Friedrich Hebbel Julia Ein Trauerspiel in drei Akten 1851 Personen: Tobaldi . Julia . Alberto , ein Arzt . Graf Bertram . Antonio . Pietro . Christoph . Valentino .   Die Handlung ereignet sich anfangs in Italien, dann in Deutschland . Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt. (Zimmer im Hause Tobaldis.) Erste Szene. Tobaldi und Valentino . Tobaldi . Nun? Immer noch keine Spur? Valentino . Es ist unbegreiflich, wo das Fräulein – Tobaldi . Wer spricht vom Fräulein? Kannst du es denn nicht behalten, einfältiger Mensch, daß meine Tochter krank zu Bette liegt und dem Tode nahe ist? Daß – Valentino . Daß sie keine ihrer Gespielinnen sehen kann, weil die geringste Erschütterung die fürchterlichsten Folgen haben würde, daß – – und so weiter, o ich habe nichts vergessen, und weiß, was ich zu antworten habe, wenn ich über die Straße gehe und gefragt werde. Aber ich dächte, hier, unter uns, mit Ihnen allein – Tobaldi . Und ich sage dir: Nein und noch einmal nein! Du sprichst mit mir, wie mit anderen, dann macht es nichts, wenn du einmal mit anderen sprichst, wie mit mir! – Also vom Papagei keine Spur? Valentino . Nein! Tobaldi . Das Schicksal trifft mich zu hart! Die Tochter heute und der Papagei morgen – es ist zu viel für einen Mann! Du hast bekannt gemacht, daß demjenigen, der mir den Vogel wiederbringt, eine Belohnung von zehn Dukaten gewiß ist? Valentino . Bist jetzt nicht! Tobaldi . Und warum nicht? Valentino . Mir deucht, der Schmerz eines Vaters um die Tochter, und also auch die Krankheit der Tochter könnte verdächtig werden, wenn der Vater so viel Angst um einen entflogenen Papagei an den Tag legte! Tobaldi . Esel, du solltest ausbringen, daß die Kranke in ihren Fieberträumen immer nach dem Papagei seufze, und daß mir deshalb alles daran liege, ihn wieder zu bekommen. Das sollte den Betrug – die Krankheit mein' ich, wahrscheinlicher machen. Hast du mich jetzt verstanden? Fort denn, und dann auf die Apotheke wegen der neuen Medizin! Valentino . Um sie aus dem Fenster zu gießen, wenn sie da ist! Gut! (Ab.) Zweite Szene. Tobaldi (allein) . Wer hätt' es je gedacht! Entlaufen! Die Tochter einer solchen Mutter entlaufen! Und das zwei Tage vor dem Rosenfest, wo sie als Marien-Jungfrau – – Gerade, als ob sie es aller Welt hätte kund tun wollen, mit wieviel Recht sie erwählt worden sei. Wer kommt da? Dritte Szene. Alberto (tritt ein) . Guten Morgen, alter Freund! Tobaldi . Guten Morgen, Doktor! Du kommst früh, freilich, freilich, einen gefährlicheren Kranken, wie mein armes Kind, wirst du nicht haben, der Tor – Doktor, ich zweifle nicht an deiner Kunst, du siehst es, ich rufe keinen deiner Kollegen herbei, mein Vertrauen in dich ist grenzenlos! – aber der Tod ist ihr gewiß, und ich denke, was meinst du? er kommt noch heut, wenn nicht zu Mittag, so doch wenigstens zu Abend! Alberto . Tobaldi, ich mich dich endlich fragen: wie weiß denkst du's denn eigentlich zu treiben? Tobaldi . Wie weit? Nun, wie weit treibt's eine Krankheit mit einem Menschen, wenn sie ihn nicht wieder aufkommen läßt? Sie macht Mist aus ihm, oder wenn du willst, Blumenfutter! Alberto . Als ich an jenem Morgen zu dir kam, als ich dich, wie festgenagelt, auf deinem Stuhl sitzen sah, als du mich anfangs gar nicht zu erkennen schienst, dann aber plötzlich aufsprangst, mir um den Hals fielst und mich beschwurst, dir beizustehen, die Ehre deines Hauses zu retten, da – – Tobaldi . Da benahmst du dich, wie du dich immer benommen hast, seit wir miteinander bekannt sind. Du sagtest: sieh mich doch nur an, ich bin kein Kalender-Heiliger, der sein Wunder erst dann verrichtet, wenn man sich die Hände wund gerungen und den Hals heiser gebetet hat, ich bin dein alter Stubenbursche Alberto, der alles tut, was er kann, sobald er weiß, was er soll! Alberto . Ich tat, was du verlangtest, ich – Gott vergebe es mir – ich brachte unsern alten Streit, ob das Lügen unter Umständen erlaubt sei – du behauptetest immer das Gegenteil, du weißt doch noch? – durch die Praxis auf einmal zu Ende, ich schrieb für eine Kranke, die nicht da war, Rezepte, ich legte mein Gesicht – es war bei so abgehärteten Muskeln keine Kleinigkeit – in teilnahmvolle Falten, und ging von Haus zu Haus und sagte – – nun, ich sagte meine Lektion auf! – Aber – Tobaldi . Aber? dies Aber erschreckt mich – du fandest hoffentlich Glauben? Wenigstens hast du's mir versichert! Alberto . Nur zu viel, nur zu viel! Noch eben, da ich zu dir ging – höre, Freund, du magst davon denken, was dir beliebt, aber ich habe ein Herz, und ich kann dafür seit fünf Minuten einen besseren Beweis aufstellen, als die Regelmäßigkeit meines Blutumlaufs. Ich möchte durch Lügen nicht gern Nervenfieber aussäen, obgleich die blanke Ernte davon keinem anderen zuwachsen würde, als mir selbst. Tobaldi . Ich verstehe dich nicht! Alberto . Nicht? Nun, du weißt, wie der junge Anselmo deine Tochter immer – wie nennt man's doch? An Menschen ist's mir verhaßt, an Turteltauben kann ich's wohl leiden! Tobaldi . Aber Julia hat ihn immer fern gehalten! Alberto . Gleichviel! Der tritt mir eben in den Weg und mit einem Gesicht – ernsthaft, ich glaube, ich bin ein Schurke, daß ich seine stumme Frage mit Kopfschütteln und Achselzucken beantwortet habe! Tobaldi . Pah! Alberto . Ei was, ich las in seinen Augen, in seinen Mienen – – die Hand konnt' ich nicht erwischen, so gern ich auch Räderwerk und Zifferblatt zugleich untersucht hätte, aber ich wette auf einen Puls von Einhundertundfünfzig in der Minute, und es wäre doch arg, wenn wir durch eine erlogene Krankheit eine wirkliche herbeiführten. Tobaldi . All das kümmert mich nicht! Mir ist, als lebt' ich unter Pflanzen und Steinen! Sie sind mir nicht verwandt, das weiß ich jetzt; was geht's mich an, ob sie verwelken, ob sie zerbröckeln! Alberto . Großen Dank! Tobaldi . Gute Nacht, mein Vater! Träume süß! Wenn du das gehört hättest – Alberto . Und selbst diesen letzten Abend fiel dir nichts an ihr auf? Tobaldi . Nein! Daß du's weißt! Den Tag zuvor traf ich sie mit verweinten Augen bei ihren Blumenstöcken. Kind, sagt' ich tröstend, es geht nicht alle Tage ein Messina zugrunde! Verstehst du mich? ich glaubte, die Erdstöße, die alle Welt mit Entsetzen erfüllten, hätten sie so erschreckt. So fern lag mir das Mißtrauen. Folgt daraus, daß ich ein Esel bin? Oder daß sie verschmitzt war, wie keine zweite? Lebten wir noch in den Zeiten der Kreuzzüge, ich wollte mir einbilden, sie habe eine Vision gehabt und sei ausgezogen, einen Nagel vom Kreuz Christi zu suchen! Alberto . Und was denkst du denn zu tun? Tobaldi . Die acht Tage sind um. Die Frist, die ich ihn für die freiwillige Zurückkunft bestimmte, sind abgelaufen. Sie wird heute sterben und morgen begraben werden. Alberto . Bist du – Tobaldi . Auf meinen Diener kann ich mich verlassen, ich weiß warum, und du – nun, das versteht sich von selbst! Alberto . Die Kranke konntest du vor fremden Menschen verschließen, die Tote wird man sehen wollen. Tobaldi . Das wird niemand einfallen. Meine Schwester liegt selbst an ihrem alten Übel darnieder, und die Nachbarn und guten Freunde werden durch die Furcht ferne gehalten. Ich bat dich nicht umsonst um eine ansteckende Krankheit. Alberto . Bedenke wohl, was du tust! Deine Tochter kann noch immer wiederkommen. Tobaldi . Warum nicht? Jeder Verführer wird seiner Beute satt, und wenn dann die Tür des Vaterhauses noch offen steht, so kehren die lieben Mädchen wohl zurück. Darum eben will ich die meinige beizeiten schließen. Täte sie's dennoch, so würd' ich sie freilich nicht für ein Gespenst erklären, aber ich würde sagen: Madame, Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit meinem hingeschiedenen Kinde, leider können Sie sich nicht selbst davon überzeugen, denn meine Julia liegt auf Sankt Lorenzo. Wollen Sie das Epitaphium einmal besichtigen, ob es nach Ihrem Geschmack ist? Auch Blumen habe ich ihr aufs Grab gepflanzt, vielleicht gefällt es Ihnen, sich eine zu pflücken! (Ruft.) He! Valentino! – Noch nicht da! Alberto . Du mußt also die Mutter Gottes durchaus übertreffen? Tobaldi . Wie meinst du? Alberto . Sie hatte nur einen Speer im Herzen. Du hast daran nicht genug? Tobaldi . Keine Rätsel! Alberto . Grimaldi! Tobaldi . Bring' ihn den Raben in Erinnerung, die sich von seinem Fleisch gemästet haben! Schieß einen davon herunter, wenn du ihn rächen willst! Alberto . Wer machte ihn zur Rabenspeise? Tobaldi . Ich doch wohl nicht? Alberto . Wer jagte ihn ins Elend? Tobaldi . Adam, unser Eltervater, der all die Torheit auf ihn vererbte, die ihm nach dem Apfelbiß noch übrig blieb! Alberto . Du verstehst mich! Tobaldi . Nicht ganz! Wenn ein Narr Minen gräbt, bei denen nichts herauskommen kann, als daß das Pulver verteuert wird, ist es ein Verbrechen, ihn zu stören? Alberto . Wer behauptet das? Tobaldi . Du, wenn du glaubst, ich anklagen zu dürfe, weil ich diesem hohlen Grimaldi in den Weg trat, als er einen Aufruhr erregen wollte, der vierundzwanzig Stunden gedauert und jahrelange Verfolgungen nach sich gezogen hätte. Weißt du, was ihn trieb? Nicht das letzte Aufatmen des erstickten Ahnherrn in der Brust des erniedrigten verkümmerten Enkels, nicht die Glut einer heiligen Scham, die manchen unter uns verleiten könnte und auch wohl verleitet – du weißt, was ich meine, und hast mich oft genug darum gescholten – das Unmögliche zu unternehmen, weil wir's nicht aushalten, der Spott der Welt, ja unserer eigenen Dränger zu sein! Nein! Die jammervollste Unfähigkeit, einen Verlust, wie er wohl andere auch trifft –starb nicht auch mir eine Frau? – zu ertragen, die eigensüchtige Raserei eines unmännlichen Verzweiflung, die Gegenwart und Zukunft eines Volkes preisgeben zu dürfen glaubt, wenn sie dabei nur großmütig ein Leben mit aufs Spiel setzt, das ihr zur Bürde geworden ist, und womit sie nichts mehr aufzustellen weiß. Es gibt Leute, die den Weltuntergang herbeiführen möchten, um sich den Selbstmord zu ersparen! Als ich ihn einst aufforderte, blieb er ruhig in seinem Winkel sitzen, denn ihn fesselte die Untersuchung, ob die Küsse eines Weibes mit den Jahren an Süßigkeit gewinnen oder verlieren; hätt' ich aufstehen sollen, nun er kam? Der einzige Moment, in dem etwas gelingen konnte, war verstrichen, denn Napoleon hatte zu donnern aufgehört; nur ein Toller konnte meinen Plan wieder aufnehmen und erwarten, daß ich ihn unterstützen würde; nur ein Narr konnte darin, daß ich das Gegenteil tat, einen Abfall von mir selbst erblicken. Laß die Welt sich häuten, laß eine neue Zeit kommen: mit wackelndem Kopf und schlotternden Knien werd' ich mich unter ihr Banner reihen. Aber damals, wo alles schlief, wo nicht einmal die Erinnerung mehr wachte, wär's Wahnsinn gewesen Alberto . Dennoch hätte ich wohl ein anderes Mittel gefunden, ihn unschädlich zu machen, als das, was du wähltest! Es war nicht nötig, daß er geächtet, daß er auf Tod und Leben verfolgt wurde. Ohne das wär' er gewiß nicht so weit gekommen, unter die Räuber zu gehen und auf dem Schaffot zu enden! Tobaldi . Und ich, meinst du, hätte in den Abruzzen den Überfall nicht erlebt, der dir das Reisen an meiner Seite für immer verleidete, und durch den er mir seinen Dank für eine Sünde abtrug, die ich nie an ihm beging! Alberto . Die du nie an ihm begingst? Tobaldi . Nein! Ich drohte ihm, als er durchaus nicht dahin zu bringen war, in seine Vaterstadt und in sein Haus zurückzukehren, allerdings mit der Entdeckung, aber ich tat's nur, um ihn zu zwingen, mir auf den Leib zu rücken und mir Gelegenheit zu geben, den sieben Teufeln, die ihn plagten, mit einem Dolch in einfacher Notwehr irgendwo die Tür zu öffnen. Während ich nun zuvorkommend viele einsame Spaziergänge machte, verriet ein Schurke, dem er sich nach seiner Art vorschnell anvertraut hatte, ihn wirklich, und er mußte flüchten. Daß er mir das auf die Rechnung setzte, war natürlich, denn Leute, wie er, begreifen's nicht, daß ein Mann, der selbst einmal Brandstifter gewesen ist, schon deshalb nicht Feuerwächter wird, weil das aussehen könnte, als wollte er sich dadurch seinen Pardon sichern. Daß du das aber auch getan hast, wundert mich! Alberto . Ich glaubte, du müßtest dir einer Schuld gegen den Vater bewußt sein, weil du so oft Nachforschungen nach dem Sohn anstelltest! Tobaldi . Das Mitleid mit dem Sohn eines Räubers ist doch wohl auch ohne eine solche Schuld erklärlich. Welch einem Schicksal geht er entgegen! Ihn dem Abgrund, um den er schon als Kind herumspielt, entziehen, heißt mehr tun, als alle zehn Gebote auf einmal erfüllen! Meine Bemühungen waren umsonst! Vierte Szene. Valentino (tritt ein) . Die Medizin, Herr! Tobaldi . Weg damit! Zum Tischler! Bestelle den Sarg für meine Tochter! Nimm's Maß nach dem Bett und bring's ihm! Sag, sie sei eben gestorben. Der Doktor wird den Totenschein gleich schreiben! Valentino . Ja! Aber – Tobaldi . Du meinst, man muß auf alles denken! Richtig! Wenn jemand davon spricht, daß er sie sehen will, so antworte, sie sei bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ihr letztes Wort sei gewesen: mein Vater, einen Schleier über mein Gesicht! Valentino . O! Das wird nicht geschehen! Sie laufen sogar vor mir, selbst der Apotheker trat drei Schritte zurück, als ich kam, und schob seinen Burschen vor. Die Angst vor der Ansteckung ist zu groß. Tobaldi . Um so besser! Geh' auch ins Kloster und laß Seelenmessen lesen! Sag, der Arzt – (zu Alberto) deine Reputation erlaubt das doch? – hätte den tödlichen Ausgang nicht geahnt, wenigstens nicht so schnell, und ich hätte die letzte Ölung, der Aufregung wegen, so lange verschoben, bis es zu spät gewesen sei. Fort! Valentino . Wenn ich's nur gut mache! (Ab.) Alberto . Du gehst weit! Ich glaubte, du wolltest die Zeit der vorgeschützten Krankheit benützen, um Nachforschungen anzustellen, und – Tobaldi . Nachforschungen? Ist sie mir etwa geraubt? Gestohlen? Ist sie, kann ich daran zweifeln, nicht freiwillig gegangen? Hab' ich auch nur einen Verdacht, mit wem? Nein, diese Heuchelei, diese Verstellung – glaube mir, sie ist mir mehr als tot! (Ab.) Alberto . Hätt' ich's vorher gewußt, ich hätte mich widersetzt! Nun ist's zu spät! Aber der hat seine Tochter nie geliebt! Nur das Bild, das er sich von ihr machte! Freilich, wer liebt anders! Es ist nun einmal das Schicksal der Menschen, daß man ihn wegen Eigenschaften verehrt und anbetet, verabscheut und haßt, die er gar nicht besitzt, die ihm von andern nur geliehen werden! Armes Mädchen! Hätte er dich nicht für eine Ausnahme deines Geschlechts gehalten, er würde dich strenger überwacht, er würde dir, da dir die Mutter nun einmal fehlte, ein weibliches Wesen, dem du dich anvertrauen konntest, beigegeben und nie Ursache gefunden haben, gegen dich zu wüten! Doch du sollst auch jetzt nicht verloren sein, ich weiß, was ich tu'! (Folgt Tobaldi.) (Wald.) Fünfte Szene. Graf Bertram (tritt auf). Christoph (folgt ihm) . Graf Bertram . Nun, alter Christoph, laß mich eine Stunde allein! Aber ganz allein, hörst du? Du weißt, ich kann Pistolen abschießen, wenn es im Gebüsch um mich her zu rascheln anfängt. Ich habe Stunden, wo es mich empört, daß ich mich nicht vor Gott in irgend einen dunkelsten Winkel der Nacht zurückziehen kann, wo ich mein Auge schließe, weil es mich brennt, als ob von oben eins hineinschaute! Hast du das noch gehört? Christoph . Ich gehe, Disteln zu köpfen. Täten Ew. Gnaden dasselbe, ich ginge leichter. Eine Stunde? (Zieht seine Uhr.) Drei! Also bis Vier! Graf Bertram . Daß du mir die Uhr nicht schiebst, Alter! Du hast es wohl schon getan! Christoph . Und wenn ich's tat, so geschah's – Gnädiger Herr, ich ließ Sie noch nie an solchen Tagen allein, daß Sie des Abends nicht wieder Blut gespien hätten. Trotzen sollt' ich Ihnen, sprechen: ich will nicht gehen! oder etwas ähnliches, damit Sie über mich ergrimmten und Ihren finstern Gedanken entrissen würden! Und wenn ich's unterlasse, so geschieht's wahrhaftig nicht, um meinen alten Rücken zu schonen. Der kann mehr vertragen, als Ihre Brust! Graf Bertram . Pah! als ob's ein Unglück wär', Blut zu speien! Nur das ist eins, nicht genug zu speien! Und du meinst, das kommt von finstern Gedanken? Ei, alter Narr, als ob du nicht recht gut wüßtest, daß es vom Tanzen, Trinken, Schwärmen, Jagen, genug, von den angenehmsten Dingen der Welt, gekommen ist! Christoph . Das erstemal! Graf Bertram . Nun gut, all dieser genossenen Herrlichkeiten erinnere ich mich, wenn ich unter einem alten kräftigen Baum liege, der aussieht, als ob er der Erde die Auszehrung entziehen könnte, weil er zu stark an ihren Brüsten saugt. Ich gedenke des brillanten Balls beim Minister, wo ich gegen Morgen meine Brust zum erstenmal fühlte, und wo ich nur um so ärger zu rasen anfing, weil ich sie natürlich dafür strafen mußte, daß sie nicht von Eisen war; ich vertiefe mich in die Wonnen jenes dreitägigen Kommerses, wo mir zuletzt das helle Blut aus dem Halse schoß, und wo ich noch mit röchelnder Lunge so lange behauptete, es sei der rote Wein, bis ich ohnmächtig zusammensank; ich – – o, du weißt nicht, wie einem Helden zumute ist, wenn er auf seine Taten zurückschaut und das herrliche Ziel, dem sie ihn entgegenführten, ins Auge faßt! Ich weiß, wenn ich bis zu diesem Punkt komme, auf einmal wieder, wozu ich nütze bin; hab' ich denn nicht vortrefflichen Mist aus mir gemacht? Hab' ich den Elementen, die dich und deinesgleichen gewiß nicht ohne Magenweh verdauen können, nicht wacker vorgearbeitet? Wird ein Baum, wie dieser hier, nicht vielleicht, wenn ich ihn dünge, noch einen letzten Schuß tun, so übermütig-keck, daß die Himmelsdecke erschrocken um tausend Meilen weiter zurückweicht, damit der schöne blaue Atlas, womit sie ausgefüttert ist, nicht Schaden nehme an irgend einem scharfen Zweig? Denn daß ein solcher Baum mir das Holz zum Sarg hergeben sollte, daran ist, obgleich er sein Alter schon nach Jahrhunderten zählt, nicht zu denken; ich fragte neulich einen, dem ich zu Füßen lag, aber der fing unwillig den Kopf zu schütteln an und warf mir zur Antwort sein grünstes Blatt ins Gesicht! Christoph . Ja! So sprechen Sie, und ich soll gehen! Graf Bertram . Nun, so bleib, alter Narr, aber nimm dich in acht, ich werde dich quälen! Sag mir doch, Christoph, wie alt bin ich? Christoph . Ja, das weiß ich, wie's Kirchenbuch! Es war zu Weihnacht – Graf Bertram . Ich bin als Weihnachtsgeschenk geboren, ich weiß. Aber wie alt? Christoph . Ihre gnädige Frau Mutter – Gott hab' sie selig – Graf Bertram . Zur Hölle ist sie wenigstens nicht verdammt, ihren Sohn sieht sie nicht verwesen. Ich weinte, als sie starb – wie lächerlich! Aber noch einmal, wie alt? Christoph . Nun, du mein Gott, zweiunddreißig – Graf Bertram . Jahre oder Jahrhunderte? Christoph . Ei, da Sie so scherzhaft sind, wie Sie wollen, gnädiger Herr! Graf Bertram . Also Jahrhunderte! Nun, da kommt's aus! Ist mir doch zumute, als wüchsen aus meinem Fleisch die wüsten Disteln und Brennesseln schon heraus, die sich auf meinem Grabe brüsten werden – ich brauche mich nur nach Art der Toten auf den Rücken zu legen und die Augen zu schließen, so hab' ich ein Gefühl, als ob ich ein wucherndes Beet voll Kirchhofunkraut wäre; das neigt und beugt sich gegeneinander: auch schon da, Frau Muhme? und ein kalter Wind bläst hindurch! Pah, wieder sollt's anders sein! Wer mir Friedrich Barbarossa vor Mailand lag, wer mit dem Hunnenkönig kämpfte und ihn dreimal aus dem Sattel hob, der braucht sich nicht zu schämen. Damit verteidigte ich mich neulich im Traum gegen einen, der mir Nasenstüber gab und mich dabei ausspottete, weil mir der Arm, den ich zur Abwehr gegen ihn erheben wollte, am Leibe hängen blieb, als hätte ich ihn von einem Leichnam geborgt. Ich hielt ihm meinen Anteil an jeder berühmten Heldentat der letzten zwei Jahrtausende entgegen; ich beschrieb ihm die Wunde, die ich dem Richard Löwenherz im linken Bein über dem Knie beibrachte, ganz genau; ich fragte ihn zuletzt triumphierend, ob's genug sei und ob ich mich erschöpft fühlen dürfe. Er zog ab, wie einer von einem Toten abziehen mag, an dem er im Rausch gefrevelt hat, weil er ihn für einen Faulpelz hielt; er war zufriedengestellt, ich war es selbst und legte mich auf die andere Seite; mir war wirklich, als ob ich die hungrige Zeit mit meinem dünnen Ich schon so viele Jahrhunderte, als ich Jahre zählte, gefüttert und ihr doch noch für den nächsten Tag ein kleines Frühstück aufgehoben hätte. Und wahrlich, wenn ich dies alles nicht wirklich getan habe, so kann die Ewigkeit, und kriecht sie ihren Ring bloß meinetwegen noch zehnmal aus, keine Entschuldigung dafür ausfinden, daß ich bin, was ich bin! Christoph . Gnädiger Herr, wollen Sie mir nicht zürnen, wenn ich ein Wort – Sie können ja, so schnell Sie wollen: halt's Maul! sagen! Graf Bertram . Du willst dich für das Zuckerwerk bezahlt machen, das du, als ich noch ein Bübchen war, für mich stahlst. Ich erinnere mich, du kamst einmal selbst in den Verdacht der Näscherei und mußtest von der Beschließerin eine lange Rede über einen sehr schnöden Text anhören. Dein Gesicht – Alter, sieh noch einmal so aus, vielleicht werd' ich auf einen Augenblick wieder Knabe. Nun gut, sprich, ich bin in deiner Schuld! Christoph . Die Trine, die! Nun also, gnädiger Herr – das müßige Umherziehen in der Welt tut Ihnen nicht gut! Warum – Sie sind so klug, können den ganzen Tag sprechen, ohne dieselbe Sache zweimal zu sagen, reden in jedem neuen Lande mit einer neuen Zunge, bon jour, buon giorno , als ob Sie in Jerusalem die ersten Pfingsten mitgefeiert hätten – und warum – ich weiß ja, wie oft Ihr Herr Onkel Ihnen ein Amt angeboten hat, noch letztes Neujahr, wenn nicht seitdem schon wieder, warum nehmen Sie keins an? Er nimmt's so übel, wie unsereiner, wenn wir einen guten Bekannten zum Mittagessen einladen und er »Danke!« sagt, und – ja, Ew. Gnaden, das glauben Sie nur, Beschäftigung – – Hätte ich nicht immer für Sie zu tun und zu sorgen gehabt, ich wär' auch ein Melancholikus geworden, wenn das nicht ein Hochmut von mir ist; denn es steckt auch in mir noch ein anderer Kerl, als bei Sonnenschein aus dem Fenster sieht, – wenn's regnet, kriecht er aus, wie die Würmer, aber dann klopf' ich einen Rock aus, und das wirkt, als ob ich mich selbst ausklopfte. Ein Amt – – Graf Bertram . Ich habe ein Amt – ich lebe! Christoph . Dies Amt haben wir alle! Graf Bertram . Für Euch ist's eine Freude, ein Spaß, für mich ein Geschäft, das ich nicht aufgeben darf, obgleich ich bankerott bin, weil mir scheint, daß ich's für fremde Rechnung führe! Pah, du weißt viel davon, was vorgefallen war, als ich dich jenen Abend von zwei Pistolen, die auf dem Tisch lagen, die eine aus dem Fenster abfeuern ließ! Christoph . Das war mein Meisterschuß! In Nacht und Nebel hinein und doch was getroffen. Der Rabe trappt noch jetzt mit zerschoßnem Flügel auf dem Hof! Graf Bertram . Damals fragt' ich an – (Für sich.) Aber Nein! war die Antwort! O, welch ein Tag! Es war der erst nach meiner Genesung! Vor dem Weinstock unter meinem Fenster, der mich mit seinen schwellenden Trauben zu höhnen schien, vor der aufblühenden Schönheit des Gärtnerkindes, das mir einen Strauß brachte, vor allem, was mir frisch und lebendig-reizend entgegentrat, fühlte ich mein Nichts; wie eine vom Wind aufgeblasene Menschenhaut mit verklebter Mundritze kam ich mir vor. Es war Abend – wozu soll es wieder Morgen für mich werden? dacht' ich und griff zur Pistole. Aber da durchzuckte mich ein anderer Gedanke. Hast du nach einem solchen Leben denn auch das Recht auf einen solchen Tod? Und neben die erste mit der Kugel legt' ich die zweite ohne die Kugel und rief: entscheidet, ihr dort oben! Nun ein Gang durchs Zimmer, ein Griff aufs Geratewohl, den Hahn aufgezogen, die kalte Metallröhre an die Schläfe gesetzt und abgedrückt – – Ha, ich lebe noch (laut) – Christoph, feure die da durchs Fenster ab! Christoph . Längst geschehen, gnädiger Herr! Graf Bertram . Ich glaube, immer allein zu sein! Christoph . Könnt' ich ihn doch auf andere Gedanken bringen! Frisch darauf los! Auch der Ärger wird ihn zerstreuen! – Und wenn's denn mit dem Amt nichts ist, Ew. Gnaden könnten auch heiraten! H'raus ist's, wie der eingerostete Schuß aus der Büchse, die er verdarb! Graf Bertram . Nicht wahr, Alter, es müßte reizender sein, in den Armen eines schönen Mädchens zu verwesen, als im Grabe! Für ein staubiges Leichenkissen eine schwellende Brust, die den Schlummernden wiegte, und milde sanfte Augen, die statt kalt blinkender Sterne auf ihn herabschauten, vielleicht gar auch ein Finger, der mit überwundenem Ekel den ersten Wurm zurückschnellte – welche ein Tausch! Aber, wie ich darüber denke, könntest du wissen, du hast gesehen, mit welchem Entsetzen ich floh, als jenes unglückliche Kind – unglaublich ist es mir, unglaublich, es heißt doch, daß ein Kainszeichen flammt! Und doch, ich darf nicht hoffen, daß ich mich getäuscht habe, sie fand wirklich Gefallen an mir! Genug, ich verdammte mich zur schleunigsten Flucht, als ich's bemerkte, und wir sind jetzt zweihundert Meilen von ihr entfernt! Christoph . Ja, und sie – ei, was weiß ich alter Esel davon, aber dafür bin ich Bürge, wenn ihr die Ohren klingen, so sagt sie jedesmal zu sich selbst: nun spricht einer von mir, und der eine – jetzt geschah's ja auch! Graf Bertram . Du meinst, dies Kind hätte einen Menschen, wie mich, nicht über den ersten Zeisig, den man ihr im Frühling fing, wieder vergessen? Christoph . Nein! so wenig, als den Zeisig über Ew. Gnaden, wenn ihr einer davongeflogen wäre. Solche alte finstere Schlösser im Norden, ei, ich bin ja selbst so in der Einsamkeit aufgewachsen und weiß, wie die Menschen da sind; die pflücken keine Rose, die nicht nachher in die Bibel gelegt und getrocknet würde, und wenn ein Mädchen – vornehm und gering, sie sind alle gleich! Nun, das war eine Grafentochter, und da Ew. Gnaden nun einmal solche Skrupel haben – gut, gut! Aber es gibt auch andere, Arme – Graf Bertram . Und die, meinst du, darf man ruhig mit dem goldenen Ring an einen Leichnam kette, die darf man – – nein, bewahre mich Gott in Gnaden vor einer Großmut dieser Art; erwecke er in mir, wenn er mich nicht anders davor schützen kann, noch jetzt den Ahnenstolz meines Ur-Urgroßvaters, der einmal als Jüngling, wie er von einer Mesalliance hörte, erklärt haben soll, er werde eher um eine Löwin oder eine Bärin werben, als um eine Venus aus dem Bürgerstande. Ich scheue die Mißheiraten nicht so sehr, wie er, aber die zwischen Leben und Tod scheue ich allerdings; denn sie ist die Mutter der Gespenster! Christoph . Um eine Bärin! Das war der wilde Herr mit der Reiherfeder auf dem Hut, dessen Nase man nicht mehr sieht, weil die Mäuse sie aus seinem Porträt herausgefressen haben; natürlich Folge davon, daß man die Katzen zu gut bei uns füttert. Ich hab's tausendmal gesagt, wenn ich hinter die Treppe guckte und die zinnerne Schüssel stehen sah, die immer voll war! Graf Bertram . Jetzt geh' zum Wagen, Alter, ich folge; es wird kühl! Christoph . Kühl! (Für sich.) Ja wohl, in Gedanken! Ich kann's mir recht lebhaft vorstellen, wie angenehm es jetzt bei uns zulande von den Firnen herweht! Ja, Tirol, Tirol! Aber hier, wo die Eier nur so lange frisch sind, als die Henne sie noch nicht gelegt hat – – Gott, Gott, wie glücklich werde ich mich fühlen, wenn ich keine Orangen und Zitronen mehr sehe, außer wo sie hingehören, am Weihnachtsabend in der Punschterrine oder auf der Bratenschüssel im Maul eines Eberkopfs! – Soll Paul näher heranfahren? Ich glaube, daß er's kann! Graf Bertram . Nein! (Christoph ab.) Sechste Szene. Graf Bertram (allein) . So ist's, Jammermensch, so ist's! Bilde dir nicht ein, daß du dich zu tief herabsetzen kannst! Du bist solch ein Aber der Menschheit, das sie knirschend hinzufügt, wenn sie ihre Cäsaren und Napoleone aufgezählt hat. Ha, Taten! Hast du nicht einst von Taten geträumt? Aber du meintest, diese Zeit sei nicht die Zeit der Taten, als ob's nicht auch eine Tat wäre, sich bereitzuhalten, und nun machtest du's, wie ein schlechter Soldat, der sich auf seinem Posten langweilt, du verspieltest deine Waffen! Schaudre! Schaudre! Wie ständest du da, wenn du jetzt gerufen würdest! Und dennoch könnt' es kommen; denn die Erde bebt in ihren Festen, und es wird so schwer sein, sie an Ketten zu legen, als in der Donnerwolke, die finster und geladen über ihr schwebt, die Blitze mit einer Handspritze auszulöschen. – Und wenn das Auge eines Mädchens freundlich auf dich blickt, so muß du das deinige schließen und vor ihm zurückweichen; denn nie darfst du eins zum Weibe machen, dein eigener Sohn würde dich dereinst dafür auf Pistolen fordern! Was bleibt dir? Nichts als die Hoffnung, daß es vielleicht noch irgendwo ein Loch in der Welt gibt, wo ein Kerl, wie du, der nur noch Ding ist, hingestopft werden kann, wie ein Fetzen in einen Fensterriß; nichts, als ein Nachspringen ins Wasser, wenn ein Trunkenbold hineinfiel, um ihn zu retten, oder, wie's dir ging, als du's tatst und selbst untersankst, von ihm gerettet zu werden, nichts, als – (Man hört Stimmen.) Menschen! Ich kann keine sehen! (Ab.) Siebente Szene. Julia und Pietro (treten auf) . Julia . Ist dies der rechte Weg? Pietro . Würdet Ihr mich bezahlen, wenn ich Euch einen verkehrten führte? Julia . Ich hoff', er lügt. (Laut.) Er ist so einsam, als ob wir ihn erst bahnen sollten! Pietro . Fürchtet Ihr Euch vor mir? Julia . Ich will ihn reizen! (Laut.) Vor dir, der du dich selbst im letzten Dorf vor einem lahmen Hund fürchtetest? Pietro . Wie war das? Julia . Und er hatte nicht einmal mehr Zähne im Maul, er biß nur noch in Gedanken! Pietro . Es ist hier wirklich einsam. Man täte wohl, mich bei guter Laune zu erhalten! Julia . Ja? Pietro . Ja, und noch einmal Ja! Julia . Warum? Pietro (zieht ein Messer) . Julia . Du hast doch auch Äpfel bei dir? Pietro . Hohn und Spott? Weib, wenn ich dich niedersteche, so fällt nicht einmal ein Verdacht auf mich! Man wird's den Räubern mit auf die Rechnung setzen, die hierherum im Walde hausen. Darum – gibst du mir, was du bei dir trägst? Dreimal hast du deine Börse gezogen, ohne daß es nötig war, ich weiß, sie ist schwer! Julia . Gute Nacht, Welt! (Laut.) Wenn ein andrer das sagte, so – dir dreh' ich bloß den Rücken zu! (Sie tut's.) Und doch tu ich's nur, weil mich schaudert! Pietro . Ha! (Er dringt mit dem Messer auf sie ein.) Achte Szene. Graf Bertram (tritt hervor) . Bube! Pietro (wirft das Messer nach ihm) . Verflucht! Ich – spaßte ja nur! (Entspringt.) Julia . Ich kann Ihnen nicht danken, denn ich muß dies Messer selbst wieder aufnehmen! Graf Bertram . Ich versehe Sie nicht! Julia . Sie meinten es gut –Leben Sie wohl! (Sie will gehen.) Graf Bertram . Gehen Sie nicht. Sie begreifen, daß ich Sie so nicht gehen lassen kann! Julia . Ich fühle, daß Sie es doch tun werden! Graf Bertram . Nimmermehr! Dieser Mensch könnte Ihnen noch auflauern. Julia . Ich hoffe es sogar! Nur weil ich ihn für einen verkappten Banditen hielt, erkor ich ihn zu meinem Führer. Graf Bertram . Sie wollen sterben? Julia . Ich muß! Graf Bertram . Ich werde Sie hindern, solange ich nicht weiß, daß Sie ein Recht dazu haben! Julia . Ich bin unglücklich! Graf Bertram . Ich bin's mehr, wie Sie, und ich lebe! Julia . Ich würde andre unglücklich machen! Graf Bertram . Und diese andren – sind sie's wert, daß Sie ihnen das ersparen? Julia . Ich – Wer sind Sie, daß Sie mir Fragen vorlegen, auf die ich nur Gott zu antworten brauche? Graf Bertram . Ein Mann, der nicht über Meer fährt, ohne den Wunsch zu hegen, hineinzuspringen, der keine Pistole erblickt, ohne unwillkürlich die Hand danach auszustrecken, und der sich doch schon auf dem Meer bei einem Sturm am Mastbaum festhielt, der doch jede Pistole liegen läßt. Ein Mann, der allen das Leben gönnt, die es haben, aber nur den wenigen den Tod, die ihn verdienen. Julia . Wenn Sie mich zu diesen wenigen rechnen müssen, wollen Sie mir ihn geben? Graf Bertram . Um keinen geringeren Preis Ihr Vertrauen? Ich habe sogar die Kinderkunst, Schmetterlinge zu fangen und Rosen zu pflücken, wieder verlernt. Julia . Ich verlangte etwas Törichtes. Verzeihen Sie es meinem Mädchenmut! Ich möchte den Tod finden, es schaudert mich, ihn zu rufen. Graf Bertram . So jung, so schön, und – es kann nicht sein! Julia . Hören Sie mich, und wenn Sie mich gehört haben, so gehen Sie links und lassen Sie mich rechts gehen. Ich werde, das fühl' ich, den letzten Schritt leichter tun, wenn ein Zweiter ihn billigt. Graf Bertram . Wenn ich ihn billige, so werde ich ihn nicht länger verhindern. Reden Sie! Julia . Ich bin aus dem Hause meines Vaters geflohen. Graf Bertram . Warum? Julia . Um – aber glauben Sie, glauben Sie, ich konnte nicht anders, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich es nicht getan hätte! Sollte man denn nicht wahnsinnig werden, wenn ein Mensch, dem man vertraut hat, wie man Gott vertraut, auf einmal – – Und doch, doch! Bin ich denn jetzt wahnsinnig? Wer weiß! Wer weiß! Graf Bertram . Fassen Sie sich, und eröffnen Sie mir Ihr Herz, Sie sagten mir noch nichts. Sie flohen aus dem Hause Ihres Vaters, um – Julia . Um meinen Geliebten aufzusuchen, meinen Bräutigam! Ich erröte nicht, indem ich es eingestehe. Ging ich denn, um mich von ihm in die Hochzeitskammer einführen zu lassen? O nein, darauf rechnete ich nicht mehr Ich ging, weil ich nicht zweifelte, daß man mir, wenn ich nach ihm früge, statt seiner Wohnung ein Grab zeigen würde. Denn er mußte tot sein, oder – – Gott, Gott, wie konnte ich ahnen, daß ich's mit einer Maske zu tun hatte! Graf Bertram . Mit einer Maske? Julia . O wie edel, wie ganz des Begriffs würdig, den jede meines Geschlechts von einem Mann in ihrem Herzen trägt! So im Vorübergehen eine junge Seele zu zerpflücken wie einen verwelkten Blumenstrauß, und ihr zum Andenken, zum Lohne für ihre unschuldige Hingebung nichts zu hinterlassen, als den Domino, den man eben trug! Graf Bertram . Armes Kind! Julia . Nicht einmal den Namen! Nicht einmal den Namen! Fürchtetest du, Antonio, mein Fluch möchte sich an ihn ketten? Der ewige Rächer wird doch wissen, wem er gilt. O, daß ich schon daläge in meinem Blute, und daß er dich heranführte! Daß er dich zwänge, deine Verdammnis aus den Verzerrungen meines Gesichts, aus meinem gebrochenen Auge herauszulesen! Er kennt meinen Schmerz, er tut es vielleicht. Elend, verächtlich ist ein Weib, das sich betrügen läßt und ein hohles Leben feig zu Ende schleppt. Hätte die erste, an der ein Treubruch begangen ward, den Mut gehabt, sich einen Dolch ins Herz zu stoßen, wer weiß, ob eine zweite das gleiche Schicksal erfahren hätte! Graf Bertram . Ich ahne – Julia . O freilich, Sie ahnen, Sie sind ein Mann! Und ich, nicht wahr, ich bin eine Törin, zum wenigsten eine Törin, daß ich mich beschwere. Warum ließ ich auch die Rose fallen, da er eben vorüberging! Hätt' er ich bemerkt, hätt' er zu mir aufgesehen, wenn dies nicht geschehen wäre? Jetzt tat er's, er war in seinen Gedanken gestört, sollt' er sich dafür nicht an mir rächen? Mir entfiel sie freilich mehr, als ich sie fallen ließ! Und als zugleich mit ihm ein Betteljunge darnach griff, und er zu meinem Balkon hinaufrief: wem gehört sie? da sagte ich: dem Wind, der sie mir entführte! und trat zurück. Graf Bertram . Und? Julia . Und? Sie ahnen nicht alles? Sie fragen noch? Nun ja, warum nicht, es führt wohl mehr als ein Weg zur Hölle. Wissen Sie, wie ein Mädchen ist? Lachen Sie doch! Wenn ihr jemand auf Schritt und Tritt folgt, wenn sie ihn allenthalben sieht, in der Kirche unter den Heiligenbildern, im Garten unter den Rosen, wenn er ihr durch Blicke und Mienen zeigt, er sei unendlich unglücklich und sie könnte ihn glücklich machen: sie zweifelt, sie zweifelt vielleicht lange, aber sie glaubt's zuletzt. Wenn er sich nun, sobald ihr Auge mit teilnahmvollem Mitleid auf ihm zu ruhen anfängt, zur Nacht in ihr Haus, ja in ihre Kammer zu schleichen weiß, wenn er in dem Augenblick, wo sie sich vor der Mutter Gottes auf ihren Knien niederlassen will, aus einem Winkel vor sie hintritt und ihr zuruft: reiche mir deine Hand, oder wecken Sie Ihren Vater, daß er mit seinem Dolch einen Unglücklichen durchbohre, der sich nicht verteidigen wird! da kann es begegnen, daß sie vor Entsetzen in Ohnmacht fällt, und sich doch, wenn sie aus der Ohnmacht erwacht, den Armen, in die sie hineingesunken ist, nicht mehr zu entwinden sucht; es kann begegnen, daß sie sich dem Mann, der das tut, in Liebe ergibt, weil sie ihn nicht auf die Schlachtbank zu liefern wagt. Graf Bertram . War das Ihr Fall? Julia . O, nicht ganz, nicht ganz! Die Zusammenkunft hätt' ich ihm nicht bewilligt, das weiß ich, und ohne die erste wäre auch die zweite und dritte, wäre mein ganzes Unglück nicht möglich gewesen. Aber seine edle Gestalt, sein Gesicht mit dem rätselhaften Schmerzenszug, sein dunkelleuchtendes Auge, alles dies hatte sich meinem Herzen schon zu tief eingeprägt, als daß mein Blick nur Mitleid, nur Teilnahme hätte ausdrücken sollen. Genug, ich fand ihn, und mein Vater fand ihn nicht. Graf Bertram . Warum hielt er nicht um Sie an? Julia . Er heißt anders, als er sagte, er lebt in einer andern Stadt, als er mit nannte, er wird auch andere Gründe gehabt haben, als er vorschützte. Soll ich wiederholen, was er gegen mich aussprach, und was ich selbst nicht mehr glaube? Etwas seltsam Geheimnisvolles umgab ihn; es kam mir zuweilen vor, als ob er mich über sich und seine Verhältnisse täuschte, aber so, daß ich es merken sollte; ich gab es ihm einmal zu verstehen, da lächelte er und antwortete: sei nur erst mein, und du wirst klar sehen! Ich ward sein! Ich ward es erst nach den heiligsten Schwüren, von denen Gott selbst wohl nicht geglaubt hat, daß sie gebrochen werden könnten, aber ich ward's! Verachten Sie mich, ich weiß, daß ein Weib das Unmögliche möglich machen, ich weiß, daß es lieben und doch nicht vertrauen, daß es in einem Wesen untergehen und dies Wesen doch zugleich des schmählichsten Verrates fähig halten soll! Ich bewundere meine Schwestern, die das können! Graf Bertram (faßt ihre Hand) . Ich verachte Sie nicht. Julia . Ich ward sein. Ich schauderte vor der wilden Freude, die er nun verriet; mir war, als ob ihn nicht bloß die Liebe, sondern zugleich ein fremdes unheimliches Gefühl, die Rache, hätt' ich sagen mögen, berauschte, ich fragte ihn, und ich wußte selbst nicht warum, ob er meinen Vater hasse. Nicht mehr, versetzte er, aber wenn auch? Dich lieb' ich darum nicht weniger! Mich überlief es kalt, er bemerkte es, preßte mich noch einmal in die Arme und rief: vergib, aber du weißt nicht, was ich alles in meiner Brust ersticken mußte, ehe dein Kuß mir so süß schmecken konnte. Er unterbrach sich, nach einer Weile murmelte er: nun muß sie mir mit fort, sobald die Stunde kommt, ihr bleibt keine Wahl! Er hatte recht, ich mußte, mir blieb keine Wahl. Aber, als nun die Stunde kam, als ich meinen schlafenden Vater schon, ich glaubte zum letztenmal, geküßt und ihn durch eine meiner brennenden Tränen, die auf seine Wange fiel, aus dem Schlummer fast geweckt hatte, als ich, den Schlüssel zur Tür in der Hand, harrend auf dem Balkon stand, da stellte der Mann, dem ich dies größte Opfer zu bringen gedachte, sich nicht ein, um es entgegenzunehmen, da harrte ich umsonst und hatte ein Gefühl, wie es diejenige haben mag, die, zum äußersten Schritt bereit, in einen See hinabspringt und ihn unter sich gefroren findet! Ha! der Mond mag mit Abscheu auf ein Geschöpf geblickt haben, das entschlossen war, den alten Vater zu verlassen und dem Geliebten zu folgen, aber die Morgensonne hat gewiß nicht ohne Mitleid ein verschmähtes Weib, das sich erst jetzt entehrt, geknickt und zertreten fühlte, zurückschwanken sehen ins Haus! Graf Bertram . Und Sie hörten nichts weiter von ihm? Julia . Nichts, nichts. Die Tage verrannen, die Wochen, die Monate, ich hörte ich sah nichts von ihm. Anfangs standen die Gedanken mir still, ich erfuhr, daß man aufhören kann zu leben, ohne zu sterben, ich brachte Stunden damit hin, daß ich meine Pulsschläge zählte. Dann begann es sich unter meinem Herzen zu regen, mir war, als ob es lebendig würde in einem Sarg, das Bewußtsein kehrte mir zurück, ich empfand den schwersten Fluch des Weibes, der die Seligkeit, die höchste Seligkeit in Verdammnis verwandelt, ich fing an, den Menschen, der ihn mir auferlegt hatte, zu hassen, wie das Böse selbst. Auch diese Zeit ging vorüber; ich dachte an das Schicksal und seine Tücke, er wird krank sein, rief ich aus, er ist tot, setzte ich hinzu, als mir einfiel, daß Kranke Boten finden können, und dieser Gedanke, nicht wahr, es ist entsetzlich?, erhöhte meine Verzweiflung nicht, er verringerte sie, er war mir tröstlich. Aber nun löste eine Qual die andere ab, ich dachte an meinen Vater, und das Herz wollte mir zerspringen! Er ahnte nichts, er sah nichts, sein Vertrauen in mich war grenzenlos; er suchte, als er mich einmal im Weinen überraschte, den Grund meiner Tränen in der Furcht vor dem Weltuntergang! Ich schauderte vor dem Augenblick seiner Enttäuschung, ich schauderte noch mehr, als man mich zur Marienjungfrau wählte, als man mich, mich auserkor, am Rosenfest allem Volk das heilige Bild vorzutragen, und als ich seine verhaltene Freude darüber sah, sein erzwungen gleichgültiges, mühsam zusammengehaltenes, und doch vor befriedigtem Stolz fast zerspringendes Gesicht. Sollte ich den furchtbaren Tag abwarten, um zur Sünde den Meineid zu fügen? Sollte ich vor den Altar treten, das Bild herunternehmen und feierlich schwören: ich berühre dich mit reiner Hand! um gleich darauf zusammenzubrechen und auszurufen: ich habe falsch geschworen!? Denn das ist schon einmal geschehen, und ein Jahr ist darauf gefolgt, in dem jedem Dämon Gewalt über die Menschen gegeben war, weil die Gnadenmutter ihr Antlitz zürnend abgewandt hatte. So verstockt hatte mich die Verzweiflung noch nicht gemacht, ich beschloß zu fliehen, ich tat's. Mein Geliebter hatte mir einen Namen genannt, eine Stadt, ich begab mich dahin und fand keine Spur von ihm, was blieb mir noch übrig, als den Tod zu suchen? Sie sehen, wie unrecht Sie hatten, den Mann mit dem Messer zu stören! Graf Bertram . Ich sehe, daß eine Pflicht Sie aus der Welt hinausweist, aber auch, daß eine zweite und eine noch heiligere Sie darin zurückhält. Es kann beiden genügt werden. Ich bin bereit, Sie zu heiraten. Julia . Sie? Graf Bertram . Fragen Sie nicht nach dem Warum. Es kann Ihnen gleich sein. Fürchten Sie nicht, daß ich Liebe von Ihnen fordern werde! Ich selbst kann Ihnen keine gewähren und werde Ihre Hand nur das eine Mal berühren, wo der Priester sie vor dem Altar in die meinige legt. Ich will nichts, als Ihrem Vater einen Schmerz und Ihnen eine furchtbare Notwendigkeit ersparen. Julia . Ha! Graf Bertram . Ich bin ein vornehmer Herr, ein deutscher Graf; welche Ansprüche Ihr Vater an seinem Eidam machen mag, ich kann alle und jede befriedigen. Ihren übereilten Schritt nehme ich auf mich, ich werde ihn so darzustellen wissen, daß er Verzeihung findet! Ich – ich bin Ihr Entführer! (Julia faßt sich an die Stirn.) Graf Bertram . Ich habe für Sie die Bedingung gemacht und werde sie heilig halten: Sie werden mir ewig so fremd bleiben, als Sie es mir gestern, als Sie es mir noch vor einer Stunde waren! Auch ich habe Ihnen eine zu stellen, sie ist leicht: Sie sollen es mir bloß sagen, wenn Sie den Mann, der Sie verließ, durch Zufall wiedersehen, und mir bekennen, mit welchen Gefühlen Sie ihn wiedersehen! Und nun fragen Sie Ihr Herz, ob es Ihnen noch das Recht auf den Tod zuspricht – ich zweifle. Julia . Nein! Wenigstens noch nicht! Graf Bertram . So folgen Sie mir zu Ihrem Vater! (Beide ab.) Zweiter Akt. (Sarg mit herumstehenden Gueridons, auf denen Valentino die Lichter anzündet.) Erste Szene. Valentino . Man sagt, die Sonne sieht nichts Neues; ob ihr auch dies nicht neu ist? Wenn ich noch mehr solcher Dinge erlebte, ich könnte verrückt werden! Seit acht Tagen sag' ich nun kein wahre Wort und bin schon so aus dem Geleise gebracht, daß, wenn mich einer frägt, ob ich Valentino heiße, ich nur kaum noch mit Ja zu antworten wage. Wahrlich, mir ist nicht wohl zumut. Freilich komm' ich ins Testament und darf jetzt die vollen Schränke und Kasten im Hause mit ganz andern Augen betrachten, wie früher. Aber das gibt mir vollends den Rest! Was machte ich mir sonst daraus, wenn ich etwas zerbracht oder verdarb? Jetzt zittre ich für jeden silbernen Löffel, ich habe nachts eine Angst vor Dieben, die mich nicht schlafen läßt, ja ich hätte meinen Herrn, als er heute mittag sein Trinkglas etwas heftig niedersetzte, anfahren und ihn, als ob ich schon Besitzer wär', zur Vorsicht ermahnen mögen. Gebe nur der Himmel, daß der Totengräber nicht ein solcher Unhold sei, als man glaubt! Man legt ihm sein nächtliches Arbeiten auf dem Kirchhof nicht zum besten aus, so viel er auch von übertriebenem Sterben und von der Unmöglichkeit, bei Tag mit den Gräbern fertig zu werden, fabelt. Wenn er auf den Gedanken käme, sich mit dem Brecheisen an diesem Sarg zu versuchen, und die Steine fände, die ich hineingelegt, die alten Kleider, womit ich sie umwickelt habe, wir wären verloren! Er würde schon, ohne sich selbst zu verraten, einen Verdacht zu erregen wissen und – es kommt jemand! Da hab' ich die Tür offen gelassen – willst du noch einen weiteren Beweis, Mensch, wie es mit dir steht? Am Ende wiegt sie nicht schwer genug, oder zu schwer, und die Totenträger – Zweite Szene. Antonio (stürzt hinein) . Ist es wahr? Ist es wahr? Valentino . Was denn? Antonio . Ich hörte – Wer liegt in diesem Sarg? Valentino . Wer denn wohl sonst, als – – Lesen Sie das Schild! Name und Jahreszahl stehen ja sauber eingegraben darauf! Antonio . Signora Julia, Tochter des Signor Tobaldi, alt achtzehn Jahr, gestorben am elften um die Mittagsstunde. Vortrefflich! Herrlich! Aber, Teufel, du verrechnest dich! Valentino . Vortrefflich! Herrlich! Antonio . Wäre ich noch nicht dein, ich würde mich dir vielleicht ergeben, aber jetzt – wie starb das Fräulein? Valentino . Wie? Nun – Antonio . Du bist verlegen – Sie nahm Gift? Sie brauchte – (Er zeigt einen Dolch.) Valentino . Gift? Dolch? Das nicht! O nein! Wie hätte sie – Antonio . Freilich, wie hätte sie! (Für sich.) Willst du sie noch im Sarge beflecken? (Laut.) Sie war so jung, so schön, so blühend frisch, daß ein natürlicher Tod fast noch unmöglicher erscheint, als ein anderer! Sahst du nie eine Rose, die sich selbst brach, weil sie zu voll war? Valentino . Nein! Allerdings! will ich sagen – (Er bläst ein Licht aus.) So ging's! (Er zündet's wieder an.) Schnell, als ob droben plötzlich ein Engel heiser geworden wäre, für den sie das Hosianna singen sollte. Sagen die Leichenfrauen nicht so in solchen Fällen? Antonio . Aber vorher – vorher – War sie traurig? Fand man sie zuweilen – – Du bist ja der einzige Bediente im Hause und mußtest oft um sie sein – – fand man sie in Tränen? Schien sie sich zu grämen? Du weißt, der Tod kündigt sich doch gewöhnlich auf irgend eine Weise an – Ahnungen stellen sich ein, eine Niedergeschlagenheit ohne Grund bemächtigt sich des Menschen – Was bemerktest du? Valentino . Nichts! Gar nichts! – Antonio . Nichts? Valentino . Nichts von dem, was Sie meinten. Sie war fröhlich, wie immer! Antonio . Das ist nicht wahr! Dann müßt' ich zweifeln, daß sie mich – – So! Fröhlich! Valentino . Wenn ich sie sah! Antonio . Wenn du sie sahst. Ja, ja. Wenn er sie sah. Sei ruhig, wahnsinniges Herz, das es fast tröstlicher zu finden scheint, sie gemordet zu haben, als ihr gleichgültig geworden zu sein. Valentino . Aber ich weiß nicht, wie ich dazu komme – Antonio . Öffne, öffne den Sarg! Valentino . Den Sarg? Antonio . Ich muß sie noch einmal sehen – Schnell! schnell! Valentino . Noch einmal sehen? Haben Sie sie denn schon gesehen? Sie sind völlig fremd in diesem Hause, und, wie mir deucht, auch in der Stadt. Antonio . Was fragst du viel! Nimm! (Gibt ihm eine Börse.) Und öffne! Valentino . Der Sarg ist verschlossen, und der Vater hat den Schlüssel. Antonio . Führe mich zu ihm, er wird barmherzig sein, ich will ihm dafür alles, alles vergeben, was er an meinem Vater und durch den an mir verbrochen hat. Valentino . Verbrochen? Signor Tobaldi verbrochen? Antonio . Ja! ja! Ist der Name Grimaldi in diesem Hause unbekannt? Ich bin sein Sohn, und das Blut wallt mir auf, wenn ich – Führ' mich zu ihm! Valentino . Ich darf ihn nicht stören! Antonio . Was will ich auch! Mit Blumen wird sie die Todeswunde bedeckt, mit Lächeln den Schmerz übergüldet haben, um sich erst in der Nacht, auf die kein Tag mehr folgt, auszuweinen! Soll ich sie stören, soll ich den Verdacht, der jetzt schläft, wie sie schläft, wecken und – – Nein! Fahre wohl, Julia, fahre wohl, du milder schöner Stern! Mein Herz ist der Stein, der sich dadurch erwärmte, daß er deine Strahlen in sich sog. Nun wird er, wie jener, der nach Sonnenuntergang noch dankbar fortglüht und von der Sonne zeugt, noch ein wenig leuchten und dann erlöschen, wie du! (Er zieht die Pistole hervor.) Ja, ja, wie du! (Zu Valentino) Wann wird sie begraben und wo? Valentino . Heute noch und auf Sankt Lorenzo. Antonio . Das ist da, wo die Ulmen so düster über die Mauer schauen. Dahin! dahin! Diesen Alten möchte ich zu meinem Erben machen, da er mein letzter Wegweiser ist, ich möchte ihm den Edelstein schenken, der mir jenseits des Weltmeers das Haus bauen sollte! Doch nein, das Vermächtnis eines Räubers könnte schreckliche Folgen für ihn haben! Eines Räubers! Du hörst dies Wort doch nicht, Tote? Sonst möchtest du wieder aufstehen und dein junges Leben von dem Menschen zurückfordern, der dich zwar anders betrog, als du vielleicht glaubtest, der dich aber doch betrog! Ich will den Stein wegwerfen. Hebe ihn auf zu Fluch oder Segen, wer will. Ein spielendes Kind, das nicht weiß, was es findet und den Fund wieder für eine Blume hingibt oder – (Zu Valentino.) Wundre dich nicht über mich, Alter! Ich habe dein Fräulein geliebt, wenn sie auch nichts davon gewußt hat, ich habe sie oft in der Kirche gesehen. Valentino . Darüber verwundre ich mich gar nicht. Es ist hier noch einer in der Stadt, Anselmo heißt er, der über diesen plötzlichen Todesfall rasend geworden ist. Man hat ihn mit Stricken binden müssen, damit er sich nur nicht aus dem Fenster stürze. (Feierlich.) Sein Blut komme nicht über mich, wenn er's doch tut! (Für sich.) Was red' ich da wieder? (Zu Antonio.) Ich wollte nämlich nie einen Brief für ihn bestellen, nicht einmal Blumen und Früchte überbringen, obgleich ich die Hälfte für mich hätte behalten können. Antonio . Und nun – (Er küßt den Sarg.) Heute früh, als ich ankam, trank ich auf ihr Wohl und wünschte ihr so viele Jahre, als der Sonnenstrahl mir Perlen im Wein zeigte. Das war mein letztes Glas! Nun, alles hat ein Ende, und wenn morgen doch, warum nicht heut? Warum an gestern? könnt' ich auch fragen, könnt' ich eher fragen. Die Wunde hier, die mich für Monate darniederwarf, die mich in dem Augenblick darniederwarf, wo ich zu ihr eilen wollte, um mit ihr zu entfliehen und in einem neuen Weltteil ein neues Leben anzufangen, warum mußte sie wieder heilen? Wenn einem meiner mißtrauischen Teufel die Macht verliehen war, sie mir in der Stunde der Entscheidung zu versetzen, warum gebrach ihm die Kraft, tief genug zu stoßen, und warum mußte sich ein anderer aus schnöder Dankbarkeit zu meinem Beschützer und Pfleger aufwerfen? Gleichviel! Nach St. Lorenzo! (Ab.) Dritte Szene. Valentino (allein) . Nach Sankt Lorenzo! Der will doch nicht einen Totenträger vorstellen, der sich selbst dahinträgt? Mir graust! Einer wird wahnsinnig, der andere – – Nichts soll mich verhindern, gleich morgen zu beichten! Mein Herr! Gottlob, daß er nicht früher kam! Das hätte, des Fremden wegen, was gegeben! Wie er dreinschaut! Keck und sicher, als wären die Steine schon unter der Erde! Welche Strafe wohl auf einen solchen Betrug gesetzt ist! Vierte Szene. Tobaldi (tritt auf, einen erbrochenen Brief in der Hand) . Du bist hier? Rasch hinunter! Der Vater des jungen Anselmo wird gleich klopfen. Ich sah ihn über die Straße gehen. Unter keiner Bedingung bin und zu sprechen! Valentino . Ich werde ihn abweisen. Sein Sohn soll – Tobaldi . Ich bin kein Irrenarzt. Was geht's mich an? Kennst du ein Mädchen, das Haare hatte, wie meine Tochter? Schwarz und glänzend, daß kein Unterschied zu bemerken wäre? Valentino . Die Mädchen haben Haare von allen Farben. Tobaldi . Spür' eine auf. Es hat Zeit bis morgen. Du mußt mir eine Locke schaffen. Geh! (Valentino ab.) Fünfte Szene. Tobaldi . Ja, liebe Schwester, dein Wunsch soll erfüllt werden, wär's auch nur zum Dank dafür, daß du zur rechten Zeit krank geworden bist! Du hättest dir sonst dein Recht auf den Leichenkuß schwerlich nehmen lassen, und das würde mich in Verlegenheit gesetzt haben. Nun ist's bald vorüber! Wenn diese Lichter niedergebrannt sind, wenn diese Holzkiste mit Erde bedeckt ist, hab' ich in den Augen der Welt keine Tochter mehr. Wie leicht das alles ging! Sechste Szene. Alberto (tritt ein) . Nun? Tobaldi . Dank dir für deinen schwarzen Rock! Ihr Herren pflegt sonst die Zahl der Raben hinter einem Sarg nicht zu vermehren! Alberto . Und du bist und bleibst entschlossen? Tobaldi . Du fragst wie aus dem achten Jahre heraus, und hast das Westerhemdchen doch, wie mir deucht, schon geraume Zeit abgelegt. Als ob ich noch zurück könnte! Als ob auch nur eine Möglichkeit vorhanden wäre! Ich meine nur. Nicht, als ob ich zurück wollte! Alberto . Es würde dir nicht zur Schande gereichen! Ein solcher Betrug – Tobaldi . Gegen die Würmer ist unverantwortlich! Du hast recht. Ich hab's auch schon gedacht. Eine ganze Gesellschaft zusammenbitten und eine Schüssel ohne Braten auf den Tisch stellen! Welch ein – Aber sei ruhig, sie sind's schon gewohnt, es geschieht nicht zum erstenmal! Ich wiederhole bloß, was mir längst ein anderer vorgemacht hat! Alberto . Und was also nicht geglückt sein muß, weil du es sonst nicht wissen könntest! Tobaldi . Was so sehr geglückt ist, daß man in meiner Geburtsstadt bis zur Stunde nicht weiß, wer der Urheber war, und sich das Rätsel, das der Kirchhof aufgab, durch den Teufel löst. Alberto . Wenn ich mir denke, daß dein armes Kind vielleicht hilflos und verlassen in der Welt umherirrt – Tobaldi . So ist das wahrscheinlich ebenso richtig, als wenn der junge Anselmo sich denkt, daß sie im Sarg liegt und in Staub zerfällt. Alberto . Wenn ich mir das denke, und mich dabei erinnere, wie manchen Kuß sie mir vor ihrem siebenten Jahre gegeben hat – – ich sage dir, da könnt' ich auf der Stelle tun, was der junge Anselmo tun würde, wenn er wüßte, was ich weiß, ich könnte mich, wie ein irrender Schäfer, aufmachen und – Tobaldi . Du würdest sie sicher nicht finden! Ich biete die Wette! Du sollst sie, am hellen Sonntag Mittag, wenn alles, was Beine hat, spazieren geht, und alles, was keine hat, vor der Tür auf der Steinbank sitzt, zurückführen, und ich will dir, sobald du den Wink gibst, demütig entgegenkommen und vor dem Fräulein mit Handkuß auf die Knie fallen! Ich meine, wenn du sie triffst, und wenn sie will! Alberto . Mensch, welch ein Widerspruch! Wie kannst du so gut von ihr denken und so, wie du tust, gegen sie handeln! Tobaldi . Ich denke nicht gut von ihr, ich denke gut von mir selbst! Alberto . Ich täte, was ich sagte, wenn mir nicht gerade ein Patient im Sterben läge, und ein Goldmacher obendrein! Und die Versicherung geb' ich dir! Ich störe dein Vorhaben nicht, jetzt nicht mehr. Ich werde ehrbar, wie du selbst, hinter diesem Sarg einherschreiten und mir den Mangel an Tränen vom gaffenden Volk ruhig auf Rechnung eines verstockten Herzens setzen lassen. Dessen sei aber gewiß, daß ich mich ihrer annehmen werde, wo und wie ich sie finde! Tobaldi . Über Nacht sah ich sie unter Brennesseln liegen, einen Dolch in der Brust, und einer stand neben mir – vielleicht warst du's – und fragte mich: bereust du nichts? Ich sagte: Nein! Was hältst du von Träumen? Alberto . Ich begreife deine starre Kälte nicht! Tobaldi . Nein, denn du begreifst nicht, daß man in der Tochter zum zweitenmal die Mutter besitzen, und daß man sie in ihr also auch zum zweitenmal verlieren kann! Du begreifst nicht, daß es Menschen gibt, die nur einmal lieben, wie sie nur einmal leben und sterben, und die, wenn der Tod zwischen sie und den Gegenstand ihrer Liebe tritt, ihr ganzes Gefühl auf ein Bild, das über ihrem Schreibtisch hängt, übertragen können, wie viel mehr auf eine Tochter, die – Halten wir der Toten die Leichenrede, damit wir erfahren, was wir an der Lebendigen hatten! (Tritt an den Sarg.) Hier liegt ein Mädchen, das dem Vater schon bei der Geburt teuer verschuldet ward, denn es kam als Muttermörderin zur Welt, es schrieb sich mit Blut ins Buch der Lebendigen ein! Er würde das Mädchen gehaßt, er würde es wenigstens mit ausgedörrtem Herzen von sich entfernt haben, wenn der Blick der Sterbenden nicht noch im Erlöschen auf dem Kinde, wie auf dem letzten hell gebliebenen Punkt der verdunkelten Erde geruht, wenn sie bei einem zufälligen Laut desselben nicht noch aus dem Todeskampf heraus selig gelächelt hätte. Nun mußte er es wohl lieben und an seiner Seite behalten, er mußte sich dazu zwingen, denn er mußte zittern, die Entschlafene durch andere Empfindungen noch jenseits des Grabes zu verwunden. Was siehst du mich an, sieh weg, weg! Alberto . Ich tu's ja. Tobaldi . Und es ging ihm wunderbar, diesem Vater. Anfangs konnte er das kleine Wesen, das sich in dumpfer Genügsamkeit an eine fremde Brust schmiegte und gleichgültigen Lippen die Küsse aufdrückte, unter denen die erblaßten mütterlichen wieder aufgeblüht sein würden, nicht ohne einen bitteren Schmerz betrachten. Aber so wie es sich allmählich aus dem ersten dämmernden Nebel verschwimmender Umrisse zu bestimmteren Formen entwickelte, trat eine solche Ähnlichkeit mit der Hingeschiedenen hervor, daß ihm nach und nach ward, als hätte er sie nicht verloren, als hätte sie sich nur aus Laune oder aus Scheu vor ihm wieder ins Kind zurückgezogen und mache nun aus dieser freundlichen Maske heraus gebrochene Erkennungszeichen. Das Mädchen ward größer und der Traum, den ihr stilles Leben und Weben dem Vater aufschmeichelte, voller und schöner; nie konnte er aufhören, sich bei dem Gedanken an die Vorangegangene vereinsamt zu fühlen und zu vermissen, was er schon besessen hatte, aber wenn er sich auch von ihrer Gegenwart ausgeschlossen sah, so durfte er sich einbilden, daß ihm zum Ersatz für seine Entbehrung ein holder Nachgenuß ihrer Vergangenheit, ihrer Kindheit und Jugend, gegönnt sei, und ihm war zuweilen, als ob der heilige Duft der Blüte, den er einsog, ihn entschädige für den Honig der Frucht. Du hast die Abgeschiedene gekannt – – (Tritt vom Sarg weg.) Alberto . Ich habe, Freund, ich habe, und ihretwegen habe ich dem lieben Gott seinen Rippendiebstahl halb und halb vergeben – verzeih, ich kann ja das Vaterunser nicht einmal mehr beten, ohne einen Harlekinssprung dazwischen zu machen – – aber freilich, freilich habe ich sie gekannt! Tobaldi . Du hast sie gekannt; sprich selbst, ob die Tochter nicht geboren schien, den Lebensfaden der Mutter nur so wieder aufzunehmen und ihn völlig abzuspinnen! Waren es denn etwa bloß zufällige Äußerlichkeiten, die mich täuschten? Die Farbe des Haars und der Augen oder der Ton der Stimme? Sprach durch diese Augen, durch diese Stimme nicht dieselbe Seele zu mir, die mich einst – – – Wußte ich nicht, wenn ich eine Frage an sie stellte, was sie antworten würde, weil ich mich erinnerte, was die Mutter geantwortet hatte? Und konnte ich sie nicht, als sie mich um das Bild der Mutter bat, zum Spiegel führen, ohne ein Narr zu sein, und sprechen: sieh hin? Wurde die Ähnlichkeit, wenn noch etwas fehlte, nicht völlige Gleichheit, als sie sich, wie die es an unserm Hochzeitstage machte, mit verwirrtem Lächeln abwandte und ihr Gesicht an meiner Brust zu verbergen suchte? Mir war, als säh' ich sie selbst. Alberto . Es ist wahr! Tobaldi . Mußte ich also der Lebenden nicht vertrauen, wie ich der Toten vertraut hatte? Und ist es ein Wunder, wenn ich's jetzt, da die eine mich so schrecklich getäuscht hat, nicht für unmöglich halten, daß auch die andere mich noch hätte täuschen können, wenn sie länger – Alberto . Wahnsinniger! Tobaldi . Wahnsinnig oder nicht, ich sage dir, sie hat mir ihre Mutter zum zweitenmal ermordet, sie hat ihr Bild in meinem Herzen verfinstert, und darum soll sie mir sein, als ob sie nicht mehr in der Welt wäre! Dies Leichenbegängnis ist kein bloßes Possenspiel; was sie mir war, das begrab' ich; was von ihr übrig blieb, das gilt mir weniger als nichts. Alberto . Jetzt zum erstenmal gönne ich sie dir! Tobaldi . Wen? Alberto . Die Tote! Denn jetzt sehe ich, daß ich dir unrecht tat, wenn ich glaubte, daß du nur ein halbes Gefühl für ihren Wert gehabt hättest! Tobaldi . Und warum glaubtest du das? Alberto . Weil du dich gleich, nachdem sie die deinige geworden war, in Dinge einließest – Tobaldi . Die mir den Hals hätten kosten können, meinst du. Ja, sieh, darin unterscheidet sich ein Mann, wie ich, von einem Grimaldi. Ich tat's, als ich alles gewonnen, er, als er alles verloren hatte; ich, um für ein Glück, das ich nur dadurch verdienen zu können glaubte, den Preis zu bezahlen, er, um sich für sein Unglück zu rächen! Siebente Szene. Valentino (tritt ein) . Ein fremder Herr bittet – Alberto . Jetzt? Valentino . Ein sehr vornehmer Herr! Alberto . Hat er dir das gesagt? Valentino . Er nicht, sein Wagen, vier Pferde und zwei Bediente – Alberto . Ist es dringend? So laß ihn kommen! Und hieher, damit er um so eher wieder geht! Valentino . Da ist er schon! Achte Szene. Graf Bertram (tritt ein) . Ich habe die Ehre? Tobaldi . Verzeihung, daß ich Sie empfange, wo Sie mir angemeldet wurden. Graf Bertram . Es gilt mir gleich! Tobaldi . Mit einem Leichenbegängnis beschäftigt, wie ich bin, darf ich Sie vielleicht ersuchen, mir gleich zu sagen, was mir das Vergnügen verschafft – Graf Bertram . Mit einem Leichenbegängnis? Tobaldi . Sie haben wahrscheinlich die Bahre vor der Tür bemerkt. Oder war sie noch nicht gebracht? Hier steht der Sarg, und bald wird der Geistliche mit den Chorknaben erscheinen. Graf Bertram . Und wen, wen begraben Sie, wenn ich fragen darf? Tobaldi . Warum nicht? Sie werden mir gewiß eine Träne des Mitleids schenken! Meine Tochter, meine einzige Tochter! Dahingerafft, da sie eben als Königin des Rosenfestes – Graf Bertram . Ihre – Unmöglich! Unerhört! Tobaldi . Unerhört? Wie das? Haben Sie meine Tochter gekannt? Und wenn – haben Sie noch nie vernommen, daß der Tod zuweilen en Mädchen abruft, ehe es sich sattgetanzt hat? Graf Bertram . Nicht das meine ich, nicht das! Aber unerhört ist es, (ihm ins Ohr) daß man sich untersteht, Menschen das Leichenbegängnis zu halten, die noch leben! Tobaldi . Das käme freilich nicht alle Tage vor! Graf Bertram . Irren kann ich mich nicht, nicht im Hause, nicht in Ihrer Person; denn Julia selbst hat mich geleitet, und drunten sitzt sie verschleiert in meinem Wagen. Sie wagt nicht ohne Ihre Erlaubnis Ihre Schwelle zu überschreiten. Tobaldi . Verschleiert! Das gefällt mir. Da wird sie keiner erkennen. Nicht ohne meine Erlaubnis! Das gefällt mir noch mehr! Graf Bertram . Lassen Sie uns allein miteinander reden! Tobaldi . Warum allein? (Zu Doktor Alberto.) Träume sind Schäume! Das schöne Fräulein, wovon wir so viel sprachen, ist noch weit davon entfernt, sich durch Wallfahrten auf ungebahnten Wegen bei Hitze und Staub den Teint zu verderben, auch hat es viel zu viel Respekt vor Gottes Meisterstück, um sich mit einem spitzigen Eisen daran zu versündigen. Es befindet sich in der Obhut dieses Kavaliers, und es spricht jetzt auf ein Stündchen bei uns vor, weil es gern wissen möchte, wieviel Pläsier der alte spanische Kaiser empfand, als er sich bei lebendigem Leibe beisetzen sah. (Zu Graf Bertram.) Ich vermute das; denn daß die Dame kommt, weil sie hofft, mich schon beerben zu können, möcht' ich nicht gern annehmen. Jedenfalls würde sie sich irren, der Schmerz um sie hat mich, Sie sehen es selbst, noch nicht getötet. Alberto . Laß mich sprechen! Graf Bertram . Ja, mein Herr, helfen Sie mir einen Vater begütigen, der sich gekränkt fühlen darf, schwer gekränkt, der aber in Gefahr steht, sich an der Unschuld dafür zu rächen! Tobaldi . An der Unschuld? Ist die Dame vielleicht plötzlich mondsüchtig geworden und hat sich in diesem Zustand unter Räuber verirrt? Ein berüchtigter Wald ist freilich nah, aber ich bitte doch um Beweis! Graf Bertram . Ihre Tochter ist vor Gott ohne Schuld. Sie würde es auch vor Ihnen sein, wenn Sie in ihr Herz geschaut hätten! Tobaldi . Und warum ist denn das, was in diesem Herzen zu lesen steht, Ihnen so bekannt, wie ein Wirtshausschild, und mir, dem Vater, so unbekannt, wie der Inhalt eines Buchs, das erst geschrieben werden soll? Graf Bertram . Alles, was sie zu verklagen scheint, fällt dem Mann zur Last, der sie in eine Lage versetzte, die so furchtbar war, daß sie entschuldigt sein muß, wenn sie ihre Pflicht gegen Sie nur noch durch die Flucht aus Ihrem Hause erfüllen zu können glaubte. Tobaldi (zu Doktor Alberto) . Du, ist hier von meiner Tochter die Rede, von dem Mädchen, das wir beide kennen, oder von einer jüngeren Schwester der Königin Kleopatra und von ihren unbekannten Verhältnissen mit Cäsar und Antonius? Graf Bertram . Hören Sie mich. Ich bin da, um wieder gut zu machen, was schlimm gemacht ward! Tobaldi . Äußerst gnädig! Graf Bertram . Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter! Tobaldi . Schenk' mir dies, ich hab's dir gestohlen und möchte es gerne rechtmäßig besitzen. Graf Bertram . Ich bin ein deutscher Graf, in Tirol begütert, und der letzte Sprosse einer der ältesten Familien. – Verzeihen Sie, daß ich von Dingen zu Ihnen rede, über die ich sonst nur meine Bedienten mit Torschreibern und Bankiers verhandeln lasse. Es kann hier nicht umgangen werden. Alberto . Kurioser Mann, der Sie sind! Erst ein Mädchen zu entführen, dann mit ihr zurückzukehren und ehrbar bei ihrem Vater um sie anzuhalten! (Zu Tobaldi.) Aber ich dächte, jetzt läge das Herz deiner Tochter offen, wie ein Buch, vor dir da! Wenn du auch noch nicht weißt, was der Herr Graf anwandte, um sie zur Flucht zu bereden, so mußt du doch schon wissen, was sie aufbot, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Mir deucht, ich sehe ihre Tränen, ihre Beschwörungen, und vielleicht (zu Graf Bertram) finden Sie es nicht unbillig, uns auch das, was vorherging, mitzuteilen; denn Sie begreifen, daß Ihre Handlungsweise in unsern Augen etwas seltsam erscheint! Graf Bertram . Denken Sie von mir, wie Sie müssen; daß hier ein Geheimnis obwaltet, fühlen Sie wohl selbst, daß ich es nicht aufdecken kann, müssen Sie mir glauben, daß ich (zu Tobaldi) Ihrer Ehre auf keine Weise zu nah getreten bin, und daß Ihre Tochter Ihrer väterlichen Achtung so würdig ist, wie sie es war, verbürge Ihnen mein Wort! Alberto (zu Tobaldi) . Die Dichter erzählen von Königen, die sich in Schäferinnen verliebten und vor der Erklärung den Zepter mit dem Hirtenstab, den Purpurmantel mit dem Wollkittel vertauschten, um sicher zu sein, daß die Liebe auf sie selbst fiele, nicht nebenbei auf die Krone. Vielleicht hat er Herr Graf es ebenso gemacht und zuletzt noch, um sich zu vergewissern, daß er das Herz der Geliebten nicht mit dem Vater teile, ein Opfer verlangt, das ihr und dem Vater zugleich das Herz hätte brechen können. Graf Bertram . Vielleicht! (zu Tobaldi.) Meine Bitte habe ich angebracht, darf ich – Tobaldi . Sie sagen, daß meine Tochter nicht ohne meine Erlaubnis die Schwelle meines Hauses überschreiten wird. Wohl! Die Erlaubnis gebe ich nicht. Graf Bertram . Bedenken Sie, was Sie tun, ich beschwöre Sie! Tobaldi . Sie sagen, daß sie unten im Wagen vor meiner Tür hält. Gehen Sie, und verkünden Sie ihr, daß ich ihr befehle, auf der Stelle umzukehren, die Stadt zu meiden, einen anderen Namen anzunehmen und mich nie wieder an ihr Dasein zu erinnern. Tut sie das, so will ich meinen Fluch zurückhalten, wie meinen Segen, und das ist mehr, als sie verdient. Gefällt es ihr nicht, so ist es ihr ein Leichtes, mich vor aller Welt zuschanden zu machen, sie braucht nur ihren Schleier zurückzuschlagen und ihr schönes Antlitz zu zeigen; dann aber werde ich, ich selbst das Haus meiner Väter verlassen und als ein Bettler von hinnen gehen, mag sie's bewohnen, wenn der Blitz des Himmels sie nicht wieder daraus verjagt! Alberto . Tobaldi! Du weißt nicht – Tobaldi . Ich weiß, was sie getan hat! Was gehen mich ihre Gründe an! Gründe! Auch der Bube, der dir bei Nacht den Dolch ins Herz stößt, hat Gründe! Und freilich wär's ihm lieb, wenn du sie anhören und ihm im Verscheiden noch versöhnt die Hand reichen möchtest! Graf Bertram . Und das wäre Ihr letztes Wort? Tobaldi . Die Nacht bricht ein, die Leichenträger müssen gleich hier sein. Sprechen Sie mit Ihrer Dame; ich muß wissen, ob ich meine Tochter begraben oder eine Reise anzutreten haben. (Da Bertram sprechen will.) Verzeihen Sie, ich kann nichts weiter hören! (Ab.) Alberto . Sie müssen fort! Machen Sie an der Tochter gut, was Sie am Vater verbrachen! Sie hat in mir einen Freund, der darüber wachen wird! Neunte Szene. Julia (verschleiert, in höchster Aufregung) . Eine Bahre wird vor dem Hause niedergesetzt – Die Wände, die Treppengeländer sind beflort – ein Sarg! Allmächtiger Gott, wer kann darin liegen, als mein Vater! (Sie fällt am Sarge nieder.) Zehnte Szene. Tobaldi (erscheint im Hintergrunde) . Doch! Alberto . Ja! Weil sie dich für tot hält! Laß sie! Du kannst jetzt einen Blick in ihr Herz tun, wie Gott! Julia . O du, der du nicht mehr siehst, nicht mehr hörst, laß mich noch einmal zu dir reden, als ob du noch sähest und hörtest! Ich wäge meine Sünden nach ihrer Strafe und fühle deinen Tod wie einen Mord – – O, daß ich den Brautkranz im Haar trüge, damit ich dir das beweisen, damit ich ihn herabreißen und dir den Menschen opfern könnte, der mir das getan hat! Jetzt bin ich frei von ihm, ganz frei, jetzt hasse ich ihn! Alberto . Hörst du dies? Tobaldi (sehr laut) . Was soll's mir? Julia (springt auf) . Bin ich wahnsinnig? Wer liegt denn da? Tobaldi . Meine Tochter! Elfte Szene. Valentino (tritt ein) . Priester und Chorknaben harren vor der Tür, die Leichenträger sind im untern Saal versammelt, schon zum drittenmal brachte ich ihnen Wein! Tobaldi . Wurde sie bemerkt, als sie ins Haus ging? Valentino . Kaum von mir selbst. Julia . Öffne den Sarg! Begraben soll ich werden? Ich bin bereit, mich hineinzulegen! Öffne! Ich werde nicht pochen, wenn sie mich forttragen, wenn sie mich an schwankenden Seilen in die Grube hinablassen und die rollenden Erdschollen mich polternd mahnen, den letzten Augenblick wahrzunehmen, der noch mein ist. Ich werde nicht wimmern, wenn mir drunten die Luft nicht früh genug ausgeht und ein tierischer Hunger mich vielleicht zwingt, mit den Würmern gemeinsame Sache zu machen oder ihnen gar zuvorzukommen! Öffne! Ich habe schon Schlimmeres erlitten! Tobaldi . Schlimmeres? (Zu Graf Bertram.) Herr – ich fordre Sie vor meinen Degen! Julia . Dieser Mann ist ein edler Mann! Tobaldi . Edler Mann! Und doch – Julia . Ich – Graf Bertram . Was beginnen Sie? Julia . Warum nicht? Wenn ich ihm nichts mehr bin, wenn er mich schon aus der Welt getilgt hat, wie aus seinem Herzen, warum das Wort zurückhalten, das seinen Zorn noch einmal entflammen und ihn bewegen wird, diesen Kasten wieder aufzuschließen, mich hineinzupacken und den Schlüssel in den Brunnen zu werfen, aus dem ich achtzehn Jahre trank! Graf Bertram . Schweigen Sie! Ich sprach schon! Sie haben mehr Pflichten, als eine, und Sie haben diese eine erfüllt! Das will ich vor Gottes Thron wiederholen! Alberto . Reisen Sie ab! Tobaldi . Auf der Stelle, ja! Aber erst muß der Sarg fort und das Haus von Zeugen leer sein! Bis dahin – Julia . Gott selbst will nichts als Reue von Menschen! Das zeigt, daß der Mensch nichts weiter geben kann. Willst du mein Leben obendrein? Ich darf jetzt nicht sagen: Da ist's! Aber bald! Sprich ja und setz' einen Tag fest! Dann komm' und spei' mich an, wenn du keinen roten Fleck auf meiner Brust findest! Tobaldi . Bis dahin ins Nebenzimmer! Und – eine Locke kannst du mir zurücklassen! Eine oder zwei! Nicht für mich! Meine Schwester will ein Andenken, und wer weiß, wer noch sonst! Alberto (zu Graf Bertram) . Ihr Name? Graf Bertram . Graf Bertram. Alberto . Aus Tirol! Wohl. Gehen Sie! Mich sehen Sie bald! (Graf Bertram und Julia ab.) Tobaldi . So weiß ich nun doch auch, wie mein Eidam heißt! (Zu Valentino.) Die Träger! Valentino . Graf Bertram! Daß ich's nur nicht vergesse! Vollständige Beichte, vollständige Absolution! Aus Tirol! (Ab.) Alberto . So schickst du sie wirklich ohne Schutz und Beistand mit dem Fremden ins ferne Land, und – Tobaldi . Vorhin war einer da, der aus Geratewohl ausziehen wollte, sie zu suchen, und nun will er sie nicht einmal begleiten oder ihr folgen? Nun, er tue es, er unterlasse es, – mir ist beides recht! Alberto . Ich wollte ihn nur versuchen! Julia, du hast gesiegt, obgleich er es keinem eingestehen wird, nicht einmal sich selbst! Nun, das muß er mit deinem Verlust bezahlen! – Ich reise mit. Bei dem Kuß, den ich deiner Mutter im Sarg aufdrückte! Bei der Liebe, die ich früher für sie fühlte, als dein Vater, und die ich ihr nie verriet, weil sie nur Augen für dies Muttermal auf meiner Stirn zu haben schien. Bei dem Freiwerberamt, das ich später, um ihr Herz noch besser zu prüfen, für deinen Vater übernahm! Ich werde dich nie, nie verlassen! Tobaldi . Ich will sie nie wieder sehen! Aber – ich kann wieder anders von ihr denken! Zwölfte Szene. Die Leichenträger (erscheinen im Hintergrunde ). Valentino (folgt ihnen) . Nun fällt mir der mit der Pistole wieder ein, der auf dem Kirchhof harrt! Was soll ich machen, wenn der – (Er macht die Pantomime des Erschießens.) Soll ich ihn ruhig gewähren lassen, als ob er unter die Spatzen im Kirschbaum schösse, oder soll ich – Gern bliebe ich hier, aber ich muß ja mit hinaus! (Die Leichenträger fassen den Sarg an. Gesang hinter der Szene.) Dritter Akt. Erste Szene. Graf Bertram . Julia . Alberto (treten auf). Graf Bertram . Nun wird Ihrem Freunde genug geschehen sein! Die Trauung ist vollzogen, Sie selbst sind Zeuge gewesen, und hier ist das Witwen-Instrument. Lesen und prüfen Sie's! Alberto (tut's) . Nach Ihrer Großmut messe ich Ihre Liebe! Mit Ruhe reise ich zurück und lasse dies Kind in Ihren Händen! (Zu Julia.) Danken Sie Ihrem Gemahl! Er hat Ihnen für einen Fall, den dem ich hoffe, daß er nicht kommen wird, dies ganze Gut vermacht. Zwar bedurften sie dessen nicht, denn auch ich – Doch, das brauchen Sie erst zu erfahren, wenn ich tot bin! Graf Bertram . Ich beklage nur, daß ich nicht Italiens ewig blauen Himmel darüber ausspannen lassen kann! (Zu Alberto.) Jetzt möchte ich um ein paar einsame Minuten mit meiner Gemahlin bitten! Sie verzeihen mir's gewiß! Alberto . Ich werde inzwischen die zu meiner Rückreise nötigen Vorkehrungen treffen; denn ich muß gleich wieder fort! (Ab.) Zweite Szene. Graf Bertram . Julia, wir haben soeben im Angesicht Gottes feierliche Schwüre miteinander ausgetauscht! Julia . Die uns für ewig aneinander binden. Ja. Graf Bertram . Für ewig? Doch nur bis in den Tod! Julia . Nur bis in den Tod! O gewiß! Nur bis in den Tod! Graf Bertram . Und den Tod kann man rufen, wenn er länger an seiner Sense wetzt, als billig ist. Schweig! Nimmer darf sie das ahnen! Denn nimmer würde sie's fassen, daß eine solche Notwendigkeit die höchste Wohltat für dich wäre, und daß du bloß, um sie heraufzurufen, den unauflöslichen Bund mit ihr geschlossen hast! Nimmer darfst du sie so tief in den Greuel der Verwesung schauen lassen, bis sie's begreift! Julia . Was pochst du noch, Herz? Ist die Lösung denn so schwer? Poche so, wenn die Stunde naht, wo mein Dolch dich treffen soll, daß ich dich nicht verfehle! Doch, das tust du wohl von selbst! Graf Bertram . Sie werden des Moments noch gedenken, in dem ich Sie zum erstenmal sah. Ich stellte Ihnen damals eine Bedingung, an diese Bedingung muß ich Sie jetzt mahnen. Geloben Sie mir denn, daß Sie es mir sagen wollen, wenn Sie den Mann, den Sie liebten, dereinst mit den alten Gefühlen, mit einem Rest der alten Gefühle wiedersehen sollten! Julia . Das wird nie geschehen! Graf Bertram . Nie? Auch nicht, wenn er sich rechtfertigt? Julia . Er kann sich nicht rechtfertigen! Graf Bertram . O, unergründlich sind die Verschlingungen des Lebens! Die Bahnen der Menschen sind nicht die der Sterne! Julia . Er wird sich nicht rechtfertigen! Ich werde ihn nicht hören! Graf Bertram . Das kam nicht aus Ihrer Seele! Sie werden, Sie müssen ihn hören! Das sind Sie ihm, das sind Sie sich selbst schuldig! Und wenn – Ihre Hand! Julia . Mir die Ihrige! Graf Bertram . Worauf? Julia . Sie fragen? Sie glaubten vielleicht, als Sie mich beim Eintritt in die Kapelle erbleichen und taumeln sahen, das geschähe, weil statt Ihrer ein anderer an meiner Seite ging? Sie hatten das Recht, meine heilige Regung so zu mißdeuten, denn Sie mußten sich ja erinnern, wie stumpf und dumpf ich in die Annahme Ihres ungeheuren Opfers willigte, als Sie sich erboten, es mir zu bringen, Sie mußten ja glauben, daß ich für die Größe desselben gar kein Gefühl hätte, aber Sie irrten sich! Nein! Nein! Das konnte mir nur in einer Stunde begegnen, wo mich Leben und Tod zugleich auszustoßen schienen, aber dann – Mir war, wie wir uns dem Altar näherten, als erblickte ich in dem Dämmerlicht, das ihn umfloß, mitten unter den ernsten Heiligenbildern eine zitternde Schattengestalt, die mich durch scheue Blicke zur Umkehr zu bewegen suchte und die vor mir erlosch, wie ich doch herantrat. – – Sie sind ein Mann, wie die Welt noch keinen sah, welche ein Weib muß Ihnen bestimmt sein! Und ich, ich stellte mich zwischen zwei Menschen, die zueinander gehören, wie der Edelstein und das Gold? Nimmermehr! Eine Totenkrone für mich, den Brautkranz für die, die Sie verdient! Ich habe kein Gelöbnis zu geben, ich habe eins zu fordern! Ihr Wort, daß Sie es mir nicht verheimlichen wollen, wenn Ihr Herz einmal für ein weibliches Wesen zu schlagen anfängt. Ich verlange es im Namen der Edelsten meines Geschlechts, denn die ist Ihnen bestimmt, und ich wäre die Niedrigste, wenn ich nicht darauf bestünde. Graf Bertram . Julia! Wenn Sie wüßten – – Julia . Weichen Sie mir nicht aus! Glauben Sie nicht, daß Sie es können! Wenn Sie mir Ihr Wort verweigern, so zwingen Sie mich – fühlen Sie nicht, wozu Sie mich zwingen? Ihr Opfer konnte nur einen Zweck haben, dieser Zweck ist halb erreicht, er wird es bald ganz sein! Glauben Sie, daß ich die Hand festhalten werde, die Sie mir nur boten, um mich aus den Wellen zu ziehen? Dann erniedrigen Sie mich doch tiefer in Ihren Gedanken, als recht ist! Aber ich wäre vielleicht schwach genug, es so lange zu tun, bis eine andere ihre Rechte geltend machte – ich hätte den Ring, den Sie mir heute aufsteckten, vielleicht so lange getragen, bis ich die Hand, die er auf ewig schmücken soll, erblickt hätte – Sie wollen's nicht. Graf Bertram . Ich will! (Für sich.) Ich muß mich zum letzten entschließen, sie muß mich sehen, wie ich bin! Nun wahrlich, nur ihr möcht' ich das ersparen, nicht mir selbst! (Zu Julia.) Nun aber auch doch Wort gegen Wort? Julia . Was Sie voraussetzen, ist unmöglich. Ist unmöglich, auch wenn er sich rechtfertigen könnte. Zweifeln Sie nicht! Aber es ist nicht unmöglich, daß er zurückkehrt; ich stand ja noch nicht an seinem Grabe! Wenn ich ihn wiedersehe – er kann mir ja noch einmal in einer Kirche das Weihwasser reichen, er kann sich noch einmal in meinen Garten schleichen – wenn das geschieht, so werden Sie's erfahren! Graf Bertram . Ich danke Ihnen! (Für sich.) Und nun eine Leichenöffnung, damit sie – Sie wird schaudern, aber sie darf nicht länger in den Ketten eines übermenschlichen Edelmutes zu gehen glauben, ich muß sie frei machen, um welchen Preis es auch sei! – (Zu Julia.) Julia, haben Sie nie gehört, daß es Menschen gab, hohle, ausgekernte, todesbedürftige Menschen, die einen Mord begingen, um nur ihres Lebens los zu werden? Julia . Ich hatte eine alte Amme, die mir, seit sie blind und furchtsam geworden war, denn früher tat sie's nicht, aus ihrem Kauerwinkel heraus alles Schreckliche erzählte, wovon sie je gehört hatte, aber das war nicht darunter. Nein, das nicht. Graf Bertram . Es kommt vielleicht in einem Lande nicht vor, wo die Sonne alle Tage scheint. Gleichviel! Bei uns, wo das Lichtscheue besser gedeiht, wo Schierling und Bilsenkraut so hoch aufschießen, daß man sich darunter niederlassen und träumen kann, gibt es Menschen, die das tun! Mancher Rabenstein kann es bezeugen! Wie, wenn's auch solche gäbe, die mit einem verlassenen Mädchen eine Ehe schlössen, weil sie hofften, daß der Geliebte, dessen Stelle sie sich anmaßen, zürnend wiederkehren, daß er ihnen den Selbstmord, auf den sie bis dahin nicht einmal ein Recht zu haben glaubten, zur Pflicht, zur heiligen Pflicht machen könnte – wie dann? Julia, wie dann? Julia . Die, der das begegnete, würde sich anfangs entsetzen und wähnen, daß ihr Unglück frevelhaft gemißbraucht worden sei, aber das, Sie sehen es, würde nicht lange dauern, sie würde bald den Grund eines so ungeheuren Schrittes ahnen – Graf Bertram . Ja? Julia . Sie würde es fassen, daß der Ekel vor der Schlechtigkeit der Menschen in einem edlen Gemüt bis zum Grauen vor dem Dasein, bis zur herben Unempfindlichkeit gegen die leuchtende Schönheit der Welt steigen kann. – Graf Bertram . Reden Sie nicht aus! Sie verstehen mich nicht! Julia . Sie würde nicht zürnen, sie würde nur mitleidig weinen und sich bestreben, den Unglücklichen zu heilen, ihn dadurch zu heilen, daß sie sich von den anderen Menschen ein wenig, ein ganz klein wenig zu unterscheiden suchte! Graf Bertram . Sie sind – Ich muß einen andern Weg wählen! Der Alte ist noch da, ihm will ich vertrauen! (Ab.) Dritte Szene. Julia (allein) . Wohl sind sie unergründlich, die Verschlingungen des Lebens! Wie das jetzt weiter geht, immer weiter! Schließt die Augen! Der Abgründe sind zu viele, um den Sturz zu vermeiden! Da ist's besser, gar nicht zu sehen! Vierte Szene. Christoph (tritt ein) . Gnädige Frau – ich kann den gnädigen Herrn nur nicht finden, sonst hätt' ich ihn erst gefragt, ob ich auch dürfe! Julia . Was denn, Alter? Christoph . Den Fremden melden, der durchaus zu Ew. Gnaden will! Julia . Zu mir? Ein Fremder? Du irrst dich! Christoph . Nein, o nein! Aber sonderbar genug ist es, nicht wahr? Kaum sind wir hier, ich habe noch nicht einmal nach der kleinen Birke gesehen, die ich bei der Abreise pflanzte, ich weiß es noch nicht, ob ich die Wette, die ich mit dem Verwalter über meinen Raben einging, verloren oder gewonnen habe, und schon klopft einer von den Schwarzköpfen, wie sie nur unter den Zitronen aufwachsen, bei uns an und stört uns, wenigstens mich, denn ich war gerade im Garten beschäftigt, für Ew. Gnaden einen Strauß zu pflücken! Julia (für sich) . Sollte es – Nein! Nur das nicht! Nur das nicht! Wo ist er? Christoph . Wahrscheinlich vor der Tür! Er war von seinem Verlangen nicht abzubringen und wurde nur um so hitziger, als ich ihm sagte, daß es wenigstens heute unmöglich sei, weil Ew. Gnaden Ihre Hochzeit feierten! Er wolle und müsse Sie sprechen! rief er aus und trat die Tuchnadel, die ihm währenddem entfiel, und nach der ich mich niederbückte, mit Füßen, der jüngste Tag sei angebrochen, und ich möge meine Pflicht tun! Was sollt' ich machen? Ich ging, aber erst zum gnädigen Herrn! Doch den traf ich nicht in seinem Zimmer und – Fünfte Szene. Antonio (tritt ein) . Christoph . Da ist er schon! Julia . Geh! Ich kenne diesen Herrn! Antonio . Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, daß Sie sich meiner erinnern! Sie hätten sich ja auch mir ins Angesicht verleugnen können! (Zu Christoph.) Nun? Christoph . Der muß ans Befehlen gewöhnt sein! (Ab.) Antonio . Also hier ist das Land, wo die Toten auferstehen? O, daß ich einen Bach sähe, Wolken, die der Wind verweht, Wellen, die er hinunterjagt, etwas Flüchtiges, Enteilendes, Veränderliches, nicht so viel Starres, Stockendes! Es bringt mich um! Diese Züge sind dieselben, diese Augen können mich noch einmal – Weib, alles hat sich an dir verwandelt, warum nicht auch das Gesicht? Julia . Nicht diesen Ton! (Für sich.) Und doch! Und doch! Würde er ihn annehmen, wenn er nicht unschuldig wäre? Wohl mir, ich soll nicht einfrieren in dem letzten Gefühl, das ich von ihm hatte! Antonio . Reden Sie, in welchem Tone Sie wollen, nur reden Sie! Julia . Ich dächte, das wäre an Ihnen! Antonio . O! Was ich zu sagen habe, ist geringfügig. Von einer Wunde könnte ich sprechen, die ich in dem Augenblick erhielt, wo ich mich zu dem Rendezvous mit Ihnen auf den Weg machen wollte – sie ist wieder geheilt, obgleich sie tief genug war, um mir für den Rest meiner Lebenszeit die Aderlässe zu ersparen. Von einem Selbstmordsversuch an dem Grabe, das ich – ha, ha, ha! für das Ihrige halten mußte – er wurde durch den alten Diener Ihres Vaters vereitelt, der, als ich mich in die weiche Erde über Ihrem leichenlosen Sarg eben mit halbem Leibe hineingewühlt hatte und nun den Hahn meiner Pistole aufzog, hinter einem Grabstein hervorstürzte und mir zähneklappernd zuschrie, Sie lebten noch. Von einem Griff an die Kehle des feigen Plauderers, durch den ich ihn so ich Schrecken jagte, daß er sich gegen mich ausschüttete, als ob ich sein Beichtvater wäre – das alles versteht sich von selbst, denn wie hätte ich Ihren gräflichen Sitz entdecken sollen, wenn er mir ihn nicht aus Respekt vor meiner Pistole verraten hätte! Wer wird bei solchen Alltäglichkeiten verweilen, wo es Wunder aufzulösen gibt! Und Ihr Scheinbegräbnis, Ihre Auferstehung von den Toten, Ihre Heirat, das sind Wunder, über die ich meinen Verstand verlieren werde, wenn Sie den Ihrigen nicht verloren haben. Julia . Sie sprechen von einem Rendezvous. Ich verzeihe Ihnen das. Aber, was bedeutet es, dies Rendezvous? Warum bewilligte ich es Ihnen? Wozu war ich bereit? Antonio . Sie wollten mir folgen! Julia . Und was, was konnte mich zu einem Schritt drängen, der für ein Mädchen so ungeheuer war, daß Sie selbst ihn im Anfang nicht ohne Zittern von mir zu verlangen wagten? Antonio . Der Wunsch, dacht' ich, mir den höchsten Beweis Ihrer Liebe zu geben, das Gefühl, mir ihn schuldig zu sein! Julia . Nein! Das Bewußtsein, Ihnen ihn schon gegeben zu haben! Antonio . Wie? Julia . War es edel, mich so weit zu bringen, daß mir keine Wahl mehr blieb? War es auch nur stolz? Antonio . Julia, das hab' ich nicht geahnt! Das hast du mir nicht – Julia . Das hättest du ahnen sollen! Das lag in meinem Entschluß! Hätt' ich meinen Vater verlassen können, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß mein Bleiben ihm ein noch größeres Leid bereitete, als meine Flucht? Antonio . Und wenn – Nichts in der Welt kann mein Weib rechtfertigen, daß sie das Weib eines andern geworden ist. Nichts in der Welt, und das am wenigsten! Julia . Nichts in der Welt, wenn sie es anders als zum Schein geworden wäre! Antonio . Wie? Versteh' ich dich? (Faßt ihre Hand.) Julia . O nein! Zurück! Zwischen dir und mir steht mein Gemahl! Antonio . Ha! Julia . Steht mein Gemahl, wie du zwischen ihm und mir! Antonio . Wie ich zwischen ihm und dir? Dann lagst du nie an seiner Brust! Kannst du mir das schwören? Julia . Nein! Denn einmal geschah's! Aber es war den Abend, als die Grabgesänge, die mir galten, auf der Straße angestimmt wurden, als der Flackerstrahl der Leichenfackeln grell durch das Fenster drang, von dem aus und, die Lebendige, auf das Begräbnis herabsah, das ein unerbittlicher Vater mir trotz meiner Zurückkunft ausrichten ließ. Wie aus dem hungrigen Bauch der Erde herauf schien mir dies dumpfe de profundis zu dringen, ich dachte, sie werde sich gleich schütteln und einen ihrer Toten wecken, damit er seine Knochen zusammenlese und klappernd hinter mich trete, um mich in ihren hungrigen Schlund hineinzuscheuchen, mir war, als müßte ich aus dem Fenster springen und dem Zug voraneilen. Ich taumelte, ich sank um, und mein Gemahl, der edle Mann, der jetzt mein Gemahl ist, fing mich in seinen Armen auf! Antonio . Das hieß, zwischen deinen Kopf und den nächsten Tisch treten, an dem du dir ihn sonst vielleicht zerschlagen hättest. Dafür bin ich ihm verpflichtet, es ersparte dir eine Wunde, auf die eine Narbe gefolgt wäre! Aber nun das Wort – das Rätsel hab' ich. Du sprachst von deiner Zurückkunft, du mußt also auch von deiner Flucht sprechen können! Julia . Bleiben konnt' ich nicht, du weißt warum, darum mußt' ich fliehen! Antonio . Wohl! Weiter! Gibt's kein Wort, das alles auf einmal sagt? Julia . Du hattest mir einen Namen genannt, eine Stadt – Antonio . Den Namen, den ich führe, die Stadt, in der ich geboren bin! Julia . Ich suchte sie auf, diese Stadt. Niemand kannte dich! Antonio . Weil ich sie als Kind schon – Was liegt daran? Fahr' fort! Julia . Ich hatte dich dort nicht lebendig, aber tot zu finden gehofft, ich hatte den Kirchhof, an dem ich vorbeikam, eher betreten, als die Straßen, ich hatte die neuen Gräber ein nach dem andern besucht und die Inschriften gelesen! Antonio . Halt ein! Julia . Dein Grab war nicht darunter, ich konnte mich also auch nicht darauf niedersetzen und mich erhungern! Antonio . Ha! Alles das, alles das, und doch – Julia . Wo warst du, als ich – Warum bliebst du jenen Abend aus? Warum all die Abende, die ihm folgten? Antonio . Ich lag verwundet, auf den Tod verwundet, du hörtest es schon! Julia . Ich hörte es. Warum schicktest du keinen Boten? Antonio . Wem sollte ich trauen? Wen von meinen Teufeln durfte ich – Der Beste wäre dem Schlechtesten gleichgeworden, wenn er dich erblickt hätte! Er hätte dich verlockt, mit ihm zu gehen und mir bei der Zurückkunft vielleicht grinsend deine Ohrringe hingeworfen! Wer wär' auch nur gegangen! Nur weil sie meine Schritte ausgekundschaftet hatten, weil sie ahnten, daß ich ein neues Leben in einem neuen Weltteil anzufangen und nie mehr zu ihnen zurückzukehren dachte, vertraten sie mir in offener Empörung mit dem Dolch in der Faust den Weg und warfen mich nieder. Julia . Mensch, was redest du? Antonio . Tritt drei Schritte zurück, schrei um Hilfe, ich bin ein Räuberhauptmann aus den Abruzzen! Julia (schnell) . Leise! Aber weiter, weiter! Denn du mußt viel, sehr viel hinzuzufügen haben! Antonio . Ich habe nichts hinzuzufügen, denn ich kann nicht sagen, daß ich log. Julia . Und ich, ich kann nicht glauben, daß du raubst und mordest, wie andere jagen und fischen, ich kann nicht glauben, daß ich mich so ganz in dir getäuscht habe, ich kann nicht glauben, daß sich ein Mensch so ganz in dem andern täuschen kann! Antonio . Höre, wie ich's wurde, vielleicht entschuldigt's, daß ich's bin! Mein Vater war dasselbe, mein Los war entschieden, ehe ich meinen ersten Gedanken dachte! Julia . Wehe der Welt, daß das möglich ist! Antonio . Und wehe dem Menschen, den es trifft! Doch dauerte es lange, ehe ich mir des Fluchs meiner Geburt bewußt ward, und mein Vater tat alles, um es mir auf immer zu verbergen, aber es war umsonst! Er ließ mich in tiefster Einsamkeit bei einem alten Köhler aufziehen, der nichts von ihm wußte, als daß er geächtet war und bei den Tieren der Wildnis die Zuflucht suchen mußte, die er bei den Menschen verwirkt hatte. Ich wuchs in einem Walde auf, wegen dessen die Landstraße selbst furchtsam einen Umweg macht, und in den sich sogar der Sonnenstrahl, dem doch niemand sein Gold rauben kann, nur selten hinein verirrt; ich lernte alle Schlangen eher kennen, als einen einzigen Schmetterling. Mein Vater ging ab und zu; zuweilen kam er oft und blieb lange, dann lehrte er mich Schießen und Fechten, auch Lesen und Schreiben und manches mehr; zuweilen verschwand er ganz, dann sagte der Köhler: nun haben sie ihn wohl erwischt, und hielt mich noch fleißiger wie sonst zum Beten an. So legte ich ein Jahr nach dem andern zurück; mein Vater erschien trotz der ängstlichen Zwischenpausen immer wieder, verriet mir aber, auch wie ich größer und größer wurde, nicht das mindeste von seiner Hantierung, nur das kommt mir in der Erinnerung unheimlich vor, daß er mir einst sein Messer, aus seinem gewöhnlichen finstern Brüten plötzlich auffahrend, mit zorniger Heftigkeit entriß, als ich es vom Tisch, an dem er saß, wegnahm, um eine Melone damit zu zerteilen. Julia . Ha! Da dämmert's! Antonio . Dagegen gingen wir nun, wenn er da war, zusammen auf die Eberjagd, und als ich mich dabei eines Tages besonders gut hielt, rief er aus: »Nun ist der Soldat bald fertig!« »Ein Soldat? – fragt' ich und sah von dem Eber, in dessen Eingeweiden ich wühlte, auf – was ist das?« »Ein Kerl im bunten Rock – versetzte er – der so auf Menschen losgeht, wie du auf wilde Tiere, und der um so höher geschätzt wird, je ärger er's treibt; willst du nicht einer werden?« Gewiß hatte er nur darum beizeiten einen guten Jäger aus mir gemacht, damit ich mich später um so besser zum Soldaten schicken möge, und vielleicht war der Tag, an dem er mich aus der Einsamkeit in die Welt entlassen wollte, schon nahe genug, aber alles schlug zum Unheil aus. Einmal war ich allein in den Wald gegangen, und als ich von meiner Streiferei zurückkehrte, die Büchse noch geladen im Arm, und ungeduldig noch auf dem Heimweg nach etwas Hüpfendem und Springendem herumspähend, das den gesparten Schuß wert sei, da sah ich die Köhlerhütte von Buntröcken umringt, die wirklich so auf meinen Vater losgingen, wie ich damals auf den Eber. Er wehrte sich tapfer, aber ihrer waren zu viele, sie wurden Herr über ihn und warfen ihn zu Boden; ich legte an, ich drückte ab, und ich glaubte zu tun, was niemand schelten könne. Es stürzte einer, und mein Vater erhub sich wieder; aber er entsetzte sich, als er mich erblickte, und gebot mir mit Angst, ja mit Zorn und Wut, zu fliehen. Ich gehorchte nicht, ich lud aufs neue, doch ehe ich noch einmal abdrücken konnte, ward ich hinten von einem starken Arm gepackt und ins Gebüsch gerissen. Ein häßlicher Mensch von riesigem Knochenbau hatte mir diesen unwillkommenen Dienst erwiesen; kannst du nicht zählen? – sprach er mit heisrer Stimme – wie wäre der noch zu retten? nur rächen kann man ihn! Ich kannte den Menschen, er war mir schon hin und wieder im Walde begegnet, aber er war mir immer mit sonderbarer Scheu ausgewichen und hatte sich sogar, als ich ihn einmal anredete, taub und stumm gestellt. Ihm und allen seinen Kameraden war es, wie ich später erfuhr, bei Todesstrafe von meinem Vater verboten worden, mich anzusprechen, oder mir auch nur Antwort zu geben, und das rührte ich tief, denn es bewies mir, wie ernst es ihm darum zu tun gewesen war, mein Schicksal von dem seinigen zu trennen. Jetzt ab der Mensch sich mir als einen Gefährten meines Vaters kund und berichtete mir mit schlecht verhehlter Schadenfreude alles, was ich nicht wußte, und was ich nie hätte erfahren sollen. Ich hörte mit Schaudern von ihm, daß ich nicht eine heilige Pflicht erfüllt, sondern ein todeswürdiges Verbrechen begangen hatte, als ich meinen Vater verteidigte, dann fuhr er mir frech mit seinen steifen Fingern durch die Haare und rief: dieser Kopf gehört jetzt nicht mehr dir, und es handelt sich nur noch darum, ob du ihn gleich jetzt höflich hergeben oder wie teuer du ihn verkaufen willst. Ich stieß mit dem Fuß nach ihm, als ob er mich zu dem gemacht hätte, was ich so plötzlich geworden war, ich legte die Büchse auf ihn an. Hei, noch seh' ich ihn, wie er vor mir zurückwich, und wie die magere Schlange auf die er trat, als er's tat, sich ihm zischend und züngelnd ums Bein flocht! Julia . Aber du stießest ihn nicht immer mit dem Fuß! Antonio . Wie sollt' ich! Da stand ich – ausgestoßen aus dem Kreise der Menschheit – jeder Arm gegen mich, den Mörder, bewaffnet – mußt' ich nicht schwindeln, wie bei einem Erdbeben, mußt ich die einzige Hand, die mir geboten ward, nicht ergreifen? Ja, ich hörte zu beten auf, und ich fing erst wieder an, als ich dich zum erstenmal – Was soll's! Es war ja auch Narrheit! Julia . Antonio! Antonio . Auf jenen düstern Tag folgte ein zweiter! Ich sah das Haupt meines Vaters fallen! Fühlst du, was das heißt? Ihn hatte ich nie einen Tropfen Bluts vergießen sehen, das seinige sah ich in dickem Strahl aus dem kopflosen Rumpf, wie aus einem Springbrunnen, fast lustig himmelan steigen! Es war sn einem schönen Morgen, die Sonne beschien den Henker und sein Opfer hell und freundlich; du pflücktest vielleicht um dieselbe Stunde frische Blumen in deinem Garten. Ich hatte mich nicht zu diesem furchtbaren Schauspiel gedrängt, ich war durch ungereimte Vorspiegelungen dahin gelockt worden, man hatte mir von der Möglichkeit einer Befreiung gesprochen, es war lächerlich! Aber was man wirklich beabsichtigt haben mochte, das erreichte man, ich wurde vom Wirbel bis zur Zehe mit Wut und blindem Rachedurst erfüllt, ich schwur – was ich leider hielt, was ich so gut hielt, daß die Teufel um mich herum bald vor mir zu zittern anfingen, wie die Welt vor ihnen, und mich zu ihrem Anführer machten. Julia . Ich schaudre! Doch ich fasse das! Antonio . Und fassen wirst du's auch, mit welchen Empfindungen ich an deinen Vater dachte, wenn du vernimmst, daß er, er den meinigen so weit – Julia . Nimmermehr! Antonio . Man sagte mir, daß mein Vater den Namen Tobaldi sehr oft und nie ohne Fluch und Zähneknirschen im Munde geführt, man wollte etwas wissen, von einer verratenen Verschwörung und einer darauf erfolgten Ächtung, und immer klang dieser Name schrecklich und widerwärtig durch. Julia . Wie hieß dein Vater? Antonio . Grimaldi! Julia . Grimaldi! Antonio . Du kennst den Namen! Du fährst zusammen! Julia . Ich kenne ihn, mein Vater hat ihn genannt, aber wahrlich nicht in dem Judaston, durch den sich ein verletztes Gewissen verraten mag! Antonio . Vielleicht war der Haß ungerecht, oder zu stark, denn du, du bist die Tochter Tobaldis, doch darnach fragt' ich nicht, ich übernahm ihn, wie eine heilige Erbschaft und – Julia . Du schwurst uns Rache und Tod! Antonio . Ich tat's, ich betrat die Stadt, in der dein Vater lebte, nur um ihn zu verderben, es sollte mein letztes Geschäft sein, es war mir gleich, ob man mich dabei ergriff. Ich kam, ich sah dich! Ja, Weib, es ist wahr, ich habe unwillkürlich die Hände gefaltet, als ich dich erblickte; denn wie du so heraustratst auf den Balkon, vom Frühlicht umflossen, die Rose in der Hand und freundlich auf mich herabsehend, da war es mir, als schaute ich zum erstenmal in den blühenden Garten der Welt hinein, durch ein eisernes Gitter zwar, das mir den Eintritt wehrte, aber doch mit hellem Auge, mit erfrischtem Sinn. Das geschah, ehe ich wußte, wer du warst! Julia . Und als du's erfuhrst? Antonio . Da habe ich anfangs mit meinem Herzen gegrollt und ihm den Entschluß, deinen Vater doch niederzustechen, sobald ich ihn träfe, wieder abgetrotzt, auch hätte ich das getan, wenn ich sah, daß sein Blick leuchtete, daß seine Brust sich stolz und übermütig erhob, als ich dich verwirrt und entzückt betrachtete, ich schaute in seine Seele hinein und entdeckte den Punkt, wo er am verwundbarsten war. Nun rannen in meiner Brust die widersprechenden Gefühle, die sich bis dahin auf Tod und Leben bekämpft hatten, ineinander, ich glaubte, daß dem Haß, den ich nicht unterdrücken durfte, und der Liebe, die ich nicht unterdrücken konnte, zugleich genügt werden könne; ich setzte sich zum Zeichen, ob Gott und Welt noch zu versöhnen seien; ich dachte: wenn die dir lächelt, wenn die dir folgt und ihn verläßt – – Ha, du hast mir gelächelt, du warst bereit, mir zu folgen, und nun bist du das Weib eines andern! Julia . Ja, aber eines Mannes, der zwischen mich und den Tod trat, als er schon in Gestalt eines Mordknechts neben mit stand, den ich selbst in meiner Verzweiflung so lange gereizt und herausgefordert hatte, bis er in einsamem Walde den Dolch gegen mich zückte – Antonio . Ha! Julia . Eines Mannes, dem ich fremd und unbekannt war, der nichts für mich empfand, nichts von mir verlangte und mir doch in großmütigem Mitleid seine ganze Zukunft zum Opfer brachte – Antonio . Er sah dich aber doch in dem Augenblick, wo er's tat, nicht wahr? Julia . Eines Mannes, der mich ernst, wie ein Engel des Gerichts, an das heilige Doppelleben in meinem Schoß mahnte, als ich zögerte, sein Opfer anzunehmen, und der – jetzt wirst du auf deine Knie fallen und vor ihm vergehn, wie vor Gott! – der mir heute zur Krönung seines Werkes nach kaum vollzogener Trauung das Versprechen abdrang, ihm – doch nein, nein, was mach' ich da, das darf er nie hören oder erst spät! Antonio . Ich brauche nur eins noch zu hören. Liebst du ihn? Einer von uns muß aus der Welt, er oder ich. Von deiner Antwort hängt es ab, wer! Julia . Antonio, wenn du ahntest – Antonio . Ich ahne genug, du stockst, du umgehst die Antwort! Wenn du Nein sagen könntest, so würdest du auch Nein sagen müssen! Er hat nichts von dir verlangt? Daran tat er wohl! Das war ja, ich seh's, das sicherste Mittel, alles von dir zu erhalten! Alles! alles! So viel, daß nicht bloß ich, daß selbst dein Schutzheiliger eifersüchtig auf ihn werden muß. Er hat nichts für dich empfunden? Wie, wenn das Heuchelei gewesen wäre? Wen er sich bloß so gestellt hätte, sich noch so stellte? Der Blitz der Liebe zündet rasch! Das weiß ich, ich. Wie lange Zeit brauchte er denn, um aus meiner Brust eine ganze starre Welt von Haß und Rache hinwegzuschmelzen! Julia . Nichts weiter! Daß die Reue dich nicht zu tief brenne, wenn du ihn kennen lernst! Antonio . Wenn ich ihn – Aber ward denn je ein Mensch so – Jedes Wort ihres Mundes ist eine Verklärung für ihn! Wenn ich ihn kennen lerne, so werd' ich ihm eine Frage vorlegen, eine einzige, ich werde – Julia . Du wirst nicht! Du wirst schweigen, du wirst jetzt gehen, oder noch einmal und auf ewig verlieren, was du – was du vielleicht wieder gewonnen hast! Antonio . Auf ewig, was ich wieder – So hab' ich noch nicht alles verloren? So willst du mit mir fliehen? So darf ich dich heut abend im Garten erwarten? Julia . Nein! Nimmermehr! Darfst du das denn fordern? Hast du nicht so gut, wie ich, die Pflicht zu büßen? Hast du ein Recht auf Glück? Antonio . Ja! Ja! Wer seine Vergangenheit so ganz hinter sich geworfen hat, wie ich, wer sich selbst in dem Augenblick frei von ihr fühlt, wo sie ihm die letzte höhnische Fratze schneidet und die ganze Zukunft hinunterzuknirschen droht, der mag sich verirrt haben, wie weit er will, er darf so antworten! Julia . Er kann das Schicksal aber nicht zwingen, ihm die Probe zu erlassen! Laß uns sie bestehen, laß und scheiden! Wir müssen's, und je mehr es uns kostet, um so leichter sollt' es uns werden! Antonio . Was dir leicht wird, sollte mir nicht schwer fallen! Recht! Recht! Nun, wer weiß, was ich tu, wenn mein Geschäft hier beendigt ist! Vielleicht ist mir der Gedanke doch zu peinlich, daß ich für dich nur einer unter vielen war, während du für mich die einzige unter allen gewesen bist. Dann geh' ich nach Italien zurück und bezahle alte Schulden mit meinem Kopf. Vielleicht – es wird sich finden! Aber vorher muß mein Geschäft beendigt sein, vorher muß ich –Heilige entlarven! Einen gewiß, und wer weiß, ob nicht zwei! Denn daß sich unter einem so übermenschlichen Edelmut der feigste Eigennutz versteckt, ist sicher, es könnte sich aber auch unter einer so glühenden Verehrung eine zitternde Liebe verbergen, und das – Julia . Allmächtiger Gott! Er kommt! Sechste Szene. Graf Bertram und Alberto (treten ein). Antonio (tritt dem Grafen entgegen) . Das muß ich wissen! Herr Graf – Nicht wahr, Sie sind doch der Gemahl dieser Dame – Graf Bertram . Aber Sie, wer sind Sie? Antonio . Ich bin derjenige, auf dessen Kosten Sie – Sehen Sie Ihre Gemahlin an und Sie werden die Frage nicht wiederholen! Dagegen muß ich, ich an Sie eine stellen. Warum – Julia (entreißt ihm seinen Dolch) . Ich töte mich, wenn du ihn zwingst, sich zu töten. Antonio . Wenn ich ihn zwinge, sich zu töten? Ich wüßte nicht, wie mir so viel Macht über ihn kommen sollte. Alberto . Was geht hier vor? Graf Bertram (zu Alberto) . Ich ahne schon alles, wenn ich auch noch nicht begreife, wie es zusammenhängt. Meine Reue ist ernst, darum wird meine Buße nicht verschmäht! Wenn ich jetzt zwischen den zwei Pistolen zu wählen hätte, ich würde mich nicht wieder vergreifen! Das fühl' ich! Julia, dieser Mann – Julia . Geht Sie nichts an, geht mich – Antonio . Auch nichts an? Weib, wage nicht zu viel! Ich könnte dich früher, als dir's lieb wäre, zur Witwe machen! Nicht durch einen Dolchstoß um Mitternacht, aber – – (zu Graf Bertram.) Nicht wahr, wenn ich nicht freiwillig abtreten wollte, was mir gehörte, so würden Sie mir doch erlauben, einmal auf Sie zu schießen? Wenigstens hat man mir gesagt, daß ihr das so unter euch verhaltet, und wer, wie ich, den Habicht im Fluge zu treffen pflegt, der würde nicht fehlen, wenn er – (zu Julia.) Fürchte nichts! Ich will nicht mich, ich will nur noch die Heiligen rächen, ich will die Glorie um eine Gleißnerstirn auslöschen, und dich, dich zwingen, die Gefühle, die du im Busen hegst, auch mit dem Munde zu bekennen! Und also – Julia (wirft den Dolch weg) . Sprich! Antonio (zu Graf Bertram) . Wenn Sie dies Weib wirklich bloß, wie Sie vorschützten, dem Untergang entziehen wollten, warum führten Sie es nicht zu Ihrer Schwester oder Ihrer Mutter, warum, wenn Sie das nicht konnten, nicht in ein fremdes Haus, warum schlossen Sie mit ihm den einzigen Bund, der unter Menschen unauflöslich ist, den Bund der Ehe? Und wenn Sie es liebten, warum heuchelten Sie, warum suchten Sie ein Herz durch falsche Künste zu bestricken, das sonst, ich muß es noch jetzt glauben, da Sie sich doch nicht ohne Not zu einer Gaukelei verstanden haben werden, wohl nie das Ihrige geworden wäre? Was gab Ihnen ein Recht zu so unehrlichem Spiel? Julia (tritt dicht vor Antonio hin) . Knie nieder, wühle dich noch einmal in die Erde hinein und komm' nicht wieder hervor, tu das Gelübde, nie mehr zur Sonne aufzusehen und die Augen jedesmal zu schließen, wenn dein Blick auf eine Blume fällt! Graf Bertram . Halten Sie ein! Julia . Nein! Nein! Ich wollte Ihnen das Versprechen, das Sie von mir forderten, nicht geben, weil ich seine furchtbare Bedeutung verstand, denn ich konnte nicht wissen, wie leicht man mir's machen würde, es zu halten! Graf Bertram . Nicht weiter! Julia . Doch! Doch! Ihre Ahnung trog Sie nicht; Der, dem dies Versprechen galt, ist erschienen, aber nicht, um ein Schicksal, das er selbst heraufbeschwor, würdig und still dahinzunehmen und sich im Moment des Scheidens wieder für ewig in meine Seele einzuzeichnen, sondern um roh und gewaltsam den letzten Faden zu zerreißen, der mich, mir selbst unbewußt, im tiefsten Innern noch an ihn knüpfte! Ja, so war's, ich darf es jetzt bekennen; denn es ist vorbei! Als ich ihn wieder sah, als es sich verteidigte und mich anklagte, als seine Schuld sich in ein ungeheures Unglück zu verwandeln schien, da fing ich schon an zu fürchten, daß Sie mein Herz besser verstanden hätten, als ich selbst, und wenn er nun gegangen wäre, wie er gehen mußte, so würde ich Ihnen nie, nie verraten haben, was ich empfand, aber gewiß hätte ich ihm in mancher Nacht heiße Tränen nachgeweint! Doch jetzt – jetzt – Graf Bertram (leise) . Auch jetzt verstehe ich dein Herz besser, als du selbst, und danke dem Himmel für die leidenschaftliche Regung, in der es sich mir bloßlegt. Julia (zu Antonio) . Und nun die Antwort für ihn! Warum er tat, was er tat, und nicht, was du getan hättest? Weil er nicht bloß einen Doppelmord verhüten, weil er zugleich dem Vater die Tochter, dem Weibe die Ehre retten, und weil er – jetzt wird's dir sein, als ob du ihn Flügel bekommen sähest – aus der Welt gehen wollte, wenn du wiederkehrst, um dir die Mutter deines Kindes zurückzugeben! Graf Bertram . Fügen Sie noch hinzu, daß ich ausgezogen wäre, ihn zu suchen! Antonio . Wenn es einen Menschen gibt, der einer solchen Tat fähig ist, so war ich ein eitler Prahler, als ich erklärte, ich sei des Glücks noch würdig. Das kann ich nicht fassen und noch viel weniger vollbringen! Julia . Darin sieh dein Gericht! Antonio . Und du meine Entschuldigung! Aber – es gilt die Probe! Julia . Die Probe? Graf Bertram (zu Antonio) . Sie meinten, ich würde Ihnen die Erlaubnis erteilen, auf mich zu schießen, wenn Sie's verlangten! Das werde ich nicht tun, denn es würde schreckliche Folgen für Sie haben, wenn Sie träfen! Aber ich werde auf mich selbst schießen, sobald Sie wollen! Antonio . Gibt es solche Menschen auf der Welt? Was bin denn ich? Julia (zu Graf Bertram) . Sie fühlen doch, daß mein Tod sogleich auf den Ihrigen folgen wird? Antonio (zu Julia) . Fürchten Sie nichts! Ich gehe, und Sie sehen mich niemals wieder! Niemals! (Zu Graf Bertram.) Umarmen Sie Ihre Gemahlin! Ihre Gelübde gelten nicht mehr, ich stoße sie um, ich gebe meine Rechte auf! (Zu Julia.) Alle! alle! Sogar das Recht auf einen Platz in Ihrem Gedächtnis! Vergessen Sie mich! Und wenn Sie das nicht können, so denken Sie an mich, wie an einen Menschen, der sich durch seiner Hände Arbeit im Schweiß seines Angesichts sein Brot erwirbt! Denn das werd' ich tun! Ich werde mit dem nächsten Tagelöhner, den ich auf dem Acker erblicke, die Kleider wechseln und dann die Erde bauen, wie er! Je drückender das Leben mir wird, je mehr es mich anekelt, um so sorgsamer will ich's pflegen, um so mühseliger die Mittel, es mir zu erhalten, herbeischaffen. Das soll meine Buße sein! Es ist die schwerste! Julia . Das ist der Mensch, den ich liebte! Graf Bertram (leise) . Und liebe! Zum Ende! (Zu Alberto.) Lösen Sie die Verwirrung! Erklären Sie meine Tat! Ich habe mich Ihnen anvertraut, Sie können's! Alberto . Sie erwarten zu viel von mir! Graf Bertram . Sagen Sie, daß ich der edle Mensch nicht bin, für den man mich hält! Alberto . Das kann ich nicht! Graf Bertram . Nun, so kann ich's selbst! Antonio (zu Julia) . Leben Sie wohl! Julia (streckt ihm die Hand entgegen) . Und – du tötest dich nicht? Du kehrst nicht nach Italien zurück! Antonio . Nie! Nie! (Will gehen.) Graf Bertram (leise) . Wie sie für ihn zittert! Wohl! (Tritt Antonio in den Weg.) Bleiben Sie! Hören Sie! (Zu Julia.) Sie meinen, ich will aus der Welt gehen, weil die Welt zu schlecht für mich ist? Sie irren sich, es treibt mich fort, weil ich zu schlecht für die Welt bin! (Zu Antonio.) Sie halten mich für den ersten der Sterblichen? Wie, wenn ich's nur deswegen schiene, weil ich schon einmal der letzte war, wenn mein Gewissen mir die Tat, die Sie bewundern, als Strafe auferlegt hätte, als Strafe für eine andere, die Sie verabscheuen würden? Antonio . Der Gedanke durchzuckte mich schon, aber ich schämte mich seiner und wies ihn ab! Graf Bertram . Der Gedanke war der rechte! Erfahren Sie, was ich verbrach, und stellen Sie sich meiner Buße nicht länger entgegen! Ich habe einen Menschen getötet – Julia . Unmöglich! Graf Bertram . Doch! Mehr als getötet, ein stolzes, herrliches Geschöpf, das nicht alle Tage, ich muß es leider sagen, obgleich es meine Schuld erhöht, so aus den Händen der Natur hervorgeht, das vielleicht zu großen Dingen bestimmt war und durch mich – Sie schaudern schon, Sie wenden sich von mir ab, Sie treten dem Mann Ihrer Wahl nah! Ich halte inne, aber Sie müssen selbst erkennen, daß es nur ein Mittel gab, der Welt den Raub, den ich an ihr beging, zu ersetzen, und daß ich dies Mittel ergriff, als ich zwischen Sie und den Tod trat! Mache denn keiner meine Tat zur Torheit, hindre mich keiner an dem Schritt, den ich vollbringen muß, wenn ich von heute an nicht so zwischen Ihnen und dem Leben stehen soll, wie ich bisher zwischen Ihnen und dem Tod stand, folge mir keiner! (Will gehen.) Antonio . Ich weiche nicht von Ihrer Seite! Wir alle haben zu büßen, und ich zumeist! (Zu Julia.) Ich werde über ihn wachen, als ob er mein Bruder wäre! Julia . Vergib mir! Alberto (zu Graf Bertram) . Gehen Sie nicht zu weit! Ihre Schuld ist getilgt, mehr als getilgt! Sie haben der Welt ein Doppelleben erhalten, das ihr schon sicher verloren war, und Sie können doch nimmermehr glauben, daß Julia diesem Mann eine Hand, die nur durch das furchtbarste Mittel frei werden kann, reichen, oder daß er sie ergreifen wird! Ihr Blut oder ein Ozean zwischen beiden, ich denke, beides ist gleich! Graf Bertram . Das ist wahr! (Leise.) Eben so wahr, als daß ich sterben muß! Ich werde Gemsen jagen, so lange Gemsen jagen, bis ein verunglückender Sprung mich zwingt, die Tiefe eines Abgrundes zu messen, aus dem man nicht einmal als Leichnam wieder heraufkommt! Keinen Monat soll's dauern! Und dann – Ha, es kommt mir doch vor, als ob noch etwas folgte, als ob, wer redlich büßte, irgendwo auf einen freundlichen Empfang rechnen dürfte. (Zu Alberto.) Sie haben recht! (Zu Antonio und Julia.) Wir bleiben beisammen, so lange das Schicksal will! Aber wenn ich sterben sollte, eines natürlichen Todes sterben sollte, so – das versprechen Sie mir beide – Julia . Dann – Antonio . Dann wollen wir uns fragen, ob wir noch glücklich sein dürfen! Julia . Wir wollen uns fragen, ob wir noch glücklich sein können!