Walter Scott Der Altertümler Zweiter Band Erstes Kapitel. Fast mechanisch folgte Lovel dem Bettler, der schnellen rüstigen Schrittes den Weg führte durch Busch und Dorn. Er vermied die gebahnten Pfade und wandte sich oft und lauschte, ob Laute der Verfolgung hinter ihnen seien. Bisweilen stiegen sie in das Bett des Wildbachs selber hinab, bisweilen schlugen sie einen engen gefahrvollen Pfad ein, den die Schafe am Rande der überhängenden Flanken gebahnt hatten. Von Zeit zu Zeit hatte Lovel eine Aussicht auf den Weg, den er am verflossenen Tage mit Sir Arthur, dem Altertümler und den jungen Damen gegangen war. Niedergeschlagen, bestürzt und beherrscht von tausend unruhigen Gedanken, wie er war, was hätte er jetzt darum gegeben, das Bewußtsein der Unschuld wieder zu erlangen, das allein tausend Übeln die Wage hätte halten können. »Und doch,« solche Gedanken kamen ihm in Eile und unwillkürlich, »selbst schuldlos und wertgeschätzt von allen um mich her, kam ich mir unglücklich vor. Was bin ich nun, da das Blut dieses jungen Mannes mir an den Händen klebt? Das Gefühl des Stolzes, das mich zur Tat trieb, hat mich jetzt verlassen, und so, sagt man ja wohl, spielt der böse Feind selber denen mit, die er zur Schuld verlockt hat.« Vor den ersten Stichen der Gewissensbisse sank selbst seine Liebe zu Fräulein Wardour für den Augenblick, und er meinte, er könne jede Qual verschmähter Liebe ertragen, wenn er nur das Gewissen wieder frei von der Blutschuld hätte machen können, so wie es noch am Morgen gewesen war. Diese schmerzlichen Betrachtungen wurden durch kein Gespräch seines Führers unterbrochen, der ihn durch das Dickicht leitete, bald hielt er die Zweige zurück, damit er leicht hindurch könne, bald mahnte er ihn zur Eile, bald murmelte er, wie es einsame, vernachlässigte Greise zu tun pflegen, Worte vor sich hin, die Lovel vielleicht auch bei achtsamem Lauschen nicht verstanden hätte. Erschöpft von der Krankheit, die ihn in letzter Zeit geplagt hatte, von den quälenden Gedanken, die in ihm rege waren, und von der Anstrengung, auf einem so rauhen Pfade mit seinem Führer Schritt zu halten, begann Lovel endlich zu erschlaffen und zurückzubleiben. Aber noch ein paar unsichere Schritte brachte sie an den Rand eines von Gestrüpp überhangenen Abgrundes. Hier war eine Höhle, nicht breiter wie ein Fuchsloch, durch einen schmalen Spalt im Felsen bezeichnet und von den Zweigen einer alten Eiche beschirmt, die mit ihren dicken verschlungenen Wurzeln im oberen Teile der Klippe festsaß und die Zweige vom Felsrand aus fast wagerecht in die Luft reckte, die Höhle tatsächlich vor jedem Blick verbergend. Sie hätte selbst von einem, der an der Öffnung selber stand, unentdeckt bleiben können, so wenig einladend war das Portal, durch das der Bettler jetzt hineintrat. Im Innern aber war die Höhle höher und geräumiger, geteilt in zwei Verzweigungen, die, einander im rechten Winkel schneidend, ein Kreuz bildeten und die Höhle als die Behausung eines Anachoreten – vor langer Zeit vielleicht – erkennen ließen. Am Eingang herrschte düsteres Zwielicht, weiter innen völlige Finsternis. »Von dieser Stätte wissen nur wenige,« sagte der alte Mann. »Ich hab manchesmal schon gedacht, wenn ich alt und gebrochen bin und mich nicht mehr an Gottes gesegneter Luft erfreuen kann, dann wollt ich mich hierher schleppen mit ein bißchen Hafermehl zum Proviant, und dann sehen Sie, hier ist auch eine hübsche kleine Quelle, die rinnt dieses Weges hier Sommer und Winter hindurch. Und dann will ich mich hier ausstrecken – wegbringen laß ich mich nicht – und will hier liegen wie ein alter Hund, der seinen nutzlosen häßlichen Kadaver in einen Busch oder eine Schlucht schleppt, daß sich die Lebenden bei seinem Anblick nicht entsetzen mögen, wenn er verreckt ist.« Dann führte er Lovel, der ihm ohne Widerstreben folgte, in eine der inneren Verzweigungen der Höhle. »Hier,« sagte er, »ist ein Stück von einer Wendeltreppe, die nach der alten Kirche oben führt. Manche Leute sagen, die Mönche hätten die Gruft hier ausgehauen vor langer Zeit, um ihre Schätze hier zu verbergen. Manche sagen auch, sie hätten auf diesem Wege Sachen in die Abtei gebracht, die sie nicht gut zur Haupttür und bei hellem lichten Tage hätten hineinbringen können.« Sein unglücklicher Zuhörer hatte sich inzwischen auf einem aus dem festen Felsen gehauenen Sitz niedergelassen und überließ sich jener Erschlaffung des Geistes und Leibes, die gewöhnlich auf eine Abspannung beider folgt. »Der arme Bursch!« sagte der alte Edie, »nun schläft er in dieser feuchten Höhle, wie leicht möchte er gar nicht wieder erwachen oder sich eine schwere Krankheit zuziehen. Stehen Sie auf, Herr Lovel – alles in allem wird der Kapitän wohl noch leidlich weggekommen sein – und schließlich sind Sie nicht der erste, der dieses Unglück gehabt hat. Ich habe manchen Mann umbringen sehen, und habe selber mit dabei geholfen, obgleich wir uns gar nicht miteinander gezankt hatten – und wenn es nichts Unrechtes ist, jemand umzubringen, die uns gar nichts zuleide getan haben, bloß weil er eine andere Kokarde trägt und eine fremde Sprache spricht – so wird wohl einem Manne verziehen werden können, der seinen Todfeind tötet – kommt doch sein Todfeind selber heran mit den Waffen in der Hand und mit der Absicht, ihn zu töten. Ich sage nicht etwa, daß es recht wäre – verhüts Gott – oder daß es nicht sündhaft wäre, wegzunehmen, was man nicht wieder ersetzen kann, und das ist der Atem eines Mannes, – aber ich sage, es ist eine Sünde, die verziehen werden kann, wenn sie bereut wird. Wir sind allzumal Sünder, aber wenn Sie einem alten ergrauten Sünder glauben wollen, der Unheil und Unrecht viel gesehen hat – die Heilige Schrift hat so viel Verheißung in sich, daß der schlimmste unter uns sich der Gnade versehen darf – wenn wir nur dran glauben könnten.« Mit solchen Brocken des Trostes und der Andacht fuhr der Bettler fort, Lovel wach zu halten und zu zerstreuen, bis das Zwielicht zur Nacht zu werden begann. »Jetzt,« sagte dann Ochiltree, »will ich Sie nach einem behaglicheren Fleck führen, wo ich selber manchmal gesessen habe, wenn die Eule schon im Efeudickicht schrie und das Mondlicht durch die alten Fenster der Ruinen fiel. Zu dieser Nachtzeit kommt dort keine Seele mehr hin, und wenn auch die Häscher des Sheriffs dort nachgesucht haben, so ist das nun lange vorüber, und die Hasenfüße – denn das sind sie ebenso wie andere Leute, trotz all ihrer königlichen Haftbefehle – haben längst das Feld geräumt.« Mit diesen Worten beseitigte der Bettler ein paar lose Steine in einer Ecke, der Höhle, die den Zugang zu der Treppe versperrten, von der er gesprochen hatte, und stieg sie hinan, und in untätigem Schweigen folgte ihm Lovel. Die Treppe war zwar eng, aber noch gar nicht verfallen und bald gelangten sie in einen schmalen Gang, der innerhalb der Seitenmauer des Chores entlang lief, von dem er durch sinnreich in den Blumenornamenten der gotischen Bauart verborgene Öffnungen Luft und Licht erhielt. »Dieser geheime Gang führte ehemals um einen großen Teil des Gebäudes herum,« sagte der Bettler. »Der Prior mochte ihn wohl benutzt haben, um zu horchen, was die Mönche zur Essenszeit plauderten, und konnte auch sich überzeugen, ob sie da unten wacker Psalmen gröhlten, und wenn alles in Ordnung und zur Ruhe gegangen war, dann konnte er wohl auch auf diesem Wege hinwegschleichen und sich in die Höhle da unten ein hübsches Mädel holen, denn es waren schnurrige Gesellen, die Mönche, wenn alles wahr ist, was von ihnen erzählt wird.« Sie kamen jetzt zu einer Stelle, wo der Gang zu einem kleinen Kreise erweitert war, der groß genug war, daß ein steinerner Sitz darin Platz hatte. Eine Nische war genau davor angebracht und ragte nach dem Chore vor. An den Seiten war das Gestein durchbrochen, und so konnte man von hier aus den Chor nach allen Seiten übersehen. Wie Edie gesagt hatte, sollte dies wahrscheinlich ein bequemer Beobachtungsposten sein, von dem aus der oberste Priester selber ungesehen das Treiben seiner Mönche überwachen und sich davon überzeugen konnte, daß sie pünktlich diejenigen Andachtsübungen verrichteten, von denen er kraft seines Ranges befreit war. »Hier werden wir besser aufgehoben sein,« sagte Edie, sich auf die Steinbank setzend und den Schoß seines blauen Kittels auf die Stelle breitend, auf die er Lovel sich zu setzen einlud, »hier sind wir besser aufgehoben als dort unten, und die Luft ist frei und mild und der Duft der Blumen am Gemäuer ist weit erfrischender als die Feuchtigkeit unten. Am süßesten duften diese Blumen zur Nachtzeit, und am meisten wachsen sie auch um verfallene Gebäude herum. Nun, Herr Lovel, kann einer von euch gelehrten Leuten dafür einen guten Grund angeben?« Lovel verneinte. »Ich denke mir,« fuhr der Bettler fort, »es ist damit wie mit den guten Eigenschaften mancher Menschen, die erst im Unglück am besten und schönsten sich zeigen – oder vielleicht sollen sie uns ein Gleichnis lehren, diejenigen nicht zu verachten, die im Dunkel der Sünde und im Verfall des Elends leben, da ja Gott Wohlgerüche sendet, die schwärzeste Stunde zu erquicken, und mit Blumen und lieblichem Gesträuch die zerfallenen Gebäude bekleidet.« Plötzlich legte Lovel in eindringlicher Gebärde dem Bettler die Hand auf den Arm. »Still,« sagte er, »ich hörte jemand reden.« »Ich bin schwerhörig,« sagte Edie flüsternd, »aber hier sind wir sicher – ganz gewiß – wo kam das Geräusch her?« Lovel deutete nach dem Tor des Kirchenschiffes, das, mit hohem Zierat versehen, das Westende des Gebäudes einnahm, überragt von einem Bogenfenster, durch das eine Flut von Mondlicht hereinströmte. »Von unsern Leuten kann es niemand sein,« sagte Edie im selben leisen, vorsichtigen Tone, »es sind nur ihrer zwei, die diesen Fleck noch kennen, und die sind viele Meilen von hier weg, wenn sie überhaupt sich noch auf der mühseligen Wanderschaft durch dieses Jammertal befinden. Daß die Beamten zu dieser Nachtzeit hier sein könnten, halte ich für ausgeschlossen. Und an Altweibergeschichten von Geistern glaub ich nicht, wenn auch dies wohl ein passender Tummelplatz für sie wäre. Aber ob sie nun Sterbliche oder Angehörige des Jenseits sein mögen, hier kommen sie – zwei Männer und ein Licht.« Und in Wahrheit verdunkelten zwei menschliche Gestalten, noch während der Bettler sprach, mit ihrem Schatten den Eingang zur Kapelle, durch den man zuvor auf die monderhellte Wiese draußen hatte blicken können. Die kleine Laterne, die einer von ihnen trug, glimmerte bleich in den klaren starken Strahlen des Mondes, wie der Abendstern schimmert mitten im Licht des scheidenden Tages. Der erste und auch begreiflichste Gedanke war, daß trotz Edies Versicherung die Männer, die zu so ungewöhnlicher Stunde den Ruinen sich näherten, die Gerichtsbeamten sein müßten, die nach Lovel suchten. Ihr Treiben aber bestärkte diesen Verdacht in keiner Weise. Der alte Mann berührte Lovel leise und flüsterte ihm zu, daß es für ihn das beste sei, sich still zu verhalten und von ihrem Versteck aus zu beobachten, was die beiden beginnen würden. Wenn es sich zeigen sollte, daß sie flüchten müßten, so hatten sie ja die geheime Treppe und die Höhle hinter sich, durch die sie in den Wald entrinnen könnten, lange ehe die Gefahr einer Verfolgung dicht hinter ihnen sein könne. Sie verhielten sich also so still wie möglich und beobachteten mit begieriger und ängstlicher Neugierde jeden Laut und jede Bewegung dieser nächtlichen Wanderer. Nachdem sie ein Weilchen miteinander geflüstert hatten, traten die beiden Gestalten in die Mitte der Kapelle, und eine Stimme, in der Lovel an Ton und Dialekt sofort die Stimme. Dusterschielers erkannte, sprach in lauterem aber noch immer gedämpftem Tone: »In der Tat, mein guter Herr Baron, es kann keine schönere Stunde oder Jahrestscheit für dieses große Vorhaben geben. Sie werden sehen, mein guter Herr Baron, das ist nichts weiter als Wischiwaschi, alles, was Herr Oldenbuck sagt, und er weiß nicht, was er schwascht, gantsch wie ein kleines Kindchen. Meiner Seel'! er denkt sich, er wird gleich reich werden wie ein Jud von seinen paar lausigen schmierigen hundert Pfündchen, um die ich mich, bei meinem ehrlichen Worte, nicht mehr schere als um hundert Stüver! Aber Ihnen, mein sehr freigebiger und ehrwürdiger Herr Gönner, Ihnen will ich all die Geheimnisse tscheigen, die die Kunscht überhaupt tschu enthüllen vermag.« »Der andere muß,« flüsterte Edie, »nach der Ähnlichkeit zu schließen, Sir Arthur Wardour sein. Ich kenne keinen als ihn, der noch zu dieser Stunde mit diesem deutschen Strolch hierherkommen möchte. Möcht man hoch denken, der Hund hätt ihn verhext – er macht ihm schließlich noch weis, Kalk wäre Käse – wollen doch mal sehen, was sie hier noch anfangen werden.« Diese Unterbrechung und der leise Ton, in dem Sir Arthur sprach, ließen Lovel die Antwort ganz entgehen, die der Baron dem Schwarzkünstler gab, bis auf die letzten drei besonders betonten Worte: »Sehr große Ausgaben.« Hierauf antwortete Dusterschieler sofort: »Große Ausgaben – ei, freilich wohl! – aber sie müssen auch sein, die großen Ausgaben. – Sie erwarten doch nicht etwa tschu ernten, ehe Sie gestreut haben die Saat? – die Saat aber find die Ausgaben – die Reichtümer und das Bergwerk voller Edelmetalls und jetscht hier die großen riesengroßen Stücke von Silbergeschirr – das ist die Ernte – und sehr eine große Ernte, auf mein Wort! Nun, Sir Arthur, Sie haben heute abend eine kleine Saat von tschehn Guineen ausgestreut, das ist für Sie wie eine Prise Schnupftabak oder so was – – und wenn Sie nicht die große Ernte in die Scheuer bringen – die sehr große riesengroße Ernte für die kleine Prise Aussaat – so sollen Sie nie wieder Hermann Dusterschieler einen ehrlichen Mann nennen! – Nun, sehen Sie, mein Herr Gönner, denn ich will mein Geheimnis vor Ihnen nicht verbergen – hier ist eine kleine silberne Platte – Sie wissen, daß der Mond den gantschen Tierkreis durchlauft im Tscheitiaum von achtetschwantschick Tagen – das weiß jedes kleine Kindchen – nun, ich nehme eint silberne Platte, wenn der Mond in seiner funftschehnten ReWentsch ist, und diese Residentsch ist im obersten Teile der Libra, und ich tscheichne auf eine Seite die Worte ein: Schedbaischemoth Schartachan – das sind nämlich die Tscheichen für die Intelligentsch des MondsI – und ich tscheichne das Bild des Mondes selber als fliegende Schlange mit dem Kopfe eines Truthahnes – sehr gut so! – dann auf dieser Seite mache ich die Tafel des Mondes, nämlich ein Quadrat von neun multiplitschiert mit sich selber, mit einundachtschiff Tschiffern an geder Seite und dem Nurchmesser neun – hier ist es qemacht, gantsch ausgetscheichnet! – Nun will ich dasselbe Verfahren anwenden in gedem Mondesviertel, sobald es wechselt, und was ich an Kosten durch das Räucherwerk habe, wird sich verhalten tschu dem, was ich finden werde, wie neun tschu neun mit sich selber multiplitschiert. Heute aber werde ich nicht mehr finden als zwei oder dreimal neun, denn eben jetscht ist eine seindliche Macht im Hause des aufsteigenden Gestirns,« »Aber Dusterschieler,« sagte der einfältige Baron, »sieht das nicht aus wie Magie? – Ich bin ein gläubiger, wenn auch unwürdiger Sohn der Kirche, und ich will mit dem bösen Feinde nichts zu tun haben.« »Bah! Lah! nicht ein bißchen Magie ist dabei – nicht ein bißchen. Die gantsche Sache beruht auf dem planetarischen Einfluß und der Sympathie und Macht von Tschahlen – ich werd Ihnen noch viel was Meiners tsch eigen als das – denn es ist auch ein Geist mit dabei – von wegen dem Räucherwerk – aber wenn Sie sich nicht fürchten, bloß dann wird er nicht in Unsichtbarkeit verharren.« »Ich bin nicht im mindesten neugierig, ihn zu sehen,« sagte der Baron. »Das ist sehr schade,« sagte Dusterschieler, »gern hätte ich Ihnen getscheigt den Geischt, der diesen Schatsch behütet wie ein grimmiger Kettenhund – aber ich weiß, wie mit ihm umgegangen werden muß – liegt Ihnen nichts dran, ihn tschu sehen?« »Nicht das geringste,« antwortete der Baron in einem Tone erkünstelter Gleichgültigkeit. »Ich meine, wir haben nicht viel Zeit.« »Sie werden mir vertscheihen, mein Herr Gönner, es ist noch nicht tschwölf, und Punkt tschwölf erst ist die planetarische Stunde, und ich könnte Ihnen den Geischt sehr gut zeigen, nur so tschum Tscheitvertreib. Sehen Sie, ich würde nur ein Fünfeck – ein Pentagon – in einem Kreise tscheichnen – macht gar keine Mühe – und würde meine Räucherung darin vornehmen – und darin würden wir sein wie in einem festen Schlosse, und Sie würden das Schwert halten, während ich die nötigen Worte reden würde. Dann würden Sie die starke Mauer sich auftun sehen wie das Tor einer Stadt und dann – warten Sie – dann würden Sie sehen – tschuerscht – jawohl – tschuerscht würden Sie sehen einen Hirsch, verfolgt von drei schwartschen Windhunden, und die würden ihn tschu Boden jagen, wie es geschieht auf der großen Jagd des Kurfürschten – und dann würde ein kleiner häßlicher pechschwaitscher Neger erscheinen und ihnen den Hirsch wegnehmen – und paff! mit einem Male wären die alle weg und verschwunden – dann würden Sie krumme Hörner hören, daß die gantschen Ruinen davon widerhallen würden – mein Wort drauf, Sie würden ein seines Jägerstückchen spielen – sehr gut, ja – dann – na, dann kommt ein Herold, der heißt Ehrenhold – auch mit einem Hörn – und dann kommt der große Peolphan, genannt der mächtige Jäger des Nordens, auf seinem schwartschen Roß – aber es liegt Ihnen ja doch nichts dran, das alles tschu sehen?« »Jenun, ich fürchte mich nicht,« antwortete der arme Baron, – »das heißt – geschieht nicht – nicht leicht ein großes Unglück – bei solchen Gelegenheiten?« »Bah! Unglück? nein! – manchmal, wenn der Kreis nicht gantsch fest geschlossen ist oder der Tschuschauer ist ein furchtsamer Mensch und hält sein Schwert nicht fest und dem Geist gerade entgegen – dann rutscht der wilde Jäger seinen Vorteil aus und er reißt ihn aus dem Kreis heraus und erwürgt ihn. Das passiert wohl manchmal.« »Nun denn, Dusterschieler, wir wollen bei allem Vertrauen in meinen Mut und Ihre Geschicklichkeit uns diese Erscheinung schenken und uns an unser nächtliches Geschäft machen.« »Von gantschem Hertschen! – das ist mir gantsch egal – und nun ist auch die richtige Tscheit – halten Sie das Schwert, dieweil ich hier das bißchen sogenannte Spanholtsch antschünde.« Dusterschieler setzte demgemäß ein kleines Häuflein Reisig in Brand, das mit einer harzigen Masse bestrichen war, damit es tüchtig brennen sollte, und als die Flamme hoch aufloderte und mit ihrem kurzlebigen Schein die ganze Ruine ringsum beleuchtete, warf der Deutsche eine Handvoll Räucherwerk hinein, das einen starken beißenden Geruch verbreitete. Der Beschwörer und sein Jünger mußten denn auch heftig niesen und husten, und als der Dunst um die Säulen des Gebäudes herumzog und in jede Spalte gedrungen war, ging es dem Bettler und Lovel bald ebenso. »War das ein Echo?« sagte der Baron, verblüfft über das Niesen, das von oben herabschallte. »Oder,« – und er drängte sich dicht an den Adepten, – »kann es der Geist sein, von dem Sie sprachen, und lacht er über unseren Versuch, zu seinen verborgenen Schätzen zu gelangen?« »N–n–nein,« stammelte der Deutsche, den sein Jünger mit seinem Schrecken anzustecken schien, »das hoff ich nicht«. Jetzt erscholl ein lautes Niesen, das der Bettler nicht länger unterdrücken konnte und das auch auf keinen Fall für den hinsterbenden Nachklang eines Echos gehalten werden konnte, ein halbunterdrücktes grunzendes Husten folgte, und die beiden Schatzgräber standen starr vor Entsetzen. »Der Herr erbarme sich unser!« sagte der Baron. »Alle guten Geister loben den Herrn!« rief der erschrockene Schwarzkünstler. »Ich denke doch wohl, die gantsche Sache wird besser bei Tageslicht gemacht – es ist doch wohl das beste, wir machen jetscht, daß wir wegkommen!« »Du Schuft von einem Gaukelspieler!« sagte der Baron, – ein Verdacht ward durch diese Worte in ihm wachgerufen, der den Schreck überwand – ein Verdacht, der durch das Bewußtsein der Verzweiflung über den ihm drohenden Ruin verstärkt wurde. »Du schwindelhafter Quacksalber! – Das ist bloß so ein Hokuspokus-Trick von dir, um von dem gegebenen Versprechen entbunden zu werden, wie du es schon oftmals getan hast. Aber beim Himmel, in dieser Nacht will ich wissen, wem ich mein Vertrauen geschenkt habe, indem ich mich von Ihnen an der Nase herumführen ließ, bis Sie mich nun glücklich an den Rand des Ruins gebracht haben! – Weiter im Text, sage ich Ihnen, und mag eine gute Fee kommen oder ein böser Feind, Sie sollen mir den Schatz zeigen oder sich als Schurke und Schwindler bekennen. Sonst bei dem Worte eines verzweifelten und ruinierten Mannes, ich schicke Sie dorthin, wo Sie Geister genug sehen werden!« Zitternd in dem Grausen vor den übernatürlichen Wesen, von denen er sich umringt wähnte, und zitternd für sein Leben, das der Gnade eines Verzweifelten anheimgegeben zu sein schien, konnte der Schatzsucher nur die Worte stammeln: »Mein Herr Gönner, das ist nicht gerade allerbest von Ihnen gehandelt. Tschiehen Sie doch in Betracht, mein sehr geehrter Herr Gönner, daß die Geischter ...« Edie, dem nachgerade der Auftritt Spaß machte, ließ hier ein tolles Geheul hören, bei dessen Klang Dusterschieler auf die Knie niederstürzte. »Teurer Sir Arthur, lassen Sie uns gehen – oder wenigstens mich!« »Nein, du schuftiger Gauner,« sagte der Ritter und zog das Schwert, das er zur Beschwörung mitgebracht hatte, »so sollen Sie mir nicht entkommen – Monkbarns hat mich längst vor Ihren Gaunereien gewarnt – ich will diesen Schatz sehen, eher kommen Sie nicht hier weg, oder Sie sollen gestehen, daß Sie ein Schwindler sind – sonst, beim Himmel, renn ich Ihnen das Schwert durch den Leib, sollten auch alle Geister der Toten um uns her aufsteigen!« »Um der Liebe des Himmels willen, haben Sie Geduld, mein geehrter Herr Gönner, und Sie sollen haben alle Schätsche, die mir bekannt sind – ja – ja – das sollen Sie wahrhaftig – bloß sprechen nicht Sie von den Geischtern, die werden böse darüber!« Edie Ochiltree schickte sich an, noch einmal durch ein lautes Stöhnen das Gespräch zu unterbrechen, aber Lovel gebot ihm Schweigen. Dusterschieler, in seinem Grausen vor dem bösen Feinde und vor der Wut Sir Arthurs, spielte seine Veschwörerrolle herzlich schlecht, denn er hatte nicht den Mut, jene Vertrautheit und Zuversicht an den Tag zu legen, durch die allein er Sir Arthur hätte hintergehen können, weil er fürchtete, den unsichtbaren Geist, vor dem ihm grauste, zu beleidigen. Er rollte aber doch mit den Augen, murmelte und stotterte deutsche Veschwörungssprüche, verzerrte das Gesicht und verrenkte seine Gestalt – ein Gebaren, das eher aus Furcht als wohlüberlegter Betrügerei entsprang – und näherte sich endlich einer Ecke des Gebäudes, wo ein flacher Stein auf dem Boden lag, der auf der Oberfläche das Bildnis eines bewaffneten Kriegers in liegender Stellung, in Bas-Relief geschnitzt, zeigte. »Mein Herr Gönner, hier ist der Schatsch – Gott schütsche uns alle!« murmelte er Sir Arthur zu. Nachdem der erste Augenblick der abergläubischen Furcht vorüber war, schien Sir Arthur alle Fähigkeiten auf den Höhepunkt der Entschlossenheit geschraubt zu haben, der erforderlich war, das Abenteuer durchzuführen, und half dem Adepten den Stein umdrehen, was vermittelst eines Hebebaumes ihren vereinten Kräften gelang. Kein übernatürliches Licht brach von unten hervor, den unterirdischen Schatz anzuzeigen, noch erschienen Geister der Erde oder gar der Hölle. Aber als Dusterschieler zitternd und zagend ein paar Schläge mit einer Hacke getan und ebenso hastig ein paar Schaufeln voll Erde herausgeworfen hatte (denn sie hatten das zum Graben nötige Werkzeug mitgenommen) – da ward ein Laut vernommen wie das Klimpern eines fallenden Stückes Metall, und Dusterschieler nahm gierig den Gegenstand empor, der das Geräusch gemacht hatte und den seine Schaufel mit der Erde herausgeschleudert hatte, und rief: »Bei meinem teuern Worte, mein Herr Gönner, weiter können wir heute – ich meine, weiter können wir heute nichts mehr tun –« Und er starrte um sich mit lauerndem scheuem angstvollem Blick, wie um zu sehen, aus welcher Ecke der Rächer seines Schwindels hervorspringen würde. »Zeigen Sie es mir her,« sagte Sir Arthur, und dann setzte er noch energischer hinzu: – »ich will mich überzeugen – ich will mit eigenen Augen mich überzeugen!« Er hielt also das Ding gegen das Licht der Laterne. Es war ein kleines Kästchen – die genaue Form konnte Lovel bei der Entfernung nicht erkennen, aber aus dem Rufe, den der Baron tat, als er es öffnete, konnte er schließen, daß es Geld oder Münzen enthielt. »Naja!« sagte der Baron, »Das nenn ich doch Glück haben, und wenn das ein Anzeichen ist, daß bei weiteren Versuchen der Erfolg im Verhältnis steigt, dann will ich auch noch mehr riskieren. Die sechshundert Pfund von Goldvogel und die anderen dringenden Schulden hätten mir in der Tat den Hals brechen müssen. Wenn Sie meinen, daß wir das durch eine Wiederholung des Experiments aufbringen können – vielleicht beim nächsten Mondwechsel – dann will ich den nötigen Vorschuß riskieren, und sollt ich das Geld sonstwo hernehmen!« »O mein guter Herr Gönner, reden Sie nicht davon,« sagte Dusterschieler, »sondern helfen Sie mir den Stein wieder richtig legen, und lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen.« Und sobald der Stein wieder zurückgelegt worden war, drängte er den Baron, der nun wiederum in seine Hand gegeben war, und sie verließen eiligst den Platz, wo der Deutsche in seinem Schuldbewußtsein und seiner abergläubischen Furcht hinter jedem Pfeiler Geister und Kobolde lauern sah, die ihn für seinen Verrat zu strafen trachteten. »Hat wohl je ein Mensch schon so was gesehen!« rief Edie, als sie wie Schatten durch das Tor verschwunden waren, zu dem sie hereingekommen waren. »Hat wohl je ein lebendes Wesen so was schon gesehen! – Aber was können wir tun für diesen armen, altersschwachen Teufel von einem Baron? – Potzblitz, er hat mehr Courage gezeigt, als ich ihm je zugetraut hätte! – Dacht ich doch, er würde dem Vagabunden das kalte Eisen durch den Leib rennen. War doch Sir Arthur in jener Nacht auf der Felsenplatte weit weniger beherzt. Aber was ist zu tun?« »Ich glaube,« sagte Lovel, »sein Zutrauen zu diesem Kerl ist durch diesen Betrug völlig wieder hergestellt, den der Schurke höchst wahrscheinlich vorher zurecht gemacht hat.« »Was? Das Silber? Ja, ja, das ist ihm zuzutrauen – wer vorher versteckt, weiß am besten, wo was zu finden ist. Er will ihm die letzte Guinea abgaunern und dann nach seiner Heimat ausreißen, der Landstreicher. Ich wär am liebsten vorgesprungen, wie er es klimpern ließ, und hätte ihm eins mit meinem Stock versetzt, er hätte es wahrscheinlich als eine Guttat von einem der toten Äbte hingenommen. Aber es ist nicht gut, so ungestüm zu sein – ich werde ihn mir schon eines Tages noch kaufen.« »Wie wäre es, wenn Sie Herren Oldbuck die Sache mitteilten?« fragte Lovel. »Na, ich weiß nicht recht – Monkbarns und Sir Arthur gleichen einander und doch sind sie einander sehr unähnlich – bisweilen hat Monkbarns Einfluß auf ihn, und bisweilen wieder fragt Sir Arthur so wenig nach ihm wie nach mir. Und in manchen Dingen ist Monkbarns selber nicht gerade übermäßig gescheit – nehmen Sie bloß sein Römerlager an. Nein, es ist möglich, daß er die Sache nur noch schlimmer statt besser machen würde, und am Ende würde Sir Arthur sich ein Vergnügen daraus machen, sich nur noch mehr mit dem Schwindler einzulassen, je mehr ihn Monkbarns warnen würde.« »Was meint Ihr dann dazu,« fragte Lovel, »wenn man Fräulein Wardour einweihte?« »Ach, das arme Ding! Wie könnte sie denn ihrem Vater wehren, daß er täte, was ihm beliebte? Und was sollte es auch helfen? – Es geht das Gerücht im Lande, daß Sir Arthur wegen der sechshundert Pfund einen Zahlungsbefehl geschickt gekriegt hat, und wenn er nicht zahlen könnte, dann müßte er ins Gefängnis wandern oder aus dem Lande fliehen. Er ist wie einer, der in höchster Verzweiflung ist, und er hascht nach diesem Glücke als nach dem letzten, was ihm noch übrig ist, um dem gänzlichen Verderben zu entrinnen. – Und außerdem, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich möchte nicht das Geheimnis dieses Fleckes hier preisgeben, denn wenn ich selber auch keinen Versteck mehr brauche, so kann ich doch nicht den Gedanken ertragen, daß sonst noch jemand um diese Stätte wisse. Man kann manchmal was sieben Jahre nicht brauchen können, und schließlich wird es einem doch noch einmal nützlich, und so kann ich vielleicht diese Höhle noch einmal gebrauchen, entweder für mich oder für jemand anders.« Der Vorfall aber tat Lovel gute Dienste, denn er lenkte seinen Geist von dem Unglück des Abends ab und rüttelte die Energie wieder auf, die beim ersten Anblick der verhängnisvollen Tat zusammengebrochen war. Er dachte, daß keineswegs eine gefährliche Wunde auch gleich tödlich sein müsse – daß er ja schleunigst fortgeeilt sei, ehe er noch das Urteil des Arztes über Kapitän M'Intyres Zustand gehört hätte – und daß er Pflichten auf Erden zu erfüllen habe – Pflichten, die, wenn auch das Schlimmste geschehen sei, ihm zwar den Seelenfrieden und das Bewußtsein der Unschuld nicht ersetzen konnten – aber ihm doch einen Grund gaben, das Leben zu ertragen und es noch zu wohltätigen Zwecken auszunutzen. Solcher Art waren Lovels Empfindungen, als die Stunde herankam, wo nach Edies Berechnung, der nach einem eigenen Verfahren, die Himmelskörper zu beobachten, keine Uhr brauchte, sie ihren Versteck verlassen und sich ans Gestade begeben mußten, um der Verabredung gemäß Leutnant Taffrils Boot zu treffen. Sie kehrten auf demselben Gange zurück, auf dem sie zu dem geheimen Beobachtungsposten des Priors gelangt waren, und als sie aus der Höhle in den Wald traten, verkündeten die Vögel, die zu zwitschern, ja zu singen begannen, daß der Tag graute. Das Licht und die rosigen Wolken über der See bestätigten ihnen das, sobald sie weit genug aus dem Gehölz heraus waren, daß sie den Horizont sehen konnten. Selbst für Lovel, der eine schlaflose und bange Nacht verbracht hatte, lag Kraft in der frischen Morgenluft, und er fühlte sich gestärkt an Leib und Geist. Mit erneuter Kraft folgte er dem kundigen Führer. Der erste Strahl der Sonne, als ihre strahlende Scheibe aus dem Meere emporstieg, fiel voll auf das kleine Kanonenboot, das in der Bucht lag, – dicht am Ufer wartete bereits das Boot, und Taffril selber in seinem Seemannsmantel saß am Steuer. Er sprang ans Ufer, als er den Bettler und Lovel herankommen sah, und schüttelte dem letzteren die Hand und bat ihn, nicht niedergeschlagen zu sein. »M'Intyres Wunde war zwar ernst,« sagte er, »aber durchaus nicht unbedingt tödlich.« Er war so aufmerksam gewesen und hatte Lovels Gepäck an Bord der Brigg bringen lassen. – Wenn Lovel auf dem Schiffe bleiben wolle, wäre eine kleine Kreuzfahrt die einzige Strafe und unangenehme Folge seines Duells. »Wir reden noch darüber, was wir beginnen werden,« sagte Lovel, »wenn wir an Bord sind.« Dann wendete er sich an Edie und wollte ihm durchaus Geld in die Hand drücken, aber der Bettler wies es zurück. »Das ganze Volk hier muß verrückt geworden sein, oder sie wollen mir absolut mein Gewerbe ruinieren, denn man sagt ja, wenn der Müller zuviel Wasser hat, ersäuft er. In den letzten drei Wochen hab ich mehr Geld bekommen, als ich je in meinem Leben gesehen habe. Behalten Sie das Silber, junger Herr, Sie werden es schon brauchen, dafür steh ich Ihnen, und ich brauche es nicht – meine Bedürfnisse sind nicht groß, und einen blauen Kittel krieg ich ja jedes Jahr, und so viel Silbergroschen, wie der König, Gott segne ihn, Jahre alt ist – Sie und ich, wir dienen demselben Herrn, wissen Sie, Leutnant Traffil – da ist für mich gesorgt, und mein Essen und Trinken krieg ich auf meinen Bettelgängen, und setzt's mal nichts, dann halt ich mal einen Tag ohnedem aus, denn ich hab mir's zum Gesetz gemacht, nie etwas dafür zu bezahlen. So kann ich denn das ganze Geld, das ich bekomme, für Rauch- und Schnupftabak verwenden und mal auch für einen Schnaps, wenn es ein kalter Tag ist – obgleich für einen Schnorrer ich ein sehr mäßiger Schnapstrinker bin – so nehmen Sie nur Ihr Geld wieder und geben Sie mir weiter nichts als einen hübschen blanken Schilling.« Das Boot fuhr davon. Der alte Mann sah ihm nach, wie es schnell unter sechs kräftigen Rudern der Brigg entgegenschoß, und Lovel sah ihn noch den blauen Hut zum Abschied schwenken, dann begann die hochaufgerichtete Gestalt sich langsam auf den Dünen hin zu entfernen, wie wenn Edie Ochiltree sich nun wieder auf seinen gewöhnlichen Bettlerrundgang begab. Zweites Kapitel Eine Woche war nach den im letzten Kapitel berichteten Abenteuern verflossen, da war Herr Oldbuck in sein Eßzimmer hinaufgestiegen und fand, daß sein Weibsvolk nicht den Dienst verrichtet und ihm das Frühstück noch nicht bereitet hatte. »Da nun dieser verwünschte Hitzkopf von einem Jungen,« sagte er bei sich selber, »nun so allmählich aus aller Gefahr ist, kann ich dieses Leben nicht mehr länger mit ansehen. Da geht ja alles drunter und drüber. Saturnalia scheinen in meinem friedlichen und ordentlichen Haushalt an der Tagesordnung zu sein. Ich frage nach meiner Schwester – keine Antwort – ich rufe, ich schreie – ich beschwöre meine Hausgenossen bei mehr Namen, als die Römer ihren Gottheiten gegeben haben. Endlich geruht Hanne, die ich nun schon eine halbe Stunde lang mit schriller Stimme in den Regionen des kulinarischen Tartarus keifen höre, mich zu hören und mir zu antworten, dabei kommt sie aber nicht die Treppe herauf, und das Gespräch muß mit der höchsten Kraft der Lungen fortgesetzt werden.« Und mit diesen Worten fing er wieder an laut zu brüllen: »Hanne, wo ist Jungfer Oldbuck?« »Fräulein Griselda ist im Zimmer des Kapitäns!« »Hum! Dacht ich mir's doch! – Und wo ist meine Nichte?« »Fräulein Mariechen macht dem Kapitän den Tee.« »Hum! Konnt ich mir auch selber sagen – und wo ist Caxon?« »Nach der Stadt und holt dem Kapitän die Jagdflinte und den Vorstehhund.« »Was soll eine Flinte und ein Hühnerhund hier? Das Vieh wird mir bloß die ganzen Möbel versauen, mir den Speck mausen und vielleicht die Katze malträtieren, und das Schießgewehr jagt einem höchstens noch mal 'ne Kugel durch den Kopf. Ich dächte, er hätte für 'ne Weile mit Flinten- und Pistolenschießen genug.« Jetzt trat Fräulein Oldbuck ins Zimmer, an dessen Tür der Altertümler diese Unterhaltung führte, indem er die Treppe hinunterbrüllte und sie wiederum die Treppe hinaufkreischte. »Lieber Bruder,« sagte die alte Jungfer, »du wirst dich noch so heiser schreien wie ein Kolkrabe – ist das eine Art und Weise, so herumzuschreien, wenn ein Kranker im Hause liegt?« »Auf mein Wort, der Kranke möchte wohl das ganze Haus für sich allein haben. Ich bin ohne Frühstück losgegangen, und nun soll ich wahrscheinlich auch ohne Perücke losgehen, und wahrscheinlich darf ich mir's auch nicht herausnehmen und sagen, daß ich Hunger hätte oder daß mich fröre, aus Furcht, den kranken Herrn zu stören, der sechs Stuben weit weg liegt und der sich wieder so wohl fühlt, daß er sich seine Flinte und seinen Hund holen läßt. Wo er doch weiß, Wie sehr ich diese Sachen verabscheue, seit unser älterer Bruder, der arme Willibald, auf einem Paar kalter Füße, die er sich auf der Entenjagd im Moor geholt hat, aus dieser Welt hinausspaziert ist. Aber das hat nichts zu sagen.« Jetzt kam Fräulein M'Intyre herein und begann ihre gewöhnliche Morgenbeschäftigung, das Frühstück ihres Oheims zurechtzumachen. Sie verrichtete sie diesmal mit großer Geschwindigkeit, wie eine, die sich verspätet hat und die versäumte Zeit wieder einholen will. Währenddessen schimpfte Oldbuck weiter, aber wie seine Schwester sagte, Montbarns bellte wohl, aber er biß nicht. In der Tat hatte Herr Oldbuck seelisch sehr gelitten, so lange sein Neffe in wirklicher Gefahr war, und nun er genas, fühlte er sich versucht, sich in Klagen über die Umstände, die ihm gemacht worden seien, auszulassen. Seine Schwester und seine Nichte hörten ihn in respektvollem Schweigen an, während er seinem Mißvergnügen brummend Luft machte und manches bissige Wort über Weibsvolk, Soldaten, Hunde und Flinten fallen ließ. In diesen mürrischen Ausladungen wurde er plötzlich durch das Geräusch eines Wagens unterbrochen, und bei diesem Klang warf er alle Verdrießlichkeit von sich, rannte rasch die Treppe hinauf und eine Treppe hinunter – denn das war beides nötig, um Fräulein Wardour und ihren Vater an der Tür seines Hauses zu empfangen. Eine herzliche Begrüßung fand von beiden Seiten statt. Und Sir Arthur nahm Bezug auf seinen Brief und seine Botschaft und erkundigte sich ganz besonders nach dem Befinden Kapitän M'Intyres. »Besser als er's verdient,« war die Antwort. »Besser als er's verdient, nachdem er mit seiner verwünschten Eisenfresserei uns alle aus dem Häuschen gebracht und den Frieden Gottes und des Königs gestört hat.« »Der junge Mann,« sagte Sir Arthur, »ist unklug gewesen, aber seiner Meinung nach seien Sie ihm doch zu Danke verpflichtet, denn er habe Ihnen doch die Augen geöffnet über den fragwürdigen Charakter des jungen Mannes namens Lovel.« »Nicht ein bißchen fragwürdiger als sein eigener,« antwortete der Altertümler, der seinen Liebling mit großem Eifer in Schutz nahm, »der junge Herr war ein bißchen töricht und eigensinnig und hat sich geweigert, auf Hektors dreiste Fragen zu antworten – das ist alles. Lovel, Sir Arthur, versteht sich besser die Leute auszusuchen, denen er sich anvertrauen will – jawohl, Fräulein Wardour, starren Sie mich nur an – aber es ist die reine Wahrheit – meiner Brust hat er es anvertraut, aus welchem geheimen Grunde er sich in Fairport aufhält, und ich wollte alle Hebel in Bewegung setzen, um ihm zu helfen in der Aufgabe, der er sich gewidmet hat.« Als Fräulein Wardour diese großmütige Erklärung des alten Altertümlers hörte, errötete sie und wollte kaum ihren Ohren trauen. Denn von allen Vertrauten, die man sich in Liebessachen hätte aussuchen können – und darum mußte nach ihrer Vermutung es sich gehandelt haben – erschien neben Edie Ochiltree Oldbuck als der wunderlichste. Die seltsame Fügung von Umständen, durch die ein so zartes Geheimnis in den Besitz von so ungeeigneten Vertrauensmännern gelangt war, konnte sie nicht genug halb bewundern, halb sich darüber grämen. Sie fürchtete nun, Oldbuck würde nach seiner Manier sofort mit ihrem Vater darüber reden, und sie mußte annehmen, daß es zu einem sehr heftigen Auftritt zwischen beiden kommen könnte, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kämen. Es erfüllte sie daher mit großer Besorgnis, als sie ihren Vater Herrn Oldbuck um eine Unterredung unter vier Augen ersuchen hörte, und als sie sah, daß Oldbuck sofort mit ihm nach der Bibliothek hinaufging. Das Gespräch der beiden Herren drehte sich aber um einen ganz anderen Gegenstand, als Fräulein Wardour vermutet hatte. »Herr Oldbuck,« sagte der Baron, nachdem sie im Allerheiligsten des Altertümlers Platz genommen hatten, »Sie, der Sie so genau in meine Familienangelegenheiten eingeweiht sind, »werden sich wahrscheinlich über die Frage wundern, die ich an Sie richten will.« »Sir Arthur, wenn es Geld betrifft, so tut es mir sehr leid ...« »Geldangelegenheiten betriffts allerdings, Herr Oldbuck.« »Wahrhaftig, Sir Arthur,« fuhr der Altertümler fort, »bei dem gegenwärtigen Stand des Geldmarktes – wo die Papiere so niedrig stehen –« »Sie mißverstehen mich, Herr Oldbuck,« sagte der Baron. »Ich wünschte Sie nur um Rat zu fragen, wie ich am besten eine große Summe Geldes anlege.« »Den Teufel auch!« rief der Altertümler, und da er sich selber wohl sagte, daß sein unwillkürlicher Ausruf des Erstaunens nicht übermäßig höflich war, so drückte er zur Abschwächung Sir Arthur seine Freude aus, daß er eine Geldsumme anzulegen habe, wo jetzt doch überall Geld ein rarer Artikel wäre. »Und wie Sie die Summe am besten verwenden?« fuhr er fort. »Momentan ist eine faule Zeit, wie ich schon sagte, aber mit Grundstücken ließe sich noch was machen. Aber täten Sie nicht besser, wenn Sie so langsam Schulden abzuzahlen anfingen, Sir Arthur? Da ist der Wechsel von Ihnen und die drei Schuldscheine« – fuhr er fort und zog aus dem rechten Schubkasten seines Schreibtisches ein gewisses rotes Merkbuch, das Sir Arthur schon verschiedentlich kennen gelernt hatte und dessen bloßer Anblick ihm Abscheu einflößte, – »die Zinsen miteingerechnet, beläuft sich die Summe nun auf – lassen Sie mal sehen –« »Auf etwa tausend Pfund,« sagte Sir Arthur rasch, »Sie haben mir die Summe erst neulich genannt.« »Aber seitdem sind neue Zinsen hinzugekommen, Sir Arthur, und das Ganze beträgt (Irrtum ausgschlossen) elfhundert und dreizehn Pfund sieben Schilling fünf dreiviertel Pennies – aber sehen Sie sich den Abschluß selber an.« »Jedenfalls stimmt alles, mein werter Herr,« sagte der Baron und schob das Buch von sich, wie man jene altmodische Höflichkeit von sich weist, die einem immer noch mehr Essen aufnötigt, wenn man schon so viel gegessen hat, daß einem übel wird, »stimmt ganz genau, jedenfalls, und in drei Tagen oder vielleicht noch in kürzerer Zeit sollen Sie vollen Ersatz haben, das heißt, wenn es Ihnen recht ist, die Summe in rohem Metall anzunehmen.« »In rohem Metall? Sie meinen wohl Blei. Was zum Teufel! Haben wir endlich die Ader gefunden? – Aber was könnte denn ich mit einer Masse Blei im Werte von tausend Pfund anfangen – die Äbte von Trotensey hätten ja freilich das Dach ihrer Kirche und ihres Klosters davon machen lassen können – aber für mich –« »In rohem Metall!« sagte der Baron. »Damit meine ich die Edelmetalle – Gold und Silber.« »Was Sie sagen? Und aus welchem Eldorado soll denn dieser Schatz importiert werden?« »Nicht weit von hier,« sagte der Baron bedeutungsvoll, »und da fällt mir ein, unter einer kleinen Bedingung sollen Sie den ganzen Vorgang sehen.« »Das wäre?« fragte der Altertümler. »Es würde nötig für Sie sein, daß Sie mir Ihren freundschaftlichen Beistand liehen und mir etwa hundert Pfund vorschössen.« Herr Oldbuck, der schon die Summe mitsamt den Zinsen, die er als gefährdete Forderung fast aufgegeben hatte, im Geiste in den Händen gehalten hatte, war so erstaunt über diese unerwartete Wendung, daß er nur in einem Tone des Schmerzes und der Überraschung die Worte wiederholen konnte: »Hundert Pfund vorschießen!« »Jawohl, mein guter Herr,« fuhr Sir Arthur fort, »aber gegen die bestmögliche Sicherheit, sie in zwei oder drei Tagen zurückzubekommen.« Es trat eine Pause ein. Entweder hatte sich Oldbucks Unterkiefer noch nicht wieder soweit eingerenkt, daß eine verneinende Antwort erfolgen konnte, oder der alte Herr schwieg vor Neugierde. »Ich würde nicht an Sie mit dem Ansinnen herantreten,« fuhr Sir Arthur fort, »mir in dieser Höhe beizuspringen, wenn ich nicht die Beweise für die Tatsächlichkeit der Aussichten, die ich Ihnen vorhalte, in den Händen hätte. Und ich versichere Ihnen, Herr Oldbuck, wenn ich mich über diesen Gegenstand eingehend ausspreche, so verfolge ich dabei den Zweck, mein Vertrauen in Sie zu beweisen und Ihnen meine Dankbarkeit für Ihr Entgegenkommen bei früheren Anlassen zu zeigen.« Herr Oldbuck beteuerte, er fühle sich sehr verbunden, aber er umging sorgfältig alles, was wie eine Zusage zu weiteren Unterstützungen aussehen konnte. »Herr Dusterschieler,« sagte Sir Arthur, »hat entdeckt...« Herr Oldbuck unterbrach ihn, seine Augen funkelten vor Entrüstung. »Sir Arthur, ich habe Sie so oft gewarnt vor der Schurkerei dieses schuftigen Pfuschers, daß es mich in der Tat wunder nimmt, wie Sie vor mir noch seinen Namen nennen können!« »So hören Sie doch – hören Sie,« unterbrach ihn Sir Arthur seinerseits, »es wird Ihnen weiter keinen Schaden tun. Kurz, Dusterschieler hat mich überredet, ein Experiment mitanzusehen, das er in den Ruinen von St. Ruth gemacht hat – und was meinen Sie wohl, was wir gefunden haben?« »Eine neue Wasserquelle, vermute ich, von der der Schurke Lage und Ursprung zuvor ausgekundschaftet hat.« »Nein, sondern ein Kästchen mit Gold- und Silbermünzen – hier sind sie.« Mit diesen Worten zog der Baron ein großes Widderhorn hervor mit kupfernem Deckel, das eine ansehnliche Menge Münzen, hauptsächlich Silbermünzen enthielt, unter denen sich aber auch ein Paar Goldstücke befanden. Die Augen des Altertümlers glänzten, als er sie auf dem Tische ausbreitete. »Bei meinem Worte – schottische, englische und ausländische Münzen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, und einige rari – und rariores – etiam rarissimi! – hier Jakob V., hier Jakob II. – ah, und hier Königin Maria, ihr Kopf und der des Dauphins – und die sind wirklich in den Ruinen von St. Ruth gefunden worden?« »Ganz gewiß – mit eigenen Augen habe ich es gesehen.« »Hm,« machte Oldbuck, »Aber Sie müssen mir das Wo und das Wann und das Wie erzählen.« »Das Wann,« antwortete Sir Arthur, »es war um Mitternacht beim letzten Vollmond – das Wo? ich habe Ihnen ja schon gesagt, in den Ruinen von St. Ruth – das Wie? durch ein nächtliches Experiment Dusterschielers, welchem ich selber beigewohnt habe.« »Wirklich?« rief Oldbuck. »Und was für Mittel haben Sie angewendet, um die Entdeckung zu machen?« »Nur ein bißchen Räucherwerk,« sagte der Baron, »und nur aufgepaßt haben wir, daß wir die richtige Planetenstunde benutzten.« »Einfaches Räucherwerk? Einfaches Mumpitzwerk! – Planetenstunde? – Planetennarretei! Mein lieber Sir Arthur, dieser Kerl hält Sie über und unter der Erde zum Narren.« »Aber Herr Oldbuck, so wahr ein Himmel über uns ist, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie diese Münzen um Mitternacht in der Kapelle von St. Ruth ausgegraben wurden. Und Dusterschieler – wenn die Entdeckung auch seiner Wissenschaft zuzuschreiben ist – so glaube ich doch nicht, die Wahrheit zu sagen, daß er Courage genug gehabt hätte, die Sache auszuführen, wenn ich nicht bei ihm gewesen wäre.« »So, so!« sagte Oldbuck in jenem Tone, den man anschlägt, wenn man das Ende einer Geschichte hören will, ehe man sich dazu äußert. »Ja, wahrhaftig,« fuhr Sir Arthur fort, »ich versichere Ihnen, ich habe scharf aufgepaßt – wir haben sehr sonderbare Geräusche gehört, die aus den Ruinen hervorklangen, das steht fest.« »Tatsächlich?« sagte Oldbuck. »Wahrscheinlich war ein Helfershelfer darin versteckt.« »Keine Spur,« sagte der Baron; »die Laute, obwohl greulicher und übernatürlicher Art, glichen eher dem heftigen Niesen eines Menschen – auch ein tiefes Stöhnen habe ich außerdem vernommen – und Dusterschieler versichert mir, er hat den Geist Peolphan, den gewaltigen Jäger des Nordens, gesehen.« »Und trotz des Entsetzens, das Ihnen dieser schnupfende Kobold eingejagt hat, haben Sie die Sache durchgeführt?« »Na, ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß ein Mann von minderwertigerem Charakter oder geringerer Ausdauer es aufgegeben hätte, aber ich dachte, es wäre alles Schwindel, und zwang Dusterschieler durch heftige Drohungen, fortzufahren in seinem Beginnen, und, Herr, der Beweis seiner Fähigkeit und seiner Ehrlichkeit ist dieser Haufen Gold- und Silbermünzen, unter denen Sie sich, wenn ich bitten darf, diejenigen Stücke aussuchen wollen, die am besten in Ihre Sammlung hineinpassen,« »Nun, Sir Arthur, wenn Sie so gut sein wollen, so will ich nach Pinkertons Katalog den Wert feststellen, und unter der Bedingung, daß wir die einzelnen Beträge von der Rechnung in dem roten Buch abschreiben, will ich mir mit Vergnügen aussuchen...« »Nein,« sagte Sir Arthur Wardour, »ich meine nicht, daß Sie sie als etwas anderes ansehen möchten denn als eine Gabe der Freundschaft.« »Bitte, darf ich fragen, was diese Entdeckung Ihnen gekostet hat?« »Etwa zehn Guineen.« »Und dabei haben Sie etwas gewonnen, das etwa zwanzig Guineen an Geld wert ist und für solche Narren wie wir, die für Raritäten was bezahlen, noch einmal so viel wert sein mag. Das muß ich zugeben, da ist Ihnen beim ersten Versuch ein ganz verlockender Profit unter die Nase gerieben worden. Und was sollen Sie beim nächsten Mal riskieren?« »Hundertundfünfzig Pfund. Ein Drittel der Summe habe ich ihm schon gegeben, und das übrige glaubt ich bestimmt von Ihnen geliehen zu bekommen.« »Ich kann nicht glauben, daß dies schon der letzte Streich sein soll – dazu ist er nicht schwer genug und die Summe zu unbedeutend. Er wird uns wahrscheinlich auch diesmal noch gewinnen lassen, wie es die Bauernfänger beim Spiel machen. Sir Arthur, ich hoffe. Sie sind überzeugt, daß ich Ihnen gern einen Gefallen tue?« »Gewiß, Herr Oldbuck, ich denke, mein Vertrauen zu Ihnen bei solchen Anlässen gestattet hierüber keinen Zweifel.« »Na, dann lassen Sie mich mal mit Dusterschieler sprechen. Wenn das Geld zu Ihrem Nutzen und Vorteil vorgeschossen werden kann, dann sollen Sie es haben, jawohl, um der alten Nachbarschaft willen. Aber wenn ich, wie ich denke, den Schatz entdecken kann, ohne Ihnen einen solchen Vorschuß zu leisten, dann werden Sie vermutlich auch nichts dagegen haben.« »Nicht das geringste.« »Wo ist Dusterschieler?« fuhr der Altertümler fort. »Daß ich Ihnen die Wahrheit sage, er ist in meinem Wagen unten, da er aber weiß, was Sie für ein Vorurteil gegen ihn hegen ...« »Gott sei Dank, ich habe gegen keinen Menschen ein Vorurteil, Sir Arthur; gegen Systeme, nicht gegen Individuen richtet sich mein Widerwille.« Er schellte. »Hanne, Sir Arthur und ich lassen uns Herrn Dusterschieler empfehlen, dem Herrn in Sir Arthurs Wagen, und ersuchen um das Vergnügen, ihn hier zu sprechen.« Es war nicht Dusterschielers Absicht gewesen, daß Herr Oldbuck in sein vermeintliches Geheimnis eingeweiht würde. Er hatte sich darauf verlassen, daß Sir Arthur den erforderlichen Geldbetrag erhalten würde, ohne daß er sich über den Zweck und die Art der Verwendung zu äußern brauchte, und wartete nun unten, um sich so bald als möglich des Geldes zu versichern, denn er sah voraus, daß er hier sein Spiel bald zu Ende gespielt haben dürfte. Aber als er vor Sir Arthur und Herrn Oldbuck gerufen wurde, faßte er sich ein Herz im Vertrauen auf seine Frechheit, von welcher Gabe ihm, wie der Leser ja schon gesehen hat, Mutter Natur eine reichliche Portion auf den Weg gegeben hatte. Drittes Kapitel. »Wie geht es Ihnen, mein guter Herr Oldenbuck? und ich hoffe, Ihr junger Herr, der Kapitän M'Intyre, befindet sich besser? – Ach! es ist eine schlimme Geschichte, wenn junge Herren sich gegenseitig Bleikugeln in den Leib jagen.« »Geschichten, wo es sich um Blei handelt, sind immer sehr gefährlich, Herr Dusterschieler, aber ich schätze mich glücklich, von meinem Freunde Sir Arthur zu erfahren, daß Sie sich einem besseren Gewerbe gewidmet haben und ein Goldsucher geworden sind.« »Ach, Herr Oldenbuck, mein guter und sehr geehrter Herr Gönner hätte über die kleine Geschichte nicht ein Wort ertschählen sollen – denn wenn ich auch feste Tschuversicht hege – ja sicherlich – tschu der Klugheit, Vorsicht und Verschwiegenheit des guten Herrn Oldenbuck und tschu seiner großen Freundschaft tschum guten Sir Arthur Wardour, so ist es doch, mein Himmel! ein schwerwiegendes Geheimnis.« »Und wiegt sogar noch schwerer als alles Metall zusammen, das wir mit seiner Hilfe finden können, fürchte ich,« antwortete Oldbuck. »Das kommt gantsch darauf an, wieviel Glauben und Geduld Sie dem großartigen Ekschperiment entgegenbringen. Wenn Sie sich mit Sir Arthur tschusammentun wollen, der selber hundertundfunftschig Pfund hineinstecken will – sehen Sie, hier ist eine von Ihren schmutschigen Fairporter Banknoten – stecken Sie auch hundertundfunftschig Pfund in diesen schmutschigen Noten hinein, und Sie werden das pure lautre blanke Gold und Silber dafür herausbekommen, wer weiß wie viel!« »Nicht eine Guinea für Sie,« sagte der Altertümler. »Aber hören Sie, Herr Dusterschieler, wenn wir nun, ohne noch einmal den niesenden Kobold mit irgendwelchem Räucherwerk zu belästigen, uns insgesamt auf den Weg machten und bei hellem Tageslicht und mit gutem Gewissen ans Werk gingen und weiter kein Veschwörungswerkzeug mitnähmen als ein paar derbe gute Hacken und Spaten und den Boden der Kapelle von St. Ruth ordentlich durchsuchten, von einem Ende zum andern, und so uns über das Vorhandensein dieses vermeintlichen Schatzes vergewisserten, ohne vor allen Dingen uns weitere Ausgaben zu machen – die Ruinen gehören ja Sir Arthur selber, also kann nichts dagegen eingewendet werden – meinen Sie, wir würden Erfolg haben, wenn wir die Sache in dieser Weise bewerkstelligten?« »Bah! Nicht ein wintschiges Stücklein Kupfer werden Sie finden – aber Sir Arthur wird tun, was ihm beliebt – ich habe ihm getscheigt, wie es sich machen läßt – wie es mit Sicherheit tschu machen ist – und wie er die große Summe Geldes finden kann, die er zu seinen Unternehmungen braucht – ich habe ihm das Ekschperiment getscheigt – wenn er nicht daran tschu glauben geruht, guter Herr Oldenbuck, so ist es nichts für Hermann Dusterschieler – er büßt nur das Gold ein und das Silber – das is alles.« Sir Arthur Wardour warf einen eingeschüchterten Blick auf Oldbuck, der besonders, wenn er anwesend war, trotz ihrer häufigen Meinungsverschiedenheit einen großen Einfluß auf das Urteil des Barons hatte. Sir Arthur fühlte, was er freilich nicht gern eingestanden hätte, daß sein Geist dem des Altertümlers überlegen war. Er achtete ihn als einen klugen, scharfsinnigen, sarkastischen Mann, fürchtete sich vor seiner satirischen Ader und hatte Zutrauen zu der allgemeinen Vernünftigkeit seiner Ansichten. Er sah ihn daher an, als wollte er ihn vorher um Nachsicht bitten, ehe er sich seiner Leichtgläubigkeit überließe. Dusterschieler erkannte, daß ihm sein auf den Leim gegangener Gimpel entgehen würde, wenn er nicht auf den Ratgeber des Barons einen günstigen Eindruck machen könne. »Ich weiß, mein guter Meister Oldenbuck, es ist ein eitles Beginnen, tschu Ihnen tschu sprechen von den Geischtern und den Kobolden. Aber sehen Sie dieses sonderbare Horn an, ich weiß, Sie kennen alle Merkwürdigkeiten von allen Ländern und wissen, daß das große Horn von Oldenburg, das noch im Museum von Kopenhagen aufbewahrt wird, dem Hertschog von Oldenburg von einer Waldfee gegeben worden ist. Nun könnt ich aber Ihnen wohl keine Fisimatenten vormachen, wenn ich auch wollte, da Sie ja alle Merkwürdigkeiten so gut kennen, und da ist das Horn voll von Müntschen – wäre es eine Schachtel oder ein Kästchen gewesen, so hätte ich nichts gesagt.« »Daß das ein Horn ist,« sagte Oldbuck, »bestärkt allerdings Ihre Ansicht. – Bei unkultivierten Völkern war es als ein von der Natur geliefertes Gefäß sehr in Gebrauch. Und dieses Horn hier,« fuhr er fort, und rieb es am Ärmel, »ist eine sonderbare und ehrwürdige Reliquie und sollte ohne Zweifel eine cornucopia , oder ein Füllhorn sein für irgendwen, ob aber für den Schwarzkünstler oder seinen Gönner, muß wohl dahingestellt bleiben.« »Nun, Herr Oldenbuck, ich finde Sie immer noch schwer zum Glauben zu bewegen – aber lassen Sie mich Ihnen versichern, die Mönche verstanden das Magisterium.« »Wir wollen uns nicht weiter auf das Magisterium einlassen, Herr Dusterschieler, sondern ein wenig an den Magistrat denken. Wissen Sie auch, daß diese Beschäftigung von Ihnen gegen das Gesetz Schottlands verstößt, und daß wir beide, Sir Arthur und ich, Mitglieder des Friedensgerichts sind?« »Mein Himmel! was tut das tschur Sache, wo ich doch alles Gute tue, was ich kann?« »Es muß Ihnen bekannt sein, daß die Abschaffung der grausamen Gesetze gegen Hexerei und Zauberei keinen Einfluß hatten auf die abergläubischen Neigungen der Menschheit und daß der Aberglauben nach wie vor in der Welt blieb. Damit nun aber diese Gefühle nicht von gerissenen betrügerischen Personen gewinnsüchtig ausgenutzt werden sollen, besteht der Gesetzesparagraph, daß wer in okkulter Wissenschaft oder geheimen Künsten bewandert zu sein vorgibt und behauptet, daß er Güter, die verloren, gestohlen oder verborgen sind, zu entdecken und ans Licht zu bringen vermöge, an den Pranger gestellt und mit Gefängnis bestraft werden soll als gemeiner Schwindler und Betrüger.« »Und so steht's im Gesetsch?« fragte Dusterschieler bestürzt. »Sie sollen selber den Paragraphen lesen,« erwiderte der Altertümler. »Dann, meine Herren, will ich mich empfehlen, das ist alles. Ich habe keine Luscht, an Ihrem sogenannten Pranger tschu stehen – das ist eine sehr schlechte Methode, Luft tschu schnappen, mein ich, und Ihre Gefängnisse hab ich noch viel mehr im Magen, wo man überhaupt nicht Luft schnappen kann.« »Wenn das Ihr Geschmack ist, Herr Dusterschieler,« sagte der Altertümler, »dann rat ich Ihnen, bleiben Sie, wo Sie sind, denn ich könnte Sie nicht weglassen, es sei denn, Sie gingen mit dem Büttel – und damit nicht genug, ich erwarte sogar, daß Sie uns zu den Ruinen von St. Ruth jetzt gleich begleiten und uns den Platz zeigen, wo Sie den Schatz zu finden denken.« »Mein Himmel, Herr Oldenbuck! Was ist das für eine Behandlung gegenüber Ihrem alten Freunde, wo ich Ihnen doch klar und deutlich sage, daß, wenn Sie jetscht gehen, Sie auch nicht ein schäbiges Fünfgroschenstück von einem Schatsche finden werden.« »Ich will aber das Experiment trotzdem versuchen, und Ihr Lohn soll je nach dem Erfolge abgemessen werden – immer natürlich, sofern Sir Arthur es gestattet.« Sir Arthur hatte während dieses Gesprächs sehr verlegen dreingeschaut, wie, um eine volkstümliche Wendung zu gebrauchen, ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß. Oldbucks hartnäckiges Mißtrauen zwang ihn fast dazu, Dusterschieler des Betrugs zu verdächtigen, und die Art und Weise, wie der Adept sich verteidigte, zeigte weniger Entschlossenheit noch, als er selbst ihm zugetraut hatte. Dennoch wollte er ihn nicht völlig aufgeben. »Herr Oldbuck,« sagte der Baron, »Sie sind im höchsten Maße ungerecht gegen Herrn Dusterschieler. Er hat es unternommen, diese Entdeckung vermittels seiner Kunst zu bewerkstelligen, und Sie verlangen, daß er's bei Gefahr einer Bestrafung machen soll, ohne daß Sie ihm die Anwendung irgendwelcher derartiger Vorbereitungen erlauben, die er für die eigentlichen Mittel hält, zu Erfolgen zu gelangen.« »Das habe ich nicht direkt gesagt – ich habe nur verlangt, daß er mit dabei ist, wenn wir die Untersuchung vornehmen, und bei uns bleibt, bis wir fertig sind. Ich trau ihm nicht über den Weg, und was jetzt vielleicht noch in St. Ruth versteckt ist, verschwindet vielleicht sonst einstweilen, ehe wir hinkommen.« »Nun, meine Herren,« sagte Dusterschieler mürrisch, »ich will keinen Einwand machen und mit Ihnen gehen, aber ich sage Ihnen von vornherein, Sie werden nicht soviel finden, daß sichs verlohnt hätte, auch nur tschwantschick Schritt von Ihrer Tür sich tschu entfernen.« Fräulein Wardour erhielt den Bescheid, daß sie in Monkbarns bleiben möge, bis der Vater von einer kurzen Ausfahrt zurück sein werde. Die junge Dame konnte sich diesen Bescheid nicht recht mit dem von ihr vermuteten Ausgang der Unterredung zwischen den beiden Herren zusammenreimen, aber es blieb ihr vorderhand nichts weiter übrig, als sich in den sehr unangenehmen Zustand banger Spannung zu schicken. Die Fahrt der Schatzsucher war trübselig genug. Dusterschieler verharrte in finsterem, dickköpfigem Schweigen und dachte zugleich über enttäuschte Hoffnungen und drohende Bestrafung nach. Sir Arthur, dessen goldene Träume allmählich verblaßt waren, betrachtete in düsterer Versunkenheit die Schwierigkeiten seiner Lage; und Oldbuck, der erkannte, daß eine derartige Einmischung in die Angelegenheiten seines Nachbars den Baron eine tatsächliche und wirksame Unterstützung zu erwarten berechtigte, sann mißvergnügt darüber nach, wie weit er wohl oder übel die Börse werde öffnen müssen. So war jeder für sich in unbehagliches Grübeln versunken, und es wurde kaum ein Wort gesprochen, bis sie den kleinen Gasthof »Zu den vier Pferdehufen« erreichten. Hier verschafften sie sich die nötige Hilfsmannschaft und das Werkzeug zum Graben, und während sie noch hiermit beschäftigt waren, trat plötzlich der alte Bettler Edie Ochiltree zu ihnen. »Der Herr segne Euer Ehren!« begann der Blaurock, mit dem echten und rechten Greinen des Schnorrers, – »und langes Leben sei Ihnen beschert – es freut mich, daß ich höre, wie bald Kapitän M'Intyre sich wieder erholen wird. – Vergessen Sie an diesem Tage nicht Ihren alten Bettler!« »Na selbstverständlich, alte ehrliche Haut!« versetzte der Altertümler. »Ihr habt Euch ja nicht wieder sehen lassen in Monkbarns, seit dem Abenteuer am Strande. – Hier habt Ihr was, daß Ihr Euch Schnupftabak kaufen könnt –« und er suchte in der Tasche herum und zog dabei gleichzeitig das Horn hervor, in dem die Münzen waren. »Ei, und da ist auch was, wo ich ihn hineinstecken kann,« sagte der Bettler, das Widderhorn betrachtend, – »das Horn ist ein alter Bekannter von mir – das alte Schnupftabakshorn möcht ich unter tausenden wiedererkennen – habe es selber manches Jahr bei mir getragen, bis ich es gegen diese Dose hier dem alten Georg Glen, dem Bergwerker von Witershins, abgetreten habe – er war wie versessen drauf.« »Was Ihr sagt!« rief Oldbuck. »Also umgetauscht habt Ihrs mit einem Bergarbeiter? Aber ich glaube wohl, so gut gefüllt habt Ihrs noch nie zuvor gesehen?« Und er öffnete es und zeigte ihm die Münzen. »Freilich wohl, das können Sie mir glauben, Monkbarns, wie es noch mein war, ist nie mehr drin gewesen, als meinetwegen für einen Fünfer schwarzer Schnupftabak.« »Sie können sich nun denken,« sagte Oldbuck, indem er sich an Sir Arthur wandte, »wem Sie den guten Fund in jener Nacht, verdanken. Dieses Füllhorn stammt von einem Grubenarbeiter, und damit sind wir doch wohl einem Freund von uns beiden ziemlich nahe – ich hoffe, wir haben heute morgen ebensoviel Glück, ohne daß wir was dafür zu bezahlen brauchen.« »Und wo wollen Euer Ehren heute hin,« fragte der Bettler, »mit den Hacken und Spaten? – Potzblitz, das ist doch wieder so ein Streich von Ihnen, Monkbarns, und wenn Sie erlauben, ich geh mit Ihnen – ich will doch sehen, was da los ist.« Die Gesellschaft war bald bei den Ruinen der Abtei angelangt, und als sie in der Kapelle waren, machten sie Halt, um zu erwägen, was sie zunächst beginnen sollten. Einstweilen wandte sich der Altertümler an den Schwarzkünstler. »Bitte, Herr Dusterschieler, was raten Sie uns in dieser Angelegenheit? – Haben wir Aussicht auf Erfolg, wenn wir von Osten nach Westen graben, oder sollen wir von Westen nach Osten graben? – oder wollen Sie uns helfen mit Ihrer dreieckigen Phiole voll Maitau oder mit Ihrer Wünschelrute vom Haselstrauch?« »Herr Oldenbuck,« sagte Dusterschieler verbissen, »ich habe Ihnen schon gesagt, Sie werden gar kein Glück haben mit Ihrer Arbeit, und ich werde für mich selber schon einen Weg finden, Ihnen für die Höflichkeiten tschu danken, die Sie mir erweisen – ja, das werde ich gantsch gewiß.« »Wenn Euer Ehren den Boden umgraben wollen,« sagte der alte Edie, »und auf den Rat eines alten Kerls hören wollen, so würd ich unter dem alten großen Stein da anfangen, wo in der Mitte draus die Figur ausgestreckt eingegraben ist.« »Ich habe Grund, diesen Vorschlag selber für gut zu halten,« sagte der Baron. »Ich habe nichts dagegen einzuwenden,« sagte Oldbuck. »Es war nichts Ungewöhnliches, Schätze in den Grabstätten Verstorbener zu verbergen – dafür gibt es viele Beispiele.« Der Grabstein, derselbe, unter dem Sir Arthur und der Deutsche die Münzen gefunden hatten, wurde noch einmal zur Seite gehoben, und die Erde gab leicht der Hacke und dem Spaten Raum. »Hier ist schon gegraben worden,« sagte Edie, »das hackt sich so leicht. Ich kenn mich aus darauf.« Die Arbeiter waren jetzt soweit, daß sie die Seiten des Grabes erkannten, die durch vier Seitenwände gefestigt waren in Form eines Parallelogramms, das wahrscheinlich zur Aufnahme des Sarges bestimmt war. »Es verlohnt schon der Mühe,« sagte der Altertümler zu Sir Arthur, »in der Arbeit fortzufahren, wär's auch bloß aus Neugierde. Möchte doch wissen, auf wessen Grabmal sie eine so ungewöhnliche Sorgfalt verwendet haben.« »Das Wappen auf dem Schild,« sagte Sir Arthur mit einem Seufzer, »ist dasselbe, wie es auf dem Turme Schwarzrocks sich befindet, der der Sage nach von Malcolm dem Usurpator erbaut worden ist. Niemand weiß, wo er begraben worden ist, und es besteht eine alte Prophezeiung in unserer Familie, daß uns nichts Gutes bevorstände, wenn sein Grab gefunden würde.« »Weiß ich,« sagte der Bettler, »habs oft gehört, wie ich noch ein kleiner Junge war: Wenn einst das Grab gefunden wird Von Malcolm mit dem schwarzen Rock, Verloren und gewonnen wird Dann Schloß und Land von Knockwinnock.« Oldbuck hatte die Brille aufgesetzt und war an dem Grabmal niedergekniet und verfolgte halb mit dem Auge, halb mit dem Finger die verwitterten Inschriften auf dem Bildnis des abgeschiedenen Kriegers. »Das ist das Wappen von Knockwinnock, ganz gewiß,« rief er, »verbunden mit dem Wappen von Wardour.« »Richard, genannt Wardour mit der Roten Hand,« sagte Sir Arthur, »heiratete Sibylle Knockwinnock, die Erbin der sächsischen Familie, und durch diese Verbindung erhielt das Schloß im Jahre des Herrn 1150 den Namen Wardour.« Inzwischen fuhren die Arbeiter fort, zu graben, und hatten schon etwa fünf Fuß tief gegraben. Als die Arbeit des Aushebens immer mühsamer wurde, so fingen sie an, der Sache überdrüssig zu werden. »Wir sind bis auf den Grund,« sagte einer – »und ein Sarg ist nicht da, noch sonst etwas – hier ist schon irgendwer, der's versteht, vor uns dabei gewesen.« Und der Arbeiter kletterte aus dem Grabe heraus. »Halt, Bursche,« sagte Edie und kletterte an seine Stelle hinunter, »ich will mal sehn, was ein alter Bettler noch kann – ihr versteht euch wohl aufs Suchen, aber das Finden ist nicht eure Sache.« Sobald er ins Grab gestiegen war, stieß er seinen Stock wuchtig in den Boden – die Spitze stieß auf Widerstand, und der Bettler rief wie ein schottischer Schuljunge, der etwas findet: »Geteilt wird nicht – alles mein und nichts dem Nachbarn!« Jedermann, vom niedergeschlagenen Baron bis zum finsteren Adepten, ward jetzt von Neugierde ergriffen, und alles drängte sich um das Grab. Die Arbeiter, die in ihrer eintönigen und anscheinend hoffnungslosen Beschäftigung schon ermattet waren, nahmen das Werkzeug wieder zur Hand und gruben mit dem Eifer der Erwartung weiter. Bald stießen ihre Spaten auf eine harte Holzfläche, die, als die Erde weggeräumt war, die Form einer Kiste zeigte, aber weit kleiner als ein Sarg. Nun griffen alle Hände zu, sie aus dem Grabe zu heben, und alle riefen, wie schwer sie sei und schätzten sogleich ihren Wert. Als die Kiste außen niedergesetzt worden war, wurde der Deckel mit einer Hacke aufgebrochen. Nun zeigte sich zuerst eine Decke von rauher Leinwand. Dann kam eine Menge Werg zum Vorschein und darunter eine Unzahl Silberstücke. Eine so unerwartete und überraschende Entdeckung wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt. Der Baron warf die Hände zum Himmel empor und schlug die Augen auf, in dem stummen Entzücken eines Mannes, der aus unsäglicher Not erlöst wird. Oldbuck wollte fast seinen Augen nicht trauen und hob ein Stück Silber nach dem anderen auf. Sie hatten weder Inschrift noch Prägung bis auf eines, das spanisch zu sein schien. Er konnte an dem hohen Werte und der Echtheit des Schatzes, der vor ihm lag, nicht zweifeln. Er mußte zugeben, daß Sir Arthur hier etwa tausend Pfund an rohem Metall gefunden habe. Sir Arthur versprach nun den Arbeitern einen reichen Lohn für ihre Mühe und begann sich schon den Kopf zu zerbrechen, wie dieser reiche Fund am besten nach Knockwinnock zu schaffen sei – da zupfte ihn der Schwarzkünstler am Ärmel. Er hatte sich inzwischen von seinem Erstaunen erholt, brachte demütig seine Glückwünsche dar und wandte sich dann mit einer Miene des Triumphes an Oldbuck. »Ich habe Ihnen gesagt, mein guter Freund Herr Oldenbuck, ich würde eine Gelegenheit suchen, Ihnen für Ihre Höflichkeit tschu danken, meinen Sie nicht, dah ich jetscht sehr eine gute Gelegenheit gefunden habe, Dank abtschustatten?« »Herr Dusterschieler, wollen Sie etwa behaupten, Sie hätten irgendwelches Verdienst an unserem guten Erfolg? Sie vergessen, daß Sie uns alle Hilfe abschlugen und uns den Dienst Ihrer Wissenschaft verweigerten. Mann! Und Sie sind auch hier ohne Ihre Waffen, mit denen Sie den Kampf bestehen wollten, den Sie nun für uns mit einem Male gewonnen haben wollen. Sie haben nichts von Ihren Künsten angewendet: Zauber, Siegel, Talisman, Amulett, Pentakulum, magische Spiegel und geomantische Figuren – alles ist unterblieben. Wo sind Ihre Periapten und Ihre Abrakadabras, Mann? Wo Ihr Farnsamen und Ihr Eisenkraut? Wo Ihre Kröten, Krähen, Drachen, Panther, Wo Sonne, Mond und Firmament und Sphäre, Wo Lato, Azoch, Zernick, Schibrit, Hautrit, Wo Brühen, Säfte und Materien, Bei deren bloßen Namen man verrückt wird?« Die Antwort des Adepten auf die Tirade des Altertümlers ist dem folgenden Kapitel vorbehalten. Viertes Kapitel. Der Deutsche schien entschlossen, die vorteilhafte Position zu behaupten, die ihm die Entdeckung verschafft hatte, und antwortete mit großer Feierlichkeit und Würde auf den Angriff des Altertümlers: »Meister Oldenbuck, all das mag ja sehe geischtreich und witschick und wohl auch luschtick sein – aber ich habe nichts – aber auch gar nichts – tschu Leuten tschu sagen, die selbst noch nicht an das, was sie mit eigenen Augen sehen, glauben wollen. Es ist sehr wahr, daß ich heute nichts von dem Werktscheug der Kunscht hier habe, und es ist um so wunderbarer, was ich heute vollbracht habe. Aber ich möchte Sie bitten, mein sehr geehrter und guter und edelmütiger Herr Gönner, stecken Sie die Hand in die rechte Weschtentasche und tscheigen Sie mir, was Sie darin finden.« Sir Arthur erfüllte sein Ansuchen und zog das kleine Silberstück heraus, das er unter den Auspizien des Schwarzkünstlers bei dem ersten Versuche gebraucht hatte. »Es ist durchaus wahr,« sagte Sir Arthur mit einem ernsten Blick auf den Altertümler, »das ist das geläuterte und berechnete Siegel, mit dem Herr Dusterschieler und ich unsere erste Entdeckung bewirkt haben.« – »Pfui, pfui, mein lieber Freund,« sagte Oldbuck, »Sie sind zu gescheit, um an die Zauberkraft eines lumpigen Kronenstückes zu glauben, das dünngeschlagen und bloß ein bißchen zerkratzt worden ist. Ich sage Ihnen, Sir Arthur, wenn Dusterschieler gewußt hätte, wo er diesen Schatz allein hätte finden können, dann hätten Sie keinen Deut davon zu sehen bekommen.« »Wenn Euer Ehren nichts dagegen haben,« sagte Edie, der bei allen Gelegenheiten, wie es im Volksmunde heißt, seinen Senf dazuzugeben hatte, »wenn Herr Dusterschieler soviel Verdienst an der Entdeckung des Schatzes hat, so können Sie ihm, meine ich', zum wenigsten zugestehen, daß alles, was für seine Arbeit noch übrig ist, ihm gehören soll, denn der, der gewußt hat, wo so viel zu finden ist, weiß ohne Frage auch, wo noch mehr zu finden ist.« Als Dusterschieler diesen Vorschlag hörte, zog er ein sehr finsteres Gesicht, aber der Bettler zog ihn zur Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das ihn sehr zu interessieren schien. Inzwischen sagte Sir Arthur, dem von seinem Glücke das Herz voll war, mit lauter Stimme: »Kümmern Sie sich nicht um unseren Freund Monkbarns. Herr Dusterschieler, sondern kommen Sie morgen ins Schloß, und ich werde Sie überzeugen, daß ich nicht undankbar bin für die Winke, die Sie mir in dieser Sache gegeben haben, und die schmutzige Fairporter Fünfzigpfundnote, wie Sie sich ausdrücken, steht herzlich gern zu Ihrer Verfügung. Nun, Leute, macht den Deckel über dieser kostbaren Kiste wieder fest!« Aber der Deckel war in der Verwirrung zur Seite in das Gestrüpp gefallen oder unter die lose Erde geraten, die aus dem Grabe geworfen war, – kurz, er war nicht mehr zu sehen. »Leute,« sagte Sir Arthur, »kommt mit mir nach den Vier Pferdehufen, damit ich mir alle Eure Namen aufschreiben kann. Dusterschieler, ich möchte Sie nicht auffordern, jetzt mit nach Monkbarns zu kommen, da zwischen dem Laird und Ihnen eine so große Meinungsverschiedenheit herrscht, aber Sie kommen bestimmt morgen zu mir.« Dusterschieler knurrte eine Antwort, in der nur die Worte zu vernehmen waren: – »Pflicht – mein sehr geehrter Herr Gönner! – und Sir Arthur besuchen« – und als der Baron und sein Freund die Ruinen verlassen hatten, begleitet von den Arbeitern, die auf Lohn und Branntwein hofften, blieb der Schwarzkünstler in tiefstem Sinnen neben dem offenen Grabe stehen. »Wer hätte das denken sollen?« rief er unwillkürlich aus. »Meine Heiligkeit! Ich habe von solchen Dingen gehört und ich habe von solchen Dingen oft gesprochen, aber, sapperment, ich hätte nie gedacht, daß ich es leibhaftig schauen würde. Und wenn ich nur drei Fuß tiefer gegangen wäre, mein Himmel! Dann wäre alles mein eigen gewesen! – soviel mehr, als ich bis jetscht tropfenweis diesem Schafskopf abgetschwickt habe.« Der Deutsche brach sein Selbstgespräch ab, denn, indem er die Augen aufschlug, begegnete er dem Blick Edie Ochiltrees, der nicht mit den anderen gegangen war, sondern, wie gewöhnlich auf seinen Stab gestützt, sich auf der anderen Seite des Grabes aufgepflanzt hatte. Die Züge des alten Mannes, die von Natur fast einen spitzbübischen Ausdruck hatten, schienen jetzt so schlau und pfiffig, daß selbst die Dreistigkeit Dusterschielers, der doch ein Abenteurer von Profession war, gegen dieses Mienenspiel nicht aufkommen konnte. Aber er begriff, daß es notwendig sei, sich mit ihm einzulassen, faßte sich ein Herz und begann sogleich den Bettler über die Vorfälle des Tages auszufragen: »Guter Meister Edie Ochiltree ...« »Edie Ochiltree schlechtweg, nicht Meister oder Herr – nur der arme Bettelmann des Königs,« antwortete der Blaurock. »Na schön, schön, guter Edie also, was halten Sie von dem allen?« »Ich dachte eben, es wäre doch sehr freundlich, denn ich darf nicht sagen sehr einfältig, von Euer Ehren gewesen, daß Sie diesen beiden reichen Herren, die Länder und Lordschaften besitzen, diesen großen Silberschatz gegeben haben (der dreimal im Feuer gefeit ist, wie die Schrift sagt), wo doch mit ihm Sie selber und noch ein paar ehrliche Kerle außerdem so glücklich und zufrieden hätten werden können, wie der Tag lang ist.« »Allerdings Edie, mein ehrlicher Freund, das ist sehr wahr, nur wußte ich gar nicht, das heißt, ich war nicht genau darüber unterrichtet, wo ich das Geld selber hätte finden können.« »Was! So sind Monkbarns und der Ritter von Knockwinnock nicht auf Ihren Rat und Vorschlag hin hierhergekommen?« »Aha – ja doch – aber es verhält sich eben ein bißchen anders. Ich wußte nicht, daß sie den Schatsch finden würden, mein Freund, allerdings habe ich mir bei dem Krakehl und dem Husten und Niesen neulich nachtsch unter den Geischtern dahier gleich gedacht, daß hier ein Schatsch und edles Metall läge. Ach, mein Himmel! Der Geischt wird nun schön hinter seinem Gelde herheulen, wie ein deutscher Bürgermeister hinter seinen Talern nach einem Festessen im Stadthause.« »Und glauben Sie wirklich an so etwas, Herr Dusterschieler? Ein kundiger Mann wie Sie – pfui doch!« »Mein Freund,« sagte der Alchimist, durch die Umstände gezwungen, ein wenig mehr als sonst aus sich herauszugehen – »ich habe nicht mehr daran geglaubt, als Sie oder irgend ein Mensch, bis ich sie selber habe heulen und stöhnen und winseln hören mit meinen eigenen Ohren neulich in der Nacht, und bis ich heute die Geschichte gesehen habe, eine große Kiste voll bis zum Rande von lauterm Silber aus Mekschiko – und was soll ich denn nun anders denken?« »Und was würden Sie wohl einem Manne geben, der Ihnen zu einer anderen solchen Kiste voll Silber verhelfen würde?« »Was ich gäbe? Mein Himmel! – ein großes, riesengroßes Viertel davon!« »Nun, wenn ich das Geheimnis besäße,« sagte der Bettler, »so würde ich mir eine Hälfte ausbedingen, denn sehen Sie, wenn ich auch ein armes Luder bin und kein Geld mit mir herumtragen könnte, so hab ich doch Leute genug, die es mir aufheben würden mit besserm Profit für mich, als Sie denken.« »Ach Himmel! Mein guter Freund, was hab ich gesagt? – Ich wollte sagen, Sie sollten die drei Viertel davon haben, und das letschte Viertel sollte mein gerechter Anteil sein.« »Nein, nein, Herr Dusterschieler, wir wollen zu gleichen Teilen, was wir finden, unter uns verteilen, wie Bruder und Bruder. Nun, sehen Sie diesen Deckel an, den ich eben beiseite getan habe, während Monkbarns das Silber da unten anstarrte. Er hat ein scharfes Auge, Monkbarns. Ich war froh, daß ich das Ding ihm aus der Nase gerückt hatte. Sie werden vielleicht die Schrift besser lesen können, als ich – ich bin nicht so gelehrt – wenigstens bin ich nicht so geübt darin.« Mit dieser bescheidenen Versicherung seiner Unkenntnis brachte Ochiltree hinter einer Säule den Deckel der Schatzkiste hervor, der achtlos beiseite geworfen und dann von dem Bettler versteckt worden war. Ein Wort und eine Zahl stand auf dem Holze, und der Bettler spuckte in sein Taschentuch und rieb die Erde ab, damit sie deutlicher zu sehen sein sollten. Schrift und Zahl waren im alltäglichen Schwarzdruck aufgepreßt. »Können Sie es entziffern?« fragte der Bettler den Schwarzkünstler. »S,« sagte der Philosoph, wie ein Kind, das Fibelstunde hat, »S, A, C, H, E. – Sache – das besagt allerdings gar nichts.« »Sache!« rief Edie Ochiltiee. »Nein, nein Herr Dusterspieler, Sie verstehen sich doch mehr aufs Beschwören als aufs Lesen – Suche heißt es, Mann, suche . Sehen Sie, das U ist doch ganz deutlich.« »Aha! – Jetscht seh ichs. Suche heißt es. Suche Nummer I. Mein Himmel, dann muß ja eine Nummer Tschwei da sein, mein guter Freund. Denn suchen heißt so viel wie nach etwas graben, und dies ist erst Nummer Eins. – Mein Wort darauf, ein großer, riesengroßer Preis ist für uns aufbewahrt, guter Meister Ochiltree.« »Wohl, das mag schon sein – aber jetzt können wir nicht danach graben – wir haben keine Schaufeln, denn sie haben sie mitgenommen, und womöglich werden ein paar wieder hergeschickt, um die Erde ins Loch zu werfen und alles wieder sauber zu machen. Aber wenn Sie mich hier an dieser Stelle um zwölf Uhr mit einer Laterne treffen wollten, dann will ich Werkzeug bei der Hand haben, und wir wollen beide in aller Ruhe an die Arbeit gehen, und keine Menschenseele soll etwas davon merken.« »Ja, aber, mein guter Freund,« sagte Dusterschieler, – aus dessen Gedächtnis das vorige nächtliche Abenteuer sich nicht völlig vertilgen ließ, – »es ist zu solcher Nachttscheit durchaus nicht so geheuer in der Gegend des Grabes von unserem guten Freund Malcolm mit dem schwartschen Rock. Sie haben vergessen, was ich Ihnen ertschählt habe – daß die Geischter da geheult und gejammert haben. Ich sage Ihnen, dorten spuktsch.« »Wenn Sie sich vor Gespenstern fürchten,« antwortete der Bettler kühl, »dann will ich die Sache allein machen und Ihnen Ihren Teil an dem Silber irgend wohin bringen, wohin Sie mich bestellen wollen.« »Nein – nein, mein ausgetscheichneter alter Herr Edie, »tschu viel Mühe für Sie – das will ich nicht haben – ich werde selber kommen – und das wird das allerbeschte sein – denn, mein alter Freund, ich war's, ich, Hermann Dusterschieler, der das Grab des Meisters Schwartschrock entdeckt hat. Ich sah mich nämlich nach einem Fleckchen um, wo ich ein paar lausige Müntschen vergraben konnte – bloß um meinem lieben Freund Sir Arthur einen kleinen Streich tschu spielen so tschum Tscheitvertreib und Amüsement – ja, da hab ich ein bißchen sogenannten Schutt weggeräumt und dabei das Grab und das Monument vom guten Meister Schwartschrock entdeckt. Es hat den Anschein, als wollte er mich tschu seinem Erben haben, und da wäre es doch sehr unhöflich, wenn ich nicht selber käme, meine Erbschaft antschzutreten.« »Dann um zwölf Uhr,« sagte der Bettler, »wir treffen uns unter diesem Baume.« »Gut so, mein guter Meister Edie, ich will hier mit Ihnen tschusammentreffen, und wenn sich auch alle Geischter rein närrisch klagen und heulen sollten.« Mit diesen Worten schüttelte er dem alten Manne die Hand, und unter solcher gegenseitiger Versicherung der Pünktlichkeit gingen sie auseinander. Fünftes Kapitel. Es war eine stürmische Nacht mit Wind und Regenschauern. »Ach du meine Zeit,« sagte der alte Bettler, indem er sich an der geschützten Seite der alten Eiche niederhockte, um auf seinen Gefährten zu warten. – »Was doch die Menschennatur für ein launisches, wunderliches Ding ist! – Aus purer Gewinnsucht kommt dieser Dusterwühler hierher in diesem Sturm und Unwetter um zwölf Uhr nachts an diese wilde Stätte! Und bin ich nicht ein größerer Narr als er, daß ich hier sitz und auf ihn warte?« Nach diesen weisen Betrachtungen hüllte er sich in den Mantel und heftete das Auge auf den Mond, der durch die stürmischen düsteren Wolken glitt. Der trübselige ungewisse Schein, den er durch die vorüberziehenden Schatten warf, fiel voll auf die Bogen und Fenster des alten Gebäudes, die so in ihrem Verfall auf einen Augenblick deutlich sichtbar wurden und dann wieder als dunkle, undeutliche, schattenhafte Masse erschienen. »Ich hab in Deutschland und in Amerika auf Posten gestanden,« sagte der Bettler zu sich selber, »in mancher schlimmern Nacht, wo ich wußte, daß ein Dutzend Scharfschützen vor mir im Dickicht liegen konnten. Aber ich hab meine Pflicht getan, und nie hat jemand Edie schlafend ertappt.« Während er so vor sich hinsprach, schulterte er unwillkürlich seinen Stock und stellte sich hin wie eine Schildwache, und als sich Schritte dem Baume näherten, rief er in einem Tone, der besser zu seinen militärischen Erinnerungen als zu seinem gegenwärtigen Zustande paßte: »Halt! Wer da?« »Tschum Satan, guter Edie,« antwortete Dusterschieler, »was brüllen Sie hier wie ein Bärenhäuter oder wie eine Schildwache?« »Weil ich eben im Augenblick dachte, ich wär eine Schildwache,« antwortete der Bettler. Eine entsetzliche Nacht ist's – haben Sie eine Laterne und einen Quersack, wo wir das Silber hineintun können?« »Ja – ja – mein guter Freund,« sagte der Deutsche, »hier ist ein doppelter sogenannter Sattelsack. Eine Seite ist für Sie, eine Seite für mich – ich nehme beide nachher auf mein Pferd, damit Sie es nicht selber tschu tragen brauchen, denn Sie sind ein alter Mann.« »Sie haben also ein Pferd hier?« fragte Edie Ochiltree. »O ja, mein Freund, da drüben habe ich's angebunden,« antwortete der Schwarzkünstler. »Na, da hab ich ja auch ein Wort mitzureden, von meinem Anteil soll nichts auf den Rücken des Pferdes kommen.« »Was sollten Sie dabei tschu befürchten haben?« ' »Bloß, daß mir Mann, Pferd und Geld ausreißen könnten,« versetzte der Landstreicher. »Wissen Sie auch, daß Sie damit einen Ehrenmann tschu einem großen Schurken stempeln?« »Mancher Ehrenmann kann das aus sich machen,« erwiderte Ochiltree. »Aber wozu streiten wir uns? Wenn Sie Lust haben, dann wollen wir uns ans Werk machen, wenn nicht, so kehr ich zurück zu meinem gemütlichen Strohlager bei Ringan Eichholz und nehme Schaufel und Spaten wieder mit, wo ich sie her habe.« Obwohl innerlich vor Wut kochend, nahm doch Dusterschieler den schmeichelnden Ton an, in dem er zu sprechen pflegte, und bat seinen Freund, den guten Meister Edie Ochiltree, er möchte ihn führen, und versicherte ihm, daß er mit allem einverstanden wäre, was ein so ausgezeichneter Freund vorschlagen würde. »Na schön,« sagte Edie, »dann sehen Sie sich vor, daß Sie in dem langen Grase nicht über lose Steine fallen.« Mit diesen Worten schritt Edie voran, der Ruine zu, und der Adept folgte ihm auf den Fersen. Gleich darauf aber blieb er wieder stehen. »Sie sind ein Gelehrter, Herr Dusterspieler, und wissen viel über das wunderbare Wirken der Natur – wollen Sie mir eines sagen? Glauben Sie daran, daß Geister und Gespenster auf der Erde wandeln? Glauben Sie daran? – ja oder nein?« »Ei, guter Herr Edie,« flüsterte Dusterschieler in mahnendem Tone, – »ist jetscht eine Tscheit und ist dies ein Ort, solche Fragen tschu stellen?« »Das ist es in der Tat, Herr Dusterspieler, denn ich muß Ihnen offen sagen, es geht die Rede, daß der alte Schwarzrock umgeht. Nun wär das aber eine sehr häßliche Nacht für ein Zusammentreffen mit ihm, und wer weiß, ob er über unseren Besuch bei seinem Grabe sehr erfreut sein würde.« »Alle guten Geister,« murmelte der Adept, und der Rest der Beschwörungsformel verlor sich in einem zitternden Brummen, »ich wünschte nur, Sie sprächen nicht so, Herr Edie, denn nach allem, was ich neulich Nacht gehört habe, glaube ich sehr stark ...« »Na, ich,« sagte Ochiltree und trat in die Kapelle, indem er mit einer trotzigen Gebärde den Arm schwenkte, »ich würde nicht soviel mehr für ihn geben, wenn er jetzt in diesem Augenblicke erschiene – er ist nur ein lebloses Wesen, und in uns ist Leben und Kraft.« »Um der Liebe des Himmels willen,« sagte Dusterschieler, »sagen Sie nichts von solchen Dingen!« »Schön,« sagte der Bettler, indem er den Schirm von der Laterne nahm, »hier ist der Stein, und Geist oder kein Geist, ich will noch ein bißchen tiefer ins Grab.« Und er sprang hinein, und nachdem er ein paar Stiche mit dem Spaten getan hatte, wurde er müde, oder er stellte sich wenigstens so – und sagte zu seinem Gefährten: »Ich bin schon alt und schwach und kanns nicht halten – kommen Sie herein und nehmen Sie die Hacke ein bißchen, nachher löse ich Sie wieder ab.« Dusterschieler stieg daher an Stelle des Bettlers hinein und arbeitete mit all dem Eifer, den die Habgier – freilich hatte auch das bange Verlangen, fertig zu werden und sobald wie möglich die unheimliche Stätte zu verlassen, seinen Teil daran – in einem zugleich gewinnsüchtigen und furchtsamen Gemüt erwecken konnte. So arbeitete denn Dusterschieler unter den Steinen und dem harten Boden wie ein Pferd und fluchte innerlich auf deutsch. Wenn solch ein unheiliges Wort seinen Lippen entschlüpfte, begann Edie, der ihm in aller Gemütsruhe bei seiner schweren Arbeit zusah: »O fluchen Sie nicht, fluchen Sie nicht! Wer weiß, wer's hören kann? – He, Gott sei bei uns! was ist das da? – He, es ist weiter nichts als ein Efeublatt, das von der Mauer weggeflattert ist. Wie der Mond darauf schien, sah es doch ganz aus wie der Arm eines Toten mit einer Kerze in der Hand. Dacht ich doch, es war der Schwarzrock selber. Aber lassen Sie sich nicht stören – arbeiten Sie weiter – werfen Sie die Erde hierher – fein verstehen Sie die Arbeit, wie ein echter und rechter Totengräber! Was halten Sie denn jetzt an?« »Halt!« sagte der Deutsche in einem Tone der Wut und Enttäuschung. – »Ich bin auf den Felsen geraten, auf dem diese verfluchten Ruinen – Gott vertscheih mir – gebaut worden sind.« »Gut,« sagte der Bettler, »das wird nur ein Stein sein, der dazwischen geschoben ist, damit man das Gold nicht sogleich sehen soll. Hauen Sie drauf, Mann – ein ordentlicher derber Schlag, und er wird zersplittern, dafür steh ich Ihnen. Na, so ist es recht!« Durch Edies Aufforderungen veranlaßt, hatte in der Tat der Adept ein paar verzweifelte Schläge geführt und zwar nicht den Stein – denn wie er vermutet hatte, war es allerdings der harte, feste Felsen – dafür aber das Werkzeug, das er führte, zerbrochen, und ein Krampf fuhr ihm durch die Arme bis hinauf in die Schulterblätter. »Hurra! Ringans Hacke ist zum Teufel!« rief Edie. »Eine Schande ist's, daß das Volk in Fairport so zerbrechliches Werkzeug verkauft! Versuchen Sie's mit der Schaufel. Nochmals ans Werk, Herr Dusterwühler!« Ohne eine Antwort kletterte der Adept heraus aus der Grube, die sechs Fuß tief war, und wandte sich an seinen Gefährten in einem Tone zitternder Wut. »Wissen Sie, Herr Edie Ochiltree, wer es ist, mit dem Sie Ihre Witsche und Schertsche reißen?« »Sehr gut, Herr Dusterwühler, sehr gut kenn ich Sie, und hab Sie schon lange gekannt, aber von Witzen und Scherzen ist hier gar keine Rede, denn mir liegt daran, daß wir unseren Schatz zu sehen kriegen – wir hatten längst schon den Mantelsack vollhaben müssen. Hoffentlich ist er groß genug, daß alles hineingeht?« »Warten Sie, Sie gemeine alte Person,« sagte der vor Wut rasende Philosoph, »wenn Sie noch einen Mumpitsch, mit mir treiben, dann schlag ich Ihnen mit dieser Schaufel den Schädel ein!« »Und wo wären dann wohl meine Hand und mein Stock hier?« versetzte Edie in einem Tone, der keine Furcht verriet. »Papperlappapp! Herr Dusterwühler, ich habe nicht so lange auf dieser Welt gelebt, daß ich nun auf diese Weise hinausgeschaufelt werden sollte. Was tut Ihnen denn weh, Mann, daß Sie sich mit Ihren Freunden zanken? Ich wette, ich finde den Schatz in einer Minute!« Und er sprang in die Grube und ergriff den Spaten. »Ich schwöre Ihnen,« sagte der Adept, dessen Verdacht nun voll erwacht war, »wenn Sie mir einen groben Streich gespielt haben, so will ich's Ihnen heimtschahlen mit groben Hieben.« »Da hör ihn einer,« sagte Ochiltree, »er weiß, wie der Hase läuft! Wer nicht selber hinter der Tür gesteckt hat, vermutet keinen anderen dahinter.« Bei dieser Bemerkung, die wahrscheinlich auf den Auftritt des Adepten mit Sir Arthur gemünzt war, verlor der Philosoph den letzten Rest an Geduld, der ihm noch verblieben war, und da er überhaupt wilden, leidenschaftlichen Charakters war, hob er den Stumpf der zerbrochenen Hacke, um sie auf das Haupt des alten Mannes niedersausen zu lassen. Der Schlag wäre aller Wahrscheinlichkeit nach verhängnisvoll gewesen, wenn nicht der, dem er galt, in strengem, festem Tone ausgerufen hätte: »Schande über Sie, Mann! Glauben Sie, Himmel oder Erde ließen es zu, daß Sie einen alten Mann ermorden, der Ihr Vater sein könnte? Mann, sehen Sie sich um!« Unwillkürlich wandte Dusterschieler sich um, und zu seinem größten Erstaunen sah er eine große, dunkle Gestalt dicht hinter sich stehen. Die Erscheinung ließ ihm nicht Zeit, mit Beschwörung oder in anderer Weise gegen sie vorzugehen, sondern ging sogleich zur Tat über und ließ mehrere so wuchtige Schläge auf die Schultern des Adepten niederrasseln, daß er zusammenbrach und zwischen Furcht und Betäubung eine Weile besinnungslos liegen blieb. Als er wieder zu sich kam, war er allein in der verfallenen Kapelle und lag auf der weichen, feuchten Erde, die aus Schwarzrocks Grab geworfen worden war. Er erhob sich mit einer gemischten Empfindung von Wut, Schmerz und Entsetzen, und erst, nachdem er ein Weilchen aufgerichtet dagesessen hatte, konnte er hinreichend Ordnung in seine Gedanken bringen, um sich zu erinnern, wie und in welcher Absicht er hierhergekommen war. Als ihm alles wieder einfiel, konnte er nicht daran zweifeln, daß die Lockspeise, mit der Edie Ochiltree ihn an diesen einsamen Ort gebracht hatte, der Spott, durch den er einen Zank mit ihm heraufbeschworen hatte, und die pünktlich bereite Hilfe, die den Streit beendet hatte – daß dies alles von vornherein abgekartete Sache war, um Hermann Dusterschieler Schande und Schaden zuzufügen. Er konnte kaum denken, daß er die schwere Arbeit, die Angst und die erlittenen Schläge allein der Bosheit Edie Ochiltrees verdanke, sondern meinte, daß der Bettler nur als Werkzeug einer wichtigeren Person tätig gewesen sei. Sein Argwohn schwankte zwischen Oldbuck und Sir Arthur Wardour. Daß es der letztere sei, hatte seines Erachtens die größere Wahrscheinlichkeit für sich, denn wenn Sir Arthur wohl auch noch nicht all seine Schlechtigkeit in ihrem vollen Umfange durchschaut haben mochte, so mußte der Adept doch vermuten, daß er wohl genug vom wahren Sachverhalt erfahren haben mußte, um Vergeltung an ihm zu üben. Dusterschieler hatte sich daher kaum in die Höhe gearbeitet, so hatte er auch bei sich selber schon geschworen, seinen Wohltäter ins Verderben zu stürzen, und unglücklicherweise lag es nur zu sehr in seiner Macht, den Zusammenbruch des Barons zu beschleunigen. Aber für die Rachegedanken, die ihm im Hirne rumorten, war jetzt nicht die Zeit. Die Stunde, die Stätte, seine eigene Lage, die Gegenwart oder vielleicht die Nähe derer, die ihn überfallen hatten, lenkten alles Sinnen des Adepten zunächst auf Selbsterhaltung. Die Laterne war umgefallen und in dem Ringen erloschen. Der Wind, der zuvor so laut durch die Bogen der Ruine geheult hatte, war fast ganz zur Ruhe gegangen, unterdrückt von dem Regen, der leise und stark herniederfiel. Der Mond war nun völlig verfinstert, und obwohl Dusterschieler einigermaßen in den Ruinen Bescheid wußte, und er sich darüber klar war, daß er das östliche Tor der Kapelle zu erreichen versuchen müsse, so waren doch seine Begriffe derartig verwirrt, daß er eine Zeitlang ratlos stand und nicht wußte, in welcher Richtung er es zu suchen habe. In dieser Verwirrtheit gewann wiederum der Aberglaube, unterstützt durch die Finsternis und sein böses Gewissen, die Oberhand über ihn. »Ah bah!« sagte er tapfer zu sich selber, »das ist alles Mumpitsch! – Das ist alles weiter nichts als großer, riesengroßer Schwindel und Betrug! Teufel! ein dicknischeliger schottischer Baron, den ich fünf Jahre lang an der Nase herumgeführt habe, sollte jetscht Hermann Dusterschieler tschum Narren haben!« Als er zu diesem Schluß gekommen war, da geschah etwas, das wohl angetan war, den Boden, auf den er sich in diesen Betrachtungen gestellt hatte, zu erschüttern. Mitten in dem melancholischen Geseufze des Windes und dem leisen Plätschern des Regens auf Blätter und Steine erhob sich plötzlich, und allem Anschein nach nicht weit von dem Hörer, eine klangvolle, melodische Musik, die in ihrer Schwermut und Feierlichkeit ganz so klang, als ob die abgeschiedenen Geister der Kirchenmänner, die einst diese verlassenen Ruinen bewohnt hatten, über die Einsamkeit und die Verwüstung klagten, denen ihre geweihte Wohnstätte preisgegeben war. Dusterschieler, der sich jetzt emporgerafft hatte und an der Mauer der Kapelle tastend entlangschlich, stand wie angewurzelt, als dieses neue Wunder sich ereignete. Jede Fähigkeit seiner Seele schien für den Augenblick mit in den Sinn des Hörens einbezogen, und alle schienen ihm einstimmig die Überzeugung aufzudrängen, daß der tiefe, wilde, langgezogene Gesang, den er jetzt hörte, eine der feierlichsten Totenweisen der römischen Kirche sei. Warum sie in dieser Einsamkeit gesungen wurde, und von was für einer Art Choristen sie gesungen wurde, das waren Fragen, die die entsetzte Phantasie des Adepten, in der all der deutsche Aberglaube von Nixen, Erlkönigen, Werwölfen, Kobolden, Waldschratten und schwarzen Geistern, weißen Geistern, blauen Geistern und grauen Geistern bunt durcheinander spukte, nicht zu beantworten wagte. Bald wurde ein anderer seiner Sinne von dem Wunder beansprucht. Am Ende eines der Durchgänge der Kirche, am Grunde einer kleinen Treppe von wenigen hinunterführenden Stufen war eine kleine Eisengittertür, die, soweit er sich erinnerte, in ein tiefes Gewölbe, eine Art Sakristei, führte. Als er nach der Richtung hinschaute, aus der die Musik erscholl, bemerkte er einen starken, glühroten Lichtschein, der durch das Gitter fiel. Dusterschieler stand einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Dann faßte er plötzlich einen verzweifelten Entschluß und schritt den Bodengang hinab nach der Stelle, von der das Licht ausging. Er schlug das Zeichen des Kreuzes zu seiner Stärkung und murmelte so viel Beschwörungsformeln, wie sein Gedächtnis ihm eingab – und so näherte er sich dem Gitter, von dem aus er, ungesehen, sehen konnte, was im Innern der Gruft vorging. Als er mit scheuen unsicheren Schritten herantrat, erstarb nach einigen wilden, langgezogenen Tönen der Gesang, und tiefes Schweigen herrschte. Das Gitter ließ ihn ein seltsames Bild im Innern der Sakristei erschauen. Ein offenes Grab mit vier großen, etwa sechs Fuß hohen Fackeln an den vier Ecken – eine Bahre und ein Leichnam darauf – die Arme auf der Brust gefaltet – dicht an einer Seite des Grabes, als sollte er eben bestattet werden. Ein Priester mit Hut und Meßgewand hielt das offene Andachtbuch in der Hand – ein anderer trug, gleichfalls im Ornat, ein Becken mit Weihwasser – und zwei Knaben in weißen Hemden hielten das Geschirr mit dem Weihrauch – ein Mann, einst von hohem, gebietendem Wuchse, jetzt von Alter oder Schwäche gebeugt, stand allein und dem Sarge am nächsten in der Tracht tiefster Trauer. Dies waren die hervorragenden Erscheinungen in dem Bilde. Ein Stückchen weiter entfernt standen ein paar Gestalten beiderlei Geschlechts in langen Trauergewändern, und noch mehr, etwa sechs an der Zahl, ebenfalls schwarz gekleidet, standen in noch größerer Entfernung an den Wänden der Gruft entlang, regungslos aufgestellt, jeder eine große Fackel von schwarzem Wachs in der Hand. Das qualmige Licht, das von so vielen Fackeln ausging, verbreitete eine rote, undeutliche Atmosphäre und gab den Umrissen dieser seltsamen Erscheinung ein nebliges, unklares und in der Tat geisterhaftes Gepräge. Die Stimme des Priesters las jetzt laut, klar und volltönend aus dem Brevier, das er in der Hand hielt, die feierlichen Worte vor. die im Ritus der katholischen Kirche für Beerdigungen vorgeschrieben sind. Inzwischen stand Dusterschieler noch immer am Gitter und war sich nicht klar darüber, ob das Bild, das sich ihm zeigte, der Wirklichkeit angehörte, oder ob es eine unirdische Darstellung der Zeremonien war, die in früheren Zeiten in diesen Mauern üblich waren, jetzt aber in protestantischen Ländern selten und in Schottland fast nie mehr ausgeübt wurden. Er wußte nicht, ob er die Feierlichkeit mit ansehen oder sich ans der Kapelle hinwegstehlen sollte, da verriet eine Bewegung seine Anwesenheit, und einer aus dem Trauergefolge erblickte ihn durch das Gitter. Die Person machte sofort durch einen Wink den Mann, der dem Sarge am nächsten stand, darauf aufmerksam, und als darauf er mit der Hand winkte, traten zwei aus der Gruppe heraus, kamen mit geräuschlosen Schritten heran, als fürchteten sie die Feier zu stören, und schlössen das Tor auf, das sie von dem Adepten trennte. Jeder von beiden nahm ihn an einem Arme, und mit Gewalt – soweit sie bei seiner widerstandslosen Furcht sie anwenden mußten, setzten sie ihn in der Kapelle nieder und nahmen neben ihm Platz zu beiden Seiten, wie um ihn festzuhalten. Beruhigt, daß er sich in der Gewalt von Menschen befand, die sterblich waren wie er, hätte der Adept sie gern ausgefragt, aber der eine deutete auf die Gruft, aus der die Stimme des Priesters deutlich herausklang, und der andere legte den Finger auf den Mund, ihn zur Ruhe zu ermahnen, und der Adept hielt es für das klügste, sich danach zu richten. Und so hielten sie ihn, bis ein lautes Hallelujah, das durch die verlassenen Wölbungen von St. Ruth hallte, die seltsame Feier schloß, zu deren Zeugen ihn der Zufall bestimmt hatte. Als der Hymnus und jedes Echo verklungen war, sagte einer von den Männern, die Dusterschieler hielten, in vertrautem Ton und Dialekt: »Du liebe Güte, sind Sie das, Herr Dusterschieler? Sie hätten es uns doch sagen können, wenn Sie gern der Feier beiwohnen wollten! – Nur konnte mein Herr nicht erlauben, daß Sie so hier hereinguckten.« »Im Namen aller irdischen und himmlischen Güte, sagen Sie mir, wer Sie sind?« unterbrach ihn der Deutsche. »Wer ich bin? Ei, wer sollt ich weiter sein als Ringan Eichholz, der Förster von Knockwinnock? Und was treiben Sie hier zu dieser Nachtzeit – wollten doch wohl bloß dem Begräbnis der Gnädigen beiwohnen?« »Ich erkläre Ihnen, mein guter Meister Förschter Eichholtsch Ringan,« sagte der Deutsche, indem er sich erhob, »in dieser selben Nacht bin ich ermordet, beraubt und in drohende Furcht um mein Leben versetscht worden!« »Beraubt? Wer sollte hier eine solche Tat begehen? Ermordet? Na, Sie reden noch ziemlich kräftig für einen Ermordeten. Furcht um Ihr Leben? Was hätte Ihnen denn Furcht einjagen können, Herr Dusterschieler?« »Das will ich Ihnen sagen, Meister Förschter Eichholtsch Ringan, der alte, verkrüppelte, hündische, schurkische Blaurock, der sogenannte Edie Ochiltree ist es gewesen.« »Das glaub ich im Leben nicht,« sagte Ringan. »Ich habe Edie gekannt und mein Vater vor mir – wir haben ihn immer nur gekannt als braven, treuen und friedliebenden Mann, und er schläft unten in unserer Hütte, und ist dort seit zehn Uhr abends.« »Meister Ringan Eichholtsch Förschter, ich sage Ihnen, ich bin diesen Abend um fufftschig Pfund beraubt worden von Ihrem braven friedliebenden Freund Edie Ochiltree, und ich sage Ihnen, er ist jetscht ebensowenig in Ihrer Hütte, als ich je in das Königreich des Himmels tschu gelangen hoffe.« »Nun Herr, wenn Sie mit mir kommen wollen, sobald die Trauergesellschaft sich zerstreut hat, dann wollen wir Ihnen bei uns ein Bett zurecht machen und sehen, ob Edie noch in der Scheune ist. Als wir mit der Leiche heraufkamen, sind zwei wild aussehende Kerle aus der Kirche verschwunden, das steht fest.« Mit diesen Worten zog der freundliche Mann, dem die stumme Person – sein Sohn – dabei behilflich war, den Mantel aus, und beide geleiteten nun den Adepten, um ihn zur Ruhe zu bringen, deren er so sehr bedurfte. »Ich wende mich morgen an die Obrigkeit,« sagte Dusterschieler, »oder all diesen Schweinehunden hetsch ich die Politschei und die Juschtitsch auf den Hals.« Sechstes Kapitel In der Fischerhütte von Mucklebackit sah es recht unordentlich, ja schmutzig aus. Aber bei allem Schmutz hatten Luckie Mucklebackit und ihre Familie in ihrem Äußern alle etwas Behagliches, so daß das alte Sprichwort: »Je klatriger, um so gemütlicher« hier zur Wahrheit zu werden schien. Auf dem Herde brannte ein riesiges Feuer, obwohl es Sommer war – es verbreitete zugleich Licht und Wärme und besorgte der Familie die Mahlzeit. Die stämmige athletische Gestalt Maggies, der Fischersfrau, schaffte emsig inmitten einer Schar halbwüchsiger und noch kleinerer Kinder, Jungen und Mädchen. Einen starken Kontrast zu ihr bildete die Mutter ihres Mannes – mit ihrem untätigen, halb blödsinnigen Blick und Wesen. Dieses Weib hatte die letzte Stufe menschlichen Lebens erreicht und saß an ihrem gewohnten Platz am Feuer, ohne aber die Wärme zu verspüren, sie murmelte vor sich hin und lächelte ab und zu irr den Kindern zu. Obgleich es schon lange nach Mitternacht war, war doch die ganze Familie noch auf den Beinen und dachte auch noch nicht daran, zu Bett zu gehen. Die Hausfrau war noch dabei, Haferkuchen zu backen, und ihre älteste Tochter richtete Heringe zu. Während sie so beschäftigt waren, klopfte es leise an die Tür, und herein kam Hanne Rintherout, das Dienstmädchen des Altertümlers. »Was? Ist's möglich, Hanne! Na, man bekommt dich ja recht selten zu sehen!« »Ach, Frau, die Wunde von Kapitän Hektor hat uns so viel zu schaffen gemacht, daß ich vierzehn Tage lang nicht hinausgekommen bin. Nun geht es ihm besser. Sobald daher heute unsere Herrschaft zur Ruhe gegangen ist, habe ich mich davon gemacht. Wollte doch mal sehen, ob es bei Ihnen was Neues gäbe. Haben Sie denn schon gehört von der großen Kiste voll Gold, die Sir Arthur unten in St. Ruth gefunden hat? Nun wird er großartiger sein als zuvor und die Nase noch höher tragen.« »Ja ja, davon spricht die ganze Gegend, aber der alte Edie sagt, sie machtens zehnmal größer, als es gewesen sei. Und er wär' dabei gewesen, wie sie sie gefunden hätten. Ja ja, lange dürfte es dauern, bis mal ein armer Kerl so was findet.« »Ja, das stimmt. Und Sie haben wohl auch gehört, daß die Gräfin von Glenallan gestorben ist und in St. Ruth in dieser Nacht beerdigt wird bei Fackellicht und alle Papisten und Ringan Eichholz – der ist ja auch Papist – ist auch mit dabei, und es soll ein prachtvoller Anblick sein.« »Die alte Metze, wie Ehrwürden Heulmeier sie nennt, hat wenig Freunde hier in der Gegend. Aber weshalb begraben sie den alten Drachen (ein schlimmes Weib war sie) in der Nacht? Die Großmutter wird's wohl wissen. He, Großmutter! Weshalb werden denn die von Glenallan immer bei Kerzenlicht in den Ruinen von St. Ruth beerdigt?« Die alte Frau hob ihr aschfarbenes Gesicht, das nur durch das Spiel zweier lichtblauer Augen von dem einer Leiche unterschieden war, und antwortete: »Weshalb die Glenallans ihre Toten bei Fackellicht beerdigen? Ist denn ein Mitglied der Glenallans jetzt gestorben?« »Die alte Gräfin, Großmutter.« »So ist sie endlich heimgerufen worden?« versetzte das alte Weib, mit mehr Aufregung, als sich bei ihrem hohen Alter erwarten ließ. »Soll sie denn endlich ihre letzte Rechenschaft ablegen nach ihrem langen Leben voller Stolz und Macht? O, Gott möge ihr verzeihen!« »Aber die Mutter hat gefragt,« wiederholte Hanne, »warum die Glenallans immer ihre Toten bei Fackellicht begraben?« »Das haben sie immer schon gemacht,« sagte die Großmutter, »seit der große Graf in der Schlacht von Harlow fiel, wo der Totengesang erklungen sein soll von der Mündung des Tay bis zum Ende des Crabrach, daß man nichts anderes vernehmen konnte als die Klagen der Männer um die Helden, die im Kampfe gegen Donald von den Inseln gefallen waren. Aber die Mutter des großen Grafen lebte noch, und die Frauen vom Geschlecht Glenallan waren hochfahrend und grausam – und die Mutter wollte keinen Totengesang für ihren Sohn singen lassen, und sie ließ ihn mitten im Schweigen der Mitternacht zu seiner letzten Ruhestätte tragen, ohne ein Leichenmahl zu halten oder ein Klagelied anzustimmen. – Sie sagte, er hätte genug erschlagen, daß die Witwen und Töchter der Hochländer, die er getötet, den Totengesang für ihre Gestorbenen und für ihren Sohn zugleich anstimmen könnten. Und mit trockenen Augen und ohne einen Laut der Klage hat sie ihn ins Grab gelegt. Das galt nun in der Familie für ein stolzes Wort, und daran haben sie festgehalten, besonders in der letzten Zeit, weil sie in der Nacht ihre papistischen Feierlichkeiten ungestörter Vollziehen können, als bei hellem Tage. Wenigstens in meiner Zeit ist es so gewesen. Am Tage hätte die Behörde sich eingemischt und auch der Pöbel von Fairport. Die Welt wird anders. Manchmal bin ich mir selber nicht klar, ob ich stehe oder sitze, ob ich noch lebe oder schon tot bin.« »Es ist ordentlich gruselig,« sagte Hanne, »die Großmutter in dieser Weise sprechen zu hören. Es ist, als ob ein Toter mit den Lebendigen spräche.« »Das stimmt, Mädel. Sie wird es nicht gewahr, was tagsüber vor sich geht. Bringt man sie aber auf alte Geschichten, dann kann sie reden wie ein Buch. Über die Glenallans weiß sie ganz genau Bescheid, denn ihr Mann war lange Zeit Fischer dort.« »Still! Still!« flüsterte Hanne. »Die Großmutter will wieder reden.« »Hat nicht irgendwer gesagt,« begann die alte Sibylle, »oder hab ich's geträumt, oder ist es mir geoffenbart worden, daß Joscelinde, die Gräfin Glenallan in dieser Nacht gestorben und begraben wäre?« »Ja, Großmutter, so ist es,« sagte Hanne. »Und recht ist es, daß es so ist,« sagte die alte Elsbeth. »Manches Herz hat sie schon schwer gemacht – selbst ihrem Sohn hat sie das Leben verbittert – lebt er noch?« »Ja, er lebt noch – aber wie lange wohl noch – erinnerst du dich nicht mehr, wie er vergangenen Frühling nach dir gefragt und Geld für dich dagelassen hat?« »Kann schon sein, Maggie – besinn mich nicht mehr drauf – aber ein hübscher Herr ist er gewesen und sein Vater auch. Ja, wenn der am Leben geblieben wäre, dann hätten sie glückliche Leute sein können. Aber er starb, und die Gnädige machte nun mit dem Sohne, was sie wollte, und zwang ihn, an Dinge zu glauben, die er nie hätte glauben sollen, und Dinge zu tun, die er sein Lebtag schon bereut hat und noch immer bereuen wird, wenn auch sein Leben so lang sein sollte, wie mein langes beschwerliches Dasein. Ach, bittet doch ihr alle zu Gott, daß ihr nicht einmal dem Stolz und der Willkür eures eigenen Herzens anheimfallt. Sie können in der Hütte ebenso die Oberhand gewinnen wie im Schlosse, das hab ich selber erlebt! – Ach, will denn die Erinnerung an diese furchtbare grausige Nacht nicht aus meiner Seele? Wie ich sie auf der Erde liegen sah, und ihr langes Haar troff vom Meerwasser! das wird der Himmel rächen an allen, die dabei beteiligt waren! Kinder, ist mein Sohn draußen in dieser stürmischen Nacht?« »Nein, Mutter, bei diesem Wetter kann kein Boot auf See sein. Mucklebackit schläft schon.« »Dann ist wohl Steenie, sein Sohn, draußen?« »Nein, Steenie ist mit dem Bettler Ochiltree weggegangen, sie wollen vielleicht die Beerdigung ansehen.« »Das kann nicht sein, die Sache war ja geheim gehalten worden und fünf Stunden vom Schlosse her ist die Leiche mitten in der Nacht gebracht worden.« »Dann weiß ich nicht,« sagte die Hausfrau, »was der alte Bettler mit meinem Jungen noch in der Nacht vorhaben mag.« In diesem Augenblick traten Steenie und Edie Ochiltree in die Hütte. Beide waren erhitzt und außer Atem. »Es hat uns jemand nachgesetzt,« sagte Steenie. »Ein Mann war's zu Pferde,« sagte Edie. »Ihr Gesellen ihr!« rief Maggie Mucklebackit, »es wird einer von den Reitern vom Begräbnis der Gräfin gewesen sein.« »Was!« sagte Edie, »ist die alte Gräfin heute nacht in St. Ruth beerdigt worden? Daher kamen also die Lichter, die uns verscheucht haben, und der Lärm! Hätt ich das gewußt, dann hätt ich den Kerl nicht dort liegen lassen. Aber die werden sich schon seiner annehmen. Du hast ordentlich auf ihn dreingeprügelt, Steenie, ich dachte, du würdest ihm den Garaus machen. Nun, wenn die Sache glatt abläuft, dann will ich die Vorsehung nicht noch einmal versuchen. Aber ich kann es nicht für strafbar ansehen, wenn man solch einem Schurken von einem Landstreicher, der selber bloß davon lebt, ehrlichere Leute an der Nase herumzuführen, einmal einen Possen spielt.« »Was sollen wir aber mit dem Ding da anfangen?« fragte Steenie und zog eine Brieftasche hervor. »Gott behüte uns, Steenie!« rief Edie, aufs höchste bestürzt. »Was mußtest du das Ding an dich nehmen. Jedes Blatt darin kann uns ins Verderben bringen!« »Das hab ich doch nicht gewußt,« erwiderte Steenie. »Die Brieftasche war ihm entfallen, glaub ich, denn ich fand sie vor meinen Füßen, als ich ihm wieder auf die Beine helfen wollte.« »Wir müssen sie dem Schurken auf irgend eine Weise wieder zurückbringen,« sagte Edie. »Am besten wär's wohl, wenn du die Brieftasche in aller Frühe selber zu Ringan Eichholz brächtest. Nicht um hundert Pfund wollte ich, daß sie in unserem Besitz gefunden würde.« Das versprach denn Steenie auch zu tun. Siebentes Kapitel Am andern Morgen war der alte Edie in aller Frühe wieder auf den Beinen, und seine erste Frage galt Steenie und der Brieftasche. Der junge Fischer hatte seinem Vater helfen müssen, um noch vor Tagesanbruch sich die Flut zu nutze zu machen, aber er hatte versprochen, gleich nach seiner Rückkehr die Brieftasche mit all ihrem Inhalt, sorgfältig in ein Stück Segeltuch gewickelt, selber bei Ringan Eichholz für den Eigentümer Dusterschieler abzugeben. Ehe der Bettler das Haus des Fischers verließ, trat er zu der alten Großmutter hin, die wieder an ihrem Platz am Herde saß, während die Fischerin selber schon zum Markt nach Fairport gegangen war. »Guten Tag, Mütterchen,« sagte er. »Zur Erntezeit komm ich wieder, und ich hoffe, Sie dann noch immer frisch und gesund anzutreffen.« »Bittet, daß Ihr mich in Ruhe im Grabe finden möget,« versetzte die Alte mit hohler, geisterhafter Stimme. »Hat nicht gestern jemand gesagt, – mir war's doch so, aber alte Leute haben ein schwaches Gedächtnis – hat nicht jemand gesagt, Joscelinde, die Gräfin von Glenallan, hätte das Zeitliche gesegnet?« »Wer das gesagt hat, der hat die Wahrheit gesagt,« erwiderte der alte Edie. »Gestern ist sie bei Fackellicht in St. Ruth beeidigt worden.« »Dann will ich mein Herz von seiner Last befreien, komme, was da wolle.« Dies sagte sie unter geringerer Mühsal, als ihr sonst das Sprechen zu bereiten schien, und machte dabei eine Bewegung mit der Hand, als wenn sie etwas wegwerfen wollte. Sie richtete sich auf und suchte mit der langen, welken Hand in einer großen, altmodischen Tasche. Endlich brachte sie einen hübschen Siegelring hervor, in welchen eine Haarlocke von zwei verschiedenen Farben, schwarz und hellbraun durcheinandergeschlungen, eingesetzt war, der mit Brillanten von beträchtlichem Werte geziert war. »Guter Mann,« sagte sie zu Ochiltree, »sofern Ihr je Gnade zu finden hofft, so müßt Ihr für mich nach dem Schlosse Glenallan gehen und den Grafen zu sprechen begehren.« »Den Grafen von Glenallan! Ei, Mütterchen, der empfängt schon niemand von den Edelherren des Landes – wie sollte er gar einen Landstreicher wie mich vor sich lassen?« »Geht hin und versuchts – und sagt ihm, Elsbeth von Craigburnfoot – wenn er den Namen hört, wird er sich auf mich besinnen können – müßte ihn sprechen, ehe sie von ihrer langen Pilgerfahrt abgerufen würde, sie sende ihm diesen Ring, damit er erkennen möge, worum es sich handle.« Ochiltree sah den Ring an und staunte über den offenbaren Wert des Kleinods, dann legte er ihn in das Schächtelchen zurück, wickelte dieses in ein altes zerlumptes Taschentuch und steckte es in seine Brusttasche. »Schön, Mütterchen,« sagte er, »ich will Ihren Auftrag ausführen, und wenn es nicht glückt, solls nicht meine Schuld sein. Aber das ist gewiß noch nicht dagewesen, kriegt ein Graf ein solches Juwel geschickt und von einem alten Fischweib, und der's ihm bringt, ist ein alter Bettelmann!« Mit diesen Worten ergriff Edie seinen Stab, setzte den breitkrempigen Hut auf und trat seine Wanderschaft an. Die alte Frau stand eine Weile in starrer Haltung, die Augen auf die Tür geheftet, durch die ihr Gesandter gegangen war, dann wich die Spannung von ihr, und in ihrer alten Apathie sank sie wieder auf ihrem gewohnten Platz in sich zusammen. Inzwischen schritt Edie Ochiltree seines Weges. Die Strecke bis Glenallan betrug zehn Meilen (nach englischer Messung) – ein Marsch, den der alte Soldat etwa in vier Stunden zurückgelegt hatte. Mit der seinem müßigen Gewerbe und seinem lebhaften Charakter eigenen Neugierde zerbrach er sich den ganzen Weg lang den Kopf darüber, was es wohl mit dieser seltsamen Sendung, die ihm aufgetragen worden war, für eine Bewandtnis habe, und in welcher Beziehung der stolze, reiche und mächtige Graf von Glenallan wohl zu den Verbrechen oder der Reue einer schwachsinnigen Greisin stehen könne, deren Stellung im Leben fast ebenso niedrig war wie die ihres Sendboten. Er bemühte sich, an alles zurückzudenken, was er je von der Familie Glenallan gehört hatte, aber auch das brachte ihn nicht weiter, und es war ihm unmöglich, zu irgend welchem Schlüsse in dieser Angelegenheit zu gelangen. Er wußte, daß das ganze ausgedehnte Besitztum dieser alten und mächtigen Familie an die vor kurzem verstorbene Gräfin übergegangen war, die in besonders hervortretendem Grade den starren, wilden, unbeugsamen Charakter geerbt hatte, der seit ihrem ersten Auftreten in der schottischen Geschichte der Familie Glenallan eigen gewesen war. Gleich allen ihren Ahnen war sie der römisch-katholischen Kirche in Eifer treu geblieben und war an einen englischen Edelmann derselben Konfession verheiratet worden, der aber zwei Jahre darauf schon gestorben war. Die Gräfin war also früh verwitwet und hatte ohne weitere Beaufsichtigung oder Beistand die bedeutenden Besitztümer ihrer beiden Söhne. Der ältere, Lord Geraldin, auf den Vermögen und Titel der Glenallan übergehen sollte, war zu Lebzeiten seiner Mutter völlig von ihr abhängig. Der jüngere nahm am Tage seiner Großjährigkeit Namen und Wappen seines Vaters an, ergriff Besitz von seinem Vermögen und seinen Gütern, gemäß den im Heiratsvertrag der Gräfin getroffenen Bestimmungen. Nach dieser Zeit hatte er hauptsächlich in England gelebt und, seiner Mutter und seinem Bruder nur sehr kurze Besuche abgestattet. Als er sich gar zur reformierten Konfession bekehrte, hörten diese völlig auf. Aber schon ehe er der Gebieterin von Glenallan diese tödliche Kränkung zufügte, hatte der Aufenthalt in Glenallan für einen jungen munteren Mann wie Edward Geraldin Neville wenig Verlockendes, wenn auch das düstere und abgeschiedene Leben dort dem menschenscheuen und melancholischen Wesen des älteren Bruders zuzusagen schien. Lord Geraldin war im Anfang seines Lebens ein vorzüglicher, vielverheißender Mann gewesen. Wer ihn auf seinen Reisen kennen gelernt hatte, hegte die höchsten Erwartungen von seiner zukünftigen Laufbahn. Aber solche schönen Hoffnungen werden oft sonderbar vereitelt. Der junge Mann kehrte nach Schottland zurück, und nachdem er ein Jahr etwa in Gesellschaft seiner Mutter gelebt hatte, schien die starre Finsternis und Schwermut ihres Charakters ganz auf ihn übergegangen zu sein. Da die Anhänger seiner Konfession von Staatsämtern ausgeschlossen waren, stand er dem politischen Leben fern, von allen Beschäftigungen leichterer Art hielt er freiwillig sich abseits, und so führte Lord Geraldin ein völlig zurückgezogenes Leben. Sein gewöhnlicher Verkehr war nur von den Geistlichen seiner Kommunion gebildet, die ab und zu in das Herrenhaus kamen; und nur bei hohen Festlichkeiten wurden zwei bis drei Familien, die gleichfalls noch der katholischen Konfession angehörten, formell auf Glenallan-Haus bewirtet. Der Tod der Gräfin hatte nun den finsteren Sohn zum Herrn gemacht, und Vermögen und Titel gingen auf ihn über. Doch schon verbreitete sich das Gerücht, die Gesundheit des Grafen sei durch das streng religiöse Leben untergraben, und er werde seiner Mutter bald ins Grab nachfolgen. Daß es so kommen würde, schien um so wahrscheinlicher, als sein Bruder an einem schleichenden Leiden gestorben war, das in den späteren Jahren seines Lebens zugleich seinen Leib und seinen Geist hingerafft hatte. Schon forschten die Genealogen in ihren Listen nach, wer wohl der Erbe dieser vom Unglück heimgesuchten Familie wäre, und die Advokaten freuten sich schon im voraus auf den bevorstehenden großen Prozeß der Glenallan-Erbfolge. Glenallan-Haus, ein altes umfangreiches Gebäude, lag jetzt vor Edie Ochiltree, und während er darauf zuschritt, überlegte er, wie er wohl am besten Zutritt erlangen könnte, um seinen Auftrag auszurichten. Nach mannigfachem Bedenken beschloß er, dem Grafen das Erkennungszeichen durch einen der Diener bringen zu lassen. Zu diesem Zwecke machte er an einer kleinen Hütte Halt, wo er aus dem Schächtelchen ein versiegeltes Päckchen machte, das er mit der Aufschrift versah: An Ihro Gnaden den Grafen von Glenallan. Aber da er sich doch sagen mußte, daß Sendungen, die von solchen Leuten wie ihm an den Toren vornehmer Häuser abgegeben wurden, nicht immer an die richtige Adresse gelangten, so beschloß Edie als alter Soldat, erst das Gelände aufzuklären, ehe er zum Angriff überging. Er näherte sich nun der Wohnung des Pförtners und sah davor arme Leute in Reihen stehen, darunter auch mehrere wandernde Bettler wie er. Er schloß daraus, daß eine allgemeine Spende oder Almosenausteilung stattfinden solle. Ein alter Bedienter teilte die Almosen aus, die in Fleisch, Brot und Geld bestanden, und als dieser ein paar Worte insgeheim wechselte und dabei sein Name genannt wurde, fiel dieser sowie das Gesicht des Mannes sofort unserem Blaurock auf, und als die anderen Leute alle ihr Teil erhalten und sich zerstreut hatten, rief er dem Manne, der eben gehen wollte, zu: »He, Francie Macraw! Könnt Ihr Euch nicht mehr besinnen auf Fontenoy und das Formiert das Karree!« »Hoho! Hoho!« rief Francie mit einem echten nordländischen Gebrüll des Erkennens, »so kann niemand anders sprechen als wie mein alter Kamerad aus dem ersten Glied Edie Ochiltree! Aber es tut mir leid. Mann, daß ich Euch in so jammervollem Zustand sehe.« »Nicht ganz so schlimm, wie Ihr vielleicht denken mögt, Francie. Aber ich will nicht von hier fortgehen ohne einen Plausch mit Euch, alter Kerl, und ich weiß nicht, wann ich Euch mal wieder sehen werde, denn Eure Herrschaft sieht keine Protestanten gern, und das ist auch der Grund, weshalb ich noch nie hier gewesen bin.« »Pst! Pst!« machte Francie. »Laßt diesen Flohstich jetzt! Wenn der Dreck trocken ist, könnt Ihr noch genug jucken. Jetzt kommt mit mir, ich will Euch was Besseres geben als das Zeug da!« Und nachdem er ein paar vertrauliche Worte mit dem Pförtner gesprochen, (wahrscheinlich um sein Einverständnis zu haben) und gewartet hatte, bis der Almosenverteiler mit feierlich gemessenem Schritte in das Haus zurückgekehrt war, führte Francis Macraw seinen alten Kameraden in den Hof von Glenallan-Haus, den sie so schnell wie möglich überschritten. Sie traten in ein kleines Gemach, das Francis allein innehatte, da er des Grafen Kammerdiener war. Es war für ihn nicht schwierig, etwas kalte Küche und Bier herbeizuschaffen, und nun schwatzten die beiden von ihrer Soldatenzeit, bis dieser Gegenstand erschöpft war und Edie beschloß, nunmehr auf seinen Auftrag zu kommen, den er beinahe ganz vergessen hätte. »Ich habe eine Bittschrift an den Grafen abzugeben,« sagte er. »Ach, guter Freund, sagte Francie, »von Bittschriften will der Graf nichts wissen, aber ich will sie dem Almosenier geben.« »Sie betrifft ein Geheimnis, und vielleicht ist es da dem Grafen das liebste, er sieht sie sich selber an.« »Gerade deshalb wird sie wohl der Almosenier vor allen andern zu allererst sehen wollen.« »Ich habe den weiten Weg hierher gemacht, Francie, da müßt Ihr mir nun schon behilflich sein.« »Na, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig,« sagte sein Freund. »Mögen sie auf mich auch noch so böse sein. Mögen sie mich meinetwegen hinauswerfen!« Mit diesem Entschlusse ging Francie hinaus. Es dauerte lange, bis er wiederkam, und als er endlich zurückkehrte, verriet sein Wesen Verwunderung und Unruhe. »Mein Herr ist äußerst trostlos und sehr erstaunt,« sagte er. »Aber er will Euch sprechen, das hab ich erreicht. Ein paar Minuten lang war er wie abwesend, und ich dachte schier, er würde völlig den Verstand verlieren. Als er wieder zu sich kam, fragte er, wer den Brief gebracht hätte. Ich sagte ihm nun, das Papier hätte ein alter Mann mit einem weißen Barte gebracht, es könnt ein Kapuziner sein, denn er sei gekleidet wie ein alter Pilger. Er wird dich nun rufen lassen, sobald es ihm möglich ist.« »Ich wollte, ich hätte die Geschichte schon glücklich hinter mir,« sagte Edie. »Die Leute sagen, der Graf wär nicht recht bei Sinnen, und vielleicht wird er fuchsteufelswild, daß ich mir so viel herausgenommen habe.« Es gab nun aber kein Zurück mehr, denn es erklang jetzt eine Glocke und leise, als wär sein Herr ganz in der Nähe, sagte Macraw: »Da schellt mein Herr! – folgt mir und tretet hübsch sacht auf, Edie.« Edie folgte nun seinem Führer über einen langen Korridor und eine Treppe hinauf, die nach den Gemächern der Familie führte. Am Ende des Ganges traten sie in eine kleine, schwarzverhangene Antichambre. Hier sahen sie sich plötzlich dem Almosenier gegenüber, der das Ohr an die entgegengesetzte Tür gelegt hielt in der Stellung eines Mannes, der aufmerksam horcht, aber dabei ertappt zu werden fürchtet. Der alte Diener und der Geistliche stutzten beide, als sie sich erblickten. Aber der Almosenier faßte sich zuerst, trat auf Macraw zu und sagte in gedämpftem, aber herrischem Tone: »Wie könnt Ihr es wagen, dem Gemach des Grafen Euch zu nähern, ohne anzuklopfen? Und wer ist dieser Fremde und was hat er hier zu suchen? – Tretet in den Korridor zurück und wartet dort auf mich.« »Es ist unmöglich, Euer Ehrwürden jetzt zu Willen zu sein,« antwortete Macraw, indem er die Stimme erhob, so daß er im nächsten Zimmer gehört werden konnte, denn er wußte, daß der Priester ihn nicht weiter behelligen werde, wenn er vom Grafen gehört zu werden fürchten mußte. »Der Graf hat geklingelt.« Er hatte die Worte kaum gesprochen, da klingelte es nochmals, und stärker als zuvor. Der Geistliche sah ein, daß ein weiterer Einspruch unmöglich sei, drohte Macraw mit dem erhobenen Finger und ging hinaus. Edies Freund öffnete nun die Tür, an der sie den Kaplan hatten stehen sehen. Achtes Kapitel. In Glenallan-Haus wurden die alten Formen der Trauer beobachtet, obwohl die Mitglieder der Familie in dem Rufe standen, daß sie ihre Toten nicht in der üblichen Weise zu beweinen pflegten. Als die Gräfin den Brief erhalten hatte, der ihr den Tod ihres zweiten und, wie man einst vermutete, ihres Lieblingssohnes meldete, war es aufgefallen, daß ihre Hand nicht gebebt, noch ihr Augenlid gezittert hatte: ruhig empfing sie das Schreiben, als betreffe es irgend ein alltägliches Geschäft. Der Himmel allein konnte wissen, ob die Strenge, mit der sie in ihrem Stolze ihre mütterlichen Gefühle unterdrückte, nicht dazu beigetragen hatte, ihren Tod zu beschleunigen. Wenigstens wurde allgemein angenommen, daß durch den Schlaganfall, der so kurz darauf ihrem Leben ein Ende machte, die zürnende Natur sich für die ihr angetane Vergewaltigung gerächt habe. Aber obgleich Lady Glenallan die gewöhnlichen äußeren Zeichen des Kummers nicht an den Tag legte, hatte sie doch viele der Gemächer – darunter ihr eigenes und das des Grafen – schwarz verhängen lassen. Der Graf von Glenallan saß daher in einem mit schwarzem Tuch verhängten Zimmer. In dunklen Falten hing die Trauerverkleidung von den hohen Wänden hernieder. Ein gleichfalls schwarz überzogener Schirm stand an dem hohen engen Fenster, so daß durch das bunte Glas nur wenig Licht hereinfiel. Der Tisch, an dem der Graf saß, war von zwei in Silber gearbeiteten Lampen erhellt. Sie verbreiteten jenes unangenehme fahle Licht, das entsteht, wenn künstliche Beleuchtung mit dem hellen Tageslicht vermischt wird. Auf demselben Tische stand ein Kruzifix und ein paar mit Schlössern versehene Pergament-Bücher. Der Insasse und Herr dieses Zimmers war ein Mann, der noch nicht über die Blüte des Lebens hinweg war, aber von Krankheit und seelischem Jammer so gebrochen war und so hager und gespenstisch abgezehrt erschien, daß man ihn ein Wrack von einem Menschen hätte nennen können. Und als er eilig aufstand und auf seinen Besuch zuging, schien bei dieser Anstrengung seine ausgemergelte Gestalt fast zusammenzubrechen. Als sie in der Mitte des Zimmers sich gegenüberstanden, war der Kontrast in höchstem Maße auffallend. Die gesunde Farbe, der feste Schritt, die aufrechte Haltung und das unerschrockene Wesen des alten Bettlers bekundeten Geduld und Zufriedenheit im höchsten Alter und in der niedrigsten Lage, zu der der Mensch herabsinken kann. Das niedergeschlagene leblose Auge, die bleiche Wange und die schlotternde Gestalt des Edelmannes zeigten dagegen, wie wenig der Reichtum, die Macht und selbst die Vorteile der Jugend mit den Kräften zu tun haben, die der Gestalt Festigkeit und der Seele Ruhe verleihen. Der Graf trat dem alten Mann in der Mitte des Zimmers entgegen und hieß seinen Diener auf den Korridor hinausgehen und dafür sorgen, daß niemand hereinkomme, bis er klingle. Dann wartete er mit fliegender Ungeduld, bis er die Tür erst seines Zimmers und dann der Antichambre sich schließen hörte. Als er sich dann gegen Lauscher gesichert wußte, trat er dicht an den Bettler heran, den er scheinbar irrtümlich für einen Mann der Religion in Verkleidung hielt, und sagte in hastigem, doch zitterndem Tone: »Im Namen dessen, was unsere Religion am heiligsten achtet, sagt mir, ehrwürdiger Vater, was habe ich von einer Mitteilung zu erwarten, die sich durch ein Zeichen voll so entsetzlicher Erinnerungen anzeigt?« Erschrocken über ein Wesen, das so ganz anders war, als er es von dem stolzen und mächtigen Edelmann erwartet hatte, wußte der alte Mann nicht, was er antworten und wie er ihn aufklären konnte. »Sagt mir,« fuhr der Graf fort, im Tone steigender Angst und Seelenqual, »sagt mir, kommt Ihr, um mir kund zu tun, daß alles, was getan worden ist, um so entsetzliche Schuld zu sühnen, zu nichtig und zu unbedeutend gegenüber der Missetat gewesen ist, und wollt Ihr neue und wirksamere Wege zu noch strengerer Buße weisen? – Ich will nicht davor zurückschrecken, Vater – laßt mich lieber die Qualen meines Verbrechens hier im Leibe leiden als nachher die Seele vergehen!« Edie hatte Geistesgegenwart genug, sich zu sagen, daß er Lord Glenallan in seiner Offenherzigkeit unterbrechen müsse, wenn er nicht mehr hören wollte, und daß es mit Gefahr seines Lebens verbunden sein möchte, der Vertraute eines so hohen Herrn in anscheinend so heiklen Dingen zu sein. Er sagte daher rasch und ängstlich: »Euer Lordschaft irren sich – ich bin nicht von Ihrer Konfession, noch überhaupt ein Geistlicher, sondern in aller schuldigen Ehrfurcht bin ich bloß Edie Ochiltree, Bettelmann Seiner Majestät des Königs und Eurer Lordschaft.« Diese Erklärung begleitete er mit einer tiefen Verbeugung und dann richtete er sich auf seinem Stabe kerzengerade in die Höhe, warf sein langes weißes Haar zurück und heftete die Augen auf den Grafen, auf eine Antwort wartend. »Und so seid Ihr nicht,« sagte Lord Glenallan, »so seid Ihr nicht ein katholischer Priester?« »Verhüts Gott!« rief Edie und vergaß in seiner Verwirrung ganz, mit wem er sprach. »Ich bin bloß Bettelmann des Königs und Euer Gnaden, wie ich schon sagte.« Der Graf wandte sich hastig ab und durchmaß das Zimmer ein paarmal, wie um diesen Irrtum zu überwinden. Dann trat er dicht an den Bettler heran und fragte in strengem gebieterischem Tone, wie er dazu käme, sich in seine Privatangelegenheiten zu mischen und wo er den Ring herhabe, den er ihm zugesandt habe. Edie, ein Mann von Mut und Beherztheit, war über diese Art der Anrede weit weniger erschrocken, als er zuvor durch den vertraulichen Ton in Verwirrung geraten war. Auf die wiederholte Frage, von wem er den Ring habe, antwortete er gefaßt: »Von jemand, der dem Herrn Grafen besser bekannt gewesen ist als ich.« »Mir besser bekannt, Kerl?« sagte Lord Glenallan. »Was meint Ihr damit? Erklärt Euch auf der Stelle, oder Ihr sollt es verspüren, was es heißt, sich in Stunden der Familientrauer hereinzudrängen.« »Die alte Elsbeth Mucklebackit hat mich hergeschickt,« sagte der Bettler, »ich soll bestellen ...« »Ihr faselt, Alter,« sagte der Graf. »Den Namen hab ich noch nie gehört – aber dieser entsetzliche Ring erinnert mich –« »Jetzt fällt mirs ein, Mylord.« sagte Ockiltree. »sie sagte, Euer Lordschaft würden sich besser auf sie besinnen, wenn ich sie Elsbeth von Craigburnfoot nennte. Diesen Namen führte sie, als sie bei Euer Gnaden in Dienst war, das heißt, bei Euer Gnaden Mutter, die damals noch lebte – Gott hab sie selig!« »Ah,« sagte der Graf und sein Gesicht wurde noch blässer und sein Blick noch leerer, »dieser Name steht allerdings auf dem tragischsten Blatte einer beklagenswerten Geschichte geschrieben. Aber was kann sie von mir wünschen – ist sie tot oder lebt sie noch?« »Lebt noch, Mylord und ersucht Sie, Sie möchten sie aufsuchen vor ihrem Tode, denn sie hat etwas mitzuteilen, das ihr schwer auf der Seele lastet, und sie sagt, sie könne nicht im Frieden sterben, bis sie Sie gesehen hat.« »Nicht, bis sie mich gesehen hat? – Was kann das bedeuten? – Aber sie ist schon schwachsinnig vor Alter – ich sage Euch, Freund, es ist noch nicht ein Jahr her, da war ich selbst in ihrer Hütte, weil mir gesagt wurde, es ginge ihr schlecht, und sie kannte nicht einmal mein Gesicht und meine Stimme.« »Mit Verlaub, Euer Gnaden.« sagte Edie, der bei der Länge der Unterredung seine natürliche Beherztheit und Geschwätzigkeit wieder erlangte, »mit Verlaub Euer Gnaden möcht ich sagen, die alte Elsbeth ist wie eins der verfallenen Schlösser, wenn man sie zwischen den Hügeln liegen sieht. Viele Teile ihres Geistes erscheinen, wenn ich so sagen darf, brach gelegt und verfallen, aber andere Teile erheben sich dafür um so stärker und großartiger, als sie noch wohl erhalten sich zeigen unter den übrigen Trümmern. Sie ist ein unheimliches Weib.« »Das war sie immer,« sagte der Graf, fast unbewußt den Worten des Bettlers zustimmend, »sie war immer anders wie die gewöhnlichen Weiber. Am meisten vielleicht hat sie an Charakter und Gemütsart der geglichen, die jetzt nicht mehr ist. Also wünscht sie mich zu sehen?« »Vor ihrem Tode,« sagte Edie, »ersucht sie noch ernstlich um dieses Vergnügen.« »Ein Vergnügen wird's für uns beide nicht sein,« sagte der Graf bitter, »doch soll es ihr gewährt sein. Sie wohnt, glaub' ich, am Strande im Süden von Fairport?« »Zwischen Monkbarns und Schloß Knockwinnock, aber näher nach Monkbarns zu. Euer Lordschaft kennen doch ohne Zweifel den Laird und Sir Arthur?« Ein starrer Blick, als begreife Lord Glenallan die Frage nicht, war die einzige Antwort. Edie sah, daß seine Gedanken anderswo weilten, und wagte nicht, die Frage zu wiederholen, die so wenig zur Sache gehörte. »Seid Ihr Katholik, Alter?« fragte der Graf. »Nein, ich bin, dem Himmel sei Dank, ein guter Protestant,« sagte Edie ohne Scheu. »Wer sich mit gutem Gewissen gut nennen kann, hat in der Tat Ursache, dem Himmel zu danken, welcher Konfession der Christenheit er auch angehören mag. – Geht, geht Eures Weges, und in all Eurer Armut, Eurem Alter und Eurer Mühsal beneidet nie den Herrn eines solchen Hauses wie dieses, ob er nun schläft oder wacht! – Hier ist etwas für Euch.« Der Graf legte Edie ein paar Guineen in die Hand. Dann rief er seinen Diener. »Führ den Mann hier sicher aus dem Schlosse heraus, laß niemand Fragen an ihn stellen – und Ihr, Freund, geht und vergeßt den Weg, der nach meinem Hause führt.« Neuntes Kapitel. Es war ein schöner Sommerabend, und die Welt – das heißt, der kleine Bezirk, der eben für den, der ihn jetzt durchwanderte, die weite Welt war, lag offen vor Edie Ochiltree, daß er sich ein Nachtquartier aussuchen konnte, wo es ihm behagte. Als er die weniger gastfreundliche Nähe von Glenallan verlassen hatte, hatte er so viele Zufluchtsstätten für den Abend vor Augen, daß er heikel, ja selbst wählerisch wurde. Ailie Sims Wirtshaus lag eine Meile vor ihm am Wegesrande, aber dort waren am Sonnabend abend gewiß junge Burschen beieinander und eine gemütliche Unterhaltung also ausgeschlossen. Andere Männer und Frauen kamen ihm in den Sinn, aber der eine war taub und konnte ihn nicht hören, der andere war zahnlos und konnte sich nicht verständlich machen, der vierte war ein mißmutiger Mann, und die fünfte wieder ein böser Hausdrache. In Monkbarns und Knockwinnock hätte er ein sehr angenehmes Nachtquartier erhalten, aber beide lagen zu weit, als daß er sie in dieser Nacht noch bequem hätte erreichen können. Er entschloß sich endlich doch, zu Ailie Sim zu gehen. Als er den Hügel hinabstieg nach dem kleinen Dorfe, das nun sein Ziel war, hatte der Sonnenuntergang die Bewohner von der Arbeit gerufen und die jungen Männer nutzten den schönen Abend aus und spielten auf einer Gemeindewiese Kegel, während die älteren Männer und die Frauen zusahen. Das Gelächter und Schreien der Gewinnenden und Verlierenden klang in lautem Durcheinander zu Ochiltree hinauf und erinnerte ihn an die Tage, wo auch er an den Spielen der Kraft und Gewandtheit oftmals mit Eifer teilgenommen und sehr oft als Sieger hervorgegangen war. Er wurde aber sofort mit Jubel begrüßt, und seiner Erscheinung wurde mehr Wichtigkeit beigemessen, als er in seiner Bescheidenheit vermutet hätte. Es war zwischen den Parteien über einen Wurf zu einem Streit gekommen, und da der Eichmeister der einen Partei recht gab und der Schulmeister der anderen, so ließ sich wohl sagen, daß höhere Mächte sich der Sache angenommen hätten. Auch der Müller und der Schmied hatten sich zu verschiedenen Seiten geschlagen, und da die Schlagfertigkeit zweier solcher Streithähne zu bedenken war, so ließ sich mit Recht daran zweifeln, ob die Meinungsverschiedenheit zu einem freundschaftlichen Abschluß gelangen würde. Aber der erste, der des Bettlers ansichtig geworden war, rief: »Hollah! da kommt der alte Edie, der kennt die Spielregeln besser als irgend einer, der je eine Kugel geschoben hat – wir wollen nicht weiter streiten, Leute – wir wollen den alten Edie den Fall entscheiden lassen.« Edie wurde demgemäß willkommen geheißen und mit allgemeinem Jubelruf zum Schiedsrichter eingesetzt. Mit all der Bescheidenheit eines Bischofs, dem der Krummstab übergeben wird, oder eines neuen Redners, der die Bühne betritt, lehnte der alte Mann den verantwortlichen Posten, der ihm angetragen wurde, ab. Seine Selbstverleugnung und Bescheidenheit fand ihren Lohn, denn er hatte die Freude, daß durch erneuten Zuruf ihn alt und jung als die passendste Person bezeichnete, des schwierigen Amtes zu walten. Also ermutigt, machte er sich würdevoll an die Ausübung seines Amtes, indem er zunächst beiden Parteien alle beleidigenden Äußerungen untersagte. Dann hörte er den Schmied und den Eichmeister auf der einen und den Müller und den Schulmeister auf der andern Seite. Im Innern war sich jedoch Edie, ehe noch die Verhandlung begann, völlig klar über den Fall, wie es auch, manchem Richter ergeht, der dennoch aber alle Förmlichkeiten erledigen muß, und den Redeschwall der Advokaten in vollem Maße hinnehmen muß. Nachdem nun auf beiden Seiten alles gesagt und manches schon mehrmals wiedergekäut worden war, tat unser Alter nach gebührender reiflicher Überlegung den Spruch, daß der streitige Wurf keine Geltung habe und daher keiner Partei angerechnet werden könne. Durch dieses weise und gerechte Urteil wurde der Friede zwischen beiden Parteien wiederhergestellt, und es begann ein neues Spiel unter all dem lauten Lärm, wie er auf dem Lande üblich ist, wenn ein Spielchen gemacht wird. Die Lebendigeren hatten schon die Jacken ausgezogen und mit ihren bunten Schnupftüchern den Frauen, Schwestern oder Liebsten zum Halten gegeben. Aber ihre Freude wurde auf unerwartete Weise unterbrochen. Außerhalb des Kreises, den die Spieler gebildet hatten, erhoben sich Töne, die nichts mit der lustigen Freude des Spieles gemein hatten. Jener unterdrückte Seufzer und leise Ruf, mit dem die erste Nachricht eines Unglücks aufgenommen wird, ließ sich undeutlich vernehmen. Unter den Frauen ging das Gemurmel: »Je, o je! So jung noch und so plötzlich hingerafft!« Dann griff das Gemurmel auch unter den Männern um sich und brachte die Lust des Spieles zum Schweigen. Alle begriffen sogleich, daß in der Gegend sich ein Unglück zugetragen hätte, und jeder fragte den Nachbar, was denn los sei, der es ihm aber ebensowenig sagen konnte. Endlich kam das Gerücht in klarer Form dem Bettler zu Ohren, der in der Mitte der Versammlung stand. Mucklebackits Boot – wir haben den Fischer schon kennen gelernt – war auf See gekentert, und es ging die Rede, vier Männer, darunter auch Mucklebackit und sein Sohn, seien dabei ertrunken. Dies war aber vom Gerücht – wie dies bei solchen Anlässen meistens der Fall ist, übertrieben. Allerdings war das Boot gekentert, es war aber niemand ums Leben gekommen als Stephan, oder, wie er gewöhnlich hieß, Steenie Mucklebackit. Obwohl der junge Mann infolge seiner Lebensweise und seiner entlegenen Wohnstätte nur wenig Verkehr mit den Landleuten gehabt hatte, so hielten sie doch in ihrer ländlichen Lustbarkeit inne und zollten ihre Teilnahme dem jähen Unglück. Besonders auf Ochiltree wirkte die Nachricht wie ein Donnerschlag, zumal er vor kurzem noch mit dem Beistande des jungen Mannes einen losen Streich vollführt hatte; und obwohl sie nicht die Absicht gehabt hatten, dem deutschen Schwarzkünstler ein Leid zuzufügen, so war es doch eben keine derartige Tätigkeit gewesen, wie man sie gern in den letzten Stunden des Lebens verrichtet sieht. Ein Unglück kommt selten allein. Während Edie noch nachdenklich auf seinem Stabe lehnte und sich innerlich Vorwürfe machte, daß er ihn noch so kurz vor seinem Ende zu einem solchen Geschäft verleitet hatte, packte ihn plötzlich ein Polizist, der in der Rechten den Amtsstab hielt, am Kragen und rief: »Im Namen des Königs!« Der Eichmeister und der Schulmeister vereinten ihre Beredsamkeit, um dem Beamten klar zu machen, daß er kein Recht habe, einen Königsgnadenmann als Landstreicher festzunehmen, und die stumme Ausdrucksweise des Müllers und des Schmieds, die ihre Fäuste ballten, deutete darauf, daß die beiden bereit waren, aus echt hochländische Art für ihren Schiedsrichter einzutreten. Sein blauer Rock, sagten sie, sei sein Gewährschein, daß er wandern dürfe. Aber sein blauer Rock,« sagte der Beamte, »ist kein Freibrief auf Überfall, Diebstahl und Mord. Und mein Haftbefehl gegen ihn lautet auf diese Verbrechen.« »Mord?« rief Edie. »Wen soll ich denn ermordet haben?« »Herrn German Dusterzieler, den Agenten vom Bergwerk Glen-Witherschiens.« »Dusterspieler ermordet! Potzblitz! der lebt ja und ist ganz fidel.« »Dir hat er's nicht zu danken, wenn er's ist. Er hat schwer um sein Leben ringen müssen, wenn alles wahr ist, was er sagt, und du mußt dich jetzt vor Gericht deswegen verantworten.« Die eben noch Edies Partei ergriffen hatten, schreckten zurück, als sie hörten, wie schwere Beschuldigungen gegen ihn vorgebracht wurden, aber manche freundliche Hand schob ihm doch Fleisch und Brot und Geld zu, damit er im Gefängnis zu leben hätte, in das die Beamten ihn abzuführen hatten. »Habt Dank – vergelts euch Gott, Leute! Ich bin schon aus mancher schlimmeren Klemme herausgekommen, wo ich's noch weniger verdient hätte – ich werd auch diesmal davonkommen, wie der Vogel aus dem Netz. Spielt weiter und schert euch nicht um mich – mir tuts nur leid um den armen Steenie.« Der Gefangene ließ sich ohne Sträuben wegführen, während er mechanisch all die Almosen, die ihm in die Hände gesteckt wurden, in seinem Sacke verschwinden ließ. Als er das Dorf verließ, war er verproviantiert, als gings auf eine Weltreise. Die Mühe, diese Last zu tragen, wurde ihm aber erleichtert, denn der Beamte besorgte Pferd und Wagen, um den alten Mann auf eine Polizeiwache zu bringen, wo er verhört und in Gewahrsam gebracht werden konnte. Zehntes Kapitel. »So soll also der arme Junge, der Steenie Mucklebackit, heute morgen begraben werden,« sagte unser alter Freund, der Altertümler, indem er den seidenen Schlafrock ablegte und statt des schnupftabakfarbigen Anzugs, den er sonst trug, einen altmodischen schwarzen Rock anzog. »Und es wird wohl angenommen, daß ich an der Feier teilnehme?« »Freilich,« antwortete der treue Caxon, indem er geflissentlich seinem Gönner die weißen Fäden und Flecke vom Rocke bürstete. »Der Leichnam – Gott helf uns, wir haben's gesehen, ist an den Klippen zerschellt, und da müssen sie nun wohl die Bestattung beschleunigen. Die See kennt keinen Spaß, wie ich immer zu meiner Tochter sage, wenn ich ihr ein bißchen Mut zusprechen will. Auf der See zu leben, sag ich immer zu ihr, das ist ein so unsicherer Beruf ...« »Wie der Beruf eines alten Perückenmachers, dem das Gewerbe abgeschnitten worden ist. Caxon, Eure Art, Trost zu sprechen, ist ebenso schlecht gewählt, wie sie hier gar nicht hergehört. Quid mihi cum femina ? Was hab ich mit Eurem Weibsvolk zu schaffen, wo ich schon genug Plack mit meinem eigenen habe? – Ich frage Euch nochmals, erwarten diese armen Leute, daß ich bei der Beerdigung ihres Sohnes zugegen bin?« »O, ohne Frage werden Euer Ehren erwartet,« antwortete Caxon, »ganz gewiß!« »Nun ja,« erwiderte der Altertümler, »was den Brauch anbetrifft, daß der Edelmann der Leiche des Bauern folgt, so billige ich diesen Brauch durchaus, Caxon. Er rührt noch aus alten Zeiten her, er wurzelt tief in den Begriffen gegenseitiger Unterstützung und Unabhängigkeit zwischen dem Besitzer des Landes und dem Bebauer des Bodens. – Wo ist mein Neffe, Hektor M'Intyre?« »Er ist bei den Damen, Herr, im Salon.« »Schön,« sagte der Altertümler, – »ich werde mich dorthin begeben.« »Nun, Monkbarns,« sagte seine Schwester, als er hereintrat, »du darfst nicht böse sein.« »Mein lieber Onkel!« begann Fräulein M'Intyre. »Was soll das bedeuten?« fragte Oldbuck, dem schon ganz angst wurde, als er diesen bittenden Ton von den Damen vernahm. »Was soll das heißen? Warum bittet ihr mich um Nachsicht?« »Es ist nichts Besonderes, gewiß nicht,« sagte Hektor, der mit dem Arm in der Binde am Frühstückstisch saß, »aber ich nehme die Verantwortung dafür auf mich – wie für noch weit mehr Unruhe, die ich dir bereitet habe – allerdings hab ich wenig mehr als meinen Dank zum Entgelt dafür zu bieten.« »Schwamm drüber! Schwamm drüber!« sagte der Altertümler. »Laß es nur dir eine Warnung sein, daß du nicht wieder so deine Wutanfälle kriegst, – das ist ein kurzer Wahnsinn – ira furor brevis – aber um welches neue Malheur handelt sichs denn?« »Mein Hund, lieber Onkel, hat zum Unglück umgeworfen ...« »Gefalls dem Himmel, doch nicht etwa das Tränenkrüglein von Clochnaben?« unterbrach ihn Oldbuck. »Allerdings, Onkel,« sagte die junge Dame, »ich fürchte, das ist es gewesen – es hat auf dem Seitentischchen gestanden – das arme Tier wollte bloß ein bißchen frische Butter fressen.« »Und das hat er denn auch tüchtig getan, wie? Aber das ist Nebensache. Mein Tränenkrüglein – der Grundpfeiler meiner Theorie, die ich der Ignoranz des Mac-Cribb zum Trotz behauptet habe, daß nämlich die Römer durch die Engpässe dieser Berge gezogen sind und Spuren von ihrer Kunst und ihren Waffen zurückgelassen haben – mein Tränenkrüglein ist dahin – ist vernichtet – in tausend Stücke zerbrochen – in Scheiben, die nun ebenso gut von einem zerschlagenen Blumentopf herrühren können. Hektor ich liebe dich! Doch nimmermehr sei Führer meiner Scharen!« »Ei, Onkelchen, ich glaube, ich würde mich auch recht schlecht ausnehmen in einem Regiment, das du ausgehoben hättest.« »Zum mindesten wünschte ich, Hektor, du gäbest deinem Troß den Laufpaß und marschiertest expeditus oder relictus impedimentis . Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Beest schon malträtiert hat. Das Vieh verübt auch Einbrüche, glaub ich, denn wie ich gehört habe, soll es in die Küche eingedrungen sein, nachdem alle Türen zugeschlossen worden waren, und hat dort eine ganze Hammelkeule vertilgt.« »Es tut mir aufrichtig leid, lieber Onkel,« sagte Hektor, »daß Juno so etwas angestiftet hat – aber der Mann, der sie dressiert hat, ist auch nie mit ihr fertig geworden, sie hat mehr Mühe gemacht als irgend eine Hündin ihrer Rasse.« »Dann wünscht ich, Hektor, die Hündin machte sich auf und verließe meinen Grund und Boden.« »Wir werden das morgen alle beide tun, vielleicht heute noch, aber ich möchte nicht von meiner Mutter Bruder in Unfrieden scheiden wegen eines zerbrechlichen Töpfchens.« »O Bruder, Bruder!« rief Miß M'Intyre, außer sich über die wegwerfende Bezeichnung. »Wie sollt ich es denn anders nennen?« fuhr Hektor fort. »Es ist genau so ein Ding, wie sie es in Ägypten brauchen, um Wein oder Scherbet oder Wasser kalt zu stellen – ich hab ein paar solcher Töpfchen mitgebracht – zwanzig hätt ich mitbringen können.« »Was!« rief Oldbuck, »von derselben Form wie der, den dein Hund umgeworfen hat?« »Ja, Onkel, fast ebensolche Dinger, wie sie auf dem Seitentisch gestanden haben. In meiner Wohnung in Fairport hab ich sie – die sind ein prachtvoller Ersatz und werden dir Vergnügen machen. Es soll mir daher eine Ehre sein, wenn du sie von mir annimmst.« »Allerdings, mein Junge, würdest du mir damit eine große Freude machen. Die Beziehungen zwischen Völkerschaften durch den Vergleich ihrer Gebräuche und die Ähnlichkeit ihrer Geräte zu erforschen, ist schon lange mein Lieblingsstudium gewesen. Jeder Gegenstand, der solche Beziehungen beweist, ist mir sehr schätzbar.« »Schön, Onkel, es soll mir ein Vergnügen sein, wenn du diese Dinger und noch ein bißchen ähnlichen Kram von mir annehmen willst. Und nun, hoff ich, hast du mir verziehen?« »O, mein lieber Junge, du bist nur gedankenlos und töricht,« sagte Oldbuck, »und unter der Bedingung, daß sie in Zukunft vom Monkbarns-Salon verbannt ist, soll auch deiner Juno verziehen sein.« »Da nun alles vergeben ist, Onkel, wirst du deinem verwaisten Neffen, dem du ein Vater gewesen bist, erlauben, dir eine Kleinigkeit anzubieten, die wirklich sehr merkwürdig ist, wie ich mich vergewissert habe, und die dir früher anzubieten nur meine unerwartete Verwundung mich gehindert hat. Ich habe es von einem französischen Gelehrten bekommen, dem ich nach dem Gefecht bei Alexandria eine Gefälligkeit erwiesen habe.« Der Kapitän legte ein kleines Ringschächtelchen in die Hände des Altertümlers. Als dieser es öffnete, fand er einen antiken Ring aus massivem Golde mit einer sehr schön ausgeführten Kamee – einem Kopfe der Kleopatra. Der Altertümler ließ seinem Entzücken freien Lauf, schüttelte seinem Neffen herzlich die Hand, dankte ihm hundertmal und zeigte den Ring seiner Schwester und Nichte, von denen die letztere so viel Takt hatte, ihn gebührend zu bewundern, aber Fräulein Griselda, die zwar ihrem Neffen ebenso zugetan war, war nicht so politisch, ein Gleiches zu tun. Inzwischen hatte Juno, die mit dem merkwürdigen Instinkt der Hunde ganz genau wußte, wer sie leiden mochte und wer ihr übel wollte, mehrmals zur Tür hereingelugt, und da sie nichts bemerkt hatte, was ihr an der gefürchteten Person des Altertümlers diesmal Furcht hätte einflößen können, war sie endlich keck hereingekommen. Sie sah, daß sie ganz unbehelligt blieb, und dadurch kühn gemacht, fraß sie in der Tat Herrn Oldbucks geröstetes Brot auf, während dieser in seiner Lobrede auf den Ring begeistert fortfuhr, bis er sich endlich, unterbrach: »Hollah! da ist mein Röstbrot verschwunden! Und ich sehe schon, welchen Weg es gegangen ist! Hu, du Musterexemplar von Weibsvolk!« – und mit diesen Worten hob er die Faust gegen Juno, die spornstreichs aus der Stube sauste. – »Doch da nach Homer Jupiter im Himmel auch seiner Juno nicht Herr zu werden vermochte, und da der Dresseur dieser Juno auf Erden ebenso wenig Glück gehabt hat, so müssen wir uns eben mit dem Beest abfinden und es verbrauchen, wie es ist.« Nach diesem milden Urteilsspruch, der der Juno volle Verzeihung gewährte, setzte sich die Familie an die Morgenmahlzeit. Elftes Kapitel. Der Altertümler war bald an den wenigen Hütten, die um die Muschelklippe herumstanden, angelangt. Neben ihrem gewöhnlichen schmutzigen, unbehaglichen Aussehen hatten sie jetzt noch die trübseligen Zutaten von Trauerhäusern. Die Boote waren alle auf den Strand gezogen; und obwohl das Wetter schön und günstig war, war doch der Sang, den die Fischer auf See anzustimmen pflegten, verstummt, und auch das Geschrei der Kinder und das schrille Lied der Mutter, wenn sie draußen vor der Tür die Netze flickte, war heute nicht zu hören. Ein paar von den Nachbarn – einige in den antiken,, aber gut gehaltenen schwarzen Anzügen, die meisten aber in ihren alltäglichen Kleidern, alle aber mit dem Ausdruck der Trauer über ein so plötzliches und unerwartetes Unglück – standen um die Tür der Mucklebackitschen Hütte herum und warteten, »bis die Leiche käme«. Als der Laird von Monkbarns kam, machten sie ihm Platz und zogen die Hüte, wie er vorbeiging, mit einer Gebärde schwermütiger Höflichkeit, und er erwiderte ihre Grüße in derselben Weise. Im Innern der Hütte bot sich ein charakteristisches Bild. Die Leiche im Sarge lag in der hölzernen Bettstelle, in der der junge Fischer zu Lebzeiten geschlafen hatte. Ein Stückchen davon stand der Vater, dessen verwittertes Gesicht, beschattet von graugesprenkeltem Haar, schon manche stürmische Nacht und manchen gefahrvollen Tag mitangesehen hatte. Was er an seinem Sohne verloren hatte, das bedachte er anscheinend bei sich mit dem starken Gefühl schmerzlichen Kummers, das harten und rauhen Charakteren eigen ist und sich fast in Haß gegen die Welt und alle, die nach dem Tode des geliebten Wesens in ihr bleiben, äußert. Der alte Mann hatte die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, seinen Sohn zu retten, und war nur durch Gewalt zurückgehalten worden, als er einen erneuten Versuch in einem Augenblick hatte machen wollen, wo er, ohne dem Opfer helfen zu können, selber hätte umkommen müssen. All dies brodelte jetzt, wie es schien, in seiner Erinnerung. Von der Seite starrte er nach dem Sarge hin, wie nach einem Dinge, das er nicht gerade ansehen konnte, von dem er aber doch den Blick nicht abzulenken vermochte. Auf die notwendigen Fragen, die ab und zu an ihn gerichtet wurden, gab er kurz, barsch und fast wütend Antwort. Seine Familie hatte bis jetzt noch kein Wort des Trostes oder des Beileids an ihn zu richten gewagt. Sein mannhaftes Weib, das sonst die ganze Familie, wie sie sich mit Recht rühmte, unter ihrer Fuchtel hatte, war durch diesen herben Verlust schweigsam und unterwürfig geworden; vor ihrem Manne hatte sie die Ausbrüche ihres mütterlichen Schmerzes verbergen müssen. Seit das Unglück geschehen war, hatte er Nahrung von sich gewiesen, und da die Frau selber nicht wagte, sich ihm zu nähern, so hatte sie an diesem Morgen in liebevoller Kriegslist ihr jüngstes und liebstes Kind mit etwas Essen zu ihm geschickt. Er hatte es zuerst mit zorniger Heftigkeit von sich gestoßen, daß das Kind erschrocken war, dann aber hatte er den Jungen an sich gerissen und mit heißen Küssen bedeckt. »Du wirst ein braver Bursch werden, Patie – und du wirst nicht ersaufen – aber du kannst nie – niemals das werden, was er mir gewesen ist! – Seit seinem zehnten Lebensjahre ist er mit mir hinausgesegelt, und er hat in der ganzen Gegend nicht seinesgleichen gehabt. Es heißt, der Mensch muß sich in alles fügen, ich will's versuchen.« In einer andern Ecke der Hütte, das Gesicht mit der darübergeworfenen Schürze bedeckt, saß die Mutter. Wie groß ihr Schmerz war, das verriet ihr Händeringen und das krampfhafte Wogen ihrer Brüste, das ihre Kleidung nicht verbergen konnte. Zwei ihrer Klatschschwestern, die ihr geflissentlich die gemeinplätzigen Redensarten, daß man sich mit unabänderlichem Mißgeschick abfinden müsse, ins Ohr flüsterten, konnten sie in ihrem Schmerze nicht trösten und schienen daher bemüht, ihren Jammer zu betäuben. Aber die Gestalt der alten Großmutter war die auffallendste Erscheinung in dieser Gruppe der Trauer. Sie saß auf ihrem gewöhnlichen Platz mit ihrer gewöhnlichen Apathie und Interesselosigkeit an den Vorgängen um sie her. Ab und zu bewegte sie die Hände, als drehe sie ihre Spindel, die aber weggelegt worden war, dann suchte sie erstaunt mit den Augen nach dem gewohnten Arbeitszeug, dann schien sie verdutzt über die schwarze Farbe des Kleides, das sie ihr angezogen hatten, und verwirrt so viele Leute um sich zu sehen. Dann endlich hob sie mit geisterhaftem Blick die Augen zu dem Bette, in welchem der Sarg ihres Enkels stand, und nun erst wurde ihr klar, welch unsägliches Unglück sie getroffen hatte. Dieser Wechsel von Gefühlen – Verwirrung, Verwunderung und Schmerz – schien sich auf ihrem sonst leblosen Gesicht öfter abzuspielen. Aber sie sprach kein Wort und vergoß keine Träne, auch konnte kein Mitglied der Familie an einem Blick oder ihrer Miene erkennen, bis zu welchem Grade sie das ungewöhnliche Treiben um sie her verstand. So saß sie unter der Trauergesellschaft wie ein Bindeglied zwischen den Hinterbliebenen und dem Toten, den sie beweinten – ein Wesen, in dem das Licht des Lebens schon verdunkelt war durch die zunehmenden Schatten des Todes. Als Oldbuck dieses Haus der Trauer betrat, wurde er von allen Seiten mit stummem Gruße empfangen, und der schottischen Sitte entsprechend wurde Wein und Branntwein und Brot unter den Gästen herumgereicht. Als diese Erfrischungen herumgetragen wurden, hielt die alte Elsbeth zum großen Schreck der Anwesenden das Mädchen, das sie brachte, an, nahm ein Glas zur Hand und stand auf. Das Lächeln des Irrsinns spielte auf ihrem verschrumpften Gesicht, wahrend sie mit hohler, zitternder Stimme sagte: »Auf euer aller Wohl, Leute! Und mögen wir noch oft so lustig zusammenkommen!« Dieser Spruch, der Unheil zu verkünden schien, flößte allen Entsetzen ein, sie rührten das Getränk nicht an und stellten die Gläser hin, sich vor Grauen schüttelnd, und wer da weiß, wie viel Aberglauben noch heute unter den gewöhnlichen Leuten besonders bei solchen Anlässen im Schwange ist, kann sich hierüber nicht wundern. Aber als das alte Weib das Getränk kostete, rief sie plötzlich mit kreischender Stimme: »Was ist das? – Das ist ja Wein. Wie kommt Wein in meines Sohnes Haus? Ach,« fuhr sie plötzlich mit unterdrücktem Seufzer fort, »jetzt besinn ich mich auf die traurige Ursache.« Das Glas fiel ihr aus der Hand, sie starrte eine Weile auf das Bett, in dem der Sarg ihres Enkelkindes stand, und allmählich sank sie in den Stuhl zurück und bedeckte Augen und Stirn mit ihrer verwelkten, wachsbleichen Hand. In diesem Augenblick trat der Geistliche in die Hütte, und nachdem er stumm und traurig von den Leuten drinnen begrüßt worden war, trat er auf den Vater zu und schien ihm ein paar Worte des Trostes und des Beileids zuzusprechen, aber der alte Mann war nicht imstande, darauf zu hören, dennoch nickte er mürrisch und schüttelte dem Prediger die Hand, wie um ihm für seine gute Absicht zu danken. Aber er war entweder nicht imstande oder nicht willens, ihm mit Worten zu antworten. Der Priester schritt dann zur Mutter, indem er so langsam, leise und behutsam über den Boden hinschritt, als ob er fürchtete, daß die Dielen wie unsicheres Eis unter seinen Füßen einbrechen könnten, oder daß das erste Echo eines Trittes irgend einen magischen Zauber lösen und die Hütte mit all ihren Einwohnern in einen unterirdischen Abgrund versenken könnte. Der Inhalt dessen, was er zu dem armen Weibe sagte, ließ sich nur aus ihren Antworten entnehmen, wie sie unter halb ersticktem Schluchzen nach jeder Pause in seiner Rede mit schwacher Stimme sagte: »Ja, Herr Pastor, ja – Sie sind sehr gütig, gewiß doch, sehr gütig! – Freilich, freilich – wir müssen uns drein schicken! – Aber, ach du lieber Gott, der arme Steenie, der Stolz meines Herzens, er war so hübsch und stattlich, und eine Stütze und Hilfe für seine Familie und ein Trost für uns alle und eine Freude für jeden, der ihn angesehen hat! Ach, mein Junge, mein Junge, mein Junge! was liegst du denn dort, und ach, weshalb bin ich noch am Leben, daß ich dich beweinen muß!« Gegen diesen Ausbruch von Kummer und natürlicher Liebe war nicht anzukämpfen. Oldbuck hatte wiederholt zu seiner Schnupftabakdose gegriffen, um seine Tränen zu verbergen, die trotz seines schnurrigen, kaustischen Temperaments bei solchen Gelegenheiten leicht sich einstellten. Die Frauen, die da waren, wimmerten, die Männer hielten sich die Hüte vors Gesicht und sprachen leise miteinander. Inzwischen sprach der Geistliche seinen geistlichen Trost der alten Großmutter zu. Zuerst hörte sie – oder wenigstens schien es so – auf das, was er sagte, doch mit ihrer gewohnten Apathie und Bewußtlosigkeit. Aber als er in eindringlicherer Rede ihrem Ohre so nahe kam, daß der Sinn der Worte ihr deutlich verständlich wurde, da nahm ihr Gesicht sofort den starren, ausdrucksvollen Zug an, der ihr in ihren lichten Augenblicken eigentümlich war. Sie richtete Kopf und Leib empor, schüttelte das Haupt in einer Weise, die zum mindesten Ungeduld, wenn nicht gar verächtliche Ablehnung seines Zuspruches verriet, und bewegte die Hand leichthin, aber mit einer so vielsagenden Gebärde, daß alle, die es sahen, erkennen konnten, wie wenig ihr an dem geistlichen Trost gelegen war, den sie mit unnahbarer Geringschätzung von sich weise. Der Prediger trat zurück, wie von Abscheu ergriffen, und indem er sanft die Hand hob und wieder fallen ließ, schien er zugleich Verwunderung, Kummer und Mitleid mit ihrem entsetzlichen Geisteszustande zu hegen. Die Umstehenden schienen diese Gefühle zu teilen, und ein Flüstern lief von Mund zu Mund und gab kund, wie sehr ihr verbissenes, wahnwitziges Wesen sie alle mit Grausen erfüllte. Inzwischen waren aus Fairport noch einige erwartete Gäste angekommen, und die Trauergesellschaft war nun vollzählig. Wieder wurde Wein und Branntwein herumgereicht und das stumme Begrüßen wiederholte sich. Die Großmutter nahm zum zweitenmal ein Glas zur Hand, trank den Inhalt und rief: »Hahaha! Zweimal an einem Tage habe ich Wein getrunken! Wann wäre das schon mal dagewesen, ihr Leute! Noch nie!« Die vorübergehende Röte wich aus ihrem Gesicht, sie setzte das Glas hin und sank wieder auf den Platz, von dem sie sich erhoben hatte. Als die allgemeine Verblüffung gewichen war, bedeutete Oldbuck, dem bei all diesen Vorgängen das Herz blutete, dem Prediger, es sei wohl Zeit, nun die Feierlichkeit zu vollziehen. Der Vater war unfähig, Weisungen zu geben; aber der nächste Verwandte der Familie gab dem Zimmermann ein Zeichen, der in solchen Fällen in dieser Gegend den Dienst des Leichenbestatters verrichtet. Das Knarren der Sargnägel verkündete nun, daß der Deckel über dem letzten Hause eines Menschen sich schlösse. Der Sarg war mit einem Tuche bedeckt worden und wurde von den nächsten Verwandten auf Querhölzern getragen. Man wartete nur auf den Vater, der, wie es üblich war, das Kopfende tragen sollte. Ein paar der ihm näher stehenden Leute sprachen zu ihm, aber er schüttelte zum Zeichen der Weigerung Hand und Kopf. Mehr in guter Absicht, aber ohne Aussicht auf Erfolg, wollten die Anverwandten ihn dringlicher dazu auffordern, da trat Oldbuck zwischen den trostlosen Vater und seine wohlmeinenden Quälgeister und sagte ihnen, er als Grundherr des Verstorbenen wolle selber »das Haupt des Toten zum Grabe tragen«. Trotz der traurigen Stunde fühlten doch die Verwandten die Herzen höher schlagen vor Freude über diese große Auszeichnung des Lairds, und durch diese Huldigung, die Oldbuck von Monkbarns den alten Sitten des schottischen Volkes darbrachte, gewann er sich mehr Popularität, als durch alle die Summen, die er jährlich zu wohltätigen Zwecken verteilen ließ. Der Leichenzug setzte sich nun in Bewegung. Voran schritten die Büttel mit ihren Amtsstäben, sie waren der schottischen Sitte gemäß in fadenscheinige, schwarze Röcke gekleidet und trugen Jagdmützen, die mit Krepp garniert waren. Der Kirchhof war etwa eine halbe englische Meile entfernt, und der Zug bewegte sich mit der bei solchen Anlässen üblichen Feierlichkeit – die Leiche wurde in die mütterliche Erde gebettet – und als die Totengräber ihre Arbeit getan und die Grube zugedeckt hatten, zog Oldbuck den Hut und grüßte die Teilnehmer, die in traurigem Schweigen dabei standen, und mit diesem Abschiedsgruß gingen die Leidtragenden auseinander. Der Geistliche bot dem Altertümler seine Begleitung an, aber Herr Oldbuck, noch zu sehr unter dem Eindruck, den das Verhalten des Fischers und seiner Mutter auf ihn gemacht hatte, und bewegt von Mitleid, vielleicht auch von jener Neugierde, die uns lockt, das, was zu sehen uns Schmerz bereitet hat, näher zu ergründen, zog er einen einsamen Rückweg an der Küste entlang vor, in der Absicht, noch einmal im Vorbeigehen in der Hütte vorzusprechen. Zwölftes Kapitel. Der Sarg war aus der Hütte getragen worden. In regelmäßiger Folge, je nach ihrer Stellung oder Verwandtschaft mit dem Toten, hatten die Leidtragenden die Hütte verlassen, wahrend die kleineren Kinder hinter der Bahre ihres Bruders drein geführt wurden, ohne den Sinn der Feierlichkeit zu begreifen. Dann erhoben sich auch die Klatschschwestern und nahmen die Mädchen mit sich, um die unglücklichen Eltern allein zu lassen, daß sie ihr Herz gegeneinander ausschütten und durch gegenseitige Aussprache ihren Kummer lindern möchten. Sie erreichten jedoch ihre gut gemeinte Absicht nicht. Kaum hatte die letzte die Tür leise hinter sich zugezogen, da warf der Vater einen hastigen Blick um sich, und als er gesehen hatte, daß niemand Fremdes mehr da war, da fuhr er auf, schlug die Hände wild über seinem Haupte zusammen, und halb stürzend, halb taumelnd warf er sich auf das Bett, auf dem der Sarg gestanden hatte, begrub das Gesicht in den Betttüchern und machte seinem Schmerz in voller Leidenschaft Luft. Vergebens unterdrückte die unglückliche Mutter Schluchzer und Tränen – entsetzt durch das ungestüme Herzeleid ihres Mannes, das um so furchtbarer wirkte, als es einen Mann von hartem, festem Wesen und robuster Figur völlig darniederwarf – vergebens zog sie ihn an den Rockschößen und flehte ihn an, er solle doch aufstehen und daran denken, daß er noch ein Weib habe und andere Kinder, die ihn trösteten und ihm zur Seite ständen. Er hörte nicht auf ihr Flehen, das noch in einer zu frühen Stunde seines Grames kam, er blieb liegen und schluchzte so bitterlich und so heftig, daß das Bett schütterte, und mit geballten Fäusten zerknüllte er die Betttücher und seine Beine zuckten krampfhaft, so tief und furchtbar war die Qual und Not dieses Vaters. In diesem Augenblick klopfte es laut an die Tür. »Ach, du lieber Gott!« sagte die arme Mutter. »Wer kann denn jetzt noch zu uns wollen? Die Leute können doch noch nicht von unserem Unglück gehört haben.« Das Klopfen wurde wiederholt, sie stand auf, öffnete die Tür und fragte mürrisch: »Wer kommt und stört ein so in Trauer versetztes Haus?« Ein großer Mann in Schwarz stand vor ihr, in dem sie sofort den Lord Glenallan erkannte. »Wohnt nicht in diesem oder einem der Nachbarhäuser eine alte Frau mit Namen Elsbeth, die lange in Craigburnfoot und bei Glenallans gewohnt hat?« »Das ist meine Schwiegermutter, Mylord,« sagte Margarete, »aber sie kann jetzt mit niemand sprechen – uns hat ein schwerer Schlag getroffen.« »Gott verhüte,« sagte Lord Glenallan, »daß ich Euch aus nebensächlicher Ursache in Eurem Kummer stören sollte, aber meine Tage sind gezählt – Eure Schwiegermutter steht im höchsten Alter, und wenn ich sie heute nicht sehe, so treff ich sie vielleicht hienieden nie wieder.« »Und wozu,« antwortete die trostlose Mutter, »wollen Sie ein altes Weib sehen, das von Alter und Sorge und Herzeleid hingebracht worden ist? An diesem Tage, wo meines Sohnes Leiche hinausgetragen worden ist, soll weder Edelmann noch Bauer zu meiner Tür herein,« Mit diesen Worten stellte sich Maggie Mucklebackit in die Tür, wie um dem Gast den Eintritt zu verwehren. Aber die Stimme ihres Mannes ließ sich drinnen vernehmen. »Wer ist da, Maggie? Was läßt du ihn nicht herein? Was kommts drauf an, wer von jetzt ab noch hier aus und ein geht?« Die Frau trat auf ihres Mannes Geheiß hin zur Seite und ließ Lord Glenallan hereintreten. Er ging auf die alte Elsbeth zu, die auf ihrem gewohnten Platze saß, und fragte sie, so laut er sprechen konnte: »Bist du die Elsbeth von Craigburnfoot von Glenallan?« »Wer ist es, der nach der unglückseligen Wohnung dieses bösen Weibes fragt?« war die Antwort auf diese Frage. »Der unglückliche Graf von Glenallan.« »Graf – Graf von Glenallan!« »Er, der William Lord Geraldin genannt wurde,« sagte der Graf, »und der nach seiner Mutter Tode Graf von Glenallan geworden ist.« »Mach den Laden auf,« sagte die Alte fest und rasch zu ihrer Schwiegertochter, »mach schnell den Laden auf, daß ich sehen kann, ob das wirklich Lord Geraldin ist – der Sohn meiner Gebieterin – er, den ich in die Arme nahm, als er geboren wurde, – er, der ein Recht hat, mir zu fluchen, daß ich ihn nicht gleich nach der Geburt erstickt habe!« Das Fenster, das geschlossen worden war, damit ein düsteres Zwielicht die Feierlichkeit der Trauerversammlung erhöhen sollte, wurde geöffnet, wie sie es befahl, und warf ein plötzliches und grelles Licht durch die rauchige dicke Atmosphäre der engen Hütte. Der Schein fiel in einem Strom auf den Kamin und beleuchtete die Züge des unglücklichen Edelmannes und der alten Sibylle, die jetzt aufgestanden war, ihn an der Hand hielt und begierig mit ihren hellblauen Augen ihm ins Gesicht sah. Dabei hatte sie ihren langen, verwelkten Zeigefinger ihm dicht vors Gesicht gehalten und bewegte ihn nun langsam, als zöge sie die Umrisse nach und vergliche das, was sie jetzt sah, mit dem, dessen sie sich erinnerte. Als sie ihre Prüfung beendet hatte, sagte sie mit einem tiefen Seufzer: »Arg verändert – arg verändert! – und wer ist schuld daran? Aber das ist im großen Schuldbuch eingetragen und wird ausgeglichen. Es ist auf erzenen Tafeln mit einer Feder von Stahl geschrieben, – auf den erzenen Tafeln, auf denen alles verzeichnet ist, was von Menschen begangen ist.« Nach einer Pause setzte sie hinzu: »Und was will Lord Glenallan von einem armen alten Geschöpf wie ich, das schon tot ist und nur noch insofern dem Leben angehört, als sie noch nicht ins Grab gelegt worden ist?« »Im Namen des Himmels,« antwortete Lord Glenallan, weshalb hast du so dringend verlangt, mich zu sehen? und warum hast du zur Bekräftigung deines Verlangens mir ein Zeichen gesandt, dem ich, wie du wohl wußtest, nicht zu widersprechen wagen würde?« Mit diesen Worten langte er aus seiner Börse den Ring, den ihm Edie Ochiltree nach Glenallan-Haus gebracht hatte. Der Anblick dieses Zeichens hatte eine seltsame und unmittelbare Wirkung auf die alte Frau. Sie wandte sich an ihren Sohn und ihre Schwiegertochter und hieß sie gebieterisch die Hütte verlassen, damit sie mit Lord Geraldin (so nannte sie ihn noch immer) allein sein könne. Aber Maggie Mucklebackit, deren heftigster Schmerz sich gelegt hatte, war gar nicht willens, sich in ihren eigenen vier Pfählen von ihrer Schwiegermutter Vorschriften machen zu lassen, zumal die alte Frau, die nun so plötzlich wieder aufzuleben schien, schon langst nichts mehr zu sagen hatte. »Schnurrig ist's doch,« sagte sie in brummigem Tone, denn laut zu schimpfen wagte sie doch nicht in Gegenwart des Lords Glenallan, »daß eine Mutter aus ihrem eigenen Hause gewiesen wird, wo noch die Träne ihr im Auge hängt und wo kaum ihr Sohn als Leiche zur Tür hinausgetragen worden ist.« Der Fischer setzte in trotzigem, verbissenem Tone hinzu: »Das ist kein Tag für deine Geschichten aus der alten Welt, Mutter, – Mylord, wenn er ein Lord ist, kann ein andermal wiederkommen – oder er mag rasch sagen, was er zu sagen hat, wenn es ihm beliebt. Hier ist niemand, der ein Interesse hat, ihm oder dir zuzuhören. Aber weder wegen eines Lords noch wegen des ärmsten Kerls will ich mein Haus verlassen an dem Tage, wo mein armer –« Seine Stimme stockte und er konnte nicht weiter sprechen; aber da er aufgestanden war, als Lord Glenallan hereingetreten war, warf er sich jetzt störrisch auf einen Stuhl und blieb in der mürrischen Stellung eines Mannes, der entschlossen ist, sein Wort zu halten. Aber die alte Frau, der die Krise alle ihr früher in hervorragendem Maße eigenen geistigen Kräfte wiederzugeben schien, erhob sich, trat auf ihn zu und sagte mit feierlicher Stimme: »Mein Sohn, so du nicht deiner Mutter Schande mitanhören willst, so du nicht freiwillig Zeuge ihrer Schuld sein willst, so du ihren Segen dir verdienen und ihrem Fluch aus dem Wege gehen willst – so fordere ich dich auf, bei dem Leibe, der dich geboren und genährt hat, laß mich allein, daß ich ungestört mit Lord Geraldin sprechen kann, was keines Menschen Ohr als sein eigenes mitanhören darf. Gehorche meinen Worten, daß, wenn du mich begräbst – o! wär der Tag erst da! – du dieser Stunde gedenken kannst, ohne daß du dir den Vorwurf machen mußt, das letzte Geheiß, das deine Mutter dir gegeben hat, nicht befolgt zu haben!« Diese feierlichen Worte erweckten in dem Herzen des Fischers die Gewohnheit instinktiven Gehorsams, in der seine Mutter ihn erzogen hatte und der er sich früher unbedingt unterworfen hatte. Er nahm seine widerstrebende Frau am Arm und führte sie aus der Hütte hinaus, indem er hinter sich die Tür zuschloß. Als die unglücklichen Eltern gegangen waren, drang Lord Glenallan, der befürchtete, die Alte könnte wieder in ihre Lethargie verfallen, von neuem in sie, ihm zu sagen, weshalb sie so dringend nach ihm verlangt habe. »Sie werden es früh genug erfahren,« antwortete sie, »ich bin jetzt klar bei Verstand, und es ist nicht anzunehmen – zum wenigsten glaube ich es nicht – daß ich wieder vergessen könnte, was ich zu sagen habe. Es steht mir vor den Augen, als wäre es gestern gewesen, wie ich in Craigburnfoot gewohnt habe. Der grüne Strand – da, wo der Bach in die See mündet – die beiden kleinen Jollen mit den gerafften Segeln, in der von der Natur gebildeten Bucht verankert – die hohe Klippe, die die Gärten des Schlosses Glenallan mit dieser Bucht verbindet und hoch über dem Wasser herabhängt – ach! wohl kann ich vergessen, daß ich einen Mann gehabt habe und ihn verlor – daß von unseren vier hübschen Söhnen bloß noch einer lebt – daß Unglück auf Unglück unseren schlecht erworbenen Reichtum verschlungen hat – daß sie die Leiche meines ältesten Enkelkindes heute morgen aus dem Hause getragen haben – aber ich kann nie die Tage vergessen, die ich im holden Craigburnfoot verlebt habe.« »Du warst ein Liebling meiner Mutter,« sagte Lord Glenallan, der sie auf den Punkt zurückzubringen wünschte, von dem sie abschweifte. »Das war ich – das war ich – Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern. Sie hat mich über meinen Stand erhoben, sie hat mir mehr Bildung beigebracht als meinen Kollegen und Dienstkameraden, aber wie der böse Versucher hat sie mich neben vielem Guten auch in das Böse eingeweiht.« »Um Gottes willen, Elsbeth,« sagte der erstaunte Graf, »fahr fort, wenn du kannst, und erkläre näher, was du so schrecklich andeutest – ich weiß wohl, du bist die Mitwisserin eines furchtbaren Geheimnisses – sprich weiter.« »Das will ich, das will ich,« sagte sie, »nur ein wenig Geduld müssen Sie mit mir haben.« Und nun kam sie auf den Gegenstand, der so lange schon ihr Gewissen bedrückt hatte und der ohne Frage sie oftmals beschäftigt hatte, wenn sie gegen ihre Umgebung tot zu sein schien. Und so sehr wirkte die geistige Energie auf ihre physischen Kräfte und ihr Nervensystem, daß bei all ihrer sonstigen Schwäche und Taubheit jedes Wort, das Graf Glenallan während dieses merkwürdigen Zwiegesprächs fallen ließ – und wenn er es auch im leisesten Tone des Entsetzens oder des Schmerzes sagte – in voller Deutlichkeit und Verständlichkeit an Elsbeths Ohr schlug. Auch sie selbst sprach klar und deutlich und langsam, als fürchte sie, daß sonst die Mitteilung, die sie zu machen hatte, nicht genau verstanden werden könne. Ihre Sprache verriet eine bessere Erziehung und einen ungewöhnlich starken, entschlossenen Geist, und einen Charakter von jener Art, von der sich große Tugenden oder große Verbrechen erwarten lassen. Dreizehntes Kapitel. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen,« sagte die alte Frau zu Graf Glenallan, »daß ich der Liebling und die vertraute Dienerin von Joscelinde Gräfin von Glenallan war, der der Herr gnädig sein möge,« Mit diesen Worten bekreuzte sie sich. »Und ich denke, Sie werden nicht vergessen haben, daß sie viele Jahre lang große Stücke auf mich hielt, aber durch einen kleinen Akt des Ungehorsams verfiel ich in Ungnade – eine Person hatte es ihr hinterbracht, die mich nicht mit Unrecht in dem Verdacht hatte, daß ich auf alles, was die Gräfin und auch Sie, Mylord, begannen, insgeheim ein scharfes Auge hätte.« »Ich sage dir, Weib,« unterbrach sie der Graf mit vor leidenschaftlichem Zorne bebender Stimme, »nenne nicht ihren Namen vor meinen Ohren!« »Ich muß sie nennen!« versetzte die Alte fest und ruhig. »Wie sollten sonst Sie mich verstehen?« Der Graf stützte sich auf einen der Holzstühle, zog den Hut übers Gesicht, ballte die Fäuste und biß die Zähne aufeinander, wie jemand, der äußersten Mut zusammennimmt, um eine schmerzhafte Operation über sich ergehen zu lassen, und winkte ihr, fortzufahren. »Ich sage also,« begann die Alte wieder, »daß ich bei meiner Herrin in Ungnade fiel, das verdankte ich vor allem Fräulein Eveline Neville, die damals in Glenallan-Haus aufgezogen wurde als Tochter eines Vetters und engen Freundes Ihres Vaters, der schon gestorben war. Es war vieles nicht ganz klar mit ihr, aber wer hätte wohl gewagt, sich näher danach zu erkundigen, da die Gräfin nichts darüber verriet. Alles in Glenallan-Haus liebte Fräulein Neville – alles, bis auf zwei – Ihre Mutter und ich – wir beide haßten sie.« »Gott! aus welchem Grunde? Nie hat die Erde ein Wesen getragen, das so sanft und gut war und so dazu geschaffen schien, geliebt zu werden!« »Das mag wohl so gewesen sein,« versetzte Elsbeth, »aber Ihre Mutter haßte alles, was aus der Familie Ihres Vaters war – alles, bloß ihn selber nicht. Der Grund war wohl ein Streit, der kurz vor ihrer Verheiratung zwischen ihnen vorfiel, das Nähere tut hier nichts zur Sache. Aber doppelt haßte sie Eveline Neville, als sie gewahr wurde, daß zwischen Ihnen und der unglücklichen jungen Dame ein Liebesverhältnis im Entstehen war! Sie werden selber noch wissen, daß die Abneigung der Gräfin zunächst nur soweit ging, daß sie sich sehr kühl zu ihr stellte – wenigstens ließ sie sich sonst nichts weiter merken. Aber schließlich artete ihre Abneigung in solch wilden Haß aus, daß Fräulein Neville Zuflucht suchen mußte auf Schloß Knockwinnock bei Sir Arthurs Frau, die damals noch lebte – Gott Hab sie selig!« »Du zerreißt mir das Herz mit diesen Einzelheiten – aber fahre fort!« »Ein paar Monate war sie weg gewesen,« fuhr Elsbeth fort, »da wachte ich eines Nachts auf meiner Hütte, wo ich auf meinen Mann wartete, der vom Fischen heimkommen mußte, und ich weinte bittere Tränen, weil mein Stolz sich in mir aufbäumte, daß ich in Ungnade gefallen war. Da öffnete sich die Tür und die Gräfin, Ihre Mutter, trat herein. Ich dachte, ich hätte ein Gespenst gesehen, denn diese Ehre hatte sie mir nie erwiesen, und sie sah auch so bleich und geisterhaft aus, als sei sie eben aus dem Grabe gestiegen. Sie setzte sich nieder und rang die Nässe aus ihrem Haar und ihrem Mantel, denn es regnete in dieser Nacht und sie war durch die Pflanzungen gegangen, die vom Tau bedeckt waren. Ich erwähne das alles nur, damit Sie sehen sollen, wie genau ich mich noch auf diese Nacht besinnen kann, wie deutlich sie noch in meiner Erinnerung lebt – und das mit Recht. Ich war sehr erstaunt, sie zu sehen, aber ich wagte nicht zuerst zu reden – denn es war für mich schlimmer, als wenn ich ein wirkliches Gespenst gesehen hätte – für mich, die ich doch manches Bild des Grausens geschaut hatte und nie dabei gezittert habe. Nach einem Schweigen sagte sie also: Elsbeth Cheyne (denn sie nannte mich immer bei meinem Mädchennamen), bist du nicht die Tochter jenes Reginald Cheyne, der sein Leben ließ für seinen Herrn, Lord Glenallan, den er auf dem Felde von Sheriffmuir rettete? Und ich antwortete ebenso stolz fast wie sie mich fragte: So gewiß Sie die Tochter jenes Grafen von Glenallan find, den mein Vater rettete an diesem Tage seines eigenen Todes.« Nach diesen Worten trat eine lange Pause ein. »Und was folgte? was folgte? – Um Himmelswillen – gute Frau – doch warum brauche ich dieses Wort? Einerlei, ob gut, ob böse – ich befehle dir, erzähle weiter!« »Und wenig Gehör würde ich einem irdischen Befehl noch leihen,« antwortete Elsbeth. »Hätte nicht im Schlafen und Wachen eine Stimme zu mir gesprochen, die mich angetrieben hätte, diese traurige Geschichte zu erzählen. Also, Mylord, die Gräfin sagte zu mir: »Mein Sohn liebt Eveline Neville – sie sind beide einig – sie haben sich verlobt – wenn sie einen Sohn bekommen sollten, so ist mein Recht auf Glenallan erloschen, und von diesem Augenblick sinke ich, die Gräfin, herab zu einer elenden Person, die von ihren Zinsen lebt oder gar von Gnadengeld ihr Dasein fristet – ich, die ich Ländereien und Vasallen und edles Blut und alten Ruhm meinem Gatten eingebracht habe, ich muß aufhören, Herrin zu sein, wenn mein Sohn einen männlichen Erben hat. Aber darum geht es mir schließlich nicht – hätte er nur eine andere geheiratet als eine von den verhaßten Nevilles, so hätte ich mich damit abgefunden. Aber um ihretwegen, damit sie und ihre Abkömmlinge sich der Vorrechte und Ehren meiner Ahnen erfreuen sollen – das geht mir durchs Herz wie ein zweischneidiges Schwert. – Und dieses Mädchen gar, sie ist mir ein Greuel!« – »Und ich, denn mein Herz wurde heiß bei ihren Worten, ich sagte ihr, mein Haß sei dem ihren gleich.« »Erbärmliche!« rief der Graf, trotz seines Entschlusses, sich still zu verhalten. »Erbärmliches Weib! Was für eine Ursache zum Haß hätte dir ein so unschuldiges und sanftes Wesen geben können!« »Ich haßte, was meine Herrin haßte, wie es bei den Untertanen des Hauses Glenallan üblich war. Denn wenn ich auch unter meinem Stande heiratete, Mylord, so ist doch kein Ahne von Ihnen je zum Schlachtfeld geritten, ohne daß ein Ahne der gebrechlichen, schwachsinnigen, alten nutzlosen Hexe, die jetzt mit Ihnen spricht, ihm den Schild getragen hätte. Aber das war nicht alles,« fuhr die Vettel fort, in der die bösen Leidenschaften wieder sich entfachten, je mehr sie sich bei der Erzählung erhitzte, »das war nicht alles. Ich haßte Fräulein Eveline Neville um ihrer selbst willen. Ich hatte sie aus England hergebracht und auf dem ganzen Wege hatte sie sich über meine nordische Sprache und Manier lustig gemacht. Aber ich leugne nicht, daß ich sie mehr haßte, als sie es verdiente. Auch der Haß meiner Gebieterin war wilder geworden und sie sagte zu mir: Elsbeth Cheyne, dieser ungehorsame Bursche wird sie heiraten – wenn noch die früheren Zeiten waren, dann könnte ich ihn und seine Buhle in den Kerker von Glenallan werfen, aber diese Zeiten sind vorüber. Höre mich, Elsbeth Cheyne, wenn du deines Vaters Tochter bist wie ich die Tochter meines Vaters, so will ich Mittel und Wege finden, daß sie nicht zusammenkommen sollen. Sie geht oft nach der Klippe, die dein Wohnhaus überragt, und schaut aus nach dem Boote ihres Geliebten. (Sie erinnern sich vielleicht noch, welche Freude das für Sie immer war, wenn Sie auf See waren.) Er soll sie vierzig Klaftern tiefer finden, als er erwartet. Ja; Sie mögen die Augen aufreißen und die Fäuste ballen, aber – so wahr ich vor dem einzigen Wesen stehe, das ich je gefürchtet habe – o! hätte ich doch den dort oben mehr gefürchtet! – das waren Ihrer Mutter Worte! Was sollte es für mich für Nutzen haben, Sie zu belügen? Aber ich wollte nicht mir die Hände mit Blut beflecken. Dann sagte sie: Bei der Religion unserer heiligen Kirche, sie sind zu nahe miteinander versippt. Da aber der böse Feind stets in Köpfen wie dem meinen arg sein Wesen treibt, so ließ ich mich verlocken, hinzuzufügen: Aber es läßt sich so einrichten, daß man sie sich selber für so naheverwandt miteinander halten kann, daß kein christliches Gesetz ihre Vereinigung gestatten würde.« Graf von Glenallan unterbrach sie mit einem so durchdringenden Aufschrei, daß fast das Dach der Hütte zu beben schien. »Ah! Eveline Neville war also nicht ...« »Nicht die Tochter Ihres Vaters, wollen Sie sagen?« fuhr Elsbeth fort. »Nein, mag es Ihnen nun eine Marter sein oder ein Trost – Sie sollen die volle Wahrheit wissen: sie war ebenso wenig eine Tochter aus Ihres Vaters Hause wie ich.« »Weib, hintergeh mich nicht – mach nicht, daß ich dem Andenken der Mutter fluche, die ich vor kurzem ins Grab legte, daß ich sie verfluche als Mitschuldige an einem Komplott, dem grausamsten, höllischsten Komplott...« »Bedenken Sie sich, Lord Geraldin, ehe Sie dem Andenken einer toten Mutter fluchen – lebt denn nicht noch einer vom Blute der Glenallans, der eben die Ursache zu dieser furchtbaren Katastrophe gewesen ist?« »Meinst du meinen Bruder? – der ist auch tot.« »Nein,« erwiderte die Sibylle, »Sie selber meine ich. Hätten Sie nicht den Gehorsam eines Sohnes mit Füßen getreten und heimlich Eveline Neville, als Sie in Knockwinnock zu Gaste waren, geheiratet – so hätte unser Komplott Sie wohl eine Zeitlang voneinander trennen können, aber Ihr Kummer wäre dann wenigstens nicht durch Gewissensbisse verbittert gewesen. Aber Ihr eigenes Verhalten hat das Gift der Waffe, die wir schleuderten, beigefügt, und sie durchdrang Sie um so gewaltiger, als Sie in den tödlichen Wurf hineinliefen. Wäre Ihre Heirat eine offene, anerkannte Handlung gewesen, so hätte unser Plan, Ihnen ein unübersteigbares Hindernis in den Weg zu legen, nicht ausgeführt werden können.« »Großer, Gott!« sagte der unglückliche Edelmann. »Wie Schuppen fällt es mir von den Augen, Ja, nun versteh ich die fragwürdigen Trostesworte, die meine Mutter undeutlich hinwarf. Damit hat sie nur die Beweise der Schreckenstat ausmerzen wollen, an der ich mir die Schuld allein beimessen sollte!« »Sie hat nicht deutlicher sprechen können,« antwortete Elsbeth, »wenn sie nicht ihren eigenen Betrug, hätte eingestehen sollen, und lieber hätte sie sich von wilden Pferden zerreißen lassen, als daß sie ihre Tat enthüllt hätte. Und wenn sie noch am Leben wäre, auch mir sollte niemand das Geheimnis entreißen! Starke Herzen waren sie; die Weiber von Glenallan und die Männer auch.« Der unglückliche Edelmann war in seine eigenen verwirrten abschweifenden Gedanken versunken. »Großer Himmel!« rief er. »So bin ich frei von der entsetzlichsten Schuld, mit der der Mensch befleckt sein kann und deren Bewußtsein – ob ich auch die Tat nicht wollte oder mit Absicht begangen hatte – mir den Frieden vernichtet, die Gesundheit untergraben und mich frühzeitig an den Rand des Grabes gebracht hatte. Nimm,« setzte er in inbrünstigem Tone hinzu, die Augen gen Himmel erhebend, »nimm meinen innigsten Dank! – Wenn ich auch ein elendes Leben geführt habe, wenigstens werde ich nicht sterben mit dem unnatürlichen Schandfleck dieser Schuld! – Und du, fahr fort, wenn du noch mehr zu sagen hast – fahr fort, solange du noch eine Stimme hast zu reden, und ich die Kraft zu hören.« »Ja,« antwortete die Vettel, »die Stunde, da du hören sollst und ich reden werde, eilt reißend vorbei. Der Tod hat sein Kreuz dir schon auf die Stirn gezeichnet, und mir greift seine Faust tagtäglich kälter ans Herz, – Unterbrechen Sie mich nicht mehr mit Ausrufen, Stöhnen und Anklagen und hören Sie meine Geschichte zu Ende an. – Und dann – wenn Sie wirklich ein solcher Lord von Glenallan sind, wie ich die Glenallans zu meiner Zeit gekannt habe, dann lassen Sie Ihre Leute Holz und Reisig sammeln, und sie sollen es hoch auftürmen bis zum Giebel des Hauses, und dann verbrennt, verbrennt, verbrennt die alte Hexe Elsbeth und mit ihr alles, was daran erinnern kann, daß eine solche Kreatur je zwischen Himmel und Erde herumgekrochen ist!« »Weiter! weiter!« sagte der Graf. »Ich will dich nicht wieder unterbrechen.« Er sprach mit halb erstickter Stimme, aber in entschlossenem Tone, denn er wollte nicht durch übergroße Erregung seinerseits sich die Gelegenheit entgehen lassen, Beweise für die wunderbare Geschichte zu erhalten, die er nun hörte. Aber Elsbeth war durch die ununterbrochene Erzählung von so ungewöhnlicher Länge erschöpft, der zweite Teil der Geschichte kam verworrener zu Bericht und, wenn er auch in allen Teilen klar verständlich war, so fehlte ihm doch die Schärfe und die fast grelle Klarheit, die den ersten Teil in so erstaunlichem Grade ausgezeichnet hatte. Als sie ein paar erfolglose Versuche gemacht hatte, in ihrer Erzählung fortzufahren, mußte Lord Glenallan ihrem Gedächtnis nachhelfen, indem er sie fragte, was sie für Beweise für die Geschichte vorzubringen hätte, die so ganz anders laute, als, sie sie ursprünglich angegeben hätte. »Der Beweis,« sagte sie darauf, »von Eveline Nevilles wahrer Herkunft befand sich im Besitz der Gräfin, und sie hatte alle Ursache, ihn eine Zeitlang geheim zu halten. Wenn sie die Papiere nicht vernichtet hat, so werden sie sich noch in dem Schubkasten linker Hand des Ebenholzschränkchens finden, das im Ankleidezimmer stand – sie wollte sie solange verbergen, bis Sie wieder im Auslande wären, denn sie dachte, vor Ihrer Rückkehr Fräulein Eveline Neville in ihre Heimat zurückzubringen oder sie mit irgendwem zu verheiraten.« »Aber hast du mir nicht Briefe von meinem Vater gezeigt, die – wenigstens schien es mir so, sofern nicht alle meine Sinne mich in dieser entsetzlichen Stunde verlassen haben – das Geständnis zu enthalten schienen, daß er mit dieser Unglücklichen...« »Das taten wir,« versetzte die Hexe, »und wie hätten Sie danach an der Sache zweifeln können? Aber die wahre Erklärung dieser Briefe haben wir unterdrückt, nämlich, daß Ihr Vater es für Recht und angeraten hielt, daß die junge Dame eine Zeitlang für seine Tochter gelten sollte, aus gewissen Familiengründen, die sie für sich behielten.« »Aber weshalb wurde diese furchtbare List beibehalten, nachdem ihr von unserer Vereinigung gehört hattet?« »Erst als Lady Glenallan diese Lüge aufgebracht hatte, kam sie auf den Verdacht, daß Sie sich, tatsächlich hätten trauen lassen – selbst dann gaben Sie es noch nicht zu, so daß sie noch nicht völlige Gewißheit haben könnte, ob die Feier wirklich zwischen Ihnen vollzogen worden sei. Aber Sie werden sich noch sehr gut erinnern – ach! wie könnten Sie es nicht? – was bei der furchtbaren Unterredung sich zutrug.« »Weib! bei den Evangelien beschwurst du, was du jetzt als unwahr bezeichnest.« »Das tat ich, und ich hätte selbst einen noch heiligeren Eid darauf geleistet, wenn es einen heiligeren gegeben hätte – mein Blut sogar hätte ich dafür hingegeben oder meine Seele verkauft, um dem Hause Glenallan zu dienen.« »Elende! Eid nennst du diesen entsetzlichen Meineid, der von noch entsetzlicheren Folgen begleitet war – meinst du damit dem Hause deiner Wohltäter einen Dienst geleistet zu haben?« »Ich diente ihr, die damals das Oberhaupt der Glenallans war, und ich diente ihr, wie sie es verlangte. Die Sache hat sie mit Gott und ihrem Gewissen abgemacht – wie es gemacht werden sollte, das war zwischen meinem Gewissen und dem Himmel auch ins reine gebracht, nun ist sie hingegangen, Rechenschaft abzulegen, und ich will und muß ihr folgen. – Hab ich Ihnen nun alles erzählt?« »Nein,« antwortete Lord Glenallan, »du hast noch mehr zu sagen – du hast mir vom Tode des Engels zu erzählen, den dein Meineid zur Verzweiflung getrieben hat, weil sie sich befleckt glaubte – belastet mit einem so furchtbaren Verbrechen. Sprich die Wahrheit – war dieses schreckliche Geschehnis –« er vermochte die Worte kaum auszusprechen, »trug sich dieses schreckliche Geschehnis so zu, wie es berichtet wurde – oder war es ein weiterer Akt der entsetzlichen Grausamkeit, von andern verübt?« »Ich verstehe Sie,« sagte Elsbeth, »aber hier hat das Gerücht die Wahrheit gesagt – unser falsches Zeugnis war allerdings die Ursache, die Tat hat sie aber selber im Wahnsinn verübt. Bei dieser furchtbaren Enthüllung stürzten Sie von der Gräfin weg, sattelten Ihr Pferd und verließen das Schloß wie ein Feuersturm. Die Gräfin hatte daher von Ihrer geheimen Ehe noch nichts erfahren. Sie aber jagten davon, wie wenn Furien hinter Ihnen wären, und Fräulein Neville wurde in sicheren Gewahrsam gebracht. Aber der Wächter schlief – und die Gefangene wachte –. der Weg lag vor ihr, da war die Klippe und da war die See. O, wenn ich doch das vergessen könnte!« »Und so ist sie gestorben,« sagte der Graf, »ganz so, wie es berichtet wird?« »Nein, Mylord, ich war zur Bucht hinausgegangen, da sah ich einen weißen Gegenstand wie eine Seemöwe von der Klippe herunterschießen, dann gibt es einen lauten Klatsch, das Wasser gischt auf und ich sehe, daß ein menschliches Wesen in die Wogen gefallen ist. Ich war stark und mutig und vertraut mit der Flut. Ich stürzte mich hinein und faßte ihr Gewand und zog sie heraus und trug sie auf meinen Schultern – zwei solche hätte ich damals tragen können, und legte sie auf mein Bett. Da schickt ich zur Gräfin – und die Gräfin schickte ihre spanische Dienerin Theresa. Wenn je ein böser Feind in Menschengestalt auf Erden gewandelt ist, so war sie einer. Sie und ich sollten über der Unglücklichen wachen und keinen anderen zu ihr lassen. Der Himmel allein weiß, was der Spanierin aufgetragen worden war – sie hat es mir nicht gesagt – aber der Himmel nahm den Abschluß selber in die Hand. Die arme Dame kam vor der Zeit nieder und gebar ein Kind männlichen Geschlechts und starb in meinen Armen – in den Armen ihrer Todfeindin. Ja, Sie mögen weinen! – Ich ließ Theresa bei der Leiche und dem neugeborenen Kinde, um die Gräfin zu fragen, was nun geschehen solle. Es war schon spät, aber ich traf sie noch, und spät wie es war, rief sie noch nach Ihrem Bruder. Es ging damals die Rede, daß sie ihn zu ihrem Erben machen wollte. Was sie miteinander gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich nicht sagen, da ich es nicht gehört habe. Lange und ernst haben sie miteinander beraten, und als Ihr Bruder durch das Zimmer, wo ich wartete, hindurchging, da schien mir, als sei das Feuer der Hölle selber ihm in Gesicht und Augen entfacht worden. Aber seine Mutter schien er angesteckt zu haben. Sie kam wie eine Irrsinnige herein, und ihre ersten Worte waren folgende: »Elsbeth Cheyne, hast du je eine frisch erblühte Blume gepflückt? Ich sagte ja, das hatte ich wohl schon oft getan. Dann, sagte sie, wirst du am besten wissen, wie diese sündige, ketzerische Knospe vernichtet werden kann, die in dieser Nacht entsprossen ist zur Schande für das Haus meines edlen Vaters. Sieh hier, das Blut von Glenallans darf nur durch Gold vergossen werden, und mit diesen Worten gab sie mir eine goldene Nadel. Dieses Kind, sagte sie weiter, ist schon so gut wie tot, du und Theresa seid die einzigen, die überhaupt von seinem Dasein etwas wissen, so macht mit ihm, was ich von euch erwarte.« Und in Wut ging sie weg und ließ mich stehen mit der goldenen Nadel in der Hand. Hier ist sie. Diese und der Ring des Fräuleins sind alles, was mir von meinem schlecht erworbenen Gute noch übrig ist – denn groß war der Lohn, den ich erhielt, und gut hab' ich das Geheimnis bewahrt.« Und mit ihrer langen Knochenhand hielt sie Lord Glenallan eine goldene Nadel hin, an der er im Geiste noch das Blut seines Kindes herniederrieseln sah. »Teufelin! Hattest du das Herz?« »Weiß nicht, ob ich's hätte tun können oder nicht. Ich kehrte in meine Hütte zurück, ohne den Boden zu fühlen, den ich betrat, aber Theresa und das Kind waren nicht mehr da. Es war nur noch die Leiche da.« »Und hast du nie erfahren, was aus meinem Kinde geworden ist?« »Ich konnte nur raten, nur vermuten. Was Ihre Mutter beabsichtigte, das hab' ich Ihnen erzählt, und daß Theresa ein böses Weib war, habe ich gewußt. Sie ist in Schottland nie wieder gesehen worden, und soviel, ich gehört habe, ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Ein finsterer Vorhang ist über die Vergangenheit gefallen, und die wenigen, die etwas davon hatten merken können, konnten nur Verführung und Selbstmord vermuten. Sie selber ....« »Ich weiß – ich weiß alles.« »Sie wissen nun allerdings alles, was ich sagen kann. Und nun, Erbe von Glenallan, können Sie mir vergeben?« »Darum bitte Gott, nicht Menschen!« sagte der Graf und wandte sich ab. »Und wie sollte ich vom Reinen und Unbefleckten erflehen, was eine Sünderin wie ich sich selber verweigert? – wenn ich gesündigt habe, so habe ich aber auch gelitten. Nicht einen Tag habe ich Frieden gehabt, seit diese langen nassen Locken aus meinem Kissen in Craigburnfoot gelegen haben. Mein Haus ist niedergebrannt mit dem Kinde in der Wiege. Meine Boote sind zerschellt, wo alle andern das Wetter überstanden. Und alles, was mir nahe stand und lieb war, hat Buße tun müssen für meine Sünden. O, wenn doch nun erst dieser Staub zum Staube geworden wäre!« Lord Glenallan ging zur Tür, aber die Edelmütigkeit seiner Natur bewog ihn, doch noch ein paar tröstliche Worte zu der Verworfenen zu sprechen. »Möge Gott dir vergeben, elendes Weib,« sagte er, »so aufrichtig wie ich es tue. Wende dich um Erbarmen an ihn, der allein Gnade spenden kann, und mögen deine Gebete erhört werden. – Ich will dir einen frommen Bruder senden.« Nein, nein, keinen Priester!« rief sie, und die Tür der Hütte öffnete sich, ihr das Wort abschneidend. Vierzehntes Kapitel. Beiderseitiges Erstaunen lag auf ihren Gesichtern, als der Altertümler und Lord Glenallan sich begrüßten. Herr Oldbuck zeigte stolze Zurückhaltung, der Graf große Verlegenheit. »Mylord Glenallan, wo mir recht ist?« sagte Herr Oldbuck. »Ja – sehr verändert seit der Zeit, da er Herrn Oldbuck kannte.« »Ich wollte Euer Lordschaft nicht stören,« sagte der Altertümler; »ich wollte nur diese unglückliche Familie besuchen.« »Und Sie haben damit einen gefunden, der noch größern Anspruch auf Ihr Beileid hat.« »Mein Beileid? – Lord Glenallan kann meines Beileids nicht bedürfen. Und wenn er des bedürfte, so würde er mich wohl kaum darum angehen.« »Unsere frühere Bekanntschaft,« sagte der Graf. ... »Liegt nun ja so weit zurück, Mylord – und war auch von so kurzer Dauer und mit so außerordentlich peinlichen Umständen verknüpft, daß ich wohl meine, wir können von jeder Erneuerung absehen.« Mit diesen Worten wandte der Altertümler sich ab und verließ die Hütte, aber Lord Glenallan folgte ihm hinaus, und trotzdem Oldbuck ihm nur ein flüchtiges »Guten Morgen, Mylord,« zurief, bat doch der Graf ihn um eine kurze Unterredung und seinen Rat in einer wichtigen Angelegenheit. »Euer Lordschaft werden viele geeignetere und bessere Ratgeber finden, Mylord, die es sich zur Ehre anrechnen werden, von Ihnen gefragt zu werden. Ich meinerseits lebe zurückgezogen vom Geschäft und der Welt und bin kein Freund davon, die vergangenen Geschehnisse meines nutzlosen Lebens wieder auszukramen. Und nehmen Sie mir's nicht übel, aber es würde für mich ganz besonders schmerzlich sein, zu jener Periode meines Lebens zurückzukehren, wo ich wie ein Esel handelte und Euer Lordschaft wie ...« »Wie ein Schurke, wollten Sie sagen,« ergänzte Lord Glenallan, »allerdings muß ich Ihnen so vorgekommen sein.« »Mylord, Mylord, ich habe kein Verlangen, Ihre Beichte anzuhören,« sagte der Altertümler. »Aber, Herr, wenn ich zeigen kann, daß man mehr an mir gesündigt hat, als daß ich gesündigt habe – daß ich ein unglücklicher Mann – ein unsagbar unglücklicher Mann gewesen bin, der jetzt nach dem frühzeitigen Grabe als dem Hafen der Ruhe sich sehnt – so werden Sie sich nicht weigern, mich anzuhören oder dagegen Einspruch erheben, daß ich Ihr Erscheinen in diesem kritischen Augenblick als einen Wink vom Himmel ansehe.« »Gewiß, Mylord, werde ich nicht länger der Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Zusammenkunft aus dem Wege gehen.« »Ich muß Sie dann an die gelegentlichen Begegnungen vor etwa zwanzig Jahren im Schloß Knockwinnock erinnern. – Sie werden sich auf eine Dame besinnen können, die damals zur Familie gehörte.« »Das unglückliche Fräulein Eveline Neville, Mylord, – ich erinnere mich recht gut.« »Sie brachten ihr Neigung entgegen.« – »Eine weit tiefere Neigung, als ich je zuvor und je seither einem Mitglieds ihres Geschlechts entgegengebracht habe. Ihre Sanftmut, ihre Gelehrigkeit, ihr Vergnügen an den Studien, die ich ihr wies, machten mir wohl das Herz wärmer, als meinem Alter geziemte (ich war allerdings noch gar nicht mal so sehr alt) oder bei der Solidität meines Wesens sich gehörte. Aber ich brauche Eure Lordschaft wohl nicht daran zu erinnern, auf wie mannigfache Weise Ihre Spottlust sich an dem linkischen zurückgezogenen Studenten betätigte, den die ihm so ganz neuen Gefühle verwirrten – und wahrscheinlich hat die junge Dame an der wohlverdienten Verhöhnung teilgenommen, – das ist ja so die Manier des Weibsvolks. Eure Lordschaft können versichert sein, daß ich mich noch auf alles sehr wohl erinnern kann, und Sie können Ihre Geschichte ohne Bedenken und ohne überflüssiges Zartgefühl erzählen.« »Das will ich,« sagte Lord Glenallan, »zuvörderst aber will ich Ihnen sagen, daß Sie dem Andenken der zartesten, liebsten und unglücklichen aller Frauen unrecht tun, wenn Sie meinen, Sie hätte mit der Zuneigung eines so biederen Mannes wie Sie Spott treiben können. Oft genug hat sie mich getadelt, wenn mein Leichtsinn sich Sie zum Ziel erkor. Darf ich nun annehmen, daß Sie jetzt über die Ausgelassenheit hinwegsehen, die Ihnen damals weh tat?« »Mylord, Sie haben volle Verzeihung,« sagte Herr Oldbuck, »Sie sollten wissen, daß ich wie andere damals keine Ahnung davon hatte, daß ich mit Eurer Lordschaft in Nebenbuhlerschaft trat; ich dachte damals, daß Fräulein Neville noch über ihre Hand zugunsten eines ehrlichen Mannes hätte entscheiden können. Aber ich vergeude nur Zeit, – ich. wünschte, ich könnte glauben, daß die Absichten anderer ebenso ehrlich und wohlgemeint gewesen wären wie meine.« »Herr Oldbuck, Sie urteilen hart.« »Nicht ohne Grund, Mylord. Als ich allein von allen Obrigkeitspersonen dieser Gegend – weil ich nicht wie viele unter ihnen die Ehre hatte, Ihre einflußreiche Familie zu kennen, noch auch wie wieder andere so feige war, eine so mächtige Familie zu fürchten – als ich, wie gesagt, als einziger eine Nachforschung darüber anstellte, wie Fräulein Neville ums Leben gekommen wäre – ich erschüttere Sie, Mylord, aber ich muß Ihnen reinen Wein einschenken – so muß ich zugeben, daß ich alle Ursache hatte, zu glauben, daß ihr höchst niederträchtig mitgespielt worden sei und daß sie entweder durch die Vorspiegelung einer Heirat betrogen oder sehr gewaltsame Maßregeln ergriffen worden seien, die Beweise einer wirklichen Heirat zu vernichten. Und ob diese Grausamkeit von seiten Eurer Lordschaft nun aus Ihrem freien Willen entsprungen oder aus der Beeinflussung der Gräfin hervorgegangen sein mag – ich kann bei mir selber nicht daran zweifeln, daß Sie dadurch die unglückliche junge Dame zu der verzweifelten Tat getrieben haben, mit der sie ihr Leben endete.« »Sie irren sich, Herr Oldbuck, und folgern falsch, wenn Sie auch in ganz natürlicher Weise aus den Umständen Ihre Schlüsse ziehen. Haben Sie die Güte, mit Platz zu nehmen auf dieser Bank, denn ich bin nicht imstande, länger zu stehen, und hören Sie die seltsame Entdeckung an, die ich heute gemacht habe.« Sie setzten sich, und Lord Glenallen begann seine unglückliche Familiengeschichte zu erzählen – seine heimliche Heirat – die entsetzliche Lüge, durch die seine Mutter die geschlossene Verbindung unmöglich gemacht hätte. Er schilderte eingehend die Künste, durch die die Gräfin die Dokumente über Fräulein Nevilles Geburt unterdrückt hätte, und wie sein Vater eine Zeitlang aus Familiengründen eingewilligt habe, daß sie für seine natürliche Tochter erklärt worden sei, und wie er unmöglich den Betrug seiner Mutter hätte ahnen oder gar entdecken können, zumal die Dienstpersonen Elsbeth und Theresa die Sache beschworen hätten. »Ich verließ mein Vaterhaus,« schloß er, »als wenn die Furien der Hölle mich vorwärts getrieben hätten, und jagte in wahnwitziger Schnelligkeit – wohin, weiß ich nicht. Auch habe ich nicht die mindeste Erinnerung, was ich getan oder wohin ich mich begeben habe, bis mein Bruder mich aufgefunden hatte. Ich will Sie nicht behelligen mit einer Beschreibung meines Krankenlagers und meiner Genesung, oder wie ich lange nachher noch Nachforschungen nach meiner unglücklichen Geliebten angestellt und erfahren habe, daß sie in ihrer Verzweiflung ein furchtbares Mittel gegen alles Leid gefunden hatte. Das erste, was mich wieder zur Besinnung brachte, war die Nachricht, daß sie in diese grausame Geschichte Licht zu bringen bemüht seien; und es wird Sie kaum wundernehmen, daß ich – da mir eine solche Darstellung der Sachlage beigebracht worden war, mich an den Bemühungen meiner Mutter und meines Bruders, Ihrer Nachforschung einen Riegel vorzuschieben, emsig beteiligte. Es gelang, Sie abzuschrecken und alle Zeugen, die bei der Eheschließung zugegen gewesen waren, mundtot zu machen oder außer Landes zu bringen. Ich selber, Herr Oldbuck,« fuhr der unglückliche Mann fort, »betrachtete mich von diesem Augenblicke an als ausgestrichen aus dem Buche der Lebenden und als einen, der auf dieser Welt nichts mehr zu suchen habe. Wenn während dieser zwanzig Jahre, Herr Oldbuck, ein Wesen auf der Erde herumgekrochen ist, das Ihr Mitleid verdiente, so bin ich dieses Wesen gewesen. Meine Nahrung hat mich nicht genährt – mein Schlaf hat mich nicht erfrischt – meine Frommheit hat mich nicht getröstet – alles, was für den Menschen erheiternd und nötig ist, hat sich für mich in Gift verwandelt. Dagegen anzukämpfen hätte eine Energie erfordert, die ich nicht mehr besaß, seit der vernichtende Schlag mich getroffen hatte. Ich vegetierte, so gut es eben ging – Phantasie, Gefühl, Urteil und Gesundheit gingen allmählich zugrunde, wie ein Baum eingeht, dessen Rinde zerstört wurde. Bemitleiden Sie mich nun? Vergeben Sie mir nun?« »Mylord,« sagte der Altertümler, sehr ergriffen, – »meine Vergebung – mein Mitleid, haben Sie nicht zu erbitten, denn Ihre Geschichte ist an sich die triftigste Entschuldigung für alles, was in Ihrem Verhalten geheimnisvoll erscheinen konnte, und mag wohl selbst Ihre schlimmsten Feinde, Mylord (und zu denen habe ich nie gezählt), zu Tränen und Beileid rühren. Aber erlauben Sie mir danach zu fragen, was Sie nun tun wollen und weshalb Sie mir die Ehre erwiesen, mich bei dieser Gelegenheit ins Vertrauen zu ziehen, da doch meine Meinung hier kaum in Frage kommen kann?« »Herr Oldbuck,« erwiderte der Graf, »die Natur des Bekenntnisses, das ich heute vernommen habe, konnte ich nicht voraussehen, und daher ist es mir, das brauche ich wohl nicht erst zu sagen, auch niemals in den Sinn gekommen, daß ich Sie einmal um Rat würde fragen müssen – aber ich bin ohne Freunde, an keine Geschäfte gewohnt durch meine lange Abgeschlossenheit, ich kenne auch nicht die Gesetze des Landes und die Gebräuche der lebenden Generation. Nun finde ich mich plötzlich in Dinge verwickelt, in denen ich gar nicht Bescheid weiß, und so greife ich wie ein Ertrinkender nach der ersten Stütze, die sich mir bietet, und wende mich an Sie um Rat, um Mitgefühl, um Hilfe.« »Sie sollen es nicht vergebens getan haben, Mylord,« sagte Oldbuck, »aber die Sache will reiflich bedacht sein, und gestatten Sie mir zunächst die Frage, was Sie momentan beabsichtigen?« »Ich will mir Gewißheit darüber verschaffen, was aus meinem Kinde geworden ist,« sagte der Graf, »mögen die Folgen sein, welche sie wollen, und ich will dem Andenken der Eveline Gerechtigkeit erweisen.« »Und das Andenken Ihrer Mutter?« »Muß seine eigene Last tragen,« versetzte der Graf seufzend, »besser sie wäre verdientermaßen des Betruges überführt, als andere ungerecht noch weit schrecklicherer Verbrechen angeklagt.« »Wann haben wir zunächst dafür zu sorgen,« sagte Oldbuck, »daß die Mitteilungen dieser alten Frau in gesetzmäßiger Form aufgenommen werden. Das wird uns vor morgen nicht möglich sein, und ich mache Ihnen daher den Vorschlag solange in Monkbarns mein Gast zu sein. Morgen werden die armen Fischersleute ihrem Gewerbe wieder nachgehen, und wir treffen dann die alte Elsbeth allein und können ihre Aussage zu Protokoll nehmen.« Nach einer förmlichen Entschuldigung der Umstände, die er ihm bereiten würde, nahm Lord Glenallan die Einladung an und ließ auf dem Heimweg geduldig die ganze Geschichte von John o'the Girnell über sich ergehen, eine Legende, die Herr Oldbuck bekanntlich jedem, der seine Schwelle betrat, zum besten gab. Fünfzehntes Kapitel. Nach dem Kaffee ersuchte Lord Glenallan den Altertümler um eine Unterredung unter vier Augen und wurde von dem alten Herrn in die Bibliothek geführt. »Ich muß Sie dem Kreise Ihrer freundlichen Familie entziehen,« sagte der Graf, »um Sie in die Wirrungen eines unglücklichen Mannes hineinzuziehen. Sie wissen Bescheid in der Welt, aus der ich seit langer Zeit verbannt bin. Denn Glenallan-Haus ist für mich mehr ein Gefängnis als eine Wohnung gewesen, ein Gefängnis, aus dem auszubrechen ich weder die Lust noch die Kraft gehabt habe.« »Lassen Sie mich Eure Lordschaft zunächst fragen, was Sie in dieser Angelegenheit wünschen und beabsichtigen?« »Ich wünsche vor allen Dingen,« antwortete Lord Glenallan, »meine unglückliche Heirat anzuerkennen und den Ruf der armen Eveline wiederherzustellen, das heißt, sofern Sie eine Möglichkeit sehen, wie sich das machen ließe, ohne das Verhalten meiner Mutter bekannt zu geben.« » Suum cuique tribuito ,« sagte der Altertümler, »tu recht gegen jedermann! Das Andenken dieser unglücklichen Dame hat lange gelitten, und ich denke, es kann gereinigt werden, ohne daß ein Fleck auf das Andenken Ihrer Mutter gebracht zu werden brauchte. Nur müßte allerdings zugestanden werden, daß sie die Verbindung in hohem Maße mißbilligte und sich ihr energisch widersetzt hat. Und alle – verzeihen Sie, Mylord, – alle, die die verstorbene Gräfin von Glenallan gekannt oder bloß von ihr gehört haben – wird eine derartige Eröffnung nicht sonderlich wunder nehmen.« »Aber Sie vergessen einen entsetzlichen Umstand,« sagte der Graf mit bewegter Stimme. »Nicht daß ich wüßte,« versetzte der Altertümler. »Das Schicksal des Kindes – es ist ja mit der treuen Dienerin meiner Mutter verschwunden, und nach Elsbeths Worten muß das Schrecklichste angenommen werden.« »Wenn Sie meine freie Ansicht hören wollen, Mylord,« antwortete Herr Oldbuck, »und sich nicht zu vorschnell daran klammern als an eine Hoffnung, dann möchte ich sagen, es ist sehr wohl anzunehmen, daß das Kind noch am Leben sei. Denn soviel ich bei meinen früheren Nachforschungen in dieser beklagenswerten Sache erfahren habe, so hat ein Weib mit einem Kinde in jener Nacht die Hütte bei Craigburnfoot verlassen in einem vierspännigen Wagen, und zwar zusammen mit Ihrem Bruder, Edward Geraldin Neville, und er ist mit ihnen zusammen nach England gereist – ich habe seine Reise eine Strecke weit verfolgen können. Ich war damals der Meinung, die Familie hätte sich dahin entschlossen, ein Kind, das als illegitim gelten sollte, fortzubringen, damit es nicht später Schutz finden und Anspruch auf seine Rechte erheben könnte. Aber ich denke, Ihr Bruder hat das Kind nur entfernt gehalten, teils aus Rücksicht auf die Ehre des Hauses, teils wegen der Gefahr, der es in Nahe der Lady von Glenallan ausgesetzt gewesen wäre.« Bei diesen Worten wurde Lord Glenallan sehr bleich und wäre fast von seinem Stuhle gesunken. Der bestürzte Altertümler rannte hin und her und suchte Arzenei, aber obwohl sein Museum mit tausend unnützen Sachen angefüllt war, so fand sich darin doch nicht das geringste, was bei dieser oder anderen Gelegenheiten zu brauchen gewesen wäre. Als er hinauseilte, um seiner Schwester Hausapotheke zu holen, konnte er sich nicht enthalten, ein paar brummige Worte der Betrübnis und Verwunderung zu äußern, daß sein Haus in letzter Zeit so manchen Handlungen unterworfen gewesen sei und daß es erst einem verwundeten Duellanten zum Krankenzimmer gedient habe und jetzt für einen todwunden Edelmann das Sterbezimmer hergeben müsse. »Und doch,« sagte er, »habe ich mir alles Soldatentum und alles Adelstum immer zehn Schritt vom Leibe gehalten, mein Coenobitium braucht nun bloß noch eine Entbindungsanstalt zu werden, dann ist die Umwandlung vollkommen.« Als er mit der Arzenei wiederkam, befand sich Lord Glenallan wieder viel wohler. Das neue unerwartete Licht, das Herr Oldbuck in die traurige Geschichte seiner Familie gebracht hätte, habe ihn fast überwältigt. »Sie denken also, Herr Oldbuck – denn Sie sind imstande zu denken, und das bin ich nicht – Sie denken also, es ist möglich – das heißt, es ist nicht unmöglich, daß mein Kind noch am Leben ist?« »Ich denke,« sagte der Altertümler, »daß durch Ihres Bruders Hand ihm unmöglich ein Leid angetan worden sein kann. Er war als flott und verschwenderisch bekannt, aber nicht als grausam oder unehrenhaft – auch ist es, wenn er Schlimmes im Schilde geführt hat, nicht anzunehmen, daß er sich selber so für das Kind verwendet hätte, wie er es getan hat – und das will ich Eurer Lordschaft beweisen.« Mit diesen Worten öffnete Oldbuck einen Schubkasten am Schranke seines Ahnherrn Aldobrand und nahm ein Päckchen Papiere heraus, die mit einem schwarzen Bändchen umschnürt waren und die Aufschrift trugen: »Untersuchungen etc., angestellt von Jonathan Oldbuck über den 18. Februar, 17 ....« – ein paar Zeilen tiefer standen in winziger Schrift geschrieben: »Eheu Evelina!« Dem Grafen rannen die Tränen rasch aus den Augen, als er vergebens versuchte, den Knoten zu lösen, der diese Schriftstücke zusammenhielt. »Eure Lordschaft tun besser,« sagte Herr Oldbuck, »das nicht jetzt zu lesen – Sie sind schon sehr erregt und haben noch viel vor sich, da sollten Sie Ihre Kraft nicht vorzeitig erschöpfen. Sie sind, vermute ich, nun der Erbe Ihres Bruders und es wird Ihnen ein leichtes sein, unter den Dienern und Lehnsleuten Nachfrage zu halten, wo das Kind geblieben ist, wenn es eben das Glück will, daß es noch am Leben ist.« »Das wage ich kaum zu hoffen,« sagte der Graf mit einem tiefen Seufzer, »warum sollte denn mein Bruder es mir verschwiegen haben?« »Nein, Mylord! warum hätte er im Gegenteil Eurer Lordschaft mitteilen sollen, daß ein Wesen noch lebt, welches Sie für den Abkömmling ....« »Sehr wahr – er hat offenbar in guter Absicht geschwiegen. Wenn in der Tat irgend etwas das Grausen des gespenstischen Traumes, der mir das Dasein vergiftet hat, noch hätte erhöhen können, so wäre es das Bewußtsein gewesen, daß ein solches Kind des Elends noch am Leben sei.« »Also,« fuhr der Altertümler fort, »wenn es auch voreilig wäre, wenn man jetzt nach über zwanzig Jahren die Überzeugung aussprechen würde, daß Ihr Sohn, noch am Leben sein müsse, weil er als kleines Kind nicht umgebracht worden wäre, so meine ich doch, Sie sollten ohne Säumen mit den Erhebungen beginnen.« »Das soll geschehen,« versetzte Lord Glenallan und griff schnell nach der ihm so gebotenen Hoffnung, der ersten, die er seit vielen Jahren wieder hegte. »Ich will an einen treuen Verwalter meines Vaters schreiben, der in derselben Stellung auch bei meinem Bruder Neville gewesen ist – aber, Herr Oldbuck, ich bin nicht Erbe meines Bruders.« »Nicht! – das ist ja schade, Mylord – es ist ein ansehnliches Gut, und die Ruinen des alten Schlosses von Neville-Burg allein – die stolzesten prächtigsten Reste der anglo-normannischen Architektur, die wir in dieser Gegend überhaupt haben – sind ein Besitz, der sehr hoch zu halten ist. Ich dachte, Ihr Vater hätte keinen Sohn oder nahen Verwandten sonst.« »Das hatte er auch nicht, Herr Oldduck,« erwiderte Lord Glenallan; »aber mein Bruder hat sich zu andern politischen Parteien geschlagen und auch eine andere Religion angenommen, als bisher in unserm Hause üblich gewesen ist. Wir waren schon lange durch entgegengesetzte Gesinnungen auseinander gekommen, und auch meine unglückliche Mutter hat nicht hinreichend Einfluß über ihn gewinnen können. Kurz, es gab einen Familienstreit, und mein Bruder, der über seine Besitzungen frei verfügen konnte, hat die ihm erteilte Befugnis sich zu nutze gemacht und einen Fremden zu seinem Erben erkoren. Das ist mir bisher völlig gleichgültig gewesen, denn wenn weltliches Besitztum das Elend leichter machen könnte – ich habe ja genug, ja übergenug! Aber jetzt sollte es mir doch leid tun, wenn deswegen sich irgendwelche Schwierigkeiten in unsern Nachforschungen ergeben sollten. Und ich ahne schon, daß das der Fall sein wird. Denn wenn ich einen gesetzlichen leiblichen Sohn habe, und mein Bruder ohne Nachkommen gestorben ist, so fielen jetzt meines Vaters Besitztümer diesem meinem Sohne zu. Es ist daher nicht wahrscheinlich, daß der von meinem Bruder gewählte Erbe, wer er auch sein mag, uns bei einer Untersuchung behilflich sein dürfte, die so sehr zu seinen Ungunsten ausfallen könnte.« »Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch der Verwalter, von dem Eure Lordschaft gesprochen hat, auch bei ihm in Dienst,« sagte der Altertümler. »Das ist sehr wahrscheinlich, und da der Mann Protestant ist, so wird er einem protestantischen Erben günstiger gesonnen sein als einem Katholiken – wenn allerdings mein Sohn im Glauben seines Vaters erzogen worden ist – oder wenn er überhaupt noch lebt!« »Wir müssen uns ganz genau darüber informieren,« sagte Oldbuck, »ehe wir uns in die Sache einlassen. Ich habe einen Freund in York, mit dem ich wissenschaftlich korrespondiere, ich will an diesen Herrn, Dr. Dryasdust, sofort schreiben und mich ganz genau über den Charakter des Mannes, der Ihren Bruder beerbt hat, erkundigen, und wer für ihn die Geschäfte besorgt, und was sonst noch Klarheit in die Angelegenheit Eurer Lordschaft bringen kann. Inzwischen kann Eure Lordschaft die Beweise für die Ehe aufbringen, die sich doch wohl noch beschaffen lassen werden.« »Ohne Frage,« versetzte der Graf, »die Zeugen, die vor Ihren Nachforschungen seinerzeit zurückgezogen wurden, sind noch am Leben. Mein Erzieher, der die Ehe eingesegnet hat, war nach Frankreich geschickt worden und ist vor kurzem als Emigrant, als ein Opfer seiner Königstreue und seiner Religion, wieder in seine Heimat geflüchtet.« »Das ist eine glückliche Folge der französischen Revolution, das müssen Sie zum mindesten zugeben, Mylord,« sagte Oldbuck; »aber nichts für ungut, ich will mich Ihrer Sache so warm annehmen, als wenn ich in Politik und Glauben eines Bekenntnisses mit Ihnen wäre. Und hören Sie auf meinen Rat – wenn Sie irgend eine Sache sauber und sorgfältig besorgt haben wollen, so legen Sie sie in die Hände eines Antiquars, denn da ein Antiquar stets seine Begabung und seinen Forschereifer an kleinen Dingen betätigt, so ist er wichtigen Dingen stets trefflich gewachsen, denn Übung macht den Meister.« Sechzehntes Kapitel. Am Morgen des folgenden Tages wurde der Altertümler, der ein Langschläfer war, eine Stunde früher, als er sonst aufzustehen pflegte, von Caxon aus dem Bett geholt. »Was ist los?« rief er gähnend und streckte die Hände nach der großen dicken Repetieruhr aus, die auf seinem seidnen Taschentuch wohlbehalten gebettet neben seinem Kopfkissen lag. »Was ist denn los, Caxon? Es kann noch nicht 8 Uhr sein.« »Nein, Herr, – aber Mylords Diener ist zu mir gekommen, denn er hält mich für Ihren Valet-de-Champ , – so heißt's ja wohl. Der große Mann ist schon vor Sonnenaufgang aufgestanden und nach der Stadt gegangen, um einen Boten nach seinem Wagen zu schicken, und der wird bald da sein, und bevor er wegfährt, möchte er Euer Ehren sehen.« »Ach was!« rief Oldbuck, »diese großen Herren verfügen über Zeit und Haus eines Mannes, als wenn sie ihr eigen wären. Na schön, einmal und nicht wieder. Hat sich Hanne nun über Steenies Tod beruhigt?« »Na, immer noch nicht ganz, Herr,« erwiderte der Barbier, »sie ist heute morgen mit der Schackelade wieder nicht recht bei Sinnen gewesen und hätte sie gar leicht ins Spülichtfaß gegossen und dann hat sie sie in ihrer Aufregung allein getrunken – aber schließlich hat sie sich beruhigt, weil ihr Fräulein M'Intyre gut zugeredet hat.« »Also ist mein ganzes Weibsvolk schon auf den Beinen und spukt herum, und ich kann nicht länger mich an meinem ruhigen Bett erfreuen. Alle Ordnung in meinem Haushalt ist zum Kuckuck. Langt mir meinen Rock her. – Und was gibt's denn in Fairport?« »Nun, Herr, was soll es dort weiter Neues geben als die große Neuigkeit von ,Mylord,« sagte der alte Mann, »der ist doch die zwanzig Jahre lang über seine Schwelle gekommen, und jetzt besucht er Euer Ehren!« »Aha!« sagte Monkbarns. »Und wie denkt man denn nun darüber?« »Allerdings, Herr, darüber herrschen verschiedene Meinungen. Die Kerle, die sogenannten Dehmelkraten, die gegen den König sind und gegen Perücken und Haarpuder – eine Bande von Spitzbuben – die sagen, er war gekommen, um mit Eurer Ehren darüber zu sprechen, daß er seine Hochlandsleute herunterkommen lassen will, um in die Zusammenkünfte der Volksfreunde einzugreifen – und wie ich den Leuten sagte, daß Euer Ehren sich in solche Dinge niemals einmische, wo es Schlägereien und Blutvergießen setzen könnte, da haben Sie gesagt, wenn Euer Ehren das auch nicht täte, dann tät's doch Ihr Neffe, der war ja bekannt als Königstreuer und kämpfe gern, bis ihm's Blut an die Knie ginge, und Sie wären der Kopf und er wäre die Hand, und der Graf brächte die Mannschaft und das Silber.« »Na,« sagte der Altertümler lachend, »da bin ich nur froh, daß dieser Krieg mich nichts weiter kosten wird als einen guten Rat.« »Nein, nein,« sagte Caxon, »das denkt auch keine Menschenseele, daß Euer Ehren selber mitkämpfen oder auch nur einen Pfifferling Silber für irgendwelche Partei ausgeben würde.« »Hum! Na, das wäre die Meinung der Dehmelkraten, wie Ihr sie nennt. – Was sagen denn nun die übrigen Leute in Fairport?« »Na, viel was Besseres,« sagte der aufrichtige Berichterstatter, »ist es nicht. Es wäre nicht recht, daß noch solche Papisten, die so viele Freunde in Frankreich hätten wie Graf Glenallan, durchs Land gingen, und – aber Euer Ehren werden sich ärgern.« »Denke nicht daran, Caxon,« sagte Oldbuck, »schieße nur los, Alter. – Ich habe ein dickes Fell.« »Nun, Herr, es heißt, Sie wären kein guter Freund von der Regierung, und wenn nun ein so mächtiger Mann wie der Graf und ein so kluger Mann wie Sie Zusammenkünfte abhalten, da sollte man doch scharf Obacht auf Sie haben, und manche sagen sogar, Sie sollten gleich alle beide nach Edingburgh auf Nummer Sicher gebracht werden.« »Auf mein Wort,« sagte der Altertümler, »ich bin meinen Nachbarn für ihre gute Meinung sehr verbunden. Ich, der ich mich nie um ihre Nergeleien gekümmert habe, außer um zur Ruhe und Mäßigung zu raten, ich werde also von beiden Parteien aufgegeben und für einen Hochverräter an König und Volk zugleich erklärt. Gebt mir meinen Rock, Caxon, gebt mir meinen Rock! Es ist nur ein Glück, daß ich nicht von dem guten Leumund lebe. – Haben Sie was von Leutnant Taffril und seinem Boot gehört?« Caxon schnitt ein saures Gesicht. »Nein, Herr, und es ist heftiges Unwetter gewesen, und es ist ein sehr gefährliches Kreuzen an dieser Küste, wenn Ostwind ist. Ein Schiff kann da schneller krachen gehen, als ich ein Rasiermesser schleifen kann, – es gibt keinen Hafen und keine Zufluchtsstätte an dieser Stätte, und nichts wie Scheren und Klippen. – Ein Schiff, das hier auf den Strand läuft, fliegt auf wie der Puder, wenn ich die Quaste schüttle – und es ist da kaum dran zu denken, irgendwen zu retten. – Das sag' ich immer meiner Tochter, wenn sie den Mut verliert, weil noch immer kein Brief von Taffril kommt. Na, das kann man doch dann unter diesen Umständen entschuldigen. Du solltest ihm keinen Vorwurf machen, Hannchen, sag ich zu ihr, denn du weißt ja gar nicht, was alles passiert sein kann.« »Na ja, Caxon, Ihr habt zum Tröster eben so viel Geschick als zum Kammerdiener. – Geben Sie mir eine weiße Binde her, Mensch! denken Sie denn, ich kann mit einem Halstuch um den Hals hinuntergehen, wenn ich Besuch habe?« Vorm Frühstück ging Lord Glenallan, der in besserer Stimmung zu sein schien als am Abend vorher, mit Herrn Oldbuck alle jene Einzelheiten durch, die dessen Bemühungen früher zutage gefördert hatten. Er wies auf die Mittel hin, die ihm zur Verfügung ständen, den Beweis für seine Eheschließung zu vervollständigen, und sprach seinen Entschluß aus, sogleich die peinliche Suche nach den Beweisen für Fräulein Nevilles Geburt in die Hand zu nehmen, welche Beweise ja, wie Elsbeth gesagt hätte, im Besitz ihrer Mutter gewesen wären. »Und doch, Herr Oldbuck,« sagte er, »ich fühle mich wie ein Mann, der wichtige Nachrichten erhält, ehe er noch ganz munter ist, und nicht recht weiß, ob diese Nachrichten dem tatsächlichen Leben angehören oder ob sie nicht eine Fortsetzung seines Traumes sind. Diese Frau, die Elsbeth – sie steht im höchsten Alter und ist schon halb blödsinnig. Bin ich nicht – es ist eine häßliche Frage – etwas vorschnell gewesen, ihre gegenwärtige Aussage gelten zu lassen gegenüber ihrem frühern Zeugnis in derselben Sache?« Herr Oldbuck hielt einen Augenblick inne, und dann antwortete er mit Festigkeit: »Nein, Mylord, ich kann nicht glauben, daß Sie irgendwelchen Grund hätten an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was sie Ihnen erzählt hat, daß sie es aus einem andern Antrieb als ihren Gewissensbissen gestanden hat. Ihr Bekenntnis war freiwillig, uneigennützig, klar, in sich geschlossen und in Zusammenhang mit all den andern bekannten Umständen der Geschichte. Ich würde ohne Säumen alle andern Dokumente, auf die sie Bezug genommen hat, prüfen und ordnen, und ich bin auch der Meinung, daß die Angaben der Frau zu Protokoll genommen werden müßten, wenn das irgend möglich ist. Wir haben ja schon daran gedacht, das zusammen abzumachen. Aber es wäre für Euer Lordschaft eine Erleichterung und würde vor allem auch mehr unparteiisch aussehen, wenn ich allein die Untersuchung als Magistratsbeamter in die Hand nehme. Ich will das besorgen, das heißt, ich will es versuchen, sobald ich das Weib in geeignetem Geisteszustand antreffe, um ein solches Verhör über sich ergehen zu lassen.« Lord Glenallan drückte dem Altertümler die Hand in dankbarer Zustimmung. »Ich kann Ihnen nicht sagen,« sagte er, »Herr Oldbuck, wie sehr Ihre Mithilfe in dieser dunkeln und traurigen Angelegenheit mir Erleichterung und Zutrauen verschafft. Ich kann mir selber nicht Beifall genug zollen, daß ich dem Impuls nachgab, der mich bewog, Sie ins Vertrauen zu ziehen. Was auch der Ausgang dieser Dinge sein mag, – und ich möchte gern hoffen dürfen, daß endlich eine bessere Sonne über den Geschicken meines Hauses aufgehen möchte, wenn auch ich selber mich nicht daran werde erfreuen können, solange lebe ich ja nicht mehr – aber wie auch der Ausgang sein mag, Sie haben mich und meine Familie zu dauerndem Danke verpflichtet.« »Mylord,« sagte der Altertümler, »ich muß vor Eurer Lordschaft Familie die größte Hochachtung hegen, denn Ihre Familie ist, wie ich ja sehr gut weiß, eine der ältesten in Schottland, sicher abzuleiten von Sir Aymer de Geraldin, der im Parlament zu Perth gesessen hat unter der Regierung Alexanders II. und der seinerzeit nach der Tradition des Landes von Marmor von Clochnaben abstammen soll. – Bei all meiner Ehrfurcht aber vor Ihrer alten Herkunft muß ich doch zugeben, daß ich Eurer Lordschaft mehr noch deswegen beispringe, weil Ihr Kummer mir aufrichtige Teilnahme abnötigt und weil die Betrügereien, denen Sie solange zum Opfer gefallen sind, mich mit Abscheu erfüllen. – Aber, Mylord, das Frühstück ist fertig. – Erlauben Sie mir, Mylord, daß ich Sie durch die Irrgänge meines Coenobitium führe – das ist nämlich eigentlich gar kein Haus, sondern lauter Zellen und Kämmerchen aneinander geleimt und aufeinander gesetzt. Ich hoffe. Sie werden sich ein wenig für Ihre karge Zurückhaltung von gestern schadlos halten.« Aber das war allerdings bei Lord Glenallan ausgeschlossen. Nachdem er die Gesellschaft mit der ernsten schwermütigen Höflichkeit, die sein ganzes Wesen auszeichnete, begrüßt hatte, stellte sein Diener eine Schnitte geröstetes Brot und ein Glas frisches Wasser vor ihn – das war sein gewöhnliches Frühstück. Während noch der junge Soldat und der alte Antiquar in weit reichlicherer Weise ihr Morgenmahl hielten, wurde das Gerassel von Rädern vernommen. »Der Wagen Eurer Lordschaft, glaube ich,« sagte Oldbuck, ans Fenster tretend. »Auf mein Wort, das ist ein feines Viergespann!« »Und ich kann dreist sagen,« rief Hektor, begierig aus dem Fenster blickend, »vier hübschere und besser zusammengestellte Blässen sind noch nie angeschirrt worden. Darf ich fragen, ob die Tiere aus Eurer Lordschaft Gestüt sind?« »Ich – ich – glaube wohl,« sagte Lord Glenallan, »aber ich habe mich so wenig um meine Hausangelegenheiten gekümmert, daß ich mich zu meiner Beschämung an Calvert wenden muß –,« dabei sah er auf seinen Bedienten. »Die Pferde sind aus dem Gestüt Euter Lordschaft,« sagte Calvert, »von Mad Tom aus Jemima und Yariko, Eurer Lordschaft Zuchtstuten.« »Sind noch mehr solche da?« fragte Lord Glenallan. »Zwei, Mylord, – beides sehr schöne Tiere.« »Dann soll Dawkind sie morgen nach Monkbarns bringen,« sagte der Graf »ich hoffe, Kapitän M'Intyre wird sie annehmen – wenn sie überhaupt zu gebrauchen sind.« Kapitän M'Intyres Augen blitzten, und er erging sich in dankbarer Anerkennung, während Oldbuck den Grafen am Ärmel zupfte und einem Geschenk vorbeugen wollte, das seinem Kornboden und Heuschober nicht vorteilhaft sein könnte. »Mylord – Mylord – sehr verbunden – sehr verbunden – aber Hektor steht bei einer Fußtruppe und steigt auch im Felde nie zu Pferd – auch ist er Hochländer und seine Uniform ist für den Dienst eines Kavalleristen schlecht geeignet. Seine Liebhaberei ist nur, einen Wagen zu kutschieren, und den sich zu kaufen, hat er erstens kein Geld und zweitens hat er gar nicht das Geschick, einen zu fahren. Wenn er nun erst gar zwei solche Vierfüßler hat, so ist überhaupt nichts mehr mit ihm anzufangen.« »Augenblicklich müssen Sie freilich uns alle im Zaume halten, Herr Oldbuck,« sagte der Graf höflich, »aber ich hoffe. Sie werden nicht im Ernst Einspruch dagegen erheben, daß ich meinem jungen Freunde eine Freude mache.« »Wenn's ein nützlicher Gegenstand wäre, Mylord,« sagte der Altertümler, »aber kein curriculum – ich sage Ihnen, er wird dann bald auf den Gedanken kommen, sich gar eine quadriga zu halten. Und kaum daß ich davon spreche, da kommt faktisch die alte Postkutsche von Fairport angerasselt – was soll das heißen? Ich habe nicht nach ihr geschickt.« »Aber ich, Onkel,« sagte Hektor mürrisch, denn seines Oheims Einmischung war ihm nicht sehr angenehm gewesen. »Du, mein Sohn?« wiederholte der Altertümler. »Und was hast du denn mit der Postkutsche vor? – Soll diese glänzende Equipage – diese biga, wie ich das Ding nennen kann – als eine Vorbereitung zu einer quadriga , oder einem curriculum dienen?« »Wenn es nötig ist, Onkel,« versetzte der junge Soldat, »dir so genaue Auskunft zu geben, ich habe in Fairport etwas zu besorgen.« »Wirst du mir erlauben, Hektor, danach zu fragen, was das wohl sein mag?« antwortete sein Oheim, der gern ein wenig seine Autorität über seinen Neffen geltend machte. »Ich dächte doch, Regimentsangelegenheiten ließen sich durch deine wackere Ordonnanz erledigen – ein biederer Mann, der so liebenswürdig ist, sich hier häuslich niederzulassen, seit er hergekommen ist – ich dächte, wie gesagt, der könnte deine Geschäfte besorgen, ohne daß du einen Tag lang zwei Gäule dir mietest und solch' eine Kombination von verfaultem Holz, zerbrochnem Glas und Leder – solch ein Skelett von einer Postkutsche, wie sie da vor der Tür hält.« »Es sind keine Regimentsangelegenheiten, Onkel, die mich rufen. Und da du darauf bestehst, es zu erfahren, so muß ich dir es ja wohl sagen. Caxon hat mir heute morgen die Mitteilung gebracht, daß der alte Ochiltree, der Bettler, vernommen werden soll, ehe er vor Gericht gestellt wird, und da will ich hinein und sehen, ob sie mit dem alten Kerl gerecht verfahren – das ist alles.« »Hm! – Davon hab' ich auch gehört, aber ich habe mir nicht denken können, daß es Ernst sei. Und bitte, Kapitän Hektor, der du in allen Streitsachen ziviler oder militärischer Art, zu Lande oder zu Wasser, dich jedermann bereitwillig zum Sekundanten zur Verfügung stellst, was hast du im besondern mit dem alten Edie Ochiltree zu schaffen? »Er hat als Soldat in der Kompagnie meines Vaters gestanden, Onkel,« versetzte Hektor, »und als ich dabei war, eine sehr große Dummheit zu begehen, da hat er versucht, mich davon abzuhalten, und hat mir einen fast ebenso guten Rat erteilt, wie du selber es nicht besser verstanden hättest.« »Und mit demselben guten Erfolg, darauf kann ich wohl Gift nehmen – he, Hektor? – Komm, gesteh, der Rat war natürlich vergebens?« »Allerdings, aber ich sehe nicht ein, warum meine Torheit mich daran hindern sollte, ihm für seine beabsichtigte Güte dankbar zu sein?« »Bravo, Hektor! Das ist das verständigste Wort, das ich aus deinem Munde gehört habe – aber sage mir doch immer, was du vor hast – ohne Zurückhaltung. Nun, ich will selber mit dir gehen. Junge. Ich bin überzeugt, der alte Mann ist unschuldig, und ich will ihm in dieser Klemme wirksamer behilflich sein, als du es könntest. Und dann sparst du auf diese Weise eine halbe Guinee, und das ist eine Rücksicht, die ich dich öfter im Auge zu haben bitten möchte.« Lord Glenallan hatte Lebensart genug, sich abzuwenden und mit den Damen zu plaudern, als der Streit zwischen Oheim und Neffe zu lebhaft zu werden begann für das Ohr eines Fremden. Als aber am friedlichen Ton des Altertümlers zu hören war, daß wieder Friede und Freundschaft eingetreten war, nahm der Graf wieder an der Unterhaltung teil. Nachdem der Lord sich kurz hatte berichten lassen, was für eine Beschuldigung gegen den Bettler erhoben worden sei –die Oldbuck übrigens ohne Besinnen der Niederträchtigkeit Dusterschielers zuschrieb – fragte er, ob der Mann früher Soldat gewesen sei? – Die Frage wurde bejaht. »Hatte er nicht,« fuhr seine Lordschaft fort, »einen groben, blauen Kittel mit zinnernem Schild? – War er nicht groß, mit einem interessanten Gesicht, grauem Haar und Bart – ein Mann, der sich auffallend gerade hält und auch in einem selbstbewußten, freimütigen Tone redet, der einen starken Gegensatz zu seinem Berufe bildet?« »All dies gibt ein genaues Bild von dem Manne,« entgegnete Oldbuck. »Ich fürchte freilich, ich werde ihm in der gegenwärtigen Lage nicht viel nützen können,« fuhr Lord Glenallan fort, »wenn es aber derselbe ist, dann bin ich ihm Dank schuldig, denn er war der erste, der mir Nachrichten von größter Wichtigkeit gebracht hat. Ich würde ihm gern ein behagliches Alter sichern, wenn er nur erst aus seiner derzeitigen schwierigen Lage heraus ist.« »Ich fürchte, Mylord,« sagte Oldbuck, »es würde ihm schwer fallen, seine Landstreicher-Gewohnheiten aufzugeben und den freundlichen Vorschlag Eurer Lordschaft anzunehmen, wenigstens weiß ich, daß der Versuch schon einmal ohne Erfolg gemacht worden ist. Das Publikum im großen und ganzen anzubetteln, betrachtet er als Unabhängigkeit im Vergleich dazu, daß er seinen Lebensunterhalt von einer einzigen Person beziehen sollte. Er ist insoweit Philosoph, als er ein Verächter aller gewöhnlichen Regeln und einer geordneten Zeiteinteilung ist. Wenn er Hunger hat, dann ißt er, wenn er Durst hat, trinkt er, wenn er müde ist, schläft er, und so gering sind seine Ansprüche in dieser Hinsicht, daß er sicher noch nie schlecht gegessen hat oder schlecht einquartiert gewesen ist. Dann ist er gewissermaßen das Orakel des Kreises, in dem er seine Runde macht, – der Genealoge, der Neuigkeitskrämer, der Hundedoktor oder auch wohl gar der Gottesmann. Ich sage Ihnen, er hat zu viele Pflichten und läßt sich ihre Ausübung sehr angelegen sein, als daß er sich leicht zur Aufgabe seines Gewerbes bereden ließe. Aber es sollte mir aufrichtig leid tun, wenn sie den armen alten Mann mit dem leichten Herzen auf Wochen ins Gefängnis stecken würden. Ich bin überzeugt, die Haft würde ihm das Herz brechen.« Damit schloß die Besprechung. Lord Glenallan verabschiedete sich von den Damen und stellte Kapitän M'Intyre seine Besitzungen zum Jagen frei, was mit Freuden angenommen wurde. Dann nahm Lord Glenallan Platz in seinem Wagen und die vier schönen Pferde führten ihn davon. Oldbuck und sein Neffe aber setzten sich in die Fairporter Postkutsche, die unter Knarren und Rasseln der berühmten Seestadt zuholperte und sich freilich ganz anders ausnahm, als die Equipage des Grafen, die schnell und leicht und weich wie im Fluge verschwunden zu sein schien. Siebzehntes Kapitel. Dank der Mildtätigkeit der Leute in der Stadt und mit Hilfe der vielen Vorräte, die er mit in die Haft gebracht hatte, hatte Edie Ochiltree es ein paar Tage ganz gut ausgehalten und den Mangel an Freiheit um so weniger hart empfunden, als das Wetter sehr schlecht geworden war. »Das Gefängnis,« sagte er, »ist gar kein so schlechter Platz als immer gesagt wird. Man hat doch ein gutes Dach über'm Kopf, das das Wetter abhält. – Wenn die Fenster auch keine Scheiben haben, so ist es dafür nur luftiger und angenehmer zur Sommerzeit. Und Leute sind auch genug da, mit denen man einen Plausch haben kann, und ich habe ja Brot genug, was brauch' ich mich da um das Weitere zu grämen?« Der Mut unsers Bettlers begann indessen doch ein wenig zu sinken, als die Sonnenstrahlen heiter auf die rostigen Sparren seines vergitterten Fensters fielen und ein armer, kläglicher Hänfling, dessen Bauer ein armer, kläglicher Schuldhäftling sich wahrscheinlich ans Fenster hatte hängen dürfen, ihn mit seinem Pfeifen begrüßte. »Du bist froher gelaunt als ich,« fügte Edie zu dem Vogel, »denn ich kann nicht pfeifen, wenn ich an die schönen Hügel und grünen Täler denke, die ich eigentlich bei solchem Wetter durchstreifen sollte. Aber hier, da hast du ein paar Krumen, weil du so lustig bist! Du hast ja auch noch alle Ursache, zu singen, wie dir der Schnabel gewachsen ist, denn daß du im Käfig sitzt, das hast du dir nicht selber eingebrockt, und ich habe es mir selber zuzuschreiben, daß ich an diesem trübseligen Fleck hier eingekerkert bin.« Ochiltree wurde in seiner Selbstbetrachtung gestört, denn es kam eine Gerichtsperson herein, um ihn vor den Richter zu führen. So schritt er nun in erhabener Protektion zwischen zwei jammervollen Kreaturen dahin, die alle beide nicht so stämmig waren wie er, um zum Verhör gebracht zu werden. Als der bejahrte Gefangene von den gebrechlichen Wärtern durch die Straßen geführt wurde, riefen die Leute einander zu: »Seht den alten Kerl, der soll noch jemand überfallen haben – und ist doch schon für's Grab reif!« Und die Kinder wünschten den Wärtern, die sie bald fürchteten, bald verspotteten, Glück dazu, daß sie diesmal einen Gefangenen hätten, der so alt wäre wie sie selber. Also geführt, wurde Edie Ochiltree (keineswegs zum erstenmal) vor den ehrwürdigen Amtmann Kleinhans gestellt, der, im Gegensatz zu seinem Namen, ein stattlicher, hochgewachsener Beamter war, bei dem die ihm zugeflossenen Gerichtsgebühren trefflich angeschlagen hatten. Er war ein eifriger Königstreuer aus der alten eifrigen Zeit, ein wenig streng und rücksichtslos in der Ausübung seines Amtes und ein wenig durchdrungen vom Bewußtsein seiner Macht und seiner Bedeutung, sonst aber ein ehrbarer, wohlmeinender und nützlicher Bürger. »Herein mit ihm, herein mit ihm!« rief er. »Das muß ich sagen, wir leben jetzt in einer entsetzlichen, unnatürlichen Zeit; die Bettler Seiner Majestät, die von seiner Gnade leben, sind die ersten, wenn es gilt, die Gesetze nicht zu halten. – Hier hat denn nun ein alter Blaurock Diebstahl begangen. Ich vermute, der nächste wird zum Dank für das königliche Privilegium, das ihm Kleidung, Pension und die Freiheit zu betteln gewährt, sich an Hochverrat beteiligen oder mindestens dazu verleiten. Aber nur immer herein mit dem Kerl!« Edie machte seine Ehrenbezeugung und stand dann, wie gewöhnlich, fest und aufgerichtet, das Gesicht ein wenig seitwärts nach oben gekehrt, wie um jedes Wort zu vernehmen, das der Beamte an ihn richten würde. Auf die ersten allgemeinen Fragen, die nur seinen Namen und sein Gewerbe betrafen, antwortete Edie schnell und exakt, aber als der Beamte, nachdem diese Angaben von dem Schreiber zu Protokoll genommen worden waren, die Frage stellte, wo der Bettler sich in der Nacht befunden hätte, als Dusterschieler das bekannte Unglück widerfahren sei, da fing Edie mit Umschweifen an. »Können Sie mir sagen, Herr Amtmann, – und Sie kennen sich ja doch, aufs Gesetz aus – was es für mich für Vorteil haben wird, wenn ich Ihnen auf Ihre Fragen Bescheid gebe?« »Vorteil? Gar keinen jedenfalls, höchstens kann ich Sie in Freiheit setzen, das heißt, wenn Sie wahrheitsgetreue Angaben machen und vor allem unschuldig sind.« »Aber mir kommt es doch vernünftiger vor, wenn Sie, Herr Amtmann, oder alle andern, die mir was nachzusagen haben, jetzt erst mal beweisen, daß ich schuldig bin, – nicht daß ich beweisen soll, daß ich unschuldig bin.« »Ich sitze nicht hier,« sagte der Beamte, »um über Rechtsfragen mit Ihnen zu debattieren. Ich frage, wollen Sie nun antworten auf die Frage, ob Sie an dem von mir genannten Abend bei dem Förster Ringan Eichholz gewesen sind?« »Wahrhaftig, Herr, ich möchte nicht behaupten, daß ich mich noch genau darauf besinnen könnte,« antwortete der vorsichtige Bettler. »Oder ob Sie im Laufe dieses Tages oder dieser Nacht,« fuhr der Beamte fort, »mit Steenie oder Steffen Mucklebackit zusammengetroffen sind? – Den Mann haben Sie doch wohl gekannt, wie?« »O, sehr gut hab' ich Steenie gekannt, den armen Jungen,« antwortete der Gefangene, »aber ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich ihn in der letzten Zeit gesehen habe.« »Sind Sie im Laufe dieses Abends' zu irgendeiner Zeit in den Ruinen von St. Ruth gewesen?« »Amtmann Kleinhans,« sagte der Bettler, »wenn Euer Ehren nichts dagegen haben, dann wollen wir einer langen Geschichte rasch ein Ende machen, und ich will Ihnen sagen, ich habe nicht die geringste Lust, irgendeine dieser Fragen zu beantworten. Ich bin ein viel zu alter Landstreicher, als daß ich mir noch das Maul verbrennen sollte.« »Schreiben Sie,« sagte der Beamte, »der Beschuldigte weigert sich auf irgendwelche Fragen zu antworten, aus Rücksicht darauf, daß er sich, wenn er die Wahrheit sagte, in Verlegenheiten bringen könnte.« »Nein, nein,« sagte Ochiltree, »ich will nicht, daß das zu Papier gebracht wird als Antwort von mir – ich wollte damit nur gesagt haben, daß es, soweit ich für meine Person mich erinnern kann, noch nie zu was gutem geführt hat, wenn man müßige Fragen beantwortet.« »Schreiben Sie,« sagte der Amtmann, »der Beschuldigte kennt sich durch langjährige Erfahrung auf gerichtliche Verhöre aus, und da er oft Nachteil dabei erfahren hat, wenn er ihm vorgelegte Fragen beantwortet hat, so verweigert er – –« »Nein, nein, Amtmann,« wiederholte Edie, »auch auf diese Weise lasse ich mich nicht von Ihnen fangen.« »Dann diktieren Sie die Antwort selber, Freund,« sagte der Beamte, – und der Schreiber wird sie wörtlich, wie Sie sie sagen, niederschreiben.« »Na, ja, na, ja,« sagte Edie, »das nenn ich doch ehrlich gehandelt. Das will ich tun, ohne weiter Zeit zu versäumen. – Also, Nachbar, Sie können hinschreiben, daß Edie Ochiltree, der Beschuldigte, sich die Freiheit nimmt, –nein, das darf ich auch nicht sagen, – ich bin kein Freiheitsmensch, – bei den Aufständen in Dublin hab' ich gegen diese Sorte gefochten, und außerdem eß' ich nun schon eine liebe lange Zeit des Königs Brot. Halt, lassen Sie mal sehen – ja – jawohl – schreiben Sie, daß Edie Ochiltree, der Blaurock, für sich das Privilegium – geben Sie acht, daß Sie das Wort auch richtig schreiben, es ist so lang – das Privilegium, das alle Untertanen dieses Landes genießen, beansprucht, nicht ein Wort auf alle heute an ihn gestellten Fragen zu antworten, ehe ihm nicht gezeigt wird, was es für einen Zweck haben soll. Das schreiben Sie hin, Sie Mann.« »Also, Edie,« sagte der Beamte, »da Sie mir keine Auskunft in der Sache geben wollen, muß ich Sie wieder ins Gefängnis schicken, bis Sie nach erledigter Anklage herausgelassen werden können.« »Nun ja doch, Herr, sofern es des Himmels und der Menschen Wille ist, du liebe Güte, so muß ich mich halt drein schicken,« versetzte der Schnorrer. »Gegen das Gefängnis hab' ich nichts weiter einzuwenden, nur ist es eine böse Sache, daß man überhaupt nie ein bißchen raus kann. Und wenn es Ihnen, Herr Amtmann, recht wäre, dann will ich auch mein Wort darauf geben, daß ich an Gerichtsstelle erscheinen will an jedem Tage und an jedem Orte, wohin ich bestellt werde.« »Ich denke, mein guter Freund,« antwortete Amtmann Kleinhans, »Ihre Bürgschaft ist nicht weit her, wenn Ihnen der Hals in der Schlinge sitzt. Ich möchte fast glauben, Sie würden auf alle unsere Vorladungen pfeifen. Aber wenn Sie mir eine ausreichende Sicherheit geben könnten, dann schließlich ...« In diesem Augenblicke traten der Altertümler und Kapitän M'Intyre herein. »Guten Morgen, meine Herrn,« sagte der Beamte, »Sie finden mich bei meiner schweren Berufsarbeit, wie gewöhnlich – beschäftigt, die Vergehen des Volkes zu ahnden – für die res publica zu sorgen, – Herr Oldbuck – dem König unserm Herrn zu dienen, Kapitän M'Intyre – denn Sie wissen doch Wohl, daß ich zum Schwerte gegriffen habe.« »Das Schwert gehört ja wohl auch zu den Wahrzeichen der Justiz,« antwortete der Altertümler. »Aber ich hätte geglaubt, die Wagschale hätte Ihnen besser angestanden, Herr Amtmann.« »Sehr gut, Monkbarns, ausgezeichnet, aber ich nehme das Schwert nicht als Justizbeamter, sondern als Soldat zur Hand – allerdings sollte ich richtiger sagen, Flinte und Bajonett – dort stehen sie an der Lehne meines Stuhles. Ich bin nämlich noch nicht imstande mitzuexerzieren – ein kleiner Anfall von meinem alten Bekannten, dem Podagra – aber ich kann ja die Beine ruhig halten, während unser Sergeant mich in der Handhabung unterweist. Ich möchte gern wissen, Kapitän M'Intyre, ob er es richtig macht.« Mit diesen Worten hinkte er zu seinem Gewehr, um zu erklären, was ihm zweifelhaft erschiene, und seine Fortschritte zu zeigen. »Es ist eine wahre Lust, so eifrige Verteidiger zu haben, Herr Amtmann,« sagte Herr Oldbuck, »und ich denke, Hektor wird Sie zufrieden stellen, indem er Ihnen seinen Beifall zu Ihren Fähigkeiten in diesem neuen Gewerbe ausspricht. Aber wir haben jetzt andres zu tun, also lassen Sie den Krieg ruhen.« »Schön, mein guter Herr,« sagte der Amtmann, »und was haben Sie zu befehlen?« »Hier steht ein alter Bekannter von mir, mit Namen Edie Ochiltree, den ein paar von Ihren Myrmidonen ins Gefängnis gebracht haben, weil er diesen Kerl, den Dusterschieler, überfallen haben soll, von dessen Anklage ich nicht ein Wort glaube.« Der Beamte nahm eine ernste Miene an. »Sie sollten doch wohl wissen, daß er unter der Anklage des Diebstahls steht, nicht nur des Überfalls – das ist eine sehr schwere Sache – solche Verbrechen sind mir nicht oft zur Kenntnis gekommen.« »Und,« setzte Oldbuck hinzu, »da haben Sie sich, nun drauf versteift, dieses Ereignis nun auch nach Kräften auszuschlachten. Aber steht die Sache dieses alten Mannes wirklich so schlecht?« »Es ist eigentlich gegen die Vorschrift,« sagte der Amtmann, »da Sie aber selber Friedensrichter sind, Monkbarns, so kann ich Ihnen ja ruhig die Erklärung Dusterschielers zeigen und was sonst die Voruntersuchung zu Tage gefördert hat.« Und er legte dem Altertümler die Papiere in die Hand, der die Brille aufsetzte und sich in eine Ecke zurückzog, um sie durchzulesen. Die Beamten erhielten Weisung, ihren Gefangenen inzwischen in ein andres Zimmer zu bringen, aber zuvor benutzte M'Intyre die Gelegenheit, den alten Edie zu begrüßen und ihm eine Guinea in die Hand zu stecken. »Gott segne Ihro Gnaden,« sagte der Alte, »die Gabe kommt von einem jungen Soldaten und sollte sicherlich einem alten nur Gutes bringen. Ich will sie nicht zurückweisen, obwohl es gegen meine Grundsätze ist. Aber wenn sie mich hier einsperren, dann werden meine Freunde mich Wohl bald vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn – das ist ein altes Sprichwort. Und für mich, der ich ein Königsbettler bin und in der ganzen Welt betteln darf, würde es sich nicht geziemen, wenn ich zum Fenster heraus mit einem Strumpfe an einer Schnur nach Hellern angeln wollte.« Und er machte seine Ehrenbezeugung und wurde aus dem Zimmer hinausgeführt. Die Erklärung des Herrn Dusterschieler enthielt eine übertriebene Darstellung der ihm zugefügten Tätlichkeit und seines Verlustes. »Wonach ich ihn aber gern gefragt hätte,« sagte Monkbarns, »das ist, was er wohl in den Ruinen von St. Ruth, einem so einsamen Ort, zu einer solchen Stunde und mit einem solchen Gefährten wie Edie Ochiltree zu suchen hatte. Eine Chaussee führt nicht dort vorbei, und ich kann mir nicht denken, daß die bloße Lust am Malerischen den Deutschen in einer solchen stürmischen Nacht dorthin geführt haben sollte. Verlassen Sie sich darauf, er hat irgend eine Spitzbüberei vorgehabt und ist ohne Zweifel nur in eine selbst gestellte Falle gelaufen. Nec lex justitior ulla .« Der Beamte gab zu, es sei etwas Geheimnisvolles an diesem Umstände und entschuldigte sich, daß er Dusterschieler nicht befragt habe, weil er seine Aussage aus freien Stücken gemacht hätte. Aber zur Bekräftigung der Anklage legte er ihm die Zeugenaussage Eichholzens vor, der darüber Auskunft gegeben hatte, in welchem Zustand Dusterschieler gefunden worden sei, und der ferner die sehr wichtige Tatsache bekannt gegeben hatte, daß der Bettler in der Nacht die Scheune, in der er geschlafen habe, verlassen habe und auch nicht dorthin zurückgekehrt sei. Zwei Angestellte der Fairporter Beerdigungsanstalt, die in jener Nacht bei dem Begräbnis der Gräfin von Glenallan zu tun gehabt hätten, hatten ferner bekundet, sie seien hinter zwei Leuten hergeschickt worden, die St. Ruth verlassen hätten, sobald der Leichenzug angekommen wäre. Man hätte geglaubt, daß die beiden von dem Leichenschmuck etwas hätten stehlen wollen. Auf der Verfolgung hätten sie sie mehrmals aus den Augen verloren, weil das Gelände dort so uneben sei, daß es sich schlecht reiten ließe. Sie hätten sie aber immer wieder entdeckt, und schließlich hätten sie sie in Mucklebackits Hütte gehen sehen. Einer der Leute gab auch noch an: er, Zeuge, sei vom Pferde gestiegen und an das Fenster der Hütte getreten. Da habe er den alten Blaurock und den jungen Steenie Mucklebackit mit den andern essen und trinken sehen. Er habe ferner bemerkt, wie Steenie Mucklebackit den andern eine Brieftasche gezeigt habe. Er, Zeuge, habe daher nicht daran gezweifelt, daß Ochiltree und Steenie Mucklebackit die Männer gewesen waren, denen sie hätten nachreiten müssen. Als der Zeuge gefragt worden war, warum er nicht in besagte Hütte hineingegangen sei, hatte er erklärt, dazu sei er nicht befugt gewesen. Überdies seien ihm Mucklebackit und seine Familie als grobe Leute bekannt, und er habe daher keine Lust gehabt, sich in ihre Angelegenheiten hineinzumischen. Dies habe er der Wahrheit getreu bekundet usw. usw. »Was sagen Sie nun zu diesen schwerwiegenden Beweisen gegen Ihren Freund?« fragte der Beamte, als er sah, daß der Altertümler das letzte Blatt umgedreht hatte. »Jenun, wenn es sich um eine andre Person handelte, dann würde ich gewiß sagen, die Sache sähe prima facie recht häßlich aus, aber ich kann nicht gut zugeben, daß jemand Unrecht hätte, wenn er Dusterschieler durchprügelt. Wäre ich nur ein wenig jünger oder hätte ich einen Funken von Ihrem kriegerischen Genius, Amtmann, so hätte ich es schon längst selber getan. Er ist nebulo nebulonum , ein unverschämter, schwindelhafter, lügnerischer Quacksalber, dessen Schurkereien mich hundert Pfund gekostet haben und meinen Nachbar, Sir Arthur, wer weiß wieviel. Und nebenbei, Amtmann, ich glaube nicht einmal, daß er ein zuverlässiger Freund der Regierung ist.« »Wirklich!« rief Amtmann Kleinhans. »Wenn ich das genau wüßte, das würde allerdings die Sache erheblich anders gestalten.« »Richtig. Indem er ihn geprügelt hat,« bemerkte Oldbuck, »hat der Bettler bewiesen, daß er dem König dankbar ist und mit den Feinden des Königs kein Federlesen macht. Und wenn er ihn beraubt hätte, so hätte er nur einen Ägypter geplündert, den seines Reichtums zu entkleiden gesetzlich erlaubt ist. Nehmen Sie an, daß dieses Erscheinen in den Ruinen von St. Ruth mit Politik zu tun hatte, – und diese Geschichte von verborgenen Schätzen bloß nur ein Köder von der anderen Seite des Kanals für irgend eine hohe Person oder das Kapital, das einem revolutionären Klub das Bestehen sichern sollte?« »Mein Herr!« rief der Beamte, »Sie nehmen mir die Gedanken aus dem Kopf! Wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn ich das bescheidene Werkzeug würde, solchen Gesellen das Handwerk zu legen! – Meinen Sie nicht, es wäre besser, wir riefen die Freiwilligen zusammen und gäben die Parole aus: Drauf und dran!« »Na, jetzt gleich noch nicht, weil das Podagra die Freiwilligen eines bedeutenden Mitgliedes berauben würde. – Aber wollen Sie mich mal den Ochiltree ins Gebet nehmen lassen?« »Gewiß. Sie werden aber erst recht nichts mit ihm anfangen können. Er gab mir deutlich zu verstehen, daß er wisse, wie gefährlich es sei, als Angeklagter vor Gericht eine Aussage zu machen. Dadurch sei schon mancher ehrlicherer Mann, als er, an den Galgen gekommen.« »Na, aber, Amtmann,« sagte Oldbuck, »Sie haben also nichts dagegen, wenn ich mir den Gefangenen vornehme?« »Nicht das geringste, Monkbarns. – Unten hör ich den Unteroffizier, wir werden derweil noch ein paar Griffe klopfen. – Junge, trage mein Gewehr und Seitengewehr in die Stube unten, dort machts weniger Lärm, wenn wir Chargierungen machen.« Und so ging der kriegerische Amtmann hinaus. »Hektor, mein Junge,« sagte Oldbuck, »häng dich an ihn. Häng dich an ihn. Beschäftige ihn auf eine halbe Stunde, mein Sohn – füttre ihn mit ein paar Kriegslehren – lobe seine Uniform und seine Tüchtigkeit.« Kapitän M'Intyre, der wie viele seines Berufes mit unendlicher Verachtung auf diese bürgerlichen Soldaten blickte, erhob sich nur widerstrebend und bemerkte, er wisse nicht, was er zu Herrn Kleinhaus sagen solle, und es sei doch zu lächerlich, einen solchen alten von der Gicht geplagten Menschen mit kriegerischen Waffen hantieren zu sehen.« »Kann schon sein, Hektor,« sagte der Altertümler, der, selten jemand unbedingt zustimmte, »kann schon so sein in diesem und in einigen andern Fällen, aber das Land ist eben zurzeit zu vergleichen mit den kleinen Gerichtshöfen, wo die Parteien sich selber vertreten, weil sie nicht Kleingeld genug haben, um sich einen solchen Helden von der Anwaltskammer zu leisten. Im einen Falle läßt sich die Pfiffigkeit und Redegewandtheit der Advokaten entbehren, und so hoffe ich auch, baß wir im andern Falle mit unsern Herzen und Flinten zurecht kommen werden, wenn wirs auch nicht zur Manneszucht solcher Kampfhähne wie Ihr bringen werden.« »Ich habe sicherlich nichts dagegen einzuwenden, Onkel, daß die ganze Welt sich in den Haaren läge und bekämpfe, wenn sie nur mich dabei in Ruhe lassen möchte,« sagte Hektor und erhob sich mit mürrischer Unlust. »Ja, du bist allerdings ein sehr ruhiger Mensch,« brummte sein Oheim. »Du kannst deine Zank- und Kampflust ja keine fünf Minuten lang bezähmen.« Aber Hektor hatte keine Lust, seinen Onkel in dieser Tonart weiter zu hören. Achtzehntes Kapitel. Um nun den Angeklagten zu vernehmen, wozu ihm die Befugnis erteilt worden war, hielt es der Altertümler für besser, sich nach dem Zimmer zu begeben, in das Ochiltree gebracht worden war. Er wollte nicht, daß die Vernehmung irgendwelchen amtlichen Anstrich hätte, deshalb ließ er ihn nicht in das Zimmer des Beamten bringen. Er sah den alten Mann am Fenster sitzen, das aufs Meer hinaussah. Während er auf die Landschaft herabblickte, traten ihm unwillkürlich große Tränen in die Augen und rollten ihm über die Wangen hinab in den grauen Bart. Sein Gesicht war dabei friedlich und ruhig, und seine Haltung sprach Geduld und Ergebung aus. Oldbuck war an ihn herangetreten, ohne bemerkt zu werden, und weckte ihn jetzt aus seinen Betrachtungen mit den freundlichen Worten: »Es tut mir leid, Edie, daß ich Euch in so tiefer Niedergeschlagenheit wegen dieser Sache finde.« Der Bettler fuhr auf, trocknete sich hastig die Augen mit dem Rockärmel, und indem er versuchte, im gewöhnlichen Tone der Gleichgültigkeit und Spottlust zu sprechen, sagte er mit trotzdem merklich zitternder Stimme: »Hätt' mirs denken können, daß Sie es wären, Monkbarns, oder doch so einer wie Sie, der mich hier stört – denn es ist ein großer Vorteil der Gefängnisse und Gerichtshöfe, daß die Herren jederzeit hereindürfen, wenn es ihnen Spaß macht und daß die, die drin sind, gar nicht einmal fragen dürfen, was sie drinnen zu suchen haben.« »Na, Edie, ich hoffe,« sagte Oldbuck, »was Euch augenblicklich Kummer macht, das läßt sich wieder aus der Welt schaffen.« »Und ich hätte gehofft, Monkbarns,« erwiderte der Bettler in vorwurfsvollem Tone, »Sie hätten mich besser gekannt, als daß Sie glauben könnten, ich würde wegen einer solchen Lappalie Tränen vergießen. Haben doch meine Augen schon ganz andres Leid gesehn! – Über ich habe nämlich das arme Mädel, Caxon seine Tochter, gesehen, die suchte Trost, aber es könnt ihr niemand keinen geben. Seit dem letzten Sturm hat man nichts mehr von Leutnant Taffril seiner Brigg gehört. Und im Hafen geht das Gerücht, ein königliches Schiff sei am Riff von Rattray gescheitert und versunken mit Mann und Maus. Gott verhüts! Denn dann war auch der arme junge Lovel, den Sie so gern hatten, Monkbarns, mit zu Grunde gegangen.« »Jawohl! Gott verhüts!« wiederholte der Altertümler angstvoll. »Lieber wollt ich, in Monkbarns flöge der rote Hahn auf! Mein armer teurer Freund und Mitarbeiter! – gleich will ich nach dem Hafen gehen.« »Ich weiß, Sie werden dort nichts weiter hören, als was ich Ihnen sagte, Herr,« entgegnete Ochiltree. »Die Gerichtsdiener hier waren nämlich sehr freundlich (soweit das überhaupt solche Leute sein können) und sie haben alle Zeitungen und Berichte durchgesehen und doch nichts genaues herausbringen können.« »Es kann nicht der Fall, sein – es soll nicht sein,« sagte der Altertümler, »und ich will es nicht glauben. – Taffril ist ein ausgezeichneter Seemann – und Lovel (mein armer Lovel!) hat alle Eigenschaften eines vernünftigen und liebenswürdigen Gefährten zu Lande und Wasser. – Er ist ein so vornehmer edler Charakter, daß ich mit ihm, wenn ich das überhaupt je täte, selbst eine Seereise machen könnte – aber allerdings werde ich das nie tun, höchstens fahr ich mal über den Forth, fragile mecum solvere phasclum. Aber wie gesagt, mit ihm riskierte ichs, denn er ist so einer, an dem die Elemente ihre Rache nicht auslassen würden. Nein, Edie, es ist nicht der Fall und es kann nicht sein. Es ist eine Erfindung der nichtsnutzigen Weibsperson, der Fama, die ich am liebsten mitsamt ihrer Trompete am Galgen sehen würde, denn sie bringt mit ihren Unkenrufen, nur ehrliche Leute aus der Ruhe. – Nun aber sagt mir, wie Ihn in diese Teufelsküche geraten seid.« »Fragen Sie mich, Monkbarns, als Magistratsperson, oder tun Sie es bloß aus persönlichem Interesse?« »Lediglich aus persönlichem Interesse,« versetzte der Altertümler. »Dann tun Sie Ihr Notizbuch und Ihren Bleistift weg, denn ich sage Ihnen nicht ein Sterbenswörtchen, solange Sie das Schreibzeug bei der Hand haben. Die sind für Leute wie unsereinen ein Greuel. Hols der Henker! So ein Federfuchser wie der da drüben, kann schwarz auf weiß was hinschreiben, wofür man dann baumeln kann, ehe man noch überhaupt weiß, was man gesagt hat.« Monkbarns willfahrte der Grille des alten Mannes und steckte sein Notizbuch ein. Nun berichtete Edie mit großem Freimut, was dem Leser an der Geschichte schon bekannt ist. Er erzählte ihm, was in den Ruinen von St. Ruth zwischen Dusterschieler und dessen Gönner vorgefallen war und was er selber mitangesehen hatte. Er gestand offen ein, daß er der Versuchung nicht habe widerstehen können, den Schwarzkünstler noch einmal zu dem Grabe Schwarzrocks zu locken, weil er ihm einmal seine Schwindeleien gründlich habe versalzen wollen. Den Steenie, der ja ein leichtsinniger Bursche gewesen wäre, hätte er ohne Schwierigkeiten dazu bestimmt, ihm behilflich zu sein. So hätten sie beide sich den Jux gemacht, aber die Sache sei zu einem bösern Ende gekommen, als sie beabsichtigt hätten. Was die Brieftasche Dusterschielers anbetreffe, so habe er gleich am Abend noch Steenie gesagt, daß es ihm gar nicht lieb, sei, sie in seinen Händen zu wissen; der Fischer hätte sie aber ganz ohne Absicht an sich genommen, hätte auch vor allen Bewohnern der Hütte fest versprochen, sie am folgenden Tage wieder abzuliefern. Daran hätte ihn dann sein unerwarteter Tod gehindert. Der Altertümler überlegte einen Augenblick und sagte dann: »Euer Bericht klingt sehr nach Wahrheit, und soweit ich die beteiligten Personen kenne, glaube ich auch daran in allen Stücken. Aber ich glaube auch, daß Ihr noch weit mehr wißt, als Ihr sagen wollt, das heißt, was die Schatzgräberei anbelangt. Ich vermute, Ihr habt die Rolle des lar famaliaris im Plautus gespielt, das ist so eine Art Kobold, um ihm einen Namen zu geben, der Euch plausibel ist – der wacht über verborgenen Schätzen. Ich kann mich erinnern, daß Ihr der erste wart, den wir getroffen haben, als Sir Arthur seinen erfolgreichen Fischzug in Schwarzrocks Grab getan hatte, und daß auch Ihr, als die Arbeiter die Sache aufgeben wollten, der erste wart, der in die Grube sprang und den Schatz dann erst entdeckte. Dies alles müßt Ihr mir nun erklären, wenn ich Euch nicht so übel mitspielen soll, wie Euclio der Staphyla in der Aulularia des Plautus.« »Du meine Güte, Herr,« erwiderte der Bettler, – »was weiß ich von Hauluhraria? Das klingt ja wie Hundesprache, aber nicht wie Menschen reden.« »Ihr habt aber doch gewußt, daß die Kiste mit dem Schatz da war?« fuhr Oldbuck fort. »Werter Herr,« antwortete Edie und nahm eine Miene großer Einfalt an, – »wie sollte denn das wohl möglich sein? Meinen Sie denn, ein so armer, alter Kerl hätte von so einer Kiste voll Silber etwas wissen können, und hätte nicht dabei sein Profitchen gemacht? Und Sie wissen doch selber, daß ich gar nichts davon verlangt und auch nichts gekriegt habe? Wie sollte also ich etwas damit zu tun haben?« »Das eben solltet Ihr mir erklären,« sagte Oldbuck, »denn ich bin überzeugt, Ihr habt gewußt, daß der Schatz da war.« »Euer Ehren sind freilich einer, dem man kein X für ein U machen kann, Monkbarns, und ich muß allerdings zugeben, Sie treffen sehr oft den Nagel auf den Kopf.« »Ihr gebt also zu, daß meine Annahme begründet ist?« Edie nickte bejahend. »Dann bitte erklärt mir die ganze Sache von Anfang bis zu Ende,« sagte der Altertümler. »Wenn es mein Geheimnis wäre, Monkbarns,« erwiderte der Bettler, »dann sollten Sie nicht zweimal fragen, denn hinter Ihrem Rücken hab ich's oft gesagt, abgesehen von so einem bißchen Humbug, was Sie sich bisweilen in den Kopf setzen, sind Sie der vernünftigste, klarste Kopf hier unter unserm Landadel. Aber ich will offen zu Ihnen sein und Ihnen sagen, es ist das Geheimnis eines Freundes, und lieber mögen die Richter mich von wilden Pferden zerreißen lassen oder mich auseinander sägen, wie sie's mit den Kindern Ammons getan haben, ehe ich ein Wort weiter über die Sache verrate. Nur das will ich noch sagen, es ist keine böse Absicht dabei, sondern nur ein guter Zweck, und es sollte damit jemand geholfen werden, der mehr wert ist als zweitausend solche Kerle wie ich. Aber so ein Gesetz gibt's doch wohl nicht, daß es einem als Verbrechen ausgelegt werden kann, wenn man weiß, wo andrer Leute ihr Silber liegt, streckt man nur selber nicht die Hände danach aus.« Oldbuck durchmaß ein paarmal das Zimmer in tiefem Sinnen. Er suchte eine Erklärung für so geheimnisvolle Vorkommnisse zu finden. Aber diesmal ließ ihn sein Scharfsinn im Stich. Dann trat er wieder vor den Gefangnen. »Eure Geschichte, Edie, ist ein Rätsel durch und durch, und es müßte erst ein zweiter Ödipus geboren werden, es zu lösen. Wer Ödipus gewesen ist, das sag ich Euch ein andermal, wenn Ihr mich daran erinnern wollt. Aber ob ich es nun der Klarheit im Kopf oder dem Humbug zu danken habe – um im Tone Eures liebenswürdigen Kompliments zu reden – ich fühle mich stark bewogen, zu glauben, daß Ihr die Wahrheit gesagt habt, um so mehr, weil Ihr dabei keine jener Berufungen auf höhere Mächte eingeflochten habt, wie Euresgleichen immer tut, wenn es gilt, andre Leute anzuführen.« (Bei diesen Worten mußte Edie unwillkürlich lächeln.) – »Wenn Ihr mir daher noch auf eine Frage Auskunft geben wollt, so werde ich dafür sorgen, daß Ihr wieder auf freien Fuß gesetzt werdet.« »Die Frage lassen Sie mich doch erst hören,« sagte Edie, mit der Vorsicht eines pfiffigen Schotten, »und dann will ich Ihnen sagen, ob ich drauf antworten will.« »Die Frage ist sehr einfach,« sagte der Altertümler. »Hat Dusterschieler etwas über den Versteck der Silberkiste gewußt?« »Der niederträchtige Schurke!« versetzte Edie im offenherzigsten Tone, »wenn Dusterschieler was davon gewußt hätte, dann wär wohl wenig davon übrig geblieben. Da wär wohl der Bock der Gärtner gewesen. Da wär's wohl gegangen, wie verschwinde, verschwinde, wie die Wurst im Spinde.« »Das hatte ich mir gedacht,« sagte Oldbuck. »Schön, Edie, wenn ich Euch nun auf freien Fuß setzen lasse, dann müßt Ihr auch pünktlich an dem Tage der Vorladung erscheinen, damit ich die Kaution, die ich stellen muß, nicht verliere, denn die Zeiten sind jetzt schlecht, und eigentlich sollte ein vorsichtiger Mann sich gar nicht auf sowas wie eine Kaution einlassen, sofern Ihr verraten könntet, wo noch eine aula auri plena, quadrilibem verborgen ist – eine zweite Suche Nr. I.« »Ach!« sagte der Bettler und schüttelte den Kopf, »ich fürchte, der Vogel, der diese goldnen Eier gelegt hat, ist davon geflogen – denn eine Gans mag ich ihn nicht nennen, wenn er auch im Märchenbuche so heißt. Aber ich werde mich pünktlich, einstellen, Monkbarns, an mir sollen Sie nicht einen Pfennig verlieren. Allerdings wär ich gern wieder draußen, jetzt, wo das Wetter so schön ist – und dann hab ich auch die besten Chancen, von unsern Freunden was zu hören.« »Na, Edie, unten wird nicht mehr gestampft und gedonnert, und so wird wohl der Amtmann Kleinhaus seinen militärischen Lehrmeister wieder weggeschickt haben und nun von der Arbeit des Mars zum Dienste der Themis zurückkehren. Ich will mit ihm reden. Aber von Euern Hiobsbotschaften kann und will ich keine glauben.« »Gott geb's, daß Euer Ehren Recht haben!« sagte der Bettler, als Oldbuck hinausging. Der Altertümler fand den Amtmann erschöpft von den Exerzitien, er lehnte in seinem Sorgenstuhl und summte die Melodie: »'s gibt kein schöner Leben als Soldatenleben!« und nach jeder Zeile nahm er zur Stärkung einen Löffel Mockturtlesuppe. Er ließ für Oldbuck auch eine Portion zur Erfrischung kommen, der aber schlug es ab mit dem Bemerken, er sei kein Militär und Pflege außer seinen regelmäßigen Eßzeiten nichts zu sich zu nehmen. »Soldaten, wie Sie, Amtmann, müssen im Fluge ihre Brocken aufschnappen, wie sie eben kommen. Aber es tut mir leid, daß schlimme Nachrichten von der Brigg des jungen Taffril im Umlauf sind.« »Ach ja! der arme Bursche! die Stadt konnte stolz auf ihn sein,« sagte der Amtmann, »hat sich am ersten Juni sehr ausgezeichnet.« »Ich glaube nicht eine Silbe davon,« sagte Oldbuck. »Doch nun zu meiner Angelegenheit! Sie müssen für den Alten da Kaution annehmen, Amtmann– hoch, darf sie allerdings nicht sein, verstehen Sie.« »Sie bedenken nicht, was Sie da verlangen,« sagte der Amtmann. »Die Anklage lautet auf Raub und Überfall.« »Pst! gar keine Rede davon!« sagte der Altertümler. »Ich ließ doch vorhin schon so eine Andeutung fallen. Ich werde Ihnen die Sache später noch näher erklären – es ist ein Geheimnis dabei im Spiele, das kann ich Ihnen versichern.« »Aber, Herr Oldbuck, wenn es den Staat betrifft, da habe doch ich, der hier die ganze Plackerei auf sich hat, wirklich einen kleinen Anspruch darauf, mit zu Rate gezogen zu werden, und ehe nicht das –« »Still doch!« sagte der Altertümler, indem er ihm zublinzelte und den Finger an die Nase legte, »Sie sollen die ganze Sache in die Hand bekommen, wenn's erst soweit ist. Aber das ist ein starrsinniger Alter, der nichts davon wissen will, daß zwei Männer in sein Geheimnis eingeweiht sind, und er hat mir noch nicht völligen Einblick in die Schurkereien Dusterschielers verschafft.« »Gut, die Sache soll gemacht werden. Wollen Sie mit Vierhundert Mark für den Alten bürgen?« »Vierhundert Mark für einen alten Blaurock? Nein, streichen Sie eine Null! Mit vierzig Mark will, ich mich einverstanden erklären.« »Na, Herr Oldbuck, jedermann in Fairport tut gern Ihnen einen Gefallen. Ich weiß, Sie sind ein vorsichtiger Mann und würden ebenso ungern vierzig wie vierhundert Mark verlieren. Ich will also Ihre Kaution annehmen – meo periculo .« »Dann mag Ihr Schreiber den Schein aufsetzen und ich will ihn unterschreiben.« Nach Erledigung dieser Förmlichkeit machte der Altertümler Edie die erfreuliche Mitteilung, daß er wieder auf freiem Fuße sei, und forderte ihn auf, sich sogleich in Monkbarns einzufinden, wohin er sich selber nach Vollendung des guten Werkes mit seinem Neffen begab. Neunzehntes Kapitel. Am folgenden Tage befand sich Herr Oldbuck mit seinem Neffen und dem Bettler auf dem Wege zur Hütte Mucklebackits. »Da wären wir angelangt,« sagte Edie, als sie vor der Tür des Häuschens standen. »Möchte nur wissen, warum Sie sich mit mir so viel Schererei machen? Ich sage Ihnen aufrichtig, viel Lust, hier hineinzugehen hab ich nicht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, wie die jungen Leute um mich her dahingegangen, sind und ich als alter nutzloser Strunk zurückgeblieben bin, an dem kaum noch ein Blättchen grün ist.« »Die alte Elsbeth hat Euch als Boten zum Grafen von Glenallan geschickt, nicht wahr?« fragte Oldbuck. »Nanu!« versetzte der erstaunte Bettler. »Woher wissen Sie das?« »Lord Glenallan hat mir's selber gesagt,« antwortete der Altertümler. »Er wünscht, ich soll ihre Aussage über Familienangelegenheiten zu Protokoll nehmen, und deshalb nehme ich Euch mit, denn so wie es mit der Alten steht, die zwischen Irrsinn und Bewußtsein schwankt, ist es möglich, daß Euer Anblick ihre Erinnerung auffrischt, was sich auf andre Weise am Ende nicht erreichen läßt. Der Menschengeist will behandelt sein wie verfilzte Seide, man muß erst ein freies Ende finden, ehe man ans Aufknüpfen gehen kann.« »Davon weiß ich nichts,« sagte der Schnorrer, »aber wenn meine alte Bekannte noch sich selber gleicht, so wird sie uns wohl ein ordentliches Knäuel zu wickeln geben. Es ist förmlich zum Gruseln, wenn sie die Arme bewegt und ihr Englisch spricht wie ein gedrucktes Buch – und dabei ist sie bloß einem alten Fischer sein Weib. Aber freilich, sie hat eine gute Schule genossen und hatte viel los, als sie ein wenig unter ihrem Stande heiratete. Sie kann etwa zehn Jahre älter sein als ich, aber ich besinne mich noch gut darauf, es wurde viel davon gesprochen, als sie den Simon Mucklebackit, Saunders'n seinen Vater, geheiratet hatte. Wie wenn sie eine Adelige gewesen wäre. Sie haben viel Geld bekommen und dann sind sie aus dem Grundgebiet der Gräfin weggezogen und haben sich hier niedergelassen. Aber sie haben es nie zu was bringen können, es hat ihnen nichts so recht geglückt. Aber sie ist doch sehr gebildet, und wenn sie mit ihrem Englisch loslegt, dann kann sie uns allen eine Nuß zu knacken geben.« Als der Altertümler die Tür öffnen wollte, war er nicht wenig erstaunt, als er Elsbeth in grausig klagendem Tone eine alte Ballade singen hörte: »Der Hering gern das Mondlicht sieht, Den Wind liebt die Makrele, Doch die Auster liebt ein Fischerlied, Denn sie ist von edlerer Seele.« Als sorgfältiger Sammler dieser sagenhaften Brocken antiker Poesie, blieb er vor der Schwelle stehen und griff unwillkürlich zu Notizbuch und Bleistift. Von Zeit zu Zeit wisperte die Alte dazwischen, als spräche sie zu Kindern: »Eia popeia, Kinderchens! Bisch! Bisch! Ein hübscheres Liedchen nun!« »Nun, Frau'n und Männer, schweigt hübsch brav Und groß und klein gebt acht, Ich singe vom Glenallan Graf, Der schlug die Harlaw-Schlacht. Am Bennachie der Pibroch klang, Am Don und ringsumher, Gar blutig war der Waffengang, Das Hochland trauert schwer. Den nächsten Vers kann ich nicht mehr, mein Gedächtnis ist jetzt so schwach, und ich hab an so mancherlei zu denken gehabt. Der Herr führe uns nicht in Versuchung!« Ihre Stimme erstarb in undeutlichem Murmeln. »Es ist eine historische Ballade!« sagte Oldbuck begierig. »Ja, aber es ist doch recht traurig,« sagte der Bettler, »wenn man ein Menschengemüt so völlig zerstört sieht, daß es alte Balladen singt, wo doch eben im Hause der Tod zu Gaste gewesen ist.« »Still! Still!« sagte der Altertümler. »Sie hat wieder angefangen.« Und ehe er noch ausgeredet hatte, erklang das Lied: »Gezäumt die Rappen stehn zu Hauf, Die Schimmel sonder Zahl, Und stolze Ritter satteln auf, Von Kopf zu Fuß in Stahl. Kaum eine Meile ging's im Trab – Holla! was ficht euch an? Sprengt Donald nicht ins Tal herab Mit zwanzigtausend Mann? Breit weht der Banner stolzer Schwall, Die Schwerter blinken hell, Der Pibroch klingt im Widerhall, Er schmettert laut und grell. Der Graf im Bügel hoch sich hob Und rief im Jubel aus: Auf, Ritter werb um Ruhm und Lob, Hier gilt es harten Strauß! Was möchte wohl, mein Knappe brav, Jetzt deine Losung sein, Wärst du von Glenallan der Graf Und ich wär Roland Cheyne? Flucht wäre Schande, Knappe mein, Und Kampf bringt Todesschlaf! Was tätst du nun, mein Roland Cheyne, Wärst du Glenallans Graf? »Ihr müßt wissen, Kinderchen, dieser Roland Cheyne, so arm und alt ich auch hier am Kamin sitze, war mein Vorfahr, und ein fürchterlicher Mann war er an diesem Tage in der Schlacht, besonders seit der Graf gefallen war. Denn er machte sich's selber zum Vorwurf, daß er diesen Rat gegeben hatte, den Kampf zu wagen.« Ihre Stimme klang lauter, als sie den kriegerischen Rat ihres Ahnherrn sang: »Wär ich der Graf Glenallan, traun, Und Ihr wärt Roland Cheyne, So ließ ich schießen Rappes Zaum, Den Sporn drückt ich ihm ein. Und sind sie tausend auch an Zahl Und wir nur ein paar Schock, So tragen wir das Kleid von Stahl, Sie nur den Schottenrock. Mein Roß braust ihre Reih'n hindurch, Wie es durchs Moorland bricht, Wer edle Normann kennt die Furcht Vor Hochlandsknappen nicht.« »Hörst du, Neffe,« sagte Oldbuck, »deine gälischen Ahnen standen nicht eben in hoher Achtung bei den Kriegern des Tieflandes.« »Ich höre,« sagte Hektor, »ein schwachsinniges altes Weib eine blödsinnige Ballade singen. Ich bin überrascht, Onkel, daß du, der du von Ossians Gesängen nichts hören willst, an solchem Tratsch Geschmack findest. Ich habe noch nie eine armseligere Dreierballade gehört, und ich glaube, bei jedem Hausierer oder Bänkelsänger finden wir bessere. Es wäre eine Schande, wenn ein solches Gefasel an der Ehre des Hochlandes rühren könnte.« Und er warf den Kopf in die Höhe und schnaufte verächtlich. Die Alte hörte wohl ihre Stimmen, denn sie brach ihr Lied ab und rief: »Nur herein, ihr Herren, nur herein, wer in guter Absicht kommt, bleibt nicht auf der Schwelle stehn.« Sie traten ein, und zu ihrer Verwunderung sahen sie die Alte ganz allein. Wie ein Gespenst saß sie am Herde, runzlig, elend und widerlich, wackelnd und zitternd, triefäugig und von mißfarbiger Leichenblässe. »Sie sind alle fort,« sagte sie, als die Männer eintraten, »wenn Ihr aber ein Weilchen Platz nehmen wollt, es wird bald wer kommen. Wenn ihr mit meiner Schwiegertochter oder mit meinem Sohne was zu besorgen habt, die werden wohl bald da sein. Ich selber kümmre mich nie um Geschäfte. Kinderchen, gebt Stühle her – ja so, die Kinder sind wohl auch weg.« Sie sah sich um. »Ich habe lange gesungen,« fuhr sie fort, »damit sie still sein sollten, aber nun sind sie auf und davon. Nehmt nur Platz, ihr Herren, es wird bald wer kommen.« Sie ließ die Spindel, die sie hielt, aus der Hand gleiten, daß sie auf dem Boden sich tanzend drehte. Bald schien sie nur noch mit ihrer Spinnerei beschäftigt und schien von der Anwesenheit der Fremden gar nichts mehr zu wissen. »Edie,« sagte der Altertümler, »versucht, ob Ihr sie daran erinnern könnt, daß sie Euch nach Glenallan-Haus geschickt hat!« Edie erhob sich und stellte sich in derselben Haltung vor sie hin, die er in ihrem frühern Gespräch innegehabt hatte. »Freut mich, daß ich Euch so wohl und munter wieder finde, zumal, seit ich das letztemal hier war, der Tod in Euerm Hause eingekehrt ist.« »Ja,« sagte Elsbeth, der aber freilich nur eine allgemeine Vorstellung von erfahrenem Mißgeschick vorschwebte, ohne daß sie sich des einzelnen Vorfalles der letzten Zeit noch erinnerte, »wir haben Kummer gehabt. Mich wundert's nur, wie die jüngern Leute es überwinden. Mich drückt es schwer. Ich kann den Wind nicht pfeifen und die See nicht heulen hören, dann seh ich schon das Boot kieloben treiben und die Ertrinkenden mit den Wogen ringen. – Ach, ihr Herren, schlimme Träume hat man zwischen Schlafen und Wachen, ehe man zum langen tiefen Schlafe kommt. Manchmal ist mir ganz so, als wär mein Sohn oder Steenie gestorben und ich hätte gesehen, wie sie ihn zu Grabe getragen haben. Ist das nicht ein schnurriger Traum für eine alte, taube Bettel? – Das ist ganz gegen die Natur.« »Ich glaube, mit dieser blödsinnigen Alten wird wenig anzufangen sein,« sagte Hektor verächtlich. »Wir vergeuden nur Zeit, wenn wir hier sitzen und ihr Gefasel mitanhören.« »Hektor,« sagte der Altertümler, »wenn du auch ihr Unglück nicht respektierst, so ehre wenigstens ihr Alter und ihre grauen Haare – es ist dies das letzte Stadium des Daseins, das der lateinische Dichter so fein beschreibt: Membrorum damno major dementia, quae omni nec Nomina servorum, nec vultus agnoscit amici, Cum quo praeterita coenavit nocte, nec illos, Quos genuit, qos eduxit Schrecklicher noch als aller Glieder Verlust ist der Wahnsinn, Der nicht die Namen der Sklaven erkennt, noch das Antlitz des Freundes, Welcher Abends zuvor mit ihm saß beim Mahle, noch jene, Die er erzeugt und erzogen... »Das ist lateinisch!« sagte Elsbeth, und richtete sich auf, als lauschte sie den Versen, die der Altertümler mit feierlicher Betonung sprach, »das ist lateinisch.« Und sie warf einen wilden Blick um sich her. »Hat endlich ein Priester mich aufgesucht? Ich will keinen Priester haben,« begann sie wieder mit ohnmächtigem Ingrimm. »Wie ich gelebt habe, so will ich sterben. Niemand soll sagen, daß ich meine Herrin verraten habe, wär's auch um meine Seele zu retten.« »Das hat ein böses Gewissen gesprochen,« sagte der Bettler, »gewiß möchte sie gern sich der Schuld entladen, wär's nur um ihrer selbst willen.« Und er drang von neuem in sie. »He, Alte, Ihre Botschaft an den Grafen hab ich ausgerichtet.« »An was für einen Grafen? Ich kenn keinen Grafen. Eine Gräfin hab ich früher Mal gekannt. Denn aus dieser Bekanntschaft, Nachbar, da kam –« und sie zählte an ihren verwelkten Fingern ab, während sie sprach: »erst Stolz, dann Hinterlist, dann Rache, dann falsches Zeugnis, und auch der Mord hat angepocht, wenn er auch nicht hereinkam. Und sind das nicht angenehme Gäste gewesen im Herzen eines Weibes, wie? Ich meine, es war eine stolze Gesellschaft.« »Aber, Mütterchen, ich spreche ja gar nicht von der Gräfin Glenallan,« fuhr der Bettler fort, »sondern von ihrem Sohne, dem Lord Geraldin.« »Jetzt versteh ich,« sagte sie. »Hab ihn gar lang nicht gesehen, und wir haben eine schwere Besprechung miteinander gehabt. Ach, Herren, der schmucke junge Lord ist so alt und gebrechlich geworden wie ich. So richtet Herzeleid und zerstörtes Liebesglück das junge Blut hin. Aber darum hätte seine Mutter sich kümmern müssen. Wir waren ja nur ihre Diener und Untertanen, wißt ihr. Mir kann gewiß niemand einen Vorwurf machen. Er war ja nicht mein Sohn und sie war meine Gebieterin. Und er war ja auch nur ein Halbblut, aber in ihr floß das reine, echte Blut der Glenallans. Nein, nein, was ich für die Gräfin Joscelinde getan habe und gelitten habe, das tut mir nicht leid. Das wird mir nie leid tun.« Sie zog den Flachs vom Rocken mit der verstockten Miene einer Person, die nicht beichten will, und fuhr mit Spinnen fort. »Wie ich gehört habe, Alte,« sagte der Bettler und begann nun mit dem, was Oldbuck ihm von der Familiengeschichte erzählt hatte, »wie ich gehört habe, sollen zwischen dem Grafen, das heißt Lord Geraldin, und seiner Braut böse Zungen Unheil gestiftet haben?« »Böse Zungen?« sagte sie rasch und bestürzt. »Und was hatte denn sie von bösen Zungen zu befürchten? Sie war gut und schön – so sagte wenigstens alle Welt. Aber wenn sie nur selber die Zunge vor andern Leuten im Zaume gehalten hätte, dann hätte sie wie eine Lady trotz allem noch heute dastehn können.« »Aber wie ich gehört habe,« fuhr Ochiltree fort, »ging im Lande das Geklatsch, sie wären beide zu nahe miteinander verwandt gewesen, als sie sich trauen ließen?« »Wer wagt's, davon zu sprechen?« versetzte die Alte hastig. »Wer wagt's zu sagen, sie hätten sich trauen lassen, sie wären verheiratet gewesen? – Wer hat davon etwas gewußt? – Die Gräfin nicht – ich nicht – wenn sie sich heimlich geheiratet haben, so sind sie heimlich wieder geschieden worden. Sie tranken von der Quelle ihres eignen Betruges.« »Nein, verwünschte Bettel,« rief Oldbuck, der nicht länger still sein konnte, »getrunken haben sie von dem Gift, das du und deine gottlose Herrin ihnen gebraut habt.« »Ha ha!« versetzte sie. »Hab ich's doch gedacht, daß es dahin kommen würde. Wenn sie mich verhören wollen, dann brauch ich nur ganz still zu sitzen. Tortur gibt's ja nicht mehr heutzutage – und, gäb es sie noch, meinetwegen mögen sie mich zerreißen! Schlecht ständ es um den Mund eines Dieners, der den verrät, des Brot er ißt.« »Sprecht mit ihr, Edie,« sagte der Altertümler, »sie kennt Eure Stimme und gibt bereitwillig darauf Antwort.« »Wir werden nichts mehr aus ihr herauskriegen,« sagte Ochiltree, »wenn sie sich so niedergehockt hat und die Arme so über der Brust gekreuzt hat, dann soll sie, wie die Ihren sagen, wochenlang nicht ein Wort reden. Und nebenbei kommt mir's so vor, als wenn ihr Gesicht sich, seit wir hereingekommen sind, auffallend verändert hätte. Aber ich will's noch mal mit ihr versuchen, um Euer Ehren einen Gefallen zu tun. – Es ist Ihnen also nicht mehr in Erinnerung, Mütterchen, daß Ihre alte Herrin, die Gräfin Joscelinde, begraben worden ist?« »Begraben!« rief sie, denn dieser Name übte noch immer seine Wirkung auf sie. »Dann müssen wir also folgen. Alle müssen reiten, wenn sie im Sattel sitzt. Dem Lord Geraldin sollen sie sagen, wir wären voraus geritten. Bringt mir Hut und Schärpe – ich kann doch nicht zu meiner Herrin in den Wagen steigen mit so liederlichem Haar!« Sie hob die verschrumpften Arme und schien beschäftigt, sich den Mantel umzuhängen, dann ließ sie die Arme langsam und steif sinken, und dieselbe Idee einer Reise ging ihr noch durch den Kopf und sie faselte überstürzt und abgebrochen weiter: »Ruft Fräulein Neville. – Was wollt Ihr mit Lady Geraldin? Fräulein Neville sagt ich – nicht Lady Geraldin – eine Lady Geraldin gibt's nicht – sagt ihr das, und sie soll ihr nasses Kleid ausziehen und nicht so bleich dreinschauen. Ein Kleines? – Was sollte sie mit einem Kindchen zu tun haben? – Mädchen kriegen doch keins. Theresa, Theresa – die Gnädige ruft uns! Bringt eine Kerze, die große Treppe ist finster wie die Mitternacht – wir kommen, Gnädige!« Mit diesen Worten sank sie auf ihren Sitz zurück, und von da der Länge nach auf die Dielen. Edie lief hin, sie zu stützen, aber er hatte sie kaum aufgefangen, so rief er: »Es ist alles vorbei – mit dem letzten Wort ist sie hinüber.« »Unmöglich!« rief Oldbuck und trat herzu. Hektor eilte an seine Seite. Aber es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mit dem letzten hastigen Worten hatte sie den Geist aufgegeben, und nichts war verblieben, als die sterblichen Reste des Geschöpfes, das so lange mit dem Bewußtsein verborgener Schuld und mit allem Jammer des Alters und der Armut gerungen hatte. Zwanzigstes Kapitel. Von der Zeit an, da Sir Arthur den Schatz im Grabe Schwarzrocks gefunden hatte, hatte Sir Arthur sich in einer Stimmung befunden, die mehr einer Verzücktheit als vernünftiger Verständigkeit glich. Einmal hatte seine Tochter wirklich für seine fünf Sinne gefürchtet, denn, da er tatsächlich das Geheimnis zu besitzen wähnte, zu unermeßlichem Reichtum zu gelangen, so sprach er und benahm sich ganz wie jemand, der den Stein der Weisen gefunden hatte. Er sprach davon, ausgedehnte Güter anzukaufen, die vom einen Ende der Insel bis zur andern sich erstrecken sollten, wie wenn er fest entschlossen wäre, keinen Nachbar, als die See neben sich zu dulden. Mit einem berühmten Baumeister verhandelte er über den Neubau seines väterlichen Schlosses. Ein riesiger Park sollte gleichfalls angelegt werden. Scharen von Dienern in prächtigen Livreen sah er schon in seinen Sälen stehen und die Krone eines Marquis oder Herzogs (denn der Reichtum gibt ja Anspruch auf alle Ehren) strahlte ihm vor den Augen. Und auf welche Partien hatte nicht seine Tochter nun Anrecht? Sogar ein Schwiegersohn aus königlichem Blute lag nicht außer der Sphäre seiner Hoffnung. Seinen Sohn sah er schon als General – und sich selber auf einem Posten, wie ihn höchster Ehrgeiz nur irgend in seinen wildesten Phantasten erträumen kann. Der Leser wird sich die Verwunderung Fräulein Wardours denken können, als sie nicht, wie sie erwartet hatte, in Verhör wegen Lovels Liebeswerbungen genommen wurde, sondern daß sie aus allen Worten ihres Vaters nur entnehmen konnte, wie sehr all sein Denken und Trachten erhitzt war von der Hoffnung auf den grenzenlosesten Reichtum. Aber in ernste Unruhe geriet sie, als Dusterschieler nach dem Schloß geholt wurde – als sich ihr Vater mit ihm einschloß – ihm zu seinem Unfall sein Beileid aussprach – ihn in Schutz nahm und ihm den erlittenen Verlust ersetzte. Das Mißtrauen, das sie so schon gegen den Mann gehegt hatte, stieg noch, als sie ihn so eifrig bemüht sah, die goldnen Träume ihres Vaters zu nähren und unter den mannigfachsten Vorwänden sich soviel wie irgendmöglich von dem Sir Arthur so seltsam in die Hände gefallenen Schatze zu sichern. Andere böse Anzeichen machten sich eines nach dem andern bemerkbar. Briefe kamen mit jeder Post, die Sir Arthur, sobald sie kamen, von allen Seiten betrachtete und dann ins Feuer warf, ohne sie zu öffnen. Fräulein Wardour konnte sich des Argwohns nicht erwehren, daß diese Briefe, deren Inhalt ihr Vater sozusagen zu wittern schien, von drängenden Gläubigern kamen. Die Hilfe, die ihm vorübergehend der gefundene Schatz gewährt hatte, schwand inzwischen rasch dahin. Bei weitem der größere Teil war von dem fälligen Wechsel verzehrt worden, dessen Betrag von sechshundert Pfund Sir Arthur mit unvermeidlicher Katastrophe bedroht hatte. Der Rest ging zu einem Teile an den Adepten, zu anderm Teile wurde er in extravaganten Anschaffungen verschwendet, zu denen der arme Ritter sich angesichts seiner hoch aufgeblühten Hoffnungen durchaus für berechtigt hielt, ein dritter Teil wurde verwendet, um besonders einigen jener rücksichtsvollen Geldleiher »das Maul zu stopfen«, die der ewigen Vertröstungen müde waren und endlich mal etwas Geld sehen wollten. Endlich stellte es sich heraus, daß schon nach wenigen Tagen alles ausgegeben war, auf neuen Zuschuß aber nicht gerechnet werden konnte. Sir Arthur wurde natürlich ungeduldig und machte Dusterschieler von neuem Vorwürfe, daß er seine Versprechungen, alles Blei zu Golde zu machen, nicht erfülle. Dieser Ehrenmann aber hatte jetzt ausgedient und sein Plan stand fest. Er hatte Anstand genug, den Zusammenbruch eines Hauses, das er untergraben hatte, nicht noch mitanzusehen, und gab sich Mühe, Sir Arthur mit einigen Kunstausdrücken abzuspeisen. Er verabschiedete sich von Knockwinnock mit der Versicherung, daß er am folgenden Morgen wiederkommen werde, und zwar mit einer Nachricht, die Sir Arthur aus aller Not befreien würde. »Denn solange ich nun schon auch mich mit diesem Studium befasche,« sagte Hermann Dusterschieler, »soweit bin ich noch nie bis tschum arcanum vorgedrungen, wie man das große Geheimnis nennt. So nahe bin ich noch nie der panchresta – der polychresta gekommen, und ich weiß jetscht soviel davon wie Pelaso von Taranta oder Basilius – und entweder bring ich Ihnen in tschwei bis drei Tagen die Numero drei vom guten Meister Schwartschrock oder Sie mögen mich einen Schurken nennen und mir nie wieder ins Angesicht schauen.« Der Schwarzkünstler ging mit dieser Versicherung, fest entschlossen, den letztern Teil seines Vorschlages möglich zu machen und nie wieder vor seinem hintergangnen Gönner zu erscheinen. Sir Arthur blieb in zweifelhafter angstvoller Stimmung zurück. Die selbstbewußten Versicherungen des Weisen mit den schweren Worten Panchresta, Basilius und so weiter machten ja wohl einigen Eindruck. Aber er war schon oft mit solchem Kauderwelsch genasführt worden, und daher fühlte er sich auch jetzt nicht von allen Bedenken befreit. Er zog sich für den Abend in seine Bibliothek zurück, in der schrecklichen Stimmung eines Mannes, der über einem Abgrunde hängt und, ohne entrinnen zu können, den Stein, auf dem er sitzt, allmählich vom Felsen sich lösen fühlt, um mit ihm in die Tiefe hinabzustürzen. Die Träume der Hoffnung sanken zusammen, und dafür wuchs die fieberhafte Qual der bösen Ahnung, mit der ein in vornehmem Sinne erzogener und an Überfluß und Wohlleben gewöhnter Mann – der überdies der Träger eines alten Namens und Vater zweier blühender vielversprechender Kinder war – die Stunde herannahen sah, die ihn all des Glanzes, ihm mit der Zeit unentbehrlich gewordenen Glanzes berauben und ihn mitten hinein in den alltäglichen Kampf mit der Armut, Habgier und Verachtung werfen sollte. Am dritten Morgen nach dem Verschwinden Dusterschielers, legte der Diener wie gewöhnlich die Zeitungen und Briefe des Tages auf den Frühstückstisch. Fräulein Wardour nahm die Briefe an sich, um ihrem Vater, der schon sich heftig geärgert hatte, weil das geröstete Brot zu scharf gebräunt war, neuen Verdruß zu ersparen. »Ich sehe schon, wie es sich verhält,« sagte Sir Arthur, »meine Diener haben mein Glück mit mir geteilt – jetzt aber denken sie, es ist in Zukunft doch nicht viel mehr bei mir zu holen. Aber solange ich noch der Herr dieser Schurken bin, solange will ich es sein und mir keine Nachlässigkeiten bieten lassen – nicht eines Haares Breite sollen sie mir von dem Respekt versagen, den ich berechtigt bin, von ihnen zu verlangen.« »Ich bin bereit, den Dienst Euer Ehren auf der Stelle zu quittieren,« sagte der Diener, dem das Versehen mit dem Frühstücksbrot vorgeworfen worden war, »sobald Sie mir meinen Lohn auszahlen lassen.« Wie von einer Schlange gestochen, fuhr Sir Arthur mit der Hand in die Tasche und langte sofort das Geld heraus, das er darinnen hatte – es langte aber nicht für die Ansprüche des Mannes. »Was haben Sie für Geld bei sich, Fräulein Wardour?« fragte er mit erkünstelter Ruhe, aber man hörte ihm an, wie heftig erregt er war. Fräulein Wardour gab ihm ihre Börse, er versuchte die Banknoten zu zählen, die sie enthielt, konnte aber die Summe nicht zusammenrechnen. Nachdem er sich zweimal verrechnet hatte, warf er alles seiner Tochter hin und sagte in strengem Tone: »Bezahle den Schurken, dann soll er auf der Stelle aus meinem Hause!« Mit diesen Worten schritt er stolz hinaus. Herrin und Diener sahen sich an, gleich verwundert über seine Aufregung und Heftigkeit. »Wirklich, Gnädige, wenn ich gewußt hätte, daß ich an der Sache schuld wäre, dann hätt ich mich nicht verantwortet, wie Sir Arthur mich ausschalt. Ich bin lange in seinem Dienst und er ist immer ein freundlicher Herr gewesen wie Sie eine gütige Herrin. Ich möchte nicht, daß Sie von mir dächten, ich ginge wegen eines unfreundlichen Wortes weg. Es mag freilich unrecht von mir gewesen sein, daß ich von dem Lohne was gesagt habe, wo Sir Arthur jetzt vielleicht seine Schwierigkeiten hat. Ich hätte nie daran gedacht, daß ich einmal auf diese Weise dieses Haus verlassen sollte!« »Gehen Sie hinunter, Robert,« sagte seine Herrin, »es ist etwas vorgefallen, worüber mein Vater sich geärgert hat – gehen Sie hinunter, und wenn es klingelt, soll Mick an die Tür gehen.« Als der Mann hinausging, trat Sir Arthur wieder ein, als hätte er warten sollen, bis der Diener gegangen wäre. »Was soll das heißen?« sagte er hastig, als er das Geld noch auf dem Tische liegen sah. »Ist der Mann nicht entlassen? Wird mir der Gehorsam verweigert als Gebieter wie als Vater?« »Er ist gegangen, und wird seinen Posten als Hausverwalter an einen andern abtreten, Vater – ich dachte nicht, daß es so sehr eilig wäre.« »Es ist eilig, Tochter,« fiel ihr der Vater ins Wort. »Was ich hinfort noch im Hause meiner Ahnen tue, muß schnell oder nie verrichtet werden.« Dann setzte er sich nieder und nahm mit zitternder Hand eine für ihn zurechtgestellte Tasse, trank sie aber sehr langsam, um den Augenblick, wo er die auf dem Tische vor ihm liegenden Briefe öffnen mußte, noch möglichst hinauszuschieben. Inzwischen warf er ihnen ab und zu einen Blick zu, als wären sie ein Nest von Ottern, die im Nu lebendig werden und auf ihn losfahren könnten. »Es wird dich sehr freuen zu hören,« sagte Fräulein Wardour, die ihren Vater gern von seinen düstern Gedanken ablenken wollte, »daß Leutnant Taffrils Brigg glücklich in Leith Roads angelangt ist. Wie ich höre, ist man in Sorge um sein Leben gewesen – es freut mich, daß wir nichts davon gehört haben, bis wir nun vernehmen, daß er außer aller Gefahr ist.« »Und was geht mich Leutnant Taffrils Brigg an?« »Aber Papa!« rief Fräulein Wardour erstaunt. Denn in seiner gewöhnlichen Stimmung brachte Sir Arthur all dem Geklatsch des Tages und des Kreises ein kleinliches Interesse entgegen. »Ich wiederhole,« sagte er in höherm und ungeduldigerm Tone, »was kümmert es mich, wer gerettet wird oder wer draufgeht? Das geht doch mich nichts an, dächt ich.« »Ich wußte nicht, daß du beschäftigst seiest, Papa. Da aber Herr Taffril ein braver Mann und obendrein aus unsrer Gegend ist, so glaubt ich, du würdest dich glücklich schätzen ...« »O, ich schätze mich glücklich – so glücklich wie möglich – und damit auch du dich glücklich schätzen kannst, sollst du nun auch ein paar von meinen erfreulichen Nachrichten dafür zu hören bekommen.« Und er nahm einen Brief zur Hand. »Es kommt nicht drauf an, welchen ich zuerst öffne. Sie singen alle die gleiche Leier.« Er brach rasch das Siegel auf, überflog das Schreiben und warf es dann seiner Tochter hin. »Glücklicher hätte ich es gar nicht treffen können! – Das gibt den Rest!« In stummem Entsetzen nahm Fräulein Wardour den Brief auf. »Lies laut! – lies laut!« sagte ihr Vater. »Es kann nicht zu oft gelesen werden. Das wird dich vorbereiten, auf andre gute Nachrichten derselben Art.« Sie begann mit stockender Stimme zu lesen: »Werter Herr!« »Mit werter Herr redet er mich auch noch an, siehst du wohl – diese unverschämte Schreiberseele – ich vermute, nächstens avanciere ich sogar zu seinem werten Ritter.« »Werter Herr,« fuhr Fräulein Wardour fort, aber sie unterbrach sich, »ich sehe, der Inhalt ist nicht eben angenehm. – Du wirst dich nur darüber ärgern, wenn du ihn laut lesen hörst.« »Wenn du mir noch mein eignes Vergnügen gestattest, Tochter, dann lies bitte weiter. Wenn es nicht nötig wäre, so würde ich wahrscheinlich dir nicht die Mühe bereiten.« »Da ich in letzter Zeit,« fuhr Fräulein Wardour den Brief zu lesen fort, »in Teilhaberschaft getreten bin mit Herrn Gilbert Grünhorn, dem Sohne Ihres verstorbenen Korrespondenten und Geschäftsführers, Girnigo Grünhorn, Hochwohlgeboren und Sachwalter, dessen Geschäfte als Protokollführer im Parlament ich mehrere Jahre hindurch besorgt habe, und da unsere Geschäfte künftig unter der Firma Grünhorn \& Grinderson weitergeführt werden (worauf ich Sie der richtigen Adresse wegen für die Zukunft hiermit aufmerksam gemacht haben möchte) – und da Ihre letzte verehrliche Zuschrift an meinen besagten Teilhaber, Herrn Gilbert Grünhorn, der zur Zeit anläßlich der Rennen in Lamberton weilt, in meine Hände gekommen und von mir geöffnet worden ist, so erlaube ich mir hierdurch ergebenst, auf dieses Ihr Schreiben zu antworten....« »Wie du siehst, weiß mein Freund den Hund zu führen und erklärt mir erst, wie ich zu einem so vornehmen und bescheidnen Briefwechsel komme. – Fahr nur fort, ich kann's ertragen.« Und er ließ jenes bittre Lachen hören, das vielleicht der entsetzlichste Ausdruck für seelisches Elend ist. Zitternd vor dem, was sie weiter lesen werde, und doch besorgt, ihren Vater durch Ungehorsam noch mehr zu reizen, fuhr Fräulein Wardour fort zu lesen: »In meinem und meines Teilhabers Namen muß ich unser Bedauern aussprechen, daß wir Ihnen für die genannten Summen keine längere Frist gewähren können und daß wir uns ferner auch nicht für eine längere Stundung der Forderungen Goldvogels verwenden können. Ein solches Verfahren würde uns in das Licht größter Inkonsequenz setzen, da wir aufgefordert worden sind, besagten Goldvogel vor Gericht zu vertreten. In dieser Eigenschaft haben wir Ihnen einen Zahlungsbefehl über die Summe von 4756 Pfund durch den Gerichtsvollzieher zugestellt, und wir erwarten, daß die betreffende Summe nebst Zinsen und Kosten in der erforderlichen Frist an uns gezahlt wird, damit alle weitern Unannehmlichkeiten vermieden werden. Gleichzeitig sehe ich mich genötigt, unsere eigene Forderung in Erinnerung zu bringen, welche sich auf 769 Pfund 10 Schillinge und sechs Pence beläuft. – Umgehende Begleichung wäre uns sehr erwünscht. Da wir aber Ihre Papiere, Privilegien und Rechtstitel als Unterpfand in Händen haben, so sind wir nicht abgeneigt, eine gemessene Prolongierung zu gewähren, nämlich bis zum nächsten Fälligkeitstermin. In meinem und meines Teilhabers Namen habe ich noch hinzuzufügen, daß wir von Herrn Goldvogel den Auftrag haben, peremptorie und sine mora vorzugehen. Ich habe also das Vergnügen, Ihnen dies mitzuteilen, um für die Zukunft Irrtümer zu vermeiden. Was wir für Maßregeln ergreifen werden, das behalten wir uns für die jeweiligen Fälle vor. Ich verbleibe, in meinem und meines Teilhabers Namen werter Herr, Ihr ergebner p. Grünhorn \& Grinderson Gabriel Grinderson.« »Undankbarer Schurke!« sagte Fräulein Wardour. »Ei nicht doch, das ist ganz, wie es gemacht zu werden pflegt. Der Schlag hätte nicht so völlig zerschmetternd sein können, wenn eine andre Hand ihn geführt hätte. Es ist durchaus, wie es sein sollte,« antwortete der arme Baron, und die zitternde Lippe und das rollende Auge straften die erkünstelte Ruhe Lügen. »Aber hier ist noch ein Postskriptum – das hab ich nicht bemerkt. Bitte, lies die Epistel zu Ende.« »Ich habe hinzuzufügen (nicht in meinem, sondern lediglich in meines Teilhabers Namen), daß Herr Grünhorn gern Ihr silbernes Tafelgeschirr und Ihr Viergespann von Füchsen, wenn sie gesund an Lunge und Gliedern sind, als Teilzahlung annehmen wird.« »Gott vernicht ihn!« rief Sir Arthur und verlor über diesen herablassenden Vorschlag alle Selbstbeherrschung. »Sein Großvater hat noch meinem Vater die Pferde beschlagen, und dieser schuftische Abkömmling eines Grobschmieds will mich aus meinem Hause setzen. Aber ich will ihm eine Antwort schreiben, die sich gewaschen haben soll!« Er setzte sich hin und schrieb mit Ungestüm, dann hielt er inne und las laut: »Herrn Gilbert Grünhorn. In Erwiderung auf zwei Briefe, die ich vor kurzem erhielt, teile ich Ihnen mit, daß mir eine Zuschrift zugegangen ist von einer Person, die sich Grinderson nennt und sich als Ihren Teilhaber ausgibt. Wenn ich mich an jemand wende, so möchte ich mir doch verbeten haben, mir durch einen Stellvertreter zu antworten. Ich denke, ich bin Ihrem Vater von Nutzen gewesen und freundlich und zuvorkommend gegen Sie, und es setzt mich nun in Erstaunen, ... Und doch,« sagte er und hielt plötzlich inne, »warum sollte denn dies oder irgendetwas mich in Erstaunen setzen? oder warum sollte ich meine Zeit vergeuden, indem ich an solch einen Schurken schreibe? – Man wird mich doch nicht für immer im Gefängnis sitzen lassen, denk ich, und wenn ich wieder herauskomme, soll es mein erstes sein, diesem Schweinehund die Knochen zu brechen!« »Im Gefängnis, Vater?« sagte Fräulein Wardour tonlos. »Ja, im Gefängnis, gewiß. Fragst du danach auch noch? – Scheinbar ist des Herrn Soundso Brief in seinem und seines Teilhabers Namen für dich verlorene Liebesmüh gewesen, oder du mußt viertausend und soundsoviel hundert Pfund nebst der nötigen Summe an Pence und halben Pence parat haben, daß du seine Forderungen bezahlen kannst.« »Ich, Vater? – O wenn ich die Mittel hätte! – Aber wo ist mein Bruder? – Warum kommt er nicht? und solange weg aus Schottland? – Er kann vielleicht etwas für uns tun?« »Wer, Reginald? – Der wird wohl mit Herrn Grünhorn oder sonst einem liebenswürdigen Herrn zum Rennen nach Lamberton sein. Vergangne Woche habe ich ihn zurück erwartet. Aber es kann mich nicht wunder nehmen, wenn meine Kinder mich aufgeben, wie alle andern Leute. Aber dich sollt ich um Verzeihung bitten, liebes Kind, denn du hast mir nie in deinem Leben weh getan.« Und er küßte sie auf die Wange, während sie die Arme um seinen Hals schlang. Er empfand den Trost, den ein Vater in der größten Not fühlt, wenn er die Liebe eines Kindes besitzt. Fräulein Wardour benutzte diese weiche Stimmung und versuchte, ihren Vater zu beruhigen. Sie erinnerte ihn daran, daß er ja noch viele Freunde hätte. »Ich hatte einmal viele,« sagte Sir Arthur. »Aber bei vielen ist die Geduld durch meine hirnverbrannten Projekte zu Ende – andre sind nicht imstande, mir zu helfen – andre haben keine Lust – es ist eben vorbei mit mir – ich hoffe nur, Reginald nimmt sich ein warnendes Beispiel an meiner Torheit.« »Sollte ich nicht Monkbarns holen lassen?« Fragte die Tochter. »Zu welchem Zweck? Er kann mir eine solche Summe nicht leihen, und wenn er's auch könnte, so täte er es auch nicht, denn er weiß, daß ich anderweitig auch noch bis über die Ohren in Schulden stecke. Er würde mir nur misanthropische Brocken und schnurrige Schnitzelchen Latein zum besten geben!« »Aber er ist klug und verständig und ist im Geschäft in der Lehre gewesen, und er hat unser Haus stets geliebt.« »Ja, das glaube ich – aber es ist weit mit uns gekommen, wenn die Liebe eines Oldbuck für einen Wardour etwas zu sagen hat! Aber wenn es zu einer Katastrophe kommt, was ich jeden Augenblick erwarte, dann können wir ihn ja ebensogut holen lassen. Und nun geh ein wenig spazieren, mein liebes Kind – ich bin jetzt ruhiger, seitdem ich dir die furchtbare Enthüllung gemacht habe. – Du kennst nun das Schlimmste und kannst es täglich, ja stündlich erwarten, ja darauf gefaßt sein. Geh spazieren – ich möchte ein Weilchen allein sein.« Als Fräulein Wardour hinausgegangen war, benutzte sie sofort die halb erteilte Erlaubnis ihres Vaters und schickte den Boten nach Monkbarn, der den Altertümler und seinen Neffen in der Fischerhütte traf. Sie wußte kaum, wohin sie ging, und der Zufall führte sie mach der sogenannten Brierybank. Ein Wässerchen, das zu frühern Zeiten den Schloßgraben gespeist hatte, kam hier in enger Klamm zu Tal, zu der hinan Fräulein Wardour einen reizenden Weg hatte legen lassen. Der Pfad war sauber gehalten und leicht zu steigen, ohne daß er künstlich geschaffen und erhalten aussah. Auf diesem Pfade hatte jene Auseinandersetzung zwischen Fräulein Wardour und Lovel stattgefunden, die der alte Edie Ochiltree mitangehört hatte. Mit sanfter gestimmtem Gemüt – das von den Schatten des ihrer Familie drohenden Unglücks gedämpft war, – erinnerte jetzt Fräulein Wardour sich an jedes Wort und jeden Umstand, den Lovel zur Unterstützung seiner Werbung angeführt hatte, und sie mußte sich selber eingestehen, daß es sie nicht mit geringem Stolze erfüllen dürfe, einen jungen Mann von so hervorragender Begabung zu einer so starken und uneigennützigen Liebe beseelt zu haben. Daß er einen Beruf aufgegeben hatte, in dem er so schnell emporzusteigen begann, daß er sich in einer so unangenehmen Stadt wie Fairport festgesetzt hatte, und daß er dort über einer unerwiderten Liebe brütete, das hätten freilich wohl weniger romantische Seelen lächerlich gefunden, sie aber, der diese Leidenschaft galt, verzieh ihm natürlich diese Überschwenglichkeit der Liebe. Wenn er eine – wenn auch bescheidene – unabhängige Stellung gehabt oder unbestrittenen Anspruch auf den gesellschaftlichen Rang gehabt hätte, den einzunehmen er so voll befähigt schien, dann hätte es jetzt in ihrer Macht gelegen, für die Zeit ihres Unglücks dem Vater in ihrem eignen Heim eine Heimstätte zu bieten. Diese dem abwesenden Verehrer so günstigen Gedanken drängten sich einer nach dem andern auf mit einer bis in die Einzelheiten genauen Wiederholung seiner Worte, Blicke und Gebärden – ein deutliches Zeichen dafür, daß sie nur der Pflicht, nicht ihrer eignen Neigung gehorcht hatte, als sie ihn zuerst abwies. Wahrend Isabella abwechselnd über diesen Gegenstand, und über ihres Vaters Unglück nachsann, bog der Pfad um einen kleinen, mit Gebüsch bewachsenen Hügel herum, und hier erblickte sie plötzlich den alten Blaurock. Mit einer Gebärde, als habe er etwas Wichtiges und Geheimnisvolles mitzuteilen, zog er den Hut und näherte sich mit dem behutsamen Schritt und sprach im behutsamen Ton eines Mannes, der nicht gern von einem dritten gehört sein möchte. »Es ist mein dringender Wunsch gewesen, mit Euer Ladyschaft zusammenzutreffen – denn Sie wissen, ins Haus darf ich nicht kommen wegen Dusterschieler.« »Ich habe gehört, Edie,« sagte Fräulein Wardour, ein Almosen in seinen Hut werfend, »daß du etwas sehr Dummes, wenn nicht etwas sehr Schlechtes getan hast, und das hat mir leid getan.« »Ei, meine gute Dame, dumm – dumm ist ja alle Welt – wie sollte da der alte Edie weise sein? und was Schlechtes? mögen doch die, die mit Dusterschieler zu tun haben, mir sagen, ob er einen Deut mehr abgekriegt hat, als er verdient. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Von Ihnen selber wollt ich mit Ihnen sprechen. Wissen Sie, was dem Hause von Knockwinnock bevorsteht?« »Großes Unglück, fürchte ich, Edie, aber es wundert mich, daß es schon so öffentlich bekannt ist.« »Öffentlich? Kehraus, der Gerichtsvollzieher, wird heute noch mit seiner ganzen Sippschaft da sein. Das weiß ich von einem seiner Kollegen. Und sie werden ohne weiteres an die Arbeit gehen, – und wen sie scheren, der braucht keinen Kamm mehr, denn es bleibt nicht ein Haar übrig.« »Weißt du's gewiß, Edie, daß diese schlimme Stunde so nahe ist? – Sag's nur, ich weiß es ja doch einmal.« »Es ist, wie ich Ihnen gesagt habe, Lady! Aber lassen Sie den Mut nicht sinken, es ist ein Himmel über Ihrem Haupte, auch jetzt, wie damals bei der Flut. Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilf am nächsten. Und ich bin in aller Eile hierher gelaufen und Sie müssen dafür sorgen, daß ich heute noch weiterfahren kann.« »Aber wo willst du denn hin, Edie?« »Nach Tannonburgh, Mylady« (das war die erste Postkutschenstation von Fairport aus, aber noch ein gutes Stück näher an Knockwinnock heran) – »und zwar ohne Verzug – es betrifft Ihre eignen Angelegenheiten.« »Unsre eignen, Edie? Ach, ich glaube herzlich gern, daß du es gut meinst, aber...« »Da gibt's kein Aber, Gnädige, denn ich muß hin,« sagte der hartnäckige Blaurock. »Aber was willst du denn in Tannonburgh? oder wie kann es meinem Vater irgendwas nützen, wenn du hinfährst?« »Meine liebe gute Lady,« sagte der Schnorrer, »dieses kleine Geheimnis müssen Sie schon dem alten Edie lassen und dürfen auch gar nicht danach fragen. Wenn ich mein Leben in jener Nacht für Sie gewagt habe, so werden Sie mir wohl nicht zutrauen, daß ich jetzt was Böses gegen Sie im Schilde führte.« »So komm mit, Edie,« sagte Fräulein Wardour, – »und ich will zusehen, daß ich dir Pferd und Wagen nach Tannonburgh verschaffen kann.« »Dann beeilen Sie sich, gute Lady, machen Sie schnell, um des Himmels willen!« Und so mahnte er sie zur Eile, bis sie im Schloß angelangt waren. Einundzwanzigstes Kapitel. Als Fräulein Wardour im Schloßhofe anlangte, erkannte sie auf den eisten Blick, daß die Gerichtsbeamten schon sich eingestellt hatten. Verwirrung und mürrische und traurige Stimmung herrschte, und Neugierde unter dem Dienstpersonal, während die Exekutoren von einem Platz zum andern gingen und ein Inventarium aller Gegenstände aufsetzten, die unter ihren Beschlagnahme-Befehl fielen. Kapitän M'Intyre flog Isabella entgegen, als sie, von der jähen Erkenntnis des völligen Zusammenbruchs wie betäubt, auf der Schwelle stehen blieb. »Teueres Fräulein Wardour,« sagte er, »machen Sie sich keine Sorge, mein Oheim wird gleich da sein, und er wird sicher Mittel und Wege finden, das Haus von diesen Schurken zu säubern.« »Ach, Kapitän M'Intyre, ich fürchte, es wird zu spät sein.« »Nein,« antwortete Edie, ungeduldig, »wenn ich nur nach Tannonburgh könnte. Ums Himmels willen, Kapitän, finden Sie Mittel und Wege, daß ich hinkommen kann, und Sie werden dieser ruinierten Familie den besten Dienst erweisen, den sie seit den Tagen Rothands erfahren hat. Denn wenn je eine alte Sage zur Wahrheit würde, so würde heute Knockwinnock Haus und Land an einem Tage verloren und gewonnen.« »Was könntet Ihr denn tun, Alter?« fragte Kapitän M'Intyre. Aber Robert, der Diener, mit dem Sir Arthur sich am Morgen entzweit hatte, ergriff die Gelegenheit, seinen Eifer zu betätigen, trat rasch vor und erklärte sich bereit, den Bettler in einer Stunde im Wagen nach Tannonburgh zu fahren. »In Gottes Namen,« sagte der Alte, »spannt an, Robert, und beeilt Euch, denn jeder Augenblick ist kostbar!« Aber als er den Wagen aus dem Stalle gezogen hatte und das Pferd anspannen wollte, klopfte ihm ein Exekutor auf die Schulter: »Mein Freund, das Pferd müssen Sie da lassen, das ist beschlagnahmt.« »Was?« sagte Robert, »soll ich nicht das Pferd meines Herrn nehmen dürfen, um den Auftrag des Gnädigen Fräuleins auszuführen?« »Sie dürfen absolut nichts von hier wegbringen,« sagte der Beamte, »oder Sie müssen für alle Folgen aufkommen.« »Was zum Teufel, Mann,« sagte Hektor, der mitgegangen war, um Edie Ochiltree näher nach der Art seiner Hoffnungen und Erwartungen auszufragen, – schon längst kochte in seinen Adern das Blut und er suchte nur nach einem Vorwand, seinem Ingrimm Luft zu machen, »was ist das für eine Unverschämtheit, den Diener hier an der Ausführung seiner Befehle zu verhindern?« Es lag im Ton und in der Haltung des jungen Soldaten etwas, das darauf zu deuten schien, daß er sich bei seiner Verwahrung am Ende nicht mit bloßen Worten begnügen würde. Wenn damit auch Aussicht war auf die Vorteile eines Strafverfahrens wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und tätlicher Beamtenbeleidigung, so mußten doch erst die Unannehmlichkeiten hingenommen werden, die den Tatbestand für eine solche Anklage zu liefern hatten. »Kapitän M'Intyre,« sagte der Beamte, »ich habe mich mit Ihnen nicht herumzustreiten – aber wenn Sie mich in meiner Amtswaltung behindern, so machen Sie sich strafbar, und ich werde den Fall zur Anzeige bringen.« »Scher mich den Teufel drum,« rief Hektor, »ob ich mich strafbar mache – vor allen Dingen sind Sie strafbar und die Strafe soll sogleich an Ihnen vollzogen werden, wenn Sie noch länger den Burschen hier daran hindern, die Pferde anzuspannen und den Befehlen seiner Herrin nachzukommen.« In diesem Augenblick kam der Altertümler zur rechten Zeit an, um einem Auftritt ein Ende zu machen, der für Hektor unangenehme Folgen hätte haben können. Er kam pustend und keuchend, das Taschentuch hatte er sich unter den Hut gebunden und die Perücke auf das Ende seines Stockes gesetzt. »Was zum Kuckuck geht hier vor?« rief er, indem er hastig Perücke und Kopfbedeckung wieder in Ordnung brachte. »Ich bin dir nachgerannt, weil ich Angst hatte, du könntest dir deinen Brausekopf an einem Felsen einrennen. Und hier bist du kaum von deinem Bucephalus herunter, so zankst du dich auch schon mit Kehraus. Mit einem Gerichtsvollzieher, Hektor, ist nicht gut Kirschen essen.« »Soll ich etwa ruhig dabeistehen und zugucken, wie ein Schuft wie dieser Mensch da – mag er sich zehnmal Gerichtsvollzieher seiner Majestät schimpfen – eine junge Dame vom Hause Wardour beleidigt?« »Alles ganz gut und schön, Hektor,« sagte der Altertümler, »aber der König hat wie alle andern Leute ab und zu lumpige Geschäfte zu erledigen und – laß dir's ins Ohr sagen – dazu braucht er eben auch lumpige Kerls. Aber angenommen selbst, du weißt nicht mit den Statuten Wilhelms des Löwen Bescheid, in denen – capito quarto, versu quinto – dieses Verbrechen des Widerstandes und der Beamtenbedrohung als despectus domini regis bezeichnet wird, das heißt also, eine Beleidigung des Königs selber bedeutet – so mußtest du doch wissen, daß auch nach heutigem Gesetz dieses Vergehen als Auflehnung schwer geahndet wird. Aber ich will dich noch einmal aus diesem Wurstkessel herausbringen.« Dann sprach er mit dem Gerichtsvollzieher, der sich beruhigte und Herrn Oldbucks Bürgschaft annahm, daß Pferd und Wagen in zwei bis drei Stunden wieder zurück sein würden. »Schön, Herr, da Sie so zuvorkommend sind,« sagte der Altertümler, »so sollen Sie nun etwas ganz besonders Feines überwiesen bekommen – ein bißchen was im Gebiete der Politik – ein Verbrechen, das in die lex julia fällt – passen Sie mal auf, Herr Kehraus.« Und er flüsterte ein paar Minuten mit dem Beamten, und gab ihm ein Blatt Papier. Darauf stieg der Beamte auf sein Pferd und ritt mit ein paar seiner Unterbeamten im Galopp davon. Der Unterbeamte, der allein zurückblieb, schien seine Amtstätigkeit absichtlich sehr in die Länge zu ziehen, verrichtete alles aufs langsamste und mit der Vorsicht und Genauigkeit eines Untergebenen, dem ein kundiger und strenger Kontrolleur auf die Finger sieht. Inzwischen nahm Oldbuck seinen Neffen am Arm und ging mit ins Haus, und sie traten vor Sir Arthur Wardour, der in seiner Erregung, seinem verletzten Stolze, der qualvollen Angst und dem vergeblichen Bemühen, seine wahren Gefühle unter erkünstelter Gleichgültigkeit zu verbergen, ein schmerzlich interessantes Bild abgab. »Sehr erfreut, Sie zu sehen, Herr Oldbuck – immer erfreut, meine Freunde zu sehen in schönem und trübem Wetter,« sagte der arme Baron, der nicht nach Fassung rang, sondern sich heiter gestimmt zu stellen versuchte – eine Künstelei, die in starkem Kontrast stand zu dem nervösen und langen Händedruck und der Aufregung seines ganzen Wesens; »freut mich sehr, Sie zu sehen – sind zu Pferde da, wie ich sehe – hoffentlich fehlt es in diesem Tohuwabohu den Pferden an nichts – ich liebe es, daß die Pferde meiner Freunde ordentlich versorgt werden – na, das kann ja nun allerdings leicht geschehen, – denn von meinen eignen werden mir ja keine gelassen, wie Sie, sehen – hehehe! wie, Herr Oldbuck?« Dieser verunglückte Scherz wurde von einem hysterischen Kichern begleitet, das wie ein gleichgültiges Lachen herauskommen sollte. »Sie wissen doch, ich reite nie, Sir Arthur,« sagte der Altertümler. »Verzeihung! Aber Ihren Neffen Hab ich doch ganz gewiß vor kurzem zu Pferde ankommen sehen. Offizierspferde wollen besonders gepflegt sein, und das war ein hübscher grauer Renner, soviel ich gesehen habe.« Sir Arthur wollte läuten, aber Herr Oldbuck sagte: »Mein Neffe ist auf Ihrem eignen Grauschimmel hergekommen, Sir Arthur.« »Auf meinem!« sagte der arme Baron. »Das war mein Pferd? Na, da bin ich es freilich wert, kein Pferd mehr zu besitzen, da ich es nicht einmal selber mehr erkenne, wenn es mir vor Augen kommt.« Guter Himmel, dachte Oldbuck, wie hat sich dieser Mann verändert, der früher die Steifheit und Blödheit in Person war – er wird schalkhaft im Unglück. Sed percunti mille figurae. Dann fuhr er laut fort: »Sir Arthur, wir müssen notwendig von Geschäften sprechen.« »Ei gewiß,« sagte Sir Arthur. »Es war nur so ausgezeichnet, daß ich das Pferd nicht erkannt habe, das ich nun seit fünf Jahren reite. Hahaha!« »Sir Arthur,« sagte der Altertümler, »wir wollen nicht die kostbare Zeit vergeuden. Zum Scherzen werden wir, hoff ich, noch weit bessere Zeit haben – desipere in loco ist der Grundsatz des Horaz. Ich hege den dringenden Verdacht, es ist nur der Schurkerei Dusterschielers zu danken, daß es soweit gekommen ist.« »Nennen Sie den Namen nicht, Herr!« rief Sir Arthur und die erkünstelte Heiterkeit verwandelte sich jäh in wildesten Ingrimm – seine Augen sprühten – sein Mund schäumte – seine Fäuste ballten sich. »Nennen Sie den Namen nicht, Herr!« fluchte er. »Wenn ich nicht vor Ihren Augen in Wahnsinn verfallen soll! – Daß ich ein solcher Esel gewesen bin – ein solcher blödsinniger Schafskopf – solch ein dreifach verballhorntes Rindvieh – daß ich mich von solch einem Schurken habe anführen und zum Narren halten lassen und unter so lächerlichen Gaunereien! – Herr Oldbuck, ich könnte mich selber zerreißen, wenn ich daran denke!« »Ich wollte nur sagen,« antwortete der Altertümler, »daß dieser Bursche wohl noch seinen Lohn empfangen wird; und ich kann mir nicht anders denken, als daß wir ihm einen Schreckschuß einjagen und etwas entpressen werden, was uns von Nutzen sein kann. Er hat sicher eine gesetzeswidrige Korrespondenz mit Personen auf dem Festlande geführt ...« »Hat er? hat er? hat er wirklich? dann hol alles Hausgerät und Hab und Gut und Pferde und so weiter der Satan – als ein glücklicher Mann will ich ins Gefängnis ziehen, Herr Oldbuck – ich hoffe zum Himmel, es wird sich ein Grund finden, daß er an den Galgen kommt?« »Grund genug,« sagte Oldbuck, der ihn in dieser Annahme unterstützen wollte, um ein Gegengewicht gegen die Gefühle zu schaffen, die den armen Mann um den Verstand zu bringen drohten. »Es sind schon ehrlichere Männer an den Galgen gekommen – aber diese unglückliche Sache von Ihnen hier – kann denn nichts geschehen? – lassen Sie mich mal den Vollstreckungsbefehl sehen.« Er nahm die Papiere, und beim Lesen wurde sein Gesicht hoffnungslos finster und trostlos. Fräulein Wardour war inzwischen eingetreten, sie heftete die Augen auf Herrn Oldbuck, wie um ihr Schicksal in seinen Blicken zu lesen, und sah unschwer an dem Spiel seiner Augen und dem herabgesunknen Unterkiefer, wie wenig zu hoffen war. »So sind wir unrettbar ruiniert, Herr Oldbuck?« fragte die junge Dame. »Unrettbar? das hoff' ich nicht. Aber die Forderung ist sehr hoch – und es werden noch andre haufenweis kommen.« »Ja, das ist nicht zu bezweifeln, Monkbarns,« sagte Sir Arthur, »wo Aas ist, sammeln sich die Geier. Den Geier aber, der so lange auf mir herumgehackt hat – den haben Sie doch sicher?« »Sicher genug!« sagte der Altertümler. »Der Ehrenmann wollte heute auf den Flügeln der Morgenröte davon – nämlich mit der Postkutsche. Aber er hätte schon in Edinburgh Leimruten gefunden. So weit ist er aber gar nicht erst gekommen – denn die Kutsche ist umgeworfen – er ist dabei schlecht gefallen und in eine Hütte bei Kittlebrig gebracht worden. Damit er nun auf keinen Fall entkommen kann, hab' ich Ihren Freund Kehraus hingeschickt, der soll ihn in nomine regis nach Fairport bringen und den Krankenwärter bei ihm spielen, wozu er sich so gut eignet. – Und nun, Sir Arthur, will ich mit Ihnen über die gegenwärtige unangenehme Sachlage reden, und wir wollen sehen, was sich machen läßt, um Sie aus diesem Betteltanz herauszubringen.« Und der Altertümler nahm ihn mit in die Bibliothek. Sie waren etwa zwei Stunden dort eingeschlossen, da störte sie Fräulein Wardour, die in Mantel und Hut, wie zu einer Reise fertig, hereintrat. Sie sah sehr bleich aus, aber doch verriet ihr Gesicht die ihr eigne Fassung und Ruhe. »Der Gerichtsvollzieher ist zurück, Herr Oldbuck.« »Zurück? – Was zum Teufel! er hat doch nicht etwa den Kerl aus den Klauen gelassen?« »Nein, wie ich höre, hat er ihn in Gewahrsam gebracht, und nun ist er zurückgekehrt, um meinen Vater zu holen, er sagt, er kann nicht länger warten.« »Dann hilft es nichts,« sagte Oldbuck, »ich fürchte, Sie werden mit dem Manne nach Fairport gehen müssen, fürs erste ist nichts dagegen zu machen– ich werde mit Ihnen gehen, um zu sehen, was zu tun ist – mein Neffe wird Fräulein Wardour nach Monkbarns bringen – ich hoffe, sie wird in Monkbarns bleiben, bis die Unannehmlichkeiten beseitigt sind.« »Ich gehe mit meinem Vater, Herr Oldbuck,« sagte Fräulein Wardour fest. »Ich habe schon meine und seine Kleider gepackt – ich hoffe, man wird uns doch den Wagen zur Verfügung stellen.« »Alles, wie es sich gehört, gnädiges Fräulein,« sagte der Exikutor. »Der Wagen steht schon draußen – ich steige auf den Bock zum Kutscher– aber zwei meiner Unterbeamten müssen Sie zu Pferde begleiten.« »Ich reite auch mit,« rief Hektor und lief hinunter, sich selbst ein Pferd zu sichern. »So müssen wir gehen,« sagte der Altertümler. »Ins Gefängnis,« sagte der Baron und seufzte unwillkürlich. »Und was ist denn weiter dabei?« fuhr er im Tone erkünstelter Heiterkeit fort. »Das ist 'ja schließlich nur ein Haus, aus dem man nicht herauskann. Wenn ich einen Anfall von Gicht bekommen hätte, ginge mir's in Knockwinnock ebenso. Ja ja, Monkbarns, sagen wir, es wäre ein Gichtanfall ohne die verd..... Schmerzen!« Aber bei den Worten traten ihm die Tränen in die Augen und die versagende Stimme verriet, wie schwer ihm die erzwungene Heiterkeit wurde. Auf der ersten Treppruhe machte Sir Arthur überwältigt Halt. Als er die Augen des Altertümlers angstvoll auf sich gerichtet sah, sagte er mühsam, doch würdevoll: »Ja, Herr Oldbuck, dem Sprößling eines alten Geschlechts – dem Abkömmling Richards mit der roten Hand und Gamelyns de Guardover mag es verziehen sein, daß er seufzt, indem er aus dem Hause seiner Väter in dieser armseligen Weise hinaustransportiert wird. Als ich im Jahre 1745 mit meinem Vater selig zum Tower gebracht wurde – da geschah es wegen einer Anklage des Hochverrats – einer Beschuldigung, die unsere Abkunft nicht beeinträchtigte – und wir wurden eskortiert von einem Trupp der Leibgarde. Und nun werde ich in meinen alten Tagen von der Schwelle meines Hauses geschleppt durch einen so erbärmlichen Menschen wie dieser da (und er deutete auf den Gerichtsvollzieher) und wegen einer erbärmlichen Schuld von Pfunden, Schillingen und Pence.« »Wenigstens haben Sie jetzt die Gesellschaft einer liebevollen Tochter,« sagte Oldbuck, »und eines aufrichtigen Freundes, und das kann ein Trost sein – aber da hör ich diesen heißblütigen Burschen schon wieder und noch lauter als sonst! Hoffentlich hat er sich nicht wieder was eingebrockt!« In der Tat wurde plötzlich großer Lärm vernommen, und in dem Gewirr ließ sich Hektors nordischer Akzent vorherrschend vernehmen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Das Triumphgeschrei Hektors klang in seiner kriegerischen Art fast wie ein Schlachtgeschrei. Aber als er mit einem Päckchen in der Hand die Treppe hinaufeilte und rief: »Lang lebe ein alter Soldat! hier kommt der alte Edie mit einem ganzen Haufen guter Nachrichten!« – da war es klar, daß seine gegenwärtige Ursache zum Jubelgeschrei nur angenehmer Art sein konnte. Er übergab Oldbuck den Brief, schüttelte Sir Arthur die Hand und wünschte mit all der offenherzigen Freude eines Hochländers Fräulein Wardour Glück. Der Gerichtsvollzieher, der eine Art instinktiver Furcht vor Kapitän M'Intyre hatte, trat dicht an seinen Gefangenen und hatte ein wachsames Auge auf die Bewegungen des Soldaten. »Bilden Sie sich nicht ein, daß ich mich an Ihnen vergreifen will, Sie Schmierfink,« sagte der Soldat, »da ist 'ne Guinea für die Angst, die ich Ihnen eingejagt habe.« Der Gerichtsvollzieher (einer von den Hunden, die sich auch schließlich vor einem schmutzigen Bissen nicht ekeln) fing die Guinea auf, die Hektor ihm ins Gesicht schnippte, und wartete nun neugierig, was für eine Wendung die Dinge nehmen würden. Inzwischen wurden von allen Seiten Fragen laut, die zu beantworten jedoch niemand Eile hatte. »Was ist denn los, Kapitän M'Intyre?« fragte Sir Arthur. »Fragen Sie den alten Edie,« sagte Hektor, »ich weiß nur, daß alles in Ordnung und gut ist.« »Was bedeutet das alles, Edie?« fragte Fräulein Wardour den Bettler. »Eure Ladyschaft müssen Monkbarns fragen, denn er hat den Brief.« »Heil dir im Siegerkranz!« rief der Altertümler, als er einen Blick in den Inhalt des Päckchens getan hatte, und vor Überraschung vergaß er Anstand und Würde, Philosophie und Phlegma und warf seinen Dreispitz in die Luft, von wo er nicht wieder herunterkam, da er an einem Arm des Kronleuchters hängen blieb. Alle stürmten nun auf ihn ein und begehrten lärmend den Grund zu einer so plötzlichen Verzückung zu wissen – wie beschämt über seine Freude, drehte er sich um, stieg zwei Stufen auf einmal hinauf und stand nun auf der Treppruhe, wo er sich' umdrehte und die erstaunte Zuhörerschaft anredete wie folgt: »Meine guten Freunde, favete inguis! Um Ihnen Mitteilung machen zu können, muß ich erst – wenn ich logisch verfahren will – selber Bescheid wissen. Mit Ihrer Erlaubnis will ich mich daher in die Bibliothek zurückziehen und diese Papiere prüfen – Sir Arthur und Fräulein Wardour werden die Güte haben, in den Salon zu gehen. Herr Kehraus wird uns einen Aufschub von fünf Minuten geben. Und seien Sie alle gutes Mutes, bis ich wiederkomme, das soll im Augenblick geschehen!« Was das Päckchen enthielt, kam in der Tat so unerwartet, daß man dem Altertümler sein Entzücken nicht verargen konnte, noch auch sein Verlangen, erst selber sich darüber völlig klar zu werden und es geistig zu verdauen, ehe er es den andern mitteilte. In der Hülle war ein Brief an Jonathan Oldbuck, Wohlgeboren, folgenden Wortlauts: Werter Herr! »An Sie als an den bewährten und geschätzten Freund meines Vaters wende ich mich, da ich durch dringende militärische Pflichten hier zurückgehalten werde. Sie müssen jetzt über die verwirrte Lage unserer Verhältnisse unterrichtet sein, und ich weiß. Sie werden es mit großer Freude vernehmen, daß ich glücklicherweise und unerwartet in die Lage gekommen bin, zur Regelung dieser Verhältnisse wirksamen Beistand zu leisten. Wie ich höre, haben Leute, die früher Sir Arthurs Geschäftsführer gewesen sind, ihm jetzt mit energischen Maßregeln gedroht. Auf den Rat eines achtbaren Geschäftsmannes hier habe ich mir das beigefügte Schreiben verschafft, das meines Erachtens das Verfahren dieser Leute so lange aufhebt, bis ihre Ansprüche gerichtlich festgesetzt und auf den rechtmäßigen Betrag herabgesetzt worden sind. Ich schließe Noten in Höhe von eintausend Pfund bei, damit andre dringende Forderungen bezahlt werden können, und ersuche Sie als Freund den Gebrauch davon zu machen, den Sie bei Ihrer Umsicht für den vorteilhaftesten halten. Sie werden erstaunt sein, daß ich Ihnen so viel Mühe mache, da es natürlicher erschiene, mich in Sachen meines Vaters an diesen selber zu wenden. Aber ich habe noch nicht die Gewißheit, daß ihm die Augen geöffnet sind und daß er einen Mann durchschaut, vor dem Sie, wie ich weiß, ihn oft gewarnt haben und dessen unheilvoller Einfluß in erster Linie zu diesem Unglück geführt hat. Mein Freund, der, wie er sagt, einen Stein bei Ihnen im Brett hat, wird in dem eingeschlossenen Briefe Ihnen einiges Persönliche schreiben. Ich muß diesen Brief nach Tannonburgh schicken, da die Zustände auf dem Postamt in Fairport berüchtigt sind, aber der alte Mann Ochiltree, den besondre Umstände als vertrauenswürdig empfohlen haben, ist unterrichtet, zu welcher Zeit wahrscheinlich die Sendung dort ankommen wird und wird sie abholen und Ihnen zustellen. Ich denke binnen kurzem Gelegenheit zu haben, mich wegen der Ihnen verursachten Umstände persönlich zu entschuldigen, und habe die Ehre zu sein Ihr sehr ergebner Reginald Gamelyn Wardour. Edinburgh, 6. August 179–.« Der Altertümler brach rasch das Siegel des eingelegten Umschlags auf, und der Inhalt bereitete ihm Erstaunen und Freude zugleich. Nachdem er sich nach so unerwarteten Nachrichten wieder einigermaßen gefaßt hatte, besichtigte er die andern Papiere sorgfältig, die sich alle auf Geschäfte bezogen – steckte die Noten in sein Notizbuch und schrieb eine kurze Bestätigung, die mit der nächsten Post abgehen sollte, denn er war in Geldsachen sehr gewissenhaft. Dann begab er sich, übervoll von Neuigkeiten, in den Salon hinunter. »Kehraus,« sagte er, als er eintrat, »Sie müssen machen, daß Sie hier herauskommen mit Ihrer ganzen Sippschaft. Sehen Sie dieses Dokument, Mann?« »Ein Suspensationsbefehl,« sagte der Gerichtsvollzieher enttäuscht. »Hab mir's ja gleich gedacht, daß es eine sonderbare Sache wäre, einen so hohen Herrn wie Sir Arthur auszupfänden – na ja, dann muß ich schon gehn mit meinen Leuten – und wer bezahlt mir meine Kosten?« »Die Leute, in deren Auftrag Sie gekommen sind,« versetzte Oldbuck, »das wissen Sie ja auch sehr gut. – Aber da kommt ein andrer Eilbote – dies ist ein Tag der Neuigkeiten.« Diesmal war es Herr Briefbeutel auf seiner Mähre, und er brachte einen Brief an Sir Arthur und einen an den Gerichtsvollzieher, die beide sofort bestellbare Eilsendungen waren. Der Gerichtsvollzieher öffnete den seinen und bemerkte, Grünhorn und Grinderson wären ja gut genug für die Kosten und der Brief hier enthalte die Weisung, die Pfändung einzustellen. Er verließ daher ohne weitern Aufenthalt das Zimmer. Sir Arthurs Brief war von Grünhorn und in seiner Art eine Kuriosität. Wir geben ihn mit den Randglossen des würdigen Barons wieder: »Mein Herr (o, ich bin also nicht mehr sein werter Herr, die Leute sind den Herren Grünhorn \& Grinderson nur so lange wert, wie sie im Unglück sitzen) mein Herr, bei meiner Rückkehr vom Lande, wo ich dringende Geschäfte zu erledigen hatte (eine Wette beim Rennen, vermute ich) – vernehme ich zu meiner größten Bestürzung, daß mein Teilhaber in meiner Abwesenheit die Taktlosigkeit hatte, die Angelegenheiten der Herren Goldvogel den Ihren vorgehen zu lassen und Ihnen in ungeziemender Weise zu schreiben. Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, auch im Namen Grindersons – (sieh da, er versteht es auch, in seinem und seines Teilhabers Namen zu schreiben!) – und erachte es für unmöglich, daß Sie meinen könnten, ich würde je die beständige Huld und Gönnerschaft, die meine Familie (seine Familie? hol' ihn der Kuckuck, den Hanswurst!) allzeit von der Familie von Knockwinnock erfahren hat, je vergessen können oder mich undankbar zeigen. Aus einer Unterredung, die ich heute mit Herrn Wardour gehabt habe, ersehe ich, daß er sehr erbittert ist, und wie ich zugeben muß, mit vollem Recht. Um nun, soweit in meinen Kräften steht, den Irrtum, über den er sich beschwert, (ein schöner Irrtum, seinen Gönner ins Gefängnis zu bringen), gut zu machen, habe ich diesen Eilbrief abgesandt, um jedes Verfahren gegen Sie oder Ihr Besitztum einzustellen und zu gleicher Zeit meine untertänigste Bitte um Entschuldigung zu übermitteln. Ich habe nur hinzuzusetzen, daß es mit Ihrem Konto bei uns durchaus keine Eile hat und somit zeichne ich, in meinem und Herrn Grindersons Namen, werter Herr (oho, er hat sich ordentlich in einen familiären Ton hineingeschrieben) Ihr sehr ergebner und untertäniger Diener Gilbert Grünhorn.« »Schön gesagt, Herr Grünhorn,« sagte Monkbarns. Ich sehe jetzt, es ist ganz vorteilhaft, wenn zwei Anwälte eine Firma haben. Ihr Verhalten gleicht dann dem des Männchens und des Weibchens in einem deutschen Wetterhäuschen. Wenn der Klient schönes Wetter hat, kommt der Herr heraus und wedelt mit dem Schweif wie ein Wachtelhündchen; wenn es schlechtes Wetter ist, kommt der andre Partner heraus und bellt wie ein Bullenbeißer. »Na, da dank' ich doch Gott, daß mein Geschäftsführer noch immer seinen Dreispitz trägt, ein Haus in der Altstadt hat, sich vor einem Pferde ebenso grault wie ich, Sonnabends mal Golf spielt, Sonntags mal in die Kirche geht und, weil er keinen Partner hat, nur für sich um Entschuldigung zu bitten hat, wenn er mal 'ne Dummheit macht.« Rasch war ein Tisch gedeckt, und die Gesellschaft nahm zu fröhlichem Mahle Platz, selbst Ochiltree bekam einen Seitenplatz in einem großen ledernen Armstuhl. »Was liest du so eifrig in der Zeitung, Hektor?« fragte im Laufe der Mahlzeit der Altertümler seinen Neffen. »Steht was Wichtiges drin?« »Nichts Besonderes.« erwiderte dieser. »Aber mein Arm ist nun wieder so gut wie heil, und ich werde dich nun bald von meiner Gesellschaft befreien und in wenigen Tagen nach Edinburgh gehen. Ich lese, daß Major Neville dort angelangt ist. Ich möchte ihn gern sehen.« »Was für ein Major?« fragte sein Oheim. »Major Neville, Onkel,« antwortete der junge Soldat. »Und wer ist dieser Major Neville?« fragte der Altertümler. »O, Herr Oldbuck,« sagte Sir Arthur, »Sie müssen doch oft in der Zeitung von ihm gelesen haben – ein ausgezeichneter junger Offizier. Aber ich sehe zu meiner Freude, daß Kapitän M'Intyre nicht von Monkbarns weg muß, um ihn zu sehen, denn wie mir mein Sohn schreibt, kommt er mit dem Major nach Knockwinnock, und ich brauche nicht zu sagen, wie glücklich ich mich schätzen werde, die jungen Herren miteinander bekannt zu machen – sofern sie allerdings nicht schon miteinander bekannt sind.« »Nein, nicht persönlich,« antwortete Hektor, »aber ich habe schon viel von ihm gehört.« »Haben Sie denn,« warf Edie ein, »noch nicht gehört, daß die Franzosen kommen sollen?« »Die Franzosen, du Schafskopf?« versetzte Oldbuck. »Bah!« Dies gab dem Gespräch eine neue Wendung und brachte sie auf die Vaterlandsverteidigung und auf die Pflicht, für das Land, in dem man lebt, zu kämpfen. Dann aber war es Zeit, auseinanderzugehen. Der Altertümler und sein Neffe schieden von Knockwinnock mit den wärmsten Ausdrücken gegenseitiger Wertschätzung und traten den Heimweg an. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Am folgenden Morgen stand der Altertümler zeitig auf, und da der alte Caxon sich noch nicht eingestellt hatte, seit er anläßlich der befürchteten französischen Invasion als Leuchtturmwärter in Fairport bestellt worden war, so begann er, das Geschwätz und die kleinen Klatschereien, die der Friseur ihm sonst immer hinterbrachte, allmählich zu vermissen. Indessen machte das Erscheinen Edie Ochiltrees ihm diese Entbehrung weniger schmerzlich. Mit dem Gebaren eines Mannes, der sich ganz zu Hause fühlt, kam der Bettler an den zugestutzten Taxushecken herangeschlendert. Er war in der letzten Zeit so oft gekommen, und alles hatte sich so sehr daran gewöhnt, ihn fast wie zur Familie gehörig anzusehen, daß selbst Juno ihn nicht anbellte, sondern sich damit begnügte, ihn mit scharfen, wachsamen Blicken zu verfolgen. Der Altertümler trat im Schlafrock hinaus und empfing und erwiderte den Gruß des Alten. »Nun kommen sie aber in allem Ernst, Monkbarns. Eben komm' ich von Fairport, um Ihnen die Nachricht zu überbringen. Gleich will ich wieder weg. Die ›Suche‹ ist in die Bai gekommen – und wie es heißt, ist sie von einer französischen Flotte verfolgt worden.« »Die ›Suche‹?« sagte Oldbuck und sann einen Augenblick nach. »Oho!« »Ja doch, die ›Suche‹ – Kapitän Taffrils Brigg.« »Was! Eine Verwandte wohl mit ›Suche No. I‹ – wohl gar ›Suche No. II‹, was?« fragte Oldbuck, und der Name des Schiffes schien in den geheimnisvollen Schatzfund Licht zu bringen. Der Bettler hielt, wie einer, der über einem launigen Streich ertappt wird, den Hut vors Gesicht und lachte aus vollem Halse. »Der Teufel steckt in Ihnen, Monkbarns. – Sie kommen doch auch hinter alle Schliche. Wer hätte auch meinen mögen, daß nun dieser Name Sie auf die Spur brächte? – Na ja, nun bin ich entdeckt und entlarvt.« »Jetzt ist mir alles klar,« sagte Oldbuck, »so klar, wie die Inschrift auf einer gut erhaltenen Münze. Die Kiste, in der das Metall gefunden wurde, gehörte zu dem Kanonenboot, und der Schatz gehörte meinem Phoenix.« (Edie nickte zustimmend.) – »Und ist dort vergraben worden, damit Sir Arthur in seiner bedrängten Lage Hilfe finden sollte?« »Von mir und zweien von der Mannschaft der Brigg ist sie vergraben worden. Aber die Leute haben nicht gewußt, was drin war,« sagte Edie, »und dachten, es wäre so ein bißchen was Gepaschtes von ihrem Kapitän. Ich habe Tag und Nacht aufgepaßt, bis ich sie in den richtigen Händen sah; und als dieser deutsche Satan den Deckel der Kiste so anstarrte, da hat mir's, glaub ich, ein schottischer Teufel eingegeben, ihm diesen Streich zu spielen. – Na nun sehen Sie, daß ich dem Amtmann Kleinhans nicht mehr habe sagen können, denn Herr Lovel wäre sehr böse gewesen, wenn ich sein Geheimnis ans Licht gebracht hätte. – Da dachte ich denn, lieber läßt du das Schlimmste über dich ergehen!« »Ich muß sagen, er hat sich seinen Vertrauensmann gut zu wählen gewußt,« sagte Oldbuck. »Wenn es sich darum handelt, Monkbarns,« antwortete der Bettler, »jemand Silber anzuvertrauen, so bin ich freilich, das kann ich wohl selber sagen, der geeignetste Mann im ganzen Lande. Denn ich kann Silber nicht brauchen, trage kein Verlangen danach und wüßte auch nichts damit anzufangen, wenn ich's hätte. Aber dem guten Jungen blieb auch keine große Wahl übrig, denn er dachte damals, er müßte für immer aus dem Lande. Darin hat er sich ja nun allerdings geirrt. Es war bereits Nacht geworden, als wir durch einen seltsamen Zufall von Sir Arthurs schwerer Notlage Kenntnis erhielten, und Lovel mußte bei Tagesgrauen an Bord der Brigg gehen. Aber fünf Nächte später ging die Brigg wieder in der Bucht vor Anker, und es war verabredet worden, daß ich dort auf das Boot warten sollte. Und da haben wir dann den Schatz dort vergraben, wo er gefunden worden ist.« »Das war ein recht romantisches, fast törichtes Unternehmen,« sagte Oldbuck. »Warum habt Ihr Euch nicht mir oder einem andern Freunde anvertraut?« »Das Blut vom Sohne Ihrer Schwester,« versetzte Edie, »war an seinen Händen, vielleicht konnte Ihr Neffe gar tödlich getroffen sein – wie hätte er da Zeit haben sollen, jemand um Rat zu fragen? – und wie hätte er sich gar an Sie wenden sollen?« »Da habt Ihr allerdings recht. – Wenn aber Dusterschieler euch beiden zuvorgekommen wäre?« »Wir brauchten wohl kaum zu befürchten, daß er ohne Sir Arthur dorthin gekommen wäre. Er wußte recht gut, daß er den ersten Fund selber dort angelegt hatte. Wie hätte er da auf einen zweiten rechnen sollen? Er machte nur so viel Geseires davon, damit er Sir Arthur nur desto besser rupfen konnte.« »Wie hätte aber Sir Arthur dorthin kommen sollen,« sagte Oldbuck, »wenn der Deutsche ihn nicht hingeführt hätte?« »Hm!« machte Edie trocken. »Ich hatte mir schon so eine Geschichte von Schwarzrock zurecht gelegt, da wären sie beide sofort drauf reingefallen. Außerdem war bestimmt anzunehmen, daß er nochmal dorthin gehen würde, wo er das erste Silber gefunden hatte – das Geheimnis kannte er ja nicht. Kurz, das Silber war gefunden wurden – Sir Arthur befand sich in größter Bedrängnis, und Lovel war entschlossen, ihn nie wissen zu lassen, wer ihm geholfen habe. – Das war seine allergrößte Sorge – und obwohl wir lange hin und her überlegten, konnten wir kein besseres Mittel finden, ihm den Schatz in die Hände zu spielen. Wenn durch einen queren Zufall Dusterwühler seine Klauen draufgelegt hätte – dann hätte ich sofort Sie oder den Sheriff in die ganze Geschichte eingeweiht.« »Trotz all dieser weisen Vorsichtsmaßregeln habt ihr mit euerm Komplott doch mehr Glück gehabt, als es in seiner Plumpheit verdient hätte, Edie. Aber wie zum Kuckuck ist Lovel zu einer solchen Masse von Silberbarren gekommen?« »Das kann ich Ihnen nun allerdings nicht sagen, aber das Metall ist mit seinen Sachen aus Fairport an Bord gebracht worden, und wir haben es in einer der Munitionskisten von der Brigg verstaut, damit es versteckt sein und sich besser transportieren lassen sollte.« »Liebe Güte!« sagte Oldbuck und dachte zurück an den Anfang seiner Bekanntschaft mit Lovel; »und für diesen jungen Mann, der Hunderte bei einem so schnurrigen Versteckspiel riskiert, habe ich die Fähre bezahlt! – Es soll aber auch das erste und letztemal gewesen sein, daß ich für irgendwen die Fähre bezahle. – Und so habt Ihr wohl in ständigem Verkehr mit Lovel gestanden?« »Ein paar Zeilen bekam ich von ihm mit der Mitteilung, daß – als wie gestern – ein Paket in Tannonburgh sein würde mit Briefen, die für die Leute von Knockwinnock von größter Wichtigkeit wären. Denn über Fairport wollten sie die Sendung nicht gehen lassen, weil sie fürchteten, der Brief könnte dort auf dem Postamt aufgemacht werden. Und das ist wahr, denn es steht fest, daß der Frau Briefbeutel die Postagentur weggenommen wird, weil sie sich um andrer Leute Sachen gekümmert hat und nicht um ihre eignen. Aber froh war ich doch, wie ich aus dem Gefängnis herauskam. Denn ich dachte, wenn nun der Brief ankommt, und ich sitze nun hier eingeschlossen wie eine Auster, und alles sollte deswegen schief gehen? Und schon dachte ich, ich sollte alles bekennen und Ihnen alles verraten – aber auch das konnt' ich nicht gut, weil ich da doch Herrn Lovels direkten Weisungen zuwider gehandelt hätte. Ich vermute, er hat in Edinburgh erst noch mit irgendwem zusammentreffen müssen, ehe er für Sir Arthur hat tun können, was er sich vorgenommen hatte.« »Na, und Eure Neuigkeiten aus der großen Welt? Also kommen sie wirklich, Edie?« »So sagen die Leute, Herr, und es sind auch. Befehle angekommen, daß die Bürgerwehr sich bereit halten soll – ein kluger junger Mann käme, um unsere Verteidigungsmittel zu besichtigen. – Aber wie wird's denn nun mit meiner Gerichtssache werden?« »Ich habe heute früh einen Brief bekommen, aus dem hervorgeht, daß der Schuft die gegen Euch erhobenen Beschuldigungen zurücknimmt, und er erklärt sich bereit, Enthüllungen zu machen, auf Grund deren sich die Angelegenheiten Sir Arthurs leichter glatt machen ließen, als wir fürchteten – so schreibt der Sheriff. Er hat, setzt er hinzu, der Regierung wichtige Eröffnungen gemacht, auf welche hin der Schurke in seine Heimat geschickt werden soll, um dort abgeurteilt zu werden.« »Und die guten Maschinen alle und die Räder und Gruben und Schachten unten in Glen-Withershin – was soll, daraus werden?« fragte Edie. »Ich hoffe, die Arbeiter werden, ehe sie auseinandergehen, ein ordentliches Freudenfeuer anstecken, wie eine Armee ihre Artillerie vernichtet, wenn sie eine Belagerung aufzugeben gezwungen ist. Und die Gruben, Edie, die können als Rattenlöcher dienen, denn sobald wird wohl niemand wieder auf solchen Humbug hereinfallen.« »Du liebe Güte, Herr, die Maschinen verbrennen! Das ist doch jammerschade und heißt doch das Geld mit Fäusten wegwerfen. Wär's nicht besser, wenn Sie versuchten, die Dinger zu versteigern und Ihre hundert Pfund auf diese Weise wieder herauszuholen?« fuhr er fort im Tone geheuchelten Beileids. »Nicht einen Heller!« sagte der Altertümler verdrossen, wandte sich von ihm und tat ein paar Schritte. »Geht ins Haus, Edie, und beherzigt, was ich Euch rate: sprecht mir nie wieder von Bergwerken.« »Ich muß nach Fairport zurück,« sagte der Landstreicher. »Ich muß hören, was die Leute über die Invasion sagen. Aber ich will dran denken, was Eure Ehren mir gesagt haben. Hätte doch nicht gedacht,« setzte er mit erkünsteltem Erstaunen hinzu, »daß Sie so empfindlich wären – meinte immer, Sie hätten bloß zwei schwache Stellen: das Praetorium da drüben und den alten Dreier, den Sie sich für 'ne antike Münze haben andrehen lassen.« »Ach was! Ach was!« machte der Altertümler, wandte sich rasch von ihm ab und ging ins Haus. Vierundzwanzigstes Kapitel. Der Leuchtturmwärter – niemand anders als der alte Caxon – hatte sich den Gedanken an die nahe bevorstehende Hochzeit seiner Tochter hingegeben und freute sich schon auf seine Würde als Schwiegervater des Leutnant Taffril. Dabei lugte er ab und zu nach dem Signalposten aus, mit dem er Verbindung halten sollte. Er rieb sich die Augen, sah wieder hin und sah nun ein Licht, das näher und näher kam. – »Der Herr behüte uns!« rief Caxon. »Was ist nun zu tun? Aber die Frage mögen weisere Leute entscheiden – ich will nur das Feuer anstecken.« Und er tat es, und die lange, flackernde Lohe stieg zum Himmel, schreckte die Seevögel aus ihren Nestern und warf einen Glutschein weithin über die wogende See. Die Kameraden Caxons waren ebenso wachsam auf ihren Posten, sahen das Signal und gaben es weiter. Auf Vorgebirgen, Klippen und Hügeln flammten die Feuer auf, und der ganze Distrikt wurde alarmiert und mobil gemacht. Wer je eine solche Szene mitangesehen hat, kann allein sich vorstellen, was für ein Leben und Treiben in Fairport herrschte. Die Fenster erstrahlten von hundert Lichtern, die rasch erschienen und verschwanden und die Verwirrung im Innern der Häuser erkennen ließen. Die Weiber der geringern Klasse versammelten sich lärmend auf dem Marktplatz. Die Yeomen kamen aus ihren verschiedenen Tälern und galoppierten durch die Straßen, einige einzeln, andere truppweis zu fünfen bis sechsen, wie sie sich unterwegs zusammengefunden hatten. Die Trommeln und Pfeifen der Freiwilligen riefen zu den Waffen, übertönt von den Stimmen der Offiziere, dem Schall der Hörner und dem Läuten der Glocken, die im ganzen Sprengel erklangen. Die Schiffe im Hafen waren erleuchtet, und von den Schiffen stießen Boote ab, die Mannschaften und Kanonen an Land brachten zur Unterstützung und Verteidigung der Stadt. Das Gewirr und Getöse wurde größer und größer. Diesen Teil der Rüstungen leitete Leutnant Taffril mit großer Umsicht und Emsigkeit. Zwei bis drei leichte Schiffe hatten bereits die Anker gelichtet und gingen in See, um den erwarteten Feind zu suchen und zu signalisieren. So allgemein war die Verwirrung, als Sir Arthur Wardour, Oldbuck und Hektor unter mancherlei Schwierigkeiten in dasjenige Viertel der Stadt den Weg sich bahnten, in welchem das Gemeindeamt lag. Es war ganz erleuchtet, und die Obrigkeit mit vielen Adelsherren der Umgegend war bereits versammelt. Kapitän M'Intyre betätigte sich als militärischer Ratgeber und als Adjutant der obersten Magistratsperson und zeigte hierbei eine Geistesgegenwart und Fachkenntnis, die sein Oheim ihm nicht im geringsten zugetraut hätte. Wenn Oldbuck an seine sonstige Unbedachtheit und sein Ungestüm dachte, war er förmlich verblüfft, ihn jetzt in so ruhiger, zielbewußter Weise seine Anordnungen treffen zu sehen, wie die Erfahrung sie ihm eingab. Er fand die verschiedenen Korps in bester Ordnung, obwohl sie aus so bunt zusammengewürfelten Material bestanden; sie waren alle voller Zuversicht und hohen Mutes. Zweierlei wurde noch mit Begier erwartet: die Ankunft der Freiwilligen Glenallans, die gemäß der Bedeutung dieses Hauses ein Korps für sich gebildet hatten, und die Ankunft des bereits genannten Offiziers, dem die Verteidigung dieses Küstenstrichs vom Oberkommandierenden übertragen worden war und der befugt war, über die militärischen Kräfte freie Verfügung zu treffen. Endlich ließen sich die Hörner der Yeomenschaft von Glenallan vernehmen, und der Graf selber erschien an der Spitze der Mannschaft in voller Uniform, zur großen Überraschung aller, die seine Lebensweise und seinen Gesundheitszustand kannten. Die saubere und zweckmäßige Ausrüstung dieser stattlichen Schwadron, die vollständig in Hochlandstracht gekleidet war, erregte die Bewunderung Kapitän M'Intyres; sein Oheim aber war noch mehr darüber erstaunt, daß bei diesem Anlaß der alte militärische Geist dieses Hauses die gebrochene Gestalt des Grafen, ihres Führers, neu zu beleben und mit neuen Kräften zu erfüllen schien. Endlich verkündete ein Geschrei unter dem Volke: »Da kommt endlich der brave Major Neville mit einem andern Offizier,« und ihre vierspännige Postkutsche fuhr unter dem Hussah der Freiwilligen und Einwohner herein. Die Stadtverordneten und Personen der Obrigkeit eilten an die Tür des Gemeindehauses, um ihn zu empfangen. Aber wie erstaunt waren alle Anwesenden, vor allen aber der Altertümler, als sie gewahr wurden, daß in der hübschen Uniform und der Soldatenmütze die Gestalt und das Antlitz des friedlichen Lovel steckte! Mit einer warmen Umarmung und einem herzlichen Händedruck mußte sich Oldbuck erst davon überzeugen lassen, daß seine Augen ihn nicht betrogen. Sir Arthur war nicht minder überrascht, daß er seinen Sohn, Kapitän Wardour, in Lovels oder richtiger Major Nevilles Gesellschaft fand. Die ersten Worte der jungen Offiziere gaben allen Anwesenden die Versicherung, daß der Mut und der Eifer, den die Bevölkerung gezeigt hatte, ganz vergebens gewesen wäre und nur insofern einen Zweck gehabt hätte, daß sie einen trefflichen Beweis ihres Mutes und ihrer Schlagfertigkeit damit geliefert hätten. »Der Wärter auf der Halketspitze,« sagte Major Neville, »ist, wie wir auf unserm Herweg ausgekundschaftet haben, in sehr natürlicher Weise durch ein Freudenfeuer irregeleitet worden, das müßiges Volk in Glen-Withershins in der Richtung des Leuchtturms, der dem seinen gegenüberlag, auf dem Hügel angesteckt hatte.« Oldbuck warf dem Baron einen verständnisinnigen Blick zu, den dieser mit einem ebenso schafigen und einem Achselzucken erwiderte. »Das muß die Maschinerie gewesen sein,« sagte er, »die wir in unserer Wut zum Feuertode verurteilt haben. Hol' der Teufel den Dusterschieler!« Lord Glenallan zupfte ihn jetzt am Ärmel und zog ihn in ein besondres Gemach. »Um Gottes willen, wer ist der junge Herr, der so große Ähnlichkeit hat mit –« »Mit der unglücklichen Eveline,« unterbrach ihn Oldbuck. »Mir war gleich das Herz warm, wie ich ihn sah, und Euer Lordschaft bringen mich nun selber erst darauf, woher das eigentlich kam.« »Aber wer – wer ist er?« fuhr Lord Glenallan fort, den Altertümler krampfhaft festhaltend. »Früher hätte ich ihn Lovel genannt, nun stellt es sich aber heraus, daß er Major Neville heißt.« »Den mein Bruder als seinen natürlichen Sohn aufgezogen hat – den er zu seinem Erben ernannt hat – gütiger Himmel! Das Kind meiner Eveline!« »Sachte – Mylord – sachte!« mahnte Oldbuck. »Geben Sie sich nicht zu voreilig solcher Vermutung hin! Was für eine Wahrscheinlichkeit liegt dafür vor?« »Wahrscheinlichkeit? Keine! Aber Gewißheit! Absolute Gewißheit. Der Agent, von dem ich zu Ihnen sprach, hat mir die ganze Geschichte geschrieben. Gestern erhielt ich den Bericht – früher nicht. Bringen Sie ihn mir her, um Gottes willen, daß ihn eines Vaters Augen segnen können, ehe er scheidet!« »Das will ich; aber um Ihrer und um seinetwillen lassen Sie ihm ein Weilchen Zeit sich darauf vorzubereiten.« Entschlossen, noch eingehendere Erhebungen anzustellen, ehe er an eine so seltsame Geschichte glaubte, suchte er Major Neville auf und fand ihn beschäftigt, die nötigen Maßregeln zu treffen und die versammelten Streitkräfte wieder nach Hause zu schicken. »Bitte, Major Neville, überlassen Sie dieses Geschäft auf ein Weilchen dem Kapitän Wardour und Hektor, mit dem Sie sich hoffentlich völlig ausgesöhnt haben« (Neville lachte und schüttelte Hektor über den Tisch hinüber die Hand), »und gönnen Sie mir einen Augenblick Gehör.« »Sie haben Anspruch auf mich, Herr Oldbuck, und wenn mein Geschäft noch so dringend wäre,« sagte Neville, »denn ich habe mich Ihnen unter falschem Namen aufgedrängt und Ihre Gastfreundschaft belohnt, indem ich Ihren Neffen verwundete.« »Sie haben ihm heimgeleuchtet, wie er's verdient hatte,« sagte Oldbuck, – »heute allerdings hat er Verstand und Mut gezeigt» daß es eine Freude war.« »Sehr nett, daß Sie mein Verhalten so gütig entschuldigen, Sie werden das um so bereitwilliger tun, wenn Sie hören, daß ich auf den Namen Neville, unter dem ich in der großen Welt Auszeichnung errang, kein besseres Anrecht habe als auf den Namen Lovel, unter dem Sie mich kennen lernten.« »Wirklich! Dann glaube ich bestimmt, wir werden einen finden, auf den Sie ein festes, gesetzmäßiges Anrecht besitzen.« »Mein Herr! Sie meinen doch nicht etwa, daß das Mißgeschick meiner Geburt –« »Keine Rede davon, junger Mann!« unterbrach ihn der Antiquar, »ich glaube, von Ihrer Geburt weiß ich mehr, als Sie selber. Damit Sie sich davon überzeugen, sage ich Ihnen, Sie sind erzogen worden und bekannt gewesen als natürlicher Sohn Geraldin Nevilles von Nevilles-Burg in Yorkshire und, wie ich vermute, von diesem von vornherein zum Erben bestimmt worden.« »Verzeihen Sie – solche Aussichten sind mir nicht gemacht worden. Ich bin sehr freigebig erzogen und zum Offizier herangebildet worden, es hat mir an Geld nie gefehlt, aber ich glaube, mein mutmaßlicher Vater hat lange Zeit die Absicht gehabt, sich zu verheiraten, wenn er sie auch nie ausgeführt hat.« »Sie sagen Ihr mutmaßlicher Vater ? – Was führt Sie zu der Annahme, daß Lord Geraldin Neville nicht Ihr wirklicher Vater gewesen sei?« »Ich weiß, Herr Oldbuck, Sie würden diese Fragen nach einem so heikeln Gegenstande nicht zur Befriedigung bloßer Neugierde stellen. Ich will Ihnen daher offen sagen, daß ich im vergangenen Jahr in Französisch – Flandern, in einer kleinen Stadt, die wir besetzten, in meinem Quartier – einem Kloster – eine Frau fand, die auffallend gut Englisch sprach. Sie war eine Spanierin und hieß Theresa d' Acunha. Wir wurden näher miteinander bekannt, und sie entdeckte mir nun, wer ich wäre, und gab sich mir als die Person zu erkennen, die mich als kleines Kind gepflegt hatte. Sie machte allerlei Andeutungen, auf welchen Rang ich Anspruch hätte und was für Ungerechtigkeit mir angetan worden sei, und versprach, die ganze Wahrheit zu enthüllen, sobald eine gewisse Lady in Schottland, zu deren Lebzeiten sie das Geheimnis zu bewahren entschlossen sei, gestorben wäre. Sie deutete auch an, daß Herr Geraldin Neville nicht mein Vater sei. Wir wurden vom Feinde angegriffen und aus der Stadt geworfen, die dann von den Republikanern grausam geplündert wurde. Die religiösen Orden waren besondere Zielpunkte ihres Hasses und ihrer Roheit. Das Kloster wurde niedergebrannt, und mehrere Nonnen kamen um, unter ihnen Theresa – und mit ihr ging alle Hoffnung dahin, hie Geschichte meiner Geburt kennen zu lernen – nach allem, was ich davon gehört habe, muß sie wohl recht tragisch gewesen sein.« » Raro antecedentem scelestum , oder, wie ich hier sagen kann, scelestam ,« sagte Oldbuck, » deseruit poena – selbst Epikuräer gaben das zu – und was haben Sie darauf hin getan?« »Ich wandte mich an Herrn Neville brieflich, aber ohne Erfolg. – Dann erhielt ich Urlaub, warf mich ihm zu Füßen und beschwor ihn, mir die Enthüllung zu vollenden, die Theresa begonnen hatte. Er weigerte sich und warf mir entrüstet die Wohltaten vor, die er mir erwiesen hätte. Ich war der Meinung, er mißbrauche die Befugnis eines Wohltäters, und wir gingen in gegenseitiger Verstimmung auseinander. Ich gab den Namen Neville auf und nahm den an, unter dem Sie mich kennen lernten. Zu jener Zeit lernte ich im Norden Fräulein Wardour kennen und war so romantisch, ihr nach Schottland zu folgen. Verschiedene Lebenspläne hatte ich mir unschlüssig entworfen, und ich beschloß, mich noch einmal an Herrn Neville wegen einer Erklärung meiner Geburt zu wenden. Es währte lange, ehe ich eine Antwort erhielt. Sie waren zugegen, als mir das Schreiben ausgehändigt wurde. Er schrieb mir, wie schlecht es um seine Gesundheit stünde, und beschwor mich, um meiner selbst willen nicht weiter nach der Natur seiner Beziehungen zu mir zu forschen, sondern mich mit seiner Erklärung zufriedenzugeben, ich stünde ihm so nahe und in solchem Verwandtschaftsgrade zu ihm, daß er mich zu seinem Erben eingesetzt hätte. Als ich mich fertig machte, Fairport zu verlassen und zu ihm zu gehen, brachte mir ein zweiter Eilbrief die Nachricht, daß er gestorben sei. Der Besitz großen Reichtums vermochte nicht die Gewissensbisse und Reue zu unterdrücken, mit denen ich nun an mein Verhalten meinem Wohltäter gegenüber dachte. Einige Worte in seinem Briefe schienen darauf zu deuten, daß auf meiner Geburt ein noch tieferer Fleck laste als der der Illegitimität.« »Und über diese trübseligen Gedanken grübelten Sie nach, bis Sie krank wurden, statt zu mir zu kommen und mich um Rat zu fragen und mir die ganze Geschichte zu erzählen?« fragte Oldbuck. »Gewiß; und dann kam mein Zwist mit Kapitän M'Intyre, und ich mußte von Fairport und Umgegend weg.« »Und von Liebe und Poesie – von Fräulein Wardour und der Kaledoniade?« »Freilich, freilich.« »Und seit dieser Zeit haben Sie Pläne geschmiedet, wie Sie Sir Arthur helfen wollten?« »Ja, Herr Oldbuck, mit Hilfe Kapitän Wardours in Edinburgh.« »Und mit Hilfe Edie Ochiltrees hier – Sie sehen, ich kenne die ganze Geschichte. Aber wie sind Sie zu diesem Schatze gekommen?« »Es war eine Unzahl silberner Geräte, die meinem Oheim gehörten und in Fairport bei einem Bekannten in Verwahrung waren. Kurze Zeit vor seinem Tode hatte er Weisung dorthin geschrieben, das Silberzeug einzuschmelzen. Er wünschte vielleicht nicht, daß ich das Wappen der Glenallans darauf sehen sollte.« »Nun, Herr Neville – oder lassen Sie mich lieber sagen, Lovel – denn das ist mir der liebste Name – ich glaube, Sie müssen Ihre beiden alias fallen lassen und Namen und Titel eines Lord Geraldin annehmen.« Wer Altertümler erzählte ihm nun den seltsamen und traurigen Verlauf vom Tode seiner Mutter. »Ohne Zweifel,« sagte er, »hegte Ihr Oheim den Wunsch, daß das Gerücht vom Tode des dieser unglücklichen Ehe entsprungenen Kindes sich bewahrheiten möchte – vielleicht hoffte er selber einmal seinen Bruder zu beerben; denn damals war er noch ein flotter wilder Jüngling. Aber von allen Plänen gegen Ihre Person – wie viele ihrer auch die alte Elsbeth in ihrem bösen Gewissen ihm unterschoben haben mochte – hat Theresas und Ihre eigene Aussage ihn völlig freigesprochen. Und nun, mein lieber Herr, gönnen Sie mir das Vergnügen, einen Sohn einem Vater vorzustellen.« Wir wollen nicht versuchen, ein solches Zusammentreffen zu beschreiben. Die Beweise nach allen Seiten hin wurden vollständig vorgefunden, denn Herr Neville hatte einen ausführlichen Bericht aller Begebenheiten in einem versiegelten Paket hinterlassen, das erst nach dem Tode der alten Gräfin geöffnet werden sollte. Sein Beweggrund so lange das Geheimnis zu bewahren, lag offenbar in der Furcht vor der Wirkung, die die mit so vieler Schande beladene Entdeckung auf ihr heftiges Gemüt hätte ausüben müssen. Am Abend dieses Tages tranken die Yeomenschaft und die Freiwilligen von Glenallan auf das Wohl ihres jungen Herrn. Einen Monat später wurde Lord Geraldin mit Fräulein Wardour getraut. Der Altertümler schenkte der Dame einen Trauring, einen schweren massiven Ring von antiker Ziselierung, der den Wahlspruch Aldobrand Oldbucks trug: » Kunst macht Gunst «. Der alte Edie, die bedeutendste Person, die je einen blauen Kittel getragen hat, wandert noch immer rüstig vom Hause eine Freundes zum andern und rühmt sich mit Stolz, daß er nur bei sonnigem Wetter auf der Wanderschaft ist. In der letzten Zeit hat er die Absicht durchblicken lassen, sich einen ständigen Wohnsitz zu wählen; denn man hat ihn oft in der Ecke einer behaglichen Hütte zwischen Monkbarns und Knockwinnock gefunden – in welche Hütte nach der Hochzeit seiner Tochter mit Leutnant Taffril der alte Caxon sich zurückgezogen hatte, um stets in der Nähe der drei letzten Perücken des Sprengels zu sein, die er noch immer in bester Pflege hält, wenn auch nur zu seinem eignen Vergnügen und Zeitvertreib. Hektor avanciert rasch im Heere und steigt im selben Maßstab auch in der Gunst seines Oheims. Die Leute reden von einer Heirat zwischen Fräulein M'Intyre und Kapitän Wardour, doch entbehrt dieses Gerücht noch der Bestätigung. Der Altertümler ist oft zu Gast in Knockwinnock und in Glenallan-Haus, er verfolgt dabei den Zweck, zwei Abhandlungen zu vollenden: eine über den Panzer des großen Grafen und eine über den linken Handschuh des »geharnischten Teufels«. Er fragt regelmäßig, ob Lord Geraldin die »Kaledoniade« angefangen habe, und schüttelt den Kopf über die Antworten, die er erhält. Einstweilen hat er aber die Noten fertig gestellt, die, wie wir glauben, jedem frei zur Verfügung stehen, der sie der Öffentlichkeit übergeben will – selbstverständlich aber ohne Risiko und ohne Unkosten für den Altertümler . Ende.