Jean-Jacques Rousseau Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil Siebentes Buch. 1741 Nach zwei Jahren des Schweigens und der Geduld ergreife ich trotz meiner Vorsätze von neuem die Feder. Leser, halte dein Urtheil über die Gründe, welche mich dazu zwingen, zurück; du kannst darüber erst urtheilen, wenn du mich gelesen hast. Man hat gesehen, wie meine Jugend in einem gleichförmigen und ziemlich genußreichen Leben ohne große Widerwärtigkeiten, aber auch ohne große Glücksfälle verlief. Dieses bescheidene Leben war zum großen Theile das Werk meines leidenschaftlichen, aber schwachen Charakters, der, weniger schnell etwas zu unternehmen als leicht zu entmuthigen, stoßweise aus der Ruhe kam, aber aus Ermattung und Neigung gleich wieder in sie verfiel. Fern von großen Tugenden und noch ferner von großen Lastern, führte er mich stets zu dem müßigen und ruhigen Leben zurück, für das ich mich geboren fühlte, und hat mir so nie vergönnt, zu etwas Großem, sei es im Guten oder im Bösen, zu gelangen. Welch ein verschiedenes Bild werde ich bald zu entrollen haben! Das Schicksal, welches dreißig Jahre lang meinen Neigungen günstig war, arbeitete ihnen die dreißig nächsten Jahre hindurch entgegen, und man wird sehen, wie aus diesem beständigen Widerstreit zwischen meiner Lage und meinen Neigungen unerhörte Leiden und, mit Ausnahme der Kraft, alle Tugenden hervorgingen, welche dem Unglück zur Ehre gereichen können. Den ersten Theil meiner Bekenntnisse habe ich völlig nach dem Gedächtnisse niedergeschrieben, und es kann daher nicht ausbleiben, daß ich manche Irrthümer darin begangen habe. Genötigt, den zweiten gleichfalls aus dem Gedächtnisse zu schreiben, werde ich deren wahrscheinlich noch weit mehr begehen. Die süßen Erinnerungen an meine schönen Jahre, die ich in eben so großer Stille wie Unschuld verlebte, haben mir tausend reizende Eindrücke hinterlassen, die ich mir gern immer von neuem zurückrufe. Man wird bald sehen, wie verschieden davon die Rückerinnerungen an meine spätere Lebenszeit sind. Sie mir wieder vor die Seele rufen, heißt ihre Bitterkeit erneuern. Anstatt jedoch den Gram über meine Lage durch diese traurigen Rückblicke noch zu erhöhen, vermeide ich sie soviel als möglich, und oft gelingt mir dies bis zu dem Grade, daß ich sie, selbst wenn ich sie nöthig habe, nicht wieder wach rufen kann. Die Leichtigkeit, mit der ich Leiden vergesse, ist ein Trost, welche mir der Himmel bei den Widerwärtigkeiten mitgegeben hat, welche das Schicksal eines Tages auf mich häufen sollte. Mein Gedächtnis, welches mir lediglich angenehme Dinge zurückruft, ist das glückliche Gegengewicht gegen meine in Furcht gesetzte Einbildungskraft, die mich nur eine schmerzliche Zukunft vorhersehen läßt. Alle Papiere, welche ich gesammelt hatte, um mein Gedächtnis zu unterstützen und mir bei diesem Unternehmen als Leitfaden zu dienen, sind in andere Hände übergegangen und werden nie mehr in die meinen zurückgelangen. Ich habe nur einen treuen Führer, auf den ich mich verlassen kann, das ist die Verkettung der Gefühle, die mein Wesen nach und nach gestaltet haben, und durch sie wieder die Verkettung, der Ereignisse, die ihre Ursache oder Wirkung gewesen sind. Ich vergesse mein Unglück leicht, aber ich kann meine Fehler nicht vergessen, und vergesse noch weniger meine guten Eindrücke. Ihre Erinnerung ist mir zu theuer, um sich je in meinem Herzen zu verwischen. Ich kann Thatsachen auslassen oder verschieben und mich in den Daten irren, aber ich kann mich nicht über meine Gefühle und über das irren, was ich unter ihrer Einwirkung gethan habe, und darum handelt es sich hauptsächlich. Der eigentliche Zweck meiner Bekenntnisse ist eine genaue Darlegung meines Innern in allen meinen Lebenslagen. Ich habe die Geschichte meiner Seele versprochen, und um sie treu niederzuschreiben, bedarf ich keiner anderen Erinnerungen; mir genügt, wie ich bisher stets gethan, die Einkehr in mich selbst. Zum großen Glücke ist jedoch ein Zwischenraum von sechs bis sieben Jahren vorhanden, über den ich sichere Auskunft in einer abschriftlichen Sammlung von Briefen besitze, deren Originale sich in den Händen des Herrn Du Peyron befinden. Die Sammlung, welche mit dem Jahre 1760 schließt, umfaßt die ganze Zeit meines Aufenthalts in der Eremitage und meiner ernstlichen Zwistigkeit mit meinen sogenannten Freunden, eine denkwürdige Epoche in meinem Leben, welche die Quelle aller meiner übrigen Leiden wurde. Was die neueren Originalbriefe anlangt, die ich etwa noch habe und die sich nur auf eine kleine Anzahl belaufen können, so werde ich sie in die Sammlung, die viel zu umfangreich ist, als daß ich sie der Wachsamkeit meiner Argus zu entziehen hoffen dürfte, nicht aufnehmen, sondern ich werde von ihnen in diesem Werke selbst Gebrauch machen, sobald sie mir zur Aufklärung nöthig zu sein scheinen, sei es nun zu meinen Gunsten oder zu meinem Nachtheile, denn ich befürchte nicht, der Leser könnte vergessen, daß ich meine Bekenntnisse schreibe und sich dem Wahne hingeben, daß ich nur meine Rechtfertigung im Auge habe; aber er darf eben so wenig erwarten, daß ich die Wahrheit verschweige, wenn sie zu meinen Gunsten spricht. Das Einzige übrigens, was dieser zweite Theil mit dem ersten gemein hat, ist die nämliche strenge Wahrheit; nur durch die Wichtigkeit der Thatsachen hat er eine größere Bedeutung. Dies ausgenommen kann er ihm in allem nur untergeordnet sein. Den ersten schrieb ich mit Lust und Liebe und in aller Behaglichkeit theils zu Wooton, theils im Schlosse Trye; alle Erinnerungen, welche ich wieder wach rufen mußte, waren eben so viele neue Genüsse. Ich kam unaufhörlich mit neuer Freude zu ihnen zurück und konnte meine Schilderungen ungestört wieder und wieder abändern, bis ich mit ihnen zufrieden war. Jetzt machen mich mein abnehmendes Gedächtnis und mein schwacher Kopf fast völlig arbeitsunfähig; nur gezwungen und mit einem von Angst bedrückten Herzen beschäftige ich mich mit dieser Arbeit hier. Sie bietet mir nur Leiden, Verrath, Treulosigkeiten, nur betrübende und herzzerreißende Erinnerungen dar. Ich möchte, was ich zu berichten habe, um alles in der Welt in der Nacht der Zeiten begraben können, und während ich wider meinen Willen genöthigt bin zu sprechen, ist mir noch der Zwang auferlegt, mich zu verbergen, List anzuwenden, mich zur Täuschung herzugeben und mich zu Dingen zu erniedrigen, für welche ich am wenigsten geboren war. Die Decke, die sich über mir wölbt, hat Augen; die Mauern, die mich umfangen, haben Ohren; von Spionen und eben so gehässigen wie wachsamen Aufsehern umringt, werfe ich unruhig und zerstreut in aller Hast einige unterbrochene Worte auf das Papier, welche ich kaum Zeit habe wieder durchzulesen, geschweige sie zu verbessern. Ich weiß, daß man trotz der ungeheuren Schranken, die man unaufhörlich um mich aufthürmt, doch immerdar besorgt ist, die Wahrheit könne durch irgend eine Schranke hindurchschlüpfen. Wie soll ich es anstellen, um sie hinausdringen zu lassen? Ich versuche es mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Man urtheile selbst, ob dies dazu angethan ist, um daraus angenehme Bilder zu gestalten und ihnen eine recht anziehende Färbung zu verleihen. Deshalb mache ich diejenigen, welche meine Bekenntnisse weiter lesen wollen, darauf aufmerksam, daß sie bei der Lectüre nichts vor Langeweile schützen kann als das Verlangen, einen Menschen vollends kennen zu lernen, sowie die aufrichtige Liebe zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit. Am Schlusse des ersten Theils habe ich erzählt, daß ich mit Kummer nach Paris abreiste, da mein Herz noch immer an Charmettes hing, wo ich mein letztes Luftschloß erbaut hatte, aber in der festen Absicht, eines Tages zu Mama's Füßen, die dann sich selbst zurückgegeben sein würde, die Schätze, die ich mir erworben hätte, niederzulegen, da ich darauf rechnete, daß mir mein Musikplan zu einem sichern Vermögen verhelfen müßte. Ich verblieb einige Zeit in Lyon, um dort meine Bekannten zu besuchen, nur einige Empfehlungen für Paris zu verschaffen, und meine geometrischen Bücher, die ich mitgenommen hatte, zu verkaufen. Alle Welt empfing mich freundlich. Herr und Frau von Mably legten ihre Freude an den Tag, mich wiederzusehen und luden mich öfter zu Tische ein. Ich machte bei ihnen die Bekanntschaft des Abbé von Mably, wie ich bereits die des Abbé von Condillac gemacht hatte, welche beide zum Besuche ihres Bruders gekommen waren. Der Abbé von Mably gab mir Briefe nach Paris mit, unter andern einen an Herrn von Fontenelle und einen andern an den Grafen von Caylus. Beide waren mir sehr angenehme Bekanntschaften, namentlich der Erstere, welcher mir bis zu seinem Tode beständig seine Freundschaft bewiesen und mir bei unseren Zusammenkünften unter vier Augen Rathschläge ertheilt hat, die ich nur besser hätte benutzen sollen. Ich sah Herrn Bordes wieder, mit welchem ich schon vor langer Zeit bekannt geworden und der mich oft herzlich gern und mit aufrichtiger Freude verpflichtet hatte. Auch diesmal war er noch immer derselbe. Er besorgte den Verkauf meiner Bücher und gab mir nicht nur selbst gute Empfehlungsschreiben nach Paris mit, sondern verschaffte mir auch noch einige von andern. Ich sah den Herrn Intendanten wieder, dessen Bekanntschaft ich dem Herrn Bordes verdankte, und der dafür sorgte, daß ich auch die des Herrn Herzogs von Richelieu machte, der sich gerade zu jener Zeit in Lyon aufhielt. Herr Pallu stellte mich ihm vor. Herr von Richelieu empfing mich recht freundlich und forderte mich auf, ihn in Paris zu besuchen, was ich auch mehrmals that, ohne daß mir jedoch diese hohe Bekanntschaft, von der ich späterhin noch oft werde sprechen müssen, je in etwas nützlich gewesen wäre. Ich sah den Musiker David wieder, der mir auf einer meiner vorhergehenden Reisen in großer Noth bereitwillig beigestanden hatte. Er hatte mir eine Mütze und Strümpfe geliehen oder geschenkt, die ich ihm nie wiedergegeben und er nie von mir zurückverlangt hat, obgleich wir uns nachher oft trafen. Ich habe ihm jedoch in der Folge ein Geschenk von ungefähr gleichem Werthe gemacht. Ich würde Besseres davon erzählen, wenn es sich hier um das handelte, was ich hätte thun sollen; aber es handelt sich hier um das, was ich gethan habe, und das ist leider nicht dasselbe. Ich sah den edlen und großmüthigen Perrichon wieder, und es geschah nicht, ohne daß er mir einen Beweis seiner gewöhnlichen Freigebigkeit gab, denn er machte mir dasselbe Geschenk, das er vorher dem edelen Bernard gemacht hatte, indem er meinen Platz in der Post bezahlte. Ich sah den Chirurg Parisot wieder, den besten und wohlwollendsten der Menschen; ich sah seine theure Godefroi wieder, die er seit zehn Jahren unterhielt und deren ganzes Verdienst fast nur in der Sanftmuth ihres Charakters und in ihrer Herzensgüte bestand, der man sich aber nicht ohne Theilnahme nähern und nicht ohne Rührung Lebewohl sagen konnte, denn sie befand sich in dem letzten Stadium der Schwindsucht, an der sie kurz darauf starb. Nichts giebt die wahren Neigungen eines Mannes besser zu erkennen, als der Charakter seiner Geliebten. Er müßte sich denn von Anfang an in seiner Wahl getäuscht haben, ober die, welcher er seine Neigung geschenkt, müßte in Folge eines Zusammentreffens von außerordentlichen Ursachen später ihren Charakter geändert haben, was durchaus nicht unmöglich ist. Wollte man diese Behauptung ohne Einschränkung gelten lassen, so müßte man Sokrates nach seiner Frau Xantippe und Dion nach seinem Freunde Calippus beurtheilen, was das unbilligste und unrichtigste Urtheil sein würde, das je gefällt ist. Uebrigens möge man sich hierbei jeder beleidigenden Anwendung auf meine Frau enthalten. Sie ist zwar beschränkter und leichter zu täuschen, als ich erwartet hatte; aber was ihren reinen, vortrefflichen und aufrichtigen Charakter betrifft, so ist derselbe meiner ganzen Achtung würdig und wird sie sich bewahren, so lange ich lebe. Hatte man die sanfte Godefroi gesehen, so kannte man den guten Parisot. Ich war allen diesen ehrlichen Leuten Dank schuldig. Späterhin vernachlässigte ich sie alle, sicherlich nicht aus Undankbarkeit, sondern aus jener unüberwindlichen Faulheit, welche mir oft den Anschein der ersteren verliehen hat. Nie ist das Gefühl ihrer Freundlichkeit in meinem Herzen geschwunden, aber es würde mir weniger schwer gefallen sein, ihnen meine Erkenntlichkeit durch die That zu beweisen, als sie ihnen beständig zu versichern. Die Pünktlichkeit im Briefschreiben hat stets meine Kräfte überstiegen; sobald ich anfange, mich dazu aufzuraffen, zeigen mir Scham und Verlegenheit meine Schuld in einem noch schlimmeren Lichte, und ich bin nun erst recht außer Stande zu schreiben. Ich habe also Stillschweigen beobachtet und geschienen, sie zu vergessen. Parisot und Perrichon haben es nicht einmal beachtet, und ich habe sie stets als die nämlichen wiedergefunden; aber zwanzig Jahre später wird man an Herrn Bordes erkennen, bis zu welchem Rachedurst die verletzte Eigenliebe einen Schöngeist fortreißen kann, wenn er sich vernachlässigt glaubt. Bevor ich Lyon verlasse, muß ich noch einer liebenswürdigen Persönlichkeit erwähnen, welche ich daselbst mit größerer Freude als je wiedersah, und die in meinem Herzen sehr zärtliche Erinnerungen zurückließ; es ist Fräulein Serre, von welcher ich im ersten Theil gesprochen habe, und deren Bekanntschaft ich während meines Aufenthaltes bei Herrn von Mably erneuert hatte. Da ich auf dieser Reise mehr Muße hatte, sah ich sie häufiger; ich verliebte mich in sie, und zwar sehr leidenschaftlich. Ich hatte einige Ursache zu glauben, daß sie mir nicht abgeneigt wäre; aber sie bezeigte mir ein Vertrauen, welches mir die Versuchung benahm, es zu mißbrauchen. Sie hatte nichts und ich eben so wenig; unsere Umstände waren einander zu ähnlich, als daß wir uns hätten verbinden können; und bei den Plänen, mit welchen ich mich trug, war ich weit davon entfernt, an eine Heirath zu denken. Sie theilte mir mit, daß ein junger Großhändler, Namens Genéve, ihr in ernstlicher Absicht den Hof machte. Ich sah ihn ein- oder zweimal bei ihr; er schien mir ein Ehrenmann und galt als ein solcher. Ueberzeugt, daß sie mit ihm glücklich sein würde, wünschte ich, daß er sie heirathen möchte, wie er auch später gethan hat; und um ihre unschuldige Liebe nicht zu stören, beeilte ich mich abzureisen, indem ich dieser reizenden Person von Herzen alles Gute wünschte. Leider sind meine Wünsche hienieden nur auf sehr kurze Zeit erfüllt worden, denn, wie ich in der Folge hörte, war sie schon nach Verlauf von zwei oder drei Jahren ihrer Ehe gestorben. Auf meiner ganzen Reise von einer zärtlichen Trauer erfüllt, fühlte ich und habe es seitdem, wenn ich daran zurückdachte, noch oft gefühlt, daß, wenn die Opfer, welche man der Pflicht und der Tugend bringt, auch schwer fallen, man dafür doch durch die süßen Erinnerungen, die sie in der Tiefe des Herzens zurücklassen, reichen Ersatz erhält. In so ungünstigem Lichte ich Paris auf meiner vorhergehenden Reise gesehen hatte, in so glänzendem erblickte ich es auf meiner jetzigen, wobei ich allerdings von meiner Wohnung absehen muß, denn auf eine Adresse hin, die mir Herr Bordes gegeben hatte, stieg ich in dem Hotel Saint-Quentin in der Franziskanerstraße ab, in der Nähe der Sorbonne, in einer häßlichen Straße und in einem häßlichen Hotel, wo ich ein häßliches Zimmer erhielt. Trotzdem hatten daselbst sehr tüchtige Männer gewohnt, wie Gressel, Bordes, die Abbés von Mably, von Condillac und mehrere andere, von denen ich leider keinen mehr antraf. Statt ihrer fand ich daselbst einen Herrn von Bonnefond, einen hinkenden Krautjunker und händelsüchtigen Menschen, der den Puristen spielte. Ihm verdankte ich die Bekanntschaft des Herrn Roguin, jetzt des ältesten meiner Freunde, und durch ihn wieder wurde ich mit dem Philosophen Diderot bekannt, von dem ich in der Folge noch viel werde zu reden haben. Ich kam in Paris im Herbste des Jahres 1741 mit fünfzehn Louisd'or baarem Gelde, meinem Lustspiele Narciß und meinem Musikplane als einzigem Hilfsmittel an, und hatte folglich nur wenig Zeit zu verlieren, um so schnell wie möglich Nutzen aus ihnen zu ziehen. Ich beeilte mich, meine Empfehlungsbriefe abzugeben, von denen ich mir vielen Erfolg versprach. Ein junger Mann, der in Paris mit einem leidlichen Aeußern anlangt und in dem Rufe steht, Talente zu besitzen, ist stets einer guten Aufnahme sicher. Sie ward mir zu Theil. Sie gewährte mir zwar mancherlei Annehmlichkeiten, aber keinen größeren Vortheil. Unter allen Personen, denen ich empfohlen war, wurden mir nur drei nützlich: Herr Damesin, ein französischer Edelmann, zu der Zeit Stallmeister und, wie ich glaube, Günstling der Frau Prinzessin von Carignan; Herr von Boze, Secretär der Akademie der Inschriften und Conservator des Münzcabinets des Königs; und der Pater Castel, ein Jesuit und Verfasser des Augenklaviers. Alle diese Empfehlungen hatte ich mit Ausnahme des an Herrn Damesin gerichteten Briefes von dem Herrn Abbé von Mably erhalten. Für das augenblicklich Nöthigste sorgte Herr Damesin durch zwei Bekanntschaften, die er mir verschaffte; die eine war die des Herrn Gasc, Parlamentspräsidenten von Bordeaux, der sehr gut Violine spielte, die andere die des Herrn Abbé von Léon, der damals in der Sorbonne wohnte. Er war ein sehr liebenswürdiger Edelmann, der in der Blüte seines Alters starb, nachdem er kurze Zeit in der Welt unter dem Namen eines Chevalier von Rohan geglänzt hatte. Beide hatten Lust bekommen, die Compositionslehre zu studiren. Ich unterrichtete sie einige Monate darin, was meine abnehmende Börse wieder kräftigte. Der Abbé von Léon gewann mich lieb und wünschte, ich sollte sein Secretär werden. Aber er war nicht reich und konnte mir alles in allem nur achthundert Franken anbieten. So leid es mir that, mußte ich sie zurückweisen, da sie für meine Wohnung, meine Nahrung und Kleidung nicht ausreichend waren. Herr von Boze empfing mich sehr herzlich. Er liebte die Wissenschaft und war selbst sehr kenntnisreich, wenn auch ein wenig pedantisch. Frau von Boze hätte für seine Tochter gelten können; sie war blühend und spielte ein wenig die Herrin. Ich aß bisweilen bei ihnen. Man kann sich nicht linkischer und alberner betragen, als ich es ihr gegenüber that. Ihr ungezwungenes Auftreten schüchterte mich ein und ließ mein Benehmen nur noch lächerlicher erscheinen. Wenn sie mir einen Teller hinreichte, streckte ich die Gabel aus, um mir von dem, was sie mir anbot, blöde ein Stückchen zu nehmen, so daß sie den für mich bestimmten Teller einem Diener zurückgab, wobei sie sich umwandte, daß ich ihr Lachen nicht sähe. Sie hatte keine Ahnung, daß im Kopfe dieses Bauernjungen doch einiger Geist steckte. Herr von Boze stellte mich Herrn von Réaumure, seinem Freunde, vor, der an jedem Freitage, dem Versammlungstage der Akademie der Wissenschaften, bei ihm speiste. Er redete mit ihm von meinem Plane und von dem Wunsche, den ich hegte, ihn der Prüfung der Akademie zu unterwerfen. Herr von Réaumure übernahm es, den darauf bezüglichen Antrag zu stellen, der auch genehmigt wurde. An dem festgesetzten Tage wurde ich von Herrn von Réaumure eingeführt und vorgestellt, und noch an dem nämlichen Tage, den 22. August 1742, hatte ich die Ehre, der Akademie die Denkschrift vorzulesen, welche ich zu diesem Zwecke ausgearbeitet hatte. Obgleich diese erlauchte Versammlung sicherlich sehr Achtung gebietend war, fühlte ich mich in ihr doch weit weniger eingeschüchtert, als in der Gegenwart der Frau von Boze und ich zog mich bei dem Vorlesen und der sich daran schließenden Erörterung ganz leidlich aus der Sache. Die Denkschrift fand Beifall und ich erntete Glückwünsche ein, die mir eben so überraschend wie schmeichelhaft waren, da ich mir kaum zu denken vermochte, daß vor einer Akademie jemand, der kein Mitglied derselben war, gesunde Vernunft besitzen könnte. Mit der Prüfung meiner Vorlage wurden die Herren von Mairan, Hellot und von Fouchy beauftragt, alle drei sicherlich verdienstvolle Leute, aber von denen keiner musikalische Kenntnisse hatte, wenigstens nicht so viele, um im Stande zu sein, meinen Plan zu beurtheilen. 1742 Während meiner Berathung mit diesen Herren überzeugte ich mich mit der größten Gewißheit wie zu meinem höchsten Erstaunen, daß diese Gelehrten, wenn sie bisweilen weniger Vorurtheile als andere Menschen haben, dafür um so stärker an diesen wenigen hängen. Wie schwach und falsch auch der größte Theil ihrer Einwürfe war und mit wie durchschlagenden Gründen ich auch darauf entgegnete, wenn auch, wie ich gern zugebe, schüchtern und in schlechtgewählten Ausdrücken, so gelang es mir doch nicht ein einziges Mal, mich verständlich zu machen und sie zu befriedigen. Ich war stets über die Leichtigkeit erstaunt, mit welcher sie mich vermittelst einiger hochklingenden Redensarten widerlegten, ohne mich auch nur verstanden zu haben. Sie kundschafteten aus, ich weiß nicht wo, daß ein Mönch, der Pater Souhaitti, sich einst vorgenommen hatte, die Tonleiter durch Zahlen auszudrücken. Dies genügte zu der Behauptung, daß mein System nicht neu wäre. Die Sache an sich mag ja richtig sein; denn obgleich ich nie von dem Pater Souhaitti gehört hatte und seine Art, die sieben Noten des Kirchengesanges ohne Rücksicht auf die Oktaven zu schreiben, in keinerlei Weise verdiente mit meiner einfachen und bequemen Erfindung verglichen zu werden, jede nur denkbare Musik, Schlüssel, Pausen, Oktaven, Takte, Tempo und Werth der Noten, lauter Dinge, an welche Souhaitti nicht einmal gedacht hatte, auf leichte Weise mit Zahlen zu bezeichnen, so war es nichtsdestoweniger ganz richtig zu behaupten, daß er als der erste Erfinder der angegebenen Bezeichnung der sieben Noten betrachtet werden mußte! Aber abgesehen davon, daß sie dieser ursprünglichen Erfindung eine größere Wichtigkeit beilegten, als sie hatte, blieben sie auch dabei noch nicht stehen, und sobald sie von dem eigentlichen Kern des Systems reden wollten, schwatzten sie nichts als lauter Unsinn. Der größte Vortheil des meinigen war, das Transponiren und die Schlüssel unnöthig zu machen, so daß durch die blose Aenderung eines einzigen Anfangsbuchstabens vor der Melodie das nämliche Musikstück nach Belieben in jeder Tonart aufgeschrieben und darin transponirt war. Diese Herren hatten gewandte Notenleser in Paris sagen hören, daß die Methode des Transponirens nichts taugte. Hiervon gingen sie aus, um den augenscheinlichsten Vorzug meines Systems gerade als Einwand gegen dasselbe geltend zu machen, und sie fällten das Urtheil, daß meine Bezeichnung der Noten für die Vocalmusik zwar geeignet, für die Instrumentalmusik dagegen unpraktisch wäre. Umgekehrt hätte ihr Urtheil ausfallen müssen, wie sich auch gebührt hätte und meine Notenschrift wäre für die Vocalmusik gut und für die Instrumentalmusik noch besser. Auf ihren Bericht hin gewährte mir die Akademie ein Zeugnis voll sehr schöner Artigkeiten, aus denen hervorleuchtete, daß sie im Wesentlichen mein System weder für neu noch für zweckdienlich erachtete. Ich hielt es nicht für nöthig, das Werk, welches ich unter dem Titel »Abhandlung über die moderne Musik« herausgab, mit einem solchen Schriftstück zu zieren, zumal ich darin bei dem Publikum gegen dasselbe Verwahrung einlegte. Bei diesem Vorfalle hatte ich Gelegenheit wahrzunehmen, wie die alleinige, aber gründliche Kenntnis einer Sache selbst einem beschränkten Kopfe eine größere Fähigkeit zu einer richtigen Beurtheilung derselben verleiht, als alle Einsicht, welche die Pflege der Wissenschaften gewährt, wenn man nicht gleichzeitig das besondere Studium, um welches es sich handelt, betreibt. Der einzige beachtungswerthe Einwand, welcher sich gegen mein System erheben ließ, wurde von Rameau gemacht. Kaum hatte ich es ihm auseinandergesetzt, als er die schwache Seite desselben sofort erkannte. «Ihre Zeichen,« sagte er zu mir, »sind in der Beziehung sehr gut, daß sie die Geltung der Noten einfach und klar bestimmen, die Pausen deutlich angeben und in der Verdoppelung stets das Einfache zeigen, lauter Dinge, für welche die gewöhnliche Notenschrift nichts thut; aber sie taugen insofern nichts, als sie eine Geistesthätigkeit verlangen, welche nicht immer der Schnelligkeit der Ausführung zu folgen vermag. Das Auge,« fuhr er fort, »überschaut mit einem Blicke die Stellung unserer Noten und macht diese Geistesthätigkeit deshalb überflüssig. Wenn zwei Noten, eine sehr hohe und eine sehr niedrige, durch eine Reihe dazwischen liegender Noten verbunden werden, so sehe ich auf den ersten Blick ihre stufenweise Verbindung mit einander; aber um bei Ihnen einen sicheren Ueberblick der ganzen Tonreihe zu gewinnen, muß ich notwendigerweise alle ihre Zahlen eine nach der andern lesen; der Ueberblick läßt sich jedoch durch nichts ersetzen.« Gegen diesen Einwurf schien sich nichts einwenden zu lassen, und ich gestand es sofort zu; obgleich er einfach und schlagend ist, gehört doch eine langjährige Uebung in der Kunst dazu, um auf ihn zu verfallen, und es ist deshalb nicht erstaunlich, daß er keinem der Akademiker in den Sinn kam; es ist im Gegentheil nur erstaunlich, daß alle diese großen Gelehrten, die so vielerlei Dinge wissen, so wenig verstehen, daß jeder nur über sein Fach urtheilen sollte. Meine häufigen Besuche bei jenen drei Herren wie bei andern Akademikern gaben mir Gelegenheit mit den ausgezeichnetsten Vertretern der Literatur in Paris Bekanntschaft zu schließen; und diese Bekanntschaft hatte schon eine feste Gestalt angenommen, als ich mich später mit einem Male unter sie gerechnet sah. Nur mit meinem Musiksysteme beschäftigt, trug ich mich für den Augenblick hartnäckig mit dem Plane, durch dasselbe eine Revolution in dieser Kunst hervorzurufen und auf diese Weise zu einer Berühmtheit zu gelangen, die sich auf dem Gebiete der schönen Künste in Paris stets mit Vermögen vereint. Ich schloß mich in mein Zimmer ein und arbeitete zwei oder drei Monate mit einem unbeschreiblichen Eifer daran, die Denkschrift, welche ich in der Akademie vorgelesen hatte, zu einem für die Oeffentlichkeit bestimmten Werke umzuarbeiten. Die Schwierigkeit war, einen Buchhändler zu finden, der geneigt war, den Verlag meines Manuscriptes zu übernehmen, in Anbetracht daß die Anfertigung der neuen Notenzeichen einige Ausgaben erforderte, während die Buchhändler selten Lust haben, ihre Thaler den Anfängern an den Kopf zu werfen. Mir hingegen schien es nur ganz gerecht zu sein, daß mir mein Werk das Brot, welches ich während der Abfassung verzehrt hatte, wieder einbrächte. Bonnefond verschaffte mir Quillau, den Vater, der mit mir einen Vertrag abschloß, nach welchem ich die Hälfte des Gewinnes erhalten, aber für die Kosten des Privilegiums allein aufkommen sollte. Dieser Herr Quillau hatte es so einzurichten verstanden, daß mir das Privilegium keine Ausgaben verursachte, ich aber von dieser Ausgabe auch nie einen Heller bekam, die wahrscheinlich einen unbedeutenden Absatz hatte, obgleich mir der Abbé Desfontaines versprochen, für sie Reklame zu machen, und auch die andern Journalisten sich ziemlich vortheilhaft über sie ausgesprochen hatten. Das größte Hindernis, einen ernstlichen Versuch mit meinem Systeme zu machen, war die Furcht, daß man, sobald es nicht eingeführt würde, die zu seiner Erlernung nöthige Zeit verlöre. Ich wandte dagegen ein, daß, wollte man die Musik nach der gewöhnlichen Notenschrift erlernen, man noch immer Zeit gewinnen würde, wenn man sich erst mit der meinigen vertraut machte. Um hierfür einen thatsächlichen Beweis zu liefern, unterrichtete ich eine junge Amerikanerin, ein Fräulein Des Roulins, deren Bekanntschaft mir Herr Roguin verschafft hatte, unentgeltlich in der Musik. In drei Monaten war sie im Stande, jedwede Musik nach meinen Noten zu lesen und selbst vom Blatte zu singen, ja sogar besser als ich selbst, wenn sie von allzu großen Schwierigkeiten frei war. So schlagend dieser Erfolg auch war, blieb er doch unbekannt. Ein anderer hätte die Zeitungen damit erfüllt; aber mit dem geringen Talente, nützliche Erfindungen zu machen, verband ich nicht das noch größere, sie auch zur Geltung zu bringen. So war denn mein Heronsball wiederum zertrümmert; allein dieses zweite Mal zählte ich dreißig Jahre und fand mich auf dem Pariser Pflaster, auf dem man nicht umsonst lebt. Der Entschluß, den ich in dieser Bedrängnis faßte, wird nur die in Erstaunen versetzen, welche den ersten Theil dieser Lebenserinnerungen nicht aufmerksam gelesen haben. Ich hatte eine Zeit eben so großer wie fruchtloser Aufregungen durchgemacht; ich mußte wieder Athem schöpfen. Anstatt mich der Verzweiflung zu überlassen, überließ ich mich ruhig meiner Trägheit und dem Walten der Vorsehung, und um ihr Zeit zu lassen, ihr Werk zu verrichten, begann ich, ohne mich dabei allzu sehr zu beeilen, die wenigen Louisd'or, die mir noch blieben, zu verzehren, indem ich den Aufwand für meine sorglosen Vergnügen regelte, ohne ihn ganz einzustellen, und das Café nur noch einen Tag um den andern und das Theater blos zweimal wöchentlich besuchte. Bei den Ausgaben für Mädchen brauchte ich keine Einschränkung eintreten zu lassen, da ich für derlei in meinem ganzen Leben nicht einen Sous verschwendet habe, wenn nicht etwa ein einziges Mal, wie ich bald zu erzählen haben werde. Die Sorglosigkeit, die Freudigkeit, die Seelenruhe, mit der ich mich diesem lässigen und einsiedlerischen Leben überließ, für welches meine Mittel keine drei Monate ausreichten, ist eine der Sonderbarkeiten meines Lebens und eine der Seltsamkeiten meines Charakters. Das dringende Bedürfnis, daß sich Fremde meiner annähmen, war gerade das, was mir den Muth raubte, mich zu zeigen, und die Notwendigkeit, Besuche abzustatten, machte sie mir in einem Grade unerträglich, das ich sogar davon Abstand nahm, die Akademiker und andere Gelehrte, bei denen ich schon in geselligen Verkehr getreten war, zu besuchen. Marivaux, der Abbé von Mably und Fontenelle waren fast die einzigen, zu denen ich noch bisweilen ging. Ich zeigte dem ersteren sogar mein Lustspiel Narciß. Es gefiel ihm und er hatte die Gefälligkeit, es zu überarbeiten. Diderot, jünger als sie, war ungefähr von meinem Alter. Er liebte die Musik und verstand ihre Theorie; sie bildete den Gegenstand unserer Unterredungen; er erzählte mir auch von den Werken, die er zu verfassen gedachte. Hierdurch wurde bald eine innigere Verbindung zwischen uns herbeigeführt, die fünfzehn Jahre gedauert hat und wahrscheinlich noch dauern würde, wenn ich mich nicht leider, und noch dazu ganz durch seine eigene Schuld, dem gleichen Berufe wie er zugewandt hätte. Man würde sich nicht denken können, worauf ich diesen kurzen und köstlichen Zwischenraum, der mir noch blieb, ehe ich mir mein Brot erbetteln mußte, verwandte: auf das Auswendiglernen von Stellen aus Dichtern, die ich bereits hundertmal gelernt und eben so oft vergessen hatte. Jeden Morgen ging ich, einen Virgil oder einen Rousseau in der Tasche, gegen zehn Uhr in den Luxembourggarten und memorirte dort bis zur Eßstunde bald eine geistliche Ode und bald ein Hirtenlied, ohne mich dadurch abschrecken zu lassen, daß ich über das heutige Lernen das gestern Gelernte jedesmal wieder vergaß. Es war mir eingefallen, daß nach der Niederlage des Nicias bei Syrakus sich die gefangenen Athenienser durch den Vortrag der Dichtwerke Homers ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Ausweg, den mir dieser Beweis von Gelehrsamkeit an die Hand gab, um mich vor Noth zu schützen, war, mein glückliches Gedächtnis der Art zu üben, daß ich alle Dichter auswendig wußte. Ein anderes nicht weniger verläßliches Mittel bot mir das Schachspiel dar, dem ich die Nachmittage der Tage, an denen ich nicht das Theater besuchte, regelmäßig im Café Maugis widmete. Ich machte daselbst die Bekanntschaft des Herrn von Légal, eines Herrn Husson, Philidor, so wie aller großer Schachspieler jener Zeit, und wurde dadurch doch nicht geschickter. Gleichwohl zweifelte ich nicht, daß ich es schließlich darin weiter bringen würde als sie alle, und das mußte mir meiner Ansicht nach hinreichende Hilfsmittel gewähren. Welche Thorheit sich meiner auch bemächtigte, ich urtheilte über sie stets in gleicher Weise. Ich sagte mir: Der Erste in irgend einer Sache ist stets sicher gesucht zu werden. Ich will also alle übertreffen, gleichviel worin; ich werde gesucht werden, Gelegenheiten werden sich bieten, und mein Talent wird das Uebrige thun. Diese Kinderei war nicht der sophistische Ausfluß meiner Vernunft, sondern meiner Trägheit. Mich vor den großen und raschen Anstrengungen entsetzend, die ich hätte machen müssen, um mich zu ermannen, suchte ich meiner Trägheit zu schmeicheln, und bemäntelte das Schimpfliche derselben mit Schlußfolgerungen, die ihrer würdig waren. So wartete ich ruhig das Aufhören meiner Geldmittel ab, und ich wäre, wie ich glaube, beim letzten Sou angekommen, ohne mich mehr zu beunruhigen, wenn mich nicht der Pater Castel, den ich mitunter auf dem Wege nach dem Café besuchte, aus meinem Stumpfsinn aufgescheucht hätte. Der Pater Castel war ein Narr, aber im Uebrigen ein gutmüthiger Mensch. Es that ihm leid zu sehen, wie ich mich so verzehrte, ohne etwas zu thun. »Da die Musiker und Gelehrten,« sagte er, »nicht singen wollen, wie Sie verlangen, so greifen Sie doch einmal nach etwas anderem und versuchen Sie, wie weit Sie es mit Hilfe der Frauen bringen. Mit ihnen wird es Ihnen vielleicht besser gelingen. Ich habe mit Frau von Beuzenval über Sie gesprochen; stellen Sie sich ihr vor und sagen Sie ihr, ich hätte Sie geschickt. Es ist eine gute Frau, die mit Freuden einen Landsmann ihres Sohnes und ihres Mannes kennen lernen wird. Sie werden bei ihr Frau von Broglie, ihre Tochter, eine sehr geistvolle Dame, antreffen. Auch mit Frau Dupin habe ich Ihretwegen Rücksprache genommen; überreichen Sie derselben Ihr Werk; sie hat Lust, Sie kennen zu lernen, und wird Sie gut aufnehmen. In Paris erreicht man nichts ohne die Frauen; sie sind die Curven, deren Asymptoten die Gelehrten bilden; sie nähern sich ihnen unaufhörlich, ohne sie je zu berühren.« Nachdem ich diesen schrecklichen Frohndienst lange von einem Tage auf den andern aufgeschoben hatte, faßte ich endlich Muth und stellte mich Frau von Beuzenval vor. Sie empfing mich gütig. Als Frau von Broglie hereinkam, sagte sie zu derselben: »Das ist Herr Rousseau, meine Tochter, von dem uns der Pater Castel erzählt hat.« Frau von Broglie sagte mir viel Verbindliches über mein Werk und zeigte mir, indem sie mich an ihr Klavier führte, daß sie sich damit beschäftigt hatte. Als es nach ihrer Stutzuhr beinahe Eins war, wollte ich aufbrechen. Frau von Beuzenval sagte jedoch: »Sie haben sehr weit bis zu Ihrer Wohnung, bleiben Sie deshalb und speisen Sie hier.« Ich ließ mich nicht lange bitten. Eine Viertelstunde nachher entnahm ich aus einigen Worten, daß mich Frau von Beuzenval nur zu der Tafel ihrer Hausbeamten eingeladen hatte. Sie war eine herzensgute, aber äußerst beschränkte Frau, und noch ganz erfüllt von ihrem erlauchten polnischen Adel, hatte sie keine Vorstellung von den Rücksichten, die man dem Talente schuldig ist. Sogar bei dieser Gelegenheit beurtheilte sie mich mehr nach meiner Haltung als nach meinem Anzuge, der, wenn auch sehr einfach, doch sehr sauber war und keineswegs auf einen Menschen deutete, der an die Dienertafel gesetzt werden mußte. Schon seit zu langer Zeit kannte ich den Weg dahin nicht mehr, um jetzt noch Lust zu haben, ihn wieder zu lernen. Ohne meinen ganzen Verdruß merken zu lassen, sagte ich zu Frau von Beuzenval, daß mich ein kleines Geschäft, das mir so eben erst wieder eingefallen wäre, in meine Wohnung zurückriefe, und ich schickte mich an zu gehen. Frau von Broglie näherte sich ihrer Mutter und sagte ihr einige Worte ins Ohr, die ihre Wirkung hatten. Frau von Beuzenval erhob sich, um mich zurückzuhalten, und sagte: »Ich rechne darauf, daß Sie uns die Ehre geben werden, mit uns zu speisen.« Ich hielt es für thöricht, den Stolzen zu spielen, und blieb deshalb. Ueberdies hatte mich die Güte der Frau von Broglie gerührt und sie mir anziehend gemacht. Es gewährte mir große Freude, mit ihr zu speisen, und ich hoffte, daß sie es nach näherer Bekanntschaft mit mir nicht bereuen würde, mir diese Ehre verschafft zu haben. Der Herr Präsident von Lamoignon, ein intimer Freund der Familie, speiste ebenfalls daselbst. Er redete wie Frau von Broglie jene conventionelle Pariser Sprache, in der alles in kurzen Andeutungen, in versteckten Anspielungen ausgedrückt wird. Da gab es für den armen Jean Jacques keine Gelegenheit zu glänzen. Ich hatte so viel Vernunft, nicht invita Minerva den Liebenswürdigen und Geistreichen spielen zu wollen, und schwieg. Es wäre mein Glück gewesen, hätte ich immer so viel Klugheit besessen. Ich würde mich dann nicht in dem Abgrunde befinden, in dem ich augenblicklich bin. Ich war trostlos über mein tölpelhaftes Wesen, weil es mich unfähig gemacht hatte, in den Augen der Frau von Broglie ihre mir erwiesene Freundlichkeit zu rechtfertigen. Nach der Tafel nahm ich zu meiner gewöhnlichen Hilfsquelle die Zuflucht. Ich hatte in meiner Tasche eine Epistel in Versen, die ich während meines Aufenthalts in Lyon an Parisot gerichtet hatte. Dieser Arbeit fehlte es nicht an Wärme; ich hob dieselbe durch die Art meines Vortrages noch mehr hervor und rührte sie alle drei zu Thränen. Beruhte es nun auf bloser Eitelkeit oder deutete ich die Blicke, die ich Frau von Broglie ihrer Mutter zuwerfen sah, wirklich richtig, sie schienen mir ihr zu sagen: »Nun, Mama, hatte ich nicht Recht zu behaupten, daß es schicklicher wäre, diesen Mann mit uns als mit unsern Kammerfrauen speisen zu lassen?« Bis zu diesem Augenblicke war mir das Herz ein wenig schwer gewesen; aber nachdem ich mich auf diese Weise gerächt hatte, war ich zufrieden. Frau von Broglie, die ihre günstige Meinung von mir ein wenig zu weit trieb, glaubte, daß ich in Paris Aufsehen erregen und ein Liebling der Frauen werden würde. Um mir bei meiner Unerfahrenheit eine Anleitung zu geben, schenkte sie mir die Bekenntnisse des Grafen ***. »In diesem Buche,« sagte sie zu mir, »besitzen Sie einen Mentor, dessen Sie in der Welt bedürfen werden. Sie werden gut daran thun, ihn bisweilen zu Rathe zu ziehen.« Länger als zwanzig Jahre habe ich dieses Exemplar aus Dankbarkeit gegen die Hand, aus der ich es empfing, aufbewahrt, aber freilich oft über die Meinung lachend, welche diese Dame von meinen Anlagen zur Galanterie zu haben schien. Seit meiner Lectüre dieses Buches wünschte ich mir die Freundschaft seines Verfassers zu erwerben. Diese Sehnsucht führte mich nicht irre: er ist der einzige wahre Freund, den ich unter den Gelehrten gehabt habe. Ich habe dies so lange geglaubt und war so fest davon überzeugt, daß ich nach meiner Rückkehr nach Paris gerade ihm das Manuscript meiner Bekenntnisse anvertraute. Der mißtrauische Jean Jacques hat nie an die Treulosigkeit und Falschheit glauben können, als nachdem er ihr Opfer geworden war. Von diesem Augenblicke an rechnete ich darauf, daß mich die Frau Baronin von Beuzenval und die Fran Marquise von Broglie, die eine sichtliche Theilnahme für mich hegten, nicht lange ohne Hilfsquelle lassen würden, und ich täuschte mich nicht. Reden wir jetzt von dem mir bei Frau Dupin gestatteten Zutritt, der längere Folgen gehabt hat. Frau Dupin war bekanntlich eine Tochter Samuel Bernards und der Frau Fontaine. Man konnte sie und ihre beiden Schwestern die drei Grazien nennen. Die eine derselben, Frau de la Touche, war mit dem Herzog von Kingston nach England durchgegangen, und die andere, Frau von Arty, war die Geliebte und, was mehr sagen will, die Freundin, die einzige und aufrichtige Freundin des Prinzen von Conti, eine durch die Sanftmuth und Güte ihres liebenswürdigen Charakters wie durch die Anmuth ihres Geistes und die sich stets gleich bleibende Heiterkeit ihrer Laune anbetungswürdige Frau. Zu ihnen trat als die dritte Frau Dupin, die schönste von den Schwestern und die einzige, die in jeder Beziehung vorwurfsfrei dastand. Sie war der Lohn für die Gastfreundschaft des Herrn Dupin, welchem ihre Mutter sie nebst einer Stelle als Generalpächter und einem unermeßlichen Vermögen aus Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme gab, die er ihr in seiner Provinz bereitet hatte. Als ich sie zum ersten Male sah, war sie noch eine der schönsten Frauen von Paris. Sie empfing mich an ihrem Putztisch. Ihre Arme waren nackt, ihre Haare aufgelöst, ihr Pudermantel in Unordnung. Ein solcher Empfang war mir völlig neu; mein armer Kopf hielt ihn nicht aus; ich werde verlegen, ich verliere die Fassung, kurz ich verliebe mich auf der Stelle in Frau Dupin. Meine Verlegenheit schien mir bei ihr nicht zu schaden; sie schenkte ihr keine Beachtung. Sie nahm das Buch und den Verfasser gütig auf, sprach mit mir von meinem Plane wie eine unterrichtete Person, sang, begleitete sich auf dem Klaviere, behielt mich zum Essen bei sich und ließ mich bei der Tafel an ihrer Seite sitzen. Es bedurfte nicht so viel, um mich närrisch zu machen; ich wurde ganz närrisch. Sie erlaubte mir, sie zu besuchen; ich machte Gebrauch, ja Mißbrauch von dieser Erlaubnis. Ich ging fast täglich hin und speiste wöchentlich zwei- oder dreimal bei ihr. Ich brannte vor Begierde zu reden und wagte es doch nie. Mehrere Gründe steigerten noch meine natürliche Schüchternheit. Der Zutritt bei einer reichen Familie war eine offene Thür zum Glück; ich wollte in meiner Lage nicht Gefahr laufen, sie mir zu verschließen. So liebenswürdig Frau Dupin auch war, so war sie trotzdem ernst und kalt; ich fand in ihrem Auftreten nichts, was entgegenkommend genug gewesen wäre, um mich zu ermuthigen. Ihr Haus, in damaliger Zeit so glänzend wie kein anderes in Paris, war der Sammelplatz einer Gesellschaft, die nur etwas weniger zahlreich hätte sein müssen, um in jeder Beziehung eine ausgewählte zu sein. Sie liebte es, alle Leute bei sich zu sehen, welche Glanz um sich verbreiteten: die Großen, die Gelehrten, die schönen Frauen. Man fand bei ihr nur Herzoge, Gesandte und Ritter des heiligen Geistordens. Die Frau Prinzessin von Rohan, die Frau Gräfin von Forcalquier, die Frau von Mirepoix, die Frau von Brignolé, Lady Hervey konnten für ihre Freundinnen gelten. Herr von Fontenelle, der Abbé von Saint-Pierre, der Abbé Sallier, Herr von Fourmont, Herr von Bernis, Herr von Buffon, Herr von Voltaire gehörten zu ihrem Gesellschaftskreise und zu ihren Tischgästen. Wenn ihr zurückhaltendes Benehmen die jungen Leute nicht in hohem Grade anzog, so war ihre Gesellschaft nur um so auserlesener und Ehrfurcht gebietender, und der arme Jean Jacques konnte sich nicht schmeicheln, inmitten von diesen allen besonders zu glänzen. Ich wagte also nicht zu reden, da ich aber nicht länger schweigen konnte, wagte ich zu schreiben. Sie bewahrte meinen Brief zwei Tage, ohne mit mir von ihm zu sprechen. Am dritten Tage gab sie ihn mir zurück, wobei sie mir in einem frostigen Tone, der mich erstarren machte, einige Worte der Ermahnung sagte. Ich wollte reden, aber das Wort erstarb mir auf den Lippen; meine plötzliche Leidenschaft erlosch mit der Hoffnung zugleich, und nach einer förmlichen Liebeserklärung fuhr ich fort, mit ihr wie sonst zu verkehren, ohne ihr weiter etwas zu sagen, nicht einmal mit den Augen. Ich hielt meine Thorheit für vergessen, allein ich täuschte mich. Herr von Francueil, der Sohn des Herrn Dupin und Stiefsohn seiner Gattin, stand mit ihr und mit mir ungefähr in gleichem Alter. Er hatte Geist, ein hübsches Aeußere und konnte bei Frauen auf Erhörung rechnen. Dem Gerüchte nach rechnete er bei seiner eigenen Stiefmutter darauf; vielleicht rührte dieses Gerede einzig und allein davon her, daß sie ihm eine sehr häßliche und sehr sanfte Frau gegeben hatte und mit allen beiden im besten Einvernehmen lebte. Herr von Francueil liebte und schützte die Talente. Uns führte die Musik zusammen, auf die er sich sehr gut verstand. Ich sah ihn oft und schloß mich ihm eng an. Plötzlich gab er mir zu verstehen, daß Frau Dupin meine Besuche zu häufig fände und mich bäte, sie auszusetzen. Diese unhöfliche Aufforderung hätte bei der Rückgabe meines Briefes an ihrer Stelle sein können; aber acht oder zehn Tage später kam sie, zumal keine neue Veranlassung vorhanden war, wie mir schien, völlig zur Unzeit. Dies rief eine um so eigentümlichere Lage hervor, weil ich Herrn und Frau von Francueil deshalb nicht weniger willkommen war als früher. Ich ging gleichwohl seltener hin und hätte meine Besuche vielleicht ganz unterlassen, wenn mich nicht Frau Dupin in einer unerwarteten Laune hätte bitten lassen, während acht oder zehn Tagen die Ueberwachung ihres Sohnes zu übernehmen, der einen anderen Hofmeister erhielt und während dieser Zwischenzeit ganz auf sich allein angewiesen war. Diese acht Tage verlebte ich in einer unaufhörlichen Qual, die mir allein das Vergnügen, Frau Dupin gefällig zu sein, erträglich machen konnte; denn der arme Chenonceaux hatte schon damals diese leidenschaftliche Hitze, die seine Familie beinahe entehrt hätte und der es zugeschrieben werden muß, daß er auf der Insel Bourbon starb. So lange ich bei ihm war, verhinderte ich ihn, sich selbst oder andern Schaden zuzufügen, das war aber auch alles, und ich brachte es obendrein nur mit großer Mühe zu Wege. Aber keine zweiten acht Tage hätte ich es noch übernommen, und hätte sich mir auch Frau Dupin selbst zum Lohne hingegeben. Herr von Francueil gewann mich lieb, ich war sein Arbeitsgenosse, und wir begannen zusammen bei Rouelle einen Cursus in der Chemie. Um ihm näher zu sein, verließ ich mein Hôtel Saint-Quentin und schlug meine Wohnung in dem Ballhause der Straße Verdelet auf, welche die Straße Plâtière, in der Herr Dupin wohnte, durchkreuzt. Dort bekam ich in Folge einer vernachlässigten Erkältung eine Lungenentzündung, an der ich fast gestorben wäre. In meiner Jugend habe ich oft dergleichen entzündliche Krankheiten, Brustfellentzündungen und namentlich Bräuneanfälle gehabt, denen ich sehr unterworfen war und die ich hier nicht aufführen will, die mich aber alle dem Tode nahe genug haben ins Gesicht schauen lassen, um mich an sein Bild zu gewöhnen. Während meiner Genesung hatte ich Zeit über meine Lage nachzudenken und meine Schüchternheit, meine Schwäche und besonders meine Trägheit zu beklagen, die mich trotz des Eifers, der mich beseelte, an der Pforte des Elendes im steten geistigen Müßiggange erschlaffen ließ. Am Abend vor meiner Erkrankung war ich in eine Oper von Royer gegangen, welche man damals gab und deren Namen ich vergessen habe. Trotz meiner Voreingenommenheit für die Talente anderer, die mir stets ein großes Mißtrauen gegen meine eigenen eingeflößt hat, konnte ich mich doch nicht erwehren, diese Musik schwach, schwunglos und unmelodisch zu finden. Ich wagte mir bisweilen zu sagen: Ich halte mich für fähig, besseres zu leisten. Allein die schreckliche Vorstellung, die ich von der Composition einer Oper hegte, und die Wichtigkeit, die ich Musiker einem solchen Unternehmen beilegen hörte, schreckten mich augenblicklich wieder ab und jagten mir die Schamröthe über die Kühnheit meines Gedankens auf die Wange. Wo hätte ich übrigens jemanden gefunden, der mir den Text geschrieben und sich die Mühe gegeben hätte, die Worte nach meinem Belieben hin und her zu wenden? Diese Gedanken an Musik und Opern tauchten während meiner Krankheit von neuem in mir auf, und in der Fieberhitze componirte ich Lieder, Duette und Chöre. Ich bin sicher, zwei oder drei Stücke di prima intenzione gemacht zu haben, vielleicht würdig der Bewunderung von Meistern, wenn sie die Aufführung derselben hätten hören können. Ach, wenn man die Träume eines Fieberkranken aufzeichnen könnte, welche große und erhabene Sachen würde man dann bisweilen aus seiner Raserei hervorgehen sehen! Diese Gedanken an Musik und Opern beschäftigten mich noch während meiner Genesung, wenn auch ruhiger. Da ich unaufhörlich und sogar wider meinen Willen daran denken mußte, wollte ich endlich darüber ins Klare kommen und es versuchen, für mich allein eine Oper zu schreiben, Worte und Musik. Es war keineswegs mein erster Versuch. In Chambery hatte ich eine tragische Oper unter dem Namen »Iphis und Anaxarete« geschrieben, die ich so vernünftig gewesen war, ins Feuer zu werfen. In Lyon hatte ich eine andere, »Die Entdeckung der neuen Welt«, gedichtet, die, nachdem ich sie Herrn Bordes, dem Abbé von Mably, dem Abbé Treublet und anderen vorgelesen hatte, dasselbe Ende nahm, obgleich ich bereits die Musik zum Prolog und zum ersten Akte vollendet und David mir, als er diese Musik sah, die Versicherung gegeben hatte, es befänden sich Stücke darin, würdig eines Buononcini. Ehe ich diesmal die Hand ans Werk legte, nahm ich mir die Zeit, über meinen Plan nachzudenken. Ich entwarf den Plan zu einem heroischen Ballet, in dem ich drei verschiedene Gegenstände in drei nur lose zusammenhängenden Aufzügen, deren jeder einen besonderen musikalischen Charakter erhalten sollte, durchzuführen gedachte; und da ich zum Gegenstande eines jeden die Liebeshändel eines Dichters gewählt, so nannte ich diese Oper »Die galanten Musen.« In meinem ersten Aufzug, in kräftiger Musik gehalten, bildete Tasso den Mittelpunkt; in dem zweiten, in welchem zärtliche Melodien vorherrschten, Ovid; während der dritte, Anakreon mit Namen, die Heiterkeit des Dithyrambus athmen sollte. Ich versuchte mich zunächst an dem ersten Aufzuge und ließ mich von einem Eifer hinreißen, der mich zum ersten Male die Wonne empfinden ließ, welche das Schaffen auf dem Gebiete der Tonkunst gewährt. Im Begriff eines Abends gerade in das Opernhaus einzutreten, fühle ich mich plötzlich von meinen Gedanken so durchdrungen und beherrscht, daß ich mein Geld wieder in die Tasche stecke und nach Hause eile, um mich einzuschließen. Nachdem ich die Vorhänge sorgfältig herabgelassen, um das Tageslicht fern zu halten, lege ich mich zu Bette, und nun überlasse ich mich ganz der dichterischen und musikalischen Begeisterung und componire in sieben oder acht Stunden wie im Fluge den größten Theil meines Aktes. Ich muß offen gestehen, daß meine Liebe zu der Prinzessin von Ferrara (denn ich war in diesem Augenblick der Tasso), und meine edelen und stolzen Gesinnungen ihrem ungerechten Bruder gegenüber, mir eine hundertmal köstlichere Nacht gewährten, als wenn ich sie in den Armen der Prinzessin selbst verlebt hätte. Am Morgen erinnerte ich mich nur noch eines kleinen Theiles dessen, was ich geschaffen hatte; aber dieses Wenige, durch die Müdigkeit und den Schlaf überdies fast verwischt, ließ doch die Kraft des Ganzen noch erkennen, dessen spärliche Ueberreste es bildete. Für dieses Mal führte ich die Arbeit nicht allzu weit fort, da ich durch andere Verhältnisse von ihr abgezogen wurde. Während ich mich der Familie Dupon anschloß, hatten mich Frau von Beuzenval und Frau von Broglie, die ich nach wie vor bisweilen besuchte, nicht vergessen. Der Graf von Montaigu, Hauptmann in den Garden, war unlängst zum Gesandten in Venedig ernannt worden. Er war ein Gesandter von der Mache Barjacs, Barjac war Kammerdiener des Cardinals von Fleury. dem er sehr emsig den Hof machte. Sein Bruder, der Chevalier von Montaigu, Kammerjunker des Kronprinzen, war ein Bekannter dieser beiden Damen und des Abbé Alary von der französischen Akademie, mit dem ich ebenfalls hin und wieder zusammentraf. Frau von Broglie, welche erfahren hatte, daß sich der Gesandte nach einem Secretär umsähe, schlug mich vor. Wir traten in Unterhandlung. Ich forderte fünfzig Louisd'or Gehalt, was bei einer Stelle, in der man eine gewisse Rolle spielen muß, sehr wenig war. Er wollte mir nur hundert Pistolen bewilligen und verlangte, ich sollte die Reisekosten selbst bestreiten. Ein solches Anerbieten war lächerlich. Wir konnten nicht einig werden. Herr von Francueil, der sich Mühe gab, mich zurückzuhalten, trug den Sieg davon. Ich blieb, und Herr von Montaigu reiste ab, begleitet von einem andern Secretär, einem Herrn Follau, den ihm das Ministerium des Auswärtigen überlassen hatte. Kaum waren sie jedoch in Venedig, als sie sich schon entzweiten. Follau, welcher einsah, daß er es mit einem Narren zu thun hatte, ließ ihn in Stich, und nun wandte sich Herr von Montaigu, da er nur noch einen jungen Abbé, einen Herrn von Binis, hatte, welcher dem Secretär als Schreiber diente und dessen Stelle nicht auszufüllen im Stande war, wieder an mich. Sein Bruder, der Chevalier, ein Mann von Geist, verstand mich unter Hinweis auf die mit der Stelle eines Secretärs verbundenen Rechte so geschickt zu bearbeiten, daß ich mich endlich mit einem Gehalte von tausend Francs einverstanden erklärte. Als Reisekosten erhielt ich zwanzig Louisd'or und reiste ab. 1743 – 1744 Von Lyon aus hätte ich gern den Weg über den Mont Cenis eingeschlagen, um meine arme Mama auf der Durchreise zu besuchen, aber ich fuhr die Rhone hinab und schiffte mich in Toulon ein, sowohl wegen des Krieges und aus Sparsamkeit, als auch um mir einen Paß von Herrn von Mirepoix ausstellen zu lassen, der damals in der Provence commandirte und an den ich gewiesen war. Herr von Montaigu, der sich ohne mich nicht behelfen konnte, schickte mir einen Brief nach dem andern, meine Reise zu beeilen. Ein Zwischenfall verzögerte sie. Die Pest herrschte damals zu Messina. Die englische Flotte hatte dort vor Anker gelegen und es wurde die Felucke durchsucht, auf der ich mich befand. Dies unterwarf uns, als wir nach einer langen und mühseligen Fahrt in Genua ankamen, einer Quarantaine von einundzwanzig Tagen. Man überließ es uns Passagieren, ob wir sie an Bord oder im Lazareth durchmachen wollten, in welchem wir jedoch, wie uns versichert wurde, nur die kahlen vier Wände finden würden, weil man noch nicht Zeit gehabt hätte, es zu möbliren. Alle wählten die Felucke. Die unerträgliche Hitze, der beschränkte Raum, die Unmöglichkeit, auf ihr frei umherzugehen, und das Ungeziefer bewogen mich, auf jede Gefahr hin, das Lazareth vorzuziehen. Ich wurde in ein großes, zweistöckiges, vollkommen kahles Gebäude geführt, in welchem ich weder Fenster noch Tisch, weder Bett noch Stuhl, ja nicht einmal eine Fußbank, mich zu setzen, noch ein Bund Stroh, mich darauf zu legen, vorfand. Man brachte mir meinen Mantel, meinen Nachtsack und meine beiden Reisekoffer, schloß dicke Thüren mit dicken Schlössern hinter mir zu, und ich blieb allein als unbeschränkter Herr, ganz nach Belieben von Zimmer zu Zimmer und von Stockwerk zu Stockwerk zu gehen, um überall die nämliche Einsamkeit und die nämliche Kahlheit zu finden. Dies alles ließ mich doch nicht bereuen, dem Lazareth den Vorzug vor der Felucke gegeben zu haben, und wie ein zweiter Robinson begann ich mich für meine einundzwanzig Tage einzurichten, als ob es für die ganze Lebenszeit gegolten hätte. Zuerst überließ ich mich dem Vergnügen, Jagd auf die Flöhe zu machen, die ich in der Felucke aufgelesen hatte. Als ich nach öfterem Wechsel von Wäsche und Kleidungsstücken endlich von diesem Ungeziefer rein geworden war, ging ich zur Ausstattung des Zimmers über, welches ich mir erwählt hatte. Aus meinen Westen und Hemden machte ich mir eine ausreichende Matratze, aus mehreren Servietten, die ich zusammennähte, Betttücher, aus meinem Schlafrocke eine Decke und aus meinem zusammengerollten Mantel ein Kopfkissen. Der eine flach hingestellte Koffer bildete meinen Stuhl und der andere, den ich aufgerichtet hatte, mußte meinen Tisch abgeben. Ich langte Papier und Tintenfaß hervor und stellte ein Dutzend Bücher, die ich bei mir hatte, in Form einer Bibliothek auf. Kurz, ich machte mir es so bequem, daß ich es, wenn ich von den Vorhängen und Fenstern absehe, in diesem vollkommen kahlen Lazareth fast eben so angenehm hatte wie in meinem Ballhause in der Straße Verdelet. Meine Mahlzeiten wurden in sehr feierlichem Aufzuge aufgetragen; zwei Grenadiere mit aufgepflanztem Bajonett dienten ihnen als Geleit; die Treppe war mein Speisesaal, der Treppenabsatz gab sich zu meiner Tafel her, die Stufe darunter bot sich mir zum Sitze dar; und sobald mein Mahl aufgetragen war, gab man mir, während man sich zurückzog, mit einer Glocke das Zeichen, daß ich mich zur Tafel begeben könnte. Zwischen meinen Mahlzeiten ging ich, wenn ich nicht las oder schrieb, oder nicht an der Ausstattung meines Zimmers arbeitete, auf dem protestantischen Gottesacker, der mir als Hof diente, spazieren; oder ich bestieg ein durchbrochenes Thürmchen, welches auf den Hafen hinausging und von dem ich die Schiffe ein- und auslaufen sehen konnte. In dieser Weise verlebte ich vierzehn Tage, und würde dort die ganzen drei Wochen zugebracht haben, ohne mich auch nur einen Augenblick zu langweilen, wenn es dem Herrn von Jonville, dem französischen Gesandten, dem ich einen mit Essig durchräucherten, parfümirten und halb verbrannten Brief überreichen ließ, nicht gelungen wäre, meine Zeit um acht Tage abzukürzen; ich ging, sie bei ihm zuzubringen, und ich gebe gern zu, daß ich mich in seinem Hause angenehmer befand als in dem Lazareth. Er erwies mir viele Freundlichkeiten. Sein Secretär Dupont war ein guter Junge, der mich sowohl in Genua wie auf dem Lande in mehrere Häuser einführte, in denen man sich leidlich unterhielt. Ich knüpfte mit ihm Bekanntschaft an und trat später mit ihm in Briefwechsel, den wir sehr lange unterhielten. Darauf setzte ich auf angenehme Weise meine Reise durch die Lombardei fort. Ich sah Mailand, Verona, Brescia, Padua und kam endlich, vom Herrn Gesandten ungeduldig erwartet, in Venedig an. Ich fand Haufen von Depeschen sowohl vom Hofe wie von anderen Gesandten, von denen er die chiffrirten Theile nicht hatte lesen können, obgleich er alle dazu nöthige Schlüssel besaß. Da ich nie auf einem Bureau gearbeitet und in meinem ganzen Leben keine von dem Minister angewandten Chifferschriften gesehen hatte, fürchtete ich anfangs in Verlegenheit zu kommen. Allein ich überzeugte mich, daß nichts einfacher war, und in weniger als acht Tagen hatte ich das Ganze dechiffrirt, was wahrhaftig nicht der Mühe werth war; denn abgesehen davon, daß die Gesandtschaft in Venedig schon überhaupt nicht viel zu thun hat, war er auch nicht der Mann dazu, daß man ihm auch nur die geringste Unterhandlung hätte anvertrauen mögen. Er hatte sich bis zu meiner Ankunft in großer Verlegenheit befunden, da er weder zu dictiren noch lesbar zu schreiben verstand. Ich war ihm sehr nützlich; er sah es ein und behandelte mich gut. Noch ein anderer Beweggrund trieb ihn dazu an. Nach der Verabschiedung seines Vorgängers, des Herrn von Froulay, der wahnsinnig geworden, war dem französischen Consul, Herrn Le Blond, die Fortführung der Geschäfte übertragen worden, und dieser leitete sie auch nach Ankunft des Herrn Montaigu weiter, bis er denselben vollkommen eingeweiht haben würde. Eifersüchtig darauf, daß ein anderer seine Geschäfte verrichtete, zu denen er sich doch unfähig fühlte, warf er doch seinen ganzen Groll auf den Consul, und unmittelbar nach meiner Ankunft nahm er ihm die Secretariatsgeschäfte der Gesandtschaft ab und übertrug sie mir. Sie waren von dem Titel unzertrennlich, und deshalb forderte er mich auf, ihn anzunehmen. So lange ich bei ihm war, sandte er unter diesem Titel stets nur mich an den Senat und andere Interessenten, und im Grunde war es sehr natürlich, daß er zum Gesandtschaftssecretär lieber jemand haben wollte, der von ihm allein abhängig war, als einen Consul oder einen vom Hof ernannten Bureaubeamten. Dies machte meine Stellung ziemlich angenehm und hielt seine Edelleute, die ebenso wie seine Pagen und seine meisten Leute Italiener waren, davon ab, mir den Vorrang in seinem Hause streitig zu machen. Ich benutzte mit Erfolg das damit verbundene Ansehen, um sein droit de liste , das heißt das Asylrecht seines Hauses, gegen die mehrfach gemachten Versuche es zu verletzen, denen sich seine venetianischen Beamten zu widersetzen hüteten, in Kraft zu erhalten. Allein ich duldete auch nie, daß Banditen darin ihre Zuflucht fanden, obgleich ich daraus hätte Gewinn ziehen können, den Seine Excellenz gewiß gern mit mir getheilt haben würde. Sie erdreistete sich sogar, die Gebühren für die mit dem Secretariat verbundenen Kanzleigeschäfte zu beanspruchen. Man war im Kriege; das verhinderte nicht die Ausstellung vieler Pässe. Für jeden dieser Pässe mußte an den Secretär, der ihn ausstellte und gegenzeichnete, eine Zechine entrichtet werden. Alle meine Vorgänger hatten sich diese Zechine ohne Unterschied von Franzosen wie von Fremden bezahlen lassen. Ich fand diesen Gebrauch ungerecht und, ohne Franzose zu sein, schaffte ich ihn für die Franzosen ab; von allen Uebrigen trieb ich jedoch die mir zustehende Gebühr so streng ein, daß ich sie von dem Bruder des Günstlings der Königin von Spanien, dem Marquis Scotti, der von mir ohne Einsendung der Zechine einen Paß verlangt hatte, einfordern ließ, eine Kühnheit, welche der rachsüchtige Italiener nicht vergaß. Seit Bekanntwerdung dieser Reform hinsichtlich der Abgabe für die Pässe erschienen, um solche zu erlangen, nur noch Schaaren angeblicher Franzosen, die sich in einem abscheulichen Kauderwelsch bald für Provencalen, bald für Picarden oder Burgunder ausgaben. Da ich ein ziemlich feines Gehör habe, ließ ich mich von ihnen nicht leicht hinter das Licht führen, und ich zweifle, daß mich auch nur ein einziger Italiener um meine Zechine gebracht oder ein einziger Franzose sie gezahlt hat. Ich hatte die Thorheit mit Herrn von Montaigu, der von keinem Dinge etwas wußte, von dem, was ich gethan hatte, zu reden. Bei dem Worte Zechine spitzte er die Ohren, und ohne mir seine Ansicht über die Aufhebung der Abgabe für die Franzosen zu äußern, verlangte er von mir, daß ich mit ihm über die anderen Abrechnung halten sollte, indem er mir Gewinnantheile gleichen Werthes versprach. Noch mehr über diese Niedrigkeit entrüstet, als von meinem eigenen Interesse angetrieben, gerieth ich in Zorn. »Nein, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »möge Eure Excellenz behalten, was Ihnen gehört, und mir lassen, was mir zusteht; ich werde Ihnen nie auch nur einen Sou davon abgeben.« Da er sah, daß er auf diesem Wege nichts gewann, schlug er einen andern ein und schämte sich nicht, mir zu sagen, wenn ich die Einkünfte aus der Kanzlei bezöge, so wäre es auch nur gerecht, daß ich die Kosten derselben bestritte. Ich wollte mich über diesen Punkt nicht mit ihm zanken, und habe seitdem Tinte, Papier, Siegellack, Wachslichte und dergleichen bis zu dem Amtssiegel hinauf für mein eigenes Geld angeschafft, ohne daß er mir je auch nur einen Heller wieder erstattet hätte. Das hielt mich nicht ab, einen kleinen Theil von den Gebühren für die Pässe dem Abbé Binis, einem gutmüthigen Menschen, abzugeben, der weit davon entfernt war, auf dergleichen Anspruch zu machen. Wenn er gegen mich zuvorkommend war, so war ich nicht weniger artig gegen ihn, und wir haben stets in freundschaftlichem Verhältnisse zu einander gestanden. Was die Führung der Geschäfte anlangte, so fand ich sie für einen Menschen ohne Erfahrung an der Seite eines Gesandten, der eben so wenig besaß wie ich und dessen Unwissenheit und Starrsinn noch obendrein wie zum Vergnügen allem entgegenarbeitete, was mir die gesunde Vernunft und meine geringen Kenntnisse für seinen und des Königs Dienst Vorteilhaftes eingaben, weniger schwierig, als ich befürchtet hatte. Das Vernünftigste, was er that, war, sich mit dem spanischen Gesandten, dem Marquis von Mari, einem gewandten und schlauen Manne, zu verbünden, der ihn, wenn er Lust gehabt, an der Nase herumgeführt hätte, der ihm indessen bei dem gemeinschaftlichen Interesse beider Kronen gewöhnlich guten Rath ertheilte, wenn der Andere seine Rathschläge nur nicht dadurch wieder verdorben hätte, daß er bei der Ausführung noch immer etwas von seiner eigenen Klugheit dazu that. Das Einzige, was sie gemeinsam hätten thun sollen, war, die Venetianer zur Beobachtung der Neutralität anzuhalten. Diese verfehlten auch nicht, die treue Wahrung derselben zu betheuern, während sie den österreichischen Truppen ganz öffentlich Munition und unter dem Vorwande, es wären Deserteure, sogar Rekruten lieferten. Herr von Montaigu, der sich, wie ich glaube, bei der Republik beliebt machen wollte, verabsäumte trotz meiner Gegenvorstellungen auch nicht, mich in allen seinen Depeschen die Versicherung geben zu lassen, daß sie nie die Neutralität verletzen würde. Der Eigensinn und die Dummheit dieses armen Mannes ließen mich jeden Außenblick die verschrobensten Dinge schreiben und thun, die ich in meiner Stellung nicht ablehnen konnte, die mir aber bisweilen mein Amt unerträglich und sogar fast unausführbar machten. So verlangte er zum Beispiel durchaus, daß der größte Theil seiner Depeschen an den König wie der an den Minister in Chiffern geschrieben würde, obgleich beide schlechterdings nichts enthielten, was eine solche Vorsicht nöthig machte. Ich stellte ihm vor, daß zwischen Freitag, an dem die Depeschen des Hofes eintrafen, und Sonnabend, an dem die unsrigen abgingen, nicht Zeit genug für die Anwendung der Chifferschrift so wie für die starke Correspondenz vorhanden wäre, die mir durch die rechtzeitige Absendung mit jenem Couriere aufgebürdet wurde. Er entdeckte ein bewunderungswürdiges Auskunftsmittel, nämlich das, schon am Donnerstage die Antwort auf die Depeschen, welche erst am nächsten Tage ankommen sollten, aufzusetzen. Dieser Gedanke schien ihm so glücklich, daß ich mich, was ich ihm auch über die Unmöglichkeit und Absurdität seiner Ausführung sagen konnte, nach ihm richten mußte. Während der ganzen Zeit meines Weilens bei ihm habe ich mir einige Worte, die er im Laufe der Woche flüchtig gegen mich äußerte, sowie einige ganz bedeutungslose Neuigkeiten, die ich bald da, bald dort auflas, aufzeichnen müssen, und dann nie verfehlt, ihm am Donnerstag Morgen einen nur auf dieses Material gestützten Entwurf der Depeschen zu bringen, die am Sonnabend abgehen sollten, vorbehaltlich einiger Zusätze oder Verbesserungen, die ich nach den am Freitag eintreffenden, auf welche die unsrigen ja als Antwort dienen sollten, in aller Eile machte. Auch noch eine andere sehr drollige Sonderbarkeit hatte er, die seiner Correspondenz etwas ungemein Lächerliches gab, nämlich die, jede Nachricht an ihre Quelle zurückzuschicken, anstatt sie ihren Lauf verfolgen zu lassen. Herrn Amelot zeigte er die Nettigkeiten vom Hofe an, Herrn von Maurepas die von Paris, Herrn von Havrincourt die von Schweden, Herrn De la Chetardin die von Petersburg und mitunter einem jeden gerade die, welche von ihm selber herrührten und die ich dann ein wenig anders einkleidete. Da er von allem, was ich ihm zum Unterzeichnen brachte, nur die Depeschen an den Hof flüchtig durchlas und die an die anderen Gesandten, ohne sie anzublicken, unterschrieb, war es mehr in meine Hand gelegt, sie nach meinem Geschmacke abzufassen, und ich ließ sich die Neuigkeiten darin wenigstens kreuzen. Allein es war mir unmöglich, den Depeschen, und wenn sie auch noch so richtig waren, eine vernünftige Wendung zu geben; ich mußte mich noch glücklich preisen, wenn es ihm nicht in den Sinn kam, aus dem Stegreife einige Zeilen seiner eigenen Weisheit einzuflicken, die mich nöthigten zurückzukehren, um in aller Eile die mit dieser neuen Dummheit geschmückte Depesche umzuschreiben, wobei seinem erhabenen Einfalle die Ehre der Chifferschrift zu Theil werden mußte, weil er sie sonst nicht unterzeichnet hätte. Hundertmal fühlte ich mich um seiner Ehre willen versucht, etwas Anderes als seine Worte zu chiffriren; aber in dem Bewußtsein, daß mich nichts zu einer solchen Untreue berechtigen konnte, ließ ich ihn auf seine Gefahr hin Blödsinn schreiben, damit zufrieden, mich ihm gegenüber mit allem Freimuth auszusprechen und wenigstens meinerseits meine Pflicht bei ihm zu erfüllen. Das that ich beständig mit einer Redlichkeit, einem Eifer und einem Muthe, die von seiner Seite einen andern Lohn verdient hätten, als den, welcher mir schließlich dafür zu Theil wurde. Es war Zeit, daß ich einmal das war, wozu der Himmel, der mir einen glücklichen Charakter verliehen, wozu die Erziehung, die ich von der besten der Frauen erhalten, wozu die Ausbildung, die ich selbst mir gegeben, mich gemacht hatten, und nun war ich es. Lediglich auf mich selbst angewiesen, ohne Freunde, ohne Rathgeber, ohne Erfahrung, in fremdem Lande, einem fremden Volke dienend, mitten unter einer Schaar von Gaunern, die um ihres eigenen Besten willen und um das Aergernis eines guten Beispieles aus dem Wege zu schaffen, mich zu ihrer Nacheiferung anzureizen suchten, diente ich, weit entfernt, darauf einzugehen, Frankreich, dem ich nichts schuldig war, mit aller Treue und, wie es billig war, dem Gesandten mit noch größerer in allem, was von mir abhing. Tadellos auf einem ziemlich beobachteten Posten, verdiente und errang ich mir die Achtung der Republik, die aller Gesandten, mit denen wir in Briefwechsel standen, so wie die Liebe aller in Venedig wohnhaften Franzosen, ohne den Consul selbst auszunehmen, den ich zu meinem Leidwesen in Functionen ersetzte, welche, wie ich wußte, ihm gebührten, und die mir mehr Beschwerde als Vergnügen bereiteten. Rückhaltslos sich dem Marquis Mari anschließend, der sich mit den kleinen Angelegenheiten, die zu seinen Pflichten gehörten, nicht befaßte, vernachlässigte Herr von Montaigu sie dermaßen, daß die in Venedig ansässigen Franzosen ohne mich nichts von einem Gesandten ihres Volkes wahrgenommen haben würden. Stets ungehört abgewiesen, wenn sie seines Beistandes bedurften, verloren sie endlich den Muth, ihn zu begehren, und weder in seinem Gefolge, noch an seiner Tafel, zu der er sie niemals lud, sah man noch einen von ihnen. Aus eigenem Antriebe that ich oft, was er hätte thun müssen; ich leistete den Franzosen, die sich an ihn oder mich wandten, jeden Dienst, der in meinen Kräften stand. In jedem andern Lande würde ich mehr gethan haben, aber da ich mich meiner amtlichen Stellung wegen an niemanden wenden konnte, der in Diensten stand, war ich oft gezwungen, meine Zuflucht zu dem Consul zu nehmen; und der Consul hatte, da er mit seiner Familie in Venedig ansässig war, Rücksichten zu beobachten, die ihn verhinderten, immer nach Wunsch zu handeln. Zuweilen ließ ich mich jedoch, wenn ich sah, daß es ihm an Muth fehlte und er nicht zu reden wagte, zu kühnen Schritten hinreißen, von denen mir mehrere geglückt sind. Namentlich eines erinnere ich mich, bei dem ich noch jetzt, wenn ich daran denke, lachen muß: man wird schwerlich vermuthen, daß ich es bin, dem die Pariser Theaterfreunde die Corallina und ihre Schwester Camilla verdankt haben, und doch ist es vollkommen wahr. Véronèse, ihr Vater, hatte sich mit seinen Kindern für die italienische Truppe engagiren lassen; nachdem er aber zweitausend Francs Reisegeld erhalten hatte, war er, anstatt abzureisen, ruhig bei dem Theater von San-Luca Es kann möglicherweise auch San Samuel gewesen sein. Die Eigennamen entfallen mir gänzlich. in Venedig eingetreten, wo Coralline, so jung sie auch noch war, große Bewunderung erregte. In seiner Eigenschaft als Oberkammerherr forderte der Herzog von Gesvres den Gesandten schriftlich auf, die Auslieferung des Vaters wie der Tochter zu verlangen. Herr von Montaigu gab mir den Brief und sagte zu mir statt jedes weiteren Auftrages: »Lesen Sie selbst!« Ich ging zu Herrn Le Blond und bat ihn, mit dem Nobile, welchem das Theater von San Luca gehörte, und der, wie ich glaube, ein Zustiniani war, zu reden, damit derselbe Véronèse, da er für den Dienst des Königs engagirt wäre, fortschickte. Le Blond, der sich den Auftrag nicht allzu sehr am Herzen liegen ließ, führte ihn schlecht aus. Zustiniani machte Ausflüchte und Véronèse wurde nicht fortgeschickt. Ich wurde ärgerlich. Es war die Zeit des Carnevals; ich nahm Mantel und Maske und ließ mich nach dem Palast Zustiniani fahren. Alle, die meine Gondel mit den Abzeichen des Gesandten ankommen sahen, wurden betroffen; nie war in Venedig etwas Aehnliches gesehen worden. Ich trete ein, ich lasse mich unter dem Namen d'una siora maschera ... eines maskirten Herrn. anmelden. Sobald ich eingeführt bin, nehme ich die Maske ab und nenne mich. Der Senator erblaßt und steht wie bestürzt da. »Zu meinem Bedauern,« sagte ich zu ihm, »muß ich Eure Excellenz mit meinem Besuche belästigen; allein Sie haben an Ihrem Theater von San Luca einen Mann, Namens Véronèse, der für den Dienst des Königs engagirt ist und den man vergeblich von Ihnen verlangt hat; ich komme, um im Namen Seiner Majestät die Auslieferung desselben zu fordern.« Meine kurze Ansprache hatte Wirkung. Kaum war ich fortgegangen, als mein Mann eiligst den Staatsinquisitoren Bericht über sein Abenteuer abstattete, und diese wuschen ihm den Kopf. Noch am nämlichen Tage wurde Veronese verabschiedet. Ich ließ ihm sagen, ich würde ihn, wenn er nicht in acht Tagen abreiste, verhaften lassen, und er reiste ab. Bei einer andern Gelegenheit riß ich den Kapitän eines Kauffahrteischiffes allein und fast ohne jemandes Beistand aus der Noth. Es war der Kapitän Olivet aus Marseille; den Namen des Schiffes habe ich vergessen. Seine Mannschaft hatte mit im Dienste der Republik stehenden Slavoniern Streit bekommen; Tätlichkeiten waren vorgefallen, und der über das Schiff verhängte Arrest wurde so streng durchgeführt, daß mit Ausnahme des Kapitäns es niemand ohne Erlaubnis betreten oder verlassen durfte. Der Gesandte, an den er sich wendete, wies ihn ab. Nun suchte er den Consul auf, der ihm jedoch sagte, das wäre keine Handelsangelegenheit, und er könnte sich deshalb nicht hineinmischen. Da er nicht wußte, was er anfangen sollte, kam er zu mir. Ich stellte Herrn von Montaigu vor, daß er mir gestatten müßte, dem Senat darüber Vorstellungen zu machen. Ich erinnere mich nicht, ob er darauf einging, und ich wirklich eine Note ergehen ließ, aber soviel erinnere ich mich wohl, daß ich, als meine Schritte vergeblich waren und das Embargo noch immer weiter dauerte, einen Entschluß faßte, der Erfolg hatte. Ich nahm den Bericht über diesen Vorfall in eine Depesche an Herrn von Maurepas auf und hatte noch Mühe genug, Herrn von Montaigu dahin zu bestimmen, daß er diese Stelle stehen ließ. Ich wußte, daß unsere Depeschen, so wenig es sich auch der Mühe lohnte, in Venedig geöffnet wurden; den Beweis lieferten mir einige Stellen, welche ich Wort für Wort in der Zeitung fand: eine Treulosigkeit, über die ich dem Gesandten umsonst dringend gerathen hatte sich zu beschweren. Als ich diese Plackerei in der Depesche erwähnte, war es meine Absicht, die Neugier der Venetianer dahin zu benutzen, ihnen Furcht einzujagen und sie dadurch zu bewegen, das Schiff frei zu geben, denn hätte man, um das zu erreichen, erst die Antwort des Hofes abwarten müssen, wäre der Kapitän noch vor ihrer Ankunft zu Grunde gerichtet gewesen. Ich that mehr, ich begab mich auf das Schiff, um die Mannschaft zu vernehmen. Ich nahm den Abbé Patizel mit mir, den Kanzler des Consulats, der allerdings nur sehr unlustig mitkam, in so hohem Grade besorgten alle diese armen Leute, das Mißfallen des Senats zu erregen. Da ich wegen des Verbotes nicht an Bord steigen konnte, blieb ich in meiner Gondel und nahm in derselben mein Protokoll auf, indem ich sämmtliche Leute der Bemannung mit lauter Stimme hinter einander verhörte und meine Fragen der Art stellte, daß ich ihnen nur Antworten entlockte, die ihnen günstig waren. Dieser ein wenig kühne Schritt hatte indessen einen glücklichen Erfolg, und das Schiff wurde lange vor der Ankunft der Antwort des Ministers frei gegeben. Der Kapitän wollte mir ein Geschenk machen. Ohne darüber Verdruß zu zeigen, klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: Kapitän Oliver, wähnst du, daß der, welcher von den Franzosen die herkömmlichen Paßgebühren nicht annimmt, fähig sei, ihnen den Schutz des Königs zu verkaufen?« Wenigstens wollte er mir jedoch an Bord seines Schiffes ein Gastmahl geben, welches ich auch annahm und zu dem ich den spanischen Gesandtschaftssecretär, einen gewissen Carrio mitnahm, einen geistreichen und sehr liebenswürdigen Mann, den man später als Gesandtschaftssecretär und Geschäftsträger in Paris gesehen hat, und dem ich mich nach dem Beispiele unserer Gesandten in inniger Freundschaft angeschlossen hatte. Während ich so mit vollkommenster Uneigennützigkeit alles Gute, was ich irgend vermochte, that, würde es mir vorteilhaft gewesen sein, wenn ich es verstanden hätte, in alle diese kleinen Angelegenheiten auch genügende Ordnung und Pünktlichkeit zu bringen, um nicht hinter das Licht geführt zu werden und nicht anderen auf meine Kosten zu dienen. Allein in Stellungen, wie die meinige, in denen auch die kleinsten Fehler nicht ohne Folgen sind, war meine ganze Aufmerksamkeit lediglich darauf gerichtet, in keiner Weise gegen meinen Dienst zu verstoßen. In allem, was meine eigentlichen Pflichten betraf, war ich bis zu Ende von der größten Ordnung und der gewissenhaftesten Pünktlichkeit. Außer einigen Irrthümern, welche ich in übertriebener Eile beim Dechiffriren beging und über die sich die Beamten des Herrn Amelot einmal beklagten, hatte mir weder der Gesandte noch irgend jemand je auch nur eine einzige Nachlässigkeit in meinen Amtsgeschäften vorzuwerfen, was für eine sonst so nachlässige und so unbesonnene Person wie ich bin, gewiß bemerkenswerth ist. Aber in den Privatgeschäften, die ich übernahm, war ich mitunter vergeßlich und ließ es an der nöthigen Sorgfalt fehlen, und in meinem Gerechtigkeitsgefühle bin ich stets aus eigenem Antriebe für den Schaden aufgekommen, ehe jemand daran dachte, sich zu beschweren. Ich will davon nur ein einziges Beispiel anführen, welches mit meiner Abreise von Venedig in Zusammenhang steht, und dessen Folgen ich später in Paris empfunden habe. Unser Koch Rousselot hatte aus Frankreich einen alten Schuldschein über zweihundert Franken, welchen einer seiner Freunde, ein Friseur, von einem venetianischen Edelmanne, Namens Zanetto Nani, für gelieferte Perücken empfangen hatte, mitgebracht. Rousselot übergab mir diesen Schuldschein mit der Bitte, den Versuch zu machen, ob sich nicht durch Vergleich wenigstens ein Theil dieser Summe retten ließe. Ich wußte es eben so gut wie er, daß es bei den venetianischen Nobili zur völligen Sitte geworden ist, die im Auslande gemachten Schulden nach ihrer Heimkehr nie zu bezahlen. Bei Anwendung von Zwang halten sie den unglücklichen Gläubiger so lange und unter so großen Kosten hin, daß er den Muth verliert und schließlich alles aufgiebt oder sich mit fast nichts abspeisen läßt. Ich bat Herrn Le Blond mit Zanetto zu reden; dieser gestand die Richtigkeit des Schuldscheines zu, ohne jedoch Zahlung zu leisten. Nach heftigem Streite versprach er endlich drei Zechinen. Als ihm Le Blond den Schuldschein brachte, waren die drei Zechinen nicht zur Stelle; er mußte warten. Während dieses Wartens kam ich plötzlich mit dem Gesandten in Streit, der meinen Austritt aus seinem Dienste herbeiführte. Die Papiere der Gesandtschaft ließ ich in der größten Ordnung zurück, aber Rousselots Schuldschein fand sich nicht vor. Herr Le Blond versicherte, ihn mir zurückgegeben zu haben. Ich kannte ihn als einen zu ehrlichen Mann, um seine Behauptung in Zweifel zu ziehen: aber es wollte mir durchaus nicht einfallen, was aus diesem Scheine geworden war. Da Zanetto die Schuld anerkannt hatte, bat ich Le Blond sich zu bemühen, die drei Zechinen gegen Quittung zu erhalten oder ihn zur Ausstellung eines neuen Scheines zu bewegen. Als aber Zanetto den Verlust des Scheines erfuhr, wollte er sich weder zu dem Einen noch zu dem Andern verstehen. Ich bot Rousselot die drei zur Einlösung des Scheines verabredeten Zechinen aus meiner eigenen Tasche an. Er wies sie zurück und forderte mich auf, mich in Paris mit dem Gläubiger, dessen Adresse er mir gab, zu vergleichen. Der Friseur, von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt, verlangte seinen Schuldschein oder sein volles Geld. Was würde ich in meiner Entrüstung nicht für die Wiedererlangung dieses verwünschten Scheines gegeben haben! Ich bezahlte die zweihundert Franken und noch dazu in eigener größter Noth. So floß dem Gläubiger durch den Verlust des Scheines die ganze Summe zu, während, wenn sich derselbe zum Unglück für ihn wiedergefunden hätte, Seine Excellenz Zanetto Nani nur mit großer Mühe zur Zahlung der versprochenen zehn Thaler hätte bewogen werden können. Die Ueberzeugung, daß ich Talent für meinen Beruf besäße, beseelte mich mit Eifer für denselben. Wenn ich von dem Umgange mit meinem Freunde Carrio, mit dem tugendhaften Altuna, von dem ich bald werde zu reden haben, wenn ich von den höchst unschuldigen Erholungen des Markusplatzes und des Theaters, sowie von einigen Besuchen absehe, die wir fast stets zusammen abstatteten, so suchte ich mein Vergnügen lediglich in der Erfüllung meiner Pflichten. Obgleich meine Arbeit nicht sehr mühevoll war, zumal ich an dem Abbé von Vinis einen Gehilfen hatte, so war ich gleichwohl beschäftigt, da die Correspondenz sehr ausgebreitet war und wir uns im Kriege befanden. Ich arbeitete täglich einen guten Theil des Vormittags und an den Couriertagen mitunter bis Mitternacht. Die übrige Zeit widmete ich dem Studium des Berufes, in den ich eingetreten und in dem ich bei dem Erfolge in meiner Anfangsstellung auf eine noch vorteilhaftere Verwendung in der Zukunft mit Sicherheit rechnete. In der That gab es über mich nur eine Stimme, von der des Gesandten an, welcher meine Dienste laut lobte, nie gegen sie etwas auszusetzen hatte, und dessen ganze Wuth späterhin nur daher rührte, daß ich schließlich meinen Abschied verlangte, da meine eigenen Beschwerden unberücksichtigt blieben. Die Gesandten und Minister des Königs, mit denen wir in Briefwechsel standen, sagten ihm über die glänzende Befähigung seines Secretärs Schmeicheleien, die ihn angenehm hätten berühren müssen, während sie in seinem befangenen Kopfe eine gerade entgegengesetzte Wirkung hervorbrachten. Bei einer sehr wichtigen Angelegenheit wurde ihm namentlich eine ausgesprochen, welche er mir nie verziehen hat. Es lohnt sich der Mühe, den Vorfall näher zu erläutern. Er war so wenig fähig, sich Zwang aufzuerlegen, daß er selbst am Sonnabende, an dem fast sämmtliche Couriere abgefertigt wurden, das Ausgehen nicht bis zur Beendigung der Arbeit aufschieben konnte, und unter fortwährendem Drängen, die Depeschen für den König und die Minister zu vollenden, unterzeichnete er sie in aller Hast und lief darauf, ich weiß nicht wohin, während er den größten Theil der anderen Briefe ohne Unterschrift ließ. Hierdurch wurde ich gezwungen, wenn es nur auf die Mittheilung von Neuigkeiten ankam, sie im gewöhnlichen Tagesberichte zu erwähnen; wenn es sich jedoch um königliche Dienstangelegenheiten handelte, war es durchaus nöthig, daß sie jemand unterzeichnete, und so unterzeichnete ich dann selbst. Dies that ich auch bei einer wichtigen Nachricht, die wir von Herrn Vincent, dem königlichen Geschäftsträger in Wien erhalten hatten. Es war damals, als der Fürst Lobkowitz nach Neapel marschirte und der Graf von Gages jenen denkwürdigen Rückzug ausführte, die schönste Kriegsthat des ganzen Jahrhunderts, die in Europa viel zu wenig beachtet ist. Die Nachricht meldete, daß ein Mann, dessen Signalement uns Herr Vincent beilegte, von Wien abreisen und über Venedig heimlich nach den Abruzzen geben sollte, mit dem Auftrage, bei dem Anrücken der Oestreicher einen Volksaufstand zu erregen. In der Abwesenheit des Herrn Grafen von Montaigu, der sich durch nichts aus seiner Ruhe stören ließ, theilte ich dem Marquis de l'Hopital diese Nachricht mit und zwar so rechtzeitig, daß das Haus Bourbon vielleicht nur diesem armen und so verhöhnten Jean Jacques die Erhaltung des Königreichs Neapel verdankt. Als sich der Marquis de l'Hopital, wie es billig war, dafür bei seinem Collegen bedankte, erwähnte er dabei seines Secretärs und des von ihm der gemeinsamen Sache geleisteten Dienstes. Der Graf von Montaigu, der sich bei dieser Angelegenheit seine Nachlässigkeit vorzuwerfen hatte, glaubte in dem ihm abgestatteten Danke einen Vorwurf für sich zu sehen und sprach sich gegen mich sehr unwillig darüber aus. Ich war in der Lage gewesen, dem Grafen von Castellane, der Gesandter in Konstantinopel war, einen ähnlichen Dienst wie dem Marquis de l'Hôpital, wenn auch in einer weniger wichtigen Sache, zu erweisen. Da es nach Konstantinopel keine andere Postverbindung als vermittelst der Couriere gab, welche der Senat von Zeit zu Zeit an seinen Gesandten bei der Pforte sandte, so benachrichtigte man den französischen Gesandten von der Abreise dieser Couriere, damit er, wenn es ihm zweckdienlich schien, seinem Collegen auf diesem Wege Nachrichten zukommen lassen könnte. Diese Benachrichtigung traf gewöhnlich einen oder zwei Tage früher ein; allein man achtete den Herrn von Montaigu so wenig, daß man sich damit begnügte, nur der Form wegen eine oder zwei Stunden vor der Abreise des Couriers zu ihm zu senden, was mich wiederholentlich in die Notwendigkeit versetzte, die Depesche in seiner Abwesenheit aufzusetzen und abzuschicken. Ich bekenne, daß ich die Gelegenheit, mich zur Geltung zu bringen, nicht vermied, aber ich suchte sie eben so wenig ohne Grund, und ich erblickte nichts Unrechtes darin, bei treuer Dienstführung auch nach dem natürlichen Lohne für gute Dienste zu streben, das heißt nach der Achtung derjenigen, die im Stande sind, sie zu beurtheilen und zu belohnen. Ich weiß nicht, ob meine Pünktlichkeit in der Erfüllung meiner Amtsgeschäfte meinem Gesandten einen gerechten Grund zur Klage gab, aber soviel weiß ich, daß es die einzige war, welche er bis zum Tage unserer Trennung ausgesprochen hat. Sein Haus, das er nie gehörig einzurichten verstanden hatte, füllte sich mit Schurken; die Franzosen wurden in demselben übel behandelt, die Italiener gewannen die Herrschaft, und sogar unter ihnen wurden die guten Diener, welche der Gesandtschaft schon lange angehörten, sämmtlich schimpflich fortgejagt, unter andern der erste Edelmann der bereits bei dem Grafen von Froulay dieses Ehrenamt bekleidet hatte, ein gewisser Graf Peati, wie ich glaube, oder wenigstens ein Nobile sehr ähnlichen Namens. Der zweite Edelmann, den Herr von Montaigu sich erwählt hatte, war ein Bandit aus Mantua, Namens Dominico Vitali. Dieser Mann, welchem der Gesandte die Sorge für seinen Haushalt anvertraute, erlangte durch Speichelleckerei und elende Knauserei sein Vertrauen und wurde sein Günstling, zum großen Schaden der wenigen noch vorhandenen ehrlichen Leute, und namentlich des Secretärs an ihrer Spitze. Das klare Auge eines ehrlichen Mannes ist für die Spitzbuben stets etwas Beunruhigendes. Mehr hätte es nicht bedurft, um mir seinen Haß zuzuziehen; aber dieser Haß hatte noch eine andere Ursache, welche ihn bedeutend verschärfte. Ich muß diese Ursache erzählen, damit man mich verurtheile, wenn ich Unrecht hatte. Der Gesandte hatte nach der allgemeinen Sitte in jedem der fünf Theater eine Loge. Regelmäßig nannte er beim Mittagsessen das Theater, welches er an diesem Tage besuchen wollte; nach ihm wählte ich, und die Edelleute verfügten über die anderen Logen. Beim Fortgehen nahm ich den Schlüssel der Loge, die ich gewählt hatte. Da Vitali eines Tages nicht da war, trug ich dem zu meiner Bedienung bestimmten Lakaien auf, mir den Schlüssel in ein Haus zu bringen, das ich ihm angab. Anstatt mir meinen Schlüssel zu senden, ließ mir Vitali sagen, daß er darüber verfügt hätte. Ich fühlte mich um so mehr beleidigt, als mir der Lakai seinen Auftrag vor der ganzen Gesellschaft mitgetheilt hatte. Am Abend wollte mir Vitali einige Worte der Entschuldigung sagen, die ich jedoch nicht annahm. »Morgen,« sagte ich zu ihm, »werden Sie, mein Herr, mich zu einer bestimmten Stunde in dem Hause, in dem mir der Schimpf zugefügt ist, und vor den Leuten, die Zeugen davon gewesen sind, um Entschuldigung bitten; andrenfalls verlassen Sie oder ich, was auch die Folgen sein mögen, dieses Haus.« Dieser entschiedene Ton machte Eindruck auf ihn. Er erschien zur bestimmten Stunde an dem bezeichneten Orte, um mir mit einer seiner würdigen Erbärmlichkeit seine Entschuldigungen öffentlich auszusprechen; aber er ergriff mit Muße seine Maßregeln und, während er die tiefsten Verbeugungen vor mir machte, arbeitete er auf echt italienische Weise dergestalt, daß er mich in die Notwendigkeit versetzte, den Abschied zu nehmen, nachdem er den Gesandten nicht hatte bewegen können, ihn mir zu ertheilen. Ein so elender Mensch wie er war sicherlich unfähig, mein Wesen genau zu verstehen; allein er kannte mich so weit, als es sein Gesichtskreis zuließ. Er kannte meine Gutmüthigkeit und ungemeine Sanftmuth im Ertragen unabsichtlicher Kränkungen, wußte aber auch, daß ich bei absichtlichen Beleidigungen hochfahrend und rücksichtslos war, Anstand und Würde bei allem, was Schicklichkeit erheischte, liebte, und nicht weniger anspruchsvoll die mir gebührende Achtung verlangte, als ich bereit war, andern die ihnen gebührende zu erweisen. Dies suchte er als Handhabe zu benutzen und gelangte auch damit zum Ziele. Er kehrte im Hause das Unterste zu oberst; er entfernte daraus, was ich darin von Ordnung, Zucht, Sauberkeit und Regelmäßigkeit zu erhalten bestrebt gewesen war. Ein Haus ohne Frau bedarf einer etwas strengen Zucht, um der von der Würde unzertrennlichen Einfachheit die Herrschaft zu sichern. Er machte aus dem unsrigen bald eine Stätte der Schwelgerei und Liederlichkeit, ein Nest voll Spitzbuben und Wüstlingen. An Stelle des zweiten Edelmannes, dessen Entlassung er herbeigeführt hatte, gab er Seiner Excellenz einen eben so großen Schurken, wie er war, der ein öffentliches Bordell zum »Malteserkreuz« hielt; und diese beiden Schufte, die Hand in Hand mit einander gingen, waren eben so schamlos wie unverschämt. Außer dem Zimmer des Gesandten, in welchem auch nicht allzu große Ordnung herrschte, gab es keinen für einen anständigen Mann erträglichen Winkel im Hause. Da Seine Excellenz nicht zu Abend speiste, hatte ich mit den Edelleuten des Abends eine besondere Tafel, zu welcher auch der Abbé von Binis und die Pagen herangezogen wurden. In der elendesten Garküche wird man reinlicher, anständiger, auf weniger unsauberem Tischtuche und mit reichlicheren und besseren Speisen bedient. Man gab uns ein einziges kleines, sehr dunkel brennendes Talglicht, zinnerne Teller und eiserne Gabeln. Was im Verborgenen geschah, hätte ich mir noch gefallen lassen, aber man entzog mir meine Gondel; unter allen Gesandtschaftssecretären war ich allein genöthigt, mir eine zu miethen oder zu Fuß zu gehen, und die Dienerschaft Seiner Excellenz stand mir nur noch zur Verfügung, wenn ich zum Senate ging. Uebrigens blieb von den Vorfällen in unserm Hause in der Stadt nichts verschwiegen. Alle Beamte des Gesandten erhoben lautes Geschrei. Dominico, die einzige Veranlassung von allem, schrie am lautesten, da er wohl wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der wir behandelt wurden, mir empfindlicher als allen Uebrigen war. Ich allein erzählte außer dem Hause nie etwas; aber ich beschwerte mich lebhaft bei dem Gesandten wie über alles andere, so auch über ihn selbst, der, heimlich von seinem Dämon angetrieben, mir täglich eine neue Kränkung zufügte. Zu großen Ausgaben gezwungen, um standesgemäß und wie meine Collegen zu leben, konnte ich keinen Sou von meinem Gehalte von ihm herausbekommen; forderte ich von ihm Geld, so sprach er mir von seiner Achtung und seinem Vertrauen, als hätte dies meinen Beutel füllen und für alles ausreichen müssen. Endlich brachten es die beiden Schufte dahin, ihrem Herrn völlig den Kopf zu verdrehen, der ihm schon immer nicht auf der rechten Stelle gesessen hatte, und richteten ihn durch fortwährende schwindelhafte Ankäufe zu Grunde, bei denen sie ihm vorredeten, daß er die andern übervortheilt hätte. Sie ließen ihn an der Brenta einen Palast für das Doppelte des Werthes miethen, wobei sie den Ueberschuß mit dem Besitzer theilten. Die Zimmer desselben waren mit Mosaik ausgelegt und nach der Landessitte mit Säulen und Wandpfeilern von sehr schönen Marmorarten ausgeschmückt. Herr von Montaigu ließ das alles mit einem Getäfel von Tannenholz prächtig überkleiden, aus dem einzigen Grunde, weil in Paris die Gemächer so getäfelt sind. Aus ähnlichem Grunde entzog er unter allen Gesandten in Venedig allein seinen Pagen den Degen und seinen Dienern den Stock. So war der Mensch beschaffen, der vielleicht immer aus dem nämlichen Grunde mich nicht leiden konnte, einzig und allein im Hinblick darauf, daß ich ihm zu treu diente. Ich hielt geduldig seine Geringschätzung, seine Rohheit und seine schlechte Behandlung aus, so lange ich darin nur üble Launen und keinen Haß zu erkennen glaubte: sobald ich aber darin die bewußte Absicht sah, mich um die Achtung zu bringen, die ich um meiner guten Dienstführung willen verdiente, war ich entschlossen, auf meine Stellung zu verzichten. Den ersten Beweis seines Uebelwollens erhielt ich gelegentlich eines Festmahls, welches er dem Herzog von Modena und seiner Familie, die sich in Venedig befanden, geben wollte, und an dem ich laut seiner Ankündigung nicht Theil nehmen sollte. Ich erwiderte gereizt, aber ohne leidenschaftliche Erregung, daß ich die Ehre hätte, täglich an seiner Tafel zu speisen, und es deshalb, wenn der Herr Herzog von Modena bei seinem Erscheinen meine Entfernung von derselben verlangte, ihm seine hohe Stellung und mir meine Pflicht geböte, ihm nicht zu willfahren. »Wie,« sagte er heftig, »mein Secretär, der nicht einmal Edelmann ist, beansprucht mit einem Herrscher zu speisen, wenn meine Edelleute es nicht dürfen!« – »Ja, mein Herr,« versetzte ich, »das Amt, mit welchem mich Eure Excellenz beehrt hat, adelt mich, so lange ich ihm vorstehe, so sehr, daß ich sogar vor Ihren Edelleuten oder sogenannten Edelleuten den Vorrang habe und mir da der Zutritt offen steht, wo sie ihn nicht haben können. Sie wissen sehr wohl, daß ich an dem Tage, an welchem Sie Ihren öffentlichen Einzug halten werden, durch das Ceremoniel und eine uralte Sitte berufen bin, Ihnen im Staatskleide zu folgen und mit Ihnen im Palast des heiligen Markus zu speisen; und ich sehe nicht ein, weshalb ein Mann, der mit dem Dogen und dem Senat von Venedig öffentlich speisen darf und muß, nicht mit dem Herrn Herzog von Modena im Privatkreise essen sollte.« Obgleich sich dagegen nichts einwenden ließ, ergab sich der Gesandte keineswegs; aber wir hatten keine Gelegenheit, den Streit zu erneuern, da der Herr Herzog von Modena nicht erschien, um bei ihm zu speisen. Von nun an hörte er nicht auf, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten und mich zurückzusetzen, indem er sich bestrebte, mir die mit meiner Stellung verbundenen kleinen Vorrechte zu nehmen, um sie auf seinen lieben Vitali zu übertragen; und hätte er es sich unterstehen dürfen, ihn an meiner Stelle zum Senat zu senden, so hätte er es sicherlich gethan. Zur Abfassung seiner Privatbriefe berief er gewöhnlich den Abbé von Binis in sein Cabinet; er bediente sich seiner auch, um in Betreff der Angelegenheit des Kapitäns Olivet einen Bericht an Herrn von Maurepas aufzusetzen, in welchem er meiner, der doch allein damit zu thun gehabt hatte, nicht allein nicht erwähnte, sondern mir sogar die Ehre der Aufnahme des Protokolls raubte. Bei Einsendung einer Abschrift desselben schrieb er es nämlich Patizel zu, der nicht ein einziges Wort dabei gesprochen hatte. Er wollte mich seinem Günstlinge zu Liebe demüthigen, sich aber meiner nicht entledigen. Er sah ein, daß es ihm nicht mehr eben so leicht werden würde, für mich einen Ersatz zu finden wie für Herrn Follau, der seinen Charakter schon hinreichend geschildert hatte. Er bedurfte durchaus eines Secretärs, der wegen der Antworten des Senats Italienisch verstand, der ohne sein Zuthun alle seine Depeschen, alle seine Angelegenheiten besorgte, der mit dem Vorzuge, ihm gut zu dienen, die Erbärmlichkeit verband, seinen armseligen Edelleuten gegenüber den Augendiener zu spielen. Er wollte sich also meiner versichern und mich dadurch an sich fesseln, daß er mich von meiner und seiner Heimat fern hielt, ohne Geld, dorthin zurückzukehren; und vielleicht würde es ihm geglückt sein, hätte er es weniger auffallend angestellt. Aber Vitali, der andere Absichten hatte und mich zur Entscheidung zwingen wollte, setzte seinen Zweck durch. Sobald ich einsah, daß meine Mühe vergebens war, daß mir der Gesandte meine Dienste zum Verbrechen anrechnete, anstatt mir dafür Dank zu wissen, daß ich bei ihm nichts mehr zu hoffen hatte als häusliche Verdrießlichkeiten und dienstliche Ungerechtigkeit, und daß mir bei dem üblen Rufe, in den er sich überall gesetzt, seine bösen Dienste wohl zum Schaden, seine guten aber nicht zum Nutzen gereichen konnten, so verlangte ich von ihm kurz entschlossen meinen Abschied, obgleich ich ihm Zeit ließ, sich einen neuen Secretär zu verschaffen. Ohne darauf ja oder nein zu sagen, trieb er es immer in derselben Weise fort. Als ich sah, daß keine Veränderung zum Bessern eintrat, und daß er keine Anstalt traf, einen andern Secretär zu suchen, so schrieb ich an seinen Bruder und bat ihn unter ausführlicher Auseinandersetzung meiner Gründe Seine Excellenz zur Bewilligung meines Abschieds zu bewegen, indem ich hinzufügte, daß es mir unter keinen Umständen möglich wäre zu bleiben. Ich wartete lange Zeit und erhielt keine Antwort. Bereits begann ich in große Verlegenheit zu gerathen, als endlich der Gesandte einen Brief von seinem Bruder bekam. Er mußte sehr derb gewesen sein, denn obgleich bei dem Grafen leidenschaftliche Zornausbrüche häufig vorkamen, war ich nie Zeuge eines ähnlichen gewesen. Nach einem Strome der gemeinsten Beleidigungen beschuldigte er mich, als er nichts mehr zu sagen wußte, den Schlüssel zu seiner Chifferschrift verkauft zu haben. Ich fing zu lachen an und fragte ihn in spöttischem Tone, ob er sich einbildete, daß in ganz Venedig ein Mensch albern genug wäre, auch nur einen Thaler dafür zu geben. Diese Antwort versetzte ihn in schäumende Wuth. Er that, als ob er seine Leute herbeirufen wollte, um mich, wie er sagte, zum Fenster hinaus werfen zu lassen. Bis dahin war ich sehr ruhig gewesen; bei dieser Drohung bemächtigten sich jedoch Zorn und Unwillen meiner ebenfalls. Ich stürzte zur Thüre und, nachdem ich sie von innen verriegelt hatte, schritt ich ernst auf ihn zu und sagte: »Nein, Herr Graf, Ihre Leute werden sich nicht in diese Angelegenheit mischen; wir werden sie mit Ihrer Erlaubnis unter uns ausmachen.« Mein Auftreten und meine Miene beschwichtigten ihn augenblicklich; Ueberraschung und Schrecken prägten sich in seiner Haltung aus. Als ich sah, daß sich seine Wuth gelegt hatte, sagte ich ihm in wenigen Worten Lebewohl; darauf öffnete ich, ohne seine Antwort abzuwarten, wieder die Thür, ging hinaus und schritt langsam mitten durch die im Vorzimmer versammelten Leute, die mir, wie ich glaube, lieber gegen ihn als ihm gegen mich beigestanden hätten. Ohne erst in mein Zimmer hinaufzugehen, stieg ich sofort die Treppe hinab und verließ auf der Stelle den Palast, um ihn nicht mehr zu betreten. Ich ging geradeswegs zu Herrn Le Blond, um ihm den Vorfall zu erzählen. Er zeigte sich darüber wenig überrascht; er kannte seinen Mann. Ich mußte zum Essen bei ihm bleiben. So unvorbereitet dieses Gastmahl auch war, so fiel es doch glänzend aus; alle Franzosen von Ansehen, die sich in Venedig aufhielten, fanden sich dazu ein; bei dem Gesandten ließ sich keine Seele sehen. Der Consul erzählte der Gesellschaft, wie es mir ergangen. Dieser Bericht wurde nur mit einem Schrei aufgenommen, der nicht zu Gunsten Seiner Excellenz hervorbrach. Der Graf hatte mein Guthaben nicht berichtigt, mir nicht einen Sou gegeben, und da sich meine Hilfsmittel auf einige Goldstücke, die ich bei mir trug, beschränkten, so war ich wegen meiner Heimkehr in Verlegenheit. Alle Börsen wurden mir zur Verfügung gestellt. Ich nahm ungefähr zwanzig Zechinen von Herrn Le Blond und eine gleichgroße Summe von Herrn von Saint-Cyr an, mit welchem ich nächst jenem am befreundetsten war. Allen Uebrigen dankte ich, und um öffentlich an den Tag zu legen, daß die Nation keine Mitschuld an den Ungerechtigkeiten des Gesandten hätte, wohnte ich bis zu meiner Abreise bei dem Kanzler des Consulats. Wüthend darüber, mich in meinem Unglück gefeiert zu sehen, und trotz seiner hohen Stellung selbst verlassen dazustehen, verlor Graf Montaigu völlig den Kopf und benahm sich wie ein Unsinniger. Er vergaß sich so weit, in einer Eingabe meine Verhaftung bei dem Senate zu beantragen. In Folge des Winkes, den mir der Abbé von Binis gab, entschloß ich mich, noch vierzehn Tage zu bleiben, anstatt, wie ich mir vorgenommen hatte, schon am zweiten Tage abzureisen. Man hatte meine Aufführung gesehen und gebilligt; ich wurde allgemein geschätzt. Die Signoria würdigte die wunderliche Eingabe des Gesandten nicht einmal einer Antwort und ließ mir durch den Consul sagen, ich könnte in Venedig, so lange es mir gefiele, bleiben, ohne mich über die Schritte eines Narren zu beunruhigen. Ich fuhr fort, meine Freunde zu besuchen und nahm von dem spanischen Gesandten, der mich sehr gut aufnahm, sowie von dem Grafen von Finochietti, dem neapolitanischen Gesandten, Abschied. Da ich letzteren nicht traf, schrieb ich an ihn, und er antwortete mir in der verbindlichsten Weise von der Welt. Endlich reiste ich ab und ließ trotz meiner Geldverlegenheit keine andern Schulden als die eben erwähnten Darlehen zurück und vielleicht fünfzig Thaler bei einem Kaufmann, Namens Morandi, welche Carrio zu berichtigen übernahm und die ich ihm nie zurückgezahlt habe, obgleich wir uns seitdem öfters wiedergesehen. Was jedoch jene beiden Darlehen anlangt, so habe ich sie ganz pünktlich abgetragen, sobald es mir möglich war. Wir wollen nicht von Venedig scheiden, ohne ein Wort von den berühmten Lustbarkeiten dieser Stadt zu sagen oder wenigstens von dem sehr geringen Antheil, den ich während meines dortigen Aufenthalts daran nahm. Man hat gesehen, wie wenig ich im Verlaufe meiner Jugend den Freuden dieses Alters oder wenigstens dem, was man so nennt, nachgegangen bin. Mein Geschmack änderte sich zwar in Venedig nicht, aber meine Beschäftigungen, die mich sonst von ihnen zurückgehalten hätten, machten die einfachen Erholungen, die ich mir gestattete, desto reizender. Die vorzüglichste und mir angenehmste war der gesellige Verkehr mit geistreichen und angesehenen Männern, den Herren Le Blond, von Saint-Cyr, Carrio, Altuna und einem Forlaneser Mit diesem Namen bezeichnet man die Bewohner Friauls; er rührt von einem Tanze Namens Forlane her. Edelmann, dessen Namen ich zu meinem großen Bedauern vergessen habe und dessen Liebenswürdigkeit ich nie ohne Rührung gedenke. Von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, glich er mir dem Herzen nach am meisten. Wir waren auch mit zwei oder drei Engländern voll Geist und Bildung befreundet, die für die Musik eben so eingenommen waren wie wir. Alle diese Herren hatten ihre Frauen oder ihre Freundinnen oder ihre Geliebten; diese letzteren waren fast alle talentvolle Mädchen, bei welchen man musicirte oder tanzte. Man spielte dort auch wohl, aber sehr wenig, lebhafter Kunstsinn, mancherlei Talente und Vorliebe für das Theater machten uns diese Unterhaltung ungenießbar. Zum Spiele nehmen nur Leute, die sich langweilen, ihre Zuflucht. Von Paris hatte ich das Vorurtheil, welches man in jener Stadt gegen die italienische Musik hegt, mitgebracht, allein ich hatte auch von der Natur diese Reinheit des Gefühls erhalten, gegen die Vorurtheile nicht Bestand haben. Ich empfand für diese Musik bald die Leidenschaft, die sie allen Urteilsfähigen einflößt. Als ich Barcarolen hörte, begriff ich, daß ich bis dahin noch keinen rechten Gesang gehört hatte, und bald schwärmte ich für die Oper dergestalt, daß mich, der ich nur hören wollte, das Plaudern, Essen und Spielen in den Logen anwiderte, und ich mich oft von meiner Gesellschaft entfernte, um mir einen andern Platz zu suchen. Dort gab ich mich dann, ganz allein in meiner Loge eingeschlossen, trotz der Länge der Vorstellung dem Vergnügen hin, sie ungestört bis ans Ende zu genießen. Eines Tages schlief ich im Theater San Crysostomo ein und schlief weit fester, als ich im Bette gethan haben würde. Die rauschenden und glänzenden Arien weckten mich nicht; aber wer vermöchte die liebliche Empfindung zu beschreiben, mit der mich die süße Harmonie und der himmlische Gesang, der mich erweckte, erfüllten! Welches Erwachen, welches Entzücken, welche Begeisterung, als ich gleichzeitig Ohr und Auge öffnete! Ich wähnte mich im ersten Augenblicke in das Paradies versetzt. Die entzückende Stelle, deren ich mich noch erinnere und die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, begann folgendermaßen: Conservami la bella Che si m'accende il cor. Ich wollte diese Arie durchaus haben; ich bekam sie und habe sie lange aufbewahrt, aber auf meinem Papiere stand sie nicht wie in meinem Gedächtnisse. Es waren wohl dieselben Noten, aber nicht derselbe Klang. Nur in meinem Kopfe kann diese göttliche Melodie so aufgeführt werden, wie sie es in Wirklichkeit an jenem Tage wurde, als sie mich erweckte. Eine Musik, die nach meinem Geschmack alle Opernmusik sehr übertrifft und weder in Italien noch in der ganzen übrigen Welt ihres Gleichen hat, ist die der Scuole. Die Scuole sind Armenhäuser, eine Art Unterrichtsanstalten für mittellose junge Mädchen, denen die Republik später bei ihrer Verheirathung oder bei ihrem Eintritt in ein Kloster eine Ausstattung giebt. Unter den Talenten, die man bei diesen jungen Mädchen ausbildet, nimmt die Musik den ersten Rang ein. Alle Sonntage kommen in jeder der zu diesen vier Scuolen gehörenden Kirchen während der Nachmittagsgottesdienste Motetten mit großem Chor und großem Orchester zur Aufführung, componirt und geleitet von den größten Meistern Italiens und vorgetragen auf vergitterten Tribünen ausschließlich von Mädchen, von denen die älteste noch nicht zwanzig Jahre zählt. Ich kann mir nichts so Liebliches, nichts so Rührendes wie diese Musik vorstellen. Die bewunderungswürdigen Leistungen der Kunst, die vortreffliche Wahl der Gesänge, die Schönheit der Stimmen, die vollendete Sicherheit der Aufführung, alles wirkt in diesen entzückenden Concerten zusammen, einen Eindruck hervorzurufen, von dem die Welt gar nichts wissen will, gegen den sich aber schwerlich ein Menschenherz verschließen kann. Carrio und ich, wir versäumten nie diese Vesper in der Kirche der Bettelmönche, und wir waren nicht die einzigen. Die Kirche war stets voll von Musikfreunden, sogar die Opernsänger kamen, um ihren Kunstsinn nach diesen vorzüglichen Mustern zu bilden. Nur diese verwünschten Gitter, die blos Töne hindurchließen und mir die Engel von Schönheit, die sie verdientermaßen zierte, verbargen, waren mir unangenehm. Ich sprach von nichts anderem. Als ich eines Tages bei Herrn Le Blond davon redete, sagte er zu mir: »Wenn Sie so neugierig sind, diese kleinen Mädchen zu sehen, so ist es leicht, Sie zu befriedigen. Ich bin einer der Verwalter des Hauses; ich will Ihnen Gelegenheit geben, mit ihnen das Vesperbrot zu essen.« Ich ließ ihm keine Ruhe, bis er Wort gehalten hatte. Beim Eintritt in den Saal, der diese Schönheiten umschloß, nach deren Anblick ich so begierig war, fühlte ich einen Liebesschauer, wie ich ihn nie empfunden hatte. Herr Le Blond stellte mir eine dieser berühmten Sängerinnen nach der andern vor, deren Stimme und Namen mir bisher allein bekannt waren. »Kommen Sie, Sophie ...« Sie war abschreckend häßlich. »Kommen Sie, Cattina ...« Sie war einäugig. »Kommen Sie, Bettina ...« Die Blattern hatten sie entstellt. Fast nicht eine einzige war ohne ein recht hervortretendes Gebrechen. Der Schelm lachte über meine sichtliche Befremdung. Zwei oder drei kamen mir indessen leidlich vor, es waren aber nur Choristinnen. Ich war trostlos. Während des Vesperbrotes neckte man sie; sie wurden ausgelassen. Die Häßlichkeit schloß jedoch Anmuth nicht aus; ich nahm sie an ihnen wahr. Ich sagte mir: man singt so nicht ohne Seele; sie ist ihnen zu Theil geworden. Kurz, meine Anschauungsweise schlug so zu ihrem Vortheile um, daß ich beim Scheiden fast in alle diese Fratzen verliebt war. Ich wagte kaum zu ihren Vespern zurückzukehren. Ich wußte mich jedoch zu beruhigen. Ich fand ihre Gesänge noch immer hinreißend, und ihre Stimmen verliehen ihren Gesichtern einen so lieblichen Reiz, daß ich sie, meinen Augen zum Trotz, so lange sie sangen, beharrlich schön fand. Die Musik kostet in Italien so wenig, daß es sich nicht der Mühe lohnt, selbst zu musiciren, falls man nicht ein großer Musikfreund ist. Ich miethete ein Klavier und für einen kleinen Thaler verschaffte ich mir vier oder fünf Mitspieler, mit denen ich einmal in der Woche die Stücke einübte, die mir in der Oper am meisten gefallen hatten. Auch ließ ich einige Symphonien aus meinen »galanten Musen« spielen. Ob sie nun wirklich gefielen oder man mir nur schmeicheln wollte, genug, der Balletmeister von Chrysostomo ließ mich um zwei derselben bitten, welche ich dann die Freude hatte, von diesem bewunderungswürdigen Orchester vorgetragen zu hören. Den Tanz hatte ein niedliches und ungemein liebenswürdiges Mädchen, die kleine Bettina, übernommen, die von einem unserer Freunde, einem Spanier Namens Fagoaga, unterhalten wurde, und bei der wir ziemlich häufig den Abend zubrachten. Da ich jedoch gerade auf die Mädchen zu sprechen gekommen bin, so ist Venedig durchaus nicht die Stadt, wo man sie flieht. Hast du denn, könnte man mich fragen, in diesem Punkte gar nichts zu bekennen? Ei doch, etwas habe ich wirklich mitzutheilen und ich werde mich bei diesem Bekenntnisse derselben Offenheit befleißigen, die ich bei allen anderen bewiesen habe. Oeffentliche Dirnen haben mir stets Ekel erregt, und in Venedig, wo mir meiner Stellung wegen der Zutritt zu den meisten Häusern der Republik versagt war, hätte ich mich doch nur auf solche angewiesen gesehen. Die Töchter des Herrn Le Blond waren sehr liebenswürdig, lebten aber sehr zurückgezogen, und ich achtete ihre Eltern zu sehr, um auch nur mit einem Gedanken nach ihnen begehrlich zu sein. Ein junges Fräulein, die Tochter des königlich preußischen Agenten von Cataneo, wäre eher im Stande gewesen, mir Neigung einzuflößen; aber Carrio liebte sie so aufrichtig, daß er selbst an Heirath dachte. Er war vermögend, und ich besaß nichts; er hatte hundert Louisd'or Gehalt, ich nur hundert Pistolen und außerdem, daß ich einem Freunde nicht ins Gehege kommen wollte, wußte ich, daß, wenn man auf Eroberungen ausgehen will, man überall und namentlich in Venedig mit einer reich gefüllten Börse versehen sein muß. Ich hatte die unselige Gewohnheit, meine Begierden zu befriedigen, nicht verloren, und zu beschäftigt, um die, welche das Klima einflößt, lebhaft zu fühlen, lebte ich fast ein Jahr in dieser Stadt so keusch, wie ich es in Paris gethan hatte, und ich bin nach Verlauf von achtzehn Monaten von dort zurückgekehrt, ohne mit dem schönen Geschlechte öfter als zweimal, und dies auch nur in Folge besonderer Veranlassungen, die ich erzählen will, Umgang gepflogen zu haben. Die erste wurde mir durch den ehrenwerthen Edelmann Vitali einige Zeit nach jener förmlichen Entschuldigung, um die ich ihn mich zu bitten zwang, gegeben. Man redete bei Tafel von den Vergnügungen Venedigs. Die Herren warfen mir meine Gleichgiltigkeit gegen die verlockendste von allen vor, während sie die Anmuth der venetianischen Courtisanen rühmten und versicherten, daß sie in der ganzen Welt nicht ihres Gleichen fänden. Dominico meinte, ich müßte durchaus die Bekanntschaft der liebenswürdigsten von allen machen; er erbot sich, mich zu ihr zu führen, und sagte, ich würde zufrieden sein. Ich mußte über dieses dienstfertige Anerbieten lachen, und der Graf Peati, ein schon ältlicher und ehrwürdiger Herr, sagte mit größerer Offenheit, als ich bei einem Italiener erwartet hätte, daß er mich für zu verständig hielte, um mich von einer mir feindlich gesinnten Person zu Mädchen führen zu lassen. Ich hatte es wirklich nicht in Absicht, auch lag darin keine Versuchung für mich, und trotzdem ließ ich mich schließlich durch eine jener Inconsequenzen, die ich selbst kaum zu begreifen weiß, zu ihr hinschleppen gegen meine Absicht, meinen Wunsch und meine Vernunft, ja selbst gegen meinen Willen, einzig und allein aus Schwäche, aus Scham, Mißtrauen zu zeigen, und wie man dort zu Lande sagt, per non parer troppo coglione . Die Padoana, zu der wir gingen, hatte ein ziemlich hübsches, sogar schönes Aeußere, aber sie war keine Schönheit, wie sie mir gefiel. Dominico ließ mich bei ihr. Ich ließ Sorbet kommen, ließ sie etwas vorsingen und wollte mich nach einer halben Stunde entfernen, wobei ich einen Ducaten auf den Tisch legte; aber sie hatte die sonderbare Bedenklichkeit, ein Geschenk anzunehmen, das sie nicht verdient hatte, und ich die sonderbare Thorheit, ihre Bedenklichkeit zu heben. Ich kehrte nach dem Palast zurück, so überzeugt, daß ich übel angekommen wäre, daß ich sofort nach meiner Heimkunft den Wundarzt holen ließ, um ihn um Tisanen zu bitten. Nichts kann der unbehaglichen Gemüthsstimmung gleich kommen, in der ich mich drei Wochen lang befand; ohne daß irgend ein wirkliches Unwohlsein, irgend ein sichtliches Zeichen sie rechtfertigte. Ich konnte nicht begreifen, daß man ungestraft aus den Armen der Padoana kommen könnte. Sogar der Wundarzt hatte alle erdenkliche Mühe, mich wieder zu beruhigen. Er konnte nur dadurch zum Ziele gelangen, daß er mir einredete, ich hätte eine so eigentümliche Natur, daß ich nicht leicht angesteckt werden könnte, und obgleich ich mich vielleicht weniger als irgend ein anderer Mann dazu hergegeben habe, die Wahrheit seiner Behauptung zu erproben, so sehe ich sie doch deshalb für erwiesen an, weil meine Gesundheit in dieser Beziehung nie gelitten hat. Dieser Wahn hat mich indessen nie verwegen gemacht, und wenn mir die Natur diesen Vorzug in der That verliehen hat, so kann ich sagen, daß ich ihn nicht gemißbraucht habe. Mein anderes Abenteuer, obgleich ebenfalls mit einer Courtisane, war sehr verschiedener Art sowohl hinsichtlich der Veranlassung als auch der Folgen. Wie ich bereits mitgetheilt, hatte mir der Kapitän Olivet an Bord seines Schiffes ein Mahl gegeben, wozu ich den Secretär der spanischen Gesandtschaft mitgenommen hatte. Ich rechnete darauf, mit Kanonenschüssen salutirt zu werden. Die Mannschaft bildete zu unserm Empfange Spalier, aber kein Schuß wurde abgefeuert. Um Carrios willen, der sich sichtlich ein wenig verletzt fühlte, war mir dies demüthigend, um so mehr, da man auf den Kauffahrteischiffen den Kanonensalut Leuten zugestand, welche mit uns sicherlich nicht auf gleicher Rangstufe standen; überdies glaubte ich von dem Kapitän eine Auszeichnung wohl verdient zu haben. Ich konnte mich nicht verstellen, weil es mir stets unmöglich ist, und obgleich das Mahl sehr gut war und Olivet einen sehr vortrefflichen Wirth machte, war ich bei Tische anfangs mißgestimmt, aß wenig und sprach noch weniger. Bei der ersten Gesundheit erwartete ich wenigstens eine Salve: nichts. Carrio, der in meiner Seele las, lachte, als er mich wie ein Kind schmollen sah. Bald nach Beginn des Mahles, nehme ich wahr, daß eine Gondel naht. »Fürwahr, mein Herr,« sagt der Kapitän zu mir; »seien Sie auf Ihrer Hut, der Feind rückt an.« Ich frage ihn, was er damit sagen wolle; er antwortet mit einem Scherzworte. Die Gondel legt an, und ich sehe eine blendend schöne junge Person in höchst koketter Kleidung sehr schnell aussteigen, die in drei Sprüngen mitten im Eßsalon steht. Sie saß an meiner Seite, ehe ich noch bemerkt hatte, daß man dort ein Couvert für sie hingestellt. Sie war eben so reizend wie lebhaft, eine Brünette von höchstens zwanzig Jahren. Sie sprach nur italienisch; ihr Ton allein hätte hingereicht, mir den Kopf zu verdrehen. Mitten im Essen, mitten im Plaudern sieht sie mich an, betrachtet mich einen Augenblick scharf und mit dem Rufe: »O heilige Jungfrau, mein theurer Bremond, wie lange ich dich nicht gesehen habe!« wirft sie sich mir dann in die Arme, drückt ihren Mund auf den meinen und preßt mich an sich, als wollte sie mich ersticken. Ihre großen schwarzen orientalischen Augen schleuderten förmlich Feuerstrahlen in mein Herz, und obgleich die Ueberraschung mich zuerst etwas aus der Fassung brachte, so loderte meine Sinnlichkeit doch bald auf und zwar bis zu dem Grade, daß trotz der Zuschauer mich die Schöne bald selbst im Zaume halten mußte, denn ich war berauscht, oder vielmehr rasend. Als sie mich auf dem Punkte sah, auf dem sie mich haben wollte, beobachtete sie in ihren Liebkosungen mehr Maß, aber nicht in ihrer Lebhaftigkeit, und als sie sich herbeiließ, uns die wahre oder nur ersonnene Ursache dieser unbändigen Leidenschaftlichkeit zu erklären, sagte sie, daß ich einem Herrn von Bremond, dem toskanischen Zolldirector, täuschend gliche; sie wäre ganz vernarrt in ihn gewesen und liebe ihn noch immer; sie hätte ihn verlassen, weil sie eine Närrin wäre; sie nähme mich an seiner Stelle und wollte mich lieben, weil es ihr so gefiele; deshalb müßte ich sie auch lieben, so lange es ihr anstände, und wenn sie sich von mir wieder abwenden würde, sollte ich mich in Geduld fassen, wie ihr theurer Bremond gethan hätte. Und wie gesagt, so gethan. Sie nahm Besitz von mir, als wäre ich ihr Leibeigener, gab mir ihre Handschuhe, ihren Fächer, ihren Hut zu verwahren, befahl mir, hierhin oder dorthin zu gehen, dieses oder jenes zu thun, und ich gehorchte. Sie forderte mich auf, ihre Gondel zurückzuschicken, da sie sich der meinigen bedienen wollte, und ich that es. Sie verlangte, ich sollte Carrio meinen Platz einräumen, weil sie mit ihm zu reden hätte, und ich war folgsam. Sie plauderten sehr lange und ganz leise zusammen, und ich ließ sie gewähren. Sie rief mir, und ich kam zurück. »Höre, Zanetto,« sagte sie zu mir, »ich will nicht auf französische Weise geliebt werden, schon das würde gleich kein gutes Ende nehmen, im ersten Augenblicke der Langeweile geh deiner Wege; aber bleibe nicht auf halbem Wege stehen, das rathe ich dir.« Nach dem Mahle gingen wir, uns die Glashütte in Murano anzusehen. Sie kaufte eine Menge kleine Nippsachen, die sie uns ohne Umstände bezahlen ließ, aber überall gab sie Trinkgelder, die sich höher beliefen, als alle unsere sonstigen Ausgaben. Aus der Gleichgiltigkeit, mit der sie ihr Geld fortwarf und uns das unsrige fortwerfen ließ, konnte man ersehen, daß es keinen Werth für sie hatte. Wenn sie sich bezahlen ließ, geschah es, wie ich glaube, mehr aus Eitelkeit als aus Habsucht: den Preis, den man für ihre Gunst gab, legte sie sich zum Ruhme aus. Am Abend brachten wir sie nach Hause zurück. Während ich mit ihr plauderte, bemerkte ich zwei Pistolen auf ihrer Toilette. »Ei,« sagte ich, eine ergreifend, »das ist ja ein Schönpflasterkästchen neuer Art; dürfte man wissen, wozu es dient? Ich kenne doch andere Waffen an Ihnen, die besser Feuer geben, als diese hier?« Nach einigen Scherzen in demselben Tone sagte sie in einem natürlichen Stolze, der sie noch reizender machte, zu uns: »Wenn ich Leuten, die ich nicht liebe, meine Gunst erweise, so lasse ich sie die Langeweile, welche sie mir bereiten, bezahlen; nichts ist billiger; aber wenn ich mich auch ihren Zärtlichkeiten geduldig überlasse, so will ich doch ihre Gewalttätigkeiten nicht geduldig ertragen, und ich werde den Ersten, der gegen mich fehlt, nicht verfehlen.« Beim Scheiden hatte ich ihre Empfangsstunde am nächsten Tage von ihr erfahren. Ich ließ sie nicht warten. Ich fand sie in vestito di confidenza, in einem mehr als galanten Nachtkleide, wie man es nur in den südlichen Ländern kennt, und mit dessen Beschreibung ich keine Zeit verlieren will, obgleich ich mich desselben nur noch zu gut erinnere. Ich begnüge mich damit, anzugeben, daß ihre Manschetten und Busenkrausen mit einem Seidenstreifen eingefaßt waren, der einen reichen Besatz von rosafarbenen Schleifen hatte. Das scheint mir ein gutes Mittel, eine schöne Haut noch mehr zu heben. Später gewahrte ich, daß es in Venedig Mode war, und es bringt einen so reizenden Eindruck hervor, daß es mich Wunder nimmt, diese Mode noch nicht in Frankreich eingeführt zu sehen. Ich hatte keine Vorstellung von dem Sinnengenusse, der meiner wartete. In dem Entzücken, welches die Erinnerung an Frau von Larnage noch bisweilen in mir erweckt, habe ich ihrer erwähnt; aber wie alt und häßlich und kalt war sie gegen meine Zulietta! Man würde sich vergeblich bemühen, sich eine Vorstellung von den Reizen und der Anmuth dieses bezaubernden Mädchens zu machen, stets würde man von der Wahrheit weit entfernt bleiben; die jugendlichsten Klosterjungfrauen sind weniger frisch, die Schönheiten des Serail weniger lebhaft, die Houris des Paradieses weniger verführerisch. Nie bot sich dem Herzen und den Sinnen eines Sterblichen ein süßerer Genuß dar. Ach, wenn ich nur wenigstens verstanden hätte, ihn einen einzigen Augenblick voll und ganz auszukosten! ... Ich kostete ihn, aber ohne Reiz; alle seine Wonne stumpfte ich ab und ertödtete sie, als ob ich Freude daran fände. Nein, die Natur hat mich nicht zum Genusse geschaffen. Während sie in mein Herz das Verlangen nach einem solchen unaussprechlichen Glücke gelegt, hat sie gleichzeitig in meinen armen Kopf das Gift geträufelt, es mir zu vergällen. Wenn es in meinem Leben einen Umstand giebt, der als ein treues Bild meines Charakters dienen kann, so ist es der, welchen ich zu erzählen im Begriff stehe. Die Klarheit, mit der ich mir in diesem Augenblicke den Zweck meines Buches vergegenwärtige, wird mich hier über alles falsche Schicklichkeitsgefühl hinwegsetzen, das mich von der Erfüllung desselben zurückhalten könnte. Wer ihr auch sein möget, die ihr einen Menschen vollkommen kennen lernen wollt, leset dreist die folgenden zwei oder drei Seiten; ihr werdet einen genauen Einblick in Jean Jacques Rousseau's Charakter gewinnen. Ich trat in das Zimmer einer Courtisane wie in das Heiligthum der Liebe und der Schönheit; ich glaubte deren Gottheit in ihrer Person zu erblicken. Nie hätte ich geglaubt, daß man ohne Ehrfurcht und Achtung solche Empfindungen, wie sie sie mir einflößte, haben könnte. Kaum hatte ich bei den ersten Vertraulichkeiten den Werth ihrer Reize und Liebkosungen erkannt, als ich mich aus Furcht, ihre Frucht schon vorher zu verlieren, beeilen wollte, sie zu pflücken. Aber anstatt der Flammen, die mich verzehrten, fühle ich plötzlich eine tödtliche Kälte durch meine Adern fließen, meine Beine beginnen zu zittern, und, krankhaft erregt, setze ich mich nieder und weine wie ein Kind. Wer würde wohl die Ursache meiner Thränen und das, was mir in diesem Augenblicke durch den Kopf ging, errathen können? Ich sagte mir: dieses Mädchen, das sich mir willenlos hingiebt, ist das Meisterwerk der Natur und der Liebe; Geist, Körper, alles in ihm ist vollendet; es ist eben so gut und edelmüthig, wie es liebenswürdig und schön ist; die Großen, die Fürsten müßten seine Sklaven sein; die Scepter müßten zu seinen Füßen liegen. Und trotzdem ist es eine elende liederliche Dirne, für jeden käuflich; der Kapitän eines Kauffahrteischiffes verfügt über dasselbe; es wirft sich mir an den Kopf, mir, der, wie es weiß, nichts besitzt, mir, dessen Werth, den es nicht zu erkennen vermag, in seinen Augen nichtig sein muß. Es liegt darin etwas Unbegreifliches. Entweder täuscht mich mein Herz, bezaubert meine Sinne und überliefert mich den Fallstricken einer unwürdigen Vettel, oder irgend ein geheimer mir unbekannter Fehler muß die Wirkung der Reize des Mädchens zerstören und diejenigen mit Widerwillen gegen dasselbe erfüllen, welche es sich streitig machen müßten. Mit einer merkwürdigen Anstrengung des Geistes begann ich nun diesen Fehler zu suchen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß er in einer venerischen Krankheit liegen könnte. Die Frische ihrer Haut, der rosige Anhauch ihrer Gesichtsfarbe, das blendende Weiß ihrer Zähne, die Reinheit ihres Odems, die über ihre ganze Person gebreitete Sauberkeit hielten mir diesen Gedanken so fern, daß ich, seit der Padoana noch immer im Zweifel über meinen Gesundheitszustand, eher darüber unruhig war, ob auch ich für sie gesund genug wäre; und ich bin völlig überzeugt, daß mich mein Vertrauen in dieser Hinsicht nicht täuschte. Diese so rechtzeitig angebrachten Ueberlegungen regten mich dergestalt auf, daß mir die Thränen aus den Augen strömten. Zulietta, welcher dies sicherlich ein in dieser Lage ganz neues Schauspiel war, wurde einen Augenblick betreten. Aber nachdem sie einmal einen Gang durch das Zimmer gemacht und dabei an ihrem Spiegel vorübergeschritten war, begriff sie, und meine Augen bestätigten es ihr, daß Widerwille an dieser Grille keinen Antheil hätte. Es wurde ihr nicht schwer, dieselbe zu verscheuchen und diese kleine Beschämung zu vergessen; aber als ich eben in Begriff stand, ermattet auf diesen Busen zu sinken, der zum ersten Male den Mund und die Hand eines Mannes zu dulden schien, gewahrte ich, daß ihre eine Brust keine Warze hatte. Ich erschrecke, sehe genau hin und glaube zu bemerken, daß diese Brust nicht wie die andere gebildet ist. Sofort sinne ich nach, wie man eine Brust ohne Warze haben könne, und überzeugt, daß es von irgend einem bedeutenden Naturfehler herrühren müßte, hänge ich diesem Gedanken so lange nach, bis es mir klar wie der Tag wird, daß ich in der reizendsten Person, die ich mir vorzustellen vermochte, nur eine Art Ungeheuer in meinen Armen hielt, den Abschaum der Natur, der Menschen und der Liebe. Ich trieb die Dummheit so weit, von dieser warzenlosen Brust mit ihr zu reden. Anfangs nahm sie die Sache scherzhaft auf, und in ihrer muthwilligen Laune sagte und that sie Dinge, daß mich die Liebe hätte tödten müssen; da aber noch immer ein Rest von Unruhe in mir zurückgeblieben war, den ich ihr nicht verheimlichen konnte, sah ich, wie sie endlich erröthete, ihre Kleider wieder in Ordnung brachte, sich erhob und sich, ohne ein einziges Wort zu sagen, an das Fenster setzte. Ich wollte mich an ihre Seite setzen, sie entfernte sich, ließ sich auf einem Ruhebette nieder, stand schon den nächsten Augenblick wieder auf, und indem sie sich Luft zufächelnd im Zimmer auf und ab ging, sagte sie zu mir mit kaltem und verächtlichem Tone: »Zanetto, lascia le donne, et studia la matematica.« Ehe ich sie verließ, bat ich sie um eine Zusammenkunft am nächsten Tage, die sie auf den dritten Tag verschob, indem sie mit einem ironischen Lächeln hinzufügte, Ruhe müßte mir ja ein Bedürfnis sein. Ich verbrachte diese Zeit in großer Unruhe, das Herz voll von ihren Reizen und ihrer Anmuth. Ich war mir meiner Albernheit bewußt und machte sie mir zum Vorwurfe, bedauerte die so übel angewandten Augenblicke, die ich zu den süßesten meines Lebens hätte machen können und sehnte mit lebhaftester Ungeduld die Stunde herbei, wo ich das Verlorene wieder gut machen könnte, und nichtsdestoweniger noch immer unruhig, wie sich die unvergleichlichen Eigenschaften dieses anbetungswürdigen Mädchens mit der Unwürdigkeit ihres Gewerbes in Einklang bringen ließen. Ich lief, ich flog zu der verabredeten Stunde zu ihr. Ich weiß nicht, ob ihr feuriges Temperament mit diesem Besuche zufriedener gewesen wäre, ihr Stolz wenigstens zuverlässig, und ich fand schon im voraus einen köstlichen Genuß darin, ihr auf alle Weise zu zeigen, wie ich mein Unrecht wieder gut zu machen wüßte. Sie ersparte mir diesen Beweis. Der Gondolier, den ich nach der Landung zu ihr hinaufschickte, berichtete mir, sie wäre schon den Tag vorher nach Florenz zurückgereist. Wenn ich meine ganze Liebe zu ihr nicht bei ihrem Besitz empfunden hatte, so fühlte ich sie gar schmerzlich jetzt bei ihrem Verlust. Mein unverständiges Bedauern hat mich nie verlassen. So liebenswürdig und reizend sie in meinen Augen auch war, konnte ich mich über ihren Verlust zwar trösten; worüber ich mich indessen nicht beruhigen konnte, das ist, wie ich gestehe, das quälende Gefühl, daß sie nur eine verächtliche Erinnerung meiner mit fortgenommen hat. Das sind meine zwei Geschichten. Die achtzehn Monate, die ich in Venedig gelebt, haben mir nicht mehr Mittheilungswerthes gebracht; höchstens verdiente noch ein bloser Plan der Erwähnung. Carrio liebte die Frauen; überdrüssig, immer nur zu Mädchen zu gehen, die bereits an andere gefesselt waren, kam er auf den Einfall, auch an seine Person eins zu ketten; und da wir unzertrennlich waren, schlug er mir das in Venedig gar nicht seltene Abkommen vor, eins für uns beide zu unterhalten. Ich ging darauf ein. Es kam nun darauf an, ein ungefährliches zu finden. Er suchte so lange, bis er ein junges Mädchen von elf bis zwölf Jahren ausfindig machte, welches seine unwürdige Mutter verkaufen wollte. Wir gingen zusammen, sie zu besichtigen. Es schnitt mir in das Herz, als ich dieses Kind erblickte. Es war blond und sanft wie ein Lamm; man würde die Kleine nie für eine Italienerin gehalten haben. In Venedig lebt man mit sehr wenigem; wir gaben der Mutter etwas Geld, um damit den Unterhalt ihrer Tochter zu bestreiten. Diese hatte Stimme; damit sie einst in einem Talente eine Hilfsquelle fände, gaben wir ihr ein Spinett und einen Gesanglehrer. Dies alles kostete jedem von uns kaum zwei Zechinen monatlich und sparte uns mehr an andern Ausgaben; da wir indessen erst ihre vollkommene Entwickelung abwarten mußten, so war es immerhin eine kostspielige Aussaat, ehe an die Ernte gedacht werden konnte. Zufrieden jedoch damit, die Abende daselbst zuzubringen und mit diesem Kinde in aller Unschuld zu plaudern und zu spielen, unterhielten wir uns so vielleicht angenehmer, als wenn wir sie besessen hätten; so wahr ist es, daß das, was uns am meisten an die Frauen fesselt, weniger die Befriedigung der Sinnenlust ist als ein gewisser Reiz, den das Zusammenleben mit ihnen gewährt. Unmerklich gewann mein Herz die kleine Angoletta immer lieber, aber mit einer väterlichen Zuneigung, an der die Sinnlichkeit so wenig Antheil hatte, daß dieselbe in dem Maße, wie meine Liebe zunahm, immer mehr zurücktrat, und ich fühlte, daß ich vor einer Annäherung an dieses Mädchen bei seiner eingetretenen Reife wie vor einer abscheulichen Blutschande zurückgebebt wäre. Ich sah, wie die Gefühle des ehrlichen Carrio ihm unbewußt die gleiche Richtung nahmen. Wir erhielten uns, ohne uns dessen bewußt zu werden, nicht weniger süße, aber von den anfangs beabsichtigten sehr verschiedene Freuden, und ich bin gewiß, daß wir, wie schön diese arme Kleine auch hätte werden können, ihre Unschuld nicht verführt, sondern geschützt hätten. Die Katastrophe, die bald darauf in meinen Verhältnissen eintrat, ließ mir nicht die Zeit, an diesem guten Werke weiter Theil zu nehmen, und ich kann mir in dieser Angelegenheit nur über die Neigung meines Herzens Lob spenden. Kommen wir nun auf meine Reise zurück. Als ich Herrn von Montaigu verließ, hatte ich zuerst die Absicht, mich nach Genf zurückzuziehen, bis mich ein besseres Schicksal, die Hindernisse beseitigend, mit meiner armen Mama wieder vereinigen könnte. Allein das Aufsehen, das unser Zerwürfnis erregt hatte, und die Dummheit des Gesandten, den Hof davon in Kenntnis zu setzen, bewog mich, persönlich dorthin zu gehen, um Rechenschaft über meine Handlungsweise abzulegen und Beschwerde über die eines Verrückten zu führen. Von Venedig aus theilte ich Herrn du Theil, dem nach Herrn Amelots Tode die auswärtigen Angelegenheiten interimistisch übertragen waren, meinen Entschluß mit. Ich reiste gleichzeitig mit meinem Briefe ab, nahm den Weg über Bergamo, Como und Domo und überstieg den Simplon. Zu Sion erwies mir Herr von Chaignon, der französische Geschäftsträger, viele Freundlichkeiten, und gleich zuvorkommend nahm mich Herr de la Cloture in Genf auf. Ich erneuerte daselbst die Bekanntschaft mit Herrn von Gauffecourt, von dem ich einiges Geld zu empfangen hatte. Ich war durch Nyon gereist, ohne meinen Vater zu besuchen. So außerordentlich schwer es mir auch fiel, hatte ich mich doch nicht entschließen können, mich nach meinem Mißgeschick meiner Stiefmutter zu zeigen, sicher, daß sie ihr Urtheil, ohne mich auch nur erst anhören zu wollen, fällen würde. Der Buchhändler Duvillard, ein alter Freund meines Vaters, warf mir dieses Unrecht lebhaft vor. Ich sagte ihm den Grund, und um es wieder gut zu machen, ohne ein Zusammentreffen mit meiner Stiefmutter befürchten zu brauchen, nahm ich einen Wagen, und wir fuhren zusammen nach dem Wirthshause in Nyon. Duvillard machte sich auf, meinen armen Vater zu holen, der auch schnell herbeigeeilt kam, mich zu umarmen. Wir aßen zusammen Abendbrot und nachdem wir einen Abend, der mein Herz mit Seligkeit erfüllte, zusammen zugebracht hatten, kehrte ich mit Duvillard, dem ich für die mir bei dieser Gelegenheit bewiesene Freundlichkeit stets Dankbarkeit bewahrt habe, früh am nächsten Morgen nach Genf zurück. Mein kürzester Weg führte nicht über Lyon, aber ich wünschte es zu berühren, um eine äußerst gemeine Gaunerei des Herrn von Montaigu festzustellen. Ich hatte mir aus Paris eine kleine Kiste, deren Inhalt in einer goldgestickten Weste, einigen Paar Manschetten und sechs Paar weißseidenen Strümpfen und in nichts Weiterem bestand, kommen lassen. Auf den Vorschlag, den er mir selbst machte, ließ ich diese Kiste oder vielmehr dieses Kistchen, zu seinem Gepäck legen. In der Apothekerrechnung, die er mir als Zahlung meines Gehaltes einhändigen wollte und die er mit eigener Hand geschrieben hatte, befand sich der Vermerk, daß dieses Kistchen, welches er Ballen nannte, elf Zentner wöge, und er hatte mir deshalb das Porto zu einem unerhörten Preise angesetzt. Durch die Bemühung des Herrn Bois de la Tour, dem mich sein Oheim, Herr Roguin, empfohlen hatte, wurde nach den Douanenlisten zu Lyon und Marseille der Nachweis geführt, daß der in Rede stehende Ballen nur fünfundvierzig Pfund wog, und das Porto auch nur diesem Gewichte gemäß berechnet war. Diese amtlichen Urkunden fügte ich der Nennung des Herrn Montaigu bei und mit diesen wie mit einigen anderen Beweisstücken von gleicher Wichtigkeit versehen, begab ich mich nach Paris voll größter Ungeduld, von ihnen Gebrauch zu machen. Auf dieser ganzen langen Reise hatte ich zu Como im Wallis und auch sonst noch kleine Abenteuer. Ich sah mancherlei, unter andern die borromeischen Inseln, die eine besondere Beschreibung verdienten; aber es mangelt an Zeit, Spione umlagern mich, ich bin genöthigt, eine Arbeit, die Muße und Geistesruhe, die mir fehlen, verlangt, schnell und schlecht zu machen. Wenn die Vorsehung mir ihre Blicke je wieder zuwenden und endlich ruhigere Tage schenken sollte, so gedenke ich sie, wenn ich dazu im Stande bin, zur neuen Bearbeitung dieses Werkes oder wenigstens zu einem Nachtrage desselben anzuwenden, dessen es, wie ich fühle, sehr bedarf. Ich habe diesen Plan aufgegeben. – (Diese Anmerkung befindet sich nicht in dem Original-Manuscripte.) Das Gerücht von meiner Geschichte war mir vorausgeeilt, und bei meiner Ankunft überzeugte ich mich, daß in den Bureaux wie im Publikum alle Welt über die Tollheiten des Gesandten entrüstet war. Trotz dem allen, trotz der öffentlichen Stimme in Venedig, trotz der unwiderleglichen Beweise, die ich beibrachte, vermochte ich nicht Gerechtigkeit zu erlangen. Weit davon entfernt, Genugthuung oder Entschädigung zu erhalten, wurde ich sogar hinsichtlich meines Gehaltes dem Belieben des Gesandten überlassen, und zwar einzig und allein deshalb, weil ich als Fremdling kein Recht auf den Nationalschutz hätte und es sich nur um eine Privatangelegenheit zwischen ihm und mir handelte. Alle Welt stimmte mir darin bei, daß ich gekränkt, verkürzt, um das Meine gebracht wäre, daß der Gesandte überspannt, böse und ungerecht sein müßte und ihn diese Geschichte für immer entehrte. Aber was half mir das? Er war der Gesandte und ich nur der Secretär. Die einmal bestehende Ordnung, oder was man so nennt, brachte es mit sich, daß ich keine Gerechtigkeit erlangen durfte, und ich erlangte keine. Ich bildete mir ein, daß man mir, wenn ich gewaltigen Lärm schlüge und diesen Narren öffentlich, wie er es verdiente, behandelte, endlich Schweigen auferlegen würde, und das erwartete ich, fest entschlossen, erst nach gefälltem Urtheile zu gehorchen. Aber es gab damals keinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Man ließ mich schreien, man ermuthigte mich sogar dazu, man stimmte ein, aber die Geschichte blieb immer auf dem nämlichen Flecke, bis ich endlich, überdrüssig immer nur Recht und nie Gerechtigkeit zu bekommen, den Muth verlor und alles aufgab. Die einzige Person, die mich nicht artig aufnahm, und von der ich diese Ungerechtigkeit am wenigsten erwartet haben würde, war Frau von Beuzenval. Ganz voll von den Standes- und Adelsvorrechten, war ihr der Gedanke unfaßbar, daß ein Gesandter gegen seinen Secretär Unrecht haben könnte. Diesem Vorurtheile entsprach der Empfang, den ich bei ihr fand. Ich fühlte mich über denselben so verletzt, daß ich ihr, nachdem ich ihr Haus verlassen hatte, sofort einen der stärksten und heftigsten Briefe schrieb, der vielleicht je aus meiner Feder geflossen ist, Folgendes Fragment dieses Briefes wird von Herrn Musset-Pathay angeführt: »Ich habe Unrecht, gnädige Frau, ich habe mich geirrt. Ich hielt Sie für gerecht; Sie sind von Adel, dessen hätte ich eingedenk sein sollen; ich hätte einsehen müssen, daß es für mich, einen Plebejer, unziemlich ist, gegen einen Edelmann aufzutreten. Habe ich Ahnen, habe ich Ansprüche? Kann es einem Menschen gegenüber, der keine Pergamente aufzuweisen hat, Billigkeit geben? ... Wenn es ihm (dem Herrn von Montaigu) an Seelengröße fehlt, so ist sie ihm eben bei seinem Adel nicht nöthig; wenn er sich in der sittenlosesten Stadt den sittlich Verkommensten zugesellt, wenn er mit Schurken verkehrt, wenn er selbst einer ist, so haben doch seine Ahnen für seine äußere Ehre gesorgt. und ich habe sie nie wieder besucht. Der Pater Castel nahm mich freundlicher auf, aber trotz seiner jesuitischen Schweifwedelei sah ich, daß er sich ziemlich getreu an einen der großen Grundsätze seiner Gesellschaft hielt, nämlich an den, den Schwächsten immer dem Mächtigsten aufzuopfern. Das lebhafte Gefühl der Gerechtigkeit meiner Sache und mein angeborener Stolz ließen mich diese Parteilichkeit nicht geduldig hinnehmen. Ich hörte auf, den Pater Castel und somit auch die Jesuiten zu besuchen, von denen ich ihn allein kannte. Übrigens flößte mir das tyrannische und intriguante Wesen seiner Ordensbrüder, das von der Gutherzigkeit des ehrlichen Pater Hemet so sehr abstach, einen solchen Widerwillen gegen einen Verkehr mit ihnen ein, daß ich seit jener Zeit keinen mehr von ihnen gesehen habe, wenn ich von dem Pater Berthier absehe, den ich zwei oder dreimal bei Herrn Dupin traf, mit welchem er angelegentlich an der Widerlegung Montesquieus arbeitete. Beenden wir, um nicht mehr darauf zurückzukommen, was mir noch von Herrn Montaigu zu erzählen bleibt. Ich hatte ihm bei unsern Zwistigkeiten einmal gesagt, er hätte keinen Secretär, sondern einen Advokatenschreiber nöthig. Diesem Rathe folgte er und gab mir wirklich einen echten Advokaten, der ihn in weniger als einem Jahre um zwanzig- oder dreißigtausend Franken bestahl, zum Nachfolger. Er jagte ihn fort, ließ ihn ins Gefängnis sperren, jagte mit Lärm und Aufsehen seine Edelleute fort, gerieth überall in Zänkereien, mußte Beschimpfungen hinnehmen, die sich kein Knecht hätte gefallen lassen und mußte schließlich in Folge seiner Narrheiten abberufen werden. Man schickte ihn auf seine Güter, um seinen Kohl zu pflanzen. Wahrscheinlich war unter den Verweisen, die er vom Hofe bekam, sein Verhalten gegen mich nicht vergessen worden, wenigstens schickte er bald nach seiner Rückkunft seinen Haushofmeister zu mir, um meine Rechnung zu berichtigen und mir das Geld einzuhändigen. Es fehlte mir in diesem Augenblicke gerade an Geld; meine von Venedig herrührenden Schulden, Ehrenschulden, wenn es deren jemals gab, lagen mir schwer auf dem Herzen. Ich ergriff das sich mir darbietende Mittel, sie abzuzahlen, eben so wie den Schein des Zanetto Nani. Ich nahm, was man mir anbot; ich bezahlte alle meine Schulden und blieb wie vorher ohne einen Sou, aber von einer mir unerträglichen Last befreit. Seitdem habe ich von Herrn von Montaigu erst wieder bei seinem Tode reden hören, der öffentlich besprochen wurde. Möge Gott diesem armen Menschen den ewigen Frieden geben! Er war für den Beruf eines Gesandten gerade eben so geeignet, wie ich in meiner Kindheit zum Procurator geeignet gewesen wäre. Allein es hätte doch nur von ihm abgehangen, sich in seiner Stellung durch meine Dienstführung mit Ehren zu erhalten und mich schnell in dem Berufe zu befördern, zu welchem mich der Graf von Gouvon in meiner Jugend bestimmt hatte und zu dem ich mir erst in einem reiferen Alter aus eigenem Antriebe die Fähigkeit erworben hatte. Die Gerechtigkeit und Fruchtlosigkeit meiner Klagen ließen in meiner Seele einen Keim von Entrüstung gegen unsere einfältigen bürgerlichen Einrichtungen zurück, bei denen das wahre öffentliche Wohl und die wahre Gerechtigkeit regelmäßig einer mir unerklärlichen, zwar scheinbaren Ordnung geopfert werden, die aber in Wirklichkeit der völlige Umsturz jeglicher Ordnung ist und der Unterdrückung des Schwachen und der Ungerechtigkeit des Starken nur die Bestätigung der öffentlichen Gewalt verleiht. Zweierlei hielt damals diesen Keim zurück, sich so zu entwickeln, wie er in der Folgezeit gethan hat; einmal der Umstand, daß es sich hierbei um mich handelte und daß das Privatinteresse, welches nie etwas Großes und Edles hervorgebracht hat, in meinem Herzen nicht jene göttliche Begeisterung entzünden konnte, die nur der Ausfluß der reinsten Liebe zum Gerechten und zum Schönen ist; und sodann der Reiz der Freundschaft, der durch die Macht eines süßeren Gefühls meinen Zorn mäßigte und beruhigte. In Venedig hatte ich einen Biscayer kennen gelernt, einen Freund meines Freundes Carrio und würdig der jedes Ehrenmannes zu sein. Dieser liebenswürdige junge Mann, den die Natur mit allen Talenten und Tugenden ausgestattet, hatte vor kurzem eine Kunstreise durch Italien vollendet, und da er wähnte, jetzt alles Sehenswerthe erschöpft zu haben, wollte er geraden Weges in sein Vaterland zurückkehren. Ich sagte ihm, daß für einen Mann seines Genies, der für die Pflege der Wissenschaften geschaffen wäre, die Künste nur eine Erholung bildeten, und ich rieth ihm, um Neigung für das Studium zu bekommen, eine Reise nach Paris und einen sechsmonatlichen Aufenthalt daselbst an. Er glaubte mir und ging nach Paris. Bei meiner Ankunft war er bereits da und erwartete mich. Da seine Wohnung für ihn zu groß war, bot er mir die Hälfte davon an; ich nahm sein Anerbieten an. Ich fand ihn von Eifer für die höheren Wissenschaften durchglüht. Nichts war für seine Fassungskraft zu hoch; mit wunderbarer Geschwindigkeit verschlang und verdaute er alles. Wie dankbar er mir war, seinem Geiste, den Wissensdurst ihm selber unbewußt verzehrte, diese Nahrung verschafft zu haben! Was für Schätze des Wissens und der Tugenden fand ich doch in dieser starken Seele! Ich fühlte, daß dies der Freund wäre, dessen ich bedurfte. Wir wurden vertraute Freunde. Unsere Geschmacksrichtungen waren nicht die nämlichen; wir stritten beständig. Beide eigensinnig, waren wir über nichts einig. Trotzdem konnten wir nicht ohne einander sein, und obgleich wir uns unaufhörlich widersprachen, hätte doch keiner den andern anders gewünscht. Ignacio Emmanuel de Altuna war einer jener seltenen Menschen, die Spanien allein, wenn auch zu seinem Ruhme zu selten, hervorbringt. Er hatte nicht die heftigen Nationalleidenschaften seiner Heimat; von Rachgier war sein Geist eben so frei wie sein Herz von Verlangen nach Sinnenlust. Er war zu stolz, um rachsüchtig zu sein, und ich habe ihn oft mit größter Kaltblütigkeit sagen hören, daß ihn kein Sterblicher beleidigen könnte. Er war galant, ohne zärtlich zu sein. Er spielte mit den Frauen wie mit niedlichen Kindern. Gern war er bei den Geliebten seiner Freunde, aber ich habe nie eine bei ihm selbst gesehen oder ihm das Verlangen angemerkt, eine zu besitzen. Die Flammen der Tugend, die sein Herz durchglühten, ließen die Flammen der Sinnenlust nie in ihm auflodern. Nach seinen Reisen hat er sich verheirathet; er ist jung gestorben und hat Kinder hinterlassen, und ich bin so fest wie von meinem eigenen Dasein überzeugt, daß seine Frau die erste und die einzige ist, die ihn die Freuden der Liebe kennen gelehrt hat. Aeußerlich war er fromm wie ein Spanier, aber seine Seele erfüllte die Frömmigkeit eines Engels. Außer mir habe ich, so lange ich athme, keinen andern Menschen als ihn kennen gelernt, der von einer so aufrichtigen Duldsamkeit beseelt gewesen wäre. Er hat nie jemanden nach seinen religiösen Ansichten gefragt. Ob sein Freund Jude, Protestant, Türke, Frömmler oder Atheist war, das kümmerte ihn wenig, sobald er nur ein rechtschaffener Mann war. Hartnäckig, starrköpfig bei gleichgiltigen Ansichten, war er dagegen, sobald es sich um Religion oder auch nur um Moral handelte, zurückhaltend, schwieg oder sagte einfach: »Ich habe nur für mich zu sorgen.« Es ist unglaublich, daß eine so große Seelenerhabenheit mit einem bis ans Kleinliche streifenden Sinn für Geringfügiges vereinbar sein kann. Er theilte und regelte die Tagesgeschäfte im voraus nach Stunden, Viertelstunden und Minuten und hielt diese Einteilung mit solcher Pünktlichkeit inne, daß er mitten im Lesen eines Satzes, hätte die Uhr plötzlich geschlagen, das Buch geschlossen hätte, ohne ihn zu vollenden. Von allen diesen so zerrissenen Zeitabschnitten widmete er den einen diesem, den andern jenem Studium; so hatte er bestimmte für Ueberlegungen, für die Unterhaltung, für die Messe, für Locke, für den Rosenkranz, für Besuche, für die Musik, für die Malerei, und weder Vergnügungen noch Versuchungen, noch der Wunsch jemandem gefällig zu sein, hätten diese Ordnung umstoßen können; lediglich eine zu erfüllende Pflicht hätte ihn dazu gebracht. Als er mir die Liste seiner Zeiteinteilung aufzählte, damit ich mich danach richtete, fing ich zu weinen an und schloß unter Thränen der Bewunderung. Nie fiel er jemandem lästig, noch duldete er eine Belästigung; die Leute, die ihn aus Höflichkeit belästigen wollten, fuhr er grob an. Er war hitzig, ohne verdrießlich zu sein. Ich habe ihn oft in Zorn, aber nie mißmuthig und trotzig gesehen. Nichts war heiterer als seine Laune; er verstand Scherz und scherzte selbst gern, er glänzte sogar dabei, da er das Talent besaß, sich in Epigrammen auszudrücken. Wenn man ihn anregte, lärmte und polterte er, daß man seine Stimme schon von weitem hörte; aber während er schrie, sah man ihn lächeln, und mitten in seinen leidenschaftlichen Aufwallungen brachte er irgend ein witziges Wort hervor, das alle Welt in Lachen ausbrechen ließ. Eben so wenig wie das spanische Phlegma besaß er das Aeußere eines Spaniers. Er hatte weiße Haut, rothe Wangen, hellbraunes, ja fast blondes Haar. Er war groß und wohlgebaut. Sein Körper war gleichsam der Tempel seiner Seele. Dieser Weise, seinem Herzen wie seinem Geiste nach, hatte Menschenkenntnis und war mein Freund. Dies ist meine ganze Antwort für alle, die es nicht sind. Uns vereinigte ein so festes Freundschaftsband, daß wir den Plan faßten, unsere Tage zusammen zu verleben. In einigen Jahren sollte ich nach Ascoytia kommen, um bei ihm auf seinem Gute zu wohnen. Am Abende vor seiner Abreise wurden alle einzelnen Punkte dieses Vorhabens zwischen uns verabredet. Nur das fehlte, was auch in den bestberechneten Plänen nicht in der Menschen Hand liegt. Die späteren Ereignisse, meine Widerwärtigkeiten, seine Verheirathung, sein Tod haben uns für immer getrennt. Man sollte meinen, daß nur die finsteren Anschläge der Bösen gelängen; die unschuldigen Pläne der Guten gehen fast nie in Erfüllung. Nachdem ich die Unannehmlichkeit der Abhängigkeit erfahren hatte, nahm ich mir entschieden vor, mich ihr nicht wieder auszusetzen. Da ich die Pläne des Ehrgeizes, die ich bei sich darbietender Gelegenheit entworfen, schon gleich bei ihrem Entstehen scheitern gesehen, und deshalb den Muth verloren hatte, wieder in die Laufbahn einzutreten, die ich so glücklich begonnen und aus der ich nichtsdestoweniger herausgeschleudert war, kam ich zu dem Entschlusse, mich an niemanden mehr anzuschließen, sondern mir meine Unabhängigkeit zu bewahren und meine Talente selbst auszunutzen, deren Umfang ich endlich zu erkennen begann und von denen ich bisher eine allzu bescheidene Meinung gehabt hatte. Ich nahm wieder die Arbeit an meiner Oper auf, welche ich wegen meiner Reise nach Venedig hatte unterbrechen müssen, und um mich ihr nach Altunas Abreise desto ruhiger überlassen zu können, bezog ich wieder mein altes Hôtel Saint-Quentin, welches in einem abgelegenen Viertel und unweit des Luxembourg für mich zum ungestörten Arbeiten geeigneter war als die geräuschvolle Straße Saint-Honoré. Dort wartete meiner der einzige wirkliche Trost, welchen der Himmel mir in meinem Elende gespendet hat, und der allein es mir erträglich macht. Da die Bekanntschaft, in der ich ihn gefunden habe, nicht etwa eine blos flüchtige war, muß ich auf einige Einzelheiten über die Art ihrer Entstehung eingehen. Wir hatten eine neue Wirthin, die aus Orléans stammte. Zur Verwalterin des Leinenzeuges nahm sie eine junge Landsmännin von ungefähr zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, die eben so wie die Wirthin mit uns speiste. Dieses Mädchen, welches Therese Le Vasseur hieß, war von guter Familie, der Vater war Beamter an der Münze zu Orléans, die Mutter hatte ein Kaufmannsgeschäft. Sie hatten viele Kinder. Da die Münze zu Orléans ihre Arbeit einstellte, fand sich der Vater plötzlich auf das Steinpflaster gesetzt; die Mutter, welche durch Bankerotte Einbuße erlitten hatte, machte schlechte Geschäfte, zog sich vom Handel zurück und übersiedelte nach Paris mit Mann und Tochter, welche die Eltern und sich durch ihre Arbeit ernährte. Als ich diese junge Dame zum ersten Male bei Tische erscheinen sah, fiel mir ihr sittsames Benehmen und noch mehr ihr lebhafter und sanfter Blick auf, wie ich nie einen ähnlichen gesehen habe. Außer Herrn von Bonnefond nahmen an der Mahlzeit einige irländische und gascogner Abbés und andere Leute ähnlichen Schlages Theil. Unsere Wirthin selbst hatte ein lustiges Leben geführt; ich war der Einzige, der anständig redete und sich eben so benahm. Man neckte die Kleine; ich übernahm ihre Verteidigung. Sofort fielen sie mit Witzeleien über mich her. Hätte ich auch nicht eine leicht zu erklärende Neigung für die arme Kleine gefühlt, so würden doch Mitleid und Widerspruchsgeist sie mir eingeflößt haben. Ich habe, namentlich den Frauen gegenüber, Anstand in Worten wie im Benehmen stets geliebt. Ich wurde offen ihr Vertheidiger. Ich sah, wie dankbar sie mir in ihrem Herzen für mein ritterliches Auftreten war, und ihre von der Erkenntlichkeit, welche ihr Mund nicht auszusprechen wagte, belebten Blicke wurden nur um so rührender. Sie war sehr schüchtern; ich war es ebenfalls. Die nähere Bekanntschaft, welcher dieser gemeinschaftliche Charakterzug hinderlich zu sein schien, wurde gleichwohl sehr schnell angeknüpft. Die Wirthin, der es nicht entging, wurde wüthend, und ihre Grobheiten gereichten mir bei der Kleinen, die sich im Hause nur auf meinen Schutz angewiesen sah und deshalb, so oft ich ausging, nach der Rückkehr ihres Beschützers seufzte, zu um so größerem Vortheile. Unsere gegenseitige Zuneigung nahm bald den gewöhnlichen Verlauf. Sie glaubte in mir einen redlichen Mann zu erkennen; sie täuschte sich nicht. Ich meinerseits glaubte in ihr ein gefühlvolles und einfaches Mädchen, welches frei von Gefallsucht war, zu erkennen und täuschte mich eben so wenig. Ich erklärte ihr von vorn herein, ich würde sie nie verlassen, aber auch nie heirathen. Liebe, Achtung und unverstellte Aufrichtigkeit bahnten mir den Weg zum Siege, und weil ihr Herz zärtlich und redlich war, wurde ich glücklich, ohne daß ich es nöthig hatte, mit Ungestüm in sie zu dringen. Die Besorgnis, die sie hegte, daß ich in ihr nicht das finden würde, was ich, wie sie glaubte, suchte, verzögerte mein Glück mehr als alles andere. Ich sah, wie sie, ehe sie sich ergab, bestürzt und verlegen war, voll Verlangen sich auszusprechen, ohne daß sie doch den Muth dazu fand. Weit entfernt, die wahre Ursache ihrer Verlegenheit zu ahnen, dachte ich mir eine sehr falsche, die mir ihren Wandel in sehr schlechtem Lichte erscheinen ließ, und in der Voraussetzung, daß sie mir zu verstehen geben wollte, meine Gesundheit könnte bei ihr Gefahr laufen, bemächtigte sich meiner eine gewisse Unruhe, die mich zwar nicht zurückhielt, mir aber doch mein Glück einige Tage lang vergiftete. Da wir uns gegenseitig nicht verstanden, waren unsere Unterhaltungen in Bezug auf diesen Punkt eben so viele Räthsel und mehr als lächerliche Mißverständnisse. Sie schien mich für halb närrisch zu halten, und ich wußte meinerseits nicht, was ich von ihr denken sollte. Endlich erklärten wir uns gegenseitig. Sie legte mir weinend das Geständnis ab, daß sie sich ein einziges Mal beim Austritt aus der Kindheit aus Unwissenheit durch einen schlauen Verführer habe bethören lassen. Sobald ich sie begriff, schrie ich laut auf: »Jungfrauschaft, wer wollte sie in Paris, wer wollte sie bei zwanzig Jahren suchen! Ach, meine Therese, ich bin allzu glücklich, dich züchtig und gesund zu besitzen, wenn ich auch das nicht fand, was ich gar nicht suchte.« Anfangs hatte ich mir nur einen Genuß zu verschaffen gesucht. Ich sah, daß ich mehr als dies, daß ich eine Lebensgefährtin in ihr gefunden hatte. Ein kurzer Umgang mit diesem vortrefflichen Mädchen, ein wenig Nachdenken über meine Lage brachte mir die Ueberzeugung bei, daß ich, während ich nur an Genuß gedacht, viel für mein Glück gethan hatte. Ich bedurfte an Stelle des erloschenen Ehrgeizes eines leidenschaftlichen Gefühls, das mein Herz ausfüllte. Ich bedurfte, um es kurz heraus zu sagen, einer Nachfolgerin Mamas: da ich nicht mehr mit ihr leben durfte, hatte ich eine Person nöthig, die mit ihrem Zögling lebte, und in der ich die Einfachheit und Herzensfreundschaft finden konnte, die sie in mir gefunden hatte. Das ruhige Glück des häuslichen Lebens mußte mich für das glänzende Loos, dem ich entsagte, schadlos halten. Sobald ich ganz allein war, fühlte mein Herz sich leer, aber es bedurfte nur eines einzigen, es auszufüllen. Das Schicksal hatte mir das Herz geraubt, oder es mir wenigstens zum Theil entfremdet, für das die Natur mich geschaffen hatte. Seit jener Zeit war ich allein, denn für mich gab es zwischen allem und nichts nie ein Mittelding. In Therese fand ich den Ersatz, der mir nothwendig war; durch sie lebte ich so lange glücklich, wie ich es nach dem Lauf der Ereignisse nur irgend sein konnte. Anfangs beabsichtigte ich, ihren Geist zu bilden: meine Mühe war verloren. Ihr Geist ist, wie ihn die Natur gemacht hat; Bildung und Pflege wurden ihm nie zu Theil. Ich erröthe nicht, es offen zu bekennen, daß sie es nie zum geläufigen Lesen gebracht hat, obgleich sie leidlich schreibt. Als ich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs wohnte, hatte ich gerade meinen Fenstern gegenüber an dem Hôtel Pontchartrain das Zifferblatt einer Sonnenuhr, auf dem ich mich einen ganzen Monat bemühte, sie die Stunden unterscheiden zu lehren. Kaum kennt sie sie jetzt endlich. Sie hat sich nie nach der Reihenfolge der zwölf Monate im Jahre richten können und kennt kein einziges Zahlzeichen trotz aller Mühe, die ich mir gegeben habe, sie mit denselben vertraut zu machen. Sie versteht weder Geld zu berechnen, noch kennt sie den Preis irgend einer Sache. Das Wort, das ihr beim Reden hervorsprudelt, ist oft das Gegentheil von dem, was sie sagen will. Früher hatte ich mir einmal ein Verzeichnis von ihren Redensarten gemacht, um Frau von Luxembourg zu unterhalten, und ihre Verwechselungen sind in den Gesellschaften, in welchen ich mich bewegte, berühmt geworden. Allein diese so beschränkte und, wenn man will, auch so dumme Person ist in schwierigen Fällen eine ausgezeichnete Rathgeberin. In der Schweiz, in England, in Frankreich, in den kritischen Lebenslagen, die ich durchzukämpfen hatte, hat sie das, was ich selbst nicht sah, richtig erkannt; hat mir die besten Rathschläge ertheilt, hat mich Gefahren entrissen, in die ich mich blindlings stürzte, und vor Damen des höchsten Ranges, vor Großen und Fürsten haben ihre Gesinnungen, ihr klarer Verstand, ihre Antworten und ihr Betragen ihr die allgemeine Achtung erworben, während mir die freundlichste Anerkennung ihres Werthes, deren Aufrichtigkeit ich herausfühlte, zu Theil wurde. Bei Personen, die man liebt, nährt das Gefühl nicht nur das Herz, sondern auch den Geist und man ist nicht sehr benöthigt, anderswo Nahrung für den Geist zu suchen. Ich lebte mit meiner Therese so angenehm wie mit dem genialsten Menschen von der Welt. Ihre Mutter, stolz darüber, einst im Hause der Marquise von Monpipeau erzogen zu sein, spielte den Schöngeist, wollte sie leiten und verdarb durch ihre Arglist die Harmlosigkeit unseres Verhältnisses. Der Aerger über diese störende Beeinflussung ließ mich einigermaßen die thörichte Scham überwinden, in der ich nicht den Muth hatte, mich mit Therese öffentlich zu zeigen, und wir machten kleine Spaziergänge auf das Land hinaus und nahmen daselbst einen frugalen Imbiß, wobei ich mich in der heitersten Stimmung befand. Ich sah, daß sie mich aufrichtig liebte, und das verdoppelte meine Zärtlichkeit. Diese süße Vertraulichkeit gewährte mir Ersatz für alles. Die Zukunft machte keinen Eindruck mehr auf mich oder nur den, daß sie die verlängerte Gegenwart wäre; ich wünschte mir nur die unaufhörliche Dauer der letzteren zu sichern. Dieses Verhältnis machte mir jede andere Zerstreuung überflüssig und werthlos. Ich ging nur noch aus, um Therese zu besuchen; ihre Wohnung wurde fast die meinige. Dieses zurückgezogene Leben war für meine Arbeit so förderlich, daß meine ganze Oper, Text wie Musik, in weniger als drei Monaten fertig war. Nur einige Begleit- und Füllstimmen blieben mir noch zu vollenden. Diese handwerksmäßige Arbeit war mir sehr langweilig. Ich schlug deshalb Philidor vor, sie mir gegen einen Gewinnanteil abzunehmen. Er kam zweimal und componirte einige Füllstimmen im Akte des Ovid, konnte sich aber für einen erst in der Ferne liegenden und noch dazu unsichern Gewinn nicht an eine zeitraubende Arbeit fesseln lassen. Er kam nicht mehr wieder, und ich vollendete meine Arbeit selbst. Nach Beendigung meiner Oper galt es nun, Nutzen aus ihr zu ziehen; dies verlangte größere Mühe als die Oper selbst. In Paris erreicht man nichts, wenn man für sich allein lebt. Ich gedachte mir durch Vermittelung des Herrn Poplinière, bei dem mich Herr Gauffecourt nach der Rückkehr von Genf eingeführt hatte, den Weg zu bahnen. Herr De la Poplinière war der Mäcen Rameaus; Frau De la Poplinière war seine ganz gehorsame Schülerin. Rameau machte so zu sagen in diesem Hause Regen und Sonnenschein. In dem Wahne, daß er dem Werke eines seiner Schüler mit Freuden förderlich sein würde, wollte ich ihm das meinige vorlegen. Er lehnte die Durchsicht unter dem Vorwande ab, daß er Partituren nicht lesen könnte und ihn dies zu sehr anstrengte. Frau De la Poplinière meinte hierauf, man könnte sie ihm ja aufführen lassen, und erbot sich, einige Musiker zur Ausführung einiger Stücke daraus in ihrem Hause zu versammeln. Ich verlangte nichts Besseres. Rameau gab verdrießlich seine Einwilligung, indem er unaufhörlich wiederholte, die Composition eines Menschen, der nicht das Kind eines Musikers wäre und die Musik nur aus sich selbst gelernt hätte, müßte wirklich etwas Reizendes sein. Ich schrieb schnell die Stimmen von fünf oder sechs der besten Stücke heraus. Man gab mir zehn Symphonisten und als Sänger Albert, Bérard und Fräulein Bourbonnais. Gleich von der Ouverture an begann Rameau durch seine übertriebenen Lobsprüche zu verstehen zu geben, daß sie nicht von mir sein könnte. Kein Stück ließ er vorübergehen, ohne Zeichen der Ungeduld von sich zu geben; aber bei einer Arie für Altstimme, deren Vortrag männlich und wohlklingend war und bei der auch die Begleitung glänzend ausfiel, konnte er sich nicht länger bezähmen. Mit einer Roheit, die bei jedermann Anstoß erregte, fuhr er mich barsch an und sagte, daß ein Theil dessen, was er gehört, von einem in seiner Kunst vollendeten Meister wäre, während das Uebrige von einem Stümper herrührte, der von der Musik auch nicht die geringste Ahnung hätte. Allerdings war meine Arbeit, ungleich und regellos, bald erhaben, bald sehr flach, wie es die eines jeden sein muß, der sich nur durch einige Geistesblitze über das Gewöhnliche erhebt und sich auf sein Wissen nicht stützen kann. Rameau behauptete in mir nur einen talent- und geschmacklosen Menschen zu erkennen, der sich mit fremden Federn schmückte. Die Anwesenden und namentlich der Hausherr dachten nicht so. Herr von Richelieu, welcher in jener Zeit Herrn, und wie man weiß, auch Frau De la Poplinière häufig besuchte, erfuhr von meinem Werke und wollte es ganz hören, mit der Absicht, es, wenn es seine Zufriedenheit erwürbe, am Hofe zur Aufführung zu bringen. Es wurde bei Herrn von Bonneval, dem Intendanten der Hoflustbarkeiten, mit großen Chören und großem Orchester auf königliche Kosten aufgeführt. Francœur dirigirte. Die Wirkung war überraschend. Der Herr Herzog hörte nicht auf laut Beifall zu klatschen und im Akte Tasso erhob er sich nach Beendigung eines Chores, kam auf mich zu und sagte, indem er mir die Hand drückte: »Herr Rousseau, das ist eine entzückende Harmonie! Ich habe nie etwas Schöneres gehört; ich werde dieses Werk in Versailles aufführen lassen.« Frau De la Poplinière, die zugegen war, sagte nicht ein Wort. Rameau hatte, obgleich er eingeladen war, nicht kommen wollen. Als ich Frau De la Poplinière am folgenden Tage in ihrem Boudoir meine Aufwartung machte, wurde mir ein sehr kalter Empfang zu Theil; sie sprach sich über mein Stück sehr wegwerfend aus und sagte mir, obgleich anfangs das bischen Klingklang den Herrn von Richelieu verblendet hätte, so wäre er doch vollkommen davon zurückgekommen, und sie riethe mir, mich nicht auf den Erfolg meiner Oper zu verlassen. Der Herr Herzog kam kurz darauf dazu und führte eine ganz andere Sprache gegen mich, sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine Talente und schien mir nach wie vor geneigt, mein Stück vor dem König aufführen zu lassen. »Nur der Akt Tasso,« sagte er, »eignet sich nicht für den Hof; er bedarf einer Überarbeitung.« Auf dieses einzige Wort hin schloß ich mich in meiner Behausung ein und hatte an Stelle des Tasso in drei Wochen einen andern Akt ausgearbeitet, dessen Gegenstand der von einer Muse begeisterte Hesiod war. Ich hatte es verstanden, in diesen Akt einen Theil der Entwickelungsgeschichte meiner Talente einzuschalten und auf die Eifersucht anzuspielen, mit der sich Rameau sie zu beehren bemühte. In diesem Akte machte sich ein weniger gigantischer Schwung bemerkbar, aber es herrschte in ihm mehr Gleichmäßigkeit und Sorgfalt als in dem des Tasso; die Musik desselben war eben so edel und weit besser componirt, und wären die beiden andern Akte eben so gehaltvoll gewesen wie dieser, so würde das ganze Stück sicherlich bei der Aufführung einen ehrenvollen Erfolg erzielt haben; allein während ich mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt war, vereitelte eine andere Unternehmung die Ausführung. 1745 – 1747 In dem auf die Schlacht von Fontenoy folgenden Winter fanden in Versailles viele Festlichkeiten statt, unter andern wurden im Theater des Petites-Ecuries mehrere Opern aufgeführt. Zu ihnen gehörte auch Voltaire's Drama »Die Prinzessin von Navarra« zu dem Rameau die Musik geschrieben hatte. Nachdem es vorher vollkommen umgearbeitet und dadurch wesentlich verbessert worden, hatte es den Titel »Das Fest Ramiro's« erhalten. Diese neue Bearbeitung, welche von dem Originale mitunter bedeutend abwich, machte bei den Divertissements, sowohl was die Verse als auch die Musik anlangte, einige Aenderungen nöthig. Es kam nun darauf an, jemanden zu finden, der dieser doppelten Aufgabe gewachsen war. Da Voltaire, der sich damals in Lothringen aufhielt, und Rameau beide mit der Oper »Der Ruhmestempel« beschäftigt waren und es deshalb nicht persönlich übernehmen konnten, so dachte Herr von Richelieu an mich, ließ mir die Arbeit anbieten und sandte mir, damit ich ihren Umfang besser überschauen könnte, das Gedicht und die Musik, jedes für sich. Vor allem wollte ich jedoch nicht ohne Genehmigung des Verfassers an den Worten rühren und schrieb deshalb in dieser Angelegenheit an ihn einen sehr höflichen und sogar ehrerbietigen Brief, wie es sich ziemte. Darauf erhielt ich folgende Antwort, deren Original sich in dem Briefpacket A, Nr. 1 befindet. Den 15. December 1745. Sie vereinigen, mein Herr, zwei Talente, die bis zu dieser Zeit stets getrennt gewesen sind. Darin liegen für mich bereits zwei gute Gründe, Sie zu achten und lieb zu gewinnen. Es thut mir um Ihretwillen leid, daß Sie diese beiden Talente an ein Werk wenden, welches ihrer schwerlich würdig ist. Vor einigen Monaten befahl mir der Herr Herzog von Richelieu gebieterisch, im Handumdrehen eine kleine und schlechte Skizze von faden und nicht völlig ausgearbeiteten Scenen zu entwerfen, die zu Divertissements, welche für meine Arbeit gar nicht gemacht sind, zugestutzt werden sollten. Ich gehorchte mit größter Pünktlichkeit; ich arbeitete sehr schnell und sehr schlecht. Diesen elenden Entwurf sandte ich dem Herrn Herzoge von Richelieu, darauf rechnend, daß er davon keinen Gebrauch machen oder ihn mir doch zur Umarbeitung zurückschicken würde. Glücklicherweise ist er jetzt in Ihren Händen; Sie sind unumschränkter Herr darüber; ich habe die ganze Arbeit völlig aus den Augen verloren. Ich zweifle nicht, daß Sie alle Fehler, die bei einer so reißend schnellen Ausarbeitung einer einfachen Skizze unvermeidlich sind, verbessert und überall nachgeholfen haben. So viel habe ich noch in der Erinnerung, daß, von andern Mängeln ganz abgesehen, in den Scenen, welche die Divertissements verbinden, nicht gesagt ist, wie die Prinzessin Grenadine aus einem Gefängnisse mit einem Male in einen Garten oder in einen Palast versetzt wird. Da ihr kein Zauberer, sondern ein spanischer Grande Feste giebt, so darf meines Bedünkens auch nichts durch Zauberei geschehen. Ich bitte Sie, mein Herr, Ihr Augenmerk recht auf diese Stelle richten zu wollen, von der ich nur noch eine verworrene Vorstellung habe. Sehen Sie, ob es nöthig ist, daß sich das Gefängnis öffne und man unsere Prinzessin aus diesem Gefängnisse in einen schönen goldenen und glänzenden Palast versetze, der besonders für sie hergerichtet ist. Ich weiß recht gut, daß dies alles äußerst nichtig und es unter der Würde eines denkenden Wesens ist, dergleichen unwichtige Dinge ernsthaft zu behandeln; allein da es nun einmal gilt, so wenig Mißfallen wie möglich zu erregen, so muß man ja selbst in ein schlechtes Operndivertissement so viel Vernunft, wie nur irgend möglich ist, hineinbringen. Ich schenke Ihnen und Herrn Ballod in allem mein ganzes Vertrauen und rechne darauf bald die Ehre zu haben, Ihnen, mein Herr, meinen Dank aussprechen und die Versicherung geben zu können, wie sehr ich bin etc. etc. Die große Höflichkeit dieses Briefes im Vergleiche zu seinen späteren, ziemlich stolzen Briefen an mich darf übrigens nicht Wunder nehmen. Er glaubte mich bei Herrn von Richelieu in großer Gunst, und die höfische Geschmeidigkeit, die man an ihm kennt, bewog ihn zu großer Rücksicht gegen einen Neuling, bis er die Höhe seines Ansehens besser kannte. Von Herrn von Voltaire bevollmächtigt und aller Rücksichten gegen Rameau, der mir nur zu schaden suchte, überhoben, machte ich mich nun an die Arbeit und in zwei Monaten war mein Werk vollendet. Die Verse hatten nicht viele Aenderungen nöthig gemacht. Ich bemühte mich vor allem, daß man die Verschiedenheit des Stils nicht merkte, und war dünkelhaft genug zu glauben, daß mir dies gelungen wäre. Der musikalische Theil hatte mir dagegen längere und schwierigere Arbeit gemacht. Außerdem daß ich mehrere besondere Ausstattungsstücke und unter andern die Ouvertüre zu componiren hatte, zeigten sich auch alle Recitative, die mir überwiesen wurden, von ungemeiner Schwierigkeit, da ich oft in wenigen Versen und in sehr schnellen Uebergängen Symphonien und Chöre von sehr verschiedenen Tonarten mit einander verbinden mußte; denn damit mir Rameau nicht den Vorwurf machen könnte, seine Melodien verschlechtert zu haben, wollte ich keine ändern oder transponiren. Die Recitative gelangen mir. Sie waren durch den Ton gut hervorgehoben, voller Kraft und namentlich von vortrefflicher Modulation. Der Gedanke an die beiden großen Männer, denen man mich an die Seite zu stellen gewürdigt, hatte meine Geisteskraft gesteigert, und ich kann sagen, daß ich mich bei dieser undankbaren und ruhmlosen Arbeit, von der das Publikum nicht einmal etwas erfahren konnte, mit meinen Vorbildern fast immer auf gleicher Höhe hielt. In dieser meiner Bearbeitung gelangte das Stück in der großen Oper zur Probeaufführung. Von den drei Verfassern war ich allein zugegen. Voltaire weilte in der Ferne, und Rameau kam nicht oder hielt sich verborgen. Die Worte des ersten Monologes hatten etwas Trauerartiges; der Anfang lautete: »Komm, Tod, und ende meines Lebens bittre Leiden!« Die Musik hatte dem Inhalt natürlich angepaßt werden müssen. Trotzdem ergoß Frau De la Poplinière gerade darüber eine sehr abfällige Kritik, indem sie mich mit großer Bitterkeit beschuldigte, eine Begräbnismusik gemacht zu haben. Herr von Richelieu erkundigte sich klüglicherweise erst, von wem die Verse dieses Monologes herrührten. Ich legte ihm das mir übersandte Manuscript vor, welches den Beweis lieferte, daß sie von Voltaire wären. »In diesem Falle,« sagte er, »ist Voltaire allein der Schuldige.« Während der Probe erhielt alles, was von mir herrührte, der Reihe nach den schärfsten Tadel der Frau De la Poplinière und den Beifall des Herrn von Richelieu. Allein meine Gegner behielten doch das Uebergewicht, und ich wurde aufgefordert, einige Theile einer Umarbeitung zu unterziehen, über die ich mich mit Herrn Rameau in Einvernehmen setzen sollte. Durch ein solches Ansuchen um so mehr gekränkt, da ich Lobsprüche erwartet und sicherlich auch verdient hatte, kehrte ich heim, den Tod im Herzen. Von Anstrengung erschöpft, von Aerger verzehrt, sank ich auf das Krankenlager und war sechs Wochen lang außer Stande auszugehen. Rameau, dem nun die von Frau De la Poplinière bezeichneten Aenderungen übertragen wurden, ließ mir die Ouvertüre zu meiner großen Oper abverlangen, um sie mit der von mir für jenes Stück umcomponirten zu vertauschen. Glücklicherweise merkte ich den Fallstrick und verweigerte ihre Herausgabe. Da bis zur Aufführung nur noch fünf oder sechs Tage waren, hatte er keine Zeit mehr, selbst eine zu machen, und mußte deshalb die meine lassen. Sie war im italienischen Stile gehalten, der damals in Frankreich noch ganz fremd war. Indessen fand sie Beifall, und ich erfuhr von Herrn von Valmalette, dem Haushofmeister des Königs, der als Schwiegersohn des Herrn Mussard mir verwandt und befreundet war, daß die Kenner mit meinem Werke sehr zufrieden gewesen wären, und es das Publikum nicht von Rameaus Arbeit hätte unterscheiden können. Dieser ergriff jedoch im Einverständnisse mit Frau De la Poplinière Maßregeln, damit man nicht einmal meinen Antheil an der Arbeit erführe. Auf dem zur Vertheilung an die Zuschauer bestimmten Textbuche, auf welchem sonst immer die Verfasser angegeben werden, wurde nur Voltaire genannt; Rameau wollte lieber seinen Namen unterdrücken, als ihn neben dem meinigen erblicken. Sobald ich im Stande war auszugehen, wollte ich Herrn von Richelieu meine Aufwartung machen. Ich hatte die günstige Zeit verabsäumt, er war eben nach Dünkirchen abgereist, wo er die Einschiffung des nach Schottland bestimmten Corps anordnen und überwachen sollte. Nach seiner Rückkehr sagte ich mir zur Beschönigung meiner Trägheit, daß es nun zu spät wäre. Da ich ihn seitdem nicht wiedergesehen, so bin ich um die Ehre, die mein Werk verdiente, wie um das Honorar gekommen, das es mir hätte einbringen müssen; und ich hatte nichts davon als Zeitverlust, Mühe, Aerger, Krankheit und Kurkosten, ohne auch nur einen Sou Gewinn oder vielmehr Entschädigung zu erhalten. Es ist mir jedoch immer so vorgekommen, als ob Herr von Richelieu eine aufrichtige Zuneigung zu mir gehegt und von meinen Talenten günstig gedacht hätte; aber mein Unglück und Frau De la Poplinière brachten mich um die Früchte seines guten Willens. Die Abneigung dieser Frau, der ich zu gefallen mich bestrebt und ziemlich regelmäßig die Aufwartung gemacht hatte, war mir unbegreiflich. Gauffecourt erklärte mir die Gründe. »Sie bestehen erstlich,« sagte er, »in ihrer Freundschaft für Rameau, dessen anerkannte Beschützerin sie ist und der keinen Nebenbuhler dulden will, und dann vor allem in einer Erbsünde, die Sie in ihren Augen verdammenswerth erscheinen läßt und die sie Ihnen nie verzeihen wird, nämlich, daß sie ein Genfer sind.« Darauf setzte er mir auseinander, daß der Abbé Hubert, ebenfalls ein Genfer und ein aufrichtiger Freund des Herrn De la Poplinière, sich bemüht, ihn von der Verheirathung mit dieser Frau, die er genau kannte, zurückzubringen, und sie deshalb nach der Heirath ihm wie allen Genfern einen unversöhnlichen Haß gelobt hätte. »Obgleich,« fügte er hinzu, »Herr De la Poplinière Sie lieb gewonnen hat, wie ich bestimmt weiß, so verlassen Sie sich doch nicht auf seinen Beistand. Er ist in seine Frau verliebt; sie haßt Sie, ist bösartig und listig: in diesem Hause werden Sie nie etwas ausrichten.« Ich ließ es mir gesagt sein. Der nämliche Gauffecourt erwies mir ungefähr um dieselbe Zeit einen großen Liebesdienst. Ich hatte meinen tugendhaften Vater, der etwa sechzig Jahre alt geworden war, vor Kurzem verloren. Ich fühlte diesen Verlust weniger, als es zu einer andern Zeit der Fall gewesen wäre, wo mich die Verlegenheiten meiner Lage weniger beschäftigt hätten. Bei seinen Lebzeiten hatte ich die Auszahlung meines mütterlichen Erbtheiles, dessen geringen Zinsenertrag er für sich verwandte, nicht verlangt; nach seinem Tode hatte ich darüber keine Bedenklichkeiten mehr. Aber der Mangel an gerichtlichen Beweisen vom Tode meines Bruders machte eine Schwierigkeit, die Gauffecourt zu heben übernahm und durch die Vermittelung des Advocaten de Lolme auch wirklich hob. Da ich diese kleine Summe äußerst nöthig brauchte und die Eintreibung zweifelhaft war, so erwartete ich die entscheidende Nachricht darüber mit der lebhaftesten Ungeduld. Als ich eines Abends nach Hause kam, fand ich den Brief, der diese Nachricht enthalten mußte, und nahm ihn, um ihn zu öffnen, mit einem Zittern von Ungeduld, deren ich mich innerlich schämte. »Ach was,« sagte ich verächtlich zu mir, »sollte sich Jean-Jacques bis zu dem Grade von Eigennutz und Neugier unterjochen lassen?« Ich legte ihn auf der Stelle wieder auf den Kamin, entkleidete mich, legte mich ruhig zu Bett, schlief besser als gewöhnlich und erhob mich am folgenden Tage erst ziemlich spät, ohne weiter an meinen Brief zu denken. Beim Anziehen bemerkte ich ihn; ich öffnete ihn ohne Eile und fand einen Wechsel darin. Mehrerlei machte mir dabei Freude, aber ich kann schwören, daß ich mich am lebhaftesten darüber freute, mich besiegt zu haben. Zwanzig ähnliche Züge würde ich aus meinem Leben noch zu erzählen haben, aber ich habe es zu eilig, um alles berichten zu können. Einen kleinen Theil dieses Geldes schickte ich meiner armen Mama, wobei ich mit Thränen die glückliche Zeit zurückersehnte, wo ich ihr die ganze Summe zu Füßen gelegt hätte. Aus allen ihren Briefen ging ihre Noth hervor. Sie schickte mir Haufen von Recepten und Geheimmitteln, mit denen ich, wie sie behauptete, mein und ihr Glück machen könnte. Schon schnürte ihr das Gefühl ihres Elendes das Herz zusammen und machte ihren Geist beschränkter. Das Wenige, was ich ihr sandte, wurde die Beute der Schufte, die sich um sie drängten. Sie hatte keinen Nutzen davon. Das benahm mir die Lust, meine schon an sich dürftigen Mittel noch mit diesen Elenden zu theilen, zumal nach dem vergeblichen Versuche, den ich, wie ich später erzählen werde, machte, sie ihnen zu entreißen. Die Zeit verging und das Geld mit ihr. Wir waren unser zwei, sogar vier, oder genau genommen, waren wir unser sieben oder acht; denn obgleich Therese von einer Uneigennützigkeit war, der sich wenige Beispiele zur Seite stellen lassen, so war doch ihre Mutter nicht wie sie. Sobald sie sich durch mich wieder mit dem Nöthigsten versehen sah, ließ sie ihre ganze Familie kommen, um, was für sie abgefallen war, mit ihr zu theilen. Schwestern, Söhne, Töchter, Enkelinnen, alles kam mit Ausnahme ihrer ältesten Tochter, die mit dem Vorsteher der Wagenfabrik zu Angers verheirathet war. Alles, was ich für Therese that, wurde ihr von ihrer Mutter für diese Hungerleider entzogen. Da ich es nicht mit einer habgierigen Person zu thun hatte und nicht unter der Gewalt einer wahnsinnigen Leidenschaft stand, machte ich auch keine Thorheiten. Zufrieden, Therese anständig, aber ohne Aufwand, gegen drückende Sorgen geschützt, zu unterhalten, duldete ich, daß alle Erträge ihrer Arbeit ihrer Mutter zu Gute kamen, und ich beschränkte mich nicht darauf; aber in Folge eines Verhängnisses, das mich verfolgte, wurde Therese von ihren Verwandten gerade eben so ausgebeutet wie Mama von ihren Gaunern, und ich konnte auf keiner Seite etwas thun, das der, für welche es bestimmt, Nutzen gebracht hätte. Es war eigenthümlich, daß die Jüngste unter den Kindern der Frau Le Vasseur, die einzige, die keine Ausstattung erhalten, die einzige war, die ihre Eltern ernährte, und daß diese Aermste, nachdem sie lange Zeit von ihren Brüdern, ihren Schwestern, ja selbst von ihren Nichten geschlagen worden war, jetzt von ihnen ausgeplündert wurde, ohne daß sie sich gegen ihre Diebereien besser vertheidigen konnte als gegen ihre Schläge. Eine einzige ihrer Nichten, Namens Goton Leduc, war ziemlich liebenswürdig und von einem ziemlich sanften Charakter, obgleich sie durch das Beispiel und den Unterricht der andern verdorben wurde. Da ich sie häufig beisammen sah, legte ich ihnen die Namen bei, die sie sich unter einander gaben; ich nannte die Nichte »meine Nichte« und die Tante »meine Tante«. Alle beide nannten mich ihren Onkel. Daher der Name Tante, mit welchem ich Therese seitdem beständig anredete, und den meine Freunde mitunter zum Scherze ebenfalls gebrauchten. Man wird begreifen, daß ich keinen Augenblick zu verlieren hatte, um mich aus einer solchen Lage zu reißen. Da ich überzeugt war, daß mich Herr von Richelieu vergessen hatte, und ich von Seiten des Hofes nichts mehr hoffte, machte ich einige Versuche, meine Oper in Paris zur Aufführung zu bringen; allein mir traten Schwierigkeiten entgegen, deren Beseitigung viel Zeit erforderte, und ich gerieth von Tage zu Tage in größere Bedrängnis. Da kam ich auf den Gedanken, mein kleines Schauspiel »Narciß« beim italienischen Theater einzureichen. Es wurde angenommen, und ich erhielt dafür freien Eintritt, was mir große Freude gewährte; das war jedoch auch alles. Es gelang mir nie die Aufführung meines Stückes durchzusetzen, und überdrüssig, Schauspielern den Hof zu machen, sagte ich mich von ihnen los. Ich griff endlich zu dem letzten Mittel, das mir noch blieb, und zu dem einzigen, das ich hätte ergreifen sollen. Während meines Umganges mit dem Hause des Herrn De la Poplinière hatte ich das des Herrn Dupin vernachlässigt. Obgleich die beiden Damen verwandt waren, herrschte doch ein schlechtes Verhältnis zwischen ihnen, und sie besuchten sich nicht; es fand kein geselliger Verkehr zwischen den beiden Häusern statt, und Thieriot allein lebte in dem einen wie in dem andern. Er übernahm meine Wiedereinführung bei Herrn Dupin. Herr von Francueil beschäftigte sich damals mit Naturgeschichte und Chemie und legte eine Sammlung an. Ich glaube, er strebte nach einem Sitze in der Akademie der Wissenschaften; zu dem Zwecke beabsichtigte er ein Buch zu schreiben und hielt mich für geeignet, ihm bei dieser Arbeit hilfreich zu sein. Frau Dupin, die ihrerseits den Plan zu einem andern Buche entworfen, hatte auf mich ungefähr ähnliche Absichten. Sie hätten mich gern gemeinschaftlich zu einer Art Secretär haben wollen, und das war der Gegenstand der Unterhandlungen Thieriots. Ich verlangte vorher, Herr von Francueil sollte mir durch seinen und Jelyotes Einfluß eine Probevorstellung meines Stückes in der Oper erwirken. Er ging darauf ein. Die Proben meiner »Galanten Musen« fanden zuerst mehrmals in dem dazu bestimmten Saale, dann im großen Theater statt. Der Generalprobe wohnten viele bei, und einigen Stücken wurde lebhafter Beifall zu Theil. Trotzdem merkte ich während der von Rebel sehr schlecht dirigirten Vorstellung selbst, daß das Stück keine Aufnahme finden würde und daß es sogar ohne große Verbesserungen nicht aufführungsfähig wäre. Deshalb zog ich es, ohne ein Wort zu sagen und ohne mich einer Zurückweisung auszusetzen, zurück; aber aus mehreren Anzeichen erkannte ich deutlich, daß mein Stück, wäre es auch vollkommen gewesen, doch nicht durchgekommen sein würde. Herr von Francueil hatte mir wohl versprochen, die Probe desselben durchzusetzen, aber nicht die Annahme. Er hielt mir genau Wort. Bei dieser Gelegenheit wie bei vielen anderen habe ich immer wahrzunehmen geglaubt, daß weder ihm noch der Frau Dupin daran gelegen war, mich in der Welt einen gewissen Ruf erlangen zu lassen, vielleicht in der Besorgnis, daß man ihren Büchern sonst nachsagen könnte, sie hätten darin ihre Talente auf die meinigen gepfropft. Da mir Frau Dupin jedoch stets nur sehr mittelmäßige zugetraut und mich immer nur zum Aufschreiben ihrer Dictate oder zu gelehrten Forschungen benutzt hatte, so wäre dieser Vorwurf, namentlich in Bezug auf sie, sehr ungerecht gewesen. 1747 – 1749 Dieser letzte Mißerfolg raubte mir vollends den Muth. Ich gab alle Pläne auf Emporkommen und Ruhm auf, und ohne fernerhin an wahre oder eingebildete Talente zu denken, die mir ein so dürftiges Durchkommen gewährten, wandte ich jetzt Zeit und Mühe nur darauf an, mir meinen und Theresens Unterhalt zu erwerben, es ganz denen anheimstellend, welche dafür zu sorgen übernommen hatten. Ich schloß mich deshalb völlig an Frau Dupin und Herrn von Francueil an. Dies versetzte mich nicht in großen Ueberfluß, denn mit acht- bis neunhundert Franken jährlich, die ich in den beiden ersten Jahren bezog, vermochte ich kaum meine dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, da ich genöthigt war, mir in ihrer Nachbarschaft in einem ziemlich theuren Viertel ein möblirtes Zimmer zu miethen und am äußersten Ende von Paris, hoch oben in der Rue Saint-Jacques, eine andere Miethswohnung zu bezahlen, nach der ich mich in jedem Wetter fast alle Abende zum Abendessen begab. Ich arbeitete mich bald in meine neuen Beschäftigungen hinein und fand sogar Geschmack an ihnen. Ich trieb eifrig Chemie, hörte mit Herrn von Francueil darüber mehrere Vorlesungen bei Herrn Rouelle, und nun machten wir uns daran, über diese Wissenschaft, deren Anfangsgründe wir uns kaum angeeignet hatten, wohl oder übel Papier zu beschmieren. Im Jahre 1747 brachten wir den Herbst in der Touraine und zwar im Schlosse Chenonceaux zu, einem ehemals königlichen Palast am Cher, von Heinrich II. für Diana von Poitiers erbaut, deren verschlungene Namenszüge man noch heute an demselben bemerkt. Jetzt befindet es sich in den Händen des Herrn Generalpächters Dupin. An diesem schönen Orte unterhielt man sich ausgezeichnet, und da man dort zugleich sehr gut speiste, wurde ich feist wie ein Mönch. Man trieb viel Musik. Ich componirte mehrere Trios für Singstimmen, die ziemlich melodienreich waren, und auf die ich vielleicht in meinem Supplementsbande zurückkommen werde, wenn ich je einen solchen schreiben sollte. Auch Komödie wurde gespielt. Ich schrieb in vierzehn Tagen eine in drei Akten, der ich den Namen »Das unüberlegte Versprechen« gab. Das einzige Verdienstliche an ihr, die man unter meinen Papieren finden wird, ist die ausgelassene Heiterkeit, die durch dieselbe weht. Noch andere kleine Stücke schrieb ich daselbst, unter andern eines in Versen, »Die Allee der Sylvia«, nach dem Namen einer Allee, die sich im Parke an dem Ufer des Cher dahinzog. Durch alle diese vielfachen Beschäftigungen erlitten aber weder meine chemischen Studien noch meine für die Frau Dupin anzufertigenden Arbeiten Unterbrechung. Während ich in Chenonceaux dick wurde, ging mit meiner armen Therese in Paris dieselbe Veränderung, wenn auch auf andere Weise, vor sich, und als ich zurückkam, fand ich das Werk, das ich in diesem Berufszweige geleistet hatte, weiter vorgerückt, als ich geglaubt. In Anbetracht meiner Lage würde mich dies in unendliche Verlegenheit versetzt haben; wenn mir nicht meine Tischgenossen den einzigen Ausweg, der mich ihr entreißen konnte, gezeigt hätten. Ich habe etwas so Wichtiges zu bekennen, daß ich nicht einfach genug dabei zu Wege gehen kann, weil ich mich durch irgend eine erläuternde Erklärung der zu berichtenden Thatsache entschuldigen oder anklagen müßte und ich hier weder das Eine noch das Andere thun darf. Während Altunas Aufenthalt in Paris nahmen wir, er und ich, unser Mittagsessen nicht bei einem Speisewirthe, sondern gewöhnlich in unserer Nachbarschaft ein, der Sackgasse der Oper fast gerade gegenüber, bei einer Frau La Selle, der Gattin eines Schneiders, deren Tisch, so dürftig sie uns auch abspeiste, trotzdem wegen der guten und unverdächtigen Gesellschaft, welche sich an ihm zusammenfand, gesucht war. Es wurde nämlich kein Unbekannter zugelassen; man mußte durch einen der regelmäßigen Tischgäste eingeführt werden. Der Comthur von Graville, ein alter Wüstling voller Höflichkeit und Geist, aber demungeachtet ein unverwüstlicher Zotenreißer, wohnte daselbst und zog eine ausgelassene und glänzende Gesellschaft von jungen Gardeofficieren und Reitern der adligen Leibwache dorthin. Der Comthur von Nonant, Beschützer aller Opersängerinnen und Tänzerinnen, brachte wieder täglich alle Neuigkeiten aus der Theaterwelt hin. Die Herren Duplessis, Oberstlieutenant a. D., ein gutmüthiger und bescheidener Greis, und Ancelet, Dieser Herr Ancelet war es, dem ich ein in meiner gewöhnlichen Manier geschriebenes kleines Lustspiel, »Die Kriegsgefangenen« gab. Unmittelbar nach den Niederlagen der Franzosen in Bayern und Böhmen verfaßt, wagte ich es weder zu zeigen noch mich zu demselben zu bekennen, und zwar aus dem eigentümlichen Grunde, weil der König, Frankreich und die Franzosen vielleicht nie mehr und aufrichtiger gelobt worden sind als in diesem Stücke, und weil ich als Republikaner und anerkannter Unruhstifter nicht das Herz hatte, mich als Lobredner einer Nation zu bekennen, deren sämmtliche Grundsätze den meinen zuwiderliefen. Ueber die Unglücksfälle Frankreichs mehr betrübt als die Franzosen selbst, hegte ich Besorgnis, man könnte die Beweise einer aufrichtigen Liebe, deren Entstehen und Grund ich bereits im ersten Theile angeführt habe, mir als Schmeichelei und Gemeinheit auslegen, und schämte mich deshalb, sie zu veröffentlichen. Officier bei der adligen Leibwache, erhielten dort unter diesen jungen Leuten eine gewisse Ordnung. Auch Großhändler, Banquiers, Lieferanten kamen dorthin, aber nur gebildete und anständige, kurz nur solche, die in ihren Kreisen eine hervorragende Stellung einnahmen, wie Herr von Besse, Herr von Forcade und andere, deren Namen ich vergessen habe. Mit einem Wort: man sah dort nur Leute von guter Gesellschaft, alle Stände waren vertreten, nur Abbés und Juristen habe ich dort nie gesehen, und es war ein Übereinkommen, sie nie einzuführen. Diese ziemlich zahlreiche Tischgesellschaft war sehr heiter, ohne in Lärm auszuarten, und trieb allerlei Possen, ohne sich Gemeinheiten zu erlauben. Der alte Comthur verlor bei aller Schlüpfrigkeit seiner Erzählungen doch nie den geschmeidigen Ton des früheren Hofmannes, und nie entschlüpfte seinem Munde ein anstößiges Wort, wenn es nicht so drollig gewesen wäre, daß es selbst Frauen verziehen hätten. Er war für die ganze Gesellschaft tonangebend; alle diese jungen Leute erzählten ihre galanten Abenteuer in eben so freier wie anmuthiger Form, und an Geschichten von Mädchen fehlte es um so weniger, als ein förmliches Waarenlager von ihnen unmittelbar vor der Thür lag, denn von demselben Flure aus, der zu Frau La Selle führte, gelangte man auch in den Laden der Frau Duchapt, einer berühmten Modehändlerin, die damals sehr hübsche Mädchen beschäftigte. Diesen Laden pflegten unsere Herren vor oder nach dem Essen zu besuchen, um mit den Mädchen zu plaudern. Ich würde mich dort ebenso wie Andere unterhalten haben, wenn ich muthiger gewesen wäre. Ich brauchte nur wie sie einzutreten, wagte es aber nie. Auch nach Altunas Abreise aß ich ziemlich häufig bei Frau La Selle; dort hörte ich eine Menge sehr lustiger Anekdoten und nahm auch allmählich, zwar dem Himmel sei Dank nicht die Sitten, aber doch die Lebensregeln an, die ich dort herrschen sah. Verspottete Ehrenleute, hintergangene Ehemänner, verführte Frauen, geheime Entbindungen bildeten dort den gewöhnlichsten Gesprächsstoff, und wer am besten für die Bevölkerung des Findelhauses sorgte, dem wurde am meisten Beifall gezollt. Dies bestach mich; ich bildete meine Denkweise nach der, welche ich bei sehr liebenswürdigen und im Grunde auch sehr anständigen Leuten herrschen sah, und sagte mir: »Da es einmal Sitte des Landes ist, so kann man sie, wenn man darin lebt, auch befolgen.« Das war der Ausweg, nach dem ich suchte. Ich ergriff ihn entschlossen ohne das geringste Bedenken. Nur Theresens Bedenklichkeit hatte ich zu überwinden, die ich erst mit aller erdenklichen Mühe zur Annahme dieses einzigen Mittels, ihre Ehre zu retten, bewegen konnte. Da mir ihre Mutter, die sich überdies vor neuen Kindersorgen fürchtete, zu Hilfe kam, ließ sie sich endlich besiegen. Man wählte eine gewandte und zuverlässige Hebamme, eine gewisse Gouin, ledigen Standes, die an der Ecke von Saint-Eustache wohnte, um ihr die Ausführung des Planes zu übertragen, und als die Zeit gekommen war, wurde Therese von ihrer Mutter zu der Gouin geführt, um bei dieser ihre Entbindung abzuwarten. Ich besuchte sie dort öfter und brachte ihr zwei Karten mit dem gleichen Namenszuge, deren eine in die Windeln des Kindes gelegt wurde. Darauf wurde letzteres von der Hebamme in der gewöhnlichen Weise auf dem Bureau des Findelhauses abgegeben. Im folgenden Jahre der nämliche Uebelstand und das nämliche Auskunftsmittel, nur der Namenszug wurde fortgelassen; keine größere Bedenklichkeit meinerseits; keine größere Lust seitens der Mutter, auf diesen Wunsch einzugehen; sie gehorchte seufzend. Man wird späterhin alle Wandlungen, welche dieser unselige Schritt in meiner Denkweise wie in meinem Leben hervorgebracht hat, kennen lernen. Halten wir uns für jetzt an diesen ersten Zeitabschnitt. Die eben so bitteren und unerwarteten Folgen desselben werden mich nur zu sehr zwingen, darauf zurückzukommen. In diese Zeit fällt meine erste Bekanntschaft mit Frau von Epinay, deren Name in diesen Denkwürdigkeiten oft genannt werden wird. Sie war ein geborenes Fräulein von Esclavelles und hatte sich vor Kurzem mit Herrn von Epinay, dem Sohne des Generalpächters von Lalive de Bellegarde, verheirathet. Ihr Gatte war eben so musikalisch wie Herr von Francueil. Auch sie war musikalisch, und die Leidenschaft für diese Kunst hatte unter diesen drei Personen eine innige Freundschaft geknüpft. Herr von Francueil hatte mich bei Frau von Epinay eingeführt, ich speiste mit ihm bisweilen zu Nacht bei ihr. Sie war liebenswürdig und zeichnete sich durch Geist und Talente aus; es war sicherlich eine vielversprechende Bekanntschaft. Aber sie hatte eine Freundin, ein Fräulein von Ette, die für boshaft galt und mit dem Chevalier von Valory lebte, dem man auch keine große Herzensgüte nachrühmte. Der Umgang mit diesen beiden Personen war, wie ich glaube, der Frau von Epinay nachtheilig, der die Natur nebst einem sehr begehrlichen Temperamente herrliche Eigenschaften verliehen hatte, es zu mäßigen oder vor sittlichen Verirrungen zu bewahren. Herr von Francueil flößte ihr einen Theil seiner Freundschaft für mich ein und gestand mir sein Verhältnis mit ihr, dessen ich deswegen hier nicht erwähnen würde, wenn es nicht so bekannt wäre, daß es nicht einmal Herrn von Epinay verborgen blieb. Herr von Francueil machte mir über diese Dame sogar im Vertrauen sehr seltsame Mittheilungen, die sie selbst mir nie gemacht hat, und von denen sie mich auch nie unterrichtet glaubte; denn darüber öffnete ich nie in meinem Leben den Mund und werde ihn auch weder ihr noch sonst jemand gegenüber nie öffnen. Die vertraulichen Mittheilungen, die Herr von Francueil Rousseau über Frau von Epinay machte, sind heutigen Tages für niemand mehr ein Geheimnis. Aus den unter dem Namen dieser Dame veröffentlichten Denkwürdigkeiten ersehen wir, daß Frau von Epinay durch Ansteckung ihres Mannes syphilitisch erkrankt war und nun ihrerseits ihren Geliebten angesteckt hatte, der beinahe gestorben wäre. Dieses mir von allen Seiten entgegengebrachte Vertrauen machte meine Lage sehr peinlich, namentlich Frau von Francueil gegenüber, die mich gut genug kannte, um nicht Mißtrauen gegen mich zu hegen, obgleich ich ein Verhältnis mit ihrer Nebenbuhlerin hatte. Ich tröstete nach bestem Vermögen diese arme Frau, der ihr Gatte die Liebe, die sie für ihn hatte, sicherlich nicht vergalt. Ich hörte jede dieser drei Personen einzeln an, bewahrte ihre Geheimnisse mit größter Treue, ohne daß mir eine der drei je eines der beiden andern zu entreißen vermochte, und ohne daß ich einer der beiden Frauen meine Liebe für ihre Nebenbuhlerin verhehlte. Frau von Francueil, die sich meiner zu vielerlei bedienen wollte, mußte sich entschiedene Weigerungen gefallen lassen, und Frau von Epinay, die mir einmal einen Brief zur Besorgung an Francueil übergeben wollte, erhielt nicht allein einen gleichen Bescheid, sondern auch die unumwundene Erklärung, daß sie, wollte sie mich für immer aus ihrem Hause los sein, nur zum zweiten Male eine ähnliche Bitte an mich zu richten brauchte. Ich muß Frau von Epinay Gerechtigkeit widerfahren lassen: dieses Auftreten schien ihr so wenig zu mißfallen, daß sie es sogar Francueil mit Lobsprüchen erzählte und mich später nicht weniger freundlich empfing als sonst. So bewahrte ich mir in den stürmischen Verhältnissen zwischen drei Personen, die ich zu schonen hatte, ja, von denen ich gewissermaßen abhängig war, und die ich von Herzen lieb hatte, bis ans Ende ihre Freundschaft, ihre Achtung und ihr Vertrauen, indem ich mich duldsam und gefällig, aber auch redlich und nachgiebig benahm. Trotz meines einfältigen und linkischen Wesens wollte mich Frau von Epinay zu den Festlichkeiten in der Chevrette, einem in der Nähe von Saint-Denis gelegenen Schlosse, welches Herrn von Bellegarde gehörte, hinzuziehen. Es befand sich in demselben ein Theater, auf welchem häufig gespielt wurde. Man übertrug mir eine Rolle, an der ich sechs Monate ununterbrochen lernte, und die ich mir bei der Aufführung doch von Anfang bis zu Ende souffliren lassen mußte. Nach dieser Probe bot man mir keine Rolle mehr an. Gleichzeitig mit der Bekanntschaft der Frau von Epinay machte ich auch die ihrer Schwägerin, des Fräulein von Bellegarde, die bald Gräfin von Haudetot wurde. Zum ersten Male sah ich sie kurz vor ihrer Hochzeit; sie plauderte lange mit mir mit der ihr angeborenen reizenden Vertraulichkeit. Ich fand sie sehr liebenswürdig, war aber weit entfernt vorauszusehen, daß diese junge Person dereinst die Entscheidung meines Lebensschicksales herbeiführen und mich, wenn auch ganz unschuldigerweise, in den Abgrund hineinziehen würde, in dem ich mich heute befinde. Obgleich ich seit meiner Rückkehr von Venedig eben so wenig von Diderot wie von meinem Freunde Roguin gesprochen habe, so hatte ich sie gleichwohl beide nicht vernachlässigt, und namentlich mit ersterem wurde das freundschaftliche Verhältnis von Tage zu Tage inniger. Wie ich eine Therese, hatte er eine Nanette; dies gab unserer beiderseitigen Lage eine Aehnlichkeit mehr. Der Unterschied bestand jedoch darin, daß meine Therese, eben so schön wie Nanette, ein sanftes Gemüth und einen liebenswürdigen Charakter hatte, der einen gebildeten Mann an sich fesseln mußte, während seine Freundin, zanksüchtig wie ein Fischweib, den Augen anderer nichts aufzuweisen hatte, was einen Ersatz für ihre schlechte Erziehung hätte gewähren können. Er heirathete sie dennoch. Das war recht gut, wenn er es versprochen hatte. Ich meinerseits, der ich kein ähnliches Versprechen abgelegt hatte, beeilte mich nicht, ihm nachzuahmen. Auch an den Abbé von Condillac hatte ich mich angeschlossen, der in der Literatur eben so wenig Bedeutung hatte, wie ich selber, aber dazu geschaffen war, das zu werden, was er heute ist. Ich habe seine Begabung vielleicht zuerst erkannt und seinen Werth zu schätzen gewußt. Er schien an mir gleiches Gefallen zu finden, und während ich, auf meinem Zimmer in der Rue Jean-Saint-Denis in der Nähe der Oper eingeschlossen, meinen Akt Hesiod schrieb, kam er manchmal, um mit mir allein ein picknickartiges Mittagsmahl zu veranstalten. Er arbeitete damals an seinem ersten Werke, dem Versuche über den Ursprung der menschlichen Kenntnisse. Nach der Vollendung desselben entstand für ihn die Verlegenheit, einen Buchhändler zu finden, der den Verlag übernehmen wollte. Die Pariser Buchhändler sind gegen Anfänger anmaßend und hart, und die Metaphysik, welche damals kaum in die Mode zu kommen begann, bot keinen sehr anziehenden Gegenstand dar. Ich redete mit Diderot von Condillac und seinem Werke und vermittelte ihre gegenseitige Bekanntschaft. Sie waren dazu geschaffen, einander zu gefallen; sie gefielen sich. Diderot bestimmte den Buchhändler Durant zur Annahme des Manuscriptes, und der Abbé, dieser große Metaphysiker, erhielt für sein erstes Buch, und noch dazu fast aus Gnade, hundert Thaler, die er ohne mich vielleicht gar nicht erzielt hätte. Da wir in sehr entfernten Stadttheilen wohnten, so kamen wir drei einmal wöchentlich im Palais Royal zusammen und nahmen das Mittagbrot gemeinschaftlich im Hotel zum Blumenkorbe ein. Diese wöchentlichen kleinen Mahlzeiten mußten Diderot außerordentlich behagen, denn er, der sonst fast alle seine Rendezvous versäumte, Var ... versäumte, selbst die mit Frauen, blieb etc. blieb nie von einer derselben fort. Bei ihnen entstand in mir der Gedanke an die Gründung eines periodischen Blattes unter dem Titel »Der Spötter«, welches Diderot und ich abwechselnd schreiben sollte. Ich entwarf in flüchtigen Umrissen die erste Nummer, was mir die Bekanntschaft d'Alemberts verschaffte, mit dem Diderot davon gesprochen hatte. Unvorhergesehene Hindernisse durchkreuzten unsern Plan, und er blieb liegen. Diese beiden Schriftsteller hatten vor kurzem das Dictionnaire encyclopédique begonnen, welches anfangs nur eine Art Übersetzung von Chambers sein sollte, ungefähr der des Dictionnaire de Médecine von James ähnlich, welche Diderot so eben beendet hatte. Dieser wollte mich zur Betheiligung an dieser zweiten Unternehmung heranziehen und schlug mir den musikalischen Theil vor, dessen Bearbeitung ich übernahm und in den drei Monaten, die er mir wie allen übrigen Mitarbeitern bewilligt hatte, in höchster Eile und äußerst schlecht ausführte. Aber ich war der einzige, der zu der festgesetzten Zeit fertig war. Ich überreichte ihm mein Manuscript, das ich von einem Lakaien des Herrn von Francueil, einem gewissen Dupont, der sehr gut schrieb, hatte ins Reine schreiben lassen. Ich zahlte ihm dafür zehn Thaler aus meiner eigenen Tasche, die mir nie zurückerstattet sind. Diderot hatte mir seitens der Verleger eine Belohnung versprochen, von der später zwischen uns nie mehr die Rede gewesen ist. Die Herausgabe der Encyclopädie wurde durch seine Verhaftung unterbrochen. Die »Philosophischen Gedanken« hatten ihm einige Unannehmlichkeiten zugezogen, die jedoch keine Folgen hatten. Einen übleren Erfolg sollte sein »Brief über die Blinden« für ihn haben. Er enthielt nichts, was man ihm hätte zum Vorwurfe machen können, als einige persönliche Anspielungen, über welche sich Frau Dupré von Saint-Maur und Herr von Réaumur beleidigt fühlten und um deren willen er in den vincenner Gefängnisthurm gesperrt wurde. Ich bin nicht im Stande, die Angst zu schildern, die mich beim Unglücke meines Freundes befiel. Meine unselige Einbildungskraft, die alles Ueble gleich von der schlimmsten Seite erblickt, erhitzte sich. Ich sah ihn schon in lebenslänglicher Gefangenschaft. Mir schwindelte fast der Kopf. Ich schrieb an Frau von Pompadour, um sie zu beschwören, ihm die Freiheit zu verschaffen oder mich mit ihm einsperren zu lassen. Ich bekam keine Antwort auf meinen Brief; er war zu wenig vernünftig, um eine Wirkung hervorbringen zu können, und ich schmeichle mir nicht, daß er zu den Erleichterungen beigetragen habe, die man einige Zeit nachher in der Gefangenschaft des armen Diderot eintreten ließ. Wenn sie aber noch einige Zeit mit der nämlichen Strenge gewährt hätte, so würde ich, davon bin ich überzeugt, am Fuße dieses unglückseligen Thurmes vor Verzweiflung gestorben sein. Wenn mein Brief übrigens wenig Erfolg gehabt hat, so habe ich mir auf ihn auch nicht sehr viel zu Gute gethan, denn ich erwähnte seiner nur gegen sehr wenige Leute und nie gegen Diderot selber. Achtes Buch. 1749 Am Ende des vorhergehenden Buches habe ich eine Pause machen müssen. Mit diesem beginnt von ihrem ersten Anfang an die lange Reihe meiner Leiden. Da ich in zwei der glänzendsten Häuser von Paris gelebt, hatte ich trotz meines Hanges zur Zurückgezogenheit doch nicht umhin gekonnt, einige Bekanntschaften zu machen. Unter andern war ich bei Frau Dupin mit dem jungen Erbprinzen von Sachsen-Gotha und dem Baron von Thun, seinem Hofmeister, bekannt geworden. Bei Herrn De la Poplinière hatte ich Herrn Seguy, den Freund des Baron von Thun kennen gelernt, der in der literarischen Welt durch seine schöne Ausgabe Rousseau's bekannt ist. Der Baron lud uns, Herrn Seguy und mich ein, einen oder zwei Tage in Fontenay-sous-Bois, wo der Prinz ein Haus besaß, zuzubringen. Wir folgten der Einladung. Als wir auf dem Hinwege durch Vincennes kamen, fühlte ich beim Anblicke des Thurmes eine solche Herzensqual, daß sie mir der Baron am Gesichte anmerkte. Beim Abendessen sprach der Prinz von Diderots Gefangenschaft. Um mich zum Sprechen zu bringen, zieh der Baron Diderot der Unbesonnenheit; ich machte mich ihrer schuldig durch die ungestüme Art, in der ich seine Verteidigung führte. Man verzieh einem Manne, der für einen unglücklichen Freund eintritt, dieses Uebermaß von Eifer und redete von anderen Dingen. In dem Gefolge des Prinzen befanden sich noch zwei Deutsche, der eine, welcher Klüpffell hieß und viel Geist besaß, war sein Kaplan und wurde später, nachdem er den Baron verdrängt hatte, sein Hofmeister, und der andere war ein junger Mann, Namens Grimm, der ihm, bis er eine Stelle fände, als Vorleser diente. Seine äußerst dürftige Ausstattung verrieth, wie dringend er einer solchen bedurfte. Schon an diesem Abende fühlten Klüpffell und ich uns zu einander hingezogen, und wir wurden bald aufrichtige Freunde; mein Verkehr mit Herrn Grimm machte keinen so schnellen Fortschritt; er drängte sich nicht gern in den Vordergrund, und war noch weit von jenem anmaßenden Tone entfernt, den er später im Glücke anzuschlagen für gut fand. Am folgenden Tage sprach man bei der Tafel von Musik; er sprach gut darüber. Es machte mir große Freude zu hören, daß er auf dem Klaviere begleite. Nach Tische ließ man Noten bringen. Wir musicirten den ganzen Tag auf dem Klaviere des Prinzen; und so begann diese Freundschaft, die mir bei ihrem Anfange so angenehm und bei ihrem Ende so verhängnisvoll war, und von der ich von nun an noch so viel werde zu sagen haben. Bei meiner Rückkehr nach Paris vernahm ich die angenehme Nachricht, daß Diderot aus dem Thurme entlassen wäre und man ihm das Schloß und den Park von Vincennes zum Gefängnis auf Ehrenwort angewiesen hätte, zugleich mit der Erlaubnis, seine Freunde bei sich zu sehen. Wie schwer es mir fiel, nicht auf der Stelle hineilen zu können! Aber bei Frau Dupin zwei oder drei Tage durch dringend nothwendige Arbeiten zurückgehalten, flog ich nach drei oder vier Jahrhunderten der Ungeduld in die Arme meines Freundes. Unaussprechlicher Augenblick! Er war nicht allein; d'Alembert und der Schatzmeister von Saint-Chapelle waren bei ihm. Beim Eintreten gewahrte ich nur ihn; mit einem lauten Aufschrei eilte ich auf ihn zu; ich lehnte mein Gesicht gegen das seine, drückte ihn fest an mich und redete nur durch meine Thränen und mein Schluchzen zu ihm; ich erstickte fast vor Zärtlichkeit und Freude. Seine erste Bewegung, nachdem er sich meinen Armen entwunden hatte, war, sich an den Geistlichen zu wenden und zu ihm zu sagen: »Sie sehen, mein Herr, wie meine Freunde mich lieben.« Noch in voller Erregung dachte ich über diese Art, daraus Nutzen zu ziehen, damals nicht nach; aber wenn ich später bisweilen daran dachte, bin ich stets der Ansicht gewesen, daß mir an Diderots Stelle dieser Gedanke nicht zuerst gekommen wäre. Ich fand ihn von seiner Gefangenschaft sehr angegriffen. Der Thurm hatte einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht; und obgleich es ihm im Schlosse ganz gut erging und er in einem nicht einmal mit Mauern umschlossenen Parke frei spazieren gehen konnte, so hatte er doch die Gesellschaft seiner Freunde nöthig, um nicht in Trübsinn zu versinken. Da ich sicherlich am meisten Antheil an seinem Kummer nahm, so glaubte ich auch, daß ihm mein Anblick am trostreichsten sein müßte, und trotz sehr dringender Beschäftigungen ging ich deshalb spätestens jeden zweiten Tag entweder allein oder mit seiner Frau nach Vincennes, um den Nachmittag mit ihm zuzubringen. Dieses Jahr 1749 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus. Von Paris nach Vincennes rechnet man zwei Wegstunden. Nicht gut im Stande, Droschken zu bezahlen, machte ich mich, wenn ich allein war, nachmittags zwei Uhr auf den Weg und ging schnell, um früher anzukommen. Die Bäume am Wege, nach Landessitte stets ausgeästet, gaben fast keinen Schatten, und von Hitze und Müdigkeit ermattet, legte ich mich oft, wenn ich nicht weiter konnte, der Länge nach auf die Erde. Um meinen Schritt zu mäßigen, gerieth ich auf den Einfall, irgend ein Buch mitzunehmen. Eines Tages nahm ich den französischen Merkur, und ihn beim Wandern überfliegend, fiel mir die von der Akademie zu Dijon für das nächste Jahr aufgestellte Preisfrage in die Augen, »ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderben oder zur Veredelung der Sitten beigetragen hat?« Beim ersten Durchlesen dieser Worte sah ich eine andere Welt vor mir und wurde ich ein anderer Mann. Obgleich ich eine lebhafte Erinnerung an den dadurch empfangenen Eindruck habe, sind mir die Einzelheiten desselben entschwunden, seitdem ich sie in einem meiner vier Briefe an Herrn von Malesherbes niedergeschrieben habe. Es ist eine der Eigenthümlichkeiten meines Gedächtnisses, die der Erwähnung verdient. Wenn es mir dient, so geschieht es nur, so weit ich mich darauf verlasse; sobald ich dagegen das im Gedächtnis Aufbewahrte zu Papier bringe, verläßt es mich; sobald ich etwas einmal aufgeschrieben habe, erinnere ich mich seiner gar nicht mehr. Diese Eigentümlichkeit macht sich auch in der Musik bemerkbar. Ehe ich sie lernte, wußte ich eine Menge Lieder auswendig; sobald ich verstand, Melodien nach Noten zu singen, habe ich kein Lied behalten können, und ich zweifle, daß ich von denen, die mir am liebsten waren, heute auch nur eine einzige ganz hersagen könnte. Wessen ich mich bei dieser Gelegenheit noch ganz deutlich erinnere, ist, daß ich mich bei meiner Ankunft in Vincennes in einer wahnsinnartigen Aufregung befand. Diderot nahm sie wahr; ich sagte ihm die Ursache und las ihm die Prosopopoe des Fabricius vor, zu der ich den ersten Entwurf unter einer Eiche geschrieben hatte. Er spornte mich an, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, und mich um den Preis mitzubewerben. Ich that es und war von diesem Augenblicke an verloren. Mein ganzes übriges Leben mit allen meinen Leiden war die unvermeidliche Folge dieses Augenblickes der Verirrung. In seinem Briefe an Malesherbes fügt Rousseau dieser Erzählung noch weit auffallendere Umstände hinzu. Sie erregen die Vorstellung einer Eingebung und einer Anwandlung von Verzückung, von der sich, wie man behaupten kann, in den Jahrbüchern der Literatur kein ähnliches Beispiel findet. »Ich fühle meinen Kopf von einem rauschähnlichen Taumel ergriffen. Krampfhafte Zuckungen erfaßten mich... Da ich beim Gehen nicht mehr zu athmen vermag, sinke ich unter einen Baum am Wege hin und verharre dort eine halbe Stunde in einer solchen Erregung, daß ich erst beim Aufstehen bemerkte, wie die ganze Vorderseite meiner Weste von Thränen benetzt war, während ich mir gar nicht bewußt geworden, geweint zu haben.« Diesem mit so beredten Worten beschriebenen exstatischen Zustande stellt Marmontel das gegenüber, was er die Thatsache in ihrer nackten Einfachheit nennt, so wie sie ihm nach seiner Erklärung Diderot selbst mitgetheilt hat. »Eines Tages,« (es sind Diderots Worte) »als wir zusammen spazieren gingen, sagte er mir, die Akademie von Dijon hätte eine interessante Preisfrage ausgestellt, und er fühlte Lust, sich an sie zu wagen. Diese Preisfrage lautete: ...›Wofür werden Sie sich entscheiden?‹ fragte ich ihn. – »Daß sie zur Veredelung der Sitten beigetragen haben.« – »Das ist die Eselsbrücke. Alle mittelmäßige Geister werden diesen Weg einschlagen. Der entgegengesetzte bietet der Philosophie und der Beredtsamkeit ein neues, reiches und fruchtbares Feld dar.« – »Sie haben Recht,« sagte er nach augenblicklichem Ueberlegen. »Ich werde Ihren Rath befolgen.« Wäre die Anekdote wahr, so muß man gestehen, daß die Folgen für Rousseau's Namen und Werke furchtbar sein würden, da sie nichts weniger herbeiführen müßten, als seine Leser über die Grundsätze seiner Philosophie, ja selbst über seinen Charakter und über alles, was ihn vor seinen Zeitgenossen so hervorragend auszeichnet, vollkommen zu enttäuschen. Wie? Von jenem Augenblicke an sollte er sein ganzes Leben lang eine Larve getragen haben! Diese Annahme ist zu gräßlich, um nicht zu verdienen, daß man ihre Wahrscheinlichkeit ernstlich bestreitet. Meine Gefühle richteten sich mit der erstaunlichsten Schnelligkeit nach dem Schwunge meiner Gedanken. Alle meine kleinen Leidenschaften wurden von der Begeisterung für Wahrheit, Freiheit und Tugend erstickt; und noch wunderbarer ist, diese Gährung erhielt sich in meinem Herzen länger als vier oder fünf Jahre in einem so hohen Grade, wie es vielleicht in dem Herzen keines andren Menschen je vorgekommen ist. Ich arbeitete diese Abhandlung in einer höchst sonderbaren Weise aus, die ich bei meinen andern Werken fast immer beibehalten habe. Ich widmete ihr die schlaflosen Stunden meiner Nächte. Ich überlegte im Bette mit geschlossenen Augen und wendete meine Perioden im Kopfe mit unglaublicher Mühe hin und her; wenn ich dann endlich mit ihnen zufrieden war, behielt ich sie so lange im Gedächtnisse, bis ich sie aufschreiben konnte. Aber während der Zeit des Aufstehens und Anziehens verlor ich alles wieder aus dem Gedächtnisse, und wenn ich mich vor mein Papier gesetzt hatte, fiel mir von all dem so mühsam Eingeprägten fast nichts mehr ein. Ich gerieth auf den Einfall, mir Frau Le Vasseur zum Secretär zu nehmen. Ich hatte sie mit ihrer Tochter und ihrem Manne in meiner Nähe untergebracht, und um mir einen Dienstboten zu ersparen, kam sie jeden Morgen, mir Feuer anzumachen und meine kleinen häuslichen Geschäfte zu besorgen. Bei ihrer Ankunft diktirte ich ihr von meinem Bette aus meine nächtliche Arbeit, und dieses Verfahren, dem ich lange treu blieb, hat mir bei meiner Vergeßlichkeit gute Dienste geleistet. Nach Vollendung dieser Abhandlung zeigte ich sie Diderot, der mit ihr zufrieden war und mir einige Verbesserungen angab. Trotzdem mangelt es diesem schwungreichen und gewaltigen Werke völlig an Logik und Ordnung; unter allen, die aus meiner Feder geflossen sind, ist es im Folgern das schwächste und an Wohlklang und Harmonie das ärmste; aber mit welchem Talente man auch geboren sein mag, die Kunst zu schreiben lernt sich nicht auf einmal. Ich handle diese Arbeit ab, ohne mit irgend einem andern davon zu reden, wenn nicht etwa mit Grimm, mit dem ich seit seinem Eintritt bei dem Grafen von Friesen in innigster Freundschaft zu leben begann. Unser Vereinigungspunkt bildete sein Klavier, an welchem ich alle freie Augenblicke mit ihm zubrachte, um italienische Lieder und Barcarolen unermüdlich und rastlos vom Morgen bis zum Abend, oder vielmehr vom Abend bis zum Morgen zu singen; und sobald man mich nicht bei Frau Dupin fand, war man sicher mich bei Herrn Grimm oder wenigstens in seiner Gesellschaft, sei es auf dem Spaziergange oder im Theater, zu finden. Ich hörte auf, die italienische Komödie zu besuchen, zu der ich freien Eintritt hatte, die er aber nicht leiden konnte, um mit ihm für mein Geld in die französische Komödie zu gehen, für die er leidenschaftlich eingenommen war. Kurz, dieser junge Mann übte auf mich eine so mächtige Anziehungskraft aus, und ich wurde so unzertrennlich von ihm, daß selbst die arme Tante darüber vernachlässigt wurde, das heißt, daß ich sie seltener sah, denn meine Liebe zu ihr hat auch nicht einen Augenblick meines Lebens abgenommen. Diese Unmöglichkeit, die wenige Zeit, die ich frei hatte, zwischen meinen Neigungen zu theilen, erneuerte lebhafter als je den Wunsch, den ich längst hegte, mit Therese nur einen gemeinschaftlichen Haushalt zu führen; aber die Verlegenheit, die durch ihre zahlreiche Familie hervorgerufen wurde, und besonders der Mangel an Geld zum Ankauf der Möbel, hatten mich bis jetzt zurückgehalten. Die Gelegenheit zur Durchführung dieses Planes bot sich dar, und ich benutzte sie. Da Herr von Francueil und Frau Dupin sehr wohl einsahen, daß acht- bis neunhundert Franken jährlich für mich nicht ausreichen konnten, so erhöhten sie aus eigenem Antriebe mein jährliches Honorar auf fünfzig Louisd'or; ja noch mehr, als Frau Dupin vernahm, daß ich die Absicht hatte, mir eigene Möbel anzuschaffen, kam sie mir auch hierbei zu Hilfe. Wir legten nun das alles mit den Möbeln, welche Therese bereits besaß, zusammen, und nachdem wir eine kleine Wohnung im Hotel de Languedoc, in der Straße Grenelle Saint-Honoré, bei sehr guten Leuten gemiethet hatten, richteten wir uns darin, so gut wir konnten, ein und haben dort sieben Jahre lang bis zu meiner Uebersiedelung nach der Eremitage friedlich und angenehm gewohnt. Theresens Vater war ein ältlicher, gutmüthiger und sehr freundlicher Herr, der sich vor seiner Frau außerordentlich fürchtete und ihr den Spitznamen Kriminallieutenant gegeben hatte, eine Benennung, die Grimm späterhin scherzweise auf die Tochter übertrug. Der Frau Le Vasseur fehlte es nicht an Geist; sie war sogar auf ihre Bildung und ihr vornehmes Wesen stolz; aber sie hatte etwas Geheimthuerisches und Einschmeichelndes an sich, das mir unerträglich war, da sie ihrer Tochter ziemlich schlechte Rathschläge ertheilte, sie zur Verstellung gegen mich anhielt und meinen Freunden, einem jeden allein und immer auf meine und der andern Kosten, zu gefallen suchte. Im Uebrigen war sie eine ziemlich gute Mutter, da sie ihre Rechnung dabei fand, es zu sein, und verdeckte die Fehler ihrer Tochter, weil sie von ihnen Nutzen hatte. Diese Frau, die ich mit Aufmerksamkeiten, Zuvorkommenheiten und kleinen Geschenken überhäufte, und deren Liebe zu erwerben ich mir außerordentlich angelegen sein ließ, war in Folge der deutlichen Unmöglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, die einzige Ursache von Unbehaglichkeit, die ich in meiner kleinen Wirtschaft empfand. Uebrigens kann ich sagen, daß ich während dieser sechs oder sieben Jahre das vollkommenste häusliche Glück, welches die menschliche Schwäche gestattet, genossen habe. Das Herz meiner Therese war das eines Engels; unsere Neigung nahm mit der Innigkeit unserer Verbindung zu, und wir fühlten von Tage zu Tage mehr, wie sehr wir für einander geschaffen waren. Wenn unsere Freuden geschildert werden könnten, würden sie durch ihre Einfachheit Lachen erregen: unsere Spaziergänge im traulichen Zwiegespräche außerhalb der Stadt, wo ich in irgend einer Schenke großartig acht oder zehn Sous verthat; unsere kleinen Abendessen in der Fensternische, bei denen wir auf zwei kleinen Stühlen einander gegenüber saßen. Sie standen auf einem Koffer, der gerade in die Nische hineinpaßte. Das Fensterbrett mußte uns hierbei als Tisch dienen, und bei stetem Essen athmeten wir die frische Luft ein, konnten die Umgegend überschauen, die in ihr Umherwandernden sehen und, obwohl wir im vierten Stock wohnten, auf die Straße hinabblicken. Wer vermag den Reiz dieser Mahlzeiten zu schildern und zu empfinden, deren sämmtliche Gerichte aus einem Viertellaib groben Brotes, einigen Kirschen, einem Stückchen Käse und aus einem halben Schoppen Wein, den wir gemeinschaftlich tranken, bestanden? Freundschaft, Vertrauen, Innigkeit, Seelenruhe, wie lieblich sind eure Reize! Bisweilen blieben wir bis Mitternacht dort, ohne daran zu denken und auch nur zu ahnen, wie spät es wäre, wenn uns nicht die alte Mama daran erinnert hätte. Aber übergehen wir diese Einzelheiten, die zu thöricht oder lächerlich erscheinen werden; ich habe es stets gefühlt und behauptet: der wahre Genuß läßt sich nicht schildern. Ungefähr um die nämliche Zeit hatte ich einen gröberen, den letzten dieser Art, den ich mir vorzuwerfen gehabt habe. Ich habe erwähnt, daß der Prediger Klüpffell liebenswürdig war; meine Verbindung mit ihm war nicht weniger innig als die mit Grimm und nahm einen gleich vertraulichen Charakter an. Beide speisten mitunter bei mir. Diese etwas mehr als einfachen Mahlzeiten wurden durch die feinen und tollen Späße Klüpffells und die drolligen Germanismen Grimms, der noch nicht Purist geworden war, erheitert. Die sinnlichen Genüsse herrschten bei unsern kleinen Orgien nicht vor; aber die Fröhlichkeit gewährte Ersatz, und wir befanden uns zusammen so wohl, daß wir nicht mehr ohne einander sein konnten. Klüpffell hatte einem jungen Mädchen eine Wohnung ausmöblirt, das sich trotzdem Var. ... das sich trotzdem nach Uebereinkunft etc. nach wie vor jedermann hingab, da er nicht im Stande war, es allein zu unterhalten. Als wir eines Abends in ein Café traten, fanden wir ihn eben im Begriff, es zu verlassen, um mit ihr zum Abendessen zu gehen. Wir zogen ihn auf; er rächte sich artigerweise dadurch, daß er uns gleichfalls zu dem Abendessen einlud und uns darauf seinerseits aufzog. Dieses arme Wesen kam mir ziemlich gutmüthig, sehr sanft und für ihr Geschäft, zu dem sie eine Hexe, die sie bei sich hatte, nach Kräften anlernte, wenig geschaffen vor. Das Gespräch und der Wein erheiterten uns bis zu dem Grade, daß wir uns vergaßen. Der gute Klüpffell wollte den gefälligen Wirth nicht halb spielen, und wir verweilten alle drei hinter einander mit der armen Kleinen, die nicht wußte, ob sie lachen oder weinen sollte, eine Zeit lang in dem Nebenzimmer. Grimm hat stets behauptet, daß er sie nicht berührt hätte; dann kann er blos, um sich an unserer Ungeduld zu belustigen, so lange mit ihr fortgeblieben sein. Enthielt er sich ihrer wirklich, so ist es schwerlich aus Gewissensbedenken geschehen, da er vor seinem Eintritt bei dem Grafen von Friesen in demselben Stadtviertel Saint-Roche bei Mädchen wohnte. Ich schied aus der Straße Des Moineaux, in der dieses Mädchen wohnte, so beschämt, wie Saint-Preux aus dem Hause schied, in dem man ihn berauscht hatte, und ich gedachte meiner Geschichte recht lebhaft, als ich die seinige schrieb. An irgend einem Zeichen und besonders an meiner verlegenen Miene merkte Therese, daß ich mir etwas vorzuwerfen hatte; ich erleichterte mein Gewissen durch eine offene und augenblickliche Beichte. Ich that wohl daran, denn schon am folgenden Tage erschien Grimm im Triumphe, um ihr unter vielen Uebertreibungen meine Schandthat zu erzählen, und seitdem hat er nie verabsäumt, die Erinnerung daran boshafterweise immer wieder in ihr wachzurufen, was um so unverzeihlicher war, da ich, nachdem ich ihm meine Verhältnisse frei und offen bekannt hatte, mit Recht von ihm erwarten durfte, daß er mich dies nicht würde bereuen lassen. Niemals überzeugte ich mich besser von der Herzensgüte meiner Therese als bei dieser Gelegenheit, denn sie war durch Grimms Betragen mehr gekränkt als durch meine Untreue beleidigt, und sie machte mir ihrerseits nur rührende und zärtliche Vorwürfe, in denen ich nie die geringste Spur von Unwillen wahrnahm. Die Geisteseinfalt dieses ausgezeichneten Mädchens war eben so groß wie ihre Herzensgüte, damit ist alles gesagt; ein Beispiel derselben, das mir gerade einfällt, verdient jedoch erzählt zu werden. Ich hatte ihr gesagt, Klüpffell wäre Prediger und Kaplan des Prinzen von Sachsen-Gotha. Ein Prediger war für sie ein so ausgezeichneter Mann, daß sie in komischer Verwechselung der einander widerstreitendsten Begriffe sich einfallen ließ, Klüpffell für den Papst zu halten. Ich glaubte, sie wäre toll geworden, als sie mir beim Nachhausekommen zum ersten Male sagte, der Papst hätte mir einen Besuch machen wollen. Ich ließ sie sich erklären und hatte dann nichts Eiligeres, als diese Geschichte Grimm und Klüpffell zu erzählen, dem unter uns der Name Papst blieb. Dem Mädchen in der Straße Des Moineaux legten wir den Namen Päpstin Johanna bei. Wir brachen dabei in ein so heftiges Gelächter aus, daß wir fast erstickt wären. Die, welche mich in einem Briefe, den es ihnen beliebt hat, mir zuzuschreiben, haben behaupten lassen, ich hätte nur zweimal in meinem Leben gelacht, haben mich weder in jener Zeit noch in meiner Jugend gekannt, sonst hätte ihnen dieser Gedanke sicherlich nicht kommen können. 1750 – 1752 Im nächsten Jahre, 1750, als ich schon nicht mehr an meine Abhandlung dachte, erfuhr ich, daß sie in Dijon den Preis erhalten hätte. Diese Nachricht rief alle Gedanken, welche sie mir eingegeben hatten, wieder in mir wach, belebte sie mit neuer Kraft und ließ die ersten Keime von Heldenmuth und Tugend, welche mein Vater und mein Vaterland und Plutarch schon in meiner Kindheit in mein Herz gelegt hatten, üppig emporschießen. Ich fand nichts groß und schön als, über Schicksal und Menschenmeinung erhaben, frei und tugendhaft zu sein und sich selbst zu genügen. Obgleich mich falsche Scham und Furcht vor dem Gerede der Leute abhielten, sofort diesen Grundsätzen gemäß zu leben und offen mit den Sitten und Gewohnheiten meines Jahrhunderts zu brechen, hatte ich doch von jetzt an den entschiedenen Willen dazu und ich zögerte mit der Ausführung nur so lange Zeit, wie die Widersprüche gebrauchten, ihn anzutreiben und ihm zum Siege zu verhelfen. Während ich über die Pflichten des Menschen philosophirte, brachte mich ein Ereignis zum bessern Nachdenken über meine eigenen. Therese wurde zum dritten Male schwanger. Zu aufrichtig gegen mich selbst, zu stolzen Herzens, um meine Grundsätze durch meine Handlungen verläugnen zu wollen, begann ich das Loos meiner Kinder und mein Verhältnis mit ihrer Mutter nach den Gesetzen der Natur, der Gerechtigkeit, der Vernunft und jener reinen heiligen Religion zu untersuchen, die, trotzdem sie ewig wie ihr Stifter ist, die Menschen befleckt haben, während sie sich stellten, als ob sie sie reinigen wollten, und aus der sie durch ihre Glaubensformeln nur eine Wortreligion gemacht haben, da es ja wenig kostet, das Unmögliche zu befehlen, wenn man sich selbst von der Ausführung desselben entbindet. Täuschte ich mich in meinen Ergebnissen, so ist dabei nichts erstaunlicher als die Seelenruhe, mit der ich mich ihnen überließ. Wäre ich einer jener schlecht gesinnten Menschen, die taub gegen die süße Stimme der Natur sind, in deren Herzen nie ein wahres Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit erwachte, so würde eine solche Verhärtung ganz einfach sein; aber diese Herzenswärme, diese so lebhafte Menschenfreundlichkeit, diese Leichtigkeit, freundliche Verhältnisse anzuknüpfen, diese Gewalt, mit der sie mich beherrschen, diese bittre Herzenstrauer, wenn ich sie lösen muß, dieses angeborene Wohlwollen für meine Mitmenschen, diese glühende Liebe für das Große, das Wahre, das Schöne, das Rechte; dieser Abscheu vor jeglichem Schlechten, diese Unmöglichkeit zu hassen und zu schaden, ja es auch nur zu wünschen; diese gerührte Stimmung, diese lebhafte und süße Erregung, die ich beim Anblicke von allem, was tugendhaft, edelmüthig und liebenswürdig ist, empfinde: kann sich wohl dies alles in derselben Seele mit der sittlichen Verdorbenheit vertragen, welche die süßeste der Pflichten rücksichtslos mit Füßen tritt? Nein, ich bin davon überzeugt und behaupte es laut: es ist nicht möglich. Nicht einen einzigen Augenblick in seinem Leben hat Jean Jacques ein Mensch ohne Gefühl, ohne Herz, hat er ein unnatürlicher Vater sein können. Ich bin im Stande gewesen, mich zu irren, aber nicht, mich zu verhärten. Wenn ich meine Gründe sagte, würde ich damit zu viel sagen. Da sie mich zu verführen vermochten, würden sie auch viele andere verführen. Ich will junge Leute, die mich lesen könnten, nicht der Gefahr aussetzen, sich von demselben Irrthume täuschen zu lassen. Ich werde mich begnügen zu sagen, er bestand darin, daß ich, als ich meine Kinder Var. ... er bestand darin, daß ich damals mein Verhältnis mit Therese nur noch als ein anständiges und geheiligtes, wenn auch als ein freies und ungezwungenes, und meine Treue gegen sie, so lange dasselbe währte, als eine unerläßliche Pflicht betrachtete, während mir ihre Verletzung, die ich mir ein einziges Mal hatte zu Schulden kommen lassen, wie ein wirklicher Ehebruch erschien. Und was meine Kinder betrifft, so glaubte ich, als ich sie etc. (Bei der Abschrift des ursprünglichen Manuscriptes wird Rousseau eingesehen haben, daß, wenn er diese Stelle stehen ließe, seine später zu Frau von Houdetot gefaßte Liebe in den Augen der Leser doppelt strafbar erscheinen müßte. Welche Gedanken lassen sich nicht daran knüpfen?) der öffentlichen Erziehung überließ, weil ich sie nicht selbst zu erziehen vermochte, und sie lieber dazu bestimmte, Handwerker und Landleute als Abenteurer und Glücksjäger zu werden, als Bürger und Vater zu handeln glaubte und mich als ein Mitglied der Republik Platos betrachtete. Seitdem hat mir die Reue meines Herzens mehr als einmal gesagt, daß ich mich geirrt hatte, aber weit davon entfernt, daß meine Vernunft die gleiche Sprache gegen mich geführt hätte, habe ich oft den Himmel gesegnet, sie dadurch vor dem Loose ihres Vaters und vor dem bewahrt zu haben, das ihnen drohte, wenn ich später gezwungen gewesen wäre, meine Hand von ihnen abzuziehen. Hätte ich sie der Frau von Epinay oder der Frau von Luxembourg überlassen, die sich sei es aus Freundschaft, sei es aus Edelmuth oder aus irgend einem andern Grunde später ihrer haben annehmen wollen, wären sie wohl zu gesitteten und gebildeten Leuten erzogen worden? Ich weiß es nicht; aber davon bin ich überzeugt, daß man sie zum Hasse, vielleicht zum Verrathe ihrer Eltern getrieben hätte; es ist hundertmal besser, daß sie sie gar nicht gekannt haben. Mein drittes Kind wurde also eben so wie die beiden ersten dem Findelhause übergeben, und auch die beiden folgenden traf dasselbe Loos, denn ich hatte in allem fünf Kinder. Diese Maßregel kam mir so gut, so verständig, so gesetzmäßig vor, daß ich mich ihrer nur aus Rücksicht auf die Mutter nicht offen rühmte; aber ich erzählte sie allen, die um unser Verhältnis wußten; ich erzählte sie Diderot und Grimm, ich setzte später Frau von Epinay und noch später Frau von Luxembourg davon in Kenntnis, und zwar offen, frei, ganz ungezwungen, und während ich sie leicht aller Welt hätte verhehlen können, denn die Gouin war eine ehrliche und sehr verschwiegene Frau, auf die ich mich vollkommen verlassen durfte. Der einzige unter meinen Freunden, dem ich mich zu eröffnen ein gewisses Interesse hatte, war der Arzt Thierry, der meine arme Tante bei einer ihrer Entbindungen, bei der sie sehr leidend war, behandelte. Mit einem Worte, ich machte aus meiner Handlungsweise kein Hehl, nicht allein, weil ich nie verstanden habe, meinen Freunden etwas zu verbergen, sondern auch weil ich wirklich nichts Arges darin erblickte. Alles erwogen wählte ich für meine Kinder das Beste, oder doch das, was ich dafür hielt. Ich hätte gewünscht und wünschte noch, ich wäre wie sie aufgezogen und unterhalten. Während ich mich so gegen meine Freunde vertraulich aussprach, that es Frau Le Vasseur ihrerseits gleichfalls, aber in weniger uneigennütziger Absicht. Ich hatte sie und ihre Tochter bei Frau Dupin eingeführt, die ihnen aus Freundschaft für mich tausenderlei Freundlichkeiten erwies. Die Mutter theilte ihr mein geheimes Verhältnis zu ihrer Tochter mit. Frau Dupin, die gut und edelmüthig ist, und der sie nicht sagte, wie angelegen ich es mir trotz der Beschränktheit meiner Mittel sein ließ, für alle ihre Bedürfnisse zu sorgen, versorgte sie ihrerseits mit größter Freigebigkeit, was mir auf Befehl der Mutter ihre Tochter während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Paris stets verschwiegen hat. Erst in der Eremitage legte sie mir in Folge mehrerer anderer Herzensergießungen das Geständnis ab. Ich wußte nicht, daß Frau Dupin, die sich mir gegenüber nie hat etwas merken lassen, so gut unterrichtet war, und weiß noch jetzt nicht, ob Frau von Chenonceaux, ihre Schwiegertochter, es auch war; aber Frau von Francueil, ihre Stieftochter, war es und konnte nicht darüber schweigen. Im folgenden Jahre, als ich ihr Haus bereits verlassen hatte, sprach sie davon mit mir. Dies bewog mich, über diesen Gegenstand einen Brief an sie zu schreiben, den man in meinen Sammlungen finden wird, und in dem ich diejenigen meiner Gründe auseinandersetze, die ich, ohne Frau Le Vasseur und ihre Familie bloßzustellen, anführen konnte, denn die entscheidendsten rührten von dort her, und sie verschwieg ich. Auf die Verschwiegenheit der Frau Dupin und auf die Freundschaft der Frau von Chenonceaux kann ich mich verlassen; ich konnte auch auf die der Frau von Francueil rechnen, die übrigens lange vor dem Bekanntwerden meines Geheimnisses starb. Die Verbreitung desselben konnte nur von den nämlichen Leuten ausgehen, denen ich es anvertraut hatte, und sie geschah auch wirklich erst nach meinem Bruche mit ihnen. Durch diese Thatsache allein sind sie gerichtet; ohne den verdienten Tadel zurückweisen zu wollen, will ich doch lieber die Schwere desselben tragen, als unter der Last des Vorwurfes zusammensinken, den ihre Bosheit verdient. Mein Fehler ist groß, aber er ist die Folge eines Irrthums; meine Pflichten habe ich vernachlässigt, aber von dem Wunsche zu schaden ist meine Seele frei geblieben und das Vaterherz kann für Kinder, die man nie gesehen hat, nicht sehr laut sprechen; aber das Vertrauen der Freundschaft verrathen, den heiligsten aller Verträge verletzen, die uns anvertrauten Geheimnisse veröffentlichen, den Freund, den man getäuscht hat, und der uns noch achtet, wenn er sich auch von uns trennt, entehren, das sind nicht Fehler, das sind Niederträchtigkeiten und Bosheiten. Ich habe meine Bekenntnisse und nicht meine Rechtfertigung versprochen; deshalb breche ich hier über diesen Punkt ab. Meine Pflicht ist, wahr, die des Lesers, gerecht zu sein. Mehr werde ich nie von ihm verlangen. Die Vermählung des Herrn von Chenonceaux machte mir wegen des Talentes und Geistes seiner Gemahlin, einer sehr liebenswürdigen jungen Frau, die mich unter den Schreibern des Herrn Dupin auszuzeichnen schien, das Haus seiner Mutter noch angenehmer. Die junge Dame war die einzige Tochter der Frau Vicomtesse De la Rochechouart, einer großen Freundin des Grafen von Friesen und folglich auch Grimms, der eine hervorragende Stellung in seinem Hause einnahm. Gleichwohl war ich es, der ihn bei ihrer Tochter einführte; aber da ihre Charaktere nicht übereinstimmten, wurde diese Bekanntschaft nicht weiter fortgeführt, und Grimm, der es schon damals auf das Reelle abgesehen hatte, zog die Mutter, eine Frau der großen Welt, der Tochter vor, die zuverlässige Freunde verlangte, welche ihr gefielen, nicht ränkesüchtig waren und nicht um die Gunst der Großen buhlten. Da Frau Dupin in Frau von Chenonceaux nicht alle die Nachgiebigkeit fand, die sie von ihr erwartete, so machte sie derselben ihr Haus sehr freudlos und unfreundlich, und Frau von Chenonceaux, stolz auf ihre Talente und vielleicht auch auf ihre Geburt, verzichtete lieber auf die Annehmlichkeiten des geselligen Verkehrs und blieb auf ihrem Zimmer fast allein, als daß sie ein Joch trug, für das sie sich nicht geschaffen fühlte. Diese Art von Verbannung erhöhte noch meine Anhänglichkeit an sie vermöge jener natürlichen Neigung, die mich zu den Unglücklichen hinzieht. Ich fand einen metaphysischen und nachdenklichen, wenn auch mitunter ein wenig sophistischen Geist bei ihr. Ihre Unterhaltung, die keineswegs einer jungen, erst vor kurzem aus dem Kloster entlassenen Frau glich, war für mich sehr anziehend und fesselnd. Dabei zählte sie noch nicht zwanzig Jahre; ihre Haut war von einer blendenden Weiße; ihr Wuchs wäre bei besserer Haltung stattlich und schön gewesen; ihr aschfarbiges Haar von ungewöhnlicher Schönheit erinnerte mich an das meiner armen Mama in ihren guten Jahren und erregte mein Herz leidenschaftlich. Allein die strengen Grundsätze, die ich in der letzten Zeit gefaßt und um jeden Preis zu beobachten entschlossen war, schützten mich vor ihr und ihren Reizen. Ich bin einen ganzen Sommer hindurch täglich drei bis vier Stunden mit ihr allein gewesen, um sie mit großem Ernste in der Arithmetik zu unterrichten und mit meinen ewigen Zahlen zu langweilen, ohne ihr ein einziges galantes Wort zu sagen oder einen Blick zuzuwerfen. Fünf oder sechs Jahre später würde ich nicht so sittsam oder so närrisch gewesen sein; aber es war über mich verhängt, daß ich nur einmal in meinem Leben wahre Liebe fühlen und eine andere als sie die ersten und letzten Seufzer meines Herzens empfangen sollte. Seit ich bei Frau Dupin lebte, war ich mit meinem Loose beständig zufrieden gewesen, ohne einen Wunsch zu verrathen, es verbessert zu sehen. Die Zulage, die sie mir im Verein mit Herrn von Francueil gab, hatten mir beide lediglich aus eigenem Antriebe ausgesetzt. In diesem Jahre beabsichtigte Herr von Francueil, der mich täglich lieber gewann, mich in bessere und weniger unsichere Umstände zu setzen. Er war Receveur général des Finances. Herr Dudoyer, sein Kassirer, war alt, reich und wünschte sich zurückzuziehen. Herr von Francueil bot mir diese Stelle an, und um mich in den Stand zu setzen, sie auszufüllen, ging ich einige Wochen lang zu Herrn Dudoyer, die nöthigen Unterweisungen zu erhalten. Aber sei es, daß ich für diesen Beruf wenig Anlage hatte, oder daß mich Dudoyer, der sich einen andern Nachfolger zu wünschen schien, nicht ehrlich unterwies, ich erwarb mir die dazu nöthigen Kenntnisse nur langsam und unvollständig, und diese ganze absichtlich verwirrte Rechnungslegung konnte ich nie recht fassen. Allein wenn ich mit dem Rechnungswesen auch nicht vollkommen vertraut war, verstand ich doch den gewöhnlichen Geschäftsgang hinreichend, um ihn leidlich leiten zu können. Ich begann sogar die Geschäfte zu übernehmen. Ich führte die Bücher und die Kasse; ich machte und empfing Zahlungen, stellte Empfangsbescheinigungen aus und nahm sie an, und obgleich ich zu diesem Beruf eben so wenig Lust wie Talent hatte, so war ich doch entschlossen, da mich das reifere Alter klug zu machen begann, meine Abneigung zu bezwingen, um mich meinem Amte ganz hinzugeben. Als ich schon leidlich im Zuge war, machte Herr von Francueil leider eine kleine Reise, während welcher ich mit der Verwaltung seiner Kasse, in der sich jedoch damals nur fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Franken befanden, betraut blieb. Die Sorgen und die Unruhe, die mir dieses Geld bereitete, machten es mir fühlbar, daß ich zum Kassirer nicht geschaffen wäre, und ich zweifle nicht, daß das schlechte Blut, welches ich während seiner Abwesenheit bekam, namentlich zu der Krankheit beigetragen hat, in die ich nach seiner Rückkunft verfiel. In dem ersten Theile dieses Werkes habe ich erwähnt, daß ich halbtodt geboren wurde. Ein organischer Fehler der Harnblase hatte in meinen ersten Jahren eine fast beständige Harnverhaltung zur Folge, und meine Tante Suzon, die meine Pflege übernahm, hatte unglaubliche Mühe, mich am Leben zu erhalten. Gleichwohl gelang es ihr; meine kräftige Natur gewann endlich die Oberhand, und meine Gesundheit erstarkte während meiner Jugend derart, daß ich, von der abzehrungsähnlichen Krankheit, deren Verlauf ich berichtet, und von dem häufigen Drange zum Uriniren abgesehen, der mich bei der geringsten Erhitzung quälte, das Alter von dreißig Jahren erreichte, fast ohne etwas von den Nachwehen meines anfänglich schwächlichen Zustandes zu empfinden. Erst bei meiner Ankunft in Venedig fühlte ich sie wieder. Die Ermüdung von der Reise und die furchtbare Hitze, die ich ausgestanden hatte, zogen mir Harnstrenge und ein Nierenleiden zu, die ich bis Eintritt des Winters behielt. Nach meinem Besuche bei der Paduana glaubte ich, ich müßte sterben, und hatte trotzdem nicht die geringsten Beschwerden; ja, nachdem ich mehr meine Einbildung als meinen Körper für meine Zulietta erschöpft hatte, fühlte ich mich wohler als je. Erst nach Diderots Verhaftung befiel mich in Folge der Erhitzung, die ich mir auf den in der damals entsetzlichen Sonnenglut nach Vincennes unternommenen Wanderungen zugezogen hatte, ein heftiges Nierenleiden, und nie habe ich seitdem meine frühere Gesundheit wiedererlangt. In dem Zeitpunkte, von dem ich rede, wurde ich, da ich mich vielleicht bei der widerwärtigen Arbeit an dieser verwünschten Kasse ein wenig ermüdet hatte, leidender als zuvor und hütete in dem kläglichsten Zustande, den man sich vorstellen kann, fünf oder sechs Wochen das Bett. Frau Dupin schickte mir den berühmten Morand, der mir trotz seiner Geschicklichkeit und leichten Hand unglaubliche Schmerzen bereitete und es nie zu Stande brachte, mich zu sondiren. Er gab mir den Rath, mich an Daran zu wenden, dessen biegsamere Harnröhrchen sich wirklich zweckentsprechend zeigten. Als Morand indessen der Frau Dupin über meinen Zustand Bericht abstattete, erklärte er ihr, daß ich in einem halben Jahre nicht mehr am Leben sein würde. Diese Versicherung, die ich erfuhr, veranlaßte mich zu ernsten Betrachtungen über meinen Zustand wie über die Thorheit, die Ruhe und die Annehmlichkeit der wenigen Lebenstage, die mir noch vergönnt waren, dem Zwange eines Amtes zu opfern, gegen welches ich nur Widerwillen empfand. Wie reimten sich übrigens die strengen Grundsätze, die ich angenommen hatte, mit einer Stellung, die ihnen so wenig entsprach? Würde es sich wohl für mich gut ausgenommen haben, als Kassirer eines Receveur général des Finances Uneigennützigkeit und Armuth zu predigen? Diese Gedanken geriethen bei meinem fieberhaften Zustande in meinem Kopfe in eine solche Gährung, sie setzten sich darin mit solcher Gewalt fest, daß ich mich ihrer seitdem nie wieder entschlagen konnte, und während meiner Genesung bestärkte ich mich bei kaltem Blute in den Entschlüssen, die ich in meiner Fieberhitze gefaßt hatte. Ich entsagte für immer jedem Plane, mein Glück zu machen und emporzukommen. Entschlossen, die kurze Lebenszeit, die mir noch blieb, in Unabhängigkeit und Armuth zuzubringen, wandte ich alle meine Seelenkräfte darauf an, die Fesseln der öffentlichen Meinung zu brechen und das, was mir gut schien, muthig auszuführen, ohne mich irgend wie um das Urtheil der Menschen zu kümmern. Die Hindernisse, die ich zu bekämpfen hatte, und die Anstrengungen, die ich machte, sie zu überwinden, sind unglaublich. Es gelang mir, so weit es möglich war, und besser als ich selbst gehofft hatte. Hätte ich das Joch der Freundschaft eben so gut wie das der öffentlichen Meinung abgeschüttelt, so würde ich mein Vorhaben durchgesetzt haben, das größte vielleicht oder der Tugend wenigstens heilsamste, das je ein Sterblicher gefaßt hat; aber während ich die unverständigen Urtheile des großen Haufens der sogenannten Großen und der sogenannten Gelehrten mit Füßen trat, ließ ich mich wie ein Kind von sogenannten Freunden unterjochen und führen, die eifersüchtig darauf, mich stolz und allein eine neue Bahn wandeln zu sehen, sich scheinbar angelegen sein ließen, mich glücklich zu machen, während sie doch in Wahrheit nur darauf ausgingen, mich lächerlich zu machen und an meiner Demüthigung zu arbeiten begannen, um es später dahin zu bringen, mir meinen guten Namen zu rauben. Ihre Eifersucht zog mir weniger meine literarische Berühmtheit als meine persönliche Umwandlung zu, die sich in dieser Zeit, wie ich es angegeben habe, in mir vollzog. Sie würden mir vielleicht verziehen haben, in der Kunst der Schriftstellerei zu glänzen, konnten mir aber nicht verzeihen, durch mein Leben ein Beispiel zu geben, das ihnen lästig zu fallen schien. Ich war für die Freundschaft geboren; mein nachgiebiges und sanftes Gemüth unterhielt sie ohne Mühe. So lange ich der Lesewelt unbekannt lebte, wurde ich von allen, die mich kannten, geliebt und hatte nicht einen einzigen Feind; aber sobald ich mir einen Namen errang, hatte ich keine Freunde mehr. Es war ein sehr großes Unglück, ein noch größeres, von Leuten umringt zu sein, die diesen Namen annahmen und die Rechte, die er ihnen gab, nur dazu benutzten, mich ins Verderben zu stürzen. Die Fortsetzung dieser Denkwürdigkeiten wird diesen schändlichen Anschlag enthüllen; ich weise hier nur den Ursprung nach; man wird bald den ersten Knoten schürzen sehen. In der Unabhängigkeit, in der ich leben wollte, mußte ich jedoch zu leben haben. Ich verfiel auf ein sehr einfaches Mittel; dies bestand darin, Noten zu einem bestimmten Preise für die Seite abzuschreiben. Hätte irgend eine bessere Beschäftigung denselben Zweck erfüllt, würde ich sie ergriffen haben; aber da ich zu jener Lust hatte, und sie die einzige war, die mir ohne persönliche Unterordnung das Brot von einem Tage zum andern gewähren konnte, so hielt ich mich an sie. Da ich für die Zukunft nicht mehr sorgen zu brauchen glaubte und die Eitelkeit zum Schweigen brachte, verwandelte ich mich aus dem Kassirer eines Finanzmannes in einen Notenabschreiber. Ich glaubte bei dieser Wahl viel gewonnen zu haben und habe sie so wenig bereut, daß ich dieses Geschäft nur gezwungenerweise aufgegeben habe, um es, sobald ich es vermag, wieder aufzunehmen. Der Erfolg meiner ersten Abhandlung erleichterte mir die Ausführung dieses Entschlusses. Als ihr der Preis zuerkannt war, übernahm es Diderot, sie durch die Presse zu veröffentlichen. Während ich noch das Bett hüten mußte, zeigte er mir in einem Billet ihr Erscheinen und ihre Wirkung an. »Sie schwingt sich,« versicherte er mir, »über die Wolken empor; sie hat einen beispiellosen Erfolg.« Diese durch niemanden künstlich hervorgerufene Gunst des Publikums für einen noch unbekannten Schriftsteller gab mir das erste wahre Vertrauen zu meinem Talente, an dem ich trotz der innern Ueberzeugung bis dahin noch immer gezweifelt hatte. Ich begriff den ganzen Vortheil, den ich für den Entschluß, zu dessen Ausführung ich bereit war, daraus ziehen könnte, und war der Ansicht, daß es einem Copisten von einiger Berühmtheit in der literarischen Welt wahrscheinlich nicht an Arbeit fehlen würde. Sobald mein Entschluß vollkommen gefaßt und unerschütterlich war, schrieb ich ein Billet an Herrn von Francueil, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, ihm wie der Frau Dupin für alle ihre Güte zu danken und sie um ihre Kundschaft zu bitten. Da sich Francueil dieses Billet nicht zu erklären vermochte und wähnte, ich läge noch immer in Fieberhitze, kam er zu mir geeilt; aber er fand meinen Entschluß so unerschütterlich, daß es ihm nicht gelang, mich schwankend zu machen. Er machte sich auf, der Frau Dupin und aller Welt zu sagen, ich wäre verrückt geworden. Ich ließ ihn reden und verfolgte meinen Weg. Ich begann die Aenderung meiner Lebensweise mit meinem Aeußern; ich legte alle goldenen Stoffe, weiße Strümpfe und den Degen ab, trug fortan eine runde Perrücke und verkaufte meine Uhr, indem ich mir mit unglaublicher Freude sagte: »Dem Himmel sei Dank, ich brauche nicht mehr zu wissen, welche Stunde es ist!« Herr von Francueil war so artig, noch lange zu warten, ehe er über seine Kasse anderweitig verfügte. Als er sich endlich von der Festigkeit meines Entschlusses überzeugte, übergab er sie Herrn von Alibard, dem früheren Erzieher des jungen Chenonceaux. Er hat sich auf dem Gebiete der Botanik durch seine flora parisiensis bekannt gemacht. Ich zweifle nicht daran, daß dies alles von Francueil und seinen Genossen jetzt ganz anders erzählt wird; aber ich beziehe mich auf das, was er damals und noch lange nachher aller Welt bis zu dem Augenblicke gesagt hat, wo jene Verschwörung geschlossen wurde, deren sich alle vernünftige und aufrichtige Leute noch immer erinnern müssen. So streng ich auch bei der Beschränkung von jeglichem Luxus zu Werke ging, so dehnte ich sie doch anfangs nicht auf meine Wäsche aus, die schön und reichlich vorhanden war, ein Rest meiner venetianischen Ausstattung, die mir ganz besonders lieb war. Aus einem Gegenstande der Reinlichkeit hatte ich sie zu einem Gegenstande des Luxus gemacht, der für mich allerdings mit Kosten verbunden war. Aber schon hatte es jemand übernommen, mich auch von diesem Zwange zu befreien. Während sich den Abend vor Weihnachten meine gebietende Frauenwelt in der Vesper befand und ich im Oratorium war, erbrach man die Thüre eines Bodenraumes, in dem nach eben erst beendeter Wäsche unser sämmtliches Leinenzeug aufgehängt war. Man stahl alles und unter andern zweiundvierzig mir gehörende Hemden von sehr schöner Leinewand, die den besten Theil meiner Wäsche bildeten. Nach den Schilderungen der Nachbarn, die gesehen hatten, wie ein Mann mit Packeten um dieselbe Stunde das Hôtel verlassen, hatten Therese und ich ihren Bruder, der in üblem Rufe stand, in Verdacht. Die Mutter wies einen solchen Argwohn lebhaft zurück, allein so viele Anzeichen bestätigten ihn, daß wir ihn trotz ihrer Einwendungen nicht los wurden. Ich wagte nicht, genau Nachforschungen anzustellen, um nicht mehr zu entdecken, als ich gewollt hatte. Dieser Bruder ließ sich bei uns nicht wieder sehen und verschwand endlich ganz. Ich beklagte Theresens und mein eigenes Loos, einer so gemischten Familie anzugehören und ermahnte sie dringender als je, ein so gefährliches Joch abzuschütteln. Dieser Vorfall heilte mich von der Leidenschaft für schöne Wäsche, und ich habe von da an nur sehr gewöhnliche besessen, die mit meiner sonstigen Ausstattung besser übereinstimmte. Nachdem meine Umwandlung auf diese Weise vervollständigt war, sann ich nur noch darauf, sie durchgreifend und dauerhaft zu machen, indem ich mich bemühte, alles aus meinem Herzen zu reißen, was noch von dem Urtheil der Menschen abhing, alles, was mich aus Furcht vor dem Tadel von dem abwendig machen konnte, was an sich gut und vernünftig war. Bei dem Aufsehen, das mein Werk erregte, blieb auch mein Entschluß nicht ohne Aufsehen und lockte Kunden herbei, so daß ich mein Geschäft mit ziemlichem Erfolge begann. Mehrere Ursachen verhinderten mich indeß, solchen Gewinn zu erzielen, wie ich unter andern Umständen hätte erlangen können. Zunächst mein schlimmer Gesundheitszustand. Der Anfall, den ich durchgemacht, hatte Folgen, die mich nie wieder so wohl werden ließen, als ich früher gewesen, und ich glaube, daß die Aerzte, in deren Hände ich mich gab, mir eben so vielen Schaden zufügten wie meine Krankheit. Ich hatte mich hinter einander an Morand, Daran, Helvetius, Malouin und Thierry gewandt, die, alle sehr gelehrt, alle meine Freunde, mich jeder nach seiner Methode behandelten, mir keine Erleichterung verschafften und mich außerordentlich schwächten. Je mehr ich mich ihren Anordnungen überließ, desto gelber, magerer und schwächer wurde ich. Da meine Einbildungskraft, die sie erregten, meinen Zustand nach der Wirkung ihrer Mittel beurtheilte, zeigte sie mir nur eine Reihe von Leiden, ehe der Tod mich erlöste, Harnbeschwerden, Gries und Stein. Alles, was anderen Linderung gewährt, Tisanen, Bäder, Aderlaß, verschlimmerte meine Leiden. Da ich gemerkt hatte, daß mir Darans Sonden, welche allein einige Wirkung auf mich ausübten und ohne die ich nicht mehr glaubte leben zu können, doch nur eine augenblickliche Erleichterung verschafften, so begann ich mir mit großen Kosten ungeheure Vorräthe von Sonden anzufertigen, um mich ihrer, selbst wenn Daran nicht mehr da sein sollte, mein ganzes Leben lang bedienen zu können. In den acht oder zehn Jahren, in denen ich sie oft anwandte, muß ich, wenn ich den noch vorhandenen Vorrath hinzurechne, fünfzig Louisd'or für sie verausgabt haben. Man sieht ein, daß mich eine so kostbare, so schmerzliche, so beschwerliche Behandlung nicht ohne Zerstreutheit arbeiten ließ, und daß der Eifer eines Sterbenden, sich sein tägliches Brot zu verdienen, nicht überaus groß ist. Zu nicht geringerem Nachtheile gereichte es mir, daß ich durch literarische Beschäftigungen von meiner täglichen Arbeit abgelenkt wurde. Kaum war meine Abhandlung erschienen, als sich die Vertheidiger der Wissenschaften wie verabredet über mich herstürzten. Unwillig zu sehen, daß so viele kleine Herren Josse, die nicht einmal begriffen, um was es sich handelte, als Meister darüber entscheiden wollten, griff ich zu der Feder und behandelte einige derselben auf eine Weise, daß sie die Lacher nicht länger auf ihrer Seite hatten. Ein gewisser Herr Gautier aus Nancy, der erste, den ich unter das Messer nahm, wurde in einem Briefe an Grimm arg zugerichtet. Der zweite war der König Stanislaus selbst, der es nicht verschmähte, gegen mich in die Schranken zu treten. Die Ehre, die er mir anthat, zwang mich, in meiner Antwort einen andern Ton anzuschlagen. Ich nahm einen ernsteren, aber nicht weniger entschiedenen an, und ohne es an Ehrfurcht gegen den Verfasser fehlen zu lassen, widerlegte ich sein Werk in jeder Beziehung. Ich wußte, daß ein Jesuit, ein gewisser Pater Menou, dabei mitgewirkt hatte; ich verließ mich auf meinen Tact, um den Antheil des Fürsten von dem des Mönches zu unterscheiden, und während ich über alle jesuitische Redensarten schonungslos herfiel, hob ich bei dieser Gelegenheit einen Anachronismus hervor, welcher nach meiner Ansicht nur von Seiner Hochwürden herrühren konnte. Diese Schrift, welche, ich weiß nicht weshalb, weniger Aufsehen als meine übrigen erregt hat, ist noch bis jetzt in ihrer Art ein einzig dastehendes Werk. Ich ergriff darin die Gelegenheit, die sich mir darbot, öffentlich den Beweis zu liefern, wie ein einfacher Mann die Sache der Wahrheit selbst gegen einen Herrscher vertheidigen könnte. Es ist schwer, einen stolzeren und zugleich ehrfurchtsvolleren Ton anzunehmen, als den, der aus meiner ganzen Antwort herausklingt. Ich hatte es glücklicherweise mit einem Gegner zu thun, gegen den mein Herz die tiefste Achtung empfand, die ich ihm ohne Lobhudelei bezeigen konnte; dies that ich mit ziemlichem Glück, aber stets mit Würde. Meine Freunde, die meinetwegen besorgt waren, glaubten mich schon in der Bastille zu sehen. Ich theilte diese Angst keinen Augenblick und hatte Recht. Nachdem dieser gutmüthige Fürst meine Erwiderung gelesen hatte, sagte er: »Ich habe, was mir gebührt; ich werde mich nicht mehr an ihm reiben.« Seitdem empfing ich von ihm verschiedene Beweise von Achtung und Wohlwollen, von denen ich einige werde berichten müssen, und meine Schrift verbreitete sich ungestört durch Frankreich und Europa, ohne daß irgend jemand etwas Tadelnswerthes in ihr fand. Kurze Zeit nachher bekam ich einen andern Gegner, auf den ich mich nicht gefaßt gemacht hatte, den nämlichen Herrn Bordes aus Lyon, der mir zehn Jahre vorher viele Freundlichkeiten und mehrere Dienste erwiesen hatte. Ich hatte ihn nicht vergessen, aber aus Trägheit vernachlässigt, und hatte ihm meine Schriften nicht übersandt, da es mir an einer günstigen Gelegenheit fehlte, sie ihm rechtzeitig zugehen zu lassen. Ich hatte also Unrecht, und er griff mich, allerdings auf anständige Weise, an, und ich antwortete eben so. Er entgegnete in entschiedenerem Tone. Dies zwang mich zu einer neuen Erwiderung, die er unbeantwortet ließ. Aber er wurde mein glühendster Feind, wandte die Zeit meiner Unglücksfälle an, um schändliche Schmähschriften gegen mich zu verfassen, und reiste nur in der Absicht, mir dort zu schaden, nach London. Alle diese Polemik nahm mich sehr in Anspruch, so daß mir viel Zeit für meine Notenabschriften verloren ging, während die Wahrheit doch wenig gefördert wurde und meine Börse nur geringen Vortheil davon hatte. Pissot, der mein damaliger Verleger war, gab mir für meine Broschüren stets sehr wenig, oft gar nichts. Für meine erste Abhandlung bekam ich zum Beispiel nicht einen Heller; Diderot hatte sie ihm umsonst gegeben. Ich mußte immer lange warten und das Wenige, was er mir gab, groschenweise aus ihm herauspressen. Mittlerweile blieb das Abschreiben großentheils liegen. Ich hatte mich auf zwei Geschäfte gelegt, das war das richtige Mittel, sie beide schlecht zu betreiben. Auch noch in anderer Weise, durch die verschiedene Lebensart, zu der sie mich nöthigten, standen sie sich gegenseitig im Wege. Der Erfolg meiner ersten Schriften hatte mich in Mode gebracht. Der Stand, welchen ich ergriffen, reizte die Neugier; man wollte den sonderbaren Menschen kennen lernen, der niemanden aufsuchte und sein Augenmerk nur darauf gerichtet hatte, nach seiner Weise frei und glücklich zu leben; das war genügend, um es ihm unmöglich zu machen. Mein Zimmer wurde von Leuten nicht leer, die unter verschiedenen Vorwänden erschienen, um meine Zeit für sich in Anspruch zu nehmen. Die Frauen wandten tausend Kunstgriffe an, um mich als Gast bei sich zu sehen. Je beleidigender ich gegen die Leute auftrat, desto hartnäckiger wurden sie. Ich konnte mich nicht aller Welt entziehen. Während ich mir durch meine Weigerungen tausend Feinde zuzog, legte mir doch mein freundliches Entgegenkommen unaufhörlich Fesseln an, und wie ich es auch immer anstellte, hatte ich doch Tag für Tag keine freie Stunde für mich. Ich erkannte damals, daß es nicht immer so leicht ist, wie man wähnt, arm und unabhängig zu sein. Ich wollte von meinem Geschäfte leben; das Publikum gab es nicht zu. Man verfiel auf tausend kleine Mittel, mich für die Zeit, um die man mich brachte, Var. ... um die man mich brachte, zu entschädigen. Es regnete Geschenke jeglicher Art. Bald etc. etc. zu entschädigen. Bald hätte ich mich wie Polichinel öffentlich für Geld ausstellen lassen müssen. Ich kenne keine erniedrigendere und schmerzlichere Sklaverei als eine derartige. Das einzige Mittel dagegen schien mir, große wie kleine Geschenke abzulehnen und niemandem gegenüber, es mochte sein, wer es wollte, eine Ausnahme zu machen. Dies alles zog nur noch mehr Geschenkgeber herbei, die nach dem Ruhme geizten, meinen Widerstand zu überwinden und mich zu zwingen, ihnen wider meinen Willen verpflichtet zu sein. Leute, die mir, wenn ich sie darum gebeten, nicht einen Thaler gegeben hätten, hörten nicht auf, mich mit ihren Anerbietungen zu belästigen und, um sich dafür, daß sie sich abgewiesen sahen, zu rächen, nannten sie meine Ablehnung Anmaßung und Prahlerei. Man wird sich wohl denken, daß der von mir gefaßte Entschluß und der Plan, den ich befolgen wollte, nicht nach Frau Le Vasseurs Geschmack war. So uneigennützig die Tochter auch war, hielt sie das doch nicht ab, sich von ihrer Mutter leiten zu lassen; und die gebietenden Hausfrauen ( les gouverneuses ), wie Gauffecourt sie nannte, waren in der Ablehnung von Geschenken nicht immer eben so fest wie ich. Obgleich man mir vieles verhehlte, sah ich genug, um mir sagen zu können, daß ich nicht alles sah, und dies peinigte mich, weniger um deswillen, weil man mich, wie ich leicht voraussah, des Einverständnisses mit ihnen bezichtigen würde, als um der schmerzlichen Vorstellung willen, daß ich nie Herr in meinem Hause noch über mich selbst sein könnte. Ich bat, beschwor sie, wurde ärgerlich, alles umsonst; die Mama erklärte mich für einen ewigen Brummbär und Griesgram, mit meinen Freunden gab es ein beständiges Flüstern; alles in meiner Wirthschaft war für mich Dunkel und Geheimnis, und um mich nicht unaufhörlich Stürmen auszusetzen, wagte ich gar nicht mehr nach dem, was in ihr vorging, zu fragen. Um mich aus aller dieser Unruhe zu reißen, hätte ich eine Festigkeit nöthig gehabt, die mir leider abging. Ich verstand mich zu ereifern, aber nicht zu handeln; man ließ mich reden und verfolgte seinen eigenen Weg. Diese fortwährenden Beunruhigungen und täglichen Belästigungen, denen ich ausgesetzt war, machten mir endlich meine Wohnung und den Aufenthalt in Paris unerträglich. Wenn mir meine Unpäßlichkeit gestattete auszugehen, und ich mich nicht von meinen Bekannten hierhin oder dorthin mitschleppen ließ, ging ich allein spazieren; ich sann über meinen großen Plan nach und warf mit Hilfe einiger reiner Blätter Papier und eines Bleistifts, die ich stets bei mir hatte, Betrachtungen darüber auf das Papier. Daraus läßt sich erkennen, wie gerade die unvorhergesehenen Unannehmlichkeiten eines Berufes meiner eigenen Wahl mich, um ihrer überhoben zu werden, völlig zur Literatur trieben, und weshalb sich in meinen ersten Werken das Gift und die Galle zu erkennen geben, die mich zu dieser Beschäftigung drängten. Noch ein anderer Umstand trug dazu bei. Wider meinen Willen in die große Welt versetzt, ohne mit ihrem Tone vertraut zu sein, unfähig, ihn anzunehmen und mich ihm unterwerfen zu können, kam ich auf den Einfall, einen eigenen anzunehmen, der mich dessen überhob. Da meine alberne und widerwärtige Blödigkeit, die ich nicht zu überwinden vermochte, aus der Besorgnis herfloß, den Anstand zu verletzen, beschloß ich mir dadurch Muth einzuflößen, daß ich alle Schicklichkeit mit Füßen trat. Ich spielte aus Verlegenheit den Cyniker und Spötter, ich stellte mich, als ob ich die Höflichkeit, die ich nicht zu bezeigen verstand, verachtete. Dieses rauhe Wesen, welches mit meinen neuen Grundsätzen übereinstimmte, wurde allerdings in meiner Seele geadelt und nahm in ihr die Unerschrockenheit der Tugend an; und auf dieser erhabenen Grundlage hat es sich, wie ich zu behaupten wage, besser und länger erhalten, als man nach einer meiner Natur so widerstrebenden Anstrengung hätte erwarten sollen. Allein trotz des Rufes meines Menschenhasses, den mir mein Aeußeres und einige glückliche Einfälle in der großen Welt zuzogen, spielte ich doch, wie ich versichern kann, meine Rolle in Privatkreisen stets schlecht. Meine Freunde und Bekannte leiteten diesen scheuen Bären wie ein Lamm, und indem ich meine beißenden Spöttereien auf unangenehme, aber allgemeine Wahrheiten beschränkte, habe ich mich nie unterfangen, irgend jemandem auch nur ein einziges kränkendes Wort zu sagen. »Der Dorfwahrsager« brachte mich vollends in die Höhe, und bald gab es keinen gesuchteren Menschen in Paris als mich. Die Geschichte dieses Stückes, welches Epoche machte, hängt mit meinen damaligen Umgangskreisen zusammen. Zum Verständnisse des sich daran Knüpfenden muß ich auf dieses sonst unbedeutende Stück näher eingehen. Ich hatte eine ziemlich große Anzahl von Bekannten, aber nur zwei Freunde eigener Wahl, Diderot und Grimm. Ich war allzu sehr beider Freund, um nicht bei dem lebhaften Wunsche, den ich stets hege, alles, was mir theuer ist, zusammen zu führen, dahin zu trachten, daß sie es auch bald unter einander würden. Ich sorgte für ihre gegenseitige Bekanntschaft; sie gefielen sich und schlossen einen noch engeren Freundschaftsbund unter einander, als sie mit mir unterhielten. Diderot hatte zahllose Bekannte, aber Grimm, der ein Fremdling und erst vor kurzem angekommen war, hatte das Bedürfnis, Bekanntschaften zu machen. Ich verlangte nichts Besseres, als ihm solche zu verschaffen. Hatte ich ihn mit Diderot befreundet, so gewann ich ihm nun auch die Freundschaft Gauffecourts. Ich führte ihn zu Frau von Chenonceaux, zu Frau von Epinay und zu dem Baron von Holbach, mit dem ich fast wider Willen in freundschaftlichem Verkehre stand. Alle meine Freunde wurden die seinigen; das war ja ganz einfach. Aber keiner der seinigen wurde je der meinige, und das war befremdender. Während er bei dem Grafen von Friesen wohnte, lud er uns ziemlich häufig zum Mittagsessen ein, aber nie habe ich irgend ein Zeichen von Freundschaft oder Wohlwollen vom Grafen von Friesen oder vom Grafen von Schomberg, seinem Verwandten und einem sehr vertrauten Freunde Grimms, oder von irgend einer Person, sei es von Männern oder Frauen, mit denen Grimm durch jener Vermittelung verkehrte, erhalten. Ich nehme allein den Abbé Raynal aus, der, obgleich sein Freund, sich auch als einen der meinigen bewies und mir mit ungewöhnlicher Großmuth gelegentlich seine Börse anbot. Aber ich kannte den Abbé Raynal lange, ehe Grimm selbst ihn kannte, und ich war ihm, seitdem er sich mir gegenüber in einer sehr unbedeutenden Angelegenheit, die ich aber nie vergaß, auf das zarteste und ehrenwertheste benommen hatte, stets sehr zugethan gewesen. Dieser Abbé Raynal ist sicherlich ein warmer Freund. Er gab dem nämlichen Grimm, mit dem er einen sehr vertrauten Umgang unterhielt, ungefähr in derselben Zeit, von der ich rede, einen Beweis davon. Nachdem Grimm einige Zeit mit Fräulein Fel freundschaftlich verkehrt hatte, kam es ihm plötzlich in den Sinn, sich sterblich in sie zu verlieben und Cahusac ausstechen zu wollen. Da sich die Schöne auf ihre Beständigkeit etwas einbildete, wies sie den neuen Bewerber entschieden zurück. Dieser nahm es sich sehr zu Herzen und that, als ob er daran sterben müßte. Er fiel ganz plötzlich in die sonderbarste Krankheit, von der man vielleicht je hat reden hören. Er brachte die Tage und Nächte in beständiger Lethargie, mit völlig offenen Augen und regelmäßigem Pulsschlage zu, aber ohne zu sprechen, ohne zu essen, ohne sich zu rühren, scheinbar bisweilen hörend, aber niemals antwortend, nicht einmal durch Zeichen, und im Uebrigen ohne Unruhe, ohne Schmerz, ohne Fieber und daliegend, als wäre er bereits gestorben. Der Abbé Raynal und ich wachten abwechselnd bei ihm. Da der Abbé kräftiger und gesunder als ich war, brachte er bei ihm die Nächte, ich die Tage zu, so daß er nie allein war; keiner von uns ging vor Ankunft des andern. Sehr erschreckt brachte der Graf von Friesen Senac zu ihm, der nach sorgfältiger Untersuchung versicherte, es hätte nichts zu bedeuten, und nichts verordnete. In der Sorge um meinen Freund beobachtete ich die Miene des Arztes genau und bemerkte, wie er beim Herausgehen lächelte. Der Kranke blieb jedoch mehrere Tage unbeweglich, ohne Bouillon oder irgend etwas Anderes als eingemachte Kirschen zu sich zu nehmen, die ich ihm von Zeit zu Zeit auf die Zunge legte, und die er sehr gut verschluckte. Eines schönen Morgens erhob er sich, zog sich an und nahm seine gewöhnliche Lebensweise wieder auf, ohne daß er über diese eigentümliche Lethargie oder unsere Pflege während ihrer ganzen Dauer mit mir, noch auch, so viel ich weiß, mit dem Abbé Raynal oder irgend einem anderen geredet hätte. Dieser Vorfall unterließ nicht Aufsehen zu erregen, und in der That wäre es ein wunderbares Ereignis gewesen, wenn die Grausamkeit einer Opernsängerin einen Mann hätte aus Verzweiflung sterben lassen. Diese schöne Leidenschaft brachte Grimm in die Mode; bald galt er als ein Wunder von Liebe, Freundschaft und Anhänglichkeit jeglicher Art. In dieser Meinung suchte und feierte man ihn in der großen Welt und entfernte ihn dadurch von mir, der ich ihm doch nur ein Nothbehelf gewesen war. Ich sah ihn im Begriffe, mir gänzlich verloren zu gehen. Ich war darüber tief betrübt, denn alle die lebhaften Empfindungen, mit denen er sich brüstete, hegte ich für ihn, wenn ich auch weniger Aufhebens davon machte. Sein Emporkommen in der Welt machte mir Freude; aber ich hätte gewünscht, daß er seinen Freund darüber nicht vergäße. Eines Tages sagte ich zu ihm: »Grimm, Sie vernachlässigen mich; ich verzeihe es Ihnen. Wenn die erste Begeisterung der rauschenden Erfolge ihre Wirkung gehabt haben wird und Sie erst zur Einsicht kommen, wie schal sie sind, werden Sie, das hoffe ich bestimmt, zu mir zurückkehren und in mir stets den alten Freund wiederfinden. Legen Sie sich jetzt keinen Zwang auf; ich lasse Sie frei und warte auf Sie.« Er sagte zu mir, ich hätte Recht, handelte demgemäß und kümmerte sich so wenig um mich, daß ich ihn nur noch bei unsren gemeinschaftlichen Freunden sah. Ehe er mit Frau von Epinay ein so vertrautes Verhältnis angeknüpft hatte, wie es später geschah, war das Haus des Baron von Holbach unser Hauptvereinigungspunkt. Genannter Baron war der Sohn eines Emporkömmlings und im Genusse eines ziemlich großen Vermögens, das er in edler Weise verwandte, indem er Gelehrte und verdienstvolle Leute bei sich empfing, unter denen er durch sein Wissen und seine Kenntnisse eine ebenbürtige Stelle einnahm. Seit langer Zeit mit Diderot verkehrend, hatte er mich, noch ehe mein Name bekannt geworden war, durch dessen Vermittlung aufgesucht. Ein inneres Widerstreben hielt mich lange zurück, von seinem freundlichen Entgegenkommen Gebrauch zu machen. Als er mich eines Tages nach dem Grunde fragte, sagte ich zu ihm: »Sie sind zu reich.« Er blieb beharrlich und trug endlich den Sieg davon. Mein größtes Unglück bestand stets darin, Freundlichkeiten nicht widerstehen zu können; ihnen nachgegeben zu haben, hat für mich immer einen üblen Ausgang genommen. Eine andre Bekanntschaft, die in Freundschaft überging, sobald ich das Recht hatte, sie zu beanspruchen, war die mit Herrn Duclos. Ich hatte ihn auf der Chevrette bei Frau von Epinay, mit der er auf sehr gutem Fuße stand, vor mehreren Jahren zum ersten Male gesehen. Freilich speisten wir nur zusammen, denn er reiste schon an dem nämlichen Tage wieder ab; aber wir plauderten damals nach dem Mittagsessen einige Augenblicke mit einander. Frau von Epinay hatte mit ihm von mir und meiner Oper »Die galanten Musen« gesprochen. Duclos, mit zu großen Talenten begabt, um nicht auch andere talentvolle Männer zu lieben, war von mir eingenommen und hatte mich zum Besuche eingeladen. Trotz meiner alten, durch unsere Bekanntschaft noch verstärkten Zuneigung zu ihm hielten mich meine Blödigkeit und meine Trägheit so lange von ihm fern, als mich nichts Anderes als seine Freundlichkeit zum Verkehre mit ihm berechtigte. Aber von meinem ersten Erfolge und von seinen Lobsprüchen, die ich wieder erfuhr, ermuthigt, stattete ich ihm einen Besuch ab, den er erwiderte; und so begann unter uns ein freundschaftlicher Verkehr, der ihn mir stets theuer machen wird, und dem ich nächst dem Zeugnisse meines Herzens die Erfahrung verdanke, daß sich mit der Pflege der Literatur bisweilen auch Geradheit und Redlichkeit vereinigen können. Viele andere weniger feste Verbindungen, die ich hier nicht erwähnen will, waren die Folgen der ersten mir zu Theil gewordenen Anerkennung und dauerten, bis die Neugier befriedigt war. Ich war ein so schnell durchschauter Mann, daß es schon am nächsten Tage nichts Neues an mir zu entdecken gab. Eine Frau jedoch, welche mich in jener Zeit aufsuchte, trat in ein festeres Verhältnis zu mir als alle andern; es war die Frau Marquise von Créqui, Nichte des Herrn Bailli von Froulay, des Gesandten von Malta, deren Bruder der Vorgänger des Herrn von Montaigu in der Gesandtschaft zu Venedig gewesen war, und den ich bei meiner Heimkehr aus jenem Lande besucht hatte. Frau von Créqui schrieb an mich; ich ging zu ihr, und sie faßte Freundschaft für mich. Ich aß bisweilen bei ihr zu Mittag und lernte bei ihr mehrere Schriftsteller, unter andern Herrn Saurin kennen, den Verfasser des Spartacus, des Barneveldt und anderer Stücke, der seitdem mein heftigster Gegner geworden ist, ohne daß ich mir eine andere Ursache vorstellen kann, als daß ich den Namen eines Mannes führe, den sein Vater auf das abscheulichste verfolgt hat. Man ersieht daraus, daß ich für einen Abschreiber, der sich seiner Beschäftigung von früh bis spät hingeben sollte, viele Zerstreuungen hatte, die mir meine Tagearbeit nicht einträglicher machten, und mich verhinderten, darauf Acht zu geben, daß ich, was ich machte, auch gut machte. Außerdem verlor ich mit dem Ausradiren meiner Fehler oder mit einer ganz neuen Abschrift mehr als die Hälfte der Zeit, die man mir ließ. Diese Unannehmlichkeit machte mir Paris von Tage zu Tage unerträglicher und erfüllte mich mit Sehnsucht nach dem Landleben. Ich verlebte mehrmals mit den Meinigen einige Tage in Marcoussis, mit dessen Vikar Frau Le Vasseur bekannt war, und bei dem wir uns alle der Art einrichteten, daß er dabei nicht zu kurz kam. Einmal begleitete uns Grimm dorthin. Da ich verabsäumt habe, hier ein kleines aber merkwürdiges Ereignis zu erzählen, das ich eines Morgens, als wir uns auf dem Wege nach der Quelle von Saint-Vandrille befanden, wo wir gemeinschaftlich das Mittagsmahl einnehmen wollten, mit dem erwähnten Grimm erlebte, so will ich nicht darauf zurückkommen; aber ich habe daraus später, so oft ich daran zurückdachte, geschlossen, daß er schon damals im Grunde seines Herzens über der Verschwörung brütete, die er darauf mit so wunderbarem Erfolge zur Ausführung brachte. Der Vikar hatte Stimme, sang gut und lernte, obgleich er sich nicht auf Musik verstand, seine Partie doch mit großer Leichtigkeit und Genauigkeit. Wir brachten die Zeit mit dem Gesange meiner Terzette von Chenonceaux hin. Ich componirte noch zwei oder drei neue zu Versen, die Grimm und der Vikar wohl oder übel zusammen geschmiedet hatten. Ich kann mich nicht enthalten, mir diese in Augenblicken reiner Freude gesetzten und gesungenen Terzette, die ich mit allen meinen Musikalien in Vootton ließ, zurückzuwünschen. Fräulein Davenport hat vielleicht schon Haarwickel daraus gemacht; aber sie verdienten aufbewahrt zu werden, denn sie sind größtenteils von einem sehr gutem Contrapunkte. Nach einer dieser kleinen Reisen, auf der ich das Vergnügen gehabt, Tantchen in äußerstem Wohlsein und größter Heiterkeit zu sehen, und auf der ich mich ebenfalls sehr ergötzt hatte, schrieb ich an den Vikar eine sehr schnell hingeworfene und dafür auch gar schlecht ausgefallene Epistel in Versen, welche man unter meinen Papieren finden wird. In noch größerer Nähe bei Paris hatte ich einen andern, mir sehr angenehmen Verkehrsort bei meinem Landsmanne, Verwandten und Freunde Mussard, der sich in Passy ein reizendes Landhaus erbaut, in dem ich recht friedvolle Augenblicke verlebt habe. Mussard, ein Juwelier, war ein Mann von klarem Verstande, der, nachdem er in seinem Geschäfte ein anständiges Vermögen erworben und seine einzige Tochter mit Herrn von Valmalette, dem Haushofmeister des Königs und Sohne eines Wechselsensals, vermählt hatte, den klugen Entschluß faßte, auf seine alten Tage Handel und Geschäfte aufzugeben und zwischen dem unruhigen Treiben des Lebens und dem Tode noch eine Zeit der Ruhe und des Genusses zuzubringen. Der wackere Mussard, ein wahrer praktischer Philosoph, lebte frei von Sorgen in einem sehr geschmackvollen Hause, das er sich selbst erbaut, und in einem allerliebsten Garten, den er mit eigenen Händen angelegt hatte. Beim gründlichen Umgraben der Terrassen dieses Gartens fand er fossiles Muschelwerk, und zwar in so bedeutender Menge, daß seine erregte Einbildungskraft in der Natur nur noch Muscheln sah und er endlich im Ernste überzeugt war, das Weltall wäre nur Muschelwerk, zerbröckelte Muscheln, und die ganze Erde nichts als Muschelsand. Beständig von diesem Gegenstande und seinen seltsamen Entdeckungen erfüllt, erhitzte er sich an diesen Vorstellungen in so hohem Grade, daß sie endlich in seinem Kopfe zu einem festen System, das heißt zur Tollheit übergegangen wären, wenn nicht zum großen Glücke für seine Vernunft, aber zum großen Unglücke für seine Freunde, die ihn lieb hatten und bei ihm den angenehmsten Verkehrsort fanden, der Tod gekommen wäre, um ihn ihnen durch die sonderbarste und schmerzlichste Krankheit zu rauben. Es entwickelte sich bei ihm eine Geschwulst im Magen, die ihn bei ihrer steten Zunahme am Essen hinderte, ohne daß man längere Zeit hindurch die Ursache entdeckte, und ihn endlich nach mehrjährigen Leiden den Hungertod sterben ließ. Ich kann nicht ohne bitteren Kummer an die letzten Lebensstunden dieses armen und würdigen Mannes zurückdenken, der, wenn er uns, Lenieps und mich, die einzigen Freunde, welche der Anblick seiner Leiden bis zu seiner letzten Stunde nicht von ihm fern zu halten vermochte, mit immer gleicher Freude empfing, an dem Mahle, das er uns vorsetzen ließ, nur noch mit den Augen theilnehmen und höchstens einige Tropfen eines sehr leichten Thees herunterbringen konnte, die er einen Augenblick später wieder von sich geben mußte. Allein wie viel angenehme Stunden habe ich vor dieser Schmerzenszeit mit den ausgewählten Freunden, die er sich erworben, bei ihm zugebracht! Der vorzüglichste war in meinen Augen der Abbé Prevost, ein sehr liebenswürdiger und einfacher Mann, dessen Herz seinen der Unsterblichkeit würdigen Schriften Leben verlieh, während er doch in seinem Wesen und im Umgange nichts von dem düsteren Colorit zeigte, das er seinen Werken aufprägte; dann der Arzt Procope, ein kleiner Aesop, der bei den Frauen viel Glück hatte; ferner Boulanger, der berühmte Verfasser des hinterlassenen Werkes »Der orientalische Despotismus«, der sich, wie ich glaube, gleichzeitig die Verbreitung des Mussardschen Systems über die Dauer der Welt angelegen sein ließ. Von Frauen seien erwähnt die Frau Denis, Voltaire's Nichte, welche wegen ihrer damals hervortretenden Herzensgüte noch nicht den Schöngeist spielte; Frau Banloo, wahrlich nicht schön, aber reizend und von einer wahren Engelsstimme; Frau von Valmalette selber, die ebenfalls sang und trotz ihrer Magerkeit sehr liebenswürdig gewesen wäre, hätte sie weniger Anspruch darauf gemacht. So war ungefähr Herrn Mussards Gesellschaftskreis, der mir ziemlich zugesagt haben würde, wenn mir nicht das Alleinbleiben mit ihm trotz seiner Muschelwuth noch lieber gewesen wäre, und ich kann wohl sagen, daß ich in seinem Studirzimmer länger als sechs Monate mit eben so großem Vergnügen wie er selbst gearbeitet habe. Schon lange vorher hatte er behauptet, das Wasser von Passy würde mir für meinen Zustand heilsam sein, und mich aufgefordert, es bei ihm zu trinken. Um mich auf einige Zeit dem Gewühl der Großstadt zu entreißen, gab ich endlich nach und verweilte acht oder zehn Tage zu Passy, die mir mehr um des ländlichen Aufenthalts willen wohl thaten, als um des Wassers willen, das ich trank. Mussard spielte Violoncell und liebte italienische Musik leidenschaftlich. Eines Abends sprachen wir, ehe wir schlafen gingen, viel von ihr und namentlich von der komischen Oper, die wir beide in Italien gesehen hatten und für die wir beide schwärmten. Da ich die Nacht nicht schlafen konnte, dachte ich darüber nach, wie man es anfangen müßte, um in Frankreich die Vorstellung eines Dramas dieser Art zu erwecken, denn »Ragondens Liebschaften« hatten damit keine Aehnlichkeit. Als ich am Morgen spazieren ging und Brunnen trank, warf ich in aller Eile einige Arten von Versen hin und paßte sie den Melodien an, die mir beim Niederschreiben einfielen. Ich schmierte das alles in einer Art gewölbten Salons nieder, der oben im Garten gelegen war, und beim Thee konnte ich nicht umhin, diese musikalischen Partien Mussard und Fräulein Duvernois, seiner Haushälterin, die in Wahrheit ein sehr gutes und liebenswürdiges Mädchen war, zu zeigen. Die drei Stücke, die ich flüchtig ausgeführt hatte, waren der erste Monolog: »Meinen Diener find ich nirgends«; die Arie des Wahrsagers: »Liebe wächst, befällt sie Furcht«, und das letzte Duett: »Ach, auf ewig heiß' ich mein dich«. Ich bildete mir so wenig ein, daß es sich der Mühe lohnen würde, die Skizze zu vollenden, daß ich ohne Beider Beifall und Ermuthigung meine paar Stückchen Papier ins Feuer geworfen und nicht mehr an sie gedacht hätte, wie ich es schon so oft mit wenigstens eben so guten Sachen gemacht; allein sie wirkten so ermunternd auf mich ein, daß bis auf wenige Verse in sechs Tagen mein Drama geschrieben und die ganze Musik dazu skizzirt war, so daß mir in Paris nur noch einige Recitative und die Nebenrollen übrig blieben. Ich vollendete das Ganze in solcher Geschwindigkeit, daß in drei Wochen meine sämmtlichen Auftritte ins Reine geschrieben und zur Darstellung bereit waren. Es fehlte nur die Balleteinlage, die erst lange nachher gemacht wurde. 1752 Von der Composition dieses Werkes entflammt, hatte ich ein großes Verlangen, es zu hören, und ich würde alles in der Welt darum gegeben haben, es nu r für mich bei verschlossenen Thüren aufführen zu sehen, wie Lulli dem Gerede nach einmal die Armide für sich allein spielen ließ. Da ich dieses Vergnügen nur mit dem Publikum zusammen haben konnte, war es durchaus nöthig, die Annahme meines Stückes bei der Oper durchzusetzen, wenn ich mich daran erfreuen wollte. Leider war es von einer ganz neuen, den Ohren noch völlig ungewohnten Art, und überdies ließ mich der üble Erfolg der »Galanten Musen« den gleichen für den »Wahrsager« voraussehen, falls ich ihn unter meinem eigenen Namen einreichte. Duclos zog mich aus der Verlegenheit, indem er es übernahm, das Werk ohne Angabe des Verfassers zur Probe aufführen zu lassen. Um mich nicht zu verrathen, wohnte ich dieser Probe nicht bei, und die kleinen Violinisten, So nannte man nämlich Rebet und Francœur, die sich schon in ihrer Jugend dadurch einen Namen gemacht hatten, daß sie in den Häusern stets zusammen geigten. welche sie leiteten, erfuhren den Verfasser und Componisten selbst erst, nachdem dem Werke ein allgemeiner Beifall zu Theil geworden war. Alle Zuhörer waren davon bis zu dem Grade entzückt, daß man schon am nächsten Tage in allen Gesellschaften von nichts Anderem sprach. Herr von Cury, der Intendant der Hoflustbarkeiten, der bei der Probe zugegen gewesen war, verlangte das Werk, um es bei Hofe zur Aufführung zu bringen. Duclos, der meine Absichten kannte, schlug es ihm ab, da er dachte, daß ich bei Hofe weniger Herr über meine Arbeit sein würde, als in Paris. Cury verlangte es kraft seines Amtes; Duclos gab nicht nach, und der Streit wurde unter ihnen so lebhaft, daß es eines Tages zwischen ihnen während der Oper beinahe zum Zweikampfe gekommen wäre, wenn man sie nicht getrennt hätte. Man wollte sich an mich wenden; ich legte die Entscheidung wiederum in die Hände des Herrn Duclos. Man mußte sich also abermals an ihn wenden. Der Herr Herzog von Aumont mischte sich hinein. Duclos meinte schließlich der Gewalt nachgeben zu müssen, und das Stück wurde überlassen, um in Fontainebleau gespielt zu werden. Das, woran mir am meisten gelegen war und worin ich mich am weitesten vom gewöhnlichen Wege entfernte, war das Recitativ. Das meinige war auf ganz neue Weise durch die Betonung hervorgehoben und stimmte mit dem Vortrage der Worte überein. Man wagte nicht, diese entsetzliche Neuerung zu dulden; man befürchtete, sie möchte die Schafsohren empören. Ich genehmigte, daß Francueil und Jelyotte ein anderes Recitativ machten, wollte mich aber damit selbst nicht befassen. Als alles bereit und der Tag der Aufführung festgesetzt war, schlug man mir die Reise nach Fontainebleau vor, um wenigstens der Generalprobe beizuwohnen. Ich fuhr mit Fräulein Fel, Grimm und. wie ich glaube, auch mit dem Abbé Raynal, in einem Hofwagen hin. Die Probe hatte leidlichen Erfolg; ich war damit zufriedener, als ich erwartet hatte. Das zahlreiche Orchester war aus dem der Oper und der königlichen Kapelle gebildet. Jelyotte spielte Colin, Fräulein Fel Colette, Curilier den Wahrsager; die Chöre waren die der Oper. Ich sagte wenig; Jelyotte hatte alles geleitet; ich wollte seine Anordnungen nicht bekritteln, und trotz meiner angenommenen Verschlossenheit war ich inmitten aller dieser Leute verlegen wie ein Schüler. Am folgenden Tage, an dem der Aufführung, nahm ich im Café du Grand Commun das Frühstück ein. Es hatten sich daselbst viele Menschen zusammengefunden. Man sprach von der gestrigen Probe und der Schwierigkeit, mit der man Zutritt dazu erhielt. Ein anwesender Officier sagte, er wäre ohne Mühe hineingekommen, erzählte weitläuftig alle einzelnen Vorgänge daselbst, schilderte den Componisten und berichtete, was er gethan und gesagt hätte. Was mich aber bei dieser ziemlich langen, mit eben so großer Sicherheit wie Einfachheit vorgetragenen Erzählung Wunder nahm, war der Umstand, daß sich darin auch nicht ein einziges wahres Wort fand. Mir war es eine ausgemachte Sache, daß dieser Mann, der so umständlich von der Probe sprach, gar nicht darin gewesen war, da er den Componisten, den er genau gesehen zu haben behauptete, vor Augen hatte, ohne ihn zu erkennen. Am eigenthümlichsten war bei diesem Auftritte die Wirkung, die er auf mich ausübte. Dieser Mann war von einem gewissen Alter und hatte weder die Miene noch den Ton eines eitlen Gecken; sein Gesicht verrieth Geist und sein Sanct-Ludwigskreuz ließ auf einen alten Officier schließen. Trotz seiner Unverschämtheit und wider meinen Willen erregte er mein Interesse. Während er seine Lügen zum Besten gab, erröthete ich, schlug die Augen nieder, saß wie auf Kohlen; ich fragte mich bisweilen selbst, ob er sich nicht irren und im guten Glauben handeln könnte. Zitternd vor Besorgnis, es möchte mich jemand wieder erkennen und ihn dadurch beschämen, trank ich, ohne etwas zu sagen, meine Chocolade eiligst aus, und mit gesenktem Haupte an ihm vorbeigehend, schritt ich so schnell wie möglich hinaus, während sich die Anwesenden über seine Mittheilungen unterhielten. Auf der Straße bemerkte ich, daß ich schwitzte, und ich bin überzeugt, hätte mich jemand vor meinem Hinauseilen erkannt und genannt, so würde man an mir die Scham und Verlegenheit eines Schuldigen wahrgenommen haben, lediglich in dem Gefühle der Demüthigung, die dieser arme Mann bei der Entdeckung seiner Lüge hätte empfinden müssen. Da bin ich denn vor einem der kritischen Augenblicke meines Lebens angelangt, wo eine ausführliche Erzählung schwer fällt, weil es fast unmöglich ist, daß nicht der Bericht selbst das Gepräge der Anklage oder der Verteidigung trage. Trotzdem werde ich versuchen darzulegen, wie und auf welche Beweggründe gestützt ich mich hierbei verhielt, ohne weder Lob noch Tadel hinzuzufügen. Ich erschien an diesem Tage in meinem Aeußern eben so nachlässig wie gewöhnlich, hatte mich nicht rasirt und trug eine ziemlich schlecht gekämmte Perrücke. Diesen Mangel an Anstand als eine muthige That ansehend, trat ich in einem solchen Aufzuge in den nämlichen Saal, in welchem sich ein wenig später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge des Herrn von Cury nieder, in welche er mich selbst führte; es war eine große Prosceniumsloge gerade der kleinen etwas höher gelegenen gegenüber, in der der König mit Frau von Pompadour Platz nahm. Von Damen umringt und der einzige Mann in dem Vordergrunde der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich absichtlich dorthin gesetzt hatte, um jedermann sichtbar zu sein. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter inmitten aller dieser Leute in glänzender Galatracht in meinem Aufzuge erblickte, begann es mir unbehaglich zu Muthe zu werden. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze wäre, ob sich mein Aeußeres für ihn schickte, und antwortete mir nach einigen Minuten innerer Unruhe, ja, und zwar mit einer Dreistigkeit, die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Gewalt meiner Gründe herrührte. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, weil ich mein Stück spielen sehe, weil ich dazu eingeladen bin, weil ich es lediglich zu dem Zweck verfaßt habe, und weil doch wohl niemand ein größeres Recht besitzt, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen als ich selbst. Die Kleidung, die ich trage, ist meine gewöhnliche, weder eine bessere noch eine schlechtere; fange ich wieder an, mich in irgend einem Stücke nach der herrschenden Meinung zu richten, so würde ich mich von ihr bald von neuem in allem geknechtet sehen. Um stets ich selbst zu sein, darf ich, wo ich mich auch immer befinden mag, nie über die meinem erwählten Stande angemessene Tracht erröthen; mein Aeußeres ist einfach und nachlässig, aber nicht schmutzig oder unsauber; auch der Bart ist es an sich nicht, weil die Natur ihn uns giebt und er je nach Zeit und Mode bisweilen sogar als Zierde gilt. Man wird mich lächerlich, ungezogen finden; ei, was thut das! Ich muß Spott und Tadel erdulden lernen, wenn er nur nicht verdient ist. Nach diesem kurzen Selbstgespräche gewann ich wieder so viel Fassung, daß ich, wenn es nöthig gewesen wäre, allem Trotz geboten hätte. Aber sei es die Wirkung der Gegenwart des Herrschers, sei es die natürliche Stimmung der Gemüther, ich nahm in der Neugier, deren Gegenstand ich bildete, nur Artigkeit und Höflichkeit wahr. Ich wurde dergestalt davon gerührt, daß ich wieder über mich selbst und das Schicksal meines Stückes unruhig zu werden begann, da ich besorgte, daß ich so günstige Vorurtheile, die nur darauf auszugehen schienen, mir Beifall zu spenden, zerstören könnte. Gegen ihren Spott war ich gewaffnet, aber ihr verbindliches Entgegenkommen, auf das ich nicht gerechnet hatte, überwältigte mich so, daß ich, als man begann, wie ein Kind zitterte. Bald sollte ich jedoch Grund erhalten, mich zu beruhigen. Was die Schauspieler anlangt, wurde das Stück zwar sehr schlecht gespielt, dafür aber der musikalische Theil vortrefflich gesungen und ausgeführt. Schon beim ersten Auftritte, der in der That von einer rührenden Natürlichkeit und Anmuth ist, vernahm ich, wie sich ein bei derartigen Stücken bisher unerhörtes Gemurmel der Ueberraschung und des Beifalls in den Logen erhob. Die zunehmende Aufregung stieg bald zu einem solchen Grade, daß sie in der ganzen Versammlung wahrnehmbar war, und, um mit Montesquieu zu reden, ihre Wirkung durch ihre Wirkung selbst steigerte. Bei der Scene der beiden braven kleinen Leute erreichte diese Wirkung ihren Höhepunkt. In Gegenwart des Königs wird nicht geklatscht; um so deutlicher kam alles zu Gehör; das Stück wie der Verfasser gewannen dabei. Ich vernahm rings um mich her ein Geflüster von Frauen, die mir schön wie Engel vorkamen und sich halblaut zuriefen: »Das ist reizend, das ist entzückend; jeder Ton spricht zum Herzen.« Die Freude, so viele liebenswürdige Personen zu rühren, rührte mich selbst bis zu Thränen, und beim ersten Duett vermochte ich sie nicht zurückzuhalten, als ich sah, daß sie mir nicht allein die Augen füllten. Ich versenkte mich einen Augenblick in die Vergangenheit, indem ich jenes Concertes bei Herrn von Treitorens gedachte. Diese Rückerinnerung wirkte auf mich ähnlich wie der Sklave, der die Krone über dem Haupte der Triumphatoren hält, auf diese; aber sie währte kurz, und ich überließ mich der Lust, meinen Ruhm zu genießen, bald voll und rückhaltslos. Trotzdem bin ich überzeugt, daß hierbei in diesem Augenblicke mehr das geschlechtliche Verlangen im Spiele war als die Autoreitelkeit, und wären nur Männer zugegen gewesen, würde ich gewiß nicht von der Begierde, die mich unaufhörlich quälte, verzehrt worden sein, die köstlichen Thränen, die ich fließen machte, mit meinen Lippen aufzusaugen. Ich habe Stücke lebhaftere Bewunderung erregen, aber nie eine so vollständige, so süße, so rührende Trunkenheit in einem ganzen Theater herrschen sehen und noch dazu am Hofe, am Tage einer ersten Vorstellung. Die Zuschauer derselben müssen sich ihrer noch erinnern, denn der Erfolg war einzig. Noch an demselben Abende ließ mich der Herr Herzog von Aumont auffordern, mich am nächsten Morgen um elf Uhr im Schlosse einzufinden, da er mich dem Könige vorstellen sollte. Herr von Cury, der diesen Auftrag an mich ausrichtete, fügte hinzu, daß es sich angeblich um eine Pension handelte, deren Verleihung mir der König selbst ankündigen wollte. Wird man glauben, daß die Nacht, welche auf einen so glänzenden Tag folgte, für mich eine Nacht voller Angst und Unschlüssigkeit war? Nächst dem Gedanken an diese Vorstellung beschäftigte mich der Gedanke an ein häufig wiederkehrendes Bedürfnis, das mich an demselben Abend in peinigender Weise zum öftern Verlassen des Schauspielhauses genöthigt hatte und mich auch am nächsten Morgen quälen konnte, wenn ich mich inmitten aller dieser Großen, die auf das Vorüberschreiten seiner Majestät warteten, in der Galerie oder in den Gemächern des Königs befand. Diese Krankheit war der Hauptgrund, der mich von Gesellschaften fern hielt und mir ein längeres Zusammensein mit Frauen unmöglich machte. Der blose Gedanke an die Lage, in welche mich dieses Bedürfnis versetzen konnte, ließ es mich in einem Grade empfinden, daß ich auf das schmerzlichste darunter litt, wollte ich nicht ein Aufsehen erregen, dem ich den Tod vorgezogen hätte. Nur Leute, die diesen Zustand kennen, sind im Stande, sich die Angst auszumalen, von demselben befallen zu werden. Dann erblickte ich mich im Geiste vor dem Könige, wie ich seiner Majestät vorgestellt wurde, die anzuhalten und das Wort an mich zu richten geruhte. Da kam es auf Schlagfertigkeit im Antworten und Geistesgegenwart an. Würde meine verwünschte Blödigkeit, die mich vor dem geringsten Unbekannten in Verlegenheit bringt, vor dem Könige von Frankreich von mir gewichen sein oder mir gestattet haben, augenblicklich die richtige Antwort zu finden? Ich beabsichtigte, ohne den einmal angenommenen strengen Ernst in Miene und Ton aufzugeben, mich doch für die Ehre, die mir ein so großer Monarch anthat, dankbar zu zeigen. Ich mußte irgend eine große und nützliche Wahrheit in ein angenehm klingendes und verdientes Lob einhüllen. Um im voraus eine glückliche Antwort bereit zu halten, wäre es nöthig gewesen, das, was er mir sagen konnte, genau vorauszusehen; und ich war trotzdem überzeugt, daß mir selbst dann in seiner Gegenwart nicht ein einziges Wort von dem, was ich überlegt, wieder einfallen würde. Was hätte in diesem Augenblicke aus mir werden sollen, wenn ich unter den Augen des ganzen Hofes in meiner Verlegenheit mit einer meiner gewöhnlichen Dummheiten herausgeplatzt wäre? Diese Gefahr beunruhigte und entsetzte mich, ja erfüllte mich mit solcher Angst, daß ich mich dadurch bewegen ließ, mich ihr, koste es, was es wolle, nicht auszusetzen. Allerdings verlor ich dann die Pension, die mir gewissermaßen in Aussicht gestellt war: allein ich entzog mich auch dem Joche, welches sie mir auferlegt hätte. Vorbei wäre es dann gewesen mit Wahrheit, Freiheit, Muth. Wie hätte ich dann noch die Dreistigkeit haben können, von Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit zu reden? Nach Annahme der Pension durfte ich nur schmeicheln oder schweigen. Wer leistete mir über dies Bürgschaft, daß sie mir ausgezahlt werden würde? Wie viel Laufereien hätte ich gehabt, bei wie viel Leuten als Bittsteller erscheinen müssen. Es hätte mir größere und unangenehmere Sorgen bereitet, sie mir zu sichern, als sie zu entbehren. Es erschien mir deshalb der Verzicht auf sie als das folgerichtige Ergebnis meiner Grundsätze, und ich glaubte dabei nur den Schein der Wirklichkeit zu opfern. Grimm, den ich von meinem Entschluß in Kenntnis setzte, hatte nichts gegen ihn einzuwenden. Den Andern gegenüber berief ich mich auf meinen Gesundheitszustand und reiste noch denselben Morgen ab. Meine Abreise erregte Aufsehen und wurde allgemein getadelt. Nicht jeder konnte für meine Gründe Verständnis haben; mich eines albernen Stolzes zeihen war leichter und befriedigte besser die Eifersucht eines jeden, der sich dessen bewußt war, daß er nicht eben so gehandelt hätte. Am nächsten Morgen schrieb mir Jelyotte ein Billet, in dem er mir den Erfolg meines Stückes und das Entzücken des Königs über dasselbe lebhaft betheuerte. Den ganzen Tag, hieß es darin unter anderen, hört Seine Majestät nicht auf mit der falschesten Stimme in seinem Königreiche zu singen: »Meinen Diener find' ich nirgends, all mein Glück ist mir geraubt«. Er fügte hinzu, daß der »Wahrsager« in vierzehn Tagen zum zweiten Male aufgeführt werden sollte, wobei sich das ganze Publikum von dem vollen Erfolge der ersten Vorstellung würde überführen können. Als ich mich zwei Tage später abends gegen neun Uhr zu Frau von Epinay begab, bei der ich zu Nacht speisen wollte, kreuzte unmittelbar vor ihrer Hausthür ein Fiaker meinen Weg. Der darin sitzende Fahrgast winkte mir zu ihm hineinzusteigen; ich stieg ein; es war Diderot. Er redete mit mir von der Pension mit einem Feuer, das ich in Betreff eines solchen Gegenstandes von einem Philosophen nicht erwartet hätte. Er legte es mir nicht als Verbrechen aus, daß ich dem Könige nicht hatte vorgestellt werden wollen, erblickte aber ein ganz erschreckliches in meiner Gleichgiltigkeit gegen die Pension. Er erklärte mir, daß, wenn ich auch für meine Person uneigennützig wäre, ich es doch im Hinblick auf Frau Le Vasseur und ihre Tochter nicht sein dürfte; daß ich ihnen schuldig wäre, kein ehrliches Mittel zu ihrem Unterhalte unbenutzt zu lassen, und da man nach allem nicht behaupten könnte, ich hätte die Pension abgelehnt, so beharrte er dabei, daß ich bei der offenbaren Geneigtheit, sie mir zu bewilligen, mich um sie bewerben und sie um jeden Preis zu erlangen suchen müßte. Obgleich ich von seinem Eifer gerührt wurde, konnte ich seinen Grundsätzen doch nicht beistimmen, und wir hatten hierüber einen sehr lebhaften Streit, den ersten, den ich mit ihm hatte. Alle unsere späteren Zwistigkeiten entstanden übrigens auf dieselbe Weise, indem er mir vorschreiben wollte, was ich seiner Ansicht nach thun müßte, während ich mich dagegen verwahrte, weil ich es nicht thun zu müssen glaubte. Es war spät, als wir von einander schieden. Ich wollte ihn zu Frau von Epinay mitnehmen, um dort zu speisen, doch weigerte er sich. Welche Mühe ich mir auch in dem Verlangen, alle, welche ich liebe, zu Freunden zu machen, in verschiedenen Zeiten gegeben habe, um Diderot zu einem Besuche bei jener Dame zu bewegen, wobei ich sie sogar bis vor seine Thüre führte, die er uns aber verschlossen hielt: er hat es stets abgelehnt und nur in den verächtlichsten Ausdrücken von ihr gesprochen. Erst nach meinem Bruche mit ihr und ihm traten sie einander näher, und er begann mit Ehrfurcht von ihr zu reden. Seit jener Zeit schienen es sich Diderot und Grimm zur Aufgabe zu machen, mir Therese und ihre Mutter zu entfremden, indem sie ihnen zu verstehen gaben, daß es, wenn sie nicht in angenehmeren Verhältnissen lebten, lediglich in meinem üblen Willen läge, und daß sie von mir nie etwas zu hoffen hätten. Sie suchten sie zu veranlassen, sich von mir zu trennen, indem sie ihnen unter Hinweis auf den Einfluß der Frau von Epinay einen Salzverschleiß, einen Tabakladen und ich weiß nicht was sonst noch versprachen. Sie wollten sogar Duclos eben so wie Holbach in ihr Bündnis ziehen; aber der erstere lehnte dergleichen Aufforderungen beständig ab. Ich bekam damals zwar Wind von allen diesen Vorgängen, erfuhr sie aber ganz genau erst lange nachher, und ich hatte oft den blinden und wenig besonnenen Eifer meiner Freunde zu beklagen, die bei ihrem Bestreben, mich in meinem leidenden Zustande der traurigsten Vereinsamung zu überliefern, daran zu arbeiten wähnten, mich gerade durch die Mittel glücklich zu machen, welche in Wahrheit am geeignetsten waren, mich elend zu machen. 1753 Im nächsten Carneval 1753 wurde der »Wahrsager« in Paris gespielt, und diese Pause gewährte mir Zeit, noch die Ouverture und das Ballet zu componiren. Dieses Ballet mußte in der Form, in der es geschrieben ist, von Anfang bis zu Ende voll Leben sein und eine zusammenhängende Handlung bilden, die nach meiner Ansicht Gelegenheit zu sehr effectvollen Tänzen gab. Aber als ich in der Oper diesen Plan zum Vorschlag brachte, hörte man mich nicht einmal an, und ich mußte die allergewöhnlichsten Lieder und Tänze zusammendrechseln. Die Folge war, daß dieses Ballet, wenn auch voll reizender Ideen, die den Scenen gewiß nicht zur Unzierde gereichen, doch nur einen sehr mäßigen Erfolg hatte. Ich ersetzte Jelyotte's Recitativ wieder durch das meinige, genau in derselben Form, in der ich es zuerst aufgeschrieben hatte und in der es gedruckt ist. Dieses, wie ich offen bekenne, ein wenig französirte, das heißt durch die Darsteller etwas schleppend gesungene Recitativ hat, weit davon entfernt zu mißfallen, nicht weniger Beifall errungen als die Lieder und sogar beim Publikum wenigstens eben so viel Geltung gefunden. Ich widmete mein Stück dem Herrn Duclos, der es protegirt hatte, indem ich erklärte, daß dies meine einzige Widmung sein würde. Trotzdem habe ich mit seiner Zustimmung eine zweite gemacht, allein durch diese Ausnahme hat er sich geehrter fühlen müssen, als wenn ich keine gemacht hätte. Ich könnte über dieses Stück noch viele Anekdoten erzählen, aber die Mittheilung wichtigerer Dinge läßt mir nicht die Zeit, mich hier weitläuftiger über sie zu verbreiten. Dereinst werde ich vielleicht in dem Ergänzungsbande darauf zurückkommen. Eine kann ich jedoch nicht übergehen, die auf alles, was folgt, wird schließen lassen. Eines Tages nahm ich in dem Cabinette Holbachs die Musikalien desselben in Augenschein. Nachdem ich Stücke aller Art flüchtig überschaut, sagte er zu mir, indem er auf eine Sammlung Clavierstücke zeigte: »Dies sind nur für mich componirte Stücke; sie sind sehr ins Ohr fallend und recht singbar; niemand kennt sie und wird sie sehen als ich allein. Sie sollten sich eines davon zur Aufnahme in Ihr Ballet auswählen.« Da ich weit mehr Motive zu Liedern und Orchesterbegleitung im Kopfe hatte, als ich zu verwenden im Stande war, so fragte ich gar wenig nach den seinigen. Er wurde jedoch so dringend, daß ich aus Gefälligkeit ein Hirtenlied wählte, welches ich verkürzte und für das Auftreten der Freundinnen Collettens in ein Terzett umschrieb. Als ich einige Monate später und zwar zu der Zeit, in der man den »Wahrsager« aufführte, eines Tages Grimm besuchte, fand ich viele Leute um sein Klavier, von dem er sich bei meiner Ankunft schnell erhob. Indem ich mechanisch auf sein Notenpult hinblickte, sah ich, wie dieselbe Sammlung des Barons von Holbach gerade bei dem nämlichen Stücke aufschlagen war, welches er mir unter der Versicherung aufgedrängt hatte, daß es nie aus seinen Händen kommen würde. Etwas später sah ich diese Sammlung noch einmal aufgeschlagen auf dem Klaviere des Herrn von Epinay, an einem Tage, wo bei ihm musicirt wurde. Weder Grimm noch irgend ein anderer hat je von diesem Liede mit mir gesprochen, und ich selbst rede hier davon nur, weil sich einige Zeit nachher ein Gerücht verbreitete, daß ich gar nicht der Verfasser des »Dorfwahrsagers« wäre. Da ich mich nie durch mein Spiel hervortrat, so bin ich überzeugt, daß man, wenn ich mein Musiklexikon nicht herausgegeben, am Ende noch behauptet hätte, daß ich gar keine Musik verstände. Ich sah es damals nicht vorher, daß man es schließlich trotz meines Lexikons behaupten würde. Einige Zeit vor den Aufführungen des »Dorfwahrsagers« waren italienische Opernsänger in Paris angekommen, die man auf der Bühne der Oper spielen ließ, ohne die Wirkung vorherzusehen, die sie dort machen würden. Obgleich sie abscheulich waren, und das damals noch sehr ungeübte Orchester die Stücke, die sie gaben, nach Herzenslust versudelte, fügten sie der französischen Oper gleichwohl einen Schaden zu, den diese nie hat wieder gut machen können. Der Vergleich dieser beiden Musikarten, die sich an demselben Tage auf dem gleichen Theater hören ließen, öffnete die französischen Ohren; nach dem lebhaften und leidenschaftlichen Rhythmus der italienischen Musik konnte keines mehr das Schleppende der eigenen aushalten; nach dem Schlusse der italienischen Oper ging alles fort. Man war gezwungen, die Reihenfolge zu ändern und die italienische Oper an das Ende zu stellen. Man gab »Eglea«, »Pygmalion«, »Die Sylphide«, nichts schlug an. Der »Dorfwahrsager« allein hielt den Vergleich aus und etwas später gefiel namentlich die »Serva Padrona«. Als ich mein Zwischenspiel, wie ich es nannte, componirte, war mein Geist von den italienischen Opern erfüllt; sie waren es, die mir den Gedanken dazu eingaben, und ich war sehr weit davon entfernt vorherzusehen, daß es mit ihnen gleichzeitig zur Aufführung kommen würde. Wäre ich wirklich ein Plagiator gewesen, wie viele Entlehnungen wären dann zum Vorschein gekommen, und wie viele Mühe würde man sich gegeben haben, sie ans Tageslicht zu bringen! Aber nichts von dem allen; vergeblich war alle Mühe; man hat in meiner Musik nicht die geringste Reminiszenz aus einer andern gefunden, und bei dem Vergleiche mit den angeblichen Originalen haben sich alle meine Lieder neu gezeigt wie der von mir geschaffene Charakter der Musik. Hätte man Mondonville oder Nameau einer solchen Probe unterzogen, wären sie nur in Fetzen daraus hervorgegangen. Die komischen Opern gewannen der italienischen Musik sehr begeisterte Anhänger. Ganz Paris theilte sich in zwei Parteien, die sich hitziger bekämpften, als wenn es sich um eine staatliche oder kirchliche Angelegenheit gehandelt hätte. Die eine, mächtiger und zahlreicher, welche von den Großen, den Reichen und den Frauen gebildet wurde, trat für die französische Musik in die Schranken; die andere, leidenschaftlicher, stolzer und schwärmerischer, bestand aus den wahren Kennern, den geistreichen und genialen Leuten. Ihre kleine Schaar versammelte sich in der Oper unter der Loge der Königin. Die andere Partei füllte den ganzen Rest des Parterre und des Saales aus, aber ihr Haupttreffen stand unter der Loge des Königs. Daher rührten die in jener Zeit so berühmten Parteinamen: »die Ecke des Königs« und »die Ecke der Königin«. Der immer lebhafter entbrennende Streit rief Broschüren hervor. Die Ecke des Königs wollte spotten; der »Kleine Prophet« machte sie lächerlich; sie machte den Versuch, sich auf eine eingehende Besprechung zu verlegen; sie wurde durch den »Brief über die französische Musik« vernichtet. Diese beiden kleinen Schriften, die eine von Grimm und die andere von mir, sind die einzigen, welche diesen Streit überlebt haben; alle übrige sind längst vergessen. Aber der »Kleine Prophet«, den man mir zum Trotze mir lange Zeit hartnäckig zuschrieb, wurde als Scherz aufgefaßt und hatte für seinen Verfasser nicht die geringste Unannehmlichkeit zur Folge, während der »Brief über die Musik« die ganze Nation, die sich in ihrer Musik für beleidigt hielt, gegen mich aufregte. Die Schilderung der unglaublichen Wirkung dieser Broschüre wäre der Feder eines Tacitus würdig. Es war gerade die Zeit der großen Zwistigkeit zwischen dem Parlamente und dem Klerus. Das Parlament war eben verwiesen worden; die Gährung hatte ihren Höhepunkt erreicht; alles ließ einen nahen Aufstand befürchten. Meine Broschüre erschien; im Augenblick waren alle andern Streitigkeiten vergessen; man dachte nur noch an die der französischen Musik drohende Gefahr, und es gab keinen andern Aufstand mehr als gegen mich. Er war dergestalt, daß die Nation ihn nie ganz vergessen hat. Bei Hofe schwankte man nur zwischen Bastille und Verbannung, und der Haftbefehl wäre ausgefertigt worden, wenn Herr von Voyer nicht das Lächerliche eines solchen Vorgehens gezeigt hätte. Wenn man vernehmen wird, daß diese Broschüre vielleicht eine Revolution im Staate verhindert hat, wird man zu träumen glauben. Und gleichwohl ist es eine vollkommen zuverlässige Wahrheit, welche ganz Paris noch bezeugen kann, da zwischen diesem wunderlichen Ereignisse und heute erst fünfzehn Jahre liegen. Wenn man sich an meiner Freiheit nicht vergriff, so ersparte man mir wenigstens Beleidigungen nicht, selbst mein Leben war in Gefahr. Das Orchester der Oper machte eine förmliche Verschwörung, mich beim Verlassen des Schauspielhauses zu ermorden. Man theilte es mir mit; ich besuchte die Oper nur desto fleißiger und erst lange nachher erfuhr ich, daß Herr Ancelet, Officier bei der adeligen Leibwache, der mich liebgewonnen, die Ausführung der Verschwörung verhindert hatte, indem er mich auf dem Rückwege von dem Schauspielhause ohne mein Wissen begleiten ließ. Die Stadt hatte vor kurzem die Leitung der Oper übernommen. Die erste Heldenthat des Oberbürgermeisters bestand darin, mir den freien Eintritt entziehen zu lassen, und noch dazu auf die möglichst unhöfliche Art, indem er ihn mir nämlich bei meinem Kommen öffentlich verweigern ließ, so daß ich mich genöthigt sah, ein Amphitheaterbillet zu kaufen, um nicht die Schande zu haben, an diesem Tage umkehren zu müssen. Die Ungerechtigkeit war um so schreiender, da ich mir bei Abtretung meines Stückes den lebenslänglichen freien Eintritt als einzige Entschädigung ausgemacht hatte, denn obgleich dies ein Recht für alle Verfasser der angenommenen Stücke war und es mir aus doppeltem Grunde zustand, so unterließ ich doch nicht, es mir ausdrücklich in Gegenwart des Herrn Duclos auszubedingen. Allerdings sandte man mir durch den Kassirer der Oper fünfzig Louisd'or, die ich gar nicht verlangt hatte, als Honorar; aber ganz abgesehen davon, daß diese fünfzig Louisd'or nicht einmal die Summe ausmachten, die mir dem Brauche nach zustand, so hatte diese Zahlung mit dem ausdrücklich vorbehaltenen Eintrittsrechte, das davon völlig unabhängig war, nichts gemein. Aus dieser Handlungsweise leuchtete eine solche Verbindung von Unbilligkeit und Rohheit hervor, daß sich das Publikum trotz seiner damals großen Erbitterung gegen mich doch einmüthig dadurch verletzt fühlte, und mancher, der mich Tags zuvor noch verhöhnt hatte, rief am folgenden Tage ganz laut im Saale aus, es wäre eine Schande, einem Autor, der den freien Eintritt so wohl verdient hätte und sogar für zwei Personen beanspruchen könnte, denselben auf solche Weise wieder zu entziehen. So ist das italienische Sprichwort, daß ogn'un ama la giustizia in casa d'altrui . Mir blieb in dieser Angelegenheit kein anderer Ausweg übrig, als mein Werk, da man mich um den verabredeten Preis für dasselbe brachte, zurückzuverlangen. Ich schrieb in dieser Absicht an Herrn von Argenson, dem die Leitung der Oper übertragen war, und fügte diesem Briefe eine unwiderlegliche Denkschrift bei, die eben so wie mein Brief ohne Antwort und Erfolg blieb. Das Schweigen dieses ungerechten Mannes kränkte mich empfindlich und trug nicht dazu bei, die sehr geringe Achtung, die ich immer für seinen Charakter und seine Talente empfand, zu erhöhen. So hat man mein Stück bei der Oper behalten, während man mich um die Entschädigung, für die ich es hingegeben, betrog. Thäte der Schwache dergleichen dem Starken, würde man es Diebstahl nennen; verfährt aber der Starke so gegen den Schwachen, so heißt es lediglich Aneignung fremden Gutes. Was den baaren Ertrag dieses Werkes anlangt, so war er, obgleich es mir nur den vierten Theil dessen einbrachte, was ein anderer von ihm erzielt hätte, doch immerhin groß genug, um mich in den Stand zu setzen, mehrere Jahre zu leben und zu dem Verdienst von dem Notenabschreiben, das stets ziemlich schlecht ging, einen hübschen Zuschuß zu gewähren. Ich bekam vom König hundert Louisd'or, von Frau von Pompadour fünfzig für die Aufführung in Belle-Vue, in der sie selbst die Rolle des Colin spielte, fünfzig von der Oper und fünfhundert Franken von Pissot für die Druckerlaubnis, so daß mir dieses Zwischenspiel, welches mich nur fünf oder sechs Wochen Arbeit kostete, trotz meines Mißgeschickes und meiner Dummheit fast eben so viel Geld eintrug, als später der »Emil«, an dem ich nach zwanzigjährigem Nachdenken drei Jahre gearbeitet hatte; aber den pecuniären Wohlstand, in den mich dieses Stück versetzte, mußte ich durch die endlosen Verdrießlichkeiten, die es mir zuzog, theuer bezahlen; er war der Keim der geheimen Mißgunst, die erst später zu Tage trat. Seit dem Erfolge meines Stückes zeigte mir weder Grimm noch Diderot noch irgend einer der Schriftsteller meiner Bekanntschaft mehr jene Herzlichkeit, Offenheit und Freude, mich zu sehen, die ich bisher an ihnen wahrzunehmen geglaubt hatte. Sobald ich bei dem Baron erschien, hörte das Gespräch auf allgemein zu sein. Man trat in Gruppen zusammen, man zischelte sich heimlich in die Ohren, und ich blieb allein, ohne zu wissen, mit wem ich sprechen sollte. Lange hielt ich diese verletzende Vernachlässigung aus, und da ich bemerkte, daß mich Frau von Holbach, die sanft und liebenswürdig war, stets freundlich aufnahm, ertrug ich die Ungeschliffenheiten ihres Gemahls, so lange sie zu ertragen waren; aber eines Tages griff er mich ohne Grund, ohne Vorwand in Gegenwart Diderots, der nicht ein Wort sagte, und Vargencys, der mir nachher oft seine Bewunderung über die Milde und Mäßigung meiner Antworten ausgesprochen hat, mit einer solchen Rohheit an, daß ich endlich, durch diese unwürdige Behandlung verjagt, sofort sein Haus mit dem Entschlusse verließ, es nie wieder zu betreten. Dies hielt mich nicht ab, von ihm und seinem Hause stets ehrenvoll zu reden, während er sich über mich immer nur in kränkenden und verächtlichen Ausdrücken erging. Er nannte mich nie anders als »dieser kleine Schulfuchs« und war doch nie im Stande auch nur das geringste Unrecht irgend einer Art bestimmt anzugeben, das ich je ihm oder irgend jemandem, an dem er Antheil nahm, zugefügt hätte. So machte er mir am Ende doch die Wahrheit meiner Ahnungen und Befürchtungen fühlbar. Ich persönlich bin überzeugt, daß mir meine erwähnten Freunde die Herausgabe von Büchern, und sogar von vorzüglichen Büchern verziehen hätten, da ihnen dieser Ruhm gleichfalls zu Theil werden konnte; aber sie vermochten mir nicht die Composition einer Oper und den glänzenden Erfolg dieses Stückes zu verzeihen, weil keiner von ihnen im Stande war, mit mir auf diesem Gebiete zu wetteifern und nach denselben Ehren zu streben. Duclos allein schien, über diese Eifersucht erhaben, seine Freundschaft für mich noch zu vermehren und führte mich bei Fräulein Quinault ein, bei der ich eben so viele Aufmerksamkeiten, Freundlichkeiten und gütiges Entgegenkommen fand, wie ich bei Herrn von Holbach das Gegentheil davon gefunden hatte. Während man in der Oper den »Dorfwahrsager« spielte, war von seinem Verfasser in der Comedie Française ebenfalls die Rede, aber freilich in etwas weniger vorteilhafter Weise. Nachdem ich in der italienischen Oper meinen »Narciß« seit sieben oder acht Jahren nicht hatte zur Aufführung bringen können, war ich dieses Theaters wegen des schlechten Spiels der Schauspieler in französischen Stücken überdrüssig geworden, und hätte das meinige lieber von Franzosen als von ihnen aufführen sehen. Ich sprach diesen Wunsch dem Schauspieler La Noue aus, mit dem ich Bekanntschaft angeknüpft hatte und der bekanntlich ein sehr begabter Mann und Schriftsteller war. »Narciß« gefiel ihm; er übernahm es, ihn ohne Nennung des Verfassers aufführen zu lassen und einstweilen verschaffte er mir freien Eintritt, der mir große Freude bereitete, denn ich habe das Theater Français stets den beiden andern vorgezogen. Das Stück wurde beifällig angenommen und ohne Angabe des Dichters aufgeführt; aber ich habe Grund zu glauben, daß ihn die Schauspieler und viele andere recht gut kannten. Die Fräulein Gaussin und Grandval spielten die Rollen der Liebhaberinnen; und obgleich es meines Erachtens an Verständnis für das Ganze fehlte, so konnte man das Spiel doch nicht geradezu schlecht nennen. Trotzdem wurde ich von der Nachsicht des Publikums, welches die Geduld besaß, von Anfang bis zu Ende ruhig zuzuhören und sogar eine zweite Vorstellung über sich ergehen zu lassen, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld zu geben, überrascht und gerührt. Ich meinestheils langweilte mich schon bei der ersten dergestalt, daß ich es nicht bis zu Ende aushalten konnte. Ich verließ das Theater und begab mich nach dem Café Procop, wo ich Boissy und einige andere traf, die sich vermuthlich eben so wie ich gelangweilt hatten. Dort sagte ich laut mein peccavi , indem ich mich demüthig und doch auch stolz als Verfasser des Stückes bekannte und über dasselbe sprach, wie jedermann dachte. Dieses öffentliche Geständnis, der Dichter eines schlechten, Fiasco machenden Stückes zu sein, wurde sehr bewundert, obwohl es mir durchaus nicht schwer vorkam. In dem Muthe, mit dem es abgelegt wurde, fand ich sogar eine Entschädigung meiner Eigenliebe, und bei dieser Gelegenheit lag, wie ich glaube, mehr Stolz darin, zu sprechen, als falsche Scham darin gelegen hätte, zu schweigen. Da sich indessen mit Sicherheit annehmen ließ, daß das Stück, einen so frostigen Eindruck es auch bei der Aufführung machte, beim Lesen besser gefallen würde, ließ ich es drucken; und in der Vorrede, die ich zu meinen guten Schriften rechne, begann ich meine Grundsätze ein wenig offener und klarer, als ich es bisher gethan, darzulegen. Ich bekam bald Gelegenheit, sie in einem Werke von größerem Belange vollständig zu entwickeln, denn in eben diesem Jahre 1753 erschien, wie ich denke, das Programm der Akademie von Dijon über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen. Von dieser großen Frage angeregt, war ich überrascht, daß die Akademie den Muth gehabt, sie aufzugeben; aber da sie ihn einmal gehabt hatte, konnte ich auch wohl den haben, sie zu behandeln, und ich unternahm es. Um über dieses große Thema in Ruhe nachzudenken, machte ich mit Therese, unserer Wirthin, einer höchst gutmüthigen Frau, und mit einer ihrer Freundinnen eine Reise von sieben oder acht Tagen nach Saint-Germain. Ich rechne diesen Ausflug zu den angenehmsten meines Lebens. Das Wetter war sehr schön; die guten Frauen sorgten für alles und trugen die Kosten; Therese war mit ihnen heiter und glücklich, und ich, der ich mich von allen Sorgen frei fühlte, kam, um mich in den Stunden der Mahlzeiten zwanglos zu erheitern. Den ganzen übrigen Tag mitten im Walde weilend, suchte und fand ich das Bild der Urzeit, deren Geschichte ich in kühnen Umrissen entwarf; ich deckte die kleinen Lügen der Menschen auf; ich wagte ihre Natur bis zur Nacktheit bloß zu stellen, ihre fortschreitende Entstellung durch Zeiten und Dinge darzuthun, und indem ich den Menschen, wie er durch seine Mitmenschen geworden, mit dem Menschen der Natur verglich, hatte ich den Muth, ihm gerade in seiner vermeintlichen Vervollkommnung die eigentliche Quelle seines Elends zu zeigen. Meine durch diese erhabenen Betrachtungen beschwingte Seele erhob sich an die Seite der Gottheit und von dort sehend, wie meine Mitgeschöpfe in der Blindheit ihrer Vorurtheile immer auf dem Wege ihrer Irrthümer, ihrer Leiden und ihrer Verbrechen blieben, rief ich ihnen mit einer schwachen Stimme, die sie nicht zu vernehmen vermochten, zu: »Wahnsinnige, die ihr unaufhörlich über die Natur klagt, lernet, daß alle eure Uebel in euch selber ihre Quelle haben.« Aus diesen Betrachtungen entstand die Abhandlung über die Ungleichheit, ein Werk, das Diderot besser gefiel als alle meine andern Schriften und für das mir seine Rathschläge äußerst nützlich waren, Als ich dies schrieb, ahnte ich das große Complot Diderots und Grimms noch nicht, sonst würde ich leicht erkannt haben, einen wie großen Mißbrauch ersterer mit meinem Vertrauen trieb, um meinen Schriften diese harte Sprache und das düstere Colorit zu geben, die sie nicht mehr hatten, als er mich zu leiten aufhörte. Das Bild des Philosophen, der sich bei seinen hochtrabenden Schlußfolgerungen die Ohren zustopft, um sich gegen die Klagen eines Unglücklichen zu verhärten, hat er mir eingegeben; und auch andere noch stärkere hatte er mir anempfohlen, zu deren Benutzung ich mich jedoch nicht entschließen konnte. Aber da ich seine düstere Stimmung als eine Nachwirkung seines Aufenthaltes im Thurm zu Vincennes betrachtete, von der man noch in seinem Clairval eine ziemlich starke Beigabe findet, so fiel es mir nicht ein, die geringste böse Absicht dabei zu argwöhnen. das aber in ganz Europa nur wenige Leser fand, die es verstanden, und unter diesen keinen, der davon reden mochte. Es war zur Preisbewerbung verfaßt; ich sandte es also ein, wenn auch im voraus dessen sicher, daß es den Preis nicht bekommen würde, und in dem Bewußtsein, daß für derartige Arbeiten die Preise der Akademien nicht gestiftet sind. Dieser Ausflug und diese Beschäftigung wirkten auf meine Stimmung wie auf meine Gesundheit vorteilhaft. Bereits seit mehreren Jahren hatte ich mich, von meiner Urinverhaltung gequält, den Aerzten völlig überlassen, die, ohne mir Linderung zu verschaffen, meine Kräfte erschöpft und meinen Körper geschwächt hatten. Nach der Rückkehr von Saint-Germain merkte ich eine Zunahme meiner Kräfte und fühlte mich weit wohler. Ich folgte diesem Winke und entschlossen, ohne Aerzte und ohne Heilmittel zu genesen oder zu sterben, verzichtete ich auf sie für immer und behalf mich, so gut es gehen wollte, blieb still im Winkel, wenn ich nicht gehen konnte, und ging, sobald ich Kraft dazu hatte. Das Pariser Treiben unter den anspruchsvollen Leuten behagte mir so wenig, die Ränke der Schriftsteller, ihre schmachvollen Zänkereien, ihre Unaufrichtigkeit in ihren Werken, ihr anmaßendes Wesen im gegenseitigen Verkehr waren mir so verhaßt, so meiner Natur widerstrebend, ich fand, sogar im Umgange mit meinen Freunden, so wenig Freundlichkeit, Offenherzigkeit und Freimüthigkeit, daß ich, von diesem lärmenden Leben widerwärtig berührt, mich leidenschaftlich nach einem Aufenthalte auf dem Lande zu sehnen begann, und da ich einsah, daß mir mein Geschäft ihn nicht gestattete, beeilte ich mich, wenigstens meine Freistunden daselbst zuzubringen. Mehrere Monate lang ging ich, anfangs gleich nach Tische, allein im Boulogner Walde spazieren, wobei ich die Stoffe zu meinen Arbeiten überdachte, und kehrte erst mit einbrechender Nacht zurück. 1754 – 1756 Da Gauffecourt, mit dem ich damals auf außerordentlich freundschaftlichem Fuße stand, genöthigt war, eine Geschäftsreise nach Genf zu machen, so forderte er mich auf, ihn zu begleiten; ich nahm den Vorschlag an. Ich fühlte mich damals nicht so wohl, daß ich Theresens Pflege hätte entbehren können; es wurde deshalb bestimmt, sie sollte unsere Reisegefährtin werden, während ihre Mutter das Haus bewachen sollte. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, reisten wir den ersten Juni 1754 alle drei zusammen ab. Diese Reise muß ich als die Zeit der ersten Erfahrung bezeichnen, die bis jetzt, und ich zählte schon zweiundvierzig Jahre, meine mir angeborene vertrauensselige Natur, welcher ich mich stets rückhaltlos und ungestraft überlassen hatte, schwer erschütterte. Wir hatten einen sehr einfachen Wagen, der uns mit denselben Pferden in ganz kleinen Tagereisen weiter beförderte. Ich stieg aus und ging zu Fuß. Kaum hatten wir die Hälfte unseres Weges zurückgelegt, als Therese das größte Widerstreben verrieth, in dem Wagen mit Gauffecourt allein zu bleiben, und sobald ich trotz ihrer Bitten aussteigen wollte, gleichfalls ausstieg und auch ging. Ich schalt sie lange wegen dieser Laune aus und widersetzte mich ihr sogar entschieden, bis sie sich endlich genöthigt sah, mir den Grund ihres Benehmens zu erklären. Ich glaubte zu träumen, ich fiel wie aus den Wolken, als ich zu hören bekam, daß mein Freund, der mehr als sechszigjährige Herr von Gauffecourt, mit dem Podagra behaftet, impotent, von Vergnügungen und Genüssen erschöpft, seit unserer Abreise daran arbeitete, eine Person zu verführen, die nicht mehr schön noch jung war und seinem Freunde gehörte, und zwar durch die elendesten und schmachvollsten Mittel, die so weit gingen, daß er sich nicht entblödete, ihr seine Börse anzubieten und sie durch die Lectüre eines abscheulichen Buches mit einer Unzahl nichtswürdiger Bilder aufzuregen. Entrüstet schleuderte ihm Therese einmal sein schändliches Buch zur Wagenthüre hinaus, und ich vernahm, daß er schon am ersten Tage, wo ich wegen heftigen Kopfwehes noch vor dem Abendessen zu Bette gegangen war, die ganze Zeit dieses Alleinseins zu Versuchen und Kunstgriffen benutzt, würdiger eines Satyrs oder eines Ziegenbockes als eines Ehrenmannes, dem ich meine Lebensgefährtin und mich selbst anvertraut hatte. Was für eine Ueberraschung, was für ein Seelenschmerz für mich, wie ich ihn nie empfunden! Ich, der ich bisher die Freundschaft für unzertrennlich von allen liebenswürdigen und edlen Gefühlen gehalten hatte, die ihr erst den wahren Reiz verleihen, ich sehe mich zum ersten Male in meinem Leben gezwungen, sie mit Verachtung zu paaren und einem Manne, den ich liebe und von dem ich mich geliebt glaube, mein Vertrauen und meine Achtung zu entziehen! Der Unglückselige verbarg vor mir seine Schändlichkeit. Um nicht Therese bloßzustellen, mußte ich ihm nothgedrungen meine Verachtung verhehlen und in der Tiefe meines Herzens Gesinnungen verschließen, die er nicht erfahren durfte. Süßes und heiliges Blendwerk der Freundschaft! Gauffecourt hob zuerst vor meinen Augen den dich hüllenden Schleier empor! Wie viele grausame Hände haben seitdem verhindert, daß er wieder niedersinken konnte! In Lyon trennte ich mich von Gaussecourt, um meinen Weg durch Savoyen zu nehmen, da ich mich nicht entschließen konnte, abermals so nahe an Mamas Aufenthalt vorüber zu reisen, ohne sie wiederzusehen. Ich sah sie wieder ... mein Gott, in welchem Zustande, in welchem Grade der Versunkenheit! Was war ihr von ihrer früheren Tugend geblieben? War das die nämliche, ehemals so glänzende Frau von Warens, an die mich der Pfarrer Pontverre gewiesen hatte? Wie tief mein Herz betrübt war! Ich sah für sie keinen andern Ausweg mehr, als ihre jetzige Heimat zu verlassen. Ich wiederholte ihr auf das lebhafteste, aber vergebens die dringenden Bitten, die ich in meinen Briefen wiederholentlich an sie gerichtet hatte, zu mir zu kommen und in Ruhe bei mir zu leben; ich versprach ihr, meine und Theresens Lebenstage dem Streben zu weihen, die ihrigen glücklich zu machen. Immer nur an ihre Pension denkend, von der sie, obgleich sie pünktlich ausgezahlt wurde, schon lange nichts mehr bezog, hörte sie nicht auf mich. Ich schenkte ihr noch einen kleinen Theil meines Geldes, weit weniger als ich gesollt und ihr auch gewiß gegeben hätte, wenn ich nicht völlig davon überzeugt gewesen wäre, daß sie auch nicht einen einzigen Sou davon für ihren eigenen Nutzen verwenden würde. Während meines Aufenthalts in Genf machte sie eine Reise ins Chablais und besuchte mich in Grange-Canal. Es fehlte ihr an dem nöthigen Reisegelde; ich hatte nicht so viel bei mir, als erforderlich war, und sandte es ihr eine Stunde darauf durch Therese. Arme Mama! Man gestatte mir, noch diesen Zug ihres Herzens zu erzählen. Als letztes Kleinod war ihr nur ein kleiner Ring geblieben. Sie zog ihn vom Finger, um ihn an den Theresens zu stecken, welche ihn sofort wieder auf den ihrigen streifte, wobei sie diese edle Hand, die sie mit ihren Thränen netzte, küßte. Ach, damals war der richtige Augenblick, meine Schuld abzutragen. Ich mußte alles verlassen, ihr zu folgen, mich bis zu ihrer letzten Stunde nicht wieder von ihr trennen und ihr Loos theilen, wie es sich auch gestalten mochte. Ich that nichts davon. Abgezogen durch ein anderes Liebesverhältnis, fühlte ich, wie meine Anhänglichkeit an sie nachließ, da mir die Hoffnung fehlte, daß sie ihr noch zum Heile gereichen könnte. Ich seufzte über sie und folgte ihr nicht. Von allen Gewissensbissen, die ich im Leben empfunden, ist dies der nagendste und am längsten anhaltende. Schon hierfür verdiente ich die furchtbaren Strafen, die seitdem nicht aufgehört haben, mich niederzubeugen. Mögen sie im Stande gewesen sein, meine Undankbarkeit zu sühnen! Sie lag in meinem Verfahren offen zu Tage; aber sie hat mein Herz zu tief zerrissen, als daß dieses Herz je das eines wirklich Undankbaren hätte sein sollen. Vor meiner Abreise von Paris hatte ich die Widmung meiner »Abhandlung über die Ungleichheit« in flüchtigen Umrissen entworfen. Ich vollendete sie in Chambery und datirte sie von demselben Orte aus, weil ich es zur Vermeidung aller kleinlichen Angriffe für besser erachtete, sie weder aus Frankreich noch aus Genf zu datiren. In letzterer Stadt angekommen, überließ ich mich dem republikanischen Enthusiasmus, der mich dorthin geführt hatte. Dieser Enthusiasmus steigerte sich noch bei der Aufnahme, die mir zu Theil wurde. In allen Standesklassen gefeiert und geschmeichelt, gab ich mich völlig der patriotischen Begeisterung hin und beschämt, mich durch das Bekenntnis einer anderen Religion als der meiner Väter von meinen Bürgerrechten ausgeschlossen zu sehen, faßte ich den Entschluß, zu meinem alten Glauben offen zurückzukehren. Da das Evangelium für alle Christen dasselbe ist, und der Unterschied der Dogmen im Grunde nur darauf beruht, daß man das, was man unfähig zu verstehen war, erklären wollte, so war ich der Ansicht, daß es in jedem Lande allein dem Herrscher zukäme, den Cultus und dieses unverständliche Dogma festzusetzen, und daß es folglich Pflicht des Bürgers wäre, das durch das Gesetz vorgeschriebene Dogma als wahr anzuerkennen und den Cultus zu beobachten. Der Umgang mit den Encyklopädisten hatte, weit davon entfernt, meinen Glauben zu erschüttern, ihn vielmehr in Folge meiner natürlichen Abneigung gegen Zwistigkeit und Parteiwesen nur noch befestigt. Das Studium des Menschen und der Welt hatte mir überall die Endzwecke und das geistige Wesen, das bestimmend auf sie einwirkte, gezeigt. Das Lesen der Bibel und namentlich des Evangeliums, auf das ich mich seit einigen Jahren mit Fleiß gelegt, hatte mich mit Verachtung gegen die oberflächlichen und einfältigen Auslegungen erfüllt, welche Leute, die am wenigsten würdig waren, Jesus Christus zu verstehen, seiner Lehre gaben. Mit einem Worte, dadurch daß die Philosophie mich dazu trieb, mich an das Wesentliche der Religion zu halten, hatte sie mich zugleich von diesem kleinlichen Formelkram frei gemacht, mit dem die Menschen sie verdunkelt haben. In Erwägung, daß es für einen vernünftigen Menschen nicht zwei Arten geben könnte, Christ zu sein, war ich auch der Ansicht, daß alles, was sich auf Form und Disciplin bezog, in jedem Lande gesetzlich zu ordnen wäre. Aus diesem so vernünftigen, so socialen, so friedfertigen Grundsatze, der mir demungeachtet so grausame Verfolgungen zugezogen hat, ergab sich, daß ich, wollte ich Bürger sein, wieder Protestant werden und zu dem in meiner Heimat herrschenden Cultus zurückkehren mußte. Ich entschloß mich dazu und unterwarf mich sogar dem Unterrichte des Pastors, in dessen außerhalb der Stadt gelegenen Pfarrei ich wohnte. Ich sprach lediglich den Wunsch aus, nicht gezwungen zu werden, vor dem Consistorium zu erscheinen. Hierüber gab es indessen ausdrückliche kirchliche Bestimmungen; man wollte jedoch zu meinen Gunsten nicht den vollen Gebrauch davon machen und ernannte eine Commission von fünf oder sechs Mitgliedern, um unter Vermeidung der Oeffentlichkeit mein Glaubensbekenntnis entgegenzunehmen. Unglücklicherweise gerieth der Prediger Perdriau, ein liebenswürdiger und wohlwollender Mann, mit dem ich befreundet war, auf den Einfall, mir zu sagen, daß man sich darauf freute, mich in dieser kleinen Versammlung reden zu hören. Diese Erwartung erschreckte mich dermaßen, daß ich, nachdem ich eine kleine Rede, die ich ausgearbeitet, drei Wochen lang Tag und Nacht gelernt hatte, als ich sie hätte vortragen sollen, bis zu dem Grade verlegen wurde, daß ich nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte und in dieser Disputation die Rolle des dümmsten Schuljungen spielte. Die Mitglieder der Commission redeten für mich, ich antwortete einfältig nur ja und nein; darauf wurde ich zum Abendmahle zugelassen und in meine Bürgerrechte wiedereingesetzt. In meiner Eigenschaft als Bürger wurde ich nun in die Liste der Stadtwache eingetragen, zu der nur der höhere Bürgerstand und die Meister zugelassen werden, und ich wohnte einem außerordentlichen Generalrathe bei, um von dem Syndikus Mussard die Eidesformel zu erhalten. Ich wurde von den Freundschaftserweisungen, die mir bei dieser Gelegenheit von dem Rathe und dem Consistorium zu Theil wurden, und von dem verbindlichen und artigen Entgegenkommen aller Behörden, Prediger und Bürger so gerührt, daß ich, von dem ehrlichen Deluc, der mich unaufhörlich bestürmte, und noch mehr von meiner eigenen Neigung gedrängt, nur daran dachte nach Paris zurückzukehren, um meine dortige Wirthschaft aufzulösen, meine kleinen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, Frau Le Vasseur und ihrem Manne ein Unterkommen zu verschaffen oder für ihren Unterhalt zu sorgen und mit Therese zurückzukehren, um mich für meine übrigen Lebenstage in Genf niederzulassen. Nachdem ich einmal diesen Entschluß gefaßt hatte, ließ ich alle ernste Dinge bei Seite liegen, um mich bis zur Zeit meiner Abreise nur mit meinen Freunden zu ergötzen. Am meisten unter allen diesen Lustbarkeiten gefiel mir eine Gondelfahrt um den See herum, die ich mit Deluc, dem Vater, seiner Schwiegertochter, seinen beiden Söhnen und meiner Therese machte. Wir gebrauchten beim schönsten Wetter von der Welt sieben Tage zu dieser Rundfahrt. Ich bewahrte davon die lebhafte Erinnerung an die landschaftlichen Schönheiten, die mir am andern Ende des Sees aufgefallen waren, und die ich einige Jahre später in der »Neuen Heloise« schilderte. Zu den hauptsächlichsten Freunden, die ich mir in Genf erwarb, gehörten außer den bereits erwähnten Delucs der junge Prediger Vernes, den ich schon in Paris kennen gelernt hatte, und der den Erwartungen, die ich von ihm hegte, später nicht entsprach; Herr Perdriau, damals Landpfarrer, gegenwärtig Professor der schönen Literatur, dessen angenehmer und gefälliger Umgang mir stets unvergeßlich sein wird, obgleich er es für nöthig erachtet hat, sich auf seine Manier von mir zurückzuziehen; Herr Jalabert, damals Professor der Physik, später Rath und Syndikus, dem ich meine »Abhandlung über die Ungleichheit«, jedoch mit Ueberschlagung der Widmung vorlas, und der von ihr begeistert schien; der Professor Lullin, mit dem ich bis zu seinem Tode in Briefwechsel geblieben bin und der mir sogar Einkäufe für die Bibliothek übertragen hatte; der Professor Vernet, der mir wie alle Welt den Rücken wandte, nachdem ich ihm Beweise von Liebe und Vertrauen gegeben hatte, die ihn hätten rühren müssen, wenn ein Theologe überhaupt von etwas gerührt werden könnte; Chappuis, der Gehilfe und Nachfolger Gauffecourts, den er verdrängen wollte, und der bald selbst verdrängt wurde, Marcet von Mézières, ein alter Freund meines Vaters, der sich auch als der meinige bewiesen hatte, der aber, nachdem er sich als dramatischer Schriftsteller und Candidat für die Zweihundert einst um das Vaterland wohl verdient gemacht, seine Grundsätze wechselte und vor seinem Tode lächerlich wurde. Allein derjenige von allen, von dem ich das Meiste erwartete, war Moultou, ein junger, wegen seiner Talente und seines Feuergeistes vielversprechender Mann, den ich immer geliebt habe, obgleich sein Betragen hinsichtlich meiner Person zweideutig gewesen ist und er mit meinen grausamsten Feinden Verbindungen unterhält. Trotz allem dem halte ich ihn immer noch für berufen, eines Tages als der Vertheidiger meines Andenkens und der Rächer seines Freundes aufzutreten. Inmitten dieser Zerstreuungen verlor ich nicht den Geschmack an meinen gewohnten einsamen Spaziergängen und machte oft ziemlich weite an den Ufern des Sees, auf denen mein an die Arbeit gewöhnter Kopf nicht müßig blieb. Ich durchdachte den bereits entworfenen Plan zu meinen »politischen Einrichtungen«, von denen ich bald werde zu reden haben, ich ging mit dem Gedanken um, eine »Geschichte des Wallis« zu schreiben und sann über einen Entwurf zu einem Trauerspiel in Prosa nach, dessen Stoff, der nichts Geringeres als Lucrezia war, mich mit der Hoffnung erfüllte, die Spötter niederzuschmettern, obgleich ich diese Unglückliche noch auftreten zu lassen wagte, wenn sie es auf keiner französischen Bühne mehr darf. Zur nämlichen Zeit versuchte ich mich am Tacitus und übersetzte das erste Buch seiner Geschichte, welches man unter meinen Papieren finden wird. Nach einem viermonatlichen Aufenthalte in Genf kehrte ich im October nach Paris zurück und nahm den Weg absichtlich nicht über Lyon, um nicht mit Gauffecourt zusammenzutreffen. Da ich mir vorgenommen hatte, erst im nächsten Frühjahre zurückzukehren, so nahm ich während des Winters meine gewohnte Lebensweise und meine Beschäftigungen wieder auf. Die hauptsächlichste bestand darin, die Correcturbogen meiner »Abhandlung über die Ungleichheit« durchzusehen, die ich in Holland bei dem Verlagsbuchhändler Rey, dessen Bekanntschaft ich in Genf gemacht hatte, drucken ließ. Da dieses Werk der Republik gewidmet war, und diese Widmung dem Rathe vielleicht nicht gefiel, so wollte ich vor meiner Rückkehr nach Genf erst die Wirkung, die sie dort hervorbringen würde, abwarten. Diese Wirkung war mir nicht günstig, und diese Widmung, welche mir die reinste Vaterlandsliebe eingegeben, hatte lediglich den Erfolg, mir im Rathe Feinde und in der Bürgerschaft Eifersüchtige zuzuziehen. Herr Chouet, der damalige erste Syndikus, schrieb mir einen höflichen, aber kalten Brief, den man in dem Hefte A Nr. 3 meiner Sammlungen finden wird. Von Privatleuten, unter andern von Deluc und Jalabert, erhielt ich einige anerkennende Schreiben, und das war alles; ich bemerkte nicht, daß mir irgend ein Genfer wahren Dank für den Herzenseifer wußte, den man aus diesem Werk herausfühlte. Diese Gleichgültigkeit erregte bei allen, die sie wahrnahmen, Anstoß. Ich erinnere mich, daß, als ich eines Tages zu Clichy bei Frau Dupin mit Crommelin, dem Residenten der Republik, und Herrn von Mairan zu Mittag speiste, letzterer während der Tafel laut äußerte, daß mir der Senat für dieses Werk ein Geschenk und öffentliche Ehrenbezeigungen schuldig wäre, und daß er sich entehrte, wenn er es daran fehlen ließe. Crommelin, der ein kleiner boshafter und erbärmlich gemeiner Mann war, wagte in meiner Gegenwart nichts zu erwidern, schnitt aber ein schreckliches Gesicht, über das Frau Dupin in Lachen ausbrach. Der einzige Vortheil, den mir dieses Werk verschaffte, war außer der Befriedigung meines eigenen Herzens der Titel Bürger, der mir von meinen Freunden und darauf nach ihrem Beispiele von jedermann beigelegt wurde und den ich später wieder verlor, weil ich ihn zu wohl verdient hatte. Da er auf diesen Titel nach der Verurtheilung des Emil zu Genf verzichtete, so will er damit ohne Zweifel sagen, daß er ihn verlor, weil man ihn durch ein rücksichtsloses Einschreiten gegen ihn gezwungen hatte, ihn abzulegen. Dieser üble Erfolg würde mich indessen nicht abgehalten haben, meine Übersiedelung nach Genf vorzunehmen, wären nicht Beweggründe hinzugetreten, die größere Macht auf mein Herz ausübten. Herr von Epinay, der bei seinem Schlosse La Chevrette einen Flügel, welcher demselben fehlte, anbauen ließ, machte zu seiner Vollendung einen ungeheuern Aufwand. Als wir eines Tages mit Frau von Epinay zur Besichtigung dieser Arbeiten ausgegangen waren, dehnten wir unsern Spaziergang eine Viertelstunde weiter aus, bis zum Reservoir der Wasserkünste des Parks, der an den Wald von Montmorency grenzte. Hier lag ein hübscher Gemüsegarten mit einem sehr verfallenen Gartenhäuschen, das man die Eremitage nannte. Dieser einsame und sehr liebliche Ort hatte, als ich ihn vor meiner Reise nach Genf zum ersten Male gesehen, einen ungemein freundlichen Eindruck auf mich gemacht. In meiner freudigen Erregung war mir der Ausruf entschlüpft: »Ach, gnädige Frau, welche entzückende Wohnung! Ein Zufluchtsort, wie für mich geschaffen!« Frau von Epinay schien nicht sonderlich auf meine Worte zu achten; aber bei dieser zweiten Reise war ich völlig überrascht, an Stelle der alten Hütte ein neues, sehr gut eingerichtetes Häuschen zu finden, welches für einen Haushalt von drei Personen ausreichende Räumlichkeiten darbot. Frau von Epinay hatte diesen Bau im Stillen und mit sehr wenigen Kosten aufführen lassen, indem sie einige Materialien und etliche Arbeiter vom Schloßbau dazu verwandte. Jetzt, bei dieser zweiten Reise, sagte sie zu mir, als sie meine Ueberraschung wahrnahm: »Sehen Sie da Ihren Zufluchtsort, mein lieber Bär. Haben Sie ihn sich selbst ausgewählt, so bietet die Freundschaft Ihnen denselben an, und ich hoffe, daß er Ihnen den grausamen Gedanken benehmen wird, sich von mir zu entfernen.« Ich glaube nie in meinem Leben lebhafter und freudiger gerührt worden zu sein; ich netzte die wohlthätige Hand meiner Freundin mit Thränen, und wenn ich auch nicht sofort überwunden war, so war ich doch außerordentlich schwankend geworden. Frau von Epinay, die keinen abschlägigen Bescheid annehmen wollte, wurde so drängend, bot so viele Mittel auf, benutzte so viele Leute, auf mich einzuwirken, wozu sie sogar Frau Le Vasseur und ihre Tochter gewann, daß sie endlich den Sieg über meinen Entschluß davontrug. Unter Verzicht auf den Aufenthalt in meinem Vaterlande beschloß und versprach ich, die Eremitage zu bewohnen, und bis zum völligen Austrocknen des Gebäudes sorgte sie für die Ausmöblirung, so daß im nächsten Frühjahre alles zum Einzuge bereit war. Was viel zu meiner Entscheidung beitrug war Voltaire's Niederlassung in der Nähe von Genf. Ich begriff, daß dieser Mann dort einen Umschwung hervorrufen, daß ich in meiner Vaterstadt den Ton, das Wesen, die Sitten wiederfinden würde, die mich aus Paris vertrieben; daß ich unaufhörlich im Kampfe liegen müßte und mir in meinem Auftreten keine andere Wahl übrig bleiben würde, als die Rolle eines unerträglichen Pedanten oder eines feigen und schlechten Bürgers zu spielen. Der Brief, den Voltaire in Bezug auf mein letztes Werk an mich schrieb, gab mir Veranlassung, meine Befürchtungen in mein Antwortsschreiben einfließen zu lassen. Die Wirkung, welche dies hervorbrachte, bestätigte sie. Seitdem hielt ich Genf für verloren und ich täuschte mich nicht. Vielleicht hätte ich dem Sturm die Stirn bieten sollen, hätte ich das Talent dazu in mir gefühlt. Aber was hätte ich allein, blöde und unberedt, gegen einen anmaßenden und reichen Mann ausrichten sollen, der sich auf den Einfluß der Großen stützte, eine glänzende Beredtsamkeit besaß und schon der Abgott der Frauen und der Jugend war? Ich besorgte, meinen Muth unnütz der Gefahr auszusetzen; ich hörte nur auf meine friedfertige Natur und auf meine Liebe zur Ruhe, die, wenn sie mich täuschte, mich noch heute in diesem Punkte täuscht. Zog ich mich nach Genf zurück, so würde ich mir selbst große Leiden erspart haben, allein ich zweifle, ob ich mit meinem ganzen brennenden und patriotischen Eifer etwas Großes und Heilsames für mein Vaterland erzielt hätte. Tronchin, der ungefähr um die nämliche Zeit nach Genf übersiedelte, kam einige Zeit später nach Paris, um den Quacksalber zu machen, und führte daraus Schätze mit fort. Bei seiner Ankunft stattete er mir mit dem Chevalier von Jaucourt einen Besuch ab. Frau von Epinay hegte den lebhaften Wunsch, ihn im Geheimen um Rath zu fragen, aber es war nicht leicht, sich durch das Gedränge Bahn zu brechen. Sie nahm meinen Beistand in Anspruch. Ich forderte Tronchin zu einem Besuche bei ihr auf. So begannen sie unter meiner Vermittelung eine Bekanntschaft, die später auf meine Kosten in ein immer innigeres Verhältnis überging. Das ist stets mein Los gewesen. Sobald ich zwei Freunde, die ich getrennt besaß, einander näherte, so haben sie nie verabsäumt, sich gegen mich zu verbünden. Obgleich mich die Tronchins bei der Verschwörung, die sie damals zur Unterjochung ihres Vaterlandes anstifteten, alle tödtlich hassen mußten, so fuhr der Arzt doch lange fort, mir Wohlwollen zu bezeigen. Nach seiner Rückkehr nach Genf schrieb er sogar an mich, um mir die Stelle eines dortigen Ehrenbibliothekars anzubieten. Mein Entschluß war jedoch gefaßt, und dieses Anerbieten erschütterte ihn nicht. In dieser Zeit kehrte ich zu Herrn von Holbach zurück. Die Veranlassung dazu war der Tod seiner Frau gewesen, der eben so wie der der Frau Francueil während meines Aufenthalts in Genf eingetreten war. Diderot, der ihn mir anzeigte, erzählte mir von der tiefen Trauer ihres Mannes. Sein Schmerz ging mir nahe; beklagte ich doch selbst diese liebenswürdige Frau. Bei diesem Trauerfall schrieb ich an Herrn von Holbach. Dieses bedauernswerthe Ereignis ließ mich alle sein mir angethanes Unrecht vergessen, und als er bei meiner Rückkunft von Genf soeben selbst von einer Reise durch Frankreich, die er mit Grimm und andern Freunden zu seiner Zerstreuung unternommen hatte, heimgekehrt war, machte ich ihm einen Besuch und wiederholte ihn öfters, bis zu meiner Abreise nach der Eremitage. Als man in seinem Umgangskreise erfuhr, daß mir Frau von Epinay, die ihm bis dahin noch unbekannt war, daselbst eine Wohnung bereitete, regneten die Spöttereien hageldicht auf mich hernieder, indem man mir zu verstehen gab, daß ich bei meinem Bedürfnisse nach Weihrauch und den städtischen Vergnügungen die Einsamkeit keine vierzehn Tage aushalten würde. Da ich wußte, wie es in dieser Beziehung mit mir stand, ließ ich sie reden und mich dadurch nicht im geringsten stören. Herr von Holbach unterließ nicht, mir gefällig zu sein, Das ist wieder ein Beispiel von den Streichen, die mir mein Gedächtnis spielt. Erst lange nachdem ich dies geschrieben, bringe ich in einem Gespräche mit meiner Frau über ihren guten alten Vater in Erfahrung, daß es keineswegs Herr von Holbach, sondern Herr von Chenonceaux, damals einer der Verwalter des Hôtel Dieu, war, der seine Aufnahme in dasselbe bewirkte. Ich hatte den letzteren so vollkommen vergessen und Herrn von Holbach dagegen so lebhaft in der Erinnerung behalten, daß ich darauf geschworen hätte, ich verdankte ihm diesen Liebesdienst. und verschaffte dem ehrlichen alten Le Vasseur, der mehr als achtzig Jahre zählte, und von dem zu befreien mich seine Frau, die sich durch ihn sehr beschwert fühlte, unaufhörlich bat, ein Unterkommen. Er wurde einem Armenhause übergeben, wo ihn sein Alter und der Schmerz über die Trennung von seiner Familie fast unmittelbar nach seiner Ankunft in das Grab brachten. Seine Frau und seine übrigen Kinder betrauerten ihn wenig; Therese dagegen, die ihn zärtlich liebte, hat sich nie über seinen Verlust wie über ihre Einwilligung dazu trösten können, daß er, seinem Ende so nahe, fern von ihr seine Tage vollenden sollte. Ungefähr um die nämliche Zeit bekam ich einen höchst unerwarteten Besuch, obgleich es eine sehr alte Bekanntschaft war. Ich spreche von meinem Freunde Venture, der mich eines schönen Morgens überraschte, als ich an nichts weniger dachte. Ein anderer Mann erschien mit ihm. Wie verändert kam er mir vor! Statt seiner alten Anmuth bemerkte ich an ihm nur ein wüstes Wesen, das mich von einem herzlichen Entgegenkommen zurückhielt. Entweder waren meine Augen nicht mehr dieselben, oder sein ausschweifendes Leben hatte ihn verdummt, oder sein ganzer früherer Glanz beruhte nur auf dem Glanze der Jugend, die jetzt vergangen war. Ich sah ihn fast mit Gleichgiltigkeit, und wir schieden ziemlich kalt von einander. Allein nach seiner Entfernung rief das Andenken an unser früheres freundschaftliches Verhältnis die Erinnerung an meine jungen Jahre, die jener jetzt freilich nicht weniger als er verwandelten engelgleichen Frau so zärtlich und keusch gewidmet waren, auf das lebhafteste wieder in mir wach. Die kleinen Ereignisse aus dieser glücklichen Zeit, der selige so unschuldig und doch so genußreich in Gesellschaft zweier reizenden Mädchen in Toune verlebte Tag, an dem ich als einzige Gunst eine Hand zu küssen bekam und der trotzdem eine so leidenschaftliche, so rührende, so anhaltende Sehnsucht in mir zurückgelassen hatte; alle diese entzückenden und berauschenden Träume, die ich damals in ihrer ganzen Kraft empfunden und deren Zeit ich für immer entschwunden wähnte: alle diese zärtlichen Erinnerungen entlockten mir Thränen über meine entflohene Jugend und ihre mir jetzt für immer verlorene Seligkeit. Ach, wie viele würde ich über die späte und unheilvolle Rückkehr dieser Seligkeit vergossen haben, hätte ich die Leiden vorausgesehen, die sie mich kosten sollte! Bevor ich Paris verließ, hatte ich den Winter vor meiner Uebersiedelung eine Freude ganz nach meinem Herzen, die ich in ihrer vollen Reinheit empfand. Palissot, ein durch einige Schauspiele bekannt gewordenes Mitglied der Akademie von Nancy, hatte in Luneville eines derselben vor dem König von Polen aufführen lassen. Offenbar glaubte er sich in Gunst zu setzen, wenn er in diesem Stücke einen Mann auftreten ließ, der es gewagt hatte, sich mit dem Könige in einem Federkriege zu messen. Stanislaus, der edelmüthig und kein Freund der Satire war, wurde entrüstet, daß man in seiner Gegenwart dergleichen Persönlichkeiten auf die Bühne zu bringen wagte. Auf Befehl dieses Fürsten schrieb der Herr Graf von Tressan an d'Alembert und mich, um mir die Absicht Seiner Majestät, Herrn Palissot von seiner Akademie auszuschließen, mitzutheilen. Meine Antwort war eine lebhafte Bitte an Herrn von Tressan, bei dem Könige von Polen um die Begnadigung des Herrn Palissot einkommen zu wollen. Die Begnadigung wurde genehmigt, und als mich Herr von Tressan im Namen des Königs davon in Kenntnis setzte, fügte er hinzu, daß dieser Vorfall in die Annalen der Akademie eingetragen werden sollte. Ich erwiderte, daß darin weniger die Gewährung einer Begnadigung als die Verlängerung der Strafe läge. Durch anhaltende Bitten erlangte ich endlich, daß in den Annalen keine Erwähnung geschehen und über die Angelegenheit Stillschweigen beobachtet werden sollte. Dies alles wurde sowohl von Seiten des Königs wie des Herrn von Tressan von Versicherungen der Hochachtung und der Wertschätzung begleitet, durch welche ich mich äußerst geschmeichelt fühlte; und ich machte bei dieser Gelegenheit die Erfahrung, daß die Achtung von Menschen, die ihrer selbst in so hohem Grade würdig sind, in der Seele ein weit süßeres und edleres Gefühl als das der befriedigten Eitelkeit hervorruft. Meine erwähnte Sammlung enthält eine Abschrift der Briefe des Herrn von Tressan, nebst meinen Antworten und die Originale wird man in dem Heft A, Nr. 9, 10 und 11 finden. Ich bin mir dessen recht wohl bewußt, daß ich, wenn diese Denkwürdigkeiten je in die Öffentlichkeit kommen sollten, hier selbst das Andenken an einen Vorfall verewige, von dem ich jede Spur vernichten wollte; aber wider meinen Willen muß ich noch weit andere berichten. Von dem großen Zwecke meines Unternehmens, das ich immer fest im Auge behalte, und von der unumgänglichen Pflicht, es in seinem ganzen Umfange auszuführen, darf ich mich nicht durch Betrachtungen kleinlicherer Art, die mich von meinem Ziele entfernen würden, abbringen lassen. In der eigentümlichen, in der ganz einzigen Lage, in der ich mich befinde, habe ich zu große Verpflichtungen gegen die Wahrheit, um gegen andere Rücksicht nehmen zu können. Um mich richtig zu kennen, muß man mich in allen meinen Beziehungen und Verbindungen, in den guten wie in den schlechten, kennen. Die Bekenntnisse über mich sind selbstverständlich mit denen über viele andere Leute verbunden; ich lege die einen wie die andern in allem, was sich auf mich bezieht, mit gleichem Freimuth ab, da ich niemandem, wer er auch sein möge, mehr Rücksichten schuldig zu sein glaube, als ich auf mich selbst nehme, so gern ich auch auf andere weit mehr nehmen möchte. Ich will stets gerecht und wahr sein, von andern so viel Gutes sagen, wie es mir möglich sein wird, Nachtheiliges nur über meine Person und so weit ich dazu gezwungen bin. Wer ist wohl berechtigt, von mir in der Lage, in die man mich versetzt hat, mehr zu verlangen? Meine Bekenntnisse sind nicht geschrieben, um während meines Lebens oder zu Lebzeiten der darin erwähnten Personen zu erscheinen. Hinge mein wie dieser Schrift Schicksal von mir ab, so würde sie erst lange nach meinem und nach jener Tode das Licht erblicken. Aber die Anstrengungen, zu welchen die Angst vor der Wahrheit meine mächtigen Unterdrücker treibt, um ihre Spuren zu vernichten, zwingt mich gerade zur Erhaltung derselben alles zu thun, was das untrüglichste Recht und die strengste Gerechtigkeit gestatten. Müßte mein Andenken zugleich mit mir erlöschen, so würde ich ohne Murren lieber eine ungerechte und vorübergehende Schmach dulden, als jemanden bloßstellen; aber da mein Name am Ende doch fortleben muß, so bin ich es mir schuldig dafür zu sorgen, daß sich mit ihm auch die Erinnerung an den unglücklichen Menschen, der ihn trug, so erhält, wie er in Wirklichkeit war, und nicht so, wie ihn ungerechte Feinde unaufhörlich zu schildern suchen. Neuntes Buch. 1756 Die Ungeduld, die Eremitage zu beziehen, machte es mir unmöglich, die Wiederkehr der schönen Jahreszeit abzuwarten, und sobald meine Wohnung in Ordnung war, beeilte ich mich, von ihr Besitz zu nehmen, zum großen Gelächter der Holbachschen Sippschaft, die laut vorhersagte, ich würde nicht drei Monate Einsamkeit ertragen, und man würde mich binnen kurzem mit dem beschämenden Gefühle, mich lächerlich gemacht zu haben, zurückkehren sehen, um wie sie in Paris zu leben. Ich für meine Person, der ich seit fünfzehn Jahren meinen Lieblingsbeschäftigungen entrückt war und nun im Begriff stand, sie von neuem aufzunehmen, achtete nicht einmal auf ihre Witzeleien. Seitdem ich mich wider meinen Willen in die Welt gestürzt, hatte ich nicht aufgehört, mich nach meinem lieben Charmettes und dem gemüthlichen Leben, welches ich dort geführt, zurückzusehnen. Ich fühlte mich für die Zurückgezogenheit und das Leben auf dem Lande geboren; es war mir unmöglich, anderswo ein glückliches Leben zu führen. In Venedig, unter dem Andrange der öffentlichen Geschäfte, in der Würde einer Art hervorragender Stellung, in der stolzen Zuversicht auf eine baldige Beförderung; in Paris, im Strudel der vornehmen Gesellschaft, in den Sinnesgenüssen schwelgerischer Tafelfreuden, im Glanze der Schauspiele, im Kitzel meiner sich steigernden Berühmtheit: stets hatte mich die Erinnerung an meine Haine, meine Bäche, meine einsamen Spaziergänge zerstreut, mich traurig gemacht, mir sehnsüchtige Seufzer entlockt. Alle Arbeiten, mit denen ich mich zu beschäftigen im Stande gewesen war, alle ehrgeizigen Bestrebungen, die mich dann und wann erfüllt und meinen Eifer angespornt hatten, gingen immer nur darauf aus, mich eines Tages jene glückselige ländliche Muße erlangen zu lassen, die ich mir in diesem Augenblicke erreicht zu haben schmeichelte. Wenn ich mich auch nicht jenes anständigen Wohlstandes erfreute, den ich für das einzige Mittel hielt, zu diesem Ziele zu gelangen, so war ich in Folge meiner besonderen Lage doch überzeugt, seiner entbehren und auf einem ganz entgegengesetzten Wege das gleiche Ziel erreichen zu können. Ich besaß nicht einen Sou Rente, aber ich hatte einen Namen und Talente; ich war nüchtern und hatte mir die kostspieligsten Bedürfnisse, wenigstens alle, die nur auf Einbildung beruhen, abgewöhnt. Außerdem war ich, wenn auch träge, doch, sobald ich es sein wollte, arbeitsam, und meine Trägheit war weniger die eines Faulenzers als die eines unabhängigen Mannes, der nur gern arbeitet, wenn er Lust dazu hat. Mein Geschäft als Notenabschreiber war weder glänzend noch gewinnreich, aber es war sicher. Man erkannte in der Welt meinen Muth, es erwählt zu haben, vollkommen an. Ich konnte darauf rechnen, daß es mir nicht an Arbeit fehlen würde und sie mir bei einigem Fleiße einen genügenden Lebensunterhalt gewähren würde. Zweitausend Franken, die mir noch vom Ertrage des »Dorfwahrsagers« und meiner übrigen Schriften blieben, reichten für die erste Zeit aus, um jede Noth von mir fern zu halten, und mehrere Werke, an denen ich arbeitete, verhießen mir, ohne daß ich die Buchhändler zu brandschatzen brauchte, genügende Zuschüsse, um in aller Gemächlichkeit, ohne zu große Anstrengung zu arbeiten, wobei ich sogar die Muße auf den Spaziergängen benutzen konnte. Meine kleine Haushaltung, aus drei Personen bestehend, die sich sämmtlich nützlich beschäftigten, erforderte keine kostspieligen Ausgaben. Kurz, meine Hilfsquellen, die im richtigen Verhältnisse zu meinen Bedürfnissen und Wünschen standen, konnten mir bei dem Leben, welches ich aus Neigung gewählt hatte, ein dauerndes Glück mit ziemlicher Sicherheit versprechen. Ich hätte mich ganz auf die gewinnreichste Seite werfen und meine Feder, statt sie zum Abschreiben herzugeben, völlig der Schriftstellerei widmen können, die bei dem Fluge, den ich begonnen und den ich fortzusetzen mich im Stande fühlte, mich recht gut in die Lage zu versetzen vermochte, im Ueberfluß und selbst in Reichthum zu leben, hätte ich mich nur dazu verstehen wollen, mit der Sorge, gute Bücher zu schreiben, einige Autorenkunstgriffe zu verbinden. Allein ich fühlte, daß das blose Schreiben für das liebe Brot meinen Genius erstickt und mein Talent vernichtet hätte, welches weniger in meiner Feder als in meinem Herzen lag und seine Quelle lediglich in einer erhabenen und stolzen Denkungsart hatte, die ihm allein Nahrung geben konnte. Aus einer ganz käuflichen Feder kann nichts Kraftvolles, nichts Großes kommen. Die Noth, die Habgier vielleicht hätte mich verleitet, mehr schnell als gut zu arbeiten. Hätte mich das Bedürfnis nach Erfolg nicht in Parteilichkeiten verwickelt, so hätte es mich doch veranlaßt nicht sowohl nützliche Wahrheiten zu sagen als vielmehr solche Aussprüche zu thun, die der Menge gefallen, und aus einem ausgezeichneten Schriftsteller, der ich sein konnte, wäre ich nur ein Papierbesudler geworden. Nein, nein, ich bin stets der Ueberzeugung gewesen, daß der Stand als Schriftsteller nur dann glänzend und achtungswerth wäre und sein könnte, wenn er kein Berufsstand wäre. Es ist zu schwer, erhaben zu denken, wenn man nur denkt, um davon zu leben. Um große Wahrheiten sagen zu können, sagen zu dürfen, muß man nicht vom Erfolge abhängig sein. Ich warf meine Bücher mit der festen Zuversicht in das Publikum, für das allgemeine Wohl geredet zu haben, ohne mir um das Uebrige Sorge zu machen. Fand das Werk keine gute Aufnahme, um so schlimmer dann für diejenigen, die keinen Nutzen daraus ziehen wollten. Ich meinerseits bedurfte ihres Beifalls nicht, um leben zu können. Meine erwählte Beschäftigung war im Stande, mich zu ernähren, wenn meine Bücher keinen Absatz fanden, und gerade um deswillen war Nachfrage nach ihnen. Am 9. April 1756 verließ ich die Stadt, um nie mehr in ihr zu wohnen, denn einige kurze Aufenthalte, die ich seitdem sowohl in Paris wie in London und andren Städten, aber immer nur auf der Durchreise oder doch immer wider meinen Willen genommen habe, betrachte ich nicht als Wohnen. Frau von Epinay holte uns alle drei in ihrer Kutsche ab; ihr Pächter kam, mein unbedeutendes Gepäck aufzuladen, und noch am nämlichen Tage wurde mir meine neue Wohnung übergeben. Ich fand meinen kleinen Zufluchtsort einfach, aber nett und sogar mit Geschmack eingerichtet und möblirt. Die Hand, welche diese Ausstattung besorgt hatte, verlieh ihr in meinen Augen unschätzbaren Werth, und es war für mich ein entzückender Gedanke, der Gast meiner Freundin in einem Hause meiner eigenen Wahl zu sein, das sie ausdrücklich für mich hatte bauen lassen. Obgleich es kalt war und sogar noch Schnee lag, begann die Erde doch sich schon in Grün zu kleiden; man sah Veilchen und Schlüsselblumen, die Knospen der Bäume begannen zu treiben, und selbst die Nacht nach meiner Ankunft wurde mir dadurch ereignisreich, daß sich der Gesang der Nachtigall fast unter meinem Fenster in einem Gehölz vernehmen ließ, das an das Haus grenzte. Uneingedenk meiner Uebersiedelung glaubte ich mich nach einem leichten Schlummer noch in der Straße Grenelle, als mich plötzlich dieser melodische Schlag erzittern machte. Voll Entzücken rief ich aus: »Endlich sind alle meine Wünsche erfüllt!« Mein erstes Bestreben war, mich dem Eindrucke der ländlichen Gegenstände zu überlassen, die mich rings umgaben. Anstatt damit anzufangen, mich in meiner Wohnung einzurichten, begann ich mich für meine Spaziergänge einzurichten, und es gab keinen Fußpfad, keine Schonung, kein Gehölz, keinen Schlupfwinkel um meine Wohnung herum, den ich nicht schon am andern Tage durchstreift hätte. Je mehr ich dieses reizende Asyl durchforschte, desto mehr erkannte ich es wie für mich geschaffen. Diese eher einsame als öde Gegend versetzte mich im Geiste an das Ende der Welt; sie besaß jene rührenden Schönheiten, die man in der Nähe der Städte nicht leicht findet, und wenn man sich plötzlich in sie hineinversetzt gewahrt, hätte man nie wähnen können, sich nur vier Stunden von Paris zu befinden. Nach einigen meiner ländlichen Begeisterung gewidmeten Tagen dachte ich endlich daran, meine Papiere zu ordnen und meine Beschäftigungen zu regeln. Meine Morgenstunden bestimmte ich, wie ich stets gethan hatte, zum Abschreiben und meine Nachmittage zum Spazierengehen, wobei ich mit meinem kleinen Notizbuche voll vieler unbeschriebener Blätter und meinem Bleistifte versehen war, denn da ich stets nur unter freiem Himmel in aller Ruhe hatte schreiben und denken können, so fühlte ich mich nicht versucht, mich einer andern Methode anzubequemen, und ich rechnete fest darauf, daß der Wald von Montmorency, der fast unmittelbar vor meiner Thüre lag, von nun an mein Arbeitszimmer abgeben sollte. Ich hatte mehrere Schriften angefangen und unterzog sie jetzt einer neuen Durchsicht. In Entwürfen war ich ziemlich großartig, aber in dem aufregenden Treiben der Stadt war bisher die Ausführung langsam weiter gerückt. Ich verließ mich darauf, etwas mehr Fleiß dazu verwenden zu können, wenn ich weniger Zerstreuungen haben würde. Ich glaube dieser Hoffnung ziemlich gut entsprochen zu haben, und für einen oft kranken, oft auf der Chevrette, in Epinay, in Eaubonne, im Schlosse von Montmorency sich aufhaltenden, oft im eignen Hause von müßigen Neugierigen umlagerten und beständig den halben Tag lang mit Abschreiben beschäftigten Mann, habe ich, zählt und erwägt man die Schriften, welche ich während meines sechsjährigen Aufenthalts in der Eremitage wie in Montmorency geschrieben, meine Zeit, wie man sicherlich finden wird, in diesem Zeitabschnitte nicht verloren, oder wenigstens nicht im Müßiggang. Von den verschiedenen Werken, an denen ich arbeitete, war das, welches meine Gedanken am meisten in Anspruch nahm, mit dem ich mich am liebsten beschäftigte, an dem ich mein ganzes Leben lang arbeiten wollte, und mit dem ich meinem Rufe die Krone aufzusetzen gedachte, meine »politischen Einrichtungen«. Schon dreizehn oder vierzehn Jahre vorher hatte ich die erste Idee dazu gefaßt, als ich bei meinem Aufenthalte in Venedig Gelegenheit erhalten hatte, die Fehler dieser so hoch gerühmten Regierung zu erkennen. Durch das Studium der Geschichte der Moral hatte sich mein Gesichtskreis seitdem bedeutend erweitert. Ich war zu der Einsicht gelangt, daß im letzten Grunde alles auf die Politik ankäme, und daß jedes Volk, auf welche Weise man es auch immer anstellen möchte, nur das sein würde, was die Natur seiner Regierungsform aus ihm machen mußte. Demnach schien sich mir diese große Frage nach der bestmöglichen Regierungsform auf folgende zurückführen zu lassen: welche Regierungsform ist am meisten geeignet, das tugendhafteste, aufgeklärteste, verständigste, kurz das beste Volk in dem weitesten Sinne des Wortes zu bilden? Ich hatte einzusehen geglaubt, daß diese Frage so ziemlich der andern gleichkäme, wenn überhaupt ein Unterschied zwischen ihnen stattfände: welche Regierungsform steht mit dem Gesetze stets im nächsten Zusammenhange? Ferner: was ist das Gesetz? nebst einer ganzen Reihe von Fragen gleicher Wichtigkeit. Ich erkannte, daß mich dies alles zu großen, für das Glück des menschlichen Geschlechts, besonders aber für das meines Vaterlandes heilsamen Wahrheiten führte. In letzterem hatte sich auf der Reise, die ich vor kurzem dorthin unternommen, die Begriffe von Gesetz und Freiheit meines Erachtens weder richtig noch klar genug gefunden; und diese indirecte Art, sie ihnen beizubringen, war mir am geeignetsten vorgekommen, die Eigenliebe der dabei Betheiligten zu schonen und mir Verzeihung dafür zu erwirken, daß ich in Bezug auf diese Punkte ein wenig weiter sah als sie. Obgleich ich bereits fünf oder sechs Jahre an diesem Werke arbeitete, war es doch noch wenig vorgeschritten. Bücher dieser Art verlangen Ueberlegung, Muße, Ruhe. Außerdem war ich mit ihm, so zu sagen, im Geheimen beschäftigt und hatte mein Vorhaben niemandem, nicht einmal Diderot mittheilen wollen. Ich besorgte, daß es für das Jahrhundert und das Land, in dem ich schrieb, zu kühn erschiene, und daß mir die Angst meiner Freunde Diese Besorgnis flößte mir namentlich Duclos' vernünftige Strenge ein; denn was Diderot anlangt, so weiß ich nicht, wie es kam, daß alle meine Unterredungen mit ihm immer nur den Erfolg hatten, mich satirischer und beißender zu machen, als es mit meiner Natur im Einklang stand. Dies war es eben, was mich davon zurückhielt, ihn über mein Unternehmen um Rath zu fragen, in dem ich lediglich die Macht der Beweisführung zur Geltung bringen wollte, ohne irgend eine Spur von Mißvergnügen und Parteilichkeit. Ueber den Ton, welchen ich in diesem Werke angenommen, kann man nach dem im »contrat social« herrschenden urtheilen, welcher daraus geschöpft ist. bei der Ausführung hinderlich sein könnte. Ich wußte noch nicht, ob es rechtzeitig und der Art vollendet werden würde, daß es noch während meiner Lebzeiten erscheinen könnte. Ich wollte meinem Gegenstande alles, was er von mir verlangte, ohne Zwang geben können, fest überzeugt, daß mich, da ich keine Neigung zur Satire hatte und nie darauf ausging anzüglich zu werden, bei billiger Beurtheilung kein Tadel treffen werde. Ich wollte von dem Rechte zu denken, das ich durch meine Geburt besaß, in vollem Umfange Gebrauch machen, aber stets mit aller Achtung gegen die Regierung, unter der ich leben mußte, und ohne je ihren Gesetzen ungehorsam zu sein; und sehr darauf bedacht, das Völkerrecht nicht zu verletzen, wollte ich doch auch nicht auf seine Vortheile verzichten. Ich gestehe sogar, daß ich als ein in Frankreich lebender Fremdling meine Lage für das Wagestück, offen die Wahrheit zu sagen, sehr günstig fand, da ich mir wohl bewußt war, daß ich, wenn ich dabei blieb, nichts ohne Erlaubnis drucken zu lassen, daselbst niemandem Rechenschaft über meine Grundsätze und ihre Veröffentlichung außerhalb des Landes schuldig war. Ich würde selbst in Genf weit weniger frei gewesen sein, wo die Obrigkeit, an welchem Orte auch meine Bücher gedruckt sein mochten, das Recht besaß, den Inhalt derselben ihrer Kritik zu unterwerfen. Diese Erwägung hatte viel dazu beigetragen, daß ich den Bitten der Frau von Epinay nachgab und von der Uebersiedlung nach Genf abstand. Ich fühlte, wie ich es im Emil ausgesprochen habe, daß man, liebt man nicht Intriguen und will man seine Bücher dem wahren Wohle des Vaterlandes widmen, sie nicht im Schooße desselben abfassen darf. Was mich meine Lage noch glücklicher finden ließ, war die von mir gefaßte Ueberzeugung, daß es sich die französische Regierung, wenn sie mich vielleicht auch nicht mit günstigem Auge betrachtete, doch zur Ehre anrechnen würde, mich zwar nicht zu beschützen, aber doch wenigstens in Ruhe zu lassen. Meines Bedünkens war es eine sehr einfache und gleichwohl sehr geschickte Politik, sich aus der Duldung dessen, was man nicht hindern konnte, ein Verdienst zu machen; weil bei meiner Verbannung aus Frankreich, was alles war, wozu der Regierung das Recht zustand, meine Bücher dessenungeachtet und vielleicht mit weniger Mäßigung geschrieben worden wären, während sie, wenn sie mich in Ruhe ließ, den Verfasser als Bürgschaft für seine Werke behielt und zugleich ein im übrigen Europa tief eingewurzeltes Vorurtheil vernichtete, indem sie sich in den Ruf setzte, das Völkerrecht offenkundig zu achten. Wer nach dem Erfolge denken möchte, daß mich meine Zuversicht getäuscht habe, könnte sich möglicherweise selbst täuschen. Bei dem Unwetter, das auf mich eingestürmt ist, haben meine Bücher nur als Vorwand gedient, während es in Wirklichkeit auf meine Person abgesehen war. Um den Schriftsteller kümmerte man sich sehr wenig, aber man wollte Jean Jacques verderben, und das größte Unrecht, das man in meinen Schriften gefunden haben mag, war die Ehre, welche sie mir bringen konnten. Gehen wir jedoch auf das, was die Zukunft brachte, jetzt nicht ein. Ich weiß nicht, ob sich dieses Geheimnis, welches für mich noch immer fortdauert, den Lesern in der Folge aufklären wird; ich weiß nur, daß, wenn meine kund gewordenen Grundsätze die Ursache der Behandlung gewesen, die ich erduldete, ich sicherlich schon früher ihr Opfer geworden wäre, da diejenige von allen meinen Schriften, in der jene Grundsätze mit der meisten Kühnheit, um nicht zu sagen Vermessenheit, ausgesprochen sind, Die Abhandlung über die Ungleichheit der Stände. sogar schon vor meiner Uebersiedelung nach der Eremitage ihre Wirkung geübt zu haben schien, ohne daß jemand daran gedacht hätte, ich will nicht sagen, Streitigkeiten mit mir anzufangen, sondern auch nur der Veröffentlichung des Werkes in Frankreich, wo es eben so öffentlich wie in Holland verkauft wurde, hinderlich entgegenzutreten. Seitdem erschien die »Neue Heloise« eben so unbeanstandet, ich darf sagen mit gleichem Beifall, und was fast unglaublich scheint, ist hierbei der Umstand, daß das Glaubensbekenntnis dieser nämlichen Heloise, das sie sterbend ablegte, genau dasselbe ist wie das des savoyischen Vikars. Alle kühnen Stellen im » Contrat social « standen früher in der »Abhandlung über die Ungleichheit«, alle kühnen Stellen im »Emil« standen früher in der »Julie«. Nun, diese kühnen Stellen erregten gegen die beiden früheren Werke keinen Lärm; folglich waren sie es auch nicht, die gegen die späteren Lärm erregten. Eine andere Unternehmung ungefähr nämlicher Art, obgleich der Gedanke daran erst später in mir aufgestiegen war, beschäftigte mich in diesem Augenblicke vorzugsweise; es war der Auszug aus den Werken des Abbé von Saint-Pierre, von dem ich, durch den Faden meiner Erzählung mit fortgerissen, bis jetzt nicht habe sprechen können. Die Idee dazu war mir nach meiner Rückkehr von Genf von dem Abbé von Mably, zwar nicht unmittelbar, aber durch Vermittlung der Frau Dupin eingegeben worden, die ein gewisses Interesse dabei hatte, mich zu der Ausführung dieser Arbeit zu bestimmen. Sie war eine jener drei oder vier hübschen Pariserinnen, deren verhätscheltes Schooskind der greise Abbé gewesen, und war sie auch nicht gerade sein unbestrittener Liebling, so hatte sie den ersten Platz in seinem Herzen doch nur mit Frau von Aiguillon getheilt. Sie bewahrte dem Andenken des braven Mannes eine Achtung und Liebe, die beiden zur Ehre gereichte, und ihrer Eigenliebe wäre es schmeichelhaft gewesen zu sehen, daß die todtgeborenen Werke ihres Freundes wieder von ihrem Secretäre zu neuem Leben erweckt würden. Diese Werke enthielten übrigens unläugbar ausgezeichnete Sachen, aber in einer so schlechten Ausdrucksweise, daß man sich nur schwer zu ihrem Studium entschließen konnte. Es ist seltsam, daß der Abbé von Saint-Pierre, der seine Leser wie große Kinder betrachtete, zu ihnen trotzdem wie zu Männern redete, bei denen eine gefällige Darstellungsform unnöthig wäre. Aus diesem Grunde hatte man mir diese Arbeit als eine an sich nützliche und für mich sehr passende vorgeschlagen, da ich, wenn auch bei der Ausführung eines Werkes thätig, beim Entwerfen äußerst langsam und träge war, kurz ein Mann, der die Mühe des Denkens sehr ermüdend fand und es deshalb bei Dingen, die nach seinem Geschmacke waren, vorzog, die Ideen eines andern klar darzulegen und zur Geltung zu bringen, als selbst solche zu ersinnen. Da ich überdies nicht auf die blose Erklärung seiner Schriften beschränkt war, so war es mir nicht verwehrt, hin und wieder meine eigenen Gedanken auszusprechen, und ich konnte meinem Werke eine solche Form geben, daß viele wichtige Wahrheiten unter dem Mantel des Abbé von Saint-Pierre noch weit sicherer durchschlüpften als unter dem meinigen. Die Arbeit war übrigens nicht leicht; es handelte sich um nichts weniger als um die Aufgabe, dreiundzwanzig weitschweifige und verworrene Bände voll endloser Tiraden und Wiederholungen zu lesen, zu durchdenken und aus ihnen Auszüge zu machen. Aus all den kurzsichtigen oder falschen Ansichten galt es nun einige große und schöne Gedanken aufzufischen, die den Muth gaben, diese mühselige Arbeit auszuhalten. Ich hätte sie oft gern aufgegeben, hätte ich mich anständigerweise von ihr lossagen können, aber bei der Empfangnahme der Manuscripte des Abbé, die mir auf Saint-Lamberts Bitten sein Neffe, der Graf von Saint-Pierre, überreichte, hatte ich mich gewissermaßen verpflichtet, Gebrauch von ihnen zu machen, und ich mußte sie entweder zurückgeben oder versuchen, die versprochene Arbeit auszuführen. In letzterer Absicht hatte ich diese Manuscripte mit nach der Eremitage genommen und beabsichtigte, auf diese Arbeit zuerst meine Muße zu verwenden. Noch eine dritte hatte ich vor, zu der ich die Idee an mir selbst angestellten Beobachtungen verdankte, und ich fühlte um so mehr Muth, mich an sie zu machen, da ich gegründete Hoffnung hegte, ein der Menschheit wahrhaft nützliches Buch zu liefern und sogar eines der nützlichsten, das man ihr darbieten könnte, falls die Ausführung dem von mir entworfenen Plane in würdiger Weise entspräche. Die meisten Menschen sind sich, wie durch Beobachtungen festgestellt ist, im Laufe ihres Lebens oft selbst sehr unähnlich und scheinen sich in ganz andere Menschen zu verwandeln. Nicht zur Darlegung einer so bekannten Thatsache wollte ich ein Buch schreiben, ich hatte noch einen neueren und wichtigeren Gegenstand im Auge: es galt die Aufsuchung der Ursachen dieser Wandlungen und die Feststellung derjenigen, die von uns abhängen, um nachzuweisen, wie wir selbst sie zu leiten vermöchten, um uns besser und charakterfester zu machen. Denn ohne Widerspruch ist es für den rechtlichen Menschen schwieriger, den schon völlig ausgebildeten Trieben, die er besiegen muß, zu widerstehen, als diesen nämlichen Trieben noch in ihrer Quelle, falls er im Stande sein sollte, ihnen bis dahin nachzugehen, vorzubeugen, eine andere Richtung zu geben oder sie doch abzuschwächen. Ein Mann, der versucht wird, widersteht einmal, weil er stark ist, und unterliegt ein anderes Mal, weil er schwach ist; wäre er noch derselbe wie früher gewesen, so würde er nicht unterlegen sein. Indem ich mich selbst prüfte und an andern Forschungen anstellte, worauf diese verschiedenen Arten zu sein beruhten, erkannte ich, daß sie großentheils von dem vorher auf uns ausgeübten Eindrucke der äußeren Gegenstände herrührten, und daß wir, unaufhörlich durch unsere Sinne und Organe verändert, in unsern Vorstellungen, in unsern Gefühlen, sogar in unsern Handlungen unbewußt die Wirkung dieser Wandlungen mit uns trügen. Die schlagenden und zahlreichen Beobachtungen, die ich gesammelt hatte, ließen keinen Widerspruch zu und schienen nur aus physischen Gründen geeignet eine äußere Lebensordnung darzubieten, die, je nach den Umständen wechselnd, die Seele in den der Tugend günstigsten Zustand versetzen oder in ihm erhalten konnte. Vor wie vielen Verirrungen würde man die Vernunft bewahren, wie viele Laster in ihrem Aufkeimen ersticken, wenn man den leiblichen Organismus zu zwingen verstände, der moralischen Ordnung, welche er so oft hemmt, zu Hilfe zu kommen! Das Klima, die Jahreszeiten, die Töne, die Farben, die Dunkelheit, das Licht, die Elemente, die Nahrungsmittel, das Geräusch, die Stille; die Bewegung, die Ruhe, alles wirkt auf unsere Organe und folglich auch auf unsere Seele ein; alles gewährt uns tausend fast sichere Mittel, um die Gefühle, von denen wir uns beherrschen lassen, in ihrem Entstehen zu leiten. Das war die Grundidee, die ich schon in einem flüchtigen Entwurfe schriftlich auszuarbeiten begonnen hatte, und von der ich mir für gut geartete Menschen, die trotz aufrichtiger Liebe zur Tugend voller Mißtrauen gegen ihre Schwäche sind, eine um so sicherere Wirkung versprach, als es mir leicht vorkam, darüber ein Buch zu liefern, das eben so angenehm zu lesen wie zu schreiben war. An diesem Werke, welches den Titel »Die sensitive Moral oder der Materialismus des Weisen« führte, habe ich indessen sehr wenig gearbeitet. Zerstreuungen, deren Ursache man bald erfahren wird, hielten mich von der Beschäftigung damit zurück, und man wird eben so hören, welches das Loos meines Entwurfes war, das mit dem meinen in näherem Zusammenhange steht, als es den Anschein hat. Außerdem dachte ich seit einiger Zeit über ein Erziehungssystem nach, mit dem Frau von Chenonceaux, der das von ihrem Manne gegen ihren Sohn angewandte Entsetzen einflößte, mich gebeten hatte, mich zu beschäftigen. Die Macht der Freundschaft hatte zur Folge, daß mir dieser Gegenstand, obgleich er mir an sich weniger angenehm war, doch mehr am Herzen lag als alle andere. Auch ist dieses das einzige von allen so eben erwähnten Themata, das ich wirklich ausgeführt habe. Der Zweck, den ich mir bei Bearbeitung dieses Stoffes vorgenommen, hätte dem Verfasser, wie nur scheint, ein anderes Loos zu bereiten verdient. Greifen wir jedoch diesem traurigen Gegenstande nicht vor. Ich werde im Verlaufe dieser Schrift nur allzu sehr gezwungen sein, davon zu reden. Alle diese verschiedenen Pläne boten mir Stoff zu Ueberlegungen auf meinen Spaziergängen dar, denn ich kann, wie ich schon gesagt zu haben glaube, nur im Gehen denken; sobald ich Halt mache, ist es mit dem Denken vorbei, und mein Kopf hält nur mit meinen Füßen Schritt. Ich hatte jedoch die Vorsicht gehabt, mich auch für die Regentage mit einer Zimmerarbeit zu versehen. Dies war mein Wörterbuch der Musik, dessen zerstreute, unvollständige, noch nicht gefeilte Materialien eine fast neue Bearbeitung des Werkes nöthig machten. Einige Bücher, deren ich zu diesem Zwecke bedurfte, brachte ich mit; zwei Monate lang hatte ich Auszüge aus vielen andern angefertigt, die man mir auf der königlichen Bibliothek lieh und von denen man mir sogar einige mit auf die Eremitage hinauszunehmen gestattet hatte. Dies waren meine Schätze, um, wenn mir die Witterung nicht auszugehen erlaubte und ich des Abschreibens überdrüssig war, zu Hause meine Sammlungen zu vervollständigen. Diese Einrichtung sagte mir so zu, daß ich ihr sowohl in der Eremitage wie in Montmorency treu blieb und später sogar in Motiers, wo ich diese Arbeit vollendete, während ich mich zugleich mit andern beschäftigte und stets fand, daß ein Wechsel in der Thätigkeit eine wahre Kräftigung ist. Einige Zeit befolgte ich ziemlich genau die Eintheilung, die ich mir gemacht hatte, und ich befand mich dabei recht wohl; als aber die schöne Jahreszeit Frau von Epinay häufiger nach Epinay oder auf die Chevrette führte, erkannte ich, daß Aufmerksamkeiten, die mir zwar für den Augenblick nicht schwer fielen, aber von mir doch nicht mit berechnet waren, der Ausführung meiner anderen Pläne sehr hinderlich waren. Frau von Epinay besaß, wie bereits erwähnt, sehr liebenswürdige Eigenschaften; sie war ihren Freunden sehr zugethan, diente ihnen mit großem Eifer und war, da sie es für sie weder an Zeit noch Freundlichkeiten fehlen ließ, sicherlich werth, daß sie ihr Gegendienste leisteten. Bisher hatte ich diese Pflicht erfüllt, ohne mir bewußt zu werden, daß es eine wäre; aber schließlich begriff ich, daß ich mich mit einer Kette belastet, deren Gewicht mich die Freundschaft allein zu fühlen verhindert hatte; und durch meinen Widerwillen gegen zahlreiche Gesellschaften hatte ich dieses Gewicht noch vermehrt. Frau von Epinay benutzte dies, um mir einen Vorschlag zu machen, der mir zu gefallen schien, ihr aber noch mehr gefiel. Er bestand darin, daß sie mich jedesmal davon in Kenntnis setzen wollte, wenn sie allein oder fast allein wäre. Ich ging darauf ein, ohne zu erkennen, wozu ich mich verpflichtete. Es folgte daraus, daß ich sie nicht mehr nach meinem, sondern nach ihrem Belieben besuchte, und daß ich nie sicher war, auch nur einen einzigen Tag über mich verfügen zu können. Dieser Zwang trübte die Freude, die mir bisher die Besuche bei ihr bereitet hatten, gar sehr. Ich fand, daß die Freiheit, die sie mir so zuversichtlich versprochen, mir nur unter der Bedingung gewährt war, mich ihrer nie zu bedienen, und als ich sie ein- oder zweimal benutzen wollte, gab es so viel Botschaften, so viel Billets, so viel Unruhe um mein Befinden, daß ich wohl einsah, nur wirkliche Bettlägerigkeit würde mir als Entschuldigung angerechnet werden, wenn ich nicht auf ihr erstes Wort zu ihr eilte. Ich mußte mich diesem Joche unterwerfen; ich that es und für einen so großen Feind aller Abhängigkeit sogar ziemlich gern, da mich die aufrichtige Zuneigung, die ich zu ihr empfand, davor bewahrte, die Last, die unvermeidlich damit verbunden war, in zu hohem Maße zu fühlen. Sie füllte auf diese Weise wohl oder übel die Lücken aus, welche die Abwesenheit ihres gewöhnlichen Hofes in ihren Vergnügungen ließ. Gewährte es ihr auch nur einen sehr unbedeutenden Ersatz, so war er doch immer noch besser als völlige Einsamkeit, die sie nicht auszuhalten vermochte. Indessen fehlte es ihr auch nicht an einem noch bessern Gegenmittel, seitdem sie sich durchaus hatte in der Literatur versuchen wollen und es nicht lassen konnte, Romane, Briefe, Lustspiele, Erzählungen und andere ähnliche Fadheiten, so gut es gehen wollte, zu schreiben. Aber ihre Hauptlust bestand nicht sowohl darin, diese Geistesproducte zu schreiben, als vielmehr sie vorzulesen, und hatte sie es zu Wege gebracht, zwei oder drei Seiten hinter einander zusammen zu klecksen, so bedurfte sie am Schlüsse dieser entsetzlich schwierigen Arbeit mindestens zweier oder dreier wohlwollender Zuhörer. Nur durch die Gunst irgend eines andern gelangte ich bisweilen zu der Ehre, zu der Zahl dieser Auserwählten zu gehören. Allein galt ich fast immer in jeder Angelegenheit für nichts, und zwar nicht allein in dem Gesellschaftskreise der Frau von Epinay, sondern auch in dem des Herrn von Holbach, und überall, wo Herr Grimm den Ton angab. War mir diese Nullität auch überall anderswo ganz angenehm, so doch nicht in dem Zusammensein mit ihr unter vier Augen, wo ich nicht wußte, welche Haltung ich annehmen sollte, indem ich weder von Literatur, über die mir kein Urtheil zustand, noch von Galanterie zu reden wagte, weil ich zu blöde war und die Lächerlichkeit eines alten Anbeters mehr als den Tod fürchtete. Dazu kam, daß Frau von Epinay gegenüber dieser Gedanke nie in mir aufstieg und vielleicht nicht ein einziges Mal mein ganzes Leben lang aufgestiegen wäre, wenn ich es auch immerdar an ihrer Seite zugebracht hätte. Nicht, daß ich gegen ihre Person Abneigung gefühlt hätte; im Gegentheile, ich liebte sie vielleicht zu sehr als Freund, um sie als Anbeter lieben zu können. Es machte mir Freude, sie zu sehen, mit ihr zu plaudern. Ihre in größerer Gesellschaft zwar ziemlich angenehme Unterhaltung war bei Privatunterredungen wenig anregend und wirkte erkältend; die meinige, die nicht witziger und lebhafter war, kam ihr dabei nicht sehr zu Hilfe. Ueber ein zu langes Stillschweigen in Verlegenheit gerathend, bot ich alle Kräfte auf, die Unterhaltung zu beleben, und obgleich es mich oft angriff, empfand ich dabei nie Langeweile. Es that mir wohl, ihr kleine Dienste zu erweisen, ihr ganz brüderliche Küßchen zu geben, die mir ihre Sinnlichkeit eben so wenig wie die meinige zu erregen schienen: das war alles. Sie war zu mager, zu blaß, ihr Busen flach wie meine Hand. Dieser Fehler würde allein genügt haben, um mich in Eis zu verwandeln; weder mein Herz noch meine Sinne sind je fähig gewesen, in einer Person, der der Busen fehlte, ein Weib zu sehen. Noch andere Gründe, die der Erwähnung nicht werth sind, Wahrscheinlich die vertrauliche Mittheilung, die ihm Herr von Francueil über Frau von Epinay gemacht hatte und von der bereits im 7. Buch die Rede gewesen ist. haben mich bei ihr immer ihr Geschlecht vergessen lassen. Als ich mich auf diese Weise einer nicht abzuschüttelnden Dienstbarkeit gegenüber sah, gab ich mich ihr widerstandslos hin und fand sie, wenigstens im ersten Jahre, weniger beschwerlich, als ich erwartet hätte. Frau von Epinay, die gewöhnlich fast den ganzen Sommer auf dem Lande zubrachte, hielt sich diesmal nur während eines Theiles desselben dort auf. sei es daß ihre Geschäfte sie länger in Paris zurückhielten, sei es daß ihr Grimms Abwesenheit den Aufenthalt auf der Chevrette weniger angenehm machte. Die Zeiten, in denen sie nicht auf dem Lande weilte oder viel Besuch hatte, benutzte ich, um mit meiner guten Therese und ihrer Mutter die Einsamkeit in einer Weise zu genießen, durch die mir ihr Werth erst recht fühlbar wurde. Obgleich ich schon seit einigen Jahren auf das Land ging, hatte mir dies doch fast keinen Genuß gewährt, und diese immer mit anspruchsvollen Leuten unternommenen und durch Zwang verdorbenen Reisen hatten keine andere Folge gehabt, als in mir die Vorliebe für ländliche Vergnügungen zu erhöhen, deren Bild ich nur von weitem erblickte, um ihre Entbehrung desto schmerzlicher zu empfinden. Mich langweilten Säle, Wasserkünste, Haine, Blumenbeete und die noch langweiligeren Leute, die sich mit ihnen brüsteten, in so hohem Grade; ich hatte Broschüren, Klimperkasten, L'hombre, literarische Zänkereien, alberne Wortspiele, fade Schönthuereien, kleinliche Schwätzer und großartige Soupers so herzlich satt, daß, wenn ich nur einen verstohlenen Blick auf einen einfachen armen Dornenstrauch, eine Hecke, eine Scheuer, eine Wiese warf, wenn ich beim Durchschreiten eines Dorfes nur den Duft eines guten Eierkuchens mit Kerbel einathmete, wenn ich nur von ferne den ländlichen Refrain des Gesanges der Hirtinnen vernahm, ich Schminke und Falbeln und Pomadentöpfe zum Teufel wünschte, und der Hunger nach Hausmannskost und Landwein in mir erwachte. Gern hätte ich dann dem Herrn Küchenmeister und dem Herrn Tafelmeister, die mich des Abends, zu Mittag und zur Schlafenzeit zu Abend speisen ließen, mit der Faust ins Gesicht geschlagen, vor allen aber den Herren Lakaien, die meine Bissen mit den Augen verschlangen und mir bei quälendem Durste, daß ich hätte sterben mögen, den verfälschten Wein ihres Herrn zehnmal theurer verkauften, als ich in jeder Schenke für bessern hätte zu zahlen brauchen. Da war ich denn nun endlich in meinem eigenen Häuschen, in einem gemüthlichen und einsam gelegenen Asyle und hatte es in meiner Macht, meine Tage in jenem unabhängigen, gleichmäßigen und friedlichen Leben hinzubringen, für welches ich mich geboren fühlte. Ehe ich jedoch die Wirkung auseinandersetze, welche dieser mir so neue Zustand auf mein Herz ausübte, ist es nöthig noch einmal auf die geheimen Neigungen desselben hinzuweisen, damit man den Fortschritt dieser neuen Veränderungen besser in ihren Ursachen verfolgen kann. Ich habe den Tag, der mich mit meiner Therese verband, stets als denjenigen betrachtet, der mein sittliches Sein bestimmte. Ich hatte das Bedürfnis nach einem Liebesverhältnis, da das, welches mir hätte genügen müssen, endlich so grausam zerrissen war. Der Durst nach Glück erlöscht im Herzen des Menschen nicht. Mama wurde alt und sank mehr und mehr. Ich hielt es für erwiesen, daß sie hienieden nicht mehr glücklich werden konnte. Folglich mußte ich mir ein eigenes Glück suchen, nachdem ich jede Hoffnung verloren hatte, je das ihrige zu theilen. Eine Zeit lang schwankte ich von Idee zu Idee, von Plan zu Plan. Meine Reise nach Venedig hätte mich in die öffentlichen Geschäfte gestürzt, hätte der Mann, mit dem ich es dort zu thun bekam, gesunden Menschenverstand gehabt. Ich bin leicht zu entmuthigen, namentlich bei mühseligen und weit aussehenden Unternehmungen. Der schlechte Ausgang dieser ersten verleidete mir jede andere; und da ich nach meinem Grundsatze fernliegende Dinge als Lockspeise für Narren ansah, entschloß ich mich, von nun an nur an den morgenden Tag zu denken, indem ich im Leben nichts mehr erblickte, was mich zu Anstrengungen versucht hätte. Gerade damals entstand unsere Bekanntschaft. Der sanfte Charakter dieses guten Mädchens schien mir so wohl zu dem meinigen zu passen, daß ich mich an sie mit einer Liebe anschloß, die Zeit und Anfechtungen nicht zu erschüttern vermochten, und die alles, was sie hätte ertödten müssen, stets nur noch mehr steigerte. Man wird späterhin die Kraft dieser Liebe erkennen, wenn ich die Wunden, das tiefe Weh enthüllen werde, womit man mein Herz auf dem höchsten Punkte meines Elends zerrissen hat, ohne daß mir bis zu dem Augenblicke, da ich dies niederschreibe, gegen irgend jemanden auch nur ein einziges Wort der Klage entschlüpft wäre. Wenn man erfahren wird, daß ich, nachdem ich alles gethan, allem getrotzt hatte, um mich nicht von ihr zu trennen, nach fünfundzwanzig mit ihr verlebten Jahren, dem Schicksal und den Menschen zum Trotz sie endlich noch in meinen alten Tagen gegen ihre Hoffnung und ohne ihr Verlangen, und ohne meine Zusage oder Versprechen geheirathet habe, so wird man glauben, daß mich eine wahnsinnige Liebe, die mir schon am ersten Tage den Kopf verdreht, schrittweise bis zur letzten Thorheit geführt habe, und man wird es um so mehr glauben, wenn man die besonderen und entscheidenden Gründe vernimmt, welche mich hätten zurückhalten müssen, je dahin zu gelangen. Was wird demnach der Leser denken, wenn ich ihm mit all der Wahrhaftigkeit, die er jetzt an mir kennen muß, versichere, daß ich vom ersten Augenblicke an, da ich sie sah, bis zu dem heutigen Tage nie den geringsten Funken von Liebe für sie gefühlt habe, daß ich kein größeres Verlangen gehegt, sie zu besitzen als Frau von Warens und daß die sinnlichen Bedürfnisse, deren Befriedigung ich bei ihr fand, für mich einzig und allein die des Geschlechtstriebes waren, ohne mit der Person irgend etwas zu thun zu haben? Er wird denken, daß ich, anders organisirt wie andere Männer, unfähig war, Liebe zu empfinden, weil sie nicht in die Gefühle überging, die mich an die mir theuersten Frauen fesselten. Geduld, mein Leser! Der unselige Augenblick naht, wo du nur allzu sehr enttäuscht sein wirst. Man sieht, ich wiederhole mich, doch es ist nöthig. Das erste, das größte, das stärkste, das unauslöschlichste aller meiner Bedürfnisse erfüllte ganz und gar mein Herz: es war das Bedürfnis eines innigen Anschlusses, so innig, wie er irgend sein konnte. Deshalb bedurfte ich eher einer Frau als eines Mannes, eher einer Freundin als eines Freundes. Dieses eigenthümliche Bedürfnis war so gewaltig, daß es die engste leibliche Verbindung noch nicht zu befriedigen vermochte; ich hätte zwei Seelen in demselben Leibe nöthig gehabt; ohne dies fühlte ich stets eine Leere. Damals glaubte ich sie nicht mehr zu fühlen. Diese junge, durch tausend treffliche Eigenschaften und zu jener Zeit sogar durch ihr Aeußeres liebenswürdige Person, völlig ungekünstelt und ohne alle Koketterie, würde allein mein ganzes Dasein ausgefüllt haben, hätte ich, wie ich gehofft, das ihrige auszufüllen vermocht. Von Seiten der Männer hatte ich nichts zu fürchten; ich bin überzeugt, der einzige zu sein, den sie wahrhaft geliebt hat, und ihre nicht sehr rege Sinnlichkeit hat schwerlich Verlangen nach andern gehabt, selbst als ich bereits aufgehört, in dieser Beziehung für sie ein Mann zu sein. Ich hatte keine Familie, sie dagegen hatte eine, und diese Familie, deren sämmtliche Charaktere zu sehr von dem ihrigen abwichen, zeigte sich nicht der Art, daß ich sie hätte zu der meinigen machen können. Darin lag die erste Ursache meines Unglücks. Was würde ich nicht darum gegeben haben, ihre Mutter als die meinige betrachten zu können! Ich that alles, um dahin zu gelangen und konnte dennoch nicht zum Ziele kommen. Vergeblich hatte ich den Wunsch, alle unsere Interessen zu vereinigen, es war mir unmöglich. Sie verfolgte stets ein anderes, dem meinigen und sogar dem ihrer Tochter entgegengesetztes, das von dem meinigen ja bereits unzertrennlich war. Sie und ihre anderen Kinder und Enkel wurden eben so viele Blutegel, deren geringstes Unrecht, welches sie Therese zufügten, darin bestand, daß sie sie bestahlen. Das arme Mädchen, gewöhnt sich selbst vor ihren Nichten zu beugen, ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, ausplündern und beherrschen, und mit Schmerz sah ich, daß ich mein Geld und meine Lehren vergebens verschwendete, da ich damit nichts bei ihr erreichte. Ich suchte sie von ihrer Mutter zu trennen; sie widerstand dem beständig. Ich achtete ihren Widerstand und schätzte sie um so mehr; allein ihre Weigerung gereichte ihr und mir darum nicht weniger zum Nachtheile. Ihrer Mutter und den Ihrigen hingegeben, gehörte sie ihnen mehr als mir, ja mehr als sich selbst. Die Habgier derselben war ihr weniger verderblich als ihre Nachschlage. Wenn sie auch Dank ihrer Liebe zu mir und Dank ihrem guten Charakter nicht vollkommen unterjocht wurde, so war es doch wenigstens genügend, um großentheils die Wirkung der guten Grundsätze zu beeinträchtigen, die ich mich ihr beizubringen bemühte, war genügend, daß wir, wie ich es auch anfangen mochte, nach wie vor stets zwei geblieben sind. Auf diese Weise wurde bei einer aufrichtigen und gegenseitigen Neigung, in die ich die ganze Zärtlichkeit meines Herzens gelegt hatte, die Leere dieses Herzens doch nie ganz ausgefüllt. Kinder, durch welche es geschehen wäre, kamen; es wurde noch schlimmer. Ich schauderte, sie dieser schlecht erzogenen Familie zu überlassen, um noch schlechter erzogen zu werden. Die Gefahren der Erziehung, welche Findlingen zu Theil wurde, waren weit geringer. Obgleich dieser Grund zu dem von mir gefaßten Entschlüsse stärker war als alle, welche ich in meinem Briefe an Frau von Francueil aufführte, so war er doch der einzige, den ich ihr nicht zu nennen wagte. Lieber wollte ich mich einer so schweren Anschuldigung gegenüber nicht ganz rechtfertigen, um die Familie einer Person, die ich liebte, zu schonen. Aber nach dem Wandel ihres unglücklichen Bruders kann man urtheilen, ob ich, was man auch darüber sagen könnte, meine Kinder dem aussetzen durfte, eine der seinigen ähnliche Erziehung zu erhalten. Da ich diese innige Herzensfreundschaft, deren Bedürfnis ich fühlte, nicht in ihrer ganzen Fülle finden konnte, so suchte ich einen Ersatz, der die Lücke, wenn auch nicht auszufüllen, aber mir doch weniger fühlbar zu machen vermochte. In Ermangelung eines Freundes, der ganz mein gewesen wäre, hatte ich Freunde nöthig, deren Antrieb meine Trägheit überwand. Deshalb behielt ich nicht nur mein altes freundschaftliches Verhältnis mit Diderot und dem Abbé von Condillac bei, sondern knüpfte es noch enger, schloß eine neue, noch innigere Freundschaft mit Grimm und fand mich schließlich durch jene leidige Abhandlung, deren Geschichte ich erzählt habe, ehe ich es dachte, in die Literatur zurückgeworfen, der ich auf immer den Rücken gekehrt zu haben glaubte. Die Veröffentlichung meines ersten Werkes ließ mich eine neue Bahn betreten und führte mich auf ihr in eine andere geistige Welt, deren einfachen und doch großartigen Bau ich nicht ohne Begeisterung betrachten konnte. Da ich mich beständig mit ihr beschäftigte, sah ich in der Lehre unserer Denker bald nur Irrthum und Thorheit, in unserer sozialen Ordnung nur Unterdrückung und Elend. In dem Wahne meines dummen Stolzes hielt ich mich dazu geschaffen, alle diese Trugbilder zu vernichten, und da ich meinte, daß ich, um mir Gehör zu verschaffen, meine Lebensweise mit meinen Grundsätzen in Übereinstimmung bringen müßte, nahm ich jenes seltsame Benehmen an, das man mir nicht beizubehalten gestattet hat. Meine sogenannten Freunde haben mir das damit gegebene Beispiel nie verzeihen können, allerdings ein Beispiel, das mich anfänglich lächerlich machte, mir aber am Ende Achtung verschafft hätte, wäre es mir möglich gewesen, dabei zu verharren. Bis dahin war ich gut gewesen; von nun an ward ich tugendhaft, oder wenigstens von der Tugend berauscht. Dieser Rausch hatte in meinem Kopfe seinen Anfang genommen, war aber dann in mein Herz übergegangen. Der edelste Stolz keimte auf den Trümmern der entwurzelten Eitelkeit. Ich spielte keine Rolle; ich war in Wirklichkeit, was ich schien, und während mindestens vier Jahre, in denen jener Gährungszustand in seiner vollen Kraft dauerte, wäre ich im Vertrauen auf den Himmel und auf mich, zu allem Großen und Schönen fähig gewesen, das in dem Menschenherzen eine Stätte finden kann. Darin lag die Quelle meiner plötzlichen Beredtsamkeir, daraus strömte in meine ersten Bücher jenes wahrhaft himmlische Feuer hinüber, das mich durchglühte und doch vierzig Jahre lang nicht den geringsten Funken gesprüht hatte, weil es noch nicht entzündet war. Ich war wirklich umgewandelt; meine Freunde, meine Bekannten erkannten mich nicht mehr wieder. Ich war nicht mehr jener schüchterne und eher verlegene als bescheidene Mensch, der sich weder zu benehmen wußte noch zu reden wagte, den ein muthwilliges Wort aus der Fassung brachte, dem der Blick einer Frau das Blut in die Wangen trieb. Kühn, stolz und unerschrocken, zeigte ich überall eine Sicherheit, die in ihrer Einfachheit um so fester war und mehr in meiner Seele als in meinem Aeußern lag. Die Verachtung, die mir mein tiefes Nachdenken gegen die Sitten, Grundsätze und Vorurtheile meines Jahrhunderts eingeflößt hatte, machte mich gegen die Spötteleien derer, die ihnen huldigten, unempfindlich und ich zerschmetterte ihre kleinlichen Wortwitze mit meinen in kurzen Worten ausgesprochenen Wahrheiten, wie ich ein Insekt zwischen meinen Fingern zerdrücken würde. Welche Wandelung! Ganz Paris sprach die scharfen und beißenden Sarkasmen desselben Menschen nach, der zwei Jahre vorher und zehn Jahre nachher weder den Gegenstand, den er besprechen wollte, noch die passende Einkleidung zu finden wußte. Sucht man den meiner Natur widersprechendsten Zustand von der Welt, so wird man bei dem bezeichneten stehen bleiben müssen. Erinnert man sich eines jener kurzen Augenblicke in meinem Leben, in dem ich ein anderer wurde und mein altes Ich verläugnete, so findet man es in der Zeit, von der ich rede, eben so; aber statt sechs Tage oder sechs Wochen wie sonst zu dauern, dauerte dieser Lebensabschnitt diesmal beinahe sechs Jahre und würde ohne die besonderen Umstände, die ihm ein Ende bereiteten und mich der Natur zurückgaben, über welche ich mich hatte erheben wollen, vielleicht noch dauern. Diese Wandlung begann, sobald ich Paris verlassen hatte und der Anblick der Laster dieser großen Stadt der Entrüstung, mit der er mich erfüllt, keine Nahrung mehr gab. Als ich die Menschen nicht mehr sah, hörte ich auf, sie zu verachten: als ich die Schlechten nicht mehr sah, hörte ich auf, sie zu hassen. Mein für den Haß wenig geschaffenes Herz war nur fähig, ihr Elend zu beklagen, und betrachtete dieses nur als einen Ausfluß ihrer Schlechtigkeit. Dieser zwar sanftere, dafür aber auch wenig erhabene Seelenzustand ertödtete gar bald die brennende Begeisterung, die mich so lange fortgerissen hatte, und ohne daß man es wahrnahm, ja ohne daß ich es fast selber wahrnahm, wurde ich wieder blöde, nachgiebig, unsicher, mit einem Worte der nämliche Jean-Jacques, der ich vorher gewesen war. Hätte mich diese Umwandlung nur mir selber wiedergegeben und wäre dabei stehen geblieben, so wäre alles gut gewesen, aber leider ging sie weiter und führte mich mit Windeseile zum andern Extreme. Von da an hat meine ins Schwanken gerathene Seele die Ruhe verloren, ihre unaufhörlich wiederkehrenden Schwankungen haben sie nie das Gleichgewicht wiederfinden lassen. Besprechen wir ausführlicher die Einzelheiten dieses zweiten Umschwunges, des entsetzlichen und verhängnisvollen Abschnittes eines Schicksals, das bei Sterblichen beispiellos ist. Da wir in unserer Zurückgezogenheit nur unser drei waren, mußten die Muße und die Einsamkeit das Trauliche unseres Zusammenlebens natürlich noch erhöhen. Dies zeigte sich auch bei Therese und bei mir. Entzückende Stunden, deren Reiz ich nie in so hohem Grade empfunden hatte, brachten wir miteinander im Waldesschatten zu. Auch sie schien ihn noch mehr zu fühlen, als sie bisher gethan hatte. Sie eröffnete mir rückhaltlos ihr Herz und erzählte mir von ihrer Mutter und ihrer Familie Dinge, die sie Kraft gehabt, mir lange Zeit zu verschweigen. Beide hatten von Frau Dupin viele für mich bestimmte Geschenke empfangen, welche sich die verschmitzte Alte unter dem Vorwande, daß ich mich nicht darüber ärgern sollte, für sich und ihre andren Kinder angeeignet hatte, ohne Therese einen Theil davon zukommen zu lassen, und mit dem strengsten Verbote, mir etwas davon mitzutheilen, welchem Verbote das arme Mädchen mit unglaublichem Gehorsam nachgekommen war. Noch weit mehr überraschte es mich indessen zu vernehmen, daß außer den geheimen Unterredungen, welche Diderot und Grimm oft mit der einen wie der andern gehabt, um sie mir abwendig zu machen, was jedoch an Theresens Widerstand gescheitert war, beide seitdem mit ihrer Mutter häufig im Geheimen unterhandelten, ohne daß sie über den Gegenstand dieser Abmachungen etwas hätte erfahren können. Sie wußte nur, daß es dabei kleine Geschenke gegeben hätte und ein öfteres Gehen und Kommen stattfände, daß man ihr zu verheimlichen suchte und dessen Beweggrund ihr völlig unbekannt war. Schon lange vor unserem Scheiden von Paris pflegte Frau Le Vasseur Grimm monatlich zwei- oder dreimal zu besuchen und bei ihm einige Stunden in so geheimer Unterredung zuzubringen, daß selbst Grimms Lakai regelmäßig fortgeschickt wurde. Ich suchte den Grund in dem nämlichen Plane, in den man sich bemüht hatte auch die Tochter durch das Versprechen zu verstricken, ihnen durch Frau von Epinay eine Salzniederlage oder ein Tabaksbureau zu verschaffen, welche Aussicht auf Gewinn die Frauen, wie man glaubte, in Versuchung führen mußte. Man hatte ihnen vorgestellt, daß ich außer Stande wäre, etwas für sie zu thun, und sie mir sogar ein Hemmnis wären, mich emporzuschwingen. Da ich in dem allen nur eine gute Absicht erblickte, so zürnte ich ihnen nicht zu sehr. Nur die Heimlichkeit setzte mich in Harnisch, namentlich von Seiten der Alten, die noch dazu von Tage zu Tage katzenfreundlicher und schmeichlerischer gegen mich wurde, was sie nicht abhielt, ihrer Tochter unaufhörlich im Geheimen vorzuwerfen, daß sie mich zu sehr liebte, mir alles sagte, ein Dummkopf wäre und von mir nur hintergangen werden würde. Diese Frau besaß im höchsten Grade die Kunst, aus einem Sacke zehnerlei Mehlarten zu holen, dem Einen zu verheimlichen, was sie vom andern erhielt, und mir, was sie von allen annahm. Ihre Habgier würde ich ihr haben verzeihen können, aber ihre Verstellung konnte ich ihr nicht verzeihen. Was konnte sie mir zu verheimlichen haben, mir, der ich, wie sie recht wohl wußte, mein Glück fast allein in dem ihrer Tochter und in ihrem eigenen suchte? Was ich für ihre Tochter gethan, hatte ich für mich gethan; aber was ich für sie gethan, verdiente von ihrer Seite einige Dankbarkeit; ihrer Tochter hätte sie wenigstens Dank wissen und aus Liebe zu ihr, die mich liebte, mich ebenfalls lieben müssen. Ich hatte sie dem vollkommensten Elend entrissen, von mir erhielt sie ihren Unterhalt, mir verdankte sie alle jene Bekanntschaften, aus denen sie so großen Nutzen zog. Lange hatte Therese sie mit ihrer Arbeit ernährt und ernährte sie jetzt mit meinem Brote. Sie erhielt alles von dieser Tochter, für die sie nichts gethan hatte, und ihre andren Kinder, die sie ausgestattet, für die sie sich zu Grunde gerichtet hatte, trugen nicht allein nichts zu ihrem Unterhalte bei, sondern zehrten noch den ihrigen, wie den meinigen auf. Meines Bedünkens mußte sie mich in einer solchen Lage als ihren einzigen Freund, ihren sichersten Beschützer betrachten und, anstatt mir ein Geheimnis aus meinen eigenen Angelegenheiten zu machen, anstatt sich gegen mich in meinem eigenen Hause zu verschwören, mich getreu von allem, was mich betraf, in Kenntnis setzen, wenn sie es früher erfuhr als ich. Mit welchem Auge konnte ich also ihre falsche und geheimnisvolle Aufführung ansehen? Was mußte ich vor allem von den Gesinnungen denken, die sie sich ihrer Tochter einzuflößen bemühte? Wie entsetzlich mußte ihre Undankbarkeit sein, wenn sie solche in ihr zu nähren suchte? Alle diese Betrachtungen entfremdeten dieser Frau mein Herz in dem Grade, daß ich sie nicht mehr ohne Verachtung ansehen konnte. Trotzdem hörte ich nie auf, die Mutter meiner Lebensgefährtin mit Achtung zu behandeln und ihr in allen Dingen fast die Rücksichten und die Hochachtung eines Sohnes zu erweisen; aber ich war allerdings nicht gern lange mit ihr zusammen, und es fällt mir schwer, mir Zwang aufzuerlegen. Es ist hier wieder einer jener kurzen Augenblicke meines Lebens, in dem ich das Glück ganz nahe sah, ohne es erreichen zu können, und ohne daß ich die Schuld daran hatte. Bei einem guten Charakter dieser Frau wären wir alle drei bis an das Ende unserer Tage glücklich und der zuletzt am Leben bleibende wäre allein zu beklagen gewesen. Statt dessen soll der Leser, wenn er den Verlauf der Dinge erfährt, selbst urtheilen, ob es in meiner Macht gelegen hätte, ihn zu ändern. Als Frau Le Vasseur bemerkte, daß ich Boden im Herzen ihrer Tochter gewonnen und sie verloren hatte, bemühte sie sich, ihn wiederzugewinnen; statt sich mir aber durch jene wieder anzuschließen, versuchte sie, mir dieselbe völlig zu entfremden. Eines der Mittel, welches sie anwandte, war, ihre Familie zu Hilfe zu rufen. Ich hatte Therese gebeten, kein Glied derselben nach der Eremitage kommen zu lassen; sie versprach es mir. Ohne sie zu fragen, ließ man in meiner Abwesenheit sämmtliche kommen und nahm ihr darauf das Versprechen ab, mir nichts davon zu sagen. Nachdem der erste Schritt geschehen, war alles Uebrige leicht. Wenn man dem, welchen man liebt, einmal aus irgend etwas ein Geheimnis gemacht hat, so trägt man bald kein Bedenken mehr, es ihm aus allem zu machen. Sobald ich auf der Chevrette war, wimmelte die Eremitage von Leuten, die es sich dort ganz wohl sein ließen. Eine Mutter hat auf eine gutmüthige Tochter stets großen Einfluß; wie es indessen die Alte auch anstellen mochte, so gelang es ihr doch nie, Therese zu einem Eingehen auf ihre Absichten und zu einem Bündnisse wider mich zu bewegen. Sie für ihre Person war vollkommen mit sich einig: auf der einen Seite ihre Tochter und mich sehend, der ihr außer dem Unterhalte nichts bieten konnte, und auf der andern Diderot, Grimm, von Holbach und Frau von Epinay, die viel versprachen und auch etwas gaben, war sie überzeugt, daß man, wenn man es mit einer Generalpächterin und einem Baron hielt, nicht zu kurz kommen könnte. Hätte ich klarere Augen gehabt, würde ich schon damals bemerkt haben, daß ich eine Schlange am Busen nährte, aber mein blindes Vertrauen, welches bisher nichts erschüttert hatte, war so groß, daß mir der Gedanke fern lag, man könnte jemand, den man zu lieben verpflichtet war, schaden wollen. Obgleich ich die tausenderlei Ränke, die um mich her geschmiedet wurden, recht gut erkannte, wußte ich mich doch nur in Klagen über die Tyrannei derjenigen zu ergehen, die ich meine Freunde nannte und die mich nach meinem Wahne nur zwingen wollten, auf ihre und nicht auf meine Weise glücklich zu sein. Wenn sich Therese nun auch weigerte, mit ihrer Mutter gemeinschaftliche Sache zu machen, so bewahrte sie ihr doch von neuem das Geheimnis; ihr Beweggrund war lobenswerth; ich will mich nicht darüber aussprechen, ob sie daran wohl oder übel that. Zwei Frauen, die Geheimnisse haben, schwatzen gern zusammen; dies näherte sie einander, und Therese machte es mir dadurch, daß sie sich zwischen mir und ihrer Tochter theilte, bisweilen fühlbar, daß ich allein war, denn unser Zusammensein zu dreien konnte ich nicht mehr als ein Zusammenleben mit ihr betrachten. Nun fühlte ich lebhaft das Unrecht, das ich am Anfange unserer Liebschaft begangen hatte, nicht ihr Eingehen auf meine Wünsche, welches ihr die Liebe einflößte, benutzt zu haben, um sie mit Talenten und Kenntnissen zu bereichern, die uns in unserer Zurückgezogenheit nicht allein einander näher gehalten, sondern auch ihre wie meine Zeit angenehm ausgefüllt hätten, ohne uns je die Länge des Zusammenseins fühlen zu lassen. Nicht, daß die Unterhaltung zwischen uns je gestockt, und Therese sich auf unsern Spaziergängen zu langweilen geschienen hätte, allein wir hatten am Ende doch gar zu wenig gemeinsame Ideen, um ein weites Feld für unsern Gedankenaustausch zu haben; wir konnten nicht mehr beständig von unsren Plänen sprechen, die sich von nun an auf das Genießen beschränkten. Die sich uns darbietenden Gegenstände gaben mir Stoff zu Betrachtungen, die außerhalb ihres Anschauungskreises lagen. Ein zwölfjähriges Liebesverhältnis hatte nicht mehr viele Worte nöthig; wir kannten uns zu genau, um uns noch etwas mitzutheilen zu haben. So sahen wir uns auf Klatschereien, Lästerreden und Gemeinplätze angewiesen. Gerade in der Einsamkeit fühlt man den Vortheil, an der Seite jemandes zu leben, der zu denken versteht. Ich bedurfte dieses Hilfsmittels nicht, um mich bei ihr zu gefallen; sie dagegen würde es bedurft haben, um sich immer bei mir wohl zu fühlen. Das Schlimmste war, daß wir immer nur im Geheimen zusammenkommen konnten; ihre Mutter, die mir unerträglich geworden war, zwang mich, mich heimlich zu ihr zu stehlen. In meinem eigenen Hause lebte ich unter stetem Zwange; damit ist alles gesagt; der freundschaftliche Verkehr litt unter dem Liebesverhältnis. Wir hatten einen vertrauten Umgang, ohne in Vertraulichkeit zu leben. Sobald ich wahrzunehmen glaubte, daß Therese mitunter Vorwände suchte, um sich den Spaziergängen, die ich ihr vorschlug, zu entziehen, hörte ich auf, sie ihr vorzuschlagen, ohne mich unangenehm berührt zu fühlen, daß sie nicht gleich großes Gefallen als ich daran fand. Die Freude hängt nicht vom Willen ab. Ich war ihres Herzens sicher, und das war mir genügend. So lange meine Vergnügungen die ihrigen waren, genoß ich sie mit ihr; als dies nicht mehr der Fall war, zog ich ihre Zufriedenheit der meinten vor. Hierin lag der Grund, daß ich in meiner Hoffnung halb getäuscht, obgleich ich ein Leben nach meinem Geschmacke an einem Orte meiner Wahl und noch dazu an der Seite einer Person führte, die mir theuer war, trotzdem dahin gelangte, mich fast alleinstehend zu fühlen. Was ich entbehrte, machte mich unfähig, das zu genießen, was ich hatte. Zum Glücke und zum Genusse hatte ich alles oder nichts nöthig. Man wird sehen, weshalb ich diese ausführliche Darlegung für nothwendig gehalten habe. Ich nehme jetzt wieder den Faden meiner Erzählung auf. In den Manuscripten, die mir der Graf von Saint-Pierre gegeben hatte, glaubte ich Schätze zu besitzen. Als ich sie untersuchte, überzeugte ich mich, daß sie fast nur aus der Sammlung der gedruckten Werke seines Oheims bestanden, mit Anmerkungen und Verbesserungen von seiner eignen Hand versehen, nebst einigen anderen, bisher nicht veröffentlichten, kleinen Schriften. Durch seine moralischen Schriften wurde ich in dem Gedanken bestärkt, den einige seiner Briefe, die mir Frau von Créqui gezeigt, in mir hervorgerufen hatten, daß er weit mehr Geist besaß, als ich geglaubt; aber die eingehende Prüfung seiner politischen Schriften brachte nur oberflächliche Anschauungen, und zwar nützliche, aber wegen der fixen Idee des Verfassers, daß sich die Menschen mehr durch ihre Einsicht als durch ihre Leidenschaften leiten ließen, unausführbare Pläne zu Tage. Die hohe Ansicht, die er über die modernen Wissenschaften hegte, hatte ihn zur Annahme der falschen Theorie von der sich vervollkommnenden Vernunft bestimmt, von welcher alle Einrichtungen, die er vorschlug und alle seine politischen Trugschlüsse ausgingen. Dieser außerordentliche Mann, die Ehre seines Jahrhunderts und seines Geschlechts, und der einzige vielleicht, seitdem es Menschen giebt, der für nichts als für die Vernunft Leidenschaft hatte, verfiel trotzdem in allen seinen Systemen von einem Irrthum in den andern, weil er darauf ausging, die Menschen ihm selber gleich zu machen, statt sie zu nehmen, wie sie sind und stets sein werden. Er hat nur für eingebildete Wesen gearbeitet, während er sich einbildete, für seine Zeitgenossen zu arbeiten. Nachdem ich diese Einsicht gewonnen, war ich über die Form, die ich meinem Werke geben sollte, in einiger Verlegenheit. Die Visionen des Verfassers unbeanstandet zu lassen hieß nichts Nützliches leisten; sie strenge widerlegen hieß unehrlich handeln, weil mir die Ueberlassung seiner Manuscripte, die ich angenommen und sogar erbeten hatte, die Verpflichtung auferlegte, gegen ihren Verfasser in ihn ehrender Weise aufzutreten. Ich kam endlich zu dem Entschlusse, der mir der anständigste, vernünftigste und nützlichste schien, dem nämlich, die Gedanken des Verfassers und die meinigen getrennt zu geben und zu dem Zwecke auf seine Anschauungen einzugehen, sie zu erläutern, sie weiter auszuführen und alle Mittel anzuwenden, um sie in ihrem vollen Werthe zu zeigen. Mein Werk sollte demnach aus zwei vollständig getrennten Theilen bestehen, aus einem, der dazu bestimmt war, in der angegebenen Weise die verschiedenen Entwürfe des Verfassers zu entwickeln, während ich in dem andern, der erst nach hervorgebrachter Wirkung des ersten erscheinen sollte, mein Urtheil über diese nämlichen Entwürfe ausgesprochen hätte, was sie mitunter, wie ich gestehe, dem Schicksale des Sonetts in dem »Misanthrop« würde haben aussetzen können. Dem ganzen Werke sollte eine Lebensbeschreibung des Verfassers vorangehen, für die ich ziemlich gutes Material gesammelt hatte, und ich schmeichelte mir, es bei der Bearbeitung nicht zu verderben. Ich hatte den Abbé von Saint-Pierre in seinem Alter öfter gesehen, und die Verehrung, die ich seinem Andenken zollte, gereichte mir zur Bürgschaft, daß der Graf mit der Art, wie ich seinen Verwandten behandelt, im Ganzen nicht unzufrieden sein würde. Zuerst verfaßte ich einen Auszug aus seinem Werke »der ewige Frieden«, der bedeutendsten und am meisten durchgearbeiteten von allen Schriften, die jene Sammlung bildeten; und ehe ich mich meinen Betrachtungen über dieses Werk überließ, hatte ich den Muth, schlechterdings alles zu lesen, was der Abbé über diesen Gegenstand geschrieben hatte, ohne mich durch seine Längen und Wiederholungen je abschrecken zu lassen. Dem Publikum liegt dieser Auszug vor, so habe ich nichts darüber zu sagen. Das Urtheil dagegen, das ich hinzugefügt, ist nie gedruckt worden, und ich weiß nicht, ob es je gedruckt werden wird; aber es wurde gleichzeitig mit dem Auszuge geschrieben. Darauf ging ich zu der »Polysynodie oder die Notwendigkeit mehrerer Rathsversammlungen« über, einem unter dem Regenten zur Verteidigung der von ihm eingesetzten Verwaltung geschriebenen Werke. Einige darin enthaltene Anspielungen auf die vorhergehende Verwaltung, die den Zorn der Herzogin von Maine und des Cardinals von Polignac erregten, veranlaßten die Ausstoßung des Abbé von Saint-Pierre aus der französischen Akademie. Ich vollendete diese Arbeit wie die erstere, sowohl die Beurtheilung wie den Auszug; aber dabei blieb ich stehen, da ich dieses Unternehmen, das ich gar nicht hätte anfangen sollen, nicht fortsetzen wollte. Der Gedanke, der mich davon abstehen ließ, liegt auf der Hand und es nimmt Wunder, daß er mir nicht früher gekommen war. Die meisten Schriften des Abbé von Saint-Pierre waren oder enthielten kritische Betrachtungen über einige Zweige der französischen Regierung, und es waren darunter sogar so freimüthige, daß er es sich zum Glück anrechnen konnte, sie ungestraft geschrieben zu haben. Aber in den Ministerien hatte man den Abbé von Saint-Pierre zu jeder Zeit mehr für eine Art Sittenprediger als für einen wahren Politiker angesehen; und man ließ ihn ganz nach Herzenslust reden, weil man klar einsah, daß niemand auf ihn hörte. Hätte ich es dahin gebracht, daß man auf ihn hörte, so wäre es eine ganz andere Sache gewesen. Er war Franzose, ich war es nicht, und sobald ich es mir einfallen ließ, seinen Tadel, wenn auch unter seinem Namen, zu wiederholen, so setzte ich mich der Gefahr aus, daß man mich in recht strenger Weise, aber durchaus nicht mit Unrecht fragte, weshalb ich mich hineinmischte. Glücklicherweise erkannte ich, ehe ich weiter ging, die Schlinge, in der ich mich selbst zu fangen im Begriff stand, und zog mich schnell zurück. Inmitten von Menschen und noch dazu von Menschen, die sämmtlich mächtiger waren als ich, allein lebend, begriff ich, daß ich mich nie, wie ich es auch immer anstellen möchte, gegen das Böse schützen könnte, das sie mir anzuthun geneigt sein würden. Eines hing dabei nur von mir ab: es wenigstens so einzurichten, daß, wenn sie es mir zufügen wollten, sie es nur unrechtmäßiger Weise thun konnten. Dieser Gedanke, der mich dem Abbé von Saint-Pierre abwendig machte, hat mich oft auf noch weit liebere Vorhaben verzichten lassen. Diese Leute, stets bereit, aus dem Unglück ein Verbrechen zu machen, würden sehr erstaunt sein, wenn sie wüßten, wie viel Mühe ich mir mein Lebenlang gegeben habe, damit man mir bei meinen Leiden nie in Wahrheit sagen könnte: »Du hast sie wohl verdient.« Nachdem ich diese Arbeit aufgegeben hatte, war ich einige Zeit unschlüssig, welche ich nun aufnehmen sollte, und diese Zwischenzeit der Unthätigkeit war mein Verderben, da ich in Ermangelung eines mich nicht persönlich berührenden Gegenstandes, der mich völlig in Anspruch genommen hätte, während derselben meine Gedanken auf mich selbst richtete. Ich hatte keinen Plan für die Zukunft mehr, bei dem meine Einbildungskraft gern haften geblieben wäre; es war mir nicht einmal mehr möglich, Pläne zu schmieden, weil meine gegenwärtige Lage gerade die war, auf welche sich alle meine Wünsche vereinigt hatten; neue Wünsche konnten in mir nicht mehr aufsteigen, und doch war mein Herz noch immer leer. Dieser Zustand war um so bitterer, als ich keinen wünschenswertheren kannte. Meine zärtlichsten Gefühle hatte ich sämmtlich einer Person nach meinem Herzen zugewandt, die sie erwiderte. Ich lebte ohne Zwang und so zu sagen zur eigenen Herzensbefriedigung mit ihr. Gleichwohl verließ mich weder an ihrer Seite noch fern von ihr ein geheimer Herzensdruck. Obgleich ich sie besaß, fühlte ich, daß sie mir noch fern stand, und der blose Gedanke, daß ich ihr nicht alles wäre, bewirkte, daß sie mir fast nichts war. Ich hatte Freunde beiderlei Geschlechts, denen ich mit der reinsten Freundschaft, der vollkommensten Hochachtung zugethan war; ich rechnete ihrerseits auf die wahrhafteste Erwiderung und es war mir auch nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, an ihrer Aufrichtigkeit nur im geringsten zu zweifeln. Gleichwohl war mir diese Freundschaft eher lästig als angenehm und zwar wegen ihrer Hartnäckigkeit und ihres Bestrebens, allen meinen Neigungen, meinen Herzenswünschen, meiner Lebensweise entgegenzutreten, so daß schon mein anscheinendes Verlangen nach etwas, das lediglich mich betraf und mit ihnen gar nichts gemein hatte, hinreichend war, um sie in demselben Augenblicke alle gegen mich Front machen zu sehen, mich zum Verzichte zu zwingen. Diese Hartnäckigkeit, meine Liebhabereien in allem zu beaufsichtigen, um so ungerechter, als ich, weit davon entfernt, die ihrigen zu bekritteln, nicht einmal nach denselben fragte, wurde mir so entsetzlich lästig, daß ich von ihnen schließlich keinen Brief empfing, ohne beim Oeffnen eine gewisse Angst zu empfinden, die sich beim Lesen nur zu sehr gerechtfertigt zeigte. Es kam mir so vor, als ob mich diese Leute, die alle jünger waren als ich und alle die Lehren, die sie an mich verschwendeten, selbst sehr nöthig gehabt hätten, doch zu sehr als Kind behandelten. Liebet mich, sagte ich zu ihnen, wie ich euch liebe, und mischet euch im übrigen eben so wenig in meine Angelegenheiten, wie ich mich in die eurigen mische; das ist alles, was ich von euch verlange. Sind sie auf eine dieser Forderungen eingegangen, so ist es wenigstens nicht die letztere gewesen. Ich besaß eine abgelegene Wohnung in reizender Einsamkeit; Herr in meinem eigenen Hause konnte ich nach meinem Gefallen leben, ohne daß mich jemand darin zu beaufsichtigen hatte. Allein diese Wohnung legte mir Pflichten auf, deren Erfüllung zwar angenehm aber auch unerläßlich war. Meine ganze Freiheit war gar unsicher; ich war nicht sowohl durch Befehle als durch meinen eigenen Willen gefesselt; an keinem einzigen Tage konnte ich, wenn ich mich erhob, sagen: über diesen Tag werde ich nach eigenem Gefallen bestimmen. Ich hing nicht allein von den Veranstaltungen der Frau von Epinay ab, sondern in weit drückenderer Weise auch noch vom Publikum und von unerwartetem Besuche. Die Entfernung von Paris hinderte nicht, daß mich von dort aus täglich Schaaren von Müßiggängern überliefen, die, da sie nicht wußten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten, sich kein Bedenken daraus machten, mir die meinige zu stehlen. Wenn ich am wenigsten daran dachte, wurde ich mitleidslos überfallen, und selten habe ich mir einen schönen Plan für einen Tag gemacht, ohne ihn durch irgend einen Ankömmling vereitelt zu sehen. Kurz, da ich inmitten der am meisten ersehnten Güter keinen reinen Genuß fand, kam ich immer wieder auf die heitren Tage meiner Jugend zurück und rief bisweilen seufzend aus: »Ach, dies sind hier doch immer nicht die Charmettes!« Die Erinnerungen an die verschiedenen Zeiten meines Lebens führten mich zum Nachdenken über den Punkt, an dem ich jetzt angekommen war, und ich sah mich in schon abnehmendem Alter als eine Beute schmerzlichen Leides und glaubte mich dem Ende meiner Laufbahn zu nähern, ohne eine der Freuden, nach denen mein Herz trachtete, in ihrer ganzen Fülle genossen, ohne den lebhaften Empfindungen, die ich noch in mir schlummern fühlte, freien Lauf gelassen und ohne auch nur die berauschende Wollust flüchtig gefühlt zu haben, deren Gewalt ich in meiner Seele empfand und die aus Mangel an einem Gegenstände darin eingeschlossen blieb, ohne sich anders als durch meine Seufzer Luft machen zu können. Wie ging es zu, daß ich mit einer von Natur mittheilsamen Seele, für die leben lieben hieß, bisher keinen mir ganz angehörenden, keinen wahren Freund gefunden hatte, ich, der ich mich so völlig dazu geschaffen fühlte, es zu sein? Wie ging es zu, daß ich bei einer so leicht entzündlichen Sinnlichkeit, bei einem so liebebedürftigen Herzen auch nicht ein einziges Mal für einen bestimmten Gegenstand in vollen Flammen gestanden hatte? Von dem Bedürfnisse zu lieben verzehrt, ohne je im Stande gewesen zu sein, es ganz zu befriedigen, sah ich mich an der Schwelle des Alters stehen und sterben, ohne gelebt zu haben. Diese traurigen, wenn auch rührenden Betrachtungen brachten mich mit einem Schmerze, der nicht ohne Süßigkeit war, zur Einkehr in mich selbst. Das Schicksal schien mir noch etwas schuldig zu sein, was es mir bisher vorenthalten hatte. Weshalb hatte es mich mit vorzüglichen Kräften geboren werden lassen, wenn es dieselben bis zum Ende unbenutzt ließ? Dadurch, daß das Gefühl meines inneren Werthes zugleich das des mir widerfahrenen Unrechts hervorrief, entschädigte es mich gewissermaßen dafür und entlockte mir Thränen, deren Vergießen mir wohl that. Diese Betrachtungen stellte ich in der schönsten Jahreszeit an, im Monat Juni, in einem schattigen Hain, beim Schlagen der Nachtigall, beim Rieseln der Bäche. Alles wirkte zusammen, um mich in jene nur allzu verführerische Schlaffheit zu versenken, für welche ich zwar geboren war, von der mich indessen die ernste und strenge Gemüthsstimmung, in die mich eine lange Gährung versetzt, für immer hätte befreien müssen. Zum Unglück erinnerte ich mich des Mittagsessens im Schlosse zu Toune und meines Zusammentreffens mit jenen zwei reizenden Mädchen in derselben Jahreszeit und in einer ziemlich ähnlichen Gegend. Diese Erinnerung, welche mir der darauf ruhende Schleier der Unschuld noch lieblicher machte, rief andere gleicher Art in mir wach. Bald sah ich alle, die mir in meiner Jugend Leben und Seligkeit eingehaucht hatten, um mich versammelt: Fräulein Galley, Fräulein von Graffenried, Fräulein von Breil, Frau Bazile, Frau von Larnage, meine niedlichen Schülerinnen und sogar die reizende Zulietta, die mein Herz nicht vergessen kann. Ich sah mich von einem Serail von Huris, von meinen alten Freundinnen umgeben, nach denen das lebhafteste Verlangen für mich keine neue Empfindung war. Mein Blut erhitzt sich und kocht, der Kopf schwindelt mir trotz meiner schon ergrauenden Haare und der ernste Genfer Bürger, der strenge Jean-Jacques, der fast fünfundvierzig Jahre zählt, ist mit einem Male wahrhaftig wieder der phantastische Schäfer geworden. So plötzlich und närrisch der Rausch, von dem ich befallen wurde, auch war, so hielt er doch an und war so stark, daß es zu meiner Heilung nicht weniger als des unvorhergesehenen und furchtbaren Eintrittes meiner Leiden, in welche er mich gestürzt, bedurft hat. Bis zu welchem Grade dieser Rausch aber auch zunahm, so ging er doch nicht so weit, mich mein Alter und meine Lage vergessen zu lassen, nicht so weit, um den Wahn in mir hervorzurufen, noch Liebe einstoßen zu können, nicht so weit, um mich versucht zu fühlen, dieses verzehrende, aber kein Leben mehr erzeugende Feuer, das ich seit meiner Kindheit vergeblich mein Herz verzehren fühlte, in einer andren Brust anzufachen. Ich hoffte es nicht und wünschte es nicht einmal. Ich erkannte, daß die Zeit zu lieben vorüber war; ich fühlte die Lächerlichkeit alter Liebhaber zu sehr, um in sie zu verfallen, und war nicht der Mann dazu, noch im abnehmenden Alter unternehmend und eingebildet zu werden, nachdem ich es in meinen besten Jahren so wenig gewesen war. Als ein Freund des Friedens würde ich übrigens häusliche Stürme gefürchtet haben, und ich liebte meine Therese zu aufrichtig, um sie dem Kummer auszusetzen, mich für andere lebhaftere Gefühle hegen zu sehen, als sie mir einflößte. Was that ich nun unter diesen Umständen? Der Leser hat es gewiß schon errathen, wenn er mir bis hierher getreulich gefolgt ist. Die Unmöglichkeit, mich an die Wirklichkeit zu halten, warf mich in die Welt der Chimären, und da ich unter den lebenden Wesen keines sah, das meiner Begeisterung würdig gewesen, so suchte ich für sie in einer idealen Welt Nahrung, welche meine schöpferische Einbildung bald mit Wesen nach meinem Herzen bevölkert hatte. Nie kam mir dieses Hilfsmittel zu günstigerer Zeit und zeigte sich so vorteilhaft wie jetzt. In meinen fortwährenden Verzückungen berauschte ich mich an Strömen der köstlichsten Empfindungen, die je ein Menschenherz erfüllt haben. Indem ich die Menschheit völlig vergaß, bildete ich mir Gesellschaften von vollkommenen Wesen, eben so himmlisch durch ihre Tugend wie durch ihre Schönheit, von zuverlässigen, zärtlichen und treuen Freunden, kurz von Wesen, wie ich sie nie hienieden gefunden hatte. Ich fand eine solche Freude daran, so inmitten der entzückenden Gegenstände, mit denen ich mich umgeben hatte, im Himmel zu schweben, daß ich Stunden und Tage, ohne sie zu zählen, darin zubrachte, und indem ich alles andere vergaß, brannte ich, nachdem ich kaum in aller Eile einen Bissen gegessen hatte, vor Begierde zu entschlüpfen, um zu meinen schattigen Hainen zurückzukehren. Sah ich, im Begriff nach meiner Zauberwelt aufzubrechen, unglückliche Sterbliche ankommen, welche erschienen, um mich auf Erden zurückzuhalten, so konnte ich meinen Aerger weder mäßigen noch verbergen, und meiner nicht mehr Herr bereitete ich ihnen einen so unfreundlichen Empfang, daß er geradezu grob genannt werden konnte. Das steigerte nur meinen Ruf als Menschenfeind, also gerade durch das, was mir einen ganz entgegengesetzten verschafft hätte, wenn man in meinem Herzen besser zu lesen verstanden. Auf dem Höhepunkte meiner Verzückung wurde ich mit einem Male wie ein Papierdrache an dem Bindfaden hinabgezogen und auf den mir von der Natur bestimmten Platz durch einen ziemlich heftigen Anfall meines alten Leidens zurückgebracht. Ich wandte das einzige Mittel, das mir Linderung verschafft hatte, nämlich Harnröhrchen, an und das bereitete meinen himmlischen Liebschaften ein schnelles Ende, denn abgesehen davon, daß man in leidendem Zustande nicht verliebt zu sein pflegt, so ermattet und erstirbt auch meine Einbildungskraft, die sich im Freien und unter den Bäumen belebt, sobald ich mich im Zimmer und unter den Balken einer Decke befinde. Ich habe oft bedauert, daß es keine Dryaden giebt; unter ihnen hätte ich unfehlbar die gefunden, die mich für immer gefesselt hätte. Andere häusliche Unannehmlichkeiten traten gleichzeitig hinzu, meinen Aerger zu vermehren. Während mir Frau Le Vasseur die schönsten Höflichkeiten von der Welt sagte, entfremdete sie mir ihre Tochter, so viel sie konnte. Aus meiner alten Nachbarschaft erhielt ich Briefe, die mich davon in Kenntnis setzten, daß die wackre Alte ohne mein Wissen auf den Namen Theresens, die darum wußte und mir nichts davon gesagt hatte, mehrere Schulden gemacht. Die Notwendigkeit, diese Schulden zu bezahlen, verdroß mich weit weniger als das Geheimnis, welches man mir daraus gemacht hatte. Ach, wie konnte sie, vor der ich nie ein Geheimnis hatte, eines vor mir haben? Kann man Leuten, die man liebt, etwas verhehlen? – Die Holbachsche Sippschaft, die mich keinen Abstecher nach Paris machen sah, begann im Ernste zu besorgen, daß es mir auf dem Lande gefiele, und ich thöricht genug wäre, daselbst wohnen zu bleiben. Nun begannen die Scherereien, durch welche man mich mittelbar in die Stadt zurückzubringen suchte. Diderot, der sich nicht so bald persönlich zeigen wollte, sandte zuerst Deleyre an mich ab, mit dem ich ihn bekannt gemacht hatte. Dieser erhielt und theilte mir die Eindrücke mit, die ihm Diderot geben wollte, ohne daß er, Deleyre, die wahre Absicht begriff. Alles schien sich zu vereinen, mich meiner süßen und albernen Träumerei zu entreißen. Noch war ich von meinem Anfall nicht wieder hergestellt, als ich ein Exemplar des Gedichtes auf die Zerstörung Lissabons erhielt, das mir, wie ich annahm, der Verfasser zugeschickt hatte. Dies legte mir die Verpflichtung auf, an ihn zu schreiben und seine Arbeit zu besprechen. Ich that es in meinem Briefe, der, wie später berichtet werden wird, nachher ohne meine Erlaubnis gedruckt wurde. Betroffen, diesen armen, gleichsam von Glücksgütern und Ruhm niedergebeugten Mann gleichwohl bitterlich wider das Elend dieses Lebens eifern und beständig klagen zu hören, daß alles grundschlecht wäre, faßte ich den unsinnigen Plan, ihn zur richtigen Erkenntnis zu bringen und ihm zu beweisen, daß alles gut wäre. Während sich Voltaire immer den Anschein giebt, an Gott zu glauben, hat er in Wahrheit immer nur an den Teufel geglaubt, da sein vermeintlicher Gott nur ein bösartiges Wesen ist, das nach seiner Darstellung nur Lust am Schaden hat. Die Ungereimtheit dieser Auffassung, die in die Augen springt, ist namentlich bei einem mit Gütern jeglicher Art überhäuften Manne empörend, der aus dem Schooße des Glücks heraus seine Mitmenschen durch das entsetzliche und grauenvolle Bild aller Noth, von der er selbst frei ist, in Verzweiflung zu stürzen sucht. Mehr als er berechtigt, die Leiden des menschlichen Daseins zu zählen und abzuwägen, unterzog ich sie einer billigen Prüfung und führte ihm den Nachweis, daß von allen diesen Leiden kein einziges der Vorsehung zur Last gelegt werden könnte, und daß ihre Quelle mehr in dem Mißbrauche läge, welchen der Mensch mit seinen Gaben triebe, als in der Natur selber. In diesem Briefe behandelte ich ihn mit allen Rücksichten, mit aller Hochachtung, mit aller Schonung und ich kann selbst sagen mit aller Ehrfurcht, die nur möglich waren. Da ich indessen seine äußerst reizbare Eigenliebe kannte, schickte ich diesen Brief nicht an ihn selbst, sondern an seinen Freund, den Doctor Trouchin, mit der Vollmacht, ihn nach eigenem Ermessen abzugeben oder zurückzuhalten. Tronchin gab den Brief ab. Voltaire erwiderte mir in wenigen Zeilen, daß er, da er krank und selbst Krankenpfleger wäre, mir seine Antwort später zugehen lassen würde, und berührte die Sache selbst mit keinem Worte. Tronchin, der mir diesen Brief sandte, legte einen von seiner eigenen Hand bei, in welchem er sich über seinen Auftraggeber mit wenig Achtung aussprach. Ich habe diese beiden Briefe nie veröffentlicht oder auch nur gezeigt, da ich mit dergleichen kleinen Triumphen nicht gern prahle, aber sie finden sich im Originale in meinen Sammlungen (Heft A, Nr. 20 und 21). Später hat Voltaire die Antwort, die er mir versprochen, aber nicht gesandt hatte, veröffentlicht. Sie besteht in nichts Andrem als in dem Roman »Candide«, von dem ich nicht reden kann, weil ich ihn nicht gelesen habe. Alle diese Ablenkungen hätten mich gründlich von meinen überspannten Liebeleien heilen sollen, und sie waren vielleicht ein Mittel, welches mir der Himmel darbot, um den unseligen Folgen derselben vorzubeugen; allein mein Unstern war mächtiger, und kaum begann ich wieder auszugehen, als mein Herz, mein Kopf und meine Füße wieder die nämlichen Wege einschlugen. Ich sage die nämlichen, doch nur in gewissen Beziehungen, denn meine jetzt etwas weniger aufgeregten Gedanken blieben diesmal auf der Erde, aber mit einer so ausgesuchten Auswahl alles dessen, was sich Liebenswürdiges in jeder Art darauf finden konnte, daß diese auserlesene Blüte kaum weniger chimärisch war als die eingebildete Welt, der ich den Rücken gewandt hatte. Ich stellte mir die Liebe und die Freundschaft, diese beiden Abgötter meines Herzens, unter den entzückendsten Bildern vor. Ich gefiel mir darin, sie mit allen Reizen des Geschlechtes, das ich stets angebetet hatte, zu schmücken. Ich dachte mir lieber zwei Freundinnen als zwei Freunde, weil das Beispiel solcher Freundschaft, wenn auch seltener, doch zugleich liebenswürdiger ist. Ich stattete sie mit zwei verwandten, aber doch verschiedenen Charakteren, mit zwei zwar nicht vollendet schönen, aber mir gefallenden Gesichtern aus, die von entgegenkommender Freundlichkeit und Güte belebt wurden. Die eine dachte ich mir braun und die andere blond, die eine lebhaft und die andre sanft, die eine sittig und die andre schwach, aber von einer so rührenden Schwäche, daß die Tugend dabei zu gewinnen schien. Der einen von den beiden theilte ich einen Geliebten zu, dem die andere eine zärtliche Freundin und selbst noch etwas mehr war. Aber ich ließ weder Nebenbuhlerschaft, noch Zänkereien, noch Eifersucht zu, weil es mir schwer fällt, mir unangenehme Gefühle vorzustellen, und ich dieses lachende Bild durch nichts beflecken wollte, was die Natur herabsetzen könnte. Bezaubert von meinen beiden reizenden Idealen, identificirte ich mich, so viel mir möglich war, mit dem Liebhaber und dem Freunde; aber ich dachte ihn mir liebenswürdig und jung, indem ich ihm noch dazu die Tugenden und die Mängel verlieh, die ich an mir wahrnahm. Um eine für meine Phantome geeignete Stätte aufzufinden, ließ ich die schönsten Gegenden, die ich auf meinen Reisen gesehen hatte, im Geist vor mir vorüberziehen. Aber ich fand keinen Hain mir kühl und schattig genug, keine Landschaft mir rührend genug. Thessaliens Thäler würden, wenn ich sie gesehen hätte, mich nicht haben befriedigen können; aber meine vom ewigen Erfinden ermüdete Seele begehrte eine wirkliche Stätte, die ihr als Anhaltspunkt dienen und mir das wirkliche Vorhandensein der Bewohner, die ich in sie versetzen wollte, vorspiegeln konnte. Lange dachte ich an die borromeischen Inseln, deren entzückender Anblick mich begeistert hatte, doch fand ich dort für meine Gebilde zu viel Schmuck und Kunst. Indessen bedurfte ich eines Sees, und ich wählte endlich den, an dem mein Herz nie umherzuirren aufgehört hat. Ich entschloß mich für den Theil der Ufer dieses Sees, auf welchem meine Wünsche in dem erträumten Glücke, auf das das Schicksal mich beschränkt hat, schon seit lange meinen Wohnsitz aufgeschlagen haben. Der Geburtsort meiner armen Mama hatte außerdem noch einen hervorragenden Reiz für mich. Die Contraste der Oertlichkeit, der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der Landschaft, die Pracht und Majestät der ganzen Natur, die die Sinne entzückt, das Herz bewegt, die Seele erhebt, bestimmten mich vollends, und ich gab meinen jungen Lieblingen ein Asyl in Vevay. Das war das erste Ergebnis meiner Phantasie; das Uebrige wurde erst in der Folge hinzugefügt. Lange beschränkte ich mich auf einen so unbestimmten Plan, weil er hinreichend war, meine Einbildungskraft mit angenehmen Gegenständen und mein Herz mit solchen Gefühlen zu erfüllen, die es gern in sich aufnimmt. Da diese Gebilde immer wieder in meiner Phantasie auftauchten, gewannen sie endlich immer größere Klarheit und nahmen in meinem Geiste feste Gestalt an. Nun stieg der Gedanke in mir auf, einige der Situationen, die mir meine Einbildung vorgegaukelt hatte, auf dem Papiere festzuhalten, und durch Rückerinnerung an alles das, was ich in meiner Jugend empfunden, dem Verlangen nach Liebe, das ich nie hatte befriedigen können und von dem ich mich verzehrt fühlte, gewissermaßen einen neuen Antrieb zu geben. Zuerst warf ich einige zerstreute Briefe ohne Ordnung und Zusammenhang auf das Papier, und als es mir einfiel, sie aneinander reihen zu wollen, kam ich oft in gar große Verlegenheit. So unglaublich es klingt, so ist es trotzdem völlig wahr, daß die beiden ersten Bücher fast ganz auf diese Weise geschrieben sind, ohne daß ich einen gut durchdachten Plan hatte, und sogar ohne vorherzusehen, daß ich mich eines Tages versucht fühlen würde, ein regelmäßiges Werk daraus zu machen. Auch sieht man, daß diese beiden Bücher erst späterhin nach Materialien zusammengestellt wurden, welche für die von ihnen eingenommene Stelle nicht geschrieben sind. Daher wimmeln sie von wortreichen Phrasen, die man in den anderen nicht findet. Auf dem Höhepunkte meiner Träumereien erhielt ich einen Besuch von Frau von Houdetot, den ersten, welchen sie mir in meinem Leben gemacht hat, der aber, wie man später sehen wird, unglücklicherweise nicht der letzte blieb. Die Gräfin von Houdetot war die Tochter des seligen Generalpächters Herrn von Bellegarde, Schwester der Frau von Epinay und der Herren De la Lire und De la Briche, die später beide Einführer der Gesandten geworden sind. Ich habe bereits erzählt, wie ich sie noch als Mädchen kennen gelernt habe. Seit ihrer Verheirathung traf ich mit ihr nur bei den Festen auf der Chevrette bei ihrer Schwägerin, der Frau von Epinay, zusammen. Ich hatte oft mehrere Tage sowohl auf der Chevrette wie in Epinay mit ihr verlebt und fand sie nicht allein sehr liebenswürdig, sondern glaubte auch an ihr ein besonderes Wohlwollen gegen mich wahrzunehmen. Sie ging ziemlich gern mit mir spazieren; wir waren beide tüchtige Fußgänger, und unsere Unterhaltung gerieth nie ins Stocken. Trotzdem besuchte ich sie nie in Paris, obgleich sie mich darum gebeten und mehrmals sogar dringend gebeten hatte. Ihr vertrauter Umgang mit Herrn von Saint-Lambert, mit dem ich ein freundschaftliches Verhältnis zu unterhalten begann, machte sie mir noch anziehender, und gerade um mir von diesem Freunde, der sich damals, wie ich glaube, in Manon aufhielt, Nachrichten zu überbringen, besuchte sie mich auf der Eremitage. Dieser Besuch glich einigermaßen dem Beginne eines Romanes. Sie verirrte sich auf dem Wege. Ihr Kutscher, der den Weg dort, wo er sich wendete, verließ, wollte an der Mühle von Clairvaux vorüber in gerader Richtung auf die Eremitage zufahren; im Thalgrunde blieb ihre Kutsche im Kothe stecken; nun wollte sie aussteigen und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Ihre zierliche Fußbekleidung war bald durchnäßt; sie versank in den Koth; ihre Leute hatten alle Mühe von der Welt, ihr herauszuhelfen, und endlich langt sie unter lautem Gelächter, in welches ich, als ich ihren Aufzug gewahrte, einstimmte, in Stiefeln auf der Eremitage an. Sie mußte sich vollständig umkleiden. Therese versah sie mit allem Nöthigen, und ich forderte sie auf, ihren Rang zu vergessen und einen ländlichen Imbiß zu nehmen, den sie sich auch mit großem Behagen schmecken ließ. Da es schon spät war, verweilte sie nur kurze Zeit, aber die Zusammenkunft war so fröhlich, daß sie Gefallen daran fand und geneigt schien wiederzukommen. Dieses Vorhaben führte sie jedoch erst im nächsten Jahre aus; aber, ach, auch diese Verzögerung sollte mich nicht schützen! Den Herbst brachte ich mit einer Beschäftigung zu, die man schwerlich errathen würde, nämlich mit der Bewachung des Obstes der Frau von Epinay. Die Eremitage war das Wasserbehältnis für den Park der Chevrette; es befand sich daselbst ein mit Mauern umgebener Garten, dessen Spaliere und hochstämmige Bäume der Frau von Epinay mehr Obst gaben als ihr Garten auf der Chevrette, obgleich man ihr drei Viertel davon stahl. Um nicht ein völlig unnützer Gast zu sein, übernahm ich die Aufsicht über den Garten und den Gärtner. Bis zur Obstzeit ging alles gut, aber je reifer das Obst wurde, desto mehr sah ich es verschwinden, ohne herauszubekommen, was daraus geworden war. Nach der Betheuerung des Gärtners waren es die Murmelthiere, die alles fraßen. Ich machte den Murmelthieren den Krieg, ich tödtete ihrer viele und das Obst verschwand nicht weniger. Ich legte mich mit solchem Erfolg auf die Lauer, daß ich endlich in dem Gärtner selbst das große Murmelthier entdeckte. Er kam von Montmorency, wo er wohnte, Nacht für Nacht mit Weib und Kindern, um die Obstvorräthe, die er den Tag über gesammelt, zu holen. Er ließ sie in den Markthallen zu Paris so öffentlich verkaufen, als ob er einen eigenen Garten besessen hätte. Dieser verächtliche Mensch, den ich mit Wohlthaten überhäufte, dessen Kinder Therese kleidete und dessen auf den Bettel angewiesenen Vater ich fast allein nährte, plünderte uns eben so wohlgemuth wie frech aus, da keiner von uns dreien wachsam genug war, dem Unfuge zu wehren, und in einer Nacht gelang es ihm meinen Keller so vollkommen zu leeren, daß ich am folgenden Morgen auch nichts mehr in ihm vorfand. So lange er es nur auf mich abgesehen zu haben schien, ertrug ich alles; aber da ich beabsichtigte, über das Obst Rechenschaft abzulegen, war ich genöthigt, den Dieb desselben zur Anzeige zu bringen. Frau von Epinay ersuchte mich, ihn auszubezahlen, zu entlassen und einen andern anzunehmen, was ich sogleich that. Da der baumlange Schuft alle Nächte um die Eremitage herumschlich, mit einem dicken, mit Eisen beschlagenen Stocke bewaffnet, der schon eher einer Keule glich, und in Begleitung ähnlicher Schelme, so ließ ich zu Theresens und ihrer Mutter Beruhigung, die schreckliche Angst vor diesem Menschen hatten, seinen Nachfolger jede Nacht auf der Eremitage schlafen, und da sie dies noch nicht beruhigte, ließ ich Frau von Epinay um ein Gewehr bitten. Ich stellte es in das Zimmer des Gärtners und trug letzterem auf, sich seiner nur im Nothfalle zu bedienen, wenn man die Thüre mit Gewalt zu erbrechen oder in den Garten einzusteigen versuchte, und nur mit Pulver zu schießen, lediglich um die Diebe zu schrecken. Dies war gewiß die allergeringste Vorsichtsmaßregel, die zur allgemeinen Sicherheit ein allen Frechheiten ausgesetzter Mann, der den Winter allein mit zwei furchtsamen Frauen mitten im Walde zubringen mußte, ergreifen konnte. Endlich kaufte ich noch einen kleinen Hund, der als Wächter dienen sollte. Da mich Deleyre in dieser Zeit besuchte, erzählte ich ihm diesen Vorfall und lachte mit ihm über meine soldatische Ausrüstung. Nach Paris zurückgekehrt, wollte er seinerseits Diderot damit erheitern, und dadurch erfuhr die Holbachsche Sippschaft, daß ich im Ernste den Winter auf der Eremitage zubringen wollte. Diese Ausdauer, die sie sich nicht hatten einbilden können, brachte sie völlig aus der Fassung, und bis sie sich, um mir den dortigen Aufenthalt unangenehm zu machen, In diesem Augenblicke bewundere ich meine Dummheit, beim Schreiben dieser Zeilen nicht eingesehen zu haben, daß sie mein Scheiden von Paris und mein Weilen auf dem Lande hauptsächlich nur deshalb so ärgerte, weil sie Mutter Le Vasseur nicht mehr unter der Hand hatten, um sich zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten von ihr bei ihren schändlichen Plänen Anleitung geben zu lassen. Dieser Gedanke, der so spät in mir aufsteigt, setzt die Wunderlichkeit ihres Benehmens, das bei jeder andern Voraussetzung unerklärlich ist, erst in ein vollkommen helles Licht. eine andere Verdrießlichkeit ausgedacht hatten, hetzten sie durch Diderot denselben Deleyre gegen mich auf, der, während er anfangs meine Vorsichtsmaßregeln ganz natürlich gefunden hatte, zuletzt die Entdeckung machte, daß sie meinen Grundsätzen zuwider liefen und schlimmer als lächerlich wären. Er that dies in Briefen voll bitterer Witzeleien, die anzüglich genug waren, um mich zu beleidigen, wenn ich mich in der erforderlichen Stimmung befunden hätte. Allein damals von liebevollen und zärtlichen Gefühlen durchdrungen und für kein anderes empfänglich, gaben mir seine bitteren Sarkasmen nur Stoff zum Lachen, und während ihn jeder andere anmaßend gefunden hätte, fand ich ihn nur scherzhaft. Var ... scherzhaft. So war diesmal die Mühe seiner Aufhetzer vergebens und ich brachte meinen Winter deshalb nicht weniger ruhig zu. (Diese Anmerkung befindet sich in keiner Ausgabe vor dem Jahre 1801. Es ist leicht einzusehen, daß dieser Gedanke in Rousseau erst aufstieg, als sein zweites Manuscript nicht mehr in seinem Besitz war, weshalb er ihn in das erste aufnahm, welches noch in seinen Händen geblieben war.) Durch Wachsamkeit und Eifer brachte ich es dahin, den Garten so gut zu hüten, daß die Obsternte den dreifachen Ertrag des vorigen Jahres gab, obgleich sie in diesem Jahre sehr spärlich ausgefallen war. Ich strengte mich auch wirklich an, das Obst zu bewachen, und ließ es mir nicht nehmen, selbst die Sendungen, die ich nach der Chevrette und nach Epinay machte, zu begleiten und sogar Körbe zu tragen; ich entsinne mich, daß wir, Tante und ich, einen so schweren trugen, daß wir, kaum noch im Stande die Last zu schleppen, gezwungen waren, uns alle zehn Schritt auszuruhen und schweißtriefend ankamen. 1757 Als ich wegen der schlechten Jahreszeit zu Hause zu bleiben begann, wollte ich meine gewöhnlichen Beschäftigungen am Schreibtische wieder aufnehmen; es war mir nicht möglich. Ich erblickte überall nur die beiden reizenden Freundinnen, nur ihren Freund, ihre Umgebung, das Land, welches sie bewohnten, kurz nur Gegenstände, welche ich in meiner Phantasie für sie geschaffen oder verschönert hatte. Ich war nicht einen Augenblick mehr bei mir selbst, die Begeisterung verließ mich nicht mehr. Nach vielen vergeblichen Bemühungen alle diese Traumgebilde von mir fern zu halten, wurde ich schließlich ganz ihre Beute und ich bestrebte mich nur noch einige Ordnung und einigen Zusammenhang hineinzubringen, um daraus eine Art Roman zu machen. Zu einer großen Verlegenheit gereichte mir das Schamgefühl, mich auf diese Weise selbst so unverholen und so laut Lügen zu strafen. Konnte man sich nach den strengen Grundsätzen, die ich so entschieden ausgesprochen, nach den ernsten Principien, die ich so eifrig gepredigt, nach meinen vielen beißenden Angriffen gegen die weibischen Bücher, die Liebe und Weichlichkeit athmeten, konnte man sich, frage ich, wohl etwas Unerwarteteres, etwas Aergerlicheres denken, als zu sehen, wie ich mich plötzlich mit eigener Hand unter die Schriftsteller solcher Bücher schrieb, die ich so scharf getadelt hatte? Ich fühlte diese Inconsequenz in ihrer vollen Stärke, ich warf sie mir vor, erröthete und ärgerte mich über sie; aber alles dies war nicht im Stande mich wieder zur Vernunft zu bringen. Völlig unterjocht, mußte ich es mir gefallen lassen, wie es immer kam, und mich entschließen, jedem Gerede zu trotzen, wobei es mir ja unbenommen blieb, später zu überlegen, ob ich mein Werk zeigen wollte oder nicht; denn damals vermuthete ich noch nicht, daß ich mich zur Veröffentlichung entschließen würde. Zu diesem Entschlusse gelangt, überlasse ich mich ganz und gar meinen Träumereien, und indem ich sie mir wieder und wieder zurechtlege, entwerfe ich endlich die Art von Plan, dessen Ausführung dem Leser vorgelegen hat. Es war sicherlich das Beste, wozu sich meine Narrheiten verwenden ließen: die Liebe zum Guten, die nie aus meinem Herzen gewichen ist, richtete sie auf nützliche Gegenstände, die der Moral hätten zum Vortheil gereichen können. Meine wollüstigen Bilder hätten alle ihre Anmuth verloren, wenn ihnen der liebliche Hauch der Unschuld gefehlt hätte. Ein schwaches Mädchen ist ein Gegenstand des Mitleids, den die Liebe interessant machen kann und der oft nicht weniger liebenswürdig ist; allein wer kann ohne Entrüstung die Darstellung der Modesitten ertragen? und was giebt es Empörenderes als den Dünkel einer treulosen Frau, die, obgleich sie alle ihre Pflichten mit Füßen tritt, trotzdem beansprucht, daß ihr Mann von Dankbarkeit für die Gnade durchdrungen sei, die sie ihm durch ihr Bestreben erweist, sich nicht auf der That ertappen zu lassen? Vollkommene Wesen giebt es in der Natur nicht, und für die aus ihnen zu entnehmenden Lehren sind wir wenig empfänglich. Aber wenn sich eine junge Person, der die Natur ein eben so zärtliches wie keusches Herz verliehen hat, im Mädchenstande von der Liebe besiegen läßt und als Frau wieder Kraft gewinnt, um sie nun ihrerseits zu besiegen und wieder tugendhaft zu werden; dann verschließet dem das Ohr, der euch versichern will, daß dieses Gemälde in seinem ganzen Umfange ärgerlich und nutzlos sei. Außer diesem Thema von der ehelichen Keuschheit und Treue, die durchaus zu jeder socialen Ordnung gehört, behandelte ich noch ein weniger leicht erkennbares, die Nothwendigkeit der Eintracht und des allgemeinen Friedens, einen vielleicht schon an sich und wenigstens damals größeren und wichtigeren Stoff. Der durch die Enzyklopädie erregte Sturm hatte sich nicht nur nicht gelegt, sondern sich damals in noch größerer Stärke erhoben. Die beiden mit äußerster Wuth wider einander entfesselten Parteien glichen eher wüthenden Wölfen, die sich blutgierig zu zerfleischen drohten, als Christen und Philosophen, die darauf ausgehen, sich gegenseitig aufzuklären, zu überzeugen und auf den Weg der Wahrheit zurückzuführen. Vielleicht gebrach es beiden nur an rührigen und einflußreichen Anführern, um den Streit in einen Bürgerkrieg ausarten zu lassen, und Gott weiß, wohin ein Bürgerkrieg um die Religion, zumal die leidenschaftlichste Unduldsamkeit auf beiden Seiten gleich groß war, geführt haben würde. Voll angeborener Abneigung gegen jeden Parteigeist hatte ich beiden Parteien mit allem Freimuthe harte Wahrheiten gesagt, die sie unbeachtet ließen. Ich griff zu einem andern Mittel, welches mir in meiner Einfalt bewunderungswürdig erschien; es bestand darin, durch Vernichtung ihrer Vorurtheile ihren gegenseitigen Haß zu besänftigen und jeder Partei das Verdienst und die Tugend der andern als der öffentlichen Achtung und der Ehrfurcht aller Sterblichen werth hinzustellen. Dieses ziemlich unvernünftige Vorhaben, das den Menschen Aufrichtigkeit zutraute und mich in den nämlichen Fehler stürzte, welchen ich dem Abbé von Saint-Pierre vorwarf, hatte den Erfolg, der sich voraussehen ließ: er näherte nicht die Parteien, sondern vereinigte sie nur zu meiner gemeinsamen Bekämpfung. Bis mich die Erfahrung zur Erkenntnis meiner Thorheit brachte, überließ ich mich ihr mit einer dem mich antreibenden Beweggrunde, wie ich wohl sagen darf, würdigen Begeisterung und schilderte Volmars und Juliens Charaktere mit einem Entzücken, das mich mit der Hoffnung erfüllte, sie beide liebenswürdig zu machen und zwar, was noch mehr ist, einen durch den andern. Zufrieden, meinen Plan mit kräftigen Umrissen skizzirt zu haben, beschäftigte ich mich von neuem mit den einzelnen Situationen, die ich bereits aufgezeichnet hatte, und aus der Zusammenstellung, die ich ihnen gab, entstanden die beiden ersten Abtheilungen der »Julie«, die ich während dieses Winters mit unaussprechlichem Vergnügen ausarbeitete und ins Reine schrieb, wobei ich das schönste Papier mit Goldschnitt, blauen und silberfarbigen Streusand und himmelblaue Bänder zum Heften benutzte, da ich, kurz gesagt, für die reizenden Mädchen, für die ich wie ein zweiter Pygmalion schwärmte, Var.: für die ich trotz meines schon ergrauenden Haares schwärmte. nichts fein, nichts zierlich genug fand. Alle Abende las ich Theresen und ihrer Mutter diese beiden Abtheilungen am Kaminfeuer wieder und wiederum vor. Die Tochter schluchzte, ohne etwas zu sagen, vor lauter Rührung mit mir; die Mutter blieb, da sie nichts Unterhaltendes darin fand und überhaupt nichts begriff, ruhig und begnügte sich damit, mir in den Ruhepausen unaufhörlich zu wiederholen: »Mein Herr, das ist sehr schön.« Beunruhigt, mich im Winter in einem einsam gelegenen Hause mitten im Walde allein zu wissen, ließ Frau von Epinay sehr häufig Nachricht von mir einholen. Nie bekam ich so aufrichtige Beweise ihrer Freundschaft für mich, und nie erwiderte die meinige sie mit größerer Innigkeit. Es wäre Unrecht von mir, unter diesen Freundschaftserweisungen nicht besonders hervorzuheben, daß sie mir ihr Bildnis übersandte und mich um Auskunft ersuchte, wie sie das meinige, welches Latour gemalt und das einen Platz in der Kunstausstellung gefunden hatte, erlangen könnte. Auch eine andere ihrer Aufmerksamkeiten darf ich nicht übergehen. So lächerlich sie auch erscheinen mag, wirft sie doch durch den Eindruck, den sie auf mich machte, ein helles Licht auf die Geschichte meiner Charakterentwickelung. Als ich an einem sehr kalten Tage ein Packet mit mehreren Gegenständen, die sie mir zu besorgen übernommen hatte, öffnete, fand ich darin einen kleinen Unterrock von englischem Flanell, den sie nach ihrer Mittheilung selbst getragen hatte und aus dem ich mir ein Unterjäckchen sollte machen lassen. Die Einkleidung ihres Billets war reizend, voller Zärtlichkeit und Naivetät. Diese mehr als freundschaftliche Fürsorge kam mir so zärtlich vor, als ob sie sich zu meiner Bekleidung selbst entblößt hätte, und in meiner Aufregung küßte ich deshalb Billet und Unterrock, Thränen vergießend, wohl zwanzigmal. Therese dachte, ich wäre närrisch geworden. Eigenthümlich ist es, daß mich von allen Freundschaftsbeweisen, mit denen mich Frau von Epinay überschüttete, keiner je in demselben Maße wie dieser gerührt hat, und daß ich selbst nach unserm Bruche seiner nie ohne Rührung gedacht habe. Lange habe ich ihr kleines Billet aufbewahrt und ich würde es noch haben, wenn es nicht das Schicksal meiner übrigen Briefe aus derselben Zeit gehabt hätte. Nach den Aufzeichnungen in den Memoiren der Frau von Epinay lautet dieses Billet folgendermaßen ( tom. II , p. 347): »Ich sende, lieber Einsiedler, den Damen Le Vasseur einige Vorräthe, und da ich mich eines neuen Boten bediene, will ich Ihnen die Gegenstände einzeln aufführen. Ich sende ein kleines Fäßchen Salz, einen Vorhang für Frau Le Vasseurs Zimmer und einen meiner ganz neuen Unterröcke von feinem Flanell, den ich wenigstens noch nicht getragen habe und der ganz geeignet ist, daraus entweder einen für Theresens Mutter oder eine gute Unterjacke für Sie selbst zu machen. Leben Sie wohl, König der Bären, lassen Sie etwas von sich hören.« Dieses Billet verdient unstreitig nicht das ganze ihm von Rousseau gespendete Lob; aber abgesehen davon, daß er hier nur aus dem Gedächtnisse redet, so beweist schon dieses Lob selbst, daß, sobald er bei seinen Freunden wahrhaft liebenswürdige Absichten voraussetzen konnte, ihre Wohlthaten wie ihre Briefe in seinen Augen, die dieser glücklichen Stimmung entsprechenden Farben annahmen. Obgleich mir meine Harnverhaltung in dem damaligen Winter wenig Ruhe ließ, und ich während eines Theiles desselben zur Anlegung von Sonden gezwungen wurde, so war es doch alles in allem genommen die Zeit, die ich seit meinem Aufenthalte in Frankreich am angenehmsten und ruhigsten zugebracht habe. Während der vier oder fünf Monate, in denen mich die schlechte Witterung so ziemlich gegen Besucher schützte, genoß ich in höherem Grade als je vorher oder nachher dieses unabhängige, gleichmäßige und einfache Leben, dessen Behaglichkeit es mir stets lieber machte, ohne andere Gesellschaft als den wirklichen Verkehr mit Theresen und ihrer Mutter und den eingebildeten mit den beiden Cousinen. Damals vor allem beglückwünschte ich mich täglich mehr über den Entschluß, den ich so klug gewesen war ohne Rücksicht auf das Geschrei meiner Freunde zu fassen, die Aergernis daran nahmen, mich von ihrer Tyrannei befreit zu sehen; und als ich jenes Attentat eines Wahnsinnigen Var.: das fluchwürdige Attentat eines Wahnsinnigen. (Damiens Mordversuch gegen Ludwig XV. am 4. Januar 1757.) erfuhr, als Deleyre und Frau von Epinay in ihren Briefen von der in Paris herrschenden Verwirrung und Aufregung redeten, wie dankte ich da dem Himmel, mich von diesen Schauspielen des Gräuels und der Verbrechen fern gehalten zu haben, die der verbissenen Stimmung, in welche mich der Anblick der öffentlichen Unordnung versetzt, nur neue Nahrung gegeben hätten, während mein Herz sich hier, wo ich um mein einsam liegendes Daheim nur freundliche und gefällige Gegenstände sah, sich keinen andern als lieblichen Gefühlen überließ. Mit wahrem Wohlbehagen zeichne ich hier den Verlauf der letzten friedlichen Augenblicke auf, die mir zu Theil geworden sind. Der auf diesen so ruhigen Frühling folgende Winter sah den Keim der Leiden aufgehen, deren Schilderung mir jetzt noch übrig bleibt und in deren dicht zusammenhängender Kette man keinen ähnlichen Zwischenraum, der mir Muße zum Aufathmen gelassen hätte, wahrnehmen wird. Dennoch glaube ich mich zu entsinnen, daß mich während dieses Zwischenraums die Holbacher selbst in meiner größten Einsamkeit nicht völlig in Ruhe ließen. Diderot zog mir einige Verdrießlichkeiten zu, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht in diesem Winter der »Natürliche Sohn« erschien, von dem ich bald werde zu reden haben. Abgesehen davon, daß mir aus Gründen, die man später hören wird, wenig sichere Anhaltspunkte aus diesem Zeitraume geblieben sind, so haben auch die, welche man mir gelassen hat, hinsichtlich der Daten sehr geringen Anspruch auf Zuverlässigkeit. Diderot schrieb seine Briefe stets ohne Datumangabe. Frau von Epinay, Frau von Hondetot bemerkten auf den ihrigen gewöhnlich nur den Wochentag, und Deleyre machte es in der Regel wie sie. Bei dem Bemühen, diese Briefe zu ordnen, mußte ich nach blosen Muthmaßungen, auf die ich mich nicht verlassen kann, die Daten ergänzen. Da ich demnach den Anfang dieser Zwistigkeiten nicht mit Sicherheit anzugeben vermag, so will ich lieber alles, dessen ich mich noch entsinnen kann, später in einem besondern Abschnitte berichten. Die Wiederkehr des Lenzes hatte meine zärtliche Schwärmerei verdoppelt, und in meiner erotischen Leidenschaftlichkeit hatte ich für die letzten Abtheilungen der »Julie« mehrere Briefe verfaßt, welche die Begeisterung, in der ich sie schrieb, verrathen. Unter andern kann ich die über das Elysium und die Gondelfahrt auf dem See anführen, die, wenn ich mich recht erinnere, ihre Stelle am Ende der vierten Abtheilung gefunden haben. Wer sein Herz beim Lesen dieser beiden Briefe nicht von derselben Rührung, die sie mir eingab, ergriffen fühlt, möge getrost das Buch zumachen; er ist zur Beurtheilung von Gefühlssachen nicht geschaffen. Gerade in dieser Zeit erhielt ich von Frau von Houdetot einen zweiten unvorhergesehenen Besuch. In der Abwesenheit ihres Mannes, der Kapitän in der Gensdarmerie war, und ihres Geliebten, der ebenfalls diente, war sie nach Eaubonne, mitten im Thale von Montmorency, gekommen, woselbst sie sich ein ziemlich hübsches Haus gemiethet hatte. Von dort aus machte sie einen neuen Ausflug nach der Eremitage. Auf dieser kleinen Reise ritt sie und zwar in Männertracht. Obgleich ich kein Freund derartiger Maskeraden bin, begeisterte mich doch der romantische Anstrich der ihrigen, und diesmal erglühte ich in Liebe. Da es die erste und einzige in meinem ganzen Leben war, Eine so bestimmte Versicherung, welche auch die von ihm ausgesprochenen Klagen bestätigen, auch nicht ein einziges Mal für einen bestimmten Gegenstand in Liebe erglüht zu sein, vereinigt sich nicht mit dem, was er uns im 7. Buche von der Liebe erzählt, in der er in Lyon für Fräulein Serre entbrannt war und die ihm jenen leidenschaftlichen Brief eingab, den man in seinem Briefwechsel aus dem Jahre 1741 finden wird. Es ergiebt sich daraus, daß in der Zeit, in der Rousseau dies schrieb, diese bald überwundene Liebe in seinem Herzen wie in seiner Erinnerung keine Spur zurückgelassen hatte. und mir wegen der sich daran knüpfenden Folgen ihre Erinnerung ewig unauslöschlich und schrecklich geworden ist, so möge es mir gestattet sein, dieses Verhältnis ausführlich zu besprechen. Die Frau Gräfin von Houdetot näherte sich den Dreißigen und war keineswegs schön; ihr Gesicht zeigte Blatternarben; ihrem Teint gebrach es an Reinheit; sie war kurzsichtig und ihre Augen traten etwas zu sehr hervor, aber bei dem allen hatte sie ein jugendliches Aussehen, und ihr zugleich lebhaftes und freundliches Gesichtchen etwas ungemein Anziehendes. »Sie war nicht nur kurzsichtig und hatte etwas hervortretende Augen,« wie Rousseau sagt, »sondern sie schielte im höchsten Grade. Sie hatte eine sehr niedrige Stirn und dicke Nase. In Folge der Blattern waren ihre Grübchen gelblich geworden, während ihre Poren bräunlich gezeichnet waren. Dies ließ ihren Teint unrein erscheinen. Wie Rousseau gesagt hat, gab sich in allen ihren Bewegungen eine gewisse Unbeholfenheit und auch Anmuth zu erkennen. Ihr Busen war schön, ihre Hände und Arme hübsch, ihre Füßchen niedlich.« So lautet das Zeugnis einer Person, die mit Frau von Houdetot in inniger Freundschaft gelebt hat. Daraus erhellt, daß Rousseau auch ihr Aeußeres unter dem Eindrucke seiner Einbildungskraft betrachtet hatte. Diese Person ist die Vicomtesse von Alard. Man vergleiche les Anecdotes pour servir de suite aux Mémoires de madame d'Epinay, Paris 1818, 8°, Sie hatte einen wahren Wald von starkem, schwarzem, natürlich gekräuseltem Haar, welches bis zu den Kniekehlen hinabreichte; ihr Wuchs war zierlich, und in allen ihren Bewegungen gab sich eine gewisse Unbeholfenheit und doch auch wieder Anmuth zu erkennen. Sie war äußerst natürlich und hatte einen recht anregenden Geist; Frohsinn, Schelmerei und Naivetät vermählten sich darin auf das glücklichste. Sie sprudelte von reizenden Einfällen, die sie nicht suchte und die ihr bisweilen unwillkürlich entschlüpften. Sie besaß mehrere angenehme Talente, spielte Klavier, tanzte gut und machte leidliche Verse. Ihr Charakter war wahrhaft engelgleich; aus allen ihren Eigenschaften leuchtete die Sanftmuth ihrer Seele hervor; mit Ausnahme der Klugheit und der Kraft zierten sie alle Tugenden. Namentlich war sie von einer solchen Zuverlässigkeit im Umgange und von einer solchen Treue gegen ihren Bekanntenkreis, daß sich selbst ihre Feinde nicht vor ihr zu verbergen brauchten. Unter ihren Feinden verstehe ich die Männer oder vielmehr die Frauen, welche sie haßten, denn sie für ihre Person war unfähig zu hassen, und ich glaube, daß diese Charakterübereinstimmung viel dazu beitrug, mir Liebe zu ihr einzustoßen. Auch in ihren vertraulichsten Herzensergießungen habe ich sie nie von Abwesenden Böses reden hören, nicht einmal von ihrer Schwägerin. Wie sie außer Stande war jemandem ihre Gedanken zu verhehlen, so vermochte sie auch nicht einmal ihre Gefühle zu bezwingen, und ich bin überzeugt, daß sie über ihren Geliebten eben so gut mit ihrem Manne sprach, wie sie über ihn mit ihren Freunden, ihren Bekannten und mit aller Welt ohne Unterschied zu reden pflegte. Kurz, was die Reinheit und Aufrichtigkeit ihres vortrefflichen Charakters beweist, ist der Umstand, daß sie in ihrer außerordentlichen Zerstreutheit und bei ihren vielen lächerlichen Unbesonnenheiten sich wohl oft zu etwas hinreißen ließ, was ihr selbst höchst nachtheilig war, aber nie zu Dingen, die irgend jemand hätten kränken können. Man hatte sie sehr jung und trotz ihres Widerspruches an den Grafen von Houdetot, einen Mann von hohem Range und militärischem Geiste, aber einen Spieler und Raufbold vermählt, der sehr wenig liebenswürdig war und den sie auch nie geliebt hat. Sie fand in Herrn von Saint-Lambert alle glänzende Seiten ihres Mannes im Vereine mit bestechenderen Eigenschaften, mit Geist, Tugenden und Talenten. Wenn an den Sitten des Jahrhunderts etwas verzeihlich erscheint, so ist es unzweifelhaft eine solche, durch ihre Dauer geläuterte und durch ihre guten Einflüsse heilsam wirkende Verbindung, die nur durch eine gegenseitige Achtung Festigkeit erhielt. Sie kam, wie ich glaube, ein wenig aus eigenem Antriebe, hauptsächlich aber wohl Saint-Lambert zu Liebe. Er hatte sie darum ersucht und konnte mit Recht annehmen, daß die Freundschaft, die sich zwischen uns zu bilden begann, uns allen dreien diesen Umgang angenehm machen würde. Sie wußte, daß ich von ihrem Verhältnisse unterrichtet war, und da sie von ihm ohne Verlegenheit mit mir sprechen konnte, so war es natürlich, daß sie sich bei mir gefiel. Sie kam, ich sah sie; ich war liebestrunken ohne Gegenstand; diese Trunkenheit bezauberte meine Blicke, sie erkannten diesen Gegenstand in ihr. In Frau von Houdetot erblickte ich meine Julie und sah in ihr bald nichts mehr als Frau von Houdetot, aber mit allen Vollkommenheiten bekleidet, mit denen ich den Abgott meines Herzens geschmückt hatte. Um das Werk zu krönen, erzählte sie mir von Saint-Lambert mit der Glut einer zärtlich Liebenden. Ansteckende Macht der Liebe! Als ich sie anhörte, als ich mich an ihrer Seite gewahrte, überschlich mich ein eigenthümlich lieblicher Schauer, wie ich ihn noch nie an der Seite einer Frau empfunden hatte. Sie sprach und ich fühlte mich bewegt; ich glaubte nur von Theilnahme für ihre Gefühle ergriffen zu sein, als sich meiner ähnliche Gefühle bemächtigten; in langen Zügen trank ich die vergiftete Schale aus, von der ich bis jetzt nur die Süßigkeit empfand. Kurz, ohne daß ich und ohne daß sie es merkte, flößte sie mir dieselben Gefühle gegen sich ein, die sie für ihren Geliebten hegte. Ach, es war sehr spät, es war sehr grausam, für eine Frau, deren Herz einen andern liebte, in einer eben so heftigen wie unglücklichen Leidenschaft zu entbrennen! Trotz der starken Gemüthsbewegungen, die ich an ihrer Seite empfunden, wurde ich mir anfangs nicht darüber klar, was mit mir vorgegangen war; erst als ich nach ihrer Entfernung an Julie denken wollte, fiel es mir auf, daß ich nur noch an Frau von Houdetot denken konnte. Nun gingen mir die Augen auf; ich fühlte mein Unglück, ich beseufzte es, sah aber die Folgen nicht voraus. Lange war ich über die Art meines künftigen Benehmens ihr gegenüber unschlüssig, als ob die wahrhafte Liebe dem Menschen Vernunft genug ließe, um solchen Vorsätzen nachleben zu können. Ich war noch zu keinem Entschlusse gekommen, als sie abermals erschien und mich unversehens überraschte. Diesmal war ich vorbereitet. Die Scham, die Gefährtin des Uebels, machte mich ihr gegenüber stumm und verlegen; ich wagte weder den Mund zu öffnen noch die Augen aufzuschlagen; ich befand mich in einer unbeschreiblichen Verwirrung, welche ihr auffallen mußte. Ich entschloß mich, sie ihr einzugestehen und sie die Ursache ahnen zu lassen: das hieß, sie ihr deutlich genug angeben. Wäre ich jung und liebenswürdig gewesen, und hätte sich Frau von Houdetot in der Folge schwach gezeigt, so würde ich hier ihre Aufführung tadeln; allein dies war nicht der Fall, ich kann dieselbe nur anerkennen und bewundern. Der Entschluß, den sie faßte, verrieth sowohl Edelmuth wie Klugheit. Sie konnte sich nicht plötzlich von mir zurückziehen, ohne Saint-Lambert, der sie selbst zu Besuchen bei mir aufgefordert hatte, den Grund mitzutheilen; das hätte geheißen zwei Freunde einem Bruche und vielleicht einem Aufsehen erregenden Streite aussetzen, was sie vermeiden wollte. Sie achtete mich und wollte mir wohl. Sie hatte Mitleid mit meiner Thorheit; ohne ihr zu schmeicheln, bedauerte sie sie und suchte mich davon zu heilen. Es freute sie, ihrem Geliebten und sich selbst einen Freund zu erhalten, den sie schätzte; von nichts redete sie zu mir mit größerem Vergnügen als von dem innigen und freundschaftlichen Umgange, den wir unter uns dreien pflegen könnten, wenn ich vernünftig geworden wäre. Sie beschränkte sich nicht immer auf diese freundschaftlichen Ermahnungen, sondern ersparte mir, wenn es Noth that, auch nicht härtere Vorwürfe, die ich gar wohl verdient hatte. Ich selbst schenkte sie mir noch weniger; sobald ich allein war, kam ich wieder zu mir; nachdem ich geredet hatte, war ich ruhiger. Hat man der, welche uns die Liebe einflößt, sie bekannt, so läßt sie sich leichter ertragen. Der Nachdruck, mit dem ich mir die meinige vorwarf, hätte mich, wäre es überhaupt möglich gewesen, davon heilen müssen. Welche mächtige Beweggründe rief ich nicht zu Hilfe, um sie zu ersticken: meine sittlichen Grundsätze, meine Gefühle, die Scham, die Untreue, das Verbrechen, den Mißbrauch eines von der Freundschaft anvertrauten Schatzes, die Lächerlichkeit endlich, noch in meinem Alter in der heftigsten Leidenschaft für einen Gegenstand zu glühen, dessen bereits verschenktes Herz mir keine Gegenliebe verheißen noch Hoffnung lassen konnte; eine Leidenschaft noch dazu, die durch treue Ausdauer nichts gewann, sondern von Tage zu Tage weniger entschuldbar wurde. Wer sollte meinen, daß gerade diese letzte Betrachtung, die allen übrigen noch größeres Gewicht verleihen mußte, diejenige war, die sie werthlos machte? Weshalb, dachte ich, soll ich mir aus einer Thorheit, die mir allein nachtheilig ist, ein Gewissen machen? Bin ich denn ein junger Cavalier, den Frau von Houdetot sehr zu fürchten brauchte? Würden mich meine dünkelhaften Gewissensbisse nicht der Einbildung verdächtigen, meine Galanterie, mein Aeußeres, mein zierliches Auftreten wären im Stande, sie zu verführen? Ach, armer Jean-Jacques, liebe getrost in aller Gewissensruhe und besorge nicht, daß deine Seufzer Saint-Lambert Nachtheil bereiten. Man hat gesehen, daß ich nie, nicht einmal in meiner Jugend, unternehmend war. Diese Denkweise war die Folge meiner Geistesrichtung und war meiner Leidenschaft günstig; es war genug, mich ihr rückhaltlos zu überlassen und sogar über die alberne Bedenklichkeit zu lachen, die ich mir mehr aus Eitelkeit als aus vernünftigen Gründen gemacht zu haben glaubte. Welche gewaltige Lehre für die ehrlichen Seelen, die das Laster nie mit offenem Gesichte angreift, aber die es zu überrumpeln Mittel findet, indem es sich hinter irgend einem Sophisma und häufig auch unter irgend einer Tugend verbirgt! Strafbar ohne Gewissensbisse, war ich es bald ohne Maß, und man wolle freundlichst bemerken, wie meine Leidenschaft dem Zuge meiner Natur folgte, um mich schließlich in den Abgrund hinabzuziehen. Anfangs nahm sie, um mir den Muth einzuflößen, eine demüthige Miene an, und trieb dann, um mich dreist zu machen, diese Demuth bis zum Mißtrauen. Ohne aufzuhören, mich an meine Pflicht zu erinnern und zur Vernunft zu mahnen, ohne je auch nur einen Augenblick meiner Thorheit zu schmeicheln, behandelte mich Frau von Houdetot im Uebrigen mit der größten Milde und nahm mir gegenüber den Ton der zärtlichsten Freundschaft an. Diese Freundschaft hätte mich, ich betheure es, befriedigt, wenn ich sie für aufrichtig gehalten hätte; allein da ich sie zu lebhaft fand, um wahr zu sein, so stieg der Wahn in mir auf, daß mich die Liebe, die sich für mein Alter und Aeußeres so wenig schickte, in Frau von Houdetots Augen erniedrigt hätte, daß sich die ausgelassene junge Frau nur über mich und meine greisenhaften Zärtlichkeiten lustig machen wollte, daß sie Saint-Lambert alles mitgetheilt und ihr Geliebter, über meine Treulosigkeit empört, auf ihre Pläne eingegangen wäre, so daß sie nun im gegenseitigen Einverständnisse mir den Kopf vollends zu verdrehen und mich zu verspotten suchten. Diese Dummheit, die mich im Alter von sechsundzwanzig Jahren bei Frau von Larnage, die ich nicht kannte, Albernheiten begehen ließ, würde mir mit fünfundvierzig Jahren bei Frau von Houdetot haben verziehen werden können, wenn ich nicht gewußt hätte, daß sie und ihr Geliebter beide zu ehrliche Leute waren, um sich ein so rohes Vergnügen zu machen. Frau von Houdetot fuhr fort, mir Besuche abzustatten, die ich nicht zu erwidern zögerte. Sie ging eben so gern wie ich; wir machten in einer bezaubernden Gegend lange Spaziergänge. Zufrieden, zu lieben und es bekennen zu dürfen, hätte ich glücklich sein können, wenn meine Albernheit diesem angenehmen Verhältnisse nicht selbst allen Reiz genommen hätte. Anfangs begriff sie nichts von der thörichten Verstimmung, mit der ich ihre Aufmerksamkeiten aufnahm; aber mein Herz, unfähig, je eine der Empfindungen, die es bewegten, zu verhehlen, ließ sie nicht lange über meinen Argwohn in Unkenntnis. Sie wollte darüber lachen; dieses Mittel hatte keinen Erfolg, Wuthausbrüche wären die Folge gewesen. Sie änderte deshalb den Ton. Ihre mitleidige Sanftmuth war unüberwindlich; sie machte mir Vorwürfe, die mir zu Herzen gingen; sie zeigte mir über meine ungerechten Befürchtungen eine Unruhe, die ich mißbrauchte. Ich verlangte Beweise, daß sie sich nicht über mich lustig machte. Sie sah, daß es zu meiner Beruhigung kein anderes Mittel gab. Ich wurde dringend; der geforderte Beweis war zarter Natur. Es ist wunderbar, es ist vielleicht einzig dastehend, daß sich eine Frau, die schon bis zum Feilschen hat kommen können, so leichten Kaufs aus der Sache gezogen hat. Sie verweigerte mir nichts, was die zärtlichste Freundschaft gewähren konnte; sie gewährte mir nichts, was sie hätte untreu machen können, und ich hatte die Demüthigung zu sehen, daß der Brand, zu dem ihre leichten Gunstbezeigungen meine Sinnlichkeit entzündeten, nicht den geringsten Funken in der ihrigen anfachte. Ich habe irgendwo Neue Heloise, dritte Abtheilung, Brief XVIII. gesagt, daß man der Sinnlichkeit nichts einräumen dürfe, wenn man ihr etwas zu verweigern beabsichtigt. Um zu zeigen, wie falsch dieser Grundsatz bei Frau von Houdetot war, und wie recht sie hatte, sich auf sich selbst zu verlassen, müßte ich in die Einzelheiten unsrer langen und häufigen Zusammenkünfte unter vier Augen eingehen und sie während der vier Monate, die wir zusammen zubrachten, in ihrer ganzen Lebhaftigkeit, in einer bei Freunden verschiedenen Geschlechtes, die die selbstgezogenen Grenzen wie wir nie überschritten, fast beispiellosen Innigkeit schildern. Ach, wenn ich so lange gesäumt hatte, die wahre Liebe zu fühlen, wie viel mußte dann mein Herz und meine Sinnlichkeit entbehrt haben! Und welche Wonne muß man dann bei einem geliebten Gegenstande, der uns wieder liebt, empfinden, wenn schon eine ungetheilte Liebe, so große zu bereiten vermag! Aber ich habe Unrecht, von einer ungeteilten Liebe zu reden; die meinige wurde in gewisser Weise getheilt; sie war auf beiden Seiten gleich, wenn sie auch nicht gegenseitig war. Wir waren beide von Liebe trunken, sie für ihren Geliebten, ich für sie; unsere Seufzer, unsere Wonnethränen vermischten sich. Gegenseitig zärtliche Vertraute harmonirten unsere Gefühle so vielfach mit einander, daß sie sich nothwendig in etwas vermischen mußten, und mitten in dieser gefahrvollen Trunkenheit hat sie sich gleichwohl nie einen Augenblick vergessen; und ich betheure, ich beschwöre, daß ich sie in Wahrheit nie begehrt habe, wenn ich auch zuweilen, von meiner Sinnlichkeit verleitet, sie untreu zu machen versucht habe. Die Heftigkeit meiner Leidenschaft war sie selbst im Stande in Schranken zu halten. Die Pflicht der Enthaltsamkeit hatte meine Seele erhitzt. Der Glanz aller Tugenden zierte in meinen Augen den Abgott meines Herzens; die Beschmutzung des göttlichen Bildes wäre seine Vernichtung gewesen. Ich würde das Verbrechen haben begehen können, es ist in meinem Herzen hundertmal begangen worden; aber meine Sophie herabwürdigen! O, wäre das je möglich gewesen? Nein, nein, ich habe es ihr selbst hundertmal gesagt: wäre mir Gelegenheit zu meiner Befriedigung gegeben worden, hätte sie sich mir aus eigenem Willen ergeben, so würde ich mich, einige kurze Augenblicke des Wahnsinns abgerechnet, geweigert haben, um diesen Preis glücklich zu sein. Ich liebte sie zu sehr, um sie besitzen zu wollen. Die Eremitage ist von Eaubonne fast eine Meile entfernt; auf meinen vielen Besuchsreisen trug es sich bisweilen zu, daß ich dort übernachten mußte. Als wir eines Abends allein mit einander zu Nacht gespeist hatten, gingen wir bei sehr schönem Mondscheine im Garten spazieren. Hinten im Garten war ein ziemlich großes Gehölz, welches wir durchschritten, um einen reizenden mit einer Cascade geschmückten Hain aufzusuchen. Zu letzterer hatte ich die Idee angegeben und auch den Bau geleitet. Ewige Erinnerung an Unschuld und Seligkeit! In diesem Hain war es, wo ich unter einer mit Blüten bedeckten Akazie neben ihr auf einer Rasenbank sitzend eine der Gefühle meines Herzens, die ich aussprechen wollte, wahrhaft würdige Sprache fand. Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben; aber ich war erhaben, wenn man das, was die zärtlichste und inbrünstigste Liebe Liebenswürdiges und Verführerisches in ein Männerherz legen kann, so nennen darf. Was für berauschende Thränen vergoß ich auf ihre Kniee! Wie viele entlockte ich ihr wider Willen! Endlich rief sie in einem unwillkürlichen Ausbruche von Seligkeit aus: »Nein, nie war ein Mann so liebenswürdig, und nie liebte ein Liebhaber wie Sie! Aber Ihr Freund Saint-Lambert hört uns, und mein Herz vermag nicht zweimal zu lieben!« Ich schwieg seufzend: ich umarmte sie ... welch eine Umarmung! Aber das war alles. Seit sechs Monaten lebte sie bereits allein, das heißt fern von ihrem Geliebten und Gatten, seit drei Monaten sah ich sie fast täglich, und stets bildete die Liebe die dritte in unserem Bunde. Wir hatten allein zusammen zu Nacht gespeist, wir hatten allein in einem Haine im Mondenscheine bei einander geweilt, und nach zwei Stunden der lebhaftesten und zärtlichsten Unterhaltung ging sie mitten in der Nacht aus diesem Haine und aus den Armen ihres Freundes eben so unberührt, eben so rein an Leib und an Seele hervor, als sie hineingetreten war. Leser, erwäge alle die Umstände, ich will nichts weiter hinzufügen. Und wähne man nur nicht, daß mich hier meine Sinne ruhig ließen wie bei Therese und Mama. Diesmal war es, wie ich schon gesagt habe, Liebe und zwar Liebe mit, ihrer ganzen Gewalt und in ihrer ganzen Wuth. Ich will weder die Aufregungen, noch die Schauder, noch das Herzklopfen, noch die krampfhaften Bewegungen, noch die Ohnmacht des Herzens schildern, die ich beständig empfand; nach der Wirkung, die ihr bloses Bild auf mich ausübte, kann man sich ein Urtheil darüber bilden. Wie gesagt, war der Weg von der Eremitage nach Eaubonne weit; er führte durch die mit Wein bebauten Hügel von Andilly, die reizend sind. Im Wandern träumte ich von der, welcher mein Besuch galt, von der liebevollen Aufnahme, die sie mir bereiten würde, von dem Kusse, der meiner bei der Ankunft wartete. Dieser Kuß allein, dieser verhängnisvolle Kuß entflammte mein Blut bis zu dem Grade, daß mir der Kopf schwindelte, es mir vor den Augen schwarz wurde und meine zitternden Kniee mir fast den Dienst versagten. Ich war gezwungen Halt zu machen und mich zu setzen. Mein ganzer Körper war in einem unbegreiflichen Aufruhr; es fehlte nicht viel, so wäre ich ohnmächtig geworden. Von der Gefahr, die ich dadurch lief, unterrichtet, suchte ich mich beim Weiterschreiten zu zerstreuen und an anderes zu denken. Doch schon nach zwanzig Schritten bestürmten mich von neuem die nämlichen Gedanken und alle aus ihnen hervorgehenden Zustände, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, mich von ihnen zu befreien, und wie ich es auch immer anstellen mochte, ich glaube nicht, daß ich, wenn ich allein war, je diesen Weg ungestraft habe machen können. Ich kam in Eaubonne an, schwach, erschöpft, abgemattet, mich kaum aufrecht erhaltend. Bei ihrem ersten Anblicke war alles wieder gut; an ihrer Seite fühlte ich nur die Belästigung einer unerschöpflichen und doch immer nutzlosen männlichen Kraft. Auf meinem Wege lag an einer Stelle, von der aus man Eaubonne schon erblickte, eine freundliche Terrasse der Berg Olymp genannt, an der wir bisweilen zusammentrafen. Ich langte zuerst an; ich war zum Warten wie geschaffen, und doch, wie schwer fiel mir dieses Warten! Um mich zu zerstreuen, versuchte ich mit Bleistift Billete zu schreiben, die ich am liebsten mit meinem Herzblute niedergeschrieben hätte. Ich habe nie ein lesbares zu Stande bringen können. Wenn sie eines derselben in dem dazu verabredeten Verstecke fand, konnte sie daraus nichts anderes als den wahrhaft beklagenswerthen Zustand ersehen, in dem ich mich beim Schreiben befand. Dieser Zustand und namentlich seine Dauer, da ich während dreier Monate in unausgesetzter Aufregung und Enthaltung lebte, versetzte mich in eine Erschöpfung, von der ich mich Jahre lang nicht erholen konnte, und die endlich eine Abnahme der Kräfte herbeiführte, die ich ins Grab oder die vielmehr mich ins Grab mitnehmen wird. Dieses ist der einzige Liebesgenuß des Mannes gewesen, der zwar das leicht entzündlichste aber zugleich auch das schüchternste Temperament hatte, das die Natur vielleicht je hervorgebracht hat. Das sind die letzten schönen Tage gewesen, die mir hienieden beschieden waren. Hier beginnt das lange Gewebe der Leiden meines Lebens, in dem man wenige Unterbrechungen wahrnehmen wird. In dem ganzen Verlaufe meines Lebens hat man gesehen, daß mein Herz, durchsichtig wie Krystall, nie, auch nicht eine einzige Minute lang, ein etwas lebhafteres Gefühl, das sich in ihm regte, zu verhehlen verstanden hat. Sage man sich selbst, ob es mir möglich war, meine Liebe zu Frau von Houdetot lange zu verbergen. Unsere Vertraulichkeit fiel auf, wir suchten sie nicht zu verheimlichen. Bei ihrem Charakter hatte sie ein Geheimnis nicht nöthig, und da Frau von Houdetot die zärtlichste Freundschaft für mich hatte, die sie sich nicht zum Vorwurfe anrechnete, und da ich vor ihr eine wahre Hochachtung besaß, deren gerechten Grund niemand so gut als ich kannte, so gaben wir, sie offen, zerstreut, unbesonnen, ich aufrichtig, tölpelhaft, hochmüthig, ungeduldig, leidenschaftlich, uns in unserer trügerischen Sicherheit noch weit mehr Blößen, als wir, hätten wir uns schuldig gefühlt, gethan hätten. Wir gingen mit einander nach der Chevrette; wir trafen uns dort häufig und hatten daselbst mitunter sogar verabredete Zusammenkünfte. Wir führten dort unser gewohntes Leben, indem wir täglich allein mit einander spazieren gingen und dabei von der Liebe eines jeden von uns, von unseren Pflichten, von unserem Freunde und von unsern unschuldigen Plänen sprachen, und das thaten wir ganz offen im Park, nach dem die Fenster des Zimmers der Frau von Epinay hinausführten, aus denen sie nicht unterließ uns unaufhörlich zu beobachten; und in dem Wahne, daß wir es ihr nur zum Trotze thaten, erfüllte das, was ihre Augen erblickten, ihr Herz nur mit immer größerer Wuth und Entrüstung. Die Frauen verstehen sämmtlich die Kunst, ihre Wuth zu verbergen, zumal wenn sie heftig ist; Frau von Epinay, die bei allem Ungestüm doch überlegend ist, besitzt diese Kunst namentlich in hervorragender Weise. Sie that, als sähe sie nichts und ahnte sie nichts, und während sie mir gegenüber ihre Aufmerksamkeiten und Höflichkeiten verdoppelte und mich scheinbar zu fesseln suchte, zeigte sie gegen ihre Schwägerin geflissentlich ein unhöfliches Benehmen und behandelte sie mit einer Verachtung, die sie auch mir schien einimpfen zu wollen. Es gelang ihr, wie man sich wohl denken kann, zwar nicht, aber ich lag wie auf der Folter. Von sich widerstreitenden Gefühlen zerrissen, während ich doch zugleich von ihren Zärtlichkeiten gerührt war, hatte ich Mühe meinen Zorn zurückzuhalten, wenn ich sah, wie verletzend sie gegen Frau von Houdetot war. Die engelgleiche Sanftmuth derselben ließ sie alles ohne Klage erdulden und sogar ohne sich empfindlich zu zeigen. Überdies war sie oft so zerstreut und für dergleichen so wenig empfänglich, daß sie es meistentheils gar nicht merkte. Ich war von meiner Leidenschaft so in Anspruch genommen, daß ich nur Sophie sah, (dies war einer der Namen der Frau von Houdetot) und deshalb nicht einmal merkte, daß ich das Gespött des ganzen Hauses und seiner Besucher geworden war. Zur Zahl der letzteren gehörte der Baron von Holbach, der, so viel ich weiß, vorher nie nach der Chevrette gekommen war. Wäre ich damals so mißtrauisch gewesen, wie ich es später geworden bin, so würde der Verdacht in mir aufgestiegen sein, daß Frau von Epinay diese Reise veranstaltet hätte, um ihm das ergötzliche Schauspiel des verliebten Bürgers vorzuführen. Allein ich war damals so dumm, daß ich nicht einmal sah, was aller Welt offen vor Augen lag. Gleichwohl hielt mich alle meine Dummheit nicht von der Wahrnehmung zurück, daß des Barons Miene zufriedener und heiterer war als sonst. Statt mich nach seiner Gewohnheit düster anzublicken, überflutete er mich mit mir völlig unverständlichen spöttischen Redensarten. Ich riß die Augen weit auf, ohne etwas zu erwidern; Frau von Epinay hielt sich die Seiten vor Lachen; ich begriff nicht, was mit ihnen vorgegangen war. Da noch nichts die Grenzen des Scherzes überschritt, so hätte ich mich ruhig zur Zielscheibe hergeben sollen. Aber allerdings sah man durch die spöttische Heiterkeit des Barons eine boshafte Freude hindurchleuchten, die mich vielleicht beunruhigt haben würde, hätte ich sie schon damals eben so gut bemerkt, wie ich mich ihrer in der Folge erinnerte. Als ich eines Tages Frau von Houdetot, die wieder einmal von Paris zurückgekehrt war, in Eaubonne besuchte, fand ich sie traurig und bemerkte, daß sie geweint hatte. Ich mußte mich beherrschen, weil Frau von Blainville, die Schwester ihres Gatten, zugegen war, sobald sich jedoch ein günstiger Augenblick darbot, sprach ich ihr meine Unruhe aus. »Ach,« sagte sie seufzend zu mir, »ich befürchte sehr, daß mich Ihre Thorheiten die Ruhe meines Lebens kosten. Saint-Lambert ist unterrichtet und übel berichtet. Er läßt mir Gerechtigkeit widerfahren, ist aber in höchst verdrießlicher Stimmung und sagt mir, was noch schlimmer ist, nicht alles was sie hervorgerufen hat. Zum Glück habe ich ihm von unserm Verhältnisse, das auf seinen eigenen Antrieb angeknüpft ist, nichts verschwiegen. Meine Briefe waren eben so voll von Ihnen wie mein Herz: nur Ihre unsinnige Liebe, von der ich Sie zu heilen hoffte und die er mir, ohne mit mir davon zu reden, dennoch, wie ich recht gut merke, als Verbrechen anrechnet, habe ich ihm verheimlicht. Man hat ihn gegen uns aufgehetzt, man hat mir Unrecht gethan, aber es hat nichts zu sagen. Lassen Sie uns entweder völlig mit einander brechen, oder benehmen Sie sich, wie man von Ihnen verlangen kann. Ich will meinem Geliebten nichts mehr zu verbergen haben.« Dies war der erste Augenblick, wo mich die Scham überkam, mich durch das Bewußtsein meines Vergehens vor einer jungen Frau, deren Vorwürfe ich mit Recht verdiente und deren Mentor ich hätte sein sollen, gedemüthigt zu sehen. Der Unwille, den ich gegen mich selbst empfand, hätte vielleicht zur Ueberwindung meiner Schwäche genügt, wenn nicht wieder das zärtliche Mitleid, welches mir das Opfer derselben einflößte, mein Herz erweicht hätte. Ach, war das der Augenblick, es verhärten zu können, während es die Thränen von allen Seiten bis in seine Tiefe durchdrangen? Diese Rührung verwandelte sich bald in Zorn wider die feilen Angeber, die nur das Böse eines verbrecherischen, wenn auch unwillkürlichen, Gefühls bemerkt hatten, ohne sich auch nur die aufrichtige Ehrlichkeit des Herzens, die das Böse vernichtete, denken und vorstellen zu können. Wir blieben über die Hand, von welcher der Schlag ausging, nicht lange in Zweifel. Wir wußten beide, daß Frau von Epinay mit Saint-Lambert in brieflichem Verkehre stand. Es war nicht der erste Sturm, den sie gegen Frau von Houdetot erregt hatte. Tausendmal hatte sie sich schon bemüht, ihn von ihr loszureißen, und die Erfolge einiger dieser Anstrengungen erfüllten Frau von Houdetot mit Furcht vor den weiteren. Außerdem befand sich Grimm, der, wie ich glaube, Herrn von Castries zur Armee begleitet hatte, eben so wie Saint-Lambert in Westphalen; sie sahen sich mitunter. Grimm hatte bei Frau von Houdetot einige erfolglose Versuche gemacht. Sehr beleidigt hörte er deshalb ganz auf, sie zu besuchen. Man denke sich die Kaltblütigkeit, mit der er sich bei seiner bekannten Bescheidenheit zur Annahme berechtigt glaubte, daß sie einen älteren Mann vor ihm auszeichne, einen Mann, von dem er, Grimm, seit seinem Verkehre mit den Großen nur wie von seinem Schützlinge sprach! Mein Verdacht gegen Frau von Epinay ging in Gewißheit über, als ich erfuhr, was bei mir zu Hause vorgefallen war. Wenn ich auf der Chevrette war, kam Therese häufig dahin, sei es um mir meine Briefe zu bringen oder mir bei meiner schlechten Gesundheit die nöthige Pflege angedeihen zu lassen. Frau von Epinay hatte sie gefragt, ob wir uns nicht schrieben, Frau von Houdetot und ich. Auf ihr Eingeständnis drang Frau von Epinay in sie, ihr Frau von Houdetots Briefe zu übergeben, indem sie sie so gut wieder zu versiegeln versprach, daß es niemand gewahren könnte. Ohne zu zeigen, wie sehr dieses Ansinnen sie verletzte, und sogar ohne mir davon Mittheilung zu machen, begnügte sich Therese damit, die Briefe, welche sie mir brachte, noch sorgfältiger zu verbergen, eine sehr glückliche Vorsicht, denn Frau von Epinay ließ sie bei ihrer Ankunft überwachen, erwartete sie sogar persönlich einige Male am Wege und trieb die Kühnheit so weit, ihr Busentuch zu durchsuchen. Sie that noch mehr; als sie sich eines Tages mit Herrn von Margency zum Mittagessen auf die Eremitage eingeladen hatte, zum ersten Male, seitdem ich daselbst wohnte, benutzte sie die Zeit, in der ich mit Margency spazieren ging, um mit Mutter und Tochter in mein Arbeitszimmer zu gehen und sie zu bestürmen, ihr die Briefe der Frau von Houdetot zu zeigen. Hätte die Mutter gewußt, wo sie sich befanden, so wären die Briefe übergeben worden; aber zum Glück wußte es die Tochter allein und leugnete, daß ich einen derselben aufbewahrt hätte. Obgleich dies eine Lüge war, so war es doch fürwahr eine Lüge voller Ehrlichkeit, Treue und Edelmuth, während die Wahrheit nur Treulosigkeit gewesen wäre. Als Frau von Epinay einsah, daß sie sie nicht verführen konnte, suchte sie sie durch Eifersucht aufzureizen, indem sie ihr ihre Schwäche und Blindheit vorwarf. »Wie können Sie,« sagte sie zu ihr, »nicht sehen, daß sie ein verbrecherisches Verhältnis unter einander haben? Wenn Sie trotz allem, was Sie vor Augen haben, noch anderer Beweise bedürfen, so helfen Sie doch zu ihrer Erlangung mit. Sie sagen, er zerreiße die Briefe der Frau von Houdetot, sobald er sie gelesen habe. Nun wohl, sammeln Sie sorgfältig die Stücke und geben Sie sie mir; ich übernehme es, sie zusammenzusetzen.« Das waren die Rathschläge, die meine Freundin meiner Lebensgefährtin ertheilte. Therese hatte die Rücksicht, mir alle diese Versuche lange zu verschweigen; als sie jedoch meine Rathlosigkeit gewahrte, hielt sie sich für verbunden, mir alles zu sagen, damit ich nach Erkennung der Sachlage meine Maßregeln ergreifen könnte, um mich vor den gegen mich geplanten Verräthereien zu schützen. Meine Entrüstung, meine Wuth läßt sich nicht beschreiben. Statt mich gegen Frau von Epinay nach ihrem eigenen Beispiele zu verstellen und List mit List zu bekämpfen, überließ ich mich ohne Maßen der Heftigkeit meiner Natur und rief mit meiner gewöhnlichen Unbesonnenheit einen offenen Ausbruch hervor. Man kann über meine Unklugheit nach den folgenden Briefen urtheilen, die unser beiderseitiges Vorgehen bei dieser Gelegenheit zur Genüge kennzeichnen. Billet der Frau von Epinay. (Heft A, Nr. 44.) »Weshalb sehe ich Sie denn nicht, mein werther Freund? Ich bin Ihretwegen unruhig. Sie hatten mir so fest versprochen, von der Eremitage sofort wieder hierher zurückzukehren. Nur darauf hin habe ich Sie frei gelassen. Und trotzdem lassen Sie acht Tage darüber hingehen. Wenn man mir nicht gesagt hätte, daß Sie sich wohl befänden, würde ich Sie für krank halten. Ich erwartete Sie vorgestern oder gestern, und ich sehe Sie nicht ankommen. Mein Gott, was ist Ihnen denn? Sie haben keine Geschäfte und haben eben so wenig Kummer, denn ich schmeichle mir, daß Sie sonst augenblicklich gekommen wären, ihn mir anzuvertrauen. Sie sind also krank! Reißen Sie mich, ich bitte Sie, recht bald aus meiner Unruhe. Leben Sie wohl, mein theurer Freund. Möge dieses Lebewohl bewirken, daß Sie mir selbst einen guten Tag wünschen.« Antwort. Mittwoch Morgen. »Ich kann Ihnen noch nichts sagen. Ich hoffe, noch genauer unterrichtet zu werden und ich werde es über kurz oder lang sein. Inzwischen seien Sie gewiß, daß die angeklagte Unschuld einen Vertheidiger finden wird, der vor Begierde brennt, die Verleumder, wer sie auch immer sein mögen, ihr Vorhaben bereuen zu lassen.« Zweites Billet derselben. (Heft A, Nr. 45.) »Wissen Sie, daß mich Ihr Brief erschreckt? Was will er denn eigentlich sagen? Ich habe ihn mehr als fünfundzwanzigmal gelesen. Ich verstehe ihn wirklich nicht. Ich ersehe aus ihm nur, daß Sie unruhig und gequält sind und erst das Ende Ihres Leidens abwarten wollen, um mit mir davon zu reden. Mein theurer Freund, lautet etwa so unsere Verabredung? Was ist denn aus jener Freundschaft, aus jenem Vertrauen geworden, und wie habe ich es verloren? Sind Sie auf mich oder um meinetwillen böse? Wie dem auch sein mag, kommen Sie, ich beschwöre Sie, noch diesen Abend. Erinnern Sie sich, daß Sie mir vor noch nicht acht Tagen versprochen haben, nichts auf dem Herzen zu behalten, sondern auf der Stelle mit mir zu besprechen. Mein theurer Freund, ich lebe in dem Vertrauen... Halt, eben habe ich Ihren Brief noch einmal gelesen; ich verstehe ihn nicht besser, aber er macht mich beben. Sie scheinen mir heftig erregt zu sein. Ich wünschte Sie zu beschwichtigen, da ich aber den Grund Ihrer Beunruhigung nicht kenne, kann ich Ihnen nur die Versicherung geben, daß ich, bis ich Sie gesehen habe, eben so unglücklich bin wie Sie. Wenn Sie heute Abend um sechs Uhr nicht hier sind, mache ich mich morgen nach der Eremitage auf den Weg, was für Wetter es auch ist, und in welchem Zustande ich mich auch befinden möge, denn ich wäre nicht im Stande, diese Unruhe zu ertragen. Guten Tag, mein theurer, guter Freund. Ohne zu wissen, ob Sie es nöthig haben oder nicht, wage ich Ihnen auf jeden Fall zu sagen: suchen Sie sich in Acht zu nehmen und die Fortschritte, welche die Unruhe in der Einsamkeit macht, aufzuhalten. Aus einer Mücke wird da ein Elephant; ich habe es oft erfahren.« Antwort. Mittwoch Abend. »Ich kann Sie weder besuchen noch Ihren Besuch annehmen, so lange die Unruhe, in der ich mich befinde, anhält. Das Vertrauen, von dem Sie reden, besteht nicht mehr, und es wird nicht leicht sein, es wieder zu erlangen. Ich erblicke in Ihrem Eifer jetzt nur das Verlangen, aus den Geständnissen eines andern Vortheil zu ziehen, der für Ihre Pläne paßt. Mein Herz, das sich so gern einem Herzen, welches sich ihm öffnet, anvertraut, schließt sich vor List und Schlauheit. In der Schwierigkeit, die Ihnen das Verständnis meines Billets bereitete, erkannte ich Ihre gewöhnliche Gewandtheit. Halten Sie mich für einen so großen Gimpel zu glauben, daß Sie es nicht verstanden hätten? Nein; aber ich werde Ihre Ränke durch meinen Freimuth zu besiegen wissen. Ich werde mich noch deutlicher aussprechen, damit Sie mich noch weniger begreifen. »Zwei fest vereinte und einander würdige Liebende sind mir theuer; ich bin selbstverständlich überzeugt, daß Sie nicht wissen werden, von welchen Personen ich rede, wenn ich sie Ihnen nicht nenne. Ich setze voraus, daß man sie zu veruneinigen versucht und sich meiner bedient hat, um einen von ihnen mit Eifersucht zu erfüllen. Die Wahl ist nicht sehr geschickt, wenn sie auch der Bosheit geeignet schien, und wegen dieser Bosheit habe ich Sie in Verdacht. Ich hoffe, daß Ihnen dies deutlicher ist. »So würde also die Frau, die ich meines Wissens am höchsten schätze, die Schändlichkeit besitzen, ihr Herz und ihre Person zwischen zwei Liebhabern zu theilen, und ich die, einer dieser beiden Elenden zu sein? Wüßte ich, daß Sie auch nur einen einzigen Augenblick im Leben so hätten von ihr und mir denken können, so würde ich Sie bis zum Tode hassen. Allein ich traue Ihnen nur zu, daß Sie es gesagt, und nicht, daß Sie es auch geglaubt haben. In diesem Falle begreife ich nicht, wem von den Dreien Sie haben schaden wollen; aber wenn Sie die Ruhe lieben, so fürchten Sie sich vor dem Unglücke, ihr Ziel zu erreichen. Weder Ihnen noch ihr habe ich verhehlt, wie schlecht ich über gewisse Verbindungen denke; aber ich will, daß ihr Ende eben so achtungswerth sei wie ihre Entstehung, und daß sich eine unrechtmäßige Liebe in eine ewige Freundschaft auflöse. Sollte ich, der ich nie jemandem wehe that, dazu benutzt werden, meinen Freunden Wehe zu thun? Nein, ich würde es Ihnen nie verzeihen, ich würde Ihr unversöhnlicher Feind werden. Nur Ihre Geheimnisse würden unangetastet bleiben, denn ich werde nie ein Mann ohne Treu und Glauben sein. »Die Verlegenheit, in der ich mich befinde, kann, wie ich glaube, nicht lange währen. Ich muß bald erfahren, ob ich mich getäuscht habe. Dann werde ich vielleicht großes Unrecht wieder gut machen müssen, und ich werde nie in meinem Leben etwas freudiger gethan haben. Aber wissen Sie, wie ich während der kurzen Zeit, die mir bei Ihnen noch zuzubringen übrig bleibt, meine Fehler sühnen werde? Indem ich das thue, was kein andrer thun wird als ich, indem ich Ihnen freimüthig sage, was man in der Welt über Sie denkt und wie Sie Ihren geschädigten Ruf wieder herstellen können. Trotz aller vermeintlichen Freunde, die Sie umgeben, werden Sie, sobald Sie mich haben scheiden sehen, der Wahrheit Lebewohl sagen können, Sie werden niemanden finden, der sie Ihnen sagt.« Drittes Billet derselben. (Heft A, Nr. 46.) »Ich verstand Ihren Brief von heute Morgen nicht; ich sagte Ihnen die reine Wahrheit. Den von heute Abend verstehe ich; haben Sie keine Furcht, daß ich je darauf antworten werde; es liegt mir viel zu sehr am Herzen, ihn zu vergessen, und obgleich Sie mich dauern, habe ich mich doch nicht der Bitterkeit erwehren können, mit der er meine Seele erfüllt hat. Ich, Ränke schmieden! Gegen Sie List anwenden! Leben Sie wohl! Ich beklage, daß Sie sie... Leben Sie wohl; ich weiß nicht, was ich sage ... Leben Sie wohl! Ich werde mir Mühe geben, Ihnen zu verzeihen. Kommen Sie, wann Sie wollen, Sie werden besser aufgenommen werden, als Ihr Verdacht eigentlich verdiente. Nur Ihrer Bemühung um meinen Ruf können Sie sich überheben. Mich läßt der, welchen man mir nachsagt, kalt. Meine Aufführung ist gut, und das genügt mir. Ueberdies wußte ich nicht das Geringste von allem, was jenen beiden Personen, die mir eben so theuer sind wie Ihnen, widerfahren ist.« Dieser letzte Brief entriß mich einer furchtbaren Verlegenheit, versetzte mich jedoch in eine andere nicht viel geringere. Obgleich alle diese Briefe und Antworten im Zeitraum eines Tages mit außerordentlicher Schnelligkeit hin und hergegangen waren, so hatte die Zwischenzeit doch genügt, meine Wuthausbrüche mehrmals zu unterbrechen und mich zum Nachdenken über meine ungeheure Unklugheit zu bringen. Frau von Houdetot hatte mir nichts so sehr ans Herz gelegt als ruhig zu bleiben, ihr die Sorge zu überlassen, sich allein aus der Sache herauszuziehen und besonders für den Augenblick jeden Bruch und jedes Aufsehen zu vermeiden, und ich war auf dem besten Wege, das Herz einer Frau, die schon zum Jähzorn neigte, vollends mit Wuth zu erfüllen. Von ihrer Seite durfte ich natürlich nur eine so hochmüthige, höhnische und verächtliche Antwort erwarten, daß es die erbärmlichste Feigheit gewesen wäre, nicht sofort ihr Haus zu verlassen. Zum Glück war ihre Klugheit noch größer als meine leidenschaftliche Hitze und durch die Wendung ihrer Antwort vermied sie, mich zu diesem äußersten Entschluß zu treiben. Aber ich mußte entweder ausziehen oder sie auf der Stelle besuchen; eine andere Wahl gab es nicht. Ich entschied mich für das Letztere, äußerst verlegen über die Haltung, die ich bei der voraussichtlichen Besprechung annehmen sollte. Denn wie mich herausziehen, ohne weder Frau von Houdetot noch Therese bloßzustellen? Und wehe der, welche ich genannt haben würde! Ich mußte von der Rache einer unversöhnlichen und ränkevollen Frau alles für die befürchten, welche das Ziel derselben werden würde. Um diesem Unglücke vorzubeugen, hatte ich in meinen Briefen nur von einem Verdachte geredet, um der Angabe meiner Beweise überhoben zu sein. Allerdings machte dies meine Heftigkeit noch unverzeihlicher, da einfache Verdachtsgründe mir nicht das Recht verliehen, eine Frau und noch dazu eine Freundin so zu behandeln, wie ich Frau von Epinay behandelt hatte. Aber hier beginnt die große und edle Aufgabe, die ich würdig erfüllt habe, meine heimlichen Fehler und Schwachheiten zu sühnen, indem ich für schwerere Fehler, zu denen ich unfähig war und die ich nie beging, eintrat. Der gefürchtete Meinungsaustausch wurde mir erspart, und ich kam mit der blosen Angst davon. Im Augenblicke meiner Ankunft warf sich mir Frau von Epinay, Thränen vergießend, um den Hals. Dieser unerwartete Empfang und noch dazu von einer alten Freundin ergriff mich tief; ich weinte ebenfalls heftig. Ich sagte einige Worte zu ihr, die nicht viel Sinn hatten; sie erwiderte darauf einige, die noch weniger sinnreich waren, und alles war damit zu Ende. Das Essen war aufgetragen, und wir setzten uns zu Tische. In der Erwartung der Auseinandersetzung, die ich bis nach dem Abendessen aufgeschoben wähnte, spielte ich dabei eine traurige Rolle; denn der geringsten Unruhe, die sich meiner bemächtigt, unterliege ich dermaßen, daß ich sie auch den Kurzsichtigsten nicht zu verbergen vermöchte. Meine verlegene Miene mußte sie ermuthigen, allein trotzdem wagte sie den Kampf nicht aufzunehmen; nach dem Abendessen kam es eben so wenig zur Erklärung wie vorher. Am folgenden Tage fand gleichfalls keine statt. Unsere schweigsamen Zusammenkünfte wurden nur mit gleichgiltigen Dingen oder von meiner Seite mit einigen schicklichen Worten ausgefüllt, in denen ich ihr erklärte, daß ich mich über den Grund meines Verdachtes noch nicht aussprechen könnte, und ihr mit vollkommener Wahrheit betheuerte, mein ganzes Leben sollte, wenn er sich als haltlos herausstellte, darauf verwandt werden, die Ungerechtigkeit desselben wieder gut zu machen. Sie gab nicht die geringste Neugier zu erkennen, genau zu erfahren, was für einen Verdacht ich eigentlich hegte und wie er in mir entstanden wäre, und sowohl von ihrer wie von meiner Seite bestand unsere ganze Versöhnung in der Umarmung bei unserer ersten Begegnung. Da sie, wenigstens der Form nach, die allein Beleidigte war, so schien es mir, daß es nicht mir zukäme, eine Aufklärung herbeizuführen, nach der sie selber nicht trachtete, und ich ging von dannen, wie ich gekommen war. Da ich übrigens fortfuhr, mit ihr wie vorher zu leben, vergaß ich diesen Streit bald völlig und bildete mir thörichterweise ein, auch sie hätte ihn vergessen, weil sie sich seiner nicht mehr zu erinnern schien. Wie man bald sehen wird, war dies nicht die einzige Verdrießlichkeit, die mir meine Schwäche zuzog; aber ich hatte noch andere, nicht weniger empfindliche, die ich mir nicht selbst zugezogen hatte, sondern deren Grund nur in dem Bestreben lag, mich durch unausgesetzte Quälereien aus meiner Einsamkeit Das heißt die Alte hervorzulocken, die man zur Ausführung der Verschwörung nöthig hatte. Es ist zu verwundern, daß mich mein dummes Vertrauen während dieses ganzen langen Sturmes zu begreifen abgehalten hat, daß nicht ich, sondern sie es war, die man nach Paris zurück haben wollte. hervorzulocken. Diese Unannehmlichkeiten kamen mir von Seiten Diderots und der Holbachianer. Seit meiner Beziehung der Eremitage hatte Diderot nicht aufgehört mich zu quälen, sei es persönlich oder durch Deleyre, und aus des letzteren Witzeleien über meine Waldausflüge entnahm ich bald, mit welcher Lust sie den Einsiedler in einen galanten Schäfer verkleidet hatten. Aber nicht darum handelte es sich bei meinen Reibereien mit Diderot; diese hatten ernstere Ursachen. Nach der Veröffentlichung des »Natürlichen Sohnes« hatte er mir ein Exemplar desselben übersandt, das ich mit dem Interesse und der Aufmerksamkeit, die man den Werken eines Freundes zollt, gelesen hatte. Als ich die Art dialogisirter Poetik las, die er als Anhang hinzugefügt hat, wurde ich überrascht und sogar ein wenig unangenehm überrascht, darin unter mehreren nicht sehr höflichen, aber doch erträglichen Stellen gegen die Freunde der Einsamkeit auf jene bittre und harte, in schroffster Form aufgestellte Sentenz zu stoßen: »Nur der Böse ist gern allein.« Diese Sentenz ist meines Erachtens doppelsinnig und läßt eine mehrfache Deutung zu, eine sehr wahre und eine sehr falsche, da es völlig unmöglich ist, daß ein Mensch, der allein ist und sein will, jemandem schaden kann und will, und folglich auch unmöglich schlecht sein kann. Der Spruch an sich erheischte also eine Erklärung; noch mehr erheischte er sie von Seiten eines Schriftstellers, der, als er diesen Spruch niederschrieb, einen in die Einsamkeit zurückgezogenen Freund hatte. Es schien mir beleidigend und unredlich, daß er bei der Veröffentlichung an diesen einsamen Freund nicht gedacht hatte, oder daß er, wenn er seiner nicht vergessen, nicht wenigstens im Allgemeinen die ehrenwerthe und gerechte Ausnahme gemacht hatte, die er nicht allein diesem Freunde, sondern so vielen geachteten Weisen schuldig war, die zu allen Zeiten in der Zurückgezogenheit Ruhe und Frieden gesucht haben und die zum ersten Mal seit Erschaffung der Welt sich ein Schriftsteller herausnimmt, mit einem einzigen Federstriche unterschiedslos in eben so viele Verbrecher zu verwandeln. Ich liebte Diderot zärtlich, ich achtete ihn aufrichtig und verließ mich mit vollem Vertrauen auf die nämlichen Gefühle seinerseits. Aber gelangweilt von seiner unermüdlichen Hartnäckigkeit, meinem Geschmack, meinen Neigungen, meiner Lebensweise, kurz allem, was mich allein anging, ewig entgegenzutreten; empört zu sehen, wie ein Mann, der jünger war als ich, mich mit aller Gewalt wie ein Kind leiten wollte; angewidert von seiner steten Bereitwilligkeit, Versprechungen zu machen, und von seiner Saumseligkeit, sie zu halten; überdrüssig der vielen zwischen uns verabredeten und von ihm stets versäumten Zusammenkünfte und seiner Geneigtheit, immer neue zuzusagen, um abermals auszubleiben; peinlich davon berührt, ihn drei oder vier Mal im Monat an den von ihm selbst bestimmten Tagen vergeblich zu erwarten und dann am Abende allein zu speisen, nachdem ich ihm bis Saint-Denis entgegen gegangen war und den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte: war mir das Herz von seinen sich stets mehrenden Kränkungen schon voll genug. Die letzte schien mir ernster und betrübte mich mehr. Ich schrieb an ihn, um mich darüber zu beklagen, aber mit einer Sanftmuth und Rührung, die mich das Papier mit meinen Thränen netzen ließ; und mein Brief war rührend genug, um ihm selbst Thränen zu entlocken. Man wird nie errathen, wie seine Antwort auf diese Klage lautete. Ich gebe sie hier wörtlich wieder (Heft A, Nr. 33): »Ich freue mich, daß mein Werk Ihnen gefallen, daß es Sie gerührt hat. Sie theilen meine Ansicht über die Einsiedler nicht. Sagen Sie ihnen soviel Gutes nach, wie Sie wollen; Sie werden der Einzige in der Welt sein, von dem ich es ebenfalls denken werde. Es ließe sich noch viel darüber sagen, wenn man mit Ihnen reden könnte, ohne Sie zu erzürnen. Eine Frau von achtzig Jahren! u. s. w. Man hat mir eine Stelle aus einem Briefe des Sohnes der Frau von Epinay mitgetheilt, die Ihnen großen Verdruß hat erregen müssen, oder ich kenne die Tiefe Ihrer Seele schlecht.« Die beiden letzten Sätze dieses Briefes verlangen eine Erklärung. Am Anfange meines Aufenthaltes auf der Eremitage schien sich Frau Le Vasseur dort zu mißfallen und die Wohnung zu einsam zu finden. Ihre Aeußerungen darüber waren mir zu Ohren gekommen. Ich erklärte mich bereit, sie, wenn es ihr in Paris besser gefiele, dorthin zurückzusenden, für sie dort die Miethe zu bezahlen und eben so zu sorgen, als ob sie noch bei mir wäre. Sie wies mein Anerbieten zurück, betheuerte mir, sie gefiele sich auf der Eremitage sehr gut, die Landluft thäte ihr wohl, und man sah, daß sie die Wahrheit sagte, denn sie verjüngte sich dort gleichsam und fühlte sich weit wohler als in Paris. Ihre Tochter gab mir sogar die Versicherung, sie würde sich im Grunde sehr geärgert haben, wenn wir die Eremitage, die wirklich ein reizender Aufenthalt wäre, verließen, da sie die kleinen unerlaubten Vortheile aus Garten und Obst, die ihrer Leitung unterstellt waren, sehr liebte. Jene Aeußerungen, die sie gethan, wären ihr nur in der Absicht eingeflüstert worden, mich zur Rückkehr nach Paris zu bewegen. Nach Scheiterung dieses Planes suchten sie das, was ihnen mein nachgiebiges Entgegenkommen nicht gewährt hatte, durch meine ängstliche Gewissenhaftigkeit zu erreichen und legten es mir als Verbrechen aus, diese alte Frau fern von der Hilfe, die sie in ihrem Alter nöthig haben konnte, da zu behalten, ohne daran zu denken, daß sie und viele alte Leute, denen die kräftige Landluft das Leben verlängert, diese Hilfe aus Montmorency, das ich vor meiner Thüre hatte, herbeiholen konnten, und als ob es nur in Paris Greise gäbe, während sie überall anders unfähig wären, am Leben zu bleiben. Frau Le Vasseur, die viel und mit großer Gier aß, litt oft an Ergießungen der Galle und heftigen Durchfällen, die bei ihr einige Tage dauerten und sie vor anderen Krankheiten schützten. In Paris that sie nie etwas dagegen und ließ der Natur ihren Lauf. Auf der Eremitage machte sie es genau eben so, da sie wohl wußte, daß sie nichts besseres thun könnte. Das hatte nichts zu bedeuten: weil es auf dem Lande keine Aerzte und Apotheker gab, hieß sie dort lassen ihren Tod wollen, obgleich sie sich dort außerordentlich wohl befand. Diderot hätte bestimmen müssen, in welchem Alter man bei Todesstrafe alte Leute nicht mehr außerhalb Paris dürfte leben lassen. Dies war eine der beiden abscheulichen Beschuldigungen, um deren willen er mich nicht von seiner Behauptung ausnahm, daß nur der Böse allein wäre; und darauf deutete sein pathetischer Ausruf: »Eine Frau von achtzig Jahren«, und das so mildreich hinzugefügte »u. s. w.« hin. Ich glaubte auf diesen Vorwurf nicht besser erwidern zu können als durch Berufung auf Frau Le Vasseur selbst. Ich ersuchte sie, der Frau von Epinay ihre Meinung darüber ganz einfach zu schreiben. Damit sie dabei ganz unbefangen wäre, wollte ich ihren Brief nicht sehen, und zeigte ihr den, welchen ich hier mittheilen will und den ich an Frau von Epinay in Bezug auf eine Antwort schrieb, die ich auf einen andern, noch groberen Brief Diderots hatte ertheilen wollen, von deren Absendung sie mich jedoch abgehalten hatte. Donnerstag. »Frau Le Vasseur wird an Sie schreiben, liebe Freundin; ich habe sie gebeten, Ihnen aufrichtig zu sagen, was sie denkt. Um ihr ihre Unbefangenheit nicht zu rauben, habe ich ihr erklärt, daß ich ihren Brief nicht sehen wollte, und ich bitte Sie, mir von seinem Inhalte nichts mitzutheilen.« »Ich werde meinen Brief nicht absenden, weil Sie dagegen sind; da ich mich aber schwer gekränkt fühle, so würde das Eingeständnis, daß ich Unrecht habe, eine Niedrigkeit und Falschheit sein, zu der ich mich nicht hergeben kann. Das Evangelium befiehlt wohl dem, der eine Ohrfeige erhält, auch die andere Wange hinzuhalten, aber nicht um Verzeihung zu bitten. Erinnern Sie sich jenes Mannes im Lustspiele, der unter Austheilung von Stockschlägen ruft: das ist die Rolle des Philosophen? »Wähnen Sie nicht, daß ihn das schlechte Wetter, welches herrscht, vom Kommen abhalten wird. Die Zeit und die Kräfte, welche ihm die Freundschaft versagt, wird ihm der Zorn geben, und zum ersten Male in seinem Leben wird er an dem versprochenen Tage erscheinen. Er wird sich alle Mühe geben, hierher zu kommen, um mir die Beleidigungen, die er mir in seinen Briefen sagt, mündlich zu wiederholen; ich werde sie nichts weniger als geduldig ertragen. Nach seiner Rückkehr nach Paris wird er krank sein, und ich werde nach alter Weise ein sehr widerwärtiger Mensch bleiben. Was läßt sich da thun? Ich muß es dulden. »Aber bewundern Sie nicht die Klugheit dieses Menschen, der mich im Fiaker zum Mittagbrote nach Saint-Denis abholen, im Fiaker zurückbringen wollte, und dem acht Tage später (Heft A, Nr. 34) sein Vermögen nicht mehr gestattet anders als zu Fuß nach der Eremitage zu kommen? Es ist, um mich seiner Ausdrucksweise zu bedienen, nicht völlig unmöglich, daß dieses der Ton der Aufrichtigkeit ist; aber in diesem Falle müssen seltsame Veränderungen in seinen Vermögensverhältnissen eingetreten sein. »Ich nehme Antheil an dem Kummer, mit dem die Krankheit Ihrer Frau Mutter Sie erfüllt; aber Sie sehen, daß Ihr Schmerz dem meinigen nicht nahe kommt. Man leidet weniger darunter, die Personen, die man liebt, krank zu sehen, als ungerecht und grausam. »Leben Sie wohl, meine gute Freundin; dies ist das letzte Mal, daß ich Ihnen von dieser leidigen Geschichte reden werde. Sie erzählen mir von Ihrer Absicht, nach Paris zu gehen, mit einer Kaltblütigkeit, die mich zu anderer Zeit sehr erfreuen würde.« Ich schrieb Diderot, was ich auf Vorschlag der Frau von Epinay selber hinsichtlich der Frau Le Vasseur gethan hatte, und da letztere, wie man sich recht gut denken kann, vorgezogen hatte, auf der Eremitage zu bleiben, wo sie sich sehr wohl befand, stets Gesellschaft hatte und sehr angenehm lebte, so wußte Diderot nicht mehr, woraus er mir ein Verbrechen machen sollte. Er legte mir schließlich als solches diese Vorsicht meinerseits aus und unterließ auch nicht, mir ein anderes aus der Fortdauer des Aufenthaltes der Frau Le Vasseur auf der Eremitage zu machen, obgleich diese Fortdauer auf ihrer eigenen Wahl beruhte und es nur von ihr abgehangen hätte und noch immer nur von ihr abhing, nach Paris zurückzukehren, um dort mit der nämlichen Unterstützung von meiner Seite zu leben, die ihr in meinem Hause zu Theil ward. Dies ist die Erklärung des ersten Vorwurfs in Diderots Briefe Nr. 33. Die des zweiten befindet sich in seinem Briefe Nr. 34. »Der Gelehrte (so pflegte Grimm den Sohn der Frau von Epinay scherzhafterweise zu nennen), der Gelehrte muß Ihnen geschrieben haben, daß es auf dem Walle zwanzig Arme gäbe, die vor Hunger und Frost stürben und auf das Scherflein warteten, das Sie ihnen gaben. Das ist eine Probe unseres leichten Geplauders ... und wenn Sie das Uebrige vernähmen, würden Sie sich eben so ergötzt fühlen, wie über diesen Scherz.« Meine Antwort auf dieses vernichtende Geschreibsel, auf welches Diderot so stolz schien, lautete folgendermaßen: »Ich glaube dem Gelehrten, das heißt dem Sohne eines Generalpächters, geantwortet zu haben, daß ich die Armen, welche er auf dem Walle in Erwartung eines Scherfleins gesehen, nicht bedauerte, daß er sie offenbar reichlich entschädigt hätte; daß ich ihn als meinen Stellvertreter einsetzte; daß sich die Pariser Armen bei diesem Tausche nicht würden zu beklagen haben; daß ich nicht leicht einen eben so guten Stellvertreter für die Armen zu Montmorency finden würde, die ihn weit nöthiger hätten. Es giebt hier einen braven ehrenwerthen Greis, der nach einem langen arbeitsvollen Leben jetzt nicht mehr zu arbeiten vermag und in seinen alten Tagen Hungers stirbt. Mein Gewissen ist über die zwei Kreuzer, die ich ihm alle Montage gebe, zufriedener als über die hundert Heller, welche ich an alle Bettler auf dem Walle vertheilt haben würde. Ihr seid wunderlich, ihr Herren Philosophen, wenn ihr die Stadtbewohner als die einzigen Menschen betrachtet, gegen welche ihr Pflichten zu erfüllen habt. Auf dem Land lernt man gerade die Menschheit lieben und ihr dienen; in den Städten lernt man sie nur verachten.« Dies waren die eigentümlichen Bedenken, um deren willen ein Mann von Geist die Thorheit hatte, mir aus meiner Entfernung von Paris im Ernste ein Verbrechen zu machen, und sich bestrebte, mir an meinem eigenen Beispiele den Nachweis zu führen, daß man nicht außerhalb der Hauptstadt leben könnte, ohne ein schlechter Mensch zu sein. Heute begreife ich nicht, weshalb ich so dumm war, ihm zu antworten und mich zu ärgern, anstatt ihm als ganze Antwort ins Gesicht zu lachen. Aber die Aussprüche der Frau von Epinay und das Geschrei der Holbachschen Sippschaft hatten die Geister so sehr zu seinen Gunsten verblendet, daß ich in dieser Angelegenheit nach allgemeiner Annahme Unrecht hatte, und selbst Frau von Houdetot, Diderots begeisterte Anhängerin, verlangte, daß ich ihn in Paris besuchen und alle entgegenkommenden Schritte zu einer Versöhnung thun sollte, die, so aufrichtig und vollkommen sie von meiner Seite auch war, sich dennoch als wenig dauerhaft erwies. Das von ihr angewendete Mittel, durch welches sie den Sieg über mein Herz gewann, war, daß Diderot in diesem Augenblick unglücklich wäre. Außer dem gegen die Enzyklopädie erregten Sturm hatte sich damals noch ein sehr heftiger gegen sein Stück erhoben, welches man ihn trotz der voraufgeschickten kleinen Geschichte von Anfang bis zu Ende aus Goldoni entlehnt zu haben beschuldigte. Diderot, der noch empfindlicher gegen Kritiken war als Voltaire, war zu jener Zeit davon ganz niedergeschmettert. Frau von Graffigny hatte sogar die Bosheit gehabt, das Gerücht zu verbreiten, daß ich bei dieser Gelegenheit mit ihm gebrochen hätte. Ich hielt es für gerecht und edelmüthig, öffentlich das Gegentheil nachzuweisen, und ich brachte zwei Tage nicht allein mit ihm, sondern auch bei ihm, in seinem eigenen Hause zu. Dies war seit meiner Uebersiedlung nach der Eremitage meine zweite Reise nach Paris. Die erste hatte ich unternommen, um zu dem armen Gauffecourt zu eilen, der einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder völlig erholte, gehabt hatte, und von dessen Bette ich erst nach Beseitigung jeglicher Gefahr wich. Diderot nahm mich gut auf. Viel, viel Kränkungen kann die Umarmung eines Freundes vergessen machen! Welcher Groll kann da noch in einem Herzen haften! Wir gaben uns nur kurze Erklärungen. Bei gegenseitigen Verletzungen sind sie unnöthig. Es handelt sich dabei nur um eins, nämlich sie zu vergessen. Es waren, wenigstens meines Wissens, keine heimlichen Ränke vorgekommen; es verhielt sich nicht wie mit Frau von Epinay. Er zeigte mir den Entwurf des Familienvaters. »Das ist,« sagte ich zu ihm, »die beste Verteidigung des ›Natürlichen Sohnes‹. Beobachten Sie darüber Stillschweigen, arbeiten Sie dieses Stück sorgfältig aus und schleudern Sie es dann Ihren Feinden statt jeglicher Antwort plötzlich ins Gesicht.« Er that es und es war ihm nicht leid. Vor fast sechs Monaten hatte ich ihm die beiden ersten Abtheilungen der »Julie« zugesandt, um mir sein Urtheil darüber mitzutheilen. Er hatte sie noch nicht gelesen. Wir lasen ein Heft derselben zusammen. Er fand alles feuillet , dies war seine Bezeichnung, nämlich mit Worten überladen und phrasenreich. Ich hatte es schon selbst sehr wohl gefühlt; aber es war das Geplauder des Fiebers; ich habe es nie verbessern können. Die letzten Abtheilungen sind nicht so. Namentlich die vierte und sechste sind stilistische Meisterwerke. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft wollte er mich durchaus zu Herrn von Holbach zum Abendessen führen. Wir waren hierüber sehr verschiedener Ansicht, denn ich wollte sogar das Uebereinkommen wegen des Manuscripts über Chemie brechen. Der blose Gedanke, diesem Manne dafür Dank schuldig zu sein, empörte mich auf das tiefste. Diderot drang in allen Stücken durch. Er schwor mir, daß mich Herr von Holbach von ganzem Herzen liebte; ich müßte ihm einen Ton, den er gegen jedermann annähme und unter dem seine Freunde mehr als jeder andere zu leiden hätten, verzeihen. Er stellte mir vor, daß die Ablehnung dieses Manuscripts, nachdem ich es zwei Jahre vorher angenommen, eine Beleidigung des Gebers wäre und mir sogar als ein geheimer Vorwurf, mit der Abschließung des Kaufes so lange gesäumt zu haben, ausgelegt werden könnte. »Ich sehe,« fügte er hinzu, »Holbach alle Tage; ich kenne seinen Seelenzustand besser als Sie. Halten Sie, wenn Sie gegründete Ursache hätten, mit ihm unzufrieden zu sein, Ihren Freund für fähig, Ihnen eine Erniedrigung anzurathen?« Kurz, mit meiner gewöhnlichen Schwäche ließ ich mich knechten, und wir gingen zu dem Baron, der mich nach alter Weise aufnahm, zum Abendessen. Dagegen empfing mich seine Frau kalt und fast unhöflich. Ich erkannte die liebenswürdige Caroline, die mir als Mädchen so viel Wohlwollen erwies, nicht wieder. Schon lange vorher hatte ich die Wahrnehmung zu machen geglaubt, daß man mich, seit Grimm das Haus in Aine besuchte, daselbst nicht mehr mit gleich freundlichen Augen ansah. Während ich in Paris war, langte Saint-Lambert, der Urlaub genommen hatte, daselbst an. Da ich nichts davon erfuhr, sah ich ihn erst nach meiner Rückkehr auf das Land, zuerst auf der Chevrette und dann auf der Eremitage, wohin er mit Frau von Houdetot kam, um mich zum Mittagsessen einzuladen. Man kann sich denken, mit wie großer Freude ich sie empfing; aber noch größere empfand ich darüber, ihr gutes Einverständnis zu sehen. Zufrieden, ihr Glück nicht gestört zu haben, war ich selbst glücklich darüber, und ich kann schwören, daß ich ihm Frau von Houdetot während meiner ganzen thörichten Leidenschaft und namentlich in diesem Augenblicke, selbst wenn es in meiner Macht gestanden, nicht hätte nehmen mögen, ja nicht einmal die Versuchung dazu gefühlt hätte. Ich fand sie in ihrer Liebe zu Saint-Lambert so liebenswürdig, wie ich sie mir in ihrer Liebe zu mir selbst kaum hätte vorstellen können, und ohne ihre Verbindung stören zu wollen, war alles, was ich in meiner Schwärmerei in Wahrheit von ihr begehrt habe, daß sie sich lieben ließe. Kurz, von einer wie heftigen Leidenschaft ich auch für sie entbrannt gewesen, war es mir doch ein eben so großer Genuß, der Vertraute ihrer Liebe wie der Gegenstand derselben zu sein, und ich habe nie einen Augenblick ihren Geliebten als meinen Nebenbuhler, sondern stets als meinen Freund betrachtet. Man wird sagen, dies wäre noch nicht Liebe gewesen; mag es sein, aber dann war es noch mehr. Saint-Lambert selbst betrug sich wie ein ehrlicher und verständiger Mann; da ich der einzige Strafbare war, wurde ich auch allein bestraft und noch dazu mit Milde. Er behandelte mich nicht sehr rücksichtsvoll, aber doch freundschaftlich; ich merkte, daß ich bei ihm etwas an Achtung, aber nichts an Freundschaft verloren hatte. Ich tröstete mich darüber, da ich wußte, daß es mir weit leichter sein würde, die erstere wiederzugewinnen als die letztere, und daß er zu verständig wäre, um eine unwillkürliche und flüchtige Schwäche mit einem Charakterfehler zu verwechseln. Lag in dem Vorgefallenen ein Fehler meinerseits, so war er doch sehr gering. Hatte ich etwa seine Geliebte aufgesucht? Hatte er sie mir nicht selbst zugesandt? Hatte sie mich nicht aufgesucht? War ich im Stande, ihren Besuch abzulehnen? Was konnte ich thun? Sie allein hatten das Unheil angerichtet, und ich hatte darunter gelitten. An meiner Stelle würde er wie ich, und vielleicht noch schlimmer gehandelt haben, denn wie treu, wie achtungswerth Frau von Houdetot auch war, so war sie doch schließlich immer ein Weib. Er war abwesend, an Gelegenheit fehlte es nicht, die Versuchung war stark, und es würde ihr sehr schwer gewesen sein, sich gegen einen unternehmenderen Mann stets mit demselben Erfolge zu vertheidigen. Es war sicherlich für sie wie für mich viel, daß wir uns in einer solchen Lage Schranken zu setzen vermochten, die wir uns nie zu überschreiten gestatteten. Obgleich ich mir in der Tiefe meines Herzens ein ziemlich ehrenvolles Zeugnis ausstellte, so war doch der Schein so sehr wider mich, daß mir die unüberwindliche Scham, die mich stets beherrschte, in seiner Gegenwart vollkommen die Miene eines Schuldigen gab, was er häufig mißbrauchte, um mich zu demüthigen. Ein einziger Zug wird auf unsere gegenseitige Stellung hinreichendes Licht werfen. Nach der Mahlzeit las ich ihm den Brief vor, den ich im vergangenen Jahre an Voltaire geschrieben und von dem er, Saint-Lambert, gehört hatte. Während des Vorlesens schlief er ein, und ich, einst so hochmüthig, jetzt so eingeschüchtert, wagte nicht einmal, die Lectüre zu unterbrechen und las immer weiter, während er immer weiter schnarchte. So begegnete er mir, so rächte er sich an mir, aber in seinem Edelmuthe übte er seine Rache nur, wenn wir drei allein waren, an mir aus. Nach seiner Abreise fand ich Frau von Houdetot sehr verändert gegen mich. Ich war darüber erstaunt, als ob ich es nicht hätte erwarten müssen. Ich war davon mehr ergriffen, als ich hätte sein sollen, und dies bereitete mir großes Leid. Mir schien alles, wovon ich Heilung erwartete, den Pfeil nur noch tiefer in mein Herz zu drücken. Ich habe ihn endlich mehr zerbrochen als herausgerissen. Ich war entschlossen, mich vollkommen zu beherrschen und nichts zu unterlassen, um meine thörichte Leidenschaft in eine reine und dauernde Freundschaft zu verwandeln. Ich hatte zu dem Zwecke die schönsten Vorsätze von der Welt gefaßt, zu deren Verwirklichung ich der Beihilfe der Frau von Houdetot bedurfte. Als ich mit ihr darüber reden wollte, fand ich sie zerstreut, verlegen; ich merkte, daß sie an meinem Umgange nicht mehr Gefallen fand, und erkannte deutlich, daß etwas vorgefallen war, was sie mir nicht sagen wollte und was ich nie erfahren habe. Es ist ein anonymer Brief an Saint-Lambert, dessen Eifersucht man gegen Frau von Houdetot erregte, die man ihm als geneigt darstellte, Jean-Jacques ihre Gunst zu schenken. Diesen Brief hatte Grimm geschrieben und in ihm alle Gefälligkeiten angeführt, die sie Rousseau ohne zu große Unwahrscheinlichkeit erwiesen haben konnte. Diese Aenderung, über die es mir unmöglich war Aufklärung zu erhalten, kränkte mich. Sie verlangte ihre Briefe von mir zurück; ich gab sie ihr alle mit einer Treue, die sie beleidigenderweise einen Augenblick in Zweifel zog. Dieser unerwartete Zweifel war mir ein neuer Stich in das Herz, das sie so gut kennen mußte. Sie ließ mir Gerechtigkeit widerfahren, aber nicht auf der Stelle; ich begriff, daß ihr die Durchsicht des Packetes, welches ich ihr zurückgegeben, ihr Unrecht fühlbar gemacht hatte; ich sah sogar, daß sie es sich vorwarf, was mir wieder zum Vortheil gereichte. Sie konnte ihre Briefe nicht zurücknehmen, ohne mir die meinigen zurückzugeben. Sie behauptete gegen mich, daß sie sie verbrannt hätte; ich wagte es meinerseits zu bezweifeln und gestehe, daß ich es auch jetzt noch bezweifle. Nein, man wirft solche Briefe nicht ins Feuer. Man hat denen in der »Julie« nachgesagt, daß sie glühend wären; beim Himmel, wie würde man dann diese erst genannt haben! Nein, nein, nie wird die, welche eine solche Leidenschaft einzuflößen vermag, den Muth haben, die Beweise derselben zu verbrennen. Allein ich befürchte auch nicht, daß sie Mißbrauch mit ihnen getrieben hat; dessen halte ich sie für unfähig, und zum Ueberfluß hatte ich dagegen Vorkehrungen getroffen. Die dumme, aber lebhafte Besorgnis mich dem Spotte ausgesetzt zu sehen, hatte mich diesen Briefwechsel in einem Tone beginnen lassen, der meine Briefe dagegen schützte, anderen mitgetheilt zu werden. Ich trieb die Vertraulichkeit, in die ich in meinem Liebesrausche verfiel, bis zum Dutzen; aber welch ein Dutzen! Sie konnte sich dadurch gewiß nicht gekränkt fühlen. Sie beklagte sich allerdings wiederholentlich darüber, aber ohne Erfolg: ihre Klagen fachten meine Besorgnis nur von neuem an, und ich konnte mich überdies nicht zum Zurückweichen entschließen. Sind diese Briefe noch vorhanden und kommen sie eines Tages zum Vorschein, so wird man erkennen, wie ich geliebt habe. »Da Frau Broutain, die in der Nachbarschaft von Gaubonne wohnte, sich Gewißheit über das Schicksal dieser Briefe verschaffen wollte, erkundigte sie sich darüber eines Tages bei Frau von Houdetot selbst, welche ihr antwortete, daß sie dieselben wirklich verbrannt hätte, mit Ausnahme eines einzigen, den sie nicht den Muth gehabt, zu vernichten, weil er ein Meisterwerk der Beredsamkeit und Leidenschaft gewesen wäre, und den sie Saint-Lambert zugesandt hätte. Frau Broutain ergriff die erste Gelegenheit, um den Dichter nach dem Schicksale dieses Briefes zu befragen. Seine Antwort lautete, er wäre bei einem Umzuge verloren gegangen; er wüßte nicht, was aus ihm geworden wäre.« Das ist alles, was uns nach dem Zeugnisse der Frau Vicomtesse von Allard, die mit Frau von Houdetot dreizehn Jahre lang in vertrauter Freundschaft gelebt hat, Herr von Musset darüber in seiner Broschüre mittheilt, die unter dem Titel Anecdotes pour faire suite aux Mémoires de madame d'Épinay 1818 in Paris in Octav erschien. Der Schmerz, den mir die Erkaltung der Frau von Houdetot und das Bewußtsein, sie nicht verdient zu haben, bereitete, gab mir den sonderbaren Entschluß ein, mich bei Saint-Lambert selbst zu beklagen. Während ich den Erfolg des Briefes, den ich ihm darüber schrieb, abwartete, stürzte ich mich in Zerstreuungen aller Art, die ich eher hätte aufsuchen sollen. Festlichkeiten, für welche ich die Musik componirte, fanden auf der Chevrette statt. Die Freude, bei Frau von Houdetot mit einem Talente, welches sie liebte, Ehre einzulegen, erhöhte meinen Eifer, und noch etwas gab ihm neuen Anreiz, nämlich das Verlangen, den Beweis zu liefern, daß der Dichter und Componist des Dorfwahrsagers Musik verstände, denn schon seit langer Zeit bemerkte ich, daß sich jemand im Geheimen Mühe gab, dies, wenigstens hinsichtlich der Composition, zweifelhaft zu machen. Mein erstes Auftreten in Paris; die Probe, auf die ich sowohl bei Herrn von Dupin wie bei Herrn von Poplinière wiederholentlich gestellt war; die Menge meiner Composttionen, die ich während vierzehn Jahre inmitten der berühmtesten Künstler und unter ihren Augen angefertigt hatte; endlich die Opern, »Die galanten Musen« und »Der Dorfwahrsager«; eine Motette, die ich für Fräulein Fel gearbeitet und die sie im geistlichen Concerte gesungen hatte; so viele Besprechungen, die ich über diese schöne Kunst mit den größten Meistern gehabt hatte: kurz alles schien einen solchen Zweifel verhüten oder zerstreuen zu müssen. Er bestand indessen, sogar auf der Chevrette, und ich bemerkte, daß Herr von Epinay nicht frei davon war. Ohne zu thun, als ob ich es wahrnähme, übernahm ich es, ihm für die Einweihung seiner Schloßkapelle eine Motette zu componiren und bat ihn, mir den Text dazu nach seiner eigenen Auswahl zu besorgen. Er beauftragte Herrn von Linant, den Lehrer seines Sohnes, sie zu dichten. Dieser schrieb einen für den Zweck passenden Text, und acht Tage, nachdem er mir übergeben worden war, war die Motette vollendet. Diesmal war der Aerger mein Apollo, und nie ist gediegenere Musik aus meinen Händen hervorgegangen. Der Text beginnt mit den Worten: Ecce sedes hic Tonantis . Später habe ich erfahren, daß diese Worte von Santeul herrühren, und sie sich Herr von Linant ganz ruhig angeeignet hat. Der großartige Anfang entsprach diesen Worten, und die ganze Durchführung der Motette ist von einer Schönheit der Gesangspartien, die alle ergriff. Meine Arbeit verlangte ein großes Orchester; Herr von Epinay versammelte die mit Symphoniemusik vertrautesten Künstler. Frau Bruna, eine italienische Sängerin, sang die Motette und wurde gut begleitet. Die Motette hatte einen so großen Erfolg, daß man sie später im geistlichen Concert gegeben hat, wo sie ungeachtet der heimlichen Cabalen und der unwürdigen Aufführung zweimal den gleichen Beifall fand. Für den Namenstag des Herrn von Epinay gab ich die Idee zu einer Art von Stück an, das, halb Drama, halb Pantomime, Frau von Epinay verfaßte und zu dem ich gleichfalls die Musik lieferte. Bei seiner Ankunft vernahm Grimm von meinen musikalischen Erfolgen. Eine Stunde später sprach man nicht mehr von ihnen, aber wenigstens zog man meines Wissens meine Kenntnis der Compositionslehre nicht mehr in Zweifel. Kaum war Grimm auf der Chevrette, wo es mir schon nicht allzu sehr behagte, als er mir durch ein Benehmen, wie ich es sonst nie bei jemandem sah und von dem ich nicht einmal eine Vorstellung hatte, den dortigen Aufenthalt vollends unerträglich machte. Am Abend vorher mußte ich das schöne Zimmer, das ich bis dahin einnahm und welches an das der Frau von Epinay stieß, räumen; man richtete es für Grimm ein und wies mir ein entlegeneres an. »So verdrängt,« sagte ich lachend zu Frau von Epinay, »das Neue stets das Alte.« Sie schien verlegen. Den Grund dazu verstand ich noch an demselben Abend besser, indem ich erfuhr, daß zwischen ihrem Zimmer und dem, welches ich verlassen, eine geheime Verbindungsthür wäre, die sie mir zu zeigen für unnütz gehalten hatte. Ihr Verhältnis zu Grimm war niemandem, weder in ihrem Hause, noch im Publikum, ja nicht einmal ihrem Manne unbekannt; statt es mir jedoch, dem in Geheimnisse Eingeweihten, die ihr weit wichtiger sein mußten und deren Verschweigung sie bei mir sicher war, einzugestehen, verwahrte sie sich dagegen stets sehr heftig. Ich begriff, daß an dieser Zurückhaltung Grimm Schuld hatte, der zwar alle meine Geheimnisse wußte, aber nicht wünschte, daß mir auch nur eines der seinigen bekannt würde. Welch eine große Voreingenommenheit mir auch meine alten Gefühle, die noch nicht erloschen waren, und die wirklich hohe Begabung dieses Mannes für ihn einflößten, so konnte sie doch bei der Mühe, die er sich fort und fort gab, sie zu vernichten, nicht bestehen bleiben. Sein erstes Auftreten glich dem des Grafen von Tussiére; er würdigte mich kaum eines Grußes; er richtete nicht ein einziges Mal das Wort an mich und gewöhnte es mir bald ab, es an ihn zu richten, indem er nie eine Silbe erwiderte. Ueberall beanspruchte er den Vortritt, überall nahm er den ersten Platz ein, ohne mir je eine Beachtung zu schenken. Das hätte ich ihm verziehen, wenn er nicht eine beleidigende Absichtlichkeit hätte hervorblicken lassen. Aus einem einzigen Zuge unter tausenden kann man sich eine Vorstellung davon machen. Als sich Frau von Epinay eines Abends etwas unwohl befand, befahl sie ihr das Essen auf ihr Zimmer zu bringen und begab sich in dasselbe hinauf, um in einer Ecke ihres Kamins zu speisen. Sie forderte mich auf, sie zu begleiten; ich that es. Grimm kam nach. Der kleine Tisch war bereits gedeckt; es waren nur zwei Couverts aufgestellt. Man trägt auf: Frau von Epinay setzt sich in die eine Ecke des Kamins an das Feuer. Herr Grimm nimmt einen Stuhl, läßt sich in der andern Ecke nieder, zieht das Tischchen zwischen sie beide, breitet seine Serviette auseinander und schickt sich zu essen an, ohne ein einziges Wort zu sagen. Frau von Epinay erröthet und bietet mir, um ihn zu zwingen, seine Grobheit wieder gut zu machen, ihren eigenen Platz an. Er sagte nichts, blickte mich nicht einmal an. Da ich nicht bis zum Feuer gelangen konnte, blieb mir nichts anderes übrig als im Zimmer auf und nieder zu gehen, bis man mir ein Couvert brachte. Er gestattete mir jedoch gnädigst am Ende des Tisches, fern vom Feuer, mein Abendbrot einnehmen zu dürfen, ohne gegen mich den geringsten Anstand zu zeigen, gegen mich, Kränklichen, den Aelteren, der nicht allein ein älterer Freund des Hauses war, sondern ihn auch erst in dasselbe eingeführt hatte, gegen den er überdies als der Geliebte der Hausfrau den freundlichen Wirth hätte spielen müssen. Diesem Pröbchen entsprach sein Betragen gegen mich fortwährend. Er behandelte mich nicht etwa wie seinen Untergebenen, nein, er betrachtete mich als reine Null. Ich hatte Mühe, in ihm den früheren steifen Pedanten wieder zu erkennen, der sich bei dem Prinzen von Sachsen-Gotha durch meine Blicke geehrt fühlte. Noch mehr Mühe machte es mir, dieses tiefe Schweigen und diesen beleidigenden Hochmuth mit der zärtlichen Freundschaft für mich zu vereinigen, deren er sich denen gegenüber rühmte, von denen er wußte, daß sie mir freundschaftlich ergeben waren. Allerdings bezeugte er sie nur, um meine Bedrängnis zu beklagen, über die ich selbst nie klagte, um sein Mitleid über mein trauriges Loos auszusprechen, mit dem ich völlig zufrieden war, und sich bitter darüber zu beschweren, daß ich barsch alle seine wohlthätige Fürsorge zurückwiese, die er mir nach seiner Behauptung erweisen wollte. Durch diesen Kunstgriff brachte er es dahin, daß seine zärtliche Großmuth bewundert und meine undankbare Menschenfeindlichkeit getadelt wurde, und er nach und nach alle Welt daran gewöhnte, zwischen einem Beschützer wie er und einem Unglücklichen wie ich nur ein Verhältnis von Wohlthaten auf der einen Seite und von Verpflichtungen auf der andern anzunehmen, ohne auch nur die Möglichkeit zuzulassen, daß eine Freundschaft zwischen Gleich und Gleich stattfinden könnte. Ich für meine Person habe vergeblich herauszubekommen gesucht, in welcher Beziehung ich diesem jungen Streber verpflichtet sein könnte. Ich hatte ihm Geld geliehen; er lieh mir nie; ich hatte ihn in seiner Krankheit gepflegt, während der meinigen ließ er sich kaum bei mir sehen; alle meine Freunde waren durch mich die seinigen geworden, keiner der seinigen durch ihn der meinige; ich hatte aus allen Kräften sein Lob verbreitet, er dagegen, wenn er mich überhaupt gelobt hat, so that er es weniger öffentlich und in einer andren Weise. Nie hat er mir irgend einen Dienst erwiesen oder auch nur angeboten. Inwiefern war er also mein Mäcenas? Inwiefern war ich sein Schützling? Das ging über meinen Verstand und geht noch heute darüber. Allerdings war er gegen alle Welt mehr oder weniger anmaßend, aber gegen niemand betrug er sich so ungeschliffen wie gegen mich. Ich entsinne mich, daß ihm Saint-Lambert einmal fast seinen Teller an den Kopf geworfen hätte, weil ihn derselbe an offener Tafel förmlich Lügen strafte und ganz grob sagte: »Das ist nicht wahr.« Zu seinem schon von Natur scharfen Tone fügte er noch die Ueberhebung des Emporkömmlings und durch seine ewige Unverschämtheit wurde er sogar lächerlich. Der Umgang mit den Großen hatte ihn so weit verleitet, daß er selbst die Manieren annahm, die man nur an den weniger Vernünftigen unter ihnen wahrnimmt. Er rief seinen Diener nur mit der Partikel »Eh«, als ob der erlauchte Herr bei der großen Zahl seiner Leute nicht gewußt, wer gerade den Dienst hätte. Wenn er ihm Aufträge gab, warf er das Geld auf die Erde, statt es ihm in die Hand zu geben. Kurz er behandelte ihn, als ob derselbe gar kein Mensch wäre, mit einer so beleidigenden Verachtung, mit einem in jeder Hinsicht so widerwärtigen Hochmuthe, daß dieser arme Junge, ein sehr gutmüthiges Subject, welches ihm Frau von Epinay gegeben hatte, seinen Dienst verließ ohne andern Klagegrund als die Unmöglichkeit, eine solche Behandlung auszuhalten; er war der La Fleur dieses neuen » Glorieux «. Eben so geckenhaft wie eitel machte er mit seinen dicken trüben Augen und seiner schlotterigen Gestalt Ansprüche auf Glück bei den Frauen und seit seiner Posse mit Fräulein Fel galt er bei einigen unter ihnen als ein Mann von großer Empfindung. Dies hatte ihn in Mode gebracht und ihm Gefallen an weiblicher Zierlichkeit eingeflößt; er begann den Stutzer zu spielen; seine Toilette wurde eine wichtige Angelegenheit; alle Welt wußte, daß er weiße Schminke auflegte, und ich, der ich anfangs nichts von dem allen glaubte, fing es zu glauben an, nicht allein wegen der Verschönerung seines Teints und weil ich Näpfchen mit weißer Schminke auf seinem Toilettentische gefunden hatte, sondern auch weil ich ihn, als ich eines Morgens in sein Zimmer trat, dabei antraf, wie er seine Nägel mit einer besonders dazu gefertigten Bürste putzte, eine Arbeit, die er ganz stolz in meiner Gegenwart fortsetzte. Ich schloß, daß ein Mann, der jeden Morgen zwei Stunden mit Bürsten seiner Nägel zubringt, auch recht gut einige Augenblicke damit zubringen kann, die Falten seiner Haut mit weißer Schminke auszufüllen. Der biedere Gauffecourt, der wegen seiner witzigen Einfälle berüchtigt war, hatte ihm den Spottnamen »Tyrann der Weiße« beigelegt. Dies alles waren freilich nur Lächerlichkeiten, aber meinem Charakter waren sie völlig zuwider. Sie machten mir den seinigen vollends verdächtig. Ich hatte Mühe zu glauben, daß ein Mann, dem es im Kopfe so schwindelte, das Herz auf der rechten Stelle behalten könnte. Er bildete sich auf nichts so viel ein als auf seine Seelenkraft und Gefühlsstärke. Wie vereinigte sich dies mit Fehlern, die nur schwachen Seelen eigen sind? Wie können ihn die lebhaften und fortwährenden Regungen, von denen ein fühlendes Herz nach Dingen außer ihm erfüllt ist, sich unaufhörlich mit so vielen kleinen Sorgen für seine unbedeutende Person beschäftigen lassen? Ach, mein Gott, wer sein Herz von diesem himmlischen Feuer erglühen fühlt, sucht es mitzutheilen und wünscht sein Inneres zu zeigen. Er möchte sein Herz auf dem Gesichte tragen; er wird nie an andere Schminke denken. Ich erinnerte mich des Grundgedankens seiner Moral, den mir Frau von Epinay gesagt und den sie sich zu eigen gemacht hatte. Dieser Grundgedanke bestand in einem einzigen Artikel, nämlich darin, daß es des Menschen einzige Pflicht ist, in allen Stücken den Neigungen seines Herzens zu folgen. Diese Moral gab mir, als ich sie vernahm, furchtbar viel zu denken, obgleich ich sie damals nur für ein Spiel des Witzes hielt. Allein ich überzeugte mich bald, daß dieses Princip wirklich die Regel seines Verhaltens war, und ich erhielt später nur zu sehr den Beweis davon auf meine eigenen Kosten. Es ist die innere Doctrin, von der mir Diderot so viel erzählt, aber die er mir nie deutlich gemacht hat. Ich gedachte der häufigen Andeutungen, die man mir schon vor mehreren Jahren gemacht hatte, daß dieser Mensch falsch wäre, das Gefühl nur erheuchelte und vor allem mich nicht lieb hätte. Ich erinnerte mich mehrerer kleinen Anekdoten, die mir Herr von Francueil und Frau von Chenonceaux darüber erzählt hatten. Beide achteten ihn nicht und mußten ihn kennen, weil Frau von Chenonceaux die Tochter der Frau von Rochechouart, einer innigen Freundin des verstorbenen Grafen von Friese war und Herr von Francueil, damals der unzertrennliche Gefährte des Vicomte von Polignac, viel im Palais Royal verkehrt hatte, gerade als sich Grimm dort Zutritt zu verschaffen begann. Ganz Paris war von seiner Verzweiflung nach dem Tode des Grafen von Friese unterrichtet. Es kam darauf an, den Ruf aufrecht zu erhalten, den er sich nach der zurückweisenden Strenge des Fräulein Fel erworben hatte, und wobei ich, wäre ich weniger blind gewesen, besser als irgend jemand die Unwahrheit seines Benehmens hätte erkennen müssen. Man mußte ihn nach dem Hotel Castries bringen, wo er sich der maßlosesten Trauer überlassend, würdig seine Rolle spielte. Jeden Morgen ging er in den Garten, um sich nach Herzenslust auszuweinen, sein thränenfeuchtes Taschentuch, so weit man ihn vom Hotel sehen konnte, auf die Augen drückend; aber bei der Biegung einer gewissen Allee sahen ihn Leute, deren er nicht gewärtig war, sein Tuch sofort in die Tasche stecken und ein Buch herausziehen. Diese wiederholentlich gemachte Beobachtung wurde bald in ganz Paris bekannt und fast eben so schnell vergessen. Ich hatte sie selbst vergessen: eine mich persönlich betreffende Thatsache rief sie m meiner Erinnerung wieder wach. Ich lag sterbenskrank in meinem Bette in der Straße Grenelle. Er war auf dem Lande. Eines Morgens kam er ganz athemlos, mich zu besuchen, wobei er betheuerte, daß er so eben angekommen wäre. Einen Augenblick später erfuhr ich, daß er schon den Tag vorher angekommen war und man ihn noch an demselben Tage im Theater gesehen hatte. Tausend ähnliche Vorfälle fielen mir wieder ein; aber eine Beobachtung, welche ich erstaunt war, so spät zu machen, berührte mich schmerzlicher als dies alles. Ich hatte alle meine Freunde ohne Ausnahme mit Grimm bekannt gemacht; sie waren alle die seinigen geworden. Ich vermochte mich so wenig von ihm zu trennen, daß ich mir kaum den Zutritt zu einem Hause hätte erhalten mögen, in dem er keinen gehabt hätte. Nur Frau von Créqui weigerte sich ihn zuzulassen, und auch ich hörte seit dieser Zeit fast auf, sie zu besuchen. Grimm erwarb sich seinerseits sowohl durch eigenes Entgegenkommen wie durch den Grafen von Friese andere Freunde. Von allen diesen Freunden ist nie ein einziger der meinige geworden; nie hat er mir ein Wort gesagt, um mich aufzufordern, wenigstens ihre Bekanntschaft zu machen; und von allen denen, mit denen ich mitunter bei ihm zusammengetroffen bin, hat mir nie ein einziger das geringste Wohlwollen erwiesen, nicht einmal der Graf von Friese, bei dem er wohnte und mit dem es mir folglich sehr angenehm gewesen wäre, in ein leidliches Verhältnis zu treten, und eben so wenig der Graf von Schomberg, sein Verwandter, mit dem Grimm eine noch innigere Freundschaft unterhielt. Noch mehr: meine eigenen Freunde, die ich auch zu den seinigen machte und die mir alle vor dieser Bekanntschaft zärtlich zugethan waren, machten nach derselben eine wahrnehmbare Schwenkung gegen mich. Er hat mir nie einen der seinigen zugeführt; ich habe ihn mit all den meinigen befreundet, und er hat sie mir schließlich alle geraubt. Wenn das die Wirkungen der Freundschaft sind, was werden dann erst die des Hasses sein? Selbst Diderot machte mich im Anfange mehrmals darauf aufmerksam, daß Grimm, dem ich so großes Vertrauen schenkte, nicht mein Freund wäre. Späterhin, als er selbst aufgehört hatte, der meinige zu sein, führte er eine andere Sprache. Bei der Art der Verfügung über meine Kinder bedurfte ich niemandes Beihilfe. Ich machte indessen meine Freunde damit bekannt, lediglich um sie damit bekannt zu machen, damit ich in ihren Augen nicht besser erschien als ich war. Diese Freunde waren ihrer drei: Diderot, Grimm, Frau von Epinay; Duclos, meines Vertrauens am würdigsten, war der einzige, dem ich es nicht schenkte. Er erfuhr trotzdem meine Handlungsweise. Durch wen? Ich weiß es nicht. Es läßt sich nicht gut annehmen, daß diese Treulosigkeit von Frau von Epinay ausgegangen sein sollte, die wußte, daß, wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelten wollte, (wenn ich dessen überhaupt fähig gewesen wäre), ich mich grausam hätte rächen können. Es bleibt demnach nur Grimm und Diderot übrig, die damals in so vielen Dingen, namentlich wenn es wider mich ging, eng verbündet waren, daß sie, wie es mehr als wahrscheinlich ist, dieses Verbrechen gemeinschaftlich begangen haben. Ich möchte darauf wetten, daß Duclos, dem ich mein Geheimnis nicht anvertraut habe und der folglich nicht gebunden war, der einzige ist, der es mir bewahrt hat. Bei ihrem Vorhaben, mir Therese und ihre Mutter zu nehmen, hatten sich Grimm und Diderot Mühe gegeben, ihn zum Eingehen auf ihren Plan zu bewegen; er weigerte sich beständig mit Verachtung. Erst später erfuhr ich von ihm alles, was in dieser Hinsicht zwischen ihnen vorgefallen war; aber schon damals erfuhr ich von Therese genug, um daraus zu ersehen, daß es sich bei dem allen um einen geheimen Plan handelte, und daß man, wenn auch nicht gegen meinen Willen, so doch ohne mein Wissen über mich verfügen wollte, oder daß man sich dieser beiden Personen als Werkzeuge zu einer geheimen Absicht bedienen wollte. Dies alles war sicherlich kein Zeichen von Redlichkeit. Duclos' Widerstand beweist es unwiderleglich. Möge es glauben, wer da wolle, daß es Freundschaft gewesen sei. Diese vorgebliche Freundschaft war mir innerhalb des Hauses eben so verderblich wie außerhalb desselben. Die langen und zahlreichen Unterredungen mit Frau Le Vasseur hatten diese Frau seit mehreren Jahren merklich gegen mich verändert, und diese Veränderung war mir sicherlich nicht günstig. Was besprachen sie denn bei diesen sonderbaren Zusammenkünften? Weshalb dieses tiefe Geheimnis? War denn die Unterhaltung mit dieser alten Frau so angenehm, um jede Gelegenheit dazu wahrzunehmen, und so wichtig, um sie in ein so tiefes Geheimnis zu hüllen? Während der drei oder vier Jahre, daß diese Zwiegespräche dauerten, waren sie mir lächerlich vorgekommen; als ich jetzt wieder ihrer gedachte, fing ich mich darüber zu wundern an. Dieses Wundern wäre bis zur Unruhe gestiegen, hätte ich schon damals gewußt, welche Veranstaltungen diese Frau gegen mich traf. Trotz des vergeblichen Eifers für mich, mit dem sich Grimm nach außen hin brüstete, und der sich mit dem Tone, den er mir gegenüber annahm, schwer vereinigen ließ, kam mir von keiner Seite etwas von ihm zu, das mir zum Vortheil gereicht hätte, und seine heuchlerische Theilnahme für mich hatte weit weniger den Zweck, mir zu dienen, als mich zu erniedrigen. So weit es in seiner Macht lag, nahm er mir sogar die Einnahmen aus dem Geschäfte, das ich mir gewählt hatte, indem er mich als schlechten Abschreiber ausschrie; allerdings sagte er darin die Wahrheit, aber es war nicht seine Sache, sie zu sagen. Dadurch daß er sich eines andern Abschreibers bediente und mir keinen Kunden ließ, den er mir abspenstig machen konnte, bewies er, daß es ihm nicht Scherz war. Man hätte meinen sollen, sein Plan wäre gewesen, mich von ihm und seinem Credit zu meinem Unterhalte abhängig zu machen und mir, bis ich so weit herabgekommen wäre, die Quellen desselben abzuschneiden. Alles dies zusammengenommen brachte endlich meine Vernunft dahin, meiner alten Voreingenommenheit, die noch immer sprach, Schweigen zu gebieten. Ich hielt seinen Charakter wenigstens für sehr verdächtig und was seine Freundschaft anlangte, so war sie meines Erachtens falsch. In Folge dessen entschlossen, ihn nicht mehr zu sehen, setzte ich Frau von Epinay von dieser Absicht in Kenntnis, indem ich meinen Entschluß auf mehrere unwiderlegliche Thatsachen gründete, die ich jetzt jedoch vergessen habe. Sie bekämpfte diesen Entschluß heftig, ohne gegen die Gründe, auf welche er sich stützte, etwas Bestimmtes anführen zu können. Sie hatte sich mit ihm noch nicht besprochen; am nächsten Tage überreichte sie mir aber, anstatt sich mündlich mir gegenüber zu erklären, einen sehr geschickt abgefaßten und von ihnen gemeinschaftlich entworfenen Brief, in welchem sie ihn, ohne auf die einzelnen Thatsachen einzugehen, durch seinen verschlossenen Charakter rechtfertigte und indem sie meinen Verdacht seiner Treulosigkeit gegen einen Freund mir als ein Verbrechen auslegte, mich zur Versöhnung mit ihm aufforderte. Dieser Brief machte mich schwankend. In einer Unterredung, die wir darauf hatten und in der ich sie besser als das erste Mal vorbereitet fand, ließ ich mich vollends besiegen. Ich kam dahin zu glauben, daß ich falsch geurtheilt haben könnte und daß ich in diesem Falle einem Freunde wirklich schweres Unrecht zugefügt hätte, das ich wieder gut machen müßte. Kurz, wie ich schon Diderot und dem Baron Holbach gegenüber halb aus gutem Willen, halb aus Schwäche gethan hatte, so ließ ich mich auch diesmal wieder zu einem freundlichen Entgegenkommen verleiten, welches ich mit Recht hätte verlangen können. Ich ging wie ein zweiter George Dandin, um mich bei ihm wegen der Beleidigungen, die er mir zugefügt hatte, zu entschuldigen, immer in der falschen Ueberzeugung, die mich mein Lebenlang zu tausend Demüthigungen vor meinen falschen Freunden getrieben hat, daß es keinen Haß gebe, den man nicht durch Sanftmuth und freundliches Benehmen entwaffnen könne; während im Gegentheile der Haß der Bösen durch die Unmöglichkeit, einen Grund zu ihm zu finden, nur noch mehr zunimmt, und das Gefühl ihrer eigenen Ungerechtigkeit nur eine neue Quelle ihres Hasses wird. Meine eigene Geschichte giebt mir einen sehr starken Beweis für die Richtigkeit dieses Axioms an Grimm und Tronchin, die beide aus reiner Lust, Laune und Vergnügen meine unversöhnlichsten Feinde geworden sind, ohne auch nur das geringste Unrecht irgend einer Art, das ich je einem von ihnen Ich habe letzterem später den Beinamen »Gaukler« erst lange nach seiner erklärten Feindschaft und den blutigen Verfolgungen, die er in Genf und anderswo gegen mich erregt hatte, beigelegt. Ich habe diesen Namen sogar bald wieder zurückgenommen, als ich mich völlig als sein Opfer erblickte. Niedrige Rache ist meines Herzens unwürdig, und der Haß faßt in ihm nie festen Fuß. zugefügt hätte, angeben zu können, und deren Wuth wie die der Tiger durch die Leichtigkeit ihrer Befriedigung von Tage zu Tage wächst. Ich erwartete, daß mich Grimm, von meiner Nachgiebigkeit und meinem Entgegenkommen beschämt, mit offenen Armen, mit zärtlichster Freundschaft empfangen würde. Er empfing mich wie ein römischer Kaiser mit einem Dünkel, wie ich ihn nie bei jemandem gesehen hatte. Auf eine solche Aufnahme war ich keineswegs vorbereitet. Als ich in der Verlegenheit über eine für mich so wenig geschaffene Rolle auf den Gegenstand, der mich zu ihm führte, mit wenigen Worten und schüchterner Miene gekommen war, hielt er mir, bevor er mich wieder in Gnaden aufnahm, mit vieler Majestät eine lange Rede, auf die er sich vorbereitet hatte und in der er sich in ausführlicher Aufzählung über seine seltenen Tugenden und vor allem in der Freundschaft verbreitete. Er hob dabei lange einen Umstand hervor, der mir anfangs sehr auffiel, nämlich daß man stets sehen würde, wie er sich dieselben Freunde bewahre. Während er sprach, sagte ich mir ganz leise, daß es für mich sehr schmerzlich sein müßte, von dieser Regel die einzige Ausnahme zu bilden. Er kam so oft und mit so großer Absichtlichkeit darauf zurück, daß der Gedanke in mir aufstieg, er würde, wenn er hierin nur dem Gefühle seines Herzens folgte, auf diesen Grundsatz weniger Gewicht legen, und schiene es als einen Kunstgriff anzuwenden, um sie als Mittel zu seinem Zwecke, sich emporzuschwingen, zu benutzen. Bisher war ich im gleichen Falle gewesen, ich hatte mir stets meine sämmtlichen Freunde bewahrt; seit meiner zartesten Kindheit hatte ich, wenn nicht etwa durch den Tod, keinen einzigen verloren, und gleichwohl hatte ich nie Betrachtungen darüber angestellt; ich hatte mir eben keinen Grundsatz daraus gemacht. Da es ein uns beiden gemeinsamer Ruhm war, weshalb bildete er sich ganz besonders etwas darauf ein, wenn nicht, weil er schon im voraus daran dachte, ihn mir zu rauben? Hierauf ließ er es sich angelegen sein, mich durch die Beweise der Bevorzugung zu demüthigen, die ihm unsere gemeinsamen Freunde vor mir an den Tag legten. Diese Bevorzugung kannte ich eben so wohl wie er; es fragte sich nur, mit welchem Rechte er sie erlangt hatte, ob wegen seines Verdienstes oder wegen seiner Geschicklichkeit in seiner Selbstverherrlichung und in seinem Trachten nach meiner Erniedrigung. Als er nun in so huldvoller Weise die ganze Kluft zwischen ihm und mir ausgemalt hatte, die der Gnade, die er mir zu erweisen geruhen wollte, erst den vollen Werth verleihen konnte, bewilligte er mir endlich den Friedenskuß in einer leichten Umarmung, die dem Ritterschlage glich, welchen der König den neuen Rittern ertheilt. Ich fiel aus den Wolken, ich war vor Erstaunen ganz fort, ich wußte nicht, was ich sagen sollte, ich fand nicht ein Wort. Der ganze Auftritt hatte das Aussehen eines Verweises, welchen ein Lehrer seinem Schüler ertheilt, wenn er ihm die Ruthe schenken will. Ich denke nie daran, ohne mir dessen bewußt zu sein, wie trügerisch doch die sich auf den äußern Schein gründenden Urtheile sind, auf die der gemeine Mann so großen Werth legt, und wie oft sich Dreistigkeit und Stolz auf Seiten des Schuldigen, Scham und Verlegenheit aber auf Seiten des Unschuldigen findet. Wir waren wieder versöhnt; dies war immer ein Trost für mein Herz, das jeder Streit in tödtliche Angst versetzt. Man sagt sich wohl selbst, daß eine solche Versöhnung sein Betragen nicht veränderte; er nahm mir lediglich das Recht, mich zu beklagen. Auch entschloß ich mich, alles zu erdulden und nichts mehr zu sagen. So viel Verdrießlichkeiten Schlag auf Schlag versenkten mich in eine Erschlaffung, die mir nicht die Kraft ließ, die Herrschaft über mich selbst wieder zu gewinnen. Ohne Antwort von Saint-Lambert, vernachlässigt von Frau von Houdetot, begann ich, da ich mich niemandem anzuvertrauen wagte, zu fürchten, daß ich durch Erhebung der Freundschaft zu dem Abgotte meines Herzens mein Leben damit vergeudet hätte, einem Trugbilde nachzujagen. Wenn ich die Probe machte, blieben mir von all meinen Freundschaftsverhältnissen nur zwei Männer, die sich meine ganze Achtung bewahrt hatten, und denen mein Herz sein Vertrauen schenken konnte: Duclos; den ich seit meinem einsamen Leben auf der Eremitage aus dem Gesicht verloren hatte, und Saint-Lambert. Mein Unrecht gegen letzteren glaubte ich nur dadurch vollkommen wieder gut machen zu können, daß ich ihm mein Herz rückhaltlos ausschüttete, und ich beschloß ihm ein offenes Bekenntnis abzulegen, so weit es seine Geliebte nicht bloßstellte. Ich zweifle nicht, daß dieser Schritt noch immer ein Fallstrick meiner Leidenschaft war, um wieder eine Annäherung an sie herbeizuführen; aber so viel ist gewiß, daß ich mich rückhaltlos in die Arme ihres Geliebten geworfen, daß ich mich völlig unter seine Leitung gestellt und die Offenheit so weit getrieben haben würde, wie sie nur gehen konnte. Ich war bereit, einen zweiten Brief an ihn zu schreiben, auf welchen ich, wie ich überzeugt war, Antwort erhalten hätte, als ich den traurigen Grund seines Schweigens auf den ersten vernahm. Er hatte die Anstrengungen dieses Feldzuges nicht bis zu Ende aushalten können. Frau von Epinay benachrichtigte mich, daß er einen Anfall von Lähmung gehabt hätte, und Frau von Houdetot, die in ihrem Kummer endlich selbst krank wurde und außer Stande war, augenblicklich an mich zu schreiben, theilte mir zwei oder drei Tage später von Paris aus, wo sie sich damals aufhielt, mit, daß er sich nach Aachen bringen ließe, um dort Bäder zu nehmen. Ich will nicht behaupten, daß mich diese traurige Nachricht eben so wie sie betrübte, allein ich zweifle, ob das Herzeleid, mit dem sie mich erfüllte, weniger schmerzlich war als ihre Trauer und ihre Thränen. Der Kummer, ihn in diesem Zustande zu wissen, noch durch die Furcht erhöht, daß die Unruhe dazu beigetragen haben könnte, ihn in denselben zu versetzen, rührte mich mehr als alles, was mir bisher widerfahren war, und ich fühlte schmerzlich, daß es mir in meiner Selbstachtung an der Kraft gebrach, die ich nöthig hatte, um so viel Herzeleid zu ertragen. Zum Glück ließ mich dieser edelmüthige Freund nicht lange in dieser Niedergeschlagenheit; trotz seines Anfalls vergaß er mein nicht und säumte nicht, mich persönlich davon zu benachrichtigen, daß ich mich hinsichtlich seiner Gesinnung wie seines Zustandes zu ängstlichen Befürchtungen hingegeben hätte. Aber es ist Zeit, zu dem großen Umschwunge meines Schicksals zu kommen, zu der Katastrophe, die mein Leben in zwei so verschiedene Theile getheilt und aus einer so unbedeutenden Ursache so furchtbare Wirkungen hervorgerufen hat. Eines Tages, als ich an nichts weniger dachte, ließ mich Frau von Epinay durch einen Boten holen. Beim Eintreten gewahrte ich an ihren Augen und an ihrer ganzen Haltung etwas Verlegenes, was mir um so auffallender erschien, als ein derartiges Benehmen bei ihr höchst ungewöhnlich war, da niemand in der Welt sein Gesicht und seine Bewegungen besser zu beherrschen verstand als gerade sie. »Mein Freund,« sagte sie, »ich reise nach Genf; ich leide sehr an der Brust; meine Gesundheit ist bis zu dem Grade angegriffen, daß ich mich durch nichts andres darf abhalten lassen und Tronchin aufsuchen und um Rath fragen muß.« Dieser so plötzlich und noch dazu beim Eintritt der schlechten Jahreszeit gefaßte Entschluß überraschte mich um so mehr, als ich sie erst vor sechsunddreißig Stunden verlassen hatte, ohne daß davon die Rede gewesen wäre. Ich fragte sie nach ihrer Begleitung. Sie erwiderte, sie würde ihren Sohn nebst Herrn von Linant mitnehmen, und dann bemerkte sie nachlässig: »Und Sie, mein Bär, werden Sie nicht auch mitkommen?« Da ich nicht glaubte, daß sie im Ernste spräche, weil sie wußte, daß ich in der beginnenden Jahreszeit kaum fähig war, mein Zimmer zu verlassen, so scherzte ich darüber, wie ersprießlich es wäre, wenn ein Kranker den andern begleitete; sie schien auch selbst den Vorschlag nicht ernstlich gemeint zu haben, und es war nicht weiter die Rede davon. Wir sprachen nur noch von ihren Reisevorbereitungen, mit denen sie sich mit großer Lebhaftigkeit beschäftigte, da sie schon in vierzehn Tagen abzureisen gedachte. Ich bedurfte nicht großen Scharfsinnes, um zu begreifen, daß diese Reise durch einen geheimen Beweggrund, den man mir verschwieg, veranlaßt wurde. Dieses Geheimnis, welches im ganzen Hause nur für mich vorhanden war, wurde schon am folgenden Tage von Therese entdeckt, der es Teissier, der Haushofmeister, der es durch die Kammerfrau erfuhr, offenbarte. Obgleich ich dieses Geheimnis nicht zu verschweigen verpflichtet bin, da es mir nicht von Frau von Epinay anvertraut wurde, so steht es doch mit andern, die ich von ihr selbst erfuhr, in zu engem Zusammenhange, als daß ich es von ihnen trennen könnte, ich werde deshalb über diesen Punkt schweigen. Aber diese Geheimnisse, die weder meinem Mund noch meiner Feder je entschlüpft sind noch je entschlüpfen werden, sind zu vielen Leuten bekannt gewesen, um nicht die ganze Umgebung der Frau von Epinay zu Mitwissern zu haben. Ueber den wahren Beweggrund dieser Reise unterrichtet, würde ich in dem Versuche, mich zum Ehrenhüter der Frau von Epinay zu machen, den geheimen Antrieb einer feindlichen Hand erkannt haben; aber sie hatte so wenig Gewicht darauf gelegt, daß ich dabei blieb, diesen Versuch nicht als Ernst zu betrachten, und ich lachte nur über die schöne Figur, die ich dabei gespielt hätte, wäre ich so thöricht gewesen, diese Rolle zu übernehmen. Uebrigens brachte ihr meine Weigerung großen Vortheil, denn es gelang ihr, ihren Mann zu bewegen, ihr Reisebegleiter zu werden. Einige Tage darauf erhielt ich von Diderot das Billet, welches ich hier mittheilen will. Dieses nur einmal und noch dazu in der Weise zusammengelegte Billet, daß der ganze Inhalt ohne Mühe gelesen werden konnte, wurde an mich unter der Adresse der Frau von Epinay gesandt und Herrn von Linant, dem Erzieher des Sohnes und dem Vertrauten der Mutter zur Einhändigung an mich übergeben. Billet Diderots. (Heft A, Nr. 52.) »Ich bin geschaffen, um Sie zu lieben und Ihnen Kummer zu bereiten. Ich vernehme, daß Frau von Epinay nach Genf reist, und höre nicht sagen, daß Sie sie begleiten. Mein Freund, im Frieden mit Frau von Epinay müssen Sie mit ihr reisen, im Unfrieden müssen Sie noch viel eher reisen. Fühlen Sie sich von der Last der Verpflichtungen, die Sie ihr gegenüber haben, zu Boden gedrückt, so haben Sie hier eine Gelegenheit, einen Theil derselben abzutragen und sich zu erleichtern. Werden Sie in Ihrem Leben eine andere Gelegenheit finden, ihr Ihre Dankbarkeit zu bezeugen? Sie begiebt sich in ein Land, wo sie wie aus den Wolken gefallen sein wird. Sie ist krank: sie wird Vergnügen und Zerstreuung bedürfen. Der Winter! Ei ja, mein Freund. Der Einwand Ihrer Gesundheit kann in der That weit gewichtiger sein, als er mir vorkommt. Aber sind Sie heute leidender, als Sie vor einem Monate waren und beim Beginn des Frühlings sein werden? Werden Sie die Reise nach drei Monaten unter günstigeren Umständen machen als jetzt? Ich für meine Person gestehe Ihnen, könnte ich es im Wagen nicht ertragen, würde ich einen Stock nehmen und ihr zu Fuß folgen. Und befürchten Sie nicht ferner, daß man Ihr Verhalten falsch auslege? Man wird Sie entweder der Undankbarkeit oder eines andren geheimen Beweggrundes verdächtigen. Ich weiß wohl, daß Sie, was Sie auch thun mögen, immer das Zeugnis Ihres guten Gewissens für sich haben werden. Allein reicht ein solches Zeugnis allein aus, und ist es gestattet, das der übrigen Menschen bis zu einem gewissen Grade zu vernachlässigen? Uebrigens, mein Freund, habe ich es für meine Pflicht gegen Sie wie gegen mich gehalten, Ihnen dieses Billet zu schreiben. Mißfällt es Ihnen, so werfen Sie es ins Feuer, und möge dann nicht mehr die Rede davon sein, als wäre es nie geschrieben. Ich grüße Sie, liebe Sie und umarme Sie.« Das zornige Erbeben, die ohnmächtige Wuth, die sich meiner bei der Lectüre dieses Billets bemächtigten und sie mir kaum zu vollenden erlaubten, hinderten mich nicht, die Geschicklichkeit wahrzunehmen, mit der Diderot einen sanfteren, einschmeichelnderen, freundlicheren Ton anschlug, als in allen seinen Briefen, in denen er mich höchstens »mein Lieber« titulirte, ohne sich je herabzulassen, mir den Freundesnamen zu geben. Ich erkannte leicht die unreine Quelle dieses Billets, dessen Aufschrift, Form und Bestellung den Umweg sogar ziemlich ungeschickt verdeckten; denn wir schrieben uns gewöhnlich durch die Post oder durch den regelmäßigen Boten von Montmorency, und dies war das erste und einzige Mal, daß er sich dieses Weges bediente. Als das erste Aufbrausen meiner Entrüstung mir zu schreiben erlaubte, entwarf ich schnell folgende Antwort an ihn, die ich augenblicklich von der Eremitage, wo ich damals war, nach der Chevrette hintrug, um sie Frau von Epinay zu zeigen, der ich sie in meinem blinden Zorn eben so wie Diderots Billet selbst vorlesen wollte. »Mein werther Freund, Sie können weder wissen, wie groß die Verpflichtungen sind, die ich gegen Frau von Epinay habe, noch bis zu welchem Punkte sie mich binden, können nicht wissen, ob sie meiner wirklich auf ihrer Reise bedarf, ob sie meine Begleitung wünscht, ob es mir möglich ist, die Reise zu unternehmen, und welche Gründe ich habe, von ihr abzustehen. Ich lehne eine Besprechung über alle diese Punkte mit Ihnen nicht ab; bis dahin müssen Sie mir aber eingestehen, daß Ihre mir so bestimmt ertheilten Vorschriften über mein Verhalten, noch ehe Sie sich in den Stand gesetzt haben, sich darüber ein Urtheil zu bilden, nach einer starken Dosis Leichtsinn schmecken, mein werther Philosoph. Noch schlimmer ist dabei meine Wahrnehmung, daß Ihr Rath gar nicht von Ihnen kommt. Abgesehen davon, daß ich wenig Lust empfinde, mich unter Ihrem Namen von dem Dritten und Vierten leiten zu lassen, finde ich bei all diesen Angriffen gewisse Winkelzüge, die mit Ihrem Freimuth nichts gemein haben und deren Sie in Zukunft wohl thun werden, sich um Ihretwillen wie um meinetwillen zu enthalten. »Sie befürchten, daß man mein Betragen falsch auffassen könne; aber ich traue es einem Herzen wie dem Ihrigen nicht zu, daß es die Dreistigkeit besitzt, von dem meinigen schlecht zu denken. Andere würden vielleicht besser von mir reden, wenn ich ihnen mehr gliche. Gott möge mich vor ihrem Beifalle bewahren! Mögen mich die Bösen belauschen und bekritteln: Rousseau ist nicht der Mann, sie zu fürchten, und Diderot nicht der, auf sie zu hören. »Wenn mir Ihr Billet mißfallen hat, soll ich es nach Ihrem Verlangen in das Feuer werfen, und es soll nicht mehr die Rede davon sein. Denken Sie, daß man das, was von Ihnen kommt, so vergißt? Mein Lieber, Sie schlagen bei dem Leid, das Sie mir bereiten, meine Thränen eben so gering an, wie mein Leben und meine Gesundheit bei Ihrem Rathe dafür zu sorgen. Wenn Sie sich hierin bessern könnten, würde mir Ihre Freundschaft noch angenehmer sein, und ich wäre weniger zu beklagen.« Als ich in Frau von Epinay's Zimmer trat, fand ich Grimm bei ihr und war darüber entzückt. Ich las ihnen meine beiden Briefe mit lauter und klarer Stimme und mit einer Unerschrockenheit vor, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte, und fügte am Schlusse noch einige Reden hinzu, die mit ihr völlig im Einklange standen. Bei dieser unerwarteten Kühnheit eines für gewöhnlich so blöden Menschen sah ich sie beide entsetzt, bestürzt, sprachlos; ich sah namentlich jenen anmaßenden Menschen die Augen zu Boden schlagen und nicht wagen, meine funkelnden Blicke auszuhalten. Aber in demselben Augenblicke schwur er in der Tiefe seines Herzens meinen Untergang, und ich bin überzeugt, daß sie ihn verabredeten, ehe sie sich trennten. Ungefähr um diese Zeit erhielt ich durch Frau von Houdetot endlich Lamberts Antwort (Heft A, Nr. 57), noch aus Wolfenbüttel wenige Tage nach seinem Anfalle datirt, auf meinen Brief, der sich unterwegs lange aufgehalten hatte. Diese Antwort brachte mir einen Trost, den ich in jenem Augenblicke sehr nöthig hatte, durch die Erweisungen von Achtung und Freundschaft, von denen sie voll war, und die mir den Muth und die Kraft einflößten, sie zu verdienen. Von diesem Augenblicke an that ich meine Pflicht; aber es steht fest, daß ich, wenn sich Saint-Lambert als einen weniger verständigen, weniger edelmüthigen, weniger ehrenwerthen Mann gezeigt hätte, rettungslos verloren gewesen wäre. Die Jahreszeit wurde schlecht, und man fing an das Land zu verlassen. Frau von Houdetot gab mir den Tag an, an dem sie von dem Thale Abschied zu nehmen gedachte, und setzte mir eine Zusammenkunft unter vier Augen in Eaubonne fest. Zufälligerweise war dieser Tag der nämliche, an welchem Frau von Epinay die Chevrette verließ, um in Paris die Vorbereitungen zu ihrer Reise zu beenden. Zum Glück reiste sie am Morgen ab, und ich hatte, als ich von ihr geschieden, noch Zeit, bei ihrer Schwägerin rechtzeitig zum Mittagbrot zu erscheinen. Ich hatte Saint-Lamberts Brief in meiner Tasche; ich las ihn während der Wanderung mehrere Male. Dieser Brief diente mir als Aegide gegen meine Schwäche. Ich faßte den Entschluß und blieb ihm treu, in Frau von Houdetot nur meine Freundin und die Geliebte meines Freundes zu erblicken, und ich verlebte die vier oder fünf Stunden des Zusammenseins mit ihr in einer seligen Ruhe, die selbst hinsichtlich des Genusses unendlich schöner war, als jene glühenden Fieberschauer, die ich bis dahin an ihrer Seite empfunden hatte. Da sie allzu wohl wußte, daß sich mein Herz nicht geändert hatte, war sie für die Mühe dankbar, die ich mir zu meiner Selbstüberwindung gegeben hatte; sie schätzte mich desto höher, und ich bemerkte mit Freuden, daß ihre Freundschaft für mich nicht erloschen war. Sie theilte mir Saint-Lamberts nahe bevorstehende Rückkehr mit, der, wenn auch von seinem Anfalle ziemlich wieder hergestellt, doch nicht mehr im Stande war, die Beschwerden des Krieges auszuhalten und den Abschied nahm, um fortan ruhig in ihrer Nähe zu leben. Wir entwarfen den bezaubernden Plan eines innigen freundschaftlichen Umgangs unter uns dreien, und wir konnten der Ausführung dieses Vorhabens Dauer versprechen, da alle Gesinnungen, welche fühlende und ehrliche Herzen verbinden können, die Grundlage dazu bildeten, und wir in uns dreien hinreichende Talente und Kenntnisse vereinigten, um uns selbst zu genügen und keiner fremden Beihilfe zu bedürfen. Ach, als ich mich der Hoffnung auf ein so süßes Leben überließ, dachte ich nicht an das, welches meiner schon wartete. Wir sprachen darauf von meiner gegenwärtigen Stellung Frau von Epinay gegenüber. Ich zeigte ihr Diderots Brief nebst meiner Erwiderung. Ich setzte ihr alles, was in Beziehung hierauf vorgefallen war, ausführlich auseinander und sagte ihr, daß ich entschlossen wäre, die Eremitage zu verlassen. Sie widersetzte sich dem lebhaft und noch dazu mit Gründen, gegen die mein Herz widerstandslos war. Sie bezeugte mir, wie sehr sie gewünscht hätte, daß ich die Genfer Reise mitgemacht, daß sie voraussähe, daß man nicht ermangeln würde, ihr meine Weigerung zur Last zu legen, was Diderots Brief wirklich anzudeuten schien. Da sie indessen meine Gründe eben so gut wie ich selbst kannte, suchte sie nicht bestimmend auf mich einzuwirken, beschwor mich aber um jeden Preis alles Aufsehen zu vermeiden und meine Weigerung auf leidlich scheinbare Gründe zurückzuführen, um jeden ungerechten Verdacht, der sie treffen könnte, fern zu halten. Ich sagte ihr, daß sie keine leichte Aufgabe von mir verlangte, daß ich aber, entschlossen, mein Unrecht selbst auf Kosten meines Rufes zu sühnen, soweit es meine Ehre irgend zuließe, für die Fleckenlosigkeit des ihrigen stets zuerst eintreten würde. Man wird bald erkennen, ob ich dieses Versprechen zu erfüllen gewußt habe. Statt daß meine unglückselige Leidenschaft etwas von ihrer Stärke verloren gehabt hätte, liebte ich, ich kann es beschwören, meine Sophie nie so lebhaft, nie so zärtlich wie an jenem Tage. So groß war aber der Eindruck, den Saint-Lamberts Brief, das Gefühl der Pflicht und der Abscheu vor der Treulosigkeit auf mich ausübten, daß mich während dieses ganzen Zusammenseins meine Sinne an ihrer Seite vollkommen in Ruhe ließen und ich mich nicht einmal versucht fühlte, ihr die Hand zu küssen. Bei meinem Aufbruche küßte sie mich in Gegenwart ihrer Leute. Dieser Kuß, so verschieden von denen, die ich ihr mitunter im Walde geraubt hatte, war mir Bürge dafür, daß ich die Herrschaft über mich selbst wiedergewonnen hatte. Wäre meinem Herzen Zeit gegönnt gewesen, sich im Stillen zu sammeln, so bin ich fast sicher, daß ich nicht drei Monate zu meiner völligen Genesung bedurft hätte. Hier endet mein persönliches Verhältnis zu Frau von Houdetot, ein Verhältnis, über dessen Charakter sich ein jeder je nach der Natur seines eigenen Herzens hat ein Urtheil bilden können, bei dem aber die Leidenschaft, die mir diese liebenswürdige Frau einflößte, vielleicht die heftigste Leidenschaft, die je ein Mann empfunden hat, der Tugend und uns um der seltenen und schmerzlichen Opfer willen, die wir beide der Pflicht, der Ehre, der Liebe und der Freundschaft brachten, zur Ehre gereichen wird. Wir hatten uns gegenseitig in unsern Augen zu sehr erhoben, um uns leicht erniedrigen zu können. Man müßte jeglicher Achtung unwerth sein, um sich entschließen zu können, eine so werthvolle zu verlieren, und selbst die Stärke der Gefühle, die uns hätte strafbar machen können, verhinderte uns gerade, es zu werden. Auf diese Weise nahm ich nach einer so langen Freundschaft für die eine dieser beiden Frauen und nach einer so leidenschaftlichen Liebe für die andere von ihnen an einem und demselben Tage getrennt Abschied, von der einen, um sie im Leben nie wiederzusehen, von der andern, um sie nur noch zweimal bei Gelegenheiten wiederzusehen, deren ich später erwähnen werde. Nach ihrer Abreise fand ich mich in einer großen Verlegenheit, um so viele dringende und sich widersprechende Pflichten, die Folgen meiner Unklugheit, zu erfüllen. Wäre ich nach dem Vorschlage und der Ablehnung dieser Genfer Reise in meinem natürlichen Zustande gewesen, so brauchte ich nur ruhig zu bleiben, und alles war damit gesagt. Thörichterweise hatte ich die Sache an die große Glocke gehängt, so daß sie auf der Stufe, auf der sie sich befand, nicht bleiben durfte, und ich konnte mich jeder weitern Erklärung nur dadurch entziehen, daß ich die Eremitage verließ. Nun hatte ich aber der Frau von Houdetot versprochen, es nicht zu thun, wenigstens nicht augenblicklich. Noch mehr: sie hatte verlangt, daß ich meine Weigerung mitzureisen bei meinen vorgeblichen Freunden entschuldigen sollte, damit man ihr nicht die Schuld zur Last legte. Gleichwohl konnte ich den wahren Grund nicht geltend machen, ohne Frau von Epinay, der ich doch nach allem, was sie für mich gethan hatte, sicherlich Dankbarkeit schuldig war, zu kränken. Alles wohl erwogen, blieb mir nur die schmerzliche, aber unvermeidliche Wahl, entweder Frau von Epinay oder Frau von Houdetot oder mir selbst wehe zu thun, und ich entschloß mich zu dem Letztern. Ich ging dabei offen, rückhaltslos, ohne Winkelzüge und mit einem Edelmuthe zu Werke, der mich fürwahr von den Fehlern zu reinigen verdiente, die mich zu diesem Aeußersten gezwungen hatten. Dieses Opfer, das meine Feinde zu benutzen verstanden und vielleicht erwartet hatten, hat meinen Ruf zu Grunde gerichtet und mir auf ihr Anstiften die öffentliche Achtung geraubt, mir aber dafür meine eigene zurückgegeben und mich in meinem Unglück getröstet. Und wie man sehen wird, habe ich solche Opfer weder zum letzten Male gebracht, noch hat man sich ihrer zum letzten Male bedient, um mich zu Boden zu drücken. Grimm war der Einzige, der an dieser Angelegenheit keinen Antheil genommen zu haben schien, und deshalb beschloß ich, mich an ihn zu wenden. Ich schrieb einen langen Brief an ihn, in welchem ich ihm die Lächerlichkeit, mir diese Genfer Reise zur Pflicht machen zu wollen, sowie die Nutzlosigkeit und sogar Verlegenheit auseinandersetzte, die ich auf ihr für Frau von Epinay gewesen sein würde; zugleich beschrieb ich die Unannehmlichkeiten, die mir selbst daraus erwachsen wären. In diesem Briefe widerstand ich nicht der Versuchung, durchblicken zu lassen, daß ich vollkommen unterrichtet war, und daß es mir sonderbar erschiene, wenn man behauptete, ich wäre zu dieser Reise verpflichtet, während er selbst sich von ihr frei machte und man seiner gar nicht Erwähnung thäte. Da ich in diesem Briefe meine Gründe nicht frei heraussagen konnte und mich deshalb zu allerlei Ausflüchten gezwungen sah, würde er mir in der öffentlichen Meinung den Schein großen Unrechts gegeben haben, aber er war für Leute, welche wie Grimm mit den Dingen, die ich in ihm verschwieg und die meine Handlungsweise vollständig rechtfertigten, vertraut waren, ein Muster von Zurückhaltung und Klugheit. Ich scheute mich nicht einmal, ein Vorurtheil mehr gegen mich zu erwecken, indem ich Diderots Rath meinen anderen Freunden zuschrieb, um zu verstehen zu geben, daß Frau von Houdetot eben so gedacht hatte, wie es auch der Fall war, und verschwieg, daß sie auf meine Gründe hin ihre Ansicht geändert hatte. Ich konnte sie nicht besser von dem Verdachte reinigen, mit mir einverstanden gewesen zu sein, als wenn es den Anschein hatte, daß ich mit ihr in diesem Punkte unzufrieden war. Dieser Brief schloß mit einem Acte des Vertrauens, von dem jeder andere Mensch gerührt worden wäre, denn indem ich Grimm aufforderte, meine Gründe zu erwägen und mir darauf seine Ansicht mitzutheilen, erklärte ich mich bereit, diesem Rathe zu folgen, wie er auch ausfallen möchte, und dies war wirklich meine Absicht, auch wenn er für meine Mitreise gestimmt hätte; denn da sich Herr von Epinay zum Begleiter seiner Frau auf dieser Reise aufgeworfen hatte, so erschien meine Begleitung dann in einem ganz andern Lichte, während man mir anfangs die Hauptaufgabe zugedacht hatte, und Herr von Epinay erst nach meiner Ablehnung in Frage kam. Grimms Antwort ließ auf sich warten; sie war merkwürdig. Ich will sie hier wiedergeben (siehe Heft A, Nr. 59). »Frau von Epinays Abreise ist aufgeschoben; ihr Sohn ist krank, und muß erst seine Genesung abgewartet werden. Ich werde über Ihren Brief nachdenken. Bleiben Sie ruhig auf Ihrer Eremitage. Ich werde Ihnen seiner Zeit meine Ansicht zugehen lassen. Da sie in den nächsten Tagen sicherlich noch nicht abreist, so hat es keine Eile. Inzwischen können Sie, wenn Sie es für zweckmäßig halten, Ihre Anerbieten an sie richten, obgleich mir dies noch immer ziemlich einerlei vorkommt. Denn da sie Ihre Lage eben so gut kennt wie Sie selbst, so zweifle ich nicht, daß sie auf Ihre Anerbietungen antwortet, wie sie muß, und meines Erachtens ist dabei nichts zu gewinnen, als daß Sie denen, die Sie drängen, sagen können: wenn Sie nicht gewählt seien, so liege die Schuld nicht daran, daß Sie sich nicht angeboten hätten. Uebrigens begreife ich nicht, weshalb Sie durchaus verlangen, daß der Philosoph das Sprachrohr für alle Welt sein soll, und weshalb Sie sich einbilden, daß, weil Sie nach seiner Ansicht mitreisen müssen, auch alle Ihre Freunde dasselbe Ansinnen an Sie stellen. Wenn Sie an Frau von Epinay schreiben, kann Ihnen ihre Antwort als Erwiderung für alle jene Freunde dienen, da es Ihnen so sehr am Herzen liegt, eine Entgegnung an dieselben zu richten. Leben Sie wohl; ich grüße Frau Le Vasseur und den Criminal.« Vater Le Vasseur, den seine Frau ein wenig straff hielt, nannte sie den Criminallieutenant. Grimm nannte die Tochter aus Scherz eben so und ließ später zur Abkürzung das zweite Wort fort. Bei der Lectüre dieses Briefes von Erstaunen ergriffen, forschte ich unruhig, was er eigentlich besagen konnte, und fand nichts. Wie? Statt mir einfach auf mein Schreiben zu antworten, nimmt er sich Zeit darüber nachzudenken, als ob die, welche er sich bereits genommen, noch nicht dazu genügt hätte. Er weist mich sogar auf die Spannung hin, in der er mich erhalten will, als ob es sich um die Lösung eines tiefen Problems handelte, oder als ob es in seiner Absicht läge, mir jedes Mittel zu rauben, seine wirkliche Ansicht zu erkennen bis zu dem Augenblick, wo er sie mir erklären wollte. Was bedeuten denn diese Vorsichtsmaßregeln, diese Zögerungen, diese Heimlichkeiten. Erwidert man so das geschenkte Vertrauen? Zeigt sich in einem solchen Benehmen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit? Vergebens suchte ich nach einer günstigen Auslegung eines solchen Betragens; ich fand keine. Was auch immer seine Absicht sein mochte, seine Stellung erleichterte ihm, wenn er mir feindlich war, ihre Ausführung, ohne daß es mir in der meinigen möglich war, ihn daran zu hindern. Als Günstling in dem Hause eines großen Fürsten mit aller Welt bekannt und in unserm gemeinschaftlichen Gesellschaftskreise, dessen Orakel er war, den Ton angebend, konnte er mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit in aller Gemächlichkeit seine Maßregeln treffen, während mir, in meiner Eremitage einsam und allein, fern von allen, ohne jemandes Rath, ohne irgend eine Verbindung, nichts andres übrig blieb, als abzuwarten und mich ruhig zu verhalten. Ich schrieb deshalb lediglich an Frau von Epinay wegen der Krankheit ihres Sohnes einen so freundlichen Brief, wie er nur irgend sein konnte, in welchem ich jedoch nicht in die mir gelegte Schlinge ging, ihr meine Reisebegleitung anzubieten. Nach Jahrhunderten des Wartens erfuhr ich in der schmerzlichen Ungewißheit, in welche mich dieser grausame Mensch versetzt hatte, ungefähr nach Verlauf von acht oder zehn Tagen, daß Frau von Epinay abgereist wäre, und ich erhielt von ihm einen zweiten Brief. Er enthielt nur sieben oder acht Zeilen, die ich nicht bis zu Ende las ... es war ein Bruch, aber in Worten, wie sie nur der teuflischste Haß einzugeben vermag, und die sogar über das Bestreben zu beleidigen einfältig wurden. Er verbot mir, ihn zu besuchen, wie ein Monarch den Besuch seiner Staaten verbieten würde. Man hätte seinen Brief, um über ihn lachen zu müssen, nur mit größerer Kaltblütigkeit zu lesen brauchen. Ohne ihn abzuschreiben, ohne ihn auch nur zu Ende zu lesen, sandte ich ihm denselben auf der Stelle mit folgendem Begleitschreiben zurück: »Ich entschlug mich meines gerechten Mißtrauens; zu spät habe ich Sie völlig kennen gelernt. »Sie erhalten anbei den Brief, den Sie sich die Muße genommen haben, nach gründlicher Ueberlegung abzufassen; ich sende ihn Ihnen zurück, für mich ist er nicht. Sie können den meinigen der ganzen Erde zeigen und mich offen hassen; dies wird von Ihrer Seite eine Falschheit weniger sein.« Meine Erlaubnis, meinen vorhergehenden Brief zu zeigen, bezog sich auf eine Stelle in dem seinigen, aus der man über die unendliche Schlauheit, mit der er diese ganze Angelegenheit behandelte, urtheilen kann. Wie bereits gesagt, konnte mir mein Brief in den Augen nicht eingeweihter Leute Blößen geben. Er begrüßte es mit Freuden; aber wie nun diesen Vortheil ausnutzen, ohne sich bloszustellen? Zeigte er diesen Brief, so setzte er sich dem Vorwurfe aus, mit dem Vertrauen seines Freundes Mißbrauch zu treiben. Um aus dieser Verlegenheit zu kommen, nahm er sich vor, in möglichst herausfordernder Weise mit mir zu brechen und mir in seinem Briefe die Gnade zum Bewußtsein zu bringen, welche er mir damit erwies, den meinigen nicht zu zeigen. Er war vollkommen überzeugt, daß ich in der Entrüstung meines Zornes seine erheuchelte Verschwiegenheit zurückweisen und ihm gestatten würde, meinen Brief der ganzen Welt zu zeigen. Das war es gerade, was er wollte, und alles geschah, wie er geplant hatte. Er wies meinen Brief in Paris überall auf mit Erklärungen seiner eigenen Rache, die gleichwohl nicht all den Erfolg hatten, den er sich davon versprochen. Man fand nicht, daß ihn die mir entpreßte Erlaubnis, meinen Brief zu zeigen, von dem Tadel losspräche, mich so rücksichtslos beim Worte genommen zu haben, um mir zu schaden. Man fragte immer, welches persönliche Unrecht ich ihm zugefügt hätte, um zu einem so leidenschaftlichen Hasse zu berechtigen. Man fand endlich: selbst wenn ich ihn so gekränkt hätte, daß er sich zum Bruche genöthigt gesehen, so verliehe die Freundschaft doch auch nach ihrem Erlöschen noch immer Rechte, welche er hätte achten müssen. Aber leider ist Paris leichtfertig; dergleichen flüchtige Eindrücke gerathen in Vergessenheit; wer so unglücklich ist, abwesend zu sein, verliert sein Recht; das Spiel der Intrigue und der Bosheit geht ununterbrochen weiter und erneuert sich, und bald verwischt seine sich unaufhörlich wiederholende Wirkung alles, was vorangegangen ist. So ließ denn dieser Mann, nachdem er mich so lange getäuscht hatte, endlich die Maske vor mir fallen, überzeugt, daß er sie bei der Lage, in die er die Dinge gebracht, nicht länger nöthig hatte. Befreit von der Besorgnis, gegen diesen Elenden ungerecht zu sein, überließ ich ihn seinem eigenen Herzen und hörte auf, an ihn zu denken. Acht Tage nach Empfang dieses Briefes erhielt ich von Frau von Epinay die aus Genf datirte Antwort auf meinen früheren (Heft B, Nr. 10). Aus dem Ton, den sie darin zum ersten Male in ihrem Leben gegen mich anschlug, erkannte ich, daß beide im Vertrauen auf den Erfolg ihrer Maßregeln in Übereinstimmung handelten, und daß sie sich, indem sie mich als einen rettungslos verlorenen Menschen betrachteten, von nun an ohne Gefahr dem Vergnügen überließen, mich vollends zu vernichten. Meine Lage war wirklich sehr beklagenswerth. Ich sah, wie sich alle meine Freunde von mir entfernten, ohne daß es mir möglich war, das Wie oder das Warum zu erfahren. Diderot, der sich rühmte, mir allein treu zu bleiben, und mir seit drei Monaten einen Besuch versprach, erschien nicht. Der Winter begann sich fühlbar zu machen, und mit ihm stellten sich die Anfälle meiner gewöhnlichen Leiden ein. So kräftig meine Natur auch war, so hatte sie doch die Kämpfe so vieler einander widerstreitender Leidenschaften nicht aushalten können. Ich befand mich in einer Erschöpfung, die mir weder Kraft noch Muth zum Widerstand ließ. Wenn mein gegebenes Versprechen, wenn Diderots und der Frau von Houdetot fortwährende Vorstellungen mir gestattet hätten, in diesem Augenblicke die Eremitage zu verlassen, so würde ich weder gewußt haben wohin gehen noch wie mich fortschleppen. Ich blieb regungslos und fühllos, ohne handeln oder denken zu können. Der blose Gedanke daran einen Schritt zu thun, einen Brief zu schreiben, ein Wort zu sagen, ließ mich schaudern. Gleichwohl konnte ich den Brief der Frau von Epinay nicht unbeantwortet lassen, wollte ich mich nicht der Behandlung, die mir von ihr und ihrem Freunde zu Theil wurde, für würdig bekennen. Ich entschloß mich, sie von meinen Empfindungen und Entschlüssen in Kenntnis zu setzen, da ich keinen Augenblick zweifelte, daß sie sich aus Menschlichkeit, aus Edelmuth, aus Anstand und von den guten Gefühlen angetrieben, die ich trotz mancher bösen in ihr wahrzunehmen geglaubt hatte, beeifern würde, sie zu billigen. Mein Brief lautete: Auf der Eremitage, den 23. Nov. 1757. »Könnte man vor Kummer sterben, so würde ich nicht mehr leben. Aber endlich habe ich einen Entschluß gefaßt. Die Freundschaft zwischen uns ist erloschen, gnädige Frau; aber auch die, welche aufgehört hat, bewahrt noch Rechte, die ich zu achten weiß. Ich habe Ihre Güte gegen mich nicht vergessen, und Sie können von meiner Seite auf die ganze Erkenntlichkeit zählen, die man für den, welchen man nicht mehr lieben darf, haben kann. Jede anderweitige Auseinandersetzung würde unnöthig sein; ich habe mein Gewissen für mich und überlasse Sie dem Ihrigen. »Ich habe die Eremitage verlassen wollen, und ich sollte es. Aber man behauptet, ich müßte noch bis zum Frühling hier bleiben, und da meine Freunde es wollen, werde ich noch bis zum Frühling hier bleiben, wenn Sie darauf eingehen.« Nachdem dieser Brief geschrieben und abgesandt war, dachte ich nur daran, mich auf der Eremitage zu beruhigen, indem ich für meine Gesundheit sorgte und wieder zu Kräften zu kommen und Vorbereitungen zu treffen suchte, sie im Frühjahr still, ohne Aufsehen und ohne einen Bruch anzudeuten, zu verlassen. Dies stimmte aber, wie man alsbald sehen wird, nicht zu Grimms und Frau von Epinays Rechnung. Einige Tage später hatte ich endlich die Freude, Diderots so oft versprochenen und bis jetzt unterlassenen Besuch zu erhalten. Er konnte nicht rechtzeitiger kommen; er war mein ältester Freund und fast der Einzige, der mir blieb. Man kann sich die Freude vorstellen, die ich unter solchen Umständen bei seinem Anblicke empfand. Mein Herz war übervoll, ich vertraute ihm alles an, was ich auf demselben hatte. Ich klärte ihn über viele Thatsachen auf, die man ihm verschwiegen, entstellt oder geradezu vorgeredet hatte. Ich unterrichtete ihn von allem Vorgefallenen, so weit mir die Mittheilung erlaubt war. Ich gab mir keine Mühe, ihm zu verschweigen, was er nur allzu gut wußte, daß nämlich eine eben so unglückliche wie unvernünftige Liebe das Werkzeug zu meinem Untergange gewesen wäre, aber ich gestand nie ein, daß Frau von Houdetot davon Kenntnis gehabt, oder wenigstens, daß ich sie ihr erklärt hätte. Ich erzählte ihm von den unwürdigen Kunstgriffen, die Frau von Epinay angewandt hatte, die sehr unschuldigen Briefe ihrer Schwägerin an mich aufzufangen. Ich wünschte, daß er die Einzelheiten aus dem Munde der Personen, welche sie zu verleiten gesucht hatte, selbst erführe. Therese gab ihm darüber genauen Aufschluß. Aber wie wurde mir, als an die Mutter die Reihe kam und ich sie erklären und betheuern hörte, daß sie nichts davon wüßte! Dies waren ihre eigenen Worte, und davon ist sie nie abgegangen. Es waren noch nicht vier Tage her, daß sie es mir selbst wiederholentlich erzählt hatte, und jetzt strafte sie mich in Gegenwart meines Freundes Lügen. Dieser Zug schien mir entscheidend, und ich empfand damals lebhaft meine Unklugheit, eine solche Frau so lange bei mir geduldet zu haben. Ich konnte mich nicht dazu verstehen, ihr Beleidigungen zu sagen; ich ließ mich kaum herab, einige Worte der Verachtung an sie zu richten. Ich war mir bewußt, was ich ihrer Tochter schuldig war, deren unerschütterliche Redlichkeit der Nichtswürdigkeit und Gemeinheit der Mutter gegenüber desto heller hervortrat. Aber seitdem war mein Entschluß hinsichtlich der Alten gefaßt, und ich wartete nur auf den Augenblick, ihn ausführen zu können. Dieser Augenblick kam schneller, als ich gehofft hatte. Am zehnten December erhielt ich von Frau von Epinay die Antwort auf meinen letzten Brief. Sie lautete (Heft B, Nr. 11): Genf, den 1. December 1757. »Nachdem ich Ihnen mehrere Jahre lang alle möglichen Zeichen der Freundschaft und der Theilnahme gegeben habe, bleibt mir nur übrig, Sie zu beklagen. Sie sind sehr unglücklich. Ich wünsche, daß Ihr Gewissen eben so ruhig sein möge wie das meinige. Das dürfte zur Ruhe Ihres Lebens nöthig sein. »Da Sie die Eremitage verlassen wollen und es für nöthig halten, so nimmt es mich Wunder, daß Ihre Freunde Sie zurückgehalten haben. Ich für meine Person befrage die meinigen nicht über meine Pflichten und habe Ihnen über die Ihrigen nichts mehr zu sagen.« Eine so unvorhergesehene, aber so deutlich ausgesprochene Verabschiedung ließ mich nicht einen Augenblick schwanken. Ich mußte die Eremitage auf der Stelle verlassen, welche Witterung auch sein mochte, in welchem Zustande ich mich auch befand, sollte ich auch im Walde und auf dem Schnee, mit dem der Boden damals bedeckt war, schlafen müssen, und was auch immer Frau von Houdetot dagegen sagen und thun konnte; denn ich wollte ihr zwar in allem willfährig sein, aber nicht so weit, daß es mir zur Schande gereichte. Ich befand mich in der furchtbarsten Verlegenheit, in der ich je gewesen bin, aber mein Entschluß war gefaßt; ich schwor, was sich auch immer ereignen möchte, in acht Tagen nicht mehr auf der Eremitage zu schlafen. Ich fing an, mein Hab und Gut fortzuschaffen, entschlossen, es lieber auf freiem Felde zu lassen, als die Schlüssel nicht bis zum achten Tage zurückzugeben, denn ich wünschte namentlich, daß alles abgemacht wäre, ehe man nach Genf schreiben und Antwort erhalten könnte. Mich beseelte ein Muth, wie ich ihn noch nie in mir gefühlt hatte; alle meine Kräfte waren zurückgekehrt. Ehre und Empörung erfüllten mich mit einer Stärke, auf welche Frau von Epinay nicht gerechnet hatte. Das Glück unterstützte meine Kühnheit. Herr Mathas, Fiscal des Prinzen von Condé, hörte von meiner Verlegenheit. Er ließ mir ein kleines Haus anbieten, welches er in seinem Garten zu Mont-Louis in Montmorency besaß. Ich ging eifrig und dankbar auf sein Anerbieten ein. Wir wurden über die Miethe bald einig; ich ließ zu den Möbeln, die ich schon hatte, schnell noch einige andere kaufen, um Therese und mich mit dem Nöthigsten zu versehen. Ich ließ meine Habseligkeiten mit großer Mühe und großen Kosten wegschaffen. Trotz Eis und Schnee wurde mein Umzug in zwei Tagen vollendet, und den 15. December gab ich die Schlüssel zur Eremitage zurück, nachdem ich dem Gärtner seinen Lohn ausgezahlt hatte, da ich meine Miethe nicht bezahlen konnte. Der Frau Le Vasseur erklärte ich die Notwendigkeit unserer Trennung. Ihre Tochter wollte mich davon zurückbringen; ich war unbeugsam. Ich ließ sie in der Landkutsche nach Paris fahren und alle Sachen und Möbel mitnehmen, die sie mit ihrer Tochter gemeinschaftlich besaß. Ich gab ihr etwas Geld und verpflichtete mich, ihr bei ihren Kindern oder anderswo die Miethe zu bezahlen, nach besten Kräften für ihren Unterhalt zu sorgen und es ihr nie an Brot fehlen zu lassen, so lange ich selbst etwas haben würde. Zuletzt schrieb ich am zweiten Tage nach meiner Ankunft zu Mont-Louis an Frau von Epinay folgenden Brief: Montmorency, den 17. December 1757. »Nichts ist so einfach und so nothwendig, gnädige Frau, als mich aus Ihrem Hause zu entfernen, wenn Sie mein längeres Dableiben nicht genehmigen. In Folge Ihrer Weigerung, mir zu gestatten, daß ich noch den Rest des Winters auf der Eremitage zubrächte, habe ich sie am 15. December verlassen. Mein Verhängnis wollte, daß ich sie wider meinen Willen bezog und in gleicher Weise von ihr schied. Ich danke Ihnen für den Aufenthalt daselbst, den Sie mir aufgedrungen haben, und ich würde Ihnen noch erkenntlicher dafür sein, wenn ich ihn weniger theuer bezahlt hätte. Uebrigens haben Sie Recht, mich für unglücklich zu halten. Niemand in der Welt weiß besser als Sie, wie sehr ich es sein muß. Wenn es ein Unglück ist, sich in der Wahl seiner Freunde zu täuschen, so ist es ein anderes, nicht weniger schmerzliches, von einem so süßen Irrthume zurückzukommen.« Das ist die treue Berichterstattung über meinen Aufenthalt in der Eremitage und die Gründe, die mein Scheiden von dort veranlaßt haben. Es war mir unmöglich, aus dieser Erzählung etwas fortzulassen, und es war mir von Wichtigkeit, sie mit größter Genauigkeit bis zu Ende zu führen, da dieser Abschnitt meines Lebens auf die folgenden einen Einfluß gehabt hat, der sich bis zu meinem letzten Tage erstrecken wird. Zehntes Buch. 1758 Die wunderbare Kraft, die mir eine vorübergehende Aufwallung eingeflößt hatte, die Kraft, die Eremitage zu verlassen, verschwand, sobald ich fortgezogen war. Kaum war ich in meiner neuen Wohnung eingerichtet, als sich zu heftigen und zahlreichen Anfällen der Harnverhaltung eine neue Belästigung durch einen Bruch gesellte, der mich seit einiger Zeit quälte, ohne daß ich sein Vorhandensein wußte. Bald war ich eine Beute der schmerzhaftesten Krankheitserscheinungen. Mein alter Freund, der Arzt Thierry, besuchte mich und klärte mich über meinen Zustand auf. Sonden, Harnröhrchen, Bruchbänder, alle um mich her vereinte Schutzmittel gegen die Gebrechlichkeit des Alters ließen mich hart fühlen, daß man nicht mehr ungestraft ein junges Herz hat, sobald der Körper aufgehört, es zu sein. Die schöne Jahreszeit gab mir meine Kräfte keineswegs wieder, und ich brachte das ganze Jahr 1758 in einem Zustande von Ermattung zu, der mich zu dem Glauben brachte, daß mein Ende nahe wäre. Ich sah es mit einer Art von Eifer heranrücken. Von den Hirngespinsten der Freundschaft zurückgekommen, von allem losgelöst, was mich mit Liebe zum Leben erfüllt hatte, sah ich in ihm nichts mehr, was es mir hätte angenehm machen können; ich sah darin nur noch Leiden und Elend, die mich nicht zur Freude an mir selbst gelangen ließen. Ich sehnte mich nach dem Augenblicke der Freiheit und Errettung vor meinen Feinden. – Aber nehmen wir den Faden der Ereignisse wie«der auf. Mein Rückzug nach Montmorency schien Frau von Epinay aus der Fassung zu bringen; wahrscheinlich hatte sie das nicht vermuthet. Mein trauriger Zustand, die Strenge der Jahreszeit, die völlige Verlassenheit, in der ich mich befand, alles hatte ihnen, nämlich Grimm und ihr, den Glauben beigebracht, daß sie, wenn sie mich bis zum Aeußersten trieben, mich nöthigen könnten, um Gnade zu bitten und mich auf das tiefste zu erniedrigen, um in dem Asyle gelassen zu werden, das mir die Ehre aufzugeben gebot. Ich zog so rasch aus, daß sie nicht Zeit hatten, den Streich abzuwenden, und sie hatten nur die Wahl, alles auf das Spiel zu setzen und mich vollends zu verderben, oder den Versuch zu machen, mich zurückzuführen. Grimm entschied sich für das Erste; ich glaube indessen, daß Frau von Epinay dem andern den Vorzug gegeben hätte. Ich schließe dies aus ihrer Antwort auf meinen Brief, in der sie den Ton, welchen sie in den vorangehenden angeschlagen hatte, bedeutend herabstimmt und die Thüre zur Versöhnung zu öffnen scheint. Die lange Verzögerung dieser Antwort, auf welche sie mich einen vollen Monat warten ließ, verräth zur Genüge die Verlegenheit, in der sie sich befand, ihr eine passende Wendung zu geben, und die Ueberlegungen, die sie vorher anstellte. Sie konnte nicht entgegenkommender sein, ohne sich bloßzustellen, aber nach ihren vorhergehenden Briefen und nach meinem schnellen Verlassen ihres Hauses kann man sich nur über die Mühe wundern, die sie sich in diesem Briefe giebt, kein einziges unhöfliches Wort einfließen zu lassen. Ich will ihn hier wortgetreu veröffentlichen, damit man sich selbst ein Urtheil darüber bilde (Heft B, Nr. 23): Genf, den 17. Januar 1758. »Ihren Brief vom 17. December habe ich, mein Herr, erst gestern erhalten. Man hat ihn mir in einem mit verschiedenen Dingen angefüllten Kästchen übersandt, das diese ganze Zeit unterwegs gewesen ist. Ich will nur auf die Nachschrift antworten; was den Brief selbst anlangt, so verstehe ich ihn nicht vollkommen, und ich möchte, wenn wir uns darüber aussprechen könnten, alles Vorgefallene gern einem Mißverständnisse zuschreiben. Ich komme auf die Nachschrift zurück. Sie werden sich entsinnen, mein Herr, daß wir verabredet hatten, der Lohn des Gärtners der Eremitage sollte durch Ihre Hände gehen, um ihm seine Abhängigkeit von Ihnen besser fühlbar zu machen und Sie vor solchen eben so lächerlichen wie unanständigen Auftritten zu bewahren, wie sie sein Vorgänger herbeigeführt hatte. Der Beweis dafür ist, daß Ihnen die ersten Quartale seines Gehaltes eingehändigt sind, und ich wenige Tage, vor meiner Abreise mit Ihnen verabredet hatte, Ihnen Ihre Vorschüsse zurückerstatten zu lassen. Ich weiß, daß Sie sich anfangs dagegen sträubten; aber diese Vorschüsse haben Sie auf meine Bitte gemacht, ich mußte sie Ihnen also selbstverständlich ersetzen, und wir haben uns darüber geeinigt. Nach Cahouets Bericht haben Sie dieses Geld durchaus nicht annehmen wollen. Sicherlich findet hier ein Quidproquo statt. Auf meinen Befehl wird man es Ihnen noch einmal bringen, und ich begreife nicht, weshalb Sie trotz unserer Verabredung meinen Gärtner bezahlen wollen und noch dazu sogar über die Zeit hinaus, während der Sie die Eremitage bewohnt haben. Ich verlasse mich, mein Herr, deshalb darauf, daß Sie in Erinnerung alles dessen, was ich Ihnen zu sagen die Ehre habe, die Rückerstattung des Vorschusses nicht ablehnen werden, den Sie für mich zu machen so gütig waren.« Nach allem Vorgefallenen wollte ich, da ich zu Frau von Epinay kein Zutrauen mehr fassen konnte, nicht wieder mit ihr anknüpfen; ich ließ diesen Brief deshalb unerwidert, und unser Briefwechsel hatte damit ein Ende. Als sie meinen festen Entschluß erkannte, faßte sie den ihrigen und, nun auf alle Absichten Grimms und der Holbachschen Sippschaft eingehend, vereinigte sie ihre Anstrengungen mit jener Bemühungen, um mich zu Grunde zu richten. Während sie in Paris arbeiteten, arbeitete sie in Genf. Grimm, der sich dort später zu ihr gesellte, vollendete, was sie begonnen hatte. Tronchin, den zu gewinnen ihnen nicht schwer fiel, unterstützte sie kräftig und wurde der grimmigste meiner Verfolger, ohne von mir eben so wenig wie Grimm die geringste Veranlassung zur Klage erhalten zu haben. Im Stillen säeten alle drei in Übereinstimmung den Samen in Genf aus, den man dort vier Jahre nachher aufschießen sah. In Paris, wo ich bekannter war und wo die weniger zum Haß geneigten Herzen dessen Eindrücke weniger leicht aufnahmen, hatten sie mehr Mühe. Um ihre Schläge mit größerer Gewandtheit zu führen, verbreiteten sie zuerst, ich wäre es gewesen, der sie verlassen hätte. (Man lese Deleyre's Brief, Heft B, Nr. 30.) Darauf säeten sie, sich beständig für meine Freunde ausgebend, ihre boshaften Beschuldigungen als Klagen über die Ungerechtigkeit ihres Freundes aus. Dies bewirkte, daß man, weniger auf seiner Hut, geneigter war, sie anzuhören und mich zu tadeln. Die heimlichen Beschuldigungen der Treulosigkeit und Undankbarkeit wurden vorsichtiger und deshalb wirkungsvoller verbreitet. Ich wußte, daß sie mir abscheuliche Schlechtigkeiten nachsagten, ohne je erfahren zu können, worin sie sie bestehen ließen. Alles, was ich aus dem öffentlichen Gerüchte schließen konnte, war, daß mir folgende vier Hauptverbrechen zur Last gelegt wurden: 1. meine Rückkehr auf das Land; 2. meine Liebe zu Frau von Houdetot; 3. meine Weigerung, Frau von Epinay nach Genf zu begleiten; 4. mein Verlassen der Eremitage. Fügten sie noch andere Klagen hinzu, so trafen sie ihre Maßregeln doch so vorsichtig, daß es mir unmöglich gewesen ist, je ihren eigentlichen Gegenstand zu erfahren. In diese Zeit glaube ich deshalb die Einrichtung eines Verfahrens setzen zu müssen, das sich diejenigen, welche über mich verfügen, so reißend schnell und erfolgreich angeeignet haben, daß es jedem wunderbar erscheinen würde, der nicht wüßte, mit welcher Leichtigkeit sich alles festsetzt, was der Bosheit der Menschen zu Statten kommt. Ich halte mich für verpflichtet, das, was dieses dunkle und tiefe System für meine Augen Sichtbares hat, mit wenig Worten auseinanderzusetzen. Bei einem schon berühmten und in ganz Europa bekannten Namen hatte ich die Einfachheit meiner ersten Neigungen bewahrt. Mein unüberwindlicher Widerwille gegen alles, was Partei und Parteilichkeit heißt, hatte mich frei, unabhängig und ohne eine andere Fessel als die Neigungen meines Herzens erhalten. Allein, fremd, einsam, ohne Stütze, ohne Familie, mich nur nach meinen Grundsätzen und Pflichten richtend, blieb ich unerschrocken auf geradem Wege, auf Kosten der Gerechtigkeit und der Wahrheit niemandem schmeichelnd, niemand schonend. Noch mehr: seit zwei Jahren in die Einsamkeit zurückgezogen, ohne schriftlichen Verkehr, ohne Beziehung zu den Welthändeln ohne von etwas unterrichtet oder aus etwas neugierig zu sein, lebte ich vier Meilen von Paris, von dieser Hauptstadt durch meine Sorglosigkeit eben so getrennt, wie ich es auf der Insel Tinian durch das Meer gewesen wäre. Grimm, Diderot, von Holbach dagegen, im Mittelpunkte des Strudels, lebten in den Kreisen der vornehmsten Welt, die sie fast alle unter sich vertheilt hatten. Große, Schöngeister, Schriftsteller, Juristen, Frauen, alle schenkten ihnen offenes Ohr. Man sieht schon den Vortheil, welchen diese Stellung drei gegen einen Vierten in der meinigen fest verbundenen Menschen giebt. Allerdings waren Diderot und Holbach (ich kann es wenigstens nicht glauben) nicht die Leute, um ganz schändliche Verschwörungen anzuzetteln, der Eine besaß nicht die dazu nöthige Bosheit, Ich gestehe, daß alles, was ich nach Abfassung dieses Buches durch die mich umringenden Geheimnisse hindurchschimmern sehe, mich befürchten läßt, Diderot nicht gekannt zu haben. – (Diese Anmerkung befindet sich nicht in den Ausgaben vor dem Jahre 1801.) und der Andere nicht die Geschicklichkeit, aber gerade das war für das Gelingen des Planes nur um so günstiger. Grimm allein entwarf ihn in seinem Kopfe und zeigte den beiden anderen von ihm nur soviel, als sie zur Mitwirkung bei der Ausführung sehen mußten. Das Uebergewicht, welches er über sie gewonnen hatte, erleichterte diese Mitwirkung und die Wirkung des Ganzen entsprach der Ueberlegenheit seines Talentes. Da er den Vortheil einsah, welchen er aus unsern beiderseitigen Stellungen ziehen konnte, entwarf er mit diesem überlegenen Talente den Plan, meinen Ruf völlig zu vernichten und mir den gerade entgegengesetzten zu verschaffen, ohne sich bloßzustellen, indem er rings um mich her eine Wand von Finsternis zu errichten begann, die es mir zu durchdringen unmöglich war, um seine Kunstgriffe aufzuhellen, und ihn zu entlarven. Dieses Unternehmen war insofern schwierig, als er dessen Schlechtigkeit in den Augen derjenigen, welche dabei seine Helfershelfer sein sollten, bemänteln mußte. Er mußte die Ehrenmänner täuschen; er mußte jedermann von mir entfernen, mir nicht einen einzigen Freund lassen, weder einen großen noch einen kleinen. Was sage ich? Er durfte nicht ein einziges Wort der Wahrheit zu mir dringen lassen. Wäre ein einziger edelgesinnter Mann zu mir gekommen, um mir zu sagen: »Sie spielen den Tugendhaften, aber hören Sie, wie man Sie behandelt und wie man über Sie urtheilt. Was sagen Sie dazu?« Die Wahrheit hätte triumphirt, und Grimm wäre verloren gewesen. Er wußte es; aber er hat sein eigenes Herz geprüft und die Menschen nur nach dem geschätzt, was sie werth sind. Um der Ehre der Menschheit willen betrübt es mich, daß er so richtig gerechnet hat. Wollte er auf solchen Schleichwegen einhergehen, mußten seine Schritte, um sicher zu sein, langsam sein. Seit zwölf Jahren verfolgt er seinen Plan, und das Schwierigste, das ganze Publikum zu betrügen, bleibt noch zu thun. Es giebt noch Augen, die ihm in größerer Nähe gefolgt sind, als er denkt. Er befürchtet es und hat noch nicht den Muth, seinen Anschlag offen dem hellen Tageslichte auszusetzen. Seitdem dies geschrieben ist, hat er den Schritt mit dem vollsten und unbegreiflichsten Erfolge gethan. Ich glaube, daß ihm Tronchin den Muth und die Mittel gegeben hat. Aber er hat das wenig schwierige Mittel gefunden, die Macht zum Beitritt zu bestimmen, und diese Macht hat das Verfügungsrecht über mich. Von diesem Beistand unterstützt, schreitet er mit weniger Gefahr vorwärts. Da sich die Satelliten der Macht für gewöhnlich nicht viel auf ihre Redlichkeit und noch viel weniger auf ihren Freimuth etwas zu Gute thun, so hat er die Unbedachtsamkeit eines Ehrenmannes nicht leicht zu befürchten, denn er hat vor allem nöthig, daß ich von undurchdringlicher Finsternis umgeben und mir seine Verschwörung fortwährend verborgen sei, weil er wohl weiß, daß sie, wie künstlich er sie auch angezettelt haben möge, meine Blicke doch nie aushalten würde. Seine große Geschicklichkeit besteht darin, daß er unter dem Scheine der Schonung meinen Ruf untergräbt und seiner Treulosigkeit noch den Anschein des Edelmuthes giebt. Die ersten Wirkungen dieses Systems nahm ich an den heimlichen Anschuldigungen der Holbachschen Sippschaft wahr, ohne daß es mir zu erfahren, ja auch nur zu ahnen möglich war, worin sie eigentlich bestanden. Deleyre behauptete in seinen Briefen, daß man mir allerlei Schlechtigkeiten nachsagte; Diderot berichtete mir in noch geheimnisvollerer Weise das Nämliche, und wenn ich mich mit ihnen in eine Besprechung einließ, so lief alles auf die oben erwähnten Hauptanklagen hinaus. In Frau von Houdetots Briefen fiel mir eine zunehmende Erkaltung auf. Saint-Lambert, der nach wie vor mit gleicher Freundschaft an mich schrieb und mich nach seiner Rückkehr sogar besuchte, konnte ich diese Erkaltung nicht zuschreiben. Eben so wenig konnte ich mir selbst die Schuld beimessen, da wir uns in voller Eintracht getrennt hatten und seit jener Zeit meinerseits nichts geschehen war als mein Verlassen der Eremitage, dessen Notwendigkeit sie selbst eingesehen hatte. Da ich also nicht wußte, wie ich mir diese Erkaltung, die sie nicht zugab, über die sich aber mein Herz nicht täuschen ließ, erklären sollte, war ich bei allem unruhig. Ich wußte, daß sie wegen ihres Verhältnisses mit Saint-Lambert gegen ihre Schwägerin und Grimm mit äußerster Schonung verfuhr; ich fürchtete deren Werk. Diese Aufregung öffnete wieder meine Wunden und machte meinen Briefwechsel bis zu dem Grade stürmisch, daß er ihr völlig verleidet wurde. Ich witterte tausenderlei Schmerzliches, ohne etwas klar zu sehen. Für einen Menschen, dessen Einbildungskraft sich leicht entzündet, befand ich mich in der traurigsten Lage. Wäre ich ganz alleinstehend gewesen, hätte ich nichts von allem gewußt, so würde ich ruhiger geworden sein, aber mein Herz haftete noch immer an einer Liebe, welche meinen Feinden tausend Handhaben gegen mich darbot, und die schwachen Strahlen, die bis in mein Asyl drangen, dienten nur dazu, mir die Dunkelheit der Geheimnisse, die man mir verhehlte, recht wahrnehmbar zu machen. Bei meinem offenen und aufrichtigen Charakter, der mich durch die Unmöglichkeit, meine Gefühle zu verhehlen, von dem, was man mir verbirgt, alles befürchten läßt, würde ich, wie ich nicht zweifle, dieser allzu grausamen Qual unterlegen sein, wenn sich nicht zum großen Glücke Gegenstände dargeboten hätten, für mein Herz interessant genug, um von denen, die mich wider meinen Willen beschäftigten, eine heilsame Ablenkung herbeizuführen. Bei seinem letzten Besuche, den mir Diderot auf der Eremitage gemacht, hatte er mir von dem Artikel »Genf« erzählt, den d'Alembert in die Encyklopädie aufgenommen hatte. Dieser mit hochgestellten Genfern verabredete Artikel hatte nach seiner Mitteilung die Einführung des Schauspiels in Genf zum Zweck, und sollten in Folge hiervon bereits die nöthigen Maßregeln ergriffen sein und die Ausführung ungesäumt stattfinden. Da Diderot dies alles sehr gut zu finden schien, nicht an dem Erfolge zweifelte, und ich mit ihm allzu viel anderes zu verhandeln hatte, um mich mit ihm noch über diesen Artikel auszusprechen, so sagte ich zu ihm nichts darüber; empört jedoch über diese ganze Art der Verführung in meinem Vaterlande, erwartete ich mit Ungeduld den Band der Enzyklopädie, welcher diesen Artikel enthielt, um zu sehen, ob sich nicht durch irgend eine Antwort dieser unglückselige Streich abwenden ließe. Den Band erhielt ich bald nach meiner Uebersiedlung nach Mont-Louis und ich fand den Artikel mit großer Geschicklichkeit und Kunst abgefaßt, würdig der Feder, aus der er geflossen war. Dies brachte mich gleichwohl nicht von dem Gedanken ab, darauf zu antworten, und trotz der Ermattung, die sich meiner bemächtigt, trotz meines Kummers und meiner Leiden, der Strenge der Jahreszeit und der Unbequemlichkeit meiner neuen Wohnung, in der ich noch nicht Zeit gehabt hatte mich einzurichten, machte ich mich mit einem alles übersteigenden Eifer ans Werk. Während eines ziemlich rauhen Winters brachte ich im Monat Februar und noch dazu in dem eben beschriebenen Zustande täglich zwei Stunden morgens und eben so viele nachmittags in einem ganz offenen Thurme am Ende des Gartens zu, in dem meine Wohnung lag. Dieser Thurm, der den Hintergrund einer terrassenförmigen Allee bildete, ging auf das Thal und den Weiher von Montmorency; die Aussicht, die man von ihm hatte, schloß mit dem einfachen, aber stattlichen Schlosse von Saint-Gratien, dem Zufluchtsorte des tugendhaften Catinat, ab. An diesem damals eiskalten, gegen Wind und Schnee ungeschützten Orte schrieb ich, von keinem andern Feuer als dem meines Herzens erwärmt, innerhalb drei Wochen meinen Brief an d'Alembert über das Schauspiel. Dies ist (denn die Julie war noch nicht zur Hälfte fertig) die erste meiner Schriften, an der ich mit wahrer Lust und Liebe arbeitete. Bisher hatte bei mir die Empörung der Tugend Apollo ersetzt; diesmal trat Zärtlichkeit und Sanftmuth der Seele an seine Stelle. Die Ungerechtigkeiten, deren Zeuge ich nur gewesen, hatten mich erzürnt; diejenigen, deren Gegenstand ich geworden, machten mich traurig, und diese Traurigkeit ohne Haß kam aus einem zu liebevollen, zu zärtlichen Herzen, das, von denen getäuscht, die ihm, wie es wähnte ebenbürtig waren, sich zur Einkehr in sich selbst gezwungen sah. Voll von dem allen, was mir widerfahren war, noch erregt von so vielen heftigen Erschütterungen, ließ das meinige das Gefühl seiner Leiden in die Vorstellungen überfließen, die das Nachdenken über mein Thema in mir wach gerufen hatte; meine Arbeit verräth die Verschmelzung beider. Unbewußt schilderte ich darin meine wirkliche Lage; ich charakterisirte darin Grimm, Frau von Epinay, Frau von Houdetot, Saint-Lambert, mich selbst. Wie wonnevolle Thränen vergoß ich beim Schreiben! Ach, man merkt es nur zu sehr, daß die Liebe, diese unselige Liebe, von der ich zu genesen trachtete, noch nicht aus meinem Herzen gewichen war. In dieses alles mischte sich eine gewisse Rührung über mich selbst, da ich mich sterbend fühlte und dem Publikum mein letztes Lebewohl auszusprechen glaubte. Weit entfernt, den Tod zu fürchten, sah ich sein Nahen mit Freuden; allein es schmerzte mich, von meinen Mitmenschen zu scheiden, ohne daß sie meinen Werth erkannt, ohne daß sie wußten, wie sehr ich ihre Liebe verdient hätte, wenn sie mich genauer gekannt. Das sind die geheimen Ursachen des eigenthümlichen Tones, der durch dieses Werk hindurchgeht und so wunderbar gegen den im vorhergehenden Die Abhandlung über die Ungleichheit der Stände. absticht. Ich besserte und besserte an diesem Briefe, schrieb ihn. ins Reine und wollte ihn eben drucken lassen, als ich nach langem Stillschweigen ein Schreiben von Frau von Houdetot bekam, das mich in neue Trauer versenkte, die empfindlichste, deren Beute ich je geworden bin. Sie zeigte mir in diesem Briefe (Heft B, Nr. 34) an, daß meine Leidenschaft für sie in ganz Paris bekannt wäre, daß ich von ihr mit Leuten geredet, die davon öffentlichen Gebrauch gemacht hätten; daß diese Gerüchte, als sie ihrem Geliebten zu Ohren gekommen, ihr beinahe das Leben gekostet; daß er ihr zwar zuletzt Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen, und der Frieden unter ihnen wieder hergestellt wäre, daß es aber die Rücksicht auf ihn wie auf sich selbst und die Sorge für ihren Ruf verlangte, jeglichen Verkehr mit mir abzubrechen. Sie versicherte mir übrigens, sie würden beide nicht aufhören, Antheil an mir zu nehmen, würden mich im Publikum vertheidigen, und sie würde sich von Zeit zu Zeit nach mir erkundigen lassen. Also auch du, Diderot? rief ich aus. Unwürdiger Freund!... Gleichwohl konnte ich mich nicht entschließen, ihn schon danach zu verurtheilen. Meine Schwäche war andern Leuten bekannt, die ihn zum Reden verleitet haben konnten. Ich wollte zweifeln ... aber bald konnte ich es nicht mehr. Saint-Lambert führte bald nachher einen seines Edelmuthes würdigen Akt aus. Da er meine Seele einigermaßen kannte, dachte er sich, in welchem Zustande ich, von einem Theile meiner Freunde verrathen und von den andern verlassen, sein mußte. Er besuchte mich. Das erste Mal konnte er mir nur wenig Zeit schenken. Er kam wieder. Da ich ihn nicht erwartete, war ich leider nicht zu Hause. Therese, die sich daheim befand, hatte mit ihm eine mehr als zweistündige Unterredung, in der sie sich gegenseitig viele Thatsachen mittheilten, deren Kenntnis ihm wie mir wichtig sein mußten. Der Ueberraschung, mit der ich durch ihn erfuhr, daß niemand in der Welt daran zweifelte, ich hätte mit Frau von Epinay gelebt, wie jetzt Grimm mit ihr lebte, kann nur diejenige gleichkommen, die er selbst bei der Versicherung empfand, wie falsch dieses Gerücht wäre. Zum großen Mißvergnügen der Dame befand sich Saint-Lambert in derselben Lage wie ich, und alle Aufklärungen, die ein Ergebnis dieser Unterredung waren, unterdrückten in mir vollends jedes Bedauern, mit ihr unwiderruflich gebrochen zu haben. In Bezug auf Frau von Houdetot theilte er Therese ausführlich mehrere Umstände mit, die weder ihr noch selbst Frau von Houdetot bekannt waren, die ich allein wußte und die ich nur Diderot unter dem Siegel der Freundschaft erzählt hatte; und gerade Saint-Lambert hatte er auserwählt, um ihm darüber vertrauliche Mittheilungen zu machen. Dieser letzte Zug bestimmte mich; entschlossen, mit Diderot auf ewig zu brechen, überlegte ich nur noch, auf welche Weise es geschehen sollte; denn ich wußte ans Erfahrung, daß mir ein geheimer Bruch stets zum Nachtheil gereichte, indem er meinen bittersten Feinden die Maske der Freundschaft ließ. Die in der Welt anerkannten Anstandsregeln scheinen von dem Geist der Lüge und des Verraths eingegeben zu sein. Noch anscheinend der Freund eines Menschen bleiben, nachdem die Freundschaft zu ihm erloschen ist, heißt sich die Mittel vorbehalten, ihm zu schaden, indem man die ehrlichen Leute täuscht. Ich erinnerte mich, daß sich der berühmte Montesquieu, als er mit dem Pater von Tournemine brach, beeilte, es laut zu erklären, indem er jedermann sagte: »Hören Sie weder den Pater von Tournemine noch mich an, wenn wir von einander reden, denn wir haben aufgehört, Freunde zu sein.« Dieses Betragen fand allgemeinen Beifall, und alle Welt lobte seine Offenheit und seinen Edelmuth. Ich entschloß mich, hinsichtlich Diderots diesem Beispiele zu folgen. Aber wie aus meiner Zurückgezogenheit heraus diesen Bruch in unzweideutiger und noch dazu unanstößiger Weise veröffentlichen? Ich gerieth auf den Einfall, in der Form einer Anmerkung in mein Werk einen Spruch aus Jesus Sirach einzuschalten, der für jeden Unterrichteten diesen Bruch und sogar den Grund ziemlich deutlich erklärte, während er für alle übrige bedeutungslos war. Ueberdies war ich beflissen, den Freund, von dem ich mich lossagte, in dem Werke nur mit der Achtung zu bezeichnen, welche man der erloschenen Freundschaft stets erweisen muß. Man kann dies alles im Werke selber sehen. In dieser Welt giebt es nur Glück und Unglück, und im Mißgeschick scheint jede Handlung des Muthes ein Verbrechen zu sein. Dieselbe Handlungsweise, welche man bei Montesquieu bewundert hatte, zog mir nur Tadel und Vorwurf zu. Sobald mein Werk gedruckt war und ich Exemplare desselben besaß, schickte ich eins an Saint-Lambert, der mir noch den Tag zuvor in seinem und Frau von Houdetots Namen ein Billet voll der zärtlichsten Freundschaft geschrieben hatte (Heft B, Nr. 37). Man lese den Brief, den er mir bei Rücksendung meines Exemplares schrieb: Eaubonne, den 10. October 1758. »Fürwahr, mein Herr, ich kann das Geschenk, das Sie mir so eben gemacht haben, nicht annehmen. Bei der Stelle Ihrer Vorrede, wo Sie im Hinblick auf Diderot einen Spruch aus dem Prediger Salomo anführen, (er täuscht sich, derselbe ist aus Jesus Sirach) ist mir das Buch aus den Händen gefallen. Nach den Gesprächen dieses Sommers schienen Sie überzeugt, daß Diderot an dem angeblichen Vertrauensbruche, dessen Sie ihn ziehen, unschuldig wäre. Es kann Ihnen gegenüber das Unrecht auf seiner Seite liegen, ich weiß es nicht; aber so viel weiß ich, daß es Ihnen nicht das Recht verleiht, ihn öffentlich zu beschimpfen. Sie kennen recht wohl die Verfolgungen, die er zu erdulden hat, und Sie nehmen nicht Anstand, die Stimme eines alten Freundes in das Geschrei des Neides einfallen zu lassen. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, mein Herr, wie sehr mich diese Schändlichkeit empört. Ich habe mit Diderot keinen Umgang, aber ich ehre ihn und fühle lebhaft den Kummer, den Sie einem Manne bereiten, welchem Sie, wenigstens mir gegenüber, nur einige Schwäche zum Vorwurf machten. Unsere Grundsätze, mein Herr, sind zu abweichend von einander, als daß wir je übereinstimmen könnten. Vergessen Sie mein Dasein; dies muß für Sie keine Schwierigkeit haben. Ich habe den Menschen nie solch Gutes oder solch Böses erwiesen, dessen man sich lange erinnert. Ich für meine Person verspreche Ihnen, mein Herr, Ihre Person zu vergessen und mich nur Ihrer Talente zu erinnern.« Ueber diesen Brief fühlte ich mich nicht weniger innerlich zerrissen als empört und, in dem Uebermaße meines Elends meinen Stolz endlich wiederfindend, schrieb ich ihm folgendes Billet als Antwort: Montmorency, den 11. October 1758. »Mein Herr, beim Lesen Ihres Briefes habe ich Ihnen die Ehre angethan, über ihn erstaunt zu sein, und habe die Dummheit gehabt, mich von ihm aufregen zu lassen; aber einer Antwort habe ich ihn nicht für werth gehalten. »Ich beabsichtige durchaus nicht die Abschriften für Frau von Houdetot fortzusetzen. Wenn sie das, was sie von ihnen besitzt, nicht zu behalten Lust hat, kann sie es mir zurücksenden; ihr Geld werde ich ihr zurückerstatten. Behält sie es, so muß sie trotzdem den Rest ihres Papieres und Geldes abholen lassen. Ich bitte Sie, mir gleichzeitig den Prospectus zurückzugeben, den sie in Verwahrung hat. Leben Sie wohl, mein Herr.« Muth im Unglücke reizt niedrige Herzen auf, gefällt dagegen den edelmüthigen Herzen. Dieses Billet scheint Saint-Lambert wieder zu sich selbst gebracht und ihm Bedauern über das, was er gethan, eingeflößt zu haben; zu stolz jedoch, es seinerseits offen wieder gut zu machen, ergriff er das Mittel, war vielleicht sogar der Urheber desselben, den Schlag, den er mir versetzt hatte, abzuschwächen. Vierzehn Tage später erhielt ich von Herrn von Epinay folgenden Brief (Heft B, Nr. 52): Heute, Donnerstag den 26. »Ich habe, mein Herr, das Buch, das Sie mir zu übersenden die Güte gehabt, erhalten; ich las es mit dem größten Vergnügen. Diese Empfindung habe ich immer bei der Lectüre aller Werke gehabt, die aus Ihrer Feder geflossen sind. Empfangen Sie meinen besten Dank. Ich würde Ihnen denselben persönlich abgestattet haben, wenn meine Geschäfte mir gestattet hätten, ewige Zeit in Ihrer Nachbarschaft zu weilen, allein ich habe die Chevrette dieses Jahr nur sehr kurze Zeit bewohnt. Herr und Frau Dupin haben sich bei mir daselbst für den nächsten Sonntag zum Mittagbrote angemeldet. Ich hoffe auch, daß die Herren von Saint-Lambert und von Francueil sowie Frau von Houdetot daran Theil nehmen werden. Sie würden mir ein wahres Vergnügen bereiten, mein Herr, wollten Sie einer der Unsrigen sein. Alle Personen, die ich bei mir sehen werde, sehnen sich nach Ihnen und werden entzückt sein, mit mir das Vergnügen zu theilen, einen Theil des Tages mit Ihnen zu verleben. Ich habe die Ehre mit der vollkommensten Hochachtung zu sein etc.« Dieser Brief verursachte mir furchtbares Herzklopfen. Nachdem ich ein Jahr lang Paris mit Neuigkeiten erfüllt hatte, erbebte ich bei dem Gedanken, mich den Blicken der Frau von Houdetot auszusetzen, und hatte Mühe, hinreichenden Muth zu finden, um diese Probe auszuhalten. Da sie und Saint-Lambert es indessen sehr wünschten, da Herr von Epinay im Namen aller Gäste sprach und niemanden nannte, den ich nicht mit großer Freude gesehen hätte, so glaubte ich mich nach allem nicht durch die Annahme eines Essens bloßzustellen, zu dem ich gewissermaßen von jedermann eingeladen war. Ich sicherte deshalb mein Erscheinen zu. Da es am Sonntag schlechtes Wetter war, schickte mir Herr von Epinay seinen Wagen und ich fuhr ab. Meine Ankunft erregte Aufsehen. Mir ist nie eine freundschaftlichere Aufnahme zu Theil geworden. Man hätte sagen können, die ganze Gesellschaft fühlte, wie sehr ich der Aufrichtung bedurfte. Nur französische Herzen kennen diese Art des Zartgefühls. Indessen fand ich mehr Gäste, als ich erwartet hatte, unter andern den Grafen von Houdetot, den ich noch gar nicht kannte, und seine Schwester, die Frau von Blainville, die ich gern vermißt hätte. Sie war im vorigen Jahr mehrmals nach Eaubonne gekommen, und auf unsern einsamen Promenaden hatte ihre Schwägerin sie sich oft vor der Thür langweilen lassen. Sie hatte einen ziemlichen Groll gegen mich genährt, welchen sie während des Mahles nach Herzenslust zu befriedigen suchte, denn man begreift, daß ich in der Gegenwart des Grafen von Houdetot und Saint-Lamberts die Lacher nicht auf meiner Seite hatte, und daß ein bei den leichtesten Unterhaltungen stets unbeholfener Mann in dieser nicht sehr glänzend war. Ich habe nie so viel gelitten, nie die Fassung weniger bewahrt, nie unvorhergesehenere Angriffe erfahren. Als man sich endlich von der Tafel erhoben hatte, entfernte ich mich von dieser Megäre. Ich hatte die Freude, Saint-Lambert und Frau von Houdetot sich mir nähern zu sehen, und wir plauderten einen Theil des Nachmittags mit einander zwar von gleichgültigen Dingen, aber mit derselben Vertraulichkeit wie vor meiner Verirrung. Dieses Entgegenkommen war in meinem Herzen nicht verloren, und hätte Saint-Lambert darin lesen können, wäre er sicherlich damit zufrieden gewesen. Ich kann beschwören, daß ich, obgleich mir der Anblick der Frau von Houdetot bei meiner Ankunft Herzklopfen bis zur Ohnmacht erregt hatte, beim Scheiden fast nicht mehr an sie dachte; ich war nur mit Saint-Lambert beschäftigt. Trotz des boshaften Spottes der Frau von Blainville wurde ich von diesem Festmahl sehr angenehm berührt und ich wünschte mir aufrichtig Glück, es nicht abgelehnt zu haben. Ich erkannte dabei nicht allein, daß mir Grimms und der Holbachianer Ränke meine alten Bekannten In der Einfalt meines Herzens glaubte ich es damals noch, als ich meine Bekenntnisse schrieb. keineswegs abwendig gemacht hatten, sondern auch, was mir noch schmeichelhafter war, daß die Gefühle der Frau von Houdetot und Saint-Lamberts weniger verändert waren, als ich geglaubt hatte; und ich begriff endlich, daß die Entfernung, in der er sie von mir hielt, mehr die Folge von Eifersucht als von Geringschätzung war. Dies tröstete und beruhigte mich. Ueberzeugt, denen, die ich achtete, kein Gegenstand der Verachtung zu sein, arbeitete ich an meinem Herzen mit größerem Muth und Erfolg. Wenn ich auch nicht dahin gelangte, eine strafbare und unglückliche Leidenschaft ganz zu besiegen, so hielt ich wenigstens ihre letzten Spuren so gut in Ordnung, daß sie mich keinen einzigen Fehler seit jener Zeit begehen ließen. Die Abschriften für Frau von Houdetot, um deren Wiederaufnahme sie mich ersuchte, meine Werke, die ich ihr nach ihrem Erscheinen nach wie vor zusandte, hatten zur Folge, daß ich von ihr noch von Zeit zu Zeit einige zwar gleichgültige, aber höfliche Botschaften und Billets erhielt. Wie man in der Folge sehen wird, that sie sogar mehr, und unser gegenseitiges Benehmen nach Aufhören eines näheren Umganges kann als Muster der Art dienen, in der sich redliche Leute trennen, wenn sie es nicht mehr für passend halten, sich zu sehen. Ein anderer Vortheil, den mir dieses Gastmahl brachte, war, daß man in Paris davon sprach, und es als klare Widerlegung des von meinen Feinden überall verbreiteten Gerüchtes diente, ich wäre mit allen, die daran Theil nahmen, und namentlich mit Herrn von Epinay, tödtlich überworfen. Als ich die Eremitage verließ, hatte ich ihm in höflichster Weise meinen Dank ausgesprochen, worauf er nicht weniger höflich antwortete, und die gegenseitigen Aufmerksamkeiten hörten bei ihm eben so wenig wie bei seinem Bruder, dem Herrn von Lalive auf, der mich sogar in Montmorency besuchte und mir seine Kupferstiche schickte. Mit Ausnahme der beiden Schwägerinnen der Frau von Houdetot habe ich nie mit einer Person aus ihrer Familie auf schlechtem Fuße gestanden. Mein Brief an d'Alembert hatte einen großen Erfolg. Alle meine Werke hatten ihn gehabt, aber dieser war für mich vortheilhafter. Er flößte dem Publikum Mißtrauen gegen die Verdächtigungen der Holbachianer ein. Als ich nach der Eremitage zog, sagten sie mit ihrem gewöhnlichen Eigendünkel voraus, ich würde dort nicht drei Monate aushalten. Als sie sahen, daß ich dort zwanzig ausgehalten hatte und gezwungen von dort zu scheiden, meinen Wohnsitz noch immer auf dem Lande beibehielt, behaupteten sie, es wäre reine Halsstarrigkeit, mein zurückgezogenes Leben langweilte mich bis zum Tode, aber von Stolz verzehrt wollte ich dort lieber als Opfer meiner Hartnäckigkeit zu Grunde gehen als nachgeben und nach Paris zurückkehren. Der Brief an d'Alembert athmete eine Seelenmilde, der man es anmerkte, daß sie nicht erkünstelt war. Wäre ich in meiner Zurückgezogenheit von übler Laune verzehrt worden, würde mein Ton es verrathen haben. Er herrschte in allen Schriften, die ich in Paris verfaßt hatte; er herrschte nicht mehr in der ersten, die ich auf dem Lande geschrieben. Für die, welche zu beobachten wissen, war dieses Anzeichen entscheidend. Man erkannte, daß ich wieder in mein Element gekommen war. Trotzdem verschaffte mir das nämliche Werk, so voller Milde es auch war, durch meine Tölpelhaftigkeit oder mein gewöhnliches Unglück einen neuen Feind unter den Schriftstellern. Ich hatte bei Herrn De la Poplinière Marmontels Bekanntschaft gemacht, und diese hatte sich bei dem Baron erhalten. Marmontel gab damals den » Mercure de France « heraus. Da ich den Stolz besaß, den Herausgebern von Zeitschriften meine Werke nicht zu senden, und ihm dieses gleichwohl schicken wollte, ohne daß er glauben sollte, es wäre eine Gabe für den Redacteur, damit er es im »Mercure« einer Besprechung unterzöge, so schrieb ich auf sein Exemplar, es wäre nicht für den Herausgeber des »Mercure«, sondern für Herrn Marmontel bestimmt. Ich vermeinte ihm eine sehr schöne Schmeichelei zu sagen, er glaubte darin eine tief kränkende Beleidigung zu sehen und wurde mein unversöhnlicher Feind. Er schrieb gegen diesen nämlichen Brief mit Höflichkeit, aber mit einer Bitterkeit, die unschwer zu erkennen ist, und seitdem hat er keine Gelegenheit versäumt, mir in der Gesellschaft zu schaden und mich in seinen Werken indirect zu geißeln. So schwer ist es, die sehr reizbare Eigenliebe der Schriftsteller zu schonen, und so besorgt muß man sein, unter den Höflichkeiten, die man ihnen sagt, nichts vorzubringen, was auch nur den geringsten Schein der Zweideutigkeit haben könnte. 1759 Nach allen Seiten hin ruhig geworden, benutzte ich meine augenblickliche Muße und Unabhängigkeit, um meine Arbeiten schneller und planvoller fortzusetzen. Ich vollendete diesen Winter die Julie und schickte sie an Rey, der sie im folgenden Jahre drucken ließ. Diese Arbeit wurde jedoch noch durch eine kleine und sogar ziemlich unangenehme Störung unterbrochen. Ich erfuhr, daß man in der Oper eine neue Aufführung des »Dorfwahrsagers« vorbereitete. Erzürnt zu sehen, in wie anmaßender Weise diese Leute über mein Eigenthum verfügten, nahm ich die Denkschrift wieder auf, die ich Herrn von Argenson übersandt hatte und die unbeantwortet geblieben war, und nach einer abermaligen Ueberarbeitung ließ ich sie durch Herrn Sellon, den Genfer Residenten, mit einem Briefe, dessen Bestellung er übernehmen wollte, dem Herrn Grafen von Saint-Florentin überreichen, der Herrn von Argensons Nachfolger in der Leitung der Oper geworden war. Herr von Saint-Florentin verhieß Antwort, gab aber keine. Duclos, dem ich schrieb, was ich gethan hatte, nahm mit den »kleinen Geigern« darüber Rücksprache, die sich erboten, mir zwar nicht meine Oper, aber freien Eintritt zu geben, den ich nicht mehr benutzen konnte. Als ich sah, daß ich von keiner Seite her auf Gerechtigkeit zu hoffen hatte, kümmerte ich mich nicht mehr um diese Angelegenheit, und ohne auf meine Gründe zu antworten oder sie nur anzuhören, fuhr die Direction der Oper fort über den »Dorfwahrsager«, der unstreitig nur mir allein gehörte, Er gehört ihr in Folge eines neuen Uebereinkommens, welches sie ganz vor kurzem mit mir abgeschlossen hat. zu verfügen und aus ihm ihren Nutzen zu ziehen. Seitdem ich das Joch meiner Tyrannen abgeschüttelt hatte, führte ich ein ziemlich gleichmäßiges und friedliches Leben; des Reizes allzu leidenschaftlicher Liebesverhältnisse beraubt, war ich auch von dem Gewichte ihrer Fesseln frei. Ueberdrüssig der gönnerhaften Freunde, die durchaus über mein Schicksal verfügen und mich ihren angeblichen Wohlthaten wider meinen Willen unterwerfen wollten, war ich entschlossen, mich von nun an mit den Verbindungen des einfachsten Wohlwollens zu begnügen, die ohne die Freiheit zu beengen, die Annehmlichkeit des Lebens bilden und sich auf vollkommene Gleichheit gründen. Derartige hatte ich in so großer Menge, als ich bedurfte, um mich an den Lichtseiten des geselligen Verkehres zu erfreuen, ohne seine Abhängigkeit zu erdulden und sobald ich einen Versuch mit dieser Lebensweise gemacht hatte, fühlte ich, daß sie es war, die meinem Alter zusagte, um meine Tage, fern von Sturm, Zänkereien und Verfeindungen, in denen ich schon halb versunken gewesen, in Ruhe zu beschließen. Während, meines Aufenthaltes in der Eremitage und seit meiner Übersiedelung nach Montmorency hatte ich in meiner Nachbarschaft einige Bekanntschaften gemacht, die mir angenehm waren und keinen Zwang auferlegten. An ihrer Spitze befand sich der junge Loyseau von Mauléon, der damals zum ersten Male als Advocat auftrat und nicht ahnte, eine wie hervorragende Stellung ihm in seinem Berufe zu Theil werden würde. Ich zweifelte nicht wie er daran. Ich deutete ihm bald die glänzende Laufbahn an, die man ihn heut verfolgen sieht. Ich sagte ihm voraus, wenn er in der Wahl seiner Processe streng verführe und stets nur als der Vertheidiger der Gerechtigkeit und der Tugend aufträte, so würde sein Genie, durch dieses stolze Gefühl erhoben, dem der größten Redner gleichkommen. Er hat meinen Rath befolgt und seine Wirkung wahrgenommen. Seine Vertheidigung des Herrn von Portes ist eines Demosthenes würdig. Er brachte alle Jahre seine Ferien in dem eine Viertelstunde von der Eremitage in der Lehnsherrschaft von Mauléon gelegenen Dorfe Saint-Brice zu, welches seiner Mutter gehörte und wo einst der große Bossuet gewohnt hatte. Wahrlich ein Lehn, bei dem eine Aufeinanderfolge solcher Herren es dem Adel schwer machen würde, sich ihnen gegenüber zu behaupten. In demselben Dorfe Saint-Brice hatte ich den Buchhändler Guerin, einen geistreichen, wissenschaftlich gebildeten und liebenswürdigen Mann, der seine Standesgenossen weit überragte. Er verschaffte mir auch die Bekanntschaft mit Jean Réaulme, einem Amsterdamer Buchhändler, seinem Correspondenten und Freunde, der später den »Emil« druckte. Noch näher als Saint-Brice hatte ich Herrn Maltor, Pfarrer von Grosley, mehr zum Staatsmann und Minister als zum Dorfpfarrer geschaffen, dem man, wenn das Talent die Stellung bestimmte, mindestens die Leitung einer Diöcese übertragen hätte. Er war Secretär des Grafen Du Luc gewesen und hatte Jean Baptiste Rousseau sehr genau gekannt. In gleichem Grade voller Achtung für das Andenken dieses berühmten Verbannten wie voller Abscheu vor dem des Schurken Saurin, der alle Achtung verloren hatte, wußte er von beiden viele merkwürdige Anekdoten, die Seguy in die noch handschriftliche Lebensgeschichte des ersteren nicht aufgenommen hatte, und er gab mir die Versicherung, daß sich der Graf Du Luc nicht nur nicht je über ihn zu beklagen gehabt, sondern ihm sogar bis zum Ende seines Lebens die wärmste Freundschaft bewahrt hätte. Herr Maltor, dem Herr von Bintimille nach dem Tode seines Patrons diese ziemlich gute Pfründe gegeben hatte, war ehemals in vielen öffentlichen Angelegenheiten verwendet worden, deren er sich trotz seines Alters noch klar erinnerte und über die er sehr gut zu reden verstand. Sein eben so belehrendes wie unterhaltendes Gespräch verrieth keineswegs einen Dorfpfarrer; er vereinigte den Ton eines Weltmannes mit dem Wissen eines Stubengelehrten. Von allen länger in meiner Nähe wohnenden Nachbarn war er derjenige, dessen Gesellschaft mir die angenehmste war und von dem ich mit dem meisten Bedauern schied. In Montmorency hatte ich die Oratoristen und unter andern den Pater Berthier, Professor der Physik, dem ich mich trotz eines leichten Anstriches von Pedanterie wegen eines gewissen gutmüthigen Wesens, das ich an ihm wahrnahm, angeschlossen hatte. Ich hatte jedoch Mühe, diese große Einfachheit mit dem Hange und der Geschicklichkeit, die er besaß, sich überall bei den Großen, bei den Frauen, bei den Frommen, bei den Philosophen einzudrängen, in Einklang zu bringen. Er wußte jedem gerecht zu werden. Der Umgang mit ihm machte mir große Freude. Ich sprach mich darüber gegen jedermann aus, und augenscheinlich erfuhr er meine Worte wieder. Er sprach mir eines Tages mit einem eigenthümlichen Lächeln seinen Dank dafür aus, daß ich einen ehrlichen Menschen in ihm erkannt hätte. In seinem Lächeln fiel mir etwas Sardonisches auf, das seine Physiognomie in meinen Augen vollkommen änderte, und das seitdem oft wieder in meiner Erinnerung aufgetaucht ist. Ich kann dieses Lächeln nicht besser als mit dem des Panurge vergleichen, wie er von Dindenaut die Hammel kaufte. Unsere Bekanntschaft hatte bald nach meiner Ankunft in der Eremitage angefangen, wo er mich sehr häufig besuchte. Ich hatte mich bereits in Montmorency niedergelassen, als er die Gegend verließ, um wieder in Paris seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Er sah dort oft Frau Le Vasseur. Als ich eines Tages an nichts weniger dachte, theilte er mir in ihrem Auftrage brieflich mit, Herr Grimm hätte sich erboten, für ihren Unterhalt zu sorgen, und sie bäte mich um Erlaubnis, dieses Anerbieten anzunehmen. Ich vernahm, daß es in einer Pension von dreihundert Livres bestände, und daß Frau Le Vasseur in Deuil zwischen der Chevrette und Montmorency wohnen sollte. Ich will den Eindruck, den diese Nachricht auf mich ausübte, nicht beschreiben. Hätte Grimm zehntausend Livres Rente besessen oder in einem leichter zu begreifenden Verhältnisse zu dieser Frau gestanden, und hätte man es mir nicht als ein so großes Verbrechen angerechnet, sie auf das Land geführt zu haben, wohin es ihm jetzt gleichwohl gefiel, sie zurückzuführen, als ob sie sich seitdem verjüngt hätte, so wäre diese Nachricht weniger überraschend gewesen. Ich begriff, daß die biedre Alte die Erlaubnis, die sie im Falle meiner Weigerung gar nicht nöthig gehabt hätte, von mir nur verlangte, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, das zu verlieren, was ich ihr meinerseits gab. Obgleich mir diese Mildthätigkeit ganz außergewöhnlich schien, war sie mir damals doch nicht so auffallend, als sie es mir in der Folge war. Hätte ich jedoch alles gewußt, hinter das ich erst später gekommen bin, so hätte ich trotzdem meine Einwilligung gegeben, wie ich es wirklich that und zu thun gezwungen war, falls ich Herrn Grimms Anerbieten nicht überbieten wollte. Seitdem heilte mich der Pater Berthier ein wenig von dem Glauben an seine Gutmütigkeit, die ihm so spaßhaft vorgekommen war und die ich ihm so unbesonnener Weise angedichtet hatte. Dieser nämliche Pater Berthier hatte mit zwei Männern Bekanntschaft, die auch die meinige suchten, ich weiß nicht weshalb, da es zwischen ihren und meinen Neigungen sicherlich wenige Beziehungen gab. Es waren Kinder Melchisedechs, von denen man weder Heimat noch Abstammung kannte, ja wahrscheinlich auch den wahren Namen nicht. Sie waren Jansenisten und galten für verkleidete Priester, vielleicht wegen ihrer Lächerlichkeit, Raufdegen zu tragen, die sie nie ablegten. Die seltsame Geheimniskrämerei, die sich in ihrem ganzen Wesen verrieth, verlieh ihnen einen Anstrich von Parteihäuptern, und ich habe nie daran gezweifelt, daß sie die Herausgeber der Kirchenzeitung wären. Der eine, groß, gutmüthig, einschmeichelnd, nannte sich Herr Ferrand, der andere, klein, untersetzt, spöttisch, streitsüchtig, Herr Minard. Sie gaben sich für Vettern aus. In Paris wohnten sie mit d'Alembert bei seiner Amme, einer gewissen Frau Rousseau, und in Montmorency hatten sie eine kleine Wohnung genommen, um dort die Sommer zu verleben. Ihre Wirthschaft führten sie selbst ohne Diener und Dienstmann. Sie besorgten abwechselnd jeder eine Woche lang die Einkäufe, die Küchengeschäfte und das Kehren des Hauses. Uebrigens verhielten sie sich ziemlich gut; wir besuchten uns bisweilen gegenseitig zu Tische. Ich weiß nicht, weshalb sie sich um mich kümmerten; ich für meine Person kümmerte mich um sie nur, weil sie Schach spielten, und um zu einer kleinen armseligen Partie zu gelangen, hielt ich vier Stunden Langeweile aus. Da sie sich überall eindrängten und in alles mischen wollten, nannte sie Therese die Fraubasen, und dieser Name ist ihnen in Montmorency geblieben. Dies waren nebst meinem Wirthe, Herrn Mathas, der ein guter Mensch war, meine Hauptbekanntschaften auf dem Lande. In Paris blieben mir außer dem Kreise der Schriftsteller, aus dem ich nur den einzigen Duclos als Freund rechnen konnte, noch Bekanntschaften genug übrig, um dort, wenn ich wollte, angenehm zu leben. Deleyre war noch zu jung, und obgleich er sich, als er die Machinationen der philosophischen Sippschaft wider mich aus der Nähe gesehen, völlig von ihr getrennt hatte, oder ich es wenigstens so glaubte, so konnte ich doch nicht die Leichtigkeit vergessen, mit der er sich bei mir zum Sprachrohre aller dieser Beute gemacht hatte. Zunächst hatte ich meinen alten, achtungswerthen Freund Roguin. Er war ein Freund aus der guten Zeit, den ich nicht meinen Schriften, sondern mir selbst verdankte und mir aus diesem Grunde immer bewahrt habe. Ich hatte ferner den guten Lenieps, meinen Landsmann, und seine damals noch lebende Tochter, Frau Lambert. Ich hatte einen jungen Genfer, Namens Coindet, einen dem Anscheine nach guten Jungen, der gefällig, dienstfertig und zuvorkommend, aber auch unwissend und eingebildet, leckerhaft und gefallsüchtig war. Er hatte mich gleich im Anfange meines Aufenthalts auf der Eremitage besucht und sich bei mir, obgleich er sich ganz allein eingeführt, wider meinen Willen bald fest eingenistet. Er fand etwas Gefallen am Zeichnen und kannte die Künstler. Bei den Kupferstichen für die »Julie« war er mir nützlich; er übernahm die Besorgung der Zeichnungen und Platten, und entledigte sich dieses Auftrages sehr gut. Dann hatte ich das Haus des Herrn Dupin, das weniger glänzend als während der schönen Tage der Frau Dupin, durch die hervorragende Stellung der Herrschaft wie durch die Auswahl der sich dort zusammenfindenden Gesellschaft noch immer eines der besten Häuser von Paris war. Da ich niemanden den Vorzug vor ihnen gegeben und sie nur verlassen hatte, um frei zu leben, so war ich ihnen noch immer ein gern gesehener Freund und sicher, von Frau Dupin zu jeder Zeit wohl aufgenommen zu werden. Ich konnte sie sogar für eine meiner Nachbarinnen auf dem Lande ansehen, seit sie sich in Clichy eine Sommerwohnung eingerichtet hatten, wo ich mitunter einen oder zwei Tage zubrachte und mich auch noch öfter aufgehalten haben würde, wenn Frau Dupin und Frau Chenonceaux einträchtiger mit einander gelebt hätten. Aber die Schwierigkeit sich in demselben Hause unter zwei Frauen zu theilen, die nicht harmonirten, machte mir Clichy zu lästig. Mit Frau von Chenonceaux durch eine noch engere und vertrautere Freundschaft verbunden, hatte ich das Vergnügen, sie mit mehr Freiheit in Deuil zu sehen, wo sie fast vor meiner Thür ein Häuschen gemiethet hatte, und sogar in meiner eigenen Wohnung, da sie mich ziemlich häufig besuchte. Dazu hatte ich Frau von Créqui, die sich auf die Frömmigkeit verlegt und seitdem aufgehört hatte, die d'Alembert, die Marmontel und die Mehrzahl der Schriftsteller zu sehen, ausgenommen, wie ich glaube, den Abbé Trublet, der zu der damaligen Sorte von Scheinheiligen gehörte und ihr selber starke Langeweile einflößte. Ich für meine Person, den sie aufgesucht hatte, verlor weder ihr Wohlwollen noch den steten brieflichen Verkehr mit ihr. Als Neujahrsgeschenk sandte sie mir junge gemästete Hühner aus dem Mans und hatte sich vorgenommen, mich im folgenden Jahre zu besuchen, als eine Reise der Frau von Luxembourg die ihrige durchkreuzte. Ich kann nicht umhin, ihr hier eine besondere Stelle zu gewähren; in meinen Erinnerungen wird sie stets eine hervorragende einnehmen. Endlich hatte ich einen Freund, den ich, wenn ich von Roguin absehe, hätte obenan stellen müssen, meinen alten Collegen und Freund Carrio, einstigen Titularsecretär bei der spanischen Gesandtschaft in Venedig, später in Schweden, wo er als Geschäftsträger seines Hofes fungirte, und endlich zum wirklichen Gesandtschaftssecretär in Paris ernannt. Er überraschte mich in Montmorency, als ich es am wenigsten vermuthet hätte. Er war mit einem spanischen Orden geschmückt, dessen Namen ich vergessen habe und der die Form eines schönen mit Edelsteinen geschmückten Kreuzes hatte. Bei der Ahnenprobe genöthigt, seinem Namen »von Carrio« noch einen Buchstaben hinzuzufügen, ließ er sich jetzt »Ritter von Carrion« nennen. Er war noch immer derselbe, hatte noch immer dasselbe vortreffliche Herz und einen sich täglich liebenswürdiger entwickelnden Geist. Ich wäre mit ihm wieder in dasselbe vertraute Verhältnis getreten, wenn nicht Coindet, der sich nach seiner Gewohnheit zwischen uns drängte, meine Entfernung benutzt hätte, um sich an meiner Stelle und in meinem Namen sein Vertrauen zu erwerben und mich, in seinem Eifer mir zu dienen, zu verdrängen. Die Erinnerung an Herrn von Carrion ruft wieder die an einen meiner Nachbarn auf dem Lande in mir wach, dessen nicht zu erwähnen ein um so größeres Unrecht sein würde, da ich ein sehr unverantwortliches gegen ihn zu bekennen habe. Es war der redliche Herr Le Blond, der mir in Venedig Gefälligkeiten erwiesen und jetzt, wo er sich mit seiner Familie auf einer Reise in Frankreich befand, ein Landhaus in La Briche, nicht weit von Montmorency gemiethet hatte. Als ich dies voll meines alten und blinden Vertrauens schrieb, war ich gar weit davon entfernt, den wahren Grund und Zweck dieser Reise nach Paris zu ahnen. Sobald ich erfuhr, daß er mein Nachbar war, erfüllte Freude mein Herz und ich sah es mehr für ein Fest als für meine Pflicht an, ihm einen Besuch abzustatten. Gleich am folgenden Tage machte ich mich deshalb auf den Weg. Mir begegneten jedoch Leute, die mich selbst besuchen wollten, und mit denen ich umkehren mußte. Zwei Tage später breche ich abermals zu ihm auf; er war mit seiner ganzen Familie nach Paris zu einem Mittagsmahle eingeladen. Ein drittes Mal war er zu Hause; ich hörte Frauenstimmen und sah eine Kutsche vor der Thüre; das machte mir Angst. Das erste Mal wenigstens wollte ich ihn für mich allein haben und mit ihm von unsern alten Bekannten plaudern. Kurz, ich schob meinen Besuch so lange von einem Tag zum andern auf, bis mich die Scham, eine solche Pflicht so spät zu erfüllen, von ihrer Erfüllung gänzlich abhielt. Nachdem ich den Muth gehabt hatte, so lange zu säumen, hatte ich ihn nicht mehr, mich zu zeigen. Diese Vernachlässigung, über die Herr Le Blond nur mit Recht entrüstet sein mußte, verlieh meiner Trägheit in seinen Augen den Schein der Undankbarkeit; und gleichwohl fühlte ich mich im Herzen so wenig schuldig, daß mich Herr Le Blond, wenn ich ihm, selbst wider sein Wissen, irgend eine wahre Freude hätte bereiten können, dazu sicherlich nicht träge gefunden haben würde. Aber Lässigkeit, Säumnis und ewiges Aufschieben bei der Erfüllung kleiner Pflichten sind mir nachtheiliger gewesen als große Versehen. Meine schlimmsten Fehler sind Unterlassungsfehler gewesen. Was man nicht thun darf, habe ich selten gethan und leider noch seltener, was man thun muß. Da ich auf meine Bekanntschaften von Venedig her zurückgekommen bin, darf ich eine mit ihnen zusammenhängende nicht vergessen, die ich erst vor weit kürzerer Zeit als die übrigen abgebrochen hatte, nämlich die mit Herrn von Jonville, der mir seit seiner Rückkehr von Genua unaufhörlich viele Freundlichkeiten erwiesen hatte. Er kam gern mit mir zusammen, um mit mir von den italienischen Angelegenheiten und den Tollheiten des Herrn von Montaigu zu plaudern, von dessen Streichen er durch seine vielfachen Verbindungen mit dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten bereits allerlei wußte. Ich hatte das Vergnügen, bei ihm auch meinen alten Collegen Dupont wiederzusehen, der in seiner Provinz eine Anstellung gekauft hatte und durch seine Geschäfte mitunter nach Paris zurückgeführt wurde. Herr von Jonville wurde nach und nach so eifrig bestrebt, mich ganz in Beschlag zu nehmen, daß er damit lästig wurde, und obgleich wir in sehr entfernten Stadttheilen wohnten, gab es zwischen uns Zank, wenn ich eine ganze Woche vergehen ließ, ohne ihn zum Mittagsessen zu besuchen. So oft er nach Jonville ging, wollte er mich mitnehmen; nachdem ich aber einmal acht Tage, die mir sehr lang vorkamen, daselbst zugebracht hatte, verspürte ich kein Verlangen mehr, dorthin zurückzukehren. Herr von Jonville war sicherlich ein redlicher und zuvorkommender und in gewisser Hinsicht sogar liebenswürdiger Mann, aber er hatte wenig Geist; er war schön, ein halber Narciß und ziemlich langweilig. Er besaß eine sonderbare und vielleicht in der Welt einzig dastehende Sammlung, mit der er sich und auch seine Gäste viel beschäftigte, wenn sie sich auch bisweilen weniger daran ergötzten als er. Es war eine sehr vollständige Sammlung aller bei Hofe und in Paris seit länger als fünfzig Jahren aufgeführter Singspiele, in der man viele Anekdoten fand, die man anderswo vergeblich gesucht haben würde. Das waren allerdings für die Geschichte Frankreichs Denkwürdigkeiten, die man sich bei jeder andern Nation schwerlich zu sammeln in den Sinn kommen ließe. Mitten in unserm besten Einvernehmen empfing er mich eines Tages so kalt, so frostig, so wenig nach seiner sonstigen Weise, daß ich, nachdem ich ihm Gelegenheit dargeboten, sich zu erklären, und ihn sogar darum gebeten hatte, aus seinem Hause mit dem Entschlusse schied, den ich auch gehalten habe, es nie wieder zu betreten; denn man sieht mich nicht leicht da wieder, wo man mich einmal schlecht aufgenommen hat, und hier war kein Diderot vorhanden, der Herrn von Jonville's Verteidigung übernahm. Vergeblich zerbrach ich mir den Kopf, welches Unrecht ich ihm zugefügt haben konnte; ich fand nichts. Ich war sicher, von ihm und den Seinigen nur in der ehrenvollsten Weise geredet zu haben, denn ich war ihm aufrichtig zugethan, und abgesehen davon, daß ich von ihm nur Gutes zu sagen hatte, ist es stets mein unverbrüchlichster Grundsatz gewesen, von den Häusern, die ich besuchte, nur mit Achtung zu reden. Reifliches Nachdenken brachte mich endlich auf folgende Vermuthung. Das letzte Mal, wo wir uns gesehen, hatte er mich mit zwei oder drei Beamten aus dem Ministerium der öffentlichen Angelegenheiten, sehr liebenswürdigen Leuten, die weder das Aussehen noch die Sprache von Wüstlingen hatten, eingeladen, mit ihm bei Mädchen seiner Bekanntschaft zur Nacht zu speisen, und ich kann schwören, daß der Abend meinerseits unter ziemlich traurigen Betrachtungen über das unglückliche Loos dieser Geschöpfe verlief. Weil Herr von Jonville das Abendessen uns zu Ehren veranstaltet hatte, bezahlte ich meinen Antheil an der Zeche nicht, und gab diesen Mädchen nichts, weil ich mir nicht bei ihnen durch das Anerbieten eines Geschenkes denselben Lohn wie bei der Paduana verdienen wollte. Wir trennten uns alle ziemlich heiter und im besten Einvernehmen. Ohne zu diesen Mädchen zurückgekehrt zu sein, ging ich drei oder vier Tage später zu Herrn von Jonville, den ich seitdem nicht wiedergesehen und der mir den erwähnten Empfang bereitete, zum Mittagsessen. Da ich mir keinen anderen Grund als ein auf jenes Abendessen bezügliches Mißverständnis denken konnte und bemerkte, daß er sich nicht erklären wollte, so hörte ich kurz entschlossen auf, ihn ferner zu besuchen, aber ich fuhr fort ihm meine Werke zu schicken. Er ließ mich oft grüßen, und als ich ihn einst im Foyer des Schauspielhauses traf, machte er mir über das Aufhören meiner Besuche freundliche Vorwürfe, die mich trotzdem nicht zu ihm zurückführten. So hatte diese Sache mehr den Anschein des Schmollens als eines festen Bruches. Da ich ihn indessen seitdem weder wiedergesehen noch von ihm etwas vernommen hatte, wäre es nach einem mehrjährigen Fernbleiben zu spät gewesen, zu ihm zurückzukehren. Deshalb führe ich Herrn von Jonville hier nicht in meiner Liste auf, obgleich ich sein Haus ziemlich lange besucht hatte. Ich werde diese Liste auch nicht mit vielen andren, weniger vertrauten Bekanntschaften oder mit solchen vergrößern, die in Folge meiner Abwesenheit ihren freundschaftlichen Charakter verloren hatten, obgleich ich diese Bekannten mitunter sowohl bei mir wie auch bei meinen Nachbarn sah, zum Beispiel die Abbés von Condillac, von Mably, die Herren von Mairan, von Lalive, von Boispelou, Watelet, Ancelet und andere, die aufzuführen zu weitläuftig wäre. Ich erwähne auch nur flüchtig meine Bekanntschaft mit Herrn von Margency, einem Hofcavaliere, früheren Mitgliede der Holbachschen Sippschaft, die er gleich mir verlassen, und alten Freunde der Frau von Epinay, von der er sich wie ich getrennt hatte. Eben so will ich mich nicht aufhalten bei meiner Bekanntschaft mit seinem Freunde Desmachis, dem berühmten, aber bald vergessenen Verfasser des Lustspiels »Der Alberne«. Ersterer war auf dem Lande mein Nachbar, da sein Gut Margency in der Nähe von Montmorency lag. Wir waren alte Bekannte; aber die Nachbarschaft und eine gewisse Übereinstimmung unserer Erfahrungen brachten uns noch näher. Letzterer starb kurz darauf. Er besaß Talent und Geist, war aber halb und halb das Original zu seinem Lustspiel, nämlich ein halber Geck den Frauen gegenüber und deshalb von ihnen nicht übertrieben betrauert. Dagegen darf ich einen neuen Briefwechsel aus jener Zeit nicht übergehen, der den Rest meines Lebens allzu sehr beeinflußt hat, als daß ich außer Acht lassen könnte, den Anfang desselben anzugeben. Es handelt sich um Herrn Lamoignon von Malesherbes, ersten Präsidenten der Cour des Aides , damals mit der Leitung der Preß-Angelegenheiten beauftragt, welches Geschäft er mit eben so großer Kenntnis wie Milde und zur großen Genugthuung der Schriftsteller besorgte. Ich hatte ihn in Paris nicht ein einziges Mal besucht, indessen hatte ich von ihm, was die Censur anlangt, die verbindlichsten Gefälligkeiten erfahren, und ich wußte, daß er die, welche gegen mich schrieben, bei mehr als einer Gelegenheit, sehr übel behandelt hatte. Neue Beweise seiner Güte erhielt ich bei dem Drucke der »Julie«, denn da die Beförderung der Druckbogen von Amsterdam bis Paris durch die Post sehr theuer war, so gestattete er, daß sie an ihn, der Portofreiheit besaß, adressirt wurden, und sandte sie mir dann unter dem Siegel seines Vaters, des Kanzlers, gleichfalls portofrei zu. Als das Werk gedruckt war, erlaubte er darauf im Königreiche nur den Verkauf einer Ausgabe, die er wider meinen Willen zu meinem Nutzen besorgt hatte. Da dieser Nutzen meinerseits ein gegen Rey, dem ich mein Werk in Verlag gegeben hatte, begangener Diebstahl gewesen wäre, so wollte ich das mir dafür bestimmte Geschenk nicht allein nicht ohne dessen Einwilligung, die er mir sehr großmüthig ertheilte, annehmen, sondern wollte auch die hundert Pistolen, auf welche sich dieses Geschenk belief, mit ihm theilen, ohne ihn jedoch zur Annahme bewegen zu können. Für diese hundert Pistolen hatte ich die Unannehmlichkeit, auf die mich Herr von Malesherbes nicht aufmerksam gemacht hatte, mein Werk entsetzlich verstümmelt und den Verkauf der guten Ausgabe verhindert zu sehen, bis die schlechte abgesetzt war. Ich habe Herrn von Malesherbes stets als einen Mann von erprobter Rechtschaffenheit betrachtet. Nie hat mich etwas von dem, was mir begegnet ist, auch nur einen Augenblick an seiner Redlichkeit zweifeln lassen; allein eben so schwach wie redlich schadet er bisweilen den Leuten, an denen er doch Theil nimmt, durch das Bestreben, sie zu schützen. Nicht allein ließ er in der Pariser Ausgabe mehr als hundert Seiten fort, sondern er nahm auch in dem Exemplare der guten Ausgabe, welches er der Frau von Pompadour sandte, eine Aenderung vor, welche man mit dem Namen Treulosigkeit bezeichnen könnte. In irgend einer Stelle dieses Werkes heißt es, die Frau eines Köhlers sei achtungswerther als die Geliebte eines Fürsten. Diesen Satz hatte ich in dem Eifer der Ausarbeitung niedergeschrieben ohne irgend eine Anspielung, das beschwöre ich. Als ich meine Arbeit noch einmal durchlas, sah ich ein, daß man jene Stelle für eine Anspielung halten würde. Trotzdem wollte ich diese Stelle nicht streichen. Ich ließ mich nämlich von dem sehr unklugen Grundsatze leiten, aus Rücksicht auf Anspielungen, die man etwa entdecken könnte, nichts fortzulassen, sobald mir mein Gewissen das Zeugnis gab, daß mir eine solche beim Niederschreiben ferne lag. Ich begnügte mich deshalb damit, das Wort »König«, das ich anfangs gewählt, mit dem Worte »Fürst« zu vertauschen. Diese Abschwächung schien Herrn von Malesherbes nicht genügend. Er entfernte den ganzen Satz dadurch, daß er das Blatt, auf dem er stand, herausnehmen und ein anderes, besonders dazu gedrucktes in das Exemplar der Frau von Pompadour so sauber wie möglich kleben ließ. Diesen Streich erfuhr sie recht wohl; es fanden sich ehrliche Seelen, die sie davon in Kenntnis setzten. Ich für meine Person erfuhr es erst lange nachher, als ich schon die Folgen davon zu empfinden begann. Liegt hierin nicht vielleicht auch der erste Ursprung des heimlichen, aber unversöhnlichen Hasses einer andren Dame, die sich in einer ähnlichen Lage befand, Die Gräfin von Boufflers, Geliebte des Prinzen Conti. ohne daß ich etwas davon wußte, oder sie selbst auch nur kannte, als ich jene Stelle schrieb? Beim Erscheinen des Buches war die Bekanntschaft indessen gemacht, und ich wurde deshalb sehr unruhig. Ich sagte es dem Chevalier von Lorenci, der mich auslachte und mir die Versicherung gab, diese Dame fühlte sich dadurch so wenig beleidigt, daß sie nicht einmal darauf Acht gegeben hätte. Ich glaubte es, vielleicht ein wenig leichtsinnig erweise und beruhigte mich sehr zur Unzeit. Beim Beginn des Winters erhielt ich ein neues Zeichen der Güte des Herrn von Malesherbes, für das ich sehr dankbar war, wenn ich es auch nicht für gerathen hielt, seine Güte zu benutzen. Bei dem Journal des Savants war eine Stelle erledigt. Margency schrieb an mich, um sie mir anzubieten, als ginge der Gedanke von ihm selber aus. Aber ich konnte aus der Fassung seines Briefes (Heft C, Nr. 33) leicht ersehen, daß er dazu beauftragt und bevollmächtigt war, und er selbst deutete mir später an (Heft C, Nr. 47), daß ihm der Auftrag zu Theil geworden war, mir dieses Anerbieten zu machen. Die Arbeit, die diese Stelle erforderte, war unbedeutend. Es handelte sich nur um zwei Auszüge monatlich, zu denen man mir die nöthigen Bücher bringen würde, ohne daß ich je zu einer Reise nach Paris genöthigt wäre, nicht einmal um der Behörde einen Dankbesuch abzustatten. Ich trat dadurch in einen Kreis der begabtesten Schriftsteller, der Herren von Mairan, Clairaut, von Guignes und des Abbés Barthélemy, von denen ich schon mit den beiden ersten Bekanntschaft gemacht hatte, während ich mir von der mit den beiden andern nur Gutes versprechen konnte. Endlich gab es für eine so wenig mühevolle Arbeit, die ich so bequem zuverrichten im Stande war, ein für diese Stelle ausgeworfenes Honorar von achthundert Franken. Ich überlegte einige Stunden, ehe ich mich entschied, und ich kann schwören, daß es nur aus Furcht geschah, Margency zu kränken und Herrn von Malesherbes zu mißfallen. Aber der unerträgliche Zwang, nicht, wenn es mir paßte, arbeiten zu können, sondern von der Zeit abzuhängen, und weit mehr noch die Gewißheit, die Aufgaben, die ich übernehmen mußte, schlecht zu erfüllen, trugen endlich den Sieg über alles davon und brachten mich zu dem Entschluß, eine Stelle abzulehnen, für die ich nicht geeignet war. Ich wußte, daß mein ganzes Talent seine Quelle in einer gewissen Begeisterung für die von mir zu behandelnden Stoffe hatte, und daß nur die Liebe zum Großen, Wahren und Schönen meinem Geist Leben einhauchen konnte. Und was hätte mich der Inhalt der meisten Bücher, von denen ich hätte einen Auszug machen müssen, und die Bücher selber gekümmert? Meine Gleichgültigkeit für die Sache hätte meiner Feder die Kraft und meinem Geiste alles Wissen genommen. Man wähnte, ich könnte wie alle andere Schriftsteller handwerksmäßig schreiben, während ich stets nur in leidenschaftlicher Erregung schreiben konnte. Diese aber hatte das » Journal des Savants « sicherlich nicht nöthig. Ich schrieb deshalb an Margency einen mit aller nur möglichen Höflichkeit abgefaßten Dankbrief, in dem ich ihm meine Gründe so ausführlich angab, daß weder er noch Herr von Malesherbes glauben konnten, bei meiner Ablehnung hätte üble Laune oder Stolz mitgewirkt. Auch billigten sie sie beide, ohne mir ein weniger freundliches Gesicht zu machen, und es wurde bei dieser Angelegenheit das Geheimnis so gut bewahrt, daß auch nicht das Geringste davon in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Dieser Vorschlag kam nicht im günstigen Augenblicke, um ihn mir annehmbar zu machen, denn seit einiger Zeit wurde in mir der Entschluß immer fester, die Literatur und namentlich die Schriftstellern gänzlich fallen zu lassen. Alles, was mir begegnet war, hatte mich mit einer tiefen Abneigung gegen die Schriftsteller erfüllt, und ich hatte erfahren, daß es unmöglich war, dieselbe Laufbahn zu verfolgen, ohne mit ihnen in irgend eine Verbindung zu gerathen. Dieselbe Abneigung fühlte ich gegen die Weltleute und im allgemeinen gegen das Doppelleben, das ich bisher geführt hatte, wobei ich halb mir, halb Gesellschaftskreisen angehörte, für welche ich nicht geschaffen war. Ich fühlte mehr als je und zwar durch eine stete Erfahrung, daß jede ungleichmäßige Vereinigung der schwächeren Partei stets nachtheilig ist. Indem ich mit reichen Leuten aus einem andern Stande als dem von mir erwählten lebte, war ich, ohne ein Haus wie sie zu machen, doch gezwungen, sie in vielen Stücken nachzuahmen, und kleine Ausgaben, die für sie nichts waren, waren für mich eben so unvermeidlich wie ruinirend. Geht ein anderer zum Besuche in ein Landhaus, so wird er bei Tafel wie in seinem Zimmer von seinem eigenen Lakaien bedient; er läßt sich alles, was er bedarf, holen. Da er mit den Leuten des Hauswesens nicht unmittelbar verkehrt, ja sie nicht einmal sieht, giebt er ihnen nur Trinkgelder, wann und wie es ihm gefällt. Ich dagegen, allein, ohne Diener, war von der Gnade der Leute des Hauses abhängig, deren Geneigtheit ich mir notwendigerweise erwerben mußte, wenn ich nicht viel dulden wollte, und wurde ich von ihnen wie ihr Herr behandelt, so mußte auch ich die Leute wie er behandeln, und für sie sogar mehr als ein anderer thun, weil ich sie wirklich weit mehr nöthig hatte. Giebt es wenig Dienstleute, läßt man sich das noch gefallen, aber in den Häusern, die ich besuchte, gab es ihrer viele, alle sehr aufgeblasen, sehr listig und, wo es ihr Vortheil verlangte, sehr flink, und die Schufte verstanden es so einzurichten, daß ich nach und nach aller bedurfte. Die Pariser Frauen, die so viel Geist besitzen, haben über diesen Punkt keine richtige Vorstellung, und trotz ihres Wunsches, meine Börse zu schonen, richteten sie mich zu Grunde. Wenn ich in Paris etwas entfernt von meiner Wohnung zu Abend aß, gestattete die Frau des Hauses nicht, daß ich mir einen Fiaker holen ließ, sondern ließ anspannen, um mich zurückzufahren. Sie fühlte sich höchst glücklich, mir vierundzwanzig Sous für den Fiaker zu ersparen; an den Thaler, den ich dem Lakaien und dem Kutscher gab, dachte sie gar nicht. Eine Frau schrieb an mich nach der Eremitage oder nach Montmorency; aus Bedauern über die vier Sous Porto, die mir ihr Brief gekostet hätte, sandte sie ihn mir durch einen ihrer Leute, der in Schweiß gebadet zu Fuß anlangte, und dem ich zu essen und einen Thaler gab, den er wahrlich wohl verdient hatte. Schlug sie mir vor, acht oder vierzehn Tage auf ihrem Landgute bei ihr zuzubringen, so sagte sie sich: »Es wird für diesen armen Burschen immer eine Ersparnis sein; während dieser Zeit wird ihm sein Unterhalt nichts kosten.« Sie dachte nicht daran, daß ich während dieser Zeit auch nicht arbeitete, daß mein Haushalt und die Ausgaben für Miethe, Wäsche und Kleidung trotzdem fortgingen, daß ich meinen Barbier doppelt bezahlte und bei ihr mehr Kosten hatte, als bei mir. Obgleich ich meine kleinen Spenden auf die Häuser beschränkte, in denen ich am meisten zu verkehren Pflegte, so waren sie mir dennoch verderblich. Ich kann versichern, daß ich bei Frau von Houdetot in Eaubonne, wo ich nur vier- oder fünfmal übernachtete, bestimmt fünfundzwanzig Thaler und in Epinay wie auf der Chevrette während der fünf oder sechs Jahre, in denen ich mich dort am meisten aufhielt, mehr als hundert Pistolen ausgegeben habe. Für einen Mann meines Charakters, der sich mit nichts zu versehen, auf keine Mittel zu sinnen und den Anblick keines mürrischen Dieners, welcher beim Aufwarten ein verdrießliches Gesicht macht, zu ertragen weiß, sind diese Ausgaben unvermeidlich. Sogar bei Frau Dupin, wo ich zum Hause gehörte und den Dienstleuten tausenderlei Gefälligkeiten erwies, habe ich ihre Dienste nur gegen eine Geldentschädigung angenommen. Später habe ich diese kleinen Freigebigkeiten, die mir meine Lage nicht mehr gestattete, endlich ganz aufgeben müssen, und nun hat man mich noch härter den Uebelstand empfinden lassen, mit Leuten eines andern Standes zu verkehren. Hätte mir dieses Leben noch behagt, so würde ich mich über eine zwar drückende, aber doch zu meinem Vergnügen dienende Ausgabe getröstet haben; aber sich zu ruiniren, um sich zu langweilen, war doch zu unerträglich, und ich hatte die Last dieser Lebensweise so sehr empfunden, daß ich die augenblickliche Freiheit, in der ich mich befand, benutzte und entschlossen war, sie mir auch fernerhin zu bewahren, dem Leben in der großen Welt, der Schriftstellern und jedem literarischen Verkehre völlig zu entsagen und mich für den Rest meiner Tage auf den engen und friedlichen Kreis zu beschränken, für den ich mich geboren fühlte. Der Ertrag des »Briefes an d'Alembert« und der »Neuen Heloise« hatte meine Finanzen, die auf der Eremitage sehr abgenommen hatten, ein wenig gebessert. Ich sah mich im Besitze von ungefähr tausend Thalern. Der »Emil«, an dessen Ausarbeitung ich mich nach Vollendung der »Heloise« ernstlich gemacht hatte, war sehr vorgeschritten und sein Ertrag mußte diese Summe wenigstens verdoppeln. Ich beabsichtigte, diese Gelder so anzulegen, daß ich mir daraus auf Lebenszeit eine kleine Rente verschaffte, die im Verein mit meinen Einnahmen aus dem Notenabschreiben für meinen Unterhalt hinreichte, ohne daß ich noch zu schreiben brauchte. Ich arbeitete noch an zwei Werken. Das erste führte den Titel »Politische Einrichtungen«. Ich prüfte den Fortschritt dieses Buches und erkannte, daß es noch mehrjährige Arbeit verlangte. Ich hatte nicht den Muth, es fortzusetzen und bis zu seiner Vollendung mit der Ausführung meines Entschlusses zu warten. So entschloß ich mich denn, indem ich auf dieses Werk verzichtete, alles, was sich von ihm trennen ließe, herauszuziehen und das Uebrige dann zu verbrennen, und da ich diese Arbeit, ohne die am »Emil« zu unterbrechen, mit Eifer betrieb, legte ich in weniger als zwei Jahren die letzte Hand an den » Contrat social «. Uebrig blieb mir noch das »Wörterbuch der Musik«. Dies war eine handwerksmäßige Arbeit, die zu jeder Zeit ausgeführt werden konnte und für mich nur ein pecuniäres Interesse hatte. Ich behielt mir vor, sie nach meinem Gefallen aufzugeben oder zu vollenden, je nachdem meine übrigen vereinten Hilfsquellen sie mir nothwendig oder überflüssig machen würden. Was die »Sensitive Moral« anging, von der ich erst einen flüchtigen Entwurf niedergeschrieben hatte, so gab ich sie ganz auf. Da meine letzte Absicht war, wenn ich das Abschreiben völlig entbehren konnte, Paris, wo mir das Zuströmen von Besuchern den Unterhalt kostspielig machte und mir die Zeit für ihn zu sorgen raubte, zu verlassen, so behielt ich mir, um der Langeweile in meiner Zurückgezogenheit vorzubeugen, in die ein Schriftsteller, sobald er die Feder bei Seite gelegt hat, versinken soll, eine Beschäftigung vor, welche die Leere meiner Einsamkeit ausfüllen konnte, ohne mich ferner der Versuchung auszusetzen, noch bei Lebzeiten etwas drucken zu lassen. Ich weiß nicht, weshalb mich Rey schon seit langer Zeit drängte, die Denkwürdigkeiten meines Lebens zu schreiben. Obgleich es bisher durch das Thatsächliche nicht sehr interessant war, so fühlte ich, daß es das durch die Offenheit, mit der ich dabei vorzugehen fähig war, werden konnte, und ich beschloß daraus ein durch eine beispiellose Wahrhaftigkeit einziges Werk zu machen, damit man wenigstens einmal einen Menschen so sehen könnte, wie er in seinem Innern war. Ich habe stets über Montaigus falsche Naivetät gelacht, der, während er sich den Anschein giebt, seine Fehler einzugestehen, doch große Sorge aufwendet, sich nur liebenswürdige beizulegen; während ich, der ich mich in allem genommen stets für den besten der Menschen gehalten habe und noch immer dafür halte, erkannte, daß es kein menschliches Innere giebt, welches nicht, so rein es auch sein möge, irgend ein widriges Laster in sich schließe. Ich wußte, daß man mich der Welt unter der Beilegung von Zügen schilderte, die den meinigen so wenig glichen und mitunter so häßlich waren, daß ich trotz des Schlechten, das ich nicht verschweigen wollte, nur dabei gewinnen konnte, mich so zu zeigen, wie ich war. Da sich dies übrigens nicht thun ließ, ohne auch andere Leute so zu zeigen, wie sie wirklich waren, und dieses Werk folglich erst nach meinem und vieler anderer Tode erscheinen konnte, so ermuthigte mich dies noch mehr, meine Bekenntnisse abzulegen, über die ich vor niemandem je würde zu erröthen brauchen. Ich beschloß demnach, meine Muße dazu anzuwenden, dieses Unternehmen gut auszuführen, und machte mich darüber her, die Briefe und Papiere zu sammeln, welche meine Erinnerung dabei leiten oder wach rufen konnten, wobei ich alles, was ich bis dahin zerrissen, verbrannt und verloren hatte, sehr vermißte. Dieser Plan einer unbedingten Zurückgezogenheit, einer der verständigsten, den ich je gefaßt hatte, füllte meine ganze Seele, und schon arbeitete ich an seiner Ausführung, als der Himmel, der mir ein anderes Schicksal vorbereitete, mich in einen neuen Strudel stürzte. Montmorency, dieses alte und schöne Erbgut des erlauchten Hauses gleichen Namens, gehört ihm seit der Confiscation nicht mehr. Es ist durch die Schwester des Herzogs Heinrich auf das Haus Condé übergegangen, das den Namen Montmorency in Enghien verwandelt hat; und dieses Herzogthum besitzt kein anderes Schloß mehr als einen alten Thurm, der die Archive enthält und in dem man die Huldigung der Vasallen empfängt. Dagegen sieht man in Montmorency oder Enghien ein von Croisat, mit dem Beinamen »der Arme« gebautes Privathaus, welches, da es sich an Pracht mit den stolzesten Schlössern messen kann, diesen Namen verdient und führt. Der Bewunderung erregende Anblick dieses schönen Gebäudes, die Terrasse, auf der es errichtet ist, die Aussicht von demselben, die vielleicht einzig in der Welt ist, der geräumige, von einem der berühmtesten Künstler gemalte Saal, sein von dem gefeierten Le Nostre angelegter Garten, alles dies bildet ein Ganzes, dessen in die Augen fallende Pracht doch etwas eigenthümlich Einfaches hat, was die Bewunderung erhält und ihr Dauer verleiht. Der Marschall und Herzog von Luxembourg, der dieses Haus damals besaß, kam alle Jahre in diese Gegend, in der seine Väter einst die Herren waren, um zweimal daselbst fünf oder sechs Wochen als einfacher Bewohner zuzubringen, aber freilich mit einem Glanze, der gegen die alte Herrlichkeit seines Hauses nicht zurücktrat. Bei dem ersten Aufenthalte, den der Marschall nach meiner Uebersiedelung nach Montmorency daselbst nahm, sandte er und seine Gemahlin einen Kammerdiener, um mich grüßen zu lassen und einzuladen, bei ihnen, so oft es mir angenehm wäre, zu Abend zu essen. So oft sie wiederkamen, verabsäumten sie nicht, denselben Gruß und dieselbe Einladung zu wiederholen. Dies erinnerte mich an Frau von Benzenval, die Willens gewesen war, mich mit dem Dienstpersonal essen zu lassen. Die Zeiten hatten sich geändert, ich aber war der nämliche geblieben. Ich wollte nicht, daß man mich an den Tisch der Leute verwies, und kümmerte mich wenig um die Tafel der Großen. Es wäre mir lieber gewesen, sie hätten mich für das genommen, was ich war, ohne mich zu feiern und zu demüthigen. Ich antwortete auf die Freundlichkeiten des Herrn und der Frau von Luxembourg höflich und ehrerbietig, aber ich nahm ihr Anerbieten nicht an, und da mich sowohl mein leidender Zustand wie meine Schüchternheit und meine Verlegenheit beim Sprechen bei dem bloßen Gedanken, mich in einer Versammlung von Hofleuten zu zeigen, mit Angst erfüllte, so ging ich nicht einmal auf das Schloß, um einen Dankbesuch abzustatten, obgleich ich deutlich einsah, daß man dies wünschte, und diese ganze Freundlichkeit eher in Neugier als in Wohlwollen seine Quelle hatte. Dieses Entgegenkommen hörte jedoch nicht auf, sondern nahm sogar noch zu. Die Frau Gräfin von Boufflers, die mit der Frau Marschall sehr befreundet war, ließ sich, sobald sie in Montmorency angekommen, nach mir erkundigen und bat um Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete, wie es mir zukam, blieb aber unerschütterlich. Als der Marschall zu Ostern des folgenden Jahres 1759 wieder in Montmorency verweilte, besuchte mich mehrmals der Chevalier von Lorenzi, der zum Hofstaate des Prinzen von Conti und zur Gesellschaft der Frau von Luxembourg gehörte; wir machten Bekanntschaft; er drängte mich, auf das Schloß zu gehen; ich that es nicht. Eines Nachmittags, als ich an nichts weniger dachte, sah ich endlich den Herrn Marschall von Luxembourg von fünf oder sechs Personen gefolgt, anlangen. Nun gab es keine Ausflucht mehr, und ich konnte, wollte ich mir nicht den Vorwurf der Anmaßung und Unhöflichkeit zuziehen, nicht umhin, seinen Besuch zu erwidern, und der Frau Marschall, in deren Namen er mir die größten Verbindlichkeiten gesagt hatte, meine Aufwartung zu machen. So begann unter Unglück verheißenden Auspicien eine Verbindung, deren ich mich nicht länger erwehren konnte, die mich aber eine nur zu wohl gegründete Ahnung fürchten ließ, bis ich hineingezogen war. Ich fürchtete mich vor Frau von Luxembourg im höchsten Grade. Ich wußte, daß sie liebenswürdig war. Ich hatte sie vor zehn oder zwölf Jahren, als sie Herzogin von Boufflers war und noch in ihrer frischesten Schönheit glänzte, im Theater und bei Frau Dupin gesehen. Allein sie galt für boshaft, und bei einer so großen Dame machte mich dieser Ruf zittern. Kaum hatte ich sie gesehen, als ich schon unterjocht war. Ich fand sie reizend, von jenem Reize, der der Zeit widersteht und am meisten dazu angethan ist, auf mein Herz zu wirken. Ich hatte mich bei ihr auf eine büßende, mit Spöttereien gewürzte Unterhaltung gefaßt gemacht. Das war sie nicht, sie war etwas weit Besseres. Das Gespräch der Frau von Luxembourg sprühet nicht Geist; es sind nicht witzige Einfälle, nicht einmal im eigentlichen Sinne besondere Feinheiten, aber eine ungemeine Zartheit, die nie blendet und doch stets gefällt. Ihre Schmeicheleien sind um so berauschender, je einfacher sie sind; man sollte meinen, daß sie ihr unwillkürlich entschlüpften, und daß sich ihr Herz nur deshalb ergösse, weil es zu voll ist. Schon beim ersten Besuche glaubte ich zu gewahren, daß ich ihr trotz meines linkischen Wesens und meiner unbeholfenen Redeweise nicht mißfiele. Alle Frauen vom Hofe wissen euch, sobald sie es wollen, dies zu verstehen zu geben, ob es nun wahr ist oder nicht, aber sie verstehen nicht alle wie Frau von Luxembourg euch diese Ueberzeugung so angenehm zu machen, daß man es sich nicht mehr in den Sinn kommen läßt, daran zweifeln zu wollen. Vom ersten Tage an würde mein Vertrauen zu ihr eben so vollkommen gewesen sein, wie es binnen kurzem wurde, hätte es sich nicht Frau Herzogin von Montmorency, ihre Schwiegertochter, eine ziemlich boshafte und, wie ich glaube, ein wenig streitsüchtige Närrin, einfallen lassen, mit mir immerfort anzubinden und hätte sie nicht trotz aller Zuvorkommenheiten ihrer Mama und ihrer eigenen heuchlerischen Schmeicheleien den Verdacht in mir erweckt, ob man sich nicht etwa doch über mich lustig machte. Ich hätte mich über diese Befürchtung im Verkehre mit den beiden Damen vielleicht schwer beruhigt, wenn mir nicht die ungemeine Güte des Herrn Marschalls dafür gebürgt hätte, daß auch die ihrige ernstlich gemeint wäre. In Anbetracht meines schüchternen Charakters war nichts überraschender als die Geschwindigkeit, mit der ich ihn in Bezug auf den Fuß von Gleichheit, auf den er sich mit mir stellen wollte, beim Worte nahm, wenn es nicht etwa die Geschwindigkeit war, mit der er selbst mich wegen der unbeschränkten Unabhängigkeit, in der ich leben wollte, beim Worte nahm. Beide überzeugt, daß ich Grund hatte, mit meiner Lage zufrieden zu sein und keine Aenderung derselben zu wünschen, schien weder er noch Frau von Luxembourg sich auch nur einen Augenblick um meine Börse oder mein Vermögen kümmern zu wollen. Obgleich ich an dem innigen Antheil, den sie beide an mir nahmen, nicht zweifeln konnte, haben sie mir nie eine Stelle vorgeschlagen oder ihren Einfluß angeboten, wenn nicht etwa ein einziges Mal, wo Frau von Luxembourg meinen Eintritt in die französische Akademie zu wünschen schien. Ich berief mich auf meine Religion. Sie erklärte mir, in ihr läge kein Hindernis oder sie wollte sich wenigstens verpflichten, es zu heben. Ich erwiderte, eine wie große Ehre es auch für mich wäre, Mitglied einer so erlauchten Körperschaft zu werden, so könnte ich doch füglich in keine mehr eintreten, nachdem ich es Herrn von Tressan und gewissermaßen dem Könige von Polen abgeschlagen hätte, in die Akademie von Nancy einzutreten. Frau von Luxembourg bestand nicht darauf, und es wurde nicht mehr davon gesprochen. Diese Einfachheit des Umganges mit so hohen Herrschaften, die bei der wohlverdienten innigen Freundschaft des Königs für Herrn von Luxembourg alles für mich zu thun im Stande waren, sticht eigentümlich gegen die fortwährenden, eben so lästigen wie eifrigen Bemühungen der gönnerhaften Freunde ab, von denen ich mich eben getrennt hatte, und die weniger darauf ausgegangen waren, mir zu dienen als mich zu demüthigen. Als der Marschall zu mir nach Mont-Louis zum Besuch gekommen war, hatte ich ihn und sein Gefolge nicht ohne Besorgnis in meinem einzigen Zimmer empfangen, nicht weil ich gezwungen war, ihn zwischen meinen schmutzigen Tassen und zerbrochenen Töpfen Platz nehmen zu lassen, sondern weil mein verfaulter Fußboden in Stücke zerfiel, und ich befürchtete, daß das Gewicht seines Gefolges ihn ganz zertrümmern würde. Weniger mit meiner eigenen Gefahr als mit der beschäftigt, welcher sich dieser gute Herr durch seine Freundlichkeit ausgesetzt sah, beeilte ich mich, ihn ihr dadurch zu entreißen, daß ich ihn trotz der noch immer anhaltenden Kälte in meinen ganz offenen und kaminlosen Thurm führte. Als er darin war, theilte ich ihm den Grund mit, der mich genöthigt hatte, ihn dorthin zu bringen. Er erzählte ihn der Frau Marschall wieder, und beide drängten in mich, bis mein Zimmer neu gedielt wäre, eine Wohnung im Schlosse oder, wenn mir das lieber wäre, in einem abgelegenen Gebäude anzunehmen, das mitten im Parke lag und das »kleine Schloß« genannt wurde. Diese zauberhaft schöne Wohnung verdient eine Schilderung. Der Park oder Garten von Montmorency ist nicht eben wie der der Chevrette. Er ist hügelig, Anhöhen und Senkungen wechseln mit einander, die der geschickte Künstler benutzt hat, um in die Baumgruppen, Zieranlagen, Wasserkünste und Aussichtspunkte Abwechselung zu bringen und einen an sich ziemlich beschränkten Raum durch Kunst und Genie gleichsam zu vervielfältigen. Auf der Höhe wird dieser Park von der Terrasse und dem Schlosse gekrönt; in der Tiefe bildet er eine Schlucht, die sich nach dem Thale zu öffnet und erweitert und deren tiefster Theil von einer großen Wasserfläche ausgefüllt wird. Zwischen der Orangerie, welche diese Erweiterung einnimmt, und dieser Wasserfläche, die mit Gebüschen und Bäumen anmuthig bedeckte Hügel einrahmen, liegt das erwähnte kleine Schloß. Dieses Gebäude und das es umgebende Land gehörten einst dem berühmten Le Brun, der seine Freude daran hatte, es mit diesem für Verzierung und Bauart reizenden Geschmacke, welcher diesen großen Maler zu einem Gegenstande der Bewunderung machte, aufzuführen und auszuschmücken. Seitdem ist dieses Schloß neu erbaut, aber immer nach der Zeichnung des ersten Meisters. Es ist klein, einfach, aber geschmackvoll. Da es zwischen dem Bassin der Orangerie und dem großen See in der Tiefe liegt und folglich der Feuchtigkeit ausgesetzt ist, hat man es in der Mitte mit einer offenen Halle zwischen zwei Säulenstockwerken unterbrochen, welche der Luft den Zutritt zu dem ganzen Gebäude gewährt und es dadurch trotz seiner Lage trocken erhält. Wenn man dieses Gebäude von der gegenüberliegenden Anhöhe, die den Hintergrund der Fernsicht von ihm aus bildet, betrachtet, so scheint es überall von Wasser umgeben, und man glaubt eine Zauberinsel oder die reizendste der drei Borromäischen Inseln, die Isola Bella im Lago Maggiore, zu sehen. In diesem einsam gelegenen Gebäude sollte ich mir eine der vier vollständigen Wohnungen erwählen, welche es außer dem Erdgeschoß enthält, das aus einem Ballsaal, einem Billardsaal und einer Küche besteht. Ich nahm die kleinste und einfachste oberhalb der Küche, die ich gleichfalls bekam. Sie war äußerst elegant; die Möbel waren weiß und blau. In dieser tiefen und köstlichen Einsamkeit, inmitten von Hainen und Springbrunnen unter dem Gesange von Vögeln jeglicher Art, bei dem Dufte von Orangeblüten schrieb ich in einer fortwährenden Begeisterung das fünfte Buch des »Emil«, dessen ziemlich frisches Colorit ich großenteils dem lebendigen Eindruck der Oertlichkeit, in der ich es schrieb, verdankte. Wie eifrig lief ich jeden Morgen bei Sonnenaufgang in die Säulenhalle, um dort die balsamische Luft einzuathmen! Welch guten Milchkaffee trank ich da im trauten Beisammensein mit meiner Therese! Meine Katze und mein Hund leisteten uns Gesellschaft. Dieses Gefolge allein hätte mir für mein ganzes Leben genügt, ohne daß ich je einen Augenblick Langeweile empfunden hätte. Ich befand mich dort in einem irdischen Paradiese; ich lebte darin in gleicher Unschuld und genoß darin das gleiche Glück. Als Herr und Frau von Luxembourg im Juli auf dem Lande wohnten, bewiesen sie mir so viele Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten, daß ich, der ich bei ihnen wohnte und von ihrer Güte überhäuft wurde, nicht weniger thun konnte, als es durch fleißige Besuche zu vergelten. Ich verließ sie fast nicht: des Morgens machte ich der Frau Marschall meine Aufwartung, des Mittags speiste ich bei ihr; des Nachmittags ging ich mit dem Herrn Marschall spazieren, aber zu Abend speiste ich nicht bei ihm, einmal wegen der großen Gesellschaft und sodann weil die Stunde des Abendessens für mich zu spät war. So weit war alles noch geziemend und unverfänglich, wenn ich es nur dabei hätte bewenden lassen. Aber ich habe nie verstanden, bei meinen Freundschaften die rechte Mitte inne zu halten und einfach die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen. Ich bin stets alles oder nichts gewesen; binnen kurzem war ich alles, und wenn ich mich von Personen dieses Ranges gefeiert und verwöhnt sah, überschritt ich die Grenzen und war ihnen mit einer Freundschaft ergeben, die man nur für Personen von gleichem Stande haben darf. Ich zeigte in meinem Betragen alle Vertraulichkeit der Freundschaft, während sie bei dem ihrigen nie die Höflichkeit, an die sie mich gewöhnt hatten, aus den Augen setzten. Trotzdem bin ich im Verkehre mit der Frau Marschall nie ganz unbefangen gewesen. Obgleich ich hinsichtlich ihres Charakters nicht ganz ohne Befürchtungen war, so fürchtete ich ihn doch weniger als ihren Geist. Gerade er war es vor allen Dingen, der mir bei ihr Bewunderung einflößte. Ich wußte, daß sie bei der Unterhaltung schwer zu erfüllende Anforderungen stellte und ein Recht darauf hatte, sie zu stellen. Ich wußte, daß die Frauen und hauptsächlich die großen Damen lediglich unterhalten sein wollen, daß man sie eher beleidigen als langweilen darf, und aus ihren Bemerkungen über das Gespräch der eben Gegangenen schloß ich, was sie über meine Tölpeleien denken mußte. Ich verfiel auf ein Hilfsmittel, um mich vor der Verlegenheit zu retten, bei ihr zu reden; es bestand darin vorzulesen. Sie hatte von der »Julie« sprechen hören; sie wußte, daß man sie druckte; sie verrieth Lust, dieses Werk zu sehen; ich erbot mich, ihr es vorzulesen, und sie nahm es an. Alle Morgen begab ich mich um zehn Uhr zu ihr. Herr von Luxembourg erschien gleichfalls: man schloß die Thür. Ich las neben ihrem Bette, und ich maß meine Vorlesungen so richtig ab, daß der Stoff für die ganze Dauer ihres dortigen Aufenthalts ausgereicht hätte, auch wenn keine Unterbrechung Der Verlust einer großen Schlacht, der den König tief schmerzte, zwang Herrn von Luxembourg, schleunigst an den Hof zurückzukehren. eingetreten wäre. Der Erfolg dieses Auskunftsmittels überstieg meine Erwartung. Frau von Luxembourg wurde von der »Julie« wie von ihrem Verfasser völlig eingenommen. Sie sprach nur von mir, beschäftigte sich nur mit mir, sagte mir den ganzen Tag Schmeicheleien, umarmte mich den Tag über zehnmal. Sie verlangte, daß ich bei Tische meinen Platz stets an ihrer Seite hatte, und wenn ein vornehmer Herr diesen Platz einnehmen wollte, erklärte sie ihm, daß es der meinige wäre, und ließ ihn anderswo Platz nehmen. Man kann sich den Eindruck vorstellen, den dieses reizende Benehmen auf mich, den das geringste Zeichen von Zuneigung unterwirft, ausübte. Nach dem Grade der Zuneigung, die sie mir bezeigte, schenkte ich ihr die meinige in Wirklichkeit. Meine ganze Furcht bei der Wahrnehmung dieser Schwärmerei war, daß sie sich bei der Unzulänglichkeit meines Geistes, sie lebendig zu erhalten, in Widerwillen verwandeln würde, und zum Unglücke für mich war diese Furcht nur zu sehr gegründet. Es mußte zwischen ihrer Geistesart und der meinigen einen natürlichen Gegensatz geben, da sich, ganz abgesehen von den vielen Tölpeleien, die mir jeden Augenblick im Gespräche und sogar in meinen Briefen, während ich auf dem besten Fuße mit ihr stand, entschlüpften, Dinge fanden, die ihr mißfielen, ohne daß ich mir vorstellen konnte weshalb. Ich will nur ein Beispiel anführen, könnte aber zwanzig erzählen. Sie wußte, daß ich für Frau von Houdetot eine Abschrift der »Heloise« gegen eine bestimmte Bezahlung nach der Seitenzahl anfertigte. Sie verlangte eine unter denselben Bedingungen zu erhalten. Ich versprach sie ihr, und indem ich sie dadurch in die Zahl meiner Kundinnen einreihete, schrieb ich ihr darüber einige verbindliche und höfliche Worte, wenigstens war dies meine Absicht. Ihre Antwort, die mich aus den Wolken stürzte, lautete folgendermaßen (Heft C, Nr. 43): »Ich bin entzückt, ich bin zufrieden; Ihr Brief hat mir unendliches Vergnügen bereitet, und ich beeile mich, es Ihnen zu schreiben und dafür zu danken. »Sie schreiben in Ihrem Briefe wörtlich: ›Obgleich Sie sicherlich eine sehr gute Kundin sind, fällt es mir doch schwer, von Ihnen Geld zu nehmen; eigentlich käme es mir zu, das Vergnügen zu bezahlen, für Sie zu arbeiten.‹ Darüber sage ich nichts weiter zu Ihnen. Ich beklage nur den Umstand, daß Sie mir nie von Ihrer Gesundheit erzählen. An nichts nehme ich mehr Antheil. Ich liebe Sie von ganzem Herzen und ich schreibe es Ihnen, wie ich Sie versichern kann, zu meinem großen Leidwesen, denn es würde mir viel Vergnügen bereiten, es Ihnen selbst sagen zu können. Herr von Luxembourg liebt und umarmt Sie von ganzem Herzen.« Nach Empfang dieses Briefes beeilte ich mich bis zu einer ausführlichen Erörterung, um mich gegen jede unhöfliche Auslegung zu verwahren, darauf zu antworten, und nachdem ich mich einige Tage in einer leicht erklärlichen Unruhe mit dieser Erörterung beschäftigt hatte, ohne jedoch von der Sache je etwas zu begreifen, sandte ich endlich in Betreff dieser Angelegenheit folgende Antwort ab: Montmorency, den 8. December 1750. »Seit meinem letzten Briefe habe ich die fragliche Stelle hundert und aber hundert Mal erwogen. Ich habe sie nach ihrem eigentlichen und natürlichen Sinne, wie nach jedem Sinne, den man ihr geben kann, überlegt, und ich gestehe Ihnen, Frau Marschall, daß ich nicht mehr weiß, ob ich mich gegen Sie entschuldigen muß, oder Sie nicht vielmehr gegen mich.« Seit Abfassung dieser Briefe sind jetzt zehn Jahre vergangen. Ich habe seit jener Zeit oftmals wieder daran gedacht, und so groß ist noch heute in diesem Punkte meine Dummheit, daß ich es nie begriffen habe, was die Dame in dieser Stelle, ich sage nicht Verletzendes, sondern auch nur ihr Mißfälliges hatte ausfindig machen können. Bei Erwähnung jener Abschrift der »Heloise«, die Frau von Luxembourg haben wollte, muß ich hier noch das angeben, was ich ersann, um derselben etwas besonders Auszeichnendes vor jeder andern zu verleihen. Ich hatte getrennt davon die »Abenteuer des Lord Eduard« geschrieben und war lange unschlüssig gewesen, ob ich sie ganz oder auszugsweise in das Werk, in dem sie mir zu fehlen schienen, einschalten sollte. Am Ende entschloß ich mich, sie ganz wegzulassen, weil sie nicht im Tone des Ganzen waren und deshalb die rührende Einfachheit desselben gestört hätten. Ich hatte noch einen andern, weit stärkeren Grund, als ich Frau von Luxembourg erst kennenlernte. In diesen Abenteuern kam nämlich eine römische Marquise von einem sehr schlechten Charakter vor, von der einige Züge, ohne auf sie anwendbar zu sein, doch von solchen, die sie nur dem Rufe nach kannten, auf sie hätten bezogen werden können. Ich wünschte mir deshalb zu dem Entschlusse, den ich gefaßt, Glück und bestärkte mich in demselben. Allein in dem glühenden Wunsche, ihr Exemplar mit irgend etwas, was sich in keinem andern fand, zu bereichern, dachte ich an diese unglücklichen Abenteuer und faßte den Plan, einen Auszug daraus anzufertigen, um ihn hinzuzufügen, ein unsinniger Plan, dessen Verschrobenheit man sich nur durch das blinde Verhängnis erklären kann, welches mich in mein Verderben zog. Quos vult perdere Jupiter dementat. Ich war so dumm, diesen Auszug mit großer Sorgfalt und großem Fleiße zu machen und ihr dieses Werk als das schönste Kleinod von der Welt zu schicken, indem ich ihr gleichwohl mittheilte, daß ich, wie es der Wahrheit gemäß war, das Original verbrannt hätte, daß der Auszug für sie allein wäre und von niemandem je gesehen werden würde, falls sie ihn nicht selbst zeigte. Weit davon entfernt, ihr dadurch, wie ich wähnte, meine Klugheit und Besonnenheit zu beweisen, machte dieser Umstand sie erst auf die Ansicht aufmerksam, die ich selbst über die Anwendbarkeit der Züge hegte, über die sie sich hätte beleidigt fühlen können. Meine Dummheit war so groß, daß ich nicht daran zweifelte, sie würde von meiner Handlungsweise entzückt sein. Sie sagte mir darüber nicht die großen Schmeicheleien, die ich erwartete, und zu meiner großen Verwunderung redete sie mit mir nie über das Heft, das ich ihr geschickt hatte. Stets über meine Klugheit, die ich hierbei gezeigt, entzückt, machte ich mir erst lange nachher nach anderen Anzeichen eine Vorstellung von der Wirkung, welche meine Handlungsweise hervorgerufen hatte. In Bezug auf ihre Abschrift hatte ich noch einen vernünftigeren Gedanken, der mir aber aus ferner liegenden Umständen nicht weniger nachtheilig gewesen ist; so wirkt alles für das Werk des Schicksals zusammen, wenn es einen Menschen in das Unglück lockt. Ich gedachte diese Abschrift mit den Zeichnungen zu den Kupferstichen der »Julie« zu verzieren, die, wie es sich ergab, das nämliche Format wie die Abschrift hatten. Ich bat Coindet um diese Zeichnungen, die mir unter allen Rechtstiteln und um so mehr gehörten, als ich ihm den Ertrag aus den Abdrücken abgetreten hatte, die einen großen Absatz fanden. Coindet ist eben so schlau, wie es mir an Schlauheit fehlte. Er ließ sich um die Zeichnungen bitten, bis er in Erfahrung brachte, was ich damit machen wollte. Nun behielt er sie unter dem Vorwande, noch einige Verzierungen hinzuzufügen, und überreichte sie schließlich selbst. Ego versiculos feci, tulit alter honores. Hierdurch brachte er es zu Wege, daß er sich in das Hotel Luxembourg mit einer gewissen Berechtigung einführte. Seit meiner Uebersiedlung nach dem kleinen Schlosse besuchte er mich dort sehr häufig und stets des Morgens, namentlich wenn Herr und Frau von Luxembourg in Montmorency waren. Dies hatte zur Folge, daß ich, um einen Tag mit ihm zu verleben, nicht auf das Schloß ging. Man machte mir dieses Fernbleiben zum Vorwurf; ich gab den Grund an. Man drang in mich, Herrn Coindet mitzubringen; ich that es. Das war es, worauf der Schlaukopf ausgegangen war. Dank der ungemeinen Güte, die man für mich hatte, sah sich auf diese Weise ein Commis des Herrn Thelusson, der ihn höchstens zuweilen, wenn sonst niemand da war, an seinem Tische duldete, plötzlich zu der Tafel eines Marschalls von Frankreich in Gesellschaft von Prinzen und Herzoginnen und allem, was es von Großen am Hofe gab, zugelassen. Ich werde nie vergessen, daß eines Tages, als er gezwungen war, schon früh nach Paris zurückzukehren, der Herr Marschall nach dem Mittagsmahl zu der Gesellschaft sagte: »Lassen Sie uns einen Spaziergang auf dem Wege nach Saint-Denis machen, wir geben dadurch Herrn Coindet das Geleit.« Das war zu viel für den armen Jungen, er verlor völlig den Kopf. Was mich anlangt, so war mir das Herz so gerührt, daß ich nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte. Weinend wie ein Kind und vor Begierde sterbend, die Fußstapfen dieses guten Marschalls zu küssen, ging ich hinterher. – Aber der Verlauf dieser Abschriftsgeschichte hat mich der Zeit vorgreifen lassen. Wir wollen uns wieder an sie halten, so weit es nur mein Gedächtnis erlauben wird. Sobald das kleine Haus zu Saint-Louis fertig war, ließ ich es anständig, aber einfach ausmöbliren und kehrte in dasselbe zurück, da ich das Gesetz, welches ich mir beim Scheiden von der Eremitage gemacht hatte, immer meine eigene Wohnung zu haben, nicht aufgeben konnte; allein ich konnte mich auch nicht dazu entschließen, meine Wohnung in dem kleinen Schlosse zu verlassen. Ich behielt den Schlüssel, und da ich großes Gefallen an den hübschen Frühstücken in der Säulenhalle fand, schlief ich oft daselbst und brachte dort mitunter zwei oder drei Tage wie in einem Landhause zu. Vielleicht war ich damals in Bezug auf Wohnung der am besten und angenehmsten versorgte Privatmann in Europa. Mein Wirth, Herr Mathes, der der beste Mensch von der Welt war, hatte mir die Leitung der Ausbesserungen in Mont-Louis vollständig überlassen und verlangte, daß ich über seine Arbeiter verfügte, ohne daß er sich auch nur hineinmischte. So machte ich es möglich, mir aus einem einzigen Zimmer im ersten Stock eine vollständige Wohnung, aus Zimmer, Vorzimmer und Garderobe bestehend, herzustellen. Im Erdgeschoß befanden sich die Küche und Theresens Zimmer. Der Thurm diente mir, nachdem darin eine mit Fenstern versehene Zwischenwand und ein Kamin angebracht war, als Arbeitszimmer. Wenn ich dort war, hatte ich meine Freude daran, die Terrasse, welche schon zwei Reihen junger Lindenbäume beschatteten, noch zu verschönern: ich ließ, um einen Laubgang anzulegen, noch zwei andere anpflanzen; ich ließ einen Tisch und Bänke von Stein daselbst aufstellen; ich umgab sie mit Flieder, Jasmin und Geisblatt und ließ längs den beiden Baumreihen eine schöne Blumeneinfassung anlegen. Und diese höher als die des Schlosses gelegene Terrasse, von der man eine mindestens eben so schöne Aussicht genoß und deren dort nistende Vögel ich zahm gemacht hatte, diente mir als Empfangssaal, um daselbst Herr und Frau von Luxembourg, den Herzog von Villeroy, den Prinzen von Tingry, den Marquis von Armentières, die Herzogin von Montmorency, die Herzogin von Boufflers, die Gräfin von Valentinois, die Gräfin von Boufflers und andere Personen gleichen Ranges willkommen zu heißen, die es nicht unter ihrer Würde hielten, vom Schlosse auf einem ermüdend steilen Wege nach Mont-Louis zu pilgern. Alle diese Besuche verdankte ich der Güte des Herrn und der Frau von Luxembourg; ich fühlte es, und mein Herz war ihnen aufrichtig dankbar. In einer dieser Aufwallungen zärtlicher Rührung sagte ich einmal zu Herrn von Luxembourg, indem ich ihn umarmte: »Ach, Herr Marschall, ehe ich Sie kannte, haßte ich die Großen und hasse Sie jetzt noch mehr, seitdem Sie mich so deutlich empfinden lassen, wie leicht es ihnen sein würde, sich zum Gegenstande der Anbetung zu machen.« Uebrigens fordere ich alle, die mich während dieses Zeitabschnittes gesehen haben, auf, mir zu bezeugen, ob sie je bemerkt, daß mich dieser Glanz auch nur einen Augenblick geblendet habe, daß mir dieser Weihrauchsduft zu Kopfe gestiegen sei, ob sie mich in meiner Haltung weniger gleichmäßig, in meinem Benehmen weniger einfach, im Verkehre mit dem Volke weniger umgänglich, gegen meine Nachbarn weniger vertraulich und weniger bereit gesehen haben, jedermann zu dienen, sobald ich es nur konnte, und ohne mich von den zahllosen und oft unvernünftigen Belästigungen zurückstoßen zu lassen, die ich unaufhörlich zu erdulden hatte. Wenn mich mein Herz nach dem Schlosse von Montmorency aus aufrichtiger Verehrung der Herrschaft zog, so führte es mich eben so zu meiner Nachbarschaft zurück, um mich an den Annehmlichkeiten dieses gleichmäßigen und einfachen Lebens zu erfreuen, außerhalb dessen es kein Glück für mich giebt. Therese hatte mit der Tochter meines Nachbars, eines Maurers, Namens Pilleu, Freundschaft geschlossen, und ich schloß sie mit dem Vater gleichfalls. Mit welcher Eile kam ich, nachdem ich des Morgens nicht ohne Zwang, oder aus Rücksicht auf die Frau Marschall auf dem Schlosse gespeist hatte, des Abends wieder heim, um mit dem braven Pilleu und seiner Familie bald bei ihm, bald bei mir das Abendbrot zu essen! Außer diesen beiden Wohnungen hatte ich bald noch eine dritte im Hotel Luxembourg, dessen Besitzer so inständig in mich drangen, sie bisweilen zu besuchen, daß ich trotz meines Widerwillens gegen Paris, wo ich seit meiner Zurückgezogenheit auf der Eremitage nur die zwei einzigen Male, die ich bereits erwähnt, gewesen war, darein willigte. Auch ging ich nur an verabredeten Tagen hin, lediglich um dort zu Nacht zu speisen und am nächsten Morgen zurückzukehren. Ich kam und ging durch den Garten, der auf den Boulevard hinausführte, so daß ich mit vollster Wahrheit sagen konnte, ich hätte den Fuß nie auf das Pariser Pflaster gesetzt. Inmitten dieses flüchtigen Glückes bereitete sich von ferne der Wendepunkt vor, der das Ende bezeichnen sollte. Bald nach meiner Rückkehr nach Mont-Louis machte ich, und wie gewöhnlich wider meinen Willen, eine neue Bekanntschaft, die in meiner Geschichte ebenfalls bedeutungsvoll ist. Man wird in der Folge entscheiden, ob in gutem oder bösem Sinne. Es ist die mit meiner Nachbarin, der Frau Marquise von Verdelin, deren Mann zu Soisy, in der Nähe von Montmorency ein Landhaus gekauft hatte. Fräulein von Ars, Tochter des Grafen von Ars, eines vornehmen, aber armen Mannes, hatte Herrn von Verdelin geheirathet, der alt, häßlich, taub, hart, roh, eifersüchtig, mit Narben bedeckt und einäugig war, im Uebrigen aber, wenn man ihn zu nehmen wußte, ein gutmüthiger Mensch und Besitzer von fünfzehn- oder zwanzigtausend Livres Renten, an die man sie verheirathete. Dieser Adonis, der fluchte, kreischte, schalt, wetterte und seiner Frau den ganzen Tag Thränen entlockte, that schließlich stets, was sie wollte, allerdings nur, um sie in Wuth zu versetzen, falls sie es ihm nämlich weiszumachen verstand, daß er es wollte und sie es nicht wollte. Herr von Margency, von dem ich gesprochen habe, war der Freund der Frau und wurde der des Mannes. Einige Jahre vorher hatte er ihnen sein Schloß Margency bei Eaubonne und Andilly vermiethet, und dort hielten sie sich gerade während meiner Leidenschaft für Frau von Houdetot auf. Letztere und Frau von Verdelin waren durch Frau von Aubeterre, ihre gemeinsame Freundin, bekannt geworden; und da der Garten von Margency an dem Wege lag, den Frau von Houdetot nach dem »Olymp«, ihrem Lieblingsspaziergang, gehen mußte, gab ihr Frau von Verdelin einen Schlüssel, um durch den Garten zu gehen. Wegen dieses Schlüssels ging ich in ihrer Begleitung oft durch denselben; aber ich war kein Freund von unvermutheten Begegnungen, und wenn sich Frau von Verdelin zufällig auf unsrem Wege fand, ließ ich sie zusammen, ohne etwas zu sagen, und ging stets vorauf. Dieses wenig höfliche Betragen hatte mir bei ihr kein günstiges Vorurtheil verschaffen können. Als sie zu Soisy war, unterließ sie trotzdem nicht, mich aufzusuchen. Sie kam mehrmals zu mir zum Besuch nach Mont-Louis, ohne mich anzutreffen, und da sie sah, daß ich ihren Besuch nicht erwiderte, gerieth sie, um mich zu zwingen, auf den Einfall, mir für meine Terrassen Blumentöpfe zu schicken. Nun mußte ich wohl hingehen, um ihr zu danken: das war genug; nun waren wir verbunden. Der Anfang dieser Bekanntschaft war stürmisch, wie bei allen, die ich wider meinen Willen machte. Wahre Ruhe herrschte sogar nie darin. Frau von Verdelins Geistesrichtung stand mit der meinigen zu sehr im Widerspruche. Sie ergeht sich mit solcher Unbefangenheit in boshaften Bemerkungen und Spöttereien, daß eine fortwährende und für mich sehr ermüdende Aufmerksamkeit dazu gehört, um zu bemerken, wann man verspottet wird. Eine ihrer boshaften Bemerkungen, die mir gerade einfällt, wird genügen, am den Beweis zu liefern. Ihr Bruder hatte vor kurzem das Commando über eine gegen die Engländer kreuzende Fregatte erhalten. Ich sprach von der Art, diese Fregatte zu bewaffnen, ohne ihre Beweglichkeit dadurch zu schädigen. »Ja,« sagte sie in gewöhnlichem Tone, »man nimmt nur so viel Kanonen, wie man zum Kampfe braucht.« Selten habe ich sie von einem ihrer abwesenden Freunde Gutes reden hören, ohne irgend eine Stichelei einfließen zu lassen. Was ihr nicht schlecht erschien, kam ihr doch lächerlich vor, und ihr Freund Margency wurde dabei nicht ausgenommen. Was ich ferner an ihr unerträglich fand, war die unaufhörliche Belästigung mit ihren kleinen Sendungen, ihren kleinen Geschenken, ihren kleinen Billets, deren Beantwortung mir unangenehm war; fort und fort versetzte sie mich wieder in die Verlegenheit, mich bei ihr zu bedanken oder ihre Gabe abzulehnen. Da ich sie indessen beständig sah, gewöhnte ich mich endlich an sie. Sie hatte ihren Kummer, ich den meinigen. Die gegenseitigen vertraulichen Mittheilungen machten uns unser Zusammensein ohne Zeugen anziehend. Nichts verbindet die Herzen so sehr, als die Süßigkeit zusammen weinen zu können. Wir suchten uns auf, um uns zu trösten, und dieses Bedürfnis hat mich oft mancherlei übersehen lassen. Ich hatte meine Offenheit gegen sie in solche Härte gekleidet, und ihr bisweilen so wenig Achtung vor ihrem Charakter gezeigt, daß ich wirklich noch viel Achtung besitzen mußte, um zu glauben, daß sie mir aufrichtig vergeben könnte. Ich schalte hier eine Probe von den Briefen ein, die ich hin und wieder an sie geschrieben habe, wobei ich bemerken muß, daß sie in keiner ihrer Antworten je irgendwie verletzt schien. Montmorency, den 5. November 1760. »Sie sagen mir, gnädige Frau, Sie haben sich nicht gut ausgedrückt, um mir zu verstehen zu geben, daß ich mich schlecht ausdrücke. Sie erzählen mir von Ihrer angeblichen Dummheit, um mir die meinige aufzudecken. Sie rühmen sich, nur eine Scherz liebende Frau zu sein, als hätten Sie Angst, beim Worte genommen zu werden, und Sie machen mir Entschuldigungen, um mir die Lehre zu geben, daß ich Ihnen solche Entschuldigung schuldig bin. Allerdings, gnädige Frau, ich weiß es wohl, ich bin dumm, ein gutmüthiger Schwachkopf und noch Schlimmeres, wenn es möglich ist; ich wähle meine Worte schlecht für eine schöne Französin, die auf die Worte so großes Gewicht legt und so gut spricht wie Sie. Beachten Sie jedoch, daß ich sie in der gewöhnlichen Bedeutung der Sprache nehme, ohne mit dem anständigen Sinne vertraut zu sein oder mich um ihn zu kümmern, den man ihnen in den tugendhaften Gesellschaften von Paris beilegt. Wenn meine Worte bisweilen zweideutig sind, so bestrebe ich mich, den wahren Sinn durch mein Betragen zu erkennen zu geben, u. s. w.« Man lese die Antwort darauf (Heft D , Nr. 41) und urtheile über die unglaubliche Mäßigung eines Frauenherzens, das über einen solchen Brief keine bittrere Erregtheit verrathen kann, als diese Antwort durchschimmern läßt und als sie mir gegenüber je ausgesprochen hat.– Unternehmend, kühn bis zur Unverschämtheit und stets auf der Jagd nach allen meinen Freunden verabsäumte Coindet nicht, sich in meinem Namen bei Frau von Verdelin einzuführen und war dort, ohne daß ich es ahnte, bald vertrauter als ich selbst. Ein wunderliches Menschenkind, dieser Coindet! Er stellte sich, als hätte ich ihn geschickt, bei allen meinen Freunden vor, setzte sich bei ihnen fest und speiste bei ihnen ohne Umstände. Voll glühenden Eifers für mich sprach er von mir nur mit Thränen in den Augen; sobald er mich jedoch besuchte, beobachtete er über alle diese Bekanntschaften, sowie über alles, was seines Wissens meine Theilnahme erregen mußte, das tiefste Stillschweigen. Anstatt mir zu sagen, was er von dem für mich Interessanten erfahren oder gesagt oder gesehen hatte, hörte er mir zu und fragte mich sogar. Von Paris wußte er nur, was ich ihm mittheilte, kurz, obgleich mir jedermann von ihm erzählte, redete er zu mir nie von jemandem; gegen seinen Freund war er nur verschwiegen und geheimnisvoll. Lassen wir jedoch für jetzt Coindet und Frau von Verdelin; wir werden in der Folge auf sie zurückkommen. Einige Zeit nach meiner Rückkehr nach Saint-Louis besuchte mich der Maler Latour und brachte mir mein Pastelporträt, welches er vor einigen Jahren in der Gemäldegalerie ausgestellt hatte. Sein Anerbieten, mir dieses Porträt zu schenken, hatte ich zurückgewiesen. Allein Frau von Epinay, die mir das ihrige geschenkt und sich jenes wünschte, hatte mich ersucht, es von ihm zu erbitten. Er hatte sich Zeit genommen, Verbesserungen daran vorzunehmen. Inzwischen geschah mein Bruch mit Frau von Epinay; ich gab ihr ihr Porträt zurück, und da nicht mehr die Rede davon war, ihr das meinige zu schenken, wies ich ihm in meinem Zimmer in dem kleinen Schlosse einen Platz an. Herr von Luxembourg sah es dort und fand es gut; ich bot es ihm an und er nahm es an. Ich schickte es ihm. Der Marschall und seine Frau sahen ein, daß es mir große Freude machen würde, die ihrigen zu besitzen. Sie ließen sie von Meisterhand in Miniatur anfertigen, in eine in Gold gefaßte Bonbonniere von Bergkrystall setzen und machten mir in einer sehr verbindlichen Weise, die mich in Entzücken versetzte, ein Geschenk damit. Frau von Luxembourg wollte nie einwilligen, daß ihr Porträt den Deckel des Kästchens zierte. Sie hatte mir mehrmals den Vorwurf gemacht, daß ich Herrn von Luxembourg lieber hätte als sie, und ich wehrte ihn nicht ab, weil er der Wahrheit gemäß war. Sie lieferte mir durch diese Art, ihrem Porträt seinen Platz anzuweisen, in sehr höflicher, aber auch sehr deutlicher Weise den Beweis, daß sie diese Bevorzugung nicht vergaß. Ungefähr in der nämlichen Zeit beging ich eine Dummheit, die nicht dazu beitrug, mir ihre Gunst zu bewahren. Obgleich ich Herrn von Silhouette gar nicht kannte und wenig geneigt war, ihn in mein Herz zu schließen, so hatte ich doch eine große Meinung von seiner Verwaltung. Als er anfing, seine Hand schwerer auf den Finanzleuten ruhen zu lassen, sah ich ein, daß er seinen Feldzug nicht in der günstigen Zeit begann. Trotzdem wünschte ich ihm nicht weniger aufrichtig allen Erfolg, und als ich seine Absetzung erfuhr, schrieb ich in meiner Unbesonnenheit folgenden Brief an ihn, den ich sicherlich nicht zu rechtfertigen unternehme. Montmorency, den 2. December 1759. »Nehmen Sie, mein Herr, freundlichst die Huldigung eines Einsiedlers an, der Ihnen zwar nicht bekannt ist, Sie aber wegen Ihrer Talente liebt, wegen Ihrer Verwaltung vor Ihnen Hochachtung hegt, und Ihnen die Ehre erwiesen hat zu glauben, daß Sie dieselbe nicht lange behalten würden. Da Sie den Staat nur auf Kosten der Hauptstadt retten konnten, die ihn ins Verderben gestürzt, haben Sie dem Geschrei der Geldgewinner Trotz geboten. Als ich Sie diese Elenden zerschmettern sah, beneidete ich Sie um Ihre Stelle; jetzt, wo ich Sie dieselbe aufgeben sehe, ohne sich untreu geworden zu sein, bewundere ich Sie. Seien Sie zufrieden, mein Herr; aus Ihrem Amte folgt Ihnen eine Ehre nach, deren Sie, ohne dabei einen Nebenbuhler zu finden, lange genießen werden. Die Flüche der Schurken bilden den Ruhm des Gerechten.« Rousseau macht sich wegen dieses Briefes in einem andern Werts, aber unter einem ganz verschiedenen Gesichtspunkte, Vorwürfe. »Das ist,« sagt er, »vielleicht das einzig Tadelnswerthe, das ich in meinem Leben geschrieben habe.« cf. »Briefe vom Berge«. Brief IX. 1760 Frau von Luxembourg, welche wußte, daß ich diesen Brief geschrieben hatte, redete mit mir bei ihrer Osterreise davon; ich zeigte ihn ihr; sie wünschte eine Abschrift davon, ich gab sie ihr, aber als ich sie ihr gab, wußte ich nicht, daß sie zu diesen Geldgewinnern gehörte, die bei den Unterpachten betheiligt waren und Silhouettes Absetzung bewirkt hatten. Man hätte bei allen meinen Tölpelhaftigkeiten meinen sollen, daß ich förmlich darauf ausgegangen wäre, den Haß einer liebenswürdigen und mächtigen Frau zu erregen, der ich mich in Wahrheit täglich mehr anschloß und deren Ungnade mir zuziehen zu wollen ich weit entfernt war, obgleich ich mit meinen Plumpheiten alles Nöthige dazu that. Ich halte es für ziemlich überflüssig zu bemerken, daß sich die Geschichte von dem Opiat des Herrn Tronchin, deren ich in meinem ersten Theile erwähnt habe, auf sie bezog; die andere Dame war Frau von Mirepoix. Sie haben mit mir nie wieder davon geredet, noch im Geringsten verrathen, daß sie noch daran dächten, weder die eine noch die andere; allein anzunehmen, Frau von Luxembourg habe sie wirklich vergessen können, scheint mir sehr schwer, selbst wenn man von den unmittelbar darauf folgenden Ereignissen nichts wüßte. Ich für meine Person schlug mir die Wirkung meiner Dummheiten durch das Zeugnis aus dem Sinne, das ich mir gab, keine in der Absicht gemacht zu haben, sie zu beleidigen; als ob eine Frau dergleichen je verzeihen könnte, selbst bei der vollkommenen Gewißheit, daß böser Wille daran nicht den geringsten Antheil gehabt hat. Obgleich sie jedoch weder etwas zu sehen noch zu bemerken schien und ich an ihr keine Abnahme ihres freundlichen Entgegenkommens und keine Aenderung ihres Benehmens wahrnahm, so ließ mich doch die Fortdauer und sogar Zunahme eines nur zu gegründeten Vorgefühls unaufhörlich davor zittern, daß der Schwärmerei für mich bald Ueberdruß folgen werde. Konnte ich von einer so großen Dame eine Beständigkeit erwarten, die ich so wenig zu erhalten fähig war? Ich verstand nicht einmal dieses dunkle Vorgefühl, das mich beunruhigte und noch widerwärtiger machte, vor ihr zu verhehlen. Man wird es aus dem folgenden Briefe erkennen, der eine höchst merkwürdige Vorhersagung enthält. Dabei muß ich bemerken, daß dieser im Concepte datumlose Briefe spätestens im October 1760 geschrieben ist. »Wie grausam ist Ihre Güte! Weshalb den Frieden eines Einsiedlers stören, der auf die Freuden des Lebens verzichtete, um nicht mehr seine Widerwärtigkeiten zu fühlen? Ich habe meine Tage damit zugebracht, feste Verbindungen vergeblich zu suchen; in den Verhältnissen, die mir erreichbar waren, habe ich sie nicht anknüpfen können; darf ich sie in den Ihrigen suchen? Ehrgeiz und Eigennutz führen mich nicht mehr in Versuchung; ich bin wenig eitel, wenig besorgt; ich vermag allem zu widerstehen, nur nicht Freundlichkeiten. Weshalb greifen Sie mich beide bei einer Schwäche an, die ich besiegen muß, da bei der Kluft, die uns trennt, innige Herzensergießungen mein Herz dem Ihrigen nicht nähern dürfen? Wird einem Herzen, das nicht zwei Arten, sich zu geben, kennt und sich nur der Freundschaft fähig fühlt, die Dankbarkeit genügen? Freundschaft, Frau Marschall! Ach, das ist eben mein Unglück! Von Ihnen und dem Herrn Marschall ist es schön, dieses Wort zu gebrauchen, aber ich bin wahnsinnig, Sie beim Worte zu nehmen. Sie treiben damit Ihr Spiel, ich halte mich daran, und das Ende des Spieles bereitet mir neuen Kummer. Wie hasse ich alle Ihre Titel und wie beklage ich Sie, sie tragen zu müssen! Sie scheinen mir so würdig, sich der Reize des Privatlebens zu erfreuen! Weshalb bewohnen Sie nicht Clarens? Ich ginge hin und suchte dort das Glück meines Lebens. Aber das Schloß Montmorency, aber das Hôtel Luxembourg! Darf man dort Jean-Jacques sehen? Darf dorthin ein Freund der Gleichheit die Neigungen eines gefühlvollen Herzens bringen, eines Herzens, das dadurch, daß es die Achtung, die man ihm erweist, in gleicher Weise bezahlt, eben so viel zurückzugeben glaubt, wie es empfängt? Sie sind gut und auch gefühlvoll, ich weiß es, ich habe es gesehen; es thut mir Leid, daß ich es nicht schon früher habe glauben können; aber bei dem Range, in dem Sie stehen, bei der Lebensweise, die Sie führen, kann nichts einen dauernden Eindruck auf Sie ausüben, und so viele neue Gegenstände verwischen sich gegenseitig so vollkommen, daß keiner bleibt. Sie werden mich vergessen, gnädige Frau, nachdem Sie mich außer Stand gesetzt haben, Sie nachzuahmen. Sie werden viel gethan haben, um mich unglücklich zu machen und um unentschuldbar zu sein.« Ich hatte Herrn von Luxembourg mit hinzugenommen, um ihr meine verletzenden Bemerkungen weniger hart zu machen, denn seiner fühlte ich mich im Uebrigen so sicher, daß ich mich auch nicht ein einziges Mal einer Befürchtung hinsichtlich der Dauer seiner Freundschaft hingegeben habe. Nichts von dem, was mich in Beziehung auf die Frau Marschall in Besorgnis versetzte, erstreckte sich auch nur einen Augenblick auf ihn. Ich habe gegen seinen Charakter, den ich als schwach, aber zuverlässig kannte, nie das geringste Mißtrauen gehabt. Ich fürchtete von seiner Seite eben so wenig eine Erkaltung, wie ich von ihm eine heroische Zuneigung erwartete. Die Einfachheit und Vertraulichkeit unseres Verkehrs ließ erkennen, wie sehr wir uns gegenseitig auf einander verließen. Wir hatten beide Recht; so lange ich lebe, werde ich das Gedächtnis dieses würdigen Herrn ehren und lieben; und was man auch gethan haben möge, ihn von mir zu trennen, so bin ich doch so sicher, daß er als mein Freund gestorben ist, wie wenn ich seinen letzten Seufzer empfangen hätte. Bei dem zweiten Sommeraufenthalte in Montmorency im Jahre 1760 nahm ich, nachdem die Lectüre der »Julie« beendet war, meine Zuflucht zu der des »Emil«, um mir bei Frau von Luxembourg als Stütze zu dienen; aber dies hatte nicht einen gleich guten Erfolg, sei es, daß ihr der Stoff weniger zusagte, oder daß sie so vieles Vorlesen schließlich langweilte. Da sie mir jedoch den Vorwurf machte, daß ich mich durch meine Verleger anführen ließe, verlangte sie, ich sollte, um einen größeren Nutzen daraus zu ziehen, ihr die Besorgung eines Herausgebers überlassen. Ich gab dazu unter der ausdrücklichen Bedingung meine Einwilligung, daß das Werk nicht in Frankreich gedruckt würde, worüber wir einen langen Streit hatten, indem ich behauptete, daß die stillschweigende Erlaubnis unmöglich zu erlangen, ja auch unklug zu verlangen wäre, und ich ohne sie den Druck im Umfange des Königreichs nicht gestatten wollte, während sie beharrlich versicherte, daß es bei dem Verfahren, welches die Regierung angenommen hätte, nicht einmal eine Schwierigkeit bei der Censur geben würde. Sie verstand es dahin zu bringen, daß Herr von Malesherbes auf ihre Ansichten einging. Er schrieb mir darüber eigenhändig einen langen Brief, um mir zu beweisen, daß das »Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars« ganz dazu geeignet wäre, überall den Beifall des menschlichen Geschlechtes und bei der jetzt herrschenden Richtung auch den des Hofes zu erlangen. Ich war überrascht, diesen sonst so zaghaft auftretenden Beamten in dieser Angelegenheit so willfährig werden zu sehen. Da der Druck eines Buches, zu dem er die Genehmigung gab, schon dadurch allein gesetzlich wurde, so hatte ich eigentlich keinen gegründeten Einwand mehr zu machen. Allein in Folge eines besondern Bedenkens verlangte ich beharrlich, daß das Werk in Holland und sogar durch Vermittelung des Verlagsbuchhändlers Réaulme gedruckt würde, den ich nicht nur ausdrücklich nannte, sondern auch davon in Kenntnis setzte, obgleich ich im Uebrigen damit einverstanden war, daß die Herausgabe zum Vortheil eines französischen Buchhändlers geschähe und man das Werk nach Vollendung des Druckes in Paris oder sonst wo in Verlag gäbe, weil dieser mich nichts anginge. Das ist die getreue Darstellung meines Uebereinkommens mit Frau von Luxembourg, nach welchem ich ihr das Manuscript einhändigte. Bei diesem Sommeraufenthalte hatte ich ihre Enkelin, Fräulein von Boufflers, die jetzige Herzogin von Lauzun, mitgebracht. Sie hieß Amalie. Es war eine reizende Person. Ihr Aeußeres, ihre Sanftmuth und Schüchternheit war wahrhaft jungfräulich. Nichts war liebenswürdiger und fesselnder als ihr Gesicht, nichts zärtlicher und keuscher als die Gefühle, welche sie einflößte. Im Uebrigen war sie ein Kind; sie war noch nicht elf Jahre alt. Die Frau Marschall, die sie zu schüchtern fand, bemühte sich, sie lebhafter zu machen. Sie gestattete mir mehrere Male, ihr einen Kuß zu geben, was ich mit meiner gewöhnlichen Ungeschicklichkeit that. Statt der Artigkeiten, die ihr ein anderer an meiner Stelle gesagt hätte, blieb ich stumm und verlegen und ich weiß nicht, wer am verschämtesten war, die arme Kleine oder ich. Eines Tages traf ich sie allein auf der Treppe des kleinen Schlosses; sie kam von einem Besuche bei Therese, bei der sich ihre Gouvernante noch aufhielt. Da ich nicht wußte, was ich zu ihr sagen sollte, bat ich sie um einen Kuß, den sie mir in der Unschuld ihres Herzens nicht verweigerte, da sie mich schon an demselben Morgen auf Befehl und in Gegenwart ihrer Großmutter geküßt hatte. Als ich am folgenden Morgen am Bette der Frau Marschall aus dem »Emil« vorlas, stieß ich gerade auf eine Stelle, wo ich mich mit vollem Rechte über das, was ich am Tage vorher gethan hatte, tadelnd ausspreche. Sie fand den Gedanken sehr richtig und knüpfte eine sehr verständige Bemerkung daran, über die ich erröthen mußte. Wie verwünschte ich diese unglaubliche Albernheit, die mich so oft hat schuldig erscheinen lassen, wenn ich nur einfältig und verlegen war, eine Albernheit, die man bei einem Manne, von dem man weiß, daß er nicht ohne Geist ist, noch dazu nur für eine falsche Entschuldigung nimmt! Ich kann beschwören, daß bei diesem so tadelnswerthen Kusse wie bei allen andern Fräulein Amaliens Herz und Sinne nicht reiner waren als die meinen; und ich kann sogar beschwören: hätte ich in jenem Augenblicke dem Zusammentreffen mit ihr aus dem Wege gehen können, würde ich es gethan haben, nicht weil es mir nicht große Freude machte, sie zu sehen, sondern aus Verlegenheit, irgend eine Artigkeit zu finden, die ich ihr hätte sagen können. Wie ist es möglich, daß ein bloses Kind einen Mann einschüchtert, dem die Macht der Könige nicht Furcht eingejagt hat? Was thun, wie sich benehmen, wenn einem alles Unverhoffte alle Geisteskraft raubt? Zwinge ich mich, mit den Leuten, die ich treffe, zu reden, so sage ich unfehlbar eine Dummheit; sage ich nichts, so bin ich ein Menschenfeind, ein wildes Thier, ein Bär. Vollkommene Geistesschwäche wäre mir weit vortheilhafter gewesen; aber die Talente, an denen es mir in der Welt gefehlt hat, sind die Ursache meines Verderbens gewesen, haben in mir ganz besondere Talente hervorgerufen. Gegen Ende desselben Aufenthalts that Frau von Luxembourg ein gutes Werk, an dem ich einigen Antheil hatte. Da Diderot sehr unkluger Weise die Frau Prinzessin von Robeck, Tochter des Herrn von Luxembourg, beleidigt hatte, so rächte sie Palissot, der ihr Schützling war, durch das Lustspiel »Die Philosophen«, in welchem ich lächerlich gemacht und Diderot arg mißhandelt wurde. Der Verfasser verfuhr gegen mich schonungsvoller, weniger, wie ich glaube, um der Verpflichtung willen, die er gegen mich hatte, als aus Furcht, dem Vater seiner Beschützerin, dessen Vorliebe für mich er kannte, zu mißfallen. Der Buchhändler Duchesne, den ich damals noch gar nicht kannte, schickte mir dieses Stück, sobald es gedruckt war, und ich vermuthe, daß er es auf Palissots Geheiß that, der vielleicht wähnte, ich würde einen Mann, mit dem ich gebrochen hatte, mit Freuden zerreißen sehen. Er täuschte sich sehr. Obgleich ich mit Diderot brach, den ich nicht sowohl für boshaft als für indiscret und schwach hielt, habe ich doch um unsrer alten Freundschaft willen, die, wie ich weiß, bei ihm lange eben so aufrichtig wie bei mir war, in meinem Herzen stets Liebe für ihn, sogar Achtung und Hochachtung bewahrt. Ganz anders verhält es sich mit Grimm, einem seinem Charakter nach falschen Menschen, der mich nie liebte, der nicht einmal der Liebe fähig ist, und der aus bloser Herzenslust, ohne irgend einen Grund zur Klage und lediglich zur Befriedigung seiner schändlichen Eifersucht sich im Geheimen zu meinem grausamsten Verläumder hergegeben hat. Dieser ist für mich nichts mehr, jener wird stets mein einstiger Freund sein. Mein Herz blutete beim Anblick dieses schandbaren Stückes; ich konnte die Lectüre desselben nicht ertragen und, ohne sie zu vollenden, schickte ich es Duchesne mit folgendem Briefe zurück: Montmorency, den 21. Mai 1760. »Bei flüchtiger Durchsicht des Stückes, welches Sie, mein Herr, mir gesandt, hat es mich entrüstet, mich gelobt zu sehen. Ich nehme dieses entsetzliche Geschenk nicht an. Ich bin überzeugt, daß Sie mich durch die Uebersendung nicht haben beleidigen wollen, aber Sie wissen nicht oder haben es vergessen, daß ich die Ehre gehabt habe, der Freund eines achtungswerthen Mannes zu sein, der in dieser Schmähschrift unwürdig besudelt und verleumdet ist.« Duchesne zeigte diesen Brief. Diderot, den er hätte rühren sollen, ärgerte sich über ihn. Seine Eigenliebe konnte die Ueberlegenheit eines so edelmüthigen Vorgehens nicht vergeben, und ich erfuhr, daß seine Frau überall gegen mich mit einer Bitterkeit loszog, die wenig Eindruck auf mich machte, da ich wußte, daß sie aller Welt als Fischweib bekannt war. Diderot fand seinerseits einen Rächer in dem Abbé Morellet, der nach Art des »Kleinen Propheten« eine Broschüre unter dem Titel »Die Vision« gegen Palissot schrieb. Sehr unkluger Weise beleidigte er in dieser Schrift Frau von Robeck, deren Freunde ihn in die Bastille sperren ließen, denn was sie anlangt, die von Natur wenig rachsüchtig und damals todtkrank war, so bin ich überzeugt, daß es von ihr nicht ausging. D'Alembert, der mit dem Abbé Morellet sehr befreundet war, forderte mich brieflich auf, Frau von Luxemburg um Herbeiführung seiner Freiheit zu bitten, wobei er ihr aus Dankbarkeit einen Lobartikel in der Encyklopädie Dieser Brief ist mit mehreren andern in dem Hotel Luxembourg, während sie sich daselbst in Aufbewahrung befanden, verschwunden. versprach. Ich lasse meine Antwort hier folgen: »Ich habe Ihren Brief, mein Herr, nicht abgewartet, um der Frau Marschall von Luxembourg den Schmerz zu schildern, den mir die Verhaftung des Abbé Morellet bereitete. Sie kennt den Antheil, den ich daran nehme; sie soll auch den erfahren, den Sie daran nehmen, und um selbst von Theilnahme für ihn erfüllt zu werden, würde es für sie genügen zu vernehmen, daß er ein Mann von Verdienst ist. Obgleich sie wie der Herr Marschall mich mit einem Wohlwollen beehren, das den Trost meines Lebens ausmacht, und obgleich der Name Ihres Freundes bei ihnen eine Empfehlung für den Abbé Morellet ist, so weiß ich gleichwohl nicht, bis zu welchem Grade es ihnen gefällt, bei dieser Gelegenheit den mit ihrem Range verbundenen Einfluß und ihr persönliches Ansehen aufzubieten. Ich bin nicht einmal überzeugt, daß der fragliche Racheact so sehr, wie Sie anzunehmen scheinen, auf die Frau Prinzessin von Rodeck zurückzuführen ist; und wäre dies auch der Fall, so darf man doch nicht annehmen, daß die Rachlust ausschließlich den Philosophen zukomme, und daß, wenn diese Frauen sein wollen, die Frauen Philosophen sein werden. »Ich werde Sie von dem, was mir Frau von Luxembourg sagen wird, sobald ich ihr Ihren Brief gezeigt habe, in Kenntnis setzen. Inzwischen glaube ich sie genügend zu kennen, um Ihnen im voraus die Versicherung geben zu können, daß, wenn sie das Vergnügen haben sollte, zu der Freilassung des Abbé Morellet beizutragen, sie den Tribut der Dankbarkeit, den Sie ihr in der Encyklopädie versprechen, nicht annehmen würde, so ehrenvoll er auch für sie wäre, weil sie das Gute nicht des Lobes willen thut, sondern zur Befriedigung ihres guten Herzens.« Ich unterließ nichts, um zum Besten des armen Gefangenen den Eifer und das Mitleid der Frau von Luxembourg zu erwecken, und es gelang mir. Sie reiste nach Versailles, lediglich um dem Herrn Grafen von Saint-Florentin einen Besuch abzustatten, und diese Reise kürzte ihren Aufenthalt zu Montmorency ab, welches der Herr Marschall zu gleicher Zeit zu verlassen gezwungen war, um sich nach Rouen zu begeben, wohin ihn der König wegen einiger stürmischer Auftritte im Parlamente, das man im Zaume halten wollte, als Gouverneur der Normandie schickte. Am zweiten Tage nach ihrer Abreise schrieb mir die Frau von Luxembourg folgenden Brief (Heft D, Nr. 23): Versailles, Mittwoch. »Herr von Luxembourg ist gestern früh um sechs Uhr abgereist. Ich weiß nicht, ob ich ihm folgen werde. Ich warte auf Nachricht von ihm, weil er selbst noch nicht weiß, wie lange er dort sein wird. Ich habe Herrn von Saint-Florentin gesehen, der gegen den Abbé Morellet sehr günstig gesinnt ist, allein es stehen ihm Hindernisse entgegen, die er indessen bei seinem ersten Vortrage bei dem Könige, der nächste Woche stattfindet, zu besiegen hofft. Ich habe auch als Gnade erbeten, ihn nicht zu verbannen, weil die Rede davon war; man wollte ihn nach Nancy schicken. Das ist es, mein Herr, was ich habe erlangen können; aber ich verspreche Ihnen, daß ich Herrn von Saint-Florentin nicht in Ruhe lassen werde, so lange die Angelegenheit nicht nach Ihrem Wunsche durchgeführt ist. Und nun nehmen Sie meine Versicherung an, wie schmerzlich es mich berührte, Sie so bald verlassen zu müssen; aber ich schmeichle mir, daß Sie es nicht in Zweifel ziehen. Ich liebe Sie von ganzem Herzen und mein ganzes Leben lang.« Einige Tage darauf erhielt ich von d'Alembert folgendes Billet, das mich mit wahrer Freude erfüllte (Heft D, Nr. 26): Den 1. August. »Dank Ihren Bemühungen, mein lieber Philosoph, ist der Abbé aus der Bastille entlassen, und wird seine Haft keine andern Folgen haben. Er reist auf das Land und ruft Ihnen, eben so wie ich, tausend Dank und Grüße zu. Vale et me ama.« Der Abbé schrieb einige Tage später gleichfalls einen Danksagungsbrief (Heft D, Nr. 29) an mich, dem meines Bedünkens eine gewisse Herzlichkeit fehlte und in dem er den Dienst, den ich ihm erwiesen hatte, gewissermaßen abzuschwächen schien; und einige Zeit später nahm ich wahr, daß mich d'Alembert und er in einiger Hinsicht bei Frau von Luxembourg, ich will nicht sagen, ausgestochen hatten, aber mir in ihrer Gunst gefolgt waren, und ich bei ihr so viel verloren hatte, als sie gewonnen. Indessen bin ich weit davon entfernt, den Abbé Morellet zu beargwöhnen, zu meiner Ungnade beigetragen zu haben; dazu achte ich ihn zu sehr. Was d'Alembert betrifft, sage ich hier nichts darüber; ich werde später darauf zu sprechen kommen. Zu der nämlichen Zeit hatte ich eine andere Angelegenheit, die mir zu dem letzten Briefe, welchen ich an Voltaire schrieb, Veranlassung gab, zu einem Briefe, über den er wie über eine abscheuliche Beleidigung lautes Geschrei erhob, obgleich er ihn niemandem gezeigt hat. Ich werde das, was er nicht hat thun wollen, hier nachholen. Der Abbé Trublet, den ich flüchtig kannte, aber sehr selten gesehen hatte, schrieb den 13. Juni 1760 (Heft D, Nr. 11) an mich, um mich davon zu benachrichtigen, daß Herr Formey, sein Freund und Correspondent, meinen Brief an Herrn von Voltaire über das Unglück von Lissabon in seinem Journale abgedruckt hätte. Der Abbé Trublet verlangte zu wissen, wie dieser Abdruck möglich gewesen wäre, und als echter Jesuit fragte er mich um meine Absicht über die Wiederveröffentlichung dieses Briefes, ohne mir die seinige sagen zu wollen. Da ich die Schlauköpfe dieser Klasse im höchsten Grade hasse, sagte ich ihm den schuldigen Dank, aber ich that es in einem sehr herben Tone, den er herausfühlte, der ihn aber trotzdem nicht abhielt, mich noch in zwei oder drei weiteren Briefen auszuholen, bis er alles wußte, was er hatte wissen wollen. Was Trublet auch darüber sagen mochte, so begriff ich doch ganz gut, daß Formey diesen Brief nicht gedruckt vorgefunden hatte, sondern daß der erste Druck desselben von ihm herrührte. Ich kannte ihn als einen schamlosen Plünderer, der sich ohne Umstände aus den Arbeiten anderer ein Einkommen verschaffte, wenn er es auch noch nicht zu jener unglaublichen Unverschämtheit gebracht hatte, einem schon veröffentlichten Werke den Namen des Verfassers zu rauben, seinen eigenen an Stelle desselben zu setzen und es zu seinem eigenen Vortheile zu verkaufen. Auf diese Weise hat er sich später den Emil angeeignet. Aber wie war er zu diesem Manuscript gelangt? Die Frage war nicht schwer zu beantworten, und doch gerieth ich thörichter Weise über sie in Verlegenheit. Obgleich Voltaire in diesem Briefe übermäßig geehrt wurde, so wäre er trotz seines unhöflichen Auftretens doch sich zu beklagen berechtigt gewesen, wenn ich ihn ohne seine Einwilligung hätte drucken lassen, und so entschloß ich mich denn, darüber an ihn zu schreiben. Man lese diesen zweiten Brief, den er nicht beantwortete und über den er sich, um sich seiner wilden Leidenschaft nach Herzenslust überlassen zu können, bis zur Wuth erzürnt stellte. Montmorency, den 17. Juni 1760. »Ich dachte nicht, mein Herr, daß ich mich je wieder zu einem Briefwechsel mit Ihnen genöthigt sehen würde. Da ich jedoch erfahre, daß der Brief, den ich im Jahre 1756 an Sie schrieb, in Berlin gedruckt ist, so muß ich Ihnen über mein Benehmen in dieser Hinsicht Rechenschaft ablegen, und ich werde diese Pflicht mit aller Wahrheit und Aufrichtigkeit erfüllen. »Dieser wirklich an Sie gerichtete Brief war nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Bedingungsweise theilte ich ihn drei Personen mit, denen das Recht der Freundschaft mir nicht gestattete dergleichen vorzuenthalten, und denen dasselbe Recht noch weniger gestattete, Mißbrauch mit dem ihnen Anvertrauten durch den Bruch ihres Versprechens zu treiben. Diese drei Personen sind: Frau von Chenonceaux, Schwiegertochter der Frau Dupin, die Frau Gräfin von Houdetot und ein Deutscher, Namens Grimm. Frau von Chenonceaux wünschte, daß dieser Brief gedruckt würde und bat mich um meine Einwilligung dazu. Ich erklärte ihr, dieselbe wäre von der Ihrigen abhängig. Sie wurden darum ersucht, Sie verweigerten sie, und es war davon nicht mehr die Rede. »Demungeachtet schrieb mir der Abbé Trublet, mit dem ich in keinerlei Art von Verbindung stehe, vor kurzem mit ausgesuchter Höflichkeit, er hätte von dem Journale des Herrn Formey eine Nummer erhalten und in ihr diesen nämlichen Brief nebst einer Anmerkung gelesen, in welcher der Herausgeber unter dem Datum des 23. October 1759 erklärte, er hätte ihn vor einigen Wochen bei den Berliner Buchhändlern gefunden und geglaubt, ihm eine Stelle in seinem Journale geben zu müssen, da es zu jenen fliegenden Blättern gehörte, die binnen kurzem für immer verschwinden. »Das, mein Herr, ist alles, was ich davon weiß. Es ist vollkommen sicher, daß man in Paris bis jetzt von diesem Briefe nicht einmal gehört hatte. Es ist ferner vollkommen sicher, daß das dem Herrn Formey in die Hände gefallene sei es nun handschriftliche oder gedruckte Exemplar ihm nur hat von Ihnen zukommen können, was nicht wahrscheinlich ist, oder von einer der drei von mir eben erwähnten Personen. Endlich ist es vollkommen sicher, daß die beiden Damen einer solchen Treulosigkeit unfähig sind. Aus meiner Zurückgezogenheit kann ich nicht mehr darüber erfahren. Vermittelst Ihrer Correspondenzen würde es Ihnen leicht sein, falls es sich der Mühe lohnte, bis zur Quelle zurückzugehen und die Thatsache festzustellen. »In demselben Briefe theilt mir der Abbé Trublet mit, daß er die Journalnummer zurückbehalte und sie ohne meine Einwilligung, die ich sicherlich nicht gebe, niemandem zeigen werde. Allein dieses Exemplar ist vielleicht nicht das einzige in Paris. Ich, mein Herr, wünsche, daß dieser Brief dort nicht gedruckt werde, und werde mein Bestes dazu thun; sollte ich es jedoch nicht zu hindern vermögen und ich mir bei rechtzeitiger Kenntnis zuerst die Veröffentlichung sichern können, dann würde ich nicht Anstand nehmen, den Druck selbst zu besorgen. Dies scheint mir gerecht und natürlich. »Was Ihre Antwort auf diesen Brief anlangt, so ist sie niemandem mitgetheilt worden, und Sie können sich darauf verlassen, daß sie nicht gedruckt werden wird ohne Ihre Erlaubnis, Dies gilt natürlich nur für seine wie meine Lebenszeit, und sicherlich würden die berechtigtsten Anforderungen, namentlich bei einem Manne, der sie alle mit Füßen tritt, nicht mehr verlangen können. um die ich Sie wahrhaftig nicht unbescheidener Weise ersuchen werde, da ich sehr wohl weiß, daß das, was ein Mann dem andern schreibt; nicht für das Publikum geschrieben ist. Wenn Sie jedoch einen zur Veröffentlichung bestimmten Brief an mich richten wollen, so verspreche ich Ihnen, daß er dem meinigen getreulich beigefügt werden soll und ich nicht ein einziges Wort darauf erwidern werde. »Ich liebe Sie nicht, mein Herr; Sie haben mir die Leiden bereitet, die für mich die empfindlichsten sein mußten, mir, Ihrem Schüler und begeisterten Anhänger. Zum Lohn für die Zuflucht, die Sie in Genf gefunden, haben Sie es verdorben; zum Lohn für die Lobeserhebungen, die ich Ihnen unter meinen Mitbürgern verschwenderisch gespendet, haben Sie sie mir entfremdet; Sie sind es, der mir den Aufenthalt in meiner Heimat unerträglich macht, Sie, um dessen willen ich auf fremder Erde sterben muß, beraubt aller Tröstungen der Sterbenden und zur letzten Ehre auf den Schindanger geworfen, während Ihnen alle Ehren, auf die ein Mensch hoffen darf, in meiner Heimat das Geleite geben werden. Kurz ich hasse Sie, da Sie es gewollt haben; aber ich hasse Sie als ein Mann, der noch würdiger ist, Sie zu lieben, wenn Sie es gewollt hätten. Von allen Gefühlen, die mein Herz für Sie durchdrungen haben, bleibt mir nur die Bewunderung, die man Ihrem schönen Genie nicht verweigern kann, und die Liebe zu Ihren Schriften. Wenn ich in Ihnen nur Ihre Talente ehren kann, so liegt die Schuld nicht an mir. Ich werde es nie an der Ihnen gebührenden Achtung fehlen lassen, noch an dem Benehmen, welches diese Achtung erfordert. Leben Sie wohl, mein Herr!« Man wird bemerken, daß ich seit fast sieben Jahren, vor denen dieser Brief geschrieben ist, weder davon zu einer lebenden Seele gesprochen, noch ihn ihr gezeigt habe. Eben so verhielt es sich mit den beiden Briefen, die mich Herr Hume im letzten Sommer an ihn zu schreiben zwang, bis er den Lärm erhob, den jeder kennt. Das Böse, das ich von meinen Feinden zu sagen habe, sage ich Ihnen im Geheimen selbst; was das Gute anlangt, sage ich es, wenn es etwas giebt, öffentlich und aufrichtig. Mitten unter diesen kleinen literarischen Zänkereien, die mich mehr und mehr in meinem Entschlusse bestärkten, empfing ich die größte Ehre, die mir die schriftstellerische Thätigkeit eingebracht und mich am angenehmsten berührt hat, durch den Besuch, den mir der Prinz von Conti zweimal zu machen geruhte, den einen im kleinen Schlosse und den andern in Mont-Louis. Beide Male wählte er sogar die Zeit, in der Frau von Luxembourg nicht in Montmorency war, um es noch klarer zu zeigen, daß er nur um meiner willen käme. Ich habe nie daran gezweifelt, daß ich der Frau von Luxembourg und der Frau von Boufflers die ersten Freundlichkeiten dieses Fürsten verdankte; allein ich zweifle auch nicht, daß ich diejenigen, mit denen er mich zu ehren seitdem nicht aufgehört hat, seinen eigenen Gefühlen und mir selbst verdanke! Man bemerke die Beharrlichkeit dieses blinden und albernen Vertrauens inmitten aller der Behandlung, die mich eines Bessern hätte belehren sollen. Erst nach meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1770 hat es aufgehört. Da meine Wohnung in Mont-Louis sehr beschränkt und die Lage des Thurmes reizend war, so führte ich dorthin den Prinzen, der, um das Maß seiner Gnade voll zu machen, mir die Ehre anthun wollte, mit mir eine Partie Schach zu spielen. Ich wußte, daß er den Chevalier von Lorenzi, der besser als ich spielte, besiegte. Indessen trotz der Winke und Zeichen des Chevalier und der Anwesenden, die ich mich nicht zu bemerken stellte, gewann ich die beiden Partien, die wir machten. Mit ehrfurchtsvollem, aber ernstem Tone sagte ich nach Beendigung derselben zu ihm: »Gnädigster Herr, ich ehre Ew. Durchlaucht zu sehr, um Sie im Schach nicht immer zu besiegen.« Dieser große Fürst, so voller Geist und Einsichten und so würdig, nicht der Gegenstand von Schmeicheleien zu sein, fühlte, wie ich wenigstens glaube, in der That, daß ich allein ihn als Mann behandelte, und ich habe alle Ursache zu glauben, daß er mir dafür in Wahrheit Dank gewußt hat. Und hätte er mir dafür keinen Dank gewußt, so würde ich mir die Absicht, ihn in keinem Stücke zu täuschen, doch nicht vorwerfen, und ich habe mir auch sicherlich nicht vorzuwerfen, daß ich seine Güte in meinem Herzen nicht erwidert hätte, wohl aber, daß ich sie mitunter unfreundlich erwidert, während er selbst in die Art, sie mir zu erweisen, eine grenzenlose Freundlichkeit legte. Einige Tage darauf sandte er mir einen Korb mit Wildpret, den ich annahm, wie es sich ziemte. Einige Zeit später sandte er mir einen andern, und einer seiner Forstbeamten schrieb auf seinen Befehl, daß das Wild von der Jagd Seiner Hoheit herstammte und von seiner eigenen Hand erlegt wäre. Ich nahm es noch einmal an, schrieb jedoch an Frau von Boufflers, ich würde keines mehr annehmen. Dieser Brief erhielt allgemeinen Tadel und verdiente ihn. Die Ablehnung eines Geschenkes, aus Wildpret bestehend, von einem Prinzen von Geblüt, der die Sendung noch dazu in so verbindlicher Weise vornehmen läßt, verräth weniger das Zartgefühl eines stolzen Mannes, der seine Unabhängigkeit bewahren will, als die Grobheit eines Mannes ohne Erziehung, der sich überhebt. Ich habe diesen Brief in meiner Sammlung nie wieder gelesen, ohne zu erröthen und mir vorzuwerfen, ihn geschrieben zu haben. Ich schreibe aber meine Bekenntnisse ja nicht, um meine Albernheiten zu verschweigen, und diese empört mich selbst zu sehr, als daß es mir gestattet wäre, sie zu verheimlichen. Wenig fehlte daran, so hätte ich auch noch die Thorheit begangen, sein Nebenbuhler zu werden, denn damals war Frau von Boufflers noch seine Geliebte, und ich wußte nichts davon. Sie besuchte mich mit dem Chevalier von Lorenzi ziemlich häufig. Sie war noch schön und jung; sie glaubte durch römischen Geist zu glänzen, und ich war stets romantisch; das waren ziemlich nahe Berührungspunkte. Ich war nahe daran, in Feuer zu gerathen; ich glaube, sie merkte es; der Chevalier gewahrte es ebenfalls, wenigstens sprach er davon mit mir und zwar in einer mich nicht entmuthigenden Weise. Aber für dieses Mal war ich klug, und in einem Alter von fünfzig Jahren war es an der Zeit. Voll von der Lehre, die ich in meinem Briefe an d'Alembert so eben den Graubärten gegeben hatte, schämte ich mich, sie selber so schlecht zu befolgen. Uebrigens hätte ich ja, da ich erfuhr, was ich bis dahin nicht gewußt hatte, rasend sein müssen, hätte ich in so hohen Kreisen als Nebenbuhler auftreten wollen. Kurz ich fühlte, von meiner Leidenschaft für Frau von Houdetot vielleicht auch noch nicht völlig geheilt, daß nichts sie mehr in meinem Herzen ersetzen könnte, und sagte der Liebe für meine übrige Lebenszeit Lebewohl. In dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, hat eine junge Frau, die ihre Absichten hatte, sehr gefährliche Buhlerkünste gegen mich aufgeboten und mir höchst beunruhigende Blicke zugeworfen, aber wenn sie anscheinend meine zwölf Lustren vergessen hat, so bin ich ihrer eingedenk geblieben. Nachdem ich mich aus dieser Lage gezogen, fürchte ich nicht mehr zu fallen und bürge für den Rest meiner Tage für mich. Da Frau von Boufflers die Gemütsbewegung, die sie in mir erregt, wahrgenommen hatte, so konnte sie auch wahrnehmen, daß ich sie besiegt hatte. Ich bin weder so närrisch noch so eitel, um zu glauben, daß ich ihr in meinem Alter hätte Neigung einflößen können, aber nach gewissen Aeußerungen, die sie Theresen gegenüber machte, glaubte ich Neugier in ihr erweckt zu haben. Ist dies der Fall und hat sie mir nicht vergeben, daß ich diese Neugier nicht befriedigt habe, so muß man gestehen, daß ich wahrlich dazu geboren wurde, das Opfer meiner Schwächen zu werden, weil mir nicht nur die siegreiche Liebe verhängnisvoll wurde, sondern die besiegte noch weit mehr. Hier endigt die Briefsammlung, die mir in diesen zwei Büchern als Leitfaden gedient hat. Jetzt folge ich nur noch meinen Erinnerungen, aber sie sind hinsichtlich dieses bitteren Lebensabschnittes so lebhaft und die Eindrücke, die sie in mir hinterlassen, sind so stark, daß ich, auf dem grenzenlosen Meere meines Mißgeschicks verloren, die Einzelheiten meines ersten Schiffbruches nicht zu vergessen vermag, obgleich seine Folgen mir nur noch verworrene Erinnerungen bieten. So bin ich im Stande, im folgenden Buche noch immer mit ziemlicher Sicherheit vorwärts zu gehen. Wenn ich dann aber weiter schreite, geschieht es nur noch tastend. Elftes Buch. 1761 Obgleich die »Julie«, die sich längst unter der Presse befand, auch am Ende des Jahres 1760 noch nicht erschien, so begann sie doch schon Aufsehen zu erregen. Am Hofe hatte von ihr Frau von Luxembourg, in Paris Frau von Houdetot geredet. Letztere hatte von mir sogar für Saint-Lambert die Erlaubnis erhalten, sie im Manuscript den König von Polen lesen zu lassen, der von ihr begeistert war. Duclos, den ich sie ebenfalls hatte lesen lassen, hatte von ihr in der Akademie geredet. Ganz Paris war voller Ungeduld, diesen Roman zu lesen; die Buchhändler in der Straße Saint-Jacques und im Palais-Royal wurden von Leuten, die sich nach ihm erkundigten, belagert. Endlich erschien er, und gegen die gewöhnliche Erfahrung entsprach sein Erfolg der Begierde, mit der er erwartet worden war. In den ersten Tagen nach seinem Erscheinen lieh man ihn für zwölf Sous die Stunde aus. Die Frau Dauphine, die ihn mit zuerst gelesen hatte, redete mit Herrn von Luxembourg von ihm wie von einem entzückenden Werke. Unter den Schriftstellern waren die Ansichten getheilt, aber in allen andern Kreisen herrschte nur eine Meinung. Namentlich die Frauen waren von dem Buche wie von dem Verfasser bis zu dem Grade berauscht, daß es selbst in den hohen Kreisen nur wenige gab, deren Eroberung ich nicht gemacht hätte, wenn ich sie mir hätte angelegen sein lassen. Ich habe Beweise dafür, die ich nicht anführen will, und die, ohne daß ich sie erst hätte zu erproben brauchen, meine Behauptung rechtfertigen. Merkwürdig ist, daß dieses Buch in Frankreich größeren Erfolg gehabt hat als in dem übrigen Europa, obgleich die Franzosen, Männer wie Frauen, nicht sehr gut darin behandelt werden. Völlig gegen meine Erwartung war sein geringster Erfolg in der Schweiz, sein bedeutendster in Paris. Herrschen denn Freundschaft, Liebe, Tugend in Paris in größerem Umfange als anderswo? Nein, keineswegs; aber es herrscht daselbst noch jenes feine Urtheil, welches unser Herz an unsren Vorstellungen Theil nehmen läßt und uns an andern die reinen, zärtlichen und tugendhaften Gefühle lieben läßt, die wir nicht mehr besitzen. Die Sittenverderbnis ist nunmehr überall gleich groß; in Europa giebt es weder Sitten noch Tugend mehr, aber wenn es noch irgendwo Liebe zu ihnen giebt, muß man sie in Paris suchen. Ich schrieb dies im Jahre 1769. Mitten durch so viele Vorurtheile und erkünstelte Leidenschaften hindurch muß man das menschliche Herz genau zu analysiren verstehen, um darin die wahren Gefühle der Natur zu erkennen. Es gehört ein Zartgefühl dazu, das man sich nur im Verkehre mit der großen Welt aneignet, um, wenn ich so sagen darf, die Herzensfeinheiten zu fühlen, von denen dieses Werk voll ist. Den vierten Theil desselben stelle ich ohne Scheu der »Prinzessin von Cleve« zur Seite, und behaupte, wären beide Arbeiten nur in der Provinz gelesen worden, so würde man ihren vollen Werth nie erkannt haben. Deshalb nimmt es nicht Wunder, daß der Erfolg dieses Buches bei Hofe am größten war. Es enthält eine Fülle von spannenden, wenn auch verschleierten Anspielungen, die dort gefallen müssen, weil man geübter ist, den eigentlichen Sinn zu erfassen. Doch auch hier noch muß man unterscheiden. Diese Lectüre ist wahrlich nicht für jene Klasse geistreicher Leute geeignet, die nur die Schlauheit und Spitzfindigkeit besitzen, das Schlechte zu durchschauen, und die da, wo nur Gutes zu sehen ist, nichts sehen. Wäre die »Julie« zum Beispiel in einem gewissen Lande, an das ich gerade denke, veröffentlicht worden, so bin ich sicher, daß niemand die Lectüre zu Ende gebracht hätte und sie schon am Anfange eingeschlafen wäre. Die meisten Briefe, die mir über dieses Werk geschrieben wurden, habe ich in einem Hefte gesammelt, welches sich in den Händen der Frau von Nadaillac befindet. Wenn diese Sammlung je erscheint, wird man höchst eigentümliche Dinge und einen Widerspruch in der Beurtheilung wahrnehmen, der anschaulich zeigt, was der Verkehr mit dem Publikum zu bedeuten hat. Was man in der »Julie« am wenigsten gefunden hat und was aus ihr immer ein einziges Werk machen wird, ist die Einfachheit des Gegenstandes und das ununterbrochene Interesse, das, auf drei Personen beschränkt, sich sechs Bände hindurch ohne Episoden, ohne romantische Abenteuer, ohne Schlechtigkeiten irgend einer Art weder in den Charakteren noch in den Handlungen erhält. Diderot hat Richardson über die wunderbare Abwechselung in seinen Schilderungen und über die Menge der vorgeführten Persönlichkeiten große Lobeserhebungen gemacht. Richardson hat in der That das Verdienst, sie alle vorzüglich charakterisirt zu haben; allein was ihre Zahl anlangt, so hat er dies mit den geschmacklosesten Romanschreibern gemein, welche ihren Mangel an Gedanken durch den Reichthum an Personen und Abenteuern ersetzen. Es ist leicht, die Aufmerksamkeit zu erregen, wenn man unaufhörlich unerhörte Begebenheiten und neue Gesichter vorführt, die wie die Bilder der Zauberlaterne vorüberziehen; aber diese Aufmerksamkeit stets auf die gleichen Gegenstände zu richten und zwar ohne wunderbare Abenteuer, das ist meiner Treu schwieriger; und wenn bei aller sonstigen Gleichheit die Einfachheit des Stoffes die Schönheit des Werkes hebt, so können Richardsons Var. ... so können sich Richardsons Romane, was Diderot auch sagen möge, doch in dieser Hinsicht etc. in vielen andren Dingen vorzüglichere Romane sich doch in dieser Hinsicht mit dem meinigen nicht vergleichen. Trotzdem ist dieses so gut wie todt; ich weiß es und weiß auch den Grund; aber es wird wieder auferstehen. Meine ganze Furcht war, daß in Folge der Einfachheit das langsame Fortschreiten langweilig werden würde und daß ich das Interesse nicht genug anzufachen verstanden hätte, um es bis zum Ende zu erhalten. Hierüber wurde ich durch eine Thatsache beruhigt, die allein mir mehr geschmeichelt hat als alle Höflichkeiten und Glückwünsche, die mir über dieses Werk zu Theil geworden sind. Es erschien zu Anfang des Carnevals. Ein Colporteur brachte es der Frau Prinzessin von Talmont, Nicht sie, sondern eine andere Dame, deren Namen ich nicht kenne, war es, aber die Thatsache ist mir versichert worden. als an demselben Tage grade Ball in der Oper war. Nach dem Abendessen ließ sie sich ankleiden, um dorthin zu gehen, und bis zur Abfahrtsstunde begann sie den neuen Roman zu lesen. Um Mitternacht befahl sie anzuspannen und fuhr zu lesen fort. Man meldete ihr, daß vorgefahren wäre; sie antwortete nicht. Als ihre Leute sahen, daß sie die Abfahrt vergessen hatte, machten sie sie darauf aufmerksam, daß es zwei Uhr wäre. »Es eilt nicht,« erwiderte sie, immer weiter lesend. Etwas später schellte sie, um sich, da ihre Uhr stehen geblieben war, nach der Zeit zu erkundigen. Man sagte ihr, es wäre vier Uhr. »Dann ist es zu spät, noch auf den Ball zu fahren,« entgegnete sie, »man spanne wieder aus.« Sie ließ sich auskleiden und las die ganze Nacht hindurch. Seitdem man mir diese Anekdote erzählt hatte, sehnte ich mich immer danach, Frau von Talmont zu sehen, nicht allein um von ihr selbst zu erfahren, ob sie wirklich wahr ist, sondern auch weil ich stets überzeugt gewesen bin, daß man für die »Heloise« nicht ein so lebendiges Interesse fassen könnte, ohne jenen sechsten Sinn, den moralischen Sinn zu besitzen, mit dem so wenige Herzen ausgestattet und ohne den niemand das meinige zu verstehen vermag. Was die Frauen mir so günstig stimmte, war ihre Ueberzeugung, ich hätte meine eigene Geschichte geschrieben und wäre selbst der Held dieses Romans. Diese Meinung hatte sich so fest gesetzt, daß Frau von Polignac brieflich Frau von Verdelin ersuchte, mich dazu zu bewegen, sie Juliens Porträt sehen zu lassen. Alle Welt war darin einig, daß man Gefühle, die man nicht empfunden, nicht so lebhaft wiederzugeben noch die Glut der Liebe anders als nach den Erfahrungen des eigenen Herzens zu schildern vermöchte. Hierin hatte man Recht und gewiß schrieb ich diesen Roman in den begeistertsten Verzückungen; indessen man täuschte sich, wenn man wähnte, daß ich, um in sie zu gerathen, wirkliche Gegenstände nöthig gehabt hätte; man war weit davon entfernt zu begreifen, wie sehr ich für eingebildete Wesen zu erglühen im Stande bin. Ohne einige Erinnerungen an meine Jugend und Frau von Houdetot hätte die Liebe, die ich empfunden und geschildert, es nur mit Sylphiden zu thun gehabt. Ich wollte einen Irrthum, der mir günstig war, weder bestärken noch zerstören. Aus der in Dialogsform durchgeführten Vorrede, die ich besonders drucken ließ, kann man ersehen, wie ich das Publikum darüber in Ungewißheit erhielt. Die Rigoristen sagen, ich hätte die Wahrheit rund heraus erklären sollen. Ich für meine Person sehe nicht ein, was mich dazu hätte verpflichten können, und ich glaube daß ich bei einer solchen ohne Notwendigkeit gemachten Erklärung eher Dummheit als Freimüthigkeit verrathen hätte. Ungefähr um dieselbe Zeit erschien der »Ewige Frieden«, dessen Manuscript ich in dem vorhergehenden Jahre einem gewissen Herrn von Bastide überlassen hatte, dem Herausgeber des Journals »Le Monde«, in welches er wohl oder übel alle meine Manuscripte hätte aufnehmen mögen. Er war ein Bekannter des Herrn Duclos und kam, um in seinem Namen in mich zu dringen, ihm das Journal füllen zu helfen. Er hatte von der »Julie« reden hören und wünschte, ich sollte sie in seinem Journale veröffentlichen; er wünschte, ich sollte den »Emil« darin veröffentlichen; er hätte auch gewünscht, ich sollte den »Contrat social« darin veröffentlichen, wenn er sein Vorhandensein geahnt hätte. Seiner Zudringlichkeiten überdrüssig, entschloß ich mich endlich, ihm einen Auszug aus dem »Ewigen Frieden« für zwölf Louisd'or abzulassen. Unser Vertrag ging dahin, daß er in seinem Journale gedruckt werden sollte; aber sobald er Besitzer dieses Manuscriptes war, hielt er es für angemessen, es mit einigen von der Censur verlangten Kürzungen besonders drucken zu lassen. Was wäre es gewesen, hätte ich mein Urtheil über dieses Werk beigefügt, von dem ich zum großen Glücke mit Herrn von Bastide nichts geredet hatte und das in unfern Handel nicht mit inbegriffen war. Dieses Urtheil befindet sich noch im Manuscript unter meinen Papieren. Wenn es je an das Tageslicht kommt, wird man daraus ersehen, wie sehr ich über Voltaire's Witze und den anmaßenden Ton, in dem er über dieses Werk sprach, habe lachen müssen, ich, der ich die Urteilsfähigkeit dieses armen Mannes in den politischen Dingen, in die er hinein zu reden wagte, so gut kannte. Inmitten meiner Erfolge beim Publikum und der Gunst der Damen fühlte ich mich im Hotel Luxembourg sinken, nicht bei dem Herrn Marschall, der seine Güte und Freundschaft für mich jeden Tag zu verdoppeln schien, aber bei der Frau Marschall. Seitdem ich ihr nichts mehr zu sagen hatte, standen mir ihre eigenen Zimmer weniger offen, und während ihres Aufenthalts in Montmorency sah ich sie, obgleich ich mich ziemlich pünktlich vorstellte, fast nur noch bei Tafel. Auch mein Platz war sogar nicht mehr selbstverständlich an ihrer Seite. Da sie ihn mir nicht mehr anbot, wenig mit mir sprach und ich ihr nicht mehr wichtige Dinge mitzutheilen hatte, nahm ich eben so gern einen andern Platz ein, wo ich ungestörter war, namentlich des Abends, und gewöhnte mich nach und nach daran, meinen Platz in größerer Nähe des Herrn Marschalls zu suchen. Bei dem Worte »Abend« fällt mir ein, daß ich behauptet, ich hätte im Schlosse nicht zur Nacht gespeist, und im Anfange der Bekanntschaft war es auch so; aber da Herr von Luxembourg nicht zu Mittag aß und sich nicht einmal zu Tische setzte, so war die Folge, daß ich nach Verlauf mehrerer Monate und im Hause schon sehr vertraut, noch nie mit ihm zusammen gespeist hatte. Er hatte die Güte, darüber eine Bemerkung zu machen; das bestimmte mich, dort mitunter zu Abend zu essen, wenn wenig Gesellschaft da war, und ich befand mich sehr wohl dabei, da man Mittags nur schnell und wenige Bissen aß, während das Abendessen sehr lange währte, weil man sich, von einem weiten Spaziergange zurückgekehrt, behaglich dabei ausruhte. Dabei war es sehr gut, denn der Herr von Luxembourg war ein Feinschmecker, und verlief sehr angenehm, weil Frau von Luxembourg die Pflichten der Wirthin in entzückender Weise erfüllte. Ohne diese Erklärung würde man das Ende eines Briefes des Herrn von Luxembourg (Heft D, Nr. 36) schwer verstehen, in dem er mir schrieb, er erinnere sich mit Entzücken unserer Spaziergänge, »besonders,« fügte er hinzu, »wenn wir Abends bei der Rückkehr keine Räderspuren von Kutschen auf dem Hofe fanden.« Er erwähnt dies deshalb, weil man zur Vernichtung der Räderspuren den Sand im Hofe alle Morgen harken ließ und ich nun bei der Heimkehr aus der Zahl dieser Spuren auf die im Laufe des Nachmittags angelangte Gesellschaft schloß. Dieses Jahr 1761 machte das Maß der unaufhörlichen Verluste voll, die dieser vortreffliche Herr erlitt, seitdem ich die Ehre Var. ... seitdem ich das Glück seiner Bekanntschaft hatte. seiner Bekanntschaft hatte, als ob die Leiden, die das Geschick mir bereitete, bei dem Manne, den ich am meisten liebte und der meiner Liebe am würdigsten war, ihren Anfang nehmen sollten. Im ersten Jahre verlor er seine Schwester, die Herzogin von Villeroy; im zweiten verlor er seine Tochter, die Prinzessin von Robeck; im dritten verlor er in dem Herzog von Montmorency seinen einzigen Sohn und in dem Grafen von Luxembourg seinen Enkel, die einzigen und letzten Erben seines Hauses und seines Namens. Alle diese Verluste ertrug er mit scheinbarem Muthe, aber sein Herz hörte sein Leben lang nicht auf innerlich zu bluten, und sein Gesundheitszustand wurde immer schlechter. Der unerwartete und tiefbetrübende Tod seines Sohnes mußte für ihn um so kummervoller sein, als er gerade in dem Augenblicke erfolgte, in welchem ihm der König für seinen Sohn die Anwartschaft auf eine Stelle als Kapitän der Gardes-du-Corps gegeben und für seinen Enkel in Aussicht gestellt hatte. Er hatte den Schmerz, dieses letzte Kind, auf welches die größten Hoffnungen gesetzt waren, nach und nach dahin welken zu sehen, und zwar durch das blinde Vertrauen der Mutter zu dem Arzte, der dieses arme Kind, dessen ganze Nahrung in Medicin bestand, an Erschöpfung sterben ließ. Ach, hätte man mir doch Glauben geschenkt! Der Großvater wie der Enkel würden noch heute am Leben sein. Was habe ich dem Herrn Marschall nicht alles gesagt, nicht alles geschrieben! Welche Vorstellungen habe ich nicht der Frau von Montmorency über die mehr als strenge Diät gemacht, die sie ihr Kind im Glauben an den Arzt beobachten ließ! Frau von Luxembourg, die wie ich dachte, wollte die Autorität der Mutter nicht antasten, und Herr von Luxembourg, ein nachgiebiger und schwacher Mann, liebte es nicht zu widersprechen. Frau von Montmorency hatte zu Borden ein Vertrauen, dessen Opfer ihr Sohn schließlich wurde. Wie glücklich war das arme Kind, wenn es die Erlaubnis erlangen konnte, mit Frau von Boufflers nach Mont-Louis zu kommen, um Therese um einen kleinen Imbiß zu bitten und seinem ausgehungerten Magen ein wenig Nahrung zuzuführen! Wie sehr bedauerte ich bei mir selbst das Elend der Größe, wenn ich diesen einzigen Erben eines so großen Vermögens, eines so großen Namens, so vieler Titel und Würden ein armseliges Stückchen Schwarzbrot mit der Gier eines Bettlers verschlingen sah! Aber was ich auch immer redete und that: der Arzt siegte und das Kind starb vor Hunger. Dasselbe Vertrauen auf Quacksalber, welches die Schuld an dem Tode des Enkels trug, grub dem Großvater das Grab, und dazu gesellte sich noch die Schwachherzigkeit, sich die Gebrechen des Alters verhehlen zu wollen. Herr von Luxembourg hatte zeitweise einige Schmerzen an der großen Zehe gehabt; in Montmorency hatte er einen Anfall davon, der Schlaflosigkeit und ein wenig Fieber zur Folge hatte. Ich wagte das Wort Podagra auszusprechen; Frau von Luxembourg schalt mich aus. Der Kammerdiener des Marschalls, der zugleich sein Wundarzt war, behauptete, es wäre nicht das Podagra und machte sich dabei, die leidende Stelle mit einem Schmerz stillenden Balsam einzureiben und zu verbinden. Leider hörte der Schmerz auf, und als er wiederkehrte, verabsäumte man nicht, dasselbe Heilmittel, das ihn schon einmal gelindert hatte, anzuwenden; seine Gesundheit litt darunter, das Leiden nahm zu, und die Heilmittel eben so. Frau von Luxembourg, die schließlich recht gut einsah, daß es das Podagra war, widersetzte sich dieser unsinnigen Behandlung. Man hielt sie jetzt vor ihr geheim, und Herr von Luxembourg starb nach einigen Jahren aus eigener Schuld, weil er hartnäckig darauf bestanden hatte, sein Leiden zu heilen. Aber greifen wir den Unglücksfällen nicht so weit vor; wie viele andere bleiben mir noch vor diesem zu berichten! Es ist merkwürdig, in wie verhängnisvoller Weise alles, was ich sagen und thun mochte, dazu angethan schien, der Frau von Luxembourg zu mißfallen, selbst dann, wenn ich am meisten darauf bedacht war, mir ihr Wohlwollen zu bewahren. Der Kummer, von dem Herr von Luxembourg immer von neuem heimgesucht wurde, fesselte mich nur noch mehr an ihn und folglich auch an Frau von Luxembourg, denn sie schienen mir stets so innig verbunden, daß sich die Gefühle, die man für den einen hegte, selbstverständlich auch auf den andern erstreckten. Der Herr Marschall alterte. Seine amtliche Stellung bei Hofe, die Mühseligkeiten, die sie zur Folge hatte, die fortwährenden Jagden, besonders die Ermüdung, die sein Dienst in der Zeit, wo er ihm obliegen mußte, nach sich zog, würden die Kraft eines jungen Mannes erfordert haben, und ich sah nichts mehr, was die seine in diesem Hofamte aufrecht erhalten konnte. Da seine Würden an andere vergeben werden mußten und sein Name nach ihm erlosch, so kümmerte es ihn wenig, ein mühseliges Leben fortzusetzen, dessen Hauptzweck gewesen war, seinen Kindern die Gnade des Monarchen zu verschaffen. Eines Tages, als wir drei allein waren und er über die Mühseligkeiten des Hoflebens klagte wie ein Mann, den seine Verluste entmuthigt hatten, wagte ich zu ihm von Abschiednehmen zu reden und ihm den Rath zu geben, den Cineas dem Pyrrhus gab. Er seufzte, ohne sich bestimmt auszusprechen. Aber im ersten Augenblicke, wo mich Frau von Luxembourg allein erblickte, machte sie mir über diesen Rath, der sie, wie es mir vorkam, beunruhigt hatte, lebhafte Vorwürfe. Sie machte mich dabei noch auf einen Umstand aufmerksam, dessen Richtigkeit ich einsah, und der mich darauf verzichten ließ, diese Saite je wieder zu berühren, nämlich auf den Umstand, daß die lange Gewohnheit am Hofe zu leben zu einem wahren Bedürfnisse würde, daß es in diesem Augenblicke für Herrn von Luxembourg sogar eine Zerstreuung wäre und daß die von mir angerathene Niederlegung seiner Aemter für ihn weniger eine Ruhe als eine Verbannung sein würde, in der Unthätigkeit, Langeweile und Trauer ihn bald vollends aufreiben müßten. Obgleich sie wahrnehmen mußte, daß sie mich überzeugt hatte, obgleich sie sich auf das Versprechen, das ich ihr gab und hielt, verlassen konnte, so schien sie mir in dieser Hinsicht doch nie vollkommen beruhigt, und ich bin dessen eingedenk, daß seitdem meine Zusammenkünfte mit dem Herrn Marschall unter vier Augen weit seltener gewesen sind und fast stets unterbrochen wurden. Während mir so meine Plumpheit und mein Unstern in gleicher Weise bei ihr schadeten, gewährten mir die Leute, die sie bei sich sah und am liebsten hatte, auch keinen Vortheil. Namentlich der Abbé von Boufflers, einer der glänzendsten jungen Leute, die es geben kann, schien für mich nie sehr eingenommen. Nicht allein ist er der Einzige aus dem Gesellschaftskreise der Frau Marschall, der mir nie die geringste Beachtung schenkte, sondern ich glaubte auch wahrzunehmen, daß sie mir jedesmal, wenn er von neuem in Montmorency erschien, weniger gewogen wurde. Allerdings genügte dazu, ohne daß er mir schaden wollte, schon seine blose Anwesenheit: so viel Anmuth und attisches Salz in seinen Artigkeiten mußte meine Ausdrucksweise schwerfällig und langweilig erscheinen lassen. Während der beiden ersten Jahre war er fast nie nach Montmorency gekommen, und bei der Nachsicht der Frau Marschall hatte ich mich leidlich in ihrer Gunst erhalten; aber sobald er später häufiger erschien, war es mit mir für immer vorbei. Ich hätte mich unter seine Flügel flüchten und ihn mir zum Freunde erwerben sollen; aber dieselbe Unbeholfenheit, die es mir zur Notwendigkeit machte, seine Gunst zu erringen, verhinderte mich, sie zu erlangen, und was ich zu diesem Zwecke in ungeschickter Weise that, gereichte mir bei der Frau Marschall erst recht zum Verderben, ohne mir bei ihm zu nützen. Bei seinen großen Geistesgaben hätte er überall Erfolg erzielen können, allein sein Mangel an Energie und seine Sucht nach Zerstreuung brachten es dahin, daß er seine Talente auf jedem Gebiete nur halb ausbildete. Dafür besitzt er ihrer viele, und in der großen Welt, wo er glänzen will, bedarf es nicht mehr. Er macht ganz leidliche Verse, schreibt recht niedliche Briefchen, klimpert ein wenig auf dem Klavier, und sudelt einige Pastellbilder hin. Er gerieth auf den Einfall, Frau von Luxembourg malen zu wollen; ihr Bild wurde scheußlich. Sie behauptete, es hätte gar keine Aehnlichkeit, und sie hatte ganz recht. Der falsche Abbé wollte meine Ansicht wissen, und als ein echter Dummkopf und Lügner erklärte ich es für ähnlich. Ich wollte dem Abbé zu gefallen suchen, erregte aber durchaus nicht das Gefallen der Frau Marschall, die es mir nicht vergaß; und als dem Abbé sein Streich gelungen war, lachte er mich noch dazu aus. Durch diesen Erfolg meines verspäteten Versuches mich als Hofmann zu zeigen, lernte ich mich vor aller Fuchsschwänzerei hüten invita Minerva . Mein Talent bestand darin, den Menschen nützliche, aber harte Wahrheiten in ziemlich entschiedener und kräftiger Weise zu sagen; daran mußte ich mich halten. Ich war nicht geboren, ich will nicht sagen zum Schmeicheln, sondern auch nicht einmal zum Loben. Die Unbeholfenheit der Lobsprüche, die ich habe aussprechen wollen, hat mir mehr Nachtheil bereitet, als die Strenge meines Tadels. Ich habe hier davon ein Beispiel anzuführen, welches so furchtbar ist, daß seine Folgen nicht allein mein Schicksal für meine ganze übrige Lebenszeit bestimmt haben, sondern vielleicht auch über meinen Ruf bei der ganzen Nachwelt entscheiden werden. Während des Sommeraufenthalts zu Montmorency speiste bisweilen der Herr von Choiseul auf dem Schlosse zu Abend. Einst kam er gerade daselbst an, als ich eben fortging. Man sprach von mir. Herr von Luxembourg erzählte ihm meine Geschichte mit Herrn von Montaigu in Venedig. Herr von Choiseul bedauerte, daß ich diese Laufbahn aufgegeben hätte, und erklärte, wenn ich wieder in sie eintreten wollte, so verlangte er nichts besseres, als mich zu beschäftigen. Herr von Luxembourg sagte es mir wieder. Ich war dafür um so dankbarer, je weniger mich die Minister bisher verwöhnt hatten, und es ist noch nicht sicher, daß ich mich trotz meiner Entschlüsse hätte abhalten lassen, von neuem diese Thorheit zu begehen, wenn mir meine Gesundheit nur daran zu denken gestattet hätte. Der Ehrgeiz bemächtigte sich meiner immer nur in kurzen Zwischenräumen, wo mich jede andere Leidenschaft frei ließ; aber einer dieser Zwischenräume hätte genügt, mich in die alte Laufbahn zurückzuführen. Da mich diese gute Absicht des Herrn von Choiseul mit Zuneigung zu ihm erfüllte, so wuchs noch die Achtung, die ich nach einigen Handlungen seines Ministeriums für seine Talente gefaßt hatte, und namentlich der Familienvertrag schien mir einen Staatsmann ersten Ranges anzukündigen. In meinem Geiste gewann er noch durch den geringen Werth, den ich seinen Vorgängern beilegte, ohne Frau von Pompadour auszunehmen, die ich als eine Art ersten Minister betrachtete, und als das Gerücht umlief, daß entweder sie ihn oder er sie verdrängen würde, glaubte ich für den Ruhm Frankreichs zu beten, wenn ich Herrn von Choiseuls Triumph erflehte. Ich hatte zu jeder Zeit gegen Frau von Pompadour Antipathie gefühlt, selbst als sie noch vor dem Aufgange ihres Glücks Frau von Etioles hieß. Als solche hatte ich sie bei Frau von Poplinière gesehen. Seitdem war ich über ihr Schweigen hinsichtlich Diderots wie über ihr Verhalten gegen mich unzufrieden gewesen, sowohl bezüglich der »Fêtes de Ramire« und der »Galanten Musen« als auch bezüglich des »Dorfwahrsagers«, der mir in keinerlei Hinsicht seinem Erfolge entsprechende Vortheile gebracht hatte. Bei jeder Gelegenheit hatte ich sie stets sehr wenig geneigt gefunden, mir einen Dienst zu erweisen, was den Chevalier von Lorenzi nicht von der Aufforderung zurückhielt, ich sollte etwas zum Lobe dieser Dame schreiben, wobei er einfließen ließ, dies könnte mir nützlich sein. Diese Aufforderung entrüstete mich um so mehr, da ich recht gut einsah, daß er sie nicht aus eigenem Antriebe an mich stellte; ist es mir doch bekannt, daß dieser an sich nichtige Mensch nur auf Fremder Antrieb denkt und handelt. Ich verstehe mich zu wenig zu beherrschen, als daß ich ihm meine Verachtung für seinen Vorschlag oder irgend jemandem meine geringe Neigung für die Favoritin hätte verbergen können. Sie kannte sie, davon war ich überzeugt und in Folge alles dessen vereinigte sich in meinen Wünschen für Herrn von Choiseul mein eigenes Interesse mit meiner natürlichen Neigung. Voll Achtung für seine Talente, die alles waren, was ich von ihm kannte, voll Dankbarkeit für seinen guten Willen, und sonst in meiner Zurückgezogenheit mit seinen Neigungen und seiner Lebensweise völlig unbekannt, betrachtete ich ihn von Anfang an als des Volkes und meinen eigenen Rächer. Da ich damals gerade die letzte Hand an den » Contrat social « legte, bekannte ich darin an einer einzigen Stelle, was ich von den vorhergehenden Ministern und von dem dachte, der sie zu verdunkeln begann. Ich fehlte bei dieser Gelegenheit gegen meinen festesten Grundsatz und noch mehr, ich dachte nicht daran, daß, wenn man in dem nämlichen Artikel Leute ohne Nennung des Namens stark loben oder tadeln will, man den Betreffenden das Lob so anpassen muß, daß auch die mißtrauischste Eigenliebe kein Quiproquo darin finden kann. Ich befand mich darüber in einer so thörichten Sicherheit, daß es mir nicht einmal in den Sinn kam, es könnte jemand es mißverstehen. Man wird bald sehen, ob ich Recht hatte. Ein eigenthümliches Mißgeschick war es, daß ich unter meinen Verbindungen beständig Schriftstellerinnen hatte. Ich glaubte, wenigstens in der großen Welt diesem Mißgeschicke aus dem Wege zu gehen. Keineswegs, es verfolgte mich auch dorthin. Frau von Luxembourg war jedoch meines Wissens nie von dieser Sucht angesteckt; aber Frau Gräfin von Boufflers war es. Sie verfaßte ein Trauerspiel in Prosa, das anfangs in dem Gesellschaftskreise des Prinzen von Conti gelesen, umhergeschickt und gerühmt wurde, und über welches sie, mit so vielen Lobeserhebungen noch nicht zufrieden, auch mein Urtheil hören wollte, um meines Lobes ebenfalls theilhaftig zu werden. Sie erhielt es, wenn auch maßvoll, wie das Werk es verdiente. Sie erhielt noch mehr, nämlich die Hinweisung, die ich ihr schuldig zu sein glaubte, daß ihr Stück, welches den Titel »Der edelmüthige Sklave« führte, eine sehr große Aehnlichkeit mit einem ziemlich wenig bekannten englischen Stücke hatte, das aber gleichwohl bereits übersetzt war und »Oroonoco« hieß. Frau von Boufflers sprach mir ihren Dank für diese Mittheilung aus, während sie zugleich versicherte, daß ihr Stück dem andern durchaus nicht ähnelte. Ich habe von diesem Plagiat mit niemandem in der Welt als mit ihr allein gesprochen, und das, um eine Pflicht zu erfüllen, die sie mir auferlegt hatte. Das hat mich nicht abgehalten, seitdem oft an das Loos zu denken, das Gil Blas bei dem predigenden Erzbischofe zu Theil wurde. Außer dem Abbé von Boufflers, der mich nicht liebte, außer Frau von Boufflers, der ich Kränkungen zugefügt hatte, die weder Frauen noch Schriftsteller je verzeihen, schienen mir alle andern Freunde der Frau Marschall stets wenig geneigt, die meinigen zu werden, unter andern der Herr Präsident Hénault, der, in die Reihen der Schriftsteller eingetreten, von ihren Fehlern nicht frei geblieben war. Dazu gehört auch Frau Du Deffand und Fräulein von Lespinasse, beide mit Voltaire sehr vertraut und innige Freundinnen d'Alemberts, mit dem letztere sogar endlich, natürlich in aller Zucht und Ehrbarkeit, wie es ja gar nicht anders denkbar ist, zusammengelebt hat. Für Frau Du Deffant, die der Verlust ihres Augenlichts mir zu einem Gegenstande des Mitleids machte, hatte ich mich anfangs lebhaft interessirt; aber ihre Lebensweise, die der meinigen so entgegengesetzt war, daß der Eine aufstand, wenn der Andere zu Bett ging; ihre grenzenlose Leidenschaft für eine kleinliche Art den Schöngeist zu spielen; die Wichtigkeit, die sie im Guten wie im Bösen auf die geringsten Wische legte, die erschienen; der Despotismus und die Heftigkeit ihrer Orakelsprüche; ihre übertriebene Eingenommenheit für oder wider alle Dinge, so daß ihr Sprechen, wovon sie auch redete, fast krampfhaft klang; ihre unglaublichen Vorurtheile; ihre unüberwindliche Hartnäckigkeit; ihre alberne Schwärmerei, in welche sie der Starrsinn ihrer leidenschaftlichen Urtheile versetzte; dies alles schreckte mich bald von den Aufmerksamkeiten ab, die ich ihr erweisen wollte. Ich vernachlässigte sie; sie nahm es wahr. Dies reichte hin, sie in Wuth zu versetzen, und obgleich ich mir recht wohl bewußt war, wie sehr eine Frau ihres Charakters zu fürchten sein konnte, so wollte ich mich doch lieber der Geißel ihres Hasses als der ihrer Freundschaft aussetzen. Es war noch nicht genug, so wenig Freunde in dem Gesellschaftskreise der Frau von Luxembourg zu besitzen, ich mußte auch noch Feinde in ihrer Familie haben. Zwar hatte ich nur einen, aber er wiegt in der Lage, in der ich mich gegenwärtig befinde, ihrer hundert auf. Es war wahrlich nicht ihr Bruder, der Herzog von Villeroy, denn er hatte mich nicht nur besucht, sondern mich auch wiederholentlich eingeladen, nach Villeroy zu kommen, und da ich auf diese Einladung mit aller nur möglichen Ehrfurcht und Höflichkeit geantwortet hatte, betrachtete er diese unbestimmte Antwort als eine bindende Zusage. Er hatte mit Herrn und Frau von Luxembourg einen vierzehntägigen Besuch verabredet, an dem ich teilzunehmen aufgefordert wurde. Da die Pflege, die meine Gesundheit verlangte, mir damals eine Ortsveränderung nicht ohne Gefahr gestattete, bat ich Herrn von Luxembourg, mich bei ihm freundlichst entschuldigen zu wollen. Aus seiner Antwort (Heft D , Nr. 3) kann man ersehen, daß dies in der freundlichsten Weise von der Welt geschah, und der Herzog von Villeroy bezeigte mir deshalb nicht weniger Güte als zuvor. Sein Neffe und Erbe, der junge Marquis von Villeroy, theilte das Wohlwollen, mit dem mich sein Oheim beehrte, nicht, aber, wie ich gestehe, auch eben so wenig die Ehrfurcht, die ich vor diesem hatte. Sein aufgeblasenes Wesen machte ihn mir unerträglich, und meine Kälte zog mir seine Abneigung zu. Eines Abends bei Tafel beleidigte er mich sogar muthwillig, und ich zog mich dabei schlecht aus der Sache, weil ich dumm bin, keine Geistesgegenwart habe und mir der Zorn das Wenige, das ich davon besitze, nicht schärft, sondern vollends raubt. Ich besaß einen Hund, den man mir noch ganz jung ungefähr bei meiner Ankunft auf der Eremitage zum Geschenk gemacht, und den ich »Herzog« (Duc) genannt hatte. Dieser nicht schöne, aber der Gattung nach seltene Hund, aus dem ich meinen Gefährten und Freund gemacht, und der diesen Namen wahrlich besser verdiente als die meisten derjenigen, die ihn sich beigelegt haben, war wegen seines einschmeichelnden und lebhaften Wesens wie um unserer gegenseitigen Anhänglichkeit willen im Schlosse Montmorency berühmt. Aber aus einer sehr thörichten Bedenklichkeit hatte ich seinen Namen in »Türk« verwandelt, als ob es nicht viele Hunde gäbe, die »Marquis« heißen, ohne daß irgend ein Marquis daran Anstoß nimmt. Der Marquis von Villeroy, der diese Namensänderung erfuhr, setzte mir darüber der Art zu, daß ich genöthigt wurde, an offener Tafel zu erzählen, was ich gethan hatte. Das Beleidigende für den Namen »Herzog« bei dieser Geschichte lag nicht sowohl darin, daß ich ihn dem Hunde gegeben, als vielmehr darin, daß ich ihn ihm wieder genommen hatte. Das Schlimmste war, daß mehrere Herzoge zugegen waren; der Herr von Luxembourg war es und sein Sohn ebenfalls. Der Marquis von Villeroy, der es einst werden mußte und gegenwärtig ist, hatte an der Verlegenheit, in die er mich versetzt, und an der Wirkung, die diese Verlegenheit hervorgebracht, seine grausame Freude. Am andern Tage wurde mir versichert, daß ihn seine Tante dafür sehr, heftig ausgescholten hatte, und man urtheile selbst, ob mich dieser Verweis, wenn er ihm wirklich zu Theil wurde, bei ihm in ein günstigeres Licht gestellt hat. Gegen alles dies hatte ich sowohl im Hotel Luxembourg wie im Temple nur an dem Chevalier von Lorenzi eine Stütze, der sich für meinen Freund ausgab. Noch mehr war er aber der d'Alemberts, unter dessen Schutze er bei den Frauen für einen großen Geometer galt. Außerdem war er der Cicisbeo oder vielmehr der Augendiener der Frau Gräfin von Boufflers, die selbst d'Alemberts große Freundin war, und Chevalier von Lorenzi lebte und webte nur für sie. So hatte ich nach außen hin nicht nur kein Gegengewicht, um mich bei der Frau Marschallin in Gunst zu erhalten, sondern alles, was ihr nahe kam, schien auch noch zusammenzuwirken, um mir bei ihr zu schaden. Trotzdem gab sie mir, außer dem, daß sie die Veröffentlichung des »Emil« übernommen hatte, zu derselben Zeit noch einen andern Beweis von Theilnahme und Wohlwollen, der mich glauben ließ, daß sie die Freundschaft, die sie mir so oft für mein ganzes Leben versprochen hatte, mir stets erhielt und erhalten würde. Sobald ich geglaubt, mich auf dieses Gefühl von ihrer Seite verlassen zu können, hatte ich begonnen, mein Herz zu erleichtern und ihr alle meine Fehler zu gestehen, da es meinen Freunden gegenüber mein unverletzlicher Grundsatz war, mich ihren Augen genau so zu zeigen, wie ich war, nicht besser und nicht schlimmer. Ich hatte ihr mein Verhältnis mit Therese und alle Folgen davon mitgetheilt, ohne zu verschweigen, in welcher Weise ich über meine Kinder verfügt hatte. Sie hatte meine Bekenntnisse sehr gut aufgenommen, zu gut sogar, indem sie keinen Tadel, den ich verdiente, gegen mich aussprach, und was mich besonders lebhaft rührte, war zu sehen, wie große Güte sie Theresen bezeigte, indem sie ihr kleine Geschenke machte, sie holen ließ, zu Besuchen einlud, mit hunderterlei Freundlichkeiten empfing und sehr oft vor aller Welt küßte. Das arme Mädchen war außer sich vor Freude und Dankbarkeit, und ich theilte wahrlich ihre Gefühle, da mich die Freundschaftsbeweise, mit denen mich Herr und Frau von Luxembourg in ihr überhäuften, noch weit stärker als die rührten, welche sie mir persönlich erzeigten. So blieb es ziemlich lange; endlich aber trieb die Frau Marschall die Güte so weit, daß sie eines meiner Kinder aus dem Findelhause nehmen wollte. Sie wußte, daß ich in die Windeln des ältesten ein Namenszeichen hatte legen lassen; sie ersuchte mich um das Duplicat desselben, und ich gab es ihr. Zu der nöthigen Nachforschung bediente sie sich eines gewissen La Roche, der ihr Kammerdiener und Vertrauensmann war. Seine Bemühungen waren jedoch fruchtlos, und er fand nichts, obgleich es erst zwölf oder vierzehn Jahre her waren. Hätte in den Registern des Findelhauses Ordnung geherrscht, oder wäre die Nachforschung mit Umsicht geführt worden, so hätte das Namenszeichen nicht unauffindbar sein dürfen. Wie dem auch sein möge, ich war über die Erfolglosigkeit der Nachsuchung jetzt weniger betrübt, als ich gewesen, wäre ich dem Kinde seit seiner Geburt mit eigenen Augen gefolgt. Hätte man mir mit Hilfe des Nachweises ein Kind als das meinige vorgestellt, so würde mir der Zweifel, ob es dasselbe auch wirklich wäre, ob man ihm nicht ein anderes untergeschoben hätte, durch die Ungewißheit das Herz bedrückt und ich mich des wahren Gefühles der Natur nicht in seinen: ganzen Reize erfreut haben. Zur Erhaltung dieses Gefühles muß es wenigstens während der Kindheit durch die Gewohnheit unterstützt werden. Die lange Entfernung eines Kindes, das man nicht kennt, schwächt noch die väterlichen und mütterlichen Gefühle und ertödtet sie endlich, und nie wird man das, welches man einer Amme übergeben, so lieben, wie das, welches man unter seinen eigenen Augen groß gezogen hat. Die Bemerkung, die ich hier mache, kann mein Unrecht zwar in seinen Wirkungen abschwächen, aber läßt es in seinem Ursprünge noch schwerer erscheinen. Das Bekenntnis, welches er über seine Fehler der Frau von Luxembourg abgelegt hat, und die Nachforschungen, die in Folge dessen angestellt sind, bilden den Inhalt des rührenden Briefes, welchen er den 12. Juni 1761 an sie geschrieben hat, sowie der darauf folgenden vom 20. Juli und 10. August. Es ist vielleicht nicht unnütz zu bemerken, daß dieser nämliche La Roche durch Theresens Vermittelung mit Frau Le Vasseur Bekanntschaft machte, die Grimm nach wie vor zu Deuil unmittelbar vor dem Thore der Chevrette und dicht bei Montmorency hielt. Nach meiner Abreise fuhr ich fort, dieser Frau durch Herrn La Roche das Geld, das ich ihr nie zu senden aufgehört habe, einhändigen zu lassen, und ich glaube, daß er ihr auch häufig Geschenke von Seiten der Frau Marschall brachte; so war sie sicherlich nicht zu beklagen, obgleich sie stets klagte. Ueber Grimm sprach ich, da ich von Leuten, die ich hassen muß. nicht zu reden liebe, mit Frau von Luxembourg nur wider meinen Willen; aber sie brachte mich mehrmals auf dieses Kapitel, ohne mir zu sagen, was sie darüber dachte, und ohne mich je merken zu lassen, ob sie mit diesem Manne bekannt war oder nicht. Da Zurückhaltung gegen Leute, die man liebt, und die gegen uns eben so offen sind, nicht nach meinem Geschmacke ist, namentlich in dem, was sie selbst angeht, so habe ich über die ihrige in diesem Punkte seitdem bisweilen nachgedacht, aber freilich erst, als andere Ereignisse dieses Nachdenken natürlich machten. Nachdem ich von dem Emil, seitdem ich ihn der Frau von Luxembourg übergeben, lange nichts vernommen hatte, hörte ich endlich, daß der Kaufvertrag darüber zu Paris mit dem Buchhändler Duchesne und durch ihn mit dem Amsterdamer Buchhändler Réaulme abgeschlossen war. Frau von Luxembourg sandte mir die beiden Abschriften meines Vertrages mit Duchesne zur Unterzeichnung. Ich erkannte, daß die Schrift von derselben Hand herrührte, von der diejenigen Briefe des Herrn von Malesherbes waren, die er nicht eigenhändig schrieb. Diese Gewißheit, daß mein Vertrag mit der Zustimmung und unter den Augen der Behörde zu Stande gekommen war, ließ mich ihn mit Vertrauen unterzeichnen. Duchesne bezahlte mir für dieses Manuscript sechstausend Franken, die Hälfte baar, und, ich glaube, hundert oder zweihundert Exemplare. Nach Unterzeichnung der beiden Abschriften sandte ich sie alle beide der Frau von Luxembourg zurück, die es so gewünscht hatte; sie gab Duchesne die eine und behielt die andre anstatt sie mir zurückzuschicken, und ich habe sie nie wieder gesehen. Obgleich mein Vorhaben, mich zurückzuziehen, durch du Bekanntschaft mit Herrn und Frau von Luxembourg Aufschub erlitten, so hatte ich es doch um ihrer willen nicht aufgegeben. Selbst zu der Zeit meiner größten Gunst bei der Frau Marschall hatte ich stets gefühlt, daß nur meine innige Zuneigung zu dem Herrn Marschall und zu ihr mir ihre Umgebung erträglich machen konnte; und meine ganze Verlegenheit war, diese Zuneigung mit einer meinem Geschmacke mehr zusagenden und meiner Gesundheit weniger nachtheiligen Lebensweise in Übereinstimmung zu bringen, denn trotz aller Mühe, die man anwandte, meine Gesundheit nicht zu gefährden, so litt sie unter diesem Zwange und diesen Abendessen doch unaufhörlich. In Bezug auf die Pflege wie in jedem andern Punkte wurden die Aufmerksamkeiten so weit wie möglich getrieben. So unterließ zum Beispiel an keinem Abende nach dem Souper der Herr Marschall, der sich früh schlafen legte, mich gutwillig oder gezwungen mit sich zu nehmen, damit ich gleichfalls das Bett aufsuchte. Erst kurz vor dem Eintritte meines Unglücks hörte er, ich weiß nicht weshalb, auf, diese Aufmerksamkeit zu haben. Sogar noch ehe ich die Erkaltung der Frau Marschall wahrnahm, wünschte ich, um mich ihr nicht auszusetzen, mein altes Vorhaben auszuführen; aber da mir die Mittel dazu fehlten, war ich gezwungen, den Abschluß des Vertrages hinsichtlich des »Emil« abzuwarten, und mittlerweile legte ich die letzte Hand an den » Contrat social « und schickte ihn an Rey, wobei ich als Honorar für dieses Manuscript tausend Franken bestimmte, die er mir auch gewährte. Ich darf vielleicht eine kleine Thatsache nicht übergehen, die sich auf das erwähnte Manuscript bezieht. Ich übergab es wohlversiegelt Duvoisin, einem Prediger aus dem Waadtlande, und Kaplan bei der Holländischen Gesandtschaft, der mich mitunter besuchte und die Besorgung an Rey, mit dem er in Verbindung stand, übernahm. Dieses sehr klein geschriebene Manuscript war deshalb wenig umfangreich und füllte seine Tasche nicht aus. Als er durch das Thor ging, fiel sein Packet, ich weiß nicht wie, in die Hände der Zollbeamten, die es öffneten, untersuchten und es ihm endlich zurückgaben, als es im Namen des Gesandten zurückgefordert wurde. Dies verschaffte ihm die Gelegenheit, es selbst zu lesen, wie er mir naiver Weise anzeigte, unter großer Belobigung des Werkes, ohne ein Wort der Kritik oder des Tadels, wobei er sich ohne Zweifel vorbehielt, als Rächer des Christentums aufzutreten, sobald das Werk erschienen sein würde. Er siegelte das Manuscript wieder ein und schickte es Rey zu. Das ist im Wesentlichen der Inhalt des Berichtes, den er mir brieflich über diese Angelegenheit abstattete, und das ist alles, was ich davon erfahren habe. Außer diesen beiden Büchern und dem »Musikalischen Wörterbuche«, an dem ich von Zeit zu Zeit noch immer arbeitete, hatte ich einige andere Schriften von minderer Wichtigkeit, aber alle druckfertig, die ich mir entweder gesondert oder in meiner Gesammtausgabe, wenn ich eine solche je besorgte, noch herauszugeben vornahm. Die Hauptschrift unter ihnen, von denen sich die meisten noch ungedruckt in den Händen Du Peyrous befinden, war ein »Versuch über den Ursprung der Sprachen«, den ich Herrn von Malesherbes und den Chevalier von Lorenzi lesen ließ, der mir viel Schmeichelhaftes darüber sagte. Ich rechnete darauf, daß mir alle diese Werke zusammen außer dem ganzen Lebensunterhalte ein Capital von acht- bis zehntausend Franken einbringen müßten, die ich für mich wie für Therese auf Leibrente anlegen wollte. Darauf wollten wir, wie gesagt, in dem Winkel irgend einer Provinz zusammenleben, ohne das Publikum länger mit mir zu beschäftigen und ohne mich selbst mit etwas Andrem als mit dem friedlichen Verlaufen meiner Lebensbahn zu beschäftigen, indem ich fortfuhr alles mir mögliche Gute um mich her zu thun und in der Muße die Denkwürdigkeiten zu schreiben, an deren Abfassung ich dachte. Das war mein Plan, dessen Ausführung Rey's Großmuth, die ich nicht verschweigen kann, noch erleichterte. Dieser Buchhändler, von dem man mir in Paris so viel Böses sagte, ist doch von allen denen, mit welchen ich zu thun gehabt, der einzige, mit dem ich stets habe zufrieden sein können. Als ich dies schrieb, war ich noch gar weit davon entfernt, die Betrügereien mir vorzustellen, zu fassen und zu glauben, die ich später in den Abzügen meiner Schriften entdeckt habe und er einzugestehen gezwungen worden ist. In Wahrheit befanden wir uns über den Druck meiner Werke oft in Streit; er war leichtsinnig, ich war hitzig. Aber in Geldsachen wie in allem, was damit in Verbindung steht, habe ich ihn, obgleich ich nie einen förmlichen Vertrag mit ihm abgeschlossen hatte, stets genau und redlich gefunden. Er ist sogar auch der einzige, der mir offen gestanden hat, daß er gute Geschäfte mit mir machte, und oft hat er mir gesagt, daß er mir sein Vermögen verdankte, und einen Theil davon angeboten. Da er mir seine Dankbarkeit nicht unmittelbar beweisen konnte, wollte er sie mir wenigstens in meiner Gefährtin bezeugen, der er eine lebenslängliche Pension von dreihundert Franken aussetzte, indem er zugleich in dem Documente erklärte, daß es aus Dankbarkeit für den Gewinn geschähe, den ich ihm verschafft hätte. Es wurde dies unter uns persönlich geregelt ohne Prahlerei, ohne Stolz, ohne Aufsehen, und hätte ich nicht zuerst zu jedermann davon gesprochen, so würde es niemand erfahren haben. Ich war von dieser Handlungsweise so gerührt, daß ich mich Rey von dieser Zeit an mit wahrhafter Freundschaft angeschlossen habe. Einige Zeit darauf wünschte er mich zum Pathen eines seiner Kinder. Ich nahm es an, und es ist in der Lage, in die man mich versetzt, mit mein Hauptschmerz, daß man mir jegliches Mittel geraubt hat, späterhin meiner Pathin und ihren Eltern meine Anhänglichkeit in nutzbarer Weise an den Tag legen zu können. Weshalb bin ich, der ich für die glanzlose Großmuth dieses Buchhändlers so dankbar bin, es so wenig für die geräuschvollen Diensterweisungen so vieler vornehmer Leute, die das Weltall pomphaft mit all dem Guten erfüllen, das sie mir ihrer Behauptung nach haben thun wollen und von dem mir nie etwas zu Theil geworden ist. Ist es ihre Schuld? Ist es die meinige? Sind sie nur eitel? Bin ich nur undankbar? Möge der verständige Leser selbst erwägen und entscheiden. Ich für meine Person schweige. Diese Pension war für Theresens Unterhalt eine große Hilfsquelle und für mich ein großer Trost. Allein sonst war ich sehr weit davon entfernt, einen unmittelbaren Nutzen für mich daraus zu ziehen, eben so wenig wie aus allen Geschenken, die man ihr machte. Sie hat stets selbst über alles verfügt. Wenn ich ihr Geld aufbewahrte, legte ich ihr treulich Rechnung darüber ab, ohne davon je einen Heller für unsere gemeinschaftlichen Ausgaben zu berechnen, selbst wenn sie reicher war als ich. Was mir gehört, ist unser, sagte ich zu ihr, und was dir gehört, ist dein. Nie habe ich aufgehört, nach diesem Grundsatze, den ich ihr oft wiederholt habe, gegen sie zu verfahren. Diejenigen, die die Gemeinheit gehabt haben, mich zu beschuldigen, daß ich durch ihre Hände angenommen, was ich mit meinen eigenen zurückwies, beurtheilten mein Herz ohne Zweifel nach dem ihrigen und kannten mich sehr schlecht. Das Brot, welches sie verdient, würde ich gern mit ihr essen, nie das, was sie als Geschenk erhalten hätte. Ueber diesen Punkt berufe ich mich auf ihr Zeugnis schon jetzt und wenn sie mich nach dem Laufe der Natur überlebt. Leider ist sie in haushälterischen Dingen in allen Stücken wenig erfahren, wenig sorgfältig und sehr verschwenderisch, nicht aus Eitelkeit oder Leckerhaftigkeit, sondern lediglich aus Nachlässigkeit. Niemand ist hienieden vollkommen, und da ihre vortrefflichen Eigenschaften einen Ausgleich verlangen, so sehe ich an ihr lieber Fehler als Laster, wenn diese Fehler auch vielleicht uns beiden mehr Leiden bereiten. Die Mühe, die ich mir wie ehedem für Mama so auch für sie gegeben habe, ihr eine kleine Summe zusammenzusparen, die ihr eines Tages als Hilfe dienen könnte, ist undenkbar, aber es war stets verlorene Mühe. Beide haben sich nie selbst klare Rechenschaft abgelegt, und aller meiner Anstrengungen ungeachtet ist alles immer wieder fortgegangen, wie es gekommen ist. Wie einfach Therese sich auch kleidet, hat Reys Pension doch nie für ihren Putz gereicht, so daß ich noch jedes Jahr von dem Meinen habe zuschießen müssen. Beide sind wir nicht dazu geschaffen, weder sie noch ich, je reich zu werden, und ich rechne das wahrlich nicht unter mein Unglück. Der » Contrat social « wurde ziemlich rasch gedruckt. Mit Emil, auf dessen Erscheinen ich wartete, um mich meinem Plane gemäß zurückzuziehen, war es nicht der Fall. Duchesne schickte mir von Zeit zu Zeit Druckproben zur Auswahl; hatte ich sie getroffen, so begann er doch nicht, sondern schickte mir noch wieder andere. Als wir endlich über Format und Buchstaben einig waren, und er schon einige Bogen gedruckt hatte, begann er in Folge einer unbedeutenden Veränderung, die ich bei der Correctur vorgenommen hatte, alles von neuem, und nach sechs Monaten waren wir noch nicht so weit gelangt wie am ersten Tage. Während dieses versuchsweisen Vorgehens bemerkte ich deutlich, daß das Werk in Frankreich wie in Holland gedruckt wurde, und man gleichzeitig zwei Ausgaben veranstaltete. Was konnte ich thun? Ich war nicht mehr Herr meines Manuscripts. An der Ausgabe in Frankreich hatte ich nicht nur keinen Antheil gehabt, sondern mich ihr auch stets widersetzt; aber da sie wohl oder übel nun doch einmal gemacht wurde und der andern als Vorbild diente, so durfte ich sie auch nicht aus den Augen lassen und mußte die Correcturbogen durchsehen, um mein Buch nicht verstümmeln und entstellen zu lassen. Uebrigens geschah der Druck des Werkes so vollkommen mit der Genehmigung des Censors, daß er die Unternehmung gewissermaßen leitete, sehr häufig an mich schrieb und mich sogar in Bezug darauf besuchte, bei einer Gelegenheit, von der ich gleich reden werde. Während Duchesne mit Schildkrötenschritten vorwärts ging, machte Néaulme, den er zurückhielt, noch langsamere Fortschritte. Man schickte ihm die Bogen nicht so regelmäßig zu, wie sie gedruckt wurden. Er glaubte in der Handlungsweise Duchesnes, das heißt Guys, der die Geschäftsführung besorgte, Unredlichkeit zu bemerken, und sobald er sich überzeugte, daß man den Vertrag nicht inne hielt, schrieb er mir Briefe über Briefe voller Klagen und Beschwerden, für die ich noch weniger Abhilfe herbeiführen konnte als für meine eigenen. Sein Freund Guérin, der mich damals sehr oft besuchte, redete mit mir unaufhörlich von diesem Buche, aber stets mit größter Zurückhaltung. Er wußte und wußte nicht, daß man es in Frankreich druckte; er wußte und wußte nicht, daß sich der Censor hineinmischte; während er mich wegen der Verlegenheiten beklagte, die mir dieses Buch bereitete, schien er mich der Unvorsichtigkeit zu zeihen, ohne je sagen zu wollen, worin sie denn bestände; er machte unaufhörlich Winkelzüge und Ausflüchte; er schien nur zu sprechen, um mich zum Sprechen zu bringen. Damals war meine Sicherheit so vollständig, daß ich über den bedächtigen und geheimnisvollen Ton, den er bei dieser Angelegenheit anschlug, wie über eine bei Ministern und Beamten, in deren Amtsstuben er häufig zu finden war, vorkommende lächerliche Angewöhnung lachte. Sicher, hinsichtlich dieses Werkes in Ordnung zu sein, vollkommen überzeugt, daß es nicht nur die Billigung und den Schutz des Censors besäße, sondern auch verdiente und sogar von dem Ministerium mit günstigen Augen betrachtet würde, beglückwünschte ich mich wegen meines Muthes, recht zu handeln, und lachte meine kleinmüthigen Freunde aus, die sich um meinetwillen zu beunruhigen schienen. Duclos war einer von ihnen, und ich gestehe, daß mir mein Vertrauen zu seiner Geradheit und Einsicht gleiche Besorgnis wie ihm hätte einflößen müssen, wenn ich ein geringeres auf die Brauchbarkeit des Werkes und auf die Redlichkeit seiner Beschützer gesetzt hätte. Während der »Emil« unter der Presse war, kam er von Herrn Baille zu mir, und redete mit mir von dem Buche. Ich las ihm das Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars vor; er hörte es in tiefster Ruhe und, wie es mir schien, mit großem Vergnügen an. Als ich geendet hatte, sagte er zu mir: »Wie, Bürger, das ist ein Abschnitt aus einem Buche, das man in Paris druckt?« – »Ja,« erwiderte ich, »und man sollte es im Louvre auf Befehl des Königs drucken.« – »Ich gebe es zu,« versetzte er, »thun Sie mir indessen den Gefallen, niemandem zu erzählen, daß Sie mir diesen Abschnitt vorgelesen haben.« Diese auffallende Art, sich auszudrücken, überraschte mich, ohne mich zu erschrecken. Ich wußte, daß Duclos oft Herrn von Malesherbes sah. Es war mir schwer begreiflich, wie er über denselben Gegenstand so abweichender Meinung sein konnte. Seit länger als vier Jahren lebte ich in Montmorency, ohne dort einen Tag ganz gesund gewesen zu sein. Obgleich die Luft daselbst vortrefflich ist, so ist das Wasser schlecht, und das kann sehr gut eine der Ursachen sein, die zur Verschlimmerung meiner gewöhnlichen Leiden beitrugen. Gegen Ende des Herbstes 1761 wurde ich völlig krank und brachte den ganzen Winter unter fast unaufhörlichen Leiden zu. Das durch tausenderlei Beunruhigungen vermehrte körperliche Unbehagen machte sie mir noch empfindlicher. Seit einiger Zeit quälten mich unbestimmte und düstere Ahnungen, ohne daß ich wußte worüber. Ich erhielt ziemlich sonderbare anonyme Briefe und sogar unterschriebene Briefe, die es kaum weniger waren. So bekam ich einen von einem Pariser Parlamentsrathe, der, unzufrieden mit der gegenwärtigen Lage der Dinge und sich von den Folgen nichts Gutes versprechend, mich über die Wahl eines Zufluchtsortes in Genf oder in der Schweiz um Rath fragte, um sich mit seiner Familie dorthin zurückzuziehen; wieder einen andern von dem Parlamentspräsidenten Herrn von ... zu ..., der mir vorschlug, für sein Parlament, das damals mit dem Hofe gespannt war, Gesuche und Vorstellungen abzufassen, indem er sich zugleich erbot, mir dazu alle Materialien und Documente, deren ich bedürfen würde, zur Verfügung zu stellen. Wenn ich leide, werde ich leicht übellaunisch; beim Empfang dieser Briefe wurde ich es; meine Antwortsschreiben, in denen ich alles, was man von mir verlangte, rundweg ablehnte, verriethen es. Da diese Briefe Fallstricke meiner Feinde Ich wußte zum Beispiel, daß der Präsident von ... mit den Encyklopädisten und Holbachianern sehr befreundet war. sein konnten, und das Verlangte den Grundsätzen widersprach, die ich jetzt weniger als je aufgeben wollte, so mache ich mir diese Ablehnung nicht zum Vorwurfe; aber während ich mich in freundlicher Weise weigern konnte, that ich es mit Härte, und darin hatte ich Unrecht. Unter meinen Papieren wird man die eben erwähnten beiden Briefe finden. Der des Parlamentsraths überraschte mich durchaus nicht, da ich gleich ihm und vielen anderen überzeugt war, daß die sichtlich zusammenbrechende Verfassung, Frankreich mit einem nahen Zusammensturze bedrohte. Die Unfälle eines unglücklichen Krieges, Des siebenjährigen Krieges. an denen allein die Regierung Schuld hatte; die unglaubliche Unordnung der Finanzen; die fortwährenden Schwankungen in der Verwaltung, die bis zu jener Zeit in den Händen zweier oder dreier Minister lag, welche sich offen bekämpften und, nur um sich gegenseitig zu schaden, das Königreich zu Grunde richteten; die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes und aller Stände; die Halsstarrigkeit einer eigensinnigen Frau, die dadurch, daß sie ihre Einsicht, so weit sie solche besaß, beständig ihren Neigungen opferte, fast immer die fähigsten Leute von den Aemtern fern hielt, um sie mit ihren Günstlingen zu besetzen: alles wirkte zusammen, die Voraussicht des Parlamentsraths so wie die des Publikums und meine eigene zu rechtfertigen. Diese Voraussicht machte mich sogar selbst mehrmals schwankend, ob nicht auch ich ein Asyl außerhalb des Landes suchen sollte, ehe die dem Anscheine nach es bedrohenden Unruhen hereinbrachen. Allein im Hinblick auf meine Unbedeutendheit und mein friedfertiges Wesen beruhigt, glaubte ich, daß in der Einsamkeit, in der ich zu leben gedachte, kein Sturm bis zu mir dringen könnte. Nur das betrübte mich, daß sich Herr von Luxembourg bei diesem Stande der Dinge zu Diensten hergab, die ihn in seiner Statthalterschaft von manchem Guten zurückhalten mußten. Ich hätte gewünscht, daß er sich dort für jeden Fall eine Zuflucht sicherte, wenn die große Maschine wirklich zusammenbrach, wie es bei der gegenwärtigen Lage der Dinge zu befürchten stand, und noch jetzt scheint es mir zweifellos, daß, wären nicht endlich alle Zügel der Regierung in eine einzige Hand In die des Herzogs von Choiseul. gefallen, die französische Regierung jetzt in den letzten Zügen läge. Während sich mein Zustand verschlimmerte, wurde der Druck des »Emil« immer langsamer und endlich ganz unterbrochen, ohne daß ich den Grund erfahren konnte, ohne daß mich Guy einer Anzeige oder einer Antwort gewürdigt, ohne daß mich jemand benachrichtigt oder darüber aufgeklärt hätte, was eigentlich vorginge, da sich Herr von Malesherbes gerade auf dem Lande aufhielt. Nie wird mich ein Unglück, welches es auch sein möge, verwirren oder niederschlagen, falls ich weiß, worin es besteht; aber ich habe eine natürliche Angst vor dem Dunkeln; das Schaudrige in demselben fürchte und hasse ich. Das Geheimnisvolle beunruhigt mich stets, es steht in zu grellem Gegensatze zu meiner bis zur Unbesonnenheit offenen Natur. Der Anblick des gräßlichsten Ungeheuers würde mir, wie ich glaube, wenig Angst einjagen; aber würde ich nachts undeutlich eine Gestalt in einem weißen Laken erblicken, so würde mich Furcht befallen. So malte mir denn meine durch das lange Schweigen erhitzte Einbildungskraft lauter Schreckbilder vor. Je mehr mir die Herausgabe meines letzten und besten Werkes am Herzen lag, desto mehr quälte ich mich ab, die Gründe des etwaigen Hindernisses aufzufinden, und da ich stets alles bis aufs Aeußerste trieb, so glaubte ich in dem Stillstand des Druckes die Unterdrückung des Buches zu sehen. Indem ich mir indessen weder den Grund noch die Art des Einschreitens gegen mein Werk vorstellen konnte, verharrte ich in der grausamsten Ungewißheit von der Welt. Ich schrieb Briefe über Briefe an Guy, Herrn von Malesherbes und Frau von Luxembourg, und da die Antworten nicht kamen, oder doch nicht kamen, wenn ich sie erwartete, so wurde ich höchst unruhig, ja fast wie wahnsinnig. Unglücklicher Weise vernahm ich um dieselbe Zeit, daß der Pater Griffet, ein Jesuit, vom »Emil« geredet und daraus sogar Stellen angeführt hatte. Augenblicklich fährt es mir wie ein Blitzstrahl durch den Kopf, und das ganze Geheimnis der Nichtswürdigkeit steht enthüllt vor mir da: ich sah ihr allmähliches Fortschreiten so klar, so unwiderleglich, als wäre es mir offenbart worden. Ich bildete mir ein, die Jesuiten hätten sich, wüthend über den verächtlichen Ton, in dem ich über ihre Schulen gesprochen, meines Werkes bemächtigt; sie wären es, die die Herausgabe hinderten; sie wollten, von ihrem Freunde Guérin über meinen gegenwärtigen Zustand unterrichtet und meinen nahen Tod, an dem ich nicht zweifelte, voraussehend, den Druck bis dahin verzögern in der Absicht, mein Werk zu verstümmeln und abzuändern und mir, um ihre Zwecke zu erreichen, fremde Ansichten unterzuschieben. Es ist erstaunlich, welch eine Menge Thatsachen und Umstände sich plötzlich in meinem Geiste nach diesem verrückten Gedanken umwandelten, um ihm einen Schein von Wahrscheinlichkeit zu geben. Was sage ich? Schein von Wahrscheinlichkeit? Nein, um seine augenscheinliche Gewißheit zu beweisen. Guérin war, wie ich wußte, vollständig in den Händen der Jesuiten. Ihnen schrieb ich alle die Freundschaftsdienste zu, die er mir erwiesen; ich redete mir vor, daß er mich auf ihren Antrieb zur Verhandlung mit Néaulme gedrängt, daß sie durch letzteren die ersten Bogen meines Werkes erhalten und in Folge dessen das Mittel gefunden hätten, den Druck bei Duchesne aufzuhalten und sich vielleicht meines Manuscripts zu bemächtigen, um nach Belieben daran zu feilen, bis mein Tod ihnen die Freiheit gab, es nach ihrer Weise entstellt herauszugeben. Trotz der erheuchelten Liebenswürdigkeit des Pater Berthier hatte ich stets gemerkt, daß mich die Jesuiten nicht liebten, nicht allein als einen Encyklopädisten, sondern weil meine Principien ihren Grundsätzen und ihrem Ansehen weit widerstrebender und gefährlicher waren als der Unglaube der übrigen Encyklopädisten, da sich der atheistische und der bigotte Fanatismus, die in ihrer gemeinsamen Unduldsamkeit einen Berührungspunkt haben, sogar verbinden können, wie sie es in China gethan haben und wie sie es gegen mich thun, während die vernünftige und sittliche Religion dadurch, daß sie jede menschliche Macht über die Gewissen aufhebt, den Trägern dieser Macht keinen Einfluß mehr läßt. Ich wußte, daß der Herr Kanzler den Jesuiten ebenfalls sehr befreundet war; ich fürchtete, der Sohn hätte sich, durch den Vater eingeschüchtert, gezwungen gesehen, ihnen das Werk, dem er Schutz gewährt hatte, preiszugeben. Die Wirkung davon glaubte ich sogar in den Hudeleien zu sehen, denen man mich in Bezug auf die beiden ersten Bände auszusetzen begann, bei denen man um nichts Auswechselblätter verlangte, während die beiden andern Bände, wie man sehr wohl wußte, voll so starker Dinge waren, daß sie einer gänzlichen Umarbeitung bedurft hätten, wenn man sie wie die beiden ersten censiren wollte. Ferner wußte ich, und Herr von Malesherbes sagte es mir selbst, daß der Abbé von Grave, den er mit der Überwachung dieser Ausgabe beauftragt hatte, noch ein weiterer Anhänger der Jesuiten war. Ueberall sah ich nur Jesuiten, ohne zu bedenken, daß sie am Vorabende ihrer Vernichtung und von ihrer eigenen Verteidigung vollständig in Anspruch genommen, anderes zu thun hatten, als sich wegen des Druckes eines Buches, in dem es sich gar nicht um sie handelte, etwas zu schaffen zu machen. Ich habe Unrecht zu sagen, ohne daran zu denken, denn ich dachte sehr wohl daran, und Herr von Malesherbes hat sich sogar, als er von meinem Wahne hörte, die Mühe gegeben, mir den Einwurf zu machen; aber in Folge eines andren Unverstandes bei einem Manne, der aus der Tiefe seiner Zurückgezogenheit über in Geheimnis gehüllte wichtige Staatsangelegenheiten, von denen er nichts versteht, urtheilen will, war es mir unmöglich zu glauben, daß die Jesuiten wirklich in Gefahr waren, und ich betrachtete das Gerücht, das sich darüber verbreitete, als eine von ihrer Seite angewandte List, um ihre Widersacher einzuschläfern. Ihre früheren Erfolge, die unbestritten waren, gaben mir eine so furchtbare Vorstellung von ihrer Macht, daß ich schon die Demüthigung des Parlaments beklagte. Ich wußte, daß Herr von Choiseul bei den Jesuiten studirt hatte, daß Frau von Pompadour ihnen nicht übel wollte, und daß ihr Bündnis mit den Günstlingen und Ministern stets beiden Theilen gegen ihre gemeinsamen Feinde vortheilhaft erschienen war. Der Hof schien sich in nichts zu mischen, und überzeugt, daß, wenn auch die Gesellschaft Jesu dereinst einen harten Stoß erhalten sollte, doch das Parlament nie stark genug sein würde, ihn ihr zu versetzen, schloß ich aus dieser Unthätigkeit des Hofes auf den guten Grund ihrer Zuversicht und erblickte darin ein Vorzeichen ihres Triumphes. Kurz, da ich in allen Tagesgerüchten nur von ihnen angewandte List und gelegte Schlingen sah und überzeugt war, daß sie in ihrer Sicherheit Zeit hatten, sich mit allem zu befassen, so zweifelte ich nicht, daß sie in kurzem den Jansenismus, das Parlament, die Encyklopädisten und alles, was sich ihrem Joche nicht gefügt hatte, vernichten würden, kurz, daß, wenn sie mein Buch erscheinen ließen, es nicht eher geschehen würde, als bis sie es zu einer für sie tauglichen Waffe umgestaltet hätten, indem sie meinen Namen zur Täuschung ihrer Leser benutzten. Ich fühlte mich todtkrank; es ist mir schwer faßlich, wie diese Thorheit mir nicht vollends den Rest gab, so furchtbar war mir der Gedanke, daß nach meinem Tode mein Andenken gerade durch mein würdigstes und bestes Buch entehrt werden sollte. Nie habe ich mich so sehr zu sterben gefürchtet, und ich glaube, wäre ich unter diesen Verhältnissen gestorben, hätte ich in Verzweiflung meine Augen zugedrückt. Selbst heute, wo ich die schwärzeste, schändlichste Verschwörung, die je gegen das Gedächtnis eines Mannes angezettelt worden ist, widerstandslos auf ihr Ziel losgehen sehe, werde ich viel ruhiger sterben, sicher, in meinen Schriften ein Zeugnis über mich zu hinterlassen, welches früher oder später über die Verschwörungen der Menschen triumphiren wird. 1762 Zeuge und Vertrauter meiner Aufregung gab sich Herr von Malesherbes zu ihrer Beruhigung eine Mühe, die seine unerschöpfliche Herzensgüte beweist. Frau von Luxembourg wirkte zu diesem guten Werke mit und begab sich mehrere Male zu Duchesne, um sich zu erkundigen, wie es mit dem Drucke stände. Nun gut, er wurde wieder aufgenommen und ging schneller vor sich, ohne daß ich je erfahren hätte, weshalb er eingestellt war. Herr von Malesherbes ließ es sich nicht verdrießen, selbst nach Montmorency zu kommen, um mich zu beruhigen, und da mein vollkommenes Vertrauen in seine Redlichkeit den Sieg über die Verirrung meines armen Kopfes davon trug, wurde alles, was er that, um mich von ihr zurückzubringen, von Erfolg gekrönt. Nach dem, was er von meinen Aengsten und meinem Wahnsinn gesehen, mußte er mich natürlich sehr bedauernswerth finden; er that es auch. Das abgedroschene Gesalbader der philosophischen Sippschaft, die ihn umgab, fiel ihm wieder ein. Als ich auf der Eremitage für mich allein leben wollte, verkündeten sie, wie gesagt, ich würde es nicht lange aushalten. Als sie sahen, daß ich doch aushielt, sagten sie, es geschähe aus Halsstarrigkeit, aus Stolz, aus Scham, mein Wort zurückzunehmen, aber ich langweilte mich zum Sterben und lebte dort höchst unglücklich. Herr von Malesherbes glaubte es und schrieb es mir. Empfindlich über diesen Irrthum bei einem Manne, vor dem ich so große Achtung hegte, schrieb ich hinter einander vier Briefe an ihn, in denen ich unter Auseinandersetzung der wahren Gründe meines Auftretens getreulich meinen Geschmack, meine Neigungen, meinen Charakter und alle Regungen meines Herzens schilderte. Diese vier, so schnell wie die Feder lief ins Reine geschriebenen und nicht einmal wieder durchgelesenen Briefe sind vielleicht das Einzige, was ich je in meinem Leben mit Leichtigkeit geschrieben habe und, was ganz besonders erstaunlich ist, mitten unter meinen Leiden und in der furchtbarsten Ermattung, in der ich mich befand. Da ich meine allmähliche Auflösung fühlte, seufzte ich bei dem Gedanken, in dem Geiste rechtlicher Leute eine mir so wenig günstige Meinung zurücklassen zu müssen, und durch die in diesen vier Briefen in aller Hast entworfenen Skizzen suchte ich gewissermaßen einen Ersatz für die Memoiren zu geben, deren Abfassung ich mir vorgenommen hatte. Diese Briefe, die Herrn von Malesherbes gefielen und die er in Paris umherzeigte, sind gewissermaßen der Inhalt dessen, was ich hier mehr im Einzelnen erzähle, und verdienen mit Rücksicht darauf erhalten zu werden. Unter meinen Papieren wird man die Abschrift finden, die er auf meine Bitte machen ließ und mir einige Jahre später zusandte. Das Einzige, was mich von nun an bei dem Gedanken an meinen nahen Tod betrübte, war, keinen wissenschaftlich gebildeten Vertrauten zu haben, in dessen Hände ich meine Papiere behufs ihrer Sichtung nach meiner Auflösung niederlegen könnte. Seit meiner Genfer Reise hatte ich mit Moulton Freundschaft geschlossen. Ich hatte Neigung für diesen jungen Mann gefaßt und würde gewünscht haben, daß er mir die Augen zudrückte. Ich sprach diesen Wunsch gegen ihn aus und ich glaube, er würde diesen Act der Humanität gern erfüllt haben, wenn es ihm seine Geschäfte und seine Familie gestattet hätten. Dieses Trostes beraubt, wollte ich ihm wenigstens mein Vertrauen dadurch beweisen, daß ich ihm noch vor der Herausgabe das »Glaubensbekenntnis des Vikars« zuschickte. Es gefiel ihm, allein er schien mir in seiner Antwort nicht die Sicherheit zu theilen, mit der ich damals auf den Erfolg desselben rechnete. Er wünschte von mir irgend eine Arbeit zu haben, die kein anderer besäße. Ich schickte ihm eine Leichenrede über den verstorbenen Herzog von Orléans, die ich für den Abbé Darty ausgearbeitet hatte und die nicht gehalten worden war, weil er wider sein Erwarten nicht damit beauftragt wurde. Nachdem der Druck wieder aufgenommen war, wurde er ziemlich ruhig fortgesetzt und sogar vollendet, und es fiel mir dabei das Sonderbare auf, daß man nach den für die ersten zwei Bände streng geforderten Auswechselblättern die beiden letzten ohne etwas zu sagen, oder in ihrem Inhalte ein Hindernis der Veröffentlichung zu finden durchließ. Trotzdem hatte ich noch einige Unruhe, die ich nicht unerwähnt lassen darf. Nachdem ich vor den Jesuiten Furcht gehabt hatte, besaß ich sie vor den Jansenisten und den Philosophen. Feind alles dessen, was Partei heißt, habe ich von Leuten, die einer Partei angehören, nie etwas Gutes erwartet. Die »Stadtklatschen« hatten vor einiger Zeit ihre alte Wohnung aufgegeben und sich neben mir häuslich niedergelassen, so daß man von ihrem Zimmer aus alles vernahm, was in dem meinigen und auf meiner Terrasse gesprochen wurde und daß man von ihrem Garten aus sehr leicht die kleine Mauer, die ihn von meinem Thurme trennte, übersteigen konnte. Diesen Thurm hatte ich als Arbeitszimmer benutzt, so daß in ihm ein mit Correcturbogen und Aushängebogen des »Emil« und des » Contrat social « bedeckter Tisch stand. Da ich diese Bogen, sobald ich sie erhielt, zusammenheftete, standen daselbst alle meine Bände lange vor ihrer Herausgabe fertig da. Mein Leichtsinn, meine Nachlässigkeit, mein Vertrauen auf Herrn Mathas, von dessen Garten ich rings umgeben war, hatten zur Folge, daß ich meinen Thurm des Abends oft zuzuschließen vergaß und ihn dann des Morgens ganz offen fand, was mich schwerlich beunruhigt hätte, würde ich nicht wahrzunehmen geglaubt haben, daß meine Papiere durcheinander geworfen wären. Nachdem ich es mehrmals bemerkt hatte, verschloß ich den Thurm sorgfältiger. Das Schloß war schlecht, der Schlüssel ließ sich nur halb herumdrehen. Aufmerksamer geworden, fand ich eine noch größere Unordnung, als wenn ich alles offen ließ. Schließlich war sogar einer meiner Bände einen Tag und zwei Nächte verschwunden, ohne daß es mir zu erfahren möglich war, was aus ihm geworden, bis ich ihn am Morgen des dritten Tages auf meinem Tische wiederfand. Nie hatte ich Verdacht und habe auch jetzt keinen gegen Herrn Mathas oder gegen Herrn Dumoulin, seinen Neffen, da ich wußte, daß sie mich beide liebten, und ich ihnen volles Vertrauen schenkte. Von nun an traute ich den Stadtklatschen weniger. Ich wußte, daß sie, obgleich Jansenisten, mit d'Alembert einige Verbindung hatten und in demselben Hause wohnten. Dies beunruhigte mich einigermaßen und machte mich aufmerksamer. Ich nahm meine Papiere in mein Zimmer mit und hörte völlig auf, diese Leute zu besuchen, zumal ich außerdem erfuhr, daß sie mit dem ersten Bande des »Emil«, den ich ihnen unkluger Weise geliehen, in mehreren Häusern geprahlt hatten. Obgleich sie bis zu meiner Abreise beständig meine Nachbarn waren, ging ich seit jener Zeit nicht mehr mit ihnen um. Der » Contrat social « erschien einen oder zwei Monate eher als der »Emil«. Rey, von dem ich beständig verlangt hatte, nie eines meiner Bücher heimlich in Frankreich einzuführen, bat die Behörde um Erlaubnis, dieses über Rouen einführen zu dürfen, wohin er seine Sendung zur See abgehen ließ. Rey erhielt keine Antwort; seine Ballen blieben mehrere Monate in Rouen liegen, nach deren Ablauf man sie ihm zurücksandte. Vorher hatte man noch den Versuch gemacht, sie mit Beschlag zu belegen, aber er erhob einen solchen Lärm, daß man sie ihm wiedergab. Neugierige bezogen einige Exemplare aus Amsterdam, die ohne großen Lärm circulirten. Mauléon, der davon reden gehört und sogar etwas davon gesehen hatte, sprach mit mir in gar geheimnisvollem Tone darüber, der mich überraschte und selbst beunruhigt hätte, wenn ich mich nicht, völlig sicher, in jeder Hinsicht richtig verfahren zu haben und mir keinen Vorwurf machen zu brauchen, im Hinblick auf meine große Maxime beruhigt hätte. Ich zweifelte nicht einmal daran, daß mir Herr von Choiseul, der mir schon vorher geneigt und auch für das Lob empfänglich war, das ich ihm in diesem Werke aus Achtung gezollt hatte, bei dieser Gelegenheit gegen das Uebelwollen der Frau von Pompadour in Schutz nehmen würde. Sicherlich hatte ich damals eben so vielen Grund wie je, auf die Güte des Herrn von Luxembourg und im Nothfalle auf seinen Beistand zu rechnen, denn nie gab er mir häufigere und rührendere Freundschaftsbeweise. Als mir während seiner Anwesenheit zu Ostern mein trauriger Gesundheitszustand nicht gestattete, mich auf das Schloß zu begeben, verabsäumte er keinen Tag, mich zu besuchen, und da er mich unaufhörlich leiden sah, wußte er mich endlich dazu zu bewegen, mich an den Bruder Côme zu wenden. Er ließ ihn selbst holen, brachte ihn persönlich zu mir und hatte den bei einem großen Herrn wahrlich seltenen und anerkennenswerten Muth, während der sehr schmerzlichen und langwierigen Operation bei mir auszuharren. Trotzdem wurde diesmal nur eine Sondirung vorgenommen, die bisher niemandem, nicht einmal Morand gelungen war, der sie mehrmals und stets erfolglos versucht hatte. Der Bruder Côme, der eine beispiellos geschickte und leichte Hand hatte, brachte es endlich zu Stande, nach zweistündigen qualvollen Versuchen, während denen ich mich meine Klagen zurückzuhalten anstrengte, um das gefühlvolle Herz des guten Marschalls nicht zu zerreißen, eine sehr kleine Sonde einzuführen. Bei der ersten Untersuchung glaubte der Bruder Côme einen großen Stein zu entdecken und sagte es mir; bei der zweiten fand er ihn nicht mehr. Nachdem er sie noch ein zweites und drittes Mal vorgenommen hatte und zwar mit einer Sorgfalt und Genauigkeit, die mir die Zeit gar lang vorkommen ließen, erklärte er, daß kein Stein vorhanden, aber die Vorsteherdrüse sehr verhärtet und von unnatürlicher Dicke wäre; er fand die Blase groß und in gutem Zustande und erklärte mir schließlich, daß ich viel leiden und lange leben würde. Wenn sich die zweite Vorhersagung eben so gut wie die erste erfüllt, so werden meine Leiden nicht so bald aufhören. Nachdem ich auf diese Weise so viele Jahre lang wegen allerlei Krankheiten behandelt worden war, die ich gar nicht hatte, erfuhr ich endlich, daß mein Leiden unheilbar, wenn auch nicht tödtlich, erst mit mir sein Ende erreichen würde. Meine durch diese Gewißheit gezügelte Einbildungskraft ließ mich nicht mehr in der Ferne einen unter den Schmerzen der Steinkrankheit erfolgenden bittren Tod erblicken. Ich hörte auf zu fürchten, daß das Ende einer Sonde, das schon vor langer Zeit in der Harnröhre abgebrochen war, den Kern zu einer Steinbildung gegeben habe. Von den eingebildeten Leiden befreit, die für mich schmerzlicher als die wirklichen waren, hielt ich diese letzteren ruhiger aus. So viel ist gewiß, daß ich seit dieser Zeit unter meiner Krankheit viel weniger als früher litt, und nie denke ich daran, daß ich diese Erleichterung Herrn von Luxembourg verdanke, ohne bei seinem Andenken von neuem von Rührung ergriffen zu werden. Dem Leben gleichsam wiedergegeben und mehr als je mit dem Plane beschäftigt, nach dem ich den Rest desselben zubringen wollte, wartete ich zur Ausführung desselben nur auf das Erscheinen des »Emil«. Ich dachte an die Touraine, in der ich schon gewesen war und die mir sowohl wegen der Milde des Klimas wie um der Freundlichkeit der Bewohner willen sehr gefiel. La terra molle e lieta e diletiosa Simili a se gli abitator produce. Ich hatte über mein Vorhaben bereits mit Herrn von Luxembourg gesprochen, der mich von ihm hatte abbringen wollen; ich redete mit ihm davon nun abermals wie von einer abgemachten Sache. Jetzt schlug er mir das Schloß Merlon, fünfzehn Meilen von Paris, als ein Asyl vor, das mir vielleicht zusagen möchte und in dem er und seine Frau mir mit Freuden ein Unterkommen gewähren würden. Dieser Vorschlag rührte mich und mißfiel mir nicht. Vor allem war eine Besichtigung des Ortes nöthig. Wir verabredeten einen Tag, an welchem mich der Herr Marschall mit seinem Kammerdiener zu Wagen hinschicken sollte. Da ich mich an jenem Tage sehr leidend befand, mußte der Ausflug aufgeschoben werden, und in Folge widriger Umstände, die später eintraten, unterblieb diese Reise ganz. Als ich darauf vernahm, daß die Herrschaft Merlon nicht dem Herrn Marschall, sondern seiner Frau gehörte, tröstete ich mich desto leichter darüber, nicht hingegangen zu sein. Endlich erschien der »Emil«, ohne daß ich von Auswechselblättern oder einer andern Schwierigkeit noch reden gehört hätte. Vor seinem Erscheinen forderte mir der Herr Marschall alle Briefe des Herrn von Malesherbes, die sich auf dieses Werk bezögen, wieder ab. Mein großes Vertrauen zu allen beiden, und meine vollkommene Sorglosigkeit waren Schuld, daß mir das Sonderbare, ja sogar Beunruhigende dieser Forderung gar nicht auffiel. Ich gab diese Briefe außer einem oder zweien, die aus Versehen in den Büchern vergessen waren, zurück. Einige Zeit vorher hatte Herr von Malesherbes gegen mich geäußert, er würde die Briefe, die ich während der Zeit meiner Beunruhigung in Betreff der Jesuiten an Duchesne geschrieben, an sich nehmen, und ich muß gestehen, daß diese Briefe meinem Verstande keine große Ehre machten. Aber ich erwiderte ihm, ich wollte in nichts für besser gelten, als ich wäre, und er könnte ihm die Briefe lassen. Ich weiß nicht, was er gethan hat. Die Veröffentlichung dieses Buches erregte nicht den Beifallssturm, mit dem alle meine übrigen Schriften begrüßt waren. Nie erhielt ein Werk so großes Lob von Einzelnen und einen so geringen öffentlichen Beifall. Was mir die urtheilsfähigsten Leute darüber sagten und schrieben, bestätigte mir, daß es nicht nur die beste, sondern auch die bedeutendste meiner Schriften wäre. Dies alles wurde aber mit der seltsamsten Vorsicht gesagt, als ob das Gute, welches man darüber dachte, die Bewahrung des größten Geheimnisses erforderte. Frau von Boufflers, die versicherte, der Verfasser dieses Werkes verdiente Bildsäulen und die Huldigungen aller Sterblichen, bat mich am Ende ihres Billets ohne Umstände, es ihr zurückzuschicken. D'Alembert, der mir schrieb, dieses Werk entschiede meine Ueberlegenheit und müßte mich an die Spitze aller Gelehrten stellen, unterzeichnete seinen Brief nicht, obgleich er doch alle, die er bisher an mich gerichtet, unterschrieben hatte. Duclos, ein zuverlässiger Freund, ein wahrer, aber vorsichtiger Mann, der diesem Buche einen hohen Werth beilegte, vermied, mir seine Ansicht darüber schriftlich mitzutheilen; La Condamine wies auf das »Glaubensbekenntnis« hin und machte allerlei Umschweife; Clairaut beschränkte sich in seinem Briefe auf den nämlichen Abschnitt, scheute sich aber nicht, die tiefe Bewegung zu schildern, in die er bei der Lectüre versetzt worden wäre; er gestand, um seine eigenen Worte zu wiederholen, diese Lectüre hätte seine alte Seele wieder erwärmt. Von allen, denen ich mein Buch geschickt hatte, war er der Einzige, der alles Gute, was er davon dachte, jedermann laut und offen sagte. Mathas, dem ich ebenfalls ein Exemplar geschenkt hatte, ehe es im Buchhandel erschien, lieh es dem Herrn Parlamentsrathe von Blaire, dem Vater des Präfecten von Straßburg. Herr von Blaire besaß in Saint-Gratien ein Landhaus, und Mathas, sein alter Bekannter, besuchte ihn dort bisweilen, wenn er gehen konnte. Er ließ ihn den »Emil« vor seinem Erscheinen lesen. Als ihm Herr von Blaire denselben zurückgab, sagte er zu ihm folgende Worte, die mir noch an demselben Tage mitgetheilt wurden: »Herr Mathas, dies ist ein sehr schönes Buch, von dem aber binnen kurzem mehr geredet werden wird, als es dem Verfasser zu wünschen ist.« Als er mir diese Aeußerung anvertraute, lachte ich nur darüber und erblickte darin nichts Anderes als die Wichtigthuerei eines richterlichen Beamten, der bei allem etwas Geheimes wittert. Alle beunruhigende Aeußerungen, die mir berichtet wurden, machten keinen Eindruck mehr auf mich, und weit davon entfernt, in irgend einer Weise das Unglück, das schon dicht vor der Thüre stand, vorauszusehen; überzeugt von der Nützlichkeit und Schönheit meines Werkes; voller Gewißheit, in keiner Hinsicht etwas verabsäumt zu haben; mich vollkommen, wie ich Grund zu haben glaubte, auf den ganzen Einfluß der Frau von Luxembourg und sogar auf die Gunst des Ministeriums verlassend, zollte ich mir selbst Beifall zu dem gefaßten Entschlusse, mich inmitten meiner Triumphe und nach Vernichtung meiner Neider zurückzuziehen. Nur eines beunruhigte mich beim Erscheinen dieses Buches, und zwar nicht in Bezug auf meine Sicherheit, sondern im Hinblick auf die Gefühle meines Herzens. Auf der Eremitage wie in Montmorency hatte ich aus der Nähe und mit Entrüstung die Plackereien gesehen, welche eine eifersüchtige Sucht, für die Vergnügungen der Fürsten zu sorgen, über die unglücklichen Landleute bringt, die den Wildschaden auf ihren Feldern dulden müssen, ohne sich seiner anders als durch Lärmmachen erwehren zu dürfen und deshalb die Nächte in ihren Bohnen und Erbsen mit Kesseln, Trommeln und Klingeln zubringen müssen, um die wilden Schweine fern zu halten. Zeuge der barbarischen Härte, mit der der Herr Graf von Charolois diese armen Leute behandeln ließ, hatte ich am Ende des »Emil« diese Grausamkeit angegriffen. Wieder eine Verletzung meiner Lebensregeln, die nicht unbestraft geblieben ist. Ich vernahm, daß die Beamten des Prinzen von Conti auf seinen Gütern nicht weniger hart verfuhren. Ich zitterte, daß dieser Fürst, für den ich von Hochachtung und Dankbarkeit durchdrungen war, auf sich beziehen könnte, was mir die empörte Menschlichkeit gegen seinen Oheim auszusprechen eingegeben hatte, und er sich deshalb beleidigt fühlte. Da mich mein Gewissen jedoch hierüber vollkommen beruhigte, so gewann ich auf dieses Zeugnis hin wieder meine volle Sicherheit, und ich that wohl daran. Wenigstens habe ich nie erfahren, daß dieser große Fürst dieser Stelle, die längst niedergeschrieben war, ehe ich die Ehre hatte, mit ihm bekannt zu werden, die geringste Beachtung geschenkt hätte. Wenige Tage vor oder nach der Veröffentlichung meines Buches, denn ich erinnere mich der Zeit nicht mehr ganz genau, erschien ein anderes Werk über den nämlichen Gegenstand, Wort für Wort aus meinem ersten Bande gezogen mit Ausnahme einiger Plattheiten, die man in diesen Auszug eingestreut hatte. Dieses Buch führte den Namen eines Genfers, der Balexsert hieß, und der Titel gab an, er hätte den Preis der Akademie zu Harlem gewonnen. Ich begriff leicht, daß diese Akademie und dieser Preis von einer ganz neuen Schöpfung herrührten, um dem Publikum das Plagiat zu verbergen; aber ich erkannte auch, daß hierbei schon früher irgend ein Betrug stattgefunden haben müßte, den ich nicht begriff, sei es nun durch die Mittheilung meines Manuscriptes, ohne welche dieser Diebstahl unmöglich gewesen wäre, sei es um die Geschichte dieses vermeintlichen Preises aufzubauen, der man doch irgend eine Grundlage geben mußte. Erst viele Jahre später errieth ich aus einem Worte, das Herr von Ivernois entschlüpfte, das Geheimnis und konnte mir die denken, die Herrn Balexsert in das Spiel gezogen hatten. Das dumpfe Brausen, das dem Sturme vorhergeht, begann vernehmlich zu werden, und alle einigermaßen scharfsichtige Leute sahen deutlich ein, daß ein Anschlag gegen mein Werk und mich im Werke wäre, der nicht säumen würde, plötzlich hervorzubrechen. Ich persönlich war freilich so sicher und dumm, daß ich, weit davon entfernt, mein Unglück vorauszusehen, auch da, als ich schon die Wirkungen fühlte, noch nicht einmal die Ursache ahnte. Zuerst verbreitete man mit ziemlicher Schlauheit, wenn man gegen die Jesuiten mit Strenge aufträte, dürfte man keine parteiische Nachsicht für Bücher und Schriftsteller zeigen, welche die Religion angriffen. Man machte mir zum Vorwurfe, daß ich den »Emil« unter meinem Namen hätte erscheinen lassen, als ob ich mich nicht zu allen meinen andern Schriften bekannt hätte, worüber man nichts gesagt. Man schien sich zu fürchten, sich zu Schritten genöthigt zu sehen, die man ungern thäte, die aber die Umstände nöthig machten und meine Unklugheit veranlaßt hätte. Diese Gerüchte drangen bis zu mir und beunruhigten mich wenig; es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß bei dieser ganzen Angelegenheit auch nur das Geringste vorkommen könnte, das mich persönlich anginge, mich, der ich mich so vollkommen vorwurfsfrei, so wohl unterstützt fühlte, so getreulich alle Verpflichtungen in jeder Hinsicht erfüllt zu haben glaubte und nicht fürchtete, daß mich Frau von Luxembourg um eines Unrechts willen, das, wenn es wirklich vorgefallen sein sollte, lediglich ihr zur Last fiel, in Verlegenheit lassen würde. Weil ich jedoch wußte, wie es in solchen Fällen hergeht, und daß es Brauch ist, gegen die Buchhändler mit Strenge einzuschreiten, während man die Schriftsteller verschont, so war ich wegen des armen Duchesne, wenn sich Herr von Malesherbes seiner nicht annahm, nicht frei von Unruhe. Es ist hier am Platze, eine auf die Veröffentlichung des »Emil« bezügliche Erklärung Malesherbes' bekannt zu machen, eine Erklärung, die sich nach Rousseau's Tode unter seinen Papieren fand und deren er selbst überraschender Weise weder in seinen Bekenntnissen noch sonst irgendwo Erwähnung gethan hat. Du Peyrou hat sie mit Recht für einen zu wichtigen Beleg erkannt, um nicht zur Kenntnis des Publikums gebracht zu werden, und hat sie in Folge dessen in dem zweiten Theile der Bekenntnisse veröffentlicht. Die Erklärung lautet: »Als Herr Rousseau über sein Werk »Emil oder über die Erziehung« verhandelte, sagten ihm die, mit denen er den Vertrag abschloß, es wäre ihre Absicht, es in Holland drucken zu lassen. Ein Buchhändler, der Eigenthümer des Manuscripts geworden war, bat um die Erlaubnis, es in Frankreich drucken zu lassen, ohne den Verfasser davon in Kenntnis zu setzen. Man nannte ihm einen Censor. Nachdem der Censor die ersten Hefte geprüft hatte, gab er ein Verzeichnis einiger Stellen, deren Aenderung er für nöthig hielt. Dieses Verzeichnis wurde Herrn Rousseau mitgetheilt, dem man kurz vorher mitgetheilt hatte, daß der Druck seines Werkes in Paris begonnen hätte. »Er erklärte der Obercensurbehörde, daß es unnütz wäre, in den ersten Heften Aenderungen vorzunehmen, da die Fortsetzung zeigen würde, daß das ganze Werk in Frankreich nie erlaubt werden könnte. Er fügte hinzu, daß er nicht gegen die Gesetze verstoßen wollte, und bei der Abfassung seines Buches nur daran gedacht hätte, es in Holland drucken zu lassen, wo es, wie er glaubte, erscheinen könnte, ohne dem Landesgesetze zuwider zu handeln. »Nach dieser von Herrn Rousseau selbst abgegebenen Erklärung erhielt der Censor den Befehl, mit der Prüfung aufzuhören, und wurde dem Buchhändler angezeigt, daß er nie die Genehmigung erhalten würde. Nach diesen vollkommen zuverlässigen Thatsachen, die durchaus nicht abgeläugnet werden können, ist Herr Rousseau zu versichern im Stande, wenn das Buch »Emil oder über die Erziehung« trotz des Verbotes in Paris gedruckt ist, so sei es ohne seine Einwilligung und ohne sein Wissen geschehen und er habe, so weit es auf ihn angekommen wäre, alles gethan, es zu verhindern. »Die in dieser Darstellung enthaltenen Thatsachen sind durchaus wahr, und da Herr Rousseau wünscht, daß ich es ihm bescheinige, so kann ich ihm diese Erklärung nicht vorenthalten. »Paris, den 31. Januar 1766. »Lamoignon von Malesherbes.« Ich blieb ruhig. Das Gerücht nahm zu und änderte bald den Ton. Das Publikum und namentlich das Parlament schienen durch meine Ruhe gereizt zu werden. Nach Verlauf einiger Tage wurde die Aufregung furchtbar; die Drohungen wechselten jetzt den Gegenstand und richteten sich unmittelbar gegen mich. Man hörte Mitglieder des Parlaments ganz offen sagen, mit dem Verbrennen der Bücher käme man nicht weiter, man müßte ihre Verfasser verbrennen. Gegen die Buchhändler ließ man sich nichts verlauten. Als mir diese Aeußerungen, die eines Inquisitors von Goa würdiger waren als eines Senators, zum ersten Male zu Ohren kamen, zweifelte ich nicht daran, daß es eine Erfindung der Holbachianer wäre, die darauf ausgingen, mich in Schrecken zu setzen und zur Flucht zu bewegen. Ich lachte über diesen kindischen Kunstgriff und sagte mir, indem ich mich über sie lustig machte: wüßten sie wirklich etwas Genaues, so würden sie irgend ein anderes Mittel hervorgesucht haben, um mir Angst einzujagen. Allein das Gerücht trat endlich so bestimmt auf, daß es klar wurde, es läge etwas Wahres zu Grunde. Herr und Frau von Luxembourg hatten dieses Jahr ihre zweite Reise nach Montmorency schon früher angetreten, so daß sie daselbst bereits Anfangs Juni eintrafen. Dort hörte ich trotz des Aufsehens, das meine Bücher in Paris erregten, sehr wenig von ihnen reden, und die Schloßherrschaft sprach davon gar nicht mit mir. Eines Morgens jedoch, als ich mit Herrn von Luxembourg allein war, sagte er zu mir: »Haben Sie in dem »Contrat social« von Herrn von Choiseul etwas Nachtheiliges gesagt?« – »Ich?« erwiderte ich, vor Ueberraschung zurückfahrend, »nein, das kann ich beschwören; ich habe ihm im Gegentheile und noch dazu mit einer Feder, der alle Lobhudelei fremd ist, das glänzendste Lob gespendet, das je einem Minister zu Theil geworden ist,« und sofort sagte ich ihm die Stelle her. »Und im Emil?« fuhr er fort. »Nicht ein Wort,« versetzte ich; »er enthält nicht ein einziges Wort, das sich auf ihn bezieht.« – »Ach,« sagte er mit größerer Lebhaftigkeit als sonst, »Sie hätten es im andern Buche eben so machen sollen oder deutlicher sein müssen.« – »Ich glaubte es zu sein,« entgegnete ich, »meine Achtung vor ihm war dazu hoch genug.« Er wollte weiter reden; ich sah ihn im Begriff, sich ganz gegen mich auszusprechen, als er sich plötzlich bezwang und schwieg. Unglückselige Höflingspolitik, die in den besten Herzen selbst über die Freundschaft die Oberhand gewinnt. Diese, wenn auch kurze, Unterredung klärte mich doch, wenigstens in gewisser Beziehung, über meine Lage auf und ließ mich erkennen, daß man doch an mich wollte. Ich beklagte dieses unerhörte Verhängnis, das alles, was ich gutes sagte und that, zu meinem Nachtheil ausschlagen ließ. Da ich aber hierbei in Frau von Luxembourg und Herrn von Malesherbes einen Schild zu haben glaubte, sah ich nicht ein, wie man es anfangen wollte, sie bei Seite zu schieben und mir zu Leibe zu gehen, denn im Uebrigen begriff ich jetzt recht gut, daß man sich nicht mehr um Billigkeit und Gerechtigkeit kümmern und es sich nicht groß anfechten lassen würde, erst zu prüfen, ob ich denn wirklich Unrecht hätte oder nicht. Der Sturmwind erhob sich indessen mehr und mehr. Sogar Néaulme drückte mir in seiner schwatzhaften Weitschweifigkeit sein Bedauern aus, sich mit diesem Werke eingelassen zu haben, und verrieth die Gewißheit, in der er über das Schicksal zu sein schien, welches dem Buche wie dem Verfasser drohte. Eins beruhigte mich jedoch immer wieder. Ich sah Frau von Luxembourg so ruhig, so zufrieden, sogar so heiter, daß sie doch ihrer Sache ganz sicher sein mußte, um meinetwillen nicht die geringste Unruhe zu zeigen, um mir nicht ein einziges Wort der Theilnahme oder der Entschuldigung zu sagen, um die Wendung, welche die Sache nahm, mit einer solchen Gleichgiltigkeit anzusehen, als ob sie sie gar nichts anginge und sie selbst nie das geringste Interesse für mich gehegt hätte. Was mich Wunder nahm, war, daß sie darüber gar nicht mit mir sprach; etwas hätte sie meiner Ansicht nach mir sagen müssen. Frau von Boufflers schien weniger ruhig. Sie kam und ging mit erregter Miene, machte sich viel zu schaffen und betheuerte mir, der Prinz Conti gäbe sich ebenfalls viel Mühe, den Schlag abzuwenden, der gegen mich im Schilde geführt würde, und den sie immer nur den gegenwärtigen Verhältnissen zuschrieb, unter denen es dem Parlamente darauf ankäme, sich von den Jesuiten nicht religiöser Gleichgültigkeit zeihen zu lassen. Sie schien indessen wenig auf den Erfolg der Schritte des Prinzen wie ihrer eigenen zu rechnen. Ihre mehr beunruhigenden als beruhigenden Mittheilungen hatten sämmtlich den Zweck, mich zur Flucht zu bewegen. Sie rieth mir beständig, mich in England niederzulassen, wo sie mir viele Freunde in Aussicht stellte, unter andern den berühmten Hume, der seit langer Zeit der ihrige war. Als sie wahrnahm, daß ich immer in meiner Ruhe verblieb, wandte sie einen Kunstgriff an, der geeigneter war, mich zu erschüttern. Sie gab mir zu verstehen, wenn ich verhaftet und verhört würde, käme ich in die Nothwendigkeit, Frau von Luxemburg zu nennen, und ihre Freundschaft für mich verdiente doch wohl, daß ich mich nicht der Gefahr aussetzte, sie bloßzustellen. Ich erwiderte, daß sie in einem solchen Falle völlig ruhig sein könnte, da ich sie gewiß nicht in die Angelegenheit verwickeln würde. Sie erwiderte, daß dieser Entschluß leichter zu fassen als auszuführen wäre, und darin hatte sie ja Recht, namentlich bei mir, der entschlossen ist, vor dem Richterstuhle nie falsch zu schwören oder zu lügen, welche Gefahr es auch immer nach sich ziehen könnte, die Wahrheit zu sagen. Als sie sah, daß diese Bemerkung einigen Eindruck auf mich gemacht hatte, ohne daß ich mich indessen zur Flucht entschließen konnte, sprach sie mir von einigen Wochen Einschließung in der Bastille als von einem Mittel, mich der Gerichtsbarkeit des Parlaments zu entziehen, welches mit den Staatsgefangenen nichts zu thun hat. Gegen diese eigenthümliche Gnade erhob ich keinen Einwand, sobald sie nicht in meinem Namen beantragt würde. Da sie mit mir nicht mehr davon sprach, bin ich später überzeugt gewesen, daß sie diesen Gedanken nur angeregt hatte, um mich auszuforschen, und daß man ein Auskunftsmittel, das allem ein Ende machte, gar nicht gewollt hatte. Einige Tage später erhielt der Herr Marschall von dem Pfarrer von Deuil, einem Freunde Grimms und der Frau von Epinay, einen Brief, mit der seiner Behauptung nach aus guter Quelle stammenden Nachricht, daß das Parlament mit äußerster Strenge gegen mich einschreiten würde und an einem von ihm angegebenen Tage meine Verhaftung beschlossen werden sollte. Diese Mittheilung hielt ich für ein Holbachsches Machwerk; ich wußte, daß das Parlament die Formen sehr genau beobachtete, und daß es sie alle gröblich verletzen hieße, wollte man bei dieser Gelegenheit mit einem Haftbefehl beginnen, ehe der gerichtliche Beweis geliefert war, daß ich das Buch auch als das meinige anerkannte und wirklich der Verfasser desselben war. »Nur bei den Verbrechen,« sagte ich zu Frau von Boufflers, »welche die öffentliche Sicherheit gefährden, beschließt man auf die einfache Anzeige hin die Verhaftung der Angeklagten, damit sie der Strafe nicht entgehen. Wenn man aber ein Vergehen wie das meinige bestrafen will, welches Ehren und Belohnungen verdient, so geht man gegen das Buch vor und vermeidet, so viel man kann, den Verfasser anzugreifen.« Sie machte darauf eine spitzfindige Unterscheidung, die ich vergessen habe, um mir zu beweisen, es geschähe aus Gunst, wenn man einen Haftbefehl gegen mich erließe, anstatt mich zum Verhöre vorzuladen. Am folgenden Tage erhielt ich einen Brief von Guy, der mir anzeigte, er hätte, als er an demselben Tage bei dem Herrn Generalprocurator gewesen, auf seinem Schreibtische den Entwurf eines Klageantrages wider den »Emil« und dessen Verfasser gesehen. Zu bemerken ist, daß genannter Guy der Associe Duchesnes war, der das Werk gedruckt hatte; persönlich selbst ganz sicher, machte er dem Verfasser diese Anzeige nur aus lauter Christenliebe. Man kann sich vorstellen, wie glaubhaft mir das alles erschien! Es war so einfach, so natürlich, daß ein zur Audienz bei dem Herrn Generalprocurator vorgelassener Buchhändler die auf dem Schreibtische dieses Beamten umherliegenden Manuscripte und Entwürfe in aller Seelenruhe las! Frau von Boufflers und andere traten für die Wahrheit ein. Bei den Albernheiten, die man mir unaufhörlich wiederholte, fühlte ich mich zu glauben versucht, die ganze Welt wäre närrisch geworden. Da ich sehr gut einsah, daß unter dem allen ein Geheimnis läge, das man mir nicht sagen wollte, wartete ich den Ausgang ruhig ab, indem ich mich auf meine Redlichkeit und Unschuld in dieser ganzen Angelegenheit verließ. Welche Verfolgung meiner auch warten sollte, war ich doch unglücklich, zu der Ehre berufen zu sein, für die Wahrheit zu leiden. Weit davon entfernt, mich zu fürchten und verborgen zu halten, ging ich jeden Morgen nach dem Schlosse und machte Nachmittags meinen gewöhnlichen Spaziergang. Am 8. Juni, dem Vorabende des Haftbefehls, machte ich ihn mit zwei Professoren von den Oratorianern, dem Pater Alamanni und dem Pater Mandard. Wir nahmen nach den Champeaux ein kleines Vesperbrot mit hinaus, das wir mit großen Appetite einnahmen. Da wir Gläser mitzubringen vergessen hatten, ersetzten wir sie durch Kornhalme, mit denen wir den Wein aus der Flasche saugten, wobei wir uns bemühten, die breitesten aufzufinden, damit wir dabei besser wegkämen. Nie in meinem Leben bin ich so heiter gewesen. Ich habe erzählt, wie ich in meiner Jugend den Schlaf verlor. Seitdem hatte ich es mir angewöhnt, alle Abende im Bette zu lesen, bis ich meine Augen schwer werden fühlte. Dann löschte ich mein Licht und suchte einzuschlafen, was mir auch meistentheils in wenigen Augenblicken gelang. Meine gewöhnliche Abendlectüre war die Bibel, und ich habe sie auf diese Weise wenigstens fünf- oder sechsmal hintereinander ganz gelesen. Da ich an diesem Abende wacher als sonst war, setzte ich meine Lectüre länger fort und las das ganze Buch aus, das am Ende von dem Leviten von Ephraim erzählt. Es ist, wenn ich mich nicht irre, das Buch der Richter, denn seit jener Zeit habe ich es nicht wiedergesehen. Diese Geschichte regte mich sehr auf, und ich beschäftigte mich gerade in einem traumartigen Zustande mit ihr, als ich mit einem Mal durch Geräusch und Licht aus ihm gerissen wurde. Therese, die es trug, leuchtete Herrn La Roche, der, als er sah, wie ich mich rasch in die Höhe richtete, zu mir sagte: »Erschrecken Sie nicht; ich komme von der Frau Marschall, die Ihnen schreibt und einen Brief des Prinzen Conti sendet.« In der That fand ich in dem Briefe der Frau von Luxembourg den inneliegend, den ihr so eben ein besonderer Bote von dem Prinzen gebracht hatte; er theilte ihr darin mit, daß man trotz aller seiner Anstrengungen entschlossen wäre, mit aller Strenge gegen mich vorzugehen. »Die Aufregung,« schrieb er ihr, »ist außerordentlich groß. Nichts vermag den Schlag abzuwenden; der Hof verlangt es, das Parlament will es; morgen früh sieben Uhr wird der Haftbefehl gegen ihn erlassen werden, und man wird seine Verhaftung sofort vollstrecken lassen. Ich habe durchgesetzt, daß man ihn nicht verfolgen wird, wenn er sich entfernt; will er sich jedoch durchaus verhaften lassen, so wird er gefänglich eingezogen werden.« La Roche beschwor mich im Namen der Frau Marschall aufzustehen und mich zu einer Berathung zu ihr zu begeben. Es war zwei Uhr; sie hatte sich bereits niedergelegt. »Sie erwartet Sie,« fügte er hinzu, »und will nicht einschlafen, ehe sie Sie nicht gesehen hat.« Ich kleidete mich schnell an und eilte zu ihr. Sie kam mir aufgeregt vor. Es war das erste Mal. Ihre Unruhe rührte mich. In diesem Augenblicke der Ueberraschung, mitten in der Nacht, war ich selbst von Aufregung nicht frei. Als ich sie aber sah, vergaß ich mich selbst, um nur an sie und die traurige Rolle zu denken, die sie spielen würde, wenn ich mich verhaften ließ; denn fühlte ich auch genug Muth in mir, um nichts als die Wahrheit zu sagen, sollte sie mir auch schaden und mich verderben, so fühlte ich doch nicht genug Geistesgegenwart, noch genug Gewandtheit und vielleicht nicht einmal genug Festigkeit in mir, um sicher zu sein, daß ich die Frau Marschall nicht bloßstellen würde, wenn man mich einem scharfen Verhöre unterzog. Dies bestimmte mich, meinen Ruhm ihrer Ruhe zu opfern, bestimmte mich, bei dieser Gelegenheit für sie das zu thun, was nichts in der Welt von mir erzwungen hätte, für mich selbst zu thun. Augenblicklich theilte ich ihr den Entschluß, den ich gefaßt hatte, mit, weil ich den Werth meines Opfers nicht dadurch verringern wollte, das ich es mir abkaufen ließ. Sie konnte sich, dessen bin ich sicher, über meinen Beweggrund nicht täuschen; gleichwohl sagte sie mir nicht ein Wort, um mir ihre Dankbarkeit dafür auszudrücken. Diese Gleichgültigkeit beleidigte mich in dem Grade, daß ich unschlüssig wurde, ob ich mein Wort nicht zurücknehmen sollte, aber der Herr Marschall kam dazu und Frau von Boufflers langte einige Augenblicke später von Paris an. Sie thaten, was Frau von Luxembourg hätte thun sollen. Ich ließ mir schmeicheln, ich schämte mich, zu widerrufen, und es war nur noch von dem Orte, nach dem ich mich zurückziehen sollte, und von der Zeit meiner Abreise die Rede. Herr von Luxembourg schlug mir vor, einige Tage incognito bei ihm zu bleiben, um zu überlegen und meine Maßregeln in größerer Muße zu treffen. Ich ging nicht darauf ein, auch nicht auf den Vorschlag, mich im Geheimen nach dem Temple zu begeben. Ich bestand darauf, noch an demselben Tage abreisen zu wollen, viel lieber als hier noch länger irgendwo versteckt zu bleiben. Ueberzeugt, daß ich im Königreiche geheime und mächtige Feinde hatte, war ich der Ansicht, daß ich trotz meiner Vorliebe für Frankreich es doch verlassen müßte, wollte ich in Frieden leben. Mein erster Gedanke war, mich nach Genf zurückzuziehen; aber ein Augenblick der Ueberlegung genügte, um mich davon zurückzubringen, diese Thorheit zu begehen. Ich wußte, daß das französische Ministerium, in Genf noch mächtiger als in Paris, mich in einer dieser beiden Städte nicht mehr in Frieden lassen würde als in der andern, wenn es einmal entschlossen war, mich zu quälen. Ich wußte, daß die »Abhandlung über die Ungleichheit« im Rathe einen um so gefährlicheren Haß gegen mich erregt hatte, als er ihn nicht kund zu geben wagte. Ich wußte, daß er sich beim Erscheinen der »Neuen Heloise« beeilt hatte, sie auf Anregung des Doctors Tronchin zu verbieten; als er jedoch sah, daß niemand dem gegebenen Beispiele folgte, nicht einmal in Paris, schämte er sich dieser Unbesonnenheit und nahm das Verbot zurück. Ich zweifelte nicht, daß er sich Mühe geben würde, diese Gelegenheit, die ihm günstiger erscheinen mußte, zu benutzen. Ich wußte, daß trotz alles schönen Anscheins doch in aller Genfer Herzen eine geheime Eifersucht gegen mich herrschte, die nur auf die Gelegenheit zu ihrer Befriedigung wartete. Nichtsdestoweniger rief mich die Vaterlandsliebe in meine Heimat zurück, und hätte ich mir schmeicheln dürfen, dort im Frieden zu leben, würde ich nicht geschwankt haben; aber da mir Ehre und Vernunft nicht gestatteten, dort als Flüchtling ein Asyl zu suchen, so entschloß ich mich, nur näher bei meiner Vaterstadt zu wohnen und in der Schweiz abzuwarten, was man in Genf hinsichtlich meiner thun würde. Man wird bald sehen, daß diese Ungewißheit nicht lange dauerte. Frau von Boufflers wollte von diesem Entschlusse durchaus nichts wissen und machte von neuem Anstrengungen, mich zur Uebersiedelung nach England zu bewegen. Sie erschütterte mich nicht. Ich hatte England und die Engländer nie geliebt, und die ganze Beredtsamkeit der Frau von Boufflers hat mein Widerstreben nicht nur nicht besiegt, sondern schien es nur noch zu vermehren, ohne daß ich wußte warum. Entschlossen, noch den nämlichen Tag abzureisen, war ich von früh an für jeden abgereist, und La Roche, durch den ich mir meine Papiere holen ließ, wollte nicht einmal Therese sagen, ob ich es wäre oder nicht. Seit meinem Entschlusse, dereinst meine Denkwürdigkeiten zu schreiben, hatte ich viele Briefe und andere Papiere angesammelt, so daß er mehrmals gehen mußte. Ein Theil dieser schon gesichteten Papiere wurde bei Seite gelegt, und ich beschäftigte mich während der übrigen Morgenzeit mit der Sichtung der andern, damit ich nur das Brauchbare mitnehmen und den Rest verbrennen könnte. Herr von Luxembourg hatte die Freundlichkeit, mir bei dieser Arbeit Beistand zu leisten, die so zeitraubend war, daß wir sie im Laufe des Vormittags nicht vollenden konnten und ich nicht Zeit hatte, etwas zu verbrennen. Der Herr Marschall erbot sich, die Sichtung der übrigen Papiere zu übernehmen, die werthlosen persönlich zu verbrennen, ohne es einem andern, wer es auch sein mochte, zu übertragen, und mir die aufbewahrten zu senden. Sehr froh, dadurch dieser Sorge überhoben zu sein, nahm ich das Anerbieten an, um die wenigen mir noch bleibenden Stunden, mit so theuren Personen, die ich für immer verlassen sollte, verleben zu können. Er nahm den Schlüssel des Zimmers, in dem ich diese Papiere ließ, an sich und schickte auf mein inständiges Bitten nach meiner armen Tante, die sich in tödtlicher Angst über mein Verbleiben und das ihr bevorstehende Loos verzehrte, da sie jeden Augenblick die Gerichtsdiener erwartete und nicht wußte, wie sie sich benehmen und was sie ihnen sagen sollte. La Roche führte sie nach dem Schlosse, ohne ihr etwas zu sagen; sie glaubte mich schon weit entfernt; als sie meiner ansichtig wurde, stieß sie einen lauten Schrei aus und stürzte sich in meine Arme. O Freundschaft, Eintracht der Herzen, Gewohnheit, Vertrautheit! In diesem süßen und doch wieder so bittren Augenblick flossen alle gemeinsam verlebten Tage des Glückes, der Zärtlichkeit und des Friedens zusammen, um mir den Schmerz der ersten Trennung, nachdem wir uns siebzehn Jahre lang kaum einen Tag aus den Augen verloren hatten, nur um so empfindlicher zu machen. Zeuge dieser Umarmung, konnte der Marschall seine Thränen nicht zurückhalten. Er ließ uns allein. Therese wollte mich nicht mehr verlassen. Ich machte sie auf das Mißliche aufmerksam, mir in diesem Augenblick zu folgen, und auf die Nothwendigkeit, daß sie bliebe, um mein bewegliches Eigenthum zu veräußern und mein Geld einzuziehen. Wenn man auf Verhaftung erkennt, so ist es Brauch, die Papiere des Verhafteten mit Beschlag zu belegen, sein Eigenthum zu versiegeln, oder das Inventar aufzunehmen und darüber einen Curator zu ernennen. Sie mußte entschieden bleiben, um zu beobachten, was vorginge, und jede Gelegenheit auf das Beste auszunutzen. Ich versprach ihr, daß sie binnen kurzem wieder mit mir zusammentreffen sollte; der Marschall bestätigte ihr mein Versprechen, aber ich wollte ihr nicht sagen, wohin ich ginge, damit sie bei ihrer etwaigen Befragung durch die zu meiner Verhaftung ausgesandten Häscher hierüber ihre Unkenntnis mit Wahrheit versichern könnte. Als ich sie im Augenblicke des Scheidens umarmte, empfand ich in mir eine ganz ungewöhnliche Bewegung und in einer, ach, nur zu prophetischen Aufregung sagte ich zu ihr: »Mein Kind, du mußt dich mit Muth waffnen. Du hast das Glück meiner guten Tage getheilt; da du es nicht anders willst, kannst du nur noch darauf rechnen, mein Elend zu theilen. Erwarte nur noch Schmach und Noth an meiner Seite. Das Schicksal, das mit diesem traurigen Tage für mich anfängt, wird mich bis zu meiner letzten Stunde verfolgen.« Jetzt hatte ich nur noch an die Abreise zu denken. Die Gerichtsdiener hatten um zehn Uhr kommen sollen. Es war vier Uhr nachmittags, als ich abreiste, und sie waren noch nicht eingetroffen. Ich sollte, wie wir verabredet hatten, die Post nehmen. Ich besaß keinen Wagen; der Herr Marschall schenkte mir ein Cabriolet und lieh mir Pferde und einen Postillon bis zur nächsten Post, wo man sich in Folge der Maßregeln, die er getroffen hatte, nicht weigerte, mir Pferde zu stellen. Da ich an der Mittagstafel nicht teilgenommen und mich im Schlosse überhaupt nicht gezeigt hatte, kamen die Damen, um mir Lebewohl zu sagen, in das Entresol, wo ich mich den Tag über aufgehalten hatte. Die Frau Marschall umarmte mich mehrmals mit einem ziemlich traurigen Gesichte, aber diesen Umarmungen fehlte es, wie ich wohl fühlte, an der Innigkeit und Glut, mit der sie mich vor zwei oder drei Jahren geherzt hatte. Frau von Boufflers umarmte mich gleichfalls und sagte mir sehr schöne Dinge. Mehr überraschte mich die Umarmung der Frau von Mirepoix, denn auch sie war anwesend. Die Frau Marschall von Mirepoix ist eine ungemein kalte, förmliche und zurückhaltende Frau und scheint mir von dem angeborenen Stolze des Hauses Lothringen nicht ganz frei. Sie hatte mir nie viel Beachtung geschenkt. Sei es nun, daß ich mir, von dieser unerwarteten Ehre geschmeichelt, den Werth derselben erhöhen wollte, sei es auch, daß sie in diese Umarmung wirklich etwas von der edlen Herzen natürlichen Theilnahme gelegt hatte, ich fand in ihrem Wesen und in ihrem Blicke etwas zur Festigkeit Mahnendes, das mich wunderbar durchdrang. Wenn ich später daran zurückdachte, habe ich oft vermuthet, daß sie, von dem Schicksale, zu dem ich verurtheilt war, in Kenntnis gesetzt, sich eines Augenblicks der Rührung über mein Loos nicht hatte erwehren können. Der Herr Marschall sagte nicht eine Silbe; er war leichenblaß. Er wollte mich durchaus bis an den Wagen begleiten, der mich an der Pferdeschwemme erwartete. Wir durchschritten den ganzen Garten, ohne ein einziges Wort zu reden. Ich besaß einen Schlüssel zum Parke, mit dem ich die Thüre aufschloß; anstatt ihn darauf wieder in die Tasche zu stecken, reichte ich ihm denselben lautlos hin. Er nahm ihn mit sichtlicher Erregtheit, deren ich seit jener Zeit oft habe gedenken müssen. Ich habe in meinem Leben kaum je einen so bittren Augenblick gehabt wie den dieser Trennung. Die Umarmung war lang und stumm; wir fühlten beide: diese Umarmung war ein letztes Lebewohl. Zwischen La Barre und Montmorency begegnete ich in einem Fiaker vier schwarzgekleideten Herren, die mich lächelnd grüßten. Nach Theresens späterem Berichte über das Aeußere der Gerichtsdiener, über die Stunde ihrer Ankunft und die Art ihres Benehmens habe ich nicht gezweifelt, daß sie es waren, besonders da ich in der Folge in Erfahrung brachte, daß die Verfügung nicht schon um sieben Uhr, wie man mir angezeigt hatte, sondern erst um Mittag erlassen worden war. Ich mußte mitten durch ganz Paris fahren. Man ist in einem offenen Cabriolet nicht sehr verborgen. Auf den Straßen sah ich mehrere Personen, die mich wie bekannt grüßten, aber ich erkannte keine. Gegen Abend änderte ich die Richtung, um den Weg über Villeroy einzuschlagen. In Lyon müssen nämlich Postreisende zum Commandanten geführt werden. Dies konnte einen Menschen, der weder lügen noch seinen Namen ändern wollte, in Verlegenheit bringen. Ich ging mit einem Briefe der Frau von Luxembourg, um Herrn von Villeroy zu bitten, es so einzurichten, daß ich von dieser Frohne befreit würde. Herr von Villeroy gab mir einen Brief, von dem ich keinen Gebrauch machte, weil ich nicht durch Lyon reiste. Dieser Brief befindet sich noch versiegelt unter meinen Papieren. Der Herr Herzog lud mich sehr freundlich ein, in Villeroy zu übernachten; allein ich zog es vor, die Landstraße wiederzugewinnen und legte noch denselben Tag zwei Poststationen zurück. Mein Wagen stieß, und ich war zu leidend, um große Tagereisen machen zu können. Außerdem fehlte mir auch jenes gebieterische Auftreten, das überall sofortigen Gehorsam findet, und man weiß, daß in Frankreich die Postpferde die Reitgerte nur auf den Schultern des Postillons fühlen. Durch reichliche Trinkgelder an die Postillone glaubte ich ersetzen zu können, was mir am Benehmen abging; aber damit machte ich es noch schlimmer. Sie hielten mich für einen armseligen Burschen, der im fremden Auftrage reiste und zum ersten Male in seinem Leben die Post benutzte. Von nun an bekam ich nur noch Kracken und wurde das Spielwerk der Postillone. Ich hörte mit dem auf, womit ich hätte anfangen sollen, mit Geduldfassen, Nichtssagen und Gehenlassen, wie es ihnen gefiel. Ich hätte mir unterwegs die Langeweile damit verscheuchen können, daß ich mich meinen Betrachtungen über alles, was mir zugestoßen war, überlassen hätte; aber das war weder meine Manier noch meine Herzensneigung. Es ist wunderbar, mit welcher Leichtigkeit ich überstandenes Leid vergesse, so frisch es auch immer sein mag. Wie sehr mich auch die Voraussicht desselben ängstigt und verwirrt, so lange ich es noch vor mir sehe, so schnell verliert sich doch die Erinnerung daran und erlischt, ohne daß ich mir Mühe zu geben brauche, sobald es eingetroffen ist. Meine unerträgliche Einbildungskraft, die sich unaufhörlich abquält, den Uebeln, die noch nicht da sind, vorzubeugen, lenkt mein Gedächtnis ab und hält mich zurück, noch länger an die zu denken, die nicht mehr vorhanden sind. Gegen das Geschehene braucht man keine Vorsichtsmaßregeln mehr zu nehmen und es ist nutzlos, sich damit zu beschäftigen. Gewissermaßen erschöpfe ich mein Unglück schon im voraus: je mehr Leid mir seine Voraussicht bereitet hat, desto leichter wird es mir, es zu vergessen; während ich umgekehrt, unaufhörlich mit meinem verschwundenen Glück beschäftigt, es vor die Seele zurückrufe und mir dasselbe bis zu dem Grade immer wieder vergegenwärtige, daß ich es, wenn ich will, noch einmal genieße. Dieser glücklichen Natur verdanke ich, wie ich recht wohl fühle, daß ich nie die nachtragende Stimmung gekannt habe, die in Folge der beständigen Erinnerung an die empfangenen Beleidigungen in einem rachsüchtigen Herzen gährt und es dadurch selbst mit all dem Bösen plagt, das es seinem Feind anthun möchte. Von Natur aufbrausend habe ich in der ersten Erregung Zorn, ja selbst Muth gefühlt, aber nie hat ein Verlangen nach Rache in mir Wurzel gefaßt. Ich beschäftige mich allzu wenig mit der Beleidigung, um mich viel mit dem Beleidiger zu beschäftigen. An das Leid, das er mir zugefügt hat, denke ich nur um des Leides willen, das er mir noch zufügen kann, und wäre ich sicher, daß ich von ihm keinem neuen ausgesetzt wäre, so wäre das, was er mir angethan, im Augenblicke vergessen. Man predigt uns viel von dem Vergeben der Beleidigungen; es ist ohne Zweifel eine sehr schöne Tugend, von der ich aber keinen Gebrauch machen kann. Ich weiß nicht, ob mein Herz Herr seines Hasses werden könnte, denn ich habe ihn nie gefühlt, und ich denke an meine Feinde zu wenig, um es mir als ein Verdienst anrechnen zu können, ihnen zu vergeben. Ich will nicht darauf hinweisen, wie sehr sie sich selbst quälen, um mich zu quälen. Ich bin ihnen preisgegeben; sie haben alle Macht und benutzen sie. Nur eins steht nicht in ihrer Macht und ich fordere sie dazu heraus, das nämlich, mich zu zwingen, mich um ihretwillen zu quälen, während sie sich um meinetwillen quälen. Schon den Tag nach meiner Abreise vergaß ich alles Vorgefallene, sowie das Parlament und Frau von Pompadour und Herrn von Choiseul und Grimm und d'Alembert und ihre Verschwörungen und Mitschuldige so vollkommen, daß ich auf meiner ganzen Reise ohne die Vorsichtsmaßregeln, die ich anzuwenden genöthigt war, nicht einmal wieder daran gedacht hätte. Eine Erinnerung, die statt alles dessen in mir wach blieb, war die an meine letzte Lektüre in der Nacht vor meiner Abreise. Ich gedachte auch der Idyllen Geßners, die mir sein Uebersetzer Hubert vor einiger Zeit geschickt hatte. Diese beiden Erinnerungen waren so lebhaft und nahmen meinen Geist so in Anspruch, daß ich den Versuch machen wollte, sie dadurch zu verbinden, daß ich die Geschichte des Leviten von Ephraim in Geßnerscher Manier behandelte. Für einen so entsetzlichen Gegenstand schien diese idyllische und naive Dichtungsart nicht sehr geeignet, und es war nicht gut anzunehmen, daß mir meine gegenwärtige Lage sehr freundliche Gedanken an die Hand geben würde, um ihn anmuthiger zu machen. Gleichwohl versuchte ich es, lediglich um mich in meinem Wagen zu erheitern und ohne eine Hoffnung auf Erfolg. Kaum hatte ich den Anfang gemacht, als ich über die wohlthuende Heiterkeit meiner Gedanken und über die Leichtigkeit erstaunte, mit der ich sie wiederzugeben im Stande war. In drei Tagen arbeitete ich die drei ersten Gesänge dieses kleinen Gedichts aus, welches ich später in Motiers vollendete, und ich bin überzeugt, in meinem ganzen Leben nichts geschaffen zu haben, worin eine rührendere Sittenreinheit, ein frischeres Colorit, naivere Schilderungen, eine entsprechendere Einkleidung, eine antikere Einfachheit in allem herrscht, und dies alles trotz der Gräßlichkeit des Stoffes, der im Grunde abscheulich ist, so daß mir außerdem noch das Verdienst zufiel, die Schwierigkeit überwunden zu haben. Der »Levit von Ephraim« wird, wenn es auch nicht das beste meiner Werke ist, mir doch immer das liebste sein. Nie habe ich es wiedergelesen, nie werde ich es wiederlesen, ohne in meinem Innern den Beifall eines Herzens ohne Galle zu fühlen, das durch sein Unglück nicht nur nicht erbittert wird, sondern sogar gegen dasselbe in sich selbst Trost und Ersatz findet. Nehme man alle die großen Philosophen zusammen, die in ihren Werken über Widerwärtigkeiten, die sie nie erfuhren, so hoch dastehen; versetze man sie in eine Lage wie die meine und gebe man ihnen in der ersten Empörung über ihre gekränkte Ehre eine gleiche Arbeit zu vollenden, und man wird sehen, wie es ihnen gelingen wird. Als ich von Montmorency abreiste, um mich in die Schweiz zu flüchten, hatte ich mir vorgenommen, in Yverdun anzuhalten und meinen alten Freund, Herrn Roguin, zu besuchen, der sich seit ewigen Jahren dorthin zurückgezogen und mich sogar eingeladen hatte. Unterwegs erfuhr ich, daß ich über Lyon einen Umweg machen würde; dies hielt mich ab, meinen Weg über diese Stadt zu nehmen. Aber dafür mußte ich Besançon berühren, eine Festung, in der ich folglich derselben Unannehmlichkeit ausgesetzt war. Ich beschloß also vom geraden Wege abzuweichen und über Salins zu reisen, unter dem Vorwande, Herrn von Mairan, einem Neffen des Herrn Dupin, der bei der Saline angestellt war und mich früher dringend zu sich eingeladen hatte, einen Besuch abzustatten. Dieser Ausweg brachte mich zum Ziele; ich traf Herrn von Mairan nicht. Sehr froh, mich nicht aufhalten zu brauchen, setzte ich meine Reise fort, ohne daß mir jemand ein Wort sagte. Als ich das Berner Gebiet betrat, ließ ich anhalten; ich stieg aus, warf mich nieder, breitete die Arme aus, küßte die Erde und rief in meinem Freudentaumel: »Himmel, Beschützer der Tugend, ich preise dich; ein freies Land betritt mein Fuß!« So habe ich mich, voll Blindheit und Zuversicht auf meine Hoffnungen, beständig für das begeistert, was mein Unglück hervorrufen sollte. Mein verwunderter Postillon hielt mich für toll; ich stieg wieder in meinen Wagen, und wenige Stunden darauf hatte ich die eben so reine wie lebhafte Freude, mich von den Armen des ehrwürdigen Roguin umschlungen zu fühlen. Ach, schöpfen wir bei diesem ehrwürdigen Gastfreunde erst einige Augenblicke Athem! Ich muß hier wieder Muth und Kräfte gewinnen, denn ich werde sie bald gebrauchen. Bei dem eben Erzählten habe ich mich nicht ohne Grund über alle Umstände verbreitet, deren ich mich entsinnen konnte. Obgleich sie nicht sehr klar scheinen mögen, können sie doch, wenn man einmal den Faden des Gewebes besitzt, Licht auf den Zusammenhang werfen und zum Beispiel viel zur Lösung des Räthsels beitragen, das ich deutlich zu machen suchen will, ohne den ersten Gedanken dazu einzugeben. Nehmen wir an, daß die Ausführung der Verschwörung, deren Gegenstand ich war, meine Entfernung durchaus nothwendig machte, so mußte zu ihrer Herbeiführung alles ungefähr so geschehen, wie es geschah. Würde aber wohl, wenn ich, ohne mich durch die nächtliche Botschaft der Frau von Luxembourg erschrecken und durch ihre Bestürzung beunruhigen zu lassen, nach wie vor festgeblieben wäre und mich, statt im Schlosse zu bleiben, in mein Bett zurückbegeben hätte, um ruhig zu schlafen, würde wohl, frage ich, meine Verhaftung dann in gleicher Weise verfügt worden sein? Große Frage, von der die Lösung vieler andren abhängt, und zu deren Entscheidung die Stunde des angedrohten und die des wirklichen Haftbefehls beachtet werden muß. Ein unvollkommenes, aber in die Augen springendes Beispiel von der Wichtigkeit der geringsten Einzelheiten in der Aufzählung von Thatsachen, deren geheime Ursachen man aufsucht, um sie durch Folgerungen zu entdecken. Zwölftes Buch. 1762 Hier beginnt das Werk der Finsternis, in die ich mich seit acht Jahren versenkt fühle, ohne daß es mir aller Anstrengungen ungeachtet möglich gewesen wäre, ihr schreckliches Dunkel zu durchdringen. In dem Abgrund von Elend, der mich verschlungen hat, fühle ich die Schläge, die wider mich geführt werden, gewahre ich das unmittelbare Werkzeug derselben, vermag aber weder die Hand, welche sie leitet, noch die Mittel zu erkennen, welche sie aufbietet. Schmach und Leiden fallen wie von selbst, und ohne daß man es sieht, über mich her. Wenn meinem zerrissenen Herzen Seufzer entschlüpfen, habe ich den Anschein eines Menschen, der grundlos klagt, und die Urheber meines Untergangs haben die unbegreifliche Kunst entdeckt, das Publikum zum Mitschuldigen ihrer Verschwörung zu machen, ohne daß dasselbe es nur ahnt und die Wirkung davon merkt. Indem ich also die sich auf mich beziehenden Ereignisse, die mir zugefügte Behandlung und alles, was mir widerfahren ist, erzähle, bin ich außer Stande, bis auf die bewegende Hand zurückzugehen und bei der Mittheilung der Thatsachen auch die Ursachen anzugeben. Diese ersten Ursachen sind sämmtlich in den drei vorhergehenden Büchern angeführt; alle mich persönlich berührenden Interessen, alle geheimen Beweggründe sind darin auseinandergesetzt. Aber nachzuweisen, wie alle diese verschiedenen Ursachen ineinandergreifen, um meine merkwürdigen Lebensschicksale hervorzurufen, das vermag ich nicht zu erklären, ja nicht einmal zu vermuthen. Sollten sich unter meinen Lesern so edelmüthige finden, daß sie sich gedrungen fühlen, diese Geheimnisse zu ergründen und die Wahrheit zu enthüllen, so mögen sie aufmerksam die drei vorhergehenden Bücher noch einmal lesen, sodann über jede Thatsache, die sie der Reihe nach lesen werden, die ihnen zugänglichen Erkundigungen einziehen, endlich von einem Kunstgriff und von einem Helfershelfer zum andern bis zu den ersten Urhebern von allem zurückgehen, und ich weiß sicher, bei welchem Ziele ihre Nachforschungen anlangen werden; ich jedoch verliere mich auf dem dunklen und krummen Schleichwege, auf dem sie es erreichen werden. Während meines Aufenthalts zu Yverdun lernte ich Roguins ganze Familie kennen, unter andern seine Nichte Frau Boy de la Tour und ihre Töchter, mit deren Vater ich, wie ich gesagt zu haben glaube, einst in Lyon Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war nach Yverdun gekommen, um ihren Onkel und ihre Schwestern zu besuchen. Ihre älteste Tochter, die ungefähr fünfzehn Jahre alt war, bezauberte mich durch ihren gesunden Verstand und vortrefflichen Charakter. Ich schloß mich der Mutter und der Tochter mit der zärtlichsten Freundschaft an. Letztere war von Herrn Roguin seinem Neffen, einem Obrist, bestimmt, der schon in einem gewissen Alter stand und mir gleichfalls die größte Freundschaft an den Tag legte; aber obgleich der Onkel sehr eingenommen für diese Heirath war, der Neffe sie ebenfalls sehr wünschte und ich die Erfüllung ihrer beiderseitigen Wünsche mit lebhafter Freude begrüßt hätte, so leistete ich doch im Hinblick auf das große Mißverhältnis im Alter und auf den heftigen Widerstand des jungen Mädchens der Mutter Beistand, diese Heirath, die auch nicht vollzogen wurde, zu verhindern. Der Obrist heirathete darauf Fräulein Dillau, eine Verwandte, von einem Charakter und einer Schönheit ganz nach meinem Herzen, die ihn zum glücklichsten der Gatten und der Väter gemacht hat. Dem ungeachtet hat Roguin nicht vergessen können, daß ich bei dieser Gelegenheit seinen Wünschen hinderlich gewesen bin. Ich habe mich darüber durch das Bewußtsein getröstet, sowohl gegen ihn wie gegen seine Familie die Pflicht der heiligsten Freundschaft erfüllt zu haben, die nicht darin besteht, sich stets angenehm zu machen, sondern zum Besten zu rathen. Ueber die Aufnahme, die meiner in Genf wartete, falls ich Lust verspüren sollte, dorthin zurückzukehren, war ich nicht lange im Zweifel. Mein Buch wurde daselbst verbrannt, und den 18. Juni, das heißt neun Tage, nachdem es in Paris geschehen war, der Haftbefehl gegen mich erlassen. In diesem zweiten Erlaß waren so viele unglaubliche Albernheiten zusammengehäuft und das Religionsedict war darin so offenbar verletzt worden, daß ich den ersten Nachrichten, die darüber zu mir gelangten, nicht Glauben schenken wollte und bei ihrer Bestätigung zitterte, daß eine so in die Augen fallende und schreiende Verletzung aller Gesetze, um nur gleich mit dem des gesunden Menschenverstandes zu beginnen, alle Genfer Herzen in Aufruhr setzen würde. Ich konnte mich getrost beruhigen; alles blieb still. Wenn sich unter dem gemeinen Volke einiges Murren erhob, so war es nur wider mich gerichtet. Oeffentlich wurde ich von allen Klatschschwestern und von allen Pedanten wie ein Schuljunge behandelt, dem man mit der Ruthe droht, weil er seinen Katechismus nicht wörtlich herzusagen vermag. Diese beiden Erlasse wurden das Signal zu dem Schrei der Entrüstung, der sich mit einer beispiellosen Wuth in ganz Europa gegen mich erhob. Alle Zeitungen, alle Tagesblätter, alle Flugschriften läuteten die Sturmglocke mit aller Gewalt. Die Franzosen besonders, dieses so entgegenkommende, so höfliche, so edelmüthige Volk, das auf seinen Anstand und seine Rücksichten gegen Unglückliche so stolz ist, zeichnete sich im plötzlichen Vergessen seiner Lieblingstugenden durch die Zahl und Heftigkeit seiner Schmähartikel aus, mit der es um die Wette über mich herfiel. Ich war ein Gottloser, ein Atheist, ein Verrückter, ein Rasender, ein wildes Thier, ein Wolf. Der Fortsetzer des Journals von Trévoux erging sich gegen meine sogenannte Verwolfung in einer Weise, die seine eigene ziemlich klar bewies. Kurz, man hätte meinen sollen, daß man in Paris fürchtete, mit der Polizei in Ungelegenheiten zu gerathen, wenn man es bei der Herausgabe einer Schrift über irgend einen beliebigen Gegenstand verabsäumte, darin irgend eine Schmähung gegen mich anzubringen. Da ich umsonst nach dem Grunde dieser einstimmigen Erbitterung suchte, war ich nahe daran zu glauben, daß die ganze Welt verrückt geworden wäre. Wie, der Herausgeber des »Ewigen Friedens« facht Zwietracht an? Der Schreiber des »Savoyischen Vikars« ist ein Ungläubiger? Der Verfasser der »Neuen Heloise« ist ein Wolf? Der des »Emil« ein Rasender? Ach, mein Gott, was würde ich dann erst gewesen sein, hätte ich das Buch »Ueber den Geist« oder irgend ein ähnliches Werk veröffentlicht? Und trotzdem vereinigte in dem Sturme, der sich gegen den Verfasser dieses Buches erhob, das Publikum nicht nur nicht seine Stimme mit dem seiner Verfolger, sondern rächte ihn noch an ihnen durch sein ihm gespendetes Lob. Man vergleiche sein Buch mit den meinigen, die verschiedene Aufnahme, die diese Werke gefunden haben, die verschiedene Behandlung, die den beiden Verfassern in den Staaten Europas zu Theil geworden ist, und dann suche man nach Gründen zu dieser Verschiedenheit, die einen vernünftigen Mann befriedigen können: das ist alles, was ich verlange; ich persönlich bin darüber still. Der Aufenthalt zu Yverdun bekam mir so wohl, daß ich auf Herrn Roguins wie seiner ganzen Familie dringendes Bitten daselbst zu bleiben beschloß. Der Amtmann dieser Stadt, Herr Moiry von Gingins, ermuthigte mich ebenfalls durch seine Güte, in seinem Bezirk zu bleiben. Der Obrist bat mich so freundlich, in einem Pavillon, der zu seinem Hause gehörte und zwischen Hof und Garten lag, meine Wohnung zu nehmen, daß ich darauf einging, und sogleich beeilte er sich, ihn auszumöbliren und mit allem zu versehen, was für meine kleine Wirtschaft erforderlich war. Der Bannerherr Roguin, der sich mit am eifrigsten um mich bemühte, verließ mich den ganzen Tag nicht. Ich war für so viele Freundlichkeiten stets sehr dankbar, wenn auch durch sie oft sehr belästigt. Schon war der Tag meines Einzugs bestimmt, und ich hatte Therese aufgefordert, mir nachzukommen, als ich plötzlich vernahm, daß sich in Bern ein Sturm gegen mich erhöbe, der von den Frommen ausgehen sollte und hinter dessen erste Ursache ich nie habe kommen können. Ohne zu wissen von wem aufgehetzt, schien mich der Senat in meinem Zufluchtsorte nicht in Ruhe lassen zu wollen. Bei der ersten Mittheilung, die der Herr Ammann von dieser Gährung empfing, schrieb er für mich an mehrere Regierungsmitglieder, wobei er ihnen ihre blinde Unduldsamkeit vorwarf und es ihnen als Schande auslegte, einem unterdrückten Manne von Verdienst das Asyl verweigern zu wollen, welches so viele Banditen in ihrem Staate fänden. Nach Ansicht kluger Leute hatte die Hitze seiner Vorwürfe die Gemüther mehr erbittert als besänftigt. Wie dem auch sein mochte, so waren doch sein Einfluß und seine Beredtsamkeit nicht im Stande, den Schlag abzuwehren. Von dem Befehl, den er mir anzeigen sollte, in Kenntnis gesetzt, gab er mir vorher einen Wink, und um diesen Befehl nicht abzuwarten, entschloß ich mich, am folgenden Tage abzureisen. Da ich die Erfahrung gemacht, daß mir Genf und Frankreich verschlossen waren, und voraussah, daß sich in dieser Angelegenheit jeder beeifern würde, dem Beispiele seines Nachbarn nachzueifern, war nur die Schwierigkeit zu wissen wohin. Frau Boy de la Tour machte mir den Vorschlag, ein völlig leerstehendes, aber ganz ausmöblirtes Haus zu beziehen, das ihrem Sohne im Dorfe Motiers gehörte, welches Val-de-Travers in der Grafschaft Neuchâtel lag. Ich hatte, um es zu erreichen, nur einen einzelnen Bergrücken zu übersteigen. Das Anerbieten war um so zweckentsprechender, als ich in den Staaten des Königs von Preußen gegen die Verfolgungen geschützt war, und die Religion dort wenigstens nicht als Vorwand dienen konnte. Nur eine geheime Schwierigkeit, die ich nicht aussprechen durfte, gab mir zur Unschlüssigkeit gerechten Grund. Die angeborene Gerechtigkeitsliebe, die mein Herz beständig verzehrte, im Verein mit meiner geheimen Neigung für Frankreich, hatte mich mit Widerwillen gegen den König von Preußen erfüllt, der mir durch seine Grundsätze und Handlungsweise alle Achtung vor dem natürlichen Gesetz und allen menschlichen Pflichten mit Füßen zu treten schien. Unter den eingerahmten Kupferstichen, mit denen ich meinen Thurm in Montmorency geschmückt hatte, befand sich ein Porträt dieses Fürsten, unter dem ein Distichon Var. ... unter das ich ein Distichon geschrieben hatte, das ... stand, das mit den Worten endete: Er denkt als Philosoph und zeiget sich als König. Dieser Vers, der, wäre er aus jeder andern Feder geflossen, für ein ziemlich schönes Lob gegolten hätte, konnte, aus der meinen kommend, nur einen völlig unzweideutigen Sinn haben, den der vorangehende Vers Dieser Vers lautete: Der Ruhm, der Eigennutz, das ist sein Gott, sein Recht. Er ging dem im Texte angeführten Verse nicht voran. Dieser stand unter dem Porträt; der andre Vers war hinterher geschrieben noch zum Ueberfluß ganz deutlich aussprach. Von allen, die zu mir kamen, und deren Zahl war nicht klein, war dieses Distichon gesehen worden. Der Chevalier von Lorenzi hatte es sogar, um es d'Alembert zu geben, abgeschrieben, und ich zweifelte nicht, daß sich d'Alembert Mühe gegeben hatte, mich damit diesem Fürsten zu empfehlen. Dieses erste Vergehen hatte ich noch durch eine Stelle im »Emil« verschlimmert, wo man leicht erkennen konnte, wen ich unter dem Namen Adrast, König der Daunier, meinte, und die dort gemachte Bemerkung war den Krittlern, die mich verfolgten, nicht entgangen, da mich Frau von Boufflers mehrmals darüber zur Rede gestellt hatte. Deshalb war ich völlig überzeugt, mit rother Tinte in die Listen des Königs von Preußen eingetragen zu sein; und da ich überdies annahm, daß er die Grundsätze, die ich ihm zuzuschreiben gewagt hatte, wirklich besäße, konnten ihm meine Schriften und ihr Verfasser schon lediglich um deswillen nur mißfallen, denn man weiß, daß mich die Bösen und die Tyrannen, auch ohne mich zu kennen, auf die bloße Lectüre meiner Schriften hin stets gehaßt haben. Gleichwohl wagte ich mich in seine Gewalt zu begeben und war überzeugt, wenig Gefahr zu laufen. Ich wußte, daß die niedrigen Leidenschaften nur über schwache Menschen Herr werden und über Seelen von hartem Schlage, und für eine solche hatte ich die seinige erkannt, nichts vermögen. Ich glaubte fest, daß seine Regierungskunst es von ihm verlangte, sich bei einer solchen Gelegenheit hochherzig zu zeigen, und daß sein Charakter groß genug wäre, es wirklich zu sein. Ich war überzeugt, daß eine niedrige und leicht auszuübende Rache nicht einen Augenblick die Ruhmliebe in ihm überwiegen könnte, und wenn ich mich an seine Stelle dachte, hielt ich es nicht für unmöglich, daß er die Gelegenheit benutzen würde, um den Mann, der es gewagt hatte, von ihm schlecht zu denken, durch das ganze Gewicht seines Edelmuths niederzubeugen. So übersiedelte ich denn nach Motiers mit einer Zuversicht, deren Werth ich ihn einzusehen für befähigt hielt, und sagte zu mir: »Wird sich Friedrich, wenn sich Jean-Jacques neben Coriolan erhebt, niedriger zeigen als der Feldherr der Volsker?« Der Obrist Roguin wollte mich durchaus über den Berg begleiten und mich persönlich in Motiers einführen. Eine Schwägerin der Frau Boy de la Tour, eine gewisse Frau Girardier, der das Haus, welches ich in Besitz nehmen wollte, sehr bequem war, sah meine Ankunft keineswegs, mit Freuden; trotzdem übergab sie mir meine Wohnung mit aller Höflichkeit, und ich aß bei ihr, bis Therese angekommen und meine kleine Wirtschaft eingerichtet war. Da ich seit meiner Abreise von Montmorency das Gefühl in mir trug, daß ich von nun an auf Erden flüchtig und unstät sein würde, trug ich Bedenken, ob ich ihr gestatten sollte, wieder zu mir zu kommen und das umherirrende Leben, zu dem ich mich verurtheilt sah, zu theilen. Ich fühlte, daß unsere Beziehungen durch diesen Wendepunkt eine Aenderung erleiden müßten und daß, was bis dahin meinerseits Gunst und Wohlthat gewesen war, es von nun an ihrerseits werden würde. Bestand ihre Neigung zu mir die Prüfung meiner Leiden, so mußte sie von Trauer ergriffen werden und ihr Schmerz mein Elend nur erhöhen. Erkaltete dagegen mein Unglück ihr Herz, so mußte sie mir ihre Beständigkeit als ein Opfer anrechnen, und anstatt die Freude zu empfinden, die ich darüber hatte, mein letztes Stückchen Brot mit ihr zu theilen, konnte sie nur das Verdienst fühlen, welches sie sich durch den Wunsch erwarb, mir überall hin zu folgen, wohin mein Schicksal mich trieb. Ich muß alles sagen. Da ich weder die Fehler meiner armen Mama noch meine eigenen verschwiegen habe, darf ich auch Theresen nicht mehr Gnade erweisen; und wie große Freude es mir auch macht, einer Person, die mir so theuer ist, alle Ehre anzuthun, so will ich doch auch ihr Unrecht nicht verhüllen, wenn anders ein unwillkürlicher Wechsel in den Neigungen des Herzens ein wirkliches Unrecht ist. Schon längst nahm ich eine Erkaltung des ihrigen wahr. Ich fühlte, daß sie mir nicht mehr das war, was sie mir in unsern schönen Jahren gewesen, und fühlte es um so mehr, als ich ihr stets derselbe war. Es trat bei mir derselbe Uebelstand ein, dessen Wirkung ich bei Mama empfunden hatte, und bei Therese war die Wirkung die nämliche. Suchen wir keine Vollkommenheiten, die die Grenzen der Natur überschreiten; bei jeder andern Frau, wer sie auch sein möchte, würde sich dasselbe zeigen. So überlegt mir auch meine Handlungsweise gegen meine Kinder vorgekommen war, so hatte sie mir doch nicht immer das Herz ruhig gelassen. Als ich über meine »Abhandlung über die Erziehung« nachdachte, fühlte ich, daß ich Pflichten verabsäumt hatte, von denen mich nichts befreien konnte. Meine Reue wurde endlich so groß, daß sie mir gleich am Anfange des »Emil« beinahe das öffentliche Geständnis meines Fehlers entriß, und die Stelle selbst ist so klar, daß es nach einer solchen Wunder nimmt, daß man den Muth gehabt hat, mir den Fehler Die Stelle findet sich im ersten Buche des Emil und beginnt: Wenn ein Vater Kinder erzeugt und aufzieht, so thut er damit erst den dritten Theil seiner Aufgabe. vorzuwerfen. Meine Lage war damals jedoch dieselbe und in Folge der Erbitterung meiner Feinde, die mich nur auf frischer That zu ertappen suchten, noch schlimmer. Ich fürchtete eine Wiederholung, und da ich mich dieser Gefahr nicht aussetzen wollte, so verurtheilte ich mich lieber zur Enthaltsamkeit, als Therese in die Gefahr zu bringen, sich abermals in derselben Lage zu sehen. Ueberdies hatte ich bemerkt, daß der Umgang mit Frauen meinen Zustand augenscheinlich verschlimmerte, Var. ... verschlimmerte. Das dafür Ersatz gebende Laster, von dem ich mich nie habe vollkommen heilen können, schien mir weniger nachtheilig; dieser doppelte Grund etc. dieser doppelte Grund hatte mich zu einem Entschlusse gedrängt, dem ich allerdings nicht immer treu geblieben bin, den ich jedoch seit drei oder vier Jahren mit größerer Festigkeit befolgte; und gerade seit dieser Zeit hatte ich auch bei Therese Erkaltung wahrgenommen; aus Pflichtgefühl hatte sie noch immer die gleiche Anhänglichkeit an mich, aber sie besaß sie nicht mehr aus Liebe. Dies nahm unserm Umgange einen Theil seiner Annehmlichkeit, und ich wähnte, daß sie meiner fortdauernden Fürsorge überall sicher, es vielleicht vorziehen würde, in Paris zu bleiben, anstatt mit mir umherzuirren. Gleichwohl hatte sie bei unsrem Scheiden so viel Schmerz gezeigt, so feste Versprechungen unserer Wiedervereinigung verlangt, sprach sie den Wunsch danach sowohl gegen den Prinzen von Conti wie gegen Herrn von Luxembourg so lebhaft aus, daß ich nicht nur nicht den Muth hatte, mit ihr von Trennung zu reden, sondern nicht einmal den, auch nur selbst daran zu denken; und nachdem ich in meinem Herzen gefühlt hatte, wie sehr es mir unmöglich war, mich ohne sie zu behelfen, dachte ich nur noch daran, sie sofort herbeizurufen. Ich forderte sie deshalb brieflich auf abzureisen, und sie kam. Ich hatte sie vor kaum zwei Monaten verlassen; aber es war seit so vielen Jahren unsere erste Trennung. Wir hatten sie beide bitter empfunden. Welche Ergriffenheit, als wir uns umarmten! Wie süß doch die Thränen der Zärtlichkeit und der Freude sind! Wie mein Herz sich darin badet! Weshalb hat man mir ihrer so wenige entlockt? Nach meiner Ankunft in Motiers hatte ich an Lord Keith, Marschall von Schottland und Statthalter von Neufchâtel geschrieben, um ihm meine Flucht in die Staaten Seiner Majestät anzuzeigen und ihn um seinen Schutz zu bitten. Er antwortete mit dem Edelmuthe, den man an ihm kennt und ich von ihm erwartete. Er lud mich ein, ihn zu besuchen. Ich stellte mich ihm in Begleitung des Herrn Martinet vor, des Gerichtsverwalters im Val-de-Travers, der bei Seiner Excellenz sehr in Gnaden stand. Das ehrwürdige Aeußere dieses berühmten und tugendhaften Schotten rührte mein Herz mächtig, und sofort begann zwischen ihm und mir jene lebhafte Zuneigung, die von meiner Seite stets gleich geblieben ist und auch von der seinigen geblieben sein würde, wenn sich nicht die Verräther, die mir jeden Lebenstrost geraubt haben, meine Entfernung zu Nutze gemacht hätten, um sein Alter zu mißbrauchen und mich in seinen Augen in ein übles Licht zu setzen. Georg Keith, Erbmarschall von Schottland und Bruder des berühmten General Keith, der glorreich lebte und auf dem Bette der Ehre starb, hatte sein Vaterland schon in seiner Jugend verlassen, weil er aus ihm wegen seines Anschlusses an das Haus Stuart verbannt worden war. Bald jedoch wandte er sich von demselben wieder ab in Folge des ungerechten und tyrannischen Geistes, der sich in jenem Hause bemerkbar machte und beständig dessen vorherrschenden Charakter bildete. Er hielt sich lange in Spanien auf, dessen Klima ihm sehr wohl bekam, und schloß sich endlich eben so wie sein Bruder dem Könige von Preußen an, der sich auf Menschen verstand und sie aufnahm, wie sie es verdienten. Für diese Aufnahme wurde er durch die großen Dienste, die ihm der Marschall Keith leistete, und durch etwas noch weit Kostbareres, nämlich durch die aufrichtige Freundschaft des Lord Marschall reichlich belohnt. Die große Seele dieses würdigen Mannes, der den ganzen republikanischen Stolz besaß, vermochte sich nur unter das Joch der Freundschaft zu beugen, beugte sich aber so vollkommen darunter, daß er bei völlig verschiedenen Grundsätzen von dem Augenblicke an, da er sich Friedrich angeschlossen hatte, ihn nur noch allein sah. Der König beauftragte ihn mit wichtigen Geschäften, schickte ihn nach Paris, nach Spanien und gab ihm endlich, als er ihn in seinem Alter der Ruhe bedürftig sah, als Ruheposten die Statthalterschaft über Neufchâtel mit der dem Herzen wohlthuenden Aufgabe, dort seine letzten Lebenstage damit zuzubringen, dieses kleine Völkchen glücklich zu machen. Als die Neufchâteler, die nur Glanz und Flitter lieben und sich auf den wahren, innern Werth nicht verstehen und lange Redensarten für Geist halten, einen kalten Mann sahen, der von Förmlichkeiten nichts wissen wollte, nahmen sie seine Einfachheit für Stolz, seine Offenheit für bäurisches Wesen, seine gedrängte Kürze für Dummheit und verhielten sich gegen seine wohlwollende Fürsorge abwehrend, weil er in dem Streben nützlich zu sein und nicht um die Gunst des Volkes zu buhlen, den Leuten, vor denen er keine Achtung hatte, nicht zu schmeicheln verstand. In der lächerlichen Angelegenheit mit dem Prediger Petitpierre, der von seinen eigenen Amtsbrüdern vertrieben war, weil er nicht hatte zugeben wollen, daß sie ewig verdammt würden, sah der Lord, der den Anmaßungen der Prediger entgegengetreten war, wie sich das ganze Land, für das er Partei nahm, gegen ihn erhob; und als ich dort anlangte, hatte sich dieses wahnsinnige Wuthgeschrei noch nicht gelegt. Er galt wenigstens für einen Mann, der sich im voraus gewinnen ließ, und von allen Anschuldigungen, mit denen man ihn überhäufte, war diese vielleicht die am wenigsten ungerechte. Als ich diesen ehrwürdigen Greis erblickte, wurde ich zuerst von Rührung über die Magerkeit seines Körpers ergriffen, den die Jahre schon abgezehrt hatten; aber als ich die Augen zu diesem belebten, offenen und edlen Gesichte aufschlug, bemächtigte sich meiner eine mit Vertrauen gemischte Ehrfurcht, die jedes andre Gefühl zurückdrängte. Auf eine sehr kurze Höflichkeit, die ich ihm, als ich vor ihn hintrat, sagte, antwortete er, indem er von andern Dingen sprach, als ob ich schon acht Tage dagewesen wäre. Er forderte uns nicht einmal auf, uns zu setzen. Der wohlbeleibte Gerichtsverwalter blieb stehen. Ich für meine Person sah in des Lords durchdringendem und feinem Auge etwas so eigenthümlich Freundliches, daß ich mich augenblicklich heimisch fühlte und an seiner Seite auf dem Sopha Platz nahm. Dem vertraulichen Ton, den er sofort anschlug, merkte ich es an, daß er sich über diese Ungezwungenheit freute und daß er bei sich selber sagte: das ist kein Neufchâteler. Merkwürdige Wirkung der großen Übereinstimmung der Charaktere! In einem Alter, in dem das Herz bereits seine natürliche Wärme verloren hat, erwärmte sich das dieses guten Greises für mich in einer alle Welt überraschenden Weise. Unter dem Vorwande Wachteln zu schießen, kam er nach Motiers, um mich zu besuchen, und blieb dort zwei Tage, ohne eine Flinte anzurühren. Es entstand zwischen uns eine solche Freundschaft, denn das ist das richtige Wort, daß wir nicht mehr ohne einander leben konnten. Das Schloß Colombier, welches er im Sommer bewohnte, lag sechs Stunden von Motiers. Spätestens alle vierzehn Tage ging ich hinüber, um dort vierundzwanzig Stunden zu weilen und pilgerte darauf, das Herz stets voll von ihm, in gleicher Weise zurück. Die leidenschaftliche Erregung, die ich ehemals auf meinen Ausflügen von der Eremitage nach Eaubonne empfand, war sicherlich eine ganz andere, aber sicherlich nicht süßer, als die, mit der ich mich Colombier näherte. Wie viele Thränen der Rührung habe ich oft auf meinem Wege vergossen, wenn ich der väterlichen Güte, der liebenswürdigen Tugenden und der milden Philosophie dieses ehrwürdigen Greises gedachte! Ich redete ihn Vater an, er mich Kind. Diese süßen Namen geben eine schwache Vorstellung von unserer gegenseitigen Zuneigung, aber noch keine davon, wie sehr wir einander nöthig hatten, und von dem unaufhörlichen Verlangen, uns nahe zu sein. Er wollte mich durchaus im Schlosse Colombier bei sich haben und bestürmte mich lange, die Wohnung, die ich dort einnahm, für immer zu behalten. Ich sagte ihm endlich, daß ich bei mir unabhängiger wäre, und daß es mir lieber wäre, wenn ich mein Leben lang zu ihm käme. Er billigte diese Offenherzigkeit und sprach mit mir nicht mehr davon. O guter Mylord! O mein würdiger Vater! Ach, die Barbaren! Welchen Schlag haben sie mir beigebracht, als sie dich mir entfremdeten! Aber nein, nein, großer Mann, du bist und wirst mir immer derselbe sein, wie ich immer derselbe bin. Sie haben dich hintergangen, aber sie haben dich nicht geändert. Mylord Marschall ist nicht ohne Fehler; er ist ein Weiser, aber er ist ein Mensch. Bei dem durchdringendsten Geiste, bei dem feinsten Tacte, den man haben kann, bei der tiefsten Menschenkenntnis läßt er sich bisweilen täuschen und giebt dann nie wieder seine Ansicht auf. Er hat seltsame Launen und in seiner Sinnesart etwas überaus Wunderliches und Absonderliches. Er scheint die Leute, die er täglich steht, zu vergessen und erinnert sich ihrer in dem Augenblick, da sie es am wenigsten denken: seine Aufmerksamkeiten erscheinen dann unzeitig; seine Geschenke geschehen aus Laune und richten sich nicht immer nach den üblichen Rücksichten. Er schenkt oder schickt ohne Unterschied, und augenblicklich was ihm gerade einfällt, es mag von hohem Werthe oder ganz werthlos sein. Ein junger Genfer, der in den Dienst des Königs von Preußen zu treten wünschte, stellt sich ihm vor. Anstatt eines Briefes giebt ihm Mylord ein Säckchen voll Erbsen mit dem Auftrage, es dem Könige zu überbringen. Nach Entgegennahme dieser sonderbaren Empfehlung giebt ihm der König sofort eine Anstellung. Diese erhabenen Genies haben untereinander eine Sprache, die gewöhnliche Geister nie verstehen werden. Diese kleinen Seltsamkeiten, die den Launen einer hübschen Frau ähneln, machten mir den Lord Marschall nur noch interessanter. Ich war fest überzeugt und habe es in der Folge zur Genüge erfahren, daß sie auf seine Gesinnungen und auf die Pflichten, die ihm die Freundschaft bei ernsten Gelegenheiten vorschrieb, keinen Einfluß ausübten. Wahr ist jedoch, daß er in seine Art zu verpflichten, dieselbe Sonderbarkeit wie in sein Benehmen legte. Ich will zum Beweise nur eine einzige Anekdote anführen, bei der es sich um eine Kleinigkeit handelte. Da mir die Reise von Motiers nach Colombier für einen Tag zu lang war, theilte ich sie gewöhnlich, indem ich nach dem Mittagsessen aufbrach und auf dem halben Wege in Brot übernachtete. Als der Wirth, Namens Sandoz, in Berlin um eine Gnade eingekommen, die für ihn von äußerster Wichtigkeit war, bat er mich, ihm die Fürsprache Seiner Excellenz zu verschaffen. Gern. Ich nehme ihn mit mir; ich lasse ihn im Vorzimmer und spreche über seine Angelegenheit mit Mylord, der mir nichts antwortet. Der Vormittag vergeht; als ich, um mich nach dem Eßzimmer zu begeben, das Vorzimmer durchschreite, sehe ich den armen Sandoz, der immer noch wartet. In der Meinung, Mylord hätte seiner vergessen, fange ich, ehe wir uns zu Tische setzen, noch einmal davon an; wieder kein Wort wie vorher. Ich fand diese Art, mir verständlich zu machen, daß ich ihm lästig fiele, ein wenig rücksichtslos und schwieg, indem ich den armen Sandoz im Stillen beklagte. Auf dem Rückwege am andern Tage war ich über die Danksagungen äußerst überrascht, die er mir wegen der guten Aufnahme und des guten Mittagsessens abstattete, welche er bei Seiner Excellenz erhalten hatte. Selbst seine Papiere hatte derselbe an sich genommen. Drei Wochen später sandte ihm Mylord das erbetene Rückschreiben, vom Minister ausgefertigt und vom König unterschrieben, und das geschah, ohne daß er mir oder dem Wirthe auch nur ein einziges Wort über eine Angelegenheit hatte sagen oder antworten wollen, mit der er, wie ich glaubte, nichts zu schaffen haben wollte. Ich möchte gar nicht aufhören von Georg Keith zu reden, sind doch an ihn meine letzten glücklichen Erinnerungen geknüpft; alle meine übrigen Lebenstage sind Trübsal und Herzenskummer gewesen. Das Andenken daran ist so traurig und steigt so wirr in mir auf, daß es mir unmöglich ist, Ordnung in meine Erzählungen zu bringen; von nun an bin ich gezwungen, die Ordnung dem Zufall zu überlassen, je nachdem meine Erlebnisse mir vor der Seele vorüberziehen. Es dauerte nicht lange, so wurde ich aus meiner Unruhe über mein Asyl durch die Antwort des Königs an Mylord Marschall gerissen, an dem ich, wie man denken kann, einen guten Fürsprecher gefunden hatte. Seine Majestät war nicht allein mit seiner Handlungsweise einverstanden, sondern beauftragte ihn auch, (denn ich muß alles sagen), mir zwölf Louisd'or auszuzahlen. Verlegen über einen solchen Auftrag und nicht wissend, wie er denselben in anständiger Form ausrichten sollte, bemühte sich der gute Mylord, das Beleidigende darin abzuschwächen, indem er dieses Geld als einen Zuschuß zu meinem Unterhalte erklärte und mir anzeigte, er hätte Befehl, mir Holz und Kohlen zu liefern, damit ich meine kleine Haushaltung beginnen könnte. Er fügte sogar und vielleicht aus eigenem Antriebe hinzu, der König würde mir gern ein Häuschen nach meinem Geschmacke bauen lassen, wenn ich mir eine Stelle dazu auswählen wollte. Dieses letzte Anerbieten rührte mich sehr und ließ mich die Kargheit des andern vergessen. Obgleich ich keines von beiden annahm, betrachtete ich Friedrich als meinen Wohlthäter und Beschützer und war ihm so aufrichtig zugethan, daß ich mich von da an eben so sehr für seinen Ruhm interessirte, als ich bisher in seinen Erfolgen Ungerechtigkeit erblickt hatte. Bei dem Frieden, den er kurz darauf schloß, legte ich meine Freude durch eine höchst geschmackvolle Illumination an den Tag; sie bestand in gewundenen Lampenreihen, mit denen ich das von mir bewohnte Haus schmückte, wobei ich allerdings den rachsüchtigen Stolz hatte, fast eben so viel Geld auszugeben, wie er mir hatte schenken wollen. Nach geschlossenem Frieden glaubte ich, er würde, da sein kriegerischer und politischer Ruhm seinen Gipfel erreicht hatte, es sich nun angelegen sein lassen, sich einen andern zu erwerben, indem er seine Staaten wieder belebte und Handel und Ackerbau in ihnen in Aufschwung brächte, gleichsam einen neuen Boden mit einer neuen Bevölkerung schaffte, den Frieden unter all seinen Nachbarn aufrecht erhielte und sich zum Schiedsrichter Europas machte, nachdem er der Schrecken desselben gewesen war. Er konnte ohne Gefahr den Degen niederlegen, vollkommen sicher, daß man ihn nicht zwingen würde, von neuem nach ihm zu greifen. Als ich sah, daß er nicht entwaffnete, besorgte ich, daß er seinen Vortheil übel anwendete und nur halb groß wäre. Ich wagte in Bezug darauf an ihn zu schreiben, wobei ich jenen vertraulichen Ton, der Männern von seinem Schlage zu gefallen pflegt, anschlug und die heilige Stimme der Wahrheit, die so wenige Könige zu hören fähig sind, bis zu ihm dringen zu lassen. Nur im Geheimen, allein zwischen ihm und mir, nahm ich mir diese Freiheit. Nicht einmal Mylord Marschall machte ich zum Mitwisser, sondern sandte ihm meinen Brief an den König versiegelt. Mylord schickte den Brief ab, ohne sich nach seinem Inhalte zu erkundigen. Der König gab mir keine Antwort und sagte nur einige Zeit später zum Mylord Marschall, der nach Berlin gereist war, ich hätte ihn tüchtig ausgescholten. Daraus ersah ich, daß mein Brief übel aufgenommen und der Freimuth meines Eifers für die Ungeschliffenheit eines Pedanten ausgelegt worden war. Eine solche konnte mein Brief auch möglicher Weise sein; vielleicht sagte ich nicht, was ich hätte sagen müssen, und schlug den Ton nicht an, der sich geziemt hätte. Ich kann nur für die Gesinnung einstehen, die mir die Feder in die Hand gedrückt hatte. Bald nach meiner Niederlassung in Motiers-Travers, wo ich alle nur mögliche Gewähr hatte, daß man mich dort in Frieden lassen würde, legte ich die armenische Tracht an. Dies war keine neue Idee; sie war im Laufe meines Lebens wiederholentlich an mich herangetreten und stellte sich namentlich in Montmorency wieder häufig bei mir ein, wo ich durch die öftere Anwendung der Sonden, die mich nicht selten zum Hüten des Zimmers verurtheilte, alle Vortheile der langen Kleidung besser würdigen lernte. Die mir durch einen armenischen Schneider, der einen in Montmorency wohnenden Verwandten oft besuchte, dargebotene Gelegenheit führte mich in Versuchung, dieselbe zu benutzen, um diese neue Tracht allem Gerede zum Trotz, um das ich mich sehr wenig kümmerte, anzunehmen. Ehe ich sie jedoch anlegte, wollte ich die Ansicht der Frau von Luxembourg darüber hören, die mir sehr zu ihrer Annahme rieth. Ich ließ mir deshalb eine kleine armenische Garderobe anfertigen; aber in Folge des gegen mich erregten Sturmes verschob ich die Benutzung auf ruhigere Zeiten, und erst einige Monate später, als ich durch neue Anfälle gezwungen war, wieder meine Zuflucht zu den Sonden zu nehmen, glaubte ich diese neue Tracht ohne Gefahr in Motiers annehmen zu können, namentlich nach einer Berathung mit dem Ortspfarrer, der mir erklärte, daß ich sie selbst in der Kirche ohne Anstoß tragen könnte. Ich legte also das orientalische Unterkleid, den Kaftan, die verbrämte Mütze und den Gürtel an, und nachdem ich in dieser Tracht dem Gottesdienste beigewohnt hatte, erblickte ich nichts Unziemliches darin, sie bei Mylord Marschall zu tragen. Als mich Seine Excellenz so gekleidet sah, war ihr ganzer Gruß »Salamaleki«, damit war alles zu Ende, und ich trug keine andre Kleidung mehr. Nachdem ich von der Literatur völlig Abschied genommen hatte, dachte ich nur noch daran, ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen, soweit es von mir abhängen würde. Für mich allein habe ich nie die Langeweile kennen gelernt, nicht einmal bei dem vollkommensten Müßiggange; meine jede Leere ausfüllende Einbildungskraft reichte schon allein hin, um mich zu beschäftigen. Nur das unthätige Geschwätz, wenn man im Zimmer einander gegenüber sitzend nur immerfort die Zunge bewegt, habe ich niemals ertragen können. Beim Gehen, beim Lustwandeln mag es noch sein; die Füße und die Augen thun doch wenigstens etwas; aber mit gekreuzten Armen dasitzen, vom Wetter und den umherschwirrendeu Fliegen reden oder, was noch schlimmer ist, sich gegenseitig Schmeicheleien sagen, ist für mich eine unleidliche Qual. Um nicht wie ein Wilder zu leben, nahm ich mir vor, nesteln zu lernen. Ich nahm bei meinen Besuchen mein Kissen mit oder setzte mich wie die Frauen mit meiner Arbeit an die Thür und plauderte mit den Vorübergehenden. Dies ließ mich die Leerheit des Geschwätzes ertragen und meine Zeit ohne Langeweile bei meinen Nachbarinnen zubringen, von denen mehrere ziemlich liebenswürdig und sogar nicht ohne Geist waren. Eine unter andern, Isabella von Ivernois, die Tochter des Generalprocurators von Neufchâtel, schieb mir hervorragend genug, um mit ihr ein ganz besonders freundschaftliches Verhältnis anzuknüpfen, das ihr wegen der guten Rathschläge, die ich ihr ertheilt, und wegen der Dienste, die ich ihr bei wahren Lebensfragen geleistet habe, sehr vortheilhaft gewesen ist. Jetzt eine würdige und tugendhafte Familienmutter, verdankt sie mir vielleicht die Klarheit ihres Verstandes, ihren Gatten, ihr Leben und ihr Glück. Ich meinerseits verdanke ihr sehr süße Tröstungen, namentlich während eines sehr trübseligen Winters, wo sie mitten in meinen Leiden und Schmerzen in Theresens und meiner Gesellschaft lange Abende bei uns zubrachte, die sie uns durch den Zauber ihres Geistes und durch unsere gegenseitigen Herzensergießungen sehr zu verkürzen verstand. Sie redete mich Papa und ich sie Tochter an, und diese Anreden, deren wir uns noch gegenseitig bedienen, werden ihr, wie ich hoffe, immerdar eben so theuer sein wie mir. Um meinen Nesteln irgend eine Verwendung zu geben, schenkte ich sie meinen jungen Freundinnen bei ihrer Verheirathung unter der Bedingung, daß sie ihre Kinder selbst stillen sollten. Ihre ältere Schwester bekam eine unter dieser Bedingung und hat sie erfüllt; Isabella bekam ebenfalls eine und hat sie durch ihre Gesinnung nicht weniger verdient; aber sie hat nicht das Glück gehabt, ihren Willen durchsetzen zu können. Bei der Übersendung dieser Nesteln schrieb ich an jede von beiden einen Brief, von denen der erste die Runde durch die Welt gemacht hat; dem zweiten wurde jedoch nicht soviel Aufsehen zu Theil: die Freundschaft tritt nicht so geräuschvoll auf. Unter den Verbindungen, die ich in meiner Nachbarschaft anknüpfte und auf deren Schilderung im Einzelnen ich mich nicht einlassen will, muß ich die mit dem Obrist Pury anführen, der im Gebirge ein Haus besaß, in welchem er die Sommer zubrachte. Ich hatte keine sehr große Lust, seine Bekanntschaft zu machen, weil ich wußte, daß er bei Hofe und Mylord Marschall, den er nicht besuchte, sehr mißliebig war. Da er mich indessen besuchte und mir viele Artigkeiten erwies, mußte ich ihm einen Gegenbesuch abstatten. Die Bekanntschaft wurde fortgesetzt und wir aßen mitunter abwechselnd bei einander. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft des Herrn Du Peyrou, die schließlich in eine zu innige Freundschaft überging, als daß ich ihn unerwähnt lassen könnte. Herr Du Peyrou war ein Amerikaner, Sohn eines Commandanten von Surinam, dessen Nachfolger, Herr von Chambrier aus Neufchâtel, die Witwe heirathete. Zum zweiten Male verwitwet, ließ sie sich mit ihrem Sohne in der Heimat ihres zweiten Gatten nieder. Du Peyrou, der als einziger Sohn sehr reich war und von seiner Mutter zärtlich geliebt wurde, hatte eine ziemlich sorgfältige und auch recht erfolgreiche Erziehung erhalten. Er hatte sich viel Halbwissen angeeignet, verstand sich etwas auf die Künste und that sich namentlich etwas auf die Ausbildung seines Verstandes zu Gute; sein holländisches, kaltes und philosophisches Wesen, seine schwarzbraune Gesichtsfarbe, sein stilles und verstecktes Benehmen begünstigten diese Meinung sehr. Obgleich noch jung, war er taub und gichtleidend. Dies gab allen seinen Bewegungen etwas sehr Gesetztes und Ernstes, und obwohl er Wortgefechte liebte und sie bisweilen sogar ein wenig lange fortführte, sprach er im allgemeinen doch wenig, weil er eben nicht gut hörte. Dieses ganze Aeußere machte Eindruck auf mich. »Das ist ein Denker«, sagte ich mir, »ein Weiser, den man sich glücklich schätzen müßte als Freund zu besitzen.« Um mich vollends einzunehmen, richtete er oft das Wort an mich, ohne mir je eine besondere Höflichkeit zu sagen. Er sprach mit mir wenig über mich, wenig über meine Bücher und sehr wenig über sich. Er war nicht arm an Ideen, und alles, was er sagte, war ziemlich richtig. Dieses Richtige und dieses Gleichmäßige an ihm zogen mich an. Sein Geist hatte nicht den Schwung und die Feinheit, durch die sich der Geist des Mylord Marschall auszeichnete, wohl aber dessen Einfachheit; dadurch gewährte er immer einigen Ersatz für diesen. Ich schwärmte nicht für ihn, aber ich gewann ihn aus Achtung lieb, und nach und nach wurde aus der Achtung Freundschaft. Ihm gegenüber vergaß ich ganz und gar den Einwand, den ich gegen den Baron von Holbach ausgesprochen hatte, daß er zu reich wäre, und ich glaube, ich hatte hierin Unrecht. Ich habe zweifeln gelernt, daß ein Mensch, der sich des Genusses eines sehr großen Vermögens erfreut, wer er auch sonst sein möge, meine Grundsätze und die Person, von der sie herrühren, aufrichtig zu lieben vermag. Ziemlich lange Zeit hindurch sah ich Du Peyrou wenig, weil ich nicht nach Neufchâtel ging und er nur einmal im Jahre den Obrist Pury im Gebirge besuchte. Weshalb ging ich nicht nach Neufchâtel? Es ist eine Kinderei, die ich nicht verschweigen darf. Wenn ich auch als Schützling des Königs von Preußen und des Lord Marschalls in meinem Asyle anfangs der Verfolgung entging, so entging ich trotzdem nicht der Mißachtung des Publikums, der Stadtbehörden und der Prediger. Nachdem von Frankreich der Anstoß gegeben war, hätte es gegen den guten Ton verstoßen, mir nicht wenigstens irgend eine Beleidigung zuzufügen; man hätte besorgt, sich den Anschein zu geben, als mißbilligte man meine Verfolger, wenn man sie nicht nachahmte. Die maßgebenden Kreise Neufchâtels, das heißt die Genossenschaft der Geistlichkeit gab das Alarmzeichen, indem sie den Staatsrath wider mich aufzureizen suchte. Da dieser Versuch erfolglos war, wandten sich die Geistlichen an den Stadtrat, der sofort mein Buch verbieten ließ und mir dadurch, daß er mich bei jeder Gelegenheit wenig höflich behandelte, zu verstehen gab und es sogar offen aussprach, daß man meinem etwaigen Wunsche, mich in der Stadt niederzulassen, nicht entsprochen haben würde. Sie füllten ihren »Merkur« mit Albernheiten und dem scheinheiligsten Gesalbader an, das die verständigen Leute zwar zum Lachen reizte, aber trotzdem nicht das Volk zu erhitzen und gegen mich aufzuhetzen unterließ. Nichtsdestoweniger mußte ich ihres Bedünkens sehr dankbar für die außerordentliche Gnade sein, daß sie meinen Aufenthalt in Motiers duldeten, wo sie keine Gewalt hatten; sie hätten mir die Luft gern ellenweise zugemessen, unter der Bedingung, daß ich sie recht theuer bezahlte. Nach ihrem Verlangen sollte ich ihnen für den Schutz, den mir der König ihnen zum Trotze gewährte, und an dessen Entziehung sie unaufhörlich arbeiteten, sehr verbunden sein. Kurz, nachdem sie mir vergeblich alles mögliche Leid zugefügt und mich vergeblich aus allen Kräften verschrien hatten, rechneten sie sich ihre Ohnmacht als Verdienst an, indem sie mir ihre Güte vorhielten, mich in ihrem Gebiete zu dulden. Statt aller Antwort hätte ich ihnen ins Gesicht lachen sollen; aber ich war albern genug, mich verletzt zu fühlen, und beging die Thorheit, nicht nach Neufchâtel gehen zu wollen, und bei diesem Entschlusse blieb ich fast zwei Jahre, als ob es für dergleichen Persönlichkeiten nicht eine viel zu große Ehre wäre, ihre Handlungsweise zu beachten, die, gut oder schlecht, ihnen nicht angerechnet werden kann, da sie stets nur auf fremden Antrieb handeln. Ungebildete und einsichtsvolle Geister, die als Gegenstände ihrer Achtung nur Einfluß, Macht und Geld kennen, sind überdies schon von der bloßen Ahnung weit entfernt, daß man Talenten einige Rücksicht schuldig ist und es zur Schande gereicht, sie zu beleidigen. Ein gewisser Schulze, der wegen seiner Veruntreuungen abgesetzt war, sagte zu dem Richter des Val-de-Travers, dem Gatten meiner Isabella: »Dieser Rousseau soll soviel Geist haben; bringen Sie ihn doch zu mir, damit ich mich überzeuge, ob es wahr ist.« Wahrlich, die Mißstimmung eines Mannes, gegen den man einen solchen Ton anschlägt, darf die, gegen die er sie ausläßt, wenig wundern. Nach der Weise, wie man mich in Paris, in Genf, in Bern und sogar in Neufchâtel behandelte, erwartete ich von dem Ortspfarrer keine größere Schonung. Ich war ihm indessen von Frau Boy de la Tour empfohlen worden, und er hatte mich freundlich aufgenommen; aber in diesem Lande, wo man jedermann in gleicher Weise schmeichelt, haben Zuvorkommenheiten keine Bedeutung. Nach meinem feierlichen Wiedereintritt in die reformirte Kirche konnte ich jedoch, zumal ich in einem reformirten Lande lebte, ohne Verletzung meiner Gelübde und meiner Bürgerpflicht die öffentliche Theilnahme an dem Cultus, in den ich wieder eingetreten war, nicht vernachlässigen; ich wohnte deshalb den Gottesdiensten bei. Andrerseits hegte ich die Befürchtung, mich, wenn ich am Tische des Herrn erschiene, dem Schimpfe einer Zurückweisung auszusetzen, und es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß er mich nach dem vom Genfer Rathe und der Neufchâteler Geistlichkeit erhobenen Lärme in seiner Kirche ruhig zu dem Genusse des heiligen Abendmahls zulassen würde. Als die dort übliche Communionszeit heranrückte, entschloß ich mich, an Herrn von Montmollin (so hieß nämlich der Prediger) zu schreiben, um ihn von meiner löblichen Absicht in Kenntnis zu setzen und ihm zu erklären, daß ich im Herzen stets auf dem Boden der protestantischen Kirche gestanden hätte. Gleichzeitig zeigte ich ihm an, um allen falschen Auslegungen hinsichtlich meiner Ansichten über die Glaubensartikel aus dem Wege zu gehen, daß ich eine besondere Besprechung über das Dogma nicht wünschte. Nachdem ich nach dieser Seite hin meine Maßregeln ergriffen hatte, wartete ich in aller Ruhe, nicht zweifelnd, daß mir Herr von Montmollin ohne vorausgehende Erörterung, die ich von der Hand wies, die Zulassung verweigern würde, und daß damit ohne meine Schuld alles zu Ende wäre. Trotzdem war es nicht der Fall. Als ich es am wenigsten erwartete, kam Herr von Montmollin, um mir zu erklären, daß er mich nicht allein unter dem von mir verlangten Vorbehalte zur Communion zuließe, sondern auch daß er und seine Kirchenältesten es sich zur Ehre anrechneten, mich zu ihrer Gemeinde zu zählen. Nie hatte ich in meinem Leben eine ähnliche noch eine tröstlichere Ueberraschung. Stets vereinsamt auf Erden leben schien mir ein sehr trauriges Loos, besonders im Unglücke. Inmitten so vieler Verbannungen und Verfolgungen war es mir ein ungemein süßes Gefühl, mir sagen zu können: wenigstens bin ich unter meinen Brüdern; und ich ging zum Tische des Herrn mit einer Erregung des Herzens und mit Thränen der Rührung, die vielleicht die Gott wohlgefälligste Vorbereitung waren, die man dazu mitbringen konnte. Einige Zeit nachher sandte mir Mylord einen Brief von Frau, von Boufflers, dessen Besorgung nach meiner Vermuthung d'Alembert, der Mylord Marschall kannte, übernommen hatte. In diesem Briefe, dem ersten, den diese Dame seit meiner Abreise von Montmorency an mich geschrieben hatte, schalt sie mich heftig über mein Schreiben an Herrn von Montmollin, wie besonders darüber aus, daß ich communicirt hatte. Ich begriff um so weniger, was sie mit diesem Verweise im Schilde führte, als ich mich seit meiner Genfer Reise stets laut für einen Protestanten erklärt und ganz öffentlich die Gottesdienste in der holländischen Gesandtschaftskapelle besucht hatte, ohne daß irgend jemand etwas Anstößiges darin gefunden. Es kam mir komisch vor, daß sich Frau Gräfin von Boufflers damit beschweren wollte, mir in religiösen Angelegenheiten ihren Rath zu ertheilen. Da ich jedoch nicht zweifelte, daß ihre Absicht, so unbegreiflich sie auch war, die beste von der Welt sein müßte, so fühlte ich mich über diesen eigenthümlichen Ausfall nicht gekränkt und antwortete ihr ohne leidenschaftliche Erregung unter Darlegung meiner Gründe. Die gedruckten Beleidigungen gingen inzwischen ungestört weiter und ihre wackeren Verfasser machten den Regierungen den Vorwurf, mich allzu milde zu behandeln. Dieses einstimmige Gekläff einer Meute, die nach wie vor unter dem Schleier verhüllt ihr Wesen trieb, hatte etwas Unheimliches und Erschreckendes. Ich für meine Person ließ sie schimpfen, ohne mich zu rühren. Man versicherte, die Sorbonne hätte mein Werk verdammt; ich glaubte es nicht. Wie konnte sich die Sorbonne in diese Angelegenheit mischen? Wollte sie erklären, daß ich kein Katholik wäre? Alle Welt wußte es. Wollte sie beweisen, ich wäre kein guter Calvinist? Was ging es sie an? Damit hätte sie sich eine eigenthümliche Mühe gegeben, damit hätte sie sich zum Vertreter unserer Geistlichkeit aufgeworfen. Ehe ich diese Schrift gesehen hatte, glaubte ich, man hätte sie unter dem Namen der Sorbonne in Umlauf gesetzt, um sich über dieselbe lustig zu machen; und als ich sie gelesen hatte, glaubte ich es sogar noch weit mehr. Als ich an ihrer Echtheit endlich nicht mehr zweifeln konnte, drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß die Sorbonne für das Irrenhaus reif wäre. 1763 Eine andere Schrift berührte mich desto empfindlicher, weil sie von einem Manne herrührte, vor dem ich stets Hochachtung gehegt, und dessen Beständigkeit ich bewunderte, während ich seine Verblendung bedauerte. Ich rede von dem Erlaß des Erzbischofs von Paris wider mich. Ich glaubte es mir schuldig zu sein, darauf zu antworten. Ich konnte es, ohne mich zu erniedrigen; es war ein Fall, der dem mit dem Könige von Polen ungefähr ähnlich war. Ich habe rohe Zänkereien nach Voltaire'scher Manier nie geliebt. Ich verstehe mich nur mit Würde zu schlagen und verlange, wenn ich mich zur Vertheidigung herablassen soll, daß mein Angreifer meine Schläge nicht ehrlos macht. Ich zweifelte nicht, daß dieser Erlaß ein Machwerk der Jesuiten wäre, und obgleich sie damals selbst unglücklich waren, erkannte ich doch darin ihren alten Grundsatz, die Unglücklichen zu vernichten. Ich konnte demnach auch meinem alten Grundsatz treu bleiben, den vorgeschützten Verfasser zu ehren und das Werk zu zermalmen; und das glaube ich mit ziemlichem Erfolge gethan zu haben. Ich fand den Aufenthalt in Motiers sehr angenehm und um mich zu dem Entschluß zu bringen, dort meine Lebenstage zu beschließen, fehlte mir nur ein sicherer Unterhalt; aber man lebt dort ziemlich theuer, und ich hatte durch die Auflösung meines Haushalts, durch die Einrichtung eines neuen, durch den Verkauf oder die Vertheilung aller meiner Möbel und durch die Ausgaben, die ich seit meiner Abreise von Montmorency hatte machen müssen, alle meine alten Pläne dahinsinken sehen. Ich sah das kleine Kapital, das ich in Händen hatte, sich täglich vermindern. Zwei oder drei Jahre genügten, den Rest zu verzehren, ohne daß ich ein Mittel, es zu erneuern, sah, wenn ich mich nicht wieder auf die Schriftstellerei, dieses verhängnisvolle Handwerk, dem ich bereits entsagt hatte, verlegen wollte. Ueberzeugt, daß in meinen Verhältnissen bald ein Umschlag eintreten müßte, und daß das Publikum, von seiner Tollheit zurückgekommen, die Regierungen zum Erröthen über ihre eigene bringen würde, suchte ich meine Hilfsquellen nur bis zu dieser glücklichen Wendung zu verlängern, die mir unter den sich darbietenden Mitteln eine freiere Wahl gestattete. Deshalb nahm ich mein »Musikalisches Wörterbuch« wieder vor, welches eine zehnjährige Arbeit schon weit gefördert hatte; ich brauchte nur die letzte Hand anzulegen und es dann noch ins Reine zu schreiben. Meine Bücher, welche mir vor kurzem nachgesandt waren, setzten mich in den Stand, dieses Werk zu vollenden. Meine Papiere, die gleichzeitig angelangt waren, ermöglichten mir den Beginn meiner Denkwürdigkeiten, mit denen ich mich künftighin einzig und allein beschäftigen wollte. Ich fing damit an, die Briefe in eine Sammlung einzutragen, die meinem Gedächtnisse bei der Feststellung der Reihenfolge der Thatsachen und Zeiten behilflich sein konnte. Ich hatte die Sichtung derer, die ich zu diesem Zwecke aufheben wollte, bereits vorgenommen, und ihre Reihe war während beinahe zehn Jahre nirgends unterbrochen. Bei ihrer Ordnung behufs der Abschrift fand ich indessen eine Lücke, die mich überraschte. Sie umfaßte beinahe sechs Monate, nämlich vom October 1756 bis zum folgenden März. Ich erinnerte mich genau, unter die gesichteten Papiere eine Anzahl Briefe von Diderot, von Deleyre, von Frau von Epinay, von Frau von Chenonceaux u.s.w. aufgenommen zu haben, welche diese Lücke ausfüllten und sich nicht mehr vorfanden. Was war aus ihnen geworden? Hatte jemand während der wenigen Monate, die meine Papiere in dem Hotel Luxembourg geblieben waren, Hand an sie gelegt? Das ließ sich nicht annehmen; ich hatte selbst gesehen, daß der Herr Marschall den Schlüssel zu dem Zimmer, in das ich sie gelegt, an sich genommen hatte. Da mehrere Briefe von Frauen und Diderots sämmtliche ohne Datum waren und ich mich gezwungen gesehen hatte, diese Data aus dem Gedächtnis und nur ungewiß nachzuholen, um die Reihenfolge dieser Briefe zu ordnen, so glaubte ich mich anfangs in der Zeitangabe geirrt zu haben und musterte alle Briefe, die kein Datum hatten oder auf denen ich es erst ergänzt hatte, um zu sehen, ob ich unter ihnen nicht die auffinden würde, welche diese Lücke ausfüllen mußten. Dieser Versuch war erfolglos; ich sah, daß es sich hier wirklich um eine Lücke handelte und die Briefe unstreitig genommen waren. Von wem und weshalb? Das war mir unfaßbar. Diese Briefe, die meinen großen Streitigkeiten vorausgingen und aus der Zeit meiner ersten Trunkenheit für die »Julie« stammten, konnten niemand interessiren. Sie enthielten höchstens einige Klatschereien Diderots, einige Witzeleien Deleyres, einige Freundschaftsbezeigungen der Frau von Chenonceaux oder sogar der Frau von Epinay, mit der ich damals auf bestem Fuße stand. Wem konnte an diesen Briefen gelegen sein? Was wollte man mit ihnen anfangen? Erst sieben Jahre später habe ich die schändliche Absicht dieses Diebstahls geargwöhnt. In Folge des augenscheinlichen Fehlens dieser Briefe suchte ich unter meinen Concepten, ob ich auch unter ihnen einige vermissen würde. Ich konnte mehrere nicht finden, was mich bei meinem schwachen Gedächtnisse das Fehlen noch anderer in der Menge meiner Papiere annehmen ließ. Ich wurde gewahr, daß das Concept der »Sensitiven Moral« sowie das zu dem Auszuge ans den »Abenteuern des Lord Eduard« verschwunden waren. Das Fehlen des letzteren lenkte, wie ich gestehe; meinen Verdacht auf Frau von Luxembourg. Ihr Kammerdiener La Roche hatte diese Papiere an mich abgesandt und sie allein in der Welt konnte meines Bedünkens Interesse an diesem Wische nehmen. Was für ein Interesse konnte sie jedoch an dem andern und den geraubten Briefen nehmen, von denen man selbst bei böser Absicht keinen mir nachtheiligen Gebrauch machen konnte, falls man keine Fälschung vornehmen wollte? Den Herrn Marschall, dessen unerschütterliche Redlichkeit und aufrichtige Freundschaft für mich ich kannte, konnte ich nicht einen Augenblick in Verdacht haben. Ich konnte diesen Verdacht nicht einmal gegen die Frau Marschall festhalten. Nach langem Nachsinnen, um den Urheber dieses Diebstahls zu entdecken, schien es mir am vernünftigsten, d'Alembert dafür zu halten, der sich schon damals bei Frau von Luxembourg eingenistet und Gelegenheit gefunden haben konnte, diese Papiere zu durchsuchen und aus ihnen an Manuscripten wie an Briefen mitzunehmen, was ihm gefallen hatte, sei es nun, um jemand mit mir zu verfeinden, oder um sich anzueignen, was ihm etwa zusagte. Ich nahm an, daß er durch den Titel der »Sensitiven Moral« irregeleitet, darin den Plan zu einem vollständigen Lehrbuche über den Materialismus zu finden geglaubt hatte, den er, wie man sich vorstellen kann, nach Kräften gegen mich verwerthet haben würde. Ueberzeugt, daß er bei Durchsicht des Conceptes bald enttäuscht sein würde, und entschlossen, mich von der Literatur ganz zurückzuziehen, beunruhigte ich mich wenig über diese Entwendungen, die nicht die ersten von derselben Hand In seinen »Elementen der Musik« hatte ich vieles gefunden, das dem, was ich über diese Kunst für die Encyklopädie geschrieben und was ihm mehrere Jahre vor dem Erscheinen seiner Elemente zugestellt worden, entnommen war. Ich weiß nicht, welchen Antheil er an einem Buche haben konnte, welches den Titel »Wörterbuch der schönen Künste« führte, allein ich habe darin von den meinigen Wort für Wort abgeschriebene Artikel gefunden, und zwar lange bevor diese nämlichen Artikel in der Encyklopädie gedruckt waren. waren, welche ich, ohne mich darüber zu beklagen, geduldet hatte. Bald dachte ich an diese Treulosigkeit nicht mehr, als hätte man gar keine gegen mich verübt, und ich schickte mich an, die Materialien, die man mir gelassen hatte, wieder zu ordnen, um an meinen »Bekenntnissen« zu arbeiten. Lange hatte ich geglaubt, daß in Genf die Gastlichkeit oder wenigstens die wirklichen Bürger und die Meister gegen die Verletzung des Religonsedictes, die in der gegen mich erlassenen Verfügung lag, Einspruch erheben würden. Alles blieb ruhig, wenigstens äußerlich, denn es war eine allgemeine Unzufriedenheit vorhanden, die nur auf eine Gelegenheit wartete, um sich kund zu thun. Meine Freunde, oder doch meine sogenannten Freunde, schrieben Briefe über Briefe an mich, in denen sie mich aufforderten, zu kommen und mich an ihre Spitze zu stellen, und mir eine öffentliche Ehrenerklärung von Seiten des Rathes zusicherten. Die Besorgnis vor Unordnung und Unruhen, die meine Gegenwart hervorrufen konnte, hielt mich ab, auf ihre Bitten einzugehen; und treu dem Eide, den ich einst abgelegt hatte, mich in meiner Vaterstadt nie in einen bürgerlichen Zwist einzulassen, wollte ich lieber die mir zugefügte Beleidigung bestehen lassen und mich für immer aus meiner Heimat verbannen, als mir die Rückkehr dahin durch gewaltsame und gefährliche Mittel bahnen. Allerdings hatte ich von der Bürgerschaft gesetzliche und friedliche Vorstellungen wider eine Rechtsverletzung, die sie selbst im hohen Grade berührte, erwartet. Diese unterblieben völlig. Ihre Anführer suchten weniger die wirkliche Abstellung von Beeinträchtigungen, als die Gelegenheit, sich nothwendig zu machen. Man schmiedete Ränke, aber man schwieg und ließ die Schwätzer und Scheinheiligen oder ähnliches Gelichter belfern, die der Rath vorschob, um mich bei der großen Menge verhaßt zu machen und seine Albernheit dem religiösen Eifer zuschreiben zu können. Nachdem ich vergeblich länger als ein Jahr gewartet hatte, daß jemand gegen ein ungesetzliches Verfahren einschritte, faßte ich endlich einen Entschluß. Da ich mich von meinen Mitbürgern verlassen sah, war es mein fester Vorsatz auf meine undankbare Vaterstadt zu verzichten, in der ich nie gelebt, von der ich weder eine Wohlthat noch eine Freundlichkeit empfangen hatte, und von der ich mich zum Lohne für die Ehre, die ich ihr zu machen gesucht, unter einstimmiger Beipflichtung, indem die, welche hätten reden sollen, schwiegen, so unwürdig behandelt sah. Ich schrieb deshalb an den derzeitigen ersten Syndikus, einen gewissen Herrn Favre, wie ich glaube, einen Brief, indem ich feierlich meinem Bürgerrechte entsagte, sonst aber den Anstand und die Mäßigung beobachtete, die ich immer in die Handlungen des Stolzes gelegt habe, zu denen mich die Grausamkeit meiner Feinde in den Zeiten meines Unglücks oft gezwungen hat. Dieser Schritt öffnete den Bürgern endlich die Augen; einsehend, daß sie Unrecht gehabt und meine Vertheidigung in ihrem eigenen Interesse nicht hätten verabsäumen dürfen, schritten sie zu derselben, als es nicht mehr an der Zeit war. Sie verbanden damit noch andere Beschwerden und fanden darin Stoff zu mehreren sehr vernünftigen Vorstellungen, die sie in dem Maße erweiterten und verstärkten, wie ihnen die in harter und schroffer Weise ertheilten abschlägigen Bescheide des Rathes, der sich von dem französischen Ministerium unterstützt fühlte, den Plan desselben, sie zu knechten, immer deutlicher zum Bewußtsein brachte. Diese Zänkereien veranlaßten verschiedene Broschüren, die nichts entschieden, bis plötzlich die »Lettres écrites de la Campagne« erschienen, ein für den Rath mit ungemeiner Gewandtheit geschriebenes Werk, durch welches die angreifende Partei zum Schweigen gebracht und eine Zeit lang vernichtet wurde. Diese Broschüre, ein unvergängliches Denkmal der seltenen Talente ihres Verfassers, war vom Generalprocurator Tronchin verfaßt, einem geistreichen, aufgeklärten und in den Gesetzen und der Verfassung der Republik sehr erfahrenen Manne. Siluit terra. 1764 Von ihrer anfänglichen Mutlosigkeit sich erholend, erließen die Angreifer eine Antwort und zeigten sich mit der Zeit ihrer Aufgabe ziemlich gewachsen. Alle aber warfen die Augen auf mich, wie auf den Einzigen, der gegen einen solchen Gegner, mit der Hoffnung ihn niederzuschmettern, in die Schranken treten könnte. Ich gestehe, daß ich eben so dachte; und von meinen früheren Mitbürgern gedrängt, die es mir zur Pflicht machten, ihnen in einer durch mich veranlaßten Bedrängnis mit meiner Feder Beistand zu leisten, unternahm ich die Widerlegung der »Lettres écrites de la Campagne« und parodirte den Titel, indem ich meine Schrift »Lettres écrites de la Montagne« nannte. Ich ging ans Werk und führte es so im Geheimen aus, daß ich bei einer Zusammenkunft, die ich in Thonon mit den Häuptern der angreifenden Partei hatte, um mit ihnen in ihren Angelegenheiten Rücksprache zu nehmen, und in der sie mir den flüchtigen Entwurf ihrer Erwiderung zeigten, ihnen nicht ein Wort von der meinigen, die bereits vollendet war, sagte, weil ich besorgte, der Druck könnte auf ein Hindernis stoßen, wenn den Behörden oder meinen Privatfeinden auch nur das Geringste davon zu Ohren käme. Trotzdem konnte ich es nicht verhindern, daß dieses Werk in Frankreich vor seinem Erscheinen bekannt wurde, aber man wollte es lieber erscheinen als mich zu deutlich merken lassen, wie man mein Geheimnis entdeckt hatte. Das Wenige, was ich darüber erfahren habe, werde ich sagen, über meine Vermuthungen jedoch schweigen. In Motiers bekam ich fast eben so viele Besuche, wie ich auf der Eremitage und in Montmorency erhalten hatte, aber die meisten waren von einer sehr verschiedenen Art. Meine früheren Besucher, die mit mir in Talent, Neigung und Grundsätzen übereinstimmten, schützten diese als Grund ihres Kommens vor und zogen mich sofort in Gesprächsgegenstände hinein, über die ich mich mit ihnen unterhalten konnte. In Motiers verhielt es sich nicht mehr so, namentlich hinsichtlich der Franzosen. Es waren Officiere oder andere Leute, die kein Gefallen an der Literatur hatten, die sogar größtenteils nie meine Schriften gelesen und stets dreißig, vierzig, sechzig, hundert Meilen zurückgelegt haben wollten, um mich zu sehen und zu bewundern, mich, den ausgezeichneten Mann, den berühmten, den sehr berühmten Mann, den großen Mann. Denn seitdem hat man nicht aufgehört, mir die unverschämtesten Schmeicheleien in plumpester Weise ins Gesicht zu schleudern, vor denen mich bis dahin die Achtung derer, die mir nahten, bewahrt hatte. Da die meisten dieser Besucher nicht geruhten, mir ihren Namen oder ihren Stand anzugeben, da sie mit ihrem Wissen auf ganz anderen Gebieten zu Hause waren als ich und sie meine Werke weder gelesen noch durchblättert hatten, so wußte ich nicht, worüber ich mit ihnen reden sollte; ich wartete, bis sie selbst redeten, da es ja ihre Sache war, den Grund ihres Besuches zu kennen und mir zu sagen. Man sieht ein, daß mir dies keine sehr interessanten Unterhaltungen gewährte, obgleich sie es nach dem, was sie wissen wollten, für sie sein konnten; denn da ich ohne Mißtrauen war, drückte ich mich über alle Fragen, die sie mir vorzulegen für geeignet hielten, rückhaltlos aus und gewöhnlich kehrten sie heim, über alle Einzelheiten meiner Lage eben so klug wie ich. Auf diese Weise lernte ich zum Beispiel Herrn von Feins, Stallmeister der Königin und Rittmeister im Regimente der Königin, kennen, der die Ausdauer hatte, mehrere Tage in Motiers zu verweilen und mich sogar zu Fuß, sein Pferd am Zügel führend, bis nach Ferrière zu begleiten, ohne einen andern Berührungspunkt mit mir zu haben als den, daß wir beide Fräulein Fel kannten und beide Bilboquet spielten. Vor und nach Herrn von Feins bekam ich einen andern, noch weit sonderbareren Besuch. Zwei Männer langen zu Fuß an, jeder ein mit seinem kleinen Gepäck beladenes Maulthier führend, quartieren sich im Gasthof ein, füttern ihre Maulthiere selbst und bitten, mich besuchen zu dürfen. Nach ihrem Aufzuge hielt man diese Maultiertreiber für Schmuggler, und sofort ging das Gerücht, daß Schmuggler erschienen, um mir Besuche abzustatten. Aber schon die bloße Art, wie sie sich mir vorstellten, verrieth mir, daß ich es mit Leuten anderer Art zu thun hatte; waren sie nun auch nicht Schmuggler, so konnten sie doch Abenteurer sein, und dieser Argwohn hielt mich eine Zeit lang auf der Hut; sie säumten nicht mich zu beruhigen. Der eine war Herr von Montauban, Graf De la Tour du Pin, ein Edelmann aus der Dauphiné; der andere war Herr Dastier aus Carpentras, ein alter Soldat, der sein Ludwigskreuz in die Tasche gesteckt hatte da er es nicht hinter dem Schwanze seines Maulthiers zur Schau tragen wollte. Diese Herren, beide sehr liebenswürdig, besaßen beide viel Geist; ihre Unterhaltung war angenehm und fesselnd; ihre Art zu reisen, die so sehr nach meinem und so wenig nach dem Geschmacke französischer Edelleute war, erfüllte mich mit einer gewissen Zuneigung für sie, die der Umgang mit ihnen nur befestigen konnte. Diese Bekanntschaft war damit auch nicht zu Ende, da sie noch jetzt währt und sie wiederholentlich zu mir zurückgekommen sind, allerdings nicht mehr zu Fuß, was für den ersten Besuch gut war; allein je öfter ich diese Herren gesehen habe, desto weniger Verwandtschaft habe ich zwischen ihren und meinen Neigungen gefunden, desto weniger Übereinstimmung zwischen ihren und meinen Grundsätzen herausgefühlt und desto mehr mich davon überzeugt, daß sie mit meinen Schriften nicht vertraut waren und keine wahre Sympathie zwischen ihnen und mir herrschte. Was wollten sie also bei mir? Weshalb besuchten sie mich in diesem Aufzuge? Weshalb weilten sie mehrere Tage? Weshalb kamen sie mehrmals wieder? Weshalb sehnten sie sich so sehr danach, mich als ihren Gast bei sich zu sehen? Damals kam es mir nicht in den Sinn, mir diese Fragen vorzulegen. Später habe ich es bisweilen gethan. Von ihrem freundlichen Entgegenkommen gerührt, gab sich ihnen mein Herz widerstandslos hin, namentlich Herrn Dastier, dessen offeneres Wesen mir noch mehr gefiel. Ich blieb sogar mit ihm in Briefwechsel, und als ich die »Briefe vom Berge« drucken lassen wollte, dachte ich mich an ihn zu wenden, um die, welche erwarteten, ich würde mein Packet nach Holland senden, irre zu leiten. Er hatte mir, und vielleicht absichtlich, viel von der Freiheit der Presse in Avignon erzählt und mir seine Dienste für den Fall angeboten, daß ich dort etwas drucken lassen wollte. Ich benutzte dieses Anerbieten und schickte ihm meine ersten Hefte nach und nach durch die Post zu. Nachdem er sie ziemlich lange behalten hatte, schickte er sie mir mit der Erklärung zurück, daß kein Buchhändler die Herausgabe zu übernehmen gewagt hätte, und so war ich genöthigt, auf Rey zurückzukommen, wobei ich die Vorsicht anwandte, immer nur ein Heft nach dem andern abzusenden und jedes folgende erst nach der Anzeige von dem Empfange des vorhergehenden aus der Hand zu lassen. Vor der Veröffentlichung des Werkes erfuhr ich, daß es in den Bureaux der Minister gesehen worden war und Herr von Escherny aus Neuschâtel erzählte nur von einem Buche, der »Mann vom Berge«, das, wie ihm Holbach gesagt hatte, von mir sein sollte. Ich gab ihm die Versicherung, ich hätte, wie es ja auch richtig war, nie ein Buch geschrieben, welches diesen Titel führte. Als die Briefe erschienen, war er rasend, und zieh mich der Lüge, obgleich ich ihm nur die Wahrheit gesagt hatte. Ich erhielt dadurch jedoch die Gewißheit, daß mein Manuscript bekannt geworden war. Reys Treue sicher, mußte ich meinen Vermuthungen eine andere Richtung geben, und die, an der ich am liebsten festhielt, war, daß meine Packete auf der Post geöffnet waren. Eine andere Bekanntschaft ungefähr aus der nämlichen Zeit, die ich anfangs nur durch brieflichen Verkehr machte, war die mit einem Herrn Laliand aus Nimes, der von Paris aus an mich schrieb, um mich um die Uebersendung meiner Silhouette zu bitten, die er nach seiner Versicherung für meine Marmorbüste bedurfte, welche er von Le Moine anfertigen ließe, um sie in seiner Bibliothek aufzustellen. War diese Schmeichelei dazu ersonnen, um mich für den Schreiber freundlich zu stimmen, so erreichte sie ihren Zweck vollständig. Ein Mann, der meine Marmorbüste in seiner Bibliothek haben wollte, mußte meines Bedünkens von meinen Werken, folglich auch von meinen Grundsätzen voll sein und mich als eine verwandte Seele lieben. Dieser Gedanke mußte mir selbstverständlich verführerisch erscheinen. Später habe ich Herrn Laliaud gesehen. Ich habe ihn sehr beflissen gefunden, mir viele kleine Dienste zu leisten und sich in meine kleinen Angelegenheiten zu mischen; aber was das Uebrige anlangt, so zweifle ich, daß eine meiner Schriften zu der kleinen Zahl von Büchern gehörte, die er in seinem Leben gelesen hat. Ich weiß nicht, ob er eine Bibliothek besitzt und ein solches Ding zu benutzen versteht; und was die Büste anlangt, so handelte es sich lediglich um einen schlechten, von Le Moine ausgeführten Versuch in Gyps, nach dem er ein scheußliches Porträt hat in Kupfer stechen lassen, das überall unter meinem Namen die Runde macht, als ob es irgend eine Aehnlichkeit mit mir hätte. Der einzige Franzose, der mich aus Vorliebe für meine Gesinnungen und Werke zu besuchen schien, war ein junger Offizier vom Regiments Limousin, Namens Seguier von Saint-Brisson, den man durch ziemlich liebenswürdige Talente und durch etwas zur Schau getragene Schöngeisterei in Paris und in der Welt glänzen sah und vielleicht noch sieht. Er hatte mich den Winter vor Eintritt meines Unglücks in Montmorency besucht. Ich entdeckte an ihm eine Lebhaftigkeit der Empfindung, die mich angenehm berührte. Er schrieb später an mich nach Motiers, und sei es, daß er mir schmeicheln wollte, oder daß ihm der »Emil« wirklich den Kopf schwindeln machte, er zeigte mir an, daß er, um unabhängig zu leben, den Dienst verließe und die Tischlerei lernte. Er hatte noch einen älteren Bruder, einen Hauptmann in demselben Regimente, der der Augapfel der Mutter war. Eine überspannte Frömmlerin und völlig unter der Leitung ich weiß nicht welches Tartuffes von Abbé stehend, behandelte sie den jüngeren Sohn sehr schlecht, den sie des Unglaubens und sogar des unverzeihlichen Verbrechens bezichtigte, mit mir in freundschaftlichem Verkehre zu stehen. Das waren die Klaggründe, um deren willen er mit seiner Mutter brechen wollte und den erwähnten Entschluß gefaßt hatte; es war ihm nur darum zu thun, den kleinen »Emil« zu spielen. Ueber diese Unbesonnenheit bestürzt, beeilte ich mich, an ihn zu schreiben, um ihn zur Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, und ich legte in meine Mahnungen alle Kraft, die ich aufzubieten vermochte; er hörte auf sie, kehrte zu seiner Pflicht gegen seine Mutter zurück und nahm aus den Händen seines Obristen das eingereichte Entlassungsschreiben zurück, von dem derselbe klüglicherweise noch keinen Gebrauch gemacht hatte, um ihm zu reiflicher Ueberlegung Zeit zu lassen. Von seiner Thorheit zurückgekommen, beging Saint-Brisson eine weniger anstößige, die mir aber eben so wenig gefiel: er fing an zu schriftstellern. Er gab hinter einander zwei oder drei Flugschriften heraus, welche verriethen, daß ihr Verfasser nicht ohne Talent war, hinsichtlich derer ich mir aber nicht den Vorwurf zuziehen werde, ihm Lobsprüche ertheilt zu haben, die ihn zur Fortsetzung dieser Laufbahn hätten ermuthigen können. Ewige Zeit darauf besuchte er mich, und wir pilgerten zusammen nach der Insel Saint-Pierre. Auf dieser Reise fand ich ihn verschieden von dem, wie er mir in Montmorency erschienen war. Er hatte etwas eigenthümlich Geziertes, das mich anfangs nicht sehr unangenehm berührte, dessen ich jedoch seitdem oft gedacht habe. Er besuchte mich dann noch einmal auf meiner Durchreise durch Paris nach England im Hôtel Saint-Simon. Da erfuhr ich, was er mir nicht gesagt hatte, daß er sich in den höheren Gesellschaftskreisen bewegte und Frau von Luxembourg ziemlich häufig sähe. In Trye gab er mir kein Lebenszeichen und ließ mir durch seine Verwandte, Fräulein Séguier, die meine Nachbarin war und nie sehr wohlgesinnt gegen mich zu sein schien, nichts sagen. Mit einem Worte, die Schwärmerei des Herrn von Brisson hörte wie der freundschaftliche Verkehr mit Herrn von Feins mit einem Male auf; allein während dieser keine Verpflichtung gegen mich hatte, mußte er sich mir verpflichtet fühlen, falls die Dummheiten, von deren Begehung ich ihn zurückgehalten hatte, von seiner Seite nicht ein Spiel gewesen waren, was im Grunde sehr wohl hätte sein können. Eben so viele und wohl noch mehr Besuche hatte ich auch aus Genf. Die Delucs, Vater wie Sohn, wählten mich nach einander zu ihrem Krankenwärter: der Vater wurde unterwegs krank, und der Sohn war es schon bei seiner Abreise von Genf; beide richteten sich häuslich bei mir ein. Prediger, Verwandte, Frömmler, Personen allerlei Gattung kamen aus Genf und der Schweiz, nicht wie die Besucher aus Frankreich, um mich zu bewundern und zu verspotten, sondern um mich auszuschelten und mir etwas vorzupredigen. Der Einzige, über den ich mich freute, war Moultou, der drei oder vier Tage bei mir zubrachte und den ich gern noch länger bei mir behalten hätte. Der Beharrlichste von allen, derjenige, der am meisten Ausdauer besaß und mich durch seine Aufdringlichkeit geradezu beherrschte, war ein Herr von Ivernois, ein Großhändler in Genf und französischer Refugié und zugleich ein Verwandter des Generalprocurators von Neufchâtel. Dieser Herr von Ivernois aus Genf hielt sich jährlich zweimal in Motiers auf, lediglich um mich zu besuchen, blieb dann mehrere Tage hintereinander vom Morgen bis zum Abend bei mir, begleitete mich auf meinen Spaziergängen, brachte mir tausenderlei kleine Geschenke mit, schlich sich trotz meines Widerstrebens in mein Vertrauen ein und mischte sich in alle meine Angelegenheiten, ohne daß zwischen ihm und mir irgend eine Uebereinstimmung der Ideen, der Neigungen, der Gefühle oder der Kenntnisse stattgefunden hätte. Ich zweifle, daß er in seinem ganzen Leben je ein Buch irgend einer Gattung völlig bis zu Ende gelesen hat und auch nur weiß, wovon die meinigen handeln. Als ich mich auf die Kräuterkunde zu verlegen begann, begleitete er mich auf meinen botanischen Ausflügen, ohne Lust an diesem Zeitvertreibe, ohne daß er mir oder ich ihm etwas zu sagen gehabt hätte. Er besaß sogar den Muth, drei volle Tage mit mir ganz allein in einem Wirthshause in Goumoins zuzubringen, aus dem ich ihn durch Langeweile zu vertreiben oder wo ich ihm wenigstens verständlich zu machen gehofft hatte, wie sehr er mich langweilte, und das alles, ohne daß es mir möglich gewesen ist, seine unglaubliche Ausdauer zu besiegen oder ihren Grund zu durchschauen. Unter all diesen Bekanntschaften, die ich nur gezwungenerweise anknüpfte und unterhielt, darf ich die einzige nicht unerwähnt lassen, die mir angenehm war und mein wirkliches Herzensinteresse in Anspruch nahm, nämlich die eines jungen Ungarn, der sich in Neufchâtel angesiedelt hatte und von dort nach Motiers verzogen war, einige Monate nachdem ich meinen Wohnsitz daselbst aufgeschlagen hatte. Man nannte ihn in der Gegend den Baron von Sauttern, unter welchem Namen er von Zürich aus empfohlen worden war. Er war groß und von schönem Wuchse, hatte ein angenehmes Aeußere und war im geselligen Verkehre anziehend und sanft. Er erzählte aller Welt und gab es mir selbst zu verstehen, daß er nur um meinetwillen nach Neufchâtel gekommen wäre, um durch den Umgang mit mir seine Jugend zur Tugend zu bilden. Sein Gesicht, sein Ton, sein Benehmen schienen mir mit seinen Reden in Einklang, und ich würde geglaubt haben, gegen eine der größten Pflichten zu verstoßen, hätte ich mich eines jungen Mannes nicht angenommen, an dem ich nur Liebenswürdiges wahrnahm, und der mich aus einem so achtungswerthen Grunde aufsuchte. Mein Herz versteht nicht sich nur halb hinzugeben. Binnen kurzem besaß er meine ganze Freundschaft, mein ganzes Vertrauen; wir wurden unzertrennlich. Er war mein Begleiter auf allen meinen Wanderungen und gewann Lust an ihnen. Ich nahm ihn zu Mylord Marschall mit, der ihm tausend Freundlichkeiten erwies. Da er sich noch nicht im Französischen auszudrücken vermochte, so bediente er sich mir gegenüber im mündlichen wie im schriftlichen Verkehre der lateinischen Sprache; ich antwortete ihm französisch, und diese Vermischung der beiden Sprachen machte unsere Unterhaltungen in keinerlei Weise weniger fließend und lebhaft. Er sprach mit mir von seiner Familie, von seinen Geschäften, von seinen Abenteuern, von dem Wiener Hofe, dessen innerste Angelegenheiten er genau zu kennen schien. Kurz, fast zwei Jahre lang, die wir mit einander in innigster Vertrautheit verlebten, fand ich an ihm eine über alle Probe erhabene Sanftheit des Charakters, ein nicht nur ehrenwerthes, sondern auch feines Benehmen, eine ungemeine Sauberkeit an seiner ganzen Person, eine außerordentliche Ehrbarkeit in allen seinen Aeußerungen, kurz lauter Merkmale eines Mannes von vornehmer Geburt, die ihn mir zu schätzenswerth machten, um ihn mir nicht theuer zu machen. Mitten in meinem freundschaftlichen Verkehre mit ihm schrieb mir Herr von Ivernois aus Genf, ich sollte vor dem jungen Ungarn, der sich in meiner Nähe niedergelassen hätte, auf der Hut sein; man hätte ihm die Versicherung gegeben, daß er ein Spion wäre, den das französische Ministerium zu meiner Überwachung unterhielte. Diese Warnung konnte um so beunruhigender erscheinen, als mich in der hiesigen Gegend alle Welt warnte, mich zu hüten, da man mir auflauerte und mich auf französisches Gebiet hinüberzulocken suchte, um mir dort übel mitzuspielen. Um diesen albernen Warnern ein für alle Mal den Mund zu schließen, schlug ich Sauttern, ohne ihn etwas merken zu lassen, eine Wanderung nach Pontarlier vor; er willigte ein. Als wir in Pontarlier angekommen waren, gab ich ihm Ivernois' Brief zu lesen, und ihn darauf leidenschaftlich umarmend, sagte ich zu ihm: »Sie bedürfen nicht, Sauttern, daß ich Ihnen erst mein Vertrauen beweise, aber das Publikum hat den Beweis nöthig, daß ich es nur der rechten Person zu schenken weiß.« Diese Umarmung war sehr süß; es war eine jener Seelenfreuden, deren die Verfolger unfähig sind, und die sie den Unterdrückten nimmer rauben können. Ich werde nie glauben, daß Sauttern ein Spion war oder mich verrathen hat; aber er hat mich hintergangen. Während ich ihm mein Herz rückhaltlos ausschüttete, hatte er den Muth, mir beharrlich das seine zu verschließen und mich durch Lügen zu täuschen. Um mich zu betrügen, ersann er, ich weiß nicht was für eine Geschichte, die mich zu dem Wahne brachte, daß seine Gegenwart in seiner Heimat nöthig wäre. Ich forderte ihn auf, augenblicklich abzureisen; er brach auf, und als ich ihn bereits in Ungarn glaubte, erfuhr ich, daß er in Straßburg war. Es war nicht das erste Mal, daß er dort gewesen. Er hatte daselbst eine junge Ehe gestört. Der Gatte, welcher wußte, daß ich mit ihm verkehrte, hatte an mich geschrieben. Ich hatte nichts unterlassen, um die junge Frau zur Tugend und Sauttern zu seiner Pflicht zurückzubringen. Während ich sie vollkommen von einander getrennt wähnte, hatten sie sich wieder genähert, und der Gatte selbst hatte die Gefälligkeit, den jungen Mann wieder in sein Haus aufzunehmen; von da an hatte ich nichts mehr zu sagen. Ich vernahm, daß mir der vermeintliche Baron ein ganzes Lügengewebe weis gemacht hatte. Er hieß nicht Sauttern, sondern Sauttersheim. Was seinen Barontitel anlangt, den man ihm in der Schweiz beilegte, so konnte ich ihm denselben nicht zum Vorwurf machen, weil er ihn nie angenommen hatte; allein ich zweifle nicht, daß er wirklich ein Edelmann war, und Lord Marschall, der sich auf Menschen verstand, und in seiner Heimat gewesen war, hat ihn stets als einen solchen angesehen und behandelt. Sobald er abgereist war, erklärte sich die Magd des Wirthshauses, in dem er zu Motiers speiste, für schwanger von ihm. Sie war eine so häßliche alte Vettel und Sauttern, überall in der ganzen Gegend wegen seines Benehmens und sittlichen Verhaltens geachtet und geschätzt, war auf seine Anständigkeit so stolz, daß diese schamlose Aufführung jedermann Aergernis gab. Die liebenswürdigsten Damen im Orte, die vergeblich alle ihre Reize gegen ihn aufgeboten hatten, waren wüthend; ich war vor Unwillen außer mir. Ich gab mir alle Mühe, diese freche Dirne verhaften zu lassen, indem ich mich erbot, alle Kosten zu zahlen und für Sauttersheim zu bürgen. Ich schrieb an ihn in der festen Ueberzeugung, daß diese Schwangerschaft nicht allein nicht von ihm herrührte, sondern überhaupt nur erdichtet und alles lediglich ein von seinen und meinen Feinden angestiftetes Spiel wäre. Ich verlangte, er sollte nach Motiers zurückkehren, um das ehrlose Weibsbild und die, welche sie zum Reden veranlaßt hatten, zu Schande zu machen. Ich war über die Unentschiedenheit seiner Antwort überrascht. Er schrieb an den Geistlichen, zu dessen Pfarrei die Dirne gehörte, und brachte die Geschichte zum Schweigen. Als ich dies wahrnahm, hörte ich auf, mich hineinzumischen, sehr erstaunt, daß sich ein solcher Wüstling dergestalt hatte beherrschen können, um mir bei aller Vertraulichkeit durch sein zurückhaltendes Benehmen Achtung einzuflößen. Von Straßburg begab sich Sauttersheim nach Paris, um dort sein Glück zu suchen, und fand daselbst nur Elend. Er schrieb an mich und bekannte mir seine Schuld. Bei dem Andenken an unsere frühere Freundschaft wurde mein Herz von Rührung ergriffen; ich schickte ihm etwas Geld. Im folgenden Jahre sah ich ihn bei meiner Durchreise durch Paris fast in dem nämlichen Zustande wieder, aber mit Herrn Laliand sehr befreundet, ohne daß ich in Erfahrung bringen konnte, woher diese Bekanntschaft rührte, und ob sie alt oder neu war. Zwei Jahre später kehrte Sauttersheim nach Straßburg zurück, von wo aus er an mich schrieb und wo er gestorben ist. Das ist in kurzen Umrissen die Geschichte unserer Verbindung und alles dessen, was ich von seinen Abenteuern weiß; aber wenn ich auch das Schicksal dieses unglücklichen jungen Mannes bedaure, werde ich doch nie aufhören zu glauben, daß er von vornehmer Geburt und alles Tadelhafte in seiner Aufführung die Folge der Lage war, in der er sich befand. Dies waren die neuen Verbindungen und Bekanntschaften, die ich in Motiers anknüpfte. Wie vieler hätte es doch bedurft, um die schmerzlichen Verluste zu ersetzen, die ich in derselben Zeit erlitt! Der erste war der des Herrn von Luxembourg, der, nachdem er lange von den Aerzten gequält worden war, endlich ihr Opfer wurde, da sie die Gicht, die sie nicht erkannten, wie ein heilbares Leiden behandelten. Darf man dem Berichte, den mir La Roche, der Vertrauensmann der Frau Marschall darüber schrieb, Glauben schenken, so hat man nach diesem eben so traurigen wie bemerkenswerthen Beispiele alle Ursache, die Beschwerden der Größe zu bedauern. Der Verlust dieses hohen und guten Würdenträgers war mir um so schmerzlicher, als er der einzige wahre Freund war, den ich in Frankreich hatte; die Sanftmuth seines Charakters war der Art, daß sie mich seinen Rang völlig hatte vergessen lassen, um mich an ihn wie an meines Gleichen anzuschließen. Unsere Verbindung hörte in Folge meiner Entfernung nicht auf, und er fuhr fort, wie sonst an mich zu schreiben. Gleichwohl glaubte ich zu bemerken, daß die Trennung oder mein Unglück seine Liebe erkaltet habe. Für einen Hofmann ist es sehr schwer, die Anhänglichkeit an einen in Ungnade Gefallenen in gleicher Stärke zu bewahren. Ueberdies ist mir meines Erachtens der große Einfluß, welchen Frau von Luxembourg auf ihn hatte, nicht günstig gewesen; gewiß hatte sie meine Entfernung benutzt, um mir bei ihm zu schaden. Was sie angeht, so verhehlte sie trotz einiger erheuchelten und immer seltener werdenden Freundschaftsversicherungen die Veränderung ihrer Gesinnung gegen mich von Tage zu Tage weniger. Vier- oder fünfmal schrieb sie von Zeit zu Zeit an mich, so lange ich in der Schweiz war und nachher nie mehr. Es bedurfte all der Voreingenommenheit, all des Vertrauens, all der Blindheit, worin ich noch immer verharrte, um ihr nicht mehr als blose Erhaltung gegen mich anzumerken. Der Buchhändler Guy, Duchesnes Geschäftstheilnehmer, der das Hotel Luxembourg, durch mich eingeführt, fleißig besuchte, schrieb mir, daß der Marschall meiner in seinem Testamente gedacht hätte. Es war dies etwas ganz Natürliches und ganz Glaubhaftes, und ich zweifelte deshalb nicht daran. Das veranlaßte mich zur Ueberlegung, wie ich mich in Bezug auf dieses Vermächtnis verhalten sollte. Alles wohl erwogen, entschloß ich mich zur Annahme desselben, worin es auch bestehen möchte, und einem Ehrenmanne, der in einem Range, in den die Freundschaft nicht leicht hineindringt, doch eine wahre für mich gehabt hatte, diese Ehre zu erzeigen. Dieser Pflicht bin ich jedoch überhoben worden, da ich von diesem wirklichen oder nur fälschlich angenommenen Legate nichts mehr gehört habe; und in der That würde es mir peinlich gewesen sein, gegen einen der großen Grundsätze meiner Moral dadurch zu verstoßen, daß ich aus dem Tode jemandes, der mir theuer gewesen war, Nutzen zog. Während der letzten Krankheit unseres Freundes Mussard schlug mir Lenieps vor, die Dankbarkeit, die er für unsere Pflege an den Tag legte, zu benutzen, um ihn zu einigen Vermächtnissen zu unseren Gunsten zu vermögen. »Ach, theurer Lenieps,« sagte ich zu ihm, »beschmutzen wir nicht die traurigen, aber geheiligten Pflichten, die wir gegen unseren sterbenden Freund üben, durch eigennützige Gedanken. Ich hoffe nie in dem Testamente irgend einer Person genannt zu werden, wenigstens nie in dem Testamente eines meiner Freunde.« Dies trug sich ungefähr um dieselbe Zeit zu, in der Mylord Marschall von dem seinigen und von dem erzählte, was er darin für mich zu thun beabsichtigte, und ich ihm die Antwort gab, deren ich in dem ersten Theile erwähnt habe. Mein zweiter Verlust, der noch empfindlicher und entsetzlicher war, betraf die beste der Frauen und Mütter, die, schon von Jahren und noch mehr von Gebrechen und Elend beschwert, dieses Thränenthal verließ, um in die Wohnung der Seligen überzugehen, wo die freundliche Erinnerung an das Gute, das man hienieden gethan hat, seinen ewigen Lohn bildet. Geh, sanfte und wohlthätige Seele, zu den Fénelon, den Berner, den Catinat, und zu denen, die in einem niedrigeren Stande wie diese ihre Herzen der wahren Liebe geöffnet haben! Geh, den Lohn der deinigen zu genießen, und bereite deinem Zöglinge den Platz, den er eines Tages an deiner Seite einzunehmen hofft, glücklich in deinem Mißgeschick, daß dir der Himmel durch Beendigung des deinigen den schmerzlichen Anblick des seinigen erspart habe. In der Befürchtung, ihr Herz durch die Erzählung meiner ersten Unglücksfälle zu bekümmern, hatte ich seit meiner Ankunft in der Schweiz nicht an sie geschrieben; allein ich schrieb an Herrn Conzié, um mich nach ihr zu erkundigen, und er war es, der mir die Mittheilung machte, daß sie aufgehört hätte, die Leidenden zu trösten und selbst zu leiden. Bald werde auch ich aufhören zu leiden, aber wenn ich glaubte, sie in dem andern Leben nicht wiederzusehen, so würde sich meine schwache Einbildungskraft gegen den Gedanken an ein vollkommenes Glück, das ich mir dort verspreche, auflehnen. Mein dritter und letzter Verlust, denn seitdem sind mir keine Freunde zum Verlieren mehr geblieben, war der Mylord Marschalls. Er starb nicht, aber müde, Undankbaren zu dienen, verließ er Neufchâtel, und seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen. Er lebt und wird mich, wie ich hoffe, überleben; er lebt und Dank ihm, sind nicht alle meine Liebesbande auf Erden zerrissen; es bleibt auf ihr noch ein meiner Freundschaft würdiger Mann zurück, denn ihr wahrer Werth liegt ja weit mehr in der Freundschaft, die man fühlt, als in der, welche man einflößt; aber ich habe die Annehmlichkeiten verloren, die mir die seinige so reichlich gewährte, und ich kann ihn nur in die Reihe derer stellen, die ich noch immer liebe, mit denen ich aber nicht mehr in Verbindung stehe. Er ging, nachdem er begnadigt war, nach England zurück, um seine ehedem eingezogenen Güter zurückzukaufen. Wir schieden von einander nicht ohne Pläne einer späteren Wiedervereinigung, die ihm fast eben so angenehm zu sein schienen wie mir. Er wollte seinen Wohnsitz in dem Schlosse Keith-Hall bei Aberdeen aufschlagen, und ich sollte ihm dorthin folgen; aber dieser Plan war für mich zu bezaubernd, als daß ich auf seine Verwirklichung hätte rechnen können. Er blieb nicht in Schottland. Die zärtlichen Bitten des Königs von Preußen riefen ihn nach Berlin zurück, und man wird bald sehen, wie ich verhindert wurde, dort mit ihm wieder zusammenzutreffen. Da er den Sturm, den man gegen mich zu erregen begann, voraussah, sandte er mir vor seiner Abreise aus eigenem Antriebe einen Naturalisationsschein, der eine sehr sichere Vorsichtsmaßregel gegen den Versuch, mich des Landes zu verweisen, zu sein schien. Die Gemeinde Couvet, im Val de Travers folgte dem vom Gouverneur gegebenen Beispiele und gab mir den Heimatsschein unentgeltlich, wie mir ersterer bewilligt war. Auf diese Weise in jeder Hinsicht Bürger des Landes geworden, war ich gegen jede gesetzliche Ausweisung, selbst von Seiten des Fürsten, geschützt; aber freilich hat man den unter allen Menschen, der die Gesetze stets am gewissenhaftesten geachtet hat, auf gesetzlichen Wegen nie verfolgen können. Unter die Zahl der Verluste, welche ich um die gleiche Zeit erlitt, glaube ich den des Abbé von Mably nicht rechnen zu dürfen. Als ich bei seinem Bruder wohnte, hatte ich in einiger, wenn auch nicht sehr vertrauter, Verbindung mit ihm gestanden, und ich habe Grund zur Annahme, daß seine Gefühle für mich ihre Natur verändert hatten, seitdem ich eine größere Berühmtheit erlangt als er. Aber bei dem Erscheinen der »Briefe vom Berge« erhielt ich das erste Zeichen seiner Abneigung gegen mich. Man zeigte in Genf einen ihm zugeschriebenen Brief an Frau Saladin umher, in welchem er dieses Werk als das aufrührerische Geschrei eines zügellosen Demagogen bezeichnete. Die Achtung, die ich für den Abbé von Mably hegte, und das Gewicht, das ich auf seine Einsicht legte, gestatteten mir nicht einen Augenblick zu glauben, dieser ungereimte Brief könnte von ihm sein. Ich entschloß mich deshalb zu einem Schritte, den mir meine Freimütigkeit eingab; ich sandte ihm eine Abschrift des Briefes mit der Mitteilung, daß man ihn ihm zuschriebe. Er gab mir keine Antwort. Dieses Schweigen setzte mich in Staunen; aber man denke sich meine Ueberraschung, als mir Frau von Chenonceaux schrieb, der Brief wäre wirklich von dem Abbé, und der meinige hätte ihn sehr in Verlegenheit gesetzt. Denn wie konnte er, hätte er auch Recht gehabt, einen Aufsehen erregenden und öffentlichen Schritt entschuldigen, den er ohne Grund, ohne Verpflichtung, ohne Nothwendigkeit bloß zu dem Zwecke gethan hatte, einen Mann, dem er stets Wohlwollen erzeigt und der sein Vertrauen nie gemißbraucht, inmitten seines Unglücks niederzuschmettern? Einige Zeit später erschienen die »Gespräche des Phocion«, in denen ich nichts als eine unerlaubte und schamlose Compilation aus meinen Schriften erblickte. Bei der Lectüre dieses Buches erkannte ich, daß der Verfasser gegen mich feste Stellung genommen hatte und ich von nun an keinen unnachsichtigeren Feind haben würde. Ich glaube, daß er mir den » Contrat social «, der seine Kräfte zu sehr überstieg, und den »Ewigen Frieden« nie verziehen hat und er einen Auszug aus den Schriften des Abbé von Saint-Pierre von mir nur zu wünschen schien, weil er vermuthete, ich würde dieser Aufgabe nicht gewachsen sein. Je mehr ich in meiner Erzählung vorschreite, desto weniger vermag ich Ordnung und Reihenfolge innezuhalten. Die Unruhe meiner übrigen Lebenszeit hat den Ereignissen nicht Zeit gelassen, sich in meinem Kopfe zu ordnen. Sie sind zu zahlreich, zu sehr mit einander verwebt, zu unangenehm gewesen, um ohne Verwirrung erzählt werden zu können. Der einzige starke Eindruck, den sie in mir zurückgelassen haben, ist der von einem entsetzlichen Geheimnisse, das ihre Ursache verschleiert, und von dem bedauerlichen Zustande, in den sie mich versetzt haben. Meine Erzählung kann nur noch auf gut Glück und je nach den in mir auftauchenden Erinnerungen vorwärts schreiten. Ich entsinne mich, daß ich mich in der Zeit, von der ich rede, lebhaft mit dem Gedanken an meine Bekenntnisse trug und von ihnen sehr unvorsichtiger Weise mit aller Welt sprach, da ich nicht einmal daran dachte, daß jemand ein Interesse oder den Willen oder die Macht hätte, dieses Unternehmen zu verhindern; und hätte ich es geglaubt, so würde ich bei der völligen Unmöglichkeit, in der ich mich nach meiner Natur befinde, meine Gefühle und Gedanken zu verhehlen, schwerlich verschwiegener gewesen sein. Das Bekanntwerden dieses Unternehmens war, so weit ich darüber zu urtheilen im Stande bin, die wahre Veranlassung des Sturmes, den man erregte, um mich aus der Schweiz zu vertreiben und mich Händen zu überliefern, die die Ausführung verhindern sollten. Ich beschäftigte mich noch mit einem andern Unternehmen, das die, welche das erstere fürchteten, nicht mit günstigeren Augen anblicken konnten, nämlich mit einer Gesammtausgabe meiner Schriften. Diese Ausgabe schien mir nöthig, um unter den Werken, die meinen Namen führten, diejenigen festzustellen, die wirklich von mir waren, und das Publikum in den Stand zu setzen, sie von den pseudonymen Schriften zu unterscheiden, die meine Feinde für die meinigen ausgaben, um mich um die Achtung zu bringen und zu demüthigen. Außerdem war diese Ausgabe ein einfaches und anständiges Mittel, mir mein Brot zu sichern, und noch dazu das einzige, da ich der Schriftstellerei entsagt hatte, meine Denkwürdigkeiten bei meinen Lebzeiten nicht erscheinen konnten, ich auf andere Weise keinen Heller verdiente, während ich beständige Ausgaben hatte, und ich mich folglich am Ende meiner Hilfsmittel sah, sobald die Erträge meiner letzten Schriften verbraucht waren. Dieser Grund hatte mich gedrängt, mein »Musikalisches Wörterbuch« hinzugeben, obgleich es noch nicht die letzte Feile erhalten hatte. Es hatte mir hundert Louisd'or baar und eine Leibrente von hundert Thalern eingebracht; aber das Ende von hundert Louisd'or ließ sich leicht berechnen, wenn man jährlich sechzig verausgabte, und hundert Thaler Leibrente waren nichts für einen Mann, den allerlei Gesindel und Bettler schaarenweise umdrängten. Zu der Veranstaltung der Gesammtausgabe meiner Werke erbot sich eine Gesellschaft Neufchâteler Kaufleute, und ein Lyoner Buchdrucker oder Buchhändler, Namens Reguillat, hatte sich, ich weiß nicht wie, in ihre Mitte eingedrängt, um das Unternehmen zu leiten. Der Vertrag wurde unter so vernünftigen und befriedigenden Bedingungen abgeschlossen, daß ich meinen Zweck vollkommen erreichte. Ich hatte sowohl an gedruckten Werken wie an noch ungedruckten Arbeiten hinreichenden Stoff für sechs Quartbände und verpflichtete mich überdies zur Ueberwachung der Ausgabe; dafür mußten sie mir eine Leibrente von sechszehnhundert französischen Livres aussetzen und ein einmaliges Geschenk von tausend Thalern machen. 1765 Der Vertrag war abgeschlossen, aber noch nicht unterzeichnet, als die »Briefe vom Berge geschrieben« erschienen. Der furchtbare Ausbruch, der sich gegen dieses Höllenwerk und seinen abscheulichen Verfasser erhob, setzte die Gesellschaft in Angst, und das Unternehmen scheiterte. Ich würde die Wirkung dieses letzten Werkes mit der des »Briefes über die französische Musik« vergleichen, wenn mir dieser Brief, obgleich er mir Haß zuzog und mich der Gefahr aussetzte, nicht wenigstens Ansehen und Achtung gelassen hätte. Aber nach diesem letzten Werke schien man in Genf und Versailles erstaunt zu sein, daß man ein Ungeheuer wie mich noch athmen ließe. Der kleine Rath, durch den französischen Geschäftsträger aufgehetzt und von dem Generalprocurator geleitet, erließ über mein Werk eine Erklärung, in welcher er es unter Beilegung der abscheulichsten Namen als unwürdig bezeichnet, vom Henker verbrannt zu werden, und mit einer Schlauheit, die an das Komische grenzt, hinzufügt, daß man nicht, ohne sich zu entehren, darauf antworten könne, ja es nicht einmal erwähnen dürfe. Ich wünschte dieses merkwürdige Dokument hier veröffentlichen zu können, allein leider besitze ich es nicht und erinnere mich nicht eines einzigen Wortes. Ich habe das lebhafte Verlangen, daß einer meiner Leser, vom Eifer nach Wahrheit und Billigkeit beseelt, die »Briefe vom Berge geschrieben«, noch einmal ganz durchlesen möge; er wird, das wage ich zu behaupten, nach den empfindlichen und grausamen Beleidigungen, mit denen mich der Verfasser um die Wette überhäuft hatte, die stoische Mäßigung herausfühlen, die in diesem Werke herrscht. Aber außer Stande auf Schmähungen zu antworten, weil keine darin vorkommen, noch auf die Gründe, weil sie unwiderleglich waren, stellte man sich zu entrüstet, um antworten zu wollen, und wenn sie unbestreitbare Beweise für Beleidigungen nahmen, mußten sie sich allerdings für sehr beleidigt halten. Weit davon entfernt, sich über diese gehässige Erklärung zu beklagen, folgte die angreifende Partei dem Wege, den jene ihr vorzeichnete; und statt die »Briefe vom Berge« wie eine Siegesfahne triumphirend zu erheben, verhüllte sie sie, um sich einen Schild daraus zu machen, und hatte die Feigheit der zu ihrer Verteidigung und auf ihre Bitten abgefaßten Schrift weder Ehre anzuthun, noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sich weder auf sie zu berufen, noch sie zu nennen, obgleich sie ihr alle ihre Beweisgründe entnahmen, und die Genauigkeit, mit der sie den am Ende dieses Werkes ausgesprochenen Rath befolgte, die einzige Ursache ihrer Rettung und ihres Sieges gewesen ist. Die Partei hatte mir diese Pflicht auferlegt; ich hatte sie erfüllt, hatte dem Vaterlande und ihrer Sache bis ans Ende gedient. Ich bat sie, die meinige aufzugeben und bei ihren Zwistigkeiten nur an sich zu denken. Sie nahm mich beim Worte, und ich habe mich in ihre Angelegenheiten nur noch eingelassen, um sie unaufhörlich zum Frieden zu ermahnen, da ich nicht bezweifelte, daß sie bei fortgesetzter Hartnäckigkeit von Frankreich vernichtet werden würde. Das ist nicht geschehen; ich verstehe den Grund, allein hier ist nicht der Ort, ihn anzuführen. Die Wirkung der »Briefe vom Berge« war zu Neufchâtel anfangs sehr friedlicher Natur. Ich sandte Herrn von Montmollin ein Exemplar von ihnen; er nahm es freundlich an und las es, ohne Einwand dagegen zu erheben. Er war eben so leidend wie ich; nach seiner Wiederherstellung besuchte er mich freundschaftlich und erwähnte des Buches nicht. Inzwischen begann der Lärm; man verbrannte das Buch, ich weiß nicht wo. In Paris zugleich mit dem »Philosophischen Wörterbuche« von Voltaire und in Folge desselben Urtheilspruches, gefällt den 19. März 1765. Dieses Urtheil ist wörtlich mitgeteilt in Poincoits Werken. Band XIV. Von Genf, von Bern und vielleicht auch von Versailles, diesen Mittelpunkten der Gährung gegen mich, ging sie bald nach Neufchâtel hinüber und namentlich bis in das Val de Travers hinein, wo man, sogar noch ehe die höheren Stände entschiedene Stellung gegen mich genommen, das Volk durch geheime Schliche aufzuhetzen begann. Ich hätte, wie ich wohl sagen darf, von dem Volke in diesem Lande geliebt werden müssen, wie ich es in allen wurde, in denen ich gelebt habe, da ich mit vollen Händen Almosen austheilte, keinen Dürftigen in meiner Nähe ohne Beistand ließ, niemandem einen Dienst, der in meiner Macht stand und gerecht war, verweigerte, mit aller Welt, vielleicht nur allzu vertraulich umging und mich, so gut es ging, jeder Auszeichnung entzog, die Eifersucht hätte erregen können. Das alles hinderte nicht, daß das im Geheimen, ich weiß nicht von wem, aufgereizte Volk sich allmählich bis zur Wuth gegen mich erhitzte, mich am hellen Tage öffentlich beschimpfte, und zwar nicht allein unter freiem Himmel und auf den Landwegen, sondern auf offener Straße. Am erbittertsten waren die, welchen ich das meiste Gute erwiesen hatte, und sogar Leute, denen ich nach wie vor Gutes erwies und die nicht öffentlich aufzutreten wagten, hetzten die Andern auf und schienen sich für die Demüthigung, mir verpflichtet zu sein, auf diese Weise rächen zu wollen. Montmollin schien nichts davon zu gewahren und zeigte sich noch nicht; als jedoch die Abendmahlszeit herannahte, kam er zu mir, um mir den Rath zu geben, von der Feier fern zu bleiben, während er gleichzeitig versicherte, daß er im Uebrigen kein Verlangen an mich stellen und mich in Ruhe lassen würde. Ich fand diese freundliche Versicherung seltsam; sie erinnerte mich an den Brief der Frau von Boufflers, und ich konnte nicht begreifen, wer denn so großes Gewicht darauf legen könnte, ob ich zum Abendmahl ginge oder nicht. Da ich eine solche Nachgiebigkeit von meiner Seite als einen Act der Feigheit betrachtete und ich dem Volke auch nicht diesen neuen Vorwand geben wollte, über mich Gottlosen zu schreien, so wies ich den Prediger kurz ab, und kehrte unzufrieden heim, indem er mir beim Abschiede zu verstehen gab, daß ich es bereuen würde. Er konnte mich von der Abendmahlsfeier nicht aus eigener Machtvollkommenheit ausschließen, dazu gehörte die Einwilligung des Consistoriums, das mich zugelassen hatte, und so lange dieses nicht gesprochen hatte, konnte ich dreist zum Tische des Herrn gehend ohne eine Zurückweisung befürchten zu brauchen. Montmollin ließ sich von der Geistlichkeit den Auftrag geben, mich vor das Consistorium zu laden, um vor demselben Rechenschaft über meinen Glauben abzulegen, und mich, falls ich mich weigern sollte, in den Kirchenbann zu thun. Dieser Kirchenbann konnte ebenfalls nur vom Consistorium ausgehen und zwar nach Stimmenmehrheit. Allein unter den Bauern, welche unter dem Namen »Aelteste« diese Versammlung bildeten, führte der Prediger den Vorsitz und lenkte sie, wie man leicht begreift. Daher konnten sie natürlich keiner andern Meinung sein als der seinigen, namentlich über theologische Fragen, von denen sie noch weniger verstanden als er. Ich wurde also vorgeladen und beschloß zu erscheinen. Welch glücklicher Umstand und welcher Triumph für mich, wenn ich zu reden verstanden und, so zu sagen, meine Feder im Munde geführt hätte. Mit welcher Ueberlegenheit, mit welcher Leichtigkeit würde ich diesen armen Prediger inmitten seiner sechs Bauern zu Boden geschmettert haben! Obgleich die Herrschsucht die protestantische Geistlichkeit alle Grundsätze der Reformation hat vergessen lassen, so brauchte ich, um ihn wieder an sie zu erinnern und zum Schweigen zu bringen, nur meine ersten »Briefe vom Berge« zu erklären, über die er die Dummheit gehabt hatte sich tadelnd gegen mich auszusprechen. Mein Thema war ganz fertig, ich brauchte es nur erschöpfend zu besprechen, und mein Mann war ganz zum Schweigen gebracht. Ich wäre nicht so thöricht gewesen mich nur abwehrend zu verhalten; es war mir leicht, angreifend vorzugehen, sogar ohne daß man es merkte oder sich dagegen schützen konnte. Die Pfäfflein hatten, eben so unbesonnen wie unwissend, mich selbst in die glücklichste Stellung gebracht, die ich hätte wünschen können, um sie nach Herzenslust zu vernichten. Aber wie nun! Ich hätte reden, hätte auf der Stelle reden müssen, mir hätten Gedanken, Wendungen, Worte jeden Augenblick zu Gebote stehen müssen, ich hätte stets Geistesgegenwart, stets kaltes Blut haben müssen, mich nicht eine Minute verlegen zeigen dürfen. Was konnte ich von mir hoffen, ich, der ich so genau meine Unfähigkeit kannte, mich auf der Stelle auszudrücken? Ich war in Genf vor einer mir völlig günstig gestimmten und mir alles zu bewilligen bereiten Versammlung zum demüthigsten Schweigen gebracht worden. Hier war es ganz das Gegentheil. Ich hatte es mit einem Aufhetzer zu thun, bei dem Arglist an die Stelle des Wissens trat, der mir hundert Fallstricke legte, ehe ich einen merkte, und ganz entschlossen war, mich, es koste, was es wolle, auf einem Fehler zu ertappen. Je länger ich diese Lage prüfte, desto gefährlicher schien sie mir, und die Unmöglichkeit einsehend, mich mit Erfolg aus ihr herauszuziehen, sann ich auf ein anderes Auskunftsmittel. Ich überdachte eine Rede, die ich vor dem Consistorio halten wollte, um es für incompetent zu erklären und mich dadurch der Antwort zu überheben. Die Sache war sehr leicht; ich schrieb diese Rede aus und begann sie mit einem Eifer ohne Gleichen auswendig zu lernen. Therese machte sich über mich lustig, wenn sie mich murmeln und unaufhörlich dieselben Redensarten wiederholen hörte, um sie in den Kopf zu bekommen. Ich hoffte, meine Rede endlich zu behalten; ich wußte, daß der Gerichtsverwalter als fürstlicher Beamter dem Consistorium beiwohnen würde und daß mir der größte Theil der Aeltesten trotz Montmollins Kriegslisten und Flaschen Wein günstig gesinnt war. Auf meiner Seite hatte ich die Vernunft, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, den Schutz des Königs, den Einfluß des Staatsrats und die Wünsche aller guten Patrioten, für welche die Niedersetzung eines solchen Ketzergerichtes von Wichtigkeit war; kurz, alles trug zu meiner Ermuthigung bei. Am Tage vor dem Termine wußte ich meine Rede auswendig; ich sagte sie ohne Fehler auf. Ich rief sie mir die ganze Nacht immer wieder ins Gedächtnis zurück; am Morgen wußte ich sie nicht mehr; ich stockte bei jedem Worte, ich wähne mich schon in der erlauchten Versammlung, ich werde verlegen, ich stammle, ich verliere den Kopf; kurz, fast im Augenblicke des Gehens entsinkt mir der Muth gänzlich. Ich bleibe zu Hause und entschließe mich, an das Consistorium zu schreiben, indem ich in aller Hast meine Gründe auseinandersetze und mein Leiden vorschütze, welches bei meinem damaligen Zustande in der That meine Anwesenheit während der ganzen Sitzung schwerlich zugelassen hätte. Durch meinen Brief in Verlegenheit gesetzt, verschob der Prediger die Angelegenheit auf eine andere Sitzung. In der Zwischenzeit gab er sich persönlich wie durch die Vermittelung seiner Creaturen alle mögliche Mühe, um diejenigen von den Aeltesten zu verführen, die lieber den Mahnungen ihres Gewissens als den seinigen folgten und nicht stimmten, wie die Geistlichkeit und er es haben wollte. Wie mächtig auch seine aus dem Keller hergeholten Beweisgründe auf Leute dieser Art wirken mußten, so konnte er von ihnen doch keine andren gewinnen, als die zwei oder drei, die ihm schon ergeben waren, und die man scherzhafter Weise seine »verdammten Seelen« nannte. Der fürstliche Beamte und der Obrist von Pury, der bei dieser Angelegenheit viel Eifer bewies, hielten die andern fest bei ihrer Pflicht, und als dieser Montmollin zum Kirchenbann schreiten wollte, fiel sein Antrag beim Consistorium mit Stimmenmehrheit durch. Nun zum letzten Auswege, zur Aufreizung der Volkshefe gezwungen, fing er mit seinen Amtsbrüdern und andren Leuten offen darauf hinzuwirken an und zwar mit einem solchen Erfolge, daß ich trotz der entschiedenen und wiederholten Verfügungen des Königs, trotz aller Befehle des Staatsrates schließlich genöthigt wurde, das Land zu verlassen, um nicht den fürstlichen Beamten der Gefahr auszusetzen, bei meiner Verteidigung ermordet zu werden. Von diesem ganzen Vorgange habe ich nur eine so verworrene Erinnerung, daß es mir unmöglich ist, in die Gedanken, die darüber wieder in mir aufsteigen, Ordnung und Zusammenhang zu bringen, und daß ich sie nur planlos und abgerissen mitzutheilen vermag, wie sie sich mir gerade vergegenwärtigen. Ich erinnere mich, daß mit der Geistlichkeit eine Art von Unterhandlungen stattgefunden hatte, deren Vermittler Montmollin gewesen war. Er hatte vorgegeben, man besorgte, daß ich durch meine Schriften die Ruhe im Lande stören könnte und man sie dafür verantwortlich machen würde, wenn man mich frei schreiben ließe. Er hatte mir zu verstehen gegeben, wenn ich mich verpflichtete, der Feder zu entsagen, würde man von der Vergangenheit absehen. Ich hatte diese Verpflichtung mir schon selbst abgelegt; ich trug kein Bedenken, mich zu ihr auch der Geistlichkeit gegenüber zu verstehen, aber freilich nur bedingungsweise und lediglich über religiöse Gegenstände. Er brachte es dahin, daß ich ihm wegen einer Änderung, die er verlangt hatte, dieses Schriftstück doppelt ausstellte. Da die Geistlichkeit die Bedingung verwarf, verlangte ich meinen Revers zurück; er stellte mir nur ein Exemplar wieder zu und behielt das andre, indem er vorschützte, er hätte es verloren. Offen durch die Prediger aufgehetzt, verhöhnte darauf das Volk die Erlasse des Königs, die Befehle des Staatsrates und war aus Rand und Band. Man predigte auf den Kanzeln gegen mich, ich wurde der Antichrist genannt und auf dem Lande wie ein Wärwolf verfolgt. Mein armenisches Gewand diente der Volkshefe als Kennzeichen. Ich fühlte das Unziemliche desselben schmerzlich, aber es unter solchen Verhältnissen abzulegen, schien mir eine Feigheit. Ich konnte mich nicht dazu entschließen und ging auf meinen Spaziergängen ruhig in meinem Kaftan und mit meiner verbrämten Mütze einher, von dem Hohngeschrei der Volkshefe und bisweilen von Steinwürfen verfolgt. Mehrmals hörte ich, wenn ich an den Häusern vorüberging, eine Stimme rufen: »Bringe mir meine Flinte, daß ich ihn niederschieße.« Ich ging deshalb nicht schneller; sie wurden nur noch wüthender, aber es blieb immer bei den Drohungen, wenigstens hinsichtlich der Feuerwaffen. Während dieser ganzen Gährung hatte ich trotzdem zweimal eine große Freude, die mir sehr wohl that. Die erste bestand darin, daß ich durch Vermittelung des Mylord Marschalls einen Act der Dankbarkeit ausüben konnte. Alle anständige Leute Neufchâtels verabscheuten, empört über die mir zugefügte Behandlung und über das Verfahren, dessen Opfer ich war, die Prediger, da sie wohl einsahen, daß dieselben fremdem Antriebe Folge leisteten und nur die Satelliten anderer Leute waren, die sich verbargen und jene handeln ließen. Dazu kam noch ihre Besorgnis, mein Beispiel könnte die Errichtung einer förmlichen Inquisition nach sich ziehen. Die Behörden und besonders Herr Meuron, der Nachfolger des Herrn von Ivernois als Generalprocurator, machten alle Anstrengungen, um mich zu vertheidigen. Der Obrist von Pury that, obgleich er ein einfacher Privatmann war, noch mehr und hatte bessern Erfolg. Er war es, der es dahin brachte, daß Montmollin in seinem Consistorium zu Kreuze kriechen mußte, indem er die Aeltesten in ihrer Pflicht erhielt. Da er großes Ansehen hatte, benutzte er es nach Kräften, den Aufstand niederzuhalten, aber er hatte der Macht des Geldes und des Weines nur die des Gesetzes, der Gerechtigkeit und der Vernunft entgegenzusetzen; die Partie war nicht gleich, und in diesem Punkte war der Vortheil auf Montmollins Seite. Gleichwohl hätte ich, für seine Mühen und seinen Eifer dankbar, ihm für seine Gefälligkeiten gern einen Gegendienst erwiesen und ihm seine Liebe auf irgend eine Weise vergolten. Ich wußte, daß sein größtes Verlangen nach einer Staatsrathsstelle gerichtet war; allein da er in Sachen des Predigers Petitpierre gegen den Hof Partei genommen hatte, befand er sich sowohl bei dem Fürsten wie bei dem Statthalter in Ungnade. Trotzdem wagte ich seinetwegen an Mylord Marschall zu schreiben, wagte sogar das Ziel seiner Sehnsucht zu erwähnen und mit so glücklichem Erfolge, daß ihm gegen aller Erwartung fast augenblicklich die Stelle eines Staatsrates vom Könige verliehen wurde. So fuhr das Schicksal, das mich gleichzeitig immer zu hoch und zu niedrig gestellt hat, fort, mich von einem Extrem in das andere zu schleudern, und während mich der Pöbel mit Koth bewarf, machte ich einen Staatsrath. Meine zweite große Freude brachte mir ein Besuch, welchen mir Frau von Verdelin mit ihrer Tochter abstattete, die sie in das Bad Bourbonne gebracht hatte, von wo sie einen Abstecher nach Motiers machte und zwei oder drei Tage bei mir wohnte. Durch Aufmerksamkeit und stetes Entgegenkommen hatte sie endlich mein langes Widerstreben überwunden und mein von ihren Zärtlichkeiten besiegtes Herz erwiderte die echte Freundschaft, die sie mir so lange an den Tag gelegt hatte. Ich war von diesem Benehmen gerührt, vor allem in der Lage, in der ich mich befand, wo ich der Tröstungen der Freundschaft in so hohem Grade bedurfte, um meinen Muth aufrecht zu erhalten. Ich fürchtete, die Beleidigungen, die mir der Pöbel zufügte, würden sie ängstigen, und gern hätte ich ihr den Anblick derselben erspart, um ihr Herz nicht zu betrüben, aber dies war mir nicht möglich und obgleich ihre Gegenwart die Unverschämten auf unsren Spaziergängen ein wenig in Schranken hielt, sah sie doch genug, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was sich zu andren Zeiten zutrug. Während ihres Aufenthalts bei mir war es sogar, daß man anfing, mich nächtlicher Weile in meiner eigenen Wohnung anzugreifen. Ihre Kammerfrau fand eines Morgens einen ganzen Haufen Steine vor meinem Fenster, die man während der ganzen Nacht dagegen geworfen hatte. Eine sehr schwere Bank, die auf der Straße neben meiner Hausthüre stand und sehr haltbar befestigt war, wurde losgemacht, aufgehoben und aufrecht gegen die Thüre gestellt, so daß, wäre es nicht bemerkt worden, der Erste, welcher, um herauszugehen, die Thüre geöffnet hätte, erschlagen worden wäre. Frau von Verdelin erfuhr alles, was sich zutrug, sehr genau, denn abgesehen von dem, was sie selbst sah, verkehrte auch ihr vertrauter Diener häufig im Dorfe, machte sich mit aller Welt bekannt und wurde sogar mit Montmollin in Unterhaltung gesehen. Indessen schien sie nichts von dem, was mir widerfuhr, Beachtung zu schenken, redete mit mir weder von Montmollin noch irgend einem andern und erwiderte wenig auf das, was ich ihr bisweilen darüber mittheilte. Nur schien sie überzeugt, daß für mich der Aufenthalt in England passender wäre als irgend ein anderer, und redete mit mir viel von Herrn Hume, der damals in Paris war, von seiner Freundschaft für mich und von seinem Wunsche, mir in seiner Heimat nützlich zu werden. Es ist an der Zeit, etwas über Herrn Hume zu sagen. Er hatte sich in Frankreich und namentlich unter den Encyklopädisten durch seine Abhandlungen über Handel und Politik und zuletzt durch seine Geschichte des Hauses Stuart, die einzige seiner Schriften, von der ich etwas in der Uebersetzung des Abbé Prévost gelesen hatte, einen großen Ruhm erworben. Da ich seine übrigen Werke nicht gelesen, glaubte ich an das, was man mir von ihm erzählte, daß er nämlich trotz seiner englischen Anschauungen über die Vorzüge des Luxus doch eine echt republikanische Seele hätte. In Folge dieser Ansicht betrachtete ich seine ganze Verteidigung Karls I. als ein Wunder von Unparteilichkeit und hatte eine eben so große Vorstellung von seiner Tugend wie von seinem Genie. Das Verlangen, diesen seltenen Mann kennen zu lernen und seine Freundschaft zu erlangen, hatte die Versuchung, nach England zu gehen, welche die Bitten der Frau von Boufflers, einer aufrichtigen Freundin des Herrn Hume, in mir rege machten, sehr verstärkt. Nach meiner Übersiedelung nach der Schweiz empfing ich von ihm durch diese Dame einen äußerst schmeichelhaften Brief, in welchem er an die größten Lobeserhebungen meines Genies die dringende Einladung anknüpfte, nach England zu kommen, und mir seinen und seiner Freunde ganzen Einfluß versprach, um mir den Aufenthalt daselbst angenehm zu machen. Ich suchte augenblicklich Mylord Marschall, den Landsmann und Freund des Herrn Hume auf, der mir alles Gute, was ich von ihm dachte, bestätigte und nur sogar eine literarische Anekdote über ihn mittheilte, die auf ihn eben so großen Eindruck gemacht hatte, wie sie auf mich machte. Wallace, der über die Bevölkerung bei den Alten gegen Hume geschrieben hatte, war während des Druckes seines Werkes abwesend. Hume übernahm die Correctur der Druckbogen und die Ueberwachung der Herausgabe. Diese Handlungsweise entsprach meiner Denkungsart. Gerade so hatte ich Abschriften eines wider mich verfaßten Liedes das Stück zu sechs Sous verkauft. Ich hatte also jede Art günstigen Vorurtheils für Herrn Hume, als mir Frau von Verdelin bei ihrem Besuche lebhaft von der Freundschaft, die er für mich zu hegen versicherte, und von seinem Eifer sprach, mir, wie sie sich ausdrückte, im Namen Englands Gastfreundschaft zu gewähren. Sie drang lebhaft in mich, diesen Eifer zu benutzen und an Herrn Hume zu schreiben. Da ich England ursprünglich nicht sehr liebte und mich nur in der äußersten Noth dorthin wenden wollte, weigerte ich mich zu schreiben und ein festes Versprechen abzulegen, räumte ihr jedoch das Recht ein, alles zu thun, was sie für angemessen erachten würde, um Herrn Hume in seiner günstigen Stimmung zu erhalten. Als sie von Motiers schied, ließ sie mich nach allem, was sie mir von diesem berühmten Manne erzählt hatte, in der Ueberzeugung zurück, daß er zu meinen Freunden und sie noch weit mehr zu seinen Freundinnen zählte. Nach ihrer Abreise trieb Montmollin seine Schändlichkeiten weiter, und der Pöbel kannte keinen Zügel mehr. In einem langen an Du Peyrou gerichteten Briefe vom 8. August 1765, der ausdrücklich dazu geschrieben war, um veröffentlicht zu werden und es in der That auch bald darauf wurde, schildert Rousseau ausführlich die Geschichte seiner Beziehungen zu dem Pfarrer von Motiers und läßt den Charakter dieses Mannes und die Ungerechtigkeit feiner Handlungsweise gegen ihn in einem noch sonderbareren Lichte erscheinen. Man lese seine Briefe. Ich fuhr indessen fort, inmitten des Hohngeschreies ruhig einherzugehen, und da die Lust an der Botanik, die mir der Arzt d'Ivernois eingeflößt hatte, meinen Spaziergängen ein neues Interesse verlieh, durchstreifte ich Kräuter suchend die Gegend, ohne mich durch das Geschrei dieses ganzen Gesindels beunruhigen zu lassen, dessen Wuth meine Kaltblütigkeit nur noch mehr reizte. Was mich am meisten schmerzte war, daß ich sehen mußte, wie die Familien meiner Freunde Dieses widrige Geschick hatte von meinem Aufenthalte in Yverdun an seinen Anfang genommen, denn als ein oder zwei Jahre nach meiner Abreise aus dieser Stadt der Bannerherr Roguin gestorben, war der alte Papa Roguin so aufrichtig, mir mit Bedauern mitzutheilen, man hätte unter den Papieren seines Verwandten Beweise gefunden, daß auch er sich der Verschwörung angeschlossen hätte, mich aus Yverdun und dem Canton Bern zu vertreiben. Dies bewies ganz deutlich, daß diese Verschwörung nicht, wie man es glauben machen wollte, eine Sache der Frömmelei war, da der Bannerherr Roguin nicht nur nicht zu den Frommen gehörte, sondern den Materialismus und Unglauben bis zur Unduldsamkeit und zum Fanatismus trieb. Uebrigens hatte mich in Yverdun niemand so in Beschlag genommen, hatte mir so viele Verbindlichkeiten, Lobeserhebungen und Schmeicheleien gesagt, als der erwähnte Bannerherr. Er befolgte getreulich den von meinen Verfolgern gutgeheißenen Plan. oder solcher Leute, die sich dafür ausgaben, ganz offen in die Reihe meiner Verfolger eintraten, wie die Ivernois, sogar mit Einschluß des Vaters und Bruders meiner Isabella, Boy de la Tour, ein Verwandter der Freundin, bei welcher ich wohnte, und Frau Girardier, ihre Schwägerin. Dieser Peter Boy war ein solcher Tölpel, ein solcher Dummkopf und betrug sich so ungeschliffen, daß ich mir erlaubte, um nicht in Zorn zu gerathen, meinen Spaß mit ihm zu treiben. Ich schrieb nach Art des »Kleinen Propheten« eine Broschüre von wenigen Seiten unter dem Titel »Die Vision Peters vom Berge, genannt des Sehers«, in der ich Gelegenheit fand, mich zugleich über die Wunder, die einen Hauptvorwand zu meiner Verfolgung bildeten, in scherzhafter Weise zu ergehen. Du Peyrou ließ in Genf diesen Wisch, der in der Gegend nur unbedeutenden Erfolg hatte, drucken, da die Neufchâteler bei all ihrem Geiste attisches Salz und etwas seinen Witz nicht herauszufühlen vermögen. Etwas mehr Fleiß verwandte ich auf eine andere Schrift aus der nämlichen Zeit, von der man das Manuscript unter meinen Papieren finden wird, und deren Inhalt ich hier angeben muß. Bei der Flut der Erlasse und dem Sturme der Verfolgung hatten sich die Genfer besonders hervorgethan, indem sie ein gewaltiges Zetergeschrei erhoben, und unter andern wählte mein Freund Vernes mit einem wahrhaft theologischen Edelsinne gerade diese Zeit, um gegen mich Briefe zu veröffentlichen, in denen er zu beweisen behauptete, daß ich kein Christ wäre. Diese im Tone großer Selbstgefälligkeit geschriebenen Briefe wurden dadurch nicht besser, daß, wie man versicherte, der Naturforscher Bonnet dabei mit Hand angelegt hatte, denn obgleich Materialist kann sich der genannte Bonnet, sobald es sich um mich handelt, doch nicht enthalten, eine sehr unduldsame Orthodoxie an den Tag zu legen. Ich fühlte mich wahrlich nicht versucht, auf dieses Werk zu antworten, aber da sich mir die Gelegenheit darbot, in den »Briefen vom Berge« ein Wort darüber zu sagen, so schaltete ich in Bezug darauf eine ziemlich geringschätzende Anmerkung ein, die Vernes in Raserei versetzte. Er erfüllte Genf mit seinem Wuthgeschrei, und Ivernois theilte mir mit, daß er wie besessen wäre. Einige Zeit darauf erschien ein anonymes Blatt, das anstatt mit Tinte mit dem Wasser des Phlegethon geschrieben schien. In diesem Briefe klagte man mich an, meine Kinder auf der Straße ausgesetzt zu haben, eine Soldatendirne mit mir umherzuschleppen, von Ausschweifungen abgemergelt und durch und durch venerisch zu sein und andre Liebenswürdigkeiten ähnlicher Art. Es war mir nicht schwer, meinen Mann darin wiederzuerkennen. Mein erster Gedanke bei der Lectüre dieser Schmähschrift war, alles, was man unter den Menschen Ruf und guten Namen nennt, auf seinen wahren Werth zurückzuführen, sah ich doch, wie man einen Mann als Mädchenjäger behandelte, der nie ausgeschweift hatte und dessen Hauptfehler stets war, schüchtern und verschämt wie eine Jungfrau zu sein; mußte ich doch die Erfahrung machen, daß man mich durch und durch für venerisch hielt, mich, der ich nicht allein mein Leben lang nie von einem Leiden dieser Art ergriffen war, sondern den Fachkundige sogar für unfähig hielten, davon behaftet zu werden. Alles wohl erwogen, glaubte ich diese Schmähschrift nicht besser widerlegen zu können, als dadurch, daß ich sie in der Stadt, in welcher ich gelebt hatte, drucken ließe, und ich schickte sie an Duchesne, damit er sie wörtlich nebst einem Vorworte, in dem ich Herrn Vernes als Verfasser nannte, sowie mit einigen kurzen Bemerkungen zur Erläuterung der Thatsachen druckte. Nicht zufrieden mit der Vervielfältigung dieses Blattes sandte ich es auch mehreren Personen und unter andern dem Prinzen Ludwig von Württemberg, der mir mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war und mit dem ich damals einen Briefwechsel unterhielt. Dieser Prinz, Du Peyrou und andere schienen zu zweifeln, daß Vernes der Verfasser der Schmähschrift war und tadelten mich, ihn allzu leichtsinnig als solchen bezeichnet zu haben. Auf ihre Vorstellungen hin stiegen Bedenken in mir auf, und ich forderte Duchesne auf, dieses Blatt zu unterdrücken. Guy schrieb mir, mein Geheiß wäre ausgeführt; ich habe ihn aber bei so vielen Gelegenheiten als Lügner erkannt, daß ich mich nicht wundern würde, hätte er diesmal ebenfalls gelogen. Von jener Zeit an umhüllte mich tiefste Dunkelheit, durch welche ich keine Wahrheit irgend einer Art zu erkennen vermochte. Herr Vernes ertrug diese Bezichtigung mit einer Milde, die bei einem Manne, der sie nicht verdient und vorher eine so große Wuth gezeigt hatte, mehr als auffallend war. Er schrieb zwei oder drei sehr maßvolle Briefe an mich, deren Zweck mir zu sein schien, aus meinen Antworten zu ersehen, wie weit ich unterrichtet wäre und welchen Beweis ich wider ihn hätte. Ich gab ihm zwei kurze, trockne, dem Inhalte nach strenge, aber dem Wortlaute nach nicht unhöfliche Antworten, so daß er sie auch nicht übel aufnahm. Auf seinen dritten Brief antwortete ich nicht mehr, da ich einsah, daß er eine Art Briefwechsel anknüpfen wollte; er ließ mich durch Ivernois ausholen. Frau Cramer schrieb an Du Peyrou, sie wäre überzeugt, daß die Schmähschrift nicht von Vernes herrührte. Dies alles erschütterte meine Ueberzeugung zwar keineswegs, allein da ich mich am Ende doch irren konnte und in diesem Falle Vernes eine unzweideutige Ehrenerklärung schuldig war, so ließ ich ihm durch Ivernois sagen, ich würde ihm eine befriedigende Genugthuung geben, wenn er im Stande wäre, mir den wahren Verfasser anzuzeigen oder wenigstens den Beweis zu liefern, daß er derselbe nicht wäre. Ich that mehr. Da ich sehr gut begriff, daß ich, war er unschuldig, nach allem nicht das Recht zu verlangen hatte, er sollte mir einen Beweis liefern, so entschloß ich mich, in einer ziemlich umfangreichen Denkschrift die Gründe meiner Ueberzeugung darzulegen und sie dem Urtheil eines Schiedsrichters zu unterwerfen, den Vernes nicht zurückweisen könnte. Man wird nicht errathen, wen ich zum Schiedsrichter erwählte: den Genfer Rath. Am Ende der Denkschrift erklärte ich, wenn der Rath nach Prüfung derselben und in Folge der für nothwendig erachteten Untersuchungen, die er mit Erfolg führen könnte, den Urteilsspruch fällte, daß Herr Vernes nicht der Verfasser der Schmähschrift wäre, so würde ich es von dem Augenblicke an in aller Aufrichtigkeit nicht mehr glauben und ihn aufsuchen, um mich ihm zu Füßen zu werfen und so lange um Verzeihung zu bitten, bis ich sie erlangt hätte. Ich wage es auszusprechen: nie hat sich mein glühender Eifer für Billigkeit, nie die Redlichkeit und der Edelsinn meiner Seele, nie mein Vertrauen auf jene Gerechtigkeitsliebe, die allen Herzen angeboren ist, in größerem Umfange und deutlicher gezeigt, als in dieser bescheidenen und rührenden Denkschrift, in der ich ohne Bedenken meine unversöhnlichsten Feinde zu Schiedsrichtern zwischen dem Verläumder und mir einsetzte. Ich las diese Schrift Du Peyrou vor; er gab mir den Rath, sie nicht einzureichen, und ich befolgte ihn. Er rieth mir die Beweise, welche Vernes versprochen hatte, abzuwarten. Ich wartete auf sie und warte noch immer. Er rieth mir, inzwischen zu schweigen; ich schwieg und werde mein Leben lang trotz des Tadels schweigen, daß ich gegen Vernes eine schwere, falsche und unerwiesene Beschuldigung erhoben hätte, werde schweigen, obgleich ich von seiner Verfasserschaft innerlich eben so überzeugt bin wie von meinem Dasein. Meine Denkschrift befindet sich in Du Peyrou's Händen. Wenn sie je an das Tageslicht kommt, so wird man meine Gründe finden und in ihnen, wie ich hoffe, die Seele Jean Jacques erkennen, die meine Zeitgenossen so wenig haben verstehen wollen. Es ist Zeit, zu dem traurigen Ende meines Aufenthaltes in Motiers und zu meiner Abreise aus dem Val de Travers zu kommen, nachdem ich zwei und ein halbes Jahr daselbst geweilt und acht Monate die unwürdigste Behandlung mit unerschütterlicher Beharrlichkeit erduldet hatte. Es ist mir unmöglich, mich der Einzelheiten dieses unangenehmen Zeitabschnittes deutlich zu erinnern, aber man wird sie in dem Berichte finden, den Du Peyrou darüber veröffentlichte und von dem ich in der Folge noch reden muß. Seit der Abreise der Frau von Verdelin wurde die Gährung heftiger, und trotz der wiederholten Erlasse des Königs, trotz der zahlreichen Befehle des Staatsrates, trotz der Bemühungen des Gerichtsverwalters und der Behörden des Ortes schien das Volk, welches mich in aller Einfalt als den Antichrist betrachtete und all sein Geschrei vergeblich sah, endlich zur That übergehen zu wollen. Auf den Wegen begannen bereits Kieselsteine hinter mir her zu rollen, allerdings noch immer aus zu großer Ferne geschleudert, um mich treffen zu können. In der Nacht nach dem Jahrmarkt zu Motiers, der im Anfange des Septembers stattfindet, wurde ich endlich in meiner Wohnung dergestalt angegriffen, daß das Leben seiner Bewohner gefährdet war. Um Mitternacht vernahm ich einen großen Lärm auf der Galerie, welche um die Hinterseite des Hauses lief. Ein Hagel von Steinen wurde gegen das Fenster und die Thüre, welche auf diese Galerie hinausgingen, geschleudert und fiel mit solchem Gepolter dagegen, daß mein Hund, der auf der Galerie schlief und zu bellen angefangen hatte, vor Schrecken verstummte und sich in einen Winkel rettete, worauf er an den Brettern nagte und kratzte, um sich durch sie flüchten zu können. Bei dem Lärm erhebe ich mich; ich wollte eben aus meinem Zimmer in die Küche treten, als ein von kräftiger Hand geschleuderter Stein, nachdem er das Fenster zerschmettert hatte, durch die Küche flog, die Thüre zu meinem Zimmer aufriß und zu Füßen meines Bettes niederfiel, so daß ich, wäre ich eine Sekunde früher herausgetreten, den Stein gegen den Leib bekommen hätte. Ich nahm an, daß man den Lärm erhoben hatte, um mich herbeizuziehen und der Stein zu meinem Empfange geworfen war. Ich stürze in die Küche. Ich finde Therese, die sich ebenfalls erhoben hatte und zitternd auf mich zueilte. Wir stellen uns, um den Steinwürfen zu entgehen, an eine Wand, die nicht in der Richtung des Fensters lag, und überlegen, was wir thun sollten, denn hinauszugehen, um Hilfe herbeizurufen, hätte uns der Gefahr der Ermordung ausgesetzt. Glücklicherweise stand die Magd eines alten Ehrenmannes, der unter mir wohnte, bei dem Lärm auf und lief, den Herrn Gerichtsverwalter, mit dem wir Thüre an Thüre wohnten, herbeizurufen. Er springt aus dem Bette, zieht schnell seinen Schlafrock an und kommt augenblicklich mit der Wache, die des Jahrmarkts wegen diese Nacht die Runde machte und sich ganz in der Nähe befand. Der Gerichtsverwalter sah die Verwüstung mit einem solchen Entsetzen, daß er erblaßte, und schrie bei dem Anblicke der Steine, die aufgehäuft auf der Galerie lagen: »Das ist ja ein wahrer Steinbruch!« Als man unten auf der Straße Nachsuchungen hielt, fand sich, daß das Thor eines kleinen Hofes erbrochen war, und man versucht hatte von der Galerie aus in das Haus einzudringen. Bei der Untersuchung, weshalb die Wache nicht die Verwüstung bemerkt oder verhindert hatte, stellte sich heraus, daß die Leute aus Motiers hartnäckig darauf bestanden hätten, die Wache zu bilden, obgleich nicht die Reihe an ihnen, sondern an einem anderen Dorf war. Am folgenden Tage reichte der Gerichtsverwalter seinen Bericht bei dem Staatsrathe ein, der ihm zwei Tage darauf den Befehl ertheilte, eine Untersuchung über diese Angelegenheit einzuleiten, den Anzeigern der Schuldigen eine Belohnung und Stillschweigen zu geloben und inzwischen vor meinem Hause wie vor dem des Gerichtsverwalters, das daran stieß, auf Staatskosten Posten aufzustellen. Den nächsten Tag statteten mir der Obrist von Pury, der General-Procurator Meuron, der Gerichtsverwalter Martinet, der Steuererheber Guyenet, der Rentmeister von Ivernois und sein Vater, mit einem Worte alle Leute von Einfluß im Orte ihren Besuch ab und vereinigten ihre Bitten, um mich dahin zu bewegen, dem Sturme zu weichen und wenigstens für eine Zeit von einer Pfarrei fern zu bleiben, in der ich nicht mehr in Sicherheit und in Ehren wohnen könnte. Ich bemerkte sogar, daß der Gerichtsverwalter, entsetzt über die Wuth dieses wahnsinnigen Volkes und von der Besorgnis erfüllt, sie könnte sich auf ihn ausdehnen, sehr froh gewesen wäre, mich augenblicklich abreisen zu sehen, damit er mich nicht mehr zu beschützen brauchte und selbst den Ort verlassen könnte, wie er gleich nach meiner Abreise that. Ich gab deshalb nach und sogar ohne große Mühe, denn der Anblick des Volkshasses rief in mir eine Herzbeklemmung hervor, die ich nicht länger auszuhalten vermochte. Diese Steinigung, von der Rousseau eine so ausführliche Erzählung giebt, daß man gar nicht annehmen kann, er habe sich alle diese Umstände nur zu seiner Belustigung ersonnen, ist gleichwohl in Zweifel gezogen, und die, welche die Wahrheit dieses Vorfalls bestreiten, haben ebenfalls Anspruch auf das Vertrauen des Lesers. Herr Servan will von einem glaubwürdigen Manne, der Rousseau den nächsten Tag selbst einen Besuch abstattete, vernommen haben, daß die von dem im Zimmer gefundenen Steinen in den Scheiben herrührenden Löcher kleiner waren als die Steine selbst, und er erblickt darin nur einen Streich von Rousseaus Haushälterin, um ihren Herrn zu bestimmen, ein Land zu verlassen, in dem sie sich langweilte. Ich hatte die Wahl unter mehr als einem Zufluchtsorte. Seit der Rückkehr der Frau von Verdelin nach Paris hatte sie mir in mehreren Briefen von einem von ihr als Lord bezeichneten Herrn Walpole erzählt, der, von Begeisterung für mich erfüllt, mir ein Asyl auf einem seiner Güter anbot, von dem sie mir die freundlichste Schilderung machte und dabei in Bezug auf Wohnung und Unterhalt in Einzelheiten einging, die mich erkennen ließen, in wie hohem Grade der erwähnte Lord Walpole sich im Verein mit ihr mit diesem Plane beschäftigte. Mylord Marschall hatte mir stets zu England oder Schottland gerathen und bot mir daselbst ebenfalls eine Zuflucht an, aber er bot mir auch eine an, die mich noch weit mehr in Versuchung führte, nämlich bei ihm in Potsdam. Er hatte mir eine Aeußerung des Königs über mich mitgetheilt, in der eine Art Einladung lag, mich zu ihm zu begeben; und die Frau Herzogin von Sachsen-Gotha rechnete so zuversichtlich auf meine baldige Abreise nach Potsdam, daß sie mich dringend einlud, sie auf der Durchreise zu besuchen und mich einige Zeit bei ihr aufzuhalten. Aber ich hatte eine solche Anhänglichkeit an die Schweiz, daß ich mich sie zu verlassen nicht entschließen konnte, so lange es mir möglich sein würde, in ihr zu leben, und ich benutzte diese Zeit, ein Vorhaben auszuführen, mit dem ich mich seit einigen Monaten trug und von dem ich noch nicht reden konnte, um den Faden meiner Erzählung nicht abzubrechen. Mein Vorsatz bestand darin, mich auf der mitten im Bieler See gelegenen Insel Saint-Pierre, die zu dem Grundeigenthume des Berner Armen- und Krankenhauses gehörte, niederzulassen. Auf einer Fußreise, die ich den vorhergehenden Sommer mit Du Peyrou gemacht, hatten wir diese Insel besucht, und ich war von ihr so entzückt gewesen, daß ich seitdem nicht aufgehört hatte, über den Weg nachzudenken, auf welchem ich es dahin bringen konnte, mich auf ihr häuslich einzurichten. Das größte Hindernis war, daß die Insel den Bernern gehörte, die mich vor drei Jahren schändlicherweise aus ihrem Gebiete getrieben hatten, und außerdem daß sich mein Stolz dagegen sträubte, zu Leuten zurückzukehren, die mich so übel aufgenommen hatten, mußte ich auch befürchten, daß sie mich auf dieser Insel nicht mehr in Ruhe lassen würden als in Yverdun. Ich hatte den Mylord Marschall darüber um Rath gefragt, der gleich mir der Ansicht war, die Berner würden sehr froh sein, mich auf dieser Insel in der Zurückgezogenheit zu sehen und mich dort als Geißel für die Schriften festzuhalten, zu deren Abfassung ich mich noch versucht fühlen könnte, und hatte deshalb durch einen Herrn Sturler, seinen alten Nachbar in Colombier, die bei ihnen darüber herrschende Gesinnung sondiren lassen. Herr Sturler wandte sich an verschiedene hohe Staatsbeamte und auf ihre Mittheilungen hin versicherte Mylord Marschall, daß die Berner, voller Scham über ihr früheres Benehmen, nichts Besseres verlangten, als mich auf der Insel Saint-Pierre ansässig zu sehen, und mich dort in Ruhe zu lassen. Ehe ich meinen Wohnsitz daselbst aufzuschlagen wagte, ließ ich im Uebermaß der Vorsicht neue Erkundigungen durch den Obrist Chaillet einziehen, der mir dasselbe versicherte; und da der Steuererheber der Insel von seiner Behörde die Erlaubnis erhalten hatte, mich bei sich aufzunehmen, so glaubte ich bei der stillschweigenden Genehmigung sowohl der Regierung wie der Eigenthümer nichts zu wagen, wenn ich mich bei ihm niederließ, denn ich konnte doch unmöglich hoffen, daß die Herren von Bern die Ungerechtigkeit, die sie mir zugefügt, offen anerkennen und dadurch gegen den unverletzlichen Grundsatz aller Regierenden sündigen würden. Die mitten im Bieler See gelegene Insel Saint-Pierre, in Neufchâtel Mothe genannt, hat einen Umfang von ungefähr einer halben Stunde; aber auf dieser kleinen Fläche bringt sie alle zum Leben nöthigen Haupterzeugnisse hervor. Sie hat Felder, Wiesen, Obstgärten, Waldungen, Weinberge, und das alles bildet in Folge eines abwechselnden und gebirgigen Terrains eine mir so angenehmere Vertheilung, als die Schönheiten der Gegend nicht alle auf einmal hervortreten, sondern sich gegenseitig hervorheben und die Insel größer erscheinen lassen, als sie in Wahrheit ist. Eine sehr hochgelegene Terrasse bildet die nach Gleresse und Bonneville hinauslegende Westseite der Insel. Man hat diese Terrasse mit einer langen Allee bepflanzt, die man in der Mitte durch einen großen hallenartigen Raum unterbrochen hat, in dem man sich während der Weinlese des Sonntags von allen Ufern der Nachbarschaft versammelt, um zu tanzen und sich zu unterhalten. Es giebt auf der Insel nur ein einziges, aber geräumiges und bequemes Haus, in dem der Steuererheber wohnt und das in einer Vertiefung liegt, welche es gegen die Winde schützt. Fünf- oder sechshundert Schritt südlich von der Insel liegt eine andere, noch weit kleinere, unbebaute und wüste Insel, die von der großen einst durch Stürme losgerissen zu sein scheint und auf ihrem Kiessande nur Weiden und Pfirsichkraut hervorbringt, auf der sich aber sehr rasige und freundlich gelegene Hügelketten finden. Die Form dieses Sees ist ein fast regelmäßiges Oval. Seine Ufer sind, wenn auch weniger reich als die des Genfer und Neufchâteler Sees, trotzdem ziemlich schön und freundlich, namentlich auf der sehr bevölkerten Westseite, die am Fuße einer Bergkette ähnlich wie bei Côte-Rôtie von Weinbergen eingefaßt ist, welche allerdings keinen eben so guten Wein liefern. Geht man von Süden nach Norden, so liegt dort das Amtsgericht von Saint-Jean, Bonneville, Biel und am äußersten Ende des Sees Ridau, die von zahlreichen sehr freundlichen Dörfern getrennt sind. So war der Zufluchtsort, den ich mir ausersehen hatte. Hier war ich entschlossen, mich niederzulassen, wenn ich Val de Travers verließ. Es ist vielleicht nicht unnütz, darauf hinzuweisen, daß ich dort einen persönlichen Feind in einem Herrn Du Terraux, dem Bürgermeister von Verrières zurückließ, einen Mann, der in sehr geringer Achtung im Lande stand, aber einen als echten Biedermann ausgeschrienen Bruder in den Bureaux des Herrn von Saint-Florentin hat. Der Bürgermeister hatte ihn einige Zeit vor Eintritt meines Unglückes besucht. Solche kleine Wahrnehmungen ähnlicher Art, die an sich bedeutungslos sind, können in der Folge zur Entdeckung vieler Schleichwege führen. Diese Wahl stand mit meiner Friedensliebe, mit meinem Hange zur Einsamkeit und Muße so sehr in Einklang, daß ich sie zu den süßen Träumereien rechne, für die ich mich am lebhaftesten begeisterte. Es schien mir, ich würde auf dieser Insel mehr von den Menschen geschieden, mehr gegen ihre Beleidigungen geschützt, mehr von ihnen vergessen, kurz mehr den Süßigkeiten der Muße und des beschaulichen Lebens hingegeben sein. Ich hätte auf dieser Insel so abgesperrt sein mögen, daß ich gar keinen Verkehr mit den Sterblichen mehr gehabt hätte, und ich ergriff in der That alle nur denkbare Maßregeln, um mich der Notwendigkeit zu seiner Weiterführung zu entziehen. Es handelte sich darum, wovon ich leben wollte, denn sowohl wegen der Theuerung der Lebensmittel als auch wegen der Schwierigkeit ihrer Herbeischaffung ist auf dieser Insel, auf der man überdies völlig in der Gewalt des Steuererhebers ist, der Unterhalt gar kostspielig. Diese Schwierigkeit wurde durch ein Übereinkommen mit Du Peyrou gehoben, das er freundlicher Weise mit mir abschloß; er trat nämlich an die Stelle der Gesellschaft, die von der ursprünglich übernommenen Gesammtausgabe meiner Werke zurückgetreten war. Ich überließ ihm alle Materialien zu dieser Ausgabe, entwarf ihre Eintheilung und Reihenfolge, übernahm die Verpflichtung, ihm die Denkwürdigkeiten meines Lebens zu übergeben und vertraute ihm ausnahmslos alle meine Papiere an, mit der ausdrücklichen Bedingung, von ihnen erst nach meinem Tode Gebrauch zu machen, da es mir lediglich darum zu thun war, meine Lebensbahn ruhig zu beenden, ohne mich ferner dem Publikum in Erinnerung zu bringen. Die Leibrente, zu deren Zahlung er sich dafür verpflichtete, genügte für meinen Unterhalt. Als Mylord Marschall alle seine Güter zurückerhalten, hatte er mir eine Rente von 1200 Franken angeboten, die ich zur Hälfte angenommen hatte. Er wollte mir das Kapital derselben zusenden, das ich im Hinblick auf meine Unfähigkeit, es richtig anzulegen, ablehnte. Er ließ dieses Kapital deshalb Du Peyrou zustellen, in dessen Händen es geblieben ist und der mir nach Vereinbarung mit dem Stifter die Leibrente auszahlt. Rechne ich zu dem mit Du Peyrou abgeschlossenen Vertrage die Pension Mylord Marschalls, von der nach meinem Tode zwei Drittel auf Therese übergingen, sowie die mir von Duchesne ausgesetzte Rente von 300 Franken, so konnte ich sowohl für mich wie auch nach meinem Tode für Therese auf ein anständiges Auskommen rechnen. Letzterer hinterließ ich theils aus der Pension Neys, theils aus der Mylord Marschalls eine Rente von siebenhundert Franken; so brauchte ich nicht mehr zu fürchten, daß ihr oder mir je das Brot fehlen könnte. Aber es stand geschrieben, daß die Ehre mich zwingen sollte, alle Hilfsquellen zurückzuweisen, die mir das Glück wie mein Fleiß eröffnet hatten, daß ich eben so arm sterben sollte, wie ich gelebt. Man wird sich selbst ein Urtheil bilden, ob ich, wollte ich nicht ganz ehrlos handeln, Vereinbarungen einhalten konnte, die man für mich stets schmachvoll zu machen sorgte, während man mir zugleich mit aller Sorgfalt jede andre Hilfsquelle raubte, um mich zu zwingen, in meine Entehrung zu willigen. Wie hätten sie bei einer solchen Wahl zweifeln sollen, wofür ich mich entscheiden würde? Sie haben mein Herz stets nach dem ihrigen beurtheilt. Ueber mein Auskommen beruhigt, war ich auch nach jeder andren Seite hin ohne Sorgen. Obgleich ich meinen Feinden das Feld in der Welt frei ließ, hinterließ ich in der edlen Begeisterung, die mir meine Schriften eingegeben hatten, wie in der beharrlichen Gleichmäßigkeit meiner Grundsätze ein Zeugnis für meine Seele, welches dem entsprach, das mein ganzer Wandel für meinen Charakter ablegte. Ich bedurfte keiner andern Vertheidigung wider meine Verleumder. Sie waren im Stande, unter meinem Namen einen andren Mann zu schildern; aber sie waren nur im Stande, diejenigen zu täuschen, welche getäuscht sein wollten. Ich konnte ihrer Kritik mein Leben von einem Ende zum andern unterbreiten; ich war sicher, daß man hinter meinen Fehlern und Schwächen, hinter meiner Unfähigkeit, ein Joch zu ertragen, doch immer einen gerechten, guten, von Bitterkeit und Haß freien Menschen finden würde, bereit, sein eigenes Unrecht anzuerkennen und noch bereitwilliger, das Anderer zu vergessen, kurz einen Menschen, der sein ganzes Glück in liebenswürdigen und gefälligen Leidenschaften sucht und bei allen Dingen die Aufrichtigkeit bis zur Unklugheit, ja bis zur unglaublichsten Selbstverläugnung treibt. Gewissermaßen nahm ich also von meinem Jahrhundert und meinen Zeitgenossen Abschied und sagte der Welt Lebewohl, indem ich mich für meine übrigen Lebenstage auf diese Insel zurückzog, denn dies war mein Entschluß, und dort hoffte ich endlich meinen großen Plan, in voller Muße zu leben, ausführen zu können. Vergeblich hatte ich ihm bisher die geringe Thatkraft geweiht, die mir der Himmel verliehen hatte. Diese Insel sollte für mich das selige Eiland werden, wo man schläft, und mehr noch thut, nichts thut in Zeit und Ewigkeit. Dieses »mehr noch« war für mich alles, denn ich habe mich immer wenig nach dem Schlaf gesehnt; die Muße genügt mir, und wenn ich nur nichts zu thun brauche, träume ich lieber im Wachen als im Schlafe. Da das Alter romantischer Pläne vorüber war und mich der Dunst des Ruhmes mehr betäubt als erhoben hatte, so bestand meine letzte Hoffnung darin, ein zwangloses Leben in einer ewigen Muße zu führen. Das ist das Leben der Seligen in der andern Welt, und ich bildete mir daraus schon den Anfang meiner Seligkeit in dieser hier. Die, welche mir so viele Widersprüche zum Vorwurf machen, werden nicht verabsäumen, hier einen neuen gegen mich zu erheben. Ich habe gesagt, daß mir die Unthätigkeit in den gesellschaftlichen Zusammenkünften dieselben unerträglich machte, und nun suche ich mit einem Male die Einsamkeit nur deshalb auf, um mich der Unthätigkeit zu überlassen. So bin ich nun aber; liegt ein Widerspruch darin, so trägt die Natur daran die Schuld und nicht ich; allein er liegt so wenig darin, daß ich gerade dadurch immer der gleiche bin. Der Müßiggang in den Gesellschaften ist, weil von der Notwendigkeit erzwungen, tödtend; der in der Einsamkeit ist, weil frei und der Ausfluß des eigenen Willens, entzückend. In einer Gesellschaft ist es mir grausam, nichts zu thun, weil es der Zwang erfordert. Ich muß auf meinem Stuhle wie angenagelt sitzen oder steif wie ein Pflock dastehen, ohne Hand und Fuß zu rühren, darf nicht laufen, nicht springen, nicht singen, nicht schreien, nicht gesticuliren, wenn ich Lust dazu habe, ja, darf nicht einmal träumen. Ich empfinde gleichzeitig alle Langeweile des Müßigseins und alle Qual des Zwanges; ich bin genöthigt, auf alle Albernheiten, die gesprochen, und auf alle Höflichkeiten, die erwiesen werden, zu merken, und unaufhörlich mein Gehirn anzustrengen, um meinerseits meinen schlechten Witz und meine Lüge vorbringen zu können. Und das nennt ihr Muße! Das ist eine Sträflingsarbeit Der Müßiggang, den ich liebe, ist nicht der eines Faulenzers, der mit gekreuzten Armen in völliger Unthätigkeit verharrt und nicht mehr denkt, als er handelt. Es ist zugleich der eines Kindes, das unaufhörlich in Bewegung ist, um doch nichts zu thun, wie der eines Schwätzers, der den Faden verliert, sobald seine Arme einen Augenblick ruhen. Ich beschäftige mich gern mit allerlei Kleinigkeiten, beginne hunderterlei Dinge und vollende keines, gehe und komme, wie es mir einfällt, ändere jeden Augenblick mein Vorhaben, folge einer Fliege in ihrem Fluge, versuche einen Felsen umzustürzen, um zu sehen, was darunter ist, beginne mit Feuereifer eine zehnjährige Arbeit und gebe sie schon nach zehn Minuten ohne Bedauern auf, kurz vertändle den ganzen Tag ohne Plan und Ordnung und folge in allem nur der Laune des Augenblicks. Wie ich die Botanik immer betrachtet habe und wie sie meine Leidenschaft zu werden begann, war sie auch nur ein müßiges Studium, geeignet, die ganze Leere meiner Muße auszufüllen, ohne den Ausschweifungen der Einbildungskraft oder der Langeweile einer völligen Unthätigkeit Platz zu gewähren. Behaglich durch Wald und Flur umherstreifen, mechanisch hier und da bald eine Blume sammeln, bald einen Zweig abbrechen, auf gutes Glück eine Blüte nach der andern aussaugen, tausend und tausend Mal dieselben Dinge und immer mit gleichem Interesse beobachten, weil ich sie beständig vergaß, das war, womit ich die Ewigkeit hätte zubringen können, ohne auch nur einen Augenblick Langeweile zu empfinden. Wie zierlich, wie bewunderungswürdig, wie verschieden der Bau der Pflanzen auch sein möge, so ist er für ein ungeschultes Auge doch nicht so auffallend, um es anzuziehen. Diese unwandelbare Aehnlichkeit und doch diese wunderbare Verschiedenheit, die in ihrer Organisation herrscht, entzückt nur die, welche bereits eine gewisse Vorstellung von der Pflanzenkunde haben. Die Andren haben beim Anblick aller dieser Schätze der Natur nur eine stumpfsinnige und einförmige Bewunderung. Sie gewahren nichts im Einzelnen, weil sie nicht einmal wissen, was sie anblicken müssen, und sie sehen eben so wenig das Ganze, weil sie keine Vorstellung von dieser Verkettung der Beziehungen und Verbindungen haben, welche den Geist des Beobachters mit ihren Wundern überwältigt. Bei meinem schwachen Gedächtnisse erhielt ich mich auf der glücklichen Stufe, wenig genug zu wissen, so daß mir alles neu blieb, und genug, so daß mir alles verständlich war. Die verschiedenen Bodenarten, die auf der Insel trotz ihrer Kleinheit hervortraten, boten mir eine hinreichende Abwechselung von Pflanzen zum Studium und zur Unterhaltung für meine ganze Lebenszeit dar. Kein Grashälmchen wollte ich ununtersucht lassen und ich schickte mich bereits an, um unter Hinzufügung einer ungeheuren Sammlung merkwürdiger Beobachtungen die Flora Petrinsularis zu schreiben. Ich ließ Therese mit meinen Büchern und Sachen kommen. Wir gaben uns bei dem Steuererheber der Insel in Pension. Seine Frau hatte Schwestern in Nidan, welche der Reihe nach zum Besuch erschienen und Theresen Gesellschaft leisteten. Ich empfand da die ganze Würze eines süßen Lebens, das ich immerdar hätte genießen mögen; aber die Lust, die es mir gewährte, diente nur dazu, mir die Bitterkeit des Lebens, welches so bald darauf folgen sollte, nur desto fühlbarer zu machen. Ich habe das Wasser immer leidenschaftlich geliebt, und sein Anblick versenkt mich in eine köstliche Träumerei, wenn auch oft ohne bestimmten Gegenstand. Ich verabsäumte nie, wenn es schönes Wetter war, unmittelbar nach dem Aufstehen auf die Terrasse hinauszueilen, um die gesunde und frische Morgenluft einzuathmen, und die Blicke über den Horizont dieses schönen Sees schweifen zu lassen, dessen Ufer mit den ihn umringenden Bergen mein Auge entzückten. Meines Erachtens giebt es keine der Gottheit würdigere Huldigung als diese stumme Bewunderung, welche die Betrachtung ihrer Werke erregt und sich nicht in äußeren Handlungen zu erkennen giebt. Ich begreife, wie die Bewohner der Städte, die nichts als Straßen, Mauern und Schlechtigkeiten sehen, wenig Glauben haben, aber ich kann nicht begreifen, wie Landleute, und namentlich einsam wohnende, keinen haben können. Wie erhebt sich ihre Seele nicht täglich hundertmal mit Begeisterung zum Schöpfer der Wunderwerke, die sich ihren Augen darbieten? Mich persönlich treibt namentlich nach dem Aufstehen, wenn ich von Schlaflosigkeit ermattet bin, eine lange Gewohnheit zu solchen Herzenserhebungen, die mir keine Anstrengung des Denkens auferlegen. Aber meine Augen müssen sich dazu an dem entzückenden Schauspiele der Natur weiden können. In meinem Zimmer bete ich seltener und weniger warmen Herzens; aber bei dem Anblick einer schönen Landschaft fühle ich mich bewegt, ohne sagen zu können wodurch. Ein frommer Bischof soll beim Besuche seiner Diöcese eine alte Frau gefunden haben, die statt jedes Gebetes nichts als immer wieder »O« zu sagen wußte. Zu ihr sagte er: »Gute Mutter, fahret so zu beten fort; euer Gebet ist Gott angenehmer als unseres.« Solches Gott angenehmere Gebet ist auch das meinige. Nach dem Frühstücke beeilte ich mich, unlustig einige mir widerwärtige Briefe zu schreiben, mich leidenschaftlich nach dem glücklichen Zeitpunkte sehnend, wo ich keine mehr zu schreiben brauche. Ich machte mir einige Augenblicke etwas um meine Bücher und Papiere zu schaffen, mehr um sie auszupacken und zu ordnen, als um sie zu lesen; und diese Beschäftigung, die für mich zur Arbeit der Penelope wurde, gewährte mir das Vergnügen, eine kurze Zeit zu vertändeln, worauf ich mich langweilte und mit ihr aufhörte, um die drei oder vier Morgenstunden, die mir noch blieben, unter dem Studium der Botanik und besonders des Linnéischen Systems zuzubringen, für welches ich eine Leidenschaft faßte, von der ich mich nie vollkommen habe heilen können, selbst nachdem ich das Lückenhafte in demselben erkannt hatte. Dieser große Beobachter ist meines Erachtens nebst Ludwig der einzige, der die Botanik bis jetzt vom Standpunkt des Naturforschers wie des Philosophen betrachtet hat, aber er hat sie zuviel nach den Herbarien und Gärten und nicht genug nach der Natur selbst studirt. Was mich anlangt, der die ganze Insel als seinen Garten benutzte, so eilte ich, sobald ich eine Beobachtung machen oder ihre Richtigkeit bestätigen wollte, mein Buch unter dem Arme in die Wälder oder auf die Wiesen. Dort legte ich mich neben der fraglichen Pflanze auf die Erde, um sie in aller Ruhe zu untersuchen. Diese Methode hat mir viel geholfen, die Pflanzen in ihrem natürlichen Zustande kennen zu lernen, bevor sie durch Menschenhand angebaut und dadurch entartet sind. Fagon, Ludwigs XIV. erster Leibarzt, der im Jardin Royal alle Pflanzen nach ihrem Namen und ihren Eigenschaften auf das Genaueste kannte, soll auf dem Lande von solcher Unwissenheit gewesen sein, daß er keine wiedererkannte. Bei mir findet gerade das Gegentheil statt. Von dem Werke der Natur kenne ich etwas, von dem des Gärtners nichts. Was die Nachmittage anlangt, so widmete ich sie gänzlich meiner Vorliebe für Müßiggang und meinem Hange, mich regellos dem Antriebe des Augenblickes zu überlassen. Bei ruhigem Wetter warf ich mich oft unmittelbar nach dem Mittagsessen allein in ein kleines Boot, das mich der Steuererheber gelehrt hatte mit einem einzigen Ruder zu führen, ich fuhr auf die Höhe des Sees hinaus. Der Augenblick, in dem ich vom Ufer abstieß, bereitete mir eine Freude, die bis zum Zittern ging, und deren Ursache ich außer Stande bin mir zu erklären oder einigermaßen zu begreifen, wenn es nicht vielleicht ein geheimes Glücksgefühl war, hier gegen die Angriffe der Bösen geschützt zu sein. Ich streifte dann allein auf diesem See umher und näherte mich bisweilen dem Ufer, ohne jedoch je zu landen. Oft ließ ich mein Boot auf den Wellen im Winde dahintreiben und gab mich ziellosen Träumereien hin, die, wenn auch thöricht, trotzdem nicht weniger köstlich waren. Oefters rief ich mit Rührung aus: »O Natur, o meine Mutter, hier stehe ich unter deinem Schutz allein, hier tritt kein listiger und schurkischer Mensch zwischen dich und mich!« Ich blieb so wohl eine halbe Stunde vom Lande entfernt; ich hätte gewünscht, der See wäre der Ocean gewesen. Meinem armen Hunde zu Liebe, der nicht ein eben so großer Freund von Wasserfahrten war wie ich, wählte ich mir indessen für meine Lustfahrten gewöhnlich ein bestimmtes Ziel. Dies pflegte die kleine Insel zu sein; an ihr landete ich, um auf ihr zwei oder drei Stunden zu lustwandeln oder mich auf dem Gipfel des Hügels auf den Rasen zu legen, in entzückender Bewunderung dieses Sees und seiner Umgebungen einzuschlummern, um alle Pflanzen, zu denen ich gelangen konnte, zu untersuchen und zu zergliedern und um mir wie ein zweiter Robinson in der Einbildung eine Wohnung auf diesem kleinen Eilande zu bauen. Dieser Erdhügel nahm mein ganzes Herz ein. Wie stolz war ich, wenn ich die Frau Steuererheberin und ihre Schwestern dorthin führen konnte, ihren Pilot und Wegweiser abzugeben! In feierlichem Aufzuge brachten wir Kaninchen nach der Insel, um sie zu bevölkern; ein Fest mehr für Jean-Jacques. Diese Bevölkerung machte mir die kleine Insel noch anziehender. Ich ging seitdem öfter und mit größerem Vergnügen dorthin, um Spuren von der Vermehrung der neuen Bewohner aufzusuchen. Zu diesen Vergnügungen trat noch eine hinzu, die die Erinnerung an das süße Leben in den Charmettes wieder in mir wach rief, und zu der mich die Jahreszeit ganz besonders einlud. Sie bestand in einer Reihe ländlicher Beschäftigungen, die das Einernten der Gemüse und des Obstes erforderte und die wir, Therese und ich, mit Freuden mit der Frau Steuererheberin und ihrer Familie theilten. Ich entsinne mich, daß mich ein Berner, Namens Kirchberger, bei seinem Besuche auf einem hohen Baume sitzend fand, mit einem Sacke um den Leib, der bereits so voller Aepfel war, daß ich mich gar nicht mehr rühren konnte. Ich war gar nicht unzufrieden mit dieser und einigen ähnlichen Begegnungen. Ich hoffte, daß die Berner, die so Zeugen gewesen waren, mit welchen Beschäftigungen ich meine Muße ausfüllte, nicht mehr daran denken würden, mich in meiner Ruhe zu stören, und mich in meiner Einsamkeit in Frieden lassen würden. Ich wäre hier lieber nach ihrem Willen als nach dem meinigen verbannt geblieben; ich hätte dadurch eine größere Sicherheit gewonnen, meine Ruhe nicht gestört zu sehen. Und nun bin ich wieder eines jener Geständnisse schuldig, bei denen ich im voraus von dem Unglauben der Leser überzeugt bin, die mich fortwährend nach sich selber beurtheilen, obgleich sie gezwungen worden sind, in dem ganzen Laufe meines Lebens tausend innere Regungen zu sehen, die den ihrigen nicht gleichen. Noch seltsamer ist dabei, daß sie mir zwar alle gute oder gleichgiltige Gefühle, die sie nicht haben, absprechen, dagegen mit der größten Bereitwilligkeit mir so böse anheften, daß sie gar nicht einmal fähig wären, sich Eingang in ein Menschenherz zu verschaffen. Sie finden es also ganz einfach, mich in Widerspruch mit der Natur zu setzen und aus mir ein Ungeheuer zu machen, wie gar keines existiren kann. Nichts Albernes scheint ihnen unglaublich, sobald es darauf ankommt, mich anzuschwärzen; nichts Außerordentliches scheint ihnen möglich, sobald es mir zur Ehre gereichen könnte. Was sie jedoch auch glauben oder sagen mögen, so werde ich deshalb nicht weniger fortfahren, getreulich auseinanderzusetzen, was Jean Jacques Rousseau war, that und dachte, ohne die Sonderbarkeiten seiner Gefühle und Gedanken zu erklären oder zu rechtfertigen, oder Forschungen darüber anzustellen, ob andere gedacht haben wie er. Ich gewann die Insel Saint-Pierre so lieb, und der Aufenthalt auf ihr sagte mir so zu, daß ich alle meine Wünsche auf diese Insel übertrug und sie in den einen zusammenfaßte, nie von ihr zu scheiden. Die Besuche, die ich in der Nachbarschaft abzustatten, die Ausflüge, die ich nach Neufchâtel, Biel, Yverdun und Nidau zu machen hatte, ermüdeten mich schon in dem blosen Gedanken daran. Ein fern von der Insel verlebter Tag schien mir eine Schmälerung meines Glückes; und ein Heraustreten aus dem Umfange dieses Sees kam mir wie das Heraustreten aus meinem Elemente vor. Dazu kam, daß mich die Erfahrung ängstlich gemacht hatte. Sobald nur irgend ein Gut mein Herz angenehm berührte, so befürchtete ich schon, es zu verlieren, und das sehnliche Verlangen, meine Tage auf dieser Insel zu beschließen, war von der Furcht unzertrennlich, daß ich gezwungen werden könnte, sie zu verlassen. Ich hatte die Gewohnheit angenommen, mich des Abends, vor allem wenn der See erregt war, an das Ufer zu setzen. Ich fühlte ein eigenthümliches Vergnügen, die Wellen zu meinen Füßen sich brechen zu sehen; ich erblickte in ihnen das Bild des Aufruhrs in der Welt und des Friedens meines Wohnorts, und ich versetzte mich bei diesem süßen Gedanken oft in eine solche Rührung, daß ich fühlte, wie mir die Thränen über die Wangen hinabrollten. Diese Ruhe, an der ich mich mit Leidenschaft erfreute, wurde nur durch die Beunruhigung gestört, sie zu verlieren; aber diese Beunruhigung ging bis zu dem Grade, mir die ganze Süßigkeit der Ruhe zu verkümmern. Ich fühlte meine Lage so bedroht, daß ich auf ihre Fortdauer nicht zu zählen wagte. »Ach,« sagte ich zu mir selbst, »wie gern würde ich die Freiheit, von hier fortzugehen, an der mir nichts gelegen ist, gegen die Gewißheit vertauschen, beständig hier bleiben zu können! Weshalb bin ich nicht, anstatt hier aus Gnaden geduldet zu werden, mit Gewalt hier zurückgehalten? Ich werde hier nur geduldet und kann jeden Augenblick von hier vertrieben werden; kann ich wohl hoffen, daß meine Verfolger, wenn sie mich hier glücklich sehen, mir mein Glück länger gönnen werden? Ach, es ist wenig, daß man mir gestattet, hier zu leben; ich wünschte, man verurtheilte mich dazu, und möchte gezwungen sein, hier zu bleiben, um nicht gezwungen zu werden, fortzugehen!« Mit neidischem Auge blickte ich auf den glücklichen Michael Ducret, der, ruhig auf seinem Schlosse Arberg, nur den Willen zu haben brauchte, glücklich zu sein, um es wirklich zu sein. Kurz, dadurch daß ich mich solchen Betrachtungen und den beunruhigenden Vorahnungen von neuen Stürmen, die gegen mich heranzogen, überließ, gelangte ich zu dem unglaublich sehnlichen Wunsche, daß man mich auf dieser Insel nicht nur dulden, sondern sie mir zum ewigen Gefängnisse geben möchte; und ich kann schwören, wäre es nur auf mich angekommen, mich hierher verurtheilen zu lassen, so hätte ich es mit der größten Freude gethan, da ich den Zwang, meine übrigen Lebenstage hier zubringen zu müssen, tausendmal der Gefahr vorzog, von hier vertrieben zu werden. In seinen »Träumereien« (fünfter Spaziergang) giebt er eine noch ausführlichere Schilderung der Insel Saint-Pierre und ergeht sich mit großer Befriedigung über das köstliche, reine und volle Glück, welches er während der zwei Monate seines dortigen Aufenthalts beständig genossen hat. Diese Furcht erwies sich bald als nicht ungegründet. In dem Augenblicke, wo ich es am wenigsten erwartete, erhielt ich einen Brief von dem Herrn Landvogt zu Nidau, zu dessen Verwaltungsbezirk die Insel Saint-Pierre gehört, in dem er mir den Befehl ihrer Excellenzen ankündigte, die Insel und ihre Staaten zu verlassen. Beim Lesen desselben glaubte ich zu träumen. Nichts war weniger natürlich, weniger vernünftig, weniger vorausgesehen als ein solcher Befehl, denn ich hatte meine Ahnungen mehr für die Beängstigungen eines durch sein Unglück erschreckten Mannes gehalten als für eine Voraussicht, die auch nur den geringsten Grund hatte. Die Maßregeln, die ich ergriffen hatte, um mir die stillschweigende Einwilligung der Staatsbehörde zu verschaffen, die Ruhe, mit der man meine Niederlassung mitangesehen hatte, die Besuche mehrerer Berner und des Landvogts selber, der mich mit Freundschaftsbeweisen und Zuvorkommenheiten überhäuft, die Strenge der Jahreszeit, in der die Landesverweisung eines kränklichen Mannes barbarisch war, alles ließ mich mit vielen andren Leuten glauben, daß es sich bei diesem Befehle um ein Mißverständnis handelte und die Uebelgesinnten gerade die Zeit der Weinlese und der Unvollständigkeit des Senats gewählt hätten, um mir diesen Schlag plötzlich zu versetzen. Hätte ich auf meine erste Entrüstung gehört, so wäre ich auf der Stelle abgereist. Aber wohin gehen? Was sollte beim Eintritt des Winters ohne Ziel, ohne Vorbereitung, ohne Führer, ohne Wagen aus mir werden? Wollte ich nicht alles, meine Papiere, meine Habseligkeiten, alle meine Angelegenheiten in Stich lassen, so bedurfte ich Zeit, um dafür zu sorgen, und in dem Befehle war nicht ausgesprochen, ob man mir eine Frist gewährte oder nicht. Die Fortdauer meines Unglücks begann meinen Muth mehr und mehr zu schwächen. Zum ersten Male fühlte ich, wie sich mein angeborener Stolz unter das Joch der Notwendigkeit beugte, und trotz der Einsprache meines Herzens mußte ich mich zu der Bitte um Aufschub erniedrigen. Denselben Herrn von Graffenried, der mir den Befehl zugesandt hatte, ersuchte ich um genauere Auslegung desselben. In seinem Antwortsbriefe redete er über diesen Befehl, den er mir nur mit größtem Bedauern mitgetheilt, sehr mißbilligend; und die Bezeigungen des Schmerzes und der Achtung, von denen das Schreiben erfüllt war, schienen mir eben so viele gar freundliche Einladungen zu sein, mich ganz offen gegen ihn auszusprechen; ich that es. Ich zweifelte gar nicht daran, daß mein Brief diesen unbilligen Menschen die Augen über ihre Grausamkeit öffnen würde, und daß, falls man einen so barbarischen Befehl auch nicht widerriefe, man mir doch wenigstens eine vernünftige Frist und vielleicht den ganzen Winter bewilligte, um mich zu meinem Abzuge vorzubereiten und eine andere Zufluchtsstätte zu wählen. In Erwartung der Antwort begann ich über meine Lage und den Entschluß, den ich zu fassen hatte, nachzudenken. Nach allen Seiten hin sah ich so viele Schwierigkeiten, der Kummer hatte mich so hart angegriffen, und ich befand mich in diesem Augenblicke so leidend, daß ich mich ganz niederbeugen ließ, und meine Entmuthigung die Wirkung hatte, mir die wenigen Hilfsquellen zu rauben, die noch in meinem Geiste lagen, um mich so gut als möglich meiner traurigen Lage zu entreißen. Wohin ich mich auch immer flüchten wollte, so viel war klar, daß ich mich den beiden Arten, deren man sich zu meiner Vertreibung bedient hatte, nie entziehen konnte; die eine bestand darin, die Volksmasse im Geheimen gegen mich aufzuhetzen, die andere darin, mich mit offener Gewalt ohne Angabe eines Grundes zu vertreiben. Ich konnte folglich auf keinen gesicherten Zufluchtsort zählen, falls ich ihn nicht in größerer Ferne suchen wollte, als es mir meine Kräfte und die Jahreszeit zu gestatten schienen. Da mich dies alles auf die Gedanken zurückführte, mit denen ich mich zu beschäftigen begonnen hatte, wagte ich den Wunsch auszusprechen, man möchte mich lieber zu lebenslänglichem Gefängnisse verurtheilen, als mich unaufhörlich auf Erden umherirren lassen, indem man mich nach und nach aus allen Asylen vertriebe, die ich mir irgend wählen möchte. Zwei Tage nach meinem ersten Briefe schrieb ich einen zweiten an Herrn von Graffenried, um ihn zu bitten, ihren Excellenzen diesen Vorschlag zu machen. Die Antwort aus Bern auf beide war ein in den bestimmtesten und härtesten Ausdrücken erlassener Befehl, die Insel und das ganze mittelbare wie unmittelbare Gebiet der Republik innerhalb vierundzwanzig Stunden zu verlassen und zur Vermeidung der schwersten Strafen nie wieder dahin zurückzukehren. Dieser Augenblick war entsetzlich. Ich habe mich öfter in schlimmeren Aengsten, aber nie in größerer Verlegenheit befunden. Was mich jedoch am meisten mit Kummer erfüllte, war die Notwendigkeit, auf den Plan zu verzichten, der es mir wünschenswerth machte, den Winter auf der Insel zuzubringen. Es ist an der Zeit, die verhängnisvolle Begebenheit zu berichten, die meinem Unglück die Krone aufgesetzt und ein unglückliches Volk, dessen aufsprießende Tugenden verhießen, daß sie eines Tages denen Spartas und Roms gleichkommen würden, in mein Verderben mit hineinzog. In dem » Contrat social « hatte ich von den Corsen wie von einem neuen Volke, dem einzigen in Europa geredet, das noch nicht unter der Gesetzgebung gelitten hatte, und auf die große Hoffnung hingewiesen, die man auf ein solches Volk setzen müßte, wenn es das Glück hätte, einen weisen Lehrer zu finden. Mein Werk wurde von einigen Corsen gelesen, die für die ehrenvolle Art, in der ich mich über sie aussprach, dankbar waren; und die Nothwendigkeit, in der sie sich befanden, an dem Aufbau ihrer Republik zu arbeiten, brachte ihre Anführer auf den Gedanken, mich um meine Ideen über dieses wichtige Werk zu bitten. Ein Herr Buttafuoco, aus einer angesehenen Familie des Landes und Capitain in dem französischen Regimente Royal-Italien, schrieb hierüber an mich und besorgte mir mehrere Aktenstücke, um die ich ihn ersucht hatte, um mich mit der Geschichte und dem Zustande des Landes vertraut zu machen. Auch Herr Paoli schrieb mehrmals an mich, und obgleich ich einsah, daß ein solches Unternehmen über meine Kräfte ging, glaubte ich sie bei einem so großen und schönen Werke nicht vorenthalten zu dürfen, sobald ich alle dazu nöthigen Anleitungen erhalten haben würde. Genau um dieselbe Zeit erfuhr ich, daß Frankreich Truppen nach Corsica sandte und einen Vertrag mit den Genuesen abgeschlossen hätte. Dieser Vertrag und diese Truppensendung versetzten mich in Unruhe; und ohne mir einzubilden, daß ich in irgend einer Beziehung zu dem allen stehen könnte, hielt ich es doch für unmöglich und lächerlich an einem Werke, das wie die Constituirung eines Volkes eine so tiefe Ruhe verlangt, in dem Augenblicke mitzuwirken, wo es vielleicht auf dem Wege war unterjocht zu werden. Ich verhehlte Herrn Buttafuoco meine Befürchtung nicht, der mich durch die Versicherung beruhigte, daß, wären wirklich in diesem Vertrage Dinge vorhanden, die mit der Freiheit seiner Nation in Widerspruch ständen, ein so guter Bürger wie er nicht im Dienste Frankreichs bleiben würde, wie er doch thäte. In der That konnte sein Eifer für das Verfassungsleben Corsikas sowie seine enge Verbindung mit Herrn Paoli in mir keinen Argwohn gegen ihn aufkommen lassen, und als ich vernahm, daß er häufige Reisen nach Versailles und Fontainebleau unternahm und mit Herrn von Choiseul Beziehungen unterhielt, so schloß ich daraus nichts anderes, als daß er über die wirklichen Absichten des französischen Hofes Bürgschaften hätte, die er mir zu verstehen geben wollte, wenn er sich auch nicht brieflich darüber offen erklären konnte. Dies alles beruhigte mich theilweise. Da ich indessen diese Sendung französischer Truppen nicht begriff und vernünftigerweise nicht annehmen konnte, daß sie zum Schütze der corsikanischen Freiheit da wären, weil die Bewohner der Insel sehr wohl im Stande waren, sich allein gegen die Genueser zu vertheidigen, so konnte ich mich nicht völlig beruhigen, noch mich freudig an der mir vorgelegten Verfassungsarbeit betheiligen, bis ich genügende Beweise hätte, daß dies alles nicht ein bloses Spiel zu meiner Verhöhnung wäre. Mir wäre eine Zusammenkunft mit Herrn Buttafuoco sehr erwünscht gewesen; es war das einzige Mittel, von ihm die Aufklärungen zu erhalten, die ich bedurfte. Er ließ sie mich hoffen, und ich hoffte auf sie mit größter Ungeduld. Ich weiß nicht, ob er die Absicht wirklich gehabt hatte; aber wäre es der Fall gewesen, so hätte mich mein Unstern verhindert, die Gelegenheit zu benutzen. Je mehr ich über das vorgeschlagene Unternehmen nachdachte, je weiter ich in der Prüfung der sich in meinen Händen befindlichen Aktenstücke vorrückte, desto mehr fühlte ich die Notwendigkeit, das Volk, für welches die Verfassung bestimmt war, sowie den Boden, auf dem es wohnte, und alle Verhältnisse, welchen eine solche Verfassung angepaßt werden mußte, aus der Nähe zu studieren. Ich begriff jeden Tag mehr, daß es mir unmöglich wäre, aus der Ferne alle zu meiner Leitung nöthigen Aufklärungen zu erlangen. Ich schrieb darüber an Buttafuoco: er sah es selbst ein; und wenn ich auch noch nicht völlig fest entschlossen war, mich nach Corsika zu begeben, so beschäftigte ich mich doch viel mit den Mitteln, diese Reise zu machen. Ich sprach davon mit Herrn Dastier, der unter Herrn von Maillebois früher auf dieser Insel gedient hatte, und sie deshalb kennen mußte. Er unterließ nichts, um mich von diesem Vorsatze abzubringen; und ich gestehe, daß das gräßliche Gemälde, welches er mir von den Corsen und ihrem Lande entwarf, meinen Wunsch, in ihrer Mitte zu leben, gewaltig abkühlte. Als jedoch die Verfolgungen, in Motiers mich daran denken ließen, die Schweiz zu verlassen, erwachte in mir von neuem dieser Wunsch in der Hoffnung, endlich bei diesen Insulanern die Ruhe zu finden, die man mir nirgends lassen wollte. Nur eins machte mir diese Reise bedenklich: meine Untauglichkeit zu dem thätigen Leben und mein Widerwille gegen dasselbe, zu dem ich in Folge dessen verurtheilt sein würde. Ich war dazu geboren, in der Einsamkeit mit Muße nachzudenken, aber nicht um unter Menschen zu reden, zu handeln, Geschäfte abzuschließen. Die Natur, die mir zu jenem Talent verliehen, hatte es mir zu diesem versagt. Gleichwohl sah ich ein, daß ich, ohne mich unmittelbar an den öffentlichen Angelegenheiten zu betheiligen, von meiner Ankunft in Corsika an genöthigt sein würde, mich der Aufregung des Volkes zu überlassen und sehr häufig mit seinen Führern zu berathschlagen. Sogar der Zweck meiner Reise erheischte, daß ich mich nicht in die Einsamkeit zurückzog, sondern vielmehr mitten im Volke die Aufklärungen suchte, die ich nöthig hatte. Es war klar, daß ich nicht mehr über mich selbst würde verfügen können, daß ich, wider meinen Willen in einen Wirbel mit hineingerissen, für den ich nicht geschaffen war, ein meinem Geschmacke völlig widerstrebendes Leben führen und mich nur in ungünstigem Lichte zeigen würde. Ich sah voraus, daß ich die Ansicht von meiner Fähigkeit, welche meine Werke den Corsen einzuflößen vermocht, durch meine Gegenwart schwerlich aufrecht erhalten könnte, daß ich mich bei ihnen um alle Achtung bringen und zu ihrem wie zu meinem Schaden das in mich gesetzte Vertrauen verlieren würde, ohne das ich das von mir erwartete Werk nicht auszuführen im Stande war. Ich hatte die Ueberzeugung, daß ich, wenn ich so aus meinem Kreise herausträte, ihnen unnütz werden und mich unglücklich machen würde. Gequält, herumgeschleudert von Stürmen jeglicher Art, ermattet von Reisen und Verfolgungen seit mehreren Jahren, fühlte ich lebhaft das Bedürfnis nach Ruhe, die mir meine barbarischen Feinde mit Schadenfreude raubten. Mehr als je seufzte ich nach dieser erquickenden Muße, nach dieser süßen Ruhe Leibes wie der Seele, nach der mein ganzes Verlangen ging, und auf die mein von den Hirngespinsten der Liebe und der Freundschaft zurückgekommenes Herz seine höchste Seligkeit beschränkte. Nur mit Schrecken stellte ich mir die Arbeiten vor, die ich unternehmen, und das stürmisch erregte Leben, dem ich mich überlassen wollte, und wenn die Größe, die Schönheit und der gute Zweck des Gegenstandes meinen Muth belebten, benahm ihn mir wieder völlig die Unmöglichkeit, mit meiner Person erfolgreich einzutreten. Zwanzig Jahre tiefen Nachsinnens hätten mich weniger angegriffen als sechs Monate eines thätigen Lebens inmitten von Menschen und Geschäften und mit der Ueberzeugung, dabei keinen Erfolg zu erzielen. Ich verfiel auf ein Auskunftsmittel, welches mir geeignet schien, alles mit einander in Uebereinstimmung zu bringen. Aus allen meinen Zufluchtsstätten durch die heimlichen Ränke meiner geheimen Verfolger verscheucht, und nur noch in Corsika das Land erblickend, in dem ich auf Ruhe für meine alten Tage rechnen konnte, die sie mir sonst nirgends gönnen wollten, war ich entschlossen, mich nach den Anweisungen des Herrn Buttafuoco dorthin zu begeben, sobald sich mir die Möglichkeit dazu zeigen würde; aber um dort ruhig zu leben, wenigstens dem Anscheine nach auf die Arbeit an der Verfassung zu verzichten und mich, um mich meinen Wirthen für ihre Gastlichkeit einigermaßen dankbar zu erweisen, darauf zu beschränken, an Ort und Stelle ihre Geschichte zu schreiben, wobei ich mir vorbehielt, ganz im Stillen die nöthigen Forschungen anzustellen, um ihnen nützlicher zu werden, wenn sich mir die Gelegenheit zu einer erfolgreichen Wirksamkeit darbieten würde. Indem ich also zunächst keine Verbindlichkeit übernahm, hoffte ich im Stande zu sein, im Stillen und in größerer Gemächlichkeit einen Plan auszusinnen, der ihnen gefallen könnte, und zwar ohne allzu sehr meiner lieben Einsamkeit zu entsagen, oder mich in eine Lebensweise zu fügen, die mir unerträglich war und zu der ich keine Anlage besaß. Aber diese Reise war in meiner Lage keine leicht ausführbare Sache. Nach den Mittheilungen des Herrn Dastier über Corsika fand ich dort nicht die einfachsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenn ich sie nicht mitbringen würde; Wäsche, Kleider, Geschirr, Küchengeräth, Papiere, Bücher, alles mußte man mit sich nehmen. Um mich mit Therese dort anzusiedeln, mußte ich die Alpen übersteigen und auf einer Fahrt von zweihundert Stunden einen ganzen Heereszug hinter mir herschleppen; ich mußte die Staaten mehrerer Souveraine durchkreuzen und bei dem in ganz Europa nach meinem Unglück gegen mich angeschlagenen Ton natürlich gewärtigen, überall Hindernisse zu finden und jedermann bereit zu sehen, es sich zur Ehre anzurechnen, wenn er mir irgend ein neues Weh bereitete und in mir alle Rechte der Völker und der Menschheit verletzte. Die grenzenlosen Kosten, die Beschwerden und Gefahren einer solchen Reise verlangten im voraus Berücksichtigung und ernstliche Erwägung aller Schwierigkeiten. Der Gedanke, mich schließlich allein, ohne Hilfsmittel in meinem Alter und fern von allen meinen Bekannten in der Gewalt dieses barbarischen und wilden Volkes, wie es Herr Dastier mir schilderte, finden zu können, war wohl geeignet, mich einen solchen Entschluß vor der Ausführung ernstlich überlegen zu lassen. Ich sehnte mich leidenschaftlich nach der Zusammenkunft, die mir Buttafuoco in Aussicht gestellt hatte, und wartete auf sie, um mich nach ihrem Ausfalle zu entscheiden. Während ich noch so schwankte, ereigneten sich die Verfolgungen zu Motiers, die mich zum Rückzuge zwangen. Auf eine lange Reise war ich nicht vorbereitet und namentlich nicht auf die nach Corsika. Ich wartete auf Nachrichten von Buttafuoco und nahm meine Zuflucht nach der Insel Saint-Pierre, von der ich, wie gesagt, beim Beginn des Winters vertrieben wurde. Die mit Schnee bedeckten Alpen machten mir diese Auswanderung für den Augenblick unausführbar, besonders bei der mir befohlenen Schnelligkeit. Die Uebertriebenheit eines solchen Befehls machte seine Ausführung allerdings unmöglich; denn mitten in dieser von Wasser eingeschlossenen Einsamkeit, wo mir von Einhändigung des Befehls an nur vierundzwanzig Stunden blieben, um mich zur Abreise zu rüsten und Boote und Wagen zum Fortkommen von der Insel und aus dem ganzen Staatsgebiete zu finden, das hätte ich kaum bewerkstelligen können, selbst wenn ich Flügel gehabt hätte. Ich schrieb dies dem Herrn Landvogt zu Nidau in Beantwortung seines Briefes und beeilte mich aus diesem Lande der Ungerechtigkeit zu scheiden. Auf diese Weise mußte ich meinen Lieblingsplan aufgeben, und da ich es in meiner Entmuthigung nicht hatte durchsetzen können, daß man über mich verfügte, so entschloß ich mich auf die Einladung Mylord Marschalls hin zur Reise nach Berlin, während ich Therese den Winter über mit meinen Sachen und Büchern auf der Insel Saint-Pierre ließ und meine Papiere den Händen Du Peyrous anvertraute. Ich betrieb alles so eilig, daß ich schon am folgenden Morgen von der Insel abreiste und noch vor Mittag in Biel anlangte. Wenig hätte gefehlt, so hätte meine Reise durch einen Zwischenfall, den ich nicht übergehen darf, schon hier ihr Ende erreicht. Sobald sich das Gerücht verbreitete, daß ich den Befehl erhalten hatte, mein Asyl zu verlassen, empfing ich einen Strom von Besuchen aus der Nachbarschaft und namentlich von Bernern, die mit der verabscheuungswürdigsten Falschheit kamen, um mir den Hof zu machen, mich zu besänftigen und mir zu betheuern, man hätte sich den Augenblick der Ferien und der Unvollständigkeit des Senats zu Nutze gemacht, um diesen Befehl durchzusetzen und mir zuzustellen, über den nach ihrer Behauptung die »Zweihundert« entrüstet wären. Unter dieser Schaar von Tröstern erschienen auch einige aus der Stadt Biel, einer kleinen, rings von Berner Gebiet umgebenen Freistadt, und unter andern ein junger Mann, Namens Wildremet, dessen Familie den höchsten Rang einnahm und den Haupteinfluß in dieser kleinen Stadt besaß. Wildremet beschwor mich lebhaft im Namen seiner Mitbürger, mein Asyl unter ihnen zu nehmen, indem er mir die Versicherung gab, daß sie mich eifrig aufzunehmen wünschten, daß sie es sich zur Ehre anrechnen und eine Pflicht daraus machen würden, mich in ihrer Mitte die Verfolgungen vergessen zu lassen, die ich erlitten; daß ich bei ihnen keinen Einfluß der Berner zu befürchten hätte, daß Biel eine freie Stadt wäre, die sich von niemandem Gesetze vorschreiben ließe, und daß alle Bürger einstimmig entschlossen wären, auf kein gegen mich gerichtetes Gesuch zu hören. Als Wildremet sah, daß er mich nicht unschlüssig machte, ließ er sich von mehreren andren Personen unterstützen, sowohl aus Biel und Umgegend, wie auch aus Bern selbst und unter andern von dem nämlichen Kirchberger, der mich, wie bereits erwähnt, nach meinem Rückzuge in die Schweiz aufgesucht, und dem ich um seiner Talente und Grundsätze willen meine Theilnahme zugewandt hatte. Allein unerwarteter und deshalb mehr in das Gewicht fallend waren die freundlichen Aufforderungen des Herrn Barthès, eines französischen Gesandtschafts-Secretärs, der mich mit Wildremet besuchte, mir dringend zuredete, seiner Einladung nachzukommen, und mich durch den lebhaften und zärtlichen Antheil, den er an mir zu nehmen schien, in Erstaunen setzte. Ich kannte Herrn Barthès gar nicht; ich sah ihn jedoch in seine Worte die Wärme und den Eifer der Freundschaft legen und nahm wahr, daß es ihm wirklich am Herzen lag, mich zu der Uebersiedlung nach Biel zu überreden. Er sprach sich gegen mich in der belobigendsten Weise über diese Stadt und ihre Bewohner aus, mit denen er sich so innig verbunden zeigte, daß er sie in meiner Gegenwart mehrmals seine Patrone und Väter nannte. Dieser Schritt des Herrn Barthès machte mich in allen meinen bisherigen Vermuthungen irre. Ich hatte stets Herrn von Choiseul als den verborgenen Urheber aller Verfolgungen, die ich in der Schweiz erduldet, in Verdacht gehabt. Das Benehmen des französischen Residenten in Genf und des Gesandten in Solothurn bestärkten diesen Verdacht nur allzu sehr; ich bemerkte Frankreich im Geheimen auf alles Einfluß ausüben, was mir in Bern, in Genf, in Neufchâtel widerfuhr, und ich glaubte in Frankreich keinen andren mächtigen Feind zu besitzen als den Herzog von Choiseul Es ist auffallend, daß Rousseau alle Verfolgungen, die er erduldet, lediglich dem Herzog von Choiseul zuschreibt, und daß er ihm nicht Voltaire beigesellt, dessen er in diesem ganzen Buche nicht einmal erwähnt. allein. Was konnte ich demnach von dem Besuche des Herrn Barthès und von dem zärtlichen Antheile denken, den er an meinem Loose zu nehmen schien? Mein Unglück hatte diese meinem Herzen angeborene Vertrauensseligkeit noch nicht zerstört, und die Erfahrung mich noch nicht gelehrt, unter den Liebkosungen überall Fallstricke zu sehen. Voll Erstaunen suchte ich nach dem Grunde dieses Wohlwollens des Herrn Barthès; ich war nicht thöricht genug zu glauben, daß er diesen Schritt aus eigenem Antriebe thäte; ich gewahrte darin eine Offenkundigkeit und sogar eine Absichtlichkeit, die eine geheime Absicht verrieth; und überdies hatte ich noch nie bei diesen untergeordneten Agenten jene edelmüthige Unerschrockenheit gefunden, die mir in einer ähnlichen Stellung oft mein Herz geschwellt hatte. Bei Herrn von Luxembourg hatte ich einst den Chevalier von Beauteville ein wenig kennen gelernt; er hatte mir einiges Wohlwollen bewiesen; seit seiner Gesandtschaft hatte er mir auch noch Zeichen des Andenkens gegeben und mich sogar einladen lassen, ihn in Solothurn zu besuchen. Diese Einladung hatte mich, ohne daß ich ihr Folge leistete, doch gerührt, da ich von hohen Beamten eine so höfliche Behandlung nicht gewohnt war. Ich nahm deshalb an, daß Herr von Beauteville, wenn auch gezwungen, die ihm in Bezug auf die Genfer Angelegenheiten ertheilten Aufträge auszuführen, mich doch meines Unglücks halben bedauerte und mir durch seine persönliche Bemühung diese Zuflucht in Biel verschafft hätte, um dort unter seinem Schutze ruhig leben zu können. Ich war für diese Aufmerksamkeit dankbar, wenn ich sie auch nicht zu benutzen gedachte, und zur Reise nach Berlin fest entschlossen, sehnte ich mich leidenschaftlich nach dem Augenblicke, wo ich mit Mylord Marschall wiedervereinigt sein sollte, überzeugt, daß ich nur an seiner Seite eine wahre Ruhe und ein dauerhaftes Glück finden würde. Bei meiner Abreise von der Insel begleitete mich Kirchberger bis nach Biel. Dort fand ich Wildremet und einige andere Bieler, die mich beim Aussteigen aus dem Boote erwarteten. Wir speisten im Wirthshause alle zusammen, und unmittelbar nach meiner Ankunft war es meine erste Sorge, einen Wagen zu bestellen, da ich am nächsten Morgen abreisen wollte. Während des Essens drangen die Herren von neuem mit Bitten in mich, um mich in ihrer Mitte zurückzuhalten, und zwar mit so großer Wärme und so rührenden Verheißungen, daß sich mein Herz, welches Zärtlichkeiten nie zu widerstehen vermochte, von den ihrigen trotz aller meiner Beschlüsse bewegen ließ. Sobald sie mich erschüttert sahen, verdoppelten sie ihre Bemühungen mit solchem Erfolge, daß ich mich endlich besiegen ließ und einwilligte, in Biel zu bleiben, wenigstens bis zum nächsten Frühlinge. Sofort beeilte sich Wildremet, mir eine Wohnung zu verschaffen, und rühmte mir als einen ganz besonders glücklichen Fund ein nach dem Hofe hinaus gelegenes häßliches Kämmerlein im dritten Stocke an, von dem aus ich mein Auge an dem Gerüste stinkender Häute eines Weißgerbers weiden konnte. Mein Wirth war ein kleiner Mann mit gemeinem Gesichte und ein vollkommener Schurke, der mir am folgenden Tage als Wüstling, Spieler und als eine in dem ganzen Stadtviertel übel berüchtigte Persönlichkeit geschildert wurde. Er hatte weder Weib noch Kinder noch Dienstleute, und in mein einsames Zimmer kläglich eingesperrt, war ich in der lachendsten Landschaft von der Welt so eingepfercht, daß ich in wenigen Tagen hätte vor Schwermuth sterben können. Was mich am meisten schmerzte, war, daß ich trotz allem, was man mir von dem freundlichen Entgegenkommen der Einwohner gesagt hatte, beim Durchschreiten der Straßen nichts von Höflichkeit gegen mich in ihrem Benehmen, von Zuvorkommenheit in ihren Blicken gewahrte. Trotzdem war ich fest entschlossen, da zu bleiben, als ich bereits den folgenden Tag hörte, sah und begriff, daß in der Stadt eine furchtbare Aufregung gegen mich herrschte. Mehre dienstfertige Leute kamen außerordentlich höflich, um mir mitzutheilen, schon am andern Tage würde man mir einen in härtester Form erlassenen Befehl zufertigen, auf der Stelle den Staat, das heißt die Stadt, zu verlassen. Ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Alle, die mich zurückgehalten, hatten sich zerstreut. Wildremet war verschwunden, von Barthès hörte ich nicht mehr reden, und es schien nicht, daß mir seine Empfehlung bei den Patronen und Vätern, die er sich in meiner Gegenwart beigelegt hatte, sehr vorteilhaft gewesen wäre. Ein Herr von Vau-Travers, ein Berner, der ein niedliches Haus vor der Stadt besaß, bot mir jedoch ein Asyl darin an, in der Hoffnung, wie er sagte, daß ich mich darin der Steinigung entziehen könnte. Diese Aussicht schien mir nicht verführerisch genug, um mich in Versuchung zu bringen, meinen Aufenthalt bei diesem gastfreundlichen Volke zu verlängern. Da ich dadurch jedoch drei Tage verloren, so hatte ich die mir von den Bernern zur Räumung ihrer Staaten festgesetzten vierundzwanzig Stunden bedeutend überschritten, und da ich ihre Härte kannte, konnte ich mich nicht einiger Sorge über die Art entschlagen, wie sie mich hindurchlassen würden, als mich der Landvogt von Nidan rechtzeitig aus meiner Verlegenheit riß. Da er die Gewaltmaßregel ihrer Excellenzen laut gemißbilligt hatte, glaubte er mir in seinem Edelmuthe ein öffentliches Zeugnis schuldig zu sein, daß er daran keinen Antheil hätte, und nahm keinen Anstand, seinen Amtsbezirk zu verlassen, um mir in Biel einen Besuch abzustatten. Er kam den Tag vor meiner Abreise, und zwar nicht etwa incognito, sondern seinen Secretär neben sich in der Kutsche und in vollem Staate und brachte mir einen von ihm amtlich unterschriebenen Paß, um das Berner Gebiet, wo ich wollte, und ohne Furcht einer Belästigung durchreisen zu können. Der Besuch rührte mich mehr als der Paß. Ich würde ihm kaum weniger dankbar gewesen sein, wenn dieser Besuch einem andern als mir gegolten hätte. Ich kenne nichts, was einen so mächtigen Eindruck auf mein Herz ausübt, als eine Handlung des Heldenmuths im rechten Augenblicke zu Gunsten eines Schwachen gethan, der ungerechterweise unterdrückt wird. Nachdem ich mir mit Mühe einen Wagen verschafft hatte, reiste ich endlich am folgenden Morgen aus diesem mörderischen Lande ab, noch vor der Ankunft der Abgeordneten, die man mir zu Ehren an mich absenden wollte, ja noch ehe ich Therese wiedersehen konnte, die ich in dem Glauben, in Biel zu bleiben, mir zu folgen aufgefordert hatte, und der ich kaum in einigen flüchtigen Worten, in denen ich ihr mein neues Unglück anzeigte, Gegenbefehl ertheilen konnte. Aus meinem dritten Theile wird man, wenn ich je die Kraft ihn zu schreiben habe, ersehen, wie ich in dem Wahne nach Berlin zu reisen, in Wahrheit nach England reiste, und wie die beiden Damen, die über mich verfügen wollten, nachdem sie mich aus der Schweiz, wo ich mich nicht genug in ihrer Gewalt befand, durch ihre Ränke vertrieben hatten, mich schließlich doch noch an ihren Freund auslieferten. Bei der Vorlesung dieser Schrift, die ich vor dem Grafen und der Gräfin Egmont, dem Prinzen von Pignatelli, der Frau Marquise von Mesmes und dem Herrn Marquis von Juigné hielt, habe ich das Folgende hinzugefügt: Ich habe die Wahrheit gesagt; wenn jemand etwas weiß, was dem so eben Erzählten widerspricht, und sollte er tausend Beweise dafür beibringen, so ist es Lüge und Betrug; und wenn er sich weigert, die Sache mit mir, so lange ich noch am Leben bin, zu untersuchen und aufzuklären, so liebt er weder die Gerechtigkeit noch die Wahrheit. Ich für meine Person erkläre laut und ohne Scheu: Wer, sogar ohne meine Werke gelesen zu haben, mit eigenen Augen meine Natur, meinen Charakter, meine Sitten, meine Neigungen, meine Vergnügungen, meine Gewohnheiten prüft und mich gleichwohl für einen unrechtlichen Menschen zu halten im Stande ist, der ist selber werth, ausgerottet zu werden. So schloß ich meine Vorlesung, und jedermann schwieg; Frau von Egmont schien mir allein bewegt; sie zitterte sichtlich, faßte sich aber bald wieder und beobachtete wie die übrige Gesellschaft Schweigen. Das war die Frucht, die ich aus dieser Vorlesung und aus meiner Erklärung erntete.   Ende des zweiten Theils.