härte und Glätte eines Körpers nicht minder fein als beim Ton einer Stimme oder wir Sehenden bei Farben. Er beneidete uns also auch unser Gesicht, von dem er keine Vorstellung hatte, nicht; war's ihm ja um eine Vermehrung seiner Sinne zu thun, so wünschte er sich etwa längere Arme, um in den Mond gewisser und sichrer zu fühlen, als wir hinein sähen. So romantisch und zu philosophisch dieser Bericht scheint, so wird er doch im Grunde von Andern bestärkt, die nicht durch Diderot's Auge sahen. Der blinde Saunderson Nicolas Saunderson , geboren 1682, verlor im zweiten Lebensjahre sein Gesicht. 1711 erhielt er die Professur der Mathematik zu Cambridge. Zu Anfang des ersten Bandes seiner Elemente der Algebra hat er genauere Mittheilungen von der Art seiner Auffassung der Gegenstände und von den zu diesem Zwecke von ihm angewandten Maschinen gegeben. Er war 1752 gestorben. Vgl. oben S. 181.   D. wußte, trotz seiner Mathematik, sich von Bildern auf der Fläche keinen Begriff zu machen, sie wurden ihm nur durch Maschinen begreiflich. Mit solchen rechnete er statt Zahlen; Linien und Figuren der Geometrie ersetzte er sich durch fühlbare Körper. Selbst die Sonnenstrahlen wurden in seiner Optik ihm feine, fühlbare Stäbe; und bei dem Bilde, das sie machten, das durch sie auf einer Fläche sichtbar ward, dachte er nichts, er nahm's als den Hilfsbegriff eines fremden Sinnes, einer andern Welt an. Das Schwerste der Geometrie, das Ganze der Körper, ward ihm in der Demonstration leicht; was Sehenden das Leichteste und Anschaulichste ist, Figuren auf der Fläche, ward ihm das Mühsamste; er mußte auf fremde, ungefühlte Begriffe bauen, mußte zu Sehenden reden, als wären sie Blinde. Sich den Würfel als sechs zusammenschlagende Pyramiden zu denken, war ihm leicht; sich ein Achteck auf der Fläche vorzustellen, ward ihm nur durch ein körperliches Achteck möglich. Am Merkbarsten ward dieser Unterschied zwischen Gesicht und Gefühl, Flächen- und Körperbegriffen an dem Blinden, dem Cheselden das Gesicht gab. Wilhelm Cheselden , geboren 1688 in der Grafschaft Leicester, erwarb sich großen Ruf durch die glückliche Operation des Staars an einem blindgeborenen Knaben von vierzehn Jahren. Sein Hauptwerk »The anantomy of human body« erschien seit 1713 in vielen Auflagen, auch noch nach seinem 1739 erfolgten Tode.   D. Schon in seiner reifen Staarblindheit hatte er Licht und Dunkel, und bei starkem Licht Schwarz, Weiß, Hellroth unterscheiden können; aber sein Gesicht war nur Gefühl. Es waren Körper, die sich auf sein geschlossenes Auge bewegten, nicht Eigenschaften der Fläche, nicht Farben. Nun ward ihm sein Auge geöffnet, und sein Gesicht erkannte nichts, was er voraus durchs Gefühl gekannt hatte. Er sah keinen Raum, unterschied auch die verschiedensten Gegenstände nicht von einander; vor ihm stand, oder vielmehr auf ihm lag eine große Bildertafel. Man lehrte ihn unterscheiden, sein Gefühl sichtlich erkennen, Figuren in Körper, Körper in Figuren verwandeln; er lernte und vergaß. »Das ist Katze! das ist Hund!« sprach er; »wohl, nun kenne ich Euch, und Ihr sollt mir nicht mehr entwischen!« Sie entwischten ihm noch oft, bis sein Auge Fertigkeit erhielt, Figuren des Raums als Buchstaben voriger Körpergefühle anzusehen, sie mit diesen schnell zusammenzuhalten und die Gegenstände um sich zu lesen . »Wir glaubten, er verstünde sogleich, was die Gemälde vorstellten, die wir ihm zeigten, aber wir fanden, daß wir uns geirrt hatten; denn eben zwei Monate, nachdem der Staar ihm war gestochen worden, machte er plötzlich die Entdeckung, daß sie Körper, Erhöhungen und Vertiefungen vorstellten. Er hatte sie bisher nur als buntscheckige Flächen angesehen; aber auch alsdann war er nicht wenig erstaunt, daß sich die Gemälde nicht anfühlten, wie sie aussahen, daß die Theile, welche durch Licht und Schatten rauh und uneben aussahen, sich glatt wie die übrigen anfühlen ließen. Er fragte, welcher von beiden Sinnen der Betrüger sei, ob das Gesicht oder das Gefühl. Man zeigte ihm seines Vaters Bild in einem Uhrgehänge und fragte ihn, was es sei. Er erkannte eine Aehnlichkeit, wunderte sich aber ungemein, daß sich ein großes Gesicht in einem kleinen Raum vorstellen ließe, welches ihm so unmöglich würde geschienen haben, als einen Scheffel in eine Metze zu bringen. Erst konnte er gar nicht viel Licht vertragen und hielt Alles, was er sah, für sehr groß; als er aber größere Sachen sah, hielt er die vorhin gesehenen für kleiner und konnte sich keine Linien außer den Grenzen, die er sah, vorstellen. Er sagte, daß das Zimmer, in dem er sich befinde, ein Theil des Hauses sei, wisse er wol, aber er konnte nicht begreifen, daß das Haus größer aussehe als das Zimmer. Er kannte von keiner Sache die Gestalt, er unterschied auch keine Sache von der andern, sie mochte noch so verschiedne Gestalt und Größe haben, sondern, wenn man ihm sagte, was das für Sachen seien, die er zuvor durchs Gefühl gekannt hatte, so betrachtete er sie sehr aufmerksam, um sie wieder zu kennen. Weil er aber auf einmal zu viel neue Sachen lernen mußte, vergaß er immer wieder welche und lernte, wie er sagte, in einem Tage tausend Dinge kennen, die er wieder vergaß« u. s. w. Robert Smith 's »Optik«.   H.   2. Was lehren diese sonderbaren Erfahrungen? Etwas, was wir täglich erfahren könnten, wenn wir aufmerkten, daß das Gesicht uns nur Gestalten, das Gefühl allein Körper zeige , daß Alles, was Form ist, nur durchs tastende Gefühl, durchs Gesicht nur Fläche , und zwar nicht körperliche, sondern nur sichtliche Lichtfläche erkannt werde . Der Satz wird Einigen paradox, Andern gemein scheinen; wie er aber auch scheine, ist er wahr und wird große Folgerungen geben. Was kann das Licht in unser Auge malen? Was sich malen läßt, Bilder . Wie auf die weiße Wand der dunkeln Kammer, so fällt auf die Netzhaut des Auges ein Strahlenpinsel von Allem, was vor ihm steht, und kann nichts, als was da steht, eine Fläche, ein Nebeneinander aller und der verschiedensten sichtbaren Gegenstände zeichnen. Dinge hinter einander oder solide, massive Dinge als solche dem Auge zu geben, ist so unmöglich, als den Liebhaber hinter der dicken Tapete, den Bauer innerhalb der Windmühle singend zu malen. Die weite Gegend, die ich vor mir sehe, was ist sie mit allen ihren Erscheinungen, als Bild, Fläche? Jener sich herabsenkende Himmel und jener Wald, der sich in ihn verliert, und jenes hingebreitete Feld und dies nähere Wasser und dieser Rahme von Ufer, die Handhabe des ganzen Bildes   sind Bild, Tafel , ein Continuum neben einander . Jeder Gegenstand zeigt mir gerade so viel von sich, als der Spiegel von mir selbst zeigt, das ist Figur, Vorderseite ; daß ich mehr bin, muß ich durch andre Sinnen erkennen oder aus Ideen schließen. Warum soll's also Wunder sein, daß Blinde, denen ihr Gesicht gegeben wurde, nichts als ein Bilderhaus, eine gefärbte Fläche dicht vor sich sahen? Sehen wir doch Alle nichts mehr, wenn wir's nicht auf andern Wegen fänden. Ein Kind sieht Himmel und Wiege, Mond und Amme neben einander; es greift nach dem Monde wie nach der Amme; denn Alles ist ihm Bild auf einer Tafel. Aus dem Schlafe fahrend, ehe wir unser Urtheil sammeln, ist uns in der Dämmerung der Nacht Wald und Baum, Nah- und Fernes auf einem Grunde: nahe Riesen oder entfernte Zwerge und sich auf uns bewegende Gespenster, bis wir aufwachen und unser Urtheil sammeln. Sodann sehen wir erst, wie wir durch Gewohnheit , aus andern Sinnen und insonderheit durchs tastende Gefühl sehen lernten . Ein Körper, den wir nie durchs Gefühl als Körper erkannt hätten, oder auf dessen Leibhaftigkeit wir nicht durch bloße Aehnlichkeit schließen, bliebe uns ewig eine Handhabe Saturn's, eine Binde Jupiter's, d. i. Phänomenon, Erscheinung . Der Ophthalmit mit tausend Augen, ohne Gefühl, ohne tastende Hand, bliebe zeitlebens in Platon's Höhle Vgl. Rep., VII. p. 514 A, 516 C . Ophthalmit nennt Herder Den, welcher nur den Sinn des Gesichts besitzt, »ganz Auge ist«.   D. und hätte von keiner einzigen Körpereigenschaft als solcher eigentlichen Begriff . Denn alle Eigenschaften der Körper, was sind sie, als Beziehungen derselben auf unsern Körper, auf unser Gefühl? Was Undurchdringlichkeit, Härte, Weichheit, Glätte, Form, Gestalt, Rundheit sei, davon kann mir so wenig mein Auge durchs Licht als meine Seele durch selbstständig Denken einen leibhaften, lebendigen Begriff geben. Der Vogel, das Pferd, der Fisch hat ihn nicht; der Mensch hat ihn, weil er nebst seiner Vernunft auch die umfassende, tastende Hand hat. Und wo er sie nicht hat, wo kein Mittel war, daß er sich von einem Körper durch körperliches Gefühl überzeugte, da muß er schließen und rathen und träumen und lügen, und weiß eigentlich nichts recht. Je mehr er Körper als Körper nicht angaffte und beträumte, sondern erfaßte, hatte, besaß, desto lebendiger ist sein Gefühl, es ist, wie auch das Wort sagt, Begriff der Sache. Kommt in die Spielkammer des Kindes und sehet, wie der kleine Erfahrungsmensch faßt, greift, nimmt, wägt, tastet, mißt mit Händen und Füßen, um sich überall die schweren, ersten und nothwendigsten Begriffe von Körpern, Gestalten, Größe, Raum, Entfernung u. dergl. treu und sicher zu verschaffen. Worte und Lehren können sie ihm nicht geben, aber Erfahrung, Versuch, Proben. In wenigen Augenblicken lernt er da mehr und Alles lebendiger, wahrer, stärker, als ihm in zehntausend Jahren Angaffen und Worterklären beibringen würde. Hier, indem er Gesicht und Gefühl unaufhörlich verbindet, eins durchs andre untersucht, erweitert, hebt, stärkt, formt er sein erstes Urtheil . Durch Fehlgriffe und Fehlschlüsse kommt er zur Wahrheit, und je solider er hier dachte und denken lernte, desto bessere Grundlage legt er vielleicht auf die complexesten Urtheile seines Lebens. Wahrlich, das erste Museum der mathematisch-physischen Lehrart! Es ist erprobte Wahrheit, daß der tastende, unzerstreute Blinde sich von den körperlichen Eigenschaften viel vollständigere Begriffe sammelt als der Sehende, der mit einem Sonnenstrahl hinübergleitet. Mit seinem umfangenen, dunkeln, aber auch unendlich geübtern Gefühl und mit der Methode, sich seine Begriffe langsam, treu und sicher zu ertasten, wird er über Form und lebendige Gegenwart der Dinge viel feiner urtheilen können, als dem Alles nur wie ein Schatte flieht. Es hat blinde Wachsbildner gegeben, die die sehenden übertrafen, und ich habe noch nie vom Beispiel eines fehlenden Sinnes gehört, der sich nicht durch andre ersetzt hätte, Gesicht durchs Gefühl , der Mangel an Lichtfarben durch tiefgeprägte, dauernde Gestalten . Es bleibt also wahr: »Der Körper, den das Auge sieht, ist nur Fläche, die Fläche, die die Hand tastet, Körper.« Nur da wir von Kindheit auf unsre Sinnen in Gemeinschaft und Verbindung brauchen, so verschlingen und gatten sich alle, insonderheit der gründlichste und der deutlichste der Sinne, Gefühl und Gesicht . Die schweren Begriffe , die wir uns langsam und mit Mühe ertasten, werden von Ideen des Gesichts begleitet; dies klärt uns auf, was wir dort nur dunkel faßten, und so wird uns endlich geläufig, das mit einem Blick weg zu haben, was wir uns anfangs langsam ertasten mußten . Als der Körper unsrer Hand vorkam, ward zugleich das Bild desselben in unser Auge geworfen; die Seele verband beide, und die Idee des schnellen Sehens läuft nachher dem Begriff des langsamen Tastens vor. Wir glauben zu sehen, wo wir nur fühlen und fühlen sollten; wir sehen endlich so viel und so schnell, daß wir nichts mehr fühlen und fühlen können, da doch dieser Sinn unaufhörlich die Grundfeste und der Gewährsmann des vorigen sein muß. In allen diesen Fällen ist das Gesicht nur eine verkürzte Formel des Gefühls . Die volle Form ist Figur , die Bildsäule ein flacher Kupferstich worden. Im Gesicht ist Traum , im Gefühl Wahrheit . Daß dem so sei, sehen wir in Fällen, wo sich beide Sinnen scheiden und ein neu Medium oder eine neue Formel eintritt, nach der sie sich gatten sollten. Wenn der Stab im Wasser gebrochen scheint, und man greift darnach an unrechter Stelle, so ist wol hier von keinem Truge der Sinnen die Frage; denn nach einem Strahlenbilde als solchem muß ich nicht greifen . Was ich also sah, war wahr, wirkliches Bild aus wirklicher Fläche; nur wornach ich griff, war nicht wahr; denn wer wird nach einem Bilde auf einer Fläche tasten? Weil nun aber unser Gesicht und Gefühl als Schwestern zusammen erzogen wurden und von Jugend auf eine der andern die Arbeit tragen half oder sie gar allein übernahm, so geschahe es auch hier, und Schwester verfehlte die Schwester. Sie hatten sich sonst auf der Erde versucht; nun ist der Fall im Wasser, einem andern Element der Strahlenbrechung, wo sie sich nicht gegen einander geübt hatten. Ein Wassermann würd's besser getroffen haben. Abermals ein Beispiel der vorigen Geschichte: Cheselden's Blinder sah am Gemälde nur ein Farbenbrett; da sich die Figuren lostrennten und er sie erkannte, griff er darnach als nach Körpern. Es scheint sonderbar, ist aber sehr natürlich, und der Fall geschieht öfters. Ein Kind, ein rohes Auge sieht am Gemälde das Farbenbrett öfter, als man denkt; es kann sich, so lange die Figur ihm am Brett klebt, jenen Schatten, diesen Streif nicht erklären; es gafft. Nun aber fangen die Figuren an, sich zu beleben; ist's nicht, als ob sie hervorgingen und würden Gestalten ? Man sieht sie gegenwärtig , man greift um sie , der Traum wird Wahrheit . Die höchste Liebe und Entzückung macht also gerade das, was dort die Unwissenheit that, und eben das ist der Triumph des Malers! Durch seinen Zaubertrug sollte Gesicht Gefühl werden, so wie bei ihm das Gefühl Gesicht ward.   3. Ich glaube wol nicht mehr Exempel häufen zu dürfen zum Erweise eines Satzes, der so augenscheinlich ist: daß » fürs Gesicht eigentlich nur Flächen, Bilder, Figuren eines Plans gehören, Körper aber und Formen der Körper vom Gefühl abhangen «. Lasset uns sehen, warum wir der Speculation so lange nachhingen, und wozu denn endlich der ganze Unterschied hilft. Mich dünkt, zu Manchem. Denn ein Grundgesetz und abgeschiednes Reich der Wirkung zweier verschiednen und sich verwirrenden Sinne kann nie leere Speculation sein. Wären alle unsre Begriffe in Wissenschaften und Künsten auf ihren Ursprung zurückgeführt, oder könnten sie dahin zurückgeführt werden, da würden sich Verbindungen sondern und Sonderungen binden, wie man sie in der großen Verwirrung aller Dinge, die wir Leben nennen, nicht ordnet. Da alle unsre Begriffe vom Menschen ausgehen oder auf ihn zurückkommen, so muß nahe diesem Mittelpunkt und der Art, wie er spinnt und wirkt, die Quelle der größten Irrthümer und der sichtlichsten Wahrheit aufgespürt werden, oder sie ist nirgend. Ich bleibe hier nur bei zwei Sinnen und bei einem Begriff derselben, Schönheit . Schönheit hat von Schauen , von Schein Unmöglich von beiden . Gewöhnlich leitete man schön von scheinen ab aber wie Wackernagel bemerkt, zeigt die Vergleichung von goth. skaujan alth. sconi, schön , mit dem goth. skaujan alth. sco(u)wan, schauen , gegen skeinan, scînan, scheinen , daß schön zu schauen , nicht zu scheinen gehört.   D. den Namen, und am Leichtesten wird sie auch durchs Schauen , durch schönen Schein erkannt und geschätzt . Nichts ist schneller, klärer, überleuchtender als Sonnenstrahl und unser Auge auf seinen Flügeln: eine Welt außer und neben einander wird ihm auf einen Blick offenbar. Und da diese Welt nicht wie Schall vorübergeht, sondern bleibt und gleichsam selbst zur Beschauung einladet, da der feine Sonnenstrahl so schön färbt und so deutlich zeigt: was Wunder, daß unsre Seelenlehre am Liebsten von diesem Sinne Namen borgt? Ihr Erkennen ist Sehen , ihr bestes Angenehme Schönheit . Es ist nicht zu leugnen, daß von dieser Höhe Viel sollte übersehen und Vieles des Vielen sehr klar, licht und deutlich gemacht werden können. Das Gesicht ist der künstlichste, philosophischste Sinn. Es wird durch die feinsten Hebungen, Schlüsse, Vergleichungen gefeilt und berichtigt, es schneidet mit einem Sonnenstrahle. Hätten wir also auch nur aus diesem Sinne eine rechte Phänomenologie des Schönen und Wahren , so hätten wir viel. Indessen hätten wir mit ihr nicht Alles, am Wenigsten das Gründlichste, Einfachste. Erste. Der Sinn des Gesichts wirkt flach, er spielt und gleitet auf der Oberflüche mit Bild und Farbe umher, überdem hat er so Vieles und so Zusammengesetztes vor sich, daß man mit ihm wol nie auf den Grund kommen wird. Er borgt von andern und baut auf andre Sinne; ihre HiIfsbegriffe müssen ihm Grundlage sein, die er nur mit Licht umglänzt. Dringe ich nun nicht in diese Begriffe andrer Sinne, suche ich nicht Gestalt und Form, statt zu ersehen , ursprünglich zu erfassen, so schwebe ich mit meiner Theorie des Schönen und Wahren aus dem Gesichts ewig in der Lust und schwimme mit Seifenblasen. Eine Theorie schöner Formen aus Gesetzen der Optik ist so viel als eine Theorie der Musik aus dem Geschmacke . »Die rothe Farbe«, sagte jener Blinde, »nun begreife ich sie; sie ist wie der Schall einer Trompete.« Und gerade das sind viele Abhandlungen der Aesthetik aus andern in andre Sinne, daß man zuletzt nicht weiß, wo oder wie man dran ist. Man classificirt die schönen Künste ordentlich unter zwei Hauptsinne, Gesicht und Gehör ; und dem ersten Hauptmanne giebt man Alles, was man will, aber er nicht fordert, Flächen, Formen, Farben, Gestalten, Bildsäulen, Bretter, Sprünge, Kleider . Daß man Bildsäulen sehen kann, daran hat Niemand gezweifelt; ob aber aus dem Gesicht sich ursprünglich bestimmen lasse, was schöne Form ist, ob dieser Begriff den Sinn des Gesichts für seinen Ursprung und Oberrichter erkenne, das läßt sich nicht blos bezweifeln, sondern gerade verneinen. Lasset ein Geschöpf ganz Auge, ja einen Argus mit hundert Augen hundert Jahr eine Bildsäule besehen und von allen Seiten betrachten: ist er nicht ein Geschöpf, das Hand hat, das einst tasten und wenigstens sich selbst betasten konnte   ein Vogelauge, ganz Schnabel, ganz Blick, ganz Fittig und Klaue, wird nie von diesem Dinge als Vogelansicht haben. Raum. Winkel, Form, Rundung lerne ich als solche in leibhafter Wahrheit nicht durchs Gesicht erkennen, geschweige das Wesen dieser Kunst, schöne Form, schöne Bildung, die nicht Farbe, nicht Spiel der Proportion, der Symmetrie, des Lichtes und Schattens, sondern dargestellte, tastbare Wahrheit ist. Die schöne Linie, die hier immer ihre Bahn verändert, sie, die, nie gewaltsam unterbrochen, nie widrig vertrieben, sich mit Pracht und Schöne um den Körper wälzt und, nimmer ruhend und immer fortschwebend, in ihm den Guß, die Fülle, das sanft verblasene entzückende Leibhafte bildet, das nie von Fläche, nie von Ecke oder Winkel weiß: diese Linie kann so wenig Gesichtsfläche, so wenig Tafel und Kupferstich werden, daß gerade mit diesen Alles an ihr hin ist. Das Gesicht zerstört die schöne Bildsäule, statt daß es sie schaffe; es verwandelt sie in Ecken und Flächen, bei denen es viel ist, wenn sich nicht das schönste Wesen ihrer Innigkeit, Fülle und Runde in lauter Spiegelecken verwandle; unmöglich kann's also Mutter dieser Kunst sein. Seht jenen Liebhaber, der tiefgesenkt um die Bildsäule wankt. Was thut er nicht, um sein Gesicht Zum Gefühl zumachen, zu schauen , als ob er im Dunkeln taste ! Er gleitet umher, sucht Ruhe und findet keine, hat keinen Gesichtspunkt wie beim Gemälde, weil tausende ihm nicht gnug sind, weil, sobald es eingewurzelter Gesichtspunkt ist; das Lebendige Tafel wird und die schöne, runde Gestalt sich in ein erbärmliches Vieleck zerstückt. Darum gleitet er: sein Auge ward Hand, der Lichtstrahl Finger, oder vielmehr seine Seele hat einen noch viel feinern Finger, als Hand und Lichtstrahl ist, das Bild aus des Urhebers Arm und Seele in sich zu fassen . Sie hat's! die Täuschung ist geschehn; es lebt, und sie fühlt, daß es lebe; und nun spricht sie, nicht als ob sie sehe, sondern taste, fühle. Eine Bildsäule, kalt beschrieben, giebt so wenig Ideen als eine gemalte Musik; lieber laß sie stehen und gehe vorüber! Wenn ich einem Menschen seine Begeisterung vergebe, so ist's dem Liebhaber der Kunst, dem Künstler; denn ohne sie war kein Liebhaber, kein Künstler. Der elende Tropf, der vorm Modell sitzt und Alles platt und flach sieht, der Arme, der vor der lebenden Person steht und nur ein Farbenbrett an ihr gewahr wird, sind Klecker, nicht Künstler. Sollen die Figuren von der Leinwand vortreten, wachsen, sich beseelen, sprechen, handeln, gewiß, so mußten sie dem Künstler auch so erscheinen und von ihm gefühlt sein. Phidias , der den Donnergott bildete, als er im Homer las und vom Haupte Jupiter's, von seiner fallenden Locke ihm Kraft herabsank, Ilias, I. 528-530,   D. dem Gotte näher zu treten und ihn zu umfangen in Majestät und Liebe; Apollonius Nestorides , der den Hercules machte und den Riesenbezwinger in Brust, in Hüften, in Armen, im ganzen Körper fühlte; Der sogenannte Torso des Hercules , unter Julius II. in Rom gefunden. Apollonius war Sohn des Nestor.   D. Agasias , Des Dositheos Sohn, dem wir den sogenannten Borghesischen Fechter verdanken.   D. als er den Fechter schuf und in allen Sehnen ihn tastete und in allen Kräften ihn hingab: wenn Diese nicht begeistert sprechen durften, wer darf's denn? Sie sprachen durch ihr Werk und schwiegen; der Liebhaber fühlt, schafft ihnen nach und stammelt im Umfang, im Meere von Leben, was ihn ergreift. Ueberhaupt, je näher wir einem Gegenstande kommen, desto lebendiger wird unsre Sprache, und je lebendiger wir ihn von fern her fühlen, desto beschwerlicher wird uns der trennende Raum, desto mehr Soll wol »näher« heißen.   D. wollen wir zu ihm. Wehe dem Liebhaber, der in behaglicher Ruhe seine Geliebte von fern als ein flaches Bild ansieht und gnug hat! Wehe dem Apollo-, dem Herculesbildner, der nie einen Wuchs Apollo's umschlang, der eine Brust, einen Rücken Hercules' auch nie im Traume fühlte! Aus Nichts kann wahrlich nichts Anders als Nichts , und aus dem unfühlenden Sonnenstrahl nie warme, schaffende Hand werden.   4. Ist's einmal erlaubt, über Werk zu reden und über Kunst zu philosophiren , so muß die Philosophie wenigstens genau sein und wo möglich zu den ersten, einfachsten Begriffen reichen. Als das Philosophiren über schöne Kunst einmal noch Mode war, suchte ich lange über dem eigentlichen Begriff , der schöne Formen und Farben, Bildnerei und Malerei trenne , und   fand ihn nicht. Falconet 's »Gedanken von der Bildhauerkunst« (übersetzt, Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften, B. 1. St. 1) sind die treffliche Vorlesung eines Künstlers, dessen Zweck es gar nicht ist, die Grenzen zweier Künste philosophisch zu sondern.   H. Immer Malerei und Bildhauerei in einander, unter einem Sinne, also unter einem Organ der Seele , das Schöne in beiden zu schaffen und zu empfinden, also auch dies Schöne völlig auf eine Art , durch einerlei natürliche Zeichen , in einem Raume neben einander wirkend , nur eins in Formen, das andre auf der Fläche   ich muß sagen, ich begriff dabei wenig. Zwei Künste im Gebiet eines Sinnes müssen auch gradezu subjectiv einerlei Gesetze des Wahren und Schönen haben; denn sie kommen zu einer Pforte hinein, wie sie beide zu einer herausgingen und ja nur für einen Sinn da sind. Die Malerei muß also so sehr sculpturiren, die Sculptur so viel malen können, als sie will, und es muß schön sein; sie dienen ja einem Sinne, regen einen Punkt der Seele; und nichts ist doch unwahrer als dies. Ich verfolgte beide Künste und fand, daß kein einziges Gesetz, keine Bemerkung, keine Wirkung der einen ohn' Unterschied und Einschränkung auf die andre passe. Ich fand, daß gerade, je eigner etwas einer Kunst sei und gleichsam als einheimisch derselben in ihr große Wirkung thue, desto weniger lasse es sich platt anwenden und übertragen ohne die entsetzlichste Wirkung. Ich fand arge Beispiele davon in der Ausführung, aber noch ungleich ärgere in der Theorie und Philosophie dieser Künste, Herder's viertes, 1769 geschriebenes »Kritisches Wäldchen« war gegen Riedel 's »Theorie der schönen Künste« gerichtet.   D. die oft von Unwissenden der Kunst und Wissenschaft geschrieben, Alles seltsam durcheinandergemischt, beide nicht als zwei Schwestern oder Halbschwestern, sondern meistens als ein doppelt Eins betrachtet und keinen Plunder an der einen gefunden haben, der nicht auch der andern gebühre. Daher nun jene erbärmlichen Kritiken, jene armseligen, verbietenden und verengernden Kunstregeln, jenes bittersüße Geschwätz vom allgemeinen Schönen, woran sich der Jünger verdirbt, das dem Meister ekelt und das doch der kennerische Pöbel als Weisheitssprüche im Munde führt. Endlich kam ich auf meinen Begriff, der mir so wahr, der Natur unsrer Sinne, beider Künste und hundert sonderbaren Erfahrungen so gemäß schien, daß er als der eigentliche subjective Grenzstein beide Künste und ihre Eindrücke und Regeln auf die lindeste Weise scheidet. Ich gewann einen Punkt, zu sehen, was jeder Kunst eigen oder fremde, Macht oder Bedürfniß, Traum oder Wahrheit sei, und es war, als ob mir ein Sinn würde, die Natur des Schönen da furchtsam von ferne zu ahnen, wo   doch ich plaudre zu frühe und zu viel. Hier ist der nackte Umriß, wie ich glaube, daß die Künste des Schönen sich zu einander verhalten. Einen Sinn haben wir, der Theile außer sich neben einander, einen andern, der sie nach einander , einen dritten, der sie in einander erfaßt: Gesicht, Gehör und Gefühl . Theile neben einander geben eine Fläche ; Theile nach einander am Reinsten und Einfachsten sind Töne , Theile auf einmal in, neben, bei einander Körper oder Formen . Es giebt also in uns einen Sinn für Flächen, Töne, Formen, und wenn's dabei aufs Schöne ankommt, drei Sinne für drei Gattungen der Schönheit , die unterschieden sein müssen wie Fläche, Ton, Körper . Und wenn's Künste giebt, wo jede in einer dieser Gattungen arbeitet, so kennen wir auch ihr Gebiet von außen und innen, Fläche, Ton, Körper , wie Gesicht, Gehör, Gefühl . Dies sind sodann Grenzen, die ihnen die Natur anwies, und keine Verabredung, die also auch keine Verabredung ändern kann, oder die Natur rächt. Eine Tonkunst, die malen, und eine Malerei, die tönen, und eine Bildnerei, die färben, und eine Schilderei, die in Stein hauen will, sind lauter Abarten ohne oder mit falscher Wirkung. Und alle drei verhalten sich zu einander als Fläche, Ton, Körper oder wie Raum, Zeit und Kraft , die drei größten Medien der allweiten Schöpfung, mit denen sie Alles faßt. Alles umschränkt. Lasset uns sogleich ein, zwei Folgerungen sehen, wie sich Bild - und Malerei im Ganzen verhalten. Ist diese die Kunst fürs Auge, und ist's wahr, daß das Auge nur Fläche und Alles wie Fläche, wie Bild empfindet, so ist das Werk der Malerei tabula, tavola, tableau, eine Bildertafel , auf der die Schöpfung des Künstlers wie Traum da steht, in der Alles also auf dem Anschein , auf dem Nebeneinander beruht. Hievon also muß Erfindung und Anordnung, Einheit und Mannichfaltigkeit (und wie die Litanei von Kunstnamen weiter heiße) ausgehen, darauf zurückkommen und ist, wie viele Capitel und Bände davon gefüllt werden, dem Künstler selbst aus einem sehr einfachen Grundsatze , der Natur seiner Kunst , mehr als sichtbar. Diese ist ihm das eine Königsgesetz, außer dem er keines kennt, die Göttin, die er verehrt. In der treuen Behandlung seines Werks muß ihm alle Philosophie darüber in Grund und Wurzel und als etwas so Einfaches erscheinen, dessen alle das vielfache Geschwätz nicht werth ist. Die Bildnerei arbeitet in einander , ein Lebendes, ein Werk voll Seele, das da sei und daure. Schatte und Morgenroth, Blitz und Donner, Bach und Flamme kann sie nicht bilden, so wenig das die tastende Hand greifen kann; aber warum soll dies deshalb auch der Malerei versagt sein? Was hat diese für ein ander Gesetz, für andre Macht und Beruf, als die große Tafel der Natur mit allen ihren Erscheinungen , in ihrer großen, schönen Sichtbarkeit zu schildern? Und mit welchem Zauber thut sie's! Die sind nicht klug, die die Landschaftsmalerei, die Naturstücke des großen Zusammenhanges der Schöpfung verachten, heruntersetzen oder gar dem Künstler Affen ernstlich untersagen. Ein Maler, und soll kein Maler sein? Ein Schilderer, und soll nicht schildern? Bildsäulen drechseln soll er mit seinem Pinsel und mit seinen Farben geigen, wie's ihrem ächten antiken Geschmacke behagt. Die Tafel der Schöpfung schildern, ist ihnen unedel; als ob nicht Himmel und Erde besser wäre und mehr auf sich hätte als ein Krüppel, der zwischen ihnen schleicht, und dessen Conterfeiung mit Gewalt einzige würdige Malerei sein soll. Bildnerei schafft schöne Formen , sie drängt in einander und stellt dar ; nothwendig muß sie also schaffen, was ihre Darstellung verdient, und was für sich da steht . Sie kann nicht durch das Nebeneinander gewinnen, daß Eins dem Andern aushelfe und doch also Alles so schlecht nicht sei; denn in ihr ist Eins Alles und Alles nur Eins . Ist dies unwürdig, leblos, schlecht, nichtssagend, Schade um Meißel und Marmor! Kröte und Frosch, Fels und Matratze zu bilden, war der Rede nicht werth, wenn sie nicht etwa einem höhern Werk als Beigehörde dienen und also nicht Hauptwerk sein wollen . Wo Seele lebt und einen edeln Körper durchhaucht, und die Kunst wetteifern kann, Seele im Körper darzustellen, Götter, Menschen und edle Thiere, das bilde die Kunst, und das hat sie gebildet. Wer aber mit hoher idealischer Strenge dies Gesetz abermals den Schilderern , den Malern der großen Naturtafel aufbürdet, der greife ja nach seinem Kopfe, wie er etwa zu schildern wäre. Endlich die Bildnerei ist Wahrheit , die Malerei Traum ; jene ganz Darstellung , diese erzählender Zauber . Welch ein Unterschied! und wie wenig stehen sie auf einem Grunde! Eine Bildsäule kann mich umfassen, daß ich vor ihr kniee, ihr Freund und Gespiele werde; sie ist gegenwärtig , sie ist da . Die schönste Malerei ist Roman, Traum eines Traumes. Sie kann mich mit sich verschweben, Augenblicke gegenwärtig werden und wie ein Engel, in Licht gekleidet, mich mit sich fortziehn; aber der Eindruck ist anders, als er dort war. Der Lichtstrahl weicht hin; es ist Glanz, Bild, Gedanke, Farbe . Ich kann mir keinen Theoristen, der Mensch ist, vorstellen, und sich die zwei Sachen auf einem Grunde denkt. Lasset uns einige andere Fragen sehen, die als Altercationen zwischen beiden Künsten oft aufgeworfen, zum Theil schlecht beantwortet sind und sich aus unserm Gesichtspunkt sonnenklar ergeben.   Zweiter Abschnitt.   1. Bildhauerkunst und Malerei, warum bekleiden sie nicht mit einem Glücke, nicht auf einerlei Art? * Antwort . Weil die Bildnerei eigentlich gar nicht bekleiden kann und die Malerei immer kleidet. * Die Bildnerei kann gar nicht bekleiden; denn offenbar verhüllt sie gleich unter dem Kleide; es ist nicht mehr ein menschlicher Körper, sondern ein langgekleideter Block. Kleid als Kleid kann sie nicht bilden; denn dies ist kein Solidum, kein Völliges, Rundes. Es ist nur Hülle unsers Körpers der Nothwendigkeit wegen, eine Wolke gleichsam, die uns umgiebt, ein Schatte, ein Schleier. Je mehr es in der Natur selbst drückend wird und dem Körper Wuchs, Gestalt, Gang, Kraft nimmt, desto mehr fühlen wir die fremde, unwesentliche Last. Und nun in der Kunst ist ein Gewand von Stein, Erz, Holz ja im höchsten Grade drückend ! Es ist kein Schatte, kein Schleier, gar kein Gewand mehr; es ist ein Fels voll Erhöhung und Vertiefung, ein herabhangender Klumpe. Thue die Augen zu und taste, so wirst Du das Unding fühlen . In keinem Lande konnte daher die Bildnerei gedeihen, wo solche Steinklumpen nothwendig waren, wo der Künstler statt schöner und edler Körper Matratzen bilden mußte . Im Morgenlande, wo man aus sehr guten Gründen die Verhüllung des Körpers liebte, wo man ihn als Geheimniß betrachtete, von dem nur das Antlitz und seine Boten, Hände und Füße, sichtbar wären, in ihm war keine Bildnerei möglich, ja im jüdischen Lande gar nicht erlaubt. Bei den Aegyptern ging sie daher, trotz des hohen Mechanischen der Kunst, einen ganz andern Weg, seitwärts ab vom Schönen. Bei den Römern konnte sie auch wegen der Toga und Tunica, Thorax und Paludament sich der Nation nie einverleiben, Plin . N. H., XXXIV. 10: Graeca res est nihil velare, at contra Romana ac militaris thoracas addere.   D. um höher zu steigen; sie blieb griechisch oder ging zurück. In der Geschichte der Mönche und Heiligen konnte sie keine Fortschritte thun; denn Mönch und Nonne waren verschleiert, der Künstler hatte statt Körper faltige Steindecken zu bilden. Sowol der spanischen als unsrer Tracht mag sich etwa die Malerei, aber wahrlich nicht die Bildsäule erfreuen. Wir haben die spanische zur Ritter-, Priester- und Narrentracht gemacht; die unsre, mit Lappen und Flicken, Spitzen und Ecken, Schnitten und Taschen müßte in Marmor ein wahres Göttergewand werden! Ein Held in seiner Uniform, allenfalls noch die Fahne in der Hand und den Hut auf ein Ohr gedrückt, so ganz in Stein gebildet, wahrlich, das müßte ein Held sein! Der Künstler, der ihn machte, wäre wenigstens ein schöner Commißschneider. Betaste die Statue in dunkler Nacht, Du wirst an Form und Schönheit Wunderdinge in ihr fühlen. Wie anders die Griechen, sie, die gebornen Künstler des Schönen! Erzhüllen und Steindecken warfen sie ab und bildeten, was gebildet werden konnte, schöne Körper . Apollo, vom Siege Python's, Winckelmann's Geschichte der Kunst, S. 392 [ XI. 3, 11].   H. kam er unbekleidet? zerbrach der Künstler sich den Kopf, um doch hier einer Armseligkeit des Ueblichen treu zu bleiben? Nichts! er stellte den Gott, den Jüngling, den Ueberwinder mit seinen schönen Schenkeln, freier Brust und jungem Baumeswuchse nackt dar; die Last des Kleides wurde zurückgeschoben, wo sie am Wenigsten verbarg, wo sie den Gang des Edeln nicht hindert, wo sie vielmehr seinem hochmüthigen Stande wohl thut und auch nur als die leichte Beute des Ueberwinders schwebt. Laokoon , der Mann, der Priester, der Königssohn, bei einem Opfer, vor dem versammelten Volke, war er nackt? stand er unbekleidet da, als ihn die Schlangen umfielen? Wer denkt daran, wenn er jetzt den Laokoon der Kunst sieht? wer soll daran denken? wer an die vittas denken, sanie atroque cruore madentes, Virg . Aen., II. 221: Perfusus sanie vittas atroque veneno.   D. da die hier nichts thäten, als seine leidende Stirn voll Seufzens und Todeskampfes zum priesterlichen Steinpflaster zu machen? wer an ein Opfergewand denken, das diese arbeitende Brust, diese giftgeschwollenen Adern, diese ringenden und schon ermattenden Vaterhände zu todtem Fels schüfe? O der Pedanten des Ueblichen, des Wohlanständigen, des schön beschreibenden Virgil's, die ja nur Priesterfiguren im Holzmantel sehen mögen! und immer nur solche sehen sollten! Es war vom Griechen Sprichwort, daß er lieber Fülle als Hülle gab, das ist, schöne Fülle; denn sonst bekleidete er auch. Philosophen, Cybelen, hundertjährige Matronen konnten immer bekleidet da stehn; auch wo es Gottesdienst und Zweck und Eindruck der Bildsäule forderte oder ertrug. Ein Philosoph ist ja nur immer Kopf - oder Brustbild , wenn er also auch nur wie Zeno sein Haupt über der Steinhülle zeigt! er muß nicht als Jüngling oder Fechter da stehn. Eine Niobe , diese unglückliche Mutter in Mitte ihrer unglücklichen Kinder, die hilflos um sie jammern und alle in ihren Schooß fliehen möchten, wie es die Jüngste thut, sie kniet weit- und reichbekleidet da; denn sie ist Mutter , und ihr todesstarres, gen Himmel gewandtes Gesicht sammt der Tochter in ihrem Schooße ist Ausdruck gnug, auf den der Künstler hier wirkte, und nicht auf kalte, nackte Körperschönheit. Eine Juno Matrona , unbekleidet, wäre dem entgegen, was sie ist, was sie selbst vor Paris war; Ehrfurcht soll sie einflößen, nicht Liebe. Das Haupt der Nymphen und Vestalinnen, die unsterblich schöne Diana , muß bekleidet sein, wie es ihr Stand und Charakter gebietet und die Kunst es zuläßt. Aber eine Gestalt der Schönheit , der Liebe , des Reizes , der Jugend, Bacchus und Apollo, Charis und Aphrodite , unter einem Mantel von Stein wäre Alles, was sie sind, was sie hier durch den Künstler sein sollten, verschleiert und verloren. Und man kann überhaupt den Grundsatz annehmen, daß, »wo der griechische Künstler auf Bildung und Darstellung eines schönen Körpers ausging, wo ihm nichts Religiöses oder Charakteristisches im Wege stand, wo seine Figur ein freies Geschöpf der Muse, ein substantielles Kunstbild, kein Emblem, keine historische Gruppe, sondern Bild der Schönheit sein sollte, da bekleidete er nie, da enthüllte er, was er trotz dem Ueblichen enthüllen konnte«. Wir betrachten hier nicht, was dies Nackte auf die Sitten der Griechen für Einfluß hatte; denn mit solchen Sprüngen von einem Felde ins andre kommt man nicht weit. Nichts ist feinerer Natur als Zucht und das Wohlanständige oder Aergerliche des Auges; es kommt dabei so viel auf Himmelsstrich, Kleidungsart, Spiele, frühe Gewohnheit und Erziehung, auf den Stand, den beide Geschlechter gegen einander haben, insonderheit auf den Abgrund von Sonderbarkeiten an, den man Charakter der Nation nennt, daß die Untersuchung dessen ein eigenes Buch werden dürfte. Es konnte den Gothen, die aus Norden kamen, die wirklich züchtiger und unter ihrem Himmelsstrich an dichtere Kleider gewöhnt waren, bei denen das weibliche Geschlecht zum männlichen überhaupt anders stand als bei den Griechen, und die überdem die Statuen unter einem verderbten Volke fanden, das vielleicht seinen Untergang mit von ihnen her hatte: ich sage, diesen Gothen konnte, auch ihre neue Religion unbetrachtet, der Anblick der Statuen mit Recht sehr widrig sein; daher die meisten auch so ein unglückliches Ende nahmen, ohne daß man deshalb von Gothen auf Griechen geradezu schließen müßte. Wenn unter uns dies nackte Reich der Statuen plötzlich auf Weg und Steg gepflanzt würde, wie einige neuere Schöndenker nicht undeutlich angerathen haben, so muß man von dem Eindruck, den sie da, und dem Pöbel (dem Pöbel von und ohne Stande) insonderheit zuerst , machen würden, nicht sofort auf ein fremdes Volk ganz andrer Sitten und Erziehung schließen. Ueberhaupt ist züchtig sein und geärgert werden, Tugend ausbreiten und die Kunst hassen , schrecklich verschieden, wie die Folge noch mehr zeigen wird. Hier ist auch diese Ausschweifung schon zu lang; wir reden hier von Kunst und von Griechen , nicht von Sitten und Deutschen . Ich fahre fort. Wo auch der Grieche bekleiden mußte, wo es ihm ein Gesetz auflegte, den schönen Körper, den er bilden wollte, und den die Kunst allein bilden kann und soll , hinter Lumpen zu verstecken: gab's kein Mittel, dem fremden Drucke zu entkommen oder sich mit ihm abzufinden? zu bekleiden , daß doch nicht verhüllt würde? Gewand anzubringen, daß der Körper doch seinen Wuchs, seine schöne, runde Fülle behielte? Wie wenn er durchschiene ? In der Bildnerei, bei einem solido kann nichts durchscheinen; sie arbeitet für die Hand und nicht fürs Auge. Und siehe, eben für die Hand erfanden die feinen Griechen Auskunft. Ist nur der tastende Finger betrogen, daß er Gewand und zugleich Körper taste, der fremde Richter, das Auge, muß folgen : kurz, es sind der Griechen nasse Gewänder . Es ist über sie so viel und so viel Falsches gesagt, daß man sich fast mehr zu sagen scheut. Jedermann war's auffallend, daß sie in der Bildhauerei so viel, in der Malerei keine Wirkung thun. Und zugleich schienen sie so unnatürlich, so unnatürlich und doch so wirksam? so wahr und schön in der Kunst und in der Natur so häßlich? Also schön und häßlich, wahr und falsch: wer giebt Auskunft? Winckelmann sagt, VI. 1. 4.   D. daß sie nichts als Nachbildung der alten griechischen Tracht in Leinwand seien. Ich weiß nicht, ob die Griechen je nasse, an der Haut klebende Leinwand getragen; und hier war eigentlich die Frage, warum sie der Künstler so kleben ließ und nicht trocknete. Führen wir sein Werk, seine Kunst auf ihren rechten Sinn zurück, so antwortet die Sache . Es war nämlich einzige Auskunft , den tastenden Finger und das Auge, das jetzt nur als Finger tastet, zu betrügen, ihm ein Kleid zu geben, das doch nur gleichsam ein Kleid sei, Wolke, Schleier, Nebel   doch nein, nicht Wolke und Nebel; denn das Auge hat hier nichts zu nebeln; nasses Gewand gab er ihm, das der Finger durchfühle! Achill. Tat ., I.1: Ἐγένετο τοῦ σώματος ϰάτοπτρον ὁ χιτών.   D. Das Wesen seiner Kunst blieb, der schlanke Leib , das runde Knie, die weiche Hüfte, die Traube der jugendlichen Brust, und dem äußern Erfordernisse kam man doch auch nach. Es war gleichsam ein Kleid, wie die Götter Homer's gleichsam Blut haben; die Fülle des Körpers, die kein Gleichsam , die Wesen der Kunst ist, war und blieb Hauptwerk.   Ganz anders verhält sich's mit der Malerei, die, wie gesagt worden, nichts als Kleid ist, das ist, schöne Hülle, Zauberei mit Licht und Farben zur schönen Ansicht . Sie wirkt auf Fläche und kann nichts als Oberfläche geben; zu der gehören auch Kleider. Für unser Auge sind diese die täglichen Erscheinungen der Wahrheit, des Ueblichen, der Pracht, der Zierde. Eben der Farbe, des Putzes, des schönen Anscheins wegen werden sie oft gewählt und gemustert, sind der schauenden schönen Welt so viel mehr als Bedürfniß: warum sollten sie's nicht auch der schauenden schönen Kunst sein? Malerei kann Kleid als das Edelste, was es ist, bearbeiten, als ein gebrochenes Licht, einen Zauberduft fürs Auge, der Alles erhöht, als Nebel und schöne Farbe; warum sollte sie's also nicht thun? Warum müßte sie den Vorzug ihres Sinnes dem Mangel eines fremden Sinnes aufopfern, mit dem sie nichts gemein hat? Würde unter den Händen des Bildners ein Kleid das, was es unter ihren Händen, unter dem Zauberfinger des Lichts ist, so wäre er Thor, wenn er's nicht brauchte. Es sind also ungemein feine Köpfe, die der Malerei die nackten Fleischmassen und wol gar die nassen Gewänder anrathen, weil sie damit ihrer ältern lieben Schwester, Bildhauerkunst, näher komme und wol gar antikisch würde. Nackt und steif und häßlich kann sie freilich damit werden, ohne ein Gutes zu erbeuten, was ihre ältere Schwester mit Nacktheit und Nässe erreicht. Das Bedürfniß einer fremden Kunst zum Wesen der seinigen zu machen und darüber die Vortheile der seinigen verlieren, so etwas kommt meistens aus dem lieben Modeln und Vergleichen. Jüngste Gerichte voll Fleisch wie Heu, und Dianenbäder wie Fleischmärkte! Nichts ist lächerlicher, als Statuen aufs Brett zu kleben und da Kleider gar zu netzen , wo Alles blühn und duften soll. »Aber die alten großen Maler ahmten doch Bildsäulen nach; von Raphael hat man ja so manche Märchen, daß er  .« Das ahmten sie aber nicht nach, was nicht aufs Brett gehört, ohne daß es dadurch dreimal Brett wurde. Eben jene alten großen Maler, welch großes Gefühl hatten sie vom Wurf der Kleider ! wie eben hier die Malerei in ihrem Zauberlande des schönen Truges, in der Werkstätte ihrer Allmacht mit Licht und Farbe sei! Daß dieses Kleid rausche und jenes dufte und schwebe; daß man hier in die Falten des Gewandes greift und glaubt, da es doch nur Fläche ist, so tief zu greifen; daß diese Farbe, dieser Grund jene Figuren so himmlisch mache, so höhe und hebe, jener Wurf, jener Wechsel dem Ganzen Lieblichkeit, Anmuth, Mannichfaltigkeit gewähre: was ich hier so allgemein, so unbestimmt sage, welcher Liebhaber, welcher Meister hat's nicht in tausend einzelnen Fällen, mit tausend Kunstgriffen und Meisterzügen erprobt? Malerei ist Repräsentation , eine Zauberwelt mit Licht und Farben fürs Auge; dem Sinne muß sie folgen, und was ihr der Sinn für Zauberstäbe gewährt, darf sie nicht wegwerfen. Selbst im Reizbaren zur Verführung ist das Nackte in beiden Künsten gar nicht dasselbe. Eine Statue steht ganz da, unter freiem Himmel, gleichsam im Paradiese: Nachbild eines schönen Geschöpfs Gottes, und um sie ist Unschuld. Winckelmann sagt recht, daß der Spanier ein Vieh gewesen sein muß, den die Statue jener Tugend zu Rom lüstete, die nun die Decke trägt; die reinen und schönen Formen dieser Kunst können wol Freundschaft, Liebe, tägliche Sprache, nur beim Vieh aber Wollust stiften. Mit dem Zauber der Malerei ist's anders. Da sie nicht körperliche Darstellung, sondern nur Schilderung, Phantasie, Repräsentation ist, so öffnet sie auch der Phantasie ein weites Feld und lockt sie in ihre gefärbten, duftenden Wollustgärten. Die kranken Schlemmer aller Zeiten füllten ihre Cabinette der Wollust immer lieber mit unzüchtigen Gemälden als Bildsäulen; denn in diesen, selbst in schlummernden Hermaphroditen, ist eigentlich keine Unzucht . Die Chäreen alt und neu erbauen sich lieber an Gemälden des Schwans mit der Leda Mit Beziehung auf Ter . Eun., III, 5, 36-43.   D. als an ganzen Vorstellungen desselben. Die Phantasie will nur Duft, Schein, lockende Farbe haben; mit der treuen Natur der ganzen Wahrheit sind ihr die Flügel gebunden, es steht zu wahr da. Die Bildsäule bleibt immer nackt stehen, aber die schöne Danae von Titian muß weislich ein Vorhängchen decken: es ist die Zaubertafel für einen verdorbenen Sinn, der, verlockt, gar keine Grenzen kennt. Auch hieraus ergiebt sich, warum die Neuen den Alten in schöner Form weiter nachbleiben als im schönen Anschein . Schöner Anschein kann Manches werden, was gerade nicht schöne Form und die tiefgefühlte, treue, nackte Wahrheit ist; zu dieser zu gelangen, sind unstreitig jetzo viel weniger Mittel als voraus. Winckelmann IV. 1, 5-10.   D. hat's unverbesserlich gesagt, was unter dem schönen griechischen Himmel, in ihrer Frei- und Fröhlichkeit von Jugend auf, bei ihren unverhüllten Tänzen, Kampf- und Wettspielen das Auge des Künstlers gewann. Nur die Formen können wir treu, ganz, wahr, lebendig geben, die sich uns also mittheilen, die durch den lebendigen Sinn in uns leben. Es ist bekannt, daß einige der größten neuern Maler nur immer ihre geliebte Tochter oder ihr Weib schilderten, unstreitig, weil sie nichts Anders in Seele und Sinnen besaßen. Raphael war reich an lebendigen Gestalten weil seine Neigung, sein warmes Herz ihn hinriß und alle diese, erfühlt und genossen, sein eigen waren. Er gerieth dabei auf Abwege, endete früh sein unersetzliches Leben: und manche Trödelköpfe kennen es gar nicht begreifen, wie der himmlische Raphael irdische Mädchen geliebt habe. Bekam er von ihnen nicht seine Umrisse, seine warmen lebendigen Formen? vom Himmel und kalten Statuen allein würde er sie nicht bekommen haben. Und doch war Raphael noch kein Praxiteles, kein Lysippus, der ohne Zweifel diese Formen so ursprünglich erkennen mußte, als Bildhauerei nicht schildert , sondern schafft und darstellt . So lange also nicht das griechische Zeitalter der Knaben- und Mädchenliebe in seiner offnen Jugendunschuld als Spiel und Freude zurückkehrt; so lange der Künstler steife Modelle von Fischbeinröcken und Schnürbrüsten sieht und ja nichts weiter: so ist's nur Thorheit, griechische Bildkunst erwarten oder hervorbringen zu wollen. Sein Sinn versagt ihm; soll er Engelsformen, Apollos- und Hurisgestalten aus der Luft greifen? Daher gegriffen, sind sie Schaumblasen, die zergehen, ehe er sie der Hand, viel weniger dem Stein einverleibt. Mit einem großen Theil der Malerei, freilich nicht mit dem, der auch schöne Formen enthält und als lebendiger Traum zunächst an jene wachende Wahrheit grenzt, ist's anders. Ein neuer, sehr denkender Künstler, Falconet , hat Manches für die reiche und (kurz zu sagen) malerische Bekleidung der Bildsäulen gesagt, was in unsern Zeiten, da den meisten Anschauenden die Bildnerkunst selbst nur Malerei ist, wahr sein kann; mich dünkt indessen, es gelte nur als Ausnahme und Hilfe, weil wir zur nackten Fülle der Alten nicht mehr kommen können und uns also diesen Mangel durch den Wurf der Kleider ersetzen mögen, die in der Bildnerei doch nie mehr Kleider sind.   H.   2. Warum wird die Bildsäule durch Färbung nach der Natur und ähnliche Anwürfe nicht schön, sondern häßlich, da doch in der Malerei Farbe so große Wirkung thut? * Antwort . Weil Farbe nicht Form ist, weil sie also dem verschlossnen Auge und tastenden Sinne nicht merkbar wird, oder merkbar sogleich die schöne Form hindert. Sie ist Sandkorn, Tünche, fremder Anwuchs, worauf wir stoßen, und der uns vom reinen Gefühl dessen, was die Natur sein sollte, wegzeucht. * Die obengesetzte und oft aufgeworfene Frage ist bisher meistens anders beantwortet worden: »durch Farbe werde die Aehnlichkeit zu groß, die Aehnlichkeit zu ähnlich, gar identisch mit der Natur, das sie nicht sein soll; man könne die bemalte Statue in der Entfernung gar für einen lebendigen Menschen halten, darauf zugehen« u. dergl. Wer von diesen Ursachen etwas versteht oder sich mit ihnen befriedigen kann, dem beneide ich seine Zufriedenheit nicht. Man hat ebenmäßig gefragt: »ob Myron's Kuh mehr gefallen würde, wenn man sie mit Haaren bekleidete«, und es scharfsinnig verneint, weil sie sodann einer Kuh zu ähnlich wäre. Kuh einer Kuh zu ähnlich? das ist Kuh, aber zu sehr Kuh? Ich antworte geradehin: weil sie sodann für die Kunst gar nicht mehr Kuh, sondern ein ausgestopfter Haarbalg wäre. Schleuß das Auge und fühle: da ist weder Form noch Gestalt mehr, geschweige schöne Form, schöne Gestalt. Wenn dort der Hirte Myron's eherne Kuh wegtreiben wollte, Vgl. das Epigramm Anthol., IX. 715. 730.   D. so wird diese weder Hirte noch Künstler berühren; denn sie ist »einer Kuh gar zu ähnlich und doch nicht Kuh«, das ist Popanz. Viel feinere Sachen als Tünche und Kuhhaut müssen von der Statue wegbleiben, weil sie dem Gefühl widerstehen, weil sie dem tastenden Sinn keine ununterbrochene schöne Form sind. Diese Adern an Händen, diese Knorpel an Fingern, diese Knöchel an Knieen müssen so geschont und in Fülle des Ganzen verkleidet werden, oder die Adern sind kriechende Würme, die Knorpel aufliegende Gewächse dem stillen, dunkeltastenden Gefühl. Nicht ganze Fülle eines Körpers mehr, sondern Abtrennungen, losgelöste Stücke des Körpers, die seine Zerstörung weissagen und sich eben daher schon selbst entfernten. Dem Auge sind die blauen Adern unter der Haut nur sichtbar; sie duften Leben, da wallt Blut: als Knorpel und Knochen sind sie uns fühlbar und haben kein Blut und duften kein Leben mehr, in ihnen schleicht der lebendige Tod. Ganz anders, wie sich die Adern der Bildsäule beleben, wenn sie unter den Händen des Künstlers und Liebhabers weicher, lebendiger Thon wird. Es ist, als regten sie sich und wallten und lebten , aber nicht in aufgelaufenen Stricken; »ein himmlischer Geist,« sagt Winckelmann , XI. 3, 11, wo am Schlusse steht: »hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfüllet«.   D. »der sich wie ein sanfter Strom ergossen, hat den Umfang der Gestalt erfüllt.« Alles also lebt, und der ruhige Sinn in seiner dunkeln Umschränktheit kann, je weniger er losgebunden und zertheilt fühlt, so mehr im großen Ganzen ahnen . Die alten Künstler sind in Bildung der Haare sehr berühmt und gepriesen, mehr aber von Künstlern und Literatoren gepriesen als von Theoristen verstanden. Wo und wie haben sie Haare gebildet? Wo und wie sie sich bilden und auch vom Blinden als Zierde der schönen Form tasten ließen. Das zierende Haupthaar der Götter und Göttinnen (denn ein kahlköpfiger Römer ist immer ein dürftiges überaltes Geschöpf) machten sie zum Körper , ohne daß es Steinklumpe würde; es fällt in schönen schweren Locken herab oder ist bei Weibern, wo es zarter sein mußte, aufs Haupt gebunden und nicht um den Kopf fliegend. Keiner Bacchante flattert's, denn es kann ja nicht flattern; dem schnellgehenden zornigen Apollo ist's »wie die zarten und flüssigen Schlingen edler Weinreben, gleichsam von einer sanften Luft bewegt, das Haupt umspielend«. Winckelmann a. a. O.   D. Bei Andern liegt's wie eine schöne Decke (ἐξουσία) In der späteren Bedeutung »Pracht«, also zur Bezeichnung des Schmuckes. Vgl. S. 245, Z. 8 v. u.   D. hinauf, bei Andern in tiefen Furchen hinunter. Nie aber fährt's wie einer gemalten Eva längelang hinunter, der Gestalt den Rücken zu rauben, und selbst bei einer Aphrodite aus Muschel oder Bade Ueber den Ausdruck eine Venus aus dem Bade vgl. Heyne 's »Sammlung antiquarischer Aufsätze« (1778), S. 145. Derselbe gedenkt S. 127 der Venus auf einer Muschel , die von zwei Tritonen in die Höhe gehalten wird.   D. fällt's, obwol naß und klettenweise, doch wohlgeordnet und nicht waldicht hinab; denn dem Gefühl müssen die Haare nie Wald, sondern sanfte, nachgebende Masse werden, die sich endlich selbst verliert. Der Malerei sind sie Farbe, Schatte, Schatirung; die kann sie schon freier ordnen. Es ist bekannt, mit welcher Feinheit die griechischen Künstler die Augenbranen Vgl. Herder's Werke, X. S. 11.   D. ihrer Statuen angedeutet haben; angedeutet , in einem feinen, scharfen Faden , und nicht in abgetrennten Haaren oder Haarklümpchen gebildet . Winckelmann hält diese Andeutung für Augenbranen der Grazien, Geschichte der Kunst, V. 5. 24.   D. und ich halte sie auch dafür   in der Kunst nämlich. In der Natur ist der nackte, scharfe Faden ganz etwas Anders, und auch griechische Natur war und ist's nicht, wie kein Reisebeschreiber berichtet oder gesagt hat. Gnug, in der Kunst sind sie Augenbranen der Grazien dem sanften stillen Gefühl . Was sollten da die Büsche ( stupori ) oder die sich sträubenden Bogen? Wer hat nicht gesehen, wie bei abgenommenen ersten Gipsabdrücken eines Gesichts jedes einzelne Haar so widrig und unsanft thut als jede Pockengrube oder jede fatale Unebenheit und Lostrennung vom Antlitz. Die einzelnen Härchen schauen uns durch; es ist wie eine Scharte im Messer nur etwas, was die Form hindert und nicht zu ihr gehört. Der griechische Künstler deutete also nur an , er setzte fürs Gefühl die Grenze zwischen Stirn und Auge wie eine sanfte Schneide hin und ließ dem Sinn, der darüber gleitet, das Uebrige ahnen . Einige Statuen haben Augapfel . Wo es erträglich sein soll, muß er nur angedeutet sein, und die meisten und besten haben keinen . Es war schlimmer Geschmack der letzten Jahrhunderte, da man, statt schön zu machen, reich machte und Glas oder Silber hineinsetzte. Ebenso war's Jugend der Kunst, die noch aus hölzernen Denkmalen hervorging, da man die Statuen färbte . In den schönsten Zeiten brauchten sie weder Röcke noch Farben, weder Augapfel noch Silber, die Kunst stand wie Venus nackt da, und das war ihr Schmuck und Reichthum. Daß für die Malerei dies Alles anders sei, sieht Jeder. Die ist fürs Auge und spricht fürs Auge; denn Farbe ist nur der getheilte Lichtstrahl, die Augensprache. In ihr kann das Haar schweben und duften und wie Seide spielen und schlingen und sich umwinden. Die Werke der Malerei sind nicht blind, sie schauen und sprechen: das allgegenwärtige Licht kann einen hellen Punkt zum Auge , das in die Seele geht, beleben ; es ist ja Farben-, Zauber- und Lichttafel .   3. Wie weit kann die Bildnerei Häßlichkeiten bilden und die Malerei Häßlichkeiten malen? * Antwort . So weit jeder Kunst es ihr Sinn erlaubt, das Gesicht dem Gemälde, dem Bilde das Gefühl. Beide aber stehn mit nichten auf einem Grunde. * Jener Maler, der einen verwesenden Leichnam so hinzauberte, daß, nicht wie in Poussin 's Gemälde, der Zuschauer auf der Tafel, sondern jeder leibhafte Zuschauer selbst sich die Nase zuhalten mußte, wenn anders das Märchen wahr ist, war gewiß ein ekler Maler. Der Bildner aber, der einen Leichnam, die abscheuliche Speise der Würmer, unserm Gefühl also grausend vorbildete, daß dies in uns überginge, uns zerrisse und mit Eiter und Abscheu salbte   ich weiß für den Henker unsers Vergnügens keinen Namen. Dort kann ich mein Auge wegwenden und mich an andern Gegenständen erholen; hier soll ich mich blind und langsam durchtasten, daß alle mein Fleisch und Gebein sich zernagt fühlt und der Tod durch meine Nerven schauert! Aristoteles entschuldigt häßliche Vorstellungen in der Kunst durch »die Neigung unsrer Seele, sich Ideen zu erwecken und an der Nachahmung zu vergnügen«; Bei Aristoteles findet sich dies nicht.   D. wo Beides geschehen kann , und wo das Vergnügen dieser Ideenerwerbung das Gefühl der Häßlichkeit übergeht , mag die Entschuldigung gelten. Nun aber wissen wir Alle, das Gefühl ist zu dieser betrachtenden Contemplation und Ideenweckung der dunkelste, langsamste, trägste Sinn; da er doch im Erfinden der schönen Form der erste und Richter sein muß. Er, Ideen und Nachahmung vergessend, fühlt nur, was er fühlt ; dies regt seine innere Sympathie dunkel, aber um so tiefer. Eine zerstörte, häßliche, mißgebildete Gestalt, der zerfleischte Itys , Nach der Sage von Tereus und Prokne .   D. ein Hippolytus auf Euripides' Bühne, Medea in allen Verzerrungen ihrer Wuth, Philoktet in den ärgsten Zuckungen seiner Krankheit, gar ein Sterbender im Todeskampf, ein Verwesender im Kampf mit den Würmern   grausende Objecte für die langsame fühlende Hand, die statt Ideen Abscheu und statt Nachahmung dessen, was ist, schreckliche Zerrüttung dessen, was nicht mehr ist , wahrnimmt. Grausame Kunst! gebildete Mißbildung! Wenn der heilige Bartholomäus da halb geschunden, mit hangender Haut und zerfleischtem Körper vor mich tritt und mir zuruft: Non me Praxiteles, sed Marcus finxit Agrate! Wunderliche Aufschrift der Bildsäule des h. Bartholomäus mit abgeschundener Haut von Marco Agrate im Dom zu Mailand, die ein vollständiges anatomisches Modell ist.   D. und ich soll seine schrecklich natürliche Unnatur durchtasten, durchfühlen: grausamer Gegenstand, schweig und weiche! Kein Praxiteles bildete Dich; denn er würde Dich nie haben bilden wollen . Dich, wie Du bist, aus dem Steine hervorzufühlen, hervorzuschinden, welcher Grieche würde das vermocht haben? Nun sieht Jedweder, daß, was von der Bildhauerei gilt, nicht sofort von Malerei und von allen schönen Künsten, selbst wenn's nur Gemmen und Münzen wären, statthabe. Einige neue ekle Herren haben über diese so unterschiedenen Dinge aus einem Topfe das Loos geschüttet und zu Häßlichkeiten gezählt, was weder Gott noch Menschen Nach Horaz (A. P. 373) »non di, non homines« .   D. dafür erkennen, was ihnen in ihrer Vornehmheit nur diesmal so dünkte. Löwe und Tiger, Schlange und Eidechse, Nilpferd und Krokodil, sind sie deswegen häßlich , weil sie schrecklich sind, weil sie uns Grausen oder Furcht erregen? Der Löwe, welch ein schönes Thier ist er, auch in der Kunst des Bildners! Die Schlange, wie sanft windet sie sich den Stab Aesculap's hinauf, und die Schildkröte, ist sie ein unwürdiges Fußgestell für Gott oder Göttin, da ja selbst der Panzer der Minerva Furcht und Schrecken, Schlangen und Medusen darstellt? Niemand wird's in den Sinn kommen, solche Geschöpfe für das Hauptwerk der Kunst zu halten; der Mensch thront auf ihrem Altar, ihm ist die Bildsäule heilig: aber nun, als Beigeräth, als Nebenwerk, als Fußschemel, welcher Thor darf da verbieten und untersagen, weil das Geschöpf Gottes ihm häßlich dünkt und er sich für der Spinne fürchtet? Wie manches edle Pferd hat mehr die Statue verdient als sein Reiter! auch hat Pindar ihm oft und ja unser Herr Gott selbst ihm die prächtigste Ehrensäule gestellt. Hiob 39, 19-25.   H. Allerdings hat jedes Thier, von je schönerer, unabgebrochenerer Form es ist, je mehr es sich schlingt und windet, je näher es endlich Göttern und Menschen kommt und zu ihren Füßen dient, auch so mehr Anrecht auf Bildung von menschlichen Händen ; aber das versteht sich von selbst, und ein treuer Hund, ein schönes Pferd wird ohne Zweifel lieber und mehr gebildet werden als ein gepanzertes Nilpferd oder der Knochenberg vom Elephanten. Ihrer Natur nach und an ihrer Stelle ist aber die Eidechse so unhäßlich als Leda's Schwan oder der Delphin, der sich um den Fuß der Meeresgöttin schmiegt. Auch hier unterschieden die Begriffe der Alten feiner und wahrer. Ein Centaur , ein Minotaur , warum sollte er nicht gebildet werden? Siehe, wie schöne Ueberschriften die griechische Anthologie auf beide liefert, wie mächtig schön ihr der Mensch aus dem Pferde hervorgeht und der Mensch sich mit dem Pferde bäumt! Anthol . 1. IV. c. 7.   H. [Nach Reiske . Anth. Gr., IV. 115. 116. 126.   D. Silenen, Faunen, Satyrs   wir ekeln Neuern nennen sie häßliche Mißgeburten , weil sie keine Apollos sind; die Alten nicht also. Ihnen war hier das Schwänzchen, dort der Bockfuß, hier das Hörnchen nicht ekel, wenn das Bild nur da stand, wohin es gehörte; uns Neuern soll Alles Altarblatt im Tempel der heiligen Theoria werden. Selbst das Kalydonische Schwein war gut und verdiente eine Inschrift, Vgl. Anthol., XV. 51.   D. wenn es war, was es sein sollte. Wo die Alten Häßlichkeit vermieden, war, wo sie vermieden werden muß, in menschlichen , zumal göttlichen Körpern . Da haben Lessing Laokoon, S. 9 ff.   H. und Winckelmann Geschichte der Kunst, S. 142 f. [ V. 3, 11].   H. es gnug erwiesen, wie sie auch in Affect, im Leiden , im Mißtone so viel möglich die Mißform vermieden. Sie wählten den besten Augenblick, stimmten das Höchste zum Sanften hinunter oder mischten ein Fremdes als Linderung in die Züge. So Medea, Niobe, Laokoon. Philoktet hinkte, aber noch ein Held, der auch also gesehen zu werden verdiente. Alexander's schiefen Hals wandte Lysippus, daß er nach dem Himmel sah und sich als Herren der Welt fühlte. Die Nachahmung εις τό κειρον war bei Strafe verboten. Der Sieger mußte dreimal gesiegt haben, wenn ihm die ikonische Statue erlaubt war; eine veredelte war ihm erlaubt beim ersten Siege. Plin . N. H., XXXIV. 9.   D. Mich dünkt, dies waren die besten Wege und die besten Schranken, Häßlichkeit der Formen zu vermeiden; eine Häßlichkeit, die leicht vermieden werden kann , weil sie hervorzubringen, hervorzufühlen Mühe kostet, die aber auch, wenn sie da ist, ewig bleibt, sich als Natur, als dargestellte Wahrheit unvermerkt eindrückt und Geschlechter hinab Unheil anrichtet. Was Häßlichkeit in Formen für Wirkung thue, und wie sie selbst lesend uns Nervenbau und Gehirn zerreiße, versuche man an der Beschreibung des angenehmsten Reisebeschreibers von Sicilien, Brydone .   H. in der er den Zauberpalast des wahnsinnigsten menschlicher Dämone Des Prinzen Pallagonia zu Palermo. Vgl. Goethe's Brief aus Palermo vom 9. April 1787.   D. mittheilt. Es wäre hart, ein Gesetz, das sich offenbar nur und zuerst auf Form, ganze leibhafte Form bezieht, sofort auf jeden Anschein, Schatten und Farbenwinkel einer andern Kunst auszubreiten, die nichts von Form weiß. Malerei ist eine Zaubertafel, so groß als die Welt und die Geschichte, in der gewiß nicht jede Figur eine Bildsäule sein kann oder sein soll. Auch ich liebe das Schöne mehr als das Häßliche und mag Verzerrungen so wenig auf Tafel als in Gestalt täglich vor den Augen haben; indessen sehe ich doch ein, daß eine zu große Zärtlichkeit, ein zu vornehmer Abscheu uns endlich die Welt so enge macht als unser Zimmer und die neuesten, tiefsten Quellen der Wahrheit, der Rege, der Kraft zuletzt zur elenden Pfütze austrocknet. Im Gemälde ist keine einzelne Person Alles; sind sie nun alle gleich schön, so ist keine mehr schön. Es wird ein mattes Einerlei langschenklichter, geradnäsiger sogenannter griechischen Figuren, die alle da stehn und paradiren, an der Handlung so wenig Antheil nehmen als möglich und uns in wenigen Tagen und Stunden so leer sind, daß man in Jahren keine Larven der Art sehen mag. Ich gebe es gern zu, daß es besser sei, wenn Gott die Hauptperson oder Hauptpersonen des Gemäldes schön, als wenn er sie häßlich gemacht hat; aber nun auch jede Nebenperson ? jeden Engel, der im Winkel oder hinter der Thür steckt? Und nun, wenn diese Lüge von Schönheit sogleich der ganzen Vorstellung, der Geschichte, dem Charakter, der Handlung Hohn spricht und diese jene offenbar als Lüge zeiht! Da wird ein Mißton , ein Unleidliches vom Ganzen im Gemälde, das zwar der Antikennarr nicht gewahr wird, aber der Freund der Antike um so weher fühlt. Und endlich wird uns ja ganz unsre Zeit , die fruchtbarsten Süjets der Geschichte , die lebendigsten Charaktere , alles Gefühl von einzelner Wahrheit und Bestimmtheit hinwegantikisirt. Die Nachwelt wird an solchen Schöngeistereien von Werk und Theorie stehen und staunen und nicht wissen, wie uns war, zu welcher Zeit wir lebten, und was uns denn auf den erbärmlichen Wahn brachte, zu einer andern Zeit, unter einem andern Volk und Himmelsstrich leben zu wollen und dabei die ganze Tafel der Natur und Geschichte aufzugeben oder jämmerlich zu verderben . So viel vom großen Gesetz der häßlichen Schönheit in einer Kunst, die Phantasie des Augenscheins und eine Tafel der Welt ist.   4. Wie weit sind die Formen der Sculptur oder die Gestalten der Malerei einförmig und ewig oder den Modebegriffen verschiedener Zeiten und Völker unterworfen und mit ihnen wandelnd? * Antwort . Die Formen der Sculptur sind so einförmig und ewig als die einfache reine Menschennatur; die Gestalten der Malerei, die eine Tafel der Zeit ist, wechseln ab mit Geschichte, Menschenart und Zeiten. * Wenn ein ganzes Land gespitzte Schnürleiber und kleine chinesische Füße für schön hielte, vor ihnen auf Ruhebetten und Sophas wie vor Altären des Reizes kniete: setzet die Füße als Bildsäule aufs Postement, und wenn Ihr wollt, die engen Schuhe und Stelzenabsätze drunter, und es darf kein Wort mehr über sie gesagt werden   sie sprechen selbst. Und die spitze Schnürbrust und der heraufgezwängte Busen und der thurmhohe Kopfputz und der breite Zeltenrock desgleichen. Im gemeinen Leben kann Einiges von diesen, und wenn Ihr wollt, Alles durch Nebenbegriffe , durch frühe und alte oder neue Gewohnheit gewinnen. Das kleine Gesicht kann unter dem hohen Kopfputz, der Busen über dem Trichter vom Leibe, der kleine Fuß unter dem breiten Zelt wohlthun, das ist, wie der große Montesquieu sagt, die Imagination aufwecken, daß sie herauf- oder herabschlüpfe, was doch von Allem sehr oft Zweck und Absicht allein ist. Nun stellt aber die ganze Figur mit Thurm, Zelt und umgekehrtem Kegel als Bildsäule dahin, und die Imagination schlüpft wahrlich nicht mehr. Es ist ein häßliches Unthier von Lüsternheit und gothischem Zwange, das den Leib verunstaltet und alle gute Formen vernichtet. Hat die Gestalt noch Rest von Gefühl, wie wird sie sich die grobe Taille oder den plumpen Silberfuß einer griechischen Ceres oder Thetis wünschen! Demeter erscheint in vollständig umhüllender Kleidung. Silberfüßig nennt Homer die Thetis , deutet aber damit nur auf die blendende Weiße ihrer Füße.   D. Die Bildsäule steht also als Muster der Wohlform da, und auch in diesem Betracht ist Polyklet's Regel das bleibendste Gesetz eines menschlichen Gesetzgebers. Vgl. Herder's Werke, IX. S. 96.   D. So wie es einen Strich auf der Erde giebt, in dem die schöne, regelmäßige Bildung Natur ist, so gab Gott einem Volk dieses Erdstrichs Raum und Zeit und Muße, in ihrer Jugend und Lebensfreude das Werk , das aus seiner Hand kam, ganz und rein und schön sich zu ertasten und in dauernden Denkmalen für alle Zeiten und Völker zu bilden . Diese Denkmale sind die classischen Werke ihrer fühlenden Hand, wie ihre Schriften des feinfühlenden menschlichen Geistes; im stürmigen Meer der Zeiten stehn sie als Leuchtthürme da, und der Schiffer, der nach ihnen steuert, wird nie verschlagen. Es ist traurig und ewig unersetzlich, aber vielleicht gut, daß die Barbaren viel von ihnen zerstört haben. Die Menge könnte uns irre machen und unterdrücken, so wie in der Stadt, die noch jetzt die meisten besitzt, es vielleicht den wenigsten Geist giebt, der, ihrer werth, sie umfange und verneue. Auch sollen sie nur Freunde sein und nicht Gebieter, nicht unterjochen, sondern, was auch ihr Name sagt, Vorbild sein, uns die Wahrheit alter Zeiten leibhaft darstellen und uns in Uebereinstimmung und Abweichung auf die Lebensgestalten der unsern weisen. Zu bewundern ist daher auch die große Einfachheit , mit der sie da stehn und selbst dem dunkelsten Sinne zeugen. Nichts ist ungewiß für ihn gelassen, nichts verworren oder verstümmelt. Keine widrigen Attribute, keine Binde z. B. um den Mund, da der tastende Sinn statt Mundes ein Maultuch findet, keine Hunds- und Hirschköpfe als Allegorien und Embleme, selbst die nothwendigsten Attribute so abgetrennt und abgesetzt als möglich. Hercules' Löwenhaut ist nicht um ihn, höchstens um seinen Arm geschlungen, oder er selbst statt Löwenfelles und Löwens. Die Göttin der Liebe ohne drückende Attribute; sie selbst ist Göttin der Liebe, in nackte Reize gekleidet. Den Laokoon haben die Drachen umschlungen, aber nicht, wie's Virgil beschreibt, daß er, um Hals und Brust und Bein dreimal umwunden, Virg . Aen., II. 218, wo aber nur zweimal steht.   D. dem Gefühl des Nichtsehenden mit ihnen zusammengewachsen, ein grauser Menschen- und Schlangenkörper erscheine. Er strebt nur mit Füßen und Händen, und auch von diesen ist sein linker Arm frei und faßt den Drachen. So er und seine Kinder: Vater und sie sind ein Geschlecht, die Drachen sind ihre Feinde, die sie jetzt nur alle zu Einem binden. Auch an kleinen Theilen des Körpers (meistens verstümmelt oder gar nicht zu uns gekommen) sind die Attribute abgesetzt, bestimmt und deutlich . Die Gestalt der Götter und Göttinnen war den alten Künstlern so bestimmt, daß keine Attribute nöthig waren, und außer ihnen war den Bildsäulen meistens nur die älteste Helden- und Fabelgeschichte, insonderheit nach Homer, heilig; das Uebrige mußte Sage und Zuschrift ausrichten. Kurz, sie gaben Umriß, Gestalt und Charakter so bestimmt und in so wenigen Zügen an, daß es nur wie ein Sternkreis von Göttern und Menschen sein sollte, den die schreitende Sonne jahrab jahrein durchwandert. Heil Euch, Ihr Edeln, die diese Ruhestätten und Herbergen an die Feste des Firmaments menschlicher Formen setzten: Eure Asche ruhe sanft und Eure Werke bleiben! Es wäre übel, wenn es sich mir der Malerei so einförmig verhielte; denn hier ist nichts zu fassen und zu halten, sie ist die ganze Zauberwelt Gottes auf der Lichttafel . Nichts als das Licht macht ihre Einheit, aber große, unaussprechliche Wundereinheit , bei allem Zauber des Neuen und Mannichfalten. Die Bildsäule hat kein Licht; sie steht sich unaufhörlich selbst im Licht, sie ist für einen andern, umfassenden Sinn gearbeitet. Von einem Lichtpunkt der flachen Tafel ergießt sich ein Zaubermeer nach allen Seiten, das jeden Gegenstand wie in neuer, eigner Schöpfung bindet. Ich weiß nicht, wie manche Theoristen so verächtlich und zufällig von dem, was Haltung, Lichtdunkel heißt, haben sprechen können; es ist die Handhabe vom Genie eines jeden Schülers und Meisters, das Auge , mit dem er sah, das Strahlen - und Seelenmeer , mit dem er Alles begoß, und von dem ja auch jeder Umriß, jedes gepriesene Angesicht abhängt. Wer für dies geistige Lichtmeer der Gottheit durch eines Menschen Antlitz in Gemälden oder Zeichnungen keinen Sinn hat, der lasse sein Kind sich Farben klecken und schaue. Dies Eine, das Lichtorgan Gottes, die Zauberwelt der Haltung ist in der Malerei, obwol nach jedes neuen Meisters Sinne, bleibend ; das Andre, sofern es nicht von der fixen Bildhauerkunst und also von Todten borgt, ist eine Zaubertafel auch in der Verwandlung , ein Meer von Wellen, Geschichten und Gestalten, wo eine die andre ablöst. So muß es auch sein, und nur der Geist des Künstlers und daß Organ des ewigen Schöpfers bleibe!   Dritter Abschnitt. Es ist ein angenommener Satz unter den Theoristen der schönen Künste, daß nur die beiden feinern Sinne uns Ideen des Schönen gewähren, daß es also auch nur für sie , für Auge und Ohr, schöne Künste gebe . Der Satz ist demonstrirt, folglich muß er wahr sein, und da aus ihm so viel andre Sätze demonstrirt sind und das Kartenhäuschen der Theorie aller schönen Künste und Wissenschaft doch so wohlbestallt dasteht, »durch die Stäbe der Schreiber gemessen und geordnet«, Richt. 5, 14; 4. Mos. 21, 18.   H. so soll mein Stab ihnen mindestens nicht näher kommen, als der Bildsäule, die ich betrachte, Raum zu stehen noth ist. Mich dünkt, Pater Castell's Farbenclavier Vgl. darüber Goethe's »Geschichte der Farbenlehre«.   D. hat gnug gezeigt, was eine schöne Kunst von Farben fürs Gesicht sei, und was sie für Wirkung thue. Es sind viel falsche oder Halbgründe angeführt, warum diese Kunst nicht gelang; der wahre, mindestens der natürlichste ist der, daß das Gesicht ohne Beitrag wesentlicherer Sinne nur eine Licht- und Farbentafel , mithin das flachste, gedankenloseste Vergnügen gewähre. Ein Schaugeschöpf ohne Hände, ohne Gefühl von Formen, und was sich durch Formen äußert, kurz, ein Vogelkopf kann sich daran erbauen, Niemand anders. Auch in der Malerei müssen Formen der Dinge die Grundzüge , die Substanz der Kunst werden; nur wie sie das Licht zeigt, bindet und bestrahlt. Da nun Formen aus einem andern Sinn sind, so muß ja dieser Sinn auch empfängig sein der Begriffe des Schönen , weil ja selbst der hellste Sinn ohn' ihn nichts vermag. Das Auge ist nur Wegweiser, nur die Vernunft der Hand; die Hand allein giebt Formen , Begriffe dessen, was sie bedeuten , was in ihnen wohnt . Der blinde, selbst der blindgeborne Bildner wäre ein schlechter Maler, aber im Bilden giebt er dem sehenden nicht nach und müßte ihn, gleich gegen gleich gesetzt, wahrscheinlich gar übertreffen. »Aber Hogarth 's Linie der Schönheit?« Diese Linie der Schönheit mit Allem, was daraus gemacht ist, sagt nichts, wenn sie nicht in Formen und also dem Gefühl erscheint. Kritzelt auf die Fläche zehntausend Reiz- und Schönheitslinien hin, sind sie an keiner Form und also in keiner Bedeutung, so thun sie dem Auge um ein klein Wenig mehr wohl als jedes Kindergewirre. Und wenn sie auch nur an Schnürbrust oder Topf erschienen, so erscheinen sie doch an etwas : also einem andern Sinne, also ursprünglich nicht dem Auge. Ich begreife es wohl, daß man die aufschwebende Lichtflamme nicht tasten und das wallende Meer in jeder Welle nicht als Solidum umfassen kann; daraus folgt aber nicht, daß unsre Seele sie nicht umfasse, nicht taste. Kurz, so wie Fläche nur ein Abstract vom Körper und Linie das Abstract einer geendeten Fläche ist, so sind beide ohne Körper nicht möglich. Es ist sonderbar, daß Hogarth , der die Reiz- und Schönheitslinie, wie man sagt, erfand , so wenig Reiz und Schönheit malte . Seine Formen sind meistens häßliche Caricatur, aber voll Charakter, Leidenschaft, Leben, Wahrheit, weil diese auf ihn drang, weil die sein Genius lebendig erfaßte . Er zeigte thätlich, was die gesunde Theorie noch mehr bestärkt, daß alle Umrisse und Linien der Malerei von Körper und lebendigem Leben abhangen, und daß, wenn diese Kunst nur Anschein dessen in einer Flächenfigur giebt, dies nur daher komme, weil sie nicht mehr geben kann. Ihr Sinn und ihr Medium, Gesicht und Licht , verbieten, mehr zu geben; sie kämpft aber, so viel sie kann, mit beiden, um die Figur vom Grunde zu reißen und der Phantasie Flug zu geben, daß sie nicht mehr sehe , sondern genieße, taste, fühle . Folglich sind alle Reiz- und Schönheitslinien nicht selbstständig , sondern an lebendigen Körpern ; da sind sie her, da wollen sie hin. Ich mache nur eine Anwendung. Was für ein Wagstück also, eine flache Linie hinzumalen und auf sie Dinge zu bauen, die eigentlich nur aus dem treusten Genuß und Gefühl und Innewerden des leibhaften Körpers entspringen können! Vorausgesetzt, daß diese Linie treu ist (und wie schwer es sei, einen Körper zur Fläche , ein ganzes Lebende in die Figur einer Linie zu bringen, weiß Jeder, der's versucht hat), gehört nun nicht noch immer der plastische Sinn dazu, die Linie wieder in Körper , die platte Figur in eine runde lebende Gestalt zu verwandeln ? Und wie Wenige das können, mag Gott und die Physiognomik wissen! Es könnte über und gegen das, was Silhouette , sbozzo, bloßer Umriß , gleichsam ein gezeichnetes Nichts ist, nie so viel Albernes gesagt sein, wenn allen Sehern Sinn beiwohnte, dies Nichts erst in ein treues Etwas zu verwandeln, ihm gerade nie mehr zu geben oder minder darin zu vermuthen, als eben nur dieser Umriß, das umschränkte Nichts zeigt. Denn eben dazu sagt's so wenig , um, was es sagen soll, scharf, treu und ganz zu sagen. Und eben das ist das sicherste Kennzeichen, daß wir, was es sagt, verstehen, wenn wir's uns körperlich machen können , daß die Silhouette als Büste da steht, daß sie lebe. Da dies aber so schwer ist; da die Silhouetten so schrecklich untreu, nachlässig und unwissend gezeichnet werden; da nicht jedes Gesicht im Profil gleich redend ist, um eine gute Silhouette, d. i. gnug Glieder der Verhältniß zu geben, aus denen die ganze lebende Form erhelle; da eine bestochene, fliegende oder feindselige Phantasie im schwarzen oder weißen Fleck eines Schattenbildes ebenso viel Spielraum findet, Alles hineinzuschreiben, was ihr gefällt: so ist wol nächst Gott und dem Gelde im letzten Lustrum unsers Jahrhunderts nichts, womit so viel Mißbrauch, Abgötterei, Verleumdung, Betrug und Thorheit gespielt wird als mit den Schattenbildern menschlicher Köpfe. Der erste Versuch der Malerei, den ein liebendes Mädchen machte, und der ewig nur liebhabenden Augen und Händen überlassen sein sollte, die Silhouette, ist jetzt den sieben Söhnen Sceva's preisgegeben, die alle den Teufel haben und (wie sie sagen, Lavatern nach , das ist, ganz ohne seinen Blick, Geist und Herz) aus Silhouetten weissagen und richten . Apostelg. 19, 13-16.   H. Gebt mir ein auch nur leidlich treues, leibhaftes Kopf- und Brustbild, so todt es übrigens sei (denn es ist nur die Larve vom Todten), auch nur die merkbarsten Scherben davon, und meine langsame Einfalt mag Euch Eure glorificirten Ideale und Anubis-Gestalten, ausgemalten Silhouetten und silhouettischen Gemälde noch eine Zeit lang gern schenken. Doch gnug geredet. Wir treten an eine Bildsäule, wie in ein heiliges Dunkel, als ob wir jetzt erst den simpelsten Begriff und Bedeutung der Form , und zwar der edelsten, schönsten, reichsten Form, eines menschlichen Körpers , uns ertasten müßten. Je einfacher wir dabei zu Werk gehen und, wie dort Hamlet sagt, alle Alltagscopien und das Gemal' und Gekritzel von Buchstaben und Zügen aus unserm Gehirn wegwischen, All trivial fond records, All saws of books. [Hamlet, I. 5 ].   H. desto mehr wird das stumme Bild zu uns sprechen und die heilige kraftvolle Form, die aus den Händen des größten Bildners kam und von seinem Hauch durchweht da stand, sich unter der Hand, unter dem Finger unsers innern Geistes beleben. Der Hauch Dessen, der schuf, wehe mich an, daß ich bei seinem Werk bleibe, treu fühle und treu schreibe!   Was im Haupt , unter dem Schädel eines Menschen wohne, welche Hand kann es fassen! welch ein Finger von Fleisch und Blut diesen Abgrund inwendig jährender oder stiller Kräfte ertappen an der äußern Rinde ! Die Gottheit selbst hat diese heilige Höhe, den Olympus oder Libanon unsers Gewächses, als den Aufenthalt und die Werkstätte ihrer geheimsten Wirkung mit einem Haine Das Haar.   H. bedeckt, mit dem sie sonst auch alle ihre Geheimnisse deckte. Vgl. Herder 's »Ideen«, III. 6; IV. 1.   D. Man schauert, wenn man sich das Rund umfaßt denkt, in dem eine Schöpfung wohnt, in dem ein Blitz, der da aus dem Chaos leuchtet, eine Welt schmücken und erleuchten oder eine Welt zerschmettern und verwüsten kann. Die nordischen Völker nannten den Himmel Ymer's Haupt und träumten ihn aus seinem Schädel entstanden; es ist wol auch Niemand, der, wenn die große und kleine Welt übereinstimmen und der kleine Mensch Begriff und Auszug der großen Schöpfung sein soll, die Aehnlichkeit dieses Gipfels, der Krone unsers Daseins, anderswo suchen werde als dort, wo das unermeßliche Blau über Dunst und Wolken ein Abgrund wird, den nur seine Hand umspannt und sein Geist durchregt. Mich dünkt, hier ist Alles Tiefe und Geheimniß, und ob es gleich scheint, daß bei anstrengender Arbeit wir die Kräfte der Sinne und Lebensgeister näher ihren Pforten und ihrer Tafel, dem Auge und der Stirn , die ewigern Kräfte hingegen näher dem Mittelpunkt und endlich den Hintertheil des Haupts als die Wand fühlten, die dem ganzen Spiel der Sinnen und Gedanken Rückhalt verlieh und Mauer schaffte. Obgleich Zufälle und Krankheiten Vieles hievon zu bestätigen scheinen, so ist doch offenbar dies innere Gewebe von zu verflochtner, feiner Art, als daß man mit Huarte Examen de ingenios para las sciencias , Cap. III.   H. ein Conclave von Cardinalkräften zimmern oder den innern Bau und Saft des Granatapfels nach seiner äußern Schale entwerfen könnte. Ahnen läßt sich allerdings Vieles, und bei einem mit dem Beil zugehauenen oder zum wässrigen Kürbiß hinaufgeschossenen oder zur leeren Dunstkugel geplatteten oder zu einem spitzigen Thersiteshöcker hinaufgeschrobnen Ilias, II. 219.   H. oder endlich gar zur brennenden Vulcanushöhle cyklopisirten Kopfe ahnt man mit Schauer. Mich dünkt indessen, das umfassende Gefühl fliehe die Linien . Die kleinste Wendung, das mindeste Weiterhinfühlen kann uns, sehr entschiedne Fälle ausgenommen, den blos sonderbaren Menschen oft zum Gott oder den Engel zum Teufel machen. Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, ohne der Geist des Menschen, der in ihm ist 1. Kor. 2, 11.   D. Durch die kleine Höhle Ohr und durch das, was nur Anschein einer Pforte ist, Auge , kommen zwei Wunderwelten von Licht und Schall, von Wort und Bildern in unsern Himmel von Gedanken und Kräften, die das wartende Meer desselben wunderbar durchweben, es erheben, scheiden und theilen, daß die äußere Hülle dieses Schatzes, und wäre sie auch zart wie eine Seifenblase, nimmer statt eines sichern und ganzen Auslegers sein kann. Welcher Palast oder Kaste voll Geheimnisses hat aufgeschrieben, was in ihm wohne? und wo das Innere von der Natur ist, daß es nicht aufgeschrieben und von außen bemerkt werden konnte ? Und was wäre dies eher als die Wohnung und Werkstatt der geheimsten göttlichen Kräfte? Das Gesicht ist Tafel und spricht, was es sprechen soll; was tiefer liegt, was die Gottheit selbst mit Nacht bedeckte   scrutari, scire nefas . Vgl. Hor . Carm., I. 11. 1; III. 29. 30.   D. Wie bedeutend indeß selbst der Hain dieses Olymp's, das Haupthaar , ist, mögen uns die alten Künstler in der so verschiedenen Bearbeitung desselben an ihren Göttern und Helden zeigen. Ueber Phidias kam Jupiter 's himmlischer Geist, als die ambrosische Locke desselben im Homer sank und Erd' und Himmel sich bewegten. Vgl. oben S. 231.   D. Wenn ein zornig schreitender Apollo , der von den Gipfeln des Olymp's kommt, χωόμενος ϰῆρ, Τόξ᾽ ὤμοισιν ἔχων ἀμφηρεφέα τε φαρέτρην· Ἔϰλαγζαν δ᾽ ἄρ᾽ ὀϊστοὶ επ᾽ ὤμων χωομένοιο, Αὐτοῦ ϰινηϑέτος, Ilias, I. 44-47.   D. unmöglich das Haar Alcides' , selbst wenn Dieser ebenso zornig mit seiner Keule schritte, und eine Diana niemals das Haar der Venus oder Rhea haben kann: so würde, wenn uns nicht durch elende Kunst und Mode hier alle Natur und Ansicht derselben genommen wäre, der tägliche Augenschein diesen reichen Text der alten Künstler erklären. So wie ich noch keinen harten Mann mit weichem Haar und kein wollenes Schaf mit Löwenmuthe gesehen habe, so wie beim jungen Hamlet nach dem, was sein Name sagt, seine knotted soul bis in die Haare steigt und da die combined looks bildet, Hamlet, I. 5: »Would harrow up thy soul, make-thy knotted and combined locks to part« .   D. die nachher As the sleeping soldiers in th' alarm His bedded hairs, like life in excrements Start up and stand on end, Nach Hamlet, III. 4.   D. so ist auch ihr natürlicher Wuchs , das Fallen oder Scheiteln oder Wirbeln der Haare von sonderbarer Bedeutung. Als Mohammed ins Paradies kam, sahe er den Moses mit Haaren wie Feuerflamme, den milden Jesus, als ob Milch und Wasser des Lebens ihm auf die Schultern flösse. Der Vater aller Götter und Menschen mit krausem Kopfe wäre lächerlich, nicht ehrwürdig: da könnte die schwere treffliche Locke, die vom erhabnen Scheitel herabfällt, nicht mehr den Olymp erschüttern. Wiederum gebe man einem Simson, wenn er die Philisternägel ausreißt, weiches, fließendes Haar, und sie werden wol stecken bleiben. Ich weiß nicht, welcher Philosoph es bemerkt hat, daß die Menschen mit vielen Wirbeln auch krauser Gedanken sind, die sich nicht eher ordnen und zur Ruhe legen, bis das liebe Alter freilich auch ihr Haar wie ihren Sinn schlichtet. Das alte Sprichwort: » Kurzer Sinn und langes Haar «, ist bekannt und ist wahr, wie etwa ein Sprichwort wahr sein kann. Was wiederum ein ausfallendes , ein frühe bleichendes Haar für Eindruck bei Dem, der es hat und der es sieht, mache, mag die Erfahrung zeigen. Wenn der Mandelbaum frühe blüht und die Höhe sich scheut und kahl wird, so ist's wol Krone, aber eine nur durch Sorgen errungene Krone. Oft glüht die Hitze das Haar weg, und das Haupt steht wie ein Berg in den Wolken, der höchste und über die andern wegsehend, aber nackt und traurig. Man sehe Swift's fürchterlich glänzende Glatze! Wie angenehm und bedeutend ist an Kindern ihr Haupthaar! Wie bei Plato Sokrates mit Phädon 's, Phäd., 38.   D. so spielt, dünkt mich, im Messias ein Engel mit Benoni 's Locke. Ist nicht der Fall.   D. Bei Weibern ist das Haar eine Decke der Zucht, die Schlingen und die Seidenbande der Amors, in deren jedem nach jenem alten orientalischen Wahn Myriaden der Engel wachen und wohnen. Das Haupt steht auf dem Halse , das ist, der Olympus auf einer Höhe, die Festigkeit und Freiheit oder Schwanensanftheit und Weiche zeigt, wo sie ist, was sie sein soll: ein elfenbeinerner Thurm , sagt das älteste und wahrste Lied der Liebe. Das Hohelied 7, 4.   D. Der Hals ist's, der eigentlich exserirt , nicht was der Mensch in seinem Haupt ist, sondern wie er sein Haupt und Leben trägt. Hier der freie, edle Stand oder das geduldige Vorstrecken, ein Opferlamm zu werden, oder die starke Hercules-Feste oder seine Mißgestalten, seine Krümmen und Verbergungen zwischen den Schultern, sein Bärenfett sammt dem Calecutischen Unterkinne und Wildenschweinsröcheln sind auch in Charakter, in That und Wahrheit unsäglich. Sowol was die Griechen den schönen Nacken , als was die Ungriechen Gurgel und Adamsapfel Auch Adamsbiß, Adamskröbs heißt der Knorpel der Luftröhre.   D. nennen, ist äußerst bedeutend. Ich komme zum Antlitz des Menschen , zur Tafel Gottes und der Seele. Heilige Decke, verbirg mir den Glanz und zeige mir Menschheit! Das Leuchten des Angesichts zeigt sich insonderheit auf der Stirn ; da wohnt Licht, da wohnt Freude, da wohnt dunkler Kummer und Angst und Dummheit und Unwissenheit und Bosheit. Kurz, wenn wir Gesinnung des Menschen im reinsten Verstande (sofern sie weder blos Sinn noch schon Charakter ist) meinen, so ist, glaube ich, dieses die leuchtende eherne Tafel. Ich bin zu einfältig, um philosophische und dichterische, politisch herrschende oder politisch dienende Stirnen zu sondern oder ins Cabinet zu reihen; aber das weiß ich nicht, wie je einem Anblickenden eine Stirn gleichgiltig sein kann. Hinter dieser spanischen Wand singen doch einmal alle Grazien oder hammern alle Cyklopen, und sie ist von der Natur offenbar selbst gebildet, daß sie das Angesicht solle leuchten lassen oder verdunkeln. Im obern Theile der Stirn zeigt sich unstreitig entweder jene Stiersdummheit, die von Natur ein Brett hat und nachher so oft eherne Mauer genannt wird; jene Buckeln und Knoten, wie auf Cuchullin's oder Achilles' Schilde, nur daß er, vielleicht zwar ein geerbter Väterschild, aber nicht mit der Figurenwelt Vulcanus' prangen möchte, oft ein biceps Parnassus, auf dem leicht zu schlummern ist, wenn man drauf ist; Mit Bezug auf Pers . Prol., 2.   D. oder jene flache Aufdachung, die auf dem Schindeldach gen Himmel steigt, und der es nie an System mangelt; oder endlich jene hohen Furchen Kronion's oder Kronus', die sorgenvoll uns oft zu Wolken heben, ohne zu wissen, was wir da thun und treiben sollen; oder endlich jene ὕλη, jenes repertorium universale, das sich meistentheils selbst nicht findet. Ich liebe mir die jugendliche griechische Stirn, die den Himmel niederdrückt und ihn nicht ins Unermeßliche wölbt. So wie der lieben Kindheit der Schleier der Haare über die Stirn fällt, daß dahinter der Same des Lebens in Zucht und Friede und seliger Dumpfheit wachse, so gehörte ein Bernini dazu, die perfrictam frontem Martial . XI. 27.   D. wieder hervorzubringen und auch den Statuen den Scheitel wegzureißen, der ja uns freilich minder als die seligen Götter kleidet. Seit es den Klugen der Welt oft selbst an Licht fehlt, haben sie den brettdurchbohrenden Blick nöthig, es von der Stirn Andrer zu lesen, die vielleicht gerade für sie kein Licht haben, und so hat sich rechts und links die aufgestriegelte glatte Mode tief hinunter verbreitet. Wer in einer Illumination nicht viel Licht hat, thut am Besten, wenn er sein Stümpchen vors Fenster stellt oder etwa gar sein Kaminfeuer dahin trägt: so geht's oft mit dem Licht unsrer Stirnen. Sie glänzen, daß man sich daran weder freuen noch wärmen kann und oft das Licht der Johanniswürmer lieber hätte. Wo sich die Stirn heruntersenkt, scheint Sinn in den Willen überzugehen. Als Juno den Hercules im Olymp sahe, mußte sie, dünkt mich, zuerst von dem Knoten seiner Stirn versöhnt werden, den sie ihm durch alle Sorgen und Gefahren und Kümmernisse ihres weiblichen Verhängnisses da aufgeballt hatte. Hier ist's, wo sich die Seele zusammenzieht zum Widerstande: das sind die cornua addita pauperi, Hor . Carm., III. 21. 18.   D. mit denen er entweder in seliger Dumpfheit blind geht und trifft oder, wie jener indianische Götze, das versunkne Gesetz aus dem Schlamme des Abgrunds hinaufholt. Wenn's auch nur Winckelmann's Traum wäre, daß der schöne Torso des Hercules sich da auf seine Keule senke und in die erheiterte Stirn den Traum des mühseligen Erdenlebens rufe, gewiß, so ist's ein schöner Traum, und ich habe noch keinen Ochsen am Pfluge oder einen Hercules am Ruder des Staats gesehen, dem diese Stützen seiner Ruhe und diese Waffen seines Streits gemangelt hätten. Oft sind sie schon an Säuglingen da und prägen ihr Schicksal, von dem dann freilich das aufgeschlagne Buch, die flache, lichte, runde, hell umgrenzte Stirn, kein Wort weiß. Unter der Stirn steht ihre schöne Grenze, die Augenbrane : ein Regenbogen des Friedens, wenn sie sanft ist, und der aufgespannte Bogen der Zwietracht, wenn sie dem Himmel über sich Zorn und Wolken sendet. In beidem Falle also Verkündigerin der Gesinnung und Bote des Himmels zur Erde. Was vom Haar allgemein gesagt wurde, gilt von diesem Faden der Haare, sie mögen Furie oder Grazie sein, auszeichnend. Hier wohnen gewiß Engel in jedem friedlichen, sanften Härchen, oder Flammen steigen auf ihnen empor. Was an ihnen die Halbkugeln, die Igelborsten, die Wirbel, die Grecque-Figuren für Eindruck machen, kann wol keine Feder schreiben. Und wie schwimmt gegentheils Auge und Hand so sanft die linde, friedliche Augenbrane hinunter! sie gleitet hinab wie der Kahn des Lebens in schöner Morgen- oder Abendröthe. Ich weiß nicht, was für ein Wink dem Verständigen angenehmer, anziehender sein könne als hier ein scharfer, fester und doch sanfter Winkel zwischen Stirn und Auge. Er giebt dem Profil einen unaussprechlich interessanten Zug und ist der Hügel, auf dem sich Genien und Grazien sonnen, um sich in die Quelle des schattenumkränzten lieblichen Auges zu tauchen. Das griechische Profil ist so berühmt, daß ich mich scheue, davon zu reden. Jeder Connaisseur weiß, daß es der gerade Schnitt von Stirn zu Nase sei, der, weil er griechisch ist, wol sehr schön sein müsse. Wenn er ihn nachher an lebenden Personen sieht und da nicht so schön findet, so schreibt er etwa, wie jener Schneider in den Kalender, es sich in seinen Volkmann J. J. Volkmann , »Historisch kritische Nachrichten von Italien, aus Reisebeschreibungen und eigenen Anmerkungen«, Leipzig 1777. 3 Theile.   D. oder Richardson Jonathan Richardson , »Description de quelques statues, bas-reliefs, dessins et tableaux observés en Italie«, 1722.   D. an: »Schön, aber nur an griechischen Statuen, weil sie Stein sind«; und damit hat seine Kennerschaft ein Ende. Nothwendig muß in der lebenden Natur eine Ursache der Schönheit liegen, oder sie ist auch nicht in der todten: und wer verkennte sie dort? Wer fühlt nicht, daß eine Nase, mit ihrer Wurzel tief unter die Stirn gebogen, gleichsam einen dürftigen Anfang habe, und daß der Lebensodem, der zur Seele kommen soll, sich da wie durch Höhle und Abtritt winde? Wer fühlt nicht gegentheils die unzerstückte Form, und daß sofort unter der Stirn das ganze übrige Gesicht Erhabenheit, Runde, großen Blick und festere Cälatur erhalte, wenn dieser Bug der Nase kein Grabensprung ist? Endlich und ohn' alle diese Künstelei, wer hat noch nie das Thronmäßige einer Junonischen Nase oder das unendlich Freie, Vorsichsehende, Hinduftende einer Nase des Apollo gemerkt? Wie vielleicht nur ein Himmelsstrich ist, der dies Profil in Menge bildet, und der Wälschen Vorwurf nicht so ganz ohne Grund sein mag, daß jenseit der Alpen die Schönheit der Form erliege, ob ich's gleich, wenn die Sache selbst wahr wäre, mehr auf Stammcharakter des Volks als auf Einwirkung des Landes und Klima gäbe, so halte ich doch dafür, daß es bei dem Künstler nicht ohne Veredlung dieses Zuges abging, wie viel Anlage derselbe im Volk um sich her hatte. Die Nase giebt dem ganzen Gesicht Haltung , sie ist die Linie der Festigkeit und gleichsam das Scheidegebirge an Thälern zu beiden Seiten; die Kunst mußte also bald gewahr werden, daß mit ihr für das Ganze Alles gewonnen oder verloren sei. Und da erhub sich denn das Profil, das noch jetzt, nach jener Sprache des Hohenliedes, wie ein Lustbau steht, der von der Höhe Libanus' nach den schönen Gegenden Damascus' schaut. Das Hohelied 7, 4.   D. Nicht der mindeste Theil dieses unedeln Gliedes, das wir kaum zu nennen wagen, ist unbedeutend. Die Wurzel der Nase, ihr Rücken, ihre Spitze, ihr Knorpel, die Oeffnungen, dadurch sie Leben athmet, wie bedeutend für Geist und Charakter! Nur ist auch hier das Hinschreiben einzelner Züge zu sehr dem Mißbrauch und Mißverstande unterworfen; deute sich selbst, wer will und kann! Die Augen betrachte ich hier nur tastbar als Gläser der Seele und Brunnen des Lichts und Lebens. Sie liegen zwischen Büschen eingefaßt und geschlossen, und eben das blinde Gefühl entdeckt's schon, daß ihre schön geschliffene Form nebst Schnitt und Größe nicht gleichgiltig sei. Ebenso merkwürdig ist's, wie sich unten der Augknoche starr bäume oder sanft verliere, und ob die Schläfen eingefallene Grabhöhlen oder zarte Ruhestätten sind, auf denen der Finger des Bluts und Lebens schlage. Ueberhaupt ist die Gegend, wie Augenbrane, Nase und Auge sich verhält, die Gegend des Winks der Seele in unserm Gesicht, d. i. des Willens und praktischen Lebens . Den edeln, tiefen, verborgenen Sinn des Gehörs hat die Natur seitwärts gesetzt und halb verborgen; der Mensch sollte nicht mit dem Antlitz für Andre, sondern mit dem Ohre für sich hören. Auch blieb dieser Sinn, so wohlförmig er da steht, ungeziert : Zartheit, Ausarbeitung und Tiefe ist seine Zierde; weh ihm, dem große Lappen des Elephanten zu beiden Seiten herabhangen oder weise Midasbrabeumen Brabeuma im Sinne von Kampfpreis, wofür sonst βραβεῖον steht.   D. zu beiden Seiten gethürmt sind! der muß wohl hören und urtheilen; denn seine Ohren sind groß. Uebrigens überlasse ich's den Naturkundigen, ob dieser Sinn durchs Anpressen und Nichtüben nicht so verloren habe wie das Gesicht durchs Stubenblinzeln und Brillenbrauchen. Ist dies, so kann, was schädlich ist, niemals schön sein. Endlich komme ich zum Untertheil des Gesichts, den die Natur beim männlichen Geschlecht abermal mit einer Wolke umgab, und mich dünkt, nicht ohn' Ursach. Hier sind die Züge zur Nothdurft oder (welches mit jenem eigentlich eins ist) die Buchstaben der Sinnlichkeit im Gesicht, die bei dem Manne bedeckt sein sollten. Jedermann weiß, wie viel die Oberlippe über Geschmack, Neigung, Lust - und Liebesart eines Menschen entscheide, wie diese der Stolz und Zorn krümme, die Feinheit spitze, die Gutmüthigkeit runde, die schlaffe Ueppigkeit welke; wie an ihr mit unbeschreiblichem Zuge Liebe und Verlangen, Kuß und Sehnen hange und die Unterlippe sie nur schließe und trage: ein Rosenkissen, auf dem die Krone der Herrschaft ruht. Wenn man etwas articulirt nennen kann, so ist's die Oberlippe eines Menschen, wo und wie sie den Mund schließt; und wenn dieser von Ambrosia der Liebe und von Nektar der Suade duftet, so ist jene gewiß das Zünglein der Wage, die ihm die Götterfpeife zuwägt. Außerordentlich bedeutend ist's bei einem Menschen, wie bei ihm die Zähne fallen, und wie sich seine Backe schließt; ob er ewig knirsche und grinse oder bei jeder Oeffnung den rictum leonis, das χάσμ᾽ ὀδόντων mache, das eine unausstehlich freundliche Zerrung ist, oder Alles schlaff hange und statt einer vollen, Lieb' und Ueberredung duftenden Rose ein Mundlappe da sei. Ein reiner, zarter Mund ist vielleicht die schönste Empfehlung des gemeinen Lebens; denn wie die Pforte, so, glaubt man, sei auch der Gast, der heraustritt, das Wort des Herzens und der Seele. Der Ausdruck: an Jemandes Munde hangen ; die zwo Purpurfäden des Hohenliedes , 4, 3.   D. die süßen Duft athmen; das Sprichwort vom verschlossnen und offnen Munde , ist, dünkt mich, lauter physisches Leben. Hier ist der Kelch der Wahrheit, der Becher der Liebe und zartesten Freundschaft. Die Unterlippe fängt schon an, das Kinn zu bilden, und der Kinnknochen , der von beiden Seiten herabkommt, beschließt es. Es zeigt viel, wenn ich figürlich reden darf, von der Wurzel der Sinnlichkeit im Menschen, ob sie fest oder lose, rund oder schwammig sei, und mit welchen Füßen er gleichsam im Erdreich stehe. Da das Kinn die ganze Ellipse des Angesichts ründet, so ist's, wenn es, wie bei den Griechen, nicht spitz, nicht gehöhlt, sondern ununterbrochen, ganz und leicht herabfließt, der ächte Schlußstein des Gebäudes, und die Mißbildung an ihm ist fürchterlich anzuschauen. Wenn's hier vorgebogen steht, als ob die Natur den Kopf an dieser Handhabe gebildet und nachher zornig weggeworfen habe; wenn es hier nichts ist und sich verkriecht,   doch gnug und schon zu viel über diese Theile gesprochen, die, da sie tiefe Sinnlichkeit reden, auch so wenig deutlicher Sprache fähig sind. Die Natur umhüllte sie beim Manne, und auch unsre Beschreibung soll sie weiter umhüllt lassen. Wir sollten statt dessen beim Manne vom Bart reden, von dem wir jetzt aber nichts mehr reden können, als etwa wie oft und sehr er das Messer stumpf macht. Die Juden in ihrem alten Buche Sohar haben viel Geheimnisse von ihm, von seinen Straßen, Wegen und Winkeln, hinter denen, wo es nicht mißdeuteter Buchstabe der Schrift ist, manches Physische stecken mag, das wir jetzt nicht verstehen. Mode und Lebensart wollen's, daß wir, wie die Weiber, am Kinn ewig Jünglinge und Kinder, nur mit einem Stoppelfelde männlicher Jahre und auf dem Haupt ewig gepuderte Greise oder kahle Grindköpfe mit einer Haarmütze sein sollen. Als wenn uns die Natur nicht so etwas hätte geben oder nehmen können, wenn sie's gewollt hätte! Bei den übrigen Theilen des menschlichen Körpers kann ich kürzer sein; denn das Gesicht war schon ihr Auszug . Wie auf der Stirn Gesinnung herrschte, so birgt die Brust die edlern Eingeweide und ist ihrer Zeuge. Ein Mensch von freier Brust wird in aller Welt für frei und edel gehalten; man traut ihm etwas zu, er kann doch athmen . Das pectus hirsutum, der eherne Panzer um die Seele ist allen Nationen und Sprachen Sprichwort; dagegen die eingebogne, zusammengeklemmte, keuchende, schon von Natur sich verbergende Thersites-Brust auch ein natürliches Omen ist von eingeschlossenem, zusammengekrümmtem, kriechendem Muthe. Oft hat der dennoch edle Mann Vieles durch Grundsätze überwunden: Gott hat ihm, wie der Koran sagt, Raum in der Brust gemacht und Luft verschafft vor seinen Drängern; noch öfter aber wird Muth simulirt , und politische Klugheit soll ersetzen, was uns an ihm unersetzlich fehlt. Da bekannt ist, daß nichts hiezu so sehr beiträgt als das liebe Sitzleben, das arbeitende Kriechen auf der Brust und nicht einmal auf dem Bauche, so haben's auch alle Barbaren, d. i. alle Nationen, die noch in freier Natur lebten, erkannt, was dies Leben auf Körper und Geist wirke. Es verdumpft die Stimme und stumpft das Auge, noch mehr aber Sinn und Seele. Zagend schwebt das Herz in seiner engen, verdrückten Höhle, glaubt jeden Augenblick zertreten zu werden und kriecht nach Speise und Verleumdung. Welcher Freund, der sein Haupt an diese Brust lehnen und sagen könnte: »Du bist mein Fels!« welcher hilflose Unterdrückte, der sich an ihr aufrichten könnte und sagen: »Hier wohnt Zuflucht!« Desto weiser aber sind wir im Haupt und geschäftig mit Mund und Fingern. Dem Weibe gab die Natur nicht Brust, sondern Busen , schlang also, da hier Quellen der Nothdurft und Liebe für den zarten Säugling sein sollten, den Gürtel des Liebreizes um sie und machte, wie's ihre mütterliche Art ist, aus Nothdurft Wollust. Des Mannes Brust ist einförmiger, stärker, edler, vollkommen; der Busen des Weibes ward zarter, völliger, gewaschen mit Milch der Unschuld und gekrönt mit der Rose der Liebe. So lange diese ein Knöspchen blüht und der unreife Hügel zur Ernte wächst, schlang die Grazie der Jungfrauschaft ihren Gürtel um dieselbe, in der nach der Beschreibung jenes Dichters Ilias, XIV. 216.   D. Liebe und Verlangen wohnen. Wenn der Trank der Unschuld bereitet ist und der Unmündige an den Quellen der ersten Mutter- und Kindesfreude hangt und seine kleine Hand sich an sie schmiegt und tappt und gnug hat und Mutter und Kind sich eins fühlen am Baume des süßen Lebens: welcher Unmensch, der hier nicht fühle und ein verlornes Paradies der Unschuld ahne! Wenn schon Winckelmann es beklagte, daß er nicht für Griechen schreibe und also Vieles müsse verschweigen, so habe ich diese Vorsichtigkeit leider noch mehr nöthig, kann also auch nur mit wenigen Zügen reden. Wie die Brust die edlern Theile barg und ausdrückte, so ist von den ältesten Zeiten und Philosophen an der Bauch als Sitz der Begierden betrachtet worden. Darauf bezieht sich jene edle Beschreibung Winckelmann 's von dem, was Bauch des Bacchus heiße: V. 1. 23.   D. die jugendliche Nüchternheit und Mäßigkeit und sanfte, wie aus einem schönen Traum erwachte Fülle, deren Gegentheil eine Form und ein Zustand ist, der selbst in der Beschreibung widert. Es war dort Fluch der Ausschweifung und Folge des Wassers der Bitterkeiten, daß der Bauch schwelle und die Lenden schwinden: 4. Mos. 5, 21-27.   H. fürs untreue, wollüstige Weib gewiß die größte Strafe! Es ist Beschreibung des ältesten Liedes der Unschuld und Liebe, Hohelied 7, 2.   H. daß der Bauch sei ein schwebender Weizenhügel, der Nabel ein runder Becher, dem's nimmer an Getränk mangelt, der nimmer verlechzt und nimmer übersprudelt von Freude; ja, die weise Mäßigkeit und Furcht Gottes sollte, wie abermals das älteste Sittenbuch Sprichw. 3, 8.   H. sagt, selbst dem Nabel gesund sein und erquicken die Gebeine. Wir höhnen jetzt über diese Beschreibungen der Einfalt, so wahr sie sind. Wir machen uns Schürze von Feigenblättern wie jene Ersten, und meistens auch aus derselben Ursach. Ich schweige also und spreche nur noch ein Wort von Rücken, Hand und Fuß. Wie an allen, so haben die Griechen auch an diesen Theilen das Schönste gekannt und gebildet. Wenn der schöne Nacken bei Bacchus herabfleußt und Venus aus dem Bade mit ihrem gebognen Rücken der Taube herauftritt und der schöne Torso da sitzt und sinnt   doch wie kann ich beschreiben? und was hilft beschreiben, wenn man nicht selbst sieht und das schöne Gebirge hinabgleitet? Und wie über der Hüfte sich der Rücken in Weiche verliert! Prometheus und Pygmalion, konnten sie anders als umschlingend das schöne Gebilde, das zarte Verfließen auf jeglicher Stelle gebildet haben? Und die Hüften, nach der Sprache jenes alten Buches der Unschuld zwo Spangen von Meisterhand, 7, 1.   D. und die Schenkel Apollo's als Marmorsäulen Daselbst 5, 15.   D. und das Knie ohne todgelöste Knöchel, als wäre es aus weichem Thon geblasen, und die Wade des Fußes weder hangend und angeklebt noch dürftig; ein strebender Muskel voll Jugendtritt und Stärke. Der Fuß endlich, belebt bis zum kleinsten Gliede, nicht losgetrennt vom Ganzen und etwa als der Schuh eines Gewürmes angezogen, sondern eins mit Allem, das Ganze auf ihn hinabfließend und er das Ganze tragend. Und wie die Schenkel zu Marmorsäulen, so wand Mutter Natur die Arme zu zarten Cylindern und umschlang sie mit dem ersten Brautkranz der Liebe, und schonte die Spitze des Bogens und ließ am Weibe die Hand sanft hinabfließen in kleine Cylinder und bepolsterte sie von innen in jedem sammetnen Mäuschen und in jedem Blumenbusche der Fühlbarkeit, der auf Gefühl wartet, mit dem ersten Druck der Liebe, und machte jedes Glied wächsern und beweglich und regsam, den Finger fast zu einem Sonnenstrahl und die milchgewaschne Höhe der Hand zum ungetheilten und gliedervollen Hügel voll Rege, voll umfassenden Lebens. Und wie der Arm des Mannes strebt! Muskeln seine Siegeskränze und Nerven seine Bande der Liebe. Mächtig und frei gehn sie von den Schultern hervor, die Werkzeuge der Kunst und Waffen der Tugend. Sie sind da, die Brust zu schützen, Geliebte, Freund und Vaterland zu umschlingen, ans Herz zu drücken und zu vertheidigen. Und die Hand ein Gebilde voll feinen Gefühls und tausendförmiger organischer Uebung. Und wie edel der ganze Bau da steht: Angesicht, Stirn und Brust zeigend und mit seinen Schenkeln schreitend! Schauerlich groß sind wir gebildet, Psalm 139, 14.   H. kunstreich unser Gebein gezählt und gefügt und unsre Nerven geflochten und unsre Adern als Lebensströme geleitet. Aus Leim gemacht , und wie zarte Milch gemolken und wie Käse sanft geronnen und mit Haut bekleidet und mit Odem Gottes beseelt . Hiob 10, 9-11.   H. Gebildet (πεπλασμένοι) um und an , und unser Gebilde (πλάσμα) Form von regenden Lebenskräften des obersten Bildners: Hiob 33, 4-6.   H. kurz, die Wahrheit des ältesten Orakels über unsern Ursprung: 1. Mos. 2, 7.   H. Ἔπλασεν ὁ Θεὸς τὸν ἄνϑρωπον, χοῦν λαβὼν ἀπὸ τῆς γῆς, ϰαὶ ἐνεφύσησεν εἰς τὸ πρόσωπον αὐτοῦ πνοὴν ζωῆς, ϰαὶ ἐγένετο ὁ ἄνϑρωπος εἰς ψυχὴν ζῶσαν.   Vierter Abschnitt.   Die Absicht des Vorigen ist wol weder Lobrede der Schönheit noch Beschreibung der Antike, am Wenigsten Physiognomik gewesen, da ich weder Künstler noch Antiquar noch Physiognom bin und allgemeine unbestimmte Ausdrücke zu keinem von dreien etwas beitragen. Der simple Satz war meine Absicht: » daß jede Form der Erhabenheit und Schönheit am menschlichen Körper eigentlich nur Form der Gesundheit, des Lebens, der Kraft, des Wohlseins in jedem Gliede dieses kunstvollen Geschöpfes , sowie hingegen Alles Häßliche nur Krüppel, Druck des Geistes, unvollkommene Form zu ihrem Endzweck sei und bleibe«. Die Wohlgestalt des Menschen ist also kein Abstractum aus den Wolken, keine Composition gelehrter Regeln oder willkürlicher Einverständnisse; sie kann von Jedem erfaßt und gefühlt werden, der, was Form des Lebens, Ausdruck der Kraft im Gefäße der Menschheit ist, in sich oder im Andern fühlt. Nur die Bedeutung innerer Vollkommenheit ist Schönheit . Um Wiederholungen zu vermeiden, lasset uns die vorhergezeigte Menschengestalt in Handlung setzen, und wir werden gewahr, jedes Glied spreche , und je mehr es seinem Zweck entspricht, um so vollkommener und schöner sei es. Bildet einen Philosophen und gebt ihm eine Stirn , die nicht denkt, einen Hercules und senkt ihm keine Kraft zwischen die Augenbranen , noch in den Hals , noch in die Brust , noch in den ganzen Körper; eine Venus, und mit abscheulichem Profil , hangenden Brüsten und hangendem Munde ; einen Bacchus der Alten, wie er auf unsern Weinfässern sitzt: jedes gemeine Auge wird hier in Handlung fühlen, was ein feiner Sinn in den Gestalten an sich , auch ohne Handlung gefühlt hätte, nämlich daß sie ihrem Zweck nicht entsprechen, daß eine Göttin der Liebe ohne Reiz, eine Diana ohne keusche Schnelle, ein Apollo ohne Jugendmuth und Stolz, ein Jupiter ohne Hoheit und Ehrfurcht abscheuliche Geschöpfe seien. Was nun in einzelnen Charakteren und Handlungen zutrifft, muß gesammelt auch allgemein wahr sein; denn alles Allgemeine ist nur im Besondern, und nur aus allem Besondern wird das Allgemeine. Schönheit ist also nur immer Durchschein, Form, sinnlicher Ausdruck der Vollkommenheit zum Zwecke, wallendes Leben, menschliche Gesundheit. Je mehr ein Glied bedeutet, was es bedeuten soll , desto schöner ist's, und nur innere Sympathie , d. i. Gefühl und Versetzung unsers ganzen menschlichen Ichs in die durchtastete Gestalt, ist Lehrerin und Handhabe der Schönheit. Wir finden daher, daß jedesmal, wo eine Form, ein Glied vorzüglich bedeuten soll, da trete es natürlich den andern etwas vor; es beut sich gleichsam selbst und zuerst und vorzüglich der tastenden Hand dar . Lasset eine Figur denkend, sinnend da stehn: sogleich senkt sich das Haupt , das ist, die untern Theile des Gesichts ziehen sich wie in den Schatten zurück, und die Stirn wird Haupttheil . Auch ohne Finger an der Nase sagt die Gestalt: »Ich denke.« Lasset einen Imperator vor sich sehen, daß sein Blick befehle: sofort wird dieser Blick das laute Wort des Gesichts , das Auge wird Haupttheil . Daher sind auch an der Juno die Augen so schön und groß gebildet; denn es ist der königliche Wink ihres Daseins. Ast ego regina Deum  . Nach Virg . Aen., I. 46: Ast ego, quae divum incedo regina .   D. Lasset einen Apollo Zorn fühlen und schreiten: sofort treten die Theile seines Körpers hervor, die edles Selbstgefühl und Gang zu seinem Zwecke andeuten: die Nase weht lebenden Othem und macht Raum vor sich her; die Brust , ein schöner Panzer, wölbt sich edel; die muthigen, längern Schenkel schreiten; die andern Glieder ziehn sich gleichsam bescheiden zurück; denn sie sind nicht in der Handlung. Eine Gestalt soll verlangen, bitten, wünschen, flehen mit ihrem Munde : unvermerkt beugt dieser sich sanft vor, daß auf ihm Hauch, Gebet, Verlangen, Wunsch, Kuß schwebe. Selbst bis zum Ohre, wenn es horcht, erstreckt sich diese feine Bewegung und Andeutung . Die Form des handelnden Gliedes spricht immer: »Ich bin da, ich wirke.« Und ist dies im feinen, zarten Gesicht , um so mehr ist's im ganzen Körper . Wie kann die Hand befehlen, ohne daß sie sich erhebe und ihr Amt andeute? wie kann die Brust sich darbieten und schützen , ohne daß sie unvermerkt vortrete und spreche: »Ich bin gewölbt«? Ein schöner Bauch bläht sich nicht, aber natürlich sinkt Bacchus in eine ihm vortheilhafte Stellung; er lehnt sich sanft an mit dem Arme, daß seine schöne Weiblichkeit in Rücken und Brust , in Bauch und Hüften in ihrer bedeutenden Sprache rede. Und dies Alles sind keine Kunstregeln, keine studirte Uebereinkommnisse, es ist die natürliche Sprache der Seele durch unsern ganzen Körper , die Grundbuchstaben und das Alphabet alle dessen, was Stellung, Handlung, Charakter ist, und wodurch diese nur möglich werden.   Also weiter. Hat die Natur unsre Menschheit nicht zum todten Meer, zum Stillstande einer ewigen Unthätigkeit und gefühllosen Götterruhe, sondern zu einem bewegten , ewig sich regenden Strome voll Kraft und Lebensgeistes machen wollen, so sehen wir, auch von außen konnte ihr Werk keine plastische Larve und Maske einer schönen ewigen Unthätigkeit sein, sondern Lebenswind mußte die Formen beleben. Sofort wird die Schönheit Kraft, Bedeutung in jedem Gliede. Statt des Abstracts in Wolken, das kein Auge gesehn und kein Ohr gehört hat, 1. Korinther 2, 9.   D. wird sie auch bei Göttern und Göttinnen Concret , d. i. Charakter dieses Gottes und keines andern. Jede schöne Form an ihm wird von dem Lebensgeiste bestimmt, der sein Schiff anweht und treibt, mithin wird jedes Glied im höchsten Maße individuell bedeutend. Und nur sofern es also bedeutet, und der Dämon, der Charakter, der eine göttliche Lebensgeist ganz und allein in diesem Bilde erscheint, sofern ist's der schöne Apollo , die glorreiche Juno und Hier ist wol »die liebreizende« oder ein ähnliches Beiwort ausgefallen.   D. Aphrodite . Man darf hier abermals weder in Buchstaben noch in Wolken studiren, sondern nur sein und fühlen : Mensch sein, blind empfinden, wie die Seele in jedem Charakter, in jeder Stellung und Leidenschaft in uns wirke, und dann tasten. Es ist die laute Natursprache, allen Völkern, ja selbst Blinden und Tauben hörbar. Nireus , der schönste aller Griechen vor Troja, thut in der ganzen Iliade nichts und kommt nicht als im Verzeichniß der Schiffe zum Vorschein; Ilias, II. 671-675. Auch andere Helden kommen nur im Verzeichnisse der Schiffe vor.   D. Alle, die darin handeln , stehn als einzelne Charaktere mit fest bestimmten, nicht zerfließenden, unwandelbaren Zügen da und sind, die sie sind . So der göttliche Agamemnon, »an Haupt und Blick dem Jupiter gleich, dem Mars im Gurte, an Brust dem Neptun; er stand wie ein Stier da, erhaben unter seiner Heerde«; Ilias, II. 477-481.   D. aber nur im ruhigsten, prächtigsten Theil der Iliade, vor dem ersten Anfalle stand er so, nachher hat Homer nicht Zeit, seine Schöne zu schildern: Agamemnon handelt . Priamus kann vom Thurm ihn schauen und bewundern, Helena preisen: Homer preist nicht mehr. Vom schönen Achilles, um den sich das ganze Gedicht windet, hören wir kein Lob der Schönheit, wir sollen ihn nur in seinem Zorne sehen, auf die lieblichste Weise mit Freundschaft, Liebe, Vertraulichkeit und Saitenspiel vermählt. Der göttliche Ulysses »mit seiner breitern Brust und Schultern« als Agamemnon, »der als ein dickwolliger Widder zwischen den Reihen der gelagerten Heerde auf und ab geht«; Menelaus, der, »wenn er stand, mit breiten Schultern dem Ulysses vorragte, aber wenn Beide saßen, schien Ulysses der Ansehnlichere«, in solchen zwei Zügen, vom müssigen Thurm gezeichnet, Ilias, III. 194. 197. 198. 210. 211.   D. stehen sie leibhaft da und zeigen nachher nur die bestimmte Form ihrer Glieder in bestimmter, einzelner Handlung . So Homer; und daß nicht blos der epische Dichter also schildert, weil ihn die Handlung fortreißt, sondern die Griechen sich nie Schönheit als in bestimmter Form dachten, mag uns selbst Anakreon's Bathyllus lehren. Anacreont ., 29.   D. Ein Liedchen der Wollust, denkt man, kann doch wol am Ersten ein gesammelter Duft, ein schwebendes Gewebe, eine Blumenlese sein von mancherlei Traumzügen: es ist's und ist's nicht. Es saugt von vielen Blumen den Honig, aber zu einer sehr bestimmten Gestalt; der Jüngling verwandelt sich plötzlich in einen Apollo oder vielmehr Apollo in den Jüngling, und die Statue steht da. Ohne Zweifel hat dies außerordentlich Bestimmte , treu Erfaßte in der Form jeder Stellung, jeder Leidenschaft, jedes Charakters den Griechen zu der Höhe der Kunst geholfen, die seit der Zeit nicht mehr auf der Erde erschienen ist. Sie sahen als Blinde und tasteten sehend, durch keine Brille des Systems oder Ideals, das etwa ein schwebend Spinnengewebe der Herbstluft zur Seelenform eines menschlichen Körpers hätte phantasiren wollen. Kein Glied von einem ihrer Götter kann einen andern Gott, keine Stellung ihrer Handlung einen andern Charakter bedeuten, als da steht. Ein Geist hat sich über die Statue ergossen, hielt die Hand des Künstlers, daß auch das Werk hielt und eins ward. Wer (um sogleich ein Schwerstes anzuführen), wer je am berühmten Hermaphroditen In der Villa Borghese, von dem Herder einen Abguß in Mannheim sah.   D. stand und nicht fühlte, wie in jeder Schwingung und Biegung des Körpers, in Allem, wo er berührt und nicht berührt, Bacchischer Traum und Hermaphroditismus herrscht, wie er auf einer Folter süßer Gedanken und Wollust schwebt, die ihm wie ein gelindes Feuer durch seinen ganzen Körper dringt: wer dies nicht fühlte und in sich gleichsam unwillkürlich den Nach- oder Mitklang desselben Saitenspiels wahrnahm, dem können meine nicht und keine Worte es erklären. Eben das ist das so ungemein Sichere und Feste bei einer Bildsäule, daß, weil sie Mensch und ganz durchlebter Körper ist, sie als That zu uns spricht, uns festhält und, durchdringend unser Wesen, das ganze Saitenspiel menschlicher Mitempfindung weckt. Ich weiß nicht, ob ich ein Wort wagen und es Statik oder Dynamik nennen soll, was da, von menschlicher Seele in den Kunstkörper gegossen, jeder Biegung, Senkung, Weiche, Härte wie auf einer Wage zugewogen , in jeder lebt und beinahe die Gewalt hat, unsre Seele in die nämliche sympathetische Stellung zu versetzen . Jedes Beugen und Heben der Brust und des Knies, und wie der Körper ruht, und wie in ihm die Seele sich darstellt, geht stumm und unbegreiflich in uns hinüber: wir werden mit der Natur gleichsam verkörpert oder diese mit uns beseelt. Und daher fühlen wir auch jede neue Ergänzung doppelt widrig, die, so schön sie auch sein mag, wenn sie nicht vom Ganzen des einen lebendigen Geistes beseelt wird, uns mit Recht als ein fremdes Flickwerk vorkommt. Nichts muß blos ersehen und als Fläche behandelt, sondern vom zarten Finger des innern Sinnes und harmonischen Mitgefühls durchtastet sein, als ob es aus den Händen des Schöpfers käme. Nichts preisen daher die Zuschriften der griechischen Anthologie an den Statuen so sehr als diese ganze Haltung , dies durch und zu uns Leben , das aus ihnen geht. Ich weiß nicht, ob es eine Zeichnung oder Schilderei ersetze, die nur Schatten auf der Fläche giebt und vom lebendigen Körper doch auch nur entspringen mußte; aber das weiß ich, daß, je mehr wir alle Dinge als Schatten, als Gemälde und vorüberstreichende Gruppen ansehen, wir dieser körperlichen Wahrheit immer um so ferner bleiben. Auch hier komme uns geistig das Gefühl und die dunkle Nacht zu Hilfe, die mit ihrem Schwamme alle Farben der Dinge auslöscht und uns an das Haben und Halten einer Sache heftet. Die Griechen wußten wenig, aber das Wenige ganz und gut; sie erfaßten's und konnten's geben, daß es zu ewigen Zeiten lebe. So wie das Profil ihres Angesichts gebildet und nicht gemalt ist, so sind's auch ihre Werke. Wie weit wir da hinter ihnen stehen, mag eine zukünftige Zeit richten. Was ist seltner in unsern Tagen, als einen menschlichen Charakter zu erfassen, wie er ist, ihn treu und ganz zu halten und fortzuführen? Da muß uns immer die liebe Vernunft und Moral wie das Licht und die Farbe zu Hilfe kommen, weil er auf seinen Füßen nicht stehen will und sich von Seite zu Seite wie ein Gespenst verändert. Das macht, wir sehen so viel, daß wir gar nichts sehen, und wissen so viel, daß gar nichts mehr unser , d. i. etwas ist, was wir nicht gelernt haben konnten , was mit Tugenden und Fehlern aus unserm Ich entsprang. Heilige Nacht, Mutter der Götter und Menschen, komme über uns, uns zu erquicken und zu sammeln! Non multa, sed multum. Mit welchem tiefen Verstande und stillen Durchgefühle arbeiteten Raphael und Domenichino an ihren ewigen Werken! Nicht Gemälde, Dädalus' Bildsäulen sind sie und wandeln und leben. Das will's also nicht thun, daß wir unsern Kindern etwa von Jugend auf Wachs und Thon in die Hand geben, obgleich auch damit schon etwas gethan wäre, und vielleicht Niemand zeichnen sollte, der nicht als Kind lange gebildet und gespielt hätte. Alle ersten Zeichnungen der Kinder sind Gebilde auch auf dem Papier: Nachäffungen des ganzen lebendigen Dinges, ohne Licht und Schatten, den sie vielmehr im Anfange gar nicht begreifen noch einsehen können, warum er da sei und ihr schönes Bild verderbe. Er ist ihnen also in der Natur nicht; ihr Auge sieht, wie ihre Hand fühlt. Die Natur geht noch immer mit jedem einzelnen Menschen, wie sie mit dem ganzen Geschlecht ging, vom Fühlen zum Sehen, von der Plastik zur Pictur. Das wäre etwas, aber nicht Alles; denn was soll nun gebildet werden? Bäume, Pflanzen, Skorpionen, unsre Complimente, unsre Kleider? Die Natur ist von uns gegangen und hat sich verborgen, Kunst und Stände und Mechanismus und Flickwerk sind da; die sind aber, dünkt mich, weder in Thon noch in Wachs zu bilden. Gehe man jetzt auf unsre Märkte, in unsre Kirchen und Gerichtsstätten, Besuchzimmer und Häuser und wolle bilden. Bilden? was? Stühle oder Menschen? Reifröcke oder Handschuh? Federwische auf Köpfen oder Cerimonien? Bilden? und wie ? durch welchen Sinn? durchs Auge oder durch den Geruch? da ja kein Auge das Auge des Freundes, geschweige Wange die Wange, Mund den Mund, Hand die Hand kennt. In den Ritterzeiten verpanzerte man sich, um auf einander zu stechen; wozu thut man's jetzt? Griechische Spiele, griechische Tänze, griechische Feste, griechische Offenheit, Jugend und Freude, wo sind sie? wo können sie sein? Und wenn auch sogleich ein Serenissimus regens, etwa der Stifter eines neuen Griechenlandes (sowie die fünfte Loge oben Paradies heißt), durch Edicte schwarz auf weiß und gar bei Trommelschlag sie allergnädigst anbeföhle. Stellet griechische Statue hin, daß jeder Hund an sie pißt, und Ihr könnt dem Sclaven, der sie täglich vorbeigeht, dem Esel, der seine Bürde schleppt, kein Gefühl geben, zu merken, daß sie da sei und er ihr gleich werde. So habt Ihr also doch einen Zaunpfahl hingesetzt, an den er sich lehne und etwa seinen geschundenen Rücken reibe! An einem berühmten Orte Deutschlands Berlin.   D. ist der Paradeplatz mit Statuen umgeben, griechische Helden mit neuem spitzen Knie und der Trommel; ich weiß nicht, warum die Gamaschen und die Grenadiermütze und das präsentirte Gewehr und der Commißrock fehlen? Sonst halte ich's für trefflich, jeder Schildwache Statuen vorzusetzen; das Geschöpf hat Zeit, an ihnen Apollo und Jupiter zu werden. O des erstickenden, eklen Dampfs, den manche neue Griechenländer ihren kargen Besoldern ums Taglohn darbringen! Als ob's nicht mit Händen zu fassen wäre, daß in Niemand der Geist des Andern übergehen kann, der mit ihm nichts Gemeinschaftliches hat, so wenig als Leben in den Stein und Blut in die Pflanze. Jeder Jüngling, der vorm griechischen Heroen stand, hatte in den schönen Zeiten Griechenlands Weg und Hoffnung, seine Statue zu erhalten. Götter und Helden waren alle aus ihrem Geschlecht, ihre Vorfahren, ihresgleichen. Ein Spiel, ein Kampf konnte den Jüngling neben ihn stellen, und der Künstler arbeitete sodann für seine Stadt, für sein Volk, für den ganzen Griechennamen. So sang Pindar und setzte seinen Gesang über Statuenlob und -Schöne. Eine Stelle dieser Art findet sich bei Pindar nicht. Schwebte vielleicht der Anfang von Nem. V vor?   D. So sahen, so hörten die Griechen den Künstler und den Dichter; und wie sehen, wie hören wir ? Es ist wundersam, wie selten uns nur ein Mensch erscheint, und wie noch seltner Mensch einen Menschen umfaßt und ihn so lieb gewinnt, daß er ihn mit sich trage und ihn der Ewigkeit gebe. In einem berühmten Garten sind die Nationalproducte, Allongeperücken, ich glaube mit Panzern, in Töpferthon gebildet   ohne Zweifel das wahrste Gebilde des Landes. Doch wozu weiter die unnützen Klagen, die doch auch kein Griechenland schaffen werden? Lieber zur lieben Schönheitslinie zurück, die ja ganz unter unsern fühlbaren Formen zu verschwinden schien. Mit nichten verschwand sie, hier eben finden wir sie wahr und körperlich wieder. Mathematik ist die wahrste Wissenschaft, nur durch Physik wird sie lebendig , so wie Zahl nur in Dingen, die gezählt werden, da ist. Und wenn es allerdings einen mathematischen Grund geben muß, warum die Schönheitslinie schön ist, wie doppelt angenehm wird es sein, den abstracten Grund in jeder concretesten Form bestätigt zu sehen!   Die gerade Linie nämlich ist die Linie der Festigkeit ; das sagt uns Sinn und Auge. Ein Theil ruht auf dem andern, hängt am andern, unterstützt und wird unterstützt: sowol senk - als wagerecht hat die Natur daher, wo sie Festigkeit nöthig hatte, diese Linie gewählt. So wächst der Baum im Stamme und ruht verjüngt auf sich selbst: das Vorbild der Festigkeit und der schönen Säule. So liegt, wo Base nöthig war, Stein, Erde und selbst das Meer in Gleiche. So ist auch beim menschlichen Körper, wo Basis nöthig war, Fußsohle, wo erhabne Festigkeit sein sollte, gerader Stand an Fuß, Schenkel, Hals, Arm und Händen. Nichts steht übler als ein gebeugter Baum oder eine krumme Säule; auch die Hand des Blinden will sie aufrichten; denn sie ist gefallen und kann zerschmettern. So ist auch ein krummer Hals, krummer Rücken und krumme Beine gerade das, was in der menschlichen Gestalt den Eindruck des festen Standes und der einfachen Erhabenheit am Meisten mindert. Der Haupttheil unsers Gesichts, der vortritt und die ganze Form desselben bildet, ist eine gerade Linie, die Nase und die Schiefheit derselben macht einen lächerlichen Eindruck. Man kann zu einem Gesicht mit schiefer Nase fast nicht reden. Die Linie der Vollkommenheit ist der Kreis , wo Alles aus einem Mittelpunkt strahlt und in ihn zurückfällt, wo kein Punkt dem andern gleich ist und doch Alles zu einem Kreise wallt. Wo es anging, hat die Natur die Linie der Richtigkeit mit dem Kreise der Vollkommenheit umwunden. So verjüngte sie Pflanzen und Bäume; so strahlt die vollkommene Sonne, und es wölbt sich der umfassende Himmel, und der Tropfe ründet sich wie die Erde u. s. w. So hat sie auch am Körper die Linie der Festigkeit mit Rundheit umkleidet: Arm und Beine, Finger und Hals zusammt dem Himmel, den er trägt, sind geründet; jeder Bruch, jede Ecke und Winkel dieser Theile sind unerträglich. Da aber die Gefäße hienieden der Vollkommenheit nicht fähig sind und die Linie der richtigen Nothdurft sie immer überwältigend zu sich zieht, siehe, so ward, wie im Weltgebäude durch den Streit zweier Kräfte die Ellipse ward, in der sich die Planeten, so hier die Linie der Schönheit , in der sich die Formen der Körper winden. Sie entstand, wie bei Plato die Liebe von Bedürfniß und Ueberfluß , Vgl. Herder's Werke, I. S. 148 ff.   D. aus der geraden Linie und Rundheit. Der Zirkel war für uns zu voll , nicht zu umschauen, nicht zu umfassen ; die gerade Linie zu dürftig , um den vielseitigen Organismus zu geben, zu dem unser Körper da sein sollte. Sie schwebt also und neigt sich , damit dies oder jenes überwiege . In der festen Brust, im festen Rücken wenig Krümme, nur Wölbung; dieser ist Mauer und Stütze, jene Panzer. Der Unterleib, beim Weibe der Busen, die Glieder der Schwachheit, wurden mit Weiche und dem Anschein der Vollkommenheit bekleidet. Nur aber ist's Anschein ; denn ein Kugelbauch wie ein Kugelkopf und Kugelwade sind überfüllte Auswüchse, in ihnen selbst der Keim der Zerstörung. Woher dies Letzte? Ich wiederhole, weil das menschliche Gefäß keiner Vollkommenheit und also auch keines Zeichens derselben fähig ist; denn Vollkommenheit ist Ruhe , sie aber sollen wirken, streben . Die Kugelbäuche und Kugelköpfe mögen viel Behaglichkeit, Satte und Allgnugsamkeit in sich haben, zum Fortschwunge im Ganzen sind sie um so minder; sie tragen über und vor sich ihren eignen Atlas. Wie das Licht emporwallt in der Flamme und das Meer aus seiner Ruhe in Wellen läuft und die Sonne selbst im Thierkreise den Erdkreis schlingend umwindet, so wird beim menschlichen Geschöpf nur durch Bewegung Reiz , und in Linien, Formen und Thaten ist Reiz nichts als Schöne in Bewegung . Sie entfernt sich von der Linie der Nothdurft , die ihr doch Basis bleiben muß, und wallt zur Vollkommenheit hin, ohne sich in sie zu versenken. Zwischen diesen beiden Aeußersten schwebt das Menschengeschlecht und seine beiden Geschlechte: der Mann auch in seinem Stande der Linie der festen Richtigkeit näher, das Weib mit schwebender Schönheit , die Reiz ist, bekleidet. Ist also kein Reiz ohne Bewegung , so zeigt diese, die Morgenröthe zur Handlung , abermals und selbst dem dunkel tastenden Sinne, woher nur die anbrechende oder gemäßigte Leidenschaft und Handlung Reiz verleihe. In diesem Schweben nämlich allein ist sie zwischen den beiden Aeußersten, Nacht und Sonne, zwischen Steife und übergießender Fülle. Man berühre jedes Glied in seinem höchsten Tone, wie kurz ist's zu ertragen! Die emporgezogne Stirn und das grinsende Lieblächeln, das die Augen schließt und den Mund verzerrt, ein sich zum Kropf senkendes Kinn und die sich zur Tonne brüstende Brust und der überstreckte spitze Arm und der zu scharf angestrengte oder verworfene Fuß: man taste alle diese Glieder, und man wird, mechanisch wie geistig, das Abweichen von aller schönen Form und Handlung fühlen. Ein schreiender Mund ist der fühlenden Hand eine Höhle, das Lachen der Wange eine Runzel. Die ewigen Gesetze der menschlichen Schönheit sind also metaphysisch und physisch, moralisch und plastisch völlig dieselben. Ein Mensch im Morgen des Jahrs wie des Lebens , im Frühlinge der Bewegung wie der Handlung ist immer ein analoges Geschöpf, die schöne Mitte zweier Extreme. Der Schwan, der sich um die Leda schlingt, und Leda , wie sie ihm zuwallt, Danae , wie sie den Regen erwartet, nicht wie Beide von beiden die Frucht zeigen, bilden Linien des Reizes. Für ihr theuerstes Bedürfniß sparte die Natur also ihre reichsten Schätze auf, und, wie jener heilige Schriftsteller sagt, Korinth. 12, 23.   D. die Glieder der Unehre schmückt man am Meisten . Ich habe noch ein Wort über das, was Stand oder Fall des Körpers ist, zu sagen. Allen steht der Kopf auf Schultern, aber nicht Allen steht er darauf gleich. Bei Allen ist im Mittelpunkt der Schwerpunkt, aber gewiß fällt bei Allen das Gliedergebäu nicht gleich auf denselben. Wir stehn Alle auf den Füßen; großer Unterschied aber, wie der Körper auf sie fällt, auf ihnen ruht, wie sich der Fußtritt drückt. Dieser ganze Stand und Fall des Körpers ist ungemein bedeutend. Er zeigt ganz natürlich die Glieder, die hervortreten oder sich verbergen, die wie von Natur und unwillkürlich gleichsam zuerst sprechen, oder die da schweigen, als wären sie gar nicht. Hiernach bestimmt sich der Gang des Menschen, der für Physiognomisten und Antiphysiognomisten so charakteristisch ist; hiernach, wie ein Mensch auftritt und sich zeigt oder sitzt und ruht . An Göttern und Faunen, Helden und Satyren bewiesen auch hierin die alten Künstler unendlich feine Charakterkenntniß , wie weitläuftig gezeigt werden könnte. Ueberhaupt ist nichts untrüglicher, als was vom ganzen Körper spricht , wenn es sogar dem Gefühl redet. An einzelnen Theilen kann man sich irren, aber die Stimme des Allgemeinen ist auch hier Gottes Stimme. Sie wappnet uns gegen Traum und Deutelei, insonderheit gegen das parteiische Hangen an einer Form, an einem Zuge, das uns so weit wegbringen kann von Wahrheit. Das bescheidene Gefühl tastet langsam, aber unparteiisch; es findet vielleicht wenig, aber was da ist; es urtheilt nicht, bis es ganz erfaßt hat. Es ist wunderbar, welchen Blick hierin wie in Allem die beiden Geschlechter gegen einander haben, wie tief der Mann das Weib und das Weib den Mann kennt. Jedes kann seinem Geschlechte Unrecht thun und thut ihm oft, nicht eben aus Neid, Unrecht; aber sein Urtheil über das andre ist, wo es nicht Leidenschaft verblendet, sondern Leidenschaft wappnet, wunderbar strenge. Die Liebe holt das wahre Ideal, den Engel, Haß den Teufel aus uns hervor, der in uns liegt, und den wir oft selbst nicht zu sehen oder zu finden vermögen. Die Ursache ist klar. Zum allgemein menschlichen Gefühle kam noch ein Geschlechtsgefühl hinzu, das wir ja auch bei den erhabensten Urtheilen über das, was Mensch ist , nicht ganz verleugnen. Der Mann muß immer, er mag dichten oder regieren, Menschen oder Statuen schaffen, als Mann , das Weib immer als Weib fühlen. Endlich kann ich nicht umhin, noch mit einem Laute die Symmetrie zu preisen, die sich, auch selbst dem dunkelsten Sinne schon, am menschlichen Körper leicht und herrlich offenbart. Die Natur wählte immer das leichteste Verhältniß, Eins und Zwei setzte sie über und gegen einander und immer die Glieder zusammen und in vertrauliche Nähe, die gemeinschaftlich sprechen sollten. Das edle eine Haupt steht auf dem freien, festen Halse zwischen zwei Schultern, als den Balken des gliedervollen Gebäudes, das es beherrscht und übersieht; es hat die schöne Ovallinie zur Form und trägt das Angesicht vor sich. Wie das Haupt auf den Schultern, so ruht im Angesichte die Stirn auf den beiden Bogen der Augenbrane, wie ein Gedankenhimmel, allein und oben. Zwischen den Augenbranen tritt Seele und Stirn auf einen Punkt, und zu beiden Seiten wölbt sich der edelste Sinn, das Auge, abermals in der schönsten Linie der Ellipse. So steht die Nase und der Mund abermal zwischen zwei Blumengeländern, den Wangen, bis die Ellipse des Haupts sich mit dem festen Kinne schließt. Kurz, man kann sich mit den sieben Buchstaben, die unser heiliges Antlitz bilden, keinen Stand und kein Verhältniß denken, was leichter zu fassen, zu sammeln, zu ordnen wäre und zugleich so viel Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit darböte als das schöne Zusammenstrahlen und Abwechseln der Stirn und der Augen, der Nase und der Wangen, des Mundes endlich, der auf dem Kinne ruht. Eins unterstützt, hebt, trägt das Andre; fast wird's dem tastenden Gefühle schon, was es durchs Licht dem Auge so unendlich mehr ist, Antlitz . Offenbar nach eben dem Bau und den Gliedern derselben Verhältniß ist der ganze Körper gebildet; daher die Wilden sich abermals auf Brust und Knie ein Menschenantlitz malen. Die beiden Warzen der Brust über dem Nabel, der Unterleib über den Füßen wie die Brust unter den Fittigen der Arme sind ein Verhältniß; Jedes gehört zum Andern als Eins oder Paar und spricht zu und mit ihm, was es sprechen soll. Die Anzahl und Bildung der Finger, die wie aus einem halben Kreise geschnitten, in einer Ordnung, die nicht vermehrt und vermindert, nicht versetzt noch verstümmelt werden kann, da stehn, bestätigt dasselbe. Kurz, überall eine einfache und harmonische Weisheit, die in und für uns gefühlt, gemessen, geordnet, Umfang und Fülle beschränkt hat. Sie goß die Seele in ein tausendfach organisirtes, aber sehr einfach begrenztes, leicht zu umfassendes Maß und machte Punkte der Vereinigung, wo und wie oft und auf wie zarter Stelle sie sie machen konnte. So findet Auge das Auge, so drückt sich Mund an Mund und Brust an Brust und blickt und saugt in sich Othem der Liebe. Man verrücke die Züge des Gesichts, man verpflanze und verwechsle Glieder: mit und ohne Auge muß man grausen, wie immer die kleinste Mißbildung zeigt. Was wir in der Optik und in den anordnenden Künsten überhaupt von feinen Gesetzen des Wohlstandes und der Wohlgestalt , des Eben - und Unebenmaßes entdecken werden, findet sein größtes Vorbild in dem edeln Werke, das überall, wie es scheint, der großen Mutter Liebling und Augenmerk war, in der Menschengestalt und Menschenschöne .   Fünfter Abschnitt. Ich fragte eine Blindgeborne: Im Jahr 1770.   H. »welcher Tisch, welches Gefäß ihr lieber sei, das eckige oder runde«. Sie antwortete: »Das runde; denn dies sei sanft und wohl zu fassen, und am runden Tisch stoße man sich nicht«. Vielleicht ist dies Alles, was über die Linie der Schönheit so simpel gesagt werden kann. »Warum ein runder Arm, eine schlanke Taille ihr wohlgefiele?« »Weil sie gesund, rege und leicht ist.« Gespenst stellte sie sich als einen kalten Hauch vor, der sie verfolge, und Lieblichkeit suchte sie in schöner, fester Stimme, Zuthulichkeit, gefälligem Duft und sanfter Wärme: gerade wie Saunderson und andre Beispiele. Ich reichte ihr eine Statue: sie kannte und nannte jeden Theil und fand ihn gut ; als sie ans Kleid kam, stutzte sie und wußte nicht, was es sei; denn es war die erste Statue, die sie faßte. Sonst machte sie mein Stand zu furchtsam, und die Entfernung ihres Orts versagte mir weitere Nachforschung. Sie hatte in ihrer Sprache alle Ausdrücke des Sinnes, den sie nicht besaß, nur sie verstand keinen; es war aufgeschnapptes Papageienwesen, wie ein großer Theil der Sprache bei uns Menschen mit fünf Sinnen immerfort ist. Uebrigens halte ich Mängel von dieser Art für die einzige sichere Quelle, unsre Sprache und Begriffe der so verflochtnen Sinnlichkeit zu scheiden und jedem Sinne wiederzugeben, was sein ist. Wenn je eine praktische Vernunftlehre , ein philosophisches Lexikon der Sprache, Sinne und schönen Künste geschrieben wird, wo jedes Wort, jeder Begriff seinen Ursprung finde, und wo den Gängen nachgespürt werde, wie er sich von Sinn zu Sinn, von Seele zu Seele übertrage, so, dünkt mich, müssen Versuche der Art Leitfaden sein, oder Alles bleibt Labyrinth und Vernunftgewäsche, wie es jetzt ist. In diesem Buche ist über einen Sinn und aus einer Kunst und Classe von Begriffen eine kleine Anfangsprobe. Honny soit qui mal y pense, und der, was aufrichtiges Tappen nach Wahrheit, Richtigkeit, Einfalt war, was züchtiges Gefühl bedeutungsvoller Formen der Schöpfung Gottes und nicht Unzuchtbegriffe wecken sollte, mit Anmerkungen eines Gecken oder Anwendungen eines Buben entehrt! Das Beste kann zuerst gemißbraucht werden, eben weil an ihm etwas zu mißbrauchen ist; ja, die Wahrheit, die nicht auf der Gasse liegt, muß sich eben vom Sprachgebrauch manchmal entfernen. Nur ist's noch keinem Astronomen eingefallen, seine Theorie vom Weltsystem deshalb zu ändern, weil der Sprachgebrauch anders redet. Kann er's erklären, warum der so reden mußte, so ist Alles gethan, und seine Gründe gelten. Ist's ein metaphysisch und physisch erwiesener Satz, »daß nur körperliches Gefühl uns Formen gebe«, so müssen die Ableitungen desselben in jeder Kunst und Wissenschaft wahr sein, gesetzt, daß sie auch nicht so manche neue Berichtigung und Erläuterung gäben, als, mich dünkt, diese der Bemerkung erfahrnerer Forscher gewiß noch geben können. Versuche es der Schüler der Kunst, und wo seinem Gesicht in der Form etwas dunkel, widersinnig und zweifelhaft scheint, oder wo er zu flattern und überhin zu gleiten befürchtet, er versuche und lege den Finger seines innern Sinnes an, um nach Gestalt des Geistes in dieser Form zu tappen, wo er nicht erkennen konnte: ist seine Seele rein und still und sein Sinn zart, so wird er bald Aufschluß des untrüglichen stummen Orakels hören, und seine Hand wird wie von selbst streben, nachzubilden , was er erfaßt hat.   Ich könnte meinen Satz durch die Geschichte der Kunst führen und über das Wort Plastik und Toreutik , über ἄγαλμα und signum, τόρευμα und caelatura, βαιτύλια, ξόανα, βρέτη u. s. w. trefflich metagrabolisiren. »Ich verstehe weder Sinn noch Ableitung des Worts, noch was dafür zu setzen sei.«   Anm. von Heyne. [Es ist wol metaparabolisiren gemeint, im Sinne von »nachher (nach der aufgezeigten Wortbedeutung) Vergleiche ziehen«. Die Annahme, es sei einfach etymologisiren zu lesen, setzt doch ein kaum glaubliches Versehen voraus. Herder hat den Druckfehler übersehen.   D. Ich könnte zeigen, daß die Bildhauerkunst überall nur so habe entstehen können, wie sie bei unsern Kindern entsteht, in deren Händen sich Wachs, Brod, Thon selbst bildet; zeigen, daß die Griechen in ihren Modellen dem Ursprunge der Kunst treu blieben, sofern sie ihm treu bleiben mußten, und daß die Methode zu modelliren, die Michel Angelo gebrauchte und Winckelmann so sehr rühmt, Gedanken über die Nachahmung, S. 28 f.   H. nichts als das sei, wovon wir reden. Nämlich »das jeder Form und Beugung sich sanft anschleichende und anplätschernde Wasser wird dem Auge des bildenden Künstlers der zarteste Finger«, der durch den Widerschein gleichsam an mehrerer Runde, schwebendem Zauber und Lieblichkeit viel gewinnt. Ich könnte sagen, daß die so natürliche Vielförmigkeit der griechischen Bilder, da jeder Muskel schwebt , da nichts Tafel wird und keine Seite, keine Viertheilseite des Gesichts wie die andre, folglich auch nie durch Kupferstiche, Zeichnungen, Gemälde darzustellen oder zu ersetzen ist, uns Zug für Zug und fast unwillkürlich auf jede weiche Stelle, jede zarte Form tastend ziehe u. dergl. Wozu aber Alles, was sich, wenn mein Satz wahr ist, Jeder selbst sagen kann und wird?   Ich schließe mit einigen allgemeinen Anmerkungen über mißverstandne, folglich scharf bestrittene Gegenstände der Kunstgeschichte. * 1. Die bildende Kunst, sobald sie Kunst wird und sich von signis, d. i. religiösen Zeichen und Denkmalen, Klötzen, Hölzern, Steinhaufen, Pfeilern, Säulen entfernt, muß nothwendig zuerst ins Große, Erhabene und Ueberspannte gehen, was Schauer und Ehrfurcht, nicht Liebe und Mitgefühl erregt. Bei Kindern, Blinden und Sehendwerdenden ist's noch also und wird, was auch die Philosophie predige, immer also bleiben. Jener Blindgewesene sah Menschen, als sähe er Bäume; Cheselden's Blindem Vgl. oben S. 224.   D lagen alle Figuren als eine ungeheure Bildertafel sich bewegend dicht vorm Auge; aller erste Anblick und Eindruck, den Kinder und Unerfahrne von einer Statue haben, ist gerade, wie Dädal's Säulen beschrieben werden. Ehrfurcht , die beinah Schrecken wird und Schauer , Gefühl, als ob sie wandelten und lebten , so gerade und viereckt sie dem Auge des Künstlers da stehn mögen, sind die ersten Eindrücke der Kunst, zumal bei einem halbwilden, d. i. noch ganz lebendigen, nur Bewegung und Gefühl ahnenden Volke. Bei allen Wilden oder Halbwilden sind daher die Statuen belebt, dämonisch , voll Gottheit und Geistes, zumal wenn sie in Stille, in heiliger Dämmerung angebetet werden und man ihre Stimme und Antwort erwartet. Noch jetzt wandelt uns ein Gefühl der Art an in jedem stillen Museum oder Coliseum voll Götter und Helden: unvermerkt, wenn man unter ihnen allein ist und wie voll Andacht an sie geht, beleben sie sich, und man ist auf ihrem Grunde in die Zeiten gerückt, da sie noch lebten und das Alles Wahrheit war, was jetzt als Mythologie und Statue da steht. Der Gott Israel's wußte sein sinnliches Volk vor Bildern und Statuen nicht gnug zu bewahren: war das Bild da, so war auch seinen Sinnen der Dämon da, der's belebte, und die Abgötterei unvermeidlich. Wir Vernunftleute lesen jetzt die eifrigen und verweisenden Stellen der Propheten gegen die Abgötterei mit Verwunderung und fast mit Befremden; die Geschichte des Volks aber und aller Völker beweist's, wie nöthig sie waren. Nichts hält die Sinnlichkeit stärker an sich als ein Abgott, er sei lebendig oder todt, gnug, daß er da ist und man zu ihm gehen kann und von ihm Glück und Unglück erwarten. »Er hört ja unsre Gebete, er nahm ja unsre Opfer an: warum sollt's nicht sein gewesen sein, was uns auf unser Gebet ward? Es ward uns ja auf dasselbe, und ungezweifelt hat er, Baal, es uns gegeben.« Daher auch die übeln Bewegungen der Heiden gegen die Bildsäulen ihrer Götter, die uns jetzt nicht minder befremden. Kinder, Menschen in Wuth und Leidenschaft machen's noch jetzt also, und die Sinnlichkeit macht's nie anders. Sie schlagen die Puppe und behandeln sie als lebendig. Unglücklich Liebende, zumal Weiber, zerschlagen das Geschenk des Untreuen oder rächen sich an Papier, Boten, Stelle und Denkmal. Wenn Nordländer die Bildsäulen Italiens zerschlugen, so schimpfen wir sie Barbaren; als solche aber konnten sie auch nicht anders. Ihre Augen sahen den Dämon in ihnen, und also mußten sie sie anbeten oder zerschmettern. Hätten sie Jahrhunderte bei ihnen gewohnt, würde, wie es die Geschichte Italiens zeigt, ihr überspanntes hohes Gefühl sich Zeit gnug in Kunst, Kunst in Geschmack, Geschmack in Ekel und Vernachlässigung aufgelöst haben. Dies ist auch die Geschichte der Kunst bei allen Völkern. Vom Himmel entsprang sie; Ehrfurcht, Liebe, ein Funke der Götter brachte sie hinunter, schuf ihr irdische Form an und erhielt sie einige, wiewol kurze Zeit lebend . Nun ward sie Abgötterei , sodann Kunst , sodann Handwerk und endlich die Grundsuppe von Allem, Kennerei, Trödelkram und Kunstgewäsche . Die Dädalus und Phidias gehen vor, die Praxiteles , Myrons und Lysippe folgen; sodann wird's Nachklang oder Nachschmack oder noch etwas Aergers. Niemals gelingt's uns hier, die Zeiten umzukehren, und es ist thöricht, die Dädale in Lysippen umschaffen zu wollen. Sind Jene erst da, so werden Diese kommen, denn ohne Jene konnten Diese nicht werden . Die gerade Linie bleibt immer die erste und Hauptlinie, um die sich der Reiz nur schwingt. * 2. Kolossalische Figuren sind der bildenden Kunst nicht fremde und unnatürlich, sondern vielmehr gerade ihr eigen , ihres Ursprungs und Wesens . Die Bildsäule steht in keinem Lichte, sie giebt sich selbst Licht: in keinem Raume, sie giebt sich selbst Raum. Folglich sollte man sie hier mit der Malerei auch nur nicht vergleichen , die ja auf der Fläche , auf einer gegebnen, übersehbaren Lichttafel und ja Alles nur aus einem Gesichtspunkt schildert. Die bildende Kunst hat keinen Gesichtspunkt: sie ertastet sich Alles glieder- und formenweise im Dunkel; gleichviel also, ob sie etwas langsamer und länger taste. Ja, nicht blos gleichviel, sondern der Eindruck von Größe , Ehrfurcht und unübersehbarer , nur von außen und gleichsam nie ganz zu ertastender Gestalt ist ja das eigentliche Bild ihrer Götter und Heroen, wie es sich nachher nicht die Hand, sondern der Geist, die erschütterte, durchregte Einbildungskraft sammelt. Alles Unendliche dünkt uns erhaben , und jedes Erhabne muß gewissermaßen Unendlichkeit , ein Nachbild jener Erscheinung gewähren, »da der Geist vorbeiging und die Haare grauseten, ein Bild stand dem Schauenden vor Augen, und er kannte dessen Gestalt nicht und hörte eine Stimme.« Nach Hiob 4, 15-16.   D. Bramma Wir haben hier die Namenschreibung der drei großen indischen Gottheiten beibehalten, wie sie Herder in seiner Quelle, wol Abraham Roger , fand.   D. verlangte das Haupt des höchsten Gottes Ixora zu sehen und flog, so hoch er konnte. Da begegneten ihm drei Blumen von Ixora's Haupt und fragten ihn, wohin er wollte. Er sagte, daß er gehe, Ixora's Haupt zu sehen, und die Blumen antworteten ihm: »Mache Dir keine vergebliche Mühe! denn ob wir wol noch dreimal so lang geflogen wären, von der Stunde an, da wir von Ixora's Haupt niederfuhren, so würden wir nicht so weit sein, daß wir seine Füße sehen möchten.« Und Bramma ließ ab und bat die Blumen, Ixora zu sagen, wie ihn schwindle, höher zu fliegen. Vistnum begehrte seine Füße zu sehen und grub so tief in die Erde, bis er zur großen Schlange des Abgrunds kam und schreckenvoll zurückkehren mußte, und also beide Götter mit lauter Stimme bekannten, daß Niemand sei, der sein Haupt und Füße zu sehen vermöge. So erzählt Indien, und konnte nun Griechenland seinen Jupiter anders als kolossalisch bilden, wenn, soweit es die Form zuließ, er nur einigermaßen die Idee des Unendlichen erwecken sollte? Als Phidias also hinaufgerückt ward, Jupiter zu sehen, kam aus seiner Seele das Bild Dessen, den, ob er wol in Tempeln thront, kein Tempel umfaßt . Es war ein elender Spott, daß, wenn sein Jupiter aufstünde, sein Haupt die Decke des Tempels aufheben müsse; eben das war Phidias' Gefühl und dunkler Gedanke. He above the rest , sagt Milton vom Helden seines Gedichts, In shape and gesture proudly eminent Stand like a towr, Paradise lost, I. 589-591 , wo aber stood sich findet. Es ist von Satan die Rede.   D. und alle Homerische und alle älteste Erzählungen von Göttern und Helden sind also. Der alte Künstler mußte also das Gefühl haben und ausdrücken, oder es waren nicht die Götter mehr, und wenn es Lysippus selbst an seinem kleinen zierlichen Hercules einen Fuß hoch ausdrückte, daß der begeisterte Statius Silv., IV. 6. 36-41.   D. schreit: Deus, ille Deus, seseque videndum Indulsit, Lysippe, tibi, parvusque videri Sentirique ingens, et cum mirabilis intra Stet mensura pedem, tamen exclamare licebit, Si visus per membra feras: Hoc pectore pressus Vastator Nemees, und also Lysippus' fußlange Figur in Statius' Seele oder Munde Kolossus ward, ja, um Hercules zu sein, es werden mußte: welche Blume von Ixorens Haupt will es denn dem Künstler verbieten, statt eines einige Fuße zu nehmen, wenn er damit dem umfassenden tastenden Auge höheres Gefühl giebt? Ueberhaupt dünkt uns Alles größer , was unsre Hand tastet , als was das Auge schnell wie der Blitz auf einmal und nach täglicher Weise sieht . Die Hand tastet nie ganz , kann keine Form auf einmal fassen als die Form der Ruhe und zusammengesenkter Vollkommenheit, die Kugel. Auf der ruht auch sie und die Kugel in ihr; sonst aber, bei articulirten Formen und am Meisten im Gefühl eines menschlichen Körpers, selbst wenn er das kleinste Crucifix wäre, ist sie nie ganz, nie zu Ende; sie tastet gewissermaßen immer unendlich . Das Kolossalische ist also ihrem Gefühl so nah und natürlich, als es dem Farbenbrett aus einem Lichtpunkt fremd ist. Dies muß, und gewissermaßen auf einmal , übersehen werden können, oder es steht überwältigend vor uns, eine gigantische, abscheulich gezerrte, uns erdrückende Larvenmauer. Rechnen wir nun noch hinzu, daß unsrer tastenden Hand das Leblose größer dünkt als das Belebte , wo jede Durchregung des Hauches der Seele uns Glieder und Unterschiede darstellt (denn eine abgehauen kalte Hand dünkt unserm Gefühl und selbst unserm Auge größer, als da sie Glied am Körper war und Leben sie durchwallte), und nehmen wir hiezu noch Dunkelheit und Nacht , in der der Sinn tastet, die langsam erfühlte Einheit und Unbezeichnung , die ein solches Bild verleiht, den Begriff von Macht und Fülle , langsamem und starkem Willen , der in dem Gebäu wohnt: so kann nicht blos, so muß gleichsam jeder hohe und starke Gott, jede Göttin der Erhabenheit und Ehrfurcht unsrer Einbildung kolossalisch und wenigstens übermenschlich werden über unsre Zwergengröße. Die bildende Kunst tritt hier in die Mitte zwischen Dichter und Maler. Jener kennt gar keine Grenzen, als die ihm der Flug seiner Phantasie und die Schöpfersmacht, die in ihm wohnt, zeichnen. Sein Auge, wie der unendliche Shakespeare sagt: In a fine frenzy rolling, Doth glance from heav'n to earth, from earth to heav'n, And as imagination bodies forth The forms of things unknown, the poet's pen Turns them to shapes and gives to airy nothing A local habitation and a name, Midsummer-Night's Dream, V. 1.   D. ja, was sonderbar ist, um die simpelste Kindeserzählung nach morgenländischer Art, wo Alles ohne Beiwörter und Schönfärbung, in unendlicher Einfalt und schlichter Unbezeichnung da steht, hat sie den meisten Spielraum. Der Maler hat auch seine Unendlichkeit, aber nur Unendlichkeit eines Continuum , einer flachen Lichttafel . Er kann Himmel und Erde, meilenweit hingeworfne Gegenden und Gebiete der Einbildung malen, aber keine Kolossalfiguren; denn Formen sind ihm aus einem fremden Sinne. Er muß sie darstellen, wie es der Rahm seines Bildes, die Gesetze der Lichtbrechung und Farbengabe, kurz, sein Sinn und Medium fordern. Der Bildner steht im Dunkel der Nacht und ertastet sich Göttergestalten. Die Erzählungen der Dichter sind vor und in ihm: er fühlt Homer's Minerva, die den gewaltigen Stein ergreift, an dem einst so viel Riesen der Vorzeit trugen, Nicht ganz genau nach Ilias, XXI. 403-406.   D. fühlt ihr gewaltiges Haupt, dessen Helm so viel Krieger birgt, als hundert Städte ins Feld zu stellen vermögen, Ilias, V. 744.   D. fühlt den Schritt Neptun's, Ilias, XIII. 18-20.   D. die Brust Alcides', Odyssee, XI. 609.   D. den Wink der Augenbranen Jupiter's: Ilias, I. 528.   D. kann, was in diesem Gefühl aus seiner Hand kommt, klein oder kleinlich sein? Jeder Raum ist ihm nun gleichgiltig, wo er nur diese formenschwangern Gefühle hinlegen oder ausdrücken kann. Sei Jupiter einer Elle oder sechs Ellen hoch: umfaßt ihn nur sein Sinn und der Sinn des Schauenden in Majestät und Würde, das ist sein Raum und seine Grenze . Eben dies innere Gefühl mißt ihm auch jede Spanne des Kolossus mit Weisheit des Eindrucks und Standorts zu, auf den er sein Werk richtet. Der Jüngling Apollo darf ein übermenschlich stolzes Gewächs sein, aber kein Kolossus; denn er ist nicht Jupiter, und die Schlanke und Schnelligkeit seiner Glieder würde in einer Thurmgestalt erliegen. Was von einer Juno oder der Mutter aller Götter gilt, gilt nicht von der lieblichen Aphrodite. Unsägliche Weisheit, die die Griechen auch bei der Größe bewiesen, die sie jedem ihrer Himmels- und Erdengewächse zuwogen! Diese Weisheit spricht uns noch, da sie alle als kahle Mythologie und akademische Wachtparade dahin gepflanzt sind, auf einen Grund und Boden; und wie muß sie gesprochen haben, als jede Statue an ihrem Ort stand, in ihrer Höhe und heiligen Entfernung! Unter den Römern ging dies weise Gefühl verloren; Flora oder ein Consul und Imperator konnte Kolossus werden, nach dem der Künstler Stein hatte oder der Imperator Metall aufwenden wollte. Die Kunst war unter ihnen Griechenhandwerk. * 3. Und endlich, was hat die Allegorie mit der bildenden Kunst zu schaffen? wie weit kann diese allegorisiren? Die Frage ist sehr verwirrt worden, weil man alle Künste, ja gar ( horribile dictu! ) alle Wissenschaften mit ihnen auf einerlei Grunde betrachtet hat, ohne einzusehen, daß diese im Gebrauch keines Zwirnfadens und keiner Nadelspitze eins sind. Ueber Winckelmann's Werk, das die Allegorie im weitläuftigsten Sinne nimmt und, da es den ersten Anfang einer Rüstkammer für alle Künste des Schönen geben wollte, nothwendig so allgemein sein mußte, über dies Werk, sage ich, ist viel seichter So schrieb Heyne statt »seltner«.   D. und halbwahrer Tadel vorgebracht worden, durch den weder dem Künstler noch Weisen Gnüge geschieht. Die Hauptfrage bleibt: was ist Allegorie? und was ist sie hier ? durch welche Mittel wirkt, auf welchem Boden steht sie? Und da ergiebt sich: jede Kunst muß völlig ihre eigne haben, oder es giebt gar keine. Jener weise Alte machte daher den Begriff der Allegorie so groß: Heraclides Ponticus , dessen Winckelmann am Anfange seiner Abhandlung über die Allegorie gedenkt.   D. sie bedeutet Eins durchs Andere , ἄλλο durch ἄλλο. Wie sie das bedeute, von welcher Art das ἄλλο und ἄλλο sei, das kann nicht die allgemeine Theorie, das muß Stand, Absicht, Kunst, kurz, der einzelne , hier bestimmte Gebrauch lehren. Ich kann sagen, daß bildende Kunst eine beständige Allegorie sei; denn sie bildet Seele durch Körper , und zwei größere ἄλλα kann's wol nicht geben, insonderheit wenn man die Philosophen der Gelegenheit und der prästabilirten Harmonie um Rath fragt. Der Künstler hat das Vorbild von Geist, Charakter, Seele in sich und schafft diesem Fleisch und Gebein ; er allegorisirt also durch alle Glieder . Verhältniß ist ihm nur das Nichtohne , die Bedingung, nie aber das Wesen seiner Kunst oder die Ursache ihrer Wirkung. Dies ist Seele , die sich Form schafft, und wo beide, Form und Seele, vom Verhältniß gelinde abzuweichen befehlen, kann er nicht blos, sondern muß abweichen, wie bei Apollo's längern Schenkeln, bei Hercules' dickerm Halse u. s. w. Ueberhaupt Verhältniß in der Kunst zum Hauptwerk machen und für Antinous und Mars, Jupiter und den Faun ein und dasselbe festsetzen, heißt jedem Perioden und Gliede einer Allegorie ein Maß vorschreiben oder aus der Algebra Musik componiren. Leibhafte Form ist der Tempel und Geist die Gottheit, die ihn durchhaucht; da nun nicht jeder Gott und jeder Tempel gleicher Art ist, so können bis auf jedes Winkelchen in ihm unmöglich dieselben Verhältnisse gelten. Und hier ist's abermal besonders, daß, je weniger ein Glied Antheil an Geist , insonderheit an Bewegung und Leben hat, desto mehr ist sein Verhältniß bestimmt und darf nicht abgeändert werden. So ist's z. B. mit dem Unterleibe: verlängert oder verkürzt ihn, er wird gleich unförmlich. Aber in den Gliedern, wo Rege, Leben, Bewegung spricht und jetzt dies Hier sind wol die Worte jetzt jenes ausgefallen.   D. Glied vorspricht , da muß der Geist, der überm Künstler schwebt, ihm im feinsten Schwunge der Form allein Auskunft geben. Es ist gebildete Allegorie eines geistigen Sinnes , der sich hier in den Stein senkte. So kann man von der bildenden Allegorie sprechen; allein ich begreife sehr wohl, daß das nur uneigentlich gesprochen heißt, weil wir, die so wenig im Gefühl der Plastik leben, dem Worte Allegorie gerade die Bedeutung gegeben haben, die nicht in ihr, sondern in andern, leichtern Künsten und Wissenschaften vorkommt. Und in deren Sinne kann jene freilich nicht allegorisiren . Bloßen Witz, eine feine Beziehung zwischen zweien Begriffen oder das Abstractum eines fliegenden Dufts und eines verfliegenden Schmetterlings in den Stein zu senken und denselben daraus wiederum zu ertasten, dazu ist der Stein zu schwer und die Hand zu grob, und die Arbeit lohnt nicht der Mühe. Mögen andre Künste dies bemerken und insonderheit der Hauch , die Rede den flüchtigen Schmetterling von Witz und Abstraction haschen: die Statue ist dazu zu wahr , zu ganz , zu sehr eins , zu heilig . Die bildende Natur haßt Abstracta; sie gab nie Einem Alles und Jedem das Seinige auf die feinste Weise. Die bildende Kunst, die ihr nacheifert, muß es auch thun, oder sie ist ihres Namens nicht werth. Sie bildet nicht Abstracta, sondern Personen ; jetzt die Person in dem Charakter und den Charakter in jedem Gliede und in Ort und Stellung , als ob sie nur der Zauberstab berührt und lebend in Stein gesenkt hätte. Es ist nicht die abstracte Liebe , die da steht, sondern der Gott , die Göttin der Liebe; nicht die Frau Gottheit und die Jungfrau Tugend , sondern Minerva, Juno, Venus, Apollo , und wie die höchstbestimmten Namen, Gebilde und Personen ferner lauten. Dem müssigen Kopf, der den Redner, den Dichter, den Maler allegorisirt, kann ich's vergeben; wer mir aber hier bei der Bildsäule, wo im höchsten Grad Alles substantiell, wahr und bestimmt ist, Fledermäuse hascht, die nicht Kunst sind noch Dichtkunst, weder Seele noch Körper: dem mag's von den allegorisirten Göttern selbst vergeben werden. Wenn eine Kunst uns bei Substanz und Wirklichkeit festzuhalten vermag, ist's diese, und wird sie Gespenst, was sollte nicht Gespenst werden? Der alte Künstler konnte Verschiedenes an Verschiednem studiren (und nur einem Neuern hat's fremde gedünkt, wie er so etwas konnte und mußte); aber wenn er nun schuf , so ward das Verschiedene ein Eins , mit Haltung und Seele aus seiner Seele. Er sprach zum Felsen: »Wandle! sei die Person, lebe!« So sah alle Abgötterei die Kunst an. Der einzelne bestimmte Gott war gegenwärtig und hörte. So nannten die Griechen die Statuen. Es war nicht mehr Apollo allgemein, geschweige die liebe Sonne oder die personificirte Dichtkunst; es war der Apollo, Smintheus, Delius, Pythius , Ἀγρεύς, wie es Ort und Attribut sagte. Diese Attribute waren so wenig Allegorie (wie wir nach der Poetik das Wort nehmen) als Hercules' Keule oder die Nase unsers Angesichts; historische, individuelle Kennzeichen waren's, diesen Gott und jetzt und hier zu bezeichnen. Sie bedeuteten , aber keine Abstraction; ein Individuum deuteten sie an, wie's ohne Schrift angedeutet werden konnte. Man gehe die Statuen der Götter und die aus ihnen gesammelten Allegorien durch; man wird sie sämmtlich dieser Art finden. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob und wie die Griechen ihre Bildnerei von einem fremden Volk erhielten , sondern was sie aus ihr machten , und wozu sie, da sich die Kunst formte, dieselbe geschaffen glaubten. Jupiter's drittes Auge vor der Stirn Auf der Burg zu Argos nach Paus ., II. 14. 5.   D. blieb in den Zeiten der Kunst weg; denn es war ein allegorisches und kein natürliches Auge. Die Gestalt selbst mußte Jupiter sein; das Uebrige konnte Dichter, Priester oder Jeder dazu sagen, Etwa setzen ?   D. der's wollte. Wenn also die Ausleger und Zeichendeuter mit Deutung der Attribute so fein und reich sind, so lasse ich's zwar als Witz und Poëm gelten, zweifle aber, ob der griechische Künstler oder Priester oder Anbeter das dabei dachten. Es war meistens ein historischer Umstand , der dem Gott einen eignen Namen gab, und den nun dies eigne Attribut bezeichnen sollte. »Du bist nicht Jupiter, Du, sondern mein, unser Jupiter, der Du da warst!« also eigentlich ein Abgott . Je feiner meistens die Auslegung der Allegorie, desto unwahrer. Freilich war um einen Gott und Helden so leicht nichts, was nicht Gedanken erweckte, und bei den Griechen waren's treffende, natürliche Gedanken; nur nicht aus Abstracten , nicht aus gedichteter Allegorie , sondern aus Umständen der Geschichte . Der Charakter des Gottes und Helden (Allegorie gnug) war dem Künstler gegeben : den drückte er aus, das Uebrige war ihm Unterstützung und Aufklärung desselben oder historische, Local - und Tempeldeutung . »So war denn den Griechen die Allegorie zuwider?« Nichts minder, sie war nur nicht überall ihr Hauptwerk . Der Grieche fühlte es zu gut, daß, um allegorische Personen tanzen zu lassen; man kein Theater bauen, kein Epos dichten und keinen Marmorfels aushöhlen dürfe. Er fühlte es zu gut, daß, wenn eine Allegorie schön und lieb sein soll, müsse sie klein, simpel, schmal umrundet werden, ein Edelstein im Ringe. Kurz, nicht den Kolossus, sondern die Gemme , die Münze , die Urne , das Basrelief widmete man ihr, und da war sie an Stelle. Giebt mir die Göttin Tyche (denn es ist billig, daß ich über die Allegorie auch allegorisire), giebt sie mir Muße und Lust und Liebe, die mehr als Muße ist, meine Flicke hingeworfner Gedanken über die Anaglyphik zu sammeln: ich freue mich, wenn ich an die Stunden denke, die mir die simpelste Gruppe der Welt, die griechische Allegorie , einst verlieh. Da werden wir Griechengeist in der niedlichsten Bildersprache entdecken; hier, befürchte ich, ist's zu früh. Ein Jupiter, Hercules und Apollo, ein Laokoon und Alexander sind zu große oder zu bestimmte Wesen, als daß Allegorie sie umflattern sollte. Was Hand und Geist an ihnen erfaßt, ist Allegorie gnug, d. i. Sinn und Geist eines gegenwärtigen himmlischen Wesens. Sie waren auf bestimmte Tradition und Kindesgeschichte gebaut; die zu bestimmen , wo sie wankte, sie auf einem Punkt persönlichen Daseins festzuhalten , war des Künstlers Werk; nicht sie mit Allegorie zu behängen und in Luft zu verduften. Statt dessen trete man an eine in Stein gehauene Tugend , die Dame Gerechtigkeit etwa oder die Jungfrau Frömmigkeit, Liebe u. dgl.: was hat man an ihnen? Nichts! eine in Stein gehauene Seifenblase. Was ich bei ihren Attributen denken soll, weiß ich etwa: aber bei ihnen selbst? Daß sie liebe, gute Damen sind, die ein Wort, eine abstracte Redart hervorbrachte, und die meistens deren auch werth sind. Wollen sie das Höchste ausdrücken, was sie bedeuten (und das sollen sie doch!), so werden sie unleidlich; denn die angestrengteste Gerechtigkeit, die allergnädigste Gnade, die allerzerflossenste Andacht, die weichste Barmherzigkeit, die lachendste Liebe kann weder Mensch noch Stein tragen. Und ewig ertragen? In dem unnatürlichen, krallen oder aufgelösten Zustande steht sie immer da, und nichts kann ihr helfen. Hinweg, Grimasse von Stein, und verwandle Dich zu dem, was Du einst warst, ein Wort, eine Silbe! Nun aber schwang sich auch meistens der Künstler nicht so hoch: er wollte seinen Block nicht anstrengen, den höchsten Ton aller Gerechten , d. i. die Gerechtigkeit, den Inbegriff aller Andächtigen , die Andacht, ewig und unüberschwungen zu tönen; er blieb also in der seligen Mittelmäßigkeit, und so sagt er gar nichts . Ist die Pietas höchstens nur etwa eine pia , die Caritas etwa eine cara , Beide unbestimmt und ohne Individualformen: Schade, lieber Künstler, um Marmor und Meißel und Zeit und Mühe! Hättest Du lieber eine bestimmte pia und cara genommen, so stünde die doch leibhaft da, und Dein heiliger Vater wäre mindestens von einigen guten Weibern in Stein beweint und betrauert worden, statt deren jetzt nur ein geschaffenes Nichts, allegorische Tugenden um ihn trauern! Bei Grab- und Denkmalen indeß lasse ich die Allegorie noch gelten; denn oft vertreten jene doch nur die Stelle der Basreliefs auf dem Monumente und etwa der Gemmen und Münzen, sie sind kein freies Kunstbild . Auch die Griechen konnten wol auf ein Grabmal Psyche und Amor, halb als Allegorie (sie waren aber mehr als solche, sie waren Geschichte ) stellen und ließen das schöne Paar jetzt in neuer Bekanntschaft sich schwesterlich küssen und umarmen. Ist irgend ein Ort, da man einen herabgesunknen Engel erwartet, so ist's am Grabe, über der lieben Asche unsrer Todten, wo Alles so still ist, wo kein Laut aus jener Welt herübertönt, und wo wir doch so gern mehr als Asche fänden. Hier ist also auch wol eine weinende oder tröstende Tugend zu ertragen, wenn sie, ihres Namens werth, nur als ein weiblicher Engel dasteht. Kann der Verstorbne oder die Verstorbne selbst in oder neben ihr gebildet werden, wie wir's erwarten, so ist's freilich um so besser. Können wirkliche Kinder, eine Geliebte, ein Weib daneben gebildet werden, so kehrt für Kunst und Denkmal Wahrheit in die Züge, und also um so besser. Aber wehe, wenn diese Grabengel, die man der Menschlichkeit als Denkmal der Liebe und milde Gabe zuließ, nun Hauptwerk der Kunst werden sollen, und gar gelehrte Abstractionen und Allegorien wie Gespenster Alles verscheuchen! Ist's sodann nicht offenbares Zeichen der größten Dürftigkeit und Armuth , daß man nichts als solche habe oder nur solche zu bilden vermöge? Wieweit ist's mit der Kunst der leibhaften Wahrheit gekommen, wenn sie keine leibhafte Wahrheit mehr hat, wenn sie statt des großen einen seeledurchwebten Ganzen nach einem Schmetterlinge von Witz , von Bedeutung hascht, der um oder neben oder über ihr schwebe! und den sie doch auch, so klein der Preis wäre, nicht einmal zu erreichen, nicht auszudrücken vermag; denn zu aller literarischen und moralischen Allegorie gehört Gruppe , und im eigentlichsten Verstande hat die die Bildnerei nicht. »Nicht? die Bildnerei keine Gruppe? Und Laokoon, Niobe , die beiden Brüder!« Kastor und Pollux . Vgl. S. 294.   D. Ich weiß das Alles und mehr als das. Ich weiß, daß ein Franzose noch neulich hoch gerühmt hat, » seine Nation habe das Gruppiren der Bildsäulen nagelneu erfunden, sie habe zuerst Bildsäulen malerisch gruppirt, wie nie ein Alter gruppirt hat«. Die Bildsäulen malerisch gruppiren? Siehe, da schnarrt schon das Pfeifchen; denn eigentlich geredt, ist's Widerspruch: Bildsäulen malerisch gruppiren. Jede Bildsäule ist Eins und ein Ganzes; jede steht für sich allein da. Was der Gedachte also an den Alten tadelt, war ihnen ausgesuchte Weisheit , nämlich nicht zu gruppiren, und wo Gruppe sein mußte, sie selbst so viel möglich zu zerstören. Diesen Satz hat die neuere Wissenschaft vollständig widerlegt. Wir verweisen nur auf Welcker's den Giebel- und sonstigen Gruppen gewidmeten Band seiner »Alten Denkmäler«.   D. Daher mußten Laokoon's Kinder so klein sein, ob sie wol Männer waren: nicht, wie Hogarth meint, seiner Schönheitslinie wegen, daß, wenn über alle Drei ein Transportkaste geschlagen würde, er in Form der Pyramide oder Lichtflamme da stünde; an solche Zimmerarbeit hat wahrlich der Künstler nicht gedacht. Woran er dachte und denken mußte, war, daß die Jungen dem Alten, zu seiner Größe erhoben, auch bei dunkler Nacht im Licht stünden, daß das Ganze sofort Drei und nicht Eins, mithin der Geist des erhabnen Vater- und Todesleidens weg und scheußlich zertheilt wäre, wenn alle Drei da ständen und schrieen und vergeblich mit den Schlangen rängen. Da er die Zwei also nicht wegschaffen konnte, um sein herrliches Bild allein zu geben, so verkleinte er sie wenigstens und erniedrigte sie zu halben Nebenwerken , riß dem einen Jungen das Maul auf (wie jeder feine Kenner der griechischen Kunst es mit Schrecken sehen kann), verflocht sie in das Gebiet der Schlangen und der Qual, damit der erhabne Vater in ihrer Mitte allein stehe und als Held und Ringer sein Leiden dem Himmel klage. Vgl. Herder's Werke, I. S. 236 f.   D. Die Gruppe Niobe , wo stand sie? und wie wenig ist sie Gruppe! wie fern und zerstreut liegen die Ihrigen um sie her! und die Jüngste, in ihren Schooß geflohen, beugt sich und verbirgt sich, damit eben durch sie nur die Mutter allein und erhaben und als Mutter solcher Kinder erschiene. Vgl. Herder's Werke, I. S. 237 f.   D. Zwei brüderliche Freunde, die sich in der einfachsten Stellung auf einander lehnen; Ebendaselbst, S. 234.   D. ein Paar, das sich in der einfachsten Stellung mit einem Kuß verschwistert, sind so wenig Gruppe zu nennen als Leda und der Schwan, Jupiter und sein Adler. Der Künstler fühlte das ewige Gesetz, das Wesen seiner Kunst, die nur Eins giebt und in dem Einen Alles ! die, je mehr sie zerstückt, theilt, gruppirt, häuft, um so ärmer wird und zuletzt eine Taube nöthig hat, die über der ganzen Gruppe schwebe und mit einem Steinzettel im Schnabel sage, was der Steinwald bedeute; denn weder dem sehenden Blick noch der tastenden Hand bedeutet jede einzelne Statue nun etwas . Tretet einmal her an diese noble Gruppe: Arria und Pätus nebst Kammerfrauen und Bedienten ! Wo sollt Ihr stehen? welcher Person im Rücken? denn die Gruppe steht frei von allen Seiten mit malerischem Anstande. Und wenn Ihr gar Euer Gefühl zu Hilfe nehmen wolltet, wo anfangen? wo aufhören? und wo ist nun der Geist, des Bildes eine, ganze Seele ? Alle in Schmerz, alle in Heldenmuth, alle das zärtliche Wörtlein nöthig habend, der Arria aus dem Munde: Non dolet, Paete! das denn freilich die Hand weder ertappen kann noch mag. Wie simpel steht dagegen der Pätus der Alten, und Arria sinkt ihm zu Füßen, und er hält sie und endet sein Leben. Die Gruppe stellt nicht Pätus und Arria dar, wie Winckelmann, XI. 2. 26-28, bemerkt.   D. Also wiederum keine malerische Gruppe. Kann nun eine Geschichte in der Bildhauerei nicht Gruppe werden, weil jedes für sich auf seinem Grunde , in seiner Welt steht, liebe Allegorie, wie wird's mit Dir sein, wenn Du als Schmetterling oder Taube aus vielen Personen oder Figuren, jede für sich ganz gebildet und doch nicht ganz gebildet (nur für Dich, Allegoria , gebildet!), hervorfliegen sollst? Ich fürchte, Du bleibst, wo Du bist, dem Künstler im müssigen Kopfe; denn in die arbeitende Hand war kein Weg, und aus ihr in den zertheilten Felsen, der nur in seinem Kops Eins ist, noch minder. Endlich warum wollen wir der Natur widerstreben und nicht jede Kunst thun lassen, was sie allein und am Besten thun kann? Wo ein Grund ist, auf Gemme, Münze, Tafel, da bindet die Natur schon durch das Continuum einer Fläche . Gemme, Münze, Basrelief, Denkmal kann nicht viel mehr als eine Allegorie geben; dazu sind sie da, und die geben sie unnachahmlich. Warum sie von da wegreißen? mit ihr die großen Bilder der Wahrheit, Götter - und Heldengestalten oder die Zaubertafel historischer Wahrheit , das Gemälde , verwirren und zu Schatten verscheuchen? Eine Epopöe, worin Allegorien handeln, und ein Drama, worin Abstractionen agiren, und eine Geschichte, worin sie pragmatisch tanzen, und ein Staat, worin sie idealisch ordnen, sind herrliche Meisterstücke, kaum aber herrlicher als eine bildende Kunst, die sie in Fels gehauen hinstellt, damit sie doch ja nicht aus der Welt verschwinden!   Aus dem »Teutschen Merkur«. Sämmtliche Beiträge Herder 's zum Merkur sind ohne dessen Namen. Sonst hat er dazu noch geliefert den Aufsatz über Hutten (Werke, XV. S. 355-377), die »Jüdischen Fabeln« (vgl. Werke, VI. S. 17 f.), »Ueber die Seelenwanderung« und »Liebe und Selbstheit« (Werke, XV. S. 3-60). Mit J. unterzeichnet brachte der Merkur von 1782, I. S. 3-10, den »Lobgesang nach dem Persischen des Sadi« in freien Reimversen (in Distichen sehr frei übersetzt steht er Werke, VI. S. 91 f.), »Hannibal. Aus dem Italienischen« (Werke, I. S. 85), und die sonst nicht unter Herder's Namen bekannte Legende »Sanct Johannes« in reimlosen fünffüßigen Trochäen.   D.   Philosophei und Schwärmerei, zwei Schwestern. Novemberheft 1776 des Merkur . Herder braucht Philosophei launig neben Schwärmerei und Herrnhuterei , aber auch sonst.   D.   Unter Geistesgeschwistern ist Freundschaft eben eine solche Seltenheit als nach dem Sprichwort unter leiblichen Geschwistern. Sie hassen sich, weil sie einerlei Natur in sich erkennen, gerad' in entgegengesetzten Zügen: sind zu nah und zu entfernt gegen einander und zerhacken also sich und die gemeinschaftliche Schale, die sie gebar. Anspielung auf das Ei der Leda .   D. Philosophie nährt sich von Abstractionen, Schwärmerei auch. Jene zerfrißt das Blatt als Raupe, diese entsaugt's als Schmetterling; durch beide wird das Blatt dürre. Der Schmetterling erzeugt Raupen, aus der Raupe wird wieder Schmetterling werden; das ist die ganze Geschichte jener beiden Extreme des menschlichen Geistes. Hat Don Quixote über Dulcinea und alle seine Ritterideen mehr gehalten als die Philosophen über ihren Stand der Natur, System der Natur, Schüler der Natur, über Quidditäten und Abstractionen? Und ist in all diesem ein Quentlein Wahrheit mehr als in jenen Visionen? In den Dingen nämlich, von denen diese Abstractionen abstrahirt wurden, da waren sie, bestanden , waren Wahrheit ; so war auch die Dulcinea von Toboso Wahrheit: keine Lüge auf der Welt ist anders als aus Wahrheit entstanden. Seit sie aber abgezogen, falsch, halb, unrichtig realisirt wurden, da ward Dulcinea ein Traum; da bekam der Duft Flügel; der Schatte ward Gespenst, kommt bald als Alp zu drücken, bald als Sylphe zu tändeln; oder es wird mit stummem Glauben, mit in petto behaltnen, anderswo zu erweisenden Gründen an ihn geglaubt, eben weil man keine Gründe hat, weil er, wie alle Götzen in der Welt, nichts ist. Sollte ein Mensch mit Gottesstrahl im Blicke die Gegenden der Dämmrung aller Zeiten, die Klüfte der Schwärmerei und Abstraction aller Völker durchgehn: welche ewige Gleichheit würde er finden! überall Schatten sehn, die eine Zeit lang für Wesen galten, Lehrstühle und Altäre bekamen, Priester und Vertheidiger schufen und nachher   dem kommenden Lichte von selbst entflohen. Die Philosophei jeder Sprache, wenn sie Dunst war, zerging und konnte sich nicht anders als in den Elementen des Dunstes, als die Theilwahrheit, aus der sie entstanden war, lösen. Lachen wir Deutschen nicht über einen großen Theil des französischen Abstractionswesens? Eben weil er uns fremde ist, weil wir unsern Verstand von Jugend auf nicht in die Formen und Wortformuln gossen. Ein Theil der englischen Philosophie ist uns so fremde als der lieben Erfahrung nach ein großer Theil der Wolffischen Philosophie allen Nachbarn ringsum gewesen, deren Verstand gerade nicht in der latein-deutschen Hülse wuchs. Wer darf sich rühmen, jetzt den Scheitel der Wahrheit erreicht zu haben, der über alle Dünste weg ist? Mit der Schwärmereigabe nicht anders. Der warme Busen, der hier- oder darüber zuerst Empfindungen vordrängte, sie zur Sprache, nothwendig zu so warmer, dunkler, verflochtner Sprache schuf, als seine Empfindungen waren: er hatte an diesen Empfindungen und an dieser Sprache ohne Zweifel Wahrheit . Es waren warme Abstractionen der Gegenstände, die ihn umgaben, wie's nur die kältesten Abstractionen dem spekulativsten Kopf sein konnten. Wichen aber die Gegenstände in ihrer Fülle hinweg, und man wollte den Dunst der warmen Abstraction als solchen, ohne jene, unmittelbar haschen und nachempfinden: den Augenblick ward Alles Lüge, Nachäffung, kalte Wortschwärmerei über warme Gegenstände, wie es nur je die sinnlose Wortgrübelei und blühende Jüngerphilosophei über kalte Gegenstände gewesen. Als Klopstock den Messias sang, nothwendig sang er seinen Messias, mit seinen Empfindungen; das waren seine Abstractionen, Augen, mit denen er sah. Da er Alles als Geheimniß behandelte, so schwieg er und betete an , zog Kreise sichtbarer und unsichtbarer Wesen umher, die auch singen, d. i. schweigen und anbeten mußten   das war Klopstock's Manier. Sie geht bis in seine Lieder über, die auch singen, d. i. schweigen und anbeten . Und nun kamen seine Nachahmer, ein entsetzliches Heer! Ohn' alle seine stille Ruhe, tiefe Reinigkeit, hohe königliche Feinheit, wollen sie aufjauchzen, schweigen und anbeten , wo gar nicht zu schweigen und anzubeten ist, singen überall den Messias , wo gar kein Messias, singen Marienmäßig, Cidlisch, Hermannisch, englisch, teuflisch, wo gar keine Cidlis und Marien, Engel und Teufel sein sollten. Die ganze Dichtkunst bis zum einfältigen Gebet und heiligen Kirchenliede soll Klopstockianism ohne Klopstock's Geist und Herz werden. Und nun treten die Philosophunculi hintendrein: »Seht, wie sie die Sprache und Dichtkunst an Originalen bereichern !« Ja bereichern! durch klappernde Mohnköpfe, lyrische Papierdrachen und klingende Schellen in heiliger Christenversammlung! bereichern, daß jede Form der Dichtung und Sprache, an die sie die Hände legen, auf ewig an Gedanken verarmt! bereichern, daß Alles gemein wird und Klopstock's Muse da steht, ärgerlich parodirt! Schlimm! aber nicht schlimmer, als es der Philosophie erging und ergehen wird von nun an bis zu ewigen Zeiten. Leibniz z. B. liebte zu vergleichen , fremde Einfälle neu zu nutzen und oft die widersprechendsten Ideen zu paaren ; sein ganzes System offenbarte er also nicht anders, als wie es ihm erschienen war, wie es in seiner Seele lebte, durch Blicke des Witzes und der Imagination , durch kurze Aufsätze und ewige Befreundung fremder Ideen , die im Feuer dieses Ursprungs und dieser Verbindung gefühlt werden mußten, oder Leibnizens Geist war dahin und mit ihm alle originelle, primitive Wahrheit des Eindrucks. Wolff , der das nicht zu fühlen vermochte oder als Nachfolger und Erklärer zu fühlen nicht Zeit hatte, machte aus Blitzen des Witzes und der Aussicht Theoreme, die nun um so besser zu erweisen waren, weil sie die eingeschränkte, allbestimmte Realität des Ursprungs verloren hatten und Gemeinheiten waren, die Alles und Nichts enthalten durften. Die Nachfolger des Schulzergliederers zergliederten weiter, die deutsch-lateinische Sprache der Philosophie stand als ein Baum da, wo Raupen und Käfer an jedem Blatt eine Metaphysik dürrer Fasern aufgestellt hatten, daß die Dryade des Baums um Erbarmung weinte. Leibniz, Leibniz, wo war Dein Geist? Statt dessen stahl sich aus England eine Philosophie herüber, die ihrem Geist nach (und also viel eigenthümlicher als die sonst unter diesem Namen bekannte) recht eigentlich mechanische Philosophie ist oder, wie sie sich nennt, Philosophie des gesunden Menschenverstandes . Bekannt ist's nämlich, daß die Briten bei ihren Gewerken die Kunst theilen, daß Jener Uhrfedern macht, Dieser Uhrgehäuse u. s. w. und also durch engern Fleiß die Kunst fördert. So beliebte es einigen ihrer Philosophen, die Materien zu theilen, ein einzelnes Thema mit allem mechanischen Fleiß eines Leinwebers u. s. w. durchzuwirken, und wie das im Einzelnen treffliche Werke gab, so blieb nothwendig das Allgemeine etwas leer. Das füllte man nun wie die Chinesen die Ecken ihrer Landkarten mit Nußschalen: Eigentlich sollte es heißen: » mit guter Vernunft, gesundem Verstand« u. s. w.   D. gute Vernunft, gesunder Verstand, moralisches Gefühl, richtige Begriffe und dergleichen, was sich fein auf ess und ity endete und nun auch als einzeln behandelte Namen Sterlingswerth hatte. Die Sterlinge kamen eben in großem Münzverfall nach Deutschland, zur Zeit, da man eben an der Wolffischen Philosophei und Herrnhuterei gnug hatte; und nun ward's einigen lässigen Herrn, die weder recht denken noch recht empfinden mochten, sehr bequem, diese Worte aufzunehmen, als Paniere aufzustecken und unter ihnen zu   reformiren. Man reformirte zu nicht weniger als zum guten, gesunden, alltäglichen Menschen-, Bürger - und Bauerverstande , und das durch nichts Anders als durch Wörter und Geschwätz vom guten, gesunden Menschen-, Bürger - und Bauerverstande . Das Hauptgesetz blieb immer: »Man muß nicht zu viel denken, auch nicht zu viel empfinden! Das minimum von beiden ist die wahre Alltagsphilosophie, dabei sich so gut verdauen läßt; und gut verdauen ist doch immer die Hauptsache des gesunden Verstandes, moralischen Gefühls und menschlichen Lebens. Heil uns, wir haben die Perle funden! Der wahre Philosoph zeichnet die Hauptumrisse der Gegenstände, wie er sie mit seinem richtigen, unbewaffneten Auge wahrnimmt , und bringt richtige und ähnliche Bilder davon in die Seele. Wir werden dadurch allezeit aufgeklärt« u. s. w. Ein Mensch, der von gesundem Verstande ohne gesunden Verstand, von richtigen Begriffen ohne richtigen Begriff, von ewiger Toleranz mit möglichster Intoleranz spricht, welchen gelindern Namen kann er sich versprechen als   Schwärmer ? Und doch sind diese Leute angeblich die größten Schwärmerfeinde ; vermuthlich um ihre Schwärmerei, den liebenswürdigen Auswuchs ihres gesunden Menschenverstandes und moralischen Gefühls, desto ungestörter zu treiben. So sprach und schien jener bekannte Demonstrator Bedlam 's über alle Consorten seines Aufenthalts klug und vernünftig, über einen orthodoxen Irrigen ausgenommen, der sich Gott den Sohn nannte, sintemal er, als Gott der Vater (die allgemeine gesunde Menschenvernunft!), davon auch etwas, und zwar zuerst wissen müßte!!! Und wo wohnt diese allgemeine gesunde Menschenvernunft, die wahre Philosophie eines richtigen Auges, richtiger Bilder, Eindrücke u. s. w. in Person? Gerade wo Dulcinea von Toboso wohnte. Man kann vor ihr stehen und sie doch nicht erkennen: sie wohnt in den Herren, die mit ritterlichem Schlagbaum vor uns treten und uns gebieten, auf sie zu schwören   selbst ! Die wahre Philosophie also in den wahren Philosophen, d. i. in denen, die sich so nennen und ausschließend dafür halten. W. z. e. Was zu erweisen.   D. War's ein Philosoph, der unser Jahrhundert das Zeitalter der Philosophie nannte, so verstand er dadurch vielleicht das Jahrhundert kalter Schwärmerei und schwärmender Kälte . Daß man Hirngespinnsten mit einer Wuth nachsetzt, die leider oft nur eine gelernte , eine Wortwuth ist, im Schreiben, Sprechen, Lesen und Blindhandeln, und sich auf der andern Seite mit einer anständigen Kälte , die inwendig das Feuer eines Todhasses ist, gegen Wahrheiten wappnet, denen man folgen müßte, sobald man sähe, sobald man fühlte! So streiten Feuer und Wasser. Der Schwärmer will der größte Philosoph sein, und der größte Philosoph ist der größte Schwärmer. Wie die beiden Pole in der Welt so nützen auch diese. Schwärmerei in Abstractionen des Kopfs bekämpft die Abstractionen der Empfindung; sie halten einander das Gleichgewicht, und die ganze volle Kugel der Menschheit schwebt mit ihren zwei Hälften fest und ruhig weiter. Vor einigen Jahren schwärmte man von Winckelmann's, Hagedorn's, Lippert 's Ideen, redete von Sachen, die man nie gesehen, von Abstractionen des Gefühls, die man nie empfunden; man lebte von nichts als Gemmen und Pasten: wo sind die Schreier jetzt? wo sind sie blieben? Zwei oder drei Biedermännern nach weiß man jetzt nichts als trunkne Ideen nachzulallen, unserer werthen Muttersprache, die ohnedem hart gnug ist, die noch übrigen Vocalen sammt Bindewörtern, Schwanz und Ohren abzuschneiden, sich, statt ernster Gefühle, durch Keckheit, Taumel, Grobheit zu unterscheiden: Mit Bezug auf die Nachahmer Goethe 's. Nicolai hatte in seinen Freuden Werther 's diese Auslassungen scharf persiflirt.   D. in weniger Zeit, wo werden die Schwärmer der Art sein? Gegentheils die alten Herren, die da sitzen und jammern, wissen nicht, woran es liegt, herzen ihren alten, weiland classischen Stil so gedankenlos, wie der alte Swift im ersten Anfall seiner Thorheit den armen alten Herrn bejammerte, den er im Spiegel da vor sich sah; schlafen unsanft auf ihren Lorbeern, regen sich und wissen nicht weiter. Welche arme Wortschwärmer sind die? Stimmen der Tage vor Alters ! Nach Ossian .   D. Apotheken alter, abgefallner Herbstblätter, und sehen nicht, was da im Walde knospt und grünt. Der Strom der Literatur rinnt wie Strom im Weltmeer in aus- und eingekehrten Winkeln; jetzt heißt Philosophie, was bald Schwärmerei heißt, und so im Gegentheile. Wohl, wer im Strome fleußt und nicht auf dem alten Schlamm eines Winkels thront! Wer kümmert sich jetzt um Bodmer und Gottsched als in dem, was Beide für deutsche Sprache und Kritik wirklich thaten? Und was sie gethan haben, kann ihnen kein T... nehmen. Kepler und Leibniz, Lessing und Kleist werden sich mit dem letzten Biedermann Deutschlands begegnen, was auch das Schicksal noch für Windstürme mit ihren Wissenschaften und Künsten im Sinne habe. Freilich aber braucht jene große Statue einen Markt von Steinen zu ihrem Postemente. Alles, was Taumel ist, geht vorüber, die Schlacken gehn zunicht, und nichts als Gold, goldschwerer Werth kann bleiben. Es geht hier wie bei jenem fatalen Traum vom Schatz in der Fabel: Einer stellte dem Andern Gift, und der Schatz kam in fremde Hände, in die Hände der Welt und Nachwelt. Der Schwärmer, der Abstraction haßt, haßt die edelste Gottesgabe: nur durch Abstraction , d. i. durch allgemeine Begriffe wird Menschheit, was sie ist, Schöpferin der Erde. Der Speculant hingegen, der sich von aller Menschenempfindung lossagt außer der, die ihm durch Speculation wird, ist offenbar ein Thor: durch Speculation wird keine Empfindung. Soll Gefühl nichts als »das Resultat solcher und solcher sehr deutlichen, wahren und richtigen Vorstellung von der Wirkung des und des Gegenstandes sein«, Nach Wolff .   D. so wird gerade keine unmittelbare Wirkung. Der Gaul steht hinterm Karren, und nun, Fuhrmann, fahre! Ein Mensch, der allein Kopf sein will, ist so ein Ungeheuer, als der allein Herz sein will; der ganze gesunde Mensch ist Beides. Und daß er Beides ist, jedes an seiner Stelle, das Herz nicht im Kopf, den Kopf nicht im Herzen, das eben zeigt ihn als Menschen. Alle Schmetterlinge blos geistiger Empfindungen lassen nichts als Raupengeschmeiß hinter sich. Zeigt's nicht jeder Herbst und Frühling? Willst Du den Wein trinken, mein Freund, und mir nur den Duft Deiner hohen Empfindung gönnen: behalte auch den! er macht gierig, aber nicht satt; nicht stark, sondern ekel. Mußt Du, anderer Freund, hingegen um Deines schwachen Magens willen das Obst schälen: schäle! nur muthe mir nicht zu, daß ich die Schalen Deiner Abstraction allein käue! Ich esse das Obst mit seiner lieblichen Wollenfarbe; ich trinke den Becher mit seinem lieblichen Duft. »In Geistigkeit ohne Körper verliebt zu sein,« sagt Lavater , »ist Schwärmerei, in Körper ohne Geist, viehisches Wesen.« Der Weise, mit Klarheit in seinen Begriffen, d. i. mit Abstraction, wann und wo sie sein soll, und mit Enthusiasmus in seinem Herzen, d. i. mit umfassender, handelnder Wärme, er ist weder Grübler noch Schwärmer, sieht beide Abwege und nutzt beide. »Liegt Euch immer«, spricht er, »einander in den Haaren, ich gehe mitten unsichtbar durch!«   Etwas von Nikolaus Kopernicus' Leben, zu seinem Bilde. Im Novemberhefte 1776 des Merkur . Das dem Hefte vorgesetzte Bild war, wie alle dem Merkur beigegebenen, von G. M. Kraus in Weimar gezeichnet.   D. Der Erfinder des neuen Weltsystems, Kopernicus , hat größer Glück gehabt als der Erfinder des neuen Welttheils, Columbus . Das Verdienst Dieses wurde schon bei Lebzeiten unterdrückt und verdrungen; der Ruhm Jenes ging erst nach seinem Tode recht auf, und die größten Männer der Nachkommenschaft bauten ihre Unsterblichkeit nur auf die seine. Am Himmel haben überhaupt mehr würdige Namen neben einander Platz als im Koth und Gewühl der Erde. Dabei kam Kopernicus zu seiner Monarchie unter den Sternen (die größte, die je ein menschlicher Name umfaßte) nur von Gottes Gnaden , durch Erbschaft und Zueignung, durch Besitznehmung einer alten, abgestorbnen Meinung. Schon die Aegypter waren drauf gekommen, den Mercur und die Venus um die Sonne wandern zu lassen; Apollonius Pergäus nahm mit Mars, Jupiter und Saturn eben die Fahrt vor. Die Erde selbst war durch Pythagoras schon vom Mittelpunkt der Welt gestoßen, und Philolaus , sein Jünger, ließ sie recht deutlich und eigentlich um die Sonne wandern. Alle Stückwerke der Kopernicanischen Meinung waren also schon alt; er selbst leugnete es nicht, daß er eben aus diesen Trümmern zu seinem Gebäude gekommen. Er aber war der Mann von Kraft, der's baute, der, dem allgemeinen Vorurtheil entgegen, eine todte Meinung wieder erweckte und, so viel seine Zeit zuließ, mit Grund und Bemerkungen in die Welt führte. Der Folgezeit kam's zu, seinen halbgeweissagten Sonnenplan zu bewähren oder zu zerstören; sie hat ihn bisher bewährt, und ob ein neuer Kopernicus möglich sei, muß erst eine neue größere Folgezeit lehren. Doch wir reden hier nicht von Revolutionen des Himmels, sondern des menschlichen Geistes. Wir wollen bei Kopernicus' Bilde dem Leser etwas vom Manne sagen. Nikolaus Kopernicus ward in einem Lande geboren, das fast für eine literarische Wüste gilt, zu Thorn in Preußen , den 19. Februar Der Jahrestag ist unsicher. Vgl. Prowe , »Zur Biographie des N. Kopernicus« (1853). Derselbe hat in dem Programme » De Copernici patria « (1860) bewiesen, daß man den Kopernicus fälschlich zu einem Polen gemacht, was selbst Humboldt's Freund Arago mit unverhohlener Freude begrüßte.   D. 1473, und ward in einem Lande erzogen, das fast noch mehr dafür gilt, zu Krakau in Polen , wo er in der Nacheiferung mit Mitschülern der Mathematik schon alle die Funken fühlte, die ihm keine Ruhe ließen, ihn im dreiundzwanzigsten Jahr nach Italien trieben und den künftigen Kopernicus weckten. Insonderheit reizte ihn der Name Regiomontan 's, der damals Fackel der Welt war; er legte sich auf Perspectiv und Malerei, weil er sie zu seiner Reise und zu seinem Beruf einst nöthig ahnte; er erschien in Italien und war bald so berühmt als Regiomontan selbst. In Bologna war er bei Dominicus Maria , dem damals berühmtesten Lehrer der Mathematik, wie man will, Lehrling und Mitarbeiter; ihm behagte die Meinung dieses Beobachters von der veränderlichen Weltaxe die man damals mehr ahnte als wußte, und gab ihm vielleicht zu seinem künftigen großen Weltenbau Aufflug. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts war er zu Rom als Lehrer der Mathematik im Glanze; er kehrte in sein Vaterland zurück, und da er nun durch seiner Mutter Bruder Domherr zu Frauenburg in Preußen ward, so bekam er Zeit gnug, seine horas Horae canonicae oder regulares heißen die für die Domherren festgesetzten Betstunden.   D. fortzusetzen unter Linien, Zahlen und Sternen. Hypothesen sind Träume, und bei jedem Traume, sei er himmlisch oder irdisch, sei er durch die schwarze oder weiße Pforte Nach Virg . Aen ., VI. 894-897.   D. zu uns geschlüpft, bleibt's für den Menschensinn die bildendste Kenntniß, zu wissen, wie er ward, wie sein Finder oder Dichter dazu gekommen. Kopernicus kam leicht auf den seinen; aber sein Verdienst war, daß er ihn ergriff, ihn hinauszuträumen wagte, ihn wachend mit so viel Bemerkungen und Rückerinnerungen unterstützte, als seine Zeit, seine Lage, seine Gegend ihm verschaffte. Zeichnungsgefühl nämlich, sein Sinn für Symmetrie und Verhältniß zum Ganzen war der Finger Gottes, der ihm das Weltall wies. Unter allen homocentrischen Zirkeln, mit denen seine Vorgänger gebaut hatten, fand er so wenig Ordnung, Grund, Aufschluß. Marcianus Capella mit seinen Aegyptern und Apollonius zeigten ihm Stückwerke, woraus was Bessers werden könnte, Pythagoras und Philolaus trafen näher, und nun schien Ordnung. »Soll«, sagte er, »das Weltgebäude ein Riß sein, wo Hand, Fuß, Auge, Haupt, Herz, alle Glieder, zwar einzeln, jedes für sich genommen, schön und hold sind, alle zusammengesetzt aber ein Ungeheuer, kein Ganzes, kein Körper? Wer zeichnet, welcher Baumeister entwirft so? Und Gott unter Sonn- und Erden soll also entworfen haben?« Auf dem Wege dieser Malerei gingen seine Gedanken in Bemerkungen (so viel er ohne Fernglas bemerken konnte), Zusammenhaltung, Rechnung fort; Vieles mußte er weissagen, was er nicht sehen konnte; überall aber ward Ordnung, Grund und Zweck, aus Einem Alles zu begreifen, kurz, ein Weltall. So baute Kopernicus: Kepler und Newton bauten ihm nach. Seine Skizze ward ihnen Poëm , eine Philosophie des Weltsystems mit Grund, Maß und Verhältnis. Zu den größten Entdeckungen also, die wir dafür halten, winkte Einbildung, Malerei, Poesie herauf und hielt die Leiter. Nur wollte ich nicht, daß Jemand diesen Gang des Geistes in Kopernicus und Consorten für das fliegende Jucken der Phantasie hielte, das Neuerer, Jünglinge und Klüglinge fühlen. Kopernicus war ein Mann, in seiner Wissenschaft erfahren, auch in seiner Domherrnstille Beobachter, Prüfer, Arbeiter. Er verbesserte die Ptolemäischen und Alphonsinischen Tafeln, machte sich Instrumente, so gut er konnte; sein Buch war 1530 (ein langer Zeitraum seit seiner Reise nach Italien!) fertig, und noch 1534 mahnte ihn der Cardinal Schomberg von Capua aus darum umsonst. Im Jahr 1539 verließ der berühmte Rhäticus , Professor der Mathematik in Wittenberg, seine Stelle und wallfahrtete zu ihm, als Schüler eines Weisen, der Pythagoras' Meinung lehrte und sie auch wie Pythagoras ehren wollte, lebendig, mündlich. Der eingeweihte Lehrling ward bald vom Geiste seines Lehrers voll, daß er überall Kopernicus predigte; noch aber gab Dieser ihm sein Werk nicht selbst, sondern nur einen kleinen Theil desselben, den »Tractat von Triangeln«, zum Druck mit; das Werk selbst übergab er erst Jahre nachher auf fortwährendes Ansuchen seinem Bischof, und das erste gedruckte Exemplar kam 1543, wenige Stunden vor seinem Tode an, wo er's ansehen, aber nicht mehr lesen konnte. So eigentlich war seine Hypothese nicht pruritus, sondern Werk seines Lebens. Es scheint nicht, daß Kopernicus aus Furcht so lange gesäumt. Er stand bei seiner Kirche in großem Ruf, so daß die Väter des Lateranischen Conciliums in der Kalendersache schon 1516 ihn in seinem Sarmatien schriftlich aufsuchten und fragten. Bischof und Cardinäle waren auf seiner Seite und plagten ihn, da seine Hypothese der Sage nach längst umherging, um den Beweis derselben, sein Werk. Auch weiß Jedermann, wie freier das Jahrhundert Leo's und seiner Nachfolger vor dem Zeitalter war, in dem Galilei litt. Kopernicus hatte das Herz, sein Werk dem Papst Paul III. selbst zuzueignen, und sein Bischof war Druckbesorger. Amtsgenossen und Landsleute ehrten ihn lebend und nach dem Tode, vielleicht um so mehr, als weniger sie ihn beurtheilen konnten; Lobschriften und Epitaphien um sein Grab her, und aus dem Rümpfen der Unwissenden machte sich Kopernicus so wenig, daß er den Spruch jenes Alten oft wiederholte: Nunquam volui populo placere; nam quae ego scio, non probat populus, quae probat populus, ego nescio. Als ein Schulmeister in Elbing von seinen Feinden (denn welcher große Mann hat nicht seine Feinde?) dazu gedingt war, seine Hypothese durch eine Farce lächerlich zu machen, war er, wie Sokrates bei Aristophanes' Schauspiel, Den »Wolken«.   D. in sich gehüllt und ruhig. Auch war's nicht kleinfügige Krittelei , der labor improbus, Nach Virgil 's Georg., I. 145. 146.   D. innerhalb zehn Jahren, hülf's Gott! noch etwas am Zeh und am Nagel des Zehs ändern zu können, das so lange sein Werk säumte. Der Kleinkrämerei war er von Herzen gram: »er wollte,« sagt Rhäticus , sein vertrauter Kenner, »nie zu viel untersuchen, zu fein theilen. Aus Bedacht und nicht aus Träge, nicht aus Ueberdruß am Arbeiten hütete er sich vor dem zu Kleinen und Subtilen, das Andre affectiren, aus Furcht, daß es ihm wie Jenem beim Aesop ginge, der einen verlornen Ochsen zurückführen sollte, dabei Vögel fangen wollte und weder Vogel noch Ochsen bekam. Wenn ich oft zu tief forschen, zu fein untersuchen wollte, zog mich der Edle mit sanftem Arm: » Aufzuhören, mein Freund, muß man auch wissen !«« Und auch hierin liegt Kopernicus' Gepräge. Wer ein Maß von Wichtigkeit, wer ein Weltall in der Seele trägt, dem wird ohnmöglich jedes Kümmel- und Staubkorn ewige Welt der Beschäftigung sein können. Was also Kopernicus allein so ganz und lange in sich hielt, war, was wir auch in seinem Gesicht lesen, die unbefangne Ruhe , das jugendliche Vorsichblicken ohn' Anmaßung und Prätensionen, verbunden mit der Stärke , mit der Haltbarkeit auf sich selbst , die die Gestalt des edeln Sarmaten weist. Man sieht, der Mann blickt rein aus sich heraus; er ist vermögend, Etourderien zu begehen, und seine Hypothese war die größte Etourderie , die ein Sterblicher, ein Geistlicher zumal, zu seiner Zeit begehen konnte; das kümmert ihn aber nicht. Er hat die Hypothese für sich und für Den, der sie will; die Erde ist so wenig der Mittelpunkt seines Daseins als seines Weltgebäudes. Gerade Der war auch Kopernicus in seinem Sein und Wesen, ein treuer Domherr, ein gutmüthiger edler Arzt aller Kranken, denen er wie Gott Aesculap diente, und die ihn auch für Gott Aesculap hielten; außerdem der stille Denker und Baumeister des Himmels, dessen Riß ihm in Unbefangenheit und Ruhe hinter seiner Stirn wohnt. Wenn sein Capitel ihm Geschäfte anvertraute, focht er sie gegen deutsche Herren und Schwertritter so gerade und recht aus, als ob diese keine deutsche Herren und Schwertritter wären. Und wenn er, bei damaliger Verwirrung, für Polen und Preußen den Münzfuß in Ordnung zu bringen hatte, so war er so ganz in der Münze wie sein Nachfolger Newton . Nach seinem System war Schwere die Eigenschaft der Körper, die abzweckte, sie zum Eins, zum Ganzen in sich selbst zu machen; vielleicht ist's ebenso die göttliche Eigenschaft eines Geistes, daß er, totus und ingenuus, bei jedem Geschäft in sich wohne und nicht in Rauch zerfliege. Wie in diesem so in mehr Stücken des Lebens sind Kopernicus und sein edler Landsmann und Nacheiferer Hevelius (Hevelke) Brüder. Auch er wohnte so sanft und innig in sich, daß, als seine königliche Bibliothek, Warte, Instrumentenkammer, vorzüglich aber seine und Kepler 's unersetzlichen Manuscripte im Rauch aufgingen, er herrlich in sich selbst blieb. Wie Kopernicus , so erwachte Hevel auf seiner ersten Reise außerhalb Preußen, und wie Jener, so fand sich Dieser zufrieden in sein Sarmatien zurück. Was Jenem die Malerei war, war Diesem das Kupferstechen. Jener ein Baumeister des Weltsystems, Dieser der Columbus des Mondes, wo er Länder und Königreiche entdeckte, nannte, vertheilte, zwar nicht so glücklich war als Kopernicus, daß seine Namen in Gebrauch kamen, mit ihm aber ein edler Duumvir seines Vaterlands, mit ihm und Kepler ein ewiges Triumvirat der Astronomie für Deutschland. Wenn das Mechanische in Kopernicus' Buch durch sorgfältigere, feinere Beobachtungen unnütz gemacht worden, so wird sein Geist, der ohne Ferngläser gen Himmel sah und, was zwei Jahrhunderte bestätigt und entwickelt haben, weissagte, immer ein Name der Unsterblichkeit bleiben. Er stand in der Wüste, ohne Vorgänger und Hilfsmittel, und vielleicht war diese Leere rings umher dem großen Geschöpf Gottes nothwendig. Da hatte seine Seele Raum, die Wurzel des Baums ward nicht von kleinen Gesträuchen entsogen: der kühne Sarmate trat (wie Tycho und Mehrere ihn nannten) als ein Himmelsstürmer auf und vollendete als Himmelsordner. Es gehörte Zeit dazu, daß seine Meinung durchdrang. Tycho selbst, dem an genauen Bemerkungen die Astronomie ungleich mehr schuldig ist als dem Kopernicus, Tycho , der, über Neid und Nebenbuhlerei erhaben, die schlechten Instrumente Kopernicus' mit einer Begeisterung empfing, die in Verse quoll, und das Bildniß desselben, von ihm selbst gemacht, unter den Bildern seiner Größten vor sich hatte und ehrte: Tycho suchte doch für sein oder für Andrer schwaches Gewissen ein drittes System, wobei die Erde stünde. Galilei ward ein Märtrer von Kopernicus' Lehre, und Boulliau mußte hundert Jahr nachher den alten Philolaus wieder hervorsuchen, um nur den Namen Kopernicus zu vermeiden. Jetzt würde ausgelacht werden, wer an Kopernicus nicht glaubte. So wechseln die Zeiten. Bekanntlich hat Gassendi sein Leben geschrieben, so billig, sachverständig und fein als das Leben Tycho's, Peurbach's, Peirescius' und Regiomontan's . In Polen oder Westpreußen sind vielleicht noch Reliquien oder Briefe des stillen Mannes, die bekannt zu werden verdienen. Das einige Werk, das er geschrieben und nicht gelesen, das Werk, das solche Revolution im Weltbau gemacht hat, heißt: Nic. Copernici de orbium coelestium revolutionibus Libri VI. Norimberg . 1543. Sein Bildniß ist aus Boissard , aus dem auch Gassendi das seine genommen, der schon Frischlin 's Verse mit Recht darauf angewandt hat: Illum scrutanti similem, similemque docenti Adspiceres, qualis fuerat, cum sidera jussit Et coelum constare loco, terramque rotari Finxit et in medio mundi Titana locavit. Ich weiß nicht, ob es dem Straßburgischen gleich ist, das Bernegger aus Preußen kommen ließ, noch ob das von Kopernicus selbst für Tycho gemalte Nicht als wären sie Zeitgenossen gewesen; aber das Glück wollte, daß das Gemälde dem Tycho einst zufiel.   Anmerkung J. Müller's. irgendwo existire.   Zu Reuchlin's Bilde. Februarheft 1777 des Merkur .   D.   Bei allen Nachrichten zu den Bildnissen im vorigen Jahre werden die Leser es dunkel gefühlt haben, was die Verfasser der Nachrichten ohne Zweifel heller fühlten: wie wenig es mit solchen Nachrichten zur Darstellung des Bildes selbst zureiche. Entweder muß man darauf rechnen, daß der Dargestellte schon in der Seele der Leser lebe und nur geweckt werden dürfe, oder man fühlt's innig, daß je mehr ein Mann für seine Zeit war, je unmittelbarer, vielseitiger, unbefangner er sich in sie ausgoß, desto mühsamer lasse er sich für eine andre Zeit darstellen, geschweige auf ein paar Blättern in einigen leichten Zeilen. Diesen ersten Absatz hat J. Müller weggelassen, vielleicht weil er irrig voraussetzte, er gehöre Wieland an. Der Zusammenhang und die ganze Fassung, ja auch die Form dörfe , wie im Merkur gedruckt steht, deutet auf Herder .   D. Wie Alles unter dem Monde, so geht auch der Drang und die Noth der Zeiten vorüber, mithin das, was Geistern Bedürfniß und Form gab, was sie in Kampf, Gefahr, Arbeit verflocht, was ihre Verdienste und Thaten weckte. Da kommt uns nun so oft federleicht vor, was Jenen Schweiß verursachte; was sie als Chaos vorfanden, ist uns entwickelt; warum sie kämpften, darum mögen oder dürfen wir keinen Finger regen: und statt daß wir ihnen nun danken sollten, uns in die Behaglichkeit gesetzt zu haben, verkennen wir ihr Verdienst und beurtheilen sie nach der Leichtigkeit, die wir jetzt haben, ihnen nachzusprechen, nachzulallen, nachzugaukeln. Fange ich von Reuchlin an: » Johann Reuchlin , zu Pforzheim geboren, von Jugend auf der Sprachen und schönen Wissenschaften beflissen, in denen er einen so guten Grund legte«: wer kann die entweihten Worte fortschreiben oder fortlesen? Sie sind zu unsrer Zeit ohn' allen Nachdruck, sind so oft elend gebraucht, daß sie leider uns gerade das Gegentheil bedeuten, was sie bei Reuchlin bedeuten sollen. Fahre ich fort: »Er befliß sich des reinern lateinischen Stils, las die Griechen und verstand sie, lernte in spätern Jahren das Ebräische mit unsäglichem Fleiße«: welcher verdumpfte Schulmeister wird nicht schnell einfallen: »Das kann, das thue, treibe ich auch!« Ego et Reuchlinus! Heißt's endlich: »Er nahm sich der jüdischen Schriften, die außer der Bibel alle verbrannt werden sollten, mit unsäglichem Eifer an, schrieb Deductionen für ihre Güte und Unschuld, focht einen langen Proceß drüber aus« u. dergl.: »welche Platitüde«, kann ein Narr rufen, »von Güte und Verdienst! als ob das nicht Jeder wüßte und könnte, ob's dazu eines Reuchlin's brauchte!« Und wenn der Reuchlin nun gar seine gute Sache etwas jüdisch und kabbalistisch verfocht, wenn er de verbo mirifico und de arte cabbalistica Bücher schreiben, im Talmud und in den ebräischen Buchstaben Geheimnisse finden konnte u. s. w.: kein aufgeklärter, mit Hausenblas' aufgeklärter und mit Bimsstein abgeriebener Bube, der sich nicht über ihm dünkte und ausriefe: »Käm' er nur damit zu unsrer Zeit , wir wollten ihn recensiren !« Ruh also in Frieden, lieber Schatten! ich will Dich nicht stören, nicht den kleinen Trupp Deiner Schriften, »eine ebräische, eine griechische Grammatik, ein ebräisch und lateinisch Wörterbuch, einige lateinische Knabenspiele, kabbalistische Schriftchen und Vertheidigungen der jüdischen Bücher«, wie auf dem Trödelmarkte herrufen und sie weder mit O! noch Ach! zieren. Wenn nach Yorick's Lorenz Sterne 's.   D. Classification die Leser neugieriger Gattung fragen sollten: »Wer war der Mann, also gestaltet?« so dient ihnen allenfalls zur Antwort: Er war kaiserlicher Rath, aus besondrer Achtung des Kaisers für sich und seinen Bruder und Beider Geschlecht geadelt, Gefährte des Herzog Eberhard's von Württemberg in Rom, Wien, und in Wien mehr als einmal, Gesandter zu Rom nachher in einer sehr wichtigen Sache des Herzogs von Baiern, die er beim Papst glücklich ausfocht, endlich im Namen des Kaisers und der Reichsstände erster Bundesrichter in Schwaben: in allen diesen wichtigen Stellen der Liebling der Großen und Geringen, mit denen er umging, die Ehre seines Landes und Standes. Kaiser Friedrich III. freute sich, ihm ein Geschenk nach seinem Sinne übermachen zu können (der ebräische Codex, der, anitzt in Karlsruhe, noch seinen Namen führt); Fürsten, Edle, zuletzt gar Bischöfe und Cardinäle, Maximilian selbst freuten sich, für ihn sprechen, schreiben, entscheiden zu können. Die besten Männer seiner Zeit, Franz von Sickingen, Pirckheimer, Hutten , Graf Neuenar fochten für ihn und mit ihm; Erasmus , der nicht fechten wollte, lobte glimpflich; Luther segnete ihn als einen Gottesmann und Helden; Melanchthon ehrte ihn als Vater, die ganze aufblühende Welt besserer Zeiten als ihren Mitstifter. Geborne Griechen in Italien beneideten ihm sein Griechisch, und Einer von ihnen Joannes Argyropulos .   D. rief aus: »Griechenland ist über die Alpen gezogen!« da er Reuchlin hörte. Geborne Römer hörten ihn, einen Schwaben, mit Lust Latein sprechen. Nach Orient hin hat er uns die Thür geöffnet, zu den verschlossnen Heiligthümern des Worts Gottes und der morgenländischen Weisheit den verödeten Weg wieder gebahnt, Morgenland nicht blos wiedergefunden, sondern auch verfochten bis ans Ende seines Lebens und es von dem ihm gedrohten Untergange als ein Held, der sich aufopferte, gerettet. Wem dies Alles noch zu wenig sein möchte, einen Mann von solchem äußern Verdienst zu ehren, dem würde alle Predigt über seine innere Größe wenig behagen. Und doch bleibt diese wol der edelste Zug seines Charakters: die Seele nämlich, womit er all jene Verdienste sich erwarb und beseelte. Es herrscht in seinen Aufsätzen, selbst bis auf seine Vorreden (z. B. zu seinem ebräischen Wörterbuch an seinen Bruder), seine Vertheidigungen der Kabbala und der Rabbinen, eine Stille und Tiefe des Geistes , die da zeigt, daß er die Perle funden habe und über die Schalen und Hüllen der Wissenschaft ihren Kern gekostet. Seine Briefe und sein Betragen zeigen eine außerordentliche Mischung tiefer Stärke und heldenmäßiger Bescheidenheit, nachgeben zu können, als ob er nichts wäre, und ein unüberwindlicher Fels zu sein für Recht und Wahrheit. Er sah die Literatur, zumal die morgenländische an, wofür man sie ansehen sollte, hatte tiefes Gefühl für ihre innere Kraft, Gottheit und edle Einfalt. Selbst wo er, zu nahe den Rabbinen und der damals blühenden Platonisch-Pythagoreischen Philosophie, uns überspannt scheint, sieht man den Menschen von Kraft und Weisheit. Auch den Streit gegen die Pfefferkorne und Consorten hielt er nicht als Gelehrter aus, sondern als Mann von Recht, Pflicht, Wahrheitsliebe und mildem Vatergefühle . Hätte der Edle einen Lebensbeschreiber wie Zwingli neulich an Nüscheler gefunden! Sein Landsmann May ( Majus ) Vita Reuchlini , Durlaci 1687, mit einem abscheulichen Bildniß.   H. wollte ihm nacheifern, schrieb auch sein Leben; es ward aber eine aufgeblasene, ekle Lobrede mit einem Wust von Noten ohne Zweck und Gestalt. Seines bessern Landsmannes Brucker Brucker 's »Ehrensaal«, zweites Zehend.   H. Zweck war's nur, die Außengeschichte seines Lebens zu seinem Bilde zu stellen, wohin wir auch nebst Denen, die seine Briefe gesammelt, die Leser verweisen. Niemand hat mehr für ihn gethan und gefühlt als Hermann von der Hardt , der nach seiner eignen Gelehrsamkeit ihn recht zu schätzen vermochte. Er spricht von Reuchlin , wo sich nur von ihm sprechen läßt, Lutheri et Reuchlinii harmonia; Aurora in Reuchlini senio; Programmata Hardtii .   H. feierte jährlich seinen Sterbetag mit sonderbaren Gebräuchen; den zweiten Theil seiner Literaturgeschichte der Reformation hat er ganz mit Reuchlinianis gefüllt. Historia literaria Reformationis Hardtii , P. II. Num Reuchlinus fuerit ansa reformationis etc.   H. Alle das sind Vorarbeiten für seinen künftigen Lebensbeschreiber, der an Reuchlin recht den Morgenstern der Reformation und einen Schatz von Kenntnissen und Seele der Zeit finden wird, wenn er's zu brauchen und uns zu geben wüßte. Reuchlin 's Freunde standen ihm zu nahe; wir stehn ihm zu weit und fast zu schief, da er doch ewig nicht blos der Erwecker , sondern, was noch mehr ist, der Beschützer der orientalischen Literatur bleibt. Lasset es sein, daß er sie noch mit fremden Binden umwickelt sah und hinter sich ließ; eben das erhöht sein Verdienst, daß er durch diese Binden hindurch zu blicken wußte. Er sprach das Machtwort: »Stehe auf! komm herauf, Todter!« Der Todte kam, wie er war, mit rabbinischen Grabtüchern umwunden und sein Haupt mit dem Schweißtuch der Kabbala verhüllt; das zweite Wort war und ist ungleich leichter: »Löset ihn auf und lasset ihn gehen!« Nach dem Berichte der Evangelisten von der Erweckung des Lazarus .   D. Und das ist das gelobte Verdienst der Folgezeiten Reuchlin's gewesen. Den Wunsch einer würdigen Lebensbeschreibung Reuchlin's hat in unserer Zeit L. Geiger auf das Glänzendste erfüllt.   D.   Zu Hieronymus' Savonarola Bildniß. Decemberheft 1777 des Merkur .   D. Savonarola ist einer der Menschen, über welche die Stimmen wol immer getheilt, der größte Theil der Stimmen gegen ihn, die wenigen auf seiner Seite aber auch um so eifriger und wärmer sein werden. So war's in Florenz unmittelbar nach seinem Tode, so ist's die drittehalb Jahrhunderte seitdem gewesen, und noch hat sich nichts vorgefunden, das im Mindesten die Sache verändern könnte. Seine Geschichte ist kurz und sehr bekannt. Gebürtig aus Ferrara 1452, war er zuerst Arzt, ward nachher Predigermönch, zuerst in Bologna , nachher in Florenz , that sich durch seinen Eifer, durch Strenge des Lebens, Gelehrsamkeit, Klugheit und hinreißende Beredsamkeit hervor, daß er bald die Mönche, die er laulich schalt, bald auch den päpstlichen Hof selbst gegen sich bekam, desto mehr aber das Volk in Florenz auf seiner Seite hatte. In den damals so unruhvollen Zeiten Italiens und seiner Republik besonders, die zwischen dem Regiment der Medicis und der Volksfreiheit im letzten Kampf schwankte, war er der Medicis strenger Feind und ganz auf des Volks Seite, ward Karl VIII., Könige in Frankreich, der damals Italien überzog und sich Florenz nicht im besten Sinn nahte, mit Friedensvorschlägen entgegengesandt und richtete sein Geschäft wohl aus, wie er auch immer nachher auf der Seite dieses Königes blieb und von ihm große Dinge hoffte. Der Haß der Mönche, die er angriff, der Bann des Papsts, den er auch nicht schonte, die Gegenpartei in der Republik, durch die die vertriebenen Medicis wirkten, übermochten endlich, durch einen sonderbaren und (wenn er sich nicht so grausam endigte) fast lächerlichen Proceß kam er auf eine jammernswürdige, harte Tortur und endlich zum Feuer. Seine Asche ward in den Fluß geworfen, damit sie den Resten seiner Partei nicht zum Heiligthum diente, und nun ward, wie gewöhnlich, über ihn geschrieben und raisonnirt. Von seinen Freunden zum Himmel erhoben, von seinen Feinden, weil das irdische Feuer ohne Zweifel nicht hinreichte, ihren Haß zu kühlen, in die tiefste Hölle verdammt; und die spätern Schriftsteller schlagen sich hie- oder dorthin, nachdem es ihnen gut däucht. Ohne Zweifel hat die Geschichte und der Stand eines solchen Mannes zu viel Seiten, als daß ein flaches Urtheil auf einmal sie alle umfaßte oder beschriebe. Wir müssen also (ohne doch die mindeste Entscheidung geben zu können oder zu wollen), wenn ja über ihn ein Wort gesprochen werden soll, nothwendig theilen . Als Religioser war er ohne Zweifel ein Mann von großen Talenten, von warmem Herzen, großer und guter Absicht. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat nur ein Schriftchen von ihm, Von der christlichen Einfalt , und einige geistliche Briefe gelesen, in beiden aber viel scharfe Blicke, reinen Sinn und Ausdruck, ja selbst oft viel von der christlichen Einfalt gefunden, die er so sehr lobt. Diese Schriften machen nothwendig auf die Reden begierig, mit denen er eine Zeit lang Florenz umkehrte und so große Wirkung gethan hat; da die meisten ihm aber nur nachgeschrieben sind, und er selbst sich über so viele Lügen und Halbwahrheiten, die man ihm nachtrüge, beschwert, so sind sie vielleicht auch nicht immer richtig. Wer in diesem Betracht sein Bild am Hellsten gemalt sehen will, darf nur seines Freundes, des jüngern Picus, Leben von ihm lesen. Savonarola erscheint in ihm fast nicht als Mensch mehr, sondern als Heiliger und Engel; gerade aber das thut seiner Sache bei den Meisten Schaden. Ueber einen Glanz, den man nicht ertragen kann, kann man auch nicht urtheilen und wenig in ihm unterscheiden. Als Haupt einer Partei , als Demagoge in der Republik betrachtet, verflicht die Sache sich noch mehr. Mr. Bayle findet's schlechthin très-blâmable, daß ein Geistlicher sich in Geschäfte des Staats mische. Er mag sehr Recht haben, wenn Savonarola zu unsern Zeiten und etwa gar in monarchischen Städten lebte; damals aber war leider noch ein ander Mönchscostüme; und in einer Republik, zumal in einer Krisis, wie damals Florenz war, wird offenbar die Sache anders. Savonarola stand eigentlich keinen bürgerlichen Geschäften vor, er verwaltete kein Staatsamt und kam weder auf Markt noch Rathhaus. Die ihn um Rath fragten, kamen in seine Zelle, und der Ort, wo er aufs Volk wirkte, war die Kanzel. Als er dem Könige in Frankreich entgegengeschickt ward, hatte ihn die Republik dazu als einen Mann von Beredsamkeit und Klugheit gewählt, und ich weiß nicht, welcher Bürger oder Geistliche dem Staate in solchem Nothfalle beizustehen sich weigern dürfte? Auch in den Reden scheint's, daß seine Wirkung aufs Volk von Religionsgesichtspunkten ausging. Er declamirte zuerst gegen öffentliche Laster, Aergernisse, Ueppigkeit u. s. w., wo es denn, in einem Freistaate zumal, schwer hält, die Grenzen zwischen dem Allgemeinen und Besondern zu finden. Auch kann man's nicht leugnen, daß eigentlich der Geist der Reformation und der Wissenschaften diese Grenzen erst recht bestimmt hat; vorher, in den Mönchszeiten, ging Alles durch einander. Wir thun also wenigstens Unrecht, ihn mit dem Maßstabe einer fremden Zeit oder eines andern Verhältnisses der Stände zu messen. Selbst Macchiavell ist dieses nicht in den Sinn gekommen, so schlecht er das Ding ansah! Warum? Weil er im Geist der Sitten der Zeit und des Landes dachte. Auch Guicciardini, Comines, Jovius sprechen mit Hochachtung oder wenigstens Mäßigung von ihm, und der neuere Schriftsteller, der in einer akademischen Jugendübung, I. F. Buddei Exercitatio politico-historica de artibus tyrannicis H. Savonarolai . Desselben Parerga . Jenae 1719, p. 277-398 .   H. die wol blos eine politische Chrie sein sollte, am Schärfsten auf ihn losfuhr, nahm nachher in einer weit gründlichern Schrift sein übereiltes Urtheil von ihm als Demagogen zurück. So viel ist gewiß, Savonarola glaubte an der Partei, die er nahm, die beste zu nehmen. Als er zu Lorenz Medicis' Todesbette geschickt ward, war die gerade Bedingung der Absolution: »er sollte das Andern gethane Unrecht erstatten und der Republik die Freiheit wiedergeben.« Beim Ersten sagte Lorenz, seine Erben würden es thun; da er ans Zweite nicht wollte, ging Savonarola stille fort, und Lorenz starb. Nun ist's eine unendliche Frage: welche Partei die beste gewesen sei oder sein werde, ob Freiheit des Volks oder Regiment der Edeln oder Monarchie? Wer wird aber auf die einseitige Entscheidung dieser Frage das Urtheil über einen Demosthenes, Gracchus, Pisistratus bauen? Hätte Savonarola zu den Zeiten Dieser gelebt, wäre ihm eine Bürgerkrone worden; jetzt, als Mönch, dem päpstlichen Stuhl, den er aufgebracht hatte, so nah und so eine glänzende, reiche Partei zu Feinden habend, kam er auf die Tortur und ins Feuer. Die häßlichsten Dinge, die von ihm gesagt und geschrieben sind, kommen von Rom aus, und selbst die spätern Anhänger der Mediceischen Partei lassen ihm Gerechtigkeit widerfahren. Er ward offenbar als ein Opfer der Ruhe im Staate preisgegeben, sein Kloster im Auflauf gestürmt; man ging aufs Schändlichste mit ihm um; acht seiner ärgsten Feinde wurden seine Richter; die Tortur sollte Sachen aus ihm bringen, die des Todes werth wären, und noch mußten diese erzwungnen Aussagen, wie gleichzeitige Zeugen es melden, erst verfälscht werden und sind ihm nie öffentlich vorgelesen worden u. s. w. Savonarola ging ohne die mindeste Klage oder Vorwurf oder Aeußerung, wer Recht oder Unrecht habe, kalt und gesetzt wie Phocion zum Tode. »Aber er soll doch auf der Tortur bekannt haben, daß seine Offenbarungen Betrug gewesen?« Er soll 's, und seine Freunde sagen: »Er hat's nicht,« und seine Feinde selbst sagen: »Er that's nur verblümt, in dunkeln Ausdrücken, er hat's nur so zu verstehen gegeben.« Und mein! was ist's für Art, Jemand   durch die Tortur zu fragen, ob er ein göttlicher Prophet sei. Den göttlichen Propheten auf die Tortur legen und sagen: »Ich erwarte gleichgiltig die Wahrheit!« Auch die Art, das Volk gegen ihn aufzubringen, war so erbärmlich auf der einen Seite, als sie auf der andern genau fürs Volk calculirt war. Eine Feuerprobe der Wahrheit, welche Partei Recht habe, mit oder ohne Sacrament (weil dieses im Feuer leiden könnte!), das war die große Klippe, an der er scheitern mußte, der Jahrmarkt, von dem seine Gefangennehmung, Tortur und Alles abhing. Mit Bezug auf Fra Domenico da Pescia , der die Feuerprobe für ihn bestehn wollte, was aber nicht zur Ausführung kam, weil man seine Bedingung, eine Hostie mit ins Feuer zu nehmen, für gotteslästerisch hielt.   D. Indeß ist hier nichts weniger unsre Absicht, als Savonarola in Allem zu rechtfertigen oder unsern Zeiten, die gar anders sind, als Muster anzupreisen. Bei Feuerrädern der Art weiß vielleicht ihr Schöpfer allein, was in der Flamme ihrer Einbildung, Wirksamkeit und Absicht rein oder unrein, himmlisch oder erdartig sei; oft wissen sie's selbst nicht und erfahren es erst, wenn sich ihr Feuer gelegt hat, das ist, meistens zu spät. Ein politischer Weissager steht auf dem unsichersten Grunde, er möge aus Weltklugheit oder Eingebung Prophet sein; je mehr er Eingebung (auch nur im lindesten moralischen oder poetischen Verstande) hineinmischt, desto mehr hat er Klugheit nöthig, und gerade auf der Stufe hört meistens alle Klugheit auf. Ueber das Glück in dieser ganzen Begebenheit hat Niemand besser als Macchiavell geurtheilt, der sie auch nur von der Seite des Glücks ansah, nämlich: ein Demagog könne durch Reden sich die Gunst des Volks bald verschaffen, ohne Waffen aber schwer erhalten. Es scheint nicht, daß es dem guten Savonarola (wenn er das war, was seine Freunde und Alle, die ihn gekannt haben, von ihm sagen), es scheint nicht, daß ihm um das Eine oder das Andere zu thun gewesen sei. Noch auf der Tortur sagte er, daß, wenn's ihm gelungen wäre, nur ein Concilium, eine Reformation der Sitten zu bewirken, ihm dies viel mehr als des Papstes dreifache Krone gewesen wäre. Die moralische Seite von Savonarola ist also, auch nach dem Geständniß seiner Feinde, die sicherste und offenbarste; das ihm Eigne in seiner Person und auf seinem Standpunkte ist verflochten, dunkel und mag ihm also (sei's Wahn oder Wahrheit) eigen bleiben! Durch Meier 's »Girolamo Savonarola« (1836) u. A. sind wir über diesen von Lenau besungenen Blutzeugen der Wahrheit genauer unterrichtet.   D.   Andenken an Winckelmann, Lessing und Sulzer. September- und Octoberheft 1781 des Merkur . Das Andenken an Lessing ist hier weggelassen, weil Herder es in neuer Bearbeitung in den »Zerstreuten Blättern« gab. Vgl. Herder's Werke, XV. S. 61-79.   D. »Nach einem Mannesalter,« sagt irgendwo ein Gelehrter, der selbst die seltne Ehre seines Vaterlandes ist, »nach einem Mannesalter werden in Deutschland schwerlich in so kurzer Zeit so viel große Männer sterben können, als in den letzten wenigen Jahren gestorben sind.« Ich lasse die Weissagung auf sich selbst beruhen; denn wer kennt jedes Samenkorn, das still in die Zukunft wächst? aber die Veranlassung der Weissagung ist wahr und andern Nationen mit uns gemein. Wenn sich bei uns die Natur Zeit nähme, einen zweiten Haller, Lambert, Winckelmann, Sulzer, Lessing hervorzubringen: zu einem Linné und Hume , zu einem Voltaire und Rousseau brauchte sie's minder? Wie es indessen sei, wir wollen die Namen unsrer verstorbnen Edeln nicht verhallen lassen mit dem letzten dumpfen Wurf der Todtenschaufel; wir wollen sie wenigstens nach ihrem Tode kennen und schätzen lernen, da es aus so manchen Ursachen vorzüglich deutsches Schicksal sein möchte, oft nicht eher recht gekannt und genannt zu werden als nach dem Tode. Ich zeichne drei Gestalten, auf die der Weg meines Denkens näher traf; ein Andrer zeichne die andern. Es ist keine Pyramide der Unsterblichkeit, die ich ihnen errichte oder errichten kann; ein paar rauhe Steine mögen's sein, die ich nach Art der nordischen Heldengräber auf ihre Todtenhügel wälze und schweigend von dannen gehe. Johann Winckelmann. Geboren 1718, Vielmehr 1717.   D. ermordet 1768.   Wenn Winckelmann keinen Buchstab gedruckter Werke hinterlassen hätte, so zeigt sein Leben, so zeigen seine Briefe und sein Schicksal, daß er ein außerordentlicher Mensch war, der sich zu Etwas geboren fühlte. In Armuth und Kummer hatte er seine Jugend verloren; über die Dreißige hinaus saß er im Schulstaube eines Städtchens, wo er die Knaben conjugiren lehrte, und doch verkümmerte er nicht! er verlor nicht den Plan eines bessern Lebens. Seine Liebe für die Geschichte, für Griechenland und edlere Menschengedanken; sein Haß gegen deutsche Metaphysik, barbarische Schultheologie und die gewöhnlichen sieben Magisterkünste; sein Durst nach Freiheit, Freundschaft und Gesinnungen der Alten, die er mit Armuth, Einfalt und titelloser Bescheidenheit gern erkaufte: das Alles zeichnet ihn nach unsern Sitten so sehr aus, daß ich ihm gerne nur dieser Gesinnungen wegen eine Bildsäule unter den Weisen des Alterthums setzte. Lese man seine ersten, armen und bedrängten Briefe an Bünau, Winckelmann's Briefe, herausgegeben von Dasdorf [Dresden 1777-1780], Th. 1. S. 5 ff.   H. man hört den verschlagnen, vom Glück verlassnen, aber noch immer festen und edeln Mann, der, unbiegsam der Kriecherei und Thorheit seiner Zeit, sich selbst fühlt, sich selbst ehrt und nur aus seinem Kerker heraus seufzt. Jüngling, der Du diese Briefe liesest, schöpfe Muth aus ihnen bei vielleicht ähnlichem Schicksal! Deutschland ist lange ein Wald gewesen; aber auch im dicksten Walde findest Du die rechte Himmelsgegend allein durch diese Tugend und Gesinnung der Alten , durch das Gefühl nämlich, zu etwas da zu sein auf der Erde, von Niemand als sich abzuhangen im Begriff der wahren Ehre, des wahren Nutzens und Lebens ; Macht zu haben, daß man falschen Zwecken entsage, nach Flittergolde des Ranges, Standes, der Gemächlichkeit und Wollust nicht laufe, auch arm und verachtet sein könne, wenn man nur das wird, was man werden soll, und in seinem Werk lebt. Dies Gefühl von Einfalt und Wahrheit, von edelm Stolz und Aufopferung seiner selbst zu dem Beruf, wozu ihn die Natur gebildet, kurz, diese bescheidne alte Größe zeigt sich bei Winckelmann in allen seinen Schriften, in allen seinen Briefen. Man lese z. B. nur den, mit dem er von Bünau Abschied nimmt und seinen ihm nothwendigen Religionswechsel so kindlich, so beschämt und gerührt entschuldigt; Ebendas., S. 17 ff.   H. man lese die Freude, mit der er aus Deutschland geht und dem Ort seiner Bestimmung, Rom und dem Alterthum, entgegeneilt; S. 55 f.   H. wie er immer auf Gedanken dieser Art ruht und seine Arme ausstreckt nach Gestalten und Gesinnungen voriger Zeiten; wie er in diesem Traum, in diesem schönen Wahne sich an Menschen, Umständen und selbst Kunstwerken so oft, freiwillig gleichsam, irrt und reich ist in seiner Armuth, in seiner Niedrigkeit stolz und groß und glückselig. S. alle drei Sammlungen seiner Briefe, die Zürcher [1778], die Dresdenische und die Berlinische [1781].   H. Nur so lange glaubte er gelebt zu haben, als er in diesen Gedanken, diesen Beschäftigungen, diesem Genuß lebte. Winckelmann's Briefe, herausgegeben von Dasdorf, Th. 1. S. 116.   H. Aber wenn ich mich nun von ihm und seinem Gefühl auf die Umstände wende, die ihn von außen umgaben, auf die Beihilfe, die ihm ward, auf den Weg seines Lebens, den er nehmen mußte: verzeihe, Deutschland, wenn ich das alte Lied singe und Deine Unachtsamkeit anklage! Wäre er unter Scythen geboren, hätte es ihm schlechter werden können, als es ihm ward? Arm und verkannt zog er auf Deinen Universitäten einher; selbst die Seelenspeise, die Du ihm von Deinen Kathedern zutheiltest, konnte und mochte er nicht genießen. Bis in sein vierzigstes Jahr Conrector in Seehausen zu sein oder barbarische Mönchschroniken excerpiren zu müssen, nur damit man lebe, und nirgend eine Gelegenheit zu sehen bei der Fülle von Geist, Kenntnissen und Gefühl, nur Einem bekannt zu werden, der einen Menschen der Art von solchem Druck erlöse, keinen andern Weg zu sehn, auch selbst nachdem man eine Schrift, wie die ist: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst , geschrieben, keinen andern Weg zu seiner einzigen Bestimmung zu sehn als die Vorsprache und das Jahrgeld eines Bekehrers; und auch nachher, nachdem man mit der Begeisterung fürs Vaterland, für deutsche Nation und Sprache in Rom unter so armen und drückenden Umständen ein Werk geliefert hat, als Die Geschichte der Kunst des Alterthums ist und für alle Zeiten sein wird, in denen die deutsche Sprache lebt; für dies Alles noch nichts zu haben als schale Kritteleien oder Lobsprüche deutscher Journale; endlich so sterben zu müssen, wie man gelebt hat, ein armes Schlachtopfer auf der Grenze zweier Nationen, aus denen und in die man wie ein verbannter Fremdling geht: wenn dies Exempel unter andern gebildeten Nationen viel ähnliche fände, sollte es mir sehr leid thun. In Deutschland ist's ganz in der Ordnung. Seiner Verfassung nach ist dies Land, wie jener Lord sagt, ein drôle de corps, ein wunderbarer Körper, der eben deswegen so viel Köpfe hat, damit ja keiner seine Glieder kenne, eben deswegen so viele Universitäten, Aemter und Anstalten hat, damit es außer dem lastbaren Joch einer Brodarbeit für einen freien, edeln Geist, der sich als solchen gezeigt hat, gar keinen Platz, gar keine Anstalt habe. Durch welche Wege muß unsern Medicis und Este bekannt werden, was sie dicht vor sich Brauchbares und Gutes haben? Etwa von Paris her, durch Parodien von Uebersetzungen, die sie auch alsdann noch lieber als das Original lesen und es gut sein lassen   geschehn lassen, was durch sie selbst geschah? Nach dem Tode etwa? Doch ich mag nicht weiter: Quis talia fando Temperet a lacrimis? Virg . Aen., II. 6. 8.   D. Und auch daß ich dies gesagt habe, verzeihe man mir um der Stätte willen, auf der ich's sagte. Das Grab eines Todten ist heilig; und wenn man da nicht die einzige, bittre Wahrheit sagen soll, auf die uns sein ganzes Leben stößt, wo und wann sollte man sie denn sagen? Womit hatte es Deutschland denn verdient, daß Winckelmann nur eine Zeile dessen schrieb, was er geschrieben? Etwa durchs achtjährige Conrectorat in Seehausen oder durch die Chronikenexcerpte und das Jahrgeld des katholischen Beichtvaters? Und wenn nun sein Leben noch durch unbesonnene, kleinfügige deutsche Tadeleien verbittert wurde; wenn man ihm vorwarf, daß er hie und da doch unrecht citirt, nicht immer die Quellen gebraucht, die er in seinem Zustande gewiß nicht brauchen konnte, kurz, daß er nicht allwissend gewesen oder gar als Künstler manu propria selbst statt der Schriften alle deutsche Musea mit neuen Apolls und Laokoons füllte: verzeihe mir, edler Schatte, daß ich auf Deinem Grabe zürne, da Du im Leben selbst die Kälte und Undankbarkeit Deiner Nation hie und da mit einigem Murren, aber nach einiger Erholung immer standhaft ertrugst und sie zuletzt lieber vergaßest , als Dich beklagtest ! Eben weil Du's nicht thatest, habe ich's, nicht für Dich oder für mich, sondern für Einen, der Dir etwa gleich sein möchte, thun müssen. Nun aber kein Wort mehr! Winckelmann's erste Schrift »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke«. Dresden 1757.   H. ward in Oeser's Hause geschrieben, und Oeser's feiner, andeutender Geist ist bis auf die hohe Liebe zur Allegorie in ihr merkbar. Ein Freund, ein Künstler sollte das Verdienst haben, das kein Begüterter, Satter und Großer sich zu erwerben wußte, den Keim, der in Winckelmann lag, und den Niemand erst hineinlegen durfte, hervorzubringen und zu entfalten. In diesem Schriftchen und in den beiden Schreiben, die drauf folgten, liegt, dünkt mich, die ganze Knospe von Winckelmann's Seele; Rom konnte sie nur mit gelehrtem Laube oder mit Früchten eines bestimmtern, ältern Urtheils krönen. Was Winckelmann in Rom sehen sollte und wollte, trug er schon in sich. Die großen Gestalten sind in uns ; Geschichte, Beschauung, Umgang wecken sie nur.   Anm. Müller's. Damit Niemand dies mißverstehe oder nachtheilig deute, mache ich nur auf die ziemlich allgemeine Erfahrung aufmerksam: daß meistens, wie in der Knospe der ganze Baum, so auch in den ersten Hervorbringungen des menschlichen Geistes die ganze Gestalt desselben und seiner künftigen Wirkung liege, wer sie nur zu sehen und zu entwickeln weiß. Ich rede hier von Früchten und nicht von jungen Mißgeburten des menschlichen Geistes; denn Winckelmann war beinah ein vierzigjähriger Mann, da er seine erste Schrift, und auch sie noch mit aller jugendlichen Blödigkeit und Schüchternheit, schrieb. Da konnte er doch die Ideen, die er in sich trug, mit denen er geboren schien, die ihm so lange unter allem Druck des Schicksals die sichersten Freunde und Gesellschafter gewesen waren, entwickelt haben! Was jetzt folgen mochte, war immer nur Anwendung , mehrere Begründung und Bestimmung , ein schärferer Umriß im Kleinen. In den Jahren ändert man die Seele nicht mehr und wird nicht zum zweiten Mal geboren; daher auch durch alle Winckelmannische Schriften eine Einheit von Gefühl, von Ideen und Ausdruck geht, die ein Schriftsteller wol lassen muß (aber, wenn er klug ist, auch gern läßt), der vom funfzehnten bis zum fünfundneunzigsten Jahr schreibt. Auch die vertrautesten Briefe Winckelmann's sind in diesem einen Geist geschrieben, als ob er sie für Welt und Nachwelt, wie er's doch gewiß nicht that, Es ist ein Zeichen von Winckelmann's einförmigem, geprüften und edeln Charakter, daß man seine Briefe an die verschiedensten Menschen in solcher Zahl so fortgehend hat können drucken lassen. Ob man's aber auch hätte thun sollen , ob in dem letzt herausgegebenen Briefwechsel nicht, wenigstens dem guten Winckelmann zu Liebe, einige Stellen hätten wegbleiben müssen und wirklich hätten wegbleiben können , dies überlasse ich der Empfindung eines Jeden, der sich an seine Stelle zu setzen Freundschaft oder auch nur Billigkeit hätte. Nennen werde ich diese Stellen nicht, um keine dumme Neugier zu locken; mir aber thaten einige derselben so weh, daß ich sie hätte wegkaufen mögen. Muß denn ein edler, so fortgehend edler Mensch auch in der Schwachheit der einzelnen, flüchtigen Momente dem Publicum dargestellt werden, die er etwa nur seinem vertrautesten Freunde nicht verheimlicht? Er war zu sehr Freund oder Kind, um sie ihm nicht sagen zu wollen; wurde dieser aber dadurch berechtigt, wenn auch nach seinem Tode, sie aller Welt zu sagen? Ich will diese Anmerkung nur Winckelmann zu Lieb' und keinem Menschen zu Leide geschrieben haben. Handle Jedermann, wie er zu handeln für gut findet; nur ich weiß, wie ich in solchem Falle selbst gegen meinen Feind verführe.   H. (Es sind die »Briefe an einen seiner vertrauten Freunde [Muzel-Stosch] nebst einem Anhange von Briefen an verschiedene andere Personen« [Berlin und Stettin 1781] gemeint.   D.) geschrieben hätte. Kurz, der deutsche Baron, der damit nicht zufrieden ist, daß Winckelmann spät, mit schon ausgebildeter Seele nach Italien kam und freilich, so wie seine Kenntnisse, so auch seine Begeisterung schon dahin brachte, der lasse sich etwa selbst in Rom gebären und versuche, was er alsdann mit frischem Blick am Alterthum sehen und nicht sehen werde! Das Göttliche in uns wird mit uns geboren; Gelehrsamkeit, Bücher und Steine bringen's nicht hinein, wo es nicht von Natur war. Wie viel Cicerone haben Alterthümer beschaut und gewiesen! wie viele vielleicht mit ungleich größerer Gelehrsamkeit und Minutienkenntniß, als Winckelmann haben konnte oder wollte! wie wenige aber unter ihnen mochten nach dem, was er war, Winckelmanne sein oder werden? Mit keiner Kunst und Wissenschaft geht's anders; denn woher in der Welt wären sonst die Liebhaber des Vortrefflichen, die Kenner und Künstler der höchsten Schönheit in jeder Wissenschaft und Kunst so selten? Unzählig viel Maler rieben Farben und sahen, was Raphael sah, aber ohne sein Auge, ohne seine Empfindung! sie mußten's also wol sein lassen, Raphaels zu werden, so strenge und genau sie übrigens das Mechanische der Kunst lernten und in einzelnen Theilen derselben ihn übertreffen konnten. In der Idee, die Raphael, wie er sagte, in sich trug, und zu der er nur Beiträge aus Gegenständen um sich her stahl, in dieser konnte und wird er nur von einem zweiten Raphael übertroffen werden. So ist's mit Winckelmann's Philosophie und Lehre. »Vom Plato an«, sagt er, »bis auf unsre Zeit sind die Schriften dieser Art vom allgemeinen Schönen leer, ohne Unterricht und von niedrigem Gehalte; das Schöne in der Kunst haben einige Neuere berühren wollen, ohne es gekannt zu haben.« Diese und häufig ähnliche Stellen hat man seinem Stolz zugeschrieben; sie waren offenbar bei ihm Empfindung und sind außer ihm Wahrheit. Den idealischen Theil der Kunst, den hohen Begriff vom Schönen und der Schönheit fand er nirgend so abgehandelt, wie er ihn in seiner Seele fühlte, wie er ihn dargestellt wünschte; daher sprach er also. Auch ist sein Artikel von der Schönheit eines der Meisterstücke, auf die unsere Sprache stolz sein kann.   Anm. Müller's. Auch seine vertrauten Briefe zeugen, daß er in jedem Augenblick höherer Empfindung in diesem Empyreum eines Gefühls von Abstractionen lebte und selbst zum höchsten Wesen auf diesen Flügeln der Begeisterung, oft von sehr kleinen Gegenständen, emporflog. »Nicht Jedem«, sagt d'Alembert, »ist's gegeben, sich in den Ring Saturn's hinaufzusetzen; wer indeß auf diesem Planeten geboren ward, lebt da in seinem Vaterlande.« Es ist daher unrecht, wenn man diesen einzig wahren Gesichtspunkt zu Winckelmann's Schriften verfehlt, um sie in einem falschen Licht unvollständig zu sehen; mich dünkt, er selbst hat uns gnug auf den rechten Gesichtspunkt gewiesen. Ehe er nach Rom ging, schrieb er seine Gedanken von Nachahmung der griechischen Werke, in denen nichts als Empfindung des Schönen lebt. In Rom fing er mit der idealischen Beschreibung einzelner Kunstwerke, des Apollo, Laokoon »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, B. 5. St. 1.   H. und andrer an; die vorgenommene Schrift von Ergänzung der alten Bildsäulen und dergleichen, die Cavaceppi ohnstreitig besser als er schreiben konnte, ließ er mit gutem Fleiß liegen. Aber in der Abhandlung, Das Schöne der Kunst zu empfinden , Dresden 1765.   H. da lebt seine Seele auf; sie lebt auf, wenn er in seiner Geschichte der Kunst , und wo es sei, an die Region dieser erhabnen Begriffe und Empfindungen reicht. Was soll's also heißen, wenn man sagt, seine Geschichte der Kunst sei mangelhaft und unvollständig? Konnte sie's anders sein? Wollte Winckelmann sie anders schreiben? Ist wol ein Sinn darin, eine vollständige Geschichte der Kunst des Alterthums zu verlangen, da die meiste Kunst des Alterthums selbst untergegangen ist, da von ihr selbst so wenige blutarme Nachrichten übrig sind und die paar Schriftsteller über sie nur wie ein paar abgerissene Ufer da stehn? Der ganze Wald von 50,000 Bildsäulen in Rom und aller Welt, Gemmen, Münzen, Gefäße und Gebäude dazu gerechnet, sind sie etwas Anders als ein zusammengeschleppter Haufe von Ruinen gegen das, was in Pausanias' und Plinius', geschweige in höhern Zeiten lebendige Geschichte der Kunst hieß? Und wo ist nun der Forderer, der's verlangen kann, der arme alte Winckelmann sollte diesen Wald von Tempeln und Bildsäulen und Museen in aller Welt durchkrochen haben, um ihm einen unbezahlten Catalogus realis zu liefern, der in Winckelmann's Plan so wenig lag als in dem meinen? Sein Zweck war, eine systematische Geschichte der Kunst zu liefern, wie er selbst deutlich sagt: S. Vorrede zu seiner »Geschichte der Kunst«.   H. sie sollte die genetische Geschichte des Schönen in der Kunst des Alterthums werden und ist's geworden, wenn ihr auch noch zehnmal mehr fehlte, als ihr fehlt. Sein historisches Lehrgebäude ist vollendet; der simple griechische Tempel mit seinen hohen Heiligthümern und Aussichten steht da. Können wir den Genius der Kunst bewegen, daß er uns wiederherstelle, was durch die Hand der Araber, Türken und Barbaren fiel; daß er uns Nachricht gebe von dem, was auch in Schriften untergangen ist oder hie und da verborgen liegt; daß er uns zeige, in welches Zeitalter jedwedes Kunstwerk, welchem Künstler es zugehöre, von wem Etrurier, Griechen lernten, und welcher kleine Umstand hie- oder dahin einfloß? u. s. w. Wolan, wir wollen unsere Gebete vereinigen, daß dieser Genius des Lichts, der Schutzgeist ganzer Weltalter und Nationen, erscheine und uns Aufschlüsse gebe. Ja, noch mehr, wir wollen ihm helfen, berichtigen und zusammentragen, was in der Welt zusammenzutragen ist; die Geschichte der Kunst des Alterthums wird damit ansehnlich erweitert, ich zweifle aber, ob nothwendig und wesentlich Winckelmann 's Kunstgeschichte. Bei dieser ist solcher gelehrte Vorrat nur Außenwerk oder Beiwerk, nicht Hauptgebäude. Dies beruht auf wenigen, aber großen und, wie mich dünkt, ewig festen Ideen sowol vom Wesen des Schönen selbst als von den genetischen Ursachen desselben, die Veranlassung zu Beiden mag hier und da im Kleinen geändert werden, wie sie will. Das Werk selbst sammt den Epochen seiner Kunst, so viel Mangelhaftes diese im Detail haben mögen, im idealischen Ganzen, worauf er arbeitete, ist's richtig; denn es ist in der Ordnung der Zeiten , in der Natur der Sache selbst gegründet. Anders verhält sich's mit seinem Versuch über die Allegorie , Dresden 1766.   H. und ich bekenne gern, daß dies Winckelmann's Hauptwerk nicht ist; er war in ihm ziemlich außer seinem Wege. Sein Begriff der Allegorie ist unbestimmt, und er verwechselt ihn oft mit historischen Attributen, ja verfolgt ihn bis ins Gebiet der Sprachen . Noch unbestimmter ist die Anwendung desselben bei den so verschiedenen Künsten, Völkern und Zeiten . Keine Kunst kann völlig allegorisiren wie die andre, kein Volk wie das andre, keine Zeit wie die andre. Es kommt hier auf so viel feine Nebenbegriffe bekannter oder unbekannter Gegenstände, geläufiger oder fremder Ideen, ja selbst auf Farbe der täglichen Sitten, des Geschmacks, der Sprache an, daß ohne sie das Buch der Allegorie, zumal in schweren Stein gebildet, dem großen Haufen ewig ein versiegeltes Buch bleiben müßte. Wir haben das Beispiel an den Gebilden von Persepolis.   Anm. Müller's. Zu einer Geschichte der Allegorie in Schriften und Kunstwerken gehört, dünkt mich, so ein eigner Mann, als Winkelmann es für die Geschichte der Kunst des Schönen war; es wird zu ihr eine Art kleines Scharfsinnes erfordert, die Jener bei seiner Empfindung fürs ungetheilte Hohe und Große vielleicht nicht besitzen konnte. Seine Allegorie ist indessen der Anfang einer sehr nützlichen Sammlung allegorischer Begriffe und Bilder, in der ihn doch auch sein Geist nicht verläßt; und da der Verfasser selbst sie nur als einen bescheidenen Anfangsversuch in einem Felde, wo noch gar nichts gethan sei, ankündigte, so hätte man lieber in seinen Gesichtspunkt eingehn, als ihn roh und von der Oberfläche her tadeln sollen, zumal ihn zu tadeln so wenig Kunst war. Die Kälte, mit der man dies immer doch Winckelmannische Werk aufnahm, war dem guten Alten empfindlich, und er wollte weiter nichts mehr deutsch schreiben. Er hat leider auch sein Wort gehalten; denn nach dem zweiten Bande seiner Monumenti inediti übereilte ihn sein hartes, bitteres Schicksal. Ja freilich hartes und bittres Schicksal! Wenn man die Begierde liest, mit der er sich Jahre lang nach seinen Freunden, nach Deutschland und Vaterland sehnte; wenn man die Ankündigungen, die kindische Freude liest, mit der sein Herz nach ihnen schlug, und wie ihn nun plötzlich Todesangst und Schauer ergriff, S. Winckelmann's letzte Reise in Dasdorf's Sammlung von Briefen, Th. 2. S. 358 ff.   H. da er Deutschland sah, da er die Berge und Hütten sah, die er vormals bei seiner Hinreise nach Italien mit so vieler Liebe und Wohlgefallen beschrieben: kein Freund, keine Ueberredung kann ihn halten, er muß zurück, er eilt zurück, um auf der Grenze beider Länder   den Tod zu finden, und einen Tod auf so unwürdige, abscheuliche Weise! Ja, wenn die Nachricht wahr ist, daß er eben an einem Blatt für den künftigen Herausgeber seiner Kunstgeschichte geschrieben, als die Hand des Mörders ihn übereilte; wenn man bedenkt, daß die schönen Fehler seines Charakters, unschuldige Ruhmesfreude und ein zuvorkommender Wahn der Freundschaft , auch gegen Solche, die es nicht verdienten, zwei Idole , die ihm im Leben so lieb gewesen, die ihn so oft getröstet, erhoben und getäuscht hatten, auch jetzt die Dienerinnen sein mußten, die schreckliche Κηρ Die griechische Göttin eines gewaltsamen Todes.   H. , mit Strick und Dolch zu ihm zu führen: wer muß nicht schaudern? wer nicht um ihn und seine fürchterliche todsuchende Ahnung weinen? Du fielst, Edler, unter der Hand der unerbittlichen Parze an der Grenze des Landes, dem Du ein Fremdling geworden, aus dem Du eiltest in das andere Land, das Dich erfreut und geehrt hatte, in dem Du auch jetzt Ruhe und Erholung suchtest. Du fandest diese Ruhe im Grabe, und die Erholung , nach der Du lechztest, die Freundschaft , die Du hienieden suchtest, und von der Du so oft betrogen zurückkamst, die Schönheit, Weisheit und Einfalt endlich, der Du Dein Leben geweiht hattest, und zu der Du so oft begeistrungvoll in den Schooß der Gottheit aufflogst, die fandest Du und konntest sie allein finden in jener reinern Welt. »Auch in Wälschlands Thale War's nicht gelebt; nun lebest Du Die zweite schönre Himmelsjugend«. Aus Herder 's Gedicht »An meinen Landsmann Johann Winckelmann«, nach der ursprünglichen Fassung, wo nur »lange« statt schönre steht. Vgl. Herder's Werke, I. S. 260. 579.   D. Wie ein Wandrer, der mit brennendem Durst und versengtem matten Fuße über die Ruinen Persepolis' und Aegyptens, Gräciens und Rom's hinweggewandert, bei jedem Schritte die Trümmer einer versunknen Königsstadt, einer zerrütteten, nie wiederkommenden Welt, kurz Eitelkeit, Eitelkeit aller menschlichen Dinge sah und fühlte; wie er mit dem letzten Blicke auf diese Gegenden und Werke, die er hinter sich läßt und nie wiedersehen wird in ihren Trümmern, geschweige im Flor und in der Herrlichkeit ihres alten Lebens, traurig-fröhlich auf sein Schiff tritt, um seine neue, freilich andre Welt, aber in ihr Weib, Kinder, Freunde wiederzusehen und sie leibhaft, nicht blos in Ideen zu umarmen: so ist mir, da ich an Winckelmann's Hand das Alterthum hindurch geträumt habe und jetzt auf seiner traurigen Grabesstätte die Eindrücke sammle. Wo bist Du hin, Kindheit der alten Welt, geliebte süße Knabeneinfalt in Bildern, Werken und Gestalten? Du bist hinweg mit Deinem Traum voll angenehmer Wahrheit, und keine Stimme, kein heißer Wunsch des Liebhabers kann Dich erwecken aus Deinem Staube. Aufs Rad der Zeiten geflochten, rollen wir unaufhörlich weiter   wohin? wohin?   und kommen nie an die vorige Stelle wieder. Auch Dein Traum, lieber Winckelmann, von schönen Menschengestalten, von edler Jugendfreundschaft und Erdenweisheit ist verlebt hienieden. Nach verlornem Frühlinge des Lebens genossest Du einige schöne Herbsttage und wurdest vor dem Winter bewahrt, der Dir vielleicht Deinen süßen Trug, die beste Blüthe des Lebens, genommen hätte; aus dem Reich täuschender, schöner Ideen gingst Du in eine wahrere Welt, wo Du nicht mehr Griechenland und seine Götterformen beneidest. Lebe wohl! Dein ermordeter Körper ruht sanft auch ohne Denkmal. Er liegt jenseit der Grenze seines Vaterlandes, und dies arme Blatt kann nicht hingehn, ihm ein Denkmal daselbst zu werden. Aber seinen Freunden, jedem seiner Freunde sei Dank, der dem armen Wandrer, so lange er unser war, nur einigermaßen zu Hilfe kam und eine gute Stunde machte! Die Namen derselben sind in seinen Schriften und Briefen unsterblich, und so lange man diese liest, wird man bei der überfließenden herzlichen Dankbarkeit, womit der Edle ihre Güte preist, auch den Schatten ihres Andenkens lieben und segnen. Ueber Winckelmann vgl. auch den Aufsatz aus der Adrastea , Werke, VIII. S. 135-144.   D.   Nacherinnerung. Ich habe über Winckelmann geschrieben, wie ich im Gefühl seiner Schriften und seines Lebens von ihm schreiben mußte. In seinen Briefen denkt er an eine Schrift Ueber den Verfall des Geschmacks in Italien und an Römische Briefe , die er schreiben wollte: sollte sich nichts davon unter seinen Aufsätzen gefunden haben? Die neuere Ausgabe seiner Kunstgeschichte, die in Wien nach seinem Tode erschien, ist wol (denn hier gilt's die Ehre eines Todten!), insonderheit ihrer Vorrede nach, Winckelmann's nicht würdig. Da in Italien eine vollständigere erschienen ist, so sollte Deutschland, in dessen Sprache Winckelmann schrieb, jenem fremden Lande nicht nachbleiben; und wer der einzige Mann sei, der uns die beste, correcteste, ja eine vermehrte, berichtigte Ausgabe der Winckelmannischen Schriften liefern könnte, weiß ganz Deutschland. Es ist einer der ältesten Winckelmannischen Freunde, Heyne . Fernow , der längere Jahre in Italien verlebte, wo er sich mit einer Römerin verheirathete, war es, der zu Weimar eine Winckelmann's würdige Ausgabe übernahm, die nach dessen vorzeitigem Tode von H. Meyer und J. Schulze vollendet wurde.   Nach unserem Aufsatze folgte im Merkur das Andenken Lessing 's. Vgl. oben S. 321, Anm. 1.   D.   J. G. Sulzer. Geboren 1719, gestorben 1779.   Da von diesem verdienten Mann bereits Hirzel 's Gedächtniß an Gleim »An Gleim über Sulzer«. Zwei Bände. Winterthur 1780.   D. und vermuthlich auch ein éloge académique vorhanden ist, In der »Histoire de l'Académie Royale des sciences et belles lettres« vor den »Nouveaux Mémoires« , 1779, 45-60.   D. so bleibt mir zu meinem Zwecke nichts als ein allgemeiner Gesichtspunkt übrig. Sulzer's Verdienste sind, dünkt mich, die eines Pädagogen und Philosophen; ich nehme beide Worte im edelsten Verstand. Der Rang, den er als Naturkundiger und Mathematiker haben möchte, ist außer meinem Urtheil. Als praktischen Philosophen über die Erziehung und Unterweisung der Kinder kündigte ihn früh ein kleiner Versuch »Versuch einiger vernünftigen Gedanken von Auferziehung und Unterweisung der Kinder«. 1745. 1748. »Gedanken über die beste Art, die classischen Schriften mit der Jugend zu lesen«. 1765.   H. an; sein kurzer Inbegriff der Wissenschaften , 1745. 1758. 1760.   H. seine Vorübungen , »Vorübungen zur Erweckung der Aufmerksamkeit und des Nachdenkens zum Gebrauch einiger Classen des Joachimthalschen Gymnasiums«. Berl. 1769.   H. die Einrichtung des Mitauischen Gymnasii 1774.   H. und viele Verdienste, die er sich um das Schulwesen in Berlin und andern preußischen Ländern erworben, haben durch Rath und That diesen kleinen Versuch sehr hoch erhöht. Wenn's nun wirklich keine nützlichere Philosophie giebt, als die den Menschen, das Kind, den Jüngling bildet, so hat Sulzer einen Rang über manchem scharfsinnigen und nutzlosen Erfinder. Ich setze in dieses Fach auch einige seiner Schriftchen, die er über die Werke und Schönheit der Natur, »Versuch einer moralischen Betrachtung über die Werke der Natur«. 1745. »Unterredungen über die Schönheit der Natur«. 1754-1770.   H. über den Werth der Noachide , »Gedanken über« u. s. w. 1754.   H. über die bessere Anwendung der Künste 1772.   H. und sonst geschrieben. Sie lehren keine neue Wahrheiten, aber sie wenden alte gute Wahrheiten angenehm, faßlich, nützlich an. Ueber die Noachide ist Sulzer eigentlich kein strenger Kunstrichter, sondern ein Freund des Dichters, der die moralischen Schönheiten seines Gedichts entwickelt und der Jugend anpreist, wie er es auch im großen Wörterbuch der Künste oft gethan hat. Der moralische Nutze, auf den er überall die Künste und jede schöne Wissenschaft angewandt wissen will, ist edel und wünschenswerth, vielleicht aber nicht immer, insonderheit auf den Wegen, die er vorschlägt, erreichbar, nicht etwa nur äußerer Hindernisse, sondern hie und da vielleicht des Begriffs der Kunst selbst wegen. Indessen sind bei der großen Zwecklosigkeit und den zum Theil schändlichen Mißbräuchen, in die die besten derselben gerathen sind, zu unsrer Zeit auch Platonische Gedanken und Wünsche hierüber schätzbar. Als Philosoph war Sulzer ein Philosoph des gesunden Verstandes , der planen , nicht spitzfindigen Vernunft. Psychologie war das Feld, wo ihm die Zerlegung der Begriffe am Meisten glückte; und giebt's in der ganzen Philosophie ein angenehmeres, nützlicheres Feld als dieses? Seine Theorie der angenehmen Empfindungen , seine Abhandlungen über Sprache und Vernunft , über dunkle Begriffe und Triebe , zuletzt über das Wesen und die Unsterblichkeit der Seele Sulzer's »Vermischte philosophische Schriften«. 2 Theile. 1773. 1781.   H. sind voll schöner Wahrnehmungen. Wenn sie die Begriffe nicht allemal zur vollständigsten Deutlichkeit heben, so ziehen sie sie doch aus der Tiefe ans helle, klare Sonnenlicht hervor und sind dem Leser, insonderheit dem sich bildenden Jünglinge so unterhaltend als aufmunternd. Die Leiter, auf der der Philosoph emporsteigt, läßt er stehen und zieht sie nicht stracks nach sich; ein Anderer kann und mag weiter steigen. Das größte Gebäude endlich, das Sulzer errichtete, ist sein Wörterbuch der schönen Wissenschaften und Künste , »Allgemeine Theorie der schönen Künste«, Theil 1. 2. 1771. 1774.   H. [Das vollendete Werk besteht aus vier Theilen, die 1792-1794 neu aufgelegt wurden. Höchst ungünstig hatte Herder über den ersten Theil im Briefe an Merck vom Juli 1771 geurtheilt.   D.] ein Dädalisches, vielleicht unvollendetes und nie zu vollendendes Gebäude, das seinen Erbauer aber, wenn es auch nur der erste Erbauer wäre, gewiß nicht ohne Kranz ließe. An der Peterskirche in Rom haben Viele gebaut, weil das Werk über eines Menschen Leben hinausreichte; selbst der Plan derselben ward einigemal geändert, das Gebäude kam indessen doch einmal zu Stande, und auch Denen, die die Vollendung nicht erlebten, bleibt ihr Ruhm. Es ist wol unleugbar, daß Sulzer den Plan, den er in den »Literaturbriefen« bekannt machte, Th. 5. S. 33 ff.   H. nicht ganz erreicht hat. Er war nicht der einzige Arbeiter; ein Mann konnte bei so verschiedenen Künsten nicht jedem Begriff, jedem Hauptwort auf den Grund kommen, noch weniger in der für jede zusammenhangende Philosophie fatalen Form eines zertrennenden Wörterbuchs jeden Begriff dem rechten Verhältniß nach an Ort und Stelle führen, noch weniger, da bei verschieden Künsten verschiedne Mitarbeiter waren, die gemeinschaftlichen Ideen verschiedener Künste auf dem kürzesten Wege zu ihrer klaren Quelle leiten u. s. w. Aber wer wird Unmöglichkeiten fordern? wer einem, und zwar dem ersten Versuch das Geschäft vieler Männer, vielleicht ganzer Jahrhunderte zumuthen? Sulzer hat angefangen; man baue weiter: Man binde, leite, simplificire die Begriffe, wo sie noch nicht recht gebunden und simplificirt sind; man stelle die Künste und ihre Theile mit mehrerm Verhältniß gegen einander, als sich bei dem ersten Ueberblick eines Labyrinths von Gedanken und Worten thun ließ; insonderheit führe man auch die Begriffe der Kunst genetischer in ihre Geschichte und schärfe hie und da, was bei Sulzer zu rund , zu allgemein gesagt sein möchte. Das Werk, wie es ist, ist ein Denkmal des philosophischen Sinnes der Deutschen , mit Lacombe und ähnlichen Büchern so wenig zu vergleichen als der Palast mit einer Marktbude. Wenn man Sulzer zum Theil strenge beurtheilt hat, so kam's davon her, daß man ihn nach seinem eignen Plan beurtheilte und in diesen hohen Ideen lange aufs Werk gewartet hatte; kurz, weil man ihn als Sulzer beurtheilte. Jetzt ist wol Niemand in Deutschland, der den Werth seines Buchs verkenne; und auch selbst die Mängel desselben, daß Sulzer sich mehr auf dem Wege des schlichten, gesunden Verstandes hielt, als nach Höhen und Abgründen der Spekulation einzelner seiner Begriffe umherkletterte, sind zum allgemeinen Gebrauch des Buchs Empfehlung. Die schönsten Artikel in ihm sind auch psychologisch und pädagogisch ; hierunter sind manche, die ganze Abhandlungen der Akademie gelten möchten. In diesem Werte ist Sulzer eine ganze Akademie selbst. In den letzten Jahren seines Lebens that der kranke Weltweise eine Reise durch die schönsten Gegenden Europens, um noch mit den letzten Blicken der Dankbarkeit die Schönheit einer Natur zu genießen, die er in seinen frühern Jahren so wahr, so fromm und edel gepriesen hatte. Er hoffte aus ihr noch Athem der Gesundheit zu holen; sie konnte, sie sollte ihm aber denselben für diese Welt nicht mehr geben. Er ging mit Gesinnungen, die ein Brief von Spalding in seinen letzten Tagen beschreibt, in eine schönere Natur Gottes über. Sein Tagebuch dieser Reise, die Briefe, die Hirzel »An Gleim über Sulzer«. 1780.   H. und Lange vorher »Freundschaftliche Briefe«, 1769. 1770.   H von ihm bekannt gemacht haben, zeigen ihn, wie er's auch in seinen Schriften ist, als einen gesetzten und ruhigen Weisen. Mich dünkt, Sack war's, der ihn nach Berlin zog; dieses aufgeklärten und um Deutschland sehr verdienten Gottesgelehrten ist also auch ein Theil des Verdienstes, das Sulzer sich in seiner so nützlichen Sphäre erworben. Sulzer's Selbstbiographie ward 1808 von Merian und Nicolai herausgegeben.   D.   Historische Zweifel über das Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden, und über dessen Geheimniß; nebst einem Anhange über das Entstehen der Freimäurergesellschaft, von Friedrich Nicolai«.   Si quid novisti rectius istis, Candidus Imperti, si non, his utere mecum. Hor . Epist., I. 6, 67. 68.   D. 1782. März-, April- und Juniheft 1782 des Merkur . Die zwei Zusätze zum ersten und zweiten Briefe (unten S. 347 ff.) hat Müller aus Herder 's Handschrift gegeben. Ueber Nicolai 's plumpen, Herder der schlimmsten Böswilligkeit zeihenden zweiten Theil seiner Schrift vgl. unsere Vorbemerkung .   D.   An Herrn   Sie werden Sich wundern, daß ein so unfertiger Briefsteller wie ich Ihnen auf das mir gestern überschickte Buch so bald antwortet; aber so ist's! Wenn einem Müssigen der Federball gerade zugeflogen kommt, schlägt er ihn mit der Hand weiter oder fängt ihn gar auf. Ich weiß nicht, welches von Beiden ich thun werde; aber antworten muß ich, entweder gleich, oder ich antworte nimmer. Lassen Sie uns vom Ende anfangen; denn der Anhang über das Entstehen der Freimäurergesellschaft wird Sie wahrscheinlich mehr interessiren als die oft ventilirten Beschuldigungen des längst erloschenen Tempelherrenordens; mit einigen Worten über die letzten wollen wir schließen. Seit Lessing mir seine trefflichen Gespräche Ernst und Falk im Manuscript zuschickte, Im Jahre 1778.   D. konnte es nicht fehlen, daß ich diesen Gegenstand, der mich als einen Laien sonst schon beschäftigt hatte, abermals vornahm, und ob ich gleich seinem System von der Entstehung des Freimäurerordens nicht beistimmen konnte, durch die Unterhaltung eines so sinnreichen, gelehrten Mannes auf manche Punkte aufmerksamer wurde. Die Materie ist mir also ziemlich geläufig, und ich fange ohne fernere Vorrede sofort an, Ihnen meine Zweifel über diesen Versuch kurz und rund zu sagen. Wenn ich den dogmatischen Ton annehme, geschieht's nicht aus Anmaßung, sondern der Kürze halben, und wie mir die Sache vorkommt. Seien Sie die historische Akademie, der ich diesen Versuch freundschaftlichst zueigne, in dem ich meinen Autor Schritt vor Schritt begleite. 1. Lessing leitet Masonei von Tisch (Mase) her und erklärt's durch eine geschlossene Tischgesellschaft. Mas (Mias, Miase) heißt allerdings Tisch, und das Gimazze , Tischgesell, kommt davon her. In solchen Sachen, dünkt mich, kann man sich auf Lessing verlassen. Frisch in seinem sehr bekannten Wörterbuch S. 647. S. auch Schilter 's Glossarium Teutonicum , p. 576. 584. 585.   H. [Nach Nicolai bezeichnet Masoney nur eine geschlossene Gesellschaft.   D.] führt noch aus Kaisersberg das Wort Masgenossen für Tischgenossen an, und das Wort maça, Geselle , stammt wirklich davon her. Beim Agricola heißt die Versammlung der Ritter oder die Tafelrunde Messenei , und ich erinnere mich, das Wort öfter gelesen zu haben. Es ist auch der deutschen Sprache völlig analog, wie das Wort Maskopei u. a. beweisen. Ich bin aber weit entfernt, den Ursprung der Freimäurer mit Lessing hievon herzuleiten; hier ist blos von der Abstammung eines ähnlichen Lauts die Rede. 2. Gegentheils kann es gar nicht sein, daß diese Massonei von massue ( clava, eine Keule) herkommt, als ob's societas clavata wäre, Nicolai , S. 157.   H. woher unser Autor sogar das Wort club herleitet. Klubb kommt her entweder von kleiben , zusammenrufen (angelsächsisch clypian ) oder besser von kleiben , umfassen (angelsächsisch clyppan ). S. Wachter 's Glossarium , p. 846.   H.[ Club heißt aber Keule .   D. Wir haben noch in unsrer Sprache den Ausdruck wohl bekleiben , d. i. genau zusammenbleiben, so wie das eigentliche Wort Klubbe oder Kluppe . Wir sagen noch Jemand in die Klubbe nehmen , d. i. ins Enge bringen u. s. w. Doch wozu mehrere solcher Wortforschungen, auf die es hier gar nicht ankommt? Freimäurerei hat weder von Tisch noch Prügel den Namen, sondern von Frei - und Maurerei , wie das Wort sagt. Free-Mason, Franc-Maçon ist der Name, und das deutsche Wort ist blos übersetzt. 3. Noch weniger trifft's dahin, daß Kirchen der Tempelherren de la Mason geheißen haben. Nicolai , S. 158.   H. Das Wort mason, maison, Haus, war in der mittlern Zeit oft und in mannichfaltigem Gebrauche, wie die Veränderung desselben in masagium, massagium, masucagium, masata, mansura, mansio, mansionarius u. s. w. zeigen. S. Du Fresne 's Glossarium mediae latinitatis .   H. Noch brauchen wir's häufig bei adligen, geistlichen, ritterlichen Familienbesitzthümern, und das deutsche Haus z. E ., d. i. das Haus des deutschen Ordens, Prinz des Hauses, Recht des Hauses , sind Jedermann bekannt. Es gab also wirklich eine Zeit, wo in gewissen Gegenden der Tempelherren Residenzen vorzüglich das Haus genannt werden konnten; und der Name blieb, wie immer solche Namen bleiben. Also näher zur Sache. Der Verfasser findet es für gut, auf die Rosenkreuzer zurückzugehen; Schade aber, daß ich mich auch über den Ursprung dieser Gesellschaft, die übrigens mit den Freimäurern gar nicht zusammenhängt, noch viel weniger mit ihnen eins ist, in keinem einzigen Punkt genau und ganz begegnen kann; denn 4. Es ist ganz unbewiesen, daß Valentin Andreä je eine Gesellschaft der Rosenkreuzer habe stiften wollen oder etwas der Art im Sinne gehabt habe . Er fand eine zahlreiche Gesellschaft, ja vielerlei Secten und Gährungen vor sich, die er mit seinen paar Schriftchen theils zum Besten haben, theils von ihren Träumen abbringen wollte. Ich will jedes Wort, das ich gesagt habe, beweisen. Andreä selbst sagt in seiner geschriebenen Lebensbeschreibung, die ich mit einer Zuschrift und Randglossen seiner eignen Hand aus der Wolfenbüttel'schen Bibliothek gehabt habe: »Jam a secundo et tertio post millesimum sexcentesimum coeperam aliquid exercendi ingenii ergo pangere, cujus facile prima fuere Esther et Hyacinthus Comoediae, ad aemulationem Anglicorum histrionum juvenili ausu factae, e quibus posterior, quae mihi reliqua est, pro aetate non displciet. Secuta sunt Veneris detestatio et Lacrimae , tribus dialogis satis prolixis, quae invito me perierunt. Superfuerunt e contra Nuptiae Chymicae, cum monstrorum foecundo foetu ludibrium , quod mireris a nonnullis aestimatum et subtili indagine explicatum, plane futile et quod inanitatem curiosorum prodat. Atque haec scriptionum praeludia fuere, quibus illam variae lectionis ingurgitationem exoneravi.« Also war seine Chymische Hochzeit blos ein ludibrium, damit er die zahlreichen monstra seiner Zeit durchzog; er sieht's selbst als eine Komödie oder Roman an, mit dem er sich seiner übermäßig gesammelten Lectur habe entledigen wollen. Und wahrlich, das ist das Buch Jedem, der's uneingenommen liest. Andreä hatte Dichter, Historiker, Philosophen, Theologen, Chymisten u. s. w. gelesen; er hatte ungeheuer viel gelesen, wie man aus allen seinen Schriftchen sieht. Er war ein feiner Kopf, voll Einkleidung und Dichtung, wie er denn beinahe nichts ohne Fiction schreiben konnte: auch dies zeigen alle seine Schriften. Jetzt war er 21 (nicht 28) Jahr alt, da er den wirklich schönen Roman, Die chymische Hochzeit , schrieb; und sein eigenes Bekenntniß sowie auch der ganze Inhalt und Ton der Schrift zeigen durchaus, daß die ersten weitaussehenden Absichten ihm ganz fremde gewesen, die ihm der Verfasser des Anhangs zuschreibt. Er fand eine ungeheure Secte vor sich, hatte sich auch an ihren Büchern vollgestopft und wollte   sich erlustigen oder sie etwa bessern und von Thorheiten zurückführen; nicht aber brütete er, auch nur mit einem Gedanken, die Secte aus. Und welches war die Secte, foecundus foetus monstrorum, die er vor sich fand, und die ihm zum ludibrio diente? Das weiß Jedermann aus der Geschichte des Jahrhunderts: es waren die Paracelsisten, Weigelianer, Alchymisten u. s. w., die vom Jahrhundert der Reformation her Deutschland überschwemmten und um so stärkern Anhang hatten, je mehr sie gedrückt und verfolgt wurden. Die Theologen haßten sie als Ketzer, die Aerzte als Marktschreier, die Schulphilosophen als Schwärmer; der große Haufe indeß traute ihnen Wunderdinge zu, weil sie sich in das Kleid der Einfalt, Frömmigkeit, Demuth, oft willkürlicher Armuth und einer Bereitwilligkeit, Allen zu dienen, einhüllten, auch wirklich, wie unleugbar ist, vieles Gute hatten. Man weiß, daß Arndt , den Andreä sehr hoch hielt, und um deswillen er viel leiden mußte, aus Weigel 's Schriften Manches in sein Wahres Christenthum einrückte, und so wie überhaupt die Extreme immer neben einander sind, konnte es nicht fehlen, daß, da in der Theologie der elendeste Streitton, in der Philosophie der leerste Wortkram herrschte, sich die denkenden Köpfe und fühlenden Gemüther auf die Gegenseite zusammenrotteten und auch da bei so lockenden und schlüpfrigen Abwegen sich zu weit verloren. Chymie, Alchymie, Mystik, Traumdeuterei, Astrologie waren im höchsten Ansehen, und es konnte nicht anders sein, als, wie es ja auch jetzt wieder zu werden anfängt, daß mancherlei Betrug und Wahn dahinter seine Zuflucht suchte. Beiden Extremen ging also der vortreffliche Andreä in allen seinen Schriften zu Leibe, der leeren Wortklauberei wie der Geistsucherei, wenn mir das Wort erlaubt ist, der herrschenden Streitbegier wie dem Betruge, der im Finstern schleicht. Meistens that er's spielend; aber sein Spiel war voll Ernst, voll Scharfsinn, voll Güte des Herzens und umfassender Aussicht. Solch ein Spiel war auch seine Fama Fraternitatis Die Fama Fraternitatis ist wirklich 1616 gedruckt, sie war aber viel früher schon im Manuscript umhergegangen. Denn Haselmeier in Tirol hatte sie schon, wie er selbst sagt, 1610 gelesen und beantwortete sie 1612 schon mit einem gedruckten Schreiben, das sich anhebt: »Wir Geringfügige von der Theophrastischen verworfnen Schul und Tyrolischen Mineral-Gebürg wünschen«. Es erhellt also, bei welcher Gattung Leuten die Andreäischen Schriftchen anschlugen.   H. nebst der Allgemeinen und Generalreformation der ganzen weiten Welt , darin er die Geschichte von einem Christian Rosenkreuz , der schon in seiner Chymischen Hochzeit erschienen war, weiter dichtete, sie mit Reisen, Wunderzügen, Regeln und Confession einer geheimen Gesellschaft ausschmückte, wie sie das Zeitalter liebte und in hundert ähnlichen Träumen im Ernst glaubte. Vgl. unten S. 704 ff. die Vorrede zu Sonntag 's Uebersetzung von Andreä's Dichtungen.   D. 5. Aber wie kam er zum Namen Rosenkreuz ? Existirte der Name schon als Secte? oder ist er, wie unser Verfasser sagt, »allegorisch, daß das Kreuz die Heiligkeit, Rosen die Verschwiegenheit der Gesellschaft« andeuten sollten? »daher kommen«, fährt er fort, »die drei Rosen auf den Schürzen der Freimäurer« S. 71.   H. [Vielmehr 169 f., wie Nicolai bemerkte.   D. u. s. w. Nichts von Allem! Daß Kreuz und Rosen bei Alchymisten und Theosophen lange sehr beliebte Zeichen gewesen, ist bekannt; daß der Name Ritter vom Rosenkreuz schön klingt, sagt uns das Ohr: bei Andreä kam aber eine andre simple Ursache, halb Spaß, halb Ernst, hinzu, warum er in der Chymischen Hochzeit seinem irrenden Ritter, der im Grunde er selbst ist, diesen Namen wählte, nämlich   erschrecken Sie nicht   das Kreuz und vier Rosen waren sein Familienpetschaft ; er konnte und mußte sich also im eigentlichen Verstande Ritter von Rosenkreuz nennen. Schon sein Großvater, der berühmte Jakob Andreä , S. Fama Andreana reflorescens, curante Jo. Val. Andreae 1630 , bei den Bildnissen der Familie. Der Sohn unsers Valentin Andreä nannte seine beiden Töchter Augustana confessio, die andere Formula concordiae, woraus man den Geist der Zeit abnehmen kann, wenn man ihn nicht sonst schon aus hundert Denkmalen wüßte.   H. hatte es, und da dieser eines Schmieds Sohn war und das Geschlecht zuerst heraufbrachte, so hatte er's als ein eifriger Lutheraner und Mitverfasser der Formulae Concordiae wahrscheinlich aus Luther's Petschaft mit dem bekannten Vers: »Des Christen Herz auf Rosen geht, Wenn's mitten unterm Kreuze steht,« gewählt. Andreä spielt in seinen Schriften oft darauf an und findet unter dem Kreuz die wahren Rosen, d. i. Weisheit, Freude und Ruhe der Seele; doch ohne theosophische Grillen und mystische Gaukeleien. Die Theophrasten Der Name des Theophrastus , des Vaters der Pflanzenkunde, steht hier launig im Sinne von »Blumenausleger«.   D. nahmen das Ding anders: denen kam der Name, die Fiction von Christian Rosenkreuz aus Fez und Damascus, die Chymische Hochzeit und Geheime Fraternität , recht. Jeder knüpfte dran oder sog daraus, was er wollte: dem Kinde war ein neuer Name gegeben, und das hatte man erwartet. Es ist unglaublich, wir viel Schriften und Schriftchen in den Jahren 1614-1619 über die Fraternität herausgekommen, und wie schnell manche wieder gedruckt sind. Ich kann Ihnen, da der Autor zwei anführt, gegen funfzig anführen, die ich alle vor mir habe, die größern Werke von Fludd, Maier u. A. noch ungerechnet. Was unser Verfasser davon anführt, ist sehr unvollständig; es ist aber auch kaum der Rede werth, in langen Titeln der Art vollständig zu sein, wenn man nicht den Zweck hat, eine charakteristische Geschichte dieser Secten zu schreiben, welches jetzt meine Absicht nicht ist. Gnug! Andreä sah bald, was sein Spaß für ernstliche Verwirrung in den Köpfen dieser Leute machte, und that, was er konnte, seine Absicht deutlicher zu erklären. Er schrieb seine Turris Babel , seine Institutio magica pro curiosis , seine Invitatio ad fraternitatem Christi   und was soll ich alle seine Schriftchen anführen? denn in jeder kommt etwas dieser Art vor. Ich wünschte, daß der Ungenannte, der im Deutschen Museum und sonst einige Gedichte, Parabeln und Gespräche von ihm bekannt gemacht und ein Denkmal desselben aus seinen Schriften für unsre Zeit versprochen hat, sein Wort bald erfüllte. Herder selbst. Vgl. Herder's Werke, XV. S. 217 f. 319 ff. Auch hat er sein Wort später zum Theil gelöst. Vgl. daselbst, XV. S. 219-280.   D. Es ist ein ungemein scharfsinniger, die Welt kennender, dichterischer, lieblicher Geist in seinen Fictionen, und viele derselben hat unsre Zeit hochnöthig. Schon das ist ein Zeichen von der wunderbaren Ueberlegenheit dieses Mannes über sein Zeitalter, daß ein jugendlicher Scherz, eine geistliche Kurzweil , wie er's nannte, in ein paar Bogen von ihm, gedruckt und ungedruckt, so viel Bewegung machte. Nicht Jedermann gelingt's, einer so zahlreichen und unter sich selbst so verschiednen Secte, ja einem Nest von Secten in den cultivirtesten Ländern auf einmal einen Namen zu geben durch   einen Spaß seines Petschafts. Mehr als das Angezeigte und Erwiesne hat Andreä nie mit den Rosenkreuzern zu thun gehabt, auch nicht zu thun haben wollen. Da er in Worten und Schriften zur Fraternität des Christenthums rief, that er's auch im Werk und stiftete 1620 eine societatem Christianam, die er in seinem Leben selbst beschreibt; es war eine Gesellschaft der Wohlthätigkeit und Milde, die viel Gutes gewirkt hat. In seinem Leben sagt er, wenn er auf diese Schriftchen kommt: Successit demum post unam alteramque ad fraternitatem Christianam invitationem ludibrio illo Rosencruciano oppositam ille plenus invidia Menippus etc. So sah er also die Sache fortgehend an; auch in seinem Theophilo sind starke Stellen gegen die Rosenkreuzer.   H. 6. Dagegen aber ist's völlig unerweisbar,» daß Andreä mit seiner Fama und Reformation der ganzen Welt, dem Bacon zu seiner Instauratio magna, wo nicht die erste Idee, doch einen Antrieb mehr gegeben habe «, wie unser Autor vorgiebt. S. 182.   D. Wer die Schriften Bacon's und die Fraternität gelesen, wird sich wundern, wie die beiden Sachen zusammenkommen; hier Scherz, dort der gründlichste Ernst, der aus des englischen Weltweisen ganzer Seele herausgeht und, wie offenbar zu sehen, sein Nervensaft, das Werk seines Lebens und Daseins ist. Alle seine Schriften greifen so sehr in einander, er wiederholt seine besten Gedanken so oft und auf so originale Weise, daß man sieht, sie sind aus seinem Herzen erwachsen, in seiner Brust genährt. Zumal die Instauratio magna scientiarum, was hätte sie mit dieser allgemeinen Reformation im Munde eines Rosenkreuzers gemein? Auch den Titel nicht einmal; denn dieser lag in der Sache, im Inhalt des Werks selbst: und wie große Titel hatten Lullus und die Scholastiker schon gebraucht! Die Einkleidung seiner Atlantis (so heißt das Buch, nicht Atalantis , wie hier immer gedruckt ist) dürfte nicht die mindeste Beziehung auf Andreä oder die Rosenkreuzer haben. Es ist ein Roman, wie es damals ja mehrere gab, wovon ich des Morus Utopien, Knight 's Mundus alter et idem, des Campanella Civitas Solis allein anführe und aus Büchern, die dem Bacon gewiß näher waren, viel mehr anführen könnte. Jedermann weiß, wie der Geschmack an wunderbaren Ländern und Reisen damals herrschte, nicht in England allein, wo unter der Königin Elisabeth Virginien entdeckt ward und unter Jakob der Ritter Raleigh ja das Goldland entdecken wollte, sondern beinah in allen Ländern Europens. Reisebeschreibungen kamen häufig heraus, erdichtete und wahre; wie in den dunkeln Zeiten die Pilgrimschaften das beliebte Vehiculum geistlicher Romane gewesen waren, so wurden es jetzt Entdeckungen, Schifffahrten, Reisen. Bacon fand also die Platonische Atlantis wieder und kramte seine gelehrte Ideen auf derselben aus, wie Sidney sein Arcadien Der Schäferroman »Arcadia« erschien erst nach seinem 1586 erfolgten Tode und fand solchen Beifall, daß er in zwanzig Jahren acht Auflagen erlebte.   D. schrieb und nach der Zeit so viele Utopien, glückliche Inseln u. dergl. geschrieben wurden. Unserm Philosophen war die Einkleidung und Dichtung des Ganzen überhaupt das Kleinste; in ihnen geht der Philosoph oft mit dem Dichter durch. Kurz, die Atlantis hat mit den Dichtungen der Rosenkreuzer im Wesentlichen und Ganzen nichts gemein; der weiße Turban und das rothe Kreuz auf demselben, die einmal als Zierrath vorkommen, sind Zierrath im Geschmack der damaligen Zeit, wo ausländische und Ritterideen sich mischten. Endlich, wie können doch Rosenkreuzer zu Bacon's Instauratio magna auch nur Anlaß, geschweige die erste Idee gegeben haben! Bacon war 1561 geboren; S. Bacon 's sehr vollständige Lebensbeschreibung in der »Britischen Biographie«, Th. 1. S. 301 ff. deutsche Ausgabe.   H. schon in seiner Jugend bezeigte er einen Ekel am Aristoteles; 1586 schrieb er schon seinen Temporis partum maximum, welcher Name weit mehr als Instauratio magna sagen wollte und den Vorriß seines großen Baues der Wissenschaften enthielt, wie er nach vierzig Jahren selbst sagt. 1605 kam sein Buch Vom Wachsthum der Wissenschaften heraus, an dem er von Jugend auf gearbeitet hatte; und die gefärbte Dunstwolke der Rosenkreuzer entstand 1614, 1615, also zehn Jahre, und nach dem ersten Werk, das auch Gruter gesehen hat, beinah dreißig Jahr später. 7. Ebenso unbewiesen ist's, daß Bacon's Schriften , zumal seine Atlantis , mittelbar oder unmittelbar zu Errichtung einer Gesellschaft esoterischer Wissenschaften, in der man die Geheimnisse der Rosenkreuzer geschwinder zu erfahren hoffte, Anlaß gegeben, und daß diese 1646 errichtete Gesellschaft der Orden der Freimäurer gewesen oder geworden sei . Nicolai , S. 183-193.   H. Ohne Zweifel werden Sie, mein Freund, hier am Aufmerksamsten werden, und ich selbst bin es; denn alles Vorige gehört bewiesenermaßen nicht hieher. Dieser Punkt muß also strenge dargethan werden, wenn in der Hypothese des Verfassers vom Entstehen des Freimäurerordens etwas bewiesen sein soll. Gerade aber er ist nicht blos unbewiesen, sondern völlig geschichtswidrig . Daß Bacon zur Errichtung der Societät der Wissenschaften in London Anlaß gegeben, ist bekannt; es ist aber auch Fabel, daß er dies vorzüglich durch seine Atlantis gethan habe. Sein König Salomona in Bensalem (Jakob I. ) führte von seinem Entwurf nichts aus, und der Sohn desselben mit dem Palmzweig (Karl I. ) konnte davon nichts ausführen. Einzelne Gelehrte versammelten sich; und es wäre schlimm, wenn diese sich der Einkleidung der Atlantis wegen versammelt hätten, zu der sie in den damaligen verwirrten Zeiten so wenig Aussicht vor sich sahen; sie thaten's aus Liebe zu den Wissenschaften und der neuen Methode selbst, die Bacon in seinen größern Schriften so nachdrücklich empfohlen hatte. Eben weil sie sahen, daß der Traum der Atlantis hin war, oder daß man noch lange darauf warten müßte, griffen sie das Werk ganz romanlos an, wie Sprat's Geschichte der Societät deutlich sagt. Vgl. auch Goethe in der »Geschichte der Farbenlehre«.   D. Nun aber ist's ganz unbewiesen, daß sich dieser exoterischen Gesellschaft entgegen eine esoterische zusammengethan habe, und daß dies das Entstehen der Freimäurergesellschaft gewesen , die Ashmole so nach 1646 errichtet habe . Wer war begieriger als ich, von dieser unerhörten Sache den Beweis Britische Biographie, Th. 4. S. 740.   H. aufzuschlagen? und wer war erstaunter als ich, da ich ihn aufschlug? Gerade das entschiedenste Gegentheil enthält die Stelle von dem, was der Verfasser sagt, und ich begreife die Citation noch im Geringsten nicht. So heißt die Stelle: »Den 16. Oct. 1646 wurde Ashmole zu einem Mitbruder der alten und ehrwürdigen Gesellschaft der Freimäurer erwählt, welches er für einen sehr vorzüglichen Charakter ansah. Er hat uns daher von der Loge, welche zu Warrington in Lancashire angelegt worden, eine sehr umständliche Nachricht ertheilt, und in einigen seiner Handschriften sind sehr schätzbare Sammlungen befindlich, welche die Geschichte der Freimäurer betreffen.« Also war die Gesellschaft der Freimäurer schon eine alte, ehrwürdige Gesellschaft, da Ashmole in sie trat, eine Gesellschaft, deren Alterthum er als Alterthumsforscher zum Gegenstande seiner Untersuchungen machte. Und Ashmole hätte sie errichtet? Sie hätte zu Warrington eine Zusammenkunft gehalten, aber zu London zuerst ihre Consistenz bekommen? Ich fordre Sie auf, mein Freund, mir in Schriften alter und neuer Zeit eine unstatthaftere Citation zu zeigen. Und die weitläuftige Note der Lebensbeschreibung Note E. S. 746.   H. setzt ja den Umstand dieser Aufnahme und der Untersuchungen Ashmole 's über das Alterthum der Gesellschaft in ein vielleicht nur zu helles Licht. Es wird die Quelle angeführt, woher der Lebensbeschreiber den Umstand hat: es sind Briefe, die Dr. Knipe dem Verfasser mitgetheilt, in denen Folgendes die Stelle ist, aus der jene Relation floß: »In Ansehung der alten Gesellschaft der Freimäurer, von welcher Ihr so viel zu wissen begierig seid, als man mit Gewißheit wissen kann, will ich Euch blos so viel melden, daß, dafern unser würdiger Bruder E. Ashmole seinen gehabten Vorsatz zu Stande gebracht hätte, unsere Brüderschaft ihm ebenso viel zu verdanken gehabt haben würde als die Brüder von dem hochansehnlichen Orden des Hosenbandes. (Ashmole schrieb nämlich eine Geschichte desselben in Folio, deren Titel ich unten anführe. The Institutions, Laws and Ceremonies of the most noble Order of the Garter by Elias Ashmole, Esq. Lond . 1672.   H. ) Ihr habt nicht Ursache, Euch diesen Ausdruck befremden zu lassen oder denselben für gar zu vermessen zu halten. Die Oberhäupter dieses Ordens haben es nicht für schimpflich gehalten, unsre Mitbrüder zu sein; und es hat Zeiten gegeben, da sogar Kaiser Freimäurer gewesen sind.« Hier folgt der Umstand, den Herr Nicolai anführt, daß die Bulle unter der Regierung Heinrich's III. nicht die Freimäurer, sondern die Mäurer angehe: er hat sie mitten aus der Erzählung, die gegen ihn ist, herauszureißen für recht gefunden; ich wiederhole sie also nicht. Der Briefsteller fährt fort: »In Ansehung der Zeit und der Art und Weise dieser Anordnung (des Freimäurerordens) will ich etwas aus diesen Sammlungen (nämlich des E. Ashmole) erzählen. St. Alban, der erste Märtrer von England, hat das Maurerhandwerk allhier eingeführt, und von seiner Zeit hat dasselbe, wie es der Lauf der Welt mit sich gebracht hat, bald mehr, bald weniger geblüht, bis auf die Zeiten des Königs Adelstan herab.« Erlauben Sie, daß ich nicht weiter fortfahre. Der Alterthumsforscher Ashmole gefällt mir so wenig als Ashmole der Astrolog und Adept. Er führt den Orden durch die normännischen Fürsten bis auf seine Zeiten hinunter; das Merkwürdigste dabei ist, daß er eine Parlementsacte Heinrich 's VI. gegen die Freimäurer anführt, die ihnen Capitel und Logen zu halten verbeut und nachher, heißt es, aufgehoben wurde. Ich wäre diese Acte, die in Ferdin. Pulton's Collection of Statutes Henric VI. cap. I. stehen soll, zu lesen begierig. Heinrich VI. trat 1442 selbst in den Bund. Vgl. Krause , »Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft« (1810. 1819). Nicolai erwiderte Herder, diese Acte sei in bekannten Büchern zu lesen, wie in der »Histoire des Franc-Maçons« (1742), S. 306. - D . Uebrigens gesteht der Verfasser dieser Nachricht, daß, »weil diese Gesellschaft so alt ist, daß sie beinah höher hinaufsteigt, als die Urkunden reichen, so sei es kein Wunder, daß die Geschichte derselben mit Fabeln vermischt sei« u. s. w. Gnug für uns, daß Ashmole diese Gesellschaft 1646 nicht gestiftet , sondern als einen Gegenstand des grauen Alterthums betrachtet und sogar bis auf St. Alban zurückgeführt habe. Noch beschreibt Ashmole selbst eine Loge, der er 1682 um 5 Uhr Nachmittage in der Mäurerhalle in London beigewohnt, in der er der Aelteste gewesen, indem seit seiner Aufnahme 35 Jahr verflossen waren. Er nennt die Mitglieder und sagt: »Wir wurden Alle in dem Weinhause des halben Monds in Cheapside mit einer schönen Mahlzeit bewirthet, welche auf Kosten der neu aufgenommenen Freimäurer zugerichtet worden.« Das waren also die esoterischen Wissenschaften , die nach der Meinung unsers Verfassers die von Ashmole 1646 aufgerichtete Gesellschaft der Freimäurer trieb! Und dies ist der Grund seines ganzen Gebäudes! Wie werden Folgen, die Sparren und Latten des Gebäudes sein! Doch ich habe mich müde geschrieben. Leben Sie wohl! Späterer Zusatz Herder's: Kaum scheinen zwei Symbole weiter aus einander zu liegen als das Kreuz und die Rose: diese ein Sinnbild der Freude und des Vergnügens, der Jugend und Schönheit, der Lust und Liebe; jenes ein Symbol des Schmerzes und der Schmach, der Geduld und gänzlichen Unterwerfung. Indessen hat die menschliche Phantasie, durch das Christenthum begeistert, auch sie zu vereinigen gewußt; am Fuß und auf der Dornenkrone des Kreuzes entsprangen Rosen. Der Rosenkranz in den mittleren Zeiten und so manche Bruderschaften desselben zierten sich mit diesen Symbolen; der Mystik war sie sehr willkommen, da sie Lust und Schmerz, Liebe und Geduld, Schmach und Ehre in den höchsten Extremen paarte. Die Vereinigung dieser Symbole muß man also nicht als eine Erfindung Dieses und Jenes betrachten; Kreuz und Rose sprechen sich selbst aus, und die Brüderschaften des Rosenkranzes nebst vielen geistlichen Devisen und Emblemen bereiteten gnugsam zu einer Gesellschaft vor, die sich Rosenkreuzer nannte. Es durfte nur eine Anregung solcher Art als Joh. Valentin Andreä's Fama fraternitatis und eines Christian Rosenkreuz' erdichtetes Dasein, um den lieblichen Namen aufzufangen und eine schon vorhandene zerstreute Schaar fahrender Ritter mit diesem doppelten Symbol zu bezeichnen. Das Kreuz genommen hatten so viele Wallfahrer nach dem heiligen Grabe; Kriegsheere, ja alle Christenkinder und Heiligthümer wurden damit bezeichnet: warum sollte man nicht dem Kreuz die Rose zufügen, um nach eines Christian Rosenkreuz Grabe im Geist zu wallfahrten? Waren doch in seinem erdichteten Leben sowol als im Bekenntniß der Brüderschaft alle geheime Wünsche der Menschen nach Vollkommenheit, Brüderlichkeit, langem Leben, dem Stein der Weisen, einer allgemeinen Reformation der Welt u. s. w. vereint. Allenthalben also, sobald die Fama fraternitatis erklang, suchte man diese geheime Gesellschaft, glaubte sie sich nahe, ja sich in ihr; denn allerdings sollten nach ihres Dichters Wunsch alle erlesenen Menschen zu ihr gehören. Einige Ursachen beförderten im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts die gefällige Annahme dieses Wahnes. Im Jahrhundert der Reformation waren so viel Secten stürmend ausgebrochen, die alle mir dem Ausgange einer Reformation, die das Ganze der Welt nicht hatte verbessern können, unzufrieden waren; sie wollten weiter hinaus, die Wiedertäufer, die Weigelianer, die Schwärmer. Größtentheils war ihre Gährung vorüber; und um den Wunsch nicht ganz aufzugeben, war es jetzt ein angenehmer Traum, sich diese zerstreute, verborgne Brüderschaft im Stillen aufs allgemeine und größte Gute wirkend zu denken. Von Worten und Waffen schritt sie gleichsam zur stillen That. Noch willkommner ward ihr Wunsch dadurch, daß man die Zeiten ahnte, die kommen würden, und die man schon auf dem Herzen fühlte. Der böse dreißigjährige Krieg war im Anzuge; es war die schwüle Stille vorm Ungewitter, da jedes erfrischende Lüftchen wohl thut. Die streitenden Theologen endlich, die im Kampf gegen ihre ehemaligen Feinde zu große Sieger worden waren, als daß sie nicht auch den kleinsten Ruf von einem neuen Feinde beachten müßten, sie gaben der Fama ein Gewicht, das sie nicht hatte, und breiteten sie dadurch aus. Daher, daß der Erfinder dieser Dichtung, Andreä , in spätern Jahren sie selbst zurückwünschte, da er ihren Mißverstand und Mißbrauch sah; es kamen Zeiten, da man sich wesentlicher und wahrer zusammenthun mußte als durch Dichtungen solcher Art, die in der Luft schwebten. Der Freund der Nothleidenden, Andreä, stiftete auch diese reellere Gesellschaft. Wie gern lebt das Publicum im Wahne! Was zu unsrer Zeit die geheimen Jesuiten, waren damals die Rosenkreuzer: allenthalben und nirgend. Sehe man auf die »gute Einfalt unsrer Vorfahren, die Broschüren solcher Art glauben konnte«, nicht so verachtend herab; wie erbärmlichen Wahnschriften hat man zu unsrer Zeit nicht geglaubt! Was die Rosenkreuzer herunterbrachte, war der hellere Aufgang der Künste und Wissenschaften selbst. Hermetische Aerzte, Paracelsisten, Goldmacher, Lebensessenzbereiter, müssige Köpfe, die nach einem Bilde der Vollkommenheit strebten, Mystiker, halbgelehrte Schwätzer und Pansophen hatten sich an den süßen Namen gehalten; je mehr die wahren Wissenschaften, Naturkunde, Chymie, Arzneikunst, je mehr wahrhaft gelehrte Akademien und Gesellschaften in Gang kamen, desto mehr fiel das Ansehen der Alchymisten und Rosenkreuzer. Vor einer Societät der Wissenschaften in London konnte Robert Fludd nicht bestehen; Leibniz und Jakob Böhm paaren sich ungleich. Nicht eben das vortheilhafteste Zeichen ist's also für den Ruhm unsrer Zeit, wenn wir wieder rückwärts gehen und nach Christian Rosenkreuz' Grabe wallfahrten. Als Dämmerung waren jene Bestrebungen zu ihrer Zeit gut, heilsam, nothwendig; es haben sich in ihnen große Seelenkräfte geäußert: wer wird aber immer dämmern und träumen wollen, wenn die Sonne hoch am Firmament steht? Irrig ist's also auch ganz und gar, wenn man Freimäurer und Rosenkreuzer für Eins hält und das Erscheinen jener in der literarischen Welt von Andreä's Fama an datirt. Von Freimäurern wußte wahrscheinlich Andreä nichts, die auch einen ganz andern Ursprung, andre Namen, eine andre Tendenz und Verfassung haben. Daß sich zu jeder Zeit hie und dort Rosenkreuzer zu ihnen thaten, wol gar ihr Werk und Wesen in jene Gesellschaft brachten, ist bekannt, auch aus der Natur geheimer Gesellschaften erklärlich.   Zweiter Brief. Sie glauben doch nicht, daß ich mir aus dem Herrn Ashmole , Astrolog und Antiquarius des Ordens der Freimäurer, so viel mache? Ich kann's indessen nicht leugnen, daß ich seine Sammlungen über die Geschichte desselben oder sein Leben, von ihm selbst geschrieben, sehen möchte. Was der Verfasser seiner Lebensbeschreibung hievon anführt, ist eine Nachricht durch einen Dritten, dazu eine so späte und beinahe anonyme Nachricht. Ich führte sie nur an, weil Herr Nicolai sein Entstehen der Freimäurergesellschaft darauf gründet, und lasse dabei die ältere Geschichte des Ordens ganz an ihren Ort gestellt sein. Wir blieben neulich dabei stehen, daß der Orden, besage des angeführten Citatum, nicht von Elias Ashmole 1646 gestiftet sei. Späterer Zusatz Herder's : Von Elias Ashmole noch ein Wort. In meinem ersten Briefe citirte ich die Stelle aus seinem Leben, wie ich sie in der Britischen Biographie fand und sie der ehrwürdige Dr. Knipe commentirt. Sie sagte nicht, was sie für Herrn Nicolai sagen sollte, ja, sie sagte wider ihn aus, und das war zur Sache gnug. Seitdem ich Ashmole 's »Geschichte des Ordens vom Hosenbande « gelesen, muß ich dazusetzen, daß mir die ganze Stelle verdächtig vorkommt , wenigstens ist's gewiß falsch , was Dr. Knipe vom Alter des Freimäurerordens über sie ausgießt. Ashmole fängt sein gelehrtes und fleißiges Werk mit einer Abhandlung vom Ritterthum überhaupt an und geht alle Orden durch, die ihm in der Welt bekannt sind, so daß er die Ritter des Königs Montezuma in Mexico nicht ausschließt; von der Freimäurergesellschaft kein Wort. Also ist's Wind, wenn Knipe sie dem hochansehnlichen Orden des Hosenbandes gleich schätzt und den Elias Ashmole auch über sie eine Geschichte schreiben läßt, die von St. Alban anfängt. Lesen Sie Ashmole 's »Geschichte«, und die Lüge wird Ihnen nur zu plump vorkommen: einem Geschichtschreiber wie Ashmole konnte solche Deduction auch nicht träumend in den Sinn gekommen sein. Ja, da dieses sein Buch, in dem er alle Orden und Gesellschaften durchgeht, 1672 herausgekommen, und er 1646 in die »alte und ehrwürdige« Gesellschaft der Freimäurer aufgenommen sein soll, der er mit keiner Silbe erwähnt: was ist wahrscheinlicher, als daß die ganze Stelle in seinem Leben, die von der Freimäurerei redet, auch zu dem Staube gehört, den Lessing in seinem Ernst und Falk den Blinzenden aus den Augen wischen wollte. Ashmole 's Leben kam 1717 heraus, da die Forgery's dieser Art schon völlig im Lauf waren. Wenigstens behält Lessing immer Recht, daß vor dem Anfange dieses Jahrhunderts in keinem gedruckten Buche von der Freimäurerei Meldung geschehen; denn Ashmole 's Leben ist 1717 gedruckt worden. Die Stelle mag übrigens ächt oder unächt sein, so bleibt Herrn Nicolai's Hypothese von der Entstehung des Freimäurerordens, die auf sie gebaut sein soll, ungegründet; denn die Stelle ist ihr entgegen. Lassen Sie uns jetzt sehen, 8. daß er nicht zu den esoterischen Rosenkreuzerwissenschaften gestiftet sein dürfe , deren Genealogie und Indicien der Verfasser anführt. S. 188-194.   H. Als Laie kann ich nur aus gedruckten Büchern reden, aber aus eben den gedruckten Büchern, aus denen der Verfasser des Versuchs folgert . Er hält's für die Absicht der Gesellschaft, »im eigentlichsten Verstande das Salomonische Haus zu bauen, welches die neue Atalantis (wie er's nennt) beschrieben hatte. Auch sollte es so unbekannt bleiben, wie die Insel Bensalem war, »war« muß wegfallen; den Irrthum bemerkte Nicolai .   D. das heißt, die Kenntniß der Natur der Dinge sollte in dieser Gesellschaft   esoterisch gelehrt werden . Die Stifter dieser Gesellschaft stellten ihre Absicht bildlich vor. Zuerst bildeten sie die alten Säulen des Hermes ab, aus deren geheiligten Nachrichten Jamblichius (so nennt der Verfasser den alten Jamblichus ) alle Zweifel Porphyr 's beantwortete. Darauf stieg man auf sieben Stufen zu einem Exchequer oder viereckigt getheilten Boden, die höhere Kenntniß anzudeuten; und darauf kamen die Sinnbilder der Schöpfung oder des Werks der sechs Tage , welche der Gegenstand des Salomonischen Hauses sein sollten. Es waren ebendieselben, die auf dem Fig. I. abgebildeten alten geschnittenen Stein befindlich sind« u. s. w. Am Stein ist nichts; er ist eine sehr gewöhnliche gnostische Abraxe. Lassen Sie uns sehen, was an der gegebnen Deduction sei. Zuerst . Was hat diese Gesellschaft mit dem Salomonischen Hause zu thun? Ich erinnere mich, von Salomon's Tempel reden gehört zu haben und von den beiden Säulen Jachin und Boas. Standen diese aber an Salomon's Hause? Setzt sie die Atlantis dahin? Der Unterschied ist auffallend und schneidend. Zweitens . Salomon's Haus aus der Atlantis ? Wer diese liest, findet: es hat Keller, Thürme, Katheder, Schallkammern, Gärten, und was weiß ich mehr; änigmatische Säulen, alchymistische Bilder habe ich darin nicht gefunden. Das Wort Haus heißt in ihr offenbar so viel als hall, Collegium , wie es auch erklärt wird. Salomons-hall heißt's dem König Jakob zu Ehren, den Bacon oft mit Salomo verglich, und der auch wirklich die Aehnlichkeit mit ihm hatte, daß er viel Kluges sprach und manches Thörichte that wie sein jüdischer Vorfahr. Den doppelten Namen dieses Collegii hat die Atlantis weitläuftig erklärt, und es wäre Sünde, an einen mystischen Tempel Salomon 's dabei nur zu denken. Drittens . Wie kämen zum Salomonischen Tempel die Säulen Hermes' ? Jachin und Boas heißt Stärke und Kraft . Erklärte aus diesen Worten Jamblichus etwas? Holte er etwas aus Salomon's Tempel? So wenig Salomo etwas aus Jamblichus holte. Viertens . Und wie kommt der gewürfelte Boden zum Symbol der höhern Weisheit ? Exchequer ist ein höheres Gericht , nicht eine höhere Weisheitsstube, und im Tempel ist ja kein Court of Exchequer so wenig als in Salomons-hall bei Bacon. Das Collegium der sechs Tage, wie vernünftig hat's Bacon in seiner Atlantis erklärt! wie in der Welt gehört's aber zum Exchequer oder zu Salomon's Tempel? Die Wolkensäule, die die ersten Bewohner nach Bensalem wies, ist   eine Wolkensäule und hat weder mit den Säulen Hermes' noch dem Salomonischen Hause etwas zu schaffen.   H. Ohne Zweifel werden Sie müde, zu lesen, mein Freund, wie ich zu schreiben; denn es ist keine angenehme Sache, Wörter, die wie im Traum zusammenkommen, auseinanderzusetzen und zu zeigen, daß sie   Worte im Traum sind. Die Seele liebt Fortgang der Ideen; kann ich aber dafür, daß uns der Autor diesen nicht gewährt? Ich gehe jeder neuen Behauptung mit Eifer und Neugier entgegen; und sie zerfährt mir vor den Augen wie eine gefärbte Wolke.   Denn 9. womit hat's der Verfasser bewiesen, daß S. 196. f.   H. seit dem Tode des Königs Karl 's I. die Freimäurerei eine Decke der Königlichgesinnten gewesen, »worin verschiedne Leute von Stande deshalb aufgenommen wurden, weil sie unter dem Scheine dieser schon bekannten Gesellschaft sich ohne Argwohn versammeln konnten «? Er muß selbst gestehen, S. 197.   H. daß bei der geheimen Partei der Königlichen der Name Freimäurer nie genannt wird. Ehemals fanden die Allegoristen einen geheimen Sinn in der Bibel, ob sie gleich gestanden, daß die Worte ihn nicht geben können. Ein solcher mystischer Sinn in der Geschichte   so ist's mit aller historischen Wahrheit am Ende! Womit beweist's der Verfasser, daß »diese geheimen Zusammenkünfte nichts Geringers zur Absicht hatten, als die Anhänger des Parlements zu vermindern, den Leuten von Ansehen die Republik verhaßt und sie dem königlichen Hause geneigt zu machen, den Tod des Königs zu rächen«? daß S. 198   H. man einen geheimen Ausschuß gemacht, das Salomonische Haus fahren lassen und »die Zeichen des Todes vom ermordeten Herrn gewählt«? Ueber das Alles kein Wort eines Erweises, auf den doch in einer historischen Sache Alles ankommt! Ja endlich, so viel ich als Laie einsehe, heben sich die Sachen zum Theil einander selbst auf. Der ermordete Meister soll der König Karl sein. Ebendaselbst.   H. Wie? und man hätte die Symbole beibehalten, auch da das verlorne Wort , der Sohn des Königs (nach des Verfassers Deutung), wieder auf dem Thron war? da er eben, wie der Verfasser erzählt, durch die Bemühung der Freimäurer auf dem Thron war? Welche Sinnlosigkeit, Trauer- und Todessymbole beizubehalten, wenn mau vor den Augen des ganzen Königreichs sich freuen darf, daß der verlorne Sohn (das war Karl II. auch nach seiner Lebensweise) gefunden ist? Wem springt's nicht ins Auge, in welches verächtliche Licht der Orden gesetzt würde, wenn die Cerimonie noch fortdauerte? Er käme noch zusammen, den Tod Karl 's I. zu bedauern, seinen verlornen Sohn (Karl II. ) zu suchen und auf den Thron zu setzen, als Kinder der Wittwe die betrübte Frau Mutter zu trösten? Ferne sei's von mir, einer Gesellschaft so viel ehrwürdiger und kluger Männer so etwas auch nur mit einem Gedanken zur Last zu legen! das falsche Licht liegt blos auf der Hypothese des Verfassers. Welche gezwungne Deutung ist's, daß das verlorne Wort der Sohn des Königs sei, weil   im Anfange des Evangeliums Johannis das ewige Wort und der ewige Sohn Eins sind? da doch (nach S. 212, verglichen mit S. 192) der Verfasser selbst den Ausdruck Mäurerwort ( Masons-word ) anführt. So unnatürlich diese Deutung ist, wird's auch die vom geköpften Meister sein, worüber ich denn als Laie nicht urtheilen kann. Dafür halte ich mich lieber an die Geschichte. Wie in der Welt beweist der Verfasser, das; Monk 's Partei die Loge der Freimäurer , daß die schottische Partei die schottische Loge gewesen? S. 199-200.   H. Er führt Skinner 's »Leben Monk 's« an, sagt aber selbst (S. 197), daß in dieser ganzen Unternehmung kein Wort von den Freimäurern stehe . Der Verfasser will also, wir sollen glauben! Glaube, wer will! von Denen, die einigermaßen prüfen, glaubt Keiner, bis er   historische Zeugnisse und Gründe vor sich sieht, und dann glaubt er gern. Denn, um des geköpften Meisters willen! wie käme es, daß, wenn die Gesellschaft, und sie allein, den König auf den Thron gebracht, ja, wenn sie neu gestiftet und reformirt wäre, dies zu bewirken   daß kein Wort davon in der Geschichte stünde? daß sie selbst nie dieser wirklich glorreichen Unternehmung öffentlich gedacht hätte ? Etwa der drei Rosen wegen, die, wie der Verfasser S. 169 anführt, allegorisch aus dem Namen Rosenkreuz heilige Verschwiegenheit andeuten? Hatte denn aber Karl II. selbst diesen Schurz vor sich, daß auch er es verschwieg, und denen er Alles zu danken hatte, nie öffentlich dankte? Verstehen Sie mich recht, mein Freund! Ich glaube es gern, daß in den damaligen trübseligen Zeiten die Gesellschaft, von der wir reden, und die sich in neuern Zeiten durch viel Züge einer friedfertigen, edeln, toleranten Denkart bekannt gemacht hat, auch diesem Charakter werde gemäß gehandelt haben; daß sie, ihrem Könige und den Gesetzen treu, den Schwärmern und Independenten werde feind gewesen sein; ja, meinetwegen kann sie auch Alles gethan haben, was ihr der Verfasser zuschreibt: aber eben dieses wollte ich gern historisch erwiesen sehen. Er lege Zeugnisse aus der Geschichte oder Acten der Gesellschaft vor, daß sie, wie er sagt, zu diesem politischen Geschäfte gestiftet und reformirt sei, daß Monk 's Partei nichts als sie, sie nichts als Monk's Partei gewesen, daß ihre Symbole daher rühren u. s. w. Darüber den Beweis, auch nur den kleinsten Fingerzeig von Beweise, und ich will dem Verfasser bestens danken. 10. So auch, S. 209 f.   H. daß Christoph Wren 1685 den Orden zum dritten Mal verändert, daß, weil er die Paulskirche baute, er allen Mitgliedern nun auflegte, Baumeister zu werden, und das Salomonische Haus jetzt, jetzt in den Tempel   nicht Christoph Wren 's, sondern Salomon 's umschuf; daß diesen engen Handwerksspaß des Baumeisters jetzt alle Freimäurer nachmauern, ohne daß der Tempel Salomon's oder die Paulskirche zu Stande komme. Ich bin begierig, wie die Mitglieder des Ordens diese zeugnißlose Entdeckung aufnehmen werden, die die Gesellschaft bald zu einem Dunst der Rosenkreuzer , bald zum sinnlosen Nachhall einer verlebten politischen Partei , bald gar zum Handwerksspaß eines Baumeisters macht. Schwiegen sie, lobten sie, nun wahrlich, mir als Laien gölte es gleich. Doch warum sollten sie nicht loben? Hier ist in den Werken die Stelle ausgefallen, die Nicolai so sehr gekränkt hatte: »Eben darauf, scheint's, hat der Verfasser gerechnet: alle Parteien, die jetzt nach den Katalogen gäng und gebe sind, sollen sein Buch lesen.«   D. Die Rosenkreuzer primo, denn die lassen sich jetzt am Lautesten hören; jede Messe bringt eine Anzahl alchymistischer und theosophischer Werke ans Licht; darum sind sie auch in diesem Buch die Urheber oder Veranlasser der Gesellschaft. Die Philosophen müssen das Büchlein lesen; denn der große Kanzler Bacon hat ja das Salomonische Haus in seiner Atalantis gestiftet, und ich wundere mich, daß er als Vicegraf von St. Alban nicht auch St. Alban selbst, der erste Mäurer, gewesen. Die Politiker müssen es lesen; denn ihr Orden hat den verlornen Sohn auf den Thron erhoben und sucht jetzt noch den verlornen Sohn. Endlich die Tempelherren, Deisten , die an den Gott glauben, der nicht gestorben ist, nicht sterben kann, auch daneben das Kreuz verspeien und den Kopf des Baphometus, d. i. die Taufe der Weisheit verehren ,S. 101. 146.   H. müssen es lesen; denn hievon ist bei Gelegenheit der Tempelherren so viel Vortreffliches aus der Gnostik gesagt worden, daß   ich denn nun auch darüber noch einige Worte sagen muß. Sie mögen lesen wollen oder nicht: der Baphometus ruft mir! und ich kann nicht anders. Also vom Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden, und über dessen Geheimniß . Ob der Verfasser gleich in der Vorrede Vorbericht, I f.   H. hofft, »dieser bisher sehr dunkeln Sache so viel Licht aufgesteckt zu haben, daß die Wahrheit deutlich zu erkennen ist«; ob er gleich seine Arbeit als einen »neuen Beweis« angiebt, » wieviel noch in der Geschichte aufzuräumen ist, und welch eine andre Gestalt sie haben würde, wenn die Nachrichten, die wirklich da sind, gehörig nachgesehen und ins rechte Licht gestellt würden,« welche »zum Theil aus Nachlässigkeit, zum Theil aus Vorurtheil von den Geschichtschreibern nie gehörig gebraucht wurden«, so kann ich doch nicht einsehen, wie die Sache jetzt im Mindesten weiter sei, als sie war, und ob den bisherigen Geschichtschreibern des Ordens nicht hiemit Unrecht gethan werde. Schon Gürtler hat den Du Puy Histoire de la condemnation des Templiers, zuerst Paris 1654.   D. gebraucht, Anton gleichfalls; wir haben aber mit ihm nur immer eine Stimme. Wir können die Tempelherren jetzt nicht mehr abhören; wir hören sie nur aus den Protokollen ihrer damaligen habgierigen Feinde, der Inquisitoren, und auch aus ihrer Relation und aus der Geschichte des ganzen Processes wird ja theils das Unübereinstimmende der Aussage, theils das Harte und Gewaltthätige , endlich das Abergläubische und Vorurtheilige ihrer Verhörer offenbar gnug. Ich will sie mit nichten ganz rechtfertigen; denn ein stolzer, ausgelassener Orden war's zuletzt, wie alle Gesellschaften der Art in zu großem Reichthum und Müssiggange werden und jene in jener Zeit vorzüglich werden konnten; aber der Autor thut nicht gut, daß er nur einige Beschuldigungen aushebt und nicht ebensowol auch in Fragen und in der Art zu verfahren ihre Richter charakterisirt. »Die Katze z. B., die ihnen zuweilen in ihrer Congregation erschienen, und die sie in vituperium Christi et fidei orthodoxae angebetet«, Du Puy, S. 141 (Brüsseler Ausgabe 1713).   H. nebst andern dergleichen weisen Untersuchungspunkten verdienen doch auch Rücksicht. Doch ich will nur bei ihrem Geheimniß , wie es der Verfasser nennt, dem Bilde des Baphometus bleiben, das sie in ihren Generalcapiteln gehabt, angebetet und bei der Aufnahme mit dem ledernen Gürtel , den sie bekamen, berührt haben sollen . Was war das Bild? was bedeutet der Name? Der Verfasser hat einen großen Abschnitt S. 97-146.   H. [ Nicolai schreibt immer Baphemetus seiner Herleitung zu Liebe.   D.] darauf verwandt, zu zeigen, »daß die Benennung griechisch sei und buchstäblich   hören Sie zu!   buchstäblich βαφὴ μήτους, die Taufe oder die Tinctur der Weisheit bedeute«. S. 120 f. Dort steht: »μήτους (μήτεος)«.   D. Sie staunen, als ob Sie den Baphometus selbst vor sich sähen? Staunen Sie nicht! Der Autor führt Sie in alle Geheimnisse der gnostischen Lehre, der Kabbala , der Ophiten, Basilidianer, Karpokratianer, Magier   und o! da können Sie viel lernen!   nur nichts, was zu unsrer Figur und ihrem Namen gehört. So viel barbarische Worte diese Secten in der Sprache ihrer Geheimnisse und Amulete hatten, so sind mir diese »die βαφὴ μήτους« ganz fremde. Βάϑη hatten sie; von λόγος, νοῦς, σοφία, φρόνησις redeten sie auch, aber weder von βαφή noch μήτους. Die Zusammensetzung der Worte ist auch ganz ungriechisch und ungnostisch ; denn μῆτις heißt bürgerliche Klugheit, List, Ränke , wie den Verfasser πολύμητις Ὀδυσσεύς, auf den er sich bezieht, lehren kann, nie aber in der Welt Kenntniß des einzigen wahren Gottes, höhere Kenntniß der Natur, gnostische Weisheit . Und dann, wie gehört die Gnostik jener Secten ins vierzehnte Jahrhundert? Wie gehört sie hieher? Wie kommen harte, kriegerische, oft unwissende und zuletzt wollüstige und ausgelassne Ritter zu gnostischen Geheimnissen , zur Tinctur der Weisheit ? Wo haben jene Secten je eine ihrer Figuren mit solchem abstracto und eine männliche bärtige Figur mit dem Namen der Weisheittinctur benannt, davon das Bild nichts ausdrückt? Endlich wie gezwungen ist die Ableitung, da selbst die Endung des barbarischen lateinischen Worts us dazu gehört, auch nur den Schall hervorzubringen! Eine unglücklichere Conjectur ist wol nicht leicht gemacht worden. Und was bedeutet denn der Name Baphometus ? Mahomet bedeutet er; in der Welt nichts Anders. Jedermann ist bekannt, wie der Name Mahomet in den barbarischen mittlern Zeiten verstümmelt wurde, und wie verschieden er noch geschrieben und ausgesprochen wird. Er hieß Mahometus, Mahometes, Machometus, Maometus und wird noch Mahomed, Muhammed, Mohammet, Mohämmed, Mahmud, Machmed u. s. w. geschrieben. Daß B und M im Arabischen häufig verwechselt werden, hat Hr. Prof. Eichhorn gezeigt, S. 118.   H. und von den Arabern haben es die Spanier in vielen Namen und Wörtern. Wer da weiß, was alle arabischen Namen in Europa für Veränderungen erlitten haben, wird sich nicht wundern, ein h oder ch in ph verändert zu sehen. Der Verfasser hat selbst eine Stelle angeführt, Daselbst.   H. da Mahomet Baphomet heißt, in einer ordentlichen historischen Erzählung; und Alles, was von der Fabel dieses Bildes hier vorkommt, macht die Sache unwidersprechlich. Es soll eine Gestalt sein, faite in figuram Baffometi, ein Idol, ubi erat depicta figura Baffometi ; die Figur Baphomet's muß also eine Jedermann bekannte Gestalt, der Name ein Jedermann bekannter Name gewesen sein; denn ohne Tinctur der Weisheit wird man doch nicht das Dunkle durch ein noch Dunkleres, ja durch etwas ganz Unverständliches erklären? Was wußten die Inquisitoren von der βαφὴ μήτους, davon nach so vielen Untersuchungen über die Gnostiker noch jetzt Niemand weiß? Den Baphomet kannten sie alle als Schimpfwort, als einen falschen Propheten. Und da konnte den Tempelherren nichts Aergers Schuld gegeben werden, als daß sie den Baphomet anbeteten , daß sie das Kreuz anspieen und den Baphomet einen Freund Gottes nannten. Freund Gottes ist der gewöhnliche Name Mahomet's bei den Arabern; auf Mahomet paßt es, wenn der Großmeister gesagt haben soll: Ecce unum amicum Dei, qui loquitur cum Deo, quando vult ; Du Puy, S. 96.   H. wie paßt's aber auf die bärtige Tinctur der Weisheit ? Endlich sagen's die Verhörsartikel selbst deutlich. Von der Schnur, mit der das Bild berührt wurde, wird gesagt, laquelle étoit leur mahommerie ; Du Puy, S. 26.   H. [ Herder irrt; es steht dort malhommerie (Treulosigkeit).   D.] und ein armseliger anonymer Bruder ajoute cette particularité, daß der Großmeister aufs Bild gezeigt und gesagt habe: Sarrazin y alla! Du Puy, S. 23.   H. [Auch hier versah sich Herder stark. Bei Du Puy steht: »Dit ce mot Sarracin: Y halla« . Die Urkunde giebt: » Yalla , verbum Saracenum« . Weiter unten, S. 382, schreibt Herder noch willkürlicher »y Allah« .   D. Was wollen wir mehr? von Hammer erklärt den Namen aus dem Arabischen Feuertaufe .   D. Damit war nun freilich auf die armen Tempelherren gebracht, was man nur auf sie bringen konnte. »Sie beten den Mahomet an, sie verleugnen Christum; sie schreiben's nicht Christo, sondern Mahomet zu, daß er sie selig, die Erde grün, die Bäume wachsend mache « u. s. w. S. 134.   H. Die Menschen mußten verbrannt und ihre Güter eingezogen werden. Ob aber diese Beschuldigungen Wahrscheinlichkeiten? ob der Kopf, den man Mahomet taufte, nicht einen ganz andern Ursprung gehabt? ob die Tempelherren, wie unser Autor vorgiebt, mehrere Receptionen und überhaupt ein Weisheitgeheimniß in ihrem Orden gehabt haben? Hätten Sie wol Lust, mich darüber ein andermal zu hören? Sie werden freilich keine gnostischen Geheimnisse, aber doch auch sonderbare Sachen lesen. Leben Sie wohl!   Dritter Brief. Seien Sie sicher und gewiß, daß Baphomet in der Welt nichts als Mahomet bedeute. Es ist unrichtig, Nicolai, S. 118.   H. [Dort steht Geschichtschreiber , nicht »Schriftsteller«.   D] daß der Name »in einem lateinischen Schriftsteller ein einzig mal als Name des Propheten vorkomme«. Schlagen Sie das erste Buch auf, das man hierüber nachschlagen kann und muß, Bongarsii Gesta Dei per Francos ; Hanov. 1611, p. 143. 150. 164. 165. 171 u. s. w.   H. [Vgl. dagegen Nicolai , II. S. 63.   D.] in Raimond's d'Agiles Geschichte Jerusalem 's werden Sie den Namen ganz gewöhnlich finden. Mahomet heißt Bahometh, Bahumeth; die Moschee heißt, so oft an sie gedacht wird Baffomerie, Baffumerie ; Baffumeriam facere heißt Mahometanischen Gottesdienst halten, und Christ werden heißt anathematizare Bahumeth . Und das ist nur ein Buch, ein Schriftsteller; wie, wenn man die Jagd verfolgen wollte? Der Name Mahomet's ward so verstümmelt, daß ihn jede Nation anders nannte, die Franzosen Mahom, die Spanier Mahoma, Maumad, die Engländer Mahound, die Deutschen Mahmet, Machmet . Baffumeto, Baffometo war vielleicht die provençalische Benennung; denn es ist bekannt, daß diese Mundart des Wohllauts wegen alle Namen sehr veränderte. Man sehe den Bongars ., p. 49, 107. 1143, und in Muratori Scriptores rerum Italicarum, T. VII. p . 1022 und sonst, wie vielfach der Name verändert und verstümmelt wurde.   H. Also ist des Herrn Nicolai βαφὴ μήτους, seine geheime Tinctur der Weisheit bei den Tempelherren, die blos aus diesem mißverstandnen Namen her ist, unwiederbringlich verloren. Und da der Zweck seines Buchs darauf gesetzt, da dem Baphometus zu gut alle seine kabbalistische und gnostische Gelehrsamkeit zusammengetragen ist: so sehen Sie, das Alles liegt im Staube. In Herder's Werken ist folgende von Nicolai mit Entrüstung zurückgewiesene Stelle ausgefallen: »Ladete er auch die neuen Gnostiker aufs Toleranteste ein (S. 146), Freunde Gottes durch die geheime Taufe der Weisheit zu werden ; erfände er ihnen, wie er's den Tempelherren erfunden hat, drei oder zehen Grade und Receptionen: bei der zehnten würde er ihnen doch sagen müssen: » Mes amis, voilà l'ami de Dieu, Mahomet ! il parle à lui quand il veut   und Sie   wollen Sie Freunde Gottes durch diesen Freund Gottes werden , so ist nur ein Mittel, eine Initiation zu dieser geheimen Taufe der Weisheit   die Beschneidung.« Ich zweifle, daß die neuen Gnostiker dazu Lust haben werden.«   D. Mit nichten war der Kopf Baphomet's, auch nur als Anschuldigung betrachtet, ein Geheimniß , noch weniger ein Ordensgeheimniß , das nur den Tempelherren im dritten Grade bekannt sein konnte; am Wenigsten unter allen war er eine geheime Tinctur der Weisheit . Wenn ich Ihnen zeige, daß es die gemeinste Romanlüge und Pöbelsage war, die damals existirte, die Jahrhunderte durch existirt hatte und fast in alle Länder des Christenthums verbreitet war; wenn ich zeige, daß es eben die gröbste Beschuldigung war, die man den Tempelherren machen konnte, und die sich durch ihre Absurdität, durch ihren innern Widerspruch selbst aufhebt: was werden Sie denn unserm Autor sagen, der behaupten darf: S. 24.   H. an diesem Bilde habe man gewußt, »ob ein Tempelherr von den geheimen Anschlägen des Ordens Wissenschaft«, ob er den dritten Grad gehabt habe; denn wenn er das Bild nicht beschreiben, das Wort Baphemetus nicht nennen konnte, so war's ein Zeichen« u. s. w.? Hören Sie mich an: der Kopf Mahomet's soll uns antworten   aus der Geschichte. 1. Jedermann weiß, daß die damaligen Christen die Sarazenen nicht anders als Heiden nannten. Die Religion, deren erster Grundartikel die Einheit Gottes und dessen unmittelbare Folge Haß gegen alle Götzenbilder war, hatte das Schicksal, vom Volk Gottes, das Jahrhunderte lang mit ihr kriegte, als die abgöttischste betrachtet zu werden. Heide war der eigentliche Name, den man in Geschichten und Romanen diesen Unglaubigen gab, und wenn Karl gegen die heidnischen Sachsen zog, hieß es, er ziehe gegen grimme Sarazenen . S. »Paganismus« im Du Fresne , und Geschichten, Romanzen, Gedichte ohne Zahl. Der Ausdruck ist Lateinern, Franzosen, Italienern, Spaniern, Engländern, Deutschen geläufig. He is a foul Painim, hieß es, and leeveth on Mahound . S. Percy . Relicks of ancient Poetry , Vol. I p . 63. 74. 75.   H. 2. Als Heiden wen konnten sie anbeten als Mahomet ? Und das ließen die Christen sie reichlich thun in Geschichten, Romanen und Gedichten. Schilter 's Thesaurus Antiquitatum Teutonicarum , T. II. In den Gedichten über die Züge Karl's, so oft es sein kann. S. die vorige Anmerk. auch Bibliothèque des Romans , Juli 1777, p . 165. u. s. w.   H. Mahomet war ihr Gott, Bongars, p. 1125 .   H. zu dem sie beteten, den sie auch in Bildern , in feingeschmückten Bildern verehrten. Bongars, p. 79. 183. 241 u. s. w.   H. Als Tancred den Tempel Salomon's zu Jerusalem einnahm, fand er ein Bild Mahomet's im Tempel, das zehn Männer nicht tragen konnten, und der Mönch, der's beschreibt, läßt ihn eine pathetische Rede an den verfluchten Antichrist Mahomet halten, der schon gekommen ist ; wobei dem Helden nichts fehlt als der verfluchte Antichrist, der noch kommen soll , damit er auch ihn mit Füßen trete. Mabillon, Museum Italicum , T. I. p. II. Sect. XV.   H. In diesem Ton fahren die Geschichtschreiber fort, Jacob. de Vitriaco bei Bongars, p . 1080. S. auch p. 86. 185 u. s. w.   H. und die Romanschreiber und Dichter folgen ihnen. Denen ist's die bekannteste Sache, daß die Sarazenen viel Götzenbilder, z. B. Mahom, Jupin, Apollo, Tervagant , verehren, Avec maint autre Dieu non moins extravagant, wie Lafontaine scherzend erzählt. S. seine Fiancée du Roi de Garbe .   H. [Sie ist nach Boccaccio, II. 5.   D.] Die Christen beteten Heilige an; sollten die Sarazenen es nicht auch thun ? Der Khalif war ja ihr Papst, Bongars, p . 1125.   H. sie wallfahrteten nach Mekka zu Mahomet's Grabe Bongars, p . 1059.   H. und dergleichen Ungereimtheiten mehr. Ich bitte, lesen Sie in den Fabliaux Fabliaux et Contes du XII. et XIII. Siècle , T. III. 339.   H. das Jeu de St. Niclas, wo der Sultan auf eine närrische Weise den Termagant anbetet, und da er den Christen nachher vor dem Bilde des St. Niklas sieht, der die Heiligenkappe auf hat, diesen nicht besser als un Mahomet cornu zu nennen weiß. Das waren die Begriffe, die man damals von den Sarazenen hatte, und die, auch unter dem schönen Philipp , das Volk häufig in Possenspielen und Moralitäten vor sich sah: Engel und Satan, Maria und Mahomet, der heilige Niklas und Termagant spielten ihre Rollen mit einander. Sollten also die Tempelherren der Verleugnung Christi und des Mahometanismus beschuldigt werden, so konnte es nach dem Volkswahn nicht anders als unter solchen Fratzengestalten sein. Das Kreuz verspeien war der allbekannte Uebergang zum Mahometanismus, Mahomet anbeten der Mahometanismus selbst. Das waren nicht Weisheitgeheimnisse, die man ihnen Schuld gab, sondern Ketzereien , Anklagen zum Feuer nach den gröbsten Volkssagen. 3. Nun war Mahomet bekanntermaßen ein sehr großer Zauberer , der seine Religion insonderheit durch Zauberei erfunden und ausgebreitet hatte, wie so manche Geschichten In des Alunno Fabrica del mondo , die 1581 gedruckt ist, steht der Macometo als Zauberer fast obenan. Die alten Kirchengeschichten, wo er als Zauberer vorkommt, sind bekannt.   H. und Kirchengeschichten noch bis über die Reformation hin glaubwürdig besagen. Der heilige Niklas that auch im Bilde Wunder; der gottlose Mahomet konnte auch im Bilde nichts als verfluchte Zaubereien treiben; und so ward denn auch im Verhör der Tempelherren jene figure terrible des Baphemetus, die dem leibhaften Teufel ähnlich sah , und von dem ehrenhaften Bruder, der's aussagte, nicht anders als der   Gottseibeiuns ! der Böse ! ( maufé ) genannt, Du Puy, p . 87. Ueber das Wort maufé s. Menage , Dictionnaire étymologique , p . 490; Du Cange zum Joinville, p . 106. Es heißt nicht Kobold , sondern Unhold , ein Synonym des Teufels.   H. auch im lateinischen Protokoll des Nachdrucks wegen so aufgezeichnet werden mußte. Das kann nun unser Autor nicht wohl begreifen und sagt ganz im Ernst: S. 92.   H. die Arbeit des Bildhauers müsse so schlecht gewesen sein, daß das Bild »eher einem Kobold als einem Menschen ähnlich gesehen«. Dem leibhaften Teufel sah's ähnlich, den man damals sehr gut kannte. Ein Unhold , ein Satanskopf war's, wie seine Karfunkelaugen in stockfinstrer Nacht hell und klar zeigten. Drum steht's auch in den Verhörsartikeln mit dem cranio und der Katze zusammen, die in vituperium Christi et fidei orthodoxae mitten in der Congregation erschien und eben wie der Teufelskopf angebetet wurde. Unser Autor sagt zwar, S. 96. »Gesetzt aber«, fährt er fort, »einige Tempelherren hätten auch wirklich damit Magie treiben wollen, so wäre dies kein Beweis der Absicht; denn hat man nicht auch damals, und sogar noch jetzt, mit christlichen Sachen Magie treiben wollen, die gar dazu nicht gemacht waren?«   H. er habe davon, daß man mit diesem Kopf oder den Schnüren Zauberei getrieben, »in sämmtlichen Aussagen auch nicht einen Schein von Spur gefunden«; es ist aber Schade, daß, da er in der Vorrede sein Buch als einen Beweis anführt, »welche andre Gestalt die Geschichte haben würde, wenn die Nachrichten, die wirklich da sind, gehörig nachgesehen und ins rechte Licht gesetzt würden«, daß er die Nachrichten vom dyabolus und capud der Tempelherren, die wirklich da sind , S. Interrogatoire des Templiers détenus prisonniers dans le château royal d'Alais in den Preuves de l'histoire de la Ville de Nismes , Vol. I. p. 211. 212, par Mr. Menard .   H. nicht gehörig nachgesehen und ins rechte Licht gestellt hat. Der arme Bruder Bernard de Selgues , der vorher vernünftige Sachen ausgesagt hatte, da er torquirt wird, sagt er's und bekennt's deutlich: »daß er in vielen Capiteln gewesen und in einem zu Montpellier gesehen, daß man einen Kopf hatte, und daß alsdann der Dyabolus daselbst erschien in Figur oder Gestalt einer Katze , die um den besagten Kopf ringsum ging, redete und sprach zu den genannten Brüdern Tempelherren, die dabei standen, daß sie (die Katze) ihnen gute Ernten und Reichthümer der Besitzungen Goldes und Silbers geben wollte«. Item sagte und bekannte derselbe: »daß er und alle andre Brüder Tempelherren, die daselbst waren, beteten an und haben daselbst angebetet das besagte capud oder testam «. Item sagte und bekannte derselbe: »daß sogleich nach geschehener Anbetung die Teufel in Figur oder Gestalt der Weiber daselbst erschienen, die ein jeglicher der daseienden Brüder, der zugreifen wollte, mißbrauchte, er aber, wie er sagte, gebrauchte sie nicht«. Item sagte er: »daß besagtes Haupt oder Kopf auf Erforderung des bemeldeten daseienden Großmeisters Antwort gab über das, worüber er gefragt wurde« u. s. w. Es ist Schade, sage ich, daß unser Autor, der auf glaubwürdige Aussagen dieser Art sein ganzes Gebäude aufgeführt und die Teufelsköpfe genau aufgezählt hat, wo und wie viel ihrer gewesen, wie sie ausgesehen, worauf sie gestanden, wozu sie gedient, diese Nachrichten nicht gehörig gebraucht hat: seine Tinctur der Weisheit würde durch eine so wunderbare und kräftige Magie auch an den neuen Zauberern und Geisterbannern eine große Partei gewonnen haben. 4. Insonderheit hatte der Erzvater aller Lügen, der fabelhafte Erzbischof Turpin , ein Zauberbild Mahomet's in Gang gebracht, S. Turpini Historia Caroli Magni . Die Fabel steht in Wolfii Lectiones memorabiles in den »Magdeburgischen Centuriatoren« und hundert Compilationen.   H. das nebst seinen andern Erdichtungen Jahrhunderte lang die Köpfe der Menschen verwirrt hat. Er, der autor classicus aller Romanlügen mit den Sarazenen, wie Gottfried von Monmouth der Artusgeschichten, erzählt glaubwürdig, »daß in Spanien ein Bild Mahomet's existire, von ihm bei Lebzeiten ex aurichalco (wie unser Baphemetus) magisch geschmiedet, in welches er, Mahomet, als ein großer Zauberer und Schwarzkünstler Legionen böser Geister gebannt habe. Niemand könne das Bild zerbrechen, kein Christ dürfe sich ihm nähern. Es stehe bei Cadix am Ufer des Meers auf einem hohen, durch sarazenische Kunst geschnittenen Stein und halte magische Schlüssel in der Hand; wenn die fallen, eher nicht, gehe der Sarazenen Reich unter.« Ueber die Albernheit des Märchens verliere ich kein Wort; bemerken Sie aber: es ist das lügenhafte Vorbild, wie aller zauberischen Mahometsköpfe, so in specie unsers Baphemetus . Ein Mahometanischer Schriftsteller Ibn Chalikhan. S. Hottinger , Historia Orientalis , p . 194.   H. erzählt von demselben Bilde eine andre Fabel, bei der natürlich der Name Mahomet's, zu dem Turpin das Bild getauft hat, wegbleibt. Es wird ein Talisman, den ein gewisser Liebhaber errichten muß, und er charakterisirt das Bild, als ob er Tempelherr vom dritten Grad gewesen wäre und um das Geheimniß des Ordens wüßte. »Eine bärtige Figur mit schwarzen, krausen Haaren, ex aurichalco , magisch zusammengesetzt, übergüldet.« So stand der Talisman, den Turpin zum Mahomet creirte, zu Cadix, die Feinde vom Ufer abzuhalten; so stand er im Capitel der Tempelherren, Antwort zu geben und die Katze herbeizuzaubern. Ja, Sie wissen, auch der Papst Gerbert hatte solchen Kopf von den Sarazenen in Spanien erhalten und trieb damit Zauberei; man weiß auch genau, was er den Kopf gefragt und dieser ihm geantwortet! Auch Robert Greathead, Roger Baco, Albertus Magnus hatten solche Köpfe; lauter Teufelsköpfe, leibhafte Baphemetus! S. Arpe , De talismanis et amuletis ; Gaffarelli , Curiositates inauditae ; Britische Biographie, Th. 4. S. 688, deutsch. Ausg.; Naudé , Apologie des grands hommes qui ont été accusés de Magie u. s. w. Das bekannteste Märchen der barbarischen Zeit.   H. 5. Und da wir von der Bildsäule zu Cadix die wahrscheinliche Ursache des ganzen Märchens wissen, nämlich daß es die Statue Alexander's war, deren sich diese Stadt, an den Säulen Hercul's gelegen, von alten Zeiten rühmte, S. Salazar , Antiquidades de Cadiz , p. 253: Esta estatua (segun la commun tradicion) se a conservado a Cadiz hasta en nuestros tiempos, y se crei ser esta la mesma ante quien lloro Cesar u. s. w. Sie ist S. 254 im Holzschnitt da.   H. welche Sage nachher das arabische Märchen zum Talisman und das christliche zum Mahometsbilde umschuf: so haben wir einen Schlüssel, wie es bei andern Bildern ging; davon hier gleich das frappanteste Exempel folgt. Sie wissen, mein Freund, daß unter den Abraxen n die sich aus den ersten Zeiten der christlichen Jahrrechnung oder wahrscheinlich noch älter hinauf schreiben, sich eine Menge Steine mit der Figur eines alten bärtigen Mannes finden, die genau jenem Talisman zu Cadix, wie ihn das arabische Märchen beschreibt, ähnlich sind, als ob er nach diesem Stein erdichtet wäre. »Ein alter bärtiger Mann auf einer Terme stehend, mit zusammengeschlagnen Händen« (in die der Erzbischof ihm die Schlüssel des sarazenischen Reichs gab), den unser Autor dreimal vor sein Buch stechen lassen, ohne auch nur zu argwohnen, was dies Jahrhundert damit wollte oder darin zu sehen glaubte . Was die alten Ketzer damit gewollt haben, ist aus ihrer Geschichte und aus der Ansicht des Bildes ziemlich wahrscheinlich. S. Macarii Abraxas , 1657, Tafel XIX.; Gronov . Ad Gorlaei Dactyliothecam , p . 428-431; Tenzel 's »Monatliche Unterredungen«, März 1690, Januar 1696 S. 146.   H. Es sollte nämlich der ruhende Allvater, der höchste Ewige sein, der, wie jene Secten vorgaben, im Abgrunde der Stille wohnt und nur durch Emanationen in die tief unter ihm rollende Welt wirkt. Daß er dies bedeute, zeigt seine Stellung und die beigefügten Symbola, Ausflüsse, Sterne und die tiefe Sphäre ; daß diese Bedeutung aber bald verloren ging, ist ebenso gewiß. Schon jenen Ketzern warf man vor, daß sie unter diesem Bilde den Simon Magus anbeteten; und da nun ein Jahrtausend zwischen lief, da Europa in der tiefsten Barbarei lag, sah man an diesem Bilde   was anders als   den Mahomet , von dessen Bilde durch Turpin's Erzählung damals alle Köpfe voll waren. Daß die Züge gegen die Sarazenen damals den größten Theil der Romane und Geschichten, also auch der Mäuler und Köpfe füllten, weiß man aus der Geschichte der Literatur dieser Zeiten. Man sehe, wovon die ersten Provençalen sangen, die Mönche schrieben, oder der Kürze wegen das Verzeichniß der Bibliothek der Könige Karl V.-VII. von Frankreich in der Histoire de l'Académie des Inscriptions , T. I. p . 421.   H. Aus den Ländern der Sarazenen kamen die Steine; was konnten's also als sarazenische Zauber - und Götzenbilder sein? Den Mahomet beteten einmal die Sarazenen unter solchem Bilde an (das war angenommene Sage), ein bärtiger Mann stand da; gerade so sah Mahomet aus, weil man sich ihn, die Sultane und Sarazenen immer mit großen Bärten dachte und von der alten Bedeutung der Gnosis nichts mehr wußte. Etwa den Namen terminus, ter magnus hatte man aufgeschnappt, mit dem man jenen Alten nannte; oder man bog den Namen Mahomet, Mahom, Mahon, Mahound (nach dem damals sehr gewöhnlichen Wortwitz barbarischer Namenverstümmelung), weil er auf einer Terme stand, zu diesem Wort über; und so ward der große Abgott der Sarazenen, Termagant, Termagount, Tervagant draus, Von ter magnus leitet Junius das Wort her in seinem Etymologicum Anglicum, auch Urry im Glossar. Chaucer . Johnson will's von thyr und magae herleiten; aber offenbar unrichtig, weil auch die Franzosen den Namen hatten und früher brauchten.   H. den alle Nationen kennen, alle dem Mahomet als Abgott zur Seite setzen (nachdem sie den Namen dieses aussprachen), und der in Romanzen und Romanen, Gedichten und Possenspielen der mittlern Zeit so große Rollen spielt. Scelton sagt: Like Mahound in a play No man dare him withsay.   H. Er ist, weil er so ernst aussieht, der Mars oder der Saturn der Sarazenen; und Sie können fast kein Glossarium eines englischen Dichters bis ins vorige Jahrhundert aufschlagen, S. Percy 's Relicks of ancient Poetry , p. 74 sq .; Warton 's Remarks on Spenser's Fairy-Queen , T. 2. p. 226 sq .; Grey 's Hudibras , p . 131.   H. wo der Name als proprium und appellativum nicht vorkäme; ob ich gleich die Erklärung des Worts aus dieser Genese seines Begriffs mich nirgend erinnere gefunden zu haben. Sie sehen, es ist abermals der Baphemetus auf einem Stein , d. i. das erdichtete Mahometsbild , wie es zu Cadix auf einer Säule und im Capitel der Tempelherren auf einem Kasten, einer Säule u. s. w. soll gestanden haben; die Säule ist immer nichts als die hergebrachte Terme der Romansage. Kurz, was unser Autor für ein Geheimniß der Tempelherren , was er für ihre Tinctur der Weisheit im dritten Grade giebt, ist eine Composition von Pöbelmeinungen des Zeitalters , die im christlichen Europa von den Säulen Hercul's bis nach Thule hinauf bekannt waren, und mit der man jetzt als mit einer plebejen Vorstellungsart der Zauberei und des Mahometanismus die Anklagen der Tempelherren färbte. Dies ist sowol aus den Verhörsartikeln als aus den erzwungenen Bekenntnissen so augenscheinlich, es ist dem Geist des Zeitalters so gemäß, es kann Zug für Zug so reich erwiesen werden, daß   ich mir selbst, geschweige Ihnen, viel zu lange darüber geschrieben habe. Wie steht's nun mit dem System unsers Autors, das auf den falsch erklärten Namen Baphometus allein gebaut ist? Baphomet ein Ordensgeheimniß !   und ist das Figment grober Pöbelsagen, die aller Welt bekannt sind. Baphomet ein Zauber- und Götzenbild, das nur in den Köpfen der Unwissenden existirte!   und an ihm soll man die Einheit Gottes , an einem Kompan des Dyabolus die Tinctur der Weisheit lernen, »der bestrittenen Dreieinigkeit halben«? Waren die Tempelherren Sarazenen, so konnten, so durften sie Mahomet's Kopf nicht anbeten, den kein Muselmann anbetete, den er weder als Zauber- noch Götzenbild litt ! Beteten sie ihn an, trieben sie damit, was die absurden Aussagen behaupten: um Baphomet's willen! wie gehört zum Dyabolus, zur Katze und den gemißbrauchten Dämonenweibern   die geheime Taufe der Weisheit ? Und wie kamen sie zu dem Mahometskopfe? Auch hier ist Alles Widerspruch und Unwahrheit. »Ein gefangner Ritter soll ihn eingeführt haben«, sagt ein Märchen? Du Puy, p. 89 .   H. Ein Ritter? und hatte die Macht, ihn überall in der Welt, wo es nur Ordenscapitel gab, also damals in Europa, Asien und Afrika, einzuführen? hatte die Macht, Die zu zwingen und zu quälen, die ihn nicht anbeten wollten? »So war's ein Großmeister, der ihn einführte!« sagt das andre Märchen; » Roncelin, Procelin soll er geheißen haben?« Weder Roncelin noch Procelin hat je ein Ordensmeister geheißen. »So hieß er Beraut ! ja, Thomas Beroaldus heißt er, der 1216 regierte.« Kein Beroaldus hieß Thomas; kein Beroaldus stand dem Orden 1216 vor; der 1270 lebte, ist nie gefangen gewesen und war nur zwei Jahr Großmeister ohne That und Bedeutung. So, sagt unser Autor, der dem Märchen aufhelfen will, S. 33.   H. so war's Thomas oder Peter Montaigu , der wirklich 1216 lebte; gnug, es war ein Thomas . Auch dies besteht nicht mit der Geschichte. Thomas ist nie gefangen gewesen; und in dem unglücklichen Frieden, den er und der Hospitaliter mit den Sarazenen schloß, kaufte er ja   das ächte, wahre, hölzerne Kreuz wieder . Kaufte er's zum Verspeien wieder? und handelte er mit dem Sultan allein? So unwahrscheinlich, so widersprechend ist Alles, was aus der Geschichte über diesen Kopf gesagt wird; und was über seine Gestalt gesagt wird, ist gar elend. Diesem ist er ein Kopf , Jenem ein Kobold , Diesem ein ganzes Menschenbild , Jenem ein Idol, worauf ein Kopf gemalt war; Einem war's mit Haaren und Menschenhaut überzogen, dem Andern versilbert, dem Dritten ein Kopf mit vier Füßen. Ich bitte, lesen Sie doch, wie der Autor die Dinge accordirt! S. 89-97.   H. Sie lassen sich nicht anders accordiren als im angezeigten Pöbelwahne : da paßt Alles zusammen, Kopf und Katze, vier Füße und haarige Haut. Jeder sagte, was er etwa von solchen Köpfen und Unholden gehört hatte und jetzt   aussagen sollte . Endlich, mein Freund, in einem Proceß, in einer Anklage auf Leben und Tod, Glück, Ehre und Güter eines ganzen, so großen, so reichen Ordens war ja dieser Kopf corpus delicti , also das Erste, was man aufsuchen, was man ins Licht stellen mußte. That man's? Konnte, wollte man's thun? Der schöne Philipp brach, noch ehe das Verhör angegangen, geschweige ehe die Ueberweisung geschehen war, in den Tempelhof zu Paris, wo Schatz und Archiv des Ordens waren und das größte Capitel gehalten wurde, wo also auch gewiß der Dyabolus Baphometus sein mußte, wenn irgend einer auf der Erde war. Fand er ihn in dem Golde, das er an sich riß? in dem Hofe, den er fortan   als den Sitz des Teufels   zu seiner Residenz wählte? Fand er ihn: warum stellte er ihn nicht vor Gericht dar? und weil er doch als der leidige Teufel selbst reden konnte, warum confrontirte, warum frug er ihn nicht, was man mit ihm gemacht habe? Es ward ihm so sauer, den Papst auf seine Seite zu ziehen und dem Proceß auch nur die ärmste Form Rechtens zu geben! Die Aufzeigung des corporis delicti hätte Alles vollendet; und nun sollte es doch immer anderswo sein, als wo man Güter einzog und inhaftirte, in Montpellier , in Cypern , und   nirgend fand es sich, in der ganzen Welt nirgend. Und allenthalben waren Brüder aufgenommen, in jeder Provinz waren Capitel gehalten; kurz, das corpus delicti war erdichtet, und dieser, der scheußlichste Punkt der Anklage vernichtet sich also selbst   mit ihm auch unsers Verfassers ganze Tinctur der Weisheit .   Vierter Brief. Freilich muß der Kopf Mahomet's im Capitel der Tempelherren irgend eine Veranlassung, einen Grund gehabt haben, wie die plumpste Lüge immer einige Veranlassung hat. Das Bild Mahomet's in Cadix war ursprünglich das Bild Alexander's, an dem, der bekannten Sage nach, Cäsar geweint haben soll. Lassen Sie mich über diesen Kopf eine Muthmaßung wagen, die ich für nichts in der Welt als für Vermuthung gebe. Als Heinrich III. von England den König von Frankreich besuchte und sich daselbst seines großen Gefolges wegen den Tempelhof dieses Ordens zur Residenz wählte, »hingen im großen Saal desselben an allen vier Wänden Schilde, so viel ihrer nur Raum hatten«. Matthäus Paris , Historia Anglica , p. 899.   H. Der Orden vergaß also wenigstens in der Auszierung seines Hofes nicht, daß er ein kriegerischer Ritterorden sei. Und sollte er's in der geheimen Capitelstube vergessen haben? in ihr, wo sie eigentlich als Ritter und also auch ursprünglich gerüstet zusammenkommen sollten? Nun bemühten sie sich damals nicht so sehr; und wenn Bruder Patrick de Rippon Recht hat, Nicolai, S. 77.   H. so begnügte er sich, weil das Capitel nach Mitternacht gehalten ward, indutus camisiis et bracciis tantum, durch den langen Gang zur geheimen Stube zu wandern. Sie erschienen also nicht in Ritter -, sondern in Hauskleidern , und wenn ich annehme, daß sie nun eben deswegen, und um doch als Ritter beisammen zu sein, etwa eine Ritterrüstung , eine Trophäe , einen geharnischten Kopf etwa, als Ordenssymbol aufgestellt haben, so ist Alles, Alles erklärt. Ihre Capitel wurden zu Nacht gehalten, und die Brüder, die den Baphomet beschreiben sollen, sagen selbst, »sie konnten ihn nicht recht sehen, weil's dunkel war«. Sah ihn nun etwa gar noch ein Angeber, ein Laurer, Wie der, dem der Bruder sagte: Vade viam tuam, et si me diligis et vitam tuam, numquam magistris loquaris de materia ista. Bei Nicolai , S. 79.   H. der nicht dahin gehörte; was konnte er anders, als einen Teufelskopf, den sie hier in finstrer Nacht zu Rath zogen , also den leibhaften Baphometus in ihm gewahr werden? Das Capitel ward geheim gehalten, der Zutritt dazu war die höchste Ehre des Ordens, zu der nur die Wichtigsten, die Ersten kamen; daher nach der Aussage des ersten Zeugen gegen den Orden, des Magister Radulphus, Du Puy, p. 164 .   H. »auch Bruder Gervasius so sehr verlangt, nur einmal erst zum Capitel gerufen zu werden; dann komme er gewiß weiter! dann werde er bald Großmeister werden.« Also kamen sie staunend und mit hoher Erwartung hinein. Natürlich gafften sie, und wenn sie nichts als   ein Bild oder einen Kopf sahen, so war's nach Art der Zeiten und der gewöhnlichen Ritterspäße sehr natürlich, daß ein Großmeister zum Gaffenden sagen konnte: Du Puy, p. 22 .   H. Mon ami, c'est l'ami de Dieu, Mahomet, il parle à lui quand il veut: remercions-le de ce qu'il vous a fait parvenir au point que vous avés desirés. Die letzten Worte zeigen gnugsam, daß es ein freiherrlicher Ordens- und Ritterspaß war. Dem Freunde Gottes, Mahomet nämlich, d. i. den heiligen Kriegen hatten sie's zu verdanken, daß sie auf einem so guten Fleck, im Besitz stolzer Reichthümer und Pfründen waren: und die Eingeführten sollten's dem Kopf danken, daß sie auf diese Stufe (ins Capitel nämlich) gekommen waren, wohin sie lange verlangt hatten. Der Spaß dreht sich um nichts als um die damals gängen Märchen der Mahometsköpfe. Es kann auch leicht sein, daß man dies Ordenssymbol mit einer Ehrenbezeigung, z. B. der Abnahme der Mützen, unterschieden; welche Ehrenbezeigung damals Adoration hieß. Es kann auch sein, daß hie und da in einem Capitel es auf einem Behältniß gestanden, worin Ordensgeräthe, also auch die leinenen Schnüre lagen, die man den Neuaufgenommenen gab, ohne daß diese dabei das Bild sahen, weil sie nämlich in der Kirche und nicht in der Capitelstube aufgenommen wurden. Das Alles, ähnliche oder andre Dinge würde man so klar gehört haben, wenn man den Orden Punkt für Punkt zu einer freien Verantwortung hätte kommen lassen, die ihm aber jetzt   durchaus nicht ward. Ist's wahr, daß, wie Lessing historische Indicien gefunden haben will Lessing's »Ernst und Falk«. Fünftes Gespräch.   H. die Gesellschaft der Freimäurer mit jenem Orden auf irgend eine Weise zusammenhinge, so könnte diese Gesellschaft allein diesen Punkt aufklären, und dann wünschte ich's nicht meiner Hypothese, sondern der historischen Wahrheit, der Rechtfertigung der Tempelherren, die sich damals nicht rechtfertigen konnten, und endlich der lieben Gnostik und Tinctur der Weisheit wegen, die sich gar jetzt an diesen Kopf macht. Hätte sich nämlich in ihren geheimen Versammlungen ein ähnlicher Gebrauch fortgepflanzt: aus Büchern können sie's sodann nicht haben; denn in Büchern steht nichts davon; sie hätten es also als Institut , durch lebendige Ueberlieferung , die in diesem Fall das bündigste Creditiv vom Alterthum der Gesellschaft sowie die augenscheinlichste Rechtfertigung jener Unterdrückten wäre, die man damals nicht zur Sprache kommen lassen wollte. In unsrer Zeit würde kein Mensch solchen Kopf für einen Teufel und Mahomet, noch die herabgeerbte ehrwürdige Erinnerung des Ursprungs für Zauberei halten; die neue Gnostik vollends würde damit ganz zu Schanden. Doch könnte ich's ertragen, wenn ich mit dieser Muthmaßung, die blos Muthmaßung sein soll, auch ganz irre gegangen wäre. Ich erinnere mich einer Zeitungsnachricht, daß, als man vor einigen Jahren in Neapel in eine Zusammenkunft der Freimäurer brach, man einen geharnischten Kopf wollte gefunden haben; doch schreibe ich dies nur aus dem Gedächtniß und kann weder das Jahr noch das Blatt angeben, wo ich's gelesen.   H. Ich komme wieder zu unserm Autor. Der Tinctur der Weisheit zu gut hat Herr Nicolai drei Grade im Orden der Tempelherrn erdacht, die er von S. 16-33 mit großer Accuratesse beschreibt, und versichert am Ende, »man könne in historischen Sachen nicht genau gnug sein«. Die drei Grade und Receptionen sind, so viel ich davon weiß, völlig erdichtet; nicht nur die Geschichte sagt nichts von ihnen, sondern was der Verfasser anführt, zeugt gegen ihn selbst. In den weitläuftigen Verhörsartikeln, wo jede Frage zergliedert ist, heißt's immer nur in receptione sua ; wenn gewisse Dinge nachher vorgekommen sein sollen, heißt's etiam post receptionem ; die Inquisitoren nehmen also durchaus nur eine Reception an. Der Autor muß das selbst zugeben, S. 18, und die Worte post ipsam receptionem, die er für sich anführt, sind offenbar gegen ihn.   H. Die Inquisiten gleichfalls und quälen sich eben deshalb mit der Frage, » wann sie den Dyabolus-Baphometus sollen gesehen haben«, hin und wieder. Einige sagen bei , Andre nach der Aufnahme, hier, dort, da ; Andre, sie hätten von ihm reden gehört; die Meisten schieben's aufs Generalcapitel; denn da war's Nacht, und dahin kamen nur Wenige. Da konnte also der leibhafte Teufel spuken, wie er wollte. Daß der elende Bruder Stephan von Stapelbrügge , der aussagen konnte, »daß man in jedem Capitel einen Tempelherrn vermisse (den der Teufel geholt)«, daß dieser glaubwürdige Zeuge Man vergleiche den Autor selbst S. 17 und S. 101.   H. an eine doppelte Profession denkt, gehört, wenn es auch wahr wäre, nicht her, und es ist Staub in die Augen, wie bei Ashmole's Zeugniß, wenn unser Autor Profession durch Aufnahme übersetzt und darauf auf Bruder Stephan's Zeugniß und diese falsche Uebersetzung sein System baut. S. 17. 19.   H. [Sehr schwach vertheidigt sich Nicolai . II. 49.   D.] Profeß heißt Ablegung der Gelübde ; die, sagt der Bruder Stephan, seien doppelt im Orden; es gebe erlaubte und verbotne Gelübde gegen den christlichen Glauben . Das waren nun eben die Verleugnung Christi, Anbetung Mahomet's, Teufelsbannerei u. dergl., kurz, der Punkt, der erwiesen werden sollte; aber keine drei Grade, keine drei Receptionen. Nichts Anders will auch das doppelte Statutenbuch sagen, nämlich der Orden habe zweierlei Statuten, erlaubte und verbotne, keine drei Grade, keine drei Receptionen. Der Autor steht also mit seiner Erfindung ganz bloß. Die Sache verhält sich geschichtmäßig also: Der Orden hatte nur eine Reception, und es heißt so oft in den Aussagen selbst der dienenden Brüder: »quod receptus pro professo habetur« ; aber er hatte mancherlei Brüder , und weil es ein reicher, mächtiger Orden war, auch mancherlei Geschäfte, Ehrenstellen und Aemter ; denn Zuerst gab's dienende Brüder; die wurden aufgenommen wie die andern; sie empfingen auch die leinenen Schnüre zum Zeichen und zur Erinnerung ihres Gelübdes der Keuschheit. Sie schwuren dem Orden Verschwiegenheit und Treue; es wurden ihnen auch Geschäfte, z. B. die Aufsicht über die Güter des Ordens, übertragen, wie es denn unter ihnen im Protokoll der Aussagen praeceptores granarii etc. gab; sie waren aber keine Ritter und von diesen auch in der Kleidung unterschieden. Es ist Wort für Wort falsch, wenn unser Autor sagt: S. 94.   H. »Gewiß ist's, daß die Tempelherren in der zweiten geheimen Aufnahme noch einen leinenen Gürtel bekamen; dieser Gürtel war das Zeichen einer neuen und geheimen Ritterschaft und sollte sie beständig an das erinnern, wozu sie sich in der geheimen Aufnahme verbindlich gemacht hatten.« Den leinenen Gürtel bekamen alle, auch die dienenden Brüder, S. alle Aussagen im Interrogatoire hinter Menard 's Preuve de l'histoire de la Ville de Nismes .   H. die keine Ritter waren und nie wurden. Sie bekamen ihn bei ihrer ersten und einzigen Aufnahme, nicht zum Zeichen einer geheimen Ritterschaft, sondern als Andenken lhres Gelübdes der Keuschheit; daher sie ihn auch die Nacht nicht ablegen und auf dem Hemd oder um den bloßen Leib tragen mußten. Einige nannten ihn den Gürtel von Nazareth ; es waren aber eigentlich cordulae , leinene Schnüre. Zweitens . Der Orden hatte Ordenspriester , die sich auch in Kleidern unterschieden, und eigentlich keine Ritter ( milites ) waren. Es ist sonderbar, wenn unser Autor es dem Großmeister zur Last legt, S. 58 f.   H. »daß der Frater Presbyter im Capitel wie eine Bestie gestanden und sich in nichts eingelassen, als daß er nach gehaltnem Capitel einen Psalm gesprochen habe«. War der Priester ein Dummkopf, so mußte er auch, wenn von Geschäften geredet ward, wie eine Bestie stehen und that wohl, daß er sich nicht drein mischte. Vermuthlich hatte er auch nichts drein zu reden und war blos des Psalms wegen da. Drittens . Die eigentlichen Brüder waren Ritter , sie wurden recipirt wie jene; es gab aber im Orden mancherlei Aemter und Ehrenstellen, Provinciale, Priore, Subpriore , dazu nicht jeder Neuaufgenommene gleich kam, auch nicht Jeder kommen konnte. Zu diesen Geschäften gab's auch natürlich Installationen ; das waren aber keine neuen Grade, keine Receptionen zum Geheimniß der Weisheit, es waren Unterschiede , die in jedem reichen, verbreiteten Orden, ja in jeder Gesellschaft nothwendig werden. Viertens . Zum General capitel endlich konnte der Großmeister berufen, wen er wollte ; und natürlich berief er dazu die Vornehmsten, Brauchbarsten, Ersten. Ist die Ordensregel, die Miräus auffand, Miraei Origines ordinum equestrium, Celon ., p. 254 . Die secunda receptio, die unser Autor S. 77 anführt, ist offenbar der Eintritt ins Generalcapitel.   H. ächt, so steht nach Cap. 59 auch in den dringendsten Fällen es dem Großmeister frei, wen er zum Capitel rufen wolle . Wäre sie auch nicht ächt, so war's Observanz des Ordens, wie die Deposition des Zeugen gegen den Orden aus dem Munde des Bruders Gervasii, der gern durch Gunst der Obern im Capitel sein will, deutlich sagt. Du Puy, p. 164 .   H. So eine Altweiberdeposition sie ist, so zeigt sie offenbar, daß weder Radulphus noch Gervasius von mehr als einer Reception im Orden gewußt haben. Ich bin des Widerlegens müde, und da der Autor bei Erörterung der andern Beschuldigungen, die man den Tempelherren gemacht hat, mir nicht glücklicher scheint; da er sogar den nahen historischen Grund der Anklagen, der im Jahrhundert selbst liegt, und ohne den viele Punkte gar nicht einmal verstanden werden können, durchaus verfehlt hat: so erlauben Sie mir, diesen schlicht herzusetzen. Die Deduction aus gnostischen Secten fällt damit von selbst, weil die Anklagen sich aus der nächsten Quelle sogar wörtlich und genetisch erklären. Mit dem Anfange des elften Jahrhunderts that sich in Italien, insonderheit in Frankreich eine Secte hervor, die groß Aufsehen machte. Die fleißigsten Untersuchungen über diese Secten sind in Füßli 's »Kirchen- und Ketzerhistorie der mittlern Zeit«, Frankfurt und Leipzig 1770, obgleich etwas zerstreut und unordentlich, zu finden.   H. Man hieß sie Manichäer, Ketzer (weil sie sich Kathari, Reine nannten) und gab ihnen viel Manichäische Lehren Schuld, insonderheit, daß sie nicht an Gott , sondern an den Teufel glaubten , der die Welt geschaffen, die Erde grün, die Bäume wachsend mache Der Autor sagt, »diese Beschuldigungen müßten doch aus irgend einer Aussage her sein«; er hat also Füßli 's »Ketzerhistorie«, die er einigemal citirt hat, nicht gebraucht, sonst würde er den Ausdruck häufig angetroffen haben. Er steht auch in den Protokollen der Inquisition gegen die Albigenser hinter Limborch 's Historia inquisitionis , S. 132 ff.   H. u. s. w. Man sagte; sie verleugneten Christum und verspieen das Kreuz als ein teuflisches Werkzeug, lästerten die Ehe , das Abendmahl , ließen die Worte der Consecration weg, verachteten die Priesterbeichte und die Ordnung der römischen Kirche, beteten ihre Vorsteher auf eine schändliche oder ketzerische Weise dreimal an u. s. w. In ihrer Versammlung, hieß es, erschien der Teufel in Gestalt einer Katze ; vermuthlich ein schöner Witz, weil sie Ketzer hießen. Gretser leitet den Namen Ketzer von Katze her (s. Füßli, Th. I. S. 40), es ist aber weit wahrscheinlicher, daß die Katze der Ketzer wegen erdacht worden.   H. »Wenn ein Neuling in ihre Versammlung tritt,« schreibt selbst ein Papst S. Fleury , Historia ecclesiastica , T. XVI. p. 51 . Es war Gregor IX. Der Brief ist schon von 1233; so alt war die Lüge.   H. von ihnen, »trifft er eine große Kröte bei ihnen an, die küssen Einige von vorn, Andre von hinten. Hernach sieht er einen magern bleichen Menschen mit schwarzen Augen; den muß er küssen und findet ihn kalt. Sobald er ihn aber geküßt hat, vergißt er den katholischen Glauben. Hierauf folgt eine Mahlzeit, und da läßt sich eine Katze sehen. Diese muß er am Hintern küssen, sodann die Vorsteher und die Brüder. Nachdem er Gehorsam gelobt, werden die Lichter ausgelöscht und Abscheulichkeiten begangen« u. s. w. Hier haben Sie also die Liturgie und das Credo dieser Gesellschaft, die allen Ketzern den Namen gegeben; ihre Schicksale sind ebenso bekannt. Schon 1017 verbrannte man eine Anzahl derselben zu Orléans , und unter den Punkten der Anklage stand's deutlich, Launoy , De Scholis celebrius , Cap. 24 ; Füßli , Th. II. S. 203.   H. »daß sie sich in der Nacht versammelten, statt der Litanei die Namen der bösen Geister sängen, bis der Teufel ihnen in Gestalt eines lebendigen Thiers erscheine. Dann löschten sie die Lichter aus, Jeder griffe nach einem Weibsbilde u. s. w. Die Kinder verbrennten sie am achten Tage nach der Geburt und verwahrten die Asche heilig. Wer von ihr, wie wenig es sei, einmal gekostet habe, könne die Secte nicht mehr verlassen« u. s. w. In diesem Ton ging es fort mit Lästern, Schmähen, Verfolgen, bis der Papst gegen sie den scheußlichen Krieg erklärte, der unter dem Namen des Kreuzzugs gegen die Albigenser mit allen seinen Grausamkeiten bekannt gnug ist. S. Füßli , Th. I. S. 394 ff.  H. Er währte zwanzig Jahr, und sein Ende war die fürchterliche Inquisition zu Toulouse , die lange gnug wüthete, ohne diese Secte unterdrücken zu können. Sie hatte sich ausgebreitet und breitete sich fort; ja, sie läuterte sich eben, indem sie verfolgt ward. Der Manichäische Sauerteig, aus dem sie hervorgegangen war, blieb allgemach zurück, neben den Albigensern wurden reinere Waldenser, und Jedermann weiß, daß aus diesem Winkel der provençalischen Sprache, so wie die Morgenröthe der Dichtkunst, der Philosophie, der schönern Sprache, so auch der gesundern Vernunft und Aufklärung in Religionssachen hervorging, die sich nachher in so viele Länder Europens fortgebreitet. Frühe übersetzten sie die Bibel; sie schickten ihre Söhne nach Paris, um gegen die Geistlichen der römischen Kirche disputiren zu lernen, und brachten diese in manchen Gegenden so herab, daß es eine Schande ward, ein solcher unwissende Geistliche zu sein. Die nobile Leçon und andere gute Schriften, von denen Sie Proben in Leger 's »Geschichte der Waldenser« finden können, waren schon im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts da; Einige setzen sie gar schon ins elfte und zwölfte Jahrhundert.   H. und auch von ihren Grundsätzen weiß man nach so vielen Untersuchungen ziemlich, was man denken soll. Sie verleugneten nämlich mit nichten Gott , geschweige daß sie den Teufel als Schöpfer der Welt angebetet hätten. Die ersten Manichäer nahmen freilich zwei Urwesen an, davon das Böse unter dem Guten wirke, weil sie sich nach der damals erst keimenden Philosophie den Ursprung des Uebels noch nicht anders zu erklären vermochten; der Irrthum ward aber mit der Zeit vergessen, und die Waldenser sind davon rein. Sie verleugneten nicht Christum und das Kreuz , sondern eiferten gegen die Anbetung des hölzernen Kreuzes und andre abgöttische Gebräuche. Sie verachteten das Abendmahl nicht, aber behaupteten, daß bei Verlesung der Consecrationsworte so schändliche Priester keinen Christus machen können ( quod corpus Christi non conficeretur ). Sie beteten ihren Vorsteher nicht an ; die dreifache Adoration war das Zeichen des Eintritts zu ihrer Secte und auch aus dem ältesten Manichäismus her, bei dem das dreifache Gelübde signaculum oris, manus und sinus die bekannteste Sache ist S. Augustinus , De moribus Manichaeorum , II. 10 ; Walch 's »Historie der Ketzereien«, I. 770.   H. u. s. w. Die Inquisition indessen fuhr Jahrhunderte nach dem einmal angenommenen Ketzereienschema fort, und da wir die Protokolle derselben von 1307-1322, S. Sententiae inquisitionis Tolosanae hinter Limberch 's Historia inqusitionis .   H. also gerade von den Jahren haben, in denen auch die Tempelherren als Ketzer abgethan wurden, so liegt's aller Welt vor Augen, daß die Anbetung Lucifer's, der die Erde grün, die Bäume wachsend mache , die Verleugnung Christi und des Kreuzes, die dreifache Anbetung des Vorstehers hereticali modo mit nichten gnostische Ordensgeheimnisse aus Secten, die vor Jahrtausenden gelebt, die mit diesen nichts gemein gehabt hatten und damals gar nicht gekannt wurden, sondern daß es Albigensische Ketzereien, Irrthümer und beigemessne Abscheulichkeiten der bons hommes waren, die man den Tempelherren Schuld gab. Diese Secte lebte und blühte in der Zeit und Gegend , da die ersten Anklagen gegen die Tempelherren geschmiedet wurden und gegen sie die fürchterliche Inquisition geschah. Die Beschuldigungen, die man ihnen machte, sind aus der Geschichte und Inquisitionsprotokollen der Manichäer und Albigenser sogar wörtlich , nur natürlich in die alte Laster- und Lügenmäre von diesen Parteien um ein Jahrhundert zurückgesetzt und mit Sarazenismus, Zauberei, Abscheulichkeiten decoris gratia verwebt. Ich darf nach dem, was ich gesagt habe, die Beschuldigungen jetzt nur hinsetzen: sie erklären sich alle von selbst, und manche blieben ohne diese Genese und Erläuterungen aus dem angenommenen Inquisitions- und Volkswahne ihrer dummen Absurdität wegen gar unverständlich . 1. Die Tempelherren verleugnen Gott, schreiben es dem Idol (dem teuflischen Götzen- und Zauberbilde) zu, daß es die Erde grün, die Bäume wachsend mache . Die Manichäer dito ; Füßli , Th. I. S. 50. 83. 408. 440; Th. III. S. 337; Sententiae inquisitionis, p. 132 ff.   H. der letzte Ausdruck war von ihnen. Lucifer ward hier nur ein Bild in figuram Baffometi, weil die Tempelherren aus Orient kamen und oft des politischen Verständnisses mit den Sarazenen beschuldigt waren. Jetzt sollte es auch religiöses Einverständniß, zauberische Abgötterei sein; denn als Ketzer sollten und konnten sie allein abgethan werden. 2. Sie verleugneten Christum, verspieen das Kreuz , wie oben, Füßli , Th. I. S. 51. 202. 206. 241.   H. weil jene gegen die Anbetung des hölzernen Kreuzes harte Ausdrücke brauchten. Welche Absurdität wird's, ohne diese Erläuterung zu denken: die Tempelherren verspeien das Kreuz, sie machen's zum geheimen Ordensgelübde , es zu verspeien, und   tragen's auf ihren Kleidern, sind nur zum Kreuz gestiftet . Sie sollten Mahometaner sein und brannten vor Haß gegen die Mahometaner, die ihnen mit dem Kreuz und heiligen Lande ja die Nerven ihres Daseins abgeschnitten hatten. 3. Ihr Ordensmeister sollte im Capitel Sünde vergeben : gerade was man jenen vorwarf, Füßli , Th. I. S. 53. 170. 435; Th. II. S. 13 u. s. w.   H. daß sie die Absolution der Priester verachteten und sich das Consolamentum von ihren Vorstehern geben ließen. Daß dies die Genesis der Anklage bei den Tempelherren sei, sieht man daraus, weil man sie auch so modificirt: »Die Tempelherren beichteten nur bei Priestern ihres Ordens (dafür hatte der Orden dieselben), und diese absolvirten, wie es der Großmeister wollte.« Die geistlichen Privilegien der Tempelherren waren von je her den Bischöfen und Kathedralkirchen ein Dorn im Auge gewesen; jetzt mußten also auch ihre geistlichen Verrichtungen Ketzerei werden, damit die Anklage sich zur Aufhebung des Ordens qualificirte. Im Capitel vergab der Großmeister nicht als Beichtvater Sünden, sondern er bestrafte oder erließ Vergehungen gegen die Ordensregel. Dies zu thun, war er gesetzt, und wenn alle Großmeister es von je her gethan hätten, wäre der Orden in guter Zucht geblieben. Wenn er also sagte: Deus remittat tibi et nos remittimus, et vadas ad fratrem sacerdotem, qui absolvat, und dies am rechten Ort sagte, so that er, was er thun konnte und sollte. Den Namen Gottes konnte er auch dabei brauchen; denn es war ein geistlicher Orden; nur er im Capitel sollte priesterlich absolvirt haben: das war die Anklage, die unser Autor ziemlich verwirrt hat. S. 5-64.   H. 4. Ihre Priester ließen die Worte der Consecration weg . Abermals Ketzerei der Albigenser, weil diese das conficere corpus Christi nicht glaubten. Ohne diese Erläuterung wird's abermals unverständlich, warum die Tempelherren inquirirt wurden: »ob sie geglaubt hätten, den Leib Christi oder eine bloße Hostie zu empfangen«. Füßli , Th. I. S. 76. 89. 241; Th. II. S. 21. 75 u. s. w.   H. Die Ketzerei war Albigensisch. 5. Die Neuaufgenommenen küßten oder würden auf eine unanständige Weise geküßt . Dieser Punkt des Verhörs drehte sich sonderbar umher, da es bald der Eintretende, bald der Aufnehmende war, der auf unanständige Art geküßt sein sollte; und ohne Zweifel rührte die Anklage auch von der dreifachen Adoration der Manichäer gegen ihren Vorsteher her, wie sie etwa im Munde des Volks war, so daß die Gebräuche der Aufnahme dahin nur übergezwungen wurden. Daß Kuß und Adoration bei jeder Ritteraufnahme waren, ist allgemein bekannt, und bei jeder Ritteraufnahme waren, wenigstens wie es uns jetzt dünkt, närrische Gebräuche. Die unanständigen Orte des Kusses sowie die Bank ( banca ), die auch in den Ketzermärchen vorkommt, waren wahrscheinlich aus der Quelle jener Katzenanbetung, ob ich gleich gar nicht leugnen will, daß Gebräuche da gewesen sein können, die zu dieser Amplification Anlaß gegeben haben. Das waren sodann Rittergebräuche , die aber jetzt, sowie auch die Schnüre, womit man das Götzenbild berührte, absichtlich Ketzerei werden sollten; denn ums Decorum war's den Anklägern wol nicht zu thun. Die Esels - und Narrenfeste der öffentlichen Kirche waren keine unanständigen Cerimonien, und man sah sie in den mittlern Zeiten sogar mit Andacht an. 6. Endlich: sie beteten eine Katze an, vermischten sich sogar (weil im Capitel keine Weiber waren) mit den erscheinenden Teufeln, gaben des Todten Asche einander zu trinken; wenn der Tempelherr ein Kind erzeugte, brateten sie es und beschmierten mit dem Fett ihren Baphometus decoris gratia : Du Puy, p. 27-29 .   H. Lästerungen aus dem Tollhause, wenn sie nicht erwiesenermaßen aus dem Pöbelwahn der Zeit und aus den alten Manichäermärchen wären. Den Grund davon s. bei Füßli. Th. I. S. 69; Th. II. S. 327. 417; Th. III. S. 433 u. s. w.   H. Wie ist Ihnen nun, mein Freund? Wandeln Ihnen noch die alten Kabbalisten und Gnostiker mit Aeonen und Emanationen sammt ihrer geheimen mystischen Theologie, ferner die Ophiten mit ihrer Abschwörung Jesu, die Basilidianer mit ihrem Bilde Jupiter's und der Minerva, die Karpokratianer mit ihren Abbildungen Pythagoras', Plato's, Aristoteles' und Jesu ? Nicolai, S. 122-128.   D. Ein bunter Zug, den der Autor ohne Rücksicht auf Zeit und Ort, ja ohne die mindeste Uebereinstimmung mit dem, wovon hier die Rede ist, aus einem andern Welttheil, aus Gräbern einer tausendjährigen Verwesung, blos und allein durch magische Kraft des Worts Baphometus hervorruft. Schwebt Ihnen noch eine dieser Gestalten vor Augen? oder sehen Sie nicht, daß es Strich für Strich das gewöhnliche landübliche Ketzerschwert war, womit man die Tempelherren würgte? Man nahm sich gar nicht die Mühe, neue oder passende Anklagen zu erfinden; man zog ihnen das Marterhemd an, das vom Blut so vieler bons-hommes troff, das Jahrhunderte hin von ihrer Flamme rauchte! Im ganzen Proceß ist an keine Gnostik zu denken; in der Geschichte und Beschaffenheit des Ordens ist dazu noch viel minder (um mit unserm Autor zu reden) ein Schein von Spur merkbar. Verzeihen Sie die Länge meines Briefes. Nächstens gehen wir rasch an die Frage: »ob die Tempelherren nicht ein anderes Geheimniß , ein großes Ordensgeheimniß gehabt haben«. Und wie, wenn ich Ihnen zeige, daß dies kein andres als das Geheimniß, reich zu werden , die Goldtinctur gewesen? Ich scherze nicht und will's historisch darthun. Bereiten Sie Sich also auf der so reichen Tempelherren geheime Taufe der Weisheit , die Goldtinctur ! Ich will Ihnen sogar zeigen, worin sie bestanden, und wie sie bereitet worden .   Fünfter Brief. »Könnten aber«, sagen Sie, »die Tempelherren nicht, ohngeachtet aller groben Anschuldigungen von Baphometus, ein Geheimniß der Weisheit gehabt haben?« Könnten ? Warum nicht? In der Reihe des Möglichen ist alles Mögliche möglich. Aber daß sie's gehabt haben, und worin es bestanden , das, mein Freund, liegt mir nicht ob zu erweisen, sondern Denen, die es behaupten. Wir Laien sind im ruhigen Possessorio unsrer Unwissenheit; wer von solchen Geheimnissen schreibt, ist im Petitorio seiner Hypothese: er muß erweisen. Hat man's bisher gethan? Wird man's thun können? Kann man's, ich höre gern. Nur versteht sich's, müssen die Beweise anderswoher genommen sein als aus dem Namen Baphometus . Sonst beweise ich Ihnen gleich, daß Erasmus , ehe er Mensch war, eine Maus gewesen ( eras mus ), und da er Mensch war, er am Liebsten Mehlspeise (Mus) gegessen; denn er hieß ja Er as Mus . Er hat also mehr Anrecht auf dies Maus- und Musgeheimniß als Mahomet auf die βαφὴ μήτους. Aus der Geschichte , aus dem Zweck , der Einrichtung , den Thaten des Ordens, endlich auch nur aus den Anklagen und Geständnissen desselben, so zweideutig diese auch sein mögen, beweise man; und ich will der erste Gläubige werden. 1. Aus den Anklagen und Geständnissen erhellt bewiesenermaßen nichts. Auf Ketzerei, Zauberei, heimliche Schandthaten werden sie inquirirt, auf kein Geheimniß der Weisheit. Der Großmeister kann nicht schreiben, wahrscheinlich auch nicht lesen: die Clerici des Ordens, bei denen doch etwa nach der damaligen Zeit die verborgne Weisheit sein mußte, gehen mit Rittern und dienenden Brüdern auf einem Inquisitionswege; der einzige Punkt, über den man sie besonders vernimmt, ist, ob sie die Consecrationsworte beim Abendmahl gebraucht haben. Also ein gemeiner Priesterritus. Endlich, mein Freund, der Hauptpunkt der Einweihung, »einen Laien, einen Fremden, der sich zum Orden meldet, in ein Gemach führen und ihn Gelübde aufs Kreuz thun lassen, ihn sodann in ein ander Gemach führen und das Kreuz verspeien oder, falls er's nicht thun will, quälen und ins Gefängniß werfen lassen, bis er's thut«: ist das Methode , ist das ein Geheimniß der Weisheit, so könnte man allen neuen Freunden Gottes , den Antitrinitariern kein ärgeres zur Rache wünschen. 2. Aus der Geschichte und den Thaten des Ordens ist noch weniger klar. Zur Tapferkeit war er gestiftet, nicht zur Weisheit. Im Vordertreffen stritt er mit der Faust, nicht im Gefecht der Wahrheit mit philosophischem Kopfe. Wenn ihm Vorwürfe geschahen, berief er sich darauf, »wie oft er sein Blut fürs Christenthum hingegeben«, und noch Molay im letzten Verhör nannte drei incontestable Vorzüge des Ordens: »Pracht und Anstand des Gottesdienstes, reiche Almosen, tapfre Thaten«   kein Geheimniß der Weisheit. In die Geschichte der Wissenschaften und der von fern wiederkehrenden Aufklärung Europens ist der Orden, meines Wissens, gar nicht verflochten, ob er gleich so große Besitzungen eben in den Gegenden hatte, wo sich die Aufklärung anfing. Unter den Provençalen Histoire litéraire des Troubadours , Vol. II. p. 467 .   H. finde ich einen Tempelherrn, mit einem Gedicht, »daß man wieder nach Asien laufen und das heilige Land erobern solle«. Ein Anderer meldet sich zu ihrem Orden, und da man ihn nicht annehmen will, schreibt er De las falsas vidas dels Templiers   ein Buch, das ich lesen möchte, nicht der Wahrheit, sondern des Gerüchts wegen, »was etwa damals auch außer der Inquisitions- und Marterstube über die Tempelherren gesagt ward«. Crescimbeni , Istoria della volgar Poesia , Vol. II. p. 128 . Der Dichter hieß Rostagno Berlinghieri ; er lebte eben vor Aufhebung des Ordens und starb 1315, welchen frühen Tod Crescimbeni als ein göttliches Gericht über sein falsches Zeugniß anführt. Der Mönch von Monte maggiore nennt es falsa garentia . In den Romanen unter Philipp dem Schönen war's so gewöhnlich, den Tempelherren alles Böse zuzuschreiben, daß man ihnen sogar den Verrath Karl's des Großen an die Sarazenen Schuld gab, 400 Jahr vorher, ehe ihr Orden auf der Welt war. Proben davon kann man in der Bibliothèque des Romans finden.   H. Sonst ist mir nicht bekannt, daß sie sich auch nur der Secte oder Secten angenommen hätten, von denen man ihnen so viele Missethaten lieh, und deren sich doch manche Edle annahmen. Wie konnten sie's auch? Sie waren ja Creaturen des Papsts, Geistliche, halbe Mönche. 3. Also auch nur die Supposition von einem und zwar solchen Geheimniß unter ihnen ist nicht aus ihrem Orden, sondern von den Manichäern und Ketzern her. Diesen wurden Geheimnisse der Bosheit, schändliche Einweihungen zu gewissen Graden der Vollkommenheit zugeschrieben; also fiel's auch auf jene. Mit welchem Grunde, mag ich hier nicht untersuchen, da ich von Schuld und Unschuld der Tempelherren eigentlich noch nicht rede, sondern nur ihre Geschichte erkläre . Ich will's glauben, daß in einem so großen Orden, wo viel wackre Glieder waren, vielleicht auch aufgeklärte Glieder gewesen; es kann beinahe nicht anders sein, als daß ihre lange Bekanntschaft mit den Sarazenen vielleicht auch in einigen Ländern Europens mit den Albigensern, Stedingern , und wie die Ketzer weiter genannt wurden, die Begriffe mancher Ritter geläutert und über den Pöbel der herrschenden Kirche erhoben habe. Verschiedene Lebensweise, Reisen, Kenntniß anderer Länder und Parteien geben, insonderheit tapfern Leuten, eine Art Unparteilichkeit und allgemeiner Uebersicht, die eingeschlossene Mönche und disputirende Gelehrte wol nicht haben konnten. Es mag also auch sein, daß hie und da freie Grundsätze im Orden gewesen, Ueberhaupt ist's zu beweisen, daß in den mittlern Zeiten, die man für sclavisch und barbarisch hält, hie und da die freisten Meinungen stattfanden, weil überhaupt auf unserm Erdball alle Veränderungen durch Extreme gehen, die sich mit der Zeit nur mischen und mildern. Die Beschuldigung, die man Friedrich II. von Moses, Christus und Mahomet machte, mag nicht so ganz ohne allen Grund gewesen sein; weil er bei vielen Gelegenheiten öffentlich wenigstens Liebhaberei zu den Sarazenen zeigte. Daß die Scholastiker alle Punkte des Glaubens als Probleme der Disputation ansahen, ist bekannt; und die Reformation faßte auch deshalb Wurzel, weil Jahrhunderte hin über die Religion dem herrschenden Tone nach nur war disputirt worden. Oben benannte Secten äußerten die freisten und zum Theil übertriebensten Meinungen; also war dergleichen Weisheit auch außer dem Orden nicht so fremde, als wir uns gemeiniglich bei der schwarzen mittlern Zeit denken. Kühn- und Keckheit im Behaupten geht immer der reifern Untersuchung vor.   H. und daß jener Großmeister dogmatisirt und gesagt haben kann: »der Bruder de Tocci sollte an einen großen Gott glauben und sich zur Gesellschaft guter Leute im Orden halten« (vielleicht sollten die boni viri eben das sein, was man sonst bons-hommes hieß, ein bekannter Ketzer name); sei dies Alles, wie ihm wolle, so werden die Tempelherren damit keineswegs Gnostiker , sondern, wenn man die Supposition zugiebt, Manichäer, Albigenser , Theilnehmer der Ketzersecten. Wie weit aber Theilnehmer? Wahrlich doch nicht, daß sie, wie jene Eingeweihten zur Vollkommenheit , ein strenges apostolisches Leben führten; dafür waren die Tempelherren nicht bekannt, wenigstens nicht im gemeinen Sprichwort. Auch konnte diese Weisheit nicht überall verbreitet sein; denn z. B. in Italien, Sicilien, Portugal, Spanien, Cypern gab es wenige oder keine dieser Secten. Manche Beschuldigungen im Verhör mußten also den Inquisiten so fremde vorkommen, daß sie wol keine Antwort zu geben wußten, als etwa die der Großmeister Molay gab: »Lügnern solcher Art, die das vom Orden sagen, sollte man auf gut Sarazenisch den Kopf abhauen und hernach den Bauch aufschneiden«. Endlich die Brutalität , die sie in dies Geheimniß gemischt haben sollen, ist doch weder apostolische noch Albigenserweisheit; sie hebt alle Begriffe von Ehrlichkeit, Würde, Frömmigkeit und Aufklärung auf, und Mahomet selbst hätte solche Freunde Gottes verachtet. 4. Am Wenigsten, mein Freund, werden Sie Sich also von dem Talisman blenden lassen, Nicolai , S. 134.   H. der an einem gewissen Ort in Deutschland, als das Grab eines gewesenen Tempelherrn eröffnet worden, daselbst gefunden sei. Ich will weder den Ort wissen, wo , noch den Tempelherrn, bei dem er gefunden worden; denn zu unserm Zweck beweist er, und wenn der Baphometus selbst darauf wäre, und wenn noch hundert dergleichen Steine gefunden würden, nichts . Es ist bekannt, wie groß die Liebhaberei an solchen Sachen in den damaligen Zeiten war. Arpe , De Talismanis , p. 90. 184; Ranzov , Catalogus imperatorum et virorum illustrium qui astrologiam amarunt , 1594 , und viel Lebensläufe der mittlern Zeiten.   H. Aus den Morgenländern kamen diese Amulete; und da dorther auch Astronomie und Astrologie, Wissenschaft und Aberglaube kamen, so hielten sich selbst die edlern Wissenschaften lange an diese abergläubische Hülle, und die gescheitesten Leute hegten in Absicht ihrer zuweilen Wundermeinungen. Kennt man nun den Tempelherrn, der sich einen solchen Stein ins Grab geben ließ? Weiß man den dienenden Bruder, der abergläubisch fromm diesen Stein, den er etwa in der Verlassenschaft seines Herrn ( in cofris suis, wie die Verhörsartikel sagen) fand, und weil der ehrwürdige Herr bei Lebzeiten ihn mit sich getragen, ihn auch dem todten Herrn noch in den Sarg steckte? Daß die Morgenländer voll Aberglauben und Amulete sind, weiß Jedermann, und daß (falls der Stein auch, wie er's nicht ist, ein Baphometus wäre) die meisten Averrunci um eine Serapis-, Isis-, Baphometus-Figur , männlich oder weiblich, umhergehen, werden Sie inne, wenn Sie den Gaffarelli, L. Agostini Gaffarelli , Curiositates inauditae , 1678 ; Agostini , Game antiche , 1557, T. II.   H. u. A. nur flüchtig durchblättern. Kurz, sollten wir bei jedem alten Weibe, das ein Amulet trägt, ein Geheimniß der Weisheit vermuthen, und weil man im Grabe eines Tempelherrn einen Stein mit den gemeinsten Figuren findet, deshalb vermuthen, daß der ganze Orden ein Geheimniß der Weisheit, von Einheit Gottes, der nicht gestorben ist, auch nicht sterben kann , gehabt habe: Freund, wie viel bekämen wir Geheimnisse und Orden der Weisheit ! 5. Also kümmern Sie Sich auch nicht um die Zauberworte: Sarazin y Allah , Du Puy, p. 23 .   H. [Vgl. S. 357 ***.   D.] als ob die das Geheimniß faßten. Ist y nicht blos die Verbindungspartikel (denn die Aussage davon ist aus einem Verhör in Carcassone), so ist's wahrscheinlich der verstümmelte Name Freund Gottes , Hhalilallah, der dem Kopf gegeben sein sollte, und den uns ja die Tradition aus dem Munde des Großmeisters albern gnug erklärt. Ueberhaupt scheint mir Alles brüchig, was der Verfasser in der so bekannten Materie, der Aufklärung Europens durch die Sarazenen, S. 109 ff.   H. die in einzelnen Wissenschaften hie und da schon gründlich ausgeführt ist, sagt; und einige Umstände finden, wie ich nicht anders weiß, gar nicht statt. Herr Nicolai sagt S. 109 f. dreimal: »daß der berühmte Averrhoës am Hofe des Kaisers Friedrich II. gelebt«, »daß der Aufenthalt des Averrhoës am Hofe des Kaisers sehr viel zur Ausbreitung der Aristotelischen Philosophie beigetragen«; endlich »daß dem Papste der vertraute Umgang des Kaisers mit Averrhoës sehr mißfällig gewesen, und daß er daher Gelegenheit genommen, ihm feindselige Gesinnungen gegen die christliche Religion Schuld zu geben, ist gewiss «. Woher gewiß? Die halbe Seite von Citaten, die der Autor anführt, sagt davon kein Wort; das Leben Friedrich 's II. und Averrhoës' ebenso wenig. Averrhoës lebte zu Cordova und Marocco , wo er 1206 starb, und Kaiser Friedrich II. wurde 1215 zum Kaiser gekrönt; nicht zu Marocco in Afrika, sondern zu Aachen in Deutschland, und zu Rom erst 1220. Auch war wahrlich kein Averrhoës, den er am Hofe mit sich führte, Gelegenheit zu seinem Zwist mit dem Papst ; denn die Geschichte davon ist Jedermann im Gedächtniß. Daß Friedrich sarazenische Weiber an seinem Hofe hatte, wirft ihm der Papst vor, und darüber sucht ihn sein Sachwalter zu rechtfertigen (Matthäus Paris, p. 664, edit. Lond. 1640), nicht aber »den berühmten Philosophen Averrhoës,« der viele Jahre todt war. Der Autor hat etwas von den beiden Söhnen des Averrhoës, die, wie Aegidius Romanus erzählt, auf ihren Reisen den Hof des Kaisers besuchten (s. Brucker , Historia philosophiae , T. III. p. 100. 101 ), gehört und dichtet daraus ein Factum, das er als das gewisseste von der Welt dreimal und mit vielen Citaten anführt. So ist's ihm (S. 115) ein Beweis, »wie aufmerksam Sarazenen und Christen auf einander gewesen«, daß jener gefangene Ritter, Hugo von Tiberias , dem Sultan Saladin sogar alle Gebräuche der Ritterschaft bis auf die Aufnahme gezeigt habe, und er sagt in der Note: »Die sehr naive Erzählung davon in alten französischen Versen steht   in den Fabliaux et Contes du XII. et XIII. Siècle , Par. 1779. 8. « Ist das ein Zeugniß? Der Verfasser dieses Fabliau sagt: Messieurs, ce Fabliau est fait pour plaire aux braves gens etc., und Jedermann ist bekannt, daß ein ganzer Roman dieses Inhalts, Ordene de Chevalerie, umherging, der in unserm Jahrhundert mit einem Glossario gedruckt worden, aus dem du Cange, St. Palaye u. A. so oft Stellen anführen, der aber im Grunde weiter nichts als Roman sein wollte. Die Geschichte, die ihm zum Grunde liegt, steht in Bongars, p. 1152 ; sie nennt einen andern Ritter und ganz andere Umstände. Der Ritterschlag, der auch tapfern Sarazenen gegeben ward, war nichts als eine Soldatenehre . S. Du Cange zum Joinville, p. 70 , u. a. Stellen und Exempel.   H. Doch ich bleibe, oder vielmehr ich komme recht auf der Tempelherren Geheimniß der Weisheit . 6. »Sollten sie nicht die Goldtinctur besessen haben?« »Ja, ja, mein Freund, die Goldtinctur, nichts Anders. Drum wurden sie in kurzer Zeit auch so unerhört reich; drum hielten sie ihre Capitel auch zu Nacht, daß Niemand das Geheimniß erführe. Das war der punctus quidam , über den sie auch den König ermordet hätten, wenn er dahinter gekommen wäre. Wozu konnten sie in Orient leichter kommen als zur Goldtinctur? Bei den reichen und weisen Arabern, etwa gar bei einem Schüler der Geheimnisse Geber 's. Hatten Raimundus Lullus, Arnoldus de Villa Nova ihre Geheimnisse nicht auch daher? Also zugestanden und eingestanden, sie hatten die Goldtinctur: dies Geheimniß hat sich erhalten, fortgeerbt und ist noch jetzt.« Vielleicht haben Sie, mein Freund, diese Orakel auch ernsthaft sagen hören, wenigstens können Sie sie in manchen neuen Modeschriften ernsthaft gesagt lesen. Unser Autor ist indessen von ihnen frei und sagt feierlich: S. 144.   H. »Andre Geheimnisse (als die seinigen nämlich) hatten die Tempelherren nicht; es ist in dem ganzen Proceß nicht die geringste Spur, daß man die Goldmacherei bei ihnen ermuthet, oder daß sie nur darüber befragt worden.« Das ganze Figment ist ein später Wahn, an den man damals nicht denken konnte, weil man zu gut die Quelle der Reichthümer dieses Ordens kannte. Lassen Sie mich, wie jener Bauersmann, der, als er beschuldigt ward, durch böse Künste zu seinem Reichthum gekommen zu sein, nichts als die Werkzeuge seiner täglichen Arbeit vorführte   lassen Sie mich auf diese Weise nur einige historische Momente des großen und schnellen Reichthums der Tempelherren anführen. Jeder Kenner der Geschichte ist gewiß auf meiner Seite. Also erstens und überhaupt ist bekannt, welche Raserei die Kreuzzüge für Europa waren. Man hat noch keine gute Geschichte der Kreuzzüge , die aus den Quellen geschöpft und mit Uebersicht aller Folgen dieser Züge philosophisch und historisch wäre. Man rühmt Mailly , Esprit des Croisades , ich kenne aber dies Buch noch nicht.   H. Europa verblutete sich in Asien; es warf seine Kräfte, sein Geld, seine Mannschaft dahin. Man verkaufte Güter (und die Geistlichen kauften sie), man verkaufte Freiheiten (und wer konnte, kaufte sie); mit dem Gelde ging man oder sandte es, freiwillig oder zur Büßung, nach dem heiligen Lande. Wer dabei gewann, waren die Unterhändler, der Papst, die handelnden Staaten in Italien, endlich insonderheit die geistlichen Ritterorden . Diese waren gestiftet, in ihrem und Anderer Namen Pilgrime zu beschützen und den heiligen Krieg zu führen, d. i. auf mancherlei Weise Geld aus Europa zu ziehen und sich zu bereichern ; es hätte nur an ihnen gelegen, wenn sie's nicht hätten thun wollen. Also Zweitens . Unter diesen geistlichen Ritterorden wurden die Tempelherren bald die ersten . Sie stritten im Vordertreffen und eigneten sich den Ruhm der Tapferkeit vorzüglich zu; sie hatten auch wirklich tapfre Grundsätze, die sie siegen oder sterben lehrten. Kein gefangner Tempelherr konnte anders als um Messer und Gürtel losgekauft werden; und auch ihre Feinde mußten es zugestehen, daß sie bis auf die letzten Zeiten Wunder der Tapferkeit verrichtet haben. Also waren sie vorzüglich der Orden, Ich schließe damit die andern geistlichen Ritterorden nicht aus; denn alle sind reich und sehr reich geworden; sie müssen also alle das Geheimniß der Weisheit gehabt haben, oder es hatte es keiner.   H. dem man schenkte oder ein Testament vermachte, wenn man seine Frömmigkeit im heiligen Lande anlegen wollte. Die Menge von Schenkungen, die sie in kurzer Zeit fast in ganz Europa bekamen, ist, wenn sie uns die Geschichte S. Gürtler, Anton , vom Anfange bis zu Ende.   H. nicht erzählte, beinah über allen Glauben; fast hätten sie ja ganze Königreiche erbeutet. Drittens . Insonderheit die Zeitumstände , unter denen der Orden gestiftet ward, trugen zu seinem schnellen Wachsthum bei. Der dritte König in Jerusalem herrschte, und Europa glaubte die Blüthe seiner gewissen Hoffnungen vor sich zu sehen: sollte es also nicht steuern? nicht geben? Der erste Meister des Ordens, Hugo , muß mehr als Loyola gewesen sein, nach der Wirkung, die er auf seiner Reise überall in Europa, insonderheit in England machte. Er kam mit Schätzen und einem kleinen Kreuzzuge nach Orient, ließ aber überall Höfe und Länder zurück, die aufs Eifrigste für ihn eingenommen waren. S. Anton , S. 13-29.   H. Wer mehr als Alle für den Orden posaunte, war der heilige Bernard , Epist . 31. 175.   H. und Jedermann weiß, was dieser Mann damals in Europa galt. Ueberschwänglich lobte er den Orden; ein Lob, das er bald zurücknehmen und in ernstliche Vermahnung verwandeln mußte, das aber zur ersten Gründung seines Ruhms unendlich viel beitrug. Viertens . Der Papst mit seinen Privilegien blieb nicht nach. Das Einzige, »an Oertern, die mit dem Interdict belegt waren, zu Zeiten Messe lesen zu dürfen«, mußte den Tempelherren viel eintragen, ob sie gleich freilich damit auch den Haß der Bischöfe sehr auf sich luden. Sie gewannen als Ritter und als Priester; und wo Beides nicht hinreichte, waren sie Fünftens, Handelsleute . Sie kauften, liehen aus, wucherten, waren Unterhändler u. s. w. Den Geistlichen verkaufte man damals, des geistlichen Segens wegen, am Liebsten; sie waren allenthalben angesessen, hatten Geld, konnten allenthalben kaufen. Königen streckten sie Summen vor, nicht ohne Zinsen; die Procente super custibus, dampnis et interesse wurden dem König Eduard gleich berechnet. Sie waren also in die Geschäfte fast aller Länder Europens verflochten, nicht nur durch ihre Besitzungen und Schätze, sondern auch oft durch Aemter. Noch unter Philipp dem Schönen war ein Tempelherr Schatzmeister in England, ein anderer vorher erster Minister; und daß sie nicht immer gar zu gewissenhaft mit dem ihnen Anvertrauten umgingen, auch davon könnte ich Gerüchte aus der Historie anführen. So ganz ohne Grund konnten doch die so oft wiederholten Beschuldigungen von Habsucht, von Bestechungen ihrer Großmeister u. s. w. nicht sein. Also ist's gar kein Wunder, daß sie reich wurden; es wäre Wunder über Wunder gewesen, wenn sie in der Lage arm geblieben wären. Kurz, der Orden hatte zuletzt nicht weniger als 16,000 Herrschaften oder nach einem andern Schriftsteller 40,000 Commenderien und jährlich auf 2 Millionen Einkünfte, S. Ashmole , Institution of the Order of the Garter , p . 56.   H. eine Summe, die in den damaligen Zeiten mehr als königlich war. Diese zog er nicht aus Künsten der Alchymie, sondern aus Einkünften und Gütern, wie Jedermann wußte. Sechstens . Also ergiebt sich's ziemlich, was auch ihre Verrichtungen im geheimen Capitel waren. In capitulo negotia sua contractant, sagt Matthäus Paris ; P . 899.  H. nichts in der Welt Anders wußte ihnen auch selbst die Zauberkatze zu offenbaren. S. die S. 361 citirte Stelle.   H. Sie redete ihnen von reichen Ernten , von großen Besitzungen Goldes und Silbers vor; auf etwas Anders ging ihr Sinn schwerlich. Ihr Großmeister Hugo hatte eine sehr politische Idee, das Capitel auf die Nacht zu verlegen. Im Kriege war ihnen diese Zeit zu Entwürfen auf den frühen Tag, zu Streifereien, die in Orient insonderheit vor Tagesanbruch vorgenommen werden, bequem. Als höchstes Gericht über die Brüder machte die Nacht ihr Capitel zu einem Areopagus (wie ich denn dies Wort, vielleicht ziemlich freigebig, auf den Orden wirklich angewandt finde); Du Breil , Antiquités de Paris .   H. und endlich zu jeder Zeit war ihr Capitel, an einem abgelegenen Ort in stiller Nacht gehalten, ihnen eine sichre, unbehorchte Versammlung, die den Mitgliedern des Ordens Stillschweigen , den Fremden Ehrfurcht gebot und gleichsam ein Siegel auf ihre Rathschlüsse und Unternehmungen drückte. Die alte Gewohnheit ward also treulich beibehalten, auch in Zeiten und an Oertern, wo es vielleicht wenig Wichtiges mehr zu berathschlagen gab; warum sollte sie aber geändert werden? Und nun wird siebentens offenbar, woher sich vorzüglich bei diesem Orden die Märe von Geheimnissen , von Abgötterei, Zauberei, Lasterthaten, Unmenschlichkeiten entspann. Die liebe dunkle Nacht und die Verschwiegenheit , auf die der Orden drang, hatte sie geboren. Nach Begriffen der damaligen Zeit (zumal in Frankreich nach den Manichäer- und Albigenser-Märchen) was konnte man in der finstern Nacht Anders thun, als den Teufel rufen und Hurerei treiben? Wo in einem geheimen Zimmer ein Kopf stand, mußte es ein Unhold, ein Baphomet sein, den man anbetete, mit dem man hexte. Zumal diese Leute, die aus Orient, aus den Ländern der Sarazenen kamen, ja, die sich zum Theil noch morgenländisch trugen , die ihre Brüder geheim aufnahmen und ein so strenges Stillschweigen von ihnen forderten! Erlauben Sie, mein Freund, daß ich ein kleines Verhör eben des Bruders hersetze, der nachher auf der Tortur so freigebig den Dyabolus, die Katze, den Zauberkopf, die hurenden Teufelsweiber bekennen mußte . Die Aussage, die jetzt folgt, war den Inquisitoren zu natürlich: Menard , I. 179.   H. Frage . Wann er aufgenommen sei. Antwort . Frühe in der Kirche, bei verschlossenen Thüren. Frage . Ob ihm auch eine leinene Schnur gegeben worden. Antwort . Ja, mit dem Befehl, daß er sie zeitlebens zu Nacht und zu Tage um den Leib tragen sollte, zum Andenken seines Gelübdes der Keuschheit. Frage . Ob er einen Eid habe thun müssen, die Geheimnisse des Ordens, auch seiner Aufnahme, nicht zu verrathen. Antwort . Ja. Frage . Welches diese Geheimnisse seien. Antwort . Die Gelübde der Keuschheit, des Gehorsams, der Ordnung, des Stillschweigens (in Ordensgeschäften). Frage . Ob er auch Andre habe aufnehmen sehen. Antwort . Ja, zehn oder zwölf Brüder; alle seien aufgenommen wie er. Frage . Ob er im Generalcapitel gewesen. Antwort . Ja, fünf- oder sechsmal in Montpellier. Frage . Was er da gesehen habe. Antwort . Um Mitternacht sei man aufgestanden, habe sich versammelt; es sei Morgenandacht gehalten worden. Dann habe ein Religios gepredigt, und nachdem der sich entfernt, seien die Thüren verschlossen und das Capitel gehalten. Frage . Was im Capitel gethan sei. Antwort . Die Ordensregel wiederholt, daß sie keusch sein sollten, die Güter des Ordens, das Magazin des Tempelhofs gut verwalten möchten und solche Dinge. Brüder, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, seien gestraft u. s. w. Frage . Ob da auch ein Idol oder Bild von Gold oder Silber oder Metall oder sonst ein Menschenkopf angebetet und verehrt sei. Antwort . Nein. Frage . Ob auch jezuweilen eine Katze angebetet worden, eine Katze oder ein Kater, ein Rabe oder viel Raben. Antwort . Nein. Frage . Ob in einem der gedachten Capitel auch Weiber sich zeigten oder gezeigt haben. Antwort . Nein u. s. w. Sie sehen, mein Freund, die Zaubereien und Teufeleien in finstrer Nacht waren angenommenes Costüme des Zeitalters, wie es so manche Inquisitions-, Hexen- und Judenprocesse damaliger Zeit zeigen. Freilich gehörten ja auch die Teufel mehr in das Capitel eines geistlichen Ordens als   Geschäfte , die ihm die Ordensregel aufgab. Ordensregel, c . 59.   H. Nüchterne und müssige Philosophie gehörte mehr hinein als Rechnungen und Rathschläge, ohne die ein so verbreiteter, reicher, gewiß sehr wirksamer Orden gar nicht bestehen konnte! Mich dünkt, der Großmeister hatte mehr zu thun, als die Brüder über Einheit Gottes zu katechisiren. Einkünfte und Ruhm, Unternehmungen und Reichthum waren ohne Zweifel dem Orden das kostbarste Geheimniß der Weisheit; und bei manchen Rathschlägen darüber wollten sie gewiß nicht behorcht sein. Nun sollte ich Ihnen, mein Freund, ein Gemälde vom Verfall des Ordens und seinem schrecklichen Sturz zeichnen, was ihn zuerst in der Meinung Europens allmählich heruntersetzte und zuletzt seinen Fall bewirkte. Die Facta darüber liegen aller Welt vor Augen; der Charakter ihres Anklägers, die Lage ihres Richters ist jedem Kenner der Geschichte bekannt. Einige Acten ihres Processes sind schon in extenso publicirt; um andre müßte man sich bekümmern, daß sie ganz, nicht in Extracten, publicirt würden. Wer darüber schriebe, müßte, als ob noch gar nichts darüber geschrieben wäre, ohne Liebe und Haß gegen den Orden, am Meisten ohne eine Lieblingshypothese urtheilen, die unsern Autor offenbar irre geführt hat. Es ist augenscheinlich, daß er sein Gewebe über fremde Grundfäden zusammengeschlagen, über Grundfäden, die auch zur Fortführung der Hand Dessen bedurften, der sie zog, und nicht der Hand   Es fällt auf, daß dieser Satz im Abdrucke in den Werken nicht, wie ein paar andere, ausgefallen. Nicolai bezeichnet ihn als »schändlichste Verleumdung«, durch die Herder ihn verdächtig und verächtlich machen wolle. Er forderte ihn deshalb auf, deutlich und ohne Umschweife zu sagen, was er unter Grundfäden und darunter verstanden, daß die Fortführung derselben Hand, die sie gezogen, bedürfe. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Andeutung Nicolai's Ehre zu nahe trat, als ob Dieser sich von Andern gebrauchen lasse, da er sich bewußt war, nur »aus Wahrheitsliebe und mit völliger Unparteilichkeit« geschrieben zu haben.   D. Doch ich habe Ihre Geduld zu lange gemißbraucht. Leben Sie wohl!   Die Fortsetzung dieser Briefe verfolgt die Materie weiter, untersucht die Acten, die wir vom Proceß der Tempelherren haben, und legt ein Gemälde desselben gerichtlich und historisch dar. Sodann wird die Frage untersucht, ob der Orden nach seiner Aufhebung historisch-erweislich fortgedauert, ob er in andern Gesellschaften erneuert sei, ob vor Valentin Andreä Rosenkreuzer gewesen, ob die Freimäurer unter Karl I. und Cromwell mit den Levellers zusammengehangen, ob die Stelle in Ashmole 's Leben ächt, ob des genannten D . Knipe Commentar darüber vernünftig sei u. s. w. Da aber den meisten Lesern an historischen Erörterungen der Art wenig gelegen sein dürfte, so bleiben diese Briefe einem andern Ort. Herder hatte die Briefe nicht weiter geführt.   D.   Aus Schiller's »Horen«. 1795-1796.   Das eigene Schicksal. Die Horen. 1795, Drittes Stück. Schiller schreibt am 19. Februar 1795 an Goethe : »Herder hat uns mit einem gar glücklich gewählten und ausgeführten Aufsatz beschenkt, worin der so gangbare Begriff vom eigenen Schicksal beleuchtet wird. Materien dieser Art sind für unsern Gebrauch vorzüglich passend, weil sie etwas Mystisches an sich haben und durch die Behandlung doch an irgend eine allgemeine Wahrheit angeknüpft werden.«   D.   Man hört so oft die Worte: »Der Mensch hat doch ein eignes Schicksal«, » Sein Schicksal verfolgt ihn, es hat ihn ereilt«, oder: »Das ist nun einmal mein Schicksal, ich muß mich drein ergeben«; man hört sogar diesen Ausdruck von Familien, Königreichen , von Ständen und Geschäften brauchen, daß es wol der Mühe werth scheint, zu untersuchen, was diese Worte, an denen Trost und Schrecken, Furcht und Beruhigung, die kühnsten Unternehmungen oder die starre Verzweiflung haftet, bedeuten. Wiederum sind die Ausdrücke: »Jedermann baue sein Schicksal ; man sei der Werkmeister seines Glücks «, oder: »Unser Schicksal hänge von Dem und Jenem , es sei Mensch oder Umstand, ab«, daß auch diese, oft im gegenseitigen Sinne gebrauchten Worte der Untersuchung nicht unwerth scheinen. Ueberhaupt sind Redarten im Munde des Volks, sie mögen Irrthümer oder Wahrheit enthalten, nie unbeträchtlich. Und diese sind fast allen Nationen gemein; auch die cultivirtesten Völker des Alterthums sprachen vom eignen Schicksal , von einer doppelten Fortuna , einem glück- oder unglückbringenden Genius und Dämon , einer Moira ; und wer auf die Zauberkraft gemerkt hat, die dergleichen Worte in den größten Verlegenheiten, in den entscheidendsten Augenblicken des Lebens, oft zur Bildung und Mißbildung eines ganzen Charakters haben, dem wird die Frage: »Was ist denn das eigne Schicksal ?« gewiß nicht unwichtig scheinen. 1. Jeder Mensch hat sein eignes Schicksal, weil jeder Mensch seine Art zu sein und zu handeln hat . In diesem Verstande nämlich bedeutet Schicksal die natürliche Folge unsrer Handlungen, unsrer Art zu denken, zu sehen, zu wirken . Es ist gleichsam unser Abbild , der Schatte, der unsre geistige und moralische Existenz begleitet. Daß es einen solchen Zusammenhang der Dinge , mithin auch allgemeine, beständige, mit uns fortgehende Resultate unsrer Handlungen und Gedanken gebe, kann Niemand leugnen; denn, wie die alte Philosophie sagte, keine Wirkung ist ohne Ursache, keine Ursache ohne Wirkung. Wie wir gegen Andre handeln, so handeln Andre gegen uns; ja, sie werden von uns gezwungen, also zu handeln. Wer den Ton in Dur angiebt, dem wird, früher oder später, in Dur geantwortet; es fordert dies der natürliche Anklang, ich möchte sagen, der Widerhall unsrer Gedanken und Handlungsweise. Laß es z. B. sein, daß eine Zeit lang der Starke gegen Schwächere übermüthig seine Kräfte gebrauche; diese nehmen ab, und die Wirkung, der Ton seines Verfahrens in seinem und Andrer Gemüth ist geblieben: er findet einen Stärkeren, der mit ihm gleichmäßig verfährt oder ihm siebenfach vergilt; ihn findet sein Schicksal . Laß es sein, daß der Gutherzige lange unterdrückt werde; mit der Zeit werden sich andre Gutherzige zu ihm sammeln und ihre Kräfte mit den seinigen vereinen: er wird gerettet; denn auch seine Gutmüthigkeit stand im Buche der Zeit angeschrieben und war nichts weniger als verloren. So bei allen Gemüthscharakteren, Tugenden und Lastern. Fleiß und Trägheit, Klugheit und Thorheit, Stolz und Niederträchtigkeit, die oft ein und dieselbe Seele besitzen und wechselnd theilen, Menschenhaß und Menschengefälligkeit, Selbstsucht und Liebe, alle haben und finden ihr Schicksal , früher oder später, nach der Stärke ihrer Kraft von innen oder nach Umständen von außen; die Nemesis ist da, sie erscheint, sie ereilt. Daß diese auf tausend Erfahrungen gestützte Wahrheit bezweifelt, daß sie irgend noch als Problem angesehen werden darf, zeugt nicht von der Blödheit unsers Verstandes, sondern von unserer blöderen Aufmerksamkeit in moralischen und menschlichen als in andern physischen Dingen. Alle wissen wir, daß die Echo uns nur den Schall unsrer Worte zurückgiebt, daß, wie wir fragen, sie uns antworte. Niemand zweifelt daran, daß in eben dem Winkel, in welchem der Ball, die Kugel, das Hagelkorn, der Lichtstrahl anprallten, sie auch abprallen; die Bewegungen der Kräfte im Stoß, im Druck, im Reiben u. s. w. sind von der Mathematik nach ihrem innern Gehalt, nach Zeit, nach Medien, nach Form und Inhalt der Gegenstände unter allgemeine Gesetze gebracht und berechnet. Wie? und in der geistigen, der moralischen Welt, im Reich der feinsten, der wirksamsten, der schnellsten Kräfte sollte es dergleichen Naturgesetze nicht und überhaupt keinen Zusammenhang geben? Eben hier herrscht der feinste von allen; und ich glaube dem ersten Lehrer der christlichen Religion aus Einsicht und Erfahrung, daß, wie wir geben, uns gegeben werde , daß, wie wir richten, auch wir unser Urtheil empfangen ; daß das kleinste und größte Gute und Böse , seiner Art und Natur nach, vergolten werde in dieser und jener Welt . Matth. 7, 2; Luc. 6, 38.   D. Dem eignen Schicksal entgeht Niemand, oder die Kette der Natur müßte brechen; das Licht müßte nicht mehr leuchten, die Flamme nicht wärmen, der Schall nicht tönen; vorausgesetzt, daß menschliche Organe dieser Empfindungen fähig sind, und daß man Alles im großen, unermeßlichen Zusammenhange betrachtet. Ich bin fest überzeugt, daß, je mehr unsre Aufmerksamkeit auf Dinge dieser Art gewandt und unser reine Sinn für den Zusammenhang der geistigen und moralischen Welt, an deren Dasein jetzt Mancher zweifelt, geschärft würde, uns ein neues Licht hierüber aufgehen müßte. Ehe uns dieses als Wissenschaft aufgeht, lasset uns in unserm Busen unser eigenes Schicksal als einen Apollo befragen. An welchem Unfall war nicht unser Unbenehmen, an welchem Unglück nicht unsre Thorheit Schuld? Wir säten frühe, was wir später ernten und ernten werden. Auch fehlte uns zu diesem Verhältniß niemals in unserm Herzen der Exponent , der Weiser . Gehe, sagt mein Blatt, geliebter Leser, auf einem Spaziergange etwa, wenn Du das Laub sprossen, die Blüthe treiben, die Bäume Frucht tragen, die Blätter fallen oder das gesäte Korn unter dem Schnee begraben siehst, gehe die vornehmsten Auftritte Deines Lebens durch, so rasch oder so langsam, als Du die Schritte zählst. Von der Art an, wie Du in der Kindheit Deine Wärterin oder Deine Eltern, Deine Freunde und Gesellen, Deine Lehrer und die Geliebte Deiner Jugend behandelt, wie Du nachher jede Deiner Situationen vollendet und unvollendet, mißvergnügt oder befriedigt, beleidigend oder beleidigt verlassen hast, wie Du jeden Augenblick nütztest oder sorglos vorbeistreichen ließest, Menschen belogst oder großmüthig, edel, unschuldig, liebevoll warst: so, wird Dir Dein Herz sagen, ward und wird Dir Dein Schicksal. Vieles, wird es Dir sagen, ist noch ungebüßt; Vieles reift noch zur Ernte. So schamroth Du Jenem und Diesem vors Auge treten müßtest, so gewiß ist dies innre Auge in Dir, und keine Treulosigkeit, keine Unachtsamkeit ist in die Lüfte verflogen. Den Ego , der sie beging, trägst Du mit Dir; das Buch der Zeiten ist in Deinem Herzen; Deinem Bewußtsein kommen, oft an sehr unrechtem Ort und unerwartet, alte Schulden zurück; jeder falsche Wechsel, der Andre kränkte und mürbe gemacht, kommt Dir zur Rechnung. Die Zeit ist ein strenger Buchhalter, ein wahres Continuum der Dinge , das nichts übersieht, das nie belügt. Frage Dein Herz, und es wird Dir sagen, was gebüßt sei, oder was noch gebüßt werden müsse; denn Dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat Deines Charakters . 2. Das Schicksal scheint inconsequent mit uns zu handeln, weil wir selbst inconsequent sind. Es ist mächtig groß, weil wir selbst sehr klein sind . Gewöhnlich legt man dem Schicksal Inconsequenzen bei und nennt diese Zufall . Es giebt Zufälle in der Welt, und deren sind unendlich viele; um so mehrere treffen uns , je mehr uns Alles Zufall ist, d. i. je weniger wir consequent handeln. Da wird uns zuletzt Alles Zufall. Das Wort Schicksal deutet indessen ganz etwas Anders an, eine Reihe , eine unwandelbare Ordnung nach festgestellten Grundsätzen , seien diese in unserm oder in einem höheren und dem höchsten Gemüthe. Es wäre sehr anmaßend, zu denken, daß im ungeheuren Inbegriff aller Dinge nirgend eine Consequenz sei, als die das schwache menschliche Gemüth hineindichtet. Gerade umgekehrt sehen wir die ungeheuerste Consequenz im Reich der Natur und finden den Samen der Inconsequenz allein in uns; und finden zu eben der Zeit, daß diese Inconsequenz, als ein Attentat gegen die zusammenhangende Natur, uns mächtig strafe. Kein Verbrechen solcher Art findet Verzeihung; weder durch Reue kann es gebüßt, noch durch Thränen versprochener Aenderung weggeheuchelt werden. Und so lange die Menschen nicht die thörichte Vermessenheit aufgeben, »sie können dem Gange der Natur Trotz bieten und als überirdische Wesen die Gesetze derselben ändern«, so lange verfolgt und ereilt sie billig ihr Schicksal . Nicht der Mensch, keine Classe von Menschen hat die Gesetze der Natur gestellt; unter ihnen ist er da, und er muß ihnen gemäß leben. Kleinheit des Geistes also ist ein Attentat gegen die Majestät der Natur und muß als solche ihr Schicksal finden. Vom frechen Stolz gezeugt, von lüsterner Trägheit empfangen, von sinnloser Gewohnheit gesäugt und von Schmeichelei erzogen, was kann sie Anders sein und geben, als was sie ist ? Vernunft- und gesetzlos könnte sie die Ordnung der Dinge ändern? Groß, so lange das Andre um sie her klein ist; stark, so lange man keine andre Stärke kennt, kann sie leicht in die narkotische Ueberzeugung gerathen, daß außer ihr nichts groß und stark sei; ändern sich die Umstände, erwachen andre Kräfte, so ereilt die kleine Schwachheit ihr Schicksal . Gleicherweise sträubt sich die Natur des Gesammten gegen den Egoismus ; denn was ist ein Mensch, wenn er auch der Weiseste, der Stärkste, der Kühnste wäre, gegen den Inbegriff der Dinge um ihn her und gegen die Folge der Zeiten nach ihm? Welcher Mensch findet nicht Seinesgleichen? welches Talent erlebt nicht die Zeit, daß man seiner gnug habe? welche selbstsüchtige Macht muß nicht der Allmacht weichen, die um sie her ist? Sehet hier den vergrünten Baum, die veraltete hohle Weide, dort den eingestürzten Berg, hier die abgemähte Flur, dort den zerfallenen Thurm, hier die verstummte Nachtigall und Lerche: alle sind, wozu sie die Natur, ihr Schicksal geordnet. Keine Nachtigall schlägt im Winter, und kein Palmbaum hat eine Cypresse zu sein begehrt. Hier also liegt das sogenannte eigne Schicksal der Verfassungen, Stände und Reiche . Sofern sie ein mechanisches Gerüst sind, wer mag der Natur der Dinge widerstreben, daß jedes nicht einmal als das, was es ist , erscheine? Die alte Treppe zerfällt; die alte Latte wird unbrauchbar; dies Dach schützt nicht mehr; jener Stuhl ist morsch und mürbe: was hat sie in solchen Stand gesetzt als die Zeit und die Nachlässigkeit der Hände, die jenes Dach nicht besserten, diesen Stuhl nicht erneuten, die thaten, als ob das Schicksal ihnen dienen sollte, und sie durchaus nicht dem Schicksal dienten! Sie also waren inconsequent gegen die consequente Reihe der Dinge, gegen die zusammenhangende Kette von Wirkungen und Folgen. Sollen wir nun wünschen, daß Luft und Zeit gegen Alles, nur nicht gegen diese arme hohle Weide, gegen diese Treppe, gegen diesen morschen Stuhl sich als Luft und Zeit erweise? Sollen wir wünschen, daß der Argus mit tausend Augen sie nur gegen diese Gegenstände verschließe, mithin sein ganzes Geschäft des Wachens aufgebe? So nah uns diese Wünsche liegen, so werden wir ihnen entsagen, wenn wir bemerken, daß der Genius der Welt der zartesten Lieblingsneigung, die gegen sein Geschäft ist, nicht schonen könne; denn dies Geschäft ist nichts, als zu zeigen, daß Jedes sei, was es ist, daß das Veraltete veraltet sei, daß das Todte nicht mehr lebe. Wenn Menschen dies nicht durch Vernunft begreifen wollen, lernen sie es durch Erfahrung. Man durchgehe den Compaß seines eignen kleinen Schicksals: das Meiste, das wir ihm zur Inconsequenz anrechneten (das große Rad der Dinge ausgenommen, auf welches wir geflochten sind, und das wir nicht zu lenken vermögen), rührte von unsrer eignen Inconsequenz her. Wir blieben unserm Beruf nicht treu; wir gingen aus unserm Charakter; da verfolgte, da ereilte uns das Schicksal; d. i. unsre Inconsequenz stieß gegen seine consequente Natur an und zerstieß sich die Stirn oder dem Faß den Boden. Wir fühlten, daß wir nicht so handeln sollten; wir handelten also, und es mißlang; da sagen wir dann: »Jener Mensch ist mir immer ein fataler Mensch gewesen; ich fühlte, daß ich mit ihm nichts zu schaffen haben sollte, und widerstrebte meinem warnenden Dämon.« Da nennen wir sogar den Ort , die Zeit , die Stunde fatal , sind gewohnt, den unschuldigsten Dingen Schuld beizumessen und sie uns als Dienerinnen des Schicksals mit düstern Farben zu bezeichnen, blos und allein, weil sie uns an unsre Inconsequenz und Schwäche, an den gebrochenen Bund mit unserm Bewußtsein vor dem heiligen Altar unsers Herzens erinnern. Sollte man die Menge der Unglücklichen abhören, die nach ihrem eignen Bewußtsein durch ihre Schuld unglücklich wurden, so würde sich immer das Bekenntniß wiederholen: »Nur durch Schwäche, durch Ungehorsam gegen mich, durch Inconsequenz ward ich unglücklich.« Also 3. Vermeide Jeder, so viel er kann, der Sclave einer fremden Bestimmung zu werden, und baue sein eigenes Schicksal . Am Loose eines Andern, der uns nahe ist, Antheil zu nehmen, ihm, wo wir können, mit Rath zu helfen, seine Last zu erleichtern, sein Glück zu fördern, gebietet uns Allen Menschenliebe, oft Freundschaft, Pflicht und Tugend. Aber uns selbst, vielleicht auf lebenslang zu verlassen, um einem fremden Genius zu dienen, ihm mit Aufopferung unsrer selbst blind zu folgen, das verbietet uns unser Genius, der, wenn wir seine Warnung nicht achten, zu seiner Zeit dafür hart straft. Es giebt imperatorische Menschen, die von der Natur dazu bestimmt zu sein glauben, die Führer Andrer zu sein, in entscheidenden Augenblicken über ihr Schicksal zu gebieten und es mit einem Wink zu lenken. Wohl, wenn sie auch Herren dieses Schicksals wären und ihre Macht sich bis in die Brust des Andern erstreckte, dessen Verhängniß aus ihrer Meinung sie zu bestimmen wagen. Da dies aber nicht ist, so bleibt Dem, der Andre für sich rathen, wählen, sorgen ließ, zuletzt nichts übrig, als entweder die von einem fremden Verstande verwickelten Fäden mit eignem Verstande, so gut er kann, aufzulösen oder dem Wagen des Andern, der über sein Schicksal gebot, demüthig zu folgen. Will er großmüthig ein Auge auf Dich werfen und mit den Zügeln, in denen Du daherschleichst, seine Hand bemühen, so ist's Gnade; wo nicht, so schreibe Dir's selbst zu, wenn Du dafür geachtet wirst, wofür Du Dich selbst achtetest, da Du Dich als eine unbedeutende Zahl der hohen Nummer beigeselltest. Versöhne Deinen Genius, so viel Du kannst, und mache Dich selbst geltend! Es giebt Verbindungen in der Welt, da das Schicksal eines Menschen durch Naturgesetze an das Schicksal des andern geknüpft ist. So folgt das Weib dem Schicksal des Mannes, und es ist jederzeit etwas gefährlich, wenn er dem Schicksal des Weibes folgt. So sind Unmündige an den Rath und Willen, an den Stand und die Beihilfe ihrer Eltern und Vormünder geknüpft; bald aber lehrt der Vogel seine Jungen fliegen, und wenn sie den Flug erlernt haben, treibt der Adler sie selbst aus dem Neste. Durch Bande der Liebe und des Zutrauens sind Freunde verknüpft; es schlägt in ihnen ein Herz ; ihre gemeinschaftliche Seele sorgt für einander. Zeiten der Gefahr, Unternehmungen voll Muth und großer Gesinnung erheben, stärken, verknüpfen die Seelen, Jeder vergißt sein Ich und wohnt in der Brust des Andern oder vielmehr am gemeinschaftlichen Ziele. Lebensverhältnisse einer langen Bekanntschaft, die süße Gewohnheit einer dauernden Vertraulichkeit und Freundschaft bringen stille Gemüther sehr nah und enge zusammen, daß der Eine dem Schicksal des Andern wol auch im Tode selbst folgt. So wünschte Horaz mit seinem Mäcenas zugleich zu sterben; ihm ward sein Wunsch gewährt, er starb ein Jahr nach ihm. Und so ist's eine bekannte Sache, daß alte Freunde, liebende Ehegatten einander im Tode oft nachfolgen; der eine Theil blieb verwaist zurück, konnte und wollte keine andre Bande knüpfen; er folgte dem andern an der sanften Hand eines gemeinschaftlichen Schicksals . Was Natur und Liebe thut, wird Selbstsucht, Ehrgeiz, angeborner oder gewohnter Befehlhabergeist nie vermögen. Diese trennen die Gemüther, statt sie zu verbinden; denn auch nach langer Täuschung kommt der Gefesselte auf den traurigen Erfahrungssatz zurück: »Du wirst nicht geliebt, nicht geachtet.« Und da mangelnde Liebe und Achtung durch nichts ersetzt werden kann, so lösen sich manche mühsam zusammengehaltene Verbindungen endlich in jenen Schluß einer Vorlesung über die Freundschaft auf: »Meine Freunde, es giebt keine Freunde, als die das Herz, die Natur und eine lebenslange Erfahrung knüpfte.« Es gab Zeiten, da eine Menge Menschen mit ganzem und süßem Zutrauen ihr Schicksal an das Schicksal eines großen Mannes, sogar seiner Familie knüpfte; ihn ließ sie für sich denken und wollen; sie vollbrachte seine Befehle, als wären diese von ihnen selbst gestellt und bekräftigt. Dies Zutrauen konnte nicht anders aufkommen und gedeihen als dadurch, daß der große Haufe sah, er befinde sich bei diesem Zutrauen wohl; das Glück, die Würde, die Thätigkeit des großen Mannes sei wirklich sein besserer Genius, sein Schutzgeist . Sobald sich aber diese Verhältnisse änderten oder gar verkehrten, so daß sichtbarerweise das Glück des Führenden nicht eben oder immer das Glück des Geführten, ja jener sogar auf Kosten der Unglücklichen glücklich war, so mußte sich natürlich das Band dieses hingebenden Zutrauens schwächen; zumal wenn man von Seiten der Führer sich alle ersinnliche Mühe gab, dem Volk eindrücklich zu machen: »das Glück, die Macht, der Wille, die Würde, die Ergetzungen des Hirten sei eine separate Oekonomie und nicht das Schicksal der Heerde«. Seitdem wurden es eitle Schmeicheleien, wenn die Römer bei dem Genius ihres Imperators als bei ihrem Gesammtgenius schwuren; sie wußten alle, daß der Geist eines Tiberius, Caligula, Claudius, Nero und ihrer Consorten dies nicht sei. Indessen blieben sie bei der familia Julia, Flavia und ließen zuletzt Soldaten den Mann wählen, an den das Schicksal des Reichs geknüpft sein sollte. Wie in jedem Stande die Besten nur die Wenigsten sind, so waren es auch unter den Imperatoren nur die Wenigsten, die ihren hohen Beruf, » Schicksalsgötter des Reichs zu sein«, nicht nur kannten, sondern auch edel erfüllten. Auch als Imperatoren waren sie Beamte, Privatpersonen , auf denen die Last des Reichs ruhte, an die das Schicksal der Völker geknüpft war. Ohne die mittleren Jahrhunderte zu durchgehen, wollen wir nur Eins bemerken, dies nämlich: daß Cultur , d. i. der wahre Geist der Aufklärung, zwar das blinde Zutrauen schwäche und das alberne gar zerstöre, dagegen aber ihrer Natur nach das gegründete Zutrauen desto unverletzlicher mache, indem sie es zur Regel der Vernunft selbst erhebt . Je mehr der leere Wahn, der an unwesentlichen Dingen hing, schwindet, desto mehr lernt man dem Wesentlichen vertrauen und sich unter ein Schicksal, dessen Gesetze man erkannt hat, fügen. Alle Verirrungen des menschlichen Verstandes, alle gräuelvolle Scenen, die von wilden oder verkappten Leidenschaften gespielt werden, aller verlarvte Betrug muß, wenn er in seiner Natur oder in Folgen erkannt wird, zuletzt auf Grundsätze der Wahrheit führen; und diese können in unserm Capitel keine andre sein, als daß, so viel möglich, jeder Mensch die Macht, die Geschicklichkeit und Bequemlichkeit erhalte, unter Gesetzen des öffentlichen allgemeinen Wohls sein Schicksal selbst zu leiten . Will er's einem Andern vertrauen, so wird's ihm Niemand wehren; er merke sich aber dabei eine geprüfte Erfahrung, daß Der, der uns viel Gutes erzeigt hat, oft wider seinen Willen uns auch Böses erzeigen könne, so daß zuweilen auch hier die Schalen der Wage im Verfolg der Zeiten gleich schweben. 4. Das Leben des Menschen ist auf Lebenszeiten berechnet, so auch sein Schicksal. Eine Begebenheit ist auf Momente berechnet, so auch ihr Schicksal . Ueber den Zusammenhang der menschlichen Lebensalter bedarf es keiner Dissertation; wir erkennen sie Alle und sehen ihren Bau auf einander. Wer im Frühlinge nicht sät, wird im Sommer nicht ernten, im Herbst und Winter nicht genießen; er trage sein Schicksal! Wer als Greis thun will und nicht mehr zu thun vermag, was er als Jüngling mit Ehren thun dürfte, geräth an eine unrechte Hora ; er trage sein Schicksal! Jedermann hat hierüber den Compaß in sich, der ihm sagt: »Jetzt ist es Zeit, jetzt nicht mehr Zeit, die Stunde ist vorüber.« Will er das Schicksal herausfordern, so wage er's auf seine eigenen Kosten. In der Jugend darf man wagen; das Glück, sagt man, ist ein Weib, es gefällt sich an Etourderien der Jugend. Wehe Dem aber, der diese über den Punkt bis zum Alter hinaus treibt! wehe Dem, der von allen Wagnissen jüngerer Jahre, in welchen das Glück ihm beistand, nichts als einen übeln Namen und ein Bewußtsein lauter nichtiger, verfehlter Plane davonträgt! Er hat sich einen übeln Winter bereitet und darf nicht eben mit Freude sagen: »Das ist mein Schicksal.« Von Schriftstellern und berühmten Männern braucht man den Ausdruck: »Um diese Zeit hat er geblüht .« Von berühmten und glücklichen Schönen sagt man ein Gleiches. Mancher blühte wie der Feigenbaum, früh, ehe noch seine Blätter da waren; die Blüthe ging bald vorüber. Mancher wie der Mandelbaum, spät und bei grauen Haaren; daher er auch seine Blüthe ins Grab nimmt. Der nüchterne Mann, der sich die Sophrosyne zur Freundin erwählte, weiß, wenn er blühen und nicht mehr blühen, wenn er Früchte bringen soll. Er will und mag seine Jugend nicht verlängern, nicht das Höchste seines Lebens zu einem noch Höheren treiben, sondern bereitet sich, so lange es sein kann, zu bestehen und allgemach hinabzuschreiten . Die Göttin Nüchternheit bewahrt ihn vor dem bösen Schicksal, sich selbst zu überleben. Er ändert seine Kleider nach der Jahrszeit und erlebt zuweilen im Herbst eine verspätete Rose oder nach ruhig durchlebtem Winter die ersten Veilchen eines neuen Frühlings. Traurig ist's aber, wenn eine schlechte Verfassung der Menschen den Greis wider seinen Willen zum Jünglinge, zu einem Brautwerber des Glücks, der Gunst und des Beifalls mit grauen Haaren macht, damit er und die Seinen nicht Hungers sterben. Hinter dem funfzigsten Jahre sollte wol kein würdiger Mann mehr betteln dürfen, wenn er dreißig derselben in nützlicher Arbeit hingebracht hat. Meistens hat sich in diesen dreißig Jahren die Welt und er selbst so verändert, daß er nicht mehr von vorn anfangen kann; so wenig es dem Strom, der dreißig Meilen fortfloß, zuzumuthen ist, daß er zur Quelle zurückkehre. Einen verdienten Mann im Alter seinem Schicksal zu überlassen , ist eine Undankbarkeit, von der auch die Wilden nichts wissen, bei denen das Alter geehrt ist und der Jugend mit seinem geprüften Rathe dient. Jede Begebenheit endlich hat ihre Momente des Daseins ; vom Kleinsten fängt sie an, steigt langsam oder schnell zu einem Höchsten, von welchem sie wieder zum Minimum sinkt. Wer diese Begebenheit veranlaßt oder in sie wirkt und eingreift oder ihr entgegenstrebt, hat diese Momente ihres Schicksals zu bemerken. Manches Feuer läßt sich im Funken ersticken; wer aber, wenn die Flamme auflodert, blind in sie hineingreift, verbreitet sie eher, als daß er sie dämpfe. Was nicht gerettet werden kann, brenne; man sondre das Nächstgelegene von ihm ab, daß es an diesem fremden Schicksal nicht Theil nehme. Ueble Barmherzigkeit, die den umherfliegenden Funken und Feuerballen Häuser und Kammern öffnet! In aller Geschichte waren Die Helden des Schicksals , die den Gang der Begebenheiten, die kritischen Tage der Krankheit, überhaupt die Reife der Dinge gesund zu beurtheilen wußten. In eignen Unternehmungen nutzten sie die Schwäche sowol als die Stärke der Menschen, erweckten, was in Trägheit schlief, veränderten durch neue oder neugebrauchte Hilfsmittel den Gang der alten Gewohnheit, brachten ihre Gegner aus der Fassung und wandten die Unglücksfälle selbst zum Glück an. Fremden Unternehmungen setzten sie sich am Kräftigsten dadurch entgegen, daß sie solche entweder im Keim vernichteten oder den Apfel reifen ließen, bis er in ihren Schooß sank. Statt neuer Tafeln des Schicksals sicherten sie sich und ließen jede Hora ihr Werk vollenden. Sehr unterrichtend ließen sich diese Anmerkungen mit Beispielen der Geschichte belegen und auf große oder kleine Veränderungen der Welt anwenden; wir wollen indeß lieber, den vorigen Grundsätzen gemäß, noch einige Schicksalsworte durchgehen, deren Mißbrauch viel Böses stiftet. Man spricht z. B. von glücklichen oder unglücklichen Menschen ; »jene dürfen sich Alles erlauben, und es gelingt; diese verfolgt auch bei den besten Unternehmungen ein Unhold , ihr unglückliches Schicksal.« Der Ursprung dieser Benennungen fällt in die Augen. Es giebt, wie man sagt, glücklich geborne Menschen, denen Alles geräth, denen Alles wohl ansteht. Ihr Anblick gewinnt die Herzen, ihr Betragen schafft ihnen Freunde, ihre Zuthätigkeit zu Menschen bringt Menschen auf ihre Seite, ihre Behendigkeit, ihre Klugheit läßt sie nicht leicht einen Mißgriff thun; dies Glück flößt ihnen Zutrauen zu sich, Andern Zutrauen zu ihnen ein, es macht ihnen Muth   nur daß dieser Muth kein Uebermuth werde!   Auch sie haben einen höchsten Punkt , den sie nicht überschreiten dürfen; sonst sagt das alte Sprichwort: »Die hohen Steiger fallen gern; die guten Schwimmer ertrinken gern.« Julius Cäsar , der diese Zuversicht zu sich in hohem Maß und doch nicht im Uebermaß hatte, der mit so vieler Würde sprach: »Fürchte Dich nicht! Du fährst den Cäsar«, und sich auch in den letzten Tagen, da er schon mißtrauisch zu werden anfing, dennoch der Republik unentbehrlich und sicher glaubte, irrte sich an seinem Glück: er ward ermordet. Der Gedanke, daß uns das Unglück verfolge, ist ein böser Dämon; er macht trübsinnig, scheu, verzagt, mißtrauend, unzufrieden mit sich und Andern, endlich kühn, verzweifelnd; er wird also seiner Natur nach unsers Unglücks Vater und Stifter . Frühe muß man diesen bösen Geist vertreiben und einem jungen Mann nicht durch Worte, sondern durch wohlbestandene Proben zeigen, daß er Glück habe . Ein Freund thut hier oft mehr als ein Lehrer; Pylades und Minerva heilten den jungen Orestes . In spätern Jahren kommt es bei diesem Gedanken darauf an, daß man sich frage: »weshalb man unglücklich sein müsse«. Ist's, weil alte Schulden auf uns liegen, so büße man diese und zahle sie ab; so lange leide man in der Stille. Oder weil man in sich eine ungesellige, widrige Denkart bemerkt; wolan! so werde ein Arzt Deiner selbst; in Dir ist das Uebel, und die Vorsehung wird (glaube es) auf tausend Dir jetzt unbekannte Weisen Deinen Bemühungen beistehen! Oder meinst Du, Du seist für Andre ein unglückbringendes Wesen, forsche auch diesem schwarzen Gedanken nach, woher er komme. Versuche es und widerlege ihn durch die That! Deine Proben werden glücklich sein, Herzen werden Dir entgegenkommen; Du wirst überzeugt werden, daß Du zum Glück da sein könnest , weil Du zu ihm da sein sollst . Die Natur und Dein Herz werden ja nichts Unmögliches als Pflicht von Dir fordern. Wenn's unglückbringende Menschen giebt, so sind es nicht diese trübsinnigen, sondern jene kecken, stolzen, frechen Menschen, die sich dazu berufen glauben, Alles zu ordnen, ihr Bildniß Jedermann aufzuprägen. Verstanden und mißverstanden, machen diese viele Verwirrung; sie rücken die Stühle von ihrem Ort, rücken Menschen aus ihrem Gedankenkreise, prägen diesen ihre Grundsätze ein, nach denen jene doch nicht handeln können, und verwüsten damit menschliche Gemüther. Gut, daß diese Dämonen, sie mögen offenbar oder verstohlen handeln, selten erscheinen; wenige von ihnen können auf Generationen Unglück verbreiten. Gegen sie aber sollten sich alle gesetzten Gemüther vereint wappnen. Man spricht oft von unglücklichen Familien ; und warum sollte es deren nicht geben? Erben sich nicht falsche Grundsätze und Gedankenverwirrungen, böse Anlagen und Leidenschaften wie Seuchen und Gebrechen fort? und werden sie nicht oft durch Erziehung genährt? Die Geschichte zeigt uns Exempel derselben und giebt uns zugleich guten Rath an die Hand. Kannst Du, so heile das Familienübel , und es wird eine gesunde Sprosse hervorblühn, die den Unglücksnamen hinwegnimmt, die vom bösen Dämon das Haus reinigt. Kannst Du es nicht, so knüpfe, wenn der scheue Genius Dich warnt, Dein Schicksal nicht an das Schicksal des Dir gefährlich scheinenden Hauses! Oft, singt Horaz , Carm., III. 2. 29-32. Vgl. Herders Werke, VIII. S. 41.   D. »traf den Unschuldigen Zusammt dem Schuld'gen Jupiter's Rächerstrahl. Mit hinkendem, doch sicherm Tritte Folgt dem Verbrecher die ernste Strafe.« Wenn es aber unglückliche Familien giebt, warum sollte es nicht auch glückliche geben? Es giebt deren, die Wahrheit, Verdienst und Geschichte ausgezeichnet haben; ihnen sich zugesellen, giebt Aufmunterung, Trost und Muth. Die Laren und Penaten , die Genien der Geschlechter sind heilige Götter; natürlich aber nur in dem Heiligthume, das ihrer werth ist. Sonst ist's überhaupt keine menschenfeindliche Regel der Klugheit, sich vor Denen zu hüten, die, wie man sagt, das Schicksal ausgezeichnet hat . Wie man nicht gern und aufs Gerathewohl einen Dienstboten annimmt, der von seinen vorigen Herren mit oder ohne Grund weggejagt worden; wie man Dem nicht eben am Liebsten sein Geschäft anvertraut, der wegen mißrathener Geschäfte berühmt ist, noch Den zu seinem Rathgeber erwählen wird, dem bisher alle seine Plane verunglückten: so wird man immer auch behutsam sein müssen, einem notorisch Unglücklichen ein Geschäft zu überlassen, bei dem es auf Glück ankommt. Und bei welchem Geschäft käme es im rechten Sinne des Worts darauf nicht an? Wer bürgt Dir dafür, daß er an seinem Unglücke ganz unschuldig war? wer ist Dir bei seinem besten Willen für Dein Geschäft Bürge? Oder willst Du die Probe machen, das Glück zu belehren, daß es gegen ihn Unrecht gehabt habe? Was hängt weniger mit uns zusammen als unser Name ? Und doch zeigt die Geschichte, daß es Fälle giebt, wo man wohl thut, sogar unglücklich geglaubten Namen auszuweichen. Wie oft hängt der Menschen Wahn an einem Wortschall! und wie Vieles hängt nicht bei Glück und Unglück am Wahn der Menschen! Im schönsten Sinne des Worts ist mein eignes Schicksal , das ich mir selbst durch Arbeitsamkeit, Mäßigung, Gnügsamkeit, Verstand und Tugend erwerbe. » Wozu Jemand Lust und Liebe hat, das bekommt er sein Leben lang gnug «, sagt das schöne deutsche Sprichwort; es kommt also nur darauf an, daß man zum Rechten und Besten Lieb' und Lust habe und es mit unablässigem Fleiß treibe. Früher oder später kommt man gewiß zum Ziele. » Was Einem Gott beschert, nimmt ihm St. Peter nicht «; item: » Gott begegnet Manchem; wer ihn nur grüßen könnt' «; eine Reihe dergleichen sinnbildliche Redarten in unsrer alten Sprache sind von der treffendsten Wahrheit. Das » Nicht zu viel !« » Maß ist zu allen Dingen gut !« rathen sie uns treuherzig an, und vom falschen Zutrauen , vom Umherlaufen , von der Allthuerei treuherzig ab. Das » Vierzehn Handwerk, funfzehn Unglück « ist ein goldenes Wort; desgleichen: » Du hast viel zu schaffen und wenig auszurichten .« » Wer auf Gnad' dient, den lohnt man mit Barmherzigkeit .« » Wer's kann, dem kommt es «, » Recht findet sich « u. s. w. Sei, wer Du sein sollst, und thue das Deine, so wird Dich das Glück, Dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Wage Deines , keines fremden Schicksals ist in Dir. Jetzt sollte ich noch vom eignen Schicksal ganzer Nationen reden, von dem in der Geschichte vortreffliche Sibyllenblätter enthalten sind; einer andern Hora können sie werden.   Homer und Ossian. Die Horen. 1795, zehntes Stück.   D.   Das große Geschäft, das den Händen der Zeit anvertraut ist, Kunstwerke der Menschen ans Licht zu fördern, lebendige Geburten des Geistes wachsend zu machen, ihnen Fülle, Blüthe, endlich auch Frucht in andern Hervorbringungen zu gewähren, dies Geschäft bildet eine goldene Kette menschlicher Geister . Wo irgend ein Name aus der Vergangenheit hervorblickt, der auf einen Punkt der Vollkommenheit traf, an den heften sich früher oder später die Namen Derer, die sein Werk forttrieben. Vielleicht erlöschen diese Namen; aber das Werk, der Name des Anführers bleibt; ihre Bemühung selbst theilte Jenem neuen Glanz mit. Wer da hat. dem wird gegeben ; Matth. 13, 12.   D. die gesammte Nachwelt arbeitet sodann in des großen Meisters Schule. Im Orient sind die Namen Salomon's, Lokman's u. A. bekannt. Was an Natur-, an Spruch- und Fabelweisheit späterhin erfunden ward, ward an jene Namen im Tempel der Unsterblichkeit geheftet; es hieß Lokmanische, Salomonische Weisheit. So hießen die spätesten Psalmen immer noch Davidische Psalmen; durch ganz Morgenland ist Alexander als Zerstörer, Soliman als Erbauer alles Großen und Prächtigen berühmt; sie gelten als fortlebende Monarchen im Reich der Zeiten. Bei den Griechen nicht anders. An Homer, Hesiod, Aesop, Anakreon, Sappho, Theognis u. s. w. reihte sich, was sich an sie reihen konnte; namenlos traten spätere Krieger in die Glieder dieser alten Feldherrn, und die neuere Kritik wendet oft fast vergebliche Mühe an, bei diesem und jenem Werk Urheber und Zeiten zu sondern. Pythagoras und Plato lebten nach Christi Geburt zum zweiten Mal in philosophischen Schulen auf; ihnen ward zugeschrieben, woran sie hie und da schwerlich gedacht hatten; ihre Gestalt wuchs auf der Schwinge der Zeiten. Sollte es mit Ossian anders sein? Wir wollen nicht behaupten, sondern auch bei ihm wie bei Homer Das vorige Heft hatte den Aufsatz »Homer, ein Günstling der Zeit« (Herder's Werke, VII. S. 251-274, vgl. das. S. 28 ff.) gebracht.   D. dem Gang der Zeit, wie sie uns ihn offenbarte, folgen. 1. Viele Leser werden sich erinnern, was für ein süßes Staunen die Erscheinung Ossian's in den Jahren 1761 bis 1765 gewährte. Zuerst traten kleine Gesänge als Fragmente hervor, und vielleicht sind mehrere Liebhaber Ossian's, die ihn in dieser Gestalt, in der sie ihn zuerst kennen lernten, immer noch am Meisten lieben. In kleinen romantischen Erzählungen wurden wir mit Shilrik und Vinvela , mit Connal und Crimora , mit Ronnan und Rivina , mit Fingal, Ossian, Oskar, Minona bekannt; wir hörten die Gesänge Selma 's; Comala erschien; Carthon, der Tod Cuchullin's, Berrathon, Carricthura . Uebersetzt erschienen diese einzelnen Gedichte unter dem Titel: Fragmente der alten hochschottländischen Dichtkunst . Hamburg 1704. Auch Fingal, ein Heldengedicht nebst verschiednen andern Gedichten Ossian 's. Hamburg 1764.   H. Allenthalben sahen wir Scenen der Unschuld, der Freundschaft, der väterlichen, kindlichen, der Bruder- und Schwesterliebe und hörten von der Wehmuth getrennter Liebenden und Gatten die rührendsten Töne. Offenbar trug die abgerissene Gestalt dieser Erzählungen, ihre hohe Einfalt und, wenn ich so sagen darf, ihr niedrer Himmel, ihre schmale Einfassung zu dem Eindruck bei, den sie auf alle, insonderheit jugendliche Seelen machten. Wie aus der Ferne, aus einer Höhle, über das Meer, vom Thal oder von Gebirgen der Nebelinsel her hörte man süße Stimmen und sah wie im Traume die engbeschränkte, von Wolken umfaßte Hütte der Edeln und Geliebten. Fingal erschien, bald auch nebst andern Gedichten Temora . Sie wurden als Epopöen angekündigt, die mit Homer wetteifern und ihn wol gar übertreffen sollten. Dahin zielte in mehreren Anmerkungen Mac-Pherson selbst, Ossian's unsterblicher Herausgeber; dahin Hugh Blair 's kritische Abhandlungen, Uebersetzt von Denis im dritten Band seines Ossian 's; sowie auch durch die ganze Sammlung hin Cesarotti's, Mac-Pherson's Noten.   H. noch mehr Cesarotti 's Anmerkungen zu seiner italienischen Uebersetzung dieser Gedichte. Dem zufolge sang Denis in wohlklingenden Homerischen Hexametern, mit lyrischen Silbenmaßen untermischt, sie den Deutschen vor und gab ihnen dadurch noch mehr das Ansehen eines einförmig fortgehenden Ganzen. Mehrere Uebersetzungen in Prose folgten. Zugleich aber erschienen auch Einwendungen und Zweifel , die von sehr verschiedner Art waren. Ein vollständiges Verzeichniß dessen, was über Ossian gestritten und geschrieben worden, liegt außer meinem Wege; wahrscheinlich ist's auch von Andern schon geliefert worden.   H. Die irländischen Zweifel dünkten mir vom wenigsten Belange. Irland nämlich (Erin) wollte sich Fingal und Ossian landsmännisch zueignen; es reclamirte den Sänger wie den Helden. Fingal sollte Fion oder Fin , König in Leinster, Ossian sollte Oisin , der Sohn Fion 's, gewesen sein u. s. w. Eine Abhandlung hierüber ist in den Unterhaltungen (Hamburg 1766. B. 1. S. 329 ff.) übersetzt worden; gut, daß wir mit mehreren dergleichen verschont geblieben.   H. Auf Alledies, dünkt mich, kann man kurz antworten: » Beweiset, daß er es gewesen . Bringet irländische Gesänge, schönere Gesänge hervor, als die Schotten hervorbrachten, und wir wollen Euch glauben.« Sei Fingal in der Geschichte, wer er wolle; in Ossian's Gedichten ist er nicht Fion oder Fin in Leinster mehr, sondern Fingal, der König der Menschen, Anführer der Helden. Der Gesang hat ihn auf seine Fittige genommen und über die Sterblichen erhöht. Würden Achill und Ajax, Ulysses, Penelope, Agamemnon sich in Homer's Bildern erkennen? Ich glaube schwerlich; so wenig sich König Artus, Karl der Große, Gottfried von Jerusalem oder die Helden Ariost 's in den Gesängen ihrer Dichter erkennen würden. Eben nur durch eine Verwandlung wurden sie epische Helden . Die Sage hatte sie von Munde zu Munde fortgetragen; da war ihre Gestalt zwischen Himmel und Erde gewachsen. Der Sänger nahm sie auf und verewigte sie; in ihrer alltäglichen, gemeinen Gestalt wären sie keine Geschöpfe für ihn gewesen. Fingal, Ossian, Oskar sind Kinder der Sage, Gebilde der erhöhenden, fortsingenden Zeit. Was sollen überhaupt in dieser Sache geographisch-historisch-chronologische Rivalitäten? Ossian's Gedichte gehören dem ganzen galischen Völkerstamm , ja Jedem zu, der seine Ursprache versteht oder Ossian zu schätzen weiß, er lebe dies- oder jenseit des Meeres. Zwar auch die Griechen stritten unter einander, wem Homer zugehöre, und es wetteiferten hiebei mehr als sieben Städte und Länder. Nicht aber thaten sie es in der Absicht, daß sie dadurch Homer's Gesänge, wie man sie hatte, verunglimpfen wollten; vielleicht mit manchen Abwechselungen sangen Alle einen Homer. Und so mögen denn auch Schotten und Irländer einen Ossian so lange lesen und an einen Fingal so lange glauben, bis Irland aus seinen Mitteln uns einen zarteren Ossian, einen edleren Fingal hervorruft, als ihn Mac-Pherson darstellte. Sodann wollen wir der romantischen Sage dankbar sein, die sich in zweien Mundarten zwar verschieden, in jeder aber vortrefflich erhalten. Bisher ist von irischen Gedichten nichts bekannt, das an die schottischen reiche. 2. Ein ungleich wichtigerer Zweifel war der, den man gegen die Aechtheit des Mac-Phersonischen Ossian 's machte; und es ist zu verwundern, daß man ihn, der kecken Manier ungeachtet, mit der ihn die Engländer vorbrachten, bisher noch so unbefriedigend aufgelöst hat. Mac-Pherson konnte dies am Leichtesten thun, ja den Zweifel auf einmal zu Boden schlagen, wenn er einzeln und treu anzeigte, » woher er jedes Stück habe, in welcher Gestalt er es empfangen, und was daran sein sei«. Der Urtext dieser Gesänge in ihrer brüchigen Form, mit den Silbenmaßen und Gesangweisen begleitet, deren entzückende Einfalt und Abwechselung mehrere Verehrer Ossian's rühmen, wäre ohne alle kritische Noten ein Erweis der Wahrheit für Welt und Nachwelt gewesen, gegen welchen kein Brite, kein Johnson einen Laut hätte thun mögen. Meines Wissens ist dies nicht geschehen; und daß es nicht geschehen ist, daß es von Mac-Pherson nicht selbst geschah, freilich dies vermehrte den Zweifel. Seid Ihr denn so arm, Ihr Schotten, daß Ihr Euern Homer , den Ihr über den Griechen preist, nicht in der Ursprache, ganz wie Ihr ihn habt, wie er bei Euch noch gesungen wird, mit Melodien und Spracherläuterungen ans Licht stellen, ihn dadurch vom Abgrund der Vergessenheit, dem er so nah ist, retten, ihn auf einmal der Unsterblichkeit vergewissen und Eurer Sprache dadurch selbst die Unsterblichkeit, und zwar die edelste classische Unsterblichkeit sichern könnt? Oder erwartet Ihr ein schöneres Product in ihr als Ossian? Oder glaubt Ihr, daß man diese Gesänge immerhin fortsingen werde? Oder bildet Ihr Euch ein, daß man bei Euern Behauptungen von der unaussprechlichen Schönheit dieser Gedichte in der Ursprache und ihrem entzückenden Reiz in den Gesangweisen ohne Proben etwas denke? Verlangen und am Ende Ueberdruß erwecken dergleichen unkräftige Anpreisungen; Proben, Proben allein geben Sicherheit und Belehrung. Von ächten Melodien zu Ossian hat mir das Glück bisher noch nichts zugeführt. Von einer ächten Ausgabe Ossian's im Ersischen ist mir auch nichts bewußt; das Specimen aus dem 7. Buch der Temora konnte nichts entscheiden. Woher hätte es Mac-Pherson? Ist Alles, wie es gedruckt ist, gefunden? ist's aus lebendigen Gesängen genommen oder aus Handschriften? stimmen die Handschriften unter einander? stimmt jede derselben mit dem lebendigen Gesange? aus welcher Zeit ist die Diction des Gesanges und der Handschriften? Untersuchungen und Belehrungen solcher Art wären verdienstlicher als alle Lobspreisungen Ossian's. Die Galic Antiquities sollen zwar unter dem Titel Scan Dana ersisch herausgegeben sein; daß aber diese und nicht Mac-Pherson's Ossian , daß sie, so viel ich weiß, ohn' alle Kritik herausgegeben sind, bringt uns nicht weiter. Im Jahr 1784 hat ein Irländer Artur Young galische Gedichte, die sich auf die Geschichte der Fians beziehen, in Nordschottland gesammelt (übersetzt ins Deutsche 1792); sie sind mir noch nicht zu Händen gekommen. Eine treffende Anzeige, worauf es bei ihnen ankomme, steht im 139. Stück der »Allgemeinen Literatur-Zeitung« 1795. Wenn auf diesem Wege von Andern, insonderheit von Galen selbst fortgeschritten würde, käme man zum Ziel. Gemeiniglich aber geschieht am Spätesten oder gar nicht, was zuerst hätte geschehen sollen. Späterhin sind mehrere Gedichte, z. B. The Works of the Caledonian Bards herausgekommen, deren Mythologie sogar vom Mac-Pherson'schen Ossian auszuweichen scheint. Vielleicht ist keine Gesangesart, in der sich dem Anschein nach so leicht fortsinqen läßt, als die Gesangweise Ossian's.   H. [Vql. Herder's Werke, XIV. S. 692-695.   D.] Daß eine solche Behandlung Ossian's sehr nützlich sein müsse, ist schon daher ersichtlich, weil sie die einzig vernünftige ist. Entspringe daraus ein Resultat, wie es wolle; Mac-Pherson's Ruhm kann es nicht schaden. Sei Alles der Tradition entnommen, wie er's gab: er hat's gesammelt, er hat's gegeben. Er war der Solon und Hipparch , der die Gesänge dieses Homer's der Vergessenheit entzog, sie der ganzen gebildeten Welt annehmlich machte, sie in der Verständigen Ohr, in der Empfindenden Herz hinübertönte: sein Name bleibt unvergeßlich. Oder empfing er nur rohen Stoff und setzte mit Schöpferhand zusammen, was er dargestellt hat: um so rühmlicher für ihn, um so belehrender für uns. Hier ließ er sodann niedrige Züge aus; dort setzte er aus Ebräern, Griechen oder Neueren ähnliche, feinere Züge hinzu und gab dem Ganzen, seinem Fingal, seinem Ossian, seiner Bragela die edelste und zarteste Bildung; um so besser; er that, wie ein kluger Mann thun mußte. Zu eignen Gesängen solcher Art fühlte er sich schwerlich stark gnug; aber der Geist seines Vaterlandes, seiner Vorfahren, der Geist seiner Sprache und der in ihr gesungenen Lieder ergriff ihn; in sie legte er also den Schatz vieler sowol aus andern Zeitaltern gesammelten Schönheiten als der Empfindungen seines eignen Herzens. Daß er dies unter der Maske Ossian's that, ist ihm sodann nicht nur zu verzeihen, sondern es war für ihn vielleicht eine Pflicht der Dankbarkeit und der Noth. Unter solchen Gesängen war er erzogen; sie hatten sein Innerstes erweckt; auf ihren Flügeln schwang er sich empor; überdem war ein heiliger Betrug dieser Art bei der überschwänglich geltenden Modepoesie der Engländer fast nothwendig; denn was gleicht dem Stolze dieses Handelsvolkes auf die grimaces, faces und graces seiner fashionable poëtry, auf die pleasure's, measure's und treasure's seiner gereimten Verse? Was stand diesen mehr entgegen als der schlichte, einfache Ossian? Da war es ja ganz an Ort und Stelle, daß Mac-Pherson den literarischen Krämern alte Handschriften in die Läden zu London legte, daß sie sich daran satt sehen könnten; er wußte doch, daß sie damit nichts thun würden. Aber was Mac-Pherson nicht that, thue jetzt einer seiner Freunde, deren mehrere doch gewiß die genaueste Kenntniß der Sache haben. Man lasse weiter keinen Engländer oder Irländer umherreisen, sondern entdecke zu Ehren Ossian 's und Mac-Pherson 's die Beschaffenheit der Sache kritisch, klar und wahr. Bei einiger Genauigkeit müssen sich dabei in Ansehung des Ursprungs, der Verbreitung, der Erhaltung und Abänderung dieser Sagen in Ansehung der moralischen, geistigen und politischen Begriffe dieser Gedichte Untersuchungen ergeben, die alle ästhetischen Belehrungen über den Werth dieser Gesänge weit überwiegen. Ich traue der gütigen Zeit es zu, daß sie auch dieses Werk zu ihrer Stunde fördern werde. Mac-Pherson starb im folgenden Jahre. Die angebliche Urschrift erschien erst 1807; in Folge einer 1829 von der irischen Akademie zu Dublin gestellten Preisaufgabe wurde deren Unächtheit erwiesen.   D.   3. Denn was sollte die ganze Parallele zwischen Homer und Ossian sagen? Daß Homer kein Ossian und Ossian kein Homer sei, wer hätte daran gezweifelt? Unsere Erde hat mancherlei Klima; unser Menschenstamm hat mancherlei Geschlechter. Ionien ist nicht Schottland, die Galen sind keine Griechen; hier ist kein Troja, keine Helena, kein Palast der Circe. Was wollen wir unnütz vergleichen? Gegend, Welt, Sprache, die ganze Seh- und Denkart beider Nationen ist anders; das verschiedene Zeitalter, in welchem Homer und Ossian lebten, noch ganz ungerechnet. Was ein Tausend von Jahren und Meilen von einander trennt, wollt Ihr als ein Symplegma zu einer Form vereinen? Schon das unterscheidet Homer von Ossian ganz und gar, daß Jener, wenn ich so sagen darf, rein objectiv , Dieser rein subjectiv dichtet. Jener ist blos ein Erzähler; sein Hexameter schreitet ein- und vielförmig dahin ohne alle Theilnehmung, als die ihm der Inhalt auflegt. An diesem gleich gehaltenen Hexameter haftet gleichsam die ganze Kunst Homer's; in ihm trägt er alle Leidenschaften vor, in ihm schildert er alle Gegenstände und Situationen im Himmel, auf Erden und im Orcus, mit ihm mißt er Götter, Helden und Menschen gleichförmig . Aus dem gleichförmigen Hexameter Homer's und aus der ruhigen Weisheit , die ihn belebt, entsprang daher jener Stil Griechenlandes, der von der heitern Denkart dieses Volkes zeugt. An ihm bildete Herodot dem Vortrage und Perioden nach seine Geschichte; nach ihm formte sich ein System der Götterlehre, der Kunst und Weisheit. Bei Ossian geht Alles von der Harfe der Empfindung , aus dem Gemüth des Sängers aus; um ihn sind seine Hörer versammelt, und er theilt ihnen sein Inneres mit. In diese Welt zieht er sie hinein; diese Zauberwelt verbreitet er rings um sich. Daher die Einleitungen in seine Gesänge, durch welche er die Seelen der Zuhörer in seinen Ton gleichsam stimmt und fügt. Er malt die Gegenstände umher, den Ort, die Tages- und Jahrszeit. Meistens sind's Töne des Ohrs , dadurch er sie malt; denn diese stimmen das Gemüth mehr als Ansichten des Auges. Nun hebt er an; jede Sage ist mit seiner eignen individuellen Empfindung wie mit dem Finger der Liebe bezeichnet; und sobald er kann, wird die Begebenheit selbst Stimme, Klage der Wehmuth, Harfengesang . Auch in den großen Gedichten Fingal und Temora geht Alles von Tönen der einsamen Harfe aus und kommt auf diese zurück; an ihren Saiten hangen alle Gefühle des Herzens sowie die verlebten Schicksale der Väter. Und der Gesang ändert sich nach jeder Empfindung. Die Schotten können das Rührende jeder unerwarteten Abwechselung des sanften, traurigen oder wilden und kühnen Silbenmaßes nicht gnug preisen; von welchem Allen Homer nichts weiß. Unermüdet irrt Dieser immer auf derselben lieblichen Saite und ward auf ihr ein Muster des Wohlklangs für alle Gegenstände und Situationen. Er ist ein rein epischer , Ossian ist, wenn man so will, ein lyrisch-epischer Dichter. Mit dieser verschiednen Art des Gesanges unterscheidet sich auch der ganze Genius beider Dichter. Bei Homer treten alle Gestalten wie unter freiem und heitern Himmel in hellem Licht hervor; als Statuen stehen sie da, oder vielmehr sie schreiten handelnd fort, leibhaft in völliger Wahrheit . Auch alle seine Gleichnisse und Naturbilder nehmen an dieser völligen Sichtbarkeit Theil; langsam wälzen sie sich umher, um gleichsam von allen Seiten ihre Naturbestandheit in ewig festen Zügen darzustellen und zu gewähren. Kein hellerer Platz ist als das Feld vor Troja; unter dem immer heitern asiatischen Himmel geht eine Heldengestalt nach der andern hervor und läßt keinen Zug ihrer Handlung, ich möchte sagen, kein Glied, mit welchem sie wirkt, in ungewisser Deutung. Auch für die Sonderung der Gruppen hat Homer dergestalt gesorgt, daß selbst im wilden Schlachtgetümmel das Auge des Zuschauers ohne Nebel und Verwirrung bleibt. Und was den Faden des Gedichts betrifft, so entwickelt sich solcher aus dem Knäuel der Geschichte so ununterbrochen und ruhig, als ob die Hand der Parze ihn führte. Bei Ossian ist Alles anders. Seine Gestalten sind Nebelgestalten und sollten es sein; aus dem leisen Hauch der Empfindung sind sie geschaffen und schlüpfen wie Lüfte vorüber. So erscheinen nicht nur jene in Wolken wohnenden Geister, durch welche die Sterne durchschimmern; auch die Gestalten seiner Geliebten deutet Ossian mehr an, als daß er sie darstellte und malte. Man hört ihren Tritt oder ihre Stimme; man sieht den Schimmer ihrer Arme, ihres Antlitzes wie einen vorübergleitenden Strahl. Ihr Haar fliegt sanft im Winde; so schlüpfen sie her, so vorüber. Gleichergestalt malt er seine Helden, nicht wie sie sind, sondern wie sie sich nahen, wie sie erscheinen und verschwinden. Es ist eine Geisterwelt in Ossian, statt daß in Homer eine leibhafte Körperwelt sich bewegt. In ihm sieht man die Handlung, die man in Ossian an Tritten, Zeichen und Wirkungen gleichsam nur ahnt . Was endlich die Exposition der Gedichte betrifft, so hätten Mac-Pherson und Blair sich hüten sollen, hierin beide Dichter auch nur zu vergleichen. Bei Homer erzählt sich Alles selbst; Eins folgt aus dem Andern unaufhaltbar; dagegen sind Fingal und Temora dunkel zusammengereihte Gedichte, voll Episoden, denen sinnlich zu folgen hie und da schwer wird. Die lieblichste Gestalt macht Ossian in kleinen einzelnen Erzählungen, die man bald als heroische Romanzen, bald als rührende Idyllen, bald als rein lyrische Stücke betrachten kann, deren einige, z. B. Comala , sich dem Drama nähern. In solchen zeigt sich seine geistige Schilderei , sein Herz voll Wehmuth, Liebe und Unschuld. Eine epische Fortleitung, die vielleicht blos Mac-Pherson in die größern Stücke gebracht hat, scheint ihm ganz fremde. Es ergiebt sich hieraus, wie verschiedene Wirkungen und Folgen beide Dichter haben mußten. Wer Götter und Helden bilden will, gehe zu Homer, nicht zu Ossian; in diesem ist eine Gestalt wie die andre und für den Künstler eigentlich keine gezeichnet. Der Maler, den Ossian begeistert, muß aus sich selbst schöpfen; aus seinem Dichter kann er nur die Farbe der Empfindung und das Helldunkel der Situation anwenden. Dagegen ist in Ossian eine Quelle des Gefühls, voll der zartesten, sittlichen Gesinnungen, die Homer seinen Helden nicht beilegen konnte. Beide Dichter unterscheiden sich hierin, wie sich die Welt diesseit und jenseit der Alpen unterscheidet. Im Norden hat die Natur die Menschen mehr zusammengedrückt und, indem sie ihnen eine härtere Rinde, dazu mehrere Mühe von außen gab, in ihrer Brust vielleicht eine tiefere Quelle des sittlichen Gefühls aus dem Felsen gebohrt. In den südlichen, wärmeren Gegenden breitete sich die Natur mehr aus; lockerer geht die Menschheit aus einander und theilt sich Allem, was um sie ist, leichter und lebendiger mit. Dagegen aber bleiben vielleicht auch Empfindungen unerweckt, die nur der nordische Himmel, einsame Geselligkeit, Noth und Gefahr ausbilden konnten. Die intensive Kraft des Gesanges, wiewol in einem engern Kreise , ist Ossian's, die extensive, im weitesten Felde der Mittheilung bleibt Homer's großer Vorzug. Aus Homer entsprang also, was aus Ossian die Zeit nicht entwickeln konnte. Jener blühte mit einem jungen Volk auf, und in jeden neuen Ruhmeskranz dieses Volks schlang sich sein Lorbeer. Die erste Kriegsunternehmung des gesammten Griechenlandes hatte er besungen; wenn späterhin Griechenland gegen die Perser noch größere Unternehmungen ausfocht, so konnten Aeschylus, Sophokles u. s. w. mit Homer's Gastmahle, nach neuerem Geschmack zubereitet, ihre Mitbürger bewirthen. Die Ehre des ganzen griechischen Stammes sproßte in seinen Gesängen; sie trug reiche Blüthen und Früchte in jeder Art, mit jeder neuen Betriebsamkeit des Volkes; denn über ihnen schien ein heiterer Himmel, um sie wehten ionische, griechische, italische Lüfte. 4. Und Ossian? Es ist ungerecht, von einem Baume Früchte zu erwarten, die er seiner Art nach nicht bringen kann; Ossian sei an seinem Orte das, was Homer war; nur stand er auf einer ganz andern Stelle. Er, der Letzte des Heldenstammes seiner Väter, Zeuge der Thaten des ruhmreichen Fingal's und ihr Mithelfer, jetzt in seinem Alter die letzte Stimme der Heldenzeit für die schwächere Nachwelt: dies ist der Standpunkt des Sängers, der zugleich den ganzen Charakter seiner Dichtungsart mit sich führt. Er ist die Stimme voriger Zeiten , aber eine traurige Stimme, mit keinem erweckenden Aufruf für die Nachzeit begleitet. In jedem Lande bildet sich der Volksgesang nach innern und äußern Veranlassungen der Nation; auf einem Punkt derselben steht er sodann stille und gewinnt Charakter. Bei den Griechen gab diesen Charakterpunkt der Trojanische Krieg , und Homer war der Sänger, der ihn feststellte; unter den Galen war es der Ausgang des Heldenstammes und Ossian dessen trauriger Verkünder. Woher in aller Welt kam den Galen dieser jammernde Abschnitt der Zeiten , und mit ihm für alle Nachzeit zwar ein schmelzender, aber zugleich ein niederschlagender Ton der alten Sage? Veranlaßte ihn eine fremde Unterjochung? oder die eindringende Religion der Culdeer , der christlichen Mönche? Auf Beides spielen die Gedichte an; aber warum nur so dunkel? Haben die bisherigen Sammler etwa nur aus Höflichkeit die harten Stellen und Töne verschwiegen, denen die Stimme der Galen den Untergang ihres alten Heldenruhms beimißt? oder war diese Stimme so sanft, daß sie duldend gleichsam schwieg und vielleicht schweigen mußte? Wie es sei, so sollte darüber Auskunft gegeben werden; denn es scheint unmöglich, daß ein Volk nur klage , ohne sich zu beklagen , ohne die Ursache seines Verfalls anzuzeigen und den Geist der Väter, wenn auch mit leeren Versuchen, zurückzurufen und anzufeuern. Hievon nun zeigt sich in den Ossianischen Gesängen fast keine Spur. Die Wolkengegend, der luftige Aufenthalt der Väter ist ihr einziger Trost; auf der Erde sehen sie traurige Wüsten, erloschne Tritte; sie hören verklingende Töne. Man sieht, daß die Gesänge in einem duldenden, unterjochten Volk fortgesungen worden sind, das sich am Ruhm und an der Glückseligkeit seiner Vorfahren unmächtig labte. Die irische Akademie hat ein Gespräch Ossian's mit einem christlichen Priester bekannt gemacht, das auch im Deutschen übersetzt ist. Es enthält harte Stellen, deren einige, wie es scheint, haben unterdrückt werden müssen; offenbar aber ist's von einem späten Datum und hat nicht den edeln Charakter, der die andern Gedichte Ossian's bezeichnet.   H. [Vgl. Herder's Werke, XIV. S. 533 ff. 698 f.   D.] Wie es mancherlei Jahreszeiten in der Natur giebt, so giebt es deren auch in der menschlichen Geschichte. Auch Völker haben ihren Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ossian's Gedichte bezeichnen den Herbst seines Volkes . Die Blätter färben und krümmen sich, sie fallen und fallen; der Lufthauch, der sie ablöst, hat keine Erquickung des Frühlinges in sich; sein Spiel indessen ist traurig-angenehm mit den sinkenden Blättern. Auch Klagen sind nicht ohne Anmuth. Mimnermus ' und Solon 's Elegien, die Wehklagen aus der jüdischen Gefangenschaft in Jeremias und den Psalmen rühren uns, noch mächtiger Hiob 's Jammergeschrei; und an wessen Herz ertönte je eine Ossianische Klage des zurückgebliebenen Sohnes und Vaters, der verlassenen Braut, des einsamen Gatten, des verschwindenden Heldenstammes vergebens? Der Klageton ist dieser Muse so eigen, daß er bis in die Wurzeln der Sprache, in die Ableitung und Verkettung ihrer Worte eingedrungen ist; der Klang derselben und die Gesangweise der Lieder hat nach allen Berichten denselben Ausdruck. Ich gebe es zu, daß Ossian mißbraucht werden kann, nicht nur, wenn man ohne seine Empfindung seine Töne nachsingt, sondern auch wenn man seinen wehmüthigen Gefühlen sich zu einsam überläßt und sich mit erliegender Ohnmacht an seinen Bildern, an seinem süßen Wolkentrost labt. Indessen giebt's in ihm auch eine so reine Uebersicht der Menschheit in ihren innigsten Verbindungen und Situationen, daß ich diese, wenn ich so sagen darf, rein menschlichen Stellen und Empfindungen , wie Perlen gefaßt, sämmtlich componirt wünschte. Wir können die Hoffnung geben, daß eine solche Sammlung ausgesuchter Ossianischer Stellen für die Komposition bald erscheinen werde.   H. Von selbst würde der Gesang hier ein sanftes Recitativ, dort ein wehmüthiger Ausruf der Empfindung, hier eine leidenschaftliche Declamation, dort wechselnde Stimmen und Chöre werden, denen man schwerlich sein Ohr und Herz verschließen könnte. Wer z. B. hat Siegmund Seckendorf 's Grabgesang der Darthula In seinen »Volks- und andern Liedern, mit Begleitung des Pianoforte«.   D. bei einem Saitenspiel singen gehört, ohne von dem Zuruf: »Darthula, wach auf! Frühling ist draußen, die Lüfte säuseln; Auf grünen Hügeln, holdseliges Mädchen, Weben die Blumen! im Hain wallt sprießendes Laub«, und von dem traurigen Abschiede: »Nimmer, o nimmermehr kommt Dir die Sonne Weckend an Deine Ruhestätte: Wach auf! Du schläfst im Grabe langen Schlaf, Dein Morgenroth ist fern. »Auf immer, auf immer weiche dann, Sonne, Dem Mädchen von Kola; sie schläft! Nie ersteht sie wieder in ihrer Schöne, Nie siehst Du die Liebliche wandeln mehr!« Vgl. Herder's Werke, V. S. 137 f.; Goethes Werke, III. S. 373. 377 f.   D. innig bewegt zu werden. Wenn ich diesen Gesang und die seufzende Vinvela ebenfalls in Seckendorf 's Composition hörte, so dünkte mich, sein Geist schwebe zu den lieblichen Tönen hernieder und höre sie mit an. Unter allen Nationen, die italienische selbst nicht ausgenommen, hat Ossian seine Probe bestanden. Wir Deutsche verdanken ihm nicht nur mehrere zarte Töne in Gerstenberg's Minona , in Klopstock's Oden , in Kosegarten 's, Denis' Gedichten u. A., sondern wer das Schicksal der Zeiten unter mehreren europäischen Nationen zur Stimme bringen wollte, könnte er anders als Ossian singen und seufzen? 5. Wer wissen will, wie es jetzt mit dieser alten singenden Heldennation, Ossian's Nachkommen, stehe, lese Buchanan's Reisen durch die westlichen Hebriden während der Jahre 1782-1790. Uebersetzt, Berlin 1795.   H. Der edelmüthige Verfasser fordert Jeden auf, ihm in seinen Berichten die kleinste Unwahrheit zu erweisen. Wozu sind diese alten edeln Geschlechter hinabgewürdigt! in welchen Zustand sind sie gerathen! »Uebersieht man,« spricht Buchanan , »wie wir gethan haben, die westlichen Hebriden im Allgemeinen, so zeigt sich das Bild der Traurigkeit und Unterdrückung am Häufigsten und tritt allenthalben hervor. Im Ganzen genommen, sind diese Inseln der schwermüthige Aufenthalt des Jammers und des vielgestaltigen Elends; denn ihre Bewohner werden als Lastvieh, schlimmer als Lastvieh behandelt. Können Mangel und Striemen den Sclaven gegen seine Abhängigkeit, gegen den Spott und die Schmach, welche sich über ihn häufen, nicht völlig abhärten, so rufen sicherlich die Thränen, die Seufzer, das Geschrei eines vielzähligen, unterdrückten, aber keinesweges sinn- und geistlosen Volks die Staatsverwalter um Mitleid und Rettung an.« S. 174 f. der deutschen Uebersetzung. So lese man S. 43 f., 184, überhaupt das kleine Buch von Anfang bis zu Ende. Der Verfasser hat sich auf eine seltne menschenfreundliche Art für dies Volk bemüht; möge die Vorsehung seine ernsten Bemühungen segnen! Vielleicht bringt seine Rettung der Galen gegen Pinkerton oder die galischen Alterthümer , die er verspricht, uns auch in dem, was wir über Ossian wünschen, weiter.   H. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung sind Ossian's Galen auch hier noch kenntlich. »Im Ganzen«, sagt Buchanan , S. 71-73, 74, 76, 125.   H. »besitzen die westlichen Hebrider gute natürliche Fähigkeiten, begreifen schneller und dringen vielleicht tiefer in einen Gegenstand ein, als irgendwo innere Landesbewohner zu thun pflegen. Dies muß daher kommen, weil sie sovielen Umgang mit Leuten von verschiedner Gemüthsstimmung haben, welche ihnen die Schifffahrt täglich zuführt, derentwegen sie vorsichtig, thätig und gefällig werden müssen. Auch setzt sie ihre beständige Gefahr auf dem Elemente, mit welchem sie sich unablässig beschäftigen, in die unumgängliche Nothwendigkeit, zu ihrer Selbsterhaltung Augen und Sinnen stets wachsam zu erhalten, und diese anhaltende Uebung wird bei ihnen zur festen Gewohnheit, die sich bei jeder Handlung des Lebens an ihnen offenbart.   Sie haben eine glückliche Anlage zur Dichtung wie zur Sing- und Instrumentalmusik, besonders auf beiden Uists , wo man nicht blos studirte, sondern augenblickliche Ergießungen einer sehr scharfen und beißenden Satire zu hören bekommt, die durch Mark und Bein dringt und den Stachel sitzen läßt.   Durch eben diese Gesänge strömt ein zarter, weicher Laut tief empfundener Rührung, der die Seele zu herzlichen Gefühlen und Liebe stimmt. Auch vernimmt man wehmüthige Klagen und Jammertöne um verlorne Geliebten und Freunde; und solche Sänger findet man nicht blos unter Vornehmen, sondern unter der niedrigsten Volksclasse. Darin übertreffen sie alle alten englischen und schottischen bis jetzt bekannt gewordenen Lieder, so vielen und verdienten Beifall diese auch bei wahren Kennern des Gesanges gefunden haben. Wäre die galische Sprache bekannt gnug, die Meisterstücke ihrer Tonkunst würden allen Schaubühnen, wo Geschmack und Anmuth herrscht, zur Zierde und Bewunderung gereichen.   Ihre Luinneags und der Einklang aller hineinfallenden Stimmen sind dem Ohr unaussprechlich angenehm. Auch das Auge wird beschäftigt, wenn man sie im Kreise stehn und Hand und Tuch bewegen sieht. Sing- und Instrumentalmusik sind ihre gesellschaftliche Unterhaltung. An Geschicklichkeit im Tanz übertreffen sie wahrscheinlich alle andern Völkerschaften.   Die gemeinen Leute sind wundernswürdig schnell in ihren Begriffen. Weiber werden so gute Weber als Männer. Sie lernen diese Kunst in wenig Monaten. Dabei singen sie herzhaft ihre Jorrams und Luinneags . Eine macht die Hauptstimme, die andern den Chor, der nach jedem Gesetz des Liedes zwei- oder dreimal wiederholt wird. Der süße Laut ihrer Lieder zieht gewöhnlich eine Menge Zuhörer herbei, welche mit in den Chor fallen.« Von St. Kilda schreibt er: »Männer und Weiber lieben den Gesang und haben schöne Stimmen. Ihre natürliche Anlage und Neigung zur Dichtkunst ist nicht geringer als die der andern eingebornen Hebrider. In ihren Liedern lieben sie Beschreibungen und beweisen ungemeine Einbildungskraft. Der Gegenstand derselben sind die Reize ihrer Geliebten und die Heldenthaten der Vogelsteller oder Fischer wie auch der traurige Tod, welcher sie zwischen Klippen überfällt.   Wie auf Harris singen die Männer am Ruder und beleben sich bei der Arbeit durch Wett- und Chorgesang, der zum Schlage den Tact hält.« Käme diesen armen Galen ein zweiter Fingal wieder, so würde sein Sohn Ossian auch erscheinen. Er sänge nicht mehr, wozu Jener den Ton angab, und was die traurige Zeit leider fortsingen mußte : Untergang der Helden, Unterdrückung, Jammer und Wehmuth.   Iduna oder der Apfel der Verjüngung. Die Horen. 1796, erstes Stück. Vgl. Schiller 's Brief an Herder vom 4. Novbr. 1795, in der Sammlung »Aus Herder's Nachlaß«, I. 192 ff.   D.   Vor einigen Jahren ertönte unten am Parnaß ein Ruf, daß oben auf dem Parnaß einige deutsche Dichter für unsre Nation und Sprache den Gebrauch der griechischen Mythologie abschaffen, dagegen aber die isländische einführen wollten. Für Apollo sollte künftig Braga , für Jupiter Thor oder Odin , für den Olymp Walhalla gelten u. s. w. Wiewol nun dieses Gerücht durch sich selbst nichtig war, indem ja kein Dichter mit seinen Gesängen der Nation Gesetze , am Wenigsten verbietende Abolitionsedicte vorschreibt und einer dieser angeklagten Dichter, der mit dem süßesten Wohlklange und einem Reichthum von Dichtungen in unserer Sprache die feinste Kritik und einen Reichthum von Dichtungen mehrerer gebildeten Sprachen verbindet, seinen Skalden Gedicht eines Skalden, Kopenhagen, Odensee und Leipzig 1766. 4.   H. [Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 99; XIV. S. 704.   D.] eben dazu erweckt hatte, daß er singe und sage, wie alle seine alten Götter gefallen, und daß diese ganze nordische Ideenwelt wie ein Zauberbild, wie ein Traum verschwunden sei: so hätte doch die ganze Erscheinung dieser Dichtungsart, die sich von Dänemark aus als ein wunderbares Nordlicht zeigte, wenigstens Kenntnisse und Untersuchungen veranlassen können, die sie damals wahrscheinlich nicht veranlaßt hat. War es nicht der Mühe werth, es aufs Reine zu bringen, was diese Mythologie sei, woher sie sei, wiefern sie uns angehe, worin sie uns dienen könne ? u. s. w. Diese Fragen betreffen ja eine Sache ganzer Nationen, einen Schatz menschlicher Erfindungen, Sprache und Gedanken. Uns ist darüber ein Gespräch zu Händen gekommen, das diesen Gegenstand zwar nicht erschöpft, aber von mehreren Seiten in Betracht nimmt; es soll nicht entscheiden, aber Gedanken veranlassen und Entschlüsse fördern.   Erste Unterredung. Alfred . Meinst Du nicht auch, Frei , daß, wenn eine Nation eine Mythologie haben muß, es ihr daran gelegen sei, eine in ihrer eignen Denkart und Sprache entsprossene Mythologie zu haben? Von Kindheit auf wird uns sodann die Ideenwelt dieser Dichtungen näher und inniger; mit dem Stammwort jeder derselben vernehmen wir sogleich ihren ersten Begriff und verfolgen ihn in seinen Zweigen und Ableitungen leicht und vernünftig. Alles in der Einkleidung Enthaltene dünkt uns glaubhafter, natürlicher; der dichterische Sinn, einer Sprache genialisch eingeprägt, scheint mit ihr entstanden, mit ihr gleich ewig. Frei . Ich wollte, daß keine Dichtungen in der Welt wären! Wir mühen uns mit dem Gerüst und vergessen das Gebäude. In der Kindheit, wie viel Zeit wird aufs Lernen der Mythologie verwandt und verschwendet! Vor lauter Hüllen lernen wir den Kern, vor lauter Dichtungen die Wahrheit nicht finden; an jenen verwöhnen wir uns dergestalt, daß wir zuletzt mit den heiligsten Sachen tändeln . Wir wollen immer Hülle, Einkleidung ; was sich nicht in einer schönen Gestalt zeigt, ist auch nicht wahr , es wird vergessen und verachtet. Selbst der eigne Dichtergeist erliegt unter einer hergebrachten Mythologie; viel mehr der Sinn, der die reine Wahrheit sucht, und den man bei Dichtungen immer doch in ein Schattenreich alter Personificationen verweist. A. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir anders organisirt wären; nun sind wir aber, was wir sind, Menschen . Unsre Vernunft bildet sich nur durch Fictionen . Immerdar suchen und erschaffen wir uns ein Eins in Vielem und bilden es zu einer Gestalt ; daraus werden Begriffe, Ideen, Ideale . Gebrauchen wir sie unrecht oder werden wir gar gewöhnt, falsch zu configuriren ; staunen wir Schattenbilder an und ermüden uns wie Lastthiere, falsche Idole als Heiligthümer zu tragen: so liegt die Schuld an uns, nicht an der Sache. Ohne Dichtung können wir einmal nicht sein; ein Kind ist nie glücklicher, als wenn es imaginirt und sich sogar in fremde Situationen und Personen dichtet . Lebenslang bleiben wir solche Kinder; nur im Dichten der Seele , unterstützt vom Verstande , geordnet von der Vernunft , besteht das Glück unsers Daseins. Laß uns, Frei, diese unschuldigen Freuden; laß sie uns! Die Fictionen der Rechtswissenschaft und der Politik sind selten so erfreulich wie sie. F. So dichte denn fort, Alfred ! A. Ich fragte Dich, ob es einem Volk nicht angenehm, bequem und nützlich sei, eine in seiner Sprache entsprossene Mythologie zu haben; mich dünkt, die Geschichte der Völker gebe darüber Auskunft. Was z. B. gab den Griechen die schöne Uebereinstimmung ihrer Bilder in Kunst, Weisheit und Dichtkunst? woher, daß ohngeachtet aller Local- und Zeitverschiedenheiten eine gewisse große Regel des Geschmacks in allen ihren Werken feststeht? Unter Andern daher, daß Alles, was sie auch von andern Nationen nahmen, sie sich eigen machten; sie originirten es bei sich, sie idiotisirten es in ihrer Denkart und Sprache. Die Römer dagegen hatten für sich eine harte Mythologie, bei welcher sie griechische Dichtungen und Bilder zwar oft als ein fremdes Spielwerk brauchten, dagegen aber zu einer eignen Poesie, Philosophie und Kunst nie gelangten. Ihre Fictionen waren kriegerisch und gesetzgebend; eingeboren oder congenialisch ward ihnen die griechische Muse selten. Gehe einmal die Zeiten hinter den dunkeln Jahrhunderten durch, als der freie Geist der Wissenschaften in Europa wieder erwachte; Du wirst finden, daß die Dichter und Weisen aller Nationen am Glücklichsten in ihrer Muttersprache imaginirt haben. Dante, Petrarca, Ariost waren unter den Alten erzogen; der Letzte schrieb selbst beinah classisches Latein, und Petrarca erwartete nicht aus der Hand der italienischen, sondern seiner lateinischen Muse den Kranz der Unsterblichkeit. Indessen hat ihn die Zeit widerlegt. Die Ideen und Dichtungen, die den Werth dieser Dichter auf die Nachwelt brachten, waren aus der Denkart der Nation genommen und ihrer Muttersprache einverleibt. Bei den Briten war's nicht anders. Erinnere Dich, wie mühsam sich Spenser und Shakespeare unter der Mythologie der Alten winden, wie leicht und glücklich aber sie denken und dichten, wenn sie, insonderheit Shakespeare , aus Sagen, aus dem Aberglauben ihres Volks Begriffe schaffen, Gestalten dichten. Du kennst Milton 's classische Denkart und seine schönen lateinischen Verse; die stärksten und besten Stellen indeß seiner beiden Paradiese , seiner Ode auf die Christnacht , seines Allegro und Penseroso sind rein gothisch . F. Da schickst Du mir einen unglücklichen Traum, Alfred. Unsre Meistersänger, wie elend schleppten die sich mit der Geschichte und Mythologie der Alten umher! und als unser gelehrter Opitz dichtete oder reimte, war er mehr Uebersetzer oder mehr Dichter? Was ist gegen Shakespeare unser Andreas Gryphius ? u. s. w. A. Und doch waren bereits treffliche Erzählungen, Kern- und Lehrsprüche in der deutschen Sprache; nur sie standen in ihr ohne Imagination da. Es fehlte der Sprache an einer eignen Mythologie, an einer fortgebildeten Heldensage, an poetischer Darstellung und Ausbildung ihrer ursprünglich so viel fassenden, vollen und schönen Stammesideen . Willst Du Dich davon überzeugen, wie niedrig sie diesen einst besessenen Reichthum veruntreut habe, so gehe mit mir ein deutsches Wörterbuch durch, welches Du willst, Scherz, Wachter, Frisch, Haltaus, Adelung , und verfolge den Gebrauch unsrer lieblichsten Stammworte. Du wirst erstaunen, wie knechtisch die Sprache geworden, wie nicht etwa der kirchliche , sondern ein viel ärgerer, der juristische , und der ärgste von allen, der Hofstil ( stilus curiae ) dergestalt die Herrschaft über sie gewonnen, daß er ihre schönsten Ableitungen bis zur Quelle verderbt hat. Gerechtsame und Feierlichkeiten herrschen in unsrer Sprache; darauf ist Alles gewandt, dahin Alles gedeutet. Die vornehmsten, edelsten Worte sind dergestalt in Förmlichkeiten oder gar in possierliche Niederträchtigkeiten verwandelt worden, daß man sich schämt, die kräftigsten Samenkörner in solche Gebüsche, verschrumpft und verkünstelt, aufgeschossen zu sehen. Wollen wir uns die Mühe nehmen, einmal in dieser Absicht den Haltaus oder Glafey durchzugehen, um die Wappenzierde unsrer gerichtlich und höfisch gewordenen Sprache stattlich zu erwägen? F. Verschone mich damit! Ich muß mich täglich in diesem Stil üben. A. Nun vergleiche die schönen Stammworte unsrer mit der griechischen Sprache und siehe, was aus beiden geworden sei! Hast Du Schiller 's Gedicht Die Götter Griechenlands gelesen? F. Und auch Manches, was darüber gesagt ist. A. Man würde Manches nicht gesagt haben, wenn man das Wort Götter genommen hätte, wie es der Dichter nimmt; ihm sind's dichterische, mythologische Götter, Personificationen, Ideen, Ideale . Auch Knebel 's Aufsatz Ueber Polytheismus (Merkur, April 1788), in dem Schiller Herder 's Ideen fand (Brief an Körner vom 7. Mai 1788), war durch das genannte Gedicht Schiller's veranlaßt.   D. Gehe dies Gedicht durch und vergleiche die deutsche mit der griechischen Sprache. Aus unsrer schönen Morgenröthe ist keine Aurora und Eos , aus unserm lieblichen Abendstern kein Hesperus , aus unserm Widerhall keine Echo , aus unsrer süßtönenden Nachtigall keine Philomele worden. Die schönen Namen unsrer Bäume und Blumen , unsrer Auen und Ströme , unser Mond und unsre Sonne haben keine Märchen erzeugt wie die Erzählungen der Griechen von Apollo und der Daphne , von Apoll und dem Hyacinthus , von einer Luna und Diana mit ihren Nymphen und Dryaden . Unsre alte Mutter Erde ( Hertha ) ist erstorben; die Elfen auf Bergen und Auen sind Kobolde worden, und was sich von Hexen und Berggeistern , von unterirdischen Zwergen, Nixen , dem Alp , dem wüthenden Heer , dem Jäger u. s. w. in Pöbelsagen erhalten hat, ist zu so grobem, rohem Aberglauben ausgeartet, daß es nicht ernst gnug hat hinweggeschafft werden mögen. F. Und nun? A. Wie nun? Wenn aus der Mythologie eines benachbarten Volks, auch deutschen Stammes, uns hierüber ein Ersatz käme, der, für unsre Sprache gleichsam geboren, sich ihr ganz anschlösse und ihrer Dürftigkeit an ausgebildeten Fictionen abhülfe, wer würde ihn von sich stoßen? Wer wollte ihn nicht vielmehr als einen Zaubergarten betrachten, den nach langen Jahren der Dürre und Theurung eine gütige Fee uns geschenkt habe? Warum wollten wir nicht den höchsten Gott als Allvater, Freia als die Göttin der Liebe, Löbna als die Beschützerin der ehelichen Eintracht, Saga als die Göttin der Geschichte, Wara als die Aufseherin der Gelübde, insonderheit der Liebesbetheurungen, annehmen, da ihre Namen, was sie sind, deutlich und schön sagen? Andre Namen sind so wohllautend, die Erzählungen von den Personen, die sie bezeichnen, sind unsrer Denkart und Sprache so angemessen, daß man ja bald lernen wird, wie Thor den Donner, Braga den Gott der Dichtkunst, Iduna die Göttin der Unsterblichkeit und der Neuverjüngung, Lyna die Erretterin aus Gefahren, Nossa die Vortrefflichkeit bedeute. Wird man diesen wiederkommenden Altvätern und Großmüttern, den Ureltern unsrer Sprache, nicht gern Stühle setzen und den ehrenhaftesten Platz im Hause einräumen, selbst wenn dies Haus der wohlversehenste Palast wäre? F. Gieb mir die Bücher, die dahin gehören; ich will lesen.   Zweite Unterredung. F. Ich habe gelesen und mir sogleich zu Anfang der Edda ein Wort gemerkt, das Gangler (ein guter Name für neugierige Reisende) sagte, als man ihn in den goldbedeckten Palast dieser Götter einlud. »Man muß, ehe man hineingeht, zuvörderst sich nach allen Thüren umsehen, wo man wieder hinaus kann.« Gylfi's Verblendung.   D. Dies, dünkt mich, Alfred, ist auch uns bei dieser Mythologie zuträglich. Denn zuerst sage mir: sind wol alle Namen der nordischen Mythologie so deutsch, daß sie noch in unsrer Sprache leben? Wer kennt Odin, Aeger, Balder, Forsete, Häner und Hoder, Locke, Tyr, Uller und Widar ? wer die Göttinnen und Jungfrauen Eyra, Fülla, Gna und Gefiona, Syena, Siphia, Skada und Snotra ? wer die Walkyren, Nornen , die Wald - und Meerjungfern , die Elfen, Zwerge, Riesen nach ihren Verrichtungen, Arten und Namen? Sollen wir da abermals eine Mythologie lernen? soll wiederum ein Natalis Comes, Pomey und Damm geschrieben oder ein Hesiodus, Kallimachus, Apollodor commentirt werden? Da liebe ich mir die Antwort jenes Weltweisen, den man um die Bedeutung des Worts Telyn , das unsre Dichter damals oft brauchten, fragte. »Das sind solche Wörter,« sagte er, »die neuerdings zur Zierde oder zur Ausfüllung des Verses gebraucht werden, deren Bedeutung aber man eben so genau nicht wissen darf.« Ich fürchte, daß ohne einen erläuternden, äußerst verdrießlichen Commentar bei den Lesern nordischer Gedichte dies lange der Fall sein möchte. Die griechische Mythologie lernt man als ein Alphabet in den Schulen; Dichter und Künstler erinnern uns unaufhörlich daran und halten sie fest in unserm Gedächtniß: wo aber lernen, wodurch verewigen wir uns diese Namen? A. Hiezu wäre der Weg leicht. Ist diese Mythologie der Aufmerksamkeit werth, so lerne man sie wie die griechische; oder vielmehr der Dichter führe sie verständlich, angenehm und behutsam ein. Wenn man das Fach der nordischen Literatur auch blos als einen Theil der europäischen Völkergeschichte , als einen Zweig des menschlichen Wissens betrachtet, so sind die ungeheuern gelehrten und großmüthigen Bemühungen, die eine Reihe Beförderer dieses Studiums von Verelius, Magnäus und Torfäus an bis zu Thorkelin und Suhm darauf gewandt haben, doch wol der Aufmerksamkeit werth. Und da wirklich schöne poetische Stücke in dieser Mythologie da sind, so muß , wer jene lesen will, diese kennen lernen. In unsern Tagen giebt sich Gräter Gräter 's »Nordische Blumen«, »Bragur« u. s. w.   H. [Vgl. Herder's Werke, XIV. S. 704.   D.] zu ihrer Bekanntmachung eine unsägliche, bisher unbelohnte Mühe; wäre es eine Entweihung der Kunst, wenn er eine kleine nordische Mythologie mit Kupferstichen schriebe? F. Mit Kupferstichen? A. Warum nicht? ja, ich getraue mir mehr zu sagen. Nach den Griechen kenne ich auf unserm ganzen Erdrund keine Mythologie und Geschichte, die der Kunst fähiger und würdiger sei als diese. Die galische, jüdische, chinesische, indische , selbst (wenn man sie von den Griechen trennt) die eigentlich römische müssen ihr an Reichthum, Würde und Fähigkeit zur Kunst nachstehn. Geh in diesem Betracht beide Edden und nur einige Sagen durch; Du wirst über den Reichthum an malerischen Scenen erstaunen. Kühn und sanft, trotzig und milde, zu Lande und Wasser erscheinen hier Abenteuer der Götter und Helden in beiderlei Geschlecht, die einen Michel-Angelo, Raphael, Correggio und Titian , einen Guido und Domenichino beschäftigen könnten; so viel Abwechslung giebt es in der Götterstadt und im Riesenlande, an Ufern, Bergen und Thälern. Das Wunderbare ist mit dem Großen und Lieblichen hier dergestalt gemischt, daß, wenn man (wie es auch die Griechen thaten) das Rohe und Ungeheure absondert, selbst die Zaubereien zu den frappantesten Vorstellungen Anlaß geben. Besinne Dich, Frei! Das originalste, anziehendste, wunderbarste Stück Shakespeare's, Hamlet , ist es nicht eben aus dieser nordischen Fabel? Die am Meisten malerischen Scenen im Sturm , im Lear , im Macbeth , grenzen sie nicht an diese Fabel? Und zu wie manchen dergleichen Stücken liegt noch Stoff in ihr! Wäre ich ein nordischer König, ich ließe mir, wie die Briten eine Galerie Shakespeare 's und Milton 's haben, eine Galerie der alten Geschichte meiner Völker malen und untersagte meinen Künstlern die zu oft wiederholten Römergeschichten. Die Welt ist groß; die Muse muß umherziehn, wie mit der Lyra so mit dem Pinsel. F. Alles zugegeben; wie und woher aber sind diese Scenen für uns Deutsche einheimisch ? Ein Theil der Fabeln ist fürchterlich nordpolarisch. Wenn ich z. B. die Schöpfung der Welt lese: »Von ihren Quellen entfernten sich die Ströme der Hölle; der Gift, der sie fortwälzte, fror. Ueber ihnen froren die Dünste; unter ihnen stürmten Wirbelwinde; von Süden sprühten Funken und Blitze; in Mitte aller weht' ein schrecklicher, eisiger Wind.   Da breitete sich aus ein wärmender Hauch über die Dünste voll Eis und schmelzte sie zu Tropfen. Aus diesen Tropfen ward der erste Mensch« Dies und das Folgende nach »Gylfi's Verblendung«, 5-9.   D.   wenn ich dies lese, so graust und friert mich. »Der erste Mensch war ein Riese; er schwitzte, als er schlief. Unter seinem rechten Arm ward ein Mann, unter dem linken ein Weib geboren. Auch einer seiner Füße zeugte mit dem andern; daher das Geschlecht der Riesen des Frostes «. Kein zarter Ursprung. A. Für die Riesen des Frostes zart gnug. F. »Sobald der Hauch vom Mittag die Eisesdünste geschmelzt, bildete sich daraus eine Kuh mit vier Milchströmen. Sie nährte den ersten Riesen und leckte zu eigener Nahrung die mit Salz und Reif bedeckten Steine. Als sie leckte, kamen am ersten Tage Menschenhaare, am zweiten ein Haupt, am dritten ein Mensch hervor, Bure ; sein Sohn hieß Bore . Bore 's Söhne tödteten den Riesen; alle Riesen des Frostes ersoffen in seinem Blut. Sie schleppten den Leib des Erschlagenen in den Abgrund und machten die Erde daraus. Wasser und Meer entstanden aus seinem Blut, die Berge aus seinen Gebeinen, aus seinen Zähnen die Steine, aus seinem Schädel der Himmel, aus seinem Gehirn die traurigen Wolken.« Ist dies eine Ansicht der Welt, wie wir sie wünschen? » Bore 's Söhne ergingen sich an einem Bach; zwei Stücke Holz schwammen darauf, eine Esche und eine Erle . Sie bauten daraus Aske und Emla , Mann und Weib.« Ein harter Ursprung beider Geschlechter. A. Ich will Dir die Mühe ersparen, Frei, und noch stärkere Züge des Fremdartigen und von uns Entfernten anführen, als Du gethan hast. Ein großer Theil dieser nordischen Fabelsagen gehört nach Jotunheim , dem Lande der Riesen, das glücklicherweise unser Klima nicht ist. Ein kaltes, gefrornes oder thauendes Land, voll Eisenwälder, Ungeheuer, Riesinnen und Riesen, uns weit entlegen. Ich will Dir Züge anführen von einem uns noch fernern Local der nordischen Fabel; sie spielt nicht blos in Norden. Auf der brennenden Südseite der Welt regiert Surtur der Schwarze mit seinem Flammenschwerte; an der Brücke des Himmels hält Heimdall gegen ihn Wache. Am Ende der Tage wird er mit seinen Muspelheimern kommen, die Brücke hinaufreiten, den Palast Odin 's erobern; da geht dann Alles in Trümmer, und eine neue Welt tritt hervor. Daselbst, 51.   D. Endlich, Frei, der wahre Mittelpunkt der nordischen Fabel ist Odin 's Stadt, der Aufenthalt seines Geschlechts, Asgard ; er liegt im Mittelpunkt der Erde, Midgard . Da wohnten einst die Asen; da wohnt jeder Tapfre mit ihnen nach seinem Tode; in Norden waren sie nur Ankömmlinge, Fremde. Du hast vom Berge Ida gelesen, auf dem sich die Asen versammeln; und wo er auch liege, es ist kein nordischer Berg. Der Keim der »Edda« ist aus dem Vaterlande aller Mythologien und Fabeln, aus Asien her. Das Idafeld (Idavöllr) hat mit einem asiatischen Berge Ida nichts zu thun; es scheint die erneuerte Welt zu sein.   D. F. Das habe ich bemerkt und gewünscht, Aufschluß zu haben. A. So viel über Odin 's Züge und sein Asgard geschrieben ist, so kann ich Dir diesen Aufschluß im Kurzen nicht geben. Offenbar ist diese Mythologie nicht an einem Ort. nicht zu einer Zeit entstanden. Große Weltstriche, lange Jahrhunderte trugen dazu bei; und ich wünschte von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Kopenhagen die Preisfrage ausgesetzt: Aus inneren und äußeren Gründen zu untersuchen, wo, wann und wie in ihren Hauptvorstellungen und Sagen diese Mythologie entstanden sei , zugleich mitbedungen, daß die Beantwortung der Frage ohne alle Rücksicht auf angenommene National- oder geltende Lieblingshypothesen versucht werden müßte. Aber wozu dies Alles bei unsrer Frage? Sei die nordische Mythologie am Ida in Phrygien oder am Schwarzen Meer, am Kaukasus oder unter dem Nordpol entstanden: eine ächte, rein deutsche Stammsprache hat sie aufbewahrt, und deshalb wollen wir uns etwas von ihr zueignen. Völker von teutonischem Stamm haben sich weit umhergetummelt, sogar nach Afrika verloren; wir nehmen das, was für uns dient, wo wir's finden . F. Recht! Und ich wollte eben wissen, was in diesem Vorrath für uns sei . Sei aufrichtig, Alfred! Naturdichtungen lieben wir, wenn sie uns die Entstehung der Dinge und ihr Verhältniß zu einander in angenehmen, lehrreichen Einkleidungen, gleichsam wie eine verhüllte Braut zuführen. Sage mir aber, was, als Naturweisheit betrachtet, in diesen Fabeln angenehm und lehrreich sei! Eine Schöpfung der Welt aus des Riesen Ymer 's Leichnam; eine Schöpfung der Menschen aus zwei Holzarten, der Esche und Erle; die Imagination des Regenbogens als einer flammenden und dennoch festen Brücke; die Vorstellung des Tages und der Nacht , der Sonne und des Mondes als zweier geraubten Kinder; die Erklärung der Morgen - und Abendkühle durch einen Schlauch, der, mit Luft gefüllt, dem Roß des Tages und der Nacht zugegeben ist, um beide in ihrem Lauf zu erfrischen; die Erklärung des Thaues aus dem Schweiß dieser Rosse; endlich das Ende der Welt durch den Sonn' und Mond verschlingenden Fenris   wahrlich, das ist eine Physik aus Zeiten, die wir auch in Gedichten nicht wiederbringen müssen. Oder meinst Du, Alfred, daß die Sitten dieser Helden für uns sind? Im Lande der Riesen geht es wilde zu; in Odin 's Palast kämpft, spielt, ißt und zecht man. Der Witz dieser Helden ist nicht fein, nicht fein sind ihre Manieren. Gewalt entscheidet; dem Stärkeren ist die Welt gegeben; er erschlägt, raubt und entführt. Willst Du diese Sitten preisen, diese Faustgrundsätze wiederbringen, sie, die ganz Europa verwüstet haben und unter feineren Masken noch verwüsten? Das asotische Heldenleben , da Jemand mit dem Schwert in der Faust sich Alles erlaubt hält, das willst Du preisen, Alfred? Oder endlich, willst Du uns die Form dieser Gedichte und Sagen empfehlen? Welches unter den hundertsechsunddreißig lyrischen Silbenmaßen, die Worm aufgezählt hat, ist Dir das liebste? welche Stellung und Harmonie der Anfangsbuchstaben, auf welche sie so viele Kunst wandten? Oder willst Du uns die allegorische Räthselweisheit anpreisen, da, weil der Buchstab A (ar) Korn , der Buchstab F (ee) Geld bedeutet, beide zusammen eine Gabe des Himmels bezeichnen, die Ursache zum Zank wird? Willst Du die ungeheuern Umschreibungen loben, da Schwert, Schiff, Schlacht, Blut, Sieg, Wolf, Geier auf tausendfache Art so verblümt, so umschreibend gesagt worden, daß im weiten Umfange der Worte sich die Wirkung des Bildes an dieser Stelle ganz verliert? Alfred, verderbe Dir den Geschmack nicht; wir sind über jene Zeiten und über eine solche Kunst des Gesangs hinüber. Wir wollen bei dem alten Skalda-Spiller nicht in die Lehre. A. Hast Du die Fabel von der Iduna gelesen, Frei? F. Sie ist eine der besten. » Braga , der Gott der Dichtkunst, hat eine Gemahlin, der die Götter die Aepfel der Unsterblichkeit anvertraut haben. Altern die Götter, so verjüngen sie sich durch den Genuß derselben.« Gylfi's Verblendung, 26.   D. Ich fürchte aber, daß diese Götter ganz todt sind und sich nie mehr verjüngen werden. Die nordische Morgenröthe leuchtet, ohne zu erwärmen. A. Hast Du noch Lust zu einer Unterredung?   Dritte Unterredung. A. Idunens Apfel ist heut unsre Losung. Ich verliere also kein Wort darüber, daß wir weder aus dieser noch aus irgend einer andern Mythologie rohe Begriffe, sie betreffen Natur oder Sitten, roh auftragen müssen. Auch die Griechen hatten ihre Titanen- und Gigantengeschichten; ihre älteste war eine sehr rohe Kosmogonie: jene aber wußten sie schicklich unterzuordnen und aus dieser eine bessere, zuletzt bis zur feinsten Speculation hervorzurufen. Glaubst Du nicht, daß aus Ymer 's Gebeinen, aus Bure 's Söhnen, die Midgard erbauten, aus der Esche des Weltbaums über dem Brunnen der Urzeit und aus den drei Jungfrauen unter ihren Zweigen, der Vergangenheit, Gegenwart , und Zukunft , Dichtungen gebildet werden mögen, die dieses Quells der Urzeit werth sind? Hast Du Heimdall 's Lied gehört, des schönen Gottes, der an des Himmels heiligem Blau die Welt bewacht und ihrem Untergange zuvorkommt? Hast Du vom Brunnen der Weisheit geschöpft, in dem des höchsten Gottes Auge glänzt? und die feine Bildung der nordischen Schutzgöttinnen bemerkt, in Allem, was sie verrichten auf der Erde? Hast Du die Geschichte von des guten Balder 's frühem Tode vernommen, und was für Trauern daraus erwuchs? ja, die ganze Zusammenordnung der Dinge zwischen dem Guten und Bösen , dem Himmel und der Hela , endlich den Ausgang der Dinge, jene schreckliche Abenddämmerung , auf welche eine verjüngte Welt, ein fröhlicher Morgen folgt? Lassen sich daraus nicht Dichtungen schöpfen, die unsterblich sind, sobald sie Idunens Apfel berührt? F. Zeige sie mir! A. Das werd' ich Dir nicht. Aber Dichtung ist nicht Alles; Du sprachst, Frei, auch gegen die Sitten dieser Männer . Suchst Du bei ihnen Sitten nach unsrer Weise? Bedürfte es einer Reise ins Land der Helden und der Vorzeit, um Weichlichkeiten zu finden? Weisheit des Mannes ist ein fester Muth, ein gesunder Verstand, Gegenwart des Geistes und in Nothfällen, wo Macht nicht helfen kann, Zauberei, die dem Feinde die Augen blendet. Durchgehe die Geschichten, und ich trotze Dir, daß Du irgendwo einen biederern und schärfern Stahl der Seele findest als bei diesen Jünglingen und Männern. Freundschaft mit dem Freunde bis auf den Tod, Tapferkeit und ein guter Muth im Leben und Sterben, Redlichkeit in Haltung seines Worts, Keuschheit, Hochachtung und zarte Gefälligkeit gegen die Frauen, ein hilfreich Gemüth gegen die Unterdrückten: das waren Eigenschaften, die diesen Volksstamm von allen Stämmen der Erde unterschieden. Wir Deutsche gehören zu ihm; soll die Tugend, die aus unsern Vätern hervorglänzte, durchaus keine Macht mehr über uns haben? Man vermischt uns mit den Galen ; man fordert einen Ossian von uns. Nie gab es zwei verschiedenere Völkerstämme als diese beiden; sie sind daher auch jederzeit gegen einander gewesen. Der Gale sang weiche, traurige Empfindungen; der Normann sang Thaten. Möge er damit andern Völkern oft zur Last gefallen und bei dem Muth auf sein Schwert stolz gewesen ein, unterdrückend war er nie. Die ältesten Nordländer waren die Befreier der Welt, die von einer feigen, üppigen Knechtschaft unterjocht war. Das drückende Feudalsystem der spätern Normannen war eine Uebereinkunft aus Noth, geformt nach den Sitten der Zeit und der Kirche. Und auch diesen Zeitraum hat kein Volk romantisch glänzender geendigt als dieses. Was sind die Helden vor Theben und Troja gegen jene in der Normandie , in Sicilien, Neapel und Jerusalem ? An Heldenmuth und Artigkeit waren sie die Blüthe des Rittergeistes aller Völker. Willst Du davon Proben sehen in älteren und späteren nordischen Sagen? F. Zeige sie mir! A. Suche sie Dir selbst! Du sprachst weiter, Frei, gegen die Sitten der Weiber . Geh mit Deinen Griechinnen und Römerinnen und laß mir das Ideal eines deutschen Weibes, wie es in den nordischen Liedern und Sagen erscheint! Das Verständige, Sittliche, Keusche, das Arbeitsame, Leitende, Prophetische, das Leben der Mutter für ihren Mann und für ihre Kinder ist auch hier allenthalben merkbar. Dem Charakter der Sage nach ist das deutsche Weib zwar nicht das gebildetste, aber vielleicht das würdigste und edelste ihres Geschlechts. Sollen Züge dieser Art verloren sein? will die verzärtelte Urenkelin das Bild ihrer Ureltermutter nicht sehen und davor erröthen? Hier sind wenig Liebesgesänge, aber tiefe Züge der Liebe. F. Zeige sie mir! A. Suche sie Dir selbst! Du sprachst ferner vom rohen Witz dieser Völker. Glaube mir, daß sich so muntre, treffende Antworten als muthige Entschlüsse, ebenso lebhafte Spottreden als kühne Thaten in diesen Liedern und Sagen finden. Nur Alles ist kurz wie ihr Schritt, wie der Klang ihrer Verse. Du spottetest über diese Verse und nanntest sie Buchstabenwählerinnen: Ordnerinnen des Klanges hättest Du sollen sagen; denn eigentlich die Vocale ordneten sie zu einander, in deren Vorgange oder Gefolg die Consonanten waren. Manche unsrer Versificatoren thäten sehr wohl, darauf zu merken, was für Vocale in jeder Reihe von Wörtern einander ablösen, wie sie wechseln, und ob sie sich oder auch die Anklänge der Wörter unangenehm wiederholen. Sie dürfen deswegen nicht erst jene alte, seitdem ganz veränderte Ursprache, sie dürfen darüber nur ihr eigenes Ohr fragen. Endlich spottetest Du über das Register von poetischen Beinamen und künstlichen Umschreibungen der Dinge, die diese Dichter öfters nennen mußten. Ich hätte hierüber Manches zu sagen; denn dieser ganze Apparat zeigt eben auf das eigentliche Vaterland der Cultur dieses Völkerstammes ; wenigstens deutet er auf eine alte Kunst des Gesanges , die in späten Zeiten endlich zum Handwerk geworden war. Denn von wem haben wir diese Namenregister? Von Stopplern; und denen wollen wir danken, daß wir sie haben. Bei mancher zu künstlichen Umschreibung der Sachen, die der Dichter oft nennen muß, erinnere Dich Pindar 's. Wer umschreibt Sieg und Lieder, Ort und Kämpfe abwechselnder und künstlicher als er? und wie laufen seine Bilder in einander! Geschmack sollen wir von den Nordländern nicht lernen, Frei. Dieser ändert sich mit Zeiten, Sitten, selbst mit dem Wohnort und Klima eines Volkes; aber Geist der Nation im Verstande, den Sitten, dem Gebrauch der Sprache, der Dichtung soll uns anwehen; denn Composition, Dichtung ist hier allenthalben. Siehe die Edda an! Sie ist blos eine Sammlung von Fabeln, wie Hesiod 's Genealogie der Götter, und eben wie diese eine sehr gemischte Sammlung. Indessen macht sie ein Ganzes; sie hat Ein- und Ausgang, wie Hesiodus nicht hat. Die leichtesten Scherzlieder in der zweiten Edda haben Zusammenordnung, Umriß, Handlung, Eurhythmie von Anfange bis zu Ende. Nur müssen wir billig sein und von keinem Stück fordern, was der Zeit und dem Volk nach in ihm nicht liegen konnte. Durch eine völlige Verjüngung muß für uns die Nachbildung hervorgehn, sie betreffe Gegenstände der gegenwärtigen oder der künftigen Welt. F. Also auch der künftigen Welt? A. Auch dieser. Mich 'dünkt, daß die Bilder, die in dieser Mythologie über Hölle und Himmel gegeben werden, unserm nordischen Gefühl angemessener sind als die morgenländischen Bilder. Hela ist eine unglückliche Tochter des Gottes der Verführung, Locke , mit einer Riesin gezeugt; ihre Geschwister sind Ungeheuer, die der Schöpfung den Untergang drohen. Hela 's Aufenthalt ist die geräumige Unterwelt; ihr Saal heißt Schmerz , ihr Tisch Hunger ; Säumniß heißt ihr Knecht, Langsamkeit ihre Magd; ihre Thür ist der Abgrund , ihr Vorhof die Mattigkeit , ihr Bette Krankheit , ihr Gezelt der Fluch . Die feige Gestorbnen kommen zu ihr. Missethäter, Treulose, Meineidige, Mörder, Verführer der Ehefrauen, und wer sonst unter dem Namen der Nichtswürdigen begriffen ist, den erwartet ein noch schrecklicherer Ort, das Leichenufer, der Nastrand ; dagegen die Tapfern, die Würdigen, treue Gatten, redliche Freunde in den Palästen der Freude , des Friedens und der Freundschaft , in Wingolf und Gladheim , wohnen. Hast Du bemerkt, Frei, woher diese Nordländer an ein Fortleben nach dem Tode so fest glaubten? Weil sie tapfer und gesund dachten. Nur ein Feigherziger vergeht im Tode; er fühlt oder wünscht sich aufgelöst und vernichtet. Der gesunde Mensch lebt fort; das Nichtsein ist ihm nichts, es ist ihm nicht denkbar. Glaubst Du nicht, daß Erzählungen aus jenen Palästen des Friedens und der Freundschaft rührend und gefällig sein werden? Der Freundschaftsbund bis auf den Tod war diesen Tapfern der heiligste Augenblick des Lebens; das Wiederfinden in Wingolf war ihnen also auch ein Lohn der Freundschaft nach dem Tode, ein süßer Lohn. Noch muß ich Dich an jene große Esche erinnern, deren Zweige sich über die Welt verbreiten, deren Gipfel über die Himmel hinausreicht. Sie hat drei weit von einander entfernte Wurzeln, bei den Göttern, bei den Riesen, unter der Hela. An der mittleren Wurzel ist der Brunn der Klugheit, Mimer 's Brunn; an der himmlischen Wurzel ist die heilige Quelle, bei welcher die Götter Rath halten und ihre Urtheile kund thun. Immerdar steigen aus dieser Quelle drei schöne Jungfrauen hervor, Urda, Berandi, Skulda , das Vergangene, die Gegenwart und die Zukunft. Sie sind's, die den Rath der Götter, der Menschen Schicksal und Leben bestimmen und durch ihre Dienerinnen (die, wie Genien, dem Menschen, dem sie zugehören, an Gestalt gleich sind) hilfreich oder strafend auf ihn wirken. Glaubst Du nicht, Frei, daß diese Göttinnen und Genien auch uns das Vergangene, die Gegenwart und Zukunft, ja unser Inneres im Spiegel zu zeigen vermögen? Und siehe, oben auf der Esche sitzt ein Adler, der weit umherblickt; ein Eichhörnchen läuft auf und ab am Baum; vier Hirsche durchstreifen seine Aeste und benagen die Rinde; die Schlange unten nagt an der Wurzel, Fäulniß an den Seiten des Baumes   und immer schöpfen die Jungfraun aus dem heiligen Brunn und begießen ihn, daß er nicht dörre. Das Laub der Esche thaut süßen Thau, die Speise der Bienen; über dem Brunnen schwimmen zwei singende Schwäne. Wolltest Du nicht ihren Gesang, nicht Heimdall 's Lied vom Schicksal des großen Weltbaumes, nicht die Stimme der Vergangenheit , der Gegenwart und Zukunft im Rathe der Götter unter diesem Baume hören? F. Laß mich sie hören! A. Wenn Idunens Apfel das Alte wieder verjüngt, werden auch sie nicht schweigen. F. Du hast viel und Manches räthselhaft gesprochen, Alfred; laß mir Bedenkzeit!   Vierte Unterredung. F. Mich dünkt, wir könnten eins werden über unsre Materie. A. Das dünkt mich auch; und dazu sprachen wir eben. F. Vorausgesetzt also, daß Du die griechische Mythologie nicht herabsetzen, nicht kränken willst   A. Auf keine Weise; ich halte sie für die gebildetste der Welt. F. Vorausgesetzt, daß Du die Regel des griechischen Geschmacks in Kunst und Dichtkunst nicht verkennst   A. Ich weiß, was wir ihr zu verdanken haben. Bildende Kunst und eine Philosophie der Künste war unter dem nordischen Himmel nie zu Hause. F. Vorausgesetzt also, daß Du keinen barbarischen, nordischen Ungeschmack, weder in Tönen noch sonst in Worten und Werken aufzubringen Lust hast   A. Ich habe schon bezeugt, daß ich Rohes roh aufgetragen nirgendher wünsche. F. So kann Dir zugestanden werden   A. Ich will mir nichts zugestanden wissen, als was jedem Dichter und Märchenerzähler aus einem fremden, fernen oder verlebten Volk zusteht, nämlich daß er den Reichthum, den ihm dies Volk und dessen Zeitalter gewährt, brauchen dürfe . Einem Dichter z. B., der aus der Ritterzeit erzählt, steht alles Wunderbare, alles Eigenthümliche der Ritterzeit zu Dienst. F. Nicht anders. A. Desgleichen dem, der aus der Feenwelt dichtet   F. Ihm steht die ganze Feenwelt zu Gebote. A. Und dem, der morgenländische Erzählungen und Märchen schreibt   F. Das Costüme der morgenländischen Erzählungen und Märchen. In allen diesen Gattungen haben wir so treffliche Proben, daß darüber kein Zweifel obwalten kann. A. Ein Mehreres als dies will ich nicht für meine nordische Fabel. Nun möge das Ideal , das in diesen Sagen, in dieser Denkart, in dieser Sprache liegt, hervortreten und selbst wirken. F. Meinst Du, auf unser Leben wirken? A. Deshalb bleibe ich unbekümmert. Verschaffe uns nur den Apfel Idunens !   Aus der »Neuen Deutschen Monatsschrift«. 1795.   Ueber die Fähigkeit zu sprechen und zu hören. Neue Deutsche Monatsschrift 1795, Maiheft.   D.   Mehrmals war es mir fremde, daß wir Deutsche die Wichtigkeit dessen, was Sprache einer Nation ist, so sehr zu verkennen scheinen. Sobald von Sprache die Rede ist, glaubt der große Haufe, daß man von ihr als ein Grammatiker spreche; sie als das Organ unsrer Vernunft und gesellschaftlichen Thätigkeit, als das Werkzeug jeder Cultur und Unterweisung, als das Band der Geselligkeit und guten Sitten, als das ächte Mobil zu Beförderung der Humanität in jeder Menschenclasse zu betrachten, davon sind wir weit entfernt. Und doch lernen wir nur durch Sprache vernünftig denken, nur durch Sprache unsre Vernunft und Empfindungen, unsre Gesinnungen und Erfahrungen Andern mittheilen. Sprache ist das Band der Seelen, das Werkzeug der Erziehung, das Medium unsrer besten Vergnügungen, ja aller gesellschaftlichen Unterhaltung. Sie verknüpft Eltern mit Kindern, Stände mit Ständen, den Lehrer mit seinen Schülern, Freunde, Bürger, Genossen, Menschen. In allen diesen Fugen und Gelenken sie auszubilden, sie richtig anzuwenden, diese Aufgabe schließt viel in sich. Hagedorn Haller.   Anm. J. von Müller's. sagt: »Wer frei darf denken, denket wohl«; sollte man nicht mit gleichem Recht sagen: »Wer richtig, rein, angemessen, kraftvoll, herzlich sprechen kann und darf , der kann nicht anders als wohl denken«? Ist die Sprache eines Menschen, einer menschlichen Gesellschaft schleppend, hart, verworren, kraftlos, unbestimmt, ungebildet, so ist's gewiß auch der Geist dieser Menschen; denn sie denken ja nur in und mit der Sprache . Wenn also Erziehung unsern Geist bilden soll, so lerne der Zögling sprechend denken . Seinen Lippen werde das Schloß entnommen, das ihm die Seele verschließt; sonst wird es ein Behältniß verworrner, roher, modernder Gedanken. Hast thou no friend, to set thy mind abroach; Good sense will stagnate. Thoughts shut up, want air, And spoil, like bales unopen'd to the sun. Had thought been all, sweet speech had been deny'd; Speech thought's canal, speech thought's criterion too. Thought in the mine, may come forth gold or dross, When coin'd in word, we know its real worth. If sterling, store it for thy future use, 'T will buy thee benefit; perhaps renown. Thought, too, deliver'd, is the more possest; Teaching, we learn; and, giving, we retain The births of intellect; when dumb, forgot. Speech ventilates our intellectual fire; Speech burnishes our mental magazine; Brightens for ornament; and whets for use. What numbers, sheath'd in erudition, lie Plung'd to the hilts in venerable tomes, And rusted in, who might have borne an edge And play'd a sprightly beam, if born to speech ; If born blest heirs of half their mother's tongue! 'Tis thought's exchange, which, like th' alternate push Of waves conflicting, brakes the learned scum, And defecates the student's standing pool. »Hast Du keinen Freund, um Deinem Geiste einen Ausfluß zu verschaffen, der gesunde Verstand wird ein stillstehender Sumpf werden. Versperrte Gedanken müssen Luft haben, oder sie verderben, gleich den Waarenballen, die der Sonne nicht geöffnet sind. Wären Gedanken Alles gewesen, so wäre uns die süße Rede versagt worden; die Rede, der Gedanken Canal! die Rede, auch der Gedanken Kennzeichen! Gedanken, die noch in der Grube liegen, können als Gold oder als Schlacken ans Licht kommen; sobald sie in Worten geprägt erscheinen, so kennen wir erst ihren eigentlichen Werth. Sind sie ächt, so verwahre sie zu Deinem künftigen Gebrauche; sie werden Dir Vortheil, vielleicht auch Ruhm erkaufen. Ja, je mehr wir unsere Gedanken mittheilen, desto mehr besitzen wir sie; lehrend lernen wir; und indem wir sie der Welt geben, behalten wir die Geburten unsers Verstandes; sind sie stumm, so werden sie vergessen. Durch die Rede wird das Feuer der Seele angefacht; durch die Rede wird die Rüstkammer des Geistes geschliffen, zur Zierde blank geschliffen und zum Gebrauche gewetzt. O, welch eine Menge liegt in der Gelehrsamkeit und in ehrwürdigen Bänden wie in ihrer Scheide, tief bis ans Heft versenkt und eingerostet, welche mit lebhaften Strahlen hätten blitzen und eine durchdringende Schärfe gewinnen können, wenn sie zur Rede wären geboren worden, wenn sie nur die halbe Beredsamkeit ihrer Mütter geerbt hätten! Gleich dem wechselnden Stoße kämpfender Wellen bricht der Tausch der Gedanken den gelehrten Schaum und reinigt den trägen Sumpf des grübelnden Philosophen.« Young's Klagen , zweite Nacht, nach Ebert 's Uebersetzung S. 50 f. erster Ausgabe.   H. Und diese Erziehung geht durchs ganze Leben. Ein Volk, das gut spricht, das über jeden Gegenstand bestimmt, vernünftig, klar, überzeugend oder überredend zu sprechen sucht, erwirbt sich eben damit einen großen Reichthum, einen behenden Gebrauch seiner Gedanken. Um aber sprechen zu lernen , muß man hören können und hören dürfen . Viele Menschen verstehen diese Kunst zu hören gar nicht; manchen Völkern wird sie über gewisse Gegenstände nicht vergönnt; ihre Seelen müssen also von diesen Seiten ungeschliffen und ungelenk bleiben. Daher sehen wir allenthalben, daß Männer, in denen ein großer Trieb war, die Wahrheit von allen Seiten kennen zu lernen, auch auf abgelegnen Seiten den Umgang der Menschen suchten, die frei zu sprechen wagten . Sie mischten sich, erkannt oder unerkannt, in mancherlei Gesellschaften und hörten . So gewann Swift , ein ungemeiner Geist, in Fällen, wo er ihn anwenden wollte, seinen hellen, überzeugenden Vortrag, seine seltene Volkssprache. Jeder Liebhaber der Eigenthümlichkeit menschlicher Gedanken ging auf diesem Wege; ja, jeder Mensch, der wirklich und vielseitig gebildet werden will, kennt keinen andern. Die Stände, denen der Zutritt zu frei sprechenden Menschen versagt ist, die solche nicht anhören können und anhören mögen, bleiben eingeschränkt in ihrem Gedankenkreise, ungewürfelt in ihrer Vorstellungsart; sie werden argwöhnisch, versteckt, tyrannisch, feige. Nur durch Sprache wird ein Volk, nur durch gemeinschaftliche Sprache werden Menschen humanisirt. Was mich auf diese Gedanken gebracht hat, ist das Manuscript einer Reise durch Deutschland, die ein Ausländer ohne politische Parteisucht, blos zu dem Zweck unternommen hatte, um zu erfahren, wie man in Deutschland sprach und hörte . Ich würde sie nach der Analogie des einst so beliebten Espion Turc den Sprach- und Hörforscher nennen, darf aber nichts Einzelnes daraus mittheilen. Der menschenfreundliche Reisende fand Gegenden, wo man besser sprach , weil man sprechen durfte, weil man ohne Groll zu hören wußte; andre, über welchen ein fürchterliches Mißtrauen, eine taubstumme Verschlossenheit der Gedanken ihre schwarzen Flügel schlug und eine wortscheue, zaghafte, gleichsam stotternde Denkart herrschte. Von beiden zeichnet er die Folgen. Wie Gegenden, so unterschieden sich Stände; und auch hier waren die Folgen augenscheinlich. »Menschen«, sagt er, »die sich einander nicht mittheilen dürfen, denen die Sprache selbst einen Zwang, ein Cerimoniel auflegt, daß die freie Wahrheit, sie, die nicht anders als unmittelbar von Seele zu Seele, von Herz zum Herzen sprechen will und kann, immer Umwege nehmen und unter niedrigen Schlagbäumen durchkriechen muß, Menschen, denen beruf- und standesmäßig ein Schloß am Munde hängt oder gar die Zunge am Gaumen klebt   sie kennen keine andre als eine chinesische Etikett-Wahrheit .« Die Folgen hievon, sowol für Den, der nicht sprechen darf , als der nicht hören kann , zeigt mein philosophischer Reisender in Beispielen und kommt auf den einfachen Satz zurück: »Wer mit dem Andern oder gar für ihn wirken soll, muß wol auch mit ihm sprechen dürfen.« »Woher kommt's,« sagt er, »daß eine nachbarliche Nation zu der Schnelligkeit von Gedanken, zu der Gewandtheit gelangt ist, die sie, obgleich jetzt in übler Anwendung, dennoch unbestritten auszeichnet? Unter Andern auch, weil sie sich ihre Sprache leicht gemacht und aus ihr, bereits in ihren schönsten Zeiten, manche Ungereimtheiten des Cerimoniels hinweggeschafft hat; unter Andern auch, weil sie viel spricht, über allerlei Dinge spricht und über jedes bestimmt, hell, anständig und rein zu sprechen sich befleißigt; unter Andern auch, weil sich die Menschen in ihr leichter, geselliger mischten, Einer vom Andern Ideen anzunehmen nicht verschmähte, wodurch denn mehrere Gedanken in schnelleren, vielfachen Umlauf kamen und kein Stand barbarisch bleiben mußte . Welche Nation«, fährt er fort, »hat so viel angenehme und unterrichtende Mémoires als die, von der ich rede? Menschen in allen Ständen und in wie frühen Zeiten haben sie geschrieben! Dagegen fragte ich nach deutschen Denkwürdigkeiten einzelner berühmter Männer, und außer einigen ehrlichen Reiternachrichten, außer den Tagebüchern armer Wallfahrter nach dem heiligen Lande wußte man mir aus ältern Zeiten beinahe nichts zu zeigen. Vgl. Herder's Werke, XIV. S. 177 ff.   D. Aus Allem schloß ich, daß den Deutschen von jeher das Sprechen schwer gefallen sein mußte.« So mein Autor. Wie also, wenn wir oft, viel, dazu öffentlich, im freien Umgange, wo auf Rede Gegenrede folgt und ein Wort des andern werth ist, und allenthalben mit Lust sprächen: würden wir nicht auch leichter schreiben lernen? Ein großes Hinderniß ist die Departemental-Einrichtung, wodurch Alles auf unermeßliche Schreiberei gekommen ist, wobei kein lebendiges Wort der Untersuchung gewechselt wird.   Anm. J. von Müller's. Unsre Bücher, dünkt mich, würden Abdrücke des gesunden Verstandes, der im Leben herrscht, Vorträge im Ton guter Gesellschaft werden ; da jetzt zuweilen die durchdachtesten, witzigsten, sinn- und mühevollsten deutschen Schriften sich weder lesen noch hören lassen. Sie ermüden; unser Othem reicht zu ihren Perioden, unser Ohr zu ihren Vorstellungen nicht hin; oder der Autor wagte gar zu schreiben, was er in einer anständigen Gesellschaft also zu sagen sich schwerlich getraut hätte , und so macht er seinen Vorleser verstummen und erröthen. Vielleicht schrieben wir auch weniger, wenn wir mehr sprächen; Andre wenigstens hülfen uns sodann denken und schreiben, indem wir von, mit und an ihnen im mündlichen Gespräch lernten. Kurz, es ist wahr, was abermals Young sagt: In contemplation is thy proud resource? ›Tis poor as proud, by converse unsustain'd. Rude thought runs wild in contemplation's field; Converse , the menage, breaks it to the bit Of due restraint; and emulation 's spur Gives graceful energy, by rivals aw'd. ›Tis converse qualifies for solitude; An exercice for salutary rest. By that untutor'd, contemplation raves; And nature 's fool by wisdom 's is undone. »Sucht er seine stolze Zuflucht im stillen Tiefsinn? O, dieser ist ja ebenso arm als stolz, wenn er durch den Umgang nicht unterhalten wird. Der rohe Gedanke rennt im Felde der Betrachtung wild umher; des Umgangs Schule bändigt ihn erst und gewöhnt ihn, das Gebiß des gehörigen Zwangs zu leiden; und der Sporn der Nacheiferung giebt ihm ein anständiges Feuer, welches von Nebenbuhlern verehrt wird. Der Umgang macht uns zur Einsamkeit geschickt, so wie uns die Bewegung zur heilsamen Ruhe bereitet. Ohne des Umgangs Unterricht rast der Tiefsinn wie ein Wahnwitziger, der sich Kaiser im Monde zu sein dünkt, oder verhungert wie ein Bettler, und der Thor der Natur wird vom Thoren der Weisheit verdunkelt.« S. 51 f.   H. [Zeile 5 dieser Note sollte es vielmehr heißen: »welches durch Nebenbuhler in Scheu erhalten wird«, wie in den Werken gedruckt steht.   D.] Andrer Wohlthaten, die aus gesellschaftlicher Rede entspringen, nicht zu gedenken: Joy is an import ! Joy is an exchange ; Joy flies monopolists; it calls for two ; Rich fruit! Heav'n-planted! never pluckt by one . Needfull auxiliars are our friends, to give To social man true relish of himself. Full on ourselves descending in a line, Pleasure's bright beam, is feeble in delight; Delight intense is taken by rebound; Reverberated pleasures fire the breast. »Die Freude ist ein eingeführtes Gut; die Freude ist ein Tausch , kein Monopolium : sie will von Zweien gesucht sein; eine reiche Frucht, vom Himmel gepflanzt und nimmer von Einem gesammelt. Unsre Freunde sind unentbehrliche Gehilfen, um dem geselligen Menschen einen wahren Geschmack an ihm selbst beizubringen. Wenn der helle Strahl der Lust in einer Linie gerade auf uns herabfällt, so ist er schwach an Vergnügen; ein starkes Vergnügen wird durch den Widerstrahl empfangen; zurückgeworfene Freuden entzünden die Brust.« S. 52 f.   H. Wünschten Sie nicht auch, daß mein Autor seine Sprach - und Hörreise öffentlich machte?   Warum wir noch keine Geschichte der Deutschen haben. Neue Deutsche Monatsschrift 1795, Aprilheft.   D.   Gewiß treten Sie nicht der verachtenden Kälte bei, mit der einige Stimmen Schmidt's Geschichte der Deutschen in ihren letzten Theilen aufgenommen haben. Sie ist, wie man sagt, schonend geschrieben; ich wollte wissen, wer in unsrer Lage der Dinge, auch auf der Gegenseite, von den Zeiten Maximilian 's an eine ganz unparteiische Geschichte Deutschlands zu schreiben wagte. Das eben benannte Werk indessen ist in sich selbst beständig; es ist mit großem Fleiß, nicht ohne Wahrheitsliebe und mit einem heitern, ordnenden Blicke verfaßt: wer's besser machen kann, mache es besser; er schreibe eine Geschichte unsrer Nation, eine Geschichte der Deutschen . Eine Geschichte der Deutschen ? Wer sind diese? Sind's die Deutschen, die Tacitus beschreibt, oder die Vandalen in Afrika, die Sueven und Westgothen in Spanien, die Rügen, Herulen, Ostgothen und Longobarden in Italien, die Burgunder und Franken in Gallien, die Angeln in Britannien oder gar die Picten in Schottland, die Skandinavier in Norden, die der Geschichtschreiber beschreiben soll? Wir schätzen Alle des gelehrten Mascov 's Werk, »Geschichte der Deutschen«, Leipzig 1726-1737. D. Anton 's »Geschichte der Germanen« verdient diesem Werk in vieler Absicht beigefügt zu werden.   H. aber als eine bloße Antiquität ausgewanderter Völker . Urtheilen Sie, ob aus diesen Zeiten für uns viel mehr, als von ihm und Andern geleistet worden, zu erwarten steht. Sollen wir Karl's des Großen und seiner unglücklichen Nachfolger Geschichte unsre Geschichte nennen? Er, der uns als Barbaren behandelte, der unsere Hauptvölker, Sachsen, Thüringer, Baiern, überwältigt, der unsre alte Verfassung zerstört hat, sollte unser Geschichtanführer werden? Möge sein Bildniß bei Kaiserwahlen umhergetragen und auf sein Schwert und Evangelium dem Papst der Eid der Treue fernerhin gelobt werden, habe er sogar unsern Kalender ordnen wollen: er ist und bleibt ein Frankenkönig , der mit seinem ganzen Geschlecht unserm Deutschland in mehr als einer Rücksicht von Grund aus verderblich gewesen ist. Also Sachsen, Franken, Schwaben , das alles aber waren Familienkaiser , die in und außer Deutschland mit Horden umherzogen, Bischofthümer errichteten, Horden beschützten und in Italien allemal so zu Schanden wurden, wie es (so sagen wenigstens die Italiener) deutschen Horden geziemte. Jedermann ehrt die persönlichen Verdienste dieser Regenten; man gönnt ihnen das Glück, von Rom die Römerkrone erlangt zu haben, und wünscht nicht, daß Gelimer der Vandale, Attila der Hunne, Dschingis-Khan und Tamerlan sie erlangt hätten: in allen diesen Heereszügen aber wo ist der Deutsche , wo ist Deutschlands Geschichte ? Allen ältern und neuern Chronikschreibern und diplomatisch-statistischen Kirchen-, Staats-, Lehn- und sonstigen Geschichtforschern bleibe ihr Werth; was von Mascov, Hahn, Bünau, Ludwig, Gundling, Gebauer, Olenschlager, Pütter und Mehreren, einzeln und allgemein, geleistet worden, behalte sein anerkanntes Verdienst; so auch die Geschichte Kaiser Friedrich 's II. , Maximilians', Karl 's V. , und was sonst im Einzelnen Vortreffliches hervorgebracht worden. Bei dem Allen aber wo ist die Geschichte der Deutschen ? nicht deutscher Kaiser, nicht deutscher Fürsten und Fürstenhäuser, sondern der deutschen Nation, ihrer Verfassung, Wohlfahrt und Sprache? Kurz, was noch nicht geschrieben ist, zeigt durch sich selbst gnugsam, daß es bis dahin noch nicht geschrieben werden konnte. Wenn dies geschehen kann, wird's werden . Indessen versuche man, was man vermag, und schreibe Particulargeschichte . Möser mit seiner osnabrückischen Geschichte ging voran; Spittler mit seiner württembergischen und hannöverschen , Andre mit der Geschichte ihrer Länder sind fortgeschritten; und vor der Hand, was wollen wir mehr? Bestand nicht von je her Deutschland aus mehreren Völkern? hat der arabische Soll wol fränkische heißen.   D. Kaisermantel ihm eine Einheit geben können, die es nicht von Natur hatte oder durch eine wirkliche, bindende und bildende Verfassung bekam? Sodann fahre man auf diesem, dem geprüftesten Wege fort und schreibe: 1. Eine Geschichte der Nationen Deutschlands , ihrer Abkunft, Verfassung, Sitten und Sprachen. 2. Eine Geschichte der Meinungen dieser Nationen , dort und dann, ohne oder mit Erfolgen, nur redlich, ganz, und so vielseitig es immer sein kann. 3. Eine Geschichte der einzelnen und der Zusammenbeherrschung dieser Nationen . Sie ist nicht blos die deutsche Kaisergeschichte. 4. Eine Geschichte der Stände in diesen verschiedenen Völkern , des gemeinen Mannes , der Geistlichkeit und des Adels , ohne Rücksicht auf den Gesichtskreis unsrer Zeiten, treu und ganz. Der obere Stand gelte wie der untere, und allenthalben spreche nur der Mensch . 5. Eine Geschichte des deutschen Nationalgeistes. Moser hat einige Bogen darüber geschrieben; es ward ihm widersprochen und behauptet, daß Deutschland gar keinen Nationalgeist habe. Er setzte dieser Behauptung gutmüthige Patriotische Briefe entgegen, die aber wie gewöhnlich an den großen deutschen Nemo geschrieben waren. Da nach dem Begriffe der Amerikaner jeder Strom, jeder Baum, jede Wiese einen Geist hat: sollten die deutschen Eichen, die deutschen Berge und Ströme dergleichen nicht auch haben? Es werde also der deutsche Nationalgeist gegen solche Verleumdungen in Schutz genommen und in Beispielen gezeigt, daß Deutschland von je her, unverrückt, in allen Ständen einen Nationalgeist gehabt habe, solchen noch habe und seiner Verfassung nach nothwendig auf ewige Zeiten haben werde. Mehr als eine Bürgerkrone verdiente der Geschichtschreiber einer solchen Geschichte, einen Kranz von Eichen-, Buchen-, Fichten- und Lindenzweigen; nur   muß er ihn sich selbst flechten!   Seneca, Philosoph und Minister. Neue Deutsche Monatsschrift 1795. Juliheft.   D. Zwei Briefe.   Erster Brief. »Alle Meinungen über die Seelen der Verstorbenen«, sagt Diderot zum Herausgeber der Schriften des Seneca in La Grange 's Uebersetzung, »sind mir annehmlich, wenn sie mich rühren oder mir schmeicheln. Mich dünkt in diesem Augenblick, ich sehe den Schatten unsers guten La Grange um Ihre Lampe schweben, indeß Sie Nächte hinbringen, sein Werk zu vollenden und zu erläutern. Ich höre, ja, ich höre ihn; er spricht: »Wer die zerstreute Asche eines Unbekannten in eine Urne sammelt, thut eine heilige Menschenpflicht; wie viel bin ich Dir schuldig, Dir, der Du Dich um meine Ehre mühest!«« Und er fährt fort: »Ach, nur von mir hing es ab, daß Seneca auch zu mir spräche: »Fast achtzehn Jahrhunderte sind's, daß mein Name dem Druck der Verleumdung unterliegt, und ich finde an Dir einen Vertheidiger? Was bin ich Dir ? Welch Verhältniß kann in einem so großen Zwischenraum der Zeit zwischen mir und Dir sein? Wärest Du etwa meiner Abkömmlinge einer? Und was liegt's Dir an, ob man mich tugendhaft oder lasterhaft glaube?«« »O Seneca ,« antwortet der Verfasser, »Du, mit Sokrates, mit allen ruhmwürdigen Unglücklichen, mit allen großen Männern des Alterthums warest bisher und sollst immer eins der sanftesten Bande zwischen meinen Freunden und mir, zwischen unterrichteten Menschen aller Zeitalter und ihren Freunden bleiben. Du bist der Gegenstand unsrer oftmaligen Unterhaltung, und Du wirst ein Gegenstand der ihrigen sein. Wie oft habe ich, um von Dir würdig sprechen zu können, Deine nachdrucks-, Deine gewaltvolle Kürze beneidet! Wenn Deine Ehre Dir lieber war als Dein Leben, so sage mir: die Niedrigen, die Dein Andenken befleckt haben, waren sie nicht grausamer als Der, der Dir die Adern öffnen ließ? Es wird mir tröstend sein, wenn ich Dich an Einem und dem Andern räche.« So schrieb Diderot vor seinem Versuch über des Seneca Leben und Schriften ; Essai sur la vie de Sénèque, sur ses ècrits et sur les règnes de Claude et de Néron . Paris 1779.   H. er hat sein Wort gehalten; einen wärmeren Freund, einen scharfsinnigem, dringendern Vertheidiger hat so leicht kein anderer Staatsmann und Philosoph gefunden. Er geht des Seneca Leben und Schriften mit Anmerkungen durch, die uns in eine Gesellschaft der weltkundigsten Menschen versetzen und, wo sie uns auch nicht ganz überzeugen, doch so ausgesucht belehren, daß man das Buch fast mit einer süßeren Hochachtung für den Vertheidiger als den Vertheidigten aus der Hand legt. Wir Deutsche können mit diesem sogenannten Versuch eine andre gute Schrift: Seneca, nach dem Charakter seines Lebens und seiner Schriften, entworfen von Nüscheler , Zürich 1783.   H. verbinden. Warum ist diese schöne Schrift unvollendet? warum ist's bei dem ersten Bändchen geblieben? Hinter Kleist 's Gedichten findet sich ein kurzes Trauerspiel, Seneca , in Prose. Auch Andre haben den Gegenstand bearbeitet, und Lessing hat ihn sowie den Tod des Nero bearbeiten wollen. Vgl. Lessing's Werke, Th. XI. Abth. 2. S. 680.   D. Schade, daß er's nicht gethan hat! Kleist 's Trauerspiel ist sehr einfach; die Charaktere des Seneca und der Pompeja (so heißt hier seine Gemahlin) stehen fast unbeweglich da; der Knote wird ins Stück durch eine fremde Person, den Polybius, Seneca's Freund, der für ihn sterben will, nur hineingewebt. Sollte nicht, selbst der Geschichte nach, eine vielseitigere, innigere Bearbeitung dieses berühmten Todes möglich sein, die unstreitig auch lehrreicher wäre? Seneca nämlich war nicht Philosoph allein, er war Minister. Während der gepriesenen fünf glücklichen Regierungsjahre des Nero verwaltete er mit Burrhus das Reich; ja, vorher schon hatte die Mutter Nero's, Agrippine, seine Zurückberufung aus Sardinien zu ihren Absichten bewirkt; er ward der Lehrer ihres Sohnes. Seitdem geschahen alle Handlungen Nero's vor seinen Augen. Er war's, der dem jungen Kaiser die Trauerrede auf seinen Vorgänger Claudius machte, bei der sich, wie Tacitus sagt, Niemand des Lachens enthalten konnte, und die Seneca nachher selbst durch die Apokolokyntosis bitter widerlegte. Er hatte die Rede gemacht, mit der Nero die Regierung antrat, jene Rede, die ihrer vortrefflichen Grundsätze wegen in Erz gegraben ward und an jedem Neujahrstage vorlesen werden sollte. Er verfertigte die Gnadenreden, die Nero im Senat vortrug; und indem er mit der herrschsüchtigen Agrippine, deren Creatur er war, einerseits zu kämpfen hatte, sahe er auf der andern Seite auch im gütigen Nero lange schon den Löwen voraus, der (nach Seneca's eigenem Ausdruck), sobald er einmal Blut geschmeckt hätte, seine ganze Natur zeigen würde. Diese zeigte Nero bald. Unthaten, Morde, Vergiftungen, Einziehungen der Güter folgten einander, und viele dieser Güter wurden den Freunden des Kaisers geschenkt, unter denen Seneca seinen Theil auch nicht auszuschlagen wagte. Der Entwurf des Muttermordes wird ihm und dem Burrhus vorgelegt; sie müssen Ja sagen und Seneca die That in einem Briefe an den Senat sogar rechtfertigen. Mit Gewalt will Nero ein öffentlicher Wagenführer oder Zitherschläger werden; Burrhus und Seneca geben im Ersten nach, um das Zweite zu verhüten, bei welchem er sich aber um sie gar nicht mehr kümmert; Beide müssen zuschauen, wie er unter dem Geklatsch der verworfensten Leute die Zither schlägt. Nero theilt seine Tage in Grausamkeit und Wollust: Seneca bleibt am Hofe. Rom brennt sechs Tage und sieben Nächte: Nero singt dabei in theatralischer Kleidung den Brand von Troja; Seneca bleibt. Die Anklagen der Verschwörung nehmen zu, sie wagen sich an ihn selbst; er bittet um seine Entlassung und läßt sich durch eine verstellte Bitte des Kaisers: »er werde doch seinen Freund nicht verlassen wollen!« festhalten, bis endlich die Klaue des Tigers ihm so nahe kommt, daß er auf seinen Abschied dringt, da er denn fortan in seinen prächtigen Gärten, auf seinen reichen Landgütern nirgends mehr vor dem Gift, das ihm droht, sicher ist und sich mit Feld- und Baumfrüchten, mit Wasser aus dem Strom sein Leben fristet. Wie nun? Der Philosoph, der sich jeden Tag über sein Leben die strengste Rechenschaft abzulegen vorgab, sollte er sich solche jetzt, wenn er in seinen Gärten wie ein Verlassener umherirrt, wenn er dabei seine Reichthümer, vierzig Millionen an Werth, betrachtet, nie abgelegt haben? So darf wenigstens der Dichter des Trauerspiels ihn zwingen, diese Rechenschaft vor sich selbst abzulegen! »Wie bestehst Du mit Deinen Grundsätzen? Was hattest Du mit der Julia? War es Deiner werth, daß Du dem freigelassenen Polybius also schmeicheltest? Konntest Du, als Dich Agrippine aus Sardinien zurückberief, etwas Anders erwarten, als was erfolgte? Und warum ließest Du Dich, da Du das Herz des Nero von innen und außen sahst, so lange halten? Du hinterlässest unnennbare, von Zinsen bedrückter Nationen genährte Reichthümer   für wen? Deine Familie ist untergegangen; einer Deiner Brüder hat sich die Adern eröffnet, der andre hat vom Tyrannen Gnade erfleht, und Du lebst? Du lebtest so lange um ihn, für ihn, machtest es Dir zur Pflicht, ihn als eine Lust des Menschengeschlechts anzukündigen, zu rechtfertigen, zu beschönen: hast Du kein Verbrechen der beleidigten Majestät begangen, indem Du Dich nicht von ihm, sondern von Dir selbst zu solchen Dingen so lange gebrauchen ließest? Ruft nicht jeder Ermordete, ruft nicht das römische Volk, ruft nicht Nero selbst gegen Dich? Und was bist Du, enthaltsamer, standhafter, das Leben verachtender Weiser, vor diesen Tischen, diesen Spiegeln, in diesen Sälen, vor diesen Seen, in diesen Gegenden, bei Dir, in Deinem Innern? Rechtfertige Dich vor Dir selbst; der Tribun kommt, und was will der Tribun?« Das Haus ist von Soldaten umringt, der Tribun fordert Rechenschaft über eine entdeckte Verschwörung. Sowol Seneca als Nero wissen, daß dies hier nur Vorwand sein soll. Der Philosoph hat dem Tyrannen zu lange gelebt. Seneca ist bei Tisch; er antwortet unerschrocken und heiter. Der Tribun bringt die Antwort. Warum sollte hier nicht der Vorhang aufgezogen werden, um auch des Nero inneres Gemüth und seine äußere Lage ganz zu enthüllen? Hier mögen Poppäa und Tigellin auftreten; selbst das Blutgericht über die Verschwörung des Piso mit allen herzhaften Antworten der Verschwornen erscheine. Seneca ist unschuldig, und Nero weiß es. Er fragt den Tribun, ob er ihn bereit gefunden, sich selbst den Tod zu geben; und da der Tribun versichert, daß er ihm völlig gefaßt und heiter geantwortet habe, empfängt er die kurze Ordre der Hinrichtung: regredi et indicere mortem . Sie ist bald gegeben; aber der Dichter wird sie nicht so bald verschmerzen. Er wird den Mörder in der Gemüthsstimmung zeigen, in der er sich immer, auch beim Morde seiner Mutter und beim schändlichen Ausgange seines eignen Lebens wies, grausam-feige . Und diesem Elenden hatte Seneca zu seinem Ruhme verholfen? Er wiederum hatte Seneca gescheut und scheut ihn noch jetzt, wie die Frage an den Tribun zeigt. Beide also, sowol den Tyrannen als den ehemaligen Tyrannenführer, vor das Tribunal zu stellen, dem kein Sterblicher entgeht, Beide davor mit ihren Freunden und Feinden zu confrontiren, dies wäre das hohe Forum des Schauspiels. Der Tribun hat nicht das Herz, an Seneca den Mord zu vollführen; er fragt darüber den Präfect Fenius und schickt endlich einen Centurio in seinem Namen. Im Verfolg des Drama ist dies ein nicht zu verachtender Umstand. Der Centurio kommt; Seneca will sein Testament machen; es wird ihm verweigert. »So vermache ich Euch mein Leben,« sagt der Philosoph zu seinen Freunden; er besänftigt ihre Thränen und hat, ich möchte sagen, hier einen schönern Platz als Sokrates selbst zu seinen letzten Gesprächen. Seine junge Gemahlin Pauline will mit ihm sterben; er ermahnt sie zum Leben   eine Scene, in die der Dichter alle Zärtlichkeit und Philosophie bringen kann, die dem Orte gebührt. Endlich willigt er in ihren Tod, und ein Augenblick öffnet Beiden die Adern. Ich übergehe die folgenden Umstände und wünschte, daß wir die letzten Worte des Sterbenden hätten. Et novissimo quoque momento, suppeditante eloquentia, advocatis scriptoribus, pleraque tradidit, quae in vulgus edita ejus verbis invertere supersedeo . Tac . Ann., XV. 63.   D. Warum hast Du uns diese Worte unterdrückt, o Tacitus? Glaubtest Du, daß das Volk, das sie damals auswendig wußte, immer fortleben würde? Gewiß waren sie ein Bekenntniß, dem ähnlich, das Subrius Flavius dem Nero unter die Augen sagte: »Niemand war Dir treuer als ich, so lange Du Liebe verdientest; ich fing zu hassen Dich an, seit Du ein Mörder Deiner Mutter, Deines Weibes, ein Wagenlenker, Zitherschläger, ein Mordbrenner wurdest.« Tac . Ann., XV. 67.   D. Seneca's letzte Worte würden das Verhältniß, das zwischen ihm und Nero obgewaltet hatte, zeigen. Er stirbt. Pauline wird mit Gewalt zurück ins Leben gebracht; sie lebt aber nur wenige Jahre, behält ihren Gemahl in rühmlichem Andenken; blaß und blutlos, ist sie selbst fortan ein Denkmal seines Todes. Welche Scene, da sie wiederum ins Leben zurückkam! welche andre, da dem Sterbenden auch das Gift seines Freundes den Dienst versagte, nebst Allem, was von Seiten Nero's und des Senats darauf folgte! Mich dünkt, es könnte ein Trauerspiel hieraus erwachsen, das die stoische Philosophie am Hofe ebenso prüfte, als z. B. Lessing 's andre Stücke ihre Helden prüfen. Vielleicht ist es mir unbekannt längst schon da; gewiß aber kann es aus Tacitus' Beschreibung, den Anschuldigungen Seneca 's und Diderot 's Buch werden. Racine sagt vor seinem Britannicus : »Um einen ehrlichen Mann der Pest des Hofes unter Nero entgegenzusetzen, habe ich lieber den Burrhus als den Seneca gewählt. Beide waren Erzieher des Nero in seinen Jugendjahren gewesen, der Eine für die Kriegskenntnisse, der Andre für die Wissenschaften. Beide waren berühmt, Burrhus wegen seiner Kriegserfahrenheit und sittlichen Strenge ( militaribus curis et severitate morum ), Seneca wegen seiner Beredsamkeit und Geistesanmuth ( praeceptis eloquentiae et comitate honesta ). Burrhus wurde nach seinem Tode seiner Tugend wegen außerordentlich vermißt und bedauert ( civitati grande desiderium ejus mansit per memoriam virtutis ).« Mich dünkt, Racine habe zu seinem Zweck den Burrhus sehr schicklich gewählt.   Zweiter Brief. Glauben Sie nicht, daß ich mich in der Idee des Trauerspiels »Seneca« zu seinen Verleumdern gesellen wollte! Rechtfertigt sich der tragische Seneca, wie ich es nach Tacitus glaube, vor sich selbst und seinen Freunden, so kann er, auch bei Schwächen seines Charakters, die er jetzt selbst einsieht, als ein glorreicher Staatsmärterer da stehen, so daß, wenn er das Auge schließt, man ihn eines größeren Lohnes werth hält, als daß man ihm, wie einige Verschworne es wollten, hinter Nero das Reich antrage. Wahrscheinlich würde er das Reich ausgeschlagen haben, wenn er war, wofür ich ihn halte. Was ich merklich machen wollte, war einzig dieses, daß philosophische Sprüche, wenn sie auch die edelsten, stärksten, ja göttliche Sprüche wären, an und für sich noch nicht das Leben eines Menschen, zumal eines Staatsmannes, beurkunden und vor aller Schwachheit sichern. Der Hof ist ein so trügliches Element und ein politisches Leben unter Nero eine so gefahrvolle Scene, daß alle Briefe des Seneca, auch mit völliger Liebe zur Wahrheit, nicht als Sentenzen, sondern als Sache des Herzens geschrieben, uns jeden Schritt, den ihr Verfasser praktisch that, gewiß noch nicht verbürgen. Nicht daß er deswegen eine ewige Lüge und Satire gegen sich selbst hätte schreiben wollen und müssen, wie Diderot den Fall setzt; denn wer verzeiht sich nicht Vieles, sobald man sich Eins verziehen hat? und wie so manche Täuschungen giebt's, mit denen uns der Wahn, unentbehrlich zu sein, die Hoffnung, mit der Zeit nützlicher zu werden, die Sucht zu gefallen, die Furcht vor einem Aergern, als das Jetzige schon ist, endlich die Liebe zur Gewohnheit, die Anhänglichkeit an Ehre, Rang, Freunde, Bekannte, an uns selbst und alle Buhlerinnen unsers Herzens und Lebens von Tage zu Tage sanft und unsanft hintäuschen? Auch unter solchen Verirrungen konnte Seneca immer noch der mehr als kaiserlichen Achtung werth sein, die ihm Tacitus erweist. Gnug, wie auch sein Charakter sein mochte, seine Schriften sind ein reiches Füllhorn der schönsten, größten Sentenzen. Diderot hebt mehrere derselben aus, fügt seine Meinung hinzu und spricht mit unserm Innern so vertraulich, daß der Leser sich gedrungen fühlt, hie und da auch sein Wort hinzuzusetzen und mit Seneca , mit Diderot zu raisonniren, als ob er der Dritte sein müßte. Hiemit wird das Buch ein lebendiges Gespräch zwischen dem alten Weisen, seinem Ausleger und Freunde, endlich mit uns selbst, in vielfacher Anwendung auf neuere Welt- und Lebensscenen. »Ach,« sagt Diderot , »hätte ich die Werke des Seneca früher gelesen! hätte ich in einem Alter von dreißig Jahren seine Grundsätze angenommen, wie viel Vergnügen wäre ich diesem Philosophen schuldig, oder vielmehr, wie manchen Schmerz hätte er mir entfernt! Du bist's, o Seneca, dessen Hauch die leeren Phantome des Lebens zerstreut, Du bist's, der dem Menschen Würde, Festigkeit, Nachsicht gegen seinen Freund, gegen seinen Feind, Verachtung des Glückes, der Verleumdung, des Ruhms, der Würden, des Lebens, des Todes einzuhauchen, Du bist's, der von der Tugend zu sprechen und Begeisterung für sie zu entzünden weiß. Du hättest mehr an mir gethan als mein Vater, meine Mutter, meine Lehrer; sie wollten mich Alle zur Güte bilden, sie wußten aber nicht, wie. Wie hasse ich jetzt Die, die mir den Seneca herabsetzten! Ihr kleinmüthiger Geschmack hielt mir die Augen auf den Cicero geheftet, der mich lehren könnte, wohl zu reden, und entzog mir Den, der mich gelehrt hätte, wohl zu handeln. Und doch, welch ein Unterschied zwischen der Reinigkeit des Stils, die ich mit dem Ersten nicht erlangt habe, und der Reinigkeit der Seele, die in mir gewiß gewachsen und befestigt wäre, wenn ich im Zweiten studirt, über ihn nachgedacht, mich in ihm genährt hätte! Selbst jetzt, in einem Alter, in welchem man sich nicht leicht mehr bessert, habe ich den Seneca nicht ohne Nutzen für mich und für Andre um mich gelesen; es scheint mir, daß ich das Urtheil Andrer über mich weniger, mein Urtheil über mich dagegen desto mehr scheue und achte; es scheint mir, daß ich die verflossenen Jahre weniger bedaure, auf die kommenden weniger einen Werth lege. O, wie übel hat man gethan, daß man, um mich zu einem bessern Schriftsteller zu machen, mich hinderte, ein besserer Mensch zu werden! Verhärtet hat mich Seneca nicht; ich gestehe aber, es möchte Weniges sein, worüber ich laut aufschreien würde. Nur glaube man nicht, daß man ihn aus einigen Blättern kennen lerne und über ihn urtheilen dürfe! Man lese ihn ganz, und noch einmal! man lese den Tacitus dazu und werfe meine Apologie ins Feuer! Erst dann wird man wahrhaftig überzeugt sein, daß Seneca ein Mann von einem großen Talent und einer seltnen Tugend gewesen, da seine Verleumder hingegen zu den ärgsten, ungerechtesten Menschen gehören.« So schrieb Diderot zu einer Zeit, da er sich vielleicht selbst vor den »Confessionen« und, wie er glaubte, den Verleumdungen Rousseau 's scheute. Rousseau's »Confessionen« haben ihm nicht geschadet; und auch dem Seneca schadeten seine Verleumder nicht. Dem Xiphilin steht Tacitus entgegen, und seine Schriften sprechen in Tugenden und Fehlern für sich selbst. »Jedes Alter«, sagt Diderot , »schreibt und liest nach seiner Weise. Die Jugend liebt Begebenheiten, Facta, das Alter Reflexionen. Einem Mann von Jahren, dem die meinigen zu lang, zu häufig, dem Gegenstande zu fremde vorkommen, würde ich rathen, den Tacitus, Sueton und Seneca mit sich in die Einsamkeit zu nehmen; die Sachen, die ihm merkwürdig vorkommen, die Ideen, die sie in seinem Geist erwecken, die Gedanken dieser Schriftsteller, die er zu behalten wünscht, die Gesinnungen, die er erproben will, aufs Papier zu werfen, ohne ein andres Project, als sich selbst zu unterrichten. Fast bin ich gewiß, daß, wenn er sich an den Orten verweilt, wo ich mich verweilte, wenn er sein Jahrhundert mit den vergangnen Jahrhunderten vergleicht und aus erlebten Umständen und Charakteren Vermuthungen über das zieht, was das Heute uns ankündigt, was das Morgen uns hoffen oder fürchten läßt: er würde ein Buch machen ohngefähr wie das meinige. Allenthalben bin ich in Gesellschaft; ich frage, ich antworte.« Wenn dies nicht ein gute Art zu lesen ist, so kenne ich fast keine andre.   Aus Herder's Nachlaß.   Zu Karl von Dalberg's »Betrachtungen über das Universum« (1777). J. von Müller hatte diesen Aufsatz »Ueber die dem Menschen angeborne Lüge« überschrieben, aber richtig dessen Beziehung auf die Schrift Dalberg 's erkannt und seine Entstehung in den Januar 1777 gesetzt. Dalberg erwidert darauf am 27. Januar. Vgl. »Von und an Herder«, III. 251 f.   D. 1. Die Sache des ungeheuern Widerspruchs im Menschen und in seiner Gesellschaft ist leider treffend wahr geschildert, ebenso treffend und wahr auf den Stolz zurückgebracht, unsre erste und fast einzige Sünde, Proteus in hundert Gestalten und ein ewiger Phönix, der aus der Asche seines verglimmten Vorwesers wieder ersteht. Daß die Lehre und Uebung des Christenthums hiegegen der einige, göttliche, wahre Rath sei, ist mit einer Stärke und Wahrheitfülle gesagt, die nur aus dem Herzen und der innigsten Ueberzeugung kommen konnte. 2. Im Wesentlichen sind wir also nicht blos einig, sondern ich bin eben in diesem Wesentlichen und in der tiefen Einfalt seiner Darstellung unendlich Lehrling gewesen, so wie ich's auch noch lange bleiben werde. Aber nun, wenn ich die Reduction aufs Gesetz der Immutabilität u. dergl. (nur der Rand und die terminologische Einfassung der Wahrheit) weniger verstehe, rührt's ohne Zweifel von mir her, und daß ich nur ein abgebrochnes Stück lese, von dem ich nicht weiß, woran es hangt, und zu welchem größern Werk es eilt. 3. Ist der Widerspruch (§. 1) wahr, so giebt's zwei Immutabilitäten im Menschen, zwei principes constans, die nach ihren Gesetzen wirken, und wenn sie beide dem Hauptgesetz gehorchen, daß Jedes Seinesgleichen hervorbringt, so löst dies den Knoten des Widerspruchs im Menschen so wenig, daß es ihn vielmehr recht sichtbar macht und zwei Götter, zwei principes constans , setzt, die, jedes in seiner Natur, nach ewigen Grundgesetzen handeln, handeln müssen und handeln werden. Da ich dies nun mit der Natur des mächtigsten, besten, gütigsten, voraussehendsten Wesens so wenig als mit der Thatgeschichte des Menschengeschlechts vereinigen kann, wo doch (§. 1) ein Mittel, der Geist des Christenthums, gefunden und wirklich da ist, diesen Knoten zu lösen, den Geist des Stolzes unter ein Gesetz höherer Demuth gefangen zu nehmen u. s. w., so muß, da dies Mittel doch von Gott kommt wie die Menschennatur selbst, und bei ihm Alles, Gegenwart, Verbindung, Eins ist, auch dies Mittel zusammt dem vorigen Widerspruche Eins gewesen sein und, wie alle seine Mittel und Zwecke die besten sind, gerade auch in dieser Divergenz und Contrarietät zweier Kräfte der Menschheit vielleicht eben ihr Zweck, ihre jetzige höhere Bestimmung liegen. Um mich indessen diesem schweren Knoten, dem Mittelpunkt höchster Weisheit und Güte in aller uns bekannten Natur, nur durch Analogie zu nähern, dünkt mich's 4. daß die Schöpfung überhaupt in allen ihren Stufen und Arten eben dieser Contrarietät unterworfen sei, sofern sie's nämlich nach ihren Stufen und Arten sein konnte. Es wird, vielleicht etwas freigebig, vorausgesetzt, daß Alles in der Schöpfung sonst Wahrheit sei, nur der Mensch Lüge: sollte dem also sein? Wie würde denn Materie, Thier, Zusammenordnung eines eingeschränkten Ganzen möglich? Die Materie ist eine ewige Lüge, d. i. ein Phänomenon von lauter Kräften, geistigen, wirksamen Kräften, die in ihrer Existenz bezirkt, gehindert sind und durch positive Kräfte und Bahnen, deren Ursachen außer ihnen liegen, bestimmt werden. Wer weiß, was die Kraft der Schwere , der Union eins ist? von welchem Grad geistiger Kraft sie für uns das Phänomenon sei? Wir sehen indeß immer, daß sie nach Stolz , d. i. ewig fortgesetztem Streben und Drücken ihrer Kraft, in gerader Linie wirke, und daß der Schöpfer ihr nur nach positiven Regeln eines höhern Plans, eines Ganzen, von dem sie nichts weiß, gewisse äußere Mittelpunkte des Anziehens gesetzt habe, die die Kraft ihres Stolzes, jener gerad fortlaufenden Bewegung, schwächen und eben damit einen Sonnenplan voll höherer Weisheit und Güte, Körper und Substanzen voll tiefern Lebens und Genusses bilden müssen. Die Contrarietät des Menschen scheint mir also in den ganzen Weltbau verbreitet. Ueberall zwei Kräfte, die sich einander entgegengesetzt, doch zusammenwirken müssen, und wo nur aus der Combination und gemäßigten Wirkung beider das höhere Resultat einer weisen Güte, Ordnung, Bildung, Organisation, Leben wird. Alles Leben entspringt auf solche Weise aus Tod, aus dem Tode niedriger Leben, alle Organisation aus Zerstörung und Verwandlung geringerer Kräfte, alles Ganze der Ordnung und des Plans aus Licht und Schatten, aus divergenten, sich einander entgegengesetzten Kräften, wo das höhere positive Gesetz, das beide einschränkt und aufhebt, eben allein κόσμον, Welt, Plan, Ganzes, höheres Wohl, gemeinschaftliche Glückseligkeit beginnt und anstimmt. Mathematik, Physik, Chymie, Physiologie lebender Wesen sind, dünkt mich, hier überall Zeugen. 5. Im Menschen, dünkt mich, ist also diese Contrarietät nur am Meisten offenbar, etwa weil er das geistigste, entwickeltste Wesen unsrer Welt, Zusammendrang und Mittelpunkt unsrer Schöpfung ist. Das Thier ist keiner menschlichen Lüge fähig, weil es kein Mensch ist; übrigens aber zeigen zehn Beispiele, daß es in Annäherung und seinem Kreise eben die zwei widerwärtigen Kräfte in sich und Bahnen außer sich habe: je mehr sich das Thier dem Menschen nähert, desto mehr nimmt die Helle zu, mit der es beide empfindet; je weiter von ihm fern, desto mechanischer und blinder wirken beide Kräfte. Es ist ein ewiges Geben und Nehmen, Anziehen und Zurückstoßen, Insichverschlingen und Aufopfern sein selbst, und der Plan, der Beides regiert, ist immer höheres Gesetz, positive Ordnung höherer Gattung, die aus diesen Kräften, einzeln oder auch verbunden, ohne höhern Mittelbegriff weder gefunden noch erkannt und begriffen werden kann. Zum Menschen! 6. Der Mensch, als er zum ersten Mal stolz war und Gott ähnlich sein wollte, verfolgte er nicht etwas Gutes? fühlte er nicht in sich eine Menge unentwickelter Kräfte? war's Fehler, daß er sie entwickeln wollte? war er nicht Gottesbild? und war also nicht Gottähnlichkeit die Bahn, die ihm der Schöpfer selbst angewiesen? So wird der einseitige Philosoph fragen, und in dem Walde von Begriffen, den er Naturrecht, Recht der Menschheit nennt, hätte er auch einseitig hypothetisch Recht; alle einseitige Hypothese ist aber Lüge. Der Mensch hat kein ihm eignes, isolirtes Naturrecht, das ihm concubitum vagum mit allen Geschöpfen, der Schlange etc. zur Gottähnlichkeit erlaubte: er ist gebornes Bild Gottes in der Welt Gottes, Mittelpunkt in dieser Ordnung. So wenig der stolze Saturn die Freiheit hat, seine gerade Bahn durch alle Himmel, wo er will; zu verfolgen; er soll von der Sonne gelenkt werden und ist nur durch dies primitive höhere Gesetz des Sonnenplans das, was er ist, worden: so ist nur der Mensch, was er ist, durch höhere Gnade, ex speciali gratia des Schöpfers, der ihn dazu, was er ist, schuf, und an dem Schöpfer also und seinem höhern positiven Gebot muß er hangen. Was ihm die Sonne für eine Bahn vorschreibt, die er weder aus sich selbst noch aus der Schlange lernen kann, der muß er folgen, und zwar frei folgen; denn Freiheit ist eben der Mittelpunkt seines Daseins, der Grund seiner höhern Ordnung, das Gottähnliche, daß er sprechen kann: »Lasset uns   in der Ordnung Gottes wirken«, d. i. sein und nicht sein, wo und wie er's gebietet   hier streben, dort sich verleugnen und darüber nicht grübeln wollen, sondern folgen. 7. Das Gesetz der Freiheit lag also in der Natur des Menschen, aber nicht der vagen Freiheit, von der Einige sehr mechanisch reden, und die eigentlich Knechtschaft ist. Seine Freiheit mußte es sein, einem positiven Gesetz Gottes, einem höhern Sonnenplan zu folgen, auch wo er das Ganze nicht übersähe, zu dem er beiträgt (welcher einzelne Planet kann's?), sondern sich mit allen ihm möglichen Kräften an seinen Gott und Vater, die Sonne, zu halten, in jenem Punkt die eigne Kraft, den Stolz zu vernichten, der auf eigner Bahn immer irren will. Das war Freiheit; sobald er sich diesem höhern Plan nicht aufopfern konnte, sondern sprach: »Kann ich nicht selbst Sonne sein und dieser Schlange zufolge mir meine Welt bilden?« so war's mechanische, sinnliche Knechtschaft, und der Mensch, Gottes Bild, das Geschöpf höherer Ordnung, fiel , d. i. er handelte nach Gesetzen einer niederern Ordnung, ward Thier und, da er das auch nicht ganz sein konnte, mit zwei widerbellenden Kräften Teufel. Das Zusammengesetzte der Kräfte war und blieb Menschennatur (da er am mechanischen Pflanzen- und Thierreich Theil nimmt, so muß er auch an ihren Gesetzen Antheil nehmen, aber als Mensch, im Mittelpunkt höherer Ordnung), nur das Ungezähmte, Selbstgnugsame , der Drang für sich hinaus ward im ersten Punkt Sünde und Unglück: er zerrüttete den Plan Gottes, zu dem der Mensch geschaffen war, und in dem er (jeden Punkt seiner Laufbahn wirkend und vor Gott vernichtigt   angezogen, nicht wirkend) in ewigen Bahnen fortschreiten sollte, in ewiger Spirallinie zum Mittelpunkt, der Sonne, Gott. 8. Alle Philosophie also, die von sich anfängt und mit sich aufhört, ist von ihrer Muhme, der Schlange. Der Planet war nicht vor der Sonne, ist nur durch sie und auf sie geordnet. Das Gesetz des Christenthums ist durch die Schöpfung verbreitet: Vernichtigung sein selbst zu einem höhern Sein, Tod zum höhern Leben. Wie unendlich mehr Leben kommt in die Schöpfung, wenn der Planet um die Sonne geht und sich wärmt! ohne sie (wenn's zu denken möglich wäre) verlief' er sich in den Abgründen der wüsten Schöpfung. 9. Der Mensch fing an, sich zu verlaufen, und sogleich ergriff ihn die väterliche Sonne und brachte ihn mit Gewalt zurück   mit liebreicher Gewalt, die nur auf ihn einfließen soll (nach dem Gesetz der Freiheit seines Wesens, §. 6. 7), daß er selbst zurückkomme. Ungemach und physische Uebel folgen dem moralischen Uebel und reizen ihn zum Rückgange. Der Schöpfer hatte nicht blos Gutes und Böses so verknüpft, daß das Uebermaß des einen immer das andre veranlaßt, sondern kam auch mit einer Reihe positiver Gebote, Sitten, Gesetze dazu, den Menschen mürbe zu machen und sein Gefühl zu wecken, daß er ohne Gott nichts sei, sich also vor ihm freiwillig zu vernichtigen und aus tieferm, unendlich tieferm Tode durch gratia specialiori verdoppelte und unendlich vermehrte Kräfte sich zum höhern Leben emporzuheben. Hier ist wol »habe« ausgefallen.   D. Das ist die Ordnung der höhern Gnade, wo Jesus der Mittelpunkt ist an Licht, Kraft und Vorbild. Der Planet wandelt jetzt in unregelmäßigen Bewegungen um die Sonne, da einst seine völlige Runde ohne Winkel auf einem Plane im Kreise um die Sonne schwamm; jetzt sind ewige Jahrszeiten; Sommer und Winter, Herbst und Frühling soll auch in der Menschennatur nicht aufhören. Unterdrückung des Stolzes und ein neuer feinerer Stolz, der aus der Asche jenes entstand und von Neuem gedämpft werden soll. Damit stärkt sich die Kraft immer, und der überwundne Feind wird schwächer, da er doch nur immer aus der Asche eines andern entstand: bis endlich durch höhere Gnade, die jetzt Gnadenlohn ist, die Laufbahn dieses ringenden Körpers sich ganz ändert und er jetzt in höherm Maß das ist, was er einst in geringerm sein sollte und nicht blieb. Die ewigen Perihelien und Aphelien unsers Daseins sind vorüber, der ausgebrannte, gereinigte, vergeistete Körper schwebt um die Sonne in neuem höhern Plane. »Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, das hat Gott offenbart Denen, die ihn lieben.« 10. Je tieferer Fall also, je höherer Aufschwung, wenn der Mensch die überwiegende Gegenkraft, die ihm aus Gottes Vatergnade ward, ergreift. Je tiefere Leidenschaft, je mehr Energie, desto mehr Saatkorn zur Ernte, wenn die Leidenschaft durch freilich so größern Kampf geläutert und aus dem Teufel ein brennender Seraph ward. Niemand ist hier übergangen, Niemand versäumt, er hat nur auf die Glückseligkeit Anspruch, von der er inniges Gefühl hat; die übrige ist nicht für ihn und wäre blos Lüge, wenn sie ihm würde. Keine Himmelsseligkeit ist ohne Tugend, keine Krone ohne Kampf möglich, so wenig Brod ohne Hunger schmeckt: nur also aus der überwundnen Divergenz beider Kräfte entspringt höhere Kraft, Seligkeit, Christentum, Gottesleben. Will ich mir die Menschheit hienieden als lauter Licht, Wahrheit, leidenschaftlose Güte u. dergl. denken, so ist's ein falsches Ideal; das Licht kann nur aus überwundnen Schatten, die Wahrheit aus besiegtem Vorurtheil, die Leidenschaft für Gott und das Gute nur aus besiegten und gebändigten Leidenschaften der Sinnlichkeit (die den Stoff dazu geben müssen) werden. Nur aus Schwachheit wird Kraft, nur im Gefühl der Armuth kann und wollte sich Gott offenbaren. Lex contrariorum also, oder opposita juxta se posita, divergentia in unum redacta waren das, worauf Christus gen Himmel stieg und wir Alle ihm nachklimmen müssen. Alle Reinigkeit der Engel, welche kein Mensch gesehen hat, zusammt der Immutabilität alles Fortschreitens in gerader Linie ist nicht Menschenloos hienieden: es ist ein Abstract wie die Stärke der Stoiker und die Wollust der Epikurer. Eben die Contrarietät im Menschen ist das Siegel Gottes in unsrer Natur, der Baum der Erkenntniß Gutes und Böses in einen ewigen Baum des Lebens verwandelt.   Eine Muthmaßung über die Sündfluth. J. von Müller' s Ueberschrift: »Revolution der ersten Welt nach den ältesten Traditionen«, scheint von Diesem selbst herzurühren; der Aufsatz war wol ohne alle Ueberschrift und ursprünglich eine Vorarbeit zum zweiten Theil der »Ideen« oder für diese bestimmt. Vgl. Herder's Werke, X. S. 178, 180. Aus der Anführung von Pagès ergiebt sich, daß der Aufsatz nicht vor Ende 1783 geschrieben sein kann. Müller meinte, es sei die am Ende des zweiten Theiles der »Ideen« in Aussicht gestellte Ausführung.   D.   Die erste Welt ist untergegangen, sagt eine Reihe der alten Traditionen, und die unsere beschreibt uns sogar die Art des Unterganges mit einer Tageschronik darüber; 1. Mos., 6-9.   H. ja, sie geht, sich selbst wenigstens gleichförmig, von dieser Ueberschwemmung auf die Geschichte einer ganz veränderten Welt aus. Was ist von ihr zu halten? Sie klingt einer Fabel so ähnlich. Es ist keineswegs zu leugnen, daß über die sogenannte Sündfluth Träume geträumt find, die uns fast der Name »Sündfluth« Althochd. sinvluot , mittelhochd. sintvluot , »große Fluth«.   D widrig machen möchte. Wo irgend auf oder unter der Erde ein Schalenthier oder eine Meertrümmer sich zeigte, sollte es ein Zeichen der Mosaischen Ueberschwemmung sein, ohne daß man zusammenrechnete, wie kurz diese gedauert habe, und wie lange, wie wiederholte Zeiten jene zu ihren Erdverkörperungen nothwendig bedurften. Ja, da es ausgemacht ist, daß unsere ganze Erde Meeresgrund gewesen und nur aus Wasser und im Wasser bestanden sei, so haben diese sogenannten stummen Zeugen der Sündfluth großenteils ihren Glauben verloren. Der Ueberschwemmungen auf unserer Erde sind so viele und verschiedene gewesen, daß man den Ocean aus einem Landsee ableitet, wenn man eine Frist von 150 Tagen zur Ursache Alles dessen macht, was sich allenthalben Meerartiges findet. Ich muß also bekennen, daß die sinnreichen Theorien Burnet's, Whiston's, Woodward's u. A. bis zu de Luc 's berühmter neuerer Hypothese für mich wenig Ueberzeugendes haben. Die letzte z. B. De Luc 's »Physicalische und moralische Briefe«, B. 2, Brief 137-140 u. 147.   H. (denn über die andern ist schon gnugsam geurtheilt) läßt das ehemalige feste Land nicht überschwemmen, sondern mit allen seinen Einwohnern einbrechen und versinken, dafür ein ganz anderes Land, unsere jetzt bewohnte Erde, aus der Tiefe des Meeres steigen. Beide Theile der Hypothese scheinen mir selbst der Mosaischen Erzählung, der zu gut sie doch eigentlich erfunden sind, völlig entgegen. Der Naturgeschichte getreu, setzt Moses den Ursitz des Menschengeschlechts in kein untergesunkenes Südland, sondern an den uns bekannten Rücken der Erde, dessen noch jetzt vorhandene Flüsse er sogar ihrem Lauf nach beschreibt. Sein Urland also existirt noch und ist genau das, was wir dem Bau der Erde nach zum Urland der Erde wählen müßten. Wir kennen nichts Aelteres, nichts Festeres als jene Urgebirge, die Pfeiler unserer Welt, auf die regelmäßig ist gebaut worden; ja, manche Gipfel derselben hat scheinbar nie das Wasser berührt. Als Garte betrachtet, ist dieser Welttheil ein alter Garte; und wenn Moses' Erzählung gelten soll, so zeigt ja sein Oelblatt, der Acker- und Weinbau, der nach der Ueberschwemmung sofort anfing, wie auch der ganze Faden seiner Tradition, daß er von keinem alten Meeresschlamm rede, der, jetzt erst aus der ewigen Tiefe gestiegen, den ersten Sonnenstrahl sauge. Lasset uns also, nachdem beinahe alle Dichtungen über diese Tradition von den scharfsinnigsten Männern erschöpft sind, uns treu an die Erdgeschichte halten und sehen, was sie uns sage.   Zuerst fällt jedem beobachtenden Auge als sonderbar auf, daß das große feste Land unserer Erde nicht liegt, wo man es nach den Bildungsgesetzen einer flüssigen Sphäroide suchen sollte, um den Aequator. Hier hatte unsere Kugel die größten Durchmesser, die größte Schwungkraft, die meiste Friction; hier also sollte sich auch ihre größte Erdhöhe, ihr festestes Land und die längsten Strecken der Gebirge gesetzt haben. Aus der Theorie der Erdbildung folgt dieses so augenscheinlich, daß Buffon, selbst dem Anblick der jetzigen Erde zuwider, die höchsten Berge dahin legt. Indessen liegen sie nicht da: die asiatische Erdhöhe ist weit gegen Norden, die Andes durchschneiden den Aequator, wie sie den ganzen Welttheil durchschneiden, und die weiteste Breite aller vier Erdtheile liegt weit über der Linie, der nur Meer, Inseln und die letzten Strecken des Continents bleiben. Woher diese Sonderbarkeit gegen den Bau der Erde? Zweitens . Die ganze Reihe der nordischen Länder jenseits des großen Gebirges zeigt in ihren Versteinerungen, daß sie voraus entweder zur heißen Sphäre gehört oder doch ihr nahe gelegen habe. Die Elephantengerippe in Sibirien und dem ganzen ihm parallelen Europa bis nach Nordamerika hin sind sattsam bekannt; Buffon , »Epochen der Natur«, Epoche 5.   H. sie liegen nur wenige Schuhe unter der Erde und sind zum Theil noch unversehrt. Pallas , »Beobachtungen über die Berge«.   H. Vom entgegengesetzten Ende der Welt können sie in diese Gegenden nicht geschwemmt sein, sondern höchstens aus einem benachbarten Lande. Diese jetzt so kalten Länder waren also einst dem heißen Klima näher, wie auch die große Menge hie und da gegrabener indischer Pflanzen beweist; woher dieses? Drittens . Die Südwelt dagegen hat eine Beschaffenheit, die ebenso sehr befremdet. Im südlichen Amerika sind keine Rhinoceros-, keine Elephantengerippe gefunden worden; das Land hatte also nicht nur selbst keine, sondern sie kamen auch aus Nordamerika dahin nicht hinüber. Kein Rennthier, kein Bison, kein canadischer Hirsch findet sich auf seinen Schneegefilden; die untern Wüsteneien der Andes haben wenig oder keine größeren Landthiere. An Wasser fehlt es der letzten Landstrecke Amerika's ebenso sehr; die tapfersten Nationen müssen Hunderte von Meilen Moräste suchen und zum Theil von Feldratten leben. So schöne Striche die Küste der Hottentotten hat, so ermüdet durstig reist man mit Sparrmann auf der mittleren Wüste ihres stromlosen Landes. Wie sehr es Neuholland, einem Welttheil, groß wie Europa, an Flüssen, an Wasser, an Landthieren fehle, ist bekannt; tiefer hinab (indeß noch weit über den Polarzirkel) zeigt uns die Natur schon ihre ganz nackten Felsen. Woher dies? Woher, daß die gesammte Südwelt in Allem so weit nach ist, arm an Ländern und fruchtbarer Erde, arm an Strömen, trotz ihrer Berge, arm an Landthieren, trotz ihres zum Theil schönen Klima? Nehmen wir diese drei Paradoxe zusammen, so hört alles Paradoxon auf. Die Nordwelt rückt herunter: so erklären sich ihre Elephanten und indischen Kräuter; so tritt das feste Land in seiner größten Breite um die Linie; so streckt sich nach ihr auf dem obern Hemisphär die Höhe der Berge; die Südwelt mit ihren nackten Spitzen, mit ihren kahlen Gebirgen, mit ihrer todten Gestalt rückt näher dem Südpol zu: mithin ist Alles erklärt. Auch wird das Südhemisphär nicht mehr die einzige große Gruft des Meeres, sondern die Wasser sammeln sich, wohin sie gehören, unter beide gedrückte Pole. Viertens . Mehr als einem Bemerkenden sind die Spitzen aufgefallen, mit denen sich alle Welttheile südlich endigen. Man sehe Amerika, Afrika, Asien beim Cap Comorin und Neuholland an; die Uebereinstimmung fällt ins Auge. Auch bemerkt Reinhold Forster , Forster 's »Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt«, S. 3 f.   H. daß oberhalb dieser Spitzen das Land westlich einen großen Busen, östlich eine oder mehr Inseln bilde; was ist hievon die Ursache? Forster räth auf eine Ueberschwemmung von Südwest; woher diese Ueberschwemmung? ist sie, wie der genannte Naturphilosoph meint, ihrer Zeit und Bestimmung nach unerforschlich? Fünftens . Jedem, der auf die Karte sieht, fallen bei dem Weltmeer nicht nur aus- und einspringende Winkel, sondern auch zwischen manchen sehr entfernten Ländern gerade parallel aus- und einspringende Küsten ins Auge, wovon Amerika gegen Afrika das offenbarste Beispiel giebt. Wo Südamerika eine große Spitze macht, macht Afrika einen Busen; es ist, als ob das atlantische und äthiopische Meer sich von Norden herab oder Süden hinauf wie ein ungeheurer Strom, und also nach Art der Ströme mit aus- und einspringenden Winkeln seinen Weg gebahnt habe. Lambert Mémoire de l'Académie de Berlin , 1767, p. 25.   H. hat das Phänomenen so weit ausgebreitet, daß er den Ocean wie einen Strom betrachtet, der am östlichen Asien einen Weg bei Kamtschatka hinauf und unter Neuholland hinunter genommen, bis der obere Arm sich mit dem atlantischen, der andere mit dem Stillen Meer begegnet und beide sich in dieselben ergossen haben. So unausgearbeitet Lambert diese Hypothese giebt, indem er einen widersinnig fließenden Strom des Weltmeers nicht erklärt, ihn auch gegen den Anblick der Küsten über seine Schranken treibt, so fehlt es der Hypothese dennoch nicht an Wahrheit. Einmal muß das Meer, nur nicht als Strom, sondern als Ueberschwemmung, einen so widernatürlichen Weg genommen haben, wie alle Buchten des östlichen Asiens und der Herabstrom des atlantischen Meeres zeigen. Daß noch jetzt die Nordsee hoch stehe, beweist Holland, das sich kaum mit seinen Dämmen schützt. Auch ist die Fahrt auf dem atlantischen Meer mit dem beständigen Nordostwinde viel schneller hinunter als hinauf; dagegen an den Küsten von Guinea, Angola, Congo, zumal im südlichen Amerika der Südwind herrscht. Was war nun die Ursache, warum sich alle Busen des süd- und östlichen Asiens südwestlich, die Busen des nördlichen Asiens, ja die ganze westliche Küste von Europa, Nordamerika und Afrika nordwestlich bildeten, bis der atlantische Strom beim mexicanischen Busen sich herauswand und Südamerika ostwärts, Afrika dagegen mit seinem einzigen großen Busen westwärts umschränkte? In der Bewegung unserer Erde und im Strom des Weltmeers von Ost nach West liegt keine Ursache dieser Bildung, ja, in den meisten Fällen ist dieser jenem Lauf ganz entgegen. Nehmen wir die Erklärung der ersten drei Paradoxen mit diesem vierten und fünften zusammen, so erklärt sich abermals Alles dergestalt durch einander, daß unser festes Land keinen andern Umriß empfangen haben konnte. Hatte sich unsere Erdachse so verändert, daß, da einst nach den Gesetzen der Kugelbildung das höchste und breiteste Land um den Aequator lag, unsere nördlichen Länder, wie ihre Fossilien zeigen, der heißen Zone näher, dagegen die wasserlosen nackten Strecken der Südwelt dem Südpol näher lagen, jetzt aber das breiteste feste Land in das nördliche Hemisphär kam: so mußte erfolgen, was unser Erdball zeigt. Das Meer, das nach den Gesetzen der Sphäroide sich vorher gleicher um die beiden Pole gelagert hatte, trat aus seinem alten Ufer hervor. Von Süden aus nahm es die größte Höhe der Erde ein und überschwemmte, so weit es zu überschwemmen vermochte, bis es nördlich abfloß und mit den Wassern des Nordpols im atlantischen Meer seinen Abstrom, im weiten Stillen Meer endlich seinen Ruheort fand. Siehe da die große Ueberschwemmung der alten allgemeinen Tradition, für die ich nichts dichte, die sich uns aber aus mehrern sonst unerklärlichen Phänomenen aufdringt und, als ob sie dazu aufbehalten wäre, uns diese Paradoxen erklärt! Was man in Moses' Erzählung unglaublich und lächerlich gefunden hat, wird in diesem Zusammenhange eben nach seinen kleinen Umständen naturhistorische Wahrheit. Denn 1) Moses' Ueberschwemmung dauert nicht lang: 40 Tage schwillt das Gewässer, 150 Tage steht's und fängt an zu sinken; in einem Jahr und elf Tagen ist die traurige Revolution vorüber. Warum in einem Jahr und elf Tagen? Weil, wenn man damals Mondjahre zählte, dies gerade unser jetziges Sonnenjahr ist und die Veränderung der Erdachse sich in Jahresfrist zutrug. Da nun die Ueberbliebenen, von denen diese Nachricht redet, an der höchsten Erdhöhe gerettet wurden, so ist kein Zweifel, daß daselbst einem großen Umfang nach das feste Land schon trocken sein mußte. Ueberhaupt goß sich das Meer von Süden nach Norden gleichsam nur über und nahm seinen Abfluß: dies sagen die in der nördlichen Welt zusammengeschwemmten Thiere, dies sagt der tiefe Abhang der sibirischen Küste. Wie es in andern Erdgegenden gestanden habe, konnte diese Tradition nicht melden; sie beschreibt, was auf dem Erdrücken vorging, auf dem diese Erretteten lebten. 2) Die Tradition macht die Ueberschwemmung allgemein, und aus den angezeigten Gründen konnte sie in diesen Gegenden nicht anders als also sein. Ob sie alle Berggipfel der Erde überschwemmt, ob sich nirgend etwas Lebendiges auf den Gebirgen gerettet habe, mögen wir aus ihr nicht entscheiden; denn sie ist eine Nationalsage, die mehrere Völker haben. Die Chaldäer sprechen von ihrem geretteten Xisuthrus, und da beide Völker Nachbarn waren, beinahe mit den Umständen dieser Sage. In der indischen Mythologie betreffen viele Fabeln offenbar diese Ueberschwemmung. Zu Ende des dritten Weltalters war es die erste Verwandlung des Wischnu, daß er in Gestalt eines Fisches den Ueberschwemmten zu Hilfe kam und ihnen in ihrem rettenden Fahrzeuge zum Steuerruder diente; in einer andern Verwandlung nahm er die Gestalt des Ebers an, der mit seinen Hauern die versunkene Welt aus dem Abgrunde holte; er stützte sie in Gestalt einer Schildkröte, als die Riesen den Mittelberg der Erde ins Meer warfen u. s. w. Dergleichen Sagen sind fast bei allen Völkern, zumal bei denen, die nahe an den Urgebirgen wohnten. Da die Ueberschwemmung langsam kam und bald wegging, so war, wiewol mit äußerster Müh' und Beschwerde für so viel Thiere und Menschen, Rettung möglich, als die Vorsehung erretten wollte. Der sogenannte Kasten Noah' war eigentlich nur ein großes Haus mit einem für seinen Erdstrich zu rettenden Haushalt; warum sollte es in andern Erdstrichen nicht dergleichen Errettungen der Vorsicht gegeben haben? Doch wir fahren lieber fort in unsern Bemerkungen klarer Naturphänomene. Sechstens . Gnugsam bekannt ist's, daß die magnetische Achse unserer Erde mit ihrer natürlichen nicht einerlei sei, sondern daß sich sowol nach der Abweichung als Neigung der magnetische Meridian und Aequator um die Erde winde. Zwar sind die Karten hierüber noch sehr unvollkommen und werden noch lange unvollkommen bleiben; das Hauptresultat indessen ist klar und führt auf sonderbare Folgen. 1) In ganz Europa, Afrika und dem größten Theil von Asien ist die Abweichung nordwestlich, und zwar größtentheils also (denn kleine Localausnahmen sind aus hundert Ursachen unvermeidlich), daß, je weiter ostwärts, sie desto mehr abnimmt, bis sie sich in China und Japan gar verliert. Weiterhin wird sie östlich, nimmt bis an die westlichen Küsten von Amerika zu, wo sie wieder abnimmt, sich in Canada verliert und dann abermals bis nach Europa hin der genannten westlichen Abweichung sich nähert. Jedermann fällt ins Auge, daß im Ganzen die festen Erdtheile hiebei die Direction zu leiten scheinen. Die ganze alte Welt declinirt westlich; hinter ihren östlichen Küsten fängt die östliche Abweichung an; sie nimmt bis zu den Küsten Amerika's zu, fängt mit diesen sich an zu vermindern, verliert sich mit diesen, und die gegenseitige tritt mit den Küsten Europa's und Afrika's ein   immer ein sonderbarer Umstand. Ebenso sonderbar ist's, daß die Linie ohne Declination von Nordamerika aus sich nach der Biegung des atlantisch-äthiopischen Meeres richtet, und die andre, die über Neuholland geht, von Jeniseisk in Sibirien ab ihr parallel zu laufen scheint. Halley 's Karte der Abweichungen, die mehrmals nachgestochen ist und sich auch bei Musschenbroek's Physik findet.   H. 2) Noch merkwürdiger ist die Karte der magnetischen Neigung. Abhandlungen der schwedischen Akademie, Th. 30, S. 209.   H. Ihr Aequator ist mit dem Aequator der Erde weder gleich noch parallel; in Südamerika geht er etwa 15 Grade unter der Linie hervor, durchstreicht sie in Afrika und geht nahe bei China durch die Spitze der Philippinen, bis er im Stillen Meer wieder die Linie durchschneidet und sich in Südamerika zu seinem Anfang herabsenkt. Er streicht also 15 bis 20 Grade über und unter dem Aequator. 3) Sowol die Neigungs- als Abweichungskarten stimmen darin überein, daß der magnetische Nordpol nicht mit dem natürlichen Pol unserer Erde zusammen-, sondern etwa 15 Grad von ihm entfernt in die Baffinsbai treffe; und ebenso geben die Bemerkungen in der freilich viel unbekanntern südlichen Welt, daß der magnetische Südpol etwa auf die 20 Grade vom geographischen Südpol treffen möge. Euler setzte ihn 30 bis 40 Grade; s. aber Wilke , Th. 30 der schwed. Abhandl., S. 231.   H. Woher nun dieses? Da unsere Erde ein magnetischer Körper ist und sich nach dem von unserm zweiten Kepler, Tobias Mayer , Erxleben 's Naturlehre, S. 438.   H. entdeckten Gesetz des Magnetismus die Kraft eines Magnets in jedem seiner Theile wie die Weite dieser von seinem Mittelpunkt verhält, warum treffen die magnetischen Pole, mithin die Längen und Breiten der magnetischen, nicht mit den Polen, Längen und Breiten der geographischen Erde zusammen? Warum ist die Richtung jener schief und des Nordpols eben nordwestlich? Warum ist die Entfernung des Pols vom Pol, des Aequators vom Aequator nicht mehr oder minder als 15 bis 20 Grade? Warum ändert sich die Direction der Abweichung eben mit den festen Welttheilen? Die Auflösung der vorhergegangenen fünf Paradoxen scheint auch dies sechste aufzulösen. Die Pole der Erde nämlich haben sich verändert, und zwar, wie uns die magnetische Karte wahrscheinlich machen könnte, um 15 bis 20 Grade. Der magnetische Nordpol, vorher mit dem geographischen eins, trat zurücke, da der südliche hinauftrat, und zwar geschah die Revolution diesem und den vorigen Factis gemäß von Ost nach West. Unsere Erde ist also ein umgekippter, anomalischer Magnet, da den Gesetzen seiner Bildung nach vorher seine Pole mit den Weltpolen wahrscheinlich regelmäßig zusammengetroffen haben. Die jetzige Divergenz seiner ältern und neuern Pole scheint Manches zu erklären, weshalb Halley vier Erdmagnete annehmen mußte; es ist aber hier der Ort nicht, diese Vermuthung auszuführen. Siebentens . Die Schiefe unserer Erde gegen die Ekliptik ist so bekannt, als sie paradox ist; denn warum neigt sich unser Planet, und zwar in einem Winkel von 23 Graden? Nach den Gesetzen seiner Bildung, so weit sie uns bekannt sind, sollte sein Aequator dem Sonnenäquator gleich sein, weil, wenn die Kraft der Sonne auf seine Bildung wirkte, wie sie gewiß auf sein ganzes System gewirkt hat, ihr Aequator die meiste Kraft aussandte und der Aequator einer Sphäroide solche jenem parallel empfangen mußte. Auch zeigen die andern Planeten, daß dieser Winkel unter keinem allgemeinen Gesetz des Sonnensystems stehe, indem er in einem scheinbaren Mißverhältniß sich hier mehr findet, dort weniger findet, mithin allein in der zufälligen Beschaffenheit jedes Planeten seine Ursache zu haben scheint. Und da die Größe dieses Winkels mit allen voraus angeführten Naturparadoxen nahe zusammentrifft, ja mit dem magnetischen gewiß noch näher zusammentreffen wird, wenn diese genauer wird bemerkt sein, so scheint das siebente Paradoxon alle sechs vorigen zu erklären: nämlich die Erde schwamm einst auf der Fläche des Sonnenäquators, Tag und Nacht waren auf ihr gleich, ihre magnetischen waren die Weltpole, das höchste feste Land lag um den Aequator. Eine Revolution kam und veränderte, so wie den Schwerpunkt und die äußere Gestalt, so auch die Bahn der Erde. Indem der alte Südpol herauf-, der alte Nordpol nach Amerika herunterrückte, änderte sich das Klima der Länder nicht nur durch seine neue Lage, sondern auch durch die neuen Jahrszeiten des Planeten. Jetzt also ward die ganze Erde bewohnbar, da sie es vorher nur in einem kleinern Umfang sein sollte; und so begann die Geschichte unserer Jahreszeiten, unserer Menschheit. Ich hoffe nicht, daß in unsern Zeiten Jemand eine Revolution wie die, die ich muthmaße, für unmöglich oder der Natur der Dinge zuwider halten werde; denn obgleich freilich mit der Veränderung unserer Erdachse bisher sehr gespielt worden, so kommt es dennoch darauf an, wie und aus welchen Gründen man sie behaupte. Schlechterdings ist in der irdischen Natur nichts beständig, und ein so vielartiger, zäher und spröder Körper, als unsere Erde nach den Theilen und der Art ihrer Zusammensetzung ist, muß nothwendig bei den mancherlei Kräften, die in und auf ihr wirken, auch einer Reihe von Veränderungen fähig sein, die demungeachtet ihren allgemeinen Gesetzen folgen. Da nun überdem noch nach tausend Phänomenen die Erde ein magnetischer Körper ist und wir unter den unbelebten Dingen nichts Zarteres und Regsameres kennen als das Bild unserer Erdachse, die Magnetnadel: so macht uns schon diese Immerbewegliche auf ähnliche Veränderungen jener aufmerksam. Denn wie mancherlei Dinge wirken auf die Magnetnadel! Feuer, Licht, Kälte, selbst der Nordschein, blos ihre Lage, Behandlungen derselben von der verschiedensten Art haben sie aufs Verschiedenste verändert; ja, ein Blitz kann sogar ihre Pole verwechseln. Da nun nach der Theorie des Magnetismus und allen Erfahrungen gerade der Aequator die Gegend ist, wo sich die Ströme beider Pole vermischen und am Schwächsten wirken, mithin auch hier die Kraft des Ganzen am Ersten verändert werden kann, und sobald dieses geschieht, nothwendig beide Pole, die nie ohne einander bestehen, sich gemeinschaftlich verändern mußten: mich dünkt, so leitet uns schon die Theorie auf das, was uns die Erfahrung zeigt. Der Astronom tritt hier dem Physikus nach, und auch unter jenen ist's ja noch so ausgemacht nicht, ob sich der Winkel der Ekliptik nicht noch jetzt unmerklich verändere? Die periodische Veränderung derselben blos durch die Kraft des Mondes ist bereits nach Gesetzen berechnet worden; und die weit beträchtlichere, die nach den Perioden ihrer Bildung selbst vorgehen mußte, wird wahrscheinlich einst berechnet werden. Und so hangen denn die Märchen der ältesten Tradition mit den Phänomenen der ältesten Naturgeschichte zusammen und werden von dieser erklärt. Die Sagen aller alten Völker reden von einer ersten goldenen Zeit, in der auf der Erde Tag und Nacht gleich gewesen, in der die Menschen länger und glücklicher gelebt, in der Göttersöhne oder Halbgötter geherrscht, in der die Riesen Frevelthaten begangen haben u. s. w. Von China bis zur neuen Welt erstrecken sich diese Sagen, die die Denkart jedes Volkes sich eigenthümlich modificirte; auch die versunkne Atlantis gehört zu ihnen, die nach der griechischen Fabel nicht nord- oder ostwärts, sondern westlich lag und also wahrscheinlich vom Durchstrom des atlantisch-äthiopischen Meers überschwemmt worden. Insonderheit aber wird jeder Zug der alten Mosaischen Tradition hiemit erklärt. Der Mittelberg der Erde, den alle asiatischen Sagen unter den Aequator setzen, ist daselbst nicht mehr; die vier Ströme des Paradieses rinnen nicht mehr aus einer Quelle, sie fließen 25 und mehrere Grade über dem Aequator. Unsere blos zusammenstellende Hypothese giebt davon die Ursache an; nicht minder die Ursache von den veränderten Jahreszeiten, an die auch Moses zu denken scheint, 1. Mos. 8, 22.   H. und von dem verkürzten Lebensziel der Menschen. Die Elephanten der alten Erde sind stärker und größer gefunden worden; Buffon's Epoche 5.   H. der Bau der Menschen muß also von ähnlicher Beschaffenheit gewesen sein, und die Fabel hat ihn zur Riesengestalt erhoben. Auf jener Erdhöhe nämlich, auf der noch jetzt jeder Körper sein wahres Gewicht verliert, ob ihm gleich nichts von seinen Theilen entgeht, auf jener Erdhöhe, auf der der Pendul sich langsamer schwingt Condamine 's und Vouguer 's Erfahrungen hierüber sind bekannt.   H. und das Gold weniger wiegt, auf ihr war nothwendig auch der organische Bau der Lebendigen leichter, elastischer, größer. Langsamer verzehrte sich ihre Lebenskraft; denn der Schwung ihres Gewichts war gleichsam auf einen längern Bogen berechnet. Noch jetzt, bei völlig veränderter Oekonomie der Erde, wohnt der größte Menschenstamm auf einer, wiewol kalten, südlichen Erdhöhe, und die Riesenkörper der alten Scythen hatten wahrscheinlich eine dergleichen Nordhöhen zu ihrem Vaterlande. Die Ausschweifungen, die die alte Tradition ihren Göttersöhnen beimißt, Uebermuth und Wollust, sind noch jetzt Charakter der Aequatorsbewohner; ein elastisches tieferes Gefühl ihres sinnlichen Daseins ist überall ihr auszeichnendes Gepräge; S. alle Reisebeschreiber und noch neulich Pagès , Voyages , T. 1. p . 188.   H. [Die »Voyages« von Pagès erschienen 1782. Sie wurden Ende 1783 Herder bekannt.   D.] und doch, ist ihr Erdstrich nicht mehr, was jener smaragdene Erdring der Fabel mit seinen erdichteten Städten, dem Vergnügen und Verlangen, den Palästen und Zauberschlössern der Peris und Genien waren. Er ist zerbrochen, dieser Ring; das Land des Paradieses ist von seiner Stelle gerückt und lebt jetzt nur im Andenken der alten Fabel. Auch die Wunderthiere, von denen diese in vielen Ländern vielförmig dichtet, scheinen nicht ohne allen physischen Grund, da z. B. das eine große Thier der Urwelt, das man in Nordamerika gefunden, jetzt wirklich nicht mehr lebt; warum könnten also, ja warum müßten nicht bei dieser ursprünglich andern Stellung der Erde manche seiner Brüder gelebt haben, die die spätere Fabel nachher nothwendig sehr reich ausschmückte? Auch daß der Regenbogen erst nach der Ueberschwemmung angestaunt und als ein Zeichen der Huld gefeiert wurde, weist dahin; die Erretteten mußten eines Himmelstrichs gewohnt sein, wo ihnen der Regen fremd gewesen, wo also, wie es auf dieser Erdenhöhe sein mußte, das regelmäßige Aufsteigen der Dünste aus den Nord- und Südmeeren des Tages wie ein Wolkenschirm war, der ihnen das brennende Antlitz der Sonne bedeckte und Abends als ein erquickender Thau sich zur Erde senkte. 1. Mos. 2, 5. 6. Noch jetzt wird unter der Linie die Hitze durch den dichten Schleier von Wolken gemildert, der sich den ganzen Frühling durch vor die Sonne zieht. S. Ulloa , Th. 1, S. 66. Damals war ein solcher ewiger Frühling.   H. Alles dieses folgt aus der Natur der angenommenen und wird annähernd noch durch die jetzige Beschaffenheit jener Zone bewiesen. Tradition und Naturgeschichte stimmen zusammen, und wenn eine von beiden nicht gesprochen hätte, müßte man sie aus der andern ergänzen. Achtens . Wenn also von dieser Revolution so viele, so verschiedene Zeugen sind, was in der Welt hätte sie bewirkt? Sollen wir einen Kometen zu Hilfe rufen, der zwischen der Erde und dem Mond wegfahre und sie auf eine unmögliche Art ersäufe? Seitdem ein Komet die scharfsinnigsten Männer, wie z. B. Buffon und Whiston , soweit verführt hat, ist mir vor allen gelehrten Kometen bange, deren Zusammentreffen mit unserer Erde, auch astronomisch, weder Analogie noch Wahrscheinlichkeit vor sich hat. S. Prosperin 's Abhandlung über der Kometen kleinsten Abstand von der Erdbahn, Schwed. Abhandl., Th. 37, wo er auch über de Lalande 's Réflexions sur les comètes qui peuvent approcher de la terre , Paris 1773, sich kurz erklärt.   H. Keine der alten Traditionen, die von dieser Ueberschwemmung reden, gedenkt eines Kometen, dessen man doch gewiß, als eines furchtbaren Himmelsboten, im astronomischen Asien würde gedacht haben. Warum bedürften wir auch eines unbekannten Maschinengottes, da im Bau und in den Lebensaltern der Erde selbst Revolutionen der Art mit allen ihren Folgen nothwendig liegen. Der Leser gönne mir noch einige Geduld, meine Vorstellung nach Thatsachen der Natur zu vollenden. Hat unsere Erde sich unleugbar aus einem flüssigen Zustande gebildet, so konnte sie sich weder auf einmal dichten, noch immer dieselbe Bahn oder Schwungkraft haben. Als einst ein kleiner Kern ihren Mittelpunkt machte und der ganze Vorrath ihrer künftigen Schöpfung in einer weiten dunkeln Atmosphäre hing, hatte sie als ein kometenartiger Körper auch wahrscheinlich die Excentricität eines Kometen; denn was scheinen diese schießenden Boten des Himmels anders zu sein als unausgebildete Kerne mit einer großen Atmosphäre, die sich durch ihren Lauf zur Sonne allmählich zum Planetenzustande rüsten. Als die Schöpfung der Erde begann, erhielt diese auch den Lauf eines Planeten; denn nur hiedurch konnte sie, was sie ist, werden. Vermutlich also auch daher bezeichnete der älteste Philosoph der Urwelt 1. Mos. 1.   H. die Entwicklung ihrer organischen Wesen durch kein anderes Zeitmaß als der Tage und Nächte, weil zur Bildung ihrer selbst sowol als zur Organisation ihrer Geschöpfe die Umwälzung und Bahn eines Planeten nothwendig erfordert wurde. Mußte sich diese nach der Masse und Schwungkraft unserer Erde richten, so konnte, ja, so mußte der Fall eintreten, daß, ehe sie zu ihrem Zustande der Austrocknung gelangte, in einer Periode, da vielleicht noch ein dickerer Luftkreis sie umgab, mehr Wasser auf ihr stand und sie hie und da noch leichter zusammengeballt war, sie auch eine andere Gestalt hatte und einen etwas andern Lauf um die Sonne machte. Vielleicht kam sie schon in 360 Schwüngen umher, da bei mehrern Völkern auf der Erde das älteste Sonnenjahr nur 360 Tage faßt, S. Weidler , Historia astronomiae , p. 18 ; Bailly »Geschichte der alten Sternkunde«, S. 71. Indessen ist diese Vermuthung nur zufällig und gehört nicht nothwendig zur vorgetragenen Hypothese.   H. und so gehörten etwa in diesen Zustand einer mit Dünsten beschwängerten Luft, einer noch nicht völlig reifen Erde jene größern Körper mit ihren längern Jahren, von denen die Tradition redet. Je mehr aber die Erde reifte, je fester sie sich setzte, was konnte entstehen, als was entstanden ist? Ueberschwemmungen und früher oder später eine Hauptsenkung, deren Spuren sie noch an sich trägt. Ein Blick auf die Karte beweist, was ich sage. Wo sind die großen Meere auf unsrer Erde? Nirgend, als wo wenige Inseln sind; wie dies sowol das atlantische als das südliche und Stille Meer beweisen. Hier waren also wenige hohe Bergketten, und wenn Land da war, war es locker gebaut; es konnte mit der Zeit einer Revolution der reifenden Erde nicht widerstehen. Dagegen jenes große Asien mit seinen festen Gebirgen wie ein unerschütterter Fels dastand, der zwar benagt, der von Wellen bespült, von dem durch kleine Meerengen Inseln getrennt werden mochten: der Fels aber stand und wird stehen bis ans Ende der Erde. Was hingegen austrocknend und dichtend sich senken mußte, das senkte sich und ging unter. So ward also jenes große, insellose Stille Meer das Becken der Erde. Die Länder, die etwa bei Bildung der Erde sich in ihm erzeugt hatten (denn die wenigen Inseln, die in ihm liegen, scheinen offenbar einem Gebirgstrich zu folgen), die lockern Länder sind nicht mehr. Als Continent konnten sie sich nicht erhalten, und aus den Trümmern ihrer animalisch kalkartigen Materien bauen die Korallenthiere seit Jahrtausenden künstliche Inseln. Neuntens . Was am Meisten diese Senkungen beförderte, waren nothwendig jene Erdbeben und Vulcane, die in den frühern Perioden der Erdbildung so wirksam und mächtig gewesen sind, wie ihre Producte zeigen. Zum Bau und Anbau der Erde trugen sie ohne Zweifel viel bei, da sie mit ihren Lavaströmen den Boden deckten und mit ihrem Feuer so viele gebundene Massen von Luft und Wasser aus den Kalksteinen auflösten; noch mehr aber halfen sie zur Verdichtung und Befestigung der Erde. Der Land- und Meererschütterer in den unterirdischen Höhlen riß an sich, was er an sich reißen konnte; das Uebrige blieb desto fester. Schauet umher! Allenthalben unter dem Ocean ist seine große Werkstätte, wo er zum Theil ausgewüthet hat, zum Theil auf Küsten oder Inseln noch wüthet. Ganze Strecken der Erde, ganze Eilande des Weltmeers sind sein Werk, und auch die meisten Buchten der Länder gehen nach Richtungen seiner Wirkung. Sehet den asiatischen Archipelagus an Pallas in seinen Beobachtungen über die Berge (S. »Vermischte Beiträge zur physicalischen Erdbeschreibung«, B. 3. S. 280 ff.) leitet ebenfalls die große Ueberschwemmung, von der die alte Tradition redet, aus Erdbeben und Vulcanen des indischen Meeres her und sagt vortreffliche Sachen darüber; wenn aber keine andere Ursache dazukam, so konnten schwerlich die Vulcane des gesammten Weltmeers die Fluth über einen Welttheil wie Asien jagen, daß sie gegen den Pol abfließen müßte, gesetzt, daß sie auch nur die Kalkberge bedeckte. Die Macht einzelner Vulcane scheint mir nur ein schwacher Hebel zu dieser Weltverwüstung, da noch jetzt im indischen Meer eine große Menge derselben toben.   H. und verfolget die Vulcane von den Philippinen nach Japan, nach Kamtschatka und den kurilischen Inseln; gehet sodann in Amerika von den mexicanischen bis zu den peruanischen und den Vulcanen des Feuerlandes nieder: als flammende Wächter stehen sie da an schroffen Küsten und bewahren die Grenzen des Landes, redende Zeugen, daß in ihrer Nähe aus unterirdischen Klüften und Höhlen, die auch jetzt noch unter dem Stillen- und Südmeer weit fortziehen, der Welterschütterer so viel zu sich gerissen habe, als er bewegen konnte. Daß auf der andern Seite unter dem atlantischen Meer die Erdbeben gleichfalls fortgehen und die Vulcane Amerika's mit denen in Europa sowie die entferntesten in Europa unter einander Gemeinschaft haben, bezeugen Begebenheiten, die wir zum Theil selbst erlebten. Und so sehen wir leicht die Ursache einer in den ersten Zeiträumen der bewohnten Erde durch natürliche nothwendige Mittel bewirkten großen Erdensenkung. Die Bildung des festen Landes zeigt sogar, in welchen Richtungen die Folge solcher Einstürzung, die Ueberschwemmung gegangen sei; unmöglich aber würde sie eine so mächtige Folge gehabt haben, wenn nicht mit ihr der Planet selbst aus seinem alten Gleichgewicht gebracht wäre. Daß bei andern Erdsternen ähnliche Senkungen, wahrscheinlich ebenfalls durch ungleichartige Eintrocknung, stattfinden mögen, sehen wir aus dem schiefen Winkel der meisten, in welchem sie sich um die Sonne umherziehen; der einzige Jupiter steht aufrecht, wahrscheinlich seiner Größe wegen, der keine Senkung etwas anhaben konnte, obgleich in seinen veränderlichen hellen und dunkeln Streifen noch die Vulcane wüthen mögen. Gnug, auch die Sündfluth war eine Naturbegebenheit, moralisch und physisch eingewebt in die Menschengeschichte. Die Vorsehung, die sie nicht durch ein Wunder sandte, sondern ohne Wunder sie nicht verhindern konnte, hatte sie so schonend eingerichtet, als es die Natur des Erdkörpers zuließ. Sie hatte den Geburtsort des Menschengeschlechts auf Höhen des Welttheils gelegt, dem diese Revolution am Wenigsten anhaben konnte, dagegen die einbrechenden Länder des Südmeers wahrscheinlich noch nicht oder nur wenig bewohnt waren. Ein langer Regen kündigte die Ueberschwemmung an, der vielleicht die Vulcane aufweckte und die ganze Dunstatmosphäre hinunterzog, die nie mehr die der Erde werden sollte. Was also auch die Erretteten als ein Zeichen des gestillten Grimmes der Elemente ansahen, war ein Luftzeichen, der aufgehangene Bogen des zornigen Phöbus, der Thiere und Menschen getödtet hatte, und jetzt als ein Zeichen der Huld am neuen Firmament glänzte. Da mit dem Schwerpunkt sich nicht nur die Neigung, sondern vielleicht auch die Bahn der Erde etwas verändert hatte, so wurden die fünf neuen Tage eines abwechselnden künstlichern Jahres allmählich bekannt und nicht ohne Mühe eingeschaltet; das alte gleichere Jahr war, wie es für ein junges Menschengeschlecht gehörte, leichter zu berechnen. Das Leben der Menschen in einer andern Atmosphäre, mehreren Veränderungen der Jahreszeiten unterworfen, kürzte sich also auch allmählich, dagegen aber auch jene Riesenkräfte, die bei einem längern Leben und einer roheren Natur allerdings viel Uebels unternehmen konnten, sich verloren. Jene Periode war zur ersten Consistenz des Menschengeschlechts nothwendig gewesen, weil bei einem Alter von mehreren Jahrhunderten die Tradition allerdings weiter fortging, das väterliche Ansehen sich mehr befestigte, die Gesellschaft Wurzel schlug und die Erfindungen, ohne die unser Geschlecht nicht bestehen konnte, sich sicherer vererbten. Nun aber diese Zwecke erreicht waren und sich bereits in schädlichen Folgen zeigten, auch eigentlich nur zur Grundlegung unseres Geschlechts dienen sollten, so änderte die Vorsehung den Plan ihrer Haushaltung mit unserem Geschlecht durch natürliche Ursachen unsers Wohnhauses und holte eben damit ihre andern, weitere und höhere, Zwecke nach, den ganzen Erdboden zu bevölkern. Gesenkt und niedergedrückt geht jetzt unser Planet und bettelt den Strahl der Sonne auch für seinen Polarzirkel. Die weitesten und breitesten Strecken auf ihm genießen ein gemäßigtes Klima, da sie vorher der Linie nahe in glückseliger Trägheit oder in übermüthiger Wollust das längere Leben der Menschen hinschleichen sahen. Die Abwechslung der Jahreszeiten weckte auch das menschliche Gemüth auf und bewirkte eine größere Verschiedenheit der Neigungen und Charaktere. Bald ward der Wein erfunden, von dem jene Welt nichts gewußt hatte, und allerdings kam damit raschere Begeisterung und trunkner Taumel in menschliche Seelen. Das Rad des Lebens, das kürzer laufen sollte, lief auch schneller; die Stämme blieben nicht mehr beisammen, wie es bei dem langen Leben der Altväter dort geschehen mußte; mit Gedanken und Neigungen liefen sie allmählich aus einander. Sprachen, Sitten und Völker vervielfältigten sich; man baute künstliche Regierungsformen, an die man in der Zeit des alten Saturn's nicht gedacht hatte; Jupiter und bald auch das Geld herrschten auf der veränderten Erde. Unleugbar ist's indessen, daß mehrere Völker nicht nur das Andenken dieser verlebten Urwelt in Sagen, Festen, Gebräuchen, Denkmalen und Bildern, sondern auch, so viel es anging, seine Sprache, Künste und Einrichtungen zu erhalten suchten; der Anfang der Völkergeschichte giebt davon Beispiele. So muthmaße ich über diesen Traum der Kindheit unsers Geschlechts nach seinen ältesten, zum Theil weitverbreiteten Traditionen, verglichen mit der Naturgeschichte unserer Erde, und bin überzeugt, daß ein hypothesenloses Studium beider noch viel aufhellen werde.   Persepolitanische Briefe. Schon am 29. April 1798 meldete Herder Eichhorn , er schreibe über Persepolis, und da bekomme er auch einen gedruckten Brief von ihm. Den 11. Juni 1800 bemerkt er Demselben, seine Persica lägen nun über ein Jahr, und er fürchte, daß er durch das Säumen und Aufschieben Lust und Liebe dazu verliere. Vgl. »Von und an Herder«, I. 311. 315. Die unvollendeten Briefe fallen demnach in die Jahre 1798 und 1799, nicht, wie Herder's Gattin berichtet (Erinnerungen, III. 114 f.), 1799 oder 1800.   D. An Niebuhr. Vergebens war die Mühe, die Sie, verdienstreicher Mann, mit schmerzendem Auge auf die Ruinen Persepolis' sowol als auf die sogenannten Abbildungen Rustam 's wandten, gewiß nicht; Sie müssen Sich der unerwartet frühen Erfolge Ihrer Genauigkeit selbst freuen. 1. Die musterhafte Exposition, die de Sacy Mémoires sur diverses antiquités de la Perse et sur les médailles des rois de la dynastie des Sassanides, par Sylv. de Sacy . Paris 1793. 4.   H. [An Eichhorn schreibt Herder am 11. Juni 1800: »Sie zündeten durch Ihren Sacy, den ich noch immer bei mir habe, zuerst wieder das Flämmchen an.«   D.] von den Inschriften der Nakschi Rustam gegeben, das Alphabet, das er mit Hilfe der griechischen Beischriften nicht nur für die Münzen der Sassaniden, sondern auch für alle Denkmale des spätern Perserreichs entziffert, die glückliche Probe, die er davon bei den Alterthümern des Berges Bisutun , unweit dem kaspischen Meer, gegeben hat, sagen nebst Andern auch Ihnen lauten Dank. Wie manches andere Denkmal wird sich künftig noch der gefundenen Sassanidenschrift freuen! Als ich de Sacy 's vortreffliche Analyse las, regte sich der Wunsch lauter in mir: »Wie? sollte nicht auch Persepolis einen dergleichen Enträthseler finden?« Und siehe da! 2. Er ist gethan, der erste kühne und glückliche Schritt zu dieser Enthüllung, durch den Fleiß und Scharfsinn eines Gelehrten, dem die Vorzeit schon mehrere Entzifferungen ihrer Schriftzüge zu danken hat, Olof Gerhard Tychsen . O. G. Tychsen , De cuneatis inscriptionibus Persepolitanis lucubratio cum duabus tabulis aere expressis. Rostock 1798. 4.   H. Mit sechs Bogen eröffnet er dem Sprachen- und Alterthumsforscher des Morgenlandes eine neue Welt. Vgl. Herder's Werke, XV. S. 142, Anm. 1.   D. Und wie durch de Sacy 's Entdeckung Alterthümer, die man der Semiramis zuschrieb, in die Zeiten der Byzantiner herabrücken, so kommen durch Tychsen 's Erklärung die Denkmale Persepolis', die man ins Fabelalter der Welt setzte, uns näher entgegen und rufen: » Osch Patscha (Kalscha)! osch Aksak ! Dies ist Aksak (Arsak), der König!« da Tychsen dann mit Gründen wahrscheinlich machen will, daß dieser Arsak kein Anderer als Arsaces , der Gründer des Partherreichs, gewesen. Aus des fabelhaften Dschemschid 's Zeit kommen also die Wundergebäude Persepolis' bis dritthalb oder ein paar Jahrhunderte vor Christi Geburt uns näher; denn die beiden Wände G, B Ihrer vierundzwanzigsten Tafel hießen nach Tychsen 's Erklärung: 1. »Dies ist der Monarch, dies ist Aksak der Große; dies ist Aksak, Aksak der Vollkommene, der König; dies ist Aksak , der göttliche, der vortreffliche, der bewundernswürdige Held«. Niebuhr , Tabelle XXIV. G.   H. 2. »Der König Aksak ist dies, der Große, Vollkommene; Aksak , der Gnädige; unsterblich, göttlich, vortrefflich; der bewundernswürdige Held; der Mächtige, der Tapfere, der Gute«. Niebuhr , Tabelle XXIV. B. ; Le Bruyn , Voyages , Table 132 zur Rechten.   H. * Wo Steine rufen, verstummt die Menschensage; hier also rufen die Wände in zwei Aufschriften achtmal, in fünf Aufschriften achtundzwanzigmal: Osch Aksak, osch Aksak ! So unerwartet diese Erklärung jeder bisher angenommenen Meinung ist (denn ohne ein literarisches Document wagte wol Niemand, die Denkmale Persepolis' in ein so spätes Zeitalter, unter die Arsaciden, hinabzusetzen), so sonderbar treten sie ins Licht, wenn man sie, vergessend alte Ideen, auf dieser Stelle betrachtet. Denn Erstens gehen, wie Sie und vor Ihnen schon della Valle bemerken, ja, wie sich jeder Anschauende überzeugen muß, die Buchstaben der Persepolitanischen Schrift gegen die Gewohnheit der Morgenländer von der Linken zur Rechten . Woher diese Abweichung? Nicht nur die alten assyrisch-phönicischen, sondern auch die Buchstaben der Zend- und Pehlvisprache sowie späterhin die Schrift unter den Sassaniden und die Schriftzüge der östlich-asiatischen Sprachen gehn alle von der Rechten zur Linken, so daß im Horizont unsrer Literatur Griechen uns als die Ersten erscheinen, die eine entgegengesetzte Schreibart in Gang brachten. Schon hierdurch also scheint mitten unter andern Schriftarten vor und nach ihr und um sie her die Persepolitanische Schrift zu gräcisiren. Zweitens . Und wenn sie, nach Tychsen 's Angabe, nicht nur Vocale , und zwar in zwanzig Zeichen, ausdrückt, sondern auch in einigen Consonanten selbst, z. B. ΒΔΖΚΣ, offenbar dem Griechischen nahe kommt, so scheint sie eben dadurch zugleich einem sehr gebildeten griechischen Zeitalter zuzugehören; denn, wie bekannt, drückten die ältern asiatischen Schriftarten die Vocale nicht oder sehr unvollkommen aus, und die griechische Sprache selbst hat nach aller erlangten grammatischen Bildung zum Ausdruck ihrer verschiedenen Laute keine zwanzig Vocale. Wenn die Zendschrift diese durch Buchstaben ausdrückt, so scheint sie eben dadurch die Bildung eines jüngern Zeitalters zu verrathen. Ueberhaupt zeigen mehrere morgenländische Alphabete, wie schwer den Schreibern im Alterthum eine reine Abtheilung zwischen Vocalen und Consonanten ward. Hätte diese nun zu den Vocalen ihre zwanzig Zeichen, die nothwendig den verschiedenen Laut und Klang, die Höhe und Dauer derselben bezeichnen müßten, wie gebildet wäre die Schrift! gebildeter wie die griechische selbst, ja bestimmter als unsere sämmtlichen Schriftcharaktere. Drittens . Und ist sie nicht schön? Die schönste, die ein menschliches Auge auf Marmorfelsen je sah. Ihnen war sie zu sehen vergönnt, und Sie sind dessen Zeuge. Nicht nur die Zend- und Pehlvi-, auch die samaritanischen, assyrischen, phönicischen, arabischen, selbst die griechisch-römischen Uncialcharaktere übertrifft diese Schrift an Einfalt und Reinheit der Züge bei Weitem. Selbst dem Blick des Unwissenden gefällt sie, und wenn der einzige Doctor Hyde zu sagen wagte: »Es ist keine Schrift, sondern ein Baumeister-Spielwerk!« so sagte auch er damit ein Lob derselben; denn unförmliche, barbarische Striche wird ein Baumeister solcher Gebäude nicht in den Marmor graben. Viertens . In die parthische Zeitperiode gesetzt, erklärte sich die Entstehung einer solchen Schrift nicht so ganz unnatürlich. Eine Reihe von Jahren hin war Persien unter griechischer Herrschaft gewesen; bis nach Baktra und Indien hin blühten in ihm griechische Städte und in ihnen die griechische Sprache. Liebhaber der Griechen (φιλέλληνες) werden auf Münzen die parthischen Könige in griechischer Sprache und Schrift gepriesen. Wenn unter ihnen also ein Reichspalast errichtet, wenn zur Erklärung der Figuren auf die Wände desselben Schrift gegraben werden sollte, so konnten es jene verschlungenen Züge nicht sein, die dem Belsazer einst im Rausche erschienen. Daniel 5, 5-8.   D. Die Buchstaben wurden aufgelöst, ihre Krümmen in gerade oder schiefe, ganze oder halbe Pfeilstriche verwandelt und durch diese sowol mit einander verbunden als von einander geschieden. So entstand der Natur der Sache nach eine gleichsam aufgelöste Uncialschrift , die dem Arbeiter in den harten Fels zu hauen möglich ward und sich dem Auge empfahl, wenn sie gleich in einer langen Reihe nur wenige Worte sagte. Für den unverständigen Vorüberläufer ward sie ohne das nicht in den Palast gesetzt, noch weniger zum täglichen Gebrauch des Lebens so aufgelöst und geordnet. Der tägliche Gebrauch des Lebens will aneinanderhangende, laufende Schriftzüge, an deren leichtem und zierlichem Zusammenhange daher die Morgenländer so sehr gekünstelt haben; der harte Fels und die Ansicht einer glänzenden Wandschrift im Palaste forderten gerade das Gegentheil einer Currentschrift, aufgelöste, feststehende Züge, d. i. neben und über einander gesetzte Pfeile. In diesen Charakteren konnten dann mehrere Sprachen geschrieben werden und sind geschrieben worden, da bereits Ihr aufmerkender Blick mehrere und verschiedene Alphabete auf diesen Wänden bemerkte. Denn eine so zerlegte Uncialschrift gehört nicht nothwendig einer Sprache. Auch Griechisch, Latein, Deutsch könnte mit diesen Pfeilspitzen geschrieben werden, wenn es der Marmor geböte; ja, jedes Alphabet läßt sich ohne Mühe in sie auflösen. Die Persepolitanische Schrift wäre sonach keine eigene, sondern eine zur Pracht der Marmorwände aufgelöste Schrift der damals geltenden Palast- und Königssprache, die man im eigentlichsten Verstande eine Marmorschrift , eine Palast - und Königsschrift nennen könnte. Daß Pfeilspitzen in ihr zu Charakteren gewählt wurden, gehörte zum parthisch-medisch-persischen Reichspalast. Parther, Meder, Perser waren nicht nur als Bogenschützen berühmt, sondern der Schütze oder ein Bogen in des Königs Hand war das allbekannte Symbol des Perser- und Partherreiches. Die ältesten persischen Darici hatten schon dies Symbol; es zeigt sich auf den meisten parthischen Münzen, auf den Gräbern der Könige u. s. w.   H. Eine andere Nation würde die Buchstaben anders zerlegt, die Chineser z. B., wie im Buch Ye-Kim , sie in andere Striche geordnet haben; der durch seine Pfeile berühmte Parther oder Perser sah in seinem Reichspalast am Liebsten goldene Pfeile . Allenthalben haben sich die Verzierungen der Schrift, ja ihre Form selbst dem Geschmack und Charakter der Nation bequemt. Bis in die neuere Zeit lieben die Perser auch in ihren zierlichsten Bildern Anspielungen auf Pfeil und Bogen , wie selbst ihre Liebesoden, ihre Beschreibungen des Frühlings u. s. w. beweisen. S. »Geschichte des Nadir-Schah, übersetzt von Jones «, deutsch Greifswalde 1773, in der Einleitung jedes neuen Buchs und Jahres.   H. Fünftens . Gehen wir von der Schrift zur Sache, so scheint ein Bau dieser Art unter den Parthern nicht so ganz an unrechtem Ort. Wir wissen aus Münzen und aus der Geschichte, wie stolze Namen sich ihre Könige, selbst in Briefen an andere Monarchen, an römische Kaiser gaben. Sie nannten sich, wie sie hier die Wände nennen, die Großen , die Wohlthätigen, Könige der Könige u. s. w.   Titel, in welchen sie die Sassaniden noch übertrafen, die sich Söhne Ormuzd', Herren der Welt, Brüder der Gestirne nannten. Die Aufschriften, die Tychsen erklärt hat, sind nicht im pomphaften Stil der Sassaniden, wohl aber im Hymnenton des Zend-Avesta geschrieben, wenn dieser Gestirne, Helden oder Könige lobt. Die Unternehmung eines solchen Palastes mit seinen Abbildungen war selbst die stolzeste Idee, an welche kein vorübergehender Prachtaufzug eines nur eiteln Weltgebieters reicht. Sechstens . Und wo konnte der stolze Parther sich als einen ächten Perser, angeblichen Abkömmling der alten Perserkönige besser naturalisiren als auf dieser Stelle? Dem damals tapfersten Volk der Erde, den Griechen, hatte er sein Reich abgedrungen und solches bis nach Indien und Baktra, bis zum Euphrat und an die Gebirge erweitert; was lag ihm näher, als den alten Schutthaufen vom Brande Alexander's wegzuräumen und sich im prächtigern Wiederaufbau der alten Persepolis als den wirklichen Wiederhersteller der Persermonarchie zu zeigen? Nicht nur ward dadurch der Flecke vom Untergange des alten Reichs weggetilgt, sondern aus dem Schutthaufen stieg ein neuer, schönerer Reichstempel hervor, zu dessen Aufführung jetzt die Hände, wenigstens der Geist der Griechen selbst diente; denn daß in den Vorstellungen dieses Palastes griechischer Geschmack , d. i. Einfalt, Bestimmtheit, Ordnung, Leben, nicht ägyptischer Tod vorhanden, zeugen auf allen Wänden alle Figuren. Es wird damit nicht gesagt, daß sie den schönen Griechengestalten auf ihren Reliefs an die Seite zu setzen sind, sondern vom Charakter der Kunst ist die Rede.   H. Das parthische Reich, voll griechischer Colonien, ja selbst halbgriechisch, traf in die Periode der völlig ausgebildeten griechischen Kunst, die sich hier dem Perserstolz nach persischen Sitten mittheilen und ihn leiten konnte. So würde, wenn Persepolis sonst in ihrer Kunstschönheit wie ein vom Himmel gefallenes Gebäude da stand, es nach Lage und Zeit in der griechischen Partherperiode durch sich selbst erklärbar. Siebentens . Und so dürften denn auch frühere Griechen, die sonst in Widerspruch zu kommen schienen, von Persepolis gesagt haben, was sie sagen. Alexander mag die Burg des Darius verbrannt haben und doch an diesen Gebäuden keine Spur des Brandes merkbar sein; warum? es wären neuere Gebäude, auf der Stelle der alten Königsburg errichtet. Diodor's Beschreibung Vgl. Herder's Werke, XV. S. 144 ff.   D. kann in Einigem treffen, in Anderm nicht; warum? Es wären auf denselben Terrassen neuere stolzere Gebäude. So ferner. Die Stimmen des Alterthums scheinen sich zu vereinen; und wer vereinte sie? Die Inschrift der sprechenden Wand: » Osch Aksak! osch Aksak ! Ihr sucht die alte Persepolis hier? Dies ist ein Kunstgebäu der Arsaciden.« So parteilos ich diese Gründe ins Licht gesetzt habe, so fordern die dagegen sich erhebenden Zweifel und Fragen gleiche Unparteilichkeit. Sie sollen nicht widerlegen, sondern nur eine weitere Aufhellung fördern; und wie, wenn ich sie, um allen Mißstand zu vermeiden, dem gelehrten Urheber vorgenannter Hypothese selbst vorlegte?   An Herrn Hofrath Tychsen. Fragen und Zweifel. I. Zweifel. 1. Woher, wenn der Palast in so späten Zeiten erbaut ist, schweigt das gesammte, damals schon schriftreiche Alterthum von seinen Erbauern, den Arsaciden? Der Ausdruck Ammian 's: XXIII. 6. 4.   D. »Arsaces füllte das Land mit Städten, Lagern und Burgen«, sagt, meines Bedünkens, für diese Persepolis nichts; er zeigt blos an, daß der neue Sieger sein erobertes Land durchaus in einen wehrhaften Zustand setzte und sich von innen und außen durch Furcht Sicherheit zu verschaffen wußte. Auch hatte, wie Sie, vortrefflicher Mann, selbst zu bemerken scheinen, Arsaces selbst die wenigen Jahre seiner Regierung, während deren er mitten unter mächtigen griechischen Reichen seine Herrschaft gründete, wol andre Geschäfte als diesen Prachtbau. Daß nach seinem Tode ihn die Parther als einen Gott verehrten, daß seine Nachfolger sich nach seinem Namen nannten u. s. w., spricht für Persepolis eigentlich auch nicht; denn diese Gebäude sind kein Tempel. Daß die Arsaciden sich nach Arsaces nannten, thaten sie nicht nur nach Gewohnheit der Zeit in mehreren Alexandrinischen Reichen, sondern auch als ein fremder Stamm um ihrer selbst willen, um in alter persischer Weise sich als Abkömmlinge von ihm, als gesetzmäßige Besitzer des königlichen Stuhls zu legitimiren. Von keinem seiner Nachfolger als einem Erbauer Persepolis' erzählt die Geschichte. Mir ist wenigstens nichts bekannt; unverwehrt aber sei der Fleiß Jedem, der etwas sucht und findet.   H. Sagte man: »die Parthergeschichte sei verwirrt und dunkel, Griechen und Römer bekümmerten sich um einen Bau in der innersten Provinz des Reiches nicht« u. s. w., so stünde dagegen, daß sie sich allerdings um Persepolis bekümmert und, gleichstimmig der morgenländischen Sage, ihr einen frühern Ursprung gegeben haben. Alle Geschichtschreiber Alexander's sprechen von Persepolis, es von Susa und dem alten Pasargada deutlich unterscheidend. S. außer Salmasius ad Solinum Brisson, Cluver, Cellarius u. s. w., Mannert 's »Geographie der Griechen und Römer«, Th. 5. Abtheil. 2.   H. Diodor's Beschreibung ist der Lage nach so bestimmt, als irgend eine im Alterthum sein kann; mithin gab es eine Königsburg, ähnlich der unsrigen, in Persepolis, nahe den Gräbern der Könige, vor Arsak und den Arsaciden. Von einem Bau derselben durch diese schweigt die Geschichte, die doch von andern Bauwerken der Partherkönige nicht schweigt. Die Differenzen, die sich in dieser und jener Angabe finden, können die Existenz einer Persepolis und ihrer Königsburg vor den Arsaciden nicht aufheben und sie so wenig mit Susa als dem entfernten Ekbatana verwechseln. 2. Auf parthischen Münzen ist die Vorstellung der Partherkönige von der in Persepolis unterschieden. Das Symbol des Perserreichs, der Bogen in ihrer Hand, ist da; am königlichen Stuhl durfte es auch nicht fehlen; Die ältern Arsaciden haben auch noch nicht den königlichen Stuhl. S. Pellerin , Recueil des médailles des rois , planche 15.   H. der unterscheidende Hauptschmuck aber, die medische Tiare, fehlt; ein bloßes Diadem fließt vom Haupte nieder. S. Vaillant , Arsacidarum imperium . Paris 1725 ; bei Spanheim De usu nummorum , T. I. p. 448. seq. ; Pellerin hin und wieder; Eckhel , Doctrina nummorum , Vol. III.   H. Und daß man dies nicht etwa dem Kunstgeschmack der Griechen zuschreibe, sind von Arsaces und Tiridat auch Münzen mit der schlichten parthischen Mütze, andere mit der Cidaris, andere mit einem geschmückten Helm da; alle aber von der medisch-persischen Tiare, dem eigentlichen Ehrenschmuck der alten Könige auf den Wänden Persepolis', so verschieden, wie die folgende Dynastie der Sassaniden sich abermals von ihnen unterscheidet. Nach Spanheim hat den verschiedenen Kopfschmuck der Perserkönige am Genauesten Pellerin erörtert: Lettres de l'auteur des recueils des médailles Francfort 1770; Additions au recueil des médailles , p. 45 seq. à la Haye 1778.   H. Diese tragen die Kugel auf ihren Häuptern, von der kein Arsacide, kein älterer Perserkönig weiß. Da nun der Kopfschmuck nach persischer Sitte das bestimmteste Unterscheidungszeichen war, so wird dadurch klar, daß genau keine parthische Münze für die Abbildungen in Persepolis als für eine ihnen gleichzeitige Epoche spreche; und doch ist diese medische Tiare auf den Münzen anderer Abkömmlinge des medischen Stammes, der Armenier z. B. u. A., zu finden. Auch der Persermonarch auf der vielleicht ältesten persischen Münze trägt sie den Wänden Persepolis' ganz gleichförmig. Sehr merkwürdig ist diese Münze. Pellerin , Recueil des médailles des rois , pl. 1 . Der Persermonarch steht auf einem Triumphwagen, gebietend mit aufgehobener Hand. Die Tiare ist völlig wie in Persepolis; so auch die Kleidung ist wie die zu Persepolis, wo der König als Held erscheint und mit den Ungeheuern kämpft. Der hinter dem Wagen geht, hat, wie in Persepolis, den Kopfputz des Königes, nur niedriger, trägt auch wie dort den Wedel und das heilige Gefäß. Deutliche Zeichen, daß dies das Costüme der Vorstellung unter den eigentlichen Persermonarchen gewesen; auf den parthischen Münzen ist Alles anders.   H. 3. Weder in der Religion noch in Sitten haben sich die parthischen Könige als vorzügliche Liebhaber des alten Perser- und Königsrituals ausgezeichnet, wie es in Persepolis da steht. Die Perserreligion neigte sich unter ihnen, bis die Sassaniden mit doppeltem Eifer sie wieder erhoben; S. d'Anquétil , »Ueber die Aechtheit der Schriften Zoroaster 's«; Zend-Avesta , Th. 2. S. 21 ff. Deutsch.   H. daher die Dynastie der Aschkanier von den folgenden Rechtgläubigen als eine Periode des Verfalles der Religion betrachtet und meistens nur in einem unordentlichen Auszuge bemerkt ward. Die Vermischung der Perser- und Griechengebäude, die jenen, ihrer Religion zuwider, von Griechen und Römern zugeschrieben werden, stammt aus der Dynastie der Arsaciden, weit entfernt von der altpersischen Einfalt, die sich auf den Gräbern der Könige zeigt. Am Partherhofe sprach und schrieb man häufig Griechisch; noch als Crassus' Kopf dem Könige gebracht wurde, in späten römischen Zeiten ward eine Euripides' Bacchis gespielt. Appian . Parthic . hin und wieder.   H. [Vgl. Welcker , »Die griechischen Tragödien«, S. 1272.   D.] In der Periode eines solchen Geschmacks wird man schwerlich Aufschriften wie die beiden von Ihnen enträthselten schreiben, die ohne alle griechische Ründe den ältern ächten Perserpleonasmus, wie er im Zend-Avesta vorkommt, verrathen. Ueberdem war unter den Partherkönigen der Mittelpunkt des Reichs so verändert, daß ihnen Persepolis und Persis im entlegenen Winkel lagen. Zu Hekatompylos und späterhin am Euphrat, Tigris, in Ktesiphon, Seleucia oder in andern nordwestlichen Städten residirten sie, wohin gegen Griechen und Römer die Gefahr und der Schutz des Reiches sie rief und drängte. Persien war in das obere und niedere getheilt, und die entlegene Provinz Persis gehorchte, nach Strabo, ja selbst nach Münzen, einem Unterkönige, der Persepolis weder bauen noch fortbauen konnte, am Wenigsten, da er aus altpersischem Stamm war, den Arsaciden ein solch Denkmal errichten wollte. 4. Endlich, da auf ein einziges Wort, einen Namen (Aksak), hier Alles ankommt und dieser in unverstandenen Schriftcharakteren, ja sogar verkürzt ( CHK ) erscheint, so führt sich Alles auf die Frage zurück: »Was oder wen bedeutet das Wort?« War's ein Name ? Er steht nie voran, sondern, obgleich nach der Gewohnheit des Zend-Avesta oft wiederholt, zwischen andern Lobesbenennungen des hier vorgestellten Königes da; könnte er nicht auch eine dieser Benennungen, ja der eigentliche königliche Ehrenname sein, der nichts weniger als den Parther Arsaces ausschließend zu bezeichnen da stünde? Und so scheint es. Denn weshalb nahm der Parther den Namen Arsaces an, wenn er sich nicht mit ihm an die Reihe der alten Perserkönige, von denen er abzustammen vorgab, hätte anschließen und gleichsam naturalisiren wollen? Weshalb behielten ihn seine Nachfolger bei, als eben zu diesem Endzweck? Bekanntermaßen ist das Wort Art (ein Held, ein Tapferer) gleichsam das Urwort der Meder und Perser ( Artäer ), die Wurzel von tausend Benennungen und Ehrennamen in der medisch-persisch-armenischen Geschichte; und da die Endung schagh (sak, schah) unter medisch-armenisch-persischen Worten gleichfalls vorkommt und als Wort ein König, ein Anführer heißt, was ist Arschak anders als ein Tapferer, ein Anführer der Tapfern , das Urwort des alten medischen Ruhmes? Der älteste Name, den wir als Stammvater dieses Gebirgreichs bei den Ebräern finden, heißt Assur (Aksar) , und was ist der hebraisirte Arphaxad anders als Arsak ? Es scheint der Kanzlei- und vielleicht Chiffrename gewesen zu sein, den die medisch-persischen Könige führten, und der, auch bei den verschiedenen persönlichen Namen derselben, den Ausländern so bekannt war wie in Aegypten der Name Pharaonen . Nach Herodot heißt Artaxerxes μέγας ἀρήιος, der tapfere Krieger, nach Ammian bellorum victor . Auch der Name Arbazes , der älteste Mederkönig, den die griechische Geschichte kennt, sowie die Namen Artäus, Artachäus und viele andere, sind offenbar nichts als Arsak . Im Buch »Judith« heißt der letzte Mederkönig, wie bei Moses der erste, Arphaxad , d. i. Arsak; auch unter den armenischen Königen ist Arsak ein oft vorkommender Name. Der große Kyaxares in Medien ist nichts als Ke-Aksar , und da der griechische Name Xerxes nichts als Kschethro, König , ist, so heißt Artaxerxes nichts als Arschak, der König , d. i. der (nach Ktesias ) vorher Arschak hieß, nannte sich als König Arschak-Kschethro , Artaxerxes. Da dieser Name nun abermals mit Artaxares, Arthasastha , ja gar durch eine fremde Punctation mit Achasverosch eins ist, wie Hyde ( De religione veterum Persarum , p. 43 ) längst erwiesen, und der Name Oksyares , Ὀξυάρης, Belsazer u. s. w. auch nichts als Aksar, Aksak ist, so erhellt, daß wir mit allen diesen Benennungen eigentlich nur einen persischen Königsnamen haben; und daß der Name Arsak, Aksar mit Compositionen vor- und rückwärts der Name gewesen, unter dem die Ausländer den Meder- und Perserkönig kannten , wie Aegyptens Könige unter dem Namen Pharaonen .   H. Wenn also die Inschrift wiederholend sagt: »Dies ist Arsak , der wahre Arsak , Anführer der Tapfern«, so hieß dies nichts Anders, als: »er ist wie jener Stammvater unsers Reichs, unser Urkönig, Arsak , der wahre Arsak , Anführer der Tapfern«. Absprechen sollen diese Zweifel nicht. Wenn die Persepolitanischen Charaktere in ihrer Verschiedenheit genauer bestimmt und mehrere Wände enträthselt sein werden, müssen sich nothwendig auch Zeitbestimmungen ihrer Denkmale ergeben. Die Parthermünzen drücken Jahre und selbst Monate aus; vielleicht findet sich, wenn sie aus den Zeiten der Parther sind, auch hier sogar die Jahrzahl. Ueberdem ist ja die Hypothese vom Bau dieser Persepolis unter den Arsaciden vom Verdienst, Enträthseler der Persepolitanischen Schrift zu sein, ganz verschieden; dies bliebe seinem Erfinder, wenn jene auch ganz sänke. Erlauben Sie also, hochgeehrter Herr, daß ich ohne Bezug auf jene Hypothese dem kühnen Enträthseler jener Schrift noch einige II. Fragen oder Bitten. vorlege; sie können nicht anders als seinen Ruhm vollenden. 1. Da doch diese Schrift, indem sie gelesen und verstanden werden sollte, nicht unabhängig von allen bisher bekannten Schriftzeichen erfunden und als ein völlig neuer Charakter dahin gesetzt sein kann, so entsteht die natürliche Frage: »Von welcher currenten Schriftart ward sie genommen? welcher Vorgängerin oder Nachbarin ist sie am Meisten ähnlich?« Noch jetzt stellen sich uns zwei Nachbarinnen dar, die in ihren größern Charakteren sich der Pfeilschrift nähern; es ist die Schrift der Armenier und Tibetaner. Armenier waren ursprünglich mit den Medern eins oder ihnen doch nahe verwandt; oft standen sie unter ihnen, wie nachher unter den Persern, oder bekamen von ihnen meistens aus ihrem Stamm Fürsten. Arschak II. z. B. gab ihnen seinen Bruder Walarschak zum Könige. Trotz aller Staatsveränderungen sind die Armenier dennoch ein unvermischtes Volk geblieben; eine eigene Schrift haben sie nie gehabt, sondern sich stets der Schrift ihrer Nachbarn bedient. Als, um die griechischen Charaktere hinwegzuthun, Miesrob ihnen eigne Schrift gab, erfand er diese nicht, sondern nahm sie, wie die Grundzüge zeigen, aus der altpersischen, und die großen Charaktere derselben, eiserne Schrift genannt, sind Pfeilschrift . Schröder 's Thesaurus linguae Armenicae . Amst . 1711.   H. [Vgl. Lassen , »Altpersische Keilschriften in Persepolis«, in der »Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes«, VI. 1), Benfey , »Die persischen Keilschriften«, und die Entdeckungen von Rawlison, Oppert u. A.   D. 2. Die größere sogenannte magische Schrift der Tibetaner ist's noch mehr; nicht nur haben sie diese Zeichen als Unterschiede und Interpunctionen, sondern als eigentliche Bestimmungen der Laute und des Silbenbaues der Sprache, so daß die meisten ihrer Charaktere nur eine zusammengezogene Pfeilschrift scheinen. Georgi Alphabetum Tibetantum .   H. Die Buchstaben, die Ihnen auf den Wänden zu Persepolis vorgekommen sind, fehlen auch den Tibetanern, daher sie solche auf mancherlei Art zu erstatten wissen, und weil bei ihnen Vocale und Consonanten noch nicht rein abgesondert sind, mehrere gleichsam Silbencharaktere gebrauchen. Wäre dies nicht auch der Fall bei dieser altpersischen Schrift? und bekäme nicht daher, eben nach der Analogie dieser Töchterschriftarten, auch die Mutterschrift in ihren zwanzig Vocalen und andern Bezeichnungen einen andern, mehr morgenländischen Genius in Bestimmung und Deutung? Wie der Schlüssel jetzt da steht, scheint er der Sprachanalogie dieses ganzen Weltstrichs fremd. 3. Da unleugbar die sogenannte assyrische Schrift eine der ältesten gewesen und das medisch-persisch-assyrische Reich unzweifelhaft auf mehrere Jahrtausende zusammengehangen hat, wie verhält sich die assyrische mit ihren Töchtern oder Schwestern gegen diese Pfeilschrift? und wie der Bau ihrer Sprachen? Dem vielwissenden Kenner mehrerer morgenländischen Sprachen darf man diese Fragen thun, und eine Exposition hierüber, die de Sacy bei jedem Wort seiner Inschriften so genau gegeben, ist hier vielleicht nöthiger, da keine griechische Uebersetzung als eine bewährende Probe der ausgelegten Schrift nebenan steht. Vielleicht, bis sich irgendwo eine solche Uebersetzung findet, ist eins der drei verschiedenen Alphabete dieser Pfeilschrift, das uns durch Analogie mit seinem anderswo gebräuchlichen Currentalphabet Sicherheit giebt. Mit jeder neuen Aufklärung aller Sprachen und Charaktere binden sich die Völker; Länder und Zeiten rücken zusammen, so daß man fast sagen kann: »Das Alterthum kommt zu uns!« Nicht aus Calcutta erst, wo sich die Engländer zu einem gewinnlosen Verdienst um die altpersische Sprache wol am Spätesten entschließen würden, sondern aus Paris , wo Anquétil 's Schätze und Wörterbücher liegen, aus dem Vatican und der Propaganda , aus Oxford u. s. w. wünsche ich Ihnen, nach rein gefundenem Alphabet, fördernde Hilfsmittel zu Erleichterung und Bestärkung der Interpretation dieser uralten goldenen Pfeilschrift. Und mich dünkt, da die Sache einmal im Gange ist, werden sich, zumal bei den Veranlassungen unserer Zeit, willige Hände finden. Als Barthélemy das Palmyrenische Alphabet entzifferte, waren, ihm unbewußt, Swinton und Velasquez bei demselben Werk; wer weiß, wo jetzt hie und da bei Niebuhr 's und Le Bruyn 's Tafeln Jemand an Persepolis denkt! Vielleicht de Sacy selbst. Der Geist unserer Zeit fördert.   An Herrn Hofrath Heyne. Vgl. K. O. Müller , »Archäologie der Kunst«, §. 242-248.   D. Daß Persien vor den Parthern Kunst besessen habe, ist unwidersprechlich. Das alte Mederreich beiseite gesetzt, wissen wir, daß unter Cyrus nicht nur die Reichthümer und Prachtgebäude Babylon's, sondern auch Kleinasien mit allen seinen Kunstherrlichkeiten in das Gebiet der Perser kamen. Kambyses eroberte und durchstörte Aegypten; Darius sah und verwüstete Griechenland. Mehrere griechische Städte.   Anm. Müller's. Von ihm an blieben nicht nur beide Staaten feindlich oder freundlich in Verbindung, sondern ein großer Theil griechischer Länder voll Kunstdenkmale und Künstler stand fortwährend unter persischer Hoheit. Mit ihnen, mit Babylon und Aegypten beherrschte Persien also, obgleich nicht ohne Empörung und Aufruhr, die zweihundert Jahre seiner Dauer den ansehnlichsten Strich der alten Kunstwelt . Nicht Alles aber, was man hat und haben kann, will oder darf man gebrauchen; also bezirkte sich die persische Kunstgeschichte nach dem Klima und der Verfassung des Reichs, nach Religion Sitten und äußern Umständen; dadurch gewann sie sowol in Gegenständen als im Stil der Kunst ihren eigenen Umriß. Vergönnen Sie, mein bewährter Freund, daß ich Ihnen, der sich um die griechische Kunstgeschichte so vielfaches Verdienst erworben einige Linien hievon darlege; der Verfolg wird zeigen, zu welchem Zweck. I. Cyklus persischer Kunstgegenstände. 1. »Götter zu bilden,« sagt man, »verbot den Persern ihre Religion; daher sie jene auch in Aegypten und Griechenland wilde zerstörten.« Im ganzen Zend-Avesta finde ich zu dieser Behauptung keinen Anlaß; mit den Zerstörungen in Aegypten und Griechenland hatte es, wie Gatterer Gatterer 's Weltgeschichte, Th. 2. S. 37.   H. gezeigt hat, auch andere Bewandniß. Wenn auf den Grabmalen der Könige der Sonnenball über dem heiligen Feuer schwebt, Chardin , Table LXVII. LXVIII .   H. so hinderte dies nicht, daß nicht auch himmlische Geister und Wächter , d. i. persische Götter, sichtbar gemacht und gebildet werden durften. Sie sind gebildet. Gleich auf eben den Grabmalen sieht man eine himmlische Gestalt, bis zur Mitte des Leibes vorgestellt, sodann in Schwingen sich verlierend, über des Königs Haupt schweben. In andern Vorstellungen geht sie mit dem Könige schwebend fort, allenthalben, an der Tiare sowol als an Gestalt ihm ähnlich. Sei sie der Feruer , d. i. die reine Seele des Königs oder sonst sein schützender Geist, Nach d'Anquétil ist der Ferouer oomnme l'expression la plus parfaite de la pensée du créateur, appliquée à tel sujet particulier et pour ainsi dire une partie de leur âme ; mithin beim Menschen die reine Idee desselben, sein himmlisches Ideal.   H. sei das Attribut in ihrer Hand ein Ring oder die Enden des heiligen Gürtels ( Costi ), so ist die Classe, zu welcher sie gehört, unverkennbar. Vgl. Herder's Werke, XV. S. 130.   D. Unter verschiedenen Namen nämlich geht eine Hauptidee die Perserreligion durch: himmlische Kräfte schufen, erhalten, beleben, schützen die Welt, für sie wachend, für sie streitend . In Ordnungen vertheilt, werden sie mit besondern Namen angerufen, Amschaspands , die obersten Naturgeister und Himmelsfürsten; Izeds, ihre Stellvertreter und Diener; Hamkars , die Helfer derselben; Feruers , die himmlischen Urbilder aller belebten irdischen Wesen; denn auch diese werden angerufen und als Handelnde verehrt. Jedes Element der Natur, jede Classe der Geschöpfe, jede Jahreszeit bis auf Tage und Stunden hatte ihren vorstehenden Geist , Amschaspand, Ized, Hamkar; und was irgend beseelt war oder als solches gedacht werden konnte, hatte seinen Feruer , seine Seele. Diese alle nun waren bildbar. Als vor dem Könige die Annahme des Zend-Avesta entschieden werden sollte, wurden, sagt der Zerduscht-Nama, Zend-Avesta, Th. 1, Abth. 2, S. 39.   H. vier Reiter angemeldet, hoch wie Berge, in glänzender Rüstung, verschieden gekleidet, den Speer in ihrer Hand, um sich Schrecken verbreitend. Es waren die vier Machtfürsten des Himmels (Amschaspands), Bahman, Ardibehescht, Khordad und Adergoschasp. Ihr Anblick stürzte den König in Entsetzen und Ohnmacht; sie sprachen ihr Wort, empfingen sein Gelübde und flogen davon wie der Pfeil, geschnellt vom Bogen. Dergleichen Rittergestalten liebten die Perser; auf mehreren ihrer Trümmern kommen sie vor; alle Diener Ormuzd' sind im Zend-Avesta ein gewaffnetes himmlisches Heer. Der furchtbare Reiter, der den raubenden Heliodor im Tempel erschreckte, war ein solcher Amschaspand, und die beiden starken, schön gekleideten Jünglinge, die auf ihn schlugen, waren seine helfenden Izeds. Man kennt sie aus dem vortrefflichen Gemälde Raphael's im Vatican. Daß die Engellehre der Ebräer nach der Babylonischen Gefangenschaft chaldäisch-persische Form hatte, bedarf keines Erweises. 2. Maccab. 3, 25-27.   H. Der Mann, in Byssus gekleidet, der Daniel erschien, einen Goldgurt um die Hüfte, feurig, glänzend, schrecklich, war ein Costüme der Perser, ein Amschaspand; er hatte mit dem Schutzgeist des Perserreichs einundzwanzig Tage gestritten und ihn besiegt. Dan. 10, 5. 6. 13.   H. Eine bilderreiche Mythologie, der die ganze Natur ein glänzend streitendes Heldenheer gegen das Böse, gegen Ungeheuer der Schöpfung war. Die Wächter der Elemente (Izeds) waren männlich und weiblich. Jene weibliche Ized in der Grotte des Felsens Bisutun , von der de Sacy ungewiß spricht, wird im Zend-Avesta mit Namen genannt; sie heißt Arduisur . De Sacy , Mémoire sur les antiquités de la Perse , pag. 269 . De Sacy vermuthet, daß die Gewohnheit, weibliche Izeds abzubilden, ein neuerer Gebrauch sei. Was die Abbildung betrifft, kommt es darauf an, daß mehrere persische Alterthümer, auch in Trümmern, bemerkt werden; die Vorstellung weiblicher Izeds selbst ist im Zend-Avesta.   H. Eine reine, heilige Jungfrau, liebenswürdig, mit glänzendem Angesicht und goldnem Haar, von dem Gedeihen kommt allen Gewächsen der Erde. Sie streckt ihren Arm aus, schnell und lebendig, verjagend alle Furcht von den Schlafenden, und kommt zu Hilfe den Todten. Sie tränkt den Vogel Feridun's, der, über die Welt erhoben, ein Wächter der Menschen, in der Nacht seine Stimme erhebt; kurz, die personificirte Idee der himmlischen Urquelle alles Segens, aller Erquickung, die ihren Namen trägt, Arduisur. Zend-Avesta, Th. 2. S. 172 f. Ein Gespräch Zoroaster's mit dieser Quelle s. Zend-Avesta, Th. 2, S. 176-178.   H. So schildert der Zend-Avesta mehrere Wächter und Wächterinnen jedes Guten der Schöpfung; die personificirten Seelen der Guten, die Feruers , nicht minder: als eine lebendige Versammlung werden sie angerufen; jedes wohlthätige Wesen, selbst das Gesetz Ormuzd', hat seine Seele. Auf mehreren Münzen der Sassaniden wird mitten im heiligen Feuer des Altars jene halbe Königsgestalt mit der alten Tiare sichtbar, Siehe Pellerin , Supplément III. au Recueil des médailles , pl. 2. n. 4. 5 . Pellerin sagt: Les têtes d'hommes qui sont au milieu des flammes du feu représentées sur des autels sont une singularité qui aurait bésoin d'explication. Quelque roi des Perses, aurait-il en brûlant des hommes fait des sacrifices aussi contraires à leur religion? Cela ne peut pas être. Il faut donc que ces têtes dans le feu sur des autels y ayent représentées pour d'autres causes . Das glaube ich freilich, und aus dem Zend-Avesta sind die autres causes klar. Pellerin sagt, daß er seitdem viel andere ähnliche Münzen gesehen habe; es war also eine angenommene Vorstellung des Ized's oder Feruer's des heiligen Feuers.   H. vom Hauptschmuck Derer, die dem Altar beistehen, ganz unterschieden. Sei es der Genius des Feuers oder des Gesetzes Ormuzd oder des alten Königes, durch den Ormuzd dies Gesetz gab, Dschemschid's: er erscheint als der Schutzherr und Wächter des Feuerdienstes, dessen sich die Sassaniden so streng annahmen. Wo der Feruer nicht ganz erscheint, erscheinen seine Schwingen   eine angenommene Vorstellung sowol auf den Grabmalen der Könige und den Wänden in Persepolis Vgl. Herder's Werke, XV. S. 129 f.   D. als auf Amuleten und Münzen. Offenbar ist der Ursprung dieses Symbols, zumal als Verzierung betrachtet, ägyptisch, da auf ägyptischen Denkmalen und Mumien diese Scarabeenflügel so oft erscheinen; auf persischen Monumenten ist er, wie die über ihm schwebende Gestalt zeigt, zu einer andern Bedeutung idiotisirt. Bald erscheint er allein, vor oder über den Königen schwebend, Caylus , Recueil d'antiquités , T. III. pl. 12 .   H. bald, wie in Persepolis, mit einer Gestalt verbunden. Caylus , Rec ., T. VI. pl. 46. n. 3. T. VII. pl. 3; n. 1 ist die Figur sogar ganz.   H. Und da keiner dieser Genien sich schämte, in der Gestalt des Reichs lebendiger Geschöpfe sichtbar zu werden, welches er schützte, so entstand daraus eine eigne persische Göttersymbolik, von der ägyptischen verschieden. Die Aegypter und andre Völker setzten Thierhäupter auf Menschenkörper, die Perser nie; sie fügten der schwebenden Menschenfigur das sie bezeichnende Symbol bei, oder ließen den schützenden Geist ganz in Thieresgestalt schwebend erscheinen. Caylus , Rec ., T. VI. pl. 46. n. 3. 4; T. III. pl. 12. n. 2 .   H. Daher die schwebenden Widder und Stiere; daher überhaupt die vielen und prächtigen Thiergestalten auf persischen Amuleten. Da diese Amulete schützende Bewahrungsmittel sein sollten, so erscheinen auf ihnen auch schützende Geister in Gestalt der Thiere. Jede Classe dieser lebendigen Wesen hatte ihren Vorsteher, der im Zend-Avesta angerufen und mit prächtigen Farben geschildert wird; Widder, Bock, Stier waren aus Ursachen, die bald angeführt werden sollen, die Ersten unter ihnen, Könige ihrer Geschlechter. Wenn also Behram, der thätigste der Izeds, wachsam, siegreich, himmlisch gestaltet, in seinen Kämpfen gegen die Kräfte des Bösen bald in der Gestalt des Stiers mit goldglänzenden Ohren und stoßenden Hörnern, bald als Widder, Roß, Kameel, Bock, Hahn u. s. w. erscheint und die übrigen Izeds ähnliche Gestalten wählen, so entsteht hiemit in anderer als ägyptischer Bedeutung eine Mythologie prächtiger Thiergestalten, die, mit Symbolen bezeichnet, Genien der Reiche, der Völker der Gegenden, der Ströme und Elemente wurden. In Daniel z. B. ist der Genius des Perser- und Mederreichs ein Widder, Syriens der schwächere Bock u. s. w. Nicht aus Ktesias ist die Bedeutung dieser Gestalten zu lernen, sondern aus dem Zend-Avesta . In Vielem, dünkt mich, kann Ktesias selbst nicht anders gerettet werden, als daß er manche in Symbolen angenommene für wirkliche Thiere nahm, sich von Erzählungen leiten ließ und statt der Thiergärten (Paradiese) die Archive befragte.   H. Natürlich entstanden hieraus Zusammensetzungen (συμπλέματα) prächtiger Thiergestalten, von denen fernerhin die Rede sein wird. 2. Wie die guten Kräfte der Natur, so wurden nach persischer Weise auch die bösen Geister in Thiergestalten gedacht, aber als Ungeheuer, als grausame, schädliche Thiere. Im Zend-Avesta erscheinen sie als Skorpionen (Kharfesters), deren Ausrottung jedem Perser Pflicht war, weshalb er seinen Streitgürtel anlegte und sich zu Ausrottung des Bösen durch Anrufung guter Hilfsgeister täglich stärkte. Zu Ausrottung schädlicher Thiere waren eigene Festtage verordnet. Siehe d'Anquétil 's Abhandlung »Vom Lehrbegriff der alten Perser«; desgleichen die sämmtliche Liturgie des Zend-Avesta .   H. In größeren Gestalten waren sie Ungeheuer, Greife, Einhörner u. s. w., die sich verwandeln konnten und in Kämpfen oft verwandelten; die alten Bezwinger der Dews, Könige und Helden, bestritten, durchbohrten oder banden sie und schlossen sie ein in Berge. Ferdusi, Mirkhond u. s. w. sind dieser Geschichten voll; es war das angenommene Bild der Dews und in diesem Bilde die Vorstellung alles auszurottenden schweren gefährlichen Uebels. Siehe Richardson 's Vorrede zu seinem persischen Wörterbuche, deutsch übersetzt mit Eichhorn 's Vorrede, Leipzig 1779, S. 210 ff.   H. Nicht nur auf den Wänden Persepolis', sondern auch auf Steinen kommen diese Kämpfe oft vor; sie gehörten auch dahin; denn ein großer Theil dieser Steine sind Amulete. Z. B. in Caylus' Recueil , T. I. pl. 6. n. 1; pl. 22. n. 2; pl. 98. 6; T. II. pl. 53. n. 4; T. IV. pl. 22. n. 2; T. III. pl. 21. n. 3 . Die letzte Abbildung gleicht den Kämpfen in Persepolis völlig, obgleich in schlechter Arbeit.   H. Alle Reisebeschreiber reden von dergleichen Kampfvorstellungen auf zerfallenen oder zerstörten Trümmern Persiens, hier, dort und da; kein Wunder: es war die Hauptvorstellung ihrer Religion, der Hauptzug des persischen Nationalcharakters. Selbst dem Namen nach war der Perser ein Artäer , ein Held und Streiter. 3. Unter menschlichen Vorstellungen war den Persern der König der Erste; er, der Gott der Erde, das irdische Bild Ormuzd', in dessen Gestalt der König des Himmels, wenn er abgebildet wurde, wahrscheinlich selbst erschien. Wahrscheinlich ist er abgebildet worden, da er nach dem Zend-Avesta mit Dschemschid, Zoroaster u. A. spricht. Sein Prädicat, daß er in Herrlichkeit verschlungen sei, hinderte diese Abbildung nicht; denn auch die übrigen oft abgebildeten Amschaspands werden so genannt.   H. Den König stellte man vor nach den Hauptverrichtungen seines Lebens: a ) Indem er Gottesdienst verrichtet . So auf den Gräbern der Könige, da er entfernt vor dem flammenden Altar steht und mit der himmlischen Gestalt redet; so steht er auf Steinen vor dem heiligen Leuchter in eben dieser sprechenden Stellung. Eben habe ich den Abdruck eines dergleichen Steins aus dem Florentinischen Museum vor mir. Mehrere schweben mir im Gedächtniß. Siehe Caylus , Rec ., T. III. pl. 10. n. 4 u. A.   H. b ) Wie er auf seinem Königsstuhl sitzt und Menschen vor ihm erscheinen . Dies ist die gewöhnlichste Vorstellung, nicht nur in Persepolis, sondern auch auf Münzen und Steinen. Caylus , Rec ., T. III. pl. 12. n. 1. 2; T. I. pl. 18. n. 1 . u. s. w.   H. Auf den meisten parthischen Münzen erscheint er also, nur gräcisirt; auch die vor ihm Stehenden sind in eine symbolische Person verwandelt. Auf dem Königswagen steht er auf einer wahrscheinlich auch griechischen Münze. Pellerin , Rec ., pl. 1 .   H. c ) Als Ueberwinder des Bösen (Dews), die in Gestalten der Ungeheuer er bändigt oder tödtet. So nicht nur in Persepolis, sondern auch auf Steinen. Caylus , Rec ., T. III. pl. 21. n. 3; T. IV. pl. 22. n. 2 . u. s. w.   H. Wahrscheinlich erscheinen auf mehreren Denkmalen Persiens unter dieser angenommenen Vorstellung alle Feriduns als Helden der Vorzeit. Dies waren gleichsam die stehenden (fixen) Vorstellungen, außer welchen aber keiner andern hiemit entsagt werden soll. Nach flüchtigen Erzählungen der Reisenden gab es auch Denkmale mit Abbildungen der Liebe; Kämpfer , Amoenitates, p. 362 .   H. und die berühmten Rustamsbilder enthalten, nach de Sacy 's Erklärung, den Streit zweier Helden um die persische Krone. 4. Gottesdienstliche Gebräuche wurden auch abgebildet. Die Vorstellung z. B., die Caylus von einem ägyptischen Cultus auslegt, T. IV. pl. 22. n. 3 .   H. ist rein persisch. Es ist der Priester mit dem Gefäß Havan und dem Dast in der Hand, wie er den Hom bereitet. S. d'Anquétil , Zend-Avesta , T. II. p. 532 .   H. Eine fortgesetzte Aufmerksamkeit der Reisenden auf die verwitterten oder zertrümmerten Denkmale Persiens, voraus aber eine Sonderung der persischen Steine, die man bisher gemeiniglich unter ägyptische, punische, etruskische warf, von denen sie sich kenntlich unterscheiden, wird den Kreis dieser Vorstellungen, zu dem ich nur eine schwache Linie zog, sehr erweitern. Zu Ihren vielen Verdiensten, unermüdeter Mann, fügten Sie ein neues Verdienst um die alte Kunstgeschichte, wenn Sie aus den Beschreibungen und Kupfern, die vielleicht nur in Ihrer Bibliothek sich beisammen finden, die Vorstellungen ausziehen und zusammentragen ließen, die gewiß oder wahrscheinlich persischen Ursprungs, mit Benennung des Orts, wo sich ihre Originale finden. Bemühte man sich sodann um Abdrücke derselben, so wäre eine persische Ikonologie nicht unmöglich. II. Stil der persischen Kunst. Er steht in der Mitte zwischen Aegyptern und Griechen, doch diesen näher als jenen; welches auch nicht anders sein konnte. Die ägyptische Kunst war todt, da Persien emporkam, die griechische lebte und wirkte. Sie war auch den Persern näher, da ein großer Theil griechischer Länder unter ihrer Gewalt war und an sie grenzte; durch Arabien und das Meer war Aegypten von Persien gesondert. Ueberdem finden sich beinahe keine größeren Disparaten als die Aegypter- und Perserreligion, der ägyptische- und Persercharakter. Was von jenen zu diesen überging, mußte ganz umgebildet werden; die griechische Lebhaftigkeit und Schönheit dagegen, sie mußte den auch lebhaften, nur weichen und stolzen Persern gefallen und war geschickter zu ihrem Dienst. Also: 1. In allen menschlichen und Thiervorstellungen der Perser ist Leben, Bewegung ; vom Ungeheuer an, das als Karyatide eine Mauer trägt, bis zur edeln Gestalt des Königs. Nirgends nimmt man die Pfeiler- und Mumiengestalt wahr, von der in der ägyptischen Kunst so Vieles ausging; den Sitten und dem Klima der Perser war sie fremde. Alle ihre Bilder sind belebt, wie denn auch nach Diodor's Erzählung schon auf Babylon's Mauern Schlachten und Thierjagden in Bewegung sogar mit lebendigen Farben vorgestellt waren, völlig verschieden von der ägyptischen Todtengestalt, in lebhafterem asiatischen Charakter. 2. Und die Bewegung, in der alle Figuren erscheinen, ist mäßig, sittsam . So erscheint der König, so sein ganzes Reich, selbst die gewaltsame Handlung, da er Ungeheuer durchbohrt, ist im glücklichsten Moment vorgestellt, unübertrieben. Dagegen sehe man die ägyptischen Figuren, wenn sie in Bewegung erscheinen: wie nahe kommen sie der Affengeberde! 3. Die Anordnung der Figuren auf den Grabmälern in Persepolis, ja auf dem schlechtesten Stein ist nicht ägyptisch, sondern griechisch, d. i. im einfachen Geschmack, wohlgeordnet. So viel ägyptische Werkleute Kambyses auch hinübergeschickt habe, man sieht, von Darius an hatte der griechische Kunstgeschmack in Persien das Uebergewicht; welches wol auch nicht anders sein konnte. Von je her machte man den Persern den Vorwurf, daß sie das Ausländische liebten; sie sind die einzigen Asiaten, die in ihrem Luxus Mode lieben. Von Darius' und Xerxes' Zeiten an arbeiteten selbst in Griechenland griechische Künstler für den großen König, wie das Beispiel des Telephanes beweist; Plin . N. II., XXXIV. 19, 9 .   H. wie sollten denn nicht die benachbarten Perser von ihren eigenen griechischen Provinzen gelernt und ihre Künstler gebraucht haben, nach persischem Costüme ihre Anlagen zu leiten? Stände der Königspalast zu Susa noch da, wären jene Pracht- und Kunstgefäße, die goldenen Becher, Weinstöcke, Blumen u. s. w. vorhanden, auf welche der Luxus der Perser vorzüglich ausging: in Allem würden wir gewahr werden, wie griechische Kunst der persischen Pracht in ihrem Costüme diente.   Eben dies war auch die Ursache, warum die persische Kunst nie eine griechische Kunst wurde. Sie konnte es nicht werden, weil sie 1. blos dem Könige diente und ihr der republikanische Geist fremd war, der Griechenland beseelte. Tempel hatte ihre Religion nicht; Statuen, scheint es, liebte sie nicht; und wem sollten diese aufgerichtet werden, als dem Könige? Was einige spätere Persermonarchen hievon aus Babylon und Kleinasien herüberholten, wollte auf persischem Boden nicht gedeihen. Alle Kunst blieb also Zierrath, an Paläste, Gräber, Wände, Thron, Hausrath verwendet; sie schuf keine für sich bestehende freie Denkmale. 2. Die Perser sind ein wohlgebildetes Volk, und mehrere Länder, die die schönsten Menschen erzeugen, waren ihre Provinzen; da sie aber, wie alle Morgenländer, das Nackte nicht liebten, vielmehr ihren Sitten und der Verfassung des Reichs nach auf Anstand, Schmuck, Unterschied der Kleidung als auf Standes- und Ehrenzeichen viel hielten, so ging in Vorstellungen hierauf beinahe der Hauptzweck ihrer Kunst. Von Kopf zu Füßen ist in ihnen die Person ganz Kleidung; auf sie ist, auch bei den schlechtesten Amuleten, Aufmerksamkeit gewandt, und auf den Münzen der Sassaniden ist der barbarische Kopf-, Hals- und Brustschmuck Alles. Wenn also ein Grieche Werke dieser Art machte oder leitete, so sagte er zu sich selbst: »Wenn Ihr nichts als Kleidung wollt, so will ich Euch diese bis auf Falten und Stellung der Mütze, bis auf Ringe und Edelsteine liefern. Da habt Ihr einige tausend Figuren; betrachtet Euch in ihnen!« An den Wänden in Persepolis sogar wie an den Gräbern war die Tiare des Königes mit Goldblech überzogen; wahrscheinlich fehlte es ihm und seinem Stuhl auch nicht an glänzenden Steinen; gut, daß es ihm wenigstens an Farben fehlte. Die Kunstwerke der Babylonier hatten Farben, wie Diodor rühmt. Also lassen sich III. Die Zeitalter der persischen Kunst. leicht angeben; denn da sie immer von den Griechen abhing, mußte sie auch dem Geschmack dieser folgen. 1. Die Zeit der Persermonarchen von Darius an trifft auf die schönste Periode der griechischen Kunst, die durch die zerstörenden Kriege und Niederlagen der Perser sich eben emporhob. Was von ihr nach Persien überging, konnte nicht anders als in großem und edelm Geschmack sein, wenn es gleich dem Persercostüme diente. Dahin gehören, wie ich bald zeigen will, die Gräber der Könige und Persepolis augenscheinlich. Das Andere, Susa, Ekbatana, ist untergegangen; rings um Persepolis und in Medien liegt wahrscheinlich Manches aus dieser Zeit, undurchsucht und unbeschrieben noch in Trümmern. 2. Unter Alexander, den Seleuciden und Parthern . Alexander überwand Persien, aber er zerstörte nicht, die einzige Königsburg ausgenommen, vielmehr gründete er griechische Colonien und Städte. In Asien entstand also ein Griechenland, seinen Folgen nach unzerstörbar. Auch da die wilden Parther den Seleuciden das Reich entrissen, wurden sie, wie ihre Münzen sagen, φιλέλληνες, Liebhaber der Griechen. Mit Wohlgefallen sieht man auf diesen Münzen altpersische Vorstellungen gräcisiren. Die hohe medische Tiare ist dem Haupt der Ueberwinder entnommen; ein Diadem fließt von ihrem geschmückten dicken Haar hinunter. Ihre Stellung auf dem Königsstuhl, den Bogen in der Hand, ist leicht und thätig, da die alte mit dem Scepter steif und ernst war. Statt der sonst vor ihnen Erscheinenden steht eine symbolische Person da, die sie gefällig anfleht oder ihnen den Kranz reicht; wie verschieden vom alten Cerimoniel an Persepolis' Mauern! Auch ihre prächtigen Titel gräcisiren, von den andächtig-stolzen Umschriften des auf sie folgenden Stammes der Sassaniden weit entfernt. Zugleich aber zeigt die Folge dieser Münzen den guten Geschmack sinkend. Pellerin und Eckhel , vielleicht die genauesten Münzenkenner, die es je gab, haben daher, da die Geschichte der Partherkönige so mangelhaft, ungewiß und der Arsacidenname allen Regenten gemein ist, in zweifelhaften Fällen sogar nach diesem Kennzeichen geordnet. Die einfachsten und besten Münzen sind die ältesten; die anmaßendsten und schlechtern gehören zur Neige des Reiches.   H. Die Titel werden anmaßender, die Pracht des Vorgestellten nimmt zu; die Kunst dagegen nimmt ab mit dem Werth der Münzen. In der christlichen Zeitrechnung erscheint schon statt des leichten Diadems der geschmückte Helm der Sassaniden, ein Uebergang zu der unförmlichen Kugelkrone der Sassaniden. Daß bis auf die letzten Zeiten hinab das Partherland von der Kunst der Abendwelt abhing, erhellt noch aus der Geschichte des Tiridates, der unter Nero sich in Rom stellte: er nahm eine Menge Kunstarbeiter aus Rom mit sich, sein Artaxata auszubauen, das er Neronia nannte. In dies Zeitalter gehören die von Griechen und Römern nachgeahmten Persergebräuche und Kunstdenkmale. Da sie ein ausländischer Synkretismus zusammengezwungener Vorstellungsarten sind, erfordern sie eine eigne Betrachtung. 3. Unter den Sassaniden . Hier ändert sich die Scene ganz. Die eifrigen Zerduschtianer beschützen gegen das andringende Christenthum ihren Feueraltar; auch auf Münzen stehen gewaffnete Männer um ihn, dem sonst Waffen nicht nahen durften; der König des Gesetzes wird sichtbar in der heiligen Flamme gebildet. Mit andächtigen Religionstiteln prangen die Könige wie mit reich überladendem Schmuck, aber ohne Geschmack und Schönheit. Auch hier zeigt sich in zwei Stücken eine merkwürdige Parallele: a ) Wie in Westen, zumal in Constantinopel, der Geschmack abnimmt, so auch hier. Sowol die Münzen als die Bilder Rustam's, wahrscheinlich auch des Berges Bisutun, erweisen dieses. Es scheinen fortwährend Griechen gewesen zu sein, die die Werke der Kunst in diesem jetzt unermeßlich reichen, aber barbarischen Kaiserthum leiteten oder trieben. So ließ z. B. der Sassanide Nomann seine zwei Prachtgebäude Khurnak und Sedir durch den griechischen Baumeister Sinmar machen. So Andere. Siehe Mirkhond 's »Geschichte der Sassaniden« hinter de Sacy 's Mémoires de la Perse .   H. War in Europa der gute Genius der Kunst verschwunden, wie sollte er am Euphrat oder am kaspischen Meer weilen? b ) Der Mönchs- und Märchengeschmack, der damals in Europa das Licht der Wahrheit auszulöschen schien und Dämmerung in Alles brachte, verbreitete sich, und zwar aus gleichen Ursachen und mit gleichem Erfolg, auch in die asiatischen Länder, bis endlich der in der Wüste entsprungene bildlose Mohammedanismus auf einmal Alles zerstörte.   An Herrn D. Stieglitz. Wohl haben Sie in Ihrer gelehrten Geschichte der Baukunst der Alten den Grundsatz angenommen, »daß die Bildung dieser Kunst so wenig bei einem Volk allein gesucht werden müsse als ihr Ursprung.« Stieglitz , »Geschichte der Baukunst der Alten«, 1792, S. 31.   H. Jeder Vogel baut sich ein Nest nach seiner Weise; nach dem verschiedenen Ort und Klima ändert sich oft die Bauart eines und desselben Geschlechtes. Erlauben Sie also, da Sie über die Baukunst der Perser meine Muthmaßung über Persepolis anzuziehen werth geachtet, Ihnen vorzulegen, was ich fernerhin zu Erläuterung der Sache dienlich glaube. Man ist geneigt, die persische Baukunst als eine Sprosse der ägyptischen zu betrachten, auf den kahlen Grund gestützt, weil Kambyses nach der Eroberung Aegyptens Künstler zum Bau Persepolis', Susa's und anderer Königssitze in Medien geschickt habe. Als ob vor dieser Zeit keine Baukunst in Asien gewesen wäre, oder als ob diese gefangenen Künstler das Klima Persiens oder den Charakter und Sinn ihrer Ueberwinder hätten umschaffen können! Keine zwei Länder sind verschiedener als Persien und Aegypten, keine Nationen verschiedener als Aegypter und Perser. 1. Dem Bedürfniß, vielleicht auch ihrem indischen Ursprunge nach, war die ägyptische Baukunst von Höhlen ausgegangen und blieb ihnen treu, so gut sie konnte. In Höhlen hatten die Aegypter einst gewohnt; die ägyptische Sonne hieß sie Höhlen suchen und lieben; darnach nahmen ihre Tempel, ihre Säulen, ihre Gräber, selbst ihre Bildwerke Form und Ansicht. Meder und Perser dagegen waren Berg- und Jagdvölker rauherer Gegend; sie liebten frische Luft, freie Aussicht statt künstlich ausgehauener Höhlen, die ihr Land auch nicht allenthalben gab, Castelle auf Anhöhen, Burgen oder Paläste mit angrenzenden Thiergärten, Paradiesen. Von der Burg auf Bergen ging die medisch-persische Baukunst aus und folgte ihren Königen bis in die Gräber. 2. Ein großer Theil der ägyptischen öffentlichen Baukunst war symbolisch . Aus Mangel der Buchstabenschrift significirten sie durch Bauwerke und auf Bauwerken, durch Charaktere, Handlungen, Festtage, Institute. Daher ihre Pyramiden, Obelisken, Tempel, das Grabmal Osymanduas', der Labyrinth u. s. w. Die Pyramide war nur eine schwere mathematische Figur über einem Grabmal, die Obelisken Pfeiler der Sonne zu Aufbewahrung ihrer Hieroglyphen; Osymanduas' Grabmal, die Tempel mit ihren Gebräuchen und Festtagen waren ihrer Hauptbestimmung nach Laboratorien ihrer Zeitrechnung, Darstellungen ihres Kalenders; die meisten dieser Gebäude waren halb über, halb unter der Erde. Lauter Erfordernisse einer frühen symbolischen Zeit. Meder und Perser dagegen hatten Buchstabenschrift; sie konnten diese auf Wände schreiben und bedurften nicht durch schwere Bauwerke zu symbolisiren. 3. Endlich, da die Baukunst kein vorgezeichnetes Ideal hat, so kommt es bei ihr mehr als bei andern Künsten auf Vorbilder, die man sieht, auf die gewohnte Lebensart, auf Lust und Phantasie an, denen sie sodann rasch oder träge folgt. Das Vorbild der Perser und Meder war Babylon; hier stand Belus' Thurm mit seinen acht Stockwerken, zu dessen Gipfel, dem Tempel, man von außen des Gebäudes in einem Schneckengange, der mit Ruheplätzen versehen war, angenehm, mit einer weiten Aussicht über die große Stadt und die unermeßliche Ebene gelangte. Der Semiramis hangende Gärten waren Terrassen, eben zu solchem Zweck über die weite Ebene erhöht. Als in einem gebirgigten Lande Dejoces sein Ekbatana anlegte, umbaute er mit seiner Stadt einen Berg, gleichsam von sieben Terrassen und Mauern, die über einander hervorragten mit Zinnen von verschiedenen Farben, weiß, schwarz, purpurroth, blau, gelb, silbern, golden. Dies war der alte asiatische Geschmack Asiens, nicht nur am Euphrat und Tigris, sondern bis ans mittelländische Meer hinab. Die sogenannte Nimrodsstadt , die Paul Lukas unweit Tarsus auf einem Berge sah, hatte drei Stufen des Berges, dreißig bis vierzig Fuß hoch, die man die Riesentreppe nannte; die Pforten, die, wie er sagt, er mit seinen eigenen Augen sah, schätzt er hundert Fuß hoch und die Gebäude von Riesengröße. Voyage de Paul Lucas , T. I. p . 354.   H. Wenn man die Reisebeschreibungen Persiens mit Aufmerksamkeit auf ihre Trümmern durchgeht, so wird man allenthalben auf den Gebirgen Gebäude, Schlösser, Burgen und an ihnen Terrassen gewahr, die dahin führten. Auch die Königsburg zu Susa, Memnonium genannt, mußte einen Berg inne haben, da es sich mit seinen Schätzen gegen den Antigonus festhielt. Hiedurch erläutert sich also die Bauart Persepolis' und der königlichen Grabmale augenscheinlich. 1. Die Gräber . Auf Anhöhen wurden die Leichname der Meder und Perser nach magischer Sitte ausgelegt; die königlichen Leichname also konnten auch nicht anders als in der Höhe bestattet werden; S. Hyde , De religione veterum Persarum , Tab . 13. Von den heutigen Begräbnißplätzen der Parsen, Dakme genannt, s. d'Anquétil , Zend-Avesta , T. II. p . 587.   H. ägyptische Todtengrüfte schloß der Landesgebrauch aus, mithin auch Pyramiden. Cyrus' Grabmal war ein Thurm mit schmalem Eingange, wo im höchsten Stockwerk sein Körper in einem goldenen Sarge ruhte, bewacht von Magiern in nachbarlichen Gebäuden. Kambyses kam von seinem grausamen Aegypterzuge in sein Vaterland todt zurück und ward in Persis, wir wissen nicht wo, bestattet, gewiß aber auch in einer Höhe des Felsens der Königsgräber. Als nach der kurzen Usurpation des Reichs durch den Magier Darius auf den Thron gelangte, so rückte er, aus einem andern Zweige der Achämeniden, der Dschemschidsfamilie, entsprossen, Pasargada weiter und baute sein Grabmal selbst am Berge Rachmed, oder vielmehr er richtete eine Seite des Felsens zu seinem Grabmal ein, damit auch er in der Höhe eines Marmorpalasts bestattet werden könnte; denn durch die Eroberungen Kambyses' und Darius' waren die Ideen der Perser sehr erweitert. Wie Cyrus' Grabmal offenbar den Babylonischen Belusthurm im Kleinen nachahmte, wo auch der Gott, d. i. der verstorbene Beherrscher, sein Bild hatte und der Sage nach zuweilen in Nächten dahin kam, so ahmte Darius' Grab ägyptisch-persische Grabmale nach, wiefern es die Persersitte erlaubte. Es ward die Ansicht eines Felsenpalastes mit einer ungeheuer hohen, schönen Facade. S. Chardin , Table LXVII. LXVIII. LXXIV. Auf der letzten sind mehrere Königsgräber in einer Ansicht.   H. Bildsäulen schloß diese Bauart aus; diese, wenn sie auch die Religion erlaubt hätte, wären in solcher Höhe von kleinlicher Wirkung gewesen; stark erhabene Bildwerke ( haut-reliefs ) und in großem Geschmack übereinandergesetzte Säulen vertraten sie also. Eine wirklich edle Composition, in welcher ägyptisch-griechischer Geschmack zusammentrat, um die Ansicht eines Marmorpalastes zu geben, den ein Persermonarch mit dem Bogen in der Hand, d. i. ein tapferer Perser und Diener Ormuzd', der Auferstehung harrend bewohne. Zwei Reihen persisch-medischer Männer, wie es scheint, auch in Kleidung und Tiaren unterschieden, tragen das Grabmal; unter ihnen sind Bilder der Thiere, die, wie wir sehen werden, zur Todtencerimonie nach persischem Cultus gehörten. In Ihrer »Geschichte der Baukunst« haben Sie an gehörigem Ort S. 320.   H. der sogenannten persischen Bildsäulen nicht vergessen, die ein bitterer Spott auf die Perser in ihrer eigenen Manier waren. Wie hier auf dem Grabmal Perser und Meder das Gebälke der Wohnung ihres Königes trugen, so tragen sie in Persepolis den Pfeiler seines Thrones. Le Bruyn , Table 153.   H. Mithin ließen die Spartaner ihre gefangenen Perser, als gewohnt solcher Trägerei, ihren Porticus tragen und spotteten ihrer damit als geborner Sclaven. Auch den weiblichen Trägerinnen, den Karyatiden, giebt Vitruv einen solchen Ursprung; als Bundsgenossen der Perser hatten sie sich ihnen gleichsam zu Sclavinnen verkauft. Lessing hat ihnen den Schimpf abgenommen, indem er sie in tanzende Jungfrauen der Diana verwandelt. S. Lessing's sämmtliche Schriften, Band 10. S. 366. Wahrscheinlich war jene Geschichte, die Vitruv erzählt, ein Märchen, nach jener wahren Geschichte der Gefangenen bei Platäa gebildet. Da man persische Träger hatte, so glaubte man auch, die Trägerinnen müßten mit den Persern wenigstens im Bunde gewesen sein.   H. [Vgl. Preller , » De causa nominis Caryatidum « in den » Annali dell' Instituto archealogico «, XV. 396-406   D. 2. Auch die Gebäude zu Persepolis treten ihrer Anlage nach damit in das Licht, das ihnen gehört. Ein neuer schätzbarer Schriftsteller hat diesen Palast die Todtenresidenz der Perserkönige genannt; wie mich dünkt, nicht glücklich. Des nahen Grabes wegen ist Persepolis nicht gebaut; ein Pasargada und Pasargaden (d. i. Persepolitaner) gab's, ehe selbst Cyrus' Grab existirte. Die Könige zogen in diese Residenz, nicht um Todtengebräuche zu begehen oder sich in persischer Denkart an den Leichnamen ihrer Vorfahren zu verunreinigen; denn, eben damit sich Niemand an ihnen verunreinigte, wohnten diese in ihren Todtenresidenzen, d. i. in den Marmorhöhlen, nahe den Gipfeln eines hohen Gebirges. Jeder der Todten bewohnte seinen Palast, den das ausgehauene Frontispice zeigte. Noch weniger zogen sie dahin, um Buße zu thun; denn wir finden nicht, daß ihnen bei ihrem Aufenthalt hieselbst eine besondere Lebensart vorgeschrieben gewesen, noch daß sie diese geführt. Persepolis war eine reiche, üppige Stadt in einem schönen Thale, wo Jeder so fröhlich lebte, als er leben konnte, die Könige gewiß nicht minder. Sie bewohnten ihre Königsburg und »ließen ruhen die Todten«. Einen andern weit natürlichern Ursprung hatte die Erbauung Persepolis', den die Geschichte klar angiebt. Persis war das Land der Achämeniden, d. i. der Familie Dschemschid's, die sich durch diesen Namen an eine alte hohe Abkunft knüpften. Der Stamm, zu dem sie gehörten, hieß Pasargad , die ächte Perserversammlung ; aus Zend-Avesta wissen wir, daß, wie es auch nach der Beschaffenheit der damaligen dortigen Völker erklärlich ist, auf Versammlung , Versammlung der Anführer ( assemblée brillante des Chefs ), es seien diese himmlische oder Erdwesen, Alles gebaut ist. Wo irgend sich also die Anführer der edeln, alten Perserstämme versammelten, war ein Pasargad (Persepolis), eine Stamm- und Reichsversammlung. Cyrus, als er durch sich den Perserstamm auf den Thron erhob, wählte zu seinem Pasargad den Ort, wo er die Meder geschlagen hatte, und ward zum Andenken seines Sieges und der Erhebung seines Stammes auf den Mederthron unweit seinem Pasargad bestattet, d. i. er bekam seinen Thurm, in dessen oberstem Gemach seine Leiche ruhte. Kambyses' Körper ward gleichfalls hieher geführt; er war Cyrus Sohn, und aus Herodot kennen wir die heftige Rede, die er vor seinem Tode an seine Pasargaden hielt, die Regierung des Reichs nicht wieder an die Meder kommen zu lassen, sondern sie in Persis zu erhalten. Mit ihm war Cyrus' Familie ausgegangen, und, von den sieben Fürsten gewählt, kam Der, den wir Darius Hystaspis nennen, aus einer andern Familie der Achämeniden, auf den Thron. Wie natürlich, daß er, ein Sproß des alten Dschemschidstammes, Stifter eines neuen Königshauses, die Versammlung der Perser fortrückte und sich innerhalb der väterlichen Provinz ein neues prächtigeres Pasargad anlegte. Er hatte keinen Astyages geschlagen, war nicht von Cyrus' Abkunft; aber das Reich schützte, erweiterte er, ja, welches noch mehr ist, er richtete es ein. Durch die Ueberwindung Aegyptens und mehrerer griechischen Völker, durch die Kriege mit beiden Völkern überhaupt war Persien zu einer andern Stufe von Kunstpracht gelangt, als auf der es unter Cyrus gestanden; die neue Königs- und Perserstadt war dessen Zeugin. Er wählte sich dazu das Amphitheater des Marmorberges, das seine Burg einschloß, hinter welcher er selbst in den Felsen auch seinen Grabpalast anlegte; gewiß zu seiner Idee der schicklichste Ort. Der Fels ward abgetragen und zu weiten, das Thal übersehenden Terrassen geebnet; prächtige Treppen führten hinauf, und an ihren Seiten ließ er links, als an der Ehrenseite, die Diener seines Hofes, rechts die zwanzig Satrapien in Fels hauen, in welche er sein großes Reich getheilt. Eben diese zwanzig Satrapien in ihren durch Cypressenbäume deutlich unterschiedenen Feldern zeigen diesen Bau als Darius' Werk; denn vor ihm gab's diese Eintheilung nicht, unter den medischen Königen war das Reich anders geordnet. Zwölf dieser Felder, d. i. tributbringenden Satrapien, hat Niebuhr gezeichnet, die andern, ebenso deutlich unterschiedenen, obgleich zum Theil halb verwüsteten bei Chardin nachgewiesen. (Niebuhr, S. 130 f.) Durch Zusammenhaltung Niebuhr's, Chardin's und Bruyn's stehen die 29 oder 30 Satrapien Herodot's, in die Darius sein Reich theilte, klar da. Die tributfreien Provinzen, z. B. Persis und die Bundesgenossen, die nicht Tribut, sondern willige Geschenke brachten, sondert Herodot ab; auch in der Abbildung mußten sie abgesondert und konnten nicht als Unterthanen die Treppe hinauf geführt werden. Sie stehen auf besondern, leider aber größtentheils zerstörten Wänden kenntlich gnug da (Niebuhr, S. 134). Unschätzbar sind uns diese Nachrichten Herodot's; sie erklären und bestimmen das Zeitalter dieser Persepolis, so wie Persepolis mit seinen Abbildungen als ein Felsarchiv ihre Treue bewährt.   H. Zu Aufbewahrung seiner Schätze, die Darius, der Einsammler genannt, sorgfältig in Tonnen schlug, war ihm dieser Winkel in einer Felsenkrümme, der mit den Labyrinthen seines Grabmals zusammenhing, sehr gelegen; er befand sich in einer der abgelegensten Provinzen seines weiten Reichs, von allen Seiten geschützt durch Wüsten und Gebirge. Wie konnte es deutlicher gesagt werden, daß dieser Ort eine Schatzkammer, das Gazophylacium des Reichs sei, als daß alle Stufen hinan sich Völker zeigten, die diesem Palast Gaben zutrugen? Die Abbildung war redend. Sei es also, daß Darius hier nicht stets und seine Nachfolger noch seltner hier verweilt; allerdings war Susa, das von Jenem gleichfalls erbaut war, dem Mittelpunkte Persiens näher, und es war Reichssitte, daß die Persermonarchen ihren Aufenthalt änderten und, manchen Provinzen sehr beschwerlich, eine nach der andern durchzogen. Susa und Ekbatana waren in dieser Königswallfahrt ihre Hauptresidenzen (der Königsburgen hatten sie mehr!), die daher auch am Oeftersten genannt werden; nach Persepolis war ihnen selbst der Zugang durch die wilden Bergvölker beschwerlich und der Aufenthalt hinter diesen Gebirgen nur in einer Jahreszeit erfreulich. Persepolis blieb indeß, was es sein sollte, durch kein Susa oder Ekbatana gehindert; und allerdings gereichte es den Perserkönigen zur Ehre, wenn sie diese Väterprovinz, in welcher sie gekrönt, d. i. mit Cyrus' Kleidern angethan und bestattet wurden, die auch fortwährend für die Hauptprovinz des Reichs galt, des Abweges ungeachtet zuweilen auch besuchten. Nach Ort und Zeit dürfen wir Persepolis also als ein Ideal persischer Baukunst ansehen, und sie ist's. Perser, Meder, Babylonier, Aegypter und Griechen, allesammt Unterthanen des großen Königs, konnten zu ihrem Bau angewandt werden, zu einem Bau aber nach persischer Weise. 1. Kein einzelner Palast findet also hier statt, der Alles umfaßt; den Persern ist diese Bauart bis auf die jetzigen Zeiten fremde. Sie lieben abgetheilte Gemächer und Gebäude; den alten Sitten Persiens war's ganz zuwider, daß ihr Erdengott mit allen seinen Hausgenossen und Freunden wie in der Arche Noah' unter einem Dach schlafe. Abtheilungen waren also nach dem Cerimoniel der Perserkönige nöthig, selbst in den eigenen Wohnungen des Königes, wohin von Fremden Niemand gelangte. Durfte sogar ein weiblicher Günstling, die weltberühmte Königin Esther, nicht ungerufen zu ihrem Gemahl kommen, und ward selbst den sieben ersten Fürsten, den König zu besuchen, nicht anders eingeräumt, als wenn er außer seinem Harem sei, wie dann einem Andern? Also waren die Gebäude G H I der Niebuhr'schen 18. Tafel gewiß die heiligsten, unzugangbarsten Orte, und das Gebäude H I , das der Harem gewesen zu sein scheint, auch seiner Lage und Anlage nach das unzugangbarste. Auf diese Gebäude über und unter der Erde sollte sich also künftig der vorzügliche Fleiß der Beobachter richten und, wenn, wie ich nicht zweifle, in wenigen Jahren eine eigene Persepolitanische Reisegesellschaft, wohl unterstützt, ihre Forschungen hier anstellen wird, von dem Innern einen Aufschluß geben. Was von Alexander verwüstet wurde, ward hier verwüstet; die niederern Regionen, Colonnaden B D , Audienz-Saal L , noch weniger der untere Hof A AE mit dem Porticus, der Treppe und den Wundertieren gingen ihn an. Der ganze Berg war der Palast; er zerstörte des Königs Burg, nicht wo die Bedienten saßen. Vgl. Herder's Werke. XV. S. 141.   D. 2. Ist der ganze Berg Palast, so sind die Abtheilungen fremde, die man sich nach europäischer Weise denkt. Man geht nicht gerade vom Eingange zur höchsten Höhe hinauf, welches auch dem Hofstaat der Persermonarchen nach sehr ungereimt wäre, sondern die hohe Pforte a führt nur zu dem, wozu im Perserbegriff die hohe Pforte führen sollte. Wer weiter hinauf gelangte, dem mußte es Gunst, Geschäft oder Rang verstatten. Drei nach europäischer Weise abgeschnittene Terrassen giebt es auf diesem Palastberge nicht; auch auf der dritten Höhe, wo des Königs eigne Wohnungen waren, giebt's Erhöhungen und Vertiefungen, wie Niebuhr berichtet. Folglich wurde Alles an dieser Anhöhe zu dem Zweck gebraucht, wozu es gebraucht werden konnte. Wenn also der eigentliche Reichspalast L , der große Versammlungssaal, in der Mitte des Berges hinter der großen Colonnade lag, so war dies an Ort und Stelle. Tiefer hinab konnte sich der König nicht begeben, höher hinauf in dessen Privatwohnungen die Geschäfte nicht steigen; hier war ihre prächtige Anfuhrt. Was unterhalb lag, diente dem Reich, Hofbedienten, Provinzen, und was sonst dazu gehörte. 3. Vom Gebrauch der Colonnaden können wir jetzt gar nicht urtheilen, da sie jetzt theils in Trümmern liegen, theils in ihrer schlanken Höhe unbedeckt da stehen. Ohne Zweifel war die große Colonnade vor dem Versammlungssaale L in der mittleren Terrasse doch ungleich näher der Höhe als dem Boden, der größte Ort der Feierlichkeiten, der Gastmahle und Spiele, wo man in der freiesten Ansicht die Schönheit der Jahreszeit genoß, wo alle Große und Edle bewirthet und ergetzt werden konnten. Babylonische Decken sicherten sie sodann vorm Strahl der Sonne; und wer weiß, welche Plätze zu Lustbarkeiten über und neben denselben angelegt waren! Die Colonnaden der höhern Höhe, hinter dem Hause des Königs G , an beiden Seiten des wahrscheinlichen Harems H und I , zeigen gnugsam, worauf es mit diesen Colonnaden angelegt gewesen. Wahrscheinlich war auch über ihnen ein leichter Bau, Aussichten, hangende Gärten u. s. w., Alles im eigensten Geschmack der Berge liebenden Perser. 4. Die prächtige Treppe, obgleich sehr untergeordnet, gehört mit zum stattlichen Palastberge; sogar ein französischer Reisender hat sie gewürdigt, mit einer Pariser Treppe verglichen zu werden. Vgl. Herder's Werke XV. S. 147 f.   D. Ohne Zweifel ist sie die prächtigste der Welt; denn wo gäbe es sonst noch einen solchen Felsenpalast? Ihre Breite und Gemächlichkeit, ihre Di- und Convergenz sind dem Ganzen der Structur so anpassend, daß, mit einem ägyptischen Pyramidenbau verglichen, der Fels Persepolis wie organisirt scheint. Seine Springbrunnen, die Wasserleitungen, deren Trümmern man findet, die Luftgefilde über den Colonnaden, die Menge der Menschen, die den Palast bewohnten, und die er rings übersah, belebten das Ganze. 5. Die Verzierungen dieser Gebäude haben Sie zwar selbst, mein Herr, überhäuft und verschwendet genannt, zugleich aber auch diese Verschwendung aus dem Geschmack und der Prachtliebe der Perser hergeleitet, mithin an Ort und Stelle selbst erklärt. Stieglitz , »Geschichte der Baukunst«, S. 133.   H. Auf dem großen Berge, wie vertheilt erscheinen sie! sie drängen sich nur auf unsern Kupferblättern zusammen. Und wie ganz steht jede Verzierung an ihrer Stelle! so daß ihnen auch die Wiederholung nicht schadet. Alles freilich im Geschmack jener Zeiten und jenes Perserstolzes, wie erhaben aber über den Geschmack der Indier und Aegypter! Kein ausgehöhlter, aber ein mit Bau- und Bildwerken bekleideter Berg steht da, zweckmäßig ausgebaut, morgenländisch bekleidet. 6. Auch Schrift fehlt den Wänden nicht; denn auf diese legten Chaldäer, Meder, Perser, Tibetaner einen so hohen Werth. Als goldene Pfeilschrift aber steht sie an, in Zügen, deren sinnreiche Einfalt, auch unverstanden, das Auge nicht ärgert und vor manchen schlechten Zierrathen unwidersprochen den Vorzug behauptet. Der Stahl, der in den härtesten Fels diese ewigen Lettern grub, erzeigte gewiß dem menschlichen Verstande eine größere Wohlthat, als der in Aegypten jene Hieroglyphen setzte. Dies wird die Zukunft bewähren. Es kann nicht anders sein, als daß eine Buchstabenschrift aus so alten Zeiten, dazu in mehreren Alphabeten, wenn sie entziffert ist, mancherlei Alphabete, Sprachen, Völker, Systeme und Religionen zusammenrücke, erkläre, ordne. 7. Neuerdings hat man die Baukunst zu Persepolis für ein Werk der Baktrier erkennen wollen; ich muß gestehen, daß mir keine eigne baktrische Baukunst bekannt sei. Wahrscheinlich auch Ihnen nicht, da Sie ihr kein Capitel in Ihrer Geschichte der Baukunst der Alten vergönnt haben. Indische, ägyptische, babylonische, griechische Baukunst kennen wir aus Zeiten, die dem Bau Persepolis' vorhergingen und ihm nachfolgten; in ihrer Mitte steht Persepolis, vielleicht mit Theilnehmung an ihnen allen, in eigenem Geschmack da, keine eigene baktrische Baukunst. Und weswegen müßte sie hier obwalten? Weil hier in der Mauer oder auf den Säulen fabelhafte Thiere erscheinen? Sind diese in Balkh (Baktra) erfunden? hatten sie daselbst ausschließend das Bürgerrecht? Oder falls sie es gehabt hätten, war andern Bauleuten untersagt, diese bäurischen Bürger zu bilden? Ktesias' indische Fabelthiere, lebten sie in Baktra? Wie in der Rechenkunst das Einmaleins, so ist in der Baukunst die Säule nicht blos als Maßstab der Verhältnisse, sondern auch als Weiser des Geschmacks angenommen; und wohin weisen uns Persepolis' Säulen? Nicht nach Indien, sondern nach Aegypten und dem asiatischen Griechenlande; vorzüglich nach diesem. Jenes hatte die Säule und ihre Verzierung nach Art des Palmbaums und mit hieroglyphischen Capitälen längst und vielfach geübt; die asiatischen Griechen hatten die ältere dorische Säule längst gestreift und gehöhlt, da erhob sich diese persische Säule, dem Genius des Landes treu, wie ein schlanker Thurm, mit weniger oder keiner Verjüngung, auf mehrerlei Weise phantastisch geziert. Man sehe in Ispahan den gehörnten Thurm, Khalem Menaar, an ( Kämpfer , Amoenitates, p. 291 ); wie treu ist sich der Persergeschmack geblieben!   H. Weder den Palm- noch Essigbaum durfte sie nachahmen, noch weniger in Baktra erfunden werden; denn es standen Säulen und Thürme der verschiedensten Art von Indien bis Theben, von Babylon bis zu den persisch-griechischen Inseln. Selbst die Idee, hier wenigstens an Wänden eine Panpersis anzulegen, wie die Griechen allenthalben dergleichen Gemeintempel (Panionium, Panhellenium u. s. w.) hatten, halte ich für griechisch. Der große König wandte die Idee an, wie er sie anwenden konnte. Ueberhaupt, dünkt mich, müsse jedem sehenden Auge einleuchten, daß, von den Grabmalen an bis zum Porticus der Pforte, in Verzierungen, Säulen, Vorstellungen und Bauart Persepolis' ägyptisch-griechische Kunst sei, auf babylonisch-medische Weise geordnet. Ein Beweis statt aller sei eben ihre frei stehende Colonnade. Aegypter, Griechen pflanzten sie um ihre Tempel herum; in Indien und Aegypten trugen sie als Pilaster. Hier stehen sie, da die Perser keine Tempel hatten, frei und frank da, vielleicht eine leichte Decke, ein Dach zur Aussicht, einen Blumengarten zu tragen, und unten in ihren Gängen zu schmauchen, sich zu vergnügen, zu lustwandeln. Auch in ihnen sehen wir also in Vergleichung mit den Aegyptern den freiern Persergeschmack. Angenehm sind unter einem leichten Dach freie Säulen; einem Gebäude angehängt, erscheinen sie als Angehänge; einer Mauer zu nahe oder gar in sie eingefaßt, sind sie zwangvoll und widrig. Kennen Sie ältere frei stehende Säulengänge als diese? Was sind sie aber gegen die griechischen Propyläen, die einzigen mir bekannten Gebäude, die man der Anlage nach in Ansehung der Säulengänge, der Treppe und des Pöcile mit Persepolis vergleichen könnte? Gegen sie gestellt, erliegt freilich der persische Riese, da an ihnen die griechische Kunst in der größten Vollkommenheit erscheint; auf seinem Marmorfelsen in Persis aber überwindet er alle Gebäude benachbarter Völker zur Rechten und Linken. Als in Rom der gute Geschmack zu sinken anfing, stellte man einzelne Säulen auf, oben mit der Statue des Ueberwinders, wie in Alexandrien die sogenannte Pompejus-Säule und zu Rom die Säulen der Antonine zeigen; auch hierin wie in vielem Andern näherte man sich wieder dem Geschmack der Morgenländer. Was ist eine einzelne frei stehende Säule, die nichts als ein Belus-Bild trägt, gesetzt, daß sich auch auf ihr alle Thaten des Helden in bildlichen Vorstellungen hinaufwinden? So kolossalisch die Säule sei, ist sie unserm Auge entrückt und erscheint klein in ihrer Höhe; auch die Vorstellungen sind umher gewunden, damit sie nirgends anschaubar werden. Dünkt Ihnen die Colonnade zu Persepolis, die freilich jetzt als ein Gerippe da steht, auch nur als Zugang zum Königssaal, als Propyläen betrachtet, nicht natürlicher, größer und edler?   An Herrn Professor Meyer in Weimar. Vergönnen Sie mir, geschätzter Freund, aus Ihrem unterrichtenden Meisterwerke über die Kunstschätze alter und neuer Zeit in Italien einen Ausdruck. der, wie mich dünkt, ein strenger Canon sein kann: » Ein Kunstwerk spreche sich selbst aus «. Vielmehr in dem Aufsatze »Ueber die Gegenstände der bildenden Kunst« in Goethe 's »Propyläen«, I. 1,21 (1798). Der Irrthum wurde dadurch veranlaßt, daß Meyer in derselben Zeitschrift auch über etrurische Monumente und über Raphael's Werke, besonders im Vatican, gehandelt hatte.   D. Was sich also an einem Kunstwerke nicht selbst ausspricht, gehört eigentlich nicht zum Kunstwerk; Namen z. B., historische Umstände u. s. w. Letztere verschweigt der Erklärer sogar, sobald sie zerstreuen und vom Werk selbst abführen. Die Anekdotensucherei, der Plinianische Geschmack, Nebenumstände vom Kunstwerk oder seinem Meister anzuführen, die dabei ausgeschüttete entbehrliche oder falsche Gelehrsamkeit sind ein schlechter Geschmack, weil sie von der Intuition des Werks, von seiner eignen reinen Aussprache zerstreuend abführen. Wer z. B., statt zu Persepolis' Königspalästen durch die Pforte einzugehen, von hinten über die Mauer steigt und, weil ein Grab nahe ist, die ganze Anlage für eine Todtenresidenz erklärt, hat mir den Begriff des Ganzen, in dem durchaus nichts vom Tode enthalten ist, durch eine Nebenidee zerstört. Ich trete vor ein oft wiederholtes Bild und sage: »Es ist ein König, jetzt in der, jetzt in dieser Verrichtung; dies sind seine redenden Attribute«, so habe ich das Bild erklärt, d. i. zur Sprache gebracht, was es selbst aussprach. Möge dieser König Aksak oder Saksat heißen; der Name ändert im Kunstwerk nichts. Ich trete vor einen großen Zug Menschen und sage: »Es sind Unterthanen verschiedener deutlich abgeheilter Provinzen; sie werden zum Könige eingeführt und bringen ihre Geschenke«: so ist das Kunstwerk erklärt; welche Geschenke, welche Provinzen es sein mögen, muß ich erst aus Herodot und Andern lernen. Verzierungen stehen vor mir; der Name Verzierung selbst lehrt mich auf die Stelle merken, wo sie stehen, was sie verzieren. Ein phantastischer Thierkopf, als Capital einer Säule angebracht, kann und soll nichts als die Säule zieren. Figuren der Thiere, im Winkel einer Wand angebracht, sollen diesen Winkel füllen. Kein Ornament darf zwar am unrechten Ort oder ganz sinnlos da stehen, welchen Sinn und Zweck es aber habe, kann mir kein Naturregister   der Genius, der das Ganze beherrscht, der Sinn und Zweck des ganzen Gebäudes muß es mir sagen. »Was z. B. bedeutet der Löwe, der einen Stier überwältigt?« Daß ein Stärkerer den Schwachen übermanne; dies ist des Bildes natürliche Bedeutung, die ohne Fackel der Kritik jedes Kind in ihm anerkennt und ausspricht. Die zweite Frage ist: »Was soll das Bild hier?« Die Antwort muß mir der ganze Palast sagen. Träte Jemand hinzu und spräche: »Das ist ein Jagdstück; die Bewohner dieses Palastes sind große Jäger und lieben dergleichen Bilder. Weiter bedeutet es nichts, der hohen Simplicität wegen«, so würde ich schweigend bei mir denken: »Wenn die hohe Simplicität der Jäger nicht bis zur Schwachheit geht, so müssen sie auf der Jagd wie auf der Wand im Bilde sehen, was es jedem Kinde ausspricht, daß der Stärkere den Schwächern überwindet.« Schritte ich nun weiter, fortdeutend: »Der Stier bedeutet den Seleukus Nikator, dessen Münzen den Stier als Emblem führen; der Löwe bedeutet  « Ohe, jam satis! Hor . Sat., I. 5. 12 u. 13: Trecentos inseris. Ohe, jam satis est.   D. Wenn Alles wahr wäre, so spricht dies Bild es nicht aus. Warum ist eine Allegorie Allegorie, als weil sie in Dämmerung gesehen sein will ? Reißt Ihr sie aus dieser, um sie auf einen einzelnen nackten Fall anzuwenden, so erweitert Ihr nicht, sondern verengt ihre Bedeutung. In einem Königspalast, dem Denkmal alter Helden, bedeuten dergleichen Bilder, was sie bedeuten können, d. i. was sie durch sich selbst sprechen und significiren; im offenen Naturlicht stehen sie da. »Also auch der Kampf des Helden mit den Ungeheuern, sollte er nicht blos sagen wollen, daß die persischen Monarchen große Liebhaber der Jagd gewesen?« So sagte das Bild dies sehr widersinnig und barbarisch. Gegen Thiere, dergleichen es nirgends gab, gegen Greife mit Skorpionschwänzen u. s. w. zog kein Persermonarch auf die Jagd. Auch überwand er diese nicht, indem er ihnen das heilige Gefäß auf den Kopf drückte oder das Einhorn am Horn faßte. In einer der Kammern des Palastes wird ein Bock an den Hörnern in die Höhe gehoben: war dies auch eine Lustpartie der Persermonarchen? »Aber der hohen Simplicität wegen!« Die Simplicität aller andern Vorstellungen des Königs fordert, daß auch hier nichts Ungereimtes und Niedriges vorgestellt werde, dergleichen ein Jäger utopischer Thiere gewiß wäre. Dort erschien er als Richter, als Regent, als Diener des Gesetzes Ormuzd'; der Schützer des Reichs, der Ausrotter des Bösen, Feind aller drohenden Ungeheuer und feindseligen Mächte, sollte er nirgends erscheinen, da dies eben die Hauptpflicht des Königes, da der Name Held und Perser (Artäer) einer und derselbe war? Wenn nach der Landesreligion Streit gegen das Böse die tägliche Pflicht eines Jeglichen war; wenn der Knabe schon, sobald er zum Mann angenommen wurde, den Streitgürtel anlegen mußte und man das Böse unter keiner andern Gestalt als der Dews, d. i. der Skorpionen und auszurottenden Ungeheuer, kannte; wenn hierüber tausend Erzählungen umhergingen und dem Könige seine Ahnen nicht anders als Temuras, Feriduns, Rustams u. s. w., als Bezwinger der Ungeheuer dieser und anderer Art vorgestellt wurden: sprächen die Bilder nicht durch sich selbst jedem Perserkinde verständlich? Und sprächen sie nicht edel, da ohne Zweifel dies der schwerste und Hauptberuf eines Königes war? Mit keinem nützlichen Thier streitet der Held, sondern mit Löwen, Greifen, dem Einhorn; das wildeste derselben, den Greif mit einhauendem Schnabel, einhauenden Klauen und dem Skorpionschweif, übermannt er dadurch, daß er ihm den heiligen Talisman aufs Haupt drückt und ihn mit der Linken durchbohrt. So symbolisirt die ächte Simplicität. Nicht Menschenschlachten oder dahingestreckte Feinde führt sie auf den Schauplatz, sondern die Ursache des Uebels selbst, den Genius der Wildheit, des Raubes, der Wuth und der Verheerung. Ihn zu durchbohren und damit sein Reich vor jeder Gefahr zu schützen, alles Schädliche mit mächtigem Arm von ihm zu entfernen, war des Königs Beruf, und das sprechen diese Bilder. Einen Jäger stellen sie nicht dar; denn der hier vorgestellt wird, jagt keinen Hasen, die im Zend-Avesta statt des gesammten Wildes genannt werden, sondern durchbohrt, überwindet. Wie diese, müssen alle symbolische Thiere durch sich selbst sprechen, sonst wären sie keine oder schlechte Symbole. Und um sie zu verstehen, muß man jeden hineingezwungenen fremden Nebenbegriff entfernen. Sagte z. B. Jemand: »Das reichgeschmückte Thier mit dem Menschenantlitz und dem Diadem auf dem Haupt ist nichts Anders als der Menschenfresser Martichoras ( vide Ctesiam ). Im Vorhof steht er hier, um die Macht und Stärke des Despotismus zu bezeichnen«: so würde ich schweigend bei mir denken, daß er diesen Begriff sehr ungeschickt und an unrechtem Ort bezeichne. Denn der König, der in seinen Gemächern und im Reichssaal erscheint, ist doch selbst kein Menschenfresser; er zeigt sich in der ehrwürdigsten Gestalt als einen gesetzten, sanften, ordnungsliebenden König, über welchem, wo er geht und steht, die himmlische Gestalt schwebt. Furchtlos gehen seine Unterthanen zu ihm und werden, jede Provinz von einem Diener des Königs, freundlich eingeführt. Alle diese ruhigen Menschen sollte der Menschenfresser Martichoras doch nicht von der Treppe hinwegscheuchen oder ihnen symbolisch sagen: »Ihr geht zu einem menschenfressenden Despoten«? Und da dies Thier zum Palast hinanblickt, wie das Einhorn auswärts sieht, so wird es doch nicht, wie dort Haman die Königin, Esther 7, 8.   H. den König würgen wollen und dies bezeichnen? Und was ist im Mindesten an diesem Bilde, das es als Menschenwürger charakterisire? Wo denn sind seine Löwenfüße und der Skorpionschweif? Was in allen seinen Gliedern hat es mit Ktesias' Thier gemein, als   das ruhige Menschenantlitz? Und frißt dies Menschen? Wie aber gehört Ktesias gar hieher? Sagte der Fabulist je, daß ein mannbärtiges, geflügeltes Thier mit dem Diadem auf dem Haupt in Indiens Wäldern umherlaufe? Und von einer solchen Composition ist hier doch allein die Rede. Wo denn ist im ganzen Gliederbau dieses Symbols etwas Zerstörendes? Nirgends im Palast ist's mit einem andern Thier im Kampf, geschweige, daß es einen Menschen anfiele, oder ein Held es morde. Seine Attribute sind ebenso sprechend als edel bedeutend; denn wer wüßte nicht, daß Adlerflügel schnelle Macht , der feste Körper und volle Tritt, mit dem es da steht, unerschütterte Kraft , das Menschenantlitz Milde und Weisheit , Diadem und Schmuck Ansehn und Reichthum bezeichnen? Ohne Fackel der Kritik versteht jedes Kind diese Attributs des Symbols, und nur durch sie steht das Ganze an dieser Stelle würdig   eine Bezeichnung dessen, was sich das Perserreich von innen zu sein dünkte; nach außen kehrte das Einhorn seine schützenden Kräfte. Ueberhaupt ist mir es unverständlich, wie man dergleichen Compositionen als lebende Wesen aus den Wäldern Indiens holen könne; sie sind zwar nicht erdichtete, aber zusammengedichtete Gestalten, die sich nach Zeit und Ort wie Träume ändern. Die erzählende Dichtung der Morgenländer erlaubt sich in ihnen die raschesten Uebergänge; ja, sie liebt solche; ihre Sprache ist dazu eingerichtet, ihre Phantasie zu ihnen vorbereitet, so daß auch die Kunst daran Theil nehmen kann. Eben in Verzierungen und Figmenten, als untergeordneten Dingen der Hauptvorstellung, darf sich der Künstler innerhalb der Grenzen seiner Kunst das Meiste erlauben. Belehre uns darüber bald Ihr Buch Es sind die mit Goethe herausgegebenen »Propyläen« gemeint.   D. selbst; Wenn z. B. an des Königs Grabmal Chardin Table LXVIII.   H. jenes zähnebleckende Ungeheuer, das die prächtige Last des Gebäudes trägt, dem nächst zukommenden Hofdiener die Klaue nach dem Kopfe wirft, und ein Mystiker fragte, was das bedeute, was könnte man ihm sagen, als: »Das Thier steht lebend da, unwillig seines Dienstes«? Nicht anders würde es, wenn es lebte, die Zähne blecken, die Klaue werfen. Die zu lebhafte Geberde ist also ein Uebermuth des Künstlers: Capitäle, Verzierungen, Arabesken. Doch wie lange spreche ich Ihnen von Unthieren dieser Art? Da hängt Ihre schöne Zeichnung vor mir, Raphael's Gott Vater , von den vier Symbolen der Evangelisten getragen. Welche zauberische Composition! Wie arm erscheinen unter ihr die beiden indischen Symbole, Elephant und Roß, ob sie gleich die ganze lebendige Thierschöpfung in sich enthalten! Vgl. Herders Werke, XV. S. 422 f.   D. Raphael's majestätische Gruppe wirft neben und unter sich Alles zu Boden. Lassen Sie Sich erzählen, wie diese Thiergruppe entstand, was für langsame Schritte sie mit Jahrtausenden machte. Ihr Ursprung ist persisch oder eigentlich chaldäisch, medisch. Es war eine angenommene Vorstellungsart dieser monarchisch-aristokratischen Völker, daß in Himmel und Erde Alles in Classen getheilt sei, deren jede ihr Haupt, ihren Vorsteher habe. So auch die Thiere; und die mächtigsten Geister scheuten sich nicht, in Gestalt dieser Thierkönige zu erscheinen. So wurden sie auch abgebildet, entweder in völliger Thiergestalt, den Stern über ihnen, Glanz um ihr Haupt, oder es war eine halbe Menschenfigur, die über dem verkürzten Thiersymbol schwebte. So jene Königsgestalt auf dem Grabmal bei Persepolis, so jene andre gleichfalls auf Fittigen, unter sich das Symbol des Widderhauptes. Dies war die Vorstellung gleichsam in ihrer Kindheit. Ein israelitischer Seher componirte sie dichterisch größer. Er hatte Bilder älterer Dichter seiner Nation vor sich, da der König der Schöpfung auf fabelhaften Wundertieren, Cherubim, wie auf einem Thron oder Streitwagen sitzend, besungen war; einer seiner Brüder hatte ihn im Allerheiligsten, als in seinem Palast, auf einem Prachtstuhl sitzen sehen, dessen Zierrathen an beiden Seiten verhüllte feurige Engelgestalten, anbetende Seraphim waren. Der Thron nämlich mit seinen Gestalten und Bildwerken hatte sich dem Seher belebt. Von der Erde hebt der chaldäische Prophet diesen Thron in die Wolken; er sieht auch ihn belebt, nicht aber geschmückt nach alter jüdischer, sondern nach medisch-persischer Weise. Räder hat der Stuhl; denn die Throne der Persermonarchen waren beweglich. Ein lebendiger Wind ist in den Rädern; sie sind voll Augen, d. i. voll Edelgesteine um und um; sie glänzen mit unanschaubarer Pracht, reich und köstlich. Neben ihnen sind gleich bewegliche Thiergestalten. Diese stehen nicht mehr nach jener alten Decoration um den Thron als seine Zierden, tief unter ihm bücken sie sich und tragen den Stuhl des Hocherhabnen nach medisch-persischer Weise, wie Persepolis' Denkmale zeigen. Thiere und Räder bewegen sich gemeinschaftlich; denn sie machen ein Ganzes; und jene, die belebteren Wesen, übertreffen diese an Pracht des Glanzes. Und welche Thiere wählt der Israelit? Die vier, die seiner Nation auf ihrem alten Heerzuge nach den vier Weltgegenden die Hauptpaniere gewesen waren. »Gegen Morgen lagerte sich der Heerführer Juda mit seinem Löwen, gegen Mittag Ruben mit der Gestalt eines Menschen, gegen Abend Ephraim mit dem Bilde des Stiers, gegen Mitternacht Dan mit dem sich aufschwingenden Adler. Zwischen ihnen lagerten sich die Stämme ihrer Brüder.« 4. Mos. 2, 3. 10. 18. 25. S. Wetstein zur Offenb. Joh. 4, 7.   H. In den Wolken schwebt also das ganze Heerlager Israel's; wie Perser und Meder den Thron ihrer Könige, so tragen diese Symbole ihres Nationalgottes Stuhl, auf welchem er, wie jene Königsgestalt des Grabmals, auch nur bis an die Lenden sichtbar ist. Unten ist Feuer, über ihm reiner Himmel und ein Regenbogen um ihn in Himmelsklarheit. Ezech. 1 und 10.   H. [Vgl. Herder's Werke, XV. S. 129 f.   D. So erklärt sich das Bild, dessen Bestandteile mit einander so unvereinbar scheinen. Glücklicherweise wissen Sie nicht, was über Räder und Augen der Räder, über Wagen und Thiere für scharfsinniger Unsinn gesagt ist. Die Kabbala studirt noch an diesem Gesicht; vor dem dreißigsten Jahr aber darüber zu grübeln, haben die Rabbinen weise untersagt. Nach einem halben Jahrtausend sah ein anderer israelitischer Seher dies Bild anders. Offenb. 4, 2-11.   H. Die ausländischen Räder unter dem Stuhl waren verschwunden; es war der alte Thron Jesaias', jedoch ohne Seraphim, im Halbkreise einer Versammlung der Würdigsten. Die vier Lebendigen trugen den Thron, jedoch nicht mehr als Sinnbilder eines israelitischen Heerlagers, sondern als Stellvertreter der ganzen lebendigen Schöpfung. Ohne Ruhe Tag und Nacht rufen sie und feiern; der Löwe, König des Wildes, der Adler des Gefieders, der Stier Repräsentant der gezähmten, der Mensch ein Bild der vernünftigen Schöpfung. Da diese Vorstellung aus zweien an sich ganz verschiedenen Formen, Jesaias' und Ezechiel's, zusammengesetzt ist, so hat sie mehr Größe, aber weniger sinnliche Bestandheit. Die immer regsamen, rufenden Gestalten stehen nicht an ihrem Ort; denn sie schweben nicht, wo das Schlagen ihrer Flügel verhallt, in den Wolken. Auch wechselte im ältern Propheten Ruhe und Bewegung bei ihnen ab; die Bläue des Himmels sowol als der Regenbogen umgaben den im Aether Thronenden freier und schöner als den König dieses eingeschlossenen Tempelpalastes. Der Seher, der dies Gesicht schilderte, dachte nicht, daß in der Deutung der Nachwelt er selbst eins dieser vier Embleme werden würde. Er ward's. Die christliche Einfalt, die ihre vier Evangelien mit den vier Weltgegenden verglich, fand, obgleich nicht mit einstimmiger Deutung, die vier Thiere im Charakter ihrer vier Evangelisten. So wurden dann die vier Gestalten, die einst Repräsentanten eines Volks, sodann der ganzen lebendigen Schöpfung gewesen waren, Symbole eines Evangeliums, auf welchem sich, nicht mehr der furchtbare Donnerer, der versöhnte, segnende Vater zu den Menschen senkte. In dieser Bedeutung empfing Raphael die Idee, und o wie hat er sie dargestellt und verklärt! Wer sollte glauben, daß vier disparate, zum Theil rauhe Gestalten, zusammentreffend in den Wolken, sich zu einer so leichten, erhabenen, fried- und freundlichen Gruppe malerisch bilden würden! Gütig herabschauend, segnend mit beiden Händen schwebt der Ewige nieder; zwei kindliche Genien hangen, als ob sie solche erheben wollten, an seinen Armen. Die Menschengestalt, geflügelt, dringt am Höchsten empor und schaut anbetend dem gütigen Vater, der, wie auf Alles, so auch auf sie sieht, ins Antlitz. Der Adler zur Linken, auf dessen ausgebreiteter Schwinge das erhobene Knie des Göttlichen ruht, beugt sein weggewendetes Haupt, als ob er entzückt die leichte Last trage. Die Schwinge des Stieres, der Freude hinaufzublicken scheint, streckt sich hinauf, damit des Herabschwebenden Fuß ihn berühre, der Löwe desgleichen. Die Massen der zwei schweren Thiere machen mit eingezogenen Füßen die Erscheinung leicht, daß, da ihr zu beiden Seiten nur erhabene Arme und schön geordnete Fittige sichtbar sind, man die Schwere derselben vergißt und in Allem nur eine gefühlvolle, freudetrunkene Gruppe wahrnimmt. Wie hoch steigt diese Idee über jene Kindheitversuche der Perser! Jahrtausende hatten sie vorbereitet; Raphael dachte und schuf sie.   An Herrn Professor Heeren in Göttingen. Vor den Augen des Verfassers der »Ideen über die Politik, den Verkehr und Handel der vornehmsten Völker der alten Welt«, erschienen im Jahr 1796, darf ich fragen: * »Was ist in der Erklärung, die ich im Jahr 1787 anfangsweise herausgab und vorsichtig, nicht blos bescheiden, Persepolis, eine Muthmaßung , nannte, bestanden? Was ist seitdem zu ihr hinzugethan worden?« * Mir war es Hauptfrage: »Was ist das Gebäude? Palast oder Tempel? (Denn für den letzten hielten es die Meisten oder ließen die Sache unentschieden.) Wer ist der Vorgestellte? Priester oder König? Wer sind die Schaaren, die zu ihm ziehen? Opferer oder gar Opferthiere? Was tragen sie? Was thut der König? Was bedeuten die Fabelthiere? Was war die Absicht der Construction dieser Gebäude?« Daß über dies Alles nichts Bestimmtes, viel Widersprechendes, ja manches Ungereimte gesagt war, liegt in Büchern zu Tage. Man hielt die Vorstellungen sogar wie die dabei stehende Pfeilschrift für unerklärbar. Siehe hierüber Mandelsloh, Thevenot, Tavernier, Kämpfer, Chardin, Le Bruyn, Hyde, Caylus u. s. w.   H. Da wagte ich es und schrieb meine Muthmaßung , die ich mir, so geringe sie sei, nicht gerne geraubt wissen möchte; ja, von der ich hoffen darf, daß in dem, was Erklärung der Sache selbst, Kunsterklärung ist, sowie sie durch Tychsen 's kühnen Versuch der Entzifferung einiger Wände der Pfeilschrift Bestätigung erhalten, sie durch mehrere derselben noch mehr erhalten werde. Da die Erziehung der Perser vorzüglich auf Wahrheitsliebe ausging, so lassen Sie uns hierüber persisch, d. i. aufrichtig reden. 1. »Reichspalast«, zeigte ich, »sei das Gebäude, kein Tempel. Was von der Stadt galt, gelte vielmehr von ihm, regia totius Orientis, unde tot gentes jura petebant, Curt ., V. 7.   D. caput Persici regni. Plin . N. H., VI. 29.   D. Persiens König sei die stehende, sitzende, gehende, kämpfende Figur, König in seinen mancherlei Geschäften und Verrichtungen, kein Magus, kein Priester.« Die entzifferte Schrift hat diese Erklärung durch eine Reihe von Lobsprüchen über ihn bestätigt; die Enträthselung mehrerer Wände wird sie bestätigen. 2. »Die himmlische Gestalt,« sagte ich, »die über dem Haupt des Königs schwebt, ist, falls die ihm parallele Schwebung die wahre ist, nicht das, wofür sie Hyde, Caylus u. A. hielten, sondern etwa der Feruer , die himmlische Gestalt des Königs, auch wo sie abgekürzt als eine Flügelgestalt erscheint.« Niebuhr bestimmt diese als die richtige Stellung, de Sacy nach genauen Bezeichnungen gleichfalls und erklärt die Figur, unbekannt mit meiner früheren Schrift, eben also. Mich dünkt, wo de Sacy 's Erklärung genannt wird, könne auch meine frühere Vermuthung genannt werden, ob ich gleich, wie die Folge zeigen wird, die Deutung noch nicht für ausgemacht halte. Hinzugethan ist wenigstens zu ihr nichts. 3. »Wer sind die vielen Figuren, die die großen Stufen hinan zum Könige ziehen?« Hofstaat, Leibwache u. s. w., als durch sich klar, überging ich zuerst in meinem Versuche, so wie auch Niebuhr verständig ihre wiederholten Abbildungen verkürzt hat. Bei dem durch Cypressenbäume sichtbar in Felder getheilten Zug schien mir die nöthigere Frage: »Wer sind diese Ziehenden?« »Unterthanen des Königes«, sagte ich, »sind's; Unterthanen aus deutlich unterschiedenen Reichsprovinzen. Nach der Verschiedenheit dieser und ihrer Gewerbe, Lebensarten u. s. w. bringen sie ihm Tribut , im morgenländischen Ausdruck Geschenke . Die Abbildungen sind eine statistische Landkarte des damaligen Perserreiches.« So schrieb ich und hoffte, daß ein Anderer vielleicht die angenehme Mühe übernähme und z. B. nach Herodot die Felder der Reichsprovinzen durchginge. Zwanzig Satrapien zählte dieser nach Darius' Hystaspis Abtheilung des Reichs außer dem tributfreien Persis und den Völkern, die freiwillige Gaben brachten, ohngefähr zwanzig Felder mit ihren Trachten und Geschenken stehen hier; die Untersuchung dieser Einzelnheiten dünkte mir so anziehend, so lockend: sie ist indeß nicht erfolgt. Sogar die mit Herodot übereinstimmende Zahl der Felder hat man nicht bemerkt. Also steht die Sache, wo ich sie ließ; die Vorstellung ist eine lebendige Provincial- und Völkerkarte des Perserreichs mit Bemerkung ihrer Gaben, Künste, Naturproducte, Trachten u. s. w. Ich hoffe, sie zu zeigen als eine Lobkarte des weiten Reiches. 4. »Die symbolischen Thiere an Pfeilern und Wänden«, meinte ich, »seien symbolische Thiere.« Der gelehrte Verfasser vorgenannter Ideen behauptet einestheils: »das lasse die hohe Simplicität nicht zu; die Ungeheuer müßten nichts als wirkliche Thiere aus Ktesias sein, gegen die der Persermonarch auf die Jagd ziehe«; anderntheils deutet er sie selbst symbolisch, das Thier am Eingange des Palastes als den Menschenwürger Martichoras , das Bild des Despotismus u. s. w. Im vorstehenden Briefe habe ich einige Grundsätze der Kunstsymbolik, insonderheit nach Ideen der Morgenländer, geäußert; entscheide der Leser. Sind Jäger und Helden einander entgegengesetzt? Waren sie es in der Vorzeit? Darf man aber deshalb sagen: »Der große Jäger hat gleichen Ruhm mit dem Helden«, und deshalb schließt der Jäger den Helden aus? Wer den Zend-Avesta , wer persische Heldenerzählungen gelesen, darf der dies sagen? Sie alle zählen in der Sprache dieser Symbole, Kampf mit dem Bösen in der Gestalt schädlicher Ungeheuer und Fabelthiere. 5. »Jedermann ist bekannt,« sagte ich, »daß der asiatische Bergrücken oder das Gebirge Kaf der alten Fabeltradition das große Dschinnistan , d. i. der Sinn und das Vaterland tausend erdichteter Geschöpfe sei, die auf ihm wohnen. Es wird sich anderswo eine Gelegenheit darbieten, von diesen alten Geschöpfen der menschlichen Einbildungskraft ausführlicher zu reden.« Der Verfasser vorgenannter Ideen sagt: »Die Ueberbleibsel dieser ältesten Mythologie liegen in den Fragmenten des Ktesias zerstreut«; ich wünsche Dem Glück, der sie da herausfindet. Die gegebenen Proben sind dazu nicht einladend; und was ist von der ganzen Methode dieser Mythologieerfindung zu denken, wenn z. B. gesagt wird: »Das geflügelte Einhorn wird bei keinem Schriftsteller erwähnt und ist vielleicht nur eine bloße Idee des Künstlers.« Th. 2. S. 249.   H. Wie also, wenn dessen von einem Fabulanten erwähnt würde, hörte es deswegen auf, ein Fabelthier zu sein? oder würde dadurch Ktesias minder ein Märchenerzähler, wenn alle seine Thiere hier in Stein gehauen ständen? Die Mythologie des Orients hat tiefere Wurzeln als die Anführung eines Wundererzählers, der eben dadurch selbst Mytholog. Das persische Einhorn steht in vielen Büchern; geflügelt lebt es, zwar nicht im Naturaliencabinet, aber in der Erzählung. 6. »Ich glaube erwiesen zu haben,« sagt der Verfasser, S. 795.   H. »daß die Gebäude aus der Periode des persischen Reichs sind.« Dies glaube ich auch; aber wodurch hätte er's erwiesen? Die Stellen »einzig und allein gleichzeitiger Schriftsteller« kannte Jedermann: daß Kambyses z. B. Künstler aus Aegypten geschickt, die an Persepolis, an Susa und an den medischen Königssitzen bauen sollten, daß Darius sich sein Grab in einem gekrümmten Berge gebaut u. s. w. Alle aber wissen wir auch, daß Kambyses nicht zurück nach Persien kam und also kein Persepolis und Susa bauen konnte; und mit der eingestreuten Idee, daß Persepolis die Todtenresidenz der Könige, also eine Nekropolis gewesen, daß dazu baktrische Künstler gebraucht worden u. s. w., werden wir ganz vom Ziel geschleudert. Daß Persis die Heimath der Könige, Persepolis das Heiligthum und Haupt des Reichs war, bedurfte keines Beweises. Nicht also aus gleichzeitigen Schriftstellern, da Herodot, Xenophon und Ktesias von Persepolis schweigen, kann das Zeitalter dieses Baues vollständig dargethan werden: das Werk selbst muß es erweisen. Dies thut es, sobald man nur keine fremde baktrische Idee zum Grunde legt. Aegyptisch-griechisch ist der Stil der Kunst in Persepolis, jedoch in persisch-medischer Weise, nicht indisch, nicht babylonisch. So zeigt er sich in Säulen, Bildwerken, Verzierungen und Anordnungen der Figuren; dies Argument entscheidet. Nicht in der Fabelzeit der Pischdadier, Persepolis muß in einer Zeit gebaut sein, da ägyptische Künstler hier bauen konnten und griechische Kunst auf der Welt war, die dunkle Manier der Aegypter zu lichten und zu ordnen. Die Regierung der Persermonarchen traf in dies Zeitalter; Aegypter und viele Griechen waren ihre Unterthanen; die Gebäude beider Nationen, die sie sahen, reizten sie zu einem ähnlichen Bau, dem Ruhm ihres Reichs, auf; man wandte an, was sich gebrauchen ließ: so entstand Persepolis in der Idee, im Entwurf, in der Ausführung. Darius höhlte seinen Grabpalast mit dessen äußerer Ansicht prächtig aus und entwarf an diesem gelegenen Ort eine Burg, die ihm keine Nekropolis, sondern ein Gandschawâr ( Gazophylacinum ), eine Ahnenburg (Takh Dschemschid) und ein Pasargad (Persepolis, Perser-Versammlung), d. i. Repräsentation des ganzen Reichs, sein sollte. Dies ist der Begriff des Worts und der Sache. Er erweist sich auch selbst; denn er steht da. Und wird unwiderleglich von den Abtheilungen bestätigt, die in Figuren hier das Reich repräsentiren. Weder vor Darius, noch hinter Alexander fanden diese statt; Darius theilte sie ab und ließ sich nach solchen Tribute entrichten; offenbar die Hauptidee dieser Vorstellung. Der Großschatzmeister des Reichs (so nannte man im Gegensatz seiner Vorfahren den Darius) sah hier sein Werk abgebildet und konnte sich auch im Stein der Goldkrüge, die man ihm brachte (maßen er selbst das Gold in Krüge goß), freuen. Hier bringt ihm jede Abtheilung das Ihrige; die Indier, ihren Goldstaub hinzuwägen, tragen die Wage mit sich. Die Völker erscheinen, nach Gestalt, Kleidung und Lebensart unterschieden; Hirten und Ackerleute, Fabrikanten und Gewerbprovinzen sind unverkennbar. Vor Allen ist der Schmied kenntlich: die Stahl- und Eisengruben des Mederreichs gaben ihnen, wie sie es nannten, männliches und weibliches Eisen, mithin Säbel, Dolche und andere Werkzeuge zu Bearbeitungen des festesten Steins. Ohne dies persische Kunst- und Naturprodukt stände Persepolis mit seinen Säulen, Abbildungen und Schriftwänden selbst nicht da; nur der Perserstahl, ihr Nationaleigenthum, konnte diese bereiten. Auch an den abgebildeten schlecht gebauten Wägen bemerkt Niebuhr die genaue Bezeichnung der Nägel an den Rädern, welches in die Eisenkunst der Perser einschlug. Alle Metallarbeit ist sorgfältig bemerkt; und in mehreren Abteilungen stehen die Schmiede mit ihren Hämmern da. Nach Herodot's Hernennung der Satrapien, verglichen mit seiner Beschreibung des Zuges der Perservölker in ihrer verschiedenen Kleidung und Rüstung unter Xerxes, nicht minder mit andern Nachrichten zusammengehalten, die wir vom alten und neuen Perserreich haben, ließe sich über viele Felder ziemlich bestimmt reden, welches aber freilich nicht ohne Abbildungen geschehen könnte. Nachdem Niebuhr die Zahl der Felder genau angegeben und in Ordnung gestellt hat, ist über sie die Entzifferung der ihnen beigestellten großen Wandschrift Niebuhr , Tabelle XXIV A.   H. sehnlich zu erwarten. Da sie wahrscheinlich Völker und Provinzen, mithin sonst bekannte nomina propria , nennen wird, so müßte sie einesteils leicht sein, anderntheils würde sie die Richtigkeit der von Tychsen angegebenen Bedeutung der Charaktere erproben. Denn wo keine beigesetzte Auslegung in einer andern bekannten Sprache unbekannte Charaktere erklärt, wie dies bei den Nakschi-Rustem und Palmyra der glückliche Fall war, können bekannte nomina propria fast allein verificiren. Auch die Vorstellung der Gegenseite dieses Völkerzuges Niebuhr , Tabelle XXI.   H. halte ich für keine Versammlung müssiger Hofdiener und Thürhüter, welches schon der ganze Anblick, ihre verschiedene Kleidung und das Gefäß zeigt, das die Meisten in Händen haben. Offenbar ist auch in dieser Vorstellung Handlung; auch sie bringen Geschenke und werden eingeführt, nur, weil es die Vornehmeren sind, vertraulicher, wie im Gespräche. Mirkhond giebt darüber Aufschluß: »Am Feste Neuruz, sobald das neue Jahr dem Könige angekündigt ist, tritt der Adel herein, davon ein Jeder ein silbernes Gefäß trug, worin Weizen, Gerste, Erbsen, Wicken, Bohnen, ein Zuckerrohr und zwei neugeprägte Goldstücke waren. Es bringen also zuerst der Wasir, sodann der Adel, ein Jeder nach seinem Stande, sein silbernes Gefäß dem Könige. Beim Beschluß der Feierlichkeit wurde ein von verschiedenen Arten von Korn gemachtes Brod hereingebracht und vor den König gelegt, der, nachdem er selbst etwas davon gegessen, Die, so zugegen waren, mit diesen Worten das Uebrige zu essen bat: »Dies ist ein neuer Tag eines neuen Monats, der Anfang eines neuen Jahrs; es ist daher dienlich, daß wir unsere Verbindung mit einander erneuern.« Alsdann stand er in seinen königlichen Kleidern auf, that seinem Adel einen feierlichen Glückwunsch und theilte ihnen reiche Gaben aus.« So Mirkhond; Welthistorie, Th. 4. S. 333.   H. [Vgl. Herder's Werke, XV. S. 137.   D. die Stelle erklärt den Zug zu einer und der andern Seite; denn an den folgenden Tagen des Fests kamen die übrigen Stände vor den König. Der Abend des Tages hieß Pristaph , Freude des neuen Jahres.   An Herrn Hofrath Eichhorn in Göttingen. Auch die Induction, die ich aus Bildern und Configurationen Daniel's und anderer Chaldäer zog, steht an Stelle und Ort. Ich darf darüber das Urtheil eines Mannes befragen, dessen Verdienste um mehrere Zweige der morgenländischen Literatur anerkannt sind. Mehrere Stellen dieser israelitischen Seher nehmen allein aus den Gegenden jenseit des Euphrat's, in denen sie lebten, ihr ungezweifeltes Licht her. Daniel z. B. zerfällt in eine Reihe gesammelter Geschichten aus drei Monarchien, dem babylonischen, medischen, persischen Reiche; unter jedem verändern sich dessen Bilder. In Babel erscheint dem Könige ein kolossalisches Belus-Bild im Traume; er selbst richtet ein solches Belus-Bild zur allgemeinen Anbetung auf. Dergleichen Bilder, Gebäude und Zierrathen waren nach der bekannten Geschichte ein angenommener barbarischer Geschmack des Reiches. Wenn Belsazer, der letzte König, in seinem Rausch eine Wandschrift sah, die ihm bisher vielleicht unbemerkt geblieben war, die er eben jetzt vor seinem benebelten, trunknen Auge hervorgegangen glaubte, und keiner seiner Weisen diese Schrift, in unbekannten Charakteren geschrieben, auslegen konnte oder auszulegen wagte: Vgl. oben S. 482.   D. ist's nicht derselbe Fall mit der Persepolitanischen Wandschrift? In jenen Palästen schrieb man an Wände in mehreren Alphabeten; man erfand, man verzog und änderte Charaktere zum Schmuck der Wände, zum weisen Zierrath. Ein gelehrter Chaldäer mußte dergleichen Züge verstehen, oder er war des Todes schuldig. Wenn also auch Daniel unter diesem Könige träumend ein Gesicht sieht, dessen Thierfiguren Reiche bedeuten, so müssen dem Wachenden symbolische Bilder der Art nicht fremde gewesen sein; denn wir träumen nur Bilder, die wir wachend sahen und im Traum neu und vielfach componiren. Noch nach drittehalbtausend Jahren sind uns die dem Propheten wachend gegebenen Zeit- und Ortbilder nicht fremde. Wir wissen, daß in der Perser-Zeichensprache das edelste Thier der Widder war, in dessen glänzender Gestalt der Schutzgeist des Reichs, der hilfreichste Ized, erschien; wir sehen seinen Schmuck auf mehreren Amuleten. Die Ursache hievon wird sich in der Folge selbst ergeben. S. Proben in Caylus' Recueil , T. II. pl. 18. n. 3; T. VI. pl. 46. n. 2. 3 ; den Stier als Ized T. III. pl. 12. n. 2 . Der Löwe als Bild des Mithra u. a. sind bekannt.   H. So die andern Könige der Geschlechter, Bock, Stier, Roß, Kameel, Adler, aus deren Zusammensetzung man in symbolischen Dichtungen Gruppen componirte. Selbst das vierte zermalmende Thier Daniel's kennen wir noch aus vorhandenen Symbolen. Niebuhr , Tabelle XX. d. e.   H. Geläufig war also den Sehern die Königs- und Reichssprache in diesen Thierbildern; Ezechiel und Daniel sind ihrer voll. Jenem wird der König zu Babel ein Adler, der einen Zweig vom Libanon holt, Ezech. 17.   H. Juda eine Löwin in ihrer Höhle, Ezech. 19.   H. der ägyptische König ein Krokodil im Nil; Ezech. 29 und 32.   H. jedes dieser Bilder führt er weit aus. Der traumdeutende Daniel kann den wahnsinnigen Nebukadnezar selbst nicht anders als einen tollen Büffel mit Adlersklauen schildern; das Königsbild gehörte zu den babylonischen Sümpfen. Dan. 4, 20.   H. Seine Traumbilder von streitenden Königen und Reichen in der Gestalt des Widders, Bocks u. s. w. mit wechselnden Veränderungen, wie sie der luftige Traum giebt, waren chaldäisch-medisch-persische Nationalbilder. So auch der ehrwürdige Alte, der kommt und Gericht hält. »Ihm wird ein Stuhl gesetzt, und der Alte setzt sich. Sein Kleid schneeweiß, das Haar seines Hauptes wie Wolle, sein Stuhl wie Feuer glänzend, die Räder desselben lodernd wie Feuer. Ein Glanzstrom geht von ihm aus, dem tausendmal Tausende dienen, hundertmal Tausende gehorchen; Bücher werden vor ihm aufgeschlagen« u. s. w. Dan. 7, 9 f.   D. Ist Ihnen, viel belesener Mann, eine Auslegung bekannt, die über den Räderstuhl, über das dicke Wollenhaar, über den Glanzstrom, dem Millionen gehorchen, zur sichtbaren Consistenz der Bilder etwas genetisch Erklärendes gesagt habe? Treten wir vor die Wände in Persepolis, und das Licht steht da. Da sitzt der ehrwürdige Alte mit seinem dicken Wollenhaar Das dicke Haar als Meder- und Perserschmuck ist nicht nur auf den Abbildungen Persepolis' und den Nakschi-Rustem, sondern auch auf parthischen gräcisirten Münzen anschaulich; es war gleichsam eine unablegliche Nationalzierde. Der Spott des Kaiser August's, daß der behaarte Stern (Komet) nicht ihm, sondern dem haarreichen Parther Unglück drohe, ist bekannt; man wandte alle Kunst an den Schmuck der Haare.   H. auf seinem hohen beweglichen Räderstuhl, der auf allen Seiten bis auf die Räder hinab von Gold und Edelsteinen flammte. In seiner Hand ist der lange glänzende Stab, ohne welchen sich der Persermonarch nicht sehen ließ, dessen Winke Millionen gehorchten. Bücher wurden vor ihm aufgethan; Schreiber waren um ihn her, die sein Wort aufzeichneten, die ihm Geschichte lasen. Was das Costüme der Perserpracht gab, erhöhte die träumende Phantasie des israelitischen Dichters. In allen Bezeichnungen bleibt er diesem Costüme treu. Nannte sich der Persermonarch König der Könige, Fürst der Fürsten, so wandte er diesen stolzen Titel auf Den an, der Reiche verleiht, Könige ein- und absetzt und Zeitläufte ändert. Hielt man in Chaldäa so viel auf verborgene Weisheit, auf Auslegungskunst und einen Blick in die Zukunft, so schreibt er dies Alles Dem zu, der den Weisen ihre Weisheit giebt und den Verständigen ihren Verstand. Nannten die Perser die Sterne Wächter der Erde (Izeds), Ordner der Begebenheiten und stellten sie als Himmelsfürsten um Ormuzd' Thron, so schildert er den Thron Dessen, um den eitel Licht ist im Rath der Himmelswächter. Hießen den Persern Rathgeber, Weise, Vorzügliche der Erde lebendige Sterne, so sollten Die, die in trüber Verwirrung seiner Nation Muthlose gestärkt, Ordnung zurückgebracht hätten, beim Erwachen zu einem neuen Zeitlauf der Dinge auch also leuchten. Dan. 12. 3.   H. Die ganze Idee von diesem Wiederkommen zu einem neuen Zeitlauf ist, wie die Folge zeigen wird, selbst den Worten nach persisch, Dan. 12, 13.   H. obgleich, da die Magier ursprünglich nicht begruben, sowol hier als bei Ezechiel judaisirt. Das Feld voll Todtengebeine, die Dieser sah, 37, 1-10.   D. war ein Leichenplatz (Dackhmé) der magischen Religion, deren Belebung er nach israelitischer Denkart verkündigt. So auch der Tempel Ezechiel's, 41. 1-26.   D. der den Auslegern auf so manche Art Mühe machte; verglichen mit der medisch-persischen Bauart ist jeder Erker, jede Terrasse, jede Verzierung von innen und außen erklärbar. Der König Israel's sollte nicht enger und schlechter als der Persermonarch wohnen; auch in Ausmessungen und Gebäuden sollte das ganze Land eine Theopolis , eins Gottesstadt werden. Wünschen Sie mir zum dritten Theil des Geistes der ebräischen Poesie Lust und Muße und haben öffentlich Dank, daß Sie zuerst mich mit de Sacy und Tychsen bekannt machten! Durch Diese wachten meine alten, halb vergessenen Ideen über Persepolis, und was ihm anhängt, wieder auf. Vgl. oben S. 479, Anm. 1   D. »Aber Dschemschid?« werden Sie sagen, »wo bleibt Dschemschid? Hat ihn Aksak vom Throne gestoßen, da alle Wände rufen: Osch Aksak! osch Aksak!« Doch das sagen Sie gewiß nicht. Mein Dschemschid befindet sich wohl auf seinem Throne; was ich damals als Auflösung des mythologischen Räthsels in der mit angekündigten Abhandlung »Ueber die Gräber der Könige« sagen wollte, kann ich jetzt sagen.   An Herrn Professor Wahl in Halle. Ein unermüdeter Forscher des persischen Alterthums, sind Sie mir mit der glücklichen Bemerkung zuvorgekommen, daß der Achämenes der Griechen, angeblicher Stammvater der Perser, kein Anderer als Dschjemo sei, mit welchem Namen der Zend-Avesta den Dschemschid benennt. Wahl , »Altes und neues Vorder- und Mittelasien«, Th. I. S. 209 f.   H. Nicht nur alle Anführungen dieses Namens im Munde der Griechen, sondern auch die Analogie ähnlicher Uebertragungen persischer Worte und Namen in andere, z. B. die arabische, ebräische, rabbinische Sprache, steht ihr zur Seite; und daß die Araber Persien mit Hadschem , die Perser mit Volk Hadschem benennen, drückt dieser Bemerkung das Siegel auf, die überhaupt viel Licht um sich verbreitet. Nach dem Zend-Avesta war es Dschjemo (Dschemschid), der Ormuzd über sein Gesetz fragte, der ihn dasselbe in guten Einrichtungen, vorzüglich des Ackerbaues, der Befruchtung des Landes durch Wasser, Bevölkerung ungebauter Gegenden, Ordnung in Ständen und Geschäften nach Zeit und Jahr zu halten anwies. Er versprach ihm dazu seinen Segen, daß Dschemschid's Reich ein glückliches Reich, seine Zeit eine glückliche sein sollte. Weder kalte noch heiße Winde, Fäulniß, Pest, Krankheiten, böse Leidenschaften sollten seine Einrichtungen nicht stören; die Dews (Schlangen, Ungeziefer, schädliche Thiere und Menschen) würde er vertreiben; Nahrung, Verstand, ein langes Leben würden ihm folgen u. s. w. Gehorsam diesem Befehl Ormuzd', traute er seinem schützenden Ized, spaltete die Erde mit einem goldenen Dolche und breitete Fleiß, Ordnung, Fruchtbarkeit, Ackerbau und Bevölkerung aus. Er schritt gen Süden in ein schönes Land, wo er nach und nach dreimal dreihundert Abtheilungen des Landes urbar machte, das Land wässerte, sicherte, mit Bäumen und Menschen bepflanzte. Er errichtete das Ver ( Ver-Dschjemgard ), viereckt, groß, geräumig, in das er den Keim von Hausthieren und Heerden, Menschen, Hunde, Vögel, Feuer brachte. Er bevölkerte es mit Lebendigem aller Art, ließ Wasser fließen; die goldenen Felder trugen allerlei eßbare Früchte; die Jugend war sittsam, ehrerbietig und nährte sich wohl. Der ganze Erdstrich war ein Behescht , ein Paradies. Im Ver baute er einen Palast, hoch, mit Mauern umgeben, dessen Inneres abgetheilt und wohlerleuchtet war. Dschemschid vervollkommnete das Ver nach dem Befehl, den Ormuzd ihm gegeben. Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 271 u. s. w. Es ist des Vendidad 's zweiter Fargard. Deutsche Uebers., Th. 2. S. 304.   H. Was ist dieses Wehr ? wo lag es? Daß es eine ansehnliche, sich immer verbreitende Meierei war, zeigt die Beschreibung selbst; den Namen selbst finden wir im Deutschen Wort Wehr, Wehre, Werd nach seiner ältesten Bedeutung selbst wieder. Wehren heißt vertheidigen, abhalten, befestigen, schützen; und da ein angeeignetes bearbeitetes Feld nebst seiner Wohnung vorzüglich des Schutzes und Abwehrens nöthig hat, so blieb das Wort diesem besonders eigen. In Möser 's »Osnabrückischer Geschichte« ist die Bedeutung des Worts trefflich entwickelt. Wehrd (locus pascuus, aqua circumfluus, locus solidus inter paludes et rivos. Wachter , Lex . p. 1873) wird noch von Luther gebraucht, Ezech. 26, 5. Die niederdeutsche Mundart nennt es Werder .   H. Nur mit solchen eingeschlossenen, gesicherten und gehegten Aeckern, Wiesen, Früchten und Heerden konnte die Cultur eines Landes anfangen und Platz greifen; nur durch sie wird Fleiß, Sicherheit, Genuß der Arbeit, Ordnung. Wo war dieses Wehr Dschemschid's? Gegen Süden, wie der Zend-Avesta an mehreren Stellen sagt. Südwärts, gegen den heißen Rapitan schritt der Vater der Cultur Persiens fort; das Jahr in seinem neu angebauten Lande hatte sieben Monate Wärme und nur fünf Wintermonate. Es war voll Licht; der Schöpfer der Welt hatte ihm viel Glanz gegeben. Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 278. Fargard 2.   H. In der ältesten Geographie der medisch-persischen Länder, die augenscheinlich von Westen (Armenien) ausgeht, wird unter den sechzehn Paradiesen der Welt das viereckte Verené , Feridun's Geburtsland, als eine entfernte Gegend erst an der vierzehnten Stelle, zunächst vor Indien genannt. Die Kosmologie der Perser endlich sagt ohne Umschweif: » Wehr Dschemgard liegt mitten in Persien, inwärts der Salzwüste, wie gesagt ist: Dschemkant liegt unter dem Berge Damegan.« Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 269.   H. Möge man den Namen dieses Gebirges herleiten, woher man wolle, Miané Pares pavan frova. Bundehesch, p. 411. cf. c . 487.   H. so bleibt die eigentliche Dschemschid-Provinz Man deute es ein Gebirge der Ewigkeit , oder ein verschwistertes , d. i. getheiltes Gebirge, so bleiben wir in der Provinz immer am Gebirge Rachmed. Als das Buch Bundehesch geschrieben ward, war seit Jahrhunderten hier das Todtengebirge der Könige mit auseinandergebreiteten Wänden und Armen gewesen. Damavand war bekanntlich das Fabelgebirge, wo die Verstorbenen über die Brücke Tschinevad den engen Pfad gehen mußten, von dem jeder Verbrecher, der ihn nicht gehen konnte, unerbittlich hinabstürzte. Jedes Todtengefilde hieß bei den Persern Dâdgâh , Platz der Gerechtigkeit. Es konnten und mußten also mehrere dergleichen sein und auch aus dem Altherthum sogar genannt werden, wo Verbrecher hinuntergestürzt oder der Sage nach in einer engen zackigen Kluft ( Duzackh ) aufbehalten wurden, ohne daß dies dem späteren Buch Eintrag thun konnte, sein Ewigkeit- und Gerichtsgebirge also zu benennen. Uebrigens sind die Endnamen dieser persischen Bezeichnungen uns Deutschen alle bekannt. Gard kommt her von Gurt , gürten; es ist nach Wachter vox antiquissima et ab ultimis temporibus ad nos usque profecta, quae proprie locumseptum seu fundum sepimento munitum significat, sive fundus ille sit domus, area, hortus, sive praedium, aula, palatium etc., wovon er Beispiele anführt. Die Benennung ging fernerweit auf jeden befestigten Ort, Stadt, Schloß, Burg , sogar auf die Welt , als eine befestigte Burg der Versammlung, über. Wie man in der nordischen Geschichte Asgard, Mittelgard u. s. w. versteht, so versteht man auch in der persischen Geschichte Dschjemsgard . Wand und Kant sind uns Deutschen ebenso verständlich. Wand ist ein Gebirge, wo man sich wendet, Kant ein Gebirqe oder ein Ort, der die Spitze macht. Damit erklärt sich die Provinz Persis als Dschemkant , mehrere Gebirge als Damavand selbst.   H. (Dschemgard, Dschemkant) eine warme, südliche Provinz mitten in Persien, innerhalb der Salzwüste gelegen, und schon dies wäre uns gnug. Nun aber sagt Dschemschid's Sagengeschichte deutlich, daß er gegen die Fischköpfe (Ichthyophagen) gezogen, daß Zohak aus Arabien ihn endlich übermeistert u. s. w. Wie kann ein Begriff dieser Lebensgeschichte des persischen Cultivators stattfinden ohne die nähere Nachbarschaft seiner Cultivation am Meer und an Arabien? In den medischen Gebirgen gab's keine Fischköpfe; in Hamadan konnte ihn der Araber Zohak nicht befeinden. Hiemit stimmt auch die ungleich spätere griechische Tradition überein, in der Persis nicht eher als unter Cyrus zum Vorschein kommt. Sie kennt es nicht anders als das eigentliche Achämenien , d. i. Dschemschidsland, den Sitz der Familie Dschemschid's. Diese nennt sie als den edelsten Stamm des Landes, das Haupt der Pasargaden ; welcher Name sich allein auch aus Dschemschid 's Geschichte erklärt. Weil er diese südliche Provinz so licht fand, weil er ihr durch seine Cultur Helligkeit und Reine gab, so gewann sie den Namen der glänzenden, hellen Provinz. Pars, Pares . Im Zend-Avesta gilt Dschemschid durchgängig für den Stifter der glänzenden, hellen Versammlung , d. i. der Perser; diese Versammlung selbst konnte nicht anders als Pasargad heißen. Wo sich die Edeln versammelten, war sie; und es war ein Kunstgriff von Cyrus, daß nach dem Siege über die Meder er eben das Siegsfeld zum Pasargada , d. i. zum Versammlungsort der edeln glänzenden Perser, machte. Dies Feld erinnerte sie an ihren mit ihm erfochtenen Vorzug; sie waren seine Mitsieger. Als Cyrus die Stämme Persiens aufrief, finden wir, selbst nach Herodot 's Erzählung, Dschemschid's Einrichtung. Die Nation ist in Viehzucht und Ackerbau treibende Stämme getheilt, die unter der glänzenden Versammlung der Pasargaden und dem edelsten Geschlecht dieser Versammlung, den Achämeniden , der Dschemschids-Familie, stehen und einem Winke gehorchen. Herod ., I. 25.   H. Durchaus mißverstanden und falsch ist's also, wenn man in den Streitigkeiten über Zoroaster's Schriften die Provinz Persis deswegen für eine Barbarei und ihre Einwohner für Barbaren hat erklären wollen, weil kein Hof unter ihnen war und sie keine medischen Kleider trugen. Ein edlerer Hof war unter ihnen als in Ekbatana, die glänzende Perserversammlung; ihre Kleider waren ihrem Klima gemäß, zu welchem die Gewande des kalten Mediens sich eigentlich nicht schickten. Es ist ein Mißverstand unserer Universalgeschichtschreiber, wenn sie den Perser, an welchen der Medermonarch Astyages seine Tochter vermählte, einen gemeinen Edelmann etwa nach unserer Weise nennen. Dieser Edle war ein Sproß des edelsten Königsgeschlechts, ein Achämenide; darum vermählte ihm Astyages seine Tochter. Nur lebte sein Eidam in der entferntesten Provinz, im Winkel der Monarchie, nach Hofes Sitten nicht erzogen, in einer andern als medischen Einrichtung; deshalb glaubte er sie ihm sicher zu vermählen. Auch ist's Herodot's und Xenophon's deutliche Absicht, zu zeigen, daß im Knaben Cyrus sich eine edlere Art, der Geburtsstolz der Achämeniden, über die Meder erhob und in Cyrus, dem Manne, siegend erprobte. In der letzten Rede Kambyses' an seine Perser, da er sie beschwur, das Reich den Medern ja nicht zu überlassen, sondern, da Cyrus' Stamm mit ihm ausging, einen andern Achämeniden zu wählen; Herod., III. 65.   D. in des stolzen Xerxes Rede, da er seine und der Perser Abkunft von Achämenes (Dschemschid) als ihren größten Vorzug preist, Herod., VII. 11.   D. zeigt sich nach Jahrhunderten noch Persis in seinem Glanz, d. i. in einem Gefühl der Vortrefflichkeit vor den Medern einzig durch Dschemschid. Bezwungen waren sie von den Medern gewesen, aber nicht ihres Stammes, ihrer Sprache, ihrer Sitten und Gedenkweise; Hier scheint ein Wort wie »beraubt« ausgefallen.   D. vielmehr rühmten sie sich einer eignen früheren Cultur vor jenen. Als Cyrus den Thron erlangte, war er zu stolz, nach Ekbatana zu gehen und ein Anhang der Medermonarchen zu werden; vielmehr verpflanzte er Ekbatana nach Persis und machte diese zur ersten Provinz des Reiches. Dschemschid 's Sohn, ein Achämenide, wollte er bleiben und pflanzte diesen Namen auf seine Nachkommen als einen würdigern Ehrennamen. Selbst begraben wollte er in dieser Provinz sein; denn sie war Dschemschidsland, Achämenien. Als sein Geschlecht mit Kambyses ausging und nach des medischen Magiers Hinrichtung ein anderer Achämenier, einer aus sieben, den Thron bestieg, nahm er sich wahrscheinlich selbst einen geringeren Titel, Dara , Reichsverweser, mit welchem er auch in der Geschichte genannt wird. Mit Cyrus hatte er nicht den Thron erfochten; das Pasargada auf dem Schlachtfelde stand ihm also nicht an; zu seinem Pasargada , d. i. zur Versammlung, konnte, ja mußte er sich bei der veränderten Gestalt der Regierung einen andern Ort in Persis wählen. Und wie? wenn er dazu den Platz nahm, der durch Tradition aus den ältesten Zeiten Ver oder Takh Dschemschid genannt wurde? So schloß er sich unmittelbar an seinen Urahn, den Vater aller Cultur Persiens, an, beleidigte Cyrus' Andenken, mit dessen Tochter er sich vermählte, nicht, und man rief dem neuen Pasargad (Persepolis) als einem erneueten Takh Dschemschid 's (Dschemschid's Cupole)zu: » Osch Takh Dara : Dies ist Dara 's Palast!« woraus der Name Istakhar wurde. Hier wollte er also auch begraben sein, wie Cyrus dort auf seiner Stätte. Mit dieser natürlichen Vorstellungsart endigen sich alle Streitigkeiten, die man über den Namen Istakhar , das alte und neue Pasargad u. s. w. geführt hat. Dies hat man von Buzurk (Bezer)-Khadeh, Pessergadeh , gar vom griechischen χάραξ herleiten wollen, da doch die Endung Gard, Gerd, Dschemgard im Zend-Avesta, Daraguerd in andern persischen Schriftstellern oft vorkommt.   H. Hiemit lehnte der neue Reichsverweser, Dara, auch alle persönliche Anmaßung von sich ab; mit Allem, was er zeigte, gab sich Persepolis als das, was es sein sollte, Pasargad , Versammlung des Reichs, nicht nur der Edeln, die zu Cyrus' Zeit zusammengekommen waren, sondern aller seitdem eroberten Länder, die in Abbildungen hier erschienen. Cyrus hatte Ekbatana aufs gewonnene Schlachtfeld verpflanzt; Darius verlegte es, wie Plinius N. H ., VI. 29: Magorum Ecbatana oppidum translatum ab Dario rege ad montes. Auch der gelehrte Saumaise ( ad Solin ., p. 846) hat diesen Ausdruck, der übrigens ganz in Plinius' kühner Art ist, nicht begriffen. Sobald Cyrus sein Hoflager in Persis aufschlug, kam Ekbatana, d. i. was zum Hoflager gehörte, dahin und ward mit diesem weiter verpflanzt. Sogar die Flüsse bekamen ähnliche Namen, z. B. Araxes, persisch Rhodogune , deutsch Rodaune u. s. w.   H. sagt, in die Berge. Dies verhehlen morgenländische Schriftsteller nicht. Sie führen Gustasp, den Sohn Lorasp', den fünften der Großhelden (Kheans), als den an, der seinen Sitz in Istakhar genommen, dort viele Gebäude errichtet und in der Nähe sich sein Grab gebaut habe, Siehe Herbelot , Esthekar .   H. und finden dies mit dem Takh Dschemschid nicht streitend. Es ist's auch keinesweges; denn wenn die Provinz den Namen Achämenien, Dschemschidsland immer behielt, was war natürlicher, als daß man mit der Zeit den neuen Erbauer vergaß und zum Urvater zurückkehrte? Wenn dieser Pasargad nicht gebaut hatte, so hatte er's der Sage nach gebildet. Um so mehr mußte dies geschehen, da Darius selbst, seiner Persepolis ungeachtet, den Geburtswinkel seiner Familie nicht zur beständigen Residenz machte, sondern diese aus guten Gründen zwischen Susa und Ekbatana theilte. Das Reich war gegründet, Meder und Perser waren vereinigt; als Reichsverweser wollte er allen Provinzen gegenwärtig sein, damit die Rivalität zwischen dieser und jener Provinz aufhörte. Seine Nachfolger folgten ihm hierin; der Besuch des sämmtlichen Reichs ward ein drückender Prachtzug; der Provinz Persis aber blieb ihr Vorzug, wie viel oder wenig Könige sie besuchen mochten. Nicht nur der Aufzug der Perser in Xerxes' Heer zeigt dieses, sondern bis auf die Zerstörung des Reichs hinab jede Erwähnung derselben. Die Partherkönige und Sassaniden kamen selten oder gar nicht dahin; die Provinz hatte einen Unterkönig, wahrscheinlich auch einen Achämeniden. Sie blieb Dschemschidskant in ihrem entlegenen, durch Wüsten und Berge abgeschlossenen Winkel. Als das Reich der Sassaniden im Sturm unterging und der Mohammedanismus wie eine Feuerfluth das Land überströmte, standen diese Gebäude wie eine Trümmer der Vorwelt da; längst waren sie von ihren Erbauern verlassen gewesen. Die in den Gräbern und der Königsburg befindlichen Schätze waren schon unter Griechen und Parthern geraubt; was im Palast Khosru zu erbeuten war, stand hier nicht zu erbeuten. Und da die Moslems auf Alles, was Bild und Gestalt war, als auf Götzen- und Zauberbilder barbarisch stürmten und das Perserland voll Zauberei glaubten, so ward zerschlagen, was sich zerschlagen ließ, abgetragen, was hinweggenommen werden konnte; insonderheit wurden die Thiergestalten als vermeintlich magische Bilder grausam behandelt. Was indeß nicht zerstört werden konnte, war die lebendige Sage oder vielmehr der Geist persischer Sitten, sofern er in wirklichen Gebräuchen und Verfassungen lebte. Mochte z. B. das arabische Gesetz eine andere Zeitrechnung, das Mondenjahr, einführen, die Zeitrechnung der Nation, Dschemschid's Sonnenjahr mit seinem Fest Neuruz , blieb, so wenig man es auch genau zu berechnen wußte. So mehrere Jahresfeste; sie hatten in den Sitten der Nation Wurzel geschlagen und waren von ihrem Feste liebenden Genius unzertrennlich. Mit ihnen also dauerte Dschemschid 's Name, an welchen alle diese Einrichtungen erinnerten, nicht nur fort, sondern sein Andenken ward neu und frisch ausgebildet; es ward mit der Geschichte mehrerer alter Persermonarchen zu einer eignen glänzenden Nationalfabel. Je mehr in der Erzählung weggethan werden mußte, was an den verbannten Feuerdienst erinnerte, desto mehr hob sich die Sage von Königen und Weisen unter dem ersten Gesetz vor Zoroaster, die Geschichte der Gerechtigkeitspfleger und Helden (der Pischtadier und Kheanen) prächtig empor. Mit Weisheitssprüchen späterer Zeit, aus Arabern, dem Koran u. s. w. ward sie ausgeziert, und da dies neue Persien bald eigne und schönere Dichter als Arabien selbst bekam, da man überhaupt die Geschichte der Vorwelt zum Nutz und Vergnügen der gegenwärtigen schrieb, mithin nach persischer Weise sie allenthalben mit Blumen kränzte: so ward aus Sagen und Nachrichten, unter Modificationen einer ganz neuen Zeit nach und nach » jene Geschichte der vier ersten Epochen des Perserreichs, wie wir sie in den Morgenländern erzählt finden «. Sie konnte nicht anders werden, und mich dünkt, jede Erzählung läßt sich, recht gefaßt, an Ort und Stelle erklären. Zu wünschen wäre es, daß diese Erzählungen local und chronologisch nach- und nebeneinandergestellt würden; wahrscheinlich wächst das Poëm in der Erzählung. So wäre ich z. B. auf die Erzählung eines der ältesten persischen Geschichtschreiber, Hamzah von Ispahan , verglichen mit arabischen sogenannten Geschichtschreibern und Dichtern, neugierig. Siehe Wahl 's »Vorder- und Mittel-Asien«, S. 158. Da Neiske und Köhler Abschriften von ihm gehabt, so ist er nicht unzugangbar.   H. Denn wie von Zeit der Khalifen an durch Eroberungen, Religion und Sprache eine neue Welt der verschiedensten Denkarten und Völker zusammenkam, so weitete sich auch der Geist der Sage. Dem alten Könige Dschemschid ging es hierbei vor Allen wohl. Der Vater der persischen Cultur, des alten Gesetzes, des Sonnenjahrs und des frohen großen Neujahrsfestes blieb der Nation empfohlen; von Dichtern und Geschichtschreibern Ispahan's und Schiras' ward sein Märchen immer mehr ausgebildet. Will man den Ort wissen, wo es sich, vom Zend-Avesta ganz verschieden, gleichsam geründet und in die Form gegossen habe, die wir bei Ferdusi, Mirkhond u. A. finden, so trete man vor die Wände Persepolis', da steht in lebenden Gestalten das Märchen da. »Wer ist«, sprach man, »der König, der hier geht, dort sitzt, allenthalben den Becher in der Hand? Was will dieser Becher?« Vom Gefäß des Feuerdienstes Havan wußte man unter dem Mohammedanismus nicht oder wollte nicht wissen; er ward ein Becher der Sonne, ein Spiegel des Weltalls, der Weissagung u. s. w. Man erfand dabei schöne persische Märchen und verschmolz sogar den Namen des Königes in ihn. Er hatte auch den Weinbau erfunden, eine todkranke Gemahlin hatte sich durch ihn wiederhergestellt: Alles dem schönen Becher zu Liebe, den der wandelnde König in der Hand trägt, gedeutet im Geschmack späterer Zeiten. Mehr des Weins als des Ali wegen haben sich die Perser von den Arabern als Secten geschieden; den Becher in der Hand, geht hier ihr alter Nationalkönig. * »Wer sind die Leute, die zu ihm ziehen? Hofdiener, Stände, Provinzen; Alle bringen ihm Geschenke.« Es ist Neujahrstag, sagte man; den sammt Ständen, Kleidungen, Hofdienst, Schmuck, Festen hat er geordnet. Von Darius' zwanzig Satrapien wußte Niemand. * »Der Feruer schwebt über ihm; dort kämpft er mit den Ungeheuern.« Ferdusi erzählt, wie ihn eine himmlische Stimme dazu aufgerufen, wie lange er im Geschäft, sein Land von den Dews zu reinigen, fortgefahren habe u. s. w. * »Er sitzt auf einem prächtigen Stuhl.« Ferdusi erzählt, wie Dschemschid diesen Stuhl erfunden, den Hofstaat geordnet, wie ihn auf solchem beim Einzug in diesen Palast Geister in die Luft gehoben, wie er auf solchem in späteren Jahren Anbetung gefordert, darüber unglücklich und in seiner Familie scharf bestraft worden u. s. w. So bildete sich die Geschichte Dschemschid's an diesen Kunstwerken, den Trümmern einer alten Zeit, neben einer unverstandenen Schrift aus. Ispahan und die Mutter geniereicher, lebhafter Erzähler, Schiras, lag ihm so nahe; die Beherrscher dieses Erdstrichs herrschten im Märchenlande von der arabischen Wüste an bis zum Indus und Oxus. Wie diese lassen sich mehrere Geschichten der Pischtadier und Kheanen erklären; urtheilen Sie, wie begierig ich auf den zweiten Theil des »Vorder- und Mittel-Asiens« bin, dem dieser blühende fast noch unberührte Garten vorliegt.   An Herrn D. Kleuker in Osnabrück. In demselben Jahre (1798) folgte er einem Rufe als Professor nach Kiel.   D. Wo sind die Zeiten, da Sie aus meinem Exemplar den Zend-Avesta mit jugendlichem Eifer übersetzten? wo sind sie? Seitdem haben Sie diesen Zend-Avesta gelehrt und vertheidigt; und man sagt, »daß ohne so scharfsinnige Angriffe Ihre so vortreffliche Kritik der Bücher des Zend-Avesta nie erwachsen wäre«. » Wenn gleich ein Ausländer sich den Ruhm erwarb, die heiligen Schriften der Perser nach Europa gebracht und ans Licht gezogen zu haben, so können wir doch mit Recht sagen, daß deutsche Gelehrte sie erst wahrhaft kritisch geprüft und die Untersuchung beendigt haben . Die unbedeutenden Kritiken einiger Engländer reichten dazu so wenig hin als d'Anquétil 's eigene Abhandlungen, der in einigen Hauptpunkten gleich einen falschen Weg einschlug. Durch die Untersuchungen von Meiners und Kleuker ward diese dunkle Materie erst in ihr völliges Licht gesetzt, und ohne die scharfsinnigen Angriffe des Ersten würden wir nie eine so vortreffliche Kritik der Bücher des Zend-Avesta erhalten haben, als wir wirklich an dem Werke des Letztern besitzen.« Heeren 's »Ideen über die Politik der Völker der alten Welt«, Th. 2. S. 399.   H. [Seiner 1776-1778 zuerst erschienenen Uebersetzung des Zend-Avesta folgte 1781 sein »Anhang zum Zendavesta «, 1786 eine neue erweiterte Ausgabe, 1789 sein »Zend-Avesta im Kleinen«. Auch heute noch bleibt Kleuker 's großes Verdienst ungeschmälert.   D. Erlauben Sie, scharfsinnige Herren, Angreifer und Vertheidiger, ohne alle Kritik der Bücher des Zend-Avesta , von denen wir, da wir ihre Sprachen nicht verstehen, derselben Genese, Zeit und Umfang nicht kennen, sie nicht gesehen haben und von ihnen nach den bisher bekannten Hilfsmitteln keinen wahrhaft kritischen Gebrauch zu machen vermögen, erlauben Sie, daß ich ohne alle Bücher des Zend-Avesta , noch weit mehr aber ohne alle gelehrte Disquisitionen über Zoroaster, dessen Mutter Dogdo (Truthenne), Bey Hyde ist die Dogdo Tab. VII. p. 312 abgebildet, wo Zoroaster's Mutter Jedermann sehen kann.   H. desgleichen seine Töchter und Schwiegersöhne, das System darlege, das in diesen Büchern liegt, ohne sie nicht nur bestehen kann, sondern lange Jahrhunderte bestanden ist, eigentlich auch ohne sie immer bestehen sollte. Denn was heißt Zend-Avesta? Ein lebendiges Wort . Ein Wort, das gesagt wird und im Ausdruck seine Wirkung erweist. In Büchern ist's todt. Von Anfange bis zu Ende des Zend-Avesta beruft sich Alles auf Kraft eines lebendigen Worts, durch welches die Welt erschaffen sei und fortdaure, durch welches das Böse überwunden und das Gute wirkend geübt werde. Lasset uns also die zwölftausend Ochsenhäute, auf welche Zoroaster's Bücher geschrieben sein sollen, ja den Bücherschreiber selbst vergessen, thun, als ob nichts geschrieben wäre, und die auch auf die Griechen gelangte Tradition von viel tausend Zoroastrischen Versen, Gebeten, Segnungen und Hymnen selbst betrachten. Da der größte Theil des Zend-Avesta offenbar nichts als ein solches lebendiges Wort, d. i. mit heiligen Gebräuchen ausgesprochene oder gemurmelte Litaneien, Gebete, Segenswünsche und Hymnen sind, so mögen sie auch an uns ihre Kraft beweisen, zu zeigen, was sie sind. Dschemschid's altes Gesetz, das Sonnenjahr, ein Kalender . Der Name, von dem Alles ausgehen soll, führt uns selbst darauf; es ist die grenzlose, d. i. ungemessene Zeit, Zervan (χρόνος ἄχρονος, temps sans bornes u. s. w.). Vergessen Sie alle Metaphysik, die spätere Zeiten ins Wort legten, und treten auf die Höhe eines medisch- oder persischen Berges. Nehmen Sie von diesem Albordi (der Grenze, dem Bord des Himmels) Sonne, Mond, Sterne, den Horizont selbst weg, so haben Sie einen unbegrenzten, d. i. einen unabgemessenen Raum, in welchem Sie Sich eine unbegrenzte, d. i. unabgemessene Zeit denken mögen. Kein bestimmtes Principium ist dies, sondern der Abgrund, aus dem Alles genommen wird. Jede rohe Nation, jeder gedankenlose Mensch lebt in dieser Zeit ohne Grenzen; der erste Funken menschlicher Besinnung treibt dahin, ihr sowol als dem Raum Grenzen zu schaffen, Grenzen zu geben. Wir sind also die Mithridate , die einen Mihr, Mithra , einen Grenz- und Zeitmesser schaffen und geben, d. i. bemerken, wie die Natur uns Zeit und Raum vormißt. Durch nichts mißt sie uns sie vor als durch Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Ormuzd und Ahriman ; sie verfolgen sich und scheinen in ewigem Kampf mit einander. Ahriman heißt ein Beflecker der Welt , d. i. der einen Flecken auf das Erleuchtete gießt, der es trübe macht und verdunkelt; Ormuzd ist der Lichtschaffer, der große König. Dem sinnlichen Anblick ist das gemeinste Bild, daß Tag und Nacht, Licht und Finsterniß einander vertreiben und verfolgen; der Tag vertreibt die Schatten der Nacht, die Nacht verscheucht die Helle des Tages. In allen Mond- und Sonnenfinsternissen sehen alle ungebildete Völker der Erde denselben Kampf, ein Treiben und Vertreiben; kriegerischen Bergvölkern konnte der Wechsel des Tages und der Nacht unter keinem ruhigeren Bilde erscheinen. Jeden Morgen legten also auch sie ihren Streitgürtel an, im großen Geschäfte der Welt mit fortzustreiten, fortzukämpfen. So hätten wir die drei Grundwesen der sogenannten Zoroastrischen Philosophie nicht nur ohne alle Metaphysik, sondern auch ohne allen Grund, daß in sie Metaphysik gelegt werden müsse und möge. Es sind die einfachsten Zeitbegriffe, aus denen Alles hervorgeht und hervorgehen muß, wo Ordnung, Fleiß, Eintheilung der Geschäfte, ein Sonnenjahr und ein Kalender stattfinden soll. Zeit ohne Grenzen , d. i. unabgetheilte Zeit, und ihre natürlichsten Abtheilungen: Licht, Dunkel, Tag, Nacht, Ormuzd und Ahriman . Stellen wir also jene als die Pforte, diese als die beiden Pfeiler des innern Porticus vor unsern Kalender. Licht ist gut, Finsterniß böse ; dies Naturgesetz, das der angebliche Gesetzgeber Zoroaster nicht erdacht hat, ist in aller Lebenden Empfindung geschrieben. Alles erfreut sich beim Strahl des aufgehenden, des wiederkommenden Lichtes, Vogel und Fisch, Mensch und Thier; nur böses Gewürm, Ungeziefer, Nachtvögel und einige träge, schädliche Brut ist für die Finsterniß geschaffen, in ihr thätig und wirkend. Gegen diese zu kämpfen, Ahriman's Reich zu zerstören, ward also mit der ersten Zeitabtheilung jedes Lichtdieners Pflicht, um so mehr, da Dschemschid 's Gesetz ein eigentliches Gesetz der Cultur des Landes sein sollte und viele dieser Gegenden, damals ungebaut und öde, dieser Nachtgeschöpfe ( Dews , Eidechsen, Frösche, Kröten, Schlangen, Ungeziefer u. s. w.) voll waren. Zur Thätigkeit ermunterte sich also jeder erwachende Diener Ormuzd', im Reich des Lichts lichtvoll zu wirken, wahrheitsliebend, segenausbreitend, befruchtend, rein, lauter, bestimmt und unermüdet. Der Morgenhymnus, der die Sonne bewillkommte, empfahl ihm im Bilde der Sonne seine Tagespflicht. Das lebendige Wort ( Zend-Avesta ) ist voll dieser Lobpreisungen, Erhebungen, Segenssprüche, Gebete und Entschließungsformeln; weihen sollte es die Natur und in Thaten ein lebendiges Wort werden. Die ältesten Griechen kannten den magischen Dienst fast nicht anders als in diesen aufweckenden Lichthymnen. Um den Zweck dieser Zeiteneintheilung zu erreichen, mußte der Tag selbst in Zeiten ( Gahs ) getheilt werden; in den Wintermonaten waren vier, in den Sommermonaten fünf derselben, nach dem Auf- und Absteigen der Sonne, die natürliche Eintheilung des Tages. Die vom segnenden Genius gesandte Sonne( Bahmandad ) begrüßten sie mit dem Becher des Danks ( Havan ); in der Mittagssonne ( Nimruz ) leuchtete der Gah Rapitan ; um drei Uhr Nachmittags trat Osiren sein Amt an; beim Aufgange der Sterne bis zu Mitternacht Evesruthrem; von da, bis die Sterne verschwanden, schützte sie der Gah Oschen . Nicht nur die Magier, die Wächter der Stunden, die dazu eigentlich gestiftet waren, mußten diese Zeitenabtheilungen mit Segenswünschen feiern, die der Zend-Avesta uns vorlegt, sondern jeder reine Ormuzddiener mußte sie bemerken und auch zu Mitternacht sein Gebet beten. Es war die natürliche Tagesordnung. Zend-Avesta, Th. 2. S. 103-112. 401. S. auch die Artikel Havan, Rapitan, Osiren, Oschen im Register.   H. Diese Tagesordnung breitete man über das Jahr; der Jahreslauf, eine sich gleichsam entwickelnde Schöpfung, war für das Volk in sechs Gahanbars oder Schöpfungs-Festtage getheilt. Der erste Gahanbar feierte die Schöpfung des Himmels, der andere des Wassers, der dritte der Erde, der vierte der Bäume, der fünfte der Thiere, der sechste des Menschen; sie waren ungleich an Tagen, wahrscheinlich nach erinnernden Jahreszeiten geordnet, der Angabe nach Dschemschid's Einrichtung und allerdings eine dem Volk angemessene Freudenanstalt. Durchs ganze Jahr hin sollte es sich der Schöpfung freuen und sie als ein fortgehendes, nie unterbrochenes Werk der Natur durch seinen mitwirkenden Fleiß ausschmücken und fördern. Die lebendigen Worte, Gebräuche und Weihungen dabei lehrt uns der Zend-Avesta . Siehe Gahanbar bei d'Anquétil . Hyde , p . 166.   H. So weit gab Alles der Anblick der Natur selbst; Tage und Nächte zu zählen, Tages- und Jahreszeiten zu bemerken und anzuwenden, bedurfte es keiner Metaphysik eines Dualismus, die in jene Zeit für den thätigen Landmann nicht gehört. Wie aber bestimmte man das Jahr? Dschemschid's Jahr war ein Sonnenjahr von 360 und fünf Schalttagen. Wahrscheinlich hatte man jene ursprünglich nach den sechs Gahanbars, also zu sechsmal sechs geordnet, da in sechzig Tagen das Jahr sehr fortrückt und neue Ereignisse zeugt. Nachher richtete man's zu zwölf Monaten, jeden von dreißig Tagen, ein; und die fünf zugeordneten am Ende des Jahrs waren neue Gahanbars, erstohlene Fest- und Freudentage . Man hatte die Arbeit des Jahrs beschlossen und nahm sich Ruhe; man feierte das Andenken der in diesem Jahr Verstorbenen und mit ihnen aller großen und gerechten Seelen der Vorwelt, die man an diesen Tagen gegenwärtig glaubte und, um Niemand zu beleidigen, das Fest aller Seelen. Fünf weibliche Izeds standen diesen Tagen vor, die immer beschäftigt seien, den Gerechten jener Welt Kleider zu bereiten und die in diese Welt Herabsteigenden mit Seele zu begaben. Die Anrufungen der Feruers liefert das lebendige Wort ausführlich; Jescht Fervardin Zend-Avesta, Th. 2. S. 274-286. Im Register Feruer, Gah u. s. w.   H. man lebte gleichsam außerhalb der Zeit. Das Jahr begann mit dem Eintritt des Frühlings, der Tages- und Nachtgleiche, als einem Fest der Schöpfung der Welt, der Einrichtung des Reiches in Zusammenordnung aller Stände zu einander, dem Fest Neuruz . Die ersten sieben Tage des Monats waren Segenstage, mit Ormuzd den sechs höchsten Schutzgeistern ( Amschaspands ) geweiht; unter sie war die Aufsicht der ganzen Natur vertheilt. Sechs von ihnen standen auch den sechs großen Jahresfristen ( Gahanbars ) vor; als zwölf Monate daraus wurden, hatte jeder einen Helfer. Solche wurden ihnen auch zugeordnet, um die übrigen Monatstage zu bezeichnen; mithin entstanden von selbst drei Classen segnender Schutzgeister, Amschaspands, Izeds, Hamkars, die wahrscheinlich erst spät unter der monarchischen Regierung, vielleicht aus Nachahmung oder zur aufmunternden Lehre, ihren Rang bekamen. Ursprünglich war Alles Ized , d. i. ein segnender Hilf- und Schutzgeist; das ganze Jahr rollte dahin unter der abwechselnden Obhut und Regierung unsichtbarer Naturkräfte; es war, wie Thomson sich ausdrückt, der in allen Jahreszeiten, Monaten und Tagen sich verwandelnde Gott. Yezd, Yezad, Yezdan, Chodai, oder wie man sonst mit hundert und mehr Namen den Gott der Ordnung in der Natur, den großen und guten Wächter der Schöpfung nannte. Siehe Hyde , p . 177 u. s. w.   H. Die Anrufungen an diese Hilfswesen nach Gahanbars, Monaten und Tagen liefert das lebendige Wort. Das sogenannte Religions-System der Perser mit seinen Amschaspands, Izeds, Hamkars, Gahs und Feruers ist also nichts als ein in Liturgien und Gebräuchen bestehendes Jahr, oder mit andern Worten: Zend-Avesta , d. i. das lebendige Wort, ist ein im lebendigen Wort der Magier, in ihren murmelnden Segenswünschen und Gebeten bestehender und fortgesetzter medisch-persischer Kalender. An einen Kalender kann Alles geheftet werden, aus ihm mag Alles hervorgehn; deshalb aber steht es von Anfange an nicht nothwendig in ihm. Aus diesem Kalender ging nach Dschemschid 's Idee oder in seinen Namen gekleidet die ganze Einrichtung des Reichs hervor; deshalb aber blieb doch der liturgische Kalender, was er war, Dschemschid's Jahr , eine Zeitenabtheilung. Durch sein oder Ormuzd' Gesetz mußte er erst ein Mehreres werden; Metaphysik aber bleibt ihm ganz fremde. Sogar kann ich mir keine schlechtere Metaphysik als über Nacht und Tag, Licht und Finsterniß als zwei Grundprincipien und ihre Mutter, die noch nicht abgemessene Zeit, denken. Miß diese Zeit, und sie verschwindet; ordne Tag und Nacht unter ein Principium, und der ewige Kampf hört auf! Was folgt hieraus? »Zwar fast viel«, möchte ich mit Luther sagen; hier wird Einiges gnug sein. Erstlich . Der Streit, ob die Perser Mithra als die Sonne oder die Sonne als Mithra angebetet, ist ein begriffloser Wortstreit. Nennt man die Segenswünsche, Bitten und Gebete ( Izeschnes, Ieschts, Neäsch', Patets ), die sie der ganzen Natur darbrachten, Anbetung, so haben sie ursprünglich alle Elemente der Natur. Himmel und Erde, Feuer und Wasser, Quellen und Bäume, nützliche Thiere und Menschen angebetet, d. i. hochgeschätzt, gewünscht, verehrt. So beteten sie auch Sonne und Mond unter dem Namen eines großen Schutzgeistes ( Mihr, Mithra ) an, der zwischen Sonne und Mond schwebt; denn diese beide gaben ihnen ja das ganze Maß der unbegrenzten Zeit; sie waren Ormuzd' wechselnde Statthalter und Stellvertreter über der Erde. Groß mußte also die Achtung sein, die man ihnen erzeigte, wie auch die Liturgien im Zend-Avesta zeigen; ob man sie Anbetung nennen soll; ist eine nutzlose Streitfrage. Zweitens . Die Wesen, denen die Magier und durch sie die Medo-Perser tägliche und jährliche Achtung bezeigten, waren nicht Götter, nicht den Geschöpfen einwohnende Dämonen, sondern, wie ihr Name sagt, Wächter der Natur, Helfer (Izeds und Hamkars). Wachen und wehren sollten sie an jedem Tage, an jedem Tage, in jeder Jahrszeit dem Wirkenden in der Schöpfung beistehen, Gaben der Natur verleihen, segnen und fördern. Täglich zogen die Gahs, die vier Tageszeiten, auf die Wache und lösten zur Stunde einander ab, Glück zu bringen, Sicherheit zu befördern, dem Bösen zu wehren; Anrufungen an sie sind im Vendidad die ersten Izeschnes. Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 82 f.   H. Jährlich wechselten die Jahreszeiten (Gahanbars) im Dienst der großen Natur; der erste gab den Geschöpfen Milch (Nahrungssaft), der zweite Grüne, der dritte Wärme, der vierte Wachsthum den Pflanzen, Früchten, Thieren; der fünfte gab allerlei Güter, einen reichen Herbst der Erde; der sechste verlieh zu dem Erworbenen Genuß, er machte reich, groß und glücklich. Zend-Avesta. Th. 1. Abth. 2. S. 84.   H. Mit ihnen wurde, damit Niemand übergangen würde, ein ganzes Chor Mithelfer und Mitwirker, lebender und verlebter, ehemals großer Menschen, die Anführer und Vorsteher der Elemente, endlich die Wächter der gesammten Natur angerufen, von ihnen Glück erwünscht, sie alle gepriesen. Denn da in der großen Haushaltung der Schöpfung einander Alles hilft und beistehen muß, da Elemente, Jahreszeiten, Verrichtungen, Hoffnungen, Wünsche ineinandergreifen, einander fördernd oder hindernd, so mußte der Perser jedesmal sich gleichsam an Alle für Alle wenden und, wie er's nannte, in der reinen, heiligen Versammlung aller Geister, Genien und Seelen unter ihren Vorstehern und Anführern, im Gesammtreiche Ormuzd', der durch alle und mit allen seinen Helfern und Helfershelfern regiert, Glück wünschen, danken, beten. Nur jeder Classe, jedem Genius jeder Classe blieb seine Zeit und Stunde, sein Tag, seine Jahreszeit, sein Geschäft vorzüglich. Die sogenannte Mythologie der Parsen war ein kalendermüßig vertheilter Dienst und Hofdienst der ganzen Natur, gehorchend ihrem ersten Wächter und Helfer. Drittens . Da nun dieser Magierdienst unstreitig vor dem Zoroaster war, der angeblich unter Gustasp lebte, indem er denselben nur eingerichtet und verbessert haben soll, d. i. reichs- und hofmäßig machte: warum streiten wir um Zoroaster's Schriften? Habe er keine Silbe geschrieben, oder sei Alles, was er schrieb, verloren, mögen die Litaneien und Formeln, die d'Anquétil zu uns gebracht und, wie der Augenschein giebt, oft ungewiß, oft frei übersetzt hat, wie sie gesammelt da sind, selbst nicht in die Zeit der Sassaniden reichen: was schadet's? Eigentlich war das ganze Institut nicht da, daß es geschrieben, sondern gesagt und gethan werden sollte; es war ein lebendiger Natur-, Haus- und Reichs-Kalender. Deshalb hießen die Magier, wie sie hießen, weil sie den Zeitlauf bemerken und berechnen, ihn durch lebendig gesprochene Kraftworte an den Genius dieses Tages, dieser Jahreszeit beglückt machen und durch solche Einrichtungen und Gebräuche Ordnung der Dinge schaffen und festhalten sollten; dazu war ihre Classe, ihr Stamm geordnet. Alle zu uns gebrachten Schriften der Parsen sind dieses lebendigen Zeit- und Kalenderworts Proben, Theile, Commentare; würden ihrer noch zehn zu uns gebracht, so wären sie, obgleich von andern Seiten lehrreich, nichts Anders. Man sondere, wenn man kann, in diesen Schriften, was alt und jünger scheint, dem eigentlichen Magismus kann dieses nichts schaden; denn der steht in jedem Parsenbuch, auf allen Blättern; er beruht in ihrer Zeiten- und Jahreseinrichtung. Wenn z. B. ein Lorsbach mit seinem gelehrten, bescheidenen und nüchternen Fleiß den alten Perserkalender, wie Hyde ihn giebt, Cap . 9-16.  H. nach den Bedeutungen der Monat- und Tagenamen erläuterte, In seinem »Archiv für die morgenländische Literatur« (Marburg 1791) hat er mehrere Entwicklungen persischer Begriffe und Worte weit genauer als Reland in seinen Dissertationen ( P. II. Dissert. VIII .) gegeben.   H. könnte kein anderes Resultat hervorgehn, als das im ältesten Stil der Zend-Avesta liefert. Die Nachrichten, die Richardson , d'Anquétil's großer Gegner, über die Construction des persischen Jahres giebt, Richardson , »Persisches Wörterbuch«, Artikel Mah ; Auszug daraus in Richardson-Wahl 's »Orientalischer Bibliothek«, Th. 2. S. 179), Artikel Mah .   H. gewähren kein anderes, und so viel Yardahs, Nosk und Curdes (ich wünsche ihrer viele) noch erscheinen mögen, sie werden kein anderes geben. Die Nachrichten der Griechen und Römer, nach Ort und Zeit gesondert, weisen sämmtlich auch dahin; auf ein metaphysisches System gehen sie nicht hinaus; wohl aber vereinigen sie sich im Magismus als einer Zeiteneintheilung nebst Alledem, wohin diese führt.   An Herrn Hofrath Gatterer in Göttingen. Wenn ich bei meiner Ansicht des Magierdienstes und seiner Exposition, des Zend-Avesta , das Urtheil eines Gelehrten mir gleichstimmig wünschte, so wäre es des verdienstreichen Mannes, der in so manche Felder der ältesten Geschichte, Zeitrechnung und symbolischen Fabellehre mehrerer Völker Licht und Ordnung gebracht hat. Erlauben Sie mir, die Folgen der gegebenen Ansicht als charakteristisch für die Zeit und Nation zu entwickeln. Astronomie scheint nicht die Sache der Magier, weder in Medien noch Persis gewesen zu sein, es sei denn, daß man sie dort mit den Chaldäern verbindet. Sie hatten blos das Nabonassarische, von ihnen nicht erfundene Jahr und behielten nicht nur dasselbe, sondern ließen es auch ohne Einschaltung des fehlenden Viertheiltages so schwebend fortrücken, daß zuletzt die Frühlingsmonate Wintermonate wurden und der ganze Jahresbau, der auf Jahreszeiten eigentlich gerechnet war, dadurch in Unordnung kommen mußte. Die Perser waren daran so gewöhnt, daß ohne alle Rücksicht auf die genauere Jahresbestimmung der Aegypter Kambyses ihnen das seinige aufdrang. Nach der Kosmogonie des Buchs Bundehesch wuchs das Gebirge Albordi achthundert Jahre; nach den ersten zweihundert Jahren reichte sein Haupt bis an die Sterne, nach vierhundert Jahren bis an den Mond, nach sechshundert Jahren bis an die Sonne, nach abermals zweihundert Jahren bis ans erste Licht. Zend-Avesta, Th. 2. S. 364.   H. Also war ihnen der Mond hoch über den Sternen; welches denn keine große Astronomie anzeigt. Der ganze Bundehesch zeigt ihre engbeschränkte Erd- und Naturkenntniß; den Mangel der Astronomie zeigt ihr ganzer Kalender. Wenn dieser also nicht astronomisch war, so war er geonomisch ; Dschemschid's Gesetz regelte Volk und Land, Geschäfte und Stände. Erstens . Auf Ordnung war Alles in ihm angelegt, ein Volk von rohen Sitten, in verschiedene Lebensweisen und Völkerschaften getheilt, bedarf Ordnung. Darum ist in Himmel und Erde Alles unter Häupter, Vorsteher, Anführer geordnet, Sterne und Bäume, Vögel, Thiere und Menschen. Nichts steht, nichts streitet allein. Darum war es nach Herodot Grundgesetz der Magierreligion, daß Niemand für sich allein wünschen, opfern, beten durfte; er mußte seinen Stand, seine Obern, sodann andre Stände bis zum Könige hinauf mit seinem Wunsch umfassen; in allen Formeln war ihm das Ganze, eine Einheit durch viele zusammenwirkende Glieder vorgezeichnet. Unstreitig ist dies die Seele des lebendigen Worts; die Häupter des Landes, der Provinzen, der Städte, Gassen und Häuser werden Reih' ab und Reih' an hergenannt, an welche sich der Wünschende anschließt. Ihre ganze Kosmologie ist dahin geordnet. Nach Landesart ward der Zweck befolgt. Das Meder- und Perserreich verband Völker, die durch Sprachen, Sitten, Gebirge, Wüsten von einander verschieden waren; öffentliche Straßen und auf ihnen Ruhehäuser wurden angelegt, die Provinzen ausgemessen, sogar Königsposten angelegt; und nach welcher pünktlichen Ordnung der Hof-, Kriegs- und Staatsdienst eingerichtet gewesen, bezeugt bis zum Uebermaß die persische Geschichte. Unter Häupter, Helfer und Mithelfer war Alles geordnet; das ganze Regierungs- und Reichssystem war ein Kalender. Zweitens . Auf körperliche Reinheit ging die Jahreseinrichtung Dschemschid's zunächst aus; dazu so viele Verbote und Gebote, Anstalten und Gebräuche. Rein sollte jedes Element erhalten und mit keinem andern vermischt werden: Luft, Feuer, Wasser, Erde. Da Licht und Feuer ihnen das Symbol der höchsten Reinheit waren, so durfte kein menschlicher Athem sich ihm oder reinen vornehmen Personen nahen; eine wohlanständige Scheu! sie erschuf den Vorhang des Mundes, das Penom . Feuer reinigt die Luft; daher brannte es in allen Häusern, auf allen Bergen. Glänzend rein zu sein, war der Ausdruck jeder Würde, jeder edeln Versammlung sowie auch jeder guten Thätigkeit. des gesammten Wohlstandes eines Hauses, einer Stadt, einer Provinz und des Reiches; daher nannte sich die Nation die hellglänzende, Perser . Ungegürtet durfte Niemand ein Gebet verrichten, unangekleidet sich dem Herde nicht nahen, ohne myrtengeschmückte Tiare durfte Niemand opfern. Von Fäulniß mußte Alles frei sein, Haus und Hof, Acker und Garten; seine Quelle, seinen Strom mußte Jeder rein erhalten, rein von Sumpf, rein von Ahriman's Brut, Gewürm, Fröschen, Schlangen und giftigen Thieren. Die Opfer, die man auf Anhöhen den Genien der freien Natur gleichsam nur zeigte, oder von denen man dem Feuer nur ein Weniges gab und sie nachher zu Hause verzehrte, scheinen auch dazu angeordnet gewesen zu sein, damit nichts Unreines gegessen würde; von Ahriman, dem Beflecker der Natur, dem Bewohner jeder Fäulniß, wurde so schauderhaft geredet, damit jede Unreinigkeit schreckhaft entfernt würde. Ansteckende Krankheiten, Aussätzige, Leichname schaffte man aus dem menschlichen Geschlecht hinweg; die Selbstbefleckung war hoch verpönt. Zu Waschungen, Reinigungen, Reibungen des Haupts, Ertödtung böser Thiere waren eigne Tage angeordnet; mit den Jahreszeiten wechselten die Gebräuche des Purismus; er modificirte sich nach Ort und Gegend. Auch ist's bekannt, wie weit die Meder, noch mehr aber die Perser, ihre Liebe zum Schmuck, zu glänzenden Prachtaufzügen und einem edeln Erscheinen in der Gesellschaft getrieben haben, zum Theil noch treiben und sich von andern Völkern des Orients dadurch sehr unterscheiden. Die reine Luft der Berge, die sumpfigen Gegenden anderer Provinzen voll Ahrimansgeschöpfe zwang sie zu diesen Gesetzen des Wohlstandes, der allenthalben sich selbst belohnt; denn Liebe zur Reinheit ist die Mutter des Fleißes, der Selbstschätzung, des guten Anstandes, der Bequemlichkeit und Ehre. Kaum ist, wie ich glaube, über die Pracht eines königlichen Aufzuges der alten Persermonarchen, über ihren Gottes- und Königswagen etwas Reinanständigeres denkbar. Mit Jahreszeiten, Monaten, Tagen sogar änderte der Monarch seine Kleider und significirte selbst gleichsam den Genius, der an diesem Tage herrschte; in bestimmter Entfernung folgten die Stände ihm nach. Persien war also, wie sein Name sagt, das Hellglänzende, Reine durch Dschemschid's Constitution, d. i. durch Jahreseinrichtung. Drittens . Mit Ordnung und Reinigkeit bezweckte Dschemschid's Jahreseinrichtung Fleiß . Die angeordneten sechs Jahreszeiten führten in ununterbrochener Reihe von Anfange des Jahres an die Wirker der Natur, den Geber des Lebenssaftes, sodann der Grüne, der Wärme, des Wachsthums der Baumfrüchte und Thiere, des Reichthums und Wohlgenusses vor. Mit den sechs ersten Tagen jedes Monats erschienen die großen Genien der Natur, die einwirkend Alles erzeugen, und ihnen zugeordnet in wechselnder Reihe höhere und niedere Izeds; alle munterten auf zum Fleiße, nach ihrem Muster, mit ihrem Segen Ormuzd' Wort, die Schöpfung der Welt, zu vollenden. Wer die Erde baute, der that der sanften Sapandomad einen Dienst; Khordad ließ ihm Wasserquellen fließen, und Amerdad schützte seine Bäume und Pflanzen. Im ganzen Magierdienst ward der Landmann als die Quelle alles Segens gepriesen; der Genius köstlicher Metalle ( Schahriver ) belohnte ihn; die obersten Izeds ( Bahman, Ardibehescht ) gaben seinen Früchten Leben, seinem Werk Gedeihen. Jeder Tagesname forderte auf zur Wirksamkeit und zum hoffenden Fleiß. Der Hahn selbst steht unter den Genien des weckenden Fleißes; in jedem Hause mußte er gehalten werden, und sein himmlisches Ideal ward hoch gefeiert. Daß dieser Zweck einer Jahreseinrichtung vortrefflich sei, bedarf keines Erweises. Kriegerische Völker zu häuslichem Fleiß, zur Liebe ihres Bodens und einer nützlichen Lebensart zu gewöhnen, ist der schönste Zweck einer Einrichtung. Er hat auch seine Wirkung nicht verfehlt; denn alle Zweige hindurch ist Persien sehr cultivirt worden. Noch jetzt freuen wir uns mancher Früchte und Blumen, die sie zogen, mancher Künste, die sie trieben. Eisen und Stahl ward in den medischen Gebirgen vielleicht zuerst gehämmert; wir Deutsche insonderheit haben den Persern in Art und Unart Manches zu danken. Geschäftiger Fleiß ist bis jetzt der alten Parsen Charakter. Viertens . Ordnung, Reinheit und Fleiß führen Gesundheit und Freude mit sich; die Tendenz hierauf ist in Dschemschid's Kalender unverkennbar. Das sogenannte Gewächs der Unsterblichkeit ( Hom, Amomum ), von dem Zend-Avesta so viel spricht, war ursprünglich gewiß nichts als eine stärkende Arznei, deren sich die Magier, die damaligen Naturkenner und Aerzte, bedienten. Sie ward nachher als Symbol geheiligt und wie alles ursprünglich Irdische des alten Dienstes zum Geistigen, Himmlischen erhoben. Der gepriesene Mann, der sie entdeckte und mit ihr einen Namen führt, lebte in uralten Zeiten unter Dschemschid. Er war's, der sich zuerst auf den Bergen mit dem heiligen Gurt gürtete und das Kleid der Magier vom Himmel empfing, also der erste Magus, wahrscheinlich der Stifter des ganzen Ordens, also auch Verfasser dieser Jahresabtheilung, die von Dschemschid den Namen bekam, mithin der erste wahre Zoroaster. Daß gesellige Freude die Absicht dieser Zeitenabtheilung war, bezeugen in ihr die sehr zweckmäßig angeordneten Feste. Vom Neujahrstage und den dem Jahr abgestohlenen fünf letzten Jahrestagen, die im Andenken aller Seelen gefeiert wurden, haben wir geredet. Im Yezdegerdis chen Jahr hießen sie Gruß, Glück, Sieg, Zufriedenheit, Lebewohl (Abschied). Die Benennung, die er andern Tagen gab, die ältern Namen der Genien selbst, die sie bezeichneten, sagen größtenteils nichts Anderes. Meder und Perser liebten und lieben die Freude, oft bis zur Ausschweifung; der Genius des alten Jahrs wies sie in Schranken. Wie im Frühlinge ward im Herbst bei der Tag- und Nachtgleiche ein zweites Neujahr gefeiert, dem erquickenden Wasser im Sommer ein Fest, im Winter dem wärmenden Feuer. Ein fünftes vereinigte Arme und Reiche; ein sechstes ehrte Jungfrauen und Weiber. Und alle waren mit Gebräuchen begleitet, die in der Beschreibung selbst gefallen und zieren, angeordnet von einem Genius freudeliebender Nationen.« S. Richardson-Wahl 's »Orientalische Bibliothek«, Th. 2 S. 179. Artikel Mah , Monat. H. Daß im Zend-Avesta mehrmals die Paradiese Persiens hererzählt werden, daß jeder Gebetswunsch auf Fülle und Seligkeit (Vergnügen, Behescht) hinausgeht, zeigt, wornach der Perser strebte. Nicht jenseit des Grabes erwartete er zuerst sein Paradies: durch Fleiß und Emsigkeit sollte er's sich selbst bauen hienieden. Fünftens . Alle Güter des Lebens helfen ohne Sicherheit wenig; Dschemschid's Gesetz traf also Anstalten zu dieser. Alle hinterlistigen Nachstellungen, zu denen die Meder geneigt waren, Angriffe im Dunkeln, Verleumdungen, Neid u. s. w. werden als die scheußlichsten Werke Ahriman's verwünscht, auch Feinde sollen am Licht kämpfen; das höchste Gesetz der Perser war offene Wahrheit, Undankbarkeit und Lüge das schändlichste Laster. Alle Tugenden werden daher in die weißglänzende Lichtfarbe, alle Uebelthaten in die Schwärze der Nacht gemalt. Nach dem Menschen war der Hund das geschätzteste Thier; er und der Hahn waren Wächter des Hauses, seine Stimme, ja sein Anblick sogar vertrieb die Dews, d. i. Wölfe, Mörder, Diebe. Einen seiner Person treuen Hund zu haben, war eine Sitte angeordnet, die, unverstanden, sonderbar auffällt. Dem Sterbenden sowie dem Leichnam, ehe er bestattet wurde, ward ein Hund vorgehalten, der ihn anblicken, der noch aus der Hand des Gestorbenen ein Stück Brod nehmen mußte; und wenn der Hund dies nicht thun wollte, war's für den Verstorbenen ein übles Zeichen; denn auch über die enge Brücke jenseit des Grabes, die nur Gute hinüberführte, mußte den Gestorbenen ein schützender Hund begleiten. Ohne Zweifel war der sonderbare Gebrauch aus den alten Zeiten da Hund und Mensch, zumal der Bergbewohner und Jäger, Gefährten des Lebens waren. Der Anblick seines treuen Thiers war dem Sterbenden ein Lebewohl; die Willigkeit, mit der er aus der Hand des Gestorbenen das Brod nahm, war ein Zeichen, daß er ihn noch vor seinen Herrn und Freund erkannte. Vielleicht aber war auch der ganze Gebrauch symbolisch. Doch wo gerathe ich hin? Meine Absicht war, zu zeigen, daß, wenn man die sogenannte Persertheologie auf ihre ältere Form das lebendige Institut der Magier, zurückführt, sie eine viel einfachere Gestalt annimmt, als in der man sie zu sehen gewohnt ist, in der sie aber die älteren Griechen, Herodot und Xenophon, sahen und beschrieben. Aus Dschemschid's Jahr geht sie so natürlich hervor, daß man sie als Commentar desselben betrachten möchte. Längst vorher, ehe Zoroaster schrieb, war sie in Gebräuchen und Worten ein lebendiger Jahrescyklus . Wo bleibt aber Zoroaster? Merkwürdig ist mir's, daß, nachdem der Verfasser des Abrisses der Universal-Historie Gatterer 's Abriß der Universalhistorie, S. 146.   H. im Jahr 1773 das System Zoroaster's nach d'Anquétil kurz und bündig herausgesetzt hatte, im Jahr 1787 der Verfasser der Weltgeschichte Gatterer 's Weltgeschichte, Th. 2.   H. sich lediglich an Herodot hält und hinzufügt: »Was man von Zoroaster, dem angeblichen Erfinder oder Verbesserer der magischen Religionsgebräuche und Wissenschaften, halten soll, ob so ein Mann irgend einmal, es sei in Medien und Baktrien oder sonstwo, wirklich gelebt habe, oder ob er, wie etwa der ägyptische Thot, nur ein symbolisches Wesen, eine personificirte Idee gewesen sei, dies Alles wird wol schwerlich jemals mit Zuversicht bestimmt werden können. Herodot wenigstens weiß nichts von Zoroaster.« Ohne mir zuzutrauen, das mit Gewißheit ausmachen zu können, was der prüfendste Geschichtforscher für unbestimmt hält, so glaube ich doch: 1. Daß, so schätzbar Herodot's Nachrichten von den Magiern und vom Magismus sind, sie doch weder ausschließend Alles erschöpfen, noch auch so vollständig sein konnten, als seine Berichte aus Aegypten waren. Die Ursache ist klar. Hier hielt er sich an sichtbare Denkmale, Obelisken, Tempel, Labyrinths, Grabmäler u. s. w., er konnte fragen und sich erkunden; denn Alles stand dem Auge da. Zudem war die Priesterhierarchie zerstört; er wandelte unter Trümmern eines grausam unterjochten Volks. Die Perser symbolisirten nicht wie die Aegypter; der Cultus der Magier bestand in Hymnen, Gebeten, Imprecationen, kurz, im lebendigen Wort , das sie hermurmelten und für ein kräftiges Heiligthum hielten. Dies würden sie ihm schwerlich entdeckt, er es auch nicht verstanden haben, da es an einer ihm unbekannten Sprache haftete. Das persische Reich blühte noch, da er's besuchte; die Magier waren ein geehrter Stamm, die ihre Geheimnisse, auf welche sie so viel Werth legten, einem Fremdlinge zu eröffnen nicht eben bereit waren. Erst seitdem Persien überwunden und die Magierkaste aufgelöst war, bekam man von ihren sogenannten Wissenschaften mehrere Nachricht. Herodot hielt sich also, woran er sich halten konnte, an äußerliche, sichtbare Gebräuche; er widerspricht aber damit dem sie begleitenden ihm unbekannten Wort nicht. 2. Wenn man dies Wort ( Zend-Avesta ) von Allem dem entkleidet, was ihm offenbar spätere Zeiten oder gar willkürliche Deutungen angehangen haben, und es mit Vorbeilassung aller Metaphysik auf die alte Jahresform zurückführt, die in den Händen der Magier war, und zu deren Ausübung sie nach der Weise aller alten Priesterkasten, Aegypter, Ebräer, Chaldäer, Braminen u. s. w., eigentlich gesetzt waren: so geht der Magismus als lebendige Landesanstalt nicht nur aus den Nachrichten Herodot's, sondern aus sich selbst so gleichförmig und natürlich hervor, daß, wie mich dünkt, man jetzt erst sieht, wie das Alles werden und späterhin auf diese simpeln Ideen ein so sonderbares Gebäude des Dualismus und der Magie mit tausend Schwärmereien gebaut werden konnte, von denen jene alte Zeit nichts wußte. D'Anquétil's Quartanten durch einen Talisman in den simpeln Kalender verwandelt, der in ihnen liegt, bekommen und geben, ohne von ihrem Werth zu verlieren, eine ganz andere Ansicht. 3. Ob ein Mann wie Zoroaster gelebt habe, glaube ich, sei zu bestimmen, sobald man ältere von neueren Sagen absondert und insonderheit das Colorit verwirft, in welches ihn der späte Roman Zerduscht-Nameh kleidet. Daß d'Anquétil dies Gedicht seinem Leben Zoroaster's beinah zum Grunde gelegt hat, ist fast unverzeihbar; es stellt ihn in das falsche Licht eines Mohammed-Propheten, dem man sodann aus ebenso nichtigen Gründen den Philosophen und Gesetzgeber anlog. Möchte einer meiner folgenden Briefe hierüber Sie vergnügen! Wie Manches wünscht man noch von Ihnen! Sie sind wie die stille Quelle, aus der Ihre Jünglinge schöpfen und freudig rufen: »Das Wasser ist mein; denn ich habe es mit meinem Kruge geschöpft.« Die freudig Rufenden haben nicht Unrecht; aber die Quelle quillt, und fließe sie lange!   An Herrn Hofrath Tiedemann in Marburg. Wie kommt's, daß, da so viele, ja alle Völker der Erde in einer gewissen Epoche abergläubig waren und sein mußten, die Magie, wenigstens dem Namen nach, sich von einem Volk herschrieb, das doch gewiß nicht abergläubiger war als andere Völker? Wie kommt's, daß, wenn Magie eine Kunst des Aberglaubens oder gar des Betruges sein soll, sie von einer Stammeszunft den Namen erhielt, die auch die Weisen des Morgenlandes genannt wurde, in einer Nation, die sich vor Allem der Wahrheit befliß und diese zu ihrem ersten Gebot machte? Dem Verfasser der gelehrten Preisschrift Ueber den Ursprung und die Fortpflanzung der Magie Dieterici Tiedemann Disputatio de quaestione, quae fuerit artium magicarum origo . Marburg 1778.   H. wird es nicht ungefällig sein, hierüber die Fortleitung der Ideen zu lesen, die in den vorstehenden Briefen das alte Perserjahr gleichsam von selbst darbot. Jedes Ding hat seine zwei Seiten. Dschemschid's Jahr und der ihm zugeordnete Stamm der Jahres- und Tagefeirer, Magier, Ursprünglich stammte das Wort wahrscheinlich von Mah , der Mond oder Monat , her; die Ableitung, die ihm d'Anquétil von Meh, Megh, Meghistan, groß, vortrefflich , giebt, ist offenbar aus späten Zeiten; eine Ehrendeutung, die die Magierzunft sich selbst gab, oder die ihr aus Achtung gegeben wurde. (Zend-Avesta, Th. 2. S. 555.) Nach seinem kleinen Wörterbuch (S. 516) hieß der persische Mobed im Pehlvischen Magoé , ein Name, der mit dem persischen Meh, Megh nichts zu thun hat. So auch schwerlich Mobed mit Magovad (S. 355). Mubahat heißt Ehre, Achtung, Stolz, Vorzug vor Andern (Richardson, S. 1577); daher wahrscheinlich der Name.   H. [ Mobed heißt eigentlich Moybed, Oberster der Magier . Vgl. Herder's Werke, XV. S. 204. Anm., und unten S. 553. Die Deutung des Namens Magier , μάγον, als Ehrenname, die Würdigen , ist nicht zu bezweifeln.   D. nebst dem ganzen Cultus, der darauf gebaut war, konnte bei allem Guten, das er stiftete, nicht anders als dahin führen, wohin er geführt hat, ausgezeichnet vor Aegyptern, Chaldäern, Indiern u. s. w. 1. Die Perser hatten keine Tempel, Obelisken, Labyrinthe, Hieroglyphen u. s. w., aus denen ein Aberglaube anderer Gattung entspringen konnte; ihr Cultus lag im ausgesprochenen lebendigen Wort , d. i. in Glückwünschen an die Natur, in feierlichen Lobpreisungen und Gebeten. So natürlich und zweckvoll diese nun für Jahres- und Tageszeiten, Gebräuche und Feste eingerichtet und ihr bezeichnender Kalender waren, so konnte es nicht fehlen, daß, da eben im Aussprechen , d. i. im Nie-Unterlassen die Pflicht des Instituts lag, darauf der Werth der Handlung, die Macht des Ausdrucks gelegt wurde. Statt des täglichen Hymnus, einer Bewillkommung der aufgehenden Sonne, hätte ein geistloseres, trägeres Volk ohne Zweifel Stäbe gelegt oder an Korallen die Tage gezählt, und so wäre keine Magie des Worts entstanden. Statt die Gahs und Gahanbars, d. i. Tages- und Jahreszeiten, freudig zu begrüßen und sich dadurch, welches der Zweck war, zum Geschäft jeder Tages- und Jahreszeit zu stärken, hätte ein stummes, trauriges Volk geseufzt und geträumt. Bei einem sprachseligern Jagd-, Berg- und Hirtenvolk nahm in der Freie der Natur Alles einen Laut an. Wie die Sprache des Zend mit ihren unendlich langen, vocalreichen Wörtern zeigt, ward dieser lebendige Laut modulirt; so entstanden dann die Hymnen und Gebete ( Izeschnes, Jeschts, Patets u. s. w.), in denen so große Kraft war. Die Aegypter kamen zu dieser Höhe des Glaubens an Worte nicht, weil sie symbolisirten; ihre ἱεροὶ λόγοι waren nur Auslegungen sichtbarer Symbole, hier aber waren sie das Hauptwerk. Hiemit erklärt sich, weshalb man späterhin ein so hohes Gewicht auf das ausgesprochene Wort Ormuzd' legte. Dadurch, glaubte man, habe er die Welt erschaffen, dadurch bestehe sie, sein Wort sei die Kraft in allen Geschöpfen. Durch sein Wort, wenn es ausgesprochen würde, werde Ahriman verjagt und entkräftet. Lauter Fortleitungen desselben Begriffs, den man über sich selbst hob und metaphysicirte. Man wußte sogar das Wort zu nennen, durch welches er die Welt geschaffen; es hieß Honover   ein prächtig klingendes Wort, das, in einem ähnlichen Laut von einer bekannten Stadt ausgesprochen, dem guten Anton Reiser K. Ph. Moritz .   D. von Jugend auf eine entsetzliche Hochachtung einprägte. Führt man aber alle diese Transscendenz auf ihren Ursprung zur Erde hernieder, so bedeutet sie nichts, als: »Durch seinen Willen ist Alles da; Ormuzd' Wille ist, sein Geschäft zu thun in jeder Tageszeit und Stunde.« Daß der tausendmal wiederholten Formel, die dies ausdrückte: »Das ist der Wille Ormuzd'«, eine magische Kraft zugeschrieben wurde, guten Willen zum Geschäft zu erregen, Hindernisse zu vertreiben, Trägheit und bösen Willen zu entfernen, ward späterhin, da diese Wirkung ehedem Wahrheit gewesen war, selbst zur Formel. So entstand der Wortglaube, die abergläubige Magie des Worts sehr natürlich. Endlich ward, wie in der Persermythologie Alles, so auch das Wort Ormuzd' personificirt. Es bekam seinen Feruer , glich dem Lichtgeist ( Eorosch ), war Ormuzd' Seele und ward ewig von ihm gesprochen, ging ewig von ihm aus; es stritt und überwand. Von Menschen rein, langsam, musicalisch, liturgisch ausgesprochen, hatte es ungeheure Macht, ging vor dem Gestorbenen her und führte ihn die Brücke hinüber. So kam das personificirte Wort unter Ebräer, Christen und ward durch neue Anwendungen nach Zeitaltern, Factionen und Secten wunderbar metaschematisirt. Noch jetzt glauben, leben und sterben, Tausende der Christen an personificirte Wortschälle und hoffen dadurch Seligkeit und Gnade: wahre Magier, aber von der spätesten, schlechtesten Art. Denn ursprünglich reducirte sich dieser ganze Formelntroß auf das einfache Wort »Wahrheit!« Sei, was Du bist und sein sollst; wolle ernstlich, was Du willst, und führe es auch aus; denke klar, sprich und handle redlich! So wirkt die ganze Natur; das ist der Wille Ormuzd', des guten, reinen Verstandes. O, wohin können Wortschälle, die sich überlebt haben, und eine an ihnen hangende, Jahrhunderte lang fortgesetzte, in Völker und Sprachen umhergestreute Transscendental-Philosophie führen! Herder hatte um diese Zeit den Kampf gegen Kant unternommen.   D. 2. Der Perser opferte in der freien Natur; er sprach in seinen Gebeten die ganze Schöpfung an, glückwünschte allen Wesen und empfahl sich ihrer mitwirkenden Freundschaft; der Zend-Avesta ist dieser glückwünschenden Empfehlungen voll; mit dem Sadere und Costi geschmückt, trat er in die glänzende Versammlung aller Genien und Naturkräfte. Diese hielt er sich also gegenwärtig; er glaubte ihre Nähe und Mitwirkung. Daß in alten Zeiten die Perser gleich andern Völkern alle Elemente beseelt hielten, bezeugen zum Theil wilde Proben. Cyrus ließ den Strom, der seine heiligen Rosse ersäuft hatte, in 365 Kanäle abtheilen, Xerxes den Hellespont, der seine Brücke weggeschwemmt hatte, geißeln; er opferte dem Fluß Strymon weiße Rosse; in Thracien weihte er der Erde ( Sapendomad ) neun lebendige Knaben und Mädchen; an der thessalischen Küste besänftigte er Sturm und Meer durch Anrufungen der Magier, d. i. wie die Griechen es nannten, durch Zaubergesänge und Imprecationen. Den Persern waren sie dies eigentlich nicht, sondern Hiketerien, Jeschts und Neäschs . Als mit der Zeitfolge der Magierdienst ausartete, was konnte er anders werden als ein Formulardienst, da man im Zutrauen auf alte Vorschriften mit kräftigen Worten die Elemente befriedigen, stillen, zu seiner Gunst lenken zu können gewiß war und durch Aussprechung gewisser bestimmten Worte Geister und Genien sich gegenwärtig zu machen glaubte. Im Cultus der alten Perser lag dies ganz; der größere, der anrufende Theil des Zend-Avesta ist in der Versammlung und für die Versammlung aller Naturgenien nach Ort und Zeit gedacht und verfaßt worden. Eine Stammes- oder Zunftschule, in welcher der Lehrer ( Destur ) Kraftformeln der Art lehrte, der Mobed sie übte, der Herbed (Lehrjünger) sie lernte, war eine Zauberschule im Glauben des Volkes. Als die sogenannten Geheimnisse der Morgenländer unter Griechen und Römer kamen, konnten sie nicht anders als in dieser Zaubergestalt erscheinen und wirken. Orpheus' Hymnen sind die Jeschts des Zend-Avesta , in griechischer Gestalt gebildet und umgebildet. Bei den Eleusinischen Geheimnissen ward der Schöpfer , das Wort , der Mond und die Sonne persönlich vorgestellt, mithin eine Art Weltall der Genien repräsentirt; bei den Geheimnissen des Mithra dienten zu gleichem Zweck andere Symbole. Die jüngere Platonische Philosophie, die nach der Weise der alten Magier alle Elemente mit Dämonen belebte, machte also einer Theurgie Raum, diese Geister durch Worte, Formeln und Gebräuche herbeizurufen, sich gegenwärtig zu machen, zu seinem Dienst zu gebrauchen. Es wurden Kunstschulen dieser Formeln, neue Desturs, Mobeds und Herbeds, errichtet. Aus wie simpeln Anfängen war Alles entstanden! wie unschuldig war die älteste Magie gewesen! Ein freudiges Grüßen an die gesammte Natur, Aufmunterung seiner selbst, in diesem Chor wirkender Wesen mitzuwirken. 3. Dschemschid's Sonnenjahr bezeichnete Jahreszeiten und Tage zu Verrichtungen des Lebens mit Namen helfender Genien und Geister, also zu einem guten Zweck; es mußten aber bald Mißbräuche folgen. Denn da alle Genien an Macht nicht gleich waren, alle Verrichtungen nicht gleich günstig ausfielen, so mußte sehr bald mit der Tagwählerei auch Mißtrauen in diesen oder jenen Geist, mithin Furcht und Aberglaube entspringen; denn jedem guten Genius war ein böser entgegengesetzt, den er zu überwinden hatte. Die Magier bekamen hierdurch große Gewalt über die Gemüther; denn sie weissagten, mittelst glücklicher oder unglücklicher Zeichen sahen sie in die Zukunft. Rathend zeigten sie glückliche Tage an, vor andern warnten sie; durch Fürsprache konnten sie Uebel abwenden, mächtigere Genien zu Hilfe rufen u. s. w. Eine ungeheure Magie! und aus wie kleinen Anlässen, aus einem Jahreskalender und nach gesammelten Naturkenntnissen und Voraussichten aus einem guten Hausmannsrath entsprossen und fortgebildet. 4. Jeder Mensch wird an einem Tage, mithin nach persischem Kalender unter einem Genius geboren, der ihm wahrscheinlich, wenigstens öfters, auch seinen Namen gab (z. B. Mithridates, Tiridates, Bahman u. s. w.), der also über ihm wachte, ihm half und aushalf, der Schutzgeist seines Lebens. Da nun jedem guten ein böser Genius entgegenstand, den jener fortwährend zu überwinden hatte, so bildete sich unvermeidlich daraus der Glaube von einem guten und bösen Genius, der uns begleite. Wie einfach erscheint dieser Glaube noch bei Xenophon im Bekenntniß des Araspes, daß jeder Mensch eine gute und böse Seele habe, Cyr., VI. 1. 41.   D. und zu welcher schrecklichen Höhe ist er fortgebildet worden, indem man ihn über die ganze Natur verbreitete! Der Ahriman, der anfangs nichts als der Flecke des Lichts , die Nacht gewesen war, unter dessen Werken und Geburten man zuerst nur Dews , d. i. Ungeziefer, Eidechsen, Frösche, Schlangen, verstand, die man haushälterisch ausrotten sollte; der Ahriman, den man sich selbst nur als eine große Schlange dachte und unter seinem Namen vor Werken der Falschheit, der Treulosigkeit, des Meineides, geheimer Nachstellungen, nächtlicher Betrügereien warnte: als er, der ersten Idee ganz fremd, durch die unseligste Metaphysik ein zweites Principium der Natur und bei Juden, noch schimpflicher aber bei Christen, der Teufel ward, wie viel Böses hat er in der Welt gestiftet! Nicht nur die gesunde Ansicht unserer Natur, sondern auch diese Natur selbst hat er zerrüttet, indem er die Menschen mit Furcht gelähmt, zu falschen Hoffnungen getrieben und an ihren edelsten Kräften verzagen gemacht hat. Der schlechteste Nosk im Zend-Avesta hat das schwarze Phantom nicht bis zu dieser Höhe gehoben; es rüstet immer noch den Streiter gegen ihn aus, dem die ganze lichte Schöpfung zur Seite steht, und der nie verzagen darf am Siege. Dagegen die unwürdigste Philosophie ihn zum Herrn der Welt gemacht und die ganze lichte Schöpfung Gott geraubt hat. Auch im Bundehesch indessen ist das überschrobene, durch alle Zeitperioden fortgesetzte Poëm vom fortwährenden Kampf Ahriman's und Ormuzd', der erst nach zwölftausend Jahren den Sieg erhalten kann, keine geistvolle Dichtung, dem Jahressystem des alten Hom's, in welchem lauter reine Geister wirken, auch ganz fremde hinzugedichtet. Läge Ahriman einmal doch in dem Abgrunde nächtlichen Vergessens, in welchen er gehört! Nacht und Tag sind eine große Zeitenordnung, beide gut, wenn man sie gut gebraucht. Daß man gerade an dieser übertriebenen Dichtung des späteren Magismus im d'Anquétil'schen Zend-Avesta nach seiner unkritischen Exposition eben den meisten Geschmack gefunden und den ursprünglichen einfachen Zabäismus in ihm fast übersehen hat, zeigt, wie gern man am Aeußersten hangt, wenn es auch das Unnatürlichste wäre. An dichtenden Schwärmereien erfreut sich der Schwärmer. 5. Von dem Genius, unter welchem man geboren ist, vom Jahr, in dessen Kreislauf man lebt, ist man geneigt, ein Denkmal zu haben und an sich zu tragen. Vielleicht beschützt das Bild, es weckt sein Andenken, das Andenken aller den Jahreslauf bewachenden guten Geister. So entstanden die magischen Amulete ! Da die Perser den Schmuck, z. B. Ringe und andere goldene Zierrathen, liebten, warum sollten diese von heilbringenden Charakteren frei sein? Zog der König jeden Tag des Jahres ein Kleid an, das dem Genius des Tages zustimmte; waren die verschiedenen Metalle, Farben, Blumen, Früchte, Bäume nach persischer Denkart unter die Herrschaft dieses oder jenes Geistes als ihres belebenden Schutzherrn geordnet: warum dürfte sich dies Alles nicht auch im Schmuck nach Jahreszeiten an den Tag legen und charakterisiren? Dies geschah also. Farben, Metalle, Blumen, Früchte, vor Allem aber Gestalten der Thiere sprachen dem genialischen Volk, weil in diesen Gestalten vorzüglich die Genien des Jahres sich offenbarten. Jede Stadt, jede Provinz hatte ihren Genius, den sie doch auch im Bilde sehen wollte; zu näheren Bestimmungen componirte man Gestalten. Dies ist der Schlüssel der persischen Amulete. Von den ägyptischen unterscheiden sie sich auf den ersten Blick und halten sich im Kreise des persischen Jahres . Da in den medischen Gebirgen Eisen- und Stahlbergwerke waren, die die Chalyben früh bearbeiten lernten, so gewannen sie dadurch ein Werkzeug, auf harte Dinge, Steine und Edelgesteine, Gestalten und Buchstaben, wenn gleich roh, zu graben. Und da über Persien der Handel der östlichen Welt ging, aus welcher in sehr frühen Zeiten nebst Anderm auch glänzende Steine geführt wurden: warum sollten diese den Schmuck liebenden Persern nicht zum Schmuck und Gepränge dienen? Glänzende Steine nannten sie irdische Sterne, in denen die Kraft der obern Genien erscheine und scheine; sie weihten solche auch den Genien, jeden nach seiner Farbe und Art. Seinem Genius zu Ehren trugen sie diesen an dem ihm bestimmten Tage; man trug ihn mit dem Namen des Genius, dem er geeignet war. So entstand das Zutrauen, dem regierenden Geist durch das Tragen desselben gefällig zu sein, mithin ein Glaube an die Kraft des Steines selbst. Sie dienten zu Abwendung des Nebels, insonderheit gegen das Gift der Schlangen und Skorpionen, als Ahriman's Geschöpfe; sie linderten Schmerzen der Geburt, der Krankheiten und Wunden, weil in ihnen die Macht großer Naturkräfte zusammengeflossen, gleichsam gehärtet und concentrirt war. Der männliche und weibliche Genius der Natur, glänzendes Feuer und Wasser, glaubte man, sei in ihnen wirksam. Daher also die Lehre der Magier über die Beschaffenheit, daher ihre Vorschriften zu derselben Gebrauch und Anwendung; daher die λιθικα in den Orphischen Geheimnissen, die vom Schwarzen und kaspischen Meer herkamen. Alles beruhte auf einem so einfachen Ursprünge eines nach Jahr und Tagen geordneten Weltalls. Chaldäer und Babylonier waren früh der Metalle Gießer und Schmelzer; nicht nur die goldenen Bildsäulen zeigen dies, sondern noch mehr die Bearbeitung des schwersten Metalles, des Eisens. Sollte es nun dem Meder und Perser gleichgiltig sein, an welchem Tage sein Schwert geschmiedet, seine Waffen bereitet wurden? So entstand der Glaube an den Beistand des Genius, unter dessen Aufsicht dies Schwert geschärft, diese Pfeile gespitzt waren; so der Glaube an metallene Talismans, in die mit verschiedenen Erzen auch die Kraft verschiedener Genien in der erlesensten, glückreichsten Stunde verbunden und gleichsam gebannt war. Alle Zweige des magischen Aberglaubens entsprossen auf demselben Baume der Jahres- und Zeitenrechnung. Mit Jahren und Jahrhunderten schritt wachsend dieser Glaube fort. Der einfache Ursprung ward vergessen; die Bedeutung dieser Figur, jenes Zeit- und Natur-Emblems kannte man halb oder gar nicht; dagegen subtilisirte man, jede fremde Nation sah sie mit eigenen Augen, mit eigner Auslegung an; mehrere Nationen mischten ihre Ideen durch einander und dichteten nach dem Vorbilde mißverstandener älterer in Conformität neue Symbole. Seit Alexander war vom Oxus und Indus an nicht nur bis zum Nil und Euphrat, sondern durch die libysche Wüste bis zu den Säulen des Hercules hin die Welt verwirrt und die Denkart der Völker zu Bildung eines kräftigeren Talisman in einen ungeheuern Schmelztiegel zusammengeworfen; im Rabbinismus, Gnosticismus, in den erneuten Geheimnissen der Griechen und Römer gingen abenteuerliche Symbole hervor, alle, wie der Augenschein zeigt, auf ägyptisch-chaldäisch-persische Symbolisationen gebaut, deren erste Bedeutung man entweder mißverstand oder neu anwandte. Traurig-angenehm, gewiß aber nützlich wäre es, wenn der Verfasser des Geistes der Geschichte der Philosophie Tiedemann 's »Geist der speculativen Philosophie« war in sechs Bänden 1791-1796 erschienen.   D. seine Preisschrift über die Magie auch zur eigentlichen Geschichte machte und jeden Zweig derselben genetisch nach Zeit und Ort betrachtete. Die Meiners 'sche Methode, alle Zeiten und Völker in Hauptfächer zusammenzuschieben (so viel Gutes sie haben mag; denn der Mensch ist allezeit und allenthalben derselbe), giebt am Ende doch einen unstäten und verworrenen Blick. Die Citationen tausend der verschiedensten Schriftsteller und Zeugnisse, deren ein einzelnes oft eines großen Commentars bedürfte, widersprechen einander oft oder geben in der Zusammenstimmung selbst einen unrein gemischten Ton, eine falsche Farbe, der man unter gewissen allgemeinen Gesetzen, jedes Ding nach Zeit und Ort betrachtet, entweicht. Nur das sieht man, was man genetisch anerkennend auf seiner Stelle deutlich und einzeln sieht.   An  . Zum Scherz haben Sie Sich, liebster ..., Etwa I. Fr. Hugo von Dalberg , mit dem Herder in Italien gewesen war? Die Zahl der Punkte stimmt freilich nicht. Vgl. S. 660, Anm. 2.   D. ein mystisches Siegel, eine Composition widriger Thiergestalten gewählt; und so, hoffe ich, wird Ihnen ein Brief über dergleichen Kompositionen nicht ungefällig zu lesen sein, da er Ihnen so manche Idee von dem, was Sie sahen, zurückführt. Man nennt Steine dieser Art gewöhnlich Abraxen ; der Ursprung des Namens selbst ist bisher unerklärt, und doch liegt er im persischen Alterthum deutlich vor. Alles, was schön, glänzend, vortrefflich ist, nannten die Perser königlich; Königsstahl, Königsperle u. s. w. bezeichnete jedes Vortrefflichste seiner Art. Wenn nun der alte Königsname der Meder Arsak, Aksak hieß, dem man zur verstärkenden Bedeutung Silben zusetzte, und dieser Name in alten Charakteren wahrscheinlich auf mehreren Steinen stand: wie anders, als daß man die Steine nach ihm nannte, ihn, da der Glaube an diese Steine unter die Griechen kam, auch griechisch darauf schrieb und, weil nach magischer Art am lebendigen Wort Alles lag, dies auch in Zahlen deutete und wandte? So entstanden die Worte Abrasax, Abraxas u. s. w., aus deren Buchstaben man nebst andern Bedeutungen die Zahl 365 herausspann; Das war wol die ursprüngliche Bedeutung des Wortes.   D. denn daß die Figuren dieser Steine den Jahreslauf der Natur bezeichnen sollten, hatte die Tradition erhalten. Der Name bedeutet also keinen Gott, wie man geglaubt hat, sondern auch in der bedeutenden Zahl, die man herausbrachte, königlich kräftige Natur- und Jahressymbole , die sich auf ihnen auch offenbar zeigen. Wenn also z. B. die Halbfigur eines Mannes über ausgebreiteten Schwingen hervorgeht und unterhalb denselben ein Widderkopf die Bedeutung des Steines näher bezeichnet, wem stände die Erklärung nicht da? Die aus Schwingen hervorgehende Halbgestalt des Genius kennen wir aus den Königsgrabmalen als ein angenommenes Symbol; das große persische Neujahrsfest, ja die Schöpfung der Welt begann mit seinen sechs Jahreszeiten jährlich, wenn die Sonne ins Zeichen des Widders trat; der Stein ist also wie mehrere andre ein Glückwunsch des neuen Jahres. Die Natur in ihrer höchsten Kraft, mit Sonne und Mond begleitet, konnte in persischer Art nicht anders als durch den Löwen ausgedrückt werden. Auf so vielen Steinen erscheint also Ardschir der Erzlöwe , mit Sonne und Mond begleitet. Oft fügte man ihm Sterne, bisweilen aus eben bemeldeter Ursache einen Widderkopf, oft Zeichen der Befruchtung bei; nicht aus lüsternen Ursachen, sondern die befruchtende Macht der Natur im Sternen-, Sonnen- und Mondlauf zu bezeichnen. Nach damaliger Vorstellungsart war das Bild redend. Die Morgenländer haben im Gebrauch, Thiergestalten mit einander zu vergleichen und sie auch im Namen zu componiren. Kameelvogel, Kameelschaf, Schafelephant, Kameelparder, die fliegende Maus u. s. w. sind ihnen gewohnte Ausdrücke für wirkliche, nicht fabelhafte Thiere, den Strauß, die Giraffe, die Fledermaus u. s. w. Namencompositionen dieser Art führten natürlich auch zu Bildcompositionen, die ihnen ebenso leicht vorkamen. Da nun im persischen Naturdienst auf die Zusammenwirkung aller lebendigen Wesen in Geschlechtern und Arten Alles gerechnet ward und diese unter bestehende Hauptgeschlechter, Anführer und Vorsteher der andern, gebracht waren, so ergab sich die Composition dieser Hauptgeschlechter von selbst: sie ward ein darstellendes Bild ein- und zusammenwirkender Naturkräfte in ihren lebendigen Hauptagenten . Und da diese gewöhnlich aus vier gesetzt wurden, wem wäre das bekannte Bild, das oben ein Hahn, sodann ein Menschenantlitz vorwärts, hinterwärts ein Widderkopf, abwärts ein Wasservogel ist, ein Räthsel? Nach neuen Begriffen konnten, da der Hahn unter dem Kopf des alten Mannes und hinter ihm die Widderhörner stehen, bekannte Scherze gesagt werden, die aber dem Geist der Composition fremde sind. Der Aufwecker des Tages, der himmlische Hahn, ist in der Persermythologie das edelste Bild des geflügelten Heeres; der Widder, Symbol des beginnenden Jahrs, ein König der Gebirgthiere; das Uebrige erklärt sich selbst. Da das Symbol auch als ein Compositum anderer Gestalten, z. B. Hahn, Roß, Widder und Menschenhaupt, vorkommt, da das Roß ein Blatt im Munde führt, so sieht man, daß das Symbol verändert ward mit Nebenbedeutungen, die Zeit und Umstände gaben. An sich war es ein Panzoon , das vierfache Lebendige , das, oft und viel verändert, als ein Symplegma oder als der große Wagen der Natur erscheint. Was in den Wolken, was in einem Gedicht weit verbreitet erscheinen konnte, mußte sich auf Glückessteinen und Amuleten in einem engen Raum aufrichten, und wie konnte es dies besser, als daß es auf leichten Füßen einherging und den Wächter, den Aufrufer der Zeiten oder das edle Roß, oberwärts zeigte? Wie das Neujahrsfest des Frühlings wurden die andern Jahreszeiten symbolisirt: die Sonne in ihrer Löwenstärke, der Schütz in späteren Zeiten mit zugefügten griechischen Symbolen des Jupiter's und Adlers, der Steinbock mit dem Fisch in Eins gestaltet, mit dem Fruchthorn oder mit Fischen begleitet u. s. w. Die sechs Jahreszeiten selbst oder sie mit ihren Dienern, die sogenannten zwölf Himmelszeichen, stellten sich in einer Ellipse schildförmig dar; zwischen ihnen ein Schild oder auch ein Held auf dem Schilde, der das Ganze gleichsam zusammenhielt, des Jahres Wehrsmann und Bewahrer. In jeder Mischung mit fremden Ideen behält die Urvorstellung ihren Charakter. Der Alte der Tage ward durch Vermischung der Zeiten und Völker auch bis zum Unkenntlichen neu modificirt. Die Schwingen, auf denen er einst schwebte, wurden ihm an Haupt, an Schultern, Lenden, und hinabwärts vervierfacht, oder er ward mit befruchtender Kraft unter eben den Symbolen zum Jünglinge gestaltet. Christlicherweise ließ man ihn aus einer Säule entstehen, legte den Gürtel (Costi), den er einst um sich gehabt, kreuzweise um seine Schultern, die Hände über die Brust kreuzweise; die alte persische Tiare ward auf seinem Haupte eine gezackte Krone; man setzte die Jahreszeiten gar als anbetende Genien unter ihn, die von ihm Segen nehmen; unter ihren Füßen rollte der Zodiakus der Sterne. Dies ist der in den neuem Zeiten berühmt gewordene Baphometus . Vgl. dagegen oben S. 355 ff.   D. Weder ein Geber der Verstandestaufe, noch der Demiurg ist er, sondern der persische Alte der Zeiten , der Jahresgott, nach gnostischer Weise gestaltet. Längst war man gewohnt, nach persischer Weise die Jahreszeiten als personificirte Naturkräfte und Genien zu denken, mit ihnen die Engel, Michael, Gabriel u. s. w. ins Spiel zu bringen, Daniel.   H. ja diese auch als solche, sogar in griechisch-römischer Weise mit Namen zu gestalten. Völlig in dieser Denkart war's, daß man auch den Alten der Tage, den Allwirker und Allvollender, den Durchtreiber und Regierer der Jahreszeiten zum Jao machte und seinen Namen wie den persischen alten Königsnamen Arsak, Abrasax construirte. Man spielte mit den Buchstaben desselben, I A W H V A H , und warf sie sonderbar durch einander. Wobei man sie dann mit den widrigsten Symbolen paarte. Nie hätte es z. B. ein Perser geduldet, daß man seine reinen Genien mit Schlangengestalten, dem Bilde Ahriman's, paarte. Diese wurden jetzt von Aegypten aus beliebte Symbole des Jahres- und Zeitenlaufs, und es formte sich endlich in barbarischen Zeiten ein Gorgonischer Ikonismus. Wir wenden das Auge von ihm, um bei einer Vorstellung zu verweilen, die den Römern die Geheimnisse des Perserdienstes, das Mithra-Fest , gegenwärtig machen sollte. Vielleicht erinnern Sie Sich noch, liebster ..., Müller ließ hier und noch zweimal unten »l...« drucken. Die Anrede muß aber dieselbe wie im Anfange des Briefes sein.   D. aus der Villa Borghese, Mattei und andern Orten her des oft vorkommenden Denkmals, dessen Abbildung auch in Kupferstichen häufig wiederholt, sehr gelehrt erklärt und, wiewol man den Hauptsinn der Vorstellung nie ganz verfehlen konnte, mitunter auch sehr gelehrt mißdeutet worden ist. Vorstellung. Ein Jüngling oder junger Held mit einer persischen Tiare, in leicht nachschwebendem kurzem Gewande, kniet mit dem linken Knie auf einem zur Erde gestürzten Stier, mit dem rechten Fuß den gestreckten Fuß des Stiers niedertretend. Gewaltig beugt er dem Gestürzten das Haupt zurück und sticht ihm am Halse den Dolch oder das kurze Schwert ein. Blut entströmt der Wunde, nach welchem ein Hund, eine Schlange aufspringend begierig sind; ein Skorpion umklammert seine Geschlechtstheile; der Stier ächzt. Zu beiden Seiten stehen Jünglinge in gleicher persischer Tracht; jeder hält eine Fackel in der Hand, die in einigen Abbildungen der eine senkt. Der Ort ist ein aufgerissener Fels, eine Höhle, in der rechtsher ein Vogel dem Tödtenden zuspricht, der das Haupt vom ächzenden Stier hinweg zum weissagenden Vogel wendet; in andern Abbildungen fliegen zwei schreiende Vögel gegen einander, auf die der junge Held zu achten scheint. Ueber der Höhle gehen in der Mitte drei Bäume hervor; zur Rechten fährt über dem Felsen die Sonne in Mannesgestalt mit ihrem Viergespann herauf, der Knabe Phosphorus trägt vor ihr die Fackel; zur Linken fährt zweispännig Luna nieder, vor der der Knabe Hesperus die Fackel senkt. Jede Vorstellung, so viel ihrer mir bekannt sind, hat im Einzelnen etwas Besonderes; manche drücken die befruchtende Kraft der neu verjüngten Natur für unsere Augen zu sinnlich aus. Kurz, was ist des Bildes Bedeutung? Deo Soli invicto Mithrae ist dessen Inschrift, und am Halse des Stiers zunächst der blutströmenden Wunde steht Nama Sebesio ; was bedeuten die Worte? Ueber die zahlreichen Mithras-Steine und Mithräen genügt es, auf Creuzer 's »Symbolik«, Hammer 's » Mithriaca « und die betreffenden Abhandlungen von Lajard zu verweisen.   D. Gern erlassen Sie mir, geehrtester ... Müller ließ »g...« drucken.   D. das Herzählen aller gelehrten Meinungen und Deutungen; was sagt die altpersische Fabel? Sie sagt, daß das erste Zeitalter der Schöpfung untergegangen sei, und symbolisirt diesen Untergang durch den Tod eines Stieres, den sie bald mit einem Menschen gesellt, bald und gewöhnlich ihn selbst zum vernünftigen Stier macht, der sein Ende voraus sah und sterbend mit gen Himmel gewandtem Blick weissagte. Er weissagte den endlichen Sieg des Guten über das Böse, wird also auch bei der Palingenesie der Dinge zuerst wieder belebt werden; in der Liturgie der Parsen wird seine Seele angerufen; sein Name heißt Ke-Amorts , der Mächtige, Unsterbliche , oder Abudad , Vater der Gaben, der Geschenke und Gesetze, des Rechts, der Rache und Wiedervergeltung. Durch die bösen Genien, sagt die Ahrimanssage, kam er um, der weißglänzende Stier; aus seinem Leichnam aber ging unsere Schöpfung hervor; denn er selbst, der Erstgeschaffene, der König der Erde, war gleichsam ihr Behälter, die Sammlung ihrer Urkeime. Aus dem Schweife des Stiers, sagt die Persersage, gingen fünfundfunfzig Arten Getreidepflanzen und ebenso viel Gattungen heiltragender Bäume hervor; sein Same, dem Monde übergeben und von ihm geläutert, bildete 282 Gattungen der Thiere, Fische und Vögel. Aus seinem Mark ging die Lebenskraft einer jungen Welt hervor; seine Hörner sproßten zu Früchten, sein Othem erzeugte Blumen, sein Blut Trauben, seiner Brust entwuchsen Kräuter gegen Fäulnisse und Krankheiten; alles Andre der Schöpfung war aus dem getödteten Unsterblichen Ke-Amorts , dessen Seele, die aus seiner rechten Hüfte ausging, Goschorun , die Lebenskraft der sich verjüngenden Schöpfung wurde. So erzählt der Avesta . Daß dieser Stier unser Emblem sei, leidet keinen Zweifel; es ward abgebildet, wie es das damalige Zeitalter der Kunst zuließ und römischen Augen dargestellt werden konnte. Aus dem Schweife des Stiers sprießen Aehren hervor; Hund und Schlange, jener den Persern das heiligste und treuste Thier und zugleich (sowie Griechen und Römern die Schlange) ein Bild der Verjüngung der Welt, dürsten nach seinem Blut; der Skorpion zwingt das hervor, was die Lebenskraft einer neuen Welt werden soll; über der Höhle wachsen Bäume hervor; Sonne und Mond fahren an den Seiten hinauf und hinunter; jener leuchtet Phosphorus und bringt einen neuen Tag; der Handlung selbst leuchten Genien mit der gesenkten und aufflammenden Fackel. Also im ungestörten Kreise der Zeiten wird durch Untergang der alten die Geburt einer neuen Welt bewirkt, die der weissagende Vogel verkündigt. Der dies bewirkt, ist der Genius der Jugendkraft , an dessen Namen Mithra Griechen und Römer sich einmal gewöhnt hatten und ihn, obgleich den Symbolen dieser Vorstellung selbst zuwider, oft mit der Sonne verwechselten. Er ist der Unüberwundene, der tödtet und lebendig macht, der im Lauf der Zeiten, unter der Herrschaft der Sonne und des Mondes zusammengedrängt, verschlossene Keime entwickelt und solchergestalt durch Untergang des Alten das Neue bereitet. Nama Sebesius oder Sabazius (persisch Nameh Sabyk, Sebk ) ist seine Inschrift, d. i. Spiegel der Vorzeit , des Fortschrittes zur Auswirkung; ein fremdes Wort, das aus den Einweihungen und aus mehreren Inschriften bekannt ist. Aristophanes kannte es schon. Novos deos et in his colendis nocturnas pervigilationes sic Aristophanes vexat, ut apud eum Sabazius et quidam alii dii, peregrini judicati, et civitate ejiciantur, sagt Cicero ( De leg ., II. 15 ). Arnobius, Julius Firmicus u. A. beschreiben Gebräuche seiner Symbolisation: Sebazium colentes Jovem, anguem, cum initiantur, per sinus ducunt u. s. w.   H. Zugleich zeigt das Emblem der sogenannten Mithrageheimnisse zeitmäßige Bedeutung. Seitdem durch Alexander's Feldzüge und Alles, was auf sie folgte, die Ruhe der Welt zerstört war und alle Völker nach einem Befreier verlangten, ging insonderheit von den persischen Magiern, die durch ihn Alles verloren hatten, der Wunsch um Wiederherstellung alter Zeiten, der verlornen Weltherrlichkeit und Glückseligkeit aus. Er theilte sich den zurückgekehrten Juden, Aegyptern Griechen, Asiaten mit; jedes gedrückte Volk wünschte Befreiung, und zuletzt (denn unvermerkt ballen sich Hoffnungen und Wünsche) hoffte Alles auf einen großen König. Neue Zeiten sollten unter ihm beginnen, ein neuer großer Weltlauf. Das verkündigten Propheten und Sibyllen, Babylonier, Chaldäer, Magier, Sterndeuter. Mit der Frage: »Wo ist der neugeborene König? wir haben seinen Stern gesehen«, treten Magier in Jerusalem auf, und Virgil singt seinem Pollio aus ähnlichen Gerüchten, Hoffnungen und Sagen. Buc., 4.   D. Aus einem gleichen Drange der Zeiten kommen die Mithrischen und andere Weihungen hoch empor; man symbolisirt unter Thiergestalten des Löwen, Greifs, des Raben, unter Gestalten der Sonne, des Liber Pater u. s. w. die gegenwärtige und kommende Zeit, das sich erneuende Weltall, anständig und unanständig, so daß Weihungen, Sibyllensprüche, Wahrsagerei und Sterndeutung als eine Pest der Zeiten verbannt werden mußte. Auch das Christenthum, das sie zuerst genutzt hatte, trat ihnen entgegen, so wie sie gegentheils das Christenthum nachäfften und simulirten. Das Weihnachtfest sollte die Mummereien, den Dienst der Sonne in geweihten Höhlen verdrängen und der Welt auch festmäßig verkündigen, der Gehoffte sei da; bald aber mischte es sich selbst mit Mummereien, die es noch nicht ganz abgelegt hat. Wer sollte denken, daß ein Kalender, in frühen Zeiten der Welt am kaspischen Meer geordnet, durch die fortrollende Aenderung der Zeiten uns von Rom aus Gebräuche und Mißbräuche unserer Feste gegeben? Und so ist es; der neugeborne Welterlöser ward Mithra. Wir sind in Zeiten gefallen, liebster ..., in denen wir die Macht eines ansteckenden, fast unüberwindlichen Wahns der Zeiten , mehr als gnug ist, kennen lernen. Er ging den nämlichen Gang wie vormals. Wünsche, Hoffnungen, Geheimnisse, Symbolisationen schlichen voran; sie wurden lauter und lauter, bis endlich ein allgemeiner Glaube ausgebildet da stand: »Die Zeit ist gekommen! Mithra, der Genius der Weltverjüngung, ist da!« Unruhvoll stehen wir vor dem großen Marmor der Zeiten, auf welchem der niedergedrückte Stier, der seine Jahre erlebt und überlebt hat, die Wunde empfängt; Hund und Schlange sind gierig nach dem Blut der Wunde, der Skorpion beißt, die Krähe weissagt. Hoffen wollen wir, daß auch aus diesem Untergange neue Kraft, vervielfältigt-neues Leben in tausend Gestalten, Früchten, Bäumen und Kräutern organisirt und gesondert hervorgehen werden, die alle voreinst im Urstier schliefen; aber wann gehen sie hervor? erleben wir ihr Gedeihen? Und ach, der sterbende Stier ächzt! »Goschorun, die entseufzte Seele des Stiers, nahte sich Ormuzd und sprach: »Wen hast Du zum Herrn gesetzt über die Welt? Ahriman eilt, die Erde zu zerbrechen, die Bäume zu beschädigen, sie auszutrocknen mit einem brennenden Wasser; ist das der Mensch, von dem Du sagtest: »Ich will ihn bilden, daß er sich wahre vorm Bösen«?« Ormuzd antwortete: »Der Stier ist erkrankt, o Goschorun, vom Bösen, das ihm Ahriman zufügte; den Menschen aber will ich einer Erde aufbewahren, auf der Ahriman ihm nichts anhaben soll«.« Erzählen Sie uns, liebster ..., von dieser neuen, der Gewaltthätigkeit entrissenen Erde ein schönes persisches Märchen; denn in der Geschichte sehen wir sie leider noch nicht.   An Herrn Professor Müller in Schaffhausen. »Wie kommt's,« werden Sie fragen, geliebter Freund, »daß nicht nur Menschen, sondern ganze Völker und Zeiten, insonderheit im Alterthum, ihre sehnlichsten Hoffnungen und Wünsche so fest an eine Zeitbestimmung knüpften?« Die Frage beantwortet unser Aller Herz und tägliche Erfahrung. In den ungewissesten Dingen suchen wir Sicherheit, und wo diese uns die Natur versagt, schaffen wir sie uns in der Einbildung; wir knüpfen sie an Zeichen, Zeiten, Feste, Zahlen und tragen diese, weil sie das Gewisseste, ein ewiger Kreislauf der Natur sind, auch dahin über, wo Menschen sich selbst ihr verworrenes Gewebe bereiten. Auch der Menschheit, denken wir, wird die Vorsehung Feste des Frühlings schaffen, nach Stürmen und Winter ein neues Jahr mit neuen Paradiesen bereiten. Oft trägt diese Hoffnung dazu bei, daß Menschen selbst Hand anlegen und das vorbereiten, was sie hoffen und wünschen; so regiert der Alte der Tage selbst durch den Wahn der Menschen die Welt. Würden manche Dinge zu unsrer Zeit wol so rasch vollbracht sein, wenn man sich nicht immer wiederholte, daß man am Ende eines Jahrhunderts lebe und fernerhin nicht säumen dürfe? noch vor Ablauf dessen müsse Alles vollbracht sein? Und was erwarten Millionen Menschen nicht von der Jahrzahl 1800? »Da wird eine neue Welt anbrechen! da wird Alles verjüngt sein!« Der Himmel gebe! Wenn Herodot uns nach seiner Art naiv erzählt, daß die Aegypter zuerst die Meinung von der Unsterblichkeit der Seele eingeführt, II, 123.   D. »wenn der Leib verderbe, wandere sie in ein anderes Thier, das eben geboren wird, und nachdem sie durch allerlei Thierarten auf dem Lande, im Meer und in der Luft umhergezogen, solle sie wieder in den Leib eines Menschen, der eben geboren wird, einziehen«, so setzt er ebenso naiv hinzu: »diese Umwanderung werde in dreitausend Jahren vollendet«. Die Seelenunsterblichkeit der Aegypter gründete sich also auf eine Wiederkunft aller Dinge in ihren vorigen Zustand, mithin auf einen astronomischen Zeitencyklus. Die Meinung der Perser hierüber ging eben des Weges. Wenn man ihnen den Glauben an eine Auferstehung der Leiber nach jüdischer Weise beimißt und sie gar zu Urhebern dieses Glaubens macht, widerspricht man ihrem Cultus. Sie begruben die Todten nicht, sie bewahrten sie nicht auf nach ägyptischer Weise; vielmehr sahen sie es gern, daß die ausgestellten Leichname bald in ihre Elemente zurückgingen und in ein Lebendiges wanderten. Als Zoroaster dem Ormuzd die Zweifel über die Möglichkeit einer Wiederauflebung der Todten vorlegte, da ihre Körper verwest und in der Welt umher zerstreut seien, antwortete dieser nicht anders, als daß der Mächtige, der Alles geschaffen, auch Alles neu schaffen, d. i. wiederherstellen könne. Die persische Auferstehung war also eine erneute erste Schöpfung, eine Wiederbelebung , die auch von einem großen Zeitencyklus abhing. Dreitausend Jahre hatte das Gute in der Welt allein regiert, dreitausend Jahre mit Bösem gemischt; dreitausend Jahre sollte Ahriman herrschen, die folgenden dreitausend durch den tapfern Streit der Guten immer mehr entkräftet werden, bis nach Verlauf dieser zwölftausend Jahre der jetzigen Weltdauer eine neue, völlig reine Zeit begönne, die Wiederherstellung aller Dinge in ihren ersten Zustand, mit ihr die Wiederbelebung der Todten und eine Herrschaft des Guten in vollem Glanze. Die Juden, die von den Persern unverkennbar viele Bilder über diese Palingenesie der Dinge haben (nur daß sie sie dem Wiederaufstehen ihrer Begrabenen, die bei den Vätern schliefen, und deren Schatte im Todtenreich war, anwandten), wählten in ihrer Zeitrechnungsweise einen dergleichen Cyklus. Da, wie bei den Persern von sechs Zeiten, bei ihnen Alles von sieben ausging, indem sechs Tage der Mühe sich mit einem Sabbath schlossen, so war auch das siebente Jahrtausend der Welt ihr großer Sabbath, dem die Auferstehung vorherging, und der das Paradies wieder herstellte. Selbst in den Zeiten der Mühe und Trübsal konnte Daniel seine duldenden Landsleute nicht anders als in diesem gewohnten Zeitmaß trösten. Siebzig sieben seien bestimmt, dann werde Alles erneuert und anders werden; eben im letzten Sieben , in der Zeit der größten Noth und Drangsal, sei die traurigste Verwüstung ein Zeichen der kommenden Hilfe, des nahen Reichs, der fröhlichen Wiederbelebung. In der trübseligsten Zeit werde sich der Schutzgeist seines Volks aufmachen, es retten; aufwachen werden die Schlafenden, die Rechtschaffenen zum Lohn, die Bösen zur Schmach und Schande. Aechte Freunde ihres Volks, die Andere zur Rechtschaffenheit geleitet, würden dann herrschende Genien sein, lichte Sterne. Wie einfach ist diese tröstende Berechnung, wenn man sie selbst ansieht und die Verwirrungen vergißt, die man hineingebracht, hineingezwungen hat! Der persische Calcül der Dinge ist auf den jüdischen zurückgeführt, nationalhoffend, stärkend, tröstend. Da die Perser keine großen Astronomen gewesen zu sein scheinen, indem sie, wie aus Mehrerem erhellt, den Typus einer fremden Nation sich nur aneigneten, so berechneten sie auch den Cyklus der Wiederkunft der Dinge sehr einfach. Ihr Himmel war in 28 Quartiere ( Keschvars ) getheilt; das ganze Heer der Sterne (denn jedes Volk bringt seine Ideen an den Himmel) schien ihnen eine gerüstete Schlachtordnung. Vier Sterne bewachten das glänzende Heerlager: Taschter , der große Hund (dem Namen nach ihnen der Urstern ), bewachte den Ost; Satevis , das Stierauge ( Schetvi ). den West, Venand , der Fuß des Orion (ein Wächter), den Mittag, Haftorang (Haphtaureng) , der kleine Bär. den Norden. Meschgah , das Mittelgestirn (die Zwillinge), stand in der Mitte des Heeres und kam im Streit andern, insonderheit dem Süd, wo mindere Sterne glänzten, zu Hilfe. Jedem dieser Sterne war die Hut eines Irrsterns, die sie für schädliche Genien hielten, anvertraut; dem Taschter die Hut des Mercur's ( Tir ), dem Haftorang des Planeten Mars ( Behram ), dem Venand des Jupiter's ( Anhuma ), dem Satevis die Hut der Venus ( Anahid ), dem großen Mittelstern des Saturn ( Kevan ). Die Kometen (Haar- oder Spießsterne) waren unter der Hut der Sonne, des Mondes und aller Gestirne; jene band sie und hielt sie in Grenzen, daß sie nicht schadeten. Das ganze himmlische Heer drehte sich ihnen um ihren Albordj , den Stamm und die Wurzel aller Erdgebirge, bewachend ihr Kunnerets , Persien, den Nabel, d. i. das Mittelland der Erde, mit seinen Bergen, Thälern, Früchten, Bäumen, Metallen, Paradiesen, Menschen. Taschter, das Haupt der Sterne ( Sirius ), ward mit der Sonne vor allen Gestirnen angerufen, als der nicht nur bei der Schöpfung der Thiere und Menschen geleuchtet, sondern auch einst, als die Erde mit Ungeziefer (Kharfesters) überdeckt war, dreißig Tage und Nächte geregnet und sie gesäubert habe. Er zieht lebendiges Wasser herauf und gießt es nieder, läßt Quellen fließen und befruchtet alle Geschöpfe. Beim Ausgange der Dinge wird er leuchten, den Bösen schlagen; dann bricht die neue Zeit an. Wer erkennt hierin nicht das große ägyptische Sternenjahr, die Canicularperiode? Mit dem sichtbaren Aufgange des Sirius ( Thoth ) fingen die Aegypter ihr Jahr an; er brachte ihnen die befruchtende Ueberschwemmung ihres Landes; dreitausend Sonnenjahre waren den Aegyptern ihr großer Cyklus der Einschaltungen, der ein siderisches Jahr beschloß, und wodurch Alles in vorigen Stand kam; er hieß ihnen die Periode des Hundsterns ( Thoth, Sothis ). Da nun nicht erweislich ist, daß die Perser diese Einschaltungsperiode in ihrer Zeitrechnung angewandt haben, indem ihr Jahr bis zu Yezdegerd's Zeiten ein unstätes Jahr blieb, so erhellt, daß dieser Cyklus der großen Palingenesie der Dinge, den der Stern Taschter herbeiführen sollte, ihnen ein fremder Begriff war, der ursprünglich in ihren Jahreslauf, der vom Widder, nicht im ägyptischen Zeichen des Krebses begann, nicht gehörte; und Herodot behält Recht, daß die Aegypter die Wiederkunft der Seelen nach Ausgang der Siriusperiode national und local erfunden haben. Die Perser indessen wandten den ihrer Jahresrechnung fremden Begriff an; daher nicht nur die vier Abschnitte von dreitausend Jahren, in welche sie die Zeit der Weltdauer unter dem Streit Ormuzd' und Ahriman's eintheilten, sondern auch der Sinn eines symbolischen Gebrauchs, den wir in seiner rohen Gestalt bereits bemerkten. Oben S. 547 f.   D. Es war nämlich der Gebrauch, daß ein Hund den Sterbenden anblicken mußte, Sagdid (der Hund sieht). Alt konnte der Gebrauch sein, in der Veranlassung, die ich angeführt; wahrscheinlich ward aber späterhin damit die symbolische Bedeutung verknüpft, daß, wenn der Stern-Feruer dieses Thiers einst die Welt anblicke, der große Tag der Wiederbelebung erscheinen werde. Aus Allem aber zeigt sich, daß das ganze Poem vom Streit Ahriman's mit Ormuzd nach getheilten Weltepochen eine später hinzugekommene, den alten Jahreskalender moralisirende Dichtung sei, die ihm nicht nur fremd ist, sondern, genaugenommen, widerspricht; denn durchs ganze Jahr hin sind gute Genien kalendermäßig wirkend und herrschend. Eine Periode, in der er vor Schöpfung der Welt, eine andre, worin er zu Anfange der Schöpfung allein und rein geherrscht habe, eine letzte, worin er wiederum allein herrschen werde, ist eine dem Kalender der Schöpfung, wie sie wirklich ist, hinzugefügte Vor- und Nachdichtung, sowie über sie selbst ein moralisches Uebergespinnst. Dies zeigen mehrere den Beginn des ersten und den Ausgang des letzten Weltäons einleitende Umstände augenscheinlich. Der Ormuzd, der verschlungen in Glanz wohnt, die sieben Amschaspands, die um seinen Thron stehen, das Reich der Seelen, die er in Vorrath schafft, damit er nachher ruhe, sein personificirtes Wort, das in seinem Namen wirkt, das ewige Lobpreisen der Genien und Seelen vor dem Schahinschah, dem Himmels-Monarchen u. s. w., wie verschieden ist Alles von der Welt, die uns das wirkende Jahr zeigt! Ormuzd ist in ihm selbst der oberste Hilfsgeist; Amschaspands, Izeds, Hamkars, die Genien der Wesen, sind alle an einem Werk, in ihrem Wirkungskreise sowie an Macht nach Jahreszeit und Tagen allein verschieden. Alle stehen einander bei; Keines kann ohne das Andere wirken. Auch die Feruers der Abgeschiedenen sind dem Rufenden gegenwärtig: sie kommen, sie helfen. Die Umstände der letzten Wiederbelebung zeigen eine späte, dem alten Volksglauben hinzugekommene Dichtung. Zwei Söhne Zoroaster's werden erscheinen, und der letzte, Sosiosch , die Wiederbelebung wirken; nach dem Typus der alten Weltgeschichte, in gewissen Ordnungen wird sie geschehen; die Natur der Dinge wird verändert; unsere Schöpfung hört auf; Ahriman selbst legt seine Natur ab; Alles wird verschlungen ins Unanschaubare. Eine wie späte Zeit zeigen diese Ueberspannungen an, die ins Blaue des Himmels, ins Unermeßliche malen! wie verschieden sind sie von den einfachen Ideen des altmedisch-persischen Cultus sichtbarer Naturwesen zu Erweckung eines freudigen Wirkens unter ihrem segnenden Schutz mit ihnen selber! Das Gespräch Ormuzd' mit der abgeschiedenen Seele, so erhaben es sein mag, so jung ist es. Wenn ich in unsern neuen Büchern, die an fünf Zipfeln Alles zu halten glauben, von einer Philosophie Zoroaster 's nach diesen verwirrten Begriffen alter und neuer Zeiten lese, ich gestehe, so weiß ich nicht, was ich lese, und verüble es den Gegnern des Zend-Avesta nicht, daß sie dies Alles für einen von den Zeiten zusammengetriebenen poetischen Schwulst erklären. Das aber dauert mich, daß man bei dieser schwärmenden Vermischung die Unterlage verkennt, die uns so einfach und klar in der Natur wie in diesen Büchern vorliegt. »Die Lehre Zoroaster's,« heißt es z. B., Buhle 's »Lehrbuch der Geschichte der Philosophie und einer kritischen Literatur derselben«. Göttingen, Th. 1. S. 74.   H. »wie sie sich aus dem Zend-Avesta vornehmlich entwickeln läßt, war diese: (Was ist dem kritischen Verfasser der Zend-Avesta ?) Es waren von Ewigkeit her zwei Wesen vorhanden, Ormuzd und Ahriman, die Principien aller Dinge.« Der Zend-Avesta , d. i. das lebendige Wort des persischen Cultus, ist auf diese Metaphysik nicht gebaut. Die Meder grübelten weder über die Ewigkeit noch über die Principien aller Dinge. Der Name Ormuzd selbst ist dem Zend fremde. Sie kannten blos Licht und Dunkel, Tag und Nacht , den natürlichen Grund der Jahreseintheilung. »Die Natur des Ormuzd besteht im reinsten unendlichen Lichte. Er selbst ist das Weiseste, das Beste, das Vollkommenste. Er wollte nur das Gute, und er ist auch nur des Guten Schöpfer.« Die alte Perserreligion lehrte Rechtschaffenheit, Reinheit, Fleiß. Wahrheit; die Pflichten hierüber kleidete sie in Bilder des Lichts als einer Tagesordnung ein. Die Metaphysik hierüber ist späteren, Ungewissen Ursprungs, dem Geiste alter roher Bergvölker ganz fremde. »Die Natur des Ahriman war auch eine Lichtnatur , und er war gut. Aber er beneidete das Licht des Ormuzd und verfinsterte darüber sein Licht.« Wie kann eine Lichtnatur das Licht beneiden? beneiden und dennoch gut sein? gut sein und Ahriman, d. i. Beflecker des Lichts heißen? wie kann eine Lichtnatur sich selbst verfinstern? Der alte Persercultus weiß von dem Allen nichts. Er kennt Ahriman blos als die Nacht, die den Tag verfolgt. »Ahriman wurde böse, ein Feind des Ormuzd, der Schöpfer alles Nebels und aller bösen Wesen, die er hervorbrachte, um mit ihnen den Ormuzd zu bestreiten. Dualismus .« Kein anderer Dualismus, als den uns die Natur mit Nacht und Tag giebt. Die Nacht verfolgt den Tag, wie der Tag die Nacht verfolgt. Die Geschöpfe des Tags, die Geschöpfe der Nacht sind Ausbildungen einer täglichen Erfahrung nach ökonomisch-physischer oder moralischer, nicht metaphysischer Ansicht. »Die Schöpfung wurde also durch Ormuzd und Ahriman bewirkt, aber in verschiedenen Epochen, in welchen verschiedene Gattungen der Wesen ins Dasein gerufen wurden.« Auch nach der spätern Dichtung ward die Schöpfung durch Ahriman nicht bewirkt; er befleckte sie, weil der Schatte das Licht schwärzt. Die Epochen, in welchen die verschiedenen Wesen ins Dasein gerufen wurden, heißen der Jahreslauf (die sechs Zeiten), in welchen sie fortwährend noch ans Licht treten. »Ormuzd schuf durch sein lebendiges Wort, d. i. durch die Kraft seines Willens, die Welt der guten Geister.« Eine besondere Welt der guten Geister kennt das alte lebendige Wort nicht. Dies lebendige Wort ging vom Cultus selbst aus, dem man in Gebeten, Anrufungen, Ermunterungen an sich selbst eine lebendige Kraft auf sich und die gesammte Schöpfung zutraute. Und da es das lebendige Wort Ormuzd' hieß, da dieser oberste Genius als der Schöpfung Haupt und als ihr erster Wirker betrachtet wurde, so legte man ihm selbst ein solches lebendiges Wort, d. i. einen reinen Willen voll Thatkraft bei. Wie alle Izeds Izeschne bringen, d. i. einander und der ganzen Schöpfung Glückwünschen, so spricht Ormuzd sein Wort, d. i. er wirkt, wie wir wirken sollen. Die Idee stieg nicht metaphysisch hinab, sondern sie steigt hinauf und wird generalisirt. »Ormuzd schuf zuerst sechs unsterbliche Genien oder Götter, die am Fuß seines Throns dienen.« Das that Ormuzd ursprünglich nicht; sie dienen auch nicht am Fuß seines Thrones, sondern wirken in der Schöpfung, wie er wirkt, er, der Erste unter ihnen. Götter sind sie nicht, sondern wirkende Naturkräfte, nach dem Zeitenwechsel und nach Regionen der Schöpfung symbolisirt. »Dann schuf er 28 Genien niedern Ranges (Izeds), die Regenten der Monate und Tage.« Dies ist nicht ihre Abzeichnung, da Ormuzd und die Amschaspands wie sie Monate und Tage regieren. Jene sechs waren die großen Genien der Natur, weil nach Raum und Zeit bei den Persern in Sechs Alles getheilt war; nach Monaten und Tagen wurden ihnen, damit Alles besetzt wäre, die Izeds und Hamkars zugeordnet. »Endlich schuf er eine unzählbare Menge menschlicher Seelen.« Wann schuf er die? Das Jahr sendet sie herab und nimmt sie weg, fortwährend. Auch nicht menschliche Seelen schafft er; denn alles Belebte der Schöpfung, die Elemente selbst, haben einen Geist, der sie belebt, ihren Feruer. »Ahriman schuf dagegen die Welt der bösen Geister, sechs Erzdews und eine zahllose Schaar geringerer Dews, die jene und den Ahriman selbst begleiten und mit ihm wirken.« Alles ein Gedicht in sehr später Ausbildung. Die ersten Geschöpfe Ahriman's hießen unreine, schädliche, häßliche, Sumpf-, Nachtthiere, Eidechsen, Schlangen, Kröten, Frösche, Skorpionen, wie der Name Div selbst anzeigt, die man ausrotten sollte; von ihnen zog sich der Name weiter. Als er über alles Schädliche der Natur verbreitet war, mußten die sechs Amschaspands auch sechs Dews gegen sich haben; es erforderte solches die Zeiten- und Tagesordnung. »Die guten und bösen Genien sind theils männlichen, theils weiblichen Geschlechts.« Als Genien der Natur sind ihre Geschlechter nach der Classe von Wesen selbst bestimmt, der sie vorstehen. Fünf Amschaspands sind Männer, Helden; die reine Sapandomad , die Erde, eine Jungfrau; Behram , die Feuerkraft der Schöpfung, ein Mann; das Wasser, die Quelle Arduisur , eine Jungfrau. Die Zeiteintheilungen des Tags ( Gahs ) Aufseherinnen des Hauswesens und der täglichen Geschäfte; die Zeiteintheilungen des Jahrs ( Gahanbars ) als Vertheiler der Naturschätze, Männer. So ferner. »Der Wohnsitz des Guten ist im Licht.« In keinem andern, als was unter unserm Himmel von Sonne, Mond und Sternen herableuchtet. »Das Reich des Ahriman ist ein Reich der Finsterniß«, gegen welches aber auch in der dunkeln Nacht (denn daher ist die Idee entstanden) das Heer der leuchtenden Sterne streitet. »Ormuzd herrschte in seinem Geisterreich allein dreitausend Jahre« u. s. w. Nach persischen Begriffen existirt kein Geisterreich ohne Körper, eben weil Alles in der Natur in einem großen geistigen Zusammenhange belebt ist und lebt. »Nach vollendeter Arbeit feierte Ormuzd mit den guten Geistern das erste Fest der Schöpfung.« Wenn dies Feiern die jüdische Idee vom Sabbath mit sich führen soll, ist sie dem persischen Cultus zuwider. Das ganze Jahr ist ein Schöpfungsfest Ormuzd' mit seinen sechs segensreichen Jahreszeiten, weil fortgehend sich die Schöpfung erneut. Ormuzd mit seinen Geistern feiert dies ewige Fest wirkend. Ich mag die viermal dreitausend Jahre der Weltdauer nicht abermals durchgehen; wenn aber gesagt wird: »daß dies Zeitmaß, wie aus dem Bundehesch erhelle, von den zwölf Zeichen des Thierkreises entlehnt sei, durch deren jedes ein Jahrtausend regiert werde«, so ist dies selbst der späten Compilation Bundehesch entgegen. Am Ende derselben (ein Zeichen der späten Einführung dieses fremden Calcüls) sieht man nach den ersten sechstausend Jahren, für welche man keinen Calcül wußte, die Jahrtausende der fremden ägyptischen Canicularperiode mit dem Zeichen des Krebses anfangen, mit der Wage fortfahren u. s. w., die dann der späte Compilator mit der altpersischen Geschichte zu vereinigen bemüht ist, d'Anquétil aber sich, wie mehrmals, mit seinen Einschaltungen sehr unverständig zeigt. Es war und bleibt eine angefügte fremde, ja gar widersprechende Zeitrechnung; denn keine zwölf Zeichen des Thierkreises regieren das persische Jahr; daraus ist es nicht geordnet. Vier Wächtersterne stehen am Himmel zur Hut des himmlischen Heers, nach den vier Weltseiten geordnet, und jeder regiert dreitausend Jahr, bis Taschter wiederkehrt und den ersten Zeitenlauf bringt. Selbst da der Thierkreis den Persern bekannt war und namentlich genannt wird, ward das Jahr von ihnen in sechs Gahs geordnet. »Da aber die Zoroastrischen Bücher, in welchen die Lehren hierüber enthalten waren, verloren sind, so läßt sich der astronomische Cyklus, der jenes Zeitmaß veranlaßte, nicht weiter aufklären.« Zoroastrische Bücher, in welchen dennoch jene Lehren enthalten waren ? Ein astrologischer Cyklus, der jenen Ormuzd im Urlicht, jene um seinen Thron dienenden Amschaspands veranlaßte ? Und die behauptende Negative: » er läßt sich nicht weiter aufklären«? Aufklären läßt sich, was aufgeklärt werden kann, nicht aber ein im Licht verschlungener Ormuzd. Der nicht astrologische Cyklus, der den Persern die zwölftausendjährige Hoffnungsperiode eingab, liegt offen zu Tage. »Ueber den Grund der bestimmten Zahl der sieben Amschaspands und Erzdews und ihre Bedeutung sind die Meinungen auch streitig.« Nur der Unverständigen Meinungen können hierüber streitig sein: denn schon Herodot I. 131.   D. sagt, und zwar wissend : »Sie haben den Gebrauch, auf die höchsten Berge zu steigen und zu opfern, und nennen den ganzen Umkreis des Himmels Jupiter. Sie opfern der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser, den Winden.« Da stehen die sieben großen Naturgeister. Möge er sie nach griechischer Art nennen und ordnen; gnug, es sind die sieben richtig gezählten Amschaspands. Nach Hyde und d'Anquétil , dünkt mich, ließe sich der Grund der sechs Zeiten- und Naturfürsten mit ihrem Vorsteher endlich doch begreifen. »Die wahrscheinlichste Bedeutung ist, daß die Haupteigenschaften des Ormuzd , Güte, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Weisheit, Fülle, Seligkeit (Ormuzd und seine sechs Amschaspands verzeihen mir, ich schlafe) und im Gegentheil die Haupteigenschaften des Ahriman , Bosheit, Lügenhaftigkeit, Ungerechtigkeit, Thorheit, Mangel und Elend personificirt sind. (Ich schlafe.) Zu den sechs personificirten Haupteigenschaften wurden Ormuzd selbst und Ahriman selbst mitgezählt.« (Lassen Sie Sich also, mein Freund, zu Ihren personificirten Haupteigenschaften als Amschaspands, die um Ihren Thron dienen, auch mitzählen !) »Die Zahl Sieben wurde von den Planeten hergenommen.« Hier weckt mich der Unmuth auf. Die Irrsterne wurden bei den Persern als Unglück bringende Dämonen betrachtet und waren der Hut fester wachender Gestirne vertraut; von ihnen schreibt sich kein Ormuzd und Amschaspand her. Soll ich weiter gehen? Solche Lehrbücher heißen Lehrbücher der Geschichte und einer kritischen Literatur derselben; sie werden von ihren Collegen, Amschaspands, Izeds und Hamkars, gelobt und gepriesen. Wie wird die wahre Wissenschaft durch dies Ormuzd-Reich, das auf Kathedern sowol als in allgemeinen Literatur-Zeitungen und Secten »verschlungen in Glanz« strahlt, gehemmt und vergessen! Ich habe Sie und mich ermüdet; lesen Sie meinen folgenden Brief!   An Denselben. Alle Religionen haben das mit einander gemein, daß sie, anfangs auf einfache Grundsätze und Localansichten der Natur gebaut, zu ebenso einfachen Pflichten einer Jahres-, Tages- und Lebensordnung hinweisen. Nachdem ein Volk wohnt, nachdem es gesinnt ist und, wenigstens seinen Cultivatoren nach, auf einer niedrigern oder höhern Stufe der Cultur steht, nachdem wird diese erste Einrichtung, die Grundfäden des künftigen Gewebes, zart oder grob, schlicht oder verworren, viel oder wenig umfassend. Wie sie aber auch sei, kann sie nicht anders als zeit- und ortmäßig erklärt werden, da von ihr Alles ausgeht. Je mehr ein Volk in moralischen Begriffen oder überhaupt in der Cultur steigt, desto mehr werden diese den alten Gebräuchen und Satzungen zwischengewebt; es wird ein feinerer Sinn in sie gelegt; sie werden nach Haupt- oder Nebenbegriffen polirt und excolirt. Hat ein Volk mit andern Völkern Umgang, ist es geneigt, fremde Begriffe aufzunehmen und sich zuzueignen, so werden diese unvermerkt ein reicher Einschlag werden und mit den dadurch erscheinenden Figuren dem alten Gewebe vielleicht eine neue Gestalt geben. Hat das Volk überdem einen geltenden Hof, eine glänzende, gar erobernde Monarchie, macht es einen constituirten und gesetzgebenden Staat aus, so wird auch sein Religionssystem eine Hof- und Staatsform annehmen, wobei die ersten einfachen Fäden, die dennoch Allem zum Grunde liegen, beinah unsichtbar werden. Dauert endlich eine Religionsverfassung so lange, daß sie, ihrem ersten Zweck nach, sich gleichsam selbst überlebt, so kann sie nicht anders als müssig über sich selbst speculiren. Je geist- und schriftreicher die Nation oder die Zunft ihrer Weisen ist, desto feiner werden diese Speculationen gerathen und, mit den Ideen fremder Nationen in Kampf oder Bewegung gesetzt, desto bunter und mächtiger wirken. Dies ist der Geschichtskalender, wie mehrerer großer Völkerreligionen, so auch der Perser. Werden diese Epochen nicht unterschieden, so weiß man kaum, wovon man redet. 1. Die Perserreligion, zwischen Völkern der frühesten Cultur entsprossen, konnte nicht anders als von ihnen borgen, d. i. anderswo ausgedachten Ideen eine sich selbst gemäße Gestalt geben. Dies war die Jahresform, der Kalender, von welchem Volk am Euphrat, Gihon oder Indus er auch genommen sein möge. Nur bildete man ihn chaldäisch, medisch, persisch aus, heftete an ihn nach Monaten und Tagen die ganze Ansicht der Natur in Gesinnungen der Völker, die darnach leben sollten, und in ihrer eigensten Lebensweise. Ein eigner Stamm, sowol in Medien als Persien (Chaldäer, Magier), war zu Handhabung dieser Jahresreligion geordnet; im lebendigen Wort , d. i. in Glückwünschungen, Gebeten, Formeln, Gebräuchen, liegt diese Einrichtung klar vor uns; wir dürfen mit unverrücktem Sinn nur sehen, was da ist, lesen. Die sechsmal zwölf Fäden im Religionsgürtel, wie die in der Zahl wechselnden Sprossen des Feuer schürenden Barsom 's tragen ihre Bedeutung so offen mit sich als die Namen der großen und kleinen Genien, der Monate, Tage, Tageszeiten und Feste. Die brennenden Naphthaquellen in Aderbedschan gaben den Feuerdienst hier so local und einheimisch, als den Aegyptern, Phrygiern, Griechen, Etruskern ihre Religionsgebräuche gegeben werden mochten. Das religiöse Kunnerets (Mittelland der Erde) mit seinem Albordj in allen seinen Zweigen, mit seinen Zarés, Vars, Behescht -Oertern und Keschvars , unter seinem Sternhimmel, mit den Veränderungen seiner Jahres- und Tageszeiten liegt so klar vor uns, daß wir vermögend sind, nicht nur jeden Tag und Monat, sondern jedes Element, beinah jede Natur- und Jahresgabe, jeden Baum, jede Blume, jedes Metall und Geschäft dem Genius anzuweisen, der es beschützt und segnet. Zu diesem Zweck eine Uebersetzung des Bundehesch mit geographisch-physischen Erläuterungen vernünftig gegeben, erweiterte unsere Begriffe, die durch bloße Schwärmereien über den sogenannten Zoroastrischen Lehrbegriff gestaltlos auseinanderfliegen. Nach einer Reihe älterer Schriftsteller haben Lorsbach und Wahl manchen Namen, manche persische Eigenheit glücklich erläutert. Als der Magismus statt eines Königes der Meder dem Persermonarchen, dem Herrn der Welt, diente, mußte seine Religion auch die Hofform und die Constitution seines Reichs annehmen. Daß dies nicht sogleich geschah und in allen Provinzen geschehen konnte, bezeugen die Nachrichten der Griechen aus dieser Periode; daß aber in ihr zum glänzenden Hofstaat Ormuzd' der Grund gelegt wurde, ist aus dem Zend-Avesta klar. Lege man diesen mit Auslassung aller Namen, wem man wolle, vor, er wird sagen: »Dies Religionssystem ist unter einem kriegerischen Bergvolk entsprossen; es hat aber einem glänzenden Hofe gedient.« Sonderbar scheint es, daß nicht nur in Benennung der Regenten der Zend-Avesta gewöhnlich mit Gustasp (Darius Hystaspis) aufhört, sondern auch der prächtigen Cerimonien, des Ormuzd- und Sonnenwagens, der weißen Rosse und Roßopfer nicht erwähnt, die unter den Persermonarchen doch unwidersprechlich im Gebrauch waren. Die Sonderbarkeit aber läßt sich erklären. Wenn Alexander's Eifer gegen den Feuerdienst der Perser Bücher verbrannte und königliche Archive zerstörte, so konnte es zunächst keine andere treffen, als die den damaligen Königscultus seines eroberten Perserreichs feierten; diese herzustellen, lag wol Niemanden am Herzen; denn das Königthum mit seinen Sonnenrossen und Sonnenwagen lag unwiederbringlich darnieder. Was wiederhergestellt wurde, war der alte medische Cultus, der bis an Darius ging; das zeigen die bisher aufgefundenen Reste, die ja nur von einem einzigen Mann außer Persien unter den kärglichsten Umständen zusammengetrieben und nach Europa gebracht sind. Wende Jemand mit d'Anquétil 's Eifer mehreren Aufwand in Persien selbst, in Ispahan, Kirman an, vielleicht wird er noch eine Agende des Königscultus finden. Nach niedergestürztem Reich war diese den Perserpriestern unbrauchbar. Vom Zustande der Parsenreligion unter den Partherkönigen wissen wir wenig; die spätern Nachrichten nennen es einen Zustand des Verfalles, der Neige. Desto mehr mischte sich die Religion der Parsen fortan mit andern Völkern; ja, schon seit Darius' Zuge war sie den Griechen so wunderbar merkwürdig worden. Woher dieses? Nichts ist natürlicher. Die Religion des großen Königes in einem Zuge der Magier mit Beschwörungen aller Elemente (wie es den Griechen vorkam) begangen, war diesem leichtsinnigen Volk etwas sehr Großes. Bald fanden sich also Ostane , d. i. Zend-Avesta-Beter , die auch beschwuren. Magische Geheimnisse, Einweihungen entstanden und gingen nach zertrümmertem und seitdem mit Griechen gemischtem Perserreich trefflich fort; denn was in der Welt könnte mehr reizen als ein Cultus, der alle Elemente in seiner Gewalt hat, der in der Gemeinschaft aller Naturgenien spricht, und in welchem es am ausgesprochenen lebendigen Wort , an Tag und Stunde hängt, zu wem er spreche, durch wen er wirke. Dies ist die sehr natürliche Entstehung des Magismus; sie entstand durch Glauben und Ausübung eines Landkalenders und breitete sich als ein Hofcerimoniale weiter. In die Philosophie der Griechen haben die Ostane mehr gewirkt, als man in unsern akademischen Philosophiekalendern meint. Als die Sassaniden den Parthern das Reich abdrangen, setzten sie, angebliche Nachkommen Zoroaster's, den Magismus auf den Thron. Eine Feuerwache kam auf ihren Münzen bewaffnet neben den Altar, und Zoroaster's Name galt für eine Summe des Cultus, dessen Urheber er doch selbst nach den fortgebräuchlichen Liturgien nicht war. Unter den Sassaniden war eine andere Zeit. Das Christenthum bedrängte die Völker und nöthigte jeden alten Cultus, der nicht untergehen wollte, auf seine Füße zu treten. Jetzt wurden also die alten Parsenbücher gesammelt, revidirt, das Parsenthum blühte; wir wissen aber auch von dieser Zeit viel zu wenig, als daß wir strenge urtheilen könnten, wie es dort und hier beschaffen gewesen. Offenbar paßte der alte Zend-Cultus auf manche Provinzen dieses neuen blühenden Perserreichs wenig, Pehlvische Uebersetzungen halfen also aus; und über Alles müssen wir noch mehrere Parsenschriften erwarten. Die wir haben, sind solche, die sich in den Händen vertriebener Desturs retteten, und die erhalten wurden, wie jene sie brauchen konnten. Die Herrlichkeit der Kheans und Sassaniden war vorüber; was Wunder, daß ihrer in diesen Liturgien wenig oder gar nicht gedacht wird! Unverständig ist aber die Behauptung, daß, weil viele Parsenschriften untergegangen sind, durchaus keine ächten mehr da sein können. Diese sind da, zum Theil Ueberbleibsel aus dem alten Magierdienst in der medischen Zend-, d. i. gottesdienstlichen Sprache. Politisch verfolgt, geht nicht leicht etwas ganz unter, am Wenigsten ein heiliger Dienst, an dem man so eifrig hing, der eine eigene Zunft zu Erhaltern und Rettern hatte und Jahrhunderte lang in den Meinungen einer großen Nation als wunderthätig gegründet war. Es erhielten sich Feueraltäre und haben sich bis jetzt erhalten; erhielt sich aber einer derselben, ein Atesch-Gah, eine Schule der Mobeds, so war das Wesentliche der Parsenreligion durch sich selbst gerettet; denn sie war ein Jahreskalender; wie die Natur selbst und die Jahreszeiten hing sie an einander. Kühn also können wir sagen, daß ohngeachtet der großen Lücken, die wir über das Ritual der Parsen während der Monarchie wahrnehmen, wir doch die Idee der ächten alten Magierreligion haben. Wir hätten sie sogar, wenn wir einige Nosk nicht hätten; denn diese wiederholen sich, obgleich mit manchen neuen Erläuterungen, stets, wie sich ein religiöser Jahreskalender seiner Natur nach immer wiederholt. Also wollen wir nur brauchen, was wir haben, und die Augen aufthun, zu bemerken, was jedes Stück sei, und wohin es gehöre. Es ist ein eitler Wahn, über Sprachen die kritische Fackel schwingen zu wollen, die wir nicht verstehen, von denen wir durch die schnelle, kurze und in Manchem offenbar unzuverlässige Mühe eines Mannes nur wenige unhinreichende Proben haben. Es ist ein noch eitlerer Wahn, zu glauben, daß man etwas Neues gesagt habe, wenn man den Vendidad vor andern Ritualaufsätzen lobt; als Haupt-Agende in der großen Versammlung der Geister ( Vispered ), als ein Leviticus der Magier mußte er vor allen erhalten werden, weil ohne ihn kein Atesch-Gah und keine Desturschule bestehen konnte; deshalb aber verringert er den Werth anderer Aufsätze nicht, und die späte Compilation Bundehesch ist lehrreicher, als viele Gebetbücher sein würden. Der eitelste Wahn endlich wäre es, wenn man auf metaphysischen Deutungen der grenzenlosen Zeit, des Urlichts, der Urfinsterniß, als zwei wesentlichen Principien, schwärmerisch umherschweifen wollte; dem Geist der Zeiten, der Gegenden, der Völker und der gesunden Vernunft selbst sind sie durchaus fremde. »Aber Zoroaster, der große Gesetzgeber und Weise, der erhabene Philosoph, der gottgesandte Prophet, den schon Plato verehrt!« Es ist wol nichts Besseres, lieber Freund, als daß wir uns an diese Glanzgestalt, den Goldstern (denn das heißt Zoroaster ) selbst wendeten und ihn durch seine eigne Kraft beschwüren. Er hat in neueren Zeiten so viel Federn in Bewegung gesetzt, daß es seinem Feruer, auch seiner Mutter Dogdo, seinen drei Weibern und Söhnen durchaus nicht gleichgiltig sein kann, was man von ihm denke. Also   An Zoroaster. »Erscheine, Goldstern, Gesetzgeber Persiens, Philosoph, weiser, glorreicher Zoroaster, erscheine!« Er erscheint nicht. Entweder müssen ihn diese Namen nicht rufen, oder das Erscheinen ist seine Sache nicht. Wir geben also die magischen Cerimonien auf und bleiben bei den Zeugnissen oder vielmehr bei dem Gerücht über seine Person und Schriften. * 1. Vor Allem sondern wir dabei Altes, Neues und das Neueste, dazu Einheimisches und Fremdes. Hört man alle Stimmen durch einander, ohne zu prüfen, woher jede kommt, was sie denn eigentlich sagt und sagen konnte , so irrt man in einem Zauberwalde umher, in dem man sich zuletzt verliert. D'Anquétil hat dieser ganzen Untersuchung Schaden gethan, daß er seinem sogenannten Leben Zoroaster's eine sehr späte Epopöe, den Zerduscht-Nameh , fast zum Grunde legte. Möge sie im Jahr Christi 1276 aus dem Pehlvischen übersetzt sein und sich, wie es wol nicht anders sein kann, auf ältere Traditionen gründen: Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 6, Anm. 1.   H. es ist ein Gedicht in persischen Versen, keine Geschichte. Mohammed gleich, ja, über Mohammed hinaus stellt es Zoroaster als einen vom Himmel gesandten Propheten, Gesetzbringer, Wunderthäter in alle dem Glanz vor, in dem man seit dieses Propheten Zeit, ja vor derselben berühmte Männer zu sehen gewohnt war; ein fremder Glanz, der in die Denkart des Meder- und Perserreichs, am Wenigsten in Gustasp's Zeiten gehört. Wo also bei d'Anquétil Zerduscht-Nameh am Rande steht, muß es unvergessen bleiben, daß das Angeführte aus einem persischen jungen Gedicht, einer eigentlichen Lobschrift Zoroaster's, sei. * 2. Auch in den Büchern, die d'Anquétil als Religionsbücher der Parsen nach Europa gebracht hat, erscheint Zoroaster bei Weitem nicht allenthalben in gleichem Glanz. Am Einfachsten tritt er im eigentlichen Vendidad auf, in welchem er Ormuzd fragt, Ormuzd ihn belehrt. Zend-Avesta, Th. 1. Abth. 2. S. 262.   H. Er befragt ihn über die verschiedenen Segensorte Iran's, über die Gesetzgeber alter Zeiten, sodann über Verbrechen und Strafen, über Unreinigkeiten, Reinigungen u. s. w. Ohne Vermischung mit den Ideen anderer Bücher geben diese Fargards das einfachste Bild von ihm, nach welchem er weder Enthusiast und Weissager noch Gesetzgeber und Wunderthäter, sondern Ordner der Religionsgebräuche war. Sein Zweck ist offenbar, alte rohe oder unreine Sitten, z. B. das Auslegen der Todten, daß sie von Vögeln und Thieren verzehrt werden, Unreinigkeiten am Körper, in Häusern, Speisen, Geschäften wegzuschaffen und durch Religionsgebräuche der damaligen Zeit nach bessere Sitten zu bilden. Diese Vorschriften kleidet er in den bescheidenen Namen »Konsultationen Ormuzd«. Sie sind für sein Vaterland Iran, besonders für seine Geburtsstadt Urmi geschrieben, der er sie am Ende empfiehlt, da in ihr bekanntermaßen ein Hauptinstitut der Magier war. Es tragen also diese Consultationen ihren Zweck sowie das Gepräge der damaligen Sitten und geringen Geistescultur mit sich; wer in ihnen hohe Weisheitssprüche oder etwas noch Höheres sucht, gebe sich selbst die Schuld. Wie der Mosaische Leviticus , gehen sie oft in ein für uns kleinfügiges Detail und sind in manchem positiven Aberglauben ein wahres Joch, welches eben ihr Alter beurkundet und die Geistesstufe damaliger Zeit und Gegend erprobt. Sapetman (denn dieser war Zoroaster's Familienname) erscheint in ihnen als Anordner gesellschaftlicher Sitten durch Religionsgebräuche, als Consultor. * 3. In ungleich höherem Glanz zeigen ihn die Liturgien , selbst das Vispered , die ιερη συναγωγη παντων. Nicht nur sind seine Gebräuche in ihnen schon festgestellt, sondern man bekennt sich eigentlich zu ihnen in mehreren Anfängen der Liturgie als Zoroaster's Schüler. Dieser wird als Institutor, nicht etwa nur der Magier allein, sondern aller Provinzen und Stände in ihren Pflichten bezeichnet; sein Feruer wird angerufen; sein Ansehen stellt das Gesetz fest. Die höchsten Lobsprüche werden an ihn gewendet; sein Geschlecht sogar, Vorfahren, Mutter, Weib, Kinder sind bereits canonisirt. Sonnenklare Anzeigen, daß diese Liturgien lange nach seinem Tode (wie wir sehen werden, unter den Sassaniden) abgefaßt sind, da in ihnen Zoroaster als Haupt und Stifter der Parsenreligion, als religiöser Gesetzgeber und Einrichter Persiens, als Goldstern strahlt. * 4. Wann lebte jener medische Sapetman , der den Namen Zoroaster erhielt? Nicht nur die einstimmige Tradition der Morgenländer, sondern auch die Anrufungen (Jeschts) des Zend-Avesta bringen ihn mit einem Könige Gustasp zusammen, dessen Seele mit der seinigen oft zugleich, zugleich auch mit seinem (Gustasp's) ganzem Geschlecht, mit neunundzwanzig Söhnen, Bruder, Minister u. s. w. als Schüler, Ausrichter und Bewerksteller des Zoroastrischen Gesetzes angerufen wird. Daß diese Anrufungen aus den Zeiten der Sassaniden seien, ist kaum zu bezweifeln; es sind also zwar späte Zeugen, die nächsten indeß, die wir haben. * 5. Wer war dieser Gustasp ? Kein Zweifel, daß es nach der Meinung der Morgenländer der Monarch sein sollte, den wir Hystaspes So bezeichnet Herder den Darius selbst.   D. nennen, in ihrem Königsverzeichnisse der fünfte Khean. Die neuere Hypothese, die den in den Liturgien als Einrichter des persischen Cultus angenommenen Zoroaster unter einen medischen Ke-Aksar ( Kyaxares ) zurückwirft, beruht auf keinem Grunde und widerspricht der gesammten Geschichttradition der Parsen. Gustasp heißt ein Behorcher des Rosses ; der Name gründet sich auf die aus Herodot III. 85-87.   D. bekannte Geschichte, wie Hystaspes zum Thron gelangte. Noch die späte Epopöe Zoroaster's, Zerduscht-Nameh , die ihn als einen Wunderthäter vorstellt, bleibt jenem Namen treu; das Wunder, das der Ueberbringer des neuen Gesetzes vorm Könige thut, geschieht im Stalle, an seinem Pferde. Auch das Andere, das von diesem Gustasp erzählt wird, morgenländisch ausgeschmückt und fabulirt, selbst sein unglücklicher Zug gegen Turan paßt auf Hystaspes, wie nämlich spät erfundene, zusammengereihte Märchen passen können ; wir hören fernher eine Glocke läuten. * 6. Nach den Berichten der Griechen von Darius Hystaspes ist eine Reform der Magier unter ihm gerade an Stell' und Ort. Hatten diese sich durch Smerdis des Throns bemächtigt und wollten ihn entweder nach Kambyses' Furcht auf die Meder zurückbringen oder gar eine Magierregierung einführen, so nahmen die Perserfürsten aus Dschemschid's Familie, die Achämeniden, dies hoch auf. Smerdis, die medischen Magier in Persis wurden ermordet und sogar ein Triumphfest, die Magophonie, gefeiert. Natürlich führte dies zu einer Einschränkung und Regulirung der ganzen Stammeszunft, die auch schon dadurch vermuthlich wird, daß eben dieser Hystaspes es war, der das ganze Land, Satrapien, Abgaben, Vermessungen, Posten, Stände eingerichtet. Sollte die große, wirksame, ihm gefährliche Zunft der Magier seinem ordnenden Geiste entgangen sein? Er ordnete Meder und Perser zu Genossen eines Reichs, also auch die Stämme der Magier in Medien und Persis, die natürlich wie die Völker selbst vorher in Manchem nicht übereinstimmend sein mochten. Wenn er also auch die Liturgien in Zend und Pehlvi einstimmig machte und dazu einen geschickten, nach Ort und Zeit gelehrten, vorzüglich aber weisen und sittlichen Mann gebrauchte, so wurde dieser, weshalb ihn die Nachwelt vergötterte, zwar nicht ein eigentlicher Gesetzgeber (welches sich unter einem Monarchen, wie Darius war, gar nicht denken läßt), aber ein Gesetzstifter , d. i. ein Aufheller des alten Magismus, ein Ordner der Sitten durch Regeln der Reinigkeit und strengere Religionsgebräuche nach der jetzigen politischen Beschaffenheit des großen Reichs. Durch die Vereinigung vieler, auch ausländischer Völker hatte dies Cultur gewonnen oder sollte sie fortan gewinnen. Wie Persepolis als das Haupt eines neuen Reichs errichtet ward, mußte auch eine Landesreligion errichtet und dazu der alte Meder- und Persercultus polirt werden. Märchen und Fabeln hinweggethan, war offenbar dies das Geschäft Zoroaster's, dessen Verdienst die späteren Zeiten so hoch preisen. Er war Destur des künftig geltenden Religionsgesetzes, von Königs wegen Institutor des Landes. Vgl. Herder's Werke, XI. S. 47 f.   D. * 7. Mich dünkt, hiemit verschwinden auf einmal alle Schwierigkeiten, die man sich über seine Person machte. Wenn Herodot seinen Namen nicht nennt, so kann dies Schweigen dem Destur Sapetman sein Dasein nicht rauben; denn Herodot unterscheidet ausdrücklich, was er von den Magiern wisse und nicht gewiß wisse; um ihre innere Einrichtung ist er unbekümmert. Zoroaster brachte keine neue Religion auf (wie war dies möglich?), sondern wandte nach jetzigen Reichs- und Zeitumständen die uralte Magierreligion zu mehrerer Cultur der Sitten in einem monarchischen Staat an, der mit so viel fremden Völkern in Verbindung gekommen war und auch in Religionsbegriffen reinere Gebräuche haben mußte. Daher, daß Zoroaster sich fort und fort auf das alte Gesetz Dschemschid 's bezieht, das Stände eintheilt, die Urbarmachung des Landes, Reinheit, Fleiß und Ordnung in allen Geschäften zur Pflicht macht. Dies Gesetz sollte und wollte er wieder herstellen; denn jetzt herrschten die Meder nicht mehr: es herrschte Dschemschid's Geschlecht , ein Achämenide . Eben daß er den Dschemschid hervorrief, an diesen Alles band und seine Religion nur als Wiederherstellung jener alten Einrichtung der Dinge angesehen wissen wollte, zeigt, daß er unter einem Achämeniden lebte. Furchtsam ging er aus Medien aus und wagte sich mit seinem Entwurf zur Verbesserung, den Consultationen Ormuzd', an den Hof des Abkömmlinges Dschemschid's, des Achämeniden. 8. Hiemit stimmen die Nachrichten sogar der späteren Griechen überein, die dem Darius Hystaspes eine Reform des Magismus, die Einführung eines einstimmigen Cultus in den medischen sowol als persischen Provinzen zuschreiben, ja auf dem Grabmale selbst das Lob eines Lehrers der Magier beilegen. Οτι μαγιχών γένοιτο όιόάσχαλος. Porphyr . De abstin ., IV.   H. O, daß sich der Schrift und Sache wegen diese Grabschrift fände! Nicht unter einen Mederkönig, wohl aber unter einen geschäftigen, ordnenden Achämeniden gehört's, daß seines Urvaters altes Gesetz, neu polirt, das allgemeine Religionsgesetz seines Landes, er also auch hierin ein zweiter Dschemschid würde. Was unter diesem Hom gewesen war, ward unter jenem Gustasp Sapetman Zoroaster , wie die Vergleichungen den ganzen Zend-Avesta hindurch rühmend sagen. Sich selbst wollte fortan Darius, der ordnende König, als das Haupt, seine Söhne als Glieder des Ordens der Magier angesehen wissen; denn ihr Urvater hatte durch Einrichtung dieses Stammes Reich und Land, Stände und Zeiten, ja durch diese die ganze Natur geordnet. * 9. So dachte Darius; und die letzten Jahre seiner Regierung soll ihn sogar dieser Reformationsgeist zu einem unglücklichen Kriege gegen Turan veranlaßt haben, dem er seine Religion, d. i. seine Oberherrschaft auch zubringen wollte. Rieth Zoroaster ihm dazu, so that er nicht weise, und der weiterhin sehende König hätte dem eifrigen Priester nicht folgen dürfen. Ueberhaupt wird man im Zend-Avesta einen großen Haß gegen den Nord und die Nordvölker gewahr, die durch Ueberfälle und Räubereien den südlichen Provinzen freilich von je her beschwerlich gefallen waren, gegen die also ein alter Nationalhaß obwaltete; wenn aber Zend-Avesta den König der Turanier, Afrasiab , völlig zum Ahriman und die Gegend jenseit des Oxus zum Reich der Dämonen macht, so ist dies freilich für eine Religion keine empfehlende Farbe. Auch sie zeigt indessen, daß Zoroaster in Zeiten eines großen Nationalhasses der Perser gegen die Turanier gelebt habe; und auf welche Zeit trifft dies genauer als auf die seit Cyrus? * 10. Wie es unter den folgenden Persermonarchen mit dem Zerduschtianismus gestanden, wissen wir nicht; es scheint, er sank. Die Kriege mit den Griechen, die fortwährende Bekanntschaft mit Fremden brachten mit neuen Sitten auch neue Ideen ins Land, zu deren Annahme die Perser schon nach Herodot's Bericht sehr geneigt waren. Bereits zu jener Zeit hatten sie von Assyrern und Arabern den Dienst der Mylitta (Alitta) unter dem Namen Mitra angenommen; Wahrscheinlich irrte sich der gute Alte (Herodot [ I. 131]), der diese Alitta Mitra und zugleich Venus Urania nennt. Venus hieß den Persern Anahid , die einzige weibliche Gestalt unter den Planeten, ihnen eine Ized.   H. sehr natürlich, daß von Assyrern, Arabern, Aegyptern, als überwundenen Völkern, mehrere Begriffe angenommen wurden. So kamen dann auch mit der Bekanntschaft der Aegypter die sieben Planeten ins persische Himmelssystem, wo sie von ihren Göttern in Schutz genommen wurden. Auch das Memnonium im Palast zu Susa war vielleicht ein Phamenophis , ein Gebäude zu Nachahmung der ägyptischen Zeiteneinrichtung. Daß überhaupt unter der verfallenden Despotenregierung eines großen üppigen Reichs, wo am Hofe und bei den Satrapen die größte Weichlichkeit herrschte, ein Venusdienst der Anaitis eingeführt ward, ist ganz in der Ordnung der Dinge. Wo war jetzt jene alte Idee einer thätigen Weltregierung im großen Naturbilde der Jahreszeiten? Wie paßte sie zu diesen Zeiten und ihrer Staatseinrichtung? Selbst die Reform Hystaspes' und Zoroaster's schickte sich nicht mehr zu Zeiten, die immer schwächer und üppiger wurden, bis Alexander dem ganzen Reiche ein Ende machte. * 11. Plato ist's, herunter den Griechen zuerst den Namen Zoroaster's nennt; wie nennt er ihn? »Als einen, nach dessen Lehre die Prinzen sowol im Dienste der Götter als in ihren Königspflichten Unterricht empfingen«; dies anzuführen, war Plato's Zweck gemäß Alc., I. 27. Die Schrift ist nicht von Plato.   D. und nach Darius' Einrichtung Wahrheit: Zoroaster's Name begriff nämlich die persische Landesreligion, Reichsverfassung und Staatsweisheit. Wenn Xenophon die Erziehung Cyrus' zum Vorbilde der Tugend gemacht hatte, so dringt sein Mitwerber Plato nach neueren Einrichtungen näher zum Ziel und erzählt kurz, wie der Weiseste, Gerechteste, Enthaltsamste, Tapferste den Königssohn unterrichte, da dann der Name Zoroaster genannt werden mußte. Nach der Zerstörung des Perserreichs ward er allverbreitet; denn jetzt pries man, was nicht mehr da war, und da nach persischer Weise allem Verdienten, Ruhmvollen, Großen im Dienst eines Königes, der die Sonne hieß, gern der Name von Sternen gegeben wurde, wie also nicht dem religiösen Einrichter Persiens, dem zweiten Hom eines zweiten Dschemschid? Sapetman hieß also fortan der Goldstern, Zoroaster . Ihm schrieb man fortan Alles zu, was zum Magierdienst gehörte, Liturgien, Anrufungen, die man Beschwörungen nannte, Weissagungen, Verse, Bücher; alle Magie hieß das lebendige Wort , alles Magische hieß Zoroastrisch . * 12. Sich bei Zeugnissen hierüber, von Dingen, die wir nicht gesehen haben, aufhalten, heißt seine Zeit verlieren. Schaffe man uns die Verse, Orakel, Beschwörungen u. s. w. des weisen Zoroaster's, von denen Griechen und Christen reden, her; wir wollen urtheilen. Offenbar aber waren es Liturgien des Parsendienstes. Mit dem Wort Magus, Magie war den Griechen einmal der Sinn verrückt. Weil hier im Aussprechen der Worte eine Macht über die Elemente der Natur, und zwar in einer Versammlung der Genien und Geister liegen sollte und mit diesem alten Cultus Naturwissenschaft, Zeitrechnung, Arzneikunst, praktische Moral, Polizei u. s. w. verbunden war, so ward das Wort Magus den Griechen nach und nach ein Vorbild sowol des vielgestaltigsten Weisen und Erzkünstlers als eines dämonischen Mannes, endlich auch des listigsten Betrügers. Es kam darauf an, wie man das Wort nahm, wie man Zoroaster kannte und ansah. Noch jetzt ist er dem großen Haufen ein ebenso vieldeutiger Name, bei dem Jeder das Seinige denkt; sein Charakter ist aber immer thätige Kraft in Formeln, Gebräuchen und Zeichen durch Naturweisheit. In verbis, herbis et lapidibus ist das bekannte Zoroastrische Sprichwort, welches auf den Parsencultus gerade zurückführt. * 13. Als endlich ein Magier selbst das schwach gewordene Partherreich stürzte und auf den alten, jetzt neuen Perserthron kam, gelangte Zoroaster's Name alt und neu zum höchsten Glanze. Der Regent selbst wußte sein Geschlecht von Niemand rühmlicher als ihm herzuleiten; der himmlischen Anahid sogar, Venus Urania, war Zoroaster's verlorne Kraft zur Aufbewahrung anvertraut gewesen. Jetzt also ward Zoroaster's Familie auch in Liturgien gepriesen; man sammelte, was sich sammeln ließ; Waffen schützten den Feueraltar, aus dessen Flammen der Genius des alten Gesetzes emporstieg. * 14. Die prachtvolle Regierung dieser Gesetzeskaiser , der Ormuzddiener , der Sassaniden , traf aber auf eine Zeit des übeln Geschmacks, in welcher Mönchs- und Rittergeist neben einander herrschten. Das Christenthum drängte sich an alle Religionen der alten Welt, die sich also auch gegen dasselbe zusammendrängten; und in dieser Zeit ward der Zend-Avesta gesammelt, in eben der Zeit, da auch der Rabbinismus und Christianismus sammelte, was er sammeln, vertilgte, was er vertilgen wollte. Von diesem Mönchsgeist trägt die Sammlung von Parsenschriften, die wir besitzen, die unverkennbarsten Spuren. Auf den alten Naturdienst, d. i. den Jahreskalender, ist in ihr Alles gebaut; Zoroaster wird in ihr hoch gepriesen; auch sein König wird mit ihm genannt, dicht hinter welchem aber die Sage abbricht und im Genius einer spätern Zeit die Liturgie ordnet. Offenbar sieht man, der Kanon war geschlossen, wie er bei Juden und Christen geschlossen ward, in gesammelten Stücken der Vorwelt ex abrupto . Gegen das Christenthum hatte sich der Parsismus tapfer gewehrt; keine Spuren davon (man möchte denn einige unvermerkte Uebergänge ausnehmen) sind in ihm. Noch minder vom Judenthum, das desto mehr vom Parsismus geborgt hat. Auch die griechische Philosophie hat schwerlich anders als durch den allgemeinen Impuls darauf gewirkt, den sie von den Zeiten Alexander's an der ganzen alten Welt gab. Desto mehr hat das Perserthum in den Köpfen der Griechen Begriffe und Mißbegriffe erregt. Pythagoras an seinen Ort gestellt, speculirte man von Aristoteles' Zeiten her über den Zervan und die beiden Grundwesen der Magier nicht nach persischen, sondern griechischen Begriffen und verwickelte sich darin so und anders. Das einfachste System der Welt, das von lauter Zeit- und Kalenderideen ausging, hat eine Verwirrung der Gedanken unter zwei Principien des Guten und Bösen angerichtet, an welche weder Zerduscht (denn von ihm stammt die Kalenderabtheilung nicht her) noch weniger sein Vorfahr, der sogenannte erste Zoroaster, gedachte. Wer war dieser erste Zoroaster? Er würde mir's, da von seinem späten Nachfolger Sapetman-Zerduscht so viel geredet ist, nicht verzeihen, wenn ich von ihm und seinem Könige Dschemschid schwiege. Genannt sei er also, der erste Verkündiger des Gesetzes auf den heiligen Bergen, der mit dem lebendigen Worte den Gurt der Tapferkeit und das heilbringende Gewand aus Ormuzd' Hand empfing, mit Hilfe des Gestirns Taschter die Erde reinigte und die Bösen wegschwemmte, er, der Baum der Gesundheit im Quell Arduisur , er, ein seliger Ized, wohnend im Palast von hundert Säulen, der Wasser strömen läßt und jedes Gewächs mit Heilkräften segnet, durch den die Speise, der Trank gedeiht, der Kranke genest, durch den einst die Gebeine der Todten wieder grünen: er werde genannt!   An Hom (Ο μανης). Hom hieß das kurze Wort, an welches die Perser und mehr Nationen so viele Begriffe knüpften. Selbst das Schöpfungswort, das Ormuzd ewig ausspricht, durch welches Alles ist und besteht ( Honover ), ist nur sein musicalisch verlängerter Ausdruck. Hom ( Hom-Mani-Pema-Hum ) ist der Anruf an die Gottheit der Tibetaner, der ihren Gebeten Kraft giebt, den auszusprechen jedem Ungeweihten unerlaubt ist, der Charakter, mit dem sie unnachläßlich den Anfang und das Ende jeder Schrift bezeichnen, die Summe aller Gebete, die innerste Kraft jeder Naturwirkung und Magie. Hom ist den Indiern das größte, feierlichste Opfer, das jährlich der Sonne und dem Feuer gebracht wird; den Persern endlich das vielgestaltige Symbol aller Kraft und Wirkung der Natur, Baum der Unsterblichkeit, Wurzel der Gesundheit, nährender Saft in Speise und Trank, zugleich auch der älteste Verkündiger des Gesetzes, Zoroaster's erster Vorgänger, ein seliger Geist auf den Gebirgen. Wie kommen diese Symbole zusammen? wie kamen sie zusammen zu einem Begriff? oder mit andern Worten, wie entstand der erste Zoroaster ? Sehr natürlich, von welcher Seite man auch die Zusammensetzung versuche. Das Wort Hom, er ist! es sei ! ist die Summe aller Existenz, der Ausdruck aller Wünsche und Gelübde; mithin war's in einem Cultus, der auf die Kraft ausgesprochener Worte gebaut war, das Grundwort aller Gedanken, Segnungen und Imprecationen, ein ewiges Amen ( Omen ). Von Menschen auf die Geister der Natur angewandt, sprachen diese ein ewiges Hom ( fiat ), stets wirkend und segnend. Der oberste Naturgeist sprach fortwährend sein mächtiges Honover : es gedeihe! es werde ! Alle Izeds als wirkende Naturkräfte haben von diesen Segnungen den Namen; sie sprechen ein ewiges Izeschne ; und der oberste Geist Ormuzd ist der Ur-Ized . Segen und Gedeihen, das sie in die Schöpfung sprechen und wirken, wie kann es symbolisirt werden als durch den immer forttreibenden Saft der Schöpfung, den Baum des Lebens und der Gesundheit, der in der Urquelle wächst und grünt und blüht? Seine Wurzel ist Leben; sein Thau, seine Blätter und Früchte bringen Gesundheit. Daher in der Parsenreligion das Symbol jenes Safts, jener Wurzel vom Baume Hom , dem sie so viele Segenskräfte zuschreiben. Daher jener Saft der Unsterblichkeit, durch den die Todten einst leben. Da die Physik der Parsen eine männliche und weibliche Naturkraft, Feuer und Wasser, annahm, durch deren innere Verbindung Alles in der Natur werde, gedeihe, sich von Saft zu Saft hinaufläutere und auf solchem Wege Leben der Gewächse, der Thiere, der Menschen, in menschlichen Seelen endlich reine Gedanken, gesunde, kräftige Entschlüsse würden: so fand dies große Werden, Gedeihen und Wirken beinahe kein andres Bild als jenen saftvollen Lebensbaum ( Hom ) im Quell Arduisur. Und sollte die Gestalt personificirt werden, die den Menschen dies Wunderwort in seiner Wunderkraft zubrachte, so ward es der Hom ( Homanes ), von dem die Parsenreligion redet, der ihren Cultus anrichtete, der ihnen Gurt, Kleid und das kräftige Wort gab. Es heißt: »Sei! werde!« und er ist selbst das Wort; er ist, sagen sie, im heiligen Schall, der gesprochen wird, er ist im Stein, in der Pflanze, im Trank, in der Speise, die sein Wort segnet. Der Schall des Wortes selbst war der inarticulirte, anrufende Laut, in dessen Murmelung, in dessen langsames oder wiederholtes tonvolles Hersagen mehrere Morgenländer, vor allen die Parsen, den zwingenden Geist des Gebets, des Wunsches und Gelübdes, der Imprecation setzten. Die Magie des Magismus lag in diesem Hom, in seinen Gebräuchen, im Glauben, den man darauf setzte. Daher die ganze Einrichtung der Desturschaft, ihre Lehre durch Einweihungen, durch Grade; daher das Geheimnißvolle derselben und die Stufen dieser Geheimnisse, die alle Naturkräfte in ihrer Gewalt zu haben glaubten, indem sie durch ihre mancherlei Hom die guten Geister riefen und aussandten, die bösen fesselten und banden. Alles, was je die Magie sich anmaßte, lehrte, vorgab und ausrichten wollte, gründete sich auf dies Hom . auf ein unsichtbares, kräftiges Band zwischen Gedanke, Wille, Wort und Wirkung. Wer von Anfange bis zu Ende den Zend-Avesta anders liest als in diesem Hom , d. i. im Glauben an dies ausgesprochene lebendige Wort und dessen Wirkung, wer in ihm seine Metaphysik, eine geheim übernatürliche Philosophie sucht, der verirrt sich weit vom alten Hom , dem Baume des Lebens. Dieser forderte Gedanke und That, Wort. Gebrauch, Glauben. In einer kriegerischen Bergnation entstanden, gürtete er sich mit dem heiligen Gurt und sprach kühn: »Ich will! es werde!« So nothwendig nun und nützlich es ist, Glauben an Naturkräfte zu haben, wenn man sie kennt, ihnen zu gebieten, wenn man ihnen zu gebieten weiß; so nothwendig es ist, Glauben an sich selbst zu haben und dem Gedanken, dem Willen, dem Wort Macht zuzutrauen, die man sich und Andern giebt: so gefährlich und jämmerlich wird es dagegen, wenn man dem bloßen Hom , dem Wunsch, dem begehrenden Wort Kräfte zutraut und in die Art des Ausspruchs diese Kräfte setzt. Dann wird eins Schule des Aberglaubens zuerst, sodann des Betruges daraus, erst Geister, dann Seelen der Menschen zu rufen, zu bannen, zu binden und zu verblenden. Der Magismus hat jederzeit hierin seine Kunst geübt; ihre Täuschereien sind aber so oft erwiesen, daß es fast selbst ein magisches Wunder ist, wie sie noch Glauben finden. Daß z. B. d'Anquétil's Zend-Avesta in Deutschland so und nicht anders aufgenommen ward, indem er mehr Schwärmereien und heiße Lobpreisungen oder sinnlosen Widerspruch als ruhige Untersuchungen veranlaßte, bezeichnet die Zeit, in welche er traf. Wie gern hätte man durch ihn auch Geister bannen, Elemente beschwören und Todte erwecken mögen! Wer hiezu nicht das Herz hatte, grübelte darüber und phantasirte oder verwarf blind, was literarisch unverwerflich ist; denn schätzbare Denkmale des Alterthums, Glaubensformulare, bleiben diese Schriften immer, von wem und aus welcher Zeit sie auch sein mögen. Das Einzige hat man an ihnen nicht gerügt, was zu rügen war, nämlich Hom , die Wurzel des magischen Glaubens, der in ihnen liegt; vielmehr haben Mehrere diesen laut gepriesen. Und doch war eben er die Wurzel des Aberglaubens und des magischen Betruges in aller Welt. Nach einem so unschuldigen Anfange! Denn wer könnte sich etwas Schuldloseres denken als einen Jahreslauf mit seinen Erfahrungen und Wohlthaten, mit seinen Bedürfnissen, Hoffnungen und Wünschen? Jede Jahreszeit giebt uns etwas Eignes; in jeder muß man etwas Anderes verrichten; jede lehrt und muntert auf; in jeder erwachsen neue Bedürfnisse und Wünsche. Dies Alles in eine Regel zu bringen, scheint so unentbehrlich; diese, gut gefaßt, macht das ganze Jahr zu einer Schule des Unterrichts, jeden Tag zu einem Tage zeitmäßiger, auf den folgenden Tag nicht aufzuschiebender Uebung. Diese zu erwecken, was könnte gelegener sein, als an ihm den Genius der Natur, wie er jetzt herrscht, zu begrüßen. sich seiner zu freuen, ihm alles Gute zuzutrauen, sich gegen seinen Feind, das entgegenstehende Böse, zu wappnen? Was könnte wirksamer sein, als von sich selbst täglich das Wort zu nehmen, ihm in Allem zu folgen, auf seine Segnungen zu merken, seinem Feinde zu widerstehen, sich zum Kampf zu rüsten? Und doch, aus diesem Allem, was hätte werden können? was ist worden? Gnug, Hom war einst in seiner Unschuld ein schönes Symbol. Wie Dschjemo , der Cultivator Persiens, zu Dschemschid , das ist zum Becher oder Spiegel der Sonne, das ist zum Sonnenjahr selbst , symbolisch gedieh, so Hom , der erste Verkündiger des guten Worts, der Institutor des Ordens der Magier in nützlicher Absicht zum Symbol des Cultus selbst, zum heiligen Wort und Zeichen, zum Baum des Lebens, zum Saft der Unsterblichkeit, zum Trank und zur Speise. Sein Geist lebe auf den Bergen im Freudensaale des Paradieses! Lauter anmuthige Dinge haben die Perser fortan mit seinem Namen bezeichnet, jeden Vogel guter Vorbedeutung, dessen Anblick jedesmal eine Gewährung des Wunsches ( Hom ) ist, ihn, der nie den Boden berührt, Homai , den Vogel des Paradieses. Wen er beschattet. der trägt einst eine Krone. Von ihm nannte sich die berühmteste Königin Persiens, die Nachbarin der alten Königsburg Persepolis, Homai ; von ihm nannten sie alles Heilige, Glückliche, Geweihte, Glorreiche Humazun ; so auch das Königsbuch, die Sammlung der nutzbarsten Lehren und Fabeln, die sie kannten. Gebe Hom uns Alles, was wir wünschen; zugleich aber auch, daß wir nur das Gute wünschen und, statt es von ihm zu begehren, selbst wollen und eifrig thun! Hierin liegt die Kraft des Worts, das wir uns selbst, einstimmig der Natur, geben; dann spricht jeder gute Geist sein Hom über uns, und der Vogel des Paradieses deckt unsern Scheitel.   Entwürfe zu Abhandlungen.   1. Welche neue und bessere Bildung ist bei unsern Sinnen möglich? A. Ausbildung der körperlichen Sinne . 1) Daß unsere Sinne einer Bildung fähig seien. (Gefühl; Geruch und Geschmack; Gehör; Gesicht.) 2) Worin besteht die Ausbildung? a. Jeder Sinn hat seine Welt, seinen Kreis, b. Jeder hat seine Stufen der Feinheit , in Bemerkung der Proportionen; c. in Verbindung mehrerer Sinne; d. in Trennung derselben. 3) Anwendung auf die drei Sinne: Gefühl, Gehör, Gesicht. 4) Folgen auf die Seelenkräfte, a. auf die Einbildungskraft; b. aufs Gedächtniß und die Erinnerung; c. auf den Verstand. * B. Ausbildung des moralischen Sinnes . a) Daß es einen solchen gebe; nicht in einem eignen Organ wohnend, sondern, wie der innere Sinn des Verstandes, so dieser moralische Sinn wirkend. b) Er ist die edelste Kraft und eigentliche Tendenz des Menschen: 1. in Vergleichung mit allen körperlichen Sinnen; 2. in Vergleichung mit den niedern Seelenkräften; 3. in Vergleichung selbst mit dem Verstande, der durchaus aufs Wirken gestellt ist. c) Die wahre Cultur des Menschengeschlechts nur durch ihn und zu ihm. Beweise: 1. aus den schönen Künsten und Wissenschaften, besonders der Griechen. (Homer, Sophokles.) 2. aus dem wirklichen Leben und dem Zweck der menschlichen Geschichte. d) Daß der moralische Sinn einer Ausbildung nothwendig bedürfe Beispiele: 1. aus Nationen (Griechen); 2. aus Ständen (z. B. Krieger, Gefangene, Sclaven u. s. w.); 3. von einzelnen Menschen. e) Daß er sehr vernachlässigt werde, 1. in Vergleich mit andern Sinnen und Seelenkräften, 2. in Vergleich mit andern Völkern und Zeiten, z. B. Griechen (Sokrates), Pythagoreern, Christen, Rittern.   2. Vom Einfluß der Schreibekunst ins Reich der menschlichen Gedanken. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 429-436. Dieser und der vorige Entwurf stammen aus dem letzten Jahrzehnd des vorigen Jahrhunderts.   D. I. Ehe an Schreibekunst gedacht ward, waren schon menschliche, und zwar die edelsten Gedanken; a.) die vortrefflichsten Gedichte . Poesie war nicht Schrift, sondern Gesang, Tanz, Declamation, Vorstellung. 1. der Ebräer. 2. der Griechen. 3. aller ungebildeten Völker, z. B. Ossian; b) die besten Reden und Thaten der Menschen; c) die größten Erfindungen zum Nutzen der Menschen; d) das Gedächtniß der Menschen war vor dieser Erfindung stärker. (Plato.) * II. Die Erfindung der Schrift machte eine große Veränderung im Reich der menschlichen Gedanken. a) Sie bestimmte und fesselte das Wort; dadurch empfing die Sprache, der Dialekt, der Ausdruck, der Gedanke Festigkeit und Ordnung. b) Sie theilte es, auch ohne lebendige Gegenwart, mit. Große Einwirkung der Schreibkunst aus ganze Völker und Länder, z. B. Homer, Pindar, Horaz etc. c) Sie erhielt es auch für die Zukunft. Blick auf das, was erhalten und verloren gegangen ist. Ohne Schreibkunst ist keine Geschichte , sondern Märchen und Sage; Chronologie ; Astronomie und die Mathematik in den meisten Theilen; künstliche Philosophie, Naturgeschichte u. s. w. * III. Die Erfindung der Buchdruckerkunst machte eine tausendfache Schrift. a) Zustand der Schriften vorher , wenig, mühsam, kostbar; verstümmelt, fehlerhaft; bis zur allgemeinen Vergessenheit vergänglich. b) Große Veränderung mit der Erfindung . Alle Alten lebten auf; sie wurden allenthalben gelesen. Auch neue Schriften verbreiteten sich aufs Schnellste. Also allgemeiner Wettkampf. Reformation. c) Allgemeine Vervollkommnung der Wissenschaften , weil alle Geister in allen Ländern gemeinschaftlich arbeiteten. Galilei, Baco, Cartes, Leibniz, Newton, Herschel u. dergl. d) Verewigung der menschlichen Gedanken , daß keine allgemeine Barbarei so leicht mehr möglich ist. e) Leider aber auch Schwächung der menschlichen Kräfte, Verderb der Zeit, Nachahmungssucht, Empfindelei aus Büchern, Schreibsucht ohne Gedanken , fast allgemeine Verachtung der Literatur .   3. Welchen Rang die deutsche Nation unter den gebildeten Völkern Europens einnehme. Ob sie sich unter ihnen hervorgethan und wodurch. In welcher Achtung sie bei ihnen stehe. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 189-191.   D. Eingang . Nationalstolz ist ungereimt, lächerlich und schädlich, aber Liebe zu seiner Nation ist Pflicht eines Jeden. Zu ihr gehört Nationalehre : daß man seine Nation nicht verachte; sie nicht verkleinern lasse, sondern vertheidige; selbst zu ihrer Ehre und zu ihrem Wohl sein Mögliches beitrage. * Frage (obige). Auffallend , daß, da sich die deutsche Nation durch so Vieles ausgezeichnet, sie eben nicht des Ruhms genossen, der ihr gebührte; daß man es sich sogar zur Ehre rechnet, sie zu verachten; daß dies selbst Deutsche thun. Unleugbar sei, daß sie sich hervorgethan. I. Durch große Begebenheiten , rühmliche Künste, Erfindungen, Bestrebungen . a) Sie war's, die die römische Macht einschränkte, ja selbst in den Jahrhunderten des Verfalls das römische Reich schützen mußte. b) Sie war's, die die meisten Länder der Römer eroberte und neu einrichtete: Italien, Spanien, Gallien, Britannien. c) Sie war's, die in den mittlern Zeiten sich dem Despotismus des Papstes am Meisten widersetzte, wobei große Kaiser sich erwiesen, z. B. Karl, Herder scheint hier seinen sonst so starken Widerwillen gegen Karl den Großen abgelegt zu haben.   D. Heinrich, Otto, Friedrich I. und II. u. A. (Ludwig von Baiern.) Es schwebt hier der in Schiller's Gedicht Deutsche Treue gefeierte Freundschaftsbund Ludwig's des Baiern mit dem von ihm besiegten Gegenkaiser vor, der die Verwunderung des Papstes erregte.   D. d) Sie war's, die den barbarischen Völkern Grenzen setzte (z. B. den Hunnen, Tatarn, Türken u. A.) und gegen sie Königreiche stiftete (z. B. in Ungarn, Preußen, Polen, Siebenbürgen). e) Sie war's, die die Erfindungen machte, die dem menschlichen Geist aufs Neue aufhalfen, z. B. Buchdruckerei u. a. (Dürer), die Barbarei vertrieben, Cultur gaben oder vorbereiteten u. s. w. f) Sie war's, die der Reformation, die überall gelodert hatte, den Ausbruch gab. (Huß, Luther und seine Gefährten.) g) Und die seitdem in keiner Wissenschaft und Kunst Andern nachgeblieben. Kepler, Guericke, Leibniz, Herschel, Händel u. A. Daß sie für dies Alles die größte Achtung und Ruhm verdiene. II. Daß sie von den meisten dieser Bestrebungen für sich nicht allen und den besten Nutzen gezogen . a) In den meisten fremden Ländern nahmen die Deutschen einen andern Charakter an   und schämten sich zuletzt ihrer Landsleute. b) In andern wurden sie unterdrückt. c) In andern verhaßt und für barbarisch gehalten. d) Ihre Erfindungen gedeihen selten bei ihnen, sondern in andern Ländern, und zwar wieder durch Deutsche. Klopstock 's Aeußerungen in der Ode Mein Vaterland und in der Gelehrtenrepublik schwebten Herder wol vor.   D. e) Im Wettkampf mit Andern wird den Deutschen meistens Unrecht gethan. f) So weit ist's gekommen, daß man geglaubt hat, sie müßten andern Nationen nur dienen, nachahmen, von ihnen lernen u. s. w. * Woher dieses ? * 1) Wegen ihres aufrichtigen Charakters. Sie erfanden und theilten mit, waren nicht stolz, anmaßend, eitel, sondern behilflich etc. * 2) Sie sind von je her als Werkzeuge für Andere, nicht für sich gebraucht worden, z. B. unter den Römern, unter den Kaisern, gegen den römischen Despotismus u. A. Dies ist ihnen für die gute Sache im großen Ganzen rühmlich. * 3) Sie sind unter vielen Regenten vertheilt. Diesen fehlt es an Gelegenheit, Reichthum, Umfang (Kenntniß) oder gutem Willen, jede Kunst zu nützen, jedes Genie aufzumuntern (z. B. Herschel, Leibniz u. A.). * 4) Deutschland liegt in Mitte des nördlichen Europa, hat zu wenig Seeufer und großen Handel; ihm fehlen Colonien in andern Welttheilen u. A. (Der Hanseatische Bund wurde aus Geiz und Eifersucht aufgehoben.) Ihm fehlt Handel, allgemeine Betriebsamkeit, Reichthum. Auch der inländische Handel ist sehr beschränkt wegen der kleinen, abgetheilten Länder. * 5) Deutschland ist durch sein politisches Interesse mit allen Nationen Europa's verflochten. Daher unaufhörliche Kriege in Deutschland (der dreißigjährige); Tummelplatz aller Nachbarn; selten Ruhe und dauernder Wohlstand. * 6) Schlechte Nachahmungssucht anderer Nationen, insonderheit der Franzosen seit dem westfälischen Frieden. Französisch die Hofsprache; Etikette, französische Leichtigkeit. Vgl. Herder's Werke, XIII. S. 483-497.   D. * Hoffnung , daß sich das ändern werde, die Deutschen sich selbst achten werden; dann würde sie Jeder achten * Wir wollen zur Ehre der Nation beitragen u. s. w.   4. Welchen Einfluß hat die Reformation Luther's auf die politische Lage der verschiedenen Staaten Europens und auf die Fortschritte der Aufklärung gehabt? Die von dem französischen Nationalinstitut 1802 gestellte Preisaufgabe: Charles de Villers gewann den Preis. In der dritten, 1808 erschienenen Ausgabe seiner Preisschrift: » Essai sur l'esprit et l'influence de la révolution de Luther «, theilte er auch Herder 's Entwurf in französischer Uebersetzung mit. »Wenn ich auch den Preis nicht erhalte,« bemerkte Herder über seine Arbeit gegen seine Gattin, »so soll's doch eine hübsche Schrift für Deutschland werden.« Zur Ausführung fehlten Zeit und Gesundheit.   D. Einleitung . * I. Die politische Lage der Staaten überhaupt und der Zustand der Aufklärung vor der Reformation forderte eine Reformation. a) Bellum clericorum cum laicis; abusus auctoritatis clericalis, papae etc. b) Knechtische Verstandes- und Gewissensleitung. c) Verdorbenheit der Geistlichen und Weltlichen in allen Ständen, mit Hinsicht auf Religion und Politik. d) Verändertes Verhältniß zwischen Ernährern und Verzehrern durch Entdeckungen, Handel, Gewerbe. e) Neuerweckte Wissenschaft hatte den Geist geschärft. * II. Molimina dazu vorher: Concilien, Platonische Philosophie in Italien   Alles unzulänglich! * Dies vorausgesetzt, hat sie wirken müssen nach Lage der Staaten: wie sie diese fand; wie diese sie annehmen konnten; wie sie selbst war. Luther wollte sich nicht von der Kirche trennen, wollte den Staat nicht ändern; Kurfürst Friedrich gleichfalls nicht. Niemand dachte an diese Folgen: das Unternehmen so rein, wie irgend ein menschliches es sein kann. Reformation . a) In England . Heinrich's schlechte Beweggründe, schlechte Weise der Annahme, schlechte Folgen. b) In Frankreich . Warum Franz sie nicht annahm. Folgen dennoch, durch Calvin. c) In den nordischen Staaten, Dänemark, Schweden. d) In Deutschland . Warum nicht ganz Deutschland sie annahm. Wie wurde sie eingeführt in Fürstenthümern? wie in den Reichsstädten? Wo und wie Protestanten unterdrückt wurden. e) In Italien, Polen, Rußland u. s. w. Allenthalben Principien etablirt von: α) freiem Gebrauch des Verstandes , in Religion, in Allem. Große Folgen davon: Knechtschaft abgethan u. s. w. β) Gewissensfreiheit . Also Knechtschaft abgethan in den Seelen. (Untersuchung, in welcher Zeit der Katholicismus gut war, wann entbehrlich oder unentbehrlich, oder hinderlich und schädlich.) γ) Bessere Begriffe von guten Werken , für bürgerliche, menschliche Brauchbarkeit in allen Ständen, Classen, Künsten u. s. w. δ) Die Autorität der Geistlichen konnte nicht mehr so viel hindern. Also: 1) Schulen und Akademien nach anderm Zuschnitt. 2) Philosophie, Kritik ebenfalls. 3) Politik: andere freiere Grundsätze, menschlichere. 4) Anderes Ziel der guten Werkthätigkeit, auch in andern Ständen. 5) Toleranz. 6) Mehr Gemeingeist der Menschheit. 7) Geist des widrigen Nationalhasses geschwächt, allgemeine Zwecke für die Menschheit in Gang gebracht. * Unvollkommen blieb die Reformation weil man in der Dunkelheit stritt, nicht helle Principien hatte; sich schied und trennte. Daher Stockung auf beiden Seiten, Mißdeutung, Empörungen, Bauernkriege. Controversen, Verfolgungen, Inquisition. Jesuiten, die dazwischen traten. * Aber ein fortgehender Geist ist in ihr : 1) der freien Wirksamkeit des menschlichen Geistes , extensive, intensive; 2) des menschlichen Gefühls und Herzens , immer mehr alle Nationen zu denselben Interessen ohne Rivalität, mit Aemulation zu vereinen; daß Politik und Moral nicht mehr in Gegensatz stehen. * Lage der Staaten gegen einander muß durch den reellen Protestantismus, auch ohne dessen Namen, gewinnen; das Alte, Drückende, Untaugliche, Unverständliche im Katholicismus muß allmählich weg, Religion als menschliches und zugleich Staatsinteresse allgemein gefühlt werden. Gegenseitige Duldung bei verschiedenen Formen der Kirche muß herrschend, Religionshaß, Verfolgung lächerlich, abscheulich, Religion eines Jeden nicht von Andern als Richter untersucht werden. (In südlichen Ländern, bei sinnlichen Völkern mehr Festtage, Cerimonien u. dergl. nöthig; bei den weniger sinnlichen Nordländern bei weniger Aufwand mehr Vernünftigkeit.) * Tendenz aller Kirchen zur Einheit der Religion , in Gemeinnützigkeit, Vernunft, Wahrheit.   5. Ob eine Uebersicht der gesammten menschlichen Kenntniß möglich. Warum nicht? Wäre sie nützlich? Wozu? Gebrauch und Mißbrauch; rechtes und falsches Verhältniß der Wörterbücher. Von den Gattungen menschlicher Erkenntniß und ihrer Einwirkung auf Wissenschaften und Disciplinen. Unterschied der Gelehrsamkeit und Weisheit . Verhältniß der sub - und objectiven Wissenschaft gegen einander. Von der Polyhistorie und Polymathie ; derselben Nutzen und Schaden. Welches sind die Zwecke der Wissenschaft? Welches ist der Maßstab zu Schätzung ihres Werthes und Unwerthes? Welches ist der Vorzug der Alten und der Neuern ?   II. Recensionen und Vorreden.   A. Recensionen.   G. S. Steinbart's System der reinen Philosophie oder Glückseligkeitslehre des Christenthums. Züllichau 1778, vermehrt 1780. 8. Diese gleichzeitige Beurtheilung blieb ungedruckt und ist erst in den Werken veröffentlicht werden.   D. Steinbart's System der reinen Philosophie (er hat's Glückseligkeitslehre des Christentums nennen wollen) ist, wie mich dünkt, seinem philosophischen Theil nach ein schätzbares Buch, das Manche wol nicht schreiben könnten, die es verachten. Ein sehr klarer Blick auf die Dinge, die er vor sich nimmt, eine bündige Kette von Bemerkungen und Schlüssen, eine gewisse Freiheit des Geistes und Leichtigkeit des Stils unterscheiden den Schriftsteller sehr; daher er auch so ausgebreitet gelesen und gelobt worden. Das Principium seiner Moral, freie, kindliche Liebe zu Gott, unserm Vater , ist unwidersprechlich nicht nur für die Vernunft das edelste, sondern auch so sehr aus der Lehre und dem Sinn Christi. Noch auffallender hat der Verfasser dies Alles gemacht, da er seine natürliche, kindliche, freie Moral den drückenden, engen Grundsätzen der Schule entgegensetzt, in der er nach seinem Vorbericht erzogen worden, und aus welcher er sich zu dieser freien, lichten Gottesansicht, wie er sagt, nicht ohne Mühe hervorgearbeitet. So weit ist, dünkt mich, das Buch unwidersprechlich schön und brauchbar. Nun aber wundert es mich, warum der Verfasser nicht, ohne sich weitern Anstoß zu suchen und herzuholen, sein Gebäude auf die freie, lichte Höhe, die er erstiegen zu haben glaubt, frei aufführt; warum er immer in die Tiefe des Nebelthals, wie es ihm dünkt, vom Athanasisch-Augustinisch-Anselmischen System zurückblickt und dies nicht an dem ruhigen Orte läßt, wo ihm so wohl ist. Die meisten dieser Lehren sind, nahe betrachtet, wirklich nicht das , wofür sie der Verfasser ansieht; wenigstens sind sie's nicht im Vortrage besserer ältern und neuen Theologen und gewiß nicht im Munde der Schrift , die uns endlich der erste Theolog sein muß. Auch nach der Geschichte sind die Dogmata nicht so gestanden, wie sie der Autor vorstellt; und den besten Gesichtspunkt zur Anwendung hat er ihnen nicht gegeben. Vom Alten Testament hält der Verfasser so wenig, daß manche Ausdrücke darüber ärgerlich sind, selbst wenn er dasselbe auch nur als zubereitende Geschichte zur Erscheinung Christi betrachten wollte. Auch als solches verdient es studirt zu werden; denn Christus studirte es, und in jeder weltlichen Wissenschaft hält man die genetische Geschichte, die zu - und vorbereitenden Schritte zum System für den wahren Kern der Entdeckungen, für die bildendste, lehrreichste Lectüre. Im Schimmer der Morgenröthe und bei jedem Schritt der steigenden Sonne giebt's Regungen und Schönheiten der Natur, die bei der höchsten Mittagshöhe nicht sind; durch jene muß das Auge auf diese bereitet und fortgeführt werden. Warum, warum ließ uns Gott diesen ganzen Gang einer lebendigen Geschichte? etwa weil sie unnütz war? und sollte sie unnütz sein, weil Dieser und Jener sie nicht benutzen mag und dessen nicht werth findet? Bezieht sich nicht alle Folge auf die Vorzeit sowie die Vorzeit auf die Folge und alle Theile eines Gebäudes auf einander? und sollte man die Gestalt , selbst den Zweck Christi recht sehen können, wenn alle Anstalten und Zubereitungen auf ihn in den Schatten gedrängt würden? Auch des Verfassers Classification der Documente des Christenthums mache Niemand irre; sie sind nicht so verschieden, als er sie angiebt. Diese und andere Aeußerungen der Art gehörten alle zu seinem eigentlichen Zwecke wenig. Da dieser eigentlich nur philosophische Moral sein soll, warum stand diese nicht allein? warum mischte sie sich in die Geschichte und in ein System , das nur aus Geschichte besteht und auf ihr ruht? Uebrigens schätze ich den Scharfsinn und Vortrag des Verfassers sehr, so daß ich, was er versprochen hat, Unterrichts- und Lehrbücher in mehrern Wissenschaften (nur nicht theologischen Inhalts) von ihm wünsche. Nicht theologischen Inhalts; denn das eigentliche System der Schrift hat, dünkt mich, das Buch nicht berührt, viel weniger umgestoßen oder etwas an die Stelle gesetzt, was in jenem nicht ursprünglicher, besser, kräftiger erschiene.   Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Nach der Dichterin Tode nebst ihrem Lebenslauf herausgegeben von ihrer Tochter C. L. von Klenke, geb. Karschin. Berlin. Zweite Auflage, mit dem Bildniß der Dichterin. 1797. Aus den »Nachrichten von gelehrten Sachen, herausgegeben von der Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt« 1797, Stück 25. Die Beurtheiler unterschrieben sich in dieser Zeitschrift mit ihrem vollen Namen. Vgl. »Von und an Herder«, 1. 229 f.   D. Man macht uns Deutschen nicht unbillig den Vorwurf, daß wir das Gute, das unter uns aufkeimt, nicht gnug schätzen, nicht gnug aufmuntern und oft die Ersten sind, es zu verachten. Auch die Dichterin, deren Nachlaß hier erscheint, ist davon ein Erweis. Von Kindheit auf brachte sie die schönsten Jahre ihres Lebens unter Menschen zu, über deren Rohheit unter den armseligsten Umständen man beinahe nicht gnug erstaunen kann. »Ist das«, sagt man zu sich selbst, wenn man die erste Hälfte der wohlgeschriebenen, äußerst merkwürdigen Lebensbeschreibung liest, die hier die Tochter von ihrer Mutter giebt. »ist das eine Provinz Deutschlands? oder sind wir in Polen, in der Moldau? Leben so cultivirte Menschen mit einander?« Die talentreiche Mutter der Karschin , ihr Oheim, dem sie das schöne Lied: » Kommt herauf gestiegen aus dem Sande «, gesungen hat, sodann ein Hirtenknabe, der ihr Bücher zum Lesen verschaffte, sind die einzigen Gestalten, die uns in dieser Wüste noch einige Freude gewähren. Der Baron Kottwitz brachte sie endlich nach Berlin, wo sie zuerst angestaunt, leider aber von den Meisten nur angestaunt ward. Man ließ sie singen und glaubte zuletzt ihr eine Ehre zu erweisen, wenn man ihre Gesänge nur annahm. Natürlich stieg in dieser lobsingenden Sphäre ihr Flug nicht höher mit den Jahren, und es ist sehr zu verwundern, daß sie noch so lange immer mit einigen guten Tönen ihre Stimme behalten. Ihr letztes Gedicht an die Herzogin von York (s. Zueignung dieser Sammlung, S. 2) ist vom October 1792, und sie starb am 12. October. Wenn einst eine nicht nur dem Namen nach, sondern im Gemüth cultivirte deutsche Nachwelt diese Lebensbeschreibung lesen und mit den unstreitigen Talenten unsrer Dichterin, die aus vielen Gedichten hervorleuchten, zusammenhalten sollte, wird sie diese wilde Blume in Schwiebus , in Fraustadt , in Glogau verlassner finden oder unter den Vornehmen der Hauptstadt, deren Vortrefflichkeiten sie rühmte? Man lese den letzten Theil der Lebensbeschreibung mit Vergleichung der Gedichte, die zu ihm gehören, und übersehe ja dabei nicht S. 185, 188, 235, vor Allem S. 153, 154. Ein sonderbares Gefühl drängt sich uns bei dieser Vergleichung auf. Die besten Gesänge sang die Karschin in den Jahren 1761, 1762, vielleicht noch bis 1768. Da hielt sie sich an große Gegenstände; die bewundernde Aufmunterung ihrer Freunde hob sie gleichsam über sich selbst empor. Als sie durch ihre oder durch fremde Schuld sich überlassen blieb oder gar nur lobte, nur rühmte, da sank ihr Flug. Der steigenden Lerche fehlte die Himmelsluft, die ihren Gesang weckte. Unstreitig sind die Gedichte, die sie in den Jahren der Freundschaft mit Gleim, Sulzer, Bachmann u. s. w. dichtete, die vorzüglichsten unter allen; Gleim insonderheit ward auch dadurch ihr größter Wohlthäter, daß er ihrer Harfe die kühnsten, die seelenvollsten Töne entlockte. Will man von den Gedichten unsrer Sängerin mit einiger Billigkeit reden, so muß man in ihnen Natur und Kunst unterscheiden. Alle reinen Empfindungen über Gegenstände der Schöpfung, über Gott, Vorsehung, über die Schicksale und Erfahrungen ihres eignen Lebens, über Menschenpflichten, über sich selbst sowie auch über große Situationen der Menschheit, insonderheit im Kriege, beim Brande, in Hunger, Kummer und Elend, über tröstende Hoffnungen der Religion u. s. w. setze ich in die Sphäre ihrer hohen und starken Naturempfindungen . Die meisten, auch spät geäußert, stammen bei ihr aus Jahren ihrer Kindheit und Jugend her; sie geben ihrer Muse die wahrsten Bilder, die treffendsten Ausdrücke und sind oft mit Flammenschrift geschrieben. In der älteren Sammlung der Karschischen Gedichte (Auserlesene Gedichte von A. L. Karschin. Berlin 1764) sind die Oden, Gesänge und Lieder dieses Inhalts z. B. an Gott, als die Dichterin bei hellem Mondschein erwachte S. 3, an den Schöpfer bei ihrem Geburtstage S. 7, das treffliche Lied: Erheb auf mich Dein Angesicht S. 23, der Morgengesang an ihre Seele S. 25, Der Frühling S. 33, An den Mai S. 39, An einen Freund, der den Tod einer Freundin beweinte S. 43, Vom Vertrauen auf Gott S. 46, An den Reichsgrafen von Stolberg S. 89, an ihren verstorbenen Oheim S. 92, Die Gesänge S. 120, 141, Der Tod S. 47, An Palämon S. 211, 217, 228, das Klagelied über den Tod eines Vogels S. 239, das Harzmoos S. 339, ihre beliebtesten Gedichte. Sie schließen ihr Herz auf; sie äußern ihre inneren Gesinnungen, meistens Erinnerungen aus ihrer Jugend und aus dem Lauf ihres Lebens. Auch in dieser Nachlese tragen die Gesänge solches Inhalts, obgleich oft in schwächeren Zügen, denselben Charakter, z. B. Der sichre Fromme S. 41, An Gleim S. 72, über den Unbestand des Ruhms S. 80, An Gott S. 129, Das Loblied S. 141, Belloisens Lebenslauf S. 197, An die Ostersonne S. 270. Rede an Gott S. 306. Und unter ihren frühesten Gedichten Das Schicksal S. 358, Der Tag des Schreckens S. 362, Die göttliche Vorsehung S. 389. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, da man die erlesensten Stücke beider Sammlungen, die das reine Volksgefühl der Dichterin über Gegenstände der Religion, der Natur und des menschlichen Lebens mit starken Herzenstönen besungen, werth halten wird, und da diese Gefühle allezeit individuell bezeichnet sind, so bleibt schon mit ihnen der Dichterin Name und ihre Sprache dauernd. Gerade diesem Gefühl entgegen stehen die bloßen Gegenstände der Pracht : Illuminationen, fürstliche Einzüge, gnädigste Herablassungen u. s. w. Was konnte die Naturdichterin hier singen, hier beschreiben? Zehntausend Lichter, gedrängte Gassen voll gaffender Augen, schallende Brücken, schmetternde Posthörner, und dann eine Verbeugung, ein Compliment, einen über allen Ausdruck herablassenden, erhabenen Anstand? Alle neunundneunzig Musen wären zu beklagen, wenn sie wie die arme Karschin dies Alles so oft und so reichlich und so unbelohnt singen müßten. Und doch lag es in der Sphäre der Lebensumstände und der Denkart einer im niedrigsten Stande erzogenen Dichterin, daß sie sich von diesen Gegenständen bis an ihren Todestag nicht trennen konnte. Friedrich der Einzige mag auch hier eine Ausnahme bleiben. Vom allgemeinen Enthusiaßmus ergriffen, sang ihm unsre Erinna die schönen Gesänge, die in der ersten Sammlung S. 115, 120, 122, 167 und in dieser Nachlese S. 7, 11, 40, 52, 121 blühende Lorbeerblätter seines Kranzes in einer Sprache sind, die er verachtete. Auch einige Gesänge an die Königin, den Prinzen von Preußen, die beiden Prinzen Heinrich, den Herzog Ferdinand, der immer ihr Freund blieb, den jetzigen König, ihren Wohlthäter, reden die Sprache des dankbaren Herzens. Der Gesang auf den Tod des Prinzen Heinrich's von Braunschweig, S. 74 der ältern Sammlung: »Wo ist er, daß ich ihn mit Thränen salbe«, ist eine der schönsten Threnodien unsrer Sprache. Findet man aber dagegen die Dichterin genöthigt, an die königliche Hofbauadministration wegen ein paar geschenkter eiserner Sparöfen folgende Verse zu erlassen: »Vergebung von der königlichen Administration bitt' ich, Weil auch des Winters Länge sich So nach und nach hinweggeschlichen, Eh die dankbare Karschin sich Mit großem Dank hat abgefunden Für ein paar Oefchen, ihr geschenkt« (S. 188), so werden wir wie die Dichterin selbst unmuthig, als sie, S. 28, in ihrer Dachstube den Apoll bat, daß er die Leyer zurücknehmen möchte: »O helfender Apoll, geschändet Wirst Du, wenn Deine Vaterhand Mir nicht die goldnen Saiten sendet, Die der Sabiner aufgespannt, Wenn mich des dritten Cäsar's Rechte Nicht über Glück und Pöbel hebt,« welcher Wunsch ihr aber nicht oder zu spät erfüllt wurde. Merkwürdig ist's, daß unter den Empfindungen, die diese Muse sang, sich die schmelzende, Sapphische Liebe nicht finde; in dieser Hinsicht konnte sie also wol nicht Sappho heißen. Nirgend weniger als in den Gärten des Adonis hatte sie ihre besten Jahre verlebt; alle Lasten und Qualen der Ehe hatte sie kennen gelernt, aber keine Freuden der Liebe. Und wollen Empfindungen der zartesten Art nicht in den frühesten Jahren geweckt sein? Erfordern sie nicht eine weiche, vielleicht üppige Bildung der Seele, die sich mit dem wilden Feuer der Phantasie oder mit Noth und Kummer am Wenigsten verträgt? Nach dem Fragment zu urtheilen, das wir vom Pindar (beim Athenäus, XIII. 11) über die Liebe haben, besang auch er die Liebe ohngefähr in unsrer Dichterin Weise. Die Flamme glänzt, brennt und leuchtet; aber sie erwärmt nicht, sie kann nicht zerschmelzen. Die Gaben der Musen sind mancherlei. Nähern wir diesen Reichthum dichterischer Talente einer sogenannten Kunstregel ; wohin werden wir die Karschin stellen? denn einen Zunftrang muß sie bekommen nach deutscher Art und Kunst . Das Horazische Kunstfach wird gegen sie protestiren; und wie konnte man es von einer also erzogenen Sängerin fordern oder hoffen, daß die Kunst des Horaz die ihrige werden sollte? Jede Ode des Römers ist eine fein eingelegte Arbeit; er rühmt sich selbst des Verdienstes, seine Leyer zum Nachhall der griechischen Kamöne gemacht zu haben; dies gilt vom Plan seiner Gesänge sowol als von ihrer Junctur in Bildern und Worten. Dergleichen Kränze konnte und wollte die arme Karschin nicht flechten. Statt lyrischer Griechen schwebten aus ihrer Jugend ihr etwa Kirchenlieder im Ohr; diese enthielten und gaben aber keine Horazischen Weisen . Auch Ramler 's Gesangesart nähert sie sich daher am Glücklichsten nicht; und wo sie den Horaz selbst nachbildet, geschieht es mit Auflösung seines Kunstwerks ganz in ihrer eignen Art, z. B. Der unnachahmliche Pindar (S. 167 der älteren Sammlung) und die Ode Eheu labuntur (S. 32 dieser Nachlese). Eher nähert sie sich der zwanglosen Gesangesart Uz', Kleist's, Gleim's u. s. w. Das schöne Gespräch S. 276: »Du Wonne meiner jungen Tage«, mehrere insonderheit moralische Züge in großen und kleinen Gedichten setzen uns in die patriarchalische Zeit unsrer Poesie, in die schöne Einfalt der eben genannten drei Dichter zurück. Von Gleim vor Andern scheint die Dichterin sich in ihrer kühnen, nervenvollen Sprache viel eigen gemacht zu haben. Aber warum wollten wir einem eigentümlichen Genie nicht auch einen eignen Platz einräumen und es nicht lieber mit seinem als mit einem fremden Namen nennen? Die Phantasie dieser Dichterin hat einen so fest bezeichneten Gang; ohne Kunstregeln kennt sie den Flug der Muse, der sich zu verirren scheint und doch nicht verirrt; oft endet sie am unerwartetsten Ort und hat aus ätherischen Bildern ein Ganzes gewebt, das ein angenehmeres Erstaunen wirkt. Wenn Localzüge in diesen Umriß fließen, so ist dies Natur der Sache, kein Fehler. Dieser kühne Schwung der Gedanken, der süße Wahnsinn , das Wesen jeder Begeisterung, am Meisten der lyrischen Poesie, ist ihr charakteristisches Göttergeschenk. Er kann nach Horaz allein nicht gemessen werden; denn Horaz ist nicht ausschließend das Muster aller Gesänge und Oden. Sonst wären Pindar und die Psalmen vom Anfange bis zum Ende   Fehler . Statt vieler stehe hier eine Probe, eines Inhalts, dessen Erfüllung auch wir wünschen (S. 129). Dieser Wunsch vieler Millionen Menschen ist jetzo erfüllt. Es ist Friede ! Und wer könnte wol dieses edle Geschenk des Himmels würdiger besingen als Herr Herder !   Herrmann. [Anm. der Redaction. An Gott Bei dem Ausruf des Friedens Was hör' ich? rauschen goldne Flügel? Posaunet in zertheilter Luft Ein Seraph, welcher über alle Grabeshügel Daher fährt und die Todten ruft? Was reißet mich empor? Ich fühle Den nahen Himmel; bin ich schon Hoch über der Gebirge Gipfel, über Stühle Der Scepterführer weggeflohn? Hör' ich, Du Gott der Erdengötter, Dich loben durch den ganzen Raum Der neuen Schöpfung, selbst von Deines Glanzes Spötter, Der Deine Wunder nannte Traum? Erblick' ich Myriaden Sterne Um Deines Sonnenthrones Fuß, Hellleuchtend, daß davor ich zitternd in der Ferne Mein Angesicht bedecken muß? Horch' ich erstaunt dem hohen Liede Der Sänger Deines Namens zu? Gott, welch ein Saitenspiel! es tönet: Friede! Friede! Und, Kronengeber, den giebst Du! Du lässest Deinem Volke wieder Die Ruhe schmecken, rufest laut Und aus dem Schmerzensschlaf zum Jubel neuer Lieder Bei den Altären, Dir gebaut. Wir lagen gleich den Blumenstengeln, Wenn sie der Nordost niederbeugt; Du hebst uns auf und hörst Dein Lob von allen Engeln, Wenn unsre stumme Freude schweigt. Welch eine süße Trunkenheit der Freude! Hienieden wird der Friede ausgerufen; aber aus dem Munde der Menschen hört ihn die Dichterin nicht. Auf den Schwingen des Seraph's hebt sie sich über Sonnen und Sterne empor und vernimmt den Ausruf Friede! Friede! aus dem Saitenspiel der Seligen, ja aus dem Munde Gottes selbst. Ein Blick auf die Erde hienieden endet das Lied in der erhabensten Andacht stummer Freude. Und dies ist nicht der einzige Gesang von so glücklicher Inspiration , von einer Einhauchung , die ihr seelenvolles Bild gleichsam mit einem einzigen Zuge zeichnet. In dieser Begeisterung gelingen der Sängerin die kühnsten Wortcompositionen, mit denen sie oft Pfeile schießt wie Pindar. Ol., II. 150.   D. Zu wünschen ist's, daß eine zweite Nachlese Karschischer Gedichte erschiene (aus dieser hätten viele, viele Gedichte wegbleiben mögen), die uns noch manche, in beiden Sammlungen Im Jahr 1772 ist eine Sammlung Karschischer Gedichte, Mietau und Leipzig, herausgekommen; ich besitze sie nicht und weiß nicht, ob sie in dieser Nachlese wiederholt oder genützt sei.   H. nicht befindliche bessere Gesänge aufbewahre. In Gleim 's, in Ebert 's und andern Briefsammlungen sind deren gewiß vorhanden; selbst von den einzeln gedruckten Gesängen ist hier manche schöne Begeisterung nicht befindlich. S. z. B. der Gesang an das Vaterland 1763: »Der seinen Stuhl hoch über alle Thronen«, die malerische Ode Der Einzug : »Mit hunderttausend Stimmen ruft«, eine andre: »Was hör' ich? mit dem Klang von zehntausend Flöten«, ein Lied im Ton der Kriegslieder (1759): »Wuth und Verwüstung waffnen sich«, an den Ueberwinder der Russen (1758): »Held! und Monarch! aus feindlichen Gefilden«, an das zerstörte Cüstrin: »Schwarz wie die Pforten der Nacht«, u. s. w. Einige dieser Stücke scheint ein neidiger Zufall der Sammlerin entzogen zu haben; denn sie gehören zu den schönsten Begeisterungen der Karschischen Muse, von der man wie von der Erinna sagen kann: Ἑτέρων πολλῶν δυνατώτερος Ἠρίννης πόνος, Anthol., VII. 11. 1-3.   D. »Vor vielen andern ist ihr Gesang mächtig «.   Geschichte der Religionsschwärmereien in der christlichen Kirche. Von M. C. F. Duttenhofer, Prediger an der Hauptkirche zu Heilbronn. Erster Band (in zwei Abtheilungen). Mit einem Kupfer Heilbronn 1796. Erfurter Nachrichten 1797, Stück 36.   D. » Schwärmer, Schwärmerei «, sagt Lessing , S. »Lessing's Leben und literarischer Nachlaß«, Th. 2. S. 157.   H. kommt von Schwarm, schwärmen , so wie es besonders von den Bienen gebraucht wird. Die Begierde, Schwarm zu machen, ist folglich das eigentliche Kennzeichen des Schwärmers. Aus was für Absichten der Schwärmer gern Schwarm machen möchte, welcher Mittel er sich dazu bedient, das giebt die Classen der Schwärmerei. Nur weil diejenigen Schwärmer, welche die Durchsetzung gewisser Religionsbegriffe zur Absicht haben und eigne göttliche Triebe und Offenbarungen vorgeben (sie mögen Betrüger oder Betrogene, betrogen an sich selbst oder von Andern sein), um zu jener Absicht zu gelangen, die vielleicht wiederum nur das Mittel ist, eine andere Absicht zu erreichen; nur weil diese Schwärmer, sage ich, leider die zahlreichste und gefährlichste Classe der Schwärmerei ausmachen, hat man diese Schwärmer κατ´ ἐξοχήν Schwärmer genannt.« So Lessing . Und wer wollte diesem Begriff nach eine Geschichte der Religionsschwärmereien in der christlichen Kirche nicht gern lesen? Es versteht sich eine Geschichte , in der durchhin Zeiten, Gegenden, Völker, Absichten, Mittel unterschieden, die Schwärmereien selbst nach ihren innern oder äußern Antrieben classificirt, jede Art der Schwärmer in ihr Licht gestellt und auch bei ihnen Ursachen, Mittel, Zwecke, die Zeiten der Aufgährung und Abgährung ihres Ferments gesondert würden. Bruchstücke einer solchen Geschichte haben wir in Menge; es fehlte also nur die Hand eines Baumeisters, die sie zu vereinigen und nach einem festen Umriß zusammenzusetzen wüßte. Strenge sowol als milde Schonung sind dieser Geschichte wol unentbehrlich. Schwärmerei ist eine Krankheit, eine ansteckende Krankheit, vielleicht die ansteckendste, der unsre Menschennatur ausgesetzt bleibt, eben weil der Mensch ein geselliges, teilnehmendes, sympathisirendes Geschöpf ist. Starke Bewegungen in der Seele des Andern, in seiner Art Bilder, Phantasien oder Phantome zu erwecken, sich und Andern ein Reich der Glückseligkeit, einen Plan des Lebens zu entwerfen, gehen so bald in Andere über; und gerade die gewaltsamsten Bewegungen, wirkliche Krämpfe und Contorsionen am Leichtesten, am Stärksten. Ein mächtiger Wille gebietet; reizbare Naturen, Sinne, Triebe folgen. Sie folgen oft ungern und werden wider Willen gezogen, wie der betäubte Vogel ängstlich der Klapperschlange zufliegt. Diese Verwirrungen menschlicher Gedanken zu entwickeln, diese Tendenzen menschlicher Kräfte und Anhänglichkeiten in ihren Bahnen zu bestimmen, dazu ist die kälteste Vernunft sowie das teilnehmendste Herz, kurz, eine Semiotik nöthig, die viel fordert. Jedes Uebel muß der Arzt an Stelle und Ort, jeden Kranken in seiner Lebensweise nach seinen eigensten Symptomen kennen und ja nicht über oder gegen ihn declamiren. Der Verfasser dieser Geschichte bekennt selbst (Vorrede, S. XXI ), »daß bis zu den ersten Quellen der Kirchenväter und der ältern Kirchengeschichtschreiber zurückzugehen, ihm weder seine Zeit noch die Lage seiner jetzigen Umstände gestattet habe, und daß die Quellen oder Hilfsmittel, woraus er bei diesem ersten Bande geschöpft, hauptsächlich die sehr ausführliche und gelehrte Kirchengeschichte von Herrn Prof. Schröckh, Mosheim 's, Spittler 's, Henke's Kirchengeschichten und dann noch Zimmermann 's Buch »Ueber die Einsamkeit« gewesen. Tiefer zu schöpfen, habe ihm seine Zeit nicht verstattet.« Eigentlich also hat er gar nicht geschöpft ; denn Hilfsmittel sind keine Quellen. Die angeführten Bücher sind in Jedermanns Händen, und ihre Verfasser werden sich von dieser Art Zusammenstellung, da alle sogenannten Religionsschwärmereien aus dem Zusammenhange anderer Begebenheiten, in welche sie solche stellten, genommen sind, ziemlich lossagen. Zimmermanns Buch »Ueber die Einsamkeit« bliebe etwa allein unserm Verfasser zur Seite; denn auch in ihm sind die angeführten Begebenheiten gänzlich ihrem Boden entpflückt und effleurirt. Geschichte ist also dieses Buch nicht, sondern ein Auszug aus den neuesten, spätesten Compendien. Studium der Quellen, Entwicklung jeder Schwärmerei im Zusammenhange ihrer Umstände fehlt ihm. Daß der Autor seine Excerpten chronologisch giebt, hilft diesem Mangel nicht ab, da der innere Faden einer philosophischen Entwicklung dem Buch mangelt, das nur ein ausgerissenes Aggregat ist. Zweitens. Offenbar hat der Verfasser den Begriff der Religionsschwärmereien in der christlichen Kirche zu weit genommen, indem er auch die feinste Staatslist, die kältesten Entwürfe der Hierarchie darunter begreift, gegenseitig wiederum, was nach Zeit und Ort vielleicht reiner Enthusiasmus war oder mit ihm enge zusammenhing, zur Schwärmerei rechnet. Ehrenhalben mußten Christus und die Apostel abgesondert werden; sonst ist hier in der christlichen Kirche beinahe die christliche Kirche selbst bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts (so weit geht dieser erste Band) fanatisch. Wie nun? wenn ein Spötter die zwei nicht gewagten Schritte auch zurückträte und nach einem so wankenden Begriff von Schwärmerei fragte: »War Der , waren Die , die Volk an sich zogen, die darauf hinausgingen, eine Kirche zu gründen, die sich für inspirirt hielten und gehalten wissen wollten, die darüber Ungemach, Verfolgung, Schmach und Tod ertrugen, nicht auch Schwärmer?« Bekanntermaßen haben Viele, nicht nur Spötter, sondern auch Redliche, so gefragt und sich durch glänzende Declamationen nicht beruhigt gefunden. Sie suchten ein ächtes Kriterium, wo Enthusiasmus aufhöre und Schwärmerei anfange . Schwerlich werden sie es in diesem Buch finden. »Wollte man«, sagt der Verfasser, »die Einwendung machen, eine solche Schwärmergeschichte könne doch in der Hauptsache nichts Anders werden als eine chronique scandaleuse oder Lästerchronik des Christenthums , so frage ich, was ist denn aber unsre ganze Kirchengeschichte Anders als eine Geschichte der Verirrungen des menschlichen Verstandes ?« Ich halte sie nicht dafür und bin überzeugt, daß Mehrere, die sie studirt haben, sie für etwas Besseres halten. Sobald bei Darstellungen die scharfe Linie des Umrisses fehlt, hört alle Kunst, also auch die Kunst der Geschichte auf. Drittens. Beredsamkeit und ein leichter Spott sind an ihrem Ort schöne Gaben; sollten sie aber in einer Geschichte der Religionsschwärmereien ganz an ihrem Ort sein? Schwärmerei ist Krankheit; Religionsschwärmerei, wo sie nicht absichtlicher Betrug war, ist die mitleidenswürdigste Krankheit; sollte gegen sie das Salz des Spottes die beste Arznei sein? »Ich will hoffen,« sagt unser Verfasser, »daß, wenn sich etwa beim Anblick allzu auffallender Narrheiten mein Mund unwillkürlich in ein satirisches Lächeln verzieht und in seinen Ausdrücken die der Geschichte so wohlanständige Würde vergißt , meine Leser in der Erinnerung an das Dichterwort: Difficile est satiram non scribere, Juv ., 1. 30.   D. mir verzeihen und den Spott nicht auf die Rechnung eines gegen die Wahrheit übelgesinnten Herzens an meiner Seite schreiben werden.« Ich glaube, daß dies kein billiger Leser thun werde; er wird's aber auf etwas Anderes mit Recht schreiben. Denn da alle die Schwärmereien und Sitten, die der Verfasser in diesem Bande darstellt, längst erloschen sind und in dieser Gestalt zu unsrer Zeit nicht leicht Eingang finden werden, wozu der Spott über alte Todtengebeine? Zwar meint unser Autor, daß seine Darstellung recht für unsre Zeit gehöre, »da in ihr der an seine hergebrachten, mit einem heiligen Dunkel umgebenen Geheimnisse, Dogmen und Kirchengebräuche gebundene Geist des Fanatismus seine lang usurpirte Oberherrschaft über den Verstand so vieler Völker und Menschen von Zeit zu Zeit mit neuen , wenngleich wenig haltbaren und oft gnug widerlegten Gründen unterstützt ; da in ihr Schwärmerei, Bigotterie und Intoleranz, durch unsre Zeitumstände begünstigt, sich aufs Neue zu erheben und mit dem Interesse der Großen und Mächtigen auf Erden in einen noch engern Bund zu treten scheinen , indem sie vorgeben, die vom alten Wust scholastischer Spitzfindigkeiten gereinigte Vernunftreligion führe geraden Wegs zum gänzlichen, alle Thronen und Herrschaften zu Boden stürzenden Atheismus hin, und Alles, was in unsern Tagen nur Böses geschehe, sei nichts Anders als das Werk der sogenannten neuen Aufklärung« u. s. w. Gesetzt, daß dem Allem so wäre, sollte eine Spottgeschichte christlicher Schwärmereien dagegen das gelegenste, das kräftigste Mittel sein? Wird die bigotte Intoleranz, wenn sie sich mit dem Interesse der Großen und Mächtigen vereinigt, sich durch Spott bessern lassen und ihren Bundesplan aufgeben? Mit viel mehrerem Rechte, wie mich dünkt, sagt in der vorangezogenen Schrift Lessing : »Gegen die Schwärmerei im weitesten Verstande, was thut der Philosoph? Der Philosoph! Denn um den Lucianischen Geist bekümmere ich mich hier nicht. Wie dessen Bemühungen gegen den Enthusiasmus nicht weit her sein können, weil er selbst Enthusiast ist, so können auch seine Bemühungen gegen die Schwärmerei von keinem wahren Nutzen sein, weil er selbst Schwärmer ist. Denn auch er will Schwarm machen. Er will die Lacher auf seiner Seite haben. Ein Schwarm von Lachern! Der lächerlichste, verächtlichste Schwarm von allen! Die Frage ist also, was der Philosoph gegen die Schwärmerei thut. Weil der Philosoph nie die Absicht hat, selbst Schwarm zu machen, sich auch nicht leicht an einen Schwarm anhängt, dabei wol einsieht, daß Schwärmereien nur durch Schwärmerei Einhalt zu thun ist, so thut der Philosoph gegen die Schwärmerei   gar nichts. Es wäre denn, daß man ihm das für Bemühungen gegen die Schwärmerei anrechnen wollte, daß, wenn sie speculativen Enthusiasmus zum Grunde hat oder doch zum Grunde zu haben vorgiebt, er die Begriffe, worauf es dabei ankommt, aufzuklären und so deutlich als möglich zu machen bemüht ist . Freilich sind schon dadurch so manche Schwärmereien zerstoben. Der Enthusiast und Schwärmer sind daher auch gegen ihn sehr erbittert. Sie möchten rasend werden, wenn sie sehen, daß am Ende doch Alles nach dem Kopf der Philosophen geht und nicht nach ihrem.« Eine Geschichte der Kirchenschwärmerei wie jeder andern Schwärmerei kann und sollte nichts Anders als eine dergleichen aufhellende, philosophisch-ruhige Geschichte sein. Alles, was geschah, hatte seinen Grund; auch jede Verirrung des menschlichen Verstandes, jede falsche Anhänglichkeit des menschlichen Herzens. Naturbegebenheiten erklärt man; vor gefährlichen Naturbegebenheiten sucht man sich und Andre zu sichern ; tadelnder Spott bewirkt Keins von Beiden. Wahrscheinlich werden noch zwei Bände dieses Werks folgen. Wenn der Verfasser auf seinem Wege so fortgeht, so gewinnt die Geschichte nichts, der erörternde menschliche Verstand auch wenig. Leichte Leser bekommen eine oberflächliche Lectür; es ist aber nicht zu wünschen, daß unter uns dergleichen Bücher sehr vermehrt würden. In Frankreich wurden während der Revolution Schriften solcher Art, Histoire du Monachisme, de la Sorbonne, Le coup fatal du Christianisme u. s. w. ausgeworfen; sie sollten ihre Wirkung thun und haben sie zum Theil nicht verfehlt. In Deutschland haben wir uns vor Religionsschwärmereien in der christlichen Kirche schwerlich zu fürchten; und was gegen Mönchsorden, Hierarchen, Scholastiker, Enthusiasten und Religionsschwärmer gesagt werden kann, ist von Protestanten und Andern oft, auch mit Zusammenhang und Würde, gesagt worden. Auf weit andre Dinge geht jetzt der Fanatismus.   Geschichte der Religionsschwärmereien in der christlichen Kirche.   Zweiter Band. Ebendas. 1797. Erfurter Nachrichten 1797, Stück 74. Wir lassen diese Anzeige unmittelbar auf die des ersten Bandes folgen, da sie nur eine Antwort auf das Schreiben des Verfassers des angezeigten Buches wider die Anzeige des ersten ist.   D. Nur eine Anzeige dieses Bandes, daß er erschienen sei, keine Recension desselben: aus folgendem Grunde. Der Verfasser hat in einem Schreiben an die Herausgeber dieser Nachrichten sich erklärt, daß ihm in der Recension des ersten Bandes Punkt für Punkt Unrecht geschehen sei . Denn: * 1) »Ob er gleich die Materialien oder den Grundstoff seiner Geschichte aus den in seiner Vorrede (S. XXI ) angezeigten Schriften hergenommen (welches er noch einmal gern eingestehe; »denn wo soll doch«, schreibt er, »ein Geschichtschreiber seine Materialien anders hernehmen als entweder aus ältern oder aus neuern Geschichtschreibern?« Er konnte freilich nicht zu den ersten Quellen hinaufgehen, wie er es auch an dem angeführten Orte selbst bekannt habe , und daß hieraus für sein Buch einiger Mangel an mehr umfassender und tieferer Beurtheilung entstehen mußte, das fühlt er selbst wohl . Aber da des Herrn Professor Schröckh 's sehr ausführliche Kirchengeschichte immer sein Hauptbuch gewesen, dem er gefolgt sei, und mit dem er Alles, was Zimmermann oft mit zu grellen und falschen Farben aufgetragen hat, genau und sorgfältig verglichen habe; und da Herr Professor Schröckh gewiß nicht eines Mangels an Studium der Quellen beschuldigt werden könne, da er vielmehr sehr oft die eigentlichen Worte seiner Quelle, woraus er schöpfte   denn auf das Schöpfen wolle der Verfasser hiermit Verzicht thun, wenn aus einer so gründlich und kritisch bearbeiteten Kirchengeschichte seine Materialien herzunehmen, nicht geschöpft heißen solle  , sehr umständlich anführt), so glaube er doch, und er denke auch mit Recht , einem solchen Geschichtschreiber sicher, und ohne sich nach früheren Quellen umzusehen , folgen zu können. Und da er den aus der Schröckhischen Kirchengeschichte hergenommenen Geschichtsstoff immer so bearbeitet, daß er die in der christlichen Kirche entstandenen Schwärmereien aus den Zeit- und Ortsumständen , aus der zu jeder Zeit herrschenden Philosophie oder aus den besondern, von Zeit zu Zeit in Umlauf gebrachten und mit der christlichen Religion amalgamirten Meinungen entwickelt und sie also sowol in ihren ersten Keimen als auch in ihrem weitern Wachsthum und Fortgang aus den Ursachen , die er in Zeit, Ort und Charakteren der Hauptpersonen gefunden, hergeleitet : so sei sein Buch kein Aggregat von Excerpten, denen es am innern Faden einer philosophischen Entwickelung mangle .« * 2) »Den Begriff der Religionsschwärmereien habe er nicht zu weit genommen; denn warum führe der Recensent seine , des Verfassers Erklärung, die er von der Religionsschwärmerei gleich im Anfange seiner Vorrede gegeben, nicht an? statt einer bloßen Worterklärung, die Recensent aus Lessing anführe. In was für eine Verbindung die Hierarchie mit der Religionsschwärmerei gekommen, das werde wol im zweiten Bande vorkommen, aber hier im ersten noch nicht . Er habe die Gründe, um deren willen Jesus und seine Apostel für keine Schwärmer gehalten werden können, sondern als weise, vernünftige, ruhig denkende und mit kaltem Blut argumentirende Männer geschätzt werden müssen, in den drei ersten Paragraphen seiner ersten Abtheilung im ersten Bande so deutlich, so bestimmt, so überzeugend und unumstößlich dargelegt, daß Niemand an der Wahrheit seiner Ueberzeugung davon zweifeln könne. Das Kriterium, wo Enthusiasmus aufhöre und Schwärmerei anfange, sei in seiner Vorrede zum ersten Bande, S. VIII und IX , so bestimmt und deutlich dahin angegeben, »daß der (in einem guten Sinn) begeisterte Enthusiast die Zügel der alle seine niedrigern Empfindungen lenkenden Vernunft nie aus der Hand lasse , daß er seine exaltirte Einbildungskraft nie in eine so wilde , regellose Verrückung gerathen lasse, daß sie die Leitung und Oberherrschaft des Verstandes von sich werfen könnte. Also freier Gebrauch des Verstandes , stäte Anwendung der Vernunft , der Ueberlegungskraft , das sei das Kriterium des Enthusiasmus . Hingegen Richtung nach ungefähren dunkeln Gefühlen und Einbildungen mit Verachtung aller ruhigen Vernunft und Ueberlegung, das sei das Kriterium des Phantasten und Schwärmers.« * 3) In Ansehung des vom Verfasser seiner Geschichte eingestreuten Spottes beschwert sich derselbe, »daß man ihm nicht so viel gesunden Verstand und Anspruchlosigkeit zutraue, daß er sich nicht anmaßen wolle, alle Schwärmer durch seine Geschichte von Grund aus zu heilen, sondern daß er nur Diejenigen dafür bewahren wolle, die etwa noch davon angesteckt werden möchten . Warum man ihm dies nicht zutraue , da er es doch selbst S. XVII und XVIII in seiner Vorrede so deutlich zu verstehen gebe ? Den alten Todtengebeinen der ägyptischen und syrischen Mönche werde sein Spott doch wol nichts schaden; ob aber jene Schwärmereien erloschen, zerstoben seien, wie man zu glauben scheine , das möge doch wol eine andere Frage sein. Freilich möchten jene Schwärmergestalten, wie die vom heiligen Antonius u. s. w., in den nächsten hundert Jahren , wenigstens bei uns Deutschen , nicht wieder zum Vorschein kommen können oder Beifall finden; aber könne es denn wol unbekannt sein, wie viele Swedenborgianer, Apokalyptiker, Mystiker, Lammsbrüder, Geisterseher, Chiliasten, Betrüger, die sich für den Messias ausgeben u. s. w., es noch in unsern Zeiten gebe? Oder gesetzt, diese Schwärmereien seien durch die Alles aufklärende Philosophie unserer Tage gänzlich zerstoben, ob nicht das Andenken davon, historisch lebhaft dargestellt, nicht auch noch für die zukünftigen Zeiten heilsam und nützlich bleibe? In der ersten Abtheilung des ersten Bandes wisse sich der Verfasser fast gar keines Spottes zu erinnern; in der zweiten Abtheilung aber, da möge zwar etwas mehr von dem » Lucianischen Geist «, der durch das Lesen des Zimmermannischen Buchs von der Einsamkeit auf ihn übergeflossen sei , anzutreffen sein. Uebrigens könne der Verfasser Autorität gegen Autorität setzen, da nicht nur zwei andre Recensenten ihm ihren Beifall nicht ganz versagt, sondern auch von ** seine Geschichte zweimal, S. 417 not. d und S. 466 not. d, angeführt worden.«   Ohe, jam satis ! Unbefangen, mit Auslassung alles Ungehörigen, werden die Worte des Verfassers angeführt; ohne alle Gegenrede ; denn die Auseinandersetzung jedes Quid pro quo würde ein Buch erfordern. Bei Bücheranzeigen, deren Verfasser sich nennen , sagt Jeder nur seine Meinung ; er will nicht im Namen des ungesehenen Areopagus oder Minotaurus, den man das Publicum nennt, sprechen und richten . Weiß also der Autor, wissen Andre es besser, desto besser! Jeder sage sein Wort an seiner Stelle ; denn eine Zeitung kann doch nie ein gelehrter Gerichtshof werden. Wenn ich, der Recensent, jetzt aufs Neue meine Meinung unterstützte und von den Herausgebern der Zeitung dem Verfasser, der mit dieser Meinung noch nicht zufrieden wäre, die zweite Replik abgeschnitten würde, wie denn? Also behalte der Verfasser von seinem Buch seine Meinung. Mir scheint's, daß in dieser Rechtfertigung selbst seine eignen Worte im Wesentlichen gnugsam entscheiden. Blos was den Menschen angeht, ein Mißverständniß entferne ich sehr gern. Ich war und bin nämlich weit entfernt, » an der innigsten Ueberzeugung « des Verfassers von der schwärmereilosen Vernunftmäßigkeit der Stifter des Christentums zu zweifeln. Das Wort »ehrenhalben«, Oben S. 613.   D. das dem Zusammenhange nach sehr unschuldig zu diesem Mißverstande Anlaß gegeben hat, ändere ich sehr willig in ein volles: » Allerdings hat der Verfasser u. s. w., wie die drei ersten Paragraphen seiner ersten Abtheilung im ersten Bande zeigen«. Vom zweiten Bande also kein Wort. Denn da der Verfasser es dem Recensenten übel deutet, »daß er über den ersten Band geurtheilt, gerade als ob er schon das Ganze vor Augen gehabt hätte«, so würde er wahrscheinlich dasselbe auch von der Recension des zweiten Bandes sagen. Ein Schriftsteller, der eine nach seiner eignen Angabe und nach dem Richtmaß eines unparteiischen Dritten, der hier Lessing war, bescheiden vorgetragene Meinung als eine Beleidigung ansieht, mag über und von sich selbst meinen .   Griechische Vasengemälde. Mit archäologischen und artistischen Erläuterungen der Originalkupfer. Herausgegeben von C. A. Böttiger. Ersten Bandes erstes Heft. Mit fünf Kupfern in Folio, außer dem Titelkupfer. Weimar 1797. Erfurter Nachrichten 1797, Stück 46.   D. Es ist ein zu enger Gesichtskreis, wenn wir die heiligen Reste der griechischen Kunst nur Alterthumsforschern und eigentlichen Künstlern überlassen wollen; in unsern Tagen kann Niemand, der Geschmack des Schönen hat oder haben will, derselben entbehren. Von allen Seiten drängen sich uns griechische Kunstvorstellungen in Büchern, in Zierrathen, auf Gefäßen, bei Geschenken zum Schmuck, in Gemälden, in Beschreibungen der Dichter, in Anspielungen fast jeden Vortrages zu, die wir verstehen müssen, wenn uns ihr Werth einleuchten und uns nicht die Schande drücken soll, sie als Barbaren zu besitzen oder zu betrachten. Fast keine Lectür zur Bildung findet jetzt statt, die nicht diese Kenntnisse voraussetzt; ebenso fordert sie der Umgang des feinern Lebens. In Verzierungen der Häuser, der Säulen, der Gärten, an Wänden, an Tischen und Theetischen treten griechische Vorstellungen vor uns, und Niemand sagt gern: »Das ist mir unverständlich, griechisch.« Vollends Jünglinge, die die Alten lesen, können die Kunstvorstellungen der Alten gar nicht entbehren. Ohne sie wird sich ihr Geschmack nie wohl befestigen; die Composition der griechischen und römischen Schriftsteller wird ihnen ohne Kenntniß der Composition ihrer Künstler nie helle werden, wie solches der unselige Fleiß und die unwissende Frechheit mancher gelehrten Kritiker gnugsam bezeugt. Nun sind die Kunstvorstellungen der Alten von mancher Art, und alle sind sehr belehrend, Statuen, Gemmen, Münzen, Büsten, Gebäude; keine aber lehrreicher als Basreliefs und Gemälde . In ihnen ist eigentliche Composition ; denn in ihnen treten mehrere Figuren, eine ganze Fabel oder Geschichte in schöner Anordnung, oft mit einer schönen Umfassung, tritt uns vor Augen. Hier bildet sich der Geschmack am Meisten; denn was ist Geschmack, als die schnelle Umfassung des Mehreren zu Einem mit der angenehmen Empfindung des Vollendeten, des Schönen? Hier lernen wir unsere Gedanken ordnen, den unnützen Ueberfluß hinwegthun, das Entbehrliche absondern und völlig durchdacht das Prägnantste, das Meiste im schönsten und richtigsten Umriß geben. Oft steht hier ein ganzes Gedicht, ein philosophisches Buch in einer Vorstellung da. Da uns nun leider so wenig griechische Gemälde übrig geblieben und die prächtigsten Basreliefs von Barbaren zerstört sind, wie froh müssen wir dem Genius der Kunst und des guten Geschmacks danken, daß er viele seiner Heiligthümer unter die Erde rettete und sie auf der zerbrechlichsten Materie, auf Vasen , unsterblich machte! Diese enthalten einen Schatz schöner griechischen Vorstellungen, deren viele gewiß den alten und den besten Meistern nachgebildet und uns eine Schule griechischer Kunst und Denkart sind. Wenn Barbaren in Gräbern Schätze verbargen und andre Barbaren diese Schätze suchten, so verbargen die Griechen auch in ihren Grabkammern schöne Weisheit . Glücklich ist, wer sie darin fand! glücklich, wer aus der gefundenen lernt! Es ist bekannt, welche Mühe sich der britische Gesandte in Neapel, Ritter Hamilton , seit vielen Jahren um die griechischen Vasen gegeben, die in Campanien und sonst bei eröffneten Grabmälern häufig gefunden werden. Er brachte deren eine Menge zusammen, ließ sie mit Farben stechen und durch d'Hancarville prächtig beschreiben, verkaufte sie darauf ins Londner Museum für 8000 Pfund Sterling. Da stehen sie nun, und das kostbare d'Hancarvillische Werk in vier Foliobänden ist so Wenigen, die es brauchen konnten, zum Gebrauch gekommen als jene Vasen, die ins Londner Museum verkauft sind. Unter dem Schutz und Gewahrsam der britischen Nation sind sie dort aufs Neue begraben. Durch einen deutschen Künstler ist die zweite Hamiltonische Sammlung griechischer Vasen gemeinnütziger worden. Herr Tischbein , Director der Malerakademie in Neapel, lieferte sie mit unermüdeter Sorgfalt, bei der mehrere verfehlte Zeichnungen strenge verworfen wurden, in bloßen reinen Umrissen , die uns bei dieser Art von Kunstvorstellungen Alles sagen, was wir zu wissen begehren. Dadurch ward die Sammlung wohlfeil und konnte in Deren Hände gelangen, die sie zu brauchen verstehen und werth sind. Tischbein that mehr. Aus unbelohnter Liebe, die auch auswärtige Deutsche für ihr Vaterland haben, bestimmte er reine, sehr gute Abdrücke für sein Vaterland und sahe dies als das Olympia seines Fleißes und der aus alten Gräbern erbeuteten griechischen Kunst an. Er hat in Deutschland einen Erklärer gefunden, mit dem der Erklärer der ersten Sammlung, d'Hancarville , nicht zu vergleichen steht, und dem auch der Erklärer der zweiten Sammlung, Hr. von Halinski , gewiß willig den Platz räumt. Fast um ein Nichts bekommen wir arme Deutsche hier, wogegen andere reichere Nationen sich vielen Unsinn mit schwerem Golde erkaufen. Alles ist zweckmäßig eingerichtet, zur vielseitigsten Lehre, zur angenehmsten Bildung, nicht der bloßen Pracht geschenkt. Der ersten Abtheilung des ersten Bandes steht ein Kupfer voran, die innere Ansicht eines Grabes bei Nola mit Skelett und Vasen; Hamilton 's Zueignungsschrift und Einleitung ins Studium der Vasen , mit Zusätzen und Anmerkungen des Herausgebers, auch mit Nachrichten von Tischbein und Meyer begleitet (S. 1-75), geben hierüber den bestimmtesten Aufschluß, den man über das Ganze der Sache jetzt noch zu geben vermag. Die künftige Zeit wird Mehreres darthun; und eben daß der Herausgeber dieser Sammlung der Zeit nicht vorgreifen, sondern sowol Lücken als Hoffnungen hie und da nur andeuten wollte, zeigt von seiner auf den Fortgang der Zeit merkenden Klugheit. Jeder, der von Vasen spricht und sie gewöhnlich für Aschengefäße ansieht, sollte diese kurzen Abhandlungen lesen; ihre Notiz ist unserm vasenliebenden Jahrhundert, auch jeder Lesegesellschaft, die Vasen liebt, sehr zu empfehlen. Wer Vasen liebt, muß doch auch wissen, was eine griechische Vase sei, woher sie sei, wozu sie gewesen u. s. w. Die Nachrichten und Winke in Meyer 's Briefe (S. 71-75) sind für Jeden, der sich mit diesem Studium abgab, höchst merkwürdig. Nach zehn Jahren werden wir hierin wahrscheinlich weiter sein, als wir jetzt sind; und wer wünschte nicht, mit diesen Jahren mitzugehen und ihre Ausbeute zu fördern? Eine Abhandlung über die Vasenarabeske zur dritten Kupfertafel folgt (S. 76-100). Mit einem angenehmeren Unterricht konnte diese Sammlung kaum eingeleitet werden; denn wo wir auch griechische Vorstellungen nicht haben können, wollen wir doch griechische Verzierung ; wir müssen diese also verstehen lernen. Der Verfasser leitet sie aus dem rechten Grundsatz her, und sowol die Blumeneinfassungen (die Blätterarabeske ) als die Windungen , die man Mäander nannte, endlich auch die Thierpflanzenarabeske erhalten hier eine sehr durchdachte Erläuterung. Die letzte ließe sich ohne Zweifel weiter hinauf und früher in den Orient verfolgen, für griechische Vasen aber gehörte dieser Verfolg nicht; dagegen ist der Uebergang dieses schönen Spiels der Einbildungskraft nach Griechenland neu und genau bemerkt. Zwei Gemälde werden erklärt, die außer dem Titelkupfer, dem Kupfer mit Umrissen verschiedener Formen und Verzierungen der Vasen diese erste Lieferung ausmachen: Bellerophon's Kampf mit der Chimära und eine griechische Braut in ihrem Putzgemach . Beim ersten wird die Fabel erklärt, muthmaßlich die Entstehung der Fabel gezeigt, sodann das Gemälde betrachtet, mit andern Kunstwerken verglichen und seine Bestimmung nur mit einem Winke gedeutet. Die Erklärung ist mit einem großen Ueberblick und mit classischer Genauigkeit geschrieben; sie hält sich in den rechten Schranken und ist Blatt für Blatt, insonderheit Jünglingen zu lesen sehr nutzbar. Der Erklärer hat seinem Pegasus nicht den Zügel gelassen, sondern heißt ihn an der Quelle trinken. Mit einem sehr glücklichen Blick, der alte und neue Zeiten erläuternd zusammenfaßt und in jenen sowol die Provinzen der Sage unterscheidet als ihre Kunstwerke verständig aneinanderreiht , zeigt er uns gleichsam die aus griechischer Natur wachsende Fabel . Die Muthmaßungen selbst sind belehrend; und wenn z. B. das phönicische Koph auf Bellerophon's Pferde auch nicht gestanden hätte, so sollte es diesmal statt der Schlange darauf gestanden haben. Im Gemälde der Braut überrascht die Deutung, daß es nicht die Schmückung derselben zu einer wirklichen, sondern zur Hochzeit der Mysterien sei, wozu der geflügelte Genius allerdings den Wink giebt, mit einer reichen Aussicht. Es kann nicht fehlen, daß der Erklärer, wenn er mit seinem Scharfsinn bei mehreren Vasen diese Idee verfolgt, eine Menge Vorstellungen ins Licht setzt, die bei Gori, Passeri u. s. w. in wirklich geheimer Dunkelheit lagen. Hierauf sowol als auf die andre Hoffnung, die der Erklärer giebt, auf den eigenthümlichen Geist des gewiß früh gebildeten westlichen oder Großgriechenlandes besondere Rücksicht nehmen zu wollen, muß sich jeder Sachverständige freuen und dem Erklärer, der in die Schranken einer großen Laufbahn tritt, einen patriotischen, allgemein nützlichen Siegeswunsch zurufen. Ein großes Feld der schönsten Geschichte des menschlichen Geistes, der griechischen Poesie und Kunstfabel, liegt vor ihm; in Manchem derselben kann eine neue Epoche werden. Noch ist zu bemerken, daß zu diesen Vasengemälden eine frühere Schrift des Erklärers: » Ueber den Raub der Kassandra , auf einem Gefäß von gebrannter Erde, mit Erklärungen von Meyer und Böttiger « (Weimar 1794), in Vielem gehöre. Sie ist so reich an Erläuterungen, daß sich darauf gewiß oft bezogen werden wird. Und wenn diese Vasengemälde rasch und glücklich geendigt sind, so ist zu wünschen (die Arbeit selbst wird dem Verfasser dazu Trieb und Muth geben), daß er mit seiner Erklärung sich in einem Nachtrage auch an die Herculanischen Gemälde und an die d'Hancarvillische Vasensammlung füge. Beide warten auf ihn; denn überhaupt ist über Statuen, Gemmen und Münzen des Alterthums unstreitig mehr, weit mehr geleistet worden als über Basreliefs, Vasen und Gemälde. Erscheine also bald die zweite Sammlung, und Jeder, der zu ihrer Förderung beitragen kann, trage dazu bei, daß die wieder erstandene campanische Muse sich Deutschlands freue!   Griechische Vasengemälde.   Ersten Bandes zweites Heft. Weimar. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 38. Wir lassen hier die Anzeige der Fortsetzung unmittelbar folgen.   D. Dies zweite Heft enthält die Originalkupfer Nr. 3-9, deren die meisten archäologisch und artistisch merkwürdig sind und es durch die Erläuterungen des Herausgebers dem Alterthumsforscher sowie dem Kunstliebhaber noch mehr werden. Ihr Inhalt wird für sich selbst reden. * 1) Zuerst ist die Sammlung von Gefäßen in gebrannter Erde zu Florenz von Herrn Professor Meyer in Weimar in der meisterhaften Manier beschrieben, die mit jedem Wort gleichsam zu Werk geht, in der, treffend, kurz und gut, man alle Denkmale der Art beschrieben wünschte. Ueber die Entstehung der Schüsseln und Vasen von gemalter Majolika ist S. 14, 20, 21 Auskunft gegeben. * 2) Es folgen Auszüge aus Briefen über die Vasensammlungen in Rom von unserm gelehrten Landsmann Uhden (S. 22-26), über die Vasensammlungen in Paris vom Conservateur des Museums der Antiken, Millin , mit der Beschreibung eines merkwürdigen Vasengemäldes von Orest und Pylades, dessen Bekanntmachung mit Erläuterungen unsers Herausgebers auch in Deutschland zu wünschen wäre (S. 27-35); sodann ein kurzer Brief von D. Scherer über die Glasur der Alten auf ihren Vasen (S. 35 f.). * 3) Nach diesem Vortrabe, der nach und nach eine allgemeine Vasennotiz werden kann, folgen die Erläuterungen der in diesem Heft gelieferten Gemälde selbst. Das dritte enthält Mantelfiguren . Was über diese gesagt werden kann, scheint hier fast erschöpft zu werden; die Materie wird aber auch lehrreich durch mehrere Excurse, z. B. über die Vorstellung des Volks (δῆμος) in einer Gestalt oder in Gestalten (S. 48) als Zuschauer u. s. w. (S. 50), Regeln des Anstandes im Kleiderumwurf bei den Alten, mit Erklärung der dabei gebräuchlichen Worte (S. 52-64), ein zum Kunstverständniß der Draperie der Alten nicht zu übersehender Aufsatz mit ein paar Beilagen. Das vierte Gemälde, Iris, die Waffenüberbringerin , giebt bei Auseinanderlegung des Panzers eines alten griechischen Heros zu mehreren Berichtigungen Anlaß, da in dieser Abbildung die alte Rüstung in ihren Theilen und Verzierungen sehr deutlich erscheint. Sodann wird die Kleidung der Iris , ihr Kopfputz, ihr Kleid, ihre Flügel, ihr Caduceus vorgezeigt und bei Gelegenheit des letztgenannten Symbols die Entstehung des Mercuriusstabes , als eines phönicischen Kaufmanns- und Handelszeichens, das ursprünglich mit Zweigen umwunden und mit dem Kunstknoten, als einer Firma, bezeichnet gewesen, so leicht und anschaulich gemacht, daß man fortan bei dem griechischen Hermes an den ägyptischen Thot schwerlich mehr denkt. Zu wünschen wäre es, daß der Verfasser diese glückliche Exposition weiter verfolgte. Wie sich die Ilias und Odyssee auch durch ihre Botschafter, die Iris und den Hermes , unterscheiden, ist S. 112 nicht übersehen worden. Beim fünften Gemälde, Gruß und Handschlag , wird die Sitte des alten Handschlages ans Licht gesetzt, und aus der Frage: »wer der junge Held sei, der die Hand dem Könige beut«, entspringt die andre: »wen oder was der Ring am Fuße des jungen Helden bezeichne«. Ein paar Beilagen hierüber von Tischbein und Uhden folgen. Die Erklärung des sechsten Gemäldes, Theseus bestraft den Fichtenbeuger , stellt jenen Heros nicht nur in der Unternehmung dar, die das Gemälde zeigt, sondern überhaupt als den Hercules der Athenienser, in dessen Thaten, die fast alle auf Entwilderung und Veredlung der Menschheit, auf Bestrafung und Beschränkung der Bosheit abzweckten, von den Griechen selbst eine Moral in Beispielen und Abbildungen auf öffentlichen Plätzen und in Tempeln als das sprechendste Erweckungsmittel zur Tugend und Pflichtmäßigkeit gegeben ward, dem also auch Euripides (wahrscheinlich nach der Bestrafung des Skiron) die Worte in den Mund legt: »Schön ist's, den Frevler zu bestrafen, schön!« Das bemerkte eigentlich Attische in der Geschichte und den Vorstellungen Theseus' giebt manche weiter zu verfolgende neue Seite. Das siebente Gemälde, Medea beredet die Töchter des Pelias zum Vatermorde , ist sehr anschaulich; daß es indeß die Stelle der tragischen Muse vertrete (S. 161), ist nicht zu wünschen. Vielleicht möchte auch Einiges in der Geschichte der Medea hier zu künstlich ausgelegt sein   eine Scylla, die wol ebenso vorsichtig zu vermeiden ist, als die gegenseitige Charybdis zu gemeiner Vorstellungen, in die unsere neuere Alterthumsauslegung der lieben Simplicität wegen hinsteuert. Die Zauber- und Hexengeschichten der Griechen werden hier mehrmals wohl orientirt . Endlich das achte und neunte Gemälde, Erscheinung des Triptolemus , ist in diesem Heft selbst eine schöne Erscheinung. Die Deutung des Gemäldes auf diesen Liebling der Ceres, sein Flügelwagen, die Drachen oder Schlangen desselben, seine Darstellung in den Mysterien u. s. w. (auf eine scharfsinnige Zusammenstellung gebaut, die das Titelkupfer auf einmal darstellt), sie geben eine so neue Ansicht dieser Flügelthrone und Drachenflügelwagen, daß man insonderheit auch auf die künftigen Gemälde von Mysterien - und Theatererscheinungen aufmerksam wird, zu denen dem Verfasser, der kleine Winke so lebhaft zu benutzen weiß, in den folgenden Gemälden reiche Anlässe kommen werden. Möge der dritte Heft dem zweiten bald folgen!   Hume's und Rousseau's Abhandlungen über den Urvertrag. Nebst einem Versuch über Leibeigenschaft, den livländischen Erbherren gewidmet, von G. Merkel, erster und zweiter Theil. Leipzig 1797, mit fortgehenden Seitenzahlen, 8. Erfurter Nachrichten 1797, Stück 55. Herder hatte Merkel persönlich kennen gelernt. Vgl. Gleim 's Brief an Herder vom 9. Juni 1797.   D. Der Verfasser dieser Uebersetzung ist durch seine patriotische Schrift: Die Letten, vorzüglich in Livland, am Ende des philosophischen Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Völker- und Menschenkunde , aufs Rühmlichste bekannt. Er hat das Elend der livländischen Nation in der Leibeigenschaft so herzergreifend geschildert, daß   er nicht etwa nur in Deutschland Beifall und Lob erhalten (eine sehr unbefriedigende Belohnung), sondern daß seine Schrift da, wo sie wirken sollte, schon Gutes gewirkt hat. Mehrere der wahren Edeln , sagt man, sollen gemeinschaftlich Beschlüsse genommen haben, denen die durchgreifendsten Folgen zu wünschen sind, zur Ehre der Provinz und zur Emporhebung der unterdrückten Menschheit. Im Busen unsers Verfassers glüht ein Funke, der ihn sein Werk fortzusetzen aufregt. Von Hume ist hier sein Essay of the original Contract aus den Essays and Treatises on several subjects (Vol. I. Essay 25), von Rousseau der berühmte Contrat social übersetzt, der in den letzten Jahren so große Wirkungen hervorbrachte. Der Anmerkungen des Uebersetzers sind wenige, und sie sind sehr bescheiden. Wenn er in der Vorrede sagt: »Wie Hume zu mancher Behauptung kam, die von seiner Feder überraschen muß, weiß ich nicht. Er war einst Rousseau 's Freund, zerfiel aber bald mit ihm; zur Ehre der Philosophie müssen wir annehmen, daß dieser Umstand nichts erklärt«: so kann wol, auch der Zeit nach, dieser Umstand nichts erklären. Hume 's Essays erschienen 1753, Rousseau 's Contrat social 1763. Die Geschichte ihrer Freundschaft und Feindschaft ist von späterem Datum. Hume dachte durch sich selbst, wie er dachte. »Ich strebte«, sagt der Verfasser, »nach etwas mehr als nach Uebersetzerehre.« Dies beweist denn auch sein Nachtrag über Leibeigenheit (S. 461-572), zu dem die Abhandlungen beider Philosophen kräftig bereiten. Hinter ihnen und nach ihren Grundsätzen dies Gemälde von der Leibeigenschaft, welch ein Gemälde! Der Verfasser zeigt die Wirkung, die diese schreckliche Mißform der menschlichen Gesellschaft auf die Unterworfenen sowie auf ihre Beherrscher und auf den Staat hat; er schreibt gelassen, mit gefaßter Wärme und inniger Bedeutung. Gegen seine Grundsätze kann durchaus nichts gesagt werden. Möge man Thatsachen entschuldigen, wie man gewöhnlich thut; so lange die Einrichtung, d. i. die Unverfassung selbst besteht, ist ein ewiges Feld zu dergleichen und zu ärgern Thatsachen gegeben. »Daß ich doch«, sagt er, »hinrufen könnte bis an die Ufer der Newa!« Daß die vereinte Stimme aller Guten; aller Edeln das Ohr jenes weisen Fürsten zu erreichen vermöchte, der im Stillen zur Gerechtigkeit reifte, und dessen erste Thaten eine so glorreiche Laufbahn versprechen! Ihr, die Ihr wie Boten des Heils um seinen Thron steht; Ihr, zu denen Unzählbare mit sehnsuchtsvollen Blicken hinaufsehn: wer von Euch ist erhabenen Geistes gnug, seine Wahl dadurch zu rechtfertigen, daß er ihm sage: »Jetzt, da die Menschheit überall sich fühlt, überall mit Unwillen und Ingrimm ihre Ketten schüttelt, jetzt, mächtiger Beherrscher von hundert verschiedenen Nationen, guter, weiser Fürst! jetzt ist es Zeit, die schimpflichen und unnützen Schranken niederzuwerfen, die Dich von dem nützlichsten Theil Deiner Unterthanen trennen, sie alle wie Kinder zu Dir zu versammeln, sie alle wie Kinder Dich lieben zu lehren.   Paul ! Du verheißest mehr als Größe; Du verheißest Güte und allgemeine Gerechtigkeit. Mit einer einzigen That kannst Du Alles verdunkeln, was alle Deine Vorgänger vermochten. Schaffe sie fort, die Leibeigenheit , dieses Brandmal barbarischer Vorzeit! Es steht da im aufgeklärten Zeitalter wie ein Krebsgeschwür in einem schönen Gesicht, wie ein Scheiterhaufen der Inquisition in einem blühenden Gefilde. Uebe Gerechtigkeit und rette die Ehre Deines Reichs, Deines Jahrhunderts! Du kannst es: werde uns Vater !« Finde diese Apologie eines Jahrhunderte lang gekränkten und erniedrigten Menschenstamms bei edeln Menschen ein günstiges Gehör und eine wohlwollende Berathung! Einen Kranz um seine Stirn wird unser junge Thrasybulus nicht erwarten; einst aber, wenn nach erfüllten Hoffnungen er in sein Vaterland zurückkehrt, mögen ihm beide Nationen Livlands auch für das, was er so stark gewünscht und in Regung gebracht hat, durch eine gewonnene neue Existenz danken.   Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts, von dem Verfasser (des Buchs) Lienhard und Gertrud. Zürich 1797 bei Geßner. Erfurter Nachrichten 1797, Stück 60.   D. Lienhard und Gertrud ist als eins der besten Volksbücher in der deutschen Sprache anerkannt, und an innerer Kraft ist's vielleicht das erste. Voll warmen Mitgefühls für alle Classen unsers Geschlechts griff der Verfasser gerade in den Knoten, aus welchem alles Elend, alle Verdorbenheiten der verschiedenen Stände hervorgehen, und in welchem sie sich, zusammengewebt, wechselseitig einander unterstützen und festhalten. Nach Ansicht der Dinge im Gange seines Lebens konnte er diesen Knoten nicht anders als provinciell knüpfen und auflösen; jeder Leser, jede Leserin aber von Geist und Herz sagte: »Hätten wir in unserer Provinz auch einen Lienhard und Gertrud , ebenso wahr, ebenso provinciell geschildert!« und nahm sich aus demselben mit Schmerz und Freude, was für ihn, was für sie diente. Die gegenwärtige Schrift ist auch eine Geschichte, die Geschichte eines großen Kampfs und Zwiespalts, nicht aber in einzelnen Auftritten zwischen wenigen Personen, sondern in sämmtlichen Zuständen unsers Geschlechts und bei jedem Menschen in der Folge seiner Verhältnisse und Lagen . Der Knote liegt in unserem Herzen, im reichen Keim unsrer Kräfte und Anlagen, deren Schlaf und Wachen, deren verschiedener Gebrauch und Mißbrauch im fortgeleiteten Bande der Gesellschaft allenthalben neue Knoten schlägt, neue Keime des Guten und Bösen fördert. Kurz, die Widersprüche in der menschlichen Natur und Gesellschaft nimmt der Verfasser scharf und bestimmt nach allen Wechselfarben ins Auge, indem er sich fragt: »Was bin ich? und was ist das Menschengeschlecht? Was hab' ich gethan? und was thut das Menschengeschlecht? Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat. Ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie er ist, aus dem Menschengeschlechte macht. Ich will wissen, auf was für Fundamenten mein Thun und Lassen ruhe; von welchen Gesichtspunkten meine wesentlichsten Meinungen eigentlich ausgehen und unter den Umständen, unter denen ich lebe, ausgehen müssen . Ich will wissen, auf was für Fundamenten das Thun und Lassen meines Geschlechts ruht, von welchen Gesichtspunkten seine wesentlichsten Meinungen eigentlich ausgehen und unter den Umständen, unter denen es lebt, ausgehen müssen .« Die Untersuchung dieser Fragen macht das ganze Buch zum ernstesten Gespräch mit uns selbst und mit unserm Geschlecht in allen Classen und Ständen. Wehe dem vertrockneten Herzen, wehe auch dem Thiermenschen, der, wenn er die drückendsten hier aufgestellten Contraste vor sich sieht, nicht zu sich sagt: »Auch ich leide unter diesen Widersprüchen und trage sie in mir. Ich bin nicht besser als Jedermann.« Wohl aber Jedem, der in diesem strengen Dialog zu sich sagen kann: »Ich that, was ich konnte, um diesen Widersprüchen zu entkommen, ja, sie mir selbst zuerst aufzulösen.« Drei Zustände setzt der Verfasser im Menschen und im menschlichen Geschlecht fest, d. i. drei Arten, die Welt anzusehen und auf sie zu wirken. Der erste ist der Zustand des Thiermenschen , dessen Unschuld nur kurze Zeit, nur einen Augenblick dauert; selbstgefälliger Gebrauch der Kräfte ist seine Tendenz, ungestörter sinnlicher Genuß sein Ziel. Sobald er in einen Conflict mit andern Anstrebungen und Gelüsten kommt, hört seine Unschuld wie seine Seligkeit auf, und es öffnen sich gräßliche Scenen. Der Zustand der Gesellschaft begehrt ein Recht, ein gemeinsames Recht, zu dem den Menschen ein tausendfaches Elend, Noth und Jammer treiben. Mit unglaublicher Stärke, mit einem furchtbaren Reichthum an Beweisen zeigt der Verfasser, daß auch im Zustande der Gesellschaft der Mensch immer ein Thiermensch bleibe, der sich selbst gern Alles ist, der seine Macht, seine Ansprüche zügellos ausdehnt, wenn ihn nicht ein gemeinsames Gesetz bindet und einschränkt, der unter tausend sinnreich erlogenen Formen und Blendwerken jetzt und immer nur seinen Sinnengenuß zu sichern und zu erweitern trachtet. Mit schrecklicher Wahrheit, in Anspielungen auf alle Classen und Stände ist dies Gemälde dargestellt, das unsre Zeit, in welcher dieser Kampf nicht etwa nur hie und da von außen, sondern inwendig in den Herzen fast aller Menschen zum Ausbruch gekommen ist, leider sehr bewährt. Das Elend der »Rechtlosigkeit im gesellschaftlichen Zustande« schildert der Verfasser mit einer Stärke und Vielseitigkeit, wie sie vielleicht kein Schriftsteller, selbst Rousseau nicht, geschildert hat. Er reißt uns die Binde von den Augen und beleuchtet den lieblichen Wahn, »daß gesellschaftliches Recht und sittliche Tugend eins sei«, mit einer flammenden Fackel. Alles in diesem zweiten Zustande von innen und außen drängt uns, in einen dritten Zustand zu treten, sittliche Menschen zu werden . Dies wird Jeder für sich, aus innerer Kraft, durch reine Bestrebung seines Willens; die Gesellschaft kann ihm diesen Zustand nicht geben, wohl aber ihn daran hindern und ihn verfälschen. Nur durch die Uebel, die sie veranlaßt, durch die ungeheuern Contraste und Widersprüche, die sie bloßstellt, treibt sie den Menschen, daß er diesen Zustand sich selbst gebe . Und nun zeigt der Verfasser, wie der also veredelte, sittliche Mensch Kenntniß und Wissen, Erwerb und Eigenthum, Recht und Macht, Ehre, Beherrschung und Unterwerfung, Adel, Handel, Kronen, Gesetze, Freiheit, Staat, Wohlwollen, Liebe, Religion ansehe und anwende; wobei er jedesmal, was diese Dinge dem Natur- und dem gesellschaftlichen Menschen sind, mit deutlicher Abzeichnung bemerkt. Im ganzen Buche steht der Mensch in dreierlei Rücksicht vor uns: als Werk der Natur im unverdorbnen und verdorbnen Zustande; als Werk seines Geschlechts , was die Gesellschaft aus ihm macht und machen will, wie sie ihn formt und bildet; endlich als Werk seiner selbst ; da erschafft, da sucht er sich Recht und Wahrheit. Man sieht, daß die Grundlage dieser Gesichtskreise in Rousseau liege, dessen Schriften der Verfasser stark und frühe gelesen haben muß, mit dem er auch in seiner männlichen Beredsamkeit und Liebe zur Wahrheit eine Aehnlichkeit hat, die sich leider auch bis auf traurige Erfahrungen seines Lebens zu erstrecken scheint. Geborgt aber ist in diesem Buch nichts. Der Strom, sowol wo er sanft fließt als ungestüm sich fortwälzt, quillt aus dem Herzen; wir lesen das reif durchdachte Resultat eines über die Hälfte hinaus gelebten, thätigen, wenigstens im Wollen thätigen Menschenlebens. »Tausende«, sagt der Verfasser (S. 232), »gehen als Werk der Natur im Verderben des Sinnengenusses dahin und wollen nichts mehr. Zehntausende erliegen unter der Last der Gesellschaft, ihres Hammers, ihrer Nadel, ihrer Elle und ihrer Krone; sie wollen nichts mehr. Ich kenne einen Menschen, der mehr wollte; in ihm lag die Wonne der Unschuld und ein Glaube an die Menschen, den wenige Sterbliche kennen; sein Herz war zur Freundschaft geschaffen; Liebe war seine Natur und Treue seine innigste Neigung. Aber er war kein Werk der Welt; er paßte in keine Ecke derselben. Und die Welt, die ihn also fand, die nicht fragte, ob durch seine Schuld oder die Schuld eines Andern, zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüllen mit den schlechtesten Brocken. Noch zerschlagen glaubte er an das Menschengeschlecht mehr als an sich selber, setzte sich einen Zweck vor und lernte unter blutigem Leiden für diesen Zweck, was wenige Sterbliche können . Allgemein brauchbar konnte er nicht mehr werden, und er wollte es auch nicht; aber für seinen Zweck wurde er es mehr als irgend Einer. Er erwartete jetzt Gerechtigkeit von dem Geschlecht, das er noch immer harmlos liebte, und erhielt sie nicht u. s. w. »Das war das Sandkorn auf der stehenden Wage seines Elends. Er ist nicht mehr; Du kennest ihn nicht mehr; was von ihm übrig ist, sind zerrüttete Spuren seines zertretenen Daseins. Er fiel. So fällt eine Frucht, wenn der Nordwind sie in ihrer Blüthe verletzt und nagende Würmer ihre Eingeweide zerfressen, unreif vom Baum. Wanderer, schenk ihr eine Thräne! Noch im Fallen neigte sie ihr Haupt gegen den Stamm, an dessen Aesten sie ihren Sommer durchkrankte, und lispelte dem Horchenden hörbar: »Auch vergehend, will ich seine Wurzeln noch stärken«.« In so trauriger Gemüthsstimmung schloß der Verfasser sein Buch. Aber die Auftritte der Welt wechseln; gegenwärtiger Schmerz ist nicht ewiger Schmerz, und hinter dem Sommer giebt es auch schöne Herbsttage. Dem Verfasser werde eine solche Jahreszeit auch für die Frucht, die er uns mit diesem Buche geschenkt hat! Jeder, wenn er es gelesen, nehme ein Blatt und schreibe seinen Lebenslauf dazu, was er als Werk der Natur habe sein sollen, was aus ihm die Gesellschaft , was endlich er aus sich selbst gemacht habe. Einem überlegenden Gemüth bietet dies Buch zu solchem Blatt viel Ansichten dar. Ob sich nun gleich einem Genius, bei dem gleichsam nur der starke Verstand und das verwundete Herz redet, die kleinfügige Kritik nur schüchtern nahen sollte, so wäre es doch, selbst zur Darstellung mancher Wahrheiten, gut, wenn vor einer zweiten Auflage der Verfasser sein Buch einem Freunde, dem er vertraute, nicht nur zur helleren Interpunction, sondern auch hie und da zu Bemerkungen mittheilte. Durch kleine Veränderungen, durch die Wegnahme manches Ueberladenen fielen andere äußerst wichtige Stellen reiner ins Auge; sie stünden, wie Kastor und Pollux auf dem berühmten Römischen Berge, riesenhaft da. Es wäre diese Ausheilung einer Schrift zu wünschen, die so ganz wie diese die Geburt des deutschen philosophischen Genius ist, der weder francisirt, noch anglisirt, am Wenigsten aber sich daran gnügen läßt, ein Principium in der Form aufgestellt zu haben. Eben daß unser Verfasser tief in die Sache griff und den seit Jahrtausenden geschürzten Knoten der Menschenverfassung »unsers alternden Welttheils« mit einem Hiebe nicht zu lösen begehrte, vielmehr ihn fester zusammenzog und nur die aus- und eingehenden Enden zeigte, eben dies ist der Werth seines Buchs. Trete nun ein Andrer hinzu und zeige, was die wachsende Sittlichkeit einzelner Menschen einzeln und fürs Ganze uns an frohen Aussichten gewähre : wir wollen ihn hören.   Phamenophis, oder Versuch einer neuen Theorie über den Ursprung der Kunst und Mythologie, von K. F. Dornedden. Göttingen 1797. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 7.   D. Schade, daß, wenn der lesende Theil des Publicums auf Materien einer Art zu sehr gespannt ist oder von Recensenten gespannt wird, andre denkwürdige Bemühungen des menschlichen Geistes so leicht übersehen werden! Dreißig Jahre früher wäre die eben genannte Schrift mit lauterm Ruhm verkündigt worden als in unsern politischen Romanzeiten. Sie hat indessen ihren Werth in sich, der zu seiner Zeit gewiß hervortreten wird. Jeder Kenner der Literatur weiß, wie viel und Mancherlei über die sogenannte heilige oder Hieroglyphenschrift der Aegypter, über ihren Götter - und Thierdienst , ihre Mysterien , über Osiris, Isis, Memnon 's klingende Statue u. s. w. gemuthmaßt und geräthselt worden; Alles ohne festen Bestand, weil späte, einander widersprechende Griechenmärchen und wenige Etymologien die einzigen Gewährsmänner waren. Nach dem verdienstvollen Gatterer thut unser Autor den ersten festen Tritt in diesem dunkeln Felde. Indem er eine wahre Idee von dem giebt, was vor Erfindung der Buchstaben oder eigentlicher Wortzeichen eine Sachenschrift sein mußte , indem er diesen Begriff entwickelt, festhält und mit lebhaftem Geist sich ganz in die Zeiten versetzt, da man, der Buchstaben völlig unkundig, durch Zeichen, Gebräuche, Feste, Handlungen sprach (d. i. Ideen, die man bekannt machen, fixiren, aufbewahren wollte, in Sachcharakteren andeutete und wiederholte), giebt er zugleich Proben, wie solche Sachen - und Handlungssprache , in Worte gefaßt, gesagt werden mußte, und wie man aus diesen Worten auf die Ideen jener zurückkommt. Er hat sich hiemit am Cyklus der ägyptischen Zeit - und Jahresbestimmung versucht und (ohne daß man eben annehmen darf, die Aegypter hätten nur Zeitideen symbolisirt) hierin viel geleistet. Ueber Osiris, Isis , die Neith, Osiris' Grab , den Phönix, Apis, Amenophis , d. i. die sogenannte Memnonssäule , den Thierdienst der Aegypter, die ἱεροὺς λόγους u. s. w. ist nie so viel Verständiges und Einleuchtendes gesagt worden als hier; Alles ist angemessen dem Geist damaliger Zeiten. Da des gelehrten Zoëga Werk über die Obelisken seit mehreren Jahren zu Rom im Druck ist (zu wünschen, daß es bald erscheine) und dieser vielbelesene Mann seinen ganzen Fleiß auf dies Studium gewandt hat, so wird man neugierig, zu wissen, ob und wo er sich mit dem scharfsinnigen, gelehrten Verfasser dieser Schrift begegnen werde. Begegnete er sich aber auch nicht mit demselben, so sind die Regeln und Proben, die hier zur Auslegung einer Sachen - und Handlungssprache , ehe man Buchstaben kannte, nicht minder zu Einverständigung dessen, was griechische Buchstabenschreiber von dergleichen Anordnungen berichten, gewiß doch der erste Versuch einer Logik über die gedachte Sachen-, Zeichen - und Handlungssprache . Mithin ist diese Schrift nicht etwa dem ägyptischen Alterthumsgelehrten allein, sondern Jedem lehrreich, der von der Weise alter Völker, über Sachen und Ideen gemeiner Ordnung vor Erfindung der Buchstabenschrift etwas Gewisses zu ordnen, eben bei dem Volk der ältesten und fruchtbarsten Cultur eine Probe zu sehen begehrt. Nicht nur wird er bei der Ansicht dieses beschwerlichen Ganges der Zeichensprache den fast unermeßlichen Werth der Buchstabenschrift neu schätzen lernen, sondern auch zu Beurtheilung andrer ähnlichen Nationen und für die Geschichte des menschlichen Geistes überhaupt mancherlei Grundsätze selbst folgern. Es ist zu wünschen, daß der Verfasser dieser Schrift mehrere seiner Untersuchungen, ohne welche dieser Phamenophis nicht erscheinen könnte, mit Wahl und Absicht ans Licht fördere, und wenn diese, wie aus einigen Winken zu ersehen ist, sich auf die Bildung der ältesten griechischen Mythologie erstrecken, solche nicht vorenthalte. Die Entstehung der schönsten, d. i. der griechischen Mythologie ist immer noch, bei allen dazu gelieferten trefflichen Solutionen, für kein völlig aufgelöstes Problem zu achten; jeder neue Beitrag dazu, wenn er aus der wahren Mnemonik der alten Zeit schöpft, ist schätzbar. Mit dem Titel des Buchs scheint der Verfasser sich dazu verbindlich gemacht zu haben; denn eine Theorie über den Ursprung der Kunst und Mythologie ist mit diesem Phamenophis noch nicht gegeben. Wir sehen es also nur als den ersten Ton an, den Memnon's Statue tönte; die septem vocales mögen folgen! Zweitens wäre vielleicht zum Vortheil der Sache bei ferneren Geistesarbeiten des Verfassers zu wünschen: Erstens in Materien dieser Art eine strenge Enthaltung von Kantischer Schulsprache . Was soll sie beim Phamenophis? was soll sie überhaupt im Garten der Musen? Entwicklungen dieser Art sollen gelesen werden, wenn jene Schulsprache vergessen oder von einer andern verdrängt sein wird. So lange der Verfasser in seiner eigenen Sprache redet, schreibt er leicht, sogar genialisch; wenn er den philosophischen Panzer anlegt, geht er schwer, die Arm- und Beinschienen klappern. Zum Glück griff er selten nach dieser entbehrlichen Rüstung. Zweitens . Hie und da hat der Verfasser, wie es scheint, Lessing 's polemischen Ton nachgeahmt; er ist aber schwer nachzuahmen, und am Ende hält er doch die Materie auf. Laß Andre vorher gesagt haben, was sie wollten; ist es nicht schön und würdig, mit Vergessenheit ihrer etwas Besseres zu sagen oder sie, wenn es die Sache fordert, schlicht zu widerlegen? Jablonsky und Andre thaten, was sie konnten; jener verdiente Mann hat wenigstens treu gesammelt und koptische Worte interpretirt. Verfehlte er den wahren Weg, wie schön ist's, diesen zu finden und den Leser ungestört, ohne Rücksicht auf fremde Irren, diesen Weg zu leiten! Wenn in Untersuchungen solcher Art sich ein Begriff nach dem andern, ein enträthseltes Symbol nach dem andern frei und anschaulich hervorhebt, so ist's, wie wenn ein guter Demonstrator, die Fackel in der Hand, uns die Statuen des Capitol's oder Vatican's zeigt. Wie sich die Fackel schwingt, treten sie aus der Nacht hervor; sie bewegen sich, sie leben. Unser Verfasser hat Kenntnisse und das Talent, in der Nacht des Alterthums uns diesen Kunstgang lehrreich weiter zu führen.   A. L. Schlözer's Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen. Erstes, zweites, drittes Stück. Göttingen 1795. 1796. 1797. 23 Bogen in gr. 8. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 32.   D. In einer Zeitenkrise, wie die unsrige ist, wo dem in Ohnmacht gesunkenen, sein Schicksal erwartenden Deutschland so mancher eingeborne Deutsche in ausländischen Phrasen Hohn spricht, kommt ja wol ein Buch recht, das dem Charakter der Deutschen nicht etwa nur, wie man laulich sagt, Gerechtigkeit widerfahren läßt, sondern ihre Verdienste aus Thatsachen entwickelt und in Thatsachen darstellt, das die Geschichte aufruft, zu sagen: »Das waren und wollten wir! das waren wir unter mancherlei Himmelsstrichen, früher als andere Völker um uns her; das haben wir geleistet!« Von dem Verfasser eines solchen Buchs darf man doch wol sagen: »er habe sich um seine Nation verdient gemacht «. Ein solches Buch sind diese drei Stücke kritischer Untersuchungen zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen von Schlözer . Nicht um diese Deutschen »in Siebenbürgen« allein (deren Urkunden theils ganz, theils in Auszügen das erste Stück, und deren Haupturkunde, das Privilegium Königs Andreas II. vom Jahr 1224, das dritte Stück mit einem kritischen Commentar giebt) hat sich der Verfasser verdient gemacht, indem er ihre Geschichte darstellt und ihre Rechte vertheidigt, sondern um die Ehre der Deutschen, wo sie auch leben, indem er das ihrem Charakter früh angebildete gute Gefühl von rechtlicher Ordnung, ausharrendem Fleiß, treuer Sittlichkeit, mithin ihr Verdienst um die praktische Cultur der Menschheit durch Thatsachen erweist. Der Unterschied zwischen Lebensart der Deutschen und Magyaren wird hie und da schneidend. Indem der Verfasser den wahren Blick strenge verfolgt: »Thiere müssen Menschen, ziehende Horden Völker, Völker Menschenvölker werden«, und die Eigenschaften oder sogenannten Vorzüge jeder Periode dieses Fortschrittes in treffenden Zügen nebeneinanderstellt, so tritt das Verdienst der Deutschen durch ihre frühe Municipaleinrichtung, die eine bürgerliche Freiheit und Selbstregierung mit sich führte, sowie auch ihre Bemühung um die Cultur vieler Gegenden Europa's durch Betriebsamkeit und Künste in einem bescheiden schönen Lichte gleichsam von selbst hervor. Der größte Theil des zweiten Stücks dieser historischen Untersuchungen, der vom deutschen Municipalwesen, von den Colonien der Deutschen in Oestreich, Ungarn, Siebenbürgen, Bremen, Holstein, Meißen, Mecklenburg, Preußen u. s. w. sammt den verschiednen Rechten , die sie daselbst erlangt und festgesetzt haben, mit historischer Präcision redet, ist jedem Liebhaber seines Volks und der Geschichte desselben unentbehrlich; auch was sich aus der Geschichte andrer Unternehmungen, z. B. der Spanier in Languedoc, der Johanniter und Tempelherren in Ungarn, hineinmischt, die Chronik der Petscheneger und Komaner selbst ist hier gleichsam neu entdecktes oder neu befestigtes, gewonnenes Land. Dem Verfasser steht ein Ausdruck zu Gebot, der mit Bündigkeit und Kraft Schärfe des Witzes und Urtheils so glücklich vereint, daß manche kurze Stellen seiner Vorreden, seiner Anmerkungen und Einschaltungen mehr sagen und weiter hinweisen als lange schale sogenannt philosophische Commentare. Die wahre Philosophie der Geschichte ist nicht, die Geschichte a priori ersinnen oder malen, sondern Facta darstellen und ordnen. Das Meistertalent des Verfassers, historische Kritik , hat sich also auch in dieser Schrift erwiesen. Gleichviel, woran es geübt werde, ob an einem Privilegium der Siebenbürger oder dem Recht einer Colonie, es wird lehrreich für die ganze Geschichte der mittlern Zeiten, ja für die Menschengeschichte überhaupt; denn Alles hat in dieser eine Tendenz und strebt zusammen zur Cultur oder, wie der Verfasser sagt, zur Völker- Menschwerdung . Schlözer's Commentar zum Privilegium der Siebenbürger ist auf allen Blättern lehrreich. Sonderbar wird es vielleicht manchem Leser, wenn er in unsrer wortschäumenden Zeit die Stimme eines solchen Veteranen hört; denn Veteranen nennen unsre Neulinge (die sich für die jetzt herrschende Generation halten) ihre Lehrer. Manches wird diesen deutschen Magyaren zu scharf, zu hart gesagt scheinen; manches Andre wird ihnen Mikrologie dünken; denn es hat viel Fleiß, viel Untersuchung gekostet und ist nicht a priori erfunden. Lasse der Himmel uns aber noch lange solche Veteranen, deren einige goldne Worte und scharfe Blicke mehr werth sind als lange Speculationen und malerische Tiraden. Wir verbinden also zugleich mit diesem Buch ein anderes Werk voll ächten kritischen Geistes und Fleißes: A. L. Schlözer's kritisch-historische Nebenstunden. Origines Osmanicae. Papiergeld, eine mongolische Erfindung im 13. Säculum.   Ideal einer Anleitung zur Kenntniß der asiatischen Staatengeschichte im Mittelalter. Göttingen, bei Vandenhöck und Ruprecht. 1797. 12 Bogen gr. 8. Indem der Verfasser im ersten Aufsatz die einheimischen Quellen der älteren osmanisch-türkischen Geschichte untersucht und von ihren Geschichtschreibern So'ad-eddin und Abulgasi Nachrichten und Proben giebt, sodann die osmanischen Origines nach byzantinischen, arabischen und anderen, meist zuverlässigeren Berichten verfolgt, bahnt er sich den Weg zum Entwurf einer allgemeinen türkischen Geschichte von der ersten Bekanntwerdung dieses Volks und seines Stammlandes bis zur Gründung des osmanischen Reichs, mit neun Hauptepochen der Bekanntwerdung dieser Länder und Völker, von Cyrus und Alexander bis auf den Einfall der Mongolen. Sodann zeichnet er das Ende des Staats von Chowaresm und von Iconium und den Anfang des osmanischen mit einem Resultat vom wahren Ursprunge der Osmaner und Osman. Alle diese sechs Abschnitte sind keines Auszugs fähig; denn sie sind aus den verschiedensten Untersuchungen selbst Auszug. Ebenso im siebenten die Parallele zwischen Kleinasien und Italien im Mittelalter, zwischen Osman, Sforza und andern Condottieri . Ausgerissene Resultate stünden hier am unrechten Ort; man muß die Schrift selbst lesen. Allenthalben zeigt sie Lücken und weckt Gedanken. Weckte sie auch Fleiß, diese Lücken auszufüllen, die hingestreuten Gedanken zu realisiren! Mit innigem Vergnügen sieht man hier europäische Kritik an morgenländische Geschichte und Geschichtschreiber gelegt; die Anwendung davon auf die Geschichte andrer morgenländischen Stämme und Völker mache sich Jeder. Der Aufsatz: Mongolen, Erfinder des Papiergeldes im 13. Säculum , überrascht angenehm, und er ist mit Zeugnissen belegt. Der Anfang endlich, »über deutsche Orthographie asiatischer Namen «, verdient allgemeine Beherzigung und Einverständniß. Es ist ein wirklicher Gräuel, daß Jeder orientalische Namen nach seinem Sinn schreibt. Volney u. A. haben deshalb Vorschläge gethan; wir Deutsche sollten wenigstens unter uns übereinkommen, wie wir arabische und persische Worte schreiben. Des Verfassers Regeln sind sehr annehmbar, wenn sie gleich nicht Alles erschöpfen. Noch verdient das dem Buch vorstehende Schreiben an Herrn Hofrath Meusel eine besondre Erwähnung, sowol des biedern freundschaftlichen Tons wegen, in dem es abgefaßt ist, als seines Inhalts halber. Es spricht von der bisherigen Bearbeitung der asiatischen Geschichte und gewährt uns die Freude, diese Nebenstunden als eine Vorarbeit zum dritten Theil der Schlözer'schen Weltgeschichte ansehen zu können. Werde sie bald erfüllt, diese Hoffnung! Hora ruit. .   Briefe über das Studium der Wissenschaften, besonders der Geschichte, an einen helvetischen Jüngling politischen Standes. Pulchrum est benefacere reipublicae; etiam benedicere haud absurdum. Sallust. Von J. G. Müller. Zürich 1798 Erfurter Nachrichten 1798, Stück 33.   D. Wie wenn auf einem Gastmahl unter vielen unverdaulichen, schlecht zubereiteten Speisen uns ein Körbchen reifer, gesunder, wohlschmeckender Früchte gereicht wird, an denen man sich nicht nur erholt, sondern erquickt und stärkt, so wird den Lesern, alten und jungen, vorzüglich Jünglingen, die noch unverdorbenen Gemüths den Garten der Wissenschaft und den Markt des Lebens mit Lust und Anmuth überschauen, dies kleine Bündchen Briefe sein, in denen ein Freund zum Freunde, ein mit reiner Wissenschaft, mit reicher Lectür alter, mittlerer und neuer Schriften, vorzüglich aber mit richtigem Blick und edelm Gemüth begabter Mann zu Jünglingen seines Vaterlandes , insonderheit politischen Standes , redet. Kathederbücher, literarische Geschichten und Anweisungen zur Geschichte haben wir in Deutschland gnug; manche Ostermesse kommen sie in halben Dutzenden zum Vorschein; meistens aber nur als Kathederhilfe, hölzerne Schemel, darauf der Herr Professor sitzen wird, daß er docire. Fast von Wiederherstellung der Wissenschaften an kann man mehreren Schweizerschriftstellern das Lob nicht absprechen, daß sie, in einem Vaterlande lebend, auch die Geschichte desselben als Bürger ansahen, treu beherzigten, treu erzählten. Der Bruder unsers Verfassers, Johannes Müller , hat mit seiner über die Hälfte vollendeten Geschichte der Schweiz sich und seinem Vaterlande ein Denkmal gestiftet, das dauern wird, so lange unsre Sprache dauert; und in mehreren oft kleinen Landesproducten jener Bergrepubliken war statt eines Kathedervortrages biederer Geist, männliche Kraft unverkennbar. Aus neuerer Zeit darf ich die Namen Haller, Bodmer, Breitinger, Waser, Schinz, Fäsi, Füßli, Balthasar, Escher, Pestalozzi nur nennen. Unser Verfasser verbindet diese biedre Schweizertreue nicht nur mit einem übersehend weiten Blick des großen Feldes der Menschengeschichte in den verschiedensten Verfassungen, Reichen und Zeitaltern, sondern auch mit einer liebenswürdigen Innigkeit, einer andringenden Sanftmuth. Allenthalben sieht man, daß er aus Vielem nur das Beste gewählt habe, daß vorzüglich Schriftsteller, die auf Bildung des Gemüths und der Sitten wirkten, seine Lieblingsschriftsteller gewesen, aus welchen er dann, in so verschiedenen Zeiten sie lebten, Kernwahrheiten , die in ihm selbst reif geworden, seinem Freunde vorträgt oder vielmehr als neue Keime des Wahren, Schönen und Vortrefflichen, wozu Wissenschaft und Geschichte dienen soll, in ihn pflanzt. Ein summarischer Auszug dieses kleinen Buchs wird und muß dies Lob bewähren. In wenigen Zeilen ist es dem edeln Zeugen und Märterer politisch-historischer Wahrheit, Friedrich Karl von Moser , zugeeignet; und die kurze Vorrede stellt den Gesichtspunkt des Buches fest. Brief 1 macht eine schöne Grundlage, das Gemüth des jungen Staatsbürgers in Ansehung seiner künftigen Betriebsamkeit, seiner Hoffnungen und Erwartungen zu ordnen; er sagt viel Vortreffliches in kurzen Sprüchen und schließt mit einer schönen Stelle Claudian's. Brief 2. Wie sich der künftige Staatsbürger durch Wissenschaften zu seinem Beruf vorbereiten solle. Natürlich, daß der Verfasser hier gegen die Uebel unserer Zeit, insonderheit gegen Deutschlands Gelehrtenübel (über die man wie Tissot ein eignes Buch schreiben könnte) reden mußte. Er spricht bescheiden, andringend wahr und herzlich. Brief 3 tritt in das Detail näherer Vorschläge beim Lesen , insonderheit beim Lesen der Alten. Als Beilage ist ein Brief des vortrefflichen Caspar Barläus (geschrieben 1641) übersetzt, und ein andrer ungedruckter desselben Inhalts vom Mathematiker Stephan Spleiß im Auszuge mitgetheilt. Der Barläische Brief enthält eine Encyklopädie zum Lesen der Alten, sogar mit ausgezeichneten Stellen derselben, auf wenigen Blättern. Brief 4 über die Kunst der Composition. Uebung in Composition schriftlicher Aufsätze ist jedem aufgeklärten Mann, zu unsrer Zeit jedem rathschlagenden wirksamen Staatsmitgliede nöthig; dieser Brief enthält seine Regeln. Brief 5 spricht von der Philosophie. Daß aber ja Niemand hier eine Einbläuung oder Einkeilung des jetzt geltenden Averrhoismus erwarte! Der Brief spricht von Logik des gesunden Menschenverstandes, von Geschichte der Philosophie, sowol in Systemen als populär vorgetragen, und in einer Nachschrift von Religion, Theologie, dem geistlichen Stande u. s. w. Das Lob, das Shaftesbury mit einer Hinweisung zum Gebrauch seiner Schriften gegeben wird, steht hier sehr an rechtem Ort; von den Averrhoisten des vierzehnten Jahrhunderts dagegen wird in einer Note (S. 69) aus Petrarca's Leben angeführt, »wie sie die Lehren des Averrhoës als Orakelsprüche verehrt und jeden Zweifel an denselben sehr übel aufgenommen. In Venedig habe diese Philosophie damals besonders unter jungen Leuten viel Anhänger gefunden und ihnen einen solchen Stolz eingeflößt, daß sie sich anmaßten, über die Verdienste Petrarca 's ein förmliches Gericht zu halten, worin sie ihn dann zwar für einen guten Mann erklärten, ihm aber den Namen eines Gelehrten und eines Philosophen gänzlich absprachen. Die größten Kirchenlehrer hießen bei ihnen schwache Köpfe so wie alle Diejenigen, die ihre Kniee vor dem Aristoteles nicht beugten und nicht blindlings die wunderlichsten Meinungen Averrhoës' annahmen.« Uebrigens hält sich dieser Brief sowie das ganze Buch von allem Streit frei. Brief 6. Nachdem der Verfasser über die Wissenschaften und das Studium überhaupt leitende Ideen ( notiones directrices, die beste Methode!) gegeben, kommt er zum Studium der Geschichte, sucht zu demselben zuerst Lust einzuflößen und zeigt sodann, wie Geschichte, allgemeine und besondere, gelesen, studirt, genutzt werden müsse. Die Rathschläge alter und neuer Geschichtforscher werden dabei angeführt und als Beilage eine Stelle aus Walther Raleigh 's Vorrede zu seiner Weltgeschichte gegeben, die den großen Verstand des Mannes zeigt. Ein kleiner Auszug aus Bodin 's Methode zur Geschichtskenntniß folgt. Brief 7 giebt Bemerkungen über den Nutzen der Geschichte für die Beurtheilung politischer Gegenstände. Eine Stelle Plato 's, »Von den Gesetzen«, leitet sehr gesunde Gedanken ein über den Ursprung und Zweck bürgerlicher Gesellschaft in verschiedenen Verfassungen, mit Beispielen aus der Geschichte Griechenlands, Rom's und der Schweiz beurkundet. Sodann trägt der Verfasser (S. 176 ff.) einige einzelne bescheidene Ideen über die Geschichte der europäischen Menschheit und ihre moralische Bildung vor, voll heiterer, großer Blicke. Otanes', Megabyzus' und Darius' Reden über die verschiedenen Regierungsformen (aus Herodot) folgen (S. 200), und als eine zweite Beilage sehr interessante Gedanken aus einem der Lieblingsschriftsteller des Verfassers, William Temple (S. 205). Der achte Brief verbreitet sich über den Geist der Geschichte verschiedener Völker, Zeitalter und Geschichtschreiber, mit guten einzelnen Winken auch auf die Geschichte der mittleren Zeiten, die der Verfasser nicht mit einem verachtenden Blick wegwirft, sondern charakterisirt. Als Beilagen, d. i. Proben, folgen: Anfang der Gesetze des Zaleukus; eine Exposition von Sallustius' Catilina; einige Proben von der Erzählungsart der Geschichtschreiber des Mittelalters; und dann (merkwürdiges Stück, S. 277) aus Temple 's »Memoirs« ein Plan Richelieu's, der   in unsern Tagen seine Vollendung erreicht hat. Der neunte Brief über die Kirchengeschichte und Lebensbeschreibungen schließt das kleine Buch, das in Ansehung seines Inhalts das Lesen vieler Folianten voraussetzt, in Ansehung seines Vortrages ein schön geordnetes Ganze und in Betracht des Geistes, der dann herrscht, eine historisch-politische Blumenlese , d. i. eine Sammlung der besten Gedanken und Rathschläge ist, die der Verfasser aus alten und neuen Schriftstellern sowol als aus eigner Erfahrung zog und in sich bewährte, das, ohne Anmaßung gesagt, Bolingbroke's Briefen »zu Erlernung der Geschichte« an Nutzbarkeit weit voransteht. Möge das kleine Buch in die Hände jedes guten Jünglinges kommen und ihm ein Leitfaden zu eigner Bewährung so mancher goldnen Wahrheiten und Grundsätze im Labyrinth der Geschichte und des heutigen politischen Lebens werden! Möge dem Verfasser, der nach dem Wahlspruch seines Titels de republica bene dixit, bei der jetzigen Umbildung seines Vaterlandes auch Gelegenheit zu dem höheren Schönen werden, reipublicae bene facere ! Dann hätte er sich (denn das Buch ist vor der unerwarteten Revolution geschrieben) durch eine vieljährige stille Bildung in Kenntnissen und Grundsätzen dieser Art zur edelsten Nutzbarkelt wie durch eine höhere Bestimmung bereitet.   Blüthen aus Trümmern. Von G. A. von Halem. Bremen 1798. 264 Seiten in 8. Erfurter Nachrichten 1798. Stück 37.   D. »Nicht jeder Marmor allein, auch jeder Laut weckt auf dem classischen Boden Griechenlandes unwillkürlich das Andenken des alten Hellas« (S. 27). »Hier«, sagt der Verfasser S. 3 der Vorrede (auf den Inseln des griechischen Archipelagus) »lebt ein Völkchen, das, vom festen Lande und dessen Verderbniß getrennt, seine ursprüngliche Eigenheit meist erhielt und ohne viele Gesetze, ohne große Wissenschaft nahe blieb der Natur. Sie kennen nicht die türkische Sonderung der Geschlechter, welche die Griechen des festen Landes schon nachahmten; nur die Tugenden ihrer Landesleute, die griechische Gastfreiheit, Nüchternheit, Keuschheit, Arbeitsamkeit, Mildthätigkeit, sind einheimisch bei ihnen. Auch über sie ward die Lebhaftigkeit der Griechen und deren leidenschaftliche Liebe für Gesang, Saitenspiel, Tanz und Poesie in reichem Maße ausgegossen. Ihre Frauenzimmer sind große Künstlerinnen im Sticken. Sie versammeln sich vor den Häusern und unterhalten sich während der gemeinschaftlichen Arbeit mit kleinen Erzählungen (Paramythien) oder fordern Andre auf, sie damit zu unterhalten« u. s. w. Aus dieser Idee, aus dem Eindruck nämlich, den dem Verfasser die Beschreibungen Tournefort's, Le Roy's, Choiseul-Gouffier's, Spon's, Wheler's, Guys', Chandler's, Savary's und andre Reisende gaben, entstanden diese zarten Darstellungen, Schilderungen und Erzählungen, die dem größten Theil nach selbst Paramythien sind. Vgl. Herder's Werke, II. S. 213.   D. Ihr Inhalt ist sehr abwechselnd, ihre Einkleidung nicht minder. Leid und Freude, süße und bittere Empfindungen, in Poesie und Prose, in Schilderung und Erzählung treten uns in wohlgeordneten erlesenen Scenen vor und überraschen oft mit einem unerwartet schönen Ausgange. Allesammt sind sie Kinder der ächten Naturempfindung; Unschuld, Thätigkeit, Liebe und Großmuth, häusliche und gesellige Tugenden sind hier in einem Kranz von Blüthen über Trümmern alter Zeiten mit Grazienhänden gewebt. Der Verfasser hat süße Stunden genossen, da er die Erinnerungen seiner idealischen Reisen in diese Dichtungen ordnete; er schafft sie auch seinen Lesern. Unter den Erzählungen macht 1. der Pilger auf Patmos (S. 9) mit Recht den Anfang. Die Erfahrungen des Papas und die Geschichte des Theobald 's geben uns ein neues Interesse für diese Gegenden und für alle folgenden in ihren dargestellten Scenen. 2. Der Bischof von Damala . Das griechische Wiegenlied, das von ihm handelt, sagt uns in einer dreifachen Anwendung, die sich gleichsam von selbst giebt, die weiseste Lebenslehre. 3. Im Schahculi sind nach einer anmuthigen Einleitung mehrere Sentenzen Saadi 's als gesungene Lieder in eine treffende Situation gesetzt. Das schöne Ufer von Stambul konnte nicht besser gefeiert werden. 4. Delli von Casos . Der Contrast zwischen dem barbarischen Wohlleben des Türken und dem menschlichem Leben der Casioten konnte schwerlich einen glücklichern Moment geben als diese Scene des Wiederfindens einer getrennten ehelichen Liebe und Freundschaft. 5. Die Quellenmädchen, 6. Clelia, 7. Die Stickerin, 8. Gemil und Zoë, 10. Der Traum, 11. Der Zauberer auf Naxos, 12. Die Eifersucht sind griechische Paramythien ; ein paar derselben sind aus Guys aufgefaßt, die andern in dieser Manier gedichtet. Die Gaben des Zauberers auf Naxos und die Ehrenrettung des weiblichen Geschlechts im Munde der Zelia sind von der zartesten Art. 9. Die Mutterklage beim Tode der Tochter könnte in einer griechischen Anthologie stehen. 13. Die Laube zu Tenedos ist wie ein Idyllengespräch Geßner's. 14. Das Grab Homer's auf Nio (Ios) hätte auch ohne die zweite Scene einen andern Ausgang gewinnen mögen; dieser indessen macht das Andenken Homer's sinnlich. 15. Der Franke in Scio preßt den Wunsch aus, daß alle Franken in allen Welttheilen sich so verhielten wie dieser Franke, und 16. Die Blume Oschaddi erregt den Wunsch, daß unser Verfasser mehrere Bilder der Hindus so anwenden möge, wie er hier den Sohn des Himmels und der Täuschung, Kama , den indischen Liebesgott, mit seinen Symbolen gewandt und angewandt hat. Das Lied der Indianerin (S. 174 f.), die ihrem Geliebten in die Flamme folgt, ist schauerlich-groß. 17. Die Schlange Python , als ein Symbol der Pest betrachtet, leitet sehr edle Gesinnungen ein, diese und andre Pestschlangen zu überwinden. 18. Der Felsenbewohner am Libanon , der einen harten Knoten zwischen Glauben und Liebe mit dem kalten Eisen des Todes zerschneidet, läßt uns in einer Betäubung zurück, die vielen Gedanken den Weg öffnet. Als Anhang erscheinen Collin 's bekannte Idyllen Hassan der Kameeltreiber und Die Flüchtlinge , und als Nachtrag Cytherens Verheißung , ein schöner Homerischer Hymnus. Die Anmerkungen (S. 221-254) sind Früchte einer reifen Lectür, sehr wohlgefällig zu lesen, sowie das Ganze eine Lustfahrt auf den griechischen Inseln, anmuthig und belehrend. Möchte ein sanfter Zephyr jener Inseln diese Blätter in die Hand unsrer Töchter und Jünglinge führen, daß sie, statt langer berauschender Romane, sich nach und nach an kurze Erzählungen, an stille und wahre Scenen der Natur gewöhnen! Die Griechen liebten Gemälde solcher Art, d. i. einzelner häuslichen und öffentlichen Ereignisse; ihre schönste Mythologie ist daraus entstanden; mit dem Andenken an dergleichen örtliche Begebenheiten schmückten sie Lustplätze, Tempel und Haine. Auch andre gebildete Nationen folgten ihnen hierin nach, und zu wünschen wäre es, daß gleichsam an Ort und Stelle jede Gegend der Erde gefeiert würde, die der Genius der Menschlichkeit, der Liebe, des Erbarmens mit seinem Fußtritt je berührte. Denn wie heiliger sind die Stätten als Schlachtfelder, Prunkorte des leeren Wahnes! Auch geben dergleichen kleine Erzählungen etwas, was lange Romane selten geben, nämlich den Geist eigner Erzählung und geselliger Unterhaltung . »Erzählt,« rufen sie uns zu, »wie Ihr hier erzählen hört, Eure Begebenheiten und Vorfälle des Herzens und Tages! Vergnügt Andre mit Euern Paramythien; und die schönsten Züge, die Euch in solchen Erzählungen gefallen, eignet Euch zu, zu welchem Zweck (die in der Erzählung vorkommenden Lieder ausgenommen) in dieser Dichtungsart die Prose vor der Poesie Vortheile zu haben scheint!«   Etwas von meinem Lebenslauf und etwas von meiner Muse auf der Festung. Ein kleiner Beitrag in der selbst erlebten Geschichte meines Vaterlandes. Vom Regierungsrath Dr. Huber. Stuttgart 1798. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 40.   D. Ein zu volles Gemüth, das gar zu viel zu sagen hätte, schweigt; so werde auch dies kleine Buch schweigend angekündigt! Lese es Jeder, der den Traum von Freiheit und Sicherheit eines Staatsbürgers deutscher Nation unter der Willkür des gesetz- und straflosen Despotismus träumt; lese es Jeder! Der Verfasser ist ein Greis; er erzählt sein Leben weise, wie ein Mann von Geschäften, und dabei rein wie ein Genius, und heiter. Er charakterisirt Fürsten, Adel, Söldner, Volk, Stände so bedeutend, daß man von ihm sagen möchte: »Sein Schweigen redet.« Dabei ist seine Schreibart nett und klar, so natürlich und rein deutsch, daß sie seiner gebildeten »ehrlichen Denkart« nicht nur entspricht, sondern gleichsam selbst zu ihr gehört. Eine Nachlese classischer Denk- und Schreibart aus einer fast verlebten Zeit. Möge das Beispiel des Verfassers, der seine Geschichte so ganz ohne Bitterkeit treu und rein erzählt, mehrere seiner Landsleute wecken, die ihrige auch zu erzählen! Außer der Kriegs und Staatsmarionette hat ja Deutschland keine andre als die Gelehrten - und Dienstgeschichte ; jede Dienstgeschichte wie diese ist des Bemerkens und Aufhebens werth. Ein edler Mann, ein treuer Freund, der Regierungspräsident von Gemmingen , den Deutschland aus seinen jüngeren Jahren auch als Dichter kennt, und dem unser Verfasser ein eignes Denkmal errichtet hat, erscheint in dieser Lebensgeschichte seines Freundes, obgleich, wie es der Despotismus gebot, vorsichtig und furchtsam, dennoch bis an den letzten Lebenshauch treu, bieder und ehrlich. Die Namen Gemmingen und Huber , ob sie gleich in verschiedenem Licht glänzen, werden von jedem Rechtschaffenen mit Liebe genannt werden. Seinem verstorbnen Freunde also eignet der Verfasser dies sein Leben zu: Mein Bruder! Gönne mir die traute Zuschrift! Es mögen's die Magnaten alle wissen! Im Himmel, wo Du bist, erschallt kein Titel Als der   des Bruders. Welch einen Theil die Bürger des Olympus Am Schicksal der zurückgelassnen Freunde Entweder nehmen können oder dürfen, Ist heil'ges Räthsel. Vielleicht, Ihr Glücklichen, wird Erdenschicksal Für Euch zu klein, vom Himmel aus gesehen. Noch ist es Trost für uns, mit Euch zu reden, Als wenn Ihr hörtet. Der Lebensbeschreibung sind einige wenige Gedichte beigefügt, die, obwol der Verfasser treffend sagt, »daß Asperg kein Helikon sei«, dennoch dem größten Theile nach den Gedichten Uz' und Gemmingen 's an die Seite gesetzt zu werden verdienen. Hier ein paar Proben. In den zwei ersten Stunden seiner Gefangenschaft sang der Verfasser also: Ich ehre Dich, o Du des Himmels Wille, Du rufst; ich bin bereit. Sei mir gegrüßt in dieser schwarzen Stille, Balsam'sche Einsamkeit! Wo bin ich? und ist dies der Weg der Wahrheit ? Und diese Schmach ihr Lohn? So heitre sie des Kerkers Nacht mit Klarheit Und glänze durch den Hohn! Ist's Hochverrath, zu mahnen einen Prinzen An Pflicht, an Fürstentreu'? Zu sagen, daß vom Wohlstand der Provinzen Sein Glück untrennlich sei? Sei ruhig, Herz! O, keine einz'ge Klage Entweihe Dein Geschick! Der Muth ist Ruhm, und unverdiente Plage Ist ein wahrhaftes Glück u. s. w. Ein anderes: Mein Auszug aus Tübingen Für Macht und für Despoterei Und für achthundert Bärenmützen, Wer kann den Biedermann beschützen, Daß er kein Raub des Unglücks sei? Noch weicht sein Fuß nicht von der Bahn, Worauf der Mann der Wahrheit wandelt, Und jeder Feind, der ihn mißhandelt, Feu'rt ihn zu größrer Tugend an. Die That allein ist Schmach und Ruhm; Der Hohn, der Kerker und die Bande Sind Zeichen von der wahren Schande, Wie Lorbeern von dem Heldenthum   d. i. trügliche Zeichen. Fürchte Niemand, hier eine widrige oder mit Dunst einer falschen Anmaßung angefüllte Kerkerstube zu sehen; die sanfte, die bescheidne Muse hat sie erleuchtet. Im ganzen Büchelchen herrscht klare Ansicht der Dinge , ein wackres Herz und ein reiner Verstand.   Rede zum Andenken des Grafen A. P. von Bernstorff, gehalten im großen Hörsaal der Universität zu Kiel, den 28. August 1797 vom Professor Hegewisch. 4 Bogen, 8. Kiel. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 40.   D. Auf diesen vier noch nicht vollen Bogen tönt eine sanfte Rede, die von Jedem, dem das allgemeine Wohl der Staaten, die allgemeine Billigkeit und Ordnung heilig sind, gehört werden sollte; sie ist, dem Charakter Bernstorff 's gleich, die erquickende Stimme der Mäßigung und Wahrheit. Jener ruhig denkende, mit den besten Grundsätzen der Gesammtgeschichte ausgerüstete Geist, der alle Schriften Hegewisch 's charakterisirt, spricht auch hier zum Andenken eines großen Mannes der Geschichte. »Unter vielen glänzenden Namen«, so endet die kurze Rede, »wird Bernstorff 's Name mit reinem Glanz strahlen; denn es ist der Glanz der Rechtschaffenheit und Wahrheit.« Um ihn in diesem Glanze zu zeigen, läßt der Redner blos Thatsachen sprechen, die er auf Grundsätze zurückführt; die Rede enthält nichts als die Geschichte von Bernstorff's Leben . Diese wird interessant, nicht etwa durch ihre äußere Merkwürdigkeit allein, da sie einem großen Theil nach in das Zeitalter der wunderbarsten Begebenheiten und Verwirrungen Europens fällt, sondern vielmehr durch ihre innere Merkwürdigkeit, durch die Grundsätze selbst, die Bernstorff in dieser gefahrvollen Krise als Staatsmann für Dänemark mit unerschütterter Festigkeit befolgte. Diese entwickelt der Verfasser mit einer so einleuchtenden Heiterkeit, daß sich der Hörer, nach und nach über das Gewirr falscher Staatstendenzen erhoben, in einer Region der Wahrheit, die Menschenglückseligkeit ist, gleichsam an Bernstorff's Seite fühlt. Dem Unterzeichneten wenigstens kam beim Lesen dieser Schrift das Bild des edel und schön gebildeten, gedächtnißreichen, einnehmend beredten, Ordnung und Billigkeit liebenden Mannes, das ihm der persönliche Genuß eines Tages mit ihm auf dem Lande eingedrückt hatte, Im Mai 1783.   D. sehr angenehm wieder. Einen besondern Vorzug erhält diese Rede dadurch, daß sie (was so viele Lobreden thun) nicht philosophisch deduciren will und nie zu viel, nie übermäßig lobt. Sie erzählt Lebensumstände, z. B. wie Bernstorff's Denkart sich gebildet (auch Jacobi in Celle , ein Fénélon in seinem Kreise, steht unter Denen, die die religiöse Denkart des Jünglings bestimmten; in andern Fächern waren es Staatsmänner, Gelehrte, Künstler); welchen Gang er unter Führung seines großen Oheims in Geschäften genommen, wie er Geschäfte desselben nach dessen Ableben glücklich vollendet, welche Grundsätze er bei dem amerikanischen, russisch-türkischen und dem unseligen Kriege der Coalition standhaft, gerecht, weise und menschenfreundlich befolgt, welche große Anstalten zum Besten der Menschheit unter seinem Ministerium im Innern des Reichs bewirkt wurden. »Jener die Menschheit entehrende Handel, der Handel mit Menschen, wurde abgeschafft. In den europäischen Staaten des Königes wurden Vorbereitungen gemacht, dem leibeigenen Landmann Freiheit und Eigenthum zu verschaffen. Die öffentliche Mittheilung der Gedanken, ohne die keine wichtigen Fortschritte zur Vervollkommung des menschlichen Geschlechts möglich sind, wurde in einem reichen Maße gestattet, zu einer Zeit, wo andere Regierungen in dieser Freiheit eine Quelle tausendfacher Uebel zu erblicken glaubten und aus ängstlicher Besorgniß sie zu vernichten suchten. Den Furchtsamen, die immer noch die wohlthätigen Folgen solcher Maßregeln bezweifeln, die das Stillstehn auf der einmal erreichten Stufe als Klugheitsregel betrachten, diesen furchtsamen Zweiflern wollen wir Bernstorff 's Namen nennen.« Doch die ganze Rede müßte abgeschrieben werden, wenn die trefflichen Maximen bemerkt werden sollten, an die sich Bernstorff's öffentliches und Privatleben schließt und reiht. Kein schöneres Andenken giebt's, als auf diese Weise fortdauernd in menschlichen Seelen und guten Einrichtungen zu leben: Bernstorff lebt in ihnen. Er lebt in der Geschichte als der Friedehalter zur Zeit der unglücklichsten Kriegsstürme, als der im Namen eines Reichs an große europäische Mächte sprechende Schutzgeist und Vertheidiger allgemeiner Menschen- und Völkerrechte in einem Orkan von Zeiten, wo die laute Stimme wilder Luftgeister jene Rechte aberkannte und verhöhnte . Wer zu Aufrechthaltung der Menschheit an Grundsätze dieser Art glaubt, oder auch wer nicht an sie glaubt, lese diese Rede! Vielleicht überrascht ihn eine Schamröthe, die er sich selbst verbergen möchte. Unserm bescheidenen Redner sagen wir, verlassend seinen Hörsaal, nichts als ein treues: »De bono viro bene dixisti.«   Worte der Lehre, des Trostes und der Freude, von J. Jac. Mnioch, Görlitz 1798. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 48.   D. »Den 22.«, sagt eine Reisebeschreibung, »kamen wir an einen schönen Ort. Vor ihm begegnete uns eine Procession, die in der Landessprache (sie feierten eben das Frühlingsfest des Neujahrs) Bitten und Gebete sang fürs Wohl der Menschheit. Weiterhin empfing uns ein Hain von Cypressen und Oelbäumen, in dem Inschriften und Bilder uns bald belehrten, wo wir waren. Der Jüngling mit der Fackel, Embleme von trauriger Saat und fröhlicher Ernte, Inschriften wie diese: »Alles kehret wieder, Was wir geliebt mit reinem Herzen, was Als gut und schön sich unserm Geist vermählte«, führten uns zu einem Rosenhügel, auf dem, von Thränenweiden und Myrten bedeckt, in weißem Marmor eine jugendliche Gestalt ruhte. Ein Kind im Arm haltend, reichte sie die andre Hand zwei Kleinen, die diese Hand mit gesenktem Haupt küßten. Unser Begleiter sagte uns, daß sich auf diesem Hügel zuweilen ein Gesang in rührenden Tönen hören lasse, dessen Endworte seien: »Ach, wozu empfingt Ihr Herzen, Menschen, wenn Ihr Euch nicht liebt?« Mehr wußte er von dem Gesange nicht. Die Nachtigall schlug lieblich auf dem Grabe.« So weit die Reisebeschreibung. Der Leser bemühe sich um dieselbe nicht; sie ist des obengenannten Buchs Inhalt. Sein Verfasser, der dem Leser wahrscheinlich schon durch frühere Schriften bekannt ist, Er war von Herder in seiner großen Noth vor zwölf Jahren unterstützt worden. Vgl. Herder 's Brief an Gleim vom 5. Februar 1787.   D. hat zu ihm eine traurige Veranlassung gehabt, den Tod seiner Gattin, deren kleine, aber sehr schätzbare Hinterlassenschaft er mit einigen seiner eignen Aufsätze einleitet und verflicht. Wir wollen, wie in jener Reisebeschreibung, seiner Einleitung folgen. * 1) »Litanei, oder allgemeines moralisch-politisches Gebet. Ein Zeitgedicht zum Neujahr 1797 nebst erläuternden Anmerkungen«. Eine herzlich-vertrauliche Anrede an den Vater Aller nach den Bedürfnissen der jetzigen drückenden Zeit. Kein Menschenherz wird sie ohne Theilnehmung lesen. Aber warum heißt sie Litanei ? Hinweg den verbrauchten Namen! So hätten wir auch dem Verfasser * 2) »Den Versuch über eine zwiefache Hinsicht, in der ein Versmaß behandelt werden kann«, so viel Gutes er enthält, an diesem Ort verziehen. Der Herausgeber der Terpsichore , der dazu Anlaß gegeben zu haben scheint, ehrt und liebt mit dem Verfasser den Jambus im hohen Grad; und wie sollte er's nicht, da er ihm in Shakespeare, Milton, Thomson, Kleist, Lessing, Gleim, Klopstock, Wieland, Goethe, Bürger u. A. oft und viel Freude gemacht hat? Seine Absicht war   doch hier ist nicht der Ort dazu. Es folgen: * 3.) »Zwei Gebete für eine aufgeklärte und gebildete christliche Gemeine, mit besonderer Hinsicht auf moralisch-religiöse Bedürfnisse unsrer Zeit«. Sie sind in Prose, voll desselben Herzens und Geistes, die das erste Stück beleben. * 4) »Ueber Bilder und bildliche Vorstellungen des Todes und über einige damit verwandte Gegenstände. In Form einer Rede«. Nicht künstlerisch werden diese Vorstellungen erwogen, sondern herzlich, menschlich. * 5) »Tod und Unsterblichkeit. Eine Cantate. Voran einige Gedanken über Cantatengesänge und Cantatenmusik«. Die Gedanken sind sehr gut; so auch das Urtheil über Ramler 's Cantaten. Indessen streben sie zu einem Einförmigen hin, das der Musik nicht wohl thut, dem auch, ihres rein menschlichen Inhalts ungeachtet, die beigefügte Cantate schwerlich entgehen möchte. Die Musik ist Bewegung und liebt Bewegung. Sie will nicht nur stark nüancirt sein, sondern fordert Abwechselung, Handlung. Ihrer Natur selbst nach ist sie Melodrama ; dies schafft sie in Tönen; die Griechen belebten es mit Gestalten. Unleugbar aber sind in dieser Cantate rührend schöne Stellen und Strophen. Dies wäre dann der erste Eingang zu dem kleinen Denkmal, das den Namen Maria Mnioch jedem Leser von reinem Sinn werth machen muß. Es heißt: * 6) »Zerstreute Blätter, beschrieben von A. M. D. E. Mnioch, geb. Schmidt . Angeschlossen ein paar Worte über das Leben der Verfasserin«. »Diese hinterlassenen Proben«, sagt der Herausgeber, »von der stillen Geistesthätigkeit einer guten Frau enthalten eine Darstellung, einen lebendigen Abdruck von einer wahrhaft weiblichen Seele in Empfindungen und Meinungen über Gegenstände, die nicht außerhalb dem Cultur- und Geschäftskreise des Weibes liegen. Die Verfasserin hat nie vermuthet, daß diese Blätter von fremden Augen würden gelesen werden. Ihre Urtheile über Bücher und Schriftsteller sind mit voller Unbefangenheit aus dem Herzen niedergeschrieben und aus einem Kopf, der mit dem Herzen in unschuldiger Freundschaft lebte. So originell, dreist und kühn manches dieser Urtheile scheinen mag, so wollen wir doch hoffen, daß darin mehrere weibliche Seelen das Bild ihrer eignen Gedanken und Gefühle erkennen und begrüßen werden.« »Sie las selten,« sagen die paar Worte über ihr Leben, »wenn sie allein war; am Liebsten las sie ihrem Mann vor oder ließ sich von ihm vorlesen. Aber sie schrieb nur in einsamen Stunden, wenn sie, von den übrigen Haushaltungsgeschäften befreit, sich mit der Nadel beschäftigte und ihr mitten unter der Arbeit irgend ein Gedanke, eine Empfindung so lebendig wurde, daß sie solche auszudrücken wünschte. Dann nahm sie ein Blättchen Papier, das ihr zur Hand lag und schrieb, oft nur mit Bleifeder, nieder, was sie im Ausdruck beinah schon vollendet gedacht hatte. Sie legte Papier und Feder sogleich beiseite, wenn sie merkte, daß ihr der Ausdruck fehle. Mit dem strengsten Ernst war sie dagegen, daß man einem Fremden Einiges dieser Blätter zeige. »Ich fürchte,« faßte sie, »daß, wenn ein Fremder diese Versuche sähe, man mich vielleicht für ein literarisches Frauenzimmer halte; ich würde es dann schwer haben in Gesellschaften. Man würde mich nach Dingen fragen, die ich nicht verstehe; auch merke ich, daß man sich gegen literarisch geglaubte Frauen öffentlich mehr erlaubt als gegen ein stilles, alltägliches Weib. Man setzt jene öfter in Verlegenheit, um zu sehen, wie ihr Witz ihnen heraushelfen wird; man behandelt sie beinahe wie Männer. Wie es mir dabei gehen würde, weißt Du am Besten«.« Also aus der Hand dieser bescheidenen Hausfrau zur Probe ein paar beschriebene Blättchen. Friede, Geduld. Friede, mein Lieber, Friede! Schon oft versöhnte mein Kuß Dich Mit den Menschen, die, ach! Ruhe suchen   im Streit . Laß uns mit fröhlichem Sinn ertragen wollen das Unrecht, Das nicht schlechter uns macht! Liebe träget ja mit. Wahrlich, Du hast Dich geübt in langem stillem Erdulden, Aber nie mit Geduld , nie mit der innern , mein Freund.   Unser Vergißmeinnicht Blühet im Auge der Kinder, Blühet, so lange von uns Einer lebet, in Herzen, Die wir nach unsern erziehn. Liederchen sprechen nur dann, Wenn wir sie lesen .   Mit dem Herzen nur glauben und zweifeln die Menschen. Die Unschuld Fürchtet kein Unglück; die Schuld athmet im Frühlinge schwer. Von derselben Zartheit sind N. I. Die literarische Hausfrau . II. Glaube und Zweifel . V. VI. Pygmalion und Elise . VIII. IX. Glück und Unglück der Frauen . XI. Dir, an Deinem Geburtstage . XVI. Ueber Terpsichore . XVII. Hin ist hin, kehrt nicht wieder . XVIII. Gedanken nach Lesung des Schmidtischen »Kalenders der Musen und Grazien« . XIX. Allerhand Bemerkungen, einige darunter fürs Haus . XX. Gedanken nach mancherlei Lectür . XXI. Liebe . Ein Gedicht voll heilsamer Lehre: Lernet das Gute genießen, ertragen das Böse! Die Liebe Beut Euch willig die Hand; sie ist des Lebens Gefährte; Aber täuschet sie nicht mit dem Ziele ; Myrte kränzet den Sieger nicht. XXIV. Bitte an die Weisheit . XXV. Furcht und Hoffnung . Warum dürfen wir sie nicht abschreiben? Es folgen: * 7) »Schattenrisse nach dem Leben«. Gezeichnet in Stunden der Muße. * 8) »Bilder, benannt nach ihren Rahmen«. Gesammelt auf einer Reise durch Südpreußen. Mann und Frau haben sich mit diesen kleinen Gesellschaftsgemälden und Charakterzügen erlustigt; und der Mann wird es nicht verübeln, wenn man die zartere weibliche Hand, auch ehe man auf die Unterschrift sieht, wahrnimmt. Ohne die Personen zu kennen, greift es sich gleichsam, daß manche Gattungen treffend geschildert sind, z. B. der Kantianer, manche Geschäftsmänner, so auch die Humanen nach der neuesten Art, desgleichen national der Pole, die Polin in mehreren Rücksichten. Die Zeichnerin trifft meistens den naivsten Ausdruck, z. B.: Unsern täglichen Dichter in unserm eigenen Herzen, Der uns erfreut und betrübt, der uns erniedrigt und hebt, Diesen Sohn der Natur zu bilden mit Weisheit und Güte, Sind uns, prosaischer Freund, Dichter vom Himmel gesandt. * Langsam zu lesen . Immer vernünftig, liebe Herren. Fein vernünftig laßt uns bleiben! Auch mit Narren wollen wir weise, Immer weis' und besonnen reden. Hat doch Jeder nicht für Andre, Für sich selbst nur seine Vernunft . Unter den Bildern , benannt nach ihren Rahmen, sind Nr. 3, 9, 13, 16, 17, 19 naiv und schön, Nr. 20 edel und groß; das schöne Lied endlich zu singen im Kreise der allzu kühnen Weltreformatoren . * 10) Das unmenschliche Streben zum Ziel der Menschheit ist vor andern einer Composition werth. Man höre die ersten Strophen: Solo . Ihr strebet und ringet zum Ziele der Menschheit, Doch selten aus Liebe fürs herrliche Ziel. Ihr strebet und ringet aus Dünkel und Ehrsucht Und tretet zu Boden, Was neben Euch in gleicher Würde stand. Chor . Ach, wozu empfingt Ihr Herzen, Menschen, wenn Ihr Euch nicht liebt? Solo . Von diesen Altären der menschlichen Hoheit Steigt Jammer und Klage der Menschen empor, Empor zu den Sternen! Dort sollen sich freundlich Und brüderlich grüßen Der Priester und sein blutig Opferthier . Chor . Ach, wozu empfingt Ihr Herzen, Menschen, wenn Ihr Euch nicht liebt? Die zwei folgenden Strophen führen den Inhalt fort. Ein Lied für unsre Zeiten! Der Mitverfasser verspricht (S. 294) eine Nachlese aus den Papieren der Verstorbenen nebst einer Schilderung derselben, die bisher wegen Krankheit, Sorge und Gram unvollendet geblieben. Befreie ihn der Himmel bald von diesen Plagegöttinnen, damit er sein Versprechen erfülle und dieser jungfräulich mütterlichen Carità ein rühmliches Denkmal stifte! Im Jahre 1800 erschien dies Denkmal unter dem Titel: »Zerstreute Blätter von Maria Mnioch«.   D.   Klopstock's Werke. Oden, erster und zweiter Band in gr. 4. und in gr. 8. Leipzig 1798. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 51.   D. Mit dieser anständigen Ausgabe der Klopstock'schen Werke haben wir in der ersten Lieferung, den Oden des Dichters, viel gewonnen. Nicht nur sind die, die in der Ausgabe 1771 bei Bohn erschienen und öfter nachgedruckt sind, hier nach der Zeitordnung, in der sie der Dichter schrieb, also biographisch geordnet, sondern auch nochmals von Klopstock mit strenger und linder Hand vollendet. Im ersten Gesichtspunkt erhalten wir hier, sofern Oden Abdrücke der Seele, Darstellungen aus der Ansicht der Dinge und den Empfindungen des Dichters sind, eine Folge von Zeichnungen der innern Welt eines schönen Gemüthes von seiner Jugend her bis zu den Erinnerungen eines fröhlichen Alters, von 1747 bis 1797. Im zweiten Gesichtspunkt findet der Jüngling, der beide Ausgaben mit der frühesten Bekanntmachung einzelner Stücke vergleicht, eine Ernte feiner Bemerkungen über Wohlklang und Angemessenheit des Ausdrucks. Hie und da ist das Aelteste zurückgenommen, als das Bessere und Beste; denn es war der erste Ausdruck der Empfindung. So freute es mich z. B. in einem der schönsten Gemälde ( Der Zürchersee , S. 86) den »Goldhäufer« nicht mehr, sondern den alten Ausruf: »Ist, beim Himmel! nicht wenig« wiederzufinden; dagegen ist's angenehm, andre jugendliche Stücke, die unter Klopstock's Siegel hier zum ersten Mal erscheinen, z. B. Salem (S. 39), Petrarca und Laura (S. 45), Der Abschied (S. 57), Die Stunden der Weihe (S. 65), An Gott (S. 68), hie und da verändert zu lesen, so daß der Liebhaber dieser alten Jugendfreunde vielleicht nur eins oder zwei Stücke, z. B. Verhängnisse (»Königen gab der Olympier«) und »Am Thor des Himmels stand ich«, vermißt. Beide wurden irrig Klopstock zugeschrieben, dagegen fehlte die Ode »Als ich unter den Menschen noch war«.   D. Sonst sind im ersten Bande Das Rosenband (S. 123), Edone (S. 311), Der Kamin (S. 302), Die Roßtrappe (S. 306), Der Unterschied (S. 312), Klage (S. 317), und Warnung (S. 319) der vorigen Sammlung hinzugekommen, deren jedes in Silbenmaß, Ausdruck und Inhalt seinen eignen Charakter an sich trägt. Der zweite Band ist, ein paar Stücke ausgenommen, ganz neu   ein Schatz von Sprache und Ausdruck, von Silbentanz und lyrischer Bezeichnung der verschiedensten Gegenstände. Diese schildert das innere Leben des Dichters von 1775 bis 1795; da sie also auf die merkwürdigsten, zum Theil schrecklichsten Vorfälle der neuern Jahre trifft, an denen der Dichter mit ganzer Seele Theil nahm, welche Welt steht vor uns da, verschieden in jedem Gedichte! Um über diesen Reichthum nur Einiges bestimmt zu sagen (eine Anzeige, wie sie sein sollte, würde ein Buch), mag Folgendes gnug sein: Erstlich . Alle diese Stücke, kleinere und größere, die in der jetzigen Ausgabe correct, rein und schön da stehn, sind lyrische Gedichte, d. i. Gesang . Also erhebe man die Stimme und lese sie vor, auch wenn man sie sich selbst liest. So heben sie sich vom Blatt und werden nicht nur verständlich, sondern lebendig, im Tanze der Silben eine Gedankengestalt, sich schwingend auf und nieder; in den meisten Fällen aber, vom einfachen Laut an bis zur vollsten Modulation werden sie ein sich vollendender Ausdruck der Empfindung. Dazu sind hie und da Silbenmaße vorgesetzt und auch im Context, wo es nöthig war, einzelne Silben bezeichnet. Das Auge soll nicht stumm lesen, sondern was Laut des Herzens ist, soll Laut werden. Klopstock's Muse, wie sie vor dieser Ausgabe sich zeigt, als Harfenspielerin und Sängerin Siona oder als Weissagerin Teutone (ein vortreffliches Bild in einer schönen Stellung) ist Rednerin ans Herz, die von jedem Bilde der Empfindung gleichsam nur den Seelenlaut nimmt und ihn dem Ohr bald zulispelt, bald zutönt. Um dieser Kunst inne zu werden, lese man die Oden, in denen Klopstock sie selbst entwickelt hat, im ersten Bande Siona (S. 208), Sponda (S. 211), Thuiskon (S. 215), Der Bach (S. 245), Die Chöre (S. 258), Teone (S. 264), Unsere Sprache (S. 270). Und im zweiten Bande Teutone (S. 3), Die Lehrstunde (S. 9). Die Maßbestimmung (S. 55), Die Sprache (S. 66), An Voß (S. 77), Die Vortrefflichkeit (S. 99), An Zigno (S. 102), Die deutsche Sprache (S. 104), Das Gehör (S. 106), Hemis und Telon (S. 124), Die Rathgeberin (S. 235), Die Lerche und die Nachtigall (S. 250), Das Fest (S. 272), Einladung (S. 287). Wem bei diesen Nachweisungen Ohr und Seele sich nicht aufthut, zu hören, was geschrieben ist, nicht es mit stummem Auge zu lesen, der lege das Buch weg und sage, es sei unverständlich. Wenn aber, wie Horaz meint, die Muse stummen Fischen sogar Sprache verleihen kann: sollte ein melodisches Vorlesen dieser Gedichte jedem nicht ganz tauben oder verbildeten Ohr, ohne Commentar, durch bloße Biegung der Stimme, nicht auch Verstand dieser Gedichte mittheilen? Kaum hat unsre Sprache ein Buch, in dem so viel lebendiger Laut und Wohllaut in melodischer Bewegung so leicht und harmonienreich tönt wie in diesem. Für Schulen ist es ein wahres Odeum der verschiedensten Gesang- und Ausdrucksarten, Stimme und Vortrag aufs Unterscheidendste zu bilden. Wie Alcibiades zu Athen in jeder Schule einen Homer verlangte, so sei in Deutschland keine Schule ohne Uebung der Stimme an Klopstock! Der Dichter konnte sich mit Recht das Lob geben (Band 2. S. 50): »Die Erhebung der Sprache, Ihr gewählterer Schall, Bewegterer, edlerer Gang, Darstellung, die innerste Kraft der Dichtkunst,   Haben mein Mal errichtet.« Zweitens . Im großen Umfange der Ansichten und Empfindungen, der uns in diesen Bänden vorliegt, mußte jeder Gegenstand seine Farbe, jede Empfindung ihren Ton, jede Situation ihre Haltung haben, wodurch dann natürlicherweise kein Stück dem andern gleich wird . Demnach unterscheiden sich diese Oden nicht etwa nur, wie man blöde wähnt, nach den Lebenszeiten des Dichters, etwa als Jugend- und reifere Stücke; denn obwol allerdings ein Unterschied dieser Art stattfindet, so sehen wir dennoch auch in den spätesten Jahren den Dichter nichts weniger als altern. Die letzte Ode, an die Freude, Sie (S. 295), eine ähnliche An meinen Bruder (S. 285), Der Wein und das Wasser, an Gleim (S. 274), Neuer Genuß (S. 264), An die nachkommenden Freunde (S. 261), Aus der Vorzeit (S. 259), Der Capwein und der Johannisberger (S. 225), Die Wiederkehr (S. 206), Erinnerungen (S. 298), alle diese in spätem Jahren geschriebenen Gesänge zeigen in der Seele des Dichters die Abendröthe so schön als die allerdings raschere Morgenröthe. Der tiefere Grund des Unterschiedes der Oden liegt in ihren Gegenständen und in der Stimmung des Dichters . Da sein Gesang die höchsten und niedrigsten, die schrecklichsten sowie die anmuthigsten Scenen umfaßt hat, so konnte er ja dort und hier nicht auf einer und derselben Saite leiern. Abstracte oder moralische Wahrheiten, z. B. Die Ankläger (S. 25), Verschiedene Zwecke (S. 28), Der rechte Entschluß (S. 53), Mein Wissen (S. 58), Der Nachruhm (S. 69), Die Verwandelten (S. 88), Der Grenzstein (S. 91), Der Gottesleugner (S. 115), Das Gegenwärtige (S. 128) u. a., konnten nicht als Psalme oder als Dithyramben gesungen werden; Gesänge über Kunstgegenstände, z. B. über die Wortordnung der Griechen, Der Kranz (S. 60), Die Grazien (S. 111). Aesthetiker (S. 75), Die Jüngste (S. 282), noch minder. Wenn also Klopstock's Oden hie und da prosaisch leicht , andre verwickelt sind, so frage man, warum sie es sind und an diesem Ort sein mußten. Leichter und einfacher kann z. B. nichts gesagt sein als Das Rosenband (B. 1. S. 123), Edone (S. 311), im zweiten Bande Die Lehrstunde (S. 11), Die Trennung (S. 122), Die beiden Gräber (S. 170), Das Wiedersehn (S. 290), und wer wünscht nicht ein Bändchen solcher Oden? Sie sind die Sprache der Wahrheit und Empfindung, wie ein Kind sie ausspricht. Dagegen ist in den lehrenden Oden sein Ton lehrend, in den vertraulichen vertraulich, in den strafenden scharf, in den zermalmenden zermalmend. Eben die Verschiedenheit solcher Umrisse und Schattirungen macht jede Ode zu dem, was sie ist, und das Buch zu einem Museum ; denn das Feinste in jeder Sache ist Verhältniß, Maß des Umrisses in jeder Bewegung. Wer einige von Gluck, Schulz, Reichardt, Kunz u. A. glücklich componirte Oden Klopstock's in diesem höhern Rhythmus gehört hat, wird auch im Lesen der andern nichts weniger als immer denselben Trott erwarten. Rückt die Lese- und Bezeichnungskunst einst weiter, als sie bisher gekommen ist, so wird man wahrscheinlich auch eine Manier finden, jedes lyrische Stück nach Gehalt und Ton charakteristisch zu bezeichnen. Drittens. Gesinnungen sind's, die jedes Kunstwerk eines denkenden Wesens als göttlich oder als gemein charakterisiren: Klopstock darf sich in keinem seiner Werke seiner Gesinnungen schämen. Seine jugendlichsten Gesänge hauchten eine jugendlichparadiesische Liebe; mit dem Händedruck der männlichen Freundschaft schlossen sich andre dem Leser ans Herz; andre belebte Religion und eine heitre, richtige Weisheit. Die hier zuerst erscheinenden Stücke aus dem reiferen Alter des Dichters verleugnen ihre jüngeren Schwestern nicht; der süße Most ist guter alter Wein worden im goldnen Becher deutscher Treue, mit griechischen Rosen umlaubt. Also herrschen in diesen neuen Gedichten: 1) Vaterlandsgesinnungen . Jedermann kennt Klopstock's Denkart hierüber aus den altern Stücken und (eins für alle zu nennen) aus dem einzigen: Mein Vaterland . (B. 1. S. 296). In den neueren Gedichten spricht diese herrschende Empfindung, eben weil es die Zeit gebot, lauter. An der Roßtrappe (B. 1. S. 306) gehen zwei Schatten hervor, deren Werth eine kurze Zeitfolge bewährt hat; der Dichter ward Barde. So ist statt des sinnlosen »war Vater« in den »Erfurt. Nachr.« und den Werken zu lesen. Klopstock bezeichnet sich hier als Barde der Bude. Die Schatten, die er sieht, sind die Friedrich's II. und Joseph's II.   D. Seiner frühen Gesinnung Fürstenlob (B. 2. S. 12) ist Klopstock getreu geblieben; das Urtheil, das er von je her über den Einzigen fällte (B. 1. S. 129, im Jahr 1752), hat er in den späteren Gedichten nur entwickelt, nicht verleugnet (Band 2. S. 32, 33, 35, 62, 72, 73, 74, 86). Die Gesinnung, die Klopstock über Fürstengroße, Kriegergröße, Eroberergröße von seinen Jugendjahren an geäußert hat (B. 1. S. 88, 91, 98, 108, 139, 235 u. s. w.), tritt hier in Gründen ans Licht, die auch die strengste Untersuchung am Licht des Mittages nicht fürchten. Dahin gehört Der Krieger (B. 2. S. 19), Der jetzige Krieg (S. 43), An Freund und Feind (S. 49), Der Nachruhm (S. 69), Der Grenzstein (S. 91), Der Ungleiche (S. 122), Der Fürst und sein Kebsweib (S. 132), Der Freiheitskrieg (S. 147), ein unsterblicher Zuruf! 2) Gesinnungen der Menschlichkeit . Das Vaterlandsgefühl, das der Dichter für seine Nation hegte, konnte ihn nicht ungerührt lassen bei dem, was in der Nähe vorging, bei dem Unerwarteten, das er in seinen reiferen Jahren erlebte. Hoffnungsvoll schrieb er im Jahr 1788 die États généraux (S. 117); wie viel Weise und Würdige in Europa theilten damals die Erwartung mit ihm! Als die Sache anders lief, da Zuckungen und Gräuel eintraten, vor denen die Menschheit schaudert, als das heilige Wort, auf welches der gute Dichter gebaut hatte: kein Eroberungskrieg ! gebrochen wurde und sich von allen Seiten der Himmel schwärzte: welcher Staatskluge in Europa dürfte wol über sein momentanes Urtheil dann und dort weniger erröthen als Klopstock, selbst wie er uns über getäuschte Erwartungen seine Empfindungen nach Jahren hier aufstellt? Ludwig XVI. (S. 126), Kennet Euch selbst ! (S. 130), Sie und Wir ! (S. 141), An Cramer, den Franken (S. 144), Der Freiheitskrieg (S. 147), Friedrich, Kronprinz von Dänemark (S. 150), Die Jakobiner (S. 153), Die Erscheinung (S. 155), An La Rochefoucauld's Schatten (S. 158), Das Wort der Deutschen (S. 161), Mein Irrthum (S. 164), Der Eroberungskrieg (S. 170), Die Verwandlung (S. 172), Die Denkzeiten (S. 176), Der Belohnte (S. 181), Das Neue (S. 182), Hermann aus Walhalla (S. 187), Die Trümmern (S. 191), Der Schooßhund (S. 196), Das Denkmal (S. 200), Die Mutter und die Tochter (S. 203), Die Wiederkehr (S. 206), Das Versprechen (S. 210), Nantes (S. 215), Der Sieger (S. 221), Zwei Nordamerikaner (S. 223), Die Bestattung (S. 230), Die Vergeltung (S. 239), Die Sonne und die Erde (S. 245), Mein Gram (S. 267), Die zweite Höhe endlich (S. 278) sind ein schreckliches Pöcile , eine Wand von Gemälden, bei deren jedem die Stimme des Dichters dem Vorgange gemäß, immer aber menschlich, menschlich tönt. Vielleicht besitzt die lyrische Poesie nichts Schauderhafteres als Carrier's Ankunft in der Hölle, Die Vergeltung (S. 239), nichts Grausigers als Die Erscheinung (S. 155), An La Rochefoucauld's Schatten (S. 158), Die Verwandlung (S. 172), Die Mutter und die Tochter (S. 203). Die vom Dichter, damit er nicht trostlos würde, zwischengespannten zarten Saiten sind über allen Ausdruck. Ob jene zweite Höhe , die der Dichter einer fortstrebenden Macht selbst ohne Zuversicht empfiehlt (S. 278), werde gewählt werden, mag die Zeit lehren; fahre der Weissager fort, seine Empfindungen über die Ereignisse unsrer Zeit, über den Sturz Rom's ohne Schwertschlag, über das Beinhaus von Murten, Malta's Eroberung u. s. w. in herzergreifenden Gemälden darzustellen, und erlebe er das Ende derselben im folgenden Jahrhunderte fröhlich! 3) Gesinnungen der Weisheit . Sie stehen wie Blumen im Thal zwischen Cedern, Cypressen, Thränenweiden und Eichen. Der Unterschied (B. 1. S. 312), Die Warnung (S. 319), Der Denkstein (B. 2. S. 14), Die Beruhigung (S. 16), Verschiedene Zwecke (S. 28), Der rechte Entschluß (S. 53), Mein Wissen (S. 58), Der Frohsinn (S. 109), Der Psalm (S. 119), Das Gegenwärtige (S. 128), Die Freude (S. 295) gehören dahin nebst vielen andern. Daß des Dichters Weisheit nicht eben die neue Philosophie sei, möge die folgende Ode zeigen: Der Genügsame »Forschung des Wahren, geb' ich Dir mich ganz hin, Ernt' ich Erkenntniß, die mir den Geist erhellet, Löscht des Herzens Durst. Zwar nicht Garben ernt' ich, Aber doch Halme. »Laß mir den Stern, der Dir auf Deinem Scheitel Funkelt, Hesperus gleich erscheinen, daß ich Froh im Suchen bleibe und nicht zu wenig Finde der Halme! »Sende mir Deinen Blutsfreund, den, o Theure, Du mit Innigkeit liebst, daß er mir treuer, Wahrer Leiter sei, daß er streng mir sei, der Warnende Zweifel ! »Ihm ist ein Wechselbalg, der Tiefsinn lüget, Jetzo untergeschoben, der Gedanken Spinnwebt, der das Licht, das herab Du strahlst, kunst- Wörtelnd umdünstet. »Weise! beschütze vor dem blauen Balge, Wer selbst denket und nicht großäugig anstaunt, Schülert; wer die Kenntniß nicht nur, das Gut' auch Liebt und das Schöne.« Also erscholl im deutschen Eichenhaine Mit Begeisterung eines Jünglings Stimme, Und mit Kälte. Leuchtender ward ihm da, ward Röther die Frühe. Dank dem Dichter für jedes neue Wort, womit er die Wortgrübeleien darstellt! Der Dichter setzt sein Denkmal sich selbst. Der unsrige hat es sich gesetzt in der Ode An Freund und Feind (B. 2. S. 46). Lange kehre ihm noch die Freude wieder, die er in dem neuen Genuß (S. 264) schildert! Und dann endlich, »Wenn von dem Sturm nicht mehr die Eiche rauschet, Keine Lispel mehr wehn von dieser Weide, Dann sind Lieder noch, die vom Herzen kamen, Gingen zu Herzen.« Diese vier Zeilen bilden den Schluß der Ode »Mein Wäldchen«. Bei Klopstock steht das Schema seiner Sapphischen Strophe über der Ode.   D.   Ueber die Ideale weiblicher Schönheit bei den Morgenländern. Ein Versuch von Anton Theodor Hartmann. Nebst einem Anhang von einigen literarischen, historischen und kritischen Bemerkungen über einzelne angeführte Schriftsteller. Düsseldorf 1798. gr. 8. Erfurter Nachrichten 1798, Stück 52.   D. Zwar, wie es schon der Titel giebt, eher Collectaneen zu einem Buch, als ein Buch selbst; indessen auch solche sind angenehm und nützlich. Ein bestimmtes Ideal weiblicher Schönheit existirt eigentlich nur bei Völkern, die Kunst haben; denn diese ist's, die das Unwesentliche vom Wesentlichen, das Fremde vom Eigenthümlichen sondert, unter dem Gemeinen das Vorzügliche wählt und das Vorzüglichste zur Regel bildet. In diesem Verstande hatten nur die Griechen ein Ideal menschlicher, d. i. männlicher und weiblicher Schönheit nach Lebensarten, Charakteren, Classen und Graden. Keine morgenländische Nation hatte es, auch die Indier nicht, die in Manchem den Griechen sehr nahe kamen. »Aber«, wird man sagen, »auch der Dichter hat ein Ideal der Schönheit; ja, warum sollte es nicht jeder fein organisirte Mensch, jede fein organisirte Nation in sich haben?« Warum nicht? wenn es erweckt, geläutert, ausgebildet worden; dies hängt aber von mancherlei Umständen ab. Wo Wollust die Weckerin ist, wird die Idee des Schönen weiblicher Gestalt sich selten rein ausbilden; sogar die fremdesten Reize können als wesentliche Bestandtheile in ihr Bild aufgenommen werden; Nasenringe z. B., Schminke an Augenlidern, Wangen, Fingern u. dergl. Das gemeine, oft eigensinnige Costüme des Landes wird vom Liebhaber, wenn er ein Dichter ist, mit Begeisterung genannt und gepriesen. Oder er hält sich an die schmachtenden Augen, an solche und solche Theile des Körpers nach Dichtersitte und nach Landesgebrauch. Bei den Morgenländern, aus denen unser Verfasser Beschreibungen und Bilder sammelt (Ebräern, Arabern, Persern), finden sich gewisse Umstände, die die Idee des Schönen eben nicht zum Ideal gedeihen ließen, wären es auch keine andre als diese: Erstlich . Die frühe Blüthe des weiblichen Alters. Sie macht das Kind zur Braut und die Frühverblühte zur Alten. Zweitens . Die tiefere Unterordnung des weiblichen unter das männliche Geschlecht. Sie macht das Weib zum Zweck der Begierde oder zum Zeitvertreib des Mannes; da sie aber, zumal in der Abgeschlossenheit eines Harems, ihm größtentheils die feinere, sittlich-geistige Bildung entzieht, die nach unserm Begriff die Seele der Schönheit , die moralische Grazie ist, so müssen von dieser Seite selbst die entzücktesten Beschreibungen körperlicher Schönheit ebenso wollusttrunken als an geistigem Reiz leer sein. Geleugnet wird damit nicht, daß sich auch von diesem treffliche Züge in den Morgenländern finden; gemeiniglich sind sie um so bezaubernder, je seltner und unerwarteter sie erscheinen. Endlich . Die bilderreiche Sprache dieser Morgenländer (der Ebräer, Araber, Perser), je kühner sie die Schönheit malt, desto unbestimmter und fremder muß sie oft, wenigstens für uns werden. Die Gazellenaugen sind für uns, die wir keine Gazellen sahen, ohne das Anziehende, das sie dort haben mögen, viele andre, weit kühnere Vergleichungen ungemeldet. Für uns verschwindet dies Ideal in der Nacht rabenschwarzer Haare, im Glanz schneeweißer Sandhügel, mit Rosen bekränzt, oder im Schmuck blinkender Edelgesteine und Perlen. Sehr unterhaltend wäre es gewesen, wenn der Verfasser diese Umstände in ihren Ursachen und Folgen näher beäugt und in dem großen Haufen angenehmer Beschreibungen und Bilder Lebensarten, Zeitalter, Völker, Sprachen gesondert hätte. In Hirtenzeiten der Ebräer schilderte man die Schönheit nicht, wie sie der Araber und Perser unter den Khalifen schilderte; die Indier hätten ganz für sich betrachtet werden sollen, und Ossian's Galen scheinen gar nicht hieher zu gehören. Wenige Bilder und Gleichnisse ausgenommen, die Völkern auf dieser Stufe der Cultur unter allen Himmelsstrichen gemein sind, hat der galische Dichter ein vom Morgenländer sehr verschiedenes Ideal der Schönheit. Hier hat also der Verfasser seinem Leser viel Anlaß gegeben oder nachgelassen, sich manches morgenländische Sonderbare selbst zu erklären und auf der reichen Au die Blumen selbst zu sondern zu ordnen. Der zweite Theil des Buchs (S. 175 bis zu Ende) wird manchen Lesern noch willkommener sein; er enthält Notizen und Auszüge aus verschiedenen morgenländischen Sammlungen, z. B. eine Notiz vom Inhalt der sechs ersten von A. Schultens herausgegebenen Consessibus Hariri, Sentenzen aus den von Erpenius, Schultens u. A. gelieferten Sammlungen arabischer Lehrsprüche, allgemeine Betrachtungen über die sieben, im Tempel zu Mekka aufgehangenen Gedichte, sogar einige Nachrichten von dem durch Champion englisch versificirten Ferdosi , von W. Jones' neun asiatischen Gedichten (die in Altenburg nachgedruckt sind) und seinen Essays darüber, von Sullivan 's auserlesenen Fabeln des Saadi , von einem indischen Roman The loves of Camarupa and Camalata, englisch übersetzt durch Franklin , von Cardonne 's Mélanges de Littérature Orintale u. s. w. So gut dies Alles für Den, der diese Uebersetzungen nicht kennt, sein mag, so sind doch die daraus gemachten Auszüge meistens zu unvollständig, als daß sie auch als zureichende Nachricht dienen könnten. Besser hätte der Verfasser gethan, wenn er einige im Deutschen noch nicht erschienene Uebersetzungen, z. B. der Moallakats , des Kamarupa u. s. w., wenn auch nur aus dem Englischen, deutsch gegeben hätte. Er war aber von diesen Büchern selbst entfernt und nutzte blos seine in Göttingen gemachten Auszüge. Gnug, diese Collectaneen sind Blüthen; den Blüthen, hoffen wir, werden Früchte folgen. Eine gute Nachricht giebt der Verfasser S. 176. »Herr Prof. Berg in Duisburg, unstreitig einer unsrer gründlichsten orientalischen Philologen, besitzt in seiner ungewöhnlich starken und auserlesenen Bibliothek außer einem seltnen Schatz von mehr als 60 arabischen, vielen persischen und andern orientalischen Manuscripten auch alle 50 Consessus Hariri .« Möchte es dem gelehrten Philologen gefallen, diese Schätze, da, wo Albert Schultens die Arbeit liegen ließ, der Welt mitzutheilen! Die Mühe, die er nach dem Bericht unsers Verfassers auf den Golius verwandt hat, muß ihn vor Andern in den Stand setzen, wie Eichhorn es in den Monumentis war, ein Fortsetzer des verdienstreichen, unsterblichen Albert Schultens zu werden.   Einige Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bürger's nebst einem Beitrag zur Charakteristik desselben. Von Ludwig Christ. Althof, Doctor und Prof. der Arzneiwissenschaft in Göttingen. Bei Dietrich, 1798. Nebst dem Bildniß des Dichters. Diese Anzeige blieb zur Zeit ungedruckt.   D. Traurige Nachrichten, vom Arzt und Freunde des Dichters treu, aber schonend gegeben. Jeder studirende Jüngling lese sie als Warnung. Er sieht hier einen Mann von edeln Anlagen des Geistes und Herzens nicht nur nicht werden, was er sein konnte, sondern sieht auch die Ursachen, warum er's nicht ward, auf eine schreckhafte Weise. Auch in dem feinsten Vergnügen giebt es ein Uebermaß, das, wenn die Seele sich dazu gewöhnt, Ausschweifung (débauche) wird. Es entwöhnt von Berufsgeschäften, von Ausdaurung bei mühsamen oder ungefälligen Arbeiten; es macht zuerst leichtsinnig, dann oberflächlich und gegen sich selbst gelinde, zuletzt matt und über sich selbst verzagend. Wer seine Kräfte nicht fortwährend auch an den ungefälligsten Arbeiten, sobald sie uns Pflicht sind, üben lernte, ward nie Meister über sich selbst, genießt also auch nie die edelste Gewißheit, sich selbst gebieten zu können, und geht, wenn ihn das Glück nicht außerordentlich anlacht, mit dem besten Gemüth, mit den schönsten Anlagen drohenden Gefahren entgegen. Bürger 's Lebensgang zeigt dieses Schritt für Schritt. Er lernte Vieles, nur nicht sich selbst bezwingen, anhaltend ausdauern, Maß und Zweck seiner Bestimmung kennen; er ward also nie sein selbst mächtig . Und wenn wir hier deutlich wahrnehmen, woher dies kam, woher einem liebenswürdigen Gemüth diese Zwecklosigkeit und eigentlich so zu nennende Unart zur Gewohnheit werden konnte , ja werden mußte : so erschrickt man über die Sammelplätze, genannt akademische Institute , auf denen als auf anerkannten Plätzen der Freiheit sich selbst überlassene Jünglinge leichter nichts als diese Licenz , eine Losgebundenheit auch in Beschäftigungen und Arbeiten, kurz, akademische Willkür lernen und üben. Jeder studirt, was er will, wie viel und wie lange er's will, ohne Zwang und Aufsicht, aber auch ohne Zucht im edleren Wortverstande. Alles kommt auf die Zeit an, in welche er trifft, welche Mode, welcher Geschmack, welche Sucht eben in dem Wirbel, der ihn aufnimmt, herrsche; er folgt dem Wirbel oder schafft einen neuen um sich her. Sehr gut ist's, daß in unserer Zeit auch hierüber das Verborgene an den Tag kommt; Lebensbeschreibungen wie Laukhart 's u. A., die, was zu ihrer Zeit auf Akademien als Lebensweise galt, unverhohlen sagen, sind die nützlichsten Wecker und Warner: indem sie einen Abgrund aufdecken, der in den Fastis der Universitäten gewöhnlich nicht gemalt steht, sagen sie Eltern, Vormündern, Lehrern, Curatoren, Fürsten dringend nützliche Worte. Bürger 's erste akademische Jahre fielen in die Zeiten der Klotzischen Schule; ein Unglück war's, daß er zu lange auf Universitäten, nachher einer Universität zu nahe blieb und in sie gleichsam zurückfiel. Da verkam und verschmachtete er im Altgesellenstande. Einem Petrarca , der in seinen jüngern Jahren Manches mit unserm Dichter gemein hatte, kam seine Nation, seine Zeit zu Hilfe; sie hoben ihn und halfen ihm auf. Dem armen Bürger half nichts auf, und zuletzt war ihm nicht aufzuhelfen; er ging zu Grunde. Dank den Guten, die ihm wenigstens gutmüthig die Hand reichten, seinem Freunde Boie , der sich seiner, wie er konnte, annahm, Kästner , der seinen Almanach unterstützte, und dem namenlos Edeln, auf den der Lebensbeschreiber auszeichnend deutet. Auch der Frau sei Dank, die sich seiner verlassenen Kinder annahm! Denen aber, die ihn ins Unglück brachten oder ihm den Weg der Errettung verrennten, denen möge ihr Herz   doch dies wird ihnen nichts sagen. Statt einzelner trauriger Lebensumstände lassen aus diesen Nachrichten sich besser ein paar literarische Anmerkungen ausheben. 1) Da neuerlichst von einigen Engländern die Originalität der Bürger 'schen Lenore abgestritten ist, wird S. 37 ff. diese mit Recht behauptet und dabei die Strophe angeführt, die Bürger singen hörte, und die ihm Veranlassung zur ganzen Romanze gab. »Nach dem alten Liede, wovon jene Laute ein Theil sein müssen, erkundigte sich Bürger immer vergebens.« Der Verfasser dieser Anzeige kennt dies Lied zwar nicht; aus seiner Kindheit aber erinnert er sich, daß er in einer Weltecke, wohin kein Suffolk-Miracle jemals drang, in Ostpreußen , ein Zaubermärchen oft erzählen gehört hat. in dem der Refrain (und zwar mit einer Antwort vermehrt) gerade die Strophe war, die Bürger singen hörte. Der Geliebte nämlich reitet mit der Geliebten in einer kalten mondhellen Winternacht und spricht, je weiter sie kommen, wiederholt sie an: »Der Mond scheint hell, Der Tod reit't schnell. Feinsliebchen, grauet's Dir?« Worauf sie antwortet: »Und warum sollt mir's grauen? Ist doch Feinslieb mit mir.« Hätte Bürger diese zwei letzten Zeilen doch auch gehört! Vielleicht hätte er seiner ganzen Lenore einen gefälligern, ich möchte sagen menschlichern Ausgang gegeben. 2) S. 112 f. werden von den Ovidischen Versen, die Bürgern zur Uebersetzung aufgegeben waren: Si nisi quae forma poterit te digna videri, Nulla futura tua est, nulla futura tua est, drei seiner Versuche in Alexandrinern angeführt; und natürlich bleiben diese dem Ovidischen Wortspiel nach. Aber warum mußte der Versuch in Alexandrinern sein? Bleibt bei der Versart des Originals, und es ist gewiß nicht unmöglich, auch den Klingklang des Ovidischen Pentameters auszudrücken, auf den es hier eben ankam. Z. B. Wird nur Eine, die Dir an Schönheit gleichet, die Deine, Keine sonst: o, so wird Keine die Deine, mein Freund, und noch wäre der Ausdruck zwei-, dreimal zu variiren. Bürger 's Leben ist in seinen Gedichten; diese blühen als Blumen auf seinem Grabe; weiter bedarf er, dem in seinem Leben Brod versagt ward, keines steinernen Denkmals. Möge eine freundschaftliche Hand Bürger 's Gedichten die Flecken nehmen, die zuweilen in den besten Stellen eben aus seinen Lebensumständen ihnen wie angeflogen sind, daß eine Ausgabe solcher gewählten Stücke zum bleibenden Ruhm des Dichters veranstaltet werde! Wer könnte dies zarter und besser thun als Bürger 's Freund, Boie ?   Elegien von Properz. (Sehr sauber gedruckt mit voranstehender Vignette, von Meyer gezeichnet, von Guttenberg gestochen, ein mit Hercules' Rüstung beschwerter Eros.) Leipzig 1798. Erfurter Nachrichten 1799, Stück 2.   D. Ein schönes und dauerndes Geschenk für unsre Sprache sowol als für jedes Gemüth, das den Reiz sanfter und großer Empfindungen, mit Kunst in Dichtungen ausgesprochen, zu empfinden und zu schätzen vermag. Man hat längst eine zwiefache Art Uebersetzer von einander unterschieden. Die eine sucht das Urbild Wort für Wort, ja wo möglich mit den Tönen der Worte herüber zu tragen; man hat sie Uebersetzer genannt, indem man den Ton auf das Ueber legte. Die andre Gattung über setzt , d. i. sie drückt die Gestalt des Autors aus, wie er für uns, wäre ihm unsre Sprache zu Theil geworden und er seine Gedanken in seinem Umriß uns mittheilen wollte, etwa sprechen würde. Dies ist die Art männlicher Uebersetzung ; denn wie weit es jene Gattung auch bringen und wie nutzbar sie zu andern Zwecken sein mag, kommt sie doch nicht zum Ziel, indem sich unmöglich eine Sprache in die andre verwandeln läßt. Unser Uebersetzer gehört zur zweiten Gattung; er hat sich darüber in der männlich schön geschriebenen Vorrede selbst erklärt. Nachdem er die Dichtkunst, besonders die erotische , und dann seinen Properz mit treffenden Gründen in Schutz genommen, auch die Veranlassungen berührt hat, die ihn, in »einem Zeitpunkt, der durch seinen unglücklichen politischen Einfluß jedes Herz erschütterte«, erst in Prose, dann in Silbenmaßen zum Uebersetzer des Properz machten, fährt er fort: »In der That, ein Properzisches Distichon immer wieder in die ähnlichen deutschen Zeilen zu schließen, ist eine Aufgabe, die zuweilen ihre Schwierigkeit hat.   Der Pentameter ist immer unsrer Sprache unbequem, weil er durch die wenige Abwechselung, die wir ihm verschaffen können, und durch öftern Mangel des freiern Ausganges der letzten Hälfte gar leicht in Mattigkeit und Monotonie verfällt.   Uebrigens ist seit einiger Zeit viel, vielleicht zu viel über unsre Sprache und Silbenmaße geschrieben und geklügelt worden  ; sonst könnte es scheinen, man wolle, statt den Kern zu nehmen, sich lieber mit der Schale belustigen.« Und fügt folgende Bemerkungen hinzu: »Eine Sprache ist eine feste bleibende Sache. Sie ist mit der Natur des Menschen, seiner Vorstellungsart und Empfindung innigst verknüpft, so daß, wer davon abweicht, unsre Empfindungsart gewaltsam verändert.   Jede Nation hat ihre eigne Empfindungsart, durch ihre Sprache ausgedrückt, und jede Sprache hat ihren eignen Wohllaut, dem Sinn und Organ der Nation angepaßt, die sie spricht. Daher fremden Wohllaut in unsre Sprache mischen oder solche durch gezwungene Stellungen gleichsam verzerren, äußerst widrig ist und jederzeit für Barbarismus gelten muß. Der Dichter dürfte dies am Wenigsten wagen; denn da er für die Gefühle spricht und dem Zuhörer den in ihm selbst verborgenen eignen Laut gleichsam nur abzulocken sucht, so beleidigt und verwirrt er sein Gefühl durch fremde und gezwungene Töne aufs Gewaltigste. Nur wenn der Dichter Gegenstände auf eine Weise singt, die ein gelehrteres Ohr erfordert, darf er Abweichungen wagen; doch müssen solche nicht als Nothdurft oder Forderung erscheinen, sondern als ein Geschenk, von dem man den Gewinn sogleich gewahr wird. »Aller Vortheil scheint hauptsächlich darin zu liegen, daß man die Sprache gut spricht , das heißt, auch gut ausspricht . Hierin hat die Natur einen gewaltigen Unterschied in das Organ der Menschen selbst gelegt; und hierin ist auch am Meisten Verfeinerung und Verbesserung anzubringen. Wohlgesetzte Töne, wohlgesprochen, entzücken jedes menschliche Ohr, aber am Meisten in der Sprache, die uns zugehört, und durch die ein reicherer Empfindungsquell uns zuströmt. Bei Gedichten ist dieses Studium der Aussprache am Meisten zu empfehlen, da sie auf Ohr und Herz zugleich die Wirkung thun sollen.   Die bessere Aussprache unsrer Verse wird hauptsächlich auch darin mit bestehen, daß wir gleichgiltigern Silben zur gehörigen Zeit einen vollern Ton zu geben wissen, vorzüglich nach gewissen Ruhepunkten, und daß wir das Rauhe und Schwere gewisser Töne durch die Aussprache lindern. Nicht alle Härte übrigens ist Uebellaut, so wie nicht immer das Weiche Wohllaut ist.   Wir haben durch Nachahmung der griechischen und römischen Gesang- und Versweisen gleichsam den Harnisch der Alten angezogen. Einige kleidet er wie Waffen des Achill's, Andre thun sich vielleicht zu viel darauf zu gut. Möge er uns auch den Geist und die Kraft der Alten verleihen, damit eine glückliche Aera unter uns gebildet werde und die Enge und Kleinseligkeit entweichen möge, die noch überall den Geist unsrer Nation zu beschränken scheinet.« Nach Grundsätzen dieser Art wird man keine gemeine Uebersetzung des Properz in rasselnden Hexametern und hinkenden Pentametern erwarten; auch auf eine eigne Art der Scansion, die der Uebersetzer hie und da mit Fleiß und Geschmack anbringt, ist man bereitet. Uebrigens ist zu wünschen, daß sich die guten Köpfe und Organe unsrer Nation nicht sowol über die Länge und Kürze als über die Schnelle und Langsamkeit ( moras ) gewisser Silben, Worte und Regionen vereinigen möchten; denn hieran scheint es besonders zu liegen. Kein Sprachconcilium, auch keine gebietende Zeitschrift, Herder denkt an die »Allgemeine Literatur-Zeitung«, in welcher A. W. Schlegel über Knebel 's Uebersetzung geurtheilt hatte.   D. allein die Einstimmung mehrerer Dichter und der daher unmerklich entstehende Gebrauch , Usus, penes quem est arbitrium et jus et norma loquendi , Hor . A. P., 71. 72, wo » quem penes arbitrium est « steht.   D muß und kann sie allein vereinigen. Der Verfasser gegenwärtiger Anzeige erinnert sich der Stunden, in welchen er diese Uebersetzung Properz' von einem guten Organ Knebel selbst.   D. vorlesen hörte, mit innigem Vergnügen. Vom Stil zum Werk! Der Uebersetzer hat seinen Dichter in dem großen Sinn genommen, der ihm gebührt; dies beweist sowol die getroffene Wahl als die Uebersetzung und die ihr beigefügten kurzen Anmerkungen über die Properzische Elegie . Ein falscher Begriff ist's nämlich, daß diese schöne Dichtungsart sich nur mit Klagen, ja gar nur mit Klagen der Liebe abgebe, mithin so gut als planlos sei; denn welche Abwechselung, welcher Reichthum des Stoffs bliebe dem elegischen Dichter, der immer nur klagen und klagen müßte? Schon Horaz hätte diesen falschen Begriff entfernen sollen, der ausdrücklich sagt: Versibus impariter junctis querimonia primum , Post etiam inclusa est voti sententia compos . A. P., 75. 76.   D. Die Ueberbleibsel der griechischen Elegie (Schade, daß ihrer so wenige sind!), noch mehr die Nachrichten, die wir von ihr haben, am Meisten Properz selbst, der es ausdrücklich unternahm, die griechische Elegie, wie Horaz die Lyra der Griechen, in ihrem ganzen Umfange seiner Nation und Sprache, sofern diese es gestattete, zu schenken, zeigen das weite Gebiet dieser Dichtungsart, das an Umfange sowol als Einheit der Regeln der Ode nicht nachsteht. Den höchsten Gegenständen fügt sich, obgleich in dem mildern Ton, den ihr Silbenmaß gebietet, die Elegie an, sogar das Schreckliche, Grausende fürchtet sie nicht. Kühn kann man sagen, daß Properz in seiner Art so reich, ja vielleicht reicher als Horaz in der seinigen sei, und daß er von der griechischen Elegie in jeder künstlichen Gattung eine Probe zu geben gesucht habe. Eine Abhandlung hierüber von unserm Uebersetzer würde belehrend gewesen sein; belehrend ist, was er hievon durch Wahl und That erweist. Die vielartigsten , zugleich die schwersten Kunstwerke des Römers, der sich durch sie mit dem ganzen Fleiß und Ernst seines Lebens ein unsterbliches Denkmal zu errichten strebte, sind durch ihn mit feiner und fleißiger Nacheiferung in unsre Sprache verpflanzt. Buch I. Elegie 1. Cynthia . »Der Ausbruch einer Leidenschaft vom ersten Funken zu einem unlöschbaren Brande.« Elegie 2 . Der Dichter mißräth der Geliebten den Putz und preist ihr statt dessen die Grazie der ungeschmückten Schönheit. Sanft und harmonisch. Elegie 3. Die Schlummernde . Ein Gemälde des größten Malers werth; ein Nachtstück voll Leben. Elegie 4 (lat. 6). Kampf zwischen Liebe und Freundschaft, in dem jene bei Weitem siegt. Der Dichter kann sich nicht trennen von seiner Geliebten. Elegie 5 (lat. 8). Cynthia will ihn verlassen; er hält sie zurück, zuletzt mit trunkner Freude. Elegie 6 (lat. 6). Rathschläge an seinen Freund, den Heldendichter Ponticus, über die Liebe. In eignem Ton theilnehmend, neckend und selbst voll Liebe. Elegie 7 (lat. 11). An Cynthia zu Bajä . Leise warnend und sehnend: »Du bist, Cynthia, mir mein Haus und Vater und Mutter, Du mein einziges Gut, Du mein Verlangen allein. Geh' ich traurig einher, begegn' ich fröhlich den Freunden, Traurig und fröhlich, es kommt, Cynthia, Alles von Dir.« Elegie 8 (lat. 14). Glück der Liebe, verglichen dem Glück des Reichthums: »Doch ist die Göttin mir hold, was frag' ich nach lydischen Schätzen? Auch des Alcinous Reich ist mir des Wunsches nicht werth.« Elegie 9 (lat. 17). Et merito! Mitten auf der See, in Gefahr des Schiffbruchs, mit Wünschen nach dem Ufer und seiner Geliebten: »Hätte das Schicksal bei ihr mein langes Leiden begraben   O, so deckete dann leichter die Erde den Staub!« Elegie 10 (lat. 18). »Hier eine einsame, öde Gegend.   Nur geheime Klagen nimmt der Ort auf, den außer des Zephyr's Hauch Niemand bewohnt.« Elegie 11 (lat. 19). »Hier führt uns der Dichter in das Todtenreich«: »Ueber des Schicksals Fluth schreitet der Liebe Gewalt.« Elegie 12 (lat. 20). Geschichte des Knaben Hylas. »Eine genauere Vergleichung zwischen der Erzählung, wie sie unser Dichter darstellt, und der vom Theokrit müßte allerdings unterrichtend sein.« Zweites Buch . Mit ihm steigt der Dichter von den simpeln Formen des ersten Buchs zu höheren Formen. Elegie 1 . Die Elegie ist wie ein Portal zum Eingang in ein neues Buch bestimmt. »Indem der Dichter versagt, erhabnere Gegenstände zu singen, zeigt er, daß er sie singen könne, und hebt Cynthiens Lob desto höher.« Elegie 2. 3 . Die letzte hat fast den Gang einer Ode. Elegie 5-7 . Voll kühner Uebergänge, zum Theil selbst zerrissen. Auch über diese zerrissenen, von den Herausgebern umhergeworfenen Stücke sind die Bemerkungen unsers Uebersetzers nicht unmerkwürdig. Elegie 8 (lat. 12). Ein treffliches Gemälde! Elegie 9 (lat. 17). »Liebe und Dichtkunst wetteifern; die Richterin des Gesanges erhält ebendenselben Preis, den Liebe und Schönheit ihr zusagt.« Elegie 10 . (lat. 19). »Warum weinst Du?« Elegie 11 (lat. 24). Die Kranke: »Schönheit ist sterblich! Es ist kein Glück ausdaurend auf Erden; Früh senkt oder auch spät Jeden sein Schicksal ins Grab. Aber o Du, mein Leben, aus großen Gefahren entronnen, Gieb im Tempel den Tanz, den Du Dianen versprachst!« Elegie 12 (lat. 25). »Alle Liebesgötter nehmen sich der Verlassenen an und zeigen auf sie als auf den Reichthum aller Schönheit.« Buch 3. Elegie 1 . »Mit diesem Buch nimmt der Dichter einen neuen Schwung. Er versetzt sich unter die Manen der griechischen Elegiaker.   Die Muse bereitet ihm einen Triumphwagen; er verspricht sich, dem Neide zum Trotz, die Unsterblichkeit: »Nicht der köstliche Schatz des mausoleischen Grabmals Mag der verheerenden Zeit letztem Verhängniß entgehn:   Aber des Genius Ruhm mag kein Zeitalter verwüsten; Ewig steht er und blüht auf mit erneuetem Glanz.« Elegie 2 . Ein Traum auf dem Parnassus. Elegie 3 . »Liebende lieben den Frieden.« Der Dichter zeichnet die Beschäftigungen und das Glück seines künftigen Lebens aus, eines friedlichen, nicht kriegerischen Lebens. Elegie 4 (lat. 10). Die Musen selbst wecken den Dichter, den Geburtstag seiner Cynthia zu feiern; das Stück feiert ihn, wie je einer gefeiert ward. Elegie 5 (lat. 11). Knebel glaubte, daß diese Elegie unvollständig sei.   D. Elegie 6 (lat. 12). An einen Gatten, der aus Ruhmsucht seine Gattin verlassen hatte; »voll Wärme für die eheliche Verbindung und voll Würde«. Buch 4. Elegie 1 . Von der Stadt Rom, an einen Sterndeuter. Eine Elegie von 150 Versen, enthaltend Rom's Beschreibung und des Dichters eigene Geschichte. Elegie 2 (lat. 3). Arethusa an Lykotas; »eine der zierlichsten und herzlichsten aller Elegien«. Elegie 3 (lat. 6). Der Actische Sieg, eine Lobesfeier August's; voll Dichtkunst. Wahrscheinlich ein Tribut, den der Dichter einmal für allemal brachte; und er brachte ihn reich, prächtig. Elegie 4 (lat. 7). Cynthiens Schatten: »Auch die Manen sind Etwas! Nicht Alles endet im Tode; Ueber der Flamme schwebt bleich noch der Schatten davon. Cynthien sah ich  « Sie macht ihm Vorwürfe, hat Forderungen an ihn, spricht erst wie ein Schatte; dann »endete sie den klagenden Zwist; und umarmen Wollt' ich sie; sie verschwand meiner umfassenden Hand.« Elegie 5 (lat. 8). Das Lanuvische Fest. Ein Römisches Sittengemälde. Endlich die Königin aller Elegien des Alterthums : Elegie 6 (lat. 11). Cornelia an Paulus . Die sterbende oder vielmehr gestorbene Römerin, ein Abkömmling der Scipionen und Libonen, spricht ihrem Gemahl und ihren beiden Kindern mit allem edeln Stolz ihres Geschlechts, mit aller Würde einer Matrona und dem häuslich zartesten Gefühl für Gatten und Kinder ihre letzten Worte, nach welchen sie fest und stolz vor Minos erscheint: »Meine Sach' ist gesprochen! Ihr thränenden Zeugen, erhebt Euch!   Sitten erheben zum Himmel!« Schon diese Anzeige macht auf den Reichthum an Dichtungen aufmerksam, den wir mit diesem Geschenk in unsrer Sprache besitzen; trete nun ein Andrer hinzu und füge die hier vorübergegangenen Stücke bei! So viel die Ode vor der Elegie an Schwünge sowol als an lyrischer Abwechselung voraus hat, so hat diese gegentheils das vor ihr voraus, daß sie in ihrem sanfteren Schwünge tiefer ins Herz gräbt, die Empfindungen, indem sie sie spielen läßt, vielartiger verwebt, leiser entwickelt und gewiß künstlichere Wendungen nehmen muß, als ein gebundnes lyrisches Silbenmaß nöthig hat oder erlaubt. Mit ihrer rührenden Doppelflöte kann sie die Weckerin aller unsrer Empfindungen von der höchsten und stürmischen bis zur sanftesten sein, eine Heroide der Dichtkunst , wie auch ihr Name sagt. Unserm Uebersetzer, der den Wunsch des Properz: »Sanft hin fließe mein Vers unter gefälliger Kunst«, erfüllt hat, werde in seiner Nation ein Zweig vom Kranze des römischen Dichters! Das Werk verdient, daß sein Name genannt werde: von Knebel   Die Kunst, immer gesund zu sein. Ein Lehrgedicht aus dem Englischen des D. John Armstrong, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Georg Justus Friedrich Nöldecke, Doctor beider Heilkunde u. s. w. Bremen bei Wilmanns. 1799. Diese Anzeige blieb zunächst ungedruckt.   D. Dem Uebersetzer gebührt Dank, daß er sich durch den Rath seiner Freunde, das Armstrongische jambische Gedicht: The Art of preserving health , in Hexameter zu übersetzen, nicht irre machen ließ, sondern die schwerere Arbeit übernahm, es in deutschen Jamben nachzubilden. Zuerst nämlich wäre durch diese Vertauschung der Silbenmaße der ganze Gang und Charakter des Gedichts verfehlt worden, wie, um nur ein Beispiel anzuführen, eine Vergleichung der Zachariä 'schen und Bürdi schen Uebersetzung von Milton's Verlornem Paradiese beurkundet; an sich aber auch wäre die Arbeit des Uebersetzers in Hexametern für unsre Sprache weniger verdienstlich gewesen. Durch die Bearbeitung des Jambus nämlich ist die poetische Sprache der Briten unstreitig mehr gebildet und ausgebildet worden als (da sie keine Hexameter haben) durch ihre oft eintönigen Reime; dessen sind Shakespeare, Milton, Young, Thomson, Akenside, Churchill, Cooper, Grainger u. s. w. Zeugen. Der reimlose Jambus, recht bearbeitet, giebt einer Abwechselung der Abschnitte und Cadenzen, einem Reichthum der Wortfügungen und Redeverbindungen Raum, die der Hexameter kaum erlaubt. Schlotternde Hexameter haben wir in unsrer Sprache gnug; der abwechselnde harmonische Jambus, mit welchem Kleist, Gleim, Klopstock, Lessing in seinem Nathan, Zachariä in seinem Cortes und nach ihnen neuere dramatische Dichter den Gang unsrer Sprache gehoben und vielseitiger gemacht haben, ist zu Fortbildung derselben ohnstreitig die geradere Straße. Armstrong behauptet unter den oben genannten Jambendichtern bei seinen Landsleuten einen anerkannten Rang; und der Deutsche hat dem Briten trefflich nachgeeifert. Daß nicht jede Schönheit und Zierlichkeit des Wort- und Silbenbaues übertragen werden konnte, ist durch sich verständlich; zu rathen wäre es vielmehr jedem Uebersetzer solcher jambischen Gedichte, z. B. wenn uns Jemand Akenside's Pleasures of Imagination u. s. w. in Jamben gäbe, daß er den mit Beiwörtern überladnen Ausdruck, der den Briten geläufig, uns aber widrig ist, verständig simplificirte . Eine Probe der Uebersetzung mag der Schluß des Werks sein, wie nämlich auch Musik zu Erhaltung der Gesundheit beitrage (B. 4. V. 582 ff.): »Da, wo es der Vernunft an Kräften oder An List zum Kampf gebricht mit schlauen und Gewalt'gen Mächten, da wollt' ich für Euch Zu Hilfe neue Leidenschaften rufen. Durch Unmuth wollt' ich dämpfen Furcht , durch Furcht Und edles Mitleid siegen über Wuth , Durch Ehrgeiz über Liebe ; der Gewalt Wollt' ich Gewalt gerad' entgegenstellen. »Da giebt es einen Zauber, der die Brust Beherrscht, jedwede Leidenschaft erweckt Und stillt, zur Wuth begeistert oder uns Jedwede Sorge scheucht, Zerstreuung und Verzweifelung besänftigt, Deine Macht, O Tonkunst! Weit erhaben über jene Sinnlosen Kehlen unsrer Bühnensänger u. s. w. »Der nimmt mit Recht der Muse Lorbeer, Ein Dichter, angeweht von Geniusfeuer Des Himmels, der mit kühner Raserei Die Seele oder mit dem Feuerpomp Der Tön' entflammt, erhöht und mit sich fortreißt. Jetzt zärtlich klagend, fast zu Qualen süß Löst er Euch auf in Liebe, hauchet jetzt Mit raschem Ton ein freudiges Entzücken In den durchbebten Busen Euch; nun schmelzt er Mit himmlisch sanften Liedern Euch das Herz. Dann weckt zu Schauder er die kühnen Saiten. Ein solcher war der Barde u. s. w. »Die Tonkunst flügelt jede Lust, wiegt ein Jedweden Gram, treibt Siechthum aus, besänftigt Der Qualen jegliche, bezähmt die Wuth Des Giftes und der Pest; und darum ehrten Der Vorwelt Weisen göttlich im Vereine Des Tons , des Sanges und der Heilkunst Macht.« Zu einem Commentar über einzelne Stellen, z. B. die Härte mancher kurz gebrauchten sehr langen Worte, über die Leere mancher Ausgänge mit und, und daß etc. gewährt dies Blatt keinen Raum;   ubi plura nitent in carmine, non ego paucis Offendar maculis. Hor. A. P., 351. 352.   D. Die Kritik der Briten fand es nicht unter der Kritik, sich über einzelne Eigenheiten des Jambus bei Milton, Shakespeare, Thomson u. s. w. selbst in Wochenschriften zu verständigen; wir Deutsche, bei denen Manches noch so willkürlich schwankt, sollten ein Gleiches thun. Ein eignes Gedicht des Uebersetzers, Hymnus an den Apollo , leitet Armstrongs Lehrgedicht ein; ein andres, Hymnus an die Gesundheit , beschließt es; beide in Hexametern, das erste in der Homerischen , das andre in der Orphischen Weise. Beide haben schöne Stellen, z. B. wenn Apollo sich im Gegensatz seiner Schwester, der Jägerin Diana, eine Lebensart wählt, heilbringend und wohlthätig den Menschen: »Aber in seiner Seele ging auf der große Gedanke, Unter den Menschen ein Gott, ein Mensch zu sein bei den Göttern Und so würdig allein zu werden der himmlischen Abkunft.« Von je her waren Aerzte Freunde der Musen; alle neueren gebildeten Sprachen, die lateinische nicht ausgeschlossen, zeigen Aerzte als ausgezeichnete Dichter. In der unsern sind die Namen Haller, Withof u. A. verehrt; noch grünt ein Lorbeerwald für andre Namen: denn war nicht Apollo selbst Arzt und Dichter?   Ludwig Theobul Kosegarten, Brittisches Odeon. Erster Band. Oder: Denkwürdigkeiten aus dem Leben und den Schriften der neuesten brittischen Dichter. Von L. Th. Kosegarten. Berlin 1800. Erfurter Nachrichten 1800, Stück 41.   D. Seit einer Reihe von Jahren waren wir in Ansehung der britischen schönen Literatur ziemlich zurückgeblieben; jene rasche Theilnahme, zu der Bodmer, Ebert, Lessing, Meinhard, Blankenburg, Eschenburg u. A. so viel beitrugen, hatte sich (Romane etwa ausgenommen) ziemlich gelegt. In Kosegarten tritt ein Mann auf, der sie wieder erwecken kann, und zwar hat er sich ins rechte Feld, die lyrische Dichtkunst (das Wort im weitesten Sinne genommen), mit großem Glück gewagt. Unglaublich steht ihm die Sprache zu Dienst; wie ein Genius herrscht er in ihr und weiß ihre Fülle, ihren Reichthum und Wohlklang mit einer Gewandtheit und zugleich mit einer Natur anzuwenden, die oft überrascht, oft bezaubert. Fast möchte man sagen, er habe diesen Theil des britischen Parnasses, der in der Ursprache bisweilen sehr eintönig hallt und widerhallt, zu einem Odeon gemacht und, indem er manche Bilder von ihrem drückenden Schmuck entlud, für uns Deutsche wenigstens genießbarer, freier und schöner naturalisirt . Die Dichter, die in diesem Bande vorgeführt werden, sind Chatterton, Graeme, Bruce, Penrose, Jago, Jenyns, Lovibond, Blacklock . Die Denkwürdigkeiten ihres Lebens stehen voran, wohlgewählte Proben aus ihren Werken folgen. Im folgenden Bande, dessen Erscheinung sehr wünschenswerth ist, dürfte man jene, die Lebensumstände der Dichter, hie und da kürzer, die Gedichte selbst aber mit einer strengeren Würdigung begleitet wünschen, daß auf solche Weise das britische Odeon für uns Deutsche auch ein Kritikon würde. Die Dichter, zu denen uns einige, obwol leider ungewisse Hoffnung gemacht wird, sind Dodsley, Langhorne, Shaw, Whitehead, Warton, Cotton, Day, Dyer , allesammt rühmlich bekannte Namen. In diesem Bande sind Chatterton 's Gedichte eine Erscheinung, die, wie der Liebhaber weiß, zu ihrer Zeit viel Aufsehen erregte, viel Streit veranlaßte; des Dichters Leben ist der Aufschluß des Räthsels, ein trauriger Roman. O, daß der kalte Horaz Walpole , der den Jüngling bei seiner vorhabenden Täuschung des Publicums vornehm von sich stieß, genialischer gefühlt, ihn bei der Hand ergriffen und gefahrloser in die Welt eingeführt hätte! Dadurch wäre ein Genie gerettet, und sich selbst hätte er den edelsten Kranz geflochten. Oder wäre, da der junge Mann einmal mit seinem genialischen Blendwerk »gefundner alter Gedichte« zu weit vorgeschritten war, der hilfreiche Freund, der den Tag nach seinem Tode, ihn aufzusuchen, in London ankam, einen Tag früher angelangt: Nun ist Chatterton eine poetische Rakete, die glänzend emporstieg, um schnell zu sinken; sein Leben aber bleibt eine sehr denkwürdige Lection der Menschheit. In einem andern Betracht ist Blacklock 's Leben merkwürdig, des bekannten blinden Dichters, Predigers, Philosophen und Musikers, der wenige Monate nach seiner Geburt das Gesicht völlig verloren hatte. Einige Strophen von ihm mögen ihres Inhalts wegen hier stehn. (On the refinements of the Metaphysical philosophy.) Absagung Falsche Weisheit, fleuch mit Deinen Eulen! Deines Schulstaubs, Deiner Spinngewebe Hat der lang Getäuschte einmal satt. Diese Hefte, die ich, Deinen Sprüchen Gleich Orakeln lauschend, mühsam füllte, Opfr' ich, siehe! dem Vulcan. Lange hab' ich mich durch Sinn und Unsinn, Mich durch Reim und Unreim durchgewunden, Dir nachtappend, blinde Leiterin. Nachgeschlagen hab' ich manches Deutschen, Manches Niederländers dicke Bände, Sehnlich harrend auf den lieben Tag. Nimmer tagt' es. Dunkler nur und dunkler Ward es rings um mich, wie um den Maulwurf. Welcher in die Tiefe gräbt. Vor der Formeln Wust, dem Wörterschwalle Flohen zürnend Menschensinn und Wahrheit, Bis ihr letzter Schimmer mir verblich.   Wozu doch so vornehm Dich geberden? Wozu Deine Armuth so verlarven, Wörterselige Gelehrsamkeit? Deine steife Würde, Deine Dreifußsprache Wiegt den Laien wol in dummes Staunen; Aber allem Regelnkram zum Trotz Achteten die Weisen aller Zeiten Deinen Tummelplatz (bei Licht besehen) Für der Narren Paradies. Glücklich, wer mit unverrücktem Gleichmuth Lehrgebäude steigen sieht und fallen, Wie die Lüftchen wechseln im April, Sieht, wie Jegliches die Lanze schwinget, Seines Gegners Blöße zu durchbohren, Und wie Jeglichem der Stoß gelingt.   Laßt mich! laßt mich! nichtige Phantome, Der Verrückung und des Stolzes Kinder, Friedenstörer der gepreßten Brust! Heil'ge Einfalt, lächle Du dem Blöden, Leite mich in Platon's Schattenhaine, Wo die Schönheit und die Liebe wohnt! Zu wünschen wäre es bei diesem und einigen andern Gedichten, daß der Uebersetzer sich (wie z. B. Zu bei seiner Uebertragung des Gesanges an die Weisheit ) dem Silbenmaße des Originals näher gefügt hätte. Mit verändertem Rhythmus ändert sich mehr oder weniger sogleich der Geist, wenigstens die Stimmung und Farbe des Gedichtes. Da indessen die Originale nebenan stehen, so hat der beider Sprachen Kundige einen doppelten Genuß, zu sehn, wie sich derselbe Gedanke, dieselbe Empfindung englisch und deutsch sagen ließ. In diesem Betracht ist Kosegarten's Odeon das, was Klopstock 's Ode besang, ein Wettstreit der beiden Musen , nicht selten ein kühner, glücklicher Wettstreit.   Ein andres gutes Werk hat Kosegarten gethan, da er folgende, im Ganzen schöne und nützliche Schrift übersetzte: Der Prediger, wie er sein sollte. Oder Denkwürdigkeiten aus dem Leben und den Schriften des Robert Robinson, gewesenen Baptistenpredigers zu Cambridge. Nach dem Englischen des Georg Dyer für den Standpunkt des deutschen Publicums bearbeitet von L. Th. Kosegarten. Dyer 's » Memoir of the life and writings of Robert Robinson « war 1796 zu London erschienen.   D. Leipzig 1800. Für diesen Standpunkt scheint der gewählte Titel: »Der Prediger, wie er sein sollte«, nicht recht gewählt; denn ein Dissenter und Baptistenprediger, der sich vom Haarkräuslerjungen zu der Sphäre von Wirksamkeit, in der er als Mittelpunkt stand, hinaufarbeitet, kann in Manchem das Vorbild unsrer Prediger nicht sein. Sein Eifer für die Dissenters gegen die herrschende Kirche, untersuchend und praktisch, insonderheit seine Gabe, das Größte neben das Kleinste zu stellen, und die daraus entspringende oft scharfe Ironie, die ihm selbst manchen Gegner machte, mögen ihm eigen bleiben. Vielmehr, wenn man den engen Kreis von Ideen betrachtet, in welchem jenseit des Meers die Dissenters sowol als die Streiter der herrschenden Kirche umherfechten, fühlen wir Deutsche mit Freuden, daß wir gottlob aus dieser Enge hinaus im Freieren sind und bisweilen kaum begreifen, wie man über solche Nußschalen so hitzig, so eigensinnig und verengt streiten könne. Nicht also der Prediger unbedingt. Aber der Mensch , der edle Mensch, der helle durchdringende Kopf, der unablässig thätige Mann, der wie ein Genius wirkende reine Charakter des Mannes, sie seien Vorbild! Nicht etwa dem Geistlichen nur (denn wer wünschte nicht, wenn er dies Leben liest, Robinson auf einer andern Stelle, als auf der er stand? ob er gleich auch auf ihr so zahlreiches Gute geleistet), sondern Jedem, der sich durch Meinungen durchzuarbeiten, seine Ueberzeugung frei zu sagen, das rein menschliche Gute wirksam zu befördern hat (und wer hätte dies nicht?), ihm sei dieser arme Dissenter Vorbild. Dem Lebensbeschreiber selbst, seinem Freunde, dem Dichter Dyer , ist offenbar Robinson's Charakter zu groß gewesen; er erliegt gleichsam unter den Materialien und hat Jenen nicht ganz zu der lichten Höhe gehoben, auf welcher man ihn zu sehen wünscht. Man halte sich daher, wenn man dies Leben liest, vorzüglich an Robinson selbst, an die Thatsachen seines Lebens, an seine Plane, Entwürfe, Anschläge, Schriften, Bestrebungen, vor andern an seine Briefe . Sie sind mit so freiem Geist und bei Gelegenheit mit so feinem Salz geschrieben, daß man den Mann ebenso lieb gewinnt, als man seine Talente und seinen Charakter verehrt. Proben davon sind der ökonomische Brief, wie Robinson einen Tag verwandte (S. 167), und ein andrer, den Tod seiner Tochter betreffend (S. 235). Im ganzen Buche sehnt man sich, mehr aus Robinson's eignem Munde zu hören, ihn zu sehn, zu sprechen, oft zu umarmen. Ungemein schön würde es sein, wenn der Uebersetzer dieses Lebens aus Robinson's eignen Schriften , aus seinen Predigten (selbst seine Dorf - und sogenannten Scheunenpredigten haben herrliche Stellen), aus seinen Arcanis , den Historien und Mysterien des Charfreitags , den Untersuchungen über die Kirchengeschichte u. s. w. die Stellen aushübe, in denen sich das große Herz, der helle Verstand, der warme Freiheitssinn, der glänzende Witz und Scharfsinn des seltnen Mannes gleichsam entscheidend zeigt. Es müßte ein schöner zweiter Theil seiner Eusebia werden. Dyer 's Elegie auf Robinson's Tod ist am Ende des Buchs wohlklingend übersetzt; überhaupt freut man sich des unvermuthet sanften Hinscheidens des thätigen Mannes, nachdem seine Kräfte erschöpft waren.   Friedrich von Hagedorns poetische Werke. Erster Theil, Lehrgedichte und Epigramme. Zweiter Theil, Fabeln und Erzählungen. Dritter Theil, Oden und Lieder. Vierter Theil, Leben, Charakteristik, Nachtrag von Gedichten, Abhandlung über die Gesundheit und die Trinkgefäße der Alten und Nachträge vermischten Inhalts. Hamburg 1800. Erfurter Nachrichten 1800, Stück 45.   D. Längst ist geklagt und geklagt worden, daß wir Deutsche in der Achtung, die den verdienstreichen Männern, sie seien Denker oder Künstler, Dichter oder andrer Art Schriftsteller, gebührt, andern Nationen weit nachstehen. Wie verehrt ist Newton bei den Briten! Unsers Kepler 's Schriften sind weder gesammelt noch commentirt, ein großer Theil derselben noch nicht einmal ans Licht gestellt worden. Die Ausgabe unsers Sleidan 's, die ein Gegenstück des de Thou sein sollte, unterblieb. Die Sammlung Hutten 'scher Schriften schloß mit dem ersten Theile. Opitz' Ausgabe von Bodmer blieb unvollendet; seine Ausgabe der sogenannten Minnesinger steht nackt und dürftig, ohne Einleitung, ohne Commentar da. Der Dutensischen Ausgabe Leibniz ischer Schriften ist noch kein Nachtrag zugeführt u. s. w. Doch was bisher nicht geschehen ist, wird geschehen; schweige der feige Verzweifler! Und je unübereilter, vielleicht desto zweckmäßiger, desto pertinenter . Wenn nur nichts vom Nachlaß der Verstorbnen verloren geht, wie es bei Canitz, Liscov u. A. der Fall war. Die Verdienste, die sich Eschenburg bereits um eine Reihe merkwürdiger Deutschen, insonderheit Dichter, z. B. Tscherning, Weckherlin, Zincgref, Homburg, Filidor Auserlesene Stücke der besten deutschen Dichter, von Martin Opitz bis auf gegenwärtige Zeiten. Dritter Band. Braunschweig 1778.   H. und Burcard Waldis , Fabeln von Burcard Waldis .   H. sodann um seiner näheren Freunde, Zachariä's, Arnold Schmidt's, Statt seiner hätte Herder Schiebeler nennen sollen.   D. Lessing's, Ebert's u. A. Schriften erworben, sind bei Jedem, der an den Gedanken und Bemühungen der Besten unsrer Nation Theil nimmt, in rühmlichem Andenken. Jetzt führt er unsern Hagedorn (wir wollen nicht sagen von den Todten herauf; denn Hagedorn war nie verstorben), er führt ihn mit dem bescheidnen Kranze hervor, der ihm gebührt. Seine Werke sind unverändert geblieben; denn an so vollendeten, so oft durchgearbeiteten Werken, wer wollte, wer dürfte ändern? Auch Hagedorn 's Anmerkungen zu seinen Gedichten stehen unversehrt da, zum Dank der Leser. Außer der Vorrede des Herausgebers zum ersten Theil ist der vierte Theil als Zusammenstellung Eschenburg 's Jedem gewiß willkommene Arbeit. Hagedorn's Leben ist erzählt; als Dichter ist er charakterisirt, d. i. geschätzt, aber nicht übergeschätzt worden; Hagedorn selbst könnte Beides lesen und würde wahrscheinlich sagen: »Der war ich! Der befliß ich mich zu sein!« Aus den vom Dichter selbst verworfnen Jugendstücken sind Proben gegeben, aber mit Auswahl, nie ermüdend. Als Nachtrag aus Hagedorn's Papieren erscheinen von S. 114 einige poetische Schreiben, unter denen die beiden in des guten Brockes Manier, insonderheit das zweite an Liscov (S. 118) voll glücklichen Humors sind; sodann einige Lieder, Sinngedichte, Gesundheiten , allesammt Kinder des Frohsinns und der Freude: O, nicht den Königen! nein! uns den starken Wein! Denn Bathseba hat Recht. Sprüche Salomon. 31, 4.   H. Ihr Herren, schenket ein! ### In Arbeit ungestört! Im Bitten erhört! Im Glück unbethört! ### Gesunden Leib, gesunde Scheitel Und viel Gesundheit in dem Beutel. S. 137 sehen wir, daß das vielgesungene Lied: »Mein Herz gleicht den zufriednen Herzen«, auch von Hagedorn sei. Das Interessanteste des Nachtrags aber sind ohne Zweifel die Briefe , vorzüglich Hagedorn's eigne Briefe . Welch eine schöne Seele spricht in ihnen! und so classisch schön, so verständig, so freundschaftlich, an seinen Bruder so brüderlich, an Nothleidende unermüdet hilfreich, aufmunternd an junge Freunde und allenthalben so fern vom Egoismus, so bescheiden und weise! In wie schöne Zeiten wird man versetzt, die man das Jugendalter des deutschen Geschmacks nennen könnte! Mit Kühnheit und Freudigkeit rang dieser sich aus und in der tiefsten Armuth hervor, ununterstützt von Mächtigen und Großen, verkannt, ja verfolgt von den damaligen Geschmacksinhabern, den Altfranken. Die Bessern aber hingen fest an einander; die Sache war ihnen Ernst; die Jüngern strebten nacheifernd weiter. Und Hagedorn am Ufer der Elbe, allen Streitigkeiten abgeneigt, steht wie die schöne, alte, große Linde zu Harvstehude da (S. 139), die aber   längst nicht mehr ist. Die Zusammenstellung dieser Briefe an und von Hagedorn ist in vielerlei Betracht, auch zu Schätzung unsrer Zeiten, lehrreich; die Briefe des Dresdner Hagedorn's an unsern Dichter, die der Herausgeber verspricht, wünscht ohne Zweifel ein Jeder, der die Baden'sche Sammlung oder auch nur die wenigen, die sich auf Hagedorn's Gedichte beziehen, in dieser Sammlung liest.   Wir können nicht umhin, dem Verdienst Eschenburg's um Hagedorn ein andres älteres beizufügen: Denkmäler altdeutscher Dichter. Beschrieben und erläutert von J. J. Eschenburg. Bremen 1799. »Seinen und der vaterländischen Dichtkunst ehrwürdigsten Freunden, Gleim und Klopstock gewidmet«. Mit Recht ihnen gewidmet. Einige Notizen dieser Denkmäler waren in periodischen Schriften, z. B. dem Deutschen Museum, Lessing's Beiträgen , dem Bragur erschienen, sie verdienten gesammelt zu werden; und außer ihnen erscheinen hier sieben neue Nummern. Das gegenwärtige Blatt verstattet nur eine Anzeige des gesammten Inhalts dieser Sammlung. I. Ueber das Rittergedicht Wigamur . II. Ueber Engelhart und Engeldrut , von Conrad von Würzburg. III. Ueber die Wolfenbüttel'sche Handschrift von Ulrich's von Türheim Rittergedichte, Wilhelm von Narbonne . Zu beklagen ist's, was Casparson 1798 dem Verfasser schrieb: »Nachdem der erste Theil (des Wilhelm's von Narbonne ) durch den nun verstorbnen Buchhändler Cramer in die deutsche Welt gekommen, so habe ich den auch abgedruckten zweiten unter keiner Bedingung, selbst unter der billigsten nicht, anbringen können. Der dritte liegt also in der übrigens mit Mühe gemachten Handschrift todt .« IV. Ueber das Spruchgedicht Freidank . V. Ueber den Welschen Gast . VI. Ueber das Gedicht Salomon und Markolf . VII. Zur Literatur und Kritik der Boner 'schen Fabeln . VIII. Ueber das alte niedersächsische Gedicht von Flos und Blankflos und über die Quellen und bisherigen Bearbeitungen dieser Gedichte. IX. Studentenglück. Eine alte niedersächsische Erzählung. X. Gespräch in plattdeutschen Reimen über die Liebe. XI. Fragment einer Erzählung in plattdeutschen Reimen. XII. Zwei altdeutsche Lehrgedichte, Tobias' Segen und Cato' des Meisters Rath . XIII. Auszug aus Sebastian Brant's Narrenschiff . XIV. Ein alter Meistergesang mit seiner Melodie. XV. Ueber des Cyrillus Fabeln und deren gereimte Einkleidung von Daniel Holzmann . XVI. Priameln , 77 Stück nebst einem Anhange. XVII. Altdeutsche Lieder , 16 an der Zahl. Der Reichthum dieser Sammlung erhellt durch sich selbst; die sorgfältige Bearbeitung derselben zum Verständniß des Lesers durch historische und literarische Erläuterungen, Erklärung dunkler Worte u. s. w. ist sichtbar auf allen Blättern. Gefiele es dem Verfasser, aus der Helmstädt ischen und andern Handschriften uns endlich den Renner , dies in der Sprache so schöne, durch seine Abwechselung so angenehme Denkmal des altdeutschen Witzes und Verstandes nach seiner Weise herauszugeben, so erfüllte er auch dadurch einen Lessing 'schen Wunsch zum Dank aller Freunde unsrer Nation, unsrer Sprache und Dichtkunst. Ein paar kurze Priameln mögen diese Anzeige schließen: XIX. Morde, raub, henk und stiehl, Und treib alle Bosheit, wo man will, Und treib das also lange Zeit an, Bis daß Du wirst ein alter Mann, Hast Du Geld, Kleinod und gute Wat (Kleidung), Die Herren nehmen Dich noch in den Rath. XXXIV. Sehen, hören und wünschen umsunst, Gedenken Weisheit und lehren Kunst, Fromm gegen Gott und Mäßigkeit, Wahrheit, Zucht und treue Arbeit Und fromm' Ehleut, die gute Kinder bär'n. Die vierzehn Ding' kann Niemand wehr'n. LXII. Gott gebe, daß ich lange leb', Daß ich wenig hab' und viel geb' Und viel wiss' und wenig sag' Und antwort' nicht auf alle Frag'!   Gedichte von Sophie Mereau. Erstes Bändchen. Berlin 1800. Erfurter Nachrichten 1800, Stück 46.   D. Wie diese Gedichte aufzunehmen, also auch zu beurtheilen sind, sagt der Name der Verfasserin und die bescheidne Vorrede, eine beliebte Stanze von Schiller : Im »Musen-Almanach für das Jahr 1796«.   D. »Nicht länger wollen diese Lieder leben, Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, Mit schönern Phantasieen es umgeben, Zu höheren Gefühlen es geweiht; Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben; Sie tönten, sie verhallen in der Zeit. Des Augenblickes Lust hat sie geboren; Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen .« So wenig man nämlich in einer weiblichen Bildung, in weiblichen Sitten, Gesprächen, im Ton ihres Umganges und ihrer Lebensführung sogenannt männliche oder gar Riesenformen erwartet, vielmehr solche flieht und verabscheut, so wenig wird ein Verständiger in den zartesten Reden einer weiblichen Seele, in Aussprüchen ihres Herzens, in den Schildereien ihrer Empfindung den männlichen Tritt oder gar ein Riesenmaß suchen und erwarten. Gerade umgekehrt, was der Mann nicht liefern, was er nicht oder wenigstens nicht so sagen konnte , das erwartet man in weiblichen Gedichten. So betrachteten alle gebildeten Nationen die Sache; wenn wir Deutsche sie anders betrachten und im literarischen oder im wirklichen Umgange nur einen Ton, eine Form (natürlich ist dies unsre eigne ) haben wollen, so ist dies, aufs Lindeste zu sagen, ein »Unbenehmen«, das selbst jede Ueberlegung ausschließt. Da ein Geschlecht nicht statt des andern da sein oder an seiner Stelle, in seiner Weise wirken kann und soll, vielmehr beide auch im Umfange des Geistes, in Bildung der Empfindungen, der Grundsätze und Sitten einander an die Hand gehen, einander in die Hand arbeiten müssen: so zeigt die Geschichte gnugsam, daß in Griechenland und Italien, in Frankreich und England auch weibliche Hände zum Altar der Grazien mit beigetragen, d. i. zu Bildung und Feinheit der Sprache, des Geschmacks, der Sitten, der Phantasie, ja der praktischen Grundsätze selbst die weibliche Muse mitgeholfen habe. Woraus aber auch folgt, daß weibliche Gedichte Männern schlechthin und ohne Ausnahme absolute Muster weder sein können, noch sein wollen. Ein Jüngling, der das Weib nachahmt, das er doch nie darstellen kann, ist dem Weibe selbst verächtlich, sowie dem Mann die Henne widrig ist, die wie ein Hahn kräht. Nach so geschiedenen Grenzen der männlichen und weiblichen Poesie blühen die Gedichte unsrer Verfasserin in einem schönen Garten. Sie tritt nie über die Grenzen ihres Geschlechts hinaus; ihre Empfindungen und Empfindnisse in Leid und Freude, in Kummer und Sehnsucht, in Hoffnung und Zufriedenheit, sowie ihre Malereien der Natur, selbst ihre ersten Vor- oder Grundsätze sagt sie aus dem Herzen, mithin weiblich. Wem hie und da ein Gemälde zu lang, eine Schilderung zu ausführlich vorkommt, der stimme sich ins Gefühl der Singenden oder spare die Ansicht auf eine andere Stunde. Nie können Empfindungen oder Empfindnisse, in denen sich Herz und Phantasie zu einander mischen und verweben, rein gnug ausgesprochen werden. Herz und Phantasie sprechen sich gleichsam nie ganz aus. Eine bloße Anzeige des Inhalts der Gedichte (da zu langen Proben es diesem Blatt an Raum fehlt) rechtfertige unsre Einleitung. Frühlingsabend. Zukunft : »O Unsterblichkeit, dem Erdenwaller So entzückend und so fürchterlich! O, der Gottheit großer Wille webte In sein Wesen selbst den Wunsch hinein, Und des Herzens ewig reges Sehnen Muß ihm Bürge der Erfüllung sein.« An **. Dank für die edleren Freuden des Lebens (S. 10). Abschied. An einen Freund. An einen Baum am Spalier. An ein Abendlüftchen. Dichterglück ; voll großer Empfindung, in schönem Ausdruck. Der Hirtin Nachtlied ; keine Parodie, aber eine Sopranstimme zur beliebten Reichardt 'schen Gesangweise: Jägers Nachtlied. Frühling (S. 24). Ein frohes Aufathmen voll Leben, voll Liebe. Schwärmerei der Liebe : »Die Lieb' ist ewig. Ihren Harmonieen Folgt treu die ganze bildende Natur. Im Schöpfungskreis, von Dir stets angezogen, Vermählt uns ewig heil'ge Sympathie; Im Sternentanz und im Gesang der Wogen Weht uns ein Geist, der Liebe Harmonie.« Das Bildniß (S. 32). Eine kräftige Beurkundung, daß die Sprache der Dichtkunst der Dichterin nicht Spiel und Tand, sondern eine unentbehrliche Sprache des Herzens sei. Klage. Die letzte Nacht. Schwermuth. Andenken (S. 42); ein süßes Andenken. Frühling (S. 44); voll inniger Empfindung. Schwärmerei. Die Landschaft. Licht und Schatten. Der Liebende. Gebet (S. 58): »Wie ein Götterstrahl, dem Nichts entflogen, Ging die Sonne einst am Himmelsbogen, Ewiger, auf Deinen Wink hervor: O, laß auch des Geistes Nacht entfliehen, Deiner Weisheit Strahlen in uns glühen; Heb zu Deiner Liebe uns empor! »Gieb, Erhabner, die Natur uns wieder, Mach uns wahr, gerecht und gut und bieder; Allerkannt sei Deine Göttlichkeit! Deine heiligen Gesetze binden Die Natur; doch Deine Menschen finden Nur in Freiheit ihre Seligkeit.« An Cynthien (S. 61). Der verkürzte Hexameter nimmt sich in diesem Mondhymnus wohl aus. Mitgefühl : »O Mitgefühl, der Menschheit Glück! Was trocknete den nassen Blick, Was hielt an der Verzweiflung Rand Zurück, wär's nicht der Freundschaft Hand?« Die Farbe der Wahrheit (S. 67). »Ich weiß eine Farbe, der bin ich so hold, Die achte ich höher als Silber und Gold, Die trag' ich so gerne um Stirn und Gewand Und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.« Welches diese Farbe sei, und warum die Dichterin sie so nenne, lese man bei ihr selbst. Ihr voraus gehen die Farbe der Liebe, der Treue, der Unschuld, der Hoffnung. An meines Vaters Grabe ; schöne Empfindungen. Die Herbstgegend. Das Lieblingsörtchen. Vergangenheit. Des Oertchens Wiedersehen. Erinnerung und Phantasie. Natur . Liebliche Gedichte; das letzte ein warmer Hymnus. Die Morgenstunde. Der Garten zu Wörlitz. Bergphantasie. Schwarzburg. Leichter und ernster Sinn . Ein Gespräch zwischen Mirtha und Lina, in angenehmer Haltung. Psyche an Amor. Verschiedne Eindrücke des Frühlings , auf das Kind, den Unglücklichen, den Reisenden, die Mutter, den Zufriednen; ein schattirtes Gemälde voll zarter Züge. Die Schwärmerin (S. 136). Hier ist ein Druckfehler, der irre machen muß, vorgegangen. Es soll nämlich dies Gedicht auf der folgenden Seite ohne neue Ueberschrift fortgehen, obgleich auf 136 in der Seitenzahl 147 folgt. Der Kalte (S. 149); eine furchtbar eiserne Denkart. Einige Epigramme in der sanften griechischen Manier bergen sich unter den zu bescheidnen Namen Einfälle ; sie sind mehr als dies, z. B. Der Dichter, Rakete und Schwärmer, Die Nachtigall, Die Wolke, Der Wein, Der grüne Schleier, Liebe des Dichters . Sie fügen sich den schönsten Epigrammen dieser Art, die wir in unsrer Sprache haben, bei. »Einmal lieb' ich, und einmal leb' ich. Unsterbliche Götter, Wenn Ihr das Eine mir raubt, nehmt auch das Andre dahin!« Aus diesem ganzen Verzeichniß erhellt, daß die Dichterin nicht etwa nur im gemeinen Sinn des Worts durchaus moralisch , sondern gerade auf der feinen Saite des Herzens moralisch sei, wo das poco di più so sehr beleidigt; diese Saite betrifft Schmerz und Liebe . In beiden beobachtet sie fast schüchtern den innern Wohlstand des Herzens, der ihrem Geschlecht der größte Schmuck ist. Lieber unterwirft sie sich dem Vorwurf der Monotonie, als daß sie »Flammen sprühen« oder auch den empfindlichsten Schmerz zu laut singen wollte. Auch muß es ihr zum Lobe angerechnet werden, daß sie den neuesten Dichterjargon nicht nachahmt, nicht affectirt. Allenthalben spricht sie ihre eigne, sehr gebildete Sprache. Neckereien über einige Provincialreime, z. B. Reime zwischen d und t, kleine Fehler im Silbenbau u. s. w. mögen unsern Criticis, Grammaticis atque Prosodicis überlassen bleiben. Schon im Lesen verbessert man sie leicht. Und so bleibe der Sängerin denn ihr schönes Musengeschenk, die ernste Lyra , fernerhin die Begleiterin ihres Lebens und mit ihr jenes höhere Gut, das sie sich S. 48 wünscht: »Was nur allein des Zufalls Laune trotzet, Die schöne Blüthe reiner Menschlichkeit, Das uns allein zu freien Wesen gründet, Woran allein sich unsre Würde bindet, Dies höchste Gut, es heißt   Selbstständigkeit .«   Rhapsodien. Von L. Th. Kosegarten. Dritter Band. Leipzig 1801. Mit dem Bildniß des Verfassers. Erfurter Nachrichten 1800, Stück 48.   D. Dem größten Theil des Inhalts nach stehen diese Rhapsodien dem Britischen Odeon desselben Verfassers zur Seite; die englischen Gedichte, die diesen größten Theil ausmachen, sind mit gleichem Geist in unsre Sprache nicht sowol übersetzt, als im Hauch herübergetragen. Die vier prächtigen Lobgesänge auf die Tonkunst , auf welche die Briten stolz sind, Alexandersfest von Dryden, Congreve's Hymnus an die Harmonie, Pope's und Smart's Oden am Cäcilienfest machen den Anfang. Die drei ersten waren ins Deutsche, einige mehrmals, übersetzt; in dieser Zusammenstellung geben sie zur Kritik nicht nur Anlaß, sondern fordern zu ihr auf. Der Uebersetzer hat sich indeß dieser Kritik enthalten. Bei der ersten werden es Manche bedauern, daß sich der deutsche Wortbau hie und da etwas zu weit von der Ursprache entferne, in der Händel fast jedes Wort, jeden Einschnitt des Rhythmus durch seine Composition canonisirt hat; bei den andern waren dem Uebersetzer weniger die Hände gebunden. Hier also treten Timotheus, Orpheus, Amphion , die Harmonie selbst auf und lassen in Worten und Gängen ihre melodischen Stimmen hören. Was folgt, ist: Etwas über Gray's Schicksale und Charakter . Ohngeachtet Gray's Briefe und die meisten seiner Gedichte, einige mehrmals, übersetzt sind, so wird man doch dies kurze Etwas mit den darin aus dem Latein übertragenen Oden, sodann die bekannte und beliebte Elegie auf den Dorfkirchhof , die beiden Pindarischen Oden , nicht minder die nachgebildete Niederfahrt Odin's und die wälische Elegie gern lesen; der Uebersetzer hat (wie es auch nicht anders sein konnte) Gray's Ausdruck simplificirt; in Odin's Niederfahrt hätte er immer noch einige Ueberladungen weglassen mögen. Dann folgt das Lob des Eisens , ein Hymnus des Verfassers, von einem Elogium des Briten Jago , des Deutschen Neubeck , des Franzosen Ramond de Carbonnières auf eben dieses unentbehrlich-furchtbare Metall begleitet. Des Philologen Hieronymus Wolf's Denkwürdigkeiten seines Lebens, von ihm selbst beschrieben , folgen. Den Gelehrten waren sie in Reiskens Sammlung griechischer Redner der schönen lateinischen Ursprache nach bekannt; hier lese sie, wer sie latein lesen nicht mochte oder konnte. Ein trauriges Leben. Nur Reiske , der diesem Selbstbiographen in Manchem so ähnliche Reiske , er verdiente eine andre Erwähnung, als die ihm Kosegarten schenkt. Die Mexicanische Weissagung nach Scott steht, so hingestellt, fremd da; sie erforderte eine nähere Einleitung. Drei Reden , einem Landesgebrauch nach am Ufer gehalten. Sodann abermals Gedichte. Aristoteles' Hymnus an die Tugend . Das vielbekannte Skolion, hier in regelmäßigem Metrum übersetzt. Agathon und Thelxione. Eleonore und Jutta ; eine altenglische Ekloge. Er und Sie ; schottisch. Admiral Hosier's Geist ; eine der gepriesensten britischen Balladen, nach Glover. Des blinden Dichters Blacklock Wehklage . Eben desselben Hymnus an die ewige Liebe . Im Britischen Odeon ist das Leben dieses Mannes kurz erzählt; beide Gedichte sind, jedes in seiner Art, herzlich. An die Jungfrauen , nach dem Engländer Logan . Zwei Gedichte des Verfassers, eins an seine Tochter , das andre Erinnerungen an eine Freundin . Das letzte ist die Schilderei einer hohen und weiten rügischen Aussicht; wie sehr dergleichen dem Verfasser gelingen, weiß man aus der größeren Sammlung seiner Gedichte; das erste ist eine herzlich-väterliche Lehre. Da zum Urtheil über jedes einzelne Stück hier kein Raum ist, so wiederholen wir den Wunsch, der sich beim Britischen Odeon dem Leser aufdrang, nämlich »eine Würdigung der übersetzten Stücke vom Uebersetzer selbst«. Bei einer Sammlung so verschiedenen Inhalts wissen manche Leser und Leserinnen schwerlich, wohin sie das Stück setzen sollen, was sie mit ihm zu thun haben. Dem reich und süß sprechenden Dichter selbst wäre vielleicht hie und da die freundschaftliche Stimme nöthig: Ne quid nimis! Auch der süßesten Worte und Bilder laß nicht zuviel sein! Ohnstreitig haben wir auch mit diesen Rhapsodien einen schönen dichterisch-moralischen Erwerb aus einer fremden Sprache .   Maximum s. Archimetria. Ἐϰ πάντων ἓν ϰαὶ ἐξ ἑνὸς πάντα. Berlin 1799. Erfurter Nachrichten 1800. Stück 47. Von Prof. Thorild in Greifswald.   D. Ohne Vorrede und Druckort ist dies merkwürdige Buch am Ende vorigen Jahrs erschienen; einige Blätter haben es deutsch angekündigt unter der Aufschrift: » Die Gelehrtenwelt . Sapere aude. Nr. 1 «, in denen außer der Ankündigung eine Uebersicht des Werks gegeben und mit einem Programm zum neuen Jahrhundert der Schluß gemacht wurde. Dies Programm handelte vom Heidenthum der Gelehrten . So sonderbar Manchem diese Titel klingen mögen, so ist doch die Idee des Werks sowie sein ganzer Bau sehr einfach. Abstracte Ideen nämlich sind dem Verfasser minima, das Kleinste, das man von der Sache weiß, Schemen ; die Sache selbst kennen, ist das maximum unsrer Erkenntniß. Dazwischen giebt es Stufen, also ein Maß ; dies Maß bestimmt das » tantum, so viel weiß, so viel erkenne ich, so viel kann und soll ich thun«. Dies So viel ist das Ur- und Erzmaß, der Archimeter unsers Verstandes und Willens, unsrer Handlungen und Kräfte; mittelst seiner ordnen sich Wissenschaften, Künste, Einrichtungen unsers Geschlechts; mittelst seiner entsteht auf der höchsten Stufe eine Panharmonie , eine All-Einstimmung des Universum, die den Sinnen, dem Verstande, dem Willen der höchste Genuß und Lohn ist. Ohne dies Maß der Dinge schweben wir in Nacht und Dunkel, dichten, träumen, schwätzen, rasen, betäuben uns selbst und die Welt, machen uns und Andre unglücklich. Man sieht, daß in seinen Grundzügen dies System das älteste, ja eben die Wahrheit ist, die durch Mißgriffe und Träume dies- und jenseits oft traurig gnug erprobt worden. Protagoras schon nannte den Menschen das Maß des Universum; außer uns haben wir kein anderes, uns denkbar. Mit diesem Maße sind wir aber auch reich versehen; das Universum stimmt zu uns; wir stimmen zum Universum. Und was wir in ihm zu empfinden, zu thun, zu leisten haben, ist von der Natur, mittelst unsrer Natur, wo diese recht angewandt wird, so bestimmt, daß wir fast nicht fehlen können, indem uns nur die Vernachlässigung des Soviel , tantum, irre macht und zu Thorheiten oder Tollheiten verleitet. Eine genaue Bemerkung dessen, » wie viel weißt Du? wie viel kannst, darfst, mußt Du wissen, haben und anwenden, um Dies zu thun, um Jenes zu sein oder zu erreichen?« ist der alte Sokratische Unterricht, den nach Jahrhunderten Baco auf die gesammten Wissenschaften anwandte, den im Einzelnen und Stillen jeder bescheidene Liebhaber der Natur befolgte, dem aber desto lauter der ganze Schwarm tönender Worthelden, überspannter Enthusiasten und Bilderkrämer, endlich sämmtlicher Transscendentalisten in Abstractionen, Wünschen und Leidenschaften entgegentrat. Worin kann menschliche Bildung bestehen? worauf muß sie nothwendig zurückkommen? Auf Maß . Auf ihm beruhen alle Gesetze der Natur sowie alle unsre klaren und richtigen Begriffe, unsre Empfindungen des Schönen und Edeln, die Anwendung unsrer Kräfte zum Guten, unsre Seligkeit, unser Genuß. Maß allein zieht und erzieht uns; Maß macht, erhält und bildet die Schöpfung (ϰοσμεῖ ϰόσμον). Wie der Verfasser dies Alles, den gefundenen Archimeter , bestimmt und angewandt habe, muß man bei ihm selbst, in seinem originellen Werk lesen. Dies ist ein fortgehendes Gespräch, in welchem der Fragende kurz fragt, der Antwortende desto reicher antwortet. Kraft und Geist, Begeisterung sogar wehen und weben vom Anfang des Buchs bis zum Ende, treffend auch in der Wahl der Worte, im Bau der Perioden. Ungewöhnlich (zumal in unsrer Zeit) steht unserm philosophischen Meßkünstler die kräftige lateinische Sprache zu Gebot; die Glocke hallt und schlägt dies- und jenseit kühn, prächtig, oft gewaltig. Sehr zu wünschen ist also die versprochene Uebersetzung dieses Buchs; nicht etwa blos, weil Wenige Latein lesen und Manche, für die es geschrieben ist, gewiß nicht so weit sind, dies Latein zu verstehen, sondern der Sache selbst wegen. Soll im Deutschen die Schrift so treffend werden, wie sie im Lateinischen klingt, so müssen nothwendig ebenso scharf bezeichnende Ausdrücke gleichsam das Siegel ihrer innern Wahrheit mit sich führen. Eben diese Verpflanzung würde bewähren, daß nicht etwa nur im Lateinischen, sondern in jeder Sprache dies System Wahrheit sei, weil der innere Sinn der Bezeichner und Ausleger aller menschlichen Empfindungen, Beschlüsse und Gedanken ihm so ganz, so innig zuspricht. Daß der Verfasser ein dergleichen Sinn - und Sprachwerk leisten könne , zeigen die vorgenannten deutschen Aufsätze, in denen ebenderselbe mächtige Eudämon spricht wie im Lateinischen. Eine deutsche Uebersetzung fixirte und sicherte also den Geist dieses Werks, das Urmaß menschlicher Gedanken, auch unsrer Sprache. Aber Qu'en dira-t-on? Was wird zu diesem Werk die Schule sagen? Wahrscheinlich wird sie es großmüthig als ein minimum verachten oder als ein maximum des Unverstandes und der Mißdeutung, voll gefährlicher Sätze und Meinungen, lästern. Je unverschämter und geistloser dies geschieht, desto besser! Nur daß sich der Verfasser von der deutschen Ausgabe seines Werks weder durch Schimpfreden noch durch innere Schwierigkeiten abschrecken lasse! Sie muß ein Probirstein seiner Sätze, sie kann und wird im Wesentlichen und Meisten (in maximo) sein Siegeskranz werden. Eben dieser deutschen Bearbeitung wegen äußern wir einige Wünsche: 1) So wahr es ist, daß das tantum , So viel , einzig die richtige mathematische Erkenntniß und Anwendung einer Sache giebt, so hat der Verfasser gegen das tale, ita est, gegen das So, Dies ist u. s. w., in manchen Stellen, scheint es, zu hart geschrieben. Nicht nur ist, wie er's selbst mit großer Energie ins Licht setzt, ohne Datum kein Quantum, ohne was Meßbares kein Messen, ohne Materie keine Form möglich, sondern da diese Form den Dingen der Natur wie unserm Verstande wesentlich ist, so möchte Bacon's Weg: » Was ist da? was giebt's?« erst strenge zu verfolgen sein, ehe man an das Gefundene oder Empfundene Maß legen und fragen kann: » Wie viel giebt's? wie viel muß es geben?« Dies Maß ist immer doch nur eine Bezeichnung, die auch fruchtlos werden kann und muß, wenn sie in das zu Subtile geht und sich vom Bemerkbaren losreist. Maß ist nichts als Maß; was soll ich mit Elle, Metze, Zahl und Wage, wenn ich nichts zu messen, zu zählen, zu wägen habe? Dies Was und Wie zu erforschen, gehört nicht der Phantasie, sondern der Empfindung und dem prüfenden Verstande sowie im Praktischen dem Gewissen zu; das Wie viel ist nur eine schärfere Prüfung. Um Mißverständnissen zuvorzukommen (denn im Grunde behauptet der Verfasser dasselbe, indem er unter seinem quanto das quid und quale, Organisation, Form u. s. w. mit begreift), müßte hie und da mehr Gewicht auf die treue Erkenntniß des Was und Wie gelegt, mithin diese, wenngleich verworren gegebenen Data nicht blos in ihrer Verwirrung als Traum der Phantasie, sondern als das, was sie sind, wesentliche Substrate des quanti, mit gleicher Aufmerksamkeit wie das quantum selbst behandelt werden. Ein kleines poco di più e poco di meno zerstört auch hier das Maß der Haltung . Wer zählen will, ehe er hat und ganz hat, was soll er zählen? 2) Gegen den Mißbrauch der Phantasie hat die Archimetrie , wie billig, scharf gesprochen und in Hirngespinnsten sowol als in Kunstlarven und phantastischen Bestrebungen die Gräuel ihrer Wirkungen gezeigt; um indessen auch hier dem Mißverstande vorzubeugen, wäre dem rechten unentbehrlichen Gebrauch der Phantasie auch das Wort zu reden. Ohne sie nämlich, ohne das wunderbare Vermögen in uns, das allenthalben ein Eins constituirt, ist kein quantum sowie kein reines quid und quale denkbar. Von der ersten sinnlichen Empfindung an begleitet uns Phantasie bis zur hellsten Anschauung der Sache als Sache, als eines Eins , eines Ganzen . Alle ihre Hilfsmittel, Aehnlichkeit, Gleichung u. s. w. sind unentbehrliche Werkzeuge zu Erforschung, zu Berichtigung, zu Findung der Wahrheit. Das Maximum und Minimum unsrer Erkenntniß sind Punkte einer Curve mit abnehmenden oder wachsenden Größen zu beiden Seiten, nicht etwa der oberste und unterste Punkt einer geraden Linie. Die träumende, schwärmende, rasende Phantasie werde verbannt; nicht aber die, die ein Ganzes bildet und in seinen Theilen constituirt . Auch diese Archimetrie hat sie geschaffen; sie belebt jeden Erfinder. 3) Daß in der deutschen Uebersetzung manche Wiederholungen wegfallen, manche heftige Stellen müder erscheinen werden, folgt von selbst. In einer Sprache spricht sich aus, was sich in einer andern nicht sagen läßt; in einer todten, was eine lebendige schon durch sich untersagt. Die lateinische ist eine Sprache der kühnen Freiheit; die deutsche begnügt sich mit kräftigem Nachdruck. Im Latein reizt der glückliche Ausdruck selbst zur Kühnheit; der kältere Deutsche behilft sich, zumal in der Philosophie, die es auf eine instauratio magna scientiarum, auf eine neue Anrichtung des ganzen Gebäudes der Wissenschaften anlegt, mit architektonischer Genauigkeit, Stärke und Schönheit. Bei einer Schrift, die vom Maß, vom Urmaß handelt, gilt auch das Maß des Affects im Ausdruck, das tantum . Hätte die kritische Philosophie nur dies Buch veranlaßt, so müßten wir ihr Dank wissen; mit der Zeit werden wir ihr noch manches andre Gute danken. Ziehe den einen Arm der Wage mit Gewalt nieder, der andre stiegt um so höher aufwärts. Noch muß von diesem Buch bemerkt werden, daß es nicht blos aus dem Kopf, sondern auch aus Brust und Herz geschrieben sei; es erfaßt und wägt die Sache der Menschheit. Daher sein Feuer, seine Wärme, oft seine Gluth. Es vereinigt Geist mit Kraft, Wissenschaft- und Sprachkenntniß mit Völker- und Weltkenntniß, Güte des Herzens mit Muth. Sein Wahlspruch ist: Sapere aude ! Die von Herder in den Erfurter Nachrichten 1800, Stück 48 gegebene Anzeige von Gräter's »Bragur« (Band 6. Abth. 2) enthält größtentheils Inhaltsangabe und bleibt deshalb ausgeschlossen.   D.   B. Vorreden.   Vorrede zu E. A. Schmidt's Uebersetzung des Werks von dem Ursprunge und Fortgange der Sprache von Lord Monboddo. Riga 1784. Vgl. »Von und an Herder«, II. 96. Diese Uebersetzung erschien in zwei Theilen in den Jahren 1784 und 1885.   D.   Da ich die Uebersetzung dieser Schrift veranlaßt habe, so dünkt es mich auch Pflicht, die Ursachen der Veranlassung und den Zweck anzuzeigen, den ich damit zu erreichen hoffte. Der Verfasser des Buchs James Burnet of Monboddo , one of the lords of the Court of Session in Scotland.   H. hat sich den Journalisten seiner Nation und leider sowol den Metaphysikern als Physikern und Schönschreibern übel empfohlen. Den ersten, weil er auf die Philosophie des Locke , den zweiten, weil er auf das Ansehn Newton's kühne Angriffe gethan; die modischen Schriftsteller endlich ( genus irritabiie vatum Hor .. Epist., II. 2. 102.   D. ) hat er am Meisten beleidigt, da er sich, eingenommen von der Regelmäßigkeit, Klarheit und Ründe der griechischen Schreibart, so entscheidend gegen den neuern Flitterputz erklärt hat und wenigen Autoren das classische Ansehen zugestehen will, in dessen Besitz sie sich durch die Stimme der Recensenten sicher glauben. Sie haben ihn also reichlich entgelten lassen, was er an ihnen verübte, und auch unter uns ist der Name Monboddo mehr oder minder durch einen Nachhall solcher Urtheile bekannt worden. Indessen ist die deutsche Nation viel zu gleichgültig oder zu edel, als daß sie durch eine literarische Cabale jenseit des Meers sich in ihrem Urtheil von einem Buch bestimmen ließe, das als Fremdling in ihre Sprache übertritt und das Recht der Hospitalität begehrt. Locke geht uns nicht weiter an, als sofern er der Wahrheit diente, und wir sind lange schon durch Leibniz gewöhnt, auch schwache Seiten seiner Philosophie zu finden. Newton hat mit diesem übersetzten Werk nichts zu schaffen; denn was Monboddo gegen ihn hat, hat er in seinen Ancient Metaphysics Ancient Metaphysics , or the science of Universals . Edinb. 1779.   H. ausgeschüttet, einem Buch, das ich noch nicht gelesen habe und also weder zu verdammen noch zu rechtfertigen wage. Was endlich seine Meinung über die Schreibart anlangt, die wir im Verfolg des Werks sehen werden, so glaube ich, daß sie mit dem Urtheil der besten Schriftsteller und Richter unsers Volks übereinstimmen, ja dieses sogar aus Gründen der alten und ächten Kritik neu unterstützen werde. Nichts ist ihm so verhaßt als die bunte Schreibart; nichts ehrt und liebt er mehr als griechische Einfalt und Klarheit. Ueber den Bau der Sprache und des Perioden hat er mit und nach dem Dionysius von Halikarnaß gründlich und bündig gedacht, so daß, was er Verderbniß des Geschmacks nennt, ein Alter schwerlich anders nennen würde. Von solchen Vorurtheilen hat also unser Philosoph in Deutschland nichts zu befürchten; vielmehr glaube ich, daß sein Buch bei unsrer Nation, deren Vorzug vor andern eine zwar kältere, aber desto gerechtere Gleichmüthigkeit ist, gewinnen werde. Durch Uebersetzungen aus allen Sprachen sind wir auch an allerlei Vorstellungsarten gewöhnt, und in der Metaphysik haben wir, vielleicht auch unsrer kalten Besonnenheit wegen, wenigstens vor einiger Zeit so große Schritte gethan, daß, wie mich dünkt, eine Basis von festem Geschmack unter uns errichtet worden, für welche Monboddo eben ein Mann ist. Ich darf also meine Meinung über diese Schrift frei sagen und sowol ihr Vortreffliches als ihre Mängel, wie solche mir wenigstens vorkommen, nicht verhehlen. Der vornehmste Werth des Buchs scheint mir das gefaßte bündige Urtheil zu sein, welches unsern Autor in einer ihm angemessenen männlichen Schreibart vor vielen Schriftstellern unsrer Zeit vortheilhaft auszeichnet. Man sieht und fühlt's, daß er, vom Mark der Alten genährt, sich von keinem süßen Naschwerk verführen lasse und dieses dreist verschmähe. Seine Philosophie ist zwar hie und da mit einiger Aristotelischen Skrupulosität verwebt, übrigens aber bestimmt, gründlich, vielumfassend und edel; denn er bleibt nicht beim Stagiriten, sondern hat auch Plato und die Reste der Pythagoreer genutzt, ja in einigen Stellen gut erläutert. Sein Freund Harris , den er an mehreren Orten als ein Orakel lobt, und der auch unter uns durch seine vortrefflichen Gespräche Jacob Harris ' »Abhandlungen über Kunst, Musik, Dichtkunst und Glückseligkeit«. Halle 1780.   H. theils schon bekannt ist, theils durch einen Auszug aus seinem Hermes Vollständig übersetzt von Chr. G. Ewerbeck , nebst Anmerkungen und Abhandlungen von Fr. Aug. Wolf und dem Uebersetzer. Erster Theil. Halle 1788.   D. und seinen kleinen philologischen Abhandlungen bekannt zu sein verdiente; wahrscheinlich hat dieser beinah zu eifrige Liebhaber der griechischen Philosophie ihn auch in diesen Geschmack gezogen, und es ist leicht zu erachten, daß, wer einmal in dieser Liebe ist, nicht von ihr los kann. Wer den Dianentempel zu Ephesus gesehen hat, der läßt die Tempelchen, die auf dem Markt verkauft werden, gern dem Liebhaber. Es kann also sein, daß Monboddo für den neuern Geschmack nicht vielseitig gnug denkt; gnug aber, er denkt scharf, bündig und meistentheils richtig. In allen drei Büchern dieses ersten Theils äußert sich dieser ächte philosophische Geist, vorzüglich aber im zweiten und dritten; daher ich wünschte, daß Leser, denen die Capitel gegen Locke zu lang dünken, sie nebst einigen Anmerkungen überschlagen und sich an das halten möchten, was der Verfasser über die Bildung der Ideen, über die Natur des Menschen, über die Entstehung und Fortschritte der Gesellschaft und Sprache so angenehm als unterrichtend gesagt hat. Der Ursprung und Fortgang der Sprache, wie er ihn betrachtet, ist keine Speculation über Grammatik, sondern eine Philosophie über den Menschen und über die dunkeln Gründe, wie er das, was er jetzt ist, worden. Ich leugne daher nicht, daß ich nach der Geschichte des Menschen, auf die Monboddo irgendwo in diesem Buch Hoffnung giebt, sehr verlange und überzeugt bin, daß sie vor dem in einzelnen Theilen vortrefflichen, im Ganzen aber sehr mittelmäßigen Werk seines Landsmannes Home viel Vorzüge haben müßte. Der Letzte ist reich an Thatsachen und den mancherlei Farben der Menschheit; seine Grundsätze sind aber schwach, und das, woran er Alles hängt, ist gerade das Brechlichste im Buche. Monboddo ist mit sich selbst eins und hat seine Philosophie aus Zeiten, in denen man den Menschen noch reiner und entkleideter sah, als wir ihn jetzt sehen können und sehen mögen. Vorzüglich, dünkt mich, ist unserm Verfasser der Hauptzweck seines Werks, die Untersuchung vom Ursprung und den Fortschritten der Sprache, gelungen, so daß ich ihm hierin, da ich ziemlich Alles gelesen, was über diesen Gegenstand geschrieben ist, und selbst darüber geschrieben habe, Vgl. Herder's Preisschrift »Ueber den Ursprung der Sprache« (Berlin 1772).   D. willig die Palme reiche. Da er sich insonderheit an die unbestimmten Worte Natur, Kraft, Fähigkeit gehalten und sie scharf bestimmt hat, so ist diese Materie von ihm beinahe erschöpft, und ich glaube, man habe auch bei andern Dingen nur auf diesem Wege fortzugehen, um die Natur des Menschen in seinen verschiedenen Zuständen sehr genau zu treffen und zu entwickeln. Ein Gleiches ist's mit der Vergleichung mehrerer Sprachen. Es könnte noch eine Reihe andrer wilder und halb wilder dazugethan werden (und wahrscheinlich wird dieses geschehen, wenn das Studium der Menschengeschichte mehr emporkommt); Insonderheit wünschte ich, daß ein Philosoph in Monboddo's Denkart die Nachrichten von wilden Sprachen in des Abts Gili Storia Americana benutzte und sodann zu den gebildetern Sprachen Asiens schritte, von denen in den neuern Jahren gleichfalls nähere Nachrichten bekannt worden sind.   H. gnug aber, der Pfad ist gebahnt; die Grundsätze unsers Autors und seines Freundes Harris dünken mir nicht nur die einzig wahren und festen, sondern auch seine ersten Versuche, mehrere Sprachen verschiedner Völker auf verschiednen Stufen der Cultur mit einander zu vergleichen, werden immer Vorarbeiten eines Meisters bleiben. Und so wäre einmal (gewiß noch nicht so bald!) eine Philosophie des menschlichen Verstandes aus seinem eigenthümlichen Werk, den verschiednen Sprachen der Erde, möglich. Ich würde dem Leser selbst vorgreifen, wenn ich ihm die einzelnen trefflichen Gedanken, Urtheile und Winke, die durchs Buch zerstreut sind, vorzählen wollte; der beste Reiz des Lesens ist, wenn man wie auf einem einsamen Spaziergange hier eine Blume, dort eine Frucht, hier eine angenehme Quelle antrifft und am Ende auch selbst etwas auszujäten und zu bessern findet. Nöthiger scheint es mir, auf einige Eigenheiten des Buchs vorzubereiten, auf die ein Tadelsüchtiger um so eher fallen könnte, weil sie dem Auge nur gar zu bloß liegen. Zuerst hat der Verfasser Cap. 3. B. 2.   H. aus Liebe fürs Alterthum auf einige Erzählungen des Dionysius von den Unfühlbaren und andern Völkern zu sehr gebaut, ob sein System gleich dieser Induction nicht nöthig gehabt hätte. Daß es wilde Völker in Afrika gebe, ist bekannt, und daß es vor ein paar tausend Jahren noch rohere gegeben habe, ist wahrscheinlich; daß aber diese Rohheit je so weit gegangen, daß eine wirkliche Menschennation völlig ohne Sprache gewesen sei, kann ich nicht glauben. Von den Fischessern sagt es Dionysius nicht; vielmehr was er von ihnen anführt, hat man bei mehrern Völkern der Erde gefunden, die, als man sie näher kennen lernte, völlige Menschen auch im Vermögen der Rede, Sinnen und Trieben waren. Seine Hylophagen sind entweder von der nämlichen Art oder gar ein Volk Affen gewesen, die man, wie es mehrmals geschehen ist, für wilde Menschen ansah; denn was der Grieche von ihnen anführt, ist der Lebensweise der Affen ziemlich ähnlich. Diodor's Unempfindliche Vgl. Herder's Werke, X. S. 142   D. endlich halte ich für eine der Geschichten, deren Grundzüge wahr, aber übertrieben sind, wie wir in den alten, mittlern, ja selbst neuen Schriftstellern Man denke an die weiblichen Schürzen der Hottentotten, an die stummen Völker mit blutender Lippe, ja noch neuerlich an Commerson 's Zwerge auf Madagascar; der Akephalen und so mancher andrer Ungeheuer des Plinius nicht zu gedenken.   H. davon eine Menge finden. Afrika ist immer reich an Ungeheuern gewesen, aus keiner andern Ursache, als weil es am Unbekanntesten war. Ein Gleiches ist's mit den langgeschwänzten Menschen Cap. 3. B. 3.   H. auf den Nicobar-Inseln, bei denen der Verfasser dem Ansehen Linneus' zu sehr folgt. Es ist bekannt, daß dieser große Mann die Eigenheit hatte, einen Nacht- und Tagmenschen in sein System der Natur aufzunehmen, und daß er jenem zu gut drei völlig verschiedne Wesen, den wilden Buschmann, den menschenähnlichsten Affen und die Albinos, einen Auswurf kranker Indianer, unter einen Namen brachte. Die unbestimmten Sagen und mancherlei Fabeln der Reisenden hatten ihn dazu verleitet; je bestimmter aber die Nachrichten worden sind, desto genauer sind diese drei Geschöpfe geschieden. Tyson 's Philological essay concerning the pygmies, the cynocephali, the satyrs and sphynges of the ancients, wherein it will appear, that they were all either apes or monkeys and not men, as formerly pretended , war eine der ersten fleißigen Abhandlungen zu Bestimmung dieses Unterschiedes, auf welche, insonderheit die Albinos betreffend, mehrere gefolgt sind, die hier anzuführen zu weitläuftig wäre.   H. Der wilde Mensch ist ein Mensch, der Affe ein Affe, der Albinos ein ausgearteter Indier geblieben; und die geschwänzten Menschen auf Borneo, den Nicobar-Inseln u. s. w. haben sich verloren. Man kann hiernach also den Auszug aus Linneus' Briefe, den der Verfasser (Cap. 3. B. 2) mittheilt, ziemlich berichtigen. Nr. 5 ist ein Albinos oder Kakerlak; Nr. 2, 3 sind Affen, Nr. 4 ist unbestimmt, und Nr. 1, 6 sind Berichte der Reisenden, die noch Erläuterung oder Bestätigung bedürfen. Diesem Irrthum lag ein andrer nahe, nämlich daß Affe und Mensch ein Geschlecht sei, daß der Orang-Utang mit seinem Stecken in der Hand eine dem Menschen ähnliche Vernunft beweise, und es ihm nur an einer weitern Ausbildung auch zur Rede fehle. Ich will mich hierüber nicht weitläuftig einlassen, da ich die Materie in einer andern Schrift Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 1784 [Buch III. Cap. 6].   H. auseinandergesetzt habe, sondern nur anführen, daß selbst die Anatomie dieser Meinung entgegen sei und nach Camper's Entdeckung Philosophical Transactions , P. I. 1779.   H. der Affe auch dem Organ nach nicht zur Sprache geschickt sei. So trefflich unser Verfasser es ins Licht gesetzt hat, daß bei dem Menschen seine edelsten Vermögen erworbne Fertigkeiten sind, so ist's ein Mangel seines Buchs, daß er nicht zugleich bemerkte, wie einzig der Mensch die nächste Fähigkeit dazu theils in seiner Organisation, theils in seiner Lebensweise von der Geburt an besitze, und daß also weder der Affe noch irgend ein Thier der Erde in seiner Gestalt und Lebensart wahre menschliche Vernunft und Sprache je erhalten werde; vielleicht nicht aus wesentlicher Unvermögenheit ihrer Seele, sondern weil ihre gegenwärtige Organisation sie von uns scheidet. Auch den Biber rückt Monboddo, Buffon zufolge, viel zu weit hinauf, da er offenbar nur instinctmäßig baut und in Gesellschaft lebt. Daß er zu bauen unterläßt, wenn er nicht zahlreich gnug ist, hat er mit mehrern Thieren gemein, die zu ihrem Werk eine Anzahl von Mitgesellen bedürfen; denn auch wenige einzelne Bienen würden nicht bauen, zumal wenn ihnen die Königin fehlte. Daß der Biber seine Wohnung im Kleinen verändert, hat er ebenfalls mit mehrern Thieren gemein; und selbst von den Bienen hat schon Swammerdam bemerkt, daß ihnen nicht allemal die Zellen gleich gut gerathen. Diese Unterschiede sind aber nur kleine Local- und Zeitveränderungen, die von einer freiwilligen überdachten Veränderung, ihren Bau jetzt als einen Bau der Vernunft anzulegen, weit abstehn. Ein Gleiches ist's mit dem Thier am Dnjester, das Polignac Baubacis nennt, und dessen Künste der Verfasser (Cap. 9. B. 2) anführt. Wahrscheinlich ist's mus citellus Linn. und hat seine Künste mit mehrern Thieren dieser Gattung gemein, wie in vielen Beispielen gezeigt werden könnte. Dies Alles sind Kleinigkeiten, die das Innere des Werks nicht treffen; was ich jetzt anführe, hat auf das System des Verfassers mehr Einfluß. Um nämlich die Erwerbung der menschlichen Fertigkeiten ganz darzustellen und von unten herauf zu verfolgen, nimmt er ganz rohe thierähnliche Menschen an, die lange zuerst ohne Sprache waren; wo und wann aber hat es solche gegeben? Die Geschichte kennt keine Nationen von Thiermenschen; denn auch die rohesten Menschenfresser haben Sprache. Sie lernen sie gerade wie wir durch Tradition und Erziehung, der Pescheräh wie der Engländer, der klatschende Hottentott wie der sanft redende Grieche. Der Autor hat es auch selbst gefühlt, wie schwer es sei, jedem wilden Volk die Erfindung seiner Sprache zu überlassen, und meint daher, daß einige gebildete Völker sie erfunden haben. Aber welche? und wie theilten diese nun den ungebildeten, die Jahrtausende lang sprachlos gelebt hatten, die Sprache mit? und zwar also mit, daß diese dennoch ihr eignes unvollkommenes Idiom voll Ausrufungen und langer Wörter bekamen, als ob sie sich dasselbe von Grund aus selbst gebildet hätten? Hier hat das System unsers Verfassers eine Lücke, auf die ich nur zeige, ohne sie ausfüllen zu wollen; es wird dazu anderswo der Ort sein. Ferner, wenn Monboddo den Aegyptern das große Lob der Spracherfindung giebt, so steht ihm, wie mich dünkt, nicht nur die Geschichte, sondern selbst der Bau der Erde entgegen, nach welchem die Aegypter wenigstens in diesem Lande nicht anders als ein spätes Volk sind. Und doch fand ihre Cultur gerade in diesem Lande die veranlassenden Ursachen; in einem andern wären die grob gebauten Aegypter nie das geworden, was sie geworden sind. Die Reiche des höhern Asiens waren wahrscheinlich viel früher gebildet, wie theils ihre alten Sprachen zeigen, theils die Origines aller abstammenden Völker es beweisen. Monboddo selbst setzt das Vaterland der Menschen in jene höheren glücklichern Gegenden, und er getraut sich nur nicht, diese Höhen zu besteigen, weil er seinem Griechenlande gern nahe bleiben wollte. Und so will ich mich auch auf einige seiner Hypothesen von Abstammung verschiedner alten Sprachen nicht einlassen; es sind Winke und Rufe zu weiterer Nachspähung in einem großen dunkeln Walde. Gnug. Wenn die Philosophie des Autors und noch mehr seine Art zu philosophiren Platz gewinnt; wenn das Studium der Menschengeschichte, die griechische Philosophie und Sprache den Jünglingen lieb wird und man zu diesen lebendigen Quellen der Jugend des menschlichen Geistes wiederkehrt; wenn endlich auch die Mängel dieses Buchs durch weitere Untersuchungen in unserm sprachgelehrten, philosophischen Vaterlande ersetzt und verbessert werden: so wäre der Zweck dieser Uebersetzung sattsam erreicht. Weimar, den 29. März 1784.   Vorrede zu Johann Valentin Andreä' Dichtungen, zur Beherzigung unsers Zeitalters. Leipzig 1786. Die Vorrede führt die Ueberschrift: »Ein Brief an den Uebersetzer«. Der Uebersetzer war Pastor Karl Georg Sonntag in Riga.   D.   Sorgen Sie nicht, mein Herr, daß Ihre Uebersetzung der Apologen des verdienstvollen Johann Valentin Andreä dem kleinen Denkmal in den Weg trete, das ich ihm aus seinen Schriften zugesagt habe. In keiner andern Absicht geschähe es, daß ich sein Andenken aufzufrischen suchte und daher Gedichte, Fabeln, Gespräche von ihm hie und da ausstreute, als daß die Aufmerksamkeit guter Menschen auf ihn gerichtet werden und auch unsre Zeit den Mann kennen möchte, der in seinem Jahrhundert wie eine Rose unter Dornen blühte. Es kann mir also nicht anders als herzlich lieb sein, wenn ein Andrer thut, was ich noch nicht thun konnte; denn die Zeit zu dem Denkmal, wie ich's im Sinne hatte, ist noch nicht da, und jede Bekanntmachung mit dem Geist des liebenswürdigen Mannes arbeitet dieser wünschenswerten Zeit vor. Vgl. Herder's Werke, XV. S. 217 f. 319 ff.   D. Noch mehr freute es mich aber, da ich aus den ersten sechs gedruckten Bogen Ihrer Uebersetzung sah, daß Sie den kühnen, menschenfreundlichen Gedanken gefaßt hatten, Ihren Autor nicht nur unsrer Zeit, sondern auch für unsre Zeit zu geben, ihn derselben durch Auswahl und Umkleidung seiner schönsten Stücke gleichsam zuzueignen , wie sie ihn sehen könnte und brauchen sollte . Valentin Andreä zu übersetzen, ist wahrlich keine Kleinigkeit, und ich wüßte beinah keinen alten Schriftsteller, der dem Uebersetzenden hie und da schwerere Arbeit machte. Seine Schreibart ist ein feines Gewebe von Anspielungen, theils auf Bücher, die er las, theils auf Geschäfte, die er sah und trieb, theils auf Charaktere und den geheimen Geist seiner Zeit, den er durchschauend kannte. Wie es nun viel leichter ist, allgemeine Wahrheiten und Speculationen, die vielleicht eben deswegen für alle Zeiten zu sein scheinen, weil sie für keine recht sind, als jene feinen, individuellen Beobachtungen ans Licht zu stellen, die aus dem innersten Gefühl, aus anschauender Betrachtung des Geistes der Dinge um uns her entspringen, so wird diese Arbeit noch schwerer in der Manier, die Andreä wählte . Alles wird bei ihm Einkleidung und Dichtung; sein Witz trifft fein, aber auch flüchtig, wie der Sonnenstrahl; das leichteste Gewand ist seinen ätherischen Gestalten immer das liebste. So wenig also das Erklären und Paraphrasiren seine Sache ist, so wenig erlaubt er's seinem Uebersetzer. Dieser muß seiner Kunst nachbuhlen, eine sinnreiche kleine Dichtung, die im schärfsten Umrisse gedacht ist, seiner Zeit so anschaulich zu machen, wie sie auch selbst in den Zeiten Andreä's es vielleicht nur für Wenige war und sein sollte. Ueberdem lebte Andreä in Zeiten, die vom gothischen Geschmack nicht frei waren, ja, in denen sich dieser Geschmack eben auf die verführendste Art zeigte. Die neueren Sprachen, deren Lectüre er vorzüglich liebte, waren die italienische und spanische; gerade aber die berühmtesten Schriftsteller dieser Sprachen flossen damals von dem süßen Schaum über, der der Geschmack des siebzehnten Jahrhunderts heißen könnte und ihm allein eigen bleiben möge, von dem also auch unser Andreä nicht ganz frei war. Sie müssen es beim Uebersetzen oft gefühlt haben, wie manche Feinheiten seines Stils kleine Subtilitäten, überladende Putzwerke werden. Seine Manier ist sinnreich; er sagt mit Wenigem viel, er will aber in dem Umriß einer engen Einkleidung mit zu Wenigem zu viel sagen, und da die einkleidenden Schriftchen dieser Art in seine jüngern Jahre fallen und sein geschäftiger Geist nie die Muße gewann, sie nach Regeln der alten griechischen oder römischen Simplicität auszufeilen, freilich so stehen seine Gespräche in Absicht der Reinigkeit des Stils hinter Erasmus' Gesprächen , seine Apologen hinter Ochin's Apologen , so hoch er sich übrigens in scharfsinnigem, feinem Witz, insonderheit über den Letzten emporschwingt. Ein Uebersetzer für unsere Zeit sieht sich also in einer Verlegenheit, deren Mühe die wenigsten Leser erkennen oder ihm verdanken. Er will das schöne Blumen- und Rankenwerk nicht verschneiden und muß es doch, wenn Andreä für uns lesbar werden soll; und doch muß er es immer nur sofern, daß das schöne lebendige Gewächs nicht nur nichts von seinem ganzen Wuchs verliere, sondern auch unsern Augen da stehe, als ob es vor ihnen entsprossen wäre. Wenn hiezu nicht ein treffendes Auge und eine leichte, glückliche Hand gehören, so wüßte ich nicht, wozu sie gehören sollten; denn den Andreä, wie er ist, mit jedem kleinsten seiner veralteten Zeitumstände, mit jedem Sprößling seines Witzes und Stils in unsre Sprache zu bringen, hieße ebenso viel, als seine Begrabene Wahrheit S. 5 dieser Uebersetzung.   H. [Vgl. Herder's Werke, XV. S. 242 f.   D.] mit alle dem Moder ans Licht zu führen, womit ihre Zeit die Unverwesliche bedeckte. Um so mehr also, mein Herr, wird Ihnen jeder Verständige danken, daß Sie ein Gärtchen voll schöner, aber hie und da zu üppiger Pflanzen eines vorigen Jahrhunderts in das unsrige mit vorsichtiger Gärtnerhand zu verpflanzen suchten, ja, den schönsten Lohn hierüber wird Ihnen die überwundene Mühe und der erquickende Wohlgeruch der Blumen selbst gewährt haben. Wahrlich, Andreä ist ein seltner und lieber Geist, sowol am Verstande als am Herzen. Seine Organisation muß so fein gewesen sein, wie sein moralischer Sinn es ist; denn sein Witz, seine Bemerkungen, die ganze Richtung seiner Empfindungen im Leide und in der Freude, selbst seine schärfsten Urtheile, seine bitterste Satire sind allemal aufs Feinste moralisch . Der unermeßliche Vorrath von dem, was er wußte, die sonderbare Biegsamkeit seines Geistes für alle Kunst, für alles Wissenswürdige und Schöne, noch mehr aber die zerstreuende Geschäftigkeit, in der er lebte, sein früher Zusammenhang und Umgang mit so mancherlei Menschen, die die Gährung des vorigen Jahrhunderts hervorbrachte, nichts von Allediesem konnte ihn von jenem einen Wahren entfernen, das allenthalben der Geist seiner Schriften ist und aus jeder Einkleidung wie eine Blüthe emporsteigt. Der Leser, der Andreä nicht kennt, wird ihn aus Ihrer historischen Einleitung über sein Leben kennen lernen, und wenn er ein Mehreres begehrt, darf er nur zu dem Denkmal gehen, das ihm von der biedern Hand eines seiner patriotischen Landsleute im Württembergischen Repertorium S. 274 ff.   H. ist gesetzt worden. Einen Mann wie ihn muß man zuerst in seinem Leben kennen, ehe man ihn in Schriften kennen lernt; denn überhaupt Schriften, solch ein verräterischer Spiegel sie für Manchen sind, zeigen doch immer nur die Oberfläche unsers Herzens und Geistes. Aber auch als Schriftsteller unsers Vaterlandes verdient Andreä das Andenken und die Liebe seiner Nation vor so Vielen, die mit ihm lebten. Thomasius , jener helle Kopf, dem unser Jahrhundert mehr schuldig ist, als Manche es glauben, theilt den Inhalt einiger seiner Schriften ziemlich ausführlich und mit der teilnehmenden Wärme mit, die völlig zeigt, daß er ihren Werth fühlte; Summarische Nachrichten von erlesenen Büchern der Thomasischen Bibliothek. Halle 1715. 1716.   H. aber es war doch nur ein Auszug. Arnold pries ihn nach seiner Weise an und nutzte im Artikel von den Rosenkreuzern die Nachrichten, die ihm Thomasius mittheilte; Thomasii Cautelen für einen Studiosum juris . S. 324 ff.   H. dadurch aber wurde Andreä noch mehr verdächtig. Fischlin hatte ihn unter einen Haufen andrer, zum Theil ihm sehr unähnlicher Theologen zum zweiten Mal begraben. Memorabiblia Theologorum Würtembergensium , P. II. p . 129.   H. Weismann gab Auszüge aus seinem Leben und beklagt's, daß die Ausgabe seiner Schriften, an welcher der Abt Zeller mit vieler Sorgfalt gearbeitet hatte, nicht zu Stande gekommen sei. Historia Ecclesiastica , T. II. p. 932 sq .   H. In der Streitsache über die Rosenkreuzer geschah seiner hie und da, rechts und links Erwähnung, und ich weiß, daß eben auch daher in den neueren Zeiten mancher Verständige neugierig geworden ist, den merkwürdigen Mann aus seinen Schriften selbst kennen zu lernen. Außer dem aber, und was etwa ich hie und da ausgestreut habe, ist er unsrer neueren lesenden Nation, die sich um lateinische Schriften schwerlich bekümmert, so gut als unbekannt geblieben; denn es scheint einmal der Deutschen Natur zu sein, daß sie ihre eignen Schätze nicht achten. Doch warum, mein Herr, sollten wir dies glauben und nicht vielmehr der bescheidnen Vergeßlichkeit unsrer Landesleute entgegenarbeiten, wo sie ihnen selbst schaden könnte? Valentin Andreä gehört so eigentlich für unsre Zeit, daß ich in Vielem, Vielem ihr jetzt einen Andreä wünschte. Unleugbar haben sich zwar seit einem Jahrhunderte die Strahlen der Aufklärung sehr vermehrt; einzelne Menschen in allen Ständen denken gut und sein und vernünftig: das alte Gerüst aber von Vorurtheilen, von Mißbräuchen und Verderbnissen in allen Geschäften und Ständen steht in vielen Ländern und Provinzen Deutschlands noch so da, wie es zu des guten Andrea Zeiten da stand! Die öffentlichen Einrichtungen sowol in der Kirche als im Staat, die Verwaltung oder Veruntreuung der Wissenschaften und Geschäfte ist in hundert Sachen noch eben jene, die ihm von Jugend auf leid that und zuletzt das Herz fraß. Ja endlich die Gährung selbst, in der sein Zeitalter war, hat sie nicht mit der unsern eine auffallende Aehnlichkeit und Gleichheit? Nicht nur, daß hundert Secten, insonderheit die Rosenkreuzer, damals ihr Gewerbe trieben (mit welchen Letztern er wenigstens in dem Verhältnisse stand, daß beinah keine seiner Schriften mir vorgekommen ist, in der er ihrer nicht hoffend, spottend oder warnend gedächte), nicht nur diese gährenden Secten selbst, sondern auch die unsichtbare Hand, die sie damals führte , sind seiner und unsrer Zeit gemein: so daß sein Thurm zu Babel , seine Warnung vor der Neugierde , seine magische Unterweisung für Neugierige , sein Turbo und so manche andre seiner Einkleidungen wahre Arznei für die geheimen Wunden unsrer Zeit wären, wenn eine geschickte Hand sie mit Andreä 's Geist, Witz und Zeitenkunde für uns zuzubereiten wüßte. Ich will nicht leugnen, daß ich, so wenig ich mir diese Gaben zutraue, mit meinem versprochenen Denkmal auch dahin ausging; aber die Gährung ist, wie mich dünkt, noch nicht reif, und wer hat mich endlich zu einem Geschäft berufen, zu dem ich viel rüstigere Werkzeuge vor mir sehe? Indessen kann ich meinen Brief nicht schließen, ohne auf die Stelle Rücksicht zu nehmen, da Sie der Unschuld Ihres Autors an der Rosenkreuzerei erwähnen. Meine Meinung, die ich darüber im Teutschen Merkur (März 1782), nur sofern es die Veranlassung forderte, beiläufig äußerte, Vgl. oben S. 339 ff.   D. hat im Württembergischen Repertorium einen doppelten Widerspruch gefunden, der sich selbst so aufzuheben scheint, daß meine Meinung in der Mitte stehen bleibt. Der ruhmwürdige Verfasser der Lebensbeschreibung unsers Andreä glaubt, daß ich ihm nicht gnug Antheil an dieser Verbindung einräume; der Verfasser einer neuen Erläuterung der Geschichte der Rosenkreuzer Württembergisches Repertorium, S. 512 ff.   H. behauptet gegentheils, daß ich und Andre ihm viel zu viel eingeräumt haben, da er auch nicht einmal der Urheber der berüchtigten Fama fraternitatis sei, die damals so vielen Lärm erregte. Daß er der Verfasser dieser Fama sei, glaube ich noch jetzt und hoffe es einmal aus seinen eignen Aeußerungen so wahrscheinlich zu machen, als irgend etwas der Art gemacht werden kann. Daß die ihr beigefügte Reformation der Welt aus Boccalini sei, wußte ich schon damals, so wie ich auch alle die Schriften der Rosenkreuzer kannte, die der ungenannte Verfasser der Erläuterung anführt. Auch die meisten der andern literarischen Muthmaßungen sind mir aus Fischlin u. A. wohl bekannt gewesen.   H. Aber was hindert uns Boccalini ? Kein damals lebender Autor hat so viel Einfluß auf die Manier unsers Andreä gehabt als eben er; und die ganze Mythologia christiana , aus der Sie, mein Herr, Ihre Apologen übersetzten, hat nicht, wie Sie meinen, mit Zwinger 's Theatro humanae vitae , aber wohl mit des Boccalini Ragguagli di Parnaso Der erste Theil der Ragguagli ist 1612 dem Cardinal Borghese , der zweite Theil 1613 dem Cardinal Cajetano zugeeignet.   H. die unverkennbarste Aehnlichkeit, so unverkennbar, daß ich dem Andreä oft, sehr oft ein reineres Vorbild gegönnt habe. Vergleichen Sie die Manier beider Schriften, und es wird Ihnen kein Zweifel bleiben. Gerade also, daß jener Anhang der Fama ein übersetztes Stück aus Boccalini ist, könnte uns auf Andreä bringen, wenn uns auch keine andern Gründe darauf brächten; denn eben die Stelle, aus welcher der Verfasser der neuen Erläuterung seine Entdeckung, »daß die Reformation der Welt aus Boccalini übersetzt sei «, Württembergisches Repertorium a. a. O.   H. her hat, von wem ist sie? Von Andreä 's größtem literarischen Freunde Christoph Besold . Der ist der Herausgeber von Campanella's spanischer Monarchie (Tübingen 1624); der mußte es also wol wissen, woher jenes Stück sei, und was es bedeute. Und er spricht darüber gerade wie Andreä , gleichsam aus seinem Munde. »Als solches Phantasma (die Brüderschaft der Rosenkreuzer) kaum ausgeschlossen war, ohngeachtet auch deren Fama und Confessio in vielen unterschiedlichen Orten klärlich bezeugt, daß dieses Alles ein lusus ingenii nimium lascivientis gewesen« u. s. w. Dies ingenium lasciviens kannte Besold wohl; denn es lebte nahe bei ihm. Uebrigens hat Niemand in der Welt gezweifelt, daß auch schon vor Andreä das Kreuz und die Rose beliebte Symbole gewesen; Ich habe dieses in gedachten Briefen im Teutschen Merkur deutlich gesagt.   H. [Vgl. oben S. 341 f.   D.] Niemand hat gezweifelt, daß lange vor ihm es ein Gewirr von Secten gegeben, mit welchem sich ja ein großer Theil der Literargeschichte des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts beschäftigt; die Frage aber ist, woher machte eben um diese Zeit dies Phantasma, dieser Name auf einmal so viel Bewegung? Wer war's, der den unschuldigen Jugendroman V. Andreä's, Christian Rosenkreuz , sein unschuldiges Familien-Petschaft und die Fama zum Aushängeschild eines solchen Lärms und so manches betrügenden Wahnes machte? Hätten wir aus Andreä's Papieren das geheime, treue Journal seiner Reisen (wenn er ein solches geführt), und dieses zwar von 1607 an, da er in Lauingen, unfern Dillingen war, bis 1612, da er in Italien auf einmal das feierliche Gelübde that, nach Hause zu eilen und sich seiner Kirche in den Arm zu werfen : freilich so wüßten wir von seinen geheimen Verbindungen und Nichtverbindungen mehr, als wir jetzt wissen, und es würde sich Manches aufklären, was jetzt nur im Nebel durchscheint. Das Phänomenon der Rosenkreuzerei aber im großen Ganzen dieses Zeitraums klärte sich damit noch nicht auf; denn offenbar war dabei eine viel größere Triebfeder rege: jene Triebfeder nämlich, die seit der Reformation, insonderheit aber zu Anfange des vorigen Jahrhunderts so außerordentlich wirksam war, daß sowol im Staat als in der Kirche, an Höfen und in den Wissenschaften sie auch dem stumpfsten Auge des Geschichtforschers dieser Zeit unverkennbar bleibt; jene unsichtbare Hand, die so gern im symbolischen Nebel wirkt, die die verschiedensten Menschen mit ihrem eignen Wahn betäubt und zu dieser Absicht das Verschiedenste zu gebrauchen wußte, sie wußte auch die Fama fraternitatis und den unschuldigen Christian Rosenkreuz zu ihrem Zweck zu gebrauchen, und dem guten Andreä blieb nichts übrig, als in hundert und abermals hundert Einkleidungen der Welt zu sagen, daß sie betrogen werde . Merkwürdig, äußerst merkwürdig ist in dieser Rücksicht das Titelkupfer seiner Apologen , für Den nämlich, der diese Symbole versteht und sie in andern Verbindungen kennt. Sapienti sat. Ich wünsche, mein Herr, daß Ihnen zu den übrigen Schriften des redlichen, mürbe gemachten Andreä bald ein Uebersetzer folge, der daraus gebe, was für unsre Zeit dient; noch mehr aber wünschte ich mir den Vorrath aller, insonderheit jugendlichen Papiere und Briefschaften unsers Autors, die aber längst verloren oder vertilgt sein mögen. Weimar, den 5. Mai 1786.   Aus der Vorrede zum ersten Bande von J. G. Müller's »Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst«. Winterthur 1791.   Briefe an J. G. Müller. Weimar, im Mai 1790. 1. Sie wünschen, mein Lieber, daß ich Ihre Uebersetzung von Petrarca's Geständnissen Die den ersten Band von Müller 's »Bekenntnissen« bildeten.   D. mit einer Vorrede begleite. Von meinem guten Willen hiebei sind Sie wol überzeugt, da jede Stunde, die mich Ihnen im Geist nähert und mir in Gedanken unsre ehemaligen Spaziergänge und Gespräche erneuert, mir nicht anders als lieb sein kann; eben deswegen aber verzeihen Sie auch, daß ich das feierliche Amt eines Vorredners diesmal und bei dieser Schrift nicht übernehme. Was ich dabei zu sagen habe, läßt sich weit besser im vertraulichen Ton eines Briefes, eines Gespräches sagen. Sie wissen, was in unsrer Zeit Rousseau's Confessionen für eine Sensation erregt haben. Begierig erwartete man sie; und wie ungleiche, wie äußerst verschiedene Urtheile sind darüber selbst von Rousseau's wärmsten Freunden und Verehrern gefällt worden! Wem, wenn er diesen Disputen sowol über einzelne Stellen und Situationen als über den Geist, der im Ganzen herrscht, oft beigewohnt oder an ihnen Antheil genommen hat, müssen nicht allgemeine Ideen über dergleichen Confessionen aufgegangen und die Frage beigefallen sein: Wiefern kann und darf und soll ein Mensch Geständnisse von sich dem Publicum machen? und welche Hauptidee, welch ein Compaß muß ihn bei dieser gefährlichen Schifffahrt leiten ? Da nun Ihr Petrarca einer der Vorgänger Rousseau's in dieser Art Confessionen gewesen, sehen Sie, so ist der Inhalt unsers Vorgespräches darüber uns durch die Sache selbst gegeben. Der erste Meister solcher Confessionen ist Augustin ; er war Petrarca's Vorbild, und es ist gewiß, daß ohne ihn, vielleicht auch ohne den Augustiner Denis von Robertis , der, in einem freien Verstande des Worts, Petrarca's Gewissenrath war, Petrarca vielleicht so eigentlich diesen Weg nicht würde genommen haben. Ziemlich frühe schrieb er schon an den Bischof von Lombes, der in einem scherzhaften Briefe seine Laura für ein Hirngespinnst und seine Liebe für den Augustinus für eine Komödie erklärt hatte, außerordentlich ernsthaft: »Wenn ich die Poeten und die Philosophen liebe, so folge ich darin dem Beispiel des heiligen Augustinus. Nie würde er sein Buch von der Stadt Gottes gemacht haben, wenn er nicht voll von ihren Ideen gewesen wäre. Vielleicht hätte er aufgehört, sie zu studiren, wenn er, wie der heilige Hieronymus, einen Traum gehabt hätte, worin ihm wäre vorgeworfen worden, daß er den Cicero zu sehr liebte. Sie wissen, wie er selbst gesteht, er habe in den Büchern der Platoniker viele Lehren unserer Religion gefunden. Er fügt hinzu, da er den Hortensius des Cicero gelesen, habe er sich von allen Secten losgemacht, um allein der Wahrheit anzuhangen. Ich nehme diesen Vater wegen der Wahrheit dessen, was ich sage, und wegen der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu ihm zum Zeugen. Er ist an einem Ort, wo er weder betrügen noch betrogen werden kann. Ich hoffe, daß er mit meinen Irrthümern Mitleiden haben wird, vornehmlich, wenn er sich an seine eignen erinnert.« So fährt er fort und beschließt endlich den Brief im ironischen Ton des Bischofs: er hoffe, »daß dieser Augustinus, gegen den er so viel Liebe vorgebe, ihn mit Waffen gegen eine Laura versehen werde, die gar nicht existire«. In eben diesem Jahr hatte er mit seinem Bruder eine Reise auf den Berg Ventoux gethan, die er dem vorgedachten Pater Denis beschreibt. Ich wünschte, daß Sie den schönen Brief als eine Einleitung zu seinen Confessionen übersetzten; J. G. Müller gab diesen Brief in den »Zusätzen« zum 1. Bde. der »Bekenntnisse«, S. 265.   D. denn wahrscheinlich war diese Höhe der Empfängnißort der ersten Idee dieser Confessionen. Indem er seine Augen an dem großen Schauspiel der Aussicht über Länder, Berge und Meere, die seinen Geist erhob und ihn zu frommen Betrachtungen weckte, gesättigt hatte, nahm er die Bekenntnisse des heiligen Augustinus , die er immer bei sich trug (ein Geschenk des Pater Denis), in die Hand; er traf auf eine Stelle, die ihm so wunderbar passend für seinen Zustand vorkam als jene, die der heilige Augustinus und Antonius aufschlugen, und von denen sie die bekannte große Wirkung verspürten; kurz, er glaubte, »daß er nichts Besseres thun könne, als diesem Heiligen nachzuahmen «. Sie kennen den Heiligen, den Mann von seltnen Gaben und einer so feinen, vielgewandten Denkart, wie Augustinus war. Die Schicksale und Fehler seiner Jugend, die mancherlei Wendungen seiner warmen und reichen Phantasie, die hitzige Thätigkeit seines Lebens, die Krümmen und Rückwege, denen sein geschäftiger, beredter Disputirgeist ausgesetzt war, und dabei die innere Redlichkeit, die sanfte Empfindlichkeit seines Herzens, Alles dies gab ihm nicht nur den Stoff zu seinen Confessionen , sondern machte ihm auf der Stelle, wo erstand, dieselben sowie auch seine Retractationen gewissermaßen moralisch nothwendig . Ein Geist wie dieser mußte oft und viel fehlen, aber auch seiner Fehler spät oder früher inne werden; und da war es freilich eine Art süßer Buße, das Gewirre seines Herzens der obersten Weisheit vorzulegen, und was er an sich nicht ändern konnte, ihr liebevoll zu beichten. In den Confessionen Augustin's herrscht eine so weiche Zärtlichkeit, ja, ich möchte sagen, eine so verführerische Buhlerei mit Gott und seinem eignen Herzen, daß sie zu allen Zeiten und beinah vor allen Schriften dieses Kirchenvaters Liebhaber und Verehrer gefunden haben, auch unter Denen, die nicht eben seines Ordens waren. Ebenso war Petrarca eine der zarten, empfindungsreichen Seelen, die bestimmt scheinen, lange Jahre oder vielleicht lebenslang mit sich im Kampf zu leben. Wer seine Rime und Canzoni gelesen hat, kennt das Bedürfniß seines Herzens, beinahe ganz in der Phantasie zu leben; und da er wirklich von sehr moralischer Natur war, wie seine Briefe und Aufsätze, seine Verbindungen und Freundschaften, ja fast alle Tritte und Schritte seines Lebens zeigen: so war es wohl natürlich, daß sein immer begehrendes, nie gesättigtes Herz oft in Umständen sein mußte, da ihm Geständnisse dieser Art allein Luft machen konnten. Wenn Augustin also in diesen Selbstgesprächen sich unmittelbar an Gott wandte, so wandte Petrarch in ihnen sich an Augustin, seinen Lehrer, der ihm dies Mittel zur Erforschung und Erleichterung seines Herzens gezeigt hatte, ja, den er als einen Mittler und Heiligen bei Gott glaubte. Dies war sehr natürlich für Den, der auch an Cicero, Varro und Livius Briefe schrieb, als ob Diese noch lebten; der mit Abwesenden wie mit Gegenwärtigen umging, ja, der überhaupt mehr in der Entfernung als in der Gegenwart, mehr in der Einbildung als im Genuß des Daseins lebte. Seltene Wesen dieser Art sind gleichsam geflügelte Geschöpfe, Schmetterlinge, die von allen Blüthen nur das Feinste kosten wollen und in dunkeln Stunden, wenn sie gewahr werden, daß noch das Gespinnst der Raupe an ihnen hängt, aus sich selbst hinauszufliegen streben und also tapfer mit sich kämpfen. Es kann nicht fehlen, daß, wenn ihre sonderbaren Selbstgespräche, ihre inneren moralischen Kämpfe Andern vor Augen kommen, die nicht von einer so feinen Natur sind, um sich gleichsam selbst zertheilen und also mit sich streiten zu können, sondern immerdar höchst zufrieden mit sich leben, sie diesen ein Aberwitz, eine Schwärmerei, eine hochmüthige und am Ende doch unnütze Thorheit scheinen. Gleichergestalt ist's auch nicht zu leugnen, daß, wenn sie schwachen Nachahmern in die Hände gerathen, sie ihnen zu mancher unnützen Anstrebung und Beeiferung, zu einer thörichten Verwirrung ihrer Gedanken, zu einer lächerlichen oder traurigen Aufblähung ihres Charakters, kurz, zu einem moralischen oder frommen Wahnsinn Anlaß geben können, in welchem sie durchaus eine fremde und mit nichten ihre eigene Person spielen. Welches Ding auf Erden ist aber völlig von Mißbrauch frei? und sind nicht die feinsten, wirksamsten Elemente gerade diejenigen, die am Meisten gemißbraucht werden? Freilich geht, was unmittelbar, gleichsam durch Sympathie wirkt, durch diese zustimmende Sympathie wie durch eine unmittelbare innige Berührung im Guten und Bösen mächtig über. »Warum also«, wird man Ihnen sagen, »müssen solche Dinge geschrieben, abgeschrieben, übersetzt, gedruckt werden? Wer Gott oder dem heiligen Augustin beichten will, beichte ihnen in der Stille; was soll eine Erleichterung des Herzens vor aller Welt? wozu soll es, daß man ein ganzes Publicum, ja selbst die Nachwelt zu Vertrauten seines Innersten, seiner geheimsten Schwachheiten und Busenfehler macht? Wenn da nicht ein geheimer Stolz, eine Eitelkeit und Eigenliebe dahinter steckte  « Ich bin weit entfernt, die Confessionisten dieser Art von diesen Thorheiten ganz freizusprechen, daß ich vielmehr glaube, bei vielen oder den meisten derselben sei dieser Fehler wirklich, und zwar ziemlich offenbar im Spiele. Wer nicht einmal insgeheim beichten kann, ohne daß nicht zugleich sein Ohr begierig lausche, ob nicht ein Andrer ihn höre und seine Beichte aufschreibe; wer selbst den geheimen Unrath seines Herzens für solch ein Heiligthum hält, daß er ihn nicht ablegen mag, ohne ihn zugleich einer Heerde gläubiger und frommer Schafe als Arznei zu verkaufen: allerdings spottet der Gottes und der Menschen, und so lehrreich seine Gaukelei sein mag, ist und bleibt er dennoch ein Gaukler, ein selbstsüchtiger Heuchler. Er legt die Krambude seines Herzens Andern zur Schau aus, damit man sich nur mit ihm beschäftige, und hält sich für ein so merkwürdiges Wesen, daß es ihm leid thut, nicht Alles, was er thut, zur Erbauung des Volkes auf dem öffentlichen Markte thun zu können. Auch Menschen, die in der Jugend sehr bescheiden waren, können im feinen Netz der Selbstliebe so weit geführt werden, daß man in wenigen Jahren über ihre vermessene Demuth erstaunt; und durch nichts wurden sie so weit geführt, als daß Andre ein vermessenes Zutrauen auf sie setzten und sie durch dies Zutrauen zuletzt selbst unverschämt machten. Wie Liebe sich mittheilt, theilen sich alle Affecten, insonderheit der fromme Wahnsinn und die gläubige Phantasterei, mit; man glaubt endlich zu sein, was der Andre lange geglaubt und uns überredet hat, daß wir wol sein könnten; und so wird man mit bestochenem eigenem Gewissen vor Gott und Menschen ein eitler scheinheiliger Popanz. Daß Augustin und Petrarca von aller Eitelkeit frei gewesen, wage ich nicht zu behaupten; sie leugnen es Beide nicht, und eine feine Ader davon läuft durch ihr ganzes Leben. Schwerlich würden sie auch in Allem die Männer geworden sein, die sie waren, wenn nicht dieses Ferment von Unruhe in ihnen gewirkt und gegährt hätte. Ferne aber sei's, daß insonderheit Petrarca, den ich besser als den heiligen Augustin kenne, von so grober Eitelkeit gewesen wäre, daß er seine Confessionen nur für die Welt oder wenigstens für diese und für sich zur Hälfte geschrieben hätte! Er hat sich in ihnen sowol als in andern Schriften und Briefen so wenig selbst geschont und überhaupt den Grund seines Herzens auch in Schwachheiten und Fehlern so klar gezeigt, daß, wenn er diese Eitelkeit bei sich wahrgenommen hätte, er sie vor allen Eitelkeiten seinem heiligen Augustinus zuerst offenbart haben würde. Ein Gleiches ist's wol mit dem heiligen Augustinus. Beide hatten im Guten und Bösen die Welt so lange und viel von sich reden gemacht, daß es ihnen selbst fast zur moralischen Nothwendigkeit wurde, sich selbst und Andre über den wahren Zustand ihrer Gesinnungen, ihres Herzens, ihres Charakters zu belehren; sie traten also nicht als eitle Gecken hervor, um der Welt das zu sagen, was Niemand wissen wollte, vielmehr als bescheidne Büßende traten sie vor den Altar, um ihr reuiges Bekenntniß öffentlich abzulegen. Seelen von solcher Aufrichtigkeit, wie z. B. Petrarca war, giebt es selten; und da sich mit ihr auch eine gewisse Redseligkeit , eine bezaubernd schöne Gesprächigkeit in Mittheilung aller seiner Gedanken und Empfindungen verband, die sich in seinen Briefen durchhin offenbart, so konnte er an diesen Gesprächen dem heiligen Augustin so wenig Hehl haben als an so manchen Sonetten und Gesängen, die auch sein Innerstes schildern. Er hatte ein Gemüth, das nicht verschlossen sein durfte und sich also auch nicht verschloß; daher wir ihn in allen Situationen seines Herzens und Lebens weit genauer kennen als irgend einen seiner Mitgenossen in diesen sonst dunkeln Zeiten. Lesen Sie, mein Freund, die Nachrichten von seinem Leben, Mémoires pour la vie de François Petrarque , 1764. Amstel. 3 Vol. 4. Die deutsche Uebersetzung unter dem Titel: »Nachrichten zum Leben des Franz Petrarca«, 1775 u. 1778, hat in Ansehung der aus dem Italienischen übersetzten Stellen vor dem Original viel Vorzüge.   H. die ein Verwandter seiner Laura aus Liebe gegen Petrarca und gegen seine Familie zusammengestellt hat. Sie werden freilich lachen, wenn er ihm auf jedem Wink seiner Gedichte Tritt für Tritt in seiner Liebe folgt und ihm durchaus jede Wendung seiner Sonette, Reime und Canzonen für eine historische Wahrheit anrechnet; von Allediesem werden Sie ihm wenig oder nichts glauben. Aber aus der Zusammenstellung der eignen Briefe Petrarch's werden Sie Petrarca kennen und liebgewinnen lernen, wie Sie vielleicht wenige Dichter, Schriftsteller und Philosophen lieben. Ich wünschte, daß uns Jemand auch mit dem heiligen Augustinus aus seinen Schriften, insonderheit aus seinen Briefen, menschlich bekannt machte; als Theologen kennen wir ihn gnug und haben vielleicht für das System zu viel von ihm gelernt. Er ist uns dafür gleichsam einen Ersatz aus seiner Denkart, aus seinem Herzen schuldig; nur eine bloße Uebersetzung seiner ohnedem etwas langweiligen Confessionen würde zu diesem Ersatz nicht gnug sein. Es erforderte ein ganzes Gemälde aus seinen Briefen, Handlungen, Confessionen und andern Schriften. Gnug für heute. Leben Sie wohl! 2. Die Art Confessionen , die wir neulich betrachteten, lieber Freund, können wir füglich die andächtigen oder religiösen Confessionen nennen; sie scheinen die nützlichsten und leichtesten zu sein, sie sind aber die gefährlichsten von allen, wenn man sie leichtsinnig in die Welt sendet. Was für einen Maßstab giebt's zwischen dem Menschen und Gott ? zwischen einem vorübergehenden eiteln Nichts und dem Unendlichen, der Alles übertrifft, Alles überschwänglich erfüllt? Das Gefühl des Nichts, der äußersten Schwachheit und eines verschwindenden Traumes wird also meistens diese Bekenntnisse durchströmen und eine schwache Seele, die sich fremde dazu findet, eher niederschlagen als aufrichten. Kommt nun noch hinzu, daß solche Konfessionen, wie gewöhnlich, in Stunden der äußersten Ermattung, des Ekels an sich selbst und an allen Dingen um uns her geschrieben sind, so pflanzen sie diesen Ekel fort und, statt aufzurichten, schlagen sie die Seele muthlos nieder. Und doch sind sie, eben weil sie ein Unendliches zum Ziel und Maßstabe nehmen, von so ungeheurer Wirkung; sie bringen ein Erhabenes vor den Geist; das dieser nicht fassen kann, und nach welchem er doch unaufhörlich zu streben gereizt wird, bis er kraftlos unter sich sinkt. Erstaunen Sie also nicht, daß die Leben der Heiligen mit ihrer frommen Entwerdung , mit ihrem Durst nach dem Unendlichen, mit ihrem Anstreben nach ewiger Ruhe, zumal in zarten jugendlichen Gemüthern, so viele Wirkung gethan haben; denn eben diese Gemüther kannten die Schranken ihres Daseins noch nicht und lernten sie oft nur alsdann kennen, wenn ihnen die Lust zu leben und zu wirken verging und sie nach mancher vergeblichen Mühe auch in diesem geistlichen Dunst, mit welchem sich zu lange ihre Seele genährt hatte, Eitelkeit fanden. Um dieser zarten, so leicht verführbaren Gemüther willen wünschte ich also nicht, daß solche Schriften außerordentlicher oder kranker Menschen sich zu sehr vermehrten oder unbedachtsam gemein gemacht würden. Wer mich von Kindheit auf in meinen Pflichten stärkt und mir die Bahn meines Lebens rein und klar vorzeigt, der sei mein Lehrer, nicht Der, der mich über diese Bahn erheben will und mir dazu betrübliche Dädalsflügel bereitet. Wie sich das Innerste eines Menschen gegen Gott verhält, bleibe zwischen diesen Beiden ein heiliges und seliges Geheimniß, ohne daß es auf eine unselige Weise zum Zwangsmodel andrer Menschen werde, über welchem sie vielleicht ihre besten Jahre und ihre redlichste Form verlieren. Noch weniger gefallen mir die geistlichen Stunden - und Tagebücher , in denen man sich so öfters zu dem, was man nicht sein kann und also auch nicht sein darf, auf eine ängstliche Weise zwingt. Entweder interessiren sie nicht, oder sie interessiren zu sehr und werden dadurch dem traurig sympathisirenden Leser schädlich. Wer wird doch jedes Protokoll seiner Krankheit nach Tagen und Stunden, wer wird jede Unterredung, die er mit dem Arzt über die kleinsten Zufälle seiner Ungemächlichkeit gehabt hat, für so wichtig halten, daß er sie aus Merkwürdigkeit seiner Person dem Publicum mittheile? Der Arzt mag es thun, wenn er's für seine Kunst nützlich findet; der Kranke selbst aber thut wohl, wenn er sich mit dem Bekenntniß seiner geheimsten Krankheitsgefühle nicht abgiebt und seine wiedererlangten Kräfte nützlicher anwendet. Auch die Freunde und Verehrer desselben thun besser, wenn sie nach geendigtem Lebenskampfe ihres Verehrten dergleichen Papiere mit ihm ruhen lassen und nicht jede trübe Stunde seines kranken Gehirns oder seines leidenden Unterleibes dem Publicum übergeben; denn dies hat daraus wenig und das Wenige oft auf eine traurige Weise zu lernen. Meistens kommen in schwachen Stunden die Irrthümer und Fehler, die bösen Eindrücke und Gewohnheiten unserer Jugend als Feinde über uns; sie bemächtigen sich unsers geschwächten Daseins, benebeln unsern Verstand, mißleiten unsern Willen und triumphiren. Wenn nun der Schwache selbst den Ursprung und die Genealogie dieser seiner Feinde nicht inne wird (und er wird es in der trüben Stunde selten werden), so kann er uns über sich selbst wenig lehren. Ja, da gewöhnlicherweise in diesen Tagebüchern ein Tag oder eine Stunde vom Ganzen abgerissen und dergestalt fürs ganze Leben genommen werden, als ob mit ihnen der Strom der Zeit stille stände und sich dieser Zustand, wie er unleugbar aus andern fließt, nicht auch in andre verlöre, so wird nothwendig die Seele des Lesers wie des Patienten auf eine widernatürliche Weise verengt und beängstigt . »Lebe weiter!« möchte man dem siechen Schriftsteller zurufen, wenn er noch lebte; »vergiß dieses: denn die Zeit hat es weggetilgt. Entwöhne Dich von jenem; denn es ist Dir nicht mehr nöthig; vergiß und strebe weiter! Wolle Dich nicht zu einem Andern machen, als Du bist! denn Du mußt mit Dir selbst leben und sterben. Wolle nicht aus Dir heraus-, nicht über Dich emporspringen; denn das Unternehmen ist eitel. Mache nicht das Heute zum Gestern, noch das Morgen zum Heute! die Zeit giebt neuen Trost, neue Umstände und Kräfte. Erwarte, genieße, gebrauche sie, lebe weiter!« Ach, mein Freund, wie sehr ist der Mensch sich selbst ein Räthsel! Der Delphische Gott hatte Recht, die Selbsterkenntniß den Schülern der Weisheit vor allem Andern zu empfehlen; ich zweifle aber daran, daß er ihnen Confessionen von sich selbst vor aller Welt würde empfohlen haben. Den Grund unsers Herzens tragen wir stille mit uns, und wir wissen lange nicht, was darin liegt; wird er durch Umstände sanft oder heftiger aufgeregt, so ist er uns oft selbst ein Wunder. Das innerste Gewebe unsrer Gedanken und Empfindungen fand seine Grundzüge vielleicht schon in jenem Erbtheil, das von Eltern und Voreltern auf uns kam und mit dem Bau unsers Körpers verwebt ist. Frühe Jugendeindrücke, deren wir uns nicht allemal erinnern, schlugen ihre Fäden darein; die Bekanntschaft mit solchen und andern Menschen befestigte oder veränderte das eingetragene Muster; Gewohnheiten bestärkten es noch mehr, und die eigen erworbnen dunkeln Ideen gaben ihm schon den völligen Umriß, so daß die deutlich erkannte Lehre ihm meistens nur noch die Farbe verleihen konnte. Die völlige Ansicht dieses Gewirres mit seinen Ursachen und Folgen liegt selten uns ganz vor dem Auge, am Wenigsten in einer benebelten Stunde; wir erkennen uns meistens nur stückweise, mehr in Andern als abgetrennt in uns selbst. Nachdem Freunde oder Feinde, Lobredner oder Verächter uns begegnen, nachdem sie hart an uns stoßen oder uns liebkosen und schmeicheln, nachdem unsre Wünsche und Bestrebungen gedeihen oder mißrathen: nachdem werden solche oder andre Ideen von uns in uns selbst erweckt. Dieser schmeichelt sich, weil Andre ihm schmeicheln, Jener wird hart und unbiegsam, weil das Schicksal gewaltig auf ihn zustößt. Vielleicht hält er in einigen Stunden zu viel auf sich, weil Andre ihn zu sehr verachten; in andern Stunden kömmt er wieder zu sich und fühlt sich mißmüthig und elend. So sind wir oft ein Spiel von uns selbst, ein Spiel von Phantasien Andrer, ein Traum der Träume . Einige Menschen sind weit besser, andre viel schlechter, als sie sich selbst glauben: diese waren und sind es nicht mehr; jene träumen ganz etwas Anders von sich, als was in ihnen liegt, und was sie in Kurzem sein werden. Selten täuschen wir Andre mit uns so sehr, als wir uns selbst mit uns täuschen; denn Fremde haben eigene Augen, uns anzusehen und zu prüfen; wir aber, wenn wir gegen und in uns selbst den Blick kehren, sollen auf einmal der Sehende, das Auge und das Gesehene werden. Wie also vor Gericht das Zeugniß Dessen, der für oder gegen sich selbst zeugt, mancherlei Einschränkungen und eine genaue Behutsamkeit fordert, so verdienen gewiß auch dergleichen ans Licht gestellte Confessionen bald einen billigen Vertheidiger, der für sie, bald einen Advocatum Diaboli , der gegen sie auftrete und zeuge. So schlechthin gilt ihr Urtheil nicht. Erzählen kann man von sich, aber nicht über sich urtheilen, noch weniger entscheiden. Lassen Sie also, mein Freund, uns fleißig mit uns selbst zu Rathe gehen, fleißig mit uns selbst, mit unserm Schutzgeist oder unsrer Seele dialogiren, ohne bei diesen Dialogen an Welt oder Nachwelt zudenken. Ein Seitenblick auf dieselbe macht sie vielleicht schon falsch und dem Auge der höchsten und innigsten Wahrheit unerträglich. Je treuer wir dabei es mit uns selbst meinen, je mehr wir wirklich über uns aus Ursachen aufgeklärt werden wollen und zu tüchtigen Zwecken hinarbeiten, desto weniger werden wir uns in Reden ergießen, desto stiller werden wir allein für uns lernen. Discite, o miseri, et causas cognoscite rerum; Quid sumus? aut quidnam victuri gignimur? ordo Quis datus? aut metae quam mollis flexus et unde? Quis modus argento? quid fas optare? quid asper Utile nummus habet? patriae carisque propinquis Quantum elargiri deceat? quem te Deus esse Jussit et humana qua parte locatus es in re? Von Herder mehrfach angeführte Verse des Persius ( III. 66-72). Vgl. Herder's Uebersetzung in den Werken, VIII. S. 101.   D. Ich nannte die Person, mit der wir uns hierüber unterreden müßten, uns selbst oder unsern Schutzgeist; denn was ist dieser Anders als die reine abgezogene Idee von unserm ganzen Selbst , die mit uns geht, und die uns gleichsam zu unserm Schutze begleitet. Um nicht schlechter zu werden, müssen wir immer besser zu werden streben; deswegen begleitet uns dieser glänzende Traum von uns selbst, das Aggregat unsrer geheimen Kräfte, Anstrebungen und Wünsche. Er erinnert uns an das, was wir vergaßen, an Gelübde, Hoffnungen, Ahnungen unsrer unerfahrnen Jugendseele und muntert uns dadurch auf und bringt uns weiter. Von ihm können wir erfahren, warum wir das noch nicht sind, was wir werden wollten; er wird uns auch weder Lehre noch Aufmunterung versagen, wie wir es etwa noch werden mögen. Unser Geburtstag, Tage des Glücks oder andere Erinnerungen sonderbarer Zufälle unsers vergangenen Lebens sind seine Feste; oft aber läßt sich seine Stimme auch unvermuthet und am Liebsten in der Pythagoreischen Stunde bei Nacht, in stiller Einsamkeit hören. Er dictirt zwar nicht zum Nachschreiben und sieht m seinen Antworten nicht darauf, wie sie sich gedruckt am Besten ausnehmen würden; sein Wort aber theilt Seele und Leib, Mark und Bein, ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens . Hebr. 4, 12.   D. Ich wünsche Ihnen viele vergnügte Stunden mit diesem unsichtbaren Freunde, der Ihnen mehr als der heilige Augustinus sein wird; die Confessionen aber, die Sie Beide einander zu thun haben, mögen auch unter Ihnen bleiben; denn Worte dieses Freundes sind nicht für die Menge, sie sind heilig. Leben Sie wohl! 3. Wenn wir von den andächtigen zu den, wie soll ich sie nennen? menschlichen philosophischen Confessionen herabsteigen, so fallen Ihnen, mein Freund, wol zuerst die Confessionen Rousseau 's ein, die zu unsrer Zeit so viel Redens gemacht haben. Groß und feierlich kündigte er sie nach seiner Art an: »Ich unternehme«, sprach er, »ein Werk, das seinesgleichen nicht gehabt hat, noch haben wird. Menschen will ich einen Menschen ganz in seiner wahren Natur zeigen, und dieser Mensch bin ich , ich allein. Ich kenne mein Herz und kenne die Menschen. Ich bin nicht gemacht wie irgend Einer von denen, die ich gesehen habe; ich darf glauben, daß ich nicht wie irgend Einer bin, die existiren. Bin ich an Werth nicht besser wie sie, so bin ich ein Andrer. Ob die Natur wohl oder übel gethan habe, daß sie die Form zerbrach, in der sie mich bildete, darüber kann man nur urtheilen. wenn man mein Werk gelesen. Die Posaune des letzten Weltgerichts erschalle, wann sie will; mit diesem Buch in der Hand will ich mich vor den Weltrichter stellen und laut sagen: »Dies ist, was ich gethan, was ich gedacht habe, was ich war. Das Gute und das Böse von mir entdeckte ich gleich freimüthig, verschwieg nichts Böses, log nichts Gutes hinzu; und ist mir's begegnet, daß ich etwa einen gleichgiltigen Zierrath hinzuthat, so geschahe es nur, weil ein Fehler meines Gedächtnisses eine Lücke in meiner Erzählung verursachte. Ich zeigte mich, wie ich war, verachtenswürdig und niedrig, aber auch gut, edelmüthig, erhaben, wenn ich es war; mein Inneres entschleierte ich, wie Du es selbst kanntest. Ewiges Wesen, versammle um mich die unzählbare Menge Derer, die meines Geschlechts sind, und laß sie meine Bekenntnisse hören! Sie mögen über das Unwürdige in mir seufzen, über das Niedrige in mir erröthen, aber Jeder von ihnen enthülle vor Deinem Thron mit gleicher Aufrichtigkeit sein Herz, und dann sage ein Einziger von ihnen Allen, wenn er es sagen darf: Ich war besser als Dieser!« Ohne Zweifel, mein Freund, steigen Ihnen mancherlei Gedanken bei dieser Ausforderung auf, und es ist schwer, sich darüber zu erklären. Rousseau's Confessionen bedürfen aber auch dieser vorlaufenden Erklärung nicht; Blatt zu Blatt steht man in ihnen den sonderbaren, in seiner Art einzigen Mann, der bei dieser seltnen Ankündigung weder großsprechen noch eine Lüge sagen wollte. Rousseau hatte Feinde , und gewiß mehr, als er deren zu haben verdiente; sie gingen zum Theil mit ihm auf eine niedrige, schändliche, häßliche Art um und verbitterten sein Leben; das ist wahr. Und ebenso wahr ist's, daß seine kranke Phantasie sich viel mehr Feinde einbildete, als er hatte, und daß er diese sich viel schwärzer machte, als sie gegen ihn sein wollten . Bei der stärksten Mannesberedsamkeit war und blieb er ein Kind in Ansicht und Behandlung der Menschen; sein Geist war stolz, seine Grundsätze waren edel, und doch kann man es sich nicht verbergen, daß seine Neigungen und sein Betragen oft etwas Niedriges an sich hatten, das er sich, wenigstens in seinen Confessionen , in denen er doch der Richter sein selbst werden mußte, nicht so gar leicht hätte verzeihen sollen. Ein Gleiches ist's mit der großen Schwachheit seines Herzens für Wollust und Liebe. Die Anlage dazu sowie zu manchem andern Fehler lag gewiß mit in seinem kränklichen Körper; und da er bei seiner erhöhten Einbildungskraft nach dem ganzen Gange seines Lebens diese Leidenschaft gleichsam nie abbüßen konnte und sie also als einen unbefriedigten Reiz immerhin nährte, so kann man, wie ich glaube, die jugendliche Liebhaberei, die nachschmeckende Gefälligkeit, mit der er auch in seinem Alter Scenen dieser Art darstellt und ausmalt, abermals mit nichts als der Krankheit selbst entschuldigen, die bei Wiederholung solcher Erinnerungen seine unbefriedigten falschen Reize gewissermaßen noch befriedigend täuschte. Auf andre Art kann ich mir bei einem ernsten alten Mann, der über sich selbst nachdenkt, indem er sein Leben beschreibt, geschweige bei einem beredten Verehrer des Worts Tugend dergleichen Juvenilität nicht erklären. Ohne also der Posaune des letzten Gerichtes in den Ton fallen zu wollen, wage ich's immer zu sagen, daß es allerdings Menschen geben werde, denen, so wie Rousseau's Gaben und Sublimitäten, auch manche seiner Niedrigkeiten ganz fremd, ja moralisch unmöglich sein dürften, ohne daß sie deswegen besser als Rousseau sein wollten, dem nun einmal dieser reizbare Körper, dieser verirrte Gang seines Lebens zu Theil ward. Gegen seine Feinde , wie der kranke Mann sie sich dachte, mag er den Proceß von Blatt zu Blatt gewonnen haben; bei manchen seiner Verehrer, die gleichsam aus dem Schall seiner Stimme sich ein Bild von ihm schufen, ist er dagegen in Vielem gewiß zum Gleichmaß andrer Menschen hinabgestiegen; und auch dies ist nicht übel. Bei seinen seltnen Gaben an Geist und Charakter, bei seiner tönenden Wohlredenheit und brennenden Phantasie, bei seinen oft unwürdigen Schicksalen und Verfolgungen, insonderheit aber bei der großen Liebe zur Einsamkeit, die ihn mit sich selbst zu oft und zu sehr beschäftigte, hielt er vielleicht mehr von sich, als sich's zu halten gebührt; die Nemesis, die kein Uebermaß duldet, hat diesen Fehler an ihm noch nach seinem Tode auf eine Art gerächt, bei der Rousseau an diesen Erfolg schwerlich dachte. Aus seinem Grabe muß er noch selbst seine durchdringende Stimme erheben und den Menschen zurufen: »Ich war nicht Alles, wofür Ihr mich hieltet, weder im Guten noch im Bösen. So sehr ich die Tugend anpries und in meiner Phantasie liebte, so hatte ich doch, auch selbst noch in meinen Confessionen, über mich selbst noch kein moralisches Maß . Lernt also aus meinem Beispiel, Ihr Menschen, wie anders es sei, zu schreiben, zu phantasiren, und wie anders, zu handeln, zu sein! Ich habe durch meine Schriften gelehrt, ich warne durch mein Beispiel, ohne daß ich Euch selbst die Warnung jedesmal abziehen und deutlich machen konnte.« Mich dünkt also, mein Freund, selbst Rousseau's Confessionen bewähren, was wir von der Schwierigkeit solcher Selbstbekenntnisse bisher bemerkten; denn gewiß war zu ihnen Niemand so leicht geschickter als er. Bei seiner großen Wahrheitsliebe und der ganzen moralischen Wendung, die sein Schriftstelleramt genommen hatte, lebte er unabhängig, war ein Liebhaber einsamer Gedanken und hatte Zeit gnug, sich mit seinem Genius zu unterhalten. Nun kamen aber seine Feinde dazwischen, die ihn unwürdig verachteten und seinen innern moralischen Stolz empörten. Als er schrieb, war er nicht mehr unbefangen; er fühlte sich besser als sie und wollte auch Situationen rechtfertigen, die vielleicht nicht zu rechtfertigen waren. Gegentheils mußte er Manches von sich verschweigen, das ihm zum Lobe gereichte, weil für einen bescheidenen Mann das Selbstlob immer die schwerste Sache bleibt; und so war Rousseau wiederum gewiß besser, als er sich selbst schildern konnte. Ueber manche seiner Fehler würde er zuverlässig anders geurtheilt haben, wenn er sie als Bekenntnisse eines Fremden hörte; und noch weniger würde er selbst es leugnen, daß manche Situationen seines Lebens, wie sie hier dargestellt sind, jungen oder schwachen Menschen fast verführerisch werden müssen, weil des Verfassers eignes strenges moralisches Urtheil darüber fehlt. Ja, wenn sein Buch einem der Weisen des Alterthums, einem Chilon, Zaleukus, Solon, Sokrates oder Marc-Aurel, vorgelegt würde, ist wol zu zweifeln, daß dieser darüber ein mißbilligendes Urtheil fällen würde? Wir wollen also, mein Freund, der Asche des armen Selbstpeinigers verzeihend, ihr eine friedliche Ruhe wünschen und uns lieber an den schönen Früchten und Blüthen, die dieser Baum hervorgebracht hat, erfreuen, als daß wir in seinem Leben jede Substanz des Erdreichs untersuchen wollten, aus und in welchem der Baum wuchs. Wenn Rousseau in seinen Schriften und überhaupt in den bessern Stunden seines Lebens so weit über sich selbst emporstieg, so müssen wir ihm als einem Ueberwinder sein selbst die Palme reichen und uns durch sein Beispiel warnen lassen, auch in Confessionen keine unbehutsamen Sonderlinge zu werden. Was wir sind, sind wir Gott; was wir hervorbringen oder ausüben können, das ist für Andre. Ich unterscheide also auch von Confessionen gar sehr die Lebensbeschreibungen , die merkwürdige Personen zu gewissen bestimmten Zwecken für Andre von sich aufzeichnen. Wenn diese wahr und merkwürdig sind, verdienen sie das größte Lob und haben um so mehr Interesse in sich, je mehr sie ihren Zweck genau verfolgen. Ein Vater will seinen Kindern, ein Bürger seinen Mitbürgern, ein Gelehrter, ein Held, ein Staatsmann will Denen, die seines Berufs sind, ein Erbtheil an seinem Leben hinterlassen: wohl! er bereite diesen Schatz aufs Beste, als er kann, und er darf des Danks derselben gewiß sein: natürlich aber bleibt aus diesen Denkwürdigkeiten Alles weg, was sich nicht darstellen, nicht vortragen läßt, oder was nicht zur Erläuterung seiner selbst gehört. Auch die Fehler, die ein solcher Mann von sich zeigt, wird er in einem nützlichen Licht zeigen, und im Ganzen wird er mehr erzählen, als über sich selbst entscheiden und richten. Lebensbeschreibungen dieser Art sind wahre Vermächtnisse der Sinnesart denkwürdiger Personen, Spiegel der Zeitumstände , in denen sie lebten, und eine praktische Rechenschaft , was sie aus solchen und aus sich selbst gemacht, oder worin sie sich und ihre Zeit versäumt haben. Mit je froherem Herzen sie aufgezeichnet wurden, desto besser. Freunde und Feinde vergaß der Verfasser, ja, er sahe sich selbst als einen Hingeschiednen an, indem er sein Leben fürs Vaterland oder für die Seinen nützlich machte. Sein Genius oder die moralische Vernunft mußte ihm dabei die Feder führen, und kein anderes Resultat ihm vorschweben, als: »Wenn Ihr gethan habt, was Euch befohlen ist, so habt Ihr gethan, was Ihr zu thun schuldig waret.« Sie wissen, mein Freund, daß wir unter mehrern Völkern schöne Denkwürdigkeiten dieser Art haben; und es wäre gut, wenn die unbekannteren ans Licht gebracht, das Zerstreute gesammelt und das Fremde zu uns hinübergeschafft würde. Es würde dies eine kleine Bibliothek der Schriftsteller über sich selbst und damit gewiß ein vortrefflicher Beitrag zur Geschichte der Menschheit . Da nun unleugbar der edlere Theil des Publicums auf diese immer aufmerksamer wird, indem unser Geschlecht es von Tage zu Tage inniger fühlt, daß es sich selbst das Nächste sei und sich selbst bearbeiten müsse, um aus und durch sich zu machen, was noch auf Erden geschehen soll: so dürfte Der, der sich einem solchen Werk unterzöge, wol gewiß auf den Beifall der Edelsten seiner Nation rechnen dürfen. Nur allerdings gehörte dazu auch, daß er diese Porträte und Büsten nicht als ein Lohndiener voll Unrath oder in wilder Verwirrung hinstellte, sondern   Gnug für diesesmal; wenn Sie Hand ans Werk legen wollen, soll es Ihnen an meinem weitern Rath nicht fehlen. Leben Sie wohl! 4. Ich wollte, mein Freund, noch zum Petrarca zurückkehren und auf das Grab des bescheidnen, edeln Mannes einige Blumen pflanzen. Wo fände ich aber bessere als in seinen eignen Gedichten; und so mögen einige seiner Sonette hier stehn, die gewiß auch, wie mehrere seiner Poesien, für Confessionen gelten können. Leider aber sind sie seiner Sprache kaum zu entwenden, und wie ich sie hersetze, sind sie nichts als welke traurige Erinnerungen dessen, was sie bei ihm sind.   Canzoniere, I. Son. 18.   D. Je mehr ich mich dem letzten Tage nahe, Der endlich kürzet unser menschlich Elend, Je mehr erseh' ich, wie die Zeit dahinfliegt, Und was ich von ihr hoffte, mit ihr flieget. Nicht lange, sprech' ich denn zu meiner Seele, Nicht lange werden wir, von Liebe schwätzend, Zusammen fürder gehn; die Last der Erde Zerschmilzt wie frischer Schnee: dann ruhn wir Beide. Mit ihr dann sinkt auch jene Hoffnung nieder, Die eitle, die so lang mich irre führte, Schmerz, Freude, Furcht und Zorn sind dann vorüber. Dann werden wir erkennen, wie so öfters Ein scheinbar Unglück unser bestes Glück war, Und wie so öfters wir ohn' Ursach weinten.   Canzoniere, I. Son. 49.   D. So müde bin ich von der alten Bürde Der Fehler, die mir zur Gewohnheit wurden, Daß ich in Weges Mitte zu erliegen Und meinem Feind ein Raub zu werden fürchte. Da kam zum Glücke mir, mich zu erretten, Aus unaussprechlicher, aus höchster Güte Ein edler Freund; ach! aber er entflog mir So schnell, daß ihm mein Blick vergebens nachsieht! Jedoch, noch schallet seine Stimm' hienieden: »O Ihr Mühseligen! hier ist die Straße! Kommt zu mir, kommt! wenn sonst Euch nichts zurückhält!« O, welche Gnad' und Liebe! welch ein Schicksal! Wer leiht mir gleich der Taube Flügel, aufwärts Zu schwingen mich, damit ich Ruhe finde?   Schlaf, Ueppigkeit und Trägheit, ach, sie haben Aus unsrer Welt verbannet jede Tugend; Verscheucht von ihrer Laufbahn ist die Menschheit, In Banden der Gewohnheit fest gebunden, Und so erloschen jeder gute Lichtstrahl Des Himmels, der noch unser Leben aufhellt, Daß wundernd man auf Den mit Fingern zeiget, Der jetzt vom Helikon will Ströme leiten. »Was ist denn an dem Lorbeer? an der Myrte? Die arme nackete Philosophie!« So höhnet, Auf niedrigen Gewinn erpicht, der Pöbel. Nur Wenig' also werden Dich begleiten, Und um so mehr bitt' ich, anmuth'ge Seele, Das Sonett war eine Antwort auf das Sonett einer Dichterin mit den von ihr selbst gebrauchten Reimen.   H. [An Giustina Levi Perrotti von Sassoferrato (Rime varie, 4) .   D.] Verfolge Deine große Unternehmung!   Canzoniere, I. Son. 1.   D. Die Ihr in meinen Reimen jene Seufzer Vernehmt, mit denen ich mein Herz einst nährte, Als ich im ersten jugendlichen Irrthum Zum Theil ein Andrer war, als der ich jetzt bin, Ach, wer von Euch die Liebe selbst erfahren, Der wird mir, wenn ich weine, wenn ich rede Von eiteln Hoffnungen und eiteln Schmerzen, Mitleiden doch, wo nicht Verzeihung schenken. Wohl seh' ich's jetzo ein, welch eine Fabel Ich lange, lange Zeit dem Volk gewesen; Worüber dann ich oft vor mir erröthe. Und dies Erröthen ist von meinen Fehlern Die Frucht nun, sammt der reuig klaren Einsicht, Daß, was der Welt gefällt, ein kurzer Traum sei.   Canzoniere, II. Son. 14.   D. Was thust, was denkst Du? schauest immer rückwärts Auf Zeiten, die nie können wiederkehren? Trostlose Seele, giebst noch immer Nahrung Dem Feuer, das Dich brennet und verzehret? Die sanften Worte, jene süßen Blicke, Die all' und jede Du Dir sangst und maltest, Du weißt, entronnen sind sie jetzt der Erde; Unzeitig, hier sie wieder suchen wollen. Ach, so erneue nicht, was Dich nur tödtet; Verfolge nicht den eiteln Wahngedanken, Verfolge, was zum besten Ziel Dich leitet! Laß uns den Himmel suchen, wenn hienieden Uns nichts gefällt. Unglücklich, wenn die Schöne Uns todt wie lebend nur die Ruhe raubte!   Cancionere, II. Son. 88.   D. Ich geh' beweinend meine vor'gen Tage, In denen ich nur Sterblichkeiten liebte Und hob nicht aufwärts mich auf meinen Schwingen, Daß ich der Welt kein schlechtes Vorbild würde. Du, der mich Kranken, mich Unwerthen kennet, Unsichtbar-Ewiger, des Himmels König, O, hilf der schwachen, der verirrten Seele, Füll ihren Mangel aus mit Deiner Gnade! So daß, da ich in Streit und Stürmen lebte, Im Frieden ich und in dem Hafen sterbe Und aus der eiteln Wohnung ehrlich scheide. Die wenig Schritte hin, die mir bevorstehn, Und dann im Tode reiche Deine Hand mir; Du weißt, dies ist noch meine einz'ge Hoffnung! Have, anima pia, have!   Vorrede zu Fr. Majer's Culturgeschichte der Völker Leipzig 1798. Sie steht vor dem zweiten Bande. D. Friedrich Majer gehörte zu Herder 's jüngern Hausfreunden.   D.   Da der Verfasser sowol die Idee als den Zweck seiner Abhandlungen in einer eignen Vorrede deutlich ans Licht gesetzt hat, und es anmaßend wäre, als Vorredner sein Lobredner oder sein erster Recensent zu werden, so bleibt mir nichts übrig, als über den Werth seines Zwecks national- und zeitmäßig einige Worts hinzuzufügen, deren Anwendung sich sodann selbst ergiebt. 1. Nur durch den Geist , den wir in die Geschichte bringen und aus ihr ziehen, wird uns Menschen- und Völkergeschichte nützlich. Geistlos zusammengestellte Facta stehen unfruchtbar da; auch die Entwicklung historischer Umstände kann keinen andern Zweck haben als Evidenz, Wahrheit . 2. Was uns in der Geschichte zunächst anspricht, sind Sitten und Charaktere sowol der Völker als einzelner Menschen. Diese ins Licht zu stellen, sie durch Erweise und Vergleichungen sprechend zu machen, ist der edle Zweck einer psychagogischen Geschichte. Welche Nation dies am Besten that, die bearbeitete das Feld der Begebenheiten aufs Nutzbarste, aufs Angenehmste. Daß wir Deutsche hierin nicht nur den Alten, sondern auch einigen benachbarten Nationen noch nachstehen, ist ebenso bekannt, als oft beklagt worden. Namenverzeichnisse, Genealogien, die Beschreibung von Kriegszügen, Helden» und Staatsactionen, das Skelett des Herkommens endlich hinderten uns oft, den Geist der Zeit zu entwickeln, die Menschengeschichte für Menschen sprechen zu lassen, charakteristisch, sittlich . Zwar suchte man diesen Mangel seit einem Jahrhundert durch ein andres Extrem zu ersetzen, indem man Geschichte mit Roman mischte oder gar historische Charaktere undramatisch dramatisirte ; es liegt aber am Tage, daß dadurch die poetische Kunst so wenig gewann als die Geschichte. Sogenannte historische Romane sind gemeiniglich die langweiligsten Romane, historische die schläfrigsten Dramen; und überhaupt giebt es dem Gemüth eine unangenehme Empfindung, wenn ohne Erreichung einer Kunstidee das Geschehene und die Dichtung dergestalt vermengt werden, daß man nicht weiß, was man liest. Die reine historische Exposition eines Zeitraums, eines gesellschaftlichen Verhältnisses als eines charakteristischen Sittengemäldes, wenn sie gleich nicht so lebhaft als ein Roman oder Drama sein kann und sein soll, wird dem ruhigen Leser dennoch unterhaltend und lehrreich sein; sie belohnt ihre mindere Lebhaftigkeit durch einen reineren Umriß der Wahrheit. 3. Unter allen gesellschaftlichen Verhältnissen ist das Band der Geschlechter und Familien das zarteste, das die Geschichte entwickeln kann und festhalten sollte; denn auf ihm beruht nicht nur der ächte Ruhm einer Nation, sondern auch ihr innerer dauernder Wohlstand. Kriegstugenden sind nur abwehrende Tugenden; wo sie angreifen, erobern, zudringlich und überlästig werden, hören sie auf Tugenden zu sein und werden erst Andern, dann der Nation selbst fürchterliche Dämonen. Indem sie den häuslichen Wohlstand Fremder zerrütten, bringen sie durch Ueberspannung der Bedürfnisse, der Neigungen und Kräfte eine Unform zuwege, in der sich die Mutter aller häuslichen und bürgerlichen Glückseligkeit, die Sophrosyne , am Wenigsten erkennt. Immer also höre ich lieber der Deutschen häusliche Tugenden als ihre Kriegsthaten   loben. In den alten wilden Zeiten drängten sie als gedrängte Völker andre Nationen und setzten sich, wo und wie sie konnten. In den mittleren barbarischen Zeiten hielten sie rohere Völker, Hunnen und Mongolen, in ihrem verheerenden Lauf auf oder ließen sich, treu der Fahne des Gehorsams, gegen welt- und geistliche Mächte bis ans Ende der Welt führen und vergaßen darüber, sich in ihrem Lande eine Constitution zu geben, die den Namen eines Staats verdiente. Aber ihre häuslichen Tugenden lobe man; denn sie verdienen das Lob, das zuletzt alle Elogien überlebt. Aus ihnen entsprang in Deutschland das Städte - und Bürger-Gemeinwesen , das ganz auf häuslicher Glückseligkeit beruhte und diese bezweckte. Wie kommt's nun, daß wir diese stillen Tugenden nicht ehren? daß wir die unzweifelhaften Vorzüge unsrer Väter, die im deutschen Charakter liegen, weniger schätzen als die blendenden Eigenschaften fremder Nationen? Daß viele Deutsche der deutschen Staatsgeschichte unkundig sind, ist sehr verzeihlich; aber auch der Charakter - und Sittengeschichte ? Wir wollen, die Hand vors Auge haltend, den Grund nur darin suchen, daß diese weniger als die deutsche Kriegs-, Reichs-, Staats-, Rechts-, Herkommensgeschichte behandelt worden. Und doch reicht auch diese Täuschung zum Troste kaum hin; denn wie Wenige haben   ich will nicht sagen Mascov's, Schmidt's oder eines Andern »Geschichte der Deutschen«, Müller's »Geschichte der Schweiz« u. s. w. gelesen, sondern sich auch nur um einzelne Zeitperioden, merkwürdige deutsche Institute, Verdienste, Charakterzüge bekümmert! Sind (um nur einige zu nennen) Möser's, Möhsen's, Hegewisch's, Stetten's Schriften in den Händen, in denen sie sein sollten? Wird Schlözer's »Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen«, die ein so großes Blatt des deutschen Culturfleißes aus mehreren Ländern enthält, Vgl. oben S. 635 ff.   D. so laut verkündet als ein triviales britisches Pamphlet über die Botanybai, die Maratten und Hyder Ali? Da wir so lange, aus uns geworfen, uns Selbst entrissen, andern Nationen gedient, ihnen gefröhnt haben, sollte uns nicht die jetzige Zeit selbst mit gewaltiger grausamer Hand auf uns zurückdrängen, uns zurufend: »Lerne Dich selbst kennen! denn Andre kennen und mißbrauchen Dich. Requirire Dich, damit Du nicht requirirt werdest!« Und was führte dazu mehr als historische Untersuchungen dessen, was unsre Väter waren, wir vielleicht nicht mehr sind, vielleicht auch nie mehr   doch das sei ferne! Wir sind, was wir sind; unter gegebenen Umständen kann unser Charakter sinken, unsre Natur aber können wir nie vertauschen . Die gedrückte elastische Kraft wird deshalb nicht unterdrückt; sie hebt sich empor, und der Druck selbst war ihr nöthig. In keinem Verhältniß wollen wir die reine Germanität , d. i. Treue und Einfalt mit Anhänglichkeit und Muth verbunden, aufgeben. Der Name German, germanischer Charakter behauptete sich unter den Römern selbst rühmlich. Zweifelhafter denke ich über den deutschen Rittergeist , sofern er Cultur bewirkt hat. Daß er mit dem französischen, spanischen, normännischen in England und Italien die Galanterie nicht in gleichem Maß emportrieb, möchten wir ihm verzeihen; aber (siehe die Burgen und Raubschlösser mit ihren Verließen , die Trinksäle u. s. w. an!) bewirkte er nicht etwas Anders? Gnug! Der Geist hat sich überlebt. Wir wollen, wie bei dem Leichenbegängniß des letzten Stammhelden, ihm eine Lob- und Leichenrede halten, die Turniere seiner Vorfahren erzählen, den ehrenhaften Schild aufhängen und das Wappen mit dem Todten begraben. Pfarrer oder Küster stellen ihm aus den Diptychen einst sein glaubhaftes Zeugniß aus. Mehr interessirt die Culturgeschichte der Menschheit jene sanfte Nation, die Erfinderin keiner schädlichen und so vieler nutzbaren Künste, die Hindu . Alles, was uns unter ihren Himmel versetzt, hat die Zauberkraft in sich, daß es uns sittsamer macht und milder. Die Zusammenstellungen des Verfassers, der auch das unlängst erschienene Gesetzbuch des Menu (die letzte Frucht von W. Jones' glücklichem Fleiße) gebraucht hat, verweilen uns sanft bei ihnen; und da Sakontala leider bisher die einzige Probe eines ihrer vollendeten Geisteswerke geblieben, das uns statt der übrigen gelten muß, so verweilt man auch an ihr gern, wenn man sie gleich schon kannte. Gebe die nächste Zeit uns mehr Sakontalas , die schönsten Beiträge zur Culturgeschichte der Völker! » Culturgeschichte der Völker «, in welchen Traum versetzt uns dies Wort, oder vielmehr in welche unendliche Laufbahn! Wie viel und wie wenig ist in ihr geschehen! und auf welchen Wegen ist Manches bewirkt worden! Völker blühten und verblühten; mancherlei war ihre Frucht im großen Garten. Sie pflanzten sich fort, sie mischten sich mit einander; auch jener blühende Dorn, auch jene stechende prächtige Distel. Und dort und da, wie ungeheure Wüsteneien, auf die kein Regen fällt, die kein Thautropfe bethaut; ihnen entgegenglänzende Eisthürme, in deren Klüften nur Lichen wächst. Ueber die gesammte Culturgeschichte der Menschheit haben wir nichts zu verantworten, aber Jeder an seiner Stelle. Wolauf! lasset uns eilen! Quantum est, quod restat! Weimar, den 1. Mai 1798.   Alphabetische Uebersicht der in diesem Theile enthaltenen Aufsätze.   Abhandlungen und Aufsätze 1; Entwürfe zu Abh. 591. Althof, L. Chr., Einige Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen G. A. Bürger's (Recension) 665. Andenken an Winckelmann, Lessing und Sulzer 321. Andreä', Jakob, Dichtungen, übersetzt von Sonntag, Vorrede dazu 704. Apfel der Verjüngung, Iduna oder der A. d. V. 419. Archimetria, Maximum s. A. (Recension) 692. Armstrong's Kunst, immer gesund zu sein, aus dem Englischen übersetzt von G. J. Fr. Nöldecke (Recension) 674. * Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst, von J. G. Müller, Vorrede dazu 711. Bernstorff, Rede zum Andenken des Grafen A. P. v. B., von Hegewisch (Recension) 648. Betrachtungen über das Universum: Zu K. v. Dalberg's Schrift dieses Titels 457. Bildung, Welche neue und bessere ist bei unsern Sinnen möglich (Entwurf) 593. Blüthen aus Trümmern, von G. A. v. Halem (Recension) 642. Böttiger, C. A., Griechische Vasengemälde (Recension) 620. 624. Briefe, Persepolitanische Br. 479. Brittisches Odeon, von L. Th. Kosegarten (Recension) 677. Bürger, G. A., Einige Nachrichten von Dessen vornehmsten Lebensumständen, von L. Chr. Althof (Recension) 665. * Culturgeschichte der Völker, von Fr. Majer, Vorrede dazu 729. * Dalberg: Zu K. von D.'s »Betrachtungen über das Universum« 457. Denkmäler altdeutscher Dichter, von J. J. Eschenburg (Recension) 684. Deutsche Monatsschrift, Neue   von 1795, Aufsätze aus derselben 435. Deutsche Nation, welchen Rang die d. N. unter den gebildeten Völkern Europens einnehme (Entwurf) 595. Deutsche in Siebenbürgen, deren Geschichte von A. L. Schlözer (Recension) 635. Deutsche, Warum wir noch keine Geschichte der D. haben 443. Dichtkunst, ihre Wirkung auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten 3. Dornedden, K. Fr., Phamenophis (Recension) 633. Duttenhofer, Geschichte der Religionsschwärmereien (Recension) 611. 616. Dyer, Georg, »Der Prediger, wie er sein sollte«, nach dem Englischen von L. Th. Kosegarten (Recension) 680. * Eichhorn, Brief an E. über Persepolis 524. Elegien von Properz, übersetzt von K. L. v. Knebel (Recension) 668. Empfinden, Erkennen u. Empf. der menschlichen Seele 163. Entwürfe zu Abhandlungen 591. Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele 163. Eschenburg, J. J., Denkmäler altdeutscher Dichter (Recension) 684. * Fähigkeit zu sprechen und zu hören 437. Freimäurer-Gesellschaft: Historische Zweifel über Nicolai's Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden, und über dessen Geheimniß, nebst einem Anhange über das Entstehen der Fr.-G.« 337. * Gatterer, Joh. Christoph, Brief an G. über Persepolis 543. Geheimniß des Tempelherrenordens: Historische Zweifel über Nicolai's Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden, und über dessen Geh. etc.« 337. Geschichte der Deutschen, warum wir noch keine haben 443;   in Siebenbürgen, von A. L. Schlözer (Recension) 635. Griechische Vasengemälde, von C. A. Böttiger (Recension) 620. 624. * Hagedorn, Fr. v., Dessen poetische Werke (Recension) 682. Halem. G. A. v., »Blüthen aus Trümmern« (Recension) 642. Hartmann, A. Th., »Ideale weiblicher Schönheit bei den Morgenländern« (Recension) 662. Heeren, Brief an H. über Persepolis 519. Hegewisch, Rede zum Andenken des Grafen A. P. v. Bernstorff (Recension) 648. Herder's Nachlaß, Abhandlungen und Aufsätze aus demselben 455. Heyne, Brief an H. über Persepolis 491. Historische Zweifel über Nicolai's Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden etc.« 337. Hören, Ueber die Fähigkeit zu sprechen und zu h. 437. Horn, Brief an H. über Persepolis 586. Homer und Ossian 405. Horen, Aus Schiller's »H.« 389. Huber, Dr., Etwas von meinem Lebenslauf (Recension) 645. Hume's und Rousseau's Abhandlungen über den Urvertrag, von G. Merkel (Recension) 627. * Ideale weiblicher Schönheit bei den Morgenländern, von A. Th. Hartmann (Recension) 662. Iduna oder der Apfel der Verjüngung 419. * Karschin, Deren Gedichte (Recension) 605. Kleuker, J. Fr., Brief an ihn über Persepolis 535. Klopstock, Dessen Oden, zweite Auflage (Recension) 655. Knebel, K. L. v., Dessen Uebersetzung von Properz' Elegien (Recension) 668. Kopernicus, Nikolaus, Etwas von seinem Leben 306. Kosegarten, L. Th.: »Brittisches Odeon« (Recension) 677; »Der Prediger, wie er sein sollte«, Denkwürdigkeiten aus dem Leben des R. Robinson, nach dem Englischen des G. Dyer (Recension) 680; »Rhapsodien« (Recension) 690. Kunst, Die, immer gesund zu sein: Armstrong's Lehrgedicht dieses Titels, aus dem Englischen übersetzt von Nöldecke (Recension) 674. Kunst und Mythologie, Dornedden's Versuch einer neuen Theorie über deren Ursprung, u. d. T.; »Phamenophis« (Recension) 633. * Luther's Reformation, Welchen Einfluß hat L.'s R. auf die politische Lage der verschiedenen Staaten Europens gehabt (Entwurf) 598. * Majer, Fr., »Kulturgeschichte der Völker«, Vorrede dazu 729. Maximum s. Archimetria (Recension) 692. Menschengeschlecht, Pestalozzi's »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des M.'s« (Recension) 629. Menschliche Kenntniß, ob eine Uebersicht der gesammten m. K. möglich (Entwurf) 600. Mereau, Sophie, Gedichte (Recension) 686. Merkel, G., Hume's und Rousseau's »Abhandlungen über den Urvertrag« (Recension) 627. Merkur, Teutscher, Abhandlungen und Aufsätze aus demselben 297. Meyer, Heinrich, Brief an M. über Persepolis 511. Mnioch, J. Jac., »Worte der Lehre« (Recension) 650. Monboddo, »Von dem Ursprunge und Fortgange der Sprache«, übersetzt von E. A. Schmidt, Vorrede dazu 697. Monatsschrift. Neue Deutsche M. von 1795, Aufsätze aus derselben 435. Müller, J. G.: »Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst«, Vorrede dazu 711; Briefe an M. über Persepolis 564. 573; »Briefe über das Studium der Wissenschaften« (Recension) 639. Muthmaßung, eine M. über die Sündfluth 463. Mythologie und Kunst: Dornedden's »Versuch einer neuen Theorie über den Ursprung der Kunst und M.« u. d. T. »Phamenophis« (Recension) 633. * Nachlaß Herder's, Abhandlungen und Aufsätze aus demselben 455. Nebenstunden, »Kritisch-historische N.« von A. L. Schlözer (Recension) 637. Neue Deutsche Monatsschrift von 1795, Aufsätze aus derselben 435. Nicolai, Friedrich: Historische Zweifel über Dessen Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden« etc. 337. Niebuhr, Carsten, Brief an N. über Persepolis 479. Nöldecke, G. I. Fr., Armstrong's »Kunst, immer gesund zu sein«, aus dem Englischen übersetzt (Recension) 674. * Oden von Klopstock (Recension) 655. Ossian, Homer und O. 405. * Persepolitanische Briefe 479. Pestalozzi, »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts« (Recension) 629. Phamenophis, von Dornedden (Recension) 633. Philosophei und Schwärmerei 299. Plastik 221. Prediger, Der  , wie er sein sollte, nach dem Englischen des G. Dyer von L. Th. Kosegarten (Recension) 680. Properz' Elegien, übersetzt von K. L. v. Knebel (Recension) 668. * Recensionen von Herder 603. Reformation Luther's, welchen Einfluß dieselbe auf die politische Lage der verschiedenen Staaten Europens gehabt hat (Entwurf) 598. Regierung, ihr Einfluß auf die Wissenschaften und der Wissenschaften auf d. R. 59. Reuchlin, Zu R.'s Bilde 312. Rhapsodien, von L. Th. Kosegarten (Recension) 690. Robinson s. Kosegarten. Rousseau, Hume's und R.'s »Abhandlungen über den Urvertrag«, von G. Merkel (Recension) 627. * Savonarola, Hieronymus: Zu Dessen Bildniß 316. Schicksal, Das eigene Sch. 391. Schiller, Aufsätze aus Dessen »Horen« 389. Schlözer. A. L., Dessen »Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen« (Recension) 635; Dessen »Kritisch-historische Nebenstunden« (Recension) 637. Schmidt, E. A., Dessen Uebersetzung von Monboddo, »Von dem Ursprunge und Fortgange der Sprache«, Vorrede dazu 697. Schöne Wissenschaften, ihr Einfluß in die höheren 147. Schönheit, »Ideale weiblicher Sch. bei den Morgenländern«, von A. Th. v. Hartmann (Recension) 662. Schreibekunst, Vom Einfluß derselben ins Reich der menschlichen Gedanken (Entwurf) 594. Schwärmerei, Philosophei und Schw. 299. Seele, Erkennen und Empfinden der menschlichen S. 163. Sinne, Welche neue und bessere Bildung ist bei unseren Sinnen möglich (Entwurf) 593. Sitten der Völker, Wirkung der Dichtkunst auf dieselben 3. Sonntag, Karl Georg, Uebersetzung von Andreä's Dichtungen, Vorrede dazu 704. Sprechen, Ueber die Fähigkeit zu sprechen und zu hören 437. Steinbart, G. S., »System der reinen Pilosophie etc.« (Recension) 603. Stieglitz, Christian Ludw., Brief an St. über Persepolis 501. Studium der Wissenschaften, Briefe darüber von J. G. Müller (Recension) 639. Sündfluth, Eine Muthmaßung über die S. 463. Sulzer, J. G., Andenken an Denselben 333. * Thorild, Maximum s. Archimetria (Recension) 692. Tempelherrenorden, Historische Zweifel über Nicolai's Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem T. gemacht worden etc.« 337. Teutscher Merkur, Abhandlungen und Aufsätze aus demselben 297. Tiedemann, Dietrich, Brief an T. über Persepolis 550. Tychsen, Olaus Gerh., Brief an T. über Persepolis 485. * Universum: Zu K. v. Dalberg's »Betrachtungen über das U.« 457 Urvertrag, Hume's und Rosseau's »Abhandlungen über den Urvertrag«, von G. Merkel (Recensionen) 627. * Vasengemälde, Griechische, von C. A. Böttiger (Recension) 620. 624. Vorreden von Herder zu: Andreä's Dichtungen, übersetzt von Sonntag 704; Fr. Majer's »Culturgeschichte der Völker« 729; Band 1 von J. G. Müller's »Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst« 711; E. A. Schmidt's Uebersetzung des Werkes von Monboddo: »Von dem Ursprunge und Fortgange der Sprache« 697. * Wahl, Samuel Fr. Günther, Brief an W. über Persepolis 527. Winckelmann, Andenken an Denselben 322. Wissenschaften, Einfluß der Regierung auf die W. und der W. auf die Regierung 59; Einfluß der schönen in die höheren W. 147; Briefe über deren Studium von J. G. Müller (Recension) 639. Worte der Lehre, von J. Jac. Mnioch (Recension) 650. * Zweifel, Historische, über Nicolai's Buch: »Versuch über die Beschuldigungen, welche dem Tempelherrenorden gemacht worden etc.« 337. Zoroaster, Brief an Z. über Persepolis 578.   Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.