Walter Scott Kenilworth - Erster Teil Erstes Kapitel. Ein Erzähler hat das Vorrecht, den Anfang seiner Geschichte in ein Gasthaus zu verlegen – denn dort ist der Sammelplatz aller Reisenden, und dort gibt sich jeder, wie er ist, ohne Umstände und ohne Zwang. Bei einer Geschichte, die in den Tagen des lustigen Altenglands spielt, machte sich das besonders gut; denn damals waren die Gäste nicht bloße Bewohner, sondern Zechkumpane und zeitweilige Gefährten des Wirtes, der gewöhnlich ein mit dem Vorrecht größter Freiheit und Ungezwungenheit einstimmig belehnter Mann von stattlicher Erscheinung, guter Laune und saftigem Humor war. Unter seiner Gönnerschaft und Befürwortung kamen sich die verschiedensten Charaktere bereitwilligst näher, und wenn sie erst ihre paar Humpen wacker geleert hatten, warfen sie in der Regel alle Zurückhaltung ab und stellten sich einander und ihrem Wirte vor mit der Ungezwungenheit alter Bekannten. Das Städtchen Cumnor, drei bis vier Meilen von Oxford entfernt, konnte sich im achtzehnten Regierungsjahre der Königin Elisabeth eines ausgezeichneten Gasthauses vom alten Schlage rühmen, das unter der Verwaltung von Giles Gosling stand, einem stattlichen und feisten Wirte. Er mochte fünfzig Jahre und wohl noch etwas älter sein, war mäßig in seinen Rechnungen, prompt und pünktlich in seinen finanziellen Verpflichtungen, hatte einen Keller voll trefflicher Getränke, einen schlagfertigen Witz und eine hübsche Tochter. Seit den Tagen des alten Heinz Baillie, der das Gasthaus »Zum Waffenrock« in Southwark hatte, war noch keiner besser darauf »geeicht« gewesen, den Gästen nach jeder Richtung hin angenehm und gefällig zu sein, als Giles Gosling; und so groß war sein Ruf, daß jeder, Reisende, der in Cumnor war und nicht auf einen Humpen in dem guten Hause »Zum schwarzen Bären« hätte einsprechen wollen, sich ein trauriges Armutszeugnis ausgestellt hätte. Ebenso gut hätte ein Mann vom Lande aus London zurückkommen können, ohne die Königin gesehen zu haben. Die Leute von Cumnor waren stolz auf ihren Wirt und ihr Wirt war stolz auf sein Haus, seinen Wein, seine Tochter und sich selber. Im Hofe des Gasthauses, das diesen wackeren Mann seinen Wirt nannte, stieg gegen Abend ein Reisender ab, gab sein Pferd, das einen weiten Weg zurückgelegt zu haben schien, dem Stallknecht und stellte einige Fragen, die zu dem folgenden Zwiegespräch zwischen den Myrmidonen des guten »Schwarzen Bären« führte. »Heda, Kellner Hans!« »Da bin ich, Stallknecht Willem,« versetzte der Mann vom Faßhahn und trat in seiner losen Jacke, seinen Leinenhosen und der grünen Schürze auf die Türschwelle, von der aus es in einen Keller hinunterzugehen schien. »Hier ist ein Herr, der fragt, obs bei dir gutes Bier gäbe,« fuhr der Stallknecht fort. »Ei, das versteht sich,« antwortete der Buffetier, »liegen doch bloß vier englische Meilen zwischen uns und Oxford. Wenn nicht mein Bier gut genug wäre, den Studenten die Köpfe zu erleuchten, so würden sie wahrscheinlich meinem Kopfe mit ihren zinnernen Krügen heimleuchten.« »Soll das Logik à la Oxford sein?« fragte der Fremde, der jetzt den Zügel seines Pferdes hatte fallen lassen und auf die Wirtshaustür zuging. – Da trat ihm die stattliche Gestalt Giles Goslings selber entgegen. »Sprecht Ihr von Logik, Herr Gast?« fragte der Wirt. »Ei, da laßt mich Euch einen schönen logischen Schluß zurufen: »An die Krippe das Pferd Und den Sekt an den Herd.« »Amen von ganzem Herzen, mein guter Wirt!« sagte der Gast. »Ein Viertelmaß Eures besten Kanariensektes bringt herbei und leiht mir Euren trefflichen Beistand, es zu leeren!« »Na, da seid Ihr noch in den Kinderschuhen, Herr Reisender, wenn Ihr Euren Wirt dazu in Anspruch nehmt, Euch bei so einer Lappalie wie einem Viertelmaß beizustehen – wenns wenigstens eine Gallone wäre, dann könntet Ihr vielleicht meine kameradschaftliche Hilfe beanspruchen und Euch schließlich auch einen guten Wirtshausgast nennen.« »Seid ohne Sorge,« sagte der Gast, »ich will meine Pflicht tun, wie einem Manne geziemt, der bis auf fünf Meilen an Oxford heran ist; denn ich komme nicht vom Felde des Mars, um mich unter den Jüngern der Minerva zu blamieren.« Als der Wirt dies hörte, hieß er ihn herzlichst willkommen und führte ihn in ein großes, niedriges Zimmer, wo mehrere Männer in verschiedenen Gruppen beieinander saßen. Die einen spielten Karten, die andern plauderten, und wieder andere, die aus Rücksicht auf ihr Geschäft am andern Morgen früh aufstehen mußten, beendeten ihre Abendmahlzeit und regelten mit dem Zimmerkellner die Angelegenheit ihres Nachtquartiers. Der Fremde erfuhr beim Eintritt die allgemeine oberflächliche Art von Aufmerksamkeit, die bei solchen Anlässen gewöhnlich neuen Ankömmlingen gewidmet wird und diese Musterung führte zu folgendem Ergebnis: Der Gast war einer von jener Art Herren, die ein ganz nettes Aeußere und an sich nicht ungefällige Züge haben, dennoch aber nicht im mindesten hübsch genannt werden konnten – einer von jenen Menschen, von denen man sich – ob das nun am Gesichtsausdruck oder dem Ton der Stimme oder der Art, sich zu geben und zu benehmen, liegen mag – vielmehr im Grunde abgestoßen fühlt. Der Fremde hatte ein beherztes, selbstbewußtes Auftreten, ohne frech und zudringlich zu sein, und schien voller Eifersucht und Unruhe einen Grad von Aufmerksamkeit und Untergebung für seine Person zu beanspruchen, der ihm vielleicht, wie er fürchtete, nicht gezollt werden möchte, wenn er nicht augenblicklich sein Anrecht darauf geltend machte. Er war in einen Reitmantel gekleidet, unter dem ein schmuckes, mit Tressen besetztes Wams zum Vorschein kam. Um das Wams trug er einen Gürtel von Büffelleder, in dem ein Schwert und ein Paar Pistolen steckten. »Ihr reitet wohl gerüstet, Herr,« sagte der Wirt mit einem Blick auf die Waffen, indem er dem Reisenden den bestellten Sekt auf den Tisch setzte. »Ja, mein Wirt, ich habe gefunden, wie nützlich das in gefahrvollen Zeiten ist, und ich mache es nicht, wie die hohen Herren von heutzutage, daß ich meinen Anhängern den Laufpaß gebe, sobald ich sie nicht mehr brauche.« »Ei, Herr,« sagte Giles Gosling, »so seid Ihr aus dem Flachlande, dem Lande der Piken und Flinten?« »Ich war im Hohen und im Flachen, mein Freund, ich war weit und breit, fern und nah; aber ich trinke auf Euer Wohl einen Becher Eures Sektes. Füllt Euch selber einen andern, daß Ihr mir Bescheid tun könnt, und wenn der Wein nicht weit her ist, so müßt Ihr ihn halt trinken, wie er gebraut ist.« »Wie meint Ihr das?« sagte Giles Gosling, trank den Becher leer und schmatzte mit den Lippen, indem er eine Fratze unsagbaren Behagens schnitt, »so einen Wein haben selbst die »Drei Kraniche« nicht im Keller, das steht fest. Aber wenn Ihr besseren Sekt auf den kanarischen Inseln selber findet, so wollt ich in meinem Leben nichts wieder an die Lippen bringen. Na, haltet ihn doch nur in die Höhe, gegen das Licht, dann seht Ihr die kleinen Perlen in der goldenen Flüssigkeit tanzen wie Staub im Sonnenlicht. Aber ich möchte lieber Wein abziehen für zehn Bauern als für einen Reisenden. – Ich hoffe doch zuversichtlich, der Wein findet bei Euer Ehren Beifall?« »Er ist rein und angenehm, mein Wirt. Wenn man aber guten Wein kennen lernen will, dann muß man dorthin gehen, wo der Wein wächst. Glaubt mir, der Spanier ist Euch viel zu schlau, als daß er das beste von seinen Trauben hierher schicken sollte. Dieser Tropfen hier, der Euch so ausgezeichnet vorkommt, würde doch nur als Halbblut gelten in Coruna oder zu Porto Santa Maria. Wenn Ihr dem Mysterium der Fässer und Krüge bis auf den Grund kommen wollt, Herr Wirt, dann solltet Ihr auf Reisen gehen.« »In Wahrheit, Signor Gast,« sagte Giles Gosling »sollte ich nur zu dem Zweck reisen, um mir an dem, was ich zu Hause haben kann, den Geschmack zu verderben, so wäre das wohl ein recht törichtes Beginnen. Ich versichere Euch übrigens, so mancher Hausnarr rümpft die Nase über ein gutes Getränk und ist doch aus dem Küchenrauche von Altengland in seinem Leben nicht herausgekommen. Es lebe mein eigener Herd!« »Das nenn ich kleinlich denken, mein Wirt,« sprach der Fremdling. – »Zuversichtlich denken nicht alle Leute hier im Städtchen so. Ihr habt hier auch tapfere Kerle, das glaub ich ganz bestimmt, und ein paar mögen wohl bis nach Virginia gereist sein oder haben zum mindesten das Flachland durchzogen. Kommt, helft einmal Euerm Gedächtnis nach! Habt Ihr Freunde im fernen Lande, von denen Ihr gern etwas hörtet? »Ich nicht,« antwortete der Wirt, »seit der wilde Robin von Drysandford bei der Belagerung von Brill gefallen ist, habe ich keine Freunde mehr in der Welt draußen. Der Teufel mag die Kugel holen, die ihn getroffen hat, – es hat nie einen fröhlicheren Burschen gegeben am Kneiptisch um Mitternacht. Aber er ist nicht mehr, und ich kenne keinen Soldaten und keinen Reisenden vom Soldatenhandwerk, für den ich einen Pfifferling gäbe.« »Das ist sonderbar, es treibt sich mancher brave englische Bursche draußen herum, und Ihr, ein Mann von hervorragender Stellung, solltet keinen Freund oder Verwandten dabei haben?« »Wenn Ihr auf Verwandte zu reden kommt,« versetzte Gosling, »so habe ich allerdings so einen Tunichtgut von einem Verwandten, der uns im letzten Regierungsjahr der Königin Maria ausgerissen ist – aber es ist besser, der bleibt verschollen, als daß wir ihn wiederfinden möchten.« »So solltet Ihr nicht reden, Freund, sofern Ihr in der letzten Zeit nichts Schlimmes mehr von ihm gehört habt. Aus manchem wilden Füllen ist noch ein gutes Pferd geworden. Sagt mir, wie der Mann hieß.« »Michael Lambourne,« erwiderte der Wirt vom »Schwarzen Bären«, »der Sohn meiner Schwester. Eine Freude ists gerade nicht, des Namens oder der Verwandtschaft sich zu erinnern.« »Michael Lambourne!« wiederholte der Fremde, der in seinem Gedächtnis nachzusuchen schien, »doch nicht etwa ein Verwandter mit dem Michael Lambourne, dem tapfern Ritter, der sich bei der Belagerung von Venlos so tapfer zeigte, daß Graf Moritz ihm vor versammelter Mannschaft Dank abstattete? Es hieß, er sei ein Engländer, aber nicht von hohem Stande.« »Das dürfte wohl kaum mein Neffe gewesen sein,« erwiderte Giles Gosling, »der hatte nicht soviel Courage wie ein Huhn – bloß wenn es galt, Unheil zu stiften, da war er bei der Hand.« »O, es ist mancher erst im Kriege zu einem mutigen Soldaten geworden.« »Wohl möglich,« sagte der Wirt, »aber meiner Meinung nach hätte unser Michel seinen geringen Vorrat an Courage dort eher noch vollends einbüßen müssen.« »Der Michael Lambourne, den ich kenne,« fuhr der Fremde fort, »war ein schmucker Bursche, kleidete sich immer sehr sauber und hatte Augen wie ein Falke – zumal auf hübsche Mädels.« »Unser Michel,« sagte der Wirt, »hatte Augen wie ein Köter, der den Schwanz einzieht, und er hatte einen Kittel an, an dem ein Fetzen immer dem andern Valet sagte.« »O, im Kriege kommt man leicht zu einer guten Ausrüstung,« meinte der Gast. »Unser Michel,« erwiderte der Wirt, »hätte sie wohl eher in einem Kleiderladen gestohlen, wenn der Trödler gerade anderswohin gesehen hätte, und was seine Falkenaugen betrifft, von denen Ihr sprecht, die schielten meistens bloß nach meinen silbernen Löffeln. Er ist ein Vierteljahr lang Kellner in diesem gesegneten Hause gewesen, und da war der falschen Rechnungen, Ungezogenheiten, Irrtümern und Schlechtigkeiten kein Ende, und wenn er noch ein Vierteljahr länger hier gewesen wäre, dann hätte ich mein Wirtshauszeichen herunternehmen, die Bude zumachen und den Schlüssel dem Teufel selber abliefern können.« »Und dennoch wird es Euch leid tun,« fuhr der Fremde fort, »wenn ich Euch sage, daß der arme Michael Lambourne bei Maastricht beim Sturm auf eine Schanze gefallen ist.« »Das sollte mir leid tun?« entgegnete der Wirt, »die beste Nachricht wäre es, die ich von ihm hören könnte, denn ich hätte dann doch die Gewißheit, daß er nicht mehr an den Galgen kommen würde. Aber laßt das gut sein. Ich glaube nicht, daß sein Ende so rühmlich für seine Angehörigen sein würde. Wenn es so wäre, so würde ich sagen (und er nahm einen neuen Becher Sekt zur Hand), von ganzem Herzen trinke ich auf seine Ruhe in Gott!« »Still, Mann!« sagte der Reisende, »seid ohne Sorge, Euer Neffe wird Euch noch Ehre machen, besonders wenn es der Michael Lambourne ist, den ich gekannt und fast so lieb gehabt habe wie mich selber. Könnt Ihr mir kein Kennzeichen angeben, nach dem ich beurteilen könnte, ob es derselbe wäre?« »Meiner Treu, nicht daß ich wüßte,« sagte Giles Gosling. »Höchstens daß unserem Michel der Galgen auf der linken Achsel eingebrannt worden ist, weil er der Dame Snort von Hogsditch einen silbernen Leuchter gestohlen hatte.« »Nein, Oheim, da lügt Ihr selber wie ein Spitzbub,« sagte der Fremde, warf die Halskrause ab und streifte den Aermel seines Wamses von Hals und Achsel. »Beim hellen Tage! Meine Schulter trägt noch ebensowenig ein Brandmal wie Deine eigene.« »Was! Michel – Junge! Michel!« rief der Wirt. »Bist Dus denn im Ernst? Das habe ich mir doch bald gedacht, denn ich sagte mir, kein andrer hätte sich halb soviel für Dich interessiert. Aber, Michel, wenn Deine Schulter noch frei ist vom Brandmal, dann bist Du bloß dem Henker Thong Dank schuldig, daß er ein Auge zugedrückt und Dich mit einem kalten Eisen gezeichnet hat.« »Still, Oheim, laßt Eure Scherze beiseite. Würzt damit Euer saures Bier, und laß uns lieber sehen, was für ein herzliches Willkommen Du einem Verwandten bereitest, der achtzehn Jahre lang sich um die Welt herumgetrieben hat, der die Sonne hat untergehen sehen, wo sie aufgeht, der gereist und gereist ist, bis der Westen gar zum Osten geworden war.« »Du hast eine den Reisenden eigentümliche Fähigkeit mitgebracht, wie ich sehe, allerdings gerade die, wegen der Du am allerwenigsten hättest wegzureisen brauchen. Ich erinnere mich noch recht wohl, neben Deinen anderen Vorzügen hattest Du auch den, daß man Dir kein Wort glauben konnte.« »Welch ein ungläubiger Heide, meine Herren!« sagte Lambourne und wandte sich an die, die diesem seltsamen Auftritt zwischen Oheim und Neffen mitansahen, von denen einige als alte Einwohner des Städtchens den wilden Jüngling wohl gekannt hatten. – »Das heiß ich einen nett bewillkommnen. – Aber Onkel, ich komme nicht von den Trebern und nicht vom Schweinetrog, und es kümmert mich herzlich wenig, ob ich Dir willkommen bin oder nicht. Ich habe das bei mir, was mir Willkommen schaffen wird, wohin ich mich auch wenden werde.« Mit diesen Worten zog er eine gut gefüllte Geldbörse heraus, deren Anblick auf die Gesellschaft Eindruck machte. Einige schüttelten den Kopf und flüsterten untereinander, während ein paar von den weniger bedenklichen Charakteren sich sofort wieder seiner als ihres Schulkameraden oder Mitbürgers erinnern wollten. Dagegen verließen einige würdevolle Personen von gesetztem Aeußern unter Kopfschütteln das Gasthaus, indem sie andeuteten, daß Giles Gosling wohl seinen unsteten, halt- und gottlosen Neffen sich sobald wie möglich wieder vom Halse schaffen müsse, wenn er nicht ruiniert sein wollte. Gosling schien seinem Wesen nach so ziemlich derselben Meinung zu sein. Dem ehrlichen Manne stach das Gold weit weniger in die Augen, als man sonst bei Leuten seines Berufs zu finden pflegt. »Vetter Michael,« sagte er, »steck nur Deine Börse wieder ein. Der Sohn meiner Schwester soll in meinem Hause für Abendbrot und Logis nichts zu bezahlen haben, und ich denke mir, Du wirst schwerlich den Wunsch haben, Dich länger an einem Orte aufzuhalten, wo Du nur zu wohl bekannt bist.« »Was das anbetrifft, Onkel,« sagte der Reisende, »das wird sich nach meinen eigenen Geschäften und meinem Gutdünken richten. Inzwischen will ich diesen wackeren Herren, die nicht zu stolz sind, sich des Michel Lambourne, des ehemaligen Kellnerjungen, zu erinnern, zum Abend Bescheid tun. Wenn Du mich für mein Geld bewirten willst, gut – wenn nicht, so sind es ja nur ein paar Schritte bis zum Hasen mit der Trommel, und ich denke doch, unsere Nachbarn werden sich nicht scheuen, bis dorthin mit mir zu gehen.« »Nein, Michel,« erwiderte sein Oheim, »achtzehn Jahre sind über Dein Haupt hingegangen, und gewiß haben sich Deine Verhältnisse ein wenig gebessert. Du sollst mein Haus nicht zu dieser Stunde verlassen und sollst haben, was Du vernünftigerweise begehren magst. Aber ich wollte, ich wüßte, daß das viele Geld in Deiner Börse, mit dem Du Dich so groß tust, auch wohl erworben wäre.« »Ein ungläubiger Thomas, Nachbarn!« sagte Lambourne, und wandte sich abermals an die Umstehenden. »Nach einer Menge von Jahren will er noch auftischen, was sein Neffe auf dem Kerbholz hat. Was das Gold anbetrifft, – ich bin dort gewesen, wo es wächst und für jeden zu haben war, der welches suchte. In der neuen Welt bin ich gewesen, Mann, im Eldorado, wo kleine Rangen mit Diamanten Murmel spielen, und die Landdirnen sich Halsbänder aus Rubinen flechten statt aus Vogelbeeren, wo die Ziegel auf den Dächern aus purem Golde sind und die Pflastersteine aus reinem Silber.« »Das muß ich sagen, Freund Michel,« sagte der junge Lorenz Goldfaden, der Schnittwarenhändler von Abingdon, – »an solch einer Küste muß sich fein Handel treiben lassen. Was mögen wohl Linnen, Seide und Band einbringen, wo das Gold so wohlfeil ist?« »O, gar nicht auszurechnen wäre der Profit,« versetzte Lambourne, »besonders wenn ein junger, schmucker Handelsmann sein Päckchen selber trägt. Denn die Damen unter dieser Zone sind bona-robas , und da sie selber ein wenig sonnverbrannt sind, so fangen sie Feuer wie Zunder beim Anblick einer solchen frischen Gesichtsfarbe, wie Du sie hast, und eines solchen ins Rote spielenden Haares.« »Ich hätte schon Lust, dort Handel zu treiben,« sagte der Krämer schmunzelnd. »Ei, und das könntest Du auch sehr leicht,« sagte Michael. »Das heißt, wenn Du noch derselbe flotte, lebendige Bursche bist, mit dem zusammen ich den Obstgarten des Abtes geplündert habe. Es ist nichts weiter nötig, als so ein kleiner alchimistischer Kniff, Dein Haus und Deinen Grund und Boden in bares Geld zu verwandeln, und dieses bare Geld in ein großes Schiff mit Segel, Ankern und Takelage und allem, was dazu gehört, dann wird Dein Warenlager gut verstaut, fünfzig tüchtige Kerle unter meinem Kommando werden geheuert, und dann werden die Segel gehißt, und hei! gehts in die neue Welt!« »Du hast ihm ein Geheimnis verraten, Vetter,« sagte Giles Gosling, »wie er seinen Taler in einen Heller und seine Gewebe in einen bloßen Faden verwandeln kann. Hört Ihr nur nicht auf den Rat eines Narren, Nachbar Goldfaden. Wagt Euch nur nicht auf die See, denn die See ist ein gefräßiges Ungeheuer. Karten und Liebschaften, das könnt Ihr schon ein Weilchen aushalten, und wenns noch so toll ginge, da hat Euer Vater Warenballen genug herangeschafft, daß Ihr nicht so bald ins Spital kommen könnt. Aber das Meer hat eine grundlose Freßsucht – es würde den ganzen Reichtum der Lombardstraße an einem Morgen hinunterschlingen, ebenso leicht, wie ich ein Setzei und ein Gläschen Rotwein verschlucke. Was meines Vetters Eldorado betrifft, so verlaßt Euch nur darauf, er hat es nirgendwo anders als in den Taschen solcher Gimpel gefunden, wie Ihr einer seid. – Aber laßt Euch das nur nicht in die Nase stechen. Wohlgemut ans Werk, denn da kommt das Abendbrot, und ich lade jeden ein, der daran teilnehmen will, zur Feier der Rückkehr meines Neffen. Ich selber nehme bestimmt an, er ist als ein anderer Mensch wiedergekommen. – In der Tat, Vetter, Du bist meiner armen Schwester ähnlich, wie nur je ein Sohn seiner Mutter ähnlich gesehen hat.« »Aber nicht ganz so dem alten Benedikt Lambourne, ihrem Ehemann,« sagte der Krämer blinzelnd und kichernd. »Besinnst Du Dich noch, Michael, was Du sagtest, als der Schulmeister seinen Bakel über Dir tanzen ließ, weil Du Deinem Vater die Krücken weggenommen hattest? Das ist ein weises Kind, sagtest Du, das seinen Vater kennt. Dr. Bircham mußte lachen, bis ihm die Tränen kamen, und diese seine Tränen haben Dir die Tränen erspart.« »Na, er hat michs noch lange nachher entgelten lassen,« sagte Lambourne, »und wie geht es dem alten Pädagogen?« »Tot,« erwiderte Giles Gosling, »schon lange tot.« »So ist es,« sagte der Gemeindeküster, »ich habe an seinem Totenbett gesessen. Voller Seelenruhe ist er dahingegangen, Morior mortuus sum vel fui mori – das waren seine letzten Worte, und er setzte dann noch hinzu: Nun habe ich mein letztes Verbum konjugiert.« »Nun, Friede sei mit ihm,« sagte Michel. »Er ist mir nichts schuldig.« »Nein, gewiß nicht,« versetzte Goldfaden, »und mit jeder Strieme, die er Dir aufgezogen hat, so pflegte er immer zu sagen, hat er dem Henker eine Arbeit erspart.« »Man möchte meinen,« ,sagte der Küster, »er hätte ihm dann nicht mehr viel zu tun übrig gelassen. Und doch hat der gute Thong, der Henker, keine Sinekure bei unserm Freunde.« » Voto a dios! « lief Lambourne, dem die Geduld zu reißen schien; er nahm den breiten Schlapphut vom Tische und setzte ihn auf, und unter dem tiefen Schatten nahmen seine Augen und Züge, die von Natur nichts Anheimelndes hatten, so recht das Aussehen eines spanischen Bravos und Abenteurers an. – »Hört, Ihr Herren, – unter Freunden, und wenns durch die Blume gesagt wird, ist schließlich alles nicht so sehr schlimm, und ich habe schon meinem würdigen Oheim und Euch allen gern erlaubt, über die Torheiten meiner Jugendzeit nach Herzenslust herzuziehen. Aber ich trage Schwert und Dolch bei mir, meine guten Freunde, und ich verstehe sie mit Leichtigkeit zu gebrauchen, wenn sich ein Anlaß bietet. Seit ich in spanischen Diensten stehe, habe ich gelernt, im Punkte der Ehre ein wenig empfindlich zu sein, und ich möchte nicht, daß Ihr mich bis zum Aeußersten reiztet.« »Was würdet Ihr denn tun?« fragte der Küster. »Na ja doch, Freundchen, was würdet Ihr denn tun?« fragte der Krämer und huschte geschwind an die andere Seite des Tisches. »Euch die Kehle aufschlitzen, daß Euch Euer Sonntagsgeplärr vergehen sollte, Herr Küster,« sagte Lambourne wild, »und Euch, mein würdiger Krämer in Sammet und Seide würde ich zu einem Eurer Warenballen zusammenhauen.« »Nur sachte, nur sachte,« fiel der Wirt ein, »hier verbitt ich mir jede Großmäuligkeit. Neffe, es wird Dir am besten anstehen, nicht allzu vorschnell etwas schief zu nehmen. Und Ihr Herren werdet gut tun, daran zu denken, daß Ihr allerdings in einem Gasthause seid, daß Ihr aber doch die Gäste des Wirtes seid und auf die Ehre seiner Familie Rücksicht zu nehmen habt. – Meiner Treu, über Euerm albernen Gezänk vergeß ich alles andere. Und dort sitzt mein stiller Gast, wie ich ihn nenne, denn er wohnt nun seit zwei Tagen bei mir und hat noch nie ein Wort gesprochen, außer wenn er sein Essen bestellt und seine Rechnung bezahlt. – Macht einem nicht mehr Umstände als ein einfacher Bauer – bezahlt seine Zeche wie ein königlicher Prinz, guckt immer nur nach der Summa summarum auf der Rechnung, – und ich weiß noch nicht, an welchem Tage er abreisen wird. O, er ist ein Juwel von einem Gaste! Und doch, ich Rindvieh ich, da habe ich ihn sitzen lassen wie einen Ausgestoßenen, ganz allein in seiner finsteren Ecke da und habe ihn nicht einmal eingeladen, doch wenigstens einen Bissen oder einen Teller Suppe mit uns zu essen. Es wäre schon die rechte Strafe für meine Unhöflichkeit, wenn er nach dem Hasen mit der Trommel ginge, ehe noch die Nacht älter wird.« Er glättete die weiße Serviette sorgfältig über seinem linken Arme, legte für den Augenblick seine Sammetkappe beiseite und nahm sein bestes Silberfläschchen in die Rechte. So schritt nun der Wirt auf den genannten einsamen Gast zu und lenkte dadurch die Augen der Anwesenden auf ihn. Er war ein Mann im Alter zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, ein wenig über Mittelgröße, einfach und anständig gekleidet, aber eine gewisse Nonchalance, die sich fast zur Würde steigerte, ließ erkennen, daß sein Rang höher war, als seine Kleidung auf den ersten Blick vermuten ließ. Seine Miene war ernst und gedankenvoll, er hatte dunkles Haar und dunkle Augen – die Augen blitzten bei jeder augenscheinlichen Erregung in ungewöhnlichem Glanze, hatten aber sonst denselben nachdenklichen, ruhigen Ausdruck wie seine Züge. Die rege Neugier des Städtchens war geschäftig gewesen, seinen Namen und Stand zu erkunden und was er in Cumnor zu tun habe. Aber nach keiner Seite hin hatte sich etwas Unrechtes wittern lassen, was die Neugierde befriedigt hätte. Giles Gosling, Gemeindevorstand des Oertchens, und ein treuer, beständiger Anhänger der Königin Elisabeth und der protestantischen Konfession, war zuerst geneigt, seinen Gast für einen Jesuiten oder Seminarpriester zu halten, wie sie Rom und Spanien zu jener Zeit so zahlreich aussandte, die englischen Galgen zu zieren. Aber es war kaum möglich, eine solche Voreingenommenheit gegen einen solchen Gast, der so wenig Umstände verursachte, seine Rechnung so regelmäßig beglich und wie es schien, recht lange im »Schwarzen Bären« zu bleiben gedachte, aufrecht zu halten. Der ehrliche Giles war also der Ueberzeugung, daß sein Gast kein Römer sei, und ersuchte ihn mit aller gebührlichen Höflichkeit, ihm Bescheid zu tun mit einem kühlenden Schluck und teilzunehmen an einem kleinen Festessen, daß er seinem Neffen zu Ehren seiner Rückkehr und, wie er hoffe, seiner Besserung spendierte. Der Fremde schüttelte zuerst den Kopf, als lehne er die Einladung ab, aber der Wirt drang weiter in ihn. »Meiner Treu, Herr,« sagte er, »es gehört zu meinem Renommee, daß in meinem Hause alle lustig sein sollen, und wir haben böse Jungen unter uns in Cumnor, (zwar wo wären die nicht?) die es übel auslegen, wenn jemand den Hut über die Stirn zieht, als wenn er an die Vergangenheit dächte, statt sich des heitern Sonnenscheins zu freuen, den Gott uns im süßen Antlitz unsrer Landesherrin, der Königin Elisabeth, gesandt hat – möge der Himmel sie segnen und uns erhalten.« »Ei, mein Wirt,« antwortete der Fremde, »es ist doch hoffentlich kein Verrat, wenn ein Mann gern seinen eignen Gedanken nachhängt unterm Schatten seines eignen Hutes? Ihr habt zweimal so lange wie ich in der Welt gelebt, und Ihr müßt wissen, es gibt Gedanken, die uns selber zum Trotz verfolgen und denen wir vergebens zurufen: Geht und laßt uns lustig sein.« »Wir müßten sie in einer prächtigen See von Rotwein ersäufen, mein edler Gast! Entschuldigt meine Freiheit, Herr. Ich bin ein alter Wirt und muß reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Diese sauertöpfische Melancholie steht Euch übel an. Sie paßt nicht zu einem blanken Stiefel, einem feingarnierten Hut, einem schmucken Mantel und einer vollen Börse. Laßt sie fahren, schickt sie denen, die sich die Beine in Heu eingewickelt haben, die einen alten Filzhut über den Schädel ziehen müssen, deren Jacken so dünn sind wie Spinneweben und die nichts in den Taschen haben, um dem bösen Feind Melancholie den Laufpaß zu geben! Lustig, Herr! Allweil fidel! Sonst bei diesem guten Weine werden wir Euch aus den Freuden fröhlicher Gesellschaft verbannen und in den Nebel des Trübsinns und das Land des Unbehagens verstoßen. Hier ist ein Kreis von guten Kerlen, die sich einen Jux machen wollen. Da dürft Ihr nicht zu ihnen so mißmutig hinüberschauen, wie zehn Meilen böser Weg.« »Wohl gesprochen, mein würdiger Wirt,« sagte der Gast mit schwermütigem Gesicht, – das bei aller Schwermut seinen Zügen etwas sehr Anmutiges gab – »wohl gesprochen, mein jovialer Freund, wer ein Griesgram ist wie ich, soll nicht den Frohsinn derer, die sich glücklich fühlen, stören. Ich will einmal mit Euern Gästen anstoßen, von Herzen gern – bloß daß sie mich nicht für einen Spielverderber halten.« Mit diesen Worten erhob er sich und trat zu der Gesellschaft, die größtenteils aus Personen bestand, die die Gelegenheit, auf Kosten des Wirts ein frohes Gelage abzuhalten, gern sich zu nutze machten. Sie hatten denn auch, dem Beispiel und den Lehren Michael Lambournes folgend, schon des Guten zu viel getan und begannen auszuarten, was aus dem Ton hervorging, in dem Michael nach seinen alten Bekannten in der Stadt fragte, und aus dem schallenden Gelächter, mit dem jede Antwort aufgenommen wurde. Giles Gosling selber nahm nicht geringen Anstoß an dieser krakehlenden Fidelitas, zumal er unwillkürlich vor seinem unbekannten Gaste Respekt hatte. Er blieb daher ein paar Schritte vor dem Tische, an dem die polternden Saufgenossen saßen, stehen und sagte, wie um ihre Ausgelassenheit zu entschuldigen: »Wenn Ihr die Burschen so lärmen hört, möchtet Ihr sie wohl alle für Gesindel halten, das von »Steh und dein Geld her« lebt, und doch könnt Ihr sie morgen als fleißige Handwerker oder Handelsleute bei der Arbeit sehen. Der Krämer da hat den Hut schief auf dem Ohre, er hat das Wams nicht zugeknöpft und den Mantel über die eine Schulter gehängt und spielt sich auf wie ein echter und rechter Schlagetot. Er schwatzt, als wenn er jede Nacht die Heerstraße zwischen Hunslow und London unsicher machte, und dabei liegt er friedlich im Bett, mit einer Kerze zur einen und einer Bibel zur andern Seite, damit ihm die Gespenster nichts anhaben können.« »Und ist Euer Neffe, Herr Wirt, dieser Michael Lambourne, der der Held des Gelages ist, auch nur so zum Schein ein Wildfang?« »Ei, da treibt Ihr mich in die Enge,« sagte der Wirt. »Mein Neffe ist mein Neffe, und wenn er auch ein toller Vogel früher gewesen ist, so kann er sich gemausert haben wie andere Leute. Und ich möchte nicht, daß Ihr alles aufs Wort glaubt, was ich von ihm gesagt habe. Ich habe das Vögelchen gleich erkannt und wollte ihm nur erst so ein bißchen das Gefieder zausen. Und nun, mein Herr, bei welchem Namen darf ich meinen würdigen Gast diesen Herren vorstellen?« »Jenun, mein Wirt,« versetzte der Fremde, »Ihr mögt mich Tressilian nennen.« »Tressilian?« antwortete der Wirt vom »Schwarzen Bären«. »Ein gar stattlicher Name – und wie mich dünkt, aus kornwallischem Geschlecht. Darf ich sagen, der würdige Herr Tressilian aus Kornwallis?« »Sagt nichts weiter, als ich Euch erlaubt habe, mein Wirt, so werdet Ihr sicher sein, nichts mehr zu sagen, als was der Wahrheit entspricht.« Der Wirt ging nicht weiter in seiner Neugierde, sondern stellte Herrn Tressilian der Gesellschaft seines Neffen vor, sie begrüßten ihn, tranken auf sein Wohl und setzten dann ihre Unterhaltung fort, die durch manchen Witz und Trinkspruch unterbrochen wurde. Zweites Kapitel. »Also Will von Wallingford, das Großmaul,« sagte Lambourne, »ist auch dahingegangen?« »Er ist gestorben wie ein feister Rehbock,« sagte einer von der Gesellschaft, »der alte Thatcham, des Herzogs stämmiger Förster in Donnington-Castle hat ihn mit einem Armbrustbolzen zur Strecke gebracht.« »Wildpret hat er sein Leben lang gern gehabt,« sagte Michael. »Ich trinke ein Glas auf sein Andenken. Prosit, meine Herren!« Als die Gesundheit dieses würdigen Entschlafenen getrunken war, erkundigte Lambourne sich nach Prance von Padworth. »Hat baumeln müssen – vor zehn Jahren ist er unsterblich gemacht worden,« sagte der Krämer. »Was? So haben sie den armen Prance an den Galgen geknüpft – und bloß, weil er gern bei Mondschein ausging? Ein Glas seinem Andenken, meine Herren! Alle lustigen Kerle haben das Mondlicht gern. Was ist aus Heinz mit der Feder geworden? Er wohnte unten in Yattenden und trug eine lange Feder – ich habe vergessen, wie er hieß.« »Ah, Heinz Hempseed?« versetzte der Krämer. »Na, der war ja so eine Art vornehmer Herr, wie Du Dich erinnern wirst, und mischte sich gern in Staatsangelegenheiten, und da ist er wegen der Sache mit dem Herzog von Norfolk in die Klemme geraten, er wurde steckbrieflich verfolgt, flüchtete aus dem Lande und ist seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen worden.« »Na, ich habe genug gehört,« entgegnete Michael Lambourne, »und habe schon gar keine Lust mehr, mich nach Toni Foster zu erkundigen, denn wenn Strick und Armbrustbolzen und Steckbriefe hier so an der Tagesordnung sind, dann ist ihnen der Toni sicherlich nicht entwischt.« »Was für einen Toni Foster meinst Du denn?« fragte der Gastwirt. »Na den, den sie Toni den Scheiterhaufenanstecker nannten, weil er ein Licht brachte, womit der Scheiterhaufen von Latimer und Rudley angebrannt werden konnte, denn der Wind hatte dem Henker die Fackel ausgelöscht und niemand wollte sie ihm für Geld und gute Worte wieder anbrennen.« »Toni Foster lebt und es geht ihm gut,« sagte der Wirt, »aber ich rate Dir, Neffe, nenne ihn nicht den Scheiterhaufenanstecker, wenn Du ihn nicht fuchsteufelswild machen willst.« »Wie! So schämt er sich wohl jetzt dessen?« rief Lambourne. »Er hat sich sonst immer groß damit getan und sagte, er sähe ebenso gern einen gebratenen Ketzer wie einen gebratenen Ochsen.« »Ja, Vetter, das war zur Zeit der Maria,« versetzte der Wirt. »Damals war Tonis Vater noch Vogt beim Abt von Abingdon. Jetzt hat Toni eine Strenggläubige vom reinsten Wasser geheiratet und ist ein guter, eifriger Protestant geworden.« »Und schaut sehr würdevoll drein und trägt den Kopf hoch und guckt seine alten Kameraden nicht mehr an,« sagte der Krämer. »Jedenfalls ist er vermögend geworden,« sagte Lambourne. »Denn wenn jemand Geld allein hat und sein eigen nennt, dann geht er in der Regel denen aus dem Wege, die ihre Schatzkammern in anderer Leute Taschen haben.« »Ein Großer vom Hofe,« sagte der Wirt, »der das Land dort von der Krone zu Lehen hatte, hat ihm das alte Herrenhaus Cumnorplace hinter dem Kirchhofe überlassen, und dort wohnt nun Toni und kümmert sich nicht mehr um die armen Schlucker von Cumnor, ganz als wäre er ein stolzer Ritter.« »Nein,« sagte der Krämer, »bei Toni ist es nicht bloß Stolz. Da ist eine hübsche Frau im Spiele, und Toni ist so eifersüchtig, daß er selbst die Sonne kaum ihr Antlitz schauen lassen will.« »Wie!« sagte Tressilian, der sich jetzt zum erstenmal in die Unterhaltung mischte, »sagtet Ihr nicht, dieser Foster sei verheiratet und mit einer Strenggläubigen!« »Er war verheiratet, und zwar mit einer so strengen Protestantin, wie je eine Fleisch in der Fastenzeit gegessen hat, und wie Hund und Katze haben sie miteinander gelebt. Aber sie ist tot jetzt, Friede sei mit ihr, und Toni hat bloß so ein winziges Ding von einer Tochter. Nun heißt es, er werde die Fremde freien, von der die Leute so viel Wesens machen.« »Und warum?« fragte Tressilian, »ich meine, warum machen die Leute so viel Wesens von ihr?« »Ja, das weiß ich nicht,« erwiderte der Wirt, »bloß sagen eben die Leute, sie war so schön wie ein Engel. Niemand weiß, wo sie her ist, und alle Welt möchte gern wissen, warum sie so abgeschlossen und unter so strengem Gewahrsam gehalten wird. Ich meinesteils habe sie noch nie gesehen – Ihr habt sie wohl mal gesehen, Herr Goldfaden?« »Freilich, freilich, alter Junge,« erwiderte der Krämer, »schaut, ich kam gerade von Abingdon geritten – und ritt unter dem östlichen Erkerfenster des alten Herrenhauses vorbei, wo alle die alten Heiligen und Historien aufgemalt sind – ich hatte nicht den gewöhnlichen Weg eingeschlagen, sondern einen Pfad durch den Park, denn die Hintertür war nur eingeklinkt, und ich dachte, als alter Bekannter könnte ich es mir schon erlauben, durch die Bäume zu reiten, sowohl weil ich da im Schatten war, denn es war ein sehr heißer Tag, als auch weil ich vor Staub geschützt war – ich hatte nämlich mein pfirsichfarbenes Wams mit der schweren Goldstickerei an.« »Und dieses Wams,« sagte Michael Lambourne, »wolltest Du so gern einer jungen Dame in die Augen stechen lassen. – O, Du alter Sünder! Du läßt auch Deine alten Kniffe und Pfiffe im Leben nicht!« »Das nicht – das nicht,« sagte der Krämer mit süßlichem Grinsen. »Das war ganz und gar nicht der Grund. Nur Neugierde, weißt Du, und auch so ein bißchen Mitleid im Grunde, – denn die arme junge Dame sieht von früh bis spät nichts als Toni Foster mit seinen finsteren, schwarzen Brauen, seinem Ochsenkopf und seinen krummen Beinen.« »Und so wolltest Du ihr gern einen schmuckeren Burschen zeigen, in seidenem Wams – ein Bein, wie das einer Henne, wenns ein wenig zu kurz geraten ist, in Corduanschuhen, und ein rundes, grinsendes Fatzkengesicht, über dem ein seidener Hut mit Türkenfeder und goldener Spange sitzt? Haha! Du lustiger Krämer, wer gute Ware hat, zeigt sie auch gern den Leuten! Kommt, Ihr Herren, laßt nicht die Gläser stehen! Ich trinke auf lange Sporen, kurze Schuhe, volle Hüte und leere Schädel!« »Nein, nun bist Du eifersüchtig auf mich, Michel,« sagte Goldfaden, »und doch hätte das Glück, das ich hatte, ebenso gut auch auf Dich wie auf jeden andern fallen können.« »Hol der Kuckuck Deine Unverschämtheiten!« rief Lambourne. »Du willst doch nicht etwa Dein Griesbreigesicht und Deine Ladenschwengelmanier mit dem Antlitz und Wesen eines schneidigen Herrn und eines Soldaten vergleichen?« »Nicht doch, lieber Herr,« wandte Tressilian ein, »laßt mich Euch ersuchen, den höflichen Bürger hier nicht zu unterbrechen, er erzählt seine Geschichte so gut, dünkt mich, daß ich ihm bis Mitternacht zuhören könnte.« »Mehr Gunst als ich verdiene,« antwortete der junge Herr Goldfaden. »Da ich Euch aber Vergnügen mache, Herr Tressilian, so will ich fortfahren trotz aller Sticheleien dieses wackern Soldaten, der vielleicht in den Niederlanden mehr Hiebe als Sold bekommen hat. – Also, Herr, als ich unter dem großen gemalten Fenster vorbeiritt, und den Zügel lose auf dem Nacken meiner Mähre ruhen ließ, teils zu meiner Bequemlichkeit, teils um desto besser Umschau halten zu können, da höre ich, wie ein Fenster aufgemacht wird, und bei meiner Ehre, Herr, da stand vor mir das schönste Weib, das je meine Augen geschaut haben. Und ich glaube doch, ich habe schon eine Menge hübscher Weiber gesehen, und mit ebenso gutem Urteil wie andre.« »Darf ich fragen, wie sie aussah?« sagte Tressilian. »O, Herr,« antwortete Meister Goldfaden, »mein Wort darauf, sie war gekleidet wie eine vornehme Dame – ein sehr zierliches und niedliches Kleid, wie es der Königin selber angestanden hätte. Es war aus ingwerfarbigem Atlas, – mag meiner Schätzung nach die Elle gut dreißig Schillinge gekostet haben – das Futter war aus dunkelrotem Taffet, besetzt war es mit breiten Streifen von Gold und Silber. Und ihr Hut, Herr, war entschieden das beste in der Putzbranche, was ich in dieser Gegend gesehen habe. Er war aus lohgelbem Taffet, bestickt mit Skorpionen aus venetianischem Golde, mit einer Franse von Gold ringsherum. – Ich sage Euch, Herr, ein Putzstück von einzig dastehender Aufmachung.« »Ich habe nicht danach gefragt, was sie anhatte,« sagte Tressilian, der während dieser Ausführungen ein wenig ungeduldig geworden war, »ich habe nach ihrem Gesicht gefragt – nach der Farbe ihres Haares – nach ihren Zügen.« »Was ihre Gesichtsfarbe anbetrifft,« versetzte der Krämer, »da kann ich keinen genauen Bescheid geben, aber ich habe gesehen, daß sie einen Fächer mit ganz eigentümlicher Einlegearbeit in der Hand trug, und was dann wieder die Farbe ihres Haares anbetrifft, so kann ich dafür einstehen, daß sie, ob es nun dunkel oder blond gewesen sein mag, ein Netz von grüner Seide, mit Gold durchwirkt, darüber trug.« »Ein richtiges Schnittwarenhändler-Gedächtnis!« lachte Lambourne. »Der Herr fragt ihn nach der Schönheit der Dame und er faselt von ihren feinen Kleidern.« »Ich sage Dir,« antwortete der Krämer, »ich hatte wenig Zeit, sie mir anzusehen, denn als ich gerade im Begriff stand, ihr guten Tag zu sagen, und zu diesem Zweck mein Gesicht zu einem Lächeln zurecht gelegt hatte ...« »Wie ein Affe, der eine Nuß aufbeißt,« warf Michael Lambourne ein. »Da kam plötzlich,« fuhr Goldfaden fort, ohne sich an den Zwischenruf zu kehren, »Toni Foster selber mit einem Knüttel in der Hand ...« »Und hat Dir hoffentlich Deine Tracht versetzt für Deine Unverschämtheit,« sagte sein Spottvogel. »Das wäre leichter gesagt als getan,« antwortete Goldfaden entrüstet, »nein, nein, es ist kein Schädel eingeschlagen worden – allerdings er hat mit seinem Knüttel gedroht und gesagt, es solle was setzen, und hat mich gefragt, warum ich nicht auf der Heerstraße ritte, und ich hätte ihm schon ordentlich das Fell versohlt, wenn nicht die Dame dabei gewesen wäre, denn ich fürchtete, sie könnte in Ohnmacht fallen.« »Ei, Du sollst leben, mein schwachmütiger Sklave!« sagte Lambourne. »Welcher abenteuerliche Ritter hat je daran gedacht, daß seine Dame sich entsetzen könne, wenn er wider Riesen, Drachen oder Zauberer vor ihren Augen, und zu ihrer Befreiung kämpfte? Aber was rede ich zu Dir von Drachen, der Du ja schon vor einer Fledermaus Reißaus nehmen würdest!« »So mach Du Dich doch daran, Maulheld Michel,« antwortete Goldfaden. »Da drüben ist das verzauberte Haus und der Drache und die Dame, alles steht Dir zu Diensten, wenn Du die Courage hast, es mit ihnen aufzunehmen.« »Ei, das tat ich um ein Maß Sekt,« sagte der Soldat. »Oder halt – mit meiner Leinenwäsche ist es jammervoll bestellt – willst Du ein Stück holländisch Linnen gegen die fünf Goldstücke hier wetten, daß ich hingehe und morgen Toni Foster zwinge, mich seiner schönen Gästin vorzustellen?« »Ich nehme Deine Wette an,« sagte der Krämer, »und ich glaube, wenn Du auch so unverschämt wärst wie der Teufel selber, diesmal gewinn ich! Unser Wirt soll die Einsätze an sich nehmen, und ich will Gold zum Pfande setzen, bis ich das Linnen schicke.« »Ich mische mich nicht in solch eine Geschichte,« sagte Gosling. »Neffe, trink Du Deinen Wein in Ruhe und laß Dich nicht auf solche Wagnisse ein. Ich sage Dir, Meister Foster hat Einfluß genug, daß er Dich ins Gefängnis nach Oxford schicken lassen oder Deine Beine mit dem Fußeisen bekannt machen kann.« »Das hieße eine alte Bekanntschaft erneuern,« sagte der Krämer, »denn Michels Schienbeine und die Fußblöcke sind schon von früher her einander nicht fremd. Aber er soll nicht von seiner Wette zurücktreten, oder er muß Abstand zahlen.« »Abstand?« rief Lambourne. »Ist mir viel zu schofel! Aus Tonis Wut mach ich mir gar nichts! Und ich will seiner Schönen einen Besuch abstatten, ob es ihm nun recht ist oder nicht.« »Ich würde gern die Hälfte Eurer Wette auf mich nehmen,« sagte Tressilian, »wenn Ihr mir erlaubtet, Euch bei dem Wagnis zu begleiten.« »Was würde das für Euch für einen Vorteil haben, Herr?« antwortete Lambourne. »Gar keinen Vorteil, Herr,« sagte Tressilian; »nur Zeuge der Geschicklichkeit und Tapferkeit würde ich sein, die Ihr an den Tag legen würdet. Ich bin ein Reisender, der nach seltsamen Begegnungen und ungewöhnlichen Vorkommnissen fahndet, wie ehedem, die Ritter nach Abenteuern und Waffentaten.« »Na, wenn Ihr mit ansehen wollt, wie man einen Hering ausnimmt,« antwortete Lambourne, »mir ist es einerlei, wie viele mitansehen, was ich leisten kann. Und so trinke ich hier auf das Gelingen meines Unternehmens, und wer mir nicht darauf Bescheid tut, den erkläre ich für einen Schurken, und ich will ihm die Beine abschlagen bis zu den Knieschnallen.« Dem Trunk, den Lambourne hierauf leerte, waren so viele andre schon vorausgegangen, daß seine fünf Sinne bereits verwirrt waren. Er schrie dem Krämer ein paar unzusammenhängende Flüche zu, weil dieser in sehr begreiflicher Weise sich weigerte, mit ihm auf den Verlust seiner eigenen Wette anzustoßen. »Willst Du Grünschnabel mit mir rechten!« rief Lambourne. »Wart', ich will Dich in fünfzig Ellen Tressen zerschneiden.« Aber als er das Schwert zu ziehen versuchte, um diesen mannhaften Entschluß auszuführen, packten ihn der Kellner und der Hausknecht und schleppten ihn in sein Zimmer, wo er sich nach Herzenslust nüchtern schlafen konnte. Die Gesellschaft ging auseinander, und die Gäste nahmen Abschied, darüber war freilich der Wirt mehr erfreut als die Burschen, von denen mancher noch gern mehr von dem Wein, der ihnen nichts kostete, getrunken hätte. Drittes Kapitel. »Und wie geht es Euerm Neffen, guter Herr Wirt?« fragte Tressilian, als am andern Morgen Gosling in die Gaststube trat. »Ganz gut, Herr, vor zwei Stunden ist er ausgegangen und hat, ich weiß nicht was für alte Kameraden aufgesucht. Eben erst ist er wiedergekommen und nimmt jetzt ein Frühstück von frischen Eiern und Muskateller zu sich. Und was die Wette anbetrifft, so warne ich Euch als Freund, laßt Euch auf nichts ein, was Michel Euch vorschlägt. Daher rate ich Euch, genießt jetzt zum Frühstuck eine Bouillon, die bringt den Magen wieder auf gleich, und laßt meinen Neffen und Meister Goldfaden das Maul von ihrer Wette so voll nehmen, wie sie wollen.« »Es scheint mir, mein Wirt,« sagte Tressilian, »als wüßtet Ihr nicht recht, was Ihr von diesem Euern Verwandten sagen sollt. Ihr könnt ihn ohne leise Gewissensbisse weder anschwärzen noch herausbeißen.« »Da trefft Ihr den Nagel auf den Kopf, Herr Tressilian,« erwiderte Giles Gosling. »Natürliche Zuneigung flüstert mir ins Ohr: Giles, Giles, willst Du Deinen eignen Neffen um seinen guten Namen bringen? Willst Du den Sohn Deiner Schwester in bösen Leumund bringen? Willst Du Dir das eigne Nest verschandeln, Dein eigen Blut verunglimpfen? – Und dann wieder kommt der Gerechtigkeitssinn und sagt zu mir: Da ist ein prächtiger Gast, wie nur je einer in den »Schwarzen Bären« gekommen ist. Ein Gast, der nie an einer Rechnung herumgenörgelt hat (das sag ich Euch ins Gesicht, Herr Tressilian, Ihr habt das nie getan, aber Ihr habt freilich auch keine Ursache dazu gehabt), einer, der nicht weiß, warum er hergekommen ist, und auch, so viel ich sehe, noch nicht weiß, wann er wieder gehen wird. Und willst nun Du als ein Gastwirt, der die langen Jahre her in der Stadt Cumnor alles redlich bezahlt hat, der Du jetzt Gemeindevorsteher bist, willst Du dulden, daß dieser Gast der Gäste, dieser Mann der Männer, dieser sechsreifige Humpen, wenn ich so sagen darf, von einem Reisenden, in die Netze Deines Neffen falle, der als ein Maulheld und Tollkopf bekannt ist, als Kartenspieler und Würfler, als Professor der sieben verdammungswürdigen Wissenschaften – sofern in ihnen je ein Mensch den Grad eines Gelahrten erreicht hat? Nein, beim Himmel! Ich kann wohl ein Auge zudrücken, wenn er einen so kleinen Schmetterling wie den Goldfaden fängt, aber Ihr, mein Gast, sollt gewarnt sein und gerüstet, wenn Ihr nur hören wollt auf Euern getreuen Wirt.« »Nun, Herr Wirt, Euer Rat soll nicht verworfen werden,« erwiderte Tressilian, »in dieser Wette aber muß ich nun meinen Anteil durchhalten, da ich nun einmal mein Wort darauf verpfändet habe. Aber gebt mir nun in dieser Sache Euern Rat – dieser Foster oder – wer und was ist er eigentlich – und warum macht er ein solches Geheimnis aus dieser Frauensperson?« »Fürwahr,« antwortete Gosling, »dem, was Ihr gestern abend gehört habt, kann ich nur wenig hinzufügen. Er ist einer von den Papisten der Königin Maria gewesen und ist nun einer von den Protestanten der Königin Elisabeth, er war ein Lehnsmann des Abtes von Abingford und wohnt nun als Herr in dem alten Herrenhause. Vor allem, er war arm und er ist jetzt reich. Die Leute reden von geheimen Gemächern im Herrenhause, die so vornehm ausgestattet und verziert sein sollen, daß die Königin drin wohnen könnte. Gott segne sie. Manche glauben, er habe einen Schatz gefunden im Obstgarten, einige meinen, er habe sich um einen Schatz dem Teufel verkauft, und einige sagen, er habe dem Abt das Silbergerät abgegaunert, das zur Reformation im Herrenhause versteckt worden war. Jedenfalls ist er reich, und Gott und sein Gewissen und vielleicht der Teufel noch daneben wissen allein, wie er zu seinem Reichtum gekommen ist. Er hat auch ein mürrisches Wesen und bricht den Verkehr mit allen Hiesigen ab, als wenn er entweder ein sonderbares Geheimnis zu hüten hätte oder sich aus anderm Stoff als wir dünkte. Ich halte es sehr wahrscheinlich, daß mein Verwandter und er in Streit geraten werden, wenn Michel wegen seiner frühern Bekanntschaft sich ihm aufdrängen sollte. Und ich bedauere es, daß Ihr, mein würdiger Herr Tressilian, noch immer daran denkt, mit meinem Neffen zu gehen.« Tressilian antwortete ihm abermals, er werde die Sache sehr vorsichtig anstellen, und der Wirt brauche sich seinetwegen nicht zu sorgen. Kurz, er gab ihm alle jene Versicherungen, mit denen jemand, der zu einer raschen Tat entschlossen ist, den Rat eines Freundes abwehrt. Einstweilen nahm der Reisende die Einladung des Wirtes an und war eben mit dem Frühstück fertig, das ihm und Giles Gosling die hübsche Cäcilie aufgetragen hatte, da trat Michael Lambourne herein. Seine Toilette hatte ihm augenscheinlich einige Mühe gekostet, denn sein Anzug war im Gegensatz zu dem Reisekostüm vom vergangenen Tage nach der neuesten Mode und mit großer Sorgfalt so angelegt, daß seine Persönlichkeit möglichst vorteilhaft darin sich ausnahm. »Meiner Treu, Oheim,« rief der Galan, »das war eine feuchte Nacht gestern, und es ist ein trockner Morgen, darauf gefolgt. Ich möchte Dir gern mit einem Humpen Bescheid tun. – Ei, mein hübsches Muhmchen Cilly! Als ich Dich verließ, lagst Du noch als Baby in der Wiege, und nun stehst Du im Sammetmieder da, ein so stattliches Mädchen, wie nur Englands Sonne bescheint. Erkenne Deinen Freund und Verwandten, Cilly, daß ich Dich küssen und Dir meinen Segen geben kann.« »Kümmere Dich nicht um Cilly, Neffe,« sagte Giles Gosling, »sondern laß sie in Gottes Namen ihrer Wege gehen, denn wenn auch Deine Mutter die Schwester ihres Vaters war, so sollst Du Dich doch nicht mit ihr einlassen.« »Wie, Oheim,« versetzte Lambourne, »denkst Du, ich sei ein Ungetreuer und würde den Angehörigen meines eigenen Hauses ein Leid zufügen?« »Von Leid zufügen ist gar keine Rede, Michel,« antwortete sein Oheim, »das ist nur so ein bißchen Vorsicht von meiner Seite. Nun, Du bist allerdings so schmuck herausgeputzt, wie eine Schlange, wenn sie die alte Haut im Frühling abstreift, aber trotz alledem sollst Du nicht in mein Eden hineinschleichen. Ich will schon auf meine Eva aufpassen, und damit laß Dir Genüge sein, Michel. – Aber wie fein Du jetzt aussiehst, Junge! Wenn man Dich jetzt ansieht und mit Herrn Tressilian in seinem dunkelfarbenen Reitkostüm vergleicht, so möchte man wirklich meinen, Du wärst in Wirklichkeit der vornehme Herr und er der Stallknecht.« »Fürwahr, Onkel,« versetzte Lambourne, »das kann auch nur so ein Bauer wie Du sagen, ders nicht besser versteht. Ich sage offen, und es ist mir einerlei, wer es hört, das Wesen des echten Adels hat etwas Besonderes an sich, das wenige, die nicht von adliger Geburt sind und so die Fähigkeit gleich mitbringen, sich aneignen können. Ich weiß nicht, worin der Kniff liegt, aber ich mag in eine Gaststube noch so dreist und selbstbewußt eintreten, mag noch so laut mit Kellnern und Buffetiers herumschimpfen, noch so tüchtig trinken, noch so dickbackig fluchen und noch so freigebig, wie nur irgend einer von den Bespornten und Befederten um mich her, mit Gold um mich werfen – es hilft nichts – den echten Chik bringe ich doch nicht heraus, obwohl ich es schon hundertmal versucht habe. Der Wirt weist mir den untersten Tisch an der Tafel an und schneidet mir zu allerletzt vor, und der Hausdiener sagt zu mir: Na, kommt, Freund, ohne mir eine Reverenz zu machen oder mir sonstwelche Ehrerbietung zu bezeigen. Aber Schwamm drüber! Ich pfeife darauf. Ich habe Adel genug in mir, um Toni, dem Scheiterhaufenanstecker, einen Streich zu spielen.« »Ihr bleibt also dabei, Euern alten Bekannten zu besuchen,« fragte Tressilian den Abenteurer. »Gewiß, Herr,« sagte Lambourne, »es ist gewettet worden, also muß das Spiel auch riskiert werden. Das ist Spielgesetz und gilt auf dem ganzen Erdenrund. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stiche läßt – denn ich habe gestern ein bißchen zu tief ins Glas geguckt, habt Ihr Euch ja selber an meinem Risiko beteiligt.« »Ich bleibe auch dabei, Euch bei Euerm Abenteuer zu begleiten,« sagte Tressilian, »wenn Sie mir die Gunst erzeigen und es mir erlauben wollen. Meinen Anteil am Einsatz habe ich unserm würdigen Wirt eingehändigt.« »Das hat er getan,« sagte Giles Gosling. »Ich wünsche Euerm Unternehmen Glück, aber bei meiner Ehre, es wäre angebracht, wenn Ihr vorher noch einen Schluck trinkt, ehe Ihr geht, denn dort drüben in der Halle werdet Ihr einen etwas trocknen Willkommen finden. Und wenn es Euch an den Kragen gehen sollte, seht Euch vor, daß Ihr kein kaltes Eisen in den Magen bekommt. Schickt nach mir, und Giles Gosling, der Gemeindevorstand, wird schon mit Toni Foster fertig werden, so stolz er auch sein mag.« Das Städtchen Cumnor ist anmutig auf einem Hügel erbaut, und in einem dicht angrenzenden Waldpark lag das alte Herrenhaus, das zu jener Zeit Anthony Foster bewohnte. Die Ruinen sind noch heute zu sehen. Der Park war damals voll von großen Bäumen und besonders von alten, mächtigen Eichen, die ihre riesigen Zweige über die hohe Umfassungsmauer des Hauses reckten. So eingeschlossen, nahm es sich recht abgeschieden, melancholisch und klösterlich aus. In den Garten führte ein altmodischer Torweg in der Außenmauer, dessen Tor aus zwei mächtigen Eichenbohlen gezimmert und wie das Tor einer alten Stadt mit Nägeln beschlagen war. »Hier säßen wir fest,« sagte Michael Lambourne, mit einem Blick auf das Tor, »wenn der Mann in seinem Mißtrauen uns gar nicht hereinlassen wollte. Aber nein,« setzte er hinzu, indem er wider das Tor stieß, das nachgab, »die Tür steht einladend offen, und nun stehen wir auf dem verbotenen Boden.« Vor ihnen lag eine Allee, von alten Bäumen beschattet und eingesäumt von hohen Hecken. Die waren aber jahrelang nicht gestutzt worden und nun zu großen Büschen oder vielmehr zu Zwergbäumen aufgeschossen und wucherten nun auf den Weg herüber, den sie einst beschirmt hatten. Auf der Allee selber stand das Gras dicht und hoch, und hie und da lagen große Haufen von Reisig, das zum Trocknen zusammengetragen worden war. Der allgemeine Eindruck der Verödung, der sich immer stark einprägt, wenn wir die Werke der Menschen verwüstet und vernichtet sehen durch Vernachlässigung und allmählich das Pflanzenleben die Spuren des Menschenlebens vertilgt, wurde noch erhöht durch die Größe der Bäume und ihre weit ausgedehnten Wipfel. Selbst wenn die Sonne am höchsten stand, war es hier düster, und düstre Stimmung befiel jeden, der hier herkam. Dies empfand selbst Michael Lambourne, so fern seinem Wesen auch sonst die Zugänglichkeit für Eindrücke liegen mochte, außer bei solchen Dingen, die unmittelbar mit seinen Leidenschaften zu tun hatten. »Dieser Wald ist finster wie ein Wolfsrachen,« sagte er zu Tressilian, als sie die einsame, versperrte Allee selbander dahinschritten und eben in Sicht der klösterlichen Front des alten Herrenhauses gekommen waren, deren Bogenfenster und Ziegelsteine von Efeu und Schlinggewächsen überwuchert und von hohen, schweren Schornsteinen überragt waren. – »Und doch ist es ganz richtig so von Foster, wenn er doch keine Besuche haben will. So läßt er denn sein Grundstück in einem solchen Zustand, daß sich wenige verlockt sehen werden, in seine Einsamkeit einzudringen. Wenn er aber der Toni wäre, den ich einmal gekannt habe, dann wären diese stämmigen Eichen längst das Eigentum eines Holzhändlers geworden, und der Wald hier würde um Mitternacht heller aussehen, als jetzt am Morgen, während Foster selber mit dem daraus gelösten Gelde in irgendeiner Ecke von Whitefriars spielte.« »War er denn so ein Verschwender?« fragte Tressilian. »Er war wie wir alle,« erwiderte Lambourne, »kein Heiliger und kein Sparer. Aber was ich ihm immer am meisten nachgetragen habe, das war, daß er sich immer allein amüsierte und um jeden Tropfen grollte, der nicht auf seine Mühle floß. Das und auch eine Neigung zum Aberglauben, die ihm im Blut zu liegen schien, machte ihn der Gesellschaft guter Kameraden unwürdig. Und nun hat er sich hier vergraben in einer Höhle, die so recht für so einen schlauen Fuchs paßt.« »Darf ich Euch fragen, Herr Lambourne,« sagte Tressilian, »da doch die Gemütsart Euers alten Bekannten so wenig zu der Euern paßt, warum ist Euch so viel daran gelegen, Eure Bekanntschaft mit ihm zu erneuern?« »Und darf ich meinerseits Euch fragen, Herr Tressilian,« versetzte Lambourne, »warum Euch so viel daran gelegen zu sein scheint, mich auf diesem Vorhaben zu begleiten.« »Ich habe Euch ja meinen Grund genannt,« sagte Tressilian, »als ich mich an Eurer Wette beteiligte. – Pure Neugierde.« »Papperlappapp!« unterbrach ihn Lambourne. »Seht doch, wie Ihr höflichen, vorsichtigen Herren uns anführen wollt, die wir kein Blatt vor den Mund nehmen und uns geben, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Wenn ich Eure Frage damit beantwortet hätte, daß es bloße Neugierde wäre, weshalb ich meinen alten Kameraden Anthony Foster besuche, dann möchte ich wetten, Ihr hättet es für eine Ausflucht erklärt, mit der ich nur meinen wahren Zweck verschleiern wollte. Aber mir, wie es scheint, muß jede Antwort recht sein.« »Und warum sollte nicht pure Neugierde,« sagte Tressilian, »ein hinreichender Grund sein, daß ich mit Euch gehe?« »O, gebt Euch doch zufrieden, Herr,« entgegnete Lambourne. »So leicht könnt Ihr mir kein X für ein U machen, denn ich habe mich lange genug in der tollen Welt umgesehen, daß ich kein Stroh mehr für Korn fresse. Ihr seid ein Adliger von Geburt und Erziehung – das erkenn ich an Euerm ganzen Wesen. Ihr seid ein höflicher Mann und von gutem Rufe – Eure Manieren beweisen es mir und mein Oheim bezeugt es, und doch tut Ihr Euch zusammen mit so einem Lotterkerl, wie die Leute mich nennen, und Ihr wißt, daß ich so einer bin, und tut Euch doch mit mir zusammen, um einen Mann zu besuchen, dem Ihr ganz fremd seid – und alles aus bloßer Neugierde – ei ja doch! – Wenn man diesen Vorwand genau abwägt, dann fehlen auch ein paar Striche am reellen Gewicht.« »Und wenn Euer Verdacht begründet wäre,« sagte Tressilian, »Ihr habt mir ja auch kein Vertrauen entgegengebracht – wie könnt Ihr da auf Vertrauen meinerseits rechnen?« »O, wenns danach ginge,« entgegnete Lambourne, »meine Beweggründe schwimmen oben. So lange das Gold hier reicht,« und er nahm seine Börse heraus, schnippte sie in die Luft und fing sie im Fallen auf, – »so lange will ich es für Vergnügen und Spaß ausgeben, und wenns alle ist, dann muß ich mehr haben. Nun, wenn diese geheimnisvolle Dame vom Edelhof – diese Herzallerliebste von Toni, dem Scheiterhaufenanstecker – ein so wunderbares Stück Mensch ist, wie die Leute sagen, ei, dann ist Aussicht vorhanden, daß sie mir dazu verhelfen könnte, meine Rosenobels in Grots Eine kleine Silbermünze – 4 Pence. Rosenoble, eine alte Goldmünze – 4 Shilling 8 Pence. zu verwandeln, und wenn Anton wiederum ein so reicher Filz ist, wie das Gerücht geht, dann erweist er sich vielleicht als mein Stein der Weisen und verwandelt mir wieder meine Grots in schöne Rosenobels.« »Die Sache ließe sich hören,« sagte Tressilian, »aber ich sehe nicht ein, wieso Ihr Aussicht hättet, diesen angenehmen Vorsatz auszuführen.« »Heute nicht gleich – und wohl auch morgen noch nicht,« antwortete Lambourne. »Ich glaube selber nicht daran, daß ich den alten Fuchs fangen werde, ehe ich nicht den Grundköder fein sauber zurecht gelegt habe. Aber ich bin heute morgen schon etwas weiter in seine Schliche eingeweiht, als ichs gestern abend noch war, und was ich weiß, das will ich so anwenden, daß er denken soll, ich wüßte noch weit mehr, als ich eigentlich weiß. – Nein, wenn ich nicht bestimmt auf Vergnügen oder auf Gewinn rechnete, dann hätte ich nicht einen Fuß auf diesen Herrensitz gesetzt, das kann ich Euch sagen; denn ich versichere Euch, ich halte es gar nicht für so ungefährlich, daß wir hierher gekommen sind. Aber wir sind nun einmal da, und müssen eben sehen, wie wir am besten dabei fahren.« Während dieser Worte waren sie in einen großen Obstgarten getreten, der das Haus auf zwei Seiten umschloß. Die Bäume entbehrten aller Pflege, waren von Moos überwuchert und schienen kaum noch Frucht zu tragen. Ein paar Statuen, die den Garten einst in den Tagen seines Glanzes geziert hatten, waren jetzt von ihren Piedestalen herabgeworfen und zerschellt, und ein großes Sommerhaus mit einer wuchtigen Steinfront, auf der Schnitzereien das Leben und die Taten Simsons darstellten, war in demselben Zustande des Verfalls. Sie hatten eben diesen Garten der Fäulnis durchschritten und waren nur noch ein paar Schritte vom Tor des Herrenhauses entfernt, als Lambourne ausgeredet hatte. Das war Tressilian sehr angenehm, denn er war somit der Verlegenheit enthoben, zu dem freimütigen Bekenntnis der Absichten, die seinen Gefährten hierher geführt hatten, etwas zu bemerken. Lambourne klopfte ohne alle Umstände und ziemlich ungestüm an die Tür des Herrenhauses, indem er gleichzeitig bemerkte, selbst an Stadtgefängnissen hätte er selten so starke Tore gefunden. Erst als sie mehrmals geklopft hatten, lugte ein alter Diener mit sauertöpfischem Gesicht durch ein kleines, viereckiges Loch in der Tür nach ihnen aus und fragte durch die Eisenstäbe, mit denen die kleine Oeffnung wohl versichert war, nach dem Begehr der Fremden. »Wir wünschen augenblicklich Herrn Foster in dringenden Staatsgeschäften zu sprechen,« war Michael Lambournes schlagfertige Antwort. »Mich dünkt, es wird Euch Schwierigkeiten machen, damit durchzukommen,« flüsterte Tressilian seinem Gefährten zu, während der Diener ging, die Botschaft seinem Herrn zu überbringen. »Still doch,« versetzte der Abenteurer, »im ganzen Leben würde ein Soldat nichts ausrichten, wenn er immer erwägen wollte, wie er durchkommen sollte. Wenn wir nur erst einmal Einlaß erlangen, dann wird schon alles gut gehen.« Binnen kurzem erschien der Diener wieder, schob mit behutsamer Hand Riegel und Eisenstab zur Seite und öffnete das Tor. Durch einen gewölbten Gang kamen sie nun in einen viereckigen Hof, der von Gebäuden umgeben war. Dem Torweg gegenüber lag ein andres Tor, das der Diener in gleicher Weise entriegelte, und sie traten nun in einen mit Stein gepflasterten Raum, darin nur wenig Mobiliar war, und was drinnen stand, von der gröbsten, altmodischsten Art. Die Fenster waren hoch und weit und reichten fast bis an die Decke des Raumes, die von schwarzem Eichenholz war, die auf den viereckigen Hof hinaussehenden Fenster waren durch die Höhe der Gebäude ringsherum verdunkelt, und da sie mit massigen Steinpfeilern durchsetzt und dick mit religiösen Sprüchen und Szenen aus der Geschichte der Heiligen Schrift bemalt waren, ließen sie ein im Verhältnis zu ihrer Größe nur sehr karges Licht herein, und was hereinfiel, nahm noch den düstern, dämmerigen Schimmer des gefärbten Glases an. Tressilian und sein Führer hatten Zeit genug, all diese Einzelheiten zu bemerken, denn sie warteten geraume Zeit im Gemach, ehe der gegenwärtige Herr des Hauses endlich erschien. Tressilian war wohl darauf gefaßt, einen Mann von unheilverkündendem, abscheuerregendem Aeußern zu sehen, aber die Häßlichkeit Anton Fosters überbot noch, was er zu sehen erwartet hatte. Er war von mittlerm Wuchs, stämmig gebaut, aber dabei so plump, daß er fast mißgestaltet erschien und die knotige Tölpligkeit eines an Händen und Beinen linken Menschen hatte. Sein Haar, in dessen Pflege die Männer damals eben so peinlich waren, wie heutzutage, war nicht sauber frisiert und in Löckchen gekräuselt und auch nicht hinten aufgestutzt, wie man es auf alten Gemälden findet – es hing vielmehr in schmutziger Vernachlässigung unter einer Pelzmütze hervor und fiel in Alpzöpfen, die nie einen Kamm kennen gelernt zu haben schienen, über die struppigen Brauen und in das seltsame, jedes anheimelnden Zuges bare Gesicht hinein. Seine stechenden, finstern Augen saßen tief unter breiten, zottigen Augenbrauen und waren stets zu Boden geschlagen, als schämten sie sich selber des ihnen eignen Ausdrucks, und suchten ihn vor menschlichen Blicken zu verbergen. Bisweilen aber, wenn er mehr auf die Beobachtung andrer bedacht war, schlug er sie plötzlich auf und heftete sie scharf auf die, mit denen er sprach, und dann drückten sie um so wilder tiefe Leidenschaft und jene Gewalt des Beistandes aus, die willkürlich die Tiefe und den Umfang der innern Gefühle unterdrücken und verhehlen kann. Die Züge, die zu diesen Augen und dieser Gesichtsform paßten, waren unregelmäßig und doch so ausgeprägt, daß sie sich unauslöschlich der Erinnerung dessen, der sie jemals gesehen hatte, einprägten. Seine Kleidung bestand aus einem Wamse von rostbraunem Leder – wie die bessere Klasse der Landleute trug – und einem Gürtel von Rindsleder, in dem links ein langes Dolchmesser und rechts ein Hirschfänger steckte. Er hob die Augen, als er in das Gemach trat und heftete einen scharf durchdringenden Blick auf die beiden Gäste, dann schlug er den Blick zu Boden, als wenn er seine Schritte zählte, während er langsam bis zur Mitte des Raumes vorkam, und sagte in leisem, gedämpftem Tone: »Laßt mich Euch bitten, Ihr Herren, mir die Ursache dieses Besuches zu sagen.« Er schien die Antwort von Tressilian zu erwarten, so sehr traf Lambournes Bemerkung zu, daß höhere Geburt und Anstand auch durch die Verkleidung niederer Tracht erkenntlich sei. Aber Michael gab ihm die Antwort in der ungezwungenen Vertraulichkeit eines alten Freundes und in einem Tone, der nicht durch den geringsten Zweifel an einer herzlichen Aufnahme beeinträchtigt klang. »Ha, mein teurer Freund und Kamerad, Toni Foster!« rief er und ergriff die unwillige Hand und schüttelte sie so nachdrücklich, daß er fast die vierschrötige Gestalt der Person, der sie gehörte, ins Taumeln gebracht hätte. – »Wie gehts Euch seit so manchem langen Jahre? Was! Habt Ihr ganz Euern alten Freund, Gevatter und Spielkameraden Michael Lambourne vergessen?« »Michael Lambourne!« sagte Foster und sah ihn auf einen Augenblick an. Dann senkte er den Blick und zog ohne alle Umstände die Hand aus dem freundschaftlichen Griff des Mannes, von dem er angeredet wurde, – »seid Ihr Michael Lambourne?« »Ja doch, so gewiß wie Ihr Anton Foster seid,« versetzte Lambourne. »Na schön,« sagte sein mürrischer Wirt, »und was kann Michael Lambourne von seinem Besuche hier erwarten?« » Voto a dios !« antwortete Lambourne, »einen bessern Willkommen habe ich erwartet, als mir zuteil wird.« »Ei, Du Galgenvöglein, Du Gefängnisratte, Du Duzbruder vom Henker und seiner Kundschaft,« versetzte Foster, »bist Du so keck, von irgendwem, dessen Hals noch nicht mit dem Eisen Bekanntschaft gemacht hat, Entgegenkommen zu erwarten?« »Es mag schon so sein,« erwiderte Lambourne, »und nehmen wir mal an, ich laß es gelten, bloß daß wir weiter kommen – so bin ich doch noch gut genug als Bekanntschaft für meinen alten Freund Anton, den Scheiterhaufenanstecker, wenn er auch zurzeit durch irgend ein nicht ganz koscheres Privilegium Herr von Cumnor-Place ist.« »Hört, Michael Lambourne, Ihr seid jetzt ein Spieler,« sagte Foster, »und Ihr lebt vom guten Glück – was kommt es mir darauf an, daß ich Euch in diesem Augenblick aus dem Fenster dort in den Graben werfe?« »Ich wette zwanzig gegen eins, daß Ihr das hübsch bleiben lassen werdet,« antwortete der abgebrühte Gast. »Und warum wohl, ich bitte Euch?« fragte Anton Foster, preßte die Zähne aufeinander und kniff die Lippen zusammen, wie jemand, der sich bemüht, eine wilde innere Erregung zu bezwingen. »Weil,« sagte Lambourne gelassen, »Ihrs bei Euerm Leben nicht wagen dürft, mich auch nur mit dem Finger anzutippen. Ich bin jünger und stärker als Ihr und habe in mir eine doppelte Portion von dem Teufel, der mit Hieb und Stich losgeht, wenn auch vielleicht nicht ganz so viel von dem maulwurfsartigen Satan, der unter der Erde einen Weg zu seinem Ziele findet – der den Leuten Galgenstricke unter die Kissen legt und ihnen Rattengift in die Suppe tut, wies in dem Bühnenstück heißt.« Foster sah ihn ernst an, wandte sich dann ab und durchschritt den Raum zweimal mit demselben festen, bedachtsamen Schritt, mit dem er ihn betreten hatte. Dann kam er plötzlich zurück, streckte Michael Lambourne die Hand hin und sagte: »Sei nicht böse auf mich, guter Michel; ich wollte nur probieren, ob Du Deine alte, ehrliche Freimütigkeit eingebüßt hättest, die Deine Neider und Verleumder freche Unverschämtheit nannten.« »Mögen sie sie nennen, wie sie wollen,« sagte Michael Lambourne, »darin besteht doch das Handgepäck, das wir mit uns durchs Leben tragen müssen. Potz Dolch und Schneide! Ich sage Dir, Mann, mein eigener Vorrat an Keckheit war zu klein, um was daraus zu schlagen, so habe ich denn ein paar Tonnen Frechheit mehr in jedem Hafen einladen müssen, an dem ich auf meiner Lebensfahrt angelegt habe, und was ich an Bescheidenheit und Skrupeln noch übrig hatte, das habe ich über Bord geworfen, damit für den Ballast Platz wurde.« »Nein, nein,« versetzte Foster, »was die Skrupel und die Bescheidenheit betrifft, an dem Ballast hattest Du ja genug, als Du von hier absegeltest. – Aber wer ist dieser edle Herr dort? – Ist das auch so ein Luftikus, so ein Windbeutel, wie Du?« »Bitte schön, ich stelle Dir Herrn Tressilian vor, mein Dickerchen,« erwiderte Lambourne und stellte zur Antwort auf die Frage seines Freundes seinen Bekannten vor. – »Kenn ihn und ehre ihn, denn er ist ein Edelmann von vielen bewundernswerten Eigenschaften; und wenn er auch nicht in meiner Branche Geschäfte macht, wenigstens soweit ich es weiß, so hat er doch eine gerechte Hochachtung und Bewunderung für Tausendkerle unsrer Klasse. Er wird mit der Zeit schon auch in unser Fahrwasser steuern, das bleibt ja selten aus; vorjetzt aber ist er nur ein Neophyt, ein Proselyt.« »Wenn er solche Vorzüge besitzt, so will ich Euch bitten, mir in einem andern Gemach Eure Gesellschaft zu vergönnen, ehrlicher Michel, denn was ich Dir zu sagen habe, ist nur für Dein Ohr. – Inzwischen bitte ich Euch, edler Herr, in diesem Gemach auf uns zu warten und sich nicht daraus zu entfernen. Es sind ihrer in diesem Hause, die über den Anblick eines Fremden sich erschrecken würden.« Tressilian war einverstanden, und die beiden würdigen Kumpane verließen das Zimmer zusammen, in welchem er nun allein zurückblieb. Viertes Kapitel. Der Raum, in den der Herr von Cumnor-Place seinen würdigen Gast geführt hatte, war geräumiger als der, in welchem sie zuerst sich unterhalten hatten und machte doch mehr den Eindruck der Zerfallenheit. Große eichene Wandschränke, mit Fächern vom gleichen Holze gefüllt, standen rings an den Wänden und hatten ehedem zur Aufnahme einer reichhaltigen Sammlung von Büchern gedient, von denen noch viele vorhanden waren, aber zerrissen und unkenntlich, mit Staub bedeckt, der kostbaren Schlösser, Riegel und Einbände beraubt und in unordentlichen Haufen auf den Brettern zusammengeschoben, wie ganz abgetane und unbeachtete Sachen, die, wer Lust hatte, zerstören konnte. Die Schränke selber waren stellenweise beschädigt und angebrochen und überdies mit Spinngeweben förmlich überzogen und mit Staub dicht bedeckt. »Die Männer, die diese Bücher geschrieben haben, haben sichs wohl nicht träumen lassen, in wessen Hut sie einmal fallen würden,« meinte Lambourne. »Ah bah!« rief Anton Foster, »das ist lauter papistisches Gewäsch, Privatstudien von dem Abt von Abingdon, dem alten Mummelgreis. Der neunzehnte Teil einer reinen, rechtgläubigen Predigt wiegt eine Wagenladung von solchem Kram auf.« »Brav gesprochen, Meister Toni Scheiterhaufenanstecker!« antwortete Lambourne. Foster schielte finster nach ihm hin und erwiderte: »Hört, Freund Michel, vergeßt den Namen und den Vorfall, auf den er sich bezieht, wenn Ihr nicht wollt, daß unsere neu belebte Kameradschaft eines plötzlichen und gewaltsamen Todes sterben soll.« »Ei, ei,« sagte Michael Lambourne, »Ihr rühmtet Euch doch sonst, daß Ihr bei der Hinrichtung der beiden ketzerischen Bischöfe mitgeholfen habt.« »Das,« sagte sein Kamerad, »war zu der Zeit, da ich noch in der Galle der Bitternis und in den Banden der Missetat gefangen war, und hat nichts mehr zu schaffen mit meinem Wandel oder meinen Wegen jetzt, da ich zu den Auserlesenen zähle. Herr Melchisedek Maultext hat mein Mißgeschick in dieser Angelegenheit mit dem des Apostel Paulus verglichen, der den Zeugen, die den heiligen Stephan steinigten, die Kleider hielt. Darüber hat er gepredigt vor drei Sabbathen, und zum darstellenden Beispiel, sagte er, nähme er das Verhalten eines ehrbaren Mannes, der unter den Zuhörern weile – damit meinte er mich.« »Ich bitte Dich, verschone mich, Foster,« sagte Lambourne, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn ich den Teufel die heilige Schrift zitieren höre, dann läuft mirs wie eine Gänsehaut über das Fell, und übrigens, Mann, wie konntest Du das Herz haben, die bequeme, alte Religion zu verlassen, die Du aus- oder anziehen konntest wie Deinen Handschuh? Ist mirs nicht noch erinnerlich, wie Ihr Euer Gewissen zur Beichte zu führen pflegtet, so regelmäßig, wie der Monat herankam? Und wenn Dir der Priester Dein Gewissen gesäubert, gestriegelt und weißgewaschen hatte, dann warst Du allezeit bereit zu der schlimmsten Schurkerei, die ausgeheckt werden konnte, wie ein Kind, das immer die meiste Lust hat, in den Dreck zu rennen, wenns einen reinen Sonntagskittel anhat.« »Mach Dir keine Kopfschmerzen um mein Gewissen,« sagte Foster, »das ist ein Ding, das Du nicht verstehen kannst, denn Du hast selber nie eins gehabt. Laß uns lieber zur Sache kommen und sage mir mit einem Worte, was Du mit mir vorhast und was für Hoffnungen Dich hierhergelockt haben.« »Die Hoffnung auf ein besseres Leben,« antwortete Lambourne, »wie das alte Weib sagte, als es über die Brücke in Kingston sprang. Seht her, diese Börse enthält den ganzen Rest einer so runden Summe, wie sie nur einer in der Hosentasche herumzutragen sich wünschen kann. Ihr sitzt hier im warmen Neste, wie es scheinen möchte, und erfreut Euch der Gunst guter Freunde, denn die Leute sagen, Ihr ständet unter ganz besondrer Protektion. Na, starr mich nur nicht an, wie ein Schwein, das gestochen wird – denkst Du, Du kannst in einem Netze herumtanzen, ohne daß die Leute Dich sehen? Nun weiß ich, solche Protektion ist nicht so ohne weitres feil, Ihr müßt dafür Dienste zu verrichten haben, und in diesen Diensten biete ich Dir meinen Beistand an.« »Aber wenn ich nun keinen Beistand von Dir gebrauchen kann, Michel? Ich denke, bei Deiner Bescheidenheit hast Du eine solche Möglichkeit schon in Betracht gezogen?« »Das heißt,« versetzte Lambourne, »Du willst lieber die ganze Arbeit allein herunterschuften, als den Lohn teilen – aber sei nicht allzu futterneidisch, Anton. Habgier und Knauserigkeit bringt den Sack zum Platzen, und das Korn wird verschüttet. Seht, wenn der Weidmann auf den Hirsch pirscht, dann nimmt er mehr als einen Hund mit. Er hat den festen Spürhund, der das wunde Wild über Hügel und Tal aufspürt, aber er hat auch den flinken Windhund, der es zu Tode hetzt, wenn ers zu sehen bekommen hat. Du bist der Bluthund, ich bin der Windhund, und Dein Gönner wird beide brauchen und kann sichs auch leisten, beide zu bezahlen. Du hast tiefen Scharfsinn, – eine zielbewußte, unerschütterliche Ausdauer – eine standfeste, langatmige Niederträchtigkeit, die die meine noch übertrifft. Dafür aber bin ich der kühnere, der schlagfertigere. Getrennt sind unsre Eigenschaften nicht so weit her, aber tu sie zusammen, so können wir die Welt vor uns herjagen. Wie sagst nun – sollen wir selbander jagen?« »Das ist ein schurkisches Vorhaben, – sich so in meine Privatangelegenheiten hineinzudrängen,« erwiderte Foster, »aber Du warst von je ein bösartiger Hund.« »Ihr sollt keine Ursache haben, das zu sagen, es sei denn, Ihr weist meinen höflichen Vorschlag ab,« sagte Michael Lambourne, »wenn Ihr aber das tut, dann hüte Dich vor mir, Herr Ritter, wie es in der Romanze heißt. Ich will entweder an Euern Plänen beteiligt sein oder sie vereiteln, denn ich bin hierher gekommen, um tätig zu sein, entweder im Verein mit Dir oder gegen Dich.« »Gut,« sagte Anton Foster, »da Du mir eine so billige Wahl stellst, so will ich lieber Dein Freund sein als Dein Feind. Du hast recht, ich kann Dich in den Dienst eines Herrn bringen, der genug hat, uns beide zu versorgen und noch hundert andre. Kühnheit und Geschicklichkeit verlangt er – die Gerichtsbücher legen Zeugnis ab zu Deinen Gunsten. In seinen Diensten gibt es kein Stutzen aus Rücksichten, und man darf sich nicht an Skrupeln stoßen – ei, und wer hätte da wohl je bei Dir ein Gewissen vermutet? – Keckheit muß der haben, der einem Höfling dienen will – und Deine Stirn ist undurchdringlich wie ein mailändisches Visier. Nur eins würde ich gern in Dir abgefeilt sehen.« »Und was ist das, mein Goldantonchen?« versetzte Lambourne, »denn beim Kissen der Siebenschläfer schwör ich, ich will nicht säumen, den Fehler abzulegen.« »Nun, eben gibst Du wieder eine Probe davon,« sagte Foster. »In Deiner Redeweise krakehlst Du noch zu sehr in der alten Manier und schmückst sie in jedem Satze mit absonderlichen Flüchen aus, die einen papistischen Beigeschmack haben. Überdies ist auch Dein Aeußeres zu wüst und lotterig für einen Anhänger seiner Lordschaft, denn er hat einen hohen Ruf in den Augen der Welt zu behaupten. Du mußt Deinen Anzug ein wenig ändern – in einen mehr ernsten und gesetzten Schnitt. Und dann – geh in die Kirche – oder noch besser, in den Gottesdienst, wenigstens einmal im Monat. Schwöre bloß bei Deinem Glauben und Deinem Gewissen – lege Deine martialische, großspurige Miene ab und greife nie nach Deinem Degen, außer wenn Du in allem Ernste blank ziehen willst.« »In der Hinsicht, Anton, bist Du einfach verrückt,« antwortete Lambourne, »und hast mir jetzt katzenbuckelnd eher den Portier einer Puritanerin als den Untergebnen eines ehrgeizigen Höflings bezeichnet! Ja, so ein Ding, wie Du aus mir machen möchtest, muß wohl ein Buch am Gürtel tragen statt eines Dolches, aber wer im Gefolge eines Edelmanns mitmachen will, der muß flott und protzig auftreten.« »O, gebt Euch zufrieden, Freundchen,« erwiderte Foster, »es ist anders geworden, seit Ihr aus der englischen Welt hinaus seid, und wir haben ihrer, die ihr Ziel auf den gefährlichsten und geheimsten Wegen verfolgen und doch nie ein prahlerisches Wort oder einen Fluch oder einen gottlosen Ausdruck in ihrer Rede fallen lassen.« »Das heißt,« entgegnete Lambourne, »sie stehen in Handelsgemeinschaft und betreiben des Teufels Geschäfte, ohne seinen Namen in der Firma mit anzuführen. Na, ich will mir alle Mühe geben, es Euch nachzumachen, ehe ich in dieser neuen Welt Boden verliere. Aber, Anton, wie heißt der Edelmann, in dessen Dienst ich mich zum Heuchler ausbilden soll?« »Aha, Meister Michael! Guckt Ihr aus der Luke?« fragte Foster mit einem boshaften Lächeln. »Und ist das die Kenntnis, die Ihr von meinen Angelegenheiten zu wissen vorgebt? Woher wißt Ihr denn, daß es eine solche Person in rerum natura gibt oder daß ich Euch nicht einen Bären aufgebunden habe?« »Du und mir einen Bären aufbinden, Du dummöhriger Hornochs?« antwortete Lambourne, nicht im mindesten eingeschüchtert, »ei, so finster und schmutzig Du auch denkst, so wollt ich doch binnen einem Tage Dich und Deine Geheimnisse klar durchschauen.« In diesem Augenblick wurde ihr Gespräch durch einen lauten Schrei unterbrochen, der aus dem anstoßenden Zimmer kam. »Beim heiligen Kreuz von Abingdon,« rief Anton Foster und vergaß in seiner Bestürzung ganz seinen Protestantismus, »ich bin zu Grunde gerichtet.« Mit diesen Worten stürzte er in das Gemach, aus dem der Schrei kam, und Michael Lambourne ihm nach. Wie der Leser weiß, wurde, als Lambourne mit Foster in das Nebenzimmer ging, Tressilian in dem alten Empfangsraume allein gelassen. Sein dunkles Auge sah ihnen mit einem Blicke der Verachtung nach, die sich zum Teil sogleich wider ihn selber kehrte, daß er sich auch nur für einen Augenblick zum vertrauten Genossen dieser beiden herabgewürdigt hatte. »Das also ist der Umgang, Amy,« so sprach er zu sich selber, »zu dem Deine grausame Leichtsinnigkeit und Deine unbedachte und ganz unverdiente Falschheit einen Mann verurteilt haben, von dem seine Freunde einst andres erhofften und der jetzt sich selber verachtet, wie er von andern verachtet wird, wegen der Niedrigkeit, zu der er sich entwürdigt aus Liebe zu Dir. Aber ich will nicht nachlassen, Dich zu verfolgen, an der ich einst in reinster und hingebendster Liebe hing, – jetzt freilich kannst Du für mich nur noch ein Ding sein, um das ich Tränen vergieße. – Ich will Dich vor Deinem Verräter und vor Dir selber retten – ich will Dich Deinen Eltern – und Deinem Gotte – zurückgeben.« Ein leises Geräusch in dem Gemach schreckte ihn aus seiner Träumerei; er sah um sich, und in der schönen, reichgekleideten Frau, die jetzt hereintrat, erkannte er sie, die er suchte. Sein erstes in der Ueberraschung dieser jähen Entdeckung war, daß er sein Gesicht mit dem Mantelkragen bedeckte, bis sich ihm ein günstiger Augenblick bieten würde, sich zu erkennen zu geben. Aber die junge Dame, die noch nicht über achtzehn Jahre alt war, vereitelte sein Vorhaben, indem sie freudig auf ihn zulief, ihn am Mantel zog und neckisch zu ihm sagte: »Mein süßer Freund, nachdem ich so lange auf Euch gewartet habe, kommt Ihr doch nicht in mein Versteck, Mummenschanz zu treiben. Ihr seid des Verrats an treuer Liebe und zärtlicher Zuneigung bezichtigt, und Ihr müßt vor die Schranken treten und Euch mit unverhülltem Gesicht verteidigen – was habt Ihr zu sagen: schuldig oder nicht?« »Ach, Amy!« sagte Tressilian leisen und schwermütigen Tones und ließ sich den Mantel vom Gesicht ziehen. Der Klang seiner Stimme und noch mehr der unerwartete Anblick seines Gesichts brachte im Augenblick die Dame aus ihrer scherzhaften Stimmung. – Sie taumelte zurück, bleich wie der Tod, und schlug die Hände vors Gesicht. Tressilian selber war für den Augenblick ganz überwältigt, aber plötzlich schien er sich wieder bewußt zu werden, daß er eine Gelegenheit ausnützen müsse, die vielleicht nie wiederkehren konnte, und sagte leise: »Amy, fürchte mich nicht.« »Warum sollte ich Euch fürchten?« fragte die Lady, ihre Hände von ihrem schönen Gesicht wegnehmend, das jetzt mit Purpurröte überzogen war, – »warum sollte ich Euch fürchten, Herr Tressilian? Doch wozu seid Ihr in meine Wohnung gedrungen, uneingeladen, Herr, und unerwünscht?« »Eure Wohnung, Amy!« sagte Tressilian. »Ach, ist ein Gefängnis Eure Wohnung? – Ein Gefängnis, das bewacht wird von einem der schmutzigsten Menschen, der aber doch noch kein größers Scheusal ist als sein Gebieter?« »Dies Haus ist mein,« sagte Amy, »mein, so lange es mir paßt, darin zu wohnen. Wenn es mir Spaß macht, in Abgeschiedenheit zu leben, wer will es mir verwehren?« »Euer Vater, Jungfrau,« antwortete Tressilian. »Euer Vater, dem das Herz gebrochen ist, der mich abgesandt hat, nach Euch zu forschen, und mir jene Vollmacht erteilt hat, die er selber nicht in Person ausüben kann. Hier ist sein Brief – beim Schreiben hat er die Schmerzen gelobt, die seinen Körper peinigen, weil er über ihnen die Seelenqual nicht so tief empfindet.« »Die Schmerzen! Ist denn mein Vater krank?« fragte die Dame. »So krank,« antwortete Tressilian, »daß, wenn Ihr auch auf Flügeln zu ihm eiltet, Ihr ihn doch nicht gesund machen könntet, doch soll alles sogleich zu Eurer Abreise hergerichtet werden, sobald Ihr Euch dazu bereit erklärt.« »Tressilian,« antwortete die Dame, »ich kann nicht, ich darf nicht diese Stätte verlassen. Kehrt zu meinem Vater zurück, sagt ihm, ich will mir Urlaub erwirken, ihn in zwölf Stunden von jetzt ab zu besuchen. Kehrt zurück, Tressilian, – sagt ihm, ich befinde mich wohl, ich bin glücklich – ich wäre glücklich, könnte ich denken, er wäre es auch – sagt ihm, er soll sich nicht davor fürchten, daß ich kommen will – ich will so zu ihm kommen, daß all der Kummer, den Amy ihm bereitet hat, vergessen sein soll – die arme Amy ist jetzt größer als sie verraten darf. Geht, mein guter Tressilian, – ich habe auch Euch weh getan, aber glaubt mir, ich habe Macht, die Wunden zu heilen, die ich geschlagen habe. Ich habe Euch ein kindisches Herz geraubt, daß Euer gar nicht würdig war, und ich kann den Verlust durch Ehren und Beförderung ersetzen.« »Sagt Ihr das mir, Amy? – Bietet Ihr mir den Flitter eiteln Ehrgeizes für den stillen Frieden, den Ihr mir geraubt habt? Noch sei es so – ich bin nicht gekommen, Vorwürfe zu machen, – sondern Euch zu dienen und Euch zu befreien. Ihr könnt es vor mir nicht verbergen, Ihr seid eine Gefangene. Sonst wäre Euer liebes Herz – denn lieb und gut war es einst – schon am Bette Eures Vaters. Kommt, armes, betrognes, unglückliches Mädchen! – Alles soll vergessen sein – alles soll vergeben sein. Fürchtet nicht, ich könnte Euch Ungelegenheiten machen wegen unsers frühern Verhältnisses – es war ein Traum und ich bin erwacht. Doch kommt – Euer Vater lebt noch – kommt, und ein Wort der Liebe – eine Träne der Reue wird das Gedächtnis von allem, was vorgegangen ist, ausmerzen.« »Habe ich nicht schon gesagt, Tressilian,« erwiderte sie, »daß ich ganz bestimmt zu meinem Vater kommen werde, und ich will dies nicht länger hinausschieben, als unbedingt nötig ist, um andre ebenso unerläßliche Pflichten zu erfüllen. – Geht, bringt ihm den Bescheid – ich komme, so gewiß, wie Licht am Himmel ist – das heißt, wenn ich Erlaubnis bekomme.« »Erlaubnis? Erlaubnis, Deinem Vater auf dem Krankenbette, vielleicht auf seinem Totenbette zu besuchen?« sagte Tressilian, »und Erlaubnis von wem? – Von dem Schurken, der unter dem Mantel der Freundschaft jeder Pflicht der Gastfreundschaft Hohn sprach und Dich aus Deines Vaters Hause stahl?« »Verunglimpf ihn nicht, Tressilian. Er, von dem Du sprichst, trägt ein Schwert, so scharf wie Deines, – ja schärfer noch, eitler Mann – denn die besten Taten, die Du je im Frieden oder Kriege getan hast, waren ebenso wenig würdig, in einem Atem mit den seinen genannt zu werden, wie Dein niedrer Rang sich mit der Sphäre messen kann, in der er sich bewegt. Verlaß mich! Geh, richte meine Bestellung an meinen Vater aus, und wenn er wieder zu mir schickt, soll er einen willkommnern Boten wählen.« »Amy,« erwiderte Tressilian sanft, »mit Deinen Vorwürfen richtest Du nichts aus bei mir. Sage mir eins, daß ich wenigstens einen Strahl des Trostes meinem alten Freunde bringen kann. Seinen Rang, von dem Du so rühmlich sprichst, teilst Du mit ihm, Amy? – Hat er das Recht eines Gatten, Dir Vorschriften zu machen?« »Zügle Deine unartige Zunge!« sagte die Dame. »Eine Frage, die meine Ehre in Zweifel stellt, würdige ich keiner Antwort.« »Ihr habt schon genug gesagt, indem Ihr die Antwort darauf verweigertet,« versetzte Tressilian, »und merke wohl, unglücklich wie Du bist, ich bin gerüstet mit der Vollmacht Deines Vaters, Dir Gehorsam zu bieten, und ich will Dich retten aus der Sklaverei von Sünde und Kummer, selbst wider Deinen Willen, Amy!« »Droh mit keiner Gewalttat hier!« rief die Dame und zog sich vor ihm zurück, bestürzt über die Entschlossenheit, die aus seinem Blick und Wesen sprach. – »Drohe mir nicht, Tressilian, denn ich habe Mittel, mich vor Gewalt zu schützen.« »Aber doch wohl nicht den Wunsch, diese Mittel zu so schlimmem Zwecke zu benutzen,« sagte Tressilian. »Mit Deinem Willen – Deinem unbeeinflußten, freien und natürlichen Willen, Amy, kannst Du nicht diesen Zustand der Sklaverei und Schande auf Dich genommen haben – Du bist durch irgend einen Zauber gebannt worden – Du bist durch irgend einen Betrug umgarnt worden – Du wirst durch ein erzwungenes Gelübde festgehalten. – Aber so brech ich den Zauber – Amy, im Namen Deines herrlichen, vom Herzeleid gebrochnen Vaters gebiete ich Dir, mir zu folgen.« Mit diesen Worten trat er auf sie zu und streckte den Arm aus, als wollte er sie ergreifen. Aber sie wich zurück vor seinem Griff und stieß den Schrei aus, der Lambourne und Foster in das Zimmer führte. Der letztere rief, sobald er hereintrat: »Feuer und Reisig! Was haben wir hier?« Dann wandte er sich an die Dame und setzte in einem Tone zwischen Bitte und Befehl hinzu: »Potzblitz, Madame! Was tut Ihr hier in voller Freiheit? Macht, daß Ihr wegkommt – weg – weg – Tod und Leben sind hier im Spiele! – Und Ihr, Freund, wer Ihr auch seid, verlaßt dieses Haus – hinaus mit Euch, ehe mein Dolch und Eure Brust miteinander Bekanntschaft machen. Zieh, Michel, und befrei uns von dem Schurken!« »Ich nicht, bei meiner Seele,« versetzte Lambourne. »Er ist hierher gekommen in meiner Gesellschaft, und er ist sicher vor mir nach den Gesetzen der Diebszunft, zum wenigsten, bis wir einander wieder begegnen. Aber hört, mein Freund aus Cornwallis: Ihr habt einen echten kornischen Windsturm mit hierher gebracht, einen Taifun, wie sie im Orient sagen. Macht Euch dünn – zieht Leine – verschwindet, sonst soll Euch das Lebenslichtlein ausgeblasen werden.« »Hinweg, erbärmlicher Bursche,« sagte Tressilian. »Und Ihr, Madame, gehabt Euch wohl – das letzte bißchen Leben in Euers Vaters Brust wird von hinnen fliehen bei der Nachricht, die ich ihm zu bringen habe.« Er ging, – als er das Zimmer verließ, flüsterte die Dame ihm leise zu: »Tressilian, seid nicht voreilig und unbedacht – sprecht nichts Ehrenrühriges von mir!« »Da haben wir ja eine nette Bescherung,« sagte Foster, »ich bitte Euch, geht in Euer Zimmer, Mylady, und laßt uns bedenken, wie wir das wieder gut machen können. – Nein, säumet nicht.« »Auf Euer Geheiß rühr ich kein Glied, Herr,« antwortete die Dame. »Aber Ihr müßts, schöne Dame,« erwiderte Foster, »entschuldigt meine Freiheit, aber bei Blut und Nageln, wir haben keine Zeit jetzt, Höflichkeiten zu drechseln – Ihr müßt in Euer Zimmer gehen – Michel, geh diesem naseweisen Laffen nach, und wenn Dir selber daran liegt, gut zu fahren, sorge dafür, daß er von hier wegkommt, dieweil ich diese halsstarrige Dame zur Vernunft bringe. Zieh vom Leder, Kerl, und hinter ihm drein!« »Das will ich,« sagte Michael Lambourne, »und weg soll er von hier. Aber einem zu Leibe gehen, mit dem ich am Morgen noch ein Glas zusammen getrunken habe, das ist ganz gegen mein Gewissen.« Mit diesen Worten ging er hinaus. Tressilian schritt indessen in Hast auf dem ersten besten Wege dahin, der ihn aus dem wilden, überwucherten Park, in welchem Fosters Haus lag, hinauszuführen versprach. Hast und tiefer Seelenschmerz ließen ihn irre gehen, und anstatt die Allee einzuschlagen, die nach der Stadt führte, schlug er einen andern Weg ein, der ihn, nachdem er ihm eine Zeitlang mit hastigen, unachtsamen Schritten gefolgt war, an die andre Seite des Grundstücks brachte, wo eine Hintertür in der Mauer aufs freie Feld hinausführte. Tressilian blieb einen Augenblick stehen. Es war ihm gleichgültig, auf welchem Wege er eine jetzt für seine Erinnerung so hassenswerte Stätte verließ, aber es war doch anzunehmen, daß die Hintertür verschlossen wäre und er hier nicht hinausgelangen könnte. »Ich muß es aber doch versuchen,« sagte er zu sich selber, »das einzige Mittel, dieses verlorene, – dieses verworfene – dieses trotz allem noch liebreizende und unglückliche Mädchen zurückzufordern, ist, daß ihr Vater sich an die Gesetze seines Landes wendet. Ich muß ihm schleunigst diese herzzerreißende Nachricht bringen.« Als in diesem Selbstgespräch Tressilian herantrat und versuchte, ob er die Tür öffnen oder über die Mauer steigen könnte, bemerkte er, daß von außen ein Schlüssel in das Schloß gesteckt wurde. Der Schlüssel wurde herumgedreht, der Riegel sprang zurück, und ein Kavalier trat herein, in den Reitmantel gehüllt und einen breitkrempigen Hut mit herabhängender Feder auf dem Kopfe und stand nun dicht vor Tressilian, der eben hinauswollte. Im Tone des Grolls und Erstaunens rief der eine: »Varney!« und der andere: »Tressilian!« »Was macht Ihr hier?« war die barsche Frage, die der Fremde an Tressilian richtete, als die erste Ueberraschung überwunden war, »was macht Ihr hier, wo Eure Anwesenheit weder erwartet noch erwünscht wird?« »Nein, Varney,« versetzte Tressilian, »was macht Ihr hier? Seid Ihr gekommen, über die Unschuld, die Ihr vernichtet habt, zu triumphieren, wie der Geier oder die Aaskrähe kommt, sich an dem Lamme zu mästen, dem sie zuerst die Augen ausgehackt haben? – Oder seid Ihr gekommen, der verdienten Rache eines ehrlichen Mannes Euch zu stellen? – Zieh, Hund, und verteidige Dich!« Tressilian zog sein Schwert, aber Varney legte nur die Hand auf den Griff des seinen, indes er antwortete: »Du bist verrückt, Tressilian – ich gebe zu, der äußere Schein ist gegen mich, aber bei allen Eiden, die ein Priester aufsetzen oder ein Mensch ablegen kann, Mistreß Amy Robsart ist kein Leid von mir widerfahren; und wahrhaftig, es sollte mir doch ein wenig leid tun, Euch um deswillen zu verwunden. – Du weißt, ich kann fechten.« »So hört ich Dich sagen, Varney,« antwortete Tressilian, »jetzt aber, dünkt mich, hätte ich gern einen bessern Beweis als Dein bloßes Wort.« »Der soll nicht ausbleiben, so mir Griff und Klinge treu sind,« antwortete Varney, und sein Schwert zog er mit der Rechten, den Mantel warf er um die Linke und fiel Tressilian mit einem Ungestüm an, der ihm auf einen Moment den entscheidenden Vorteil im Zweikampfe zu geben schien. Aber nicht lange hielt diese günstige Wendung an. Tressilian war von Rachedurst erfüllt und hatte obendrein eine sichere Hand und ein festes Auge – Eigenschaften, die ihn zu einem Meister in der Handhabung des Rapiers machten. Varney sah sich bald hart bedrängt und versuchte, sich seine überlegene Körperkraft zu nutze zu machen und mit seinem Gegner handgemein zu werden. Zu diesem Zwecke wagte er es beherzt, einen von Tressilians Stößen in seinem Mantel aufzufangen, den er um den Arm gewickelt hatte, und ehe sein Gegner sein so festgeranntes Rapier herausziehen konnte, fiel er ihn dicht an, indem er sein Schwert kurz faßte, um ihm den Garaus zu machen. Aber Tressilian war auf der Hut, und er riß den Dolch aus der Scheide, parierte mit der Klinge dieser Waffe den Todesstoß, der sonst dem Zweikampf ein Ende gemacht hätte, und führte nun den Kampf so geschickt weiter, daß Varney zu Boden gestreckt wurde. Sein Schwert flog ein paar Schritte weit, und ehe er wieder aufspringen konnte, setzte ihm sein Gegner die Degenspitze an die Kehle. »Gebt mir augenblicks die Mittel, das Opfer Eures Verrats zu erlösen,« sagte Tressilian, »oder tut Euern letzten Blick zur Sonne Euers Schöpfers!« Zu bestürzt oder zu trotzig zu antworten, machte Varney eine plötzliche Anstrengung, aufzuspringen, und sein Gegner zog den Arm zurück und hätte wohl seine Drohung ausgeführt, aber der Stoß wurde durch den Griff Michael Lambournes aufgehalten, der dem Klange der klirrenden Schwerter nachgeeilt war und gerade zur rechten Zeit ankam, um Varneys Leben zu retten. »Kommt, kommt, Kamerad,« sagte Lambourne, »hier ist genug getan und mehr als genug – tut Euer Schwert zur Seite und laßt uns heim bummeln.« »Hinweg, Auswurf!« sagte Tressilian und riß sich von Lambourne los. »Wagst Du es, zwischen mich und meinen Feind zu treten?« »Auswurf! Auswurf!« wiederholte Lambourne; »das soll mit kaltem Stahl beantwortet werden, sobald ein Glas Sekt die Erinnerung an den Morgentrunk hinweggespült hat, den wir miteinander geleert haben. Mittlerweile, seht Ihr, – geht los, schwimmt ab, zieht Leine – wir sind zwei gegen einen.« Er sagte die Wahrheit, denn Varney hatte die Gelegenheit benutzt, seine Waffe wieder aufzuraffen, und Tressilian sah ein, daß es Wahnwitz wäre, den Kampf bei so ungleichem Stande fortzusetzen. Er zog die Börse, nahm zwei Goldnobels heraus und warf sie Lambourne zu: »Da, Sklave, ist Dein Morgenlohn – Du sollst nicht sagen, Du habest mich ohne Lohn geführt. Varney, lebt wohl! Wir sehen einander wieder, wo niemand zwischen uns treten soll!« Mit diesen Worten wandte er sich um und ging zur Hinterpforte hinaus. Varney schien keine Lust zu haben – oder keine Kraft (denn sein Sturz war schwer gewesen), seinem Feinde zu folgen, aber er starrte ihm finster nach, dann wandte er sich an Lambourne: »Bist Du ein Kamerad von Foster, guter Bursch?« »Wir sind geschworene Freunde, wie Heft und Messer,« erwiderte Michael Lambourne. »Da hast Du einen Zehrgroschen, – geh dem Buben da nach und sieh, wohin er geht und bring mir Bescheid ins Herrenhaus hier. Vorsichtig und verschwiegen, Bursche, sofern Dir Deine Kehle lieb ist.« »Genug gesagt,« erwiderte Lambourne, »ich kann eine Spur verfolgen so gut wie ein Schweißhund.« »Dann geh Deines Weges,« sagte Varney, steckte sein Rapier in die Scheide, kehrte Lambourne den Rücken zu und schritt langsam dem Hause zu. Lambourne verweilte nur einen Augenblick, um die Nobels aufzulesen, die sein ehemaliger Gefährte ihm so unfein zugeworfen hatte, und während er sie mit dem Handgeld Varneys einsteckte, murmelte er vor sich hin: »Zu den Hornochsen da drüben hab ich vom Eldorado gesprochen. Bei Sankt Anton, für Leute unsers Schlages gibt es kein Eldorado, das sich mit dem guten Altengland vergleichen läßt! Hier regnet es Nobels vom Himmel – sie liegen auf dem Grase so dick wie Tautropfen – man braucht sie bloß aufzulesen. Und wenn ich nicht meinen Teil an diesen glitzernden Tautropfen habe, so mag mein Schwert schmelzen wie ein Eiszapfen!« Fünftes Kapitel. Anton Foster war noch immer in Wortwechsel mit seiner schönen Schutzbefohlnen, die jeder Aufforderung, sich in ihr Zimmer zu begeben, mit Verachtung zurückwies – da ließ sich ein Pfeifen an der Eingangstür des Herrenhauses hören. »Jetzt sind wir geliefert,« sagte Foster, »da draußen ist das Signal Euers Lords, und was wir zu der Unordnung, die jetzt hier herrscht, sagen sollen, bei meinem Gewissen, ich weiß es nicht.« »Ruhe, Herr,« sagte die Dame, »und macht Euerm Gebieter das Tor auf. – Mylord! Mein treuer Lord!« rief sie dann und eilte nach dem Eingang des Zimmers; dann setzte sie im Tone der Enttäuschung hinzu: »Puh! Es ist bloß Richard Varney.« »Ja, Madame,« sagte Varney und grüßte im Hereintreten die Dame mit einer respektvollen Verneigung, die sie halb nachlässig, halb mißvergnügt erwiderte. – »Es ist bloß Richard Varney, aber die erste graue Wolke, die im Osten aufleuchtet, sollte willkommen sein, weil sie die Nähe der gesegneten Sonne verkündet.« »Wie! Kommt Mylord heute hierher?« fragte die Dame freudig, doch auch bestürzt; und Anton Foster haschte das Wort auf und wiederholte die Frage. Varney antwortete der Dame, sein Herr beabsichtige, ihr seine Aufwartung zu machen, und die Dame lief nach der Tür des angrenzenden Gemachs und rief laut: »Jeanette – Jeanette! Komm sofort in mein Boudoir!« Dann wandte sie sich wieder zu Varney und fragte, ob Mylord ihr sonst noch etwas bestellen ließe. »Diesen Brief soll ich abgeben, geehrte Dame,« sagte er und zog aus der Brust ein kleines, in scharlachrote Seide gewickeltes Päckchen, – »und mit ihm ein Angebinde für die Königin seiner Liebe.« Mit neugieriger Hast eilte die Dame, die seidene Schnur zu lösen, die das kleine Päckchen umschloß, und da es ihr nicht gelang, den Knoten so rasch aufzuknüpfen, zu dem sie verschlungen war, rief sie wieder laut nach Jeanette: »Bring mir ein Messer – eine Schere – irgend was, womit dieser niederträchtige Knoten aufzukriegen ist!« »Kann nicht mein armseliger Dolch dazu dienen, geehrte Dame?« fragte Varney und bot ihr einen kleinen Dolch von hervorragender Arbeit an, der an seinem Schwertgurt von türkischem Leder hing. »Nein, Herr,« versetzte die Dame, das Werkzeug, das er ihr bot, von sich weisend. »Ein stählerner Dolch soll keinen Liebesknoten von mir zerschneiden.« »Und doch hat er schon viele zerschnitten,« sagte Anton Foster, halb beiseite, mit einem Blick auf Varney. Mittlerweile war der Knoten ohne jede andre Hilfe als durch die feinen, flinken Finger der Jeanette aufgeknüpft worden – sie war ein schlicht gekleidetes Mädchen, die Tochter Anton Fosters, die auf den wiederholten Ruf ihrer Herrin herbeigeeilt war. Ein Halsband von orientalischen Perlen, das bei einem mit Wohlgeruch genetzten Briefe lag, wurde hastig von der Dame hervorgezogen. Sie reichte das Geschmeide nach einem flüchtigen Blick der Dienerin, während sie den Inhalt des Briefes las oder vielmehr verschlang. »Jedes Wort in diesem Briefe wiegt dieses ganze Kleinod auf. Aber komm in mein Ankleidezimmer, Mädchen: wir müssen uns sputen und uns fein machen, Mylord kommt heute nacht hierher. – Er bittet mich, Euch meine Gunst zu schenken, Meister Varney, und für mich ist sein Wunsch Gesetz. – Ich lade Euch zu einer Mahlzeit in meinem Zimmer heute nachmittag, und auch Euch, Meister Foster. Gebt Befehl, daß alles in Ordnung gebracht wird und daß zum Empfang Mylords heute abend die gehörigen Vorbereitungen getroffen werden.« Mit diesen Worten verließ sie das Gemach. »Sie versteht sich schon aufs Vornehmtun,« sagte Varney, »und teilt die Gunst ihrer Gesellschaft aus, als wäre sie schon die ebenbürtige Gefährtin seiner Würde. – Nun ja, es ist weise, die Rolle, zu der das Schicksal uns bestimmt, vorher einzustudieren, – der junge Adler muß in die Sonne schauen, ehe er mit starken Schwingen ihr entgegenfliegen kann.« »Sie trägt schon jetzt den Kopf hoch, Meister Varney,« sagte Foster, »und hört nicht mehr auf meinen Pfiff. Ich versichere Euch, sie kehrt sich schon gar nicht mehr an mich.« »Daran bist Du selber schuld, Du griesgrämiger, unerfinderischer Gesell,« antwortete Varney, »Du weißt eben keine Methode der Zähmung als die rohe Gewalt. – Kannst Du ihr nicht das Heim angenehm machen mit Musik und Spielen? Kannst Du ihr nicht die Außenwelt zu einer Schrecknis machen, indem Du ihr Erzählungen von Gespenstern auftischst? Du wohnst doch hier dicht am Kirchhof und hast nicht einmal Witz genug, einen Geist heraufzubeschwören, der Deine Weibsbilder in guter Zucht halt?« »Sprecht nicht so, Meister Varney, – die Lebenden fürchte ich nicht, aber ich treibe kein Spiel und keinen Spott mit meinen toten Nachbarn vom Kirchhofe da – ich sage Euch, es gehört schon ein gutes Herz dazu, so ganz in ihrer Nähe zu hausen.« »Wie kam dieser Tressilian an die Hintertür?« fragte Varney. »Tressilian? Was weiß ich von Tressilian? Ich habe den Namen noch nie gehört.« »Du Schuft, es ist eben der Hanswurst aus Cornwallis, dem der alte Sir Hugh Robsart seine Tochter zugesagt hatte, und der hirnverbrannte Narr ist hierher gekommen, seinem weggelaufenen Schätzchen nachzuschauen. Zum Glück weiß er nichts von Mylord und denkt, er hat bloß mit mir zu tun. Aber wie zum Teufel ist er hierher gekommen?« »Na, mit Michael Lambourne zusammen,« antwortete Foster. »Und wer ist dieser Michel Lambourne?« fragte Varney. »Beim Himmel, Du tätest am besten dran, Du hängtest ein Schild über Deine Tür und lüdest jeden Landstreicher, der des Weges kommt, ein, sich anzusehen, was Du vor Sonne und Luft selber geheim halten solltest.« »Ei, ei! Das ist so recht Höflingsmanier, mir den Euch geleisteten Dienst zu vergelten, Meister Richard Varney,« erwiderte Foster. »Habt Ihr mir nicht aufgetragen, für Euch einen Burschen ausfindig zu machen, der ein gutes Schwert und ein weites Gewissen hätte? Und habe ich mich nicht bemüht, einen passenden Mann zu finden – denn, dem Himmel sei Dank! Mein Umgang liegt nicht bei dieser Sorte von Kerlen – da will es der Himmel, und dieser lange Bursche, der in all seinen Eigenschaften so recht der Teufelskerl ist, den Ihr Euch wünscht, kommt hierher und zwingt mir in seiner haarsträubenden Unverschämtheit seine Bekanntschaft auf, und ich ließ mir das auch gefallen, weil ich dachte, ich tät Euch einen Gefallen damit, – und da sieht man nun, was mein Dank ist, daß ich mich selber entwürdigt habe, indem ich mich mit ihm abgegeben habe.« »Na, da ist er wohl Deinesgleichen,« sagte Varney, »nur daß ihm Deine Gabe der Heuchelei fehlt, die so dünn über Deinem harten, ruchlosen Herzen liegt, wie Goldlack über rostigem Eisen – und hat er den muckernden, seufzenden Tressilian mitgebracht?« »Zusammen sind sie gekommen, beim Himmel,« sagte Foster, »und Tressilian – um die Wahrheit des Himmels zu reden – hat einen Augenblick mit unserm hübschen Püppchen sprechen können, während ich abseits mit Lambourne verhandelt habe.« »Unvorsichtiger Schurke! Wir sind beide geliefert!« sagte Varney, »sie hat in letzter Zeit manchen Blick zurück nach dem Hause ihres Vaters geworfen, wenn ihr Verehrer sie allein ließ. Wenn dieser salbadernde Schafskopf sie mit seinem flötenden Gewäsch in die alte Hürde zurücklocken sollte, dann ists um uns beide geschehen.« »Darum laßt Euch nicht bange sein, Meister,« versetzte Anton Foster, »sie denkt nicht im mindesten daran, nach seiner Pfeife zu tanzen, denn als sie ihn sah, hat sie laut aufgekreischt, als wenn eine Otter sie gestochen hätte.« »Das ist gut. – Kannst Du nicht von Deiner Tochter herausbekommen, was zwischen ihnen vorging, guter Foster?« »Ich sage Euch rund heraus, Meister Varney,« sagte Foster, »meine Tochter soll nicht in unsre Pläne eingeweiht werden, noch unsre Wege wandeln. Mir selber machts nichts weiter aus, denn ich weiß mich mit dem Himmel wegen meiner Missetaten wieder auszusöhnen, aber ich will nicht, daß die Seele meines Kindes zu Euerm oder Mylords Gefallen irgend welcher Gefahr ausgesetzt werde. Ich selber kann zwischen Schlangen und Fallen einhergehen, weil ich vorsichtig bin, aber ich will nicht das arme Lamm zwischen sie lassen.« »Du kannst doch auf Umwegen irgend etwas von Deiner Tochter erfahren, Du mißtrauischer Narr?« »Das habe ich auch getan, und sie hat mir gesagt, ihre Lady härme sich um die Krankheit ihres Vaters.« »Gut!« versetzte Varney. »Dieser Wink schon ist die Nachfrage wert, und ich will mich danach richten. Aber dieser Tressilian muß aus dem Lande – denn ich hasse ihn wie starkes Gift, seine Gegenwart ist Schierling für mich – und heute selber wäre ich ihn los geworden, nur daß mein Fuß ausglitt – und in Wahrheit, wenn Dein Kamerad hier nicht mir zu Hilfe gekommen wäre und seine Hand festgehalten hätte, so wüßte ich jetzt schon, ob wir beide den Pfad des Himmels oder der Hölle wandeln.« »Und Ihr könnt so ruhig von solch einer Gefahr sprechen!« rief Foster. »Euch schlägt ein starkes Herz in der Brust, Meister Varney – ich für mein Teil, wenn ich nicht hoffte, noch viele Jahre zu leben und Zeit zu finden für das große Werk der Reue, ich ginge nicht eines Weges mit Euch.« »O! Du willst so lange leben wie Methusalem,« sagte Varney, »und so großen Reichtum aufhäufen wie Salomo, und Du wirst so gottergeben bereuen, daß Deine Reue noch großartiger sein wird als Deine Verruchtheit – und das will viel sagen. Aber vor allem muß dafür gesorgt werden, daß dieser Tressilian verschwindet. Dein Raufbold da ist hinter ihm drein und spürt ihm nach. Unser beider Glück steht dabei auf dem Spiele, Anton.« »Ja doch, ja doch,« sagte Foster mürrisch, »das kommt davon, wenn man sich mit jemand einläßt, der nicht einmal soviel von der heiligen Schrift weiß, daß der Arbeiter seines Lohnes wert ist. Wie gewöhnlich, muß ich wieder die ganze Schererei und die ganze Gefahr auf mich nehmen.« »Gefahr! Und was ist denn die große Gefahr dabei, ich bitte Euch?« antwortete Varney. »Dieser Bursche wird schon noch einmal um unser Haus herumstrolchen oder gar hereinkommen, und wenn Ihr ihn für einen Einbrecher nehmt, was ist natürlicher, als daß Ihr ihn mit kaltem Stahl oder heißem Blei empfangt? Selbst ein Kettenhund reißt den nieder, der ihm zu nahe kommt, und wer wird ihn tadeln?« »Ja, ich habe hier bei Euch die Arbeit eines Kettenhundes und kriege auch den Lohn eines Kettenhundes,« sagte Foster. »Ihr, Herr Varney, habt Euch da einen schönen Freisitz aus dieser alten Stiftung des Aberglaubens sichergestellt, und ich bin nur ein Pächter dieses Hauses unter Euch, der an die Luft gesetzt werden kann, sobald es Euer Gnaden beliebt.« »Ei, und da möchtest Du gern Dein Pachtgut in einen Freisitz umwandeln – nun, es kann sich schon so fügen, Anton Foster, wenn Du uns gute Dienste leistest. Aber gemach, guter Anton – es ist nicht damit getan, daß Du ein paar Zimmer dieses Hauses dazu hergibst, den hübschen Papagei Mylords aufzunehmen – nicht indem Du bloß die Fenster und Türen zumachst, daß er nicht wegfliegen kann, verdienst Du Dir schon Dein Teil. Bedenke, der Zins und die Zehnten sind zu dem klaren jährlichen Betrag von neunundsiebenzig Pfund fünf Schilling und fünfeinhalben Penny angesetzt. Komm, komm, Du mußt vernünftig sein; mit großen und geheimen Diensten läßt sich dies beides und noch mehr verdienen. – Und nun mag Dein Bursche kommen und mir die Stiefel ausziehen. – Gib etwas zu essen und einen Becher von Deinem besten Wein.« Sie trennten sich und kamen zur Mittagsstunde, die damals auch die Essenszeit war, bei Tische wieder zusammen. Als dann die Tafel abgedeckt worden war und sie sich wieder allein beieinander befanden, setzten sie ihr Zwiegespräch fort. »Schwatzt ein wenig, guter Toni,« sagte Varney. »Sei es, was es sei, ich will es als Würze zu diesem Becher Alikante hinnehmen.« »Nun, dann sagt mir,« sagte Anton Foster, »wäre nicht der Dienst unsers guten Lords und Gebieters besser versehen und seine Antichambre passender angefüllt mit bescheidnen, gottesfürchtigen Männern, die still und in aller Ruhe seinen Willen verrichten und ihren eignen Nutzen dabei verfolgen, ohne weltlichen Skandal zu machen, anstatt daß seine Mannschaft und seine Begleitung und sein Gefolge aus unverhohlenen Lüderianen und so hagebuchnen Messerhelden, wie Tidesly, Killigrew oder diesem Schurken Lambourne besteht oder ähnlichem Gesindel, das den Galgen im Gesicht und den Mord in der rechten Hand trägt?« »Gebt Euch zufrieden, guter Meister Anton Foster,« antwortete Varney; »wer auf alle Arten Wild pirscht, muß auch alle Arten von Falken haben – gestutzte und langflüglige. Der Kurs, den Mylord steuert, ist nicht eben glattes Fahrwasser, und da muß er an allen Punkten zuverlässige Helfershelfer haben, die ihm alle Arten von Diensten verrichten können. Er muß seinen flotten Höfling haben, wie mich, der im Vorzimmer gut aufzutreten vermag und bloß die Hand an den Degen legt, wenn jemand von seiner Gnaden etwas Ehrenrühriges spricht. Er muß seine Anwälte haben, verschlagene, scharfsinnige Pioniere, die ihm seine Kontrakte aufsetzen, und er muß seine Aerzte haben, die einen Becher oder eine Suppe zu würzen verstehen – und dann muß er seine Hexenmeister haben, wie Dee und Allan, die den Teufel beschwören können, und die Messerhelden, die mit dem Teufel fechten können – und vor allen muß er so gottergebene, unschuldige, puritanische Seelen haben wie Dich, Anton, die vorm Satan gefeit sind und gleichzeitig doch das Werk des Satans tun können.« »Ihr wollt doch nicht etwa sagen, Meister Varney,« sagte Foster, »daß unser guter Lord und Gebieter, den ich für vollkommen in allem Adel halte, so niedrige und sündige Mittel anwendete, um in die Höhe zu kommen?« »Tatata, Mann,« erwiderte Varney, – »sieh mich nicht mit so finstrer Stirn an, Mensch, – Du fängst mich nicht und ich bin nicht in Deiner Gewalt, wie Du Dirs in Deinem schwachen Hirn einbilden magst, weil ich Dir offenherzig die Maschinen, Federn, Schrauben und Taue nenne, durch die die großen Männer in unruhigen Zeiten in die Höhe kommen. – Sagst Du, unser guter Lord ist vollkommen in allen adligen Eigenschaften? – Amen, und so ist es. Um so mehr aber tut es ihm not, Leute um sich zu haben, die sich ohne irgend welche Bedenken seinem Dienste weihen und, weil sie wissen, daß sein Fall auch sie mitreißen und vernichten wird, Blut und Hirn, Seele und Leib dransetzen müssen, ihn oben zu halten; und das sage ich Dir, weil es mir einerlei ist, wer es erfährt. Und hast Du all das in Ordnung gebracht, was Dir von London zugeschickt wurde, und die westlichen Zimmer so hergerichtet, daß Mylord daran Gefallen finden wird?« »Ein König kann darin Hochzeit halten,« sagte Anton, »und ich versichere Euch, Dame Amy sitzt jetzt schon darin, so stolz und froh, als wäre sie die Königin von Saba.« »Um so besser, guter Anton,« antwortete Varney, »wir müssen unser zukünftiges Glück auf ihrem Wohlwollen gründen.« »Dann bauen wir auf Sand,« sagte Anton Foster, »denn gesetzt den Fall, sie segelt von hinnen, um in aller Würde ihres Lords zu prangen, – wie sollte sie auf mich zurückblicken, der ich hier sozusagen ihr Kerkermeister bin, der sie gegen ihren Willen festhält?« »Fürchte nicht ihre Ungnade,« sagte Varney, »ich will ihr zeigen, daß alles, was Du getan hast, ein guter Dienst gewesen ist sowohl für Mylord wie für sie.« »Da seht Euch nur vor, Meister Varney,« sagte Foster, »Ihr verrechnet Euch vielleicht arg in dieser Sache – sie hat Euch sehr frostig empfangen heute morgen, und ich glaube, sie sieht Euch wie mich mit feindseligen Augen an.« »Ihr irrt Euch in ihr, Foster – Ihr verkennt sie ganz und gar. Mit festen Banden ist sie an mich geknüpft als an den, dem sie die Befriedigung ihrer Liebe und ihres Ehrgeizes verdankt. Wer war es, der die obskure Amy Robsart – die Tochter eines verarmten, schwachsinnigen Ritters – die erlesene Braut eines mondsüchtigen, faselnden Schwärmers wie Edmund Tressilians, von ihrem niedrigen Schicksal errettet und ihr Anwartschaft auf das höchste Glück in England, vielleicht in Europa, verliehen hat? Ich wars, Mann, ich, wie ich Dir schon oft gesagt habe, der ihnen Gelegenheiten zu ihren geheimen Zusammenkünften verschaffte. Ich wars, dem bis heute von ihrer Familie die Schuld an ihrer Flucht zugemessen wird. – Wer hat die Briefe zwischen ihnen besorgt? Ich. – Wer hat dem alten Ritter und Tressilian Sand in die Augen gestreut? – Ich. Wer hat den Plan zu ihrer Flucht entworfen? – Ich wars. Ich wars, mit einem Worte, ich, Dick Varney, der dieses kleine, hübsche Gänseblümchen aus dem niedern Winkel hervorgeholt und sie auf den stolzesten Hut in England gesteckt hat.« »Sie muß Euch aber aus irgend welchem Grunde auf dem Striche haben,« sagte Foster; »ich sage Euch das, damit Ihr Euch rechtzeitig vorsehen könnt. Sie denkt wohl, Ihr seid daran schuld, daß sie hier so geheim und verborgen gehalten wird, weil Ihr dem Lord das geraten habt und weil auch ich darauf hingewirkt habe. Und so liebt sie uns beide, wie ein Verurteilter den Richter und den Gefängniswärter liebt.« »Sie muß uns mehr lieben, ehe sie von hier wegkommt, Anton,« antwortete Varney. »Wenn ich aus gewichtigen Gründen geraten habe, sie eine Zeitlang hier zu halten, so kann ich andrerseits auch den Rat geben, daß sie in den vollen Glanz ihrer Würde emporgehoben werde. Aber ich müßte ja wahnsinnig sein, täte ich das, da ich Mylord so nahe stehe und sie meine Feindin ist. Diese Wahrheit flüstert ihr ins Ohr, wenn sich Gelegenheit bietet, Anton, und überlaßt es mir, Euch bei ihr herauszustreichen – eine Hand wäscht die andere – das ist ein Sprichwort, das in der ganzen Welt gilt. Die Lady muß ihre Freunde kennen und einsehen, was für Macht sie haben, wenn sie ihre Feinde sind. Inzwischen halte ein scharfes Auge auf sie – bewahre aber dabei, soweit es Dir bei Deiner vierschrötigen Natur möglich ist, den äußern Anstand. Doch horch, es pocht wer ans Tor. Sieh zum Fenster hinaus – laß niemand herein – es wäre nicht gut, wenn wir heute abend gestört würden.« »Es ist der Mann, von dem wir vorm Mittagessen gesprochen haben,« sagte Foster, durchs Fenster guckend, – »es ist Michael Lambourne. »O, den laß auf jeden Fall herein,« sagte der Höfling. »Er bringt uns Bescheid über Tressilian – und es liegt uns viel daran, zu erfahren, was dieser Bube vornimmt. Laß ihn herein, sag ich, aber bring ihn nicht hierher – ich werde gleich nach der Bibliothek kommen und Euch dort treffen.« Foster ging hinaus, und der Höfling durchmaß ein paarmal in tiefen Gedanken das Zimmer, die Arme über der Brust gekreuzt. »Es ist nur zu wahr,« sagte er bei sich selber, indem er plötzlich stehen blieb und die rechte Hand auf den Tisch stützte, an dem sie gesessen hatten, »dieser gemeine Kerl hat den wahren Grund, die ganze Tiefe meiner Furcht ermessen, und ich bin nicht imstande gewesen, ihm das zu verbergen. – Sie liebt mich nicht – ich wollte, es ließe sich ebenso wahr sagen, daß ich sie auch nicht liebte! – Ich Tor, der ich war, daß ich sie für mich selber zu gewinnen trachtete, da doch die Klugheit es erheischte, daß ich Mylord als treuer Kuppler diente! – Und dieser verhängnisvolle Irrtum war ein gefährlicher Fehltritt, und seit dieser Stunde kann ich sie nicht mehr ansehen, ohne daß Furcht und Haß und Liebe sich so seltsam in mir vermischen, daß ich nicht weiß, ob ich, wenn es mir frei stünde, sie besitzen oder zu Grunde richten möchte. Aber sie darf aus diesem Versteck nicht heraus, ohne daß ich mir Gewißheit verschafft habe, auf welchem Fuße wir ferner zueinander stehen sollen. Ich muß eine Anteilnahme in ihr erwecken, ob nun aus Liebe oder aus Furcht – und wer weiß, ob ich nicht noch die süßeste und vollste Rache ernte für ihre frühere Verachtung? – – das wäre in der Tat ein Meisterstück der Höflingskunst. Nur einmal laßt mich ihr Ratgeber sein – nur einmal soll sie mir ein Geheimnis vertrauen, beträfe es auch nur den Raub eines Hänflingnestes, und, schöne Gräfin, Du bist mein!« Wieder durchschritt er das Zimmer schweigend, blieb stehen, goß sich einen Becher voll und trank ihn aus, wie um sich zu beruhigen, dann murmelte er: »Nun ein verschlossenes Herz und eine offene, glatte Stirn!« und ging hinaus. Sechstes Kapitel. Vier Räume im Westflügel des alten Vierecks von Cumnor-Place waren auf das prunkvollste hergerichtet worden. Dies war die Arbeit von mehreren Tagen gewesen. Handwerker waren von London hergeschickt worden und durften das Haus nicht eher verlassen, als bis die Arbeit beendet war. Sie hatten die Gemächer in diesem Flügel des Gebäudes aus dem verfallnen Zustande eines halb in Trümmer gesunkenen Klosters in den Pomp und Glanz eines königlichen Palastes versetzt. All diese Arbeiten waren geheim gehalten worden, und bei Nacht waren die Arbeiter gekommen und wieder gegangen. An dem Abend – von dem jetzt die Rede ist – war die neue und prachtvoll dekorierte Folge von Zimmern zum erstenmal erleuchtet, und zwar in einem Glanze, den man weit hätte sehen müssen, wenn nicht eichene Fensterläden und Vorhänge von Seide und Sammet verhindert hätten, daß auch der leiseste Schimmer nach außen gedrungen wäre. In der Hauptsache waren es, wie wir gesehen haben, vier Zimmer, die ineinander liefen. Man gelangte zu ihnen auf einer großen, steilen Treppe von ungewöhnlicher Länge und Höhe, die an der Tür eines Vorzimmers endete, das sich wie eine Galerie ausnahm. Von diesem Vorzimmer aus kam man in das Speisezimmer, das nicht sehr groß war, aber so prächtig ausgestattet war, daß der Reichtum der Möbel den Beschauer blendete. Die ehedem so kahlen, geisterhaften Wände waren jetzt mit himmelblauem Sammet mit Silberstickerei behangen. Die Stühle waren aus Ebenholz und reich geschnitzt, die Polster entsprachen dem Wandbehang. An Stelle der silbernen Leuchter, die die Antichambre erhellten, hing hier ein großer Kronleuchter aus dem gleichen, kostbaren Metall. Der Boden war mit einem spanischen Teppich bedeckt, auf dem Blumen und Früchte in so glühenden und naturgetreuen Farben dargestellt waren, daß man sich fast scheute, den Fuß auf eine so kostbare Arbeit zu setzen. Der Tisch von altem englischen Eichenholz war bereits mit schneeweißem Linnen gedeckt. Das dritte Zimmer war das sogenannte Gesellschaftszimmer. Es war mit feinsten Tapeten behangen. Der am meisten ins Auge fallende Sitz dieses Zimmers war eine Art Staatssessel, der sich um zwei Fuß etwa vom Boden erhob und groß genug für zwei Personen war. Ein Baldachin erhob sich darüber, der aus rotem Sammet war und mit Perlstickerei geziert war. An der Spitze trug er zwei Kronen, die wie die eines Earl und die einer Gräfin aussahen. Stühle mit Sammetbezug und ein paar Polster waren an Stelle der üblichen Rohrstühle in diesem Zimmer. Außerdem sah man darin Musikinstrumente, Stickrahmen und andere Artikel zum Zeitvertreib für Damen. Das Schlafzimmer, das zu dieser prächtigen Reihe von Zimmern gehörte, war in weniger prunkendem Geschmack dekoriert, aber doch nicht weniger reich als die anderen. Zwei mit wohlriechendem Oel gespeiste Lampen verbreiteten zugleich einen kostbaren Duft und einen zitternden, zwielichtartigen Schimmer in dem stillen Gemach. Es war so dick mit Teppichen belegt, daß der lauteste Tritt nicht gehört werden konnte, und das reich mit Daunen gefüllte Bett war mit einer großen Decke von Seide und Gold bedeckt. Auf dem Toilettentisch stand ein schöner venetianischer Spiegel in einem Rahmen von Silberfiligran. Daneben stand eine goldene Sahnenschüssel für den Nachttrunk. Ein Paar Pistolen und ein in Gold gearbeiteter Dolch lagen in der Nähe des Kopfendes: das waren die Nachtwaffen, wie sie damals jedem in Ehren gehaltenen Gaste dargeboten wurden. Die Gottheit, für die dieser Tempel geschmückt worden war, war die Kosten und die Mühe wert, die man hier aufgewendet hatte. Sie saß in dem Gesellschaftszimmer, das wir eben beschrieben haben, und betrachtete mit dem freudigen Auge natürlicher und unschuldiger Eitelkeit den Glanz, der ihr zu Ehren so plötzlich geschaffen worden war. Zum erstenmal an diesem Abend sah sie selber diesen Teil des Herrenhauses, der von den ihr bisher bekannten Gemächern so verschieden war, daß er ihr im Vergleich zu jenen wie ein verzauberter Palast erschien, denn sie war ängstlich davon fern gehalten worden, damit keiner der Arbeiter sie zu Gesicht bekommen sollte. Und sie betrachtete all diese Pracht mit der wilden, zügellosen Freude einer ländlichen Schönen, die sich plötzlich mit einem Luxus umgeben sieht, wie ihn ihre überschwenglichsten Wünsche sich nicht hatten träumen lassen, und zugleich auch mit dem feinen Gefühl eines liebenden Herzens, das sich bewußt ist, daß all der Zauber um sie her das Werk der großen Tausendkünstlerin Liebe ist. Die Gräfin Amy – denn zu diesem Range war sie durch ihre geheime, aber feierliche Verbindung mit Englands stolzestem Grafen erhoben worden – war eine Zeitlang von Zimmer zu Zimmer geeilt und hatte jeden neuen Beweis von dem Geschmack ihres Liebhabers und Bräutigams bewundert, dann streckte sie sich im Gesellschaftszimmer auf einen der orientalischen Sessel und ruhte hier, halb sitzend, halb zurückgelehnt. In dieser Haltung, mit einem Ausdruck halb lässiger Sorglosigkeit und halb gespannter Erwartung in dem feinen, ausdrucksvollen Gesicht hätte man wohl See und Land durchsuchen können, ohne etwas halb so Ausdrucksvolles oder halb so Liebreizendes wieder zu finden. Das Gewinde von Brillanten, das sich mit ihrem braunen, dunklen Haar vermischte, konnte sich nicht an Glanz mit dem haselbraunen Auge messen, das eine hellbraune, in feinster Zartheit gezeichnete Braue und lange Wimpern derselben Farbe zugleich erhellten und beschatteten. Nach der Hast, mit der sie eben durch die Zimmer geeilt war, und infolge der erregten Spannung und befriedigten Eitelkeit waren ihre feinen Züge in warme Glut getaucht. Die milchweißen Perlen ihres Halsbandes – desselben, das sie eben als ein Liebesangebinde von ihrem Liebhaber erhalten hatte – wurden an Reinheit von ihren Zähnen und der Farbe ihrer Haut übertroffen, nur an einigen Stellen hatte die Freude und Selbstzufriedenheit den Hals mit einem Schatten leichter Röte überzogen. »Jeanette,« sagte Amy zu ihrer Zofe, »rufe Deinen Vater her und auch Varney, – ich will gegen niemand Groll hegen, und obwohl ich Ursache habe, mit beiden unzufrieden zu sein, so sollen sie doch beide selber daran schuld sein, wenn ich je eine Beschwerde wider sie beim Grafen anbringe. – Rufe sie hierher!« Jeanette Foster gehorchte ihrer Herrin, und in wenigen Minuten trat Varney herein, mit der anmutigen Ungezwungenheit und der heiteren Stirn eines vollendeten Höflings, der geübt ist, unter dem Schleier äußerer Höflichkeit die eigenen Gefühle zu verbergen und die anderer zu durchschauen. Anton Foster trottete hinter ihm herein, die natürliche, finstere Gemeinheit seines Aeußeren schien noch auffallender, da er in seiner plumpen Weise versuchte, die Beklommenheit und das Mißvergnügen zu verbergen, mit dem er jetzt auf sie blickte, die er doch bisher in so strenger Zucht gehalten hatte – und nun saß sie in so prachtvollem Gewande und so prächtiger Umgebung, in der alles von der Liebe ihres Gatten sprach. Er machte der Gräfin eine unbeholfene Verneigung, wie sie der Verbrecher vor dem Richter macht, wenn er zugleich seine Schuld gesteht und um Erbarmen bittet. Die Gräfin grüßte Varney fast herzlich, so daß es schien, als erteile sie ihm volle Amnestie für alles, was sie je ihm vorzuwerfen gehabt hätte. Sie stand von ihrem Sitze auf, trat ihm zwei Schritt entgegen und hielt ihm die Hand hin, während sie sagte: »Herr Richard Varney, Ihr habt mir heute morgen so willkommene Nachricht gebracht, daß ich wohl, wie ich fürchte, Euch nicht mit der den Wünschen meines Lords und Gatten entsprechenden Auszeichnung empfangen habe. Wir bieten unsere Hand, Herr, zur Versöhnung.« »Ich bin unwürdig, diese Hand zu berühren,« sagte Varney, sich auf ein Knie niederlassend, »außer mit der Ehrfurcht, die der Untertan dem Fürsten entgegenbringt.« Er berührte mit den Lippen die schönen, zarten Finger, die so reich mit Ringen und Juwelen beladen waren, dann erhob er sich in anmutiger Galanterie und wollte sie zu ihrem Staatssessel führen, aber sie sagte: »Nein, guter Herr Richard Varney, dort nehme ich meinen Platz nicht eher ein, als bis mein Herr selber mich dorthin geführt hat. Ich bin vorderhand nur eine angeputzte Gräfin und will mir keine Würde anmaßen, ehe mich nicht der Mann dazu ermächtigt hat, von dem sie stammt.« »Ich hoffe zuversichtlich, Mylady,« sagte Foster, »daß ich nicht Eure Ungnade auf mich geladen habe, indem ich meines Gebieters Befehle ausführte und Euch hier in strengem Gewahrsam hielt, denn ich habe damit ja doch nur meine Pflicht gegen meinen Herrn und mich selber getan – denn der Himmel hat, wie die heilige Schrift sagt, dem Manne die Oberhand und die Gewalt über das Weib gegeben – ich glaube, so heißt die Stelle, oder wenigstens so ähnlich.« »Mir ist in diesem Augenblick eine so angenehme Ueberraschung geworden, Herr Foster,« antwortete die Gräfin, »daß ich Euch nicht im mindesten tadeln kann, daß Ihr mich in strenger Gehorsamkeit gegen Euern Herrn solange von diesen Gemächern ferngehalten habt, bis sie ein so neues und herrliches Aussehen angenommen hatten.« »Ach ja, Lady,« sagte Foster, »es hat manche gute Krone gekostet, und damit nicht mehr darauf gehen möge, als unbedingt nötig ist, so lasse ich Euch bis zu meines Herrn Ankunft mit dem guten Meister Varney allein – ich glaube, er hat Euch was zu sagen von Euerm höchst edeln Lord und Gatten.« Foster machte seine vierschrötige Verbeugung und ging, seine Tochter nahm einen Stickrahmen und setzte sich am äußersten Ende des Zimmers nieder. Varney nahm den niedrigsten Stuhl, den er finden konnte, stellte ihn neben den Diwan, auf dem die Gräfin sich wieder niedergelassen hatte, und saß eine Zeitlang schweigend da, die Augen auf den Boden geheftet. »Ich glaubte, Herr Varney,« sagte die Gräfin, als sie sah, daß er nicht willens schien, die Besprechung zu eröffnen, – »Ihr hättet etwas von meinem Herrn und Gemahl mitzuteilen, wenigstens habe ich so Herrn Foster verstanden, und deshalb habe ich meine Zofe weggeschickt. Wenn ich mich irre, so will ich sie wieder an meine Seite rufen, denn ihre Nadel ist noch nicht so vollkommen im Kreuzstich, und es wird sich empfehlen, ihr dabei ein wenig auf die Finger zu sehen.« »Lady,« sagte Varney, »Foster ist über mein Vorhaben zum Teil im Irrtum gewesen – ich wollte nichts von Euerm edeln Gemahl und meinem hochedeln Gönner bestellen – sondern ich sehe mich genötigt, über ihn mit Euch zu reden.« »Das ist mir ein sehr willkommener Gesprächsgegenstand, Herr,« sagte die Gräfin, »ob Ihr mir nun etwas von meinem Gemahl oder über meinen Gemahl sagt. Aber seid kurz, denn ich erwarte ihn binnen kurzem.« »Also kurz, Madam,« erwiderte Varney, »und frei heraus, denn, was ich zu sagen habe, erfordert Eile sowohl als Mut. Ihr habt heute Tressilian gesehen?« »Ich habe ihn gesehen, Herr, und was solls damit?« antwortete die Dame ein wenig schroff. »Nicht als ob es mich was anginge, Lady,« versetzte Varney unterwürfig. »Aber meint Ihr, geehrte Dame, daß Euer Lord es mit derselben Gleichgültigkeit vernehmen wird?« »Und warum sollte er nicht? – Für mich war Tressilians Besuch eine unangenehme und schmerzliche Störung, denn er hat mir Nachricht gebracht, daß mein guter Vater krank sei.« »Euer Vater krank, Madam!« antwortete Varney. »Was muß plötzlich gekommen sein, sehr plötzlich. Nenn der Bote, den ich auf Mylords Geheiß absandte, fand den guten Ritter auf der Jagd, wo er seine Hunde mit dem gewohnten jovialen Feldgeschrei losließ. Ich bin überzeugt, Tressilian hat diese Nachricht gefälscht. Er hat ja seine Gründe dazu, Madam, das weiß ich sehr wohl, Euch Euer, gegenwärtiges Glück zu verleiden.« »Ihr tut ihm unrecht, Herr Varney,« erwiderte die Gräfin lebhaft, »Ihr tut ihm bitteres Unrecht. Er ist das freieste, offenste, zarteste Herz, das schlägt. Immer meinen ehrenwerten Lord ausgenommen, kenne ich keinen, dem Falschheit und Lüge verhaßter wären als Tressilian.« »Ich bitte demütig um Verzeihung, Madam,« sagte Varney, »es war nicht meine Absicht, dem Herrn unrecht zu tun. Ich wußte nicht, wie sehr Euch seine Sache am Herzen liegt.« »Ich muß Tressilian Gerechtigkeit erweisen,« unterbrach ihn die Gräfin, »den ich habe ihm arg mitgespielt, wie Ihr selber am besten wißt. Tressilians Gewissen ist von anderem Stoffe als Euer Höflingsgewissen. Diese Welt birgt bei all ihren Reichtümern nichts, was ihn von dem Wege der Wahrheit und der Ehre hinweglocken könnte. Um deswillen liebte ihn auch mein Vater – um deswillen würde auch ich ihn geliebt haben, wenn ich gekonnt hätte. Und doch hatte er, da er ja von meiner Heirat nicht unterrichtet ist, auch nicht weiß, mit wem ich vereinigt wurde, seiner Meinung nach so zwingende Gründe, mich von hier weg zu bringen, daß er wohl das Mißbefinden meines Vaters stark übertrieben haben mag – und wohl mögen Eure besseren Nachrichten mehr der Wahrheit entsprechen.« »Das könnt Ihr mir glauben, Madam,« antwortete Varney, »ich gebe mich keineswegs als einen blinden Kämpen dieser selben nackten Tugend, der Wahrhaftigkeit, aus. Ich kann mich völlig damit einverstanden erklären, daß ihre Reize, sei es auch nur des Anstands wegen, mit einem Schleier verhüllt werden. Aber Ihr müßt geringer von meinem Kopf und meinem Herzen denken, als Ihr von einem Manne, den mein edler Lord Freund zu nennen geruht, füglich denken solltet – wenn Ihr meint, ich würde in eigensinniger und unnötiger Weise Eurer Ladyschaft mit einer Lüge aufwarten, die doch so bald ans Tageslicht kommen müßte.« »Herr Varney,« sagte die Gräfin, »ich weiß, daß mein Herr Euch schätzt und Euch für einen treuen und zuverlässigen Lotsen in jenen Meeren hält, in denen er ein so großes und waghalsiges Segel gesetzt hat. Denkt daher nicht, daß ich etwa mit Euch selber ins Gericht hätte gehen wollen, indem ich die Wahrheit sagte zu Tressilians gunsten. Wie Ihr wohl wißt, bin ich auf dem Lande groß geworden und liebe schlichte, bäuerische Wahrheit mehr als höfische Komplimente, aber ich muß doch wohl meine Manier ändern, da ich jetzt in anderen Kreisen lebe.« »Sehr wahr, Madam,« sagte Varney lächelnd, »eine Hofdame – und sei es die edelste, die tugendhafteste, die untadeligste am Hofe der Königin, würde es vermieden haben, die Wahrheit, oder das, was sie für die Wahrheit hielte, zum Lobe eines in Ungnade gefallnen Verehrers vor dem vertrauten Diener ihres edeln Gemahls offen herauszusagen.« »Und warum,« sagte die Gräfin und errötete vor Unmut, »sollte ich nicht Tressilian vor dem Freunde meines Gatten – vor meinem Gatten selber – vor der ganzen Welt verteidigen, wie er es verdient?« »Und wird Eure Ladyschaft heute abend,« sagte Varney, »mit derselben Offenheit meinem edeln Lord erzählen, daß Tressilian Euern vor aller Welt so ängstlich geheim gehaltenen Wohnort entdeckt und eine Unterredung mit Euch gehabt habe?« »Ganz gewiß,« sagte die Gräfin. Es wird das erste sein, was ich ihm sage, und jedes Wort, das Tressilian gesagt und das ich ihm geantwortet habe, obendrein. Ich werde damit meine eigene Schmach aussprechen, denn Tressilians Vorwürfe – wenn sie auch weniger gerecht waren, als er selber meinte – ganz unverdient waren sie nicht. So will ich sprechen, wenn auch mit Schmerz, und nichts will ich verbergen.« »Eure Lordschaft wird nach Belieben verfahren,« antwortete Varney, »aber meines Dünkens wäre es, da ja doch gar kein Grund zu einer solchen offenherzigen Enthüllung vorliegt, gerade so gut, Ihr erspartet Euch diesen Schmerz und meinem edeln Lord die Unruhe, und dem Herrn Tressilian – da ja bei der Sache eben doch auch an ihn gedacht werden muß – die Gefahr, die für ihn daraus entstehen kann. – Seht, Madam,« setzte er nach einer kleinen Pause mit einer aufrichtigen oder erkünstelten Offenheit hinzu, die von seinem sonstigen glatten, höfischen Wesen sehr abstach, »ich will Euch zeigen, daß auch ein Höfling die Wahrheit sprechen kann wie jeder andere, wenn es das Wohl derer gilt, die er ehrt und die ihm nahe stehen – ja, und brächte er sich selber dadurch in Gefahr.« Er wartete, wie auf ein Geheiß oder wenigstens eine Erlaubnis fortzufahren, da aber die Dame in Schweigen verharrte, sprach er, doch mit sichtlicher Vorsicht. »Schaut Euch um,« sagte er, »edle Lady, und gewahrt die Schranken und Gitter, mit denen dieser Platz umschlossen ist, und mit welch ängstlicher Sorge das prächtigste Juwel, das England aufweist, vor dem bewundernden Blick geheim gehalten wird. Seht, in welchen engen Kreis Euer Gehen und Stehen streng gebannt ist, und wie Euer Handel und Wandel eingeschränkt ist durch diesen vierschrötigen Foster. Bedenkt das alles und urteilt selber, was die Ursache sein kann.« »Mylords Belieben,« antwortete die Gräfin, »es ist meine Pflicht, nach keinem anderen Grunde zu suchen.« »Allerdings ist es sein Belieben,« sagte Varney, »aber wer einen Schatz besitzt, und wer diesen Schatz hoch und wert hält, der ist oft ängstlich bemüht, und zwar im selben Maße, als er ihn wert hält, den Schatz vor den räuberischen Händen anderer zu sichern.« »Was soll all dies Geschwätz, Herr Varney?« entgegnete die Dame. »Wollt Ihr mich glauben machen, mein edler Herr sei eifersüchtig? Und wenn es wahr wäre, ich weiß ein Heilmittel gegen Eifersucht: jederzeit Mylord die Wahrheit sagen und mein Gemüt und mein Gedächtnis rein wie einen Spiegel halten, so daß er, wenn er hinein sieht, seine eignen Züge widergespiegelt sieht.« »Ich verstumme, Madam,« antwortete Varney. »Und da ich gar keine Veranlassung habe, mich um Tressilian zu sorgen, der gern mein Herzblut vergösse, wenn er nur könnte, so werde ich mich auch leicht mit dem Gedanken aussöhnen, was wohl dem Herrn widerfahren könnte, wenn Ihr so offenherzig verratet, daß er in Eure Einsamkeit frech eingedrungen ist. Ihr kennt ja Mylord so viel besser als ich und könnt am besten beurteilen, ob er diese Beleidigung ungesühnt hingehen lassen wird.« »Wenn ich denken sollte, daß ich selber Tressilian ins Verderben stürzen würde,« sagte die Gräfin, »ich, die ich ihm schon soviel Herzeleid bereitet habe – das wäre freilich für mich ein Grund, doch zu schweigen. Doch was hülfe es? Hat ihn doch Foster und wohl auch noch jemand anders gesehen! Nein, nein, Varney, dringt nicht weiter in mich. Ich will die ganze Sache Mylord erzählen und will Tressilians Torheit so beredt entschuldigen, daß mein edler Herr in seiner Großmütigkeit ihm nicht zürnen soll.« »Foster kennt Tressilian nicht von Ansehen,« sagte Varney, »und ihm und seinem Burschen kann ich leicht irgend was weis machen, was das Erscheinen eines Fremden hinreichend erklärt.« Die Dame zauderte einen Moment, dann antwortete sie: »Wenn es wahr ist, Varney, daß Foster noch nicht weiß, daß der Mann, den er gesehen hat, Tressilian ist, dann wäre es mir freilich recht unlieb, wenn er erführe, was ihn ja gar nichts angeht. Ich habe so schon genug unter seiner Strenge zu leiden, und ich möchte nicht, daß er sich auch noch zum Richter in meinen Privatangelegenheiten aufwürfe.« »Was hat der griesgrämige Bursche mit den Angelegenheiten Eurer Ladyschaft zu tun?« erwiderte Varney. »Nicht mehr als der Kettenhund, der seinen Hof bewacht! Wenn er Eurer Ladyschaft in irgend was zuwider ist, so habe ich Einfluß genug, Euch an seiner Stelle einen Seneschall zu verschaffen, der Euch angenehmer sein wird.« »Herr Varney, laßt dieses Thema,« sagte die Gräfin, »wenn ich mich über die Diener zu beschweren habe, mit denen Mylord mich umgeben hat, so will ich es nur gegen ihn persönlich tun. – Horch! Ich höre Pferdegetrappel. Er kommt! Er kommt!« rief sie und sprang entzückt auf. »Ich kann nicht glauben, daß er das ist,« sagte Varney, »Ihr könnt doch nicht durch diese verhängten Fenster hindurch den Tritt seines Pferdes hören.« »Haltet mich nicht auf, Varney! Er ist es.« »Aber Madam, Madam!« rief Varney ängstlich, ihr in den Weg tretend, »ich denke doch, was ich in untertänigstem Diensteifer gesagt habe, wird nicht zu meinem Verderben angewendet werden? Ich hoffe, mein treuer Rat wird nicht zu meinem Nachteil ausgelegt werden? Ich flehe Euch an ...« »Seid getrost, Mann, seid getrost!« sagte die Gräfin, »und laßt mein Kleid los – mich aufzuhalten! Das ist doch wirklich zu dreist! – Gebt Euch doch zufrieden – ich denke gar nicht an Euch!« In diesem Augenblick flogen die Flügeltüren weit auf, und ein Mann von majestätischer Erscheinung, in die Falten eines langen Reitmantels gehüllt, trat herein. Siebentes Kapitel. Die Gräfin warf sich dem edlen Fremden in die Arme, drückte ihn an die Brust und rief: »Endlich – endlich – bist Du da!« Varney zog sich diskret zurück, als sein Gebieter eintrat, und Jeanette wollte dasselbe tun, doch ihre Herrin gab ihr einen Wink zu bleiben. Sie begab sich wieder an das fernste Ende des Zimmers und blieb hier stehen, wie um auf den leisesten Wink sofort bereit zu sein. Inzwischen erwiderte der Earl Zur damaligen Zeit die höchste englische Würde. – denn er war von nicht geringerem Range – die Liebkosungen seiner Dame mit zärtlichster Inbrunst, aber als sie versuchte, ihm den Mantel abzustreifen, tat er so, als wolle er es ihr wehren. »Nein,« sagte sie, »ich muß Dir den Mantel ausziehen – ich muß sehen, ob Du Dein Versprechen gehalten hast und als der große Earl gekommen bist, den die Leute Dich nennen, und nicht wieder, wie bisher, als einfacher Ritter.« »Du bist wie alle Welt, Amy,« sagte der Earl und ließ sie gewähren, »Juwelen, Federn und Seide gelten Dir mehr als der Mann, den sie zieren – doch manche armselige Schneide sieht sehr elegant aus in einer Scheide von Sammet.« »Das aber können die Leute von Dir nicht sagen, Du edler Graf,« sagte seine Dame, als der Mantel auf den Boden fiel und sie ihn vor sich sah in der Tracht, die Fürsten beim Ausreiten anlegen, – »Du bist der gute, wohlerprobte Stahl, dessen innerer Wert den äußern Zierat verdient und doch gering schätzt. Denke nicht, daß Amy Dich in dieser prächtigen Tracht inniger lieben könnte als damals, da sie in den Wäldern dem Mann in dem braunen Kittel ihr Herz schenkte.« »Und auch Du, mein Lieb,« sagte der Graf, indem er sie anmutig und hoheitsvoll auf den Staatssessel führte, der für sie beide hergerichtet war, »auch Du, meine Liebste, hast ein Deinem Range geziemendes Gewand angelegt, das aber doch Deine Schönheit nicht zu erhöhen vermag. Was denkst Du von dem Geschmack bei uns zu Hofe?« »Setz Dich hierher,« sagte sie, »als etwas, das die Menschen anbeten und bewundern müssen.« »Ja, Lieb,« sagte der Graf, »wenn Du meine Pracht mit mir teilen willst.« »Nicht so,« sagte die Gräfin, »ich will auf diesem Sessel Dir zu Füßen sitzen, daß ich Deinen Glanz betrachte und zum erstenmal lerne, wie Fürsten angezogen sind,« Und mit kindlicher Verwunderung, die ihre Jugend und ländliche Erziehung nicht nur entschuldbar, sondern allerliebst erscheinen ließ, und einer in zärtlichem Getändel betätigten Gattenliebe untersuchte und bewunderte sie von Kopf bis zu Füßen die edle Gestalt und das fürstliche Kleid des Mannes, der die stolzeste Zierde am Hofe von Englands jungfräulicher Königin war, so berühmt dieser Hof auch für glänzende Höflinge und weise Hofräte war. Als der Carl zärtlich seine reizende Braut betrachtete und sich befriedigt ihrer zwanglosen Bewunderung überließ, da sprachen aus seinen dunklen Augen und den edlen Zügen sanftere Leidenschaften, als der herrische und hochfahrende Ausdruck, der sonst auf seiner breiten Stirn saß und aus dem durchdringenden Glanz seines dunkeln Auges sprühte. »Und nun, meine Geliebte,« sagte der Graf, als sie all den Zierat bewundert und er ihr die Herkunft aller seiner Orden und die daran geknüpften Geschichten erzählt hatte, – nun ist Dein Wunsch erfüllt, und Du hast Deinen Vasallen in aller Pracht gesehen, soweit er sie über einen Reitanzug anlegen kann; denn Staatsgewänder und Kronen sind nur für fürstliche Hallen. »Ja, aber,« sagte die Gräfin, »mein Wunsch hat, wie gewöhnlich, kaum befriedigt, schon wieder einen neuen geboren.« »Und was ist es, was Du erbitten und ich Dir verweigern könnte?« »Ich wünschte, meinen Earl diese entlegene und geheime Behausung in all seiner fürstlichen Pracht besuchen zu sehen,« sagte die Gräfin, »und nun dünkt mich, sehne ich mich danach, in einer seiner fürstlichen Hallen zu sitzen und ihn in einfachem, braunem Wamse hereintreten zu sehen, wie er es damals trug, als er der armen Amy Robsart Herz gewann.« »Dieser Wunsch ist leicht zu erfüllen,« sagte der Graf, »das schlichte Wams soll morgen angelegt werden, wenn Du willst.« »Aber soll ich,« sagte die Dame, »mit Euch auf eines Eurer Schlösser gehen?« »Ei, Amy,« sagte der Earl und schaute sich um, »sind nicht diese Gemächer prächtig genug ausgestattet? Mich dünkt, meine Weisungen sind recht gut ausgeführt worden, – wenn Nu aber mir etwas nennen kannst, was noch zu tun wäre, so will ich unverzüglich Order erteilen.« »Nein,, Mylord, nun spottet Ihr meiner,« versetzte die Gräfin, »die bunte Pracht dieses, reichen Hauses überflügelt meine Phantasie und gibt mir mehr, als ich verdiente. Aber soll nicht Deine Gattin – wenigstens nun binnen kurzem – mit all den Ehren umgeben werden, die ihr als der Gemahlin des stolzesten Grafen von England zukommen?« »Binnen kurzem?« fragte ihr Gatte. »Ja, Amy, eines Tages wird das gewiß geschehen, und glaube mir, Du selber kannst diesen Tag nicht sehnlicher herbeiwünschen als ich. Mit welcher Freude könnte ich mich von meinen Staatsgeschäften und den Arbeiten und Sorgen des Ehrgeizes zurückziehen, um mein Leben in Würden und Ehren auf einer meiner großen Domänen mit Dir, meine reizende Amy, meiner Freundin und Gefährtin zu verbringen! Wer daß kann noch nicht sein, und diese süßen, doch verstohlnen Zusammenkünfte sind alles, was ich der liebwertesten und geliebtesten ihres Geschlechts gewähren kann.« »Aber warum kann das nicht sein,« drang die Gräfin in ihn in den sanftesten Tönen der Ueberredung, »warum kann sie nicht unverzüglich stattfinden – diese vollkommenere und keiner Trennung mehr ausgesetzte Bereinigung, nach der Ihr Euch sehnt, wie Ihr sagt, und die die Gesetze Gottes und der Menschen zugleich erheischen? – Ach, wenn Ihr nur halb so sehr, als Ihr sagt, danach verlangtet, wer oder was könnte Euch, der Ihr so mächtig seid und in so hoher Gunst steht, an der Erfüllung Eures Wunsches hindern?« Der Graf machte ein finsteres Gesicht. »Amy,« sagte er, »Ihr sprecht da von etwas, was Ihr nicht versteht. Wir, die wir an Höfen arbeiten, sind wie Leute, die einen Berg von losem Sande hinanklimmen. Wir dürfen nicht Halt machen, ehe nicht ein vorspringender Fels uns sichern Ruhepunkt bietet – wenn wir eher rasten, dann gleiten wir durch unser eignes Gewicht wieder hinunter und fallen dem allgemeinen Gelächter anheim. Wenn ich meine Heirat bekannt geben wollte, so würde ich selber meinen Sturz herbeiführen. Aber glaube mir, ich werde einen Punkt erreichen, und das bald, wo ich Dir und mir Gerechtigkeit erweisen kann. Inzwischen vergifte nicht die Freude am gegenwärtigen Augenblick durch die Sehnsucht nach dem, was zurzeit noch nicht sein kann. Laß mich lieber wissen, ob hier alles nach Deinem Gefallen eingerichtet ist. Wie benimmt sich Foster gegen Euch? In allen Dingen respektvoll, nehme ich an, sonst soll der Bursche es büßen.« »Ich habe nichts zu klagen,« antwortete die Lady, »er entledigt sich seiner Pflicht in aller Treue gegen Euch. Und seine Tochter Jeanette ist die liebste, beste Gefährtin meiner Einsamkeit. Der ihr eigene Zug von Frömmigkeit steht ihr gar zu gut.« »So, so?« sagte, der Graf. »Wer Dir Freude macht, darf nicht unbelohnt bleiben. Komm her, Mädchen.« »Jeanette,« sagte die Dame, »komm her zu Mylord.« Jeanette kam herzu, und der Graf mußte unwillkürlich lächeln über den Kontrast zwischen der großen Schlichtheit ihres Kleides, der gezwungenen Sittsamkeit ihrer Miene und einem wirklich hübschen Gesicht mit schwarzen Augen, die trotz alles Bemühens ihrer Besitzerin, ernst drein zu schauen, stets lachten. »Ich bin Dir verbunden, hübsche Maid,« sagte der Graf, »daß diese Dame so sehr mit Dir zufrieden ist.« Mit diesen Worten zog er einen wertvollen Ring vom Finger und gab ihn Jeanette Foster. »Trag dies,« setzte er hinzu, »um ihret- und meinetwillen.« »Es ist mir Freude genug,« antwortete Jeanette spröde, »daß mein bescheidner Dienst meiner Lady angenehm ist, aber wir von der Gemeinde des ehrenwerten Meister Holbforth trachten nicht danach, wie die Töchter dieser Welt uns Gold um die Finger zu schlingen oder Steine um den Hals zu tragen, wie die eiteln Weiber von Tyrus und Sidon.« »Ei, Nu bist eine gestrenge Jüngerin dieser frommen Schwesternschaft,« sagte der Graf, »und ich glaube, Dein Vater ist bei derselben Gemeinde, nun, ich mag Euch deshalb nur um so lieber leiden; denn in dieser Gemeinde ist für mich gebetet worden. So nimm denn dies, mein Mädchen, und wende es an nach Deinem Gefallen.« Mit diesen Worten legte er ihr fünf große Goldstücke in die Hand. »Ich würde auch dieses Gold nicht annehmen,« sagte Jeanette, »hoffte ich nicht, daß ich es einmal zum Segen für uns alle anwenden könnte.« »Nun geh, ich bitte Dich, und sag den Leuten, sie sollen sich mit der Abendmahlzeit beeilen.« »Ich habe Herrn Varney und Herrn Foster eingeladen, mit uns zu speisen, Mylord,« sagte die Gräfin, als Jeanette ging, um die Befehle des Grafen auszuführen, »ist Dir das recht?« »Was Du tust, muß mir immer recht sein, meine süße Amy,« versetzte ihr Gemahl, »und es gefällt mir umsomehr, daß Du ihnen diese Gunst erweisest, da Richard Varney für mich durchs Feuer geht und ich fürs erste auf diesen Anton Foster noch rechnen muß.« »Ich hätte Dich noch um etwas zu bitten und ein Geheimnis Dir anzuvertrauen, mein teurer Herr,« sagte die Gräfin stammelnd. »Laß beides bis morgen, mein Lieb,« erwiderte der Earl. »Wie ich sehe, werden die Flügeltüren zum Speisesaal geöffnet, und da ich weit und schnell geritten bin, wird mir ein Becher Wein gut tun.« Mit diesen Worten führte er sein reizendes Weib in das nächste Zimmer, wo Varney und Foster sie mit den tiefsten Verbeugungen empfingen, – der erste verneigte sich nach Höflingsmanier, der zweite, wie er es bei seinen frommen Versammlungen zu tun gewohnt war. Als das Mahl beendet war, war auch die Stunde der Ruhe herangekommen, und der Graf und die Gräfin zogen sich in ihr Gemach zurück. Die Nacht hindurch lag das Schloß in tiefer Stille. Nachdem der Graf am anderen Morgen seine Pferde bestellt hatte, trat er wieder in das Schlafgemach, um raschen Abschied von der liebreizenden Gräfin zu nehmen. Er fand sie in einem Morgenrock von Seide mit Pelzbesatz, die kleinen Füße waren noch ohne Strümpfe und das Haar hing fessellos hernieder. »Nun, Gott sei mit Dir, mein Teuerstes und Liebstes!« sagte der Graf, sie wieder und wieder in die Arme schließend und wieder ihr Lebewohl sagend und wieder zurückkehrend, sie zu küssen und zu umarmen. »Schon ist die Sonne am Rande des blauen Horizonts, ich darf nicht länger säumen. Schon längst müßte ich zehn Meilen von hier weg sein.« Mit diesen Worten wollte er endlich dem Abschied ein Ende machen. »So wollt Ihr nicht meine Bitte erfüllen?« fragte die Gräfin. »Falscher Ritter! Hat je eine Dame mit nackten Füßen und Pantöffelchen einen wackern Ritter vergebens um eine Gunst gebeten?« »Alles, Amy, alles, was Du erbitten kannst, will ich gewähren,« antwortete der Graf, »nur nicht etwas,« setzte er hinzu, »was uns beide ins Verderben bringen würde.« »Nein,« sagte die Gräfin, »ich will nicht den Wunsch vorbringen, als die Gattin des ersten und verehrtesten unter Englands Edelleuten anerkannt zu werden – laßt mich nur das Geheimnis meinem lieben Vater mitteilen – laßt mich nur dem Jammer ein Ende machen, in den mein unwürdiges Verhalten ihn gestürzt hat – sie sagen, der arme, alte, liebe Mann sei krank.« »Sie sagen?« fragte der Earl rasch. »Wer sagt es? Hat nicht Varney alles, was wir zurzeit über Euer Glück und Wohlergehen melden können, Sir Hugh übermittelt? Und hat er Euch nicht gemeldet, daß der gute, alte Ritter frisch und gesund seinen gewohnten Lieblingssport treibt? Wer hat es gewagt, Euch andre Gedanken in den Kopf zu setzen?« »O, niemand, Mylord, niemand,« sagte die Gräfin, ein wenig bestürzt über den Ton, in dem die Frage gestellt war. »Aber ich möchte mich doch gern mit eigenen Augen davon überzeugen, daß mein Vater sich wohl befindet.« »Gib Dich zufrieden, Amy – Du kannst jetzt nicht mit Deinem Vater oder den Seinen zusammentreffen, jener Mann aus Cornwallis – jener Trevanion oder Tressilian oder wie er gleich heißt, verkehrt im Hause des alten Ritters und würde sogleich erfahren, was dort bekannt wird. Und gerade dem mag ich nicht trauen – bei meiner Ehre, ich will ihm nicht trauen. Lieber wollte ich, der böse Feind mischte sich in unsere Sache, als dieser Tressilian.« »Und warum, Mylord?« fragte die Gräfin, obgleich sie leicht erschauerte über den entschiedenen Ton, in dem er sprach. »Laßt mich nur wissen, warum Ihr so hart von Tressilian denkt?« »Madam,« versetzte der Carl, »mein Wille sollte hinreichender Grund sein. Wenn Ihr mehr begehrt, so bedenkt, mit wem dieser Tressilian in Verbindung steht. Er steht hoch in der Achtung dieses Radcliffe, dieses Sussex, gegen den ich nur mit Mühe den Boden in der Gunst unsrer so mißtrauischen Königin behaupten kann; und wenn er einen solchen Vorteil gegen mich hätte, Amy, daß ihm die Geschichte unsrer Heirat bekannt wäre, ehe Elisabeth in geeigneter Weise darauf vorbereitet ist, so wäre ich für immer aus ihrer Gnade ausgestoßen – bankerott wäre ich zugleich in Gunst und Glück, und vielleicht – denn sie hat etwas von ihrem Vater Heinrich in sich – ein Opfer, ein blutiges am Ende, ihres gekränkten eifersüchtigen Zornes.« Aber warum, Mylord,« drang die Dame wieder in ihn, »denkt Ihr so schmählich von einem Manne, von dem Ihr so wenig wißt. Was Ihr von Tressilian wißt, wißt Ihr durch mich, und ich selber gebe Euch die Versicherung, daß er unter keinen Umständen Euer Geheimnis verraten würde. Wenn ich ihm um Euretwillen unrecht getan habe, Mylord, so liegt mir jetzt umsomehr daran, daß Ihr ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen sollt. – Es kränkt Euch, daß ich von ihm spreche – was würdet Ihr sagen, wenn ich ihn wirklich gesehen hätte?« »Wenn Ihr ihn gesehen hättet,« erwiderte der Graf, »so tätet Ihr gut, dieses Zusammentreffen so geheim zu halten, wie ein Geheimnis, das im Beichtstuhle abgelegt wird. Ich trachte niemand nach dem Leben, aber wer sich in meine Privatgeheimnisse, drängt wird in Zukunft auf Gottes Welt keinen gefahrlosen Schritt mehr tun können. Der Bär läßt keinen ungestraft seinen furchtbaren Pfad durchkreuzen.« Das Abzeichen des Grafen Leicester war das alte von seinem Vater, als er Earl von Warwick war, angenommene Wappen: der Bär und der Knotenstock. »Furchtbar in der Tat!« sagte die Gräfin, tief erbleichend, »Dir ist nicht wohl, mein Lieb,« sagte der Graf und stützte sie mit dem Arm. »Lege Dich noch einmal nieder, es ist noch zu früh für Dich. Hast Du noch irgend etwas andres, wobei mein Ruhm, mein Glück, mein Leben weniger im Spiele ist, von mir zu erbitten?« »Nichts, mein Lord und Leben,« antwortete die Gräfin matt. »Es war wohl etwas, was ich Euch sagen wollte, aber vor Euerm Groll ist es mir entfallen.« »Heb es auf, bis wir uns wiedersehen, mein Lieb,« sagte der Earl zärtlich und umarmte sie wiederum. »Und wenn Du die Ansuchen beiseite läßt, die ich nicht gewähren kann und darf, dann muß Dein Wunsch mehr umfassen, als ganz England erfüllen könnte, wenn er nicht bis auf den Buchstaben befriedigt werden sollte.« Mit diesen Worten nahm er endlich Abschied. Am Fuß der Treppe reichte ihm Varney einen weiten Mantel und einen breitkrempigen Hut, beide machten ihn völlig unkenntlich. Im Hofe standen für ihn und Varney Pferde bereit. Ein paar Leute seines Gefolges, die so weit in das Geheimnis eingeweiht waren, daß sie um die Liebschaft des Grafen mit einer ihnen dem Namen und dem Stande nach unbekannten Name in diesem Hause wußten, warm bereits über Nacht weggeschickt worden. Anton Foster selber hielt das Pferd des Grafen am Zügel, einen stämmigen Straßengaul, während sein alter Dienstbursche das stattlichere und seiner aufgeputzte Pferd Varneys, der hier als der Herr gelten sollte, am Zügel hielt. Als der Earl herantrat, sprang jedoch Varney herzu, um seinem Herrn den Zügel zu halten und Foster nicht diesen Dienst dem Grafen erweisen zu lassen, den er offenbar als zu seinem Amte gehörig betrachtete. Foster warf ihm einen bösen Blick zu, als er so gehindert wurde, seinem Gönner seine Aufwartung zu machen, aber er machte Varney Platz, und der Graf stieg ohne eine weitere Bemerkung zu Pferde. Er vergaß, daß er gemäß der Rolle des Dieners, die er spielen sollte, eigentlich hinter seinem Herrn herreiten müßte, und ritt ganz in Gedanken zu, dem Hofe hinaus, die Hand mehrfach schwenkend zur Antwort auf die Zeichen, die ihm die Gräfin noch aus dem Fenster ihres Zimmers mit dem Taschentuch nachwinkte. Während seine vornehme Gestalt unter dem dunkeln Torweg verschwand, murmelte Varney: »Das nenn ich schlau gehandelt – der Diener reitet vor dem Herrn!« Dann benutzte er die Gelegenheit, noch ein Wort mit Foster zu sprechen. »Du schaust mich finster an, Anton,« sagte er, »als hätte ich Dich um den Abschiedsgruß von Deinem Herrn gebracht, aber ich habe ihn bewogen, daß er Dir ein bessres Andenken für Deinen treuen Dienst hinterläßt. Sieh hier! Eine Börse voll so gutem Golde, als je unter der Faust eines Geizhalses geklimpert hat. Ja, zähle sie nur, Bursche,« sagte er, als Foster sie mit grimmigem Lächeln entgegennahm, »und tu dazu noch das gute Trinkgeld, das er gestern abend der Jeanette gegeben hat.« »Was? Was?« rief Anton Foster rasch. »Hat er der Jeanette Geld gegeben?« »Gewiß, Mann, warum nicht? Der Dienst, den sie seiner schönen Dame erweist, erfordert doch auch seine Belohnung.« »Sie soll nichts davon behalten,« sagte Foster, »sie soll es wieder zurückgeben. Ich weiß, er ist nur kurze Zeit immer in ein Lärvchen vernarrt, aber dafür um so gründlicher. Seine Liebe ist veränderlich wie der Mond.« »Ei, Foster, Du bist verrückt – auf so ein gutes Glück hoffst Du doch nicht etwa, daß Mylord ein Auge auf Jeanette haben sollte? Wer in des Teufels Namen lauschte wohl der Drossel, wenn die Nachtigall singt?« »Drossel oder Nachtigall, dem Vogelsteller ist alles gleich – und ich will nicht, daß meiner Tochter eine solche Gunst erwiesen werde, wie Ihr schon manchem armen Mädchen erwiesen habt. – Lachst Du? – Ein Glied meiner Familie wenigstens soll vor den Klauen Satans bewahrt werden, darauf magst Du Dich verlassen. Sie soll das Gold zurückgeben.« »Oder es Dir zum Aufheben überlassen, Toni, was eben so gut ist,« antwortete Varney, »aber ich habe etwas zu sagen, was ernster ist. – Unser Herr kehrt in einer für uns nicht günstigen Stimmung nach Hofe zurück. Er trägt sich mit dem Gedanken, dem Hofe Valet zu sagen, um ihretwillen. Dann wäre freilich alles verloren, aber ich denke doch, Cumnorplace soll vorerst noch ein Freigut werden. Nur folge meinem Rate und verrate nicht, daß dieser Tressilian hier gewesen ist – nicht ein Wort, bis ich Dir einen Wink gebe.« »Und warum das?« fragte Foster mißtrauisch. »Blödes Vieh!« versetzte Varney. »Wo Mylord jetzt so gestimmt ist, so wäre das der leichteste Weg, ihn in seinem Entschlusse zu bestärken – man brauchte ihn nur wissen zu lassen, daß seine Dame in seiner Abwesenheit von einem solchen Gespenst heimgesucht wird. Er selber würde den Drachen über seinem Kleinod abgeben wollen, und dann wäre Dein Dienst, zu Ende! Doch lebe wohl – ich muß ihm folgen!« Er wandte sein Pferd, gab ihm die Sporen und ritt hinter seinem Herrn her zum Torweg hinaus. »Ich wollte, Dein Dienst wär zu Ende oder Du hättest Dir schon das Genick gebrochen, verfluchter Kuppler!« brummte Anton Foster hinter ihm drein. »Kein verderblicher Hauch soll Jeanetten streifen – sie soll rein bleiben wie ein Engel, wäre es auch nur, um für ihren Vater Gott zu bitten. Ich bedarf ihrer Fürbitte, denn es steht schlimm um mich. Seltsame Gerüchte über meine Lebensweise sind im Umlauf. Die Gemeinde sieht mich kalt an, und als Holdforth letztens von Heuchlern sprach, die wie Grabmäler aussehen, innen aber voller Totengebeine sind, da war mirs, als sähe er mich voll an. Der römische Glaube war bequem, Lambourne hat recht – da brauchte man bloß seine Rosenkränze zu beten, eine Messe zu hören, zu beichten – und man hatte Absolution. Diese Puritaner gehen einen härtern und rauhern Pfad. Aber ich will erst eine Stunde in der Bibel lesen, ehe ich wieder meine eiserne Geldkiste öffne.« Varney ritt inzwischen hinter seinem Herrn her, den er am Hinterpförtchen das Gartens wartend fand. »Ihr vertrödelt die Zeit, Varney, und die Zeit drängt,« sagte der Earl. »Ich muß bis nach Woodstock, ehe ich meine Verkleidung ablegen kann, und bis dahin ist mein Weg nicht geheuer.« »Wenn Ihr schnell reitet, seid Ihr in zwei Stunden dort, Mylord,« sagte Varney, »ich habe mich nur versäumt, um diesem Foster noch einmal Eure Befehle einzuschärfen und nach der Wohnung des Herrn zu fragen, den ich für das Gefolge Eurer Lordschaft an Trevors Stelle vorschlagen möchte. Er verspricht, sich gut zu eignen. Und wenn Euer Lordschaft geruhen wollte, weiter zu reiten, so könnte ich nach Cumnor zurückreiten und ihn nach Woodstock mitbringen.« »Gut, sorgt dafür, daß Ihr bei mir seid, wenn ich aufbreche.« Mit diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen und ritt weiter, während Varney auf der Verkehrsstraße nach Cumnor zurückritt. Er hielt am Tor des »Schwarzen Bären« an und begehrte Herrn Michael Lambourne zu sprechen. Dieser Ehrenmann erschien sogleich vor seinem neuen Gönner, aber mit niedergeschlagenen Blicken. »Du hast die Spur Deines Kameraden Tressilian verloren,« sagte Varney. »Das seh ich Dir an Deinem langen Gesicht an. Ist das Deine Gewandtheit, Du unverschämter Bursche?« »Potzblitz!« sagte Lambourne. »Nie ist eine Spur so fein verfolgt worden. Hier bei meinem Onkel hab ich ihn einkehren sehen – ich hab mich an ihn gehängt wie Pech – ich hab aufgepaßt, bis er in, sein Zimmer gegangen war, und presto – am nächsten Morgen war er verschwunden, selbst der Gastwirt weiß nicht, wohin.« »Das klingt, als wolltest Du mir eine Nase drehen, Bursche,« sagte Varney, »und wenn sich das herausstellt, so sollst Du es bei meiner Seele bereuen!« »Herr, der beste Hund kann einmal fehlgehen,« antwortete Lambourne. »Ihr mögt den Wirt fragen – den Kellner, den Hausdiener, wie scharf ich Tressilian im Auge behalten habe, solange er auf den Beinen war; es war doch nicht zu erwarten, daß ich wie ein Krankenwärter über ihm wachen sollte, als ich ihn hübsch hatte zu Bett gehen sehen.« Varney erkundigte sich in der Tat bei dem Personal und erfuhr, daß Lambourue ihm die Wahrheit gesagt hatte. Tressilian war plötzlich und unerwartet zwischen Nacht und Morgen abgereist. »Aber ich will ihm kein Unrecht tun,« sagte der Wirt, »er hat auf dem Tisch seines Zimmers den vollen Betrag seiner Rechnung zurückgelassen und noch ein Trinkgeld für die Bediensteten obendrein, was eigentlich gar nicht nötig war, da er ja sein Pferd ohne Beistand des Stallknechts ganz allein gesattelt hat.« Also beruhigt über Lambournes Verhalten, sprach Varney zu ihm über das, was er mit ihm vorhabe, da er von Foster gehört habe, daß er nicht abgeneigt sei, in den Dienst eines Edelmanns zu treten, »Bist Du je am Hofe gewesen?« fragte Varney. »Nein,« antwortete Lambourne, »aber seit meinem zehnten Lebensjahre habe ich einmal wöchentlich geträumt, ich wäre an einem Hofe und machte mein Glück.« »Vielleicht ist es Deine Schuld, wenn sich Dein Traum nicht erfüllt. Weißt Du, was der Gefolgsmann eines großen Herrn am Hofe haben muß?« »Ich habe es mir selber ausgedacht, Herr,« antwortete Lambourne. »So zum Beispiel ein flinkes Auge – einen verschlossenen Mund – eine rasche, kühne Hand – einen scharfen Witz und ein stumpfes Gewissen.« »Und bei dem Deinen;« sagte Varney, »hat sich jedenfalls die Schneide schon lange abgestumpft.« »Allzu scharf ist seine Schneide nie gewesen, soviel ich mich erinnere,« erwiderte Lambourne. »Als ich noch jung war, hatte ich wohl ein paar Grillen, aber auf dem rauhen Schleifstein des Krieges habe ich sie zum, Teil abgeschliffen, und was übrig blieb, haben die breiten Wogen des Atlantischen Ozeans mit weggespült.« »Du kannst mir und meinem Lord und Dir selber gute Dienste tun,« sagte Varney nach einer Pause. »Aber merke wohl, ich kenne die Welt, – und antworte mir der Wahrheit gemäß: Kannst Du treu sein?« »Wenn Ihr die Welt nicht kenntet,« antwortete Lambourne, »so wäre meine Pflicht, ja zu sagen, ohne weitere Umstände, und bei meinem Leben und meiner Ehre und so weiter darauf zu schwören. Da Euch aber lieber mit ehrlicher Wahrheit als mit schlauer Liebe gedient zu sein scheint – so antworte ich Euch: Ich kann treu sein bis zum Fuße des Galgens, ja bis zur Schlinge, die daran herunter hängt – wenn der Dienst gut ist und ordentlich bezahlt wird – sonst nicht.« »Hast Du einen Gaul im Stall?« »Ja, Herr,« sagte Lambourne, »als ich jüngst bei Shooters-Hill einen ehemaligen Viehhändler anhielt, dessen Taschen besser gefüllt waren als sein Hirnkasten, da hat mich die gute Mähre flott vor allen Verfolgern gerettet.« »Dann sattle ihn und begleite mich,« sagte Varney, »laß Kleider und Gepäck bei dem Wirt in Verwahrung, und ich will Dich in einen Dienst bringen, in dem Du Dein Glück machen kannst.« »Herzlich gern – und in einem Augenblick bin ich zu Pferde!« rief Lambourne. »Geht mein Neffe mit Euch?«, fragte Giles Gosling, als er die Anstalten zum Aufbruch sah. »Ja, das ist seine Absicht,« antwortete Richard Varney. »Da tust Du recht, Neffe,« sagte der Wirt, »da tust Du ganz recht. Wenn Du durchaus durch einen Strick vom Leben zum Tode befördert werden willst – und so sieht es ja ganz aus, da Du mit diesem Herrn da gehst – so suche Dir wenigstens Deinen Galgen möglichst weit von Cumnor aus, und so sitz auf und reite Deiner Wege.« Der Herr und der neue Diener ritten in schnellem Trabe davon, und als sie den Anstieg eines sandigen Hügels hinter sich hatten, setzten sie ihr Gespräch fort. »Du bists also zufrieden,« sagte Varney zu seinem Gefährten, »bei Hofe Dienste zu nehmen?« »Durchaus, Herr, wenn Euch meine Bedingungen ebenso recht sind, wie mir die Euern.« »Und was sind Deine Bedingungen?« fragte Varney. »Wenn ich ein flinkes Auge im Interesse meines Herrn haben soll, so muß er meinen Fehlern gegenüber ein Auge zudrücken können,« sagte Lambourne. »Gewiß,« sagte Varney, »wenn sie nur nicht so hagebuchen am Tage liegen, daß er darüber fallt.« »Einverstanden,« sagte Lambourne. »Ferner, wenn ich ein Wild erlegt habe, muß ich die Knochen kriegen.« »Das ist nur billig,« versetzte Varney, »das heißt, Deine Vorgesetzten kommen zuerst dran.« »Gut,« stimmte Lambourne bei, »und es bleibt nur noch zu sagen übrig, daß, wenn ich mit dem Gesetz in Konflikt gerate, mein Gönner mir heraushelfen muß, das ist ein Hauptpunkt.« »Auch nur recht und billig,« sagte Varney, »wenn Ihr im Dienste Euers Herrn mit dem Gesetz uneins geworden seid.« »Was den Lohn und so weiter betrifft,« fuhr Lambourne fort, »so sage ich gar nichts darüber, selbstverständlich muß ich davon leben können.« »Da sei ohne Sorge, Du kommst in einen Haushalt, wo es Gold wie Heu gibt.« »Das ist so mein Fall,« erwiderte Michael Lambourne, »und es wäre nun nur noch übrig, daß Ihr mir den Namen meines Herrn nenntet.« »Mein Name ist Herr Richard Varney,« antwortete sein Gefährte. »Aber ich meine,« sagte Lambourne, »den Namen des edeln Lords, zu dem Ihr mich in Dienst bringen wollt.« »Wie, Bursche, dünkst Du Dich zu gut, mich Herrn zu nennen?« fragte Varney rasch. »Ich sehe es gern, wenn Du frech bist gegen andre – mir gegenüber laß Deine Unverschämtheit beiseite.« »Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung,« sagte Lambourne, »aber Ihr scheint auf vertraulichem Fuße mit Anton Foster zu stehen – und mit dem steh ich selber auf Du und Du.« »Du bist ein durchtriebner Bursche, wie ich sehe,« erwiderte Varney. »Hör mich an – ich habe allerdings die Absicht, Dich bei einem Edelmann in Dienst zu bringen, aber meiner Person in der Hauptsache wirst Du zu dienen haben und von mir wirst Du abhängig sein. Ich bin sein Stallmeister – seinen Namen wirst Du bald erfahren – er ist einer, der unter den Räten der Königin die erste Rolle einnimmt und das Ruder des Staates in der Hand hat.« Die Reiter verfielen nun wieder in den flotten Trab, den sie bei ihrem Zwiegespräch gezügelt hatten, und langten bald in dem königlichen Park von Woodstock an. Sie ritten ohne Umstände in den Hof des alten, verfallenen Herrenhauses hinein, in welchem an diesem Morgen dem Auge sich ein buntbelebtes Bild zeigte. Beamten vom Haushalt des Grafen, Diener in Livree kamen und gingen mit all dem rücksichtslosen Lärm, der ihrem Gewerbe anzuhaften scheint. Pferdegewieher und Hundegebell war zu hören; denn wenn auch Mylord hierher gekommen war, um das alte Haus und Gewese zu besichtigen, so hatte er sich doch auch mit allem versehen, um eine Jagd abhalten zu können in dem Park, dem ersten, eingezäunten Wildpark in England, der reich mit Wild versehen war, das nun schon lange unbelästigt dort geäset hatte. Einige Einwohner des Dorfes lungerten, in der Hoffnung, daß bei diesem ungewohnten Besuch auch für sie etwas abfallen würde, im Hofe herum und warteten, ob der große Mann sich zeigen werde. Ihre Spannung wuchs noch, als sie Varney in aller Eile hereinsprengen sahen, und ein Gemurmel lief herum: »Der Stallmeister des Grafen!«, während sie eilig ihn, für sich einzunehmen trachteten, indem sie die Hüte zogen und dem begünstigten Diener und seinem Begleiter Zügel und Steigbügel hielten. Kurz darauf erschien der Earl mit seinem Gefolge und begab sich zu Pferde, um nach dem Hofe zurückzukehren, begleitet von dem lauten Zuruf der Einwohner von Woodstock, die so laut brüllten, daß die alten Eichen widerhallten: »Lang lebe Königin Elisabeth und der Graf von Leicester!« Achtes Kapitel. In der Nacht seines plötzlichen Verschwindens hatte Tressilian sich zur Ruhe gelegt und lag in trüben Gedanken, als er die Tür seiner Stube knarren hörte und ein Licht hereinschimmern sah. Er sprang sofort aus dem Bette und ergriff sein Schwert, aber er ließ es ruhig in der Scheide, als er die Worte hörte: »Seid nicht so ungestüm mit Euerm Degen, Herr Tressilian. Ich bin es, Euer Wirt, Giles Gosling,« Gleichzeitig entfernte er den Schirm der Blendlaterne, die nur einen undeutlichen Schimmer verbreitet hatte, und die behäbige Gestalt des Wirtes vom »Schwarzen Bären« stand vor seinem erstaunten Gast. »Was ist das für ein Mummenschanz, Herr Wirt?« fragte Tressilian. »Habt Ihr wieder einen fidelen Abend gehabt und Euch in der Kammer geirrt? Oder ist Mitternacht eine Zeit, daß Ihr in den Zimmern Eurer Gäste Maskeraden treibt?« »Herr Tressilian,« versetzte der Wirt, »ich weiß genau, wo ich hingehöre, und kenne auch meine Zeit so gut, wie nur je ein lustiger Wirt. Aber mein Neffe, dieser Teufelskerl, hat Euch scharf bewacht, wie nur je ein Kater eine Maus bewacht hat, und dann habt Ihr entweder mit ihm oder mit einem anderen gefochten, und ich fürchte, Ihr seid von ernster Gefahr bedroht.« »Geht, geht, Ihr seid nicht recht gescheit,« sagte Tressilian, »Euer Vetter hat nur einen Groll auf mich, und woher wollt Ihr denn wissen, daß ich mit irgend wem einen Zweikampf gehabt hatte?« »O, Herr,« antwortete der Wirt, »Ihr habt einen roten Fleck auf der Wange gehabt, der von kurz vorher ausgefochtenem Streite zeugte, auch Euer Gürtel hat sich verschoben, und Ihr wart in wilder Hast.« »Nun, guter Wirt, wenn »ich den Degen habe, ziehen müssen,« sagte Tressilian, »warum soll das Euch zu dieser Nachtzeit aus Euerm warmen Bette treiben? Ihr seht ja doch, alles Unheil ist vorüber.« »Das eben, mit Verlaub, bezweifle ich. Anton Foster ist ein gefährlicher Mensch, der am Hofe von starker Gönnerschaft unterstützt wird, und mein Neffe – na, ich habe Euch ja schön gesagt, was das für ein Früchtchen ist, und wenn diese Halunken ihre alte Bekanntschaft erneuert haben, so wünschte ich nur, mein ehrenwerter Gast, es wäre nicht auf Eure Kosten geschehen.« »Ihr seid ein ehrlicher Mann, Herr Wirt,« sagte Tressilian, »und ich will Euch reinen Wein einschenken. Wenn diese Männer etwas Böses wider mich im Schilde führen, – und ich gebe gern zu, daß das möglich ist – so tun sie das nur als die Helfershelfer eines weit mächtigen Bösewichts.« »Damit meint Ihr Richard Varney, nicht wahr?« fragte der Wirt. »Er ist gestern nach Cumnorplace gekommen, und wenn er auch noch so insgeheim hergekommen ist, so hat ihn doch jemand gesehen und es mir gesagt. Da seid nur ja auf Eurer Hut, Herr Tressilian. Dieser Varney ist der Gönner und Beschützer von Anton Foster, und durch seine Gunst ist ihm das Herrenhaus da in Pacht gegeben worden. Dein Varney ist ein großer Teil der Ländereien der Abtei von Abingdon von seinem Herrn, dem Grafen von Leicester, überlassen worden. Da habt Ihr Euch einen gar gefährlichen Feind auf den Hals gehetzt. Weil Richard Varney einen so großen Einfluß auf den Grafen besitzt – man sagt, er habe ihn vollständig in der Hand – so fürchten sich die Leute fast, seinen Namen zu nennen, geschweige denn, irgendwie sich seinen Plänen entgegenzustellen. Und dabei denken doch alle Leute, daß er hinter diesem Geheimnis mit der hübschen Dirne stecke. Aber vielleicht wißt Ihr selber davon mehr als ich.« »Allerdings weiß ich mehr von dieser unglücklichen Dame als Ihr, mein freundlicher Wirt, und in diesem Augenblick entbehre ich so gänzlich aller Freunde und jedes guten Rates, daß ich Euch gern zu meinem Ratgeber machen und Euch die ganze Geschichte erzählen möchte, um so mehr, als ich Euch am Schluß um eine Gefälligkeit ersuchen möchte.« »Guter Herr Tressilian,« sagte der Wirt, »ich bin bloß ein armer Gastwirt, der einen solchen Gast wie Euch wohl kaum einen guten Rat wird geben können, aber ich bin ein ehrlicher Mann und als solcher gewiß Euers Vertrauens wert.« Tressilian sann eine Weile nach, wie er seine Erzählung beginnen sollte. »Ich muß, um mich verständlich zu machen, ein wenig zurückgreifen,« begann er dann, »Ihr habt gewiß von der Schlacht von Stoke gehört und wohl auch von Sir Roger Robfart. In dieser Schlacht nun wurde mein Großvater, der, wie viele andre Edelleute aus Cornwallis dem Hause York treu ergeben war, von eben diesem Sir Roger Robfart gefangen genommen. Der edle Ritter entließ ihn aber ohne Lösegeld, doch konnte er ihn nicht vor dem Zorne des Königs schützen, der ihm eine so schwere Geldbuße auferlegte, daß er zum armen Manne wurde. Der gute Ritter tat alles, ihm seine Sorgen zu erleichtern, und so wurden beide so innige Freunde, daß mein Vater wie ein Bruder des jetzigen Sir Hugh Robsart des einzigen Sohnes Rogers, auferzogen wurde. Dieser Sir Hugh Robsart hatte eine einzige Tochter. Und hiermit fängt mein Anteil an der Geschichte an. Als mein Vater vor einigen Jahren gestorben war, wollte der gute Sir Hugh mich gern zu seinem Nachfolger machen, und damit war ich völlig einverstanden, denn die große Schönheit, zu der Amy Robsart mit der Zeit heranwuchs, konnte mir nicht entgehen, da ich bei dem vertrauten Verhältnis zu ihrem Vater fast ständig um sie war. Mit einem Worte, ich liebte sie, und ihr Vater bemerkte das wohl. Er nahm meine Bewerbung mit großer Freude an, – aber leider erwiderte seine Tochter meine Liebe nicht. Sie begegnete mir freilich wohl mit Achtung und machte mir auch Hoffnung, daß mit der Zeit aus diesem Gefühl sich eine wärmere Neigung entwickeln werde. Auf ihres Vaters Veranlassung wurde zwischen uns abgemacht, daß wir uns heiraten sollten, aber auf ihr dringendes Ersuchen wurde die Vollziehung dieses Kontraktes auf ein volles Jahr hinausgeschoben. Während dieser Zeit erschien in der Gegend Richard Varney, wußte sich bei Sir Hugh beliebt zu machen und lebte bald dort, als wenn er zur Familie gehörte. Damit fing das Unglück an, aber es folgte eins dem andern so seltsam, daß ich jetzt die Reihenfolge nicht mehr Fall für Fall verfolgen kann– kurz, mit einem Male war die ehedem so glückliche Familie zugrunde gerichtet. Eine. Zeitlang begegnete Amy Robsart Varneys Aufmerksamkeiten mit Gleichgültigkeit, dann schien sie ihn mit Mißfallen, ja mit Widerwillen zu betrachten – dann aber schien sich plötzlich eine ganz neue Art von Bekanntschaft zwischen ihnen zu entwickeln – und bald schien Einverständnis und eine gewisse Vertraulichkeit zwischen ihnen zu herrschen – und dann eines Tages verschwand Amy plötzlich aus ihres Vaters Hause– Varney verschwand zu derselben Zeit – und heute erst habe ich sie als seine Maitresse wiedergesehen, in demselben Hause, das dieser schmutzige Foster innehat.« »Und daher seid Ihr auch miteinander handgemein geworden? Aber sagt mir nur, wie habt Ihr nur die Wohnung dieser Dame, oder vielmehr ihr Versteck ausfindig machen können?« »Es war mir bekannt geworden, daß Varney große Güter, die ehemals den Mönchen von Abingdon gehörten, verwaltete, und als dann Euer Neffe die Absicht aussprach, seinen alten Bekannten Foster zu besuchen, gab mir das Gelegenheit, mich durch eignen Augenschein zu überzeugen.« »Und was gedenkt Ihr nun zu tun?« »Ich will mich an den Grafen von Leicester wenden,« sagte Tressilian, »er soll selber die Schändlichkeit seines Günstlings richten. Wenn ihm sein eigner Ruf am Herzen liegt, darf er meine Bitte nicht abweisen. Sonst will ich mich an die Königin selber wenden.« »Sollte Leicester,« sagte der Wirt, »seinen Günstling in Schutz nehmen wollen (und er soll ja mit ihm ein Herz und eine Seele sein), so werden sie beide zur Vernunft kommen, wenn Ihr Euch an die Königin selber wendet. Ihre Majestät versteht keinen Spaß in solchen Dingen. Sie wird lieber einem Dutzend Höflingen Pardon geben, wenn sie sich in sie verlieben, als einem, wenn er einem andern Weibe den Vorzug gibt. Also corragio, mein lieber Gast! Wenn Ihr eine Bittschrift von Sir Hugh dem Throne zu Füßen legt, so wird der so hoch in Gunst stehende Graf lieber in die Themse springen, wo sie am breitesten und tiefsten ist, als Varney in einer solchen Angelegenheit zu schützen. Aber um einigermaßen mit Erfolg vorzugehen, müßt Ihr ganz formell dabei zu Werke gehen. Und vor allem müßt Ihr unverzüglich nach Devonshire, müßt dem Sir Hugh eine Bittschrift aufsetzen und Euch möglichst viele Freunde werben, die bei Hofe ein Wort für Euch einlegen können.« »Ihr habt wohl gesprochen, mein guter Wirt,« antwortete Tressilian, »und ich werde Euer« Rat befolgen. Ihr aber seid so gut und habt ein Auge darauf, was im Hause Fosters vorgeht. Schickt mir schriftliche Mitteilungen darüber durch die Person, die Euch diesen Ring hier zeigen wird – keinem andern Menschen vertraut etwas an.« »Gut, Sir,« erwiderte der Wirt. »Ich beklage von Herzen den guten Edelmann, dem seine Tochter, die Stütze seines Alters, durch solch einen Habicht wie diesen Varney geraubt worden ist, und ich will Euch dabei behilflich sein, das Mädchen dem alten Manne wiederzugeben, soweit ich Euch bei der Sache als guter Kundschafter dienen kann. Aber ich muß mich darauf verlassen können, daß Ihr reinen Mund haltet? denn es könnte dem Renommee des »Schwarzen Bären« schaden, wenn man seinem Besitzer nachsagte, daß er sich in solche Angelegenheiten mische. Auch hat Varney Einfluß genug, das schöne Schild über meiner Tür herunterreißen zu lassen und mir die Konzession, zu entziehen.« »Ihr könnt Euch auf meine Verschwiegenheit verlassen, Herr Wirt,« sagte Tressilian. »Ich werde Euch allzeit dankbar sein für Eure Gefälligkeit – und vergeßt nicht, daß dieser Ring hier ein Zeichen von mir sein soll. Nun aber lebt wohl – ich will die Nacht noch fort.« »So folgt mir,« sagte der Wirt »und tretet so leise auf, als ginget Ihr auf Eiern, statt auf Dielen. Niemand darf wissen, wie und wann Ihr aufgebrochen seid.« Neuntes Kapitel. Tressilian war bis in das Tal von Whitehorse gelangt, als der Tag heranbrach. Jetzt wurde er zu seinem Verdruß gewahr, daß sein Pferd ein Hufeisen an einem der Vorderfüße verloren hatte. Da er sich in der Nähe eines armseligen Dörfchens befand, stieg er ab und führte sein Pferd. Vor einem der kläglichen Häuschen, aus denen die verlassene Ortschaft bestand, stand eine alte Frau, die ihn aus seine Frage, ob nicht in der Nähe ein Grobschmied wohne, mit sonderbarer Miene ansah. »Ein Grobschmied?« erwiderte sie. »Ja, ein Grobschmied ist wohl hier in der Nahe. – Was wollt Ihr von ihm?« »Mein Pferd soll er beschlagen, gute Frau. Ihr seht, es hat ein Hufeisen verloren,« antwortete Tressilian. »Magister Feiertag!« rief die alte Frau. »Magister Erasmus Feiertag! Kommt doch einmal her und sagt dem Manne hier Bescheid. Er fragt nach Wieland dem Schmied, und ich mag ihm den Weg zu dem Teufel nicht sagen. Sein Pferd hat ein Eisen verloren.« »Quid mihi cum caballo?« versetzte eine Stimme aus dem Hause, und gleich darauf erschien der ehrliche Pädagoge, – denn daß er ein solcher war, dafür zeugte sein Anzug: Eine lange, hagere, gekrümmte Gestalt, deren Kopf von dünnem, schon stark ergrautem Haar bedeckt war. Als er einen Fremden von Tressilians Aeußerm erblickte, dessen Vornehmheit er zu würdigen verstand, zog er die Mütze und redete ihn mit den Worten an: »Salve domine! Intelligisne linguam latinam?« Tressilian kramte sein Latein hervor und erwiderte: »Linguae latinae haut penitus ignarus venia tua, domine eruditissime vernaculam libentius loquor.« Diese lateinische Antwort wirkte auf den Schulmeister etwa ebenso wie das Zeichen der Freimaurer auf die Brüder dieses Ordens. Er interessierte sich sofort für den gelehrten Reisenden, hörte die Geschichte von dem müden Pferde, und dem verlorenen Eisen und antwortete dann in feierlichem Tone: »Es mag Euch, verehrter Herr, als die größte Einfachheit von der Welt, vorkommen, wenn ich Euch den Bescheid gäbe, daß nur ein kurzes Stückchen von hier der beste faber ferrarius, der vollendetste Grobschmied haust.« »Ich würde dann wenigstens eine glatte Antwort auf eine einfache Frage erhalten,« versetzte Tressilian, »aber wie es scheint, ist die hier nicht zu haben.« »Wer ein lebendes Wesen nach Wieland, dem Schmied, fragt, liefert eine Seele dem Bösen aus,« sagte die Alte. »Still, Frau Schlamm!« sagte der Erzieher. »Pauca verba. Kümmert Euch um Euern Weizenbrei. Und Ihr, verehrtester Herr, würdet Euch wohl felix bis terque schätzen, wenn ich Euch die Wohnung dieses Schmiedes zeigte?« »Ich bitte Euch,« wiederholte Tressilian ungeduldig, »sagt mir mit einem Wort, ob ich hier irgendwo mein Pferd füttern und beschlagen lassen kann?« »Diese Gefälligkeit, Herr,« erwiderte der Schulmeister, »kann ich Euch ohne Schwierigkeiten selber erweisen. Ich will mich bei der guten Hausfrau verwenden, daß sie Euch eine Schüssel Weizenbrei vorsetze – das ist eine gar gesunde Speise – nur habe ich noch keinen lateinischen Namen dafür gefunden. Euer Pferd soll inzwischen im Kuhstall eingestellt werden und ein Bund Heu haben – die gute Mutter Schlamm hat einen reichen Vorrat davon. Man kann von ihrer Kuh sagen: foenum in cornu. Und wenn Ihr mir das Vergnügen bereiten wollt, mir Gesellschaft zu leisten, so soll Euch die Mahlzeit ne semissem quidem kosten, denn die gute Mutter Schlamm tut mir gern einen Gefallen, weil ich ihren hoffnungsvollen Enkel und Erben Richard in der lateinischen Sprache unterrichte.« »Freilich, vergelts Euch Gott, Magister Feiertag,« sagte die gute Alte. »Wenn nur der kleine Dickie recht fleißig lernen möchte.« Tressilian bedachte, daß sein Pferd der Ruhe bedürfe und daß er, wenn er den guten, alten Pädagogen sich gehörig ausschwatzen ließe, über kurz oder lang doch noch erfahren werde, wo der Schmied wohne. Er ging daher mit dem Schulmeister in die Hütte, setzte sich zu ihm und aß mit ihm von dem Weizenbrei. Eine gute halbe Stunde lang mußte er erst allerlei gelehrtes Gewäsch über die Persönlichkeit des Erziehers mit anhören, ehe es ihm möglich war, den redseligen Mann auf ein andres Thema zu bringen. Wir geben diese weitschweifigen Ausführungen nur in kurzer Skizze wieder. Er war in Hogsnoton geboren. Den Namen Erasmus hatte er daher, weil seine Mutter, eine Wäscherin, dem großen Gelehrten gleichen Namens die Wäsche besorgt hatte, und weil wohl die gute Frau die dunkle Ahnung gehabt hatte, daß in dem kleinen Täufling ein Genius verborgen sei, der einst zu einem ebenbürtigen Nebenbuhler des Erasmus von Rotterdam heranreifen würde. Den Namen Feiertag führte er wohl seines Erachtens quasi lucus a non lucendo – weil er seinen Schülern wenig Feiertage vergönnte. Dann aber neigte er auch wieder zu der Annahme, daß der Name sich auf seine große Begabung bezöge, Theaterspiele, Mohrentänze, Maifeste und andre für Feiertage passende Veranstaltungen zu arrangieren. In dieser Fähigkeit sei er der erfinderischste Kopf in ganz England, und seine Begabung für solche Belustigungen habe ihm schon die Bekanntschaft manches vornehmen Herrn verschafft, und vor allem des edeln Grafen von Leicester. »Erlaubt mir, auf Eure eigene gelehrte Weise zu fragen,« unterbrach ihn Tressilian endlich, »quid hoc ad Iphicli boves? Was hat das mit dem Beschlagen meines Pferdes zu tun?« »Festina lente!« sagte der Gelehrte. »Wir kommen sogleich darauf. Ihr müßt wissen, vor ein paar Jahren kam in diese Gegend ein gewisser Doktor Doboobie, der war – was her gemeine Mann einen Hexenmeister nennt. Er behauptete, ein Bruder vom geheimnisvollen Orden der Rosenkreuzer zu sein. Er heilte Wunden, wahrsagte aus der Hand, wußte gestohlenes Gut aufzufinden, sammelte Kräuter, durch die sich die Menschen unsichtbar machen können, und verstand, Blei in Silber zu verwandeln.« »Mit anderen Worten, er war ein ganz gemeiner Quacksalber und Gauner,« unterbrach ihn Tressilian abermals, »doch was hat das mit dem verlorenen Hufeisen meines Pferdes zu schaffen?« »Das sollt Ihr sogleich erfahren,« erwiderte der weitschweifige Gelehrte. »Patentia, werter Herr! Dieser Demetrius Doboobie hätte es sicherlich weit gebracht, wenn nicht in einer dunkeln Nacht der Teufel gekommen und mit ihm davongeflogen wäre. Seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört und gesehen. Nun komm ich auf den eigentlichen Kern meiner Erzählung. Dieser Doktor Doboobie hatte einen Diener, einen armen Kerl, der ihm den Ofen zu heizen, die Zauberkessel zu füllen, die Tropfen anzufertigen, die Zauberkreise zu ziehen und die Patienten zu beschwichtigen hatte. Als nun der Doktor in so absonderlicher Weise verschwunden war, hat dieser Wieland angefangen, die gefährliche Kunst seines Herrn weiterzutreiben. Aber in diesen Künsten konnte er sein Brot nicht finden, da die ganze Gegend nach dem unerklärlichen Verschwinden des Doktors zu sehr in Angst und Grauen war, als daß irgendwer den Mut gehabt hätte, sich bei dem Diener Hilfe zu holen. So hat sich denn nun dieser Bursche – ob es ihn der Teufel gelehrt oder ob er es in der Jugend gelernt hat, – darauf gelegt, Pferde zu beschlagen, und er tut das ebenso gut, wie nur irgend ein Grobschmied.« »Wo wohnt er?« fragte Tressilian. »Zeigt mir sogleich seine Wohnung.« »Hört erst weiter, ehe Ihr Euch in eine solche Gefahr begebt,« sagte Erasmus Feiertag. »Dieser Grobschmied nimmt für seine Arbeit von niemand Geld an.« »Und das ist ein sicheres Zeichen,« fiel die alte Frau ein, »daß er mit dem Teufel unter einer Decke steckt. Jeder gute Christ nimmt Lohn für seine Arbeit.« »Die alte Frau hat recht,« sagte der Pädagog. »Rem aou tstigit, – sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Dieser Wieland nimmt kein Geld und läßt sich auch vor niemand sehen. Und doch verrichtet er seine Arbeit musterhaft – selbst Mulciber. mit seinen Zyklopen könnte es nicht besser machen. Aber es ist nicht ratsam, sich von jemand helfen zu lassen, der mit dem Anstifter alles Bösen gemeinschaftliche Sache macht.« »Ich muß es doch darauf wagen, guter Magister Feiertag,« sagte Tressilian und erhob sich. »So zeigt ihm doch, wo er wohnt,« sagte die Alte, die gern den Gast los sein wollte. »Wen der Teufel treibt, der läßt sich doch nicht halten.« »Nun, meinetwegen,« sagte der Magister. »Ich nehme die Welt zum Zeugen, daß ich diesen wackern Edelmann aufs beste gewarnt habe. Ich will auch nicht selber mit meinem Gaste hingehen. Ricarde, adsis, nebulo !« »Nein, mit Verlaub!« fiel ihm das alte Weib ins Wort. »Meinen kleinen Dickie sollt Ihr nicht zu einem solchen Dienst vorschlagen!« »Gute Mutter Schlamm,« versetzte der Lehrer, »er soll ja nur bis auf den Hügel mitgehen und die Wohnung des Schmiedes dem fremden Herrn mit dem Finger zeigen. Glaubt nicht, daß ihm ein Leid widerfahren wird, er hat auf nüchternen Magen heute früh schon ein Kapitel in der Septuaginta gelesen. Ich vermute außerdem, er geht zu seinem eigenen Vergnügen oft zu dem Beschwörer hin, so mag er denn einmal aus Gefälligkeit für uns sich auf den Weg machen. Ergo heus, Ricarde! adsis quaeso, mi didascale !« Der so herbeigerufene Zögling kam endlich ins Zimmer gestolpert. Er war ein kleiner, watschelnder, verwachsener Zwerg, der seiner kleinen Gestalt nach kaum zwölf oder dreizehn Jahre alt sein konnte, obgleich er in Wirklichkeit wohl ein oder zwei Jahre älter sein mochte. Das rote Haar hing ihm verwildert um das von Sommersprossen bedeckte, verbrannte Gesicht herab, er hatte eine Stülpnase, ein spitzes Kinn und graue, durchdringende Augen, die zu schielen schienen. Beim bloßen Anblick des kleinen Kerls fühlte man den lebhaftesten Kitzel zum Lachen. »Ricarde,« sagte der Lehrer, »Du sollst mit dem Herrn dort bis auf den Hügel hinauf und ihm zeigen, wo Wieland, der Schmied, wohnt.« »Mein guter Junge,« sagte Tressilian, »ich will Dir ein Silberstück geben, wenn Du mich nach der Werkstätte des Schmiedes führst.« Der Knabe warf ihm einen listigen Seitenblick zu: »Ich will Euch schon führen,« sagte er, »setzt Euch nur den Hut auf, zieht Euer Pferd aus dem Stall und vergeht nicht, daß Ihr mir ein Silberstück versprochen habt.« »Nun, nun, nicht so hastig!« rief der Lehrer. »Suflamanina Ricarde!« »Seid Ihr nur hübsch still,« sagte Dickie und entschlüpfte dem Lehrer. Tressilian bestieg ohne Säumen sein Pferd und folgte seinem gnomenhaften Führer. Zehntes Kapitel. »Haben wir noch weit bis zur Behausung des Schmieds, mein hübscher Junge?« fragte er den Knaben. »Wie nennt Ihr mich?« war die Antwort, indem der Junge ihn mit seinen durchdringenden grauen Augen ansah. »Ich nenne Dich einen hübschen Jungen – ist das was Schlimmes?« »Ei, wenn meine Großmutter und Magister Feiertag mit dabei waren, dann könntet Ihr alle drei das Lied singen: Wir sind ei, ei, Schön dumm alle drei! Denn Ihr drei,« sagte der häßliche Kobold, »seid die einzigen, die mich je einen hübschen Jungen genannt haben. Meine Großmutter tut es, weil sie vor Alter halb blind und aus Großmutterliebe ganz blind ist – und mein Schulmeister, der arme Kerl, tut es aus Liebedienerei, damit er immer eine volle Schüssel Haferbrei kriegt. Aber warum Ihr mich einen hübschen Jungen nennt, das müßt Ihr freilich selber am besten wissen.« »Du bist eine durchtriebne Range, wenn Du auch nicht hübsch bist. Aber wie nennen Dich Deine Spielkameraden?« »Hoppspopanz,« antwortete der Bengel flink. »Fürchtest Du Dich nicht vor dem Schmied, zu dem wir gehen?« »Ich mich vor ihm fürchten,« versetzte der Junge. »Wenn er der Teufel wäre, für den die Leute ihn halten, so würde ich mich doch nicht vor ihm fürchten, aber wenn er auch ein absonderlicher Kauz ist, so ist er doch ebenso wenig ein Teufel wie Ihr selber. Und das sage ich Euch, weil Ihr so ganz anders ausseht, als sonst die Herren, die wir hier zu Gesicht bekommen, und ich möchte nicht, daß gerade Ihr mich für einen Schafskopf halten sollt, zumal ich Euch eines Tages vielleicht, einmal um eine Gefälligkeit zu ersuchen habe.« »Das wäre?« erwiderte Tressilian. »O, wenn ich sie jetzt von Euch erbitten würde,« sagte der Junge, »so würdet Ihr mirs abschlagen. Aber wartet, bis wir, uns bei Hofe wiedersehen.« »Bei Hofe, Richard! Sollst Du an den Hof kommen?« »Ja, ja, ich wette, Ihr denkt nun auch,« erwiderte der Knabe, »was soll ein so widerwärtiger, watschelnder Kobold bei Hofe? Aber laßt nur Richard Schlamm für sich. Ich bin nicht umsonst hier Hahn im Korbe gewesen. Ich will schon dafür sorgen, daß der scharfe Verstand über die Häßlichkeit triumphiert. Ich wäre schon längst weg von hier, aber der Magister hat mir versprochen, daß ich auf dem nächsten Feste, das er veranstalten wird, eine Rolle spielen soll. Es soll in kurzem ein großes Fest geben, auf irgend einem Schlosse im Norden – nicht weit von Berkshire. Und wenn der Magister sein Wort nicht hält, dann wehe ihm. Dann nehm ich das Gebiß zwischen die Zähne und gehe durch und werf ihn ab, daß er sich alle Knochen brechen soll. Und doch möcht ich ihm nicht gern ein Leid antun, denn der alte, langweilige Narr hat mir mit vieler Mühe alles beigebracht, was er selber weiß. Doch genug! Hier sind wir an der Tür von Wielands Schmiede!« »Du spaßest wohl, mein kleiner Freund,« sagte Tressilian, »hier ist ja nichts als ein nacktes Moor und ein Ring von Steinen mit einem großen in der Mitte.« »Ja, und der große, flache Stein in der Mitte,« sagte der Junge, »ist Wielands Zahltisch, da müßt Ihr Euer Geld abgezählt darauflegen.« »Was soll diese Dummheit?« fragte, Tressilian und sing an, sich über die Range zu erbosen. »Ja doch,« sagte Dickie mit einem Grinsen, »Ihr müßt Euer Pferd an den aufrecht stehenden Stein dort anbinden, an dem der Ring dran ist, und dann müßt Ihr dreimal pfeifen, und Euer Geld auf den flachen Stein dort legen und aus dem Kreise herausgehen und Euch an der Westseite des Gebüsches hier niedersetzen, und wohl acht geben, daß Ihr zehn Minuten lang nicht rechts noch links seht oder wenigstens solange, wie der Hammer klingt, und wenn die Hammerschläge aufhören, dann sprecht ein Gebet, und dann tretet wieder in den Kreis, und Ihr werdet Euer Geld nicht mehr finden, aber Euer Pferd beschlagen.« »Mein Geld wird weg sein, ja das glaub ich wohl!« rief Tressilian. »Hör, Du Range, ich bin freilich nicht Dein Schulmeister, aber wenn Du mich zum Narren halten willst, so will ich Dir die Jacke nicht weniger derb ausklopfen.« »Ja, wenn Ihr mich kriegt!« rief der Junge, und sogleich war er über die Heide geflüchtet mit einer solchen Geschwindigkeit, daß Tressilian in seinen schweren Stiefeln ihn nicht einholen konnte. Dabei rannte der Bengel – was Tressilian nur noch mehr reizte, – nicht einmal so schnell, als er hätte rennen können, wenn er sich in Gefahr gewußt oder sich gefürchtet hätte, sondern er richtete seine Eile immer danach ein, daß Tressilian ihm nahe genug blieb, um noch weiter Lust zur Verfolgung zu behalten – und wenn er ihm dann zu nahe gekommen war, dann stob er hinweg mit der Geschwindigkeit des Windes. Das ging so eine Weile fort, bis Tressilian vor Erschöpfung stillstand und eben die Verfolgung mit einem herzhaften Fluch auf den widerwärtigen Bengel, der ihn zu einer so lächerlichen Anstrengung verleitet hatte, aufgeben wollte. Aber der Junge, der sich jetzt auf einem kleinen, gerade vor Tressilian liegenden Hügel aufgepflanzt hatte, begann in die langen, dünnen Hände zu klatschen, mit seinen knochigen Fingern nach ihm zu deuten und seine wilden, häßlichen Züge zu einem so absurden Ausdruck des Gelächters und der Verhöhnung zu verzerren, daß Tressilian fast glauben mochte, er habe einen leibhaftigen Kobold vor sich. Aufs äußerste gereizt und doch gleichzeitig unwiderstehlich zum Lachen gekitzelt, wollte Tressilian sein Pferd besteigen, um dem Jungen mit mehr Aussicht auf Erfolg zu Pferde nachzusetzen, aber er dachte an das verlorene Hufeisen, und hielt es für das beste, mit einem so flinkfüßigen und durchtriebnen Feinde seinen Frieden zu schließen. »Komm herunter,« sagte er, »Du Teufelsrange! Laß Dein Foppen und Fratzenschneiden und komm her, ich will Dir nichts zu leide tun, so wahr ich ein Edelmann bin.« Der Knabe folgte dem Rufe mit dem größten Vertrauen und tanzte mit ausgelassenen Sprüngen von dem Hügel herab, wobei er das Auge fest auf Tressilian geheftet hielt, der sein Pferd am Zügel hielt und ganz außer Atem und in Schweiß gebadet war, während auf der mit Sommersprossen bedeckten Stirn des Bengels, deren Haut wie ein Stück vergilbtes Pergament aussah und straff über den fleischlosen Schädel gespannt war, nicht ein Tröpflein Schweiß zu sehen war. »Und nun sage mir,« sagte Tressilian, »warum treibst Du ein solches Spiel mit mir oder was bezweckst Du damit, daß Du mir ein solches albernes Ammenmärchen aufbindest? Zeige mir lieber ordentlich, wo der Schmied wohnt, und ich will Dir soviel Geld geben, daß Du Dir den ganzen Winter über Aepfel kaufen kannst.« »Und wenn Ihr mir einen ganzen Obstgarten geben wolltet,« sagte Dickie Schlamm, »so kann ich Euch doch nicht besser führen, als ich getan habe. Legt Euer Geld dort auf den flachen Stein – pfeift dreimal – und setzt Euch dann an der Westseite des Gestrüpps dort nieder. Ich will bei Euch sitzen, und es soll Euch freistehen, mir den Hals umzudrehen, wenn Ihr nicht den Schmied gleich darauf werdet arbeiten hören.« »Ich sehe mich vielleicht versucht. Dich beim Wort zu halten, wenn Du mich zum besten hast« sagte Tressilian, »aber ich will Deinen Spuk probieren, Ich binde also mein Pferd hier an den aufrecht stehenden Stein an – hierher muß ich mein Geld legen, sagst Du? – und nun muß ich dreimal pfeifen?«, »Ja, aber Ihr müßt lauter pfeifen,« sagte die Range, als Tressilian, halb beschämt über die Dummheit des ganzen Treibens, nur leise pfiff. – »Ich sehe, ich muß den Schmied für Euch herbeirufen.« Und Dickie pfiff so scharf und schrill, daß es Tressilian durch Mark und Bein ging. »Das nenne ich pfeifen,« sagte der Junge, »und nun ins Versteck, ins Versteck!« Tressilian fragte sich, was wohl dieses ganze Possenspiel zu bedeuten habe, war aber doch überzeugt, daß irgend etwas dabei herausschauen müsse, und ließ sich von dem Jungen, der sich so vertrauensvoll in seine Gewalt gegeben hatte, nach dem Dickicht führen und setzte sich hier nieder, und da es ihm als das Wahrscheinlichste erschien, daß der ganze Humbug nur darauf angelegt war, ihm sein Pferd zu stehlen, so hielt er den Buben beim Kragen, fest entschlossen, ihn zur Geißel für sein Pferd zu machen. »Nun lauscht scharf auf,« sagte Dickie,, »bald werdet Ihr den Schlag eines Hammers hören, der nicht aus irdischem Eisen geschweißt, denn der Stein, auf dem er gemacht ist, ist vom Monde herniedergefallen.« Und in der Tat hörte gleich darauf Tressilian den leisen Schlag eines Hammers, wie wenn ein Nagelschmied bei der Arbeit wäre. Der Ton klang an diesem einsamen Platze so sonderbar, daß er unwillkürlich zusammenfuhr. Aber er blickte auf den Jungen und erkannte an dem boshaften Ausdruck seines Gesichts, daß der Bengel sein vorübergehendes Entsetzen bemerkte und sich daran ergötzte, und er nahm sich fest vor, zu ergründen, von wem oder in welcher Absicht dieses Possenspiel getrieben wurde. Die ganze Zeitlang, während der Hammer klang, blieb er daher ganz ruhig sitzen, aber kaum verstummte das Klappern, so wartete Tressilian nicht die Zeit ab, die sein Führer ihm angeraten hatte, sondern sprang mit gezogenem Schwert auf, rannte um das Dickicht herum und stand nun einem Manne gegenüber, der die Lederschürze eines Schmieds trug, sonst aber phantastisch mit einer zottigen Bärenhaut bekleidet war. »Zurück, zurück!« schrie der Junge Tressilian zu. »Ihr werdet in Stücke gerissen – es hat ihn noch kein Lebender gesehen!« In der Tat hob der unsichtbare, jetzt ganz sichtbare Schmied den Hammer und schien bereit, dreinzuschlagen. Aber als der Junge sah, daß weder seine Warnungen, noch die drohende Haltung des Schmieds Tressilian von seinem Vorhaben abzubringen vermochten, sondern daß dieser im Gegenteil dem Hammer mit dem blanken Degen entgegentrat, da rief er nun dem Schmied zu: »Wieland, tu ihm nichts, sonst wird es Dir schlecht gehen! Der Herr ist ein echter Edelmann und ein tapfrer obendrein!« »So hast Du mich doch verraten, Du Popanz?« sagte der Schmied. »Das sollst Du mir büßen!« »Sei, wer Du willst,« sagte Tressilian, »Du hast von mir nichts zu fürchten, wenn Du mir sagst, was diese Gaukelei zu bedeuten hat und warum Du Dein Handwerk in so geheimnisvoller Weise treibst.« Der Schmied wandte sich zu Tressilian und rief in drohendem Tone: »Wer fragt den Insassen des kristallenen Schlosses des Lichts? Den Beherrscher des großen Löwen, den Reiter des roten Drachen? – Von hinnen! Hebe Dich weg, ehe ich Talpack mit der feurigen Lanze rufe, daß er Dich zermalme, zerschmettere, vernichte.« Diese Worte begleitete er mit ungestümen Gebärden, das Maul aufreißend und den Hammer schwingend. »Ruhe, Du alberner Gaukler, laß Dein Zigeunergewäsch!« versetzte Tressilian verächtlich, »komm mit mir zur nächsten Obrigkeit oder ich schlage Dir den Schädel entzwei.« »Sei still, guter Wieland, ich bitte Dich,« sagte der Knabe. »Hier kommst Du mit Deiner Großmäuligkeit nicht durch, Du mußt schon klein beigeben.« »Ich denke, ehrenwerter Herr,« sagte der Schmied und ließ den Hammer sinken, indem er einen sanftern und unterwürfigern Ton anschlug, »wenn ein armer Mann sein Tagewerk tut, dann kann es ihm auch vergönnt sein, es nach seinem eignen Geschmack zu verrichten. Euer Pferd ist beschlagen – das Geld habt Ihr bezahlt – was habt Ihr Euch nun noch zu kümmern? Steigt auf und reitet weiter.« »Nein, Freund, Ihr irrt Euch,« antwortete Tressilian, »jedermann hat das Recht, einen Betrüger und Gaukler zu entlarven, und Eure Lebensweise erregt den Verdacht, daß Ihr beides seid.« »Wenn Ihr dazu entschlossen seid, Herr,« sagte der Schmied, »so kann ich mir nur durch rohe Gewalt helfen, und das tät ich nicht gern Euch gegenüber, Herr Tressilian. Ich fürchte mich zwar nicht vor Eurer Waffe, aber ich weiß, daß Ihr ein würdiger, gütiger, hochbefähigter Edelmann seid, der lieber einem armen Kerl, der in der Klemme sitzt, hilft als ihm noch schadet.« »Gut gesprochen, Wieland,« sagte der Junge, der den Ausgang des Gesprächs begierig erwartet hatte, »aber laß uns in Deine Höhle, Mann, denn es ist nicht gut für Deine Gesundheit, hier in der Abendluft zu stehen und zu schwatzen.« »Da hast Du recht, Popanz,« erwiderte der Schmied, und er ging zu dem kleinen Ginstergestrüpp, das an der Seite zunächst dem Steinkreise gelegen war, gegenüber von dem, an welchem Tressilian gesessen hatte, und es zeigte sich hier eine sorgfältig mit Buschwerk bedeckte Falltür. Durch die stieg er in die Erde hinunter und verschwand vor ihren Augen. Trotz seiner Neugier zauderte Tressilian doch, dem Mann zu folgen, da das Loch leicht eine Räuberhöhle sein konnte, zumal als er die Stimme des Schmieds rufen hörte: »Popanz, komm Du zuletzt und mach die Falltür fest hinter Dir zu!« »Habt Ihr nun genug von Wieland, dem Schmied, gesehen?« flüsterte die Range Tressilian zu mit einem pfiffigen Grinsen, als durchschaue er die Unschlüssigkeit des Herrn. »Noch nicht,« sagte Tressilian fest, und er schüttelte die zaghafte Anwandlung von sich und stieg die enge Treppe hinab. Dickie Schlamm folgte ihm und machte die Tür hinter sich zu, so daß nun auch nicht der leiseste Schimmer von Tageslicht mehr hereinfiel. Es ging jedoch nur ein paar Stufen hinunter, dann ging es durch einen ebenfalls nur wenige Schritte langen Gang, an dessen Ende der Schein eines grellroten Lichts erschien. An diesem Punkte, mit dem Schwerte in der Hand, angelangt, stand Tressilian nach einem Schritt nach links in einem kleinen, viereckigen Gewölbe, das als Schmiedewerkstatt eingerichtet war, ein mächtiges Kohlenfeuer brannte, dessen Dunst den Raum mit erdrückendem Qualm gefüllt hätte, wenn nicht durch ein verborgnes Luftloch die unterirdische Schmiede mit der Außenluft in Verbindung gestanden hätte. Bei dem Licht, das das Feuer und eine an einer Eisenkette hängende Lampe verbreiteten, sah man einen Ambos, Blasebälge, Zangen, Hammer, eine Menge fertiger Hufeisen und andre zum Handwerk eines Schmieds gehörige Gegenstände, außerdem aber auch Schmelztiegel, Destillierkolben, Retorten und andre Instrumente der Alchimie. Die groteske Gestalt des Schmieds und die häßlichen, bizarren Gesichtszüge des Knaben stimmten in der Beleuchtung des zuckenden, unvollkommenen Schmiedefeuers und der heruntergebrannten Lampe wunderbar zu all diesem mystischen Kram und hätten in diesem Zeitalter des Aberglaubens wohl manchen Mann mit Furcht und Grausen erfüllt. Aber Tressilian hatte von Natur eiserne Nerven, und seine an sich sorgfältige Erziehung und vorzügliche Bildung hatte er später durch anhaltendes Studium zu sehr vervollkommnet, als daß ihm irgend welcher Aberglaube etwas hätte anhaben können. Er warf einen Blick um sich her und fragte dann den Schwarzkünstler nochmals, wer er wäre und durch welchen Zufall er seinen Namen erfahren hätte, mit dem er ihn vorhin angeredet habe. »Euer Gnaden werden sich noch erinnern,« sagte der Schmied, »daß vor drei Jahren am Tage der heiligen Lucie ein wandernder Zauberer in ein Herrenhaus in Devonshire kam und vor einem würdigen Ritter und einer vornehmen Gesellschaft seine Künste zeigte – ich sehe an dem Gesicht Eurer Gnaden, daß, so unangenehm diese Erinnerung sein mag, mein Gedächtnis mich doch nicht getäuscht hat.« »Du hast genug gesagt,« erwiderte Tressilian und wandte sich ab, als wollte er vor dem Mann den Schmerz verbergen, den diese Erinnerung plötzlich in ihm erweckte. »Der Gaukler,« fuhr der Schmied fort, »spielte seine Rolle so gut, daß die Strohköpfe von Landadligen, die zugegen waren, wirklich glaubten, die Sache ginge nicht mit rechten Dingen zu, aber es war ein junges Mädchen von etwa fünfzehn Jahren dabei, mit dem hübschesten Gesicht, das ich je gesehen, deren rosige Wange wurde bleich und ihr helles Auge wurde trübe, als sie die vorgeführten Wunder sah.« »Schweig, ich befehl es Dir, schweig!« unterbrach ihn Tressilian. »Ich will Euer Gnaden nicht kränken,« sagte der Mann, »aber ich habe alle Ursache, noch daran zu denken, wie Ihr das junge Mädchen von der Furcht befreitet und Ihr genau die Art und Weise erklärtet, wie das Gaukelspiel bewerkstelligt wurde, und Ihr brachtet den armen Gaukler ganz aus seinem Konzept, indem Ihr seine Geheimnisse so klarlegtet, als wäret Ihr selber ein Bruder von der Zunft gewesen.« »Kein Wort mehr davon!« versetzte Tressilian. »Mich dünkt,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort, »Du warst in jenen Tagen ein fideler Bursche, der eine ganze Gesellschaft mit Gesängen und Anekdoten und Geigenspiel so gut wie mit Deinen Gaukeleien zu erheitern wußte. Wie kommt es, daß ich Dich jetzt als einen Handwerksmann wiederfinde, der sein Gewerbe an einem so traurigen Orte und unter so seltsamen Umständen betreibt?« »Meine Geschichte ist nicht lang,« sagte der Gaukler, »aber Euer Ehren setzte sich lieber wohl beim Zuhören.« Mit diesen Worten rückte er einen dreibeinigen Schemel ans Feuer und nahm sich selber einen zweiten, während Dickie Schlamm sich zu Füßen des Schmieds niederhockte und mit einem von gespannter Neugierde wunderlich verzogenen Gesicht zu dem Schmied emporsah. »Beginnt Eure Erzählung,« sagte Tressilian, »denn meine Zeit ist kostbar.« »Es soll Euch nicht gereuen, sie mir gewidmet zu haben,« sagte der Schmied, »denn Euer Pferd soll inzwischen ein bessres Futter erhalten als heute morgen, daß es neue Kräfte zur Weiterreise erhält.« Mit diesen Worten ging er hinaus und kehrte nach einigen Minuten zurück. Elftes Kapitel. »Ich wurde zum Grobschmied erzogen,« begann der Schwarzkünstler seine Erzählung, »und ich verstand meine Kunst so gut wie nur je ein rußiger Jünger dieser edeln Zunft. Aber ich wurde des ewigen Gehämmers überdrüssig und zog hinaus in die Welt, wo ich mit einem berühmten Schwarzkünstler bekannt wurde, dessen Finger aber mit der Zeit zu steif wurden zu seinem Hokuspokus und der gern einen Gehilfen in seiner edeln Kunst haben wollte. Ich diente ihm sechs Jahre, bis ich selber Meister in meinem Fache war. Nicht lange nachdem ich bei Sir Hugh Robsart im Beisein Eurer Gnaden eine Vorstellung gegeben hatte, ging ich zur Bühne und habe mit den besten Schauspielern um die Wette agiert – aber ich weiß nicht, es gab in diesem Jahre sehr viel Aepfel, und die Rangen auf der Galerie bissen immer nur ein Stückchen ab und warfen dann den Rest dem Schauspieler, der gerade auf der Bühne war, an den Kopf. So kriegte ich denn auch das satt – verzichtete auf meinen Gewinnanteil – gab meinen ganzen Kram an Kostümen meinen Kameraden – und schüttelte den Staub des Theaters von meinen Füßen. Darauf wurde ich halb Assistent, halb Diener eines sehr kundigen, aber nicht eben vermögenden Mannes, der dem ärztlichen Berufe oblag. Wir trieben unsere Praxis in etwas abenteuerlicher Weise, und die Medikamente, die ich in meinen ersten Studien in der Pferdeheilkunde erlernt hatte, wurden oft genug für menschliche Patienten verschrieben. Aber der Same, aus dem alle Krankheit erwächst, ist immer der gleiche, und wenn Terpentin, Teer, Pech und Rindertalg, vermischt mit Gelbwurz, Mastix und einer Knoblauchknolle das Pferd heilen kann, das sich an einem Nagel verwundet hat, so sehe ich nicht ein, warum dasselbe nicht auch einem Menschen gut tun sollte, der mit einem Schwerte gekitzelt worden ist. Aber meines Meisters Praxis wie auch seine Kenntnisse waren den meinen weit überlegen, und er ließ sich auch in gefährlichere Dinge ein. Er machte nicht nur physikalische Experimente der kühnsten und gewagtesten Art, sondern er war auch, wenns gerade mal so sein sollte, auch ein Schwarzkünstler, der in den Sternen las und nach dem Horoskop das Schicksal der Menschen erkundete. Er kannte alle Geheimnisse der Kräutermischung und der Chemie – stellte allerlei Versuche an, Quecksilber zu fixieren und hatte seiner Ueberzeugung nach um ein Haar sogar den Stein der Weisen gefunden. Ich habe selber noch eine schematische Ausstellung von ihm über die diesbezüglichen Experimente.« Er reichte Tressilian eine Pergamentrolle, auf der am Kopfe, am Fuße und an der Seite die Zeichen der sieben Planeten standen, seltsam vermischt mit kabbalistischen Zeichen und griechischen und hebräischen Brocken. In der Mitte standen ein paar lateinische Verse, die so deutlich geschrieben waren, daß Tressilian sie sogar in der undeutlichen Helle des Gewölbes entziffern konnte. »Ich muß gestehen,« sagte Tressilian, »ich kann von dem Kauderwelsch nichts weiter verstehen, als daß die letzten Worte ungefähr bedeuten: »Nimm, was Du kriegen kannst.« »Dies,« sagte der Schmied, »war auch der Grundsatz dieses würdigen Freundes und Meisters Doktor Doboobie, und ihm ist er immer treu geblieben, bis er an seinen eignen Phantastereien zum Narren wurde und im Dünkel auf seine Kunst in der Chemie Verschwender wurde und sich selber um das Geld betrog, das er andern abgaunerte. Auch mich versuchte er zu betrügen, aber obgleich ich ihm nie Unannehmlichkeiten machte und mich nie mit ihm entzweite, so sah er doch, daß ich zu viel von seinen Geheimnissen wußte, um noch länger ein harmloser und ungefährlicher Genosse zu sein. Inzwischen wurde er immer berühmter oder richtiger berüchtigter, und seine vermeintliche Kenntnis aller okkulten Wissenschaften zog ihm die geheime Kundschaft von Männern ein, die zu mächtig sind, als daß ich sie nennen dürfte, und die ihn zu Zwecken brauchten, die zu unheimlich sind, als daß ich sie verraten dürfte. Die Menschen verfluchten und bedrohten ihn und gaben mir, dem unschuldigen Gehilfen seiner Studien, den Beinamen Teufelsfaktotum, und ein Steinhagel empfing mich, sobald ich mich auf der Straße sehen ließ. Endlich verschwand mein Herr plötzlich – er wollte mir weis machen, er ginge auf sein Laboratorium in Farringdon, und verbot mir, ihn zu stören, ehe noch zwei Tage herum wären. Als nun diese verstrichen waren, wurde mir bange, und ich ging nach Farringdon ins Laboratorium und fand die Feuer ausgelöscht und alles Gerät in wirrer Unordnung, und ein Schreiben war da von Doktor Doboobie, denn so unterschrieb er sich, in welchem er mir mitteilte, daß wir uns nie wiedersehen würden. Er gebe seine ganzen chemischen Apparate in meine Hände, wie auch das Pergament, das ich eben Euch habe lesen lassen, und legte mirs dringend ans Herz, seinem Geheimnis fleißig weiter nachzuspüren – ich würde dann unfehlbar zur endlichen Entdeckung des großen Magisteriums gelangen.« »Und hast Du diesen weisen Rat befolgt?« fragte Tressilian. »Verehrter Herr, nein,« antwortete der Schmied. »Ich bin von Natur vorsichtig und mißtrauisch, ich war es um so mehr, da ich ja wußte, mit wem ich es zu tun hatte – so habe ich alles so genau und so oft durchsucht, ehe ich auch nur ein Feuer anzuzünden wagte, daß ich endlich ein Fäßchen Schießpulver entdeckte, das sorgfältig unter dem Herde versteckt war, gewiß zu keinem andern Zwecke, als daß mit dem Augenblick, wo ich das große Werk der Verwandlung von Metallen in Angriff nehmen würde, die Explosion das Gewölbe und alles in einen Haufen von Trümmern verwandeln sollte, der mich unter sich hätte begraben müssen. Das hat mich von der Alchimie kuriert, und gern wäre ich zu meinem ehrlichen Hammer und Ambos zurückgekehrt, aber wer hätte wohl ein Pferd zum Beschlagen zu mir, dem Teufelsfaktotum, gebracht? Inzwischen hatte ich aber schon die Gunst dieses meines ehrlichen Popanzes hier erworben, denn er war damals in Farringdon mit seinem Magister, dem weisen Erasmus Feiertag. Ich hatte ihm ein paar Geheimnisse mitgeteilt, wie sie Jungen seines Alters Spaß machen; und nachdem wir viel mit einander beraten hatten, kamen wir zu dem Entschlusse, da ich auf ehrliche Weise keine Arbeit finden würde, es zu versuchen, ob ich unter den unwissenden Menschen Beschäftigung finden könnte, indem ich auf ihren albernen Aberglauben spekulierte. Und dank meinem guten Popanz, der wacker dafür sorgte, daß mein Ruf sich im Lande verbreitete, hat es mir auch an Kundschaft nicht gefehlt. Aber ich habe diese Kundschaft unter zu großen Gefahren erworben, und ich fürchte, sie werden mich endlich als einen Hexenmeister aufgreifen, und ich warte nur auf eine günstige Gelegenheit, diese Höhle zu verlassen, sobald ich auf den Schutz eines ehrenwerten und angesehenen Mannes gegen die Wut der Bevölkerung, falls sie mich erkennen sollten, rechnen darf.« »Und bist Du,« fragte Tressilian, »vollkommen bekannt mit den Wegen in diesem Landstrich?« »Ich würde mich um Mitternacht zu Pferde zurecht finden,« antwortete Wieland, der Schmied. »Du hast aber kein Pferd,« sagte Tressilian. »Verzeiht,« versetzte Wieland, »ich habe einen ganz guten Gaul – ich vergaß zu sagen, daß dieses Pferd das beste war an dem ganzen Vermächtnis des Arztes.« »Dann wasche Dich und kämme Dich,« sagte Tressilian, »kleide Dich ordentlich an, so gut es geht, lege diese grotesken Lumpen ab, und wenn Du verschwiegen und treu sein willst, so sollst Du auf kurze Zeit bei mir bleiben, bis Dein Hokuspokus hier vergessen ist. Ich habe etwas vor, was Geschicklichkeit und Mut erheischt, und ich glaube, Dir fehlt es an beidem nicht.« Wieland, der Schmied, nahm begierig den Vorschlag an und gelobte seinem neuen Herrn Treue und Ergebenheit. In ein paar Minuten hatte er seine frühere Erscheinung so wesentlich umgeändert, indem er die Kleidung wechselte und sich Haar und Bart schor und kämmte, daß Tressilian selber zugeben mußte, er bedürfe eigentlich kaum eines Beschützers, da seine alten Bekannten ihn in dem neuen Aufzuge nicht erkennen würden. Wieland schritt voran aus der Höhle. Dann rief er Popanz, der nach kurzem Zögern mit dem Sattelzeug des Pferdes erschien. Wieland machte die Falltür zu und breitete sorgfältig das Gestrüpp darüber hin, um sie unsichtbar zu machen. Er würde die Höhle vielleicht im Notfalle noch einmal brauchen können, bemerkte er, auch sei das Werkzeug nicht ohne Wert. Auf einen Pfiff kam ein Gaul heran, der gemächlich auf der Gemeindewiese weidete und an das Zeichen gewöhnt war. In wenigen Minuten waren Tressilian und Wieland zur Reise fertig. Da kam Schlamm herbei, um ihnen Lebewohl zu sagen. »Also wollt Ihr mich verlassen, mein alter Spielkamerad,« sagte der Junge, »und so ist unser Possenspiel und all unser Jux mit den feigen, furchtsamen Dummerianen, die ich hierher an Eure Teufelsschmiede brachte, ein- für allemal zu Ende?« »So ist es,« sagte Wieland, der Schmied, »die besten Freunde müssen sich trennen, Popanzchen, Du aber, mein Junge, bist das einzige, was ich in diesem Tale von Whitehorse eigentlich mit Bedauern zurücklasse.« »Nun, ich sage Dir auch gar nicht Lebewohl,« sagte Dickie Schlamm, »denn Du wirst doch an dem Feste teilnehmen, denk ich, und wenn mich Magister Feiertag nicht mitnimmt, dann beim Lichte des Tages, das wir dort in der dunklen Höhle nicht sehen konnten, dann gehe ich allein hin.« »Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Wieland, »ich bitte Dich nur, handle nie vorschnell und unbedacht.« »Ei, wollt Ihr denn jetzt auf einmal ein Kind aus mir machen – ein ganz gewöhnliches, alltägliches Kind, daß Ihr mir vorhaltet, wie gefährlich es sei, ohne Gängelband zu gehen? Aber ehe Ihr eine Meile weg seid, sollt Ihr an einem sichern Zeichen erkennen, daß ich mehr vom Popanz an mir habe, als Ihr glauben mögt.« Die Reiter saßen auf und entfernten sich in flottem Trabe, nachdem Tressilian seinem Führer die Richtung angegeben hatte. Als sie fast eine Meile geritten waren, äußerte Tressilian zu seinem Gefährten, es falle ihm auf, daß sein Pferd weit leichter gehe als am Morgen. »Verspürt Ihr das?« sagte Wieland lächelnd. »Das macht mein kleines Geheimnis. In eine Handvoll Hafer habe ich Eurem Pferde etwas beigemischt, daß Euer Gnaden sechs Stunden lang mindestens ihm keine Sporen zu geben brauchen. Medizin und Arzneikunde habe ich nicht umsonst studiert.« »Wird Eure Mixtur auch meinem Pferde nichts schaden?« »Nicht mehr als ihm die Milch der Stute geschadet hat, die es geworfen hat,« antwortete der Tausendkünstler. Er wollte noch weiter über die Vorzüglichkeit seines Rezeptes sprechen, aber ein lauter und furchtbarer Knall, wie der einer Mine, die die Wälle der umlagerten Stadt sprengt, unterbrach ihn. Die Pferde scheuten, und die Reiter waren gleichfalls überrascht. Sie wandten sich um, nach der Richtung zu schauen, in der der Donnerkrach erschollen war, und sahen genau auf dem Flecke, den sie vor kurzem erst verlassen hatten, eine große, dunkle Rauchsäule hoch in die klare, blaue Atmosphäre des Himmels emporsteigen. »Meine Behausung ist vernichtet,« sagte Wieland, dem die Sache sofort klar war, »ich war ein Narr, daß ich erzählt habe, was der Doktor mit mir in seinem Laboratorium geplant hatte – wenigstens hätte ich es nicht vor diesem Taugenichts, diesem Popanz, sagen sollen. Ich hätte mir gleich denken können, daß es ihn an allen Fingern jucken würde, einen solchen Streich zur Ausführung zu bringen. Aber laßt uns rasch unsers Weges eilen, sonst treibt der Knall die ganze Bevölkerung an den Fleck.« Mit diesem Worte gab er seinem Pferde die Sporen, und Tressilian hielt Schritt mit ihm. Die Nacht verbrachten sie in einem kleinen Gasthofe. Früh am nächsten Morgen brachen sie auf und gelangten nun ohne weitere Zwischenfälle nach Wiltshire und Somerset, und am Abend des dritten Tages, nachdem Tressilian Cumnorplace verlassen hatte, langten sie in dem an der Grenze von Devonshire gelegenen Landsitze Lidcote-Hall des Ritters Hugh Robsart an. Zwölftes Kapitel. Der alte Landsitz Lidcotehall lag nahe bei dem gleichnamigen Dorfe und grenzte an den wilden, ausgedehnten Wald von Exmoor, in welchem ein reicher Wildstand vorhanden war; mancherlei alte, der Familie Robsart gehörige Rechte gaben Sir Hugh die Befugnis, seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd, hier nachzugehen. Das alte Herrenhaus war ein niedriges, ehrwürdiges Gebäude, das einen beträchtlichen Bodenraum, von Morast umgeben, einnahm. Der Zugang und die Zugbrücke wurden von einem achteckigen Turm aus altem Ziegelwerk verteidigt, der aber mit Efeu und andern Kletterpflanzen so überwachsen war, daß man nur schwer erkennen konnte, aus was für Material er gebaut war. Die Winkel des Gebäudes waren mit Türmchen geschmückt, die in Gestalt und Größe eine wunderliche Verschiedenheit aufwiesen, und zufolgedessen mit jenen eintönigen Pfefferbüchsen aus Stein nicht die geringste Ähnlichkeit hatten, die zu dem gleichen Zwecke in moderner Gotik Verwendung finden. Einer dieser Türme war viereckig und diente als Glockenturm. Aber die Uhr an seinem Frontispiz stand jetzt still; ein Umstand, der besonders Tressilian höchst unangenehm berührte, weil der brave, alte Ritter, neben andern unschuldigen Eigentümlichkeiten, es nie unterlassen konnte, sich ganz genau um die Zeit zu kümmern, eine Mode, die man so häufig bei Leuten antrifft, die mit ihrer Zeit sonst nichts anzufangen wissen und sich von Langeweile schwer bedrückt fühlen. Bei Kaufleuten, wenn sie nichts zu tun haben, kann man ja auch die Beobachtung machen, daß sie dann von ihren Waren ein haarkleines Verzeichnis aufnehmen. Der Zugang zu dem Hofe des alten Herrensitzes führte durch einen von dem vorerwähnten Turme überragten Torweg, und ein Flügel des mit Eisen beschlagenen Tors stand offen, ohne daß sich jemand darum zu kümmern schien. Tressilian ritt eilig über die Zugbrücke und in den Hof, wo er mit lauter Stimme die Dienstboten bei ihren Namen rief. Eine Zeitlang gab ihm bloß das Echo Antwort und das Geheul der Hunde, deren Pferch nicht weit von dem Herrensitze lag und von demselben Graben umgeben war. Endlich kam Will Badger, der alte und bevorzugte Diener des Ritters, der bei ihm den Kammerdienst versah und auch seinen Leibesübungen vorstand, zum Vorschein. Der rüstige, wetterharte Weidmann bezeigte große Freude, als er Tressilian erkannte. »Gott Lob und Dank,« sagte er, »Junker Edmund, bist Du es denn in Fleisch und Bein? ... Dann kann es wohl sein, daß Du Sir Hugh gelegen und zu nutze kommst, denn mit ihm auszukommen, geht über Menschenwitz, das heißt über meinen und über den des Pfarrers und über den Meister Mumblazens.« »Geht es denn schlechter mit Sir Hugh, seit ich weg bin, Will?« fragte Tressilian. »Was das körperliche Befinden angeht, nein, da gehts im Gegenteil besser,« versetzte der Diener, »aber er ist wohl oben nicht mehr so, wie er war, er ißt und trinkt aber so, wie immer, dagegen schläft er nicht, oder vielmehr wacht nicht auf, denn er ist immer in einer Art von Dämmerstimmung, die weder Schlafen noch Wachen ist. Frau Swineford hat gedacht, es sei so was wie Schlagfluß. Aber nein, nein, Frau, hab ich gesagt, das Herz ists, das Herz!« »Läßt sich denn sein Geist nicht aufheitern durch Zeitvertreib dieser Art oder jener?« fragte Tressilian. »Er mag von allem Vergnügen nichts mehr sehen und hören,« versetzte Will Badger, »hat weder Domino noch Häufelspiel angerührt, noch mit Meister Mumblazen einen Blick getan in das große Traumbuch. Ich habe die Uhr ablaufen lassen in der Meinung, es möchte ihn ein bißchen aufrütteln, wenn er die Uhr einmal nicht schlagen hört; denn Ihr wißt doch, Junker Edmund, hinsichtlich der Zeit nahm er es immer sehr genau; aber er hat nie ein Wort darüber geäußert, und so darf man wohl die alte Klingel wieder in Gang setzen. Ich hab sogar die Courage gehabt, dem Bungay auf den Schwanz zu treten, und Ihr wißt recht gut, welchen Tanz zu andrer Zeit das für mich abgesetzt hätte – aber das Gewinsel des armen Kerls hat ihn diesmal so wenig gekümmert, wie das Geschrei einer Waldeule, die sich in unsern Schornstein verflogen hat. Wie gesagt, mir ist das ein Rätsel.« »Du kannst mir ja das andre drin erzählen, Will. ... Inzwischen laß den Mann da in die Speisekammer führen und mit Achtung behandeln. Er ist nämlich einer von der Kunst.« »Von was wohl für einer? Von der weißen oder schwarzen?« erwiderte Will Badger, »ich möchts wissen, um zu wissen, ob er mit seiner Kunst uns helfen kann oder nicht. Hier, Kellnerbub, guck Dir den Mann von der Kunst an und sieh zu, daß er Dir keinen von Deinen Löffeln maust,« setzte er im Flüsterton, zu dem Kellnerbuben gewandt, hinzu, »ich habs erlebt, daß mancher mit grundehrlichem Gesicht pfiffig genug war, so was zu machen.« Darauf schob er Tressilian in ein niedriges Zimmer, sah jedoch auf seinen Wunsch erst nach, in welchem Zustande sich sein Herr befand, damit nicht die plötzliche Wiederkehr seines lieben Mündels und vermutlichen Schwiegersohns ihm allzu nahe gehen möge. Er kam alsbald zurück und sagte, Sir Hugh schlummere in seinem Lehnstuhl, aber Meister Mumblazen wolle Junker Tressilian auf der Stelle melden, wenn er aufwache. »Aber es fragt sich, ob er Euch kennt,« sagte der Weidmann, »denn er weiß ja von keinem Hunde in der Koppel den Namen mehr. Es mögen wohl acht Tage her sein, seit es mir vorkam, als sei es ein wenig besser geworden. Da sagte er nämlich: ›Sattle mir die alte Sorrel‹, und zwar ganz plötzlich, nachdem er aus dem großen silbernen Ehrenbecher seinen üblichen Nachttrunk genommen hatte, ›und schaff morgen die Hunde auf den Haselhorstberg‹. Jesus, waren wir da alle vergnügt, und draußen hatten wir ihn in aller Frühe, und er ritt munter und flott wie sonst; doch was er sagte, war weiter nichts, als daß der Wind aus Süden komme und daß die Witterung trügen werde. Und ehe wir die Hunde von der Koppel hatten, fing er an, um sich herum zu stieren, wie jemand, der plötzlich aus einem Traume aufwacht ... reißt sein Tier herum und rast zur Halle zurück und überläßts uns, ob wir weiter jagen wollen oder nicht.« »Ihr erzählt uns eine gar trübe Geschichte, Will,« versetzte Tressilian, »aber Gott helfe uns weiter, von Menschen ist hier nichts mehr zu hoffen.« »Dann bringt Ihr uns wohl keine Kunde vom jungen Fräulein Amy? Aber wozu brauche ich da zu fragen? Erzählt doch Eure Stirn, wie die Dinge stehen. Immer habe ich gehofft, daß, wenn sie jemand bringen könnte oder brächte, Ihr dieser jemand sein müßtet. Ach, jetzt ist alles vorbei und verloren. Treff ich aber diesen Varney mal in Pfeilschußweite, dann will ich ihm einen sein gespitzten Bolzen in den Leib jagen; das schwör ich bei Salz und Brot.« Dieweil er so sprach, ging die Tür auf und Meister Mumblazen erschien, ein vertrockneter, dürrer, ältlicher Mann, dessen Wangen aussahen, wie ein Winterapfel, dessen graues Haar von einem kleinen Hütchen verdeckt wurde, das wie ein Kegel geformt war oder vielmehr wie ein Stachelbeerkorb, wie ihn die Obsthöker in London vor ihre Fenster hängen. Er war eine zu gesetzte Person, um auf eine bloße Begrüßung Worte zu verschwenden; darum lud er Tressilian, nachdem er ihn mit einem Nicken und einem Händedruck bewillkommnet hatte, ein, ihm in Sir Hughs großes Zimmer zu folgen, das der brave Ritter in der Regel bewohnte. Will Badger folgte ihnen, wenn man ihn auch nicht dazu aufgefordert hatte, weil er zu ängstlich besorgt war um seinen Herrn, und auf alle Fälle sehen wollte, ob ihn Tressilians Ankunft aus seinem apathischen Zustande reißen werde oder nicht. In einem langen,, niedrigen, mit Jagdgerät und Jagdbeute reich verzierten Gemache, neben einem ganz aus Steinen gebauten Kamin, über dem ein Schwert und eine Rüstung hingen, beide verstaubt und lange Zeit nicht geputzt, saß Sir Hugh Robsart von Lidcote, ein Mann von stattlicher Größe, den bloß fleißige Motion vor Korpulenz bewahrt haben mochte. Es kam Tressilian so vor, als ob die Lethargie, unter der sein alter Freund zu leiden schien, schon in den wenigen Wochen seiner Abwesenheit dessen Umfang vermehrt habe, zum wenigsten hatte sie die Lebendigkeit seines Gesichtsausdrucks erheblich beeinträchtigt. Langsam folgten seine Augen, als er mit Meister Mumblazen in das Gemach trat, erst diesem bis zu einem großen Eichenpult, auf dem ein wuchtiger Band aufgeschlagen lag, dann heftete es sich, wie voll Ungewißheit, auf den Fremden, der mit Meister Mumblazen eingetreten war. Der Pfarrer, ein grauhaariger Herr, der in den Tagen der Königin Maria Beichtvater bei Hofe gewesen war, saß in einem andern Winkel des Gemachs, mit einem Buch in der Hand. Auch er nickte Tressilian trübe zu und legte sein Buch beiseite, um zu beobachten, welche Wirkung das Erscheinen desselben auf den mit Kummer beladenen alten Mann machen würde. Als Tressilian, dem gleichfalls Tränen in den Augen ständen, sich dem Vater seiner angelobten Braut mehr und mehr näherte, schien Sir Hughs Verstand sich wieder zu beleben. Er tat einen schweren Seufzer, wie jemand, der aus einem Zustande von Starrsucht aufwacht, dann glitt ein leichter Krampf über seine Züge; ohne ein Wort zu sprechen, breitete er die Arme aus und schloß Tressilian, als dieser sich in seine Arme warf, an seinen Busen. »So ist mir doch etwas noch geblieben,« waren die ersten Worte, die er hervorstieß, und während sie den Weg über seine Lippen nahmen, machte er seinen Empfindungen Luft in einem Weinkrampf, und die Tränen schossen ihm über seine sonnverbrannten Wangen und seinen langen, weißen Bart. »Ich habe nie im Leben gedacht, daß ich Gott für Tränen danken würde, die mein Herr vergießt,« sagte Will Badger, »aber jetzt tue ich es, ob ich gleich mit ihm um die Wette weinen möchte.« »Ich will Dir keine Fragen stellen,« sagte der alte Ritter, »keine Fragen – keine, Edmund – Du hast sie nicht gefunden, oder so Du sie gefunden, so wäre es besser, sie wäre verloren.« Tressilian war nicht imstande zu erwidern, außer daß er die Hände vor das Gesicht legte. »Es ist genug ... es ist genug. Aber weine nicht um sie, Edmund. Ich habe Ursache zu weinen, denn sie ist meine Tochter ... Du hast Ursache, Dich zu freuen, daß sie Dein Weib nicht geworden ist. ... Du droben im Himmel, großer Gott! Du weißt am besten, was für uns gut ist ... es war mein Gebet zu Dir in der Nacht, daß ich Amy und Edmund als Paar sehe ... wäre meine Bitte erfüllt worden, so hätten sich zu meiner Bitternis jetzt noch Gewissensbisse gesellt.« »Tröste Dich, Freund!« sprach der Pfarrer, sich zu Sir Hugh wendend, »es ist ja gar nicht möglich, daß die Tochter all unsrer Hoffnung, all unsrer Liebe das schlechte Geschöpf sein sollte, als das Du sie Dir denkst.« »O, nein, nein,« erwiderte Sir Hugh mit Ungeduld, »ich täte unrecht, wenn ich sie rund heraus mit dem gemeinen Wort benennen wollte, das sie sich verdient hat ... nein! Es gibt sicher irgendeinen neuen hofmäßigen Ausdruck dafür, ganz gewiß, ganz gewiß! Ehre genug für die Tochter eines alten Devonshireedelmanns, daß sie die Liebste eines lustigen Hofmannes geworden ist ... noch dazu eines Varney ... eines Varney, dessen Großvater von meinem Vater ausgelöst wurde, als sein Vermögen zertrümmert wurde in der Schlacht von ... der Schlacht von ... wo Richard erschlagen wurde ... verschwunden ists aus meinem Gedächtnis! ... Und ich wette drauf, es kann mir keiner von Euch drauf helfen. ...« »In der Schlacht von Bosworth,« sagte Meister Mumblazen, »die zwischen Richard Crookback und Henry Tudor, dem Großvater der Königin, die jetzt auf dem Throne sitzt, primo Henrici Septimi, und im Jahre eintausend vierhundert und achtundfünfzig post Christum natum geschlagen wurde.« »Richtig ... genau so ...« sprach der alte Ritter, »ein jedes Kind weiß es.. Aber mein armes Gedächtnis hat es vergessen, mein armes Gedächtnis vergißt alles, wessen es sich erinnern sollte, und behält bloß, was es vergessen, ach, am ehesten vergessen sollte! Mein Hirn, Tressilian, mein Hirn hat mich im Stiche gelassen fast die ganze Zeit über, die Du weg warst, und auch jetzt rennt es schon wieder auf und davon!« »Euer Ehren,« sagte der wackre Geistliche, »zöge sich besser in Euer Wohngemach zurück und versuchte eine kurze Zeit zu schlafen ... der Arzt hat einen beruhigenden Trank dagelassen ... und unser großer Arzt dort droben hat uns befohlen, Mittel, die die Erde spendet, zu brauchen, damit wir gekräftiget werden, die Prüfungen zu tragen, die er über uns verhängt.« »Richtig, richtig, alter Freund,« sprach Sir Hugh, »und wir werden unsre Prüfungen männlich tragen ... wir haben ja doch bloß ein Frauenzimmer verloren. – Sieh, Tressilian,« ... bei diesem Worte zog er eine lange Locke blonden Haares aus seinem Busen – »sieh hier diese Locke! ... Ich sage Dir, Edmund, in jener selben Nacht, als sie verschwand, als sie mir guten Abend wünschte, wie es ihre Gewohnheit war, da hing sie an meinem Halse und herzte mich inniger als sonst; und ich, wie ein alter Narr, ich hielt sie an dieser Locke, hielt sie fest, bis sie die Schere nahm und die Locke abschnitt und sie in meiner Hand ließ ... als das ... als das ... das einzige, was ich je noch von ihr sehen sollte!« Tressilian war außer stande zu sprechen, denn er empfand nur zu gut, welch ein Wirrwarr von Empfindungen den Busen des unglücklichen Flüchtlings in diesem grausamen Augenblick zerreißen mußte. Der Geistliche war im Begriff, das Wort zu nehmen, aber Sir Hugh kam ihm zuvor. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt, Herr Pfarrer! ... Schließlich ist es doch bloß eine Locke aus eines Weibes Haar ... und durch das Weib kam Schmach und Sünde und Tod in die Welt, in eine unschuldige Welt ... o, und unser gelahrter Herr Mumblazen kann von philosophischen Dingen auch genug sagen über des Weibes untergeordnete Bedeutung im All.« » C'est l'homme ,« sagte Meister Mumblazen, » qui se bast et qui conseille .« »Richtig,« sagte Sir Hugh, »und wir wollen uns darum betragen wie Männer, die beides, Mut und Weisheit, in sich tragen. – Tressilian, Du bist genau so willkommen, wie wenn Du frohere Kunde brächtest. Aber wir haben zu lange gesprochen, ohne die Lippen zu feuchten ... . Amy, füll Edmund einen Becher Wein und einen andern mir!« ... Dann besann er sich im Augenblick, daß er jemand rief, der ihn nicht hören konnte, er schüttelte das Haupt und sagte zu dem Geistlichen: »Dieses Herzeleid ist für ein verstörtes Gemüt, was die Lidcoter Kirche für unsern Park ist: wir können uns wohl eine Weile zwischen den Büschen und Sträuchern verlaufen, aber wir sehen doch immer den alten, grauen Turm und das Grab meiner Ahnen. Ach, trügen sie mich doch morgen schon diesen Weg!« Tressilian und der Geistliche drangen zusammen in den erschöpften, alten Mann, sich zur Ruhe zu begeben, und erreichten es auch endlich, daß er sich ihren Bitten fügte. Tressilian blieb so lange an seinem Bette sitzen, bis er sah, daß sich der Schlummer auf seine Lider gesenkt hatte. Dann kehrte er zurück, um mit dem Prediger zu beraten, welche Schritte unter solchen unseligen Umständen zu tun seien. Meister Michael Mumblazen konnten sie von diesen Betrachtungen nicht ausschließen, und sie zogen ihn um so lieber dabei zu Rate, als sie nicht bloß alles von seinem Scharfsinn hoffen durften, als auch ihn als einen so großen Freund von Schweigsamkeit hielten, daß sie in seine Eignung zum Berater keinen Zweifel setzen konnten. Er war ein alter Junggeselle aus guter Familie, aber ohne Vermögen und mit dem Hause Robsart weitläufig verwandt. Zufolge dieser Beziehung war Lidcotehall wahrend der letztverflossenen zwei Jahrzehnte durch seinen Aufenthalt ausgezeichnet worden. Seine Gesellschaft war Sir Hugh angenehm, hauptsächlich seines großen Wissens wegen, das, wenn es sich auch in der Hauptsache auf Wappenkunde und Genealogie beschränkte, wie auf denjenigen Teil von Geschichte, der zu diesen Wissenschaften in Beziehung stand, doch dem wackern, alten Ritter so imponierte, daß er den alten Junggesellen nur ungern vermißt hätte. Außerdem war es ihm sehr recht, immer einen Freund in dem alten Junggesellen zur Hand zu haben, an den er sich wenden konnte, wenn sich sein eigenes Gedächtnis, wie es leider recht oft geschah, als schwach erwies und ihn betreffs Namen und Jahreszahlen irreführte, in welchen Fällen dann Meister Michael Mumblazen mit pflichtschuldiger Kürze und Diskretion einsprang und nachhalf. Dieser Herr gab auch wirklich oft in Fragen, die die moderne Welt angingen, in seiner prägnanten und heraldischen Redeweise guten Rat, der immer der Berücksichtigung wert war, oder, um sich in Will Badgers Sprache auszudrücken, er schoß das Wild, dieweil andere den Busch abklepperten. »Wir haben eine schlimme Zeit mit dem wackern Ritter durchgemacht, Junker Edmund,« sagte der Geistliche. »Soviel habe ich nicht gelitten, seit ich von meiner geliebten Herde gerissen und gezwungen wurde, sie den römischen Wölfen Zu überlassen.« »Das war in Tertio Mariae ,« sagte Meister Mumblazen. »Um Himmelswillen sagt uns bloß,« fuhr der Geistliche fort, »habt Ihr Eure Zeit besser angewandt, als wir die unsre, oder bringt Ihr irgendwelche Kunde von jenem unglücklichen Mädchen, das während so mancher Jahre die große Freude dieses niedergeschmetterten Hauses war, und nun sich als sein größtes Unglück erweist? Habt Ihr nicht wenigstens ihren Aufenthaltsort ausgekundschaftet?« »Das ja,« erwiderte Tressilian. »Ist Euch Cumnorplace bekannt in der Nähe von Oxford?« »Allerdings,« versetzte der Geistliche, »es war ein Zufluchtsort für die Mönche von Abingdon.« »Die Wappen der Mönche habe ich,« bemerkte Meister Michael, »über einem steinernen Kamin in der Halle gesehen ... ein gezacktes Kreuz zwischen vier Hämmerchen.« »Dort hat,« sagte Tressilian, »dieses unglückliche Mädchen seinen Aufenthalt genommen, und zwar in Gemeinschaft mit dem schurkischen Varney. Aber hatte nicht ein seltsames Mißgeschick obgewaltet, so hätte mein Schwert all unsre Schmach, wie auch die ihrige, an seinem unwürdigen Haupte gerächt.« »Sei Deinem Gott im Himmel dankbar, daß er Deine Hand von Blut reingehalten, Du unbesonnener, junger Mann,« antwortete der Pfarrer. »Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten. Besser, wir sinnen, wie sie aus den schimpflichen Netzen dieses Schufts befreit werden könne.« »In der Heraldik heißen diese Netze Laquai Amoris oder Lacs d'amour !« sagte Mumblazen. »Hierbei, Freunde, rechne ich auf Eure Hilfe, auf Euren Beistand,« erklärte Tressilian. »Ich bin entschlossen, diesen Bösewicht direkt am Fuße des königlichen Thrones der Falschheit, und Hinterlist, der Verführung und des Bruchs der Gastfreundschaft anzuklagen. Die Königin wird mich hören, wenn auch der Earl von Leicester, der Gönner dieses Schurken, ihre rechte Hand ist.« »Ihre Majestät hat ihren Untertanen ein erhabenes Beispiel von Enthaltsamkeit gegeben und wird ganz ohne Zweifel an diesem Verbrecher gegen das heilige Recht der Gastfreundschaft ein Exempel statuieren. Möchte es nicht aber besser sein, Du wendetest Dich zuerst an den Earl of Leicester, damit er selbst seinen Untertan in Strafe nehme? Gewährt der Earl of Leicester Dir recht, so ersparst Du Dir die Gefahr, Dir einen machtvollen Feind zu schaffen, was gar wohl der Fall sein könnte, wenn Du so ohne weiteres seinen Stallmeister und Günstling bei der Königin verklagst.« »Mein Gemüt empört sich gegen Euren Rat,« erwiderte Tressilian, »ich kann es nicht über mich bringen, die Sache meines edlen Beschützers, die Sache der unglücklichen Amy, vor einer andern Instanz als meiner Königin anhängig zu machen. Leicester ist edel, das willst Nu sagen, nun, magst Du recht haben . , . aber er ist ein Untertan wie wir selbst, und ich mag nicht vor ihn die Klage bringen, da ich Besseres zu tun imstande bin. Dennoch will ich dessen, was Du mir gesagt, eingedenk bleiben. Vorderhand muß ich Euch bitten, daß Ihr mir beisteht, den lieben Sir Hugh zu überreden, mich zu seinem Beauftragten und Vertrauten in dieser Sache zu machen, denn nicht in meinem Namen, sondern in dem seinigen muß ich das Wort führen. Seitdem sie soweit gesunken ist, daß sie ihre Liebe diesem hohlen, lüderlichen Höfling schenkt, soll er ihr wenigstens diejenigen Rechte zuteil werden lassen, die in seinem Vermögen stehen.« »Besser, sie stürbe coelebs und sine prole ,« sagte Mumblazen, mit höherm Feuer, als sonst in seiner Rede zu finden war, »als daß das edle Wappenschild der Robsart mit demjenigen eines solchen Bösewichts per pale sich einte!« »Falls es, wie mir nicht fraglich sein kann, Eure Absicht ist,« sagte der Geistliche, »den Ruf dieses unseligen, jungen Weibes wieder zu reinigen, so muß ich Euch von neuem ermahnen, Euch zu allererst an den Earl of Leicester zu wenden. Er ist in seinem Hause ganz ebenso unbeschränkter Gebieter und Herr, wie die Königin in ihrem Königreich, und wenn er dem Varney bedeutet, daß das und das zu geschehen habe, so wird doch die Ehre des Mädchens nicht so öffentlich breitgetreten.« »Ihr habt recht, Ihr habt recht,« erwiderte Tressilian hastig, »und ich bin Euch dankbar, daß Ihr mich aufmerksam macht auf etwas, was ich in meiner Hast übersehen habe. Hätte ich doch nie im Leben gedacht, Leicester um eine Gunst angehen zu müssen; aber knien könnte ich vor diesem stolzen Dudley, wenn dadurch die Ehre dieses unglücklichen Mädchens um einen Schatten heller würde. Ihr wollt mir also beistehen, die nötigen Vollmachten von Sir Hugh Robsart zu erlangen?« Der Geistliche versicherte ihn seines Beistandes, und der Heraldiker nickte. »Ihr müßt Euch auch bereit halten, falls Ihr darum angegangen werdet, die offenherzige Gastfreundschaft, die unser lieber Gönner diesem verräterischen Bösewicht erwiesen hat, und die schurkische List, die derselbe aufgewendet hat, seine unglückliche Tochter zu verführen, zu bezeugen.« »Zuerst, so hat es mir scheinen wollen,« äußerte der Geistliche, »hat sie sich aus seiner Gesellschaft nicht sonderlich viel gemacht, dagegen habe ich sie später öfter zusammen gesehen.« » Siant im Wohnzimmer, und passant im Garten,« bemerkte Meister Mumblazen. »Ich habe sie einmal zufällig getroffen,« sagte der Priester, »an einem Frühlingsabend im Südwalde – Varney war eingemummt in einen dunklen Mantel, so daß ich sein Gesicht nicht gesehen habe... sie gingen schnell auseinander, als sie es rascheln hörten, und ich sah noch, wie sie den Kopf wandte und ihm lange nachblickte.« » Regardant mit den Augen,« sagte der Heraldiker, »und am Tage ihrer Flucht, was ja am Sankt Augustinstage war, da habe ich Varneys Diener in seiner Livree hinter der Kirchhofsmauer halten sehen, an der Hand das Roß seines Herrn und den Zelter von Madam Amy, proper gezäumt und gesattelt.« »Und nun ist sie ausfindig gemacht in ihrem geheimen Zufluchtsorte,« sagte Tressilian, »der Schurke ist in flagranti ertappt, und ich wünschte nur, er möchte sein Verbrechen leugnen, daß ich ihm den Beweis auf dem Wege durch seine falsche Kehle erbringen könnte! Aber ich muß mich rüsten zu meiner Reise. Suchet Ihr, meine Herren, meinen Gönner dahin zu beeinflussen, daß er mir alle nötige Vollmacht gebe, um in seinem Namen auftreten und handeln zu können.« Mit diesen Worten schritt Tressilian aus dem Zimmer. »Er ist zu hitzig,« sprach der Pfarrer, »und ich bitte unsern lieben Gott im Himmels, daß er ihm Geduld leihe, mit Varney zu handeln, wie es sich schickt.« »Geduld und Varney,« sagte Mumblazen, »ist schlimmere Heraldik als Metall auf Metall. Denn er ist falscher als eine Sirene, räuberischer als ein Vogel Greif, giftiger als eine Viper und grausamer als ein kriechender Leu.« »Und doch bezweifle ich sehr,« bemerkte der Pfarrer, »daß Sir Hugh Robsart in seinem dermaligen Zustande sein Vaterrecht über Madam Amy auf einen andern, sei es, wer es wolle, übertragen kann.« »Euer Ehrwürden brauchen nicht daran zu zweifeln,« sagte Will Badger, der während dieser Worte eingetreten war, »denn mein Leben will ich einsetzen, daß er als ein andrer Mann erwachen wird, als er während dieser letzten dreißig Tage gewesen ist.« »Ei, ei, Will,« meinte der Pfarrer, »hast Du denn solch festes Vertrauen zu, Doktor Diddleums Arznei?« »Nicht im geringsten,« sagte Will, »denn der gnädige Herr hat niemals einen Tropfen davon eingenommen, hat doch die Hausmagd das Zeug ausgeschüttet. Aber ein Herr ist da, der mit Herrn Tressilian gekommen ist, der hat Sir Hugh eine Medizin gegeben, die ist zwanzigmal besser als jene. Ich habe mit ihm so unter der Hand geredet und muß sagen, ein besserer Viehdoktor oder einer, der von Pferds- und Hundskuren mehr versteht, als der, ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen, und so einer tut auch niemals einem Christenmenschen Schaden ... nein, sicher nicht!« »Ein Viehdoktor! Ihr frecher Kujon ... und mit wessen Ermächtigung, bitte?« sagte der Geistliche, erstaunt und entrüstet aufstehend; »oder wer will sich verbürgen für diesen neuen Doktor?« »Was die Ermächtigung anbetrifft, wie Eure Ehrwürden wohl zu bemerken gestatten, so stammt sie her von mir; und was die Bürgschaft anbetrifft, so bin ich wohl nicht ein Vierteljahrhundert in diesem Hause gewesen, ohne mir ein Anrecht darauf erworben zu haben, beurteilen zu können, was einem Menschen oder einem Stück Vieh heilsam und von Nutzen sein kann ... kann ich doch auch selbst ein Rezept verschreiben und ein Klystier geben, zur Ader lassen und Schröpfköpfe setzen, auch, wenns gerade sein muß, ein Bein abschneiden, ohne studierte Hilfe.« Die Räte des Hauses Robsart erachteten es für geboten, Tressilian auf der Stelle hiervon Kenntnis zu geben; und Tressilian ließ sogleich Wieland, den Schmied, rufen und stellte, ihm die Frage ... unter vier Augen jedoch ... mit welcher Befugnis er sich herausgenommen habe, Sir Hugh Robsart eine Arznei zu reichen? »Jenun,« versetzte der Schmied, »Euer Gnaden müssen sich doch darauf besinnen, daß ich Euch erzählt habe, ich hätte in die Kunst oder Mysterien meines Meisters ... ich meine den gelahrten Herrn Doktor Doboobie ... tiefern Einblick gewonnen als ihm recht gewesen. Und fürwahr, sein Gezanke und sein Grimm gegen mich rührten bloß daher, weil ich ihm so viel abgeguckt hatte ... gar manche Leute, ganz besonders eine schmucke, junge Witib aus Abingdon, wollten von seinen Rezepten nichts mehr wissen, sondern kamen zu mir und ließen sich von mir Arznei verschreiben.« »Laß jetzt Deinen Firlefanz, Mensch,« rief Tressilian ernst und streng. »Hast Du uns genarrt oder gar etwas angestellt, was der Gesundheit Sir Hugh Robsarts schaden kann, so verlaß Dich drauf, daß Du Dein Grab in einer Zinngrube findest.« »Ich habe zu geringe Kenntnis von dem großen Arcanum, Erz in Gold zu wandeln,« sagte Wieland festen Tones. »Aber weist Euren Befürchtungen die Wege, Junker Tressilian ... ich weiß genau, wie es um den Fall des guten Ritters steht, aus den Mitteilungen, die mir der Meister William Badger gemacht hat; und bin hoffentlich sattsam imstande, ihm eine lumpige Dosis Mandragora zu verabfolgen, die zusammen mit dem Schlafe, der drauf folgen muß, das einzige ist, was Sir Hugh Robsart braucht, damit sein aus dem Geschick geratenes Gehirn wieder instand kommt.« »Ich verlasse mich drauf, Wieland, daß Du ehrliches Spiel mit mir treibst,« sagte Tressilian. »Ehrlich, rechtlich und treu, wie der Erfolg es ausweisen wird,« erwiderte der Schmied; »was würde es mir wohl nützen, dem armen, alten Mann ein Leid anzutun, an dem Ihr ein so großes Interesse nehmt? Ihr, dem ich es verdanke, daß der Henkersknecht mit seinen sakrischen Zangen mir nicht jetzt Fleisch und Sehnen zerreißt? Mir mit seiner scharfen Pfrieme nicht jetzt Löcher in den Leib bohrt? ... Hol die Hände, die sein Henkerswerkzeug schmiedeten, der Satan! ... Ihr habt mich vor ihm bewahrt, und ich habe mich, meiner Treu! anheischig gemacht, Euch in Eurem Gefolge als getreuer Diener zu dienen, und verlange weiter nichts von Euch, als durch das Ergebnis aus des guten Ritters Schlummer einen Beweis meiner Ehrlichkeit zu liefern.« Wieland, der Schmied, hatte richtig prophezeit. Der beruhigende Trank, den seine Kunst bereitet hatte, und der dem Ritter durch den vertrauensvollen Diener Will Badger gereicht war, übte die allergünstigsten Wirkungen. Der Patient, tat einen langen, gesunden Schlaf und erwachte, zwar seelisch niedergedrückt und sehr schwach bei Kräften, jedoch weit frischeren Geistes, als er die letzte Zeit über gewesen war. Er verstand sich nicht gleich dazu, dem Vorschlag seiner Freunde zuzustimmen, der dahin ging, Tressilian an den Hof zu schicken, um auf diesem Wege die Rückgabe der Tochter und die Wiederherstellung ihrer Ehre zu erreichen, soweit das letztere noch möglich war. »Laßt sie gehen,« sagte er, »sie ist bloß ein Falke, der nach dem Winde fliegt; mir wäre jeder Pfiff zu schade, sie wieder herzurufen.« Aber trotzdem er eine ganze Zeit diesen Grund aufrecht hielt, gelang es den Freunden zuletzt doch, ihn dahin zu überzeugen, daß es seine Pflicht sei, den Entschluß zu fassen, zu welchem ihn natürliche Zuneigung triebe, und darein zu willigen, daß alles zugunsten seiner Tochter von Tressilian versucht werde, was sich irgend tun lasse. Er unterschrieb also eine gerichtliche Vollmacht, die ihm der Pfarrer aufsetzte, denn in jenen schlichten Tagen war die Geistlichkeit häufig Beraterin ihrer Gemeinde in Gerichts- wie in Kirchen- oder Glaubenssachen. Alles, was zu seiner zweiten Reise notwendig war, wurde vierundzwanzig Stunden nach seiner Rückkehr nach Lidcotehall hergerichtet; bloß einen wesentlichen Umstand hatte man außer acht gelassen, an den Tressilian erst durch Meister Mumblazen erinnert wurde. »Ihr begebt Euch zu Hofe, Junker Tressilian,« sagte er: »Ihr werdet doch wohl nicht außer acht lassen, daß Euer Wappenschild argent und or sein muß, denn andere Felder gelten dort nicht.« Die Bemerkung war ebenso richtig wie beunruhigend. Um eine Sache bei Hofe zu führen, war auch in den goldnen Tagen der Königin Elisabeth Bargeld ebenso unentbehrlich, wie zu allen spätern Zeiten, und gerade das war bei den Bewohnern von Lidcotehall recht knapp vertreten. Tressilian selbst war arm, die Einkünfte des guten Sir Hugh Robsart gingen, und zwar immer schon im voraus, durch seine gastfreundliche Lebensweise drauf, und schließlich stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß der Heraldiker, der den Zweifel wachgerufen hatte, ihn selbst heben mußte. Meister Michael Mumblazen brachte nämlich einen Beutel mit Geld zum Vorschein, der annähernd dreihundert Pfund in Gold und Silber in Münzen verschiedener Prägung enthielt. Es waren die Ersparnisse von etwa zwanzig Jahren, die er jetzt, ohne eine Silbe darüber zu verlieren, dem Dienste des Gönners weihte, dessen Freundschaft ihm Dach und Fach gegeben und dem er es zu danken hatte, daß er sich diese Summe hatte sparen können. Tressilian nahm das Geld in Empfang, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, und ein gegenseitiger Händedruck war alles, wodurch der eine seiner Freude, seine ganze Habe solchem Zwecke zu weihen, der andre dem Troste, auf solch unerwartete Weise das Haupthindernis für den Erfolg beseitigt zu sehen, Ausdruck gab. Als sich Tressilian am andern Morgen zur Abreise rüstete, erbat sich Wieland, der Schmied, kurzes Gehör. Er gab der Hoffnung Ausdruck, Tressilian sei mit der Medizin zufrieden gewesen, die er Sir Hugh Robsart eingegeben, und knüpfte hieran die Bitte, ihn mit nach Hofe begleiten zu dürfen. Daran hatte nun Tressilian selbst schon wiederholt gedacht, denn die Klugheit, Beschlagenheit in allen möglichen Dingen und Willigkeit zu allen Dingen, die der Bursche auf der ersten Reise bewiesen hatte, die sie zusammen gemacht hatten, legte Tressilian den Wunsch nahe, ihn mitzunehmen. Aber Wieland stand in Gefahr, von den Häschern der Justiz aufgegriffen zu werden, und hieran erinnerte ihn Tressilian, indem er gleichzeitig der Zangen des Henkers und des Haftbefehls Erwähnung tat, den der Richter in Händen hatte. Wieland, der Schmied, jedoch lachte dazu. »Ei, Sir,« sagte er, »sehet doch! Ich habe ja meinen Arbeitskittel, schon vertauscht gegen die Livree eines Gefolgsmannes, aber abgesehen hiervon guckt Euch doch meinen Schnurrbart an, jetzt hängt er herunter und jetzt zwirble ich ihn in die Höhe und färbe ihn mit einer Tinktur, die ich zu mischen verstehe; und nun will ich den Teufelskerl sehen, der mich wiedererkennt.« Diese Worte begleitete er mit der dazu gehörigen Gebärde, und in knapp einer Minute stand er, zufolge dieser an sich vorgenommenen Wandlungen, als ein ganz andrer da. Nichtsdestoweniger nahm Tressilian noch immer Anstand, sich seiner Dienste zu versichern. Um so dringender aber wurden die Bitten des Schmieds. »Ich schulde Euch Leib und Leben,« rief er, »und möchte gern einen Teil der Schuld abtragen, zumal ich von Herrn Will Badger erfahren habe, welch gefährliches Unternehmen Ihr vorhabt. Ich bin zwar kein Hitzkopf, kein Raufbold, der seines Herrn Sache mit Schwert und Schild zu führen liebt. Weit eher gehöre ich' zu jenen andern, die das Ende einer Mahlzeit dem Anfang eines Handgemenges vorziehen. Immerhin weiß ich, daß ich recht wohl imstande bin, in, einer Sache Euch, gestrenger Herr, bessere Dienste zu leisten, als jeder, der das Schwert und den Dolch zu führen versteht. Und diese Sache ist eben die, um derentwillen Ihr jetzt ausziehen wollt. Mein Kopf ist so viel wert, wie hundert Fäuste.« Aber, noch immer besann sich Tressilian, kannte er doch diesen sonderbaren Patron erst so kurze Zeit; auch war er noch im Zweifel, ob er und wie weit er auf ihn bauen dürfe, sich aus ihm einen Begleiter zu machen, der ihm wirklich von Nutzen sein könne. Ehe er in dieser Sache zu einem bestimmten Entschlüsse gelangte, wurde im Schloßhofe Pferdegetrappel laut, und Meister Mumblazen trat mit Will Badger eilig in Tressilians Zimmer. Beide sprachen laut und erregt miteinander. »Ein Reiter ist in den Hof geritten auf dem flinksten Grauschimmel, der mir je vor Augen gekommen ist,« sagte Will Badger, seinem Gefährten das Wort abgewinnend. »Er trägt am Arm ein silbernes Schild und drauf erblickt man einen feurigen Drachen, der im Munde einen Ziegelstein halt.« »Drunter ist eine Grafenkrone,« sprach Meister Mumblazen, »er bringt einen Brief an Euch, mit demselben Wappen gesiegelt.« Tressilian nahm den Brief, dessen Aufschrift lautete: »An den gestrengen Herrn Tressilian, unsern geliebten Vetter.« Und darunter stand: -»Reite! Reite!« nach damaligem Brauche als Weisung für den Boten, »so flink Du kannst!« Tressilian brach den Brief auf und fand den folgenden Inhalt: »An Junker Tressilian, unsern geliebten Freund und Vetter. Wir befinden uns zurzeit so schlecht und auch sonst in so unglücklichen Umständen, daß wir von unsern Freunden diejenigen um uns zu sehen wünschen, denen wir unser besonderes Vertrauen schenken dürfen. Zu diesen zählen wir an erster Stelle unsern lieben Herrn Tressilian als einen der uns am nächsten stehenden, und zwar dem Herzen wie der Verwandtschaft nach, dem guten Willen und der raschen Fertigkeit nach. Weshalb bitten wir Euch, Ihr möget so gütig sein, Euch nach unsrer geringen Wohnung zu begeben, nach Say's Hof bei Deptford, wo wir weiter mit Euch sprechen wollen über Dinge, die wir dem Papier nicht anvertrauen mögen. Und so entbieten wir Euch unsern Gruß und begrüßen Euch als unsern herzlieben Vetter Ratcliffe, Earl of Sussex.« »Schick auf der Stelle den Boten herauf, Will Badger,« sagte Tressilian, und als der Mann eintrat, rief er ihm entgegen: »Ah, Steffen, Du bists! Nun, sprich, wie geht es meinem lieben Herrn?« »Sehr schlecht, Junker Tressilian,« versetzte der Bote, »und darum wünscht er eben, der guten Freunde mehr um sich zu haben.« »Aber was fehlt denn dem guten Herrn eigentlich?« fragte Tressilian, nicht ohne lebhafte Unruhe, »ich habe ja gar nichts davon gehört, daß er krank sei.« »Das weiß ich nicht, Junker,« entgegnete der Mann; »er ist krank, recht krank. Die Doktors stehen da, wie die Kühe vorm Scheunentor, und in seinem Hause gibt es manch einen, der was von Hexerei vermutet, wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres dahinter steckt.« »Wie tritt denn das Leiden auf?« fragte Wieland, der Schmied, indem er hastig vortrat. »Wie denn? Was denn?« sagte der Bote, der den Sinn der Worte des Schmieds nicht recht verstand. »Ich meine, was ihm fehlt? Wo das Uebel sitzt? Wie sich die Krankheit zeigt?« sagte der Schmied. Der Diener sah Tressilian an, wie wenn er sich erst vergewissern wollte, ob er auf solche von einem Fremden gestellte Fragen auch antworten dürfe, und als er eine bejahende Gebärde wahrnahm, zählte er nun eiligst den Verfall auf, der an den Kräften des Ritters eingetreten sei, die nächtlichen Schweiße, den Appetitmangel, das Erscheinen von Ohnmächten und so weiter. »Dazu hat sich wohl auch,« fragte der Schmied, »ein quälender Schmerz im Magen gesellt und ein schleichendes Fieber?« »Ganz genau,« bestätigte der Bursche, ziemlich verwundert. »Ich weiß, woher das Leiden stammt,« erklärte der Schmied, »und weiß auch, wie es entstanden ist. Euer Herr hat vom Manna des heiligen Sankt Nikolaus gegessen. Ich weiß auch« die Kur ... mein Herr soll nicht sagen können, daß ich mich in seinem Laboratorium herumgedrückt hatte, ohne was zu lernen.« »Was ist der Sinn solcher Worte?« fragte Tressilian, die Stirn in Falten legend. »Wir sprechen von einem der vornehmsten Männer Englands. Bedenke das! Witze und Späße anzubringen ist das kein Fall.« »Da sei Gott vor,« sagte der Schmied. »Ich sage ja nur, und das halte ich aufrecht, daß ich die Krankheit des hohen Herrn kenne und heilen kann. Erinnert Euch doch dessen, was ich für Sir Hugh Robsart getan.« »Wir wollen auf der Stelle aufbrechen,« sagte Tressilian. »Gott ruft uns.« Demzufolge machte er schnell Sir Hugh Robsart und dessen Hausgenossen Mitteilung von diesem neuen Grunde zur Beschleunigung der Abreise, ohne jedoch weder der argwöhnischen Befürchtungen des Sendboten, noch der Zusicherungen Wielands, des Schmieds, Erwähnung zu tun. Sir Hugh Robsart begleitete ihn mit seinen Segenswünschen und seinem Gebet, und in Begleitung des Schmieds und des Sussexschen Sendboten machte sich Junker Tressilian auf den Ritt nach London. Dreizehntes Kapitel. Tressilian ritt mit seinen beiden Begleitern, so rasch die Rosse laufen konnten. Den Schmied hatte er zuvor gefragt, ob er nicht lieber Berkshire, wo er doch so gut bekannt sei, links liegen lassen wolle. Wieland antwortete indessen, seiner Sache ganz sicher zu sein. Er hatte die kurze Frist, die ihm noch geblieben war, bevor sie von Lidcotehall wegritten, benützt zu einer ganz erstaunlichen Umwandlung seines Aussehens. Der struppige lange Bart war jetzt auf ein schmales Schnurrbärtchen zusammengeschrumpft, das militärisch aufgezwirbelt war. Ein Lidcoter Dorfschneider hatte für Geld und gute Worte unter Aufsicht des Bestellers all seine Kunstfertigkeit aufgeboten, um aus dem Schmied einen Menschen zu machen, der um zwanzig Jahre jünger erschien. Vordem sah er in seinem schmierigen Arbeitskittel, mit dem Haarbusch auf dem Kopf und um das Gesicht, in der gebückten Haltung, die er sich durch sein Handwerk angewöhnt hatte, und in dem Ruß und Schmutz, der sich auf seiner Haut festgesetzt hatte, fast wie ein Mann von fünfzig Jahren aus, und jetzt, in der schmucken, kleidsamen Livree eines Gefolgmanns von Tressilian, mit dem Schwert an der Seite und dem Schild auf der Schulter, sah er aus wie höchstens ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, also in der Blüte des Mannesalters. Das ihm früher eigne derbe, ungeschlachte Wesen schien sich gleichfalls ganz umgewandelt zu haben, und zwar in ein entgegenkommendes, schneidiges und keckes, in Blick und Handlung zum Vorschein tretendes Wesen. Auf Tressilians Frage, wie er mit dem allen so schnell zu stande gekommen sei, gab Wieland bloß Antwort durch einen Vers aus einer Komödie, die damals neu war und nach Meinung mancher Kritiker bei dem Verfasser ein nicht geringes Talent vermuten ließ. Es freut uns, daß wir in der Lage sind, diesen Vers hersetzen zu können, der genau gelautet hat wie folgt: »Pah pah ça ça Caliban, Kriegst 'n neuen Meister, Nu werd ein neuer Mann!« Obgleich sich Tressilian nicht darauf besann, diese Verse gehört zu haben, besann er sich doch, daß Wieland, der Schmied, früher einmal Komödiant gewesen sei, woraus sich auch die Geschwindigkeit erklärte, mit der er die Umwandlung seiner äußern Person vollzogen hatte. Der Schmied selbst setzte ein so festes Vertrauen in diese Wandlung und in die Unkenntlichkeit, die er sich dadurch verschafft, daß es ihm fast leid getan hätte, wenn er an seinem früheren Wohnorte nicht vorbeigekommen wäre. »Ich kann es riskieren,« sagte er, »in der Kleidung, die mich jetzt deckt, und bei dem Rückhalt, den mir Euer Ehren leihen, dem Richter Blindas direkt vor die Augen zu treten, sogar in öffentlicher Gerichtssitzung, und möchte wirklich mal noch zu erfahren suchen, was aus dem Musje Kobold geworden ist, der ganz gewiß am liebsten die Welt auf den Kopf stellte, wenn er mal die Fesseln los werden und seiner Großmutter und seinem Dominus ausreißen könnte. ...Ei, und das vertrackte, alte Gewölbe!« rief er, »was aus dem geworden, wie das Pulver dort unter den Retorten und Phiolen des Doktors Demetrius Doboobie gehaust haben mag, das hätte ich gar zu gern mal gesehen! Ich weiß ganz sicher, daß von mir noch erzählt werden wird im Tale von Whitehorse, wenn auch meine Knochen längst verfault sein werden, und daß noch mancher Tropf sein Pferd anbinden und seinen Silberling niederlegen und pfeifen wird, wie ein Seemann bei Windstille, daß Wieland, der Schmied, komme und sein Roß beschlage! Aber das Roß wird eher die Rotzkrankheit kriegen, als daß sich Wieland, der Schmied, wieder sehen lassen wird.« In dieser Hinsicht erwies sich Wieland als der richtige Prophet. Fabeln entstehen tatsächlich so leicht und so geschwind, daß man bis heutigen Tags zu erzählen weiß dort und in der Umgegend von einem Hufschmied, der ein richtiger Teufelskerl gewesen sei und in allen Künsten Gewandtheit besessen habe; ja selbst die Sage von dem großen Siege des Königs Alfred oder die andre von dem berühmten Wunderhorn haben sich in Berkshire nicht so kräftig erhalten, wie die Sage von Wieland, dem Schmied. Die Eile, mit der die Reiter ihrem Ziele zustrebten, gestattete ihnen keinen längeren Aufenthalt, als zum Füttern ihrer Tiere notwendig war, und da manche von den Ortschaften, durch die sie ihr Weg führte, unter dem Einflüsse des Grafen von Leicester stand, erachteten sie es für klug, ihre Namen für sich zu behalten, wie auch den Zweck ihrer Reise. Bei solchen Anlässen war nun die Fertigkeit und Gewandtheit Wieland Schmieds, wie wir den Mann hinfort nennen wollen, ob er gleich mit seinem richtigen Namen Lancelot Wieland hieß, von außerordentlicher Verwendbarkeit. Er schien wirklich Freude daran zu haben, wenn er bei Wirten und Hausknechten durch sein geschicktes Verhalten recht große Neugierde wachgerufen und sie gehörig an der Nase herumführen konnte. Dreierlei verschiedene Gerüchte kamen in Umlauf während der Dauer ihrer Reise: erstens daß Tressilian der Lorddeputierte von Irland sei und in Verkleidung käme, um den Willen der Königin in Sachen des großen Rebellen Rory Oge Mac-Carthy Mac-Mahon zu vernehmen; zweitens daß Tressilian ein Geschäftsträger sei von »Monsieur«, der für Seine königliche Hoheit um die Hand der Königin Elisabeth anhalten soll; drittens, daß er der Herzog von Medina sei, der inkognito nach England gekommen, um den Streitfall zwischen Philipp dem Zweiten von Spanien und der Herrscherin von England beizulegen. Tressilian wurde hierüber sehr ärgerlich und legte Wieland Schmied die mancherlei Scherereien und vor allem den unnötigen Grad von Aufsehen, den sie um solcher Märchen willen machten, zur Last. Aber er ließ sich beruhigen ... und wer hätte solchem Grunde sein Ohr verschließen können? ... durch die Versicherung des Schmieds, die Schuld läge einzig und allein an ihm selber und an seinem vornehmen, ritterlichen Aussehen, so daß es gar nicht zu umgehen gewesen sei, einen auffälligen Grund für die Eile und die Heimlichkeit des Rittes anzugeben. Endlich kamen sie der Hauptstadt näher, und je mehr sie sich ihr näherten, desto geringer wurde infolge des Fremdenschwalls, der dieselbe umlagerte, das Interesse für die beiden Reiter. Tressilians Absicht war, direkt, nach Deptford sich zu begeben, wo Lord Sussex residierte, um dem Hofe, der zurzeit in Greenwich gehalten wurde, dem Lieblingswohnsitze der Königin Elisabeth und besonders geschätzt von ihr als Stätte ihrer Geburt, so nahe wie möglich zu sein. Indessen war ein kurzer Aufenthalt in London nicht zu umgehen, und durch die ernstlichen Bitten Wieland Schmieds, der sich in der Stadt umsehen wollte, zog sich dieser Aufenthalt sogar noch etwas in die Länge. »Nimm Dein Schwert,« sagte Tressilian, »und Deinen Schild und folge mir! Ich muß gleichfalls ausgehen, wir können uns also zusammen auf den Weg machen.« Er sagte das um deswillen, weil er sich noch immer nicht recht auf die Treue seines neuen Gefolgmanns verlassen zu dürfen meinte; wenigstens erschien es ihm nicht für geraten, ihn in diesem wichtigen Augenblick, da sich die Parteien am Hofe der Königin in solch regem Wettkampfe um die Herrschaft befanden, aus dem Gesicht zu lassen. Wieland Schmied ließ sich diese Vorsichtsmaßregel willig gefallen, deren Grund er wahrscheinlich vermutete, aber er bedang sich bloß aus, daß sein Herr in die Läden derjenigen Doktoren der Chemie und der Apotheker mitgehe, die er namhaft machen werde, wenn sie ihren Weg durch die Fleet Street nähmen, und ihm ein paar Einkäufe dort erlaubte von Dingen, deren er dringend benötige. Tressilian erklärte sich damit einverstanden und ging mit in die Läden, die der Schmied bezeichnete; es waren ihrer vier bis fünf, und in jedem kaufte Wieland Schmied, wie Tressilian zu seiner Verwunderung wahrnahm, immer bloß ein, aber immer ein andres Arzneimittel. Was er davon zuerst einkaufte, war immer gleich bei der Hand; was er später verlangte, brauchte immer einige Zeit, bis er es erhalten konnte... ebenso machte Tressilian die Wahrnehmung, daß Wieland mehr als einmal, zum lebhaften Erstaunen der Ladeninhaber, die ihm verabfolgte Droge oder Pflanze zurückgab und sich die richtige dafür ausbat, oder den Laden verließ, um sie anderswo einzukaufen. Ein Ingrediens aber schien sich gar nicht auftreiben zu lassen. Einige Drogisten gaben ohne Zaudern zu, dasselbe noch nie im Leben gesehen zu haben. Andre stellten in Abrede, daß es eine solche Arznei überhaupt gäbe, außer in der Einbildung ganz verschrobener Alchimisten, Die meisten versuchten, dem Schmied eine andre Arznei dafür zu verkaufen, ohne daß es ihnen aber gelingen wollte, denn dieser wies all die untergeschobene Ware als nicht das, wonach er frage, zurück, so viel auch die Verkäufer ihm einreden wollten, daß sie ihm doch gäben, was er verlange, und nichts anders, oder daß das, was sie ihm gäben, die gleichen Eigenschaften besitze, wie das von ihm Verlangte. Durchschnittlich waren sie aber alle erpicht darauf, zu erfahren, wozu der Schmied diese Arznei haben wolle. Ein alter, dürrer Drogist, an den der Schmied das gleiche Ansuchen richtete, aber in Ausdrücken, für die es Tressilian an Verständnis gebrach, und die er sich nie im Leben erinnerte gehört zu haben, antwortete frei und offen, die Arznei dürfe sich in ganz London wohl kaum ausfindig machen lassen, wenn sie nicht etwa Yoglan, der Jud', führte. »Hab ich es mir doch gedacht!« sagte Wieland. Und sobald sie aus dem Laden getreten waren, sagte er zu Tressilian: »Ich muß Euch, gestrenger Herr, um Verzeihung bitten, aber es ist kein Arbeiter im stande, etwas zu machen, wenn es ihm an dem Werkzeug dazu gebricht. Ich muß deshalb noch zu diesem Yoglan gehen, und gelobe Euch, daß der Gebrauch, den ich von dieser seltnen Arznei machen will, Euch reichliche Entschädigungen bringen wird für den Aufenthalt, den ich Euch jetzt verursache. Erlaubt mir also, jetzt vorauszugehen,« setzte er hinzu, »denn wir müssen jetzt die breite Hauptstraße verlassen und kommen, wenn ich den Führer mache, noch einmal so geschwind vom Flecke.« Tressilian erklärte sich einverstanden, der Schmied bog in eine Seitengasse ein, die linker Hand zum Flusse hinunterging. Es kam ihm vor, als ob sein Führer mit besonderer Geschwindigkeit seinen Weg verfolge und als ob er sehr bekannt in der großen Stadt sein müsse, denn er wußte den Weg ganz genau durch alle Seiten- und Nebengäßchen. Endlich blieb Wieland stehen, mitten in einem besonders engen Winkelgäßchen, das seinen Ausgang nach der Themse hinunter hatte, die hier recht düster und schmutzig aussah. Dieser Hintergrund wurde, wie Meister Mumblazen gesagt hätte, »quer geteilt« durch die Masten von zwei Leichterschiffen, die dort vor Anker lagen und auf die Flut warteten. Der Laden, vor dem der Schmied stehen blieb, besaß, wie es zurzeit Mode ist, kein Schaufenster, sondern war nichts weiter als eine mit Glanzleinwand gedeckte Bude, wie sie jetzt zumeist Schuhflicker halten. An der Vorderseite war sie offen, und erinnerte hierin an die Fischbuden unsrer Tage. Ein altes, kleines Männchen mit schmutzfarbenem Gesicht, sonst aber von keiner Ähnlichkeit mit einem Juden, denn er war ganz blond und hatte gar keinen Bart, zeigte sich und er fragte Wieland unter allerhand Höflichkeitsbezeugungen, was ihm die Ehre seines Besuches verschaffe. Kaum hatte er die Arznei genannt, die er suchte, als der Jude zusammenfuhr und sehr verwundert dreinschaute. »Und wozu will Euer Gnaden wohl haben diese Arznei? Ich habe nun meinen Laden an die vierzig Jahr, aber, mein Gott, es ist in dieser ganzen Zeit gewesen nicht ein einziges Mal Nachfrage bei mir danach.« »Diese Frage Euch zu beantworten, dazu habe ich von meinem Besteller keinen Auftrag,« entgegnete Wieland; »ich will bloß von Euch hören, ob Ihr führt, was ich will haben, und ob Ihr, wenn dies der Fall ist, mir von der Arznei was käuflich wollt ablassen.« »Ei, Du mein Gott, freilich führe ich die Arznei und führe sie nicht zum Vergnügen, sondern zum Verkaufe; also könnt Ihr auch haben, soviel Ihr wollt, wie ich verkaufe als Drogist alles, was ich führe in meinem Laden.« Also sprechend, schüttete er ein Pulver auf den Ladentisch und fuhr dann fort: »Aber die Arznei wird kosten viel Geld, denn was sie mich kostet, das geht nicht bloß ins Geld, das geht ins Gold ... ja, sie muß gewogen werden mit Gold, muß gewogen werden sechsfach mit Gold ... denn sie kommt vom Berge Sinai, wo gegeben worden ist uns das heilige Gesetz. Und die Pflanze blüht nur einmal im Jahrhundert.« »Ich weiß nicht, wie oft sie gesammelt wird auf dem Berge Sinai,« erwiderte Wieland, nachdem er die ihm gezeigte Droge mit tiefer Verachtung betrachtet hatte; »aber ich will mein Schwert und meinen Schild gegen Euren Mantel setzen, daß das Zeug, das Ihr mir da gebt, statt dessen, was ich fordere, in Aleppu im Schloßgraben umsonst gepflückt werden kann.« »Ihr seid ein rauher Mann,« sagte der Jude, »und zudem habe ich nichts, was besser wäre als das, in meinem ganzen Laden ... oder wenn ich noch hätte, was besser wäre, so würde ich es Euch nicht ablassen wollen ohne eine ärztliche Verordnung, Ihr müßtet mir denn sagen, was Ihr wollt machen für einen Gebrauch davon.« Wieland gab ihm nun Bescheid in einer Sprache, von der Tressilian nichts verstand und die den Juden mit dem größten Erstaunen erfüllte. Er starrte den Schmied an, wie jemand, der plötzlich irgend einen gewaltigen Helden oder gefürchteten Gewalthaber in der Person eines unbekannten und bislang für nichts gehaltenen Fremden erkannt hat. »Heiliger Elias!« rief er aus, als er sich von den ersten Wirkungen seines Staunens erholt hatte, und dann ging er mit einem Male aus seiner bisherigen argwöhnischen und bedächtigen Weise zu der äußersten Höflichkeit und zu dem verbindlichsten Wesen über, machte einen Bückling über den andern vor dem Schmied und ersuchte ihn, in seine arme Behausung einzutreten, um seiner elenden Schwelle nicht den Segen zu rauben. »Ihr wollt keinen Becher leeren mit dem armen Juden Zacharias Yoglan? ... Kann ich dienen mit einem Glas Tokayer? ... Wollt Ihr kosten von meinem Lachrymae Christi? ... Wie?« »Ihr beleidiget mich mit Euren Angeboten,« versetzte Wieland, »gebt mir, was ich begehre und erspart Euch alles weitere Reden.« Also in seine Schranken verwiesen, griff der Jude nach seinem Schlüsselbund und schloß behutsam ein Schränkchen auf, das fester verschlossen zu sein schien als die andern Schubladen und Kästen, in denen er seine Drogen und, Arzneien verwahrt hielt und zwischen denen es stand; dann zog er ein geheimes Fach auf, das mit einer Glastafel bedeckt war, und das eine geringe Portion eines schwarzen Pulvers enthielt. Dieses Pulver reichte er dem Schmied, und sein Wesen bezeugte dabei die tiefste Ehrerbietung, wenn er auch mit einem geizigen, eifersüchtigen Ausdruck im Gesicht und mit ängstlicher Behutsamkeit, als wenn es ihm leid sei um jedes Gran, das er seinem Kunden zuviel abgeben könne, die Menge in der Hand wog: ein seltsamer Gegensatz zu der Unterwürfigkeit, deren er sich sonst dem Schmied gegenüber beflissen zeigte, und durch den diese an Wert erheblich verlor. »Habt Ihr eine Wage?« fragte Wieland. Der Jude zeigte auf die Wage, die er sonst in seinem Laden zu benutzen pflegte, aber mit einem so deutlichen Zeichen von Zweifel und Furcht, daß es dem Schmied nicht entgehen konnte. »Es muß eine andre Wage sein als diese,« sagte Wieland in strengem Tone; »wisset Ihr nicht, daß heilige Dinge ihre Kraft einbüßen, wenn sie gewogen werden auf ungerechter Wage?« Der Jude ließ den Kopf hängen, nahm aus einem mit Stahl plattierten Kästchen eine andre, elegant verzierte Wage und sagte, indem er sie für den Gebrauch zurecht machte und dem Schmied gab: »Diese Wage dient mir zu meinen eignen Experimenten ... ein Haar von des Hohenpriesters Bart würde ins Schwanken bringen ihr Zünglein.« »Die genügt,« erwiderte der Schmied und wog zwei Drachmen von dem schwarzen Pulver für sich ab, die er hierauf auf das sorgsamste zusammendrückte, in ein festes Blatt Papier wickelte und zu den übrigen Medikamenten in die Tasche schob. Dann fragte er den Juden, was die beiden Drachmen kosteten; der Jude aber schüttelte den Kopf und verneigte sich tief zur Erde. ... »Keinen Preis, nein, keinen ... nichts, nichts von solchen wie Ihr seid ... aber Ihr werdet Wohl wieder besuchen den armen Juden und werdet Euch ansehen sein Laboratorium, wo er, Gott helfe ihm, zusammen ist geschrumpft zu dem Stoffe, aus welchem bestanden hat der verdorrte Kürbis des Propheten Jonas, des heiligen ... ja, Ihr werdet haben Mitleid mit ihm und ihm helfen einen Schritt weiter auf der großen Straße.« »Pst!« machte Wieland und legte geheimnisvoll den Finger an den Mund, »es kann sein, daß wir uns wieder begegnen ... Du hast beinahe den Schamajm, wie Deine eignen Rabbis es nennen ... die große Schöpfung ... wache also und bete, denn Du mußt die Weisheit des Alkahest erlangen und des Elixiers und des Samech ... ehe ich mich weiter einlasse mit Dir.« Dann erwiderte er die tiefe Verbeugung des Juden mit einem Nicken und schritt hoheitsvoll durch das Gäßchen von bannen, hinter ihm sein Herr, dessen erste Bemerkung über den Auftritt, dessen Zeuge er gewesen war, lautete: daß Wieland dem Juden für das Pulver etwas hatte bezahlen müssen, sei es noch so wenig gewesen. »Ich ihn bezahlen?« versetzte dieser; »soll mich der böse Feind und sich holen, wenn ich es tue! ... Hätte ich, nicht befürchtet, Euer Gnaden Unwillen wachzurufen, so hätte ich ihm noch ein paar Unzen Goldstaub für das gleiche Gewicht Ziegelstaub abgenommen!« »Ich rate Dir, solche Streiche zu unterlassen, so lange Du bei mir in Diensten stehst!« sprach Tressilian. »Ich sage ja doch, daß ich es bloß unterlassen habe um Euretwillen,« antwortete Wieland Schmied, »Streiche saget Ihr? ... ei, ei! Das alte, dürre Skelett ist reich genug, die enge Gasse, in der es wohnt, mit Talern zu pflastern. Aber er läßt sie nicht aus seinem eisernen Kasten heraus, und doch wird er närrisch wegen des Steins der Weisen! Außerdem wollte er mich zuerst betrügen, da er mich für einen armen Gefolgsmann ansah, mit einem Quark, der keinen Heller wert war. Wurst wider Wurst! sagte der Teufel zum Kohlenmann. Wenn seine schlechte Droge meine echten Kronen wert sein sollte, so galt das gleiche von meinem Ziegelstaub und seinem Gold.« »Du magst recht haben, wenn Du einen Juden so traktierst und mit den Drogisten feilschest,« erwiderte Tressilian, »aber merke Dir, dergleichen Manöver, von einem meiner Leute ausgeübt, beeinträchtigen meine Ehre, und darum kann ich sie nicht erlauben. Nun bist Du hoffentlich fertig mit Deinen Einkäufen?« »Das bin ich, gestrenger Herr,« erwiderte Wieland; »und mit diesen Drogen gedenke ich noch heute das wahre Gegengift, jene edle Arznei zu bereiten, die man in so seltenen Fällen nur als wirksam und echt findet in den Ländern des europäischen. Kontinents, wo jenes so äußerst seltne und kostbare Arzneimittel nicht zur Verfügung steht, das ich eben von dem Juden Yoglan gekauft habe. Orvietan oder venetianisches Tränkchen, wie es bisweilen auch genannt wird, stand im Rufe eines vornehmen Heilmittels gegen Gift; und der Leser muß sich für die Lektüre dieses Buches darein finden, diese Meinung zu teilen, die ehedem verbreitet war sowohl in der gelehrten Welt wie beim großen Volk. »Warum hast Du denn Deine Einkäufe nicht sämtlich im gleichen Laden gemacht?« fragte Tressilian; »wir haben dadurch beinahe eine Stunde eingebüßt, daß wir von einem Drogisten zum andern haben laufen müssen.« »Lasset das gut sein, Herr,« versetzte Wieland, »es soll mir niemand mein Geheimnis ablernen; ich würde es aber bald los sein, wollte ich alle Medikamente, die dazu gehören, zusammen in einem und demselben Laden kaufen.« Nun begaben sie sich zurück nach ihrem Gasthofe, dem beliebten »Zum wilden Mann«; und während dort der Diener des Lord Sussex die Pferde anschirrte, ließ sich Wieland Schmied vom Koch einen Mörser geben, schloß sich in ein besonderes Stübchen ein und zerstieß und mischte und wog und brachte die Drogen, die er eingekauft hatte, in das richtige Verhältnis zu einander, mit einer Fertigkeit und Schnelligkeit, daß niemand, der ihn dabei beobachtet hätte, im Zweifel gewesen wäre über seine Eigenschaft als Apotheker oder Pharmazeut. In der Zeit, die Wieland zur Bereitung seines Heilmittels brauchte, war der Diener auch mit dem Anschirren der Pferde fertig. Ein Ritt von knapp einer Stunde brachte sie zum gegenwärtigen Wohnsitz des Earl of Sussex, einem alten Schlosse in der Nähe von Deptford, Say's-Hof mit Namen, das lange der Familie dieses Namens gehört hatte, aber seit etwa einem Jahrhundert der alten und ehrlichen Familie Evelyn gehörte. Das dermalige Oberhaupt dieser Familie nahm lebhaften Anteil an dem Schicksal des Earl of Sussex und hatte ihm und seinem zahlreichen Gefolge diese gastliche Stätte geöffnet. Vierzehntes Kapitel. Say's-Hof wurde bewacht, wie eine belagerte Festung; und Argwohn beherrschte zu damaliger Zeit die Gemüter in so hohem Maße, daß Tressilian und seine Begleiter, als sie in die Nähe des kranken Grafen gelangten, wiederholt von Schildwachen angehalten und ausgefragt wurden, von berittnen sowohl wie von solchen zu Fuß. Wirklich machte auch der hohe Rang, den Sussex in der Gunst der Königin einnahm, wie auch seine Rivalität gegen den Earl of Leicester, die in ganz England bekannt und von der Königin gelitten war, sein Wohlbefinden zu einer Sache von höchster Wichtigkeit, denn zu der Zeit, da unsere Erzählung spielt, herrschte in allen Gemütern noch Zweifel darüber, ob er oder der Earl of Leicester den höhern Rang in ihrer Gunst besitzen würde. Königin Elisabeth liebte es, wie manch andre ihres Geschlechts, die Parteien gegen einander auszuspielen und, je nachdem es das Staatsinteresse erheischte, manchmal wohl auch, wie es ihrer weiblichen Eitelkeit gefiel, denn sie war von dieser Schwäche durchaus nicht frei, bald diese, bald jene ans Ruder kommen zu lassen. Klug zu erwägen, die Karten nicht aus der Hand zu geben, das eine Interesse gegen das andre zu setzen, den Höfling, der in ihrer Wertschätzung sich der höchsten Stelle sicher wähnte, durch die Furcht im Schach zu halten, es könne ein andrer, wenn auch nicht in ihrer Gunst, so doch in ihrem Vertrauen, ihm an die Seite treten, waren Künste, die sie während ihrer Regierung zu üben verstand und die ihr, so oft sie in die Schwäche der Günstlingswirtschaft sank, die Möglichkeit und die Fähigkeit ließen, die schlimmen Einwirkungen derselben auf ihr Königreich und ihre Regierung zum größten Teile zu verhindern. Die beiden Edelleute, die sich zurzeit in ihrer Gunst als Nebenbuhler gegenüberstanden, besaßen äußerst verschiedene Ansprüche auf diesen Besitz; es möge indessen hier die allgemeine Bemerkung genügen, daß der Graf von Sussex Elisabeth als Königin die größten Dienste geleistet hatte, während Leicester ihr als Mensch näher stand. Sussex war, wie damals im britischen Königreiche gesagt wurde, ein »Martialist«, ein Mann des Krieges. Er hatte Hervorragendes geleistet in Irland sowohl als in Schottland, vor allem aber in dem großen Aufstand im Norden des Landes, der im Jahre 1569 ausgebrochen und zumeist durch seine soldatische Tüchtigkeit unterdrückt worden war. Infolgedessen scharten sich um ihn all jene Elemente, die durch das Waffenhandwerk sich zu Macht und Ansehen bringen wollten. Dazu kam, daß der Graf von Sussex aus älterm und edlerm Geschlechte stammte als sein Nebenbuhler, denn er vereinigte in seiner Person sowohl das Geschlecht der Fitz-Walters, wie das der Ratcliffes, während das Wappenschild Leicesters befleckt war durch die Degradation seines Großvaters, des herrschsüchtigen Ministers Heinrich des Siebenten, und wohl kaum wieder gereinigt durch jene andre seines Vaters, des unglücklichen, am 22. August 1553 im Tower hingerichteten Dudley, Herzogs von Northumberland. Aber in seiner Person, seiner Wohlgestalt, seinem Angesicht, seiner Haltung und Führung – Waffen, die am Hofe einer Herrscherin von so ausschlaggebender Bedeutung find – besaß Leicester Vorzüge, die mehr als ausreichend waren, die soldatischen Dienste, das edlere Blut und das freie und offne, vielleicht manchmal derbe Wesen des Grafen von Sussex in Schatten zu stellen oder doch auszugleichen. Leicester besaß auch in Hofkreisen, zum Teil sogar im Königreiche, das Ansehen, daß ihm die Gunst der Königin in höherem Maße gehöre als Sussex, wenngleich die Königin auch in diesem Falle Klugheit genug besaß, ihre Gesinnung nicht vollständig an den Tag zu legen, um den Grafen immer in der Meinung zu halten, daß zuletzt doch vielleicht der andre an die erste Stelle gelangen könne. Die Erkrankung des Grafen von Sussex kam Leicester deshalb um so gelegner, als sich in der Bevölkerung die sonderbarsten Kombinationen daran knüpften, wahrend die, Parteigänger des einen Grafen von den tiefsten Befürchtungen, diejenigen des andern von den stärksten Hoffnungen wegen des wahrscheinlichen Ausgangs der Krankheit erfüllt wurden. Inzwischen – denn zu damaliger Zeit rechnete man immer mit der Wahrscheinlichkeit, daß solcher Zwist mit dem Schwerte beigelegt werden würde – scharten sich die Parteigänger der beiden Männer um deren Fahnen, erschienen wohlbewaffnet selbst in der Nahe des Hofes und verwirrten das Ohr der Herrscherin durch ihre häufigen und beunruhigenden Auseinandersetzungen und Streitereien, die von ihnen sogar in den engern Räumen des königlichen Palastes geführt wurden. Diese Verhältnisse zu schildern, war notwendig, um die nun folgenden Vorgänge dem Leser verständlich zu machen: Tressilian fand bei seiner Ankunft in Say's-Hof Parteigänger des Grafen von Sussex und Edelleute, die gekommen waren, sich nach dem Befinden ihres Gönners zu erkundigen, in Scharen, so daß das Haus sie kaum zu fassen vermochte. Aller Hände waren bewaffnet, und aller Gesichter zeigten düstern Ernst, gleich als ob auf allen die Furcht vor einem sofortigen heftigen Angriffe lastete. In der Halle dagegen, wohin Tressilian von einem Diener des Grafen geführt wurde, während ein andrer sich zu dem Grafen begab, um die Ankunft Tressilians zu melden, warteten nur zwei Edelleute. In der Kleidung, Erscheinung und im Wesen derselben bestand ein auffälliger Gegensatz. Die Haltung des ältern, augenscheinlich eines hohen Standesherrn, der in, der Vollkraft des Mannesalters stand, war schlicht und soldatisch; er war von untersetzter Gestalt, von kräftigem Gliederbau; sein Wesen ermangelte jeglicher Milde, und sein Gesichtsausdruck war von jener Art, die einen kerngesunden Menschenverstand ausdrückt, ohne ein Korn von Lebhaftigkeit oder Einbildungskraft. Der jüngere, der anfangs oder Mitte der Zwanziger zu stehen schien, war in die munterste Tracht gekleidet, die zu damaliger Zeit von Standespersonen getragen wurde: hervorstechend durch ein Mäntelchen aus karmesinrotem Sammet, das reich besetzt war mit Spitzen und Stickereien, eine Kappe aus dem gleichen Stoffe, umschnürt mit einer dreifach gewundenen, durch eine Medaille befestigten, güldnen Kette. Sein Haar war frisiert, wie man es in unsrer Zeit bei manchen vornehmen Edelleuten trifft, nämlich kurz geschnitten und energisch in die Höhe gekämmt; in den Ohren trug er silberne Ringe, und in jedem der Ringe prangte eine Perle von erheblicher Größe. Das Gesicht dieses Jünglings, das übrigens von regelmäßiger Schönheit war und dessen Ausdruck durch eine elegante Erscheinung erhöht wurde, war lebhaft und munter und von einer Offenheit, daß man die Festigkeit eines entschlossenen und das Feuer eines unternehmenden Charakters zugleich mit Ueberlegungskraft und Raschheit des Entschlusses davon hätte ablesen können. Die beiden Edelleute lehnten ziemlich in der gleichen Stellung unfern von einander auf Bänken, aber jeder schien in seine besondern Betrachtungen vertieft zu sein, jeder blickte starr auf die Wand, die ihnen gegenüber sich erhob, und keiner sprach zum andern ein Wort. Die Blicke des ältern der beiden ließen keinen Zweifel, daß er, wenn er sich die Wand ansah, nichts weiter darin sah, als den mit Waffenröcken, Geweihen, Schilden, alten Rüstungen, Partisanen und dergleichen Dingen, die gewöhnlich den Schmuck solcher Stätte bilden, behangenen Teil eines Gemachs. Die Miene des jüngern Stutzers verriet eine gewisse Phantasie: er war versunken in träumendes Sinnen, und es sah ganz so aus, als ob der leere Bodenraum zwischen ihm und der Wand die Bühne eines Theaters sei, auf der sein Geist seine eignen dramatischen Personen auftreten ließe, und ihm Szenen vorführte von ganz andrer Art und ganz anderm Charakter, als jene, die ihm sein leibliches Auge und irdisches Leben hätten zeigen können. Bei Tressilians Eintritt fuhren beide Edelleute aus ihrem Sinnen auf und entboten ihm ihren Gruß; der jüngere vornehmlich mit großem Aufwand von Munterkeit und Herzlichkeit. »Willkommen, willkommen, Tressilian,« sagte der Jüngling, »Deine Philosophie raubte Dich uns, als diese Stätte dem Ehrgeiz Ziele zu eröffnen schien ... aber sie ist manierlich und läßt sich ertragen, da sie Dich uns wieder zuführt zu einer Zeit, da hier bloß Gefahren zu teilen sind.« »Ist denn mein lieber Herr so gefährlich erkrankt?« fragte der Junker. »Wir befürchten das Schlimmste,« antwortete der ältere Edelmann, »und zwar darum, weil hier die schlimmsten Praktiken gelten.« »Pfui,« rief da Tressilian, »der Graf von Leicester ist doch ein Ehrenmann.« »Was will er dann mit all den Mannen, die er um sich schart?« sagte der jüngere. »Wer den Teufel weckt, mag ja ein Ehrenmann sein, aber er ist verantwortlich für das Unheil, das er stiftet, trotz allem.« »Versteht Ihr unter diesem »trotz allem« Euch selbst, meine Herren?« fragte Tressilian, »seid Ihr es allein, die meinem lieben Herrn beistehen in seiner äußersten Not?« »Nein, nein,« versetzte der ältere Edelmann, »Tracy, Markham und manch andre mehr sind da, aber wir halten hier paarweise Wacht, und manche sind müde und schlafen oben in der Galerie.« »Und manche,« setzte der Jüngling hinzu, »sind unterwegs nach Deptford zum Dock hinüber, um nach einem Schiff Ausschau zu halten, zu dessen Ankauf die Trümmer ihres Vermögens noch ausreichen; und sobald hier alles vorbei ist, wollen wir unsern edlen Herrn in ein edles, grünes Grab betten, dann bei schicklichem Anlaß über die herfahren, die ihn in solchen Zustand gejagt haben, und dann mit schwerem Herzen und leichtem Beutel nach Indien segeln.« »Meinetwegen,« versetzte Tressilian, »und sobald ich mein Geschäft am Hofe erledigt habe, will ich mich Eurem Vorhaben gern anschließen.« »Du hast Geschäfte bei Hofe?« riefen beide, wie aus einem Munde, »und machst die Reise mit nach Indien?« »Ey ei, Tressilian,« rief der jüngere Mann, »bist Nu nicht versprochen, verlobt? Und hinweg über jene Glücksfahrten, die andres junges Volk hinaus auf hohe See treiben, wenn ihre Barke bloß ein paar Ruderschläge noch bis zum Hafen hatte? ... Was ist aus der holden Indamira geworden, die meinem Amoret in Treue und Schönheit sollte vereinet sein?« »Sprich von ihr nicht!« sagte, sich abwendend, Tressilian. »Ei, ei, steht es so mit Euch beiden?« rief der Jüngling, indem er mit aller Herzlichkeit und Liebe des andern Hand ergriff; »dann fürchte nicht, daß ich den Finger wieder auf die frische Wunde lege! Aber das ist eine seltsame Kunde! Seltsam und traurig! Kann denn keiner von uns muntern, fröhlichen Gesellen in diesem jähen Gewittersturm glücklich im Hafen landen, sondern müssen alle von uns schmählichen Schiffbruch leiden? Von Dir wenigstens, mein lieber Edmund, hatte ich gehofft, Du würdest glücklich landen; aber sagt nicht ein andrer lieber Freund Deines Namens: »Wer sieht Fortunens Rad zerstören, Ein Glück, das er für sicher hält; Der fühlt es, daß wir angehören Dem Wankelmut in dieser Welt, Der im Zertrümmern sich gefällt!« Der ältere Edelmann war von seiner Bank aufgestanden und schritt mit merklicher Ungeduld durch die Halle, während der Jüngling mit hohem Ernst und tiefer Empfindung diese Strophen zitierte. Als er damit fertig war, hüllte der andre sich in seinen Mantel ein und streckte sich wieder hin mit den Worten: »Mich wundert es, Tressilian, daß Ihr den albernen Kram mit anhören könnt. Was soll wohl ein vernünftiger Mensch denken von einem so tugendsamen und ehrbaren Hause, wie dem meines Herrn, wenn er hier solch weinerliches, läppisches, kindisches Gereimsel hört? Solches Gefasel, das mit Junker Walter Klingelbeutel den Weg gefunden hat in unser ehrenfestes, kernfestes Englisch? Das uns Gott geschenkt hat, damit wir uns schlicht und verständlich ausdrücken? Und das sollen wir uns verdrehen und verschnörkeln lassen in solch unreifes, unfaßliches Geplapper?«. »Blount meint,« sagte sein Kamerad lachend, »der Teufel habe um Eva in Versen gefreit,, und die mystische Bedeutung vom Baume der Erkenntnis beziehe sich einzig und allein auf die Fertigkeit, Reime zu drechseln und Hexameter zu bilden.« In diesem Augenblick trat der Kammerherr des Grafen in die Halle und benachrichtigte Tressilian, daß der Graf ihn zu sich entbieten lasse. Tressilian fand Lord Sussex angekleidet, aber frei von Arm- und Beinschienen auf seinem Ruhebett. Ueber die Veränderung, die durch die Krankheit mit ihm vorgegangen war, fühlte er sich tief betroffen. Der Graf begrüßte ihn aufs herzlichste und erkundigte sich sogleich, wie es um seine Herzenssachen stände. Tressilian ging der Antwort einen Augenblick aus dem Wege und lenkte die Rede auf den Gesundheitszustand des Grafen. Zu seinem nicht geringen Erstaunen machte er die Beobachtung, daß die Symptome seiner Krankheit sich genau mit der Schilderung deckten, die der Schmied von ihr gegeben hatte. Darum zauderte er nicht, dem Grafen genau zu erzählen, wie es sich um seinen neuen Gefolgsmann verhielt, und daß sich derselbe anheischig gemacht hätte, die Krankheit zu heilen, an der der Graf litte. Dieser hörte aufmerksam, aber ungläubig zu, bis der Name Demetrius vorkam. Da rief er plötzlich seinem Sekretär zu, ihm ein Kästchen zu bringen, worin sich Papiere von Wichtigkeit befanden. »Nimm die Aussage heraus,« sagte er zu dem Sekretär, »die der Schurke von Koch, den wir im Verhör hatten, abgegeben hat, und sieh sorgfältig zu, ob darin nicht der Name Demetrius vorkommt.« Der Sekretär hatte die Stelle im Nu gefunden und las: »Und der Inkulpat, als er befragt wird, sagt aus: daß er sich erinnre, die Sauce zu dem erwähnten Stör bereitet zu haben, nach dessen Genuß der besagte edle Lord von Uebelkeit befallen wurde; und er tat die üblichen Ingredienzien und Gewürze hinzu und zwar ...« »Uebergehe diese nebensächlichen Dinge,« sagte der Graf, »und sieh zu, ob er nicht durch einen gewissen Demetrius, seines Zeichens Kräuterhändler, mit den betreffenden Materialien versorgt worden ist.« »Das ist durchaus richtig,« antwortete der Sekretär, »und er fügt bei, daß er seitdem besagten Demetrius nicht gesehen habe.« »Dies stimmt überein mit der Geschichte Deines Burschen,« erwiderte der Graf, »laß ihn herholen, Tressilian!« Vor den Grafen geführt, erzählte Wieland, der Schmied, sein Vorleben mit Festigkeit und Ruhe. »Es kann ja sein,« sprach der Earl, »daß Du abgesandt worden bist von denen, die dies Werk begonnen haben, zu dem Zwecke, es zu vollenden. Aber bedenke, daß es Dir hart ergehen wird, wenn ich an Deiner Arznei zugrunde gehe.« »Das wäre gestrenges Maß,« erwiderte der Schmied, »da doch die Wirkung von Arzneien und das Ende des menschlichen Lebens in Gottes Hand ruht. Aber ich will die Gefahr laufen. Ich habe nicht so lange unter der Erde gelebt, um Bange vor dem Grabe zu haben.« »Nun denn, da Du so zuversichtlich bist, will ich die Gefahr desgleichen auf mich nehmen,« sprach der Graf, »denn die studierten Aerzte sind mit ihrem Latein bei mir zu Ende. Sage mir, wie die Arznei eingenommen werden muß.« »Das soll sogleich geschehen,« antwortete Wieland, »erlaubt mir jedoch noch eine Bedingung, daß es, weil ich alle Gefahr der Kur auf mich nehme, keinem Arzt erlaubt sein solle, sich einzumischen.« »Das ist nur recht und in Ordnung,« entgegnete der Graf, »und nun bereite Deine Arznei.« Während Wieland die Befehle des Grafen zur Ausführung brachte, entkleideten die Diener auf Weisung des Schmieds den Grafen und brachten ihn zu Bett. »Ich sage Euch im voraus,« bemerkte der Schmied, »daß die erste Wirkung dieser Arznei sich durch einen tiefen Schlaf äußern wird, und während dieser Zeit darf die Ruhe im Zimmer durch nichts gestört werden, weil sich sonst verhängnisvolle Folgen einstellen werden. Ich werde selbst bei dem Herrn Grafen, wachen mit einem der Kammerherren vom Dienste.« »Es sollen alle das Zimmer verlassen mit einziger Ausnahme von Stanley und diesem braven Manne,« sprach der Earl. »Und mit Ausnahme von mir,« sagte Tressilian, »denn ich nehme das lebhafteste Interesse an den Wirkungen dieses Trankes.« »Einverstanden, mein lieber Freund,« sagte der Earl; »und nun zu unsrer Kur; aber zuvor ruft mir meinen Sekretär und meinen Kammerherrn.« »Ihr seid Zeugen dafür,« sprach er, als diese Herren eintraten, »Ihr seid mir Zeugen dafür, daß unser ehrenwerter Freund Tressilian in keiner Weise verantwortlich ist für die Wirkungen, die diese Arznei auf mich äußern wird, denn ich nehme sie aus meinem eignen freien Willen und zufolge meiner eignen freien Wahl, aus dem Grunde, weil ich sie für eine Arznei halte, die mir mein gnädiger Gott sendet auf einem weder von mir noch von andern vermuteten Wege, zu dem Zwecke, mich von meiner Krankheit genesen zu machen. Meldet meiner edlen, fürstlichen Gebieterin meine untertänigen Empfehlungen, und beteuert ihr, daß ich lebe und sterbe als ihr getreuer Diener, und daß ich allen, die um ihren Thron sich scharen, die gleiche Herzensaufrichtigkeit, den gleich guten Willen, ihr dienstbar zu sein, wünsche im Verein mit größerer Fähigkeit und Geschicklichkeit, als verliehen war dem armen Thomas Ratcliffe.« Er faltete, nun die Hände und schien auf die Zeit von einigen Sekunden in stilles Gebet zu versinken, dann nahm er die Medizin in die Hand, verhielt sich ein paar weitere Sekunden lang still und betrachtete Wieland mit einem Blicke, der ihm durch die Seele dringen sollte, aber in dem Benehmen des Schmieds und in seiner Handlungsweise weder Unruhe noch Zaudern bewirkte. »Hier ist keine Ursache vorhanden zu Furcht oder Besorgnis,« sprach der Graf zu Tressilian und schluckte die Medizin ohne weitres Besinnen hinunter. »Und nun bitte ich Eure Herrlichkeit,« sagte Wieland, »sich so bequem wie nur möglich zur Ruhe hinzustrecken; und Euch, meine edlen Herren, ersuche ich, sich so still wie möglich zu verhalten, und ganz so stumm, wie wenn Ihr am Sterbebette Euerer leiblichen Mutter verweiltet.« Der Kammerherr und der Sekretär verließen nun das Gemach und erteilten draußen Befehl, daß alle Türen geschlossen bleiben und aller Lärm im Hause auf das strengste vermieden werden solle. Verschiedne Edelleute blieben, weil es ihr Wille war, in der Halle als Wache, aber das Gemach, in welchem der kranke Graf lag, wurde von niemand betreten, ausgenommen von seinem Leibdiener Stanley, von Wieland und von Tressilian. Die Anordnungen Wielands wurden flugs erfüllt, und ein tiefer Schlaf senkte sich auf den Grafen, ein Schlaf, so tief und fest, daß die beiden, die abwechselnd an seinem Bette wachten, Tressilian und Stanley, ernstlich zu fürchten anfingen, er möchte bei dem geschwächten Zustande, in dem er sich befand, in die Ewigkeit hinübergehen, ohne aus seiner Lethargie zu erwachen. Wieland, der Schmied, schien selbst Unruhe zu fühlen, betastete von Zeit zu Zeit mit leichtem Druck die Schläfen des Grafen – und verfolgte mit besondrer Aufmerksamkeit die Atemzüge des Patienten, die tief aus der Brust heraufkamen, aber leicht und regelmäßig waren. Fünfzehntes Kapitel. Es gibt keine Zeit, wo die Menschen einander häßlicher vorkommen, als wenn das erste Tagesgrauen sie noch wach und schlaflos findet. Selbst eine Schönheit erster Klasse, nach durchtanzter Nacht vom Morgengrauen überrascht, würde besser daran tun, sich vor dem Blick selbst ihres ergebensten und blindesten Verehrers zu verbergen. So wirkte auch das bleiche, unheimliche und unangenehme Licht, als es Tag zu werden anfing um die Männer her, die die ganze Nacht hindurch Wache gehabt hatten in der Halle von Says-Hof. Der kalte, blasse Schimmer vermischte sich mit dem roten, gelben und qualmigen Schein verlöschender Lampen und Fackeln. Der junge Edelmann, der in unserm letzten Kapitel aufgetreten ist, war auf ein paar Minuten hinausgegangen, um nachzusehen, weshalb an der Außentür geklopft wurde, und als er wieder hereinkam, erschrak er fast über das trostlose, gespenstische Aussehen seiner Wachtkameraden und rief aus: »Herr, Du meine Güte! Ihr Herren, Ihr seht aus wie die Eulen! Mich dünkt, wenn die Sonne aufgeht, sehe ich Euch mit verschleierten Augen aufflackern und Euch im nächsten Efeugestrüpp oder einem verfallnen Gemäuer verstecken.« »Halt den Schnabel, Du Hansnarr,« sagte Blount, »halt den Schnabel. Ist jetzt eine Zeit zum Witzereißen, wo das Mannestum von England eine Mauer breit von uns am Ende verstirbt?« »Da lügst Du,« erwiderte der junge Mann. »Was, lügen?« rief Blount und fuhr auf. »Lügen! Mir das!« »Ja, das hast Du getan, Du zänkischer Narr,« antwortete der Jüngling, »liegst Du nicht noch auf der Bank dort? Aber bist Du nicht ein Brausekopf, daß Du gleich bei einem schlecht angebrachten Worte auffährst in Zorn und Grimm? Aber so sehr ich auch Mylord liebe, und gewiß ebenso aufrichtig wie Ihr, so sage ich doch, wenn der Himmel ihn von uns nimmt, so stirbt doch nicht Englands ganzes Mannestum mit ihm.« »Gewiß,« versetzte Blount, »ein gutes Teilchen bleibt mit Dir am Leben.« »Und ein gutes Teil mit Dir selber, Blount, und mit dem stämmigen Markham hier und mit Tracy und mit uns allen. Aber ich will sicherlich die Talente, die der Himmel uns allen gegeben hat, am vorteilhaftesten verwerten.« »Wie denn, bitte?« sagte Blount. »Teil uns doch Dein Geheimnis der Multiplikation mit.« »Nun Ihr Herren,« antwortete der Jüngling, »Ihr seid wie gutes Land, das noch kein Korn trägt, weil es nicht durch Dünger gehoben worden ist. Ich aber habe diesen anspornenden Geist in mir, der meine bescheidnen Fähigkeiten schon mit sich fortreißen wird. Mein Ehrgeiz wird mein Hirn in steter Tätigkeit halten, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Ich bitte Gott, daß Dich der Ehrgeiz nicht um den Verstand bringen möge,« sagte Blount, »ich meinesteils – wenn wir unsern edeln Lord verlieren – ich sage dem Hof und dem Lager Valet. Ich habe fünfhundert Aecker in Norfolk, und dorthin gehe ich dann und tausche den Höflingspantoffel gegen ein Paar derbe Ackerbauerstiefel um.« »Eine klägliche Veränderung!« rief der andre. »Du hast auch schon so recht den Schlendrian eines Ackerbauers an Dir – die Schultern hängen Dir herab, als wenn Deine Hände auf dem Pfluge lägen, und Du hast eine Art Erdgeruch an Dir, statt nach Parfüm zu duften, wie ein galanter Stutzer und Höfling. Deine einzige Entschuldigung wäre, daß Du bei diesem Schwerte schwörtest, Dein Pächter habe eine hübsche Tochter.« »Ich bitte Dich, Walter,« sagte ein andrer aus der Gesellschaft, »laß Dein Gespött – es ist dazu jetzt weder die Zeit noch der Ort. Sag uns lieber, wer jetzt am Tor war.« »Doktor Masters, Leibarzt Ihrer Majestät, von ihr selber mit dem ausdrücklichen Befehl gesandt, sich nach dem Befinden des Earls zu erkundigen,« antwortete Walter. »Was!« rief Tracy. »Das wäre kein geringes Zeichen ihrer Huld. – Wenn der Graf mit dem Leben davonkommt, so wird er noch immer Leicester den Rang ablaufen. Ist Masters jetzt bei Mylord?« »Nein,« erwiderte Walter, »er ist schon wieder halbwegs nach Greenwich und außer sich vor Wut.« »Du hast ihm doch nicht etwa den Zutritt verweigert?« rief Tracy. »So wahnsinnig bist Du doch nicht gewesen?« setzte Blount hinzu. »Ich habe ihm den Zutritt verweigert, so rundweg, Blount, wie Ihr einem blinden Bettler einen Penny abschlagen würdet, so hartnäckig, Tracy, als Du je einem Gläubiger die Wege gewiesen hast.« »Warum in des Teufels Namen hast Du ihn auch nach dem Tor gehen heißen?« sagte Blount zu Tracy. »Er paßte dem Alter nach besser dazu als ich,« antwortete Tracy, »aber nun hat er uns alle ins Verderben gebracht. Ob nun Mylord am Leben bleibt oder stirbt, er wird nie wieder einen huldvollen Blick von Ihrer Majestät erhalten,« »Und auch seine Anhänger werden nicht mehr ihr Glück in seinem Gefolge machen können,« sagte der junge Edelmann, verächtlich, lächelnd. »Da liegt der Hase im Pfeffer – das ist nicht wieder gut zu machen. Meine Herren, ich habe nicht so laute Klagelieder über Mylords Krankheit angestimmt, wie einige unter Euch, aber wo es gilt, ihm einen Dienst zu erweisen, da nehme ich es mit jedem unter Euch auf. Hätte dieser gelahrte Arzt hereingedurft, meint Ihr nicht, es wäre zwischen ihm und dem Doktor Tressilians zu einem solchen Krakehl gekommen, daß selbst ein Toter, geschweige denn ein Schläfer, hätte erwachen müssen! Ich weiß, wenn sich Doktoren in die Haare kriegen, da gehts toll her.« »Und wer nimmt nun die Folgen auf sich, daß wir uns den Befehlen der Königin widersetzt haben?« fragte Tracy. »Denn ohne Zweifel kam Doktor Masters mit dem ausdrücklichen Befehl der Königin, den Grafen zu kurieren.« »Ich, der ich das Unrecht begangen habe, werde auch die Folgen tragen,« fügte Walter. »Na, dann schlag nur in den Wind, was Du von Hofgunst geträumt hast,« sagte Blount. »Mit nichten,« sagte der junge Mann errötend, »mit nichten, so lange Irland und die Niederlande Krieg führen, so lange die See pfadlose Wege hat. Der reiche Westen hat noch ungeahnte Länder, und England hat kühne Herzen, die es wagen, sie aufzusuchen. Adieu einstweilen, meine Herren. Ich will in den Hof und die Posten revidieren.« »Der Bursche hat Quecksilber in den Adern,« sagte Blount und sah Markham an. »Er hat etwas im Blut und im Schädel,« sagte Markham, »was ihn entweder zum großen Mann machen oder zugrunde richten wird. Aber indem er dem Masters die Tür gewiesen hat, hat er einen kühnen und liebevollen Dienst getan, denn Tressilians Mann hat immer gesagt, den Lord erwecken, hieße ihn töten!« Der Morgen war schon weit vorgeschritten, als Tressilian erschöpft und übernächtigt mit der freudigen Kunde herunterkam, daß der Graf von selber aufgewacht sei. Die innerlichen Schmerzen hätten sehr nachgelassen, er spreche mit einer Munterkeit und schaue sich mit einer Lebhaftigkeit um, die allein schon ein Beweis seien, daß eine wesentliche Besserung eingetreten sei. Tressilian befahl gleichzeitig, daß zwei Männer des Gefolges mitkommen sollten, um zu berichten, was in der Nacht vorgefallen sei, und ließ die Wache im Zimmer des Grafen ablösen. Als die Nachricht von der Königin dem Earl of Sussex mitgeteilt wurde, lächelte er zuerst darüber, daß der Arzt von seinem übereifrigen Parteigänger abgewiesen worden sei, dann aber sammelte er sich sogleich und befahl, daß Blount sofort mit dem Boote nach dem Palast von Greenwich fahren und den jungen Walter und Tracy mitnehmen solle. Er solle der Landesherrin seinen untertänigen Tank abstatten und erklären, aus welchem Grunde er aus den Beistand des gelahrten Doktor Masters habe verzichten müssen. »Hols der Henker!« brummte Blount. »Hätte er mich mit einer Herausforderung an Leicester geschickt, ich glaube, ich hatte seinen Auftrag mit Freuden ausgeführt. Aber zu unsrer allergnädigsten Landesherrin zu gehen, – vor der alle Worte mit Goldschaum oder mit Zucker lackiert werden müssen – potzblitz, das ist eine so kitzlige Sache, daß mein armes, altes Gehirn sich keinen Rat weiß. – Komm mit, Tracy, und Du auch, Meister Walter Naseweis, der an dem ganzen Rummel schuld ist. Laß doch sehen, ob Dein flinkes Köpfchen, das so manches puffende Feuerwerkchen schon angesteckt hat, einen geraden, schlichten Kerl durch irgend einen pfiffigen Kniff aus der Klemme ziehen kann.« Sie glitten bald auf dem fürstlichen Busen der Themse dahin, die im Sonnenglanz in all ihrer Pracht dalag. »Zwei Dinge gibt es, die auf der weiten Welt kaum ihresgleichen finden,« sagte Walter zu Blount, »die Sonne am Himmel und die Themse auf der Erde.« »Die eine wird uns schon auf dem Wege nach Greenwich leuchten,« sagte Blount, »und die andre würde uns schneller hinbringen, wenn grade Ebbe wäre. Aber mich dünkt obendrein, unsre Botschaft ist vergebens, denn seht, die Barke der Königin liegt an den Stufen, als wollte Ihre Majestät eine Ausfahrt machen.« So war es auch. Die königliche Barke, bemannt mit den Ruderern in den königlichen Livreen, das englische Banner am Steuer gehißt, lag in der Tat an der großen Schloßstiege, die vom Flusse emporführte, und neben ihr ein paar andre Boote, die für denjenigen Teil ihres Gefolges bestimmt waren, der nicht zum persönlichen Dienst der Majestät befohlen war. Die Yeomen von der Wache, die größten und hübschesten Männer, die England hervorbringen konnte, bewachten mit ihren Hellebarden den Durchgang vom Palast zum Fluß, und alles schien bereit zur Ausfahrt der Fürstin, obwohl es noch so sehr früh am Tage war. »Meiner Treu, das verheißt uns nicht Gutes,« sagte Blount, »es muß eine gefährliche Sache vorliegen, daß Ihro Gnaden zu solcher Stunde schon auf den Beinen ist. Wenn ich uns einen Rat geben soll, so führen wir am besten wieder zurück und sagten dem Grafen, was wir gesehen haben.« »Dem Grafen sagen, was wir gesehen haben!« rief Walter. »Ei, was haben wir denn weiter gesehen, als ein Boot und Leute in scharlachroten Kitteln mit Hellebarden in den Händen? Wir wollen unsern Auftrag ausrichten und ihm dann sagen, was die Königin uns antwortet.« Mit diesen Worten ließ er das Boot anlegen an einem von der Hauptanlegestelle etwas entfernten Landungsplatze, sprang ans Ufer, und seine ängstlichen, zaghaften Gefährten folgten ihm mit Widerstreben. Als sie dem Tor des Palastes sich näherten, sagte ihnen einer der Türhüter, sie könnten jetzt nicht herein, da Ihre Majestät sogleich herauskommen werde. Der junge Edelmann nannte den Namen des Grafen von Sussex, aber auch damit erreichten sie nichts. »Ich habe es Euch ja gesagt,« sprach Blount, »komm, mein lieber Walter, laß uns in unser Boot steigen und umkehren.« »Nicht eher, als bis ich die Königin habe herauskommen sehen,« antwortete der junge Mann gelassen. »Du bist von Sinnen, völlig von Sinnen,« versetzte Blount. »Und Du bist zu einem Feigling verwandelt,« sagte Walter. »Ich habe Dich selber einem Dutzend krausköpfiger Iren, mit denen Du es aufgenommen hattest, keck ins Äuge schauen sehen – und jetzt willst Du Dich wieder wegstehlen und fürchtest Dich vor dem Blick einer schönen Dame!« In diesem Augenblick öffneten sich die Tore, und Kammerherren kamen in voller Gala heraus, vor ihnen her und neben ihnen schritten die Herren von der königlichen Ehrenwache. Unter einer Menge von Herren und Damen, die aber so um ihre Person her geordnet waren, daß die Königin nach allen Seiten hin sehen und auch von allen Seiten her gesehen werden konnte, kam darauf Elisabeth selber, die damals in der Blüte der Weiblichkeit stand und für eine Königin sicher schön genannt werden konnte. Ihre Gestalt war edel und ihr Gesicht fesselnd und gebietend. Sie lehnte am Arme des Lord Hunsdon, der zufolge seiner Verwandtschaft mit ihr von mütterlicher Seite oft durch solche Zeichen der Vertraulichkeit von Elisabeth ausgezeichnet wurde. Der junge Edelmann, den wir nun schon hinreichend kennen, war jedenfalls noch nie der Person der Königin so nahe gekommen, und er drängte sich so weit vor, wie es das Spalier der Wärter nur ermöglichte, um sich die Gelegenheit zu nutze zu machen. Sein Gefährte verwünschte dagegen seine Unklugheit und zog ihn zurück, bis Walter sich ungeduldig von ihm losriß, wobei ihm der prachtvolle Mantel von der Schulter fiel. Dieser Umstand diente dazu, seine wohlgebaute Gestalt in sehr vorteilhafter Weise zu enthüllen. Gleichzeitig nahm er die Mütze ab und heftete die Augen fest und gespannt auf die Königin, mit einer Mischung ehrfürchtiger Neugierde und bescheidner, doch glühender Bewunderung, die seinem seinen Gesicht so gut stand, daß die Wärter, von seiner reichen Kleidung und edeln Erscheinung bestochen, ihn näher heranließen, als sie Wohl sonst einen gewöhnlichen Zuschauer an den Platz herangelassen hätten, über den die Königin zu gehen hatte. So stand der waghalsige Jüngling voll vor Elisabeths Auge – einem Auge, das nie für die ihr von ihren Untertanen verdientermaßen gezollte Bewunderung unempfindlich und auch für das Ebenmaß einer schönen Gestalt bei irgend einem ihrer Höflinge nie gleichgültig war. Sie heftete daher ihren scharfen Blick auf den Jüngling, als sie dem Platz, wo er stand, sich näherte, und in ihrem Blick lag Erstaunen über seine Kühnheit, doch ohne Verdruß, indessen ereignete sich ein Zufall, der ihre Aufmerksamkeit noch stärker auf ihn lenkte. Die Nacht war regnerisch gewesen, und grade, wo der junge Edelmann stand, sperrte eine kleine Pfütze der Herrscherin den Weg. Sie zauderte, sie zu überschreiten, und der junge Fant warf den Mantel von den Schultern und legte ihn über die schmutzige Stelle, so daß Elisabeth trocknen Fußes weiterschreiten konnte. Sie sah den jungen Mann an, der diese Handlung tief ergebner Höflichkeit mit einem Gebaren untertänigster Ehrfurcht verrichtete, während hohe Röte dabei sein Gesicht bedeckte. Die Königin war verwirrt, errötete selber, nickte mit dem Kopfe, schritt hastig weiter und bestieg ihre Barke, ohne weiter ein Wort zu sagen. »Komm nur jetzt, Junker Hanswurst,« sagte Blount, »Dein fescher Mantel bedarf heute der Bürste, möcht ich wetten.« »Dieser Mantel,« sagte der Jüngling, nahm ihn auf und faltete, ihn zusammen, »soll nie wieder ausgebürstet werden, so lange er mir gehört.« »Und das wird er nicht mehr lange, sofern Du nicht« mehr Sparsamkeit lernst.« Ihr Gespräch wurde unterbrochen durch einen Mann von der Ehrenwache. »Ich bin geschickt worden,« sagte er, nachdem er sie aufmerksam betrachtet hatte, »zu einem Herrn, der keinen Mantel hat oder einen schmutzigen. Ihr, Herr,« – indem er sich an den Junker wendete – »seid der Mann; Ihr wollt mir gefälligst folgen.« »Er gehört zu mir,« sagte Blount, »dem Stallmeister des edeln Grafen von Sussex.« »Das geht mich nichts an,« antwortete der Bote, »mein Befehl ist direkt von Ihrer Majestät und betrifft allein diesen Herrn.« Mit diesen Worten ging er fort, und Walter folgte ihm, während die andern ihm sprachlos nachgafften. Blount wollten die Augen vor Erstaunen fast aus den Höhlen treten, und endlich machte er seiner Verblüffung in dem Rufe Luft: »Wer zum Kuckuck hätte das gedacht!« Und geheimnisvoll den Kopf schüttelnd, ging er zu seinem eignen Boot, stieg ein und fuhr nach Deptford zurück. Der junge Ritter wurde inzwischen von dem Mann der Ehrenwache nach dem Wasser geführt. Der Mann, der ihm.– was als ein sehr bedeutsames Zeichen angesehen werden durfte –, nicht geringe Ehrerbietung erwies, führte ihn in einen der Kähne, die bereit waren, der königlichen Gondel zu folgen, die schon auf dem Flusse schwamm. Die beiden Ruderer brauchten ihre Riemen mit solcher Emsigkeit, daß sie ihr kleines Boot rasch an die königliche Barke herangebracht hatten. Die Fürstin saß unter einem Baldachin, und um sie her einige Damen und die Edelherren ihres Gefolges. Sie sah oft nach dem Kahne, in dem der junge Edelmann saß, sprach dann zu ihrer Umgebung und schien zu lachen. Endlich gab einer aus dem Gefolge, augenscheinlich auf der Königin Befehl, dem Kahn ein Zeichen, an die Längsseite der Bark zu kommen, und der junge Mann wurde aufgefordert, aus dem Kahn in die Gondel zu treten, was er mit graziöser Gewandtheit tat. Er trat dann der Königin näher, wahrend der Kahn wieder hinter der Barke hersteuerte. Der junge Mann hielt den Blick der Majestät aus und erschien dabei um so anmutiger, als eine leichte Verlegenheit sich in sein Selbstbewußtsein mischte. Der beschmutzte Mantel hing noch über seinem Arm und bildete den natürlichen Gegenstand, über den die Königin zu sprechen begann. »Ihr habt heute einen schmucken Mantel in unserm Dienste verdorben, junger Mann. Wir danken Euch für Euern guten Dienst, wenn auch die Art und Weise ein wenig ungewöhnlich, ja sogar kühn war.« »Wenn es der Dienst einer Landesherrin erfordert,« antwortete der Jüngling, »ist Kühnheit jedes Untertanen Pflicht.« »Bei Gott! Das war wohl gesprochen, Mylord!« sagte die Königin und wandte sich an einen ernsten Mann, der neben ihr saß und mit einer ernsten Neigung des Kopfes antwortete, ein paar Worte der Zustimmung murmelnd. »Nun, junger Mann, Eure Galanterie soll nicht unbelohnt bleiben. Geht zu unserm Garderobier, er soll Anweisung erhalten, Euch das Kleidungsstück zu ersetzen, das Ihr in unserm Dienst weggeworfen habt. Ihr sollt einen Anzug nach dem neuesten Schnitt haben, darauf geben wir Euch unser fürstliches Wort.« »So es Euer Majestät gefiele,« sagte Walter zögernd, »es geziemt freilich einem so niedrigen Diener Eurer Majestät nicht, ein Maß an Eure Güte zu legen; doch wenn es mir »erlaubt wäre, zu wählen ...« »So würdest Du lieber Gold haben, wette ich,« sagte die Königin, ihn unterbrechend. »Pfui, junger Mann! Ich sage es mit Beschämung, in unsrer Hauptstadt sind die Gelegenheiten zu verschwenderischen Torheiten so zahlreich und mannigfach, daß einem jungen Mann Geld geben Kohlen ins Feuer tun heißt. Das heißt nur sie auf den Weg der Selbstverderbung führen. So lange ich am Leben und an der Regierung bin, sollen diese Gelegenheiten zu unchristlicher Ausschweifung eingeschränkt werden. Doch Du magst wohl arm sein,« setzte sie hinzu, »oder Deine Eltern sind arm. Du sollst Gold haben, wenn Du willst – aber Du sollst mir dafür stehen, daß es nicht vergeudet wird.« Walter wartete geduldig, bis die Königin ausgeredet hatte, und versicherte ihr dann, daß ihm der Sinn ebenso wenig nach Geld stünde, wie nach dem Gewände, daß Ihre Majestät ihm vorher angeboten hätte. »Wie, Knabe?« rief die Königin. »Weder Gold noch Kleidung? Was willst Du denn von mir?« »Nur Erlaubnis, Majestät, – sofern es nicht eine zu hohe Ehre ist – den Mantel zu tragen, der Euch diesen geringfügigen Dienst erwiesen hat.« »Erlaubnis, Deinen eignen Mantel zu tragen, Du törichter Knabe!« rief die Königin. »Er ist nicht länger mein« sagte Walter, »seit Eurer Majestät Fuß ihn berührt hat, ist er eines Fürsten würdig und viel zu kostbar für seinen bisherigen Eigentümer.« »Habt Ihr je dergleichen gehört, Mylords?« fragte die Königin, die abermals errötete und ihre angenehme Ueberraschung und leise Verwirrung unter einem Lachen zu verbergen suchte. »Der Jüngling hat sich durch Romanlektüre ein wenig den Kopf verdreht. Ich muß Näheres über ihn erfahren, damit ich ihn ein wenig ins Gebet nehmen kann. Wer bist Du?« »Ein Edelmann vom Gefolge des Grafen Sussex – ich bin mit Verlaub Eurer Majestät zusammen mit seinem Stallmeister hergeschickt worden – wir haben einen Auftrag an Euer Majestät.« Der huldvolle Ausdruck, den Elisabeths Gesicht bisher gezeigt hatte, wich im Augenblick einem Ausdruck des Hochmuts und der Strenge. »Mylord von Sussex,« sagte sie, »hat uns gelehrt, wie wir seine Botschaften aufzunehmen haben, denn er selber legt den unsern keinen Wert bei. Wir sandten eben heute morgen erst unsern Leibarzt zu ihm, und das zu ganz ungewohnter Zeit, da wir hörten, daß seine Erkrankung gefährlicher sei, als wir zuerst gefürchtet hatten. An keinem Hofe in Europa gibt es einen in dieser heiligen und nützlichen Wissenschaft besser bewanderten Mann als Doktor Masters, und er war von Uns an Unsern Untertan gesandt. Und doch ist ihm der Eintritt verwehrt worden. Für diese abweisende Annahme einer Freundlichkeit, in der nur zu viel gütige Herablassung lag, wollen wir, wenigstens vorderhand, keine Entschuldigung annehmen, und eine solche auszurichten, ist doch wohl der Zweck von Lord Sussexs Sendung.« Dies wurde in einem Tone und mit einer Gebärde gesprochen, daß die an Bord der Barke befindlichen Freunde des Grafen von Sussex zitterten. Er aber, an den diese Worte gerichtet waren, zitterte nicht, sondern antwortete, sobald der Zorn der Königin es ermöglichte, mit Unterwürfigkeit: »Mit Verlaub Eurer Majestät, ich bin mit keiner Entschuldigung vom Grafen von Sussex hergesandt worden.« »Nun, was ist Dir denn aufgetragen worden?« rief die Königin in jenem Ungestüm, das neben edeln Eigenschaften in ihrem Charakter besonders stark hervortrat. »Mit einer Rechtfertigung wohl gar – oder, Gottes Tod! Mit einer neuen Verhöhnung.« »Allergnädigste Fürstin,« sagte der junge Mann, »Mylord von Sussex weiß, daß eine Kränkung an Hochverrat grenze, und er konnte keinen andern Gedanken hegen, als sich des Beleidigers zu versichern und ihn Eurer Majestät auf Gnade oder Ungnade auszuliefern. Der edle Graf lag in festem Schlafe, als Eure höchst huldvolle Botschaft ihn erreichte – ein Schlaftrunk war ihm von seinem Arzte eingegeben worden, und seine Lordschaft hat erst heute morgen nach seinem Erwachen davon gehört, daß Eurer Majestät höchst erfreuliche Sendung in so unschicklicher Weise abgewiesen worden ist.« »Und welcher von seinen Dienern im Namen des Himmels hat die Dreistigkeit gehabt, meine Botschaft zurückzuweisen, ohne auch nur den Arzt, den ich zu seiner Pflege sandte, vor ihn zu lassen?« fragte die Königin, sehr überrascht. »Der Beleidiger steht vor Euch, allergnädigste Königin,« erwiderte Walter mit einer tiefen Verbeugung. »Der Tadel trifft ganz allein mich, und Mylord hat nur gerecht gehandelt, indem er mich hergeschickt hat, daß ich die Folgen eines Vergehens, an dem er ganz unschuldig ist, auf mich nehme.« »Was? Du warst es – Du selber hast meinen Boten und meinen Arzt von Says-Hofe abgewiesen?« sagte die Königin. »Was konnte einen Mann, der doch – dem Aeußern nach zum mindesten – seiner Landesherrin treu ergeben zu sein scheint, zu einer solchen Kühnheit veranlassen?« »Allergnädigste,« sagte der Jüngling, der trotz des erkünstelten Zuges von Strenge im Antlitz der Königin einen Ausdruck zu sehen glaubte, der nichts weniger als unversöhnlichen Zorn verkündete, »wir sagen bei uns zu Lande, der Arzt sei der Lehnsherr des Patienten. Nun stand mein edler Herr unter der Hut eines Arztes, dessen Rat ihm bisher sehr gut getan hatte, und dieser Arzt hatte ausdrücklich befohlen, daß der Kranke in der Nacht nicht gestört werden solle – sofern man nicht sein Leben ernstlich gefährden wollte.« »Dein Herr hat sich einem Charlatan anvertraut,« sagte die Königin. »Das weiß ich nicht, Majestät, Tatsache ist aber, daß er heute morgen nur nach dem Schlaf von vielen Stunden sehr erfrischt und gestärkt erwacht ist.« Die Edelleute sahen einander an, aber mehr, um zu erfahren, was jeder von dieser Neuigkeit dächte, als irgend eine Bemerkung darüber zu äußern. Die Königin antwortete schnell und ohne sich Mühe zu geben, ihre Genugtuung zu verhehlen: »Bei meinem Worte, es freut mich, daß er sich wohler fühlt. Du aber warst mehr als kühn, meinem Doktor Masters den Zutritt zu verwehren. Wie heißt Du, junger Mann, und von welcher Herkunft bist Du?« »Raleigh ist mein Name, allergnädigste Königin, ich bin der jüngste Sohn einer großen, doch ehrenwerten Familie in Devonshire.« »Raleigh?« sagte Elisabeth, nachdem sie ein Weilchen nachgedacht hatte. »Haben wir nicht gehört, daß Du uns in Irland gute Dienste geleistet hast?« »Ich bin allerdings so glücklich gewesen, dort Dienst tun zu können, Majestät,« erwiderte Raleigh, »indessen doch wohl in zu bescheidnem Maße, als daß es Eurer Majestät zu Ohren hätte kommen können.« »Dies Ohr reicht weiter, als Du denken magst,« sagte die Königin huldvoll, »und es hat von einem jungen Burschen gehört, der in Shannon eine Furt gegen eine ganze Bande irischer Rebellen verteidigte, bis der Strom purpurn floß von ihrem Blute und dem seinen.« »Ein bißchen Blut mag ich verloren haben,« sagte der Jüngling, den Blick niederschlagend, »aber es floß, als das Beste hergegeben werden mußte – im Dienste Eurer Majestät.« Die Königin schwieg und sagte dann rasch: »Ihr seid sehr jung, wenn man bedenkt, daß Ihr schon so gut gefochten habt und so trefflich zu sprechen wißt. Aber dafür, daß Ihr Masters abwieset, dürft Ihr der Strafe nicht entgehen – hört also, Junker Raleigh, tragt zum Zeichen der Buße Euern schmutzigen Mantel, bis wir kund tun werden, was uns weiterhin belieben wird. Und hier,« setzte sie hinzu und gab ihm einen goldnen Schmuck, »dies gebe ich Euch, tragt es am Halse.« Raleigh, dem die Natur die höfischen Künste, die manche erst nach langer Erfahrung sich aneignen, mit auf den Weg gegeben hatte, kniete nieder, und indem er aus ihrer Hand das Juwel entgegennahm, küßte er die Finger, die es ihm gaben. Sein Herr und Gebieter, Graf von Sussex, genoß den vollen Vorteil dieser von Elisabeth dem Junker gewidmeten Gunst. »Mylords und Ladys,« sagte die Königin und sah sich unter ihrem Gefolge um, »mich dünkt, da wir auf dem Flusse sind, wäre es angebracht, wir ließen unsre ursprüngliche Absicht, nach der Stadt zu fahren, fallen und überraschten diesen armen Earl of Sussex mit einem Besuch. Er ist krank und leidet ohne Zweifel unter der Furcht vor unsrer Ungnade, vor der er bewahrt worden ist durch das Geständnis dieses naseweisen Burschen. Was denkt Ihr?, Wäre es nicht ein Akt der Barmherzigkeit, ihm zum Trost den Dank seiner Königin zu überbringen, die ihm sehr verbunden ist für seine getreuen Dienste?« Selbstverständlich wagte keiner von denen, an die diese Worte gerichtet waren, dem Vorschlag zu widersprechen. Die Barke erhielt daher Befehl, die königliche Bürde an dem nächsten passenden Orte abzusetzen, von dem aus Says-Hof bequem zu erreichen war, damit die Königin ihrer königlichen und landesmütterlichen Anteilnahme durch persönliche Nachfrage nach dem Befinden des Earl of Sussex Genüge tun könnte. Raleigh, der bei seinem scharfen Verstände wichtige Folgen aus den nebensächlichsten Ereignissen vorhersah oder vorausahnte, bat rasch die Königin um Erlaubnis, den leichten Kahn zu besteigen und den königlichen Besuch seinem Herrn anzumelden, denn er vermutete in seiner Klugheit, daß die freudige Ueberraschung der Gesundheit seines Herrn nachteilig sein könne. Aber ob die Königin es für zu anmaßend von einem so jugendlichen Höfling hielt, daß er ungefragt seine Meinung äußre, oder ob in ihr der Argwohn wieder erwachte, der durch das Gerücht, daß der Graf von Sussex bewaffnete Männer um sich hielt, ihr eingeflößt worden war – jedenfalls äußerte sie in schroffem Tone den Wunsch, Raleigh möchte seinen Rat für sich behalten, bis er danach gefragt würde, und wiederholte ihren Befehl, in Deptford zu landen, indem sie hinzufügte: »Wir wollen mit eignen Augen sehen, was für eine Art von Gefolge Mylord von Sussex um sich hat.« Die königliche Barke machte in Deptford Halt, und unter dem lauten Jubel des Volkes, den ihr Erscheinen stets wachrief, ging die Königin unter einem ihr zu Häupten getragnen Baldachin nach Says-Hof, wo das ferne Geschrei zuerst von ihrer Ankunft Kunde gab. Sussex, der eben dabei war, mit Tressilian zu beraten, wie er den vermeintlichen Bruch mit der Königin wieder gut machen sollte, war unendlich überrascht, als er, von ihrer Herkunft unterrichtet wurde. Daß die Königin die hervorragenderen Vertreter des Adels oft zu besuchen pflegte, konnte ihm nicht unbekannt sein, aber die so plötzliche Mitteilung ließ ihm keine Zeit zu den Vorbereitungen, mit denen seiner Erfahrung gemäß Elisabeth sich gern empfangen sah, und bei der Roheit und Verwirrung seines militärischen Haushalts, die durch seine Krankheit nur noch vermehrt worden war, war es ihm ganz unmöglich, zu ihrem Empfang irgendwelche Zurüstungen zu treffen. Innerlich den Zufall verwünschend, der ihm unerwartet diesen huldvollen Besuch zuführte, eilte er mit Tressilian hinunter, dessen ereignisreiche und interessante Erzählung er eben mit großem Interesse angehört hatte. »Wein würdiger Freund,« sagte er, »soweit ich, Euch in Eurer Klage wider Varney unterstützen kann, soweit dürft Ihr meinen Beistand erwarten, um der Gerechtigkeit und der Dankbarkeit willen. Der Zufall wird uns sogleich zeigen, ob ich bei unsrer Königin etwas erreichen kann oder ob es Euch nicht vielmehr eher von Nachteil als von Nutzen sein wird, wenn ich mich in Eure Angelegenheit mische.« So sprach Sussex, während er in aller Eile ein loses Pelzgewand um sich warf und sein Aeußeres, soweit es irgend anging, in Ordnung brachte, um dem Auge seiner Königin begegnen zu können. Aber er vermochte doch die bleichen Spuren einer langen Krankheit nicht von einem Gesicht zu verwischen, das von Natur wohl mit kraftvollen, aber doch nicht anmutigen Zügen begabt war. Obendrein war er klein von Gestalt und breitschultrig, athletisch und der geborne Kriegsmann – aber seine Erscheinung in einer Halle des Friedens war nicht derartig, daß die Damen sie mit Gefallen hätten betrachten können – ein persönlicher Nachteil, in dessen Folge Sussex wahrscheinlich, so hoch ihn die Königin auch schätzte und ehrte, doch sehr gegen Leicester zurückstand, welcher durch Grazie des Benehmens wie durch Schönheit der Person gleich ausgezeichnet war. Bei all seiner Eile war es dem Grafen doch erst möglich, der Königin entgegenzugehen, als sie schon die Halle betreten hatte, und er bemerkte auf den ersten Blick, daß eine Wolke auf ihrer Stirn lag. Ihr argwöhnisches Auge hatte die kriegerische Schar bewaffneter Edelherren und Vasallen gesehen, von der das Herrenhaus angefüllt war, und ihr erstes Wort sprach auch ihr Mißfallen aus. »Ist dies eine königliche Garnison, Mylord von Sussex, daß hier so viele Piken und Gewehre sind? Oder haben wir zufällig Says-Hof verfehlt und sind an unserm Tower zu London ausgestiegen?« Lord Sussex sprach rasch einige Worte der Entschuldigung. »Nicht nötig,« unterbrach sie ihn. »Mylord, wir beabsichtigen, einen gewissen Zwist zwischen Euch und einem andern großen Lord unsers Gefolges zu schleunigem Ende zu bringen. Gleichzeitig wollen wir die unzivilisierte und gefährliche Maßregel aufheben, sich hier mit einem Gefolge von bewaffneten und sogar ziemlich hagebuchnen Gesellen zu umgeben, als wolltet Ihr in der Nähe unsrer Hauptstadt, ja an der Schwelle selber unsrer königlichen Residenz in Bürgerkrieg gegeneinander entbrennen. Es freut uns, daß Ihr Euch soweit erholt habt, Mylord, wenn auch ohne den Beistand des gelahrten Arztes, den wir Euch gesandt haben – bringt keine Entschuldigung vor – wir wissen bereits, wie das zugegangen ist, und haben dem Wildfang, dem jungen Raleigh, deshalb seine Lektion erteilt. – Nebenbei, Mylord, wir wollen eiligst Euer Haus von ihm befreien und ihn zu uns nach Hofe nehmen. Er hat etwas an sich, was einer bessern Ausbildung wert ist, als sie ihm unter Euerm militärischen Gefolge zuteil werden kann.« Auf diesen Vorschlag konnte Sussex – obwohl er nicht wußte, wie die Königin dazu kam, ihn zu machen – nur mit einer Verneigung und dem Ausdruck seines Einverständnisses antworten. Er ersuchte sie dann zu verweilen, bis ihr Erfrischungen angeboten werden konnten, aber dies vermochte er nicht zu erreichen. Und nach ein paar Komplimenten weit kälterer und herkömmlicher Art, als sie anläßlich einer so ausgesprochenen Gunstbezeigung, wie es ein persönlicher Besuch war, eigentlich hätten erwartet werden sollen, verabschiedete sich die Königin von Says-Hof. Verwirrung hatte sie mit sich gebracht, Furcht und Zweifel ließ sie zurück. Sechzehntes Kapitel. »Für morgen bin ich zu Hofe befohlen,« sagte Leicaster zu Varney, »ich soll dort vermutlich mit Mylord von Sussex zusammentreffen. Die Königin beabsichtigt, unsern Zwist beizulegen. Das kommt von ihrem Besuch zu Says-Hof, von dem Du noch dazu so obenhin sprichst.« »Ich bleibe auch dabei, daß er nichts zu bedeuten hat,« sagte Varney. »Ich weiß von einem zuverlässigen Kundschafter, der vieles, was gesprochen worden ist, mit angehört hat, daß Sussex durch diesen Besuch eher verloren als gewonnen hat. Als die Königin in die Barke zurückkehrte, sagte sie, in Says-Hof sähe es aus, wie in einer Wachtstube, und es röche darin, wie in deinem Hospital.« »Du hast vielerlei Nachrichten gesammelt,« sagte Leicester, »aber das Wichtigste hast Du vergessen oder ausgelassen. Sie hat zu den tändelnden Satelliten, die sie zu ihrem Gefallen die Kreise um ihre Sonne ziehen läßt, einen neuen hinzugefügt.« »Euer Lordschaft meint jenen Raleigh, den Jüngling aus Devonshire,« sagte Varney, »den Ritter vom Mantel, wie sie ihn bei Hofe nennen.« »Er wird vielleicht eines Tages noch Ritter vom Hosen-, bände,« sagte Leicester, »denn er macht schnell Fortschritte – sie hat Verse mit ihm gelesen und solche Torheiten. Ich möchte aus freiem Willen gern den Stein aufgeben, den ich im Brett ihrer wankelmütigen Gunst habe, aber ich möchte mich nicht so durch einen Rippenstoß hinausschieben lassen von diesem Hanswurst Sussex oder diesem neuen Emporkömmling. Ich höre, auch Tressilian ist bei Sussex und steht hoch in seiner Gunst. Ich würde ihn gern schonen – aus Rücksicht, aber er rennt allein in sein Schicksal – Sussex ist jetzt wieder so wohl auf wie nur je.« »Mylord,« erwiderte Varney, »Unebenheiten gibt es auf dem glattesten Wege, zumal wenn er bergan führt. Sussex' Krankheit war für uns eine Sendung des Himmels, von der ich viel erhoffte, Er hat sich allerdings erholt, aber er ist jetzt nicht mehr zu fürchten, als vor seiner Erkrankung. Und damals schon ist er im Kampfe gegen Euer Lordschaft oft abgeführt worden. Nur den Mut darf Euer Lordschaft nicht sinken lassen, dann wird alles gut gehen.« »Mir ist der Mut noch nie gesunken. Mann,« sagte Leicester. »Nein, Mylord,« sagte Varney, »doch hat Euer Herz Euch schon manchen Streich gespielt. Wer einen Baum erklimmen will, muß bei den Zweigen zupacken, nicht bei den Blüten.« »Gut, gut, gut,« sagte Leicester ungeduldig, »ich verstehe, wie Du es meinst. – Sorge dafür, daß mein Gefolge in Ordnung ist – sieh zu; daß der Aufputz meiner Mannen prächtig genug ist, um nicht nur die vierschrötigen Gesellen von Ratcliffe auszustechen, sondern auch die Vasallen jedes andern Edelmanns und Höflings. Du selber bleib in meiner Nähe, es gibt vielleicht noch etwas für Dich zu tun.« Sussex und seine Partei trafen nicht weniger emsige Vorbereitungen. »Eure Bittschrift, die Varney der Verführung bezichtigt,« sagte der Earl zu Tressilian, »ist jetzt schon bei der Königin – ich habe sie durch sichre Vermittlung hingeschickt. Mich dünkt, Euer Gesuch müßte Erfolg haben, denn es fußt auf Gerechtigkeit und Ehre, und Elisabeth ist das wahre Muster von beiden. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, der Zigeuner« – so nannte Sussex seinen Nebenbuhler wegen seiner dunkeln Hautfarbe – »hat jetzt viel bei ihr zu sagen in den faulen Friedenszeiten. Stünde der Krieg am Tore, dann wäre ich ihr Bester, aber in Friedenszeiten kommen Soldaten aus der Mode. Na, wir dürfens uns nicht verdrießen lassen – es ist nun einmal die Mode so. –Blount, hast Du dafür gesorgt, daß unser Gefolge die neuen Uniformen angelegt hat?« »Es ist besorgt, und Eurer Lordschaft wackre Verwandten und Freunde kommen zu Dutzenden heran, um Euch zu Hofe zu begleiten, und wir werden in Reih und Glied ebenso stattlich erscheinen wie Leicesters Sippschaft, mag er sie noch so protzig herausstaffieren.« Der Earl of Sussex gab seine Anweisungen in solcher Hast, daß Tressilian nur mit Mühe endlich Gelegenheit fand, sein Erstaunen auszusprechen, daß er in der Angelegenheit Sir Hugh Robsarts so weit gegangen sei, die Bittschrift gleich der Königin vorzulegen. Es sei die Meinung der Freunde der jungen Dame gewesen, sagte er, daß man sich zuerst an Leicesters Gerechtigkeitsgefühl wenden solle, da die Beleidigung durch einen seiner Offiziere begangen worden sei, und dies habe er ja auch Sussex ausdrücklich mitgeteilt. »Dies hätte geschehen können, ohne sich an mich zu wenden,« sagte Sussex, ein wenig hochmütig. »Ich wenigstens hätte nicht zum Ratgeber genommen werden dürfen, wenn es sich um ein erniedrigendes Ansuchen bei Leicester handelte, und ich bin erstaunt, daß Ihr, Tressilian, ein Mann von Ehre und mein Freund, einen solchen niedrigen Weg einschlagen wolltet. Wenn Ihr mir das gesagt habt, so habe ich es gewiß nicht in einem Euch so unähnlichen Sinne verstanden.« »Mylord,« sagte Tressilian, »der Weg, den ich einschlagen wollte, wenn es nur nach mir gegangen wäre, ist der, den Ihr gewählt habt, aber die Freunde dieser unglücklichen Dame ...« »O, die Freunde, die Freunde,« unterbrach ihn Sussex, »müssen uns in dieser Sache den Weg einschlagen lassen, den wir für den besten halten. Dies ist die Zeit und die Stunde, alles, was gegen Leicester und sein Gefolge aufgebracht werden kann, aufzuhäufen, und Eure Beschwerde wird die Königin für eine sehr schwerwiegende halten. Aber auf jeden Fall liegt ihr jetzt die Klage vor.« Während die staatsmännischen Nebenbuhler sich so geschäftig auf ihr bevorstehendes Zusammentreffen vor der Königin vorbereiteten, war Elisabeth selber nicht ohne Befürchtungen, was wohl aus dem Zusammenstoß zweier so feuriger Geister sich ergeben könne, von denen jeder eine so starke und zahlreiche Gefolgschaft hinter sich hatte und unter die, insgeheim oder offenkundig, die Hoffnungen und Wünsche der meisten Edelmänner ihres Hofes geteilt waren. Die Ehrenwache war ganz ins Gewehr getreten, und eine Abteilung Yeomen war aus London auf der Themse hergebracht worden. Ein königlicher Erlaß wurde ausgegeben, der streng allen Edelmännern, welches Ranges sie auch seien, untersagte, sich dem Palast mit Lehnsmännern oder Gefolge in kurzen oder langen Waffen zu nahen. Die kritische Stunde, die auf allen Seiten mit so großer Spannung erwartet wurde, kam endlich heran, und begleitet von ihren langen, prunkenden Zügen von Freunden und Lehnsmännern, betraten die beiden gräflichen Rivalen pünktlich zur Mittagsstunde den Schloßhof zu Greenwich. Wie nach vorheriger Vereinbarung, oder vielleicht, weil die Grafen vermuteten, daß dies der Königin angenehm sei, kam Sussex und sein Gefolge von Deptford zu Wasser nach dem Palast, wahrend Leicester zu Lande kam. So betraten sie den Schloßhof von verschiedenen Seiten. Die beiden Grafen tauschten keinen Gruß miteinander aus, doch sahen sie sich fest und scharf ins Gesicht, und beide erwarteten vielleicht einen Austausch von Höflichkeiten, mit denen keiner den Anfang machen wollte. Fast zur selben Minute, als sie eintrafen, läutete die Schloßglocke, die Tore öffneten sich, und die Grafen traten herein – mit einem zahlreichen Gefolge solcher Edelherren aus ihrer Sippschaft, die ihrem Range nach hierzu befugt waren. Die Yeomen und geringeren unter der Gefolgschaft blieben im Hofe, wo die feindlichen Parteien einander mit Blicken des Hasses und der Verachtung maßen, als warteten sie voller Ungeduld auf eine Gelegenheit zu offnem Tumult. Aber sie wurden durch die strengen Befehle ihrer Führer in Zaum gehalten, auch flößte eine bewaffnete Wache ihnen Respekt ein. Inzwischen folgten die hervorragenderen eines jeden Zuges ihren Lehnsherren in die hohen Hallen und Vorzimmer des königlichen Palastes – sie rannen im selben Bette wie zwei Ströme, die in einen Kurs gezwungen werden und doch ihre Wässer nicht vermischen wollen. Die Flügeltüren am obern Ende wurden gleich darauf geöffnet, und flüsternd wurde verkündet, die Königin sei im Audienzzimmer, zu dem diese Räume führten. Beide Grafen gingen langsam und feierlich auf den Eingang zu, Sussex war von Tressilian, Blount und Raleigh begleitet, hinter Leicester ging nur Varney her. Der Stolz Leicesters mußte sich vor den Hofformalitäten beugen, und er blieb stehen, bis sein Nebenbuhler, ein Graf von höherm Alter als er, vor ihm hereingetreten war. Tressilian und Blount wollten dem Grafen von Sussex folgen, aber es wurde ihnen nicht gestattet, der Kammerherr mit dem schwarzen Stabe ersuchte um Entschuldigung, aber er habe strengen Befehl, heute bei den Vorlassungen scharf auf alle Formalitäten zu achten. Zu Raleigh, der zurücktrat, als seine Gefährten abgewiesen wurden, sagte er: »Ihr, Junker, dürft herein,« und Raleigh trat daher herein. »Folgt mir auf dem Fuße, Varney,« sagte der Earl of Leicester, der auf einen Augenblick vorsichtig zurückgetreten war, um zu sehen, wie Sussex empfangen würde; und eben wollte er hereintreten, als Varney, der in prunkvollste Galauniform gekleidet war, von dem Kammerherrn angehalten wurde, wie vor ihm Tressilian und Blount. »Was bedeutet das, Herr Bowyer?« fragte Graf Leicester. »Wißt Ihr, wer ich bin, und daß dieser hier mein Freund und Vasall ist?« »Euer Lordschaft wird mir verzeihen,« versetzte Bowyer mit Entschiedenheit, »ich habe strengen Befehl und halte mich nur an die gewissenhafte Erfüllung meiner Pflicht.« »Schurke! Es ist ungerecht von Euch,« sagte Leicester, indem ihm das Blut ins Gesicht stieg, »mir diese Schmach anzutun, da Ihr soeben einen vom Gefolge des Grafen von Sussex hereingelassen habt.« »Mylord,« sagte Bowyer, »Junker Raleigh ist seit kurzem als ergebner Diener Ihrer Majestät zugelassen worden, und auf ihn bezieht sich meine besondre Weisung nicht.« »Du bist ein Schuft – ein undankbarer Schuft,« sagte Leicester, »aber der, der Dich in die Höhe gebracht hat, kann Dich auch wieder stürzen – Du sollst Dich nicht länger mit Deiner Würde brüsten.« Diese Drohung sprach er laut aus, seine gewöhnliche Klugheit und Vorsicht außer acht lassend, und trat dann in das Audienzzimmer, sich vor der Königin verneigend. Die Majestät war sogar noch prächtiger gekleidet als sonst und war umgeben von jenen Edlen und Staatsmännern, deren Mut und Weisheit ihre Regierung unsterblich gemacht haben. Sie erwartete stehend die Huldigung ihrer Untertanen, erwiderte anmutig die Begrüßung des beliebten Grafen und blickte bald nach dem einen, bald nach dem andern. Eben schien sie ihre Rede beginnen zu wollen, da trat Bowyer – ein Mann von Mut, der die in Erfüllung seines Amtes ihm von Leicester offen angetane Schmach nicht auf sich sitzen lassen wollte, mit seinem schwarzen Stabe herein und kniete vor ihr nieder. »Was gibt es, Bowyer?« fragte Elisabeth. »Ihr kommt ungelegen.« »Meine allergnädigste Königin,« sagte er, während alle Höflinge um ihn her über seine Kühnheit zitterten, »ich komme nur zu fragen, ob in der Ausübung meines Amtes ich den Befehlen Eurer Hoheit oder denen des Grafen von Leicester zu gehorchen habe, der mir öffentlich mit seiner Ungnade gedroht und ehrenrührige Ausdrücke gegen mich gebraucht hat, weil ich einem aus seinem Gefolge den Zutritt verwehrt habe, gemäß den strengen Befehlen Eurer Majestät?« Der Geist Heinrichs VIII. erwachte sofort im Busen seiner Tochter, und sie wandte sich an Leicester mit einer Strenge, die ihn und all sein Gefolge in Angst versetzte. »Gottes Tod, Mylord!« das war immer ihr Ausruf, wenn sie erregt war, »was soll das heißen? Wir haben eine gute Meinung von Euch gehabt und Euch in die Nähe unsrer Person genommen, doch nicht zu dem Zweck, daß Ihr die Sonne unsern getreuen Untertanen verdunkeln solltet. Wer gab Euch Befugnis, unsern Befehlen zu widersprechen oder unsre Beamten zu kontrollieren? Ich will an diesem Hofe, ja in diesem Reiche, nur eine Herrin haben und keinen Herrn. Seht ja zu, daß Bowyer keinen Schaden erleidet, weil er seine Pflicht gegen uns getreu erfüllt hat. Denn so wahr ich ein christliches Weib und eine gekrönte Königin bin, Ihr sollt mir teuer dafür einstehen. – Geht, Bowyer, Ihr habt gehandelt wie ein ehrlicher Mann und ein treuer Untertan. Wir wollen hier nicht dulden, daß irgendwer sich zum Herrn des Palastes aufwirft.« Bowyer küßte die Hand, die sie ihm reichte und kehrte zu seinem Posten zurück, erstaunt über den Erfolg seiner Kühnheit. Ein Lächeln des Triumphes ging durch die Partei des Grafen von Sussex, die Leicester-Partei schien in demselben Maße bestürzt, und der Günstling selber nahm eine Miene der tiefsten Demut an und hütete sich, ein Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen. Daran tat er weise, denn Elisabeth war es nur darum zu tun, ihn zu demütigen, nicht ihn in Ungnade fallen zu lassen. Die Würde der Königin war befriedigt, und das Weib in ihr begann bald selber den Verdruß zu bedauern, den sie ihrem Liebling bereitet hatte. Ihr scharfes Auge bemerkte auch, daß die Partei des Sussex heimlich Blicke der Beglückwünschung austauschte, und es entsprach durchaus ihrer Politik, keiner der beiden Parteien einen entscheidenden Triumph zu gewähren. »Was ich zu Mylord von Leicester sagte,« sprach sie nach kurzer Pause, »das sage ich ebenso zu Euch, Mylord von Sussex. Auch Ihr dürft nicht am Hofe von England an der Spitze einer eignen, kampflustigen Partei erscheinen.« »Meine Vasallen, gnädige Fürstin,« sagte Sussex, »sind in der Tat in Eurer Sache kampflustig gewesen in Irland, in Schottland und gegen jene rebellischen Grafen im Norden. Ich wüßte nicht, daß –« »Wollt Ihr mit Blicken und Worten mit mir streiten, Mylord?« unterbrach ihn die Königin. »Ich dächte, Ihr hättet von Mylord von Leicester zum mindesten die Bescheidenheit lernen können, zu schweigen, wenn ich Euch einen Verweis erteile. Ich sage Euch, Mylord, mein Vater und schon mein Großvater sind so klug gewesen, den Edlen dieses zivilisierten Landes zu verbieten, daß sie mit solchen wüsten Gefolgen herumzögen; und meint Ihr wohl, weil ich eine Haube trage, würde ihr Szepter in eine Kunkel verwandelt werden? Ich sage Euch, kein König der Christenheit wird so streng darauf halten, daß an seinem Hofe und in seinem Reiche keine Streitigkeiten geschehen und daß der Friede seines Königtums nicht durch die Arroganz zu hoch aufgeschossener Macht zerstört werde – kein König strenger als die Frau, die jetzt mit Euch spricht. – Mylord von Leicester, und Ihr, Mylord von Sussex, ich befehle Euch beiden, Freundschaft unter einander zu halten, oder bei der Krone, die ich trage, Ihr sollt eine Feindin finden, die zu stark für Euch beide sein wird.« »Gnädigste Frau,« sagte der Earl of Leicester, »Ihr, die selber der Urquell der Ehre seid, wißt am besten, was der meinen geziemt. Ich stelle sie Euch anheim und sage nur, daß die Spannung zwischen mir und Lord von Sussex nicht durch mich hervorgerufen worden ist, auch hatte er keine Veranlassung, mich für seinen Feind zu halten, als bis er mir schweres Unrecht angetan hatte.« »Ich meinesteils,« sagte Graf von Sussex, »muß mich dem Belieben Eurer Majestät fügen, aber ich würde sehr zufrieden sein, wenn Mylord von Leicester sagen würde, worin ich – wie er es nennt – ihm unrecht getan habe, denn meine Zunge hat nie ein Wort gesprochen, für das ich nicht jederzeit eingetreten wäre, ob nun zu Pferde oder zu Fuß.« , »Und was mich anbetrifft,« sagte Leicester, »immer mit Verlaub meiner allergnädigsten Königin, – meine Hand wird ebenso bereit sein, meine Worte zu verfechten, wie die irgend eines Mannes, der sich Ratcliffe geschrieben hat.« »Mylords,« sagte die Königin, »in diesem Tone, können wir hier nicht verhandeln; und wenn Ihr Euer Ungestüm nicht zügeln könnt, so werden wir Mittel finden, Euch Brauseköpfe ein wenig abzukühlen. Ich will sehen, Mylords, daß Ihr Euch die Hände schüttelt und Eure eitle Feindseligkeit vergeßt.« Die beiden Nebenbuhler sahen einander mißmutig an und keiner wollte den ersten Schritt tun, dem Befehl der Königin nachzukommen. »Sussex, ich bitte – Leicester, ich befehle Euch ...« Doch waren die Worte so betont, daß die Bitte wie Befehl und dar Befehl wie eine Bitte klang. Sie standen still und steif, bis sie ihre Stimme zu einer Höhe erhob, die zugleich Ungeduld und unbedingtes Gebot aussprach. »Sir Henry Lee,« sagte sie zu einem Offizier in der Nähe, »haltet eine Wache sofort in Bereitschaft und bemannt auf der Stelle eine Barke. Mylords von Sussex und Leicester, ich gebiete Euch noch einmal, Euch die Hände zu reichen, – und, Gottes Tod! Wer sich weigert, soll die Luft in unserm Tower atmen und vorderhand unser Angesicht nicht wieder schauen. Ich will Eure stolzen Herzen gebeugt haben, ehe wir auseinander gehen, und das verspreche ich Euch, so wahr ich eine Königin bin.« »Das Gefängnis,« sagte Leicester, »wäre zu ertragen, aber Euer Majestät nicht mehr zu schauen, das hieße Licht und Leben mit eins zu verlieren. Hier, Sussex, ist meine Hand.« »Und, hier,« sagte Sussex, »ist meine in Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.« »So soll es sein,« sagte die Königin und sah sie huldvoller an. »Wenn die Hirten sich vereinigen zum Schütze der Herden, dann ist es um die Herden, die wir zu hüten haben, gut bestellt. Denn, Mylords, ich sage Euch rund heraus, Eure Torheiten und Streitereien führen zu arger Verwirrung unter Euern Dienern. Mylord von Leicester, Ihr habt einen Herrn in Euerm Gefolge namens Varney?« »Ja, allergnädigste Fürstin,« erwiderte Leicester, »ich habe ihn vorgestellt, Eurer Majestät die Hand zu küssen, wie Ihr das letzte Mal in Nonsuch wart.« »Nun, sein Aeußeres war nicht uneben,« sagte die Königin, »aber doch nicht so schön, sollte ich meinen, daß ein Mädchen von ehrbarer Geburt und guten Aussichten um seiner schönen Augen willen ihren guten Namen hingeben und seine Maitresse hätte werden können. Und doch ist es so. Dieser Bursche von Euch hat die Tochter eines guten, alten Ritters aus Devonshire, des Sir Hugh Robsart von Lidcote-Hall verführt, und sie ist mit ihm aus ihres Vaters Hause geflüchtet. – Mylord von Leicester, seid Ihr krank, daß Ihr so totenblaß ausseht?« »Nein, gnädigste Frau,« sagte Leicester, und es erforderte alle Anstrengung, diese paar Worte vorzubringen. »Ihr seid sicherlich krank, Mylord!« sagte Elisabeth hastig und ging fast bestürzt auf ihn zu, und Sprache und Gang bekundeten die tiefste Sorge um ihn. »Ruft Masters – ruft unsern Leibarzt – wo sind diese saumseligen Narren – wir werden den Stolz unsers Hofes verlieren durch ihre Nachlässigkeit. Oder ist es möglich, Leicester,« fuhr sie fort, und sah ihn mit sehr sanftem Blick an, »kann Furcht vor unsrer Ungnade Dir so nahe gegangen sein? Glaub nicht, edler Dudley, daß wir Dich wegen der Torheit, Deines Lehnsmanns tadeln könnten – Dich, dessen Gedanken, wie Wir wissen, ganz wo anders weilen!« »Merkt Ihr das?« sagte Sussex zu Raleigh. »Der Teufel steht ihm bei, das steht fest, denn was andre zehn Klafter tief stürzen würde, scheint ihm nur die Fahrt noch zu erleichtern. Hätte einer von meinem Anhang so gehandelt –« »Gemach, Mylord,« sagte Raleigh, »gemach in Gottes Namen. Wartet ab, bis das Wetter anders wird, es scheint schon jetzt umschlagen zu wollen.« Der Scharfblick Raleighs hatte recht gesehen, denn Leicesters Verwirrung war so groß, und in der Tat schien er für den Augenblick so völlig überwältigt, daß Elisabeth ihn verwundert ansah und, als sie auf die ungewöhnlichen Ausdrücke der Huld und Zuneigung keine verständliche Antwort erhalten hatte, ihren raschen Blick über den Kreis der Höflinge hinfliegen ließ. In den Gesichtern las sie vielleicht etwas, was mit ihrem erwachten Verdacht übereinstimmte, und sie fragte plötzlich: »Oder steckt dahinter mehr, als wir jetzt sehen – vielleicht mehr, als Ihr, Mylord, wünscht, daß wir sehen sollen? Ruft mir sofort diesen Varney her und auch den in der Bittschrift genannten Tressilian – führt beide vor uns.« Der Befehl wurde ausgeführt, und Tressilian und Varney kamen herein. Varneys erster Blick fiel auf Leicester, sein zweiter auf die Königin. In den Blicken der letztern las er bevorstehenden Sturm, und in der niedergeschlagnen Miene seines Gönners konnte er keine Weisungen entdecken, auf welche Weise er sein Schiff für dieses Zusammentreffen seefähig zu machen hätte – dann sah er Tressilian, und sofort erkannte er die Gefahr der Lage, in der er sich befand. Aber Varney hatte eine freche Stirn und einen schlagfertigen Witz und war, verschlagen und kannte keine Bedenken – ein gewandter Lotse in großer Gefahr, der sich voll bewußt war, wie große Vorteile er erringen konnte, wenn es ihm gelang, Leicester aus dieser Klemme herauszubringen, und wie unrettbar ihm selber das Verderben drohte, wenn es ihm nicht glückte. »Ist es wahr, Herr,« sagte die Königin mit einem jener forschenden Blicke, denen stand zu halten nur wenige die Kühnheit hatten, »daß Ihr eine junge Dame von edler Herkunft und Erziehung, die Tochter des Sir Hugh Robsart von Lidcote-Hall, zur Schande verführt habt?« Varney kniete nieder und erwiderte mit einer Miene tiefster Zerknirschung, es habe zwischen ihm und Amy Robsart ein Liebesverhältnis bestanden. Leicesters Fleisch erzitterte vor Empörung, als er seinen Vasallen dieses Geständnis ablegen hörte, und für den Augenblick war es ihm, als sollte er sich ein Herz fassen und hervortreten, dem Hofe und der Hofgunst Lebewohl sagen und das ganze Geheimnis von der heimlichen Heirat preisgeben. Aber er sah auf Sussex, und der Gedanke an das triumphierende Lächeln, das bei diesem Bekenntnis auf dem Antlitz seines Nebenbuhlers liegen würde, versiegelte ihm die Lippen. Fest und gefaßt reckte er sich wieder empor und hörte aufmerksam auf jedes Wort, das Varney sprach, und war wieder entschlossen, bis zum letzten Augenblick das Geheimnis zu wahren, von dem sein Glück als Höfling abhing. Inzwischen fuhr die Königin in ihrem Verhör fort: »Ein Liebesverhältnis!« sagte sie, die letzten Worte wiederholend. »Warum, Du Schuft, hast Du nicht bei dem Vater um die Hand der Dirne angehalten, wenn Du es mit Deiner Liebe ehrlich meintest?« »Mit Verlaub, Eurer Majestät,« sagte Varney, noch immer knieend, »das wagte ich nicht, denn ihr Vater hatte ihre Hand einem Herrn von Geburt und Ehre versprochen – ich will ihm Gerechtigkeit erweisen, obgleich ich weiß, daß er mir feindlich gesinnt ist – einem gewissen Junker Edmund Tressilian, den ich jetzt unter den Anwesenden erblicke.« »So!« erwiderte die Königin, »und inwiefern hattest Du ein Recht, die dumme Närrin durch Deine Liebelei, wie Du es heuchlerisch und dreist nennst, dahin zu bringen, daß sie ihres Vaters Absicht vereitelt hat?« »Allergnädigste Frau« versetzte Varney, »es ist vergebens, der menschlichen Schwäche das Wort zu reden vor einer Richterin, die selber keine Schwäche kennt, oder die Sache der Liebe zu verfechten vor einer Frau, die gegen die Leidenschaft gefeit ist –« er hielt einen Augenblick inne und setzte dann ganz leise und schüchtern hinzu, »mit der sie andre entflammt.« Elisabeth versuchte die Stirn zu runzeln, aber sie lächelte unwillkürlich und antwortete: »Du bist ein wunderbar unverschämter Bube. Bist Du mit dem Mädchen verheiratet?« Leicester hatte jetzt das Gefühl, als ob sein ganzes Innere fest in sich verkrampft wäre und als ob sein Leben abhinge von der Antwort, die Varney geben würde. Dieser erwiderte nach kurzem Zögern: »Ja.« »Du falscher Schurke!« rief Leicester in einem Wutausbruch, aber er vermochte weiter kein Wort hinzuzufügen. »Nein, Mylord,« sagte die Königin, »wir wollen, wenns erlaubt ist, zwischen diesen Burschen und Euern Zorn treten. Wir sind noch nicht fertig mit ihm. – Wußte Euer Herr, Mylord von Leicester, von dieser saubern Geschichte? Sprich, die Wahrheit, ich befehle es Dir.« »Allergnädigste Frau,« sagte Varney, »die Wahrheit des Himmels zu gestehen, Mylord war selber schuld an der ganzen Sache.« »Du Schurke, willst Du mich etwa verraten?« knirschte Leicester. »Sprich weiter,« sagte die Königin, ihre Wange rötete sich und ihre Augen funkelten – »sprich weiter – höre jetzt auf keinen Befehl, als auf den unsern.« »Euer Befehl ist allgewaltig, allergnädigste Herrin,« erwiderte Varney, »und vor Euch kann es kein Geheimnis geben. – Doch möchte ich nicht gern,« setzte er hinzu, »vor andrer Ohren von den Angelegenheiten meines Herrn sprechen.« »Tretet zurück, Mylord,« sagte die Königin zu denen, die um sie herumstanden, »und Ihr sprecht weiter. – Was hat der Earl mit dieser strafbaren Intrigue von Dir zu tun? Sieh zu, Schurke, daß Du ihn mir nicht verleumdest.« »Fern sei es von mir, meinen edeln Gönner in falschen Leumund zu bringen,« erwiderte Varney, »doch ich bin gezwungen, zu gestehen, daß seit einiger Zeit eine tiefe, überwältigende, doch geheime Leidenschaft im Herzen meines Herrn sitzt – sein Sinn ist nicht wie sonst bei den Angelegenheiten seines Haushalts, die er doch sonst mit religiöser Strenge zu regeln pflegte – und er hat uns Gelegenheiten finden lassen, Torheiten zu begehen, deren Schmach zum Teil, wie in diesem Falle, auf unsern Gebieter fällt. Ohnedem hätte ich weder die Gelegenheit noch die Muße gefunden, die Dummheit zu begehen, die mir seine Ungnade eingebracht hat – das schwerste Unglück für mich, immer abgesehen von dem noch mehr gefürchteten Zorn Eurer Majestät.« »Und nur in diesem Sinne und keinem andern trägt er Mitschuld an Deinem Vergehen?« fragte Elisabeth. »Gewiß, allergnädigste Frau, in keinem andern,« antwortete Varney, »aber da ihm etwas zugestoßen sein muß, so kann man ihn kaum zur Rechenschaft ziehen, denn er ist nicht mehr sein eigner Herr. Seht ihn an, Gnädigste, wie bleich und zitternd er dasteht – wie ganz unähnlich seiner sonstigen majestätischen Erscheinung – und doch was hat er zu fürchten von den Eröffnungen, die ich Eurer Hoheit machen könnte? Ach, allergnädigste Herrin, seit er jenes Päckchen erhalten hat ...!« »Was für ein Päckchen und von wem?« rief die Königin begierig. »Von wem, Gnädigste, das kann ich nicht erraten, aber ich stehe seiner Person so nahe, daß ich weiß, er hat seitdem stets am Halse und zunächst seinem Herzen jene Haarlocke getragen, die in einem kleinen, herzförmigen Goldschmuck ruht – er spricht zu ihm, wenn er allein ist – er trennt sich von ihm nicht im Schlafe – kein Heide hat je einen Fetisch mit solcher Hingebung angebetet.« »Du bist ein fürwitziger Gesell, Deinem Herrn so scharf aufzupassen,« sagte Elisabeth und errötete, doch nicht vor Zorn, »und eine Plaudertasche obendrein, daß Du seine Torheiten ausschwätzest. Von welcher Farbe mag die Locke gewesen sein, von der Du da redest?« Varney antwortete: »Ein Dichter könnte sie einen Faden von dem goldnen Gewebe, das Minerva gesponnen hat, nennen. Meines Dünkens aber war sie noch blasser als selbst das reinste Gold – mehr wie der letzte scheidende Sonnenstrahl des sanftesten Tages im Lenze.« »Ei, Ihr seid selber ein Dichter, Junker Varney,« sagte die Königin lächelnd, »aber ich habe nicht Genie genug, Euern köstlichen Metaphern zu folgen. Seht Euch unter diesen Damen, um. Ist hier (sie stockte und zwang sich, eine Miene der größten Gleichgültigkeit anzunehmen), ist unter dieser Gesellschaft eine Dame, deren Haar die Farbe jener Locke hat? Ich möchte zwar nicht in die Liebesgeheimnisse des Lords von Leicester dringen, doch dünkt mich; ich erführe ganz gern, welche Art von Locken wie der Faden von Minervas Gewebe sind oder wie der – wie, war es doch? – wie der letzte Strahl der Sonne an einem Tage im Maien.« Varney sah sich in dem Audienzsaale um, sein Auge wanderte von einer Dame zur andern, bis es mit einem Blicke tiefster Verehrung auf der Königin selber ruhte, »Ich sehe keine Flechten, die solcher Gleichnisse würdig wären, in dieser Gesellschaft,« fügte er, »außer an einem Haupte, wo ich sie nicht anzuschauen wage.« »Wie, Bursche,« sagte die Königin, »erdreistest Du Dich, anzudeuten ...« »Nein, gnädigste Fürstin,« erwiderte Varney, die Augen mit der Hand beschattend, »die Strahlen der Maiensonne haben meine schwachen Augen geblendet.« »Geh, geh, Du bist ein närrischer Bursch,« sagte die Königin, und sie wandte sich rasch von ihm ab und ging zu Leicester. Gespannte Neugierde mit all den geteilten Hoffnungen, Befürchtungen und Leidenschaften, unter deren Einfluß alle Hofintriguen stehen, hatte das Audienzgemach beherrscht und im Banne gehalten, wie mit der Kraft eines morgenländischen Talismans, so lange dieses Zwiegespräch der Königin mit Varney währte. Die Männer unterließen jede, selbst die leiseste äußere Bewegung und hätten sogar das Atmen aufgeschoben, wenn die Natur eine solche Unterbrechung der Funktionen zuließe. Die Atmosphäre war ansteckend, und als Leicester alle um sich her von dem Wunsche, daß das Glück ihm lächeln möchte, oder von dem Wunsche, daß er stürzen möchte, beseelt sah, vergaß er alles, was ihm eben noch die Liebe eingegeben hatte, und sah nichts als Gnade oder Ungnade, die von dem Kopfnicken der Elisabeth und von Varneys Treue abhingen. Elisabeth ließ ihn nicht lange im Zweifel, denn die Herzlichkeit, die mehr war als bloße Gunst, mit der sie ihn jetzt anredete, entschied seinen Triumph in den Augen seines Nebenbuhlers und des versammelten Hofes von England. »Ihr habt einen schwatzhaften Diener an diesem Varney, Mylord,« sagte sie; »es ist nur ein Glück, daß Ihr ihm nichts anvertraut, was Euch in unsrer Meinung herabsetzen könnte, denn, glaubt mir nur, er würde nicht reinen Mund halten.« »Wenn er vor Eurer Hoheit etwas geheim halten wollte,« sagte Leicester und ließ sich anmutig auf ein Knie nieder, »das hieße Verrat begehen. Ich wollte, mein Herz selber läge offen vor Euch.« »Wie, Mylord,« sagte Elisabeth und sah freundlich auf ihn nieder, »ist nicht ein einziger kleiner Winkel da, über den Ihr gern einen Schleier breiten möchtet? Ich sehe, die Frage verwirrt Euch, Und Eure Königin weiß, daß sie nicht zu tief auf den Grund der Treue ihrer Untertanen schauen sollte, damit sie nicht etwas erblicke, was ihr mißfallen könnte oder wenigstens sollte.« Durch diese Worte von seiner Beklemmung befreit, brach Leicester in einen Strom von Beteuerungen tiefer und leidenschaftlicher Ergebenheit aus, die in diesem Augenblick vielleicht nicht ganz erheuchelt waren. Nie war er Elisabeth beredsamer, hübscher, interessanter erschienen, als jetzt, da er vor ihr kniete und sie beschwor, ihn all seiner Macht zu berauben und ihm nur den Namen ihres Dieners zu lassen. »Nehmt dem armen Dudley,« rief er aus, »alles, wozu ihn Eure Güte gemacht hat, und heißt ihn wieder der arme Edelmann sein, der er war, als das Licht Eurer Gnade zum ersten Mal auf ihn fiel, laßt ihm nichts als diesen Mantel und sein Schwert, doch laßt ihn noch immer sich rühmen dürfen, daß er – was er in Wort und Tat noch nie verscherzt hat – die Wohlgeneigtheit seiner angebeteten Königin und Herrin besitzt!« »Nein, Dudley,« sagte Elisabeth und richtete ihn mit der einen Hand auf, während sie die andre ihm zum Kusse hinreichte, »Elisabeth hat nicht vergessen, daß zur Zeit, da Ihr noch ein armer Edelmann und Eures erblichen Ranges beraubt waret, sie selber eine ebenso arme Prinzessin gewesen ist und daß Ihr in ihrer Sache alles gewagt habt, was die Unterdrückung Euch gelassen hatte – Leben und Ehre. – Steht auf, Mylord, und laßt meine Hand los! – Steht auf und seid, was Ihr stets gewesen seid, die Zierde unsers Hofes und die Stütze unsers Thrones. – Und so wahr mir Gott helfe,« setzte sie hinzu, sich an die Zuhörerschaft wendend, die mit verschiednen Gefühlen diese interessante Szene ansah, »so wahr mir Gott helfe, meine Herren, so denke ich, nie hat ein Landesfürst einen treuern Diener gehabt, als ich in diesem edeln Carl besitze.« Ein Murmeln der Zustimmung ging durch die Leicester-Partei, dem die Anhänger des Grafen von Sussex nicht zu widersprechen wagten. Sie standen mit zu Boden gesenkten Blicken, bestürzt und erbittert zugleich über den öffentlichen und völligen Triumph ihrer Widersacher. Leicester benutzte die Vertraulichkeit, zu der die Königin ihn so offenkundig wieder erhoben hatte, um sich nach ihren Befehlen in der Angelegenheit seines Dieners Varney zu erkundigen. »Dieser Bursche,« sagte er, »verdient freilich nur, Ungnade, aber wenn ich mirs anmaßen dürfte, ein Wort einzulegen ...« »Wahrhaftig, wir hatten seine Sache ganz vergessen,« sagte die Königin. »Und das war nicht recht von uns, die wir unsern niedrigsten wie höchsten Untertanen Gerechtigkeit schuldig sind. Es gefällt uns sehr, Mylord, daß Ihr selber der erste seid, der uns an diesen Fall erinnert. – Wo ist Tressilian, der Ankläger? – Laßt ihn vor uns kommen.« Tressilian erschien und machte eine tiefe Verbeugung. Sein Aeußeres hatte, wie schon früher bemerkt, einen Zug der Grazie und des Adels, der dem kritischen Blick der Königin Elisabeth nicht entging. Sie sah ihn aufmerksam an, als er unerschrocken und doch mit einer Miene tiefster Traurigkeit vor ihr stand. »Dieser Herr tut mir wirklich leid,« sagte sie zu Leicester. »Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen, und sein Aeußeres bestätigt, was ich gehört habe, daß er nämlich ein Gelehrter und ein Soldat zugleich sei, in Künsten und in Waffen wohl bewandert. Wir Frauen, Mylord, sind launisch in unsrer Wahl – und ich hätte, wenn ich mein Auge urteilen ließe, jetzt gesagt, es könne eigentlich gar kein Vergleich zwischen Eurem Vasallen und diesem Herrn gezogen werden. Aber Varney versteht gut zu sprechen und die Wahrheit zu sagen, damit erreicht man viel bei uns vom schwächern Geschlecht. – Seht, Junker Tressilian, hat man einen Pfeil verschossen, so braucht noch nicht gleich der Bogen gebrochen zu sein. Eure treue Liebe – ich will Euer Gefühl gern dafür gelten lassen – scheint nur schlecht erwidert worden zu sein, aber Ihr habt Gelehrsamkeit und wißt, falsche Cressidas hat es schon gegeben von der Zeit der Trojaner an. Vergeßt, guter Herr, dieses Dämchen der leichten Liebe und lehrt Eure Neigung mit bessern Augen sehen. Dies sagen wir zu Euch und sprechen dabei mehr aus den Schriften gelehrter Männer, als aus eigner Erfahrung in solchem eiteln Spiel launischer Leidenschaft. Was den Vater dieser Dame anbetrifft, so können wir seinen Schmerz lindern, indem wir seinen Schwiegersohn zu einer solchen Stellung befördern, daß seine Gattin standesgemäß leben kann. Ihr selber sollt nicht vergessen werden, Tressilian – bleibt bei uns am Hofe, und Ihr sollt sehen, daß ein echter Troilus einigen Anspruch auf unsre Gnade hat. Denkt nur, daß dieser Schlaukopf, der Shakespeare sagt – doch potzblitz! Seine Scherze gehören jetzt nicht hierher, wir haben an andres zu denken.« Und als Tressilian trotzdem stehen blieb in der Haltung eines Mannes, der gern sprechen würde, nur daß die tiefste Ehrfurcht ihm Schweigen gebiete, setzte die Königin ein wenig ungeduldig hinzu: »Was will denn der Mann? Die Dirne kann doch nicht Euch beide heiraten. Sie hat ihre Wahl getroffen – vielleicht nicht eben eine kluge – aber sie ist Varneys angetraute Gattin.« »Hier sollte mein Gesuch verstummen, allergnädigste Landesherrin,« sagte Tressilian, »und mit meinem Gesuche meine Rache. Aber ich halte das Wort dieses Varney nicht eben für eine gute Bürgschaft der Wahrheit.« »Wäre dieser Zweifel anderswo ausgesprochen worden,« antwortete Varney, »so sollte mein Schwert –« »Dein Schwert!« fiel ihm Tressilian verächtlich ins Wort; »– mit Eurer Majestät Erlaubnis soll jetzt mein Schwert –« »Ruhig, Ihr Buben! Alle beide!« rief die Königin. »Wißt Ihr, wo Ihr seid? Das kommt von Euern Streitigkeiten, Mylords,« setzte sie hinzu, sich an Leicester und Sussex wendend. »Eure Vasallen treibens ganz so wie Ihr selber – wie die Herren singen, so zwitschern die Diener. Gebt acht, Ihr Herren, wer mir vom Schwerterziehen spricht in irgend einem andern Zwist als im Kampfe für mich und England, – bei meiner Ehre, ich will ihm Armbänder von Eisen an Händen und Füßen anlegen lassen!« Dann hielt sie ein Weilchen inne und fuhr in sanfterm Tone fort: »Ich muß trotzdem zwischen diesen dreisten, aufrührerischen Burschen Recht sprechen. – Mylord von Leicester, wollt Ihr mit Eurer Ehre verbürgen – daß Euer Diener die Wahrheit spricht, indem er sagt, er habe diese Amy Robsart geheiratet?« Dies war eine neue Wendung, die Leicester fast von neuem ins Verderben gestürzt hätte. Aber er war jetzt zu weit gegangen, um wieder umzukehren, und antwortete nach kurzem Besinnen: »Nach meinem besten Gewissen – ja, nach meinem besten Wissen – sie ist angetraute Gattin.« »Allergnädigste Frau,« sagte Tressilian, »darf ich danach fragen, wann und unter welchen Umständen diese angebliche Heirat –« »Was, Du Fant!« versetzte die Königin, »angebliche Heirat! – Habt Ihr nicht das Wort dieses ausgezeichneten Grafen zur Bürgschaft für die Wahrheit der Angaben seines Dieners? Aber Du bist der verlierende Teil – und wir wollen Nachsicht mit Dir haben, – wir wollen die Sache näher untersuchen, wenn wir mehr Zeit haben. – Mylord von Leicester, ich denke, Ihr werdet nicht vergessen haben, daß wir willens sind, das Fest auf Euerm Schlosse Kenilworth in der folgenden Woche mitzumachen – wir wollen Euch gebieten, unsern guten und hochgeschätzten Freund, den Grafen von Sussex, zu ersuchen, daß er uns dort Gesellschaft leisten möge.« »Wenn der edle, Graf von Sussex,« sagte Leicester und verneigte sich ungezwungen und graziös vor seinem Nebenbuhler, »meinem schlichten Hause so viel Ehre antun will, so will ich darin einen weitern Beweis für die freundschaftlichen Beziehungen erblicken, die Eure Majestät zwischen uns gepflogen zu sehen wünscht.« Sussex war unbeholfner. »Ich würde, Majestät,« sagte er, »Euch nur im Frohsinn stören, da ich eben erst von schwerer Krankheit genesen bin.« »Und seid Ihr denn wirklich so krank gewesen?« fragte Elisabeth und sah ihn mehr mit Aufmerksamkeit an als zuvor. »Ihr seid wahrlich sehr verändert, und tief schmerzt mich das. Aber seid gutes Mutes, – wir wollen selber uns die Gesundheit eines so hochgeschätzten Dieners angelegen sein lassen, dem wir so sehr viel verdanken. Masters soll Euch Diät anordnen, und damit wir selber sehen, daß Ihr Euch nach seinen Vorschriften richtet, müßt Ihr auf dem Feste in Kenilworth mit uns zusammen sein.« Dies wurde in so entschiednem Tone und dabei doch mit so viel Freundlichkeit gesagt, daß Sussex nichts weiter tun konnte, als sich in Gehorsam gegen die Befehle der Königin tief zu verneigen, so sehr es ihm auch zuwider war, bei seinem Nebenbuhler zu Gaste zu sein. Er sagte Leicester mit linkischer Höflichkeit die Annahme seiner Einladung zu. »Mylords von Sussex und Leicester,« sagte die Königin, »Tressilian und Varney sind in Euern Diensten – Ihr werdet dafür sorgen, daß sie Euch nach Kenilworth begleiten – und da wir dann Paris und Menelaus in unsrer Nähe haben, so wollen wir auch die schöne Helena sehen, deren Untreue diesen Tumult verursacht hat. Varney, Dein Weib soll mit in Kenilworth sein und auf unsern Befehl sich zeigen. – Mylord von Leicester, wir erwarten, daß Ihr dafür sorgen werdet.« Der Graf und sein Vasall verneigten sich tief und hoben den Kopf wieder, ohne daß sie die Königin oder sich selber anzusehen gewagt hätten, denn beiden war in diesem Augenblick zu Mute, als wenn die Netze und Stricke, die ihre eigne Falschheit gewoben hatte, sich dicht um sie schlössen. Die Königin aber sah ihre Verwirrung nicht. »Mylords von Leicester und Sussex,« fuhr sie fort, »wir benötigen Eurer Anwesenheit in dem geheimen Rat, der alsogleich tagen soll. Dinge von großer Wichtigkeit stehen auf der Tagesordnung. Dann wollen wir zu unsrer Kurzweil eine Wasserfahrt machen, und Ihr, Mylords, werdet uns begleiten. – Und das erinnert uns an noch etwas – vergeßt Ihr nicht, Herr Ritter vom beschmutzten Mantel« (dabei zeichnete sie Raleigh durch ein Lächeln aus), »daß Ihr auch an der Fahrt teilzunehmen habt. Ihr sollt mit geeigneten Mitteln versehen werden, Eure Garderobe in stand zu bringen.« Und so endete diese gerühmte Audienz, auf der, wie durch ihr ganzes Leben, Elisabeth die Launenhaftigkeit ihres Geschlechts mit jenem feinen Verstand und mit jener tiefen Staatsklugheit vereint hatte, in denen kein Mann und kein Weib sie je wieder übertroffen haben. Ende des ersten Bandes.