Rahel Sanzara Die glückliche Hand Roman I Krankenschwester Lotte Schuhmacher aus Berlin hatte, wie sie selber sagte, ihre staatliche Prüfung nur mit Ach und Krach bestanden. Einer der examinierenden Ärzte hatte sogar ihre phlegmatischen und wie es ihm schien uninteressierten Bewegungen getadelt und verzweifelt den Kopf geschüttelt, als er sah, wie entschlußlos und beinahe bockig Lotte vor dem Patienten stand, einem allerdings ungewöhnlich großen, breiten Mann, dem sie einen »spanischen Mantel« – eine besonders komplizierte Ganzpackung – anlegen sollte. »Die armen Kranken, die da hilflos unter Ihre Finger kommen!« meinte der Doktor ziemlich grob, während der Patient, dem die kleine brünette Lotte mit dem frischen, wenn auch etwas grobzügigen Gesicht und den ein wenig vorquellenden Schwarzkirschenaugen gefiel, ungeachtet seines Fiebers und seiner Schmerzen ihr gutmütig zuraunte: »Knien Sie sich doch einfach zu mir aufs Bett!« – Dies tat Lotte, vom Blitze der Erleuchtung getroffen, denn auch sofort und brachte nun mit gänzlich unerwarteter Behendigkeit geschickt und kunstgerecht den spanischen Mantel zuwege. Da sie aus dem Lehrgang für Irren- und Nervösenpflege eine besondere Belobung für geduldigen und beruhigenden Umgang mit diesen Kranken vorzuweisen hatte, auch im Theoretischen verhältnismäßig gut abschnitt, war ihre Ausbildung – ein großes Geldopfer für ihre Eltern – also doch nicht umsonst gewesen, und anstatt als Tochter eines Maurerpoliers Dienstmädchen werden zu müssen – da Lotte es sich schrecklich dachte, etwa Büroangestellte oder Verkäuferin zu sein –, erreichte sie nach dem Wunsche der Mutter den Stand einer staatlich geprüften Krankenschwester, trug Häubchen, blaues Kleid und weiße Schürze, die kreuzgezeichnete Brosche einer Organisation. Wohl freute sich Lotte über die Achtung, die Familie und Bekanntschaft ihr nun deutlich entgegenbrachte, doch war sie immer wieder am frohesten, wenn sie an ihren freien Tagen in ihre Zivilkleider schlüpfen, den unter der Haube straffgezogenen Scheitel lockern und ein wenig »toupieren« konnte. Ein paar winzige Stirnlöckchen brannte sie sich auch und kaufte sich von ihren ersten ersparten paar Mark eine rosa Seidenbluse, Lackhalbschuhe und Florstrümpfe mit Durchbruch à jour. – Sie las leidenschaftlich gern Romane und Gedichte, ein stetes Ärgernis für die Mutter, indes der Vater begütigend meinte, daß die Bücher doch nun einmal geschrieben und gedruckt worden seien, um gelesen zu werden. – »Aber nicht von meiner Tochter!« entschied die Mutter, »das ist alles nur Satanswerk.« Obwohl in der Großstadt aufgewachsen – im Gegensatz zu ihrem Manne, der vom Land hereingekommen war und seine Frau sich eigentlich »ein bißchen flotter« gedacht hatte, wie er einmal nach Jahren der Ehe sich und ihr eingestand –, so war die Mutter doch von strengen moralischen Ansichten und nach wahrer Frömmigkeit bestrebt. Sie hätte es richtig und in einem gewissen Hochmut auch so vornehm gefunden, wenn ihre Tochter einem Orden, und zwar einem möglichst strengen, beigetreten wäre. Aber obgleich die Mutter eine große Autorität über Mann und Kind besaß, konnte sie das von Lotte durchaus nicht erreichen. »Du wirst dich doch nicht als Angestellte betrachten wollen, die für schlechtes Geld den Leuten die Nachttöpfe fortträgt«, so versuchte sie die Tochter zu überzeugen, »für Gehalt und klingende Münze hast du doch nicht so einen opfervollen Beruf erwählt! Denn das soll er sein, und da kannst du ihn nur um Gottes Lohn und Liebe erfüllen –« »Wieso?« widersprach Lotte naiv. »Du willst doch haben, daß ich die Kosten für meine Ausbildung zurückzahle, und man kann auch in einer freien Organisation seine Pflicht tun.« »Gott kann solche Leiden doch nur geschickt haben, damit die Gesunden ihre Kräfte daran prüfen und das Gebot der Nächstenliebe erfüllen«, antwortete darauf die Mutter wie mehr in eigener Betrachtung, und, der erwähnten Geldfrage ausweichend, sich der Schilderungen Lottes aus der Zeit ihrer Pflege der Gemüts- und Geisteskranken erinnernd, deren Schrecknisse sie sich oft hervorrief, um ihren »Glaubensstand« daran zu prüfen. Aber Lotte ging auf diese Abschweifung nicht ein. »Dann hätte ich ja gleich Nonne werden können, und dazu passe ich nun mal ganz bestimmt nicht!« entschied sie klar und endgültig. Lotte hatte also weder Begeisterung genug für ihren Beruf, um so weltabgewandt zu leben, wie die Mutter es sich wünschte, noch aber war sie auch besonders umgängig oder gar vergnügungssüchtig. Ihre ehemaligen Schulfreundinnen, dann ihre Kolleginnen in den Ausbildungskursen, alles echte Geschöpfe der Großstadt, fanden sie immer mehr langweilig und spießiger werdend, klagten, sie verderbe jedesmal die schönsten Späße, weil sie »kneife«, und bei den übermütigen, oft gewagten Festen, mit denen die angehenden Krankenschwestern sich ihren Anteil an lockerer Lebensfreude gleichsam ihrem späteren, aufreibenden Beruf vorwegnahmen, warf man Lotte vor, sie sitze da wie ein Klotz. Nach und nach zogen sich alle Altersgenossinnen von ihr zurück. Neue Bekanntschaften schloß Lotte nur schwer, und obwohl alles in ihr träumte und auf ein Liebesglück wartete, blieb sie auch da in völliger Verlassenheit. Sei es, daß die dumpfe Schwere und Triebkraft ihrer Natur, wenn sie verspürt wurde, abschreckend wirkte, oder umgekehrt Lottes Schwerfälligkeit für Empfindungsmangel gehalten wurde – die Männer fühlten sich jedenfalls nicht sonderlich von ihr angezogen, und jene, die sich ihr keck oder ihr wahres Wesen verkennend und dem frischen, versprechenden Mädchenleib zustrebend nähern wollten, stießen wiederum Lotte meistens ab. Tanzveranstaltungen mit ihren sinnlichen Erregungen, überhaupt die Freiheiten des großstädtischen Lebens waren ihr widerwärtig, nicht aus Prüderie oder vorsätzlicher Tugend, sondern nur, weil sie ihre gestaltlosen, aber süßen Träumereien störten. Auch Filme und Theatervorstellungen sah sie nicht gern an, denn die Vorgänge waren ihr in den Dramen und Schauspielen entweder zu tragisch und bedrohten das Erfüllung versprechende Gefüge ihrer Welt, oder aber sie waren ihr auf der Leinwand zu deutlich und gegenwärtig im geschilderten Glück und trotz allem happy end noch immer nicht verheißungsvoll genug. Fast ein Schrecken blieben für Lotte alle anreizenden, anpreisenden Plakate, denen sie doch von Kind an allüberall auf ihren Wegen begegnen mußte. Sie kniff mit fast altjüngferlichem, überheblichem Kopfschütteln die Augen bei ihrem bunten Anblick zu, als verstände sie schon jetzt, in ihrer ersten Jugend, die Welt nicht mehr, und als sähe sie am liebsten das ganze regsame Leben um sie her in ein trächtiges Dunkel gehüllt. So verbrachte Lotte Jahre der sehnsüchtigen Leere und Einsamkeit, die sonderbar waren bei ihrer Jugend und im Grunde einfachen Natur. Dagegen hatte sie über Verdienst Glück in ihrem Beruf. Sie fand ohne viele Mühen sofort Beschäftigung in einer größeren, gut geleiteten Privatklinik, in der berühmte Ärzte arbeiteten. Aber sie blieb im Innersten auch dabei unberührt; die mannigfaltigsten Schicksale, die sich vor ihr erfüllten, die oft so schweren Kämpfe auf Leben und Tod gingen ihr nicht allzu nahe. Schneller als sonst Anfänger in der Krankenpflege lernte es Lotte, nicht so sehr leidende Menschen in den Patienten zu sehen, als mehr »klinisch schwerere oder leichtere Fälle«, wie sie stolz nachsprach, und ihre Anstrengungen zielten von Anfang an hauptsächlich darauf hin, den Anordnungen der Ärzte gerecht zu werden und deren Zufriedenheit für wichtiger zu nehmen als die der Patienten, denn: war der Arzt zufrieden, mußten es die Kranken doch auch sein, war Lottes Überlegung. Jedoch verfiel sie auch nicht in eine der üblichen, verliebten Schwärmereien für den oder jenen der Ärzte, machte sich keine »hoffnungslosen Illusionen«, was ihr von der allezeit zu Neid und Eifersucht bereiten Schwesternkollegenschaft hoch angerechnet wurde. So war sie der Reihe nach auf fast allen Stationen der Klinik tätig, erfüllte, ihr seelisches Pfund wenn auch unbewußt für sich behaltend und hütend, überall immer gerade das Notwendige ihrer Pflichten, dieses allerdings tadellos. Zuletzt wurde sie auf ihren Wunsch, vorerst vertretungsweise, dann ständig zur Nachtwache der chirurgischen Abteilung verwendet. Dieser Posten wurde ihr sehr lieb: es gab nicht allzu viel zu tun, die ganz schweren Fälle hielten sich meist Privatschwestern, und selten widerfuhr ihr »das Pech«, wie sie es nannte, daß nachts eine Aufnahme kam. Ihre Gesundheit vertrug das Wachen ausgezeichnet, und ihre Vorgesetzten wußten es mit der Zeit besonders an Schwester Lotte zu schätzen, daß sie mit selten tadelloser Sicherheit entscheiden konnte, wann es wirklich nötig war, den Arzt zu wecken, oder ob dieses Verlangen etwa eines unruhigen Patienten ohne Gefahr zu umgehen und auszureden war. Es passierte ihr nie etwas, und die Oberschwester sowie die Assistenzärzte konnten sicher sein, daß es auch bei besorgten Anlässen in Ordnung war, wenn Lotte sie nicht rief. Man trug ihr also diesen Posten für die Dauer an, und sie willigte gern ein. So döste sie nun in der Regel Nacht für Nacht und träumte Stunde um Stunde in dem Lehnsessel des kleinen, stillen, mit hellblauer Ölfarbe gestrichenen, nur von einer Nachttischlampe erhellten Wachzimmers vor sich hin, eine Handarbeit oder, weit öfter, ein Buch in den Händen. Sie las durchschnittlich jede Woche einen Band aus der kleinen Bibliothek der Klinik, und es machte ihr keinen Unterschied aus, ob es die Palmblätter von Gerok, die ägyptische Königstochter von Ebers, der Kampf um Rom von Felix Dahn, oder ob es die Gedichte von Mirza Schaffy, die Landgräfin, »Seine zweite Frau«, von Marlitt war: keines der Themen, der mitgeteilten Gefühle und dargestellten Schicksale erregten ihre tiefere Anteilnahme. Gleichwohl hafteten ganze Absätze, irgendwelche Satzpartien, Gedichte und Verszeilen dessen, was sie da in stumpfer Lesegier verschlang, in ihrem Gedächtnis fest, führten hier eine Art selbständigen Lebens, ihr Innerstes umkreisend, das nach wie vor nur erfüllt war von einem bald drängenden, bald ziehenden Sehnsuchtsempfinden, von einem saugenden, gierigen Lauern auf etwas, das sie nicht hätte benennen können. Aber sie hatte auch gar kein Verlangen, sich darüber oder über sich selbst klar zu sein. Ertönte einmal die Glocke, so zog sie nachtwandlerisch in das betreffende Krankenzimmer, setzte den an sie gerichteten Klagen oder Schmerzenslauten meist einen gedämpften, unartikulierten, beruhigenden und wie es schien eingehenden Laut entgegen, ungefähr wie »uhjah«, – »ohhum«, – »wehwei«, – »nililimm« –, oder schnalzte bei besonders eindringlich vorgebrachten, vermutlich auch etwas übertriebenen Leidensbeteuerungen mit der Zunge, als vernähme sie da etwas ganz Verwundernswürdiges, und die Patienten mußten oft genug wider Willen über sie lachen. Im übrigen kam Lotte den Bitten des Kranken mit sicheren, wenn auch etwas langsamen Bewegungen nach, sobald sie es für richtig befand, diese Bitten zu erfüllen. Sie ließ sich eben durch kein noch so beängstigendes Zeichen täuschen oder erschrecken, gab die Morphiumspritze, den Kampher wirklich nur, wenn es nötig war, und behielt in ihrer gewissen Unzugänglichkeit stets und immer recht gegen den aufgeregten, überbesorgten, oft unvernünftigen Patienten. Ihr »kaltblütiges« Wesen fing nach einer Zeit, in der es eine beinahe ärgerliche Verwunderung erregt hatte, an, Lottes Umgebung zu imponieren. Es wurde ihr lange nicht vergessen und gewissermaßen als Ruhmestat angerechnet, wie sie als Erste den Tobsuchtsanfall eines nach der Operation aus der Narkose zu sich kommenden Alkoholikers richtig erkannte. Sie war in noch ziemlich früher Abendstunde zum Abtransport aus dem Operationssaal zu Hilfe gerufen worden und machte sofort den sich eben entfernenwollenden Assistenzarzt auf ihren Verdacht aufmerksam. Doch man bedeutete ihr, daß der Patient für eine solche Befürchtung viel zu leicht eingeschlafen sei und die Narkose jetzt auch noch anhalten müsse. Mit dieser Beruhigung verschwand der nach einem besonders arbeitsreichen Tage müde Doktor in dem Fahrstuhl. Lotte aber ließ den noch anwesenden Pfleger in die Pförtnerloge um den Arzt telefonieren, als der Tobende gerade erst begann, mit seinen noch festgeschnallten Gliedern zu zucken, allerdings so, daß der ganze Operationstisch in Bewegung geriet. Als Arzt und Wärter den Raum wieder betreten wollten, fanden sie Lotte am Wasserhahn stehen, an dem sie geschwind einen Spülschlauch angebracht hatte, dessen Strahl sie ruhig und zielsicher gegen den Kranken gerichtet hielt, der sich längst von allen Fesseln befreit hatte und mit übermenschlichen Kräften gerade den gläsernen Instrumentenschrank gegen das große Operationsfenster schleuderte. – »Raus, Lotte, raus!« rief man ihr zu, im Bestreben, fürs erste das Zimmer mit dem Unbändigen abzusperren. Doch Lotte war anderer Ansicht. – »Der läßt schon nach!« schrie sie durch das Getöse zurück, und zielte mit ihrem gar nicht so sehr starken Strahl möglichst gegen die Brust und Herzgegend des nackt, in einem Gipsverband um den gebrochenen rechten Unterschenkel, wankend umherstampfenden Patienten, nachdem sie ihm bisher den Kopf begossen hatte. – »Packt ihn doch! Das ganze frische Zuckerbein geht ja kaputt!« – Unwillkürlich gehorchte man ihr, und mit Unterstützung einiger noch herbeigeeilter Hilfskräfte suchte man den Tobenden zu packen, und triefend vor Nässe allesamt – denn Lotte kam von ihrer Idee, Wasser zu spritzen, nun schwer wieder ab –, konnte der arme Kranke endlich wieder zur Raison gebracht werden. Und während die anderen, halb entsetzt, halb lachend, noch ganz außer sich waren, mahnte Lotte, nur nicht zu vergessen, »möglichst zeitig in der Morgenröte« nach den durchs Fenster gefeuerten Instrumenten zu suchen, die zwischen den Glassplittern im Klinikgarten liegen mußten, dann kehrte sie in ihre ruhige, dämmerige Wachstube, zu ihren webenden Träumereien zurück. – So tat sie eben doch stets alles, was getan werden mußte, sie tat es korrekt und ohne Aufhebens davon zu machen, und ihre geistige und seelische Abwesenheit wurde für disziplinierte Ruhe und immer mehr für Überlegenheit gehalten. »Schwester Lotte verliert die Ruhe nicht, mag da sein was will, sie ist ein rechtes Vorbild: sie reibt sich nicht auf, klappt nicht zusammen und hat eine glückliche Hand!« – so lobte vor allem die gewichtige, im Dienst altersergraute Oberschwester Laura. Nur einmal war Lotte von Berufs wegen erzittert und erblaßt, und das geschah, als man ihr den Fall eines vierjährigen Kindes berichtete, das in diesem zarten Alter bereits an einer Krebsgeschwulst operiert werden mußte. – »Gott sei Dank, daß ich da nicht pflegen muß«, sagte sie mit ganz erloschener Stimme, »kranke Kinder, und so krank, das dürfte es überhaupt in der ganzen Welt nicht geben!« – Es griff wirklich so nach ihrem Innersten, daß sie in einem durch Tage hindurch immer wieder in ihr auflebenden Erbeben sich selbst wie verstärkt existieren fühlte, und daß sie in einer solchen Bewegung für ein paar Minuten lang sogar den Entschluß faßte, mit der Mutter darüber zu sprechen, um sie zu fragen, wie sie solches wohl mit ihrem Glauben vereinen könne. Sie tat es zuletzt doch nicht, denn es war ja nur wie eine angstvolle Wißbegierde in ihr, wie eine Sorge um Schutz der Seele in diesem einen Punkte Kinderleid – im Grunde zweifelte Lotte weder noch glaubte sie in ihrem stillen Hoffen und Harren. – Merkwürdigerweise hatte sie das Glück, während all dieser Zeit nie ein Kind unter ihren Pfleglingen zu haben.   Tagsüber schlief Lotte daheim im elterlichen Schlafzimmer, stand am späten Nachmittag gähnend auf, konnte es aber nie unterlassen, für die zwei Stunden, die ihr noch bis Dienstantritt blieben, sich mit ihren bescheidenen Zivilkleidern anzuputzen und irgendeinen Gang zu tun, eine kleine Besorgung für sich oder die Mutter zu machen, für die sie jedesmal eine unverhältnismäßig lange Zeit brauchte. Dann legte sie ihre Dienstkleidung an und ging in die Klinik. – Auf diese Weise vergingen zwei Jahre, und der Zwiespalt in Lottes Seele, der sich bis in ihren Beruf hineinzog, dem Beruf, welchem sie ja doch, ohne daß er ihr Freude oder tiefere Befriedigung zurückgab, gerecht wurde und einen großen Teil ihrer Daseinskraft hingab – dieser Zwiespalt, dem sie noch dazu ahnungslos und hilflos gegenüberstand, höhlte sie gleichsam innerlich aus und zeigte sich schließlich auch in einem gewissen Verfall ihrer körperlichen Kräfte an. Lotte wurde blutarm und bleichsüchtig, aß kaum, und ihr Schlafbedürfnis ward derart gesteigert, daß sie nun auch dem Wachposten nicht mehr recht gewachsen schien, sich selbst nicht mehr traute und sich einen Wecker auf den Tisch stellte, dessen Läutewerk sie jede Stunde abschnurren ließ, »auf alle Fälle«. – Da Lotte nun gerade durch die Passivität ihres Wesens das Interesse gewisser Menschen an sich rege machte, erhielt sie durch Vermittlung der um ihre Gesundheit besorgten Oberschwester Laura eine Privatpflege auf einem Landsitz zugewiesen. Bei den Vorbereitungen zu dieser Übersiedlung ließ sie sich von der Aufregung der Eltern, die ihr einziges Kind »noch nie so weit von sich gelassen hatten«, wie die Mutter sich ausdrückte, anstecken. Das dumpf Erwartungsvolle in Lotte erhellte sich zu einer Art Gewißheit der Erfüllung, und in einem zaghaften Übermut meinte die Tochter zu den Eltern: »Paßt auf, ich komme überhaupt nicht wieder in eure Steinwüste zurück, mir blüht das Glück auf dem freien Lande!« – Worauf ihr Vater lachte und meinte, hoffentlich blühe es nicht gerade auf einem saftigen Misthaufen, vor dem die Städter immer gerne die Nase gerümpft hätten, dessen entsinne er sich noch genau, während die Mutter ihre Tochter verwies: »Glück ist erfüllte Pflicht, und die ist überall gleich schwer!«, und Lotte möge sich nur ja recht zusammennehmen, denn dort habe sie, anders als in der Klinik, jede Verantwortung allein zu tragen. Aber Lotte hatte »dort« in der Hauptsache nur einen alten, halbblinden Patienten in einem ausgedehnten, herrlichen Park und in den Wäldern spazieren zu führen, die das ihm zugehörende Gut umgaben. Er war ein Mensch, der viel schwieg, der, dem Leben ziemlich abgewandt, dem Geschick dankbar war für sein geschwächtes Gesicht und nun auch möglichst nichts mehr hören wollte von der Welt. Einzig aus den sich mit den Tages- und Jahreszeiten wandelnden Gerüchen und geheimnisvollen, »nicht mit plumpen Sinnen aufzunehmenden« Lauten der Natur – (Geheimnissen, die allein seiner Meinung nach sich zu enträtseln verlohnen könnten) – empfing der alte Herr noch Lebensfreude und Anregung und durchstreifte darum mit einer fast strengen Gewissenhaftigkeit täglich nach abgemessenen Stunden in Begleitung Lottes Wiese, Wald und Feld. Er hätte keine andere Pflegerin so gut ertragen können wie sie, die ebenso wenig sprach und ebenso wenig an dem Getriebe der Welt interessiert war wie er. Lotte blieb über ein Jahr bei ihm, ihre Gesundheit war bald wieder hergestellt, sie sah blühend aus, und zum Schlusse dieser Zeit stand sie vor ihrer Niederkunft.   Die Geschichte ihrer Verführung gleicht der ihres bisherigen Lebens: stumpf, unerweckt war Lotte den Weg von einem unberührten Mädchen bis zur gebärenden Frau gegangen. Das Wirtschaftsfräulein vom Gute hatte sie mit auf ein Kirchweihfest gelockt, welches das Fräulein ohne Begleitung nicht hatte besuchen mögen. Lotte hatte, wenn auch unter Gesten der Enttäuschung über einen so vulgären Zweck, von ihrem Patienten frei bekommen, war mitgegangen, hatte mitgetrunken, mitgetanzt – hatte wie alle anderen schwer und heiß, wenn auch ohne die allgemeine Freudigkeit, in den Armen verschiedener Tänzer gelegen, deren gerötete Gesichter sie wie in einer halb quälenden, halb wohligen Benommenheit kaum hatte unterscheiden können. Nur einmal, als sie sich besonders fest in der Taille umpreßt fühlte, fiel ihr im wirbligen Drehen eines wilden Galopps ein lockiges Hinterhaupt dicht neben ihrer Wange deutlich auf, doch schnell gingen ihr Blick und klareres Bewußtsein in Gewühl und Dunst des Festes wieder unter. Und so hatte sie sich schließlich mit hinausziehen lassen in eine schwüle, schwarze, dennoch schon frühherbstlich matte Nacht – hatte sich, in einer Art gespannter Erschöpfung auf den Füßen taumelnd und leicht nachgebend, auf die von der Hitze des Tages noch warme Erde niederdrücken lassen, hatte, während sie unter Lachen ihr Gesicht vor einem heißen, fremden Atem wegwendend zu retten suchte, wollüstig-schweren Druck auf ihrer Brust verspürt, ein Aufhämmern in allen ihren Adern, auch einen irgendwie aufstechenden Schmerz in ihrem Leib. Ein leises, dunkles Lachen, das sie fern und fremd ihrer eigenen Kehle entströmen hörte, hielt sie jedoch wie in einem betäubenden Rausch. Zuletzt wollte wohl ein tiefer Schauder sie aufmahnen, sie wie von einer namenlosen Gefahr aufjagen, aber ehe sie sich noch gegen das Dunkle, sie machtvoll Umschlingende aufbäumen konnte, war alles wieder ruhig, Mahnung, Schauder, Pein und Lachen still, alles war wieder fern und frei, sie allein und sie immer und stets. Verträumter denn je hatte sie sich in dem hellen Saal, unter der schmetternden Musik auf einmal tanzend zwischen den tanzenden Paaren wiedergefunden, und erst auf dem Heimwege mit dem Wirtschaftsfräulein, das mit ihrem »Verehrer « hinter ihr hergegangen, während Lotte allein vorausgeschritten war, hatte sie von ungefähr empfunden, »daß es sich so schön ging auf der Erde wie noch nie« und daß das zehrend Lauernde in ihr plötzlich nicht mehr da war. Von nun ab war Lottes Wesen wie von einem starken Druck befreit, und sie lebte in einer fast leichtsinnigen Zufriedenheit in die nächste Zeit hinein, in der sie heimlich, ohne sich jemandem anzuvertrauen, ihre Schwangerschaft ertrug und verbarg. Erst als sie bereits die Regungen des Kindes verspürte, ward sie bedachter und auf ihre Weise auch aktiv. Sie hatte immer ihr Gehalt fast ohne Abzug über Vereinbarung nach Hause geschickt, wo es die Mutter auf eine Sparkasse trug. Jetzt behielt Lotte über die Hälfte des Geldes zurück, trotz der empörten Fragen und Vorwürfe der Mutter, auf welche die Tochter in ihren Briefen, was sie früher nie gewagt hätte, einfach nicht einging. II Lottes Gemüt war völlig ruhig und ausgeglichen, ihre Gestalt nur wenig verändert, sie umwickelte den Leib außerdem noch mit Binden und schaffte sich weite, formlose »Kittelschürzen« an. Gesundheitlich ertrug sie ihren Zustand ohne jede Beschwerde. Als sie zur herangekommenen Zeit ein erstes, kurzes und schnell vorübergehendes krampfartiges Ziehen im Kreuz verspürte, machte sie sich auf, wanderte nachts eine Stunde weit ins Dorf und vertraute sich der Hebamme an. Diese meinte, es wären mindestens noch vierundzwanzig Stunden Zeit, und versprach Lotte, nachdem diese ihr ein Fünfmarkstück zugesteckt hatte, sich ihrer anzunehmen und auch schleunigst eine Pflegestatt für das Kind zu suchen. Lotte ging wieder zurück, ohne jede Besorgnis vor dem Kommenden, freilich auch ohne jedes Bedenken Vater, Mutter oder denen gegenüber, denen sie verbunden und verpflichtet war. In einem heiligen Egoismus schlief sie den Rest der Nacht gut, doch als sie ihren Patienten am nächsten Vormittag spazieren führte, ward sie sich an einem Zeichen bewußt, daß die Geburt begann. Sie konnte sich nicht anders helfen, als daß sie den alten Herrn zur nächsten Bank führte, ihn sich dort niederzusetzen zwang, um dann trotz seines Murrens unter einer flüchtigen Entschuldigung ins Haus zurückzueilen. Die Beschwerden der ersten Wehen kamen, gingen vorüber, kamen wieder, vergingen noch einmal, indes Lotte ihren Dienst weiter versehen mußte. Nachts endlich schlich sie sich wieder aus dem Haus, weil sie Stöhnen und Schreie kaum noch unterdrücken konnte. Sie hatte sich ein paar Handtücher unter den Arm gedrückt und ihr weites, schwarzes Schwesterncape genommen. Der Hofhund blaffte auf, als sie aus dem ebenerdigen Fenster der Waschküche ins Freie kletterte, und sie mußte ihn unter Krämpfen und unterdrücktem Stöhnen durch Koselaute beruhigen. Sie gelangte noch in das nächste Kornfeld, wo zwischen junigrünen, doch schon beinahe mannshohen Halmen der in Gebärkrämpfen zuckende und arbeitende Leib sie in die Knie zwang. In letzter Überlegung hob Lotte die Kleider von sich ab, um sie möglichst sauber zu halten, und dann, kniend, stöhnend, mit geschulter Hand ihren Leib pressend, gab sie neues Leben von sich. Bald konnte sie das Kind erkennen, erblickte alle Gebilde der Geburt so vollkommen vor sich, wie sie es auf den Lehrtafeln »normale Geburt« als angehende Krankenschwester gesehen, aber in den Pflegejahren praktisch nie erfahren hatte. Das Kind schrie sofort kräftig auf – von einem Himmel in lichter Nachtbläue leuchtete auf Mutter und Kind ein Mond herab, abnehmend im ersten Viertel. Erregt flatterten und schrien aufgescheuchte Lerchen durch die Halme, deren Nester in der Nähe waren. – Lotte preßte eines der Handtücher gegen den blutenden Leib, das andere warf sie über das Kind, dann sank sie, von Schwäche überwältigt, auf den Rücken, schloß die Augen, und für eine Weile verging ihr das Wimmern des Neugeborenen. Die Nachwehen weckten sie wieder auf, von neuem massierte und drückte sie ihren Leib, bis sich auch der letzte Akt der Geburt vollzogen hatte. Sie holte aus ihrer Tasche ein Messer hervor, das sie immer bei sich hatte, um für ihren Patienten Blumen oder Reiser abzuschneiden, damit entnabelte sie das Kind, verband die Wunde mit ihrem Taschentuch, hüllte das still gewordene, winzige Wesen fester in das Handtuch ein, klopfte es zart auf Rücken und Gliederchen – und endlich öffnete sie ihre Taille und legte das Neugeborene, entgegen der ihr bekannten Lehre der modernen Säuglingspflege, die das Kind in den ersten vierundzwanzig Stunden so gut wie fasten ließ, an die harte, heiße, längst der Entlastung harrende Brust. Zu ihrem Glück und ihrem Erstaunen begann das Kind auch sofort geschickt und kräftig zu saugen, und nach anfänglichem Schmerz durchzitterte die Mutter ein solches Gefühl der Wonne, die stumpfe und verträumte Seele durchbebte ein solches Glück, den ganzen Menschen durchfuhr ein so seliges Empfinden seiner selbst und seines Daseins, daß Lotte den Kopf zurückbog, und mit Augen, in denen stille Tränen standen, zum Himmel aufblickte, zu den flimmernden Sternen, zu dem schwimmenden Mond. Der Mond brachte sie wieder zu sich. »Es ist ja abnehmender Mond«, dachte sie erschrocken, und irgendeine uralte Lehre im Blut, hatte sie plötzlich Angst, daß dies kein gutes Zeichen für das Neugeborene sei. Vorsichtig löste sie den saugenden Mund von ihrer Brust, wickelte das Kind aus dem Tuch und besah sich genau und angstvoll forschend den kleinen, blutig verschmierten Leib. Sie erkannte nun, daß das Kind ein Knabe war, zählte Fingerchen und Zehen, bewegte die Gelenke, weichte mit Speichel die verklebten Liderchen auf, »Silbernitratlösung zum Einträufeln in das Auge des Neugeborenen habe ich nun einmal nicht«, schoß es ihr von ferne durch den Kopf, dann öffnete sie den winzigen Mund und prüfte nach, ob »die Zunge locker sei«. – Zuletzt schoß Stolz in ihr hoch. »Ein Junge«, dachte sie, »und so kräftig und so schön, gar kein bißchen verdrückt das Köpfchen.« Sie hüllte das Kind wieder ein, hielt es auf den Armen und blieb so im Kornfeld sitzen, lichte, laue Nacht um sich – die Lerchen waren wieder ruhig geworden, kein Grillengezirp, kein fernes Froschquaken war mehr zu vernehmen. Die Mutter hörte nur ihr Herz aufgeregt und stürmisch klopfen in der Stille, und plötzlich überwältigte sie eine Ahnung von alledem, was sie bisher nie verspürt, was bis zu diesem Tag nicht mitgewachsen war mit ihrem Wachsen: des Lebens Vielfalt, des Lebens Härte, der Kampf des Daseins, die Wonne des Mutes, des Lebens Glück und Schönheit – alles auf einmal, zu viel, um selbst jetzt wirklich Wurzel in ihr zu fassen, aber genug, um sie aus ihrer Entrückung in eine veränderte, reichere Wirklichkeit zurückzubringen.   Sie wollte aufstehen; vorsichtig erhob sie sich erst auf die Knie, dann kam sie mühsam auf die Füße. Leib und Beine waren noch wie im Krampf, schmerzhaft und ungelenk, hölzern schwankte ihr ganzer Körper. Als sie sich niederbeugte, das Kind aufzuheben, wurde ihr schwarz vor den Augen, und wie blind erfaßte sie das kleine Bündel, während sie das Blut in Stößen aus ihrem Leibe fluten fühlte. Aber sie hielt sich aufrecht. – Lange dauerte es, bis sie ihre Kleider geordnet hatte, dann barg sie das schlummernde, sanfte Lebenswärme aushauchende Kind unter dem weiten, schwarzen Cape und setzte sich in Gang. Sie setzte vorsichtig Schritt vor Schritt mit aneinandergepreßten Beinen, um nach Möglichkeit das Blut zurückzuhalten. Die jungen weichen Halme umschmiegten und umstreiften sie bis zur Brust, und wehe empfand sie es plötzlich, daß sie unter ihren Füßen einige von ihnen zertrat. Irgendwelches Nachtgetier huschte fliehend vor ihren Schritten weg, ab und zu piepste und schrie es angstvoll auf um sie her, dann war wieder nur das leise Streifen und Rascheln der Halme in der Stille. Endlich gelangte Lotte auf die Landstraße. Hier fühlte sie sich entblößt und ohne jeden Schutz. Angstvoll um sich spähend, Menschen und Gefahren fürchtend, hastete sie jetzt vorwärts, nicht mehr auf ihren Zustand achtend, eine immer neu einströmende Kraft von der kleinen, warmen Last auf ihren Armen gewinnend. Sie kam ohne Zwischenfälle und ohne, daß sie jemandem begegnete, im Dorf bei der Hebamme an, welche, ohne weiter zu fragen, ihr das Kind abnahm, ihr aus den Kleidern half und sie auf das noch warme Bett legen ließ, dem sie selber eben entstiegen war, neben ihren nach kurzem Aufblinzeln ruhig weiter schnarchenden Mann. Die weise Frau wollte kaum glauben, daß auch die Nachgeburt schon erfolgt sei, doch vor der sachgemäßen Schilderung der Krankenschwester mußten ihre Zweifel schwinden. Sie verabreichte also der Wöchnerin einen »zusammenziehenden Tee«, der die zum Glück schon verminderte Blutung fast gänzlich zum Stillstand bringen half; sie badete das Kind, das mit kräftigem Gequäke auf diese Prozedur antwortete, so daß sich der schlafende Mann brummend von der einen Seite auf die andere warf. Um dem Kind »den Mund zu stopfen«, wurde es an die Brust der Mutter gelegt, und in der augenblicklich eintretenden Stille schlief die erschöpfte Wöchnerin ein. Als Lotte wieder geweckt wurde, legte sich zwar instinktiv ihre Hand um den winzigen Körper an ihrer Brust, doch sie wußte eine geraume Weile nicht, was mit ihr geschehen war. Sie starrte mit abwesendem Blick ihrer feucht glänzenden Schwarzkirschenaugen der Hebamme ins Gesicht und versuchte sich aufzurichten – doch ihr Kreuz schmerzte, als sei es zerbrochen, und das machte ihr wieder alles klar. Es ging in die dritte Stunde des Morgens, und die Hebamme fragte, was nun geschehen solle. Die Petroleumlampe war schon verlöscht, dämmriges Licht von einem weißgrauen Himmel drang durch die kleinen Fenster in die von muffiger Luft erfüllte Bauernschlafstube. Die Wöchnerin war sehr bleich, doch ihr Gesicht war ruhig und fest, nicht »so aus den Fugen«, wie sonst meist die Züge der Frauen nach Geburten vor der Hebamme erschienen waren. Auch der Knabe war nicht mehr so unmenschlich gerötet, sein Gesichtchen schon sehr fein und glatt. Er schlief, die Fäustchen vor die Augen gepreßt, ein unbegreifliches Wunder der Mutter, die ihn hervorgebracht hatte. Trotzdem erhärtete sich in Lotte jetzt nur der eine Gedanke, daß sie fort müsse von da und alles tun, um ihre »bürgerliche Existenz« zu behaupten. Sie suchte nach ihrer Rocktasche, zog das Portemonnaie hervor, gab der Hebamme Geld. »Ich muß aufs Gut zurück, wird es gehen?« »Warum nicht?« antwortete die weise Frau gleichmütig, »das ist schon mehr als einmal gegangen. Eure Großmagd hat ein Kind gekriegt, da hat auch keiner was davon gemerkt.« »Was, unsere Pauline?« fragte Lotte erstaunt und getröstet zugleich. »Natürlich! Ist jetzt schon drei Jahre alt, die Göre! Na, Sie werden ja wohl auch den Mund darüber halten. – Geben Sie noch etwas Geld, damit ich Kinderwäsche besorgen kann, das Wurm kann doch nicht immer nur in Laken eingewickelt bleiben.« Lotte gab von neuem Geld, sie hatte sich wohlweislich reichlich davon eingesteckt. Daraufhin kramte die Hebamme eine sichtbar schon getragene, ziemlich angeschmutzte Gummileibbinde hervor und paßte sie durch Abstecken mit Sicherheitsnadeln Lotte an, nachdem sie ihr vorher das schmerzende, wie gelähmte Kreuz und die Beine mit einem »Lebenselixier« eingerieben hatte. » Können Sie neun Mark die Woche zahlen, so weiß ich eine gute Pflegestätte für das Kind« sagte sie dabei. »Doch, das kann ich!« erwiderte Lotte, zu jedem Opfer bereit – »und wenn ich es dem Alten aus der Tasche mause«, dachte sie für sich –, »ich muß nur meine Stellung behalten, dann kann ich es zahlen«, fügte sie laut hinzu. »Na ja, 'ne ganze Weile wird das schon gehen«, meinte die Hebamme, »wir können eben nur das Kind nicht gleich taufen lassen, aber es sieht ja auch so gesund und kräftig aus, wird schon nicht gleich als Heide sterben – das beste ist ja, es bleibt vorläufig in Ihrer Nähe, da können Sie es auch ab und zu stillen, Sie haben ja Milch wie eine Kuh, steigt Ihnen ja sonst zu Kopf, das Zeug. Dann später können wir das Wurm weiter weggeben und taufen lassen.« »Ich kann's doch nicht weit weggeben«, murmelte Lotte schwach, aber voll unerschütterlicher Bestimmtheit vor sich hin. »Na, dann kommt's eben heraus«, meinte die weise Frau gleichmütig. »Ja, wie hat's denn die Pauline gemacht?« fragte Lotte, begierig nach einem Ausweg. »Die hat's am dritten Tag ihrer Mutter hingebracht«, berichtete die Hebamme, und jetzt war eine gewisse lauernde Neugier in ihrer Stimme. »Ach, du lieber Gott«, seufzte Lotte schwer, der diese Möglichkeit gerade das Ohr, nicht aber den Sinn streifte, indessen sie sich unter den nachhelfenden Händen der Frau aufrichtete, aus dem Bett stieg und taumelnd auf ihre Füße zu stehen kam. Während die Frau ihr die Kleider wieder überwarf, waren die Augen der Wöchnerin festgesaugt an dem nun in eine ausgewaschene graublaue Barchentwindel gewickelten Kind, dessen tiefrosafarbenes Köpfchen in der Dämmerung leuchtete wie die aufbrechende Knospe einer roten Blume. Ahnungslos trug Lotte ihr Geschick: daß niemand teilnahm an dem Glück ihrer Mutterschaft, daß kein Mann dankbar ihren vom Gebären müden Leib umfing, kein Gatte ihr bleiches, hold verwandeltes und belebtes Gesicht betrachtete, kein Vaterblick ihr Neugeborenes umfaßte. Sie mußte sich von der Hebamme auf- und vorwärtstreiben lassen und wanderte nach ihrem Befehl, »um zu üben«, zweimal die Stube auf und ab – daraufhin wurde ihr aber so schwach, daß sie sich auf den nächsten Stuhl niedersetzen mußte. »Geben Sie noch eine Mark, dann bringt mein Mann Sie nach Hause«, schlug die Hebamme vor. Lotte gab. Die Frau trat an das Bett des tief schlafenden Mannes, rüttelte ihn an den Schultern, riß an seinen Ohren, bis er mit einem Fluch aufsprang. Er blickte in der grauen Morgendämmerung wild und wütend um sich, als er aber die halb ohnmächtige, in sich zusammengesunkene Gestalt Lottes sah und ihm seine Frau außerdem noch das Markstück vor die noch verschlafenen Augen hielt, um es dann allerdings schleunigst in ihre Schürzentasche verschwinden zu lassen – da besänftigte sich der Zorn des Mannes. Während er sich nun in aller Hast ankleidete, legte die Hebamme das Kind noch einmal an die Brust der Mutter, rüttelte und schüttelte es aus seinem Schlaf auf, bis endlich auch der winzige Mund zu saugen begann; doch nach wenigen Zügen war das kleine Wesen wieder in Schlaf versunken. Für die Mutter aber war es, als hätte dieses kurze Saugen ihr statt Kraft genommen neue Kraft eingegeben, denn als man das Kind ihr wieder fortnahm, stand sie auf und ging sicher und eilig zur Tür. Sie war plötzlich aufgeregt und sehr besorgt, ungesehen vor dem Morgen nach Hause zu kommen. Die Hebamme steckte ihr schnell noch etwas von dem zusammenziehenden Tee zu, auch »Lebensöl«, das in Tropfen genommen werden sollte gegen die Schwäche. In dem Augenblick, als die Mutter über die Schwelle der Tür schritt, schrie das Kind mit jammervollen Quaklauten aus seinem Schlafe auf, und dieser Schrei durchfuhr Lotte bis ins Tiefste: ihr Herz wurde wie von innen geschlagen, ihr Blut in den Adern wurde getroffen, bis in die Fingerspitzen riß es an ihren Nerven. Alles war Schmerz und Glück zugleich. Glück war es durch die tiefe Gewißheit, daß dieser wimmernde Schrei in der ganzen Welt nur ihr gelten konnte, und Schmerz war es, mit diesem Schrei im Ohr davoneilen zu müssen, als fliehe sie ihn, während doch alles in ihr drängte und dazu trieb, diesen süßen Laut noch mehr und länger in sich aufzunehmen, so lange, bis er nur noch in ihr klang, ihr Kind aber ruhig war, Schutz und Wärme und Nahrung in ihren Armen hatte. III Sie wurde hinausgeschoben vor das Haus. Da stand im Dämmern der Mann, einen niedrigen, einräderigen, notdürftig mit einer zusammengelegten Decke gepolsterten Schubkarren in den kräftigen Fäusten. Gehorsam nahm Lotte darauf Platz, und sofort setzte sich der Mann mit ihr in Trab, durchrannte, keuchend mit offenem Munde, in einem Lauf die Strecke vom Dorf bis zum Gutshofe, während Lotte vornübergebeugt dahockte und die Hände fest gegen ihren Leib preßte, um ihn vor den Stößen des Karrens zu schützen. Es war ein Wunder und Lottes Glück, daß sie in dieser Sommerfrühe ungesehen an ihrem Ziel anlangten. Überall krähten schon kräftig die Hähne, der Mond und die Sterne, die der Geburt geleuchtet hatten, waren längst hinabgegangen, und kaum war es Lotte gelungen, ganz verwirrt von dem Toben des Hundes an seiner Kette, und mit Hilfe des Mannes, dessen Atem vor Anstrengung pfiff und röchelte, wieder durch das Waschküchenfenster ins Haus zu kommen, und kaum war sie in ihrem Stübchen auf ihr Bett gesunken, als alles um sie her erwachte, und die Arbeit auf dem Hofe begann. Während sie einschlief, quälte sie noch die aufspringende Befürchtung, ob »ihr netter alter Herr« in der Nacht nicht etwa nach ihr verlangt habe, obwohl das bis jetzt niemals vorgekommen war. Sie schlief tief, bis man sie mit der Nachricht weckte, der Herr Baron rufe schon lange nach seinem Bad. Es war schwer für Lotte, ihre Gedanken zu ordnen, sich mit Geistesgegenwart zu wappnen und ihren schmerzenden, ruhesüchtigen Körper in Bewegung zu bringen. Aber schließlich gelang ihr alles. Da es ein Regentag war, brauchte sie ihren Patienten nur die »kleine Tour« spazieren zu führen, sie machte es ihm dann in seinem Lehnstuhl bequem, las ihm die Zeitung vor, worüber der alte Philosoph, die »täglichen Dummheiten der Menschen« gelangweilt ablehnend, bald eingeschlafen war. Sowie sie dies gewahr wurde, schlüpfte Lotte in ihr Zimmer, und in einer emaillenen tiefen Seifenschale kochte sie sich über dem Zylinder der Petroleumlampe etwas von dem Tee, den ihr die Hebamme mitgegeben hatte, denn er tat ihr gut gegen die ziehenden Schmerzen im Leib und gegen das Stechen im Kreuz. Um die Mittagszeit, als sie ihre Freistunden hatte, lief sie, nun schon wieder im Besitz ihrer vollen Beweglichkeit, wenn auch nicht Kraft, ins Dorf. Sie sah ihr Kind wieder, als hätte sie bis jetzt nur von ihm geträumt und sähe es nun zum ersten Mal in der Wirklichkeit. Sie riß es an die Brust, die sich eben noch hob und senkte von dem eiligen Lauf, aber wie mit einem Schlag in wollüstige Ruhe und Unbeweglichkeit gebannt war, als der Mund des Säuglings sie berührte. Das Kind war nun in Hemdchen und Jäckchen gekleidet, sauber, wenn auch ärmlich und schmucklos eingebündelt. Zehn Tage lang wollte es die Hebamme noch bei sich behalten, da sie sonst nicht viel zu tun hatte, dann aber sollte es an eine andere Pflegestatt kommen. Diese zehn Tage waren eine glückliche Zeit für Lotte. Sie brachte es fertig, teils heimlich, teils unter allen erdenklichen Vorwänden, vom frühen, noch dämmernden Morgen an bis zur dunklen Abendstunde gerechnet, dreimal, oft viermal an jedem Tag ins Dorf zu eilen, um das Kind zu sehen und zu nähren. In der Zwischenzeit flößte ihm die Hebamme Zuckerwasser und Mehlsuppe ein, und der kleine Körper rundete sich schnell, wurde glatt und rosig. Manchmal hielt das Kind beim Saugen die Augen schon geöffnet und sah mit unbewegtem und unergründlichem Blick die Mutter an, so daß sie erschauerte. Am vierten Tag schickte die Hebamme Lotte aus, um das Kind von »Amts wegen« anzumelden. Der junge Gendarmeriebeamte wurde bei der Personalaufnahme rot für sie, Lotte dagegen war sich ihrer für diese Zeit und Gegend, besonders auch für ihren Stand sehr peinlichen Situation gar nicht bewußt, wurde nur verlegen und hilflos, als sie nach dem Namen gefragt wurde, den sie dem Kind geben wolle. Schließlich stotterte sie den Namen ihres Vaters hervor, und der Beamte trug ein: Hermann Schuhmacher, Sohn der unverehelichten Charlotte Schuhmacher aus Berlin. Auch danach änderte sich im äußeren Leben von Lotte noch nichts, das Kind blieb noch gewissermaßen Amtsgeheimnis. Sie war nur entsetzt und kam sich vertrieben vor, als der Säugling zur neuen Pflegemutter übersiedelt wurde, denn die Schlafstube der Hebamme war Lotte eine zweite Heimat geworden. Die Bauersfrau, die nun den Knaben zu sich nahm – eine »Altsitzerin«, die sich auf das Pflegegeld mehr freute als auf das Kind –, bestand darauf, daß er sofort getauft werde, denn einen Heiden nehme sie nicht unter ihr Dach. Lotte mußte also ihr letztes erspartes Geld für ein mit Stickerei verziertes Taufkissen und einen Schleier, sowie für Kuchen und ein paar Flaschen Wein ausgeben, damit die Bauersfrau die Hebamme und auch gleich ein paar Gevatterinnen von sich einladen konnte, und so vor allem einmal zu einer netten kleinen Feier kam. Lotte aber blieb gerade noch so viel, um die Kosten für die kirchliche Zeremonie tragen zu können, nach deren Beendigung sie ja schleunigst zu ihrem Dienst zurückkehren mußte. Der Pfarrer hatte ihr in seiner Stube eine strenge Predigt gehalten, er schalt, daß gerade sie in ihrem Beruf, der doch gewiß ein christlicher und entsagungsvoller sein solle, der allgemeinen Sittenlosigkeit gefrönt habe. Lotte gestand zu, daß sie ihrem Berufe wahrscheinlich viel schuldig geblieben sei, daß sie ihn vielleicht nicht so ernstgenommen habe, wie man wohl tun müsse – aber es sei eben stets etwas in ihr gewesen, wie ein Druck, wie eine Schranke, etwas, das sie gehindert habe, die wahre Befriedigung in der Arbeit zu finden, und naiv und treuherzig setzte sie hinzu, sie glaube aber, jetzt würde das besser werden. Der Pfarrer war auch der erste Mensch, der sich nach dem Vater des Kindes, nach »dem gewissenlosen Verführer«, wie er ihn nannte, fragte. Lotte erblaßte, sah angestrengt vor sich hin, sie forschte in dem Dunkel ihrer Erinnerung, doch nur ihres Kindes winziges, lockig behaartes Hinterhaupt tauchte vor ihr auf, und schließlich zuckte sie resigniert die Schultern und sagte leise: »Ich kann Ihnen da gar nichts sagen.« »Das ist außerordentlich bedauerlich«, bemerkte der Pfarrer, der trotz aller Strenge und allen Abscheues ihr doch gern geholfen, gern eine Ehe gestiftet und das Kind legitimiert gesehen hätte. Als Lotte ihr Portemonnaie unter dem Mantel hervorzog und das für die Taufe erforderliche Geld gleich auf den Tisch niederlegen wollte, war der Pfarrer von der in gewisser Weise unschuldigen und doch dem Notwendigen gegenüber so festen Menschlichkeit dieser jungen Frau gerührt. Er bot ihr an, die Gutsherrschaft von allem zu unterrichten, denn lange könne ja das Dasein des kleinen Wesens doch nicht mehr verborgen bleiben. Lotte war ihm dankbar, doch seine Mission stieß auf Schwierigkeiten. Die Schwiegertochter von Lottes Patienten, die junge Baronin Elfriede, die eigentliche Herrin des Hauses und selbst kinderlos, verlangte trotz aller Vorstellungen und Ermahnungen des Pfarrers sofortigen »Hinauswurf« der »Betrügerin und Dirne«, wie sie Lotte benannte. Und wenn auch ihre Wut und ihr Verlangen schließlich an dem unerschütterlichen Widerstand des alten Barons abprallten, dem alles gleichgültig war bis auf die Wartung und Begleitung der ruhigen »vernünftigerweise nicht schwätzenden« Schwester, an die er sich so sehr gewöhnt hatte, so mußte sich Lotte in Zukunft doch vorsehen, von der Hausfrau auf einem Korridor des Hauses oder in einem Zimmer allein angetroffen zu werden, um sich nicht mit ziemlich ungewählten Schimpfworten überschütten lassen zu müssen. Aber es machte Lotte auch kaum etwas aus, wenn sie solche einmal anhören mußte. – »Wenn ich nur die Stellung behalte«, dachte sie, und voller Überlegenheit der glücklichen über die unfruchtbare Mutter dachte sie noch geringschätzig hinzu, »soll die nur immer feste keifen!« – Den Eltern hatte Lotte nichts geschrieben, und keine noch so dringende Frage der Mutter, was sie denn mit dem Geld mache, von dem sie gar nichts mehr nach Hause schicke, konnte eine Antwort aus ihr herauslocken. Lotte hatte nur eine Sorge: das Kind verkam unter der nachlässigen Pflege der alten Bäuerin. Stets lag es, wenn Lotte angehetzt kam, in schmutzigen Windeln, die Haut war wund und durchgerieben, und um das vor Schmerzen schreiende Kind zu beruhigen, stopfte ihm die Alte, statt es trocken zu legen, unaufhörlich in Zucker getauchte Lutscher in den Mund, von denen es zuletzt einen starken Magen- und Darmkatarrh bekam. Vergebens versuchte Lotte gegen das alles anzukämpfen. Sie wusch die Windeln, badete das Kind und pflegte seine Haut, so oft sie nur konnte, sie blieb die Nächte bei ihm, um ihm den Haferschleim einzuflößen, den das mitleidige Wirtschaftsfräulein auf dem Gut ihr kochte und der den Katarrh heilen sollte. Lotte mußte dabei nachts mit dem Kind auf der Treppe hocken, denn die Alte wollte in ihrer einzigen Stube Ruhe haben und schlafen. Das Kind nahm ab statt zu, und wurde immer jämmerlicher. Lotte bedrängte die Hebamme mit Bitten, den Kleinen doch wieder zu sich zu nehmen oder wenigstens eine andere Pflegestelle zu besorgen, konnte aber keines von beiden erreichen; alles war mit Erntearbeiten beschäftigt, und für ein fremdes, krankes Kind war nirgends Interesse. In ihrer Verzweiflung ging Lotte sogar ihren Patienten an, ob sie nicht das Kind oben in ihrem Stübchen haben könne, nur so lange, bis es wieder gesund sei. Der alte Herr lächelte liebenswürdig, tätschelte Lottes Hand, meinte aber, er schätze Szenen mit Baronin Elfriede allzuwenig und sei nicht mehr jung genug, um es mit weiblicher Borniertheit aufzunehmen – er konnte sich aber auch nicht enthalten, entsprechend seiner Lebensauffassung die zweifelnde Frage an Lotte zu stellen, ob sich denn überhaupt im allgemeinen die rührenden Anstrengungen der Mütter lohnten? Über die Antwort auf diese Frage dachte Lotte keine Sekunde nach, sondern sie tat etwas Feiges und Mutiges zugleich: sie ließ sich unter dem Vorwand, das Kind in einem Heim unterbringen zu wollen, von dem alten Baron, der aus egoistischen Gründen mit diesem Plan einverstanden war, ihr Gehalt für den kommenden Monat vorausbezahlen – denn immer hatte sie die Vorstellung, daß sie vor allem mit Geld versehen sein müsse –, dann packte sie nur das Nötigste in einen kleinen Koffer zusammen, verließ mit ihm nachts das Haus, hockte sich bei der Bäuerin wie gewöhnlich mit ihrem Kind auf die Treppe, schlich sich aber nach einiger Zeit auch hier davon. Sie wanderte mit Kind und Köfferchen über eine Stunde weit in der mondlosen Dunkelheit bis zur nächstgelegenen Bahnstation, und nach weiteren Stunden des Wartens bestieg sie im Morgendämmer den in Frage kommenden Zug und fuhr heim. IV Es war ein heißer Sonntagnachmittag im August, als Lotte, müde, hungrig und erschöpft, mit ihrer Last im Arm, an der elterlichen Wohnungstür klingelte. Die Mutter öffnete. So streng und verschlossen sie auch war, leuchtete ihr Auge doch auf, als sie ihr einziges Kind so unerwartet vor sich erblickte. Sie ließ Lotte eintreten, schalt aber sogleich währenddem, warum Lotte auf ihre Briefe nicht ausführlich geantwortet habe, und wie es denn nun eigentlich mit dem Geld sei, ob sie es sich etwa um versprochener höherer Zinsen halber habe abschwindeln lassen – das Reellste sei und bleibe doch die Sparkasse, darin könne sie schon der Mutter vertrauen, auch sei es nicht christlich, zu hohem Gewinn nachzustreben. Da Lotte auf nichts antwortete, fragte die Mutter, was denn mit dem Säugling wäre, wem er gehöre und ob Lotte ihn wohl in eine Klinik bringen solle. Sie waren indessen in die Wohnküche der kleinen Wohnung eingetreten. Lotte setzte sich aber nicht auf die Aufforderung der Mutter hin, blieb mit wankenden Knien stehen und sagte leise: »Nein, das ist mein Hermann!« Das Gesicht der Mutter erstarrte für eine Sekunde in bösem Schrecken, dann wollte es zu dem gewöhnlichen Ausdruck zurückfinden, als die Mutter in der üblichen Tadelsweise sagte, seit wann denn in ihrem Heim solche dummen Witze gemacht würden. – Zugleich aber fand sie mit dem Instinkt der Frau Lottes voller gewordene Gestalt, ihr erblühtes und regsameres Gesicht verdächtig, und, als wolle sie etwas Schlimmes im letzten Augenblick noch verhüten, trat sie jäh auf die Tochter zu, riß ihr das Kind aus den Armen und legte es auf das Kissen in ihrem Lehnstuhl am Fenster. – Der Vater, der auf dem Sofa noch seinen Sonntagnachmittagsschlaf gehalten hatte, kam langsam zu sich, erhob sich, und während allmählich Freude sein weitzügiges, etwas unregsames Gesicht, das dem der Tochter ähnelte, überzog, sagte er schwerfällig: »Na, Lottchen, mein Kind, das ist aber eine Überraschung!« Von der klugen, harten Mutter floh Lotte zu ihrem Vater hin, beugte sich zu ihm nieder, drückte ihre Wange gegen seinen stacheligen Bart, ließ sich von ihm den Rücken zärtlich klopfen, und schließlich schmiegte sie sich ganz fest gegen seine Schulter, zitterte und sagte, aufgerührt, schluchzend, halb angstvoll flehend, halb hingerissen von ihrem Glück, ihr Bekenntnis: »Vater, das ist mein kleiner Hermann!« Der Vater rührte sich nicht, so schnell konnte er nicht begreifen. Die Mutter aber fragte nach nichts mehr. Von hinten riß sie die Tochter hoch, drehte sie mit einem Schwung zu sich herum und schlug sie in das Gesicht. So rasend schnell fielen die Schläge, daß die ohnedies erschöpfte Lotte nicht einmal dazu kam, sich mit den Händen zu schützen. Ihre Schwesternhaube fiel vom Kopfe, ihre braunen Flechten lösten sich auf, aus der Nase sickerte Blut. Die Mutter schlug, bis die Tochter gegen den Küchenschrank taumelte. Lotte ächzte leise, wehrte sich nicht. Da aber begann das Kind auf dem Lehnstuhl zu wimmern, und das ließ im selben Augenblick die Tochter der Mutter einen Stoß versetzen, daß sie weit wegtaumelte – und Lotte war bei ihrem Kind! Tobend vor Empörung wollte die Mutter ihr nach. Doch der Vater, der bis jetzt regungslos auf dem Sofa gesessen und verständnislos die Szene angestiert hatte, trat nun mit einem Schritt dazwischen und sagte mit seiner tiefen, rauhen Stimme ganz ruhig: »Nun laß mal, Frau, das wird ja nun doch nicht wieder anders.« Er zog mit einem Griff seiner kräftigen Maurerfäuste die erhobenen Arme seiner Frau herab und schob sie von ihrer Tochter zurück, die, eine weinende und gezüchtigte Mutter, sich über ihr greinendes Kind beugte. Die alte Frau tobte sich nun in einem furchtbaren Ausbruch von Schimpfreden über die Tochter aus. Es war, als ob nie ein Funke warmen Gefühls für ihr Kind je in ihr gewesen sei, und als ob diese einfache Frau in der Tochter nur das verjagen und nahezu vernichten wollte, was sie so furchtbar traf: die Enttäuschung an einem Lebenswerk, die verlorene Illusion. Sie schrie in hellen Tönen, wie wahnsinnig vor Wut, daß sie dieses liederliche Stück Mensch nicht mehr sehen wolle, daß sie dieses undankbare Ding, das sie mit aller Mühe aufgezogen, das sie etwas habe werden lassen, mehr als sie selbst, an das sie Geld gewendet habe, und das nun so vor sie hinträte, daß sie das keinen Augenblick mehr in ihrer Wohnung haben wolle – »hinaus! mir sofort aus den Augen! Hinaus aus meiner Wohnung, sofort, sofort!« – und die Frau, halb besinnungslos, strebte von neuem auf die Tochter zu. Wieder wurde sie von dem Mann gebändigt, dessen Griffen sie sich nicht entwinden konnte, so sehr sie mit Schimpfworten nun auch gegen ihn tobte und mit aller Kraft sich wand und loszureißen suchte. Obwohl der Mann seine Frau noch niemals so gesehen hatte, denn sie war stets und in allem auf eine merkwürdige strenge Art still, verschlossen und beherrscht gewesen, beachtete er ihr Gebaren doch kaum. Seine wassergrauen Augen hingen an dem Säugling, auf dessen zartem, von der Krankheit eingefallenen Gesichtchen. Und als das Kind den kleinen Finger seiner Mutter, den ihm diese in der Verwirrung entgegenhielt, um sein Weinen zu beruhigen, mit dem winzigen Mund umschloß, da legte sich ein gütiges Lächeln auf des Vaters breite Lippen und Wangen. In der seltsamen Stellung, nach hinten mit den Fäusten seine tobende Frau haltend, während sein Kopf nach vorn zu dem Kind hingewendet war, sagte er in eine Atempause der kreischenden Frau hinein mit vor Zärtlichkeit warmer Stimme: »Aber doch so ein niedliches Jungchen, der Hermann.« Da riß sich die Frau doch noch von ihm los, aber sie wich zurück, warf sich auf das Sofa – und nun begann sie mit Gott zu hadern, immer wieder frug sie, was sie denn verbrochen habe, um so gestraft zu werden. Schließlich endete ihre Aufregung in einem Weinkrampf. Lotte, die kaum ihr Nasenbluten gestillt hatte, sprang hinzu, legte Essigumschläge auf die Stirn der Mutter, massierte ihr die Herzgegend, während der Vater, sich um nichts kümmernd als um seine neue Freude, das Kind behutsam auf die Arme nahm und es im kleinen Raum auf und nieder trug, worauf es sofort sein Weinen einstellte. Nach dem ersten Schock holte Lotte für die Mutter aus der kleinen Hausapotheke, die sie einst selber eingerichtet hatte, beruhigende Tropfen herbei, welche die Mutter auch annahm und unter deren Einwirkung sie einschlief. Auf dem nun endlich wieder zur Ruhe gekommenen Gesicht der alternden Frau lag ein Ausdruck tiefsten Grames, und obwohl eben erst durch den enttäuschenden Schlag empfangen, schien er doch schon so fest eingeprägt, als sei er die Summe vieler bitterer Jahre. Aber Lotte hatte so wenig Mitgefühl und Begreifen für die Mutter, als die Mutter für sie – und sie eilte von der kaum Eingeschlafenen fort, holte aus dem Köfferchen frische Tücher herbei, legte das Kissen vom Lehnstuhl auf den Tisch und band ihr Kind frisch ein, wobei ihr der Vater zusah. »Getauft ist er schon?« fragte er mild. »Ja, ja –« flüsterte Lotte zurück. »Nach wem hat er den Namen?« »Nach dir, Vater, nach wem sonst?« »So –!« – Es klang befriedigt und stolz, aber es war doch ein wunder Punkt bei diesen Fragen berührt worden, und eine Sekunde lang dachte der Vater die Worte seiner Frau nach: seine Tochter war eben doch ein liederliches Frauenzimmer gewesen. Sie hatte es vielleicht nicht schlimmer getrieben, als alle anderen in der Großstadt aufgewachsenen Mädchen – auch auf dem Lande hatte es ja immer solches »Weiberpech« gegeben –, aber sie hatte es eben doch genauso getrieben, und auch er hegte wie seine Frau, nur stiller und tiefer, den Wunsch und die Vorstellung, daß seine Tochter etwas Besonderes sein müsse. – Dennoch rührte es ihn immer wieder, wie sie da mit ihrem kleinen Hermann hereingekommen war, und wie sie es ihm leise gesagt hatte. Freilich, wie nun alles werden würde, war ganz unsicher. Würde Lotte weiterhin ihrem Beruf nachgehen können? Er selbst hatte ja augenblicklich noch guten Verdienst, es war Frühherbst, die Bautätigkeit noch in vollem Gang, einiges war auch zusammengespart. Allerdings war es nicht »für so etwas« gedacht. Aber nach dem Vater des Kindes zu fragen, und danach, ob er etwas zahlen würde, vermochte er nicht. Er sagte nur in etwas strengerem Tone als vorher zur Tochter: »Na, jedenfalls, an dem Kinde kann man so etwas nicht entgelten lassen –« Lotte schluchzte auf, nahm ihr Kind und ging in die Schlafstube, um es zu stillen. Dann wusch sie ihr noch von Reisestaub und von dem Nasenbluten verschmutztes Gesicht, brachte ihr Haar in Ordnung, packte ihr Köfferchen aus und machte dem Vater das Abendbrot zurecht, wobei sie selbst endlich ihren mörderisch brennenden Hunger stillen konnte. Der Vater ging nach dem Essen aus, zu einer Kegelpartie im Freien, das hieß zu einem Kegelspiel auf der im Garten gelegenen Bahn eines Sommerlokales. Er ging nur alle vierzehn Tage zum Kegeln aus, sonst nie, denn er war ein sparsamer, nüchterner Mann. Als er fort war, machte Lotte leise wie eine Fee Wasser warm für ihr Kind, wusch es, bereitete ihm Fencheltee, welchen sie ihm löffelweise einflößte. Sie hatte keine Ahnung, daß die Mutter unter halbgeschlossenen Lidern ihr Gehaben beobachtete. Als das Kind schlief, machte Lotte ein kleines Nachtlämpchen zurecht und setzte sich in eine dunkle Ecke zur Wache bei ihrer Mutter nieder. Die alte Frau tat, als ob sie schliefe, schlief auch wirklich ein, erwachte wieder, sah Lotte noch immer da hocken, regte sich aber nicht, und trieb das Spiel des Einschlafens und Aufwachens die ganze Nacht hindurch, bis sie im Morgengrauen merkte, daß die Lampe ausging und Lotte auf ihrem Stuhl in der Ecke eingeschlafen war. Da faltete sie die Hände zum Gebet und flehte um Verzeihung dafür, daß sie mit Gott gehadert habe, und bat den Erlöser, ihr zu helfen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, wie er das seine auf sich genommen. Danach richtete sie sich auf. Sofort erwachte Lotte und trat zur Mutter hin. Noch schlaftrunken und umhüllt von der Dämmerung fand die Tochter den Mut, die Mutter zu fragen: »Soll ich wirklich aus dem Haus? – Ich bin nur deshalb gekommen, weil der Kleine so krank war –« »Das war auch deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit«, sagte die Mutter kalt und streng, »sieh zu, daß du Geld verdienst. Das ist jetzt die Hauptsache – und wenn du als Dienstmädchen gehen mußt, oder –« in einer zagen, tollkühnen Hoffnung, »hast du vielleicht Aussicht, bald zu heiraten?« »Ich habe nur das Kind«, antwortete Lotte. »Na also –« Damit stand die Mutter auf. Auch sie fragte in Zukunft nie nach dem Vater des Kindes. Sie war beruhigt und empört zugleich, als es Lotte gelang, ohne weiteres wieder in der Klinik, in der sie gearbeitet hatte, anzukommen. Die Frau, selbst darunter leidend, daß sie wahrer Demut nicht fähig war, hätte lieber erlebt, die Ordnung der Welt, so wie sie sie sah und wie sie Geltung und Lebenshalt von ihr empfing, hätte ein Wesen, das so gefehlt hatte wie ihre Tochter, geächtet und ausgestoßen, auch wenn sie selbst, die Mutter, zuletzt doch nicht Kraft und um ihrer eigenen Fehler willen auch wohl nicht das Recht gehabt hatte, sie aus der Wohnung zu weisen. Lotte hatte sofort ihr ganzes Geld der Mutter ausgeliefert. Es gab für sie in dieser Hinsicht nur noch einen aufregenden Briefwechsel mit dem Gutshaus, für das Baronin Elfriede zeichnete, und das ihre zurückgelassenen Sachen nicht schicken wollte, sondern auf Rückzahlung des im voraus gezahlten Geldes bestand, die Lotte in drei Monaten auch bewerkstelligte. Danach erhielt sie ihr erbetenes Eigentum zugesandt. Lotte hätte gern dem alten Baron noch ein paar Zeilen geschrieben, ihn um Verzeihung gebeten, ihm eine andere, »nichtschwätzende« Schwester empfohlen, doch sie wußte nicht, wer ihm den Brief vorlesen würde, und ob man ihn überhaupt vorlesen würde, und ob die junge Baronin zuließe, daß man ihr eine Antwort gebe. Mitten im schon wieder festeingelaufenen Geleise der nächsten Monate aber erhielt Lotte unverhofft einen Brief von dem Wirtschaftsfräulein auf dem Gute, und darin wurde ihr mitgeteilt, daß ein angesehener, junger Inspektor aus der fernem Umgegend plötzlich bei dem Fräulein aufgetaucht sei und sich eindringlich nach Lotte erkundigt habe – das Fräulein habe aber nun nicht gewußt, solle sie ihm Mitteilung von dem besonderen Schicksal Lottes machen oder nicht, er jedenfalls habe immer wieder gesagt, daß er so viel daran denken müsse, wie er mit der Berlinerin getanzt habe, auf dem Kirchweihfest damals, und sie sei so sanft gewesen, wie bald nicht eine Frau, die er kenne. Ob Lotte sich denn nicht an ihn erinnere? fragte die aufgeregte Schreiberin. So und so ungefähr sähe er aus. Und ob sie, das Fräulein, ihm auch wieder einen Gruß bestellen solle, wenn sie ihn noch einmal träfe. – Lotte aber lachte vor sich hin: sie hatte anderes zu tun, als sich an irgendwen zu erinnern. V So ging für Lotte also nach außen hin alles recht gut und mit Glück aus. Sie wurde wieder blühend, fröhlich war sie, wie nie zuvor, und hatte jetzt eine andere Art, zu arbeiten, an sich. Sie bewies eine neue, regere Teilnahme an den Kranken, die zwar nie zu weit ging, aber sich doch bei den Patienten angenehm bemerkbar machte: nach einiger Zeit schwärmten alle davon, wie wohltuend, übersichtlich und eifrig Schwester Lottes Fürsorge war, mit welch ganz besonderem, sanftem Geschick sie hebe oder verbinde, die Körper abwasche, die vom langen Liegen tauben Glieder massiere und einreibe, und wie verständnisvoll sie den Frauen die Haare kämme, sie schön machen helfe, wenn die Besuchsstunden herankamen. Sie war auch zugänglicher für diese und jene besondere Bitte, ließ Besuch etwas länger als die vorgeschriebene Zeit in den Krankenzimmern, übernahm hie und da einen beruhigenden telefonischen Anruf, während sie es früher immer kühl und korrekt abgelehnt hatte, Auskünfte an die Angehörigen der Kranken zu erteilen, und an den Arzt verwies. So entwickelte Lotte neue Fähigkeiten, ihre Bewegungen wurden flinker, ihre Aufmerksamkeit umfassender, ihre Arbeitslust immer reger, während sie doch früher kaum hinsah, wenn sie einen Kranken unter den Händen gehabt hatte. Außerhalb der Krankenzimmer konnte Lotte dabei ertappt werden, wie sie sich bemühte, mit ihrer kleinen heiseren Singstimme zu singen, sie hatte sich auch ein lautes, etwas kreischendes Lachen angewöhnt, mit dem sie bei jeder nur möglichen Gelegenheit offen herausplatzte. Zum Lesen hatte sie jetzt weder Zeit noch Lust. In der Nacht schlief sie tief und fest, ihr Kind neben sich. – In der Klinik verwöhnte man sie mit Geschenken, die sie auch in Form von Geld erhielt, und sie konnte, außer dem reichlichen Kostgeld, das sie der Mutter zahlte, auch noch sparen. Daß die Mutter allerdings hauptsächlich deshalb, weil der Mann es von vorneherein so bestimmt hatte, das Kind aufgenommen und es nicht in eine Pflegestelle gegeben hatte, glaubte ihr Lotte hoch anrechnen zu müssen. Und es war auch der alternden, in ihrer Umgebung als »affig« und hochmütig verschrienen Frau nicht leicht, sich in dem Stadtviertel, das eine dichtbevölkerte Kleinstadt für sich war, vor den Hausmitbewohnern, den Bekannten auf der Straße und in den Geschäften mit dem Kind sehen zu lassen, das für sie nach wie vor ein Zeichen der Schande und Enttäuschung bedeutete. Sie tat es dennoch, einen Ausdruck finsteren Trotzes über die Grameszeichen auf ihrem Gesicht breitend – aber sie brachte nur scheinbar damit ein großes Opfer. Ihre bisher starre, einseitig festgelegte, doch eben nicht geklärte Seelenverfassung war in einen zwiespältigen Zustand geraten, in den sich höherstrebende Regungen mit niederen mischten: so wollte sie Demut üben und sich nun auch ihr Kreuz so schwer als möglich machen, zugleich aber zielte sie instinktiv darauf hin, sich für die Demütigung und für die Enttäuschung, welche ihr das einzige Kind, das sie für »etwas Besseres« hatte aufziehen wollen, angetan hatte, zu rächen und die Tochter um ihr einziges Glück zu bringen. Die alte Frau riß mit einer gewissenhaft kalten Art die Pflege und Wartung des Kindes ganz an sich. Gleich in den ersten Wochen hatte sie die Entwöhnung des Kleinen von der Brust der Mutter durchgesetzt, damit Lotte »nicht im Beruf gehindert sei«. Obgleich es ja wirklich für Lotte eine große Hetzerei und Unbequemlichkeit bedeutete und auch Geldkosten verursachte, wenn sie in ihrer Mittagsfreizeit sich ein Taxi nahm und schnell nach Hause fuhr, um das Kind zu nähren (dasselbe tat sie auch oft abends, um nur zeitiger zu dem kleinen, hungrigen Wesen zu kommen, das trotz seiner Zusatznahrung stets sehr auf sie zu warten schien) – so war die aufgedrungene Entwöhnung an Lotte, die mit Leib noch mehr als mit Seele Mutter war, die erste Sünde, die man an ihr beging, und eine größere noch als an dem Kind. Der gewaltsam zugeschüttete Quell von dem, was ihr Wesen am leichtesten spendete, war der erste Beginn der Freudlosigkeit, in der die junge Mutter verwaisen sollte. Denn weiterhin war es stets so, daß, kam sie in ihren freien Stunden und Tagen nach Hause, angefüllt bis zum Bersten von Gier nach ihrem Kind, die Großmutter mit ihm an die Luft gegangen war, oder das Kind schlafen sollte – oder es durfte mit seinem schwachen Magen nicht »so herumgezerrt werden«, wie die Mutter es nannte, wenn Lotte ihren kleinen Knaben liebkoste. »Habe ich nun schon die Schande und die Arbeit mit dem Kinde auf mich genommen, so lasse es gefälligst auch in Ruhe! Ich weiß wohl am besten, was ihm gut ist, wenn ich auch nicht auf Kosten meiner Eltern eine teure Ausbildung erhalten habe – dafür habe ich aber schließlich schon ein Kind aufgezogen, wenn ich auch nicht wissen konnte, was zum Schluß daraus geworden ist –« Auf solche Reden, die oft und variiert wiederholt wurden, lief Lotte, zu einem gescholtenen Backfisch entrechtet, jedesmal schluchzend aus dem Zimmer. – Einmal, an einem Sonntagvormittag, an dem Lotte frei hatte und an dem sie es wagte, das Kind der alten Frau aus dem Arm zu nehmen, um den Genuß zu haben, es selbst einmal wieder zu baden, schüttete die Mutter den von ihr vorbereiteten Zuber voll Wasser der Tochter über die Füße, stieß sie in den Korridor, öffnete die Wohnungstür und sagte mit entsetzlicher Entschlossenheit in der Stimme, Lotte solle ein für allemal parieren oder aus der Wohnung gehen mitsamt dem Balg. Lotte, ihr Kind an sich fühlend, war aufgestachelt bis zum äußersten. »Gerne!« rief sie hell und beinahe lachend, »ich gehe gerne – dann habe ich wenigstens mein Kind!« Aber schon schob sich der Vater in den Korridor, schloß ruhig wieder die Tür und sagte: »Lotte, du mußt vernünftig sein! Wie willst du denn sonst leben mit dem Kind? Willst du es zu fremden Leuten geben?« Das mußte Lotte treffen. Sie erinnerte sich der alten Bäuerin, die ihr Kind im Schmutz hatte verkommen lassen. Indessen sprach der Vater weiter: »Bist undankbar, Lotte! Hast eine Mutter, die das Kind pflegt, hast Eltern, die dir helfen, und benimmst dich so! – Komm, gib den kleinen Hermann.« – Und er nahm Lotte das Kind aus den Armen, trug es in die Küche zurück, wo seine Frau das ausgegossene Badewasser schon aufgewischt und frisches Wasser in die kleine Holzwanne gefüllt hatte. Ihres Sieges gewiß, war sie längst ruhig und unbewegt, sie nahm das Kind in Empfang und badete es.   Lotte mußte also »ein für allemal« nachgeben. »Du hast dich nur darum zu kümmern, Geld zu verdienen«, sagte die Mutter ein anderes Mal, »weiter hat eine Mutter nichts zu tun, die keinen Vater für ihr Kind weiß.« So kam das erste Zähnchen, ohne daß Lotte die Freude haben konnte, daß sie es war, die es entdeckte – es kam der erste Schritt, ohne daß sie es war, die ihn leitete, es kamen die ersten Worte, ohne daß sie es war, die sie dem kleinen Mund vorbildete, alles verlorene Seligkeiten für sie. Das Blühende und Fröhliche erlosch nach und nach wieder in Lotte, ihre Bewegungen bei der Arbeit wurden lässig, allein von der früheren, mechanischen Sicherheit diktiert, ihre Blicke glitten wieder abwesend über die Kranken hin, auf ihrem unauffälligen, weder ausgesprochen hübschen noch häßlichen Gesicht drohte die alte Stumpfheit wiederzukehren. Langsam und schwer stapfte sie jetzt die Korridore der Klinik entlang. Ohne daß es ihr bewußt ward, seufzte sie fast unaufhörlich vor sich hin. So kam es, daß nun, nachdem schon längst ihr Wesen nicht mehr gerühmt wurde, eine Patientin sich sogar bei der Oberschwester darüber beschwerte, daß Lotte bei ihrem andauernden, schweren Seufzen ihr während des Umbettens »eiskalt in den Nacken gehaucht habe«, was doch wohl unhygienisch und daher bei einer ausgebildeten Pflegerin unverständlich wäre – außerdem sei es aber auch »so unheimlich gewesen«. Worauf Oberschwester Laura die Kranke milde zurechtzuweisen suchte, auch eine Krankenschwester sei ein Mensch, und es müsse ihr bei ihrem harten Beruf zumindest erlaubt sein, einmal schwer zu seufzen, das könne man wohl überhaupt keinem Menschen so recht verbieten, und daß es außerdem im Nacken und nicht etwa im Atmungsbereich direkt des Patienten geschehen wäre, sei auch die Hygiene nicht so arg verletzt worden, und »unheimlich« brauche ihr, der lieben Patientin, erst recht nicht zu sein, sie sei doch auf dem direkten Wege der Genesung. Es war aber eine unheilbare Kranke, und Oberschwester Laura mußte Lotte bitten, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Lotte aber, die in ihrer niedergedrückten Stimmung gerade die straffe und abwechslungsreiche Tätigkeit der Tagespflege zu quälen begann, bat bei dieser Gelegenheit, erschrocken über den kleinen Verweis, daß man sie wieder zum Nachtdienst verwenden möge. Nachdem Schwester Laura noch gütig versicherte, daß dieser zarte Hinweis nicht etwa einen Tadel an Lottes bisheriger Tätigkeit bedeuten sollte, erfüllte sie ihr gern die Bitte. Bald saß Lotte wieder in dem kleinen, blaudämmerigen Wachzimmer, döste schwer und traurig vor sich hin, ward verzweifelt über sich selbst, daß sie nun wieder, ihrer Verzagtheit nachgebend, sich selber um ihr letztes bißchen Glück gebracht hatte, nämlich nachts neben ihrem kleinen Knaben schlafen zu können – und einmal, als eine Verordnung für einen besonders schweren Fall die Oberschwester noch spät abends zu ihr trieb, fand sie ihre »nette Schwester Lotte« sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, auf die von dem geradeaus gehaltenen Gesicht schnell und dicht Tränen niedertropften. Lotte hatte immer leicht Sympathien gefunden, aber die sonst ziemlich unzugängliche und im Gegensatz zu Lotte mit Hingabe nur ihrem Beruf lebende, ältere und gewichtige Schwester Laura fragte jetzt in geradezu überströmender Herzlichkeit nach dem Grund ihres Kummers. Lotte, von der gütigen Teilnahme aufgerührt, warf sich – erschreckend im Ausbruch ihres sonst so passiven Wesens – mit dem Oberkörper über den kleinen Tisch und jammerte und schluchzte so laut, daß Schwester Laura vor allem erst einmal schnell die Tür des kleinen Raumes schloß. Lotte, zu ungeschickt, ihren wahren Kummer ausdrücken zu können, wiederholte nur immer wieder unter schreiendem Schluchzen und das Gegenteil von dem beteuernd, was sie bedrückte, nämlich, daß ihr Kind ihr so gut wie nicht mehr gehörte: »Ich habe ja ein Kind, ich habe ja ein Kind« – Bis jetzt war das in der Klinik Geheimnis gewesen, und Oberschwester Laura, für die Tugend und Keuschheit kein leerer Begriff, sondern Charakterproben für die Frau waren, prallte denn auch im ersten Augenblick nicht wenig zurück. Doch merkwürdigerweise verlor Lotte nicht für eine Sekunde in ihren Augen, im Gegenteil verspürte diese alternde, unberührte Frau in einer umfassenderen Zuneigung zu der Schwester deutlicher als je Lottes weibliche Unschuld und Hilfsbedürftigkeit in diesem Augenblick. Sie versuchte fürs erste mit allen Mitteln die Weinende zu beruhigen, übernahm einen Gang in ein Krankenzimmer für sie, kam dann mit zwei Tassen frisch zubereiteten Kaffees in die kleine halbdunkle Stube zurück, und nun wisperten und raunten die beiden Frauen hin und her. Von der Sensation angeregt, stellte Schwester Laura Frage auf Frage: wann? wo passiert? ein Knabe? wie alt denn schon? wie schwer? wie groß? bekommt er schon Gemüsebreichen? auch Kalk und Lebertran für Knochen und Zähnchen? wie hieß er? und damals sei um Gottes willen alles glattgegangen? – Und Lotte antwortete, wie das Kind ganz der Großmutter gehöre, wie es gut gediehen wäre, so lange sie es genährt hätte, doch jetzt nun beinahe wie ein richtiges Großstadtkleines bißchen blaß aussehe, und zuletzt und ausführlich erzählte sie von ihren großen Lebensaugenblicken, von der Geburt im Kornfeld, und wie der Mond geschienen habe im ersten abnehmenden Viertel. »Und niemanden zum Heiraten?« unterbrach Schwester Laura entsetzt. Lotte schüttelte verneinend den Kopf. »Diese Schufte!« schloß die Oberschwester, die, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung und Kenntnis, absolute Männerfeindin war, außer sie hatte die Vertreter dieses Geschlechtes krank vor sich liegen, denn dann waren es für sie nur die »richtigen Kinder«. – »Den Körper eines Mädchens gebrauchen und es dann einfach sitzen lassen, für nichts sorgen –«, brummte sie in bezug auf Lotte mit wutgesättigtem Baß, denn nur so konnte sie sich die Situation vorstellen. – Lotte, geistesabwesend in ihrem Schmerz, seufzte dazu: »Ja – ja –« und begann noch umständlich zu schildern, wie schrecklich und liederlich die alte Bäuerin ihren Kleinen hatte verkommen lassen, worüber auch Schwester Laura entsetzt die Hände zusammenschlug und meinte, das sei ja direkt eine Engelmacherin gewesen und wert, daß man sie anzeige, worüber nun wieder Lotte von neuem in Erschrecken fiel. Und so verbrachten die Frauen miteinander noch manche Nachtstunde. Lotte war mit ihrem Geständnis also nicht an die Unrechte gekommen, sie behielt ihren Dienst als Nachtwache bei, die Oberschwester hütete das Geheimnis wohl, mehr noch, sie steckte ihr, wo sie konnte, Schokolade, feines Obst zu, das sie geschenkt bekam, manchmal auch bunte, leere Schachteln, die sie sich von den Patienten für Lottes Kind erbat. Da sie im letzten Augenblick immer wieder nicht dazu kam, so sehr sie es sich vornahm, einen Besuch bei Lotte und ihrer Mutter zu machen, so erbat sie sich zu Weihnachten wenigstens ein Bild von dem Knaben und gab Lotte das Geld für den Photographen. Lotte durfte aber nicht selbst mit dem Kind zur Aufnahme gehen, sondern die Mutter verlangte, das für sie zu tun. VI Durch die Anteilnahme der Oberschwester, mit der sie nun oft und stundenlang über das Kind sprechen durfte und die ihr nach bestem Gewissen trotz Lottes Klagen über das Verhalten der Mutter doch nur wieder raten konnte, den Kleinen bei der strengen Großmutter zu lassen, wurde Lotte von ihrem gegenwärtigen Schmerz, ohne daß sie es merkte, doch nach und nach abgelenkt, und der Knabe wurde ihr allmählich gleichsam als Phantasiegestalt wiedergeschenkt. Konnte sie ihn nicht nähren, an sich halten, ihn hegen und pflegen, so konnte sie von ihm, über ihn sprechen. Wohl brachte ihr Schwester Laura von ihren wenigen und kurzen Ausgängen Stoffe und Schnitte für Wäsche und Kittelchen mit, und Lotte lernte auch mit einiger Mühe nähen und schneidern für das Kind – aber da sie doch nicht die Freuden der Gegenwart an dem Kleinen genießen durfte, beschäftigte sie sich immer mehr und ausschließlich mit seiner Zukunft, und ihre Liebe und Sorge für den Knaben nahmen notgedrungen einen etwas männlichen Charakter an. Die kalten Worte der Mutter, Lotte habe für das Kind, für das sie keinen Vater wisse, nur Geld zu verdienen, bestimmten jetzt ohne inneren Widerspruch Lottes Leben, die durch und durch Mütterliche sah sich gewissermaßen ein für allemal an die Vaterstelle verwiesen. Eine bis dahin noch unerkannte Begabung kam ihr bei dieser gewaltsamen Umstellung ihres ganzen Wesens zu Hilfe. Früher hatte Lotte in den Nachtwachen dumpf und doch lauernd vor sich hingeträumt, in einer merkwürdigen, gestaltlosen Träumerei. Jetzt träumte sie von ihrem Knaben. Und da sie nur für seine Zukunft denken und sorgen durfte und konnte, so träumte sie ihn sich erwachsen – und da sie weiter in ihrem weiblichen Liebesbedürfnis selbst als Mutter im tiefsten Grunde unbefriedigt geblieben war, so träumte sie sich ihren kleinen Knaben über alle schmerzliche Zeit hinweg als schönen, begehrten, in hohem Stande lebenden Mann im blühendsten Lebensalter, verwandelte ihr armes Kind in einen feurigen Liebhaber, in einen Grafen, einen Fürsten. Und in diesen Verwandlungen löste sich zum Schluß das lebende Kind der Gegenwart von den erträumten Gestalten und Vorgängen ab, versank hinter ihnen, die ein eigenes Leben zu führen begannen, und eines Tages trieb es Lotte dazu, das Gedränge ihrer Bilder und Phantasien niederzuschreiben, oft mit erborgten Ausdrücken und Sätzen, die sie noch von der früheren, reichlichen Lektüre her im Gedächtnis hatte. Anfangs benutzte sie zu ihren Schreibereien die Notizblätter der Klinik, dann nahm sie es schon ernster und brachte sich von zu Haus ihr von der Schulzeit her noch halb leeres Poesiealbum mit, und ganz zuletzt kaufte sie sich Schreibhefte für ihre Niederschriften. Die kleinen Geschichtchen, die zu ihrer eigenen Überraschung auf diese Weise entstanden, hatten eigentlich weder Hand noch Fuß, es war in ihnen trotz ausschweifender Phantasie in den Einzelheiten und vor allem in den Empfindungen doch in merkwürdiger Eintönigkeit stets immer wieder von einem hohen, schlanken, eleganten und vornehmen Herrn die Rede, der entweder plötzlich in unglücklicher Liebe zu einer fernen oder sonst irgendwie unerreichbaren Frau zerschmolz oder in edelmütiger Weise für einen verräterischen Freund bürgte, dabei Geld und Ehre verlor, oder aber aus irgendwelchem anderen Grunde auswandern mußte oder gar sich erschoß. Jedenfalls ging auffallenderweise, ohne daß es Lotte so recht klar wurde, die zuerst mit aller Glorie ausgestattete Figur zum Schluß stets elend zu Grunde. – Eine gewisse sinnliche Intensität, die diesen Geschichten innewohnte, ihr Verharren auf der Idee eines himmelstürmenden Glückes bei allem tragischen Untergang des Helden, ihr eigenartig unbeholfener und doch mitreißender Stil machte sie indes lesbar und fesselnd, und wieder bewies sich Lottes glücklich genannte Hand – denn als sie ihr Geschreibsel auf Zureden ihrer ersten begeisterten Leserin, der Oberschwester Laura, an die Zeitschrift einschickte, aus der die beiden Frauen die Schnittmuster für die Kleider des Knaben durchpausten, da wurden sie ohne weiteres gut aufgenommen, unter dem Namen Charlotte vom Berg gedruckt und in steigendem Maße honoriert.   Lotte verdiente also mehr und mehr Geld, lernte stolz darauf zu sein, und sparte eifrig dafür, ihren Knaben später auf eine höhere Bürgerschule oder gar auf eine Realschule schicken zu können, um ihn so möglichst seinen erdichteten Vorbildern anzunähern. Über die augenblickliche Existenz des Kindes, das auf zarten, ein wenig gekrümmten Beinen, blassen, etwas aufgedunsenen Gesichtchens umherwackelte, hatte sie zuletzt gelernt, da sie ja nichts anderes konnte und durfte, in einer unwissentlichen, aber grandiosen Entsagung seelenabwesend hinwegzublicken – und wenn sie ihm die Kleidungsstücke anprobierte, die sie ihm nähte, so hatte sie sich hüten gelernt, sein Lockenköpfchen allzu vertieft zu betrachten, seinen kleinen Leib allzu innig zu berühren, seinem leisen, aber süßen Geplapper allzu gierig zu lauschen, um den Schmerz der Eifersucht nicht zu wecken, daß sie diesen Kinderkörper nicht herzen, nicht waschen und pflegen, nicht zu blühendem Gedeihen bringen durfte mit ihren mutterzärtlichen Händen. Ja, sie brachte es eines Tages sogar fertig, den Knaben zu schelten, als er sie durch sein Spielen in ihrem Tagesschlaf gestört hatte, und zuletzt sah sie es nicht ungern, wenn die Mutter mit ihm ausgegangen war und sie sich in der stillen Wohnung ausruhen konnte von ihrer Tätigkeit und ihren schriftstellerischen Phantasien in der Nacht. – »Ich bin auch nur ein Mensch«, dachte sie, sich vor sich selbst entschuldigend, erkannte aber nicht, daß sie beinahe schon Übermenschliches leistete in der Überwindung ihres eigentlichen Selbst. Indes, was der Mutter gerade noch gelingen konnte, einem anscheinend unausweichlichen Zwang des Lebens zu gehorchen, und im Mütterlichen verarmend, sich zu bemühen, die Stelle eines Vaters einzunehmen, das wurde, in der ewigen Bindung von Mutter und Kind, zum Verhängnis für ihren Knaben. VII Der Knabe, ein zartes Kind, wuchs auf, in der ersten Jugend schon sehr empfänglich für den Zwiespalt in der Gefühlswelt, die ihn umgab. Die Großmutter, mit der er zeitlich und räumlich am engsten zusammenlebte in den bedeutungsvollen Jahren erster Kindheit, verbarg ihre Zuneigung zu ihm unter eisiger Zurückhaltung und ausgeglichener, aber nie aussetzender Strenge. Die Hände, die ihn von klein auf gefüttert, gewaschen, angekleidet, beim Laufenlernen gestützt, ihn zu Bette gelegt und nach dem Schlaf wieder aufgehoben hatten, hatten es fertiggebracht, dies alles ohne den geringsten Ausdruck von Zärtlichkeit oder wenigstens Zartheit zu tun, so daß das Kind, wenn auch nicht mit Grobheit, so doch mit einer Art geschäftsmäßiger Kühle und Härte behandelt wurde. Das Bewußtsein, daß er im Grunde unerwünscht, nicht am Platz, als hingenommenes Unglück zu betrachten sei und auch so betrachtet wurde, wuchs dadurch, ohne daß der Knabe seine Lage ganz begriff, als dumpfe Bedrückung mit dem zunehmenden Erfassen und Umfassen des Daseins auf. Das Kind war von Anfang an etwas scheu und zaghaft, und das Vorhandensein eines gesunden, liebenswürdigen, lebhaften, kindlichen Temperamentes war eigentlich nur dann bei ihm zu erkennen, wenn es längere Zeit mit dem Großvater zusammen war. – Dieser wiederum goß im Gegensatz zu seiner Frau einen wahren Strom unbeholfener, kräftiger Zärtlichkeit über das Kind aus, verwöhnte und beschenkte es, verlockte es zu den wildesten Spielen und tobte mit ihm in der kleinen Wohnung umher, was dem Kind sonst stets verboten war, wovon sich aber der Großvater durch kein Murren und noch so scharfes Zischen seiner Frau abhalten ließ. Aber dieses Gegengewicht gegen die Härte und Kälte der Großmutter war zu heftig und zu unvermittelt, trat vor allem zu selten in Wirkung, als daß es das verzagte Wesen des Knaben wahrhaft hätte aufhellen und seinen Lebensmut stärken können. Der Großvater, seit einigen Jahren vom Maurerpolier zum Bauinspektor aufgerückt, befand sich viel auf Bauten auswärts, da er bei einer Firma beschäftigt war, die besondere technisch komplizierte Aufträge ausführte, und ihn, der außerordentlich zuverlässig und auch besonders geschickt im Umgang mit den Arbeitern war, stets mitnahm. Im Winter suchte sich der arbeitsfreudige und kräftige Mann Gelegenheitsarbeiten und hatte auch da seine »gewissen« sicheren Stellen. So war er im ganzen wenig zu Hause, war eine ferne, mächtige Gestalt für den Knaben, und diese Bedeutung vertiefte sich noch durch ein kleines Erlebnis, das sich ereignete, als der kleine Hermann einmal mit der Großmutter dem Großvater auf einem nicht allzuweit entfernten Bau das Essen zutrug. Es erregte schon sein kindliches Erstaunen, als er den großen, breitschulterigen Mann hoch oben auf einem Gerüst erblickte, und es erbebte sein kleines Herz, als dann dieser Mann die hohe, steile, in mehrfacher Zickzackunterbrechung angelegte Gerüstleiter herunterlief, gewandt und flink, mit dem Gesicht nach vorn, wie eine gewöhnliche Treppe, dann ihm in einer geraden Linie entgegenstürmte, ihm, der sich eben noch winzig klein und bedrückt fühlte und im nächsten Augenblick aber schon hoch oben über des Großvaters grauschwarzmelierten Kopf hin- und hergeschwungen wurde, so daß ihm schwindeln mußte. – Von diesem Augenblick an war die Liebe des Knaben und seine Freude, mit der er bis dahin stets des Großvaters angesichtig geworden war, mit einer lebhaften, zugleich grauen- und wonnevollen Furcht gemischt, der unbewußten Liebesfurcht vor dem Leben. In der Hauptsache hing das Kind aber doch zu sehr von der Großmutter ab, als daß nicht ihr, das Leben zwar befestigender, aber düsterer Einfluß der stärkere gewesen wäre. Keines der oft prächtigen Spielsachen, die besonders Schwester Laura durch Lotte dem Knaben schickte, durfte er nach Herzenslust benützen. Die Großmutter schloß sie ihm fort, erlaubte ihm nur hie und da eine kurze Weile mit dem oder jenem Stück zu spielen, damit sich des Kindes Sinn »nicht zu sehr an diese Götzen hänge«, wie sie sagte, denn es schien ihr unnatürlich und bekämpfenswert, mit welch innigem Gefühl das Kind ein kleines Holzpferdchen zu lieben begann, von dem es sich Tag und Nacht nicht trennen wollte, und das sie deshalb in den Tiefen des Wäscheschrankes vor ihm versteckte. So wagte das Kind zuletzt gar nicht mehr, seine Geschenke in Besitz zu nehmen, sondern brachte sanft, still und traurig, freiwillig alles der Großmutter hin, daß sie es aufhebe. Die höchste Belohnung, welche ihm die Großmutter für sein artiges Benehmen zuteil werden ließ, waren Bilderbogen mit Figuren aus der biblischen Geschichte, die der Knabe ausschneiden und aufkleben durfte. Dabei lernte sich das Kind, das eine vielleicht sogar von der Großmutter ererbte Neigung zu Frömmigkeit und religiösem Gefühl an noch sinnlich ergreifbare Zeugnisse band, schon sehr hüten, seine Vorliebe für die Tiere auf diesen Bilderbogen – die Kamele, Schafe und Ziegen von Jakobs Herden, seine Rührung über das Eselein des Heilandes – merken zu lassen. Einmal setzte er es, bis zu Tränen von diesem Wunsch aufgestachelt, bei der Großmutter durch, daß er ein junges, verschmutztes, halbverhungertes graues Kätzchen, das sich vor dem Eingang einer Kohlenhandlung herumtrieb, von der Straße mit in die Wohnung nehmen, es dort füttern und pflegen durfte. Doch das Tierchen blieb merkwürdig scheu, und als es eine ebenso scheue Liebkosung des Knaben mit einem schmerzenden Schlag seiner Krällchen beantwortete, blieb ein tiefes Entsetzen in dem Kind zurück, ein Entsetzen, in welchem die Strenge der Großmutter für immer recht behielt, und als die Katze gar eines schönen Frühlingstages spurlos verschwunden war, bedeutete dies dem Knaben eine so schwere Enttäuschung, daß sein empfindliches Gemüt sie nie ganz verwinden konnte. Vor Lotte, seiner Mutter, hatte der Knabe eine respektvolle Scheu. Sie verdiene Geld für ihn, hieß es, sie müsse nachts arbeiten und am Tag Ruhe haben, deshalb dürfe er sich nicht rühren, wenn sie in der Schlafstube in dem Bett lag, in dem er des nachts geschlafen hatte. An den freien Tagen aber, an denen Lotte nicht schlief, probierte sie ihm fast immer irgendein Kleidungs- oder Wäschestück an, nicht selten mußte der Knabe dann stundenlang stille stehen, bis die Mutter mit dem Stecken, Heften und Abzeichnen, wozu sie nicht allzu geschickt war, fertig wurde und ihn, wenn er beinahe vor Erschöpfung nicht mehr konnte, unter Seufzern der Ungeduld ermahnte, gerade zu stehen, sonst sei es ja kein Wunder, daß nichts recht sitze bei ihm. Und nicht selten war es dann die Großmutter, die das »hoffärtige Anputzen« überhaupt nicht mochte, die den Knaben von den Qualen der Anprobiererei befreite. – Gewiß war es schön, wenn Lotte, die Mutter, ihn einmal mitnahm zu einer Besorgung, dann ging es immer in eine ganz andere Stadtgegend, sie fuhren mit der Straßenbahn oder mit dem Omnibus und träumten beide vor den Auslagen der Geschäfte. Aber eine reine Freude konnte auch das nicht für den Knaben sein, denn Lotte, die Mutter, führte ihn wohl nicht an der Hand, welche Haltung ihm stets unangenehm war, doch sie ließ ihn auch nicht allein für sich seine Schritte setzen, sondern wollte immer, daß er sich bei ihr »einhänge« wie ein feiner Kavalier. Das bereitete ihm anfangs bei seiner noch kleinen Gestalt Schmerzen in der hochgereckten Schulter, so daß er immer von Zeit zu Zeit den Arm zurückziehen mußte, dabei aber die traurige Empfindung hatte, daß etwas von ihm erwartet wurde, was er nicht geben konnte – und diese feine Empfindung war auch noch geblieben, als der Knabe später schon über Hüfthöhe seiner Mutter hinausgewachsen war und es mit dem Einhängen viel leichter ging. Wohl fühlte sich so das Kind auch mit Lotte, der Mutter, verbunden, aber es war ein Band, das ihn an etwas unausgesprochen Forderndes knüpfte, als ahne sich der Knabe schon als Schuldner der großen Erwartungen, die seine Mutter in der Zukunft für ihn hegte, und von denen sie ja auch hie und da in leidenschaftlichen, wenn auch unverständlichen Andeutungen zu ihm sprach. Daß er keinen Vater hatte, kam dem Knaben in der ersten Jugend nicht so sehr zu Bewußtsein, zumal von dem Großvater in der kleinen Familie nur als »vom Vater« gesprochen wurde. »So, kannst Vatern mal die Zeitung bringen«, sagte die Großmutter zu ihm, als er noch kaum laufen konnte, und steckte dem Knirps das Papier ins Händchen. – »Na komm, auf Vaters Knie, einen forschen Galopp reiten!« so lud ihn ein andermal der Großvater ein, indem er mit den derben Händen auf seine kräftigen Schenkel klatschte. Einmal indes, mitten im fröhlichen Spiel mit dem Großvater, wobei dem Knaben am ehesten das Herz aufging, fragte er unvermittelt: »Vater, bist du der Mann von der Lotte?« »Von der Lotte?« fragte der Großvater verblüfft zurück. »Ja – weil sie doch meine Mutter ist!« Der Großvater brach in ein dröhnendes Gelächter aus – die Liebe macht den einfachen Mann zum Diplomaten. »Ich bin hier der Mann im Haus – jawohl, mein kleiner Hermann, ich und du, wir sind hier allemal die Männer zu den Weibsen –« Aber wie so oft durch des Großvaters kraftvolles Wesen fühlte sich der Knabe auch durch diese Antwort ein wenig erschreckt und unsicher gemacht und nicht befriedigt. Mit andern Kindern kam der Knabe fast nie zusammen. In dem Bemühen, den kleinen Hermann von »Fremden« fernzuhalten, waren sich der Großvater und seine Frau einig. – Als der Charakter des Knaben sich nun einigermaßen entwickelt und gefestigt hatte, war er ein schüchternes, auch körperlich ein wenig kümmerliches Kind von durchschnittlicher Intelligenz. Er sah vorerst dem Großvater und dadurch, daß sie viel Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte, auch Lotte ähnlich. Ein fremdes Erbteil sprach nur aus den kleinen, feinen, eng anliegenden Ohren und dem krausen Haar, denn sowohl der Großvater als auch Lotte hatten ausgesprochen große, abstehende Ohren, die Lotte sich stets bemühte, durch ihre Haarfrisur zu verstecken. Auch die Großmutter hatte wohl anliegende, aber übermittelgroße, sehr in die Länge gezogene, fleischige Ohren. Krauses Haar war in keinem Teil der Familie bekannt, gemahnte also am meisten an des Knaben geheime Herkunft. Trotzdem entzückte es den Großvater ganz besonders an dem Jungen, er zauste und zupfte mit Vorliebe darin umher, neckte ihn, er habe ja krumme Haare, was aber den Knaben nur verletzte und zum Weinen brachte. Sonst aber besaß der Großvater den Takt gütiger Herzen, und als die Schulzeit für den Knaben herankam, ging er selber hin, ihn anzumelden, ließ sich zum Direktor und zum zukünftigen Klassenlehrer führen und verhandelte mit ihnen über die beste Art, wie man dem Kind bei der Einführung Erregung und Kummer über seine Geburt ersparen könne. Der Klassenlehrer versprach, den kleinen Hermann bei der Frage nach dem Vater zu übergehen.   Der Knabe betrat die Schule voll fiebriger Freude und lernte voll ebensolchen Eifers während der ersten Zeit. Nachts wachte er nicht selten aus dem Schlaf auf, setzte sich im Bette hoch und sagte seine kleinen Aufgaben her, im Traume sah er Buchstaben und Zahlen vor sich. Da er bisher ohne jede Gesellschaft von Gleichaltrigen gelebt hatte, gab er sich in dem ganzen fieberhaft gesteigerten Zustand der ersten Schulwochen ungehemmt der neuen Gemeinschaft mit den vielen Altersgenossen hin, tobte, schrie und lachte in den Pausen auf dem Schulhof umher, zum erstenmal ein Kind unter Kindern. In diesem Zustande war er auch lange Zeit ganz unempfänglich gegen das Wort und den Begriff »Vater«, welche oft genug um ihn herum auftauchten. Wenn die Kinder in ihren Reden erwähnten: »mein Vater, meine Mutter«, so sprach er ebenso unbefangen von seiner Großmutter und von »Vater daheim«. – Als ein Kind ihn fragte: »Hast du keine Mutter?« nickte er eifrig: »Doch!« Einmal aber, als in der Stunde des Sprachunterrichts die Glieder einer Familie aufgezählt wurden, fing er an nachzudenken, ernsthaft und eifrig, denn für alles, was gelehrt wurde, hatte er ja eine sehr bereite Aufmerksamkeit. Der Lehrer ließ am nächsten Tage die Kinder eine Lektion der Geschlechtsbestimmung der Worte an den Beispielen »der Mann, die Frau – der Vater, die Mutter – das Kind« wiederholen und forderte die Schüler auf, von ihren Familien zu erzählen. Er vergaß gerade in diesem Augenblick des Besonderen im Falle des kleinen Hermann, und erinnerte sich erst daran, als das Kind, auf die Aufforderung hin, von Vater und Mutter zu berichten, unbeholfen herumstotterte. Lotte, die den Eindrücken seiner ersten Kindheit eigentlich fernste und am wenigsten begriffene Gestalt, wurde dem Knaben in diesen Augenblicken plötzlich in all ihrer unzweifelhaften Bedeutung klar und wahr: sie war die Mutter, und er, Hermann, das Kind. Aber weiter ging es nicht. Wer war »der Mann« – »die Frau« daheim und bildete »den Vater« –, »die Mutter«, von denen dann er, »das« Kind abgeleitet wurde? – Eine nicht begriffene, aber tief gefühlte Einsamkeit, eine rätselhafte Verlorenheit ins Regellose, für das der Knabe, begabt mit einem höheren Ordnungssinn, ein frühes Empfinden hatte, umdrängte die Seele des Kindes und verwandelte das Schulzimmer, bevölkert von Lehrer und Kindern, in eine unerreichbare, dennoch gefährliche Welt. »Ach ja, richtig, der kleine Hermann Schuhmacher ist ja eine arme Waise, er hat keinen Vater mehr« – so glaubte sich der Lehrer, das unter Stirnrunzeln und angestrengten Blicken hervorgebrachte Stottern des Schülers unterbrechend, am besten aus der Affäre zu ziehen. Der kleine Hermann aber fragte, als er das nächstemal mit ihm allein war, in traurig-geheimnisvollem Tone seinen Großvater: »Der Lehrer hat gesagt, ich bin ja eine arme Waise, Vater?« Der Maurerpolier wurde rot unter seiner groben, von Sonne und Wind gegerbten Haut. Der Knabe hätte von ihm eine Antwort: »nein, das bist du nicht« gern und gläubig hingenommen, ja, obwohl es ihm auch schwerfallen wollte, anzunehmen, daß ein Lehrer unrecht haben sollte, erwartete er dennoch keine andere. So traf es ihn noch einmal, als der Mann sagte, seine große Hand um den Kopf des Kindes legend: »Na ja, das bist du ja auch wohl, aber laß mal, wir sorgen ja für dich –« Das alles konnte aber der Knabe nicht ganz verstehen, und das freudig begonnene Schuljahr endete mit einem neuen, tiefen, geheimnisvollen Kummer, mit dem bedrückenden Bewußtsein: ich bin eine arme Waise, das sich mit allem anderen Bedrückenden seiner Jugend vereinte. Eine Zeitlang hatte er sogar Unlust zu dem geliebten Unterricht, und dem sonst so scheu verehrten Lehrer gegenüber, von dem ihm eine so traurige Lehre zuteil geworden war, entstand eine schmerzende Abneigung, aber nach und nach blieb ihm doch nichts anderes übrig, als sich mit der Freude am Lernen wieder zu begnügen. Er wurde jedoch den anderen Kindern gegenüber wieder sehr zurückhaltend, entsetzte sich über deren Wildheit und Grausamkeiten, hier und da bahnte sich wohl eine nähere Bekanntschaft mit einem anderen stillen Kinde an, die aber nie zu einer wirklichen, festen Freundschaft von Dauer wurde. Jedes Jahr, wenn der Knabe in eine neue Klasse aufrückte, was ihm ziemlich mühelos auf dritten oder vierten Plätzen gelang, erschien der Großvater vorher bei dem Lehrer und bat immer wieder, den Jungen nur ja nichts von seiner unehelichen Herkunft merken zu lassen. Ein Lehrer meinte: »Einmal muß er es aber doch erfahren –«, – »nicht in der Schule, nicht in der Schule«, beschwor ihn daraufhin der alte Mann.   So blieben dem Kinde Hohn und Spott erspart, er lernte und kam voran, konnte zu Lottes Stolz und dank ihres Fleißes in eine höhere Schule umgeschult werden – die größeren Anforderungen, die dort an ihn gestellt wurden, stachelten seine Energie auf und stärkten dadurch sein Lebensgefühl. Der Großvater wurde immer stolzer auf seinen Jungen, auch Lotte sah ihn bereits zu der Idealgestalt entwickelt, in die sie ihn schon so lange hineingeträumt und gedichtet hatte. Sie kleidete ihn in hübsche dunkelblaue, im Sommer sogar weiße Matrosenanzüge, die sie noch immer selber nähte. Schließlich war der Knabe nun auch bis zu einem gewissen Grade der bedrückenden Übermacht der Großmutter entwachsen, welchen Vorgang er innerlich mit unbewußter Energie unterstützte, indem er mit der Zunahme seiner neuen Schulkenntnisse die alte Kinderfrömmigkeit und allgemeine religiöse Hinneigung in sich unterdrückte und sich so allerdings ein größeres Freiheitsempfinden verschaffte, aber auch sich einer Stütze für später beraubte. – Seine Freude an den Tieren ließ ihn, sooft es sein kleines Taschengeld erlaubte, in den Zoologischen Garten gehen, oder aber auf dem Schulwege vor einer Vogelhandlung stehenbleiben, wenn auch neben dem kindlich-hellen Entzücken der unermüdlichen Betrachtung seine Liebe zu den durch das Gitter oder die Fensterscheibe von ihm getrennten Geschöpfen etwas Trauriges, Sehnsüchtig-Verzagtes hatte. Den Wunsch, ein Tier wirklich zu besitzen, es zu berühren, zu pflegen, hatte er seit dem frühen Erlebnis mit dem Kätzchen nicht mehr. Einmal besorgte er sich Plastilin und versuchte, aus der Knetmasse sich selber Tiere zu schaffen, mußte aber bald erkennen, daß es ihm nicht gelang, einen Körper nur halbwegs richtig nach der Natur und gar nicht nach seinem vorgestellten Bild zu formen, und er schüttelte über sich selbst den Kopf: »nein, zu einem Bildhauer tauge ich nicht –«. – Auch Umgang mit Altersgenossen hatte er noch immer nicht, suchte auch keinen. Dagegen war er ein guter Freund für ein paar ABC-Schützen in seiner Wohngegend, denen er zuerst seine bunte Knetmasse fortschenkte, dann kam es dazu, daß er ihnen bei den Schulaufgaben half, später verteilte er die Schokolade an sie, mit der er noch immer reichlich von Lotte beschenkt wurde. Er ließ die »Knirpse«, wie er sie nannte, in seine Hosentasche langen und sich »was Süßes angeln«. Doch mit der Zeit hatte er dann wieder Mühe, sich vor der Balgerei um seine Taschen zu retten. – Diese meist nur kurzen Begegnungen mit den um vieles jüngeren Kindern und auf der anderen Seite wieder die Freundschaft mit dem Großvater, die er mit der alten, gleich starken Freude genoß, genügten dem Bedürfnis des Knaben nach Geselligkeit. »Wir beiden Männer machen jetzt mal einen kleinen Bummel «, sagte der Großvater ostentativ zu seiner stillen, verkniffenen Frau und ging mit dem Enkel los. Sie schlenderten durch die sonntäglich stillen Straßen, und der Großvater erklärte die verschiedenen Bauarten der Häuser, erzählte von den wildbewegten Spekulationsgeschichten ihrer Grundstücke aus der Zeit, wo im »neuen Westen« noch die Pferdebahn gegangen und auf den jetzt pikfeinen Geschäftsstraßen Gras gewachsen sei – oder aber er hielt ihm Vorträge über seine »gewerkschaftliche Organisation«. Er war sehr stolz auf seinen Beruf. – »Siehst du, Hermann, jetzt bin ich nun Inspektor, sozusagen. Aber das Feinste ist und bleibt: Maurerpolier. Und warum? Das will ich dir erklären. Der Baumeister und der Architekt, siehst du, die verstehn es wohl, aber die können es nicht. Und der Maurer, der kann es wohl, aber der versteht es nicht. Aber ich, der Maurerpolier, siehst du wohl, mein Junge, der versteht es, und der kann es auch. – Bauen nämlich.« – Und als der Knabe lächelnd zustimmte, fügte der Mann hinzu: »Aber du, mein Sohn, du sollst was noch viel Feineres werden!« – Über das »was« freilich war er sich auch noch nicht im klaren, und hatte überhaupt manchmal seine Bedenken und Zweifel am Wesen des geliebten Enkels. So nahm er den Jungen gern zu seinen Kegelpartien mit, munterte ihn zum Trinken und Spielen auf, wäre zu allerhand Streichen willig gewesen, wenn es den Enkel dazu verlockt hätte, und manchmal dachte er sorgenvoll-enttäuscht: »Zu gut ist der Junge, vielleicht ein bißchen zu weich – aber nicht eine Stunde lang hat er Sorgen oder Ärger gemacht, das muß man schon sagen –«, denn trotz seiner Zartheit hatte das Kind nicht einmal durch eine ernstere Krankheit Kummer bereitet. VIII So ging das in Freuden und Leiden begrenzte Leben des Knaben bis zu seinem vierzehnten Jahre hin. In der Schule hielt er sich gut: Mathematik und Physik belebten seinen bedrückten und etwas schläfrigen Geist, und als er nach und nach abstrakter Vorstellungen fähig wurde, übten sie einen festigenden Einfluß auch auf seinen Charakter aus, denn sie vermittelten ihm eine Welt, die ihm in noch größerem Maße als die Religion unabhängig von der Welt des alltäglichen Lebens schien, in welcher er eben nie recht warm werden konnte, in der es für ihn »nicht ganz stimmte«, die »Gleichung nicht aufging«. – Diese neue Welt mit ihren auch für ihn lösbaren, richtigen Voraussetzungen gab ihm ein neues Selbstbewußtsein und ein stilles inneres Glück. Wenn er sich jetzt manchmal seine Zukunft vorzustellen begann, so war es eine ruhige, zurückgezogene Existenz, die er vor sich sah und die auf irgendeine, ihm noch etwas unklare Weise von der Beschäftigung mit Büchern und Studien ausgefüllt war. Doch er sprach nie davon, und er wurde auch gar nicht um seine Wünsche und Gedanken betreffs der Zukunft befragt. Lotte, seine Mutter, die ohne Ahnung von seinem wahren, inneren Wesen ihn neben sich aufwachsen sah, hatte schon längst ihre bestimmten Pläne mit ihm. Die Helden ihrer kleinen Geschichten hatten sich verändert. Aus schönen, edelherzigen Kavalieren waren sie mehr und mehr Männer der reinen Tat geworden, faszinierend durch eine martialische Eleganz – ihre Liebhaberhelden waren Offiziere geworden, die nur von »Kriegs- und Kriegersruhm«, von »Feldern der Ehre« und zuletzt von stolzen Schiffen sprachen, die mit »scharfem Bug die schäumenden Wellen durchschnitten, und aus dräuenden Kanonenmündern Verderben spieen auf den Feind«. – Denn Lotte und ihre nun innig Vertraute, Oberschwester Laura, waren auf die Idee gekommen, daß »der Junge« zur Marine solle, und sie waren beide Feuer und Flamme dafür, Hermann in Wind und Wetter auf hohe See hinauszuschicken. Allerdings war diese Frauenphantasie von einem realen Untergrund gestützt. Wie schon so oft scheinbar Glück in Lottes Leben waltete, hatte es sich getroffen, daß ein hoher Beamter des Marineamtes einer Operation wegen in die Klinik eingeliefert wurde, dessen schwierige Pflege, die den Ausgang auf Leben oder Tod entscheiden konnte, Oberschwester Laura besonders aufmerksam und tätig überwachte. Als er ihr nun zum Abschied dankte und sie dringend nach einem Wunsch fragte, den er ihr erfüllen könnte, rückte ihr blitzartig der Gedanke betreffs des kleinen Hermann vor den Sinn, und unverzüglich fragte sie den Herrn, dem sie durch sein leutseliges Wesen hatte nahe kommen dürfen, ob er nicht in dieser Hinsicht etwas tun könne. Er erklärte sich gern dazu bereit, gab genau seine Amtsstelle an, an die man schreiben solle, wenn es so weit wäre – einstweilen solle der Junge seine Schule zu Ende besuchen, in den Hauptfächern möglichst gut abschneiden, Singen und sittsames Betragen wären weniger wichtig, ein richtiger, mutiger Draufgänger wäre viel eher richtig, und vor allem solle der Junge ein guter Turner und tüchtiger Schwimmer werden. Der Beamte erfuhr nichts von der illegitimen Herkunft des Knaben, Schwester Laura hatte nur von dem Sohn einer Freundin gesprochen, und der Herr nicht weiter nach dem Stand des Vaters gefragt, denn die ernste, gesetzte Schwester Laura und die höhere Schulbildung des Knaben erschienen ihm vertrauenswürdig. Schwester Laura, die in ebenso eigenwilliger, blinder Liebe an dem Knaben hing wie seine Mutter, und für ihn lebte, ohne ihn wahrhaft zu kennen oder kennen zu wollen, ihn auch nur höchst selten sah und dann einfach von ihm entzückt war, lief nun mit ihrer Freudenbotschaft zu Lotte, und Lotte war stolz und selig. – Diese ganzen Jahre, Blütenjahre ihres Lebens, hatte sie nur einem gelebt: der Zukunft ihres Sohnes. Wie sie nur schlief und arbeitete, träumerisch dichtete und Mark für Mark verdiente und ersparte, so hatte sie ihr Herz, ihr Glück, selbst ihre Liebe zu dem Kind gleichsam auf ein Konto gelegt, um es mit Glückeszinsen dereinst zu genießen. Nun schien es schon so weit zu sein, nun hatte sie also schon einen Gönner für ihren Jungen gefunden, und so wurde es von selbst zur festbeschlossenen Sache, ihr Sohn Hermann kam zur Marine. Sie sah ihn schon vor sich, groß, kräftig, braungebrannt, in weißer Offiziersuniform mit goldenen Knöpfen und Litzen. Sie sah ihn vor sich, Gestalt der träumerischen Ferne, die er für sie nun schon so lange war, wie er zurückkehrte von Reisen um die Welt, Kisten voller Gaben mit sich führend, die »bunte, rauschende Pracht ferner Länder, Märchenwelt des Orients«, die sie, Nachtschwester Lotte, nie erblicken würde – aber das war dann ihr Werk! Auch der Großvater, der sich gern seiner eigenen Militärzeit erinnerte, war begeistert von dieser Idee, als Lotte sie eines Sonntagsnachmittags den Ihren mitteilte. Nur die alte Frau murrte: »Da hat man ihn aufgezogen – die viele Arbeit gehabt, und dann wird er die ganze Zeit irgendwo da draußen sein –«, eine Bemerkung, die ihre still erwachsene, doch verborgene Neigung zu dem Kinde erhellte, und die gerade darum Lotte auffahren ließ. Stolz, wie sie glaubte, unbewußt schmerzensbitter aber, wie es klang, sagte sie: »Du hast ihn großgezogen, jawohl, du hast die Arbeit gehabt – aber ich habe das Geld verdient, ich habe ihn auf Schule geschickt!« Daraufhin fragte die alte Frau nur noch in ungewöhnlicher Sanftheit: »Will denn Hermann selber auch? – Es ist doch auch nicht ungefährlich –« »Die modernen deutschen Schiffe sind groß und sicher wie ein Haus – da kann gar nichts passieren –. Besseres kann man sich für den Jungen nicht wünschen, ich bin froh, daß ich das für ihn erreicht habe, er ist versorgt fürs ganze Leben, er kann die Welt kennenlernen, er wird Karriere machen!« – Das war Lottes Antwort auf die Mahnung an Gefahr, während sie die Gestalt ihres Knaben mit einer Begeisterung umfaßte, die zugleich eine herzensferne, fast gewalttätige Energie enthielt. Ihr einfaches, offenes Frauengesicht war vor Entschlußkraft beinahe finster in diesem Augenblick, während ihre runden, schwarzen Augen den schwärmerischen Ausdruck der phantasievollen, aller Wirklichkeit entrückten Lotte zeigten, die nachts im blaudämmernden Wachstübchen kleine Geschichten schrieb. Die gefährliche, väterliche Macht, die schwere männliche Entscheidung – Lotte übte die eine mit verschüttetem mütterlichen Herzen aus, fällte die andere im Vertrauen auf ihre glückliche Hand.   Der Knabe war entsetzt von diesem Plan, der seiner ganzen Natur widersprach. Aber gleichzeitig war er hilflos, sich dagegen zu wehren. Er war trotz allem anstrengenden Nachgrübeln noch nicht imstande, seine Liebe zu den Büchern, die Wohltaten, die er von ihnen empfing, mit einem praktischen Beruf in Verbindung zu bringen. Den in ihm schlummernden Wunsch nach irgendeinem Studium, und sei es nur das der Technik, wagte er nicht zu äußern, er wußte, daß es schon ungeheuer viel für seinen Stand bedeutete, eine Realschule zu besuchen. Er war doch eine arme Waise, für welche die Mutter schwer das Geld verdiente. Ohne sich Gewißheit zu verschaffen, hatte der Knabe natürlich längst begriffen, daß er den Namen seiner Mutter trug, ohne daß es aber in dieser Hinsicht bis jetzt bei seinem einfachen, ganz auf sich bezogenen Leben zu irgendeinem äußeren Konflikt gekommen wäre. Nun warf die Vergangenheit ihren Schatten in die Zukunft voraus, und dem Kinde, in einem Alter, das noch weniger Können als Wissen barg, bangte vor dem kommenden Dasein. Der Knabe verbrachte aufgeregte, ratlose Wochen in seiner Einsamkeit. Einmal versuchte er es wohl, die Großmutter als Verbündete gegen den Plan Lottes zu gewinnen. Sie sprachen vertraut miteinander wie noch nie – doch die alte Frau, gerade jetzt merkwürdig stark getrieben, endlich der Tochter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihre Arbeit, ihren Erfolg und nun auch ihre Meinung zu achten, wußte ihrem und dem Herzen des Enkels keine bessere Antwort als: »Überlaß es Gott, Hermann! Laß uns Ihm vertrauen. Kommt Zeit, kommt Rat!« – Der Hinweis auf Gott erweckte in dem Knaben nur die leise, aber stets regsame Gewissensqual um seiner verlorenen Frömmigkeit willen, und verstärkte sie zu größerer Trauer und Pein. Aber da ihm nichts blieb als dieser Zuspruch der alten Frau, so wollte er sich wenigstens der Zeit anvertrauen und sich mit der Frist, die ihm die zwei Schuljahre noch vor Berufsfragen Ruhe gaben, trösten und Mut machen. Da bestand Lotte eines Tages darauf, daß er auf alle Fälle schon schwimmen lernen solle. Sie war bereits unruhig und ungehalten über die mittelmäßige Note ihres Sohnes im Turnen – daß Hermann einmal bei einem Dauerlauf schlappgemacht hatte, und bei anstrengenden Übungen unter Stechen am Herzen litt, wußte sie überhaupt nicht – und nun hatte sie Eile, die vielleicht einer tiefen Besorgnis entsprang, daß der Junge nur ja ein recht tüchtiger Schwimmer werde, allen Gefahren des Wassers gewachsen. Der Knabe mußte sich also kurz nach Weihnachten zu einem Schwimmkurs anmelden. Das war eine Niederlage in seinem stillen Widerstand. Er konnte sich also nicht für eine geraume Zeit noch in seine Ideenwelt retten, sondern mußte sich schon jetzt mit dem aufgezwungenen Beruf beschäftigen, ohne daß ihm noch ein anderer klar vorgeschwebt hätte, der ihm einen Halt im Kampf gegen den Willen der Mutter gegeben hätte. Ihm graute im Innersten vor der Schwimmerei, ihm tat die Zeit leid, die er nicht mit den geliebten Büchern verbringen konnte, sondern für diese Wege zur Anstalt und die Übungen selbst vergeuden mußte. Wenn es wenigstens im Sommer gewesen wäre, im Freien, während der Ferien! Er hatte sich gerade jetzt mit besonderem Eifer seinen Aufgaben gewidmet, in dem Ehrgeiz, bei der Osterversetzung mindestens Zweitbester zu werden – vielleicht konnte er es auch bis zum Primus bringen, späterhin auf sich aufmerksam machen, einen Preis, ein Stipendium erringen, um doch nicht zur See gehen zu müssen, nun fürchtete er sofort, mit seiner Arbeit zurückzubleiben – und selbst seine Hilfe bei den Rechenaufgaben seiner kleinen Freunde schien ihm wichtiger als diese Schwimmübungen, die er um eines verabscheuten Berufes wegen unternehmen sollte. Aber Lotte duldete keinen Aufschub, im Sommer, so meinte sie, müsse der künftige Mariner schon in allen Seen der Umgebung schwimmen und tauchen! Hermann stellte sich also beim Unterricht besonders ungeschickt und widerwillig an, und der Schwimmlehrer glaubte seine erprobten, etwas brutalen Methoden gegen »Wasserscheue« auch bei ihm anwenden zu müssen, »tauchte« ihn ordentlich an der Leine, ließ ihn Wasser schlucken und um Hilfe rufen, klatschte dann im Trockenen überlegen-gutmütig den halb ohnmächtigen, zitternden Burschen mit leichten Schlägen ab, um ihn wieder »ordentlich zu sich zu bringen«. – Hermann aber lief heulend wie ein kleines Kind in seine Zelle, während alles um ihn herum lachte. Er nahm sich daher die nächsten Male krampfhaft zusammen, verbiß seinen Widerwillen, sein aufsteigendes Grauen vor dieser ganzen Überwältigung seiner selbst tief in sich hinein, bezwang auch tapfer Atemnot, Schwindelanfälle und die sonderbaren Übelkeiten, die sich immer häufiger nach einer Weile im Wasser einstellten – und so kam der Tag heran, an dem er zum ersten Mal ohne Leine, sich also freischwimmen und ein Schwimmzeugnis erhalten sollte. Sein Großvater hatte ihm für diesen Abend »etwas ganz Besonderes« versprochen, seine Mutter schenkte ihm im voraus zwei Mark für diese Leistung. Hermann ging, zart und schmächtig wie ein Zwölfjähriger, mit dem trostlosen Mut eines einsamen Kindes, eines vom widrigen Schicksal Geführten die glitschigen Stufen in das große Hallenbassin hinab, legte sich auf das nach Chlor riechende Wasser, machte wie ein Automat drei exakte, schulgerechte Züge, die Augen auf das dicke Seil gerichtet, das, zehn Meter weit entfernt, sein Ziel war. Er zweifelte nicht, es ohne weiteres zu erreichen, doch sagte es in ihm mit traurig vorgreifender Weisheit: »Wenn ich diesen Strick erreicht habe, dann kommt bald ein neuer, den ich erreichen muß, und weiter ist das Ganze nichts für mich – also los!« – Doch diese verzweifelte Aufforderung an sich selbst schien ihn nur zu lähmen. Schon in den nächsten Stößen wurden seine Bewegungen falsch und unregelmäßig, vergebens brüllte ihm der Schwimmlehrer die Kommandos zu, das tief in sich hinabgezwungene Grauen brach in dem Knaben auf: Grauen vor dem Wasser, das ihn von allen Seiten umdrückte, vermischte sich mit dem Grauen vor dem zukünftigen Beruf, vor einem drohenden, verfehlten Dasein nach bedrückter Kindheit – und ein verzweifelt-wütender Haß auf das Schwimmen, das ihn diesem Berufe, diesem Dasein zutragen sollte, verwirrte noch mehr seine unsinnig rudernden Bewegungen –eine körperliche Überwältigung kam hinzu: im Innern der Brust tat sich vom Herzen her eine Hand auf, fuhr würgend hoch bis zur Kehle, machte das Atmen zu übermenschlich schwerem Kampf, und nichts tauchte in dieser armen Seele auf, das ihr Halt, rettende Lebenskraft im letzten Augenblick eingegeben hätte. Sekundenschneller Abschied von den rührend kargen Anfängen seines Daseins machte dem Knaben noch einmal sein Ziel, das Seil, in seiner fünffachen Windung deutlich, dann aber entraste es in eine ungeheuer weit sich auftuende Ferne. Aus dieser Ferne rückte seinem inneren Auge noch einmal etwas nahe von dem, was seinem Herzen lieb gewesen war: der himmelblaue Zwergpapagei hinter dem Fenster der Vogelhandlung vergrub seinen kleinen grauweißen Krummschnabel in das duftige Brustgefieder – eine Buchseite blätterte sich auf und zeigte die fein detaillierte, steingrüne Abbildung eines Schachtelhalmes, eines verehrten Lehrers gütig-skeptisches Gesicht, bewegt im Sprechen, neigte sich gegen ihn, und es war noch einmal der oft umgrübelte Satz, den des Lehrers Mund soeben verkündete: »Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie auch untereinander gleich – wer ein Kerl ist, der glaubt es, beweisen kann man's nicht« –, zuletzt aber rückte auf den Knaben des Großvaters hohe kräftige Gestalt zu. Riesenhaft war der Mann in dem furchtbar-schönen Augenblick, da er mit muskulösen Händen den Knaben packte: hochgeschwungen zu werden weit hinauf über des Großvaters graubehaarten Kopf, schwindelnd vor Liebesfurcht vor dem Leben, aus aufgerissenem Herzen in seliger Hilflosigkeit die Worte aufsteigen zu lassen »Unser Vater, der du bist« – das war die letzte Empfindung des untergehenden Knaben, der nach kurzer Gegenwehr zappelnd und gurgelnd den Atem verlor. Ohne Schrei versank er im Bassin. Sekunden später, gerade so lange wie sein entsetzter Ausruf »der Scheißkerl haut ab!« gedauert hatte, war der Bademeister an der Stelle. Doch Hermann kam nicht von selbst wieder an die Oberfläche, man mußte ihn hochtauchen, und die sofort eingesetzten Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Ausgepumpt von redlicher Anstrengung sackte der Bademeister zusammen: »Im Bassin zu ersaufen! Is mir doch noch nie passiert!« meinte er trübselig, »aber wenn ik da von vornherein mit Sammethandschuh zugefaßt hätte, naß wären die für den armen Kerl ooch gewesen – das bringt das Metier so mit sich –« Der herbeigerufene Arzt stellte Tod durch Herzlähmung fest.   Ein Polizist machte Meldung, als Lotte gerade von ihrem Tagesschlaf aufgestanden war und Kaffee mit belegten Broten verzehrte. Ihre Mutter seifte die Fenster ab, denn es war Sonnabend. Es wurde den beiden Frauen gesagt, dem Hermann Schuhmacher sei beim Schwimmen ein Unfall zugestoßen. Zitternd und schweigend legten sie ihre Überkleider an und eilten in die Badeanstalt. Dort lag der Knabe in einem Lazarettraum. In dem Augenblick, da Lotte sein zartes, jünger als seine Jahre erscheinendes Gesicht, den kleinen Kopf mit dem trotz der Nässe krausen Haar sah, war er für sie wieder das winzige Kind, das sie im Kornfeld geboren, das sie heimlich genährt und fortgeschleppt hatte aus dem Dorf, und sie war wieder Mutter. In einem jähen, instinktiven Begreifen ihres wahren Schicksals, in einem hellsichtigen Durchdringen, in dem sie urplötzlich ermaß, um welches Glück sie betrogen, in welcher Unterdrückung das gehalten worden war, was einzig wahr und lebendig in ihr gewesen, und welches entsetzliche Opfer es nun gekostet hatte, wandte sie sich gegen die Mutter um. Sie erhob die Hand zu einem Schlag ins Gesicht, sie wollte drei-, viermal zuschlagen, so wie sie einst von der Mutter ins Gesicht geschlagen worden war. Die alte Frau nahm den einen Schlag hin, er konnte sie nicht mehr treffen, nach jenem Schlag, den der Anblick des toten Enkels ihrem Herzen versetzt hatte. Doch mit überlegener Kraft und Ruhe, unbewegten Gesichts hielt sie den Arm der Tochter auf, als er sich zum zweitenmal gegen sie erhob, und sie riß ihr Kind an sich. In einer gewaltsamen Umarmung barg sie Lottes Gesicht an ihrer Brust, und während sie nach einer Weile durch ihr Kleid hindurch die Feuchtigkeit von Lottes Tränen spüren konnte, glaubte sie, sich selbst und ihrem Kinde verzeihend sagen zu dürfen, daß sie das Kreuz des Lebens liebend umschlungen hielt. In ihrem Schmerz um das tote Kind blieb sie stumm, es war ein Schmerz, der sich in sie einsenkte, ein still-zehrender Funke. Im Heimfahren, ihr laut jammerndes Kind im Arm, dachte sie in tiefer Bangnis an den Mann, und konnte sich seinen Schmerz nicht vorstellen, wenn er diese Kunde empfangen würde. Der Mann, in seiner starken Lebenskraft, schrie auch auf wie ein Tier, das zu Tode getroffen war, und seine Klagelaute mischten sich mit dem tobenden Schluchzen Lottes. Die Mutter mußte alle die für einen solchen Fall nötigen Gänge erledigen und erschien beinahe unbewegt. Der Mann erlitt späterhin Anfälle von geistiger Trübung, in denen er wie ein Gefangener in der kleinen Wohnung umherirrte und nach seinem »lieben Hermann« rief. Er war zur Arbeit nicht mehr zu gebrauchen, und es besserte sich erst mit ihm, als im kommenden Sommer der blühende Grabhügel des Enkels seine Zufluchtsstätte wurde, an der er viele Stunden verbrachte, unermüdlich gärtnerte, kleine Spielsachen des Enkels – sein Holzpferdchen, auch seine ersten Schuhe – in die Hügelerde eingrub, ehe er die Pflanzen setzte, und zuletzt in fast schwachsinniger Weise an diesem Platz mit dem Verstorbenen redete und scherzte. Die Mutter hielt das Heim als solches noch einigermaßen zusammen, und kurz vor Ausbruch des Krieges war es durch ihre Initiative gelungen, dem Mann seine Altersrente zu verschaffen, die sie sparsam und geschickt einteilte, so daß sie von der Tochter kein Geld mehr anzunehmen brauchte. Der Krieg trennte auch Lotte von den Eltern. IX Der tobende Schmerz Lottes unmittelbar nach dem Unglücksfall war für ihre Umgebung schrecklich anzusehen. Daheim, wo alles sie an das Kind erinnerte, litt sie am meisten. Sie konnte die Kleider ihres Knaben, seine Hefte und Bücher nicht aus den Händen lassen, sie küßte seine Wäschestücke, seine Strümpfe und Schuhe – das Kissen, auf dem er zuletzt geschlafen hatte, durfte nicht frisch bezogen werden, wimmernd lag sie, statt ihren Tagesschlaf zu halten, stundenlang in der einfachen Schlafstube mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett und stopfte sich dieses Kissen in den Mund, grub ihre Zähne in die weichnachgebende, fad nach dem ausgewaschenen Leinen des Bezuges schmeckende, kaum einen Menschenduft spendende Federnmasse, als ob sie so ihren jahrelang unterdrückten Hunger nach Zärtlichkeiten stillen wollte. Aber selbst noch in der Wachstube der Klinik schlug sie ohne Beherrschung den Kopf gegen die Wand, versuchte sich die kurzgehaltenen Fingernägel mit Gewalt in die Brust einzukrallen, und kaum war ihr Jammern und Klagen zu bändigen. Die ganze Klinik erfuhr nun von ihrem Schicksal, und abwechselnd bewachten die Schwestern die Nachtwache. Unter der Wirkung von fortgesetzt gereichten Beruhigungsmitteln, die in der Hauptsache Brom enthielten, endete schließlich die Periode höchster Erregungen in tiefer Melancholie. Durch jeden Anspruch ihres Dienstes wurde Lotte gereizt, und ihre Unwilligkeit nahm beinahe einen böswilligen Charakter an, aber ein Urlaubsangebot lehnte sie in höchster Entrüstung wie eine unmögliche Zumutung ab. Nur unter eindringlichem Zureden, Schelten und drohenden Vorstellungen von Oberschwester Laura, die selbst nicht wenig durch den Tod des Kindes betroffen war, tat Lotte das Nötigste, um ihren Posten halten zu können, und auch dann ging es nur, weil man aus Rücksicht auf Schwester Laura, die sich einer großen Autorität erfreute, und aus Mitleid mit Lotte bis zum äußersten nachsichtig war. In den Nachtstunden, in denen sie früher zwischen ihren Pflichten lauernd geträumt, später in entrückter Phantasie ihre kleinen Geschichten geschrieben hatte, schlief die mit Schlafmitteln betäubte Lotte jetzt im Sitzen, mit offenem Munde, aus dem von Zeit zu Zeit ein gurgelndes Stöhnen kam. Aber ihr gewiß furchtbarer Schmerz galt zuletzt doch nicht so sehr dem Kinde, das auf so entsetzliche Weise sein junges Leben lassen mußte, vielmehr wurde er durch die sich immer noch steigernde Vorstellung genährt, nur ihr , Lotte, sei etwas Furchtbares angetan worden. Das gab ihrer Trauer das Wütende, ihrer Melancholie das Verbissene und Böse. Sie wurde immer unzugänglicher, mit den Eltern sprach sie überhaupt kaum, machte gehässige Bemerkungen über die Mutter, die sich mit Gebeten zu trösten versuchte, Bücher stieß sie von sich, hohnlachend lehnte sie es ab, etwas niederzuschreiben, worauf Schwester Laura sie sanft hinzulenken versuchte. Zuletzt war sie ganz still und stumpf geworden, und alle, die es gut meinten mit ihr, sorgten sich um ihre Zukunft. So war noch dreiviertel Jahr hingegangen, als der Krieg ausbrach. Wie fast alle jüngeren ausgebildeten Schwestern wurde Lotte sofort zum Roten Kreuz eingezogen und kam im Lauf der Zeit in die verschiedenen Feld- und Etappenlazarette der verschiedenen Fronten.   Sie stimmte in die anfängliche Kriegsbegeisterung voll und ganz ein, denn das Erregende des aus gigantischem Grauen bestehenden Erlebnisses, dem anfangs eine winzige Spur wilder Schönheit beigemischt schien, riß sie von ihrem furchtbaren, persönlichen Schicksal völlig fort. Nicht allmählich, sondern gewaltsam und wie mit einem Schlag waren alle Erinnerungen an ihr Kind ausgelöscht, blieben außerhalb des neuen, veränderten, äußeren Daseins, gingen aber auch in ihrem Inneren unter vor den überreich auf sie einstürmenden Pflichten und Eindrücken. Als sie ihrer dann doch nach und nach gewohnt worden war, konnte Lotte inmitten der sich mehr und mehr steigernden Vernichtung ihr Leben noch einmal beginnen. Das saugende, lauernde Träumen der ersten Jugendzeit erwuchs wieder in ihr und ließ sie in jenem alten, gemäßigten Eifer ihrer Tätigkeit nachgehen, bei dem sich ihre glückliche Hand stets so besonders deutlich zeigte. Gleichzeitig ließ sie sich aber auch durch die alte seelenabwesende Gleichgültigkeit wieder in sich selbst verkapseln. Gegen vieles Entsetzliche war sie dadurch gut gewappnet, entfaltete dank dessen ihre gleichmäßig und unbeirrbar wirkenden Kräfte, und ihre nachtwandlerische Sicherheit in der Pflege rettete im Laufe der Jahre mancher Mutter ihren Sohn, manchem Kind seinen Vater. Nach dem Eintritt Rumäniens in den Krieg war Lotte dort in dem von dem deutschen Armeekommando eingerichteten Seuchenspital einer besetzten Stadt tätig, und hatte kurz vor Kriegsende einen neunzehnjährigen Rumänen in ihrer Pflege, der bis auf den Tod an Ruhr erkrankt war. Er hieß Mariu Foscani und wurde, ohne einen Schuß getan zu haben, als Kriegsgefangener interniert. Seine Mutter war Österreicherin gewesen, er sprach fließend deutsch, und hatte sich als Schreiber und Dolmetsch bei der deutschen militärischen Verwaltung nützlich zu machen verstanden. Nun war er in seinem Fieber und seiner Hilflosigkeit zum Kind zurückverwandelt, er klagte und wimmerte auf seinem Krankenlager, auf dem er keinen Augenblick Ruhe fand, mit seiner weichen Stimme in den melodischen Lauten seiner Sprache, und Lotte vernahm zwischen den vielen ihr unverständlichen Worten immer wieder den einen langgedehnten und flehenden Ruf: »Madre – Madre!« Und plötzlich begriff sie, daß er nach seiner Mutter verlangte. Lotte hatte den Ruf nach der Mutter in all diesen Jahren wohl oft genug vernommen, doch bedrückte er sie gerade in dieser Sprache – auch wurde er bei allem Leid doch in solchem urkindlich-egoistischen, heftigen Verlangen von dem armen Kranken ausgestoßen, mit einem gewissen, süßen Trotz im Tonfall, der, wie bei einem recht verwöhnten Kind, jeden Zweifel an der Erfüllung des Verlangens auszuschließen schien, daß dieser Ruf gleich einem Zauberstab gegen Lottes Brust schlug: ein Kind rief mit solcher Kraft der Seele nach der Mutter, daß eine Mutter zur Stelle sein mußte. Plötzlich strömte Lotte über von unermüdlicher Energie und Willenskraft, die darauf abzielten, diesen verseuchten Menschen, einen von den Ärzten fast aufgegebenen Feind unbedingt zum Leben zurückzuretten. Als sie erfuhr, daß seine Mutter vor den Kriegswirren nach ihrer Heimat, nach Wien geflohen und dort an einer Lungenentzündung gestorben war, bestärkte dies Lotte noch in ihren mütterlichen Bemühungen. Tag und Nacht war sie nun in einer Weise um den jungen Menschen besorgt, wie sie sie anderen Kranken nicht angedeihen lassen konnte. Unzählige Male wusch und reinigte sie ihn, machte zeitraubende Spülungen, legte warme Umschläge um den eingeschrumpften, bei der leisesten Berührung schmerzempfindlichen Leib, hob den Kranken in Sitzbäder, flößte ihm Medikamente ein, stellte sich in jeder freien Minute an sein Bett, streichelte ihm das verzerrte Gesicht, hielt ihm die Hand, murmelte beruhigende Worte, und brachte ihn manchmal in Schlaf, der ihm guttat, auch wenn er nur eine Viertelstunde dauerte. Obwohl Lotte sehr unter der Überanstrengung gerade der letzten besonders schweren Dienstwochen litt, war sie doch jedesmal glücklich, wenn der Tag kam, an dem sie frei hatte und vierundzwanzig Stunden abgelöst wurde. Der Kranke wiederum beklagte sich wie ein Kind, wenn er des Morgens aufwachte und sie nicht bei sich fand. Lotte lächelte glücklich, als man es ihr erzählte.   Als dann der endlich Genesende an Lottes Arm die ersten, schwachen Schritte wankte, hatte er sich schon, ohne daß es beiden klar war, in jeder Beziehung an sie geklammert. Er war durch den Krieg vollständig verarmt und verwaist, sein Elternhaus in der Nähe der eroberten Stadt war zerstört, die Familie zerstreut, sein Vater gefallen. Hemmungslos weinte sich der junge Mensch vor Lotte aus, klagte, daß nicht auch er zugrunde gegangen sei, denn so einsam und verlassen könne er sich kein Leben denken, auch wisse er in keiner Weise aus noch ein. Lotte mußte ihm diese Reden verweisen, er solle doch danken dafür, daß gerade ihm unter so ungeheuer vielen Kriegsopfern das Leben erhalten geblieben sei; ganz sicher sei ihm bei seiner Jugend noch vieles Schöne darin beschieden – und es werde sich schon alles finden, jetzt müsse er vor allem einmal wieder zu Kräften kommen, dann würden solche trübe Gedanken von selber vergehen! Der junge Mensch lächelte über vor Schluchzen noch bebender Brust zu diesen Trostesworten, ergriff Lottes Hand und preßte sie in einer Geste überströmenden Dankes gegen sein Herz, worüber Lotte vollends hingerissen ward. Sie trocknete sorgfältig die Tränen von seinen mandelförmigen, dunkelsamtenen Augen, deren Lider von langen, schöngeschweiften Wimpern umsäumt waren. Während das Gesicht des Rumänen eine weiche, gelblichzarte Frauenhaut zeigte, mit einem nur hauchdünnen Bartflaum auf der Oberlippe, war sein langer, schmaler Kopf mit dichtem, glänzend blauschwarzen Haar bedeckt, das Lotte bewundern mußte. Fein und schmal waren auch die Hände dieses jungen Mannes, fast weiblich war seine schlanke und biegsame Taille über den etwas vollen Hüften. Lotte war um fünfzehn Jahre älter als er. Ihre mittelgroße, unauffällige Gestalt war durch die harten Kriegsdienste sehr mager geworden, was ihre ein wenig dicken Gelenke noch mehr hervorhob. Ihre weiten, etwas gewöhnlichen Gesichtszüge, denen ihres Vaters so ähnlich, zeigten jetzt zwar wieder eine gewisse Beweglichkeit, vor der aber die frühere melancholische Stumpfheit noch nicht ganz verdrängt war. Hübsch und noch völlig mädchenhaft waren an ihr das nußbraune Haar – das sie noch immer in den Freistunden vom straff gezogenen Scheitel zu auftoupierten Löckchen und zum Dienst wieder vom Löckchenschmuck zum schlichten Scheitel zurückfrisierte – und ihre runden »Schwarzkirschenaugen«. Diese Augen veränderten sich leicht und spiegelten ihr inneres Leben wider: sie zeigten sich oft verschleiert, beinahe mit bleiernem Schein im stieren Blick, wenn Lotte apathisch ihren manchmal fast zu schweren Pflichten nachging – dann wieder, wenn sie ruhte oder sich »etwas ausdachte«, bekamen sie einen feuchten, dunklen Glanz, und sie hatten kleine Lichter, wenn Lotte lebhaft und erweckt war. Diese kleinen Lichter, die jetzt oft ihre Blicke belebten, entlockten jedesmal, wenn er sie entdecken konnte, dem jungen Rumänen ein entzücktes Lächeln und ein verändertes, männlich-galantes Benehmen. Als Lotte einmal sagte, sie wäre nun mal seine Pflegemutter, widersprach er geschickt, an ihren Augen hängend: »Nein, bitte nicht Mutter, meine Schwester könnten Sie sein!« »Nein, nein«, bestand Lotte eifrig darauf, »Ihre Mutter, Madre!« – »O fein, so junge Mutter! Dann kann ich Ihr noch ungeborenes Kind sein!« sagte Mariu mit unschuldig-schmeichlerischem Lächeln. Dann aber bemerkte er nicht ohne Stolz, daß Lotte errötete. Es war keine kalte Berechnung, eher das instinktiv richtige Bemühen um die Rettung seines jungen Selbst, das den Rumänen sich so voller nichtsverpflichtender, dennoch zweideutiger Vertrautheit und Zärtlichkeit gegen Lotte benehmen ließ, sich ihr mit einer charmanten, werbenden Aufdringlichkeit, in der er alle Vorzüge seines Wesens entfaltete, anhängen ließ. Lotte jedenfalls gab sich rückhaltlos dem neuen Erlebnis hin, das ihr so unerwartet entgegengekommen war. X Zu Kriegsende gelang es Lotte, trotz aller Schwierigkeiten, den jungen Menschen mit nach Berlin zu nehmen. Sie brachte ihn hier fürs erste in einem billigen christlichen Heim für junge Männer unter. Sie sorgte in einer Selbstverständlichkeit, über die zwischen ihnen kein Wort verloren wurde, vollständig für ihn und griff unbedenklich das kleine Sparkonto an, das noch auf den Namen ihres verstorbenen Kindes Hermann lautete, um dem jungen Rumänen seine angestrebten staatsrechtlichen und nationalökonomischen Studien zu ermöglichen, als sich die Verhältnisse so weit beruhigt hatten, daß Ausländer wieder an der Universität hören konnten. Wieder hatte Lotte »Glück«: sie konnte ihren alten Posten in der Klinik von neuem antreten, nachdem sie eine Weile sehr anstrengende Privatpflegen, in denen sie den Haushalt der Patienten halb mit versorgen mußte, gehabt hatte. Oberschwester Laura, die ihres Alters und eines Leidens wegen den Dienst hatte quittieren müssen und bei Verwandten auf dem Lande lebte, hatte bei ihrer Nachfolgerin eine warme Empfehlung für »ihre Lotte« hinterlassen, falls sie sich wieder melden sollte. – Lotte fand die Klinik verändert, mit viel neuem Komfort versehen, nachdem sie, wie man ihr schilderte, durch die Kriegsbelegschaften schrecklich heruntergewirtschaftet gewesen sei. In jedem Krankenzimmer war nun fließendes Wasser und Telefon eingebaut, Lotte bewunderte die große neue Röntgenstation, die vielen Apparate für Heilungsbestrahlungen, es arbeitete sich leichter als früher, sie wurde beliebt bei den Kranken, an die neuen Ärzte schnell gewöhnt, und hatte bald wieder den alten guten Ruf von ihrer glücklichen Hand, besonders nachdem sie eine offizielle Persönlichkeit, einen schwierigen Patienten, nach Ablösung von vier anderen Schwestern, »ganz gegen seinen Willen«, wie er, genesen, scherzte, gesund gepflegt hatte. Dennoch ruhte Lotte, von dem nüchternen Gedanken an Geldverdienen gleicherweise wie von ihrer inneren Traumesgier bedrängt, nicht eher, als bis sie es erreicht hatte, wieder als Nachtwache in das kleine Wachstübchen einzuziehen, das unverändert geblieben war bis auf die Lichtsignale, die statt der Glocken angebracht waren, und bis auf einen mattgelben Anstrich der Wände. Als Lotte bedauernd nach »ihrer nachtblauen Dämmerung« fragte, erklärte man ihr lachend, man habe herausbekommen, daß die blauen Wände einschläfernd wirkten, und das sei doch nicht das Rechte für eine Wachstube. Gelb dagegen rege an und halte munter. Das konnte schließlich auch Lotte nur recht sein, und es war, als ob wirklich eine andere Stimmung von diesen Wänden ausging als früher von den sanftblauen, denn Lottes Phantasien änderten sich, als sie sich wieder zu regen begannen. – Nur ganz flüchtig hatte sie beim Eintritt Furcht vor der Erinnerung an das Vergangene durchschauert, das sich mehr als anderswo mit diesem kleinen Raum verknüpfte, doch die dazwischenliegenden Jahre waren zu einschneidend gewesen, hatten sich wie eine Schicht neuer Lebenserde auf die damals noch so frische Wunde gelegt, und was jetzt in Lotte wieder aufkeimte und sich regte, das zielte vorwärts in die Zukunft. So saß sie nun in der Stille der Nacht und schrieb bei einem Licht »wie verdeckter Goldesschein« zwischen den hellgelben Wänden bald wieder ihre kleinen Geschichten. Eine Erkenntnis, die wie ungefähr in ihr aufdämmerte, daß sie früher wie in einer düsteren Prophetie in ihren Geschichten das Schicksal ihres Kindes vorausgestaltet, womöglich gar beschworen habe, drängte sie in dem krampfhaften Bemühen wieder in sich zurück, ein um so glänzenderes, unbedingt glückliches Leben zu schildern, je unsicherer und aufreibender die Zeit in jenen Jahren war. Auch war es die natürliche Eleganz, die etwas exotische Schönheit ihres Schützlings, seine sich in gebildeteren Regionen bewegende Redeweise, seine Kenntnis höherer Gesellschaftskreise von früher her, die Schilderungen der lebensfrohen Sitten seiner ehemals glücklichen Heimat und Jugend, seine Erzählungen von Reisen nach Paris und an die Riviera, was jetzt Lottes Einfälle in völlig andere Bahnen lenkte. Nun war es nicht mehr die eine strahlende, heldische Gestalt wie einst, die alles Geschehen in ihren kleinen Erzählungen an sich riß und beherrschte, sondern jetzt waren es die Umgebung, das Milieu, die Geschehnisse, welche die undeutlich schillernden Menschen der Darstellung in ihr Schicksal trieben, das freilich immer, nach Lottes neuem, geheimen Schutzgesetz, glücklich endete im Gegensatz zu ihren früheren tragischen Schlüssen. Allerdings konnte dies immer erst geschehen, nachdem mehr oder weniger schwer die unheilvolle Umgebung gewechselt oder die unbefriedigenden Verbindungen gelöst waren: Autorennfahrer, verwöhnt und umbuhlt, mußten einen schweren Unfall erleiden, um in den Armen der um des Rekordes willen verlassenen Geliebten wieder ein »fühlender Mensch« zu werden; Damen der hohen Gesellschaft, verarmt und leichtsinnig, sanken zu »Tanzbardamen« herab und stiegen zu glücklichen, bürgerlichen Ehefrauen wieder auf; Spieler mit natürlich vorzeitig ergrauten Schläfen verließen den grünen Tisch auf immer, um geführt von der Hand jugendlicher, aber charakterfester Söhne den heilenden Reiz »sportlicher Arbeit in freier Natur« kennenzulernen; Erfindungen wurden gemacht, die hohen Lohn einbrachten, Paläste errichtet und Feste gefeiert, und selbst Millionäre durften, nein mußten glücklich sein. Diese »Novelletten« gefielen, ein Vertrieb nahm sich ihrer Verbreitung an, und sie wurden von den in jenen Jahren wie Pilze nach fruchtbarem Regen aufschießenden Zeitungen und Magazinen gedruckt, und sie wurden besser honoriert als Lottes sentimentale Vorkriegsgeschichten. Von dem auf diese Weise erworbenen Geld bestritt Lotte auf die Dauer den größten Teil der allerdings bescheidenen Lebensbedürfnisse des jungen Studenten, für Bücher und Kolleggebühren mußten außerdem noch die Ersparnisse herhalten. – Die beiden Menschen sahen und sprachen sich in dieser Zeit fast nur auf der Straße. Vor Dienstantritt holte Lotte ihren Schützling von seinem Heim ab, und er begleitete sie bis zu einer Ecke in der Nähe der Klinik, und an derselben Ecke stand er morgens, pünktlich acht Uhr wieder bereit, um die vom Wachen und Arbeiten übernächtigte Lotte zu erwarten und bis zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn zu bringen, an schönen Morgen, um etwas Luft zu schöpfen, auch noch ein Stück darüber hinaus, oder sie gingen gemeinsam bis zum nächsten Postamt, wo er für sie die Briefe mit den in der Nacht fertig gebrachten Manuskripten aufgeben mußte, damit sie recht viel Erfolg hätten. An ihren freien Tagen, wenn sie sich gründlich ausgeschlafen hatte, führte Lotte ihn in eine Konditorei – im Sommer war es meist ein Lokal im Freien –, und dann las sie Zeitschriften, machte sich Notizen für ihre Arbeiten, oder sie sprachen über seine Studien, die Lehrer und Kollegen, rechneten die Beträge zusammen, die für ihn nötig waren, und Lotte war unsäglich stolz darauf, wenn neben den Posten für Wohnen, Essen, Wäsche und Kleidung recht ansehnliche Summen für Bücher standen. – Der Rumäne war ihr zweites Kind, dessen Pflege in schwerer Krankheit ihr ein neues, kurzes, sie aber tief befriedigendes mütterliches Glück geschenkt hatte, nun war Lotte wieder eine Mutter, der nichts mehr zu tun übrig blieb, als Geld zu verdienen.   Die Eltern hatte Lotte als Greise wiedergefunden. Die Mutter war noch immer klug, verschlossen, streng vor allem gegen sich selbst geworden und mehr weltabgewandt denn je. Sie betete viel, aber im geheimen. Sie war bis zum Skelett abgemagert, da sie während des Krieges die knappen Lebensmittel stets vor allem ihrem Manne zugewendet hatte, der noch immer sehr an seinem Leben hing. Vom Gedanken an den Tod beherrscht, dem sie mit Fassung entgegensah, begrüßte die alte Frau Lottes Wiederkehr voller Erleichterung, war doch nun der Mann nicht verlassen, wenn mit ihr etwas passieren sollte. Scheinbar uninteressiert hörte sie sich die nur hie und da im Gespräch flüchtig gegebenen Erwähnungen an, die Lotte ihren alten Eltern gegenüber des Rumänen tat. – Die alte Frau starb im ersten Nachkriegswinter innerhalb dreier Tage als Opfer der schlimm wütenden Grippe. Lotte tat das möglichste für sie, doch die Mutter war von der ersten Stunde der Krankheit an apathisch. Voller Ekel drehte sie sich in ihrem Bett zur Wand, als die Tochter ihr zur Belebung des Herzens ein Glas Champagner an die Lippen setzte, die sich unablässig im Gebet bewegten. »Der Name unseres Heilandes ist besser als das«, sagte die Mutter, noch einmal ganz in der alten, fast unmenschlichen Strenge. Doch als Lotte, die vierundzwanzig Stunden lang zu keinem Schlaf gekommen war, plötzlich von Müdigkeit überwältigt, die Augen vor der unbeweglich daliegenden, schwer atmenden Mutter geschlossen hatte und für Minuten eingedämmert war, umfaßte die Sterbende mit einem klaren und sehr milden Blick die Gestalt ihrer Tochter. Den Schmerz um ihren Sohn Hermann hatte Lotte überwunden, das fühlte die Mutter genau, sie verstand es wohl nicht, sie, die nur einmal lieben konnte und dann für immer, doch sie verzieh es. Dann dachte sie an den Rumänen, den sie zwar nie gesehen, dessen Bedeutung für Lottes Leben sie aber längst begriffen hatte. Aber sie konnte keine Richterin sein über etwas, das sie wieder als eine Schuld an der festgefügten Ordnung des Lebens ansah; sie, die selbst so mit Mühe vor dem bestand, dem sie sich in erhebender Demut unterworfen, wollte kein strenges Urteil mehr fällen. »Arme Lotte, ohne Glauben und mit der Seele nur auf der Erde«, dachte sie, »unglückliches, liebes Kind –« Wie von diesem Gedanken geweckt, fuhr die Tochter auf. Das Gesicht der Mutter war wächsern, matt schon vom Tode verklärt. Lotte schrie auf, die Mutter aber preßte die Lippen fest aneinander. Das war ihre letzte Bewegung.   Lotte trauerte um die Mutter in einer Trauer, die mild, fast wohltuend war, wie die Erfüllung einer schweren, aber lieben Pflicht. Der Vater indes wagte nicht, sich dem Eindruck über den Verlust seiner Frau hinzugeben, denn er hatte große Angst vor dem Tode, weil er dann nicht mehr zum Grabe seines »kleinen Hermann« gehen könne. Sein Leben war von den Erinnerungen an den toten Enkel friedsam und oft heiter erfüllt, und um dieser Erinnerungen willen lebte er gern. Es war Lotte sonderbar genug, wenn sie den Vater so sprechen hörte; es war ihr, als ob dieser »kleine Hermann« wirklich mehr zu dem alten Manne gehörte, als zu ihr. Nicht ohne Scham verjagte sie die bei diesen Reden sich notwendig manchmal meldenden Erinnerungen an den furchtbaren Schmerz, den sie einst um jenes so freudig-zärtlich erwähnte Grab gelitten hatte, nicht ohne Vorwurf gestand sie sich ein, daß die Erinnerung an jenen Kummer, »den sie durchmachen mußte«, stärker war, als das eigentliche Andenken an ihr Kind. »Ich bin wohl doch noch zu jung, um so an der Vergangenheit zu hängen«, so rechtfertigte sie sich vor sich selbst, »das Leben fordert sein Recht – ich habe ja auch neue Pflichten auf mich genommen.« Mit diesem Gedankengange brach sie endgültig mit der Vergangenheit und räumte dem Rumänen nun auch bewußt die Hauptstellung in ihrem Leben ein. Da Lotte nun neben ihrem Beruf und der schriftstellerischen Tätigkeit auch noch den Vater und den kleinen Haushalt zu versorgen hatte, erstand sie, um Zeit und Geld zu sparen, eines Tages bei einem Gelegenheitskauf eines der neuartigen Patentschlafsofas, stellte es in der bisher unbenutzten Stube der kleinen Wohnung auf, und während sie weiterhin in der elterlichen Schlafkammer schlief, nahm sie den jungen Studenten als »möblierten Herrn«, freilich ohne Miete, bei sich auf. Der Vater war überglücklich, Gesellschaft zu haben, und es entwickelte sich eine rührende Freundschaft zwischen den beiden Männern. Der Alte, den der Schmerz um seinen Enkel schwach und kindisch, aber zugänglich und menschengierig gemacht hatte, ernannte sich, wie er selber sagte, zum Kammerdiener des jungen Mannes. Er, der für sich selber nie etwas tun wollte, reinigte dem neuen Wohngenossen Schuhe und Kleidung, holte Milch und Brötchen herauf, und bereitete das Frühstück, bevor der Student in die Kollegien ging, so daß Lotte, wenn sie müde von ihren Nachtwachen nach Hause kam, sich um nichts mehr zu bemühen brauchte und sich sogleich schlafen legen konnte. Der Alte räumte dem Jungen sogar das Zimmer auf, ordnete seine Papiere und Bücher, spitzte – dies war eine besondere Kunstfertigkeit von ihm – seine Bleistifte, zuletzt verfertigte er für ihn aus Kistenbrettern ein Bücherregal, das er dunkelbraun beizte und dem er mit Lack eine künstliche Maserung gab. Dafür stopfte der Junge dem Alten abends die Pfeife, ging mit ihm spazieren, las ihm mit seiner weichen, gedeckten, aber melodischen Stimme und mit dem fremdartigen Akzent, mit dem er das Deutsche aussprach, die Zeitung vor, spielte Karten mit ihm, bei dem er ihm stets die Ehre des Gewinnes ließ, denn um etwas anderes spielten sie nicht – und ganz bezaubert war der Alte davon, wie herrlich und wie viele Melodien der Junge pfeifen könne. In der schrecklichen Zeit der Inflation hetzten die beiden Männer abwechselnd den Lebensmitteln und anderen Bedarfsgegenständen nach, um Lottes Geld möglichst schnell und zu möglichst hohem Werte umzusetzen. Der Rumäne, der mancher Ladenbesitzerin und Verkäuferin wohl gefiel und ihr auf seine unwiderstehliche Art zu schmeicheln wußte, verschaffte bald dies, bald jenes, was ohne Bezugschein oder »Edelvaluta« sonst nicht zu haben gewesen wäre. Schließlich einigten sich beide Männer auch in ihrer Fürsorge um Lotte, die sich nun immer weniger um die Bedürfnisse des kleinen Haushalts zu kümmern brauchte, sondern im Gegenteil auch für sich persönlich bald allerlei Aufmerksamkeiten vorfand. Der Rumäne hatte sogar angefangen zu kochen, so daß Lotte, ehe sie in ihren Nachtdienst ging, eine warme Mahlzeit aufgetischt bekam. Das war ihr früher nie zuteil geworden, denn die Mutter hatte stets pünktlich um zwölf Uhr das Mittagessen fertig gehabt, auch wenn sie es, da der Mann meist »auf Bau« gewesen war, ganz allein verzehren mußte, denn Lotte lag ja um diese Zeit immer gerade noch im ersten, tiefen Schlaf. So hatte Lotte während der ganzen Jahre ihres Nachtdienstes in der Hauptsache von Kaffee und belegten Broten leben müssen, denen nur ab und zu ein gekochtes oder gebratenes Ei hinzugefügt war. Jetzt stand immer ein, wenn auch einfaches, so doch sehr schmackhaftes Gericht, nach Heimatsart des hübschen Koches zubereitet, pünktlich da, das Mittag war auf den Abend verlegt, und unter Scherzen und Lachen verzehrten die drei Menschen das Mahl. Lotte blieb nur vorbehalten, wie ein Familienvater Geld zu schaffen für dieses bescheidene, trotz schwerer Zeiten aber angenehme Leben, dessen Heiterkeit sie dem überlegenen und ausgeglichenen Temperament des jungen Rumänen verdankte. Wieder erfüllte Lotte mehr väterliche als mütterliche Pflichten. Der letzte Rest des Sparbuches, das für Hermann Schuhmacher angelegt worden war, war nun völlig entwertet, und Lotte konnte noch froh sein, daß er zuletzt nur klein gewesen war. Sie mußte mehr denn je sehen, »Geld heranzuschaffen«, wie sie es nannte, und erreichte es auch dadurch, daß sie das Glück hatte, hie und da eine ihrer Geschichten zur Übersetzung in eine Sprache der »Edelvaluta« anzubringen. Auch der Rumäne versuchte zu verdienen, indem er Nachhilfestunden erteilte, hier und da etwas »schob«, hauptsächlich Cognac und Liköre zu kaufen und zu verkaufen versuchte. Doch er gab das selbsterworbene Geld gewöhnlich für Theaterkarten, für feine Wäsche und Seifen, für Zigaretten, bunte Krawatten und seidene Taschentücher aus, machte für Lotte und den Alten, wie sie meinten, »unnütze« Geschenke, während er mit dem Geld, das Lotte verdiente, stets sehr sparsam umging. XI Mit naivem Egoismus nahm Mariu die ganze Fürsorge Lottes hin. Das Verhältnis des Paares zueinander war nun längst voller engster Bindungen, was Zeit und Lebensführung anbelangte. Lotte war für niemand da, als nur für ihn, und er durfte für niemand da sein, als für sie, obwohl keine Liebesbeziehung zwischen ihnen bestand. Er war an sie gebunden durch seine abhängige Lage, die er aber auch nicht zu ändern strebte, indem er etwa fördernde Verbindungen in der Heimat wieder anzuknüpfen suchte, und er unterwarf sich mit einer glücklichen Nachgiebigkeit der gewissen Tyrannei, die Lotte auf ihn ausübte. So war sie zum Beispiel empört, als er zum erstenmal von seinem selbstverdienten Geld in die Oper gegangen war und noch dazu allein, sie wollte ihm dies Vergnügen spenden und mit ihr sollte er es genießen, und zum wenigsten verlangte sie von ihrem alten Vater, daß der Mariu begleiten solle das nächste Mal, als wäre der Student ein unmündiges Mädchen. Sie schrieb ihm auch vor, welche Verkehrsmittel er benutzen solle, und hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß er nicht mit der Untergrundbahn fahren dürfe, welche sie selbst verabscheute und unheimlich fand, für Mariu aber auch besonders wegen erhöhter Bazillengefahr für gesundheitsschädlich hielt und für unmoralisch außerdem, weil sie der vorgefaßten Meinung war, die Halbweltdamen führen darin zum Abenteuer aus. Als es weiter einmal zufällig zur Sprache kam, daß Mariu eine Kinovorstellung besucht hatte, war sie so entsetzt darüber, hielt ihm, als sei es eine gräßliche Untat, so eindringlich vor, wie er neben anderen Menschen im dunklen Raume sitzend, etwas genossen, was sie stets abgestoßen hatte, daß Mariu ihr treuherzig zuschwor, es nie wieder zu tun. Dagegen machte es Lotte nur stolz, als ihr Schützling in einer Familie, in welcher er dem Sohn bei der Vorbereitung zum Abitur half, gesellschaftlichen Anschluß fand, zu Autoausflügen eingeladen wurde, obwohl er viel von der jungen, hübschen und koketten Tochter des Hauses erzählte. Sein Leben lag ziemlich offen vor ihr da, doch sie erlaubte ihm nicht einmal, nach Vorgängen im Krankenhaus oder nach ihren schriftstellerischen Arbeiten zu fragen, viel weniger noch, sie zu lesen, wenn er auch die Briefe zur Post bringen durfte. Auch über ihre Vergangenheit schwieg sie ihm gegenüber völlig, und auch er frug da in instinktiver Vorsicht nach nichts. Und doch, so ungleich es erschien, erwies sich diese Art des Zusammenlebens als natürliche Voraussetzung für alle die harmonischen Jahre, welche die drei Menschen miteinander verbrachten, und diese Harmonie wurde aufs tiefste gestört, als das Verhalten des Paares zueinander sich änderte.   Der alte Vater konnte es nicht lassen, obwohl Lotte es ihm streng verboten hatte, heimlich dem jungen Freunde immer wieder stundenlang von seinem Enkel Hermann zu erzählen. Mariu mußte ihm in die Hand versprechen, sich vor Lotte nichts merken zu lassen, und dieses Bündnis hatte die Freundschaft der beiden Männer noch fester gemacht. Einmal, an einem schönen Frühsommertag, überredete der Alte den jungen Freund, mit ihm, während Lotte schlief, zu dem in ein Gärtchen verwandelten Grabe zu kommen. Dort schilderte er ihm zum erstenmal genau und ausführlich, im Genusse einer lieben Erinnerung schwelgend, jenen Augenblick, da Lotte, vor vielen Jahren, als ganz junges Ding mit dem Säugling heimgekommen war, wie sie durch die Türe getreten sei, wie sie sich an ihn, den Vater, angeschmiegt und ihm zugeflüstert habe: »Das ist mein kleiner Hermann«, wie voller Liebe sie das gesagt, und wie sie das Kind dann in der ersten Zeit genährt und gepflegt habe, und wie sie ganz allein, ohne Mann, zurechtgekommen sei. – »Ein Prachtmädel, meine Lotte«, schloß der Vater, mit vor Alter tränenden Augen blinkernd. Mariu, der bisher die vielen Erzählungen des Alten mit gleichmütiger Geduld, ja mit einer gewissen egoistischen Interesselosigkeit an Lottes Schicksal angehört hatte, wurde an diesem Tag und von diesem Bericht merkwürdig getroffen. Er wußte nicht, daß es Eifersucht auf dieses kleine, an der Mutterbrust liegende Kind aus der Schilderung des alten Vaters war, die in ihm zum ersten Mal und nun in dieser blütenschimmernden Sonnenstunde, mitten zwischen den Kreuzen des Gottesackers allzu lebendig die visionäre Vorstellung von Lotte in ihrer weiblichen Verkörperung hervorrief: ihr manchmal so überraschend belebtes, dunkelschimmerndes Auge leuchtete ihn voll neuer Bedeutung an, er sah ihren vollen, frischen Mund vor sich, wie er sich bei manchen Worten lebhaft und eilig bog und kräuselte – »Butterblume« hörte er sie plötzlich mit tief gurrender Stimme sagen, ein deutsches Wort, das ihm, dem Ausländer, stets so reizvoll »realistisch-poetisch« erschienen war, und welches er sich oft von ihr hatte wiederholen lassen. Nun sah er ihre Lippen springen bei dem Blumennamen, und auch ihr aufgelockertes, braunes Haar, wie es ihr gerötetes Gesicht umhing, wenn sie vom Tagesschlaf aufgestanden war, hatte er vor sich, und seinen herben Geruch, den er plötzlich, wie von der grünenden Graberde ringsum aufsteigend, witterte. Das alles umdrängte ihn mit betäubender Verlockung. Sie hatten beide bis jetzt Mutter und Kind gespielt, wobei Lotte nach und nach in eine dem Gefühl fernere, väterliche Stellung und Überlegenheit gerückt war: sie ernährte die beiden Männer. Aber nun war dem Kind Mariu allzudeutlich klar, daß er nicht das einzige, nicht das echte Fleisch- und Blut-Kind dieser Frau war, und das beschämte ihn und stachelte ihn auf. – In zwingender Folgerung dieser neuen Empfindungsweise konnte er auch nicht mehr dem nun plötzlich anstürmenden fragenden Nachdenken an den Vater des echten Lotte-Kindes entgehen: Wer war er, der sie zu jenem weiblichen Wesen gemacht hatte, das in höchster Bestimmung seiner selbst mit einem Kind an der Brust zu den Eltern kam – wo war der, der diese Brust nährend gemacht hatte? War er ein noch immer heimlich Geliebter in Lottes Herzen? weilte er in dieser Stadt, sah sie ihn, kam sie in der Klinik mit ihm zusammen, war auch er vielleicht dort tätig – als Arzt, als irgendein Angestellter? Oder war er ein Held, ein Vaterlandsverteidiger, im Kriege gefallen, indes er selbst nur mühsam als Gefangener von einer scheußlichen Krankheit geheilt wurde? Er wollte im Grunde auf diese Fragen keine wirkliche Antwort – die Antwort auf seine Gedanken und Empfindungen war, daß er sich plötzlich Lotte gegenüber seiner Stellung als Mann bewußt geworden, und einer zweideutigen, nicht ganz unbeschämenden Stellung dazu. Von diesem Frühsommertag, von dem Besuche an dem Grabe an war Marius Benehmen gegen Lotte verändert, befangen, und nach mancher schlaflosen Stunde in den immer wärmer werdenden Nächten, in denen er grübelte und zweifelte: sollte er diese Art zu leben aufgeben? Aber wie? Konnte er sie fortsetzen? Dann aber auch, wie? Nach allen Gedanken und Bemühungen, die weder vor- noch zurückführten in seiner Lage, fand er sich zuletzt in ein heftiges, fast wutvolles Begehren verbissen. Er wurde immer öfter gereizt und ungezogen gegen Lotte, tat jetzt trotzig gerade das, was er bisher ihr zu Liebe unterlassen hatte, stellte Wünsche an sie, die er, wenn sie sie ihm treuherzig erfüllte, danklos ablehnte: so etwas habe er nicht gemeint, sie verstehe ihn nun einmal nicht mehr, habe ihn wohl überhaupt nie verstanden! Da er vor schweren Prüfungen stand, wollte Lotte sein verändertes Wesen nicht ernst nehmen, verzieh ihm alles, war nur noch besorgter um ihn, fürchtete, daß er sich überarbeitet habe, und schlug ihm vor, an ihrem nächsten freien Tage einen größeren Ausflug mit ihr zu machen, den ganzen Tag über, »und ein Zehnmarkschein müsse unbedingt restlos dabei draufgehen«, wie sie gutmütig scherzte, um auch in dieser Hinsicht das Pomphafte des Unternehmens als Vorfreude herauszustreichen. Auf der stundenlangen Dampferfahrt, die sich auf dem Fahrwasser des Flußkanals zwischen den verschiedenen Stadtteilen, an düster-schmutzigen Industrieanlagen und schmucken Wohnhausblöcken vorüber bis in die sich in herber Schönheit entbreitenden westlichen Seegewässer hinzog – gleich einem einzigen, langen Ausatmen aus beengter Brust in freie Luft, so schien es Lotte, und sie wollte es so recht genießen –, auf dieser ihrer Freudenfahrt zeigte sich Mariu ohne allen Grund böse und unzugänglich. Das opulente Mahl, das Lotte an Bord des Schiffes bestellte und das aus dem teuersten Gericht der Karte bestand, allerdings eine nicht leicht bekömmliche Spezialität »Aal grün mit Gurkensalat« enthielt, rührte der junge Mensch nicht an, kehrte dem Tisch halb den Rücken zu, und rauchte vor der allein essenden Lotte eine Zigarette nach der anderen. Das an diesem schönen Wochentag nicht allzureichliche Publikum beobachtete die kleine Szene, und nun geriet auch Lotte in eine fast peinvolle Stimmung hinein. Sie war deshalb erleichtert und beinahe schon wieder froh, daß er wenigstens darin mit ihr übereinstimmte, als sie nach ihrem Vorschlag an der nächsten Haltestelle, wenn auch noch weit vor dem eigentlichen Ziel, den Dampfer verließen. – Anscheinend wieder versöhnt und besänftigt, schlenderte er dann mit ihr zwischen blühendem Fliedergesträuch an einem stillen, fast unbewohnten Seeufer entlang, bis sie sich beide, betäubt von der blendenden Sonne, von der ungewohnt heißen Luft und dem Blütenduft in das noch frischgrüne Gras lagerten. Da aber begann Mariu sie unvermittelt mit heftigen und zugleich raffinierten Liebkosungen zu bedrängen. Lotte, selber noch unklar über das urplötzliche Aufschrecken in ihrem Inneren, das über sie hinweg diesen Berührungen antwortete, versuchte noch zu lachen, und schlug ihm wie einem ungezogenen Kind strafend auf die Hände. Doch fast gleichzeitig mit diesem Schlag grub er wie ein Blitz so schnell seine Zähne in das weiche Fleisch zwischen ihrer linken Brust und Schulter. Lotte schrie auf, und im Klang des Aufschreies schwang noch Zorn – doch dem ersten, abwehrenden Schmerz folgte augenblicklich eine Welle neuen Wehes, die, in noch nie empfundener Wollust verebbend, alles andere in dem überfluteten Sein der Frau auslöschte, außer der willigen, dem Manne entgegenstrebenden, begehrlichen Erwartung des erweckten Geschlechtes. – Als sie wieder zu sich gekommen und weitergingen, war es entschieden, daß der Mann Freiheit und Übermacht erlangt hatte und daß die Frau ihm hilflos verfallen war. Lotte ging in einer dumpfen Trauer dahin, während er ihr übermütig Hand und Finger preßte, mit der Rechten locker sitzende Blüten von den Zweigen schlug und laut und schmelzend vor sich hinpfiff. Lotte, die besonders dieses Pfeifen schmerzte und empörte, wagte trotzdem nicht, es ihm zu verbieten. Mit Eifer betrieb sie die Heimkehr, die schwierig zu bewerkstelligen war, da sie von ihrem Punkte aus nur schlecht Anschlüsse an den Ausflugsverkehr hatten. Verwirrt, wie sie war, bedeutete Lotte jetzt jede Stunde Beisammenseins mit Mariu eine Qual – er schien dies zu merken, hielt sich immer etwas abseits oder hinter ihr auf den Wegen, nur ab und zu ein belangloses Wort, aber in irgendwie trösten wollendem Tone sagend, dazwischen aber sein ihr unerträgliches Pfeifen fortsetzend. Da sie nun zuletzt mit dem Zug zurückfuhren, richtete er es so ein, daß sie beim Einsteigen, »wie aus Versehen«, in verschiedene Abteile kamen – doch obwohl dies ihrem inneren Wunsche, in aller bangen Verwirrung einmal mit sich allein zu sein, entsprach, vertiefte es auch sofort Lottes Traurigkeit, sie fühlte sich schmerzlich gekränkt, daß es ihn nicht trieb, bei ihr zu sein, auch wenn es sie quälte. Das Leben zwischen den beiden hatte seine Unschuld und bald auch seine schönsten Freuden verloren. Lotte konnte nicht mehr sorgende Mutter oder aufopfernde Schwester sein, sondern sie war nun die Frau, die ihren um Jahre jüngeren Geliebten aushielt. Das ließ sich durch nichts hinwegleugnen, denn beide Teile empfanden es eben so im innersten Herzen. Der Mann fühlte sich trotz seines Sieges auf die Dauer doch wieder gedemütigt, denn er war von der Frau, die er überwältigt hatte und besaß, in jeder Weise abhängig. Er verdiente jetzt gar nichts mehr. Da er begann, sich auf seine Examina vorzubereiten, konnte er keine Nachhilfestunden mehr erteilen, und die kleinen Cognac-Geschäfte, die er unter der wohlwollenden Mithilfe und Begünstigung einer Gemüseladenbesitzerin, deren Mann Kellermeister in einem großen Hotel war, öfters gemacht hatte, endeten jäh durch einen Streit zwischen Lotte und dieser Frau. Lotte hatte den Zank aus Eifersucht entfacht und der Gemüsehändlerin gedroht, sie wegen ihrer »Schiebungen« anzuzeigen. Nun rief die gekränkte Frau, die ihr Geschäft im gleichen Hause hatte, wo sie nur konnte dem Rumänen höhnische Redensarten nach, die ihm das Blut zu Kopf steigen ließen. Mariu rächte sich für diesen Übergriff an Lotte, indem er alle die Gewohnheiten, die das Zusammenleben der kleinen Gemeinschaft so hübsch und angenehm gestaltet hatten, wieder unterließ, und auch den alten, ihm so anhänglichen Vater in dieser Beziehung zu beeinflussen verstand. Immer unter dem Hinweis auf seine Examensarbeit tat Mariu auch nicht die kleinste Handreichung mehr, Lotte mußte von nun ab für die beiden Männer kochen, sie mußte alles selber einholen, die kleine Wohnung sauberhalten, den Jungen wie den Alten bedienen. Jetzt, da der Brand in ihr entzündet war und alles in ihr immer wieder zu den heftigen, mit Qual verstrickten Umarmungen trieb, von denen sie im tiefsten Innern wünschte, sie hätte sie nie kennengelernt – jetzt fand sie keine Ruhe, keine Erholung, keine klare Besinnung mehr. Sie wurde immer elender, zerfahrener und hilfloser. Nach kurzem Aufblühen verfiel ihr Gesicht, die einfachen Züge vertrugen das Gepräge des Leidenschaftlichen nicht und veränderten sich beinahe häßlich, ihr Mund war voller, doch dabei formlos geworden, die runden, hübschen Augen hatten ihre hellen Lichter verloren, dafür glomm ein düsteres, ein wenig unreines Feuer in ihnen, das Lotte spürte und den Blick vor ihren ärztlichen Vorgesetzten oder vor der neuen Oberschwester niederschlagen ließ. Wenn Lotte sich vor dem Spiegel ihre Schwesternhaube aufsetzte, und das harte keusche Weiß ihr aufgewühltes Gesicht umrahmte, verstärkte dieser Anblick ihre geheime, stete Verzweiflung, sie schämte sich ihres Berufes wegen, so auszusehen, und zugleich mußte sie sich auch als Frau reizlos finden gegenüber dem blühenden, um so viel jüngeren Geliebten. Obwohl so einsam in dieser schweren, seelischen Situation, war sie beinahe froh, daß ihre Vertraute von einst, Schwester Laura, nicht mehr da war und sie nach ihrem Kummer fragen konnte, denn diesen Kummer fand Lotte unwürdig, anderen mitzuteilen. Schwer quälte sie sich ab, in Nacht und Stille ihre Geschichten zu schreiben, ihre Gedanken schweiften fort, umgrübelten Marius Gestalt, Gesicht und Worte, versenkten sich in ihre peinvolle Liebe, und ihre Phantasie wurde von der Wirklichkeit ausgefüllt. Sie verfluchte das Geld, das herbeizuschaffen ihr jetzt so sauer wurde, sie stahl Einfälle und Ideen anderer, verwendete Details aus ihren eigenen früheren Erzählungen wieder, legte sich ein neues Pseudonym »Charly« zu. Das Glück blieb ihr in dieser Beziehung auch jetzt treu, sie wurde gedruckt, die Honorare liefen ein, und ein Patient, dem sie durch ihr nachtwandlerisch sicheres Eingreifen in der ersten Nacht nach der Operation das Leben gerettet hatte, machte ihr ein stattliches Geldgeschenk. XII Mariu und Lotte spielten jetzt Liebespaar wie ehemals Mutter und Sohn, aber jenes wie dieses war nicht echt, im Grunde nicht ganz wahr. Nicht der lautere Zwang der Gefühle, nicht das frei strömende Gesetz der unwiderstehlichen gegenseitigen Neigung war der Boden, auf dem sie die Bahn ihrer Liebe abschreiten konnten, und so hatten ihre Zärtlichkeiten immer mehr einen peinigenden, zuletzt fast lasterhaften Charakter angenommen – denn der Mann wandelte in einem stetig anwachsenden Gefühl der Erbitterung über seine Abhängigkeit von der Frau, diese seine Demütigung in wollüstige Brutalität um, und die Frau ließ sich brutalisieren und quälen, um ihr Unglück lustvoll zu machen. Aber in ihren leidenschaftlichsten, quälerischen Umarmungen sehnten sich beide aus der Tiefe der unerfüllten Herzen heraus nach einem reineren Glück. Die verzweifelt zitternde Frau im Arm, raffte der Mann endlich einmal alles Gute seines Wesens zusammen und raunte ihr zu: daß er von jetzt ab sie nicht mehr berühren, sondern nur arbeiten wolle und nichts als arbeiten, um sie so bald als möglich heiraten zu können, denn dann würde und müsse doch alles ganz anders und schöner zwischen ihnen werden. Nach diesem Ausspruch, der ihn und sie gleichsam zu reinigen schien, sanken sie zum erstenmal einander in inniger Rührung in die Arme, ruhten still Kopf an Kopf, und in Lottes gelöstes Schluchzen mischten sich die wohligen Tränen Marius. Noch ein anderes Ereignis machte ihr Zusammenleben wieder besänftigter und menschlicher. Der alte Vater, plötzlich vereinsamt in dem Aufruhr der leidenschaftlichen Verstrickung des Paares, hatte begonnen, still, ohne Klagen und besondere Krankheit zu verfallen. Auf der Rückfahrt vom Grabe seines Enkels, an einem heißen Augustnachmittag, traf ihn ein Schlaganfall, und er starb die Nacht darauf in einem Krankenhaus, wohin man ihn aus der Straßenbahn transportiert hatte. In der Trauer um ihn verbanden sich Mariu und Lotte aufs neue, doch traf den Rumänen der Tod des Alten noch in anderer Weise: er hatte das Gefühl, einen Freund verraten zu haben. Er wurde still und wehmütig, bewahrte sich kleine Erinnerungszeichen an den alten Mann auf, seine Pfeife, sein Taschenmesser, mit dessen Hilfe der Alte die Bleistifte immer so fein gespitzt hatte, ferner auch das Halstuch, das Mariu ihm so oft um den faltigen, aber immer noch bräunlichen Hals in einem »feschen« Knoten geschlungen hatte. Mariu stürzte sich nun mit aller Gewalt in seine Arbeiten. Doch war es nicht allein sein nächtlicher Zuschwur an Lotte, der seine Kräfte so stetig und erfolgreich vorwärtstrieb, sondern es war auch ein neues leidenschaftliches Interesse für die auflebenden, nationalen Bemühungen seines Vaterlandes, nach den bedrückten Kriegsjahren zu neuer Bedeutung und Blüte zu kommen, was seinen Eifer anspornen half. Ja, seine ferne Heimat wurde plötzlich seine neue Liebe, ein in Freiheit der Zukunft winkendes Ziel gegen die verwirrenden und verwirrten Fesseln der Gegenwart, und er setzte sofort rücksichtslos alle seine Kräfte dafür ein. Er hatte bisher ausschließlich und in vollster Zufriedenheit unter den einfachen Menschen seiner nächsten Umgebung gelebt, nie einen Wunsch nach anderem Umgang gehegt, nie versucht, mit der Heimat wieder in Verbindung zu treten, so sehr war Lotte ihm Heimat gewesen, Mutterland, aus dem er sich nun selbst, männlich entwachsen, vertrieben hatte. Nun ließ er keinen Weg unbeschritten, um wieder mit dem Vaterland in Berührung zu kommen. Trotz ihres anfänglich stillen Widerstandes, trotz ihres späteren Jammerns und Klagens setzte er es bei Lotte durch, seine Studien in Paris zu vollenden, wo er hoffen durfte, Anschluß an einflußreiche, zukunftsfreudige Landsleute zu finden, die dort lebten. Lottes Bitten und Beschwörungen waren umsonst, vergebens war ihr Weigern, ihm Geld zu geben, im Gegenteil, er forderte es zum erstenmal und in energischer Weise von ihr, sich mit dem Hinweis auf die versprochene Heirat rechtfertigend, für die er eine sichere Basis schaffen müsse. Als er Lottes Koffer vom Boden geholt hatte und mit dem Einpacken beginnen wollte, gab sie ihm in einer furchtbaren Szene sein Heiratsversprechen zurück um den Preis, daß er nicht fahre. Er schien gerührt, nahm sie in die Arme, beruhigte sie mit sanften, noch nie gekannten Zärtlichkeiten, die sie trostesdurstig in sich eintrank. Doch zwei Tage später, als Lotte vom Dienst nach Hause kam, war er fort, ohne Abschied, hatte keine Adresse hinterlassen.   Lotte glaubte sich ein für allemal von ihm verlassen. Zum zweiten Mal in ihrem Leben gab sie sich ihrem leidenschaftlichen Schmerz hemmungslos hin. Sie warf sich über Marius Bett, wollte ihre Schreie mit seinem Kissen ersticken, doch anders wie von ihrem zarten Kinde einst, brachte sie der Geruch seines Körpers, der dem Leinen entströmte, wieder auf. Sie tobte im Zimmer umher, warf alles, was des Geliebten Hand berührt hatte, zu Boden, wobei sie mit marternder Genauigkeit keinen Gegenstand ausließ– »das noch!« schrie sie, »und das noch!« – und zerschlug seinen porzellanenen Aschenbecher, riß eine Draperie über dem Schlafsofa von der Wand, eine rumänische Stickerei, die er selbst da angebracht hatte, und auf dem sorgfältig zusammengetragenen Trümmerhaufen trat sie dann umher. Sie war die ganze nächste Zeit in einem furchtbaren, unberechenbaren Zustand, und in der Klinik zwang man ihr einen dreitägigen Urlaub auf. Diese Tage verbrachte Lotte auf dem Friedhof. Erschöpft, mit der Sehnsucht nach Tod im Herzen, saß sie stundenlang abwechselnd am Rande ihrer drei Gräber, dem des Vaters, der Mutter und auch des Kindes. Doch am Grabe der Mutter verharrte sie am längsten, sich den strengen Frieden ihrer Seele herbeiwünschend. In den Nächten jedoch lief sie wieder in voller Kraft der Verzweiflung in der kleinen Wohnung umher, Mariu liebevoll beschwörend, Mariu verfluchend. Nach nicht ganz einer Woche erhielt sie seinen ersten Brief. Aus jedem Buchstaben strömte ihr in Fülle neue Lebenslust und Seligkeit des Daseins zu. Er schrieb mit seinen drolligen orthographischen Fehlern in der deutschen Sprache, worüber sie mehr als einmal auflachen mußte – er schrieb glücklich wie ein Kind, erschien in dem Briefe frei und charmant wie zu jener Zeit, da er als Genesender an ihrem Arm durch die Gänge des Krankenhauses in Rumänien geschwankt war und ihr kindlich-zärtlich geschmeichelt hatte. In diesen glücküberstrahlten Worten teilte ihr Mariu mit, daß er die sichere Aussicht habe, ein rumänisches Stipendium zu erhalten, und erzählte ausführlich von seinen vielen neuen Freunden, mit denen er Tag und Nacht zusammen sei und in der Muttersprache reden könne. Lotte, eben des Geliebten selig nahe und sicher wie noch nie, erschrak – von neuem glaubte sie, ihn zu verlieren, wenn er ihr Geld nicht mehr brauchte. Sie antwortete ihm sofort, bot ihm dringend welches an, machte ihm klar, daß er doch kein Stipendium brauche, das er einem anderen, dessen wirklich bedürftigen Kameraden überlassen solle – und voll gieriger Sehnsucht nach dem Geliebten saß sie, um möglichst viel Geld zu verdienen, in den Nachtstunden in der stillen Wachstube der Klinik und schrieb kleine Geschichten. Sie gingen ihr jetzt wieder schnell von der Hand, ihre Phantasie war neu erweckt, alle Qualen ihrer plötzlichen Einsamkeit, alles ungestillte Verlangen befeuerten sie, wenn sie nun das Schicksal verlassener Frauen zu schildern versuchte. – In ihrem Streben nach Geld vermietete Lotte auch das Zimmer, das ihr Geliebter bisher bewohnt hatte, eine ältere Abteilungsvorsteherin von einem Warenhaus zog zu ihr. Wenn Lotte nun morgens vom Dienst nach Hause kam, mußte sie die Mieterin bedienen, die, wie sie fand, anspruchsvoller und bequemer war wie ein Mann, mußte die Wohnung aufräumen, alles herbeiholen, was sie für sich und die Hausgenossin benötigte, kam immer weniger zum Ruhen und Schlafen, hatte keinerlei Freuden, da auch Mariu selten und sehr kurz nur schrieb – aber sie besaß am Ende des Vierteljahres eine größere Summe als je und konnte sie nach Paris schicken. Als der Geliebte ihr umgehend die Hälfte davon zurücksandte mit dem Bemerken, sie müsse jetzt auch endlich für sich etwas tun, an hübsche Kleider denken und so weiter, da er sie doch hoffentlich bald seinen Freunden und Landsleuten würde zeigen können – was alles eng zusammengedrängt auf dem Abschnitt der Postanweisung gekritzelt war –, da empfand Lotte ein reines, jugendliches, heißes Glück, das einzige wahre Liebesglück, das ihr im Leben beschieden war. Nachts, in ihren Wachstunden saß sie wieder wie als junges Mädchen da, unbeweglich, untätig, doch ganz hingegeben dem neuen, zarten Glücksempfinden. Sie vermochte in diesem Zustand nichts zu schreiben, kam dem Vertrag mit der Zeitung nicht nach und mußte gemahnt werden. Ohne wahren Auftrieb machte sie sich an diese Arbeit, dachte dabei glückselig, daß sie es vielleicht doch bald nicht mehr nötig haben würde, Geld zu verdienen, daß ein Mann für sie sorgen und ihr nichts weiter mehr zu tun übrig bleiben würde, als ihn, Mann und Kind in einem, zu lieben. Schwer stapfte sie wieder die Korridore der Klinik entlang, schwer seufzte sie wieder von Zeit zu Zeit auf, wenn sie sich seelenabwesend und mechanisch mit den Kranken beschäftigte, doch es war ihr schwer vor Glück. Das von dem Geliebten zurückgesandte Geld trug sie in den nun wirtschaftlich wieder beruhigteren Zeiten auf die Sparkasse, zahlte es aus Bequemlichkeit auf das alte Konto Hermann Schuhmacher ein. Wie ganz am Anfang ihrer Tätigkeit zog sie wieder täglich vor Antritt des Dienstes für ein paar Stunden Zivilkleider an. Es war die Mode der kurzen Röcke, und es tat Lotte wohl zu entdecken, daß sie zwar etwas kräftige, aber ziemlich gerade und gut geformte Beine hatte. Sie zupfte sich wieder den Scheitel locker, toupierte die Löckchen. Ihr immer noch dichtes, nußbraunes Haar zu einem Bubikopf abschneiden zu lassen, hatte sie aber doch nicht den Mut. – So ging Lotte bei ihren Besorgungen für den kleinen Haushalt wieder langsam schlendernd durch die Straßen, an den Schaufenstern der Geschäfte vorbei, müde und unausgeschlafen, von Glück und Leben träumend wie in jungfräulicher Jugend. XIII Eines Tages erhielt Lotte die Nachricht, daß ihr Geliebter seine Examen bestanden und sich bereits um eine Stelle in der augenblicklich sehr regsamen, neuaufbauenden inneren Verwaltung seines Landes beworben hatte. Am Schlusse des Briefes erklärte er ihr feierlich, daß sie sich nun endgültig als seine Braut zu betrachten habe, so wie er hiermit sein Eheversprechen schriftlich wiederhole. Dies also solle ihre Verlobung sein, und wenn Lotte es so wünsche, könne sich ja jeder von ihnen auch einen Ring kaufen und ihn sich zu einer noch zu vereinbarenden Stunde an einem Tag, den sie bestimmen möge, anstecken, er in Paris, sie in Berlin. Diese etwas romantische Verlobung war für Lotte in ihrem erhobenen Glückszustand ein ganz natürlicher Vorgang, ein Ausgleich in ihrem Schicksal, der nur dadurch nicht ganz vollwog, daß die einzige Verlobungsanzeige, die sie verschickte, nämlich an ihre treue Schwester Laura, sich mit einer Anzeige kreuzte, die deren Tod enthielt. Für Mariu aber bedeutete dieser Schritt mehr und weniger als für Lotte. Er bewies damit wenn auch nicht Treue, so doch Anhänglichkeit, und wenn auch nicht Mut, so doch Trotz. In dem Kreise seiner Landsleute, unter denen er sich in Paris bewegte, waren viele, sehr schöne Mädchen und Frauen seiner Heimat, elegant gekleidet, geschminkt, parfümiert, heiter, kokett und sanft, zu Müßiggang und Lebensgenuß geneigt, denen auch Mariu durchaus nicht mißfiel. Es kam in den zwanglosen Zusammenkünften dieser Kreise, bei denen man froh von Wein und Jugend war, zu übermütigen, zärtlichen Bindungen, die keinen Augenblick ernstgenommen und oft genug gewechselt wurden. Auch Mariu tauschte diese sinnlichen Zärtlichkeiten und leichtfertigen Umarmungen, aber es zeigte sich, daß er im tiefsten Grunde von dem gewalttätigen mütterlichen Zauber der gar nicht so hübschen, im Vergleich zu seinen Landsmänninnen schwerfälligen, unscheinbaren Lotte zu sehr gepackt war: ihre Liebesbeziehung, die süß und schrecklich zugleich wie das ungemeisterte Leben selbst gewesen war, lag ihm noch im Blut, ihm, der auch noch nicht gelernt hatte, das Leben zu meistern. Nicht wenig stärkte aber auch sein Trotz das Andenken an Lotte. In dem Kreis seiner Landsleute war die Gesinnung derzeit eher deutschfeindlich als deutschfreundlich. Für Mariu aber waren die Rettung seines Lebens nach schwerer Krankheit, die wenigen angenehmen Eindrücke seiner Jugend nach den vielen Schrecknissen des Krieges, das glückliche Heimatempfinden nach den bitteren Erfahrungen des Vertriebenseins, doch zu sehr mit Deutschland verknüpft – und, obwohl auch er zu dem den Romanen eigenen Luxusbedürfnis neigte, hatte er doch den innigen Reiz eines zwar dürftigen und einfachen, aber harmonischen Lebens im Zusammenhausen mit Lotte und ihrem Vater kennengelernt. So sehr er sich in der heimatlichen Atmosphäre, die ihm durch seine Studiengenossen und -genossinnen zugetragen wurde, wohlbefand, um so mehr lockte ihn auch immer wieder der tiefe, herbe Zauber jener Jahre in der Fremde, und, trotz des dringenden Abratens seiner Freunde, gab er eines Tages eben gerade offiziell seine Verlobung mit einer Deutschen bekannt. Er erklärte, er sei dazu verpflichtet, denn sie habe ihm das Leben gerettet, und er könne als Ehrenmann nicht anders handeln. Fürs erste schien dieser Schritt seine Aussichten auf eine Stellung in dem Staatsdienst wirklich ungünstig zu beeinflussen, denn obwohl er einen sehr wichtigen und ausschlaggebenden Fürsprecher gefunden hatte, erhielt er auf einmal keine Antwort mehr in seinem schon ziemlich weit gediehenen Briefwechsel mit dem betreffenden Amt. Er teilte es verzweifelt Lotte mit, doch sie schrieb beruhigend zurück, er solle nur mit ihr auf ihre »glückliche Hand« vertrauen. Und wirklich blieb ihr dieses Glück auch jetzt treu, nach einiger Zeit kam die angestrebte Anstellung doch zustande, da Mariu eben für das ausersehene Ressort besondere Kenntnisse und Fähigkeiten zu versprechen schien. Ein halbes Jahr später feierte Lotte stolz und glücklich ihre Hochzeit. Es war nur eine standesamtliche Trauung, da jeder der Gatten einer anderen Religion angehörte, an der jeder zwar nicht in dem Maße hing, daß sie eine ausschlaggebende, etwa trennende Rolle spielte, noch aber wollte sich einer dem anderen gern in dieser Frage unterordnen, so daß auch das Verbindende in religiöser Beziehung fortfiel. – Lotte gab ein nettes kleines Fest, zu dem man ihr das Schwestern-Speisezimmer der Klinik zur Verfügung stellte, und an dem alle ihr bekannten Krankenschwestern, soweit sie sich vom Dienst freimachen konnten, weiter zwei junge Assistenzärzte und eine von Lottes letzten, dankbaren, auf dem Wege der Genesung sich befindlichen Patientinnen teilnahmen. Die Braut wurde reich beschenkt, die ganze Klinik hatte sich zusammengetan und einen kostbaren Teppich gestiftet, durch Erfüllung ihres Testamentes erhielt Lotte von Schwester Laura zufällig gerade an diesem Tage einen reichlich assortierten Silberkasten zugestellt, der sehr erstaunt betrachtet wurde und die Frage aufbrachte, ob die echte Männerfeindin doch einmal Erwartungen gehegt habe? Dann aber ging man weiter, die Gaben zu bewundern: Bilder, Handarbeiten, Kristallstücke – Geldgaben von Patienten steckten in schön verzierten Briefumschlägen zwischen herrlichen Blumenspenden. Es wurden heitere Festgedichte verlesen, die Schwestern sangen in einem vierstimmigen Chor das Lied vom Heideröslein, zuletzt tanzten alle untereinander nach einem Grammophon, denn es mangelte an Tänzern. Lottes großartiges Abgangszeugnis wurde feierlich über »Hochzeitskerzen« verbrannt, denn mit dem Krankendienst solle es nun ein für allemal vorbei sein! Es sei zwar der schönste weibliche Beruf, den es gebe, aber Gattin und Frau im eigenen Heim zu sein, sei vielleicht doch eben das glücklichste Los, schränkte die Oberschwester in einer kurzen Ansprache den Jubel über diese kleine Symbolhandlung ein, ohne jedoch damit eine nachhaltigere Wirkung zu erreichen. Da im nächsten Augenblick sogar Champagner gereicht wurde, schien sich im Gegenteil der Trubel noch zu steigern. Erstaunt und befremdet bemerkte Mariu Lottes hochgerötetes Gesicht, ihr kreischendes Lachen, ihre fahrigen Blicke, wie blind vor Glück – indessen er selbst, seine exotische Schönheit, sein gepflegtes Äußere, seine elegante Kleidung eine etwas bedenkliche Bewunderung bei der Mehrzahl der Schwestern erregten, die Lottes Geschmack etwas »unsolid« fanden und dies auf ihre »schriftstellerische Ader« zurückführten. Lotte jedoch genoß ihr spätes Glück in vollen Zügen – ihm zuliebe brachte sie es fertig, sich an diesem Tage, wie aller Vergangenheit, auch nicht der Mutter zu erinnern, vor derem Andenken sie nicht glaubte verantworten zu können, daß sie ohne kirchliche Trauung geheiratet hatte. Sie zwang es weiterhin sich ab, ohne Trauer die elterliche Wohnung aufzulösen, Abschied von der Stadt ihrer Jugend und den Gräbern von Eltern und Kind zu nehmen: sie wollte jetzt nichts als ihr neues Leben, ihr endlich wahres Glück! So glücksbereit folgte sie mit einer ganz stattlichen Aussteuer und einer kleinen Mitgift, welche aus einer Ersparnis bestand, die sie vom Sparbuch Hermann Schuhmacher abhob und das Konto damit löschte, dem Gatten in sein Land.   Dort ging äußerlich alles gut voran. Mariu, dessen Fähigkeiten und Intelligenz durch die harten Erlebnisse seiner Jugend diszipliniert, dessen ganzes Wesen mit einem Ernst durchsetzt war, der scheinbar von dem Lande seines Exils auf ihn abgefärbt hatte, erwies sich als ein Beamter von seltener Eignung. Er erreichte bald hohes Ansehen, die Gunst der Vorgesetzten und immer verantwortungsvollere Arbeit. Die Ehe mit Lotte legte ihm eine gesellschaftliche Zurückgezogenheit auf, die ihm den Ruf eines festen und geklärten Charakters verschafften, und den eines Patrioten, der keine anderen Freuden kenne, als die Arbeit für sein Vaterland. So kam es, daß Mariu bei wachsender Sicherheit und Selbständigkeit im Berufsleben, die eine neue, wachsende Selbstachtung mit sich brachten, bald die Jahre, in denen Lotte ihn erhalten hatte, nicht mehr als ein entscheidendes und förderndes Erlebnis anerkennen wollte, sondern heimlich bei sich »die beschämende Schwäche seiner Jugend« nannte, welche er durch seine Heirat nun mehr als gutgemacht, von der er sich nach und nach befreit fühlte – ja, zuletzt erschien er sich selbst als ein allzusehr bedrücktes Opfer dieser alten Verpflichtung. Mit diesem neuerworbenen moralischen Gleichgewicht erlosch aber zu seinem eigenen Erschrecken der Sinn seiner Ehe kaum zwei Jahre nach der Hochzeit, es verringerte die Bedeutung der Frau neben ihm, die ihm nun längst nicht mehr einziger moralischer und praktischer Halt im Leben sein konnte. Die Überlegenheit seiner Bildung, seiner Jugend, seines Aussehens wurde dem Mann immer klarer und ließ ihn Lotte zu seiner eigenen Pein als unter ihm stehend empfinden. Nach kurzen Wochen der Freude lebte Lotte wie ein verlorener Schatten in ihrer Ehe dahin. Da ihr die Gabe schneller Anpassung fehlte, war sie bald sehr einsam, nur geringgeschätzt in dem fremden Lande. Die Freude an ihrer schönen Wohnung in einer der elegantesten Straßen Bukarests, das Interesse an ihrem sich nach und nach vergrößernden Haushalt waren ihr bald vergangen, da sie, abhängig von Dienstboten, denen gegenüber sie sich der fremden Sprache wegen befangen und unterlegen fühlte, auch von Geschäften, die nicht das hatten, was sie kaufen wollte, ihre heimatlichen Sitten und Gewohnheiten nicht einführen konnte. Allerdings sträubte wiederum auch sie sich in einer Art trotzigen Heimwehs dagegen, die Sitten und Gebräuche ihrer neuen Umgebung anzunehmen. Der heißerwünschte Zustand, Frau im eigenen Heim zu sein, konnte sie nun nicht befriedigen, und was sie nie von sich geglaubt hätte, trat ein: sie vermißte ihren Beruf, die Tätigkeit als Tagesschwester, ihre Nachtwachen im stillen Stübchen. Sie mußte sich aber, als sie dies ihm einmal gegenüber äußerte, von Mariu den Verweis gefallen lassen, davon ja mit niemandem zu sprechen, denn Krankenpflegerinnen, die nicht Nonnen seien, würden in seinem Lande nur gleich Dienstboten geachtet. Lotte wollte aufbrausen über diese harte Kränkung, erinnerte sich aber plötzlich an den Ausspruch der Mutter, daß man Krankendienst nur als Gottesdienst betrachten könne. Das machte sie stumm. Sie versuchte, um ihre Zeit auszufüllen, als Ersatz für ihr Geschichtenschreiben Tagebuch zu führen, wollte auch ausführlich berichtende Briefe an die Schwestern in der Heimat abfassen, genau nach Einteilung, 1. um ihr Glück zu schildern, 2. das Interessante ihrer neuen Umgebung, 3. ihre Empfindung für die verlassene Heimat – und sie dachte daran, solche Briefe in einer kleinen Sammlung unter dem Titel: »Glück in fremden Landen« an ihren früheren publizistischen Stellen zu veröffentlichen. Doch wie sie sich eingestehen mußte, daß es höchstens Annehmlichkeiten, doch kein eigentliches Glück in ihrem neuen Leben gab, so kam sie auch über die Niederschrift des Datums nicht hinaus. Sie versuchte zu lesen, um auf diesem Wege ihre Phantasie wieder anzuregen, aber kein Buch konnte sie mehr fesseln. Ihre Gedanken, ihre Sinne waren im Grunde vollständig und ganz auf den Mann gerichtet, von dem sie nicht ergründen konnte, ob er unglücklich war mit ihr, oder ob sein verändertes, unzugängliches Wesen notwendigerweise zu dem verantwortungsreichen Beruf eines Staatsbeamten gehöre. Er wurde ihr fremd. Oft war es ihr ganz unmöglich, in ihm ihren Mariu, den sie einst wie ein kleines Kind in seiner schlimmen Krankheit gereinigt und gepflegt hatte, und den sie sich, um die drohende Entfremdung zu bannen, gern in diesem Zustand aus der Erinnerung heraufbeschwor, wiederzuerkennen, noch freilich auch den liebenswürdigen Kameraden ihres alten Vaters oder gar den sie mit wilden Liebkosungen bedrängenden Verführer. Das machte sie unglücklich, aber oftmals gab es noch Schlimmeres für sie: wenn sie ihn schlafend sah an ihrer Seite, die langen; schöngebogenen Wimpern über die gelblich getönten Wangen gesenkt, die vollen Lippen kindlich entspannt, da war er ihr wiederum so nahe vertraut, daß sie vor dem mütterlichen Gefühl erschrak, das in ihrem Herzen aufflutete. Sie wollte ihm doch Gattin sein! Vertraute in einem anderen Sinne! – Doch eifersüchtig duldete er nicht einmal eine Frage oder Bemerkung ihrerseits über seine Arbeit, die er sich zum Inhalt des Lebens gemacht hatte. Zu einer Aussprache zwischen den Gatten kam es nie. Eine Zeitlang beschäftigte sich Lotte viel mit ihrem Äußeren, machte alle die Mühen, Aufregungen und Wege durch, die zur Erreichung einer gewählten, eleganten Garderobe, der sorgfältigen Pflege von Haut und Haaren nötig schienen – sie ließ sich von schönen Stoffen, hohen Stöckelschuhen und extravaganten Handschuhen, von erlesenen Parfüms und Spitzenwäsche ebenso verlocken wie von der verschwenderisch entfalteten Liebenswürdigkeit der Geschäftsleute, bis sie eines Tages dicht hinter der gepflegten Anlage eines der belebtesten Plätze der Stadt eine zerlumpte Zigeunermutter sitzen sah, die einen Säugling an ihrer mächtigen, gelblichbraunen Brust hielt, während ihre ganze übrige Schar von Kindern in jeder Altersstufe, alle elend, alle von oben bis unten verschmutzt und halbnackt, sich bettelnd gegen Lotte drängte. Sie aber hatte nicht eine Münze mehr in ihrer neuen schicken Lackledertasche, dagegen standen ihr die Summen vor Augen, die sie eben auf einem kleinen Geschäftsbummel ausgegeben hatte, und sie fühlte sich plötzlich wie sich selber weit entschwunden. Traurig besah sie daheim vor dem Spiegel ihre derbknochige Figur im modernen blaufarbenen Crêpesatin-Komplett, ihr onduliertes Haar, ihre gepuderten Wangen. War das sie? – Sie setzte sich an ihren hübschen Toilettentisch nieder und entfernte sorgfältig den Lack von ihren Nägeln und dachte dabei: »eigentlich müßte ich jetzt weinen« – aber es kamen keine Tränen. Von dem Zeitpunkt an, da Mariu, wie er glaubte, seine Verpflichtung an Lotte gutgemacht zu haben, begegnete er ihr immer kälter, und seine sich in gleichem Maße erhitzende Leidenschaft für die Nation ließ ihn seine Frau zuletzt fast mit der gleichen mißtrauischen Feindseligkeit betrachten, mit der alle seine Landsleute sie schon von jeher angesehen hatten. Das alles regte sich unter einem kühlen, korrekt-höflichen Umgangston zwischen den beiden Eheleuten, den Mariu angab, und unter dem er auch seine Ungeduld, Gereiztheit und Tyrannei verbarg. – Er interessierte sich zum Beispiel durchaus für Lottes Schneider- und Friseurfragen, er hatte nichts dagegen, daß sie Geld dafür ausgab, und viel Geld, wie es Lotte in ihrer Bescheidenheit schien – im Gegenteil, es war ihm nur lieb, rechnete er sich in der Stille doch jedesmal die Summe von seiner »alten Schuld« ihr gegenüber ab. Er bekrittelte Schnitt und Ausführung jedes Kleides ganz genau, fand ihr Parfüm je nachdem »angenehm« oder »unpassend«, lief selbst in die Geschäfte, um etwas umzutauschen oder zu beanstanden, und bat sich aus, daß man Frau Doktor Foscani sorgfältiger bediene! Doch das alles geschah nicht aus Interesse für Lotte selbst. Sie durfte seit einiger Zeit keine Briefe mehr in die Heimat schreiben, denn es könne unangenehm sein, daß seine Gattin solche von dort empfange, auch gehöre sie doch nun einmal nicht mehr dahin, und der Gedanke an eine schriftstellerische Tätigkeit ihrerseits brachte ihn außer sich – ob sie denn nicht alles habe, was sie brauche? Wieso käme sie denn überhaupt auf diese alte, alberne Zeilenschinderei zurück? – Demgegenüber schämte sich Lotte anzugeben: aus innerer Unzufriedenheit. – Aber sie durfte auch nicht Unterricht in der Sprache des Landes nehmen, in dem sie nun lebte, da sie diese, wie er in versteckter Geringschätzung bemerkte, in ihren Jahren erklärlicherweise doch nicht mehr ganz begreifen und jedenfalls schlecht aussprechen werde, und dies für ihn und sie nur fatal sein würde. Und doch glaubte Lotte trotz allem glücklich oder wenigstens zufrieden sein zu müssen. Sie redete sich zu, »wie einem lahmen Gaul«: hatte sie nicht als eine der sehr wenigen Schwestern unter den vielen, die sie kannte, geheiratet? Und noch dazu einen schönen, jungen, akademisch gebildeten Mann? Daß sie ihm erst zu seinem Studium verholfen hatte, das hatte er sie durch sein überlegenes, hochmütiges Wesen längst vergessen lassen. – Und noch etwas ruhte in Lotte und ließ sie die leere und nichtige Gegenwart um der Hoffnung auf eine erfülltere Zukunft willen nicht so spürbar werden: jetzt schien ja doch endlich die Zeit gekommen, in der sie ein Kind haben konnte, ein Kind, das sie mit Genuß und Freude würde aufziehen können, ohne Sorge, ohne ihre natürliche, mütterliche Stellung zu ihm aufgeben zu müssen, ohne sich ihm durch Geldverdienen zu entfernen und zu entfremden. Doch das Zusammenleben von Mann und Frau hatte den früheren, wütend-wollüstigen Stachel behalten, hatte sich nicht befriedet und gelöst. Entnervt und zitternd lag Lotte nach den Umarmungen da. Ein kleines Leiden stellte sich ein, das sie an einen Mariu mahnte, der nicht nur stets ihr gehört hatte, und lange mußte sie auf die ersehnten Zeichen warten. Als ihr Leib endlich empfangen hatte, war er nicht fähig, das neue Leben zu halten. Eine schwere Fehlgeburt brachte Lotte an den Rand des Grabes. Vielleicht war es die Schuld des in der Eile nächstbesten, herbeigerufenen Arztes, mit dem sich Lotte in der fremden Sprache nicht verständigen konnte, dem jedoch Mariu vollständig vertraute und sich weigerte, Lottes Bedenken gegen seine Behandlungsweise zu übersetzen, die er als beleidigendes Mißtrauen gegen die ärztliche Kunst in seinem Lande überhaupt auffaßte – jedenfalls stellten sich zuletzt septische Erscheinungen und hohes Fieber ein. Als Lotte sich nach langem Krankenlager wieder erhob, war sie völlig entkräftet. Ihr Gesicht war grau und faltig geworden, und war sie neben dem wohlgestalteten Mann, dessen schöne, regelmäßige Züge durch den Ausdruck geistiger Energie noch gewonnen hatten, nie eine reizvolle Frau gewesen, so trat nun der Altersunterschied deutlich zutage. Die Erscheinung der fahlgesichtigen, durch Krankheit entstellten Frau neben der blühenden und kraftvollen Erscheinung des Mannes hatte etwas Erschreckendes, fast Widernatürliches für den Betrachter, um so mehr, da Lotte, traurig und bedrückt, an der Entfaltung ihres wahren Wesens verhindert, nicht über den Zauber die äußeren Mängel ausgleichender Überlegenheit und Liebenswürdigkeit verfügte. XIV Das Zusammenleben mit der Frau begann nun für den Mann fast unüberwindlich schwer zu werden – es gestaltete sich immer krampfhafter und quälerischer. Trotzdem konnte sich Lotte noch einmal guter Hoffnung fühlen, und als sie mit aller Vorsicht und Schonung den dritten Monat überstanden hatte, bat sie ihren Mann in einer überquellenden Sehnsucht nach der Heimat, nach Berlin reisen zu dürfen, um dort mit ärztlicher Hilfe die Schwangerschaft durchzuhalten. Sie war auf Widerstand gefaßt und hatte sich mit ebensolchem gewappnet. Zu ihrer großen Überraschung aber willigte Mariu ohne weiteres ein – »damit gutgemacht würde, was das vorige Mal versäumt worden sei« –, er gab ihr sogar eine ältere Wärterin zur Hilfe und Begleitung für die Reise mit, und Lotte durfte in einem Sanatorium, etwas außerhalb der Stadt gelegen, mit Hilfe aller ärztlichen Künste ihrer Niederkunft entgegenleben. Das war die glücklichste Zeit in ihrer Ehe. Die Gatten schrieben einander, Lotte in verjüngter, dankbarer Zärtlichkeit an den Mann, Mariu an die Frau in warmer Besorgnis um ihre Gesundheit und um das Wohl des erwarteten Kindes. Doch als kurz nach dem achten Monat die Geburt unter furchtbaren Schwierigkeiten, aber doch glücklich vonstatten gegangen war, und Lotte einem zarten Knaben das Leben schenkte, war die Ehe vollständig zerstört. Wohl schluchzte der herbeigereiste Mann bei dem Anblick seines winzigen, zwischen Watte und Wärmeflaschen gepackten Sohnes, doch nicht nur vor Glück. Lotte, die es sich nicht anders denken konnte, als nun so bald wie möglich mit Mann und Kind zurückzukehren – in die Fremde, die sie sich nun doch noch zur Heimat werden fühlte –, wurde von dem Gatten beschworen, nur ja noch recht lange zu bleiben, ganz ihrer Gesundheit zu leben, die doch für das Kind so wichtig wäre, indes er leider nur kurzen Urlaub erhalten habe. Trotz aller Tränen und Bitten Lottes, trotz ihrer Vorwürfe, daß er es fertig brächte, sich schon wieder von dem Kinde zu trennen, und trotzdem dieser Vorwurf ihn sichtlich traf, setzte der Mann es doch durch, allein abzureisen. Aber er schrieb sehr gütevoll, wollte genau Tagebuch geführt haben über des Kleinen Befinden und Gedeihen, schickte ausreichend Geld, so daß Lotte auch weiterhin in dem Sanatorium bleiben konnte, in welchem sie nun auch einmal voll und ganz die Vorzüge eines »Erster-Klasse-Patienten« genießen durfte, die ihr aus der früheren Berufszeit so gut bekannt waren. Eine ganze Zeitlang durfte sie sich ungestört in dem Glauben wiegen, alles geschehe wirklich nur um ihres und des Kindes Wohles willen. Die Erinnerung freilich an das wilde, heimliche Glück der ersten Geburt, da sie sich in allem so leicht selbst geholfen hatte, da sie für eine Stunde lang ein Geschöpf gewesen war, in Kraft und Wonne der Natur verbunden, wollte sich ihr wohl manchmal aufdrängen zum Vergleich mit diesem Wochenbett, wo Ärzte, Schwestern und Helfer mehr von der Geburt wußten, als sie, die im Dämmerschlaf gelegen, und sich nach Aussage des Arztes »unsachgemäß« benommen hatte. – »Dabei weiß er doch noch nicht einmal, daß ich Krankenschwester war«, dachte Lotte betrübt. Es bedrängte sie die Ahnung, daß ihr ganzes Dasein nach jenem ersten Glück gezielt und gestrebt hatte und daß sie es nie mehr würde erleben können! Doch sie wollte sich diesen Empfindungen nicht hingeben, sie schmiegte sich freudegierig an ihr Kind, wenn sie auch durch alle die künstliche Wärme hindurch, mit der es umpackt war, sein Körperchen nicht fühlen konnte, so wie sie damals den nackten kleinen Leib ihres Erstgeborenen dicht an sich gefühlt hatte. Dank ihrer guten Natur erstarkte Lotte nach und nach, wurde gesund, freute sich an dem allmählichen Gedeihen des zarten Kindes und bestand bald darauf, seine Pflege vollständig selbst zu übernehmen. Traurig blieb sie nur darüber, daß sie ihr Kind nicht nähren konnte, und daß sie, wie »damals«, wieder allein mit ihm zur Taufe gehen mußte, ohne Mann und Vater. Daß auf diese Weise das Kind in ihr Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde, bereitete ihr weniger Genugtuung als Kränkung über des Vaters Desinteressement, das ihr nun doch eine geheime Unruhe über sein ganzes Verhalten einzuflößen begann. Nach und nach meldete sie sich bei der und jener der alten, bekannten Schwestern, sie kamen sie zu besuchen, erzählten Klatschgeschichten von Ärzten und Patienten aus der Klinik oder auch von den gerade nicht anwesenden Kolleginnen – es wurde viel gelacht und gekichert, und der heimliche, dennoch zuweilen erkennbare Neid, mit dem ihr längst entwurzeltes Glück betrachtet wurde, stimmte Lotte fast fröhlich und schien es ihr wieder wahr und fester zu machen. Doch kurz vor Weihnachten, als Lotte sich nun endgültig zur Rückreise zu dem Manne rüsten wollte, kam der endgültige Schlag.   Der Mann schrieb ihr nun ohne Umschweife, daß eine unerwartete »Annäherung« zwischen ihm und der Tochter seines Vorgesetzten »eingetreten« sei, die ihn leider zwinge, sich frei zu machen und dieser Dame die Ehre wiederzugeben – sonst verliere er Amt und Stellung, und damit würde sein Leben zu Ende sein. Alle näheren Vorschläge, die Ausführung jener Andeutung »sich freimachen zu müssen«, schien er Lotte überlassen zu wollen, denn er enthielt sich darüber jeder Äußerung. Der erste Impuls Lottes war natürlich der, den Kampf aufzunehmen, erst recht hinzufahren, nicht zu weichen, ihrem Kinde Heimat und Vater zu erhalten. Doch der kluge Mariu hielt eine wirksame Waffe in dem sonst so zurückhaltenden Brief bereit. Der Briefumschlag enthielt noch eine Beilage. Es war die von rosa Seidenpapier umhüllte Photographie eines höchstens siebzehnjährigen bildschönen, elegant gekleideten Mädchens, bei dessen Anblick Lotte wie zu Tode getroffen aufstöhnte. Aller Widerstand in ihr zerbrach. In aufgeregten, selbstquälerischen Bildern sah sie den Mann an der Seite dieses Mädchens. Sie sah ein schönes, heiteres, elegantes Paar vor sich, das in der Sprache seiner Heimat miteinander scherzte, gleichberechtigt in der Gesellschaft sich bewegte, Glück und Duft der Jugend um sich hatte. Mitten in dem zerfleischenden Schmerz einer verstoßenen, gedemütigten, sich selbst als reizlos erkennenden Frau regten sich zu tieferer Verzweiflung dennoch in Lotte die ursprünglichen Empfindungen wieder für ihren Mann: die alten mütterlichen Gefühle für den um so viel jüngeren Menschen. Nicht, daß Lotte sich dadurch zu einem freiwilligen Verzicht erhob, nein, selbst wenn sie Mariu jetzt wieder mehr denn je als den verwaisten Schützling ansehen mußte, dem sie einst weitergeholfen hatte, das Kind von beiden, das ihr jetzt am nahesten stand, war das Neugeborene. Um seinetwillen kämpfte Lotte einen hartnäckigen Kampf. Nur die äußersten Drohungen des Mannes, daß er sofort die Wohnung verlassen, daß er Amt und Stellung niederlegen, nach Amerika auswandern würde – Drohungen, von denen sie beinahe fürchtete, daß er sie wahr mache, so leidenschaftlich waren sie abgefaßt –, konnten Lotte davon abhalten, mit ihrem Kind zu ihm zu fahren und die Ehe wenigstens der Form nach wieder aufzunehmen. Sich von dem Kind zu trennen, schien ihr aber von allem noch am unmöglichsten, und welchen Aufregungen, widrigen Situationen lief sie Gefahr, sich mit dem Säugling in der fremdsprachigen Stadt auszusetzen, wo sie gegen den wohl wirklich böswilligen Gatten keine Hilfe und Freunde erwarten durfte? Um das Wohl des Kindes willen also gab sie nach, und der Mann versprach ihr dafür, zu der mündlichen Aussprache, die sie verlangte, zu ihr zu kommen. Nach vielen Ermahnungen an dieses Versprechen setzte er auch endlich einen Termin fest, sandte aber kurz vorher noch einen Brief, in dem er »offen und ehrlich« beichtete, wozu er wohl mündlich nicht den Mut gefunden hatte, und ausführlich schilderte, welche Abneigung er im Grunde gegen Lotte als Frau in der ganzen letzten Zeit der Ehe empfunden habe, so sehr er sie als Mensch achten müsse und die Erinnerung an sie stets hochhalten werde. Er wolle und könne aber nicht mehr mit ihr zusammenleben, selbst dann nicht, wenn jene andere Verpflichtung nicht bestände. Offen und ehrlich war diese Erklärung wohl. Einstmals hatte die Eifersucht des Mannes auf Lottes erstes Kind die düstere Fackel ihrer Liebe in Brand gesetzt – der Anblick Lottes als der Mutter seines Kindes hatte nun in tiefster Befriedigung auch den letzten schwachen Funken dieser Glut wieder in ihm gelöscht. In dem neuen, von keiner beschämenden Vergangenheit belasteten, ritterlich-zärtlichen Gefühl für das junge Mädchen, in diesem schattenlosen Gefühl, in das er während der Zeit der Trennung von Lotte hineingeglitten war wie in eine Erlösung, mußte Mariu sich als Mann frei und natürlich wiederfinden wie noch nie. Auch Lotte, in ihrem sie selbst verratenden, für sein Glück mehr als das ihre schlagenden Herzen wurde von dieser Ahnung gestreift. Instinktiv brachte sie daher bei der endlich zustande kommenden Aussprache nur immer wieder den einen heftigen Vorwurf gegen den Mann auf: daß er sein Kind verlasse. Doch als er sich, wenn wohl auch nicht ganz ernsthaft, dazu erbot, es zu sich zu nehmen, schrie sie ihm wild ins Gesicht: »Mir gehört es, und ich ziehe es auf! Und wenn ich mir an ihm nichts weiter aufziehen sollte, als solch ein undankbares, treuloses Subjekt wie dich!« Mit diesem bezeichnenden Ausbruch, dem Ausbruch einer über ihr Kind schwer enttäuschten Mutter, endete die letzte Zusammenkunft ohne Zeugen zwischen Mann und Frau – an einem Frühsommertag im Zimmer des Sanatoriums, auf dessem geöffneten Balkon das Baby in der Sonne schlief und warme Luft, Duftschwaden von blühendem Gesträuch, Vogelzwitschern aus dem Garten her bis zu den beiden streitenden Menschen drangen. XV Lotte lebte noch ein volles Jahr ohne Sorgen und in einem Frieden mit ihrem Kind, der nur durch die schwierigen Scheidungsverhandlungen gestört wurde, welche die Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Behörden beider Länder mit sich brachten, obwohl beide Eheleute nun von sich aus alles taten, um die Sache so einfach als möglich zu gestalten. Lotte hatte auf Bitten Marius die Scheidung selbst beantragt, und Mariu hatte die Erklärung abgegeben: obwohl die Ehe vor den Gesetzen seines Landes nicht gültig sei, da sie nicht nach dessen religiösen Ritus vollzogen worden wäre, wolle er die Schuld auf sich nehmen, auf das Kind verzichten, und Frau und Kind unterhalten. Trotz all diesem kamen dauernd neue Aktenstücke an Lotte, Fragebogen und Vernehmungen, und sie mußte auf Marius Drängen die Angelegenheit einem teuren, aber in solchen Fällen sehr versierten Anwalt übergeben, der endlich auch einen Termin erreichte. Es war der übliche Versöhnungstermin, an dem sich die beiden Menschen noch einmal und zum letztenmal für immer wiedersahen. Lotte war sehr gealtert. Das durch die Scheidung verbitterte Glück über ihr Kind drückte sich kaum auf ihrem müden, fahlen Gesicht aus. Mariu dagegen, gepflegt und in vornehme Eleganz gekleidet, erschien glatt und unberührt. Seine mandelförmigen, dunkelsamtenen, etwas frauenhaften Augen mit den langen, schöngeschweiften Wimpern, sein dichtes, straffes, tiefschwarzes Haar gaben ihm immer noch den Reiz exotischer Schönheit, doch war an der ganzen wohlgewachsenen Gestalt erkennbar, daß sie Fett anzusetzen drohte – die Wangen hingen schon ein wenig schwer, die Augen zeigten wohl noch den Ausdruck eines schönen Tieres, das kein Leid kannte, aber um den vollen, edelgeschwungenen Mund lag ein kalter, grausamer Zug, das Zeichen eines allzu unerbittlich dem Glück nachjagenden Menschen. Beide Gatten sahen sich nur so von ungefähr an. Um der Enttäuschung willen, die sie sich gegenseitig bereitet hatten, schämte sich einer des anderen. Die Entfremdung zwischen ihnen wucherte gerade in diesen Minuten so ungeheuer auf, daß sie alles gemeinsam schöne und traurig Erlebte verdüsterte und erstickte. Nachdem beide ihr Nein erklärt hatten und die übrige Formalität erledigt war, trat der Mann – »unverschämt«, wie Lotte es empfand, daß er es wagte, noch zu ihr und in solcher glatten Liebenswürdigkeit zu sprechen – zu der Frau hin, und sagte mit seiner weichen, etwas verschleierten Stimme, daß er leider sofort wieder zur Bahn müsse, er habe nur knappesten Urlaub erhalten, und es tue ihm natürlich schrecklich leid, das Kind nicht sehen zu können, ob es ihm gutginge, und ob sie, Lotte, noch zufrieden sei mit dem Sanatorium. Lotte, alles das als Hohn empfindend, wandte ihm vor den anwesenden Anwälten brüsk den Rücken, ohne zu antworten. Mariu, rot bis in die Stirn, zischte wütend vor sich hin: »dumme deutsche Gans« – während Lotte ihn noch lange in Gedanken einen »falschen Windhund vom Balkan« schimpfte, und vor allem die Wiedererlangung ihrer ursprünglichen Staatsangehörigkeit für sich und ihr Kind erstrebte. Aber in dieser unmenschlichen Betrachtungsweise, in der sie einander nur noch geringschätzig als Vertreter fremder Nationen ansahen, wurde die Kluft zwischen diesen beiden Menschen unüberbrückbar, ihre gemeinsame Vergangenheit entwertet und ausgelöscht. Über diesen Abgrund, den ein inneres Verleugnen von so vielen Lebensjahren stets bedeutet, konnten sie beide nur schwer und unvollkommen ein neues Leben aufbauen. Und so kehrte Mariu zu seiner Arbeit und zu seiner jungen, schönen Braut zurück, Lotte zu ihrem Kind. Lotte beschäftigte sich Tag und Nacht mit dem Knaben. Neben seiner Pflege und Wartung nähte, strickte, häkelte sie für ihn. Sie kaufte einen Photoapparat und nahm ihn in allen Posen auf. Sie überschüttete ihn so lange mit Zärtlichkeiten, bis er sich weinend und kreischend dagegen wehrte. Nahm sie einmal ein Buch zur Hand, ließ sie es nach kurzer Zeit wieder fallen, um von neuem unermüdlich ihr Kind zu betrachten. Keine Romanhandlung konnte so geschickt und spannend geknüpft, keine Schilderung so glänzend und mitreißend sein, als daß sie sie abhalten konnte, lieber Geheimnis und Glück in dem Anblick ihres Kindes zu lesen. Seine Gewichtszunahme, den Zustand seiner Verdauung, seiner Stimmung – wie lange gegreint und in welcher Art, ob traurig-schluchzend, oder mehr kraftvoll-kreischend, oder verzagt-wimmernd, ob noch quakend wie ein kleines Froschungeheuer aus dem Urteich, ob schon klagend wie ein »süßer kleiner Seelenmensch« – die Dauer seines Schlafes, Art und Zahl seiner Bewegungen gewissenhaft zu notieren und mit Ausrufen ihres Entzückens zu umschmücken, das war Lottes schriftstellerische Tätigkeit in dieser Zeit. Für die Leidenden, mit denen sie zusammenwohnte, hatte sie keinerlei Interesse, im Gegenteil, sie wich ihnen aus, wo sie konnte, das Sanatoriumsleben widerstand ihr mit der Zeit und sie blieb nur des Kindes wegen da wohnen, damit es gute Luft und Ruhe habe. Das Kind gab ungewöhnlich früh Anzeichen einer ebenso ungewöhnlichen Intelligenz, wie aber auch eines herrschsüchtigen Charakters. Der Knabe verstand frühzeitig, seine Mutter zu beschäftigen und in Atem zu halten. Wohl hundertmal nacheinander warf er ein Spielzeug aus dem Bettchen, schrie und krähte, bis es die Mutter ihm aufhob, und kaum hatte er es in den Fingerchen, als er es wieder fortwarf. – Lotte bückte sich geduldig, das Blut schoß ihr in den Kopf, das Herz klopfte ihr, aber sie lachte. Und als sie, einmal doch zu ermüdet von diesem Treiben, das Spielzeug mit einem Band am Bettchen festknüpfte, stutzte der halbjährige Knabe, als der Krach, mit dem sonst das Klapperzeug auf den Boden auffiel, nicht zu hören war, er beugte sich über den Rand des Bettchens, sah das Spielzeug am Bande baumeln und brach über diese Täuschung in ein wütendes, ohrenzerreißendes Geschrei aus. Lotte, überglücklich und stolz auf die Klugheit und Willensstärke ihres kleinen Knaben, trank unter Küssen die Zornestränen von seinem Gesichtchen, knüpfte das Spielzeug wieder los, und bückte sich von neuem unzählige Male. Das Kind hatte den Namen Carol bekommen, zu der Zeit, da von der Ehescheidung noch nicht die Rede gewesen war; nun nannte es die Mutter Karlchen. Umgang mit Menschen hatte Lotte keinen, suchte auch keinen. Es genügte ihr, wenn sie vor den alten, bekannten Schwestern ein wenig die Dame spielen konnte. Sie ließ sie an ihren freien Tagen mit einem Mietauto von der Klinik oder den Schwesternheimen abholen und gab kleine Kaffeegesellschaften, die bei guter Jahreszeit auf dem Balkon ihres schönen, großen Zimmers stattfanden. Immerhin war sie noch »Frau Doktor« und mit ihrem Kinde versorgt, und nur der sie manchmal flüchtig durchzuckende Gedanke: »eigentlich müßte ich noch mehr Kinder haben – eine Tochter zu haben, wäre schön –«, hinderte sie, ihr Leben nun doch als erfüllt anzusehen. XVI Doch das blieb nicht so. Schon bei der endgültig ausgesprochenen Scheidung hatte der Mann es erreicht, daß sein Unterhaltungsbeitrag von einem bestimmten Termin an wesentlich herabgesetzt wurde und hatte dafür die Rückzahlung der kleinen Mitgift Lottes angeboten. Nach einiger Zeit mußte Lotte doch aus dem schönen Sanatorium zurück in die Stadt und in ein Mittelstandsheim in einer billigeren Gegend ziehen. Aber auch dies war nicht von Dauer. Kaum hatte Mariu nach der Scheidung wieder geheiratet, als er nicht mehr imstande war, die alten Beträge regelmäßig an Lotte zu schicken. Seine junge Frau stellte – von sich aus völlig mit Recht – ganz andere Forderungen an ihren Gatten, als Lotte es getan hatte. Sie besaß zum Stolz ihres Mannes den Ruhm, die eleganteste Frau, nicht nur der Gesellschaft, sondern in Konkurrenz mit Bühnenstars auch der Stadt zu ein, Fahrten nach Paris waren nötig, um ihre Ansprüche zu befriedigen, sie war heiter, temperamentvoll und genußsüchtig. Sie und der Gatte nahmen regelmäßig an dem gesellschaftlichen Leben der Hauptstadt teil, eine Villa wurde als Wohnung gemietet, der Haushalt nicht nur vergrößert, sondern durch kostbare Gegenstände, Bilder, Teppiche, Boiserien auch verschönert, das Dienstpersonal vermehrt, ein Auto angeschafft. Wohl erhielt die junge Frau anfangs noch eine Apanage von den Eltern, doch sie verlangte auch Aufmerksamkeiten und Geschenke von ihrem Gatten, zu denen vor allem auch kostbare Schmuckstücke gehörten, und alle diese Ansprüche stiegen, als sie ihm eine Tochter geboren hatte. Dagegen hörten, als Mariu durch die Protektion seines Schwiegervaters zu einem sehr angesehenen Posten avanciert war, die Unterstützungen der Schwiegereltern, die nun eine zweite schöne und noch verwöhntere Tochter verheiraten mußten, an den jungen Haushalt Marius ganz auf. Und doch stiegen noch die Ausgaben für gesellschaftliche Repräsentation und die Ansprüche der jungen Frau, die ein zweites Kind erwartete und monatelange, kostspielige Badereisen unternahm. Bald hatte Mariu Schulden, und Lotte mit ihrem Kinde stand vor dem Nichts.   Natürlich versuchte sie zuerst, um den ihr zugesicherten Unterhalt zu kämpfen. Mit Bitten und Vorstellungen, »nicht an den Gatten, sondern an den Vater des Kindes«, wie sie in ihren Briefen beteuerte, hatte sie begonnen. Sie hatte ihm eine Anzahl reizender Aufnahmen von dem Knaben geschickt, und diese hatten Mariu auch ans Herz gegriffen. Gern hätte er den Sohn, da ihm nur zwei Töchter in der neuen Ehe geboren worden waren, und den er so ganz nur als den seinen, nicht auch den von Lotte empfand, bei sich gehabt, doch wagte er diesen Wunsch seiner jungen Frau nicht einmal mitzuteilen, die schon eifersüchtig darunter litt, daß sie ihm keinen Sohn geschenkt hatte. Mariu erwies sich auch als zu schwach den Umständen gegenüber, in die er verstrickt war, um nur halbwegs für den Knaben sorgen zu können: immer wieder war der Betrag, den er für »sein Söhnchen« bestimmte, und selbst wenn er ihn vorsichtshalber von vorneherein immer kleiner ansetzte, für etwas anderes »draufgegangen«. So kam es, daß Mariu heimlich die Bildchen von Lottes Kind mit Küssen bedeckte, sie dann aber in einem besonderen Fach seines Schreibtisches verbarg, Lottes Briefe überhaupt nicht zu beantworten wagte, und auch die Bildchen bald wieder völlig vergaß. Lotte, indessen von ihrer kleinen Mitgift zehrend, nahm sich einen Rechtsanwalt und beschritt den Klageweg, ohne aber auf diesem sofort etwas zu erreichen. Schon allein die Wartezeiten, ehe die Beantwortungen ihrer Eingaben eintrafen, genügten, ihre kleine Reserve zusammenschmelzen zu lassen, und hätten sie zuletzt zum Verhungern bringen müssen, wenn sie nicht, von so viel Not getrieben, ihr altes Leben wieder begonnen hätte. Da es ihr im Anfang noch peinlich war, in der Klinik, in der man sie als Frau Doktor Foscani kannte, um Arbeit zu bitten, wandte sie sich vorerst an eine Vermittlungsstelle für Krankenpflege. Wieder hatte sie Glück. Der Leiter der Vermittlung erinnerte sich ihrer, und ohne daß Lotte erst von ihrer früheren Organisation sich ihre Tätigkeit und deren Dauer bestätigen lassen mußte – denn sie besaß keinerlei Berufspapiere mehr, die sie ja in einem übermütigen Zutrauen an ihr Eheglück vernichtet hatte –, erhielt sie eine Pflege bei einem wohlhabenden, alleinstehenden älteren Herrn zugewiesen, einem sehr angenehmen Patienten mit einer Oberschenkelfraktur, der sie dreiviertel Jahr lang beschäftigte. Sie brachte ihn ohne jede Komplikation so weit, daß sie ihn das Gehen wieder lehren konnte, und übernahm mit ihrer geschickten Hand die Massage der Nachbehandlung. Er hätte sie zum Dank gern auf seine Erholungsreise in die Schweiz mitgenommen, doch das schlug Lotte ab, sie konnte die Stadt nicht verlassen, in der ihr Kind lebte. Lotte hatte also aus Berufsgründen ihr schon etwas angegrautes Haar auffärben, und mit wütendem Schmerz im Herzen für ihr Kind eine billige Pflege suchen müssen. – Auf ihr Inserat erhielt sie unter anderen Angeboten das von einer verheirateten Krankenschwester, »mit auskömmlichem Einkommen«, wie sie schrieb, »mit hübscher, sonniger, komfortabler Wohnung und einem arbeitsamen, festangestellten, ruhigen, kinderlieben Mann« – sie selbst aber habe keine Kinder und wisse mit ihrer vielen freien Zeit, die sie von ihrem frühern Berufe her nicht gewohnt sei, nichts anzufangen. Sie versprach daher, mit besonderer Freude und mit ihrer Erfahrung als ehemalige Krankenschwester das Kind aufzuziehen, vorausgesetzt, daß es gesund sei und keinerlei schwierige Veranlagung zeige. Das Kostgeld war äußerst gering. Lotte mußte einsehen, daß dies eine ungewöhnlich günstige Gelegenheit für ihr Kind sei. Aber sie, die bereits begann, wieder in die alte stumpfe Resignation über ihr Schicksal zurückzuverfallen, eines Schicksals, das sie stets in das Gegenteil dessen zwang, wozu sie sich geschaffen fühlte, sie lehnte sich noch einmal auf. Ihr Kind würde es an dieser Pflegestätte haben wie bei einer Mutter, das spürte sie. Und diese Mutter würde einen Mann haben, der vielleicht dem Kinde ein Vater wurde. Sie aber, Lotte, die bereit war, die nur dazu da war, dem Kinde beides zu sein, Vater und Mutter, würde ihm dann nichts mehr bedeuten. Sie würde ihr Glück an die ohnedies schon glücklichere »Schwester« abtreten, und würde nicht einmal mehr Glück geben können! – Ihre Verzweiflung endete in Trotz, sie zerriß dieses Angebot, um sich ein anderes dafür auszusuchen, bei dem es sich um einen einfachen Haushalt in einer hübschen Neubausiedlung handelte, in welchem bereits drei Kinder vorhanden waren. Dort, so dachte sich Lotte aus, würde sie neben der vielbeschäftigten Hausfrau die ersehnte Mutter sein, die zu Besuch kam, Geschenke brachte, und ihr Kind vor den anderen Kindern verwöhnte. So wurde der Knabe mit drei Kindern recht und schlecht aufgezogen, was sich aber zum Vorteil seiner freien Charakterentfaltung herausstellte. Er verstand es auch gar schnell, durch sein bald einschmeichelndes, bald tyrannisches Wesen sich den Hauptplatz in der neuen Gemeinschaft zu sichern.   Wieder verdiente Lotte Geld und mußte weiterhin ihre ganze Lebenskraft darauf verwenden, Geld zu verdienen. Sie hätte nach Jahr und Tag im Laufe der Alimentenklage als Mitvormund des Kindes eine Beschlagnahme in Höhe der schuldigen Summe von dem Gehalt ihres Mannes erreichen können. Aber zu dieser Zeit war sie schon wieder so im Zuge ihres Schicksals eingespannt, daß sie jenen Schritt nicht mehr tun wollte. Sie wollte »ihrem Mariu« nicht in seiner Karriere schaden, die schließlich doch auch ihr Werk war. »Ich habe es schwer, aber er hat es wohl auch nicht leicht«, seufzte sie vor sich hin, »aus Gemeinheit tut er es nicht – er schafft es eben nur nicht, ich kenne doch seinen Charakter –«. Das war Lotte, die Mutter, die überlegen ihr Kind beurteilte. »Es ist ja auch nicht das erstemal, daß ich wie ein Mann für ein Kind allein sorgen muß!« schloß sie mit einer Trauer, die von Stolz umkleidet war, ihre Gedanken ab. Ja, in der neuerkannten Überlegenheit über den untüchtigen Mariu, der ohne sie sofort in Schwierigkeiten kam, überwies sie sogar eine gewisse Summe an die Adresse ihres Mannes, damit er ihr die Gegenstände, die ihr Eigentum waren, zurücktransportieren lassen könne. – Wieder hatte Lotte bald ein Sparbuch, diesmal auf den Namen Karlchen Foscani. Der Knabe überstand alle Gefahren, die seiner Jugend und zarten Konstitution drohten, ohne weiteres, während seiner Pflegemutter ein Kind, ein besonders kräftiges Mädchen, an Scharlach starb. Das Pflegekind Karl aber kam zur Schule und hörte sich die Erklärung, daß er das Kind geschiedener Eltern sei, hochinteressiert, doch völlig ungerührt an. Er war sogar stolz darauf, denn es war etwas Besonderes, das er nur noch mit einem anderen Kinde in der Klasse teilte, und nachdem die Mutter dieses Kindes eine neue Ehe eingegangen war, stellte Lottes Knabe tief befriedigt fest: »Nun bist du so gut wie nicht mehr geschieden – wir sind aber noch richtig geschieden, meine Mutter ist sogar böse mit meinem Vater!« – Dieses Kind fühlte sich keineswegs als »arme Waise«, obwohl er mehr Waise war, als sein verstorbener Bruder, der empfindsame, krauslockige Knabe Hermann es gewesen war. XVII Die Natur des Knaben schenkte ihm einen glücklichen Widerstand gegen seine Lage. Von klein auf war es ihm gelungen, sich überall lieb Kind zu machen, er hatte eine gewisse, charmante Aufdringlichkeit an sich, besaß die Gabe schneller Auffassung bei allerdings etwas oberflächlichem Interesse, und weiter eine Intelligenz, die sich frühzeitig in Aussprüchen voller Drollerei und Witz äußerte. Er war von einem raffiniert angewandten Egoismus. Von klein auf interessierte er sich fast ausschließlich für die Angelegenheiten der Erwachsenen. Nur notgedrungen spielte er mit seinem Pflegebruder, und dann ließ er den kleinen Tolpatsch seine Überlegenheit in allen Dingen so sehr spüren, daß es immer nur Kummer und Tränen für ihn bei diesen Spielen gab. – Als winziger Knirps schon machte sich Lottes Knabe unbefangen und keck mit allen Menschen seiner Wohngegend bekannt, kundschaftete die Ladentische und Vorratsräume der Geschäfte aus, stellte sich neben Zeitungsverkäufern auf und schrie mit so altklugem Gesicht und Ausdruck die Namen der Blätter und die Schlagzeilen der Artikel nach, daß alles stehenblieb, lachte, ihn anstaunte oder gar beschenkte. Er war täglicher Gast in den Garagen, wo er mit unter den Wagen herumkroch und bald jede Hantierung, die zu dem Betreiben eines Motorwagens nötig war, vom Zusehen kannte und ebenso jede Schraube des Motors selbst. Von manchem Gehilfen wohlgelitten, nahm man ihn auf Probefahrten reparierter Wagen mit, und draußen, wenn »keiner kam«, nahm ihn der kinderliebe Führer auf den Schoß, ließ ihn mit den kleinen, feinen Händchen das große Steuerrad halten und behauptete dann, Karlchen halte schon mit fünf Jahren ganz allein den Wagen fest bei dreißig Kilometer Geschwindigkeit. Zur Stärkung seines ohnehin schon anspruchsvollen Selbstvertrauens glaubte das der Knabe ohne weiteres, wollte nur die Kilometerzahl gesteigert haben, und zuletzt mußte man ihm versichern, er könne auch schon bei siebzig Kilometer den Wagen steuern. – Frühzeitig bastelte der Knabe mit größtem Geschick und Talent, reparierte Störungen in den elektrischen Leitungen und den Rundfunkanlagen. Doch interessierte ihn alles nur einmal. Konnte er etwas, verlor er sofort die Lust daran und wiederholte es freiwillig nie. – Kaum hatte er gelernt, halbwegs fließend zu lesen, als er mit verblüffendem Eifer und gewissem Verständnis die Zeitungen studierte und bald in allem Bescheid wußte, angefangen von der Politik bis zu den Schlagworten der Inserate. In der Schule hatte sich nach kurzer Zeit seine auffällige Begabung im Aufsatzschreiben bemerkbar gemacht, und zwar eine Begabung, die gerade noch schulgerecht war, nämlich mit gewandtem Ausdruck, ohne den Ballast eigener Phantasie, aber mit einem Zug von scharfer Beobachtung und äußerer Logik das aufgegebene Thema zu behandeln. Auch rechnete er vorzüglich, amüsierte den Lehrer mit frühreifen, ironischen und witzigen Antworten in Geschichte, Naturkunde und selbst auch in Religion. Er war schneidig und gewandt in der Turn- und Spielstunde, und der Klassenlehrer ließ Lotte kommen und sagte, daß es jammerschade wäre, wenn »dieses patente Kerlchen« nicht eine höhere Schule besuchen würde. Lotte nickte nur. Sie war bereit, es zu ermöglichen. Die Pflicht, für das Kind zu sorgen, mußte ihr die viele Trennung von ihm, die fehlende Freude an dem Zusammenleben mit ihm ersetzen, und es trat in Lottes Leben wieder jene Wandlung ein, daß, je schwerer diese Pflicht wurde, um so leichter sie den Verlust an Freude aufwog.   Dem hübschen, zierlichen, gesunden und lebensgewandten Knaben hatte Lotte im Laufe der Zeit immer mehr befangen und fast befremdet gegenüberstehen müssen. Ihre triebhafte Mütterlichkeit konnte ihm nichts bedeuten. Von ihren Küssen und Umarmungen machte er sich in kräftiger Abwehr frei, und als er kaum laufen und sprechen konnte, empfing er sie an den Tagen, da sie ihn besuchte, mit den stereotypen Worten: »Was hast du mit für unser nettes Karlchen?« – Das sollte heißen und hieß dann später immer deutlicher: was hast du mitgebracht? Zog Lotte dann das Geschenk hervor, ohne welches sie fast nie zu kommen wagte, ergriff es das Kind ohne weiteres, lief schnell damit abseits, um es genau zu untersuchen, es mit dem, was es vielleicht bei anderen Kindern oder in einer Geschäftsauslage gesehen in scharfem Gedächtnis zu vergleichen, es zu kritisieren – »der Irma ihr Ball ist aber größer, und das ist auch kein richtiger Gasball«, oder »bei Wertheim gibt es den Zeppelin richtig aus Aluminium, warum hast du so einen aus Pappe gekauft?« – Selten war der Knabe zufrieden, und nicht immer kam er der Bitte der Mutter nach, ihr doch zu danken. Als es nun soweit war, daß ihr Knabe in eine höhere Schule übergehen sollte, und Lotte es für dringend hielt, den wohl höheren, aber ungleichmäßigeren Verdienst in der Privatpflege gegen einen durchschnittlichen sicheren zu vertauschen, überwand sie alle Scheu und ward in der Klinik, in der sie früher gearbeitet hatte, wieder vorstellig. Man empfing sie, von deren veränderter Lebenslage man natürlich schon wußte, mit taktvoll gedämpfter Freude, gab ihr, da augenblicklich nichts frei war, vertretungsweise Beschäftigung, aber nach einem Vierteljahr konnte Lotte ihren alten Posten als Nachtwache richtig wieder beziehen. Sie, drei weitere Pflegerinnen, die noch unter Oberschwester Laura gearbeitet hatten, und einer der früheren Assistenzärzte bildeten nun die alte »Ehrengarde« im Pflegepersonal der Klinik.   Lotte bezog ihre kleine Wachstube nach allem, was sie erlebt, mit dem wehmütig-entspannten Gefühl wieder – geschlagen und enttäuscht zwar, aber doch daheim zu sein. Nachdem endlich über Jahr und Tag nach der Geldsendung für den Transport ihre in die Ehe eingebrachten Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände zurückgekommen waren – welche sie ohne Schmerz oder Bitterkeit wiedersah, an deren gediegener Schönheit sie sich freute und dabei ihren eigenen guten Geschmack lobenswert fand –, richtete sie sich in der Nähe des früheren elterlichen Heimes eine kleine Wohnung ein und nahm ihren Knaben zu sich. Sie wollte das Leben ihrer besten Jahre wieder aufnehmen, wollte arbeiten und sparen. Sofort begann sie auch wieder ihre alten Versuche, durch »Schreiben nebenbei« noch Geld zu verdienen. Aber in ihr brannten keine noch so kleinen Funken der Phantasie mehr, ihre Geschichten waren hölzern, in jeder Beziehung langweilig, und kamen zurück. Die Hoffnung, die sie gerade jetzt zu hegen begonnen hatte, unter ihrem Pseudonym wieder so bekannt und gut eingeführt zu werden, um später einmal die Krankenpflege ganz aufgeben und nur als Schriftstellerin neben ihrem dann erwachsenen und gebildeten Sohn leben zu können, wurde dadurch ein für allemal zerstört. Sie weinte bitterlich vor Enttäuschung und Schmerz, und teilte ihr Mißgeschick auch dem Knaben mit, zur Entschuldigung dafür, daß sie ihm den gewünschten Tennisunterricht abschlagen mußte. Er schmollte, ließ sich dann das Geschriebene zeigen, sagte schonungslos, es sei ledern, schlecht geschrieben und unbrauchbar, vor allem vollständig unmodern, solche privaten Gefühlsduseleien würden keinen mehr interessieren, sie müsse etwas Allgemein-Typisches schildern. Er setzte sich hin, ein Knabe von zwölf Jahren, und besserte die Arbeit seiner Mutter aus, versah sie mit Schlagwörtern, die er aus seiner reichlichen Zeitungslektüre, von Vortrags- und Versammlungsplakaten kannte, gab einige seiner witzigen Bemerkungen aus der Schule dazu und eine neue, freche Überschrift. So verändert wurde die Sache nun doch angenommen, und Lotte »arbeitete sich« mit Beistand dieses Lehrmeisters »wieder ein«. – Über Gebühr die Einfälle ihres Sohnes bewundernd, sich selbst klein und unfähig hinstellend, vor Vergnügen in ein kindisch-kreischendes Lachen ausbrechend, suchte sie sich bei dieser sonderbaren Zusammenarbeit gleichsam in eine nahe Kameradschaft mit dem Knaben einzuschmeicheln. Doch dem wich dieser geschickt aus, er entwickelte allein für seine Person einen höheren Ehrgeiz als den, mit seiner Mutter zusammen zu kämpfen und Erfolge zu haben. Ohne daß Lotte vorher etwas davon erfuhr, erschien etwas später in einer großen Zeitschrift ein nachgedruckter Schulaufsatz von dem Sohn, dessen Text er illustriert hatte. Die Zeichnungen besonders brachten in ihrer Mischung von primitivster Technik und verblüffender, einen überlegenen Witz offenbarender Charakteristik eine starke, fast unheimliche Wirkung hervor, für welche die Zeit sehr empfänglich war. Im Thema des Aufsatzes setzte sich der Knabe in frühreifer und sicherer Weise mit dem Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auseinander – er schlug unter anderem vor, der Lehrer solle weder sich, noch den Schüler, noch den Lehrstoff, überhaupt die ganze geistige Lehrmeisterei »halb so wichtig« nehmen. Der Knabe wurde nach dem Erscheinen dieser Arbeit gefeiert wie eine Primadonna. Er erhielt Blumen, Konfekt, Bücher und Spielsachen und galt als große Hoffnung – in welcher Weise freilich, wurde nicht genau umschrieben. Er erhielt Anträge von Filmgesellschaften und bewies in einer durchgeführten Kinderrolle eine glänzende, schauspielerische Begabung. Er hätte beizeiten anfangen können, wenn auch nicht seine Mutter zu unterstützen, so doch ihre Sorgen um seine Existenz zu verringern, obwohl Lotte gar nicht stolz und eher entsetzt war, als sie ihr Kind auf der Leinwand inmitten einer leidenschaftlichen Liebesszene erblickte, bei der er den übermütigen Störenfried spielen mußte. Sein Gesicht, das sie oft genug mit leidenschaftlichem Entzücken betrachtet hatte, schien ihr da fremd wie ein Spuk, seine Schönheit verzerrt, seine mimischen Bewegungen taten ihr wehe. Es war ihr, als hätte sie instinktiv darum von Jugend an Kinovorstellungen nicht gemocht. Sie machte sich schwere Gewissensbisse darüber, daß sie um der hohen Summe willen diese Sache zugegeben hatte. – Da jedoch das Temperament ihres Knaben ohnedies sich nach wie vor für jede Sache nur einmal interessieren ließ und es ihm zuletzt schon langweilig geworden war, sich stundenlang in den Ateliers herumzudrücken, wo er »den Betrieb nun schon so genau kannte«, hatte es immer so viel Schwierigkeiten gemacht, ihn rechtzeitig zu den Aufnahmen dazuhaben, daß zu Lottes Erleichterung ein geplanter Serienvertrag nicht zustande kam. Lotte versuchte, andere Ideale in ihm zu erwecken: ihre so gut wie erstorbene Begabung glaubte sie ihm vererbt, »abgegeben« zu haben, nun sollte er sie erfüllen, größer und besser, als sie es je gekonnt, er sollte ein »wirklicher, ein reiner Dichter« werden – und mit erschauerndem Verständnis begann Lotte in dieser Zeit, Gedichte von Goethe zu lesen. Doch der Knabe lachte sie nur aus. Zum Dichten fehle ihm der Idealismus und das Sitzfleisch, und habe Lotte denn nicht davon gehört, daß Goethe der jetzigen Generation nichts mehr zu sagen habe? Sie lebe wohl richtig wie auf dem Mond. Da solle sie sich nur nicht wundern, wenn sie eines Tages herunterfalle, und alles wäre ganz anders geworden! Nein, da habe er vorläufig ganz andere Interessen. – Und seine Ansprüche stiegen mit seinen Erfolgen. Er ließ keine Ruhe, bis er sich von dem selbstverdienten Geld eine kleine Filmkamera anschaffen durfte, denn er wollte nun selbst Regisseur und Operateur spielen, überhaupt waren Apparate aller Art seine Leidenschaft, und er wollte zuletzt von Lotte Auskunft haben, ob man den Rest des Filmhonorars nicht so »anlegen« könne – vielleicht in einem guten Börsenpapier –, daß es später für ein Paddelboot, oder ein Motorboot, wenn nicht für ein Kleinauto reichen würde? Er wolle einmal Reisen machen und die Welt kennenlernen, auch Boxen und Fliegen wolle er lernen, in Rennen neue Rekorde aufstellen. – »Ich will mal einfach mit Spaß mächtig viel Geld verdienen!« versprach er seiner erstaunten Mutter.   In der neuen Schule hatten sich neue Talente erwiesen: seine ursprüngliche Begabung für fremde Sprachen. Aber auch aus diesen Fähigkeiten erwuchsen neue Forderungen an Lotte. Mit den schönen nackten Füßen auf seinem rollenden Medizinball balancierend, erklärte ihr der Knabe, der Lehrer habe ihm schon gesagt, daß er in drei Jahren zum Austausch nach London geschickt würde, später vielleicht auch nach Paris, und ob Lotte die Hälfte einer anständigen Aussteuer und des Reisegeldes »schaffen« könne, denn sein Erspartes solle doch möglichst für die Zukunft bleiben. Wenn er dann erst richtig verdiene, würde er ihr ein kleines Landhaus kaufen, fein, irgendwo im Gebirge, dort könne sie Hühner züchten oder treiben, was ihr Spaß mache. Was ihr denn nun überhaupt Spaß mache im Leben? – Als Lotte ihm auf diese Frage, zitternd vor seinen Zukunftsplänen, klarzumachen suchte, daß der einzige Spaß im Leben und ihre ganze Freude doch nur sei, mit ihm zusammenzuleben, beruhigte er sie: er komme dann schon immer mal »angebraust«, um sein »gutes Lotteken« zu besuchen. Seit seinem achten Lebensjahr nannte der Knabe seine Mutter Lotte. Als er bei irgendeiner Gelegenheit erfuhr, daß sein Vater Mariu hieß, fand er das so auffallend, daß sein Interesse aufs höchste erregt war. Er quälte Lotte so lange, bis sie es zugab, daß er seinen Vater, »den ollen Lateiner«, wie er sagte, besuchen durfte. Er erpreßte gewissermaßen unter allen möglichen Methoden von ihr die Adresse, die sie nur schweren Herzens gab, und schrieb unbefangen, unter der Anrede »Lieber alter Herr«, daß es doch eigentlich sehr nett wäre, wenn Stamm und Ableger sich gegenseitig einmal begutachten würden, was doch nur bei der Spezies homo sapiens möglich wäre, und so schlage er ohne weitere Umstände einen Besuch seiner wissensdurstigen Persönlichkeit in den nahen Osterferien vor. Die Erlaubnis seiner Mutter habe er. – Mariu antwortete im gleichen unbefangenen, kameradschaftlichen Ton, daß er sich auf den Besuch sehr freue, für die Erlaubnis Lottes danke und nur im ungewissen darüber sei, wie die Reise zueinander bewerkstelligt werden solle. Er habe leider keine Zeit, zu dem vorgeschlagenen Termin nach Berlin zu kommen und Carol abzuholen. »Carolus magnus, Donnerwetter, ein feiner Titel«, lachte der Knabe und fügte zu seiner Mutter hinzu: »der hat Angst, daß du mitkommst und ihm auf die Bude rückst!« – Und so schrieb er dem Vater beruhigend, daß er »seinem Sohne« nur bis an die deutsche Grenze entgegenzufahren brauche, bis dahin sei ihm auch von seiner Mutter die Alleinreise gestattet. Lotte, in Empfindungen höchster Angst über diese Reise und die Annäherung überhaupt versetzt, konnte dennoch, wie stets, den stürmischen Bitten des Knaben nicht widerstehen. Ihr blieb nur übrig, Billett und Ausweis zu besorgen, ihren mutigen Jungen in den Zug zu bringen, fieberhaft auf die erste Nachricht von ihm zu warten und sich um seine Rückkunft zu bangen. Mariu empfing seinen Sohn »aus erster Ehe« nach anfänglicher Besorgnis und Reue über seine impulsive Einladung zuletzt doch mit Freuden, hatte vor Stolz über dieses schöne, lebhafte und begabte Kind Tränen in den Augen. Er zeigte ihn den Seinen in Bukarest, die gute Miene zum nun einmal Unvermeidbaren machten, denn er hatte sie mit diesem Besuche überrumpelt – und Vater und Sohn verstanden einander ausgezeichnet. Als der Knabe auf die verlegen-zögernde Frage nach seiner Mutter unbefangen antwortete: »Ach, Lotte ist ein famos-anständiger Kerl!«, konnte der Vater sich kaum beruhigen vor Lachen. XVIII Der Knabe trennte sich nur ungern wieder von des Vaters elegantem Haushalt, den hübschen Schwestern, und vor allem von dem Auto, welches sein Vater besaß. Ein Besuch im kommenden Jahr wurde verabredet. Mariu litt in den ersten Wochen ernstlich unter dieser Trennung, er erwog ernsthafte Mittel und Wege, den Sohn für sich zu beanspruchen, ihn in seinem und für sein Land zu erziehen, und es gab dieserhalb das erste Zerwürfnis in seiner bis dahin ungetrübt harmonischen Ehe. Die Frau drohte, zu ihren Eltern zurückzukehren, wenn so etwas überhaupt nur in Betracht gezogen würde, denn ihre eifersüchtige Liebe konnte noch nicht einmal den Gedanken ertragen, daß das Kind der »anderen« in ihrem Hause leben sollte, auch empfand sie den Wunsch des Gatten als eine Zurücksetzung ihrer Töchter, welche die väterliche Liebe bisher voll und ganz allein besaßen. Unter allem natürlich bohrte der Schmerz, daß sie selbst dem Gatten keine Söhne geschenkt hatte. Daß ihrerseits sich auch Lotte nie zu einem solchen Opfer entschließen würde, bedachte niemand. Der Knabe dagegen erzählte, wieder daheim, in einer völligen Umkehr seiner Stimmung, auf Lottes gierig-eindringliche Fragen nur unwillig von seinen Erlebnissen, meinte geringschätzig, sein Vater sei eigentlich zu dick und zu blaß, könne nicht einmal den Handstand machen, die Frau sei eine Modepuppe und rieche dauernd entsetzlich nach Parfüm, das Auto sei schon ziemlich alt, man habe jetzt doch nur noch Kabrioletts und »le toit découvrable«, Vorderantrieb und Schwingachse, und Motoren in Gummi gelagert sei überhaupt die Zukunft. Die Schwestern seien ja sehr nette Mädels, doch schon mächtig aufs Poussieren aus, keine richtigen Kameraden, im Französischen sei er schon viel weiter wie sie, und Englisch hätten sie überhaupt nicht in der Mädchenschule dort. Und die Stadt sei ja sehr ulkig, aber in Berlin sei eben doch alles viel größer, sauberer und »richtiger«. Sie aber, Lotte, sei direkt nobel gegen den knickrigen Vater, der ihm nur eine alte Uhr mit Schlüssel zum Aufziehen geschenkt habe, wo er doch schon eine moderne Armbanduhr mit Leuchtziffern und 24-Stunden-Zahlen besitze. So etwas wie Lotte, praktisch und tüchtig, gäbe es überhaupt nicht noch einmal, und er könne schon verstehen, daß sie zu dem phlegmatischen Lateiner nicht gepaßt habe. Über solche Worte staunte Lotte nur immer wieder von neuem. Aber nicht nur, daß sie sich vor ihnen wie ein dummes Ding vorkam, sie schmeichelten ihr noch und mußten Glück sein für ihr Mutterherz. Sie war mit ihrem Kinde nie in die innige Berührung gekommen, nach der es sie verlangte, sie erreichte nicht das glückliche, vertraute Füreinandersein, das sie ersehnte. Der Knabe ging seine eigenen Wege, sie sah ihn selten genug, trotzdem sie, um »ein paar Stunden mit ihm zu haben«, oft genug ihren Tagesschlaf verkürzte. Trotz aller Versprechungen, einmal für sie da zu sein, mit ihr zusammen gemütlich Kaffee zu trinken, für den sie Kuchen mitgebracht hatte, war meist die Wohnung leer, wenn Lotte sich aus ihrem Schlaf und Bette riß, und der Kuchen war verzehrt oder mitgenommen. Vorwürfen gegenüber hatte der Knabe immer sehr plausible Einwände, er hatte stets »etwas Wichtiges« vor. Zu Strafen fand Lotte keinen eigentlichen Anlaß, und jedesmal, ehe ihre Kränkung über sein Wesen auf den Tiefpunkt gelangt war, überraschte er sie plötzlich, indem er sie aus dem Schlaf aufweckte, mit einer vorzüglichen, von ihm selbst bereiteten Schokolade oder mit einer anderen Leckerei, der Tisch in der Küche war zierlich gedeckt, und seine Geschicklichkeit und muntere Liebenswürdigkeit erinnerten sie an den jungen Mariu. – Ein andermal freilich bereitete er ihr wieder eine andere Überraschung: als sie eines Morgens todmüde nach Hause kam, fand sie die kleine Wohnung von wohl zwanzig Jungen seines Alters »besetzt« und ziemlich übel zugerichtet vor, die auf Betten, Sofa und Teppichen genächtigt hatten und für die sie auf Verlangen ihres Sohnes ein »Lagerfrühstück« bereiten mußte, sonst sei er auf ewig blamiert. – Er hielt es nicht für nötig, sie in seine Pläne und Vorhaben einzuweihen, nie wußte sie, wo er sich außerhalb seiner Schulzeit aufhielt, und ihre besorgten Fragen beantwortete er mit kecken Scherzen, »verulkte« sie. Erst hinterher, als es Verrätereien und Schlägereien unter den Knaben gegeben hatte und man ihr einmal ihren Jungen mit einer klaffenden Kopfwunde anbrachte, erfuhr sie, daß er sich bald der, bald jener politischen Jugendorganisation angeschlossen hatte. Unter ihren pflegenden Händen, unter ihrer schmerzstillenden Behandlung gestand er ihr, daß er bis jetzt dafür gewesen sei, überall mal mitzumachen, aber es sei eigentlich überall derselbe Mist, bloß eine Uniform müsse er auch haben. Immer klarer prägte es sich in dem Charakter des Knaben aus, daß er befähigt war, aus Welt und Leben so viel als möglich herauszuziehen, ohne das Bedürfnis zu haben, etwas von sich aus hineinzugeben. Stellte sich jedoch einmal eine solche unabwendbare Forderung an ihn oder versagte sich ihm etwas, dann wurde seine anmaßende Lebenssicherheit von Lebensangst umschattet, und mehr als einmal sah Lotte ihren Sohn, der ihr eine glänzende Zukunft zu bereiten versprach, elend zusammengebrochen, sah alle seine Freuden entzaubert. Dann waren Auto, Motorboot, Rennrekorde blödes Zeug, die ganze Welt eitel Schrecken, sie sah ihn zittern vor dem nächsten Tag. Sie mußte zum Beispiel auch mit Schmeicheleien und Komplimenten seine verletzte Eitelkeit befriedigen, sein vollständig zusammengebrochenes Selbstbewußtsein wieder aufrichten, als er einmal im Fußballspiel an einen als schlecht unter den Jungen verschrienen Stürmer sein Tor verlor. »Nein, du bist doch der flinkeste und sportbegabteste Bursche, den es gibt, denke doch an deine vielen Siege! Und einmal verlieren, das passiert jedem, den größten Weltmeistern!« so tröstete Lotte. Ein andermal mußte sie dafür zu dem Lehrer laufen, von dem sich der Knabe ungerecht behandelt fühlte, weil in einer Schulausstellung nicht von ihm die meisten Zeichnungen ausgestellt waren, denn seine Zeichnungen waren doch sogar schon veröffentlicht worden! Das betete Lotte vor dem Lehrer nach. Sie mußte die Versöhnung bewerkstelligen, wenn der Junge sich mit den Mitschülern verzankt hatte. Sie befreite ihn von den entsetzlichen Qualen, als er eines Tages, nachdem er erfahren hatte, daß seine Herbstzensur wahrscheinlich nicht so gut wie die vergangene ausfallen würde, die kleine Hausapotheke erbrochen und von dort irgendeines der weißen Pulver eingenommen hatte, das ihm Übelkeit bereitete. Er glaubte, wirklich sterben zu müssen, und klammerte sich an seine Mutter, der er in diesem Augenblick alle Macht über Leben und Tod einräumte. War er aber wieder »obenauf«, dann war die Mutter einfach wieder Lotte, der man keine Rechenschaft zu geben brauchte, die man »ein bißchen plem-plem« nannte, wenn sie einem das herrliche Schwimmen verbieten wollte, das man eines Tages ganz von selber konnte, der man ihre kleinen Geschichten aufputzen half, und die »ein hochanständiger Kerl« war.   Außer dem einen großen Schrecken, den ihr der Knabe mit der Hausapotheke eingejagt hatte, machte er Lotte keinen eigentlichen Kummer. Im Gegenteil glaubte sie oft genug Grund zu haben, auf ihren Jungen stolz zu sein, und das mußte sie für seine mangelnde Kindesliebe, für ihre unbetätigt gebliebene Mutterzärtlichkeit entschädigen. In den immer wieder auftretenden, wirtschaftlich schweren Zeiten und Krisenjahren, in denen alle ihre Berufsgenossinnen um die sauer verdienten Spargroschen bangten, scherzte Lotte, der Versprechungen ihres Sohnes gedenkend, sie habe wenigstens in eine lebendige Sparbüchse gespart, sie werde es mit Zinsen zurückbekommen. – Indessen wurde auch ihr Krankendienst infolge sparsamerer Verwaltung der Klinik immer schwerer. Lotte mußte nun das ganze dreistöckige Haus bewachen, viele Male in jeder Nacht treppauf, treppab durch die nur notdürftig erhellten Gänge wandern, mit einem ziemlich großen, kästchenartigen Batterielämpchen sich den Boden für ihre Schritte beleuchtend. Ihr Haar färbte sie nicht mehr nach, es verlor seine elastische Kraft, und einige graue Strähnen hingen stets neben ihrer Schwesternhaube herab. Ihr rundes, weitzügiges Gesicht fiel sacht ein, ohne jedoch scharf zu werden, ihre früher gewölbte Brust senkte sich nun dem Leib entgegen, der Rücken neigte sich nach vorn. Nur die runden dunklen Augen zeugten von einer noch immer sich erneuernden Lebenskraft. »Wie ein Waldschrat mit dem Grubenlicht geistere sie in der nächtlichen Klinik einher«, wurde scherzend von Lottes alternder Erscheinung gesagt. In der Wachstube aber saß sie, gehetzt zwischen den knappen Arbeitspausen, von der Begierde, wieder einen der zahlreichen Wünsche ihres Sohnes erfüllen zu können, und quälte sich ab, kleine Geschichten zu schreiben, »Geld heranzuschaffen«. Nur selten gelang ihr etwas so gut, daß es sofort genommen wurde, die Konkurrenz war größer geworden als die Nachfrage auf diesem Gebiet. So half sich Lotte wieder durch Vermieten weiter, was ihren harten Arbeitstag noch mehr belastete. Was war nun die Erquickung dieser Seele, die Freude dieses Lebens? Am liebsten hielt Lotte nachts in der Stille der Wachstube, solange sie nicht gerufen wurde, die Feder untätig in der Hand. Und dann sah sie in dem zartgoldenen Dämmer der von der kleinen Lampe angeschimmerten gelben Wände wie in einer matten Glorie ihren Sohn vor sich: sie sah, deutlicher in der Erscheinung als in der Wirklichkeit, er war ziemlich groß für sein Alter, sie sah seinen geschmeidigen, gymnastisch durchgebildeten Körper mit der von Sonne und Wasser gebräunten Haut, seine großen graublauen Augen, welche die Farbe wohl von den ihren, aber den schönen Schnitt und die langen, gebogenen Wimpern von seines Vaters mandelförmigen Augen hatten, sie sah seinen vollen Kindermund, der dem des Vaters sehr ähnlich zu werden versprach, sein dunkelglänzendes, kräftiges Haar, auch dies seinem Vater ähnlich – und nur durch die offenen Züge, die an ihren alten guten Vater gemahnten, und an den etwas großen Ohren erkannte Lotte eine Ähnlichkeit mit sich selbst, und sie verspürte gleich einem Schauer ganz im Innern, gleichsam im Schoß ihrer Seele ein sanftes, trauervolles Erinnern an ihr erstes Kind. – Dann aber sah sie ihren Sohn lachen, sein schönes, nach dem Zahnwechsel regelmäßig besetztes Gebiß blitzte in ihrer Vorstellung auf, und oft ließ sie dann die Feder fallen, lehnte sich in den Sessel zurück. Blendend in seiner lebenshungrigen Wirklichkeit stand ihr Sohn vor ihr – er war keine umdichtete, verfälschte Traumgestalt wie ihr armes erstes Kind, er war kein schwerkrankes Geschöpf an der verwirrenden Grenze zwischen Jüngling und Mann, wie es Mariu, ihr zweites Kind, gewesen war, nein, sie fühlte seine Lebensgier an ihr saugen, auf unerschöpfliche Kräfte von ihr lauern, und es war ihr, als ob das gierige Lauern der ersten Jugendzeit sich aus ihrer Brust gelöst hätte, Gestalt gewonnen und sie in diesem Kinde von neuem bedränge. – In diesen Sekunden verspürte sie den tiefsten Zweck, die letzte Erfüllung ihres Daseins in seliger Befriedigung: ihr Leben zu verströmen in das Leben des Jungen.   In einer Zeitepoche lebend, in der alle Frauen jünger aussahen, als sie an Jahren zählten, mehr Geschwister als Mütter ihrer Kinder zu sein schienen und es seelisch oft auch waren, war Lotte gealtert über ihre Jahre hinaus, war sie nun, der drei Kinder so ungleichen Schicksals geschenkt worden waren, Ahne mehr denn Mutter. In den Wachstunden vor sich hindösend, auf Klingelrufe schwer in die Krankenzimmer schlurfend, tief vor sich hinseufzend, mit seelenabwesenden Griffen ihrer unverändert »glücklichen Hand« den an sie gestellten Forderungen nachkommend – ein einsamer Mensch zuletzt, allmählich stumpf und verbraucht, nichtachtend körperlicher Leiden, die sich nach und nach einstellten, um Erholungsbeiträge und Altersrenten kämpfend, hielt dennoch sie allein den Lebensfaden ihres frühzeitig klugen, geschickten und begabten Kindes, des danklosen Erben, und sie spann ihn weiter durch die Zeiten des Elends und der Not, nährte ihn mit kärglich-hartem Arbeitslohn, auf daß er wiederernähre ihren Sohn, dem sie immer wieder letzter, einziger Halt war, und es ihm sein wird bis zu ihrem letzten Atemzug – bis zum letzten Schlag eines Herzens, das mehr dem Leben gab als das Leben ihm, und welches ohne Glauben, ohne Zweifel, das schwere Glück der Liebe kannte.