Wilhelm Heinrich Riehl Durch tausend Jahre Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen – Erster Band In der vom Dichter selbst gewünschten Anordnung zum ersten Male herausgegeben von Hans Löwe Inhalt Abendfrieden Liebesbuße. König Karl und Morolf Im Jahr des Herrn Das Buch des Todes Der alte Hund Die Gerechtigkeit Gottes Die Ganerben Damals wie heute Der Dachs auf Lichtmeß Der stumme Ratsherr Das Spielmannskind Die vierzehn Nothelfer Vergelt's Gott! Die zweite Bitte Abendfrieden Eine Novelle als Vorrede Erstes Kapitel. Wir Biebricher hatten den prächtigsten Schulweg, da wir als zehnjährige Knaben das Pädagogium (die Lateinschule) zu Wiesbaden besuchten. Früh morgens halb sechs Uhr sammelten wir uns in den Gassen; wer nicht bereits marschfertig vor der Türe stand, der wurde mit dem Appell des nassauischen leichten Bataillons aus dem Hause gepfiffen, und dann stürmte die kleine Rotte lustig vom Rheine durchs Dorf und durch Mosbach über den Berg nach Wiesbaden, fast fünfviertel Stunden Wegs, in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Im Winter war's besonders schön, da brachen wir erst um halb sieben auf, traten gar manchmal die erste Spur in den frischen Schnee und fanden es weit vernünftiger, bis an den Leib durch die Schneewehen des Chausseegrabens zu waten, als mit den andern Leuten oben auf dem Fußpfad zu gehen; mein besonderer Stolz aber war dann eine kleine Laterne, welche ich im Dunkel voranleuchten und trotz Morgenrot und Sonnenaufgang bis zu den römischen Ruinen der neuen katholischen Kirche fortbrennen ließ, um, wie man sagt, dem Tage die Augen auszubrennen. Jene Kirche im Stile des Pantheon war übrigens, nebenbei bemerkt, von einem scharfen Theoretiker gebaut, welcher klar bewies, daß Fundamente ein höchst kostbarer Überfluß seien; er brachte auch den stolzen Säulenbau fast ohne alles Fundament nahezu bis ans Kreuz auf dem Dache; da hatte die Kirche eines Nachts das Unglück, zusammenzufallen. Auf dem Rücken trugen wir kleinen Wanderbursche allesamt ein Ränzchen, unten mit Büchern gefüllt, oben mit Milchbrötchen, Äpfeln, Birnen, Nüssen, Kirschen, in der ganz schlechten Zeit aber bloß mit zwei doppelten Butterbroten – zur Aufbesserung des Mittagstisches im Wiesbadener Kosthause, welcher uns für acht Kreuzer die spartanische Blutsuppe pädagogisch veranschaulichte. Und leichteren Herzens und mit erleichtertem Tornister pilgerten wir dann um vier oder fünf Uhr abends dieselbe Straße weit langsamer wieder heim. Kinder laufen durchs Land wie die Hunde: sie sehen und behalten unglaublich scharf das Nächste, was an und auf dem Wege liegt; für die Fernen haben sie keinen Blick. Darum bekümmerten wir uns denn auch weit weniger um die herrliche Aussicht ins Rheintal hinab als um die großen Apfelbäume an der Landstraße; die kannten wir alle und nannten sie alle mit Namen. Allein wir sahen bloß nach den Äpfeln und griffen nicht danach; denn es ging die Sage, wer bei den Äpfeln erwischt werde, der müsse nach nassauischem Feldrecht alle unersetzt gebliebenen Flurfrevel des ganzen Jahres bezahlen, und sei solchergestalt ein armer Metzgerbursche für einen einzigen Apfel um hundertzwanzig Gulden gestraft worden. Doch nicht bloß, daß uns dieses Obst zu teuer dünkte, wir hatten überhaupt viel wichtigere Dinge zu tun, als nach Äpfeln zu werfen. Die Straße war uns morgens Lernplatz, abends Spielplatz; in der Frühe zeigte sie uns ihr Werktagsgesicht und ihr Sonntagsgesicht am Abend. Sowie wir beim Ausmarsch früh morgens das letzte Haus von Mosbach im Rücken hatten, trat einer von uns vor und sprach laut die Versregel, welche aus Zumpts Grammatik, oder die Fabel, welche aus Wagners »Lehren der Weisheit und Tugend« für den laufenden Tag auswendig zu lernen war, und die andern sprachen's taktfest im Chore nach. Mochte uns der Märzsturm da droben auf der Höhe packen und zausen, wir schrien seinem Geheule kräftigst entgegen: »Viele Wörter sind auf is Masculini generis « und beschworen ihn mit »panis, piscis, crinis, cinis« wie mit einer Zauberformel; mochten die Regenwolken in ganzen Geschwadern vom Binger Loch herüberziehen und uns auf die Haut durchnässen, das galt uns alles gleich, wenn wir nur unsere »Hausaufgaben« in den Kopf trocken unter Dach brachten. In diesen Morgenstunden war die Landstraße außer von Spatzen und Goldammern gewöhnlich nur von Leuten belebt, welche durch ihr Geschäft zur Stadt geführt wurden, oder von Bauern, welche in den Acker gingen; wir gingen auch in den Acker, aber in einen lateinischen, und wie viel stolzer war unser Schritt, der nach Zumpts, Gellerts und Pfeffels Rhythmen einherschwebte! Da zogen die Gunsenheimer Gemüsweiber an zwanzig Mann hoch zu Markte; sie hatten ihre schweren Körbe bereits im Nachen über den Rhein gefahren und in Biebrich allesamt auf einen Wagen geladen, den der Hammartin, ein hinkender Fuhrmann, mit einem lahmen Gaule führte, und liefen neben dem Wagen her und schnatterten durcheinander wie eine Gänseherde: wir aber übertönten sie weitaus, Lichtwers »Tier' und Menschen schliefen feste« im Chor sprechend. Was wußten die armen Weiber, was wußte der Hammartin von Lichtwer! Oder es kamen Biebricher Handwerker, welche in die Stadt gingen, Rohstoffe einzukaufen; wir erzählten uns, einer dem andern das Wort aus dem Munde nehmend, die Geschichte von Cyrus und Astyages, damit wir sie um zehn Uhr in der Geschichtsstunde wiedererzählen konnten. Was war diesen Schustern und Schneidern Astyages, ja was war ihnen Cyrus! Wir fühlten uns als die wahren Herren der Landstraße, und höchstens sank uns der Mut, wenn früh morgens ein Hase über den Weg sprang: da hemmten wir unsere Lichtwerschen Trochäen und gingen erschrocken dreimal drei Schritte rückwärts; denn hätten wir solchergestalt nicht den bösen Angang zunichte gemacht, so würde uns sicher Strafarbeit im Laufe des Tages geblüht haben. Außer den Hasen vermochte nur eines noch unsere Studien zu unterbrechen: der Mainzer Schauspielerwagen. Wann der kam, dann hielten wir allemal inne und schauten auf. Es war ein großer Omnibus, schwer befrachtet mit schönen Damen und Herren, mit der ganzen Oper oder Tragödie, welche heut abend über die Wiesbadener Bretter gehen sollte; denn Mainz und Wiesbaden hatten damals gemeinsames Personal für ihre zwei stattlichen Schauspielhäuser, und die dramatische Kunst fuhr so herüber und hinüber, einen Tag um den andern, und nur im Winter beim Eisgang blieb sie so lange an einem Orte liegen, bis der Rhein entweder eisfrei oder so fest gefroren war, daß er den Thespiskarren tragen konnte. Den Mainzer Schauspielerwagen aber ignorierten wir nicht vornehm wie den Gunsenheimer Gemüsewagen; wir begrüßten ihn mit lautem Jubel und Hurra, denn warum soll die Wissenschaft die Kunst nicht begrüßen? Diese Frauenzimmer, welche so artig aus den Wagenfenstern blickten, fuhren auch zu ihrem Tagewerke, allein dasselbe war gleich dem unsrigen den Musen geweiht, und also achteten wir die Passagiere des Theaterwagens für die einzige ebenbürtige Gesellschaft, welche sich morgens mit uns auf der Straße bewegte. Der Heimweg am Abend sah nun aber ganz anders aus; nicht nur unser Sinn und Gemüt, auch die Chaussee mit ihren Menschengestalten war völlig verwandelt. Zu jener Tageszeit ging es da ziemlich stille zu; denn im Sommer war der schattenlose Weg zu heiß, und im Winter hatte ohnedies halb Wiesbaden Feierabend. Geschäftlose, friedesuchende Menschen schlenderten vereinzelt des Weges, pensionierte Beamte auf ihrem täglichen Gange, alte Damen, die sich ohne männlichen Schutz bis zu den zwei großen Birnbäumen an der »Umkehr« wagen konnten; vielleicht ritt auch ein Reiter bedachtsam vorbei, der wegen chronischer Unterleibsleiden im fünfzigsten Jahre zum erstenmal ein Pferd bestiegen hatte. Das bunte, aufregende Gewimmel der großen Kurwelt flutete nach einer ganz anderen Seite, nach den malerischen Pfaden des Sonnenberger und Nerotales, und nicht einmal die Kuresel mit ihren feuerroten Satteldecken kamen heraus auf unsere Straße. Höchstens, daß im Winter ein einsamer Croupier dort müßig ging, der in der kalten Jahreszeit nichts zu tun und vielleicht auch nichts zu essen hatte, eine wandelnde Elegie auf die Vergänglichkeit der Sommerpracht; denn in jenen vormärzlichen Tagen war die Roulette während des Winters geschlossen, und erst das Jahr achtundvierzig brachte mit anderen Errungenschaften den Fortschritt des »Winterspieles«. Zwar rollte auch mitunter eine glänzende Equipage oder eine Extrapost ins Rheingau vorüber, allein das waren zur Stunde unseres Heimweges doch nur Ausnahmen; charakteristisch herrschten die schleichenden, stillen Feierabendgestalten und unter ihnen die Krone von allen, der Kasteler Franz, der armseligste von den damals wegen ihrer Armseligkeit weit berühmten Kasteler Einspännern: er hatte sein »neues Pferd«, an dessen Hüftknochen man den Hut aufhängen konnte, für drei Brabanter Taler auf dem letzten Hochheimer Markt gekauft, und es galt für ein Wagnis, bei ihm einzusteigen, nicht wegen des Durchgehens, sondern weil verschiedene Fahrgäste schon mit dem Boden seiner Kutsche durchgebrochen waren. Der Franz verstand keinen Spaß und hatte trotz seines Schneckenschrittes den wahren Feierabendfrieden allerdings noch nicht gefunden, und doch hätte jedes fühlende Herz wenigstens der keuchenden Mähre und dem wackeligen Marterkasten so gerne den ewigen Feierabend gegönnt. Unter allen diesen friedlichen oder friedebedürftigen Gestalten schwärmten wir kleinen Wanderburschen nun anfangs recht wild und ruhelos umher. Auch wir fanden gleich dem Kasteler Franz den Feierabend in uns selber noch ganz und gar nicht. Die Freude über den vollendeten Schultag mußte ausgetobt sein, und da lief dann der eine vor, der andere blieb zurück, man trieb allerlei Mutwillen, neckte sich, stritt, kriegte und balgte, kurzum, beim Friedensscheine der Abendröte fehlte jene einträchtig gemütliche Kameradschaft, zu welcher uns Zumpt, Wagner und Kohlrausch doch in dem viel aufregenderen Morgenlichte unvermerkt verbündet hatten. Wir ärgerten uns, daß es des Morgens fast schöner war auf der Chaussee als am Abende, wo doch die Chaussee von Rechts wegen am allerschönsten hätte sein sollen. Aber keiner wußte den Grund von dieser verkehrten Welt. Nun geschah es eines Tages, daß einer der Genossen den Rinaldo Rinaldini mitbrachte, welchen er von ungefähr zu Hause gefunden hatte. Der glückliche Finder begann auf dem Heimwege den Roman vorzulesen, gleichsam als Gegengewicht gegen Wagners »Lehren der Weisheit und Tugend« beim Morgengange. Allein er kam nicht weit. Wir fanden das Buch grausam langweilig, hatten bei einem Räuberromane gleich auf Seite 1 ganz andere und zwar recht haarsträubende Dinge erwartet, und der Vorleser verstummte alsbald mißmutig, weil ihm niemand mehr zuhörte. Wir waren offenbar noch nicht reif für Vulpius. »Da könnt' ich euch ganz andere Geschichten erzählen, weit schönere!« rief ich übermütig, als Rinaldo wieder in den Ranzen seines Besitzers gewandert war. Die Kameraden staunten, freudig überrascht, und nahmen mich beim Wort; denn sie wollten heute abend nun einmal etwas »Schönes« hören, und ich besann mich auch nicht lange und begann. Was für eine Geschichte ich darauf erzählte, das weiß ich freilich nicht mehr. Allein sie muß gefallen haben, besser als Rinaldo Rinaldini; denn ich war von nun an der ausgemachte Rhapsode unserer Schar und erzählte monatelang allabendlich auf dem Heimwege lauter selbsterfundene Geschichten, gezeugt und geboren, erdacht und vorgetragen im nämlichen Augenblicke auf der Chaussee, einzelne oft acht bis zehn deutsche Meilen lang, mit »Fortsetzung folgt« von heute auf morgen, Geschichten mit lauter Handlung, lauter Abenteuern, und auf jedes Dutzend Apfelbäume, welches wir abliefen, kam mindestens ein Szenenwechsel. Es muß damals wunderlich genug in meinem kleinen Kopfe ausgesehen haben. Gelesen hatte ich noch gar keinen Roman, aber zerstreute Bilder und Charaktere aus dem Robinson, aus Märchen, Sagen, Reisebeschreibungen, Volksbüchern, aus den Historien des Straßburger hinkenden Boten und aus Mengeldorffs »Exempelbuch der alten Zeit« schwirrten und tanzten vor meinem inneren Gesichte, und ich verwob die bunten Bruchstücke zum seltsamsten Ganzen, schuf mir neue Helden, indem ich die alten nach Lust und Laune umbildete, und ersann mir meine eigenen langen Romane, bevor ich irgend Geduld und Ausdauer besaß, auch den kürzesten fremden Roman gedruckt zu lesen. Das ist nun gerade nicht merkwürdig, aber daß meine Kameraden die Geduld besaßen, lieber jenes tolle Zeug monatelang anzuhören, als sich im Chausseegraben zu balgen oder den Chaisen nachzulaufen, das dünkt mir heute noch ein merkwürdiges Rätsel. So berichtete ich denn naturgetreu, als wäre ich selber dabeigewesen, von Schiffbrüchen an wüsten Inseln, von Räubern, die in Höhlen oder auf hohen Eichbäumen wohnten, von tapferen Rittern, besonders Kreuzfahrern, von eingemauerten Mönchen und Nonnen, am liebsten aber von unermeßlichen Schlachten, und immer gelangte mein Hauptheld durch unsägliche Kämpfe und Nöte zuletzt zu höchsten Ehren. Meine Geschichten führten stets in weit entlegene Zeiten oder Länder. Ahnet das Kindergemüt nicht auch bereits den verklärenden Zauber der Ferne, kraft dessen »alte Geschichten« an sich schon ein Stück unverdienter Poesie vor modernen voraushaben? Dazu spielte die Handlung womöglich durchaus im Freien (Türme, Rittersäle und Verließe abgerechnet); denn alles, was unser tägliches Leben schön und abenteuerlich schmückte, das fanden wir ja auch im Freien, nämlich zwischen den Apfelbäumen der Wiesbadener Landstraße. Liebschaften und Frauenzimmer hielt ich für langweilig, sie kamen gar nicht vor in meinen Geschichten. Damit jedoch auch den zarteren Regungen des Herzens ihr Recht werde, lebte mein Held etwa in wahrer Bruderschaft mit seinem Pferde oder hatte einen großen Hühnerhund zum Busenfreunde oder noch besser einen gezähmten, auf den Mann dressierten Löwen, der sich ihm des Nachts im Walde in Ermangelung einer Matratze dienstwillig als weiches und sicheres Lager unterbreitete. Indem wir nun aber so erzählend und hörend heimwärts zogen, bekam die Landstraße ein völlig neues Gesicht; sie sah ganz sonntäglich aus, obgleich es doch immer nur Werktag war. Vordem zerstreut umherschwärmend, schlossen wir uns nun zur geordneten Gruppe wie am Morgen, einträchtig, als gemütliche Kameraden; keiner blieb mehr zurück oder lief vor, keiner zerrte und neckte mehr den anderen, wir hatten Feierabend für uns und hatten Friede geschlossen mit allem, was auf der Landstraße lebte und webte. Die Spatzen auf dem Wege, die Mäuse im Graben wurden nicht mehr gescheucht und verfolgt, der Kasteler Franz nicht mehr verspottet und selbst der fünfzigjährige Gesundheitsreiter hatte jetzt Ruhe auf seinem frommen Pferde, welches wir früher durch unser Springen und Schreien öfters um ein Haar scheu gemacht hätten. Eine Geschichte hören oder erzählen, das war uns Friede und Feierabend. Die Epik ist die Poesie des Friedens, selbst wo sie uns den Trojanischen Krieg erzählt. Man denkt sich ans Herdfeuer, zu der Lampe, an den Lehnstuhl der Großmutter, wenn von dem seligen Frieden der Geschichten, Märchen und Sagen die Rede ist, aber das Herdfeuer an sich bringt doch den Frieden nicht, sondern die Geschichte bringt ihn. Kocht die Mittagssuppe auf dem Feuer, dann dünkt uns der Herd nicht so gar friedlich, wohl aber am Abende, wann die Kohlen verglühen: bei den Geschichten ahnen wir die Flamme der Leidenschaften in der stillen Glut der verglimmenden Kohle; die Geschichte hat den Frieden, weil alles bereits geschehen und vollendet ist und in der Ferne verschwebt; mag sie auf den heißesten Tag zurückblicken, sie kann es doch nur am Feierabend, oder sie verdient nicht den Namen einer Geschichte. Darum fanden wir den heimlichen Zauber des Herdfeuers und der Lampe auf der offenen Landstraße, weil wir dort mit den Geschichten den Feierabend gefunden hatten. Und wann wir nun so mit meinen Helden unter den syrischen Palmen umherirrten oder in den Urwäldern Amerikas und in altdeutschen Eichenhainen, dann deutete wohl einer und der andere fragend auf die fernen Waldhöhen des Taunus, ob die nicht auch noch solche Urwälder hegten, oder auf den weitab im blauen Duft verschwimmenden Donnersberg, ob dort nicht auch noch eine ungeheure Wildnis sei. Oder wir spähten sehnsüchtig zu den Burgtürmen von Sonnenberg hinüber und zum Mainzer Dome, dessen Fenster im roten Abendscheine leuchteten, als seien Lichter ohne Zahl im Schiff der Kirche angezündet: wir sahen unseren Weg plötzlich umlagert von tausend weit entrückten Geheimnissen, umkränzt von schönen, seltsamen, rätselhaften Erscheinungen, während es uns bis dahin das nüchternste und selbstverständlichste Ding von der Welt gewesen, daß man auf der Wiesbadener Chaussee den Rhein und den Taunus und Mainz und Sonnenberg sieht. Indem die Geschichten geträumte Fernen uns naherückten und offenbar machten, ahnten wir zum erstenmal den Zauber der Schönheit und des Geheimnisses, welcher die wirklichen Fernen umschleierte, die uns täglich vor Augen lagen. Da aber kam urplötzlich jener bekannte Blitz aus heiterer Luft, der so oft aus dem blauen Himmel der Bücher niederfährt, ob er gleich, wie ich glaube, am echten blauen Himmel noch gar nicht entdeckt worden ist, und schlug zerschmetternd in den Abendfrieden meiner Geschichten. Zweites Kapitel. Dies geschah an einem weichen, blütenduftigen Maitage. Die Sonne stand noch hoch, als wir um vier Uhr unseren Heimweg antraten. In lieblicher Pracht wogten die frisch aufsprossenden, treibenden Saatfelder zu dem breiten Silberstreifen des Rheines hinab; wir Knaben fühlten den beseelenden Frühlingsodem gleich dem anderen jungen Volk der Vögel und Mücken, welches uns umschwirrte, wir waren heute ganz besonders aufgeregt und wußten nicht warum. Ich erzählte wieder, und auch in meiner Geschichte trieb und gärte der Frühling gleich dem Wein im Fasse, wann die Traube blüht, das heißt, ich häufte Abenteuer auf Abenteuer, ich ließ meinen Helden wie einen Halbgott einherschreiten und die erhabensten Taten vollbringen: kein Wunder, daß er auf einmal grausam ins Gedränge kam. Er ist abgeschnitten von den Seinigen, in zwanzigfacher Übermacht sitzt ihm der Feind auf dem Nacken, und vor ihm und seinem todmüden Rappen gähnt eine fünfzig Fuß breite turmtiefe Felsenkluft. Der bedrängte Ritter aber besinnt sich nicht lange, befiehlt Gott seine Seele, schließt die Augen, spornt, daß es blutet, und im Fluge setzt das Roß über die Kluft und noch ein paar Ellen weiter; die Feinde aber, welche ihm nachsprengen wollen, purzeln einer nach dem anderen in den Abgrund wie Bleisoldaten, wenn man sie mit der Hand vom Tische streicht, und unten am Boden lag ein ganzer Klumpen. Ich verschnaufte eine Weile; der große Sprung hatte mich etwas außer Atem gesetzt. Da rief mein Nebenmann, es sei unmöglich, daß ein todmüder Rappe über eine fünfzig Fuß breite Kluft setze; er wisse auch, wie weit Rappen springen könnten, denn sein Oheim habe einen solchen im Stall. Ich fuhr auf – das war die erste literarische Kritik, welche ich in meinem Leben erduldete! – und entgegnete fest und ernst, so recht lehrhaft: »In den Ritterzeiten sind eben die Pferde viel stärker gewesen; das Roß des Eppelein von Gailingen hat zu Nürnberg einen noch weit größeren Satz getan als vorhin mein Rappe, des rabenschwarzen Pferdes der vier Haimonskinder gar nicht zu gedenken, und Karl der Große ist in drei Tagen von Ungarn nach Oberingelheim geritten; übrigens« – so schloß ich mit trotzig gehobener Stimme – »übrigens habe ich mir den Ritter samt dem Rappen selbst gemacht und lasse meine Ritter so viele Heiden totschlagen, als mir beliebt, und meine Rappen springen, so weit ich will!« Die anderen begriffen meine Rede nicht; sie fragten, ob denn die fünfzig Fuß wirklich im Buche stünden. Da regte sich zum erstenmal der Autor in mir, und ich erwiderte: »Im Buche steht gar nichts, meine Geschichten stehen überhaupt in keinem Buche, sondern bloß in meinem Kopfe und sind alle miteinander hier auf der Chaussee gewachsen.« Diese Erklärung wirkte wie ein Donnerschlag, und der Schlag entfesselte einen Sturm, eine Windsbraut. Meine Kameraden glaubten, was ich ihnen da seit Monaten erzählte, das stehe alles irgendwo gedruckt und sei folglich wahr und wirklich geschehen: nun fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, und sie hielten sich für belogen und schändlich angeführt. Vergebens warf ich ihnen entgegen, daß ich ja niemals vorgegeben habe, gedruckte Geschichten zu erzählen, daß ich nur gesagt, ich wisse etwas »Schöneres« als den Rinaldo Rinaldini, der doch auch vielleicht nicht wahr sei, – das blieb alles in den Wind gesprochen, sie hatten keine Ahnung von dem Schöpferrecht der Phantasie und hielten Dichten und Lügen für gleichbedeutend. Der eine rief, ich dürfe niemals wieder eine Geschichte erzählen, der andere, ich müsse aber auch für die bereits erzählten einen exemplarischen Denkzettel erhalten: – »Da liegt der Denkzettel schon!« schrie der dritte und brachte ein schweres Holz herbei, das am Graben lag; den Klotz sollte ich bis Biebrich schleppen zur Strafe für meine ungedruckten Geschichten. Die anderen fielen dem Vorschlage jubelnd bei; ich protestierte, wehrte mich, es kam zum Handgemenge: – ich war auf dem Punkte, der Übermacht zu erliegen. Da kam ein leerer vierspänniger Leiterwagen, ein herzogliches Fuhrwerk, hinter uns her gerollt; ich reiße mich los und springe dem Wagen nach, ein paar Hausknechte, die oben standen und wahrscheinlich das Abladen der Fracht in Wiesbaden besorgt hatten, sahen meine Not, winkten mir herbei, es gelang mir, mich an dem rasch dahinsausenden Wagen hinten festzuklammern, die Männer packten mich unter den Armen, zogen mich hinauf, und ehe ich noch selber recht wußte, was geschehen, stand ich oben, rückwärts gekehrt, und fuhr wie ein Triumphator vierspännig davon, indes meine Widersacher mit dem Klotze verblüfft auf der Straße standen und ihre Nachrufe im Gerassel der Ketten und Räder verhallten. Einen Augenblick schwelgte ich in dem süßen Gefühle, welches jeder kennt, der einmal bei eben ausbrechendem Platzregen ganz unverhofft noch ins Trockene gekommen ist. Aber bald wich dieses Behagen einer anderen Stimmung. Ich trug einen neuen Kittel von naturgrauem Linnen mit schwarzlackiertem Ledergürtel und stand am Hinterrade, wider die Leiterwand des Wagens gelehnt. Da zupfte es mich ganz leise hinten am Kittel; ich schaute um und sah niemand. War das etwa die unsichtbare Hand des bösen Gewissens, welche einen so von hinten am Kittel zupft? Ich hatte der Mutter fest versprochen, auf dem Schulwege niemals einem Wagen nachzulaufen, viel weniger mich anzuhängen, ja nicht einmal auf Einladung eines Kutschers mitzufahren. – Es zupfte schon wieder, merklich stärker. Siedend heiß lief mir's über das Gesicht. Das Versprechen war besonders feierlich gewesen, ohne alle Klausel, denn die Mutter ängstigte sich sehr wegen der Fährlichkeiten der Landstraße. Bisher hatte ich aufs strengste Wort gehalten und war vorhin doch auch nur im drängenden Triebe der Rettung dem Wagen nachgesprungen, – aber mein Wort hatte ich nun doch gebrochen! – Jetzt zupfte es zum drittenmal, so derb, daß ich fast umgefallen wäre, und krach! tat's einen Riß durch meinen ganzen Kittel: ein großer Fetzen der schönen neuen Leinwand hing am Wagenrade. Das Kleid war von einem hervorstehenden Splitter der Radspeiche erfaßt worden, und ohne die feste Rücklehne der Wagenleiter würde ich wohl selber mit hinabgezogen und unters Rad gekommen sein. Den zerrissenen Kittel sehen und denken: das ist die Sündenstrafe für das gebrochene Wort, und blind vom Wagen springen, – dies alles war die Sache eines Augenblickes. Da lag ich dann auf der Chaussee im dicksten Staube, die Arme weit ausgestreckt, ein echter Büßer; denn bei dem jähen Sprunge war ich der Länge nach hingefallen. Vergebens baten mich die Hausknechte, wieder aufzusteigen: kein Demosthenes und kein Cicero hätte mich wieder auf den Wagen hinaufgeredet, geschweige ein Hausknecht. Nachdem die Leute dann gesehen hatten, daß ich mich weiter nicht verletzt, fuhren sie davon; ich aber schlich einsam meine Straße und starrte bald in den Himmel, bald auf meinen zerrissenen Kittel. Es war die erste zerknirschende, bewußte Reue, welche jetzt mein kindliches Herz durchschnitt; ich war im Innersten betrübt, nicht weil ich Strafe fürchtete, sondern weil ich klar erkannte, daß ich gesündigt hatte. Da droben hinter den lichten Flockenwölkchen, die gegen den Donnersberg hinüber das endlose Blau anmutig unterbrachen, glaubte ich, sehe jetzt Gott hervor, nicht der liebe Gott, sondern der HErr GOtt, wie er mit zwei großen Anfangsbuchstaben so strenge in der Bibel gedruckt steht, und halte Gericht über mich, und von irgendeiner anderen Ecke des Himmels schaue mein unlängst verstorbener Großvater herab, den ich sehr lieb gehabt, und ärgere sich über die dummen Streiche seines Enkels. So sind wir großen und kleinen Kinder: als ich oben auf dem Wagen stand in der Blüte meiner Sünde, dachte ich nicht, daß Gott mich sehe; erst als ich heruntergefallen war, hatte er mich augenscheinlich entdeckt. Ich verwünschte meine schönen Geschichten, die doch allein zuletzt das Unheil herbeigerufen hatten. Der Abendfrieden des Erzählens schien mir auf immer zerrissen und verweht, und hinter jener fünfzig Fuß breiten Schlucht, über welche der unselige Gaul gesprungen war, lag ein verlorenes Paradies. Drittes Kapitel. Zu Hause bekannte ich sofort mein Vergehen, von welchem ja der zerrissene Kittel schon klar genug zeugte. Nur den mildernden Umstand, daß ich auf der Flucht vor beschimpfender Gewalttat dem Wagen nachgelaufen war, verschwieg ich standhaft. Daran waren wieder die verhängnisvollen Geschichten schuld. Denn hätte ich den ganzen Hergang im Zusammenhange gebeichtet, so mußte ich doch auch meiner selbstgemachten Geschichten erwähnen, und das wollte ich um keinen Preis: ich schämte mich, etwas anderes gekonnt zu haben als meine Kameraden, es war mir, als habe ich mit vieler Würde einen großen Zylinderhut getragen, während Schuljungen doch eigentlich bloßköpfig oder mit der Mütze gehen. So brachten mir die Geschichten, welche ich draußen erzählt hatte, das Unglück und die Geschichten, von welchen ich daheim schwieg, die Strafe. Meine Eltern besaßen einen schönen Garten unterhalb Biebrich am Rheinufer, und es war uns Kindern immer ein besonderes Fest, wenn wir abends dort spielen durften und dann in dem kleinen Gartenhäuschen das gemeinsame Abendbrot verzehrten. Heute gingen alle hinaus, man hatte nur auf meine Ankunft gewartet, mich mitzunehmen, und nun mußte ich zur Strafe ganz allein daheim bleiben. Das war mir leid genug; doch in den Schmerz über die blind dareinfahrende Strafjustiz mischte sich bitterer Groll, während jene freie Buße, wie ich sie vorhin einsam in mir selber durchgerungen, unsäglich qualvoller gewesen war, aber ohne Bitterkeit. Als die anderen fortgegangen waren, hielt es mich darum auch gar nicht lange in der Stube; ich schlüpfte vor die Tür, ich brauchte Luft, um meine wallende Empfindung auskochen und ausdampfen zu lassen, nur einen kleinen Raum zum Vertoben, so ganz in der Nähe, wie man's bei milder Deutung einem Hausarrestanten nachsehen kann. Nun wohnten wir aber in einem Nebengebäude des Schlosses ganz nahe der Hauptauffahrt, welche aus dem Dorfe durch eine kleine Ecke des Herrengartens zu den herzoglichen Gemächern führt. Rechts von dieser Auffahrt stand eine Bank, beschattet von zwei Kastanienbäumen; dort pflegte allerlei müßiges Hofgesinde zu sitzen, Stallknechte, Frotteure, Lakaien, Haus- und Küchenmägde, und weil die Bank von jenen Leuten so besucht war als der bequemste Platz, die Aus- und Eingehenden zu beobachten und zu bekritteln, nannte man sie die »Lästerbank«. Ich schlich um die Kastanienbäume hinter der Bank, scheu versteckt, denn da mein neuer Kittel zerrissen war, so hatte man mir ein verwachsenes und verwaschenes Kittelchen vom vorvorigen Jahre angezogen, eine Art Zwangsjacke zum Hausarrest; meine Hände aber starrten bis weit über die Knöchel aus den eng anliegenden Ärmeln, also Grund genug, zu Hause zu bleiben oder doch nur heimlich spazierenzugehen. Indem ich nun so hinter den Bäumen ganz stille meinem Groll und Kummer, Trotz und Reue nachhing und die roten Kastanienblüten, welche am Boden lagen, aufhob und zerpflückte, kam ich unvermerkt ganz nahe an die Lästerbank. Sie bot sonst Raum für viele, eben jedoch saßen nur zwei Leute dort: ein Frotteur – das ist der gefährliche Mann, welcher die Parkettböden glatt wichst und also veranlaßt, daß man bei Hofe so leicht ausgleitet und fällt, – und sein Schatz, das Eschborner Klärchen, die Küchenmagd; eine höchst korpulente Person, deren eindrucksvolle Figur mir's in späteren Jahren, als ich Goethe zu lesen begann, recht schwer machte, Egmonts Klärchen ohne Fettsucht mir vorzustellen. Ich horchte nicht auf das Gespräch der beiden, aber plötzlich vernahm ich, wie der Frotteur sich selbst unterbrach und mit erhobener Stimme dem Klärchen zurief: »Da kommt ein Mann, den müssen wir grüßen! – aufstehen! Front machen!« Was mochte das wohl für ein hoher Herr sein? Ich schaute auf. Durch das Portal des Gartens schritt ein fremder alter Mann, eine stattliche, aber gebeugte Gestalt, gestützt auf den Arm einer schönen jungen Dame, beide schlicht und einfach, doch fein und vornehm in Tracht und Haltung. Nur mühsam und mit dem rechten Fuße hinkend, konnte der alte Herr sich fortbewegen und hielt alle paar Schritte inne zum Ausruhen, so daß ich die Nahenden lange und scharf ins Auge zu fassen vermochte. »Das ist der Walter Scott mit seiner Tochter«, sagte der Frotteur zum dicken Klärchen; »der Walter Scott, welcher alle die schönen Geschichten gemacht hat, den Ivanhoe und Quentin Durward; steh auf, den müssen wir grüßen!« Ich erwachte wie aus einem Traume. So also sehen berühmte Männer aus! Denn dies war der erste Mann, der viele Bücher geschrieben, der erste so eigentlich berühmte Mann, welchen ich in meinem Leben erblickte, und ob ich gleich noch keines dieser Bücher gelesen, wußte ich doch, daß die kleinen gelben Bändchen Walter Scott, wie sie alle vierzehn Tage auf Subskription in die Häuser kamen, durch ganz Biebrich und stellenweise sogar in Mosbach von alt und jung verschlungen wurden; ja ich hatte sogar bemerkt, daß sich die Dienstboten Sonntagnachmittags zusammensetzten, um den Walter Scott zu lesen, welchen sie ihrer Herrschaft gestohlen hatten. Ohne darum an meinen alten Kittel zu denken noch an den Frotteur und sein Klärchen, trat ich vor und stellte mich in die Reihe neben die beiden. Walter Scott kam ganz nahe an die Lästerbank. Ach, er sah so krank und müde aus, und über seinen großen Augen lag es wie ein Schleier, als ob sich die neu ergrünenden Kastanienbäume mit den roten Blütenbüschen gar nicht mehr recht hell darin spiegeln könnten! Doch als er mir gegenüberstand, blickte er auf und lächelte gar gutmütig; wie ein Lichtschimmer zuckte es über die dämmernden Augen, die schlaffen Züge bewegten sich, ja ich glaube sogar, er hat gelacht. Ich ahnte stracks weshalb und errötete bis über die Ohren; in dem verwachsenen, verwaschenen Kittel machte ich neben dem dicken Klärchen eine äußerst drollige Figur, und dazu trug ich eine abscheuliche Kappe von Roßhaarzeug, grau und weiß gesprenkelt, eine sogenannte Kümmel-und-Salz-Kappe, die hatte ich im Anstarren aufbehalten und riß sie nun ganz erschrocken vom Kopfe, als mir der berühmte Mann ins Gesicht sah. Er warf mir grüßend ein paar freundliche Worte zu, allein in meiner Scham und Bestürzung verstand ich sie nicht und blieb stumm und vergeistert, indes der Dichter lächelnd weiterschlich. Der Frotteur erklärte mir hierauf, daß Walter Scott sich eben auf der Rückreise aus Italien befinde und daß der Herzog ihn zu Gast geladen habe. Doch den kranken Dichter, der im Süden vergebens Genesung gesucht, zog es ruhelos zur Heimat, und wer mit dem Tod um die Wette reist, daß er noch eine Stunde früher nach Hause komme, der muß selbst fürstliche Gastfreundschaft dankend ablehnen, und so hielt nur die notwendige Rast eines Nachtlagers den müden Mann in Biebrich zurück. Nachdem mir der Frotteur also in der Kürze erläutert, wie Walter Scott so plötzlich zu uns in den Biebricher Herrengarten geraten sei, fügte er hinzu: »Diesen Engländer grüßt die ganze Dienerschaft, weil er uns schon so oft erfreut hat, mag er nun im übrigen hoffähig sein oder nicht. Als hingegen neulich der alte Baron Rothschild zur Tafel geladen war, da grüßten ihn etliche Bediente nicht, und es gab großen Skandal darüber, ja ein Küchenjunge rief dem hebräischen Baron Spottverse nach, wofür er mit Schimpf und Schande fortgejagt wurde. Das geschah ihm recht, denn so weit darf man's nicht treiben, und zuletzt stammen wir doch alle von den Juden ab.« (Weil nämlich Adam und Eva im Alten Testamente stehen, hielt der Frotteur die Ureltern des Menschengeschlechtes für Juden.) »Den Rothschild habe auch ich nicht gegrüßt, aber den Walter Scott«, so schloß er mit epischem Refrain, »grüßt die ganze Dienerschaft.« Als der Dichter zwischen den Bäumen und Büschen verschwand, kämpfte ich unschlüssig in mir selber, was ich nun tun solle. Ich wäre ums Leben gern ganz sachte nachgeschlichen, hätte hinter den Büschen gelauscht und sah im Geiste schon, wie der Herzog aus dem Schlosse treten, den Dichter höflichst unterm Arm nehmen und in seine Gemächer führen werde, um ihm dann wenigstens die Marmorsäulen im großen Rondell und die neue Stukkaturdecke in der Galerie zu zeigen. So ungefähr dachte ich mir die Sache. Und der Mann hatte auch Geschichten erzählt wie ich, und war ihm doch nicht so schlimm dabei ergangen! Übrigens dünkte mir's fast merkwürdiger, daß die ganze Dienerschaft den Walter Scott grüße, als daß ihm der Herzog das große Rondell zeige. Denn Lakaien sind weit spröder und vornehmer gegen irreguläre Größen, welche kometenhaft durch die Sternenbahnen des Hofes fahren, als die Fürsten selber; das wußte ich als geborener Biebricher auch schon mit zehn Jahren. Sollte ich nun nachschleichen und lauschen? Es war mir überhaupt verboten, in jenem Reviere unmittelbar vor den Türen der Herrschaft umherzustreifen, und vollends heute abend! Den Hausarrest hatte ich ohnehin schon halb gebrochen und mich gar an der Lästerbank aufgepflanzt, was mir ein für allemal untersagt war: sollte ich mir durch Ungehorsam über Ungehorsam ein zweites Strafgericht auf den Kopf ziehen, schlimmer noch als das erste? Die Reue von der Landstraße wirkte nach, das Gewissen zupfte mich wieder ganz leise, diesmal am verwachsenen Kittel und ohne Riß: ich überwand mich und ging langsamsten Schrittes nach Hause. Aber den »großen Unbekannten« wollte und mußte ich heute abend doch noch näher ins Auge fassen und suchte sofort nach den kleinen gelben Bändchen – mit den fürchterlichen Lithographien und den zahllosen Druckfehlern; Stuttgart bei Gebrüder Franckh. Ein blinder Griff brachte mir den Guy Mannering in die Hände. Ich setzte mich in die Fensternische und las. Gleich der Anfang gefiel mir nicht übel, denn er spielte im Freien, ganz wie meine eigenen Geschichten, und der junge Engländer, welcher bei einbrechender Nacht in den Mooren von Dumfries irrereitet, erinnerte mich genau an unsere Winterabende auf der Wiesbadener Chaussee; denn obgleich wir nicht ritten, uns nicht verirrten, auch keine Engländer waren und die Chaussee kein Moor, so war es doch in beiden Fällen dunkel. Nur ging mir die Geschichte viel zu langsam, und ich wäre beinahe, ähnlich dem Reiter in jenem Moore, völlig steckengeblieben, wenn mich's nicht immer aufs neue gereizt hätte, Worte gedruckt zu lesen, die ein Mann verfaßt, welchen ich soeben erst mit eigenen Augen gesehen hatte. Es war mir vorher nur ein einziger Mensch zu Gesicht gekommen, und zwar in einem Wirtshause in Schierstein, den ich als gedruckte Berühmtheit staunend angeschaut, das war Theodor von Haupt gewesen, welcher das Textbuch der »Stummen von Portici« und den »Hochverratsprozeß der Minister Karls X.« ins Deutsche übersetzt hat. Aber was war Theodor von Haupt gegen Walter Scott, was waren sämtliche Minister Karls X. gegen den einen Guy Mannering; was war ein Autor, welcher übersetzt und in Schierstein einkehrt, gegen einen Autor, der übersetzt wird und den der Herzog zu Gaste lädt! Diese Gedankenkette brachte mich wieder in Zug, die Erzählung gedieh zu rascherem Flusse, sie packte mich fester und immer fester, schon schüttelte mich jenes Lesefieber, in welchem man Zeilen und Seiten nur so mit den Augen verschlingt, – – da klopfte mir mein Vater auf die Schulter, den ich samt der übrigen Familie in meiner Selbst- und Weltvergessenheit gar nicht hatte hereintreten hören. Er fragte, wie ich denn zu diesem Buche komme. »Weil ich vorhin den Walter Scott selber gesehen habe.« Ein strafender Blick traf mich; denn der Vater, welcher von der Anwesenheit des Dichters in Biebrich nichts ahnte, hielt die unlogische Antwort für eine mutwillige Schnurre. Doch fragte er unwillkürlich: »Wo hast du ihn gesehen?« – »An der Lästerbank.« – »Und wie durftest du dich zur Lästerbank wagen?« – »Weil ich meine Strafe verdient und doch auch unverdient erhalten hatte; das konnte ich im Hause nicht zusammenreimen und bin also nur ein klein wenig vor die Tür gegangen, ob sich's draußen etwa besser reime.« Jetzt sah ich eine gewaltige Ohrfeige heranziehen, die mir ohne Zweifel den Kopf aufräumen sollte, daß ich statt solch verworrenen und trotzigen Geredes vernünftigere Antworten gebe. Allein ich wich mit geschickter Wendung links aus und rief: »Jetzt will ich alles erzählen«, – und nun kam ich erst recht in Fluß und berichtete die Erlebnisse des ganzen Abends von Anfang an, und ob nun gelacht wurde über meine selbsterfundenen Romane oder nicht und über die kritischen Bedenken meiner Zuhörer obendrein, das war mir jetzt völlig gleich. Walter Scott hatte ja auch über mich gelacht, und doch hätte ich in diesem Augenblicke schon jenes Lachen um keinen Preis wieder hergeben mögen. Meinen Vater ergötzte die Sache in der wunderlichen Art, wie ich sie vortrug, so sehr, daß er zuletzt selber ins Lachen kam und mir alles verzieh. Mir war ein schwerer Stein vom Herzen genommen, ich hatte Generalbeichte getan und Generalablaß erhalten; ich fühlte wieder jenen Abendfrieden, der mir verlorengegangen war, da ich vom Leiterwagen fiel. Allein es war mir, als habe doch eigentlich schon der kranke, gebeugte Dichter, wie er mich so freundlich lächelnd anblickte und unverstandene Worte sprach, den ersten Schimmer jenes Friedens mir wiedergegeben. Nun hätte ich gar zu gerne noch fortgelesen im Guy Mannering. Die Uhr hatte neun geschlagen, und ich mußte ins Bett. Doch ins Bett zwar kann einen die väterliche Gewalt zwingen, aber nicht zum Schlafen. Und so schwebte dann vor meinen wachen Sinnen ein seltsamer Reigentanz von allerlei Schlüssen und Folgerungen auf und nieder. Ich war versöhnt mit meinen Geschichten, die ich vor wenigen Stunden noch verwünschte; denn hätten sie mir nicht die Püffe des kritischen Handgemenges und den drohenden Klotz eingetragen und den zerrissenen neuen Kittel dazu, so würde ich ja heute abend in unseren Garten gegangen sein und den Walter Scott nicht gesehen haben; ich war auch versöhnt mit dem verwachsenen alten Kittel und der Kümmel-und-Salz-Kappe, denn beiden verdankte ich's ohne Zweifel ganz allein, daß der Verfasser des Waverley über mich gelacht und mir vermutlich einen schönen guten Abend gesagt hatte; zu alledem aber war meine Schuld gesühnt und vergeben, und die ganz regelrechte friedliche Novelle, welche ich an diesem Abend durchlebt, schloß in der denkbar friedlichsten Weise nicht mit der Heirat, sondern mit dem Einschlafen des Helden. Als ich nach einigen Tagen mit den Kameraden wieder unsere Landstraße heimwärts zog, faßte ich im Drange meiner gehobenen Stimmung einen großherzigen Entschluß. Ich bot den Kritikern, die mich zum Klotztragen verdammt und mir alles weitere Erzählen verboten hatten, aus freien Stücken eine neue Geschichte an, und zwar eine gedruckte, und erzählte nun, da sie mir freudig zufielen, den Guy Mannering, wie ich ihn eben in den späten Abendstunden zwischendurch selber las. Und als ich nach Wochen endete, gestanden mir alle, die Geschichte sei viel schöner als meine früheren selbstgemachten samt und sonders. Das freute mich ungemein; hätten jenen meine eigenen Erfindungen besser gefallen als mein Walter Scott, so würde mich's tief verstimmt haben. Denn weit leichter ertragen wir's, daß die Welt uns selber gering ansieht, als daß sie uns einen vergötterten Freund herabsetze. Den großen schottischen Dichter hatte ich seit jener Stunde, wo er mir in den Büschen vor dem Schlosse entschwunden war, völlig aus dem Gesicht verloren. Nach Jahr und Tag las ich im »Pfennig-Magazin« feuchten Auges, daß Walter Scott vom Rheine eilends nach London zurückgereist, daß er dort mit fürstlichen Ehren empfangen worden sei, allein wie er sich der herrlichen Natur Italiens und des Rheines entrissen hatte, so entfloh er auch der Huldigung seines Volkes in der Weltstadt, – er eilte in die stille Heimat seines geliebten Abbotsford und kam dort gerade noch recht zum Sterben. Sein Bild aber blieb mir für immer umgeben von jenem Friedenszauber des milden Maiabends im Biebricher Schloßgarten; und wie die plötzliche Erscheinung des Mannes den ersten Seelenkampf meines kindlichen Alters zum versöhnten Ausgange gewendet hatte, so ruhte mir der Geist eines Friedebringers auch fort und fort verklärend über seinen Dichtungen. Gar reiches, buntes Leben, oft derb und breit, mitunter auch ungleich und unfertig gezeichnet, gar mancher Kampf, gar manches dunkle Schicksal zieht über die Bühne seiner erdichteten Welt, allein der Abendfriede des gemütlichen Erzählers ruht doch versöhnend und heiter erhebend auf allen diesen Schöpfungen. Dies ist das Wahrzeichen des echten Epikers. Was ich auf der Wiesbadener Landstraße begonnen, das habe ich seitdem in Büchern fortgesetzt: ich habe am Feierabend erzählt. Im ernsten Tagewerke scheue ich den Kampf nicht; in der Novelle suche ich den rein und heiter abgeschlossenen Stoff, das still anregende, nicht das wild aufregende Spiel des Lebens, und mir dünkt, eben wenn die Kämpfe des Menschenherzens vor den Sinnen des Hörers am heißesten entbrennen, dann soll er doch in Ton und Stimme des Erzählers schon die kommende Versöhnung ahnen. Andere mögen anderes in der Novelle erstreben; es sind ja auch nicht alle Novellisten von Biebrich nach Wiesbaden zur Schule gegangen. Mich hat der Heimweg am Feierabend zur Novelle geführt und der nachwirkende Eindruck, welchen der größte Erzähler der neuen Zeit meinem Kindesherzen machte, da ich ihn mit Augen sah, als er eben auch den Heimweg zum Feierabend ging und in seinen erlöschenden Zügen doch das heitere Lächeln des Humoristen noch nicht verloren hatte. In dieser Kindergeschichte liegt der Schlüssel zum Verständnis meiner Novellen. Und wenn mich die Leute manchmal fragen, warum ich so dann und wann immer wieder »Geschichten« schreibe und unzeitgemäße alte Geschichten obendrein und nichts Gescheiteres tue, so antworte ich: weil ich des Vergnügens in Frieden zu erzählen nicht entbehren will und weil ein jeder seinen Feierabend nach seiner Weise haben darf. Älteste Zeit Liebesbuße. 1862 I. In einem kleinen, nun gerade tausend Jahre alten Büchlein erzählt uns der Diakonus Gozbert: Zur Zeit Pipins des Kleinen war Otmar Abt von St. Gallen, ein Held der Demut und Entsagung wie wenige. Stand ein Fasttag im Kalender, so machte er für sich zwei daraus und aß auch am folgenden Tage nichts, über dem Beten vergaß er oft den Schlaf und jeden Wechsel der Stunde, daß ihn die Brüder wohl des Morgens noch an demselben Platz vor dem Altare fanden, wo sie ihn am Abend verlassen hatten. Er geizte nach Armut wie andere nach Reichtum; statt nach der meisten Äbte Art auf stolzem Rosse zu reiten, bestieg er nur einen armseligen Esel. Als er einmal den König Pipin besucht und dieser ihm siebzig Pfund Silber gespendet hatte, verschenkte er fast all das Silber auf dem Heimwege, verschenkte den Esel und auch seinen Mantel dazu und kam fast nackt zu Fuß nach Hause. Nur zwei Gulden von jenem Silber hatten die begleitenden Brüder in der Reisetasche zurückzuhalten vermocht; hierfür erkaufte er ein Stück Land abseits des Klosters und baute dort ein Spital für Aussätzige. Er selber aber pflegte und wusch diese Kranken, die jedermann floh. Denn lieber hätte er andere für sich essen lassen, als daß er's anderen statt seiner überließ, den Armen zu helfen und die Kranken zu warten. Jedes Gut gab Otmar gerne her; nur das Grund- und Stammgut des Klosters nicht. Warin und Rudhart, zwei Grafen im Thurgau und in der Baar, griffen nach allerlei Ländereien von Otmars Kloster, die ihnen besonders bequem lagen. Da zog der Abt, der alles wegschenkte, aber sich nichts nehmen ließ, noch einmal zum König Pipin und verklagte die Grafen. Der König forderte die Grafen vor und drohte ihnen mit seiner Ungnade, wenn sie den geraubten Besitz nicht zurückgäben. Den beiden Grafen aber, damals gewaltig in ganz Alemannien, waren die fetten Güter mehr wert als des Königs Gnade, und vom Bodensee war es weit bis zu Pipins Hof. Sie behielten darum, was sie hatten, und nahmen noch den Abt dazu. Von ihren Dienstleuten gefangen und gebunden ließen sie ihn vor die versammelten Edeln und Freien des Volkes führen und hielten Gericht über ihn. Lantpert, ein Klosterbruder von St. Gallen, trat als Kläger auf und berichtete, erkauft von den Grafen, daß Otmars Beten, Fasten und Almosengeben nur eines Heuchlers Mantel sei, unter welchem er insgeheim das üppigste und lüderlichste Leben führe. Otmar schwieg anfangs wie Christus vor dem Hohenpriester. Da man aber in ihn drang, sich zu verteidigen, sprach er: »Ich habe viele Sünden begangen, nur gerade die einzige nicht, deren man mich anklagt.« Seine Entlastungszeugen konnte er nicht in den Ring des Gerichtes stellen, nämlich die Armen, denen er unerkannt geholfen, die Kranken, die er geheilt, die Toten, welche er begraben, und als Hauptzeugen unseren Herrgott selber, der in der verschwiegenen Zelle sein Beten und sein Geistesringen gesehen. Also schwieg er heiteren Gesichtes nach jenem Wort und ließ sich ruhig verdammen und im Dorfe Bodmann einsperren. Dort würde er verhungert sein, hätte er vordem das Fasten nicht so gründlich gelernt, denn man gab ihm mehrere Tage weder Brot noch Wasser, bis ihm Perahtgotz, einer seiner Klosterbrüder, des Nachts heimlich Speise brachte. Später aber führten die Feinde den gefangenen Abt auf die Rheininsel bei Stein, unfern des Bodensees. Dort sah und hörte er keinen fremden Menschen mehr und vollendete den ganzen Rest seines Lebens einsam in geistiger Beschauung. So etwa berichtet Gozbert, der Diakonus. II. Aber die Sage umrauscht jene Insel und flüsterte dem Erzähler ins Ohr, daß Otmar doch noch einmal fremde Menschen gesehen, von denen Gozberts altes Büchlein nichts weiß. In stürmischer Märznacht ruderte ein Kahn vom Untersee herab. Der einzige Mann, welcher den schmalen Einbaum führte, ward nur mit Not des Windes und der Wogen Herr; eine zweite Gestalt, in einen weiten Mantel verhüllt, saß schweigend dem Fergen gegenüber. Kein Wächter hinderte, daß sie anlegten und die Insel betraten; denn Otmar war jetzt steinalt und seines Verbannungsortes so gewohnt, daß er ihn auch unbewacht nicht mehr verließ. Gebeugt, zögernd und doch gebieterisch schritt die verhüllte Gestalt voraus, deren Wuchs fast einem Manne gehören konnte, doch verriet der Gang das Weib. Als sie zur Klause kamen, winkte sie dem Fährmann, ihrem Knecht, daß er an die Türe klopfe. Voll Staunen erschien der alte Abt. Doppelt aber wuchs sein Staunen, da er beim Licht seiner Lampe, das grell in die dunkle Nacht hinausfiel, ein stolzes, schönes Frauengesicht aus dem verhüllenden Mantel hervorglänzen sah und ein reiches Gewand, glitzernde Spangen und einen goldverzierten Gürtel. Er winkte, erschreckt zurückweichend. Die Frau aber sprach: »Bleibe du unter der Türe, heiliger Mann, und laß mich hier im Freien stehen als eine Bittende, die nur Rat und Trost von dir begehrt.« Otmar gewährte, was er nicht wohl weigern konnte, und die Frau begann draußen, indes ihr Gewand und Haar im Sturmwind flatterte, mit lauter, tiefer und doch weicher Stimme: »Ich bin Hildegard, die Frau Arnulfs, des Centrichters. Ich liebe meinen Mann mit der ganzen Kraft meiner Seele und habe ihm zwei Söhne geboren. Arnulf liebte mich ebenso stark und heiß. Da nahmen wir vor einem Jahre meine jüngere Schwester Tagalint ins Haus, damit mein Gemahl sie unter seine Munt stelle und ihr einen Mann suche, denn unsere Eltern waren gestorben. Von dem Tage an aber wich Arnulfs Liebe ganz leise von mir und zog sich langsam und leis zu Tagalint. Die Schwester hat ein zahmes Reh. Sonst mochte Arnulf so zahmes Wild gar nicht ansehen; jetzt aber streichelt er das Reh, beschaut es oft viertelstundenlang und sagt, die sanfte Tagalint sehe dem zarten Tierlein gleich. Ich habe ein feuriges weißes Roß, das war vordem auch Arnulfs Freude, und besonders freute es ihn, daß niemand das Tier bändigen konnte außer mir, und er verglich des edeln Rosses Art mit der meinigen und sprengte gern an meiner Seite durch Feld und Wald. Jetzt achtet er mein Roß keines Blickes und geht lieber zu Fuß neben der schüchternen Tagalint. Die Frauen unserer Hörigen, welche unter meiner Obhut in der Halle sitzen und spinnen und weben, lächeln sich verstohlen an, wenn Arnulf am Herdfeuer nur auf Tagalint sein Auge heftet oder ihr die schönste Jagdbeute zu Füßen legt. Der Schwester einen Mann zu suchen, kommt ihm aber gar nicht in den Sinn, und wenn ich ihn mahne, meint er, das habe noch gute Weile. So heiß wie meine Liebe ist nun auch meine Qual; ich möchte vergehen vor Scham und Gram und kann doch nicht kalt sein gegen den kalten Mann, ja ich muß ihm meine Liebe immer heftiger kundgeben, je mehr er sich zur Schwester wendet, die doch nur gesenkten Auges hinnimmt, was er sagt und tut, ohne ihm je mit gleichem Wort und gleicher Miene zu begegnen. Nun sinne ich Tag und Nacht über meine Not, und da fand ich, daß dein Los, ehrwürdiger Vater, im Grunde dem meinigen gleich sei. Der Spruch sagt: womit jemand sündiget, damit wird er auch gestraft. Du aber bist vielmehr mit deiner besten Tugend gestraft worden. Denn weil du ein so fester Abt warst, erregtest du den Zorn der Gaugrafen, und weil du so demutsvoll, fromm und mildtätig, den Neid des Bruders Lantpert, der falsch wider dich zeugte; weil du deine guten Werke vor den Menschen verbargst, wurdest du verdammt und duldest die Strafe eines Schlemmers, Heuchlers und Wüstlings, da doch niemand ehrlicher gefastet und sich kasteiet hat als du. So fliehet mich Arnulf um meiner besten Tugend willen und wird um so kälter, je heißer er meine Liebe sieht; ich muß die Strafe leiden, die ein liebloses, ungetreues Weib verdient, – und doch liebt keine ihren Mann so tief und treu wie ich. Tausend Sünden habe ich begangen ungestraft, und nur da, wo ich niemals sündigte, muß ich büßen, daß mir das Herz zerbrechen möchte. Gangolf, der treue Knecht, der mich hierher geführt und den du einst als einen verlassenen Kranken in St. Gallen gepflegt, enthüllte mir deine wahre Geschichte und daß auch du gestraft worden seiest nicht mit deiner Sünde, sondern mit deiner besten Tugend und für dieselbe. Darum machten wir uns heimlich in dieser Sturmnacht auf, damit du mir das Rätsel deiner und meiner Buße lösest und mir Hilfe brächtest oder doch den Trost, welchen du für mich gefunden hast.« Otmar erwiderte: »Niemand wird mit seiner Tugend gestraft. Unbemerkt steckt in unserer besten Tugend oft unsere größte Sünde, die Selbstsucht. So bin ich, obgleich der demütigste Mensch, doch gerade in meiner Demut vielleicht der hoffärtigste gewesen, nicht vor anderen, aber vor mir selbst und vor Gott, und zur Strafe für diese geheimste Hoffart ward ich ein Märtyrer der Demut. Auch in deiner Liebe mag Selbstsucht stecken, und doch ist die Liebe nur voll und rein, wenn sie alle Selbstsucht in sich verschlungen und vernichtet hat. Prüfe dich! Der Arzt heilt die Blutwunde mit einem glühenden Eisen: versuche diese Heilart an deiner Liebesqual. Du mußt deine Liebe verbergen, dann sieht sie dein Gemahl; je mehr du sie dagegen offenbar machst, je weniger wird er sie sehen. Beginne mit dem leichtesten Versuch: verbirg deine Liebe vor der Schwester, zumal in Arnulfs Gegenwart. Und hast du dies in Monatsfrist vermocht, dann komme wieder hierher und erzähle, ob dir geholfen ist.« III. Hildegard befolgte des Abtes Rat. Wäre sie freilich nicht ein so festes Weib gewesen bei all dem wilden Feuer, das ruhelos in ihrer Brust loderte, so würde sie schon bei diesem ersten Versuch erlegen sein. Allein sie bezwang sich. Arnulf, von der Jagd heimgekehrt, saß des Abends am Herdfeuer, die Frau und die Schwägerin zu seiner Seite, die beiden Knaben spielten in den dunkeln Winkeln der Halle. Der müde Jäger mochte in solch traulicher Stunde gerne den Frauen lauschen, wenn sie in einer Rede, die halb Gesang, alte Verse sprachen, uralte Sagenlieder, und die Spindel schnurrte und das Feuer knisterte begleitend mit. Tagalint sang und sagte gar süß, aber auch Frau Hildegard war Meisterin in dieser Kunst. Nur fügte es sich seltsam, daß die sanfte Tagalint jetzt zumeist von Helden und Kämpfen und wilden Abenteuern sang, indes die stolze Hildegard in zarten Minnesagen den Schmerz ihrer Seele zu lösen suchte und im Bilde fernher tönender Geschichten verstohlen um die Liebe ihres eigenen Gemahles warb. Denn Frauenminne, die den Mann verehrt, lag jener harten Zeit noch eigener im Sinne als Männerminne, die den Frauen huldigend begegnet. Aber Arnulf hatte bis dahin des sanften Mädchens rauhe Sagen lieber gehört als die rührenden Kunden der stolzen, gebeugten Frau. So erzählte Tagalint denn heute die Sage vom »Türst und der Sträggelen«, die vom Luzerner See herübergewandert war zum Bodensee. Die Sträggelenjungfrau zog zur Jagd wie ein Mann, und wenn sie mit Hörnerklang und Hundegebell des Sonntags durch den Wald fuhr, dann sprach sie wohl, sie höre jetzt auch ihre Messe. Da kam zur Weihnacht ein Jäger zu der Jungfrau, das war der böse Türst, in liebliche Gestalt verkappt, und bat das Mädchen, daß sie auch mit ihm einmal zur Jagd ziehe. Aber als sie nun zusammen den Hirsch hetzten und beim Weidwerk spotteten über das Pfaffenwerk am Christtag und die Glocken von der Kirche zum Tann herübergeklungen und verklungen waren, ließ der Türst den Hirsch laufen und faßte die Jungfrau, die er sich zum Weibe erjagt hatte, und wuchs auf zu seiner ungeheueren Riesengestalt, und die Sträggelenjungfrau und der Hund wuchsen mit ihr über alle Bäume hinaus und rasten zusammen jagend weiter durch den ganzen Tag und den Abend und die Nacht bis zum nächsten Morgen: da versanken sie mit Flammen in der Erde. Arnulf lauschte mit brennendem Auge dem Mädchen, dessen leiser Mund so schaurig zu erzählen verstand. Da hätte Hildegard gern mit ihrem vollen, tiefen Ton eine andere Mär berichtet, welche aus noch viel älterer Zeit und viel weiterer Ferne vom Norden herübergekommen war zu den Alpen, die Märe von der edeln Frau, die über der Leiche ihres erschlagenen Mannes so heiße Tränen weinte, daß die Seele des Gefallenen im Himmel der Sehnsucht des Weibes nicht widerstehen konnte und herabkam, sie zu trösten, als die Tränen auf die kalte Brust der Leiche fielen. Aber eingedenk der Mahnung Otmars schwieg diesmal Hildegard und spann nur im stillen Sinn ihre Märe, indes Tagalint von dem wilden »Türstengejäg« erzählte, und sowie die Spindel schnurrte und das Feuer knisterte und die Schwester so leis und schaurig sang, war es ihr, als sei auch Arnulf ein Gestorbener und ihre Tränen müßten auf seine kalte Brust fallen, daß seine Seele den Weg wieder zu ihr zurückfände und sie tröstete. Als Tagalint geendet hatte, sah Arnulf, wie Hildegard inwendig erzitterte, und glaubte, das gelte der Sträggelenjungfrau und ihrem grausigen Ausgang. Hildegard ließ ihn bei diesem Glauben: mit ihrer alten Sage verbarg sie ihre Liebe. So trieb sie's alle Tage. Schmückte sich Tagalint, so ging sie im schlichten Kleide; sie wollte nicht mehr wetteifern mit der Schwester. Schritt Arnulf mit Tagalint ins Gespräch versunken im Hofe auf und ab, so führte sie ihnen nicht, wie sie sonst wohl getan, die beiden Knaben in den Weg, daß ihr stummer Anblick den Mann an alte Liebe erinnern solle: sie verbarg ihre Liebe. IV. Im verhüllenden Sturme einer Aprilnacht ruderte zum zweitenmal der Kahn zu Otmars Insel hinab. Hildegard sprach zu dem Abte: »Ich habe das Probestück durchgerungen; ich verbarg meine Liebe vor der Schwester, zumal in Arnulfs Gegenwart. Ich habe das glühende Eisen auf die Blutwunde gedrückt; aber die Wunde brennt und blutet nur um so stärker, und die Heilung ist qualvoller als die Krankheit. Hundertmal hätte ich versinken mögen vor verhaltenem Schmerz, daß ich nicht einmal mehr sichtbar in Liebe die Schwester überbieten durfte! Du bist ein Heiliger und kennst die Liebe nicht, und deine Gottesminne muß ganz anders geartet sein als Frauenminne. Nicht gelöst hast du mein Rätsel, sondern noch dichter verwirrt; denn je tapferer ich kämpfte in meiner Tugend, um so schwerer ward ich in meiner Tugend gestraft!« Da erwiderte der Mönch wie vor einem Monat: »Niemand wird in seiner Tugend gestraft. Nicht für deine Liebe mußt du büßen, sondern weil du deine Liebe noch lange nicht genug verborgen hast; denn darin sitzt die Selbstsucht deiner Liebe. Verbirg diese Liebe nicht bloß bei der Schwester, verbirg sie auch vor deinem Mann, selbst in der einsamsten Stunde. Und hast du dies in Monatsfrist vermocht, dann komme wieder.« In dem unglücklichen Weibe kämpften Stolz und Trotz und nagende Pein bei diesem harten Worte; aber als sie dem wunderbaren Greise ins Gesicht sah, schlug sie die rollenden Augen nieder und gelobte noch einmal treue Folge. So kehrte sie heimlich und ungetröstet, wie sie gekommen, nach Hause zurück. Dort aber konnte Hildegard in derselben Nacht noch ihren festen Willen erproben. Denn da sie gerade durch den Zaun des Hofes eingetreten war und zum Frauenhause hinüberschlüpfen wollte, trat ihr Arnulf in den Weg. Er war zufällig um einen Tag früher heimgekehrt und staunte nicht wenig, daß die Frau mitternachts in Sturm und Regen vom See heraufkam. Auf seine Frage schwieg sie, wie vom Tode berührt. Denn zur Notlüge war Hildegard zu stolz, und mit der Wahrheit hätte sie ja zugleich die ganze Qual und Buße ihrer Liebe bekennen müssen und sollte doch ihre Liebe verbergen vor dem Manne. Arnulf war fern von bösem Verdacht; aber er mahnte sie strenge, das wilde Abenteuern nicht gar zu weit zu treiben und zu bedenken, was Frauensitte und was sie sich selbst und der Würde des Hauses schuldig sei. Hildegard schwieg; nie war die Stunde so günstig gewesen, dem Manne die ganze Tiefe ihres Leids und ihrer Liebe aufzudecken, als jetzt, da sie von ihm auf der frischen Tat ihrer Liebesbuße betreten ward. Dennoch schwieg sie und nahm das ungerechte Mahnwort geduldig dazu. Als sie aber nachher einsam auf dem Lager saß, empfand sie erst ganz den Schrecken jenes Augenblicks, wie der Bergsteiger, dem ein Sturz in den Abgrund drohte, erst nach der Heimkehr in dunkler Nacht die bestandene Gefahr so hell vor Augen sieht, daß ihn im Bette der Schwindel ergreift, welcher ihn auf dem Felsen rettungslos zur Tiefe gezogen hätte. Nur vierzig Silberschillinge brauchte nach dem Volksrecht der Alemanne zu zahlen und das mitgebrachte Gut zurückzugeben, so konnte er seine Frau wieder heimschicken, woher sie gekommen war. Das durfte Arnulf jederzeit nach dem starren Recht, und jetzt konnte er dazu noch gar leicht sein Gewissen beschwichtigen vor sich und der Welt, da er die Frau auf so verdächtigem Wege außer der Schranke der Sitte ertappt hatte. Und sie hatte kein entschuldigendes Wort vorbringen können. Wenn er sie aber heimschickte, so fand Hildegard kaum eine Heimat mehr; denn ihr Haus war ja ausgestorben und eben darum die Schwester in ihres Mannes Haus getreten. Sie sah sich schon im Geiste heimatlos umherirren bei fremden Leuten und wollte oftmals in der langen Nacht aufspringen vom Lager und zum Manne hinüberschleichen und ihm doch noch bekennen, was sie auf dem Hofe verschwiegen hatte. Aber dann hätte sie ja auch ihre Liebe nicht verschwiegen! Eine Heldin, nicht bloß von Gestalt und Gesicht, sondern auch des Herzens, blieb sie darum doch zuletzt mit ihrer Qual allein. Und so führte es Hildegard weiter, Tag für Tag. Sie hatte in der letzten Zeit ihr weißes Roß kaum mehr bestiegen; jetzt überwand sie sich und tummelte das Tier wieder scheinbar so mutig wie vorher. Sie war seit einem Monat in schlichtem Gewand, fast wie eine Dienerin, neben der geschmückten Tagalint gegangen; jetzt legte sie wieder Schmuck und schöne Kleider an: sie wollte die Pein ihrer Liebe nicht einmal in einem äußeren Zeichen vor Arnulf zur Schau tragen. Und doch schien es nicht, daß er die verhüllte Liebe nun deutlicher sehe als vordem die offene. Er staunte wohl über das verwandelte Wesen seines Weibes, aber er sprach kein Wort darüber, und wenigstens für Hildegards Auge wuchs seine Neigung zu Tagalint eher, als daß sie abgenommen hätte. Elender als je zuvor trat darum Hildegard im Maimonat wiederum vor den Einsiedler auf der Insel. Immer dunkler deuchte ihr das Rätsel, grausamer und fruchtloser ihre Buße. Otmar aber sprach: »Du hast deine Liebe eben doch noch nicht genug verborgen, und wohl gar das schlimmste Stück der Selbstsucht ist zurückgeblieben. Nicht bloß vor der Schwester, nicht bloß vor dem Manne mußt du deine Liebe verbergen, sondern auch vor dir selber. Das ist die letzte und schwerste Probe. Denn wenn du auch jede Tat, jedes laute Wort meidest, in welchem sich deine Liebe den anderen entgegenträgt und aufdrängt, so grübelst du doch in dir ohne Unterlaß über diese Liebe, klagst und verklagst, flehest und zürnest in Gedanken. Auch ungesagt empfindet das Arnulf, und solange du in dir so ruhelos bist, nimmst du auch dem Mann die Ruhe fort. Im inneren Frieden aber beginnt erst die lautere, selbstlose Liebe. Ist es doch schon der bloße Schein dieses Friedens, der den ungestümen Mann so mächtig zur sanften, ablehnenden Tagalint hinüberzieht. Die heimlichste Liebe brennt am heißesten, und kein Heiliger kann einer Minne widerstehen, deren Nähe er ahnt und empfindet und die sich doch nicht einmal vor sich selbst zur Schau trägt.« V. Widerstrebend und doch willenlos vor dem Zauber des strengen, milden Greises schwur sich Hildegard, auch diese letzte Buße zu. Aber sie kam nicht wieder nach Monatsfrist. Erst tief im Spätsommer, da ein schweres Gewitter die Fluten des Sees aufwühlte und in den Rhein gegen die Insel schleuderte, arbeitete sich der Kahn im Abenddunkel mühsam durch die hochgehenden Wasser. Zwei Fährleute führten heute die Ruder; denn Gangolf, der treue Knecht, hatte erklärt, solchen Sturm könne er allein nicht bezwingen, und darum den anderen als einen zuverlässigen Mann mitgebracht. Den Mantel über Kopf und Nacken geworfen wider den aufspritzenden Schaum, die sehnigen Arme frei, arbeiteten beide aus aller Kraft, und doch schien es oft, als müsse der rasende See das Schifflein verschlingen und als führen die vermummten drei Gestalten, bald in Wogen- und Wetternacht versenkt, bald hoch auf die Wellen geschleudert und vom Blitze erhellt, die sichere Fahrt des Todes. Dennoch gewannen sie die Insel. Als aber Hildegard vor die Tür der Zelle trat, wiederum von dem Lichtstrahl der Lampe beleuchtet, da war sie ein ganz anderes Weib als in jener Märznacht. Ihr edles Gesicht war bleich und abgemagert, die Lippen zornig aufgeworfen, nicht wie einer Büßerin, sondern wie einer Rachegöttin; doch wenngleich das Lebensfeuer auf Wangen und Lippen erloschen schien, so glüheten nun allein die Augen noch feuriger und wilder als je zuvor. Zitternd sprach sie mit dem leisen klanglosen Tone der tiefsten Leidenschaft: »Längst habe ich gewußt, daß Liebe töricht macht. Und dennoch hätte ich nicht geglaubt, daß sie mich noch einmal in so arge Torheit verstricken könne. Denn es war wohl übertöricht, daß ich mir bei einem achtzigjährigen Mönche Rats holte in der Kunst der Liebe. Verzeih mir, heiliger Mann, aber du weißt ja selber nicht, was Frauenliebe ist! Ich habe Wochen und Monate gerungen, meine Liebe vor mir selbst zu verbergen. Doch je heißer ich rang, je weniger vermochte ich's. Es ging mir wie einem Fieberkranken, der gerne einschlafen will und zählt, betet, singt für sich, um sich selbst zu vergessen und in Schlaf zu senken; aber je bestimmter er sich selbst vergessen will, um so weniger vergißt er sich und findet keinen Schlaf. Dann spricht er wohl zu sich: So mache ich's, daß ich schlafe: ich lege mich auf die Seite, schließe die Augen, jetzt falle ich in Halbtraum, jetzt wird der Schlaf kommen. Aber je mehr er nachdenkt und nachmacht, wie man schläft, um so sicherer fliehet ihn der Schlaf. Ganz so erging es auch mir. Indem ich versuchte, meine Liebe in mir selbst zu vergessen, grübelte ich um so tiefer in meiner Liebe, und nie ist sie mir vernichtender klar geworden, als da ich Tag und Nacht sie zu verbergen sann. Ja, noch mehr. Wie ein Spiel erschien mir nun, was vordem mir so schwer gedünkt, daß ich nämlich meine Liebe verborgen hatte vor der Schwester und dann auch vor Arnulf, wie ein Spiel gegen die Kunst, meine Liebe vor mir selber zu verbergen. Und doch verlor ich nun mit dem letzten Versuch wiederum alles, was ich vorher errungen: indem ich meine Liebe vergebens vor mir selber verbergen wollte, trug ich sie wider Willen nun auch wieder vor Tagalint und Arnulf zur Schau und nahm mit meiner Unruhe beiden erst recht ihre Ruhe fort. Und obgleich sie fragten und sorgten, was mir fehle, wuchs Arnulfs Liebe doch nicht von Tagalint zu mir herüber. Ja, mir scheint, zuwider bin ich ihm jetzt, ein verstimmtes, verblühtes, zerfallenes Weib, wo ich ihm früher nur gleichgültig war. Und nur ein Mittel weiß ich noch nach alledem, meine Liebe völlig zu verbergen: es ist der Tod!« Ruhig erwiderte der Mönch: »Du hältst dich für ein starkes Weib; ich aber will dir die Geschichte eines wahrhaft starken Weibes erzählen. Sie ist bis auf ein kleines ähnlich der deinigen. Chlotar, der Frankenkönig, war seit vielen Jahren vermählt mit Ingunde und hatte sechs Kinder von ihr. Da bat ihn Ingunde, die er sehr liebte, er möge zu ihrer jüngeren Schwester Aregunde reisen und ihr einen Mann suchen. Aregunde aber gefiel dem Könige so sehr, daß er bei der Heimkehr zu Ingunden sagte: Ich habe deinen Wunsch erfüllt und deiner Schwester den besten Mann gesucht, den ich finden konnte; einen besseren aber fand ich nicht als mich selber. So will ich sie denn statt deiner zum Weibe nehmen, und dies wird dir, wie ich glaube, nicht mißfallen. Da sagte jene: Was meinem Herrn gut getan scheint, das tue er; nur möge ich, deine Magd, auch seiner in der Gnade des Königs leben.« Da brach Hildegards Stimme wie ein anderer Donner durch den Donner des Himmels: »Leicht konnte dieses fränkische Weib ihre Liebe vor sich selbst verbergen, denn sie besaß keine Liebe! Den Stolz der Liebe zum mindesten hatte sie nicht und viel weniger noch den Zorn der Liebe; und wenn nur die selbstlose Liebe rein sein mag, so wird sie doch nur voll und ganz, wo sie den Stolz der Liebe in sich schließt und den Zorn der Liebe. Jener Chlotar freilich war viel zu schlecht, als daß er des Zornes der Liebe wert gewesen wäre; mein Arnulf aber ist kein solch niederträchtiger Mann, er ist groß und gut, auch wenn er jetzt in der Irre geht, darum liebe ich ihn mit dem vernichtenden Zorn der Liebe!« Bei diesen Worten trat der zweite Fährmann aus dem Dunkel hervor und warf sich zu Füßen des zürnenden Weibes, als wolle er sich selber ihrem Zorne zum Opfer darbringen. Es war Arnulf. Als aber Hildegard erkannte, wer flehend und gebrochen vor ihr lag, vergaß sie den Zorn und fand nur noch die Liebe in der Liebe und zog den Reuigen milde zu sich empor. Erst seit Hildegard so gewaltig rang, ihre Liebe vor sich selber zu verbergen, hatte Arnulf, aus dem heiteren Spiele mit Tagalint auftaumelnd, die Tiefe der Liebe und des Kummers seiner Gemahlin zu ahnen begonnen. Gangolf, der treue Knecht, half ihm weiter auf der Spur, und so zog er, als dessen Rudergehilfe verkleidet, mit zu Otmars Insel, um hier erst von Hildegards heldenhafter Liebesbuße wie vom Donner gerührt zu werden, daß ihm die ganze Größe ihres Herzens und seiner Sünde mit einem Schlage aufging und der forschende Lauscher selbst in einen Büßer verwandelt ward, der zunächst sein eigen Gewissen zitternd zu durchforschen begann. Der greise Abt aber sprach: »Es mag wohl über Menschenkraft gehen, daß die Liebe sich ganz vor sich selber verbirgt; aber auch schon das bloße Ringen danach machte die verhüllte Glut dem Auge Arnulfs offenbar, welches die offen lodernde nicht sah. Wer möchte auch einer Liebe widerstehen, die so stark ist, daß ihr sogar die bloße Frage eigennützig dünkt, ob sie wieder geliebt werde! Der Frauenminne vergleicht sich aber die Gottesminne, und darum war es nicht töricht, edle Frau, daß du bei einem achtzigjährigen Mönche dir Rat holtest. Gott lieben, verborgen vor der Welt, ist leicht; schwerer ist es, Gott zu lieben ohne einen Gedanken an Gottes Lohn: aber am schwersten, diese Liebe nicht einmal vor sich selbst im stillsten Herzen zur Schau zu tragen. Ja, das letzte mag wohl dem heiligsten Menschen noch nicht ganz gelungen sein, und so bleibt all unsere Gottesminne ein ungelöster Liebeskampf und unvollendete Liebesbuße. Wir hoffen aber im Himmel auf jene höchste Stufe selbstloser Gottesminne. Glücklich darum die irdisch Liebenden, die wie ihr im Streben schon den Kampf gelöst und mit leiblichem Auge die Buße vollendet schauen!« Bei diesen Worten segnete er das Paar mitten in Sturm und Wetter, worin es sich wiedergefunden zum erneuten, heiligeren Ehebund. Und der verhallende Donner rollte sein Amen. König Karl und Morolf 1863 Erstes Kapitel. Edmund der Angelsachse fand im Palaste König Karls zu Aachen einen Goldring. Als er ihn näher betrachtete und die Runenschrift auf dem Golde sah, welche niemand zu lesen verstand, schrak er zusammen: es war der Ring der Königin Fastrada, der Gemahlin Karls, die ihn hier verloren hatte. Edmund spähte, ob niemand lausche, und barg dann den Ring zitternd in seinem Gewand. »Gefundenes Gut behalten, nennt man Funddiebstahl«, sprach er zu sich selbst. »Aber gefundenes Gut eine Weile aufheben, um es später zurückzugeben, ist kein Funddiebstahl. Wäre es ein Vergehen, so ist es so klein, daß weder das Recht noch die Moral einen eigenen Namen dafür zu prägen nötig fand. Ich will den Ring nur ein paar Tage aufheben und ihn dann wieder in die Hand der Königin legen.« Der Ring besaß geheime Zauberkraft: solange ihn Fastrada am Finger trug, war sie der glühendsten Liebe Karls gewiß; hätte aber ein anderer den Ring gewonnen, so würde des Königs Liebe auch dem neuen Träger des Ringes nachgezogen sein. Fastrada glaubte, allein das Wunder des Ringes zu kennen, und sicherlich ahnte ihr Gemahl nichts davon; aber der Angelsachse wußte um die Zauberkraft, deren Wirkung jedermann sah, deren Ursache aber allen anderen verborgen war. Wie er allein zu dieser Kenntnis gekommen, wird jetzt wohl schwer mehr zu ermitteln sein. Genug, daß er den Ring vorerst behielt, nicht aus Eigennutz, sondern aus Neugierde oder, wie er's bei sich selber nannte, aus Wißbegier. Er wollte die Kraft des Goldreifes nur ein klein wenig erproben. Wie – das stellte er als kluger Mann dem Spiele des Zufalls anheim. Zwar lockte ihn einen Augenblick der Gedanke, den Ring verborgen bei sich zu tragen, wenn er sich dem Könige nahe. Er würde dann sofort ohne Zweifel des großen Fürsten erklärtester Günstling geworden sein. Allein er sprach zu sich: »Ein Günstling lebt glänzende Tage, hat aber schlaflose Nächte. Ich will meine Nachtruhe behalten.« Und also versteckte er den Ring in dem Stamm einer hohlen Eiche; zur gelegenen Zeit wollte er ihn schon wieder hervorziehen. Dieser Edmund war ein Schüler Alkuins und lehrte und disputierte gewaltig in der Hofschule Karls, in welcher der Frankenkönig, damals noch nicht als Kaiser gekrönt, manchmal samt seinen Söhnen und Töchtern auf den Schulbänken saß. Die Gelehrten rühmten Edmunds gehobeltes Latein und fürchteten seinen ungehobelten Witz, den er erbarmungslos wider die sittlichen Blößen von Freund und Feind schleuderte. Niemand war ihm darum von Herzen gut, obgleich ihn selbst Hasser und Neider achteten. Denn alle gestanden zu, daß der unausstehliche Mann ganz exemplarisch lebe, lerne und lehre. Auch würde man die Geißel des herben Spötters wohl wenig gefürchtet haben, hätte er selber nicht durch einen bis aufs letzte Stäubchen musterhaften Wandel vorangeleuchtet. Am eifrigsten donnerte Edmund wider die Schlemmerei und Völlerei, und ganz besonders hatte er es auf die Weintrinker gepackt. Deren gab es nun freilich genug an Karls Hofe; denn so mäßig der große König im Trunke war, so wenig wußten seine Franken und vorab sein Hofgesinde Maß zu halten. Sah Edmund einen Betrunkenen nur von ferne, so zitterte er vor innerem Abscheu. Von den drei großen W: »Wein, Weiber und Würfelspiel« erklärte er den Wein für das erste und größte; denn er ziehe das Weh der Weiber und des Würfelns unfehlbar nach sich, während einer, der bei den Weibern anfange, doch nicht gerade dem Spiel und Trunk sich zu ergeben brauchte. Reichte ein Genosse dem weinscheuen Angelsachsen den vollen Becher dar, so sprach er nicht etwa: »Vergelt's Gott!«, sondern: »Verzeih mir's Gott!« und nippte wie ein verschämtes Mädchen. Kreiste der duftigste Rüdesheimer an der Hoftafel, so machte Edmund ein Gesicht, als gehe ein Kelch mit Essig in die Runde, und König Karl fürchtete im stillen, der vortreffliche und hochgelehrte Mann möchte mit seinem sauren Blick den edeln Wein einmal unversehens in wirklichen Essig verwandeln. Denn da Karl selber Weinreben so eifrig anpflanzen und Apfelwein dazu auf seinen Fronhöfen keltern ließ, so ging ihm der Weinhaß des Angelsachsen doch etwas zu weit. Es war ihm unheimlich in der Nähe eines Mannes, der beim Becher nicht fröhlich sein konnte, und er berief ihn darum auch nicht in jene engere Runde gelehrter Freunde, wo er, der Herrschersorgen ledig, den heiter-ernsten Worten seiner Denker und Künstler so gerne lauschte. Trotzdem galt Edmund als ein einflußreicher Mann bei Hofe; denn wenn sein herbes, schneidiges Wesen auch Karl, den Menschen, abstieß, so zog es doch den Fürsten an. Man wollte in den strengen Gesetzen des Frankenkönigs wider allerlei Sittenlosigkeit die mitarbeitende Hand Edmunds erkennen und schrieb ihm ganz besonderen Anteil an dem Kapitular von 789 zu, welches den Trinkern und Trinkbruderschaften so scharf zu Leibe ging. In der Tat machte sich Karl manchmal insgeheim den Vorwurf, daß er den tugendeifrigen Edmund wohl gnädig, nicht aber freundlich genug behandle. Sein schlimmstes Teil war ja nur, daß er des Guten zuviel tat, und wenn es höchst liebenswürdige Menschen gibt, denen die schönste Musik mißtönig klingt und der Tonfall der reizendsten Verse wie widriges Mühlengeklapper, warum sollte nicht auch einmal ein vortrefflicher Philosoph geboren werden, dem der Ingelheimer Rote wie Galle schmeckt und der Rüdesheimer wie Essig? Bewegt von solchen Gedanken, entschloß sich der König, die dunkle Abneigung gegen den Weinhasser zu ersticken und fortan in Edmund nur den gelehrten, tadellos wandelnden Sittenprediger zu sehen und zu sich heranzuziehen. Und damit dem Entschluß sogleich die Tat folge, wollte er den Angelsachsen noch desselben Tages als Genossen jener gelehrten Tafelrunde einladen, in welcher Alkuin als Horaz, Angilbert als Homer, Einhard als Bezaleel, Theodulf als Pindar, Wala als Jeremias sich um ihn als König David scharten. Edmund solle Cato der Zensor heißen und dürfe, wenn's ihm beliebe, jede Zusammenkunft mit dem Mahnwort schließen, daß das Weintrinken müsse ausgerottet werden. Um aber das Maß seiner Huld vollzumachen, ging König Karl im Abenddunkel selber zu der Wohnung des ehrwürdigen Edmund. Er wollte ihn mitten in seinen Studien überraschen mit der Botschaft, daß Cato der Zensor von nun an zu dem gelehrten Freundeskreise des Palatiums zähle. Karl liebte solch unangemeldete Besuche bei seinen Hofleuten, und er wußte selber nicht, ob er in derlei Vertraulichkeit seiner Neugierde oder seinem Wohlwollen ein größeres Genügen tat, wie auch die also Begnadigten sich in der Regel erst von dem Schrecken des Besuches erholen mußten, um hinterdrein die Ehre des Besuches zu empfinden. Edmund bewohnte in Aachen ein einsam abgelegenes Nebenhäuschen innerhalb des Ringes der Königspfalz. Als sich Karl im Dunkel näherte und das niedere Fenster von der Lampe erhellt sah, dachte er bei sich: Da sitzt nun der fleißige Mann, tief versenkt in seine Nachtstudien! Unangemeldet öffnete er die Tür. Die Lampe leuchtete auf einen Stoß ehrwürdiger Pergamente, welche zur Arbeit auf den Tisch gebreitet lagen, aber Edmund fehlte; es war überhaupt totenstill im ganzen Häuschen. Ein großer Krug mit Wasser auf dem Tisch bezeugte dem Könige, daß er wenigstens nicht irregegangen sei. Während er aber gerührt den großen Wasserkrug betrachtete, glaubte er von fernher Edmunds Stimme zu vernehmen. Dem Schalle folgend, trat er ans Fenster. Seitab an der Mauer stand ein Bau, der, von niederen Dienern bewohnt, zeitweilig auch fremden Gauklern zur Herberge diente, welche auf ihrer Wanderfahrt das Hofgesinde mit allerlei Kunststücken ergötzten. Dort schimmerte Licht, verworrenes Getöse von Stimmen klang von da herüber und dazwischen unverkennbar die Stimme Edmunds, laut, gebieterisch, die anderen übertönend. Der König dachte: »Gewiß hat sich das Volk da drüben wieder wüster Schlemmerei ergeben, und doch ist heute Fasttag. Ihr Gebrüll hat meinen Edmund in seinen Studien gestört, und er eilte hinüber, um ihnen den Text zu lesen !« Da nun Edmund ohne Zweifel ein noch größerer Meister des reinen Wandels als des Wissens war, so deuchte es dem Könige auch noch bedeutsamer, wenn er ihn in der Übung seines Sittenrichteramtes als bei den gelehrten Studien mit der ehrenvollen Einladung überrasche. Also schritt er, geteilt zwischen dem Zorn gegen die Ruhestörer und doppelter Huld gegen Edmund, zu jenem Hause, warf jedoch noch einen lauschenden Blick durchs Fenster, bevor er eintrat. Dort sah er allerdings eine wüste Zechgenossenschaft, wie er sie erwartet hatte. Gemeines Volk, Knechte und fremde Gaukler, schmausten, tranken und sangen, stritten und schrien durcheinander, und trotz des Fasttages dampfte ein mächtiger Wildbraten auf dem Tisch. Allein den Angelsachsen erspähte der König nirgends; dennoch hörte er unverkennbar dessen Stimme. Ein fremder Mann dort hinten in der Ecke war es, der genau wie Edmund sprach, nicht bloß mit dem gleichen Klang, dem gleichen Tonfall, sondern auch mit Edmunds Gebärden und Handbewegungen. Seltsames Trugbild! Der Angelsachse hatte blondes Haar, jener Fremde pechschwarzes, Edmund eine kurze, gerade Nase, der Fremde eine lange und spitze; und einen solchen Narrenrock wie der Fremde, welcher ihm Stimme und Gebärde gestohlen, trug doch der schlichte Gelehrte niemals. Dazu saß jener auch keineswegs als ein Bußprediger unter den Sündern, sondern vielmehr als der Vorredner und Vortrinker der sauberen Bruderschaft. Denn die gebieterische, alles übertönende Rede, welche Karl schon von fernher vernommen, war die Stimme des Führers, der zu den Waffen der Krüge und Becher rief, nicht des zürnenden Richters, welcher den Schlemmern den Kelch von der Lippe gesprochen hätte. Karl schwankte zwischen einer zwiefachen Lösung des Rätsels. Jener Mann konnte ein fremder Gaukler sein, der mit wunderbarer Kunst Stimme und Gebärde des dem Hofgesinde verhaßten Sittenpredigers nachäffte und die tolle Lust dadurch zum Gipfel trieb, daß er den Weinhasser in einen Weinschwelg verkehrt am Gelage teilnehmen ließ. Dafür sprach, daß die Genossen des Vortrinkers Rede auch dann mit schallendem Gelächter begleiteten, wenn sie gar nichts Belachenswertes enthielt. Oder es war Edmund selber, der nicht nur die innere Maske der Heuchelei, sondern auch die äußere des verstellten Gesichtes mit gleich wunderbarer Kunst anzulegen wußte. Je länger aber Karl der Stimme und den Gebärden lauschte, um so fester glaubte er den Angelsachsen in Person vor sich zu sehen. Und welche Züge tat er aus dem Becher! So tief, als gälte es einen Strom auszutrinken! Schon legte der König Hand an die Tür, um plötzlich mitten unter der trunkenen Rotte zu stehen und den Heuchler mit der ganzen Wucht seines Grimmes niederzuschmettern. Allein er besann sich und zog die Hand wieder zurück. Er wollte tiefer in die Irrgänge des menschlichen Herzens schauen, als er's in diesem Augenblicke vermocht hätte; in nüchterner, ruhiger Stunde wollte er dem Angelsachsen das Geständnis seiner Schuld abringen und ihn durch solche Marter schwerer und gerechter strafen als jetzt durch allen Schreck der Überraschung. So schlich sich Karl denn sachte wieder in seine Gemächer. Als er aber mit eigenen Sinnen nicht mehr sah und hörte, schien ihm alles wie ein Traumbild, und er glaubte bald wieder, jene Gestalt könne nimmermehr Edmund gewesen sein, sondern ein Landstreicher, der den würdigen Mann täuschend nachgeäfft und verspottet habe. Zweites Kapitel. Des anderen Morgens ward Edmund vor den König Karl entboten. Freundlich empfing ihn der Fürst; die vollkommenste Ruhe lag auf den ehernen Zügen des Gelehrten. Karl war ein feiner Menschenkenner, der mit seinem leuchtenden Auge die Leute durch und durch schaute; allein Edmund hielt aufs festeste seinem Blicke stand. Schon war der König fast gewiß, daß er ihm unrecht getan. Als er aber im leicht hingeworfenen Gespräch die Stimme vernahm und die Mienen und Handbewegungen wiedersah, die er sich gestern abend so fest eingeprägt, da schwankte er wiederum, und es ward ihm klarer und immer klarer, kein anderer als Edmund selber könne der Vortrinker der trunkenen Zechbrüder gewesen sein, ja der Klang der Stimme rüttelte plötzlich alle den verhaltenen Zorn dergestalt in seiner Seele wieder auf, daß er seines Vorsatzes, den Heuchler schrittweise zu fangen und zu überführen, völlig vergaß und plötzlich mit der Frage herausbrach: »Sag an! Was triebst du gestern abend?« Gelassen erwiderte Edmund: »Ich studierte.« »Und was studiertest du?« »Den Menschen!« »Frecher Heuchler! Du zechtest mit gemeinem Volk, ja du selber verführtest die Trinkbrüder zu immer wilderem Saufen und schwelgtest am Fasttag in verbotener Speise!« Bei diesen Worten stand der »schreckliche Karl«, wie ihn die Zeitgenossen nannten, in der ganzen Majestät seines Zornes vor dem Gelehrten, und seine Blicke fuhren wie Wetterstrahlen zu ihm hinüber. »Gnädiger Herr und König, der du alles durchschauest«, entgegnete Edmund ruhig, obgleich er auf das Knie sank vor dem Schrecklichen, »gönne mir kurzes Gehör. Ich studiere den Menschen, weil ich meine und meiner Brüder sittliche Gebrechen heilen möchte. Wer das Laster bekämpfen will, der muß zuerst das Laster gründlich kennenlernen. Wer es aber gründlich will kennenlernen, der muß mitleben mit den Lasterhaften, ja er muß in gewissem Sinne das Laster mitleben. Die schwere Kunst ist nur, daß er, sündigend, in seinem Geiste dennoch erhaben bleibt über der Sünde. Diese höchste Kunst des wahren Philosophen begreift freilich die profane Menge nicht, sie kann die freie Opfertat des Lasters nicht unterscheiden von dem Lasterleben gemeiner Naturen um des rohen Genusses willen. Darum entstelle ich mir Haar und Gesicht; ja, ich gaukle in Stimme und Gebärden anderen das Spottbild meines Wesens vor, wenn ich mit den Trinkern und Schlemmern schwelge, damit ich nachgehends das Laster der Unmäßigkeit um so siegreicher befehden kann. Der Wasserkrug in meiner Zelle ist nicht minder ehrlich gemeint, auch wenn ich aus dem Weinkrug der trunkenen Zecher die tiefsten Züge getan; denn gerade zu Ehren jenes Wasserkruges überwand ich mich, der vor jedem Betrunkenen erzittert, mit Betrunkenen betrunken zu werden.« Karl schrak im Innersten zusammen vor dieser Sittenlehre. »Also«, rief er, »muß man der vollkommenste Diener des Lasters werden, um der vollkommenste Kämpe der Tugend zu sein! Und es wäre nur jener der tüchtigste Arzt, welcher alle Krankheiten am eigenen Leibe durchgemacht?« »Ganz gewiß«, entgegnete Edmund, »vorausgesetzt, daß er ebenso sicher die Folgen aller Krankheiten von seinem Körper wieder abschütteln kann wie ich den Taumel des gestrigen Gelages von meiner Seele.« »Und also«, fuhr König Karl mit leisem, aber schwertscharfem Tone fort, »hätte Christus der Herr der ärgste Bösewicht werden müssen, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen?« Edmund erwiderte: »Du irrest, erhabener Fürst! Wenn Gott Mensch wurde, so tat er es nicht, um unsere Sünden kennenzulernen; er kannte sie schon. Er ward sündloser Mensch, daß wir vielmehr das Göttliche im Urbilde des Menschen erkennen sollten und die Erlösung fänden in der Liebe seines Opfers. Ein anderes ist der allwissende göttliche Erlöser, ein anderes der blinde menschliche Prediger wider die Sünde.« Der König staunte, wie sich so bestrickend Torheit und Weisheit in Edmunds Rede zusammenwob. War er ein Schwärmer, der sich selbst, oder ein Heuchler, der die Welt betrog? über dieser Frage sinnend, schritt Karl im Zimmer auf und ab und erwog zugleich, ob sich nicht eine Strafe finden lasse, die den Heuchler züchtige, den Schwärmer aber bekehre, eine Strafe, die für Edmund keine Marter sei, wenn er ehrlich sich selbst betrüge, die ihn dagegen tief demütigen müsse, wenn er mit logischem Truggefecht bloß seine geheime Lüderlichkeit haben decken wollen. Endlich glaubte er, eine solche Strafe, stumpf für den überzeugten Schwärmer, scharf für den Heuchler, in Edmunds eigener Sophistik gefunden zu haben. Er sprach: »Du strebst nach doppeltem Ziel, nach dem Ruhm eines weisen und zugleich eines tugendhaften Mannes. Wenn du nun glaubst, daß man zuzeiten lasterhaft sein müsse, um seine Brüder auf den Weg der Tugend zu führen, so muß man ohne Zweifel auch zuzeiten ein Narr sein, um die Weisheit zu predigen. Ich gedachte gestern, dich unter dem Namen Catos des Zensors an den Tisch meiner gelehrten Freunde zu laden. Allein die Maske, welche du dir selbst gewählt, ist eine andere als des gestrengen Römers. Wohlan! Du sollst bei jener Tafelrunde erscheinen, aber nicht als der Weise, sondern als der Narr, ganz deinem eigenen Grundsatze gemäß. Wir hörten neulich die alte Geschichte von Salomon und dessen lustigem Diener Morolf, der jeden weisen Spruch des Königs mit närrischem Trugschluß sofort zu närrischem Widersinn verkehrt und dennoch nicht bloß die Narrheit in der Weisheit, sondern ebensooft auch die Weisheit in der Narrheit enthüllte. Vorhin schon gemahnte mich an Morolfs Schlüsse deine spitzige Sophistik. Darum sollst du nicht der Cato, sondern der Morolf unseres Kreises sein. Edmund der Angelsachse sei verbannt von meinem Hofe, und er hüte sich, daß er wiederkomme, bevor ich ihn rufe; nur Morolf den Narren will ich sehen. Aber wehe ihm, wenn er die Maske ablegt, es sei denn, daß ich's ihm mit Wort oder Wink ausdrücklich erlaubt habe!« Edmund hörte diesen Bannspruch mit so starrem, feierlichem Ernste an, als habe ihm der König aufgetragen, als sein bevollmächtigter Sendbote durch das Reich zu ziehen, und sprach mit tiefer Verbeugung: »Dein Befehl, o weiser Herrscher, soll erfüllt werden.« Doch spielte ein leises Lächeln kaum merkbar um seinen Mund, da er diese Worte sprach. Dem Adlerauge Karls entging dieses Lächeln nicht, und er fragte rasch, was es bedeute. »Fragst du Edmund oder Morolf?« entgegnete der Angelsachse. »Da Morolf zu lächeln schien, als Edmund sich so ernst verbeugte, so möge auch Morolf Rede stehen.« »Wohlan, mein gnädiger König, wenn Morolf reden darf, so erinnert er seinen Herrn vor allem daran, daß es das schönste Vorrecht eines Narren ist, ungestraft die Wahrheit sagen zu dürfen. Du glaubtest, mich mit scharfem Spott zu decken, da du mich verdammtest, die Rolle des Schwelgers, die ich gestern unter den Zechern spielte, nun als die Rolle des Narren unter deinen gelehrten Freunden fortzuführen. In der Tat aber ludest du dadurch noch schärferen Spott auf diesen Freundeskreis als auf mich. Denn nur zum Studium betrank ich mich mit jenen Leuten, die im Ernste betrunken waren; so ist denn die klare Folge, daß ich auch zum Studium ein Narr werden soll unter Leuten, die es im Ernste sind.« Karl erwiderte ohne Groll: »Morolf hat sein erstes Probestück gelungen abgelegt!« und beurlaubte ihn. Lange aber schaute er dem rätselhaften Manne sinnend nach, und es reute ihn fast, daß er Edmund im stillen einen Schwärmer genannt, der doch nur ein frecher Heuchler zu sein schien. Dann aber erinnerte er sich wieder, daß es auch eiskalte Schwärmer gibt, Schwärmer des Verstandes, deren Blick ganz ähnlich durch den Frostnebel ihrer eigenen Sophistik getrübt wird wie das Auge anderer durch den Glutdampf ihrer Gefühle. Da nun aber der König schon in den nächsten Tagen nach Ingelheim zog, so dünkte ihm folgendes ein Probezeichen. Er beschloß keinen weiteren Zwang auf Edmund zu üben; folge derselbe freiwillig in die Ingelheimer Pfalz, um dort die auferlegte demütigende Rolle durchzuführen, dann glaube er auch wohl im Ernst an seine Trugschlüsse; entfliehe er aber, wozu die Stunde so günstig, dann sei er eben bloß der entlarvte Heuchler, welcher sich mit frechem Witz über die beschämende Entdeckung hinwegzuhelfen gewußt. Seltsamerweise aber ward es dem König diesmal saurer, nach Ingelheim zu ziehen, als dem Angelsachsen. Denn als sich Karl zum Wegreiten anschickte, wurde ihm das Herz so schwer, als gälte es einen ewigen Abschied von der Liebe und vom Leben. Der Zauber des Ringes fesselte ihn an Aachen, in dessen Bann derselbe versteckt lag. Aber auch Fastrada wollte Aachen nicht verlassen. Weinend bat sie ihren Gemahl, daß er nur noch etliche Tage bleiben möge, und als Karl um den Grund der verzweiflungsvoll ungestümen Bitte frug, wußte sie keinen anzugeben, so daß er nicht minder über Fastrada staunte wie über sich selbst. Die Königin war untröstlich über den Verlust des Ringes, mußte aber ihre Angst verbergen und vermochte es doch nicht; sie suchte nach dem Ringe, wagte aber nicht, ihre Frauen zum Mitsuchen aufzufordern; denn ihre Besorgnis, die Unrechte möge den Ring finden und seine Zauberkraft sogleich an sich erfahren, war nicht minder groß als die Furcht, der Ring möge für immer verloren sein. Solange sie noch in Aachen blieb, konnte sie auch noch den Ring zu finden hoffen; vor Ingelheim aber grauste es ihr, als stehe dort das Grab ihrer Liebe. So fesselte der wirkende Zauber des Ringes den König an Aachen, der verlorene Zauber des Ringes die Königin. Der Mann aber, welcher jenen Zauber jetzt in Händen hielt und ihn für sich am besten hätte brauchen können, Edmund, spottete über den König und die Königin wie über den Ring. Mit natürlichen Waffen, mit der Macht seines Verstandes wollte er den großen Karl besiegen und nicht mit Feengold, welches jeder Esel ebensogut als er im Hausgange des Palatiums hätte finden und halb oder ganz stehlen können. Er allein rüstete sich frohen Mutes zur Reise nach Ingelheim. Doch wollte er den Ring mitnehmen und in Ingelheim für alle Fälle aufs neue verstecken. Karl ermannte sich; zur vorgesetzten Stunde brach er von Aachen auf. Schweigend und beklommen gleich der trostlosen Königin, ritt er mit dem stattlichen Gefolge rheinaufwärts. Edmund folgte ihm erst nach mehreren Tagen als ein einsamer Wanderer, wie es verabredet war. Drittes Kapitel. Die gelehrten Genossen wähnten, daß er in Aachen zurückgeblieben sei, und die Maske, in welcher er plötzlich am Hofe zu Ingelheim auftauchte, war so gelungen, daß niemand hinter diesem Gaukler Morolf den bußpredigenden Angelsachsen vermutet hätte. Selbst König Karl war aufs neue überrascht von der völlig verwandelten Erscheinung und meinte, Edmund verstehe der Moral kaum minder kunstreich eine wächserne Nase zu drehen als seinem eigenen Gesichte. Zugleich aber grauste es dem König vor sich selbst. Ein heimliches Wohlbehagen war ihm wiedergekehrt, der Zug der Sehnsucht gebrochen, seit er Edmund wiedersah. Das wirkte Fastrades Ring, welchen der Angelsachse jetzt in seiner Herberge versteckt hatte. Der König aber, der von dem Ring nichts wußte, sprach zu sich: »Entweder ist dieser Edmund ein Heiliger, von Gott gesandt, daß er mir die geheimsten Fallstricke des Teufels zeige, und in der Nähe eines Heiligen muß es einem ja wohl himmlisch leicht zumute werden; oder er ist ein Teufel von einem Menschen, schön wie die alte Schlange, und was mich in seiner Nähe wieder warm und heiter aufleben läßt, das ist der wollüstige Zauber der Sünde.« Am Tage nach seiner Ankunft sollte Edmund zum erstenmal als Morolf in Karls gelehrtem Freundeskreise erscheinen, damit er, seinem Grundsatze gemäß, nun auch ein Narr werde um der Weisheit willen. Schon eine Stunde vor der bestimmten Frist ging er in der Vorhalle des Palastes auf und nieder, als studiere er seine Rolle. Plötzlich trat ihm ein fremdes Mädchen in den Weg, und da sie ihn wegen seines buntscheckigen Narrenrockes für einen besonders hohen Hofbeamten hielt, so fragte sie schüchtern, ob er ihr nicht verhelfen könne, den König Karl zu sprechen. Edmund fragte dagegen, wer sie sei und was sie begehre. Hierauf erzählte das Mädchen, sie komme von Nochern im Einrich, gut eine Tagreise von hier. Ihr Vater sei ein freier Mann, Ruoding mit Namen, sie selbst heiße Gisela und werde in der Ernte zwanzig Jahre alt. In dem Weiler Bornich unweit ihres Heimatortes wohne Meginher, welcher bei dem Vater um sie geworben habe, ihr Vater aber wolle sie dem Meginher nicht geben, und sie begehre den Mann noch weniger. Der habe nun ihrem Vater aufgelauert und halte ihn gefangen, damit er ihm die Hand der Tochter abzwinge. Ihre Freundschaft in Nochern sei dann ausgezogen, um den Alten zu befreien; die Männer von Bornich aber stritten für ihren Gemeindegenossen, den Meginher, und so lägen beide Orte in unentschiedener Fehde. Damit nun der Streit gestillt werde und ihr Vater wieder frei, sei sie hierher gekommen zum König Karl, der müsse, wenn er sie nur einmal angehört, mit seinem starken Arme dreinfahren und Recht und Friede schaffen in Nochern und in Bornich. Edmund besann sich eine Weile, und sein Auge ruhte auf dem Mädchen, als ob er mehr ihre Schönheit prüfe als ihre Sache. Dann sprach er: »Der nächste Weg zum Herzen Karls führt durch das Gemach der Fastrada. Ich kann dich, ein verlassenes Mädchen, doch nicht so gerade vor den Thron des Königs bringen, und gingest du zur Königin, so würde sie dein Anliegen vielleicht nur hören, um es in einer Stunde wieder zu vergessen. Ich will dir aber den besten Geleitsbrief geben, daß dich die Königin ihr Leben lang im Sinne behalten und dir jede mögliche Gnade erweisen soll.« Hierauf hieß er das Mädchen mitgehen, holte in seiner Herberge Fastradens Ring und gab ihr denselben. Dazu prägte er ihr aufs schärfste folgende Weisung ein: »Halte dich mit diesem Ringe fern vom Palaste bis eine Stunde vor Sonnenuntergang. Dann begib dich in den Garten der Königsburg und erwarte Fastraden, die zu jener Zeit dort lustwandeln wird und die du an ihrem Gefolge von Frauen und Dienern leicht erkennen magst. Komme nicht zu früh und nicht zu spät; der ganze Erfolg hängt an der rechten Stunde. Trittst du aber vor die Königin, so überreiche ihr sofort den Ring. Sie hat ihn verloren und ist tief betrübt darüber; denn ihr Herz hängt an dem schlichten Goldreif, als sei er ihr köstlichstes Kleinod. Sage, du habest ihn gefunden. Kein Lohn wird ihr zu hoch sein für den Finder des Ringes. Und danach erzähle ihr die Geschichte von deinem Vater.« Gisela in ihrer Herzensangst versprach, genau zu folgen, allein sie hatte doch so vielen Mutterwitz aus Nochern im Einrich mitgebracht, daß sie zögernd die Frage einwarf: »Wenn den Finder so hohe Gnade erwartet, warum überbringet Ihr denn den Ring nicht selber?« Edmund erwiderte: »Das wollte ich eben tun, als du mir begegnetest. Dein Unglück bewegte mich tief, und ich erkannte, daß dir der Ring doch ein unendlich wichtigerer Fund gewesen wäre als mir, und trete dir also diesen Fund mit Freuden ab. Und am Ende ist ja der Dank eines so guten und schönen Mädchens kein schlechterer Finderlohn als der Dank einer Königin.« Gisela zog sich zurück, hocherfreut darüber, daß die vornehmen Hofleute so edle Menschen seien. Edmund aber ging in den Palast, wo sich jetzt die gelehrte Tafelrunde unter dem Vorsitze des großen Frankenkönigs versammelte. Erkannt nur von einem, durchschaut von niemandem, setzte er sich als Morolf seitab in einen Winkel des Gemaches. Heimlich strafende oder verachtende Blicke der ernsten Männer fielen wohl auf die bunte Geckengestalt; doch wagte keiner eine Frage über den seltsamen Gast. Dieser aber heftete sein Auge auf die Versammlung mit der philosophischen Würde eines Pudels, welcher spielenden Kindern zusieht. Man besprach jenes Buch lateinischer Musterpredigten, die König Karl durch Paul Warnefried für die Geistlichen seines Reiches hatte entwerfen lassen. Einhard rühmte die reine Sprache, Angilbert den dichterischen Schwung, Alkuin den echten Glaubensgehalt, und manche bedeutende Stelle ward mit lautem Beifall vorgelesen. Zuallerletzt forderte der König auch Morolf auf, daß er seine Meinung sage. Dieser sprach: »Das Beste an jenen Predigten ist ohne Zweifel das Latein. Ein Hofmann erzählte mir: Wenn die fränkischen Geistlichen den König mit lateinischen Bettelbriefen bestürmen, so ist ihr Küchenlatein, in welchem sie jammern, meist noch weit armseliger als ihre Küche, über welche sie jammern. Betteln sie aber den König mündlich auf deutsch an, so gewahrt man, daß sie auch nicht einmal ordentlich deutsch reden, geschweige schreiben können. Nun werden sie freilich Paul Warnefrieds klassische Sprache nicht übel verketzern, indem sie dieselbe von den Kanzeln ablesen. Da aber das andächtige Volk gar kein Latein versteht, so hört es auch die Leseschnitzer seiner Pfarrer nicht, die nur ganz wenig davon verstehen. Läsen jene eine deutsche Predigt ab, so würde das Volk über ihre stotternde Unwissenheit spotten. Jetzt aber ist beiden Teilen geholfen: dem Pfarrer ist die Beschämung erspart und dem Laien das Ärgernis. Darum ist das Latein an jenen Predigten das Beste.« Die anderen staunten über die vermessene Sprache und blickten fragend auf den König, ob er den Gesellen, der so keck über seine Narrenrolle hinauswuchs, nicht zur Ruhe verweise. Karl aber sagte lächelnd: »Dieser Narr ist zur Stunde der mächtigste meiner Vasallen; denn kraft seiner Kappe hat er das Recht, mich ungestraft mit dem herbsten Spotte zu schlagen.« Im stillen Sinne war es dem König jedoch gar nicht ums Lächeln; Morolfs Worte nagten an ihm. Fühlte er doch den Stachel nur zu tief, der nicht bloß jene unwissenden Pfaffen traf, sondern auch seinen eigenen Erziehungsplan des fränkischen Volkes. Die Gesellschaft ging zu einem heiteren Spiele über. In Epigrammen und Rätseln entspann sich ein Wettkampf des Scharfsinnes und der Formgewandtheit. Morolf verharrte bei den Scherzen und Neckereien der anderen teilnahmlos, in feierlichem Ernste. Von Karl befragt, weshalb er denn jetzt nicht mittue, wo seinem Witz das rechte Feld geöffnet sei, erwiderte er: »Gewöhnliche Menschen mag der Weise in der Narrenkappe mit dem Witze des Wortes zum Lachen kitzeln, vor einem großen Fürsten aber suche ich den Witz der Tatsachen, der uns die Stirne runzelt, indem wir lächeln wollen.« »Unsere Rätsel sind dem Narren zu lustig«, sagte der König. »Wohlan, so wollen wir ihm ein ernstes Rätsel aufgeben. Was ist das verdrießlichste Ding für einen Heuchler?« Morolf antwortete rasch: »Daß es auf deutsch nur die Wörter ja und nein gibt und kein drittes, welches genau mitteninne steht zwischen beiden.« »Und wärst du nicht der Mann, dem Mangel abzuhelfen und die Sprache mit dem dritten Wort zu bereichern?« »Vielleicht – wenn du mir, o erhabener Herrscher, noch zwei Gehilfen zu der häkligen Arbeit gäbest. Drei machen ein Kollegium. Berufe zu dem Gaukler noch einen Staatsmann und einen Geistlichen. Diese drei bedürfen am häufigsten eines Wortes, welches nicht ja und nicht nein ist, und ich hoffe, sie sollen es zusammen finden.« »Du verstehst dich auf spitze Reden«, sprach der König, »so wirst du uns auch ein Epigramm nicht schuldig bleiben. Sag an, Geselle, Mann der Widersprüche, kannst du uns keinen Vers machen auf einen Sittenprediger, der selber sündigt, damit er anderen desto sicherer die Sünde austreibe?« Die Genossen des Königs verstanden nicht, was dieses dunkle Wort besagen solle, aber rätselhafter noch als das Wort erschien ihnen der Fremde, an welchen es gerichtet war. Morolf besann sich eine Weile, dann erwiderte er: »Einen Vers kann ich nicht machen; denn Kinder und Narren dichten nicht, weil sie die Wahrheit reden. Aber eine Geschichte will ich erzählen zu jenem Text, die fast wie ein Epigramm klingt, und vielleicht setzt sie Angilbert nachgehends in Verse und verwebt sie in sein Heldengedicht vom großen König Karl. In einen Gau, wo viele gefangene Sachsen siedeln, die nach dem letzten Kriegszuge ins Frankenland hereinverbannt wurden, kamen unlängst zwei königliche Sendboten und mahnten in ihres Herren Auftrag zu christlichem Glauben, christlicher Milde, Liebe und Tugend. Da erhob sich ein trutziger alter Sachse und sprach: ›Wie prediget ihr Tugenden, die ihr selbst verachtet! Mit Gewalt habt ihr uns von der Seite unserer Brüder gerissen und in dies traurige Land verpflanzt und tausend wehrlose Gefangene an einem Tage abgeschlachtet: ist das christliche Liebe? Meinen Sohn habt ihr hingerichtet, weil er während des vierzigtägigen Fastens Fleisch aß, meinen Neffen, weil er seines Vaters Leiche nach altem Sachsenbrauch verbrannte: ist das christliche Milde?‹ – Hierauf entgegnete der eine der Sendboten: ›Törichter Mann! Jetzt, da ihr Christen und durch das Wasser der heiligen Taufe weich geworden seid, predigen wir euch Liebe und Milde; da ihr noch Heiden waret, predigten und brachten wir euch Tod und Verderben, und das von Rechts wegen. Wie hätten wir so harte Klötze von Heiden mürbe schlagen wollen, wenn wir nicht noch viel härter und heidenmäßiger als ihr selber dreingefahren wären? Wir wurden grausam aus Milde, Heiden aus Christentum. Ist unsere Grausamkeit Sünde gewesen, so sündigten wir doch nur, um euch von der Sünde zu befreien, und also ward unsere Sünde wiederum zur Tugend. Denn nicht was wir getan, entscheidet vor Gott, sondern warum wir's getan!‹ – So sprach der königliche Sendbote.« Zornglühend rollte Karls Auge, und die Hand fuhr zum Schwertgriff; – doch rasch gewann er wieder seine erhabene Ruhe und durchbohrte den überkühnen Sprecher nur noch mit dem Schwerte seines Blickes als einen Menschen, der unter der Ehre seines Eisens stehe. Dann sprach er gelassen zu den Umstehenden: »An diesem lustigen Bruder ist ein Beichtvater verdorben; er ziehet den Leuten die Sünde aus dem Gewissen, noch ehe sie selber ahnen, daß sie damit behaftet sind.« Zu Edmund aber sagte er: »Ich verstehe den Witz der Tatsachen: Ein Zauberer hat Cato den Zensor zur Strafe in den Narren Morolf verwandelt; da zeigt Morolf dem Zauberer zur Strafe, daß man im Narrenrocke viel leichter noch Cato sein könne als im Philosophenmantel. Aber warte nur! Es wird ein gewaltigerer Zensor über Cato wie über Morolf kommen und beide entlarven; dann wird vom wahren Weisen und vom wahren Narren wenig übrigbleiben, desto mehr aber vom wahren Heuchler!« Morolf entgegnete leise: »Der Narr wenigstens heuchelt nicht. Darum sage ich dem Könige: er hat den Witz der Tatsachen nur halb enträtselt. Doch mag er ihn leicht noch ganz ergründen, bevor der Tag zu Ende geht.« Karl entließ die staunenden Freunde samt dem bitteren Spötter. Voll wild wogender Gefühle schritt er noch eine Weile im Zimmer auf und ab. Gleich einer Schlange war dieser Edmund wiederum seiner Hand entschlüpft, die sonst so sicher jeden Sterblichen zu packen wußte. Als er ihn neulich in Aachen entlarven wollte, hatte der Angelsachse sofort freiwillig die Maske abgenommen, aber das Gesicht, welches er nun gezeigt, war wiederum eine neue Maske, und heute, wo Karl ihn zu demütigen gedachte, war er, der gewaltige König, vielmehr im Innersten gedemütigt worden. Keiner hatte es je gewagt, mit so schneidigem Hohn die geheimen Widersprüche seines begeisterten Strebens bloßzulegen. Edmund war eine Satire auf sich selbst; aber wer ihn genau ansah, der gewahrte zugleich auch sein eigenes Zerrbild, wie aus dem Spiegel zurückgestrahlt. Erschütternde Zweifel bebten in der festen Brust des Königs nach. Er bedurfte Luft, Sonnenlicht, einen raschen Gang. Noch war es früh am hellen Sommerabend, die Stunde, wo er sich täglich im Garten der Königsburg zu ergehen pflegte. Er eilte hinaus. Viertes Kapitel. Karl mochte sonst am liebsten durch den Garten hinab zum Rheinufer wandeln. Er schlug auch heute diesen Weg ein; aber als er nach dem Fluß und den fern abschließenden Bergen des Rheingaues sah, deuchte ihm der fröhlich wogende grüne Strom starr und schwarz wie das tote Meer und die sonnenglühenden Hügel von Rüdesheim öde und kalt, als wehe Gletscherluft von dort herüber. Der Weg blieb ihm unter den Füßen stecken, und die Bußgedanken, welche Morolf geweckt, wollten ihm nicht aus dem Kopfe. Da wandte er sich zurück und ging nach der entgegengesetzten Seite tiefer in den Garten hinein. Der Weg ward ihm leichter mit jedem Schritte, der Sinn heiterer, die Sonnenstrahlen des Paradieses schienen ihm jetzt auf dem Garten zu ruhen, die Rosen wie rote Flammen zu glühen und Düfte auszuströmen, süßer wie aller Weihrauch Arabiens. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn rascher und rascher vorwärts, bis er vor einer Linde stand, an deren Stamm ein Mädchen im schlichtesten Gewand sich lehnte, harrend, die Rechte über die Augen haltend, spähte sie gegen das Sonnenlicht den Weg hinauf. Es war Gisela, die in ihrer Linken Fastradens Ring fest verschlossen hielt, und es war der Ring, dessen Zauber den König dorthin gezogen. Ein verwandelter Mann, trat er dem Mädchen gegenüber. Er fühlte sich nicht mehr als Salomon und dachte nicht mehr an Morolf, er dachte nur, daß dies das schönste Kind sei, welches er in seinem Leben je gesehen. Anfangs glaubte er, Fastrada stehe vor ihm, und sicherlich war ihm sein Herz geradeso bewegt, wie es bis dahin nur Fastrada zu bewegen wußte. Aber die Gestalt war eine andere. »Was suchst du hier?« redete er das Mädchen an. »Die Einsamkeit!« erwiderte Gisela und wandte den Blick zur Seite. Das war deutsch gesprochen, und der König trat verdrießlich einen Schritt zurück. Dann aber dachte er bei sich: ein schönes Mädchen, welches die Einsamkeit sucht, will darum oft am wenigsten allein sein, und zu zweien ist auch einsam. Zwar war es ihm dann wieder, als lüge er mit diesem Gedanken aus der Seele des Mädchens heraus; allein der Zauber des Ringes war zu mächtig. »Du bist fremd hier«, begann er wieder teilnahmevoll. »Es schickt sich nicht für dich, allein in diesem Garten zu schweifen. Erlaube, daß ich bei dir bleibe und dich führe.« »Sage vielmehr: Es schickt sich nicht, daß du mich führest. Wer auf guten Wegen geht, der gehet auch allein sicher«, entgegnete die Jungfrau in steigender Angst. Denn sie kannte den König nicht und fürchtete, daß dieser fremde Mann sie abhalte, die Königin zu bespähen. Es zuckte durch Karls Gewissen: Gisela hatte die Lüge aufgedeckt, welche in dem artigen Worte saß, das Tausende gedankenlos gesprochen und angehört hätten. Aber der Zauber des Ringes war zu mächtig. »Du bist nicht, die du scheinst!« rief er in wachsender Leidenschaft. »Du bist vornehmer als dein Kleid. Wie nennst du dich? Schön und edel wie ein Königskind, sollst du fortan auch leben als eine Königin! Gib mir die Hand, folge mir!« Und er faßte sie bei der Hand und wollte sie von der Linde hinwegziehen, wider deren Stamm sie sich wie festgebannt lehnte. »O Schmach!« rief Gisela. »Du bist schlimmer noch als Meginher!« »Wer ist Meginher?« fragte Karl mit flammendem Auge. »Meginher wollte mich zum Weibe nehmen wider meinen Willen. Da entführte er meinen Vater, um ihm meine Hand abzuzwingen; denn die Tochter gehört dem Vater. Indem der Räuber aber solchergestalt das Recht am wehrhaften Mann brach, ehrte er es doch an dem wehrlosen Mädchen.« Rasch fiel ihr Karl ins Wort: »Meginher wird deinen Vater freigeben und Buße zahlen, überlaß das mir: – ich bin dein König.« Wie aber ein Nachtwandler erwacht, wenn er seinen Namen hört, oder ein Fieberkranker aus seinem Irrereden zu sich selber kommt, wenn es ihm plötzlich einfällt, wie er bei Namen heiße, so erwachte auch Karl, da er sich selbst einen König genannt hatte. Obgleich er Rechtssühne verhieß als König, war er doch unköniglich aus dem Bann der Treue und Sitte getreten. Das fühlte er. Aber zugleich entschuldigte er sich vor seinem Gewissen, daß er im Geiste ja erhaben sei über dem Spiele seiner Leidenschaft, daß er wieder rein und echt König und Gatte sein könne, sobald er es nur wolle. Warum sollte er sich nicht mit solchem Vorbehalt ganz menschlich jenem Spiel auf ein paar Stunden hingeben? Gisela aber sprach: »Mein König bist du nicht, magst du das Wort im Bilde oder ernsthaft nehmen. Du bist zu klein für den König!« Da sie aber auf Karls Gesicht blickte und in den mächtigen Zügen den Kampf der Gedanken sah, die sich widereinander entschuldigten und verklagten, überkam sie plötzlich eine furchtbare Angst, und sie rief: »Der Mann ist wahnsinnig!«, und als ihr Karl beruhigend näher treten wollte, sprang sie wie ein gescheuchtes Reh davon. Im selben Augenblick kamen Leute den Weg herab; Gisela lief ihnen entgegen mit dem Hilferuf: »Rettet mich vor diesem wahnsinnigen Manne!« Es war Fastrada, gefolgt von ihren Frauen und Dienern. Wie zwei Marmorbilder standen sich König und Königin gegenüber; Gisela lag wie bewußtlos zu Fastradens Füßen. Da trat Morolf aus dem Hintergrunde hervor. Er hatte mit den anderen Dienern die Königin und ihre Frauen begleitet und auf dem Abendgange ergötzt; denn der Ruf seines Witzes war in den zwei Tagen am ganzen Hofe durchgedrungen, und jeder wollte den Narren sehen, der den strengen Edmund so lächerlich getreu nachmachen könne. Er sprach: »Verzeihung, hohe Herrin, für einen Maskenscherz!« und nahm das schwarze Haar vom Kopfe und die große Nase vom Gesicht. »Ich bin nicht Morolf, sondern Edmund. Um die Schwächen der Menschen zu ergründen und zu geißeln, wählte ich schon in Aachen diese Maske und mischte mich unter Schlemmer und Toren und ward töricht mit ihnen zu Ehren der Mäßigkeit und Weisheit. Auf Befehl Eures erhabenen Gemahls führte ich hier diese Rolle weiter, ja der König nahm selber teil daran. Nicht als ein König, sondern als ein gewöhnlicher Mann belauschte er in Aachen die trunkenen Diener und Landstreicher und ließ sich hier von einem Narren Dinge sagen, welche der Herrscher des Frankenreiches nimmer hätte anhören dürfen. So nahte er sich wohl auch diesem Mädchen in der Maske der Leidenschaft, um ihr Herz zu erforschen, wie er überall in diesen Tagen die Herzen der Seinen erforscht hat. Nicht Edmund war es, hohe Herrin, der Euch hierher begleitete, sondern Morolf; jetzt aber steht Edmund vor Euch. So war es auch nicht König Karl, welcher vorhin bei der Linde stand; aber der Euch entgegenschritt wie ein König, als Ihr nahtet, das war König Karl!« Während Edmund noch sprach, war Gisela wieder zur Besinnung gekommen, erkannte, daß sie vor der Königin stehe, und überreichte ihr schweigend den gefundenen Ring. Karl, der das Auge zu Boden schlug, sah es nicht. Aber kaum hatte Edmund geendet, so erhob er das Auge und war wieder ganz, wie jener gesagt, der König und rief dem Angelsachsen zornig entgegen: »Du lügst, Heuchler! Ich machte nicht gemeines Spiel mit dir! Ich erkenne meine Schuld und will sie nicht verbergen vor der gekränkten Königin.« Jetzt aber war es an Fastraden, ihm rasch ins Wort zu fallen. Denn sie erkannte augenblicklich, daß nur der Zauber des Ringes Karls Leidenschaft für das fremde Mädchen geweckt, und da der König wohl die Wirkung, nicht aber die Ursache dieses Zaubers an ihr selbst wieder erfahren sollte, so schnitt sie jenes Schuldbekenntnis ab mit Worten der Liebe und Verzeihung. Dem Könige fiel es wie Schuppen von den Augen. Gisela, des Ringes ledig, dünkte ihm reizlos, Fastrada dagegen ein herrlicheres Weib als je zuvor. Ein doppelter Zauber wirkte in ihr: der magische des Ringes und der natürliche der Güte, Huld und Vergebung. Und da zugleich der plötzliche Übergang von Angst und Kummer zur Seligkeit des wiedergewonnenen Liebesbesitzes verklärend in Blick und Stimme Fastradens nachzitterte, so fragt es sich, ob diesmal der natürliche Zauber nicht mächtiger noch gewesen sei als der magische. Beide glaubten, ein Geheimnis zu wissen, welches dem anderen verborgen liege, und doch wußte nur Edmund das volle Geheimnis beider. So mochten alle drei gern eine Weile schweigend sinnen. Gisela unterbrach diese Pause, um die Geschichte von Meginher und ihrem Vater wiederholt und genauer zu erzählen und Recht von dem Könige zu erbitten. Mit stiller Beschämung entgegnete Karl: »Ich habe dir schon versprochen: Meginher wird deinen Vater freigeben und Buße zahlen. Glaubst du jetzt, daß ich dein König bin?« Fastrada rief das Mädchen beiseite unter dem Vorwande eines Geschenkes, eigentlich aber, um sie leise auszufragen, wie sie zu dem Ring gekommen sei. Gisela bekannte, daß ihr Edmund denselben gegeben, und die Königin beschloß, in der ersten unbewachten Stunde den rätselhaften Mann scharf ins Verhör zu nehmen. Zugleich hatte der König den Angelsachsen beiseite genommen und fragte ihn leise mit zornigem Blick: »Welche Strafe soll ich dir zumessen, daß du deine Maske fallen ließest, bevor ich es dir ausdrücklich befahl?« »Mit Wort oder Wink, hattest du gesagt, mein König«, entgegnete Edmund. »Du selbst zwar winktest nicht, aber die Lage, in welcher du dich befandest, winkte, und in dem Wink der Lage vollendete sich erst jener Witz der Tatsachen, den ich dir als Morolf statt eitler Wortwitze verhieß.« Die Königin trat dazwischen. Als Karl eine Weile an ihrer Seite weitergewandelt war dem Palaste entgegen, sah er sich nach Edmund um. Er war verschwunden. Fünftes Kapitel. König Karl hielt in stiller Nacht auf einsamem Lager Rückschau über die Erlebnisse des Tages; er konnte keinen Schlaf mehr finden. Dieser Edmund, welchen er so sicher zu demütigen gedachte, hatte ihn vielmehr gedemütigt, ja er hatte jene verruchte Moral, wofür er bestraft werden sollte, zuletzt noch benützt, um den König selbst aus viel schlimmerer Verlegenheit zu reißen. Karl mußte ihm wohl gar noch danken für die Trugschlüsse seiner höchst brauchbaren Sophistik. Freilich hatte der König, da er sich selber wiederfand, diese Hilfe mit Abscheu zurückgewiesen; allein waren die Gedanken, mit welchen er vorher angesichts der schönen Gisela sein Gewissen im stillen beschwichtigte, nicht im Grunde dieselben gewesen, welche Edmund laut ausgesprochen hatte? Doch war Karl durch Edmund, diesen Teufel von einem Heiligen, wenigstens um eine Erkenntnis reicher geworden, welche ihm mit aller Seelenqual nicht zu teuer erkauft schien. Was Edmund die höchste Kunst des Weisen genannt, sündigend im Geiste erhaben zu bleiben über der Sünde, das erkannte Karl jetzt vielmehr als den Fallstrick zur wahren Todsünde. Sündhafter noch als die Tat der Sünde dünkten ihm die Gedanken, mit welchen wir jene entschuldigen. Und je weiser einer ist, um so ärger sündigt er durch solche Gedanken. Wird es dem hellsten Verstande leichter, die Sünde zu durchschauen und zu fliehen, als dem dämmernden Geiste gewöhnlicher Menschen, so wird es ihm auch leichter, den Mantel der Sophistik über dieselbe zu breiten und sich im Geiste erhaben zu wähnen über die eigene schlechte Tat. Und so hat der Weise doch wiederum nur die größere Gefahr voraus, wie sich's auch gebührt. Karl aber, der sich bis dahin vor allen im Geiste erhaben gewußt über die Fehltritte, welche er dennoch beging, erschien sich jetzt vor allen als der ärgste Sünder. Seine innere Angst aber wuchs, als er sich von dieser Selbstschau menschlicher Schwächen zu den politischen des Königs wandte, wie sie Morolf heute leise und doch so kühn zu berühren gewagt. Überall erblickte er den ähnlichen Selbstbetrug: gute Zwecke und schlechte Mittel. Edmunds Moral war ihm zum Gespenst geworden, welches ihm fast aus jeder seiner Herrschertaten drohend entgegenstieg. Und in diesem steten Widerspruch halber Lüge und halber Wahrheit begann ihm aller feste Boden unter den Füßen zu wanken, und sein mächtiges Frankenreich deuchte ihm zuletzt nur noch ein windschiefer Bau, den er allein mit gespanntester Kraft mühsam noch im Sturze stütze. Doch die Faust ward ihm im wachen Traume schwächer und immer schwächer, und vergebens sah er sich nach den Söhnen um, die ihm gleich verzweiflungsmutig helfen, die ihm die ungeheure Last abnehmen könnten, wenn jene Faust im Tode erstarrte. Da fiel er in Schlaf und sah im Traume das seltsame Bild, von welchem ein Mainzer Mönch geschrieben hat. Ein Mann mit Edmunds finsteren, kalten Zügen trat vor ihn und übergab ihm ein blankes Schwert, worauf vier deutsche Worte geschrieben standen, und forderte ihn auf, die Schrift zu lesen und fest im Gedächtnis zu halten, denn sie werde sich erfüllen zur bestimmten Zeit. Unter dem Griff des Schwertes stand »Raht«, in der Mitte der Schneide erst »Radoleiba«, dann »Nasg« und an der Spitze »Enti«. Als aber Karl erwachte, wußte er die vier Worte noch ganz genau. Am frühen Morgen ließ er Edmund rufen, erzählte ihm den Traum und forderte, daß er, dessen Gestalt ihm in jenem Nachtgesicht das Schwert gegeben, nun auch den Rätselsinn der Inschrift lösen solle. Edmund beteuerte, es nicht zu können, und wenn je ein Mensch die dunkeln Worte zu deuten vermöge, so sei es König Karl selber. »Denn die tiefsten Träume«, so schloß er, »steigen auf aus unseres eigenen Geistes heimlichsten Gedanken, und nur in unseren heimlichsten Gedanken finden wir darum auch den Schlüssel ihres Sinnes.« Diesem Winke folgend, dachte Karl lange nach über die vier Worte. Dann aber berief er die Großen und Weisen seines Hofes, legte ihnen den Traum vor und forderte sie auf, ihn zu deuten. Doch alle verstummten. Da nahm der König das Wort und sprach: »Der Herr, welcher mir im Schlafe den Mann mit dem Schwerte geschickt, hat auch im Wachen meinen Geist erleuchtet, daß ich den Zusammenhang jener Worte fand. Sie verkünden das Schicksal unseres Reiches. ›Raht‹ – Vorrat und Fülle – bezeichnet die Gegenwart, welche uns im Überflusse der Güter und der Macht sieht. ›Radoleiba‹ – Erbteil – wird meinen Söhnen zufallen; aber wer bloß erbt und nicht auch erarbeitet, der mindert Gut und Macht. Unter den Enkeln schon kommt darum ›Nasg‹: naschen und rauben wird man an den Trümmern des Erbes; und sind auch diese raubenden und beraubten Enkel dahingegangen, dann wird sich erfüllen, was an der Spitze des Schwertes steht: es nahet ›Enti‹, ob aber das Ende der Welt oder bloß unseres Stammes und Reiches, das weiß Gott der Herr allein.« So tief und schmerzlich bewegten Geistes schaute Karl die Zukunft seines großen Lebenswerkes und war zu der nagenden Selbstprüfung doch nur durch einen Menschen aufgerüttelt worden, von welchem er immer noch nicht wußte, ob derselbe der weiseste Narr sei oder der tugendhafteste Heuchler. Als sich Karl darum wieder allein fand, ließ er abermals Edmund rufen und befahl ihm mit scharfem Ernste, daß er nun ohne Umschweif bekenne, welches von Haus aus sein natürliches Gesicht sei und welches die Maske. Ob der strenge Edmund sich mit Absicht in den wüsten Narren vermummt habe oder der schwelgende, verneinende Morolf in den herben Asketen und Eiferer? Ob er wirklich jemals geglaubt habe, aus Tugend sündigen zu müssen, oder ob er die Tugend samt der Sophistik nur vorgehalten habe zur Beschönigung seiner eingefleischten Sünden? Edmund erwiderte: »Du forderst die nackte Wahrheit, großer König; wohlan, so vernimm sie denn! Nicht das eine oder andere war Maske, sondern beides. Ich bin weder der reine Tugendheld, welcher ich anfangs, noch der Wüstling und verneinende Spötter, welcher ich nachher zu sein schien. Meine wahre Natur steht in der Mitte. Unter mäßigen Leuten bin ich gerne nüchtern und zeche gern mit lustigen Gesellen; Ernst und Strenge ist mir wert, aber Schalkheit sitzt mir zuzeiten auch bequem, überfromm zu sein wie Edmund ist im Grunde meiner Natur zuwider und überböse wie jener Narr und Gaukler nicht minder. So war denn beides Maske, und es bleibt zuletzt nichts übrig als ein gewöhnliches Menschenkind wie die meisten anderen. Nun kam ich aber an deinen Hof, um Welt und Menschen zu erforschen, und erkannte bald, daß dieses nur gar dürftig gelingt ohne eine Maske. Je schärfer ich aber die Welt dieses Hofes durchschaute, um so gewaltiger drängte es mich, dir gleichfalls die Augen zu öffnen und die Wahrheit zu sagen. Das hätte ich niemals gekonnt, wäre ich dir als der gewöhnliche, mittlere Mensch begegnet, welcher ich wirklich bin. Denn Fürsten lernen von Jugend auf nur das Ungewöhnliche beachten, ja sie glauben ihrer Würde zu vergeben, wenn sie solchen Menschen nahetreten, die nicht über das Durchschnittsmaß hinausgewachsen sind. Also versuchte ich's zuerst mit dem übermenschlichen Asketen und Sittenrichter. Da ich aber in dieser Maske dein Gemüt mehr abstieß als zum Vertrauen heranzog, ergriff ich die Gestalt des offenbarsten Gegenbildes und zeigte dir einen so über alles Maß emporsteigenden Widerspruch der Natur, daß du dich wirklich mir gefangengabst. Ich habe erreicht, was ich wollte; ich habe den Hof ausstudiert und dem größten Könige wie kein anderer die Wahrheit gesagt. Jetzt mögen beide Masken fallen, damit du in Edmund nur noch erblickest, was er wirklich ist: einen natürlichen Menschen, nicht besser und nicht schlechter als die Mehrzahl seiner Brüder.« »Du lügst«, rief Karl, »und fügest zu zweien Masken die dritte! Wärest du der einfache Mann des Mittelmaßes, den zu heucheln dir eben beliebt, so würde dir's gar nicht eingefallen sein, so abenteuerliches Spiel zu treiben. In der Schlinge deiner eigenen Lügen fängst du dich; doch habe ich nicht leicht einen listigeren und gefährlicheren Gesellen gesehen. Ein böser Fürst würde dich zu seinem Vertrauten erheben, um deine Moral zur Staatsmoral zu machen; ein schwacher Fürst würde dich einsperren oder fortjagen; ich befehle dir, daß du bleibest, ungestört und ungeehrt, mir zur Buße und zum Mahnzeichen der Selbsterkenntnis. Und also geh! – Doch bleibe! Kannst du überhaupt ein einziges wahres Wort sagen, so bekenne mir nur dies: Hast du jemals auch nur eine Stunde, nur einen Augenblick an deine eigene Lehre geglaubt, daß man zur höheren Ehre Gottes die freie Opfertat des Lasters vollbringen müsse? Ist es möglich, daß ein Mensch so schwer sich selbst betrüge?« Edmund schwieg und sann und bat den König, daß er ihm nur etliche Stunden einsamen Nachdenkens gönnen möge, dann wolle er diese geheimste Falte seines Gewissens bloßlegen. Allein der Tag verging, und Edmund blieb aus. Man suchte ihn und fand keine Spur. Er war verschwunden, und niemand hat ihn wiedergesehen. Im Jahr des Herrn 1855 Im Jahr des Herrn 850 lag das Elend vielgestaltig auf den deutschen Landen. An den Nordküsten waren die Normannen plündernd und mordend hereingebrochen, in Thüringen und Hessen die Sorben. Dazu breitete sich eine schwere Hungersnot über alle Gaue. So ward das Maß des Jammers voll. In Strichen, die Frieden gehabt, schätzte man's hie und da, daß jeder dritte Mann Hungers gestorben; wie es aber gar in den vom Feinde verwüsteten Gauen ausgesehen, das weiß niemand zu sagen. Die Geschichte hat jenes Bild des Jammers in Vergessenheit gehüllt. Denn der Krieg war geführt worden als Vertilgungskrieg; darum zerstörte der Feind dem Feinde alle Pflanzungen und verderbte alle Feldfrucht, so daß auch der kleine Rest der hungrigen Ernte, den Gottes Barmherzigkeit übriggelassen, durch der Menschen Erbarmungslosigkeit vernichtet ward. Des Nachts hatten Feuerzeichen des Himmels die schwere Zeit vorausverkündet. Eine Wolke stieg auf von Norden her, und eine andere kam von Osten entgegen, und feurige Strahlenbüschel ohne Unterlaß gegeneinander schleudernd, stießen sie in der obersten Höhe des Himmels zusammen und verschlangen sich gleich zweien Heeren im Kampfe. Allen Menschen aber erzitterte das Herz; denn sie glaubten, der Herr habe sein Angesicht ganz abgewandt von dem deutschen Volke, und selbst die Hunde sollen dazumal kläglicher als sonst geheult, die Vögel betrüblicher gesungen haben. Falsche Propheten standen auf am Rhein und an der Donau, und wie Vorläufer des Antichrist gemahnten sie an die Erfüllung der letzten Zeiten. Viele Meister des weltlichen Regiments aber walteten ihres Amtes so willkürlich und gottlos, als ob weder ihr Regiment noch ihr Leben noch die Welt jemals ein Ende nehmen könne und der Stuhl des Weltrichters niemals über den Stühlen aller Könige dieser Welt gesetzt werde. Nun war im vorgedachten Jahre ein freier Mann im Fulder Land – sein Name ist vergessen –, der hatte sein ererbtes Gut einem adeligen Grundherrn zum Eigentum hingegeben, um dafür, ohne Knecht zu werden, doch den Schutz jenes Mächtigen zu gewinnen und sich und seinen Kindern wenigstens Nießbrauch und Zins von dem Besitz zu sichern, der noch seiner Väter volles Eigentum gewesen war. In den schweren Zeitläuften aber starb der Grundherr, und seine Sippe verdarb, und ein anderer gewann seine Güter und das frühere Gut jenes Mannes mit ihnen. Der neue Gutsherr wollte nun flugs den freien Mann, der mit seinem Grund und Boden auch schon die Hälfte der Freiheit weggegeben, ganz zu seinem Eigenen machen, wie das damals bei Tausenden geschah, und in der Verwirrung und Not der Zeit konnte der Bedrängte keinen Schutz finden wider den neuen mächtigen Herrn. Da kam ihm ein verzweifelter Mut, daß er das Elend vorziehen wolle der Knechtschaft. Noch lebte in ihm der Stolz und Trotz des alten Germanen, und gar manchmal schaute er verächtlich auf diese neue Zeit, wo der streitbare Mann dem demütigen Mönch und dem zahmen Bauern zu weichen begann. Sein Großvater hatte als Knabe noch den Dienst der alten Götter im heiligen Haine gesehen. Welche Götter waren denn besser, die alten oder die neuen? Mit den alten Göttern war auch die gute alte Zeit entwichen. Und wie zur Strafe kamen jetzt lange Jahre der Trübsal heraufgezogen, und der neue Christengott hatte nicht Macht oder Lust, den Jammer von seinem Volke zu nehmen. So dachte der Mann aus dem Fulder Land. Er wollte sich selber helfen, mit oder ohne Gottes Hilfe, nach der Väter Weise kraft der eigenen Faust. Darum gürtete er eines Nachts sein Schwert und entfloh von seinem Gute, das nicht mehr sein war, um zugleich der Gewalt des neuen Herrn zu entfliehen. Er nahm nichts mit als seine drei köstlichsten Besitztümer: sein Weib, sein Kind und sein Schwert. Und weil es mitten im härtesten Winter war, so schlugen die Flüchtlinge warme Felle als Mäntel über ihr Gewand. Aber weder Speise noch Geld oder Kleinodien konnten sie auf den Weg nehmen in dieser armen Zeit. Sie gedachten aber gegen den oberen Main zu ziehen und von da überzudringen nach Thüringen und Sachsen. Das war ein kühnes Beginnen, denn der Weg ging mitten durch ein vom Feinde verwüstetes, ausgehungertes Land, und es war in den rauhesten kurzen Tagen vor dem Jahreswechsel. Aber die Flüchtlinge waren auch hartgebackene Leute, wetterfest, mit Stahl in den Gliedern und einem wider den Hunger gepichten Magen. War es doch auch in selbiger Zeit, wo König Ludwig, genannt der Deutsche, bei Flammersheim ein paar Rippen brach und dennoch weiterreiste, als sei er unversehrt, und keinen Seufzer ausstieß, obwohl man das Krachen in den zerbrochenen Rippen hörte, wenn sie aneinanderstießen, und mit seinem Bruder Karl eine Unterredung hielt, um das Reich Lothars brüderlich zu teilen, und dann erst, als er sich sein Teil ausgemacht, nach Aachen ging, um nun bei mehrerer Muße die Rippen wieder zusammenwachsen zu lassen. Das waren noch trotzige Zeiten, trotzige Leute und trotzige Könige, denen es auf ein zerbrochenes deutsches Reich und ein paar zerbrochene Rippen mehr oder weniger nicht ankam. Es war am Silvesterabend, dem Abende des dritten Tages, seit der Mann aus dem Fulder Land mit Weib und Kind fliehend ins Weite irrte. Das Kind aber war zwei Jahre alt und trank noch immer an der Mutter Brust; denn so zog dieses starke Geschlecht starke Nachkommen groß, und sieben Jahre lang hatte vordem der starke Hermel der Mutter Brust getrunken. Mann und Weib trugen das Kind wechselweise und hüllten es fürsorglich in ihre warmen Felle. Der Tag war grimmig kalt gewesen. Eisiger noch brach der frühe Abend herein. In den Waldbergen der Rhön hatten sich die Wanderer verlaufen und nur am ersten Tage von der Gastfreundschaft eines selber halbverhungerten Bauern einen mageren Bissen erhalten. Hungrig hatten sie sich schon gestern abend im Schnee des Waldes gebettet. Am anderen Morgen schritt der Mann noch guten Mutes rüstig aus; denn wer aus der Knechtschaft zur Freiheit wandert, der spürt die Mühsale des Weges nicht. Schweigend, im treuen Duldermut des Weibes zog die Genossin nebenher, das schlummernde Kind im Arme. Aber am Mittage hatten sie sich verirrt in den Schluchten des Gebirges; der Abend schlich heran, und nirgends ließ sich der Rauch einer Hütte erspähen. Nur die Spuren des Wildes und der Raubtiere kreuzten sich im Schnee, und noch hatte den ganzen Tag nicht ein einziges Mal das tröstliche Wahrzeichen menschlicher Fußstapfen den Mut der Wanderer belebt. Häufiger wachte das Kind auf, weinte stärker und länger und stammelte seine bittenden Laute, denn auch ihm konnte die Mutter schon nicht mehr Nahrung genug spenden. Da begann es dem Mann zuweilen vor den Augen zu schwimmen, und es war ihm, als bräche mit einem Schlag sein ganzer Mut zusammen. Doch nur einen Augenblick – und er erhob wieder das Angesicht, schaute trotzig vorwärts in die endlose Wildnis, und sein leichter Schritt trug ihn so sicher und scheinbar frohgemutet wieder dahin, als seien die weißbereiften Zweige mit Frühlingslaub geschmückt und der vom Felsen stürzende Waldbach, darüber sich die gefrorenen Wasserdünste wie eine Rauchwolke lagerten, ein kühler Brunn im Mai. Des Riesensohnes aus Nordland – so hatten unsere Urväter den Winter geheißen und ihm den Namen des grimmigen Mannes beigelegt mit der kalten Brust – dessen gedachte in der nächsten schwarzen Minute wieder der Mann; denn es überkam ihn, als wolle der grimmige Riese, der leibliche Vetter des Todes, ihn und sein Weib und Kind hinmorden ohne Erbarmen. Es schwindelte ihm vor Kälte, und bis auf die Knochen drangen die Schauer des Frostes. Das Weib aber mit dem blassen Leidensgesicht war anzusehen wie eine christliche Märtyrerin, die man zur Opferung hinführte vor jenen Riesensohn. Aber ob auch sie wohl im stillen erbebte unter der Mühsal des Leibes und der Marter der Seele, deuchte ihr doch der Anblick ihres Mannes mit einemmal noch viel schrecklicher. Denn wie die Nacht niedersank und das letzte kalte Rot der untergehenden Sonne über dem Schnee der Bäume blutfarben verglühte, breitete sich über die harten Züge des Mannes ein gar furchtbarer Ausdruck. Es war, als gehe ein gewaltiger Kampf durch seine Seele. Unstet rollte das wilde Auge, die Lippen zuckten so heftig, daß er sie fest zusammenbeißen mußte, und gleich als wolle er den Feind, mit dem er inwendig rang, auch mit dem Arme niederschlagen, fuhr mehr denn einmal die Hand nach dem Griff des Schwertes. Weiß besäumt vom Reif, erhöhten Bart und Haupthaar die schreckenvolle Würde des Antlitzes, und im Doppellicht des verlöschenden Abendrotes und der glühend hinter den Bergen aufsteigenden Mondscheibe erschien der Mann wie ein altheidnischer Priester, der, mit dem Zorn der Götter ringend, sich rüstet, das Sühnopfer hier im Allerheiligsten der Wildnis zu bereiten. So waren die Wanderer zu einer Anhöhe gekommen, wo schwarze Basaltpfeiler aus der Schneedecke aufragten. Unter einem vorhängenden Felsen, den die Pfeiler im Emporsteigen wie ein Dach über sich gehoben hatten, fanden die Ermatteten Schutz vor dem Winde, ein schneefreies Plätzchen und dürres Reisholz genug, das bald zu einem lustigen Feuer aufloderte. Sie beschlossen, hier Nachtlager zu halten, aber der Hunger nagte, daß an keinen Schlummer zu denken war; auch das Kind wimmerte immer häufiger und kläglicher. Dem Mann ließ es keine Ruhe zu sitzen oder zu liegen; er konnte nur, an die Felspfeiler gelehnt, stehend in das Spiel der Flamme starren oder mit verschränkten Armen auf- und niedergehen. Von den züngelnden Gluten wandte er den Blick in die Höhe zu dem kalten Sternenlicht des Winterhimmels und sprach zum Weibe: »Die Riesen und Helden der Vorzeit leuchten da droben als Gestirne. Sonst blickten sie uns gnädig an. Schau, wie sie jetzt so kalten Auges auf uns niedersehen, gleich dem Riesen Winter selber mit dem kalten Herzen in der Brust. Vom Himmel stiegen die Götter hilfreich zur Erde, als unsere Väter noch Glauben und Opfer für sie hatten. Eure Priester haben die alten Götter aus unserer Brust vertrieben, und die Götter haben nun den Himmel für sich behalten, und den Menschen blieb das Elend.« Das Weib erwiderte zitternd und demütig, aber voll gläubigen Vertrauens: »Nur ein Gott ist zur Erde nledergestiegen und hat als Mensch mitgelitten für die Menschen. Da ward die Erde so ganz des Gottes voll, daß fürder kein Gott mehr niederzusteigen braucht.« Der Mann verstummte. Ganz nahe hörte man das Geheul hungriger Wölfe. Dem schwachen Weib ward es nicht angst bei diesem Nachtgesang; doch als sie wieder aufblickte in das Gesicht ihres Mannes, da ward es ihr angst, denn sein Auge war wilder als das Auge eines Wolfes. Und der Mann begann aufs neue: »Wo unsere Väter in Unglück verstrickt lagen, da gedachten sie ihrer Schuld und rüsteten Sühnopfer. Je schwerer Schuld und Not, um so teurer mußte die Gabe sein, die zur Sühne dargebracht wurde. Haben uns die Sänger nicht gesagt – heimlich, daß es die Mönche nicht hörten, – von dem guten nordischen Könige Domaldi, den sein eigen Volk zum Altare führte, um ihn als den besten Mann des Volkes den Göttern zu opfern, damit sie die Hungersnot vom Lande nähmen? Und als das Opfermesser das Leben des Königs selber durchschnitten hatte, wich der Hunger vom Lande.« Das sprach der Mann mit dem glühenden Auge des Wolfes, und wie ergriffen von der Vollkraft tierisch-menschlicher Leidenschaft, führte er Hiebe mit dem Schwerte durch die Luft. Und abermals versagte dem Weibe das Wort der Erwiderung. Ja, das waren wildgemutete Menschen, die noch die ganze Wucht eines ungebrochenen Gefühles im Leibe spürten, zu selbiger Zeit, wo selbst ein König mit gebrochenen Rippen sich doch immer noch Manns genug fühlte, ein ganzes großes Königreich zu zerbrechen. Und aufs neue und immer schrecklicher erhub der Mann seine Stimme: »Du hast nicht vernommen, Weib, was vorgestern der Bauer erzählte, der uns zum letztenmal speiste. So höre jetzt! Der Erzbischof Rhaban sättigt auf seinem Hofe zu Winkel täglich Hunderte von Hungrigen, die in dieser schweren Zeit aus der ganzen Gegend dort zusammenströmen. Nun geschah es unlängst, daß auch ein fast verhungertes Weib zu ihm kam mit einem kleinen Knaben. Als sie aber die Schwelle des rettenden Hauses überschritt, stürzte sie zusammen vor Schwäche und hauchte den Geist aus. Das Kind aber lag an der Brust der toten Mutter und versuchte zu saugen, als ob sie noch lebe, und die härtesten Männer konnten das nicht schauen ohne Tränen. So fiel der Stamm, damit das Reis gerettet werde. Hätte nicht vielmehr die Mutter das Kind opfern sollen, daß sie leben geblieben wäre sich und ihrem Manne und anderen Kindern?« Da kam dem Weib die Sprache wieder. »Nein!« rief sie und richtete sich hoch auf. »Selig die Mutter, welche so ihr Leben gegeben für ihr Kind. Zum Himmel schwebend, wird ihre Seele den Knaben geschaut haben, der noch trinken wollte an der toten Brust und der nun doch geborgen war! Du sagst, vor Schwäche habe sie den Geist aufgegeben! O nein! Im Übermaß der Freude zersprang ihr das Herz, als sie nach Todesmühen ihr Kind nun endlich doch gerettet sah, und von Wonne bewältigt, hauchte sie das Leben aus.« Der Mann versank in tiefes Schweigen. Er mußte sein Gesicht verhüllen und abwenden von dem Weibe, das, friedlich auf ihr schlafendes Kind niederblickend, am Feuer saß. Endlich raffte er sich wieder auf. Mit großen Schritten ging er am verglimmenden Feuer auf und nieder, und noch wilder als vorher rollten seine Augen. »Wir mögen jetzt nahe der Stunde sein«, rief er, »wo das alte Jahr dem neuen die Hand reicht. Die Pfaffen, wenn sie die Jahre zählen, sagen: im Jahre des Herrn; – aber bei diesem gottverlassenen Jahr voll Schmach und Elendes sollte man billig sagen: im Jahre des Teufels!« »Und dennoch«, sprach milde das Weib, »hat das eine Jahr, in welchem der Herr als Mensch den Menschen geboren wurde, einen solchen Überschuß des Heils über alle folgenden Jahre gebracht, daß auch das schlimmste Jahr nach der Geburt des Herrn immer noch ein Jahr des Herrn sein wird.« Der Mann nahm das Kind vom Schoße der Mutter. »Die Stunde ist kostbar! Künftiges schauet in der letzten Jahresstunde, wer sich, mit dem Schwert umgürtet, auf das Dach seines Hauses setzt, den Blick gen Osten gewendet. Nur eines will ich heute erkunden, ob wir den morgenden Tag überleben! Ist dieser Fels mit seiner Kuppe nicht jetzt unser einziges Haus? Laß mich hinaufsteigen mit dem Kinde nach altväterlichem Brauch! Und indes ich oben die Zukunft beschwöre, gedenke du hier des sühnenden Opfertodes, in welchem das nordische Volk seinen besten Mann, den König Domaldi, hinschlachtete, damit der Hunger von dem Lande genommen werde!« Da rief das Weib verzweiflungsvoll: »So höre du vorher die Geschichte einer anderen Opferung! Höre, wie es erging, da Jehovah dem Abraham befahl, daß auch er sein bestes Gut, seinen Sohn Isaak, am Altare schlachte!« Aber der Mann hörte nicht. Er stürmte mit dem Kinde zur Felsenkuppe hinauf und verschwand hinter den Büschen. Das Weib wollte ihm nacheilen, die Mutter dem Kinde. Doch als sie aufstand vom Feuer, da ward erst offenbar, wie ihr der Hunger das Mark aus den Knochen gesogen, sie brach ohnmächtig zusammen. Plötzlich weckte das Schreien ihres Kindes die Mutter wieder zum Leben, und als sie aufhorchte, klang ganz nahe seitwärts aus den Zweigen hervor Getöse wie eines Kampfes. Dann ward es totenstill. Da raffte die Mutter sich auf; ihre Kraft war wiedergekehrt, und sie sprang hinüber ins Dickicht, von wo des Kindes Stimme getönt hatte. Und vor ihr stand dort ihr Mann, vergeistert im Gesicht, das Schwert gesenkt, und im hellen Mondlicht sah man, wie Blut von dem Schwerte troff, und Arm und Gesicht des Mannes waren mit Blut bespritzt. »Mein Kind!« schrie die Mutter. »Wo ist mein Kind?« Da reichte ihr der Mann das Kind, das er im linken Arme gehalten, mit dem schützenden Felle bedeckt. Das Kind war unversehrt; es war wieder in Schlaf versunken und lächelte im Schlafe. »Wir sind beide heil und ohne Wunden!« sprach der Mann gebrochenen Tones. Das Weib forschte, was geschehen sei. Der Mann aber sagte zitternd: »Vollende, was du vorhin begonnen: die Mär von der Opferung jenes Kindes, die Gott dem eigenen Vater befohlen!« Und verwunderungsvoll, kaum des Wortes mächtig, erzählte das Weib die Opferung Isaaks und schloß mit den Worten der Schrift, die sie so oft im Kloster zu Fulda vernommen: »Da sprach der Engel des Herrn zu Abraham: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts. Denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einigen Sohnes nicht verschonet um meinetwillen. Da hub Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter ihm in der Hecken mit seinen Hörnern hangen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn an seines Sohnes Statt zum Brandopfer.« Als sie geendet, sprach der Mann: »So hat sich heute erneut nicht die Mär von der Opferung König Domaldis, sondern von der Opferung Isaaks. Siehe, auch ich wollte unser Kind opfern! Doch nicht gleich Abraham, weil es mir Gott geboten, sondern als ein Sühnopfer den zürnenden alten Göttern und auch daß wir selbst uns sättigten und unser Leben retteten mit dem Fleisch des eigenen Kindes! Wie ich aber ins Gebüsch trete, taumelnd und wie mit Irrsinn geschlagen durch den eigenen Vorsatz, erschaue ich zwei Wölfe, die an dem Körper eines Rehes zerren. Da wird es wieder hell vor meinem Auge; mit dem Schwerte springe ich hinzu, das Kind ins Fell verhüllt fest an mich schließend, und schlage die Bestien nieder! Hier liegt das Reh, das uns Gott gesandt, der Widder statt des geopferten Sohnes!« Da rief das Weib gleich einer Seherin: »Und doch ist auch das Opfer Isaaks nur die Verheißung gewesen eines größeren Opfers. Denn als die Zeit erfüllet war, hat Gott selber seinen einigen Sohn dahingegeben zum Sühneopfer für die Schuld aller Menschen. Und seit diesem letzten wahren Opfer sagen wir von jedem Jahre: Im Jahr des Herrn!« »Ja«, sprach der Mann zerknirscht vor sich hin, »die letzte Stunde dieses Jahres hat es klargemacht: es war auch dieses Jahr ein Jahr des Herrn!« Am Feuer sättigten sich die beiden an dem Fleische des Rehes. Dann fielen sie in friedlichen Schlaf. Die Morgensonne des neuen Jahres weckte die Schläfer. Sie stiegen hinauf zur Kuppe des Felsens, von wo gestern abend der Mann vergeblich die Zukunft erschauen wollte. Da tat sich ein wunderbares Bild vor ihren Augen auf: das weite, reiche Maintal glühte im Sonnenschimmer, Hütte an Hütte stieg aus den Gründen, und der Rauch von hundert Feuerstätten hob sich, zum leichten Gewölk verschwebend, in die reine Winterluft. Die Gatten küßten sich bei diesem Anblick und küßten ihr Kind und fielen nieder und beteten. Der Mann aber wagte noch nicht wieder seiner Frau ins Auge zu schauen. Doch diese hob ihn liebreich auf und sprach: »Laß uns des alten Jahres jetzt vergessen, obgleich es kein Jahr des Teufels gewesen; denn siehe, noch ist das neue Jahr nur wenige Stunden alt, und doch hat es schon so reiche Verheißung gebracht, daß wir frohgemut zum Wanderstabe greifen. Denn die neue Pilgerfahrt beginnt, wo gestern die alte schloss: Im Jahr des Herrn!« Das Buch des Todes 1868 I. Der Sturm hatte ausgetobt. Neugeboren, im reinsten Goldglanze entstieg die Morgensonne dem Meere, und auch das ganze Himmelsgewölbe leuchtete wie neugeboren, metallen blank, tiefblau, und nur fernab im Westen gegen Seeland und den Sund hinüber säumten lange Wolkenstreifen den Horizont, das verspätete letzte Gefolge des entflohenen Unwetters. Es lag eine Burg am Steilrande der See, da, wo die breite Südspitze Schwedens gegen Norden sich umbiegt, eine Burg, zwar nur aus Holz erbaut, aber wind- und wetterfest aus Riesenstämmen gefügt, wie sie damals noch zu Tausenden im Schoße des unberührten Waldes ragten, der unabsehbar ringsum das Küstenland bedeckte, ein Meer der Wipfel zum Meere der Wellen niedersteigend. Das war in den Tagen, da, Karls des Großen Enkel im Frankenreiche herrschten und Ansgar, der Hamburger Erzbischof, kaum erst nach Schweden gekommen war, die heidnischen Normannen zu taufen. Von der hohen Warte der Burg sah man Land und See weithin zu Füßen gebreitet, und wenn Erich, der Burgherr, seinen Blick, in die Ferne spähend, dem Zug der wilden Schwäne folgen ließ, dann dünkte er sich fast wie auf Odins Hochsitze in Asgard, der Götterburg, wo man die ganze Welt zu überschauen vermag. Nicht Erich war es jedoch, der heute im Frühscheine nach der Wetternacht da oben an der Brüstung lehnte, sondern Gunild, sein einziges Kind. Sie stand wie eine Bildsäule, das Auge auf Wald und Meer geheftet, und das Meer brandete noch im Nachwogen der Sturmflut, während die Wipfel des Waldes regungslos ins lichte Blau ragten: – tiefer Friede bereits am Himmel, aber da unten noch schäumende See, wilder Wogenschlag bei Windstille. Ein ähnliches Rätsel des Widerspruches lag auf Gunild: – keine Miene zuckte, kein Glied bewegte sich an der versteinerten Gestalt, nur im Innern wogte es und brandete. Auch hinter ihr lag eine Sturmnacht, die ihr Herz durchgerungen hatte, während draußen der wirkliche Sturm wütete, doch freilich den Sonnenschein hatte der Morgen ihrer Seele nicht wiedergebracht. Sie starrte in die Flut und sah die Flut nicht; sie sah im Geiste den trotzigen Olaf Sigualdson, den sie gestern noch ihren Bräutigam genannt hatte. Sie blickte auf den Wald, in welchen der Sturm eingefallen war wie der Wolf in die Herde, aber sie sah die gebrochenen Bäume nicht, sondern dachte nur an ihre zerbrochene Liebe. Im Schloßhof schattete eine alte Linde, der Sturm hatte den stärksten Ast herabgerissen, daß der Stamm jetzt wie zerspalten stand; allein Gunild gewahrte nicht die traurigen Trümmer ihres Lieblingsbaumes, obgleich ihre Blicke am längsten auf demselben ruhten: sie gedachte, daß es gestern abend im Schatten dieses Baumes gewesen war, wo sich ihr und Olafs Herz kalt und zürnend voneinander wandten, wo sie beide sich getrennt hatten ohne Händedruck. Olaf war ihr seit Jahren in verzehrender Liebe zugetan; sie erwiderte seine Liebe tief und ernst, doch zögernd, verschlossen. Ein jedes wollte das andere besiegen, je nach seiner Art, keines sich dem anderen besiegt geben; denn beide waren stolzen Sinnes und suchten und flohen sich wechselsweise in ihrem Stolze, der sie um so heftiger zueinander zog, je härter er sie abzustoßen schien. So war ihr Lieben ein steter Kampf, Steigen und Fallen, Jubel und Klage, Glück und Elend in qualvollem Wechselspiel. Sie erkannten zuletzt, daß nur ein rascher Ehebund die zerstörende Flamme ihrer Leidenschaft in die milde Glut befriedender Liebe verwandeln könne. Gunilds Vater war dem jungen Manne geneigt, und so konnte sie ihn klopfenden Herzens, doch hoffnungsfreudig gestern abend erwarten, daß er um ihre Hand werbe und auch gleich frischweg Hochzeitstag und Heiratsgut mit dem Alten beredete. Olaf kam. Gunild saß mit dem Vater unter der Linde. Doch nicht schüchtern und bedenksam trat er herzu, wie man's wohl in solcher Entscheidungsstunde erwarten mag: er kam von der Eberjagd, den Speer in der Hand, berauscht vom Fieber des Kampfes. Und ohne jegliches Vorwort ergriff er die Rechte des Vaters und bat, als habe er zu fordern, um die Hand seiner Tochter. Hatte jemals einer so geworben? Doch lieh der Alte lächelnd ihm ein williges Ohr, denn dem kühnen Manne verzeiht man wohl die überkühne Rede. Gunild aber erschrak, – es wallte und wogte in ihr. Sie war keines von den sanften Mädchen, die sich still dem Manne beugen; selber trutzig und stolz, hatte sie nur nach heißem Kampfe und doch in heißer Liebe den Entschluß sich abgerungen, sich diesem Manne zu eigen zu geben. Der Vater blickt auf Gunild, als erwarte er von ihr die Antwort. Sie bleibt stumm. Allein in der Röte, welche das Gesicht übergießt, in dem Blick, der zornig funkeln will und doch verschämt sich senken muß, in den Tränen, die verhalten dennoch hervorbrechen, liest er das Ja, welches die Lippen versagen. Er willigt ein. Und wie im Traume läßt sie ihre Hand in Olafs dargebotene Rechte sinken. Doch das Alter ist langsam, bedächtig; es heischt auch von der Jugend Bedacht und reife Prüfung: also fordert der Vater noch ein Jahr der Probe, bevor das lockere Band des Verlöbnisses zum unlösbaren der Ehe gefestigt werde. Jetzt verstummt der kecke Werber, und wie der Vater vorhin fragend auf Gunild geblickt hatte, daß er das Ja von ihrem Munde nehme, so blickt Olaf jetzt auf sie, unmutvoll erwartend, daß sie des Vaters Willen wende. Und Gunilds gekränkter Stolz findet nunmehr die Sprache. Vor einer Stunde noch würde sie in den Vater gedrungen sein, alsbald die Hochzeit anzuberaumen, jetzt aber machte sich die Entrüstung Luft über Olafs herrisches Wesen, der mit dem Jagdspeer hergestürmt war, um sie wie ein Wild zu erjagen. Sie sah ihm fest ins Auge und sprach laut und fest: »Des Vaters Wunsch ist der Tochter Gebot!« Solche Antwort hatte Olaf nicht erwartet. Er fuhr auf, wie vom Blitze berührt, und sein zürnender Blick fragte Gunild, ob sie ihr Wort nicht zurücknehme. Doch als sie nur in kaltem Schweigen antwortete, da brach sein lauter Zorn mächtig wie ein Strom hervor. Hatte sie nicht selber längst insgeheim zugestimmt, daß nur ein rascher Ehebund die steten Widersprüche ihrer Liebe lösen könne? Hatte ihn nicht gemeinsame Abrede deshalb hierher geführt? Und jetzt verleugnete sie ihren eigenen Willen! Immer war sie karg gewesen in jedem Wort und Zeichen der Liebe, und gerade wenn er das Höchste erwartete, hatte sie allezeit um so weniger geboten. Das warf er ihr jetzt in harten Worten vor. Gunild aber entgegnete: nicht ihr Wille sei heute ein anderer geworden, sondern ihre Erkenntnis; denn wenn selbst in diesem Augenblicke Trotz und Herrschsucht sein Gemüt befange, dann werde auch der rasche Ehebund ihre Widersprüche nicht versöhnen, sondern vielmehr schärfen und steigern zu endlos wachsendem Unheil. So häuften beide wechselsweise Vorwurf auf Vorwurf, und der Vater, den sie hätten bitten sollen, daß er sie vereinige, bat die Kinder vielmehr, daß sie sich nicht entzweiten. Aber vergebens. Sie trennten sich. Schon schüttelte der heranbrausende Sturm die Wipfel der Linde und verschlang ihre letzten Worte: es waren nicht Worte der Liebe gewesen, nicht einmal Abschiedsworte. Gunild schritt, auf den bekümmerten Vater gestützt, zum Hause. Doch blickte sie noch einmal verstohlen zurück, ob Olaf nicht umkehre. Allein er eilte in ungestümer Hast zum Meere, wo ein Kahn am Strande lag, und bestieg das Schifflein, um auf dem kürzesten, aber gefahrvollsten Wege heimzufahren. Denn schon ging die See hoch, und als das schwache Fahrzeug in den Wogen verschwand, konnte man bald nicht mehr entscheiden, ob es von der Flut verschlungen oder ob es ihrer Meister geworden sei. So war es gestern abend gewesen. Gunild hatte die Sturmnacht in Sturmgedanken durchwacht, und jetzt, wo sie am stillen, klaren Morgen auf dem Hochsitze stand, war es in ihr zwar klar, aber nicht stille geworden; denn sie erkannte, stumm entsagend, daß der Sturm des unheilvollen Abends ihre Liebe in alle Lüfte verweht habe. II. Olaf war nach grausiger Fahrt daheim gelandet; Zorn und Verzweiflung gaben ihm die Kraft, welche sein Fahrzeug durch die Brandung zwang, die er bei ruhigeren Sinnen kaum hätte besiegen können. Aber nun in der Stille des Hauses fühlte er sich erst recht leer in Geist und Herz; das Hauptziel, welches alle seine Gedanken in Atem gehalten, bestand nicht mehr, sein Leben deuchte ihm mit einemmal inhaltlos. Ihn dürstete, sich dieser unerträglichen Leere zu entschlagen; er hätte sich ins Gefecht stürzen mögen, allein es gab keinen Feind; er griff zu den Jagdwaffen, aber es schien ihm matt und reizlos, mit Bär und Wolf zu kämpfen; er hätte ins weite, tobende Meer hinausfahren mögen, allein er fürchtete sich vor der unendlichen Einsamkeit der Wasserwüste. Und doch war es ihm, als könne er nur im Taumel von Wagnissen und Abenteuern genesen. So streifte er ziellos durch die Wälder. Da begegnete ihm eine Schar von Männern aus der Nachbarschaft, die wohlbewaffnet leise und vorsichtig einherzogen, als suchten sie einen versteckten Feind. Sie riefen ihn an mitzugehen, denn eine lustige Jagd, einen seltenen Fang gelte es heute. Olaf horchte auf. Es war ein Aufstand des hier fast überall noch heidnischen Volkes ausgebrochen gegen die Corveyer Mönche, welche als Missionare in das Land gekommen waren und hier und da Bekenner des neuen Glaubens gewonnen hatten. Schon wurde in Sigtuna eine Kirche gebaut und ein Bischofssitz gegründet, als sich das Volk erhob und die Christen verjagte. Sie hatten sich in die Wälder geflüchtet, und dort suchte sie eben jene Schar, welcher Olaf begegnete. Er zauderte, der Einladung seiner Nachbarn zu dem seltsamen Weidwerk zu folgen; denn die Mönche samt ihrem Bischof waren ihm höchst gleichgültig. Er lebte nach der Väter Weise und kümmerte sich nicht um den neuen Gott. Zudem schien es ihm wenig heldenhaft, über wehrlose Flüchtlinge herzufallen. Allein war auch die nächste Gefahr nicht groß, so lauerte vielleicht eine größere im Hintergrund: unter des Königs Schutze war der Bischofssitz gegründet, durch den König, ob er gleich selbst noch ein Heide, war den Mönchen frei Geleit gegeben worden; den Bischof und die Mönche verfolgen hieß sich also wider den König setzen. Gerade dies gab jedoch für Olaf den Ausschlag: Trotz zu bieten aller Welt und den König und alle Welt herauszufordern, das gefiel jetzt seinem gärenden Unmute. Darum stürmte er fast willenlos fort mit dem wilden Schwarm, und als er sich dann mit ihnen erst einmal recht hineingeredet hatte in Grimm und Haß gegen die feigen, psalmplärrenden Mönche, da war es ihm, als lindere sich sein Herzweh ein Stücklein, da schwand die Leere und Öde, welche ihn gequält: er hatte ein Abenteuer gefunden. Am späten Abend ward das Versteck der Christen aufgespürt. Tiefes Dunkel lag schon auf dem Dickicht. Bei rotem Fackelschein, der die Wildnis grell durchflammte, rang man miteinander, jagte, verfolgte die Fliehenden von Busch zu Busch, von Baum zu Baum. Manche wurden erschlagen, der Bischof mit vielen anderen gefangen und gebunden; aber größer noch als die Beute an Menschen war die Beute an Gefäßen, Gewändern und allerlei Kirchengerät, an den Heiligtümern, welche die Christen mit sich geflüchtet hatten. Weithin hallte der Jubel der Sieger, die den Raub teilten, indes die Gefesselten, mitten im Ringe gelagert und scharf bewacht, stumm ergrimmend zusehen mußten, wie der eine einen Abendmahlskelch auf der Götter Minne leerte, der andere ein Meßgewand über sein Bärenfell warf, der dritte ein Kruzifix als neuesten Zierat an seinem Schwertgehäng befestigte. Olaf verschmähte allen Teil an den kostbaren Dingen, obgleich er am schärfsten gesucht, am wildesten dreingeschlagen und darum wohl das reichste Beutestück verdient hatte. Nur ein kleines Andenken wollte er sich von dem gleißenden Tande mitnehmen, und so ergriff er ein Ding, welches die anderen als ganz unbrauchbar beiseitegeworfen hatten, ein wunderliches Stück Hausrat: viele viereckige Blätter Pergament, hinten zusammengeheftet und mit zwei Deckeln von Elfenbein beschwert und gefaßt. Die Blätter aber wimmelten von den seltsamsten, unverständlichen Runenzeichen und Bildern, bald schwarz, bald in Gold und Farben ausgemalt. Keiner verstand, was das Ding bedeute, denn keiner hatte noch ein Buch gesehen. Lächelnd band Olaf das Buch, welches er für ein Amulett hielt, an seine zur Brust niederfallende Halskette, und als er in der Morgenfrühe wieder nach Hause kam, unbefriedigt, daß der wilde Tag so rasch und glatt zu Ende gegangen, warf er das Buch verächtlich in eine Ecke, kümmerte sich auch weiter nicht mehr darum und versank aufs neue in seinen brütenden Unmut. III. Drei Tage war das Buch im Hause, da erkrankte Olafs Mutter. Vergebens rief er arzneikundige Frauen; sie wußten nicht Rat noch Hilfe und sagten, das sei eine ganz neue Krankheit, die ihnen noch niemals vorgekommen. Nach weiteren drei Tagen war die Mutter eine Leiche. Olaf hatte sie so lieb gehabt, doppelt lieb, da er seinen früh verstorbenen Vater kaum gekannt hatte. Es war ihm, als ob er mit Gewalt, mit Schwert und Streitaxt dem Tod die Beute entreißen müsse; allein sein Ungestüm half so wenig als die ärztliche Weisheit der Frauen: er mußte stillehalten. Und doch war dieser Verlust nicht sein höchster Schmerz; vielmehr wuchs ihm die Seelenqual gerade dadurch ins Unerträgliche, daß er sich nicht ganz in das eine Leid um die Tote versenken konnte. Es gibt eine Wollust des Schmerzes, der betäubend, ungeteilt sich in eine Tiefe verliert. Olaf aber konnte nicht ungeteilt die Mutter beklagen, die er doch so heiß beklagte; seine Gedanken schweiften vom Lager der Sterbenden immer wieder ab zu Gunild, wie sie unter der Linde stand, und obgleich er ihr im Innersten zürnte, ja sich glücklich pries, daß er jetzt ganz einsam sei, getrennt von ihr, sah er ihr zürnend klagendes Gesicht doch immer neben dem Leidensgesichte der Mutter, und als er die Leiche zum Scheiterhaufen geleitete, war es ihm, als schreite Gunild wie eine erhabene Trauergestalt dem Zuge voran. Er suchte mit Gewalt das Traumbild zu verscheuchen, es dünkte ihm so sündhaft, daß die verlorene Geliebte klarer, drängender vor sein Auge trat als die verlorene Mutter, – und doch vermochte er's nicht. Da brachte schon der Abend desselben Tages neues Leid, welches das alte verschlang. Olafs Schwester, die Pflegerin der Verstorbenen, wurde von der gleichen Krankheit ergriffen, ein liebliches Mädchen, sanft, verständig, des älteren Bruders Trost und Freude. Sie hatte so oft seinen rauhen Sinn gesänftigt, sein unbedacht überschäumendes Treiben klug ins Maß zurückgeführt! Jäher, heftiger noch als die Mutter wurde die zarte Jungfrau von dem tückischen Übel gepackt, rascher noch ward auch sie die Beute des Todes. Das war wohl Leids genug. Aber qualvoller als alle dies Leid peinigte es Olaf wiederum, daß er auch in diesen neuen Schmerz nicht ganz und rein sich verlieren konnte; erschreckender noch als beim Tode der Mutter verfolgte ihn abermals Gunilds Gestalt. Denn er sah sie jetzt nicht mehr zürnend, im Trauergewande, den Groll über das zerrissene Verlöbnis auf den Lippen, sondern sie stand ihm hochzeitlich geschmückt am Sterbebette der Schwester, und als er dann auch deren Leiche zum Brandhügel geleitete, war es ihm gar, als verwandle sich die zarte Gestalt der Entschlafenen in Gunilds mächtige Erscheinung, und Gunild erhob sich von der Bahre im weißen linnenen Brautgewande, mit dem schimmernden Halsbande geschmückt und blitzenden Steinen, das Haupt vom Schleier umwallt, und winkte ihm mit schwermütigem Lächeln, daß er durch Thors Hammer den Ehebund schließen und segnen lasse. Das sinnverwirrende Doppelbild von Hochzeit und Leichenbegängnis, welches sich tiefer und tiefer in seine Seele wühlte, trieb Olaf zur Verzweiflung. Nicht nach Thors Hammer, der die Ehen segnet, hätte er denken sollen, sondern an den Hammer Thors, der unterm Donnerschlage zerschmettert und sieben Klafter tief in die Erde fährt. Er rief laut aus, daß dieser Hammer ihn treffen möge. Zugleich packte ihn heiße Angst um seinen jüngeren Bruder, das einzige noch übrige Glied der Seinen, einen frischen Knaben. Gewiß, auch ihn umringelte bald die Schlange der giftigen Seuche! Jetzt erkennt Olaf die strafende Hand der Götter und sinnt, wie er den Tod wenigstens vom Haupte des Bruders abwende. Da geht ihm plötzlich ein helles Licht auf: er hatte Thor, den Schützer der Ehen und Verlöbnisse, beleidigt, als er das Band mit Gunild zerriß in dem Augenblicke, wo er's unlösbar knüpfen sollte. Darum verfolgt ihn der stete Gedanke an Gunild, darum verwandelt sich ihm selbst die Leiche der Schwester in das Trugbild der festlich geschmückten Braut. Immer tiefer denkt er sich in diese Überzeugung hinein: sie bricht zuletzt seinen harten Sinn. Soll er zu Gunild eilen, reumütig ihre Hand erfassen, weich wie ein Kind unter Tränen um Verzeihung bitten, wohl gar die Frist des Jahres zugestehen? Er wäre bereit, wenn ihm nur jemand Gewißheit schaffte, daß durch dieses Opfer sein Bruder wirklich bewahrt bliebe vor Thors strafender Hand. Darum ging er, wie es Sitte war, zu einem Priester und Seher und fragte, ob er Thor oder einen anderen Gott beleidigt habe, daß ihm dieser zürne und so schwere Strafe über ihn und die Seinen verhänge. Der Priester befragte das Los nach Brauch und Herkommen und sprach alsdann zu Olaf: »Thor und alle heimischen Götter sind dir gnädig, nur ein fremder Gott zürnet dir: der Gott der Christen.« Olaf erstaunte und konnte den Worten nicht glauben; da fuhr der Priester fort: »Unsere Zeichen lügen nicht. Christus hat dich so zugrunde gerichtet, weil etwas, das ihm geweihet war, in deinem Hause verborgen liegt, und solange das teuflische Ding im Hause bleibt, wirst du deiner Leiden nicht ledig werden.« Nun mit einemmal entsann sich Olaf des geraubten Buches, welches er in die Ecke geworfen hatte, und glaubte mit dem Priester, dies zauberhafte Amulett habe die Pest in sein Haus gebracht und ihm den Geist so schwer verwirrt. Er stand aber ratlos, was zu tun sei, und auch der Priester wußte ihm keinen Rat. Sollte er das Zaubergeräte verbrennen oder ins Meer werfen? Wer bürgte ihm, daß dann der Christengott nicht dreifach zürne? Sollte er's verehren wie ein Heiligtum, wer sagte ihm gut, daß er dann nicht den Zorn der heimischen Götter herausfordere? So wagte er das Buch weder im Hause zu behalten, noch getraute er sich, es hinwegzuschaffen. In dieser Not rief er die Nachbarn zusammen, fragte, was zu tun sei, und zeigte ihnen das Ding, welches der Weiseste unter den Versammelten als ein Buch erkannte, und sie nannten es: »Das Buch des Todes.« Allein, obgleich sie lange hin und her sannen, fanden auch sie keinen Ausweg. Nur in ihrer Furcht vor dem unheimlichen Buche waren alle einig. Keiner wollte es zerstören, aber noch viel weniger behalten, und sie drangen in Olaf, daß er es ganz aus ihrem Gebiete hinwegschaffe. So beschloß man dann endlich, das Buch auf ein langes Brett zu schieben und an die äußerste Grenze des Markwaldes zu tragen. Jenseits, in herrenloser Wildnis, befestigte man es sorgsam an den Stamm der ältesten Eiche und ließ in den auswärtigen Gebieten ringsum sagen, wer Lust habe, der möge sich das Buch holen. Es hatte aber niemand Lust dazu. IV. Gunild hatte unter der Hand alles erfahren, was in Olafs Hause vorgegangen war. Aber niemand konnte wahrnehmen, daß sie diesen Nachrichten mit bewegtester Seele lauschte. Wie sie ihre Liebe in sich verschlossen hatte, so verschloß sie auch ihr Leid. Als sie von der Teilnahme Olafs an dem nächtlichen Raubzuge hörte, sprach sie zu sich selbst: »Es war gut, daß ich mich von diesem Manne getrennt habe.« Und doch fragte sie sich nachher, ob denn Olaf unrecht getan, die fremden Eindringlinge, die Feinde der vaterländischen Götter, zu verfolgen. Als man ihr von den zwei jähen Todesfällen erzählte, beklagte sie die armen Frauen und hätte für dieselben sterben mögen, zugleich aber schalt sie sich, daß sie in jenem Verhängnis weit mehr eine Zuchtrute für Olafs wildes Herz erkannte als ein mitleidwertes Unglück des einst Geliebten. Als sie dann endlich von dem Buche des Todes vernahm und wie man es an den Baum in der Wildnis gehangen habe, wo keiner es zu holen wage, da ergriff sie eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Buche. Sie wollte es sehen, und wär's auch nur, um über die feigen Männer zu spotten, die mit ihrem Todesmut im Taumel des Kampfes prahlen; aber vor einem Zauber, der leise, unsichtbar, unbesiegbar den Tod ins Herz senkt, scheuen sie zurück. Unter dem Vorwande, Arzneikräuter zu sammeln, ging Gunild eines Tages hinaus in den Wald, nur von ihrer treuesten, verschwiegenen Dienerin begleitet. Seltsam schwer war es ihr diesmal gefallen, sich vom Vater zu verabschieden: heuchelte sie doch, daß sie Kräuter der Genesung suchen wolle, und sie suchte das Buch des Todes. Auf weiten Umwegen kam sie zur Waldesgrenze, wo das Buch noch immer am Baume hing. Mit geheimem Grausen näherte sie sich. Aber sie faßte ein Herz, schritt rasch und fest zur Eiche, löste das Buch und nahm es herab. Da fiel ihr die Dienerin in den Arm und beschwor sie, zu fliehen und das todbringende Buch am Ort zu lassen. Gunild aber sprach: »Die Männer haben sich vor dem Zauberbuche gefürchtet, daß sie es nicht zu behalten noch zu vernichten wagten; ich bin nur ein schwaches Mädchen, aber ich will das Buch dennoch mitnehmen und ins Meer werfen auf meine Gefahr, damit es den Männern nicht länger Angst und Sorge bereite.« Und trotz des Warnens und Flehens der Dienerin barg sie das Buch in ihrem Busen und lenkte ruhig zum Heimwege. Doch als sie so das Buch auf ihrem Herzen fühlte, überlief sie plötzlich ein kalter Schauer; die Knie wankten, sie mußte stillestehen und umschlang den Nacken der Dienerin. Hatte sie nicht wirklich jetzt den Tod in ihre Brust gesenkt? Allein war es denn nicht schon Todessehnsucht gewesen, die sie so rätselhaft zu dem Buche gezogen? Und doch erzitterte sie jetzt an Leib und Seele bei dem Gedanken, daß sie nun unrettbar sterben müsse. Aber in diesem unsäglichen Bangen der Todesgewißheit fiel ihr zugleich ein Schleier vom inneren Gesichte, wie es licht wird vor dem Auge des Sterbenden. Sie riß das Buch hervor und vermochte doch nicht, es wegzuwerfen, sie hielt es gen Himmel und rief: »Ich will leben! leben nur noch eine kleine Frist, nur so lange, bis ich Olaf sagen konnte, wie lieb ich ihn gehabt!« Dann fuhr sie plötzlich zusammen, als erschrecke sie vor ihrem eigenen Worte, als sei ihr ein Geheimnis entfahren, welches sie ewig hätte in sich vergraben müssen. Allein das Wort war heraus. Mit voller Gewalt war endlich die so lange verhaltene Liebe hervorgebrochen, alles Herzeleid, aller gekränkte Stolz, aller Widerspruch mit Olaf war aus ihrer Seele hinweggewischt. So hatten in dieses Weibes Brust die Schauer des Todes und verkannter Liebe miteinander gerungen, und aus dem Todesschrecken war ihr zum erstenmal die volle Liebessehnsucht aufgeblüht. Wollte sie jetzt sterben, nachdem sie das Wort gesprochen, wollte sie leben? – sie wußte es selber nicht. Wie eine Träumende verbarg sie wiederum das Buch in ihrem Gewande und ging weiter durch die Waldeinsamkeit. So gelangten sie zum Strande, und Gunild staunte, daß ihre Augen das Meer noch sähen und die Sonne und die leichten Wolkenschatten, welche auf dem weiten Wasserspiegel tanzend verschwebten. Sie wollte das Buch in der Flut versenken, aber sie wagte es nicht und hielt es schwankend in der Hand, abgewandten Auges. Doch mit dem Vollgefühle, daß sie lebe und leben wolle, erwachte auch ihr alter Mut; sie schämte sich, daß sie das Buch noch gar nicht fest anzublicken gewagt, und faßte es zum erstenmal klar ins Auge und schlug die Blätter auseinander. Da sah sie zwischen den rätselhaften Schriftzeichen schöne Bilder, Männer, Frauen und Kinder, und überall die hohe Erscheinung eines Mannes unter ihnen, der helfend, lehrend, segnend sie alle zu überragen und zu führen schien gleich einem Könige, ob er schon nicht Stab noch Krone trug. Allein sie verstand den Sinn der Bilder nicht. Die Dienerin aber, aufatmend, als sie ihre Herrin wieder in so ruhiger Beschauung erblickte, trat schüchtern hinzu und sprach: »Der böse Zauber, welcher in dem Buche steckt, ist ein Zauber des Christengottes; unsere Priester konnten ihn nicht lösen, vielleicht vermag es ein Christ.« Und dann flüsterte sie der Herrin ins Ohr, daß sich einer der entronnenen Christen in den nahen Wäldern versteckt halte. Sie kenne ihn und wolle ihn morgen aufsuchen, damit er das Buch sehe und den Zauber hinwegnehme. Gunild horchte auf bei diesen Worten, die sie wieder ganz zu klarem Nachdenken zurückriefen. Hatte sie gewagt, das Buch von der Eiche zu nehmen und in ihrem Busen zu tragen, hatte sie gewagt, es durchzublättern, dann wollte sie ihm jetzt auch auf den Grund kommen, sie wollte wissen, ob in diesen lieblichen Bildern das süße Gift des Todes schlummere. Also gab sie nach kurzem Besinnen der Dienerin recht, verbarg das Buch unter einem großen Stein und ging zurück zum väterlichen Hause, gefaßt auf Leben oder Sterben. Allein der Tod kam nicht. So holte sie denn in den nächsten Tagen das Buch unter dem Steine wieder hervor, um sich in das Versteck jenes Christen führen zu lassen. Der Mann, ein vornehmer Sachse, welchen Lust an Abenteuern nicht minder als sein Glaubenseifer mit den Corveyer Mönchen nach Schweden geführt hatte, war durch die Dienerin bereits unterrichtet von der Absicht des Besuches. Gunild zeigte ihm das Buch und fragte, ob es wirklich zu töten vermöge und ob er die böse Gewalt hinwegnehmen könne von dem Buche des Todes. Der Sachse erwiderte: »Du nennst es das Buch des Todes, wir nennen es das Buch des Lebens; denn es ist ein Evangelienbuch. Aber jeder mag in seiner Weise recht haben.« Darauf entgegnete Gunild: »Wie kann dieses Buch zugleich das Buch des Lebens und des Todes sein?« Und der Sachse antwortete: »Glaubet ihr nicht auch, daß Thor mit demselben Hammer töte, mit welchem er segnet?« Da der Mann solchergestalt Rätsel durch Rätsel erklärte, wollte Gunild die Runen und Bilder des Buches gedeutet wissen. Vielleicht, daß sie dann klarer sähe. Auf dem Deckel waren in Elfenbein geschnitzt Sonne und Mond und Okeanos, der Meergott, mit seiner Wasserurne und Tellus, die Erde, mit ihrem Füllhorn; über diesen allen aber thronte der Gekreuzigte. Der Sachse erklärte ihr, daß dies Christus, der Sohn Gottes, sei, zum Opfer für alle Welt am Kreuze getötet. Wiederum fragte Gunild staunend: »Wie kann ein Gott getötet werden und doch herrschen?« Der Sachse aber erwiderte: »Glaubet ihr nicht auch, daß Baldur, Odins Sohn, getötet worden sei? Und doch herrschet Baldur, bei dessen Tod alle weinten, Menschen und Tiere, Erde, Steine und Bäume, stärker in deinem Herzen als irgendein anderer Gott. Diesem Baldur ist Christus vergleichbar, fast wie ein Bruder.« Und als er nun weiter von Christus erzählte, rief Gunild: »Fürwahr, das ist Baldur, der weise, beredte Gott, der schöne, leuchtende, welcher den Menschen Recht und milde Sitten brachte!«, und sie freute sich, daß ihr der schöne Christengott des Buches gar nicht so fremd sei, sondern vertraut und heimatlich. Dann ließ sie sich weiter Bild um Bild deuten: wie Christus auf dem Berge lehrt, wie er bei der Samariterin am Brunnen sitzt, wie er Jairi Töchterlein erweckt und die Kinder zu sich kommen läßt. Diese Bilder aber freuten sie, weil sie so gar hell und leicht zu verstehen waren, während die anfänglichen Worte des Sachsen durch das Halbdunkel des Rätsels sie gefesselt hatten. Schon sank die Sonne ins Meer und schickte ihren letzten Strahl über den Wald als einen Mahnboten zur Heimkehr, und doch waren sie mit den Bildern noch lange nicht zu Ende. Ein seliger Friede aber kam leise über Gunild, als sie so dem Evangelium des Friedens lauschte und von dem Könige und Gottessohn hörte, der sich freiwillig aller Hoheit entäußert hatte, in Demut gehorsam bis zum Tode, daß er in seinem Liebesopfer die ganze Welt besiege. Noch vor wenigen Tagen hätte Gunild keinen Sinn gehabt für dieses Geheimnis, das so leise und stark an unsere Herzen pocht; jetzt aber seit dem Gang zur Eiche, wo sie im Schrecken des Todes ihre Liebe zu Olaf wiedergefunden, verstand sie die Botschaft vom höchsten Opfertod der Liebe. Geläutert in der irdischen Liebe des Weibes, ward sie reif für das Evangelium. Darum verdrängte die aufdämmernde, ahnende Erkenntnis auch nicht jene alte Liebe; sie ließ dieselbe nur um so heißer in ihrer Brust erglühen, aber auch um so reiner, und während Gunild neulich dem Tode hätte entrinnen und leben mögen, um Olaf in ihrer tiefen Liebe seine tiefe Schuld zu zeigen, sehnte sie sich jetzt, ihm ihre Liebe darzubringen im Verzeihen und Vergeben. Zu Hause aber erzählte sie noch am selben Abende alles dem Vater und bat ihn, das Buch im Hause aufheben und den Sachsen zu gastlichem Besuche laden zu dürfen, daß er ihr die Bilder weiter erkläre. Vor dem Sachsen hätte sich der Alte nicht gefürchtet, allein er erschrak vor dem Buche. Doch sollte er minderen Mut zeigen als das Mädchen? Zudem gewann er Zuversicht im Anblick der verklärten Freudigkeit, welche nach so vielen traurigen Tagen das Gesicht seiner Tochter umstrahlte, und sprach: »Mein Haus bietet Gastfreundschaft für jeden, der in guter Absicht kommt; so mag denn auch der Gott der Christen und sein Buch und auch der Sachse unter meinem Dach willkommen sein.« V. Inzwischen hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Gunild es gewagt habe, das Buch vom Baume zu nehmen und in ihrem Hause zu verbergen. Auch Olaf hörte davon, und als man es ihm erzählte, sah er Gunild in ihrer königlichen Gestalt vor sich stehen, eine Heldin an Gang und Miene. Staunend über solche Kühnheit, rief er: »Das Mädchen hat uns alle besiegt!« Und indem er ihren Mut bewunderte, schlug sein zielloses Grollen und Sehnen plötzlich um in die glühende Begier, die verlorene Braut wiederzusehen, und erschiene sie ihm auch diesmal wieder nur so stolz und kalt wie an jenem Abende der Trennung. Nicht als die Geliebte wollte er sie wiedersehen, nein! – mit der Liebe war es aus und vorbei, aber wie der Freund zum Freunde wollte er vor sie treten, um dem kühnsten Weibe das Lob des Mannes zu sagen, der im ganzen Gau für den kühnsten galt. Im selben Augenblicke aber durchfuhr ihn brennende Angst. Stand nicht Gunilds Leben in Gefahr durch das zauberische Buch, zehrte das Gift der Seuche nicht vielleicht auch schon an ihrem Herzen? Er mußte hin zu ihr, das Buch ihr zu entreißen, und koste es ihm sein eigenes Leben! In diesem Ungestüm der Angst aber entschleierten sich ihm seine heimlichsten Gedanken. Nein, es war noch nicht aus und vorbei mit der Liebe! Die Todesangst für die Geliebte sagte ihm, daß es mehr als bewundernde Freundschaft sei, was ihn zu Gunild ziehe. Der rascheste Weg war zur See längs der Küste. Olaf bestieg sein Boot und ruderte die gleiche Bahn, welche er einst an dem Sturmabend von Erichs Schlosse zurückgefahren war; allein, obgleich das Meer heute spiegelglatt gebreitet lag, griff er doch noch heftiger mit dem Ruder aus als damals, wo er wider Wind und Wogen um sein Leben rang. Galt es doch, um Gunilds Leben zu ringen! Schon nahte er sich Erichs Schlosse, da sah er eine Frauengestalt am Ufer sitzen: – er hielt das Ruder an und spähte. Es war Gunild! Rasch wandte er das Boot zum Lande und trat hinzu. Gunild bemerkte ihn nicht, so tief versenkt war sie in die Bilder ihres Buches, welche sie hier an demselben Orte bedenksam wieder betrachtete, wo sie vordem das Buch hatte in die Flut versenken wollen. Olaf rief: »Hinweg mit dem Buche, es bringt den Tod! Gunild, gib mir das Buch!«, und er suchte es ihr zu entwinden. Gunild fuhr erschrocken auf, sprachlos den ungestümen Mann anstarrend, das Buch aber hielt sie fest. Dann sammelte sie sich und sagte: »Fürchte nichts, das Buch wird mir nichts zuleide tun.« »Es hat mir die Mutter und Schwester getötet, es wird dich und uns alle töten; – wirf es von dir!« Darauf entgegnete Gunild: »Es ist das Buch des Lebens, und deine Mutter und Schwester sind nicht an dem Buche gestorben. Dir selbst nur drohet Gefahr, daß du das Buch dir zum Buche des Todes machest.« Freundlich, ruhigen Tones hieß sie ihn dann neben sich sitzen und begann dem willenlos Folgenden von dem Buche zu erzählen und deutete ihm das Elfenbeinschnitzwerk auf dem Deckel. Olaf ward etwas gelassener und hörte zu, anfangs, weil es seine heiße Stirn wie kühlende Abendluft anmutete, Gunild so mild und sinnig erzählen zu hören, dann, weil ihn allmählich der Sinn ihrer Worte seltsam ergriff. Und als er dann auch nach seinem Verständnis dazwischenredete und sie in kindlicher Einfalt von hohen Geheimnissen sprachen, fügte sich's wie von selbst, daß eines des anderen Hand ergriff, und dann entsannen sich beide, daß sie wieder geradeso beisammen säßen, wie sie vordem so oft gesessen hatten; allein, obgleich sie eben erst kühn die dunkelsten Gedanken getauscht, wagte doch keines, diesen klarsten Gedanken auszusprechen. Da endlich bat Olaf die Jungfrau, daß er sie zum Schlosse rudern dürfe; denn immer noch fasse er nicht ganz, was das Buch bedeute, auch dränge es ihn, nach so schwerer Zeit und da er nun doch einmal ihres Vaters Boden betreten habe, Herrn Erich wieder zu begrüßen. Gunild willigte ein, und so bestiegen beide das Fahrzeug, sprachen übrigens nicht weiter von dem Buche, ja sie verstummten allmählich ganz, als ob die schweigende Meerflut auch ihnen Schweigen geböte, und Olaf führte das Ruder immer langsamer, als zögere er, ans Ufer zu stoßen. Endlich landeten sie bei der Linde, und in ihrem Schatten saß der alte Erich und staunte, wie aus einem Traum erwachend, als er das Paar vom Schiffe kommen sah, und vollends von demselben Schiffe Olafs, auf welchem dieser am Sturmabend so trotzig davongefahren war. Olaf aber sprach zum Alten: »Bei meinem letzten Besuche kam ich keck und übermütig von der Jagd, um Eurer Tochter Hand zu fordern; heute komme ich aus dem Heiligtum der Götter und bitte um Gunilds Hand. Und wünschet Ihr noch Jahresfrist bis zum Tage der Hochzeit, so wird das gut sein, damit ich inzwischen jene Geheimnisse der Demut und Liebe lerne, welche in dem Buche stehen.« Da brach Gunild in helle Tränen aus, aber es waren nicht jene Tränen des kämpfenden Stolzes, welche sie damals hier unter der Linde geweint, und fiel dem Geliebten um den Hals und bekannte laut ihre Liebe. Und der Alte legte schweigend seine Hände auf das Paar. Nach Jahresfrist segnete der Priester Olaf und Gunild zum Ehebunde, nicht mit Thors Hammer, sondern mit den Worten der Schrift: »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.« In der Gegend aber erzählte man Wunderdinge von dem Buche des Todes, welches zugleich ein Buch des Lebens sei und Zauber wirkend, denn es habe die zwei stolzesten und trutzigsten Herzen zuerst vor Gott und dann voreinander gebeugt – in Todesangst und Liebe. Der alte Hund 1878 I. Als man 1232 schrieb, da lebte zu Siegen auf dem Westerwald ein armer Leineweber namens Giso. Er arbeitete gut, aber langsam; denn wenn er mit der Hand wob, dann sann und spann und wob er noch viel mehr im Kopfe, und so stand sein Stuhl oft zwischendurch still, und was ein Tagewerk hätte sein sollen, das ward zum Wochenwerk. Warum sollte er sich auch übereilen? Lässiger Fleiß schützte ihn gerade vor dem Verhungern, und das war genug. Wenn nicht derjenige reich ist, welcher viel besitzt, sondern welcher wenig bedarf, so zählte der arme Leineweber zu den reichsten Leuten, denn auf dem ganzen Westerwalde gab es keinen bedürfnisloseren Menschen als Giso. Er hatte keine Eltern mehr, keine Geschwister, keine Frau, er stand allein in der Welt; er hatte nur einen Hund, mit welchem er in herzlicher Freundschaft lebte, und dieser Hund war fast so bedürfnislos wie sein Herr, weniger zwar aus Grundsatz, als weil er's nicht besser wußte. Da er sich nämlich in seinem ganzen Leben niemals recht satt gefressen hatte, so blieb er auch bei schmalster Kost vergnügt, und ein harter Knochen beglückte ihn mehr wie herrschaftliche Hunde ein fetter Braten. Dieses genügsame Tier war ein kleiner grauer, langhaariger Schäferhund und hieß Magar (mager), weil man ihm sein Leben lang alle Rippen am Leibe hätte zählen können. Vor sechzehn Jahren seinem Herrn zugelaufen, stand er jetzt im hündischen Greisenalter: er war ganz taub und halb blind, die vordem so scharfe Nase war stumpf geworden und die früher so gelenken Beine steif; außerdem plagte ihn keine Beschwerde des Alters. Während alte Hunde sonst gerne eigensinnig, grämlich und bissig werden, erfreute sich Magar einer fortwährend heiteren Sinnesweise, ja er erschien in alten Tagen zutunlicher und gutmütiger als in seiner ungestümen Jugend. Ob er nicht doch zuweilen die Abnahme der Kräfte in stiller Wehmut empfand? So fragte Giso manchmal und suchte die Antwort in des Hundes Augen zu lesen. Aber diese einst so beredten Augen sprachen nicht mehr, sie waren glasig starblau, die Seele verschloß sich hinter ihnen; doch wenn der Hund merkte, daß sein Herr ihn beobachte, dann wedelte er lebhaft mit dem Schweife; gewiß, er war noch immer stillvergnügt. Und glücklicher als die Menschen, empfand er vielleicht das Alter so wenig, als er die Nähe des Todes ahnte. Vielleicht! Zwischen Gott und den Menschen gestellt, ist uns das Tier ein gleich dunkles Rätsel wie Gott und wie wir selber. So dachte Giso. Denn auch ein armer Westerwälder Leineweber des dreizehnten Jahrhunderts machte sich mitunter seine Gedanken über seinen Hund und unseren Herrgott. Hätte Giso in seiner Jugend lesen und schreiben gelernt, so würde er vielleicht ein großer Gelehrter geworden sein, allein da er nur von Natur gescheit war und nicht durch die Kunst, so ist seine Weisheit der Welt verborgen geblieben. Je mehr er aber in sich hinein grübelte und doch seine Gedanken niemals recht herauslassen konnte, um so seltsamer und tiefgründiger wurden diese Gedanken. Schweiften sie aber auch noch so sehr ins Weite, so kehrten sie doch zuletzt immer wieder zu zwei Zweifelsfragen zurück: er hätte gar zu gerne genau wissen mögen, was dereinst das Los seiner eigenen armen Seele sei und ob er ganz gewiß in den Himmel komme, dazu aber nebenbei, ob sich dort nicht auch noch ein kleines Plätzchen unterm Tisch für seinen Magar finden werde. Denn da er nach der Sitte der Zeit den Hund jeden Sonntag in die Kirche mitnahm, so hätte er ihn auch gerne in den Himmel mitgenommen. Ja, er konnte sich den Himmel nicht ganz himmlisch denken, wenn ihm dort sein treuer, einziger Freund, wenn ihm das gemütliche Tier fehlte. Man sieht, Giso war auf gefährlichem Wege. Zerbrach er sich noch lange den Kopf über Menschenseelen und Hundeseelen, dann konnte er im Handumdrehen ein Ketzer werden, ohne daß er's nur recht merkte. Es wehte nämlich damals eine besondere Luft über Deutschland, die vom Süden herüberkam, von den Alpen gleich dem Föhn, der ungestüm und mild zugleich den Schnee von den Bergen fegt und den Frühling vorverkündet. Aus den Tälern Piemonts waren die Lehren der Waldenser selbst bis ins Siegener Land gedrungen, und schlichte Leute fragten sich, ob denn der Papst zu Rom wirklich die Himmelsschlüssel in Verwahrung habe und ob Christus und die Apostel in ihrer Armut nicht doch vielleicht ein besseres Evangelium gepredigt hätten als die Bischöfe und Prälaten in ihrer Pracht und Üppigkeit? Auch Giso hatte gehört, daß die Pfaffen dem dummen Volk mitunter gar nicht richtig sagten, was in der Bibel stehe, und man brauche nur dort Christi eigene Worte zu lesen, um dieses Truges innezuwerden und klar und sicher zu erfahren, wie man's anfangen müsse, um nicht irrtümlich in die Hölle statt in den Himmel zu geraten. Allein diese Nachricht nützte dem armen Manne wenig; denn er konnte ja nicht lesen und fand auch niemand, der ihn mündlich genauer belehrt hätte. Nur ganz heimlich und im vertrautesten Kreise redete man von solchen Dingen, seit es bekanntgeworden war, daß das geistliche Gericht in Straßburg zwei Männer mit glühenden Zangen auf ihren Glauben geprüft und in Hildesheim sogar einen Propst verbrannt hatte, bloß weil derselbe behauptete, unser Herrgott sei vornehmer als die Jungfrau Maria. Man konnte in der Tat nicht vorsichtig genug sein. Im Lande gingen fremde Männer umher, welche die Gabe besaßen, ohne glühende Zangen oder sonstige Befragung einem jeglichen schon am Gesichte anzusehen, ob er ein Ketzer sei. Darum bemühten sich die Westerwälder Bauern, möglichst einfältig dreinzusehen und mit offenem Munde zu schweigen, wenn sie gefragt wurden. So blieb also auch Giso ganz auf sein eigenes Sinnen und Grübeln beschränkt; aber je weniger ihn dies befriedigte, um so brennender ward sein Verlangen nach einem erleuchtenden, erlösenden Worte. Wann er abends hinaufblickte in die Rätsel des unermeßlichen dunkeln Himmels und der flimmernden Sterne, dann war es ihm, als müsse er da oben die Geheimnisse des Lebens und Todes lesen; aber die Himmel erzählen nur die Ehre Gottes, sie enthüllen nicht seine Geheimnisse, die Sterne leuchten nur, sie erleuchten nicht, und hinter ihnen sieht der arme Mensch bloß die schwindelnd tiefe ewige Nacht. Giso aber dachte, wenn mir der Mund der Bücher und der Mund der Menschen versiegelt ist und Himmel und Erde schweigen bei meiner Frage, dann muß Gott selber reden. Denn da er verlangt, daß ich schaffe selig zu werden, so muß er mir auch sagen, wie ich's anfangen soll. Eine Pflicht fordert die andere. Und da Giso gehört hatte, daß Gott persönlich zuzeiten mit heiligen Männern gesprochen, so dachte er, Gott könne und solle auch einmal mit ihm sprechen. Gerade weil er kein Heiliger sei, drum habe er's um so nötiger. Und deuchte es dem Herrn des Himmels und der Erde allenfalls zu gering, mit einem armen Westerwälder Leineweber zu reden, so könne er ja seinen Sohn oder den Apostel Paulus oder sonst einen zuverlässigen Mann seines Gefolges mit dieser belehrenden Zwiesprach beauftragen. Giso begehrte dies so eifrig und ernsthaft, daß er manchmal im Waldesrauschen, im Sturmgebraus auf Bergeshöh oder im Wassertosen der Felsschlucht Stimmen zu vernehmen glaubte. Aber wenn er gespannten Ohres näher hinhorchte, dann waren es immer nur die Blätter und der Sturm und das Wasser gewesen, und sein Ohr verstand diese Sprache so wenig als sein Auge die wimmelnden Schriftzeichen des geschriebenen Buches. Doch vielleicht lernte er noch die Sprache der Bäume und des Windes durch Fleiß und Geduld. II. Erfüllt von solchen Gedanken, ging Giso einst in stiller, lauer Sommermondnacht von Selchendorf über den Tannenberg nach Hause. Er führte Magar an der Leine; denn der alte Hund war so träge geworden, daß er fortwährend stehenblieb, wenn man ihn nicht ein wenig vorwärts zog, und da er bei Tage wenig sah und bei Nacht gar nichts, so stieß er alle Augenblicke wider einen Baum oder Busch, und das tat seinem Herrn weher als ihm selber, darum lenkte er ihn mit mitleidiger Hand auf freie Bahn. Zu Hause mochte er das alte Tier nicht lassen, weil es dort ganz hilflos und den rohen Nachbarn preisgegeben gewesen wäre, und so sah man denn Giso überall mit dem Hunde am Strick, und es kümmerte ihn wenig, daß sich die Leute darüber lustig machten. Es mochte Mitternacht sein, als die beiden so über den Tannenberg schritten, und Siegen lag noch eine gute Stunde entfernt. Der Wald lichtete sich, wo der Weg zum Eisenbachtale hinabsteigt. Da sah Giso eine menschliche Gestalt aus dem jenseitigen Dickicht treten; – sie kam raschen Schrittes quer über die Lichtung. Giso, sonst ein beherzter Mann, wurde von plötzlicher Angst erfaßt, es fiel ihm bleischwer in die Füße, und er schlüpfte hinter einen Wacholderbusch und wußte doch selbst nicht, warum er sich eigentlich fürchtete. Der nächtliche Wanderer schien ihn nicht bemerkt zu haben; er ging lautlos an dem Busche vorüber, mehr schwebend als schreitend, unhörbar; denn obgleich er sich jetzt auf einem steinigen Pfade bewegte, so vernahm doch Gisos fieberhaft geschärftes Ohr nicht das leiseste Knarren eines Fußtrittes, und es war, als ob die Steine unter jenes Mannes Sohlen zu einem Teppich würden. Gespenster kommen immer entweder ganz still oder mit betäubendem Getöse: die schweigenden, unhörbar im Schweigen der Nacht einherschwebenden sollen die schauerlichsten sein. Doch die Erscheinung glitt weiter, und schon glaubte Giso unentdeckt geblieben zu sein. Da hob Magar seine Nase schnuppernd in die Höhe, zerrte dann scheu am Stricke zurück und stieß ein jämmerliches Geheul aus. Der Fremde horchte auf, kehrte sich um und rief den armen Giso an, der hinter dem Wacholderbusch vergebens den Hund zu beschwichtigen suchte: »Was versteckst du dich? Komm hervor, Freund, und zeige mir den Weg nach Wilnsdorf!« Giso faßte Mut, indem er dem Hunde Mut machte, und da er nun vollends die unheimliche Gestalt so laut und deutlich sprechen hörte wie andere Menschen, nur mit etwas fremdartigem Tone, so ermannte er sich und rief: »Nur immer talaufwärts, dann könnt Ihr Wilnsdorf nicht verfehlen.« Zugleich aber trat er aus dem Gebüsch und schwenkte geschwind links ab, um nach der entgegengesetzten Seite davonzulaufen. Aber Magar konnte schon längst nicht mehr laufen, er ging nur noch den bedächtigen Schritt des hohen Alters und hielt seinen Herrn zurück, so daß ihnen der Fremde rasch den Weg vertrat. Er sprach gebieterisch: »Begleite mich eine Strecke, daß ich den Pfad nicht verfehle!« Giso konnte dem Ton der Stimme nicht widerstehen, auch wenn er Magar hätte preisgeben und allein davonlaufen wollen. Er folgte willenlos. Mit scheuem Seitenblicke betrachtete er den unheimlichen Gast. Er trug eine Kapuze über dem Kopf, daß man kaum sein Gesicht sehen konnte, und war in einen langen grauen Mantel gehüllt, als ob's Dezember wäre, da es doch Juli war. Übrigens bemerkte Giso jetzt deutlich, daß der Fremde nicht schwebte, sondern ging wie andere Menschen und daß auch die Steine ein wenig unter seinen Füßen knarrten; allein er ging leicht und leis wie eine Katze. Diese Wahrnehmung steigerte den Mut des armen Leinewebers so sehr, daß er dem grauen Mann auf dessen wiederholte Fragen über seine Person und Herkunft ganz fest antworten konnte und zuletzt sogar die Gegenfrage an seinen Begleiter wagte, ob er denn in Wilnsdorf bekannt sei und dort wohl gute Freunde habe. »Ich kenne niemand und bin niemals dort gewesen.« »Aber was sucht Ihr in dem armen Dorfe bei so später Nacht?« »Ich suche fromme Leute« »Und wie wollt Ihr sie finden?« »Ich kenne sie nicht und kenne sie doch. Fünfzehn Wilnsdorfer Bauern sind fromm; diese werde ich finden. Die anderen taugen alle nichts.« Giso schwieg erstaunt; es durchrieselte ihn. So ungefähr wie dieser Mann sprachen die Heiligen, die Propheten und Engel, wenn sie in den Legenden auf Erden umherziehen, und Giso hatte genug solcher Legenden vom Priester erzählen hören. Auch gingen die heiligen Männer nicht selten verhüllt wie der graue Gesell, bis sie plötzlich ihren Mantel zurückschlugen und leuchteten wie der Morgenstern. Aber sein Begleiter hielt zur Zeit das Gesicht noch fest hinter der Kapuze. War er vielleicht der himmlische Bote, dessen Belehrung Giso sich so oft und heiß erfleht hatte? Forschend sprach er darum: »Ihr werdet schwere Arbeit haben, die fünfzehn frommen Leute in Wilnsdorf herauszufinden. Denn einige sind fromm, aber sie wissen's selber nicht. Andere wissen es, aber sie sagen's nicht. Die es aber sagen, sind gerade erst recht nicht fromm. Ein jeder aber tut so einfältig als möglich aus Furcht vor den geistlichen Herren.« »Und wozu bedürft ihr der Pfaffen?« entgegnete der Fremde mit plötzlich erhobener Stimme. »Vor Gott sind wir alle gleich, da ist jeder gute Christ ein Priester.« »Das mag wohl sein«, meinte Giso, »aber darum kann doch nicht jeder Beichte hören und die Sünden vergeben.« »Und warum nicht? Wahrlich, ich sage dir, Giso, du wirst noch taufen und absolvieren, predigen und Kelch und Brot austeilen, wenn du ein Kind Gottes bist, und bleibest du dabei auch immer nur ein armer Leineweber. Im Evangelium steht nicht geschrieben, daß dies bloß Priester tun sollten; dort steht überhaupt nichts von Päpsten, Mönchen und Pfaffen.« »Und wisset Ihr dies denn so genau?« fragte Giso erstaunt. »Habt Ihr denn das Evangelium gelesen?« »Ob ich's gelesen habe! Keine Zeile stehet darin, die ich nicht im Kopfe trüge, genau wie sie dort im Buche steht.« »Der Mann tut, als ob er das Evangelium nicht nur gelesen, sondern auch geschrieben habe«, dachte Giso im stillen. »Am Ende ist er gar einer von den vier Evangelisten!« Doch brauchte er jetzt nicht mehr weiter zu fragen, denn der Redestrom seines Begleiters war entfesselt. Er erzählte, wie bis daher das Zeitalter des Vaters und des Sohnes gewesen sei, von nun an werde aber auch die Zeit des heiligen Geistes hinzukommen. Da werde jeder Mensch von selbst wissen, was gut und böse, aus eigener Erleuchtung, und brauche das matte Kirchenlicht der Pfaffen nicht mehr. Und wenn der geringste Mann nur recht tief in sich hineindenke, so offenbare sich ihm, was bis heute auch die Weisesten nicht erkannt, denn der Geist wohne und wirke in jedem, am liebsten aber in armen und einfältigen Leuten. Und jeder dürfe dann tun und genießen, was sein Herz begehre; denn unsere Wünsche und Triebe seien von Natur nicht schlecht, sie würden nur schlecht durch die Dummheit und Knechtschaft, worin wir jetzt noch lebten, vorab durch die grausame Tyrannei der Kirche. Giso verstand nicht alles, was der Fremde sagte, und öfters grauste es ihm vor dessen Gedanken; gar manches Wort aber war ihm auch aus der Seele gesprochen, ja er glaubte mitunter, sich selbst zu hören, und ihm dünkte, der graue Mann müsse ihn in seinem geheimsten Dichten und Sinnen belauscht haben und halte ihm nun den Spiegel seines Innern vor. Nur eines offenbarte er ihm nicht: wie es denn aussehen werde im ewigen Leben, was man da tue und treibe und wie die Seele hinüberkomme unmittelbar nach dem Tode und ob der gute, treue Magar, welcher doch auch ein klein Stückchen Seele habe, nicht auch mit hinüberschlüpfen dürfe. Das alles hätte Giso recht genau wissen wollen, aber gerade hierüber sprach der Fremde nicht. Ja, er lachte ganz höhnisch und unheimlich, als ihn Giso wegen des Hundes fragte. Doch da er merkte, wie ernst es dem Leineweber mit dieser Frage sei, sprach er: »Du bist treu und gut wie dein Hund. Treue um Treue! Du sollst alles erfahren. Doch nun haben wir ja wohl Wilnsdorf erreicht und müssen uns trennen.« Beim Abschied lud dann der Fremde Giso ein, nächsten Mittwoch spät abends wieder an denselben Platz zu kommen, wo sie sich heute begegnet waren, dort würde er ihm Weiteres enthüllen, wenn er das tiefste Geheimnis gelobe. Giso erschien auch zur bestimmten Stunde klopfenden Herzens am Wacholderbusch, wo der graue Mann schon seiner wartete. Und sie sprachen wieder von Gott und der Welt und Leib und Seele und Himmel und Hölle. Doch begriff Giso die kühnen und seltsamen Worte des Lehrers fast noch weniger als vorher. Dagegen fragte ihn dieser aufs genaueste aus über seine eigenen Gedanken, und Giso berichtete sie klar und ohne Rückhalt; ja er redete sich in eine rechte Begeisterung hinein und meinte zuletzt, es stehe gewiß der ersehnte Bote Gottes vor ihm. Nur schien es ihm sehr schwer, einen so ausgezeichneten Mann zu verstehen, darum bat er noch um eine dritte Zusammenkunft. Der Fremde erwiderte geheimnisvoll: »Was du weiter noch wissen sollst, das wirst du nicht von mir erfahren; aber gehe am nächsten Sonnabend, morgens um zehn Uhr, nach Wilnsdorf, so wirst du Leute finden ungefragt, die mein Werk vollenden.« Diese prophetischen Worte bestärkten Giso vollends in der Ansicht, daß kein gewöhnlicher Mensch mit ihm spreche, und er fragte darum demütig, ob er nicht erfahren dürfe, wer ihn zweimal so wundersam belehrt habe. »Du wirst es erfahren zu seiner Zeit! Aber sage, für wen hältst du mich?« Hierauf erwiderte Giso, daß er dies nicht aussprechen könne. Nach langem Drängen gestand er dann, er habe wohl die Vermutung, daß sein Freund ein Evangelist oder Apostel sei. Der Fremde sagte nicht ja und nicht nein, schien aber mit dieser Würde zufrieden, denn er schüttelte Giso zum Abschied gar herzlich die Hand. III. Am Sonnabend begab sich Giso genau zur bestimmten Stunde nach Wilnsdorf. Magar war heute besonders träg; er wollte nicht mitgehen, aber Giso band ihn an die Schnur, und so mußte er folgen. Unterwegs begegnete ihnen ein großer Wolfshund. Es gibt Hunde, namentlich sehr struppige, deren Gestalt und Aussehen gleichsam eine Herausforderung für alle anderen Hunde ist und die von allen angefallen und abgerauft werden. Magar gehörte leider zu dieser unglücklichen Klasse, und viele Narben seines Felles zeugten dafür; und da er im voraus schon wußte, was ihm drohte, so pflegte er in jungen Jahren den Angriffen der anderen Hunde durch eigenen Angriff zuvorzukommen. Der Wolfshund nahte knurrend, aber der alte Magar ging seines Weges, als ob ihn jener gar nichts angehe, und das grimmige Tier beschnupperte ihn und ging dann gleichfalls ruhig seines Weges. »Als der Wolfshund wahrnahm, daß Magar alt und schwach sei, nahm er seine Ausforderung zurück«, so dachte Giso. »Die Hunde sind ritterlicher als die Menschen, der große Hund schont den kleinen, der starke den schwachen, indes der starke Mann den schwachen unterdrückt und zu Boden wirft.« Giso vergaß eine Weile seine theologischen Gedanken und seine ungeheuer gespannte Erwartung im Nachdenken über die Menschlichkeit der Hunde und das Hündische der Menschen. So kam er nach Wilnsdorf. Dort war eine große Menschenschar versammelt auf dem Platz vor der Kirche; aber es ruhte ein seltsames Schweigen über der Menge, und alle schauten staunend drein, als ob ein Märwunder zu sehen sei. Unter der Linde an der Kirchentür stand ein Dominikaner, von anderen Mönchen umgeben, daneben mehrere Männer in grauen Mänteln und mit kurzgeschorenen Haaren; das waren reuige und darum begnadigte Ketzer, Büßer, wie man sie nannte, ihnen zur Seite aber Männer mit Spießen und Stricken, gräßlich rohe Gesellen, wie Henkersknechte anzusehen. Giso drängte sich in den Kreis, nachdem er seinen Hund seitab an einen Zaun gebunden, damit er im Gedränge nicht getreten werde, und fragte ein paar bekannte Bauern, was das bedeute. Aber keiner antwortete ihm. Doch vernahm er ein leises Murmeln und sah, wie sich aller Augen auf ihn wandten. Da rief plötzlich der Dominikaner, dem sein Nebenmann etwas ins Ohr geflüstert hatte: »Giso, tritt vor!« – und Giso folgte erschrocken; jener Ruf klang ihm wie die Posaune des Gerichts. Der Dominikaner war Konrad von Marburg, der furchtbare Ketzerrichter. Giso kannte ihn nicht, und dennoch überlief es ihn kalt bei seinem Anblick. Er fragte den zitternden Giso, was ihn hierhergeführt. Keine Antwort. Da rief Konrad scharf. Mit schneidender Stimme: »Ich will es dir sagen. Du bist gekommen, um hier in die letzten Meistergeheimnisse der Ketzerei eingeweiht zu werden.« Und nun erzählte er genau und ausführlich, welch freventliche Gedanken und Zweifel Giso gehegt über Hundeseelen und Menschenseelen und wie er von Gott selbst eine Unterredung gefordert habe, statt sich an die allein berechtigten Vermittler zwischen Gott und Menschen, an die Priester, zu wenden, und zeigte ihm klar, daß dies die strafwürdigste Ketzerei sei. Giso stand wie vernichtet, als er so seine geheimsten Gedanken enthüllt sah. Er konnte nicht leugnen. Allein er raffte sich auf und sah im Kreise umher; er suchte den grauen Mann, der allein sein innerstes Dichten offenbart haben konnte; doch er fand ihn nicht. Vielleicht war Konrad selbst der graue Mann gewesen? Doch nein! Konrad war klein und schmächtig, jener Fremde vom Tannenberg war groß und stark, fast über menschliches Maß, er war nicht zugegen. Nun aber fragte Konrad Giso weiter, wer ihm so verruchte Gedanken eingepflanzt; er solle Lehrer, Anstifter, Mitwisser nennen. Giso entgegnete, seine Gedanken habe er sich selbst gemacht. Man hielt ihm vor, daß er augenblicklich sterben müsse, wenn er keine Genossen angebe. Giso aber beteuerte, er habe keine, auch habe er mit niemandem je von solchen Dingen gesprochen außer mit einem Unbekannten, der ihn, wie er nun sehe, verraten habe. Alles horchte auf, und Konrad ermahnte, in dem Bekenntnis fortzufahren. Da erzählte Giso genau, wie er mit dem Fremden am Tannenberg zusammengetroffen sei und was ihm dieser alles gesagt, weit schlimmere Sätze, als er sie je zu träumen gewagt habe. »Und wie sah der Fremde aus? Hatte er einen seltsam schleichenden Gang? Verhüllte er den Kopf und die Beine? Blickte ein leichenhaftes Gesicht unter der Hülle hervor und große schwarze Augen?« Giso gestand, daß dies wohl so gewesen sein möge, aber beim Mondschein der Mitternacht habe er's nicht gar genau gesehen. »Und wie nannte sich der Fremde?« »Er nannte gar keinen Namen. Doch als ich ihn in meiner Einfalt fragte, ob er etwa ein Evangelist oder Apostel sei, da schwieg er und verschwand, und ich nahm dies Schweigen für Bejahung.« Konrad rief: »Nun wissen wir's genau, es war der Teufel selbst, der dich berückt hat!« Giso aber, wütend über den teuflischen Verrat, glaubte nun auch, daß der graue Mann kein Evangelist, sondern der Teufel gewesen sei, fragte dann aber mit echter Bauernpfiffigkeit, ob der hochwürdige Herr denn auch mit dem Teufel geredet, denn nur von diesem könne er ja die Kunde erhalten haben, welche sonst niemand wisse. Konrad aber verwies ihm zornig, daß er sich erdreiste, Fragen zu stellen; er solle vielmehr seine Ketzerei abschwören und den Himmel um Verzeihung bitten. Giso erklärte sich bereit dazu. Er war völlig irre geworden an sich selbst; er fluchte jenem Verräter, der ihn in seinem Irrglauben bestärkt habe, um ihn ins Verderben zu stürzen, und so gewaltig war die Macht Konrads über die Gemüter, daß Giso ihn jetzt unbedingt für einen wahren Mann Gottes hielt. Da er dies nun gar treuherzig aussprach und daneben so gar einfältig erschien, so erklärte Konrad, er wolle diesmal Gnade für Recht gewähren, wenn Giso sich auf der Stelle scheren lasse und das Büßerkleid anlege. Giso erklärte sich bereit, und seine langen Haare fielen sofort unter der Schere des Henkers. Ein furchtbares Heulen und Wehklagen tönte inzwischen aus der Ferne herüber, unterbrochen vom feierlichen Gesang des Miserere. Alle blickten entsetzt nach dem Haus am oberen Ende des Dorfes, woher diese Klänge kamen. Aus dem First des strohgedeckten Holzbaues erhoben sich Flammen und Rauch, und die Bewohner wurden mit gebundenen Händen in die Flammen ihres eigenen Hauses geworfen. So sparte man den Scheiterhaufen und rottete mit den Ketzern zugleich ihre Wohnstätte aus. Eine ungeheure Rauchgarbe, zum Himmel aufsteigend, lagerte sich bald über dem ganzen Dorf, Geschrei und Gesang verstummte, man hörte nur noch das Knistern des Feuers und das Krachen der Balken. Konrad hatte gewartet, bis Giso das ganze Schauspiel angesehen und dessen vollen Schrecken erfaßt hatte. Dann drang er nochmals in ihn, Mitwisser anzugeben; denn wenn er solche verschweige, dann solle er auch mit geschorenem Kopf und Büßerkleid dennoch in die Flammen geworfen werden. Allein der ehrliche Giso machte es nicht wie andere, welche Unschuldige oder ihre persönlichen Feinde nannten, um sich zu retten. Er blieb standhaft bei der Wahrheit. Nun wollte Konrad wenigstens wissen, ob Giso einen großen schwarzen Kater verehrt und geküßt habe zum Zeichen der Huldigung des Teufels; denn die Katzen seien des Teufels Lieblingstiere und ein gebratener Kater seine Leibspeise. Giso sagte, er möge keine Katze im Hause leiden, geschweige küssen oder essen, denn er sei ein Hundefreund. Da hielt ihm Konrad das Teuflische seiner Gedanken über die Hunde und ihre Seele vor und wollte wissen, ob sein alter Hund nicht irgendwie dämonisch besessen sei. Doch die Flammen des brennenden Hauses waren inzwischen zu den Nachbarhäusern herübergesprungen, vom Winde gefacht, nahten sie sich dem Kirchenplatze, und niemand wagte zu löschen. Konrad machte darum dem Prozeß ein rasches Ende. Giso ward aus Gnaden freigelassen, wofern er drei Jahre geschoren und im Mantel einhergehe. Der Hund aber als ein ohne Zweifel dämonisches Tier solle vom Zaune geholt und sofort totgeschlagen werden. Die Knechte gingen, ihn zu holen; allein der Hund war verschwunden samt seinem Strick. Niemand hatte gesehen, wie das zugegangen und wohin er gekommen war. Da die Knechte nun den Hund nicht fanden, so packten sie Giso um so derber, warfen ihn unter Flüchen aus dem Kreis und jagten ihn zum Dorfe hinaus. Alles wich vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen. Erst als er das Dorf schon weit im Rücken hatte, wagte er noch einmal zurückzublicken. Ganz Wilnsdorf stand in hellen Flammen. Fünfzehn Leute – eben jene Frommen, von welchen der graue Mann gesprochen – waren ins Feuer geworfen worden, ein ganzes Dorf loderte als Scheiterhaufen des Ketzergerichts. Die übrigen Einwohner durften ihre Habe nicht retten; sie flüchteten wehklagend in die Wälder. Die Mönche zogen psalmsingend davon. IV. Giso eilte nach Siegen. Es trieb ihn heimwärts, und doch fürchtete er sich heimzugehen. Er machte große Umwege über Berg und Tal, mied die Straßen und suchte das Waldesdickicht, so daß der Abend zu dämmern begann und die feuchten Nebel bereits aus den Wiesen stiegen, als er sich endlich im Siegtale fand und die Mauern der Stadt auf hoher Felskuppe von ferne sah. Und er wußte selbst nicht, wie er hergekommen. Eine Weile rastete er, in Gedanken versunken. Da weckte ihn das Geheul und Gewinsel eines Hundes. So heulte nur Magar. Giso blickte auf. Da stand Magar unter einem Felsen, von einem Mädchen am Strick gehalten, und zerrte aus Leibeskräften, um zu seinem Herrn hinüberzukommen. Das Mädchen ließ den Strick los, und der Hund sprang zu Giso, ganz toll vor Freude. Dieser aber redete ihn gar freundlich an, obgleich er taub war. Allein Giso redete auch sonst aus alter Gewohnheit den ganzen Tag mit dem tauben Hund. Erst nach langer Begrüßung und gegenseitigem Austausch blickte er auf das Mädchen. Es war Jutta von der Hammerschmiede. Ihr Vater hatte die Hammerschmiede eine Stunde unterhalb der Stadt betrieben; allein er fand einen jähen Tod, worauf die Witwe das Handwerk nicht weitertrieb und die Schmiede zerfallen ließ. Sie wohnte aber nebenan in einer kleinen Hütte und ernährte sich mit der Tochter kümmerlich von etwas Feldbau und Viehzucht. Da Giso vor lauter Gespräch mit dem Hunde zu gar keinem Wort für das Mädchen kommen konnte, so begann sie selbst: »Guten Abend, Giso! Ich habe dir den Hund gerettet; ich stand hinter den Leuten am Zaune neben Magar, und als ich hörte, daß es dem Tier an den Kragen gehe, ergriff ich rasch den Strick und schlüpfte mit dem Hund um die Ecke. Und als die Knechte kamen, hatten sie das Nachsehen.« Giso dankte durch Blick und Händedruck. Dann nahm er den Hund am Strick und ging die Siegener Straße, das Mädchen aber schritt in den Wald zurück. Doch nach einigem Besinnen kehrte Giso wieder um, lief dem Mädchen nach und hatte Mühe, sie einzuholen. Er hatte Jutta schon als Kind gekannt und früher gern gesehen, und auch sie sah ihn vordem, wie er glaubte, nicht ungern. Er war sogar um Juttas willen zweimal auf die Hammerschmiede gegangen, obgleich dieselbe eine Stunde entfernt im einsamsten Waldtale lag, und hatte dort mit der Mutter geplaudert, obgleich dieselbe bei weitem nicht so angenehm war wie ihre Tochter. Aber zu Fastnacht vorigen Jahres hatten sie sich ganz und gar entzweit, und zwar über Magar. Denn Jutta schalt ihn, daß er den alten elenden Hund überallhin am Strick mitschleppe, in die Kirche am Sonntagmorgen, unter die Linde am Nachmittag und gar zum Tanz am Abend. Er mache sich dadurch zum Gespött der Leute. Und als er sie dann aufforderte, zur Fastnacht mit ihm zum Tanze zu gehen, wollte sie nur einwilligen, wenn Magar zu Hause bleibe. Da verzichtete er auf ihre Gesellschaft; denn er dachte, wenn das Mädchen ihn leiden möge, dann müsse sie auch seinen Hund leiden. Und seitdem hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Nun wollte er aber doch wissen, warum gerade Jutta ihm den Hund gerettet; einzig deshalb war er ihr jetzt in den Wald nachgelaufen und fragte sie darüber. Sie antwortete: »Ich rettete den Hund, weil ich hörte, daß du treu und ehrlich warst wie ein Hund, denn du hast keine Genossen angegeben, gleichviel ob wirkliche oder erlogene, wie andere tun, um dem Scheiterhaufen zu entrinnen. Da aber der Mönch dich so furchtbar ängstigte, jammerte es mich, und weil ich wußte, wie dein Herz an Magar hängt, dachte ich: Dem armen Giso soll doch ein Trost bleiben, und lief unvermerkt mit dem Hunde davon, um ihn dir zurückzugeben.« »Aber du mußt nun auch den Hund behalten«, sagte Giso, »denn wenn ich ihn mitnehme in mein Haus, so schlagen sie mir ihn dennoch tot.« Jutta sah ein, daß Giso recht habe. Sie konnte auch den Hund gar wohl in ihrer Waldeinsamkeit verbergen. Also stimmte sie bei und fügte hinzu: »Als du dich früher lächerlich machtest mit dem alten Hunde, konnte ich ihn nicht ausstehen; nun aber kommt mir das arme blinde Tier gar nicht mehr so widerwärtig vor. Ich will es mitnehmen.« Und sie ging mit dem Hunde davon. Doch war sie noch nicht weit gekommen, da kehrte sie nun ihrerseits wieder um und lief Giso nach und erreichte ihn beim Felsen an der Straße, wo sie sich zuerst begegnet waren. Sie rief: »Giso, höre noch ein Wort! Es hätte mich furchtbar ergrimmt, wenn der Henkersknecht Magar totgeschlagen hätte, und ich begreife, wie es dich noch viel mehr ergrimmt haben würde. Aber wäre es nicht am gescheitesten, du schlügest den Hund gleich selber tot? Er wird doch seines Lebens kaum mehr froh und fände dann ein ehrliches Ende und wäre am sichersten aufgehoben.« »Und meinst du, daß ich dies könnte?« fragte Giso heftig bewegt. »Ich dachte öfters, es zu tun, da das Tier so steif und taub zu werden begann. Aber ich vermochte es nicht, und jetzt vermöchte ich's gar nicht. Dieser Hund war sechzehn Jahre mein Freund, oft der einzige Trost meiner Einsamkeit; er hat mich erfreut, er hat mir gedient. Ich war sonst überall nur ein Knecht, aber ich war dieses Hundes König; ich wünschte, der Kaiser hätte lauter so getreue Vasallen. Und soll ihm meine Hand nun zum Dank den Schädel einschlagen? Freilich, seine blinden Augen würden's nicht sehen, wenn ich zum Streich ausholte, er würde ruhig stehenbleiben, – und eben darum kann ich's nicht! Und träfe ich ihn schlecht, daß er noch Leben behielte, so würde er zu mir kriechen und die Hand lecken, die ihn so grausam verletzte, und Hilfe bei mir suchen. Und doch weiß ich: am besten wäre Magar tot. Darum erschlage du ihn, wenn du willst und kannst. Ich gebe ihn in deine Hand und will dir nicht zürnen.« »Gestern noch hätt' ich's gekonnt«, entgegnete Jutta; »heute kann ich's nicht mehr. Ich will Magar mitnehmen, ihn verbergen und pflegen.« So schieden sie. Jutta ging mit dem Hund, und Giso ging allein nach Hause. V. Als Giso mit dem geschorenen Kopf nach Siegen zurückkehrte, wichen ihm die Leute scheu aus dem Wege. Einige schalten ihn einen gottlosen Menschen, andere verspotteten, andere bedauerten ihn Eine Frau, die ihm erst gestern ihr Hanfgespinst zum Weben gebracht, holte es gleich wieder zurück; sie fürchtete, Giso möge irgendeine Teufelei hineinweben. Das Rätsel, warum er immer den alten, blinden Hund mitgeführt, schien vielen gelöst. Der Hund, so hieß es, sei ein eigentlicher Höllenhund gewesen, den der Weber angebetet und geküßt habe. Darum habe der Henker das Tier auch nicht totschlagen können, sondern es sei mit einer blauen Flamme in die Erde versunken. Giso war erzürnt und tief betrübt über seine Mitbürger; hätte er die Menschen ebensogut gekannt wie die Hunde, so würde er vielleicht noch betrübter, aber nicht erzürnt gewesen sein. Aber schmerzlicher noch empfand er, daß all sein Ringen nach Erkenntnis vergebens, daß der Mann, welchen er für einen Boten Gottes gehalten, am Ende gar der Teufel selbst gewesen war. Ihm schauderte, wenn er an seine nächtlichen Unterredungen mit dem grauen Mann dachte, und vergebens suchte er sich alles, was jener gesagt, aus dem Sinne zu schlagen. Dagegen suchte er mit Gewalt die Worte Konrads als eines wahren Himmelsboten sich einzuprägen; aber ihm schauderte auch vor diesem Heiligen, hinter dessen Rücken die ungeheure Feuer- und Rauchgarbe des brennenden Dorfes zum Himmel aufstieg. Und doch fand er sich dann wieder ganz beglückt in der Erinnerung an den Schreckenstag, wenn er nur an Magar dachte, der gerettet war, und an Jutta, die ihn gerettet hatte, und an jedes der wenigen Worte, die sie gesprochen, und wie sie das Tier jetzt so gut verpflegte. Er schalt sich, daß er alle Worte Juttas wie ein Evangelium behalten hatte, während ihm die Mahnworte Konrads, des mächtigen Redners, wie Nebel im Geiste zerrannen. Drei Tage arbeitete er fleißig am Webstuhl und ging jeden Morgen im Bußgewand in die Frühmesse. Aber Abend des dritten Tages wollte er doch nachsehen, wie es Magar gehe und wie derselbe auf der Hammerschmiede gehalten werde. Gegen Sonnenuntergang eilte er hinüber. Er fand Jutta strickend vor der Türe, und Magar lag auf der Hausflur, wo sie ihn auf frisches Heu gebettet hatte. Als er aber den Herrn witterte, kam er heraus, ihn zu begrüßen, ganz unbändig vor Freude. Jutta berichtete, daß der Hund vorgestern aus lauter Trauer nichts gefressen habe, daß er aber gestern und heute schon weit zutunlicher geworden sei und Milch und Brot nicht mehr verschmähe. Er werde sich bald eingewöhnen. Giso war zufrieden mit dieser Nachricht und trat nach wenigen Worten den Rückweg an. Was hätte er auch weiters viel reden sollen? Aber doch war es ihm, als ob er viel gesprochen habe, und er legte sich stillvergnügt auf sein Stroh. Während er sonst vor dem Einschlafen so gern und viel über das künftige Schicksal der Menschenseele und der Hundeseele nachgedacht hatte, dachte er diesmal weder an das eine noch an das andere. Dagegen sah er recht lebhaft Jutta strickend vor ihrer Haustüre sitzen. Nach einigen Tagen mußte er schon wieder nach Magar sehen, und so ging es fort, bis er zuletzt fast jeden Abend auf der Hammerschmiede erschien. Der Hund hatte sich inzwischen dort ganz eingewöhnt, wäre aber doch jedesmal gerne mit seinem Herrn wieder fortgegangen und winselte und suchte oft eine Viertelstunde lang, wenn sich dieser entfernt hatte. Giso dachte schon daran, Magar wieder nach Siegen zu nehmen. Er meinte, wenn er ihn vom Pfarrer mit dem Weihwedel kräftig besprengen lasse, dann würde es ja aller Welt offenbar werden, daß der Hund kein Teufelsvieh sei. Allein Jutta erhob Bedenken dagegen. Glaubte man doch noch nicht einmal recht an Gisos aufrichtige Buße, wie sollte man schon wieder an Magars hündische Unschuld glauben? Zudem hatte sie das alte Tier so lieb gewonnen, daß sie's nicht wieder hergeben wollte, und auch Magar schien offenbar schon zweigeteilten Herzens. »Er weiß nicht mehr klar, wohin er gehört, und das macht Menschen und Hunde unruhig.« So bemerkte Jutta einmal zu Giso. »Denn wenn du hinweggehst, so trauert er nach dir –« »Und wenn ich ihn mitnähme« ergänzte Giso, »so würde er nach dir trauern. Da sollten wir fast zusammenziehen, so wäre Magar zufrieden.« Jutta sprach kein Wort auf diese Bemerkung, und Giso sagte auch nichts weiter, sondern ging nach Hause. VI. Ein Jahr verstrich, ohne daß sich viel verändert hätte. Magar war noch etwas steifer und blinder geworden. Giso hätte gerne weit fleißiger gewoben als vordem, aber nur wenige gute Leute brachten ihm ihren Hanf und Flachs, so daß er oft bittere Not litt. Seine Tage verliefen äußerst gleichmäßig: frühmorgens machte er Bußübungen, dann stand er am Webstuhl bis zum Abend, und mit der sinkenden Sonne ging er zur Hammerschmiede, um zu sehen, wie sich Magar und Jutta befänden. Er war allmählich etwas minder gesprächig mit dem tauben Hund geworden und etwas gesprächiger mit seiner Pflegerin. Sonst blieb er ihr so nahe und so ferne wie zuvor. Oft mußte er weit ins Land hineingehen, um bei den Bauernweibern Aufträge für seinen Webstuhl zu suchen und den Hanf abzuholen oder das fertige Gewebe zu überbringen. Ein solches Geschäft führte ihn in den letzten Julitagen 1233 bis in die Gegend von Marburg. Wegen der Hitze war er des Nachts gegangen und hatte nur noch etliche Stunden bis zu jener Stadt, als die Sonne hinter den Lahnbergen aufstieg. Von Schlaf und Müdigkeit übermannt, lagerte er sich unter einer Buche am Wege und blickte in den klaren Morgenhimmel, halb wach, halb träumend. Da trat ein anderer Wanderer zu dem Baume, zuerst ganz unbemerkt von Giso. Auch er trug den grauen Büßermantel und glattgeschorenes Haar. Flüchtig betrachtete er den Träumer und setzte sich dann gleichfalls in den Schatten. Es war fast seltsam, wie ähnlich sich die beiden Rastenden sahen an Haar, Gestalt und Kleid, nur nicht im Gesichte. Aber die Kapuze und der tiefe Schatten verbarg beider Züge. Giso fuhr erschrocken auf, als ihn sein Nachbar endlich anredete: er hatte ihn nicht kommen hören und war doppelt erschrocken, da er gleichsam seine eigene Gestalt neben sich sitzen sah. »Ihr geht nach Marburg?« fragte der Fremde. Giso nickte bejahend. »Das ist auch mein Weg«, fuhr jener fort. »Marburg ist eine fromme Stadt. Ihr wallfahrtet wohl auch zum Grabe der Landgräfin Elisabeth? Man sagt, sie solle nächstens heilig gesprochen werden, und das hat sie ihrem Beichtvater Konrad zu verdanken, der sie trieb, zu Gottes Ehren ihren Körper zu Tode zu martern. Welch seltenes Glück, daß er die Heiligsprechung seines Beichtkindes noch erlebt!« Giso schwieg. »Ihr zählt wohl auch zu Konrads Getreuen?« fragte der fremde Büßer forschend weiter. Giso schüttelte verneinend mit dem Kopfe. »Aber Ihr kennt ihn, Ihr verehrt ihn?« »Ob ich ihn kenne!« antwortete Giso. »Allerdings! Und ich glaube, er ist wahrhaftig ein Mann Gottes. Wie würde ich sonst diesen Büßermantel tragen?« »Den grauen Mantel«, entgegnete der Fremde, »tragen heutzutage sehr verschiedene Leute. Es kann ein Graf darunter stecken und ein gemeiner Bauer, ein Heiliger und ein Teufel, der gescheiteste Mann und der größte Dummkopf.« Bei den letzten Worten, die er besonders scharf betonte, hielt er längere Zeit ein, als erwarte er eine Mitteilung. Allein Giso schwieg. Es gingen nämlich damals neben den echten Büßern auch unechte im Lande umher; sie machten sich ein Geschäft daraus, arme Leute in ihr Vertrauen zu locken und ihnen verpönte Lehren einzuprägen, um sie dann als Ketzer anzuklagen. Denn die Jagd auf Ketzer war ein gutes Geschäft geworden, und wo man keine fand, da machte man welche. Ohne Zweifel hätte der Fremde gern gewußt, ob Giso wohl nicht gar zu dieser ebenso furchtbaren als verruchten Klasse der Geschorenen gehöre. Allein der arme Leineweber, welcher voriges Jahr zuviel gesprochen und sich fast in den Scheiterhaufen hineingesprochen hatte, war klug geworden und behielt seitdem seine Gedanken für sich. Der Fremde fuhr darum fort: »Dieser Büßermantel ist ein seltsames Kleid. Bei Bösewichtern verhüllt er, was sie sind; aber uns ehrliche Leute läßt er auch manchmal scheinen, was wir nicht sind. Hielt mich doch einmal ein einfältiger Westerwälder Leineweber für den Evangelisten Matthäus –« Giso fuhr jäh auf. »Ihr staunet, Freund, und glaubt es nicht?« fuhr der andere lachend fort, »aber es war doch also. Freilich sah mich der dumme Kerl nur bei Nacht und mit der Kapuze überm Kopf. Aber er war auch ganz entsetzlich einfältig und wollte gar von mir erfahren, ob denn seine Seele dereinst auch die Seele seines Hundes am Strick in den Himmel mitführen dürfe! Denn er führte das Tier immer am Strick – –« Bei diesen Worten fand Giso die Sprache zwar noch nicht wieder, allein er fand seine Fäuste und seinen Stock. Wütend fiel er über den grauen Büßer her, warf den baumlangen Mann zu Boden, als ob's ein Kind sei, und bedeckte ihn mit den fürchterlichsten Prügeln. Und dazwischen kamen ihm dann auch die Worte immer fließender, während der andere nur noch heulen und um Barmherzigkeit wimmern konnte. »Also bist du nicht einmal der Teufel!« schrie Giso, »oder wenn du's bist, dann zeig's und wehre dich! Schändlicher Verräter! Du hast mir Lügen gepredigt, um mich dann derselben anzuklagen! Hilf dir! schüttle die Prügel ab, wenn du der Teufel bist, wie der fromme Richter sagte!« Er würde den Büßer wohl totgeschlagen haben, wäre nicht plötzlich ein Zug von Mönchen mit bewaffneten Knechten des Weges gekommen und hätte seinen Hieben Einhalt getan. Die Knechte lachten zuerst unbändig, daß ein Büßer den anderen so gründlich Buße tun ließ. Aber als der Geprügelte wieder aufatmete und seine von Wut und Schmerz erstickte Stimme erhob, da stieg der Führer der Mönche vom Pferde und erkannte entsetzt seinen »lieben Bruder«, wie er ihn nannte, den Hans von der Schwalm, in dem Gemarterten. Dieser Führer der Mönche aber war Konrad von Marburg selbst, der unerbittliche Ketzerrichter, den nun auch Giso sofort erkannte, und der Stock entsank seinen Händen. Hans erhob die schwerste Anklage gegen Giso, der ein rückfälliger Ketzer sei und ihn habe ermorden wollen. Mochte dieser dagegen sagen, was er wollte, man hörte ihn nicht. Die Mönche stillten sorgsam das Blut, welches dem zerschlagenen Hans über den Kopf lief, und übergossen seinen blau aufgelaufenen Rücken mit kaltem Wasser, unter Wehklagen, daß die Heiligen Gottes solche Marter erdulden müßten. Die Knechte aber nahmen den armen Giso unter derben Fußstößen in ihre Mitte und schleppten ihn mit dem Zuge fort, der sich weiter gen Marburg bewegte. Dort war Giso der Scheiterhaufen jetzt gewiß. Während des Marsches hatte er Zeit, über die Gerechtigkeit Gottes nachzudenken, welche ihm rätselhafter als je und eigentlich sehr ungerecht vorkam. »Besser wäre es doch gewesen«, so meinte er, »wenn Gott den Konrad mit seinem Gefolge eine halbe Stunde später zu dem Buchenbaum hätte gelangen lassen. Dann hätte ich inzwischen dem Schuft das Verklagen für immer ausgeprügelt gehabt, niemand hätte gewußt, wer das verdiente Strafgericht vollzogen, und ich wäre in Frieden wieder heimgegangen zu meinem Hund und zu Jutta, während ich jetzt zum Holzstoß gehe.« So hatten sie sich ungefähr eine Stunde fortbewegt, als dem Zuge von entgegensprengenden Reitern Halt geboten wurde. Giso, in die Mitte gepackt, konnte anfangs nicht genau sehen, was vorging. Er hörte nur Geschrei und Waffengeklirr, und seine Wächter eilten mit ihren Spießen nach vorn. Es waren zwei geharnischte Ritter mit zahlreichen Reisigen, welche Konrad vom Pferde rissen und ihm zuriefen, daß er sich als ein falscher Ankläger augenblicklich zum Sterben bereiten möge, und die Reisigen wurden nach kurzem Kampfe leicht mit den Knechten der Mönche fertig. Konrad fiel auf die Knie und flehte weinend um sein Leben, indes Hans von der Schwalm, unangetastet und ohne zu helfen, zur Seite stand gleich einem unbeteiligten Zuschauer. Da Giso dies sah, sprang er vor und rief: »Ihr Herren seid an den Unrechten gekommen; der falsche Ankläger steht da drüben, den schlagt nur tot; dieser Mönch aber ist der heilige Mann Konrad von Marburg!« Und er stellte sich vor den flehenden Konrad, um ihn zu schützen, bis die Bewaffneten zur Besinnung gekommen wären und den Rechten da drüben erkannt hätten. Allein ehe er sich's versah, sauste ihm ein Hieb auf den Kopf, und zugleich stürzte Konrad, von drei Lanzenstichen durchbohrt, tot zu Boden. Giso hörte nur noch, wie Hans laut auflachte und rief: »Da kriegt der grobe Westerwälder den Lohn für meine Prügel!« Dann schwanden ihm die Sinne. VII. Die Sonne stand schon im Mittag, als Giso wieder erwachte aus seiner Betäubung. Neben ihm lag Konrads Leiche und ein erschlagener Knecht. Einige Bauern mit Weibern und Kindern standen in stummer, kalter Neugier umher. Sie wußten wohl, wer der furchtbare Mann gewesen, der hier tot in seinem Blute lag und dessen Herrschaft nun aufgehört hatte, aber keiner klagte, keiner rührte die Leiche an oder rief nach Hilfe oder Rache. Als aber ein Bauer bemerkte, daß Giso sich aufrichtete, sprang er ihm bei, und als Giso wieder so viel Kraft gewann, daß er sich, von zweien unterstützt, fortschleppen konnte, führten sie ihn nach dem nahen Dorfe Kappel in eine elende Hütte. Dort sammelten sich bald Neugierige genug. Sie waren aber sehr erstaunt, daß Giso von ihnen wissen wollte, was denn eigentlich vorgefallen sei, da sie vielmehr von ihm den Vorgang zu erfahren hofften. Sie wußten nur, daß die zwei Ritter mit ihren Mannen nach der Tat rasch davongesprengt seien gen Westen, in ihrer Mitte aber hätten sie einen Büßer geführt mit verbundenem Kopfe, den hätten sie aufs Pferd gesetzt – »– Gefangen, gefesselt, um ihn dem Henker zu überliefern –«, fiel Giso ein. »Keineswegs«, berichtigte ein Bauer. »Sie taten sehr freundlich mit ihm, und der Büßer schien sehr vergnügt; denn die Ritter hatten ihm eine goldene Kette geschenkt und wie einem Bürgermeister um den Hals gehängt. Man glaubt, er habe Konrad in die Falle gelockt, er sei der Spion der Ritter gewesen und werde nun zu hohen Ehren kommen.« Dem armen Giso wurde es bei dieser Nachricht so wirr im Kopf, daß ihm alle Gedanken vergingen. Da die Bauern aber erfuhren, daß er gar nicht zum Gefolge Konrads gehört habe, sondern nur so zufällig dazugekommen sei, wie der Hund zum Tritt, und auch nicht genau wisse, warum man ihn eigentlich zu Boden geschlagen, so behandelten sie ihn etwas freundlicher als vorher. Allein als pfiffige Bauern suchten sie sich doch den Gast möglichst bald vom Halse zu schaffen. Denn in diesen schlimmen Zeitläuften wußte man von einem zum anderen Tage nicht, wer oben oder unten sei, und am besten war's, sich in die Händel der Großen und Kleinen gar nicht zu mischen. Also wurde Giso gegen Abend auf einen Karren gesetzt; da er nicht gehen konnte, und in der Richtung nach Siegen etliche Stunden Weges fortgefahren, und als er so weit genug aus dem Bereiche des Dorfes war, legte ihn sein Führer in ein verlassenes Hirtenhaus, gab ihm etwas Brot und fuhr mit seinem Karren wieder heim. Giso konnte dann des anderen Tages sehen, wie er weiter nach Hause kam. Allein das ging nicht so geschwind. Der Kopf begann ihm zu glühen und zu brennen, die Wunde schmerzte furchtbar, und wenn er sich eine halbe Stunde fortgeschleppt hatte, dann mußte er wieder eine Stunde rasten, um Kraft zu gewinnen. Doch nahmen sich zwischendurch mitleidige Menschen seiner an, erfrischten ihn und halfen ihm weiter, so daß er sich am Abend des dritten Tages nahe bei Siegen befand, obgleich diese Stadt von Marburg eigentlich nur einen redlichen Tagemarsch entfernt ist. Nun brach aber auch das Wundfieber mit ganzer Macht hervor. Giso war eben in der Nähe der Ruinen von Wilnsdorf zum Tannenberg gekommen und gelangte noch bis zu jenem Wacholderbusch, wo er voriges Jahr zum erstenmal dem Hans von der Schwalm begegnet war. Da versagten ihm die Kräfte, und er blieb beim Busche liegen. Allein als er den Ort erkannte, grauste es ihm so sehr vor dieser Stätte des Unheils, daß er nochmals sich mit letzter Anstrengung aufraffte und tiefer in den Wald kroch, bis er mitten im Dickicht weitab vom Wege zusammenbrach und hier sein Ende erwartete. Denn er fühlte, daß er vor Entkräftung umkommen müsse, wenn ihn niemand fand, und es konnten Tage verfließen, bis einer in jener menschenarmen Zeit des Weges ginge, und Monate, bis vielleicht zufällig ein Jäger in das Dickicht dringen würde. Nach seiner ruhigen Art war er entschlossen, dem Tode ohne Angst ins Auge zu sehen. Die Hunde und andere Tiere kriechen zum dunkelsten Versteck, wenn sie den Tod nahe fühlen, sie ringeln sich zusammen und harren geduldig, meist lautlos des Endes. Und Giso glaubte, auch er könne nichts Besseres tun. Doch indem er so dalag, vom Fieber geschüttelt, dachte er auch an seine unsterbliche Seele und meinte, das täten die Hunde vermutlich doch nicht. Im wachen Traum erschien ihm aber der graue Mann, dem er hier vor einem Jahre begegnet, doch es war nicht Hans von der Schwalm, der Verräter, wie er sich zuletzt entpuppt hatte, sondern ganz gewiß jener Evangelist, den er damals zu sehen glaubte. Und der Evangelist fragte, ob er noch begehre, daß sein Hund ihn begleite, wenn er nun in den Himmel komme. Giso bejahte dies, doch lieber sei es ihm noch, wenn er zugleich die Pflegerin des Hundes, Jutta von der Hammerschmiede, dort wiederfinde. Der Evangelist meinte, er sei nicht blöde, daß er gleich selbdrei zur Himmelspforte einzuziehen begehre, und ob er denn auch so ganz gewiß sei, daß er überhaupt selber hineinkomme. Darauf antwortete Giso mit einem sehr bestimmten: »Ja!« »Und warum?« »Das habe ich mir schon lange fest bewiesen«, erwiderte Giso. »Denn sehet, die Jutta kommt ohne Zweifel in den Himmel, sie ist schon auf Erden ein Engel, und wenn sie nicht hineinkäme, dann bliebe der ganze Himmel leer. Nun weiß ich aber, daß Jutta mich noch viel lieber hat als ich den alten Magar, obgleich sie mir das niemals sagte; und ich weiß auch, daß Jutta keine rechte Freude am Himmel hätte, wenn ich nicht gleichfalls dort wäre, obgleich sie mir das auch noch niemals gesagt hat. Und da nun Jutta des Himmels gewiß ist, so bringt sie mich ohne Zweifel auch mit hinein.« Der Evangelist lachte. »Ihr Westerwälder seid doch pfiffige Kerle! Also glaubst du, mit deiner Liebe könntest du dir den Himmel gewinnen? Aber meinst du denn, man käme in den Himmel unverdient?« Giso erwiderte: »Ich habe Juttas Liebe gewonnen – unverdient, so unverdient, daß ich's bis heute nie gesagt, ja mir kaum zu denken getraute. Und so glaube ich, den Himmel durch die Liebe geradeso unverdient zu gewinnen, wie ich unverdient diese Liebe gewann.« Giso hörte, sprach und dachte nichts weiter: schwarze Nacht umfing seine Sinne, die inneren wie die äußeren. So lag er mehrere Stunden. Der Wald war ganz still geworden, nur ein Bächlein rauschte von fern; der Mond und die Sterne zogen langsam ihre Bahn am Himmelsgewölbe, schon stand die helle Scheibe hoch oben in der Mitte der flimmernden Kuppel. Es war Mitternacht. Da hörte Giso seinen Namen, immer lauter, immer öfter, eine glockenhelle Stimme rief denselben. Leichte Kühlung zog ihm über die brennenden Wangen. Er schlug die Augen auf und fuhr mit der Hand nach dem Gesicht: da griff er in Magars bärtige Schnauze, der ihm die Wangen geleckt hatte und wedelnd auf ihm stand und ihm ganz leise mit der Pfote übers Auge fuhr. Der helle Vollmond aber beleuchtete hinter dem Hunde zugleich die freundlichen Züge Juttas. Giso glaubte, im Himmel erwacht zu sein an der Seite seines Mädchens und seines Hundes; allein er lag noch wirklich und lebendig im Wald am Tannenberg, und beide Freunde waren schon lang um ihn bemüht gewesen, ohne daß er's bemerkt hatte. Jutta rüttelte ihn vollends auf und war außer sich vor Freude, als ihm Leben und Besinnung rasch zurückkehrten und Giso auf ihre Fragen antwortete. Er wollte wissen, wie sie hierhergekommen. Aber Jutta rief: »Jetzt ist keine Zeit zu müßigem Geplauder. Bleibe nur noch ein Stündchen ruhig liegen; ich lasse dir Magar und kehre bald wieder zurück.« Sie verschwand, und Giso wußte nicht, ob er geträumt habe. Allein er konnte ja Magar mit Händen greifen, und der Hund war also kein Traumbild. Er streichelte ihn, und so schwer ihm das Sprechen ankam und so matt die Stimme klang, mußte er doch mit dem stocktauben Tier ein paar freundliche Worte wechseln. Das Stündchen wurde ihm entsetzlich lang, allein er fühlte sich nicht verlassen; behütete ihn doch ein Freund! – der alte, steife, blinde, taube Hund, der ihn nicht mehr verstand und der ihn doch noch lieb hatte! Endlich kam Jutta zurück, begleitet von ihrer Mutter. Sie brachten eine Bahre, auf welche sie Giso sorgsam betteten, und trugen ihn sanft hinunter zur Stadt in sein Haus. Erst allmählich erfuhr Giso, wie er gerettet worden war. Jutta war mit Magar im Walde gewesen, Erdbeeren zu suchen, und wollte beim Anbruch der Nacht über den Tannenberg heimgehen. Als sie aber zum Wacholderbusch kamen, zerrte Magar unablässig am Strick; er war nicht von der Stelle zu bringen und drängte und zog ins Dickicht, bis er seinen Herrn gefunden hatte. Das schärfste Auge, das feinste Ohr würde den Verlassenen nicht entdeckt haben; aber der taube und blinde Hund witterte und rettete noch seinen verschmachtenden Herrn. VIII. Zu Hause ward Giso zunächst von den beiden Frauen gepflegt. Seine kräftige Natur siegte, und er genas, wenn auch langsam. Doch konnten Jutta und ihre Mutter samt dem Hunde bald zur Hammerschmiede heimkehren, denn Giso fand bei seinen Nachbarn, die ihm vorher aus dem Wege gegangen, mit einemmal die größte Teilnahme, ja die ganze Stadt rühmte den armen Leineweber als einen trefflichen Mann, einen ungerecht Verfolgten und Märtyrer. Giso begriff nicht, woher dieser Umschlag kam; er erfuhr es aber nach und nach. Die Ketzer, welche Konrad von Marburg aufspürte und aburteilte, waren anfangs fast nur arme und geringe Leute gewesen; mit wachsender Kühnheit und wachsender Macht griff er dann aber auch auf Reiche und Vornehme, und durch päpstliche Vollmacht gesichert, hatte er zuletzt gar gewagt, die mächtigen Grafen von Sayn, Solms und Henneberg vor seinen Stuhl zu rufen, von welchem selten ein Angeklagter unverdammt hinwegging. Die Sache erregte einen Sturm durchs ganze Reich bis hinauf zum Kaiser, und Konrads Macht begann zu wanken. Er selbst aber wankte noch nicht. Da schwuren ihm die Ritter von Dernbach, zwei treue Vasallen des Grafen von Sayn, den Tod und erstachen ihn bei Kappel. Es hatte aber Hans von der Schwalm, der als unechter Büßer so viele unschuldige Leute ins Garn des Ketzerrichters getrieben, nunmehr, da er Konrads Stern erbleichen sah, seinen bisherigen Freund und Herrn verraten und ihn auf den Weg gelockt, wo ihn die Ritter verabredetermaßen trafen und ungestört ermorden konnten. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde durchs Land, daß Konrad seinen Lohn gefunden, als er eben zu neuen, größeren Ketzerbränden gen Marburg habe ziehen wollen, und daß er den armen Leineweber mit sich geführt habe, um ihn dort zuerst und bei ganz kleinem Feuer zu verbrennen. Alles atmete auf. Kein zweiter wagte in des Ermordeten Fußstapfen zu treten; des Papstes Bann gegen die Mörder blieb zunächst wirkungslos, der Greuel hatte für jetzt und für alle Zeit ein Ende. Die von Konrad verurteilten Büßer, welche man bis dahin wie Aussätzige gemieden, erschienen nunmehr als tapfere, schwergeprüfte Männer, die unechten Büßer dagegen, welche aus dem Ketzerfang ein Gewerbe gemacht, wurden vom Volke gesteinigt und verjagt. Nur an den schlimmsten derselben, an Hans von der Schwalm, getraute sich niemand, da er unter dem Schutze mächtiger Herren stand und so viele frühere Schlechtigkeit durch die allerneueste gedeckt hatte, übrigens war Hans klug genug, seine ehemaligen Abenteuer in Vergessenheit zu senken; darum verfolgte er auch Giso nicht, ob er's wohl gekonnt hätte und obgleich ihn die furchtbaren Prügel noch wochenlang weder ruhig sitzen noch liegen ließen. Lebte nun der genesende Giso wieder vollkommen sicher, ja geehrt in seiner Vaterstadt, so konnte auch Magar wieder zu ihm heimkehren, da der Hund ja nicht mehr für dämonisch besessen galt. Jutta brachte ihn zurück. Aber schon des anderen Tages war Magar wieder verschwunden, und Giso wußte wohl, wohin er gelaufen sei, und da er sich heute zum erstenmal dauernd im Freien bewegen durfte, so schlich er am Abend dem Hunde nach, den er auch richtig in der Hammerschmiede fand. »Mein alter Freund verläßt mich«, sagte Giso, »er will der neuen Freundin gehören.« »Nein«, erwiderte diese, »er verläßt dich nicht, denn siehe, wie freundlich er dich begrüßt. Allein er gehört uns beiden.« Und wirklich war Magar nur dann mehr ganz ruhig, wenn er sie beide zusammen hatte. Dann streckte er alle viere von sich und ruhte so still behaglich, das blinde Auge unverrückt nach der Seite gewandt, wo er seine Freunde wußte. Ach, die Hunde verstehen das Ausruhen so meisterhaft! Wir unsteten, hastigen Menschen sind in dieser Kunst nur Stümper gegen sie. Und mit dem steigenden Alter ruht der Hund immer mehr und mehr und schlürft gleichsam voraus die Seligkeit des Nichtseins in langen, langen Zügen. Der Mensch aber, der das Nichtsein fürchtet, bleibt selbst im Alter ruhelos. Da aber Magar in Juttas Hütte jetzt offenbar viel tiefer ruhte und schnarchte als in Gisos Haus, so sollte er dort bleiben, und Giso wollte dann jeden Abend wieder hinüberkommen nach alter Gewohnheit. Jutta billigte dies, meinte aber, sie müsse ihm doch eine Beobachtung mitteilen, die sie gestern und heute an dem Hunde gemacht. Magar sei magerer geworden als je zuvor, obgleich er jetzt doch fast überfüttert werde. »Das ist ein gutes Zeichen«, meinte Giso, »die mageren Hunde und die mageren Menschen bringen's am weitesten in der Welt.« »Dazu fallen ihm die Haare in ganzen Büscheln aus, und sein Schweif ist seit wenigen Tagen kahl geworden.« »So geht's im Alter«, meinte Giso, »bei den Menschen kommt die Glatze auf dem Kopfe, bei den Hunden kommt sie am Schwanz. Und wenn Magar erst jetzt Haare lassen muß, so mag er sich glücklicher preisen als sein Herr, der schon in jungen Jahren so viel Haare hat lassen müssen.« »Auch säuft der Hund jetzt unablässig Wasser wie nie zuvor«, fuhr Jutta fort. »Das ist ganz naturgemäß«, belehrte Giso. »Je älter die Menschen und Hunde werden, um so durstiger werden sie.« Jutta hatte aber noch weit Merkwürdigeres dazu entdeckt. Magar erhob sich öfters mit gesträubtem Rücken und bellte grimmig gegen einen Feind, der nirgends zu sehen war. Oder er wedelte und schmeichelte in die blaue Luft hinein; dann tat er wieder, als ob er mit anderen Hunden spiele und raufe, die sich doch nirgends fanden. Auch verwechselte er ab und zu den Herd mit der Haustüre. Während seine äußeren Sinne nichts mehr wahrnahmen, schien sich der Phantasie eine besondere Welt zu erschließen. Er litt offenbar an Sinnestäuschungen. Und dabei entsann sich Giso, daß Magars Taubheit schon vor Jahren mit solchen Täuschungen begonnen habe. Denn als er damals den Ruf seines Herrn noch weithin trefflich hörte, verlor er zunächst das Vermögen zu unterscheiden, von welcher Seite der Ruf gekommen, und lief regelmäßig nach der verkehrten Seite. Dem Sinnesverlust ging die Sinnestäuschung voraus. Nun bemerkte aber Giso, daß es bei den kleinen Kindern umgekehrt gehe. Wenn sie sehen und hören lernen, dann ermessen sie anfangs nicht genau, wo und wie weit der Gegenstand entfernt ist, nach welchem sie greifen und woher der Schall kommt: sie gehen durch die Schule der Sinnestäuschung, um den voll befähigten Sinn zu gewinnen. Und er schloß ganz richtig, daß Magar nunmehr wieder zum Kind, daß er kindisch geworden und also ins höchste Greisenalter eingetreten sei. Und da es uns im hohen Alter geradeso ergehen kann wie dem armen Hunde, so nahm sich Jutta vor, ihren Pflegling um so liebevoller zu warten, wenn er auch immer lästiger werde. Magar aber lohnte diese Liebe, denn er ward zärtlicher und zutraulicher als je zuvor. Als echter wilder Rassenhund hatte er in jungen Jahren trotz aller Treue sich selten nur an seinen Herrn geschmiegt und, wenn sich dieser mit ihm draußen lagerte, seinen Platz immer einige Schritte seitab gesucht. Er wollte von der Hand nicht gegriffen werden, die er freiwillig liebkoste, er wollte die Freiheit in der Freundschaft. So machen's die echten Hunde und die echten Menschen. Doch jetzt in alten Tagen verlor Magar den Freiheitsgeist und lag den ganzen Tag zu den Füßen der Herrin. IX. Es war im Oktober desselben Jahres. Ein dicker, kalter Nebel lag auf Berg und Tal, und man suchte gern die warme Stube. Da trat ein Jäger in Juttas Hütte, ein stattlicher Mann, weidmännisch schlicht gekleidet, doch mehr wie ein Herr denn als ein Diener. Er hatte sich auf der Jagd verirrt und bat, eine Weile rasten und sich wärmen zu dürfen, auch hungerte ihn. Er erzählte, daß er eben bei einem benachbarten Ritter zu Gaste sei, sonst aber auf der Burg Dernbach bei Herborn wohne. Jutta wies ihn auf die Bank am Herdfeuer, wo eben die Mittagssuppe kochte. Und wie er so behaglich in der warmen Ecke saß, schob sie einen ganzen Arm voll Späne in die Glut, daß das Feuer hoch aufprasselte und eine mächtige Rauchwolke längs der Decke zur Tür hinauszog; denn den Luxus eines Schornsteins kannte Jutta noch nicht. »Hei, wie das prächtig lodert!« rief sie dem Gaste zu. »Nicht wahr, die Flamme tut wohl?« Der Jäger aber starrte eine Weile in die Lohe, die höher und höher züngelte, als wolle sie das Gebälk ergreifen; dann sprang er plötzlich auf und rief: »Ich kann das Feuer nicht sehen! Ich kann den Rauch nicht riechen! Stelle mir die Bank vor die Tür!« Und er setzte sich hinaus in die kalte Luft und starrte in den Nebel, der sich durch die Talschlucht wälzte. Jutta brachte ihm die Suppe hinaus: »Die Suppe wird Euch wärmen«, rief sie, »aber blast tüchtig, sie ist heiß; verbrennt Euch nicht.« Der Jäger blies und führte einen Löffel zum Munde. »Das brennt wie das höllische Feuer!« brüllte er und fuhr auf und warf die Schüssel ingrimmig auf den Boden, daß sie in hundert Scherben zerbrach. »Gebt mir einen Becher Wein!« Aber Jutta lachte ihn aus. »Wein haben wir nicht, den müßt Ihr bei den vornehmen Herren suchen.« »Dann gebt mir Wasser.« Jutta brachte eine Schüssel mit Wasser. »Das Wasser kriegt Ihr nur in einer hölzernen Schüssel, da Ihr mir die irdene zerbrochen habt.« Der Jäger trank gierig die halbe Schüssel aus und ging in die Hütte zurück, wo das Feuer jetzt erloschen war. Wie er aber wieder eintrat, erhob sich Magar, der bis dahin fest geschlafen, von seinem Lager und schritt langsam auf ihn zu. Sein Haar sträubte sich, und er begann jämmerlich zu heulen und zu bellen, sah aber dabei nicht auf den Fremden, sondern in die entgegengesetzte Ecke. »Was will das elende Vieh?« rief dieser zornig. »Schweig, Magar!« »Ihr kennt den Hund?« fragte Jutta erstaunt. »Hinweg mit dem Luder!« fuhr der Jäger fort. »Wen bellt Magar denn an? Seht dort in die Ecke. Was sieht er dort? Es sind geschorene Leute – fünf – sechs – wie kamen die herein?« Jutta befiel ein Grausen. »In der Ecke steht niemand«, sagte sie, sich und den Fremden beschwichtigend. »Blicket nur scharf hinüber; wahrhaftig, es ist niemand da! Magar ist kindisch und lebt in Träumen.« »Er ist ein Teufelsvieh, das man totschlagen muß«, berichtigte der Jäger und erhob seinen Speer. Aber Jutta und ihre Mutter fielen ihm in die Arme, entwanden ihm die Waffe, packten ihn von hinten und vorn zugleich und warfen ihn zur Türe hinaus, die sie eilends verriegelten. Der Jäger verschwand im Nebel, schimpfend und fluchend. »Was war das für ein Gast?« rief Jutta. »Meine Schüssel zerbricht er mir, und den Hund will er mir totschlagen zum Dank, daß wir ihn freundlich aufgenommen!« Und sie hielten die Türe den ganzen Tag verschlossen und fürchteten sehr, der Jäger möge mit mehreren wiederkommen, um Rache zu nehmen, und waren froh, als gegen Abend Giso an die Tür pochte. X. Die beiden Frauen erzählten ihm sofort von dem groben Jägersmann. »Großer Gott!« rief Giso, »das war Hans von der Schwalm. Er hat vordem so viele Feuer der Marter und des Todes angezündet, daß er jetzt kein friedliches Feuer mehr sehen kann; er hat ganze Dörfer in Rauchwolken gehüllt, dafür kann er jetzt den Rauch keiner Küche mehr riechen. Er lebt herrlich und in Freuden, wie ein Junker gehalten von den Rittern von Dernbach, weil er ihnen seinen alten Herrn, den Konrad, verraten hat, und dieser Konrad, gegen den so viel unschuldig Blut zum Himmel schreit, wird von den Dominikanern für einen Heiligen erklärt. Das mag reimen, wer da kann; einem armen Leineweber steht dabei der Verstand still. Aber es gibt doch noch einen Gott im Himmel. Habt ihr seine Botschaft verstanden? Er hat dem Verräter Hans den Frieden des Herdfeuers genommen – und das ist eine furchtbare Strafe! –, und die Suppe, welche uns ehrlichen Leuten nur den Mund verbrennt, verbrennt dem mörderischen Kerl das Gewissen. Und der freche Hans wird kindisch vor Furcht und bellt und heult wie Magar gegen die falsche Ecke. Gott verzeih mir's, daß ich den Schuft mit dem treuen Hund vergleiche!« Bei diesen Worten fiel sein Blick auf Magar, der auf seinem Lager ruhte und ihn noch nicht begrüßt hatte. Er schlief so gut. Giso trat hinzu und streichelte ihn. Der Hund bemerkte es und wedelte, ohne sich sonst zu bewegen. Dann zuckte er einmal – zweimal. – Er war tot. Am späten Abend begruben ihn Giso und Jutta im Gärtchen hinter der verfallenen Hammerschmiede. Sie gruben selbzwei ein tiefes Grab, ganze sechs Schuh tief, damit niemand später den Frieden der Gebeine störe. Nur der Abendstern belauschte ihre Arbeit; er stand noch allein am Himmel. Während des Grabens sagte Giso: »Nun ist Magar tot, und ich brauche nicht mehr herüberzukommen. Jutta! willst du meine Frau werden?« »Das will ich!« antwortete sie, ohne den Spaten zur Ruhe zu setzen. »Aber warum hast du mich nicht schon längst so gefragt?« »Aus zwei Gründen«, antwortete Giso und schaufelte rüstig immer weiter. »Erstlich: Ich hätte dich gern schon lange begehrt, aber ein ausgestoßener Mann und geschorener Büßer soll um keine Frau werben. Auch ging meine Weberei zu schlecht, als daß ich dich hätte ernähren können; aber seit ich, Gott weiß warum, den Hieb übern Kopf gekriegt habe, schickt mir die halbe Stadt Siegen ihr Garn, daß ich schon einen Lehrjungen annehmen mußte und bald auch Gesellen suchen werde. Zweitens: Solange ich den ganzen Tag grübelte, Gottes Weisheit zu ergründen und sein Weltregiment zu verstehen, und die halbe Nacht lauschte, seine Botschaft zu hören über das Geschick unserer armen Seelen im Jenseits, hatte ich keine rechte Zeit zum Heiraten. Jetzt aber erkenne ich, daß Gott nicht zu uns spricht, indem er uns da oder dort anredet wie ein Bettelmönch einen dummen Bauern; sondern er spricht zu uns in unserem Leben und Leiden und Lieben, in unserer Arbeit und Not und in der hellen Freude der guten und in der schwarzen Angst der bösen Tat. Wir gehen auch nicht durchs Himmelstor ein wie durchs Siegener Stadttor, sondern Gott zieht uns in den Himmel, ohne daß wir's merken. Das ist alles so klar und ist doch alles ein Geheimnis. Die gescheiten Leute zanken sich darüber und verrücken uns die Köpfe. Laß uns einfältig fromm sein und arbeiten und uns lieb haben.« Inzwischen hatte sich der ganze Himmel mit Sternen besät. Da holten sie Magars Körper aus der Hütte und wickelten ihn in einen alten Sack, daß er nicht zu hart liege. Und während sie das Grab zuschaufelten, sagte Giso: »Alles ist ein Geheimnis. Im Frühjahr wollen wir ein Lindenbäumchen auf das Grab pflanzen.« Als sie dann mit der Arbeit fertig waren und den Boden wieder schön geebnet hatten, reichten sie sich die Hände und küßten sich über dem Grab des Hundes. Romantisches Mittelalter Die Gerechtigkeit Gottes 1888 I. Unser Herrgott macht's den Menschen selten recht: er schenkt ihnen bald zuwenig, bald zuviel. Der Graf Norbert im Hattengau und seine Frau hatten schon lange einen Sohn erhofft und erbetet, da kam Frau Jutta am Pfingstsonntage 1265 mit Zwillingen nieder, und es waren zwei Knaben. Einer wäre vorderhand genug gewesen; doch nahm man nun auch den überreichen Segen mit Dank und Freude hin. Die beiden Sonntagskinder waren stark und gesund und sahen sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Die Amme schlang darum dem älteren sofort ein rotes Bändchen um den linken Arm, auf daß er mit dem jüngeren nicht verwechselt würde und nicht später ein Streit entstünde über das Altersvorrecht. Denn der Erstgeborene sollte die sämtlichen großen Lehensgüter des Hauses erben. Nach dem frommen Brauche der Zeit wurden die Neugeborenen schon am ersten Tage ihres Lebens getauft, der ältere auf den Namen Walram, der jüngere auf den Namen Gunther. Die besondere Liebe der Mutter wandte sich alsbald dem kleinen Walram zu, dem Glückskinde, welches so gescheit gewesen war, zuerst zur Welt zu kommen. Es ist etwas Eigenes um das Glück: wir schätzen es am höchsten, wenn wir oder andere es am wenigsten verdient haben. Auch der Vater fand den Stammhalter, den er öfters zärtlich ansah, weit kräftiger und schöner als den Nachgeborenen, welchen er kaum eines Blickes würdigte. Übrigens wußte er mit beiden Kindern noch nichts Rechtes anzufangen und meinte im stillen, die winzigen Geschöpfe seien zur Zeit ja noch dümmer und täppischer wie zwei junge Hunde. Er hatte recht: in den ersten Wochen seines Daseins ist ein junger Hund klüger und manierlicher wie ein gleich junger Mensch; erst nach Monaten wächst der Mensch dem Hunde über den Kopf, und die meisten Väter gewinnen erst dann ein Verständnis für ihre Kinder, wenn dieselben über den Hund gekommen sind. Die Mutter dagegen versteht ihr Kind vom ersten Tage an. Die Zwillinge wurden von einer alten Magd gepflegt, einem Erbstück des Hauses, die vor dreißig Jahren bereits den Vater gepflegt hatte, als er geradeso hilflos dalag wie jetzt seine Kinder. Sie hieß Leisa, und man nannte sie die Husbeckin nach ihrem Vater, der ein Höriger des Grafen gewesen war und auf dem kleinen Hofe Husbach gesessen hatte. Sie wartete der beiden Kinder mit gleicher zärtlicher Sorgfalt. Und doch hatte auch sie am dritten Tage schon größeren Respekt vor Walram. War er nicht recht eigentlich von Gottes Gnaden vor seinem Bruder zu ihrem künftigen Herrn erkoren? Dieser dritte Tag sollte verhängnisvoll werden. Während die Mutter schlief, war die Husbeckin in der Nebenstube beschäftigt, die Kleinen zu baden. Sie hatte Walram auf den Tisch gelegt, indes sie Gunther in das laue Wasser der Wanne tauchte und wusch und bespritzte, zu seinem sichtlichen Vergnügen. Da rutschte Walram vom Tisch und stürzte auf den harten Estrich des Fußbodens, wo er lautlos liegenblieb. Die Alte, von lähmendem Schreck durchzuckt, wäre fast zusammengebrochen und gleichfalls zu Boden gestürzt, aber sie ermannte sich, hob das Kind mit zitternden Händen auf, schüttelte es und klopfte ihm auf den Rücken: da zuckte es noch einmal und blieb dann starr und steif in ihren Händen; der letzte Lebensfunke schien erloschen. Sie wollte um Hilfe rufen, doch die Stimme versagte ihr; es ward ihr schwarz vor den Augen, sie wußte nicht mehr, wo sie war, was sie tat, was geschehen war. Nach einer Weile kam sie wieder zu Sinnen, – sie starrte auf das tote Kind. Die Schuld deuchte ihr doppelt groß, das Unglück doppelt entsetzlich, weil es das kostbare Leben des Erstgeborenen getroffen hatte. Mußte doch einmal ein Kind vom Tische fallen, warum war es nicht Gunther gewesen? Aber wer war denn eigentlich Walram, wer war Gunther? Sie unterschieden sich zur Zeit durch nichts als durch das rote Bändchen. Da fuhr es der armen Husbeckin wie ein Blitz durch den Kopf: – sie löste hastig das rote Band von Walrams Arm und schlang es um den Arm des jüngeren Bruders. Dann atmete sie auf. Nicht ihre Schuld wollte sie mindern, aber das Unglück des Hauses glaubte sie in ihrer Einfalt gemindert zu haben: der Stammhalter war nun doch noch heil und gesund, und dem toten Kinde konnte durch den Verlust des roten Bändchens ja kein Erbrecht mehr verkürzt werden! Und jetzt erwachte sie erst aus ihrer traumhaften Erstarrung, schrie laut auf, rief die Leute herbei, heulte und jammerte und zeigte und erzählte dem entsetzten Vater das Schreckliche. Der Graf machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dem alten Weibe die Kinder allein habe anvertrauen können, und verwies die Alte für immer aus seinen Augen. Kaum hatte jedoch die verzweifelnde Dienerin das Haus verlassen, so entdeckte man schwache Lebenszeichen an dem verunglückten Kleinen. Er zuckte und begann ganz leise zu stöhnen und zu wimmern, – er war nicht tot! Man rief eine heilkundige Frau, und sie erklärte, es sei noch einige Hoffnung, das Kind zu retten, obgleich es mehrere Knochen gebrochen habe. Mit diesem Troste konnte der Vater das Unglück der Mutter berichten und fügte den weiteren Trost hinzu, daß ja nicht Walram, sondern nur Gunther, der Nachgeborene, den Schaden erlitten habe. Der arme Kleine, welcher von nun an Gunther hieß, genas in der Tat. Da aber die Knochenbrüche schlecht genug geheilt wurden, so blieb er schief und verwachsen sein Leben lang. Mit dem Fall vom Tische aber hatte er nicht nur seine schöne Gestalt, sein rotes Bändchen und sein Erstgeburtsrecht verloren, sondern auch die besondere Vorliebe der Eltern, die nunmehr von ihm auf den früher vernachlässigten Bruder überging. Die Husbeckin war spurlos verschwunden; man hielt es für eine sehr gnädige Strafe, daß sie bloß davongejagt worden war, und es fragte niemand, wohin sie geflohen sei. II. Am vierzigsten Tage nach ihrer Niederkunft trug Frau Jutta die beiden Kinder zur Kirche des benachbarten Klosters Mergenthal, damit sie selber dort samt den Kleinen gesegnet würde. So wollte es der alte fromme Brauch. Zum Zeichen des demütigen Dankes über die unverdiente Gnade ging die Mutter barfuß, ganz schmucklos in ein langes graues Bußgewand gekleidet, welches nach der Heimkehr einer armen Frau geschenkt werden sollte. Sie beabsichtigte, die beiden Kinder den ganzen weiten Weg auf ihren Armen zu tragen; allein der kleine Walram, welchen wir von nun an Gunther heißen müssen, litt noch so große Schmerzen und wimmerte so wehleidig bei jeder Bewegung, daß er einer Dienerin übergeben wurde, die mit ihm hinter der Gräfin einherging. Und so hatte denn der unverdient glücklichere Gunther, den die Husbeckin zum Walram umgetauft hatte, auch hier den Vortritt und ruhte allein in den Armen der Mutter. Der Abt des Klosters sprach den Segen über Mutter und Kinder und pries die besondere Gnade des Himmels, der den Erstgeborenen vor Schaden behütet habe. Während dieser Rede schrie der verkrüppelte Kleine jammervoll, indes sein glücklicherer Bruder sich ganz still verhielt, wozu er auch alle Ursache hatte. Hinter einem Pfeiler in der dunkelsten Ecke der Kirche lauschte ein armes Weib der feierlichen Handlung, – es war die Husbeckin. Sie hatte sich dahinten versteckt und spähte zitternd manchmal aus, ob man sie nicht entdeckte; doch keiner bemerkte sie. Atemlos lauschte sie bis zum Ende. Dann lief sie stracks davon und irrte stundenlang im Walde umher, bis sie zum Tode ermattet am Fuße einer Eiche niedersank. Sie starrte in die hindämmernde Nacht und zermarterte sich den Kopf mit tollen Gedanken in wunderlichem Selbstgespräch. »Warum habe ich das rote Bändchen vertauscht? Wäre der ältere Knabe tot gewesen, so würde der jüngere ja doch der Erbherr geworden sein, auch ohne mein Bändchen. Allein er wurde wieder lebendig: ich muß ihm sein Bändchen wiedergeben.« Sollte sie zum Grafen gehen? Sollte sie bekennen, was sie getan? Würde man ihr jetzt noch glauben? Würde man sie nicht für verrückt halten? Man war ja so froh, man pries Gott, daß der Erstgeborene heil und gesund geblieben! Bekannte sie die Wahrheit, dann war der Erstgeborene ein Krüppel, und der Abt hatte seine ganze schöne Rede von der besonderen Gnade Gottes irrtümlich gehalten. Die Husbeckin hatte sich in die Kirche geschlichen, weil sie unter Furcht und Beben hoffte, dort werde ihr Gewissen entlastet werden, indem sich die Verwechslung der Kinder durch ein Wunder enthülle. Sie hatte den Mut, diesem unerwarteten Wunder beizuwohnen, auch wenn es zerschmetternd auf ihr Haupt falle; jenes Wunder selbst zu tun, dazu hatte sie den Mut nicht. Allein es geschah kein Wunder. »Also hat Gott es geduldet«, so fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, »daß ich, die armseligste Kreatur, seinen ursprünglichen Willen geändert und den Jüngeren, welchen er doch anfangs zurückgesetzt, nun zum Älteren erhoben habe. – Ist es nicht Sünde und Narrheit, so zu denken? Wie könnte ich, die arme Husbeckin, unseres Herrgotts Willen wenden! Nein, sein Wille ist es vielmehr gewesen, daß der Zweitgeborene der Erstgeborene werden sollte, und ich war nur das Werkzeug, welches ausführte, was Gott von Ewigkeit her gewollt hat!« Ihre Gedanken verwirrten sich; ein Abgrund tat sich vor ihr auf, in welchen sie schwindelnd immer tiefer und tiefer blickte, und was sie sah, war doch nur ein unendliches, immer schwärzeres Dunkel. Dann sprach sie wieder zu sich selbst: »Der neue Walram führt jetzt einen Namen, auf den er gar nicht getauft ist, und der neue Gunther desgleichen. Ich habe beide umgetauft und bin doch kein Pfarrer. Jedes der beiden Kinder hat seinen heiligen Namenspatron durch die Taufe erhalten, der ihm fürs ganze Leben hilfreich zur Seite stehen wird. Der heilige Walram wird wohl ein guter Heiliger sein und der heilige Gunther nicht minder. Die zwei Heiligen können sich jetzt miteinander streiten um die zwei Kinder; sie können mich strafen, weil ich ihnen genommen und gegeben habe, was ich gar nicht geben und nehmen darf, und von den Kindern ruft in Zukunft jedes einen unrichtigen Namenspatron an und feiert einen falschen Namenstag.« So sprach das arme Weib in seiner einfältigen Weise. Sie blieb die ganze Nacht, in sich gekauert, am Stamm der Eiche sitzen, halb wachend, halb schlafend. Ein schweres Gewitter brach herein. Das Geheul des Sturmes und das Rollen des Donners verschlangen sich gegenseitig. Sie träumte, es sei das Jüngste Gericht. Sie stand vor dem Stuhle des Weltenrichters; ein Engel hielt die Waage ihrer guten und bösen Taten. Die beiden Schalen schwebten fast gleich: da warf der Engel das rote Bändchen in die linke Schale, und die Schale sank tief zu Boden. Ein greller Blitz umflammte die Schläferin, und unter dem krachenden Donner stürzte sie zur Hölle hinab. Sie erwachte. Allein es dauerte geraume Zeit, bis es ihr klar ward, daß sie noch lebendig und leibhaftig die alte Husbeckin sei und unter der Eiche im Markwald sitze. Das Gewitter verzog sich, der Morgen dämmerte. Jetzt erst raffte sie sich auf und schlich zu ihrer bisherigen Zufluchtsstätte zurück, der am Waldessaum gelegenen Hütte eines Schäfers, wo sie seit ihrer Verjagung vom Schlosse verborgen gelebt hatte. III. Der Schäfer stellte sie zur Rede über ihr nächtliches Umherschweifen und wollte wissen, wo sie die ganze Nacht gewesen sei. Sie bekannte, daß sie unter der großen Eiche im Markwald gesessen habe trotz Sturm und Regen, kaum eine Viertelstunde von der Hütte entfernt. Der Schäfer fragte, was sie denn dort getan habe und warum sie nicht heimgegangen sei bei dem Unwetter. »Ich tat gar nichts. Ich machte mir meine Gedanken, und eben darum konnte ich nicht von der Stelle.« Der Schäfer erschrak. Er war schon sehr oft bis auf die Haut naß geworden, aber niemals darum, weil ihn seine Gedanken verhindert hätten, ins Trockene zu gehen. Das alte Weib erschien ihm plötzlich ganz unheimlich. War sie verhext oder verrückt? Er wollte wissen, was das für Gedanken gewesen seien, die sie sich gemacht habe. Doch ihre Antworten lauteten so verworren und verwirrend, daß er selber sich nun Gedanken zu machen begann, ob es denn recht sei, eine von Gott so sichtbar mit Wahnsinn geschlagene Person hilflos unter seinem Dache zu behalten. Sie murmelte minutenlang ganz leise in sich hinein. Das kam dem Schäfer noch viel unheimlicher vor als zuerst ihr lautes Gerede. Denn er sprach den ganzen Tag so wenig, daß es ihm Arbeit genug war, anderen zu antworten; mit sich selbst zu sprechen erschien ihm ganz unnatürlich. Wer mit sich selbst spricht, ist ein Narr; das hatte ihm seine Großmutter schon gesagt. Von ihrem Selbstgespräch aber verstand er nur das eine, daß sie sich einer großen Sünde anzuklagen schien, die ihr das Herz abdrücke und die sie doch nicht bekannte. Als er darum gegen Mittag dem Abt von Mergenthal begegnete, bat er ihn flehentlich, mit ihm zu seiner Hütte zu gehen und den Zustand der Husbeckin gründlich zu untersuchen; die Alte sei verrückt, sie spreche mit sich selber. Der Abt ging mit. Die Husbeckin schwieg anfangs auf alle seine Fragen; plötzlich aber brach sie in einen wahren Redestrom aus und fragte den Abt, ob es denn möglich sei, daß ein einfältiges Weib wie sie den Willen Gottes umwerfen könne, oder ob sie vielleicht den wahren Willen Gottes zur Tat gemacht, indem sie ihn umgeworfen habe. Der Abt erwiderte, ihre erste Frage sei ein Frevel und ihre zweite Frage ein Unsinn, bei welchem ihm der Verstand stillestehe. Beide Fragen aber bewiesen, daß sie in sündhafte Gedanken verstrickt sei; darum fordere er sie auf, ihm ihre Sünden zu beichten, dann würde es schon wieder hell werden in ihrem Kopfe. Die Alte schien diese Aufforderung gar nicht zu verstehen. Sie sah dem Abte mit gläsernen Augen ins Gesicht, und ihre Gedanken waren offenbar ganz woanders. Es war kein Wort mehr aus ihr herauszubringen. Zuletzt nahm der Abt den Schäfer beiseite und sprach zu ihm: »Die Husbeckin hat ihren rechten Verstand verloren; sie ist besessen. Sie könnte sich und Euch Schaden bringen, wenn sie länger in der Hütte bliebe. Ich will den Grafen bitten, daß er sie ins Schloß zurücknimmt. Dort kann man sie beobachten, einsperren und den Teufel austreiben.« Am nächsten Tage sprach der Abt in diesem Sinne mit dem Grafen, den bei der Schilderung vom Zustande der Husbeckin ein tiefes Erbarmen überkam. Er war nicht immer so hartherzig wie in jener Stunde des Zornes, wo er die alte treue Dienerin fortgejagt hatte. Ja, er hatte sich schon längst geängstigt, daß sie so ganz verschollen war, und fragte sich nun, ob nicht vielleicht seine eigene Härte die Ursache ihrer Verrücktheit sei. Ohne Zögern ging er darum auf den Wunsch des Mönches ein. Als ein Dienstmann der Husbeckin die Nachricht brachte, daß der Graf sie wieder zu Gnaden in sein Haus aufnehmen wolle, weigerte sie sich lange hartnäckig mitzugehen. Plötzlich wurde sie anderen Sinnes. Es erschien ihr als eine Buße, der sie sich nicht entziehen dürfe, als eine Buße, daß sie täglich das arme verkrüppelte Kind sehen müsse, welches sie um seine geraden Glieder und um sein Erbrecht gebracht. Sie kehrte ins Schloß zurück, stumm und stumpf, und lebte ganz stille in dem Kämmerlein des abgelegensten Außenturmes, das man ihr zur Wohnung anwies. Sie sprach tagelang kein Wort und tat nichts Närrisches, vom frühen Morgen bis zum späten Abend spinnend und webend. Wäre nicht ihr starrer Blick und das unverständliche Gemurmel, welches während der Arbeit oft stundenlang ganz leis ihre Lippen bewegte, so unheimlich gewesen, so würde sie kein Mensch für närrisch gehalten haben. Und man ließ sie ganz in Ruhe. Dies kam aber daher, weil der Abt behauptete, sie sei verhext, und der Graf, sie sei verrückt. Der eine wollte dem bösen Weibe den Teufel austreiben und der andere die arme Kranke heilen. Hierüber stritten sie sich wochenlang. Zuletzt glaubte der Abt, auch der Graf sei verhext, weil er die Husbeckin für verrückt halte, und der Graf, der Abt sei verrückt, weil er die Husbeckin verhext glaubte. Es kam darüber zu einer beiderseits sehr nachteiligen Spannung zwischen Schloß und Kloster. Die anfängliche Ursache des Streites aber wurde über dem Streite vergessen, und die alte Husbeckin spann, wob und murmelte in Frieden weiter. IV. Es kam eine ganze Reihe sonniger Jahre für das Grafenhaus im Hattengau. Sie flogen so schnell dahin, daß man ihre Flucht erst merkte, als sie vergangen waren. Das Glück kann vielgestaltig sein wie das Unglück, Glück und Unglück können auch langsam schleichen; aber am glücklichsten sind wir doch, wenn hinterdrein nicht viel von unserem Glücke zu erzählen ist, das so rasch vorüberhuschte. Und so erzähle ich auch nur ganz wenig von diesen guten Jahren. Die beiden Knaben wuchsen fröhlich heran; Gunther – denn so müssen wir ihn fortan nennen – blieb schief und verwachsen, allein ein schwächlicher Junge wurde er doch nicht. Im Kern gesund, entwickelte er eine Körperkraft, die alle äußeren Hemmnisse überwand, und gar manchmal warf er seinen schlank und gerade gewachsenen Bruder im Ringkampf zu Boden. Nur im Wettlauf war ihm Walram weit überlegen. Die Eltern freuten sich der aufblühenden Knaben um so mehr, da auch noch ein Töchterchen hinzugekommen war, die Kinderstube voll und lebendig zu machen. Wenn nur Gunther schöner gewesen wäre! Die Frau Gräfin konnte lesen und schreiben und unterrichtete ihre Kinder in beidem, während der Graf diese pfäffischen Künste um so gründlicher verachtete, weil er sie niemals gelernt hatte. Der buckelige Gunther konnte mit acht Jahren schon das ganze Abc, was seinem erlauchten Vater fast unheimlich vorkam. »Der Junge hat das Zeug zu einem Pfaffen«, pflegte er zu sagen, »schade, daß er buckelig ist, er könnte sonst einmal Bischof werden. Aber die Kirche will keine Krüppel, so wenig wie die Ritterschaft.« Der schöne Walram hingegen kam nie über das D hinaus, und wenn er dem Gemach der Mutter entlaufen war, schimpfte er über die langweiligen Buchstaben. Das hörte sein Vater mit stillem Vergnügen und sprach: »Der Junge hat ritterlichen Geist.« Auch Gunther eilte gerne aus dem Frauengemach nach beendeter Lehrstunde. Er schlich dann hinüber zu dem kleinen Außenturm und besuchte die Husbeckin; er zeigte ihr, was er gelernt hatte, und sie sollte es nachmachen: er wollte sie schreiben lehren! Vergebens sträubte sich die Alte; sie mußte die Buchstaben nachmalen, welche ihr Gunther auf seiner Tafel vorschrieb. Allein ihre zitternde Hand brachte nur die tollsten Krähenfüße zustande. Darüber lachte dann wohl Gunther recht herzlich, aber manchmal war er auch tief betrübt, daß die Husbeckin gar nicht schreiben lernen konnte. Warum zog es den Knaben immer wieder zu der verstörten alten Frau, vor welcher andere Kinder erschraken und davonliefen? Sie wagte nicht, ihn anzublicken, sie fürchtete sich vor ihm wie vor ihrem bösen Gewissen, sie tat ihm nicht freundlich, sie brachte in seiner Gegenwart oft kein Wort über die Lippen – und doch kam Gunther immer wieder zu ihr und war glücklich, ihr erzählen zu können und sie schreiben zu lehren, obgleich sie's niemals lernte. Ahnte der Knabe, daß dieses arme, elende Wesen ihn liebte wie ihren Augapfel, während sie erstarrte, wenn er kam, daß sie ihr Leben für ihn gegeben hätte, da sie doch vor ihm zitterte als vor dem Fluch ihres Lebens? Als Gunther sich wieder einmal vergebens bemüht hatte, ihr seine neu erlernte Kunst beizubringen, rief die Alte, wie wenn sich ihr Inneres plötzlich löste: »Wie bist du doch so gut, und wie bin ich so schlecht!« »Du bist nicht schlecht, Husbeckin!« entgegnete das Kind, »du bist nur dumm. Sei doch gescheit und mache den Buchstaben nach, wie ich ihn vormache. Man kann alles, was man will, sagt die Mutter, und wenn du willst, so kannst du auch!« »Wenn ich will, so kann ich auch?« wiederholte die Alte in einem Tone, daß Gunther erschreckt zusammenfuhr. Nach langem Schweigen murmelte sie dann ganz leise mit bebender Stimme: »Ich will, ich soll – und ich kann doch nicht!« Gunther schlich sich betrübt hinweg, weil er die arme Frau gekränkt zu haben glaubte. Des anderen Tages kam er wieder, aber seine Schreibtafel brachte er nicht mehr mit. V. Mit dem zehnten Jahre nahm der Vater die Söhne in seine Schule und übte sie in den Waffen und im Weidwerk. Merkwürdigerweise blieb hierbei Gunther trotz seiner Gelehrsamkeit und seines Gebrechens hinter dem glücklicheren Bruder nicht zurück, der doch weder einen schiefen Buckel hatte, noch an der Last des Wissens schwer trug. Kampf und ritterliches Treiben erfüllte die Einbildungskraft der beiden Knaben, sie sprachen miteinander nur von Hauen und Stechen und träumten von Schlägen, die sie gekriegt oder ausgeteilt hatten. Ihre Spiele waren Turniere und Fehden, Raubzüge und Belagerungen. Die Kultur unseres Geschlechtes begann damit, daß wir lernten, uns nach den Regeln der Kunst totzuschlagen; – wird sie damit enden, daß wir uns gegenseitig lieben und ertragen? Kein Mensch dachte zu selbiger Zeit an diese Frage, da sich Gunther und Walram so ritterlich rauften und prügelten, und also dachten die beiden Jungen auch nicht daran. Bald aber trennten sie sich in ihren Spielen, und ein jeder spielte Ritter in seiner besonderen Weise. Gunther erklomm einen fast unzugänglichen Felsen in der Nähe des väterlichen Schlosses und erbaute sich droben eine Burg aus Steinen und Zweigen. Wenn er aufrecht dabei stand, reichte ihm der höchste Turm bis an die Nase. Allein er brauchte keine größere Burg, um ein ganz vollkommener Ritter zu sein. Halbe Tage lang saß er ganz allein in seinem Adlerneste und träumte, wie er Verfolgte beschütze, müde Wanderer bewirte, ungetaufte Türken erschlage, getaufte schlechte Kerle ins Verließ werfe und über die ganze weite Welt bis zur nächsten Waldecke als ein König herrsche. Er verteidigte seine Burg heute ganz allein und eroberte sie morgen ganz allein, wobei er öfters Gefahr lief, den Hals zu brechen. Er war dabei so glücklich in seinen Gedanken! Auch große Kinder sind ja in Gedanken am glücklichsten; die Gedanken machen uns hellsehend, wenn wir die Augen schließen; wir tragen sie immer bei uns, wir schwelgen uns satt in ihnen, wenn wir nichts zu nagen und zu beißen haben; sie gehen uns erst verloren, wenn wir selbst uns verlorengehen. Walram trieb ein ganz anderes Rittertum. Er versammelte alle kleine Buben des Schlosses und der Nachbarschaft um sich und bildete streitbare Haufen, die er ordnete und befehligte, und zwar als ein sehr gestrenger Feldherr; denn wer ihn nicht verstand, den zauste er an den Ohren, bis ihm das Verständnis kam, und wer ihm nicht gehorchte, den schlug er auf den Kopf, bis er gehorchte. Man balgte und raufte sich in wildem Jubel, und da keiner den Erbgrafen ernstlich anzupacken wagte, während er Hiebe und Püffe nach Herzenslust austeilte, so blieb er immer Sieger. Einstmals lauerte Walram hinter einem Busche, bis ein paar sechsjährige Bauernbübchen des Wegs gezogen kamen, die ein Körbchen mit Äpfeln trugen und sehr vergnüglich davon schmausten. Da brach Walram mit lautem Hallo hervor und nahm den Kleinen die Äpfel ab. Nachdem sich diese jedoch vom ersten Schreck erholt hatten, suchten sie dem Räuber ihre Äpfel wieder zu entreißen, vergaßen dabei allen Respekt vor seiner hohen Geburt und schlugen ihm auf die Nase. Allein der zehnjährige Walram wurde der Kleinen bald wieder Herr und bearbeitete sie so jämmerlich, daß ihr Hilferuf weithin erschallte. Gunther hatte den ganzen Kampf von seinem Felsen aus beobachtet. Jetzt sprang er herab, befreite die Schwachen aus der Hand des Stärkeren und gab ihnen die Äpfel wieder. Zu Hause verklagte Walram Gunthern beim Vater, und dieser zankte ihn, daß er so unritterlich gewesen sei, mit den Bauernbuben gemeine Sache zu machen gegen seinen Bruder. Zur Strafe solle er heute kein Abendbrot erhalten. Gunther sah den Vater mit großen tränenden Augen an und schwieg. Nachher aber schlich er in den Turm zur Husbeckin, erzählte ihr die Geschichte und klagte ihr sein Leid. Die Alte suchte ihn zu trösten, allein ihre Worte verfingen nicht. Da ging sie an einen Kasten, der in der Ecke des Kämmerchens stand, holte ihr eigenes Abendbrot herbei und setzte es Gunther vor zum Ersatze für das Essen, welches man ihm zu Hause entzogen hatte. Allein Gunther berührte keinen Bissen. »Ich will keinen Trost haben«, rief er, »ich will auch kein Brot, Husbeckin! Du sollst sagen, daß ich recht habe: – dies will ich! Ich will mein Recht!« »Dein Recht!« schrie die Alte, jäh auffahrend, »dein Recht? Ich wollte dir ja dein Recht geben, dein Recht für heute abend – auf ein Butterbrot. Und du hast es verschmäht. Aber du hast ein viel größeres Recht von deinem Bruder zu fordern; ich habe dir's genommen, und ich will dir's wiedergeben. Höre, was ich dir erzählen will – – – merke genau auf meine Worte – – ach! ich kann die rechten Worte nicht finden – – doch horch! komm herbei!« und sie zog ihn ans Fenster und deutete auf einen Baum, der draußen im Zwinger stand. »Siehst du den Buchfink dort in den Zweigen? Hörst du ihn singen? Der weiß die rechten Worte. Er erzählt dir alles, besser, als ich's vermag. Er singt mir jeden Tag dasselbe Lied vor, er singt von deinem Recht und meiner Sünde!« Gunther sah keinen Fink und hörte keinen Gesang, aber das Gesicht der Alten war jetzt so entsetzlich anzuschauen, daß er sich losriß und davonlief. Er dachte den ganzen Abend an das Turmstübchen und konnte die Nacht nicht schlafen, weil er fort und fort das schauerliche Gesicht der Husbeckin vor Augen sah, die plötzlich so bös und närrisch geworden war, und kaum vorher war sie doch noch so gut und so gescheit gewesen. Um Mitternacht stand er auf und blickte hinaus in das schweigende Dunkel. Es war ihm so weh ums Herz, als ob ihn die ganze Welt von sich stoße, er fühlte sich so einsam und verlassen. Da sah er zum gestirnten Himmel, und von dort glänzte ihm ein einzelner Stern, heller wie alle andern, mit wundersam funkelndem Lichte entgegen. Er konnte sein Auge nicht abwenden von dem Sterne, und es überschlich ihn leise ein süßer Trost und ein frohes Hoffen, er wußte nicht, woher und warum, und er sprach zu sich: Mein Abendbrot habe ich verloren, aber das ist mein Stern, der gehört mir, der bleibt mir, den wird mir niemand nehmen. Während seines Lebens hat er noch unzähligemal nach diesem schönen Stern geblickt; er fand ihn immer wieder, auch wenn der Stern seinen Ort verändert hatte, er nannte ihn stets seinen Stern und glaubte, derselbe werde noch ebenso seinen Frieden und sein Glück bestrahlen wie dazumal und später seinen Kummer. Er wartete oft auf dieses Glück, und es kam nicht, doch der schöne Stern kam immer wieder. VI. Zwei Dinge kann jeder Mensch, auch der dümmste: – auf die Welt kommen und sterben. Das eine hat eigentlich keiner gewollt, obgleich wir später den Tag feiern, an welchem er's getan hat; das andere wollen nur wenige und müssen doch alle. Vierundzwanzig Jahre hatte Graf Norbert in glücklicher Ehe gelebt, ohne den Tod in seinem Hause zu sehen. Da trat derselbe plötzlich herein, ohne anzuklopfen: die Gräfin starb am Johannistage 1285, als sie eben in heiterem Kreise den Liedern des Junker Kurt von Mörlen lauschte, der so schön vom Reigen unter der Linde sang. Das Tanzlied erstarb mit der Sterbenden. Frau Jutta lebte so gern, sie hätte so gern noch recht lange gelebt! Eine Frau trennt sich so schwer von ihrem Manne, eine Mutter vielleicht noch schwerer von ihren Kindern: der Glücklichen war der Schmerz der einen wie der anderen Trennung erspart geblieben. Oder kann man vielleicht gar nicht sterben, ohne sich dessen bewußt zu werden? Darüber hat uns noch keiner Kunde gegeben. Der Graf war niedergeschmettert, dann klagte er laut, dann war er lange still und tief betrübt. Im ersten Monat hätte er selber gern sterben mögen, um sofort auf ewig mit der Dahingeschiedenen vereint zu sein. Nach Ablauf des ersten Vierteljahres ermannte er sich jedoch und gedachte, im unlösbaren geistigen Zusammensein mit Jutta mutig weiterzuleben. Nach Ablauf von drei Vierteljahren kam ihm das ganze Schloß so verwaist und einsam vor, die verlassenen Kinder dauerten ihn, obgleich sie schon recht groß waren. Sollte er sich wieder verheiraten? Doch erst, nachdem das volle Trauerjahr verflossen war, warf er diese Frage immer öfter und ernster auf, und erst zu Michaeli 1286, also nach vollen fünf Vierteljahren, warb er um die Hand der Luitgard, einer schwäbischen Jungfrau aus edlem Stamme, die nur fünfundzwanzig Jahre jünger war als er selbst. Allein Graf Norbert fühlte sich noch jung trotz seiner fünfundvierzig Jahre, und er wollte noch viel jünger, er wollte wieder ganz jung werden an Luitgards Seite. Das ist ja so oft der Traum des Alters, und der Traum ist auch ein Leben. Es dünkte Norbert, als habe er mit seiner ersten Frau die Lehrjahre der Ehe durchgemacht, nun wollte er mit der zweiten in die Meisterjahre treten. Auf den 15. November war die Hochzeit anberaumt. Da erkältete sich der Bräutigam am 31. Oktober auf der Jagd, bekam eine Lungenentzündung und starb drei Tage vor der Hochzeit. Der liebe Gott hatte dem Grafen also gewährt, was dieser im ersten Monat nach Juttas Tode so sehnlich sich gewünscht hatte: – seiner geliebten Frau nachzusterben. Allein die Gewährung kam viel zu spät, da der Graf jetzt eigentlich gar nicht mehr sterben, sondern eine andere heiraten wollte. Der liebe Gott kann es eben den Menschen niemals recht machen. Walram, kaum dem Knabenalter entwachsen, war nun mit einemmal Graf, ein großer Vasall des Kaisers, Bannerherr, Richter in des Königs Gericht und vieles andere. Er hatte vor zwanzig Jahren das Anrecht auf alle diese Herrlichkeiten gewonnen, weil er nicht vom Tisch gefallen war und eine alte Magd ihm deshalb ein rotes Bändchen um den linken Arm gebunden hatte, und trat nunmehr in den Vollbesitz jener Herrlichkeiten, weil sein Vater sich auf der Jagd erkältet hatte. Es geht nirgends wunderlicher zu wie in der Welt. Man hätte meinen sollen, der arme junge Graf sei ratlos gewesen, wie er sich in all die neuen Bürden und Würden finde, die ihm so über Nacht zuteil geworden waren. Allein so stand es ganz und gar nicht. Walrams lebhafter Geist hatte sich schon seit Jahren in kühnen Bildern ausgemalt, was er alles tun wolle, wenn er einmal Graf würde, und so tief ihn des Vaters jäher Tod erschütterte, hatte er doch im stillen nicht zwar diesen Augenblick, wohl aber dessen Folgen schon längst herbeigewünscht. Denn nur durch des Vaters Tod konnte er ja zu seinem Lebensberufe kommen. Ist es Sünde, sich nach seinem Lebensberufe zu sehnen und die Stunde herbeizuwünschen, wo man ihn antreten kann? So hat wohl schon mancher Erbprinz gefragt und den Sohn eines Schusters beneidet, der ein Schneider werden will und zur Erfüllung dieses löblichen Wunsches nicht auf den Tod seines Vaters zu hoffen und zu warten braucht. Walram wollte zunächst verbessern, was sein Vater nicht gut gemacht hatte, denn er war schon seit seinem achten Lebensjahre mit seinem Vater recht unzufrieden gewesen. Vor allem ging er daran, die Stammburg – man nannte sie die Hattenburg – zu erweitern und zu verschönern. Er meinte, der Alte habe gar nicht wie ein Graf gewohnt in den engen, finsteren Mauern und man müsse doch vor allen Dingen gräflich wohnen, um ein richtiger Graf zu sein. Diese Gedanken fanden keinen Beifall bei seinem Bruder Gunther, der mit treuer Liebe am Gedächtnis der Eltern und an all der trauten Heimeligkeit des elterlichen Hauses hing. Allein Walram hatte schon längst im Sinne gehabt, sich, wenn er einmal Graf wäre, der lästigen Gemeinschaft mit dem so ganz anders gearteten Bruder zu entledigen, dessen schiefer Buckel ohnedies nicht in den prächtigen neuen Palast gepaßt hätte. Er wies ihm ein mäßiges Lehengut an der fernsten Grenze der Grafschaft zum Unterhalte an. Dort stand ein kleines, altes, burgliches Haus auf steilem Fels, das »Windhaus« genannt, weil es von allen Winden umheult war, in tiefster Waldeinsamkeit, wo sich die Wölfe und Füchse gute Nacht sagten. Die Erträgnisse des Gutes genügten für das Auskommen eines einfachen Bauern, also konnte auch wohl ein buckeliger Grafensohn davon leben. Walram sagte zu Gunther, das Windhaus entspreche so ganz seinem Geschmack für das Wilde, Schlichte, Weltverlassene, darum habe er es aus brüderlicher Liebe eigens für ihn ausgewählt. Gunther war anfangs etwas überrascht, daß Walram seinen Geschmack so fein erfaßt und berücksichtigt habe. Allein er fügte sich ohne Groll dem Willen des Familienhauptes und dachte, es sei am Ende doch besser, er lebe in Frieden in dem kalten, armen Neste als in Hader auf dem reichen, stolzen Schlosse. VII. Bei dem Neubau der Hattenburg mußte auch das Türmchen fallen, welches die alte Husbeckin noch immer bewohnte, ein verlassenes und vergessenes Wesen. Die jüngeren Insassen des Schlosses wußten gar nicht mehr, daß sie überhaupt noch am Leben war. Graf Walram meinte es gut mit der Alten und bestimmte ihr ein freundlich gelegenes Häuschen im Garten des Zwingers seines Schlosses zum Aufenthalt, damit sie dort ihre Tage in Frieden beschließen könne. Allein die Husbeckin weigerte sich aufs festeste, ihren Turm zu verlassen. Der Graf hatte seinen guten Tag, als man ihm dies berichtete; sein Herz wurde weich, indem er der so traurig geistesverwirrten Dienerin des väterlichen Hauses gedachte, und so ging er selber in den Turm, um die nun Fünfundachtzigjährige mit guten Worten zur Übersiedelung in die behaglichere neue Wohnstätte zu bewegen. Die Husbeckin saß im dunkelsten Winkel ihres Stübchens, regungslos. Das schneeweiße Haar umrahmte das hagere, totenblasse Gesicht, dessen Züge wie versteinert waren; die Augen blickten starr und ziellos ins Weite. Sie erhob sich nicht, als der Graf eintrat, sie erwiderte seinen Gruß nicht, sie schien seine Anwesenheit gar nicht zu bemerken. Graf Walram trat ganz nahe an die Alte heran, sah ihr fest ins Auge und rief dann so laut, als ob er zu einer Tauben redete, daß er ihr eine schöne Wohnung im Garten ausgesucht habe und daß sie dies schlechte Stübchen verlassen möge. Nach langem Besinnen entgegnete sie, unbeweglich sitzenbleibend: »Ich erkenne und verstehe Euch wohl, Junker Gunther« – – »Ich bin nicht Gunther, ich bin Walram«, unterbrach sie der Graf. »– Ihr wißt selbst nicht, wer Ihr seid!« erwiderte fest die Alte, »ich aber weiß es, ich allein: Ihr seid Gunther.« Der Graf schüttelte den Kopf: die Alte war verrückt, man konnte nicht mit ihr reden. Doch sie fuhr immer nachdrücklicher fort: »Ihr habt Euern Bruder aus seinem Stammschlosse vertrieben und in das öde Windhaus verbannt. Wenn Ihr Euern Bruder Walram wieder in das Schloß zurückruft, dann will auch ich in das neue Häuschen ziehen.« Der Graf, entrüstet, daß das alte Weib ihm gar noch eine solche Bedingung zur Annahme seiner Wohltat stelle, kehrte ihr den Rücken und wollte gehen. Da rief die Husbeckin, sich plötzlich erhebend, mit lauter Stimme, gebieterisch: »Bleibt! Ihr wißt nicht, wer Ihr seid; ich will es Euch sagen! Ich kann nicht sterben, bevor ich's Euch nicht gesagt habe.« Und nun begann sie ganz ruhig und mit der größten Klarheit zu erzählen, was sich an jenem verhängnisvollen dritten Tage nach der Geburt der beiden Knaben ereignet hatte und wie sie ihm das rote Bändchen des Erstgeborenen umgebunden habe, da doch sein Bruder der wahrhaftige Erstgeborene sei, und wie sie die beiden Kinder umgetauft habe. – – Sie erzählte das alles so klar, so überzeugt und überzeugend – – hatte sie es doch schon tausendmal sich selbst erzählt! »Jetzt wißt Ihr alles«, rief sie zuletzt und richtete sich hoch auf und blickte den Grafen mit den Augen einer Seherin an, – »jetzt wißt Ihr, was Ihr zu tun habt. Gehet zu Euerm Bruder, gebt ihm seinen Namen, gebt ihm das Recht der Erstgeburt wieder, das ihm gebührt! Führet ihn, den wahren Grafen, aufs Schloß. Er wird in Herrlichkeit einziehen und Ihr in Gerechtigkeit neben ihm; Ihr werdet gepriesen werden als der Gerechte, weil Ihr mutig dem entsagt, was Ihr so fest zu besitzen glaubtet und was Euch doch nicht gebührt. Die Gerechtigkeit Gottes wird offenbar werden, und die arme Husbeckin wird vielleicht noch vor Gott Verzeihung ihrer unermeßlichen Sünden finden.« Bei diesen Worten sank sie auf den Stuhl zurück. Der Graf stand eine lange Weile wie versteinert. Eine Verrückte hatte gesprochen, aber dieser Ton, diese Worte kamen nicht aus einem verstörten Geiste, sie klangen so klar, so wahr, sie klangen wie die Stimme aus einer Welt, in welcher alles offenbar werden wird, wo es keinen Lug, keine Täuschung mehr gibt. Er trat heran an ihren Sitz: »Hast du die Wahrheit gesprochen?« fragte er leise. Sie gab keine Antwort. Das Haupt der Alten war auf die Brust gesunken, die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen. Die vordem so herben Züge sahen jetzt so mild, so friedlich aus! Der Graf ergriff ihre Hand und ließ sie dann entsetzt wieder fahren: sie war starr und kalt. Die arme Husbeckin war tot. VIII. Das Hinscheiden der alten Frau wurde kaum bemerkt auf dem Schlosse und in der Nachbarschaft. Die meisten Leute glaubten, die Husbeckin sei schon längst gestorben, und erfuhren erst durch ihren Tod, daß sie noch gelebt habe. Nur einer war von diesem Todesfalle jählings erschreckt worden und mußte Tag und Nacht an die Sterbende denken: Graf Walram. Er wurde schweigsam, mied die Gesellschaft, welche er sonst gesucht hatte, und suchte die Einsamkeit. War er dann für sich allein, so quälte er sich mit der Beantwortung einer ganzen Kette von Fragen, die er sich immer wieder vorlegte und von denen er nicht eine einzige entscheidend mit Ja oder Nein beantworten konnte. Hatte die Husbeckin die Wahrheit gesagt? – War sie in ihrer letzten Stunde von Sinnen gewesen? – oder war ihr nicht vielmehr, bevor sich ihr Mund auf ewig schloß, das volle Licht des Geistes, die volle Kraft des Gedächtnisses zurückgekehrt, wie es so manchmal bei Sterbenden geschieht? – Warum hatte sie das Geheimnis so lange verborgen? – Hatte sie es seinem Bruder gleichfalls offenbart? Es schwindelte Walram bei dem Gedanken, daß er durch das Bekenntnis des alten Weibes plötzlich von einer stolzen Höhe herabgestürzt worden sei. Was sollte er beginnen? – Sollte er das Geheimnis dem Bruder mitteilen? Und dann? – Sollte er zurücktreten gegen den Glücklicheren, der so lange der minder Beglückte gewesen war? – Aber vielleicht war ja alles nur das Traumgesicht einer geistig umnachteten Person gewesen! Nur Gott allein kannte die Wahrheit. Doch das war gerade genug. Wie – wenn er dem Bruder antrug, bei dem Zweifel an ihrem beiderseitigen Rechte brüderlich das Erbe zu teilen? Dann war er ja mit Gott versöhnt und mit dem Bruder und mit sich selbst, und er konnte ruhig erwarten, daß die Wahrheit offenbar werde – am jüngsten Tag. Dieser weise und gute Gedanke hielt nicht lange stand. Klüger schien es Walram doch, zuerst zu erforschen, ob sein Bruder, ob überhaupt irgendein Mensch etwas von der Sache wisse. Wußte niemand davon, dann war es ja töricht, sein kostbarstes Recht aufzugeben, welches ihm kein Mensch streitig machte. Rasch faßte er daraufhin seinen Entschluß und vollführte ihn rasch. Er ritt nach dem Windhaus. Der Weg ward ihm sauer genug. Er wollte öfters wieder umkehren. Allein er mußte Gewißheit haben. Er traf Gunther vor dem Hause, sein Pferd tummelnd. Die Brüder begrüßten sich im Sattel und ritten eine Weile nebeneinander im Ring herum, von gleichgültigen Dingen redend. Walram fand die rechten Worte nicht und bat zuletzt seinen Bruder, abzusteigen und mit ihm ins Haus zu gehen. Es dünkte ihm unmöglich, unter Gottes freiem Himmel zu sagen, was er sich so fein ausgedacht hatte. Im engen, kahlen Stübchen begann er dann von dem Tode der Husbeckin zu erzählen. Seine Stimme zitterte dabei, aber Gunther nahm dies als ein Zeichen der Teilnahme an den letzten Augenblicken der armen Dienerin. »Sie starb«, so schloß Walram, »indem sie mir, wie sie sagte, ein großes Geheimnis offenbaren wollte, welches ihre Seele tief zu bewegen schien. Da schloß ihr der Tod die Lippen. Was für ein Geheimnis mochte es gewesen sein?« Er wagte nicht, die Augen aufzuschlagen und den Bruder anzublicken, als er diese Frage stellte. Er glaubte, die Alte drohend neben sich zu sehen. Gunther erwiderte, daß auch ihm die Husbeckin in ihrer verworrenen Weise öfters von einem Geheimnis geredet und ihm auch dieses Geheimnis mitzuteilen versprochen habe. Schließlich habe sie's aber doch nicht getan. »Sie offenbarte es dir niemals?« »Niemals!« »Sie deutete nicht einmal an, worauf ihr Geheimnis ziele?« »Niemals!« »Dann hat sie es mit sich ins Grab genommen. – Gott sei ihrer Seele gnädig!« »Amen!« fügte Gunther leise hinzu. Walram schrak zusammen bei diesem Wort. Hatte es die Husbeckin gesprochen? Er blickte empor. Es war niemand weiter in der Stube als sein Bruder. Da atmete er auf: Gunther wußte ganz und gar nichts von der Sache! Und nun zog er den Bruder vertraulich auf die Bank an der Wand und setzte sich neben ihn und redete ihm recht brüderlich zu. Er bedauerte, welch einsames, müßiges Leben Gunther hier auf dem Windhaus führe, da es doch für ihn an der Zeit sei, durch ritterliche Taten den Ruhm seines Stammes zu mehren und sich selber einen großen Namen zu gewinnen. Dazu biete sich jetzt die schönste Gelegenheit. »Schon seit sechs Jahren«, so fuhr er fort, »streitet Graf Reinald von Geldern mit dem Grafen Adolf von Berg über das Erbe des Herzogtums Limburg. Es ist ein prächtiger Krieg! Du findest die edelsten Genossen und die edelsten Gegner. Der Erzbischof von Köln, der Herzog von Luxemburg, der Graf von Nassau halten zum Grafen von Geldern, und Johann von Brabant hilft andererseits dem Grafen von Berg. Die Bürger von Köln stehen nebenbei gegen ihren eigenen Erzbischof; es muß höchst gemütlich sein, diese elenden Bürger niederzurennen. Der Kampf drängt zur Entscheidung, eine große Schlacht steht nahe bevor. Ein Bote des Erzbischofs hat auch uns zur Teilnahme aufgefordert. Welch würdige Gelegenheit für dich zum ersten Waffengange! Die Sache eilt, und der Weg zum Niederrheine ist weit. Morgen schon mußt du aufbrechen.« »So soll ich also für den Erzbischof streiten und gegen die Bürger von Köln, die mir doch gar nichts zuleide getan haben?« fragte Gunther. »Natürlich! für den frommen Erzbischof, der erst jüngst in Deutz einen naseweisen Philosophen verbrennen ließ, welcher sich anmaßte, die Kirche reinigen zu wollen.« »Doch auf welcher Seite ist das Recht?« »Seltsame Frage! Wenn man wüßte, wo das Recht wäre, dann brauchte man ja nicht sechs Jahre lang zu streiten. Der Kampf ist ein Gottesgericht, und in dem stärksten Arme, der zuletzt alles niederschlägt, verkündet sich die Gerechtigkeit Gottes.« »Allein mir deucht«, fiel Gunther ein, »Verwandte sollten überhaupt nicht streiten um ein Erbe, sondern sich vergleichen und brüderlich in das Erbe teilen: das würde dem gerechten Gott vielleicht besser gefallen, als wenn sie einander totschlagen.« Walram errötete. Dann sprach er, rasch gefaßt: »Der wahre Ritter kämpft, um zu kämpfen. Er fragt nicht nach Grund und Ziel des Kampfes. Der Kampf ist sein Leben, weil er nur atmen kann, wenn er Ruhm und Ehre gewinnt.« Gunther war ein Kind seiner Zeit. Diese Worte zündeten. Ja! es schien ihm groß, zu kämpfen um des Kampfes willen, wie heute der Mann der Wissenschaft forscht um der Wissenschaft willen, der Künstler bildet und dichtet um der Kunst willen. Er versprach, schon morgen aufzubrechen, und Walram bot ihm die besten Waffen, die schönsten Pferde und die tüchtigsten Knechte zur Reise. Nur die Rüstung war seine eigene; sie war ihm auf den Leib gearbeitet, schief von hinten und vorn, ganz seinem schiefen Buckel entsprechend. Walram dachte während des zärtlichen Abschieds: Wenn mein lieber Bruder um das Limburgische Erbe für den Erzbischof von Köln streitet, dann kann er zunächst doch nicht um sein eigenes Erbe mit mir streiten, und wenn er etwa einen ruhmvollen Reitertod finden sollte, dann wäre die Frage des roten Bändchens abgemacht für alle Zeit. IX. Gunther war kaum vier Wochen von Hause entfernt, da kam ein fahrender Sänger auf die Hattenburg und brachte traurige Kunde. Am 5. Juni 1288 war bei Worringen unterhalb Köln eine große Schlacht geschlagen worden. Reinald von Geldern samt dem Erzbischof und seinem ganzen Anhang war besiegt, Heinrich von Luxemburg mit seinen drei Brüdern erschlagen, Reinald gefangen, der Graf von Nassau gefangen, der Erzbischof gefangen und im Harnisch in einen Käfig gesperrt. Nur wenige Edle von Reinalds Partei vermochten zu entrinnen. In späten Jahren sang und sagte man noch von dieser blutigen Schlacht, daß dort der Vater eines künftigen Kaisers – der Luxemburger – den Tod und ein künftiger Kaiser – Adolf von Nassau – den Kerker gefunden habe und daß der fromme Erzbischof sieben Jahre geharnischt im Käfig habe sitzen müssen. Endlich aber wurde er dennoch frei und bekam nun den Herzog von Berg in seine Hand und sperrte ihn dann seinerseits in einen Käfig, aber ganz nackt und mit Honig bestrichen, in der glühenden Sommersonne den Wespen und Mücken zur Beute. Das war so ein kleiner Austausch ritterlicher »Courtoisie«. Gleichviel. Der eine Tag von Worringen hatte dem sechsjährigen Kriege ein Ende gemacht, und der Brabanter behauptete das Herzogtum Limburg. Walram fragte den fahrenden Sänger mit bebender Stimme, ob er nichts von dem Schicksal seines Bruders wisse, der an der Seite des Erzbischofs gestritten habe. Allein der Sänger wußte nichts. Wo so große Herren zugrunde gegangen waren, da schwieg die Kunde von den kleinen. Nach vierzehn Tagen aber kam einer von den Knechten, die Gunther begleitet hatten, zerlumpt und ganz verelendet zurück und erzählte, sein Herr sei in dem mörderischen Ringen erschlagen worden und die anderen Leute seines Gefolges dazu und er allein sei entronnen. Man konnte zwar aus dem verworrenen Berichte nicht klar erkennen, ob der Erzähler schon beim Beginn der Schlacht davongelaufen war oder erst am Ende. Allein da weitere Wochen verstrichen und weder von Gunther noch von seinen übrigen Leuten irgendeine Nachricht kam, so mußte man dem Unglücksboten wohl glauben. Trotz aller anderweiter Nachforschungen war und blieb Gunther verschollen. Walram trauerte um den Bruder, wie sich's gebührt. Und doch mußte er sich bei aller Betrübnis immer wieder mit einem stillen Vergnügen sagen, daß er sich jetzt die einfältige Geschichte von dem roten Bändchen für immer aus dem Kopfe schlagen dürfe. X. Gunther war nicht tot. Er hatte mannhaft bis zuletzt gekämpft und nur eine leichte Wunde davongetragen. Als aber alles verloren war, sprengte er mit einem kleinen Trupp unter die Mauern der Burg Worringen, um die befreundeten Verteidiger derselben gegen die siegreich andringenden Kölner Bürger zu unterstützen. Da warfen die Verteidiger den Feinden von den Zinnen herab einen großen Balken auf die Köpfe, der jedoch irrtümlich ihren Freund, unseren Gunther, traf und ihn vom Pferde schlug. Das Pferd stürzte, er geriet mit den Beinen unter das Tier und blieb, am ganzen Körper gequetscht und geschunden, für tot liegen. Als er unter großen Schmerzen wieder zum Bewußtsein kam, fand er sich in einem ganz engen, dunklen Raume auf Stroh gebettet. Er konnte kaum atmen, er konnte sich nicht erheben, an allen Gliedern wie gelähmt; und als er mit der Hand umhertastete, entdeckte er, daß er in einem ganz schmalen und niederen Kasten eingeschlossen lag. Entsetzen erfaßte ihn: – war das ein Sarg? hatte man ihn lebendig begraben? Er raffte alle Kraft zusammen und schlug gegen die Wand des Kastens. Das laute Bellen eines Hundes antwortete seinen Schlägen, und nach einigen bangen Minuten öffnete sich die Vorderseite des Kastens. Das grelle Licht der sinkenden Abendsonne fiel blendend in den dunklen Raum, und der Kopf eines alten Mannes erschien vor der Öffnung. Das Gesicht dünkte Gunther nicht fremd, und als der Alte ihn freundlich begrüßte, erkannte er ihn: es war Kurt der Schäfer, welcher viele Jahre lang in der Nähe der Hattenburg die Herden gehütet hatte, aber vor längerer Zeit hinweggezogen war, derselbe Schäfer, bei dem die Husbeckin vor Zeiten Unterschlupf gefunden. Gunther stieß eine Menge hastiger Fragen aus; er wollte wissen, wie er hierher gekommen, wo er sich befinde, ob er gefangen sei, und der Schäfer gab sehr langsam und bedächtig seine Antworten. Er erzählte: »Ich wurde mit anderen Bauern heute am frühesten Morgen aufs Schlachtfeld getrieben, um die Toten des gestrigen Tages zu begraben. Da fand ich Euch als einen Toten und erkannte Euch an Eurer buckeligen Rüstung. Der Buckel war Euer Glück. Hätte ich Euern stolzen, kerzengerad gewachsenen Bruder gefunden, ich hätte ihn liegenlassen. Als ich Euch den Harnisch abzunehmen begann, entdeckte ich, daß Ihr noch lebendig wäret. Da sprach ich zu den Bauern: ›Wir wollen die Beute teilen. Der Mann hat Geld und Kleinodien in der Tasche, die nehmet für euch; Schwert und Harnisch müßt ihr den Rittern bringen, den Toten aber lasset mir.‹ Die guten Leute waren sehr einverstanden mit dieser christlichen Teilung. Weil Ihr als Kind so freundlich gegen mich gewesen seid wie gegen alle geringen Leute, wollte ich nicht, daß Ihr in Gefangenschaft fielet oder gar lebendig begraben würdet, und schaffte Euch heimlich beiseite und habe Euch hier in meinem Schäferkarren versteckt. Wir sind weit genug vom Schlachtfelde entfernt in der verwachsenen Au zwischen den Altwassern des Rheins, wohin ich mich schon vor der Schlacht geflüchtet, nachdem mir die Mannen des Erzbischofs die Schafe genommen und nur den Karren und den Hund übriggelassen hatten. Seit zwei Jahren, wo ich vor Ärger und Verdruß aus dem Hattengau davongelaufen bin, diene ich einem reichen Bauern in der Nachbarschaft. Da derselbe aber jetzt keine Schafe mehr besitzt, so braucht er auch keinen Schäfer mehr, und für den Lohn, den er mir schuldet, behalte ich den Karren und stelle mich mit Karren und Hund zu Euern Diensten. Und ich glaube, Ihr werdet meiner Dienste bedürfen, daß Ihr frei aus dieser heillosen Gegend entrinnt, was nicht ganz leicht sein wird, denn in den nächsten vier Wochen werdet Ihr weder gehen noch reiten können, da eine Sehne Eures linken Fußes verdehnt oder zerrissen und Euer rechtes Bein durch eine Quetschung am Knie dick aufgeschwollen ist.« Der Schäfer Kurt war als Heilkünstler im ganzen Hattengau berühmt gewesen, wie damals so viele seinesgleichen. Also ergab sich Günther seiner ärztlichen Behandlung, die gerade nicht sehr sanft, aber um so gründlicher war, und unter entsetzlichen Schmerzen stöhnend, dachte er, wie glücklich er doch sei, daß er für kleines Wohlwollen, welches er dem Schäfer früher entgegengebracht, unverdient so aufopfernde Treue empfange, und wie gut doch eigentlich die Menschen seien, obgleich sie sich wegen der Erbschaft eines lumpigen Herzogtums zu Tausenden totschlügen. Lange konnte der Schäfer mit seinem Patienten in der Rheinau nicht bleiben, sie würden sonst Hungers gestorben sein. Darum fragte Kurt schon am ersten Abend den jungen Herrn, ob er kein befreundetes Haus in der Nähe wisse, wo er sich, vor den Feinden geborgen, auskurieren könne. Gunther war ganz fremd in diesem Lande. Allein er entsann sich eines Ortes, wo er bei seinem Ritt nach Worringen acht Tage lang die gastlichste Aufnahme gefunden hatte. Es war dies ein kleines burgliches Haus – Rodineck – in der Nähe von Andernach, dem Ritter Gerlach von Molsberg verpfändet, dessen stattliche Stammburg Molsberg überm Rhein auf dem Westerwalde lag. Zur Sommerszeit pflegte der Ritter in den engen und doch so behaglichen Räumen von Rodineck zu wohnen. Seine Familie war so klein, daß das kleine Haus genügte; denn er besaß nur eine Tochter, die er wie seinen Augapfel liebte und behütete. Seine Frau war längst gestorben. Zur Winterszeit zog er dann wieder nach dem großen Schlosse Molsberg, um mit seinem Bruder Giso gemeinsam die Herrschaft über Land und Leute zu führen. Glückliche Zeit, wo die großen Herren nur im Winter zu regieren brauchten und durch den ganzen Frühling, Sommer und Herbst sich ausruhten! Und Gerlach von Molsberg war ein sehr vornehmer Herr: das Geschlecht führte seinen Stammbaum auf den deutschen König Konrad II. zurück. In dem gastfreien Hause Rodineck hatte Gunther, wie gesagt, acht köstliche Rasttage verlebt, als er jüngst gen Worringen zog. Auf diesem Haus ruhte der Frieden. Der Molsberger kümmerte sich nicht um die Limburgische Fehde und lebte still für sich, den Welthändeln abgewandt. Gunther glaubte, im Paradiese zu sein während jener acht Tage, aber der eigentliche Engel dieses Paradieses war doch die bildschöne neunzehnjährige Tochter des Molsbergers gewesen, ein Mädchen von seltener Milde und Güte, die den ebenso seltenen als schönen Namen Wahla führte. Gunther hatte bis dahin noch niemals erlebt, daß ihm ein Mädchen hold und liebreich entgegengekommen war und seine tiefe Herzensgüte erkannte und schätzte – wie Wahla. Ihr Bild hatte ihn darum im Kampfe begleitet, er sah es auch jetzt auf seinem Schmerzenslager, und so sagte er dem Schäfer, er wisse nur einen Ort in diesem rheinischen Land, wo er ein sicheres Unterkommen zu finden hoffe, und der sei das Haus Rodineck bei Andernach. Nach kurzer Beratung beschloß Kurt, den Kranken in seinem Schäferkarren dorthin zu fahren. Der Weg war freilich weit. Ein guter Fußgänger braucht zwei Tage von Worringen nach Andernach. Allein der gerade Weg über Köln mußte vermieden werden, und so schlug der Schäfer die Fahrt auf fünf Tage an. Er spannte sich selbst vor den zweiräderigen Karren, auf dem die sargartige, mit Stroh gedeckte Hütte stand, und wechselnd nahm er auch noch den Hund zum Vorspann. Die Fahrt ging langsam genug, und der Schäfer mußte oft geraume Zeit rasten. Speise und Trank erbettelte er sich bei guten Leuten, denen er vorgab, daß er seinen kranken Vetter nach Koblenz führe. Gunther, der in heftigem Fieber lag, bedurfte der Speise nicht viel und seufzte nur nach Wasser. Die Sonne brannte erschrecklich. Erst am Morgen des sechsten Tages hielt der Karren vor dem Tore von Rodineck. XI. Der Schäfer ging in das Haus, um dem Burgherrn Gunthers Gruß zu überbringen mit der Bitte, daß er dem Hilflosen den Schutz seines Daches gewähren möge. Gunther gedachte indessen mit Schrecken des Abstandes zwischen seinem heutigen Aufzuge vor Rodineck und seinem Erscheinen vor vier Wochen. Damals hatte er einen stattlichen Reisigen vorausgeschickt, der ihn meldete und um ritterliche Gastfreundschaft bat; – heute schickte er einen armen Schäfer, der um Gottes willen einen geheimen Unterschlupf erflehte. Damals war er hoch zu Roß gekommen, in schimmernder Rüstung; – heut kam er auf einem Schäferkarren, mit dem zerlumpten Mantel des Schäfers bedeckt. Damals träumte er von ritterlichen Taten, die er demnächst vollbringen werde; er hatte solche inzwischen auch wirklich vollführt, aber zum Beschluß seines ersten Waffenganges war ihm von Leuten der eigenen Partei ein Stück Holz auf den Kopf geworfen worden, und er brachte ein Loch im Kopf, ein verrenktes Bein und blaue Male am ganzen Körper zurück, welches man keine ritterlichen Wunden zu nennen pflegt. Der Herr von Molsberg war ein barmherziger Mann. Er bot noch wärmere Gastfreundschaft dem unglücklichen Krieger, der so kläglich dahergefahren kam, als vorher dem siegesgewissen, der so stolz hereingeritten war. Der Schäfer durfte als Arzt bei dem Junker bleiben, und da er den braun und blau geschlagenen Grafen so vortrefflich behandelte, erlaubte ihm der Molsberger auch sein Leibpferd zu kurieren, welches an der Kolik litt. Ein Schäfer stellte dazumal noch eine ganze medizinische Fakultät dar. Nur selten huschte Wahla wie eine Traumgestalt an Gunthers Schmerzenslager vorüber. Aber unbemerkt bereitete sie ihm doch jede Labe und Linderung. Niemand sagte dies dem Kranken, und dennoch wußte er's ganz bestimmt. Als der Genesende in die warme Sommerluft hinausgeführt wurde und halbe Tage lang auf der Bank des kleinen Burggärtchens ruhte, da kam auch Wahla oft herbei, setzte sich zu ihm und plauderte so treuherzig und merkte gar nicht, daß Gunther sofort die Augen wieder niederschlug, wenn er ihr ins Gesicht zu sehen wagte, und mitunter keine Antwort gab, mitunter auch eine verkehrte. War Gunther dann wieder allein, so hielt er die längsten Reden an Wahla, sagte ihr die wunderschönsten Dinge, nahm sich vor, daß er ihr das nächste Mal all diese Reden laut wiederholen wolle, nur noch viel wärmer und bewegender. Allein wenn Wahla am anderen Tage wieder vor ihm saß, dann wußte er nie, wo er mit seiner schönen Rede anfangen solle. Seltsamerweise sann sich auch Wahla, wenn sie allein war, viel treue und trauliche Worte aus, die sie Gunther sagen wollte; sie verstummte dann freilich nicht, wenn sie in den Garten kam, sie sprach sogar recht viel, allein sie sagte doch niemals, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Auf ihre Kammer zurückgekehrt, war sie dann sehr unglücklich und schalt über sich selbst und ihr unbeholfenes Wesen. Dasselbe tat auch Gunther, nur nahm er die Sache weit schwerer. Sie liebten sich beide, ohne es aussprechen zu können, aber Gunther war viel unglücklicher. Wenn er es wagte, um Wahlas Liebe zu werben, was konnte er ihr bieten außer seiner Liebe? Zum erstenmal war er namenlos unglücklich darüber, daß er einen schiefen Buckel habe, daß er der nachgeborene Sohn sei, auf das ärmliche Gut bei dem rauhen Windhaus angewiesen, und daß er seine ritterliche Laufbahn so ruhmlos begonnen habe! Seit er das verschwiegene Glück der Liebe zum erstenmal ahnte, begann er das offenbare Unglück seines Lebens zu erkennen, welches er bis dahin nicht einmal geahnt hatte. Und je mehr sich sein verletzter Körper erholte, um so schwerer fühlte er sich in tiefster Seele krank. Gegen Ende Juli hätte er abreisen können. Der Gastfreund, welcher großes Gefallen an seinem Umgang gewonnen hatte, nötigte ihn dazubleiben, und er blieb. Jede Woche wollte er gehen, und jede Woche dachte er mit Schrecken an die Abreise und ging nicht. XII. Da kam eines Tags der Schäfer, um sich zu verabschieden. Seine ärztliche Aufgabe bei Gunther war beendet, und das Pferd des Molsbergers hatte schon längst keine Kolik mehr. Gunther sagte zu dem treuen Mann: »Gehe zur Hattenburg und melde meinem Bruder meine baldige Rückkunft. Dann aber begib dich aufs Windhaus und mache dort Quartier für dich und mich; denn du mußt bei mir bleiben dein Leben lang, und ich will dir eine Schafherde kaufen; für die genügsamen Tiere haben wir Weide genug auf dem vielen Ödland.« Kurt versprach zu tun, was ihm geheißen wurde. Nur wollte er vorher noch einmal zurückgehen zu seinem letzten Dienstherrn, dem Bauern bei Worringen; denn dort lag noch ein alter Kittel, der ihm gehörte, und ein lederner Zwerchsack, und er meinte, diese beiden Dinge seien wohl vier Tagemärsche wert. Bevor er ging, bat er noch für eine kurze Weile um Gehör. »Die selige Husbeckin«, so begann er, »war gequält von einer Sünde, die sie mir öfters bekennen wollte und doch nicht bekannte. Endlich brachte sie's aber doch heraus – es war zu der Zeit, wo sie noch heimlich in meiner Hütte wohnte, – und beichtete mir am heiligen Weihnachtsabend, was ihr Gewissen bedrückte. Sie war ein wunderliches Weib: dem Pfarrer wollte sie nicht beichten, aber dem Schäfer beichtete sie. Übrigens war sie damals ganz bei Sinnen und sprach so gescheit wie in ihren besten Tagen. Ich mußte ihr schwören, das Geheimnis nicht zu verraten, bevor sie gestorben sei.« Und nun erzählte der Schäfer die ganze Geschichte von der Verwechslung der beiden Kinder, genau wie sie die Husbeckin in ihrer Todesstunde Walram erzählt hatte. Doch das letztere wußte der Schäfer so wenig, wie Gunther es wußte. Gunther war tief ergriffen von der überraschenden Kunde. Er brütete den ganzen Tag darüber. An sich dachte er dabei anfangs weniger, die arme Husbeckin dauerte ihn so sehr; er versenkte sich in das Rätsel ihres verirrten Gewissens und zerbrach sich den Kopf, warum die treue Dienerin nicht sofort an dem Unglückstage ein offenes Bekenntnis abgelegt habe. Dann wäre ja alles anders gekommen. Sein ganzes Lebensgeschick war durch ein schwachsinniges altes Weib bestimmt worden. Aber nein! Es wäre Gotteslästerung, dies zu glauben. Gott hatte sein Lebensgeschick bestimmt! Und Gott bedurfte der Husbeckin, um seinen Lebensgang zu verwirren? Ohne dieses seltsame Werkzeug wäre doch wohl alles besser gegangen! – Das schien ihm wieder Gotteslästerung. Er raffte sich empor aus dieser trostlosen Grübelei, indem er sich vornahm, fortan sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen und selber seines Glückes Schmied zu werden. Da begegnete ihm Wahla. Mit wie ganz anderen Augen sah er sie plötzlich an! Er blickte ihr zum erstenmal fest ins Gesicht und sprach mit festerer Stimme als je zuvor: – er bekannte ihr, daß er sie liebe. Und sie errötete, wurde verwirrt und schwieg, während er sonst verwirrt geschwiegen hatte, wann sie redete. Aber ihre Blicke sagten, daß sie ihn wiederliebe. Es war nur eine flüchtige Begegnung. Als Wahla eben das Wort zu finden begann, kam der Schäfer und sagte Lebewohl, und als der Schäfer ging, kam Wahlas Vater und zeigte Gunther einen verbesserten Steigbügel. Die beiden Liebenden sahen sich den ganzen Tag nicht mehr ohne Zeugen. Am späten Abend ging Gunther einsam im Garten auf und ab. Er schwelgte im Vollgenuß seines Glückes. Hatte er doch heute zum erstenmal sein Herz ganz zu erschließen vermocht, hatte sich doch ihm zum erstenmal ein geliebtes Herz erschlossen! Allein er vermochte sich nicht lange in dem Vollgenuß seliger Liebesgewißheit zu wiegen; er hielt ein und sann, was nun zu tun sei. Sollte er sofort vor Wahlas Vater treten und um die Hand seiner Tochter werben? Doch nein! das war nicht der rechte erste Schritt. Sollte er nicht vielmehr vorher dem Vater sagen, was ihm Kurt enthüllt hatte? Sollte er ihm nicht zunächst darlegen, daß er nicht ganz der Enterbte sei, daß er Ansprüche auf eine weit glänzendere Lebensstellung erheben könne, als man bisher geahnt hatte? Doch nein! dies war ja vorerst nur ein Traum, wie er andererseits seither geträumt hatte, daß er ausgestoßen und verlassen sei. Welcher von beiden Träumen sprach denn die Wahrheit? War die Erzählung des Schäfers eine Urkunde, mit welcher er, sein Recht fordernd, vor den Bruder treten konnte? Und wenn sie es wäre, wollte er denn Walram verdrängen, der ohne Zweifel im besten Glauben seines Rechtes aufgewachsen war? Das wollte er in der vollen Gutmütigkeit seines Herzens gewiß nicht. Allein er konnte sich ja mit seinem Bruder vergleichen, sie konnten gemeinsam der Herrschaft walten, wie es auch die beiden Brüder von Molsberg taten. Nach langem Sinnen beschloß Gunther zuletzt, vor Wahlas Vater noch zu schweigen, ja sein Geheimnis auch vor Wahla noch zu verschließen, dagegen sofort nach Hause zurückzukehren, um zu ergründen, wer er selber sei. Wußte er das, dann wollte er wiederkommen und um die Hand der Geliebten werben. Jetzt mit einemmal leuchtete es ihm auch wie ein Blitz durch die Seele, daß Walram ihn unter allen Umständen übervorteilt habe, daß er auch als Zweitgeborener ganz andere Ansprüche erheben dürfe, als sie das magere Gütchen von Windhaus gewähre. Sein ganzes Leben hatte ihm Entsagung gelehrt, ja er hatte oft geradezu geschwelgt im Entsagen, wie dies vergeistigten Naturen eigen ist. Doch nun er liebte und geliebt wurde, wollte er nicht mehr entsagen. Man braucht nur eine Braut oder gar eine Frau zu haben, so wird man weltklug und lernt zugreifen, wo man vorher geträumt und abgewartet hat. Schon am nächsten Morgen rüstete sich Gunther zur Abreise. An dem heimeligsten Plätzchen des Gartens sagte er Wahla Lebewohl. Heute beteuerte auch sie ihm ihre Liebe, aber sie begriff nicht, warum er gerade jetzt so plötzlich abreisen wolle. Gunther sagte, das geschehe gerade um ihres Liebesbundes willen; er gehe nach Hause, um als ein neuer Mann wiederzukommen und dann bei dem Vater um ihre Hand werben zu können. Dann schwuren sie sich auf Gunthers Andringen gegenseitig, daß sie vor seiner Rückkehr keiner Seele etwas offenbaren wollten von ihrem Bunde. XIII. Am 5. September, genau drei Monate nach der unglücklichen Schlacht von Worringen, erblickte Gunther die Türme des väterlichen Schlosses wieder. Es war ein milder, weicher Spätsommerabend; die Sonne verglühte in ihren letzten Strahlen. Gunther verlangsamte den Gang seines Pferdes. Es trieb ihn nach Hause und zog ihn doch viel mächtiger wieder zurück. Er hätte weinen können vor Wehmut. Allein ein Ritter, der von seinem ersten Feldzuge heimkehrt, soll doch nicht weinen, auch wenn er so arm zurückkommt wie Gunther. Das Pferd, worauf er ritt, hatte ihm der Molsberger geliehen und den Knecht dazu, der hinterdrein ritt und die Pferde zurückführen sollte. Harnisch, Schild und Schwert hatte er auf dem Schlachtfeld gelassen, und den Rock, den er trug, hatte ihm der Herr von Molsberg geschenkt. Er hatte alles verloren und nur ein liebes, treues Herz gewonnen. Doch von diesem Gewinn sollte die Welt noch nichts wissen. An der Waldecke, wo sich der volle Anblick des Schlosses auftat, stieg er ab und befahl dem Diener, mit den Pferden zum Dorfe hinüberzureiten und dort zu warten, bis er ihn rufen lasse. Er wollte ganz allein aufs Schloß gehen und seinen Bruder überraschen. Als er sich dem befestigten Tore der äußeren Ringmauer näherte, sah er das kleine Seitenpförtchen geöffnet; der Torwart saß daneben auf der Bank und blickte nach den Wolken, offenbar in Abendbetrachtungen versunken, die sich auch ein Torwart mitunter zu machen pflegt, wenn er nichts Besseres zu tun weiß. Günther trat ihm ganz unerwartet zur Seite, klopfte ihm auf die Schulter und bot ihm einen guten Abend. Da sprang der Mann auf, sah dem Junker starr ins Gesicht, stieß einen lauten Schrei aus und lief davon. Seltsamer Empfang! Gunther trat in die Torhalle. Der Knecht des Torwarts kam von innen herbeigelaufen, um zu sehen, warum sein Herr so schreie. Als er aber Gunther erblickte, starrte er ihn gleichfalls entsetzt an, schrie noch lauter wie der andere, sprang zurück in den Zwinger und warf das innere Tor hinter sich in den Riegel. Gunther, der nun nicht vorwärts konnte, wollte wieder hinausgehen, als ihm die beiden großen Schloßhunde knurrend und zähnefletschend entgegensprangen. Doch da er sie anrief, hielten sie plötzlich ein, erhoben ein Freudengeheul, wedelten und sprangen an ihm empor, daß sie ihn vor lauter Jubel beinahe umgeworfen hätten. Das war doch wenigstens ein herzlicher Willkomm! Und Gunther faßte die Hunde bald am Hals, bald an den Ohren und streichelte sie, und die Hunde legten sich ihm wedelnd zu Füßen, und alle drei waren sehr glücklich miteinander. Als aber der Pförtner von außen und der Knecht durch das innere Torfensterchen die drei glücklichen Wesen sahen, faßten sie ein Herz und kamen von beiden Seiten vorsichtig herzugeschlichen. »Seid Ihr es, Herr Gunther?« riefen beide. »Seid Ihr wirklich lebendig?« Und als nun Gunther sie versichert hatte, daß er ganz gewiß nicht tot, sondern lebendig sei, und ihnen die Hand gereicht hatte, die sich ganz warm anfühlte, da küßte ihm der Torwart die Hand, und der Knecht fiel gar auf die Knie, und sie baten ihn um Verzeihung, und die Hunde sprangen herüber und hinüber und waren unbändig lustig bei diesem rührenden Schauspiel. Gunther erfuhr nun, daß der aus der Schlacht entflohene Knappe seinen Tod gemeldet habe und daß diese Nachricht durch Anfrage bei Freund und Feind bestätigt worden sei. Der Graf von Berg hatte dann in vergangener Woche sogar Gunthers Rüstung und Waffen übersandt, welche die Bauern vom Schlachtfeld eingebracht hatten. Auf dieses sicherste Zeichen hin – so fuhren die beiden fort – sei gestern eine feierliche Seelmesse für den Herrn Junker gelesen worden, und so hätten sie ihn doch ganz gewiß für tot und begraben und seine Erscheinung für ein Gespenst halten müssen. Ein wandernder Krämer, den Gunther beauftragt hatte, seinen Aufenthalt in Rodineck dem Bruder zu melden, war nicht angekommen; wenigstens wußte der Torwart nicht, daß eine solche Nachricht eingelaufen wäre. »Ist mein Bruder auf der Hattenburg?« fragte Gunther. Der Pförtner antwortete: »Er ritt heute morgen hinweg mit dem jungen Herrn von Scheuernberg und dem tollen Junker Matz und großem Gefolge. Die Herren lagen vier Wochen hier zu Gaste: das war eine lustige Zeit! Turnieren und Jagen, Singen und Schmausen! Und dann war Eure Seelmesse gestern wieder so traurig, und Euer Bruder war so fromm in der Kirche! Aber heute morgen zogen sie alle miteinander aus unter Hörnerschall; sie reiten zum Rhein, von Burg zu Burg: da wird es Gastereien geben! Man sagt, Herr Walram reite aus, um sich eine Braut zu suchen.« Nachdem Gunther diese Neuigkeiten gehört hatte, verlor er die Lust, über Nacht auf der väterlichen Burg zu bleiben. Er ging hinunter ins Dorf, bestieg dort sein Pferd und sprengte stracks nach dem Windhaus, wo er in dunkler Nacht ankam und nur mit Mühe Einlaß fand. Hier waren während seiner Abwesenheit keine zechenden Junker eingezogen, sondern nur eine Schar von Fledermäusen, ungemütliche Tiere für Damen mit langen Locken, aber sehr gemütliche Tierchen für Männer mit kurzen Haaren. Und seit Gunther der Balken auf den Kopf gefallen war, trug er die Haare kurz. Er schwelgte in dem süßen Kummer der Einsamkeit und klagte über das herbe Glück der Einsamkeit. Er wollte einsam sein und war mit einemmal sich selbst allein etwas zu wenig und dachte, Einsamkeit zu zweien wäre doch die allerschönste Einsamkeit. XIV. Gunther fand auf dem Windhaus keine Ruhe. Er begann alles mögliche zu treiben und wußte dennoch niemals, was er eigentlich treiben solle. Die Stunden schritten ihm im Schneckenschritt dahin. »Ich habe warten gelernt«, sprach er zu sich am zweiten Tage und nahm sich vor, dieses Wort künftighin als seinen Sinnspruch zu führen. Wir wählen uns gerne Sinnsprüche, die das besagen, was wir wollen und sollten, aber niemals fertigbringen. Er wartete – zunächst auf den Schäfer Kurt, der nicht kam. Sollte ihm Schlimmes unterwegs zugestoßen sein? Er wartete – auf seinen Bruder, der ja günstigenfalls erst nach Wochen zurückkehren konnte; er wartete, ihm das entscheidende Geheimnis zu eröffnen, seine Ansprüche geltend zu machen und dann wieder zum Rheine zu eilen, um als ein neuer Mann vor Wahlas Vater zu treten und um ihre Hand zu werben. Einstweilen blieb ihm eben gar nichts anderes übrig, als zu warten, und er entdeckte mit Verdruß, daß er durchaus nicht warten gelernt habe. Er ging auf die Jagd und konnte sich nicht entschließen, den Bolzen von der angelegten Armbrust abzuschnellen, wenn ihm ein Rehbock zum schönsten Schusse stand. Nach Hause zurückgekehrt, ärgerte er sich, daß er nicht draußen geblieben war, und schoß den Bolzen in die blaue Luft zum Fenster hinaus. Man nennt diesen Zustand des Gemüts – »Liebe«. Die Bauersleute aus der Gegend kamen neugierig herbei, um einen lebendigen Menschen zu sehen, für welchen man schon eine Seelmesse gelesen hatte. In der früheren Zeit pflegte Gunther auch mit dem Geringsten ein freundlich Wort zu reden; jetzt ging er den Bauern aus dem Weg. Sie meinten zuletzt, wenn der Junker wirklich noch lebe, dann lebe er wie ein Gespenst und schleiche wie ein Gespenst umher: das wirke gewiß die Seelmesse. Herr Hans Haller von Bolgenstein, ein Jugendfreund Gunthers, kam eigens nach Windhaus, um den Wiedererstandenen zu beglückwünschen. Er wollte erzählt haben von des Freundes Abenteuern, vorab von der Schlacht von Worringen. Allein die Schlacht lag Gunther jetzt weit zurück in grauester Ferne, und von dem einzigen süßen Abenteuer, welches ihn Tag und Nacht beschäftigte, wollte und durfte er nicht erzählen. In der Tat, wenn zwei Liebende beieinander sind und ein dritter kommt hinzu, dann pflegen sie sehr langweilig zu sein; wenn aber ein Liebender von der Geliebten getrennt ist und ein dritter besucht ihn, dann ist er noch hundertmal langweiliger. Nach vierzehn Tagen begann Gunther einen Brief an Wahla zu schreiben. Er hörte jedoch bald wieder auf und zerriß das Blatt; denn es fiel ihm jetzt erst ein, daß Wahla ja nicht lesen konnte. Sie war sehr gebildet für ihr Alter, sie konnte singen, tanzen und wunderschöne Kränze winden, sie konnte spinnen, weben, sticken, nähen, sie konnte kochen, sieden und braten, Wunden heilen und das Fieber beschwören, aber lesen und schreiben konnte sie nicht. Gunther ward ganz zornig darüber, daß er diese einfältige Kunst gelernt habe, welche ihm jetzt nichts nütze, wo er sie zum erstenmal brauchte, statt daß er vielmehr zornig darüber hätte sein sollen, daß Wahla diese Kunst nicht gelernt hatte. Man nennt diesen Zustand des Verstandes – »Liebe«. XV. Obgleich die Zeit stillezustehen schien, verging sie doch, und nach sechs Wochen, als man den 17. Oktober schrieb, öffnete sich eines Abends die Tür von Gunthers Gemach; der längst Erwartete war gekommen: – Walram stand vor ihm. Gestern auf dem Schlosse eingetroffen, war er gleich heute nach dem Windhaus herübergeritten. Ob ihn wohl die brüderliche Liebe so schnell hierher getrieben hatte? Wenigstens sagte er es in herzlichen Worten und begrüßte aufs zärtlichste den verloren geglaubten Bruder. Welch ein schöner, seiner Mann war Walram! Wie frei und gewandt wußte er zu sprechen, wie überlegen stand er vor dem armen, unbehilflichen Gunther, der kaum die Sprache fand! Und wie oft hatte sich dieser doch vorgesagt, was er in diesem längst erwarteten Augenblicke sprechen wolle! Walram brach das Schweigen: »Ich komme, um dir meine Verlobung anzukündigen. Ich gedenke, bald eine Frau auf unser Schloß heimzuführen« – – Günther hörte zerstreut, mit halbem Ohre, – – »die Tochter des Herrn von Molsberg«, fuhr Walram fort. Gunther schreckte auf wie aus einem Traume. »Welches Herrn von Molsberg?« rief er. »Gisos?« »Nein, Gerlachs!« »Welche Tochter Gerlachs?« »Welche? Er hat nur eine: Wahla. Ich komme geradenwegs von Rodineck.« »Du warst in Rodineck?« »Freilich! ganze drei Wochen lang. Dort erfuhr ich ja so viel von deiner Rettung, deiner Genesung, daß ich dich vorhin gar nicht zu fragen brauchte. Du stehst zu Rodineck im besten Andenken.« »Es ist nicht möglich!« unterbrach ihn Gunther. »Wie wärest du nach Rodineck gekommen?« »Wie ich dorthin kam? Auf einem großen Umwege, gleich dir. Freunde hatten mich diesen Sommer besucht, um mich über deinen Verlust zu trösten, und als ihr Trost gar nicht verfangen wollte, da sagten sie zuletzt, ich müsse mich verheiraten, um auf andere Gedanken zu kommen. Und so zogen wir gemeinsam aus von Burg zu Burg, zum Rheine hinüber. Wir fanden überall gastliche Aufnahme und schöne Mädchen, alle zum Küssen schön, aber zum Heiraten war keine schön genug. Da trennte ich mich von meinen Freunden. Denn ich hatte gehört, die Schönste der Schönen blühe in tiefster Verborgenheit, in jenem verzauberten kleinen Hause bei Andernach. Sie wollte ich ohne Begleitung sehen; denn wo es ernst wird mit der Liebe, da sind alle Freunde überflüssig.« »Und du gewannst Wahlas Liebe?« fragte Gunther mit erstickter Stimme. »Sie war mir gut, sie war mir so unbefangen freundlich schon am ersten Tage. Dann wurde sie unruhiger, verwirrter, als ich mich ihr mit Zeichen wachsender Liebe nahte. Sie floh oder saß mir stumm gegenüber, wenn sie bleiben mußte, sie zitterte, wenn sie mit mir redete. O wie entfachte diese jungfräuliche Verschämtheit meine Leidenschaft! Wußte ich doch, daß dieser sichtbare Seelenkampf, der sie bald erblassen, bald wie im Fieber erglühen ließ, die stumme und doch so beredte Sprache der sich durchringenden Liebe war.« »Und sie gestand dir ihre Liebe?« stotterte Günther. »Ich tat, was ein Mann von guten Sitten tun soll. Ich ging zu ihrem Vater und warb um ihre Hand. Der Alte sagte sie mir zu. Er rief Wahla, er verkündete ihr meine Werbung, er forderte, daß sie als ein gehorsames Kind ihre Hand in die meine lege. Sie weigerte sich, sie brach in Tränen aus und konnte vor Schluchzen kein Wort über die Lippen bringen. Aber der Vater hob sie freundlich empor und fügte selber unsere Hände zusammen – und sie ließ es geschehen. Sie war von Sinnen: – dieses vernichtete Niedersinken im Übermaß des Glücks – es war erschütternd – und es war entzückend!« Da brach Günther hervor mit einer Wut des Zornes, mit einer Glut der Leidenschaft, wie sie Walram nie an ihm gesehen, und rief: »Du hast mir mein Erbgut geraubt, mir, dem Erstgeborenen, du willst mir auch mein einziges Glück, meine Liebe rauben! Wahla gehört mir! Wahla liebt mich! Sie ward verwirrt in deiner Nähe, sie floh dich, sie verstummte, nicht weil sie dich liebte, sondern aus Schreck vor deiner Liebe! Sie brach zusammen, nicht im Übermaße des Glücks, sondern im Übermaße des Elends, womit du sie beladen hast, indem du sie in den unlösbaren Zwiespalt zwischen ihrer beschworenen Liebe und ihrer kindlichen Pflicht stürztest! Walram! Ich wollte bei deiner Rückkehr mein Recht der Erstgeburt von dir zurückfordern; – nein! – ich wollte es brüderlich mit dir teilen. Nicht Gottes Wille, sondern ein schwaches altes Weib hat dich zum Erben dieser Grafschaft gemacht, die mir gebührt. Ich schenke dir mein Recht. Sei und bleibe, was du bisher gewesen bist. Aber verzichte auf Wahla, die dich nicht liebt, und lasse mir das einzige Glück, was mir in diesem elenden Leben zuteil ward, das Glück, die Liebe eines treuen Herzens zu besitzen!« Walram erglühte. Dann sprach er kalt und fest: »Also hat auch dir die verrückte Husbeckin ihre tolle Geschichte erzählt! Ich dachte es längst. Aber du mußt bessere Beweise bringen, um mich von dem Platze zu stoßen, den mir meine Eltern stets und zweifellos zuerkannten, den mir alle Welt zuerkennt. Ich besitze Wahlas Hand aus ihres Vaters Händen, und es wäre ein seltsamer Handel, wenn ich die Geliebte hingeben sollte, um ein Recht zu erkaufen, welches ich seit meiner Geburt besitze und welches mir kein Mensch bestreiten kann.« Bei diesen Worten ging er ohne Abschied. XVI. Dem Abend folgte für Gunther eine schlaflose Nacht. Bitter klagte er seinen Bruder an, der um das Bekenntnis der Husbeckin gewußt, der gegen ihn darüber geschwiegen und der sich doch jetzt verraten hatte. Aber er klagte auch sich selbst an. Hatte er nicht Wahla Schweigen gelobt? Und nun hatte er das Geheimnis ihres Liebesbundes dem Bruder doch entdeckt: er hatte seinen Schwur gebrochen. Wahla dagegen hatte geduldet und geschwiegen. Sie erschien ihm wie eine Heilige, wie eine Märtyrerin, die von ihrem Vater zur Opferung geführt wird. Am nächsten Morgen in aller Frühe ritt Gunther ganz allein vom Windhaus hinweg. Er sagte dem einzigen Diener, der das Haus behütete, nur, er werde vielleicht in wenigen Tagen wiederkommen, vielleicht auch lange nicht. Wohin er gehe, sagte er niemand. Man erfuhr später, daß er geraden Weges nach Rodineck geritten war und dort während eines Tages sich aufgehalten habe. Was an diesem Tage in den Gemächern der kleinen, friedlichen Burg vorgefallen, das blieb verborgen. Die dortige Dienerschaft erzählte sich nur, daß Gunther lang und heftig mit dem Herrn von Molsberg gesprochen habe und daß die beiden Männer so dröhnenden Schrittes in des Ritters Stube auf und ab gegangen seien, daß der Boden erzitterte. Schon am Nachmittag sei Gunther wieder hinweggeritten, langsamsten Schrittes, in sich versunken, weder des Weges noch der Begegnenden noch seines Pferdes achtend, dem die Zügel schlaff über den Hals gehangen hätten. Aber das Merkwürdigste sei am späten dunklen Abend geschehen. Gunther müsse da zu Fuße wiedergekommen sein, eine unsichtbare Hand müsse ihm das Hinterpförtchen zum Garten geöffnet haben; denn im Garten seien darauf leise flüsternde Stimmen wie Gunthers und Wahlas zu erhorchen gewesen. Dann sei alles still geworden. Über den weiteren Verlauf gingen die Erzählungen auseinander. Doch waren alle, die irgend etwas erlauscht hatten, darüber einig, daß Gunther mit Wahla zu entfliehen versucht, daß er sie entführt habe, aber vom Vater verfolgt und eingeholt worden sei. Nach Mitternacht hatte der Alte seine Tochter in das Haus zurückgebracht, was aber aus Gunther geworden, das wußte niemand. Gewiß war nur, daß Wahla des anderen Tages todkrank zu Bette lag. Ein Bote wurde nach Koblenz geschickt, um einen alten Juden herbeizuholen, der für den größten Heilkünstler der ganzen Gegend galt. Er blieb über eine Woche auf Rodineck und schien schwer besorgt über den Ausgang der Kur. Der Vater verzichtete auf sein gewohntes Vergnügen der Jagd, bestieg kein Pferd und brütete einsam auf seiner Stube oder schlich betrübt um das Haus. Gäste kamen nicht. Friede und Frohsinn schienen für immer von Rodineck gewichen. Im ganzen Rheinlande verbreitete sich bald die Nachricht von Wahlas Entführung, und je weiter die Kunde umlief, desto reicher wurde sie von den buntesten Goldfäden der Sage durchwoben. Auf Gunther schmähten die Leute als auf den gottlosesten, undankbarsten Menschen, der monatelang treue Pflege unter dem gastlichen Dache des Molsbergers genossen und ihm zum Dank dafür sein Kind entführt habe. Da fast niemand Gunther von Angesicht kannte, so wurde er als der häßlichste, mißgestaltetste Kobold geschildert, der nur durch Zauberei die Jungfrau habe betören können. Walram dagegen, der ehrsam um die Hand der Tochter beim Vater angehalten, erschien als ein bildschöner, ritterlich edler Held, eine wahre Lichtgestalt, der nun durch die Schuld des neidischen Bruders seine Braut am Rande des Grabes sah. Mehrere junge und hübsche Töchter des Rheinlandes verliebten sich geradezu in das dichterische Bild des edlen Walram, den sie nie gesehen hatten, und wären sehr geneigt gewesen, ihm zum Trost ihre Hand zu reichen, sowie Wahla gestorben sein würde. Letzteres aber mußte nach der allgemeinen Ansicht demnächst der betrübende Schluß der Geschichte sein. XVII. Gunther hatte in Wahrheit getan, was sich die Leute erzählten. Er hatte Wahla beredet, mit ihm zu entfliehen, nachdem er von dem Vater streng und demütigend zurückgewiesen worden war. Das arme Mädchen, im wildesten Seelenkampfe hin- und hergeschleudert und außer sich bei dem Gedanken, daß sie nun willenlos Walram für immer gehören solle, wie sie willenlos ihre Hand in die seinige gelegt, – das arme Mädchen hatte zuletzt Gunthers leidenschaftlichem Drängen nachgegeben und wußte selbst nicht, was sie tat, als sie des Nachts mit ihm das väterliche Haus verließ. Aber der Vater war wach gewesen und den Fliehenden nachgegangen, die er gar nicht weit vor dem Tore einholte. Der Schluß des peinlichen Zusammentreffens war, daß Wahla, niedergeschmettert von der Wucht der väterlichen Gewalt, die ihr jetzt wieder ganz wie ein göttliches Recht erschien, gegen welches sie sich empört habe, dem zürnenden Vater nach Hause folgte. Gefoltert von Schmerz und Beschämung, stand Gunther allein in der dunklen Nacht. Der Herr von Rodineck hatte ihn zwar nicht aus dem Hause geworfen, aber er hatte ihm verboten, jemals wieder hineinzukommen, und das war nicht viel besser. Er konnte sich lange nicht von dem Orte trennen, er umkreiste von fernher die Mauern, bis das letzte Licht hinter den Fenstern erloschen war. Er gedachte der Qualen, die Wahla jetzt um seinetwillen erduldete, und konnte ihr doch nicht helfen. Sollte er in der Morgenfrühe noch einmal ans Tor klopfen und den Vater umzustimmen versuchen? Sein gekränkter Stolz verbot ihm dies. Er wollte hinausziehen in die Welt und dem Molsberger erst recht zeigen, wer er sei, er wollte die kühnsten Taten verrichten und dann wiederkehren nach Rodineck. Allein er war ja schon einmal ausgezogen zu kühnen Taten und elend zerschlagen zurückgekehrt und hatte denselben Molsberger um Schutz und Pflege angefleht. Und was sollte inzwischen aus der armen Wahla werden? – Er fühlte sich ganz hilf- und ratlos. Ein kräftig niederströmender Regen trieb ihn endlich in den Wald hinein, wo er in wachem Traume bis zum Morgen umherirrte. Todmüde kam er vor einem großen Bauernhause an, welches am Waldessaume lag. Er öffnete die Türe. Der Bauer trat ihm entgegen und betrachtete ihn argwöhnisch von Kopf zu Fuß. Gunther grüßte freundlich und bat, daß er ihm einen Platz am Herdfeuer gönnen möge, denn es regnete immer stärker, und ein Stück Brot gebe. Der Bauer schlug ihm die Türe vor der Nase zu, schob den Riegel vor und rief durchs Fenster, er möge machen, daß er weiterkomme. Gunther wandte dem Hause den Rücken, ohne ein Wort zu erwidern. Er hatte arme Wanderer immer so freundlich beschenkt, daß er glaubte, es sei nicht schwer zu betteln. Jetzt merkte er, wie schwer dies ist, und vergaß für den Augenblick all sein anderes Leid über der betrübenden neuen Erfahrung, daß es doch mitunter auch recht schlechte Menschen in der Welt gebe. Er lenkte seine Schritte wieder zum Walde hinüber; da hörte er hinter sich laut rufen: »Halt, Freund! Nicht so geschwind!« Er glaubte schon, der grobe Bauer rufe ihn zurück, und tat im stillen Abbitte, daß er den Mann für so hartherzig gehalten habe. Allein der Ruf kam von einem gewaffneten Reiter, der, gefolgt von drei berittenen Knechten, auf ihn zusprengte und ihn mit den Worten begrüßte: »Also seid Ihr's wirklich? Junker Gunther! Kriegskamerad! Habe ich Euch doch schon von weitem an Euerm Buckel erkannt! Glückauf! Wohin geht die Reise?« Nun erkannte auch Gunther den Reiter, der zwar keinen schiefen Buckel hatte, aber ein solches Galgengesicht, daß man's ebensowenig vergaß und unter Hunderten wieder herausfand. Es war Fritz Merkenauer, ein Edelmann von etwas zweifelhaftem Stammbaum, dessen Lehensgüter vermutlich im Monde lagen, der aber eine verteufelte Klinge schlug. Während des unglücklichen Feldzugs war er zum öfteren Gunthers Zeitgenosse gewesen und hatte bei Worringen an seiner Seite gefochten. Er fragte: »Wohin geht Ihr?« »Das weiß ich nicht.« »Woher kommt Ihr?« »Das sage ich nicht.« »Wo wohnt Ihr?« »Nirgends.« »Was treibt Ihr? Was habt Ihr vor?« »Gar nichts.« Fritz Merkenauer lachte laut auf, sprang vom Pferde, schüttelte Gunther die Hand und rief: »Gehet mit mir, dann werdet Ihr bald wissen, woher Ihr kommt, wohin Ihr geht, wo Ihr seid und was Ihr treibt! Aber zuerst wollen wir zusammen frühstücken, und zwar im Trockenen, dort in dem großen Bauernhause, denn der Regen dringt bis auf die Haut, und aus dem Schornstein drüben steigt ein verheißungsvoller Rauch empor.« Gunther meinte, sie würden hier schlechte Aufnahme finden, und erzählte, wie ihm der Bauer vor wenigen Minuten die Türe gewiesen habe. »Der Bauer soll bestraft werden!« rief der Merkenauer. »Ich will Gerechtigkeit üben, und Ihr sollt Genugtuung haben.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Schwertknauf wider die verschlossene Haustür, und da niemand öffnete, sprang einer seiner Knechte herbei und schlug mit dem Streitkolben die Tür in Stücke, daß sie dröhnend auf den Hausflur fiel. Jetzt kam der Bauer mit einem dicken Prügel herangesprungen. Als er jedoch die feinen Gäste erblickte, ließ er den Prügel hinter sich zu Boden sinken und fragte sehr höflich, was die Herren wünschten. »Wir wünschen gut zu essen und zu trinken, und zwar augenblicklich!« rief der Merkenauer. Der Bauer entgegnete, daß er kaum ein Stück Brot im Hause habe; der edle Ritter aber würdigte diese Lüge gar keiner Erwiderung, sondern winkte seinen drei Knechten, die den Bauern von rechts und links packten und in den Schweinestall sperrten und dann das Haus durchsuchten. Sie taten dies so rasch und sicher, daß man sofort erkannte, welch vieljährige Übung sie in derlei Geschäften besaßen, brachten auch bald einen prächtigen Schinken, dazu Käse, Eier und Brot nebst sechs Krügen Wein und deckten den Tisch höchst einladend neben dem prasselnden Herdfeuer, so daß man sich nur niederzusetzen und zuzugreifen brauchte. Dies tat denn auch Fritz Merkenauer und ließ sich das Frühstück schmecken, und Gunther folgte ihm, wenn auch mit bedeutend weniger Appetit, und die Knechte setzten sich seitwärts in die Ecke und griffen gleichfalls zu. Das Bild war sehr gemütlich anzusehen, nur nicht für den Bauern; allein den hatte man ja mit zarter Rücksicht in den Schweinestall gesperrt, damit er's nicht zu sehen brauchte. Während des Essens erzählte der Merkenauer Gunther von der »Reise«, welche er vorhabe. Er sprach: »Die großen Herren haben zwar Friede gemacht, allein kleine Herren wie wir setzen den Krieg noch fort. Sollen wir uns überwunden geben durch eine einzige Schlacht? Sollen wir uns nicht rächen an unseren Siegern? Wir wollen uns zunächst an den Kölner Krämern rächen, die gegen ihren eigenen von Gott gesetzten Bischof gefochten und seine Burg niedergerissen haben. In dieser Gegend ist freilich nichts zu machen, hier brennt mir der Boden unter den Füßen. Ich reite rheinaufwärts gegen Frankfurt. Unterwegs werden gute Freunde zu uns stoßen; sie kennen den ›wilden Fritz‹, wie sie mich nennen. Und stehen wir erst vereint in der Wetterau, dann lauern wir dort einer ganzen Karawane von Kölner Kaufleuten auf, die in der nächsten Woche mit vollen Beuteln nach Frankfurt ziehen. Sie sollen Buße zahlen für die Empörung gegen ihren Bischof, und diese Buße streichen wir ein, denn der Bischof sitzt im Käfig und kann jetzt kein Geld brauchen.« Fritz Merkenauer drang dann sehr beredt in Gunther, daß er sich diesem Ruhm verheißenden Feldzug anschließen solle. Allein Gunther war mißtrauisch gegen den wilden Fritz. Der Einbruch in das Bauernhaus hatte ihm nicht ganz gefallen, und doch konnte er sich auch einer stillen Befriedigung nicht erwehren über die Bestrafung des ungastfreien Mannes. Hatte der wilde Fritz nicht dennoch Gerechtigkeit geübt? Die Reise nach Frankfurt dünkte ihm eher ein Raubzug wie eine ritterliche Fehde. Trotzdem machten ihm die beschönigenden Gründe des Merkenauers erheblichen Eindruck. Er war ein Kind seiner Zeit und seines Standes. Nichts hatte ihn schwerer geärgert, als daß bei Worringen bloße Bürgersleute mit Rittern zu kämpfen sich unterfingen und vollends Ritter zu besiegen sich erfrechten. Ja! er wollte Rache nehmen an diesen Krämern, und es dünkte ihm zuletzt eine recht löbliche Tat, so ein halbes Dutzend derselben totzuschlagen. Ihr Geld mochte dann der wilde Fritz behalten. Kaum ließ Gunther etwas merken von diesen zeitgemäßen Gedanken, so griff Fritz dieselben weiter auf und wußte ihn zuletzt zu überzeugen, daß die geplante Reise nach Frankfurt sehr löblich und nützlich sei. Gunther würde aber doch nicht zugestimmt haben, wenn ihm nicht das ganze Leben seit heute nacht so öde und ziellos geworden wäre, wenn er nicht seinem Schmerz, seinem Zorn, seiner Beschämung mit Gewalt hätte Luft machen müssen. So schlug er endlich ein unter der einzigen Bedingung, daß er im Gefechte der erste sein dürfe. Denn er hoffte, dabei durch den Tod erlöst zu werden. Der wilde Fritz gab ihm diesen ersten Platz weit lieber zu, als wenn er bei der Beuteteilung den ersten Platz gefordert hätte. Nun aber galt es, rasch davonzureiten. Ein Knecht nahm ein Pferd aus dem Stalle des Bauern und setzte sich darauf, während er das seinige Gunther überließ. Gunther stutzte. Das war offenbarer Raub. Er hätte dem Bauern das Pferd gerne bezahlt, allein er hatte kein Geld. Der Merkenauer beruhigte ihn, indem er sehr lebhaft sagte: »Was den Bauern gehört, das darf sich der Edelmann nehmen. Wozu wären, denn die Bauern überhaupt auf der Welt, wenn sie uns Edelleute nicht ernähren, wenn sie uns nicht dienen sollten? Der liebe Gott schuf den Weinstock, damit wir diesen Wein trinken konnten, der übrigens nicht ganz gut geschaffen, weil sehr sauer war; er schuf das Schwein, damit wir jenen tadellosen Schinken essen konnten: so schuf er auch die dummen Bauern, damit wir uns von ihnen nehmen, was wir brauchen.« Trotz dieser schlagenden Beweisführung nahm sich Günther doch vor, dem Bauern den Wert seines Pferdes zu ersetzen, falls er lebendig vom Main zurückkomme. Er schwang sich in den Sattel, und sie sprengten davon. XVIII. Der Raubzug gegen die Kölner gelang vollständig. Die Kaufleute waren über den Westerwald nach Wetzlar gereist, weil die Straße längs des Rheins zu unsicher schien. Sie glaubten sich schon ganz geborgen, als sie durch die offene, stark bevölkerte Wetterau gen Frankfurt zogen. Gerade diese täuschende Sicherheit ward ihr Verderben. Zwischen Friedberg und Frankfurt ritten und gingen sie lässig ihrer Straße; die Sonne neigte sich, Pferde und Leute waren müde; ein Teil des bewaffneten Gefolges war in Friedberg zurückgeblieben, da man dessen nicht mehr zu bedürfen glaubte. Doch plötzlich sprengten Bewaffnete von rechts und links gegen den zerstreuten Zug heran; es waren ihrer wohl dreißig Mann, denn noch drei andere »Herren« mit zahlreichen Knechten hatten sich unterwegs zu dem wilden Fritz gesellt. Die Kaufleute wurden umzingelt und aufgefordert, sich zu ergeben. Sie versuchten zwar durchzubrechen, allein der Sieg der Ritter war rasch entschieden. Gunther hatte so wütend dreingeschlagen, daß der Schrecken vor ihm allein schon den Mut der Kaufleute brach. Die Besiegten wurden gefesselt, ihrer Habe beraubt und dann von der jubelnden Bande eiligst gegen die Berge geführt. Man wollte vor der Nacht noch die schützenden Schluchten und Wälder des Taunus gewinnen und dort die Beute teilen. Allein kaum war der ganze Haufe eine Stunde weit geritten, als sich das vorhergegangene Spiel wiederholte, nur in umgekehrter Weise: Gewappnete in dreifach überlegener Zahl sprengten von rechts und links heran, umzingelten die Räuber und forderten sie im Namen des Kaisers auf, sich zu ergeben. Der wilde Fritz warf stracks sein Pferd nach der Seite herum, wo die Kette der Angreifer noch nicht fest geschlossen war, und entfloh, unbekümmert um die übrigen. Die drei anderen Strauchritter suchten dem Beispiel ihres Führers zu folgen, was auch zweien gelang; der dritte wurde erschlagen. Gunther dagegen wandte sich wider die Hauptmacht der Feinde und ward nach tapferem Widerstand vom Pferde gerissen und gefangen. So erschien er, der sich so verzweifelt gewehrt und die Knechte in den Kampf getrieben hatte, jetzt als der Führer der ganzen Bande. Er ward vor den Hauptmann der Kaiserlichen gebracht und um seinen Namen befragt. Allein er verweigerte standhaft jede Auskunft, da er nicht wollte, daß der ehrliche Name seines Vaters in ihm mit Schimpf und Schande bedeckt werde. Die gefangenen Knechte wußten nur auszusagen, daß der Ritter Merkenauer den jungen Mann bei Andernach von der Straße aufgelesen habe und daß man ihn den Junker Gunther nenne. Da nichts weiter herauszubringen war, behandelte ihn der Hauptmann wie einen gemeinen Wegelagerer, ließ ihn in Ketten schließen und nach Frankfurt führen. Dort wurde Gunther in ein Gewölbe geworfen, welches bei Tag so dunkel war wie bei Nacht und so niedrig, daß man nicht aufrecht darin stehen konnte. In diesem Loche lag er drei Wochen auf feuchtem Stroh, mit Wasser und Brot verköstigt. Er wurde nicht verhört, der Schließer gab keine Antwort auf seine Fragen. Er wußte nicht, wie die Zeit verstrich, wie lange er schon im Kerker sei; er wußte nicht, wann es Tag und Nacht war, und die drei Wochen dünkten ihm eine Ewigkeit. Als man ihn dann aus dem Kerker zog, war er so elend, daß er nicht mehr gehen konnte. Man legte ihn darum gefesselt auf einen kleinen Rollwagen, vor den eine alte Mähre gespannt war, und fuhr ihn unter starker Bedeckung tagelang durch das Land, der Mittagssonne entgegen. Da kamen sie zuletzt nach einer Stadt, die vor hohen Waldbergen lag, und auf der anderen Seite breitete sich weithin eine fruchtbare Ebene aus. Gunther kannte die Stadt nicht; er fragte seine Wächter, wie sie heiße, aber keiner gab ihm Bescheid. Als er durch die Gassen gefahren wurde, schimpfte ihn das gaffende Volk und bedrohte ihn, so daß er fast froh war, wieder hinter Schloß und Riegel zu kommen. Dort sagte ihm der Eisenmeister, daß er am nächsten Tage vor seinen Richter geführt werden solle. Gunther wußte, was ihm bevorstand. Allein er beschloß, auch vor dem Richter zu schweigen, selbst wenn das Geständnis seines Namens und die wahrhaftige Erzählung seines Schicksals ihm das Leben hätte retten können. XIX. Kaiser Rudolf von Habsburg ging den räuberischen Rittern streng zu Leib: er wollte Sicherheit schaffen im Reiche. Er hatte in Thüringen sechzig Burgen als Raubnester zerstören, er hatte die schlimmsten Räuber aufknüpfen lassen trotz ihrer Ritterschaft. So war er jetzt auch in den Breisgau gekommen, um Recht und Ordnung wiederherzustellen. Man nannte den Kaiser das wandernde Gesetz, die lebendige Gerechtigkeit. Auf hohem, freiem Bergesgipfel hatte er nach der Urväter Weise die Schöffen um sich versammelt; er saß im Ring auf der Malstatt. Der hagere Alte mit dem kahlen Kopf, der Habichtsnase und den strengen Zügen, schlicht, ja fast gering gekleidet, sah nicht aus wie ein Kaiser, von welchem Glanz und Macht und Gnade ausstrahlt, sondern nur wie der unerbittliche Richter. Scharen Volks umstanden den Ring, um das seltene Schauspiel zu sehen, wie der gestrenge alte Herr, dem eisigen Novemberwinde trotzend, unter Gottes freiem Himmel Recht sprach und das Volk von seinen Bedrückern erlöste. Eine ganze Bande adeliger Raubgesellen war bereits vorgeführt worden. Man machte kurzen Prozeß; von zehn gewann nur einer die Freiheit, sechs verfielen dem Kerker, drei dem Henker. Zuletzt brachte man Gunther in den Ring. Die Menge glaubte das Zeugnis seiner Missetaten schon in seiner verwachsenen Gestalt und dem von Leiden entstellten Gesicht zu lesen und empfing ihn mit Verwünschungen. Um Namen und Heimat befragt, verweigerte er jede Auskunft. Die Umstehenden begannen zu argwöhnen, daß der halsstarrige Mensch gar kein Ritter sei, sondern ein gewöhnlicher Strauchdieb, mit dem man viel zu viel Umstände mache und der es gar nicht verdiene, von einem so hohen Gericht zum Galgen verurteilt zu werden. Auf die Anklage, daß er gemeinsam mit dem wilden Fritz einen Raubzug unternommen und bei Friedberg die Kölner Kaufleute überfallen habe, bekannte sich Gunther dessen vollkommen schuldig. Die als Zeugen geladenen Kaufleute berichteten dann noch, daß der Angeklagte der Unbändigste im Angriff gewesen sei, ja der eigentliche Führer der ganzen Rotte. Der Kläger forderte ihn auf zu bekennen, wohin die anderen Führer, namentlich der wilde Fritz, sich geflüchtet hätten. Man stellte, ihm sogar eine Milderung der Strafe in Aussicht, wenn er zur Gefangennahme dieses Hauptspitzbuben behilflich sei. Er erklärte, daß er von des Merkenauers Wegen und Verstecken gar nichts wisse, wie es auch wirklich der Fall war. Allein das Gericht wie die versammelte Menge sah dies nur als ein weiteres Zeichen seiner Verstocktheit an. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Gunther hörte es ruhig an. Die Frage, ob er nichts Weiteres zu erwidern oder zu bekennen habe, beantwortete er mit: »Nein!« Man wollte ihn wegführen, und der Galgen war nicht weit. Da drängte sich ein gemeiner Mann, von einem Schäferhunde gefolgt, durch die Menge, drang trotz aller Abwehr in die Nähe des Kaisers und rief: »Sehet zu, Herr Kaiser, wen Ihr richtet! Das ist der Graf Walram vom Hattengau und kein gemeiner Dieb!« Der Kaiser horchte auf und ließ sich von dem Manne, der kein anderer als der Schäfer Kurt war, wiederholen, was er gesagt hatte. Kurt tat es mit verdoppeltem Nachdruck. Der Kaiser aber erwiderte ihm ruhig: »Du bist entweder ein Narr oder ein Schelm. Ich kenne den Grafen Walram recht gut; denn er war erst vor vierzehn Tagen an unserem Hofe, uns zu huldigen, und sieht diesem Räuber so ähnlich wie der Schwan der Krähe.« Allein Kurt begann nun eine Erzählung, die ebenso lang als verworren war, mit fieberndem Eifer hervorzusprudeln. Er behauptete, jener Mann, den man soeben verurteilt habe, nenne sich freilich keinen Grafen, allein er sei der richtige Graf; er heiße freilich Gunther, aber von Rechts wegen solle er Walram heißen. Das komme alles von dem roten Bändchen, welches ihm die Husbeckin abgebunden und dem falschen Walram umgebunden habe; er sei auch kein Räuber, obgleich er sich dazu bekenne, sondern der wahre Räuber sei sein Bruder, der ihm sein Erbe geraubt und es behalten habe, obgleich ihm doch die Husbeckin gesagt, daß es ihm nicht gehöre. Der Kaiser unterbrach die völlig unverständliche Rede, über welche viele zu lachen, andere zu murren begannen, mit der Frage, wer er selbst denn eigentlich sei und woher er komme. Kurt gab ruhig und wahrhaftig Bescheid. »Wohlan!« sprach der Kaiser, »du treibst ein dummes, falsches Spiel. Bist du wirklich ein Schäfer aus dem fernen Hattengau, wie und warum kamst du denn hierher? Wie konntest du wissen, daß jener Räuber heute hier vor Gericht gestellt werde? Vermutlich warst du auch unter den Wegelagerern bei Friedberg; aber jetzt sollst du deiner Strafe nicht entgehen!« Hierauf begann der ehrliche Kurt wiederum eine lange Erzählung, die jedoch bedeutend klarer herauskam als seine erste. Er war nach seiner Trennung von Gunther zurückgegangen zu dem Bauern bei Worringen, dessen Schafe er vor der Schlacht gehütet, und hatte demselben den Schäferkarren wieder zugestellt und dagegen seinen Kittel und den ledernen Zwerchsack geholt. Doch hielt er sich länger auf und kam weit langsamer vom Wege, als er gedacht; denn ein Schäfer hat immer Zeit. Wochen verstrichen, so daß Gunther das Windhaus inzwischen bereits wieder verlassen hatte. Die Straße rheinaufwärts führte Kurt über Andernach, und er beschloß, in dem nahen Rodineck noch einmal vorzusprechen. Er kam dort am zweiten Tage nach Gunthers unseligem Besuche an und hörte die ganze Entführungsgeschichte. Es war aber auch schon bekannt geworden, daß Gunther sich der Bande des wilden Fritz angeschlossen und den Waldbauer ausgeplündert und in den Schweinestall gesperrt habe und dann mit den Strauchdieben nach Süden gezogen sei. Wahla erfuhr Kurts Anwesenheit. Sie ließ ihn in ihre Kammer rufen und bat ihn unter Tränen, daß er seinem Herrn nacheilen und ihn in ihrem Namen beschwören solle, von der Gemeinschaft mit dem verrufenen Ritter sich loszumachen. Das Elend und der Kummer des kranken, gebrochenen Mädchens rührte Kurt so tief, daß er ihren Auftrag auszuführen versprach. Es gelang ihm, die Spuren der Bande aufzufinden, denn sie waren durchs ganze Land hin deutlich genug. Allein er kam doch viel zu spät und erfuhr erst in Frankfurt, daß die Rotte des wilden Fritz zersprengt und ein buckeliger Ritter, den niemand kannte, gefangen worden sei. Obgleich nun Kurt alle weitere Spur verlor, glückte es ihm doch, später zu erfahren, daß man eine ganze Anzahl gefangener Wegelagerer von nah und fern nach Freiburg bringe, um sie dort vor des Kaisers Gericht zu stellen. Er schloß, daß sein Herr auch dabei sei, und wanderte aufwärts in den Breisgau. Als er eben zum Tore von Freiburg hineingehen wollte, sah er, wie alle Leute hinausströmten zur Malstatt, und so war auch er im letzten Augenblicke dort erschienen. Kurt schloß seine Erzählung mit den Worten: »Mein Herr mag unrecht getan haben, indem er zur Bande des wilden Fritz gegangen ist. Aber bedenket, Herr Kaiser, wenn Euch Euer Bruder Euern Namen gestohlen hätte und Euer Erbe und zuletzt noch Eure Braut dazu, dann würdet auch Ihr teufelswild werden und von Sinnen kommen, Eure Wut müßte heraus, und wenn Ihr Euren Bruder nicht in die Hände bekämet, so müßtet Ihr jemand anderes anpacken, um Euch Luft zu machen. Dies tat auch mein Herr, und wenn er zufällig die Kölner Krämer angepackt und geschüttelt hat, so ist das noch nicht das größte Unglück gewesen.« Der Kaiser hatte schon während der Rede des Schäfers einen Diener herbeigewinkt und ihn fortgeschickt, daß er den verurteilten Junker wieder zurückbrächte. Es war die höchste Zeit gewesen, denn Gunther stand schon unter dem Galgen. Nachdem aber Kurt geendet, sprach der Kaiser zu den Richtern: »Wir verschieben den Vollzug des Urteils, bis wir ergründet haben, wer dieser Mann eigentlich ist und was an ihm gefrevelt wurde, bevor er selber frevelte.« Dann befahl er, Gunther wieder ins Gefängnis zu führen und den Schäfer gleichfalls, doch in getrennte Haft zu nehmen. Man solle den armen, einfältigen Mann jedoch gut halten gleich seinem Hunde; denn er scheine treu zu sein wie ein Hund. XX. Nach etlichen Tagen ließ der Kaiser Gunther ganz allein vor sich kommen. Er sagte ihm, er kenne das Geheimnis seiner Person und seines Lebens, und berichtete ihm alles, was er von dem Schäfer auf der Malstatt und nachher noch durch wiederholtes Befragen erfahren hatte. Dann faßte er den Junker fest ins Auge und fragte: »Ist das wahr, was ich erzählte?« Gunther schwieg. »Du schweigst? Also gibst du zu, daß ich die Wahrheit berichtet habe. Denn wäre das nicht, so würdest du widersprechen!« Da fand Gunther plötzlich die Sprache wieder: »Ich kann nicht lügen, auch nicht indem ich schweige. Was Ihr von meinem Erbrecht gesagt habt, ist unerwiesen. Was Ihr von meiner Liebe erzähltet und von meiner verzweifelten Flucht, das klingt wie eine Sage, wie ein Lied, in welchem die Fabel zur Wahrheit und die Wahrheit zur Fabel wird. Was ist überhaupt die Wahrheit einer Geschichte? Wir erleben jedes Ereignis zwiefältig: einmal in der Tat, dann in der Erinnerung, und die Erinnerung ist immer eine Dichterin.« »So erzählt mir, was Eure Dichterin geschaffen hat, aber dichtet mir nichts Neues mehr hinzu«, sprach der Kaiser, und ein so huldvolles Lächeln glitt über die sonst so strengen Züge, daß Gunther nicht widerstehen konnte und schlicht und klar die Erlebnisse der letzten Monate zu berichten begann. »Ihr sehet, Herr Kaiser«, sprach er am Schluß, »ich habe ein unnützes Leben geführt: ich habe bei Worringen für eine Sache gefochten, die mich nichts anging, ich habe in Rodineck hinter dem Rücken des Vaters um die Liebe der Tochter geworben, ich habe das arme Mädchen in unseligen Zwiespalt gestürzt, ich habe ihr den Schwur des Schweigens gebrochen, ich habe sie entführt, ich bin unter die Wegelagerer gegangen, ich habe gegen meinen Kaiser gefochten –« »Ihr braucht nicht weiter zu berichten«, unterbrach ihn Rudolf. »Eine einzige von allen den Sünden genügte schon, daß man Euch einsperrte, und Ihr werdet in Haft bleiben. Aber verliert den Mut nicht! Die Wahrheit schläft oft lange und erwacht doch endlich, auch die Liebe gibt sich gar manchmal verloren und kommt ganz unversehens doch ans Ziel.« Der Kaiser entfernte sich sinnend und zweifelnd. Es war ja klar, was Gunther gesündigt hatte; viel dunkler dagegen die Frage, was eigentlich an ihm gesündigt worden sei. Nach seiner bedächtigen Weise wollte dies Rudolf mit aller Klugheit erforschen. Dazu brauchte er Zeit, und ihn drängten jetzt andere Geschäfte. Also blieb Gunther sitzen, wenn auch fortan in sehr milder Haft, noch tieferem Sinnen und Zweifeln anheimgegeben als der Kaiser. XXI. Nach einiger Zeit wurde er an einen anderen sicheren Ort gebracht. Seine bisherigen Wächter erfuhren nicht, wohin; man hörte nichts mehr von ihm. Er war verschollen. Wer hätte sich auch viel um ihn kümmern sollen, um den unbekannten, von Natur und Glück vernachlässigten jungen Mann, der eben erst hervorgetreten war und dann wieder versank! Auf der Hattenburg durfte man seinen Namen gar nicht nennen. Walram hörte ihn nicht gern. Er unterließ auch jede Nachforschung nach dem Verlorenen, der seinem Hause Schande gemacht hatte. Nur eine Seele dachte täglich seiner, freilich auch als eines Verlorenen. Verschiedene widersprechende Gerüchte waren zu Wahlas Ohren gedrungen. Zuerst hieß es, Gunther sei in dem Kampfe mit des Kaisers Mannen bei Friedberg gefallen, dann, er sei gefangen vor des Kaisers Gericht gestellt und verurteilt, aber insgeheim hingerichtet worden, damit dem Grafenhause die öffentliche Schande erspart werde. Doch ging auch die dunkle Sage, Gunther lebe noch in ewiger Haft. Der alte Molsberger suchte das unglückliche Mädchen im Glauben an Gunthers Tod zu bestärken. Gerlach von Molsberg war kein harter Mann; allein er war ein Kind seiner Zeit. Der Vater verfügte über die Hand seiner Tochter, und die Tochter hatte sich seiner Gewalt zu beugen. Er hatte Wahla mit Walram verlobt, und dabei blieb er, zumal Walram, nachdem er von dem mißglückten Entführungsversuche seines Bruders gehört, um so leidenschaftlicher auf baldige Hochzeit drang. Nur der andauernd leidende Zustand der armen Wahla bewirkte, daß die Vermählung vom Herbste zum Frühjahr aufgeschoben wurde. Äußerlich war Wahla geduldig und ergeben. Auch sie war ein Kind ihrer Zeit; es schien ihr die größte Sünde, dem Willen des Vaters zu widerstreben. Sie bereute tief, daß sie es in jener verhängnisvollen Nacht getan, und faßte ihr ganzes Elend als die gerechte Strafe Gottes. Sie suchte das Bild Gunthers aus ihrer Seele zu reißen, doch es gelang ihr nicht. Fort und fort sah sie ihn in doppelter Gestalt, und beide Erscheinungen kämpften miteinander, und sie zerkämpfte sich über beide. Das eine Mal war es der sanfte, fromme, mildfreundliche Jüngling, wie er krank und genesend während der sonnigen Sommermonate in Rodineck geweilt und ihr Herz gewonnen hatte; das andere Mal der wilderregte, gewaltsame, vergeisterte, unheimliche Mann, wie er im Herbste wiedergekommen war, sie in ihrem tiefsten Gewissen erschreckend, unglücklich durch ihre Schuld, die ihr doch keine Schuld deuchte, und sie und sich mit größerer Schuld belastend. Tat sie unrecht, da sie ihrem Vater folgte? Tat sie unrecht, da sie ihm entfliehen wollte? Sündigte sie, da sie selbst jetzt noch in zielloser Leidenschaft für Gunther, den Verlorenen, sich verzehrte? Sündigte sie, da sie Walram nicht lieben konnte und doch ihre Hand willenlos in die seinige legen ließ? Sie wußte es nicht. Sie bat Gott, daß er sie erleuchten möge, aber sie fand keine Erleuchtung. Sie fragte sich, ob der liebe Gott, der doch alles so dunkel gefügt habe und ihr kein Licht und keinen Trost sende, wirklich der Gott der Liebe sei. Sie begriff dieses Rätsel nicht und zieh sich der Sünde, daß sie es nicht begreifen konnte, ja daß es ihr überhaupt ein Rätsel war. XXII. Wahla hatte den Winter in tiefster Zurückgezogenheit auf dem väterlichen Stammschlosse Molsberg verlebt. Der rauhe Westerwälder Winter und das einsame Bergschloß bildeten einen so schroffen Gegensatz gegen den lieblichen Landsitz Rodineck mit seiner sommerlichen Anmut. Im Dezember war die Einsamkeit auf eine Weile durch einen Besuch Walrams unterbrochen worden. Wahla ging dem Bräutigam aus dem Weg, wo sie nur konnte, und schwieg, wenn er sprach. Das verdroß denselben wohl, allein er ließ sich seinen Arger nicht merken, und der Vater merkte nicht, daß er dem geliebten Kinde das Herz brach. Da er selber ganz verliebt in Walram war, glaubte er, bei Wahla werde sich die Liebe allmählich auch schon finden. Im Februar war er zum Gegenbesuch in den Hattengau gereist, wo ihm das schöne Schloß und die schönen Güter so außerordentlich gefielen, daß er mit einer gewissen Freude, die bisher doch auch bei ihm nicht ganz hatte aufkommen können, den Ehevertrag beredete und abschloß. Am 6. April sollte die Hochzeit sein. Walram war eine Woche vorher auf Molsberg eingetroffen mit überreichen Geschenken für die Braut, die ganze Molsbergische Familie und Dienerschaft und die zu erwartenden Gäste. Am Morgen nach seiner Ankunft saß er vertraulich mit seinem künftigen Schwiegervater zusammen, der in letzter Zeit erschrocken war über Wahlas Zustand. In ihrer steigenden Schwermut und herben Verschlossenheit erschien sie ihm nachgerade als ein ganz fremdartiges Wesen; er merkte nun erst deutlich, daß sie gar nicht mehr das frohe, gute, offenherzige Kind sei wie früher und wollte eben seine Besorgnis dem Bräutigam ans Herz legen. Da wurde das Gespräch durch einen fremden Mann unterbrochen, der ungemeldet zur Tür hereintrat. Er war in Begleitung eines anderen gekommen, beide tief in ihre Mäntel gehüllt, und der Torwart hatte sie anfangs gar nicht einlassen wollen, da sie ihre Namen nicht nannten und so gering gekleidet waren. Allein der größere und ältere von den beiden sagte kurzweg und ganz herrisch, er sei ein alter Freund des Burgherrn, schob den Torwart beiseite und tat so stolz, daß ihm die Diener verwundert nachsahen, und indem er seinen Begleiter in der Vorhalle ließ, trat er ohne Umstände in das Zimmer. Er schlug den Mantel zurück und begrüßte den Molsberger freundlich: – es war der Kaiser. Herr Gerlach war ganz erschrocken und sprachlos über die hohe Ehre des unerwarteten Besuchs. Walram dagegen fand sofort das Wort, den Gruß aufs schicklichste zu erwidern. »Es ist mir lieb, Euch hier zu finden, Graf Walram«, sagte Rudolf, »ja, ich habe Euch eigentlich gesucht. Euer toller Bruder hat Euch schweren Kummer gemacht und uns kaum minder schweren Kampf und Sorge.« Walram fiel beteuernd ein, daß er keine Mitschuld habe an den Freveltaten Gunthers, die er tief beklage. »Um so glücklicher werdet Ihr sein zu erfahren, daß ich Euch Euern Bruder wiedergebe. Ich habe ihn mitgebracht. Er war bisher mein Gefangener, aber er soll es nicht länger bleiben. Seine Taten waren schlecht, doch im Herzen meinte er's gut, und wo dies zusammentrifft, da soll der König das göttliche Recht der Gnade üben.« Walram erbleichte und stammelte seinen Dank, nun gar nicht mehr so redegewandt wie vorher. »Ich will noch weiter schlichten und versöhnen«, fuhr der Kaiser fort. »Es bestünde eine schwere Streitfrage zwischen Euch und Eurem Bruder, wenn dieser sein Recht wollte geltend machen, die Streitfrage nämlich, ob Ihr wirklich Walram heißt und nicht Gunther, woran sich dann einige nicht unbedeutende Folgen knüpfen würden. Euer Bruder erklärt aber, der Name Gunther sei ihm gut genug, er sei ihm seit dreiundzwanzig Jahren so lieb geworden, daß er ihn gar nicht wieder hergeben wolle; er begehre auch die Grafschaft nicht, welche Euch so sehr gefalle. Allein auch ungebeten bin ich der Anwalt Eures Bruders, weil ich will, daß Recht Recht werde, und müßten wir's vom Himmel holen.« »Das wird in diesem Falle wohl nötig sein«, entgegnete Walram, »denn auf Erden hat sich kein Erweis meines Unrechts gefunden.« Walram berichtete nun, wie seine Eltern niemals den leisesten Zweifel kundgegeben hätten, daß er Walram, daß er der Erstgeborene sei. Die Aussage eines verrückten alten Weibes habe das Märchen aufgebracht von der Verwechslung der Zwillinge, das sie aber bis zu der Stunde, wo die Schatten des Todes bereits ihren schwachen Geist vollends verdunkelten, keinem Menschen offenbart habe. »Doch hatte sie das Geheimnis in besseren Jahren bereits einem Schäfer anvertraut«, unterbrach ihn der Kaiser. »– der ein ebenso würdiger und glaubwürdiger Zeuge ist wie die Alte selber«, ergänzte Walram spöttisch. »Ich habe Kurt den Schäfer als einen klugen und treuen Mann erfunden«, fuhr der Kaiser fort, »und ihn in meinen Stall aufgenommen, denn er kuriert Hunde, Pferde und Esel meisterhaft. Aber warum sagtet Ihr Euerm Bruder nichts von dem Bekenntnis der Husbeckin? Glaubtet Ihr gar nicht, daß sie dennoch die Wahrheit könne gesagt haben?« »Wir glauben, was wir wünschen, und wir bezweifeln, was uns Schaden brächte, solange nicht Beweise jenen Glauben oder diesen Zweifel vernichten.« »Ihr redet klug«, sprach der Kaiser, »und es scheint in der Tat, daß solche Beweise nicht zu finden sind. Dennoch wäre es brüderlich, wenn Ihr Euren Namen behieltet und mit dem Bruder zusammenlebtet bei geteiltem Erbe.« »Ich kann nicht mit meinem Bruder zusammenleben«, entgegnete Walram, »denn er bestreitet mir nicht nur die Grafschaft, er bestreitet mir auch meine Braut.« »Wohlan!« rief Rudolf, »kein Mensch kann entscheiden, ob Euch oder ihm die Grafschaft gebühre. Das weiß nur Gott. Aber es gibt einen Menschen, der kann entscheiden, ob Euch oder Gunther Wahlas Liebe zukomme, und der Entscheid soll jetzt getroffen werden, so wahr ich Kaiser bin!« XXIII. In diesem Augenblick trat Wahla in das Zimmer. Sie glaubte, nur ihren Vater hier zu finden; sie erschrak, als sie den Fremden sah, und wollte sich wieder zurückziehen. Allein der Kaiser trat ihr entgegen: »Ich hoffe«, sprach er, »die Tochter des Hauses flieht nicht vor dem Gaste des Hauses, auch wenn er ein ungebetener Gast wäre. Ich bin Euch fremd und doch nicht ganz fremd, denn ich bringe Euch Nachricht von einem unglücklichen Manne, dem Ihr einst gewogen waret. Darf ich Euch von Gunther erzählen?« Wahla schwieg; ihre Knie zitterten, ihre Lippen bebten. Rudolf wartete eine lange Weile. »Ihr habt mich erschreckt«, sagte sie endlich. »Ich fürchte mich vor Euerm Bericht und bin jetzt zu schwach, ihn zu hören. Gunther ist tot; – ich kannte einen anderen Gunther, als den Ihr meint, und von meinem Gunther könnt Ihr mir doch nichts erzählen.« »Vielleicht kann ich's nicht. Aber ich stelle Euch einen anderen Mann, der wird's können.« Bei diesen Worten winkte der Kaiser einen Diener herbei und flüsterte ihm einen Auftrag ins Ohr. Der Diener ging, ihn auszurichten. Da trat Walram zwischen Rudolf und Wahla und rief: »Ihr tut unrecht, Herr Kaiser, daß Ihr dieses arme Mädchen, meine Braut, so grausam martert. Wahla, folge mir!« und er wollte sie hinausführen. Als aber Wahla hörte, daß der Fremde der Kaiser sei, fiel sie vor ihm auf die Knie und flehte um seinen Schutz. Rudolf hob sie auf und sprach: »Ich bin für dich nur der Fremde, der dir Botschaft bringen wollte. Dein rechter Beschützer ist hier dein verlobter Bräutigam. Folge ihm!« Wahla zögerte. »Oder ist Graf Walram nicht dein Verlobter? Willst du ihm nicht die Hand geben?« »Ich gab sie ihm, und ich werde sie ihm geben«, antwortete Wahla, sich wieder aufrichtend. Leichenblässe deckte ihr abgemagertes Gesicht. »Der Entscheid fällt für Euch, das Recht ist auf Eurer Seite!« sprach Rudolf zu Walram. »Seht, es war doch leichter zu erweisen, wem Wahlas Liebe zukomme, als wem das Geburtsrecht auf die Grafschaft gebühre!« In diesem Augenblick führte ein Diener den Begleiter des Kaisers herein, dessen Gestalt von einem langen, groben Mantel verhüllt war. Wahla schrak zusammen, als sie ihn erblickte, dann faßte sie die gramentstellten Züge des Gesichtes fest ins Auge und rief mit herzzerreißendem Schrei: »Gunther!« und sank bewußtlos in die Arme des Kaisers. Als sie langsam wieder zur Besinnung kam, sprach Rudolf milde: »Gunther lebt. Aber es ist nicht mehr der böse Gunther, er ist wieder der gute Gunther geworden, der er im Sommer auf Rodineck war.« Da riß sich Wahla vom Kaiser los und warf sich wortlos Gunther in die Arme, und mit ihrem Kuß verschmolzen sich die Tränen beider. Der Kaiser wandte sich lächelnd gegen Walram und den Vater und sagte leise mit erhobener Hand: »Vorher hörten wir den ersten Entscheid in deutlichen Worten. Mir scheint, dieser zweite ganz andere Entscheid, den wir bloß sehen, ohne ein Wort zu hören, ist der höhere und letzte, der den ersten aufhebt.« Da sprach Walram: »Herr Kaiser! Ihr könnt richten über unser Lehen und unsere Dienstpflicht, ja über unser Leib und Leben; doch über unsere Liebe seid Ihr nicht zum Richter gesetzt!« »Habe ich denn gerichtet, junger Mann?« fragte der Kaiser scharf und streng. »Ich sagte nur, ich wolle jemand stellen, der uns Entscheid brächte über Wahlas Liebe, und wir sehen den Entscheid vor Augen. Das letzte Wort aber hat dennoch die väterliche Gewalt, welche gebunden hat und lösen kann, und ich greife nicht in ihre natürlichen Rechte.« Da öffnete endlich der alte Molsberger den Mund und sprach tief bewegt: »Ich habe während dieser Stunde vieles gehört und gesehen, was mir neu war. Walram dünkt mir plötzlich ein anderer, als ich dachte, Wahla eine andere, Gunther ein anderer. Auch das Glück meiner Tochter dünkt mir jetzt fast woanders zu liegen als vor einer Stunde. Ich selbst bin wie verwandelt, wie geblendet, aber ich bin langsam und bedacht; ich bitte um einen Tag Frist, dann will auch ich mein letztes Wort sprechen.« Walram schien diese Frist nicht abwarten zu wollen. Er verabschiedete sich kalt und feierlich von dem Kaiser, stumm und kalt von dem Molsberger und verließ die Burg im hellen Zorn. XXIV. Am folgenden Tag hatte der Kaiser, der auf der Burg geblieben war, einen sehr glücklichen Morgen. War ihm gestern nicht alles nach Wunsch gegangen? In der Tat, er war seit Jahren nicht so zufrieden mit sich selbst gewesen und fand, es sei doch viel leichter und angenehmer, die Herzen der Menschen zu lenken als die Geschicke der Staaten. Er fühlte sich heute morgen ganz wie ein kleiner Herrgott, und den kleinen Herrgott spielen wir Menschen so gerne, namentlich wenn wir Kaiser sind. Der alte Molsberger war gestern gegen Abend schon ganz gescheit geworden und wollte von Walram kein Wort mehr hören, Wahla hatte den vollen Glauben an Gunther wiedergefunden und Gunther den Glauben an sein Glück. Doch konnte der Kaiser noch immer nicht ganz klug werden aus diesem Gunther, den er nun schon seit Monaten von nah und fern beobachtet hatte. Er meinte, ein Mann, der so unverhofft dem Henker und Kerker entrinnt und dafür seines Kaisers Gnade findet und obendrein eine verlorene Geliebte wiedergewinnt, müsse heller aufjubeln. Und Gunthers Jubel war offenbar noch etwas schwermütig. Er ließ ihn rufen. »Was willst du nun beginnen, da du wieder frei bist?« fragte er ihn. »Ich weiß es nicht«, antwortete Günther. »Die Welt liegt dir offen. Greife zu!« »Wäre ich eines Bauern Sohn, so hätte ich einen Beruf und wüßte, was ich tun sollte; da ich aber zufällig eines Grafen Sohn bin, weiß ich's nicht. Ich habe das Waffenhandwerk versucht und bin schlimm dabei gefahren. Möglich, daß ich fortan auch in den Waffen mehr Glück hätte, allein es befriedigt mich nicht ganz, andere Leute totzuschlagen.« »Du bist ein halber Gelehrter, wie man mir sagte: werde ein ganzer. Du machst dir deine Gedanken und liesest Bücher, am Ende schreibst du gar ein Buch. Nun gut. Lebe glücklich in deinen Büchern und Gedanken!« »Wie könnte ich dies im öden Windhaus! Ich müßte in eine große Werkstatt des Geistes gehen, in ein Kloster oder Domstift. Wie könnte ich aber dies, da ich Wahla liebe?« »Das wollte ich hören!« rief Rudolf lachend. »Und nun weißt du, was du tun sollst: heirate deine Wahla!« »Und was weiter?« »Was weiter?« wiederholte der Kaiser staunend. »Eine solche Frage hat mir noch kein Liebender gestellt. Freilich, wenn du das nicht weißt, dann weiß ich's auch nicht.« Nach kurzem Besinnen sprach Gunther sehr ernst: »Die Ehe ist der Beruf des Weibes, aber der Mann muß auch noch einen anderen Beruf haben, bevor er zur Ehe schreitet. Wer bloß lebt, um zu lieben, der ist kein Mann. Ich sagte es Euch ja, Herr Kaiser, daß ich nicht weiß, was ich im Leben tun soll, und eben darum würde ich Wahla unglücklich machen, wenn ich sie heiratete.« »So heirate Wahla nicht!« »Dann würde ich sie gleichfalls unglücklich machen, denn sie liebt mich über alle Maßen, sie liebt mich so sehr, wie ich sie liebe.« »Ich weiß dir einen Beruf«, fiel der Kaiser ein. »Ziehe dich zurück auf dein bescheidenes Erbgut und verwalte es als ein echter Edelmann.« »Ein echter Edelmann?« fragte Günther. »Ja, wenn der echte Edelmann ein Bauer wäre, wenn er pflügte und säte und erntete, dann hätte er etwas Ordentliches zu tun. Aber das darf er ja nicht. Er läßt seine Bauern pflügen und nimmt ihre Gülten und Zehnten und Fronden entgegen; er verzehrt die Frucht ihres Fleißes.« »Nun, das ist doch auch eine Arbeit!« rief der Kaiser, »und obendrein eine recht feine und vornehme!« »Aber mein Gut ist so klein, und meine Bauern sind so arm, daß ich ihnen gar nichts abnehmen kann, ohne mich der Sünde zu schämen.« »Ich merke, wohin du zielst: Wie schlau können doch auch die kindlichsten Gemüter sein! Doch du hast recht, Gunther. Du bist verkürzt in deinem Erbe, dein Gut ist zu klein. Ich will dir ein reicheres Lehen geben in meinen Stammlanden.« »Edler Herr! mein Herz hängt an meiner Heimat, die ich nur ein einziges Mal und sehr zu meinem Schaden verlassen habe. Welches Heimweh hatte ich alle die Wochen nach dem öden Windhaus! Ich würde vor Heimweh vergehen in Euren schönen Landen.« »Dann wollen wir sehen, ob dein kleines Gut beim Windhaus nicht erweitert werden kann.« »Das könnte nur auf Kosten meines Bruders geschehen, und ich würde es niemals annehmen. Und wenn ich Wahla heimführte nach Windhaus, würde mich mein Bruder dort nicht in Frieden leben lassen; denn Wahla war seine Braut, die er ganz zu besitzen glaubte und die ihn doch nicht haben wollte.« »Du hast recht«, sagte der Kaiser, »du bist gescheit bei all deinem Unverstand. Aber was wäre da zu machen?« »Ich weiß einen Rat, gnädigster Herr. Nehmt Walram auf ein paar Jahre an Euern Hof, gebt ihm ein recht vornehmes Amt in Euerm Gefolge; er ist schön, fein, weltklug, Ihr werdet ihn brauchen können, und er wird mich in Frieden lassen und sich bessern.« Der Kaiser lachte laut auf. »Ich habe schon oft gehört, daß der Hof junge Leute verderbe und zur Selbstsucht verlocke, aber noch niemals, daß man einen Selbstsüchtigen zum Hofe schicken solle, damit er dort ein gutes Herz gewinne.« »Für andere Höfe mag das gelten«, fiel Gunther ein, »aber nicht für den Hof Kaiser Rudolfs.« »Junge, wo hast du das Schmeicheln gelernt?« rief der Kaiser, mit dem Finger drohend. – Und doch gefiel ihm die kleine Schmeichelei. »Walram ist eitel«, fuhr Gunther fort, »nehmt ihn an Euern Hof; laßt ihn die Eitelkeit auskosten bis zum Übermaße, dann wird er wieder gut.« »Die Eitelkeit übersättigt sich nie«, belehrte Rudolf. »Je mehr man sie füttert, um so hungriger wird sie. Übrigens ist Walram im Zorne von uns gegangen: er würde meine Einladung ablehnen.« »Das wird mein Bruder nicht. Hätte er Wahla geliebt, wie ich sie liebe, so würde er in der Tat dem Zerstörer seiner Liebe absagen, und wenn dies gleich sein Kaiser wäre. Allein er liebt, was glänzt, und der kaiserliche Hof glänzt weit mehr als die schlichte Wahla von Molsberg. Macht die Probe! Sie wird die Liebesprobe, welche Eure Weisheit gestern anordnete, wiederholt bestätigen. Ich wette, daß Walram zu Hofe geht.« »Ich nehme die Wette an«, rief der Kaiser. »Verliere ich sie, dann will ich mich in meinem Leben nicht wieder in fremde Liebeshändel mischen; verlierst du sie aber, dann sollst du statt deines Bruders zwei Jahre an meinen Hof kommen, damit du dort deine Grillen ablegst und dich besinnst, was du eigentlich auf dieser Welt treiben sollst, und fähig wirst, Wahla nicht zu lieben, sondern auch zu heiraten. Übrigens bist du ein geborener Hofmann, du mußt nur noch dazu erzogen werden.« Gunther meinte, der Einsatz bei dieser Wette sei etwas ungleich, doch gehe er darauf ein, denn er sei sicher, zu gewinnen. Rudolf aber sprach: »Du bist ein Rechthaber, mit dem kein Mensch fertig wird. Statt von ungleichem Einsatz zu reden, solltest du dich vielmehr freuen, wenn du die Wette verlörest.« Mit diesen Worten entließ er Gunther. XXV. Der Kaiser war am Morgen so glücklich gewesen, so selbstzufrieden mit seiner eigenen Weisheit, weil er glaubte, er habe das verfahrene Schicksal wenigstens eines Menschen trefflich wieder auf den rechten Weg zu lenken gewußt, fast gerechter waltend wie unser Herrgott. Allein am Abend mußte er erkennen, daß er mit dem Kopf und Herzen jenes Menschen doch nicht fertig werden könne. Und dieser Mensch war Gunther, den er gerettet hatte, der noch so blutjung und unerfahren war, in der Einsamkeit aufgewachsen wie ein Wilder, enterbt und verstoßen, ungeschickt und unglücklich in allem, was er unternahm, und schief und bucklig dazu! Gunther wußte sich selbst nicht zu raten, nahm aber auch keinen Rat von andern an, nicht einmal von seinem Kaiser. Das schlimmste aber war, daß dieser Kaiser sich sagen mußte, er selber habe ja auch dem Ratlosen nichts Gescheites zu raten gewußt. Es begann zu dämmern. Rudolf ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Dann blieb er wieder am Fenster stehen und blickte in das weit sich absenkende Hügelland hinaus, das sich mehr und mehr in Dunkel hüllte. Und wie sein Auge aus der engen Stube ins Weite drang, so trugen ihn auch seine Gedanken von dem kleinen Erlebnis des Tages zur Rückschau auf sein langes vergangenes Leben. Er hatte so viel gerichtet und geschlichtet im Deutschen Reiche, er hatte oft geglaubt, das Geschick wie die Herzen der Fürsten und Völker zum besten gelenkt zu haben, und doch dünkte ihm jetzt, er habe auch da genau so wenig ausgerichtet wie heute bei Gunther. Recht trübsinnig gelaunt setzte er sich zuletzt auf eine Bank in der dunkelsten Ecke. Da öffnete sich plötzlich die Türe, die rote Lichtglut einer Fackel drang herein, und dem Diener, welcher die Fackel vorangetragen hatte und in den eisernen Ring an der Wand steckte, folgte Gunther höchst ungestüm, eine verhüllte weibliche Gestalt nach sich ziehend, die offenbar lieber davonlaufen als mitgehen wollte. »Fürchte dich nicht, Wahla!« rief er, »wir müssen dem Kaiser berichten, was wir soeben erlebt haben. Herr Kaiser, ich weiß jetzt, was ich will und was ich soll. Ihr konntet mir's nicht sagen, ich konnte mir's auch nicht sagen, aber Wahla hat mir's gesagt. Weil ich die Sache aber gar nicht klar auseinandersetzen kann, wenn Wahla nicht dabei ist, so habe ich sie gleich mitgebracht.« Gunthers Augen leuchteten, sein Gesicht war wie verklärt, er war ein ganz anderer wie heute morgen. Lächelnd betrachtete ihn der Kaiser; dann bat er ihn freundlich, vorzubringen, was er zu berichten habe. »Es ist sehr wenig und sehr viel«, begann Günther. »Ich saß den ganzen Nachmittag mit Wahla zusammen, bloß um ihr genauer wiederzusagen, was Ihr und ich am Vormittag miteinander gesprochen hatten. Sie billigte jedes meiner Worte, die ich vor Euch geredet. Ich tauge nicht für den Beruf des Kriegers, ich tauge noch weniger für Euern Hof, es ist für mich zu spät, ein Gelehrter zu werden, ich kann und will auch nicht mein Leben lang auf dem einsamen Windhaus sitzen, um den Bauern die Zinsen abzunehmen –« Gunther hielt ein. »Aber wozu taugst du denn endlich?« fragte der Kaiser ungeduldig. »Was hat dir Wahla gesagt, das dein Beruf sei?« »Wahla hat mir gar nichts gesagt. Sie hat nur zugestimmt, daß ich zu allem dem im einzelnen nichts tauge, geradeso wie Ihr zustimmtet. Aber als ich ihr ins Auge blickte, als ich mich in ihrer Nähe so ganz durchströmt fühlte von ihrer und meiner Liebe, da wußte ich auf einmal, was ich tun solle; als ich dagegen heute früh, verzeiht mir, Herr Kaiser, Eure weisheitsvollen Worte hörte, da wußte ich's ganz und gar nicht. Und nun vernehmet meine neue Weisheit: für jeden der genannten Berufe im einzelnen tauge ich nicht, aber ich tauge für alle zusammengenommen; ich will sie alle miteinander ergreifen: in den Krieg ziehen, wenn's not tut, zu Hofe, wenn man einmal meiner bedürfte, ich will meines kleinen Gutes walten, soweit ich mir und meinen Bauern nützen kann, und mich in die Geheimnisse des Denkens und Dichtens versenken, wenn die rechte Sonntagsstimmung über mich kommt, – und das alles zusammen ist der Beruf eines echten Edelmanns, und der bin und bleibe ich doch als meines Vaters Sohn, wenn ich auch enterbt bin und schief und bucklig dazu, übrigens meinte Wahla, und das war das einzige, was sie sagte, wenn es uns auf dem Windhaus zu langweilig werde, dann könnten wir ja auch in der schönen Sommerszeit beim Vater in Rodineck wohnen.« »Halt!« fiel der Kaiser ein. »Heute morgen wolltest du ja nicht heiraten. Willst du das nun auch noch zu alle dem übrigen tun, um ein ganzer Edelmann zu sein?« »Bei Gott!« rief Gunther erschrocken, »vom Heiraten haben wir gar nicht geredet. Wahla! das haben wir ganz vergessen!« Der Kaiser sprach: »So höre denn, Wahla, heute morgen sagte dieser junge Mann, wenn er dich heirate, so mache er dich unglücklich, und wenn er dich nicht heirate, so mache er dich gleichfalls unglücklich, folglich wisse er auch hier nicht, was er tun solle.« »Wenn er mich unglücklich macht«, erwiderte Wahla, tief errötend, »so muß ich mein Unglück zu tragen suchen; es kommt nur darauf an, ob ich ihn glücklich machen kann.« Sie blickten einander Aug' in Auge und sprachen kein Wort, und Rudolf legte ihre Hände ineinander, und so war auch diese Frage entschieden – die doch schon alle anderen Fragen vorher entschieden hatte –, gleich den übrigen durch Blick und Händedruck, wo das Wort versagte. Nach langer Pause sagte der Kaiser: »Jetzt aber will ich auch noch wissen, wie es mit meiner Wette steht. Werde ich sie gewinnen oder verlieren?« »Ihr werdet sie verlieren!« antwortete Günther, »und Walram wird sein Glück bei Hofe machen. Und doch würde Walram vermutlich nie an Euern Hof gekommen sein, wenn ich nicht vergangenen Herbst so töricht gehandelt und heute morgen so töricht gesprochen hätte und wenn mein Kaiser nicht so gnädig gegen mich gewesen wäre und wenn – – die Kette der kleinsten Ursachen ist endlos! Oh, mein Herr! diese Kette der kleinsten Ursachen, an denen unser ganzes Leben hängt, hat mich in der langen Haft manche lange schlaflose Nacht hindurch beschäftigt. Denn damals gewann ich zuerst Zeit und Ruhe, auf mein ganzes seltsames Leben zurückzublicken. Und dieses Leben, wenig nütze, wie es bisher war, wurde mir zum Gedicht; aber der Held des Gedichts war nicht ich, sondern ein Höherer! An einem roten Bündchen, dünn wie ein Faden, hing mein erstes, entscheidendes Lebensgeschick. Das Rätsel der unergründlichen Menschenseele war es, was der alten Husbeckin zur unrechten Zeit den Mund verschloß und zur unrechten Zeit öffnete. Ein Rätsel wird mir mein angeborenes Recht für immer bleiben. Ein Zufall war es, der mich auf dem Schlachtfelde von Worringen rettete, ein Zufall, der mich nach Rodineck führte. Das unergründliche Rätsel der Menschenseele war es, was mich Wahlas Liebe gewinnen ließ und mich in Verzweiflung stürzte. Eine Kette von Zufällen war es, die mich der Hand des Henkers entriß und in Eure Gunst brachte, ein Zufall, der Euch zur letzten Stunde, und doch nicht zu spät, auf Molsberg erscheinen ließ. Womit hatte ich so viele Schmach, womit so großes Glück verdient? – Aber eines war kein Zufall, eines stand mir über allen Rätseln: auch wenn ich ganz verzweifeln wollte und nirgends in der Welt die Gerechtigkeit sah, hatte ich doch die feste Zuversicht, daß sie sich bei Gott finden werde – diesseits oder jenseits! – ein Geheimnis für uns Sterbliche und doch eine tröstende, versöhnende Gewißheit. Und vor dieser Zuversicht der Gerechtigkeit Gottes, vor dieser Zuversicht, die da glaubet, was sie nicht sieht, verlieren die Rätsel dieser Welt ihr Grauen, die Rätsel unseres eigenen Lebens und Sterbens!« »Du stehst auf der Höhe des Glücks«, sprach der Kaiser, »und der Glückliche findet leicht den Glauben an die waltende Gerechtigkeit.« Dann trat er Gunther näher und sagte ganz leise: »Doch wenn dir heute noch deine geliebte Braut durch den Tod entrissen würde – der Zufall könnte es ja fügen –, würdest du auch dann in dieser schwersten Stunde jene Zuversicht behaupten, daß auch hier nur die Gerechtigkeit Gottes walte?« Gunther bebte zusammen. Nach kurzem Besinnen aber faßte er die Hand seiner Braut und die Hand des Kaisers und sprach: »Ich würde es! Wo wir gehen und stehen auf dieser Erde, wohin wir fliehen und wohin wir auch versinken mögen, wir bleiben doch immer – – unter dem Himmel.« Die Ganerben 1863 Im vierzehnten Jahrhundert gab es vier rheingauische Adelsfamilien, welche als Helmschmuck ihres Wappens ein Paar großer aufgereckter Eselsohren führten. Ein anderes Haus desselben Gaues trug den Esel wenigstens im Namen, es hieß die Eselwecke; und ein Rittergeschlecht des benachbarten Niederlahngaues zierte seinen Helm mit einem ganzen Eselskopf, das waren die Herren von Stein, deren letzter Sproß der große deutsche Staatsmann gewesen ist. Der Esel galt also jenen Altvordern keineswegs für ein so verächtliches Tier, ja man stritt um den Besitz zweier Eselsohren als Helmkleinod, wie wenn es Adlerflügel wären; man kaufte sich dergleichen ab, und noch hundert Jahre später erscheint eine Gräfin zu Birneburg auf ihrem Siegel gar mit einem Kopfputz von Eselsohren. Erst nachdem das Rittertum längst zu Grabe gegangen, stieß man sich an den langen Ohren, und gelehrte Leute verfaßten eigene Schutzschriften zur Rettung der heraldischen Esel und wiesen nach, wie fürchterlich der Streitruf des Esels klinge, wie bewundernswert seine Stärke, Ausdauer und Mäßigkeit sei, wie fest sein unbeugsamer Eigenwille, und erinnerten, daß schon Homer den Ajax und die Bibel den Erzvater Jakob im Gleichnis eines Esels gelehrt hätten. Vielleicht vergaßen jene Gelehrten dabei, daß es auch einen Esel gibt, der auf einem Katheder steht, nämlich im Wappenschilde der Stadt Bourges. Eine der obengedachten vier im Rheingau angesessenen Familien mit heraldischen Eselsohren waren die Ritter von Katzenelnbogen; sie gehörten, wiederum in vier Linien verzweigt, zum niederen Adel und dürfen nicht mit dem großen und berühmten Dynastengeschlechte der gleichnamigen Grafen verwechselt werden. Zwei von jenen Linien, die Knebel und die Kesselhute, besaßen neben ihren gauerbschaftlichen Rechten an der allen gemeinsamen Stammburg Alt-Katzenelnbogen zur Zeit unserer Geschichte auch noch ein burgliches Haus am Rheine gemeinsam, welches aus zwei selbständigen Flügeln bestand, die im oberen Geschosse durch einen bedeckten hölzernen Gang verbunden waren. Jeder dieser Flügel, von Grund aus fest und verteidigungsfähig, hatte sein eigenes Tor mit Zugbrücke. Doch waren beide Flügel nicht gleich: der rechte oder das »alte Haus« war kleiner und unbequemer, der linke, gewöhnlich der »neue Bau« genannt, gut um ein Drittel größer und weit wohnlicher angelegt. Im alten Hause wohnte Herr Wiprecht Kesselhut von Katzenelnbogen, ein Mann von fünfundzwanzig Jahren, im neuen Bau Herr Eberhard Knebel von Katzenelnbogen, ein Fünfziger. An den Toren des Doppelhauses hatte jeder dieser beiden Herren sein Wappen anschlagen lassen; es bestand bei beiden aus einem roten Schildlein in silbernem Felde und war nur durch das Beizeichen eines Ringes und eines Sternes unterschieden. Den Helmschmuck der Knebel bildeten zwei große Eselsohren, ein weißes und ein rotes; auf dem Helm des Kesselhut dagegen sah man nur ein weiß-rotes Eselsohr ins Profil gestellt. Über diesen Helmschmuck hatte es schon vielen Verdruß zwischen beiden gesetzt; denn der Kesselhut behauptete, ihm gebührten zwei Eselsohren ebensogut wie den Knebeln, seine Vorfahren hätten auch zwei geführt bis auf den Urgroßvater. Als dieser aber einmal in Geldbedrängnis geraten, seien ihm die Knebel nur unter der schimpflichen Bedingung beigesprungen, daß er fortan das eine Ohr von der Helmzier weglasse. Die Knebel dagegen erklärten jene Geschichte für eine Fabel und behaupteten, die Kesselhute hätten niemals das Kleinod der zwei Eselsohren besessen. So war also Anlaß zum Streite genug vorhanden, auch wenn die Gemeiner einer Burg nicht ohnedies gewöhnlich wie Hunde und Katzen miteinander gelebt hätten. Allein es lag auch der beste Weg des Ausgleichs und der Versöhnung offen. Herr Eberhard Knebel besaß eine Tochter, Riza, die mit dem jungen Wiprecht Kesselhut in freundschaftlichstem Jugendverkehr aufgewachsen war, unberührt von dem bald erloschenen, bald wieder aufflackernden Zwiste der Väter. Später hatte dann auch die Freundschaft der Kinder beide Familien so merklich nähergebracht, daß man kaum mehr von den Eselsohren sprach. Wiprecht, ein frischer, kühner Geselle, wußte sich dem Vater Rizas recht ins Herz zu schmeicheln, und als er zuletzt nach seines eigenen Vaters Tode ein selbständiger Herr geworden war, sah man die jungen Leute als zwei Verlobte an und dachte an baldige Heirat. Herr Eberhard konnte dann das angeblich abgevorteilte Eselsohr zu Rizas Mitgift fügen, daß sie es den Kesselhuten wieder auf den Helm brächte. Als man aber zum förmlichen Verlöbnis schreiten wollte, fiel Riza in tiefe Schwermut, bat wiederholt um Aufschub und erklärte zuletzt, zitternd und wie vom tiefsten inneren Kampfe zermalmt, sie habe Wiprecht lieb wie ihr Leben, allein sie könne ihn nicht heiraten. Wiprecht und der Vater bestürmten und drängten sie, den Grund zu sagen; Riza erklärte, er liege nur in dem Bewußtsein ihres eigenen Ungenügens, sie sei fest überzeugt, daß sie für Wiprechts Weib nicht ausreiche, daß sie ihn auf die Dauer nicht glücklich machen könne, und also sei es ehrlich und recht, daß sie beizeiten entsage, nicht weil sie ihn zu wenig, sondern vielmehr weil sie ihn über alle Maßen liebe. Und dies war auch der einzige Grund. Riza, ein schüchternes, in sich hinein grübelndes Wesen, hatte sich vor dem entscheidenden Schritte in schärfster Selbstschau geprüft. Sie war vier Jahre älter als Wiprecht, klein, unansehnlich und nichts weniger als schön; zaghaft im Verkehr mit anderen, brachte sie die Vorzüge ihres Geistes kaum je zur Geltung, und ihr bestes Teil, eine unendliche Herzensgüte, blieb ihr still verschlossenes Eigentum. Wiprecht dagegen war ein stolzer, schöner Mann, der gern nach außen glänzte, jederzeit bereit, voll ehrgeizigen Tatendurstes wild in die Welt hinauszustürmen. »Er braucht eine Frau, gleich stolz und schön«, sprach Riza zu sich selbst, »eine Frau, die ihm erst recht gefällt, weil alle Welt sie bewundert, dazu eine reiche Frau, und ich bin arm an Geld und Gut wie an jenen Vorzügen.« Der Jugendfreund redete ihr liebreich zu, allein da sie bei aller Bescheidenheit doch wieder zu stolz war, ihm alles rundheraus zu sagen, was sie über ihr Ungenügen dachte, so erschien ihm der großherzige Entschluß der Jungfrau zuletzt wie Grille und Eigensinn; er schwieg, trotzte, zog sich zurück und dachte nachgerade, der Verlust eines so wandelbaren Herzens sei wohl auch noch zu ertragen. Eine Liebe, die aus der Jugendfreundschaft ganz sachte hervorgewachsen ist, kann uns nicht wohl wie ein verzehrendes Feuer durchlodern, sie bewahrt die milde Natur ihres Ursprungs. Mit dem Ungestüm leidenschaftsvoller Liebe dagegen umfassen wir ein bis dahin fremdes Wesen; da steigert der Zauber des Neuen, Fernen, Rätselhaften die Begierde des Besitzes zur Fieberglut. Aber eine gelöste Jugendliebe kann dann auch wieder zur Freundschaft zurückkehren und stille, wie sie begann, unter der Asche fortglimmen. Die andere Liebe kann das nicht: sie brennt helleuchtend weiter, oder sie erlischt wieder ebenso gewaltsam, wie sie aufgelodert. Wiprecht und Riza wurden wieder gute Freunde, nachdem die ersten peinlichen Monate verstrichen waren. Aber es bestand ein großer Unterschied zwischen Freundin und Freund. Riza schwärmte sich zurück zur Freundschaft, weil sie der Liebe entsagen zu müssen glaubte; ihre Freundschaft war heimliche Liebe, so tief und selbstlos, daß sie um des Glückes des Geliebten willen auf Gegenliebe verzichtete. Wiprecht dagegen fühlte sich wirklich schlechthin nur als des Mädchens guter alter Freund und hatte genug daran. Nach dem damaligen Gang der Dinge mußte sich Wiprecht nun aber doch verheiraten: die Linie der Kesselhut hätte ja sonst gar erlöschen können! Ein volles Jahr, gleichsam das Trauerjahr für den gelösten Liebesbund, war vergangen, als er demgemäß um die Hand der Adelheid von Biegen warb, der Tochter eines uralten, stolzen, im Nidda- und Rheingaue wie im Königshundert reichbegüterten Hauses. Anfangs mit schlechtem Erfolg. Der alte Ritter Gottfried von Biegen wünschte sich einen reicheren und mächtigeren Mann zum Schwiegersohn als den Kesselhut, und Adelheid, die den schönen, stattlichen Wiprecht allerdings mit stillem Wohlgefallen betrachtete, hielt zurück, weil die Sage gar seltsame Dinge über Rizas Verzicht auf Wiprechts Hand berichtet hatte. Da legte sich Riza ins Mittel. Sie erkannte, daß Adelheid ganz die rechte Frau für ihren Wiprecht sei, sie überredete sich unter tausend Schmerzen, daß es jetzt gelte, die ganze Kraft ihrer heimlichen Liebe als eine treue Schwester zu bewähren, und ging selber zu Adelheid und erzählte ihr, aus welchem Grunde sie zurückgetreten und daß alles übrige, was die Leute von der Geschichte zu Wiprechts Nachteil redeten, Lüge sei. Sie ging noch weiter, sie warb für ihren Freund. Adelheid, aus ganz anderem Ton als Riza geformt, bewunderte eine Entsagung, welche sie nicht begriff, noch mehr aber bewunderte sie jetzt den Wiprecht, dessen überwältigende Vorzüge das arme Mädchen so ganz in sich selbst zurückgescheucht hatten. Sonst verliert ein Mann in den Augen der Frauen, wenn ihn eine andere verschmähte; Wiprecht aber gewann in den Augen Adelheids, weil er in so seltsamer Weise verschmäht werden konnte. Und nachdem Riza erst Adelheid überredet hatte, gelang es dieser dann auch, ihren Vater zu überreden. So ward Adelheid Wiprechts Gattin. Als dieser seine Braut heimführte, ging Riza zu fernab wohnenden Verwandten, nicht weil sie sich vor anderen, sondern vielmehr vor sich selbst verbergen mußte. Nach einem halben Jahre kehrte sie dann wieder zum Vater heim in das gemeinsame Haus. Anfangs konnte sie nur einen höchst dürftigen und befangenen Verkehr mit den jungen Eheleuten übers Herz bringen, später besuchten sie sich fleißig ab und zu nach guter Freunde Art. Viele Männer werden Rizas opferfreudige Liebe schwer begreifen, aber manches Frauengemüt wird das verzagte tapfere Mädchen um so besser verstehen. Und der Erzähler darf hier wohl auch an die Zeit erinnern, in welcher Riza lebte. Neben der rohesten Sinnenlust des Liebesrausches wucherte damals eine bis zur Unnatur vergeistigte Schwärmerei der Minne. Diese überzarte Minne dünkte manchen entweiht durch ein handgreifliches Ehebündnis, und sie glaubten etwas ganz besonders Gescheites zu tun, wenn sie einen Ehemann oder eine Ehefrau noch nebenbei so ledigerweise fortminneten. Rizas heimliche Liebe war freilich nicht von dieser tollen Art, und doch hatte sie einen Hauch der allzu vergeistigten mittelalterlichen Minne: sie war zu fein, um eine ganz gesunde, aber doch auch wieder zu menschlich, um eine ganz kranke Liebe zu sein. Adelheid brachte völlig neues Leben in Wiprechts »altes Haus«. Da mußte alles größer, prächtiger, stolzer eingerichtet werden, und der kleine Ritter mußte sich zeigen wie ein großer Herr. Täglich stachelte die junge Frau den Ehrgeiz ihres Gemahls, und da sie nicht bloß schön und reich, sondern auch geistvoll und wie zur Herrscherin geboren war, so beugte sie bald den sonst so trotzigen Mann unter ihren launischen Willen. Vorab aber ärgerte sie sich, daß die Kesselhute sollten ein minder stattlicher Zweig des Katzenelnbogischen Geschlechts sein als die drei anderen Linien. Das mußte anders werden. Ein Wahrzeichen der minder angesehenen Stellung ihres Mannes unter den Burggenossen von Katzenelnbogen war das eine Eselsohr auf dem Wappenhelm. Und kostete es, was es wolle, es mußten jetzt zwei möglichst große Eselsohren hinauf; das alte Wappen über dem Tore ward demgemäß heruntergenommen und ein neues also vermehrtes aufs festeste in die Mauer gefügt. Herr Eberhard Knebel tat Einsprache; es half nichts, das Wappen blieb stehen. Als weitere Antwort auf jene Einsprache brachte Wiprecht vielmehr noch einen ganzen Sack voll Beschwerden über verkürzte Rechte und aufgebürdete Lasten an dem Gemeinbesitz, durch welche die Kesselhute von den Knebeln fort und fort geschädigt worden seien. Die scharfsinnige Frau Adelheid hatte das alles aufgespürt und mit dem Eifer und der Kunst des besten Advokaten ans Licht gestellt. Eberhard aber wollte kein Wort hören, solange noch die angemaßte Helmzier über dem Tore prange. Der alte Hader war also in vollem Glanze zurückgekehrt, und nur Riza verhinderte, daß er alsbald in wirklicher Fehde sich Luft machte. Wie ein Friedensbote ging sie hin und her zwischen ihrem Vater und Wiprecht, die längst wieder allen persönlichen Verkehr abgebrochen hatten, und der Vater wagte doch nicht, dem Mädchen das Haus des Gegners zu verbieten; er betrachtete sie mit heiliger Scheu wie ein fremdartiges, rätselhaftes Wesen, das man ungestört seinen eigenen stillen Pfad müsse ziehen lassen, als eine Art Nonne, die man einzukleiden vergessen habe und die wohl immer noch zwischen den zwei Parteien Versöhnung predigen dürfe. Das wäre Riza auch einmal beinahe geglückt. Sie hatte in ihrer sanften, rührenden Weise Wiprecht schon bis zu dem Zugeständnisse gebracht, daß er die bestrittene Helmzier aufgeben wolle, wenn Eberhard gegen seine übrigen Ansprüche billig sei. Da erhob sich Adelheid und sprach: »Das wird die Tochter eines Ritters von Biegen niemals zugeben. Unser Haus streift nahe an den hohen Adel, und meine Vorfahren führten sogar ein Reitersiegel, und ich sollte das Weib eines Mannes sein, der nicht einmal ein paar Eselsohren führen darf? Mein Vater unterschreibt sich nicht bloß miles , sondern, wenn's ihm einfällt, auch »vir nobilis« , obgleich er nicht zu den Dynasten zählt; es ist aber nur ein kleiner Sprung bis dahin: er brauchte nur das Recht zu gewinnen, daß er die Worte umkehre und sich »nobilis vir« schriebe, so wäre er ein Dynast in allen Stücken, denn die Macht und den Reichtum eines solchen besitzt er schon längst. Und ich sollte einem Manne gehören, der zum Zeichen der Erniedrigung nur mit einem verstümmelten Kleinod seinen Helm schmücken dürfte?« Riza entgegnete: »Du denkst immer zuerst daran, daß du deines Vaters Tochter bist: ziemlicher wäre es, wenn du dich zuerst als deines Mannes Weib dächtest.« »Meinem Mann zu seinem Rechte zu verhelfen«, sprach Adelheid, »ist das erste, was ich als Frau bedenken muß.« »Deinen Mann glücklich zu machen, wäre deine erste Pflicht«, warf Riza ein, »und das Glück blüht selten dem starren Rechthaber!« Hiermit aber waren beide auf den Punkt gekommen, wo sie sich gegenseitig nicht mehr verstanden. Denn für Adelheid lag eben das Glück im Behaupten alter, im Gewinnen neuer Vorrechte und Ehren mit ihrem Manne und für ihren Mann, und Kampf und Streit auf dieser stolzen Bahn war ihr eher eine Lust als ein Herzeleid; für Riza dagegen war Glück die stille, friedliche Seelengemeinschaft mit dem Geliebten, und das Wetten und Ringen um äußere Ehren konnte den Frieden eines solchen Zusammenlebens überall nur trüben und verderben. So zerrann denn auch das Gespräch erfolglos, und nur Rizas versöhnlichem Sinne war es zu danken, daß es nicht das letzte Gespräch zwischen den beiden Frauen blieb. Noch am nämlichen Tage aber begann Adelheid mit ihren Dienerinnen sich ein Festgewand herzurichten, welches über und über mit gepaarten rot-weißen Eselsohren höchst kunstreich bestickt ward. Riza dagegen sann in ihrer Kammer nach, warum sich doch die Dinge so betrübend gewendet. Jenes äußere Glück, welches sie Wiprecht nicht geben konnte, mochte er bei Adelheid finden; aber vermißte er nicht dafür jenes still befriedigende innere Glück, welches sie ihm so wohl hätte bieten können? War denn das eine nur um den Preis des anderen zu erkaufen, und war das Opfer, welches sie Wiprecht durch ihre Entsagung gebracht, nicht am Ende gar die Quelle seines Unglückes? Unterdessen spielte der lustige und traurige Streit zwischen dem neuen Bau und dem alten Hause immer weiter. Weil die Herren einander zürnten, so neckten sich die Diener, aber die Neckerei war so grob, daß manchmal Blut floß; es war ein Vorpostengeplänkel, welches auf nahen ernstlichen Kampf deutete. Eberhards Knechte suchten das Wappen vom Tore des alten Hauses herunterzuschlagen, doch Wiprechts Leute hielten gute Wacht und schickten die Verwegenen mit Schlägen heim. Jeder Tag brachte einen ähnlichen Strauß. »Es wetterleuchtet immer stärker«, sprach Herr Wiprecht, »das Gewitter wird bald loskrachen.« Als sein Knappe einmal an dem kleinen Fenster stand, von wo man dem Nachbar auf zwanzig Schritt in ein ähnliches Fensterlein hineinsehen konnte, faltete er die beiden Zipfel seines Gewandes fein spitzig zusammen und hielt sie an den Kopf als das Abbild der bestrittenen Helmzier. Ein Manne Eberhards, der am anderen Fenster lauerte, warf zur Antwort einen Krug, der ihm gerade zur Hand stand, hinüber und warf den Knappen so gut, daß dieser erst nach geraumer Frist, den Kopf mit einem blutbefleckten weißen Tuche umwunden, wieder sichtbar ward. Die Leute Knebels meinten, wenn alle Kesselhuter die Tinkturen rot und weiß solchergestalt wollten obenauf gemalt haben, so seien sie bereit dazu. Zur Rache aber lauerte bald ein anderer vorsichtiger an dem Fensterlein des alten Hauses und schoß dem nächsten, der die Nase drüben herausstreckte, einen Pfeil entgegen. Man blieb den Dank mit gleicher Münze nicht schuldig, und so wurden zuletzt alle Fenster unsicher, die sich gegenseitig mit der Armbrust bestreichen ließen. Doch das waren, wie gesagt, nur kleine Neckereien der Diener. Zu offener Fehde der Herren kam es noch nicht. Da begegneten sich eines Tages die beiden Ritter ohne Zeugen im Walde. Wie auf Abrede hielt ein jeder sein Pferd an und sah dem anderen schweigend und trutzig ins Gesicht, als erwarte er, angeredet zu werden, aber keiner wollte dem anderen das erste Wort schenken. Herrn Eberhard ward die Zeit zu lang, also spornte er sein Pferd, um vorbeizureiten. Da dachte Herr Wiprecht, ein frischer Morgengruß schicke sich denn doch, und rief dem Alten echt rittermäßig zu: »Du Flegel!« Herr Eberhard mußte den Gruß etwas schief verstanden haben und schlug dem ehemals künftigen Tochtermann mit blanker Klinge einen rechten Prügelhieb auf die Schulter. Dieser verstand den flachen Hieb wieder schief, zog vom Leder und legte zu scharfen Streichen aus. Die Schwerter kreuzten sich. Aber es war wieder nur eine kleine Neckerei; ehe es zum ordentlichen Gefechte kam, gewann der kalte Zorn bei beiden die Oberhand; wie wenn sie's nur vorläufig einmal hätten probieren wollen, steckten sie die Schwerter wieder ein und ritten mit drohendem Schweigen auseinander. Noch an demselben Tage ließ Eberhard den hölzernen Verbindungsgang abbrechen, der sich vom oberen Geschosse des neuen Baues zum alten Hause hinüberbrückte; in der letzten Zeit hatte ihn freilich außer Riza niemand mehr betreten. Die Axtschläge dröhnten jetzt wie ein Donner in Rizas Ohr, und es war ihr, als stürze der ganze karge Rest ihres Lebensglückes mit den krachenden Balken in den Abgrund, als werde mit dieser Brücke auch der letzte schmale Pfad vernichtet, welcher noch zur Versöhnung zwischen den beiden Häusern führen konnte. Ihr Entschluß war rasch gefaßt. Zwei Tragbalken lagen noch über der schwindelnden Tiefe, und ohne Furcht schritt Riza hinüber, während es selbst den rohen Dienstmannen grauste, die staunend ihre Äxte sinken ließen. Auf der anderen Seite stand Wiprecht und betrachtete sich, an das Pförtchen gelehnt, welches zu dem Gange führte, das überraschende Werk der Zerstörung. Als er Riza so durch die Luft herüberkommen sah, übermannte es ihn, daß er ihr entgegensprang und sie mit beiden Armen umfaßte. Wie hätte ihr gutes Wort jetzt keine gute Statt finden sollen! Er hörte sie freundlich an, gestand, daß er heute morgen gefehlt und den Vater zuerst beleidigt habe, und nach mancher Hin- und Widerrede versprach er, alles im gegenwärtigen Stande beruhen zu lassen, bis man beiderseits ein Schiedsgericht gewählt habe, welches die schwebenden Streitfragen endgültig schlichten solle. Umgekehrt wie sonst leuchtete jetzt über Rizas Gesicht ein Schimmer der Freude und der Hoffnung auf bessere Zukunft, während Wiprecht wehmütig zurückdachte an die vergangenen Tage der Jugendfreundschaft. Aber es galt, den Augenblick festzuhalten und auszubeuten; Riza wollte schleunigst wieder zu ihrem Vater hinüber, daß sie auch seinen Sinn wendete. Da war während des Gespräches der eine der beiden Balken in den Abgrund gesunken, und nur der schmale Steg des anderen führte noch über die Tiefe. Das Mädchen hätte den sicheren Gang durchs Tor wählen können, aber sie fürchtete sich, Adelheid zu begegnen; alles hing am raschesten Festhalten des Augenblicks, und doch grauste es ihr jetzt vor dem schwindelnden Pfad über den einzigen Balken. Wiprecht erriet ihre Gedanken: er schritt frei und sicherer voran, reichte ihr dann von rückwärts die Hand und führte sie so zum elterlichen Hause hinüber. Mit Schrecken sah der Vater das Paar dieses Weges kommen. Doch die Angst macht mild, und schon der bloße Anblick einer Todesgefahr stimmt versöhnlich, und als ihm Wiprecht die rechte Hand darbot, während die linke noch in Rizas zitternder Rechten lag, schlug der Alte tief ergriffen ein, und die drei standen eine Weile schweigend mit ineinandergelegten Händen. So gewann zuerst der Friede das Feld, danach aber auch wieder der Streit; denn für eine bloße Rührung konnte der Knebel dem Kesselhut doch nicht das zweite Eselsohr schenken. Allein Wiprecht redete so freundlich und überzeugend, und der warme alte Ton tat dem Ohre Eberhards so wohl, daß er drauf und dran war, völligen Waffenstillstand und die Berufung an ein Schiedsgericht auch seinerseits zuzugeben. Da drang plötzlich ein Höllenlärm vom Tore des alten Hauses zu den friedfertigen Männern herauf. Wiprecht sah hinab, und ein Blick genügte, daß er den verblüfften Eberhard stehen ließ und mit grauenhaften Wagesprüngen über den Balken in sein Haus zurückstürzte. Der älteste Sohn Eberhards, Heinz, ein junger Hitzkopf, hatte nämlich kaum von der Grobheit gehört, die Wiprecht heute morgen seinem Vater ins Gesicht geworfen, als er sie auch schon auf eigene Faust zu rächen beschloß. Mit einer Handvoll verwegener Gesellen war er vor des Nachbars Tor gerückt und hatte die Helmzier des Wappens zertrümmert, bevor die Besatzung durch seine Hammerschläge zu spät herbeigerufen ward. Nun gab es zwar ein großes Geschrei und saftige Hiebe von beiden Seiten, aber das Ziel war erreicht, und Heinz zog sich schon wieder in des Vaters Burg zurück, als Wiprecht eben zum Tore herabgesprungen kam. Er konnte nur noch die vollendete Untat in Augenschein nehmen. Dieser Zwischenfall brachte das Friedenswerk wieder ganz zum Stillstande. Aber Rizas milde Worte tönten noch zu frisch in Wiprechts Ohren, das Bild des schwachen Mädchens, wie es todverachtend über die Balken schritt, stand vor seinem Blick, und Adelheid selbst ward von der Erzählung tief bewegt und billigte den Austrag durch ein Schiedsgericht, nur müsse vorher das Wappen am Tore, und zwar auf Eberhards Kosten, wieder erneuert werden. »Denn«, sagte sie, »ihr hattet schon ausbedungen, daß vorderhand alles im gegenwärtigen Stande bleiben solle, als Heinz das Wappen zerstörte; dieses also war stracks gegen die Abrede, und wer den Stein zusammenschlug, der soll ihn auch wiederherstellen, genau wie er früher war.« Eberhard gestand das Richtige dieses Satzes im allgemeinen zu und erbot sich zu jeder billigen Sühne, nur könne er das eine nicht, daß er selber dem Kesselhut zwei Eselsohren machen lasse; er wolle ihm eins, er wolle ihm sogar drei oder sechs Ohren auf den Helm setzen, nur nicht zwei. Wiprecht bestand auf dem richtigen Paar, und so verschwand denn wieder alle Friedensaussicht, obgleich beide ernstlich den Frieden begehrten. Riza war zum Tode betrübt über diesen Ausgang. Was sie recht gut machen wollte, das geriet immer gerade recht schlecht. Wäre sie nicht im heiligen Eifer über den Balken geschritten, sondern ganz ruhig und sicher die Treppe hinab, so würde sie ihrem Bruder am Tore begegnet sein, sie hätte ihn zurückhalten können, und er hätte nicht neues Unheil zum alten gehäuft. Wie aber der Gemütsmensch sein Hoffen gerne an irgendein Wahrzeichen knüpft, so bildete sich auch Riza ein, der Streit werde noch geschlichtet und alles zum besten Ende geführt werden, wenn nur der eine Balken fest stehenbleibe, im Bilde und in der Tat das einzige Bindeglied zwischen den beiden Häusern. Täglich war ihr erster Blick auf diesen Balken gerichtet. Eines Morgens aber schrak sie furchtbar zusammen: der Balken war fort! Wiprecht hatte ihn wegnehmen lassen, gleichsam zum letzten Trumpfe, da Eberhard auf sein Ansinnen wegen des Wappens nicht einging: – die Verhandlungen waren mit dem Balken endgültig abgebrochen. Riza grämte sich fast mehr über den verschwundenen Balken als über die stets weiter entrückte Aussicht auf Heil und Segen. Allein ein weiches Gemüt, welches so tief in sich zu grübeln und zu schwärmen versteht, kann zwar unendlich elender werden als härter gebildete Seelen, es findet aber auch in sich oft dann noch heimliche Quellen des Trostes, wenn jene ganz erstarren und kalt verzweifeln müssen. So ward Riza jetzt plötzlich wie von einem himmlischen Morgenrot neuer Hoffnungen erleuchtet, als ihr mitten im bittersten Kummer die Legende ihrer Namensheiligen, Sankt Rizas, der Tochter Ludwigs des Frommen, einfiel. Die heilige Riza wohnte Koblenz gegenüber und ging jeden Morgen zur Castorkirche in die Stadt. Fand sich aber kein Fährmann, so schritt sie ruhig und gottvertrauend über die Fluten des Rheines und kam immer trockenen Fußes an das jenseitige Ufer. Als aber einmal das Wasser, vom Sturme gepeitscht, wogte und brandete, ward es ihr angst, und sie nahm einen Wingertspfahl vom Ufer, um sich im Wogengetümmel darauf zu stützen; doch je fester sie sich auf den Pfahl stützte, desto tiefer sank sie. Da, als ihr das Wasser schon zum Halse ging, warf sie den Pfahl hinweg und stützte sich wieder ganz allein auf den Stab ihres Glaubens, daß der Herr sie dennoch nicht versinken lassen werde, und die Wellen hoben sie wieder empor, und sie schritt wie eine Siegerin über die rollenden Fluten. Riza – nicht die Heilige, sondern die Knebel von Katzenelnbogen – dachte: »Die Legende ist ganz besonders für mich geschrieben. Hinweg mit dem Balken, der mich trug und dennoch betrog! Ich habe mich bisher auf den Wingertspfahl des Menschenwitzes gestützt und bin immer tiefer gesunken. Mein Witz ist zu Ende. Und doch glaube ich nun erst recht, daß Gott mir helfen werde und daß ich das Opfer meiner Liebe nicht dem Geliebten zum Fluch gebracht habe. Jeden Morgen in die Kirche zu gehen, ist wohl löblich, aber die heilige Riza hätte auch einmal zu Hause bleiben können, wenn es so arg stürmte, und doch wehrte der Herr den Wellen, daß sie das Mädchen verschlängen, bloß wegen ihres Gottvertrauens. Mein Fall ist viel wichtiger, und die Flut tobt weit wilder noch: darum wird die heilige Riza mir, ihrer unheiligen Schwester, auch ein Stück ihres Glaubens geben, und wenn sie für sich den Weg über die Wellen erbeten konnte, so kann sie's auch für mich.« In solchen Gedanken ward Riza wieder ruhig. Statt des verlorenen Wahrzeichens, statt ihres Balkens, hatte sie in der Legende ein neues tiefsinnigeres Zeichen gefunden. Und dessen bedurfte sie jetzt doppelt. Denn die Dinge standen in der Tat so schlecht, daß sie für ihre Liebe nichts weiter mehr tun konnte, als zu glauben und zu hoffen. Während aber Riza schwärmte und Zeichen deutete, sann Adelheids männlicher Geist, wie sie aus der neuen Verwickelung neuen und greifbaren Vorteil für ihren Mann zöge. Von der zerschlagenen Helmzier sprach sie vorläufig gar nicht mehr; die Eselsohren waren ihr immer nur Mittel zum Zweck gewesen, und sie erblickte jetzt einen viel geraderen Weg für ihre Zwecke. Herr Eberhard Knebel hatte eigenmächtig den Brückengang zerstört; das durfte er nach Vertrag und Herkommen nicht: alle Bauveränderungen am Gesamthause mußten gemeinsam beschlossen und darum auch alle Baulasten gemeinsam getragen werden. Aber gerade dies war der stolzen Frau Adelheid in innerster Seele zuwider, daß sie sich für immer angekettet sah an diese Knebel, abhängig von ihnen, eingeschnürt in ihrem freien Willen, und nur darum hielt sie so eisern fest an dem bestrittenen Eselsohr, weil sie den Knebeln nicht zugestand, in solchen Dingen mitzureden. War doch diese Linie nicht einmal nachweislich verwandt mit den Kesselhuten! Sie führte nur den gemeinsamen Namen wegen der gemeinsamen Burgmannschaft, und nur als Mit-Ganerben auf Alt-Katzenelnbogen wie in dem Hause am Rhein konnten die Knebel den Kesselhuten in irgend etwas Einsprache tun. Jene »verdammten Verträge« über das Gesamthaus hatte Eberhard zu zerreißen begonnen, als er eigenmächtig den ersten Axthieb wider den Brückengang befahl. Also bestimmte Adelheid ihren Mann, daß er den einzigen Balken, welchen Eberhard stehengelassen, nun gerade seinerseits hinabwerfen ließ, zum Zeichen, daß auch er nach dem Willen des anderen Hausgenossen nichts mehr frage. Doch man mußte deutlicher reden; Herr Knebel hätte ja sonst meinen können, der Kesselhut habe nur das von ihm begonnene Werk freiwillig vollendet. Der Anlaß fand sich bald. Ein junger Taugenichts, Dietmar von Haftel, trieb sich damals in der Gegend umher und war froh, wenn ihm eine oder die andere milde Seele zeitweilig einen sicheren Unterschlupf bot. Denn er hatte mehrere Ritter und Städte mit frechem Mutwillen geschädigt und deshalb hier und da Schläge zu erwarten, besaß auch keine Burg, in welcher er sich selbst hätte sichern können, sondern nannte außer seiner Frechheit, seinem Raufdegen und seinem alten Namen überhaupt nichts sein eigen und war also, alles zusammengenommen, ganz genau, was wir auf neuhochdeutsch einen adligen Lump nennen. Eberhard Knebel gehörte zu den Widersachern und Verfolgern dieses Dietmar; der alte Ritter von Biegen dagegen, Adelheids Vater, hatte ihm schon öfters – aus welchem Grunde, steht urkundlich nicht ganz fest – die Stange gehalten. Adelheid beredete darum ihren Mann, den Dietmar in das alte Haus aufzunehmen, und natürlich protestierte Eberhard sofort feierlichst und erklärte, das sei ein Bruch alles Rechtes und Herkommens, den er nicht dulde; denn keiner der beiden Hausgenossen dürfe einen Fremden aufnehmen gegen des anderen Wissen und Willen. Wiprecht ließ dagegen dem Knebel hinübersagen, Recht und Herkommen seien ja von ihm selbst zuerst aufgehoben worden, indem er den Brückengang eigenmächtig abgebrochen: er, Wiprecht Kesselhut, gehe jetzt nur auf dem Wege weiter, welchen ihm Herr Eberhard Knebel angezeigt. So hatte Adelheid erreicht, was sie wollte; die Verträge waren beiderseits zerrissen, und nur der offene Kampf konnte noch entscheiden. Ein jeder verschanzte sich demnach in seinem Bau und sann auf Angriff und Gegenwehr. Nun ritt Dietmar von Haftel einmal vors Tor, um frische Luft zu schöpfen. Heinz, der Sohn Eberhards, sah es, sprengte ihm nach, erreichte ihn und griff ihn wütend an: der Unheilstifter sollte fallen oder sich gefangengeben. Allein Dietmar, ein Raufer und Schläger ersten Ranges, bedeckte den jungen Hitzkopf mit so ungeahnten Püffen, daß dieser bald vom Angriff zur Verteidigung übergehen und sich zuletzt, aus drei Wunden blutend, dem Dietmar gar gefangengeben mußte, der ihn im Triumph zu seinem Freunde Wiprecht heimführte. Im alten Hause ward dann Heinz in festen Gewahrsam gesetzt als ein kostbares Unterpfand für den guten Ausgang der Fehde. Kaum war die Unglückskunde in den neuen Bau gedrungen, so rief Eberhard auch schon alle seine Mannschaft zu den Waffen, um sofort das Tor des alten Hauses zu stürmen und den Sohn wieder zu befreien. Wiprecht hatte einen solchen allgemeinen Angriff schon lange erwartet und für diesen Fall eine Kriegslist vorbereitet, welche die rastlos helfende und schürende Adelheid ausgedacht. Er teilte nämlich seine Leute in zwei ungleiche Haufen und stellte den kleineren unter Dietmars Befehl zur Verteidigung des stark befestigten Tores; den größeren aber hielt er unter seiner eigenen Führung zurück. Als nun Eberhard mit all seiner Macht wider das Tor stürmte, fiel Wiprecht mit seiner Schar zur Hinterpforte aus, erkletterte auf bereitgehaltenen Leitern das obere Geschoß des neuen Baues und nahm die wenigen Leute, welche Eberhard zurückgelassen, gefangen. So sahen sich die Stürmenden am Tore des alten Hauses plötzlich aus den Fenstern ihrer eigenen Burg angegriffen und gerieten in einen Kreuzhagel von Steinen und Geschossen, der sie bald zum Rückzuge zwang. Allein in die eigene Burg konnten sie nicht wieder zurück; das von Wiprechts eingedrungenen Leuten wohlbewachte Tor sperrte ihnen jetzt um so sicherer den Eingang, je stärker es Herr Eberhard selbst befestigt hatte. Er war aus seinem Hause ausgeschlossen. Zwar versuchte er noch einen Angriff auf seine eigene Feste, doch umsonst. Er wollte dann wenigstens die Verbindung der beiden Häuser abschneiden, so daß Wiprecht nicht mehr in das alte Haus hätte zurückkehren können; hierzu war aber seine Mannschaft viel zu gering. Zähneknirschend mußte er abziehen und bei guten Freunden Hilfe suchen, indes ihm Wiprechts Leute von den Zinnen seiner eigenen Burg nachhöhnten, und sie hatten dazu noch die Blechhauben mit armslangen roten und weißen Eselsohren geschmückt. Wiprecht nützte die kurze Frist, welche ihm Eberhards Abzug gönnte, um den hölzernen Brückengang zwischen dem Obergeschosse der beiden Häuser wiederherzustellen und dadurch eine gemeinsame Verteidigung des Gesamtbaues zu ermöglichen. Riza sah mit geheimer Freude, wie sich aufs neue verbindend die Balken fügten. So seltsam ist des Menschen Herz! Ihr alter Aberglaube an das gute Wahrzeichen gewann wieder Kraft, und obgleich das Spiel immer schlechter stand, klammerte sich ihre Hoffnung nur um so fester an den Strohhalm dieser Balken! Sie war Wiprechts Gefangene; doch ließ er sie ganz frei gewähren. Da sie aber fort und fort das alte Lied sang und ihn beschwor, auch jetzt noch die Versöhnung mit dem Vater zu suchen, so ging er ihr aus dem Wege. Aber auch bei ihm zeigte es sich, wie seltsam des Menschen Herz ist: obgleich er mit Adelheid im Vollgefühl des Sieges schwelgte, fühlte er sich doch elender als je, und obgleich er Riza mied und fürchtete, sehnte er sich doch insgeheim zurück nach der stillen, schüchternen Jugendfreundin. Wenn nur auch alles andere so still und friedlich wie damals gewesen wäre! Nach wenigen Tagen geschah, was man hatte erwarten müssen: Eberhard, durch seine Freunde mit großer Macht verstärkt, rückte vor das Haus und begann es in aller Form zu belagern. Er fand verzweifelten Widerstand. Den hatte er aber vorausgesehen und demgemäß so zahlreiche Mannschaft herangezogen, daß das Haus dennoch fallen mußte. Die Besatzung war viel zu schwach, um sich auf allen angegriffenen Punkten dauernd mit gleichem Nachdruck verteidigen zu können. Riza beobachtete aus ihrem Kammerfenster den wilden Kampf; aber noch wilder wühlte der Kampf in ihrem eigenen Herzen. Sie sah, wie Wiprecht am Tore des väterlichen Hauses gegen ihren Vater focht; sie sah, wie an dem anderen Tore Dietmar die Abwehr leitete und wie dort auch Adelheid mit Helm und Schwert unter den Streitern erschien. Die Belagerer drangen da drüben immer übermächtiger vor, sie gewannen die äußere Pforte, sie ließen die Zugbrücke über den Graben nieder; Dietmar floh, aber Adelheid befeuerte ihr kleines Häuflein aufs neue und trieb es vorwärts auf die Brücke. Dort entspann sich ein wirres Handgemenge, Adelheids Leute wurden niedergehauen oder ins Haus zurückgejagt; die Stürmenden schlugen dem Weibe, das allein nicht weichen wollte, die Waffe aus der Hand, rohe Knechte fielen über sie her und mißhandelten sie so empörend, daß Riza es nicht länger ansehen konnte. Sie warf nur noch einen Blick nach Wiprecht und dem Vater: dort stand eben der Kampf auf eine Weile still, als ob beide Parteien sich verschnaufen müßten. Da überwältigte sie ihr gutes Herz, und wenn sie schon diese Adelheid haßte mit der ganzen Glut gerechten Zornes, eilte sie doch auf den Brückengang und hinüber, um wenigstens der rohen Gewalttat zu wehren, welche ihres Vaters Leute an dem entwaffneten Weibe übten. Und es gelang ihr. Die Peiniger wichen betroffen zurück und brachten Adelheid ohne weiteren Mutwillen in guten Gewahrsam, indes gleichzeitig Rizas Bruder seines Kerkers ledig ward. Während der kurzen Frist dieses Vorganges hatte sich aber auch am anderen Tore der Kampf unerwartet schnell entschieden. Das Tor ward erstürmt. Wiprecht floh fechtend in das Innere des Hauses, und obgleich sich Eberhard den jungen Mann ganz besonders zum Gegner ausersah und ihm gar zu gerne das zweite Eselsohr vom Helme heruntergeschlagen hätte, so verlor er ihn doch im Gedränge. Es glückte Wiprecht, den oberen Stock zu erreichen; die Niederlage Dietmars war ihm noch unbekannt, darum eilte er zu dem Brückengang: dort konnte er sich gegen Dutzende wehren, Dietmar konnte ihm Hilfe bringen. Aber an der Pforte des Ganges ward er hinterrücks von jenen Leuten Eberhards überfallen, die er selber bei seinem Überfall des neuen Baues jüngst zu Gefangenen gemacht. Sie hatten sich während des Sturmes befreit, und Wiprecht war die erste Beute, welche ihrer Wut unter die Hände kam. »Er hat unseren Ritter aus seinem Hause geworfen«, brüllte einer, »werft ihn jetzt wieder hinaus, wo er damals hereingestiegen ist.« Die anderen jubelten Beifall, schleppten Wiprecht auf den Brückengang und warfen ihn hinab in den Graben. So hatte Riza die Adelheid gerettet und darüber ihren Wiprecht verloren; wäre sie nicht gar zu großherzig gewesen und vorhin stehengeblieben, wo sie stand, so würde es wohl umgekehrt gegangen sein. Zwar lebte Wiprecht noch, als man ihn aus dem Graben hob, allein es schien nicht, daß er den Tag überdauern werde. Riza taumelte umher wie eine Fieberkranke, sie verstand die Siegesfreude der Ihrigen nicht, noch den Ärger derselben, daß gerade der Hauptspitzbube, daß Dietmar von Haftel allein entkommen sei; sie hatte nur einen klaren Gedanken: sie wollte bei Wiprecht sein, ihn pflegen, ihn retten, und wenn sie selber ins Grab steigen müßte, um ihn bei dem unerbittlichen Tode auszulösen. Mit großer Mühe erlangte sie's endlich von ihrem Vater, daß sie dem sterbenden Manne in seinen Schmerzen beistehen durfte. In sinnloser Hast wollte sie geradeaus über den Brückengang zum alten Hause eilen, denn man hatte Wiprecht dorthin gebracht. Aber sie prallte zurück, als sie den Fuß auf die Balken setzte: die Brücke, an welche sich ihr Hoffen so abergläubisch klammerte, stand wieder fest wie vordem, und – Wiprecht war von den Balken, die er selber neu gefestet, in den Abgrund gestürzt worden! Riza konnte nicht über die gräßliche Brücke gehen; sie wankte auf dem Umwege die Treppe hinab. Wiprecht lag in einer schweren Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam und Riza neben dem Bette sitzen sah, blickte er sie lange mit mildem Auge an, und als sie endlich fragte, wie es ihm gehe, erwiderte er: »Gut und besser als seit Jahr und Tag, denn die wüste Geschichte mit den Eselsohren ist zu Ende. Ich will jetzt wieder ruhig werden und deinen Friedensworten folgen und Adelheid muß es gleichfalls, sie mag wollen oder nicht.« Riza merkte mit heimlichem Schauer, daß Wiprecht doch nicht ganz bei klaren Sinnen sei und daß er nicht ahne, wie nahe der Tod an seinem Lager stand. Sollte sie ihn an das Ende mahnen? Es war kein Priester zur Hand; sollte sie ihn vorbereiten und seine Beichte hören? Aber was er eben gesprochen und in noch tieferen, verwandten Worten weiter sprach, das war ja auch eine Beichte! Und sie dachte, wenn er mit so guten Gedanken hinüberschlummere, nicht ahnend, daß er eben jetzt sterben müsse, so sei das auch gut gestorben und besser, als wenn er sich mit Todesgedanken martere; sei er einmal wirklich tot, dann werde er auch schon frühe genug erfahren, daß er gestorben sei. Aus allen Reden des Sterbenden leuchtete aber hervor, wie lieb er Riza doch immer im stillen Sinne gehabt und wie die Einkehr bei ihr ein echteres Glück ihm geboten als der Rausch des Ehrgeizes, welchen er mit Adelheid durchgeschwärmt. Es war ein verhülltes, unbewußtes Liebesgeständnis ganz eigener Art, so dämmernd, wie auch Rizas zagende Liebe lange Zeit gewesen war. Rizas Liebe hatte ihr Zagen sieghaft überwachsen, als es zu spät war und Wiprecht bereits an Adelheids Hand dem Untergang entgegenstürmte; Wiprechts Liebe sprach sich zum erstenmal deutlich aus, als seine halbwache Seele bereits zum Tode hinüberträumte. Und dennoch war diese Aussprache deutlich. In letzten und höchsten Nöten fallen oft plötzlich die Schleier unseres Geistes, und was jetzt in Wiprechts Worten sich kundgab, das war seines innersten Wesens eigenster und bester Teil. Aber auch der Jungfrau fielen endlich die Schuppen von den Augen, und indes Wiprecht laut beichtete, legte sie sich eine ganz neue Beichte im stillen ab. Nur war dieses ihr Selbstgeständnis unendlich schmerzhafter. Denn während Wiprecht eben seine Schuld mit der baren Sühne des Todes büßte, gab ihm die Gnade des unsichtbaren Richters Linderung in dem klaren Wiedererfassen des verlorenen Glückes; Riza dagegen erkannte um so schmerzvoller ihre Schuld, je seliger sie andererseits das Bewußtsein machte, daß ihre stille Liebe nun doch den Sieg der stillen Gegenliebe gewonnen. Ganz außerordentliche Dinge gingen ihrem Verstande auf, und doch waren es nur Dinge, die ein gewöhnlicher Mensch längst mit Händen gegriffen hätte. Sie hatte vordem sich selbst erforscht bis zur Vernichtung alles Selbstvertrauens, aber die anderen Menschen, die Welt hatte sie nicht erforscht, und so stürzte sie sich und ihren Geliebten doch nur ins Elend durch ihre qualvolle Selbsterkenntnis. Jetzt erst sah sie ein, daß man einen ungestümen jungen Mann nicht so unterderhand lieben und leiten könne von der Ferne her – und sei es auch nur auf zwanzig Fuß über eine hölzerne Brücke hinüber –, vorab wenn eine Frau wie Adelheid ihm zur Seite stand. Ihr gutes Herz war überall voran gewesen, darum war die kluge Tat überall zu spät gekommen. Sie hatte ihr Glück geopfert, um den geliebten Mann glücklicher als glücklich zu machen, und in der Schwärmerei dieses Gedankens hatte sie den süßen Schmerz des Opfers ertragen gelernt. Jetzt zerrann diese Schwärmerei wie ein Nebel, die Wahrheit stand vor ihrem Auge: sie waren beide gleich elend geworden. Wäre Wiprechts Sterbestunde nicht doch so schön gewesen, verklärt von dem Schimmer der Liebe, so würde sie den Schmerz ihres Opfers nicht ertragen haben. Jetzt aber war ihr diese bittere Stunde selbst wie eine unverdiente Gnade; sie hätte die Stunde festhalten mögen für immer, aber die Stunde lief ab: Wiprecht starb, indem er, Adelheids und der Eselsohren gänzlich vergessend, ein neues Leben der Liebe und des Friedens glaubte wiedergewonnen zu haben. Als Riza noch weinend bei der Leiche saß, trat Adelheid ins Zimmer. Sie ergriff Riza bei der Hand und blickte dem Toten lange schweigend in das versöhnte Antlitz; ihr Auge blieb trocken, doch in ihren Zügen arbeitete es mächtig. Endlich sprach sie zu Riza: »Das Recht stand auf unserer Seite, das Glück auf der Seite deines Vaters. Ich habe getan, was ich mir und meinem Manne schuldig war!« Mit diesen Worten verließ sie das Gemach, ohne Zweifel vor sich selbst gerechtfertigt, indes die arme Riza, von Selbstanklagen übermannt, zurückblieb. Adelheid ging später in das Kloster Rupertsberg und ward Nonne. Was hätte sie auch anders tun sollen? Ihre Rolle war ausgespielt, also trat sie ab von der Bühne. Riza dagegen, welche ihr Vater so oft schon eine Nonne genannt, die man einzukleiden vergessen, blieb starken Mutes zu Hause. Sie sprach, als sie von Adelheids Schritt Kunde bekam: »Es wäre mir zwar auch bequem, ins Kloster zu gehen, denn ich leide an einem Herzfehler und gedeihe darum nicht recht in dieser Welt. Ein Arzt erzählte mir, es gebe Leute, die ein zu großes Herz haben, so groß, daß es zuletzt alles andere überwuchert und dem armen Kranken bis zum Halse herauf schlägt. Diese Krankheit scheint auch mir angeboren zu sein. Allein sie ist unheilbar; also suche ich auch nicht das Spital eines Klosters. Ich will bei meinem Vater bleiben, der meiner Pflege für seine alten Tage bedarf.« Das tat sie denn auch; und Leute, die ihr stilles, liebevolles Walten gesehen und dazu auch etwa ahnten, was sie alles verschwiegen in der Seele trug, sagten, es sei fast schade, daß es schon eine alte heilige Riza gebe; säße die nicht fest auf ihrem Platze, so könnte man auch die Riza Knebel von Katzenelnbogen zur heiligen Riza machen, obgleich sie nicht ins Kloster gewollt, sondern sich lediglich aus dem profanen Grund wie eine Büßerin quäle, weil sie bei der Brautwerbung eines heißgeliebten Mannes sich nicht getraut habe, Ja zu sagen. Damals wie heute 1881 I. Am oberen Rande des Bodensees erhebt sich langgestreckt der Bergzug des Pfänders, und hoch auf einem seiner steilsten Vorsprünge thront die Ruggburg seitab der Straße, welche über Bregenz nach Chur und über den Splügen nach Italien führt. Die Burg, ein Lehen der Grafen von Montfort, lag aus dem Wege und aus der Welt, und doch blickte man von ihren Zinnen so weit hinein in die Welt und auf die verschlungenen Pfade der Menschen, hinüber zum Wellenmeer der Alpengipfel und auf den See, auf Schlösser und Klöster, Städte und Dörfer mit all ihrem wimmelnden Leben. Der blaue Morgenhimmel wölbte sich wolkenlos über der Burg; im reinen Äther schwebend, ruhte ein Adler hoch über dem Turme, und die Burg mit ihrem Turm ruhte selbst so still und einsam auf dem Felsen wie der Adler in den Lüften. Es war ein Sonntagmorgen im Mai. Die Burg schien verlassen, man hörte droben keinen Laut; der Wald in den Schluchten rechts und links schwieg wie zur Sonntagsfeier, kein Windhauch bewegte die Wipfel, nur die Glocken von Lindau hallten leise fernher über den spiegelglatten See zur Burg herauf. Am Fenster der Kemenate saß Irmgart, die Tochter des Burgherrn. Sie las in einem kleinen Buche, kaum so groß wie ihre zierliche Hand; es war kein Gebetbuch, sondern »ein Puechlein Lieder« – das heißt Liebeslieder. Irmgart konnte gut lesen, ganz ohne zu buchstabieren, und etwas mehr als ihren Namen schreiben; sie war die einzige auf der Ruggburg, welche diese schweren Künste verstand, die man damals – im Jahre 1340 – noch »pfäffische Künste« nannte. Sie las die Lieder jedoch nicht bloß mit dem Auge still für sich, sie sang sie zugleich leise, halb rezitierend, halb im melodischen Volksliederton, und ihre Stimme klang gar süß und rein, da sie so träumend vor sich hin sang: »Svâ sich liep ze liebe zweiet, hôhen muot diu liebe gît, in der beider herzen meiet ez mit vreuden alle zît.« Diese Strophe wiederholte sie zum öfteren, immer leiser, immer langsamer, als würden die Töne von der überquellenden Empfindung aufgesogen, und dachte dabei: wenn ich doch selbst so schöne Verse machen könnte wie dieser Ulrich von Liechtenstein! Ein zwanzigjähriges Mädchen, das so träumerisch sang, »wie's in beider Herzen maiet, wenn sich Lieb' zu Liebe fügt«, mußte wohl selber lieben und ohne Zweifel unglücklich lieben. Allein Irmgart war vorerst bloß eine unglückliche Dichterin, sie kannte die Liebe noch nicht. Zur Liebe gehört auch ein Geliebter. Es war ihr aber noch kein Mann begegnet, der auch nur die glimmende, geschweige die lodernde Glut der Leidenschaft in ihr entzündet hätte. Dennoch ahnte sie die Liebe, weil sie die Liebe zu singen suchte. Sie sah das Bild des Jünglings deutlich vor Augen, dem sie ihr Herz schenken wollte und mußte; sie war in Qualen selig, daß ihr dieses Bild zerrann, indem sie es recht klar zu erfassen trachtete; sie schwelgte in Opfergedanken für ein Wesen, welches nur ihre eigene Einbildung geschaffen hatte. Und ist es viel anders, wenn solch ein Wesen leibhaftig vor uns steht? Opfern wir uns da am Ende nicht auch wohl einem Gebilde, welches wir uns selbst in unserer Einbildung geschaffen haben? Leben und lieben wir doch allüberall unser bestes Teil in der Einbildung! Zwei Freier hatten bereits um Irmgarts Hand geworben und waren beide sehr artig heimgeschickt worden; der eine, weil er ihr zu fein, der andere, weil er ihr zu grob dünkte. Keiner von beiden war auch nur des schlechtesten Verses wert gewesen. Und doch hätte sie nicht nein zu sagen gewagt, wenn es ihr der Vater nicht vorgesagt hätte. Der Vater war nicht nur ihr Vormund, sondern auch ihre Vorsehung; er lenkte ihre Gefühle und Gedanken so gut wie ihr äußeres Leben. Das einsame Kind fand dies so natürlich, daß sie gar nicht weiter darüber nachdachte. Es konnte ja nicht anders sein, und sie liebte ihren greisen Vater so innig. War er doch für sie, die Mutter- und Geschwisterlose, der einzige Freund und Berater. Die beiden Freier hatten Irmgart nicht gefallen, weil sie ihrem Vater nicht gefallen hatten. Er aber meinte, die heutige Jugend tauge überhaupt nichts – seine Tochter ausgenommen –, und wenn die Jugend schlechter geworden, dann sei auch die ganze Zeit schlecht. Das Rittertum, so urteilte der alte Ruggburger, entartet zum Räubertum, die Kampfspiele zu Raufspielen, die Minnesänger zu Minnegecken, die nicht um Huld, sondern um Geld werben, die frommen Mönche sind faule Mönche geworden, und die ehrlichen Bürger und Bauern begehrliche Bürger und Bauern. Fragte darauf Irmgart, ob es denn besser gewesen sei vor fünfzig Jahren, als er geradeso alt war wie sie zur Zeit – schöne zwanzig Jahre alt! – denn er zählte bereits siebzig, die minder schön sind, – so antwortete er: »Freilich! Vor fünfzig Jahren war es etwas besser und viel besser vor zweimal fünfzig und am allerbesten vor dreimal fünfzig Jahren. Damals, als meines Urgroßvaters Vater jung war und Friedrich Rotbart im Reiche waltete, damals war die allerbeste Zeit.« Irmgart wurde sehr betrübt, daß sie zufällig in eine so schlechte Zeit geraten war und nicht gleichzeitig mit der Großmutter ihrer Urgroßmutter in den Windeln gelegen hatte. Die beste Welt lag in grauer Vergangenheit, und der Geliebte, welcher sie allenfalls darüber hätte trösten können, schwebte in blauer Zukunft. Darum suchte sie sich zunächst einen anderen Trost – im Lied und Gesang. Ihr Vater war aufgewachsen, von Heldensagen und Minneliedern umrauscht; der volle Nachklang jener älteren sangesreichen Ritterszeit, deren Untergang er beklagte, hatte seine Jugend durchhallt; er selbst hatte schön gesungen und bewahrte den reichsten Liederschatz im treuen Gedächtnis. Allein das waren nur alte Lieder, das jüngste zählte etwa hundert Jahre; die neuen Lieder – so! sagte der Ritter – taugen alle miteinander nichts. Irmgart konnte nicht widersprechen, auch wenn sie's hätte wagen wollen; denn sie hatte ein neues Lied weder gehört noch gelesen. Dergleichen Ware durfte durchaus nicht zum Tore der Ruggburg herein. Trotzdem gelüstete sie's gewaltig nach dieser verbotenen Frucht, die ihr sehr süß dünkte, und da sie keine neuen Lieder eines fremden Sängers hörte, so machte sie sich ganz heimlich ihre eigenen, und die waren doch sicher jedesmal die allerneuesten. Allein die Verse mißlangen ihr grausam, und die Melodie geriet noch weniger, und was das schlimmste: wenn ihr das neue Lied heute gefallen hatte, so fand sie es morgen ganz abscheulich – und dieses Schlimmste war doch eigentlich das Beste an der ganzen Sache. Sie grübelte und brütete oftmals über den Grund ihres Mißlingens und kam zuletzt zu der qualvollen Frage, ob derselbe nicht wohl darin liege, daß sie ein Mädchen sei und kein Junge. Den Frauen war die Kraft des männlichen Armes versagt, sollte ihnen auch die Kraft des männlichen Geistes versagt sein? Sie wurde ganz wild und wütend über diesen Gedanken, konnte ihn aber doch nicht loswerden, denn sie hatte zwar schon von zahllosen Minnesängern gehört, aber niemals von einer einzigen Minnesängen«. Der Vater wußte sonst um all ihr Tun und Sinnen, nur von ihren Versen wußte er nichts; er ahnte entfernt nichts von ihrem rastlosen, geheimen Ringen nach gereimten Versen und nebenbei auch nach ungereimter Liebe, die sich nicht einmal dem Verse fügen wollte. Öfters schwebte ihr die Frage auf den Lippen, ob es denn zu der Urgroßmutter Zeiten nicht auch Damen gegeben habe, die Lieder erfunden hätten. Aber sie schämte sich zu fragen und errötete beim bloßen Vorsatz. Eine verdorbene Welt, ungeratene Verse, zielloses Liebessehnen und vollends der Zweifel, ob die Frauen wohl gar nur halbgeratene Menschen seien neben den vollkommenen Männern, – das stimmte traurig zusammen, zumal in den engen, dunklen Stuben der einsamen Burg. Und doch war das schöne Mädchen auch wiederum so frisch und wohlgemut, wie man's nur immer mit zwanzig Jahren sein mag. Und als sie in der heiligen Stille des Sonntagmorgens jene Verse Ulrich von Liechtensteins vor sich hin sang, die zwar erst achtzig Jahre alt waren, aber doch immer noch weit schöner wie ihre eigenen und aus den schmalen Fensterscharten der dunklen Stube bald hinab ins Tannengrün, bald hinaus auf den weiten Spiegel des blauen Sees blickte, da kam ihr die Erde so schön vor und die Menschen so gut und rein. Und die Erde wird ja immer schöner, – je mehr man sie von weitem betrachtet; und die Menschen sind ja so gut und rein, – wenn man sie recht aus der Ferne sieht. II. Im ganzen Lande weit und breit erzählten sich die Leute die seltsamsten Dinge von dem alten Ruggburger und seiner schönen Tochter. Wir brauchen nur unsere eigenen Wege zu gehen, so heftet sich die Sage an unsere Sohlen, und wir brauchen nur unsere eigenen Gedanken zu haben, so dichten andere Leute ihre eigenen Lügen dazu. Also hieß es denn von Bregenz bis Konstanz: Ritter Albo von der Ruggburg lebe und verkehre nur mit den Toten, und da die alte Zeit viel besser gewesen als die neue, so glaube er sich stets in der besten Gesellschaft. An hohen Festtagen halte er große Turniere in seinem kleinen Burghof. Da fechte er bald im Tjost, bald im Buhurt mit sämtlichen Paladinen Karls des Großen, mit Siegfried und Dietrich von Bern, mit Lanzelot und Wigalois. In der Tat renne er aber ganz allein seinen Speer wider die Mauer und führe die grimmigsten Hiebe in die Luft. Auch unternehme er manchmal einen Kreuzzug, indem er tagelang von einem Bauernhof des Pfänders zum anderen reite und dann wieder durch die Schluchten und Wildnisse des Berges sprenge; und habe er endlich den Gipfel erreicht, dann erstürme er ganz allein die heilige Stadt Jerusalem. Siegreich heimgekehrt, lasse er ein großes Bankett rüsten, wobei er freilich nur mit seiner Tochter zur Tafel sitze, aber um die Tafel, die ein elender vierbeiniger Tisch, stünden leere Stühle, und nun bitte der Ritter Herrn Wolfram von Eschenbach, sich niederzulassen, der schon vor mehr als hundert Jahren gestorben, und nötige Herrn Walther von der Vogelweide zuzugreifen, der auch schon ebensolange im Grabe liege, und stoße mit der Jungfrau Edith von Montfort, die vor achtzig Jahren im Bodensee ertrunken sei, auf das Wohl ihres Bräutigams an. Der Reitknecht trage dabei als Truchseß die Speisen auf, und der lahme Torwart kredenze den Wein als Mundschenk. Wenn aber jene erlauchten Gäste nur geisterweise mitäßen, dann sitze der Wirt um so leibhafter zu Tisch und esse und trinke für sechs, wie es seine vollen roten Backen bezeugten. Mit den Toten lebend, bleibe er wunderbar lebendig, und die Luft der alten Zeit schlage ihm trefflich an. So ward der alte Herr, den man mit der Einbildung bestraft hielt, selber ein Gespenst der Einbildung seiner Nachbarn und die bequeme Zielscheibe ihres Spottes. Seine Tochter aber war der Gegenstand ihres tiefsten Mitleids. Die unsichtbare und unnahbare Jungfrau galt für ebenso unglücklich als schön. Ihr Vater – so erzählte man – halte sie in dem dicken Burgturm eingesperrt wie in einem Kerker und habe gelobt, daß nur dann ein fremder Mann das reizende Kind sehen oder gar um ihre Hand werben dürfe, wenn er zuvor nach Weise des alten Minnedienstes drei schwere Proben bestanden habe, als zum Beispiel: in voller Rüstung über den Bodensee zu schwimmen, die rebellischen Schweizer wieder unter das Haus Österreich zu beugen, dem Ritter Heinz von Lochau das Trinken abzugewöhnen – oder andere unmögliche Dinge dieser Art. Nur von der allerschwersten Probe, daß nämlich der Bewerber den verrückten künftigen Schwiegervater wieder gescheit machen müsse, sei noch nicht die Rede gewesen. Wenn Irmgart auch wenig von der Welt erfuhr, so drang doch diese spöttische Nachrede der Nachbarn zu ihren Ohren. Dafür sorgten schon die Diener. Und harmlos, wie sie war, erzählte sie das alles dem Vater lächelnd wieder. Doch bevor sie noch geendet, verging ihr das Lächeln und sie brach ab; denn heiß überlief sie plötzlich der Gedanke, daß sie wohl besser geschwiegen hätte. Aber der Vater wußte schon längst, was sie ihm sagte und was sie verschwieg und noch viel mehr dazu. Weit entfernt, verstimmt oder erzürnt zu sein, gab er den Leuten recht, die ihm so wunderliche Dinge andichteten, und sprach: »Sie reden in Bildern von mir und verspotten mich und loben mich doch mit ihrem Spotte, ohne es zu merken. Denn unbewußt urteilen die Menschen oft richtiger in ihrer Bosheit als bewußt in ihrem Wohlwollen. Ja, ich turniere mit Kaiser Karls Paladinen, nicht indem ich mit dem Spieß wider die Mauer renne, wohl aber indem ich ringe, den Geist des echten Rittertums wiederzufinden. Die Leute haben recht: ich mache Kreuzzüge durch den Pfänder von Bauernhof zu Bauernhof und sehe, wie meine Bauern arbeiten, und sprenge durch die Wälder und Schluchten, um die Wölfe zu erlegen, die ihre Herden zerreißen, und die Strauchdiebe zu verjagen, die ihre Hütten plündern möchten. Und wenn wir dann hier beim Mahle sitzen und uns zum Nachtisch an den süßen Weisen Walthers erfreuen oder an den bedenksamen Mären Wolframs, – haben wir da nicht bessere Tischgenossen, als wenn ich die sechs besten Trinker der ganzen schwäbischen Ritterschaft zur Tafel geladen hätte?« Irmgart sann eine Weile über die Worte des Vaters nach; dann rief sie plötzlich: »Aber was sagst du denn zu den drei schweren Proben, welche die jungen Ritter um meinetwillen bestehen sollen? Ist das auch nur Bild und Gleichnis? Kommen solche Proben überhaupt noch heutzutage vor?« »Die Sitte ist mehrenteils verschwunden wie so viele andere gute Sitten; aber in meinem Hause halte ich sie aufrecht: die erste Probe für ein Lächeln der Dame, die zweite für ein freundliches Wort, die dritte für einen Händedruck mit den Fingerspitzen. Wer mehr von seiner Dame begehrt, der ist ein Schuft; denn der Minnedienst soll uneigennützig sein!« »Ach, das ist wunderschön!« rief Irmgart, »und ich wünschte, daß gleich morgen ein Ritter käme. Ich wollte ihm nur eine Probe aufgeben, nur eine einzige, und wenn er sie bestände, dann sollte er das allerschönste Lächeln erhalten.« »Und welche Probe?« fragte der Alte. »Keine unausführbare, keine schwere; es ist nicht die mindeste Gefahr dabei. Nur Geduld gehört vielleicht dazu und Eifer und Scharfsinn. Ich fordere keine Heldentat für ein Lächeln. Der Ritter soll mir zur Probe nur eine Nachricht bringen, die man ihm vielleicht schon drei Meilen von hier geben kann; also braucht er nicht einmal weit zu reisen. Bringt er mir aber diese Nachricht nicht, dann soll er mir niemals wieder vor die Augen kommen.« Der Vater wollte nun durchaus wissen, was das für eine Nachricht sei. Allein mit anmutigstem Eigensinn verweigerte Irmgart jede weitere Auskunft. Sie meinte zuletzt, der Vater ziehe über die ganze Welt vor ihr den Schleier des Geheimnisses und das möge gut und recht sein. Aber dafür wolle sie nun auch wenigstens ein Geheimnis vor ihm haben, ein einziges kleines Geheimnis. Endlich schwieg der Alte und dachte, sein Kind sei eben ein Kind und mit dem Spielzeug ihres kleinen Geheimnisses habe es ja keine Gefahr; denn der verehrungsbedürftige Ritter werde doch niemals kommen, um sich für ein Lächeln auf Reisen schicken zu lassen. Dafür sei die jetzige Welt zu schlecht, und so sei ihre Schlechtigkeit im vorliegenden Falle eigentlich das Beste an dieser schlechten Welt. III. Im Argentale, einen halben Tagmarsch von der Ruggburg entfernt, wohnten drei Brüder auf der Burg Alt-Summerau, drei ledige junge Burschen, die seit ihres Vaters Tode die Burg gemeinsam besaßen – Veit, Lutz und Hartwig. Veit war fünfundzwanzig Jahre alt, ein gewaltiger Haudegen, so stark, daß er sich in voller Rüstung aufs Pferd schwingen konnte, ohne den Steigbügel zu berühren. Lutz zählte dreiundzwanzig Jahre; er liebte es mehr, zu fischen als zu fechten, und war etwas langsam, maulfaul und träumerisch, wie man's leicht wird, wenn man den ganzen Tag ins Wasser sieht. Hartwig, erst zweiundzwanzigjährig, der flinkste und gescheitste von den Brüdern, sah trotz seiner Jugend verwettert und verwildert aus, weil er mehr im Walde als unter Dach lebte; denn seine Leidenschaft war die Jagd. Alle drei, obgleich an Gestalt, Talent und Sinnesart sehr verschieden, hatten als gemeinsames väterliches Erbteil prächtiges brandrotes Haar und große, stark gekrümmte Nasen, weshalb man sie in der Umgegend nur »die drei Nasen von Summerau« nannte. Von einer Anhöhe unweit ihrer Burg hatten sie schon oft die Ruggburg in dämmernder Ferne erblickt, waren aber aus ihren schwäbischen Hügeln noch niemals herübergekommen zu jenen Bregenzer Bergen; denn Land und Leute sind hier scharf geschieden. Um so mehr hatten sie dagegen gehört von dem wunderlichen alten Ritter und seiner unnahbaren, wunderschönen Tochter, die man nach Art des alten Minnedienstes nur von fernher verehren dürfe. Sie hätten gar zu gern gewußt, ob der Ritter wirklich so närrisch und ob das verzauberte Mädchen wirklich so schön sei. Da es nun eben Maienzeit war, wo die drei Brüder noch weniger zu tun hatten als in den anderen Monaten, nämlich gar nichts, und die Sonne so gar hell schien, so beschlossen sie, zur Ruggburg zu reiten und den Anblick des schönen Mädchens zu gewinnen unter dem Vorwand ihres Minnedienstes, der zu allen Proben bereit sei. Sie studierten sich ordentlich ein auf die gerechten Formen dieses Dienstes, von dessen verschollener Torheit sie wohl einiges gehört, aber nicht das mindeste mehr gesehen und erlebt hatten, und dachten sich alles fein aus wie den lustigsten Fastnachtsscherz, obgleich die Kirschbäume schon längst abgeblüht waren und der Mai sich bereits zum Juni neigte. Allein der Lenz und Sommer war die fröhliche Zeit des Reisens und Gastierens, des Scherzens und Spielens auf den Ritterburgen, der Winter die Zeit der einsamen Langeweile, während die Leute drunten in der Stadt umgekehrt erst im Winter lustig wurden, nachdem sie im Sommer gearbeitet hatten. Die Brüder von Summerau meinten, bei dem geplanten Spaße könnten sie schlimmstenfalles doch nur von dem alten Ruggburger zum Hause hinausgeworfen werden, was in der guten alten Zeit selbst sehr berühmten Rittern bei unberufenem Minnedienst geschehen sein soll, ohne daß deren Ehre dadurch geschädigt wurde, übrigens sei es ja auch denkbar, daß Irmgart für einen von ihnen in ernsthafter Liebe entbrenne, oder wohl gar umgekehrt, daß sie selbst sich alle drei auf einmal in die schöne Jungfrau verliebten. Letzteres könne zu großem Unglück führen. Darum gelobten sie einander, bei diesem äußersten Falle den Entscheid ganz allein in Irmgarts Hand zu legen, und möge sie wählen, wie sie wolle, so solle keiner den Begünstigten neiden oder feinden. Nachdem solchergestalt alles vorbedacht war, ritten die drei Nasen von Summerau frohen Mutes aus und brauchten bei den schlechten Straßen über Berg und Tal volle fünf Stunden, bis sie am Fuße des Pfänders hielten. Hier sperrte eine kleine Vorburg, Halbenstein, den Weg, die vom etlichen Knechten des Ruggburgers besetzt war. Die Brüder erhielten Einlaß und schickten einen Boten auf den Berg mit der Anfrage, ob sie den Burgherrn besuchen dürften. Nach langem Harren kam die bejahende Antwort zurück. Sie wollten sich wieder in den Sattel schwingen; allein die Knechte erklärten ihnen, daß sie die Pferde hier einstellen und sich zu Fuß auf den Weg machen müßten, denn es sei unmöglich, den steilen Pfad zu reiten; wollten sie aber durchaus zu Roß am Burgtor ankommen, dann müßten sie wieder umkehren und den Weg von der anderen Seite über Eichberg nehmen, so einen kleinen Umweg von dritthalb Stunden. Die Brüder blickten hinauf zur Burg, die ganz nahe, fast senkrecht über ihnen stand. »Und ist noch niemand geradeswegs dahinauf geritten?« fragte Veit die Knechte. »Allerdings!« erwiderte einer derselben. »Vor langen Jahren traf einmal der Teufel hier in Halbenstein mit dem Burgpfaffen zusammen; da tranken die beiden Brüderschaft in echtem Seewein, und als ihnen dieser Wein so recht in Leib und Seele brannte, beschlossen sie, selbander den Felspfad hinaufzureiten. Und sie kamen hinauf. Aber wie? Das hat kein Mensch erfahren. Man nennt den Weg seitdem die Teufelssteige, und damit der Teufel den Ritt nicht nochmals probiert, hat man oben und unten ein Kreuz aufgestellt.« »So gebt auch uns eine Kanne von eurem Seewein, und wir reiten hinauf«, rief Hartwig, der struppige Jäger, in tollem Übermut, – »das soll unsere erste Minneprobe sein!« Er hatte aber kaum einen Schluck des sauren Weines getrunken, so setzte er den Becher wieder ab und rief: »Diese Weinprobe ist zu stark! Gebt mir Wasser! Mit solchem Seewein im Leib kann nur der Teufel reiten.« Und die drei Brüder stiegen lachend zu Pferde und sprengten den Felspfad hinauf. Anfangs ging es ganz leicht, dann etwas schlimmer, schon glaubten sie, oben zu sein. Da bog der Pfad um die letzte Ecke – links stieg die Felswand senkrecht an, rechts fiel sie senkrecht in die tiefe Schlucht, und dazwischen lag eine schmale, glatte, abgeschrägte Felsplatte, die selbst der schwindelfreie Fußgänger nur mit großer Vorsicht überschreiten konnte. Das war die Teufelsstelle. Veit, der Vorderste, besann sich einen Augenblick, dann aber gab er dem Rosse scharf die Sporen – der Gedanke, daß ein Liebesglück sondergleichen da droben zu gewinnen sei, zuckte ihm wie ein Lichtstrahl durch die Seele! – welches Liebesglück? – das Roß tat einen mächtigen Sprung – es war dem Reiter, als flöge er in die Luft hinauf, ins Blaue – und er haschte ja auch plötzlich nach einer Liebe im Blauen! – allein das edle Tier hatte den unglaublichen Sprung sicher vollbracht – der Reiter erwachte wie aus einem Traume – der steile Pfad war zu Ende. Am Saume eines sanften Wiesenhanges rieselte ein Brunnen, von Tannen beschattet, an welche sich eine Bank lehnte. Dort hielt das zitternde und dampfende Pferd von selber. Das äußere Burgtor lag links, ganz nahe und bequem erreichbar. Veit blickte zurück nach den Brüdern. Hartwig war ihm auf den Fersen gefolgt, aber mit minderem Glück. Sein Pferd stürzte auf dem glatten Stein, er kam unters Pferd, doch rang das Tier sich wieder auf; auch der Reiter arbeitete sich wieder empor, und es gelang ihm mit äußerster Gewalt, das Tier im selben Augenblicke vom Abgrunde wegzureißen, als es hinabzustürzen drohte. Ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte seinen linken Arm, allein es glückte ihm doch, das gerettete Pferd zum Brunnen zu führen. Dort sank er laut stöhnend auf die Bank unter den Tannen. Durch seinen Sturz hatte aber das unmittelbar hinterdreinsprengende Pferd seines Bruders Lutz nicht frei und sicher ausgreifen können, es brach in die Vorderbeine; der Reiter kam glücklich aus dem Bügel, dann aber stürzte das arme Tier in den Abgrund, wo es tot liegenblieb, während Lutz auf dem Bauche über die Felsplatte hinwegkroch, sich dann mit wunderbarem Gleichmute erhob und ganz gelassen zu den Brüdern am Brunnen schritt. Die drei jungen Leute hätten wohl zunächst Gott danken sollen, daß sie lebendig davongekommen waren, und dann ihr törichtes Wagstück bereuen. Allein sie taten weder das eine noch das andere. Im Gegenteil. Der Ritt zur Ruggburg, vorher eine Posse, erschien ihnen jetzt wie eine ernsthafte große Tat, da sie ihr Leben daran gewagt hatten. Und wenn sie heute morgen ausgezogen waren, um sich an dem abenteuerlichen Ritter zu belustigen, so waren sie jetzt selbst abenteuernde Ritter geworden. Zunächst aber stritten sie miteinander und zankten sich aufs brüderlichste. Denn ein jeder behauptete, bei dieser ersten Minneprobe des Preises würdig zu sein, – Veit, weil er als guter Christ siegreich vollführt, was vor ihm nur der Teufel und ein Pfaffe mit Höllenkünsten fertiggebracht habe; – Hartwig, weil er das größte Kunststück gemacht; denn über die Platte möge wohl noch mancher sprengen, aber auf der Platte unters Pferd zu stürzen und doch sich selbst und das Pferd überm Abgrund zu halten, das mache ihm niemand mehr nach, nicht einmal er selber; – Lutz, weil er seiner Dame das größte Opfer gebracht, nämlich einen gut zugerittenen Hengst von sechs Jahren, während seine Brüder gar nichts geopfert hätten. Sie stritten immer lauter und wilder miteinander, und Veit und Lutz legten eben die Hand ans Schwert, als Ritter Albo von der Ruggburg vor sie trat und sie freundlich willkommen hieß. Er tat, als habe er von ihrem Streite gar nichts gehört und gesehen, und die Erscheinung des stattlichen, frischen Greises war zugleich so ehrwürdig und so herzgewinnend, daß die hadernden Brüder beschämt schwiegen, die Augen niederschlugen und kaum einen Gegengruß zu stammeln wagten. Der Ruggburger schien ihre Scham und Verlegenheit ebensowenig zu bemerken wie vorher ihren Streit, sondern sprach im gewinnendsten Tone sein Bedauern aus über ihren Unfall, den er von ferne geschaut, tadelte mild ihre Tollkühnheit und lud sie höchst freundlich ein, ihn zur Burg zu begleiten, damit sie sich dort erquickten und ausruhten. Dann untersuchte er Hartwigs Arm, den er für gebrochen erklärte, bot sich selber ihm zur Stütze auf dem kurzen Wege in sein gastliches Haus, wo er Hilfe finden solle, und schickte zwei Knechte in die Schlucht nach dem gestürzten Pferde, das vielleicht noch nicht verendet sei. Die Brüder folgten ihrem Wirte schweigend; sie vergaßen, warum sie eigentlich hierher gekommen, und empfanden doch die drückende Scham eines unschicklichen Beginnens. Der Alte aber erschien ihnen wie ein höheres Wesen, dem man sich nur demütig und verehrungsvoll beugen könne, man möge wollen oder nicht. IV. Im inneren Burghof begrüßte Irmgart die Ankommenden. Hartwig empfand so fürchterlichen Schmerz in seinem gebrochenen Arme, daß ihm Hören und Sehen verging; Lutz war ärgerlich über das verlorene Pferd, über den verteufelten Weg, die verwünschte Burg, den verrückten Ritter, die verhexte Tochter, ja sogar über sich selbst; er hatte kein Auge und kaum einen Gegengruß für Irmgart. Um so schärferen Blick heftete Veit auf die artige Jungfrau. Sie war nicht groß, aber sie war schlank und zierlich gebaut, sie bewegte sich leicht und anmutig, schüchtern und doch nicht verlegen. Ihr Gesicht war nicht schön, aber fein; ihre Augen waren nur grau, doch aus diesem bescheidenen Grau blitzte Geist und Leben. Veit hatte manches schöne Mädchen in seinen heimatlichen Tälern an der Argen und Schussen gesehen, große, starke, rotbackige Schwabenmädchen, weit handgreiflichere Schönheiten wie diese Irmgart; allein neben jenen war er sich wie ein Ritter erschienen, und neben Irmgart erschien er sich wie ein Bauer. Alle diese Eindrücke und Gedanken fuhren ihm wie ein Blitz durch die Seele in den wenigen Sekunden, während er sich auf eine recht schöne Anrede besann. Leider sind Gedanken geschwinder als Worte, und Irmgart war so geschwind wie Gedanken. Ehe Veit seine Gedanken in Worte brachte, hatte sie sich zu Hartwig gewandt, dessen gebrochenen Arm sie untersuchen und einrichten wollte; denn nach uralter Sitte übten Frauen und Fräulein die Heilkunst auf den Burgen, und Irmgart verstand sich auf Wunden und Knochenbrüche trotz einem studierten Doktor. Sie gab ihrer Dienerin die nötigen Winke und ging mit ihr und dem Kranken ins Haus, als Veit eben mit seiner Anrede beginnen wollte. Verblüfft sah er den entschwebenden Gestalten nach. Es war alles so vornehm und ging alles so geschwind auf dieser Ruggburg, so vornehm geschwind wie an einem Fürstenhofe! Denn bei Hofe sind Sekunden Minuten, Minuten Stunden und Stunden Tage; bei Hofe muß man blitzgeschwind sein können in der Artigkeit; Bürger und Bauern sind langsam artig, wer aber bei Hofe langsam artig ist, der wird unartig in aller Geschwindigkeit. Und so faßte denn nunmehr auch der alte Ritter den innerlich schönredenden Veit und den innerlich räsonierenden Lutz blitzgeschwind unterm Arme und führte sie beide – in das Badezimmer, wo zwei Wannen gerüstet standen mit dampfendem, lauwarmem Wasser. Der Wirt bedeutete den Gästen freundlich, daß sie nach altem Brauch vorerst im Bade sich erquicken möchten, und verschwand, um zwei Dienern Platz zu machen; welche den Brüdern sofort den Rock auszuziehen und die Hosen aufzunesteln begannen, noch ehe sie sich's recht überlegen konnten, ob sie überhaupt baden wollten oder nicht. Sie kamen erst zur klaren Erkenntnis ihrer Lage, als sie beide in den Wannen lagen und die Diener sich wieder zurückgezogen hatten. Dann lachten sie laut auf. Die Sitte, den von weither zugereisten Gast vor allen Dingen mit einem Bade zu erfrischen, war auf Alt-Summerau schon seit hundert Jahren vergessen. Dem Fortschritt huldigend, zog man dort die sofortige innere Erfrischung durch eine Kanne Wein der äußeren durch lauwarmes Wasser bei weitem vor. Die heitere Laune der beiden unfreiwilligen Badegäste dauerte jedoch nicht lange. Im Wasser plätschernd, streckte bald der eine, bald der andere den Kopf heraus, um mit dem Bruder zu zanken. Lutz schalt auf Veit, daß er ihn hierher gelockt habe und schuld sei an dem Verlust seines Pferdes. Er solle ihm nun einmal sagen, was sie denn eigentlich hier wollten. Auf diese Frage vermochte Veit in der Tat nicht zu antworten, denn er wußte es nachgerade selber nicht recht. Doch meinte er, sie seien zunächst gekommen, um den ehrwürdigen Ritter kennenzulernen, von welchem die Leute so Seltsames erzählen. »Nicht um ihn kennenzulernen, sondern um uns über ihn lustig zu machen!« verbesserte Lutz brummend, indes er den Kopf bis an den Mund im Wasser hatte. »Aber der ehrwürdige Ritter macht sich jetzt vielmehr über uns lustig!« Veit erhob sich bis zu den Hüften über den Rand seiner Wanne und belehrte den Bruder mit zornigem Ungestüm, daß der Ritter sich keineswegs über seine Gäste lustig mache, sondern sie vielmehr mit feinster Courtoisie auszeichne. Er, Lutz, verstehe die alten Rittersitten nicht. So sprach jetzt Veit, weil ihm die Tochter so sinnverwirrend in die Augen gestochen hatte, und da ihm die Tochter gefiel, mußte er doch auch den Vater rechtfertigen. »Wir sind aber auch gekommen«, fügte er hinzu, langsam ins Wasser zurücksinkend und mit immer leiserer Stimme, »um die schöne Irmgart zu sehen.« »Du wirst sie nicht wieder erblicken!« rief Lutz, nun seinerseits hoch aufsteigend, »außer du brichst zu dem Zwecke ein Bein wie Hartwig den Arm. Mir wäre dieses Vergnügen zu teuer.« »Und wir wollten Minneproben ablegen«, sprach Veit für sich weiter, heftig im Wasser plätschernd, damit er des Bruders ungezogene Worte nicht hörte. Aber Lutz hatte die seinigen gehört und rief überlaut: »Die erste Probe ist so schlecht ausgefallen, daß mich's nach keiner zweiten gelüstet!« Mit diesem Ausrufe sprang er in ganzer Gestalt aus dem Bade, und im selben Augenblick traten die Diener wieder ein mit blütenweißen großen Handtüchern, um die Gebadeten abzutrocknen. Sie brachten auch ein paar scharlachrote Röcke mit, Gaströcke, wie man sie für Fremde vordem auf den Burgen bereit zu halten pflegte, und legten dieselben den Brüdern an, was namentlich bei Lutz sehr zweckmäßig war, denn dessen Rock war durch den Sturz arg beschmutzt und zerrissen. Die Röcke waren aber nach längst veralteter Mode geschnitten, unmäßig lang, bis auf die Füße vorfallend. Je länger der Rock, desto vornehmer der Mann: so hatten die Alten gesprochen. Bürger und Bauern trugen kurze Röcke. Die Brüder waren trotz ihres Adels den neumodischen kurzen Rock gewöhnt und wußten nicht, wie sie in dem vornehmen Geschlepp gehen sollten. Etliche Male in Gefahr zu fallen, gelangten sie, von den Dienern geführt, in den Rittersaal, wofern man eine große Stube mit Balkendecke und einem Fußboden von gestampftem Lehm einen Saal nennen konnte. Allein der Boden war mit Tannenzweigen bestreut, die Wände mit alten Waffen malerisch geschmückt, und auf dem Tische prangte neben verheißungsvollen Tellern und Bechern ein riesiger Blumenstrauß. Herr Albo empfing hier seine Gäste überaus herzlich und hieß sie zu Tische sitzen, auf welchem bald ein großer Wildbraten dampfte, während die Becher mit demselben Seewein gefüllt wurden, den die Brüder bereits in Halbenstein versucht hatten. Der Ritt, der Schrecken und das Bad bewirkten jedoch, daß ihnen das edle Naß gar nicht mehr so entsetzlich sauer vorkam. Irmgart erschien nicht bei Tische; sie mußte noch weitere Fürsorge für Hartwig treffen, der, von dem schmerzhaften Einrichten des Armes erschöpft, auf des Ritters Lager in tiefen Schlummer gesunken war. Veit schwebte anfangs in heißer Angst, daß der Alte sie um die Ursache ihres Besuches fragen möchte. Doch dazu war der Ruggburger viel zu sein gesittet; der Gast kam – und man durfte nicht fragen: warum? – er blieb – und man durfte nicht fragen: wie lang? – er ging – und man mußte ihm nachrufen: auf baldiges Wiedersehen! Das war der echte Katechismus patriarchalischer Gastfreundschaft. Weit entfernt also, die Gäste auszuforschen, bemühte sich der alte Ritter nur, durch ein anregendes und unterhaltendes Gespräch die bescheidene Tafel zu würzen, und da die Brüder fast nur ja und nein sagten, so trug er die Kosten des Gespräches ganz allein. Kein Wunder, daß er zuletzt auf sein Lieblingsthema kam – von den schlechten Zeiten. Der Kaiser war vom Papste gebannt, das Land mit dem Interdikt belegt. Viele Kirchen standen leer, weil die Priester dem Befehl des Papstes gehorchten, der allen Gottesdienst verbot; in anderen wurde geläutet und Messe gelesen, weil die Fürsten die Priester bedrohten, wenn sie des Papstes Befehl befolgt hätten. Das Volk wußte nicht, ob es mehr sündigte, wenn es in die Kirche ging oder wenn es herausblieb. »Sind das nicht schlechte Zeiten?« so fragte zuletzt der Alte. Veit dagegen meinte, früher sei das alles noch viel schlimmer gewesen, wir wüßten's nur nicht mehr genau. Er habe stets gemeint, daß die Welt immer besser werde, und heute glaube er's ganz gewiß, denn einen so weisen, gastfreien Ritter wie ihren Wirt und eine so holdselige Jungfrau wie seine Tochter habe es früher in der ganzen Welt nicht gegeben. Statt auf diese Schmeichelei zu hören, fuhr der Alte sehr ernsthaft fort: »Die Zelt ist einem Strome vergleichbar. Er wächst, indem er sich bewegt, wird breiter, tiefer, gewaltiger; unaufhaltsam flutet er vorwärts – die Zeit zur Ewigkeit! Allein der Strom läuft doch nicht immer geradeaus. Felswände verlegen ihm den Weg, Steinblöcke und unsichtbare Risse hemmen seinen Lauf; da tobt er dann in Strudeln über dem Gestein, ja seine Wasser prallen auf der einen Seite wirbelnd rückwärts, während sie auf der anderen gestaut stillezustehen scheinen; – siehe, mein Freund, in solch tückischem Wirbel, der sich ziellos rundum dreht, bewegt sich gegenwärtig das Deutsche Reich. Gebe Gott, daß unser Volk, den Wirbeln entronnen, dereinst wieder majestätisch und segenspendend vorwärtswalle! Ich werde es nicht mehr erleben.« Lutz, der Fischer, hatte bis dahin geschwiegen und gegessen, jetzt aber war für ihn das rechte Stichwort gefallen, und er begann: »Wo sich über den rücklaufenden Wirbeln das stille Wasser findet, da ist gut fischen, Herr Albo! Und wenn wir wirklich in dieser Zeit der Strudel leben, dann wohnet Ihr auf einer Burg, die sich zum Fischfang eignet wie kaum eine zweite. Ihr versteht mich. Der Bach, welchen ich beim Heraufreiten betrachtet habe, ist nur ein schlechtes Fischwasser, – aber die große Heerstraße da unten böte guten Platz, um den Kaufleuten Angeln und Netze zu legen; die kostbarsten Waren aus Welschland, mehr wert als alle Hechte und Renken des Bodensees, ließen sich da mit leichter Mühe fangen, oder die Krämer müßten mir Schutzgeld zahlen! Allein Ihr liebt das Fischen nicht und beutet das Wasser nicht aus. Andere werden es nach Euch tun. Wir gehen einer schönen Zukunft entgegen, und ich prophezeie, in fünfzig Jahren wird diese Ruggburg die reichste Raubburg des Landes sein. Während des ganzen Tages mußte ich den festen Bau darauf ansehen – von vorn fast unersteigbar, von hinten mit zehn Mann zu verteidigen, diese dicken Mauern, diese breiten Gräben! – und senkrecht über der fettesten Landstraße!« Veit errötete über die Worte des Bruders und fiel ihm, gegen den Alten gewandt, rasch in die Rede. »Verzeiht ihm, Herr Ritter! Wir sind Brüder von ungleicher Art. Auch ich mußte während des ganzen Tages Euer festes Haus ansehen, aber ich hatte dabei ganz andere Gedanken –« »Euer Bruder hat recht!« unterbrach ihn der Alte in schwermütigem Ton. »Die nach mir kommen, werden tun, was ich zu tun verabscheute, und in späteren Tagen wird diese Ruggburg die reichste Raubburg sein. Gottlob, daß ich's nicht zu erleben brauche.« »Ich hatte ganz andere Gedanken«, fuhr Veit fort, als habe er die Zwischenrede gar nicht gehört. »Ich will ehrlich und geradeaus reden; denn schöne Worte kann ich nicht machen. So wisset denn, ich kam hierher, um zu – lernen, zu erfahren – was Minneproben sind; je mehr ich aber Eure Burg betrachtete und vollends deren Insassen, um so schüchterner und doch zugleich auch um so dringender wurde ich in meiner Lernbegier.« Lutz lachte; Albo aber sprach mit mildem Ernst: »Dergleichen läßt sich nicht lehren. Proben muß man probieren. Und so will ich selber Euch denn gleich eine Probe aufgeben. Sagt an: Was ist Grund und Ursache alles Minnedienstes?« Veit besann sich eine Weile, dann sprach er: »Wir Männer sind von ganz besonderem Metall. Wo wir ein schönes Mädchen sehen – und schön dünken sie uns fast alle –, da möchten wir ihr sofort huldigen und sie gewinnen. Auf etliche Minuten verlieben wir uns in jede schöne Frau, mitunter auch auf Stunden, Tage, Wochen – zunächst nur in Gedanken, aber diese Gedanken kommen pfeilschnell. Mir wenigstens geht es immer so, und ich glaube, kein anderer Mann darf mich darum schelten, denn wenn er ehrlich ist, dann wird jeder bekennen, daß es ihm geradeso geht. Nun wäre es aber schlimm, wenn wir diese fliegende Hitze überall festhielten und zur Leidenschaft auflodern ließen: die ganze Welt würde in Flammen stehen. Darum soll sich jeder Ritter mit zwei Frauen begnügen. Die eine liebt er offen und geradeaus, wirbt um ihre Hand und heiratet sie. Sie ist das befriedetere, glücklichere und eben darum niederere Wesen. Die andere – das unbefriedete, unglückliche und darum höhere Frauenbild – verehrt er nur heimlich und auf Umwegen, ganz von ferne. Mit Wort und Schwert behauptet er, daß sie die schönste aller Frauen sei, schöner selbst als seine Ehefrau, und er darf es um so fester behaupten, da ihm diese Behauptung nur Ärger und Gram, Streit und Wunden einbringt. Was ist Grund und Ursache solch harten Minnedienstes, der den Alten höchst edel und weise erschien, vielen Neueren aber höchst toll und verrückt vorkommt? Er ist notwendig; denn jenes eine verlockende, allerschönste Mädchen, welches wir in tausenderlei Gestalt in jedem weiblichen Wesen erblicken und für welches wir tausendfältig entbrennen, wird nun wirklich ein einziges Weib – die Dame unseres Dienstes. Sie beschränkt uns, sie verbietet uns, noch irgendeine dritte schön zu finden; opferfreudig übertragen wir auf sie allein den schweifenden Liebesblick für alle Frauen. Wir begehren, um zu entsagen: das ist die Schule der Minne, die Ehe dagegen begehrt man, um zu besitzen.« Der Alte lobte die Antwort, weil sie ehrlich sei. Doch habe Veit das Schwerste beim Minnedienst zu flüchtig berührt – die Heimlichkeit. »Ihr dürft der Dame nicht sagen, daß Ihr Euch ihrem Dienste weihen wollt; Ihr müßt warten, bis sie ihn begehrt. Aber auch sie darf dies nicht sagen, sie darf es nur erraten lassen. Ihr müßt jeden zum Zweikampfe fordern, der Eure Dame nicht für die schönste hält, dürft aber beileibe nicht merken lassen, daß Ihr dieser Schönsten dient. Ein schweres Kunststück! Vor allem aber dürft Ihr sie nicht um die Aufgabe einer bestimmten Minneprobe bitten; Ihr müßt geduldig warten, bis sie selbst die Probe auferlegt.« Veit sah den Ritter an, ob er im vollen Ernst oder im halben Spotte spreche; da bemerkte er, daß Irmgart eingetreten war und neben dem Vater stand. Und sie blickte so gut und freundlich mit ihren hellen Kinderaugen zu ihm herüber! Jetzt war die rechte Stunde, jetzt hätte er ihr gerade das alles sagen wollen, was er ihr nach den Worten des Alten eben jetzt durchaus nicht sagen durfte – wegen der Heimlichkeit. Irmgart war gekommen, um Nachricht von Hartwig zu geben. Einrichtung und Verband des Armes sei gut gelungen, und der Kranke befinde sich recht wohl. Trotz aller Einsprache verlange er aber, sofort nach Hause zurückgebracht zu werden. Sie habe darum eine bequeme Tragbahre mit Polstern belegen lassen, und vier Mann ständen als Träger bereit. Wolle man vor tiefer Nacht noch Alt-Summerau erreichen, so sei allerdings ungesäumt aufzubrechen. Veit suchte nach Bedenken, er wäre gar zu gern noch etliche Tage dageblieben. Aber der unglückselige Lutz, der wieder zur Unzeit die Sprache fand, drang mit wahrem Ungestüm darauf, daß man Hartwigs Wunsch sofort erfüllen müsse; denn er langweilte sich bereits grausam in der verwünschten Burg. So gab denn auch der alte Ritter nach und willigte mit höflichem Zögern in die Abreise. Der Abschied war rasch, aber herzlich. Irmgart drückte den Brüdern die Hand, und Albo rief: Auf Wiedersehen! Sie nahmen den großen Umweg, den sie beim Heraufreiten verschmäht, nun im langsamsten Schritt zum Tale hinab. Veit grollte, weil er nichts erreicht, als daß ihm Irmgart guten Tag und Lebewohl gesagt hatte. Lutz schimpfte; er rief, ein mageres Mittagessen für ein gutes Pferd, das sei der teuerste Handel, den er je gemacht. Nur Hartwig schwieg und schien ganz stillvergnügt in seinen Schmerzen. Als sie am Fuß des Berges angelangt waren, ließ er die Träger halten, richtete sich seufzend ein wenig auf und sah zur Burg empor mit langem, unverwandtem Blick. Dann rief er die Brüder herbei, bat sie, sich zu ihm niederzuneigen von den Pferden, und flüsterte ihnen ganz leise ins Ohr: »Ich muß euch ein Geheimnis sagen – nur euch, weil wir's uns gegenseitig vorher gelobt haben: Irmgart hat mir eine Minneprobe auferlegt!« »Was? wann? wie? wo?« fragte Veit laut, wild aufbrausend. »Nun, als sie meinen Arm einrichtete!« lispelte Hartwig kaum hörbar. »Sie tat es ungebeten; ich glaube, sie tat's aus Mitleid.« »Sagte ich dir's nicht, Veit?« rief Lutz lachend. »Du hättest ein Bein brechen müssen, dann hättest auch du eine Minneprobe gekriegt. Aus Mitleid hätte dir Irmgart dann die Probe befohlen, nächstens auch noch den Hals zu brechen!« V. Nach der Abreise der drei Brüder sonnte sich der alte Ritter eine Weile im Bewußtsein der feinen Kunst, womit er seine Gäste aufs artigste zum besten gehalten und ihnen eine Lehre, gegeben hatte für ihre Naseweisheit und ihren Übermut. Ganz besonders freute es ihn, daß er Veit die Aussprache der Minneprobe, welche derselbe offenbar von Irmgart auferlegt haben wollte, vor dem Munde abgeschnitten, indem er ihm als Vorbedingung aller Proben auferlegte, von solchen Proben zu schweigen. Er erzählte dies Irmgart recht vergnüglich, – da rief diese ganz harmlos: »Die Probe, welche mein Geheimnis ist, habe ich dafür dem armen Hartwig offenbart. Und Hartwig hat von Anbeginn durchaus nicht danach gefragt.« Also war wenigstens eine der »drei Nasen von Summerau« doch nicht mit langer Nase abgezogen! Und zwischen Lachen und Ärger entdeckte der Alte plötzlich, daß er selber wohl gar eine Nase erhalten habe. Ungestüm forderte er genauen Bericht. »Als ich den Arm einrichtete«, begann Irmgart nun etwas verschüchtert, »machte ich Hartwig leise Vorwürfe über den unsinnigen Ritt, und er sagte, den Ritt hätten sie alle drei nur mir zuliebe ausgeführt, um zu zeigen, daß sie zu noch viel schwereren Proben und Diensten bereit seien. Ich entgegnete, solche Wagstücke begehre ich nicht, sondern etwas viel Leichteres, ganz Gefahrloses. Ein Wort gab nun das andere, und dazwischen stöhnte Hartwig bald ganz leise vor Schmerz, bald verbiß er ihn, bald wurde er rot, bald blaß im Gesicht; er begehrte mit keinem Worte mein Geheimnis zu wissen, aber ich offenbarte es ihm zuletzt doch; der arme Mensch sprach ja nur durch seinen gebrochenen Arm, durch das Zucken des Schmerzes, welches auf seinen Lippen zitterte, nicht durch Worte, die darüber gingen. Als bestes Wundpflaster legte ich ihm zuletzt die unbegehrte Probe auf, und das half. Er wurde ruhiger.« Der Vater wollte nun auch den Inhalt dieser geheimnisvollen Probe wissen. Irmgart besann sich lange und holte weit aus. Sie erzählte von ihren vielen mißlungenen Versen, und der Alte erfuhr jetzt staunend, daß er schon seit Jahren eine heimliche Dichterin im Hause gehabt. Dann schilderte sie ihre qualvollen Zweifel, ob die Schuld der schlechten Lieder nur an ihr selbst liege oder an ihrem ganzen Geschlecht, ob bei allen Frauen die schönen männlichen Verse zwar leicht eingingen in den Geist, aber niemals gleich schöne weibliche wieder herauskämen. Das solle und wolle ihr Hartwig ergründen; denn zunächst wisse er's selber noch nicht, weil er noch gar nicht daran gedacht habe, ob denn die Frauen auch dichten könnten. »Und warum hast du mich nicht, warum hast du mich nicht schon längst gefragt?« rief der Vater. »Ich muß dies doch besser wissen wie Hartwig, der sich nur um Füchse und Wölfe, um Hirsche und Wildschweine kümmert!« »Weil du alt bist, lieber Vater, und Hartwig ist jung. Du kennst die alte Zeit so genau; ich will aber gar nicht wissen, ob die Frauen vor hundert Jahren dichten konnten, sondern ob sie's heute noch können.« »Und weiß es denn Hartwig? Hat er dir den Namen einer einzigen lebendigen Minnesängerin genannt?« »Nein!« »Also hast du den unrechten Mann gefragt und hättest mich fragen sollen!« »Aber kennst du denn eine Sängerin?« »Nein!« »Also war es doch besser, daß ich Hartwig fragte. Denn ich gab ihm nun eine Probe auf, die ich dir nicht aufgeben kann. Dies aber ist die Probe: Hartwig soll von Burg zu Burg reiten, von Stadt zu Stadt und überall nachforschen, ob kein Mensch eine Dichterin kennt. Er hofft zuversichtlich, bald ein Dutzend zu finden. Und er soll mir nicht wieder vor die Augen kommen, bis er unter diesen begnadeten Frauen jene Glückliche ermittelt hat, der wir das herrlichste Lied verdanken, ein Lied, das von Land zu Lande fortgesungen wird wie Walthers und Wolframs Lieder.« »Er wird dir nie wieder vor die Augen kommen!« rief der Alte. »Nun, so kommt mir vielleicht einer seiner Brüder wieder vor die Augen. Denn Hartwig gestand mir, daß sie sich alle drei gelobt hätten, gemeine Sache zu machen in dieser Minneprobe. Und so werden alle drei auf Reisen gehen nach allen Winden, monatelang, vielleicht jahrelang. Es wäre doch ein Wunder, wenn sie da nicht eine einzige gute Dichterin fänden.« Der Alte rieb sich zufrieden die Hände und sprach: »Die Brüder kommen alle drei nicht wieder! Du hast ihnen einen Auftrag gegeben, der unmöglicher ist, als wenn sie nebeneinander in voller Rüstung über den Bodensee schwimmen sollten. Und also haben uns die lästernden Spötter doch wiederum nicht zu Fabelhaftes angedichtet. So gewiß die Ströme nicht zu den Bergesgipfeln hinauffluten, so gewiß ist es dem Weibe versagt, zu dichten. Der Mann ist liebesärmer als die Frau, darum gab ihm Gott zum kargen Ersatze, daß er singe von der Liebe; den Frauen aber gab er, was höher ist als das höchste Liebesgedicht, – die reinste Flamme, die tiefste Glut der Liebe!« VI. Der Sommer verging, und die Brüder kamen nicht wieder; – der Winter zog durchs Land, und man hörte nichts von ihnen auf der Ruggburg. Der Lenz erschien aufs neue. Die höchsten Matten drüben am Säntis begannen zu ergrünen, die Buchen schatteten mit vollem Laub, und an den Eichen sproßten die ersten zarten Blättchen. Es war ein wunderschöner Sonntag im Mai wie vor einem Jahre, und der blaue Morgenhimmel wölbte sich wie damals wolkenlos über dem See. Irmgart stand mit ihrem Vater in dem kleinen Burggarten und freute sich der lauen, duftigen Luft, der aufblühenden Blumen und der summenden Bienen. Da meldete der Torwart, daß die zwei Brüder Veit und Hartwig von Summerau gekommen seien und den Herrn und das Fräulein zu besuchen wünschten. Also hatten sie doch eine Dichterin gefunden! Vielleicht gar zwei! Herr Albo ging ihnen artig ans Tor entgegen und führte sie – diesmal ohne Umstände, ohne Bad und Gastrock – in den Garten zur Fliederlaube, wo Irmgart sie mit freundlichstem Gruße empfing. Nach feiner alter Sitte verbannte der Ritter alle Neugier, fragte seine Gäste nicht, was sie brächten und wollten, sondern ließ Wein und Brot auftragen und bot ihnen Platz im Inneren der Laube, wo Blätter und Blüten den Fernblick auf das weite Land wunderschön umrahmten. Aber die Gäste waren diesmal ungeduldiger, den Zweck ihres Besuchs zu melden, als der Wirt, ihn zu erfragen. Veit begann, nachdem er sich durch einen tiefen Trunk ermutigt: »Wir wollen beide – jeder für sich und insgeheim – Fräulein Irmgart die Kunde bringen, wonach sie uns vor Jahr und Tag ausgeschickt hat.« Irmgart sprach: »Mein Vater weiß um das Geheimnis, ja er soll Richter sein über all die trefflichen Dichterinnen, von welchen ihr ohne Zweifel zu sagen, und über all deren schöne Lieder, die ihr zu singen habt. Doch wo ist euer Bruder Lutz? War er nicht auch mit ausgeritten?« Darauf erwiderte Hartwig: »Lutz blieb das ganze Jahr zu Hause. Es war ihm zu mühsam, Dichterinnen zu suchen; um so fleißiger fing er Fische. Und obgleich er Tag für Tag stundenlang ins tiefe Wasser starrte, sang ihm doch weder das Bodenseeweibchen noch die Nixe der Argen jemals das kleinste Liedchen vor. Nun wagt er's nicht, Euch sofort vor die Augen zu kommen. Er begleitete uns aber bis vor Halbenstein, wo ein Bächlein fließt, umsäumt von überhängendem Erdreich, in welchem sich tiefe Löcher finden. Er behauptet, da müßten die schönsten Krebse sein. Und so will er unten bleiben und krebsen, bis wir etwa unsere Kunde möchten mitgeteilt haben, und damit auch er nicht mit leeren Händen erscheine, will er einen ganzen Korb voll Krebse mitbringen. Im Mai schmecken sie am besten.« Sooft auch Veit und Hartwig während des Jahres ausgeritten waren nach der Dichterin, hatte doch keiner nach der Heimkehr jemals dem anderen gesagt, was er ausgerichtet habe. Auch jetzt noch hielten sie den glücklichen Fund, welchen offenbar jeder getan, voreinander geheim, und jeder wollte dem Fräulein das Ergebnis seines Forschens allein mitteilen. Dann sollte sie oder der Vater richten und entscheiden. Veit gönnte dem jüngeren Bruder den Vortritt und ging einstweilen in des Ruggburgers Stall, um die Pferde zu mustern. Hartwig verbeugte sich tief vor Vater und Tochter und begann zu erzählen, wie er durch Bayern, Schwaben und Franken geritten sei und nirgends eine Dichterin gefunden habe. »Ganz zuletzt, am Ostermontag«, fuhr er fort, »kam ich unterhalb Mainz rechtsab vom Rheine an die Lahn; und wie ich so das enge Flußtal hinaufreite gen Limburg, da hörte ich überall im Feld und auf den Gassen ein Lied singen, das fing an: ›Gott, geb' ihm ein verdorben Jahr, Der mich gemacht zur Nonne!‹ und ich erfahre, daß ein Mädchen, welches man gewaltsam von ihrem Geliebten getrennt und ins Kloster gesteckt, dieses Lied und diese Weise erfunden habe. Beides aber gefiel so wohl im ganzen Lande, daß das Lied vom vorigen Jahre dadurch völlig verdrängt worden war, welches angefangen hatte: ›Noch ist mir eine Klage not Von der liebsten Frauen mein.‹ Da unten singen die Leute nämlich jedes Jahr nur ein Lied auf den Gassen, und nach Weihnachten kommt erst wieder ein neues. Im vorigen Jahre nun hatte der Liebende um eben jenes Mädchen geklagt, welches man zur Nonne gemacht, und heuer klagte diese Nonne um ihren Geliebten.« Hierauf sang Hartwig das ganze Lied der Nonne mit großer Kraft; denn es war wild und heftig, voll heißer Klagen und voll derber Verwünschungen gegen ihre eigene Sippschaft und das Kloster und die Äbtissin und die ganze Klerisei. Wie aber die Nonne heiße und wo sie weile, das hatte er nicht erfahren. Natürlich! Wäre ihr Name kundgeworden, so hätte man ja die eingesperrte Sängerin am Ende gar noch eingemauert. Hartwig schwieg erwartungsvoll. Irmgart nickte lächelnd. War es ein Lächeln des Behagens oder des Spottes? Herr Albo bat den Erzähler, abzutreten, und ließ Veit rufen. Dieser begann: »Ich ritt lange kreuz und quer durch Steiermark und Tirol, durch Österreich und die Schweiz und sah und hörte nichts von einer Dichterin. Zuletzt kam ich ins Elsaß. Da zeigte mir der Herr von Rappoltstein ein Lied, wunderschön auf Pergament geschrieben, und versicherte, daß ich auch auf der Frankenburg und auf Lützelstein, auf Nideck und Frönsberg und anderen Schlössern des Landes Abschriften finden könne, weil Lied und Weise gar schön und merkwürdig seien; denn eine Frau habe beide ersonnen. Ich kann nicht lesen; also ließ ich mir das Lied so oft vorsingen, bis es mir fest im Kopfe saß. Es lautet: »Ich war auf der Wonne Weide, Als ich seiner Liebe pflag; Nun geh ich im Herzeleide, Seit ich ihn nicht haben mag. O weh, dieser armen Zeit: Jesu, laß dein Herz mich finden, Mir zu Trost und Hilf' bereit.« Hier unterbrach er sich und sagte erläuternd: »Die Dichterin, die Ärmste, ist nämlich eine Nonne, welche man ihrem Geliebten entrissen und ins Kloster geschleppt hat, und da sie verzweifelt, den Mann ihres Herzens wiederzugewinnen, bittet sie unseren Herrn Christus, daß er ihr zum Ersatz sein Herz schenken möge. Den Namen der frommen Sängerin verrät natürlich niemand, denn auch die frommste Liebesklage ist im Kloster verboten.« Nach dieser Zwischenrede sang der hünenhafte Veit das Klagelied sehr zart und weich zu Ende. Und so sanft zu singen, ward ihm recht sauer. Als er schwieg, dankte der Ritter. Irmgart blickte traurig drein. Ob aus Mitleid mit der Nonne? oder mit Veit? oder mit sich selber? Nun ließ der Alte Hartwig wieder herbeirufen und sprach nach kurzem Besinnen zu den beiden Brüdern: »Ein jeder von euch hat eine Dichterin gefunden, und zwar ein jeder – eine Nonne!« »Doch nicht die nämliche?« riefen beide Brüder zugleich. »Nein! – Die eine lebt im Lahngau, die andere im Elsaß; – die eine zürnt, die andere klagt; – die eine gewann Ruhm bei allem Volke, die andere auf allen Burgen; – beider Lieder werden gewiß unsere Zeit überdauern, sie sind beide das Stöhnen eines gepreßten Herzens, teilnahmvoll wird man sie noch in späten Tagen singen und hören. Das Lied des trotzigen Mädchens von der Lahn ist besser; das Lied der wehmütig entsagenden Elsässerin frommer: ich wage nicht zu entscheiden, welches unbedingt den Vorzug verdient. Aber mir kommt ein schweres Bedenken: eine Nonne ist gar keine Frau; sie ist weniger und ist mehr. Und wenn die Minnesängerinnen nur im Kloster verbotenerweise singen, dann steht es schlimm um die Dichtkunst der Frauen! Sie lernten Lied und Weise finden, weil man ihnen die beste Kraft des Weibes nahm: – Liebe zu nehmen und zu geben. Vielleicht rede ich sündhaft; und so wage ich denn auch keinen Entscheid. Wir wollen ein weiseres Gericht berufen. Doch laßt uns zunächst zu Tische gehen, daß wir dort dessen Zusammensetzung besprechen können.« Irmgart war verdrießlich, Veit brummte ärgerlich in den Bart, Hartwig runzelte zornig die Stirn, nur der alte Ruggburger bewahrte den heiteren Gleichmut. Da kam Lutz unangemeldet plötzlich in den Garten gelaufen, trat ohne Umstände in die Laube und stellte einen großen Korb voll Krebse auf den Steintisch. »Ich habe sie gefunden!« rief er atemlos. »Die Krebse?« fragte der Alte. »Ja! Nein! Ja! Die Dichterin! Die beste, ruhmreichste –« Er konnte vor Hast nicht weiterreden. »Und wer ist sie? wie heißt sie? Sprich!« riefen alle vier. »Wer sie ist? wie sie heißt? – das habe ich nicht genau behalten. – Aber da kommt sie selbst! – Nur herein in den Garten!« Alle blickten staunend auf. Ein Jüngling im Reisekleide erschien mit dem Wanderstabe in der Hand, fast wie ein Pilger anzusehen. »Aber das ist ja ein Mann!« rief Hartwig. »Freilich ein Mann!« entgegnete Lutz ganz ruhig. »Doch der Mann kennt die beste Dichterin, ihren Namen, ihren Lebenslauf; er singt ihre Lieder. Er bringt alles mit, was begehrt wird: so habe ich's gemeint. Und er wird euch noch viel schöner erzählen, als er mir's getan. Nur schickt vorher die Krebse in die Küche – es sind Prachtkerle! – und laßt sie sofort in siedendes Wasser werfen; sie kriechen sonst alle miteinander davon.« VII. Der Fremde trat bescheiden vor, die Anwesenden grüßend. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, sein Rock bestaubt, sein ganzer Anzug schlicht und gering. Seine Haltung aber war so vornehm, der schlanke Wuchs so edel, die jugendfrischen Züge so fein, daß alle ihm mit jener Achtung den Gegengruß boten, die wir dem Manne aus bester Gesellschaft zollen. Zuerst ergriff Lutz wieder das Wort und sprach: »Als ich da unten krebste, trat dieser Wanderer zu mir und fragte mich um den Weg nach Augsburg. Ich gab ihm Bescheid, erkundigte mich aber auch, woher er komme, und da ich erfuhr, daß er aus Italien kommt, wo keiner meiner Brüder noch gesucht hat nach der Dichterin, so leuchtete mir der Gedanke auf, der Mann wisse vielleicht von solchen Frauen jenseit der Berge. Und ich erzählte ihm den ganzen tollen Handel und fragte ihn genau, was begehrt wird, nach dem Wortlaut: ob er in Welschland von einem Weibe gehört habe, dem wir das herrlichste Lied verdanken, ein Lied, das von Land zu Lande fortgesungen wird wie Walthers und Wolframs Lieder. Und denkt euch mein Glück! – der Mann kennt die Frau und kennt das Lied. Er hat mir lange und gar schön davon geredet, daß ich statt in ein Krebsloch in das Loch einer Wasserratte griff, die mir in den Finger biß. Trotzdem habe ich einiges nicht verstanden und das andere nicht behalten. Ich bringe darum den Fremdling selber mit, daß er es euch berichten möge – unter Vorbehalt meiner Ansprüche auf den Preis. Denn wenn ich auch die Dichterin nicht fand, so habe ich doch den Mann gefunden, der die Dichterin gefunden hat, – und eines ist so gut wie das andere.« Der Fremde nannte seinen Namen – Werner von Winstein – und versicherte, daß er keineswegs um einen Preis werben wolle, der ihm nicht gebühre. Dann fuhr er fort: »Als ich die Frage und Aufgabe hörte, welche das Fräulein gestellt, da stiegen leuchtende, erhabene Bilder aus Welschland in meiner Erinnerung auf, und die Bilder weckten Gedanken, welche vielleicht auf die rechte Spur leiten, jene Frage zu beantworten. Vor wenig Monden kam ich nach Ravenna, um das Grab eines Dichters zu suchen, der dort in der Minoritenkirche seit achtzehn Jahren ruht. Ich stand da lange Zeit in stiller Andacht wie am Grabe eines Heiligen, und an dieses Grab – so seltsam haschen und finden sich die Gedanken – dachte ich wieder, als ich Irmgarts Frage vernahm. Jener Sänger hat mit seines Geistes Auge die wundersamsten Dinge gesehen, wie sie kein zweiter Sterblicher jemals schaute, und eine Reise gemacht wie kein anderer. Er stieg hinab in die Hölle, drang durchs Fegefeuer und schwebte aufwärts zu allen Sphären des himmlischen Paradieses. Er sah mit Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Qual und Sühne von tausend Menschen, die nicht mehr auf Erden wandeln, und die Läuterung und Verklärung von tausend seligen Toten. Womit jene sündigten, damit werden sie gestraft, und das winzige Goldkorn irdischer Tugend erkeimt und erblüht diesen zur Himmelsglorie. Dies alles aber hat der Dichter erzählt in einem Hohenliede sondergleichen. Die Weisesten bemühen sich, die Geheimnisse des Liedes zu entschleiern; das Volk singt seine schönsten Verse auf den Straßen, und der Name des Dichters ist von allen gepriesen, der Name Dantes, des Florentiners, der zu Ravenna starb. Doch hat Dante sein Hoheslied nicht allein ersonnen. Eine Frau dichtete mit. Kaum neun Jahre alt, sah er Beatrix bei einem fröhlichen Maifeste. Da liebte der Knabe das Kind, wie Kinder lieben. Und als er zum Jüngling herangewachsen war, liebte er die Jungfrau, schüchtern und von ferne sie verehrend wie eine Heilige und doch mit der vollen Liebesglut des Jünglings. Ihr Anblick, ihr Gruß genügten ihm; er war glücklich, wenn er sie in Liedern preisen durfte. Da starb Beatrix. Der Liebende wollte verzweifeln, aber das Bild der Geliebten hob den Dichter empor. Sie erschien ihm als himmlische Trösterin, als die göttliche Weisheit, welche versöhnt, indem sie vom Erkennen zum Schauen führt, und dieses Schauen ward ihm zum Gedicht, und von ihrem Geiste durchgeistet, begann er die Gerechtigkeit Gottes zu singen. Ein Mann, Virgil, der sangeskundige Heide, führte ihn durch die Hölle und auf den Berg der Läuterung, aber durch den Himmel konnte ihn nur Beatrix führen, das reine, geliebte Weib. Sein Auge wird geblendet vom Sonnenglanz des Paradieses, daß er's niedersenken muß; Beatrix schaut in die Sonne, und an ihrem Auge lernt sein Aug' die Sonne ertragen. So webt sich ein Gedicht um das Gedicht. Hätte nicht Beatrix den Sänger mit der höchsten Kraft der Poesie erfüllt, er würde das Gedicht nicht also, er würde es niemals gesungen haben. Darum verdanken wir Beatrix das herrlichste Lied unserer Tage, ein Lied, das von Land zu Land wird fortgesungen werden wie Walthers und Wolframs Lieder. Allein diese Beatrix lebte nicht bloß gestern, sie lebte auch vor tausend Jahren, sie lebt heute und wird wiederkommen in nahen und fernen Jahrhunderten, anders geartet, anders genannt: die Dichterin, welche niemals einen Reim und Vers gemacht und der wir doch die schönsten Lieder danken. Und wo nur ein Sänger kommen mag, der die tiefste Menschenbrust bewegt, der wird auch seine Beatrix gesucht oder gefunden oder verloren haben. Das Weib macht den Mann zum Sänger. So mögen denn die Frauen leicht verschmerzen, wenn ihnen etwa die Gabe der Erfindung und des Wortes minder eignet als dem Manne; sie bewegen uns die Seele, daß wir schauen und schaffen, und lösen uns die Zunge zum rechten Worte und zum rechten Ton.« VIII. Alle schwiegen, als Werner geendet. Irmgart schlug die Augen nieder, um ihre tiefe Bewegung zu verbergen. Der alte Ritter erhob sich und schüttelte Werner schweigend die Hand; dann sprach er: »Das waren ganz meine Gedanken, nur kann ich sie so schön nicht fassen. Ja, so war es in der guten alten Zeit: die Frau kämpfte, indem sie den Mann ermutigte; die Frauen dichteten, indem sie die Männer beglückten. Ich habe dies Irmgart schon längst gesagt. Allein ich möchte noch mehr hören von der Reise durch Himmel und Hölle. Bleibt etliche Tage bei uns, Herr Werner, seid mein Gast! und versucht es, in schlichtem Deutsch uns nachzuerzählen, was der Florentiner in seiner zarten toskanischen Zunge verkündet hat. Auch ihr bleibt meine Gäste: Veit, Hartwig, Lutz! Und wenn euch das lange Lied langweilt, dann kann Veit Rosse tummeln, Lutz Fische fangen, Hartwig Hirsche jagen; in fröhlicher Tafelrunde aber werden wir uns alle wieder zusammenfinden.« Veit nahm die Einladung für sich und seine Brüder an. Vorerst aber wolle er ein ernstes Wort reden. »Die Minneprobe«, so begann er, »ist noch nicht entschieden. Mir ist die Sache zu fein, als daß ich erraten könnte, wohin der Entscheid fällt; mag er fallen, wie er will, was ich zu sagen habe, trifft einen anderen Punkt. Ich versprach auszureiten für ein Lächeln, hatte aber dabei doch einen Hintergedanken, der immer mehr zum Vorgedanken, ja zum führenden Gedanken wurde, je weiter ich durch die Lande ritt. Ja, ich glaube, ohne diesen Gedanken hätte ich die singende Nonne an der Lahn so wenig gefunden wie der Florentiner das Paradies ohne seine Beatrix. Ich hoffte und hoffe, Irmgart zu gewinnen als Frau. Und so werbe ich bei Euch, Herr Ritter, jetzt in aller Form und vor diesen Zeugen um Eurer Tochter Hand.« Er hatte kaum ausgesprochen, als ihn Hartwig mit einem bitterbösen Seitenblicke hinwegschob und dazwischenrief: »Wie kannst du so plump herausfahren, bevor du weißt, was anderer Leute Gedanken sind! Jetzt muß ich bekennen, was ich erst bekennen wollte, nachdem ich Irmgarts Sinn erforscht haben würde. Nun aber muß es heraus. Auch ich hoffte und hoffe auf Irmgarts Hand. Mag die Elsässer Nonne gewinnen oder verlieren, – das war Minnedienst, in welchem ich gern dem Bruder weiche. Aber in der Brautwerbung weiche ich ihm nicht; Irmgart selber soll entscheiden, und so lege ich denn diese Werbung Euch, mein Fräulein, und Euch, Herr Ritter, hiermit allen Ernstes zu Füßen.« In diesem Augenblicke brachte ein Diener die Krebse auf einer großen Schüssel; sie waren so schön rot geworden und so anmutig mit Petersilie verziert, daß er sie als ein Schaugericht zunächst in der Laube vorzeigen und zugleich die Herrschaften zu Tische rufen wollte. Doch Lutz schob die Krebse, den Diener und die beiden Brüder zornig beiseite und sprach: »Die Minneprobe habe ich ohne Zweifel gewonnen, denn hätte ich den Wandersmann da nicht gefunden, so wüßtet ihr alle miteinander nichts von Dante und Beatrix, welches die größte Dichterin ist. Irmgart versprach zwar dem Sieger höchstens die Fingerspitzen; ich aber hoffe, sie gibt mir die ganze Hand. Wenn ich das lange Jahr hindurch am Bodensee oder am Schleinsee, am Degersee oder Muttelsee, an der Argen oder an der Schussen fischte, dann sah ich immer ihr Bild in der blauen Tiefe, bis es zuletzt durch die Forelle verdrängt wurde, welche an der Angel anbiß. Ohne Irmgart hätte ich nicht halb so oft dem edlen Fischfang obgelegen. Die Frauen fischen, indem sie die Männer ans Wasser locken; – das vergaß jener weise Fremdling vorhin noch seinen schönen Worten hinzuzufügen. Jetzt aber will ich Ernst machen aus dem Spiele und sage in aller Bescheidenheit, daß es mich sehr glücklich machen würde, Irmgart als Gattin heimzuführen.« Der alte Ruggburger hätte in lautes Lachen ausbrechen mögen, wenn er nicht erschrocken wäre über diese unerwartete dreifache Werbung. Noch sann er auf die passendste Antwort, da erhob sich die sonst so schüchterne Irmgart und sprach mild und freundlich, doch mit einem so festen, sicheren Ausdruck, wie ihn der Vater bis dahin niemals bei ihr beobachtet hatte: »Mich dünkt, keiner von euch dreien, ihr ritterlichen Brüder, hat die Aufgabe gelöst, welche ich gab, und auch Herr Werner löste sie nicht; allein er befreite euch und mich von dieser Aufgabe. Meine Minneprobe war ein törichtes und gefährliches Spiel. Mein Wunsch, in fremder Frauen Dichterruhm die Hoffnung auf eigenen Ruhm zu nähren, war eitel. Dies lehrte mich des Wanderers Bild und Wort. Doch euch allen gebührt mein voller Dank, und wenn ein herzliches Wort ihn geben kann, so ist er euch gegeben. Fordert nicht mehr von mir. Mein Vater hat euch, Veit und Lutz und Hartwig, kaum zu Gast gebeten; nun klingt es rauh, wenn ich sage: ihr werdet jetzt diese Einladung nicht annehmen wollen, weil euch allen dreien nach dem, was ich – nicht gesagt, der Aufenthalt in diesen Mauern zunächst peinlich sein dürfte. Als Freundin reiche ich euch die Hand zum Abschied, und wenn die Zeit den Mißklang dieser Stunde in eurem Gedächtnis getilgt hat, dann kommt als liebe Gäste wieder!« Sie reichte ihnen die ganze Hand, aber Veit und Hartwig ergriffen jetzt nur die Fingerspitzen und Lutz nicht einmal diese. Mit Groll im Herzen verließen die drei Brüder die Burg, Veit mit mürrischem, Hartwig mit spöttischem Lebewohl, Lutz aber ganz stumm wie ein Fisch. Erst am Brunnen vor dem Tore fanden sie untereinander die Worte wieder. Es war an derselben Stelle, wo sie sich vor einem Jahre so brüderlich gezankt hatten über ihre erste Minneprobe. Jetzt, nach der letzten Minneprobe, waren sie ganz einig, einig in ihrem Ärger, in ihrem Zorn und in dem Vorsatz, Rache zu nehmen an dem Ruggburger, an seiner Tochter, vorab jedoch an dem fremden Gecken, den Lutz selber auf die Burg gebracht hatte, damit sie alle drei von ihm heimgeschickt würden. Denn sie gingen, – Werner von Winstein aber blieb. IX. Ein neues Leben begann auf der Ruggburg. Es deuchte Irmgart, als wandere sie nun an Werners Seite hinaus in die weite Welt, nach der sie sich so lange gesehnt. Trotz seiner jungen Jahre war Werner ja so weit umhergezogen durch Deutschland und Italien und erzählte so schlicht und gut von fremden Landen und Leuten. Und er kannte nicht bloß diese lichte Erde, die von der warmen Sonne bestrahlt wird, auch von jenen dämmerig geahnten Reichen jenseit des Grabes wußte er zu reden; er schilderte nach des alten Ritters Wunsch die Wanderung Dantes, wie sie ihm im Gedächtnis stand, und seine Rede ward dabei mitunter zum Gedicht, und die Terzinen des Florentiners verwandelten sich von selbst in deutsche Reimpaare. Zum Lohne zeigten ihm dann Albo und Irmgart ihre eigene kleine Welt, die Burg und den Berg, und fühlten ihn durch die Schluchten und Wälder und zu den Hütten und Höfen des Pfänders. Auch das kleinste Stückchen Erde ist ein Spiegelbild der schönen weiten Welt, wenn wir's mit dem rechten Fernblick betrachten. Am liebsten aber schaute Werner von den Zinnen der Burg hinunter in den stillen blauen See und dann zur Seite in Irmgarts klare Augen; hier wie dort fühlte er sich hinabgezogen zu unergründlichen Tiefen. Von Dantes ernstem Gedicht erzählte er nur am Morgen; des Abends sang er wohl manch kleines Lied, das er selbst ersonnen hatte, und da er jedesmal Bilder und Worte des vergangenen Tages in die Verse wob, so erhielt fast jeder Tag seinen eigenen Gesang. Irmgart versuchte, diese Beute schöner Stunden festzuhalten und die Verse hinterher aufzuschreiben. Aber es gelang ihr niemals ganz; die Hand zitterte, die Feder versagte, und ihre Gedanken flogen mit den Versen davon. Ans Dichten dachte sie selbst aber gar nicht mehr. Sie schämte sich sogar ihrer früheren Versuche und wollte nicht einmal für sich daran zurückdenken; es dünkte ihr so überflüssig zu singen, da Werner so viel schöner sang. Oftmals wiederholte sie sich dagegen jene Verse Ulrich von Liechtensteins, »wie's in beider Herzen maiet, wenn sich Lieb' zu Liebe fügt«, und gedachte des einsamen Maimorgens vor Jahr und Tag. Sie glaubte, die Worte jetzt erst ganz zu verstehen. Auch der alte Ritter fand täglich größere Freude an dem jungen Freund. Staunend entnahm er aus Werners Erzählungen von seinen Reisen wie aus dessen eigenem Wesen, daß die Menschen ganz anders geworden seien seit seinen jungen Jahren und seit er vereinsamt war auf der Ruggburg. Dieser junge Mann aus ritterlichem Geschlecht hatte in Padua und Bologna studiert! Er hatte viele Bücher gelesen und in der Stadt der Philosophen, in Paris, mit gelehrten Häuptern disputiert, als ob er im Kloster aufgewachsen wäre, und doch schwang er das Schwert und tummelte das Pferd so gut wie der Alte, der nicht lesen und schreiben konnte. Was war das für eine neue Jugend? Und jener Florentiner Dichter, der die ritterlichen Sänger niedersang wie Walther von der Vogelweide den Heinrich von Ofterdingen im Wartburgkrieg, war ein Stadtkind, kein Burgensohn, – aus edlem Geschlecht zwar und doch ein Gelehrter, – ein tapferer Reitersmann in der Schlacht und ein Ratsherr hinter den Stadtmauern! Hier am Bodensee versank das Rittertum im Räubertum, aber hinter den Bergen, in den Städten, nicht auf den Burgen, erhob sich eine neue Ritterschaft des Geistes. Wir denken uns Propheten gern als alte Männer mit langen grauen Bärten, und doch sind die Jünglinge, denen der erste Flaum am Kinne wächst, die wahren Propheten der Zukunft; – wenn wir sie nur klar durchschauen. Irmgart und ihr Vater hatten beide gefunden, was ihnen bisher gefehlt: der Vater einen jungen Freund, bei dessen Anblick ihm seine eigene Jugend wiederblühte und bei dessen Worten es ihm war, als ergieße sich ein Morgenrot mit glühendem Widerglanz über die Alpengipfel; und Irmgart den ersten jungen Mann, der eines Liedes würdig war, von dem sie lieber singen als sagen mochte, von dem und vor dem sie aber nicht singen konnte, – weil sie ihn liebte. Es war eine glückselige Zeit auf der Ruggburg – ganze zehn Tage lang, die Werner dort weilte, und sie flogen dahin wie zehn Stunden. Und als der zehnte Tag gekommen war, hatten sich Werner und Irmgart ewige Liebe geschworen, und der alte Ritter hatte Amen dazu gesagt. Man beschloß, daß Werner, nachdem er zu Hause auch der Seinigen Beistimmung gewonnen, in Monatsfrist zurückkehren solle, um in aller Form der alten Zeit vor Zeugen um Irmgarts Hand bei ihrem Vater zu werben. Dem Verlöbnis sollte dann alsbald die Hochzeit folgen. So reiste er ab nach schmerzlich-süßem Lebewohl. X. Der Monat verging, aber Werner kam nicht wieder. Auch kein Brief, kein Bote kam. In der verzehrenden Unruhe, in der Öde und Angst ihres Herzens gewahrte Irmgart erst ganz, wie tief sie Werner liebe; im aufkeimenden Glücke jener kurzen zehn Tage hatte sie dies gar nicht ganz zu fassen vermocht. Sie wartete weiter, Woche um Woche. Alles blieb still, keine Spur von Werner. Die zehn Maitage waren wie zehn Stunden dahingeflogen; jetzt dauerten die Stunden tagelang. Endlich erfuhr man auf der Ruggburg, daß Werner gar nicht nach Hause zurückgekehrt und daß man auf Winstein im Elsaß nicht minder besorgt sei über den Verschollenen als am Bodensee. War ihm ein Unfall zugestoßen? Hatte man eine Gewalttat an ihm verübt? Längs des Weges, den er hätte nehmen müssen, wurde nun von beiden Selten nachgeforscht, doch ohne Erfolg. Die Qual des Harrens, während wir eine Unglücksbotschaft heranschleichen sehen, bohrt und nagt tiefer in unserer Seele als der Schmerz beim Anblick des vollendeten Unheils. Das empfand Irmgart. Sie suchte ihren Trost in der Erinnerung, sie suchte sich zurückzuleben in die zehn glücklichen Tage, um die grausame Ungewißheit so vieler Wochen überdauern zu können. Sie rief sich jedes Wort, jedes Bild jener Zeit ins Gedächtnis. Am leichtesten vergaß sie die gegenwärtige Pein, wenn sie die Lieder, welche Werner ihr jeden Tag gesungen, wie man der Geliebten jeden Tag einen frischen Strauß überreicht, wieder aufzuwecken und nachzusingen unternahm. Allein sie hatte damals zu tief in des Sängers Auge gesehen, als daß sie auch nur ein einziges Lied Wort für Wort sich eingeprägt hätte. Dritthalb Monate waren verstrichen. Da drang die dunkle Sage zu Ritter Albos Ohren, Werner sei von Veit von Summerau erschlagen worden an dem Tage, wo er von der Ruggburg hinweggeritten. Ein Bauer von Egghalden habe es gesehen, aber aus Angst bisher verschwiegen. Der Alte ritt hinüber nach Egghalden, welches nur eine starke Stunde entfernt auf der jenseitigen Höhe des Leiblachtales liegt. Er fand den Bauer, und dieser erzählte nach langen Ausflüchten und Umschweifen, er habe am St.-Margaretentag (und dies war der Tag von Werners Abreise) eine verlaufene Kuh im Walde an der Leiblach gesucht; da habe er einen jungen Mann mit langem dunklem Haar, der fast wie ein Pilger gekleidet gewesen, die Straße von Hörbranz herüberreiten sehen. Am Waldsaum, in der Nähe des Locherstegs, habe Veit von Summerau mit seinen Brüdern und drei Knechten dem Fremden den Weg vertreten; sie hätten heftige Worte gewechselt, die er nicht verstanden, und zuletzt zu den Schwertern gegriffen. Da sei er tiefer ins Gebüsch gekrochen und habe seinen Blick abgewendet; denn er könne nicht zusehen, wie Christenmenschen einander umbringen, obgleich er's schon oft habe sehen müssen. Nach längerem Getöse und Geklirr sei es still geworden; da habe er sich unter dem Schutz der Bäume wieder etwas näher geschlichen und deutlich bemerkt, daß die Knechte den blutigen Leichnam des Fremden fortgeschleppt hätten, die drei Brüder aber in wilder Hast vorausgesprengt seien. Aus Angst, von den Knechten noch mißhandelt oder gar totgeschlagen zu werden, sei er nach der entgegengesetzten Seite davongelaufen und habe sich gelobt, keinem Menschen je ein Wort von dem Erlebten zu sagen; denn Zeuge von vornehmer Herren Händeln zu sein, bringe immer Gefahr. Doch habe er leider den Mund nicht lange halten können und unlängst unter guten Freunden von der Geschichte geredet. Nun sei die Sache landkundig geworden, aber er bitte den gnädigen Herrn um Gottes Barmherzigkeit willen, sich bei den drei Brüdern nicht auf seinen Bericht zu berufen. Am nächsten Tage schickte Albo einen befreundeten Ritter, den Vogt von Rudolfseck, nach Alt-Summerau und ließ Veit fragen, ob er mit seinen Brüdern am St.-Margareten-Tag Herrn Werner von Winstein erschlagen habe, ob es im Überfall oder im ehrlichen Zweikampf geschehen sei und wohin sie die Leiche verbracht hätten. Veit erwiderte, er halte sich nicht verpflichtet, dem Ruggburger Rede zu stehen. Wenn er den fahrenden Ritter erschlagen habe – er sage aber durchaus nicht, daß er's getan –, so könne dies nur in gerechtem Kampfe geschehen sein, und das sei seine Sache, die Herrn Albo nichts angehe. Außer dieser geschraubten und zweideutigen Antwort war nichts Weiteres aus Veit herauszubringen. Hartwig sagte mit anderen Worten ungefähr dasselbe, was Veit gesagt hatte, und Lutz sagte gar nichts. Die schlimme Kunde war Irmgart nicht verborgen geblieben, und ihr Zustand wurde täglich bejammernswerter. Von innerster Unruhe erbebend, glich sie einer Fieberkranken. Kein Zureden des Vaters verfing mehr; sie wurde doppelt aufgeregt, wenn er noch irgendeine Hoffnung bei ihr zu wecken suchte, an die er selbst nicht mehr glaubte. Den größten Teil des Tages verbrachte sie schweigend mit ihrer Dienerin, die gleichfalls schwieg, in der Kemenate und blickte ins Weite, auf den See und auf die Alpengipfel. Wollte sie sich eine bessere Stunde machen, dann sann und sann sie, die Verse Werners wiederzufinden und in ein Büchlein zu schreiben, aber es gelang ihr immer nur stückweis. Und dann dachte sie wieder jener Wanderung durch Himmel und Hölle nach, wie sie Werner aus dem Munde des Florentiner Dichters erzählt hatte, und pries Beatrix glücklich, die sterben durfte, um dem Liebenden das Leben zum Gedicht zu machen und ihn durch das Gedicht des ewigen Lebens zu geleiten. Sie meinte, ihr sei umgekehrt das herbere Los zugefallen: im Tode führe sie der Geliebte nach kurzen Paradiesestagen durch alle Qualen irdischen Leides. Während sie aber fort und fort diese Gedanken wälzte, begann sie ganz leise vor sich hin zu singen, sie selbst und die Dienerin und die ganze Welt da draußen vergessend: »Manch helles Lied hat er gesungen, – als er mein Herz bezwungen. – Da starb er mir! – Mit ihm erstarben seine Lieder. – Ich hätt' so gern sie in ein Buch geschrieben, – daß sie mein Trost für alle Zeit geblieben: – und finde Wort und Weise niemals wieder.« Die Dienerin horchte auf und staunte, daß Irmgart singend und in Reimen sprach. Aber sie wagte nicht, die Bleiche, Fieberkranke zu unterbrechen. Diese fuhr fort, immer leise: »Er zeigte mir die Pfade – vom Schlund der Hölle zu dem Berg der Gnade, – zum Paradies, – die Dantes Seherblick gefunden, – als ihn Beatrix hob zum ew'gen Lichte – und Liebesleid sich wob zum ewigen Gedichte, – zum Lied, das lindernd schloß des Sängers Wunden.« Irmgart hielt lange sinnend ein, dann fuhr sie fort: »Ich walle andre Wege, – verlorner Liebe trostlos steile Stege – vom Licht zur Nacht: – doch winkt mir stiller Friede, – unsichtbar führt mich Werners Hand zum Grabe, – süß wird der Schmerz, den ich erduldet habe, – gedenk ich sein im armen kleinen Liede.« Das sang sie so hin, bald sinnend zurückhaltend, bald eilend und drängend in erklingenden, verschwebenden Tönen, die sich ungesucht zur schlichten, ergreifenden Melodie verbanden. Und die Gedanken hatten das Wort gegeben, das Wort gab den Reim, die Reime den Vers – alles von selber. Sie ward ruhiger. Dann begann sie wieder von vorn. Nun aber rundeten sich die Verse und Strophen, die langen und kurzen Verse glichen sich aus, die vorhin halb freie, halb gebundene Rede schmolz zum wirklichen Liede zusammen. Als sich Irmgart wiederholt daran satt gesungen hatte, wußte auch die Dienerin Wort und Weise bereits auswendig. Und aus ihrem Munde kam das Lied zu anderer Leute Mund. Geriet doch die ganze Gegend nunmehr erst in Aufregung wegen des Mordes, der an dem Fremden verübt war, wegen der Feindschaft des Ruggburgers und der Summerauer, wegen Irmgarts und Werners Liebe, wovon man jetzt erst erfuhr, und vorab wegen des wunderschönen unsichtbaren Fräuleins und ihres unsäglichen Liebesleids, in welchem sie dem Geliebten nachsterbe. Das Lied sang sich weiter von Ort zu Ort, zugleich aber veränderte es sich, indem es wanderte. Die Leute ließen Dante und Beatrix hinweg, von denen sie nichts wußten, und statt der Hölle und des Himmels des Florentiners setzten sie ihre eigene wohlbekannte Hölle und ihren eigenen gewöhnlichen Himmel hinein. Sie kürzten und längten. Und wie das Lied sich gleichsam von selbst gedichtet hatte, so verwandelte es sich auch unter der Hand von selbst zum Volksliede. Die einfachsten, wahrsten Verse aber blieben, und Irmgarts schlichte Melodie behauptete sich nicht minder. Wo man sich von den geheimnisvollen Geschichten der Ruggburg erzählte und die dürftige Kunde zur Sage ausschmückte, da sang man auch das Lied dazu. So ertönte es binnen vierzehn Tagen schon im ganzen Lande, dasselbe Lied und doch ein anderes. Das Volk ergreift und gestaltet Sang und Sage rasch oder langsam, je nachdem der Pulsschlag seines Gemütes von den Ereignissen rascher angetrieben oder träge zurückgehalten wird. XI. Herr Albo war inzwischen nicht müßig geblieben. Er verklagte die Brüder von Summerau bei seinem und ihrem Lehnsherrn, dem Grafen von Montfort, wegen Überfall und Totschlag, fand aber kein Gehör. Er ließ sich eine Klage aufsetzen, die er an den Kaiser schickte; aber der Kaiser war damals nicht zu Haus, und es war überall weit zu seinem Throne, und also kam zunächst auch keine Antwort. Da riß dem Alten die Geduld, und er ließ den Summerauern Fehde kündigen und ihnen sagen, daß er sie ergreifen werde, wo er sie fände, und sie in seinem Turme zwingen werde, Red' und Antwort zu stehen, auch Sühne zu leisten für den Erschlagenen. Mehrere Ritter der Gegend ergriffen Partei für ihn, doch die meisten Nachbarn erhoben sich für die drei Nasen von Summerau; denn der vereinsamte, strenge, altmodische Ruggburger war keineswegs beliebt bei der gewalttätigen Jugend des Landes. Am ganzen Bodensee war es unruhig; die Parteigänger bedrohten und beschädigten sich von Burg zu Burg. Die Bauern aber, welche im stillen dem volksfreundlichen alten Herrn anhingen, nannten diesen Kleinkrieg, der halb geheim, halb offen geführt wurde, die Nasenfehde. Endlich gelang es Albo mit seinen Knechten, die Brüder unweit ihrer Burg zu überraschen. Es war ein Herbsttag; die dicken Nebel des Bodensees hatten sich ins Hügelland hereingewälzt bis zu den Wäldern am Degersee, wo Veit und Hartwig jagten. Unvermerkt hatten des Ruggburgers Leute die Jäger umstellt, und als plötzlich die Sonne durch den Nebel brach, brachen auch die Feinde aus dem Dickicht und forderten jene auf, sich zu ergeben. Der gewaltige Veit aber schlug sich durch, und Hartwig, der Gegend kundiger als die Angreifer, entkam nach heißer Verfolgung in den schluchtigen, dicht verwachsenen Wäldern. Zu gleicher Zeit hatten einige andere Knechte Albos das Ufer des nahe gelegenen Degersees abgegangen. Da sahen sie Lutz von ferne, wie er mit der Angelrute auf einer kleinen Landzunge stand und unverwandt ins Wasser blickte. Der größte Hecht hatte angebissen, und mit unerschöpflicher Geduld ergab sich nun der Fischer dem seltsamen weidmännischen Vergnügen, das arme Tier so lange an der Angel im Wasser hin- und herzuziehen und sich abzappeln zu lassen, bis es so matt geworden war, daß er's sicher an der dünnen Angelschnur aufs Land heben konnte. Das dauerte wohl eine halbe Stunde, und Lutz merkte gar nicht, daß des Ruggburgers Knechte schon lange hinter seinem Rücken standen und zuwarteten, daß der schöne Fisch nicht verlorengehe. Sowie aber Lutz endlich hocherfreut den todmüden Hecht mit sicherem Zuge aufs Ufer warf, griffen jene ihn selbst an den Armen und im Nacken, banden ihn, ehe er sich nur zur Wehre setzen konnte, und nahmen jubelnd den Fischer samt dem Fische mit, welch letzteren sie nachher zum Frühstück verzehrten. So wurde die Auffahrt des alten Ritters schließlich doch noch mit Erfolg gekrönt. Lutz wanderte in den großen dicken Turm der Ruggburg, wo er bei Wasser und Brot nachdenken konnte, ob und wie er Herrn Albos Fragen beantworten wolle. Allein er beantwortete diese Fragen des Vaters so wenig wie im vorigen Jahre die Minnefragen der Tochter. Veit und Hartwig säumten nicht, zur Befreiung des Bruders herbeizueilen. Von vier befreundeten Rittern mit stattlichem Gefolge unterstützt, rückten sie schon am nächsten Tage vor die Ruggburg, nahmen das kleine Vorwerk Halbenstein mit stürmender Hand und besetzten die zwei einzigen Zugänge zur Burg, die Teufelssteige und den Weg von Eichberg herüber, mit so starker Mannschaft, daß Albo in seinem allerdings unbezwinglich festen Hause ganz abgeschnitten war. Es fragte sich zunächst, ob ihm Hilfe von außen kommen werde, bevor er ausgehungert sei, denn mit Proviant waren sie da oben schlecht versehen. Vergebens machten die Belagerten mehrere Ausfälle, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Der Ring, der sie umklammerte, war viel zu stark und fest; die Burg lag so steil, daß man nicht hinein konnte; aus demselben Grunde konnten die Belagerten jetzt aber auch nicht hinaus, und nur der Hunger fand seinen Weg auf die unersteigbare Burg. Zum Hohne ließen die Summerauer eine große, prächtige Viehherde auf dem Grashange jenseit der Schlucht weiden; der Ritter konnte aus seinem Fenster jede Kuh genau beobachten und zusehen, wie sie gemolken wurde, und ihr Brüllen hören, ohne daß er die Herde und die Hirten auch nur mit einem Pfeilschuß hätte treffen können. Nach acht Tagen war der letzte Bissen verzehrt, und es blieb dem Burgherrn mit seiner Handvoll Leute für den nächsten Tag nur noch übrig, sich zu ergeben oder im hoffnungslosen Kampfe gegen zehnfache Übermacht zu fallen. Der Vater brachte es nicht übers Herz, schon am Vorabend der jedenfalls traurigen Entscheidung seiner Tochter die wahre Lage zu entdecken. Morgen beim letzten Abschied war es noch früh genug, und dem armen Kinde sollte die Nachtruhe unverkümmert sein. Aber Irmgart schlief nicht. Von ihrer jetzt verdoppelten Seelenpein gefoltert, saß sie noch um Mitternacht am offenen Fenster der Kemenate und sah hinaus auf den See, auf dessen leicht bewegter Fläche das Mondlicht einen langen zitternden Streifen zog, während die Schweizer Berge von Wolken schwarz beschattet waren. Das Lied, mit welchem sie sich vorlängst getröstet und das sie in der härter andrängenden Not fast schon wieder vergessen hatte, zog ihr leise durch die Seele; aber sie vermochte nicht, es auch nur leise zu singen. Es gibt einen stummen Schmerz, der jedes Wort, jeden Ton uns auf der Lippe ersterben macht, und dieser Schmerz ist der tiefste. Da war es ihr plötzlich, als sänge sie dennoch das Lied. Aber sie sang es ja nicht. Und dennoch glaubte sie, die Weise ganz leise verschwebend zu hören. Sie horchte auf. Es war, als ob ein geisterhaftes Singen draußen durch die Luft zöge. Sie trat ans Fenster. Der Ton kam von unten. Die Mauer stieg unter ihrem Fenster senkrecht zum Felsen nieder, und die Felswand fiel dann senkrecht zur Tiefe hinab, nur von schmalen Rissen durchfurcht, worin die Wurzeln dürftiger Sträucher hafteten. Kein Mensch hatte je diese Wand erklettert, und die Kemenate galt für den unnahbarsten Ort in der fast unnahbaren Burg. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus. Jetzt hörte sie ganz deutlich ihr Lied – es kam vom Rande der Felswand, die dort vielleicht einen Fuß breit Raum bot, wo die Mauer ansetzte –, und da unten etwas seitwärts auf der schmalen Kante, an die Mauer gedrängt, stand eine menschliche Gestalt. Jetzt fiel der Mondstrahl auf den Sänger, – es war die Erscheinung Werners, geisterhaft wie in der Luft schwebend über dem schwindelnden Abgrunde. Gewiß! er war im Tode wiedergekehrt, um sie zu rufen! – »Unsichtbar führt mich Werners Hand zum Grabe, – süß wird der Schmerz, den ich erduldet habe, – gedenk ich sein im armen kleinen Liede.« Sang er jetzt nicht diese Worte? – Es klang so, und doch schienen es etwas andere Worte zu sein, die Irmgart nicht verstehen konnte, – aber das Lied, die Weise war es gewiß. Sie schrie nicht auf, sie fuhr nicht zurück; sie blieb erstarrt in der Fensternische sitzen, starr wie die Tote im Anblick des Toten, der ihr zurief. Der Sänger schwieg. Dann winkte er und flüsterte. Nun erst fuhr ihr der jähe Schreck durch die Glieder, daß sie fast hinabgestürzt wäre. Er flüsterte und winkte wieder. Sie gewann die Besinnung wieder, klammerte sich fest an den Fensterrahmen, beugte sich tief hinab und lauschte. Deutlich vernahm sie nunmehr Werners gedämpfte Stimme: »Wir kommen, euch zu retten. Sage dem Vater, daß er morgen früh, wann die Glocken in Lindau zur Mette läuten, mit allen Knechten ausfallen solle gegen die Teufelssteige. Wir dringen im selben Augenblick, eine starke Schar, von Eichberg herüber und werden dem Feinde in die Seite und in den Rücken fallen.« Sie wollte reden, fragen, sie hätte aufschreien mögen und fürchtete sich doch, auch nur zu lispeln. Aber die Erscheinung winkte wieder und verschwand, die steile Felswand hinabgleitend, als ob sie in die schwarze Tiefe versänke. Irmgart trat ins Zimmer zurück; da brach sie zusammen und lag eine Weile bewußtlos. Als sie wieder zu Sinnen kam, war der Mond schon tief herabgegangen, und der erste Frühschein des aufdämmernden Morgens säumte im Osten den Kamm des Pfänders. Sie glaubte, geträumt zu haben, und doch so klar, so deutlich, – war das nur ein Traum gewesen? Sie wußte es selber nicht und quälte sich fruchtlos mit dieser Frage. Endlich eilte sie zum Vater, der auch schon längst nicht mehr schlief, und erzählte ihm das Gesicht dieser bangen Nacht. Der Alte erschrak über den Fiebertraum des armen Mädchens. Wenn auch Werner noch lebte, wie hätte er die Felswand ersteigen können? Weit glaublicher schien es dem Ritter, daß Werners Geist aus dem Grabe zur Burg heraufgeschwebt sei, um ihnen den bevorstehenden Entsatz anzukündigen. Doch gleichviel! der letzte, verzweifelte Ausfall mußte gewagt werden, und er beschloß, den Augenblick genau zu ergreifen, wie es die Erscheinung in Irmgarts Traumgesicht befohlen hatte. Sowie er diesen Entschluß der Tochter mitteilte, erwachte sie wie zu neuem Leben; Mut und Hoffnung kamen ihr wieder, sie wußte selbst nicht warum. Im glaubensstarken Gebete erwartete sie beim Geläute der Lindauer Morgenglocken den Ausgang des Gefechts und hörte von fernher das Schwertergeklirr und das Geschrei der Kämpfenden, ohne zu zittern. Aber das Waffengetöse klang immer stärker, das Rufen und Hörnerblasen, bald nah, bald fern, schwoll mächtiger heran – es kam von zwei Seiten! – auch vom Eichberg herüber –; es mischte sich zuletzt mit Siegesrufen. Irmgart eilte in den Burghof. Da öffnete sich das Tor, ihr Vater ritt herein und Werner an seiner Seite, gefolgt von zwei befreundeten Rittern, ihren Knechten und vielen bewaffneten Bauern, und mit ihnen kamen Veit und Hartwig von Summerau, wehrlos, als Gefangene. Im tiefsten Schmerze und im höchsten Jubel versagt das Wort. Es war Werner – wirklich und leibhaftig –, den Irmgart umschlang. Sie fragte nicht, wie das alles geschehen und gekommen sei, was heute morgen und heute nacht gleich einem Traumbild durch ihre Seele gezogen; sie fragte nur, ob es denn wirklich so sei. Erst im Laufe des Tages tauschte man gegenseitig die Kunde des Erlebten. Werner war am Margaretentag von den drei Brüdern am Locher Steg überfallen worden. Sie hatten ihn nach heftiger Gegenwehr zu Boden geschlagen und als Gefangenen mitgeschleppt und hielten ihn dann eingesperrt im Turme zu Summerau, um sich an ihm und zu gelegener Zeit durch ihn auch an Albo und Irmgart für all den Spott und Hohn zu rächen, mit welchem sie sich auf der Ruggburg beleidigt glaubten. Als Lutz am Degersee gefangen ward und Veit und Hartwig, mit knapper Not dem gleichen Schicksal entschlüpft, sofort ihre Mannen und Freunde aufboten gegen den Ruggburger, gelang es Werner, in der Verwirrung zu entkommen. Er wollte zur Ruggburg zurück, erfuhr jedoch, da er auf versteckten Pfaden sich dem Berge nahte, daß die Burg bereits von den Belagerern abgesperrt sei. Auf einem Bauernhof des Pfänders hielt er sich dann verborgen, rief die Bauern auf zur Befreiung ihres Herrn und schickte Boten an dessen umwohnende Freunde. Damals hörte er Irmgarts Lied von einem Bauernburschen singen, als jener ihm ihre Leidensgeschichte erzählte, unwissend, daß Werner selbst der verlorene Geliebte sei. Die Bauern bewaffneten sich für den Herrn, der ihnen so viel Gutes erwiesen hatte, und es gelang Werner zuletzt, eine stattliche Schar in der Stille zu versammeln. Man mußte aber auch dem Ruggburger Nachricht geben zu gemeinsamem Handeln. Da wagte Werner, was vorher und nachher kein Mensch gewagt hat. Er klomm in der Mondnacht die Felswand hinauf längs der Risse und Rinnen von Strauch zu Strauch und erreichte so die einzige Ecke der Burg, welche von den Belagerern nicht berührt wurde, und nachdem er Irmgart benachrichtigt hatte, glückte es ihm auch, den furchtbaren Pfad wieder hinabzuklettern. Die Liebenden hatten sich aufs neue gefunden und gewonnen und hielten sich fest fürs Leben. Irmgart beneidete jene Beatrix nicht länger, die sie vorher selig gepriesen; ja, sie meinte nun, die schöne Florentinerin hätte dem armen Dante wohl auch etwas mehr schenken dürfen als ihren Anblick und einen gelegentlichen Gruß. Aber vielleicht würden wir dann die Göttliche Komödie gar nicht bekommen haben. Sie begehrte auch fürder nicht mehr zu dichten. Das Leben Werners, sein Erscheinen, sein Verlust, sein Wiedergewinn erschienen wie ein Gedicht, an welchem auch ihr ein Teil gebührte, und sie fühlte sich berufen, nun auch weiter mitzuweben an diesem echten Rittergedichte voll Ehre und Minne, voll von Abenteuern und doch auch von Taten der Weisheit und Güte, voll vom Segen des Friedens und Glückes. Im Vollbesitz der Liebe begehrte sie aber keinen Minnedienst mehr und hatte an der einen Probe genug. Da sie Werners halbvergessene Lieder suchte, hatte sie ungesucht ein eigenes Lied gefunden, ein einziges Mal und nicht wieder; in ihrem Munde ein Lied des Kummers, ward es in dem seinigen das Lied der frohen Botschaft, der Befreiung. Glücklich, daß dies Lied ihr einziges blieb, – hatte sie doch nur der Schmerz zur Dichterin gemacht! Sie gedachte jener unglücklichen Nonne an der Lahn, deren einziges Lied, aus Qual und Not geboren gleich dem ihrigen, im Volke fort und fort gesungen ward. Am Vorabend des Hochzeitstages wurden die drei Nasen von Summerau ihrer milden Haft ledig. Sie mußten Urfehde schwören, sich niemals wieder an dem Ruggburger noch an seinem Schwiegersohne rächen zu wollen. Veit und Hartwig mußten außerdem den armen Bauern am Pfänder ein Sühngeld zahlen für den Schaden, welchen sie ihnen während der Belagerung an Haus, Acker und Vieh zugefügt. Lutz brauchte nichts beizusteuern. Der alte Ritter meinte: »Wir sind ihm ohnedies noch die schönen Krebse schuldig und den großen Hecht, den meine Knechte gegessen haben.« Die Brüder von Summerau gingen beim Mondlicht die Teufelssteige ganz still zu Fuß hinab, zur selben Stunde, wo die Hochzeitsgäste den anderen Weg über Eichberg zur Burg heranritten bei Fackelschein, der tief in die dunklen Schluchten leuchtete und sich in festlicher Glut mit dem sanften Mondesschimmer mischte. Und lieblicher Reigengesang, wechselnd mit Trompetengeschmetter, hallte im Echo von den Wäldern und den Wänden des Pfänders zurück. An einem herrlichen, wolkenlosen Augusttage des Jahres 1879 besuchte ich die Ruggburg. Am Fuße des Berges, in Halbenstein, sieht es jetzt friedlich aus. Zwischen den wilden Waldschluchten rechts und links, wo das entfesselte Bergwasser zuzeiten Bäume und Felsstücke wälzt wie vor tausend Jahren, deckt ein Obstwald den üppig grünen Wiesenhang. Die Vorburg ist ein Bauernhaus geworden, aus den Steinen des alten Bollwerkes erbaut. Aber Bänke und Tische vor dem Haus belehren uns, daß wir hier noch immer Wein trinken können wie weiland der Teufel und der Burgpfaffe. Freilich keinen Seewein mehr. Wir haben die österreichische Grenze überschritten, und der reichsdeutsche Seewein dringt jetzt nicht mehr herüber ins deutsche Osterreich. Also trinkt man einen Niederösterreicher, der jenem alten Seewein bedenklich stammverwandt ist, – so herb und sauer, heute wie damals. Der Name der Teufelssteige ist völlig vergessen. Auch die Kreuze unten und oben sind verschwunden. Wie es scheint, kommen keine Teufeleien in dieser Gegend mehr vor; die frommen Vorarlberger würden sonst die Kreuze gewiß wieder aufgerichtet haben. Der schmale, steile Pfad führt durch verschiedene Engpässe zu jener gefahrvollen Stelle, wo die Brüder von Summerau ihre Reiterprobe ablegten. Unsere Zeit macht alle Wege breit und eben, die Wege zum Guten sowohl wie zum Schlechten, und so ist auch diese böse Stelle breiter und ebener aus den Felsen herausgehauen worden. Man sieht noch immer rechts in die Tiefe des Abgrundes hinab, aber der Pfad bietet gar keine Gefahr mehr für den Fußgänger, und selbst ein guter Reiter mit sicherem Pferd würde wenigstens den Aufritt nicht mehr scheuen. Die Quelle, bei welcher die Brüder sich über die Minne stritten, als sie das erstemal kamen, und sich im Zorne einigten, als sie das zweitemal gingen, rieselt noch heute wie vor fünfhundert Jahren, und die Vorübergehenden laben sich an dem reinen, kühlen Wasser, wie so viele Tausende vor ihnen getan haben und nach ihnen tun werden. Die Tannen, welche vordem den Quell beschatteten, haben einem Bretterdache Platz gemacht. Hier wie anderswo ward die Natur karger, der Mensch freigebiger. Neben der Quelle liegt ein Bauernhaus, und den stolzen Namen des »Ruggburgers«, den man sonst hochgeborenen Rittern gegeben, gibt man jetzt dem schlichten Bauersmann, der dort wohnt und seine Kühe im Burghofe weiden läßt. Von dem neuen Ruggburger geht ein schmales, grasiges Pfädchen zur alten Ruggburg hinüber. Die beiden Burggräben, längst ohne Brücke, sind so tief und steil, daß man fast vorsichtiger hinab- und hinaufsteigen muß als am bösen Eck der Teufelssteige. Es ist gut, daß der letzte Weg so schlecht ist und daß fast kein Mensch mehr hierher kommt; denn käme man leichter heran, so würden die Trümmer der Burg in diesen aufgeklärten Zeiten vermutlich wegen »Verkehrsstörung« abgebrochen worden sein. Bei dem vordersten Graben mündeten die zwei einzigen Wege zur Burg zusammen, und man erkennt hier die ausnehmende Festigkeit der Lage. Aber diese mächtig tiefen zwei Gräben gemahnen auch an die Zukunft. Die letzten Mauertrümmer der Burg werden mit der Zeit zerfallen und verschwinden; diese Gräben aber werden dauern und von einer Burg erzählen bis zuletzt. Und wann einmal unsere ganze heutige Kultur längst in Trümmer gefallen sein wird, wann vielleicht nach tausend und tausend Jahren Kriege und Pestilenzen, Völkerstürme und Völkerflucht unser altes Europa wüst gelegt haben, wann Gras und Wald wieder wächst, wo unsere Städte mit ihren Domen und Palästen sich erheben, und kein Stein mehr auf dem anderen steht, dann werden noch die tiefen Einschnitte, welche wir beim Eisenbahnbau durch die Hügel gruben, die Tunnels, welche wir durch die Felskolosse der Alpen bohrten, die Riesendämme, mit denen wir Täler und Schluchten ebneten, das letzte Zeugnis geben von unserer versunkenen und vergessenen Welt – gleich diesen Burggräben. Es sind die Runen, die wir in die dauerhafteste Gedenktafel, die wir in den Erdball graben. Die Außenwerke der Burg sind verschwunden, hohe Tannen schatten jetzt über den dürftigen Steintrümmern der Ringmauern mit ihren Türmen. Von den Wohnungen blieben nur noch die Fundamente übrig und die Kellerräume ohne Decke. Nur eine hohe Wand von gewaltiger Stärke erhebt sich noch stolz in die Luft, das Wahrzeichen der Burg, weithin über den See und die Niederung und die Berge. Aber dieses mächtige Gemäuer mit kargen Überresten der Seitenwände ist ein mehrfaches Rätsel. Kein Ornament, kein Säulchen, kein Tür- oder Fensterrahmen gestattet uns einen Schluß auf Alter und Bestimmung. Gehörte es zum Palas? oder zum Berchfrit? oder trug es vielleicht Palas und Berchfrit zugleich? Die Steine sind stumm. Und dennoch reden auch diese Steine. Da ist hoch oben, mitten in dem regellosen Gefüge ein mächtiger Gneisblock eingemauert, der in der Urzeit von den Gletschern des Tödi hierher auf den Pfänder gewälzt wurde, wo seinesgleichen noch genug liegen, und zuletzt dort in der Mauer für viele hundert Jahre Ruhe fand. Und unten, wo die Wand zersprengt ist, sehen wir in ihrem Kerne Dachziegel und Backsteine eines viel älteren Baues, offenbar eilig und wüst zusammengefügt. Aus einer zerstörten Burg hat man diese neue gebaut; wann? – das weiß niemand mehr; und aus einer zertrümmerten Welt hat man die fernher geschleuderten Gneisbrocken zum ersten Bau genommen. Ganz oben auf dem unersteigbaren Rande der Mauer wachsen lustig ein paar Föhrenbäume; sie sind anzuschauen wie das Banner, welches die Natur triumphierend aufgepflanzt hat über dem Menschenwerk, das sie mählich und sicher zerstört. An jenem Abgrunde, wo Werner kaum einen Fuß breit Raum fand, kann sich der Wanderer jetzt bequem und sicher lagern, und zieht er das Sitzen vor, so bietet sich ihm sogar eine Bank. Denn statt des Frauenhauses mit seiner steil aufsetzenden Wand ist nur noch die Bodenfläche vorhanden, aus welcher dessen Mauern emporstiegen. Die Prophezeiung des Lutz von Summerau hat sich erfüllt. Hundert Jahre nach Albos Tode war die Ruggburg die ärgste Raubburg auf weit und breit; damals hauste Herr Hans von Rechberg da oben und stieß wie ein Geier von seinem sicheren Horste ins Tal hinab auf Beute, Aber am 8. Dezember 1452 wurde die Burg von den schwäbischen Reichsständen erstürmt und zerstört. Sie blieb in Trümmern liegen bis auf diesen Tag, in kahlen Mauermassen, die uns von weitem fast wie ein Werk der Natur, wie Felsstücke auf der Felswand erscheinen. Kommen wir aber näher heran und sehen, daß diese formlosen Trümmer dennoch Menschenwerk sind, dann muten sie uns an wie Denkmale einer völlig toten, erstarrten und versteinerten Vergangenheit. Denn nirgends entdecken wir mehr die kleinste Spur von dem, was einst diese Räume traut und wohnlich gemacht hat, nirgends das geringste Wahrzeichen des persönlichen Lebens und Waltens der ehemaligen Bewohner. Und dennoch lebten und liebten hier vor einem halben Jahrtausend Menschen wie wir, anders gesittet und dennoch hochgesittet; ernst und fröhlich, ringend und strebend, verzweifelnd und hoffend, sich selbst ein Rätsel und uns ein Rätsel – wie wir: der rückwärtsschauende milde Alte, welcher die verlorenen Ideale seiner Jugend beklagt und über die Abendschatten trauert, die auf der Gegenwart lagern, – und der vorwärtsdringende Jüngling, dem ein verheißungsvoller neuer Tag sich auftut in taufrischer Morgenkühle wie zur lichtesten Maienzeit, – damals wie heute. Auch diese jetzt so kahlen und kalten Mauern beherbergten einst ein feinsinniges, warmherziges Geschlecht, uns so ferne stehend und doch so nahe verwandt; und wo jetzt des »Ruggburgers« Kühe grasen, da wandelte Irmgarts zarter Fuß zwischen den Rosen- und Fliederbüschen des Burggartens. Vergebens mühte sie sich zu dichten wie die Männer, bis sie von der aufkeimenden Liebe belehrt ward, daß Frauen am schönsten dichten, indem sie dem Gedichte des geliebten Mannes Leben geben und sein Leben zum Gedichte gestalten. War das ein ganz anderes Geschlecht wie das unserige? Die gebrochenen Mauern fügen sich wieder zusammen und überwölben sich uns im Geiste wieder mit dem schützenden Dach; sie umschließen behagliche Gemächer, und in dem heimeligsten, sinnig geschmückten Stäbchen waltet die Jungfrau und sinnt über das Rätsel – der Frauenfrage, vor einem halben Jahrtausend. Und sie löst das Rätsel, indem sie im Manne sich selber findet. Damals wie heute! Der Dachs auf Lichtmeß 1861 In einer kleinen schwäbischen Reichsstadt zeigte man vordem zwei Wahrzeichen: ein mächtiges zweihändiges Ritterschwert, welches im Rathause aufbewahrt wurde – man nannte es »des Dachsburgers Schwert« –, und einen sieben Fuß langen Sandsteinblock vor der Schmiede am Marktplatz – man nannte ihn »des Dachsburgers Bett«. Wer der Spur dieses Namens weiter nachging, der fand die Trümmer der Dachsburg mehrere Stunden nordwärts im Gebirge und zwischen der Burg und der Stadt eine Waldschlucht, »die Dachsfalle« genannt. Das ehemalige Reichsstädtlein ist inzwischen fast zu einem Dorfe heruntergekommen, das Schwert vom Rathause ward an den Juden verkauft, der es dann weiter in das Raritätenkabinett eines Engländers verhandelte, und der Stein vor der Schmiede, auf welchem seit undenklicher Zeit die Schulkinder gespielt, wurde zerschlagen und in den Sockel des neuen Spritzenhauses vermauert. Nur die »Dachsfalle« hat sich noch als Namen eines Waldbezirkes auf den Flurkarten der Gemeinde erhalten, und von der Dachsburg blieb ein mäßiger Trümmerrest. Eine Sage dagegen, welche Burg, Falle, Bett und Schwert miteinander verknüpft, lebt in voller Frische fort trotz allen Wandels der Geschlechter bis auf diesen Tag. In den alten Ritterzeiten, so erzählt sie, wurden die Bürger arg gequält von dem Ritter von Dachsburg, welchen man meistens kurzweg »den Dachs« hieß. Wo er ihnen auflauern und Hab' und Gut wegschnappen konnte, da tat er's. Am liebsten hätte er gleich das ganze Städtlein eingesteckt, allein es war doch etwas zu groß für seine Taschen. Auch deuchte es ihm kurzweiliger, auf scharfem Roß ins Weite zu schweifen, als Mauern und Türme zu berennen. Solange daher die Bürger hinter ihrem Stadtgraben blieben, hatten sie Ruhe; zog aber einer auch nur ein paar Stunden über Feld, so standen Geld und Freiheit auf dem Spiel. Ein solcher Stadtarrest kann auf die Dauer auch dem geduldigsten Deutschen zu arg werden. Da sich die Bürger aber zu schwach fühlten, für sich allein dem Dachs zu Leibe zu rücken, so schlossen sie heimlich ein Schutz- und Trutzbündnis mit mehreren Nachbarstädten; allein der Ritter kam ihnen auf die Schliche und verbündete sich nun auch seinerseits mit mehreren benachbarten Rittern. So ward aus der Wegelagerei ein kleiner Krieg. Da webte und wimmelte es nun auf einmal in dem Städtchen wie in einem Ameisenhaufen, wenn ein Knabe mit dem Stock hineinstößt; denn die sonst so friedsamen Bürger fühlten wohl, was es heiße, als kriegführende Macht auf die Bühne zu treten. In den Kramläden und Werkstätten war allgemeiner Feiertag, auf den Gassen dagegen, in den Schenken, im Zeughaus, im Rathaus wie nicht minder im Ratskeller wogte jung und alt geschäftig durcheinander. Ein jeglicher hatte Pläne, Warnungen und Prophezeiungen in der Tasche, jeder wollte reden, einige sogar hören, was andere redeten, und vom Schusterjungen bis zum Bürgermeister erschienen alle als geborene Heerführer und Staatsmänner, deren Gaben bisher nur verborgen geruht. Vorab aber galt es als das Zeichen eines wahren Patrioten, völlig zu vergessen, daß es noch irgendein ander Ding in der Welt gebe als die drohende Fehde mit dem Dachs und seinen Spießgesellen. Von alle diesem war nur ein einziger Mann ausgenommen: der Schmied Michael am Marktplatz. Er schmiedete in seiner Werkstatt weiter, als ob gar kein Dachsburger im Lande sei, ging nur dann zur Schenke, wann er Durst hatte, trank seine Kanne und redete wenig, pfiff und sang sogar noch seine alten Liedlein, während die ganze übrige Bürgerschaft bloß Kriegsmärsche pfiff, und verließ sein Haus nur, wenn es draußen wirklich etwas zu tun gab. Ja, noch mehr. Er hatte stadtkundigerweise eine Liebschaft mit einer Bauerndirne gut eine Stunde vor dem Tor und blieb verliebt vor wie nach und besuchte sogar seinen Schatz dreimal in der Woche, wie er schon lange zu tun pflegte, als noch kein Mensch von einem Krieg träumte. Die anderen schalten ihn darum einen lässigen Bürger, einen schlechten Christen ohne Gemeingeist und faßten dies nach landesüblicher Weise bündig in ein Wort, indem sie ihn »Michel Leimsieder« nannten. Doch hätte man ihm seine politische Leimsiederei vielleicht noch verziehen, wäre er wenigstens in ein eingeborenes Stadtkind verliebt gewesen; allein seine Trude war ein Bauernkind und nicht einmal eines Vollbauern, sondern eines eingewanderten Söldnerbauern Tochter, zählte also selbst unter dem Bauernvolk zum hergelaufenen Pack. Und um einer solchen Dirne willen vergaß der reichsstädtische Zunftmann fürs Heil der Stadt zu zechen, zu raten und zu reden! Die Liebschaft konnten sie dem unpatriotischen Schmied nicht wehren, aber das Heiraten wenigstens wollten sie ihm versalzen; so gelobten sich's die Ratsleute und die Zunftgenossen. Die Stadt, vom Hügel zum Flüßchen niedersteigend, hatte oben einen trockenen Graben und unten einen nassen, und dementsprechend zwei Tore, das Bergtor und das Bachtor. Nach altem Brauch war der Verteidigungsplan auf die Zunftordnung gegründet, so daß jede Zunft ihr besonderes Stück Stadtmauer zu besetzen hatte. Die trockene Bergseite war von Natur minder fest als die Bachseite; es fügte sich darum ganz bequem, daß man die zahlreichen Zünfte, welche im Trockenen arbeiten, die Schmiede, Schuster, Schneider, Bauleute, Bäcker und Metzger an die trockene Seite postierte, dagegen die kleine Schar der Gerber, Fischer, Brauer, Schenkwirte und ähnliche feuchte Berufe an die Bachseite. Die wichtigsten Punkte waren jedenfalls die beiden Tore; am Bachtor hielten darum die fauststarken Gerber Wacht, am Bergtor die noch nervigeren Schmiede. Nun galt freilich vordem Michael der Schmied für den stärksten und kühnsten Mann in der ganzen Stadt, und man hätte ihm gerne den Befehl am Bergtor übertragen, wäre er nicht neuerdings Michel der Leimsieder geworden. So aber hielt der Rat dafür, daß ein so gleichgültiger, stummer und selbstgenügsamer Mann für den gefährlichsten Posten nichts tauge, und stellte ihn in die Reserve zu den alten Leuten und unbärtigen Jungen. Der Schmied nahm das ganz ruhig hin, als ob sich's von selbst verstünde, und schmiedete ruhig fort an seiner Esse. Inzwischen war dem Rat die geheime Kunde geworden, daß der Dachsburger nächste Woche auf Lichtmeß mit seinen Freunden zusammenstoßen und in also vereinter Macht einen Hauptstreich wider das Städtlein führen werde. Es galt, dieser Vereinigung der Gegner zuvorzukommen, und zwar stand die Sache derart auf Spitz und Knopf, daß man den Dachs entweder in dem Augenblick überfallen mußte, wo er seine Burg verlassen, den Sammelplatz der Gefährten aber noch nicht erreicht hatte, oder – wenn diese einzige Stunde versäumt würde – Verzicht leistete auf jeden Angriff und hinter den schwachen Mauern alle Plage einer sehr bedenklichen Belagerung auf sich nahm. Um dem Ritter den Weg zu verlegen, mußten aber die Bürger wenigstens den Sammelplatz wissen, gegen welchen er auf Lichtmeß von seiner Burg ziehen wolle. Sie schickten zu dem Ende drei Kundschafter aus: einen Metzgerknecht, einen Schustergesellen und einen Schneiderjungen. Allein die Späher kamen nicht wieder, sondern statt ihrer ein Bote des Ritters, vermeldend, sein Herr habe jene drei auf verdächtigen Wegen ertappt und festgenommen, sei aber bereit, sie gegen sehr billiges Lösegeld auszuliefern. Wolle ihm der Rat statt des Metzgers ein paar fette Mastochsen, statt des Schusters ein paar fette Schweine und statt des Schneiders, der gar leicht und mager sei, ein paar zarte junge Zicklein senden nebst sechs Maltersäcken Korn als Brot zum Fleische, dann könnte er die drei Burschen im Stadtwald gegen Quittung wieder in Empfang nehmen. Die Bürger waren außer sich über diesen neuen Schaden samt dem Spott; dazu drängte die Zeit, denn morgen bereits stand Lichtmeß im Kalender. Schon früh am Tage hielt man Kriegsrat auf dem Rathause. Im engeren Ringe standen die Hauptleute der Zünfte wie auch die Führer einiger fremden Mannschaft, die von den befreundeten Nachbarstädten herübergeschickt worden war, im weiteren Ring die anderen bewaffneten Bürger als Zuhörer. Es drohte aber eine bedenkliche Spaltung; denn einem Teile war die Nachricht, der Dachsburger wolle auf Lichtmeß ausziehen, nachgerade so verdächtig worden, daß sie behaupteten, der Ritter selber habe sie ausgesprengt, um die Stadt irrezuführen, und die Gefangennahme der Späher sei bereits die erste Frucht seiner gelungenen List. Die anderen dagegen hielten die Kunde für echt und begehrten den Ausmarsch auf morgen, nur konnte keiner genau sagen, wohin man eigentlich marschieren solle. Um den Streit zu schlichten, forschte man nun – freilich etwas spät – genauer nach, woher denn eigentlich jene geheime Kunde gekommen. Der Bürgermeister sagte, er habe sie vom Zunftmeister der Gerber, der Zunftmeister, er habe sie von seinem Wachposten am Bachtor, der Wachposten, er habe sie von einem fremden Bauern, der in voriger Woche frühmorgens zwischen Licht und Dunkel ans Tor gekommen sei, woher sie aber der Bauer habe, das wisse er nicht. Nun hatten die Zweifler gewonnen Spiel. »Auf solche Gewähr«, riefen sie entrüstet, »ängstet man die ganze Stadt und will uns gar vors Tor führen, daß wir dem Dachs desto sicherer in den Rachen laufen!« Da schallte aus den hintersten Reihen der Zuhörer eine dröhnende Baßstimme: »Die Nachricht ist dennoch echt; morgen zieht der Dachs aus seiner Höhle!« »Wollt Ihr etwa bürgen für den fremden Bauersmann?« fragte strafend der Bürgermeister den unberufenen Redner. »Ja! denn der Bauer war ich selber!« antwortete die Stimme, und zugleich sah man die hohe Gestalt Michaels des Schmieds aus der Menge sich emporrichten. »Und wer hat Euch jene Mär aufgebunden?« »Ich erlauschte sie von des Ritters Leuten, da ich vorige Woche wie gewöhnlich des Abends als Bauer verkleidet den Söldnerbauer und seine Tochter besuchte.« »Das ist kein zuverlässiger Bote, der auf Liebesabenteuer zieht, indes wir hier, wie auch ihm ziemte, den Schlaf uns abbrechen, um die Stadt zu bewachen!« rief der Gerberzunftmeister, der Befehlshaber am Bachtor. Ruhig erwiderte Michel Leimsieder: »Hättet ihr wirklich die Stadt bewacht, so hätte ich nicht auf Liebesabenteuer ausziehen können. Denn seht, ich bin in den letzten vierzehn Tagen sechsmal bei Nacht über die Mauer gestiegen und durch den Graben gewatet, hart neben eurem Bachtor, und keiner hat mich erblickt.« Diese kurze Zwiesprach begann die Stimmung der Menge bereits zu wenden. Man drängte und schob den Schmied in den engeren Ring; vielen dämmerte es schon, daß der Leimsieder allein schweigend gehandelt habe, während die anderen bloß redeten, wie man handeln solle, und daß der einzige Politikus in der Stadt ein Verliebter sei. Alle lauschten atemlos den weiteren Antworten Michels, die so kurz und schwer fielen wie Hammerschläge auf den Amboß. »Warum«, fragte der Bürgermeister, »habt Ihr mir nicht sofort pflichtmäßig Anzeige gemacht von dem erlauschten Geheimnis?« »Weil ich gern meine eigenen Pfade im stillen gehe, und den nächtlichen Weg zum Söldnerbaner hättet ihr mir doch gar zu gerne verlegt. Übrigens glaubtet ihr ja alle, was ich dem Wachposten entdeckte, ungeprüft. Also konnte ich schweigen. Heute, wo man laut zu zweifeln beginnt, rede ich.« »Da Michel alles weiß, so kann er uns vielleicht auch sagen, welchen Weges morgen der Dachsburger ziehen wird?« sagte der Gerbermeister in zornigem Spott. »Allerdings«, erwiderte der Leimsieder trocken. »Und habt Ihr das auch von den Knechten des Ritters?« »Nein, sondern vom Ritter selber.« Und wiederum schwieg er, als harre er weiterer Fragen. »Himmel und Welt!« rief der Bürgermeister, »lauf doch einer in die Werkstätte des Schmieds und hole die große Zange, daß wir ihm die Worte etwas leichter aus dem Munde ziehen können!« »Die Zange brauchen wir jetzt nicht«, sagte Michel, »aber den Hammer werden wir brauchen, morgen früh vorab, wenn es wider den Dachsburger geht. Und jetzt höret das übrige. Ich selber habe dem Ritter unsere drei Kundschafter fangen helfen. Das kam nämlich so: es ließ mir keine Ruhe, ich mußte Näheres erforschen über den Plan unseres Feindes. Ich schlich mich daher in einem Bauernkittel zum Müller in der Lohe, wo der Dachs mit seinen Knechten und einer Schar Bauern hielt, die er dorthin entboten, um mit ihrer Hilfe ein weidgerechtes Treibjagen auf die drei städtischen Kundschafter anzustellen. Die Bauern kennen mich alle, aber keiner wird mich verraten, denn wegen des Söldnerbauern Gertrud halten sie mich für ihresgleichen. So wurde ich also mit ihnen im Treiben aufgestellt. Natürlich hatte ich die Absicht, unsere drei Leute auf meiner Linie auskommen zu lassen, und das wäre auch geschehen, wenn sie nicht gar zu selbstgewiß all meine Winke verachtet hätten. Mögen sie's also haben. Nach vollführtem Fang bewirtete uns der Ritter auf der Mühle, und als er nach manchem tiefen Trunk etwas stark redselig wieder zu Pferde stieg, blickte er nach dem Mond und sagte zu mir, der ich das Roß am Zügel hielt: ›Wachsend Licht und Ostwind – das gute Wetter wird standhalten. Sonnenschein auf Lichtmeß! Der Dachs wird seinen Schatten sehen, wenn er aus der Höhle tritt. Bäuerlein! Wie heißt der Spruch vom Dachs auf Lichtmeß?‹ Da erwiderte ich: ›Sieht der Dachs auf Lichtmeß seinen Schatten, so kriecht er auf vier Wochen wieder in den Bau zurück.‹ Der Ritter lachte und rief zu seinen Leuten, indem er dem Pferd die Sporen gab: ›Heuer wird der Dachs den Spruch zuschanden machen!‹ Ich verstand wohl, was er meinte, und schlich in meiner Angst dem Reiterzuge nach, der im Schritt den steilen Berg hinanklomm. Indem ich nun so im Schatten des Waldsaumes nebenher huschte, vernahm ich, wie der Ritter von der Klosterwiese als dem Sammelplatz sprach, wo er auf Lichtmeß am Vormittag mit seinen Freunden zusammentreffen wolle. Von der Burg zur Wiese gibt es aber nur einen Weg für berittene Mannen, nämlich durch die Schlucht im Rauchholz. Dort müssen wir morgen zur rechten Stunde lauern oder nirgends; und nun wisset ihr alles, was ich selber weiß.« Michael wollte bescheiden wieder auf seinen Platz zurückgehen, aber die anderen duldeten das nicht; jeder wollte ihn ausfragen, beloben, seinen Rat hören: der Leimsieder war mit einem Male der Mann der Volksgunst geworden, obgleich sich doch alle vor ihm hätten schämen sollen als vor ihrem leibhaften bösen Gewissen, welches ihnen wie ein Spiegel, nur im verkehrten Bild, die eigenen Mängel vorhielt. Keiner zwar zupfte sich an der eigenen Nase, sondern ein jeder seinen Nebenmann, und es gab ein babylonisches Gewirr, in welchem das Lob des Schmieds mit den gegenseitigen Vorwürfen der einzelnen zusammenfloß. Nun fand sich's auch urplötzlich, daß es in der Rüstkammer fehle und im Proviantgewölbe; denn alle hatten geredet, keiner gerüstet, alle gezecht, keiner gehandelt, den Leimsieder ausgenommen, der sein Haus bestellt hatte für jeden Fall, während er ganz still seinem Tagewerk und seiner Liebschaft nachging. So endete er auch jetzt den greulichen Tumult, indem er seinen Harnisch zeigte, der gefestet und blank geputzt, und sein Schwert, das scharf geschliffen war, und sich erbot, dem Dachsburger selber in der Waldschlucht zu Leibe zu gehen, wofern ihn nur zwölf tüchtige Bursche begleiten wollten. Die fanden sich bald, und die Befehlshaber redeten auch kein Wort wider das Wagnis, denn sie fürchteten schon, der Leimsieder möge ihnen allen über den Kopf wachsen; werde er etwa vom Ritter geduckt, so sei es gerade kein Unglück. Am anderen Morgen zog Michael zum Tor aus, nicht mit zwölf, sondern mit dreißig Genossen, denn Tatkraft lockt zur Tat. Ein größerer Haufe marschierte in der Richtung der Klosterwiese, um mit Vermeidung eines Gefechts die dort sich versammelnden anderen Ritter zur Seite zu locken, daß sie nicht etwa dem Dachsburger entgegenritten. So hatte es der Leimsieder schon längst im stillen ausgedacht. Lautlos strich er mit seiner Schar in der frühen Dämmerung durch den Wald und stellte in der Schlucht die Zünftler ins Versteck hinter die Bäume und Felsstücke. In der Rechten hielt er den wuchtigen Schmiedehammer, das Schwert ruhte in der Scheide, über der Rüstung trug er den Bauernkittel, in welchen er sich so oft zu ganz anderen Abenteuern verhüllt hatte. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« war der Feldruf der Städter an diesem Tage. Als eben die späte Februarsonne hellglänzend durch die laublosen Wipfel aufstrahlte, nahte sich der Ritter, sorglos den engen, steinigen Pfad herabreitend; die Knechte folgten ihm, einer hinter dem anderen, denn der Weg bot nicht Raum für zwei. Der Harnisch des Dachses glühte im goldenen Licht, und der Schatten von Roß und Mann fiel langgestreckt vor ihm her. Da trat ihm auf zwölf Schritt der Schmied aus dem Gebüsch entgegen. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« rief er. »Herr Ritter, Ihr macht ein Sprichwort zuschanden: Der Dachs sieht seinen Schatten, aber er kehrt nicht mehr in seinen Bau zurück!« Und bei diesen Worten warf er den Hammer im Bogen dem geharnischten Mann entgegen; – er hatte den Wurf oft daheim geübt, während die anderen auf dem Rathaus Reden übten. Der Hammer sauste dem Gegner an den Kopf; doch schlug er ihm nur den Helm herab, welcher lose und bequem aufgesetzt gewesen. Allein das Roß scheute, bäumte, und ehe der erschrockene Reiter des erschrockenen Tieres Meister ward, stürzte es im Gestein des abschüssigen Pfades. Mit dem Sturz aber kamen dem kampfgewohnten Manne die Sinne wieder; im Nu war er aus den Bügeln, auf den Beinen, zog das Schwert und sprang dem Schmied entgegen, der kaum rasch genug sein eigen Schwert aus der Scheide reißen konnte. Sie prallten beide gleichzeitig aneinander. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« schrie der Leimsieder und hämmerte in fürchterlichen Naturhieben auf des Gegners Harnisch, als hätte er glühendes Eisen auf dem Amboß. »Ich will dir den Sonnenschein auf ewig verdunkeln!« erwiderte der Ritter und gab ihm zugleich die Hiebe kunstgerechter, doch nicht minder kräftig heim. »Sonnenschein und Sturm zugleich!« rief der Michel. »Wenn's auf Lichtmeß stürmt und tobt, der Bauer sich das Wetter lobt!« und schlug dem Ritter einen Querhieb ins Gesicht, daß das Blut die Backen herunterrann. Nun kam auch dem Dachs der Humor: »Lichtmeß hell, gerbt dem Bauer das Fell!« entgegnete er und zog dem Michel einen Hieb über die linke Schulter, daß er dachte, er habe den Bauer durch und durch gespalten. Aber der Harnisch, an welchem der Leimsieder gehämmert, während seine Mitbürger Stroh gedroschen, fing den Streich auf, und nur der Bauernkittel, in Fetzen geschlagen, fiel von der Schulter, daß der Schmied plötzlich in blanker Rüstung wie ein Junker vor dem Ritter stand. »Lichtmeß dumper, macht den Bauer zum Junker!« donnerte Michel nun, die richtige zweite Halbstrophe zu der eben gesprochenen ersten des Ritters fügend. »Wird der Bauer zum Junker, geht die Welt unter!« rief der Dachs mit entsprechendem Streich. »Für dich geht sie unter heut auf ewig«, antwortete der Leimsieder mit entsprechendem Gegenstreich. Und mit der Losung: »Sonnenschein auf Lichtmeß!« fiel er immer wütender den Ritter an. »Auf Lichtmeß sieht der Bauer lieber den Wolf in der Herde als die Sonne am Himmel!« brüllte der Ritter; »Ihr sollt den Wolf haben und die Sonne zugleich!« und schwang sein Schwert gewaltig über Michels Kopf. Der Ritter behielt das letzte Wort: der Schmied wußte keinen Wetterspruch von Lichtmeß mehr, aber er behielt den letzten Hieb. Denn kaum hatte der Dachsburger jenes Wort gesprochen, so spaltete ihm der Leimsieder den Schädel und rief: »Schweigen ist auch eine Antwort!« Der Fall des Führers entschied den Tag. Des Schmiedes Genossen hatten leichtes Spiel mit den Knechten des Ritters. Roß und Rüstung, welche diesen im offenen Felde so oft den Sieg verschafft über die Städter, wurden in der engen Felsschlucht ihr eigenes Verderben. Als sie vollends den Herrn fallen sahen, wandten sie sich zur Flucht. Doch wurden etliche niedergemacht und gefangen. Die Bundesgenossen auf der Klosterwiese harrten bis Mittag ihres Freundes, da meldete ihnen gleichzeitig das Jubelgeschrei und Glockengeläute von der Stadt herüber und ein versprengter Knecht, der aus der Schlucht entronnen war, des Dachsburgers Schicksal. Sie gingen für diesmal auseinander und kamen so bald nicht wieder. Die Bürger aber in der Schlucht, welche von Stund an die »Dachsfalle« hieß, luden die Leiche des Ritters samt Schwert und Rüstung auf sein Pferd und führten dieses Siegeszeichen zur Stadt; Michael der Leimsieder ging mit dem Hammer an der Spitze des Zuges. Als sie an dem Hause des Söldnerbauern vorbeikamen, nahm er den Alten zur Rechten und die Gertrud zur Linken. Den zerfetzten Bauernkittel trug der jüngste Lehrjunge der Schmiedezunft ganz hinten auf einem Spieße wie ein erbeutetes Banner. So schritt die abenteuerliche Rotte zum Tore herein. Am Marktplatz machte man halt und legte die Leiche des Ritters auf dem Stein vor der Schmiede wie auf einem Paradebett aus, daß jeder sich überzeugen konnte, es sei auch wirklich der Dachsburger und kein anderer, den Michael gefällt. Es zeigte sich, daß der Ritter aufs Haar so lang war wie der Stein, nämlich sieben Fuß, gleich als sei der Stein, der schon seit undenklicher Zeit dort lag, eigens für ihn zurechtgehauen worden. Das alte zweihändige Ritterschwert, wie es damals schon kein Mensch mehr zu führen pflegte, ward zu ewigem Gedächtnis im Rathaus aufbewahrt. Es kam von da der Brauch auf, neu eingeschworenen Bürgern dieses Schwert zu zeigen, damit sie im Andenken an Michael den Leimsieder erkennen möchten, daß wenig reden und viel handeln die erste Bürgertugend sei. Als Lösegeld für den gefangenen Metzger, Schuster und Schneider schickte man die Leiche des Dachsburgers seiner Familie zurück. Er hatte bekanntlich die Gefangenen gegen Mastochsen, Mastschweine und junge Geißböcke ausliefern wollen. Ein Mönch im Städtlein fand diese Wendung so bedeutsam, daß er am nächsten Sonntag sehr erbaulich darüber predigte. Michael heiratete seine Gertrud ohne Einsprache, wie sich von selbst versteht. Seine Freunde behaupteten noch lange nachher, nie im Leben, nicht einmal an seinem Hochzeitstage sei er so gesprächig gewesen wie in der Dachsfalle, als er mit Hieben gewettert und mit Wetterregeln dreingehauen habe. Und doch sei er auch dort das letzte Wort schuldig geblieben, nicht aber den letzten Hieb. Der Spitzname des Leimsieders ward, wie das damals so oft geschah, zum Familiennamen. Die Familie blieb in hohen Ehren, soll jedoch in späterer verfeinerter Zeit jenen Namen abgelegt haben, so daß mehrere große Männer deutscher Nation, die ohne Zweifel aus dem Hause Michaels stammten, den Zusammenhang mit ihrem Ahnherrn nicht mehr durch den Namen, sondern bloß durch ihre Taten nachweisen konnten, ganz im Geiste Michaels. In unseren Tagen, wo man zu jeder alten Sage sofort eine noch viel ältere Parallelsage aufspürt, wollen sogar einige Gelehrte behaupten, nicht Michael Obertraut aus dem Dreißigjährigen Kriege, sondern dieser Michael Leimsieder sei der ursprüngliche deutsche Michel gewesen, der verspottet schweigt, wenn die weisen Politiker reden, aber zu allerletzt das Wort und den Hieb führt, wenn jenen ihr Latein ausgeht. Der stumme Ratsherr 1862 Erstes Kapitel. Hunde mitzubringen in die Ratssitzung einer Reichsstadt, war im Mittelalter gerade nicht der Brauch. Nun geschah es aber doch einmal, daß ein Hund fast sieben Jahre lang Sitz – wenn auch keine Stimme – in einem reichsstädtischen Rate erhielt. Das kam also: Gerhard Richwin, Bürger und Wollenweber in Wetzlar, war ein reicher Mann, weil sein Vater gespart und gearbeitet hatte. Dafür feierte nun der Sohn und vergeudete, und wenn er's noch zehn Jahre so fort trieb, so war er bis dahin vermutlich aus dem reichen der arme Richwin geworden. In der Lahngasse, enggepackt zwischen anderen hochgiebeligen Häusern, stand Richwins Haus, ein stattlicher Holzbau, erst vor zehn Jahren von Grund aus neu aufgeführt, wie die Jahrzahl – 1358 – über der großen Türe bezeugte. Durch diese Türe trat man in die Verkaufshalle; denn Richwin handelte nicht bloß mit selbstgewebter Ware, sondern mehr noch mit fremden Zeugen und würde zur Kaufmannsgilde gezählt haben, wenn es eine solche in Wetzlar gegeben hätte. So aber gehörte er zur vornehmsten Zunft, zu den Wollenwebern, und innerhalb dieser zu einem kleinen vornehmen Kreise, den sogenannten »flandrischen Zunftgenossen«, vom Verkauf der kostbaren flandrischen Tücher also benannt; unter den vornehmen »Flandrischen« aber war Richwin wiederum der Reichste und Vornehmste, und es dünkte ihm, er sei doch fast um einen Kopf über die Zünfte überhaupt hinausgewachsen und auf ein Haar so groß wie ein Patrizier. Durch die große Türe trat man, wie gesagt, in die Verkaufshalle; nämlich wenn man auf der Schwelle nicht über zwei böse Buben stolperte, die daselbst gewöhnlich zu spielen und zu raufen pflegten. Es waren Richwins ältere Kinder. Die jüngeren, zwei Mädchen, machten im oberen Geschoß der Mutter das Leben sauer; denn da es dem Vater zu langweilig war, Zucht zu üben bei den wilden Rangen, so lernten die Brüder jede Unart von selber, und die kleinen Schwestern lernten die Unart von den Brüdern; die Mutter allein aber vermochte die unbändige Rotte nicht im Zügel zu halten. Klagte die arme Frau Eva dem Manne ihr Leid wegen der Kinder, so hörte er mit dem rechten Ohre gar nicht zu und mit dem linken halb und gab keine Antwort oder, wenn er besonders achtsam war, eine verkehrte. So ging's auch in anderen Stücken. Gerhard merkte nicht, wie arg er seine Frau vernachlässigte; hätte er's gemerkt, er würde es besser gemacht haben, denn er hatte ein gutes Herz und liebte seine Frau. Aber Eva merkte um so mehr, daß er oft ganze Tage nichts mit ihr sprach, und wenn ja, so waren es kalte, zerstreute Worte, schlimmer als nichts. Sie trug ihr Kreuz in Geduld und wußte doch nur zu wohl, daß es bald ein doppeltes Kreuz werden würde; denn sie sah den Verfall von Hab und Gut langsam, aber sicher heranschleichen, ohne ihm irgend steuern zu können. Viel Unrechtes tat Gerhard Richwin nicht, er tat nur auch nichts Rechtes. Jedem Einfall, jeder Laune des Augenblickes gab er sich hin; diese Einfälle aber fielen, seltsam genug, niemals auf die Arbeit, welche im Augenblick zu vollführen dringend not war. Wenn es galt, in der Weberei nachzusehen, dann hatte er die größte Lust, auszureiten, und wenn er aufsitzen sollte zu einem Ritt nach den benachbarten Grafenschlössern in Weilburg, Dillenburg oder Braunfels, wo oft bedeutende Geschäfte abzuschließen waren, dann deuchte es ihm wunderschön bei den Webstühlen. Standen Käufer im Warenlager, dann schaute Meister Richwin wohl durchs Fenster seinen bösen Buben zu, sann, wie er ihrer Unart doch auch einmal wehren wolle, vergaß aber darüber geraume Zeit die Kunden und redete sie zuletzt mit grimmiger väterlicher Strenge an und fuhr mit der Elle ins Zeug, als wolle er die Käufer statt der Buben prügeln. Die treuesten Geschäftsfreunde fühlten sich nachgerade doch gar zu säumig und grob behandelt, denn die Diener und Lehrlinge des Hauses schrieben sich des Meisters Beispiel hinters Ohr und wurden noch um einen Grad säumiger und gröber als er selber; kein Wunder also, daß es allmählich etwas stiller ward in Richwins berühmter Warenhalle. Böse Zungen meinten, wenn das so fortgehe, dann werde Richwin bald der einzige Kunde seines Kaufladens sein, der beste sei er ohnedies schon. Er leuchtete nämlich in jener modesüchtigen Zeit allen anderen Bürgern vor durch reiches Kleid und steten Wechsel der Tracht, und sah man ihn im Prunkrock mit den langen Ärmeln, deren breite Tuchstreifen bis an die Füße reichten, in den buntgestreiften Hosen und spitzigen Schnabelschuhen, auf dem Kopfe die vorn und hinten aufgeschlagene Kugelmütze, das Haar geradlinig auf der Stirne abgeschnitten, indes nur rechts und links über den Ohren zwei Locken stehengeblieben waren, – dann konnte man glauben, er sei kein Zünftler oder Kaufmann, sondern ein Herr. Hätte aber jemand Meister Richwin wegen seines Putzes einen Gecken genannt, so würde er das übelgenommen haben, denn er war verletzbar wie ein geschältes Ei, und obgleich er des innerlich Unschicklichen wahrlich genug tat, fürchtete er sich doch grausam, gegen das äußerlich Schickliche zu verstoßen. Dieser Zug verkündete nun eben nicht den derben, geraden Bürgersmann. Und in der Tat hatten ihn seine Genossen, die Zünftler, im Verdacht, daß er auf zwei Achseln trage und aus Hoffart heimlich zu den Patriziern stehe. Solch ein Verdacht aber war bitterböse in jenen Tagen, denn in den Gemütern der reichsstädtischen Zunftgenossen gärte es gewaltig. Die edlen Geschlechter tagten allein im Rat und beherrschten die Stadt; sie hatten neuerdings den gemeinen Säckel mit Schulden überbürdet, die Stadt in verderbliche Bündnisse und Fehden verstrickt, sie waren dem Volke von Grund aus verhaßt, und das Maß ihrer Herrschaft schien voll zum überlaufen. Eine Verschwörung der Zünfte gegen die Geschlechter wucherte auf, verborgen, aber weitverzweigt. Hatte doch so manche andere Reichsstadt in den letzten Jahren ihrem patrizischen Rate den Stuhl vor die Türe gesetzt; warum sollten die Wetzlarer ihre Patrizier nicht auch zum Teufel jagen können? Und diesem stillen Wühlen, Planschmieden und Vorbereiten seiner Zunftbrüder gegenüber verhielt sich Gerhard Richwin kalt und zweideutig! Er war doch noch immer der vornehmste Mann der vornehmsten Zunft, hatte in den Trinkstuben großes Ansehen, und wenn sich auch die Geschäftsfreunde minderten, so mehrten sich doch die Zechfreunde. Ein empfindlicher Mann, eigensinnig, gescheit, wenn er gescheit sein wollte, ein Mann, mit dessen Vermögen es bergab ging: war ein solcher nicht wie gemacht zum Demagogen? Es lohnte wohl der Mühe, ihn für die neue Sache zu gewinnen. Man winkte und flüsterte ihm zu, schmeichelte, beredete, drängte ihn. Es verfing alles nicht. Er hatte Freunde unter den Geschlechtern, und ihr hoffärtiges, eigenwilliges Wesen deuchte ihm ganz edel und fein. Überdies war Parteizucht dem Manne unbequem, dem jede Zucht mißfiel; er rührte sich nicht, wo er Hände voll Geld gewinnen konnte: wie sollte er sich rühren, wo vielleicht nur der Galgen zu gewinnen stand? Zweites Kapitel. In jenen aufgeregten Tagen hatte Richwin einen prächtigen jungen Hund zum Geschenk erhalten, der mindestens doppelt so aufgeregt war wie die Wetzlarer Bürger und dreimal so eigensinnig wie sein Herr, einen großen schwarzen Wolfshund von spanischer Rasse, kaum dreiviertel Jahr alt, noch ganz ungezogen, täppisch und allen Mutwillens voll. Der Hund hieß »Thasso« und machte seinem Namen Ehre, welcher einen Schläger oder Streiter bedeutet. Denn Streiten und Raufen ohne Ende war seine Lust, und obgleich er, höchst gutartig, fast nur im Spiel kämpfte, so war doch ein Spiel mit Thasso nicht jedermanns Vergnügen. Ging ein ehrsamer Bürger auffallend raschen Schrittes durch die Straße, flugs sprang Thasso hinterdrein und zupfte ihn neckisch am Wams, riß aber auch gleich einen handgroßen Fetzen Tuch mit herunter. Oder er sah ein Kind, sprang spielend zu ihm hin und warf es im ersten Anlauf mit seinen breiten Tatzen in die Gosse. Am ergötzlichsten aber war Thasso, wenn ein Reiter rasch vorbeitrabte. Gleich einem Raubtier setzte dann der Hund in Riesensprüngen dem Pferde nach, umkreiste es, hüpfte ihm zum Kopfe hinauf, dann wieder zum Schweif, schnappte dem Reiter nach der Hand oder schlüpfte dem bäumenden Rosse unter dem Bauche durch, ohne jemals einen Huftritt davonzutragen. Er biß nicht, er spielte bloß; aber die Pferde scheuten, wichen zurück, stiegen hoch auf oder gingen trotz Zügel und Schenkel gestreckten Laufes durch, als säße ihnen der Satan im Nacken. Rief dann Meister Richwin den Hund zurück, so hielt dieser augenblicklich ein, blickte seinen Herrn an, als wollte er sagen: ich kann's noch viel besser, und verfolgte drauf das Pferd mit verdoppelter Lust. Drohte und schalt Richwin aber gar, so verwandelte sich das Spiel des Hundes in Zorn, er bellte und biß und lief dann aus Furcht vor der Strafe davon, durchschwärmte die halbe Stadt, trieb unterwegs allerlei neuen Unfug und schlich erst spät und ganz heimlich nach Hause zurück. Nun erhielt er freilich seine Hiebe. Diese verstand der Hund jetzt aber falsch; denn da er die erste Ursache der Strafe längst vergessen hatte, so glaubte er, man prügle ihn, weil er nach Hause komme, und blieb das nächste Mal um so länger fort. Also nahm sich Meister Richwin vor, den Hund auf frischer Tat zu bestrafen. Da lief dann der Hund hinter dem Reiter her und Richwin hinter dem Hund. Endlich stand der Hund und ließ, tief zerknirscht, den Schwanz zwischen den Beinen, seinen Herrn herankommen. Sowie dieser sich aber auf zehn Schritt genähert hatte, nahm Thasso wieder Reißaus. Meister Richwin ging langsam, lockte, schmeichelte und heuchelte ein freundliches Gesicht: der Hund kam herbei – aber nur auf zehn Schritt, dann lief er wieder davon. Der Herr mochte eilen, schleichen, stillestehen – das Tier blieb immer bei ihm, aber auch immer zehn Schritt vom Leibe. Die Gassenbuben jubelten, und die ganze Straße lief an Tür und Fenster, um zu sehen, wer denn endlich gewinne, Meister Richwin oder Meister Thasso. Der stolze Bürger zitterte vor Wut und warf gar mit Steinen nach dem Sünder. Thasso aber wich jedem Wurfe wunderbar gewandt aus, sprang dem Steine nach, apportierte ihn wie zum Spotte mit fliegender Hast und war schon wieder zwanzig Schritt voraus, ehe sein Rächer nur ordentlich zum Hiebe ausgeholt hatte. Jeder Tag brachte neue Szenen ähnlicher Art. Der Hund entfaltete einen staunenswerten Erfindungsgeist in immer neuen Unarten und in der Kunst, einem rechtzeitigen Hiebe zu entrinnen. Es war aber, als sei mit dem Hunde erst das leibhaftige Unheil in Richwins Haus gezogen. Die vier unartigen Kinder spielten und balgten mit dem Tiere von früh bis spät, und Thassos Geist kam dabei dergestalt über sie, daß man schwer entscheiden mochte, ob der Hund ärgeren Mutwillen trieb oder die Kinder. Die arme Frau Eva konnte den Hund nicht leiden, das nahm Meister Richwin äußerst übel, und hatte er sie vorher nur durch seine Kälte gekränkt, so schalt und zankte er jetzt obendrein; war Thasso seiner Peitsche entlaufen, so ließ er den Zorn an der Frau aus, und redete diese irgendein unbequemes Wort, so mußte sie gleich ihren Haß gegen den edeln Hund auf dem Butterbrot essen. Seit der Hund im Hause war, gab sie ihren Mann, sich und die Ihrigen völlig dem Verderben geweiht. Hatte sich der Meister vorher schon wenig um Haus und Beruf bekümmert, so tat er es jetzt noch viel weniger. Er wollte vor allen Dingen seinen Hund dressieren, und dieses wichtigste Werk beschäftigte ihn den ganzen Tag. Da er aber durchaus planlos und launisch dabei verfuhr, heute alle Untugenden nachsah und morgen wieder überhart strafte, so verlor Thasso vielmehr das bißchen Zucht noch vollends, welches er mitgebracht hatte. Fort und fort kamen Klagen über den Störenfried. Der Meister mußte Schaden ersetzen, Schmerzen vergüten, gute Worte geben und böse einstecken. Die Beschädigten drohten, das Tier zu vergiften oder totzuschlagen, und die Freunde drangen in den Meister, er möge die zuchtlose Bestie doch abschaffen oder an die Kette legen. Allein Richwin blieb bei seinem Satz: er selber wolle den Hund erziehen, er wolle ihn lammfromm machen und dann mit dem edeln, gefürchteten Tiere einherstolzieren wie Ritter Kurt mit seinem großen Fanghund. Nun geschah es, daß die Wetzlarer Bürger am Aschermittwoch einen altherkömmlichen seltsamen Aufzug begingen. Sie zogen nämlich gewaffnet in die geistlichen Höfe, vom Hofe der Deutschherren bis zum Altenberger Nonnenhof, um bei den Deutschherren ein lebendes weißes Huhn, bei den Nonnen einen Schinken, beim Dechanten einen Goldgulden zu empfangen als Zeichen der Stadtgerechtsame in den geistlichen Höfen. Als Hauptstück glänzte dabei aber allezeit das lebende weiße Huhn, weshalb man den Aschermittwoch in Wetzlar noch bei Menschengedenken den »Hinkelchestag« nannte. Tadellos weiß, mit bunten Bändern geschmückt, mußte die Henne von einem Knaben dem Zuge voran durch die Straßen getragen werden. Meister Richwin ging heuer an der Spitze seiner Zunft im Zuge und hatte zu Hause den strengsten Befehl gegeben, daß man den Hund wohl eingesperrt halte, bis der Lärm vorüber sei. Thasso aber brach dennoch aus, verfolgte die Spur seines Herrn und sprang mitten in die festlichen Reihen, als der Amtmann des Deutschordens eben das Huhn dem Knaben übergab. Den schreienden, flügelnden Vogel mit den flatternden Bändern hatte er im Nu erspäht, flog darauf los, entriß ihn der Hand des Kindes und zerrte ihn, daß die Federn und Bänder in der Luft umherflogen. Der Amtmann, welcher abwehren wollte, wurde kräftigst in die Waden gebissen, und als es Meister Richwin endlich gelang, den Hund zu bändigen, flügelte das Huhn noch einmal und schloß dann seinen Schnabel für immer. Nun hatte man kein lebendes weißes Huhn mehr! Aber ohne lebendes Huhn keinen Umzug, ohne Umzug keine Gerechtsame in den geistlichen Höfen. Die Sache war sehr ernsthaft. An den pünktlich erfüllten Wahrzeichen des Rechtes hing damals das Recht selber. Mit tausend Bitten und Beschwörungen erreichte endlich Meister Richwin, daß man den ganzen Vorgang als ungeschehen ansehen wolle, wenn er binnen zwei Stunden ein anderes tadellos weißes, lebendes Huhn zur Stelle schaffe. Die feierliche Übergabe sollte dann von neuem beginnen, doch mit der bestimmten Rechtsverwahrung, daß man nicht etwa in Zukunft den Deutschherren die Last aufbürde, zwei Hühner zu liefern, ein totes und ein lebendes. Auch sollte Gerhard Richwin diesmal dem Amtmann zehn Ellen des feinsten flandrischen Tuches schenken als Schadenersatz und Schmerzensgeld. Von Zorn, Ärger und Angst gegeißelt, lief der Meister in alle Hühnerhöfe der Stadt, fand aber kein tadellos weißes Huhn. Endlich, fast in der letzten vorgesteckten Minute kam er schweißtriefend auf den Deutschordenshof mit einer mageren alten Henne, die ursprünglich weiß und etwas grau gesprenkelt gewesen; durch das Ausrupfen etlicher Hände voll Federn aber hatte er sie in ein tadellos weißes Huhn verwandelt. Man ließ das neue Rechtssymbol gelten, und so kamen denn noch alle Beteiligten, wie man zu sagen pflegt, glücklich mit einem blauen Auge davon, die erwürgte erste Henne natürlich ausgenommen. Die Bestrafung Thassos am Abende war mustergültig. Meister Richwin aber gelobte sich heilig, von Stund an den Hund nach einer ganz neuen, planvollen und gründlichen Weise zu erziehen. Um aller Welt Güter hätte er das Tier gerade jetzt nicht abgeschafft; er wollte recht behalten und den Wetzlarern zeigen, daß er trotz des letzten Auftrittes dennoch den unbändigen Halbwolf lammfromm machen könne. Er brütete – zum erstenmal in seinem Leben – die ganze schlaflose Nacht über Erziehungsplänen. Drittes Kapitel. Um anderen Morgen stand Meister Richwin mit dem ersten Dämmerlicht auf, wie er's vordem gar nicht gepflegt hatte, denn er war ein Langschläfer. Er wollte aber Thasso stufenweise an einen ruhigen Gang durch die Straßen gewöhnen, noch ehe sie von Menschen und Pferden wimmelten. Den Hund am Stricke, durchzog er die ganze Stadt. Sowie das Tier auf einen Reiter oder Fußgänger spannte, faßte es auch augenblicks seinen richtigen Peitschenhieb. Vorher hatte Thasso bei seinen Missetaten zwar immer sichtbar Reue empfunden, zur Buße dagegen durchaus keine Lust gezeigt. Jetzt kam Reue, Buße und Sühnung alles mit einem Male. Richwin fand diese Frühstunde wie gemacht zu unbelauschter Dressur. Mit den wachsenden Februar- und Märztagen stand er daher immer früher auf und war stets schon vor der Sonne mit Thasso auf den Beinen. Ging er an einer offenen Kirchentüre vorbei, so zog er den Strick besonders fest und ließ einen mahnenden Streich auf Thassos Rücken fallen. Denn der Hund hatte bis dahin eine besondere Lust, in die offenen Kirchen zu laufen und die Gemeinde anzubellen, und je lauter ihn sein Herr zurückrief, um so toller schlug er Lärm. Das verlernte er jetzt gänzlich. Wenn nun Meister Richwin so vor die offene Türe kam und hörte, wie innen die Frühmesse gelesen wurde, so blieb er wohl auch eine Weile andächtig im Portale stehen – denn wegen des Hundes wagte er sich nicht hinein – und nahm sich ein Stück Morgensegen mit. Bis dahin war er ein seltener Gast im Gotteshause gewesen; bald aber glaubte er nun, der Tag sei gar nicht recht begonnen ohne die Frühmesse unter der Kirchentür, auch gehe der Hund nachher immer viel ruhiger. Als der Meister zum erstenmal von dem Morgengang nach Hause kam, schien ihm der Tag doch sehr lang, der ihm früher, als er noch lange schlief, so kurz gedeucht hatte. Zum Zeitvertreib ging er darum mit Thasso in die Werkstatt, wo zur Stunde schon fleißig gearbeitet werden mußte. Es sah aber noch gar still aus, denn Gesellen und Lehrlinge verließen sich auf den gesunden Schlaf des Meisters und kamen, so spät es ihnen beliebte. Wie staunte und wetterte der Meister über den Unfug, und wie ärgerten sich die Gesellen, als er Tag für Tag immer früher in die Werkstatt trat! Die Reiter und Spaziergänger schwuren dem unbändigen Thasso nicht mehr den Tod, aber die Gesellen hätten den gebändigten Thasso jetzt gerne vergiftet, denn sie merkten wohl, daß er allein schuld sei an den frühen Besuchen des Meisters. Aber Richwin hielt den Hund Tag und Nacht bei sich nach dem ganz richtigen Grundsatze, daß man ein Tier nur dann gut erziehen und treu gewöhnen kann, wenn man stets mit ihm zusammenlebt. Dieses Zusammenleben hatte im Verkaufsgewölbe freilich seinen besonderen Haken. Trat nämlich ein Käufer ein, so fuhr Thasso bellend unter der Bank hervor; wollte aber jemand den gekauften Pack Waren mitnehmen und weggehen, so war der Hund gar nicht zu halten; er achtete Kauf offenbar für Diebstahl und packte den harmlosen Kunden so fest, daß ihn nur der Herr selber mit Not wieder befreien konnte. Meister Richwin als Erzieher betrat hier den Weg der Milde. Denn sollte er dem Hunde seine beste Tugend, die Wachsamkeit, ausprügeln? Nein! Er wollte ihn nur unterscheiden lehren, was Käufer und was Diebe sind. Kam also ein Käufer, so reichte ihm Richwin äußerst freundlich die rechte Hand, indes er mit der linken die knurrende Bestie streichelte, und bot dann auch weiter im Gespräch seine heiterste Laune, seine lichteste Miene auf, damit der Hund sehe, daß es hier einem Geschäftsfreund und keinem Diebe gelte. Und ging der Kunde mit den gekauften Waren hinweg, so duldete es Meister Richwin anfangs gar nicht, daß er seinen Pack selber zur Türe trug – denn Thasso stand schon zähnefletschend auf dem Sprunge –, sondern nahm ihm denselben höflichst ab und trug ihn über die Schwelle, mit manchem verstohlenen Rückblick nach dem Vierfüßler. Die Leute aber staunten das Wunder an und begriffen's nicht, wie der gröbste Kaufmann über Nacht zum höflichsten geworden sei, der stolzeste zum dienstfertigsten. Da brauste aber einmal just im bedenklichsten Zeitpunkt das wilde Heer der Kinder durch die Halle. Jetzt war alle Mühe vernichtet, Thasso fuhr wie besessen zwischen die Kinder und dann zwischen die Beine der Käufer, als wolle er die verhaltene Lust nun doppelt zügellos genießen. Den Kindern bekam's übel. Mit furchtbarem Schelten wurden sie hinauf zur Mutter geschickt und die beiden Knaben schon anderen Tages dem Schulmeister zur schärferen Zucht übergeben. Auch das Lungern und Balgen auf der Gasse ward ihnen strengstens untersagt. »Sie haben den Hund zu tausend Unarten verführt«, meinte Meister Richwin, »und wie kann man überhaupt, umtobt von so wilden Kindern, einen jungen Hund erziehen?« Er beschloß, von nun an seinen bösen Rangen den Daumen scharf aufs Auge zu drücken, damit der Hund Ruhe habe und unverführt bleibe. Frau Eva mußte dem Mann ihre Freude über alle die Verwandlungen aussprechen. »Es ist doch ein rechter Segen«, sagte sie, »daß du morgens wieder zur Messe gehst.« »Jawohl, Eva! der Hund liegt wie ein Standbild, wenn ich unter dem Portale knie.« »Die Kunden mehren sich wieder, seit du so freundlich geworden.« »Jawohl, Eva! der Hund knurrt nur noch ganz leise, er bellt nicht mehr im Kaufladen und denkt nicht von weitem ans Beißen.« »Die Kinder bessern sich zusehends, seit du sie kürzer hältst.« »Freilich, Eva! das war dem Hunde grundverderblich, daß er immer das böse Beispiel der Kinder sah.« »Und wie tut mir's wohl, Gerhard, daß du jetzt wieder so manches freundliche Wort mit mir redest!« »Ei freilich, liebe Eva! da du jetzt so freundlich von dem Hunde gesprochen«, – sie hatte keine Silbe von ihm gesagt – »wie sollte ich dir's nicht danken?« Frau Eva dachte für sich: »Meister Richwin erzieht den Hund und ahnet nicht, daß noch viel mehr der Hund den Meister Richwin erzieht«, und warf zum erstenmal einen freundlichen Blick auf Thasso und streichelte ihn. Das besiegelte den neuen Hausfrieden. Aber trotz der großen Fortschritte, die Thasso machte in seines Herren Zucht und seiner Herrin Gunst, brachen doch manchmal die alten Tücken wieder hervor. Dabei waltete aber ein seltsamer Instinkt des Tieres: es schien die Zünftler von den Patriziern zu unterscheiden, und wenn es ja seinem Mutwillen wieder einmal freien Lauf ließ, so war er gewiß gegen einen Patrizier gerichtet. Wie es Hunde gibt, die keinen Bettelmann und Landstreicher ohne Gebell vorüberlassen, so konnte Thasso keinen geputzten, stolz schreitenden, ritterlich reitenden Patrizier sehen, ohne daß sich der alte Adam in ihm regte. Nach dem Feierabend pflog Meister Richwin durch die nunmehr von Menschen wimmelnden Straßen zu gehen, damit der Hund, des Strickes frei, bewähre, was er in der einsamen Frühstunde, angefesselt, gelernt hatte. Thasso schleicht ganz sittsam in den Fußstapfen seines Herrn. Da schreitet ein Junker aus den Geschlechtern tänzelnd und geziert über den Marktplatz; flugs springt Thasso zu ihm hinüber, kein Rufen, kein Pfeifen hilft, wie im Rausch hat er alle Lehren des nüchternen Morgens vergessen und kriecht erst, demütigst wedelnd und um Verzeihung bittend, zu dem wütenden Meister zurück, nachdem er den bis zum Fuß niederfallenden langen Ärmel des Patriziers mitten entzweigerissen. Des anderen Tages schickte Meister Richwin dem Geschädigten seinen eigenen Prunkrock mit den langen Ärmeln zum Ersatz. »Wie konnte ich solch ein Geck sein«, rief er aus, »ein so widersinniges Kleid zu tragen? Müssen die langen, flatternden Tuchstreifen, müssen die hundert Bänder und Flitter nicht jeden Hund herausfordern, daß er daran zupfe?« Meister Richwin begann einen stillen Grimm auf die Kleiderpracht und andere Hoffart der Geschlechter zu werfen und ging von da an nur noch im schlichtesten bürgerlichen Gewand. Dazu dünkte ihm, die Patrizier hätten ganz besonders höhnische Blicke, wenn er mit seinem Zöglinge an der Schnur durch die Gassen schritt oder wenn der entfesselte Thasso wieder einmal die Ohren verstopfte und durch Steinwürfe an seine Pflicht gemahnt werden mußte. Wie spöttisch hatte nicht neulich jene vornehme Jungfrau gelächelt, als Meister Richwin sie mit tiefer Verbeugung grüßte, indes der Hund am Strick unwiderstehlich zum nächsten Eckstein hinüberzog, so daß die Verbeugung sich fast zum Fußfall gesteigert hätte? Und waren die edeln Herren nicht allezeit am gröbsten, wenn Thasso ja noch einmal an ihren galoppierenden Pferden hinaufsprang? Wie duldsam nahmen das dagegen die friedlichen Schrittes einherreitenden Zünftler auf! So vollbrachte Thasso auch hier, was keinem anderen gelungen war: an der Hundeschnur zog er seinen Herrn ganz leise von der Neutralität zur Partei der erbittertsten Zünftler hinüber. Das wurde fest und fertig, als die Wetzlarer Kaufleute und Handwerker auf Ostern 1368 zur Frankfurter Messe gingen. Sie bildeten einen stattlichen Trupp, der geschlossen zusammenhielt bei der Fahrt durch die Wetterau wegen räuberischer Angriffe. Die Geschlechter waren vordem auch mitgeritten in der Reiseschar ihrer Stadt, und Meister Richwin auf seinem stolzen Rappen hielt sich sonst lieber zu den vornehmen Leuten als zu den Zunftgenossen, die zu Fuß oder auf langsamen Kleppern die Nachhut bildeten. Heuer aber ließ er den Rappen zumeist bei seinen Saumtieren und ging zu Fuß unter den Zünftlern. Denn Thasso lief zur Seite, und vom Roß herab hätte er den Hund doch nur in halber Zucht halten können. Die Zunftgenossen aber freuten sich gar sehr über die neue leutselige Art des Meisters, der den schönsten Rappen beim Troß führen ließ, um mit ihnen zu Fuß zu gehen. Da fiel gar manches Schmeichelwort, und die Reden der Volksmänner, welche früher bei Richwin gar nicht verfangen hatten, fanden jetzt die beste Statt in seiner Seele. Und als der Zug an der Friedberger Warte hielt und herabsah auf die Türme von Frankfurt, da war Meister Richwin eingeweiht und eingeschworen in den Bund der Zünfte wider die Geschlechter. Johannes Kodinger, der Hauptmann des Geheimbundes, schüttelte ihm dankend die Hand und rief: »Ach Meister, wie seid Ihr ein besserer Mann geworden, ja erst jetzt ein ganzer Mann, und das in der kurzen Frist von Aschermittwoch bis Ostern!« Gerhard fuhr auf wie aus einem Traum und erwiderte: »Ei freilich! Ich wußte wohl, daß der Hund von edler Art sei und daß ihm nur die rechte Zucht fehle. Ja, Meister Kodinger, es geht nichts über eine gleichmäßige, ausdauernde und feste Schule, die bändigt selbst eine Bestie. Aber Thasso kann nun freigesprochen werden von der Lehre, und das soll geschehen, sobald wir nach Wetzlar heimgekehrt sind.« Viertes Kapitel. Der Sturm war in Wetzlar losgebrochen, die Geschlechter waren verjagt, die Zünfte hatten das Feld und zugleich das Regiment der Reichsstadt gewonnen. Meister Richwin hatte vorangeleuchtet im Kampfe durch Ausdauer, Strenge gegen sich selbst und andere und durch seinen unversöhnlichen Haß gegen die Patrizier. Die Mitbürger staunten über den verwandelten Mann. Als der neue Rat nunmehr rein demokratisch aus den Zünften gebildet wurde, fiel die Wahl auch auf Meister Richwin. Noch vor einem Jahre, da er sich doch gar nicht um das Gemeinwohl kümmerte, war es das süßeste Traumbild seines Ehrgeizes, einmal Ratsherr zu werden; heute, wo er heiß gearbeitet und gerungen hatte für die Stadt, lehnte er ab. Niemand erriet die Ursache, und alle bestürmten den Meister, daß er in den Rat eintreten oder doch mindestens den Grund seiner Weigerung offenbaren möge. Nach langem Zögern und mancherlei Ausflucht sprach er endlich: »Der Grund wird euch kindisch scheinen. Mir aber ist er ernst und schwer. Ich kann nicht täglich auf dem Rathause sitzen in dieser drangvollen Zeit, weil ich meinen Hund nicht mitnehmen darf. Lasse ich aber das Tier allein daheim, so kommt wieder alles Unheil über mein Haus wie vordem. Ich sage wohl, der Hund hat ausgelernt; aber wer lernt jemals aus? Kein Mensch und kein Hund! Übergebe ich Thasso manchmal auf einen Tag dem Lehrjungen, so wird er gleich wieder rückfällig, und es ist mir begegnet, daß ich selber an einem solchen Tage auch wieder rückfällig geworden bin. Wir sind beide noch etwas schwach, wir dürfen uns nicht voneinander trennen. In der Vorhalle der Kirche mag ich die Messe so gut hören wie drinnen im Schiff, und der Hund steht an meiner Seite; als Ratsherr aber kann ich doch nicht allezeit vor der Türe des Ratssaales bleiben. Nehmt meinen Grund für keine Grille. Ich hege den Aberglauben, daß mein Haus erst wieder feststehen werde, wenn Thasso einmal ganz fertig gezogen ist; ich darf mich noch nicht trennen von dem Hunde. Und wie sollte ich das wankende Gemeinwesen festen helfen, wenn mein eigen Haus noch viel ärger wankt?« Nach dieser Rede des Meisters, die dem einen ernst, dem anderen spaßhaft dünkte, beschlossen die Ratsgenossen, es solle Thasso vor allen Hunden der Stadt das Vorrecht eines Sitzes im Ratssaale unter dem Stuhle seines Herrn erhalten, jedoch mit der Klausel, daß dieses Recht augenblicks erlösche, sowie sich der Hund eine Stimme anmaße. Nach einigem Sträuben fügte sich Meister Richwin nun doch dem Willen seiner Mitbürger und erschien pünktlich zu jeder Frist mit Thasso auf dem Rathause. Diesen aber nannten die Wetzlarer seitdem den »stummen Ratsherrn«, und stumm blieb er in der Tat; man hörte in Jahr und Tagen nicht, daß er wider die Klausel seines Privilegs gesündigt hätte. Auch auf der Straße schreckte er niemand mehr durch seine unbändige Spielerei; er war den Flegeljahren entwachsen und schritt, nach großer Hunde Art, so still und stolz hinter seinem Herrn einher, als sei er sich des Vorrechtes vor allen anderen Hunden der Reichsstadt klar bewußt. Nun geschah es, daß Meister Richwin in der Ernte durchs Feld ging, hart an dem Graben, welcher das Stadtgebiet von einem Walde des Grafen von Solms schied. Thasso schlich ruhig neben ihm. Mit einem Male aber war er verschwunden. Richwin spähte ringsum, rief und pfiff. Der Hund kam nicht. Da rauschte und krachte es in dem Dickicht jenseits des Grabens, und von Thasso wie von einem Wolfe gehetzt, brach ein königlicher Hirsch hervor, ein Zwanzigender zum mindesten, stutzte, als er das freie Feld und den Mann sah, kehrte um, warf den Hund mit der ganzen Wucht seines Geweihes zur Seite und machte sich rückwärts wieder freie Bahn in die Büsche unter dem Rauschen und Knicken der Blätter und Zweige. Aber auch Thasso erhob sich von seiner augenblicklichen Niederlage und fuhr wie besessen hinter dem Tiere drein, und man hörte bald nur noch fernher das Rauschen und das Pfeifen, womit der Hund Laut gab. Der arme Richwin pfiff sich die Lippen trocken und rief sich die Lungen atemlos; all seine Dressur war verschlungen von Thassos Jagdfieber. Zweimal trieb er ihm den Hirsch zum Graben entgegen, gleich als wolle er ihn dem Herrn zum Schusse stellen, und zweimal brach der Hirsch wieder zurück. Beim drittenmal aber trat ein Solmsscher Forstwart aus dem Walde hervor und legte seine Armbrust an, nicht auf das Wild, sondern auf den Hund. »Schämt Euch, der Ihr ein Jäger sein wollt und zielet auf den edelsten Hund, der doch nur von dem gleichen Jagdmut berauscht ist wie Ihr selber!« rief der Meister dem Dienstmann entgegen. Getroffen von der Wahrheit dieses Wortes und zugleich von der Schönheit des kämpfenden herrlichen Hundes, ließ der Forstmann die Armbrust sinken und schritt trutzig zu dem Bürger. »Der Hund ist mir verfallen«, rief er, »weil er in meines Grafen Bann gejagt hat. Ihr folget mir mit Euerm Hunde zum Grafen, und will er das Tier in seine Meute nehmen, so sei ihm das Leben geschenkt.« Meister Richwin widersetzte sich natürlich, der Dienstmann aber hielt ihn fest, und als sich der Bürger mit Gewalt frei machen wollte, schlug ihm jener die blanke Klinge über den Arm. Im selben Augenblicke jedoch ward der Dienstmann von hinten durch Thasso zu Boden gerissen; denn sowie das Tier den Herrn in Gefahr sah, wich auch das Jagdfieber einer Treue, die nicht Dressur war. Mehrere Wetzlarer Leute liefen nun auf den Lärm gleichfalls aus dem Felde herbei, befreiten den Forstwart von dem Hunde und führten den Mann gefangen zur Stadt, weil er einen Bürger auf reichsstädtischem Boden verwundet hatte. Denn die Städter waren in dem siegreichen Kampfe mit den Geschlechtern rauflustig genug geworden und fürchteten sich nicht vor einem neuen Strauß. Der Rat aber kam doch stark in Verlegenheit, was er mit dem gefangenen solmsischen Dienstmann anfangen solle. Den Arm in der Schlinge, konnte Meister Richwin schon am nächsten Tage der Sitzung beiwohnen, in welcher über den kitzligen Fall verhandelt ward. Alle Ratsleute waren gewaltig aufgeregt, nur Thasso lag in behaglichster Ruhe unter dem Stuhle, als gehe ihn die Sache gar nichts an. Und doch ging es ihm an den Kragen, und er fand wenig Fürsprecher. So sehr man ihm als dem stummen Ratsherrn gewogen war, schien es doch, als ob man ihn diesmal der großen auswärtigen Politik opfern müsse. Es hauste nämlich zur Zeit (1372) der böse Ritterbund der »Sterner« so arg in den Nachbargauen, daß man in Wetzlar im stillen sich rüstete zum offenen Kampfe. Die Sterner aber zählten gar viele Grafen, Ritter und Herren zu ihren Genossen, die Reichsstadt hingegen hatte wenig Freunde, und es kam ihr sehr überquer, gerade zu dieser Frist einen so kriegstüchtigen Nachbarn wie den Grafen Johann von Solms zu erzürnen, von dem noch unbekannt war, ob er für oder wider die Sterner Partei nehmen werde. Als daher ein Ratsherr dartat, der Forstwart sei im Rechte gewesen, nickten manche Köpfe bejahend, und als er hinzufügte, auf Begehren des Grafen dürfe man sich nicht weigern, den Jäger freizugeben und den Hund auszuliefern, fiel ihm stracks die Mehrzahl zu, und etliche meinten, Thasso habe vordem schon Unfug genug verübt, man dürfe sich nun doch nicht vollends noch den Solmser durch ihn auf den Hals Hetzen lassen. Thasso blieb ganz ruhig und schaute nur fragenden Auges um sich, als er seinen Namen nennen hörte. Sein Herr aber erhob sich. Er sprach: »Ist Graf Johann, der schlaue Fuchs, für uns, so wird er sich um des Hundes willen nicht gegen uns kehren; ist er wider uns, so gewinnen wir ihn auch nicht mit einem geschenkten Hund. Der Mann kennt seinen Vorteil und schaut nach ganz anderen Dingen als nach Hirschen und Hunden. Soll die Verletzung des Wildbannes gesühnt werden, so erbiete ich mich, den dreifachen Wert des Hirsches und Hundes in gutem Gelde zu erlegen. Den Hund aber liefere ich keinem Menschen aus; eher ersteche ich das Tier auf der Stelle. Ihr wißt nicht, was ich dieser unvernünftigen Kreatur Gottes schulde, die zugleich sichtbar Gottes Werkzeug gewesen ist. Wenn Gott nicht will, so bekehren uns seine heiligsten Prediger nicht, und wenn er will, so bekehrt uns ein Hund. Dieser Hund hat Ordnung meinem Geschäfte gebracht, Zucht meinen Kindern, den Hausfrieden meiner Frau; er hat mir den Weg gezeigt zu meinen Freunden und Zunftbrüdern, den Weg zur Kirche und den Weg zum Rathause; indem ich den Hund zu erziehen glaubte, erzog der Hund vielmehr mich. Das hat mir meine Hausfrau oft gesagt, und ich achtete es als einen artigen Spaß; jetzt, da ihr mir meinen Hund nehmen wollt, erkenne ich mit einem Male, daß es bitterer Ernst gewesen ist.« Diese wenigen Worte nur sprach Meister Richwin, aber er sprach sie mit feuchtem Auge, und Thasso, der seines Herrn Bewegung sah, erhob sich langsam, rührte ihn leise mehrmals mit der breiten Vordertatze an und leckte ihm die Hand, als wolle er den Bekümmerten trösten. Es war ganz stille geworden im Ratssaal; man konnte die Atemzüge hören. Da streckte der Ratsdiener den Kopf zur Türe herein und meldete einen Boten des Grafen von Solms. Die Bürger erschraken und ahnten Schlimmes. Um so überraschender klang die Botschaft. Der Graf hatte mit Bedauern vernommen, daß sein Dienstmann einen Wetzlarer Bürger auf so geringfügigen Anlaß geschlagen, ja verwundet habe. Doch bat er, man möge um guter Nachbarschaft willen den Forstwart wieder freigeben, er – der Graf – mache seinerseits ja auch von dem verletzten Wildbann kein weiteres Aufheben, und damit die Stadt erkenne, wie freundlich er gesinnt, so schicke er dem hohen Rate anbei einen Hirsch, den er selber erlegt habe und der mindestens ebensogut sei als der von dem Hunde gejagte und nicht erlegte, nebst einem Fäßlein Bacharacher, damit auch der Trunk zum Schmaus nicht fehle. Die Ratsherren waren starr vor freudigem Staunen, da statt des gefürchteten Donnerwetters plötzlich so heller Sonnenschein über sie hereinbrach. Sie sagten dem Boten manch artiges Wort und beglückwünschten den Meister Richwin samt seinem Thasso. Der Meister aber erhob seine starke Stimme, den durcheinanderwirbelnden Redeschwall laut übertönend, und bat, daß man vor erteilter Antwort den Boten noch einmal abtreten lassen und ihm auf wenige Minuten Gehör schenken möge. »Mißtrauet den süßen Worten des Grafen!« rief er. »Hätte er uns seinen Zorn entboten, ich würde nicht erschrocken sein, aber da er uns seine Huld entbietet, erschrecke ich. Der Graf schenkt uns seinen Hirsch nicht umsonst. Wir bedürfen des Grafen nicht; sein Vetter, der Braunfelser Otto, und Landgraf Hermann von Hessen sind uns bessere Bundesgenossen. Graf Johann aber bedarf unser. Und hat er uns erst am kleinen Finger, so hat er uns auch ganz. Thasso, Thasso! du schaffst uns großes Leid, nicht weil du jenen solmsischen Hirsch ins Wetzlarer Feld, sondern weil du diesen Hirsch in die Wetzlarer Ratsküche jagtest! Ich beschwöre euch, werte Freunde, lehnet das Geschenk freundlich ab, fordert unser Recht und gebt dem Grafen das seine. Schicket den Hirsch zurück und behaltet den Jäger, bis der Graf des Dienstmannes Übermut nach der Ordnung sühnen will – –« Hier unterbrachen die anderen den Redner und hielten ihm vor, er treibe seinen Groll wegen des leichten Hiebes doch zu weit, daß er nicht einmal durch so viel Güte zufriedenzustellen sei. Meister Richwin aber erwiderte: »Spräche ich für mich, ich wäre wohl der Zufriedenste mit des Grafen Vorschlag, vorab wegen meines Hundes. Aber ich rede hier als Ratsherr der Reichsstadt und sage: Fordert unser Recht und gebt dem Grafen das seine: dem Grafen ist der Hund verfallen, weil er seinen Wildbann durchbrochen, uns ist der Forstwart verfallen, weil er unseren Burgfrieden verletzt hat. Aus Furcht vor dem Zorne des Grafen wollte ich diesen Hund, meinen treuesten Freund, nicht ausliefern, aber aus Furcht vor des Grafen Freundschaft liefere ich ihn aus. Vorhin, da ich als des Hundes Anwalt sprach, hätte ich weinen mögen über das arme Tier; jetzt spreche ich als der Anwalt unserer Gemeine, und da möchte ich noch viel bitterere Tränen weinen, nicht über den Hund – was kümmert mich der! –, sondern über das heranschleichende Verderben meiner armen Vaterstadt!« Der Meister hatte in den Wind gesprochen; er blieb allein mit seinem Argwohn. Das Geschenk ward mit Dankesworten angenommen und passend erwidert, der Dienstmann freigegeben, und Graf Johann von Solms war bald, was er gewollt, der erklärte Freund und Beistand des Wetzlarer Rates. Als der Hirsch bei festlichem Mahle verzehrt und der Bacharacher getrunken wurde, blieb Meister Richwin schmollend zu Hause, und Thasso bekam nicht einen Knochen von dem Wild, welches er doch den Ratsherren in die Küche gejagt. Fünftes Kapitel. Dies war geschehen im Jahre 1372. Im folgenden Jahre schlug man vor dem Obertor von Wetzlar die heiße Schlacht, in welcher der Sternerbund besiegt ward und vernichtet. Die Bürger der Reichsstadt fochten unter der Führung des Grafen Johann von Solms, und ihre Weiber verteidigten die Tore, indes die Männer draußen im Felde kämpften. Der Landgraf von Hessen und Otto von Solms-Braunfels teilten sich mit ihnen in die Ehre des Tages. Meister Richwin war auch mit dabei. Noch am Abend nach der Schlacht ließ Graf Otto die gefangenen Ritter der Sterner, welche in seine Hand gefallen, enthaupten; Graf Johann dagegen begnadigte die übrigen ohne seiner Verbündeten Vorwissen. »Merket auf!« sprach der Meister Richwin zu seinen Mitbürgern. »Ein neues Warnungszeichen! Graf Johann hat doppeltes Spiel im Sinn und hält sich den Weg offen nach rechts und links.« Die Wetzlarer aber achteten's nicht und meinten, der Meister bilde sich doch gar zu treu nach seinem Hunde. Weil Thasso nicht mehr spiele, sondern jetzt lieber knurre und beiße, so vermeine Richwin, er müsse nun auch knurrig und bissig werden. Ein launischer Mann sei er nach wie vor und hasse jetzt grundlos den Grafen Johann, welcher doch der Stadt solchen Ruhm gebracht, wie er auch vordem Liebe und Haß nach Grillen und Einfällen gewechselt habe. Die Volksgunst hatte sich gar rasch von dem Meister abgekehrt. Im Rate saß er nun meist fast ebenso stumm wie der stumme Ratsherr unter seinem Stuhle. Sprach er ja ein Wort, so war es eine Warnung vor der übermäßigen Freundschaft des Grafen Johann; der locke so süß wie der Vogler, bevor er die Vögel fange. Häufig erschien Meister Richwin auch gar nicht im Rate, zumal wenn er wußte, daß Graf Johann auf den Saal komme, um den Bürgern irgendeinen neuen Dienst anzubieten. Denn fast schien es, als ob der Graf neben dem adoptierten stummen Ratsherrn unter dem Stuhle nun auch als Ratsherr adoptiert sei, aber nicht als ein stummer. Das einzige Mal, wo Richwin zugleich mit dem Grafen im Rate saß, hatte Thasso bei jedem Worte des Solmsers dermaßen geknurrt, daß ihn sein Herr hinausführen mußte, damit der Hund nicht seines Privilegs verlustig gehe. Der Meister meinte, das Tier könne eben die solmsischen Farben nicht mehr sehen, seit es den Strauß mit dem Forstwart gehabt, und nahm dies als eine gute Ausrede, um jedesmal wegzubleiben, wann der Solmser kam. Denn ohne den Hund gehe er nun durchaus nicht mehr aufs Rathaus. Die Wetzlarer aber sprachen, Richwin treibe denn doch den Spaß etwas zu weit, und machten Spottverse auf den unbeliebten Mann. Es lief ein gar lustig gezeichneter Bilderbogen mit vielen Reimen um, worauf die gemeinsamen Erlebnisse des Meister Thasso, und des Meister Richwin naturgetreu abkonterfeit waren mit der Überschrift: »Auf diesen Bildern man ersieht, Wie ein Hund einen Ratsherrn erzieht.« Meister Richwin ließ sich das wenig anfechten; er waltete still seines aufblühenden Hauses und ließ geschehen, was er nicht hindern konnte. War es doch nicht das kleinste Verdienst Thassos, daß er mit so vielen tausend Unarten seinen Herrn gelehrt hatte, geduldig zu sein und die überfeine Empfindlichkeit in die Tasche zu stecken. So vergingen wiederum zwei Jahre. Da ward eines Tages – es war um Sommer-Johanni – Meister Richwin auf das Rathaus entboten. Ungesäumt solle er sich einstellen, keine Ausrede gelte diesmal; Graf Johann von Solms sei erschienen mit einer Botschaft des Kaisers. Der Meister stutzte. Eine Botschaft des Kaisers, das war freilich eine gewichtige Sache! Und dennoch erklärte er, er könne nicht kommen: sein Hund werde knurren und bellen, wenn der Graf die kaiserliche Botschaft vortrage; denn Thasso, so gescheit er auch sei, wisse doch nicht des Kaisers Wort von des Grafen Vortrag zu unterscheiden und könne also sozusagen die kaiserliche Majestät selber anknurren, und ohne den Hund gehe er nun einmal nicht aufs Rathaus. Selbst Frau Eva redete ihrem Mann zu; er aber blieb standhaft. Da kam ein zweiter Bote und mahnte, der Meister müsse kommen, mit oder ohne Hund, der Rat müsse diesmal vollzählig sein; es gelte die Ehre und Würde der Stadt. Der Meister faßte Argwohn über dieses Drängen. Aber es galt die Ehre und Würde der Stadt. Also rief er dem Lehrjungen, daß er den Hund an die Kette lege, und rüstete sich zum Fortgehen. Es grauste ihm fast, zum erstenmal allein, ohne den Hund, den Ratssaal zu betreten. Da kam der Lehrjunge von der Straße herein, um Thasso anzuketten. »Meister!« flüsterte er, »es gehen seltsame Dinge vor. Ein Glück für Euch, daß Ihr so lange gezögert habt! Hinter dem Rathause stehen Bewaffnete, wohl über hundert, und hinter den Bewaffneten schauen altbekannte Gesichter hervor, patrizische Gesichter, und man meint, sie sähen etlichen Herren vom alten Rate, den man vor sieben Jahren vertrieben hat, aufs Haar ähnlich. Auch drängen sich solmsische Knechte nach den Stadttoren, als wollten sie den Ausgang wehren« Der Meister erbleichte; doch war er rasch wieder gefaßt. Er sprach zu seiner Frau: »Nimm die Kinder, den Lehrjungen und die zwei Kästchen mit dem Geld und den Kleinoden. Schleicht euch zur Mühle an der Lahn, dort ist das kleine Pförtchen, das wird noch offenstehen; vor dem Pförtchen liegt ein Kahn, den löset und fahret zum anderen Ufer. Meidet nur um Gottes willen die Brücke und die großen Tore. Seid ihr glücklich hinüber, so gehet eilends den jenseitigen Fußpfad nach Gießen. In Gießen treffe ich euch, so Gott will, wieder.« Er drängte die fragende Frau vorwärts, bis sie zitternd vollführte, was er befahl. Dann faßte er Thasso an seiner Kette mit der linken Hand, mit der rechten aber nicht wie sonst die Peitsche, sondern das Schwert und eilte auch nicht aufs Rathaus, sondern auf den Markt. Dort sah er die Bürger bereits gewaffnet, zu Hunderten eng geschart. Aber auch das Rathaus war schon dicht umzingelt von fremden Rittern und Reisigen. Vorsichtig schlich sich Meister Richwin in die hinteren Reihen der Bürger, die gleichfalls Gefahr geahnt hatten und herbeigeeilt waren, um ihren Ratsherren beizustehen. Vor den Bürgern aber stand Graf Johann von Solms in glänzendem Harnisch, umgeben von zwanzig Rittern, das Reichspanier in der Hand, und verkündete, er sei gekommen in des Kaisers Namen, um Frieden zu stiften zwischen den weiland verjagten Geschlechtern und dem neuen zünftlerischen Rate. Keinem werde ein Leids geschehen, am wenigsten seinen guten Freunden, den Ratsherren drinnen im Rathause. Friedliche Sühne sei alles, was er fordere im Namen des Kaisers. Ein neues, reicheres Gedeihen der Stadt, eine Mehrung ihrer Vorrechte werde die Frucht dieses schönen Tages sein. Als treuer Freund und Nachbar ersuche er darum die Bürger, die Waffen abzulegen, welche sie voreilig für ihre Obrigkeit ergriffen hätten; denn dieser drohe zur Stunde nicht die mindeste Gefahr. »Zur Stunde? Ja!« sprach Richwin zu den Nächststehenden. »Aber ob nicht in der folgenden Stunde? Behaltet die Waffen, bis die Ratsleute wieder frei unter uns stehen!« Doch schon sah er, daß die Vorderen, gewonnen durch des Grafen süßes Wort, die Schwerter einsteckten und die Spieße nach Hause trugen. Die Männer aber, zu welchen Richwin geredet, schalten ihn, meinten, sein Platz sei doch auch vielmehr auf dem Rathause als hier auf dem Markte und ob er denn immer der gleiche bissige Hund bleiben wolle, der die besten Freunde der Stadt anbelle und die Bürger untereinander hetze. Da Richwin solchergestalt sah, daß alles verloren sei, machte er sich eiligst davon, gewann noch zur rechten Frist das Hinterpförtchen an der Lahn und schwamm mit dem Hunde durch den Fluß, weil der Nachen, welcher seine Frau gerettet, nun am anderen Ufer stand. Nach wenigen Stunden erreichte er die Seinigen und fand in Hessen eine sichere Zuflucht; denn Landgraf Hermann war dem Grafen Johann feind geworden nach der Schlacht bei Wetzlar wegen der eigenmächtig begnadigten Gefangenen. Ins Hessenland aber drang bald eine neue Mär aus der Reichsstadt. Der Graf von Solms hatte, nachdem er den Bürgern die Waffen aus der Hand geschmeichelt, den zünftlerischen Rat in den Turm geworfen, die Güter der Ratsherren eingezogen und drei derselben, Kodinger, Dufel und Vollbrecht, enthaupten lassen; zwei andere Ratsherren, Beyer und Heckerstump, warfen die Solmsischen von der Brücke in die Lahn und ersäuften sie kurzerhand, um dem Scharfrichter die Umstände zu ersparen. Den sechsten Mann zu diesen fünfen hätte man gar gerne dann zur Abwechslung aufgehängt: es war dies Meister Gerhard Richwin, den der Graf am bittersten haßte. Allein in Wetzlar wie in Nürnberg hängt man keinen, bevor man ihn hat. Die alten Geschlechter aber, mit welchen der Graf längst unter einer Decke gesteckt, gewannen wieder die volle Herrschaft wie vordem. Obgleich Meister Richwin den besten Teil seines Besitztums in Feindeshand hatte lassen müssen, konnte er doch mit dem Geretteten später in Frankfurt als Bürger sich einkaufen und ein neues Geschäft beginnen. Wenn er nun dort in wieder gesichertem Behagen bei seiner Hausfrau saß, den treuen, bereits ergrauenden Thasso zu Füßen, dann sprach er wohl manchmal mit einem wehmütigen Blick auf den »stummen Ratsherrn«: »Gott verzeih mir's, daß ich Kinderzucht und Hundezucht vergleiche! Die Zucht der Kinder lohnt uns Gott, und wir erwarten nicht, daß ein Kind den Sold all unserer Mühen uns gleich bar bei Heller und Pfennig heimzahle. Aber dieser Hund hat zum Dank für meine Zucht mich selber erzogen und zum Entgelt für tausend richtig empfangene gesalzene Prügel mir endlich Anno 1375 gar das Leben gerettet! Niemals ward ein Schulmeister so rasch und vollgültig gelohnt wie ich durch meinen und der Reichsstadt Wetzlar stummen Ratsherrn.« Das Spielmannskind Eine Volksgeschichte aus dem 15. Jahrhundert. 1864 I. Vor langer Zeit lebte im Oberelsaß ein Graf Gerbot, der war berühmt wegen seiner ungezählten Reichtümer, aber mehr noch wegen seines leutseligen Sinnes. Wenn ihn ein Knecht grüßte, so dankte er nicht wie ein Herr, sondern wie ein Freund, und wenn ihm eine arme Witwe bei ihres Mannes Tod die beste Kuh als »Sterbfall« brachte, so nahm er die harte Steuer zwar an, auf daß dem Rechte nichts vergeben werde, schenkte der Frau aber tags darauf zwei Kühe dagegen. Darum liebten ihn denn auch seine Untertanen aufrichtig und gaben ihm den Beinamen »das guot Herrle«; die benachbarten Edeln aber konnten ihn in der Seele nicht ausstehen, nannten ihn den Bauerngrafen und sagten, er verwöhne das Volk und mache den gemeinen Mann so übermütig, daß sie's auch bei ihren eigenen Leuten spürten. Doch grämte es Gerbot wenig, sich beneidet zu wissen wegen der Schätze, die er in Kisten und Kasten hütete, und verspottet wegen des Schatzes, den er im Herzen barg. Allein er gedachte, daß er ein gebrechlicher Mensch sei und einmal sterben müsse, und fürchtete, sein Sohn und Nachfolger möge dann nicht gleichfalls ein »guot Herrle« werden, wie er selber gewesen, sondern so ein »gnädiger Herr« wie die anderen. Dem wollte er beizeiten vorbauen. Nun sah er aber, daß die adeligen Herren zumeist darum so hoffärtig sind, weil sie glauben, ein Bürger sei von ganz anderem Fleisch und Blut als ein Edelmann und werde wohl auch dereinst mit seinem bißchen unsterblicher Seele nur in den Bürger- und Bauernhimmel kommen. Die Vornehmen würden aber nicht so denken, hätten sie selber einmal in eines geringen Mannes Haut gesteckt. So meinte Gerbot und ließ demgemäß seinen einzigen Sohn Hugo schon in den frühesten Kinderjahren recht knapp und einfach halten, mehr als ob er eines Dienstmannes denn eines Grafen Sohn sei. Und als Hugo vier Jahre alt geworden und seine Mutter schon gestorben war, schickte ihn der Alte nach Straßburg in das Haus eines braven Bürgers und Handschuhmachers. Es geschah dies ganz heimlich, und die Freunde und Leute des Grafen glaubten, der mutterlose Knabe befinde sich zur Erziehung am böhmischen Hofe, wo Gerbot Verwandte besaß. Hugo selbst aber ward in dem Glauben gehalten, daß er der Neffe jenes Straßburger Handschuhmachers sei. Der Graf überwachte aus der Ferne treuen Auges sein Kind, von welchem er sich gar schwer getrennt hatte, besuchte auch manchmal, vorgeblich als ein fremder Kaufmann, die Pflegeeltern Hugos und freute sich, wie der Junge so kräftig gedieh, zufrieden in der kleinen Welt, die ihn umgab, und doch zuzeiten träumend, als habe er vordem auf einem großen Schlosse in goldglänzenden Zimmern gespielt und sei getragen worden und geliebkost von Männern und Frauen, die alle Tage weit schöner geputzt gewesen als der Handschuhmacher mit seiner Frau am Pfingst- und Weihnachtsfeste. Doch sagte des Brezelbäckers Hans, ein Spielgenosse Hugos, es dünke ihm auch zuweilen wie im Traum, als sei er früher einmal unter Palmen gewandelt, und er war doch sein Leben lang keine drei Meilen über seines Vaters Krautgarten hinausgekommen, also konnte es dem Hugo ja wohl auch von dem wunderschönen Schlosse träumen, welches er mit leiblichem Auge so gewiß nicht gesehen wie Hans die Palmen. Graf Gerbot gedachte nun, seinen Sohn am neunzehnten Geburtstage heimzuholen und ihn, da er Leid und Freud eines kleinen Bürgerhauses zur Genüge durchgelebt, auch in die Arbeit und Ehre seines glänzenderen Berufes einzuführen. Allein die Sache verschob sich noch eine Weile. II. Um diese Zeit war es, wo Gerbots böse Nachbarn die Ohnmacht des Kaisers und die Verwirrung im Reiche benützten, um ohne alle Absage heimlich in des Grafen Gebiet einzufallen und dessen Bauern durch Raub und Brand zu belehren, daß man's unter einem guten Herrn geradeso schlecht haben könne wie unter einem gnädigen. Gerbot hatte keine Ahnung von der drohenden Gefahr und jagte harmlos in dem Grenzwalde, durch welchen eben die Rotten seiner Gegner hereinbrachen. Es war schon Abend geworden und dämmerte im Dickicht; der Graf hatte sich im Eifer des Jagens von seinem Gefolge getrennt und sann wieder auf den Heimweg. Da kam ein furchtbares Gewitter; weißgraue Wolken stiegen starr wie Felsen im Osten auf, und bald hörte man zwischen den Donnerschlägen das Prasseln des Hagels nah und näher; die Bäume bogen sich und stöhnten unter der Faust des Sturmes, Zweige und Äste krachten nieder, altersmorsche Eichstämme stürzten, und Blitze von rechts und links schnitten schwertscharf durch das Waldesdunkel. Der Jüngste Tag schien im Anzug, und alle Tiere flohen zitternd in ihre Schlupfwinkel, wo Wild und Weidmann einen Augenblick hätten beisammenstehen können, eines des anderen vergessend, so schrecklich tobte das Unwetter, der dritte gemeinsame Feind. Graf Gerbot suchte Schutz unter zerklüfteten Felsen, die hochgetürmt wie eine Burg mitten im Walde emporwuchsen. Da hörte er ein kleines Hündchen anschlagen und darauf eine weibliche Stimme, welche das Tier beschwichtigte. Ein junges Mädchen, schlank und hochschüssig von Gestalt, trat aus einer Felsenspalte hervor und fragte verwundert, wer da komme. »Ein Jäger, dem der Hagel zu grob wird«, erwiderte der Graf. Bei diesen Worten beleuchtete ein Blitz sein Gesicht, und das Mädchen fuhr erschreckt zusammen, als habe es ein Gespenst gesehen. Doch rasch sammelte sie sich, faßte den Grafen bei der Hand, gebot ihm Schweigen und zog ihn zurück in den Schatten des Felsens. Dann deutete sie zur Seite, wo der Graf im Flammen der Wetterstrahlen Waffen schimmern und hundert Männer im Geklüft verstreut lagern sah. Er erkannte sie wohl und erriet ihre Absicht; denn es war nicht das erstemal, daß die Nachbarn wie Katzen in sein Land geschlichen kamen, um nach etlichen Beutegriffen noch rasch wieder um die Ecke davonzuspringen. Das Mädchen flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn wir Euch jetzt fingen, so wäre unser Raubzug siegreich beendet, bevor er recht begonnen hätte. Aber ich will nicht, daß wir Euch fangen sollen. Drückt Euch klein zusammen und folget mir sacht!« Bei diesen Worten schlüpfte sie, an die überhängenden Felswände geschmiegt, glatt und leicht wie ein Wiesel dem Grafen voran, welcher auf den Zehen, scheu ringsum schauend, mit gezogenem Schwerte folgte. Und ehe er noch genau darüber nachgedacht, ob es denn klug sei, sich so blind der Führung des unbekannten Kindes zu vertrauen, war er schon aus dem Bereich seiner Feinde auf einer offenen Waldwiese. Da erhob der Graf seine männliche Gestalt wieder und atmete frei und tief auf. Er war gerettet. III. Das Unwetter ließ nach, zwischen den zerrissenen Wolken tauchte der Mond empor und warf sein weißes Licht, kommend und verschwindend, auf die beiden Wanderer, daß eines nun des anderen Züge genau ins Auge fassen konnte. Das Mädchen hatte ein gar treues und freundliches Gesicht, obgleich es recht keck um sich blickte und eher wie ein wilder Bube als wie eine sittsame Jungfrau neben dem Grafen in die Nacht hineinlief. »Woher kennst du mich denn?« fragte dieser, »und warum rettest du mich vor deinen eigenen Leuten?« »Ich kenne Euch«, erwiderte sie, »weil Ihr das gute Herrle seid, aller armen Leute Freund, und da ich Euch als das gute Herrle erkannte, hätte ich's nicht mitansehen können, daß Ihr vor meinen Augen gefangen und gebunden wurdet. Schwieg doch selbst mein Hündchen gleich stille, das sonst wie rasend bellt; denn ein Hund wittert die Herzensgüte eines Menschen.« Das Mädchen war aber, wie schon die seltsamen Abzeichen ihres Kleides auswiesen, eine fahrende Sängerin und gehörte also zu jenen freiesten Künstlern, die gaukelnd, tanzend und singend in Schlössern, Städten und Dörfern aufzogen. Sie galten als ehrlos und rechtlos, und wenn sie ja beleidigt worden waren, so durften sie nur dem auf die Wand fallenden Schatten des Beleidigers eine Ohrfeige geben, nicht aber dem Manne selber, und je kräftiger sie also zuschlugen, um so weher taten sie der eigenen Hand. Trotz ihres verachteten Standes führte übrigens das Mädchen einen recht vornehm hochtönenden Namen, wie es bei solchen Gauklern gewöhnlich ist, und nannte sich Beatrix. Sie war mit einer kleinen Bande ihres Schlages den Kriegsleuten gefolgt, um sie auf dem Marsche zu belustigen und dann, mit irgendeinem Abfall der gehofften Beute bereichert, ihr Glück wieder anderswo zu probieren. Da sich nun Gerbot außer Gefahr sah und auf dem geraden Weg nach Hause, so wollte er von seiner Führerin Abschied nehmen und bot ihr seinen Dank, aber nicht bloß den hohlen Dank schöner Worte. Er sann vielmehr, ihr etwas recht Liebes und Gutes zu erweisen, und also sagte er, sie möge sich einen Lohn erbitten und nicht blöde sein; was sie so recht von Herzen wünsche, das werde er ihr geben, sofern es in seiner Macht stehe. Beatrix besann sich nicht lange und war auch nicht blöde. Sie rief: »So gebet mir Geld, viel Geld! Gebet mir einen rechten Schatz von Gold und Edelsteinen! Ich bin nun achtzehn Jahre arm gewesen und möchte ums Leben gern auch einmal reich sein.« Gerbot war etwas betroffen von diesem so höchst natürlichen Wunsche; er hatte hinter dem schönen Gesicht einen edleren Sinn und von den feinen Lippen eine feinere Bitte erwartet. Aber freilich, das Mädchen war ja eine Sängerin, die ums Geld sang, die Geld für Ehre nahm, die jeglichem für Geld den Narren machte, für Geld feil wohl gar mit Leib und Seele. Und er schämte sich, daß er sich vorher von der Dirne so schmeichelhaft habe anlügen lassen, als ob sie ihn bloß darum gerettet habe, weil er das gute Herrle sei, Güte rein mit Güte vergeltend. »Nein!« dachte er bei sich, »sie hat schlau berechnet, daß ich ihr mehr zahlen werde, weil sie mich gewarnt, als ihre Genossen, wenn sie mich verraten hätte.« Doch sprach er laut nach kurzem Besinnen: »Geld und Schätze, um dich reich zu machen, kann ich dir nicht hier aus der Faust geben; ich trage meine Schatzkammer nicht in der Jagdtasche. Allein gehe mit mir auf mein Schloß, so soll dein Wunsch erfüllt werden.« Gerbot dachte aber so gerne gut von allen Menschen, daß er meinte, das Mädchen müsse bei näherem Erwägen sich doch eines anderen besinnen und Besseres fordern als Geld und Schätze; er wußte aber selbst nicht recht zu sagen, was sie denn eigentlich fordern solle. IV. So kamen sie aufs Schloß. Gerbot rief sogleich seine Mannen unter die Waffen und rüstete eifrig die ganze Nacht hindurch. Beatrix dagegen schlief in einer Scheuer den gesunden Schlaf der Jugend bis in den hellen Tag hinein, als ob das Abenteuer, welches sie hieher geführt, und der Zaubersegen der erbetenen Schätze, dem sie entgegensah, ihren Gleichmut nicht einmal im Traum zu erschüttern vermöge. Als sie endlich durch den Waffenlärm der ausrückenden Mannschaft erweckt wurde, schlüpfte sie neugierig in die offenen Gemächer des Schlosses und bestaunte wie ein Kind alle die Pracht und Herrlichkeit. Ganz besonders gefielen ihr die Teppiche und Sammetkissen und der Kronleuchter des hohen Saales, und auch die silbernen und goldenen Pokale und Schaugefäße, welche auf der Tresure standen, deuchten ihr nicht übel, nur zum Mitnehmen etwas zu schwer, sonst hätte sie sich dieselben gleich schenken lassen. Einen gar seltsamen Gegensatz zu dem gediegenen Glanze ringsum bildete aber der Aufzug der Sängerin selber, ein prahlerischer Putz und Flitter, zerfetzt und geflickt, Prunk und Elend durcheinander, und auch ihre Haltung zeigte das gleiche Gemisch von Prinzessin und Bettlerin. Die Diener gingen ihr scheu aus dem Wege, weil sie die rechtlose Dirne an ihren Abzeichen erkannten, gleichwie man den Juden an seinem gelben Ringe erkennt; Beatrix aber schaute ihrerseits so stolz über die Diener hinaus, als ob diese vielmehr ihres Blickes nicht wert seien. Sie mußte aber dennoch ihre Freude über alle die schönen Sachen aussprechen und redete darum zu dem kleinen Hündchen: »Sieh da, mein Freund! diesen grünen Zindal: in solches Gewand wirst du mich bald gekleidet sehen! Oder diesen Mantel von schwerem Pfellel, mit Hermelin verbrämt: solchen Stoff breite ich dir künftig nachts zum Kissen aus, daß du darauf schläfst statt auf Heu und Stroh! Aus einer silbernen Schale, wie diese hier, sollst du mit mir trinken: – zuerst gieße ich sie voll Wein für mich und dann voll Milch für dich.« Das Hündchen aber blickte sie für die guten Worte gar vergnüglich an, sprang spielend an ihr auf und wedelte mit dem Fahnenschweife. Und so entbehrte sie doch nicht ganz der Herzenssprache eines Freundes in ihrem Glücke. Da trat Graf Gerbot herzu, gerüstet und bereit, in den Bügel zu steigen. Er wollte aber vorher des Versprechens gegen seine Retterin quitt werden, und also fragte er sie noch einmal wie gestern abend, was sie zum Dank begehre. Und Beatrix erwiderte wie gestern: »Gebet mir Gold und Kleinodien, so viel, daß ich reich werde!« Gerbot aber fragte weiter, warum sie denn so plötzlich reich werden wolle. »Um frei und fromm zu werden«, entgegnete das Mädchen. Nun hielt ihr Gerbot vor, daß uns plötzlicher Reichtum ganz im Gegenteil knechte und verderbe, und bot ihr an, als Dienerin in seinem Hause zu bleiben; es solle ihr an nichts fehlen. Und indem sie ein seßhaftes Leben führe, werde dann der Makel der Rechtlosigkeit von ihr genommen, und indem sie häuslich arbeite und sich zu allem Guten heranbilde, könne sie nachderhand noch eines braven Mannes Frau werden. Beatrix aber wollte nichts wissen von alledem. »Meine Mutter sagte oft, wenn man ihr diesen und jenen Fehltritt vorhielt: Wäre ich reich, ich wollte leicht fromm sein! Und das ist gewißlich wahr; denn Ihr könnt Euch gar nicht denken, Herr Graf, zu wieviel Schlechtigkeit die Armut verlockt. Möglich, daß ich auf Eurem Wege fromm und frei würde, aber auf dem meinigen geht's jedenfalls lustiger und geschwinder. Und also bitte ich bloß um recht viel Gold und Edelsteine und will Euch dann weiter gar nicht mehr belästigen.« Da nun Gerbot sah, daß der Sinn des Mädchens nicht zu wenden sei und er am Ende in den Verdacht kommen könne, als biete er ihr seine guten Lehren nur darum so eifrig an, daß er sein gutes Geld spare, so ließ er ein Kästchen mit den reichsten Kleinodien bringen und gab ihr das und auch noch etliche Hände voll gemünzten Goldes dazu. Beatrix dankte freundlich, hielt dann aber auch ihre Ledertasche hin und bat recht unbefangen, der Graf möge ihr doch auch diese noch füllen. Gerbot, starr über solche Unersättlichkeit, hatte ein strafendes Wort auf der Zunge und hielt wieder ein, denn eines Herren Dank soll nicht karg scheinen; – da fuhr Beatrix fort: »Gib mir nicht Gold in diese Tasche, sondern schlechte Heller.« Der Graf begehrte den Grund der seltsamen Bitte. »Ich muß klein anfangen«, erwiderte die Sängerin, »ich muß mir mit den Hellern erst das Recht erkaufen, die Goldstücke ausgeben zu dürfen. Biete ich den Leuten gleich Gold und Juwelen, so hält man's für gestohlenes Gut. Mit den Hellern aber will ich mich schrittweise verwandeln, daß ganz Elsaß und Lothringen zuletzt glauben soll, ich sei in eine goldene Wiege gelegt worden, gleich da ich auf die Welt kam.« Da erkannte der Graf, wie klug das törichte Mädchen sei, ließ ihr die Tasche mit Hellern füllen und bedauerte nur, daß so wenig adeliger Sinn und edles Gemüt bei so feinem Verstande wohne. Beatrix aber verbarg das Kästchen in ihrem Mantel und wanderte sofort von dem Schlosse nordwärts ins Weite, der Graf aber zog nach Süden dem Feinde entgegen. V. Erst als Beatrix mit ihrem Hündchen so querfeldein lief, erwog sie genauer, was sie nun beginnen solle. Zurückkehren zu ihren alten Genossen durfte sie nicht; die würden ihr den Schatz wohl bald verschleudert und verpraßt oder gar gleich vorweg mit Gewalt abgenommen haben, und sie wäre ihre Lebtage keine vornehme und hochgeehrte Dame geworden, und dieses eben dünkte ihr doch erst das Salz in der Schüssel des Reichtums. Niemand durfte mehr wissen, was sie bisher gewesen, ja sie selbst mußte sich einbilden, daß sie das Leben der fahrenden Sängerin nur geträumt habe. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Reich und vornehm sein will gelernt werden, geradeso gut wie arm und gering sein. Allein Beatrix hatte schon so oft vor vornehmen Leuten geschauspielert, daß sie sich's wohl auch unter vornehmen Leuten getraute. Sie hatte aber gehört, daß Straßburg die reichste und schönste Stadt im ganzen Elsaß sei, wo man für Geld und gute Worte alles haben könne, was das Herz begehrt, und darum eigentlich Silberstadt heiße, und schon dieser bloße Name klang ihr gar verlockend. Also beschloß sie, dorthin zu gehen, und wenn sie in der Silberstadt Rang und Reichtum ausgelernt und ausgekostet, dann gedachte sie noch weiter rheinab zu wandern nach Mainz, welches man gar das goldene hieß und wo sich's folglich wohl noch viel stolzer und üppiger leben mußte. Nun ist es zwar von Gerbots Schloß nicht gar weit nach Straßburg – höchstens zwölf Gehstunden, – allein einmal kannte Beatrix die kürzesten Streckwege nicht, denn sie war eine Überrheinerin und erst vor kurzem in dieses Land gekommen; dann aber ging sie auch geflissentlich ein wenig um, damit sie die Tasche voll Heller vorerst loswerde. In Kolmar kaufte sie zum guten Anfang ein Paar neuer Schuhe und brauchte die alten nicht wegzuwerfen; denn sie war bis dahin barfuß gegangen. Hierauf zog sie nach Schlettstadt und vertauschte dort ihren bunten Narrenrock mit einem sittsamen dunkeln Kleide, zu welchem sie auch nachträglich in Breisach ein Hemd und in Markolsheim ein Paar Strümpfe fügte. Doch war es ihr dortherum nicht recht geheuer; denn ganz nahe links in den Bergen lag die Burg Rappoltstein, und die Herren dieser Burg hießen die »Geigerkönige«, weil sie das Schutzrecht hatten über alles fahrende Sängervolk. Um dieser unangenehmen Erinnerung aus dem Wege zu gehen, fuhr Beatrix darum rechts über den Rhein, dingte sich in Freiburg eine Dienerin (hier waren die Heller ausgegeben, und sie mußte bereits zum ersten Goldstücke greifen), kaufte in Lahr ein silbernes Halsband für den Hund und in Offenburg zwei leichte Pferde, mietete einen Stallknecht dazu und ward solchergestalt in jeder Stadt ein Stückchen vornehmer. Als sie endlich mit ihren Dienern in Straßburg einritt, ahnte kein Mensch, wie sich aus der fahrenden Sängerin so ganz allmählich und stationsweise das zierliche Fräulein herausgeschält habe. Sie hatte aber unterwegs schon eingesehen, welch besondere Schwierigkeit es für ein einzelnes Mädchen habe, sich ganz frei und fessellos zugleich als vornehm zu behaupten. Nach der Sitte der Zeit konnte ein Fräulein nicht allein leben, für sich allein ein Haus machen. Dann hätte sie wohl die vornehme Dirne spielen mögen, nicht aber die vornehme Dame. Und auf letztere zielte doch der Ehrgeiz der Beatrix. Sie erdichtete sich darum schon auf der staubigen Landstraße zwischen Kolmar und Schlettstadt eine höchst rührende Lebensgeschichte, durch welche sie ihre verlassene abenteuerliche Ankunft in Straßburg erklären, ja so beweglich begründen wollte, daß sie wohl bald die ehrsamsten Schützer und Freunde fände. Es war nämlich unlängst der berühmte schwäbische Ritter Ulrich von Steben im Kampfe mit den Städtern erschlagen und seine Burg verbrannt worden. Bei diesem Brande aber war seine einzige Tochter spurlos verschwunden, und die meisten glaubten, sie sei mit der Burg zugrunde gegangen, nur wenige, sie könne doch auch entflohen sein. Beatrix benützte die letztere Lesart und beschloß, als nicht verbrannte Beatrix von Steben, welche von allen Schätzen ihres Vaters nur das Kästchen mit den Kleinodien gerettet, in Straßburg Zuflucht zu suchen. In schwäbischen Dingen wußte sie für ihren Zweck hinlänglich Bescheid, und Friedrich Barbarossa selber hatte bei Lebzeiten nicht kräftiger geschwäbelt, als Beatrix zu schwäbeln verstand. Kaum hatte sie daher im nächsten Busche hinter Schlettstadt das sittsame schwarze Kleid angelegt und ihre Sängerlumpen in die Ill versenkt, so glaubten ihr die Leute das Märchen ihrer Herkunft so geschwind, daß sie selbst darüber erschrak. Sie sprach zu ihrem einzigen Vertrauten, zu dem Hündchen: »Ich habe als Sängerin schon so viel gedichtet und gelogen, daß ich dessen jetzt wohl hoffte überhoben zu werden; allein ich sehe, daß auch reiche Leute lügen müssen und daß es doch nicht so leicht ist, fromm zu sein, wenn man nur reich ist.« VI. Zur selben Zeit wohnte die verwitwete Herzogin von Lothringen in Straßburg, die hörte von dem armen schwäbischen Fräulein, welches seinen Vater so grausam verloren und aus der brennenden Burg so wunderbar entronnen sei und nun ganz verlassen hier leben müsse, und ließ Beatrix zu sich kommen und empfing sie gar huldreich. Da aber Beatrix fürchtete, sie möge etwas Verkehrtes sagen und sich verraten, so war sie sehr schüchtern und zurückhaltend, ganz gegen ihre sonstige Art, und als die Rede auf ihren erschlagenen Vater kam, schluchzte sie und hielt die Hände vors Gesicht und konnte kaum ein Wort hervorbringen. Denn weil sie nichts Rechtes wußte von dem Manne, so dachte sie: durch Schweigen verredet sich niemand. Dieses tiefbetrübte Wesen rührte die Herzogin so sehr, daß sie der armen Waise anbot, in ihrem Hause zu wohnen, ganz wie ein Kind des Hauses. Beatrix ging halb vergnügt, halb erschrocken darauf ein: vergnügt – denn als Gast einer Herzogin war sie nun doch gewiß ein vornehmes Fräulein, und erschrocken – denn in dem vornehmen Hause war der Boden gar glatt und ihre Füße konnten leicht ausgleiten. Nachdem ihr aber Schweigen und Zuwarten so sicher hinweggeholfen über die verfänglichste Stunde, erkannte sie, daß im Schweigen und Zuwarten überhaupt der Schlüssel zum unvermerkten Erlernen höfischer Sitte gegeben sei. Darum beobachtete sie fort und fort, wie es die anderen machten, wartete, bis sie gerufen wurde, und trat dann fest an den angewiesenen Platz, schwieg, bis man sie fragte, und antwortete darauf rasch und kurz. Denn vornehme Leute können den verwickelten Satzbau nicht vertragen. Sonst war Beatrix vorlaut gewesen und redselig; jetzt war sie zurückhaltend und wortkarg und lernte also klugen Sinnes aus Hoffart bescheiden sein. Im Grunde hatte sie ein gutes Herz, nur ließ sie sich widerstandslos vom Teufel der Eitelkeit und Genußsucht reiten. Allein für die größere Eitelkeit: als ein geborenes Fräulein zu bestehen, opferte sie willensstark alle kleineren Eitelkeiten. Sie ging Tag für Tag in jenem schwarzen Kleide, welches sie sich zu Schlettstadt gekauft, und hätte doch viel lieber in Rot und Blau und Gold geschillert wie ein Paradiesvogel. Allein sie bemerkte, daß vielmehr diejenigen Leute sich putzen, welche vornehm sein wollen, als jene, welche vornehm sind. Also blieb sie mit schwerem Herzen dem schwarzen Kleide treu. Bei der herzoglichen Tafel gelüstete sie's oft grausam, nach früherer Gewohnheit gleich eine halbe Pastete auf einmal zu essen oder einen ganzen Becher Weins in einem Zuge zu leeren. Sie sah aber, daß die anderen Fräulein nur so am Becher nippten und an den Speisen pickten wie die Vögelein und daß es vornehm frauenhaft sei, gleichsam von der Luft zu leben. Also machte sie's nach, aß und trank noch weniger als die übrigen und hungerte, damit sie recht gründlich lernte, reich und vornehm zu sein. Ihr einziger Kummer war nur, daß sie trotzdem nicht blaß und mager wurde nach adeliger Frauen Art, sondern gegenteils immer voller und rotbackiger bei der mäßigen Kost. Denn obgleich sie vornehm aß, so verdaute sie doch immer volksmäßig; man legt eben innerlich seinen Geburtsstand niemals so geschwind ab, als man's auswendig vermag. Vordem hätte es ihr wohl das größte Vergnügen gemacht, allein und frei wie ein Bursche durch die Straßen der Stadt zu schweifen. Allein was die Sängerin gedurft, das ziemte ja dem Fräulein nicht. Also ging sie nur selten, von der Dienerin gefolgt und tief verschleiert, durch die Stadt, langsamen Schrittes, und wagte ganz nonnenhaft kaum die Augen aufzuschlagen. Ja, sie nahm nicht einmal ihr Hündchen mit; denn hätte dasselbe etwa eine altbefreundete Gauklerbande gesehen, so wäre es den Leuten wohl gar verräterisch nachgesprungen. Kam dann Beatrix wieder heim, so tröstete sie das Tier, daß es hatte zu Hause bleiben müssen, und sprach zu ihm: »Du leidest mit mir unter der Last von Rang und Reichtum. Meine Mutter hatte recht: es ist leicht, fromm zu sein, wenn man reich ist. Aber sie hat nicht gewußt, wie schwer es ist, reich zu sein, eingeschnürt in den Zwang der feinen Sitte. Ich hätte auch meiner Lebtage nicht gedacht, daß der Hof dem Kloster so nahe verwandt sei, und wer der Welt entsagen will, der kann es nach Auswahl entweder als Prinzessin probieren oder als Bettelnonne. Die eine kasteit sich und rührt keinen Finger nach eigenem Willen aus der Eitelkeit der Hoffart, die andere aus der Eitelkeit der Demut.« Indem sich Beatrix so geheimnisvoll in sich selbst verschloß, damit das größere Geheimnis ihres früheren allzu öffentlichen Wandels nicht an Tag komme, reizte sie jedoch doppelt die Teilnahme und Neugier der ganzen Stadt, und die Sage dichtete zu dem Gedicht der Sängerin noch viel Schönes und Seltsames hinzu über das rätselhafte unglückliche Fräulein aus Schwaben. Mancher vornehme Jüngling trachtete vergebens, sie zu sehen, mit ihr zu reden oder eine ritterliche Tat vor ihren Augen zu vollbringen. Doch keiner von allen hatte begieriger jedem Gespräch über das schwäbische Mädchen gelauscht als der eingangs erwähnte junge Hugo, Gerbots Sohn, der vermeintliche Neffe des Handschuhmachers in der Münstergasse. Und als er nun gar, vom Glück begünstigt, Beatrix ein paarmal flüchtig gesehen hatte, ja ihr, da sie auf scheuem Pferde durch die Straßen ritt, mit helfender Hand beigesprungen war, wurde seine Teilnahme für das geheimnisvolle Fräulein so brennend heiß, daß er an gar nichts anderes mehr denken konnte als an sie. Und obgleich er oft genug sich selber schalt, da er, gewöhnlicher Bürgersleute Kind, ja niemals die Liebe der adeligen Freundin der lothringischen Herzogswitwe gewinnen könne, so vergaß er doch in der nächsten Minute alle Unmöglichkeiten, ward in seinem kühnen Mute doppelt begeistert, das Vermessene zu wagen, und sann nur, wie er es anfange, einmal mit Beatrix unter vier Augen zu reden. Dazu bot ihm ein glücklicher Zufall rasch die Gelegenheit. VII. Es war nämlich der Kaiser Sigismund nach Straßburg gekommen auf seiner Heimfahrt aus Italien und von den Bürgern der Stadt aufs herrlichste empfangen worden. Ein Festtag folgte dem anderen, und zuletzt lud eine Gesandtschaft der vornehmsten Frauen den Kaiser als den Frauen besonders hold zur glänzendsten Feier, welche sie ihm nächsten Tages auf der Stube zum Hohensteg geben wollten. Der Kaiser sagte zu, behauptete aber lächelnd, den Weg nicht zu wissen, also müßten ihn die Frauen wohl abholen und geleiten. Nun wählte man die schönsten Edelfrauen und Fräulein, hundert an der Zahl, daß sie dem Kaiser den Weg zeigten, und Beatrix sollte auch unter diesen Führerinnen sein; ja, sie wäre gewiß die allerschönste gewesen. Allein ob sie gleich eine gewaltige Lust verspürte, im Festzuge mitzugehen, so fürchtete sie doch gerade bei solchem Anlaß, wo gar viele »Künstler« in Straßburg zusammenströmten, von alten Fachgenossen erkannt zu werden, und erklärte also unter hellen Tränen, nicht mitgehen zu können. Die Tränen weinte sie bloß, weil es ihr so erschrecklich leid tat, daß sie sich die Freude und den Triumph versagen mußte, im weißen Festgewand, mit Rosen im wallenden Haare durch die Straßen zu ziehen; die Herzogin aber glaubte, sie weine, weil ihr der Freudentag die Trauer um den Vater wieder doppelt lebhaft in die Seele rufe, und pries ihren edlen Sinn. Frühmorgens um sechs Uhr holten die hundert Edelfrauen den Kaiser ab; da derselbe aber noch nicht völlig angekleidet war und doch als artiger Herr die Frauen nicht wollte warten lassen, so warf er seinen Mantel über und zog barfuß durch die Straßen, unter dem Vorantritt von Trommlern und Pfeifern und umringt von den Frauen, die singend in zierlich gemessenem Reigen einhertanzten. In der Korbergasse kauften sie dem Kaiser ein Paar Schuhe, hörten darauf mit ihm die Frühmesse im Münster und geleiteten ihn dann auf die Stube zum Hohensteg. Unter dem tausendköpfig anwogenden Volke machte sich vor allen der junge Hugo mit kräftigen Armen Platz, blickte jedoch kaum auf den Kaiser, desto mehr auf die Frauen und forschte vergebens nach der Schönsten unter ihnen, nach Beatrix. Er fand sie nicht. Und als er schweren Herzens sich überzeugt, daß sie gewiß nicht im Zuge sei, schlich er zu dem Hause der Herzogin, um wenigstens, wie er täglich pflegte, sehnsuchtsvoll nach gewissen Fenstern zu spähen. Dort war alles totenstill und verlassen, und da Hugo die Türe des Hausgartens offen sah, schlüpfte er hinein, und er war kaum zehn Schritt gegangen, als Beatrix vor ihm stand, welche mit ihrem Hündchen hier auf und nieder ging, betrübt wie ein Kind, daß sie sich nicht getraut hatte, im Festzuge zu erscheinen, dessen verwehte Jubeltöne leise vom Wind herübergetragen wurden, ihrem Ohre ein Klagegesang. Hugo stand wie eingewurzelt, denn die kaum gehoffte Erscheinung war ihm etwas zu geschwind und zu nahe gekommen. Als ihn aber Beatrix fragte, was er suche, nahm er rasch seine fünf Sinne zusammen und antwortete: »Ich habe soeben den Kaiser samt seinen hundert schönen Führerinnen gesehen; doch die Schönste war nicht darunter. Da suchte ich die Einsamkeit, und nun führt mein gutes Glück mir gerade die Schönste entgegen.« Beatrix war lange genug bei Hofe, um vor einer geschraubten Anrede nicht zu erschrecken; allein sie wußte nicht, was nun höfisch sei: dem jungen Manne gleich geschraubt zu antworten oder ihn recht ungeschraubt aus dem Garten zu weisen. Da sie sich aber getroffen fühlte von dem edlen Gesicht und der zitternd bewegten Stimme des Jünglings, so tat sie weder das eine noch das andere, sondern ging schlicht und freundlich auf den Ton seiner Worte ein, der wärmer war als die Worte selbst, und sprach mit ihm, sie wußte gar nicht wie, ob adelig oder bürgerlich. Leider wurde sie durch ihre Dienerin gestört, als das Gespräch eben in guten Zug zu kommen begann, und der junge Mann verabschiedete sich mit einem Blicke, der wie auf Wiedersehen dreinschaute. Die Dienerin (es war dieselbe, welche Beatrix in Freiburg gedungen) hatte auch bereits so viel vom vornehmen Gesindeton gelernt, daß sie ihrer Herrin recht naseweise Worte über die Begegnung mit dem hübschen Bürgerssohn zu hören gab. Beatrix aber geriet darüber in so hellen Zorn, daß sie sich ganz als Sängerin fühlte und die Hand zu einer Ohrfeige anzog. Im selben Augenblick entsann sie sich jedoch, daß sie ja ein Fräulein sei, darum ließ sie die Hand wieder sinken und rief: »Wär' ich nicht eine vornehme Dame, ich hätt' dir eine Ohrfeige gegeben!« Die Dienerin schlich davon und murmelte: »Mit der Vornehmheit muß es nicht so weit her sein: denn die vornehmsten Leute reden gar nicht davon, daß sie vornehm sind.« Darüber erschrak Beatrix sehr und beschloß, in Zukunft nicht mehr zu prahlen und noch viel sanfter und milder zu werden als bisher. Der Kaiser hatte aber hinterdrein gehört, daß die schönste Jungfrau von ganz Straßburg bei dem Zuge gefehlt habe, weil sie zugleich die unglücklichste sei. Als ein besonderer Liebhaber weiblicher Schönheit ließ er darum Beatrix noch nachträglich zu sich laden, empfing sie mit höchster Huld, und da er einer jeden der Frauen, welche ihn zum Hohensteg geführt, einen schlichten Goldring zum Andenken verehrt hatte, so wollte er jene einzige, die trauernd zu Hause geblieben, auch nicht leer ausgehen lassen und schenkte ihr einen weit prächtigeren Ring mit einem Edelstein. »Dieser Stein«, sprach er zu Beatrix, »ist ein Diamant von der wunderbarsten Eigenschaft. Er blitzt um so heller im klarsten Farbenspiel, je reiner und wahrhaftiger das Herz dessen ist, der ihn trägt; gewänne aber Lug und Trug in deiner Seele die Oberhand, so würde er immer matter werden und zuletzt wie schlechtes Glas zersplittern.« Beatrix jubelte vor heimlicher Freude über die Gnade des Kaisers und den zauberhaften Ring. Als sie aber daheim tiefer nachdachte über den Stein und über ihr eigenes Herz, erschrak sie vor dem Geschenk und verbarg den Ring ganz unten in ihrem Schmuckkästchen. Die anderen Frauen waren anfangs neidisch, daß das fremde Mädchen den schönsten Ring gewonnen; doch als Beatrix gar nicht mit demselben prahlte, ja ihn nicht einmal am Finger trug, lobten alle ihre Bescheidenheit. VIII. So ward Beatrix täglich fester in der Gunst und Achtung der besten Leute, und trotz der Hauptlüge, welche ihr insgeheim das Gewissen drückte, ward sie selbst auch immer besser, während sie doch nur so eifrig sich bezwang, um im starren Bann der Sitte als wirklich reiches und vornehmes Mädchen zu bestehen, ja sie ward auch schöner von Gesicht und wuchs gleichsam in Gang und Haltung. Denn dem Reichen ist es nicht bloß leicht, fromm, sondern auch schön zu sein. Das stetige äußere Maß der Bewegung macht die Züge und Gebärden feiner, wenn auch noch so grobe Sünden dahinter lauern sollten. Je mehr ihr aber gehuldigt wurde, um so gemessener erschien Beatrix. Um die armseligste Gunst hatte die fahrende Sängerin jahrelang gebettelt; jetzt war es ihr süßester Stolz, so viele unerwartet gebotene Gunst zu verschmähen. Zwei vornehme Jünglinge warben um ihre Liebe. Allein während sie vordem solch feinen, schönen Herren eher seufzend nachgeblickt, als sie zurückgewiesen hätte, nahm sie jetzt ganz kühl von oben herab die Huldigungen entgegen, zeigte im spröden Versagen, welch eine wahrhaft höfische Dame sie geworden sei, und ließ zur Abwechselung einmal die anderen nach ihr seufzen. Nur einer rührte sie, daß sie nicht stolz tun konnte, und dies war jener arme, bürgerliche und doch so edelfeine Hugo, den sie an dem Kaisertage im Garten gesprochen. Sie erschrak und errötete aber, sooft sie ihn wiedersah; denn sie fand in seinen Zügen immer größere Ähnlichkeit mit dem Gesichte ihres Wohltäters, des Grafen Gerbot, und auch im Klang seiner Stimme. Diese Stimme machte sie zittern wie das böse Gewissen, und doch zitterte sie auch wieder bei dieser Stimme, weil ihr dieselbe gar so süß ins Herz hineinsang. Wenn Hugo nur ihr Hündchen streichelte und liebkoste, meinte sie schon, das Hündchen werde ihm ihr Geheimnis verraten. Hugo aber sah in dem Erröten der Beatrix niemals das Erröten der Furcht, sondern immer nur das Erröten der Liebe. Doch weil er sich selber und der Welt nur für ein Bürgerskind galt, so glaubte er, Beatrix halte sich trotz eines unverkennbaren Herzenszuges so scheu zurück, weil sie ja doch mit dem armen und geringen Jungen keine andere Gemeinschaft als des herablassenden Wohlwollens haben könne. Und er klagte, wie schlimm es überall dem Armen gehe, und wenn er nur vornehm und reich sei, dann wolle er schon bald glücklich sein. Beatrix aber fühlte sich noch weit unglücklicher. Sie liebte ihn, sie begegnete ihm öfter, als sie wollte, sie ließ ihn reden, wo sie ihm Schweigen zuwinkte, sie vergaß mitunter alle Vorsicht ihrer höfischen Rolle. Sie liebte ihn und durfte ihn doch nicht lieben. Sowie sie Ernst machte aus dem bisher bloß andeutenden Spiele der Neigung, konnte sie auch ihre wahre Herkunft nicht länger verborgen halten. Sie hätte Hugo ja wohl ebenso glücklich noch eine Weile täuschen mögen, wie sie alle Welt bisher getäuscht hatte, und doch meinte sie, ihn allein könne und dürfe sie nicht betrügen, wenn sie auch alle die anderen betrog. Daran mochte man wohl erkennen, daß sie ihn wahrhaft liebte und mit allem Ernst einer ersten Liebe. Denn wem man sich nur zeigen kann ganz, wie man ist, wem man sich nur durchaus wahr zeigen kann, den liebt man auch wahrhaft. Sie hatte ihn so gern, daß sie's dem ehrlichen Bürgerssohn nicht hinterrücks antun wollte, ein unehrliches Mädchen zu heiraten. Jetzt erkannte sie hell, was sie schon gar manchmal dunkel empfunden, daß es dem Reichen zwar viel leichter ist, äußerlich gerecht zu wandeln, als dem Armen, und das nennt die Welt fromm sein, daß aber auch das inwendige Elend des Reichen unendlich viel schmerzhafter einschneidet als das Elend des Armen. Sie besaß allen äußeren Glanz des Glückes, wie sie ihn nur jemals geträumt, und war unvermerkt reiner und besser geworden, wovon sie früher nicht geträumt hatte, aber in dem Lichtschimmer des Reichtums war ihr Gewissen erwacht; sie fühlte, daß sie fromm geworden sei auf Grund einer Lüge, daß ihrem glatten Rechttun die letzte Wahrheit fehle und daß darum doch ihrem Glück das Höchste ewig versagt sei: die Liebe. So hungerte sie sich satt bei Leckerbissen – und nicht bloß an der herzoglichen Tafel –, während sie früher sich satt gegessen bei Schwarzbrot. Hugo, des edlen Grafen Sohn, dachte, er sei von Stande zu gering, als daß er auf Gegenliebe hoffen, Beatrix, die fahrende Sängerin, sie sei im Herzen zu gering, als daß sie Gegenliebe bieten dürfe. Aber die Liebe verschlingt doch zuletzt alles Nachdenken, und die Glut der Leidenschaft verzehrt auf Stunden und Tage selbst den Brand eines bösen Gewissens, wie ein Feuer das andere frißt; – in anderen Stunden facht sie jenen Brand dann um so heller wieder an. Die Glut der Liebe war aber mächtiger noch bei Beatrix als bei Hugo. Arm und rechtlos hatte die fahrende Sängerin früher jedem Gelüsten den Zügel schießen lassen und sich eben darum wenig gegrämt, wenn so mancher Wunsch unbefriedigt blieb; jetzt besaß das gefeierte Fräulein scheinbar alles, was die Sängerin je begehrt, und mußte doch immer sich selbst bewachen und zurückhalten, ihre Wünsche rastlos beschneiden und unterdrücken. Da ward sie von dem einzigen unerfüllten Hauptwunsche, von der ersten wahren Leidenschaft, um so widerstandsloser überwältigt. Endlich trug sie's nicht länger; sie mußte diese Qual zerreißen. »Wenn ich wieder arm wäre? Arm und rechtlos dazu? – Aber würde ich dann glücklicher sein? Ich würde wenigstens allen Menschen mein wahres Gesicht zeigen können, und das ist auch eine Art von Glück. Übrigens brauchen nicht alle dieses wahre Gesicht zu sehen: – aber einer soll es sehen!« – Sie hielt ein in dem Selbstgespräche; die klaren Gedanken vergingen ihr. Nur ein Gedanke tauchte immer wieder auf: sie wollte Hugo sagen, wer sie eigentlich sei. Was dann weiter komme? Sie wußte es nicht. Sollte sie entfliehen, sich verstecken? Es war ihr alles gleich. Aber Hugo wollte sie ihre Liebe bekennen mit der vollen Wahrheit im Munde; mit dem wahren Gesichte wollte sie ihm ihre Liebe zeigen und die Kraft dieser Liebe besiegeln durch dieses wahre Gesicht. Freilich konnte er dann diese Liebe kaum mehr brauchen. Allein die wahre Liebe fragt nicht danach, ob man sie hinterdrein auch brauchen kann. Sie muß sich offenbaren und darbringen, und sollte dieses Darbringen auch Geburt und Tod der Liebe in einer Stunde sein. IX. Beatrix schlief ein mit diesem Entschlusse und erwachte mit ihm. Doch kam es ihr vor, als sei es im hellen Morgensonnenscheine schwerer, sich auf der Höhe ihres Vorsatzes zu behaupten, als gestern bei Mondlicht. Sie ging in den Garten und suchte den Platz, wo sie zum erstenmal mit Hugo gesprochen. Es war ganz still, nur die Bienen summten, und die Vögel sangen; Beatrix aber glaubte, jene vom Winde verwehten lustigen Töne des Festzuges, nur viel leiser, wieder zu hören, die damals wie ein Klagelied an ihr Ohr geschlagen hatten. Sie bückte sich hinab zu dem Hündchen, streichelte es und sagte ihm, dem einzigen Vertrauten, ihr Leid, wie sie schon so oft getan. Das Tier aber sprang plötzlich auf und bellte, ganz wie in jener Sturmnacht unter den Felsen. Da sah Beatrix das Bild ihres wachen Traumes, Hugo, der durch den Garten ihr entgegenschritt, aber nicht scheu und betroffen wie an jenem Festtage, sondern fest, ja ungestüm. Auch Gruß und Anrede waren ganz anders wie sonst, freier und mutiger, doch mitten im Worte brach ihm die Stimme; aber rasch faßte er sich wieder und erklärte offen seine Liebe, die er bis dahin nur schüchtern, nur so von fernher, nur dem wiederliebenden Auge bemerkbar, anzudeuten gewagt. Beatrix schwieg versteinert, ihr Blick irrte umher, ihre Lippen bewegten sich lautlos, als suchten sie eine Antwort und könnten sie nicht finden. Da erzählte ihr Hugo – und die Worte flogen nur so – wie im Sturme, daß er hinweg müsse von Straßburg, heute noch, aber er sei heut ein anderer, als er gestern gewesen. »Gestern abend«, rief er, »kam ein Eilbote des Grafen Gerbot, des guten Herrles, der am Tode liegt, und ich bin Gerbots einziger Sohn, nach meines Vaters rätselhaftem Willen hier erzogen als ein armes Bürgerkind. Jener fremde Kaufmann, der uns so oft besuchte, war mein Vater; ach, er kam niemals mit leeren Händen und immer mit so freundlichem Herzen! An seiner eigenen Hand sollte ich demnächst zum Schlosse zurückkehren, da warf ihn eine tödliche Krankheit nieder, und nun kann er nur noch auf dem Sterbebette bekennen, daß ich sein Sohn sei. Wohl schmerzt es mich, daß ich den Vater nur finde, um ihn zu verlieren, und doch habe ich noch Raum für eine Freude neben meinem Schmerz – ob es gleich eine Sünde sein mag: – denn nun darf ich als gleich und ebenbürtig um Eure Hand werben und will Euer Ja mit auf den Weg nehmen, damit ich noch den Segen des Vaters für uns beide gewinne.« Beatrix blieb stumm wie zuvor; – vergebens flehte Hugo um ein lösendes Wort, vergebens faßte er ihre Hand und schaute ihr verzweiflungsvoll ins Auge, als könne er dort das Wort geschrieben lesen. Endlich brach sie in Tränen aus und rief: »Ich kann und darf nicht Ja sagen; gehet und vergeßt mich für immer!« Hugo bestürmte sie um Grund und Ursache, aber Beatrix verharrte wieder in starrem Schweigen. Er wehklagte: »Als ich arm war und gering, da durfte ich wenigstens hoffen; jetzt, wo ich reich bin und edlen Blutes gleich dir, nimmst du mir Ärmsten auch die Hoffnung!« Da sprach Beatrix: »Endlich muß es doch heraus! Ich bin nicht edlen Blutes, ich bin ein unehrliches Spielmannskind. In wüster Jugend aufgewachsen, war ich arm und sündigte; ohne mein Verdienst gewann ich Reichtum und wurde fromm, weil ich reich war, und doch nicht fromm genug.« Sie erzählte ihm dann ihre Geschichte, und wie sie sich so fein verstellt und im Zwang strenger Sitten besser geworden sei und wie niemand um ihr Geheimnis gewußt habe als Gott und das verschwiegene Hündlein. Allein die Wahrheit komme zuletzt doch an den Tag. Im Sturme der Leidenschaft wollte aber Hugo trotzdem nicht lassen von seiner Liebe, obgleich ihm die Worte der Beatrix wie Dolchstöße ins Herz gingen. Allein gerade in diesem Kampf der Hoffnung und Verzweiflung steigerte sich ihm noch der Reiz des seltsamen Mädchens. Wie ein verzaubertes Frauenbild aus einem Märchen stand sie vor ihm, und ihm selber war es seit gestern, als wandle er in einem Märchen. Viel Wunderbares war ja geschehen: er war über Nacht aus einem armen Bürgerskind ein reicher Grafensohn geworden, demnächst wohl gar ein mächtiger Graf und Herr, – das Unmöglichste war wirklich geworden; warum sollte es ihm nun unmöglich sein, dieses unehrliche Mädchen, welches sich selbst ehrlich gemacht, zu lieben und in Ehren zu gewinnen? Die Stunde drängte. Er überredete, bat, beschwor. Doch Beatrix brachte immer nur die Worte hervor: »Du begehrst Unmögliches! Ich kann dich nur elend machen! Wir dürfen uns niemals wiedersehen!« Freilich war jedes dieser Worte von dem wärmsten Hauche leidvoller Liebe durchweht. Das gab Hugo endlich den Mut, in geheimer Hoffnung zu scheiden; er verhieß rascheste Rückkehr. Aber Beatrix beteuerte, er werde sie nicht wiederfinden. X. Noch am nämlichen Abende trat Hugo vor das Bett des todkranken Vaters. Es war ein erschütterndes Wiedersehen. Graf Gerbot hatte noch lange zu leben gehofft und sah jetzt mit Schrecken, daß er keine Zeit mehr habe zum zweiten Teil seines Erziehungsplanes, nämlich den Sohn, der im fremden Hause so langsam die Schule der Armen durchgemacht, nun auch im eigenen Hause in die Schule der Reichen und Mächtigen einzuführen. Er wollte ihm so vieles und Wichtiges noch sagen von der Herrschaft, die er nun verfrüht in seine unerfahrenen Hände legte. Aber Hugo hörte kaum, was der Vater sprach. Endlich konnte er sich nicht länger halten und erzählte die Geschichte seiner Liebe und den märchenhaften Lebensgang des wunderbaren Mädchens. Der Alte hört mit wachsendem Staunen, und als er erfährt, daß es jene geldgierige Sängerin gewesen, die ihn einst gerettet und nun den Sohn bestricke, ruft er aus: »Dieses Mädchen habe ich schon damals als die klügste Hexe erkannt und nicht begriffen, wie sich so viel Verstand mit so wenig edlem Gemüte verbinden möge.« Der Sohn aber entgegnete: »Nein! Alle Klugheit wurde bei ihr ja zuletzt vom edlen Gemüte aufgesogen!« Und erzählte dann, wie sie durch den Reichtum zu immer tugendhafterem Wandel geführt und so gut geworden sei, daß sie um der Liebe willen ihre erste und letzte und klügste Lüge und mit dieser Lüge Liebe und Glück selbst geopfert habe. Als der Alte dies vernahm, brach er zusammen, verhüllte sein Gesicht und rief: »Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkenne den ungeheuren Fehltritt, welchen ich gemacht! Diese Dirne hat gelernt reich zu sein und dadurch den Fluch des Reichtums überwunden, ohne daß sie's wollte und merkte; – ich Tor ließ dich lernen arm und gering sein, damit du Reichtum und vornehme Hoffart verachten mögest. Aber der Arme und Niedrige verachtet ja Rang und Reichtum nicht, sondern er ersehnt und erträumt ihn. Im Zwang des vornehmen Standes hättest du deine Schule machen müssen wie diese Sängerin! Jetzt wirst du wie im Traume der reichste Graf im Elsaß, jetzt kannst du fessellos und doch vornehm leben, alles kommt deinen Wünschen entgegen, Macht und Schätze sind dir jetzt ein freies köstliches Geschenk, und du kannst zugrunde gehen, bevor du die furchtbare Last dieses Geschenkes erkannt hast.« Schnell entschlossen fiel Hugo ins Wort: »Habe ich nicht gelernt reich zu sein, so gebet mir Beatrix zur Frau, die es so unübertrefflich gelernt hat, daß sie mich hinwieder die schwere Kunst lehre!« Der Vater aber sprach: »Das gehet nun und nimmermehr. Dein Volk und deine Vasallen würden sich wider dich empören, wenn du ihnen eine unehrliche Dirne zur Herrin geben wolltest, dein ganzes Haus würde durch dich in Schmach versinken. O Tor, der ich war, da ich der Weiseste sein wollte! Und doch werde ich deinen Willen nicht beugen können, du wirst – –.« Der Sterbende wollte sichtbar noch vieles sagen, aber die Stimme erstarb, und nach wenigen Augenblicken hauchte der gute Herr seinen letzten Atem aus. Verwirrt, ratlos, von Widersprüchen zerrissen und unsäglich traurig, begrub Hugo den Vater und ergriff die Zügel der Herrschaft. Zugleich schickte er einen Boten mit Briefen an Beatrix. Wer weiß, was darin gestanden hat? Allein Beatrix war nicht mehr zu finden. Am selben Tage, wo Hugo abgereist, war sie ganz heimlich aus dem Hause der Herzogin entwichen, nur von ihrem Hündchen begleitet. Niemand hat sie wieder gesehen. Graf Hugo lebte in der neuen Welt wie ein Träumender. Die neue Hoheit hatte keinen Zauber für ihn, der Glanz des Reichtums schien ihm matt und kalt wie die Wintersonne; er sehnte sich zurück nach den warmen Frühlingstagen, wo er arm gewesen. Da raffte er sich plötzlich auf und suchte den Trost, wo er einzig zu finden war: in der Arbeit, im treuen Sorgen und Mühen für sein Land, im ritterlichen Kämpfen und Ringen. Den redlichen alten Freunden und Räten seines Vaters fiel ein schwerer Stein vom Herzen. Denn als der junge Graf so plötzlich zur Herrschaft kam wie im Märchen, gestern ein armer Knabe, heute der mächtigste und reichste Mann, da bangte ihnen, wie er wohl diesen jähen Übergang vom Dunkel ins grellste Sonnenlicht ertragen werde. Nun aber sahen sie, daß Hugo stumpfer war für die Lockungen der Herrschsucht, der Hoffart und der Sinnenlust als gar mancher Kaiser und König, der in der Kinderstube schon mit der Krone gespielt, und priesen die Weisheit des alten Gerbot, welcher allein richtig gerechnet und den Sohn in niederem Stande habe aufwachsen lassen, damit er gleichgültig werde gegen Fürstenherrlichkeit. Allein so war es ganz und gar nicht. Was Beatrix in Straßburg so tief empfunden, das empfand jetzt auch Hugo: den Zwang und Druck von Reichtum und Würde, welcher den heißesten Wunsch seines Lebens unerfüllbar machte. Obgleich er nun Beatrix mit leiblichen Augen niemals wiedersah, so erblickte er sie doch täglich im Geiste. Und dieses Bild hielt ihm stets jene drückendste Schranke vor Augen, welche seinem Willen gerade durch Rang und Reichtum gesetzt war, und lehrte ihn die tausend anderen Genüsse verachten, die sich schrankenlos ihm darboten. Gar manchmal sprach er darum zu sich selbst: »Meinen Vater hat Beatrix aus dem Verderben geführt, welches ihm die Bosheit seiner Feinde bereitete, mich aber führte sie aus dem Verderben, welches mir nahezu die Liebe meines Vaters bereitet hätte. Und sie war doch nur ein unehrliches Spielmannskind!« Die vierzehn Nothelfer 1872 Erstes Kapitel »Konrad Lenz, geboren 1513, gestorben um 1590, Schüler des Christoph Amberger, ausgezeichnet durch den warmen Goldton seiner Farbe, malte Historien und Legenden, auch Mythologisches auf Holztafeln in kleinem Format. Seine Bilder sind sehr selten.« So ungefähr steht's gedruckt im Katalog einer Galerie, die ich augenblicklich nicht nennen kann. Dieser merkwürdige Mann pflegte zu sagen: »Das Malen wäre die schönste Kunst, wenn die Bilder nur nicht fertig zu werden brauchten.« Denn er malte gern und gut, allein er wollte immer nur malen, wann er wollte, und das geschah oft nur einmal die Woche, öfters auch gar nicht. Den verabredeten Termin eines bestellten Bildes einzuhalten, war ihm ganz unmöglich. Hatte er's heuer auf Weihnachten zu liefern versprochen, so begann er zu Pfingsten übers Jahr die Tafel zu grundieren. Er grämte sich auch gar nicht über diese Eigenschaft, die offenbar mit der launischen Natur des Planeten zusammenhing, unter welchem er geboren war, sondern sprach: »Ich habe malen gelernt; die andern mögen warten lernen.« Der leichtmütige Künstler zählte erst vierundzwanzig Jahre, als er einen großen Auftrag erhielt. Auf 14 schmalen Tafeln sollte er die vierzehn Nothelfer darstellen nebst erläuternden Szenen aus ihrer Legende im Hintergrund; Hauptbedingung aber war, daß das Ganze unfehlbar vollendet sein müsse binnen Jahresfrist, das heißt auf Leonhardstag 1538. Dann sollte der Künstler den hohen Ehrensold von hundert Goldgulden empfangen. Der Besteller, Ritter Hans von Haltenberg, war vordem auf einer Fahrt von Genua nach Neapel in die Hände tunesischer Seeräuber gefallen. Während seiner Gefangenschaft flehte er zu den vierzehn Nothelfern und gelobte jedem derselben bis Leonhardi 1538 ein schönes Bild in seiner Burgkapelle, wenn er binnen zwei Monaten aus dem Kerker erlöst würde. Wirklich gewann er bald darauf die Freiheit wieder und säumte nicht, nach Deutschland heimgekehrt, sofort die Bilder zu bestellen und dem Maler das Gewissen zu schärfen wegen genauer Lieferzeit, damit er den Heiligen Wort halte. Mit wahrem Feuereifer hatte sich Konrad Lenz in die Arbeit gestürzt. Die drei Frauen des hilfreichen Kreises, Sankt Katharina, Margaret und Barbara, malte er im Sturm, Tafel für Tafel binnen vierzehn Tagen, und sie gelangen vortrefflich. Dann machte er sich an Sankt Pantaleon, Veit und Eustachius. Da ging's schon etwas langsamer; er brauchte drei Wochen auf den Mann und malte so hin und her bald am einen, bald am andern. Beim heiligen Blasius kam er wieder recht frisch in Zug; aber bei Papst Gregor wollte es um so weniger flecken. Volle zwei Monate schleppte er sich mit dem Bilde herum. Endlich biß er die Zähne zusammen. »Es muß sein!« hörte man ihn ein ums andere Mal laut in seiner Werkstatt rufen. Mit Todesverachtung griff er zu Pinsel und Palette, nahm den letzten Anlauf, und wirklich! in etlichen Tagen stand der Heilige vollendet. Aber der Künstler war auch beinahe krank geworden vor lauter Selbstbeherrschung. Noch hatte er sechs Bilder vor sich. Sechs ist zwar die kleinere Hälfte von vierzehn, allein es schien ihm jetzt eine Riesenzahl, an die er gar nicht denken durfte, wollte er nicht das Gehirnfieber kriegen. Darum trug er die fertigen Bilder auf den Speicher und die sechs leeren Tafeln dazu, damit er sie beileibe nicht mehr sehe, und trieb sich wochenlang müßig umher, als ob es gar keine Nothelfer jemals gegeben hätte. Der Ritter, welcher zeitweilig von seiner Burg in das Reichsstädtchen herüberritt, um den Fortgang des Bilderwerks zu überwachen, entdeckte mit Schrecken diesen vollkommenen Arbeitsstillstand. Als er in die Werkstatt trat, saß Konrad Lenz am Hackbrett und spielte Tänze, die Staffelei war ganz leer, und auf der Marmorplatte zum Farbenreiben lag der Staub so dick, daß man mit dem Finger hineinschreiben konnte. »Wenn ich musiziere, dann male ich eigentlich im Geist am allerbesten; mit den Farben wird sich's später schon finden«, – so rief der Maler lachend und war sehr erstaunt, als der alte Herr erstaunt und erzürnt war. Er bat ihn, noch etliche Schleifer und Hopser anzuhören, dann werde sich seine finstere Stirn gewiß entrunzeln. Ein andermal war Konrad den ganzen Tag im Wald umhergestrichen, meilenweit von der Stadt. Da sah er den Herrn von Haltenberg mit seinem Hund seitab in den Tannen. Er hätte sich unbemerkt davonschleichen können. Doch das fiel ihm gar nicht ein; höchst treuherzig trat er vor den Alten, grüßte ihn und sprach: »Ihr jagt auf Hirsche, und ich jage auf Verse; sie schwärmen mir wie Bienen im Kopf und wollen nur eingefangen sein; seit Sonnenaufgang irre ich von Hag zu Hag und mache die schönsten Gedichte. Nirgends dichtet sich's besser als im Wald.« Der Ritter fragte, ob sich's denn auch im Wald am besten male. »Malen?« wiederholte Konrad überrascht: – »das Malen kommt nachher ganz von selbst und geht dann um so besser.« Allein der Herr von Haltenberg beruhigte sich nicht bei dieser Antwort. Er faßte den Maler fest am Arm, blickte ihm mit den kleinen braunen Augen so stechend ins Gesicht, als ob er ihn durch und durch sehen wolle und hielt ihm seinen Leichtsinn vor, durch welchen er nicht nur ihn erzürne, sondern, was noch viel schlimmer, sogar die Heiligen. »Und glaubt Ihr denn« – so schloß er –, »daß ein Maler nicht auch zuzeiten die vierzehn Nothelfer brauche? Sie werden Euch steckenlassen, wie Ihr mich jetzt steckenlaßt!« Der Maler sah den Alten mit seinen großen blauen Augen anfangs so unschuldig an wie ein Kind, dann ward er purpurrot im Gesicht, senkte den Blick und rief: »Bei Gott! Ihr habt recht. Das ist ja entsetzlich, welch eine Kette von Unheil ich mit meinem Leichtsinn um uns schlinge.« Und er versprach, sofort die Arbeit eifrig wiederaufzunehmen, gleich heute noch, und lief im Sturmschritt heim, um ja die letzte Stunde vor Sonnenuntergang noch an der Staffelei zu stehen. Zweites Kapitel Es war eine Lust zu sehen, wie Konrad Lenz jetzt wieder malte; der Pinsel flog nur so übers Bild, rastlos, von früh bis spät. In wenigen Tagen war der heilige Nikolaus fertig bis aufs Firnissen, der heilige Erasmus untermalt, der heilige Ägidius fein aufgezeichnet, der heilige Georg samt seinem Lindwurm grob umrissen. Ein wunderschöner Sommermorgen lachte zum Fenster herein, und die Sonne leuchtete goldig auf die gegenüberliegenden Dächer, wenn sie auch nicht in die Werkstatt selber schien; denn die hatte selbstverständlich Nordlicht. Der Maler setzte, bald singend, bald pfeifend, das höchste Rot – Bergzinnober! – auf den Mantel des heiligen Erasmus. Er freute sich kindisch über das fröhliche, rasche Gelingen. Fast tat es ihm leid, daß es bloß vierzehn und nicht achtundzwanzig Nothelfer gab, er hätte sie alle achtundzwanzig auf Leonhard fertigmachen mögen. Gehoben von dieser ruhmvollen Gesinnung, schaute er einen Augenblick auf die Straße. Da stand eine Matrone, von einem jungen Mädchen begleitet, vornehme Leute, wie es schien. Sie sprachen und deuteten lebhaft; augenfällig suchten sie eine Straße oder ein Haus und zweifelten, welchen Weg sie nehmen sollten. Es waren Fremde, denn Konrad kannte sie nicht, und er kannte doch alle Frauenzimmer der Stadt. Er legte die Palette hinweg und lugte und lauschte. Himmel! war das Mädchen schön, zwar höchst einfach gekleidet, aber wie edel, wie vornehm in jeder Bewegung! Jetzt hörte der Maler ganz deutlich, daß die Frauen den Weg zum Katharinenkloster suchen. Die Straße ist ganz leer, kein Mensch weit und breit, der Auskunft gebe, also bleibt ihm als wohlerzogenem jungen Manne doch nichts anderes übrig, als hinauszueilen und sich höflich zum Führer anzubieten. Die Damen folgten ihm. Er sagte der Alten so allerlei, was man eben zu sagen pflegt, wenn man Fremde führt, allein er wußte bald selbst nicht recht, was er sprach, denn er blickte fortwährend über die Achsel rückwärts nach der Jungen, die sich bescheiden einen Schritt weit hinten hielt. Sie war aus der Nähe noch viel schöner als aus der Ferne, und die paar Worte, welche sie manchmal sehr zurückhaltend mitredete, klangen wie himmlische Musik. Jugendfrisch in ihrer Schönheit, schien sie in ihrer demütigen Art und Sitte andererseits ganz aus der alten Schule. Leider war das Kloster bald erreicht. Die Frauen dankten dem Führer; die Pforte öffnete sich. Da warf die Junge dem Maler noch einen Gruß zum Abschiede zu mit einem lächelnden Blick, so schelmisch, neckisch, vertraulich – – war das auch alte Schule? Konrad Lenz stand vor der Türe, wie aus einem Traum erwacht. Im Grund hatte die Alte sehr herablassend gedankt, und nun vollends der unbeschreibliche Abschiedsblick der wunderschönen Kleinen! Er betrachtete sich von oben bis unten. Da entdeckte er erst, daß er in Pantoffeln und ohne Mütze aus seiner Werkstatt fortgelaufen war, eine Schürze vorgebunden, mit einem ganzen Regenbogen von Ölfarben bekleckst: er glich viel mehr einem Lackierer als einem Maler. Langsam und verdrießlich schlich der arme Junge nach Hause. Überall forschte er, wer die Frauen gewesen, aber niemand kannte sie. Am Ende war das schöne Mädchen gar ins Kloster gebracht worden, um Nonne zu werden? Doch nein! Mit solchem Blick, wie sie ihm zugeworfen, geht keine auf ewig ins Kloster. Das Bild des Mädchens ließ dem Maler keine Ruhe; den ganzen Tag sah er sie vor sich stehen und hörte ihre süße Stimme. Wie konnte er da den heiligen Erasmus fertig malen! Wenn es noch eine Erasma gewesen wäre, er hätte ihr das Gesicht der unvergleichlichen Jungfrau gegeben und hätte sich so seine Träume aus der Seele gemalt. Aber leider gibt es unter den vierzehn Nothelfern auf elf Männer nur drei Frauen, und die waren ja zuerst fertig geworden. Konrad holte die drei Gemälde wieder herbei. Wie dünkten diese Frauengestalten ihm jetzt kalt und trocken; keine glich entfernt der Unbekannten! Aber die erste derselben hieß doch wenigstens Katharina, und das Mädchen, dessen Namen er nicht wußte, war im Katharinenkloster verschwunden. So sollte die heilige Katharina zum mindesten ihre Züge bekommen. Er kratzte die Tafel ab und begann sie neu zu übermalen. Doch sein Pinsel erreichte nicht entfernt das Ideal seiner Seele. Fünf Tage lang setzte er Farbe auf Farbe, der Auftrag wurde immer plastischer und dicker, aber die Katharina wurde auch der Unbekannten immer unähnlicher. Also goß er zum zweiten Male Spiritus über die Tafel und rieb sie wieder mit Bimsstein ab. Es waren nur noch die Füße der Heiligen und ihr halbes Marterrad sichtbar, als der Herr von Haltenberg eintrat, um zu sehen, was inzwischen gefördert worden sei. Er fand allerdings den heiligen Nikolaus fertig bis aufs Firnissen, aber dafür die heilige Katharina wieder ganz in Spiritus aufgelöst. Rührend offenherzig beichtete Konrad dem erzürnten Ritter, daß er sich verliebt und seine unbekannte Geliebte spurlos verloren habe, alles binnen einer Viertelstunde. Nun tröste er sich in seiner Not, indem er die Verlorene wenigstens als Nothelferin festzuhalten suche. Ein Stein mußte Mitleid fühlen mit ihm. Aber der Alte blieb härter als ein Stein; gewiß hatte er sich niemals binnen einer Viertelstunde verliebt. Er fuhr nicht einmal fort zu zanken, sondern lachte dem Maler ins Gesicht und ging ohne Abschied dröhnenden Schrittes zur Türe hinaus. Aber nach drei Tagen kam die Antwort. Der Torwart von Burg Haltenberg erschien mit dem gemessenen Befehl seines Herrn, den heiligen Nikolaus, mit oder ohne Firnis, samt allen andern fertigen Tafeln abzuholen. Sollte aber auch etwa Sankt Nikolaus wieder abgekratzt oder Sankt Katharina noch nicht wieder hinaufgemalt sein, dann war der Dienstmann angewiesen, solange bei dem Maler sitzenzubleiben und nicht von seiner Seite zu weichen, bis beide fertig wären. Denn man müsse den gar zu lebhaften Künstler vor Zerstreuung bewahren. Zwischen dem Ritter und dem Maler ging es, wie man sieht, immer ganz ehrlich und offen zu: jeder sagte dem andern, was er dachte, geradeaus unter die Nase. Doch waltete dabei ein feiner Unterschied. Der eine war offen wie ein alter Recke, weil es ihm Pflicht und Gewissen gebot; der andere wie ein junger Maler, weil es ihm Spaß machte, auch hatte er noch gar nicht ordentlich lügen gelernt. Der Maler fand das Mittel des Ritters, ihn durch Einquartierung zum Malen zu zwingen, ebenso neu als grob; wäre ihm der Ritter zuhanden gewesen, so würde er ihm die schönsten Grobheiten dafür zurückgegeben haben. Allein den Torwart durfte er's doch nicht entgelten lassen; der tat ja nur seine Pflicht und war überdies ein baumstarker Kerl, den man nicht so ohne weiteres vor die Türe warf. Also bot er ihm einen Stuhl und setzte ihm einen Krug Wein und ein großes Stück kalten Rindsbraten vor; denn der Mann war heute schon drei Meilen weit geritten und hatte noch nicht gefrühstückt. Der Appetit war sehenswert, mit welchem derselbe lautlos den Braten verarbeitete. Konrad tat, als grundiere er das abgekratzte Bild der heiligen Katharina, um nebenher seinen ungebetenen Gast zu beobachten. Da blitzte ihm ein Einfall durch den Kopf. War es nicht gescheiter, er malte dies echte greifbare Stück Natur, was da vor ihm saß, statt dem Luftgespinste eines Frauenbildes nachzujagen, welches er doch niemals mit dem Pinsel fassen konnte? Gesagt, getan! Ganz wie von selbst gestalteten sich ihm die verwetterten Züge des alten Torwarts auf der verdorbenen Tafel. Und als nur erst einmal die Umrisse feststanden, mischte er sich mit wütendem Eifer eine ganz neue Palette und begann naß in naß alla prima zu malen. Er befahl dem Torwart ganz fest sitzenzubleiben, und dieser tat es auch mit komischem Zwange; denn er glaubte, das gehöre mit zu seinem Auftrag. Dagegen war kein Wort aus ihm herauszubringen; sein Herr hatte ihm strenge eingeschärft, den Künstler nicht durch Unterhaltung zu stören. Höchst naturgetreu brachte Lenz sein neues Modell auf die Tafel, nur verlängerte er dessen Ohren etwas eselartig, ließ ihm ein paar kleine Hörner zwischen dem wolligen Haare hervorschießen, verwandelte die engen Lederhosen in Bocksfüße und setzte hinten seitwärts ein allerliebstes Schwänzchen an. Und so hatte er bis zum Abendläuten einen frühstückenden Satyr fertig und war glücklich in dem Bewußtsein, doch endlich wieder einmal mit rascher Hand ein Bild vollendet zu haben. Er erschrak gar nicht, als ihm im Augenblicke, wo er eben den Pinsel weglegte, der Ritter auf die Schulter klopfte. Vor lauter Schöpferjubel hatte er ihn gar nicht kommen hören. »Ihr erscheint zur rechten Stunde!« rief er und zeigte ihm das neue Bild und versicherte, es gehöre zum Besten, was er je gemalt; nun werde der Herr Ritter doch gestehen, daß er auch rasch entwerfen und ausführen könne, wenn es gelte. Allein der wunderliche Mann hatte gar kein Verständnis für diese Meisterprobe; er donnerte und wetterte und nannte den Maler einen Narren, der schon wieder einen Tag verloren und nun gar einen Waldteufel statt der heiligen Katharina gemalt habe. Lenz mußte laut auflachen, die Tränen traten ihm in die großen blauen Augen, und er sah und lachte dem Ritter so herzlich ins Gesicht, daß dieser mitlachen mußte, obgleich er mit aller Gewalt den Mund zusammenbiß. Das verdoppelte nun des Künstlers Lachlust dergestalt, daß er auch den Torwart ansteckte, der sein Porträt mit so schallendem Gewieher begrüßte, als sei er ein wirklicher Satyr und eben aus Theokrits Idyllen davongelaufen. »Ihr habt recht mit Eurem Schelten!« rief Konrad, da er endlich wieder zu Atem kam; »es ist eine wahre Schande, wie leicht ich mich verführen lasse! Aber warum habt Ihr mir auch einen so unwiderstehlichen Kerl vor die Staffelei gesetzt?« Der Ritter meinte, nun gebe es nur noch ein Mittel, die Nothelfer rechtzeitig fertigzukriegen: der Maler solle mit allem Handwerkszeug auf seine Burg kommen. Da seien etliche abgelegene Zimmer, wo ihn nichts zerstreue; in tiefster Stille und Einsamkeit könne er dort die Bilder vollenden. Der Maler fand den Vorschlag ganz prächtig und hoffte auf raschesten Erfolg. Nur fürchtete er, seinem Gönner lästig zu fallen. Allein dieser beruhigte ihn darüber: er habe den Plan schon länger gehegt, ja bereits alles für denselben vorgekehrt. In der Tat hatte der Torwart vorsorglich ein Saumtier neben seinem Pferde mitgebracht und in die Schenke eingestellt, auf welches die Staffelei mit den Malgeräten und den fertigen und leeren Tafeln gepackt wurde. So zogen sie zu dreien noch selbigen Abends aus, Konrad Lenz gleichfalls zu Roß, statt eines Spießes mit dem Malerstock bewehrt. Der alte Torwart aber ritt als Knappe hinterdrein, auf der rechten Hand als dextrarius das Saumtier führend, welches statt Schild und Rüstung die Staffelei und die Bilder trug. Konrad fand den ritterlichen Aufzug so köstlich, daß er Lust hatte, ihn vor dem Aufbruch wenigstens mit etlichen Strichen zu skizzieren, aber der Ritter drängte, denn es galt noch einen scharfen Ritt, daß sie vor tiefer Nacht die Burg erreichten. Drittes Kapitel Am andern Morgen erwachte Konrad Lenz auf Burg Haltenberg nach einem höchst gesunden Schlafe; es war schon neun Uhr, und die Augustsonne brannte ihm heiß aufs Bett. Nachdem er sich erinnert, wo er sei und wie er hierhergekommen, sprang er frohgelaunt aus den Federn. Es war doch lustig, daß der Ritter gleich ihn selber aufgepackt, um der Bilder ganz gewiß zu sein. Beim Anziehen der einzelnen Kleidungsstücke lief er so zwischendurch in der Stube herum, die Örtlichkeit genauer zu betrachten; denn vergangene Nacht hatte er wenig mehr gesehen, und sein unruhiger Geist duldete nicht, daß er ein Geschäft methodisch nach dem andern vornahm. Also schlüpfte er auf den Strümpfen zum Fenster und erforschte den landschaftlichen Hintergrund, während er die Hosen nestelte. Da war freilich nicht viel zu finden. Eine hohe Mauer schnitt, etwas unverschämt nahe, den Horizont ab; hinter derselben sah man jedoch noch die Kuppe eines fernen Waldberges. Der mußte nächstertags erstiegen werden! Vorher wollte der Künstler übrigens die Damen des Schlosses kennenlernen und mit ihnen in näheren Verkehr treten; denn der Ritter sollte eine schöne Tochter haben, die er vor niemand sehen ließ. Wenn über solch erster Orientierung innerhalb und außerhalb der Burg auch vierzehn Tage vergingen, so schadete das nichts; Leonhard fällt anfangs November, folglich blieben noch gut zwei Monate Zeit für die leidige Malerei. Unter diesen Erwägungen war der Künstler glücklich ins halbe Wams gekommen und durchschritt nun, indem er dasselbe vollends anzog, die geräumige Vorhalle, sein künftiges Atelier. Dort sah es wunderlich aus. Ein Feuerherd mit großem überhangendem Kaminschoß stand an der Wand, daneben ein kleiner, seltsam geformter Ofen, Schmelztiegel und Töpfe aller Art, Flaschen und Destillierkolben auf Tischen und Simsen, altes, bestaubtes, zerbrochenes Geschirr. Die Staffelei mit den Bildern und Malwerkzeugen hatte man zwischen diesen Trödel mittenhinein gestellt. Der Maler wollte eben seine Pantoffeln anziehen, um auch noch ein wenig ins nächstanstoßende Zimmer zu spähen, da erschien der Hausherr, gefolgt vom Torwart, welcher das Frühstück brachte. Man begrüßte sich artig, und der Gast bezeugte dem Wirte seinen Dank, daß er ihn so malerisch quartiert habe; diese phantastische Halle zumal sei ganz wie für einen Künstler gemacht. Quintin Massys hätte sein Atelier nicht sinniger ausschmücken können mit angenehm unnützen Dingen, fast möchte er's gleich als Studie malen. Übrigens möge ihm sein freundlicher Wirt doch sagen, was dieser Herd und Ofen samt all den Flaschen und Kolben eigentlich bedeute. Kurz und bündig antwortete der Herr von Haltenberg: »Mein Vater baute diese Halle für einen Alchimisten, welcher von ihm viel Gold erhielt und hundertmal mehr Gold damit zu machen versprach. Aber eines Tages ging der Goldmacher durch und ließ nichts zurück als etwas schwarze Wäsche. Darauf ließ mein Vater alle Fenster dieses Baues stark vergittern – wie Ihr seht –, die Türen mit schweren Schlössern und starken Riegeln verwahren – überzeugt Euch selber! –, ja sogar den Kamin von innen durch gute Eisenstangen sichern – blickt hinauf: durch den Schornstein aufs Dach zu klettern, ist ganz unmöglich. Er hoffte, den Goldmacher wiederzukriegen oder vielleicht auch einen andern, besseren, und dann war abermaligem Davonlaufen vorgebeugt. Aber der alte Goldmacher kam nicht wieder, denn er war inzwischen in Eßlingen gehängt worden, und ein zweiter fand sich auch nicht. So standen dann die Räume leer bis heute. Und also hat mein Vater Riegel und Gitter doch nicht umsonst gemacht; denn jetzt bleibt Ihr hier eingesperrt, bis alle vierzehn Nothelfer fertig sind. Ihr werdet während der Zeit weder mich sehen noch überhaupt einen Menschen außer meinem treuen Torwart, der Euer Schließer und Aufwärter sein wird. Sein Gesicht wird Euch nicht zerstreuen, Ihr habt es ja bereits gemalt. Guten Appetit zum Frühstück!« Mit diesen Worten ging der Alte hinaus samt dem Diener, welcher äußerst hurtig die Türe schloß und riegelte. Vergebens rief ihnen Konrad Lenz die feierlichsten Proteste nach gegen solche Gewalttat – zuerst durchs Schlüsselloch, dann durchs Fenster. »Ich bin Bürger der Reichsstadt, sie wird mich befreien und rächen! Ich bin Genoß der Malergilde, sie wird für mich bei Kaiser und Reich klagen!« Vergebens! Es hörte ihn niemand außer etlichen Spatzen vor dem Fenster, die sehr erschreckt davonflogen. Viertes Kapitel Konrads nächster Entschluß war, nunmehr erst recht keinen Pinsel anzurühren, dagegen alle List dahin zu richten, wie er etwa ausbrechen oder doch seinen Freunden Nachricht geben könne, daß sie ihn frei machten. Aber alle Versuche scheiterten. Die Zimmer waren hell und geräumig, gar nicht kerkerhaft, allein die Gitter und Riegel so fest, daß selbst ein Goldmacher, welcher doch in Spitzbubenkünsten geschulter ist als so ein unschuldiger Maler, schwerlich hinausgekommen wäre. Der Torwart brachte nicht etwa karge Gefangenenkost, sondern treffliches Essen und den besten Wein und sorgte für alle Bequemlichkeit. Allein keine Überredungskunst verfing bei dem alten knurrenden Bullenbeißer, und solange er im Zimmer war, hielt eine unsichtbare Hand von außen die Türe verschlossen. Die Räume lagen im Erdgeschoß, wie sich's bei der Teufelsküche eines Alchimisten von selbst versteht, und die Fenster gingen auf ein kleines, verwildertes Gärtchen, welches durch die hohe, von der fernen Waldkuppe überragte Mauer abgeschlossen war; irgendeinen benachbarten Teil der Burg oder gar einen Menschen konnte man nirgends erspähen. Und so blieb kein Kartäuser in seiner engen Zelle gründlicher vor den Zerstreuungen der Welt bewahrt als der Künstler in dem weitläufigen Gelaß. Nachdem er acht Tage nichts getan, als laut auf den Ritter geschimpft und leise an allen Eisenstangen gerüttelt, ward ihm diese einfache Beschäftigung doch zu langweilig. Er betrachtete seinen gröbsten Borstpinsel und sprach: »Will mich der Herr von Haltenberg so gröblich zur Arbeit zwingen, so soll ihm auch nur mit diesem groben Pinsel gedient sein. Wie ein freier Mann malen kann, das habe ich ihm gezeigt; jetzt soll er einmal sehen, wie man in Banden malt!« Und nun strich er mit dem Borstpinsel sämtliche noch ausstehende Nothelfer hurtig und geschwind auf die Tafeln: Sankt Erasmus, Georg, Ägidius, Christoph, Leonhard und zuletzt auch die heilige Katharina. Sie waren gezeichnet wie Lebkuchenmänner und koloriert wie Bleisoldaten. Darauf schickte er die ganze Gesellschaft dem Ritter mit dem Bemerken, hier erhalte der gnädige Herr seine Bilder, nun möge er ihm auch seine Freiheit wiedergeben. Allein der Torwart brachte die Kunstwerke umgehend zurück mit der Antwort: wenn es dem Herrn Maler etwa an Spiritus und Bimsstein fehle, um die Tafeln wieder abzuwaschen, dann solle ein reitender Bote sofort genügenden Vorrat aus der Stadt holen. Im hellen Zorn rückte Konrad die Staffelei ans Fenster, um die bunten Puppen der Reihe nach darauf zu stellen und noch einmal im besten Lichte zu betrachten und bei ihrem Anblick seinen Ärger hinwegzulachen. Er meinte, so ganz wertlos sei diese Arbeit doch nicht, denn er habe da die faustfertigen Heiligenmalerei recht gelungen travestiert. Nur schien ihm noch hier und dort ein besonders charaktervoller Stümperzug zu fehlen, und so griff er zum Pinsel und setzte immer drolligere Drucker auf die tollen Karikaturen. Plötzlich ward es ihm aber doch etwas unheimlich zumut. Beging er nicht eine Sünde? Zwar wollte er zunächst des Ritters spotten, aber verspottete er nicht zugleich auch die Heiligen? Ein Meister aus der alten Schule hätte dergleichen gewiß nicht getan. Er hätte dem groben Ritter vielleicht noch viel gröber gedient; aber die Heiligen hätte er um Gottes willen so schön gemalt als nur immer möglich. »Und wenn mir nun die Nothelfer wirklich zürnten? Sie haben den Ritter aus dem Kerker der Türken befreit; können sie mich nicht ebensogut im Kerker des Ritters auf ewig steckenlassen?« Bei diesem Selbstgespräch blickte er auf. Und wie erstaunte er! Gegenüber der Fensternische, wo er vor der Staffelei saß, hing ein Spiegel, und in dem Spiegel erschien mit einem Male ganz hell und klar das leibhaftige Bild der heiligen Katharina, nicht jener Katharina, die er anfangs gemalt und nachher wieder abgekratzt, sondern der anderen, schöneren, die er vergebens hatte malen wollen. Eine Vision! Erschien ihm die Heilige strafend oder helfend? Im ersten Augenblicke glaubte der erschrockene Maler wirklich, es sei eine überirdische Erscheinung. Aber das liebliche Mädchengesicht war gar zu irdisch lebensfrisch und Konrad Lenz kein Maler mehr aus der alten Schule, sondern das humanistisch aufgeklärte Kind einer neuen Zeit. Darum sammelte er sich rasch, hielt sich ganz stille und malte mechanisch fort, indes er von unten herauf nach dem Spiegel schaute. Und blitzschnell überlegte er: nach den Gesetzen der Perspektive mußte das Original des Spiegelbildes ganz nahe hinter seinem Rücken draußen vor dem offenen Fenster stehen, seine Arbeit belauschend. Schon vorgestern, da er vom Mittagsschlaf erwachte, war es ihm, als sei dieselbe Gestalt durch den Garten vorm Fenster vorbeigehuscht, doch weil er schlummernd eben von der schönen Unbekannten geträumt hatte, hielt er damals die fliehende Erscheinung für das wache Ausklingen seines Traumes. Was war nun zu tun? Kehrte er sich um, dann würde sie sicher wieder davonlaufen. Für einen Gefangenen gelten die gewöhnlichen Regeln des Verkehrs mit Damen nicht. Also sprang er mit einem wahren Katzensprung vom Stuhle, ergriff in halber Wendung durchs Gitter die rechte Hand des auf die Fensterbrüstung lauschend gelehnten Mädchens und hielt sie fest. Die Jungfrau, zum Tode erschreckt, schrie laut auf und rang, sich frei zu machen; allein es half nichts: im Nu hatte der Maler auch ihre Linke gepackt und hielt seine Gefangene nun mit beiden Händen. Um Hilfe zu rufen, wagte sie nicht; denn sie war ja selber auf verbotenen Wegen herbeigeschlichen. Konrad Lenz aber sprach mit größter Artigkeit: »Verzeiht, edles Fräulein, daß ich Euch nicht wieder loslasse, bevor wir ein wenig geplaudert haben. Seit Wochen durfte ich mit keiner Menschenseele sprechen, und da fühle ich jetzt ein entsetzliches Bedürfnis nach mündlicher Mitteilung, zumal aus so schönem Munde.« Das Mädchen aber klagte leise über ihre Neugier, die sie in diese Falle gebracht. Sie habe in der Burg gehört, daß hier wieder ein Goldmacher eingesperrt sei, und da hätte sie gar zu gern einmal erspähen mögen, wie Gold gemacht werde. Nun sehe sie aber, daß er gar kein Alchimist sei, sondern der freundliche Tünchermeister, welcher ihnen neulich in der Stadt den Weg zum Katharinenkloster gewiesen. Bei dem Worte »Tünchermeister« fühlte sich Lenz wie von einer Natter gestochen, daß er die linke Hand des Mädchens unwillkürlich fahren ließ, aber die rechte hielt er dafür um so fester. »Ich bin kein Tüncher«, rief er stolz, »ich bin ein Maler! ein Schüler des trefflichen Christoph Amberger, dieser aber war ein Schüler des unübertrefflichen Hans Holbein, und so stammt meine Kunst in gerader Linie und im zweiten Glied vom größten deutschen Meister ab.« »Die Enkel sehen manchmal dem Großvater nicht besonders ähnlich«, sprach lächelnd das Mädchen und deutete mit der Linken auf die Tafel, an welcher Lenz soeben gemalt hatte. Entsetzt blickte dieser auf die grobe Sudelei, allerdings eine verdächtige Urkunde seiner Meisterschaft, und stieß mit dem Fuße wider das Gestell, daß das Bild herunterfiel und glücklicherweise – wie Butterbrote pflegen – mit der fetten Seite auf den Boden. »Nur aus Wut habe ich diese Spottbilder gemacht, weil man mich hier durch den Kerker zum Malen zwingen will. Der Burgherr verwahrt ganz andere Werke meines Pinsels, die werden Euch zeigen, daß ich kein Tüncher bin. Und glaubt Ihr denn, daß man mich wie einen Goldmacher einsperrte, wenn ich nur die Fratze machen könnte, welche hier am Boden liegt?« Der letzte Grund leuchtete dem klugen Mädchen ein. Aber der Maler hörte kaum auf ihre Antwort. Er war so lange nicht zu Wort gekommen, er mußte den Augenblick festhalten und sich gründlich aussprechen. Aufs anmutigste beschuldigte er seine schöne Gefangene, daß sie schuld sei an seiner eigenen Gefangenschaft, und erzählte, wie ihr Anblick beim Gange zum Katharinenkloster seine Phantasie zu so hellen Flammen entzündet, daß er sie durchaus habe malen müssen, und zwar als heilige Katharina; allein so ganz frei aus dem Kopf sei das nun und nimmer gegangen, und dadurch seien die bestellten Nothelfer derart in Rückstand gekommen, daß ihn der Herr von Haltenberg zuletzt hier zur Zwangsarbeit eingesperrt habe. Nach Künstlerart wußte aber der Erzähler die ganze Geschichte so geschickt zu gruppieren und mit hochaufgesetzten Lichtern zu steigern, daß seine Schwärmerei für die Unbekannte zuletzt als die alleinige Quelle alles Unheils erschien. Beim Beginn der Erzählung hielt er ihre Hand noch fest, doch im Verlauf konnte er sie ohne Gefahr loslassen; das Mädchen lief nicht mehr davon, sondern hörte gespannt bis zum Ende, und als er ihr dann die Hand noch einmal aus bloßer Freundschaft drücken wollte, zog sie die ihrige nur ein klein wenig zurück. Sie schien recht bekümmert über den armen Mann, den sie so ganz unwissend in Not gebracht. Dem glückseligen Konrad ging aber jetzt eine helle Fackel auf: die Unbekannte konnte niemand anders sein als des Haltenbergers wunderschöne Tochter, die der Tyrann, gleich grausam gegen das Naturschöne wie gegen das Kunstschöne, vor aller Welt verborgen hielt. Darum bat er, sie möge doch in ihren Vater dringen, daß er die Türen dieses Kerkers öffne. »Das kann ich nicht«, erwiderte sie, »und das darf mein Vater nicht. Er mag Euch hart behandeln; allein er tut eben nur, was ihm die Pflicht befiehlt.« »Da haben wir ganz das Kind der alten Schule!« dachte der Maler. »Einen armen Maler martert man zu Tod, nur um den Heiligen auf Tag und Stunde Wort zu halten!« Übrigens fragte er sich, ob es jetzt nicht nützlicher sei, wenn er noch etliche Wochen eingesperrt bliebe. Vielleicht bewog er das Fräulein, öfters in den stillen Garten zu kommen; sie sah ja schon recht teilnehmend aus. Wurde er in die Stadt geschickt, dann erblickte er sie niemals wieder, und arbeitete er frei in der Burg, dann versiegte wohl stracks der erste Quell der Zuneigung, welchen er bei dem schönen Kinde erschlossen – das Mitleid. Darum spann er rasch einen entsprechenden Plan. Er hielt ihr vor, daß er nur wieder frei werden könne, wenn er die Bilder pünktlich und schön vollende. In der tötenden Einsamkeit, ohne irgendeine menschliche Ansprache sei ihm dies aber ganz unmöglich. Zudem könne er die verdorbene heilige Katharina nie wiederherstellen, wenn sie nicht ihre schönen Züge zum Vorbild leihe. Sie brauche ja nur ein paarmal auf ein Viertelstündchen wiederzukommen; plaudernd und auf den Raub porträtiere man am allerbesten. Dazwischen fragte er, ob sie nicht etwa auch Katharina heiße. – Allein sie hieß Susanne. Anfangs sträubte sie sich gegen den Vorschlag, ging dann aber doch darauf ein, – fast etwas geschwind, wie es hinterher dem Maler dünkte. Ihr Vater schien sie in der Einsamkeit zum unschuldsvollen reinen Naturkind erzogen zu haben. Wie hatte die Erscheinung dieses Naturkindes unsern Maler wieder von Grund aus verändert! Er freute sich seines Gefängnisses; denn sie wollte morgen schon wieder ins Gärtchen kommen. Und malen wollte er jetzt die rückständigen Heiligen um der schönen Susanne willen so begeistert und so pflichtgetreu, wie es nur je ein alter Meister um Gottes willen getan! Schon war es ihm undenkbar, daß er die Burg wieder verlassen könne, ohne mit Susannen verlobt oder noch besser gleich verheiratet zu sein. Hier aber kreuzten sich zwei grundverschiedene Gedankenzüge. Er liebte Susanne so heftig, wie nur je so ein stürmischer Wildfang ein Mädchen lieben konnte, welches er bereits zweimal gesehen und gesprochen, und er wollte sie gewinnen, weil er sie liebte. Er wollte sie aber auch gewinnen, um ihren Vater mit dem letzten Trumpf zu schlagen. Der Alte hatte ihn überlistet und eingesperrt, um ihm die Bilder abzuzwingen. Dafür überlistete jetzt der Gefangene den Alten und zwang ihm sein köstlichstes Kleinod ab; die so wohlverwahrte Tochter. Einen Goldmacher kann man hinter Schloß und Riegel setzen, aber wenn man einen jungen Maler und ein junges Mädchen einsperrt, dann befreit zuletzt der Maler sich selbst und das Mädchen dazu! Mit diesem Doppel-Triumphlied der Liebe und der Rache begann er eine ganz neue Tafel für die heilige Katharina zu grundieren. Fünftes Kapitel Die hilfsbereite Susanne kam wieder und setzte sich zum Plaudern vor das Gitterfenster, welches sie nach klösterlicher Redeweise das »Sprechgitter« nannte. Da sich kein Mensch in der Burg dem verwilderten Gärtchen nähern durfte, damit der Maler vor Zerstreuung bewahrt bleibe, so war ihr Verkehr ganz sicher. Die ersten Tage brachten warmes und heiteres Wetter; Susanne konnte stundenlang dasitzen, ohne sich zu erkälten. Konrad malte äußerst langsam an seiner Katharina, auf daß sie ja recht trefflich geriete. Im September dagegen kam Regen und Nebel. Für die nassen Tage hatte sich der Maler den heiligen Erasmus samt den andern Männergestalten aufgespart. Susanne erschien nicht. Aber der Regentage wurden ihm zu viele, und er entdeckte, daß er die Männer schlechter male, wenn ihn die Jungfrau nicht durch ihre anmutige Gegenwart begeisterte. Notgedrungen mußte sie darum auch im Regen kommen. Ja, die Regentage wurden die allerschönsten. In ein großes Tuch verhüllt – Regenschirme waren noch nicht landesüblich –, schwang sich Susanne auf die Fensterbrüstung, denn sonst hätte sie unter der Dachtraufe gestanden, und drückte sich ganz hart ans Gitter, um nicht herunterzufallen. Da gab sich's dann sehr natürlich, daß ihr der Maler bei einem Platzregen den ersten Kuß raubte. Sie war fast immer heiter, schalkhaft; ihre sonnige Laune paßte so recht für den fröhlichen Jüngling, und beide beteuerten sich bald gegenseitig, daß sie für einander geboren seien und einander verbleiben müßten immer und ewig; auch konnten sie sich's schon gar nicht mehr denken, daß es einmal eine Zeit gegeben habe, wo sie sich noch nicht gekannt. Konrad hatte sich's im Grund etwas schwieriger gedacht, die Liebe eines so vornehmen Fräuleins zu gewinnen. Doch das kam wohl alles von ihrer abgesperrten Jugend; die Vögel, welche man am strengsten im Käfig hält, fliegen am liebsten davon. Und Susanne hatte noch gar nichts von der Welt gesehen als das benachbarte Reichsstädtchen; Konrad aber versprach ihr, sie weit in die Welt mitzunehmen, sogar über die Alpen bis nach Rom und Venedig. Nur in einigen Dingen war sie gar altmodisch streng. Aus lauter Ehrfurcht wagte sie kaum von ihrem Vater zu reden; sie schien sich ihn vielmehr als ihren Herrn und die Mutter als ihre Gebieterin zu denken, so recht nach urväterlicher Sitte; sie nannte ihn mitunter geradezu den Herrn von Haltenberg, wie ja auch die Ehefrauen vordem ihren Gemahl als Herrn bei Titel und Namen zu nennen pflegten. Nachdem die beiden am Sprechgitter ihre Liebe völlig ins reine gebracht, beredeten sie das Heiraten. Da verhehlte nun Susanne nicht, daß ihr Vater großes Bedenken gegen den Stand des Malers hegen werde; die Künstler stelle er nicht besonders hoch, und den hier im Alchimistenkäfig eingesperrten halte er für einen lockeren Vogel. »Das sind nun Standesvorurteile«, meinte Susanne, »über welche ich selber völlig erhaben bin.« Ja, es dünke ihr sogar ein feinerer Beruf, schöne, fromme Bilder zu malen, als eine alte Burg zu hüten, die seit Menschengedenken niemand angegriffen habe. Der Maler war entzückt, daß das Fräulein so gescheit sprach, und bestärkte sie in ihrer erleuchteten Ansicht. Inzwischen rückte der Herbst immer weiter vor; Konrad beschleunigte seine Arbeit, denn die Jahreszeit ward nachgerade etwas zu kalt für die künstlerischen Anregungen am offenen Fenster. Und so vollendete er denn die sämtlichen Gemälde wirklich noch vierzehn Tage vor dem Termin, und die letzten Tafeln waren schöner als die ersten, die heilige Katharina aber das weitaus schönste Bild von allen. Der Tag des Triumphes und der Rache erschien. Am 22. Oktober ließ Konrad Lenz dem Herrn von Haltenberg sagen, der letzte Nothelfer habe den letzten Pinselstrich erhalten, und wenn sich der Ritter des Nachmittags in die Halle bemühen wolle, so werde er sämtliche neue Bilder im besten Lichte aufgestellt finden. Auf den Vormittag hatte er noch eine Rücksprache mit Susannen verabredet. Leider fiel der Regen in Strömen, so daß sich das Mädchen auf die Fensterbrüstung setzen und ganz eng ans Gitter drücken mußte. Konrad wollte heute noch mit dem Geständnis ihrer geheimen Schwüre vor den Ritter treten. Dessen Standesvorurteile machten ihm jetzt freilich bänger denn je, darum redete er sich seine Beklemmung hinweg, indem er Susannen noch einmal vorerzählte, wie hochgestellt in gegenwärtigen Zeiten die großen Maler Italiens seien und wie seine Ahnen auch keineswegs aus den Zünften stammten, sondern aus den Patriziern der freien Reichsstadt Bopfingen. Als sein Urgroßvater von dort weggezogen, habe er aber das Patriziat aufgegeben, welches dem niederen Adel gleichgeachtet würde. Zwischenbei unterbrach er diese schon öfters erzählte Geschichte durch mehr lyrische Ausrufungen und zwängte seinen Kopf mühsam durch die Eisenstangen, wobei er Susannens Mund etwas näher berührte, als fürs bloße Wortverständnis nötig war. Nun hatte aber den Ritter die Neugier geplagt, die vollendeten Bilder sofort zu sehen; um das bessere Licht am Nachmittage kümmerte er sich wenig. Er war mit dem Torwart in die Halle getreten, dröhnenden Schrittes nach gewohnter Art, allein im Rausch der Gefühle und im Rauschen des Regens hatte ihn das Paar am Sprechgitter dennoch nicht gehört. Er hörte eine Weile ruhig zu, wie der Maler seinen vornehmen Künstler- und Patrizierstand rühmte; als aber derselbe zum dritten Male seinen Kopf durchs Gitter zwängte, klopfte er ihm auf die Schulter. Konrad wollte rasch zurückfahren, blieb jedoch stecken, denn nur langsam und mit feinem Bedacht war der Kopf wieder hereinzubringen. Susanne schrie laut auf und lief davon. Der Künstler befand sich in einer kläglichen Lage. Er hatte dem Ritter so stolz und fest vor Augen treten wollen und steckte nun da – wie der Fuchs im Schlageisen. Und daß Susanne davongelaufen, war auch gar zu kindisch; sie hätte heldenhaft stehenbleiben sollen – trotz Regen und Ritter. Doch das alles war nur ein Moment. Der Maler lachte laut auf, der Ritter lachte mit, und der alte Torwart lachte im Echo: da wurde der Kopf frei. Ein anderer als der Maler hätte keineswegs gelacht, trotzdem ärgerte es ihn fürchterlich, daß der Ritter mitgelacht hatte, statt zu toben und zu wüten, und dieser Ärger gab ihm seinen ganzen Stolz zurück. Fest und feierlich trat er vor den alten Herrn. Er deutete auf die prächtigen Bilder und sagte geradeaus wie immer, diese Tafeln seien so gut und pünktlich zu Ende gediehen, nicht durch die Langeweile des Kerkers, sondern einzig und allein durch die Beihilfe der reizenden Susanne. Sie nur habe des Ritters Wort vor den Nothelfern gerettet. Die hundert Goldgulden begehre er nicht für eine durch Gewalttat erpreßte Arbeit; für das, was er frei getan, habe er bereits den höchsten Preis gewonnen, Susannens Liebe, – keine Macht könne ihre Herzen wieder auseinanderreißen, das stehe jetzt so fest und fertig wie sämtliche vierzehn Nothelfer. Und also bitte er ihn um Susannens Hand. Der Ritter lachte abermals, daß es von den Gewölben widerhallte. »Susannen wollt Ihr heiraten? Nun, ich habe durchaus nichts dagegen, wenn ich auch als Herr von Haltenberg einigen Einwand erheben könnte. Allein Ihr solltet doch zuerst den Vater des Mädchens fragen!« und er deutete auf – den Torwart. Dieser aber trat vor und sprach: »Wenn Susanne einmal heiratet, dann muß es ein Mann sein, der in ordentlichem Herrendienste steht und festes Brot hat, und kein windiger Maler, den man einsperren muß, damit er seine Schuldigkeit tut.« Konrad wußte nicht, wie ihm geschah. Über und über errötend, vermochte er nur verworrene Fragen zu stammeln, welche der Ritter wiederum kaum begriff; nur faßte dieser zuletzt wenigstens so viel, daß er's für dienlich zum allseitigen Verständnis hielt, dem Maler zu erklären, Susanne sei keineswegs seine Tochter, sondern die Kammerjungfer seiner Frau und seines treuen alten Dienstmannes, des Torwarts, eheliches Kind. Der hatte inzwischen das Mädchen herbeigeholt, um es unter harten Worten dem Maler wie zum Verhör gegenüberzustellen. Aus tiefer Scham erwachte dieser jetzt zu kochendem Zorn. Er sah sich betrogen von Susannen, die vor ihm das Fräulein gespielt, vielleicht gar im Komplott mit seinen beiden Kerkermeistern. Und als sich das Mädchen mit Tränen im Auge und doch fest und hoffnungssicher ihm näherte, stieß er sie hinweg und rief: »Ich glaubte, einem ehrbaren Fräulein Lieb und Treue geschworen zu haben; einer buhlerischen Dienstmagd gilt mein Wort nicht!« Susanne hatte genug von dem Vorhergegangenen gehört, um den Sinn dieser Worte zu begreifen. Lautlos, totenbleich, mit zitternden Lippen, aber voll edlen Trotzes und Stolzes entfernte sie sich. Doch der Ritter holte sie zurück und trat vor den Maler. Scharf, streng und ruhig sprach er: »Ich bin ein Mann von der alten Art, und Ihr feinen jungen Herren wißt wohl besser zu leben wie ich. Eines aber sage ich Euch: Wenn ich mich verliebt hätte, dann wäre ich nicht so blind ins Zeug gegangen. Aber wenn ich einmal einem ordentlichen Mädchen mein Wort gegeben, dann hätt' ich's ihr auch gehalten, selbst wenn ich hinterdrein erfahren hätte, daß sie statt eines Fräuleins bloß eine Kammerjungfer wäre!« Diese Rede brachte den Maler wieder zur Besinnung. Er blickte auf die arme Susanne, die größer und vornehmer dastand als er selber. Nein! Ein solches Wesen konnte ihn nicht so durchtrieben betrogen haben! Und zugleich fiel ihm ein, daß sie sich doch niemals des Ritters Tochter genannt, von ihm vielmehr immer nur als von dem Herren gesprochen hatte. Es wurde klarer vor seinen Sinnen. Er selbst hatte sich betrogen und im stürmischen Brausen seiner Leidenschaft völlig überhört, was ihn auf die richtige Spur leiten mußte. Nach Künstlerart hatte er sich ausgedichtet und ausgemalt, was er sehen wollte, nicht was er sah. Nun aber durchzuckte ihn auch die Reue über das unsägliche Leid, welches er Susannen in dieser Stunde angetan. Er begehrte, nur einen Augenblick mit ihr allein zu reden. Sie weigerte sich dessen anfangs, doch gab sie nach, und sie zogen sich zurück. Der Ritter betrachtete inzwischen die letzten frisch gemalten Nothelfer. Bei einem Bilde schüttelte er den Kopf sehr bedenklich. Als Konrad und Susanne wieder vortraten – der Augenblick hatte fast eine halbe Stunde gewährt –, da hielten sie sich Hand in Hand, nicht ganz so fest wie zum erstenmal am Sprechgitter und doch viel fester. Sogar dem alten Herrn ward es weich ums Herz, da er den beiden ins Gesicht blickte, und er legte selber Fürsprache ein beim Torwart, daß er sein Standesvorurteil gegen die Maler überwinde. Was der Herr begehrte, das konnte der Diener nicht verweigern. Er legte seine knochige Hand oben auf die verbundenen Hände der Liebenden. Es war fast rührend anzusehen. In den Romanen denken die Helden bei jedem Hauptmoment genau, was sie denken sollen. Im Leben aber ist das oft ganz anders. Als Konrad den segnenden Händedruck des unerwarteten Schwiegervaters fühlte, warf er trotz allen Sturmes der Empfindung einen vergleichenden Blick auf den Vater, welchen er als frühstückenden Satyr, und auf die Tochter, welche er als Heilige gemalt. Und er dachte bei sich: die längst verstorbene Mutter Susannens müsse wohl schöner noch wie eine Heilige, sie müsse geradezu engelschön gewesen sein, daß kraft ihres unendlichen Überschusses der Schönheitsgnade ein solcher Vater dennoch zu einer solchen Tochter habe kommen können. (Es ist manchmal gut, wenn man die Schwiegereltern erst nach der Verlobung kennenlernt, besonders für Maler.) Nun aber kam der Ritter noch mit einem schweren Bedenken. Er hob die neue Tafel der heiligen Katharina gegen das Licht und rief: »Das ist gar nicht die rechte Katharina, sondern Jungfer Susanne – ganz aus dem Gesicht geschnitten! Die Tafel lasse ich nicht gelten! Soll ich unsere ehemalige Kammerjungfer meiner Familie und meinen Dienstleuten in der Burgkapelle zur Anbetung aufstellen? Hättet Ihr noch meine wirkliche Tochter mit dem Marterrad gemalt, so ließe sich darüber reden. Es ist noch vierzehn Tage bis St. Leonhard: Ihr müßt eine neue Tafel machen.« Der Maler erklärte, daß er mit Freuden das Bild zurücknehme, sein bestes Gemälde, Frucht und Zeuge seiner seligsten Stunden. Und wenn der Ritter es durchaus wünsche, daß er seine Tochter unter die Nothelfer male, so wolle er ihm auch dies, aber auch nur dies noch zu Gefallen tun. Doch der Herr von Haltenberg bereute bereits das Wort, welches er so unbedacht gesprochen. Es faßte ihn ein plötzliches Grauen vor der dämonischen Malerei. Wer stand ihm gut, daß sich seine wirkliche Tochter beim Sitzen nicht am Ende auch noch wirklich in diesen unwiderstehlichen Wildfang von Maler verliebte? Auf ein drittes aber ging Konrad durchaus nicht ein. Er behielt das Bild und malte keine neue Heilige. Leonhardstag kam, der Künstler war gar nicht mehr zu haben; er rüstete sich eben in der Stadt zur Hochzeit, und um ein Haar wären es jetzt doch bloß dreizehn Nothelfer gewesen. Da nahm der entschlossene Ritter kühnen Griffes jene mit dem Borstpinsel gemalte heilige Katharina, die noch unversehrt in der Ecke stand, und reihte sie zu den dreizehn andern in der Kapelle. Spätere Geschlechter hielten dieses Gemälde wegen seiner abscheulichen Malerei für ein ganz uraltes und darum besonders weihevolles Stück, und so kam es in den Ruf eines Mirakelbildes und genoß der allgemeinsten Verehrung bei allem Volke. Die dreizehn feinen Bilder sind zur Revolutionszeit in verschiedene Galerien gewandert, aber die heilige Katharina hängt noch immer, von brennenden Kerzen umgeben, in der Burgkapelle. Konrad Lenz lebte überaus glücklich mit seiner Susanne, und an ihrem goldenen Hochzeitstage schmückten blühende Enkel mit frischen Kränzen das Kunstheiligtum des Hauses, die andere Tafel der heiligen Katharina, das wundervolle Brautbild ihrer Großmutter. Reformation und Renaissance Vergelt's Gott! 1862 Erstes Kapitel. Seit vielen Jahren lagerte der »krumme Hans« im Südportale des Augsburger Domes und bettelte. Er hatte keinen Familiennamen und wußte auch nichts von seinen Eltern; denn ein Bettler kann der Ahnen entbehren, er steht auf sich allein, und alle mildtätigen Leute sind seine Vettern und Basen. Wie alt er war, wußte Hans ebensowenig; doch konnte er sein Alter ungefähr schätzen. Als kleiner Bube hatte er nämlich mit zugeschaut, wie Ulrich Schwarz, der Augsburger Bürgermeister, im samtenen Ratsmantel gehenkt wurde; Hans saß damals rittlings auf einer Mauer, in dem Augenblicke aber, als der Bürgermeister von der Leiter fiel, verlor auch er das Gleichgewicht und fiel herab, brach das Bein und war und hieß nun nach übel vollendeter Kur der krumme Hans. Das krumme Bein verschaffte ihm dann später den Freibrief der Bettelei und die prächtige Stelle im Domportal. Nun hatte man 1478 geschrieben, als der böse Bürgermeister an den Galgen kam, also schätzte der krumme Hans, daß er selber so um 1470 geboren sei. Tag für Tag und Jahr um Jahr hielt er seinen Platz warm und hatte endlich den Stein hinten in der linken Ecke des Portales ganz glatt gesessen; das alte Jahrhundert war versunken und das neue heraufgestiegen, Kaiser Friedrich war gestorben und Kaiser Maximilian, böse und gute Zeiten waren vorübergegangen: der krumme Hans blieb so fest auf seinem Steine, als gehöre er mit zu den Standbildern, welche ringsum das Portal schmückten. Er war allmählich alt geworden und erschien doch immer der gleiche, ein Mann des Jammers in Mienen und Gebärden, innerlich aber seelenvergnügt über seinen Beruf, den er für den allergemütlichsten hielt, und über seinen Stein, welcher ohne Zweifel der würdigste und einträglichste Bettelplatz in der ganzen Reichsstadt war. Nun geschah es, daß der Bettler in seinen alten Tagen einen Schatz fand, den mancher Reiche vergebens sucht, nämlich einen Menschen, welchen er liebhaben konnte, als wäre er sein leibliches Kind, einen jungen Freund und Bettelgenossen, gleich seelenvergnügt im gemeinsamen Berufe wie er selber, einen Freund, in welchem ihm die Jugend zum zweitenmal wieder blühte. Dieser Freund hieß Veit Roluf. Als ihn der krumme Hans kennenlernte, war Veit etwa sechzehn Jahre alt, und Hans witterte augenblicklich des Jünglings reiches Talent zum Betteln. Denn obgleich der arbeitsscheue Bursche noch so jung war, wußte er doch schon die ganze Stadt zu täuschen, daß sie glaubte, er habe einen lahmen Arm und eine entsetzlich verstümmelte rechte Hand. Mit bewundernswerter Kunst hielt er den Arm allezeit steif und zog die Schulter schief hinauf, als gehe ihm die Lähmung bis zum Halse. Die kranke Hand aber war dicht mit schmutzigen Tüchern umwickelt, und begehrte jemand den Schaden zu sehen, so schälte Veit mit so herzzerreißendem Stöhnen einen blutigen Lappen nach dem anderen los, daß jener gewiß schon genug hatte, bevor nur die Hälfte dieser Hüllen gefallen war. Selbst den Bettelvogt hatte Veit Roluf hinters Licht geführt und ihm das Blechzeichen abgelistet, durch welches er sich nun als ein wegen schwerer Gebrechen obrigkeitlich geduldeter Bettler ausweisen konnte. Alle wahre Freundschaft wurzelt in der Ergänzung zweier verschieden gearteter und dennoch verwandter Naturen. So war es auch bei den beiden Bettelleuten. Hans war krumm, und Veit war lahm, also jeglicher ein Krüppel. Aber das krumme Bein des Alten war Natur, der lahme Arm des Jungen Kunst. Darum glaubte Hans, daß er in diesem Stück bevorzugt sei, seines Gebrechens sicherer und daß also auch sein Beruf auf einer gediegeneren Grundlage ruhe. Den arbeitskräftigen Bettlern legte der Gassenknecht zeitweilig das Handwerk. Dagegen besaß Veit einen anderen beneidenswerten Vorzug: er war ein Augsburger Stadtkind; die eingeborenen Bettler aber duldete man dauernd, während die fremden so als ums andere Jahr aus der Stadt geschafft wurden. Da der krumme Hans selbst nicht wußte, wo er zur Welt gekommen, so würde ihn dieses Los schon längst getroffen haben, wenn er sich nicht in einem historisch so wichtigen Moment und angesichts der ganzen Stadt zum Krüppel gefallen hätte. Als ein lebendiges Wahrzeichen des denkwürdigen Tages ließ man ihn in Frieden, und Hans behauptete zuletzt, er sei zwar kein Eingeborener, aber auch kein Fremder, sondern ein Adoptivkind der Reichsstadt Augsburg. Dies also war der zwiefache Unterschied bei zwiefacher Gleichheit, welcher die beiden Bettler zu neidlos sich ergänzender Freundschaft führte: Hans war ein natürlicher und Veit ein künstlicher Krüppel, Veit dagegen ein natürlicher und Hans ein künstlicher Augsburger. Der alte Hans wußte aber seine Zärtlichkeit an dem jungen Veit nicht inniger auszulassen, als indem er ihn aufs strengste in die Schule nahm: er wollte ihn zu einem Bettelvirtuosen ohnegleichen machen; so viel Geist und Gaben, wie sie Veit Roluf besaß, sollten der Vaterstadt nicht verlorengehen oder in Stümperei und Liebhaberarbeit verpuffen. Denn Hans konnte sich den vollkommensten Menschen nur in der Gestalt des vollkommensten Bettlers denken, und im ewigen Leben begehrte er kein besseres Teil, als daß er neben Sankt Peter an der Himmelspforte sitzen und in Ewigkeit die einziehenden Seelen anbetteln dürfe, ganz so wie hienieden die Kirchgänger am Südportale des Augsburger Domes. Neidlos enthüllte darum Hans dem jungen Veit alle Geheimnisse der höheren Bettelkunst, die er sich ausgesonnen und während seiner langen Praxis bewährt gefunden. Keinem anderen Menschen würde er sie verraten haben, allein die Liebe öffnete ihm den Mund. Vor allen Dingen aber suchte er dem Freunde den echten Zunftstolz einzuflößen und ihn vor Zersplitterung seines Talentes in den niederen Zweigen der Bettelei zu behüten. »Du darfst kein fahrender Bettler werden, mein Sohn«, so sprach er wohl, »kein Fechtbruder, der in Häusern und Gassen, ja wohl gar auf den Heerstraßen umherzieht: das ist gemeine Landstreicherart, die schickt sich nicht für unsereins. In jedem Beruf ist der seßhafteste Mann der ehrenfesteste, und ich sitze schon fünfundzwanzig Jahre auf diesem selben Stein. Aber ein sitzender Bettler und ein sitzender Bettler ist auch wiederum zweierlei: es kommt darauf an, wo er sitzt. Das sind geringe Leute, die an den Stadttoren und Straßenecken lagern; der Platz an der Kirche macht erst den rechten Mann. Der Schinder und Schäfer heißt ein Doktor, weil er Kranke kuriert, und mehr tut selbst des Kaisers Leibarzt nicht; so groß aber der Sprung vom studierten Doktor zum Doktor Schinder, so breit ist auch die Kluft zwischen dem seßhaften Kirchenbettler und dem sitzenden Gassenbettler. Der geistliche Stand ist der erste, und der Kirchenbettler gehört doch wohl mit zur Geistlichkeit, er ist nahezu so gut wie ein Bettelmönch, nur daß er's ohne Gelübde treibt und auf eigene Faust. Hat der Dompfarrer drinnen in der Kirche von den guten Werken gepredigt, so kann die Gemeinde beim Herausgehen an meiner ausgestreckten Hand erweisen, ob sie auch Täter des Wortes zählt, und spreche ich nach jedem Heller, der zu mir herabfällt: ›Vergelt's Gott tausendmal für die armen Seelen im Fegfeuer!‹, so ist das auch eine Predigt, kurz zwar, aber verständlich für jedermann.« Und also bewies Hans ganz klar, daß er zum höchsten Bettleradel gehöre. Allein damit war es noch nicht genug. Seines Erachtens behauptete er wiederum, innerhalb dieses Adels den höchsten Posten im Römischen Reiche zu Lehen zu tragen; denn eben jener Stein, welchen er seit fünfundzwanzig Jahren glatt gesessen, ruhte auf einer ganz eigen privilegierten Stelle. Als nämlich die Bischöfe von Augsburg den gotischen Westchor zum altromanischen Bau des Domes fügten, lag ihnen ein Stück Reichsstraße quer im Wege. Die Stadt erlaubte den Bau auf diesem ihrem Grund und Boden, behielt sich aber das Recht des Durchganges vor vom Süd- zum Nordportale quer durch die Kirche. »Darum«, sprach Hans zu seinem Freunde, »ist der Stein zwar, worauf ich sitze, bischöflich, der Boden aber, in welchem der Stein sitzt, ist reichsfrei, und also kann ich mich wohl einen landesherrlichen und einen reichsunmittelbaren Bettler zugleich nennen. Nur wenn es im Mittag die Sonne gar zu gut meint, ziehe ich mich tiefer in den Schatten des Gewölbes auf rein bischöflichen Boden zurück. Allein dies ist eben wiederum ein Vorzug vor meinem Nachbar am Nordportale, der sonst einen fast gleich guten Platz behauptet; denn er bettelt zwar auch bischöflich und reichsunmittelbar zugleich, er bettelt aber das ganze Jahr im Schatten.« Hier machte der krumme Hans eine lange Pause und fuhr darauf bewegteren Tones fort: »Muß ich einmal sterben, dann sollst du, mein Sohn, der Erbe meines Platzes sein. Das geht freilich hier in Augsburg nicht wie in Köln, wo die Bettelleute ihren Töchtern so ohne weiteres einen guten Kirchenplatz zur Aussteuer mitgeben, bei uns muß man Schritt für Schritt den Berg erklimmen. Setze du dich darum einstweilen vor das Pförtchen bei St. Anna; die Stelle ist gering und trägt nicht viel, aber für einen Anfänger ist sie doch nicht zu verachten. In Jahr und Tag kannst du dann vielleicht zum Nordportal des Domes vorrücken, denn der Bettler da drüben hustet in einem fort, daß ich's bis zu meinem Stein herüber höre: er wird's nicht lange mehr treiben. Hast du aber erst einmal dort im Schatten festen Fuß gefaßt, so magst du auch leicht mir hieher auf die Sonnenseite nachrücken, wenn es einmal Gott gefallen wird, mich aus diesem irdischen Bettelloch abzurufen an das Südportal seines himmlischen Domes.« Der Alte hatte anfangs im gewohnten weinerlichen Ton gesprochen, als flehe er um ein Almosen, zuletzt aber kamen ihm die wirklichen Tränen. Veit hörte leuchtenden Auges, welch glänzende Zukunft ihm eröffnet wurde, und sagte halb lächelnd, halb weinend: »Vergelt's Gott tausendmal!« und drückte dem väterlichen Freunde die Hand. Und der stille Jubel über den Ruhm, den ihm der Freund erschloß, verdrängte bald den wehmütigen Gedanken, daß der Gipfel dieses Ruhmes doch erst mit des Freundes Tod zu erreichen sei. Darf ein Kronprinz nicht mit stolzer Freude dem künftigen Herrscherberuf entgegensehen, obgleich er weiß, daß er erst durch seines Vaters Tod zum Thron aufsteigen wird? Veit dünkte sich jetzt auch ein Kronprinz. Bettelnd war er aus den Träumen seiner Kindheit erwacht, Bettelbuben waren seine Spielkameraden gewesen, unter dem Bettlervolk fand der Jüngling Freunde und Gleichstrebende, nur durch Bettlerstreiche hatte er bei ihnen Lob und Bewunderung gewonnen; kein anderer Weg stand ihm in der zünftig ausgeteilten Welt offen als die Bettelfahrt. Sollte er die reichen Kaufleute und Handwerker beneiden und ihnen nacheifern, da er doch niemals ihresgleichen werden konnte? Es kommt darauf an, welches Glanzgestirn uns in der Jugend zum erstenmal recht tief in die Seele leuchtete: dem ersten Sterne folgen wir zumeist durchs ganze Leben. Wäre Cäsar jener Stern gewesen, so würde Veit Roluf nach dem Ruhme eines Helden gerungen haben, wäre es Homer, nach Dichterruhm; nun aber war ihm der krumme Hans, der so fest auf seinem Steine saß, jener Fixstern: Hans war ihm Cäsar und Homer. Darum dürstete er, den krummen Hans zu erreichen, ja zu überglänzen im Bettlerruhme. Dankbar befolgte er den Rat des Alten und setzte sich vor das Pförtchen von St. Anna, und kein Heller war ihm zu abgegriffen, kein Stück Brot zu trocken, daß er's nicht angenommen hätte. Denn die Lust und List des Gewinnens reizte ihn mehr als der Gewinn selber. Jeden Abend aber ging er zum krummen Hans, erzählte ihm die Abenteuer des Tages, und mehr wiederum als die Lust des Gewinnens beglückte ihn dann des Alten sparsames Lob. So war Veit glückselig über seinen schönen Beruf und Hans glückselig über den Veit, und im ganzen Römischen Reich gab es wohl keine zufriedeneren Bettelleute als die beiden Freunde. Zweites Kapitel. Und dennoch kam alles anders, als beide gehofft, und zwar aus zwei gewichtigen Gründen. Denn erstlich war der dröhnende Husten des Bettlers am Nordportale kein Zeichen der Schwindsucht, sondern vielmehr der ungebrochenen Kraft seiner Lungen. Dieser Husten, welcher selbst den krummen Hans täuschte, war ebensogut vollendete Kunst wie Veit Rolufs lahmer Arm, und also wurde auch in Jahr und Tag der ersehnte Platz nicht frei. Zweitens aber zog die Reformation durchs deutsche Land und vorab durch die deutschen Städte. Da räumte nun wohl endlich der unverwüstliche Mann am Nordportale im Jahre 1537 seinen Platz, obgleich er immer noch mit frischer Kraft forthustete; allein auch die anderen Kirchenbettler wurden vertrieben und der ganze katholische Klerus dazu, und der Dom ward eine lutherische Kirche. Der krumme Hans folgte dem Bischöfe mit dem Kapitel und den Domschätzen ins Exil nach Dillingen: – weil er sich für eine Art lebendiges Inventariatsstück des Domschatzes ansah, so achtete er's unter seine Würde, an einen anderen Ort zu fliehen. Nun standen freilich die beiden Plätze mit einem Male leer, aber niemand wagte, sie wiedereinzunehmen; Veit Roluf, der nächste Anwärter, war längst sogar von der bescheidenen Kirchentür bei St. Anna verjagt worden: ihn hatte schon vor fünf Jahren die Reformation aus der Laufbahn eines seßhaften Kirchenbettlers hinausgeworfen, und er fristete, sich in den Häusern umherschleichend, ein kümmerliches und ruhmloses Leben; denn lutherisch bettelte sich's nirgends mehr so gut wie katholisch. Rührend war der Abschied der beiden Freunde, als der krumme Hans, ein so festgesessener hoher Sechziger, nun auch den Wanderstab des Flüchtlings ergreifen mußte. Während der Junge verzweifelnd klagte über die steigende Schlechtigkeit der Zeit, die nicht einmal einen Bettler mehr ruhig und ehrenvoll sein Brot gewinnen lasse, war der Alte voll Würde und Ergebung. »Bettle du nur stille fort«, sprach er, »bleibe treu deinem Berufe und meinen Lehren. In kurzer Frist werden wir alle wiederkommen und fester auf unseren Stühlen und Steinen sitzen als vorher. Wer der höchsten Ehren seines Berufes wert sein will, der muß auch für denselben dulden können. Dies, mein Sohn, bedenke zu jeder Zeit, dann wirst du auch den krummen Hans nicht ganz vergessen. Und nun behüte dich Gott!« Veit vergaß in der Tat des väterlichen Freundes nicht und trug seine Lehren in treuem Gedächtnis. Da aber die ganze Stadt lutherisch geworden war, so bekam er fast immer Scheltworte zur kargen Gabe, wenn er nach seines Lehrers Weise sagte: »Vergelt's Gott für die armen Seelen im Fegfeuer«, und ward also endlich lutherisch gleich den anderen, schnitt die armen Seelen hinweg, schaffte das Fegfeuer ab und dankte nur noch mit einem kurzen »Vergelt's Gott!« Da ging es ihm eine Weile wieder ein klein wenig besser. Zu selbiger Zeit brach eine pestartige Seuche in Augsburg aus. Die Spitäler füllten sich, und es fehlte an Pflege für die ansteckenden Kranken, manche Wärter liefen davon, andere erlagen der Seuche. Veit, der in den bösen Tagen kaum mehr das trockene Brot zusammenbettelte – denn die reichen Leute flohen aus der Stadt –, war des Lebens herzlich müde und dachte zum öfteren daran, sich selber aus der Welt zu schaffen. Da kam er zuletzt auf den Gedanken, die am wenigsten sündliche Art von Selbstmord sei wohl, wenn er als Krankenwärter in ein Pesthaus gehe. Also meldete er sich zu diesem Dienste. Man stutzte zwar anfangs über den lahmen Bettler, da aber die Hilfe eines Armes doch immer besser schien als gar keine, so nahm man ihn an. Kaum aber befand sich Veit im Spitale, so geschah ein Wunder an ihm. Der faule Geselle, welcher bis dahin niemals eine wahre Arbeit geschmeckt, wurde wie berauscht von dem Gedanken, daß er nun auch arbeite wie andere Leute. Während er nur sonst »Vergelt's Gott!« gesagt, hörte er jetzt auf einmal, daß die anderen – Kranke, Genesende und Sterbende – ihm »Vergelt's Gott!« zuriefen, und nicht im leierhaften Bettlertone, sondern aus tiefstem, vollstem Herzen. Wie ein zündender Strahl fuhr es ihm durch die Seele, daß Geben seliger sei als Nehmen. Und nun eben geschah das Wunder. Veit, der bis dahin nie sich selbst vergessen, nie den Arm bewegt hatte und die steife Schulter so kunstvoll heuchelte, um zu faulenzen und sich fremde Barmherzigkeit zu erschleichen, vergaß nun sich selbst, da er gegen andere Barmherzigkeit übte, und griff plötzlich zu mit beiden Armen im seligen Taumel der Arbeit und der Menschenliebe. Staunend bemerkte der Spitalpfarrer, wie der lahme Veit so frisch mit gesunden Gliedern ins Zeug ging und die schmutzigen Lumpen wegwarf, in welche seine Hand gewickelt war. Aber viel mehr noch staunte Veit selber, da ihm der Pfarrer zurief: »Veit, wo ist denn dein lahmer Arm geblieben?« Jetzt erst gewahrte der Bettler, wie ganz er sich und seine Lahmheit dazu vergessen hatte, und fuhr auf wie aus einem Traume und blickte auf seinen Arm, ob der auch gewiß nicht mehr lahm sei. Dann erwiderte er endlich, rot bis über die Ohren: »Ein Arm reicht nicht mehr in diesem Elend, da muß ich wohl beide nehmen.« Weiter sprach er kein Wort und griff nur um so tapferer zu, daß er seine Beschämung verberge. Und auch der Pfarrer ging schweigend vorüber. Aber die Mär von der plötzlichen Heilung des lahmen Veit lief rasch durch die ganze Stadt, und wie die Engel im Himmel ihre ganz besondere Freude haben über einen Sünder, der umkehrt, so freuten sich auch alle guten Leute in Augsburg ganz besonders über Veit Rolufs Wunderkur. Der lahme Veit war bis dahin ein volkstümlicher Lump gewesen, jetzt ward er über Nacht ein volkstümlicher Ehrenmann. Der Spitalpfarrer, welcher mit seinem Takte schwieg, als Veit beschämt vor ihm gestanden, redete nachgehends um so lauter bei anderen Leuten über Veit und erwirkte, daß man den ehemaligen Bettler auch nach dem raschen Verlauf des Sterbens beim Spitale behielt. Veit aber bewährte sich fort und fort so wacker, daß er nach Jahr und Tag zum Spitalhausmeister aufrückte, mit freier Wohnung, Kost, Holz und Licht, einem neuen Rock zu Georgi und Michaeli und einem Hausgärtchen für Obst, Salat und Petersilie, dazu auch etlichen Gulden Bargeld. Das war abermals ein Wunder. Ein reichsstädtischer Magistrat hatte seinen lahmen Arm auch einmal bewegten Herzens vergessen, ganz ebenso wie Veit Roluf, und keinen Günstling aus vetterschaftlichen Kreisen zu jenem Posten befördert, sondern den im Feuer erprobten Mann, obwohl derselbe nur aus einer Bettlersippschaft stammte. Dem Veit aber sah es nun kein Mensch mehr an, daß er so lange Zeit bettelnd auf der faulen Haut gelegen. Sein Blick war fester geworden, sein Gang mannhafter, mit gerechtem Stolz empfand er, was es heißt, im selbsterrungenen, gesicherten Behagen leben, geachtet von seinen Mitbürgern. Gar oft fragte er sich: »Was wird der krumme Hans dazu sagen?« Denn das süßeste bei allen später gewonnen Ehren bleibt doch, daß wir unseren Jugendfreunden zeigen können, zu welch einem Prachtburschen wir uns wider Erwarten ausgewachsen haben. Und Veit dachte, der krumme Hans müsse jetzt wohl glänzen vor Freude, wenn er seinen Freund und Schüler in so hohen Würden sehe. Mitunter überlief es ihn jedoch auch heiß, und er zweifelte, ob die Hausmeisterwürde dem stolzen bischöflichen und reichsunmittelbaren Bettler denn doch so ganz recht sei. Allein das war nur ein leichtes Wölkchen, welches beim nächsten Sonnenblicke wieder zerrann. Da kam abermals eine neue Zeit. Die protestantischen Fürsten und Städte hatten im Schmalkaldischen Kriege das Spiel gegen den Kaiser verloren; am 23. Juli 1547 zog Karl V. mit vielem Kriegsvolk in Augsburg ein; Bürgermeister und Rat empfingen ihn, schwarz gekleidet, kniefällig und boten ihm vier Lastwagen voll Wein als Willkommtrunk, und in denselben Tagen weihte der neue Bischof und Kardinal Otto Truchseß, welcher inzwischen statt des im Exil verstorbenen Bischofes Christoph zu Dillingen erwählt worden war, den Dom und die meisten Kirchen der Stadt aufs neue zum katholischen Gottesdienste ein. Der alte Bischof Christoph hatte zwar seinen Sitz nicht wieder bestiegen, der krumme Hans aber war wiedergekommen mit dem neuen Bischofe und saß zum erstenmal wieder auf seinem Stein, als der berühmte Michael Sidonius vor dem Kaiser samt vielen vornehmen Herren und zahllosem Volke im Dom über das Meßopfer predigte. Unverändert, als sei er gestern weggegangen, saß der fast achtzigjährige Bettler in dem Südportale, und doch lagen zehn Jahre der Verbannung hinter ihm. Auf drei Männer blickte alles Volk an diesem Tage mit besonderem Staunen: auf den Prediger, den Kaiser und den Bettelmann. Eine lebende Bildsäule, saß der Alte da, kein Lichtstrahl der Freude oder des Triumphes flog über seine steinernen Züge; als ob gar nichts derweil geschehen sei, sprach er heute seine Gebete wie vor zehn Jahren, reckte die welke Hand aus und murmelte in den langen weißen Bart: »Vergelt's Gott tausendmal für die armen Seelen im Fegfeuer!« Überreich flossen ihm die Gaben zu, daß er sie kaum bergen konnte; ihn aber berührte das scheinbar gar nicht, und hätte man ihm keinen Heller geschenkt, es würde ihn scheinbar ebensowenig berührt haben. So meisterhaft beherrschte er sich selbst und seine Kunst. Am Nachmittag eilte Veit Roluf zum Dome; er hatte gehört, der krumme Hans sitze wieder dort; er wußte kaum, wie ihn seine Füße trugen, so fieberhaft schüttelte ihn der nahe Augenblick des Wiedersehens. Schon von der Ferne rief er dem Freunde laute Grüße zu und winkte und schritt in stürmischer Eile gegen das Portal. Aber es war, als ob er hier wider einen Stein pralle: der Alte rührte sich nicht; er ließ den Rosenkranz zwischen den Fingern gleiten und betete leise sein Paternoster fort. Veit trat ihm gegenüber, bot ihm die Hand und hieß ihn mit Tränen im Auge herzlich willkommen. Da hielt der Alte einen Augenblick an; seitwärts und von unten herauf blickte er lange und fest nach dem ehemaligen Freunde hinüber und maß ihn langsam vom Kopf bis zum Fuße: – es war ein Blick des tiefsten Mitleids und der tiefsten Verachtung. Alles war erstorben an dem alten Manne, nur das Auge bewahrte ein Feuer und eine Kraft, daß man sah, seine ganze Seele lebte noch und in dieser Seele sein ganzer Stolz und sein ganzer Zorn. Veit stand wie vom Blitze getroffen. Er stotterte Entschuldigungen, er bat, er flehte um ein einziges gutes Wort; der Alte betete ruhig ein Paternoster um das andere, als säße er ganz allein auf seinem Steine, und als er Paternoster genug hatte und Veit noch immer weitersprach, fing er mit Ave-Marias an. Betäubt von Scham und Zorn, schlich Veit sich endlich hinweg. Der Alte schien es gar nicht zu sehen; er hatte nur einen Blick für ihn gehabt, und diesen einen hatte er ihm gegeben. Drittes Kapitel. Veit verstand den Blick und das Schweigen des Alten. Er wußte wohl, daß der krumme Hans nicht kindisch geworden sei und aus Stumpfsinn geschwiegen habe, und schloß auch ganz richtig, daß er ihm nicht wegen des Abfalls vom alten Glauben zürne, sondern lediglich wegen des Abfalls vom alten Bettlerberuf. Er stand jetzt in so hohen Ehren, wie er sie früher nie geträumt, und doch schnitt ihm der verachtende Blick des alten Bettlers so tief ins Herz, daß es ihm plötzlich dünkte, er stehe viel tiefer noch als der schlechteste Bettelbube. Doch das waren nur verfliegende Zweifel. Veit wußte ja recht gut, daß er inwendig und auswendig ein besserer Mann geworden sei. Eines Tages ging er am Nordportale des Domes vorüber. Der Sitz stand leer; der hustende Bettler war nicht wiedergekommen aus dem Exil. »Was würde mich jetzt hindern, daß ich den lange beneideten und erstrebten Platz einnähme«, dachte Veit bei sich und blickte wehmütig auf die verwaiste Stätte. Es juckte ihn, sich einmal probeweise unter das Portal zu stellen. Allein er widerstand; er sah auf seinen sauberen Rock, seinen geraden Arm und schlich kopfschüttelnd weiter. Mehrmals versuchte er es noch, dem alten Freunde ein gutes Wort zu geben, er wollte ihn erweichen durch seine standhafte Treue, aber auch der krumme Hans blieb standhaft; er blickte jeden alten Bekannten freundlich an und redete mit ihm, für den Hausmeister hatte er kein Wort und keinen Blick mehr. Kam der nur von ferne, so betete Hans seine Paternoster so laut und eifrig, als wolle er aller Welt Sünden abbeten. Veit ward täglich tiefsinniger. Er hätte seinen Rock in Bettlerlumpen zerreißen mögen, wenn er nur wieder einmal »Vergelt's Gott!« hätte sagen dürfen. Das murmelte er zwar oft im Selbstgespräch zwischen den Zähnen, als wolle er's neu einüben, aber den rechten Bettelton fand er nicht mehr. Eines Tages führte ihn ein Geschäft ins benachbarte Schmuttertal, und auf dem Heimwege ging er die Heerstraße über den Sandberg. Als er den Berg hinaufstieg, kamen Kaufleute von Ulm herüber mit Wagen und Saumtieren. Sie taten recht gemach wegen der Steigung; die Stelle war so einsam, kein Mensch weit und breit, die Kaufleute so nahe dem Ziele einer nicht ganz gefahrlosen Reise; sie mochten jetzt wohl dankbaren Herzens recht aufgelegt sein, einem armen Teufel ein Almosen zu geben. Diese und ähnliche Gedanken fuhren dem Veit berauschend durch den Kopf; die Abendsonne verglühte so schön, die Vögel sangen so süß; es war ein wonnevoller Augenblick zum Betteln. Ehe er selbst noch recht wußte, was er tat, stand er am Straßenrande und hielt den Kaufleuten, tief gebeugt, mit unverständlichem Gemurmel die Mütze entgegen. Die Kaufleute schauten ihn groß an. »Ist der Kerl doch fast besser gekleidet wie wir, der frischeste, kräftigste Mann, und schämt sich nicht zu betteln!« rief einer aus dem Zuge, und sie gingen weiter und schoben ihn mit strafender Verachtung beiseite. Wie von kaltem Wasser begossen, kam Veit erst jetzt wieder zu sich selbst und schämte sich, daß er hätte in die Erde sinken mögen. Doch – so rätselhaft ist des Menschen Herz! – nicht weil er gebettelt, wurde er rot, sondern weil er so stümperhaft schlecht gebettelt hatte. »Am lahmen Arm hat's gefehlt«, dachte er dann, indes er langsam zur Stadt hinabwanderte; »hätte ich die Schulter steif gezogen wie vordem, so hätte ich auch wieder einmal ›Vergelt's Gott!‹ sagen können wie in alten Zeiten!« Und im Gehen probierte er fort und fort, ob er den lahmen Arm wieder herauskriegen könne. Aber die selbstgewisse Zuversicht fehlte, es gab immer nur einen gestümperten lahmen Arm, und als er durch Oberhausen ging, wurde er durch einen Schwarm Bauernbuben aus seinen Träumen und Übungen aufgeweckt; denn diese liefen jubelnd hinter ihm drein und machten's ihm nach, wie er beständig übend mit der Schulter zuckte und den Arm bald höher, bald tiefer steif hielt. So hatte er denn wirklich seine alte Kunst verlernt und lieferte nur noch jene Pfuscher- und Liebhaberarbeit, vor welcher ihn weiland der krumme Hans so sehr gewarnt hatte. Er bettelte wie ein Schulbube; denn es fehlte ihm der begeisternde Glaube an sich selbst. Allein war er dafür nicht ein Meister in anderen Dingen geworden? Hausmeister hieß er freilich; ob er's aber auch war im vollen Sinne des Wortes? Deuchte es ihm doch jetzt, als hielten ihn die Leute bloß für einen ungelernten Liebhaber der Hausmeisterei, ja ihm selber war es heute, als schwindle er bloß ein bißchen in ehrlicher Arbeit, indes Faulenzen und Betteln doch sein innerster, leider gleichfalls verlorener Beruf sei. Als er durchs Wertachbrucker Tor in die Stadt einlenkte, fürchtete er sich, denselben Menschen ins Gesicht zu blicken, die er beim Ausmarsche noch so fest begrüßt hatte; er glaubte, sie sähen's ihm an der Nase an, daß er eigentlich kein rechter Hausmeister sei. »Ach, könnte ich doch wieder einmal ordentlich betteln!« Mit diesem Seufzer legte er sich endlich ins Bett. Und jeden Abend wiederholte er bei sich immer inniger denselben Ausruf, zuletzt so innig, daß er wieder aus dem Bette sprang und in der Dämmerung durch die Straßen lief, und als ihm am Perlach ein fremder Herr begegnete, drückte er sich ein wenig in den Schatten des Turmes und bettelte ihn kurzweg an. Der Fremde aber griff nicht in die Tasche, sondern erhob drohend den Stock und rief: »Ist das auch so ein verlaufener lutherischer Ketzer, der nur ohne Umstände Geld begehrt und mir nicht einmal ein Gebet für meine arme Seele bietet?« Veit schob sich ganz sachte im Schatten weiter. »Die gute alte Zeit ist dahin!« klagte er für sich. »Bettle ich den nächsten katholisch an, so gehört er vermutlich zur Augsburgischen Konfession und schwenkt den Stock, weil ich nicht lutherisch bettelte. Überall wankt der Boden unter mir.« Den andern Tag aber ward Veit vor den Spitalpfarrer beschieden, welcher ihn scharf ins Gebet nahm. Denn es war ruchbar geworden, daß sich der Hausmeister zuzeiten wieder auf den Bettel lege. Veit gestand ohne Umschweif. Ordentlich gebettelt habe er freilich noch nicht, sondern nur hie und da probiert, ob das Ding noch gehe. Es stecke ein Heimweh in ihm nach der Bettelei, er könne es gar nicht begreifen, so eine Art Schwangerschaftsgelüsten, er müsse behext sein, auch sei es ihm seit vierzehn Tagen im Leibe nicht recht, vielleicht auch im Kopfe, und er wolle es gewiß nicht wieder tun, aber der Pfarrer möge ihm mit einem geistlichen Mittel zu Hilfe kommen gegen den Zauber; denn daß es ihm jemand angetan, das unterliege keinem Zweifel. Der Pfarrer verschrieb sofort das gewünschte geistliche Mittel, indem er dem armen Veit mit einer furchtbaren Strafpredigt den Kopf wusch, auch mit Fortjagen aus Amt und Brot recht deutlich winkte. Zuletzt aber ward er immer milder und endete mit einem Gleichnis. »Du hast deine Krankheit nicht unrichtig ein Heimweh genannt. Ich will dir dies in einem Bilde noch klarer verdeutschen. Wenn wir aus unserer Jugendheimat in ein viel schöneres Land gezogen sind, dann freuen wir uns anfangs der Veränderung, finden alles gut und besser und denken kaum zurück an die verlassene Gegend. Doch nach kurzer Zeit steigt die alte Heimat schön und immer schöner, wie verklärt wiederum vor unserem Geiste auf, es friert uns in dem neuen Lande, und drüben auf der verlorenen Ferne ruht warmer Sonnenschein; wir möchten davonlaufen, so zieht es uns hinüber, wir möchten vergehen vor Heimweh. Das aber währt nur eine gemessene Frist, die wir mannhaft überwinden müssen. Allmählich verblaßt das ferne, geträumte Bild wieder von selbst, wir freuen uns doppelt des Guten, welches uns umgibt, und zuletzt ist doch der Mann nur da ganz zu Hause, wo ihm Gott eine gesegnete Arbeit zugewiesen hat und gute Menschen ihn ehren in seinem Tagewerk.« Veit nahm sich die Worte zu Herzen und hielt still und fleißiger als je zu seinem Berufe und bog in die Seitengassen, wenn er den Dom nur von weitem sah, daß er ja dem gefürchteten Süd- und Nordportal aus dem Wege gehe. So schien denn alles wieder gut. Zur selbigen Zeit lag ein heimatloses Mädchen im Spital, welches man fieberkrank aus einer Herberge gebracht hatte. Obgleich sie etwas verwildert aussah, auch anfangs etwas ungewaschen, so war sie doch eine ganz hübsche Dirne mit feurigem Aug' und stolzen, trutzigen Lippen, dazu kaum zwanzig Jahre alt. Veit hatte kein besonderes Acht auf sie, und nach den Frauenzimmern zu sehen, war überhaupt nicht seine schwache Seite. Das Mädchen genas und sollte am nächsten Tage das Spital verlassen. Da bemerkte Veit, daß sie weinend vor ihrem Bette saß. Er fragte, was ihr fehle, und sie erwiderte: »Mir fehlt meine Mutter. Als ich im Fieber die Besinnung verlor, stand sie noch bei mir, doch als ich im Spitale wieder zu mir kam, war sie verschwunden; sie hat mich hier nicht aufgesucht, und ich weiß auch nicht, wo ich sie finden soll.« Nun fragte Veit nach der Herberge, in welcher die Kranke zuletzt mit ihrer Mutter gewesen, und als sie den »fliegenden Fisch« nannte, da ging ihm plötzlich ein Licht auf. Der »fliegende Fisch« war eine Bettlerherberge, das Mädchen eine Betteldirne, und da vor etlichen Wochen ein starker Schub fremder Bettler aus der Stadt geschafft und die Mutter vermutlich mit ausgewiesen worden war, so konnte sie freilich ihr krankes Kind im Spitale nicht aufsuchen. Bei dieser Entdeckung schaute Veit dem Mädchen zum erstenmal genau ins Gesicht und fand, daß sie ganz schön sei. Teilnehmend forschte er weiter nach ihren Schicksalen, und ihm war, als habe ihm bloß deshalb bisher kein Mädchen gefallen, weil er noch kein schönes Bettelmädchen gesehen. Diese nun war schön und eine Bettlerin, und also gefiel sie ihm über die Maßen. Dazu faßte sie den Bettlerberuf gar anmutig und gemütvoll. »Wir sind keine gemeinen Bettler«, sprach sie, »meine Mutter und ich; wir strecken nicht jedermann die Hand entgegen. Nur wo ich recht glückliche oder recht betrübte Menschen sehe, Menschen, die schon vorher warm und mürbe gemacht wurden, murmle ich leise meine Bitte. Denn der Frohe schenkt auch froh und aus dem vollen; er will Genossen seines Glückes haben, und wäre das auch nur ein Hund oder ein Bettler; der Betrübte aber möchte unserem Herrgott gerne ein gutes Wort geben durch das reiche Almosen, oder er denkt: bin ich nun so freudlos, so sollst du, arme Bettlerin, doch wenigstens eine gute Stunde haben. Dem Glücklichen aber sage ich dann recht wehmütig: ›Vergelt's Gott!‹ und dem Betrübten recht erfreut, und also rühre ich den einen und tröste den anderen und gebe in zwei Worten einem jeden, was ihm fehlt.« Veit überdachte bei dieser Rede, wie groß und erbaulich der krumme Hans seinen Bettlerberuf fasse und wie sinnig und sein dieses Mädchen und daß doch ein Handwerk so gar schlecht nicht sein könne, welches ein Patriarch so fromm und ein Mädchen so liebenswürdig anzugreifen vermöge. In wundersamen Träumen schwebend, begleitete er des anderen Tages das Kind in den »fliegenden Fisch«, damit er ihm den Aufenthalt der Mutter erkunden helfe. Hier aber war er ganz überflüssig. Obgleich viel Volk in der Herberge lagerte, erfuhren sie doch nichts; denn die zerlumpten Leute mißtrauten dem Eindringling im guten Rock, und Veit fühlte wohl, daß seine Gegenwart dem Mädchen mehr schade, als nütze. Wäre er nur auch ein Bettler gewesen! Doch sorgte er für ihre vorläufige Unterkunft. Allein als er kurz nachher wieder in den »fliegenden Fisch« ging, war seine Schöne mit anderem Bettelvolk auf und davon geflogen. Er folgte ihrer Spur bis Friedberg und lief ihr noch fünf Stunden weiter nach ins Bayerland; aber er fand sie nicht. Wäre er noch ein Bettler gewesen, sie würde ihm schwerlich entkommen sein; die Zunftgenossen, welchen er da und dort begegnete, würden ihm sicher ihren Weg verraten haben, während sie jetzt scheu seinen Fragen auswichen; ja, das Mädchen wäre dann wohl überhaupt nicht davongelaufen, sondern hätte ihn stracks geheiratet. Er wollte verzweifeln, daß er kein Bettler mehr sei, und kehrte müde und elend zur Stadt zurück. Da gab er auf die Straße nicht acht, und ehe er sich's versah, stand er vor dem Nordportale des Domes gerade an der Ecke, wo vordem der ewig hustende Bettler gesessen. Die Leute gingen zur Abendandacht ein und aus, und Veit blieb stehen wie eine Schildwache und starrte die Menschen und die steinernen Heiligenbilder gedankenlos an und merkte gar nicht, daß er ganz mechanisch den lahmen Arm probierte und vor sich hin sprach bald freudigen, bald traurigen Tones: »Vergelt's Gott!«, und merkte auch nicht, daß ihn viele lächelnd, andere strafend maßen; denn er dachte weder an den Arm noch an die Kirchengänger, sondern an die Betteldirne, die so gar schön »Vergelt's Gott!« gesagt hatte, und daß sie ihm gewiß nicht davongelaufen, wenn er nur auch noch ein Bettler gewesen wäre. Doch urplötzlich weckte ihn der gewaltige Baß des Küsters, welcher ihn zornig weggehen hieß und höhnend fragte, ob er etwa als lutherischer Spittelmeister seine alte Bettelei am katholischen Dome wieder beginnen wolle. Jetzt erst erkannte Veit, wie zweideutig er auf dem verführerischen Platze gestanden, und schritt eilends auf dem nächsten Wege – auf der Reichsstraße – quer durch den Chor zum Südportale hinaus. Hier aber sah er ein blaues Wunder: der Stein stand leer, der krumme Hans war verschwunden! Diese unglaubliche Tatsache ließ ihn im Augenblicke all sein eigenes Leid vergessen: Hans mußte tot sein oder todkrank; denn aus keiner anderen Ursache würde er je zu dieser Stunde seinen Stein verlassen haben. Veit eilte sogleich in den »fliegenden Fisch«, um vom Herbergsvater, der alle Bettler kannte, zu erfahren, was geschehen sei. Er hatte das Rechte geahnt. Der krumme Hans besaß seinen Unterschlupf in einem Hinterhäuschen an den Lechkanälen, dort lag er schon seit acht Tagen elend und verlassen, von der Gicht gelähmt. »Es steht schlimm«, sagte der Herbergsvater. »Der alte Knabe wird Monate brauchen, bis er wieder betteln kann; stirbt er aber vor der Zeit Hungers, dann braucht er freilich auch nachher den Bettel weiter nicht mehr.« Viertes Kapitel. Veit zitterte vor Begier, dem verlassenen Alten stracks zu helfen. Aber wie? Er durfte ihm ja nicht über die Schwelle, Hans würde sonst zu der Gicht wohl gar noch einen Schlaganfall bekommen haben. Überdies mußte er vorerst ins Spital zurück, denn die Abendglocke läutete. Er hatte eine gar unruhige Nacht; bis zwölf Uhr konnte er nicht einschlafen, weil er Mittel suchte und nicht fand, wie dem Freunde zu helfen sei, und nach zwölf Uhr schlief er wieder nicht, weil er sich gar zu unbändig freute, daß er ein Mittel gefunden habe. Am frühen Morgen war er schon auf den Beinen und eilte zu dem ziemlich entlegenen Hause des Spitalpfarrers; denn diesen brauchte er für seinen Plan. Der Pfarrer aber schritt in derselben Stunde zum Spital, und so trafen beide mittenweges in einem engen Gäßchen zusammen, beide vor Eifer glühend, der Pfarrer im Eifer des Zornes und der Strafe, Veit im Eifer der Vorfreude über ein gutes Werk. »Dich suche ich, Veit!« rief der Pfarrer. »Und ich suche Euch!« rief Veit fast gleichzeitig. Der Pfarrer staunte: rückte doch der sonst so höfliche und bescheidene Veit nicht einmal an seiner Mütze und warf ihm jene Worte nur so zu, wie wenn er einem Zechbruder begegne. Darum begann denn der geistliche Herr auch ohne alle weiteren Zeremonien: »Schickt es sich, Veit, daß du, der Spittelmeister, mit Betteldirnen in den ›fliegenden Fisch‹ ziehst, ja einer Betteldirne ins Land hinein nachläufst und deinen Dienst versäumst? Schickt es sich, daß –« »Nein, das schickt sich nicht, Herr Pfarrer! Ich weiß es, ich habe gefehlt«, unterbrach ihn Veit, »aber das ist schon lange her, das war gestern, heute ist eine andere Zeit, heute bin ich ein anderer Mensch, heute muß ich betteln, nur einmal noch recht tüchtig betteln, ehe ich sterbe–« »Schickt es sich«, rief der Pfarrer noch donnernder dazwischen. »daß du, der Spittelmeister, dich wie ein Bettler ins Domportal stellst zum Skandal der halben Stadt, ja daß du dich vom Domküster mußt hinwegjagen lassen? Schickt es sich, daß–« Immer zu gleicher Zeit, wie in einem Duett, rief Veit mit gleichfalls wachsender Stimme: »Nein! Nein! Aber das war gestern schon, das sind alte Geschichten! Straft mich nachher, jagt mich fort, nur laßt mich zuvor einmal noch betteln; ich komme ja zu Euch, Herr Pfarrer, daß Ihr selber mir den Bettelbrief schreibt!« Der Pfarrer glaubte nunmehr, Veit sei übergeschnappt; darum ließ er ihm allein das Wort und blickte ihm scharf prüfend in die Augen. Veit, da er solchergestalt etwas mehr Luft bekam, fuhr nun mit minderem Ungestüme fort: »Ich gestehe, daß ich falsch gebettelt, schlecht gebettelt habe, aber jetzt« – »du sollst gar nicht betteln!« zürnte der Pfarrer – »jetzt – laßt mich doch ausreden, Herr Pfarrer, – jetzt weiß ich, wie ich noch einmal in meinem Leben recht und gut betteln kann.« Dann erzählte er ihm von dem kranken, verlassenen Hans, seinem väterlichen Freunde und Lehrer, und wie derselbe nicht mehr betteln könne und Hungers sterben müsse. Für den Hans wolle er betteln in allen Häusern – gleichviel ob lutherisch oder katholisch –, nicht als Bettler, sondern als Krankenwärter und Spitalmeister, und daß es ihm die Leute auch ganz gewiß glaubten, begehre er von seinem Pfarrer den Bettelbrief. »Und tust du das bloß für den krummen Hans?« »Ja und nein!« entgegnete der aufrichtige Veit. »Ich tue es fast ganz für den Hans und nur ein klein bißchen für mich. Der Hans muß alles Geld kriegen, und ich werde nur darum gut betteln, weil es für den Hans geschieht. Aber ich leugne nicht, daß ich auch für mich eine kindische Freude habe an dieser Bettelei. Ich weiß, daß ich nicht betteln soll. Aber es war doch gar zu schön, als ich in jungen Jahren noch so ganz ohne Arg und so recht von Herzen betteln konnte; nur einmal noch im Leben möchte ich betteln, und jetzt habe ich den schönsten Anlaß dazu; – es soll ja niemals wieder geschehen!« Lange schwieg der Pfarrer und schaute zur Erde; Veit zitterte für eine abschlägige Antwort. Endlich erhob jener lächelnd das Gesicht: »Du bist der Hausmeister, und ich bin der Pfarrer des Spitals, und seltsamerweise liegen wir auch beide, wie man so sagt, in demselben Spitale krank. Ich habe in jungen Jahren fürs Leben gern deutsche Reime gemacht zu Hochzeiten und Kindtaufen, zum Schmaus und Zechgelage und wo man sonst fröhlich war; denn mein Vater war ein Weber und Meistersänger. Als ich aber geistlich wurde, da sagte man mir, die Reimerei schicke sich nicht für einen Pfarrer; dem zieme höchstens ein lateinischer Vers oder ein geistliches Lied. So ließ ich's also bleiben. Doch heimlich muß ich zuzeiten immer wieder einen lustigen deutschen Reim machen; aber ach, die werden alle schlecht, weil ich sie nicht laut hinausklingen lassen darf, und es ist mir manchmal, Hans Sachs, der Schuster in Nürnberg, – also auch so ein Hans – sei ein beneidenswerterer Mann als alle Augsburger Pfarrer. Armer Veit! Was wir einmal in der Jugend erstrebt, das winkt und lockt uns durchs ganze Leben, und hätten wir gleich zehnmal Besseres inzwischen gewonnen. Ich schreibe dir den Bettelbrief, Veit, und zwar in Reimen; denn hier ist ja doch auch ein geistlicher Zweck, und so gut der Spitalpfarrer dann reimen darf für den verlassenen Greis, so gut darf der Spittelmeister auch für denselben betteln.« Wäre es nicht auf offener Gasse gewesen, so würde Veit dem Pfarrer vor Freude um den Hals gefallen sein. Aber die Zeit drängte. Also ging der Pfarrer rasch nach Hause und machte seine Reime, und schon am selben Nachmittage zog Veit mit dem poetischen Bettelbriefe durch die Stadt. Der Pfarrer hatte gereimt wie der beste Meistersänger, und Veit bettelte nun nicht mehr wie ein Hausmeister, sondern wie der beste Bettelmeister, und je weiter er von Haus zu Haus kam, reich beschenkt von hundert Händen, um so klarer ward es ihm, daß er jetzt erst die allerschönste Art des Bettelns gefunden habe, nämlich selbstlos für andere zu betteln, und er meinte, wenn er für den armen verlassenen Hans »Vergelt's Gott!« sage, so klinge das noch herzbewegender als der fröhliche Dank des Mädchens beim betrübten und der wehmütige beim glücklichen Geber, ja als seines alten Lehrers erbaulich erhabenes »Vergelt's Gott tausendmal für die armen Seelen im Fegfeuer!« obendrein. Nachdem er aber vorderhand genug hatte, eilte er an die Lechkanäle zum Unterschlupf des krummen Hans. Ohne Bangen betrat er die Schwelle. – Da lag der Alte tot auf seinem Stroh! Veit stand wie vom Donner gerührt. Nun hatte er noch einmal recht meisterhaft gebettelt und doch wiederum vergebens! Erst nach langem Schweigen und Sinnen bemerkte er zwei alte Bettelleute, die neben der Leiche saßen. Der krumme Hans hatte sie als die zuverlässigsten Männer seines Zeichens ans Sterbelager rufen lassen, daß er ihnen – denn er traute den Stadtschreibern und Gerichtsleuten nicht – seinen letzten Willen mündlich kundgebe, auf Treu und Glauben, wie man ihn Sterbenden halten muß. Der Älteste von beiden sprach zu Veit: »Wir bewahren unseres Freundes letzten Willen, den er uns klar und bei vollem Verstande zweimal gesagt, in gutem Gedächtnis. Er lautete etwa, wie folgt: ›Was ich in meinem Leben gewann, das habe ich als einen Sold der Armut und des Elendes empfangen; ich vermache es also wiederum dem ärmsten und elendesten Manne in Augsburg. Dieser Mann ist mein mißratenes Pflegekind Veit Roluf. Er wird ohne Zweifel noch ganz zugrunde gehen, und dann kann er nicht einmal ordentlich an den Bettelstab kommen; denn für einen Bettler ist er aus der Wurzel verdorben. Seinem Berufe ward er abtrünnig, seinen Freunden untreu, und dennoch liebe ich ihn wie ein Vater sein unglückliches, ungeratenes Kind. Das Vermögen kann ich ihm selber nicht in die Hand geben: ein Mensch, der so schlecht wie Veit seinen Vorteil versteht, kann kein Erbe verwalten. Damit er nun doch einen Notpfennig habe, wenn er über kurz oder lang von seiner Hausmeisterei fortgejagt wird und dann nicht einmal auf den Gassen fechten kann wie ein ganz gemeiner Landstreicher, so hinterlege ich mein Geld beim Herbergsvater zum ›fliegenden Fisch‹, der es einem guten Handelshause übergeben und dem armen Teufel jedes Jahr zu Pfingsten und Ostern die Zinsen richtig auszahlen wird. Erreicht Veit sein siebzigstes Jahr, so kommt ihm vielleicht der Schwabenverstand; also soll er von da an mit dem Kapitale machen dürfen, was er will.‹« Veit, der so viel Geld dem ärmsten Manne zu bringen gedachte und nun von diesem mit so viel mehr, mit dem Vermögen eines reichen Bürgers, bedacht wurde, fand kein Wort, kaum einen Gedanken. Niemand wußte bis dahin, daß der krumme Hans solche Summen zusammengescharrt und aufgehoben hatte. Man konnte darum zweifeln, was erstaunlicher sei, der Reichtum des Erblassers oder die Ehrlichkeit der Zeugen seines letzten Willens. Aber an all dieses dachte Veit nicht, er überhörte auch ganz die Frage, ob er das Vermächtnis annehme. Endlich sprach er, die kalte knöcherne Hand der Leiche umfassend: »Hans! Vater Hans! Hättest du nur ein paar Stunden länger gelebt, du hättest gesehen, daß ich doch noch betteln kann!« Aber dann deuchte es ihm, Hans sehe jetzt wohl vom Südportale des Himmels herunter und wisse das alles recht gut und lobe ihn wie in alter Zeit, daß er so gut gebettelt habe. Als er aber später ruhig geworden, dachte er bei sich, er habe das ersehnte Ziel seiner Jugend doch errungen und sogar den krummen Hans erreicht, ja überglänzt, indem er bei Lebzeiten schon jene höchste Art des Bettelns geübt, die Hans erst im Sterben gefunden: – des Bettelns für andere. Und so ward er zufrieden, war und blieb ein vortrefflicher Hausmeister und versuchte nie mehr, für sich selbst zu betteln, und wann er die Zinsen seines Kapitals erhob, dann sagte er allemal mit aufwärtsgewandtem Blick, als sähe er den krummen Hans da oben am Portale sitzen: »Vergelt's Gott tausendmal!« Die zweite Bitte 1871 Erstes Kapitel. Herzog Friedrich hätte fürs Leben gern einmal gepredigt. Das war sein Herzenswunsch, den er fort und fort nährte und trotzdem nicht zu erfüllen wagte. Ein regierender Fürst des sechzehnten Jahrhunderts hatte doch sonst genug zu tun, er waltete in seinem Lande wie ein kleiner Herrgott und konnte sich erlauben, was tausend andern Menschenkindern verwehrt bleibt, – und nun grämte sich jener wunderliche Herzog, daß es ihm nicht vergönnt sei, wenigstens ein einziges Mal zu predigen, ordentlich, von der Kanzel herab! Wenn heutzutag ein Pfarrer wünschte, auf vierundzwanzig Stunden Fürst zu sein, so dünkt uns dieser Wunsch begreiflich; aber daß ein Fürst vor dreihundert Jahren auf einen Tag Pfarrer zu sein wünschte, das geht uns nicht in den Sinn. Allein zu jener Zeit war eben die ganze Luft theologisch und an den protestantischen Höfen Deutschlands vor allem auch die Hofluft. Der moderne Prinz beginnt seine Universitätsstudien mit Physik und Chemie, um von den Gesetzen der Naturkräfte zu den Staatsgesetzen überzugehen; der Prinz des sechzehnten Jahrhunderts begann mit der Theologie und wollte im Studium des Reiches Gottes das Geheimnis finden, wie er sein irdisches Reich regieren solle. Und war er zum Throne gelangt, so fürchtete er sich oft mehr vor dem Gerichte seines eigenen Konsistoriums als vor dem Reichskammergericht, und die geheime Widerrede seines Hofpredigers war ihm wohl bedenklicher als der offene Widerspruch seiner Landstände, welche damals überhaupt schon besser zu schweigen als zu reden verstanden. Fürsten schrieben theologische Flugschriften, sie stritten an der Hoftafel über Flacius und Strigel, sie ließen Denkmünzen prägen auf die gelehrten Siege ihrer Hofdogmatiker: der Ruhm schulgerechter theologischer Kenntnisse war der Ruhm eines hochgebildeten Mannes. So mochte es denn ein verkehrter Ehrgeiz sein, wenn ein deutscher Reichsfürst im Jahre 1570 durchaus einmal predigen wollte, aber ein ganz unsinniger oder gar frivoler Ehrgeiz war es, bei Herzog Friedrich wenigstens, nicht. Er sprach: »Ich will herrschen, voll und ganz, herrschen als ein von Gott gesalbter Fürst. König David predigte in Psalmen, warum soll ich nicht bescheidenererweise in Prosa predigen? Meine Untertanen zinsen und fronden mir, sie leisten Heerfolge und gehorchen als Vasallen; Amt und Würden, Strafe und Gnade kann ich ihnen geben durch einen Federzug. Das ist wohl eine gewaltige Herrschaft, aber nicht die gewaltigste. Ich kann die Menschen zwingen zu meinem Dienste, aber wenn ich sie zwänge zu Gottes Dienste – wäre das nicht größere Macht? Ich kann den äußeren Willen meiner Untertanen beugen, und wo sie mir trotzen, da kann ich sie einsperren und ihnen den Kopf vor die Füße legen lassen; aber ihr Herz zu beugen, ihren innersten Sinn in sich selber zu wenden, das kann ich nicht, wenigstens nicht unmittelbar und kraft meines Amtes. Nur der Pfarrer kann und soll das von Amts wegen. Und also behauptet der Pfarrer eine größere Macht. Ich will wenigstens neben den Pfarrer kommen, denn dafür bin ich Herzog!« Es war landeskundig geworden, daß der Herzog einmal predigen wolle. Die meisten Leute schüttelten den Kopf und hielten dieses Vorhaben für höchst unpassend, ja für eine sündhafte Anmaßung, obgleich sie's nicht laut zu sagen wagten. Nur wenige fanden ein entschuldigendes Wort. »Schmeichelt man nicht den Fürsten, daß sie gleichsam Götter auf Erden seien? Andere große Herren glauben nun, wenn sie genießen, was sie wollen, dann übten sie ihr göttliches Recht; Herzog Friedrich dagegen greift es höher: er begehrt, wirken zu können, was er will.« Freilich entgegnete man dann, er vergesse darüber zu wirken, was er solle. Denn über dem Streben, der gelehrteste Theologe seines Hauses zu sein, drohe er nachgerade, der trägste und lässigste Fürst seines Hauses zu werden. Den herbsten Tadel und offensten Widerspruch fand der Herzog bei seinen nächsten Verwandten. Sie zitterten vor dem Gedanken, daß er wirklich die Kanzel besteigen möchte, sie sahen das Ansehen der Familie, die Würde der Krone gefährdet durch ein so unziemliches Beginnen und bekümmerten sich mit Recht über den Rückgang und Stillstand des ganzen Regiments; denn wenn der herzogliche Theologe in seinen geistlichen Büchern vergraben saß, dann war der Herzog nirgends zu finden. So bildete sich eine festgeschlossene Gruppe von Gegnern in des Herzogs eigenem Hause, und sein nächster Vetter, Johann Christian, ein tatkräftiger Mann, der durch sein leutseliges, freimütiges Wesen großen Anhang unter der Bürgerschaft besaß, stand an der Spitze dieser Gegenpartei. An benachbarten Höfen flüsterte man bereits von einer drohenden Palastverschwörung und meinte, wenn der Herzog wirklich die Kanzel zu besteigen wage, dürfte ihn vielleicht schon des anderen Tages Johann Christian als geisteskrank in den großen Schloßturm sperren, um die Regentschaft für des Herzogs minderjährigen Sohn zu übernehmen. Der Herzog selber aber ahnte solche Gefahr nicht von ferne, und fast jede Woche ängstigte er seinen Hofprediger mit einer drohenden Predigt, und der gute Mann nannte dieses stets neu aufflackernde Gelüsten sein irdisches Fegefeuer und meinte, wenn der Herzog erst einmal gepredigt hätte, dann würde er gar nicht wieder aufhören und dann käme für ihn und das ganze Land die irdische Hölle. Vergebens stellte er dem Fürsten vor, daß weltliches und geistliches Amt zweierlei sei. »Bin ich nicht summus episcopus, oberster Bischof meines Landes?« fragte dann der Herzog; »und was wäre das für ein erbärmlicher Bischof, der nicht einmal predigen dürfte? Hat nicht schon Kaiser Karl IV. im Dom zu Metz das Weihnachtsevangelium, das kaiserliche, gesungen: ›Exiit edictum a Caesare‹ Und vom Text zur Auslegung ist nur ein kleiner Schritt!« Oder er sagte auch: »Ich soll Gottes erster Vasall und oberster Amtmann in meinem Lande sein (das Wort ›Statthalter‹ vermied er, weil es katholisch schmeckte), nun führt aber mein hoher Lehnsherr sein Regiment in zwiefacher Weise. Er spricht zu uns durch sein Wort, die heilige Schrift, und durch seine vortreffliche Weltordnung. Wie soll ich nun getreu nach Gottes Musterbild regieren, wenn ich nicht auch sein Wort meinem Volke verkünden und auslegen darf? Der Pfarrer ist ein halber Fürst, denn er predigt nicht bloß und spendet die Heilsmittel in der Kirche, er tritt auch in das Haus seiner Pfarrkinder und regiert sie geistlich. Darf ich, der Fürst, dann nicht wenigstens ein halber Pfarrer sein und neben meinem bißchen Regieren auch noch ein Stückchen predigen? Das allein wäre ehrlich geteilt zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt. Ihr Pfarrer möchtet freilich lieber alles Regiment allein in Händen haben!« So war mit Gründen durchaus nicht aufzukommen gegen den fürstlichen Herren. Der Text zu seiner ersten Predigt stand ihm seit Jahren fest: es war die zweite Bitte des Vaterunsers – »Dein Reich komme.« Er nannte diesen Text einen besonders fürstlichen, fürstlicher noch als das kaiserliche Weihnachtsevangelium vom Schätzungsgebot des Kaisers Augustus, und meinte, es sei leichter, hundert Predigten über die zweite Bitte zu halten als eine einzige; denn die Fülle der Gedanken, welche durch jene drei Worte gezeugt würden, sei unermeßlich. Zweites Kapitel. Warum predigte er denn aber doch nicht? Lediglich aus dem Grunde, weil er nicht bloß durch seinen theologischen Eifer so ganz ein Fürst seiner Zeit war, sondern gleicherweise auch als glänzender Kavalier und vollendeter Hofherr. Es fiel ihm nicht ein, das reiche, goldgestickte Samtwams mit dem schlichten Priesterrock oder dem Philosophenmantel zu vertauschen oder den Spitzhut, welchen wallende Straußenfedern krönten, mit dem Barett des Gelehrten. Sein derbes, volles, gerötetes Gesicht mit den tieflauernden Augen sah durchaus nicht asketisch drein; nur die etwas verfrühte breite Glatze war verdächtig: allein es gibt eine platonische Glatze des Denkers und eine faunische des Zechers. Und am Ende hatte Herzog Friedrich in diesem Doppelsinn eine Doppelglatze vor der Zelt bekommen. Die deutschen Höfe waren damals noch nicht nach dem feinen französischen Muster zugeschnitten; noch herrschte die derb-ehrliche, aber auch rohe und wüste »altdeutsche« Sitte. Herzog Friedrich war ein fester Reiter, der das wildeste Pferd bezwang, ein noch festerer Jäger, der den stärksten Eber fällte, vor allem aber der festeste Trinker, der jahrelang jedes Weines Meister geblieben war. Allein der Kampf mit dem Wein hat das Besondere, daß wir unterliegen, indem wir siegen, und zuletzt um so gewisser geschlagen werden, je länger wir vorher das Feld behaupteten. Wer bei Hofe als ein ganzer Mann bestehen wollte, der mußte ein schlagfertiger Theolog und ein noch schlagfertigerer Trinker sein, und Herzog Friedrich bestand so trefflich in beidem, daß er sich selbst für einen rechten Musterfürsten hielt. Der Morgen gehörte ganz der Theologie, der Abend dem Wein, Und da sich der Herzog um Mittag von den Anstrengungen des Morgens ausruhte und auf die Strapazen des Abends stärkte, so blieb zu anderweitigen Regentenaufgaben nicht viel Zeit übrig. Die Stände des Landes klagten, daß der hohe Herr über dem Becher das Land vergesse, und bestürmten seine adeligen Räte und Zechgenossen, daß sie ihm größere Mäßigkeit zu Gemüte führten. Allein die Kavaliere, obgleich sie sonst den Herzog nach alter Art fast wie ihresgleichen behandelten, wußten zu gut, daß er in diesem Punkt keinen Spaß verstehe, und bestürmten darum ihrerseits den Hofprediger; denn er allein hatte das volle Vertrauen des Fürsten, er durfte ihm ein freimütiges und selbst ein grobes Wort sagen, vor, ja nach dem Gelage. Denn nüchtern oder trunken respektierte der Herzog doch immer noch die Kirche in der Person ihres warnenden oder strafenden Dieners. Allein der Hofprediger, sonst ein unerschrockener Sittenrichter, der – wäre es auf ihn angekommen – Kaiser und Reich das Trinken verboten hätte, hielt fein den Mund und ließ den Herzog gewähren. Er fürchtete sich der Sünde, daß er schwieg, und hatte doch seine stille Befriedigung, wenn der hohe Herr – gleich systematisch und ausdauernd in der Zechkunst wie in der Theologie – den abendlichen Wettkampf mit seinen Gästen und Kavalieren bei der zarten Liebfrauenmilch begann, dann zum kräftigen Rüdesheimer vorschritt, beim duftigen Markobrunner eine kleine Pause machte, neu gestärkt beim geistvollen Steinberger den Gipfel erreichte und zuletzt mit einem Schlaftrunk beschwichtigenden edlen Rotweines das Tagewerk beschloß. »Es kommt alles auf die rechte Reihenfolge an«, pflegte der Herzog zu sagen. »Der beste Wein wird schlecht, wenn man ihn an verkehrter Stelle trinkt. Das sind elende Pfuscher, die einen Steinberger dem Bacharacher vorangehen lassen oder einen Niersteiner auf den Burgunder setzen. Sie haben nichts gelernt und begehen eine wahre Sünde, denn sie verderben die köstlichste Gottesgabe.« Und so pflegte er beim letzten Becher wie ein gelehrter Professor zu dozieren über den rechten und falschen Gebrauch des Weines und schloß gemeiniglich mit dem Satze: »Man kann niemals zu viel trinken, vorausgesetzt daß man reinen Wein und in der richtigen Ordnung trinkt!« Das war sein Weindogma um Mitternacht. Und der Hofprediger, welchem das zweite Glas schon zuviel dünkte, hütete sich trotzdem gar wohl, dieses Dogma anzutasten. Denn am nächsten Morgen, wenn der Herzog den Rausch ausgeschlafen hatte und sich mit den wirklichen Dogmen beschäftigte, machte er sich selbst wiederum bittere Vorwürfe, daß er ein so gar genußsüchtiger Mensch sei, ja ein recht unchristlicher Trinkbruder. Konnte er den Wein nicht mäßig kosten und doch in der rechten Reihenfolge? Er versuchte es und trank nur einen einzigen Becher von jeder Sorte; aber unwillkürlich vermehrte er nun die Sorten und verdoppelte die noch viel scharfsinniger geordnete Reihenfolge und kam schließlich doch wieder beim alten Ziele an. Wenn ihn dann aber in der weichen, zerknirschten Morgenstimmung die Leidenschaft zu predigen erfaßte, schlug er an seine Brust und sagte sich, daß ein Zecher wie er ganz unwürdig sei, die Kanzel zu besteigen. Und indem er dem Gedanken weiter nachsann, geriet er in einen martervollen Zirkel, den er nirgends zu durchbrechen vermochte. Als Fürst mußte er mit Glanz und Kraft repräsentieren, und zu einer kraftvollen Repräsentation gehörte damals das tapfere Zechen ebensogut wie tapferes Reiten und Fechten. Es deuchte ihm fürstlich, zu predigen, aber es deuchte ihm zugleich unfürstlich, nicht zu trinken. Und doch machte ihn ein wahrhaft fürstliches Trinken unwürdig des Predigens. Aber der alte unbefriedigte Wunsch packte ihn zuletzt mächtiger als die alte stets befriedigte Gewohnheit. So hatte er sich dann in einer vormittägigen Reustunde heilig gelobt, er wolle nicht eher predigen, bevor er sich – bei gesundem Leibe – nicht mindestens drei Tage lang jedes Tropfen Weines enthalten habe. Diese Vorbedingung zu erfüllen, wolle er von nun an eifrigst beflissen sein. Da ihm der Vorsatz aber niemals gelang, so blieb es auch mit der Predigt immer nur beim festen, leidenschaftlichen Vorsatze. Einmal hatte er sich schon volle anderthalb Tage jeden Schluck Wein versagt. Der Hofprediger, welcher mit wenigen andern um des Herzogs Gelübde wußte, zitterte schon, daß dieser nun wirklich übermorgen die Kanzel besteigen werde, und bat ihn, doch wieder einen Becher zu trinken. Denn wenn der Herzog trank, so tat er ja nur für sich und ohne öffentliches Ärgernis, was damals alle Fürsten taten; hätte er dagegen nicht getrunken und folglich gepredigt, so würde er ein Ärgernis durchs ganze Reich gegeben haben. Also unterdrückte der Hofprediger alle Gewissensbisse und empfahl seinem gnädigen Herrn einen mäßigen Trunk; er tat dies aber so kleinlaut und ungeschickt, daß der Herzog, welcher ihn wohl durchschaute, in die heiterste Laune geriet. Und ob er nun dem Pfarrer zum Schrecken gern erst recht nüchtern geblieben wäre, so war er doch jetzt zu ausgelassen lustig, als daß er nicht einen tiefen Zug hätte daraufsetzen müssen, und der Hofprediger mußte ihm Bescheid tun. Ganz anders verhielt sich des Herzogs Vetter, Johann Christian, dem auch die Kunde vom Gelübde der dreitägigen Nüchternheit zu Ohren gekommen war. Er hielt den Herzog für unverbesserlich und sah kein Ende des schlechten Regiments, außer wenn jener abdankte oder abgesetzt würde. Er wünschte darum, daß der Herzog predigen möge, damit man vor allem Volk den handgreiflichsten Grund habe, ihn für regierungsunfähig zu erklären. Folglich mahnte er beständig zur Mäßigkeit. Von den geheimen Plänen und Ränken seines Vetters wußte der Herzog nichts, aber daß dieser selber zu den gewiegtesten Zechern des Hofes zählte, war ihm genugsam bekannt. »Ist das nicht eine verkehrte Welt!« sprach er bei sich. »Mein allezeit durstiger Vetter predigt mir Nüchternheit, und der allezeit nüchterne Hofprediger drängt mich zum vollen Becher!« Und er dünkte sich den allein Weisen unter Toren und achtete es für notwendiger denn je zuvor, recht bald einmal als ganzer Salomo aufzutreten, der ja auch ein König und zugleich ein Prediger gewesen war. Drittes Kapitel. Das herzogliche Schloß thronte über der Stadt auf einem Felsen, welcher, nach vorn steil zum Flusse abfallend, auf der Rückseite allmählich zu den Straßen des Städtchens niederstieg. Hinten war das große Portal mit der breiten Auffahrt; vorn dagegen konnte man nur auf einer in den Fels gehauenen, schmalen Treppe den Schloßberg ersteigen; ein Türmchen mit einem niederen Einlaß in der Mitte des Felsens schloß diesen Aufgang. Dort saß Kaspar Krummholz als Pförtner, ein geringer Knecht unter den Hofdienern, fast wie ein Bauer gekleidet, während vorn am Hauptportale ein stattlicher Türhüter im Tressenrock neben zwei Hellebardieren Wache hielt. Neben dem Hinterpförtchen aber waren zwei große, durch Latten vergitterte Gewölbe in den Felsen gesprengt. Sie hießen die Schneckenlöcher, weil man daselbst jene großen Weinschnecken aufbewahrte und mästete, die, mit hochgewürzten Brühen zubereitet, in ihren Gehäusen auf die Tafel gebracht wurden, wo sie den anspruchsloseren Feinschmeckern damaliger Zelt die Austern ersetzten. Da nun Kaspar, der Pförtner, zugleich mit der Pflege dieser Schnecken betraut war, so nannte man ihn gewöhnlich nur den Schneckenmeister. Kaspar Krummholz hatte früher die weit ehrenvollere Stelle am großen Vorderportale besessen und in demselben roten Tressenrock gesteckt, welchen jetzt sein glücklicherer Nachfolger trug. Zu besseren Dingen geboren, war er, nach seiner eigenen Redeweise, immer tiefer heruntergerutscht auf der Kugel der Fortuna, und von den Schneckenlöchern bedurfte es nur noch eines Katzensprungs, um ganz aus dem Schlosse hinauszukommen. Sein Vater hatte die herzogliche Silberkammer verwaltet, und wie damals die meisten Hofdienste erblich waren, so verstand sich's fast von selbst, daß der Sohn als Gehilfe des Tafeldeckers seine Laufbahn begann, um von da zum wirklichen Tafeldecker und beim Ableben seines Vaters zur Silberkammer aufzusteigen. Allein der Junge verstand es besser, eine Tafel leer zu essen, als kunstgerecht zu decken; er tat nicht gut im innern Dienst, und so hatte man ihn rückwärts in den äußern befördert und wegen seiner stattlichen Gestalt zum Türhüter am Hauptportale gemacht. Hier taugte er aber noch viel weniger. Von jenem Portal sah man nämlich rückwärts in den vorderen Schloßhof und weiter durch einen enggewölbten Bogengang hindurch in den Binnenhof gerade auf den großen Schloßbrunnen – eine entzückende Perspektive für jeden Architekturmaler. Ohne nun gerade Architektur zu malen, hatte Kaspar beständig rückwärts in diese Perspektive geschaut statt vorwärts zum Tore hinaus, wie es einem Türhüter ziemt. Denn die zwei Säulen des Brunnens, oben durch kraus verschnörkeltes Eisenwerk verbunden, von welchem die Eimer auf- und niederstiegen in den tiefen Brunnenschacht, sahen selber wieder einem hohen Portale gleich – für Kaspar einem Portale zum Himmelreich. Dort stand nämlich oft halbe Stunden lang Anna, die Leinwandmagd, und wand mühselig die vollen Eimer herauf, wenn eben große Hofwäsche war. Das frische, derbe Mädchen mit dem blendend weißen Kopftuch und der leuchtenden Linnenschürze bildete den Glanz- und Schlußpunkt der Perspektive, in welchem alle Linien vom Portal her zusammenliefen. Kein Wunder, daß Kaspars Blicke diesen magischen Linien folgen mußten; denn er liebte die Anna, und sie liebte ihn wieder. Und weil es von seinem Portale her selbst für das schärfste Auge zu weit war, dem Mädchen genau in die blauen Augen zu sehen, so ging er fleißig zu ihr hinüber, half ihr die schweren Eimer aufwinden, plauderte mit ihr auf der Brunnenbank, und da es am Brunnen manchmal zu lebhaft und öffentlich zuging und auch andere Schloßmägde kamen, setzte er sich zuweilen seitab mit seinem Mädchen auf die Treppe der Schloßkapelle. So war es denn auch zuweilen geschehen, daß der Herzog ins Schloß geritten kam und keinen Türhüter am Tore fand, da derselbe viel mehr den Brunnen als das Tor bewachte. Darum ward Kaspar zur Strafe ans Hinterpförtchen versetzt, und die Schneckenlöcher wurden versuchsweise und aus Gnade gleichfalls seiner Obhut unterstellt. Es war aber grausam langweilig da drunten bei den Schnecken; ihre Pflege befriedigte Kaspars höherstrebenden Geist keineswegs, und der Pförtnerdienst am hintern Einlaß war kaum eine Arbeit zu nennen. Nur wenige Menschen stiegen des Tages die Felsentreppe auf und ab. Von Anna sah er oft die ganze Woche keine Spur. Sein bester Zeitvertreib war noch, schräg hinauf ein großes Stück der Front des Schlosses zu übersehen und zu beobachten, was da gelegentlich an den Fenstern der herzoglichen Gemächer vorging. Dabei sprach und rechtete er dann im stillen Sinn mit dem Herzog, der ab und zu an den Scheiben erschien. Der Herzog theologisierte da droben aus unklar gärendem Trieb des Schaffens und Herrschens, aus leidenschaftlichem Ehrgeiz des Studiums; und der Schneckenmeister philosophierte unten aus Zorn und Langeweile. Vornehme Leute philosophieren überhaupt zumeist, wenn sie sich recht freien, gehobenen Geistes fühlen, gemeine Leute, wenn sie Ärger oder Hunger haben. So stand Kaspar auch heute mit verschränkten Armen an der kleinen Fensterscharte seines Türmchens und sprach laut zu dem gotischen Prachtfenster des Herrenhauses hinüber, wo die Gestalt des Herzogs bald sichtbar wurde, bald verschwand; denn derselbe ging meditierend im Zimmer umher und warf manchmal einen Blick in die weite Landschaft hinaus. Kaspar sprach laut – war er doch sicher, daß seine Stimme oben in den Felsen verhallte, unten vom rauschenden Strom verschlungen ward und vom Herzog nicht gehört werden konnte: »Es ist jammervoll, wie schwer heutzutage Würde und Ansehen der Dienerschaft geschädigt wird durch das unziemliche Benehmen der Herrschaft. Hat der gnädige Herr da droben auch bedacht, was er tat, bedacht, daß er seinen ganzen Hofstaat erniedrigte, als er mich, den Sohn des Silberbewahrers, zum Schneckenmeister machte? Ich bin durch Geburt berufen, Silberbewahrer zu werden. Zerstört der Herzog den natürlichen Lauf der Dinge, wirft er mich hier herab an die Türe und beinahe vor die Türe, lediglich aus dem eitlen Grunde, weil ich lieber auf der Kapellentreppe gesessen habe als vor dem Schloßtor gestanden, so kann ihn ein anderer auch einmal hinabwerfen, Gott weiß wohin, weil er lieber in der Kapelle stehen will als auf dem Throne sitzen. Man flüstert davon, die fürstlichen Verwandten hätten sich an den Kaiser gewendet, daß er den Herzog absetze, wenn er predige. Welch eine schreckliche Zeit! Achtet man das Recht meines kleinen Erbadels nicht, so wankt auch der große. Des Herzogs Vater war ein anderer Herr! Der ließ jeden leben, wie er wollte; er tat noch viel weniger als sein Sohn, und man spürte gar nicht, daß er überhaupt regierte; aber was einmal zu Recht besteht, das mußte stehenbleiben, und also ließ man auch ihn selber stehen. Es ist ein großes Unglück, daß er vor der Zeit gestorben ist; lebte er noch, so wäre ich jetzt Silberbewahrer statt Schneckenbewahrer, und das Land hätte Ruhe und Frieden behalten. Sonst sagt man wohl: was die Alten sungen, das zwitschern die Jungen. Das gilt aber bloß von den gemeinen Leuten und niemals von den großen Herren. Denn kaum schließt da der Vater die Augen, so richtet der Sohn auch stracks ein ganz anderes Regiment ein; wer gestern in Gnade stand, fällt heute in Ungnade, was recht war, wird schlecht, was schwarz, weiß, das ganze Land wird auf den Kopf gestellt. Und wenn man gemeiner Leute Kindern höflicherweise sagt: wie schade, daß euer Vater so früh gestorben ist, so darf man das einem jungen Fürsten niemals sagen, denn man sagte ihm damit eine große Grobheit. Jetzt schaut der gnädige Herr gerade auf mich herab! Ich muß einen Schritt zurücktreten. Was er nur da droben treibt und sinnt, indem er fort und fort ans Fenster und ins Gemach zurückgeht wie der Löwe im Käfig? Vermutlich brütet er wieder eine Predigt aus, die er gern halten möchte und doch nicht zu halten wagt. Das ist nun ein rechtes Kreuz fürs Herzogtum. Wir Hofleute leiden besonders darunter. Wo bleibt das Ansehen des fürstlichen Dienstes, wenn der Fürst ein Pfarrer wird? Das sollte einer dem Herzog deutlich sagen. Aber die vornehmen Herren, welche des Fürsten Ohr besitzen, wagen's nicht, und wir minder vornehmen Diener, die wir Mut und Verstand haben, das rechte Wort zu reden, wir werden nicht angehört. Könnte ich nur ein einziges Mal von der Leber weg über das Predigen mit ihm sprechen: ich bin gewiß, er würde die Torheit verschwören für sein ganzes Leben.« Während aber der Schneckenmeister ungehört also zum Fenster des Herzogs hinaufsprach, war des Herzogs Auge wechselnd auch hinunter auf das Türmchen und den philosophierenden Mann an der Fensterscharte gerichtet. Der Fürst redete ganz still in sich hinein: »Wie der faule Kerl da drunten stundenlang ins Blaue blickt, und hinter seinem Rücken schlüpft derweil Gesindel die verbotene Treppe herauf, und dort klettern die Schulbuben in die Schneckenlöcher und stehlen mir meine Schnecken! Es ist ein wahres Kreuz, daß diese Dienerschaft immer schlechter wird, da hilft selbst keine Strafe, denn der angeborene Pflichteifer vergangener Zeiten ist verschwunden. Ich muß dem Volk einmal eine furchtbare Straf- und Bußpredigt halten über Treue und Gehorsam. Das ist meines Amtes, aber ich kann es nicht vom Throne herab, ich kann es nur von der Kanzel, weil es nicht ausreicht, den einzelnen zu belehren und zu züchtigen: es gilt vielmehr Zucht und Lehre für das ganze Volk. Denn der Geist, der von einem zum andern weht und alle gemeinsam ergriffen hat, schuf diese Verderbnis der Sitten.« Und er nahm sich vor, heute abend allen Wein zu verschmähen, sowohl außer als in der Ordnung. Als aber Kaspar mit seinem Philosophieren zu Ende gekommen war, sah er, daß die Schuljungen sein Schneckengewölbe geplündert hatten, und als der Herzog seinen Predigttext bis ins kleinste durchgedacht, konnte er dem Durst nach so heißer Arbeit nicht widerstehen und ließ sich seufzend eine Kanne Burgunder bringen – seinen Frühstückswein, nach der Ordnung. Viertes Kapitel. Wenige Wochen nach dieser geisterweisen Zwiesprach zwischen Herr und Diener führte ein Volksfest große Menschenscharen von nah und fern in die herzogliche Residenzstadt. Am Trinitatissonntage wurde dort seit unvordenklicher Zeit alljährlich eines jener geistlichen Schauspiele aufgeführt, wie sie während des Mittelalters in vielen deutschen Gauen herkömmlich gewesen waren. Mit der Reformation waren diese Spiele auf protestantischem Boden freilich größtenteils verschwunden; doch behaupteten sie sich ausnahmsweise und in veränderter Gestalt noch in einigen protestantischen Orten bis gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts. So geschah es auch in unserm Städtchen, vielleicht weil der Hof das altertümliche Spiel begünstigte oder auch weil die Natur hier eine Bühne gebaut hatte, so erhaben, schön und zweckmäßig, daß sie weit und breit nicht ihresgleichen fand. Eine halbe Stunde oberhalb der Stadt führte nämlich eine enge Waldschlucht zu einem mäßig großen, fast halbkreisförmigen Gebirgsbecken, welches vorn in sanfte Matten auslief, während hinten senkrechte Felswände von vielfach zerklüftetem Buntsandstein die Szene abschlossen. Auf der Matte boten sich von selbst amphitheatralisch aufsteigende Sitz- und Lagerplätze für die Zuschauer, und die Felswand mit ihren rechts und links vorgeschobenen Blöcken und Steinsäulen und einer ansehnlichen Plattform in der Mitte war ganz wie zur Bühne gemacht. So brauchte man gar kein Theater zu bauen. Der einzige künstliche Apparat, welchen Menschenhand hinzugefügt, bestand in einem hohen, pyramidal aufsteigenden Brettergerüste an der Felswand und einer Zelttribüne für den herzoglichen Hof, dem Gerüste gerade gegenüber inmitten des Zuschauerraumes. Während aber bei andern geistlichen Volksschauspielen des Mittelalters die Geschichte Christi dargestellt wurde, hatte man hier vielmehr schon seit alter Zeit die Geschichte des Christen gewählt: Versuchung und Kampf, Fall und Verdammnis, Buße und Erlösung des Menschen, versinnbildet durch eine zusammenhängende Reihe von Szenen aus der Bibel und Heiligenlegende und abschließend mit dem erschütternden Schlußdrama des Jüngsten Gerichts. Bei letzterem folgte man dann ganz der geläufigen Symbolik der alten Maler und hatte eben zu diesem Zwecke das pyramidale Gerüst an der Felswand aufgebaut. Seit der Reformation waren freilich mancherlei Änderungen in dem überlieferten Plan des Spieles vorgenommen worden. Die Szenen aus der Heiligenlegende waren gestrichen, und selbst bei den biblischen Gruppen und Bildern vermied man solche, in welchen die Personen Gottes oder Christi oder der Jungfrau Maria, ja selbst der Apostel hätten erscheinen müssen. Man fürchtete die Erinnerung an den alten Bilderdienst, man scheute die Profanation, welche sich notwendig an das Vergreifen oder Mißlingen solcher Rollen knüpft, und hielt es überdies nicht für schicklich, daß ortsbekannte Leute, deren sonstiger Lebenswandel vielleicht sehr wenig Verwandtschaft mit dem Wesen jener heiligen Gestalten zeigte, nun plötzlich, zu übermenschlicher Reinheit vor allem Volk erhoben, dastehen sollten. War es doch einmal vorgekommen, daß der Gott Vater des Trinitatissonntags am Montage nach Trinitatis wegen Wilddieberei in den Turm gelegt wurde. Trotz dieser Beschränkungen blieb ein reicher, voller Kranz unverfänglicher Szenen übrig. Da sah man den Sündenfall, den Dulder Hiob, die klugen und törichten Jungfrauen, den reichen Mann und den armen Lazarus und vieles Ähnliche. Gesprochene Verse und sinnreich eingeflochtene geistliche Lieder verknüpften die Einzelbilder zu einer Art von fortschreitender Handlung, und allegorische Figuren der Tugenden und Laster, freilich dem Renaissancegeschmacke der Zeit gemäß der antik-heidnischen Mythologie entlehnt, mußten zwischendurch statt der Engel und Evangelisten das Wort ergreifen. Nur bei dem Schlußbilde, welches als der Glanzpunkt des ganzen Spiels erschien und demselben auch seinen volkstümlichen Namen gab, beim Jüngsten Gerichte, konnte man des Weltenrichters und der Engel und Teufel durchaus nicht entbehren. Doch sollten diese Gestalten nur im Hintergrunde auf- und niedersteigend fernhin verschweben; der Weltenrichter aber thronte mittels des gut verhüllten Gerüstes auf einer sonst unzugänglichen Felsspitze, wo er schweigend nur durch Hand und Blick sein Urteil fällte und in der Tat wie ein Herrscher aus ferner Geisterwelt dem prüfenden Auge der staunenden Menge entrückt war. Das Schauspiel entwickelte sich diesmal durchaus schön und ergreifend, und vor allem bot das Jüngste Gericht den geheimnisvollen Zauber eines überirdischen Traumgesichtes. Der Weltenrichter auf seinem Felsenthron, welchen ein höherer Stein, von niederhängenden Zweigen umwuchert, gleich einem Thronhimmel überragte, – die Engel mit Waage und Schwert und dem Buche des Lebens und Posaunen, zur Rechten und Linken an den absteigenden Felsspalten und auf vorspringenden Gesteinzacken aufgestellt, – die Seligen, welche rechts zu einer sonnigen Seitenhöhe hinanstiegen, die Verdammten, links in Klüfte niederfahrend, daraus dicker Rauch emporquoll und Feuer aufschlug, von gräßlich vermummten Teufeln rastlos geschürt, – dann auf der Zuschauerseite die weithin gelagerte bunte Volksmenge und in ihrer Mitte das prächtige Zelt des Herzogs, der, von seinem in Samt, Seide, Gold und Edelsteinen glänzenden Gefolge umringt, dort recht wie ein Erdengott dem auf den Felsen thronenden Herrn des Himmels gegenübersaß, – dazu die dröhnenden, vom Echo der Schluchten zurückgeworfenen Posaunenstöße, der Chorgesang und darauf die atemlose Stille der Menge in den Pausen, daß man trotz der Hunderte von Menschen plötzlich die volle Waldeinsamkeit des Ortes mit dem innern Ohre gleichsam hören konnte: – das alles packte Herz und Sinn der Versammelten in Schauer und Entzücken. Da sah man mit einemmal schwarze und immer schwärzere Rauchsäulen aus dem Höllenschlund zur Linken aufsteigen, der Wind wälzte sie hinüber zu dem mit gemalter Leinwand maskierten Gerüste. Jetzt schlug die Flamme aus dem Gerüste selbst hervor! – Ein herzzerreißender Hilferuf dringt von dort herüber. Wie im Echo antwortet die laut aufschreiende Zuschauermenge, welche plötzlich aus der Erstarrung des ersten Momentes erwacht. Die kunstreich geordneten Gruppen des Gerichts lösen sich in ein wirres Durcheinander. Dann verhüllt wieder undurchdringlicher Rauch die ganze Bühne. Die Teufel hatten das dürre Tannenreisig des Höllenfeuers zu stark geschürt, das ganze Podium des Jüngsten Gerichtes war in Brand geraten. Nur einen Augenblick – kaum daß man den Zusammenhang fassen konnte! –, und die erhabene Szene war grauenvoll travestiert. Die Seligen liefen durch die Hölle, um nicht oben im Himmel vor Rauch zu ersticken, und die Teufel halfen den Engeln aus dem Feuer. Der Erzengel Michael schrie erbärmlich um Hilfe. Die Zuschauer drängten sich in wogender Masse vor, jeder wollte retten, aber einer hemmte den andern. Da brachte der Herzog, der sich jetzt ganz als der feste, mutige Kavalier zeigte, durch tatkräftiges Beispiel und ordnenden Zuruf Plan und Vernunft in das Rettungswerk; es gelang ihm, mit noch einigen Männern seitwärts über die Felsen zur Brandstätte hinüberzuklimmen und die von den Flammen umringelten Darsteller herauszureißen, bevor das Gerüst krachend in sich zusammenbrach. Nur einen hatte man vergessen: den Weltenrichter hoch oben auf seinem Felsenthron. Da saß er, von Qualm und Lohe bedroht, dem Ersticken nahe; aufwärts konnte er nicht entrinnen wegen des überhängenden Felsenbaldachins, und der Sprung zur Tiefe würde ihn zerschmettert oder mitten in die Glut gestürzt haben. »Er hat Frau und Kinder!« riefen einzelne Stimmen. »Wer holt den Mann herunter?« fragte der Herzog mit gewaltiger Stimme. »Was sich der Retter auch zum Lohn erbitten mag, ich will es ihm gewähren!« »Dort in der Hölle steht noch eine einzige Leiter«, rief ein dritter, »aber die Flamme ergreift sie bereits. Wer reißt sie aus der Glut?« Da sprang einer von den vermummten Teufeln herbei, stürzte sich in die Flammen, als seien sie wirklich sein angeborenes Element, hob die Leiter heraus und setzte sie an den Felsen, obgleich das Feuer schon hie und da die Sprossen beleckte und um sein Gewand züngelte. Alle Blicke hingen an dem kühnen Mann; jeder Mund hielt den Atem zurück. Das Wagestück gelang. Der Teufel, in den angebrannten, vom Rauch geschwärzten Kleidern noch teufelmäßiger anzusehen als vorher, brachte den vor Todesschreck zusammenknickenden Weltenrichter aus den Flammen und führte ihn vor den Herzog, umringt von der beifalljauchzenden Menge. Der Fürst, gewohnt, zügellos jedem Eindrucke des Augenblicks zu folgen, brach in ein laut schallendes Gelächter aus, da ihm im Anschauen des wunderlichen Paares einfiel, daß also der Knecht der Hölle den Herrn des Himmels aus dem höllischen Feuer gerettet habe, rief dazwischen aber laut und mit gewaltigem Ernste: »Das Jüngste Gericht darf niemals wieder gespielt werden!« und schüttelte sich abermals vor Lachen, um dann jenen Ruf noch lauter und strenger zu wiederholen. Denn er empfand das Ärgernis und den Humor, welcher in dem Vorfalle lag, gleich stark und sprach seinen Tadel und sein Ergötzen durcheinander gleich offen und nachdrücklich aus. Plötzlich jedoch leuchte ein ganz anderer Gedanke sichtbar aus seinen Zügen. »Sind alle gerettet?« fragte er und schaute im Kreise umher. Gottlob! Sie waren es alle. Da nahm der Herzog seinen Hut ab und stand eine Weile wie im stillen Gebet versunken. Und das ganze Volk betete im stillen mit. Es war aber, als sei dies nun erst das wahre geistliche Schauspiel, zu welchem eigentlich die vielen Menschen von fern und nah herbeigeströmt, und die schönen Bilder seien nur ein Mummenschanz gewesen. Nach einer Pause ließ der Herzog den kühnen Retter vortreten. Der halb angebrannte Teufel nahm die Larve vom Gesicht und verbeugte sich tief vor dem gnädigen Herrn. Es war Kaspar, der Schneckenmeister. Der Herzog sah ihm scharf ins Auge; er erkannte und kannte gar wohl den oft bestraften Pförtner von der Felsentreppe. Aber er schüttelte ihm die Hand, spendete ihm reiches Lob und fragte dann mit huldvollem Lächeln: »Was erbittest du dir, Kaspar? Sag an! Ich will dir's gewähren.« Kaspar besann sich lange. Endlich sprach er: »Zuerst einen neuen Rock für den Winter und Schuhe und Hosen und Kappe dazu.« »Du sollst sie haben. Und welche zweite Bitte folgt auf die erste?« »Zum zweiten und letzten –« erwiderte Kaspar und begann zu stottern – »zum zweiten möchte ich gar nichts für mich erbitten, sondern – –« »Nun heraus damit! Für wen bittest du?« »Für Euch selber, gnädiger Herr!« »Für mich? Und was willst du, daß ich dir für mich selber gewähre?« Dem Kaspar begann's zu schwindeln. Er bat den Herzog für den Herzog: das schien ihm im Augenblick nicht mehr ganz vernünftig, und indem er nach richtigeren Worten suchte, verlor er vollends die Richtschnur der Gedanken. Der Herzog wurde ungeduldig, da auf wiederholtes Fragen kein zusammenhängender Satz aus dem Schneckenmeister herauszubringen war. Kaspar erschrak immer mehr und verstummte vollends. Endlich rief der Herzog: »Ich stellte dir im Grund nur eine Bitte frei, und du selber kannst keine zweite finden. Da aber nun doch auf dein erstlich ein zweites folgen muß, so will ich's aus freier Gnade hinzufügen. Und also gebe ich dir zu dem Rock, den Hosen und Schuhen und der Kappe für den Winter zweitens auch noch Kappe, Schuhe, Hosen und Rock für den Sommer. Für mich aber bitte ich von dir, daß du mir fortan treuer und eifriger dienest, als es bisher geschehen ist.« Kaspar entfernte sich, wie mit kaltem Wasser begossen. Er vergaß sogar zu danken. Als er unter die Leute zurücktrat, drängte sich Anna zu ihm vor. Sie hatte für sein Leben gezittert, sie hatte über seinen Mut und sein Glück gejubelt, sie wollte ihm vor aller Augen um den Hals fallen und einen Kuß geben. Doch Kaspar stieß sie kalt zurück und rief: »Rühre mich nicht an, Anna. Ich bin ein Esel.« Vergebens suchte Anna unter Tränen des Zornes eine nähere Erklärung dieses Wortes zu erlangen, welches so verständlich und doch so dunkel war. Kaspar ging schweigend neben ihr her. Erst als sie selber nun auch schweigend zu trotzen begann und der Pfad, den beide seitwärts gingen, einsam wurde, brach Kaspar sein Schweigen durch das öfters ausgestoßene abgebrochene Wort: »Diese verdammte zweite Bitte!« Anna griff den deutlichen Wink auf, der ihr hier zum Wiederanknüpfen des Gespräches gegeben war, und beschwor ihn, zu bekennen, welche zweite Bitte das denn eigentlich gewesen, die ihm in der Kehle steckengeblieben sei. Jetzt löste sich Kaspars Zunge plötzlich und gewaltsam: »Hölle und Teufel! Ich wollte sagen: ich bitte Eure Gnaden um Gottes willen, nicht zu predigen! – – Nun ist's heraus, ganz leicht, und vorhin ging es um die Welt nicht. Meinst du, ich wäre ins Feuer gesprungen für zwei Röcke und zwei Paar Hosen? Ich sprang hinein, weil mich die zwei Herrgötter dauerten, der eine auf dem Felsen droben in Feuer und Rauch und der andere drunten unter dem Herzogszelt, welcher alleweil predigen will. Also bin ich zweitens durchs Feuer gegangen für die Würde des Hofes und das Beste des Landes, damit ich einmal das Recht gewönne, unserm Herrn die Meinung zu sagen, so frei wie sein Kanzler und Geheime Rat. Aus zwei Gründen hatte ich mein Leben gewagt, darum erlaubte ich mir auch zwei Bitten – doch keine für mich. Denn den Rock und die Hosen wollte ich dem armen Schlucker, dem Weltenrichter, für nächsten Winter schenken, und den Herzog hätte ich dem Lande wiedergeschenkt. War das nicht fein gedacht? Und jetzt befällt mich mit einemmal der Schreck und Schwindel angesichts des Herzogs, der mich auf der brennenden Leiter nicht befallen hatte, und ich habe mir beide Hände umsonst verbrannt und in meiner Dummheit das Beste doch nicht herausgebracht!« Fünftes Kapitel. Kaspar wurde selbigen Tages noch von vielen belobt und. beglückwünscht, und alle fragten ihn dann auch, was doch eigentlich die zweite Bitte gewesen sei, die er nicht habe über die Lippen bringen können. Allein, was er seiner Geliebten anvertraut, das sagte er weiter keinem Menschen. Anfangs hüllte er sich aus Ärger in geheimnisvolles Schweigen, und nachher fand er seine stille Freude dran, die Frager durch allerlei ausweichende Reden erst recht neugierig zu machen und ihnen dann hinterdrein doch nichts zu sagen. Auch seiner Anna hatte er Schweigen auferlegt. Sie hielt es getreulich mit der einzigen Ausnahme, daß sie noch desselben Abends ihrer innigsten Freundin, der Küchenmagd, die ganze Sache erzählte. Die Küchenmagd berichtete sie dann nur ihrem getreuen Verehrer, dem Kapaunenstopfer, welcher eben drei Kapaunen in die Küche ablieferte. Der Kapaunenstopfer bewahrte die Neuigkeit über Nacht. Als er aber des andern Morgens zum Hofbäcker ging, um seine tägliche Brotration zu holen, konnte er sie diesem doch nicht vorenthalten, und weil gleich nachher der herzogliche Läufer am Fenster der Hofbäckerei vorbeilief, so klopfte ihm der Bäcker und teilte ihm die verschluckte zweite Bitte des Schneckenmeisters mit, über welche sich ja die ganze Stadt den Kopf zerbrach. Da aber der Läufer solchergestalt um fünf Minuten zu spät bei seinem Vorgesetzten, dem Hoffourier, ankam, so mußte er die Geschichte, welche schuld daran war, notwendig auch diesem wiedererzählen. Der Hoffourier war vergangene Nacht von seiner Frau mit einem Bübchen beschenkt worden und wollte eben zum Hofprediger gehen, um ihn zu bitten, daß er den kleinen Heiden taufen möge. Und weil die Vaterfreude mitteilsam macht, so vertraute er dem hochwürdigen Herrn denn auch in aller Geschwindigkeit, was eigentlich die verhaltene zweite Bitte des Kaspar gewesen sei. Der Hofprediger hielt es für seine heilige Pflicht, dem Herzog stracks von der Sache Kunde zu geben. Er erklärte den Brand des Gerüstes für einen Wink des Himmels, der keine Freude an solchen Spielen habe; die verschwiegene zweite Bitte des Schneckenmeisters aber sei ein irdischer Wink, den man auch nicht verachten dürfe. Denn der Herzog sehe daraus, wie selbst der gemeine Mann durch das Vorhaben des gnädigen Herrn, allerhöchstselbst predigen zu wollen, in Besorgnis und Aufruhr versetzt werde. Und wenn auch die Mahnworte der Geistlichen und der getreuen Räte unerhört verhallten, so möge doch Seine fürstliche Gnaden diese Stimme aus dem Volke nicht überhören, die um so beweglicher und lauter gesprochen, als sie eigentlich gar nicht gesprochen habe, sondern in tiefster Ehrfurcht erstickt sei. Der Herzog blickte den Prediger mit großen Augen an; er schwieg lange und durchdachte sichtbar, was er eben gehört, unter Zweifeln und Bedenken. Aber plötzlich leuchtete sein Antlitz, der Entschluß war gefaßt; schon glaubte der Hofprediger, seinen starren Sinn endlich gewendet zu haben. Da rief der Herzog seinen Leibdiener und befahl, daß er ihm heute bei Tisch statt des Weines einen Krug frischen Brunnenwassers auftragen solle. Dies sagte er recht laut und deutlich, damit es der Prediger ja hören möge, zu ihm selbst aber sprach er kein Wort und verabschiedete ihn mit einer stummen Handbewegung. Der geschlagene Mann verstand gar wohl den Sinn jenes Befehls: der Herzog wollte nun erst recht predigen und recht bald obendrein. Es blieb nur noch die leise Hoffnung übrig, daß das Brunnenwasser keine drei Tage standhalten werde auf der herzoglichen Tafel. Sechstes Kapitel. Inzwischen hatte Kaspar bald genug erfahren, daß das Geheimnis seiner zweiten Bitte ausgeplaudert worden sei, obgleich er nicht ahnte, daß es gar der Herzog schon wisse. Er suchte die schwatzhafte Anna auf, um ihr tüchtig den Text zu lesen. Die Leinwandmagd ließ den ganzen Sturm seines Zornes ruhig über sich dahinbrausen; nachdem er aber um so rascher ausgetobt, je heftiger er begonnen, fragte sie den Kaspar – die Arme in die Hüfte gestemmt –, ob er denn auch wisse, warum sie geplaudert habe. Sie plaudere nie aus Lust am Plaudern, sondern stets aus höheren Gründen. »Ich habe geplaudert aus Ärger über dich und aus Stolz auf dich. Aus grimmigem Ärger: Denn wie konntest du so töricht sein und nach einer solchen Heldentat bloß um Rock und Hosen bitten und darauf mit einem Anliegen steckenbleiben, welches dich gar nichts anging? Seinem Ärger aber muß man in Worten Luft machen, sonst schlägt er nach innen auf die edlen Teile, und man wird krank. – Dann habe ich aber auch geplaudert aus Stolz: Denn wenn schon deine zweite Bitte noch törichter war als die erste, so wäre sie doch sehr schön gewesen, wenn du sie herausgebracht hättest. Unterfing sich doch mein Schatz, obgleich bloß Schneckenmeister, dem Herzog zu sagen, was ihm kein Hofherr öffentlich ins Gesicht zu sagen wagt. Das hätte alles so beweglich enden können, wie man es in alten Geschichten von großmütigen Kaisern und Sultanen hört, und vielleicht hätte dich der Herzog wegen deines Freimutes gar zu seinem Kanzler gemacht. Dies ist nun nicht geschehen; aber ich war doch stolz, daß es beinahe hätte geschehen können, und die Leute sollten's wissen!« Bei diesen Worten stemmte sie die Arme nicht mehr mit spitzen Ellbogen in die Hüften, sondern streichelte dem Kaspar die Backen und das Kinn, daß er ganz weich ward und ihr die Hand gab und mit erstickter Stimme flüsterte: »Ich war ein rechter Esel, daß ich die zweite Bitte nicht herausbrachte.« »Das hast du gestern schon gesagt«, fiel Anna ein. »Aber jetzt merke auf meinen Rat. Der Herzog ist über die Maßen neugierig; er wird von fernher läuten hören von dem Gerede, das über deine zweite Bitte umläuft, aber keiner wird ihm den wahren Inhalt zu entdecken wagen. Er wird dich rufen lassen, er wird dich schärfer und geduldiger fragen –« »Und dann bitte ich ihn, daß er um Gottes willen nicht weiter ans Predigen denke!« »Keineswegs! Für diese Bitte findet sich in Jahr und Tag vielleicht wieder einmal günstige Gelegenheit. Zunächst mußt du deine erste Bitte verbessern, die viel zu klein gegriffen war, und dies gibt dann für jetzt die rechte zweite Bitte.« »Allein du warst ja so stolz auf die andere, ungesprochene. Spreche ich sie nun wirklich aus, dann wirst du noch viel stolzer werden.« »Gewiß! Doch alles zu seiner Zeit. Zuerst muß man vernünftig bitten, wenn auch nicht schön; dann kommt immer noch ein Tag, wo man auch schön und vernünftig bitten darf. Und also bitte jetzt den Herzog, daß er dir sofort erlaubt, mich zu heiraten, und dir einen bessern Dienst gibt (denn der Schneckenmeister schickt sich nicht für einen verheirateten Mann) und uns beiden eine recht reiche Aussteuer dazu. Das hätte gestern schon deine erste Bitte sein sollen. Und, ehrlich gestanden, plauderte ich vornehmlich deswegen, daß du mit deiner Bitte noch einmal recht ins Gerede kommen und vom Herzog aufs neue befragt werden möchtest.« Kaspar staunte über die Klugheit der alten Mutter Eva, die so klar aus seiner Anna sprach. Allein ihm blieb kaum Zeit, sich auszustaunen, denn es erschien ein Diener, welcher ihn augenblicklich zum Herzoge entbot. Siebentes Kapitel. Der Herzog hatte bei Tafel wirklich keinen Wein getrunken. Zwei Paar Augen lauerten gespannt, ob er nicht doch zuletzt zum Becher greife: Prinz Johann Christian und der Hofprediger. Allein der Prinz behielt gewonnen Spiel; ja es schien, als lege es der Herzog auch außerdem heute ganz besonders darauf an, den gefährlichen Plänen seines Vetters vorzuarbeiten. Der Rheingraf Karl mit seiner Tochter war zu Gaste. Doch der Herzog wechselte kaum ein paar Worte mit ihnen und vernachlässigte sie in fast beleidigender Weise. Er brütete über der zweiten Bitte des Schneckenmeisters. Sie dünkte ihm allerdings ein Zeichen, aber von ganz anderer Bedeutung, als es der Hofprediger gemeint hatte. Denn daß Kaspar ihn vom Predigen hatte abmahnen wollen, war ja nicht das Wunderbare, sondern daß er diese Abmahnung mit aller Gewalt nicht hatte aussprechen können. Zudem fand der Herzog einen mystischen Zusammenhang zwischen dieser zweiten Bitte und der zweiten Bitte, die ihn selber Tag und Nacht bewegte als sein erstes Predigtthema, der zweiten Bitte des Vaterunsers. Auch das erschreckende Zeichen des verbrannten Jüngsten Gerichts ließ sich mit dem Thema wirksam verflechten, und so erwuchs im Geiste des Herzogs die Disposition zu einer mindestens sechs Stunden langen Riesenpredigt, wie man sie vor Zeiten in Holland gehalten hat, und er vergaß völlig, daß er bei Tafel saß und werte Gäste ehren sollte. Kaum war der letzte Gang aufgetragen, so erhob er sich auch schon zerstreut wie im Halbtraume und machte Anstalt, sich sofort zu verabschieden. Vergebens nahm ihn die Herzogin beiseite und flüsterte ihm zu, daß es doch schicklich sei, noch ein halbes Stündchen zu verweilen, dem Rheingrafen einige Aufmerksamkeit zu widmen und nach hergebrachter Sitte mit den Gästen ein wenig im Schloßgarten umherzuspazieren. Er erwiderte laut: »In alter Zeit erquickten sich die Tischgenossen nach dem Mahle auch geistig durch das Anhören von Sängern, Dichtern und Lautenspielern; statt dessen ziemet uns eine geistliche Erquickung, die wir beschaulich in uns selber finden. Und also suche ich jetzt die Einsamkeit meines Zimmers, und wenn ihr alle das gleiche tut, wird es euch besser bekommen als eitles Verdauungsgespräch.« So empfahl er sich höchst gemessen und ließ die Gesellschaft erstaunt und verstimmt zurück. Die Herzogin wollte in den Boden sinken, der Vetter aber triumphierte im stillen. Doch es kam noch besser. Die Bürgermeister sämtlicher herzoglicher Städte waren schon seit drei Tagen in der Residenz versammelt, um eine gemeinsame Beschwerde wegen der Übergriffe herrschaftlicher Vögte und Amtleute persönlich vor den Herzog zu bringen. Von einem Tag auf den andern vertröstet, waren sie endlich heute nach der Tafel zur Audienz entboten. Als sie aber nunmehr dem Herzog gemeldet wurden, geriet derselbe in großen Zorn. Es dünkte ihm viel wichtiger, den Schneckenmeister zu sprechen, als seine sämtlichen Bürgermeister. Der Kämmerer wagte es, seinen Herrn auf die politische Wichtigkeit dieser Audienz aufmerksam zu machen. Dies brachte ihn aber erst recht in Harnisch. Entrüstet rief er aus: »Soll ich über diesen kleinlichen Städteprivilegien die großen Pläne verabsäumen für das Seelenheil meines ganzen Volkes?« Darum ließ er den Bürgermeistern sagen, daß er sie jetzt und auch demnächst nicht empfangen könne und daß sie ihr Anliegen schriftlich auf der Kanzlei abgeben möchten. Die Bürgermeister zogen tiefgekränkt wieder ab. Johann Christian aber entbot sie vorher noch einmal zu sich, erwies sich ihnen überaus freundlich, begleitete sie bis auf den Schloßhof und beklagte, unter herzlicher Teilnahme für seinen regierenden Vetter, daß derselbe jetzt so dringend nötig mit dem Kaspar Krummholz zu verhandeln habe und folglich durchaus keine Zeit für die Vertreter seiner getreuen Städte finden könne. Äußerst verstimmt ging inzwischen der Herzog in seinem Zimmer auf und nieder. Man ließ ihm keine Muße, seiner höchsten Aufgabe zu leben, man erkannte nicht, wie er den andern Fürsten durch ein höher gegriffenes Regentenideal voraneilte, man wollte ihn beständig herabziehen in den altgewohnten, erbärmlichen Kreislauf der Geschäfte. Er rief den Schneckenmeister vor, der schon geraume Frist im Vorzimmer gewartet hatte. Durchbohrend blickte er ihn an, aber Kaspars Mienen waren glatt und fest wie ein eherner Schild. Der Herzog begann: »Ich versprach, dir eine Bitte zu gewähren, und habe dir ungebeten eine zweite dazu gewährt. Du aber hattest noch eine andere zweite Bitte im Sinn, die sollst du mir jetzt frei bekennen.« Ohne Zögern erwiderte Kaspar: »So bitte ich denn Eure Gnaden um die Erlaubnis, die Anna heiraten zu dürfen, die Leinwandmagd, und um ein besseres Amt, das uns beide ernährt, und um eine Aussteuer, die so klein oder groß sein mag, als es meinem gnädigen Herren gefällt.« Der Herzog, welcher den unerschütterlichen Kaspar zu erschrecken vermeint hatte, war selbst ganz erschrocken über diese zweite Bitte, welche eigentlich die dritte Bitte war und selber wiederum in drei Bitten zerfiel. Zwischen Zorn und Lachen kämpfend, erhob er drohend den Finger: »Kaspar! Zum Lügen gehört ein gutes Gedächtnis! Du hast vergessen, was du gestern gesagt: Denn zum zweiten wolltest du ja gar nicht für dich bitten, sondern für mich.« »So ist es!« fuhr Kaspar ganz gelassen fort. »Ich wollte Euch einen besseren Diener erbitten. Denn solange ich die Anna bloß liebe und nicht heiraten darf, mache ich in meinem Amte einen dummen Streich um den andern. Verheiratet Ihr mich aber, gnädiger Herr, und erlöst mich von meinem Strafamt an der Hinterpforte und stellt mich an den rechten Platz, dann werdet Ihr den besten und treuesten Diener gewinnen.« Der Herzog wollte ihn zur Türe hinausjagen wegen dieser unverschämten Sophisterei. Doch Kaspar lachte selbst so dummpfiffig zu seinen eigenen Worten, daß der Herr nicht wußte, ob er über die Geistesgegenwart des Gesellen staunen, sich über dessen Frechheit erzürnen oder über seinen Humor mitlachen solle. Er legte aber sein Gesicht in tiefernste, drohende Falten, winkte den Kaspar einen Schritt näher und rief mit gewaltiger Stimme: »Du wolltest mich bitten, nicht zu predigen! Kannst du's leugnen?« Kaspar schüttelte den Kopf; man wußte nicht, ob verneinend oder bloß erwägend. »Hast du nicht selbst nachher erzählt, daß dies eigentlich deine zweite Bitte gewesen sei?« »Und wem sollte ich's erzählt haben?« »Du hast es meinem Hofprediger gestanden!« »Dem Herrn Hofprediger habe ich gar nichts gesagt«, entgegnete Kaspar rasch. »Aber vielleicht ließ mich der hochwürdige Herr nur so reden wie einen Mann im Gleichnisse. Er legte mir eine Bitte in den Mund, die er gern zu Euer Gnaden Ohren bringen wollte, ohne daß er sich getraute, sie als seine eigene Bitte auszusprechen.« Der Herzog ließ sich auf die falsche Fährte locken; ein gewaltiger Zorn gegen den Hofprediger zuckte durch sein erregbares Gemüt. Kaspar aber im stolzen Gefühl seiner Überlegenheit freute sich, daß er durchaus nicht unmittelbar gelogen und doch den Herzog hinters Licht geführt habe. Und wenn der Hofprediger in Ungnade fiel, so freute ihn das doppelt; denn er konnte den Mann ohnedies schon längst nicht ausstehen. Plötzlich aber belebten sich die kalten, sarkastischen Züge des Schneckenmeisters wunderbar, seine Augen leuchteten, es war, als habe sein guter Geist mit einem Schlag den bösen überwunden, und er sprach mit erhobener Stimme und flehender Gebärde: »Ich habe gestern Euer Gnaden allerdings bitten wollen, nicht zu predigen, aber ganz habe ich's doch nicht gewollt, denn sonst hätte ich's ja getan. Jetzt tu' ich es! Gnädiger Herr! Schlagt Euch doch um Gottes willen den Pfarrer aus dem Kopfe. Hört auf mich einfältigen Mann und predigt nicht!« »Und warum soll ich nicht predigen?« »Weil es Eure Feinde freuen, Eure Freunde betrüben würde!« »Was weißt du von meinen Freunden und Feinden? Wer sind meine Feinde?« »Gnädiger Herr«, entgegnete Kaspar ganz leise, bewegten Tones, »als ich gestern abend einschlief, kam mir im Traume das Schauspiel des Jüngsten Gerichtes sofort wieder vor Augen. Die Hölle brannte den Himmel wieder an wie tags vorher, ich sprang wieder als Teufel herzu und riß die Engel aus dem Feuer. Doch als ich dann zum Lohne in des Herzogs Zelt gerufen wurde, sah es dort ganz anders aus wie tags vorher. Auf dem Thron saß Euer Vetter Johann Christian mit dem Herzogshut. Der gewährte meine erste Bitte, nämlich daß ich heiraten dürfe, und machte mich zum Silberbewahrer und gab mir eine prächtige Aussteuer. Und als ich darauf noch eine zweite Bitte sagen sollte, stotterte ich gar nicht, sondern mit Tränen flehte ich den neuen Herzog an, daß er Euch freigeben solle aus dem Schloßturm, wo Ihr in einem schwarzen Chorrock eingesperrt saßet und den Fledermäusen predigtet!« »Und was erwiderte mein Vetter?« »Leider erwiderte er gar nichts, sondern er jagte mich davon, und ich erwachte.« Nach diesen Worten hielt der Herzog seinen Zorn über die Frechheit des Burschen nicht länger zurück und tat dasselbe, was angeblich sein Vetter im Traume getan hatte. Indem er aber die ganze Kette doppeldeutiger, eigennütziger und unnütziger Antworten erwog, die ihm der Schneckenmeister gegeben, vertiefte und verlor er sich ganz in den Rätselgängen des menschlichen Herzens, und sein Entschluß stand fester als je, daß er predigen wolle und müsse, um seinen verderbten Untertanen die Wahrheit persönlich zu sagen. Und er befahl dem Mundschenk, auch für die Abendtafel nur klares Brunnenwasser in seinen Becher zu füllen. Achtes Kapitel. In der Leinwandkammer war es heute rührig zugegangen. Man hatte Wäsche von der Bleiche gebracht, gemangt, gezählt und in Schränke und Fächer geordnet. Anna war dabei zum Staunen der Beschließerin über alle Maßen fleißig gewesen: sie wollte die Angst und Spannung ihres Gemütes durch Arbeit niederhalten. Denn noch wußte sie nicht, ob Kaspar, nachdem sie ihm heute mittag die guten Lehren gegeben, zum Guten oder zum Bösen vor den Herzog war berufen worden. Der Abend kam. Die Arbeit ging zu Ende; die Beschließerin legte den kleinen Rest vollends in die Hände der so überaus fleißigen Magd und gab ihr den Schlüssel, die Kammer nachher sorgsam abzusperren. Als aber die Beschließerin fort war, setzte sich Anna auf eine Kiste, legte beide Hände in den Schoß und seufzte. Wäre doch Kaspar jetzt hier gewesen, um ihrer Ungewißheit ein Ende zu machen! Die sinkende Sonne glühte purpurn durch die runden Scheiben und warf breite Lichtstreifen auf die blanklackierten, reichgeschnitzten Weißzeugschränke und das blütenweiße Linnen, welches noch auf den Tischen gebreitet lag, und Anna saß inmitten dieses Tempels der Reinlichkeit mit ihren lichtblauen Augen und schneeigen Armen und der weißen Haube und Schürze, als wäre auch sie von innen und außen frisch gebleicht. Selbst eine Leinwandkammer kann zur paphischen Rosenlaube werden: es kommt nur darauf an, wer darinnen sitzt und wer hineinschaut. Plötzlich streckte Kaspar seinen struppeligen Kopf herein. Er sah keine Rosen, er sah nicht einmal Leinwand; er sah nur Nebel und Dämmerung in all dem weißen und roten Licht, und selbst die leuchtende Anna erschien ihm wie die Sonnenscheibe hinterm Nebel. Der Herzog hatte ihm gesagt, daß er sich packen solle – ob bloß aus der Audienz oder überhaupt aus dem Dienste? – Eines wie das andere konnte der Sinn der doppeldeutigen und doch so überaus klaren Abschiedsformel sein, genau wie hinter seiner Antwort wegen der zweiten Bitte und wegen des Hofpredigers ein Doppelsinn bei scheinbar bestimmter Rede gelauert hatte. Er rief die Freundin heraus auf den dunkeln Gang vor der Kammer, wo der Rückzug gedeckter war, falls ihre Zwiesprach gestört würde, und Anna schlüpfte hervor, die Kammertür gleichfalls zum Rückzug halb offen lassend. Sie fragte, wie es ihm in der Audienz ergangen sei. »Vortrefflich!« erwiderte Kaspar. »Der Herzog hat mich in seltsamer Huld und Gnade entlassen.« (Denn er meinte, schlimme Dinge brauche man seiner Geliebten nicht eher genau zu sagen, bis man sie selber genau wisse.) Dann berichtete er, wie er sein Heiratsgesuch vorgetragen, der hohe Herr habe aber noch keine Antwort gegeben. Anna brachte zum Troste ein Stück frisch gebleichter feiner Leinwand hervor, zehn Ellen lang und sechs Viertel breit, das war ihr als überzähliger Rest beim Aufräumen an den Fingern hängengeblieben, und schenkte es ihm zu neuen Hemden. Hierdurch etwas gestärkt, erzählte Kaspar mit wachsender Laune, wie er den Herzog belogen und an der Nase herumgeführt, auch dem Hofprediger unversehens ein Bein gestellt, dann aber dem armen verratenen Herrn die Ränke seines Vetters im Traume gezeigt habe. Er machte sich dabei gehörig lustig über den närrischen Herzog, der fortwährend in der Einbildung lebe und Gleichnisse deute, und doch besäße er nicht Verstand genug, dieses deutlichste Bild und Gleichnis zu durchschauen. Bei diesen Worten wurden die beiden durch ein leises Geräusch erschreckt. Sie blickten forschend ringsum, entdeckten aber nichts. Es mochte eine Katze vorbeigesprungen sein. Anna hatte anfangs gelacht über Kaspars Bericht, nahm aber jetzt plötzlich einen sehr ernsten Ton an und putzte ihn tüchtig aus, daß er seinen Herrn belogen und den Hofprediger verleumdet habe. Sehr kaltblütig entgegnete Kaspar und ganz lehrhaft: »Es kommt überall darauf an, wen man belügt. Wie könnte heutzutage die Dienerschaft mit ihrer Herrschaft auskommen, wenn sie ihr immer die Wahrheit sagte? Ist mein Herr in Gefahr, dann warne ich ihn ehrlich und trotze selbst seiner Ungnade, wie ich's heute getan, ja ich gehe für ihn durchs Feuer. Wo es aber bloß unsern Vorteil gilt und der Herrschaft kein besonderer Schaden droht, da dürfen wir sie auch anlügen zum Blauwerden; denn wie wollten wir gemeinen Menschen uns sonst erhalten vor der Übermacht der Großen? Übrigens zupfe nur an deiner eigenen Leinwand, die du mir eben geschenkt hast!« Anna, die leuchtende, reine Gestalt, geriet in heftige Aufregung. »Du schändlicher Mensch!« rief sie, »du meinst wohl gar, ich habe die Leinwand gestohlen? Nicht einen Faden würde ich anderswo nehmen, und keine Pfennigsemmel nähme ich dem Bäcker vom Laden, und wenn ich am Verhungern wäre. Aber dieses Stück Leinwand gehört zum herzoglichen Inventar, und da darf ein herzoglicher Diener zwischendurch etwas behalten, wenn's nur nicht gar zuviel ist. Der Koch behält sich von Fleisch und Gemüse, was seine Familie noch nebenbei bedarf, und der Geheimschreiber von Pergament und Siegelwachs, was er an Freunde billig verkaufen kann: warum sollte ich nicht etwas Leinwand behalten? Das geht so hinauf bis zur Herrschaft. Nur bleibe jeder mit seinen Fingern beim Inventar seines Amtes, dann ist's nicht gestohlen. Und so stiehlt unser gnädiger Herzog zuletzt dem Kaiser die Reichssteuern, ja er stiehlt unserm Herrgott die Tage, da er in Gedanken predigt, statt zu regieren; und er glaubt ein so gutes Recht auf alles das zu haben wie ich auf diese Leinwand.« Bei diesen Worten hörten beide dicht hinter sich ein noch stärkeres Geräusch als vorher. Anna schrie laut auf, warf die Tür der Leinwandkammer ins Schloß, zog geschwind den Schlüssel ab und lief mit ihrem Kaspar den dunklen Gang hinunter ins Weite, als ob ihnen der Teufel auf den Fersen säße. Neuntes Kapitel. Ein Lauscher hinter der halbgeöffneten Tür hatte die ganze Unterredung angehört: – es war der Herzog selber. Beunruhigt durch Kaspars Traumgeschichte trieb es ihn ins Freie, seine widersprechenden Empfindungen auszustürmen, seine Gedanken zu sammeln. Da hörte er, durch den dunklen Gang zur Hinterpforte eilend, seinen Namen und erkannte die Stimme des soeben ungnädig verabschiedeten Warners. Neugierig wie er war und auch wohl in der Hoffnung, noch deutlichere Winke zu erlauschen, schlich er sich unvermerkt in die offene Leinwandkammer und hatte nun hier Kaspars Selbstbekenntnis seiner Lügen wie den weiteren moralischen Dialog der beiden Liebenden Wort für Wort genau vernommen. Er wollte hervortreten bei Annas letzter Rede. Allein das erschreckte Mädchen, wähnend, das Geräusch komme von der andern Seite, hatte schneller noch die Türe ins Schloß geworfen, und so sah sich der Herzog in seiner eigenen Leinwandkammer eingesperrt. Er rief. Doch die eilends Fliehenden hörten ihn nicht mehr. Er versuchte mit Gewalt hinauszukommen. Allein die eisenbeschlagene Tür widerstand, und die Fenster, welche auf den Fluß gingen, waren stark vergittert. Darum gab er bald die fruchtlosen Versuche auf. Nachdem er sich aber einmal resigniert hatte, vergaß er auch sofort das Verdrießliche und Komische der Lage. Und so völlig lebte dieser Mann in der selbstgeschaffenen Welt seiner Gedanken und Einbildungen, daß er jetzt in der Kammer auf und ab ging, als wäre sie sein gewohntes Zimmer, und rastlos mit sich selber redend, die Zweideutigkeit und Schlechtigkeit der Menschen geißelte. In der Kammer ward es mittlerweile immer dunkler, in seinem Kopfe immer heller. Er durchschaute Plan und Mittel seines Vetters zum erstenmal, und viele kleine Tatsachen, die er bisher kaum beachtet, wurden ihm nun erst verständlich und reihten sich Glied an Glied. Allein statt sofort zu erwägen, wie er dem Vetter begegnen, wie er ihn unschädlich machen, wie er die weiteren Fäden einer wahrscheinlichen Verschwörung entwirren und die gärenden Gemüter beschwichtigen solle, faßte er die Sache unvermerkt von ihrer psychologischen und moralischen Seite und predigte über die Verruchtheit des ungetreuen Vetters. Die großen Sünder sind aber selten die interessantesten, die kleinen Sünder fesseln meist viel mehr. Darum lockte es den Herzog auch ganz besonders, die dunklen Irrgänge zu verfolgen, welche sich ihm in der Seele Kaspars aufgetan hatten und seiner blendend weißen Anna. Und eh' er sich's versah, war ihm die Frage, wie er den Vetter entlarven solle, ganz entschwunden vor der viel wichtigeren, wie der kleinere, aber merkwürdigere Sünder, der Kaspar, am besten zu züchtigen sei. Was sollte er tun? Dem Kaspar bloß eine Strafpredigt halten, das war zu wenig und würde nicht viel geholfen haben. Ihn einsperren lassen, wäre ein gemeines Mittel gewesen, was jeder Amtmann anwendet; dazu brauchte man keinen theologisch geschulten Herzog. Ihn im Dienst zu behalten, würde unklug, ihn einfach fortzujagen, unedel sein. Hatte nicht Kaspar, obgleich im Kleinen schändlich untreu, im Großen seine Treue bewährt und gestern den Mann aus dem Feuer gerettet, heute dem Herzog die Netze seines Vetters enthüllt? Menschlicherweise hätte er den treuen Warner ja gar belohnen und vor dem Lügner und Verleumder ein Auge zudrücken müssen! Er sann und sann. Plötzlich zuckte ein erleuchtender Strahl durch seinen Geist. Er will den Kaspar samt der Anna strafen, nicht wie der Amtmann die Spitzbuben, sondern wie Gott die Sünder straft. Ihre eigene schlechte Neigung soll ihnen zur Zuchtrute werden, die Erfüllung ihres Lieblingswunsches zur Buße. Er will den Kaspar durch die Anna strafen und die Anna durch den Kaspar. Sie haben ihre Herrschaft belogen, betrogen, bestohlen, ja sie haben dies in ein feines Dogma gebracht. Man schmiede sie zusammen, und sie werden sich untereinander belügen, betrügen, bestehlen. So meint der Herzog. Darum will er sie verheiraten; sie müssen sich heiraten, wie Kaspar törichterweise gewünscht und doch nicht ganz von Herzen gewünscht hat. Die Ehe ist ein Himmel für reine Seelen, eine Hölle für unreine: sie sei ihre Strafe! Hiermit glaubte dann der Herzog gleicherweise als Mensch Gnade zu üben und Dank zu spenden, aber Strafe als priesterlicher Amtmann Gottes. Freilich befällt ihn einen Augenblick der Zweifel, ob es auch christlich sei, zur Strafe eine Hochzeit zu diktieren. Denn Galgen, Rad, Kerker und andere Strafmittel pflegen sonst sehr unheilige Dinge zu sein, an sich schon verhaßt und verachtet; sie können nicht entweiht werden, indem man Spitzbuben damit züchtigt. Die Ehe aber ist ein heilig Ding. Allein straft nicht unser Herrgott selber dumme und schlechte Menschen oft genug durch eine Heirat? Hiermit hatte der Herzog einen Gedanken erfaßt, welcher ihn dergestalt emporhob, daß es ihm zu schwindeln begann. Er erkannte einen fundamentalen Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Strafjustiz: die Menschen strafen durch einen Fluch, Gott aber straft auch durch einen Segen, durch die höchsten und heiligsten Güter ebensogut wie durch Hölle und Teufel. Und indem nun auch der Herzog diese beiden Menschen durch einen Segen strafte, den sie sich selbst nach ihrem sündhaften Wesen voraussichtlich zum Unsegen machen würden, – trat er nicht unmittelbar in die Fußstapfen Gottes? Es war ihm, als walte er in diesem Augenblicke zum erstenmal wie ein irdischer Gott. Bisher hatte er geglaubt, vor allem Volke priesterlich predigen, das sei das höchste Wirken, welches er nur erstreben könne; jetzt erschien ihm das Predigen plötzlich klein gegen ein viel größeres priesterliches Amt: als irdischer Gott unsichtbar, unmerkbar zweier Menschen Schicksale derart lenken, daß sie sich selbst ihr eigenes Gericht schafften, – war das nicht unendlich mehr? Auf der Höhe dieses Gedankens blickte der Herzog ringsum, als liege die ganze Welt zu seinen Füßen, und schritt weit aus, als gehe er einher zwischen den Reihen ängstlich harrender Sterblicher, die von seinem Winke das Los ihrer Zukunft erwarteten. Da stieß er wider den großen Leinwandschrank links in der Ecke – denn es war pechdunkel geworden –; er taumelte zurück und suchte sich vergebens an dem danebenstehenden Tisch zu halten, wobei er einen Haufen frisch gewaschener Bettücher herunterwarf, auf welche er dann ohne allen Schaden niedersank. Er erwachte aus seinem wachen Traum, er entsann sich, wo er war, wie er hierher gekommen. In seinem Innern leuchteten selige Gesichte, aber außen sah er keinen Stich; seine Seele fühlte sich befreit, doch sein Körper war ohne Zweifel eingesperrt. Er tastete nach dem Fenster, stieg hinauf und stieß mit der Nase an die Wand, daß sie blutete. Dem Herzog riß nun denn doch der Geduldfaden. Er kroch zur Türe und pochte und rief laut und immer lauter. Im Zustand höchster Begeisterung und vollsten Siegesjubels kümmert es uns blutwenig, ob wir durch ein kleinliches Mißgeschick Gefahr laufen, eine lächerliche Figur zu spielen. Er klopfte immer stärker, erst mit der Faust, dann mit dem Stiefelabsatze, daß es weithin durch die Gänge und Hallen des Schlosses dröhnte. So mochte wohl eine lange Viertelstunde vergehen. Endlich hörte er draußen leise Tritte. Der Schlüssel knarrt in der Türe, sie öffnet sich; er will stolz und zornig heraustreten. Da packt ihn im Dunkeln eine feste Faust am Kragen: »Haben wir den Leinwanddieb endlich erwischt?« rief eine gewaltige Baßstimme. Aber der Fürst rief noch gewaltiger: »Zurück! Rühre keiner mich an, ich bin der Herzog!« Bei der wohlbekannten Stimme ließ der Schloßvogt, welcher schon einen Prügel erhoben, den Herzog los und warf den Prügel weg. Man hörte ein Geflüster unter den Umstehenden, die der Lärm herbeigelockt hatte. Es kam Licht. Der erste Blick des Herzogs fiel auf seinen Vetter Johann Christian. Er maß ihn von Kopf zu Fuß, wahrend der erschrockene Schloßvogt unbemerkt zur Seite in die Knie gesunken lag. Johann Christian war im Begriff, seinem Staunen und Unmut Worte zu geben über die abenteuerliche Lage, in welche sich der Herzog vor seinen eigenen Leuten gesetzt hatte. Dieser aber kam ihm zuvor. »Lieber Vetter!« sprach er, »Ihr werdet Euch auf Euer Zimmer begeben und dasselbe mit keinem Schritte verlassen, bis ich's Euch erlaube. Ich habe wundersame Offenbarungen gehabt in dieser dunkeln Kammer. Noch umgeben mich treue Diener und Untertanen, auch wenn meine nächsten Verwandten untreu werden sollten.« Und dann nahm er ihn beiseite und sagte leise: »Ich werde heute abend einen vollen Becher Rheinwein trinken, kein Wasser. Inzwischen möget Ihr in der Einsamkeit nachdenken, ob es unschicklicher sei, daß ein Herzog predige oder daß ein Glied unseres Hauses auf seines eigenen Fürsten und Herren Absetzung sinne.« Der Vetter stand vernichtet. Er wagte kein Wort zu erwidern und ging, wie ihm der Herzog befohlen. Des andern Tages berief dieser seine Räte und ergriff klügere und schärfere Maßregeln gegen die drohende Verschwörung, als man ihm irgend zugetraut hatte. Und da er wirklich zum Wein zurückkehrte und nicht predigte, zerstob auch der Anhang seiner Gegner im Volke. Denn wegen schwachen, lässigen Regiments empörten sich damals die Untertanen nicht gegen ihren angestammten Herrn, und nur wenn der Herzog wirklich die Kanzel bestiegen hätte, wäre es möglich gewesen, den Glauben zu verbreiten, daß sein träumerischer Geist zugleich ein gestörter Geist sei und daß also der hohe Herr gleichsam sich selbst für unfähig erklärt habe, das Szepter zu führen. Zehntes Kapitel. Den Kaspar wollte der Herzog nicht wiedersehen; dagegen ließ er ihm durch seinen Geheimschreiber folgendes eröffnen: »Erstlich – Kaspar und Anna seien beide ihres Dienstes entlassen; zweitens – der Herzog befehle ihnen, sich binnen vier Wochen zu verheiraten; drittens – damit sie jedoch nicht hilflos aufs Pflaster gesetzt würden, schenke er ihnen ein Gütlein in seiner neugegründeten Kolonie Friedrichsdorf und werde für die nötige Ausstattung mit Fahrnissen sorgen, daß sie den Besitz schuldenfrei antreten könnten.« Es war aber dieses Friedrichsdorf eine alte Hofmark jenseit des Gebirges, wohl zehn Stunden von der Residenz entfernt, die im Bauernkriege verwüstet und von ihren Bewohnern verlassen worden war. So hatte die ganze Mark öde gelegen, bis sie der Herzog ankaufte, auf seinen Namen taufte und als nunmehriges Dorf mit neuen Ansiedlern bevölkerte, welche je ein kleines Bauerngütchen erhielten gegen mäßige Zinsen und Fronden. Ein recht fleißiger Mann konnte sich dort behaupten, trägere Wirte dagegen gingen hier wie auf andern ähnlichen Kolonien rasch zugrunde. Als dem Kaspar jene drei fürstlichen Gnadenartikel mitgeteilt wurden, war er sehr verblüfft. Er hatte Besseres erwartet, nachdem er erfahren, daß sich der Herzog seine Warnung vor dem Vetter mit so durchschlagendem Erfolg zu Herzen genommen. Ein Platz in der Silberkammer wäre ihm lieber gewesen als das schönste Bauerngut. »Wir Hofleute werden uns schwer an die Landluft gewöhnen!« bemerkte er seufzend dem Geheimschreiber, wagte aber doch nicht, das Dargebotene zurückzuweisen. Noch schwüler machte ihm – ganz im stillen – der zweite Punkt, daß er seine Anna binnen vier Wochen heiraten müsse. Er liebte sie so zärtlich, wie nur ein Schneckenmeister des sechzehnten Jahrhunderts eine Leinwandmagd lieben konnte; aber jetzt, wo die Hochzeit als unabwendbare Tatsache so nah vor der Türe stand, hätte er mit dem Heiraten gern noch etwas warten mögen. »Man hat viele Beispiele«, sprach er bei sich selbst, »daß junge Leute durch allzufrühe Heirat ihre ganze weitere Laufbahn verdarben: zu welchen Ehren könnte ich ledigerweise noch aufsteigen; verheiratet werde ich mein Leben lang ein Bauer bleiben müssen!« Anna freilich, die nicht viel mehr aufzusteigen hatte, war schon längst ganz anderer Meinung gewesen. Darum sagte ihr der kluge Kaspar zunächst gar nichts von den drei Gnaden des Herzogs, sondern suchte sich ihm stracks bei dessen gewohntem Morgenspaziergange in den Weg zu werfen. Es gelang. Der Fürst redete ihn an. Mit gewohnter Unbefangenheit dankte Kaspar für alle die hohen Gnaden, fragte darauf aber, ob es denn wirklich gelte, daß er binnen vier Wochen heiraten müsse, und ob es ihm nicht vergönnt sei, diesen zweiten Punkt in eine zweite Bitte zu verwandeln. Der Herzog entgegnete jedoch, daß er ihm nun bereits drei zweite Bitten gewährt habe und durchaus keine weitere zweite Bitte zugestehe. Binnen vier Wochen müsse er verheiratet sein. Der Ton dieser Worte ließ Kaspar nichts weiter übrig, als sich demütig zu verbeugen und seiner Braut den allerhöchsten Befehl mitzuteilen. Kaspars Bedenken hatte den Herzog entzückt. Die Gnade wurde also bereits als Strafe geahnt, die gewährte Bitte war jetzt schon, bevor sie noch ganz in Erfüllung gegangen, der Beginn der Buße. Stand ihm dieser Kaspar nicht bereits genau so gegenüber wie der grobe menschliche Sünder der feinen Weisheit und rätselhaften Gerechtigkeit Gottes? So dachte der Herzog. Der minder theologische Kaspar fügte sich dagegen ins Unvermeidliche; es sei doch auch etwas wert, daß er bei aller Spitzbüberei einen Winteranzug zum Verschenken und einen Sommeranzug zum eigenen Gebrauche gewonnen und ein Bauerngut mit aller Fahrnis dazu und daß er den Herzog vom Predigen abgehalten und ihm vielleicht die Krone gerettet habe. Die Frau, welche er ja liebe, könne er da schon als etwas verfrühte Beigabe mit in den Kauf nehmen. Und so heiratete er denn seine Anna, und sie zogen nach Friedrichsdorf und wurden Bauern. Elftes Kapitel. Herzog Friedrichs nächste zwei Lebensjahre gehören der Landesgeschichte. Sie erzählt, daß ein völliger Umschwung des Regiments eingetreten sei mit jenem Tage, wo die drohende Verschwörung entdeckt und Johann Christian ins Exil geschickt worden war. Hatte sich der Fürst vorher fast gar nicht um Land und Volk bekümmert, so arbeitete er jetzt Tag und Nacht mit ruhelosem Fleiße; er wollte plötzlich alles selber tun, von allen Dingen Einsicht nehmen. Die Bittschrift des geringsten Hintersassen war ihm nicht zu gering: er prüfte das Anliegen, als hänge das Wohl des ganzen Römischen Reiches davon ab, und entschied oft sehr wunderlich, mit unbeugsamem Eigenwillen – allein er entschied. Er liebte es, ganz unerwartet im Volksgedränge zu erscheinen oder auch in den Häusern seiner Untertanen; er spendete Wohltaten, auf die man nicht gerechnet hatte, und verhängte Tadel und Ungnade, wo sich der Betroffene dessen nicht entfernt versah. Die Überraschung der Leute lockte dann ein gewisses selbstzufriedenes Lächeln auf sein Gesicht, welches feierlicher, finsterer geworden war als vorher. Man konnte nicht sagen, daß er überall schlecht regiere; allein er regierte gewalttätig, unberechenbar, und seine Hand lastete jetzt namentlich auf seinen nächsten Räten. Früher hatte er sie niemals gewechselt, jetzt wechselte er sie fortwährend. Denn da er täglich verschlossener ward und keinen auch nur ein klein wenig vorausblicken ließ in seine rätselhaften Pläne, so konnte es ihm auch keiner recht machen. Trotzdem war die Unzufriedenheit im Lande weit geringer, da der Herzog solchergestalt wie ein launenhafter Despot regierte, als vorher, da er gar nicht regierte. Denn das Volk will fühlen, daß ein Fürst auf dem Throne sitzt. Aber mit sich selbst war Herzog Friedrich insgeheim qualvoll unzufrieden. Als er noch der Regierung aus dem Wege gegangen war wie ein Knabe den lästigen Schulaufgaben und statt dessen in der Einbildung geträumter Ideale gelebt hatte, fühlte er sich glücklich, und zur vollen Glückseligkeit hatte ihm immer nur eins gefehlt: daß er nicht auf drei Tage das Trinken lassen und dann einmal predigen konnte. Jetzt dagegen, wo er nach seiner Weise sich ganz seinen wirklichen Pflichten hingab, wo er wie eine zweite Vorsehung über dem Lande zu schweben vermeinte, jetzt fand er keine befriedigte Stunde mehr. Doch ließ er dies beileibe niemand merken. Auf standesmäßige Würde, Glanz und Zeremoniell hielt er fortan noch zehnmal mehr denn zuvor und trank bei großer Tafel zuzeiten auch so standesmäßig, als er's nur immer vermochte. Aber keiner forschte mehr ängstlich, ob der Wasserkrug oder die Weinkanne vor seinem Teller stand. Denn vom Predigen wurde gar nicht weiter geredet. Nur der Hofprediger, welcher allein noch dauernd des Herzogs Vertrauen besaß, wußte, daß er sich nach harter Tagesarbeit oft den Schlaf der Nächte abbrach, um theologische Bücher zu studieren und Streitschriften zu schreiben. Auch war der Geheimschreiber mehrmals durch frisch aufgesetzte Predigtdispositionen von des Herzogs Hand erschreckt worden, die er zwischen den Akten liegen sah. Als des Herzogs lauerndes Auge jedoch wahrnahm, daß der Geheimschreiber diese Konzepte bemerkt hatte, machte er ihn zum Amtmann in einem entfernten Bezirk und bestellte sich einen neuen Geheimschreiber. Oft war der Fürst wochenlang völlig unnahbar, dann liebte er's wieder, sich in aller Pracht dem Volk zu zeigen; doch machte er sich niemals mehr vertraulich und neckisch gemein mit den Leuten, wie er's sonst wohl gepflegt hatte. Er war ganz Würde, Majestät, Zurückhaltung. Als er einmal beim Glatteis auf der Straße gefallen war und ein Bürger herbeisprang, ihm aufzuhelfen, rief er ihm zornig zu: »Rühre die Durchlaucht nicht an!« und fiel zum zweitenmal hin, weil er sich ganz allein auf die Beine helfen wollte. Eine breite Kluft trennte ihn, wie es schien, fortwährend von seinen Landeskindern, den gewöhnlichen Menschen, mit denen er sich dann doch wieder so redlich plagte. Dem Hofprediger fiel es auf, daß sein Herr sich niemals mit keiner Silbe nach dem Schicksal des Kaspar Krummholz erkundigte, da er doch gerade in den ersten entscheidenden Tagen seiner Umwandlung so viele Teilnahme für denselben gezeigt hatte. Er suchte mehrmals die Rede auf Kaspar zu bringen, der Herzog wies das Thema kalt zurück. Es war, als wisse er gar nichts mehr von dem Manne. Allein dieser Schein trog. In stillen Stunden dachte der Herzog gar oft an Kaspar und malte sich dessen gegenwärtige Lage aus. Er sah ihn tief im Verderben stecken: mit seiner doppelzüngigen, hinterlistigen Art betrog er seine Frau, die sich dann dadurch entschädigte, daß sie ihrem Eheherrn Hab und Gut hinterm Rücken veruntreute, wie sie's weiland ihrer Dienstherrschaft getan. Die Wirtschaft geht zugrunde, das Ehepaar wird nächstens auf Scheidung klagen, Kaspar hilfesuchend bei ihm erscheinen. Dann, wann die Strafe soweit vollendet, wollte er rettend dazwischentreten. Dieses Gedankenbild tröstete ihn oft wunderbar, wenn er vor Unzufriedenheit vergehen wollte, weil ihm hundert größere Pläne nicht in jener vollkommensten Art gelangen, die er nun durchaus forderte. Vielleicht wollte er gerade darum nichts von Kaspar hören, weil er fürchtete, er möge sich dann selber den Glauben an sein Meisterstück göttlicher Strafjustiz erschüttern. Inzwischen nahte der 3. September 1572, der einundzwanzigste Geburtstag des Prinzen Georg, des ältesten Sohnes Herzog Friedrichs; es war zugleich der Tag, wo dieser künftige Thronerbe nach altem Herkommen mündig erklärt werden sollte, und man gedachte, ihn darum besonders feierlich bei Hofe zu begehen. Die Herzogin, schon lange betrübt über die nagende Unzufriedenheit und Mißstimmung, welche ihren Gemahl verfolgte, sah mit Freuden, wie der Herzog alle Einzelheiten des Festes liebevoll eingehend anordnete, gleichsam in sich selbst befreit, wenn er von dem frohen Familientage sprach. Aber wie erschrak sie, als er drei Tage vorher fest und begeisterungsvoll erklärte: er werde die Predigt bei dem vormittägigen Festgottesdienste selber halten! Kein Einwand wurde gehört, und selbst die Hoffnung auf des Herzogs altes, stets hemmend dazwischengetretenes Gelübde erwies sich als eitel: er hatte schon seit Wochen keinen Becher Weines an seine Lippen gebracht! Mit Bangen harrte man bei Hof des kaum erst so freudig ersehnten Tages. Zwölftes Kapitel. Es war am 2. September. Da ließ Herzog Friedrich frühmorgens um vier Uhr sein Leibpferd satteln und ritt ganz allein übers Gebirg nach Friedrichsdorf. Im Schlosse meinte man, der hohe Herr sei meditieren geritten auf die morgige Predigt, wie der Pfarrer Samstags meditieren gehe. So war es auch. Aber niemand ahnte den Grund, warum er gerade Friedrichsdorf zum Ziele dieses Rittes wählte. Dort angelangt, stieg der Herzog beim ersten Hause ab und übergab dem neugierig aus der Türe gaffenden Bauer das Pferd, daß er's eine Weile in den Stall führe und ihm etwas Hafer gebe. Der Bauer, welcher ihn nicht kannte, entgegnete mürrisch, Hafer habe er nicht und bloß einen Schweinestall; denn seit ihm die Kuh gepfändet worden sei, habe er den Kuhstall zusammenfallen lassen, und in den meisten andern Häusern der Kolonie sehe es nicht viel besser aus. Droben überm Bach beim Kaspar Krummholz, da möge der Herr sein Roß einstellen: der Mann besitze Hafer genug und auch einen Stall dazu. Der Herzog horchte auf bei diesem Namen. Er besann sich einen Augenblick; dann bat er den Buben des Bauern, daß er das Pferd ruhig umherführe auf der mit Unkraut bedeckten Ödung, welche statt eines Gartens neben dem Hause lag, und trat in die dunkle, schmutzige Hütte und ließ sich zur Rast auf der Ofenbank nieder, während der Bauer auf einem umgestürzten Kübel Platz nahm, der mitten in der Stube lag. Der Bauer begann sofort nach solcher Leute Art sein langes Klagelied über sein und seiner Nachbarn Elend. Der Herzog erschrak. Er hatte sich um diese Kolonie, seine eigene Schöpfung, bisher gar nicht näher bekümmert und in dem Wahne gelebt, daß hier alles ganz vortrefflich sei. Obgleich er auf der Jagd oft nahe genug rechts und links durch die Wälder gezogen, war es ihm doch niemals eingefallen, den Ort selber zu betrachten, bis ihn jetzt das Problem hierher gelockt hatte, wie ein Fürst als irdischer Gott göttliche Strafjustiz üben könne. Gestraft schienen ihm diese armen Kolonisten allerdings, aber die hatten ja gar nicht gestraft werden sollen! Doch wie ging es dem Kaspar? Der Herzog nahm die vorigen Worte des Bauern über dessen Pferdestall für Ironie. Er wollte durchaus wissen, wie jämmerlich nun vollends der Kaspar heruntergekommen sei, wenn schon seine Nachbarn so schlecht stünden; er wollte alles mögliche Kreuz und Elend Kaspars aus dem Bauern heraus- und in den Bauern hineinfragen. Allein der Mann blieb standhaft dabei, daß Kaspar das größte Glück im ganzen Dorf habe, und wenn das der Herr nicht glauben wolle, so möge er hingehen und selber nachsehen. Also machte sich der Herzog auf den Weg zu Kaspars Hause. Er mußte dabei fast die ganze Kolonie durchschreiten, und überall verfolgte ihn Schmutz und Unordnung, Armut und Verkommenheit. Seine Predigtgedanken begannen sich zu verwirren, und dem irdischen Herrgott fiel das Herz in die Schuhe. Da bog er über den Bach um die Ecke. Ein neues, sauberes Häuschen lag vor ihm, von einem gut gepflegten Garten umgeben, den sogar etliche Blumen schmückten, Malven und Sonnenblumen. Vor der Türe saß die junge Frau, einen rotbackigen Säugling an der Brust, und als sie den Herzog sah, sprang sie mit einem lauten Schrei des Staunens auf und eilte ihm grüßend entgegen. Es war Anna, die ehemalige Leinwandmagd, freilich nicht mehr ganz so leuchtend weiß gekleidet wie an jenem Abend in der Weißzeugkammer, aber doch rein und nett, und das blühende Gesicht war sogar noch schöner als damals. Sie konnte gar nicht begreifen, wie der Herzog herübergekommen sei, und ganz allein, ohne Jagdgefolge. Er habe sich wohl verirrt? »Verirrt?« fragte der Herzog wie ein Echo, und das eigene Wort tönte ihm seltsam in den Ohren. Anna rief ihren Kaspar herbei, der im Stalle Futter aufsteckte. Er war verlegener noch als seine Frau. Allein da dem Herzog die erhabenen Manieren, die er seit zwei Jahren angenommen hatte, unversehens ganz abhanden kamen und seine Rede gar weich und milde klang, so sammelte sich Kaspar bald und erzählte, wie gut es ihnen jetzt gehe, nachdem sie anfangs allerdings schwere Zeit gehabt, bis sie sich in all die neuen Dinge gefunden hätten. Sie würden auch gewiß noch schlimmer gefahren sein wie die andern armen Leute im Dorfe, denn er sei ja ein geborener Hofdiener und habe erst durch Schaden klug werden müssen. Aber da sei es nun ein unsagbares Glück, daß ihm der gnädige Herr gerade diese Frau zu Acker und Wiesen hinzugegeben; denn Anna sei ein Bauernkind, das nur durch Zufall zu Hof gekommen, und verstehe die Wirtschaft aus dem Grunde. Bei diesen Worten kam der Herzog kaum weniger aus der Fassung als vorher Anna und Kaspar bei seinem Erscheinen. Vergebens stellte er schlaue Querfragen, um irgendein verborgenes Elend, einen geheimen Wurm des Unfriedens zu entdecken. Die Leute waren gewachsen mit dem würdigeren, selbständigeren Berufe, sie lebten zufrieden und waren erfreut, dem Herzog ihren Dank aussprechen zu können, daß er sie so fürstlich belohnt habe. Er konnte sich nicht finden in dieses vollkommene Widerspiel seiner eingebildeten Welt, und wie es schien, hatte er die göttliche Strafjustiz selbst bei seinem vermeinten Meisterstücke sehr stümperhaft nachgeahmt. So brach er denn zuletzt mit der offenen Frage heraus: ob denn Kaspar jetzt nicht mehr lüge und verleumde und doppelzüngig rede und faulenze wie bei Hof? und Kaspar meinte, das könne vielleicht auch noch einmal geschehen, aber hier sei bisher gar kein Anlaß dazu gewesen; – und ob Anna nicht mehr unterschlage und »Reste« wegnehme, wie sie's so fleißig in der Leinwandkammer getan? – aber Anna sagte mit einem reizend schalkhaften Lächeln: der gnädige Herr habe sie beide doch vielleicht für gar zu schlecht gehalten, weil er sich sein Muster zu hoch gesteckt, und übrigens hätten sie ja nicht einmal gewußt, wie sehr sie gesündigt, denn die andern im Schlosse machten's in allen Ehren geradeso. Weil aber das Gespräch solchergestalt eine gefährliche Wendung zu nehmen drohte, fragte Kaspar den Herzog, ob er nicht einen Augenblick in die Stube treten und ein Gläschen Wein zur Stärkung trinken wolle; es sei zwar nur ein geringer Haustrunk, aber doch des Herzogs eigenes Gewächs, denn sein Vetter, der Hofküfer, schicke ihm manchmal etliche Flaschen – der Herzog erhob drohend den Finger –, allein Kaspar vollendete gelassen: »von diesem seinem rechtmäßigen Besoldungswein.« Der Herzog dankte für diesmal, nicht weil er Kaspars Wein gering achtete, sondern aus ganz besonderen Gründen. Dann schickte er sich zum Fortgehen an. Es war aber mittlerweile im Dorf bekannt geworden, daß der rätselhafte Reiter kein anderer sei als der Herzog selbst. Als dieser dann wieder über den Bach zurückgehen wollte, fand er die Brücke versperrt durch Männer und Frauen, die sich ihm flehend entgegendrängten, ja zum Teil auf die Knie fielen. Auf die Frage, was sie wollten, riefen sie: sie bäten den gnädigen Herrn um Himmels willen, daß er sie wieder aus dieser Kolonie hinwegnehme, wohin man sie gesetzt, um ihnen nach seinem ausdrücklichen Willen eine Wohltat zu erweisen, während sie hier doch in der Tat nicht leben und nicht sterben könnten. Huldvoller, als man zu hoffen gewagt, versprach er, sich das Ding zu überlegen, gab Anna einen Dukaten in die Sparbüchse ihres Kindes und dem Bauern, der ihm das Pferd gehalten, einen Gulden, schwang sich in den Sattel und sprengte im Sturme davon. Draußen im Walde verlor er den Weg und merkte es nicht; es ward später und später, die Dämmerung sank auf die Täler, das müde Roß vermochte den Reiter kaum mehr zu tragen: er ward es nicht gewahr. Er murmelte abgebrochene Sätze vor sich hin: »Meine Wege sind nicht eure Wege, und meine Gedanken sind nicht eure Gedanken! – – die zweite Bitte! – Dein Reich komme! – ein unergründlich tiefer Text; allein er taugt noch nicht für mich. – Im Grunde blieb auch Kaspar nicht bei seiner zweiten Bitte stehen, sondern kam unmerklich bei einer fünften Bitte an. – Die fünfte Bitte! – Führe uns nicht in Versuchung! – Ja, da liegt ein neuer mystischer Zusammenhang; – sie wäre wohl auch ein schöner Text für das Fest der Mündigerklärung eines Thronerben! – Oder noch besser die zweite und die fünfte Bitte miteinander – Ob ich wohl über beide morgen predigen werde?« Im Schlosse herrschte selbigen Abend große Angst und Unruhe. Der Herzog war frühmorgens so geheimnisvoll verschwunden, schon nahte Mitternacht, und er kam nicht wieder. Man schickte Leute aus, ihn zu suchen. Die Herzogin irrte verzweifelnd im Schlosse umher, jeden heimkehrenden Boten befragend. Sie berichteten nur, daß der Fürst in aller Frühe gegen das Gebirg geritten sei, – keiner hatte ihn weiter gesehen. Man ahnte ein Unglück. Endlich löste sich das bange Harren, der Herzog ritt in den Schloßhof; es war ein Uhr morgens, er sank fast vom Pferde vor Ermattung. Noch waren alle Fenster erleuchtet, das ganze Schloß in Bewegung. Die Herzogin eilte dem Gemahl entgegen, vor Angst und Freude zusammenbrechend. Er hob sie liebevoll auf, ermannte sich rasch, daß er seine gewohnte stolze Haltung wieder behauptete, führte sie auf ihr Zimmer und sagte dort statt aller weiteren Erklärung: »Unser Fest wird eine kleine Abänderung erleiden. Ich werde nicht predigen, ich werde es überhaupt niemals tun. Heute wird Georg mündig, und ich entsage zugleich dem Thron. Möge er glücklicher regieren als ich!« Und so geschah es. Herzog Friedrich wählte sich das Jagdschloß Fürnberg zum Wohnsitz für den Rest seines Lebens. Es liegt nur eine kleine Stunde Wegs von Friedrichsdorf. Diese Kolonie besuchte er häufig und unterstützte und förderte die armen Bauern so nachdrücklich, daß viele bald aus Schmutz und Elend sich erretteten; andere gingen an seinen Wohltaten erst recht zugrunde. Erst in der zweiten Generation wurde der ganze Ort wirklich eine blühende Gemeinde, die nun des längst verstorbenen Herzogs Namen mit Ehren trug. In Kaspars Haus sah man ihn jedesmal einkehren. Er hielt lange theologische Gespräche mit dem ehemaligen Schneckenmeister, der als der reichste Bauer zuletzt Schultheiß des Dorfes geworden war. Der Hofprediger weilte als gern gesehener Gast nicht selten auf Schloß Fürnberg. Nach des Herzogs Tode pflegte er unter Freunden zu sagen: »Als Herzog Friedrich ahnte, daß er ein schwacher Fürst sei, wollte er ein Pfarrer werden; als er merkte, daß er kein Pfarrer werden konnte, wollte er der liebe Gott werden, und als er einsah, daß er auch dies nicht werden konnte, wurde er ein rechter Mensch. Schade, daß er jetzt nicht wiederkommen und noch einmal von vorn anfangen kann: er wäre dann gewiß ein guter Fürst geworden!«