Glasmacherleut' Kulturbild aus dem bayerischen Walde von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     I. Osterferien! Reizendes Wort! Wer hätte dich nicht lieben und schätzen gelernt? Mit der Erinnerung an die Jugend engverknüpftes Wort, langersehnt schon in den ersten Jahren des Lernens und viel ersehnter noch von dem in der Fremde Licht und Weisheit suchenden Schüler! Glückliche Stunde, wenn er am Tage vor dem Palmfeste sein Ränzchen packen und den Ziegenhainer zur Hand nehmen, wenn er dem kleinen Stübchen und der Hausfrau auf einige Wochen lebewohl sagen und heimwärts wandern kann – nach Hause zu Vater und Mutter, zu Bruder und Schwester, zu den Gespielen, nach Hause in sein stilles Dörfchen, an das er so oft gedacht, welches er nicht vergessen, wie so viele Regeln und Gedächtnissprüche, die ihm den Kopf schwer gemacht – ach, nach Hause von der kargen, oft gebettelten Kost zu den, wenn auch kargen, aber doch wohlschmeckenden Bissen der guten Mutter! Ein paar Sechser in der Tasche und nach dem ersten Halbjahre in der Fremde die Vakanz antreten zu können: das ist eine jener seligen Stunden, die uns das ganze Leben in rührend freundlicher Erinnerung bleiben müssen. Wer früge da nach Regen oder Sonnenschein, nach Hitze oder Kälte? Strahlt ja aus dem jugendlichen Auge ein Frühling voller Freude und drinnen schlägt das junge Herz so fröhlich an die Brust, daß man darüber gerne das 6 nasse Röckchen und die erfrorenen Finger vergißt; am heimatlichen Herde – morgen, vielleicht heute abend noch, wird ja alles wieder gut werden! Anfangs gehen die Studentchen noch in kleinen Trupps miteinander, doch je weiter sie sich von der Stadt entfernen, desto mehr trennen sich die Wege der einzelnen; aber der Lust ist darum kein Ende; jeder Schritt bringt ja den jungen Wanderer der Heimat näher, wo ihn die Seinigen mit eben der Sehnsucht erwarten, mit welcher er von der Fremde nach Hause eilt, um Vakanz zu halten im Kreise seiner Lieben. So kümmerte sich auch das junge Studentchen, welches am Tage vor dem Palmsonntage rüstigen Schrittes die halsbrecherische Straße dahinwanderte, die früher von Neukirchen beim heiligen Blut nach Lam führte, gar wenig um seine Einsamkeit und die spitzigen Steine, mit denen seine Beine fortwährend in Händel gerieten; ebensowenig kümmerte er sich auch um den kalten Regen, der ihn bereits durchnäßt hatte, und um die allmählich herabfliegenden Schneeflocken, welche um so zahlreicher wurden, je mehr er sich dem Gebirge näherte. Außen im Lande war der Frühling bereits eingezogen, im Walde aber suchte noch der Winter seine Herrschaft geltend zu machen, denn die weißen Kuppen des Ossagebirges und des Arbers waren noch völlig in seiner Gewalt. Je näher man auch diesen Bergen kommt, um so mehr glaubt man in der Jahreszeit wieder zurückzuschreiten, und versucht man es, fragend zu den weißen Kuppen aufzublicken, so stolpert man auf dem Boden, den man eine Straße nennt, über einen Stein oder versinkt in den 7 Kot des durch vielen Regen aufgeweichten Straßenmaterials. Lieber Wanderer! Versäume es nicht, in Neukirchen zum heiligen Blut um schönes Wetter zu bitten, bevor du den Schritt gegen Lam und Zwiesel zu weiterlenkst, denn wie die Schlagbäume an der Grenze, hemmen die rasch von den Bergen herabfließenden Wildwasser, welche Bächen ähnlich zuweilen über die Berge fließen, deinen Marsch und machen ihn oft ganz unmöglich. Hast du diese Hindernisse glücklich überwunden, jene Hindernisse im Thale, dann kommen die steilen Berge, die für dich um so wichtiger sind, als gerade über sie die Verbindungsstraßen führen; denn der Bewohner des Waldes kämpft lieber jahraus jahrein mit der Steigung des Weges, als mit der Unwirtlichkeit des Thales im Winter, und führt seine Straßen mit Vorliebe über die am frühesten durch Wind und Sonne vom Schnee befreiten Punkte. Ein solch verhängnisvoller Weg führt über die »Absetz«, wie man die Einsattelung nennt, die das Ossagebirge mit dem Hohenbogen verbindet und die schon jedem Fuhrmann und jedem Fußreisenden einen tiefen Seufzer entpreßt, dem armen Zugvieh aber ein schreckenerregender Anblick ist. Nunmehr ist die Straße bequemer angelegt worden. Unser Studentchen seufzte zwar nicht, als er, eben ein quer über den Weg laufendes Wildwasser durchwatend, die Absetz vor sich sah, im Gegenteil freute er sich, hier angekommen zu sein, denn hatte er sie passiert, so konnte er schon das Ziel seiner Wanderung, die Wälder, wo seine Heimat lag, und den Turm seiner Pfarrkirche erblicken. Juckte ihn auch das Ränzchen am Rücken, er schutzte es 8 heiter in die Höhe, und seinen Ziegenhainer fest in den Boden stoßend, wanderte er wohlgemut seines Weges. Es war seine erste Heimkehr nach einer halbjährigen Studienzeit in einem böhmischen Städtchen, wo er seinem und seines Vaters Wunsche gemäß die erste Ausbildung beginnen sollte, um etwas zu lernen, damit er sich einstens sein Brot verdienen und ein angesehener Mann werden könne. Sein Vater, ein Glasmacher auf der Lohbergerhütte, hatte freilich nicht so viel Geld, den Buben hinreichend unterstützen zu können, und dieser war zumeist auf Kosttage oder Monatsgelder angewiesen – ein Los, das er mit so vielen teilte, denen Armut kein Hindernis war, dem Drange nachzugeben, aus dem Born der Wissenschaft zu schöpfen, und die sich mit der Zeit emporschwangen zu den höchsten Stellungen im Staate. Dazu hatte freilich unser Studentchen wenig Aussicht, denn mit dem Lernen ging es leider nicht so frisch und so fröhlich vorwärts, wie auf der Landstraße. Er trug ein grünes Mützchen, unter welchem lockige schwarze Haare herabfielen, die sein volles rundes Gesicht mit zwei großen, schwarzen Augen und etwas stumpfer Nase umwallten. Ein kurzes, graues Röckchen und dunkle Beinkleider, die er in die Stiefelschäfte eingeschoben hatte, machten seinen übrigen bescheidenen Anzug aus. War derselbe auch, wie bereits erwähnt, ganz durchnäßt, und klebten die üppigen Haare, vom Regen triefend, an Stirn und Wangen – das beachtete kaum der fröhliche Knabe des Waldes; sein Sinnen war vorwärts zu den Seinen: dem Vater, seinem Paten Prannes nebst Frau und seiner 9 Jugendgespielin, dem kleinen Lieserl, dem einzigen Kinde der letzteren. Auf die Mutter konnte er sich nimmer freuen – Schneeflocken fielen auf ihr Grab im Lamerer Friedhofe, wo sie seit drei Jahren ruhte. Die Erinnerung daran mischte sich gar schmerzlich in die Freude des Knaben, und unter Thränen nahm er sein Mützchen ab und betete vor den am Wege stehenden Totenbrettern, die jene Erinnerung wachriefen, für die Seele der Verstorbenen. Er hatte es gar nicht bemerkt, daß die Sonne schon im Sinken war; Taschenuhr hatte er keine und die vielen Hindernisse des Weges nahmen ihn so viel in Anspruch, daß er bei dem umwölkten Himmel gar nicht wußte, welche Zeit es sei, und so war es Abend geworden, bevor er es ahnte. Unter diesen Umständen wäre ihm das Gerassel eines Wagens, auf den er sich aufsetzen könnte, ein schönerer Klang gewesen, als der Gesang der Grasmücke, die dort in den Zweigen saß und dem herabströmenden Regen ein Loblied zu singen schien, und – wirklich hörte er auf dem holperigen Wege einen Wagen daherkommen und sah zu seiner freudigen Ueberraschung das Gefährt des Herrn von Pladl, des reichen Hüttenherrn von der Lohbergerhütte. Der Hüttenherr, dachte er, würde ihn wohl aufsitzen heißen, wenn er sich ihm zu erkennen gäbe, da sie ja einen und denselben Weg hätten. In Anbetracht der schlechten Witterung und des noch gute zwei Stunden weiten Weges würde der Herr gar nicht anders können, als sagen: »Franz, setz' dich zum Kutscher auf den Bock und fahr' mit nach Hause zu deinem Vater, der mein fleißigster Arbeiter 10 ist, und dem zuliebe ich dir diese Gnade zu teil werden lasse.« So ungefähr stellte sich Franz vor, würde der reiche, dickleibige Hüttenherr zu ihm sprechen, aber – es kam anders. Das Fuhrwerk holte den kleinen Wanderer inmitten der steilen Absetz ein. Der Knecht hatte so viel mit den Pferden zu thun, daß er des Studentchens gar nicht achtete; der Herr lehnte breit in der nach vorn offenen Chaise, trotzdem die Pferde schon mit dem leeren Wagen Last genug gehabt hätten. Der bequeme Herr war in einen blauen vielkrägigen Mantel eingehüllt und hatte seine mit einem breiten Schirm versehene Pelzmütze tief in das Gesicht hereingezogen. Eine brennende Zigarre steckte zwischen den dickfleischigen Lippen seines weiten Mundes; was sonst vor der Umhüllung noch zu sehen, war ein glatt rasiertes, rotes und blatternarbiges Gesicht mit kleinen blaßblauen Augen und einer dicken, kupferroten Nase; hätte er die Mütze abgenommen, so würde man eine rötliche Perrücke bemerkt haben, und wäre er aus dem Wagen gestiegen, hätten wir in Herrn Pladl einen mittelgroßen, körperlich sehr gewichtigen Mann vor uns gesehen, dessen ernsteste Sorge die Pflege seines Bauches und dessen süßeste Musik das Klingeln der Silbermünzen war, welche er fortwährend, die Hände in der Hosentasche, durch seine Finger gleiten ließ. Als der Wagen an Franz herangekommen, zog dieser grüßend sein Käppchen ab. »Guten Abend, Herr von Pladl,« sagte er. Dieser zog seine Nase in die Höhe, und mit einem Gesichte, als hätte er in einen Holzapfel gebissen, sah er nach dem Studentchen. Andere Leute, wenn sie einen Gruß erwidern, nicken mit dem Kopfe nach abwärts, aber Pladl stieß bei 11 solcher Gelegenheit sein feistes Doppelkinn vor- und aufwärts. »Kennen Sie mich nicht mehr, Herr!« sagte Franz. »Ich bin der Schrenken-Franz, der Sohn Ihres ersten Glasmachers.« »Was? Wie?« erwiderte jetzt der Herr unwillig, aus seiner Ruhe gestört worden zu sein, »der Schrenkenbub – so, so – wo kommst denn her, Schlingel, daß du so naß bist?« »Ich komme von der Studienanstalt und gehe nach Hause in die Osterferien; daß ich naß bin, daran ist der Regen schuld, denn ich bin seit morgens auf dem Wege.« »Kerl, du siehst ja aus wie eine gebad'te Maus; mach', daß du heimkommst, sonst wirst du krank und stirbst.« »Soweit ist's noch nicht,« sagte lachend Franz; »ich kann schon etwas aushalten und zu Hause hab' ich trock'ne Kleider.« »Wenn er mich nur aufsitzen hieße,« dachte er sich im stillen. Aber der Hüttenherr machte keine Miene dazu; vielmehr ließ er den Knaben neben dem Wagen hergehen und sprach zu ihm weiter: »Hast was g'lernt, Schlingel?« »O ja,« entgegnete Franz, »ich gab mir alle Mühe, etwas zu lernen.« »Und der wievielte bist du geworden?« Franz wurde verlegen, dann antwortete er rasch: »Der dreißigste.« »Der dreißigste! Du Galiläer! Ein Gewohnheitsausdruck des Herrn Pladl. Da bist du hoffentlich nicht weit vom letzten?« Franz schwieg. »Wie viele waren in deiner Klasse? Wie viele?« Franz sah verlegen zu Boden: »Es waren nicht mehr wie –« »Wie dreißig! Also bist du der letzte? O Glasmachersippschaft! Da haben wir's wieder! Recht wichtig thun und doch nichts können; ein G'sindl hint' und vorn; wie der Vater, so der Sohn – wenn der Alt' nichts taugt, ist der Jung auch nichts wert!« Franz sah erschrocken zu Pladl empor; ein solches Urteil über seinen Vater aus dem Munde seines Herrn – er wußte nicht, was er darüber denken sollte. »Herr von Pladl,« stotterte er mit vor innerer Aufregung gedämpfter Stimme, »mein Vater war von jeher Ihr bester Arbeiter. Es ist unrecht von Ihnen, so wegwerfend von ihm zu reden.« »Du Galiläer!« schimpfte jetzt der Herr auf den kleinen Studenten herab. »Willst mich am Ende gar noch Mores lernen? Der beste Arbeiter? Dummes Gerede; und wenn's auch wär', das ist kein Recht zum Wildern. Der best' Arbeiter? Ja, der größt' Lump von einem Wilddieb. Doch trifft ihn nur der Kramerjakl – Gnad ihm Gott! Dann kannst um Pfennig betteln geh'n!« Franz konnte kein Wort erwidern; die Thränen stürzten ihm aus den Augen, und den Hüttenherrn mit einem grimmigen Blicke ansehend, war er einen Augenblick willens, seinen Ziegenhainer gegen ihn zu richten, aber er mäßigte sich, und nachdem er einigemal tief geatmet, sagte er zitternd. »Mein Vater wird Ihnen darauf die Antwort geben.« 13 Pladl winkte, den Kleinen keines Blickes mehr würdigend, bloß abweisend mit der Hand. Sie hatten inzwischen die Höhe des Berges erreicht, und nachdem die Pferde einige Augenblicke ausgerastet, saß der Kutscher auf und im Trabe ging es vorwärts. Franz sah dem sich entfernenden Fuhrwerke verdutzt nach. Er hatte sich den ersten Willkomm in der Heimat anders geträumt. Vor einer Viertelstunde das Herz noch voller Freude – fühlte er jetzt eine tiefe Traurigkeit und unheilvolle Ahnungen erwachten in seinem jugendlichen Herzen. Die letzten Worte Pladls beängstigten ihn; er sah das Leben seines ihm so teuren Vaters bedroht und in seiner leicht erregbaren Phantasie sah er denselben schon von Pladls Jäger erschossen und sich allein und verlassen auf dieser Welt. Es war ihm freilich nicht fremd, daß sein Vater hie und da in den Hochwald hinausging und wilderte; aber daß er dieser ihm unschuldig scheinenden Passion halber von seinem Hüttenherrn, dem er so nützliche Dienste leistete, in so schonungsloser Weise beurteilt würde, das hätte er nicht erwartet. – Es war das Verhältnis zwischen dem Hüttenherrn und seinem Vater doch sonst, so lange er es wußte, ein vollkommen gutes, und daß dieses nicht mehr der Fall, daran konnte das Wildern nicht allein Schuld sein; es war hier gewiß noch etwas anderes während seiner Abwesenheit vorgefallen, und er verdoppelte seine Schritte, um recht bald nach Hause zu kommen, wo er ja alles erfahren würde. Es dämmerte bereits, als er durch das Pfarrdorf Lam kam; gleichwohl konnte er an dem unfern des Weges liegenden Friedhofe nicht vorübergehen, ohne das Grab seiner Mutter aufzusuchen und an demselben für das Wohl seines Vaters zu beten. Dann 14 aber eilte er Lohberg und der am Fuße des Ossa liegenden Glashütte, dem Ziele seiner Wanderung, zu. Müde und durchnäßt kam er bei stockfinsterer Nacht dort an. Die hellerleuchteten Fenster des Hüttengebäudes hatten ihm den richtigen Weg gezeigt. So günstig dieses auch für den kleinen Wanderer im allgemeinen war, so befriedigte ihn diese Beleuchtung doch nicht recht, denn wenn in der Hütte gearbeitet wurde, mußte er für heute auf das Wiedersehen seines Vaters Verzicht leisten, und wenn nicht Frau Prannes Vorsorge für ihn getroffen, war es mit der warmen Stube, nach der er allmählich sich sehnte, und für den hungrigen Magen unter solchen Umständen eine bedenkliche Sache. Am Hüttengebäude angekommen, fand er seine Befürchtungen bestätigt; es wurde wirklich gearbeitet. Franz blieb am Eingange stehen und seine Blicke suchten den darin beschäftigten Vater. In dem von glühenden Oefen erhellten Gebäude herrschte ein sehr geschäftiges Treiben, wozu die in dem großen Raume herrschende Stille eigentümlich abstach. Man hörte nur das Knistern des Feuers und das Abschlagen von fertigen Glaszylindern; denn bei der Glasmacherei giebt es während der Arbeit gar keine Zeit zum Plaudern. Franz stand einige Zeit unter der Thüre, ohne seinen Vater sehen zu können; er wagte sich nicht hinein, einmal weil es gegen die Hüttenordnung war, daß Nichtarbeiter während der Arbeit die Hütte betraten, und dann fürchtete er, es möchte Pladl anwesend sein, und mit diesem wollte er nicht ein zweites Mal zusammentreffen. Und doch glaubte er nicht von der Stelle gehen zu können, bis er seinen Vater gesehen und sich überzeugt 15 habe, daß er wohl und gesund sei. Endlich sah er seinen Paten, den Schmelzmeister Prannes, nahe an der Thüre vorübergehen. »Bst! Bst!« rief er ihm leise zu. »Herr Göd, (Pate), ich bin da, der Schrenken-Franz.« Der Angerufene kam sogleich herbei und erkannte mit Freuden in dem Knaben den Sohn seines besten Freundes und seinen Taufpaten. Er begrüßte ihn herzlich und führte ihn dann seinem Vater zu, welcher an einem der vorderen Oefen des Gebäudes arbeitete und gerade mit Blasen eines großen Spiegelzylinders beschäftigt war, weshalb er auch der sichtlichen Freude beim Anblick seines Sohnes keinen rechten Ausdruck geben konnte. »Grüaß Gott, Franzl,« rief er ihm zu. »Dös freut mi, daß d' da bist! Drenten beim G'vatter is für di g'sorgt, wir hab'n di scho' erwart'! Schau umi, und morg'n, wenn ausg'arbeit't is, red'n wir mehr miteinander. Bis dahin b'hüt di Gott, mei' Franzl!« Auch die übrigen Arbeiter grüßten ihn durch freundliches Zunicken, oder sagten ihm flüchtig einige freundliche Worte. Dann nahm ihn der Schmelzmeister bei der Hand und führte ihn in seine Wohnung, die sich zunächst an der des Schrenk befand. Mit herzlicher Freude ward er hier bewillkommt. Frau Prannes und ihr Töchterlein, die kleine Liese, wetteiferten in Zärtlichkeiten gegen ihn, und alles im Hause kam herbei, den kleinen Studenten zu sehen und zu grüßen, aber auch das Herz seines am Glühofen arbeitenden Vaters klopfte in freudiger Regung über das Wiedersehen seines einzigen Kindes. – II. Die Glasfabrikation im bayerischen Walde, hervorgerufen durch den großen Reichtum an Holz und Quarz, läßt sich bis auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurückführen Auf der Karte des Weinerus vom Jahre 1579 sind »Frauen-Aw, Spielav, Creitzberg«, als Spiegelhütten und als Glashütte »Schonaw« verzeichnet. A. Müller's »Bayr. Wald« ist öfters als Quelle benützt. und bildete dieselbe den Hochpunkt der Industrie im Waldgebirge, deren Erzeugnisse im Welthandel eine hervorragende Stellung einnehmen. Auf mehr als zwanzig Hütten wird diese Fabrikation im großartigsten Maßstabe betrieben, von denen im Durchschnitt jede gegen 300 Klafter Holz verbrennt, ein Bedarf, der auf einem verhältnismäßig so kleinen Flächenraum an keinem anderen Orte der Welt seinesgleichen hat. Die Hüttengebäude sind meistens nur aus Gebälk und Brettern aufgebaut, deren hohe Schindeldächer große Oeffnungen zum Hindurchdringen des Rauches enthalten und über welchen so viele gemauerte Schlote hervorragen, als im Innern des sehr einfachen Gebäudes sich Oefen befinden. Die Hüttenleute teilen sich nach den ihnen bei der Fabrikation zukommenden Arbeiten in: Glasmacher, Gesellen oder Eintrager, Schmelzer, Schürbuben, Holzspreißler, Holzträger, Pochermann, Hafenmacher und Schreiner, deren Bestimmung aus ihrer Benennung hervorgeht. 17 Außerdem sind in der Hütte je nach ihrer Beschaffenheit: Glasschneider, Glasschleifer, Glasmaler, Formschneider, Modelleure \&c. Die Glasmacher sind Meister, deren Anzahl sich nach der Größe der Hütte richtet. Jeder Glasmacher hat auf seine Kosten einen Gesellen, den Eintrager oder Eintragbuben. Die Bezahlung der Glasmacher geschieht in Spiegelfabriken nach dem Zoll, in Hohlglasfabriken nach dem Stück, und können sich dieselben monatlich 100–150 Gulden und noch mehr verdienen. Sie sind meist verheiratet und wohnen in der Nähe des Fabrikgebäudes in kleinen Häusern, welche ihnen der Hüttenherr nebst einigen Grundstücken pachtweise überläßt. Trotz ihres guten Verdienstes ersparen sich jedoch nur wenige etwas, denn die Glühhitze der Oefen, der sie fortwährend ausgesetzt sind, verursacht, daß sie ewigen Durst haben, und der unvermeidliche Bierkrug spielt bei diesen Leuten eine große Rolle. Hier heißt es wie beim bekannten Herrn von Rodenstein: »Man spricht von vielem Trinken stets, Doch nie vom großen Durste.« Indes ist kaum ein Beispiel aufzuweisen, daß je einer von ihnen dem Armenfonds der Gemeinde zur Last fiel. Aber auch bei leerem Beutel bleiben sie guter Dinge, und ihren leichten Sinn, der sie auch in solcher Kalamität nicht verläßt, charakterisiert sehr treffend der im Munde des Volkes umgehende Reim: »Die Glasmacherleut' San gar lustige Herrn, Und wenn's halt koa' Geld hab'n, So klappern 's mit 'n Scherb'n.« 18 Die Kleidung der Glasmacher ist wegen der großen Hitze in der Nähe der Oefen äußerst einfach und besteht in einer strohenen Schirmmütze, einem Hemde, einer leinenen Hose, einer Schürze, und in Pantoffeln. Aber auch außer der Hütte unterscheiden sich die Glasmacher in Kleidung, Manieren und Sprache merklich von den eigentlichen Waldlern, und bei Kirchweihfesten und andern Gelegenheiten, wo viel Landvolk zusammenkommt, findet man die Hüttenleute auf den ersten Blick heraus. Es sind viele Böhmen unter ihnen, welche als die geschicktesten gelten. Die Glashütten in Schachtenbach, Regenhütte, Frauenau, Oberzwieselau und Buchenau haben einen weitverbreiteten Ruf. An diese reihen sich die Glashütten zu Lohberg, Lambach, Ludwigs- und Theresienthal, Klingenbrunn, die Riedl- und Schönbacherhütte. Die Glashüttenbesitzer sind fast durchgehends sehr vermögliche Männer, die sich in ihren glücklichen und unabhängigen Verhältnissen geltend zu machen wissen, weshalb ihnen auch der Volkswitz den Titel »Glasfürsten« beilegt. Auch der Besitzer der Oberlohberger Spiegelhütte, Herr von Pladl, war ein reicher und angesehener Mann. Er besaß einen Komplex von ungefähr 3000 Tagwerk Waldungen, so daß er seine Oefen von seinem eigenen Holze speisen konnte, und waren ihm außerdem eine Menge von Bauern auf viele Jahre hinaus kontraktmäßig verpflichtet, das Holz um einen Spottpreis zur Hütte zu liefern. Man berechnete damals den Holzpreis noch nach »Kreuzern«, so daß zum Beispiel im Akkord eine Klafter sechsunddreißig bis achtundvierzig Kreuzer, nach Umständen noch weniger 19 kostete. Das Glas dagegen war gerade noch einmal so teuer wie jetzt. Die Oberlohbergerhütte stand am Fuße des Ossagebirges und war rings von Waldungen umgeben. Sie bestand in dem Hüttengebäude nebst Anbauten und mehreren kleinen Häusern für die Wohnungen der Arbeiter. Es waren an hundert Personen auf der Hütte beschäftigt und die Spiegel von Oberlohberg erfreuten sich eines großartigen Absatzes. Das Wohnhaus des Hüttenherrn stand in dem ungefähr eine halbe Stunde von der Hütte entfernten kleinen Orte Lohberg, in dessen Nähe der weiße Regen, von seinem nahen Ursprunge, dem kleinen Arbersee, kommend, vorüberfließt. Das Haus des Herrn von Pladl ragte durch seine Bauart und Größe über die andern Gebäulichkeiten des Dorfes hervor und hatte ein herrschaftliches Ansehen. Dem schönen Aeußeren des Hauses entsprach auch seine innere Einrichtung, welche allenthalben von Reichtum und Luxus Zeugnis gab. Reich war Herr von Pladl in der That, das wußten alle Leute, auch ohne sein rücksichtsloses Auftreten und ohne das übertriebene Selbstbewußtsein, wodurch er sich, wie durch die offenkundige Verachtung minder Bemittelter, wenig Freunde machte. Sein Grundsatz war: »Wer kein Geld hat, ist ein Lump.« Wie es da mit der Achtung und Liebe zu seinen Mitmenschen, oder wiederum mit der Zuneigung dieser zu dem stolzen Manne bestellt war, läßt sich leicht erraten. Aber was fragte Herr von Pladl nach der Stimmung der Leute gegen ihn! Er hatte nur zwei Fragen: »Wurde das Glas richtig versendet?« und »Ging das Geld ordentlich ein?« Sein Sekretär und Buchführer beantwortete ihm dieses stets zur 20 Zufriedenheit, denn die Hütte war gerade im besten Schwunge – dank dem ausgezeichnet schönen Glase, welches der Schmelzmeister Prannes zu bereiten verstand, und dank dem Buchhalter der Hütte, als welcher der Schulmeister von Lohberg verwendet wurde. Wäre Pladl nicht zufällig in den Händen so reeller Leute gewesen, seine Verhältnisse hätten sich nie so glänzend gestalten können, denn er verstand weder das eine noch das andere richtig. Er wußte nur recht gut zu leben und wollte an andern ersparen, was er verbrauchte. Er war kurzweg ein Knicker. Kam zufällig ein Bettler in sein Haus, so wurde er gewiß mit harten Worten abgewiesen; denn es war ein weiterer Grundsatz Pladls: »nie einem Bettler etwas zu schenken«. Hielt Pladl auf solche Weise sein Geld zusammen, so sorgten andere dafür, es wieder fortzubringen, vor allem seine Frau mit ihren zwei Freundinnen: der Lotterie und der Flasche. Frau von Pladl liebte es, sich aufzuregen. Wein und Lotterie mußten ihr dazu dienen, und namentlich die letztere sorgte, daß sie aus der Aufregung gar nicht mehr herauskam. Pladl, der reiche, stolze Mann, der von so vielen beneidete, er entbehrte das schönste Glück – den häuslichen Frieden. Seine Familie bestand in sechs Kindern, drei Knaben und drei Mädchen, von denen das älteste 12 Jahre alt war. Bei Pladls großem Vermögen stand seinen Nachkommen eine sorgenfreie Zukunft in Aussicht; aber sie war leider nicht gesichert. Das Verhältnis des Herrn Pladl zu seinen Hüttenleuten war das der verletzenden Herablassung. Er zahlte und sie arbeiteten. Da, so meinte er, habe er die 21 schwierigste Arbeit von allen. Daß sie gut und schön arbeiteten, rechnete er ihnen nicht als Verdienst an, sondern bezeichnete es kurzweg als »Schuldigkeit« und wollte selbst für Schrenks Fabrikate, welcher vermöge seiner herkulischen Kraft größere Spiegelzylinder zu blasen imstande war, als andere Arbeiter, jetzt keine Worte der Anerkennung mehr finden. Früher stand Schrenk bei ihm in hohen Gnaden. Wie schon aus der Begegnung mit Franz ersichtlich, war dieses zur Zeit nicht mehr der Fall und die Ursache hiervon folgende: Im bayerischen Walde herrscht die Sitte, am Fastnachtsdienstag oder selbst erst am Aschermittwoch (Aschamicha) den Fasching (d'Foschen) zu begraben Den Fasching zu begraben ist ein uralter heidnischer Gebrauch, wahrscheinlich mit dem Frühlingsfeste zusammenhängend, das vor der Pflugzeit mit der Beendigung des Ausdreschens fiel. Es hängt daher mit der figürlichen Beseitigung des Winters und den landwirtschaftlichen Arbeiten desselben zusammen. . Am Nachmittage verkleiden sich einige lustige Männer und Burschen und tragen unter komischen Szenen einen den Karneval vorstellenden Strohmann in einen zunächstliegenden Obstgarten oder auf den größten Misthaufen des Dorfes, um ihn da unter Absingen von parodierten Psalmen zu begraben. Dieses Leichenbegängnis wird durch allerlei Intermezzos verherrlicht, und bildet dabei das sogenannte »Ausspielen« eine bei alt und jung beliebte Belustigung. Es ist dies eine Art Haberfeldtreiben, jedoch mit dem Unterschiede, daß es am hellen Tage geschieht und über die Schranken des Scherzes selten hinausgeht. Ausgespielt wird, wer sich das Jahr über etwas zu schulden kommen ließ, wodurch er sich lächerlich gemacht. Wird von jemand eine 22 lächerliche oder thörichte Handlung erzählt, so heißt es stets: »Den muaß man auf d' Foschen ausspiel'n!« Im vergangenen Fasching wurde denn auch Herr von Pladl ausgespielt und zwar, wie er glaubte, auf Anstiften Schrenks. Die Ursache hierzu war folgende: Kurze Zeit vor dem Fasching kam ein vagierender Guckkastenmann nach Lohberg. An seinem Karren hatte 23 er einen miserablen Klepper, ein kleines, blindes Pferd, welches nebenbei noch einen großen Höcker hatte, angespannt. Die Hüttenleute umstanden lachend das erbärmliche Gespann und einer der Hüttenbuben schwang sich auf die Mißgeburt und ritt es zum Ergötzen der Leute die Hüttengebäude auf und ab. Da kam Herr von Pladl und blickte, wie er es bei Pferden im Brauch hatte, mit großer Kennermiene nach dem kleinen Klepper. »Das wär' was für das kleine Fraaln,« meinte Schrenk lächelnd. »Was soll's kosten?« fragte der Hüttenherr. »Fünfundzwanzig Gulden,« entgegnete der Guckkastenmann. »Kaufen 's mir's ab, gnä Herr, ich kann das Tier a so nimmer ernähr'n.« Pladl rief dem Reiter zu, er solle an ihm vorbeiparadieren. Das geschah. Weil aber das Pferd den Höcker auf der entgegengesetzten Seite hatte und der Bube im Trabe vorüberritt, bemerkte der Hüttenherr diesen Fehler nicht; und daß das arme Tier blind sei, vor der Zeit zu sagen, hatte der Guckkastenmann keine Ursache. »Was geben 's?« fragte der Händler. »Schlagen 's einmal ein Gebot; ich will's los haben. Was gilt's?« »Zehn Gulden,« antwortete Pladl, nur um ein Gebot zu sagen. »Topp!« rief der Verkäufer, »die Leut sind Zeugen, das Pferd g'hört Ihnen.« Pladl wollte eine Einwendung machen, daß es ihm nicht ernst wäre, aber der Mann sagte: »G'handelt ist g'handelt; ich bitt um mein Geld.« Wollte sich der Hüttenherr nicht vor seinen Untergebenen bloßstellen, mußte er dem Manne die versprochenen 24 zehn Gulden aushändigen. Er that es auch, nicht ohne Verlegenheit, dachte aber schließlich doch, er hätte einen guten Kauf gemacht. Der Guckkastenmann bedankte sich und steckte das Geld in die Tasche. Wie erschrak aber Pladl, als er das Pferd in der Nähe betrachtete! Das Tier war blind, höckerig und, wie jetzt der Verkäufer auch zugestand – taub. Alles schrie laut auf vor Lachen, als der stolze Herr mit Schrecken erkannte, daß er sich derartig habe betrügen lassen. Natürlich wollte er den Kauf sofort wieder rückgängig machen; aber der Händler erwiderte nur: »G'handelt ist g'handelt.« Da stieg dem Herrn von Pladl die Galle auf und der Mann sollte mit Gewalt zur Zurückgabe des Geldes angehalten werden. »Packt den Kerl,« schrie Pladl zu seinen Leuten, »und haut ihn so lange, bis er das Geld herausgiebt.« Dieser Aufforderung wollten denn auch sofort einige allzu dienstfertige Leute nachkommen; aber der alte Schrenk trat dazwischen und rief: »Neamd wag's, den Mann anz'rühr'n; i nehm'n in mein Schutz. Is der Herr von Pladl mit sein Kauf nöd z'fried'n, so is dös sei' Schuld. Bevor man an' Handel abschließt, schaut man sich d' Sach an. Ein jeder von uns hat g'seh'n, daß 's Pferd buckelt und blind is, wird wohl so a vornehmer Herr, wie unser Hüttenherr is, an' armen Teufel nöd so an' Bettelhandel streitig mach'n woll'n?« Die Hüttenleute, die sich nicht »Nein« zu sagen trauten, wo der Schrenk »Ja« sagte, und welche überdies leicht das Richtige in dieser Sache erkannten, zogen sich zurück und gingen bis auf wenige laut lachend auseinander. 25 »Ihr Galiläer,« rief Pladl lachend aus, »will ich denn, daß ihr den Schelm tot prügelt? Man sollte glauben, ihr hättet noch niemand einen Puff versetzt und wäret wahre Muster der Barmherzigkeit. Nun, ich freue mich darüber und will euch nicht weiter in Anspruch nehmen, und damit die Sache ein Ende hat, so« – er wandte sich hier gegen den Guckkastenmann – »nehme Er seinen Gaul und behalte das Geld, aber ich bitt' mir aus, daß Er Eile hat und daß ich Ihn nie wieder in Lohberg sehe!« Nachdem er noch Schrenk einen wütenden Blick zugeworfen, ging er nach Hause; der Guckkastenmann aber zog mit seinem Pferde und dem Gelde in der zufriedensten Laune von dannen. – Wenige Wochen nach diesem Ereignisse kam der Fasching und am Begräbnisfeste desselben, am Aschermittwoch, sollte das arme Pferd zum zweitenmal den Hüttenherrn in Aufregung versetzen. Einige lustige Bursche aus der Umgegend hatten sich nämlich dasselbe zu verschaffen gewußt und machten sich den Spaß, den stolzen Hüttenherrn auszuspielen. Sie hatten dies so geheim zu halten gewußt, daß kein Mensch ahnte, was sie vorhatten, als sie am Nachmittage des benannten Tages zahlreich nach Lohberg kamen und sich vor Pladls Haus postierten. Da sprengte plötzlich ein Bube mit dem verhängnisvollen Klepper heran und der Hüttenherr mußte zusehen, wie ein Mann in einer ihm frappant ähnlich sehenden Maske mit dem ebenfalls nachgemachten Guckkastenmann in Unterhandlung trat, und schließlich die Sache den bekannten lächerlichen Verlauf nahm. Und daß nichts fehlte, erschien auch Schrenk und brachte in etwas übermütiger Fastnachtslaune die mit Pladl gehabte Szene wieder ins Gedächtnis. 26 Dieses Mal aber konnte sich Pladl nicht mehr mäßigen. Er eilte mit geladenem Gewehre aus dem Hause und hätte vielleicht in seiner Entrüstung ein Unglück angerichtet, wären die Burschen nicht wie Spreu auseinandergestoben. Nur Schrenk lief nicht davon, und es kam zwischen ihm und dem Hüttenherrn zu einem heftigen Auftritt. Pladl ließ sich nicht ausreden, daß das Ausspielen auf Schrenks Anstiften geschehen, obgleich ihm dieser versicherte, er hätte nicht das entfernteste darum gewußt. Das Resultat dieses Streites war, daß Schrenk seinen Dienst kündigte. Nach üblichem Uebereinkommen mußte jeder Hüttenbedienstete zwei Monate voraus künden, und so gerne auch Schrenk gleich Abschied genommen hätte, so war er doch gezwungen, diese Zeit noch auf der Hütte zu bleiben. Freilich hätte später Pladl die Sache gern rückgängig gemacht, aber sein Hochmut und sein Rachegefühl erlaubten ihm dies nicht. Er sann auf Mittel, den Stolz des Glasmachers zu demütigen, so lange er noch in seiner Hand war, und wie ihm dies gelungen, werden wir bald zu hören bekommen. Niemand auf der Hütte war dieser baldige Abgang Schrenks unangenehmer, als dem Schmelzmeister Prannes. Die beiden Familien Schrenk und Prannes waren durch gegenseitige Gevatterschaft, durch langjährige Freundschaft und Gewohnheit mit einander verbunden. Seit dem Tode der Frau Schrenk war das Verhältnis womöglich noch ein innigeres geworden, denn beide Parteien hausten jetzt sogar miteinander, indem Frau Prannes für den Witwer und seinen Sohn die Wirtschaft bestellte und letzterem wirklich mit der Sorgfalt einer Mutter zugethan war. 27 Herr Prannes war, wie schon erwähnt, ein bedeutender Mann auf der Lohbergerhütte; er hatte den Ruf des besten Schmelzmeisters weit und breit, und da die Art und Weise, wie er die verschiedenen zur Glasbereitung nötigen Ingredienzien zum Flusse brachte, und wodurch er die Weiße, die seltene Reinheit und den Glanz des Spiegelglases erzielte, nicht nur eine Folge seiner persönlichen Geschicklichkeit war, sondern auch in einer von ihm als Geheimnis bewahrten eigentümlichen Mischung mit gewissen Zuthaten ihren Grund hatte: so begreift sich leicht, daß Herr Prannes auf der Hütte ein Mann von Ansehen war. Sein ehrlicher Charakter, sein schlichter Sinn und stets heiterer Humor sicherten ihm außerdem die Liebe und Achtung aller Leute. Er und Schrenk hießen weit und breit: »die lustigen Glasmacher«, oder wegen ihrer innigen Freundschaft: »die Unzertrennlichen«. Herr Prannes, ein mittelgroßer, etwas hagerer Mann, hatte einen unverwüstlichen Humor. Er trug in der Regel eine kurze, lederne Hose, einen abgeschossenen grünen Samtjanker und hatte stets eine schwarze Zipfelhaube auf. Er war, wie Schrenk, in den Fünfzigern; aber alles in ihm lebte, als wäre er noch ein Jüngling von zwanzig Jahren. Im Singen lustiger Lieder und Erzählen von »Huderln« (Anekdoten) hatte er nicht seinesgleichen und der Bräuer in Lohberg hielt die Einkehr des Prannes immer für einen Segen; denn er zog stets eine Menge Leute an, und – was dem Wirt die Hauptsache war – alles blieb sitzen, solange der Prannes blieb, und der Prannes mit seinem Freunde Schrenk tranken, wenn sie einmal kamen, nicht ein und zwei Glas, wohl aber mehr, recht viel mehr. Sie hatten ja das 28 Privilegium, mehr zu trinken, als andere, denn sie waren Glasmacher. Prannes war aber trotzdem der beste Familienvater; an seinem Weibe und seinem Kinde, dem Lieserl, hing sein Herz und das mit Recht. Seine Frau war das beste Weib und die beste Wirtschafterin; ihr Stolz war die Erziehung ihres Kindes und die Reinlichkeit ihres Hauses. Spiegelblank waren in der kleinen Wohnung stets Boden, Tisch und Bank, und an der schneeweißen Wäsche des Herrn Prannes erkannte man, wie sehr darauf bedacht genommen wurde. Lieserl war zehn Jahre alt, hatte dunkle Haare, schwarze Augen und ein rundes Gesicht; sie schien ganz das Temperament ihres Vaters zu haben, denn sie war ebenso lustig und sang gerade so gern, wie er. Sie hatte es im Singen schon so weit gebracht, daß sie im Lohberger Kirchlein, einer Filiale von Lam, auf dem Chore singen durfte, worauf sie nicht weniger stolz war, als ihr Vater. Dem Schrenken-Franzl war diese Liese mit schwesterlicher Liebe zugethan. Sie betrachtete ihn als Bruder, wie ihn ihre Eltern gleichsam als Sohn betrachteten. – Wir haben Franz im Kreise der Familie Prannes wohl aufgehoben verlassen, und er hätte sich auch vollkommen zufrieden gefühlt, wenn ihm nicht fortwährend Pladls Begegnen auf der Absetz und dessen Drohung gegen seinen Vater vor Augen geschwebt hätten. Er nahm auch keinen Anstand, seinem Paten davon Mitteilung zu machen und um die Ursache dieses gespannten Verhältnisses zwischen Pladl und seinem Vater zu fragen. Prannes teilte Franz diese Ursache im wesentlichen mit, riet ihm aber, dem Vater von Pladls heutiger Aeußerung nichts zu sagen, um nicht einen neuen Skandal 29 hervorzurufen. Hielt es doch Prannes noch fortwährend für möglich, daß Schrenk wieder auf der Lohbergerhütte bleibe, wenigstens strebte er dahin, die Sache mit Pladl wieder auszugleichen; denn der Abgang des Freundes ging ihm schon jetzt schwer zu Herzen und er wartete auf eine günstige Gelegenheit, mit dem Hüttenherrn ein »gescheites Wort« reden zu können. Zu Franz sagte er aber noch vor dem Schlafengehen: »Franzl, merk dir zwoa Ding: Sieh nöd mehr als d' muaßt, und frag' über nix, was man dir verschweig'n will!« Franz konnte trotz der Strapazen des Tages, trotz des Bewußtseins, im heimatlichen Bette zu liegen, zu keinem ruhigen Schlafe gelangen und er stand schon bei Sonnenaufgang angekleidet vor der Thüre, den Vater, dessen Arbeit in der Hütte gegen Morgen zu Ende war, zu erwarten, und als er kam, ihn mit unendlicher Freude zu begrüßen. Der alte Schrenk hätte vor lauter Fragen und Freude gar nicht mehr daran gedacht, von der anstrengenden Arbeit einige Stunden auszuruhen, wenn ihn Franz nicht dringend darum gebeten hätte. Schrenk wollte dieses höchstens auf ein oder zwei Stunden thun; denn heute mußte er mit in die Kirche zur Palmenweihe, um unserm Herrgott zu danken für Franzels frohe Wiederkehr, und mit einem gewissen Vaterstolze drängte es ihn auch, den kleinen Studenten den Nachbarn und Freunden vorführen zu können. 30 III. Franz hatte sich die Lehre seines Paten zu Herzen genommen: »Sieh nöd mehr, als d' muaßt, und frag' über nix, was man dir verschweigen will,« so hart es ihm auch ankam; denn gerne hätte er seinem Vater das Begegnen mit Pladl erzählt, und er mußte also jedenfalls die Zeit abwarten, bis von selbst die Rede darauf kommen würde. Sein Vater, welcher nachgesehen hatte, ob der Gevatter schon zum Kirchgange bereit wäre, trat jetzt mit diesem in die Stube ein. Herr Prannes ging auf Franz zu und gab ihm zur glücklichen Wiederkehr von der »Studi« einen Ritterthaler, der ihm nützen sollte gegen »Zauberei und Blutung, gegen a gaachs Glück und a schnell's Vermögen«, der Vater aber schenkte seinem Sohne ein schönes, blauseidenes Halstuch. Franz mußte es sogleich anziehen und es stand zu dem schönen weißen Leinenhemde ungemein freundlich und festtäglich. Frau Prannes gab den Kindern »Palmkatzeln« mit, welche in der Kirche geweiht werden sollten, und bald war alles zum Kirchengange nach dem ungefähr eine halbe Stunde entfernten Kirchlein in Lohberg gerichtet und in der heitersten Weise gingen die alten und jungen Befreundeten von dannen. Prannes führte das kleine Lieserl an der Hand, Schrenk seinen Sohn. Der Himmel war heute nicht so 31 unfreundlich wie gestern: er hatte als Feiertagskleid seinen schönsten blauen Mantel umgehangen und den großen Sonnenorden angeheftet, dessen flimmernde und wärmende Strahlen die frohe Botschaft von der baldigen Ankunft des Frühlings verkündeten. Mit stillem Vergnügen betrachtete der alte Schrenk die Züge seines Sohnes, und ohne daß es dieser merkte, verweilte sein Blick mit freudiger Rührung darauf. War er ja so ganz das Ebenbild seiner Mutter! Hätte sie doch diese Freude noch erlebt, den Franzl so herangewachsen zu sehen! – Er wischte sich ein paar Thränen aus den Augen und mit einem liebevollen Lächeln sprach er dann mit seinem Sohne über alles, was sich während dessen Abwesenheit in der Heimat zugetragen, und auch Franz erzählte von seinem Leben und Treiben in der Stadt. Der alte Schrenk war ein schöner Mann, von hoher Gestalt und kräftig, wie keiner unter den Hüttenleuten; er hatte einen äußerst gutmütigen Blick, der aber durch seine dunkle Gesichtsfarbe und die gebogene Nase etwas beeinträchtigt wurde, so daß man, was nicht der Fall war, etwas Strenges und Stolzes in denselben vermutete; sein Gesicht war bis auf einen kleinen Backenbart glatt rasiert. Die Kopfhaare waren nicht mehr in Frühlingsblüte, der Wind strich über die Stoppeln am oberen Kopfe; aber desto üppiger war noch ein Kranz von Haaren am unteren Kopfe geblieben, dessen lange graumelierte Locken unter seinem schwarzen, breitkrämpigen Filzhute jugendlich herausflatterten. Seine Kleidung bestand außer dem erwähnten Filzhute mit niederem Gupf und Schnallenband aus einem schwarzmanchesternen Janker mit hohen, silbernen Knöpfen, 32 einer buntgestreiften Seidenweste mit ebenfalls silbernen Knöpfen, einem buntfarbigen, unter dem weißen Hemdkragen zierlich geknüpften Schlips, einer langen, ledernen Hose und festen Schnürschuhen. So ähnlich war auch der Schmelzmeister gekleidet. In Lohberg sollte vor allem dem Schulmeister ein Besuch gemacht werden, welcher Franz zum Studieren vorbereitet hatte. Der Schulmeister, eine in der ganzen Umgegend sehr beliebte Persönlichkeit, sah in Hemdärmeln zum Fenster heraus und rief den Hüttenleuten schon von weitem einen guten Morgen und wegen des Palmsonntags seine pflichtschuldigste Gratulation Weil der Esel an diesem Tage durch den Einzug des Herrn in Jerusalem zu Ehren kam, heißt man den Palmsonntag scherzweise das Namensfest der Palmesel. entgegen. Nachdem sie in die Wohnstube eingetreten, wurde vor allem Franz bewillkommt und der Lehrer hatte eine große Freude, seinen ehemaligen Zögling so frisch und gesund wiederzusehen. Allerdings machte ihm der Fortgang des kleinen Studenten nicht viel Ehre; doch konnte man von einem Knaben nicht viel Besseres erwarten, dessen Schulkenntnisse ganz vernachlässigt waren, da er in seiner vorigen Heimat, der Fuchshütte, von seinem Vater schon frühzeitig zur Arbeit, namentlich zum Betherlmachen Glasperlen, welche zum Rosenkranz oder zum Spielen verwendet werden. Ein gewisser Pater Heyndl behauptet, daß der heilige Beda der Urheber des Rosenkranzes sei, weil die Leute auf dem Lande noch jetzt »Betha« sprechen. Andere schreiben auch Petterl, leiten es von Paterl – von Paternoster ab. verwendet wurde. Dann steckte das Nisi auch noch wo anders. In dem böhmischen Städtchen, wo Franz studierte, war 33 damals das »Schmierolen« Eigentlich »Schmirben«. Darunter versteht man Geschenke, welche der Lehrer oder irgend ein Vorgesetzter erhält, und wodurch man sich bei diesem in Gunst zu bringen sucht. In der Volkssprache nennt man dies auch: »Einreiben«. üblich; danach richtete sich dort leider der Fortgang, infolgedessen auch in der Regel diejenigen, welche sich ihre Plätze auf diese Weise erkauften, zu den ungeschickteren Schülern gehörten. Franzens Vater hatte die Mittel nicht, zu »schmierolen«, und wäre dieses selbst der Fall gewesen, er hätte sich geschämt, in diese schmutzige Sache seine Hand zu legen. Mag dem sein, wie ihm wolle, Franzen wurde in Berücksichtigung alles dessen viel zu Gute geschrieben und er hütete sich wohl, »nein« zu sagen und sich in ein schlechteres Licht zu setzen, als er den anderen erschien. Gleichwohl aber meinte er: »Daß ich nichts taug zum Studieren, lieber Vater, glaub ich hinlänglich bewiesen zu haben; ich kann mit dem Lateinischen nichts machen, mir ist bei dem Lateinischen g'rad zu Mut, als müßt ich eine Speis verzehren, an der ich mir an' Ekel gessen hab', und dann giebt es ja auf der Welt gar kein Volk, das lateinisch spricht, und da seh ich gar nicht ein, warum ich mich so plagen soll für eine tote Sach'.« »I will dir nöd zured'n, Franzl,« entgegnete der Vater, »daß d' weiter studieren sollst; a tüchtiger Handwerksmann is auch eine Ehrenstell', und du kannst di ja b'sinnen, was d' wer'n willst.« »Ich werd' ein Glasmacher, wie Ihr seid, da ist die Wahl nicht schwer.« »Ein Glasmacher?« sagte der Alte. »I hätt' schon just was Besser's aus dir mach'n woll'n.« 34 »Was Besser's, Vater? Wenn ich werd' was Ihr seid, bin ich mir gut genug und hab' ich nöd G'schick zeigt auf der Fuchshütt'n?« »I red' dir nöd zua und red' dir nöd ab. So lang 's Schrenken giebt auf der Welt, war'n 's Glasmacher. Aus dir hätt' i zwar mehr macha woll'n, aber i woaß, man kann aus der Art nöd 'naus und was oan b'stimmt is, bleibt oan b'stimmt.« »Bestimmt ist uns,« sagte der Lehrer, »daß man die Talente, die man hat, nicht unter den Scheffel stellen soll, daß man nach vorwärts trachtet, wenn man die Kräfte dazu hat, und da der Franzl, wie ich weiß, die besten Anlagen hat, so soll er nebenbei den Geist ausbilden, und ich bin bei der Hand, ihm was zu lehren.« »Alles will ich lernen,« sagte Franz, »nur nöd lateinisch, und Sie soll'n g'wiß zufrieden sein mit mir, Herr Lehrer.« »Wie aber steht's mit der Musik?« fragte dann der Lehrer. »Bist im Singunterricht auch der letzte? – Und 's Flötenblasen hast d' es nicht vernachlässigt, hast noch einen Ansatz, kannst d' noch, was d' von mir g'lernt hast?« »Mit'n Singen ist's nöd weit her,« antwortete Franz, »aber 's Flötenblasen hab' ich nöd vergessen, ich kann 's jetzt besser als zuerst; gar alle Tag' hab' ich im Zwielicht mich exerziert, und die Noten, die ich mitg'nommen hab', kann ich alle auswendig blasen.« »Das ist brav. Da will ich dir gleich heut Gelegenheit geben, in der Messe das Solo zu blasen, womit das Lieserl bei seinem Diskantsolo begleitet wird.« »Was,« rief jetzt der Prannes überrascht und erfreut 35 aus, »mei' Lieserl singt a Solo? Du Wettermädl, und koan Schnaufer hat's tho'.« »I wollt' Enk überrasch'n, Voda,« erwiderte lachend das kleine Mädchen. »Ja, kannst d' es denn? Trau'st dir denn in der Kirch' alloa z'sing'n, wo der Herr Kaplan und der Hüttenherr und alle Bekannte d'rin seind?« »I kann's scho', Voda!« entgegnete mit einem gewissen Selbstbewußtsein die Kleine, »und daß 's ja koa' Angst habt's, so is der Herr Lehrer vielleicht so guat, mir's vorher noch einmal sing'n z'lass'n.« »Gern, recht gern,« erwiderte der Lehrer, die Noten, welche er bereits zusammengerichtet, hervornehmend und die betreffenden hervorsuchend. »Franzl, dort hängt d' Flöten, nimm's 'runter und probier', ob d' mitkommst. Ich werd' euch auf dem Klavier begleiten.« Das Lieserl nahm ihre Noten in die Hand, Franz legte die seinen auf ein Pult, und auf das Zeichen des Lehrers begannen sie sodann die Aufführung des Offertoriums. Einige wenige Anstände abgerechnet, wurde von den beiden die Aufgabe recht wacker gelöst und die beiden Väter brachten vor lauter Vergnügen den Mund gar nicht mehr zusammen. Nicht weniger zufrieden war der Schulmeister, denn er sah in dem Fortschritte der Kinder den Lohn für seine Bemühungen. Der wackere Lehrer hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Hüttenkinder nicht nur aufs gründlichste in den verschiedenen Schulgegenständen zu unterrichten, sondern übte sie auch in Gesange und in der Musik. Einzelne Buben hatten es im Spielen der verschiedenen Streich- und Blasinstrumente schon sehr weit 36 gebracht und schufen sich dadurch oft einen sehr ergiebigen Nebenerwerb für die Zukunft. In der kleinen Ortskirche, wo monatlich zweimal durch einen von der Pfarrkirche zu Lam abgeschickten Kaplan das Sonntagsamt abgehalten wurde, mußten die Kleinen dann im Choralgesang und Abspielen von Kirchenkompositionen das Erlernte in Anwendung bringen und gewann dadurch ein solcher Gottesdienst nicht wenig an erhebender Feierlichkeit. Während sich in dieser Weise der Lehrer große Verdienste erwarb, war dessen liebenswürdige Frau bemüht, die Mädchen in den nötigsten weiblichen Handarbeiten zu unterrichten, und so herrschte in jenem stillen, fast vergessenen Winkel des Waldes, wo meist nur arme Glasmacher hausten, unter der Schuljugend ein regerer Sinn für das Schöne und Nützliche, als in manchen Anstalten, die nur von Kindern ans intelligenten Häusern besucht sind. Der alte Schrenk und der Lehrer waren in das Nebenzimmer gegangen, wo sie eine Weile geheim miteinander sprachen, während sich die Kinder des Lehrers, deren Zahl sechs betrug, mit Lieserl und Franz sogleich in ein sehr vertrauliches Verhältnis setzten, das durch eine von der freundlichen Lehrerin aufgetragene »Brühtsuppe« mit Leberwürsten sehr an Annehmlichkeit gewann. Franzens Aufmerksamkeit, wenn auch durch dieses willkommene Frühstück etwas abgelenkt, war doch bei der Konferenz des Vaters mit dem Lehrer, und die hitzigen Ausbrüche des ersteren ließen ihn leicht erraten, daß jetzt nicht mehr über ihn, sondern vielmehr über die Verhältnisse mit Pladl gesprochen wurde. Als der Vater und der Lehrer wieder in die Stube zurückkehrten, sah ersterer sehr aufgeregt und blaß aus. 37 Dann machte man sich auf den Weg zur Kirche, um der Palmweihe und dem Hochamte beizuwohnen. Die beiden Glasmacher nahmen ihre Plätze in einem Betstuhle ein, die beiden Kinder aber wurden von dem Schulmeister mit auf den Chor genommen, wo sich bereits die andern kleinen Sänger und Musikanten versammelt hatten. Ach! mit welch glücklichem Gefühle sah Franz in der Kirche herum! Er grüßte in Gedanken alle die bekannten Statuen und Heiligenbilder wieder – den Kirchenpatron in dem Kasten, den heiligen Florian mit dem goldenen Wasserkübel, das mit Rosen geschmückte Bild des heiligen Aloysius, die alten Kreuzwegbilder – und die Fahnen und Labrungen Labra = Passionsbilder auf Stangen getragen. , die er bei den verschiedenen Festlichkeiten schon alle getragen hatte. Als aber der als tüchtiger Organist bekannte Lehrer die Tasten der Orgel in Bewegung setzte und ihr schöner voller Ton feierlich durch das Schiff der kleinen Kirche hallte, da überkam es das Herz des Jünglings wie mit einer süßen Wehmut, und ohne daß er es verhindern konnte, fielen große Thränen aus seinen dunklen Augen. Er mußte ja seiner guten Mutter gedenken, mit der er sonst diese Kirche besucht und die so oft sagte: »Wenn in der Kirche das Orgelspiel beginnt, singen die Engel im Himmel dazu!« Aber er konnte diesen Gedanken nicht lange nachhängen; der Dirigent gab ihm Flöte und Noten und ermahnte ihn, fleißig Takt zu halten und Pausen zu zählen, was Franz auch gewissenhaft zu thun versprach. Alle Leute auf dem Chore sahen mit Vergnügen zu den beiden Hüttenkindern, und die beiden Väter unten in 38 der Kirche gaben sich alle Mühe, es überall herumzurufen, »daß am Chor oben der Franzl pfeife und die Liesel singe,« ja der Prannes schlug sogar den Takt dazu und drehte sich fast ganz gegen den Chor um, als er einige Fehler während des Gesanges bemerkte. Wer bei diesem Solo mehr Angst gehabt, die Väter oder die Kinder, wäre schwer zu sagen gewesen; soviel ist gewiß, daß alle vier leichter atmeten, als es glücklich vorüber war. Herr von Pladl hatte seinen Platz zunächst an der Seite des Altares und stand wie der reiche Pharisäer dort, das gemeine übrige Volk nur hie und da mit einem verächtlichen Blicke ansehend. Er spielte mit seiner schweren goldenen Uhrkette und blickte von Zeit zu Zeit mit einer vertrauten Miene zu dem Christusbilde am Altare, gerade als wollte er sagen: »Wir sind zwei alte Bekannte; ich bin der reiche Pladl und stehe hoffentlich in einem besseren Ansehen als das Bettelvolk und die Bauern dahinten!« Während so der Papa betete, unterhielten sich seine ihm zur Seite stehenden Kinder damit, die Leute nachzuäffen und den Bauern- und Hüttenkindern alle möglichen Grimassen hinzumachen. Als beim Offertorium die Liese und der Franz ihre Solos vortrugen, blickte auch der Hüttenherr überrascht nach dem Chore; er winkte dem Kirchendiener und fragte leise: »Wer blast denn heute so schön auf der Flöte?« »Der Schrenkenstudent,« antwortete dieser; »das Bürschl macht sich.« »Der Schrenkenstudent?« entgegnete Pladl mit erzürnter Miene. »Der Kerl blast ja grundfalsch, das ist ja kaum zum Anhören. – Nicht wahr?« Der Kirchendiener, als welcher ein schöngeistiger 39 Schneider fungierte, sah Pladl fragend an, und mit einem verbindlichen Lächeln, wobei er sich Mühe gab, mit herabgezogener Oberlippe seine Zahnlücken zu verdecken, sagte er dann: »Miserabel – da hört sich alles auf!« Und kopfschüttelnd nahm er seinen Platz auf der untern Stufe des Altares wieder ein, überglücklich, von dem Hüttenherrn angesprochen worden zu sein. – Der Gottesdienst ging zu Ende und alle verließen, ihre Palmzweige vom Altare nehmend, die Kirche. Nachdem Franz alle seine Bekannte der Reihe nach gegrüßt und Prannes sich auf kurze Zeit von den Schrenken getrennt hatte, nahm der Glasmacher seinen Sohn am Arme und ging mit ihm vor das Dörfchen hinaus, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben; er wollte mit Franz eine Viertelstunde allein sein und mit ihm das Nähere besprechen über den in wenigen Tagen erfolgenden Abgang von Lohberg. Es war ihm lieb zu hören, daß Franz schon von allem unterrichtet sei, und er freute sich über dessen Aeußerung: »Ihr werdet nicht lang ohne Arbeit sein, Vater, denn auf jeder Hütte ist der Schrenk geachtet. Ich geh mit Euch, wohin's auch ist, und helf Euch und lern' von Euch, daß Ihr keine Sorge mehr haben dürft um mein Fortkommen auf der Welt.« Der Alte klopfte ihm auf die Schulter: »Unser Herrgott wird's schon recht mach'n,« sagte er gerührt dazu. »Aber Franzl,« fuhr er dann fort, »noch könnt' sich d' Sach' wend'n; i hab' noch keinen Platz g'sucht, i hab' g'hofft, der Herr von Pladl wird diesel' Dummheit vergess'n und sich wieder aussöhnen mit mir, und hoff's no; i trenn' mi schwer von Prannes, wir san iatzt zammag'wöhnt und Leid und Freud hab'n wir redli mitanander teilt. Der 40 Herr Lehrer hat mir zuag'sagt, mit 'n Pladl die Sach einz'leiten; aber der Hüttenherr is no' so wild auf mi, daß er mi umbringen könnt, wenn er sich trauet. I hab' mir deshalb ein letztes Mittel ausg'sunna und woaßt was? Du, Franzl, gehst ins Herrenhaus und machst 'n Herrn von Pladl und der Frau dein Kompliment. Es schickt sich das voneh, und wenn die Sprach' auf mein' Abschied kommt, so richt'st es ein, daß 's aus dein Dischkurs entnehmen können, i hätt' schon längst koa' Fäserl Gall mehr auf den Herrn und daß, wie heunt der Pfarrer in der Kirch'n predigt hat, die Zeit der Versöhnung kommen is und daß i bleib, wenn das auch 'n Herrn Pladl sein Wunsch sein soll.« Franz machte ein saures Gesicht bei dem Gedanken, mit dem groben Hüttenherrn noch einmal zusammenzukommen, aber er war gewohnt, keine Einrede zu machen, wenn sein Vater etwas von ihm verlangte. Er zweifelte zwar sehr an einem glücklichen Resultate dieser Sendung, denn Pladls Aeußerungen von gestern waren ihm noch zu lebhaft im Gedächtnis; aber er behielt diese Befürchtungen für sich, um sich ja nicht den Anschein zu geben, als thäte er nicht gerne nach dem Wunsche seines Vaters. »Kannst auch der Rosalie dein Kompliment mach'n, die alleweil mit dir g'rauft hat; iatzt muaßt du's aber Fräul'n tituliern – kannst auch »gnä Fräul'n« sag'n, wenn's auch jünger is als du.« Franz seufzte laut auf und sah dann lachend in das freundliche Gesicht seines Vaters. Gerne hörte der Sohn den Vater reden, der Vater wieder lauschte den Augen und 41 den Lippen seines Lieblings ab, was er Liebes und Gutes und Wohlmeinendes sagen wird. »Vorig's Jahr am heuntigen Tag, weißt du's no', Franzl, hast mit den andern Hüttenbub'n unsern Herrgott 'rumtrag'n und hast das Puerilied mitsingen helfen. Sie wer'n di heuer g'wiß recht irr geh'n; no' schau, heuer kannst du dir was vorsing'n lass'n und i werd' dir extra an' Zwanz'ger geb'n, den du ihnen nachher schenken därfst.« »Ich hab' mi scho' den ganzen Tag d'rauf g'freut,« entgegnete Franz, »und fast verdrießt's mich, daß ich mit den Pueribuben nimmer 'rumzieh'n kann; muß halt heuer den großen Herrn spiel'n und mir was vorsingen lassen, und wenn ich ihnen den Zwanz'ger geb', werden 's g'wiß vor mir Respekt kriegen! 's ist aber Zeit, daß wir ins Dorf zurückkehren, sonst versäumen wir die ganze Sach'.« Demnach schlugen beide wieder den Weg zum Dorfe ein. 42 IV. Der Name »Palmsonntag« oder »Palmtag« rührt allerdings zunächst von dem Gebrauche der katholischen Kirche her, am letzten Fastensonntag, dem Sonntag vor Ostern, Palmzweige zu weihen, um damit die Prozession zur Erinnerung an den festlichen Einzug Christi in Jerusalem abzuhalten; die mannigfachen Gebräuche und Meinungen aber, die sich an diesen Tag knüpfen, weisen entschieden auf heidnische Sitten zurück. Das christliche Palmenfest ist eigentlich altindischen Ursprunges und selbst die an demselben üblich gewesene Palmeselprozession wollen einige Gelehrte von dem Eselsritt herleiten, der in Persien zur Feier des Frühlingsanfanges stattfand und bei welchem man Palmenzweige als Symbol des Sieges über den vernichteten Winter trug. – Der Palmsonntag hieß ehedem auch der Blumentag, Blumensonntag, grüner Sonntag. In der griechischen Kirche wurde er schon im 4. Jahrhundert gefeiert, während die Feier bis in das 7. Jahrhundert in der römischen Kirche ganz unbekannt war, aber seit dieser Zeit schnelle Verbreitung fand. Die Palmweihe besteht darin, daß eine Anzahl Zweige, am Hauptaltare niedergelegt, mit Weihwasser, Räucherungen und Segensformeln geweiht und dann unter die Anwesenden verteilt werden. Da es in manchen Ländern keine Palmen giebt, so ersetzt man sie je nach den Gegenden durch Zweige von Buchsbaum, Oliven, Weiden, Silberpappeln und 43 Haselnußsträuchern, welche Blätter oder Knospen haben, und trägt auf sie die Benennung »Palmen« über. Im bayerischen Walde finden am Palmsonntage folgende Gebräuche statt: Die Palmzweige werden zu Palmbüscheln gebunden und geweiht. Das Heft derselben bildet der Stab der heiligen Haselstaude, in welche niemals der Blitz schlägt, seit sie der Mutter Gottes auf ihrer Flucht nach Egypten Schutz gegen Gewitter verlieh. Daran werden gebunden: die Blütenkätzchen der Palmweide, die altheilige Mistel und der Sayling ( juniperus sabina ), dessen Geruch alle Hexen vertreibt; doch muß der Haselstiel wohl geschält sein, denn Hexenspuk vermag sogar zwischen Holz und Rinde zu nisten. Für jedes Gemach des Hauses wird ein Palmbusch geweiht und das Jahr über wohl verwahrt; zieht ein Gewitter herauf, so verbrennt man einen Teil davon am frisch entzündeten Herdfeuer, dann nehmen die Blitze ihren Weg an dem Hause vorbei. Wegen ihrer seidenartigen Haare, in welche sie eingehüllt sind, nennt man die Blütenknospen von Weiden, Erlen \&c. »Katzeln« oder »Palmkatzeln«. Die Palmkatzeln werden zur Verhütung alles Unheils in der Wohnstube, im Stalle und auf den Schüttboden zwischen die Balken oder als Blitzableiter unter die Dächer gelegt. Drei »Katzeln« werden häufig verschluckt, um das Jahr hindurch vor dem Fieber, Zahn- oder Halsweh verschont zu bleiben. Nebst den wilden Palmzweigen läßt am Palmsonntage jedes Haus auch noch zwei bis drei hartgesottene, in der Mitte durchschnittene oder an der Spitze bloß aufgebrochene rote Eier (Sodlasoa), Salz und ein Stück Flecken (Kuchen) 44 in der Kirche weihen. Man bringt diese Dinge in einem mit einer weißen Serviette umhüllten Teller zur Weihe, und öffnet während dieser die Serviette. Zu Hause verschlingt jedes Glied der Familie, ohne sie zu beißen, mehrere dieser Palmkätzchen. Dann werden die geweihten Eier zerstückelt und verteilt; die Empfänger aber wechseln wieder untereinander die Stücke, welche gegessen werden, um sich vor Verirrungen zu bewahren. Als Würze dient das geweihte Salz, als geweihter Nachbiß das Stückchen Flecken. Im Walde ist aber an diesem Tage noch eine andere Sitte gebräuchlich, welche ihrem Hauptgedanken nach gewiß recht schön und sinnig ist. Von den Ministranten der Pfarrkirche werden nämlich eine Menge von kleinen, zierlichen »Palmbüscheln« aus Palmkatzeln, Mistel und Sayling zusammengebunden, mit buntseidenen Mäschchen umschlungen und auf weißgeschälte, ungefähr zwei Fuß lange Weiden oder Haselnußgertchen gesteckt. Für vornehmere Personen werden die Gertchen auch mit schmalen, seidenen Bändern umwickelt. Nachdem diese Palmzweige die Weihe erhalten, werden sie von den Ministranten in kirchlichem Gewande von Haus zu Haus gebracht. Einer der Knaben trägt dabei ein hölzernes Christusbild, welches mit einem roten Mantel, einer Blumenkrone und einer Palme in der Hand geziert ist; ein zweiter trägt den Vorrat von Palmzweigen und hält, die Auferstehung vorstellend, einen eigens gezierten Palmstrauch in der Hand; ein dritter hat einen mit bunten Mäschchen geschmückten Strohzeger am Arme zur Aufnahme der Eier und der Flachsreisen, welche die Sänger allenthalben von den Bauern erhalten; ein vierter schließlich trägt die versiegelte Geldbüchse zur Aufbewahrung 45 der baren Einläufe und erhält deshalb den Namen »Judas«. Diese vier Knaben, man nennt sie gemeinhin »Pueribuben«, wandern, wie gesagt, von Haus zu Haus, stellen das Christusbild auf den Tisch, teilen Palmgerten aus und singen dabei das sogenannte »Puerilied«. An mehreren Orten des Bayerwaldes haben die Ministranten einen aus Holz geschnitzten, auf vier Rädern stehenden, ziemlich großen Esel, worauf sich der göttliche, festlich geschmückte Reiter befindet. Während der Palmweihe steht dieser Reiter in der Nähe des Hochaltares, nach derselben wird er von Haus zu Hans gerädelt oder getragen und findet, wie oben erwähnt, die Verteilung der Palmgerten und der Puerigesang statt. Dieser ist folgender: Jesus in das Hans reitet ein Demütig auf einem Eselein. Schämet euch, ihr stolzen Weltkinder! Ihr richtet alles auf den Schein, Geprangt, gespitzt muß alles sein, – Das g'fällt Gott nicht, o Sünder! Im Stall gebor'n zu Bethlehem, Hernach kam er nach Jerusalem, Auf einem Eselein er reitet: Der mehrer als die Welt ist wert, Prangt nicht auf einem stolzen Pferd, Die Demut das andeutet. Von Jüngern wird er eingeführt; Die Jugend ruft und jubiliert, Ihn festlich zu empfangen. Die Jünger gingen nebenher, Voll Demut aber blieb der Herr, That nicht mit Hoffart prangen. 46 Singet, es sei gebenedeit Des Davids Sohn, welcher da reit't! Auch bereitet euch auf Schmerzen: Fünf Tage werden sein dahin, Da wird man rufen. »Kreuzigt ihn!« O Sünder, uns zu Herzen. Ein Troß von Kindern folgt diesen Sängern gewöhnlich von Haus zu Haus, um zum so und so vielten Male wieder den »Puerigesang« zu hören. Am Palmsonntage selbst wird in der Regel nur im Pfarrorte der Herrgott, auf einem Esel reitend, herumgefahren; die folgenden Tage wandern die Ministranten mit einem einfachen, hölzernen Christusbilde über Land nach allen Dörfern, Einöden und Höfen, wo sie des weiten Weges halber oft über Nacht ausbleiben. Von diesen Exkursionen kommen sie dann mit heiseren Kehlen, aber mit Eiern, Flachs und Geld belohnt nach Hause, was schließlich redlich unter ihnen verteilt wird. – Man sieht es überall gern, wenn unser Herrgott einkehrt, und nicht selten kommt es vor, daß zur Erzielung des Haussegens fromme Bäuerinnen das hölzerne Bild in die Schlafkammer tragen und ihr eheliches Bett damit einsegnen, indem sie es auf einige Augenblicke darüber halten oder wohl auch hineinlegen. – In Lohberg, wo die Hüttenleute eigentlich für sich eine abgeschlossene Gemeinde bilden, üben nach altem Herkommen die Hüttenbuben diesen religiösen Gebrauch aus, und da der junge Schrenk früher die Funktion eines Ministranten versah, waren ihm alle diese Dinge von lebhaftem Interesse. Er beeilte sich deshalb, mit seinem Vater noch rechtzeitig im Dorfe einzutreffen, um die »Pueribuben« 47 zu sehen. Diese fuhren den hölzernen, schön gezierten Esel, worauf der göttliche Erlöser ritt, soeben durch das Dorf unter dem Lärm der sich herzudrängenden Kinderschaar. Nachdem die beiden Schrenk diesem Treiben eine Weile zugesehen, lenkte der Vater die Schritte direkt zum Hause des Hüttenherrn. »Glück auf!« sagte er leise, »Franzl, du weißt, was wir g'schwaatzt hab'n. Suach mi im Wirtshaus wieder auf; d' Prannes kemma auch hin und mitanand geh'n wir wieder eini auf d' Hütt'n.« Franz stieg in Pladls Hause zögernd die Stiege hinan und trat auf das erfolgte »Herein!« in das Zimmer, blieb aber neben der Thüre stehen, teils aus Bescheidenheit, teils aus Ueberraschung über die Szene, welche sich ihm hier darbot. Inmitten des Zimmers lag die gnädige Frau und mit ihr oder um sie herum spielten und rauften vier Kinder von vier bis zwölf Jahren, zwei Mopserln und eine Katze. Aus dem geröteten Gesichte und den geschwollenen Augen der gnädigen Frau konnte man schließen, daß die auf dem Tische leerstehende Flasche in einer gewissen Beziehung zu ihr gestanden haben mußte. Welche Flüssigkeit vormals, d. h. noch vor ganz kurzer Zeit, in dem Glase gewesen, – das wissen wir nicht ganz genau; doch sagte die böse Welt der Frau von Pladl nach, daß sie ganz gewöhnlichen vinum spirituosum , auf deutsch Schnaps, in großer Quantität zu vertilgen verstand. Aber wer weiß, ob dieses nicht eine Verleumdung war, und wenn wir sie bei Franzens Eintritt auf dem Boden liegend finden, wer kann sagen, ob das nicht eine Passion von ihr 48 gewesen, sich so herumzubalgen? – Allerdings konnte dieses für das seidene Kleid gerade nicht von Vorteil sein; auch war ihre Sprache so eigentümlich, fast lallend, ihr Lachen so blöde, und als sie jetzt des jungen Schrenk ansichtig wurde, traten ihre Augen so gläsern und stier aus den Höhlen hervor, daß man fast versucht sein mußte, die böse Meinung jener bösen Welt für begründet zu halten. Nur mühsam stand sie jetzt vom Boden auf und setzte sich auf das Sofa; ihre ganze Umgebung folgte ihr dahin. Die Kinder sahen mit sehr unzufriedener Miene nach dem Störenfried ihres Vergnügens und einer der Buben konnte nicht umhin auszurufen: »Jetzt müssen wir wegen des Laffen unser Spiel aufgeben und ich hätt' gar so gern die Mama noch recht durchgeprügelt!« Das Mädchen aber, es war Pladls ältestes Kind und hieß Rosalie, trat Franz entgegen, musterte ihn vom Kopf bis zum Fuße und sagte dann mit hochmütiger Stimme: »Hör' einmal, Bub, du siehst noch gerad' so dumm aus, wie vor einem halben Jahr. Kein Wunder, wenn man mit so einem Kopf der letzte wird!« Franz wußte vor Verlegenheit nicht, was er erwidern sollte. Er schwieg, was unter diesen Verhältnissen gewiß das beste war, und näherte sich der gnädigen Frau mit den Worten: »Gnädige Frau, ich bin so frei, Ihnen meine Aufwartung zu machen, grüß Ihnen Gott, und weil ich g'seh'n hab', daß es Ihnen gut geht, will ich nicht länger inkommodieren.« Frau von Pladl hatte während dieser Ansprache den Knaben stier angesehen. Sie schien ihn anfangs nicht zu kennen, jetzt aber erinnerte sie sich und freundlich lächelnd 49 reichte sie ihm die Hand. Sie sprach dazu unzweifelhaft einige Worte des Wohlwollens; aber dieses geschah in so unverständlicher Weise, daß Franz für die Sprechende recht herzlich in Verlegenheit kam, und er war froh, aus dieser unangenehmen Situation durch das Eintreten der »Pueribuben« erlöst zu werden. Er zog sich in die Nähe der Thüre zurück, um von da den Gesang der Knaben mit anzuhören. Als die Buben das Lied begannen, bei welchem Franz in den vergangenen Jahren, wie erwähnt, so oft mitgewirkt, konnte er sich nicht enthalten, in den Chorus mit einzustimmen und nach Herzenslust mitzusingen; es zog ihn unwillkürlich von der Thüre zum Tische hin, wo die Buben standen. Durch Franzens Stimme wurde der Gesang vollkommener und mit freundlichen Blicken nickten ihm die Sänger zu, nur wacker mitzuschreien, was denn auch redlich geschah. Franz hatte in seinem Eifer gar nicht bemerkt, daß Herr von Pladl das Zimmer betrat und hinter ihm stehend den Gesang mit anhörte. Als er sich jetzt entfernen wollte, sah er sich Pladl gegenüber. Dieser hatte ihn sogleich wieder erkannt, und in der Meinung, Franz wäre nur des »Ansingens« halber gekommen, ließ er ihn in spöttischer Weise an: »Schämst du dich nicht, dich an die Buben anzuhängen und ums Geld in den Häusern herumzusingen? Auf das braucht dein Vater gerade nicht stolz sein, daß er an dir einen Bettelstudenten hat, der heut 'n Palmesel in den Häusern macht.« »Herr von Pladl,« entgegnete Franz beschämt, »ich bin kein Bettelstudent, und was den Palmesel anbelangt, so kenn' ich noch viel größere, als ich bin.« 50 »Ruhig, naseweiser Bursch!« entgegnete Pladl. »Ich hab' gestern schon Proben von deiner Keckheit erfahren; ich will dir's raten, Galiläer, so schnell als möglich aus dieser Stube zu kommen und dich nie wieder bei uns blicken zu lassen, sonst nimm ich den Ochsenfisel und lern dich Mores.« Franz, der sich umsomehr schämte, als seine Kameraden Zeugen der ihm widerfahrenen Demütigung waren, konnte kein Wort erwidern; wie angebannt stand er da, bis er sich am Arme angegriffen fühlte. Er sah auf und blickte in Rosaliens spöttisch lächelndes Gesicht. »Diese Buben,« sagte sie, »hätten recht gut gesungen, wenn nicht du so falsch mitgeplärrt hättest. Bilde dir ja nichts auf deine Stimme ein, und dort ist die Thür und dort der Ochsenfisel – du hast die Wahl.« Alles lachte über Rosaliens Witz. Franz aber wurde blaß bis in den Mund hinein; er wollte etwas erwidern und wußte nichts Rechtes zu sagen, nur seine Hand zuckte und – sein Gefühl sagte ihm, daß diese Hand allein diesem naseweisen Mädchen gegenüber die rechte Sprache verstünde; aber er steckte die Hand in die Tasche und machte darin eine Faust, einen etwas verfehlten Knix gegen die gnädige Frau und – suchte das Weite. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, als er, den Leuten auszuweichen, den Weg nach dem Regenflusse zu einschlug. »Ich stürz' mich ins Wasser!« dachte er; am Ufer des Regens angekommen, stürzte er zwar nicht ins Wasser, aber der Länge nach zu Boden und weinte bitterlich. Er mochte eine gute Weile so dagelegen haben, als er in seinem Jammer durch eine freundliche Stimme gestört wurde, und seine kleine Freundin, die Liese, vor ihm stand. 51 »Warum flennst denn?« fragte sie. »Was is dir passiert, daß d' wie a Narrischer ans Wasser herlaufst und di in dein' Sonntagsg'wand daher legst.« Franz stand und suchte sich seine Thränen zu trocknen. »D' Pladl,« antwortete er, »hab'n mich so gekränkt, wie noch kein Mensch auf der Welt.« 52 »Weiter nix?« sagte Liese. »Dertwegen brauchst nöd ins Wasser z' springen; was hab'n 's dir denn tho?« Franz erzählte, was er gestern und heute von Pladl und Rosalie zu erdulden hatte. Als er vollendet, nahm ihn Liese bei der Hand und sagte mit ernsthafter Miene: »Wenn i mit der Sali zammakomm, dann soll sie's büß'n; aber i wüßt' schon, was i thät, wenn i an deiner Stell' wär'.« »Und was thätst?« »Rächen thät i mi.« »Rächen? Er ist der Hüttenherr und sie ist seine Tochter – was hat sich da zu rächen?« »I wärat extra auch a Hüttenherr, nacha kaant'st es du ärgern!« »Ich ein Hüttenherr?« fragte Franz, trotz seines Jammers über den Einfall seiner Gespielin lächelnd. »Warum denn nöd? Soll außer dem Herrn Pladl koa' Mensch mehr a Hüttenherr wern können? Du kannst guat roaten und dei' und mei' Vater wern dir lernen, was d' weiter brauchst.« Franz hatte zu weinen aufgehört und sah mit seinen großen, klugen Augen das Mädchen erstaunt und fragend an. »Meinst?« fragte er dann zögernd. »Meinst, Liese, ich könnt's so weit bringen auf der Welt?« »Warum nöd? I hilf dir scho' dazua, i werd' dei' Hüttenfrau, und wer weiß, ob's nöd amal heißt: D' Lohberghütt'n g'hört 'n Franz Schrenk und seiner Liese!« 53 »D' Lohberghütt'n!« fragte Franz lächelnd. »Wo käm' dann der Pladl hin?« »Der kann hint'n bleib'n am Ossa,« entgegnete Liese; »wir aber bau'n daher zum Wasser, wo die Holztrift is. Jetzt gehen wir hoam, oalofö is's vorbei und unsere Vodan san scho' auf'm Weg.« Die beiden Kinder schlugen den nächsten Weg nach Hause ein. Franz war es eigentümlich zu Mute; vor wenigen Minuten noch aufs tiefste erniedrigt, schlug jetzt sein jugendliches Herz auf einmal voll der schönsten Pläne und Hoffnungen, und in demselben zuversichtlichen Tone, mit welchem ihm das Mädchen Mut zugesprochen, sagte er jetzt: »Ja, ja, Lieserl, du hast recht, es wird das G'scheit'ste sein, i werd' a Hüttenherr!« 54 V. Im Lohberger Wirtshause ging es am Nachmittage gar lebhaft her. Die Bauern der nächsten Umgegend sowohl, die eine Ehre darein setzten, alle Sonn- und Feiertage ihr Möglichstes und noch ein gut Stück darüber in der Vertilgung des braunen Stoffes zu leisten, und die Glasmacher und Hüttenleute insgesamt ruhten hier nach den Strapazen der Woche aus und thaten sich weidlich gut an Herrn Kellermeiers untadelhaftem Stoffe. Es war aber auch ein Gesumme, als schwärmten hundert Bienenstöcke; der Qualm aus den kurzen Ulmern verbreitete im Gemache eine gewisse romantische Düsterheit; dazu der Mark und Bein durchdringende Gesang singlustiger Bursche, das Geklapper der Gläserdeckel, der Duft des unvermeidlichen Schmalzlers und – das Bild einer Dorfkneipe ist fertig. Ein kleiner Verschlag an dem oberen Ende des Zimmers, der einen runden, eichenen Tisch enthielt, war für den vornehmeren Teil der Gesellschaft bestimmt. Es war die Elite der Dorfgemeinde, bestehend in dem Dorfschulmeister, einigen reichen Waldbauern aus dem Winkl, dem Jäger des Herrn Pladl, dem Schmelzmeister, dem Schrenk und dem uns bereits als Kirchendiener vorgestellten, schöngeistigen Schneider, welchem nur wegen seiner Unterhaltungsgabe ein Plätzchen an der Tafelrunde, wie sich die Gesellschaft nannte, gegönnt war. Aber das Schneiderlein 55 saß heute, gegen seine Gewohnheit, still und in sich gekehrt am Tische und kaute mißgestimmt an seinen Nägeln. »Schneider, warum sind's denn heut so traurig?« fragte der Schulmeister, »das ist sonst nicht Ihre Art.« »I hab' halt meine Launen,« antwortete der Gefragte, »hoam soll i geh'n, da möcht' i bleib'n – 's Bier schmeckt mir und arbeiten soll i; d' Feiertag san vor der Thür' und i miserabler Mensch kann mi von mein' Leichtsinn nöd erhol'n.« »So trinken's halt noch a Halbe und machen's guate Vorsätz,« sagte lächelnd der Lehrer. »D' Vorsätz wär'n guat, aber d' Nachsätz!« seufzte der Schneider. – »Ach du mein Gott, was ist der Mensch geplagt, der kein Geld nicht hat! Die Nachsätz, das Soll und Haben – bei mir heißt's alleweil »Soll«, alleweil »Soll«! Drum bin i granti . Da sitz i und z' Haus soll i sein; da trink i und z' Haus soll i schneidern; das is hart, wer das nöd empfunden hat, der –« »Der,« fiel der Schulmeister ein, »kennt nicht die Bedeutung des schönen Liedes: »Hoam soll i geh'n, da soll i bleib'n, Meina Muadan soll i d' Erdäpfel reib'n; Hoam geh i nöd, da bleib i nöd, Meina Muadan reib i d' Erdäpfel nöd!« Die gesamte Tafelrunde stimmte in den Gesang mit ein und der »grantige« Schneider sang schließlich selbst mit einer fast meckernden Stimme und mit an Verrücktheit grenzenden Bewegungen mit. Während des Gesanges kamen mehrere Zuhörer zum Eingange des Verschlages, darunter auch ein alter, ärmlich 56 gekleideter, aber ehrwürdig aussehender Mann, bei dessen Ansichtigwerden sich der Kramerjakl bekreuzte. So hieß der Jäger des Herrn Pladl. Gewöhnlich nannte man ihn aber Kramerkropfet. Er hieß Kramer, hatte einen Kropf, und da es im Walde Sitte ist, den Personen noch einen Beinamen zu geben, hieß er kurzweg: »Kramerkropfet.« Der am Eingange erschienene alte Mann war ein armer Austrägler eines nahen Dorfes und hieß Zächerl vulgo »Bärnkoppengirgl.« Der alte Koppengirgl war kaum des Jägers ansichtig geworden, als er kehrt machte und sich mit eingezogenem Kopfe entfernte. Er setzte sich in der Stube auf die Ofenbank, schnupfte, mit pfiffiger Miene nach rechts und nach links hinschielend, seinen Schmalzler und aß die in seinem Maßkruge aufgeweichten Bierbrocken, welche er mit seinem » Nuscherl « vorsichtig herausfischte. »Der Lumpenkerl!« schimpfte der Kramerjakl, »kann man nöd einmal sein Glas Bier ruhig trinken, tritt ein'n der Hexenmeister ins Garn!« »So glaubt Ihr wirklich, daß er anbrennt ist?« fragte der Schneider mit der harmlosesten Miene. »Ob ich's glaub'? G'seh'n hab' ich's und erfahr'n hab' ich's,« entgegnete bestimmt der Jäger. »So erzählt's, daß man doch auch weiß, wie und wo.« »Sollt's hör'n!« sagte jener, und man rückte zusammen, um die Hexengeschichte möglichst deutlich zu vernehmen. »Es war vor etlich'n Jahren. – Oes wißt's, i brauch koa' Kraftpulver, um an' Hasen 's Purzeln z' lerna; aber 57 dazumal gab's eine Zeit, wo mir die Hasen an der Nase vorbeirutschten und i koan troffen hab'. So erging's auch den andern Jagern und wißt's, warum? – Weil's verzauberte Hasen war'n.« – »Dös is a guate Ausred',« sagte lächelnd der Schneider, »wenn der Jager nix trifft, hat er neunundneunzig Ausreden; das ist die hundertste. He, he, he!« »Du, Geißbock, mecker' nöd z' voreili, sonst erfahrst auch noch was, das i scho' weiß.« »Und was denn?« »Daß di dei' Frau mit'n Stecken holt. Obacht! Hopp, da is 's scho'!« Und wirklich ging's: piff, paff! auf den Rücken des melancholischen Schneiderleins. »Du Lump! Du Galgenstrick!« schrie eine weibliche, erhitzte Stimme, »muaß wieder alles versoffen sein und Weib und Kind müassen z' Haus darb'n? Gehst glei hoam oder i drischack di, daß d' an mi denkst!« »Ob der an sie denkt!« rief der Schulmeister. Der Schneider errötete vor Scham, stammelte einige Besänftigungsworte zu seiner Frau und glaubte sogar, sich wegen des plötzlichen Abganges von der Gesellschaft entschuldigen zu müssen; deshalb sagte er: »Nöd wahr, Sie verzeih'n, daß i plötzli hoam muaß, es is was Wichtig's auskemma.« Und staubaus nehmen war eins; die Schneiderin mit der Elle hinten nach, und ein schallendes Gelächter im Hause folgte. – Es bedurfte geraumer Zeit, bis der Kramerkropfet seine Erzählung von den verzauberten Hasen wieder aufnehmen konnte; dann aber lauschte alles mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Worten. 58 »Also, daß i mei' G'schicht auserzähl',« so nahm er das Wort, »so hat si also herausg'stellt, daß d' Hasen von dazumal alle verzaubert war'n, oder daß i mi recht ausdruck, es war'n gar koane Hasen, sondern Teufel in Haseng'stalt zum Aergernis aller christlichen Schützen. Dös kann i aus eigner Erfahrung berichten. Bin i am Anstand g'stand'n hinter an' Buschen, sonst rings auf Schußweiten alles frei; da trillt a Has' an mir vorbei, i ziel' und, Gott straf mi! druck auf zwölf Schritt ab: da giebt's mir a Watsch'n, daß mir der Kopf sechs Wochen lang davon brummt hat, und der Has'? – haß 'n nöt g'seh'n, siehgst 'n nöd aa. So is's mir auf derselbig'n Jagd no' sechsmal ergang'n und statt der sieb'n Hasen hab' i sieb'n Watsch'n kriegt. Aber dös is no' gar nix. Der Daxlnazigirgl von Scheiben hat auf so an' Has'n g'schoss'n und schießt 'n in der Mitt' ab; was g'schieht? der halbete Has' lauft links davon, der halbete rechts, und es entsteht im Holz drin a Glachter, als wenn der höllische Feind an' arme Seel dawischt hätt'.« »Dös is alles no' nix,« fiel Prannes lachend ein, »i aber hab' g'seh'n, wie die Hasen während da Jagd auf d' Bäum 'naufkraxelt san, zu oberst 'nauf bis auf d' Gipfel, daß 's das best' G'wehr nimmer hätt' erreich'n kinna.« »A G'spoaß,« sagte der Jäger etwas mißstimmt, daß man seine ernsthafte Erzählung ins Lächerliche zu ziehen schien; »'s giebt koane Hasen, die kraxeln kinna.« »So?« entgegnete Prannes mit etwas spöttischem Lächeln, »soll i Enk sölle zoag'n?« »Nacha glaub i's,« erwiderte der Jäger, »aber nöd eher.« 59 »Soll a Wort sein,« sagte Prannes; »iatzt erzählt's nur wieder weiter in Enkara G'schicht'.« Der Jäger nahm seine Erzählung wieder auf: »An ander's Mal is große Jagd beim Herrn von Hafenbradl. An vierzig Schützen hat der Herr g'lad'n, trotz mein' Einreden, es sei nix drauß im Wald, als a paar Stuck Rehwildbret, und wenn der Hasenstand fünf Stuck betraget, sei 's eher z' hoch, als z' nieder griff'n. Was g'schieht? In jedem Bogen sein dir acht, neun Hasen, – dös hat man gar noch nöd erlebt; aber g'schoss'n is koaner wor'n. Watsch'n gnua, aber koane Hasen. Die san davon. D' Woll' liegt am Boden und der Schwoaß daneben – verend't am Platz hat koaner. Das kann i selbst beschwör'n; i war dabei und daß a Hexerei im G'spiel, dös war iatzt jedem klar, denn 's kommt wohl vor, daß man oan und 'n andern Hasen fehlt; aber vierzig Schützen, über hundert Schuß, und nöd ein Stück bleibt: a solche Schneiderei is noch gar nöd vorkommen, so lang 's a Weidwerk giebt. Am Hoamweg aber hat sich's nachher g'schickt, der Sach' auf den Grund z' kommen. Mein Hund, i hab' dazumal noch 'n Hektorl g'führt, springt gaachs in a Dickicht und giebt Laut; i birsch' an in dem Glaub'n, es steht a Wild drin, dieweil, was muaß i seh'n? Sitzt enk der Koppengirgl in der Stauden drin, mäuselstad, den Huat voll Laubern zwischen den Füaßen. Und was treibt er mit den Laubern? Kloane Haserln schneid't er draus, 60 wirft's auf 'n Boden, macht seine Sprücheln drüber, und Gott sei bei uns! Aus den Laubern wer'n leibhaftige Hasen. d. h. was den Leib anbelangt, im übrigen g'hör'n 's auf die ander Seit'. I hab' an' solchen Hasen g'seh'n, wie er aus der Hand vom Koppen entstanden is. »Koppengirgl,« hab' i g'sagt, »was treibst da?« Da wird er blaß und will sein Huat verstecken; aber i tapp danach und greif' in die schönste Hasenwoll. Da geht mir a Licht auf! – I hab' einmal erzähl'n hör'n, daß man aus den Laubern Hasen zaubern kann, wenn man in an' g'wissen Einverständnis is (der Kramer zeigte mit dem Finger ein Teufelshörnchen auf der Stirne an), und wie i den Girgl so von der Seit'n anschau, wird mir die Sach immer klarer und klarer, daß er und koan anderer der Hasenzauberer is. Um mi aber vollständig zu überzeugen, pack i den Janker vom Koppengirgl, der neben ihm am Boden liegt; denn es is eine alte Sach, wenn man a Kleidungsstuck von an' Hexenmoaster schlagt, so g'spürt er selber die Schläg', grad als schlaget man auf sein'n Körper; i also trischack den Janker aus Leibeskräften, und richtig schreit der Koppengirgl »Au und Weh!« und bitt't und jammert, i möcht das Schlagen aufhör'n, er thuat's g'wiß nimmer. Da hab' i aufg'hört und er hat mir schwör'n müssen, daß er niemals wieder Hasen zaubert. Nur unter der Bedingung hab' i ihm das Leben g'schenkt; er hat's beschwor'n und seit der Zeit is mir koa' verzauberter Has mehr unter d' Hand kommen.« »I meinet doch,« ergriff jetzt Schrenk das Wort, »daß, wenn's Oes alle Hasen für verzaubert halt's, die 's fehlt's, daß noch gnua solche rumlauf'n; was übrigens die G'schicht mit dem Bär'nkoppen anbelangt, so sitzt er draußen am 61 Ofen; der kann uns ja erzähl'n, ob uns der Kramer an' Bär'n aufbunden hat.« »Ja, ja, dös hat er,« rief jetzt eine zitternde Stimme, »an' großmächtig'n Bär'n noch dazua! An' viel größern, als der war, weg'n dem der Kropfet auf'n Baum kraxelt is, von dem er nachher vor Schreck'n wie a Pudlkua wieder 'runter g'fall'n und ohnmächtig liegen blieb'n is.« Man wandte sich gegen den Eingang und sah den Koppengirgl, der unbemerkt schon längere Zeit Zuhörer bei des Jägers Erzählung war. »Nöd weil i Hasen zaubern kann, hab' i bitt,« fuhr er dann fort, »sondern weil mei' Brisilglas in der Tasch'n drin g'steckt is, dös er mir bei ein Haar z'sammg'schlag'n hätt'. Ja, wenn i zaubern könnt, hätt i schon längst bewirkt, daß dem Kramer seine Ohr'nwaschel so lang wern, als sie 's naturg'mäß nach seiner vorigen Erzählung sein sollt'n. I, meine lieb'n Herr'n, kann nix zaubern; hier is der beste Beweis davon.« Damit zog er seinen ledernen Geldbeutel heraus und stülpte ihn um; es fiel nicht ein Pfennig heraus. Die Gesellschaft blickte fragend nach dem Jäger und in ziemlich unverhohlener Weise lachte man ihm gerade ins Gesicht. Der Kramerkropfet war wütend über diesen Zwischenfall und gegen den Koppen gewendet schrie er: »Wenn d' nöd verschwind'st, alter Lump, so –« »So,« unterbrach ihn Schrenk, »so bleibt er da. Das is nöd christlich von Enk, daß's Oes dem armen Menschen so die Ehr' abschneiden wollt's. I kenn den Girgl lang und hab' noch niemals Ursach g'habt, ihn für an' Lumpen 62 z' halten. Da hast an' Zwanziger, Girgl, so und iatzt bleibst erst recht da. Im Wirtshaus hat ein jeder gleiches Recht, der zahlt. Der Girgl bleibt!« »Ja, ja,« riefen alle andern, »der Schrenk hat recht, das darf nöd sein.« »So; wenn enk der Girgl, der Lumpenkerl, lieber is, als i, so kann er mein' Platz einnehmen. I dank für die Ehr, neben ihm z' sitzen,« meinte der Jäger. »Thuat's, was 's wollt's,« sagte Schrenk. »Es hoaßt Enk neamd geh'n; wenn 's aber durchaus nöd dableib'n wollt's, so is das auch grad koa' Unglück für uns.« Der Jäger war nicht imstande, das Gelächter zu ertragen. »Wenn i mein' Zwilling da hätt', wüßt i, was i thät,« sagte er mit wütender Stimme zu Schrenk. »Und was thät't 's? Umhängen thät't 's 'n und d' Thür zumach'n, aber von außen.« »Fried'! Fried'! meine Herrn!« beschwichtigte jetzt der Schulmeister, »für heut' ist's genug. Was soll'n die Reden hin und her? Sei g'scheit, Schrenk, und du, Kramer, bist alt genug zum Verstand annehmen.« »Mei' Schuldigkeit, Wirt!« rief der Jäger, und nachdem er das nötige Geld hingeworfen, erhob er sich mit den Worten: »In dieser Gesellschaft sehgt's mi sobald nimmer!« Unter allgemeinem Gelächter verließ er dann das Gemach und begab sich auf die Sommerau, um im dortigen Wirtshause seinen Aerger zu vertrinken. Der Bärenkoppengirgl wurde dagegen eingeladen, den verlassenen Platz des Jägers einzunehmen, und es wurde ihm auf Schrenks Geheiß eine Maß hingestellt. »I will aber die Herrn gar nöd inkommodier'n,« 63 sagte er, »auf der Ofenbank draußen sitz i auch guat, denn i bin's nöd g'wohnt, in so vornehmer G'sellschaft z' sein. Wenn's mi aber da leid'ts, so schänd' i den Tisch auch nöd.« Alle Anwesenden gaben ihm zu verstehen, daß er sich ohne Anstand zu ihnen hersetzen und ihre Unterhaltung teilen möge, eine Einladung, die den Alten sichtlich erfreute. Der Bärenkoppengirgl trug eine Pelzkappe, einen alten, grünmanchesternen Janker mit hohen, bleiernen Knöpfen, eine gestreifte Weste, kurze, lederne Hosen, dicke gewirkte Strümpfe von grauer Schafwolle und festgenagelte, mit Holzsohlen versehene Schuhe. Aus seinem unrasierten, mit grauen Haarstacheln reich versehenen Gesichte blickten zwei kleine, schlaue, von roten Augenlidern eingefaßte Aeuglein unter einer niederen Stirne und wulstigen Augenbrauen hervor. Seine kleine Stumpfnase war im richtigen Verhältnisse zum kleinen Munde, in welchem, trotz des hohen Alters des Koppen, – er mochte über siebzig Jahre zählen, – fast kein einziger Zahn fehlte. »Auf 'n Kramerkropfet sei' Reputation hin,« nahm er jetzt das Wort, »därfen mi die Herrn nöd verdammen, und wollt's die Ursach hör'n, von seiner Wuat auf mi, so kann i enks erzähl'n.« Man ermunterte den Alten, die Geschichte zum besten zu geben, und derselbe war hierzu sogleich bereit. »'s is über dreißig Jahr her, daß aus 'n Böhmischen nöd weniger als fünf Bär'n auf einmal ummakemma san ins Boarisch und sich am Ossa oben festg'setzt hab'n. D'rauf is a große Jagd veranstalt't worn und sackera! hat's mi g'stoch'n, so a Hetz mitz'mach'n. I bin dort scho' a 64 mantelmäßiger Mann Verheiratete Männer tragen im bayerischen Walde zum Zeichen der Würde ihres Standes bei gutem und schlechtem Wetter über ihr Feiertagskleid einen Mantel, daher der Name »Mantelmäßiger Mann«. g'west und mei' Wei', Gott tröst's! hat große Aengst'n g'habt und große Not. »Girgl,« hat 's g'sagt, »thua mir dös nöd an und laß di fress'n von die Bär'n, schieß nöd ehnda, bis d' es dalanga kannst, und ruaf dein' Schutzpatron, den heiligen Georg, an, daß er dir beisteht in der G'fahr!« Dös hab' i ihr g'hoaß'n und mit viel'n andern Förstern, Jagern und Bauern bin i auszog'n auf d' Bär'n. Der Kramerkropfet, – er war dazumal Jagersg'hilf und schon viel bekannt wegen sein' g'ringen Verstehstmi und sein' Dadera vor allen Sach'n, wo's golt'n hätt', a Schneid z' hab'n, – war auch dabei. Bei jedem gaach'n Schrecken is ihm der Schnaufer ausgangen und is er ohnmächti hing'fall'n wie a Mamsell in der Stadt, wenn's nix anders mehr z' thuan woaß. Da könnt' i gar lustige Stuckln erzähln, aber i kommet z'weit ab von der Bär'njagd. Also dös Ding war guat, wir steig'n auf'n Ossa und stell'n uns z'naachst bei der kloan' Spitz um an' Bär'nriegel 'rum auf 'n Anstand. Der Kramerkropfet steht neben mir auf etli sechzi Gäng. D' Hund wern in 'n Riegel lass'n, und koane fünf Vaterunser lang steht's an, san 's 'n Bär'n auf der Spur. D' Jagd kommt grad her, wo i steh und der Kropfet und – Gnad' Gott! da is der Bär scho' aa! Der Kropfet schießt und fehlt, er schießt no' amal und fehlt wieder – Gnad' Gott! iatzt läuft der Bär schnurgrad auf ihn zua; der 65 Kramer wirft sei' Bix weg und kraxelt auf an' Baum, – der Bär ihm nach, denn daß der Bär kraxeln kann, hat er in sein' Schreck'n vergess'n. »Ui jegala!« schreit er iatzt, »aus is's und gar is's! Un weh und ach!« wie man's hat hab'n woll'n. Der Bär erschrickt völli über dös fürchterliche G'schroa, thuat an' Knurra, kraxelt vom Baam wieder awa und will Reißaus nehma; da aber kracht's aus meiner Bix und pautsch! liegt er da und brüllt und wälzt si in sein' Bluat. Der Kropfet aber is vom Baum g'fall'n wie r a Pudlkua vor lauter Schreck'n und is wie maustot lieg'n blieb'n lange Zeit. »Wie nachher d' Jaga komma san und den Bär'n g'seh'n hab'n – den Augenblick vergiß i nimmer, so lang i leb; so a G'fühl kann ma nur im Himmel hab'n, und nöd amal dort, wenn's koane Bär'n z' schieß'n giebt! Zum Jagküni hab'n 's mi g'macht, fünf Gulden Schußgeld hab'n 's mir zahlt und d' Haub'n hab'n 's awa zog'n vor mir, wie 's d' Häusler vor an' Bauern thuan; und in der Lam hab'n 's mir an' Bär'neinzug g'halt'n, wie 's nimmer dahört is worn seit selbiger Zeit. Mei' Wei' hat g'flennt als wie r a Deandl, hat d' Bärnpratz'n g'opfert und seit der Zeit hoaß'n 's mi den Bär'nkoppengirgl.« Dem Alten glänzten die Augen bei der Erinnerung an jenen für ihn ewig unvergeßlichen Tag, und indem er lächelnd den übrigen zuwinkte, nahm er zuerst eine Prise Schmalzler, dann aber griff er nach dem Kruge und trank auf das Andenken jenes Ehrentages in kräftigen Zügen. Alle Anwesenden stießen mit ihm an, und es fehlte nicht viel, daß der Alte vor lauter Freude über diese ihm widerfahrene Ehre geweint hätte. 66 »Und der Kropfet,« fragte jetzt Schrenk, »wie is der wieder lebendig worn?« »Wie er g'merkt hat,« entgegnete der Zächerl, »daß der Bär erschoss'n is, hat er si von sein' Schrecken erholt und is wieder aufg'stand'n. Natürli hat alles drüber g'lacht. Er hat si nur tot g'stellt, hat 'r g'sagt sagt 'r, daß 'n da Bär für an' Aas halten sollt', wenn i nöd g'schoss'n hätt', denn 's is an' alte Sach, daß die Raubtier nur a lebendig's Fleisch mög'n und außer der Hyän gar niemals oans an' toten Körper anschneid't. Und seit dera Zeit kann er mi nimmer schmeck'n; daß i so g'acht bin worn und er so ausg'lacht, hat 'n kränkt. Wer ihm 's weiß g'macht hat, dös woaß i nöd, aber er glaubt's fest, daß i mit an' Kraftpulver den Bär'n damals g'schoss'n hab', denn er glaubt an' Hexen und Geister wie an verzauberte Hasen. Aber i krieg 'n scho' no' dran!« Man lachte über Zächerls Erzählung und der Kramerkropfet war noch vielseitig die Zielscheibe des Witzes von der Tafelrunde. Prannes gab noch einige lustige Huderln zum besten, welche die Gesellschaft in der heitersten Weise unterhielten; dann aber nahm der Lehrer die Zügel der Unterhaltung in die Hand, indem er die Guitarre zu spielen begann und Lieder zum besten gab, welche alle Anwesenden im Chore begleiteten. Es wurde spät, bis die Gäste nach und nach das Wirtshaus verließen, und bald saßen nur mehr die Hüttenleute und der Koppengirgl an der Tafelrunde beisammen. Als auch dieser gehen wollte, lud ihn Schrenk ein, noch eine Maß auf seine Rechnung zu trinken. 67 »Thät' 's recht gern,« entgegnete der Alte, »aber i hab' heunt nacht noch a G'schäft vor und da muaß i z'erst noch etli Stund schlaf'n.« »Vielleicht wieder a Hexeng'schäft?« fragte lachend Schrenk. »I denk',« antwortete Girgl, »es soll mir ohne Hexerei glücken, an' Auerhahn abz'bäumen .« »Woaßt an' Platz?« fragte Schrenk leise und neugierig. »Mehr als oan,« entgegnete mit zufriedener Miene und schmunzelnd der alte Wildschütz. »In der Staatswaldung oder im Kramerkropfet sein' Revier?« »Nach der Auswahl, i hab 's an mehr als sieb'n Plätzen verhört und erst heut fruah bin i an' oan ang'sprung'n und bei meiner Hirwa liegt er eingrab'n. Man gräbt das Fleisch dieses Vogels einige Tage in die Erde, um es mürbe zu machen, bevor man es im Essig kocht und dann auf Wildbretart zurichtet. « »Girgl, i geh mit dir,« sagte jetzt Schrenk entschlossen und sein Auge blitzte vor Begierde nach dem Gewinne eines so stolzen Vogels. Prannes war jedoch nicht so schnell einverstanden; im Gegenteil machte er Einwendungen, welche selbst Schrenk auf einige Augenblicke anders bestimmen konnten, – aber schließlich blieb er doch bei seinem Entschlusse. »Es g'langen nöd zwanzig Hahn, die i schon abbäumt hab' und i hab' iatzt noch neamd g'fragt,« meinte er. »Der Kropfet därft grad heunt nix wissen,« entgegnete der Schmelzer, »der Mensch wär völli imstand, dir oans 'nauf z' belz'n.« 68 »O mei',« sagte der Girgl, »bis der morgen den ersten Fuaß aus 'n Bett hebt, hab'n wir schon zwoa Auerwild in sicher'm Verwahr. I muaß iatzt geh'n. Punkt halbe Zwoa komma z'samm naachst Eggersberg, wo der Steig auf'n Ossa führt; das Kreuz vor'm Hochwald is unser Zusammenkunft.« Und einigemal ermunternd mit dem Kopfe nickend, ging er fort. Niemand im Hause hatte diese Verabredung gehört. Der Wirt schnarchte auf einem ledernen Großvaterstuhl und draußen in der Wirtsstube waren nur mehr wenige Hüttenleute beisammen. Diese waren aber in einer so lebhaften Unterhaltung begriffen, daß sie nicht einmal darauf achteten, was in dem Verschlage an der Tafelrunde ausgemacht wurde. Aber außer dem Hause hatte sie jemand belauscht und gerade derjenige, dem diese Jagd am ersten ein Geheimnis bleiben mußte. Der von Sommerau wieder zurückgekehrte Kramerkropfet hatte, vor dem Laden lauschend, alles gehört, was drinnen abgemacht wurde: er drohte mit der Faust hinein und machte eine glückliche Miene, daß sich so bald Gelegenheit fand, sich an dem stolzen Schrenk zu rächen. Als der Koppengirgl das Zimmer verließ, versteckte er sich hastig hinter einem Holzhaufen, wartete bis die beiden Glasmacher das Haus verlassen hatten, und begab sich hernach zum Schrecken des Kellermeier wieder in die Gaststube. Er verlangte noch eine Maß Bier und legte sich dann auf die Ofenbank, um hier zu übernachten, da er morgen, wie er sagte, in aller Früh ein wichtiges Geschäft hätte. Schrenk und Prannes wanderten nach der Hütte. – Es war eine prachtvolle Nacht. Des Mondes goldene 69 Sichel schimmerte gerade über dem Ossagebirge, nach welchem der leidenschaftliche Wildschütze sehnsüchtig hinblickte. »I muaß doch für 'n Franzel an' Osterbrat'n herricht'n,« sagte er zu seinem Freunde. »Aber dei' Frau muaß 'n richt'n und wir speis'n dann in Gesellschaft.« Der Schmelzmeister lachte. »Kennst die G'schicht von der Bär'nhaut?« »Ja, ja; aber wenn d' Hoffnung nöd wär', schleichet i mi g'wiß nöd außi in d' Wälder, um was zu erleg'n. I find nix Unrechts drin, bloß was G'wagt's, und wer nix wagt, der g'winnt nix; dös is mei' Glaub'n.« Im Hüttengebäude angekommen, trennten sich die beiden Freunde, um sich in ihre Wohnung zu begeben. Franz stand mit einem Lichte unter der Thüre, den Vater zu begrüßen. Er war noch nicht zu Bette gewesen, sondern hatte infolge seines heutigen Vorsatzes, Hüttenherr zu werden, in einem Rechenbuche so eifrig studiert, als ob er schon morgen ein solches Amt übernehmen müsse, und überdies wollte er auch seinen Vater noch wachend erwarten. Schrenk richtete seinen Schießzeug zurecht und gab dem fragenden Blicke des Knaben nur ausweichende Antworten. Franz, des Vaters Vorhaben erkennend, konnte aber nicht mehr länger an sich halten, ihn vor Pladl und dem Jäger zu warnen und zu bitten, nicht mehr hinauszugehen zum Wildern, wo sein teures Leben einer so großen Gefahr ausgesetzt sei. Er sagte ihm alles, was er von dem Hüttenherrn und dessen Familie seit gestern zu erdulden gehabt, er erzählte ihm's mit Thränen in den Augen und bat so eindringlich, daß ihm der Vater gewiß nachgeben mußte. Der alte Schrenk hörte seinen Sohn ruhig an. Er saß auf dem alten, ledernen Sopha; den rechten Ellbogen 70 auf das Knie gestützt, lehnte er seinen Kopf in die Hand und schien über Franzens Erzählung ebenso ergriffen, als nachdenkend; als aber dieser näher zusah, war der Vater in festen Schlaf versunken und somit die ganze schöne Rede in den Wind gesprochen. Schrenk schlief so fest, daß ihn Franz gar nicht aufwecken konnte; deshalb nahm er ihn bei den Füßen und legte ihn bequem auf das Sopha, schob einen Polster unter seinen Kopf und in der gewissen Hoffnung, daß es für heute nacht mit der Auerhahnfalz vorüber, schlich sich der junge Student in die an die Wohnstube stoßende Schlafkammer und war eingeschlafen, noch bevor er seinen Abendsegen vollendet. Armer Franz, hättest du geahnt, daß einige Stunden später dein Vater geräuschlos das Haus verlassen und dem Hochwalde zueilen würde: dein Schlummer wäre weniger friedlich gewesen; denn während du in süßen Träumen befangen fortschlummerst, droht dem Vergehen schon die Strafe und hängt an schwachen Fäden deines Vaters Leben. 71 VI. Die beiden Wilderer hatten sich zur festgesetzten Zeit und am bestimmten Orte getroffen. Es war eine prachtvolle Nacht; der Mond breitete sein fahles Licht über die Gebirge des Bayerwaldes und in seltenem Glanze strahlten die Millionen Sterne am dunkelblauen Firmamente. Da flimmerte, da bewegte und regte sich's oben vom Zenithe bis hinab zum Horizonte in Gold- und Silberglanz; der Himmel schien besät mit Rubinen und Smaragden, mit Diamanten und Amethysten. Dazu die Stille der Nacht, durch nichts unterbrochen, als durch das dumpfe Brausen der vom Gebirge herabkommenden Wasser und den Schall der Fußtritte unserer Jäger auf dem durch die Nachtfrische angezogenen Boden. Nur mit gedämpfter Stimme gaben sie sich Frag und Antwort, hin und wieder blieben sie stille stehen, um zu lauschen, ob alles sicher sei, und erst als sie in den Hochwald eingetreten waren, zündete sich der Koppengirgl sein Pfeifchen an. »Müassen wir hoch 'naus?« fragte jetzt Schrenk. »Schier auf d' Schneid,« entgegnete der Kopp, »zu den letzten Buchenstamm, wo der Ahorn anfangt.« »Also z'naachst am Platzl,« entgegnete Schrenk, gar wohl bewandert in allen Teilen des wilden Bergrückens. »Dort is auch a guater Schnepfenstrich; bin scho' oft am Anstand dort gwen, aber nöd als Wilderer, sondern mit Verlaub vom Herrn Förster; 's Platzl g'hört zur 72 Staatswaldung, was mir auch heunt um so lieber is, denn 'n Pladl sei' Revier möcht' i die kurze Zeit, wo i no' hiersig bin, nimmer betret'n.« »I glaub's nöd, daß di der Hüttenherr fortlaßt,« 73 entgegnete Girgl, »und denk an mi, über's Jahr geh'n wir zwoa so guat auf d' Falz, wie vörden und huia .« »Sei staad !« sagte jetzt Schrenk, »i hon was g'hört.« Beide standen still und lauschten nach allen Seiten. »Mir war's,« sagte Schrenk leise, »als hätt' i im Schnee was krachen hör'n; es war was Schwer's, a Mensch oder a groß's Tier.« »A Pudlkua wird vom Baum g'fall'n sein,« erwiderte der Koppengirgl nach einer kleinen Pause. »Geh'n wir weiter, koa' Jaga is nöd unterwegs und was wir sonst fürcht'n sollt'n, wüßt i nöd: die Zeiten san vorbei, wo d' Bär'n und d' Wölf' da ummatum san g'rennt. Mit 'n Hochwild war's vorneh nöd viel, sollt' aber a Reh drin steck'n im Revier, so nehma ma's mit.« Nachdem sie noch einmal gelauscht und nichts vernommen, schlugen sie einen Jägersteig ein und gingen vorsichtig auf dem gefrorenen Schnee, in dem sie oft zu versinken glaubten, den ziemlich steilen Berg hinan. Da ging der Weg oft zwischen alten Bäumen hindurch. die sich in der Beleuchtung des Mondscheines phantastisch ausnahmen, oder er führte über einen Filzgrund mit verkrüppeltem Krummholze, welches die Wilderer in seltsamen Gestalten anschaute; oft galt es, über kolossale umgestürzte Stämme zu klettern, dann wieder durch dichtes Unterholz, durch Brombeerbüsche den Weg zu bahnen. Und so ging es stundenlang fort in einem unregelmäßigen Wechsel von lebenden und abgestorbenen Bäumen, auf unebenem, oft tückisch verdecktem, bald trockenem, bald schlüpfrigem, bald 74 schwankendem Boden und durch ein Chaos von Felsentrümmern, mit welchen das Ossagebirge gleichsam besäet ist. Die beiden Wilderer ließen sich das alles nicht verdrießen; wenn die Hindernisse überwunden, gingen sie wieder nebeneinander und der Zächerl plauderte mit großem Vergnügen von den gefährlichen Jagden, welche er in früheren Jahren hierum mitgemacht. »Das war halt noch a schöne Zeit,« meinte er, »als noch Bär'n und Luchsen und Wölf' da ummatum g'haust hab'n! Da hat's noch was z' wag'n geb'n; da hat koaner a Jaga sein können, wenn er nöd a Schneid g'habt hat! Aber iatzt könnt' ma' an' Rosenkranz beten am Anstand und rauscht's in den Laubern, kommt selten was andres, als a lausig's Has'l. – 's is gar nimmer der Müh wert zu wildern, wenn's nöd alle heilig'n Zeiten a Stuck Wildbret oder im Auswärts an' Auerhahn absetzt, hol' mi der Hörnlmeier! ich hätt' die G'schicht schon längst aufgeb'n.« Schrenk sagte einige zustimmende Worte und fragte ihn dann, ob er außer der gestern erwähnten Bär'nhatz noch mehrere mitgemacht. »Niederg'schoss'n hab' i sonst leider koan,« entgegnete der Zächerl, »aber g'rauft hab' i damit und totschlag'n hab' i grad gnua mithelf'n. Als Treiberbua hat mi der Jäger Georg Forster vom Zwiesler Waldhaus und sein Bruder, der Andrä, immer mitlassen, wenn's auf d' Bär'nhatz außi san. Nöd achtzig Bär'n reichen aus, so die zwoa in den Waldungen zwischen Rachl und Arber niederg'schoss'n hab'n. Den letzten, i woaß's noch guat, hab'n 's anno 12 am Sulzriegel erlegt. Koaner denkt dran und in der Flint'n hab'n 's Hasenschrot. Da verbell'n d' Hund in an' Dickicht an' großmächtig'n Bär'n; Pums! schieß'n 75 alle zwoa und der verwund'te Bär nimmt's an ; Gnad' Gott, hätt'n 's d' Hund' nöd g'habt! die aber halt'n 'n Bär'n auf, bis d' Jaga wieder g'lad'n und g'schoss'n hab'n. Aber was bedeut't a Schrotschuß auf a solches Tier! – Noch etlichemal hab'n 's g'schoss'n und d' Schrot war'n zu End'; da lad't der Andrä Forster seine zinnern Rockknöpf in d' Flint'n, thuat an' letzten Schuß – und der Bär liegt da! Fünf Zentner hat er g'wog'n, es war der größte Bär, den i je g'seh'n hab'. – »Im Jahrgang 1824 hab' i am Hohenbogen die letzte Bär'nhatz mitg'macht; dort wär' 's bald gefährlich wor'n für 'n Revierförster Lutz. Der schießt a Bärin und 's wütige Tier nimmt 'n Schützen an, wirft 'n nieder und stellt si drauf. Er wär' verloren g'wen, hätt' nöd sei' Fanghund d' Bärin ang'fall'n und so lang abg'rauft, bis d' Schützen kommen san. Einer davon, es war der Müller Striber von Simpering, hat dann das wütige Tier durch 'n Kopf g'schoss'n, und der Förster is mit einer leichten Wund'n davon kommen. – Seit der Zeit hat man leider nix mehr g'hört von Bär'n im obern Wald; im untern san's noch in den dreißiger Jahren g'schoss'n wor'n. – Was d' Wölf anbelangt, so is der letzte anno 27 vom Bürger Plankl am Wolfsriegel bei Zwiesel und der letzte Luchs anno 23 am Arber drenten erlegt wor'n. Aber auch mit dera Jagd is's Tralarum!« Der alte Wilderer erzählte noch allerlei von jenen interessanten Jagden. Derartige Ereignisse waren für zeitlebens in seinem Gedächtnisse eingeprägt; was dazwischen lag, hatte er meistens vergessen; aber jene großen Jagden, 76 jene Zeit, wo er der glückliche Schütze war, – das war seine Ehrenzeit, und wenn er darauf zu sprechen kam, röteten sich seine Wangen und die altersmatten Augen erglänzten wieder. Eine verdoppelte Prise Schmalzler nehmend, sagte er schließlich nicht ohne Seufzen: »Besser kann's wer'n auf der Welt, aber schöner wird 's nöd!« Schrenk unterbrach jetzt plötzlich den Alten, indem er ihn am Arm packte und ein Zeichen zum Schweigen gab. Jener hatte ein gutes Gehör und es war ihm nicht entgangen, daß sich jenes Geräusch, das er schon beim Eintritt in den Hochwald gehört, wiederholte; es waren ganz deutlich Schritte – Schritte eines Menschen, die auf dem gefrorenen Schnee und in der Stille des Waldes vernehmlich widerhallten. Aber sonderbarer Weise verstummte dieser Hall, so oft unsere Wilderer stehen blieben. »'s is nix andres,« sagte der vollkommen sorglose Alte, »als der Widerhall von unsern Schritten. Aber 's könnt' auch sein, daß 's a Tier wär', woaßt was, Schrenk, i bürsch amal in der Richtung hin, wo's die Tritt' willst g'hört hab'n. Aber lus iatzt wo anders hin; es wird schon dämmerig und wenn i mi nöd irr, hör' i iatzt grad an' Schnepf'n quarr'n; da is's Zeit, daß wir auf 'n Falzplatz kommen. Nöd zehn Vaterunser lang is der erste weg von da, halt di nur links geg'n d' Ossaspitzen zua, bei den Buach'n bleibst nachher steh'n, und hörst an' Hahn schnalz'n, spring guat an, druck d' Aug'n zua, wenn er im Wetzen aussetzt, denn deine Aug'n glanzen noch gar jugendlich, das kann der Hahn nöd leid'n und leicht steht er ab. Am Platzl treffen wir uns wieder. Weidmannsheil!« 77 »Will schon mach'n, was recht is,« erwiderte Schrenk lächelnd und setzte seine Zündhütchen auf seiner Doppelflinte auf. Dann ging er in der angezeigten Richtung vorwärts, während der Bärenkoppengirgl nach rechts hin bürschte. Eine frische Morgenluft wehte aus dem Böhmischen herüber und das fahle Licht des Mondes kämpfte bereits unterliegend mit den immer heller werdenden Vorboten des kommenden Tages. Herrschte noch vor einer halben Stunde Totenstille im ganzen Waldgebirge, mit der kommenden Dämmerung wachten die gefiederten Bewohner auf und in den Birkenwäldern und um den Saum der Hochwaldungen ward es auf allen Zweigen lebendig. Das war ein Zirpen und Singen, ein Pfeifen und Schreien, als stimmten hundert Musikanten ihre Instrumente! Die Drossel und das Rotkehlchen, das Schwarzblättchen und die Grasmücke, der Zaunkönig und die Steinlerche und eine Menge anderer Vögel sangen alle miteinander ein Konzert von Tönen und Trillern, welches durch das Gekreische der Nußhäher und Elstern womöglich an buntem Wirrwarr zunahm. Je tiefer man in den Hochwald hineinkommt, wo uns nur die hochschäftigen Stämme der riesigen Bäume umgeben, desto ruhiger wird es, und die feierliche Stille wird höchstens von dem melodischen Gesange der sich in die Tiefe des Waldes hinein wagenden Drossel unterbrochen. Im Frühjahre aber herrscht auch im Innern des Waldes ein regeres Leben; da streichen die Schnepfen über niederes Gesträuch und Waldblößen, da spielt der Birkhahn in jüngeren Schlägen und falzt der Auerhahn im tiefstillen Nadelwalde. 78 Ist auch die Auerhahnjagd mit mancher Beschwerlichkeit verbunden, so ist sie doch auch von besonderen Reizen begleitet, um deren willen sie sogar der Verfasser der Tunisias und Rudolfias, der Erzbischof S. Pyrker, besungen hat: »Der Auerhahn, der Auerhahn, Der lockt mich nach der Höh'n; Doch will ich dort mit Vorteil dran, So heißt es früh aufsteh'n! Der Auerhahn, der Auerhahn Ist selten zu erseh'n!« Schrenk hatte inzwischen den ihm bezeichneten Balzplatz erreicht und kaum eine Viertelstunde belauscht, als er in geringer Entfernung das Schnalzen eines Auerhahnes vernahm und sich sofort in Bereitschaft setzte, an denselben anzuspringen. Er war nicht zum erstenmal auf der Falz und mit richtigem Verständnis wußte er sich während des Hauptschlages mit je drei Sprüngen dem Hahne zu nähern und dieser hatte kaum das »Schleifen« begonnen, – da blitzte durch die Waldnacht ein Schuß und der stolze gewichtige Vogel stürzte zu den Füßen des glücklichen Jägers. Schrenk nahm seine Beute und suchte auf die kleine Waldblöße (das Platzl) hinauszukommen, wohin er sich mit dem Bär'nkoppen verabredet hatte. Es war ihm nicht schwer, sich sofort richtig zu orientieren, und alsbald befand er sich am Platze der Zusammenkunft. Da der Koppengirgl noch nicht anwesend war, machte sich unser Wilderer daran, den Hahn aufzubrechen und nach Weidmannsart zu behandeln. Er hatte sein Gewehr zur Seite gelegt und sich niedergekniet, um diese Arbeit bequemer verrichten zu 79 können, und war so damit beschäftigt, daß er das Annähern eines Mannes gar nicht vernahm; ja er bemerkte es gar nicht, wie dieser Mann das zur Seite gelegte Gewehr leise aufhob, sich es umhing und sein eigenes in Schußbereitschaft zu setzen suchte. Schrenk wurde erst durch die Ansprache dieses Mannes aufgeschreckt und wie mit Blitzesschnelle aus seinen glücklichen Gefühlen gerissen. »Is dös a Glasmacherarbeit, Monsieur Schrenk?« fragte nämlich eine spöttelnde Stimme hinter ihm. Schrenk wandte sich um und vor ihm stand der Kramerjakl, der Jäger des Herrn von Pladl, die Flinte zum Schusse bereit und ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. Schrenk erschrak in der That für den ersten Moment auf das heftigste und es überkam ihn ein Gefühl wie den Verbrecher auf ertappter That; sein Gesicht wurde blaß und er fand keine Worte, was er dem Jäger auf seine Frage antworten solle. Aber dieser, sich seiner Ueberlegenheit wohl bewußt, fuhr fort: »Hab'n wir Enk iatzt endlich ertappt, Monsieur? – No', vielleicht gebt's es von heunt an wohlfeiler, als wie gestern nachts; denn auf's Wildstehl'n därft's netta nöd stolz sein. Es wird schon g'sorgt wern, daß's künftig an' End hat. Iatzt geht's mit mir zum Gendarm, der Enk ans G'richt abliefern wird.« Schrenk hatte sich während dieser Ansprache erhoben, nach seinem Gewehr geschaut und mit neuem Schrecken bemerkt, daß der Jäger sich dasselbe bereits angeeignet. Allmählich gewann er seine Fassung wieder; die beleidigenden Worte des Jägers fielen wie brennende Funken auf 80 sein eben fast noch erstarrtes Blut, und glühend heiß rollte es jetzt in seinen Adern. Scham und Wut über die fürchterlich demütigende Lage, in welcher er sich dem von ihm verachteten Manne gegenüber befand, kämpften miteinander und mit blitzenden Augen und stolzer Haltung sagte er jetzt: »Kramer! i will Enk's g'raten hab'n, sagt's koa' Wörtl mehr zu mir, wenn koa' Unglück g'scheh'n soll. Oes kennt's mi, verklagt's mi; das andre is Sach vom G'richt. Arretier'n aber laß i mi nöd. Auf dem Platz, wo wir san, habt's Oes vorneh koa' Recht; wir san in der Staatswaldung. Oes seid's da grad so guat a Wilderer, wie r i, und mei' G'wehr will i hab'n, und glei' will i's hab'n, sonst –«. »I schieß Enk z'samm'!« rief jetzt der Kramer erschrocken, dem seine Kourage in gleichem Maße abnahm, als jene Schrenks im Zunehmen begriffen war. Seine Arme zitterten und trotz des gespannten Gewehres wäre jetzt der Jäger überall lieber gewesen, als dem beleidigten Schrenk gegenüber. Dieser überlegte einen Augenblick, dann rief er: »Erschieß'n wollt's mi? So weit san wir?« »Ja,« antwortete blässer werdend der Jäger, einen letzten Versuch machend, die schwindende Kourage wieder zurückzurufen. »Ja, Lump, elendiger! maustot schieß' i Enk z'samm, wenn's Enk nöd arretier'n laßt's!« Diese Worte ließen den Schrenk alle Vorsicht vergessen. Er machte einen Sprung vorwärts – der Jäger drückte ab und – ein glückliches Geschick wollte, daß das Gewehr versagte und nur das Zündhütchen mit einem schwachen Knall losbrannte. Der Kramerjakl fand keine 81 Zeit mehr, den zweiten Lauf abzuschießen; denn bevor er noch über das Mißgeschick der ersten Schusses im reinen war, fühlte er sich von Schrenk angepackt und ward ihm das Gewehr nicht auf die sanfteste Weise wieder entrissen. Er suchte einigen Widerstand entgegenzusetzen; aber beide fielen während des kurzen Ringens der Länge nach zu Boden. Da blitzte es – und mit einem heftigen Knall entlud sich der zweite Lauf aus Kramers noch gespanntem Gewehre. Ein Schreckensschrei ertönte und ein zehnfaches Echo unterbrach die Waldesruhe; dann war es wieder still – ganz still. – Schrenk sprang entsetzt auf; der Kramer aber blieb liegen, das Gesicht zu Boden gewendet, – lautlos – regungslos. Schrenk hob dessen Kopf in die Höhe und sah ihm ins Gesicht; Totenblässe bedeckte es, Totenruhe lag in den geschlossenen Augen. – »Heiliger Vater!« rief Schrenk aus, »aus is's, – er is erschoss'n – heilige Muada Gottes – was is g'schehn!« Zum zweitenmal überflog sein Gesicht eine fahle Blässe und ein fürchterliches, ein unbeschreiblich entmutigendes Gefühl bemächtigte sich des sonst so starken Mannes. Er blickte zum Himmel mit stieren Augen, als wollte er sagen: »Du durt oben weißt, wie 's gangen hat!« Die widersprechendsten Gefühle von Schuld und Unschuld tobten durch sein Herz. Die fürchterlichen Folgen dieser Stunde türmten sich vor dem erregten Geiste auf, und ein unaussprechlicher Jammer machte die Seele des sonst so heiteren Mannes erzittern. – Blutigrot erhob sich jetzt über dem Rücken des Ossa die aufgehende Sonne, als wollte sie mit ihrer Farbe dem neuen Tage die traurige Märe verkünden, daß er mit blutiger That begonnen. 82 Schrenk bedeckte einige Augenblicke sein Gesicht mit beiden Händen; dann rief er laut und unter Thränen: »O mei' Franzl!« Wankenden Schrittes verließ er die verhängnisvolle Stätte; wohin er gehen, was er nun beginnen solle – er wußte es nicht; doch schlug er unwillkürlich die Richtung nach Hause zu ein. Er war noch nicht weit gekommen, hörte er sich zu seinem Schrecken angerufen; aber er beruhigte sich sofort, als er den Koppengirgl auf sich zukommen sah. »Hast 'n Kropfet g'seh'n?« fragte der Ankommende schnell und mit gedämpfter Stimme. »Die ganz' Zeit hab' i 'n auf der Spur. Ich hab' mei' Bix versteckt und sammel Hadersei. Ich konnt' di nimmer warnen; sag, was war's mit dene zwoa Schuß? Hast an' Auerhahn abbäumt oder – hat 's was anders geb'n? Du bist ja kaasweiß, Schrenk; sag, was is g'scheh'n?« Schrenk erzählte in Kürze den ganzen Vorfall und schloß damit, daß er jetzt auf dem Wege sei, nach Hause und von dort zum Gerichte zu gehen, um der Schande auszuweichen, mittels Gendarmerie dorthin trausportiert zu werden. Der Koppengirgl erschrak nicht wenig über Schrenks Erzählung, erholte sich aber sogleich wieder und sagte: »Neamd hat's g'seh'n, Schrenk, neamd woaß's, als i, und so wahr mir Gott beisteh'n mag in meiner letzt'n Stund'! koa' Mensch auf der Welt soll a Sterbenswörtl von mir hör'n.« »I glaub's wohl,« entgegnete Schrenk traurig, »aber 83 wenn i's auch vertusch, wie lang steht's an, so kommt's dennat auf und um so ärger is dann auch der Verdacht, i hätt' 'n Kropfet wirkli erschoss'n. Aber mei' G'wiss'n is rein von dera That, i werd auch rein wern vor der Welt und da is's G'scheit'ste, i zeig's am G'richt gleich selber an.« »Dös thaat i nöd,« erwiderte der Alte, »aber du denkst anders als i, und wie du's denkst, wird's auch wohl g'scheiter sein, als wie i vermoan'. Aber überzeug'n thaat i mi doch noch vorerst, ob der Kramer auch wirkli tot is.« »Er is's, – er rührt si und reibt si nimmer.« »No', dös is grad koa' Zeichen vom Tod. – I kenn den Kramer von der Bär'njagd her, durt is er auch maustot am Bod'n g'leg'n und lebt vielleicht noch in dera Stund. Aber Schrenk, wo hast 'n Vogl und 's G'wehr?« »Am Platzl lieg'n 's boad. I rühr koa' G'wehr mehr an zum Wildern, so lang i leb! Dös sei verschwor'n, mag 's in der Sach da geh'n wie's will!« »Im Holz lass'n wir's deratweg'n auch nöd lieg'n,« entgegnete der Koppengirgl, »und 'n Auerhahn hast auch nöd g'schoss'n, daß 'n der Fuchs kriegt. Ich werd' die Sach'n hol'n und auch 'n Kramer visitiern, wie's mit dem Schuß ausschaut, denn i moan alleweil, es könnt wie bei der Bär'njagd sei'!« Der Alte schmunzelte und blinzelte mit den Augen, wie er es gewöhnlich that, wenn er in irgend einer Sache recht zu haben glaubte. Schrenk hörte ihn kaum. »I geh hoam,« entgegnete er, »thua, was d' willst. 84 I kann mi nimmer länger da aufhalten, i muaß fort – i geh aufs G'richt.« »Laß dir Zeit, Schrenk,« sagte der Koppengirgl, »bis i Botschaft bracht hab', bleib' dahoam bis Mittag, i komm und nachher is's alleweil Zeit, daß's and're Leut erfahrn.« Der Glasmacher erwiderte nichts mehr darauf. Mit verstörtem Ausdrucke im Gesichte brach er sich Bahn durch das Dickicht und den mitunter noch hochgelegenen Schnee und eilte den steilen Gang hinab in der Richtung nach der Lohberghütte. – Franz lag noch im gesundesten Schlafe. Ihm träumte von zukünftiger Größe; er sah sich als Hüttenherr und reich und angesehen. Seine Mutter war bei ihm und webte sein Schicksal mit einem Schifflein und silbernen Fäden – und lächelte dabei so mild, so gut. Da kam der Vater und küßte ihn und – plötzlich ward er aufgeweckt. Sein erster Blick fiel aus das blasse, verstörte Antlitz des Vaters. »Franzl!« sagte dieser, »i geh auf Kötzting zum G'richt – was d' auch hör'n magst von mir – i bin unschuldig.« »Himmlischer Vater!« schrie Franz sich erhebend, »was is g'scheh'n?« Auch Prannes kam in diesem Augenblicke herein, und der niedergebeugte Schrenk erzählte dem Freunde und dem Sohne das blutige Abenteuer von heute morgen. Franz konnte vor Schmerz nichts hervorbringen als: »Mei' Vater! mei' Vater!« Auch Prannes war auf das tiefste erregt und wischte sich Thränen aus den Augen, indem er dem Freunde zum Zeichen innigsten Mitgefühls die Hand reichte; aber er faßte sich bald wieder und sagte: 85 »Wie die Sach' steht, so können's dir nix anhab'n und i halt's selber fürs beste, du gehst auf Kötzting und sagst 'n Landrichter alles, wie 's g'gangen hat. I geh mit dir, Schrenk, und unser Herrgott wird da drein schau'n!« Franz wollte zwar auch mit, aber man fand es nach kurzer Beratung für besser, wenn er zu Hause bliebe. Es war ein unaussprechlich schmerzlicher Abschied – so gar bald nach kaum erfolgtem Wiedersehen und unter so schrecklich jammervollen Verhältnissen. »Unser Herrgott wird da drein schau'n!« rief Franzl, des Paten Ausruf wiederholend, und fiel wie ohnmächtig in die Arme der Frau Prannes. Die beiden Freunde aber eilten Kötzting zu – gestern noch die lustigen Glasmacherleut, heute tief gebeugt und die Herzen voll Zweifel, Furcht und Reue. 86 VII. Am Platzl, wo Schrenk den Kramerjakl verlassen hatte, ereignete sich inzwischen eine andere Szene, welche für den Koppengirgl ebenso heiter war, als die vorige für die Glasmacher traurig und trostlos schien. Wir wissen, daß dieser Wilderer auf Schrenks Mitteilung von dem stattgehabten Unglücke sofort den Entschluß faßte, sich von der Richtigkeit der Sache selbst zu überzeugen und außerdem Schrenks Flinte und den erlegten Auerhahn in Verwahrung zu nehmen. Alsbald war er an dem verhängnisvollen Platze angelangt und fand in der That den Jäger, das Gesicht zur Erde gewandt, wie tot am Boden liegend. »'s is dennat anders, wie auf der Bärnjagd,« murmelte der Alte und besah sich etwas genauer den stillen Mann. Er forschte nach der Stelle, wo der Schuß eingedrungen, fand aber nirgends die geringste Spur; nicht ein Tropfen Blut zeigte sich an der Kleidung und auf dem Boden und neue Zweifel stiegen im Kopfe des Alten auf. Deshalb nahm er ihn bei der Hand und – sonderbarer Weise, sie war zwar kalt, aber kaum hielt er sie einige Sekunden in der seinen, war es ihm, als erwärmte sich allmählich die tote Hand. Der Koppengirgl fühlte sofort den Puls und rief erstaunt und erfreut: »Sackara! der lebt ja noch! Es ist richtig, wie i g'sagt hab', g'rad wie auf der Bärnjagd! – No wart', Kropfeter,« setzte er dann, gegen den Ohnmächtigen sich wendend, hinzu, »die 87 G'legenheit will i nöd unbenutzt lassen, mit dir abz'rechnen!« Er überlegte eine Weile und sein Lächeln zeigte, daß er mit seinem Einfalle zufrieden war. »Er halt mi für an' Hexenmeister; i will doch seh'n, wie weit er 's Zutrau'n zu mir hat. Wenn er wieder zu sich kommt von sein' Schußfieber, so mach i ihm weiß, er is in an' Auerhahn verzaubert wor'n.« Er hieb dem in der Nähe liegenden, von Schrenk erlegten Auerwild die Flügel ab und befestigte sie an dem Rücken des Ohnmächtigen derart, daß dieser glauben sollte – denn wie wir bereits wissen, der Kramerjakl glaubte alles – es wären ihm während seiner Ohnmacht Flügel gewachsen, und schraubte dann von des Jägers Flinte die Hähne ab. Während dieser Manipulation fing der Kramerjakl an, sich zu rühren. Der Kopp beeilte sich, auf die Seite zu laufen und die Stimme eines dritten nachäffend, zu schreien: »Dort is an' Auerhahn, a großmächtiger, schuiß!« Und seine eigene Stimme wieder annehmend, setzte er dazu: »Dös is ja dennat a Hexerei, so a Hahn, so großmächtig! Wenn dös koa' verzauberter Hahn is, bin i oana. Still, er rührt sich; wenn er vom Platz geht, druck i ab!« Der Kramerjakl, der das Malheur hatte, bei jedem großen Schrecken ohnmächtig zu werden, hatte sich allmählich erholt; er konnte sich aber nicht darauf besinnen, ob er erschossen worden sei und also in der Ewigkeit erwache, oder ob er noch unter die lebende Menschheit gehöre. Er getraute sich die Augen nicht recht aufzumachen. Daß er nicht im Fegfeuer sei, das wußte er gewiß, weil er vor Frost zitterte; aber für die Hölle, wo es heißt, daß Heulen 88 und Zähneklappern herrscht, war einige Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie gesagt, er drückte die Augen zu, denn alles konnte er noch früh genug erfahren. – Jetzt hörte er Menschenstimmen und eine Sprache, die er verstand. Unwillkürlich hob er den Kopf in die Höhe 89 und blickte nach dem Sprechenden; er sah ein Gewehr auf sich gerichtet, er hörte Zächerls Ruf. Der grelle Wechsel dieser Situation machte den ohnedies nicht gescheiten Kramerjakl erst ganz dumm. »Halt! halt!« rief er. »Wenn i wirkli no' nöd erschossen bin, so braucht's es nöd aa. Gott steh mir bei, der Koppengirgl!« setzte er dann hinzu. Dieser aber rief: »An' Auerhahn, der schwatzen kann – was soll dös sein? – Das is a Hexenwerk!« »Wo is denn an' Auerhahn?« fragte der Kramer mit zitternder Stimme. »Du bist einer,« antwortete der Kopp. »Was i? I wär an' Auerhahn?« Der Jäger besah sich ringsum und bemerkte die an seinem Rücken herabhängenden Flügel. Wie ein Blitz durchzuckte ihn jetzt der Gedanke, er sei wirklich in einen Auerhahn verwandelt worden; vor seinem Geiste liefen die verzauberten Hasen vorbei, die einstens aus Koppens Hut hervorgegangen waren, und die Nähe dieser unheimlichen Person, die Flügel an seinem Rücken – es überlief ihn eisig kalt. »I bin ja koa' Hahn,« rief er jetzt, »i bin der Kramerjakl, schau nur mein' Kopf an und meine Füß und meine Hos'n. – Hat denn an' Auerhahn Hos'n an? – Zächerl, kennst mi denn nöd? – Thua d' Flint'n aus'm Anschlag und laß mit dir schwatzen.« »Nix da,« schrie der Wilderer, »der Kramerkropfet willst d' sei? so könnt' sich a jeder Auerhahn ausreden. I seh koa' Hos'n; i seh nix als lauter Federn.« »Lauter Federn?« rief der Kramer mit ängstlicher Stimme. »Ja, ja,« dachte er, »es ist richtig; mit seinen 90 eigenen Augen sieht man sich immer in seiner früheren Gestalt, während die andern Leut einen nur in der verzauberten erblicken.« »Sollst aber wirkli ein verzauberter Hahn sein,« sagte jetzt der Koppengirgl, »so woaß i die Ursach, warum d' verzaubert bist. Du hast 'n Schrenk erschießen woll'n. Is 's so?« »Ja – dös hab i woll'n,« antwortete der Jäger mit zerknirschter Miene. »Und warum?« »Warum? Der Hüttenherr hat mir auftrag'n, wenig Umständ z'machen, wenn i'n beim Wildern ertapp.« »Der Hüttenherr? Was weiter? Sag' alles, denn i hab' die Kraft, dich wieder umzuzaubern.« »Ein Karolin als Schußgeld hat er mir g'hoaßen; aber nöd z'sammaschieß'n soll ich 'n; nur auf d' Füß sollt' i halten, hat er g'sagt. – Aber ach du lieber Himmel, was fang i denn an, wenn i iatzt an' Auerhahn bin!« »Versprich mir zwoa Ding und i helf dir wieder zu deiner G'stalt.« »I versprich dir's!« »Laß 'n Schrenk und mi in Fried' künftig; such uns nimmer auf, und was d' Hauptsach' is, laß di nimmer verleiten, auf uns z'schieß'n.« »I versprich's.« »Und beschwörst es?« »I beschwör's.« »Dann versprich, daß d' di bessern willst wegen deiner Dummheit –« »Wegen meiner Dummheit? Bin i denn gar so dumm?« 91 »I kann nöd nein sag'n,« entgegnete der Koppengirgl, gerade hinauslachend. Der Kramerjakl, in dem endlich Zweifel über seine Verzauberung rege wurden, besah sich noch einmal ringsum und versuchte, einen angehängten Flügel herabzureißen. Dies war nicht schwer, und da der Kopp von seiner Dummheit gesprochen und in solch fürchterliches Gelächter ausbrach, mußte der betrogene, abergläubische Mann doch allmählich auf die Idee kommen, daß er am Ende zum Narren gehalten worden sei. Der Wilderer erkannte sogleich, was in Kramers Gehirn vor sich ging, und hielt es für das Beste, sich demselben zu nähern und einzulenken, indem er sagte: »Du hast g'schwor'n, Kramer, mir nix mehr anzuhab'n; drum sollst iatzt wissen, daß d' ebensowenig in an' Auerhahn verzaubert bist, als die Hasen von dazumal von mir verzaubert waren und i bei der Bär'njagd a Kraftpulver g'habt hab'.« Der betrogene Jäger, erst niedergedonnert vor Scham, fühlte bei der allmählich zunehmenden Gewißheit seines Menschseins wieder menschliche Leidenschaft und so groß auch der Aerger über seine Dummheit war, die er sich vielleicht zum erstenmal jetzt redlich eingestand, so suchte er doch, nach Art aller kleinlichen Menschen, diesem Aerger über sich selbst schnell ein anderes Objekt zu geben, und dieses war der Bär'nkoppengirgl. »Malefizlump!« rief er diesem jetzt zu. »Kerl, weil d' mi so dumm g'macht hast, so erschieß i di!« Er nahm rasch seine Flinte zur Hand und wollte den Hahn spannen, aber welch Mißgeschick! – der Hahn war abgeschraubt 92 und wehrlos stand er dem Geschmähten gegenüber. Dieser lachte jetzt zum zweitenmal. »Was bist iatzt so harb,« rief er ihm dann zu. »Vorhin warst voller Jammer, daß d' in an' Auerhahn verzaubert warst, und iatzt bist voller Wut auf mi, daß's nöd a so is. Vor a paar Sekunden schwörst, du willst mir nix mehr thua, und iatzt hätt'st mi fredi erschossen, wenn i nöd so g'scheit gwen wär, von der Flint'n die Hähn' abz'schraub'n. Woaßt was, Kramer, halt'n wir Versöhnung, geh'n wir zum Schrenk, und sag'n wir ihm, daß er umsonst in Angst und Sorg war, und weil di die Waldung da eh nix angeht, so schnauf nur koa' Wörtl von der heutigen Jagd, sonst geht's dir grad so schlecht, wie uns, und Kramer, denk an dein' Oad, wenn d' willst selig wern!« Der beschämte Jäger ging nach weiterem Hin- und Herreden schließlich in den Wunsch des Koppen ein, mit ihm zu Schrenk zu gehen, und der Kopp versicherte ihm bei diesem Gange aufs neue, daß er niemals habe zaubern können, überhaupt eine große Geistesbeschränktheit dazu gehöre, an so verrücktes Zeug zu glauben. Der Jäger, so vernünftig ihm auch Koppens Rede zu sein schien, schüttelte aber doch hie und da ungläubig mit dem Kopfe, und wenn er den Wilderer so von der Seite, wie er es in seiner Art hatte, betrachtete, überlief es ihn jedesmal eiskalt und er wünschte das Ende dieses Ganges herbei. »Dös is natürlich,« sagte er zu sich selbst, »der wird mir seine Zaubereien so wenig auf d' Nas'n bind'n, wie i an' Wilderer meine Garnplätz zeig'; mag iatzt die G'schicht mit dem Auerhahn wirkli a Fopperei g'wes'n sei' – die Sach' war doch nöd so recht, wie's hätt' sein soll'n und 93 – der Verdacht ist ein Schelm.« – Kurz und gut, der Kramer blieb trotz seines Versprechens, sich zu bessern, auch fernerhin von Zaubergedanken umfangen; denn so ein alter, unter den Eindrücken von Kobolden und Hexereien grau gewordener Waldjäger kann seine Ideen nicht mehr ändern; sie sind ihm zur Gewohnheit geworden und der Glaube, der ihm sechzig Jahre gut gethan, sollte auch für den Rest seines Lebens noch aushalten. Das war seine Meinung, und es kennzeichnet sich die Zähigkeit, mit welcher er trotz aller Vernunftgründe des Zächerl in seinem Wahne befangen war, am besten dadurch, daß er wenige Jahre nach diesem Vorfalle, wo sich nur immer eine Gelegenheit darbot und mit den heiligsten Beteuerungen erzählte, er sei einmal in einen Auerhahn verwandelt gewesen und im Vertrauen die Leute vor dem Zächerl warnte, dem er selbst schon von weitem aus dem Wege ging. Galt in den Augen des abergläubischen Jägers der witzige Zächerl für einen bösen Zauberer, so war er in Franzens Augen der allerliebste und willkommenste Hexenmeister von der Welt; denn wie könnten wir die Freude schildern, welche der Knabe empfand, als Zächerl den »lebendigen« Kramerkropfet hereinbrachte? Er schrie gerade hinaus vor lauter Vergnügen, und als Frau Prannes und das Lieserl erschreckt herbeiliefen, weil sie ein neues Unglück befürchteten, nahm er eins nach dem andern um den Leib und tanzte unter Juhschreien mit ihnen im Zimmer herum; dann küßte er alle der Reihe nach, selbst den Kramer und Zächerl, zog schnell den Rock an, setzte das Mützchen auf und – »B'hüt Gott, ich lauf 'n Vater nach Kötzting nach!« – eilte er fort, ohne daß man ein Wort mit ihm reden, noch weniger ihn hätte zurückhalten können. 94 Als er flüchtigen Schrittes Lohberg zueilte, kam ihm der Lehrer, durch die beiden Glasmacher von dem Unglücke auf dem Ossa bereits in Kenntnis gesetzt und soeben im Begriffe, die Leiche des Jägers durch mehrere Leute holen zu lassen, entgegen. Franz erzählte ihm in Kürze, welche glückliche Botschaft er dem Vater nachzubringen habe, was bei allen Anwesenden die aufrichtigste Freude hervorrief. Der wackere Lehrer war sogleich bereit, Franz nach Kötzting zu begleiten, schlug aber vor, daß Kellermeier seinen Wagen einspannen lassen müsse, damit man schneller zum Ziele gelangen, womöglich den Schrenk unterwegs einholen könne. Der vor Freude zitternde Knabe konnte aber nicht abwarten, bis eingespannt war; es trieb ihn mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts; wußte er auch, daß ihn der Lehrer zu Wagen alsbald einholen müsse, er zog es doch vor, ohne Aufenthalt zu Fuß die Straße gegen Kötzting einzuschlagen. Die Freude beflügelte seine Schritte und so hatte er über eine Poststunde zurückgelegt, noch bevor der Lehrer mit dem Wagen in Lohberg abgefahren war, und vorwärts eilte er über Berg und Thal in dem freudigen Bewußtsein, daß er mit jedem Schritte dem geliebten Vater näherkomme. Weit über die Hälfte des Weges hatte er zurückgelegt, als ihn der Lehrer mit dem Wägelchen endlich einholte. Er setzte sich hinein und im strengsten Trabe ging es nun weiter gegen Kötzting. Trotz all dieser Eile war es aber nicht mehr möglich, die beiden Glasmacher auf dem Wege einzuholen, denn sie waren auf dem Gerichte eine Viertelstunde früher angelangt und hatten schon um eine Audienz beim Landrichter nachgesucht. Dieser, ein allgemein geehrter Biedermann, ließ die beiden Glasmacher gerne vor sich kommen; denn er kannte sie gar 95 wohl von seinen Inspektionsreisen her und hatte sich beim Kellermeier zu Lohberg manche Stunde mit den fröhlichen Leuten aufs angenehmste unterhalten. »Was seh ich? Die beiden Unzertrennlichen von Lohberg? Womit kann ich euch dienen, meine lieben Freunde?« rief er ihnen entgegen, als sie in sein Zimmer eingetreten waren. Er reichte beiden die Hand, und erst jetzt bemerkte er mit Befremden die traurigen Mienen in den Gesichtern der sonst so fröhlichen Glasmacher. »Was ist geschehen?« fragte er jetzt. »A groß's Unglück,« entgegnete Schrenk, »hat's heut' abg'setzt und i bin fredi kommen, Gnad'n Herr Landrichter, selber alles zu berichten, wie 's gangen hat und wie weit i bei dieser Sach beteiligt bin.« Er erzählte hierauf der Wahrheit gemäß das ganze Vorkommnis auf dem Ossa, beteuerte seine Unschuld an dem Tode des Jägers, welchen er einem unglücklichen Zufalle zuschrieb, und bat den Landrichter, gnädig zu richten in dieser verhängnisvollen Sache. Auch Prannes vereinigte seine Bitten mit den Schrenks. Der Landrichter hatte der Erzählung des Glasmachers ruhig und ernst zugehört. Ein schmerzlicher Zug zeigte sich während derselben auf seinem Gesichte; man sah es ihm an, es that ihm wehe, gegen denjenigen, den er so gerne mit Wohlwollen behandelt hätte, als ernster und strenger Richter auftreten zu müssen. Nachdem er Schrenk einige Momente fest in die Augen geblickt hatte, fragte er ihn: »Ihr seid bereit, das alles zu Protokoll zu geben, was Ihr mir soeben erzählt habt?« »Ja, derentwegen bin i da, Herr Landrichter,« 96 entgegnete Schrenk. »Laßt's an' Schreiber kommen – was i g'sagt hab', bei dem bleib i.« Der Landrichter war im Begriffe, einen Schreiber aus dem Nebenzimmer zu rufen, als sich die Thüre öffnete und Franz hereingesprungen kam. »Vater,« rief er, auf diesen zueilend und ihn umarmend – »er lebt! er lebt!« Nun hätte man sehen sollen, wie dieser Ausruf die im Zimmer anwesenden Personen elektrisierte. Schrenk zitterte wie Espenlaub; Freude und Zweifel machten ihm das Blut erstarren und mit großen Augen und geöffnetem Munde wartete er auf die Antwort seiner Frage: »Wer, Franzl? der Kropfet?« Der Prannes, welcher sich bis jetzt nur mit seiner Zipfelhaube die Thränen aus den Wangen gewischt und Schrenks Rede fortwährend mit Kopfnicken begleitet hatte, sah auf Franzens Ruf erstaunt auf und fragte mit gespannter Erwartung: »Was sagst da, Bua?« Der Landrichter kehrte erfreut um und rief: »Also nur verwundet? Nicht tot?« Franz beantwortete die Fragen dieser drei Männer, indem er mit unendlichem Vergnügen sagte: »Frisch und g'sund is er. Nix fehlt dem Kramerkropfet, gar nix; i hab'n g'seh'n, und – nicht wahr, Herr Landrichter, jetzt erlauben's schon, daß mein Vater wieder heim geht?« Der Schrenk konnte sich von seinem freudigen Erstaunen kaum erholen; der Prannes hatte nichts Eiligeres zu thun, als sein Brisilglas herauszuziehen, und, nachdem er geschnupft, reichte er es Schrenk hin und sagte mit weit ausgeholtem Atem: 97 »Iatzt schnupf'n wir amal – auf den Schreck'n!« Der Landrichter reichte Schrenk und seinem getreuen Freunde gerührt die Hand. Nun kam auch der Lehrer von Lohberg und bestätigte Franzens glückliche Nachricht. Das war ein Geplauder und ein Glückwünschen! Der Lehrer, Schrenk, Prannes und Franz redeten alle zu gleicher Zeit; der Schluß von Prannes Ergießungen aber war: »No', den Rausch heunt!« Aber dafür war etwas gut. Der Landrichter hatte die Leute eine Weile in ihrer Freude sich ergehen lassen; dann trat er herzu und Franz bei der Hand nehmend, sagte er: »Der Herr Student muß für seine frohe Botschaft auch etwas haben. Komm mit mir, Franz; meine Frau hat gestern einen Kuchen gebacken, sie wird dir ein Stück zum Verkosten geben. Ich habe dann mit euch,« dabei wandte er sich an die übrigen, »noch eigens zu sprechen.« Nachdem der wohlwollende Herr den kleinen Studenten der Frau Landrichterin bestens empfohlen, kehrte er in sein Amtszimmer zurück. Auf seinem Gesichte zeigte sich aber jetzt Ernst und Strenge. Er trat Schrenk gegenüber und sagte: »Schrenk, es freut mich, daß sich die Sachlage anders gestaltet hat, als Ihr befürchtet. Gleichwohl kündige ich Euch hiermit an, daß Ihr als Arrestant hier zu bleiben habt.« Schrenk erschrak jetzt aufs neue und nicht weniger Prannes. War ersterer sprachlos, so vermochte letzterer wenigstens die Frage, welche beiden auf der Zunge schwebte, in gebrochenen Worten hervorzubringen: 98 »A–A–A–rrestant? Wie das, Gnad'n Herr Landrichter? Für was lebt nachher der andere?« »Dank sei unserm Herrgott,« entgegnete streng der Landrichter, »daß er lebt! Glaubt Ihr übrigens deshalb rein zu sein von aller Schuld? Will ich auch dem Jäger Kramer kein Recht einräumen, auf fremdem Grund und Boden Justiz auszuüben, wie aber könnt Ihr es wagen, Schrenk, in die Wälder hinauszugehen, und zu wildern?« »Herr Landrichter,« besänftigte Prannes, »thuat ja kaum der Müh wert wegen dene paar Stückl, die man kriegt; der Hüttenherr oder der Staat, wer's grad is, die spür'n ja so was gar nöd.« »Aber jemand andrer spürt es,« rief der Landrichter, »und dieser andere ist das Gesetz. Das Gesetz hat das Wildern verboten und es ist mit schwerer Strafe belegt. Wer trotzdem ohne Befugnis auf die Jagd geht, der mißachtet das Gesetz, und wer das Gesetz nicht achtet, der ist kein guter Bürger und Unterthan, der hat keine Liebe zu seinem König, unsrem angestammten Landesherrn, und wer das Gesetz nicht selbst befolgt, ist auch nicht seines Schutzes würdig. Merkt Euch das, Schrenk, und auch Ihr, Prannes, könnt's Euch merken. Ihr aber, Schrenk, seid wegen Wildfrevels der Strafe verfallen; das Verhör mit dem Jäger wird dann auch über das andere entscheiden.« Und sich zum Lehrer wendend, sagte er: »Seien Sie so gütig, Herr Lehrer, und besorgen Sie, daß der Jäger Kramer noch heute bei Gericht erscheint.« Dann wandte er sich wieder etwas milder zu Schrenk mit den Worten: »Euer bis jetzt ungetrübter Leumund wird übrigens nicht unberücksichtigt bleiben.« »Na', na',« erwiderte jetzt Schrenk, »Gnad'n Herr 99 Landrichter; Leumund hin, Leumund her; sperr'n's mi nur ein, so lang 's woll'n; recht g'schieht mir; aber i hab' 's heut' scho' amal verschwor'n, nie mehr in mein' Leb'n nimm i zum Wildern a Bix in d' Hand!« »Und i aa nimmer!« setzte Prannes dazu. »Der Teufel soll das Wildern hol'n! Hätt' auch niemals denkt, daß dös so weit g'fehlt is, wie der Herr Landrichter sag'n. – Ja – 'n Künig woll'n wir nöd kränk'n weg'n dene paar Schwanzeln, die wir 's Jahr über krieg'n. Dawischen hab' i mi zwar no' nöd lass'n, aber Herr Landrichter, wenn's woll'n, können 's mi aa einsperrn, damit i mir's besser merk'. G'rad recht g'schieht mir, mir elendigem miserablen Menschen!« Der Landrichter hatte Mühe, sich des Lachens zu enthalten. Dann sagte er zu Prannes: »Also von heut' an wissen wir, was wir zu unterlassen haben, und auch wir zwei, Schrenk. Prannes versieht einstweilen an dem Studenten Vaterstelle. Ich hoffe, daß ich recht bald die Freude haben kann, Euch wieder frei zu lassen. Ich schick Euch den Sohn wieder her, macht kurzen Abschied und hofft auf baldiges Wiedersehen.« Alsbald kam Franz, und wenn auch mit Thränen, verabschiedete er sich doch gefaßt wieder von dem Vater. Der gütige Landrichter hatte ihm den Trost baldigen Wiedersehens gegeben. Diesen im Herzen tragend, fuhr er dann mit dem Lehrer und dem Paten zurück in die Heimat. Der Vater aber blieb zurück mit der festen Zuversicht: »War mir heut unser Herrgott gnädig, der Herr Landrichter wird's auch schon recht mach'n!« 100 VIII. Die nun folgende Charwoche war für alle Personen eine wirkliche Leidenswoche geworden. Der Jäger ward auf Befehl des Landrichters nach Kötzting gesendet, nachdem er zuvor noch dem Lehrer und dem Prannes gründlichen Bericht über die ganze Angelegenheit abgestattet. Er bestätigte auch wiederholt auf Zächerls Anhalten, daß der Hüttenherr ihm auf Schrenk ein Schußgeld gesetzt habe, eine Handlung, welche den Prannes und sein Weib sowohl, wie auch den Schulmeister aufs tiefste empörte. »Wenn dem so is,« sagte Prannes, »so hat man sich vorz'seh'n; i weiß, was i thu'.« Am darauffolgenden Tage zog er ein besseres Gewand an, nahm den Gebirgsstock und ging Zwiesel zu. Er suchte Herrn von Poschinger in Zwieselau auf, welcher sich schon früher Mühe gegeben hatte, den tüchtigen Schmelzmeister für seine Spiegelfabrik zu gewinnen, und dieser unterhandelte mit dem freundlichen Hüttenherrn nur eine kurze Weile, so war er bei ihm in gleicher Eigenschaft, wie auf der Lohbergerhütte, angestellt und konnte seine neue Stelle zu jeder Zeit antreten. Nachdem dieses geordnet, ging er auf dem Rückwege über Rabenstein und suchte Herrn Steigerwald, den Besitzer der weltberühmten Glashütten zu »Regenhütte« und »Schachtenbach«, auf, um hier für Schrenk einen Platz zu erhalten, da für diesen Herr von 101 Poschinger gerade keine freie Stelle mehr hatte. Er wußte, daß Herr Steigerwald einen kräftigen Glasmacher brauchte, der imstande wäre, die kolossalen Glasstürze zu fabrizieren, und da sich, was Kraft und Geschicklichkeit anbelangt, nicht leicht ein anderer mit Schrenk messen konnte, so nahm Herr Steigerwald das Anerbieten von Prannes mit Freuden an, daß Schrenk bei ihm Dienste nehme, und war hierbei auf den Vorteil des Freundes redlich Bedacht genommen. Nachdem Prannes seinen Zweck erreicht, trat er den Rückweg nach Lohberg wieder an und ließ sich, hier angekommen, sofort bei Herrn Pladl melden. Der Hüttenherr ließ ihn in sein Zimmer treten und fragte nach seinem Begehr. »Herr von Pladl,« entgegnete Prannes, »i begehr nöd mehr und nöd weniger, als mein' Abschied.« Pladl war auf so etwas nicht vorbereitet und nicht ohne Verlegenheit stand er jetzt dem Schmelzmeister Prannes gegenüber. Er suchte sich aber zu fassen und fragte mit anscheinender Ruhe: »Und darf man fragen, warum?« »Das Warum können 's Ihna leicht denken. Mir is mei' Kamerad Schrenk mehr wert, als alle andern Leut' auf der Welt, mei' Wei' und mei' Deandl ausg'nomma, – und wer dem Schrenk ans Leben geht, der geht aa mir dran, und wer für 'n Schrenk a Karolin Schußgeld zahlt, der is mei' Feind und – daß i's grad 'raus sag' – der Feind san Sie und mit uns zwoa is's vorbei. Iatzt wissen's es. Nix für unguat.« »Ich bitt mir mehr Respekt aus!« rief jetzt der stolze Hüttenherr. »Ihr vergeßt, mit wem Ihr sprecht. Ich weiß längst, daß Ihr es mit dem Schrenk haltet und halt 102 Euch nicht auf, wenn Ihr fort wollt. Was aber das Schußgeld angelangt, so möcht ich wissen, welcher Schurk so was behaupten kann?« »Der b'haupt's, dem 's den saubern Auftrag geb'n hab'n, 'n Schrenk ins Unglück z'stürzen; der Kramerkropfet b'haupt's und niemand zweifelt dran, daß 's nöd so is.« »So steht's?« rief der Hüttenherr. »Noch heut jag' ich den Kerl aus meinem Dienst. Von solchen Leuten bin ich umgeben? – da will ich mir Luft machen! Wie g'sagt, Prannes, Ihr werdet leicht zu ersetzen sein, so gut, wie Euer Kamerad, der Schrenk.« »Da drauf, Herr von Pladl, muaß i Ihna dennast ebbas erwidern. Was mi anbelangt, so kann's wohl sein, daß 's bald an' andern Schmelzmeister hab'n, aber wie's mit sein' G'schick und seiner Ehrlichkeit beschaffen is, da wird sich Ihr Geldbeutel am besten recht bald auskennen. I bin nöd hochmütig, aber i bild mir dennast ein, i hätt' mei' Sach nöd schlecht g'macht und der Herr von Pladl san durch mi grad auch nöd ärmer worn. Nix mehr iatzt von mir; weil's mi verächtli wegwerfen, muaß i mi selber dennast a weni ehr'n. Was aber mein' Kamerad'n, 'n Schrenk, betrifft, so muaß i Ihna 's grad sag'n, daß Sie 's bitter bereu'n wern, den Mann a so behandelt z'hab'n. Wer denn soll künftig die groß'n Spiegel blas'n? Wer denn? In der Hütt'n is koaner und weit und breit is aa koaner; und an' bravern Menschen giebt's nöd, so weit die Welt steht, als 'n Schrenk. Herr von Pladl, dös hab i Ihnen sag'n woll'n; nix für unguat.« Der Hüttenherr hatte keine Lust, sich länger mit dem gereizten Manne abzugeben. Sein Hochmut erlaubte ihm 103 auch nicht, beschwichtigend auf den offenen Charakter des Prannes einzuwirken; im Gegenteile, er hatte ein Mittel, den Uebermut dieses Arbeiters am fühlbarsten zu strafen, ein Mittel, welches er in der Regel gegen seine Untergebenen gebrauchte: die Verachtung. Mit anscheinend vollkommener Ruhe und Kälte sagte er daher nach einer kleinen Pause: »Am ersten Mai ist dem Schrenk seine Zeit aus; von mir aus seid Ihr nicht aufgehalten, Prannes, wenn Ihr gleich mit ihm fort wollt.« »Soll a Wort sein!« entgegnete Prannes. »Euer Geld soll Euch der Buchhalter ausbezahlen,« setzte Herr von Pladl noch hinzu. »Ich erlass Euch und Eurem Kameraden, der ohnedies in Kötzting sitzt, den Abschied von mir.« Stolz wandte er dann Prannes den Rücken und entfernte sich aus dem Zimmer. Prannes war etwas verwirrt geworden. Die Ruhe Pladls hatte ihn aus seiner Fassung gebracht; er wollte noch etwas entgegnen, aber der Hüttenherr hatte sich bereits entfernt. Daß dieser so wenig Umstände mit seinem Abschiede machte, das hatte er in der That nicht erwartet. Das kränkte ihn; aber sein Zorn auf Pladl ward dadurch nicht vergrößert, es bemächtigte sich seiner im Gegenteile ein Gefühl der Reue. »Am End bin i dennast z' voreilig gwen,« sagte er zu sich selbst. »Es hat ihm weh tho', daß wir 'n alle verlass'n woll'n.« Prannes, welcher noch vor einigen Minuten dem Pladl die schönsten Grobheiten ins Gesicht hätte sagen können, wäre jetzt, wenn dieser wieder herausgetreten und ein 104 freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, für ihn sozusagen ins Feuer gegangen. Aber der Hüttenherr kam nicht mehr heraus. Der Schmelzmeister, der jedesmal, wenn er nach einem Gedanken suchte, sein Brisilglas zu Rate zog, nahm eine tüchtige Prise Schmalzler und verließ langsam die Stube und das Haus des Hüttenherrn. Er blickte noch von der Straße einigemal zum Fenster hinan, ob ihn Pladl nicht mehr zurückriefe, aber – es geschah nicht. In Gedanken verloren, entfernte er sich und war in der Wirtsstube von Kellermeier angekommen, ohne daß er dies eigentlich beabsichtigt hatte. – Lassen wir ihn. Er war hier in Gesellschaft des Wirtes und des Zächerl, welchen die Teilnahme um Schrenk herbeitrieb, gut aufgehoben und schien sich auch nach und nach wieder zu fassen und zu der Ueberzeugung zu kommen, daß er dem Hüttenherrn recht, ja ganz recht gethan habe; denn als er spät abends in Begleitung eines »Bedeutenden« nach Hause kam, sagte er bloß noch: »Frau, pack ein, in acht Tag'n zieh'n wir fort auf Zwieselau; der Herr von Poschinger is a braver und an' andrer Mann, wie unser Hüttenherr, – und somit guate Nacht!« – – Der Kramerjakl, welchen der Schulmeister nach Kötzting geschickt, hatte dort ein Verhör zu bestehen und wurde wegen seines blinden Diensteifers, und weil er es versuchte, auf Schrenk einen Schuß abzugeben, wozu er nicht berechtigt war, ebenfalls eingesperrt. Der Schullehrer, welcher sich um die Glasmacher wacker annahm, zog sich deshalb den Unwillen des Hüttenherrn gleichfalls zu; es kam zu unangenehmen Erörterungen; Pladl wurde grob und der Schulmeister hatte auch keine 105 Ursache, besonders zart zu sein, kurz, auch der Lehrer sagte dem Hüttenherrn seinen Dienst als Buchhalter auf und so brachte die Leidenswoche allen Personen wirklich mehr oder weniger große Widerwärtigkeiten. Franzl hatte schlechte Ferien. Sein Vater war eingesperrt, bei Prannes ging auch nichts Rechtes mehr zusammen, der Lehrer war ebenfalls mißvergnügt und die munteren Hüttenbuben übten bei den obwaltenden Verhältnissen auch keine besondere Anziehungskraft auf ihn aus. Die kleine Liese war das einzige Geschöpf, welches ihm auf einige Augenblicke seine traurige Lage vergessen machen konnte. Sie schwätzte in einem fort, sprach ihm Mut und Hoffnung zu und brachte Franzens ganzen Jammer mit der Leidensgeschichte des Erlösers in recht sinnreiche Vergleichungen. »Am Samstag,« setzte sie dann immer hinzu, »is in der Lamerer Kirch' d' Auferstehung und am Samstag wird auch dei' Vater wieder befreit wern aus 'n G'fängnis, und wie unser Herrgott nach vierzig Tag'n in Himmel g'fahr'n is, so fahr'n wir alle mitanand in noch kürzerer Zeit ummi auf Zwiesel, wo der Herr Steigerwald und die Herren von Poschinger haus'n, die uns alle glücklich mach'n wern.« Sie gab ihm dann Anleitungen, wie er es machen müsse, um auch ein Hüttenherr zu werden, und versprach ihm jedesmal, wenn er etwas kleinmütig bei diesem Thema wurde, daß sie selbst mit Herrn von Steigerwald das Nähere in dieser Angelegenheit besprechen wolle. Trotz alledem wollte sich Franz nicht erheitern; denn er dachte stets an den abwesenden, in Haft gehaltenen Vater. Als am Donnerstag wieder in der Hütte gearbeitet 106 wurde, bat Franz seinen Paten, er möge ihn bei der Arbeit zuschauen lassen, da er ja selbst in Bälde zu den Glasmachern zählen würde. Prannes gewährte ihm gern, und während er seinen Geschäften oblag, besah sich Franz mit eigentümlichen Gefühlen die Räume, welche künftig seine Welt ausmachen sollten, in denen er seine Existenz gründen und, wie die kleine Liese meinte, ein reicher Mann werden sollte. Er besah sich die geheizten Glasöfen, in welchen die großen Schmelztiegel voll feurig flüssiger Glasmasse standen, und mit verdoppeltem Interesse beobachtete er jetzt die Arbeiter, welche durch fensterähnliche Oeffnungen aus dem Schmelzofen mittelst einer Pfeife Ein eisernes Rohr, das unten einen hohlen Knopf und oben ein hölzernes Mundstück hat. die nötige Glasmasse herausnahmen, um sie zu einer hohlen Kugel und durch Schwenken in der Luft zu einem Zylinder zu blasen. Es freute ihn, wenn diese Zylinder mittelst einer Scheere geöffnet wurden und die eingesperrte Luft lustig herausknallte, wenn das »Walzl« gut gelang und in thönernen Formen zum Kühlofen und von da zum Streckofen gebracht werden konnte, woraus das fertige Spiegelglas in Form von flach ausgebreiteten, glänzend weißen Tafeln hervorging. Als während dieser eifrigen Betrachtungen Franz zum Ofen kam, wo sein Vater in der Regel arbeitete, und dessen Platz leer fand, überkam ihn plötzlich eine unaussprechliche Traurigkeit; es war ihm gerade zu Mute, als wenn der Vater gestorben wäre. Das Gefühl des Verlassenseins befeuchtete seine großen, schwarzen Augen und entpreßte ihm bittere Thränen. Die feierliche Stille in dem großen Gebäude, die Düsterheit, welche darin herrschte, trugen dazu 107 bei, daß der arme Knabe aus seinem Jammer gar nicht mehr herauskommen konnte, und so fand ihn sein Pate, hinter einem Ofen auf einem Holzstoße sitzend, in recht trostloser Lage. Prannes sprach ihm Mut zu und führte ihn wieder an den Platz zurück, welcher so trübe Gefühle in Franzens Gemüt hervorgerufen, nämlich an den Ofen, wo der alte Schrenk in der Regel arbeitete und in dessen Nähe sich die Werkzeuge befanden, welche derselbe zur Fabrikation der Spiegelzylinder gebrauchte. Er sagte zu ihm, auf die feurige Glasmasse in dem Glastiegel weisend: »Siehgst, Franzl, das da drin in dem Hafen hoaßt man den Glassatz, und wenn der nix nutz is, wern die Spiegel auch nix nutz, so schön man's auch blast. Man muaß's versteh'n, den Quarz oder d' Kieselerd' durch ordentliche Flußmittel, wie: Soda, Salz, Kalk, Asch'n und andre Ding' ins Schmelz'n z' bringen und muß die rechten Mittel kennen, wie man 's G'meng rein macht und entfärbt. A jed's Ding hat sein' guat'n Grund; der Arsenik macht rein, der Kalk bewirkt 'n Glanz, das Soda löst auf und die Kohl'n heb'n 'n Fluß, aber a bisserl z'viel oder z' wenig von 'n oan oder 'n andern und – nix is's. Dös muaß der Schmelzmeister gründlich kennen, und wie d' Semmeln nix taug'n, wenn der Bäcker an' schlecht'n Teig knet't, so taugt auch 's Glas nix, wenn's der Schmelzmeister nöd versteht, an' richtig'n Glassatz herzustell'n. – Dös mirk dir und mirk dir auch dös: die Gläser von unsrer Hütt'n da waren bis dahersig die schönst'n weit und breit, und wenn di einer fragt, warum? so sagst ihm nacha, weil dei' Göd der Schmelzmeister gwen is, und kannst ihm auch sag'n, daß dei' Göd der Prannes is, den der Herr von Pladl wie r an' alten Schlappschuh wegg'worfen hat.« 108 Nachdem er so seinem Aerger einige Luft gemacht, nahm er von den Werkzeugen des alten Schrenk die Glaspfeife und reichte sie Franzen mit den Worten hin: »Da, Franzl, lang amal eini in d' Schmelz und probier, ob's d' a Kugl blas'n kannst. Je größer du 's z'sammbringst zum erstenmal, um so größer wirst dei' Glück mach'n als Glasmacher. Nimm di z'samm, fass' d' Pfeif'n fest an und schwing's in d' Höh; denk', du blast dei' künftig's G'schick. So, iatz fang an.« Franz vergaß jetzt seinen Jammer und mit lebhaftester Begierde ergriff er die Pfeife, an deren Kopfe sich die zähflüssige Glasmasse angehängt hatte. Er wollte dem Paten zeigen, daß er zum Glasmacher viel besser tauge, als zum Studenten, und daß er mit Leichtigkeit die größte Kugel zu blasen imstande sei. Er lächelte schon im voraus triumphierend; aber er hatte zwei wichtige Dinge außer acht gelassen, die beim Anfertigen eines Glaszylinders vor allem nötig sind: feste Arme zum Halten der Pfeife und eine kräftige Lunge zum Blasen der Kugel. Mit Anwendung ungeheurer Willenskraft war es ihm zwar möglich, die Pfeife in die Höhe zu heben und einigemal in das Mundstück zu blasen, aber schon nach wenigen Augenblicken verlor er das Gleichgewicht, und ehe er sich's versah, lag die Pfeife zu seinen Füßen und zischte die feurige Glasmasse auf dem feuchten Thonboden des Gebäudes. – Prannes schüttelte etwas bedenklich den Kopf. »Mit mein' Glück sieht's traurig aus,« sagte der Knabe verzagt, »mit 'n best'n Will'n konnt' i's nöd besser mach'n.« Prannes legte dem Knaben die Hand auf die Schulter und sagte dann in freundlichem Tone: 109 »Dös thuat nix, Franzl; mit dein' Glück hat dös gar nix z' schaffen; es is a Dummheit, daß man einem solche Sach'n weis macht; aber mirk dir's, was i dir iatzt sag: Den best'n Will'n hast d' g'habt, a schöne Kugl z'blas'n, aber können hast es nöd; drum muaßt es lernen und mit der Zeit wirst du 's grad so guat können, wie die andern Glasmacher. So is's auch mit dein' G'schick. Der guate Will'n allein reicht nirgends aus. Wissen muaß man a Sach' und können muaß man a Sach' und wer's nachher zu nix G'scheit'n bringt, den haßt sein G'schick oder er is a Lump.« »I will 's schon lernen!« entgegnete der Knabe zuversichtlich, »Ihr dürft Enk drauf verlassen, Göd!« »Ich glaub's und unser Herrgott wird di b'schütz'n,« sagte Prannes. In diesem Augenblicke wurde die Stille im Hüttengebäude durch einen großartigen Spektakel unterbrochen. »Hui, d' Ratschenbuam!« rief Franz, und Glaskugel, Paten und sein Schicksal vergessend, machte er sich von Prannes los und eilte zum Eingange des Gebäudes hin, wo die »Ratschenbuben« sich postiert und ihre ohrenzerreißende Musik angestimmt hatten. Am Gründonnerstage, wo in den Kirchen das Läuten mit Glocken während der nun beginnenden Trauerzeit verboten ist, weil, wie es heißt, »die Glocken nach Rom gehen,« bedient man sich allenthalben in katholischen Ländern der »Ratschen«, um mittels derselben den Anfang des Gottesdienstes oder der Ave Maria-Zeiten anzuzeigen. Im inneren Walde, wo gar viele im nahen Böhmen stattfindende Gebräuche sich auch diesseits eingebürgert haben, ziehen am Gründonnerstag und Charfreitag die Schulknaben 110 im Dorfe herum, postieren sich, mit Ratschen, Hämmerchen, Knarren, Klöppeln und andern Lärmwerkzeugen versehen, am Eingange der Häuser und setzen ihre Schnarrinstrumente in Bewegung, sobald die Turmuhr zwölf oder sechs schlägt. Dabei rufen sie einstimmig: »Wir ratschen, wir ratschen zum englischen Gruß, Daß jeder katholische Christ beten muß!« Die Buben knieen sich dabei auf ihre Ratschen, um sie auf den Boden festzuhalten. Am Charsamstage kommen sie dann mit einem großen Korbe und sammeln Eier, Kuchen und Geld für ihre Bemühungen. Dieser Gebrauch wurde in Lohberg, gleich dem »Puerigesang« am Palmsonntage, von den Hüttenbuben ausgeübt, und es läßt sich leicht denken, daß dieselben von der ganzen übrigen Jugend des Platzes dabei begleitet wurden. Die kleine Liese stand jetzt natürlich auch bei den Ratschenbuben, und als sie Franz ansichtig wurde, nahm sie ihn bei der Hand und sagte, er möchte mit ihr nach Hause kommen, damit sie zum Fenster hinaussehen könnten, wenn vor ihrer Wohnung geratscht würde, und daß sie dabei Spinatkrapfen Es ist üblich, am Gründonnerstage etwas Grünes zu genießen; in Böhmen und an der Grenze macht man unter anderem mit Spinat gefüllte Krapfen, wie man in Schwaben mit Gemüse gefüllte Nudeln, die sogenannten Laubfrösche oder Maulschellen, an diesem Tage bereitet. zu essen bekämen, welche die Mutter soeben gebacken habe. Franz war mit Vergnügen dazu bereit, und wohlgefällig lehnte er, als die »Ratscher« dort angekommen, bei Prannes am Fenster und nickte heuer den 111 Buben mit einer gewissen Herablassung zu, denn voriges Jahr war er ja selbst noch einer der »Ratschenden.« Kurz, diese unbedeutenden Zwischenfälle, hernach das Zurichten zum Färben der roten Eier, worin Frau Prannes ebenso Meisterin war, wie im Backen famoser Osterkuchen; dann der Besuch des Grabes und die Grabmusik im kleinen Lohbergerkirchlein, bei welch letzterer auf Wunsch des Lehrers auch Franz und Liese mitzuwirken hatten: alle diese Dinge trugen begreiflicherweise dazu bei, Franz zu zerstreuen und seinen Schmerz über die Abwesenheit seines Vaters zu lindern. Am Charsamstage wurde auf der Hütte die Arbeit eingestellt und es richtete sich alles her, was nur immer abkommen konnte, nach Lam zu gehen, um der feierlichen Auferstehung in der dortigen Pfarrkirche beiwohnen zu können. Fast alle Hüttenleute gingen dorthin, und die Familie Prannes nebst Franz war unter den ersten auf dem Wege nach dem Pfarrdorfe. Auf allen Gesichtern drückte sich eine gewisse Zufriedenheit aus, daß die traurigen Tage der Leidenswoche ihrem Ende nahe waren und man sich allmählich wieder froheren Gefühlen überlassen dürfte. Die beklommenen Herzen, welche infolge der kirchlichen Zeremonien die ganze Leidenslegende, vom Oelberge bis Golgatha, aufs tiefste mitempfunden hatten, wandten sich von der Moderluft des Grabes wieder dem durch den Tod des Erlösers neuergrünten Baume des Lebens zu. Wie klangen »die wieder aus Rom mit Eiern und Flecken zurückgekehrten Glocken« so feierlich und rein von dem Turme der hochgelegenen Pfarrkirche hinaus in das wildschöne, romantische Thal des Lammererwinkels! Wie schön hallte das Echo dieser Klänge, weithin die Kunde 112 bringend von der nahe bevorstehenden Auferstehung des Herrn! 113 Alles strömte zur Kirche, welche mit unzähligen Lichtern beleuchtet ward, nachdem die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen freundlich auf den mit Weihrauch umdufteten Fronaltar gesendet hatte. Die mächtigen Töne der Orgel klangen freudig durch das Schiff des Gotteshauses und mit ihnen vereinigte sich der vielhundertstimmige, rührend schöne Jubelgesang der gläubigen Menge. Franz stand vorn in der Nähe des Speisegitters; auch er vereinte seine schöne Stimme mit dem Gesange der andern. Aber in seine feierliche Stimmung zitterte doch ein greller Mißton; denn des Gedankens an seinen fernen Vater konnte er sich nicht erwehren. – Da hörte er hinter sich den Gesang einer kräftigen Mannesstimme, welche absichtlich den Gesang des Knaben zu begleiten schien, so daß Franz, darauf aufmerksam gemacht, sich nach dem Sänger umsah. Wer beschreibt den freudigen Schrecken, als er jetzt in das gute, treuherzige, liebe Gesicht seines Vaters blickte? »Vater,« rief er, »Vater, seid Ihr's wirklich? Ihr seid frei?« »Frei und versöhnt,« antwortete der Vater mit gleich freudigem Empfinden, dem Sohne herzlich die Hand drückend, »frei und versöhnt mit dem da.« Erst jetzt bemerkte Franz, daß der Kramerjakl, welcher neben seinem Vater stand, ihm die Hand zum Gruße hinreichte. »So, Franzl,« sagte der Vater, »iatzt sing nur wieder furt; nach der Kirch' schwatzen wir mit anander, sing iatzt nur wieder zua.« »Vater,« entgegnete Franz lächelnd, »i kann jetzt nimmer singen vor lauter Freud'!« 114 »So bet'!« erwiderte der alte Schrenk lächelnd, »und dank unserm Herrgott, daß wir gute Feiertag kriegt hab'n.« Das geschah denn auch von ganzem Herzen. Mit den freudigsten Gefühlen schlugen nach Beendigung der kirchlichen Feier unsere Hüttenleute den Weg nach Hause ein. Freunde und Bekannte drängten sich herbei, Schrenk zu dem günstigen Ausgange seiner Sache zu gratulieren, und »glückliche Feiertage!« rief man den Hüttenleuten von allen Seiten zu. Dieser Wunsch fand aber auch seine schönste Verwirklichung; denn unsere seit wenigen Tagen so schwer geprüften Freunde feierten in der That fröhliche – recht fröhliche Ostern! – 115 IX. Das Eldorado der Glasmacher im bayerischen Walde ist die freundliche Umgebung des am Vereinigungspunkt des großen und kleinen Regens schön gelegenen Marktes Zwiesel, wo der König des Waldes, der doppelköpfige Arber, der mit Urwald bedeckte Falkenstein, der sagenreiche Rachel und der von letzterem ausgehende Rinchnacher Hochwald einen allseitig von Bergen umschlossenen, anderthalb Stunden breiten und zwei Stunden langen Kessel, »Zwiesler Winkel« genannt, bilden, welcher von vielen Bächen durchflossen, durch Hügel unterbrochen und mit seinen abwechselnden Nadel- und Laubwäldern, Wiesen, Feldern und Ortschaften ein äußerst freundliches Bild und eine der reizendsten Gegenden des Bayerwaldes darbietet. Der Böhmerweg, welchen schon im elften Jahrhundert ein aus dem erlauchten Geschlechte der Landgrafen von Hessen entsprossener Einsiedler, Namens Günther, angelegt hatte, durchzieht gleich einem lichten Bande die schöne Landschaft und bildet die Verbindungsstraße mit dem nahen böhmischen Königreiche. Zu beiden Seiten desselben oder am Saume der nahen Hochwälder bezeichnen die rauchenden Schlote die zahlreichen Stätten des weltberühmten Waldfabrikates. Die bedeutenden Fabriken zu Theresienthal, Oberzwieselau, Ludwigsthal, Frauenau, Buchenau, Schachtenbach, Regenhütte, Lichtenthal \&c. liegen hier in einem Umkreise von wenigen Meilen beisammen. – Die 116 Wohlhabenheit der Glasfürsten ist bekannt. Manche von ihnen besitzen viele Tausende Tagwerke eignen Forst und an den luftigen Säumen der Hochwälder haben sie sich schöne Herrenhäuser erbaut, deren wohnliche Räume alles enthalten, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört. Die Perle unter diesen Landsitzen ist unstreitig die Villa des Herrn Wilhelm Steigerwald in Rabenstein, welche mit kunstsinniger Pracht eingerichtet und von einem dunkelschattigen, in einen wundervollen Park verwandelten Wald umgeben ist. Wer kennt Herrn Steigerwald nicht schon dem Namen nach? Die Erzeugnisse seiner Fabrik sind weithin berühmt durch die Kunst, Eleganz und vollendete Schönheit der Formen und ihre auf den größeren Ausstellungen siegreiche Konkurrenz. Und welcher Besucher von Rabenstein wüßte nicht zu erzählen von der Liebenswürdigkeit seiner Besitzer, in deren Hause die Heimat der Gastfreundschaft und die Stätte häuslichen Glückes ist? Welcher Arme hätte jemals umsonst an die Thür von Rabenstein geklopft und welcher Arbeiter hätte nicht die Freundlichkeit und Güte dieses Hüttenherrn kennen gelernt? Herr Steigerwald war zur Zeit unserer Erzählung im schönsten Mannesalter; das Glück seines Lebens bildeten sein mit echt deutschen Tugenden ausgestattetes Weib, sein reizendes, noch in zartester Blüte stehendes Töchterlein und ein frischer, lebensfroher Knabe. Die reiche Hüttenbesitzerin war ebenso tüchtig als Hausfrau, wie es Herr Steigerwald als Hüttenherr war. Sorgte dieser bis in das Kleinste und scheinbar Unbedeutendste in der großartigen Fabrik und vereinigten sich alle Zügel in seiner sicheren und unermüdeten Hand, so 117 suchte die erstere ihre schönste Bestimmung in der Pflege des Hauses, in der wahren Häuslichkeit und in der Erziehung ihrer Kinder; denn sie war eine jener deutschen Frauen, welche das Große und Ehrenvolle ihrer Bestimmung erkennen und mit Freude und Stolz sich derselben unterziehen. Eintracht und Liebe zauberten in diesem Hause den Himmel auf die Erde, weil man hier gewohnt war, im Häuslichen das wahre Glück zu finden. Frau Steigerwald, welche vermöge ihrer glänzenden Verhältnisse mit prunkendem Schimmer sich umgeben konnte, fand die Hitze in der Küche und im Bügelzimmer nicht unerträglich, und gleich den ärmsten Weibern in der Umgegend saß sie in langen Winterabenden am schnurrenden Rade, und mit freudiger Genugthuung bereitete sie das aus ihrer Hand hervorgegangene Linnenzeug zum häuslichen Gebrauche. Trotz der Abgeschiedenheit des Herrenhauses von den scheinbar unentbehrlichen Zerstreuungen der großen Welt gähnte nie kalte Langeweile in der Wohnung Steigerwalds; denn Vater, Mutter und Kinder waren durch herzliche, thätige Liebe innig verbunden und fühlten sich eben dadurch am glücklichsten in ihrem Kreise. Häusliche Stille und häusliches Glück – nichts Besseres bietet die Erde, und durch den Besitz dieser Güter, nicht durch den großen Reichtum, war die Familie Steigerwald eine der glücklichsten, aber auch eine der angesehensten im bayerischen Walde. Die Glashütten Steigerwalds waren Schachtenbach und Regenhütte. Auf letzterer finden wir unsere Freunde, die beiden Schrenk wieder. Aus dem Vorbeschriebenen ist ersichtlich, daß Schrenk in Bezug auf die Hüttenherrschaft einen sehr vorteilhaften Tausch gemacht, und er 118 hatte in den fünf Vierteljahren, welche er sich bereits auf der Regenhütte befand, alle Ursache, mit seinen Dienstverhältnissen zufrieden zu sein. Die Regenhütte befindet sich am südöstlichen Abhange des großen Arbers, fast an dessen Fuße, wo sich der große Regen in dem schmalen, von der Gebirgsmasse des Arbers und Falkensteins eingeschlossenen Gebirgsthale hindurchdrängt. Die Hütte ist von Waldwildnis rings umgeben. Wohin das Auge schweift, erblickt man nichts als Wald und wieder Wald, und eine feierliche Stille ist über dieses Meer von tannendunklen Forsten ausgebreitet. Nur in der Nähe der Hütte und in dieser selbst ist diese Stille unterbrochen, denn Hunderte von Leuten wohnen und arbeiten hier in dieser Abgeschiedenheit und bereiten, selbst entfremdet den bescheidensten Genüssen des Lebens, die bewunderungswürdigsten Gegenstände für den Luxus und die Freude der Großen in der Welt, welche den meisten Arbeitern nur dem Namen nach bekannt ist, weil sie selten hinausgekommen über die heimatlichen Berge, aber auch selten eine Sehnsucht darnach empfinden. Wie erwähnt, waren jetzt hier auch die beiden Schrenk beschäftigt, der Vater als Obergeselle, der Sohn als Schürbube. Wir wissen aus dem Vorhergehenden, was diese Stellungen in der Hütte zu bedeuten haben, wir wissen, daß Schrenk in Pladls Hütte der geschickteste Arbeiter war, und dasselbe Urteil hatte er sich auch bald auf der Regenhütte erworben, weshalb ihm Herr Steigerwald die Stelle eines Obergesellen anvertraute, ein Amt, welches bei Schrenk in den besten Händen war. Franz, der angehende Glasmacher, mußte sich, trotzdem es sein Vater hätte anders machen können, allen 119 Arbeiten eines Hüttenbuben unterziehen, und das waren oft harte und anstrengende Dinge. Anfangs mußte er das gespreiselte Holz auf den Horst, d. i. die Dörr-Vorrichtung ober den Glasöfen, oder zu diesen selbst schleppen und die Oefen schüren, eine Beschäftigung, welche Tag und Nacht ohne Unterbrechung stattzufinden hatte und welche daher von einer Person wohl nicht leicht verrichtet werden konnte. Es waren daher in der Regel zwei solcher Schürbuben in Thätigkeit, welche sich gegenseitig alle drei Stunden ablösten. In der Zwischenzeit ruhten sie aus, gingen in ihre Wohnung oder legten sich im Hüttenraum je nach der Jahreszeit an einem kühlen oder warmen Orte auf einen Bund Stroh nieder und gaben sich der willkommenen Ruhe und dem Schlummer hin, bis sie wieder zu ihrer anstrengenden Arbeit geweckt wurden. Franzl blieb auch während der Ablösung im Hüttengebäude; entweder sah er dem Vater bei der Arbeit zu, welcher ihm dabei allerlei Vorteile und Kunstgriffe anwies, oder er legte sich in der Nähe von dessen Arbeitsplatz auf eine Decke oder einen Bund Stroh und schlief in den wenigen ihm zur Erholung vergönnten Stunden. Mit liebender Sorgfalt ruhten dann die Augen des Vaters auf dem friedlichen Gesichte des geliebten Knaben, dessen Nähe stets ein wohlthuendes und zufriedenes Gefühl auf ihn ausübte. Oft schmerzte es ihn zwar, wenn der süße Schlummer des Knaben mitten in der Nacht wieder unterbrochen werden, und er wieder seinen schweren Dienst verrichten mußte; aber der Alte suchte dieses Gefühl zu unterdrücken; denn ohne Abhärtung kann man es nie zu einem tüchtigen Glasmacher bringen und nur einen solchen wollte Schrenk aus Franz seiner Zeit machen. 120 Dadurch suchte er dem Sohne seine Liebe zu beweisen, daß er ihn mit Strenge anhielt, die niedrigste und anstrengendste Arbeit mit frohem Mute zu verrichten, und ihn an Entbehrungen gewöhnte; denn je weniger Bedürfnisse der Mensch habe, meinte er, desto weniger Ansprüche mache er an das Leben und desto glücklicher werde er sich nachher fühlen. So dachte der alte Schrenk und sein zufriedenes Gefühl sagte ihm, daß es schon das Rechte sei, so zu denken. Franz hatte zwar den Wunsch hie und da laut werden lassen, in seinen wenigen freien Stunden die Bücher zur Hand nehmen und lernen zu dürfen, aber der Vater erlaubte das in der ersten Zeit durchaus nicht. Wenn Körper und Geist zu gleicher Zeit angestrengt würden, sagte er, könne bei keinem etwas Ersprießliches erwartet werden. Wenn er einmal Gesell wäre, könne er nebenbei studieren, soviel er wolle; aber zuerst müsse er kräftig und gesund herangewachsen sein; sonst ginge es wie bei den Pflanzen, welche, noch so große Früchte zur Welt bringend, doch wegen ihres schwachen Stammes zu einem elenden Leben gezwungen seien und sich nie selbständig über den Boden aufschwingen können. – Aber ein Apfelbaum – das sei das rechte Sinnbild – stark am Stamm und viele kleine Früchte tragend, und Früchte, die jedermann essen könne. Die Aepfel, meinte er dann, seien mit dem Gelde zu vergleichen. »Wenn's d' stark und g'sund und fleißig bist, kriegst alle Jahr Aepfel grad gnua und wirst a reicher Mann, wenn 's d' es verstehst, mit dem ausz'kommen, was d' hast, denn derselb is reich, der nöd mehr braucht, als er hat, und damit z'frieden is. Du muaßt aber d' Aepfel nöd auf oamal ess'n; Spalteln muaßt d'raus mach'n, daß d' es aufheb'n kannst und damit auskümmst, bis wieder neue 121 wachs'n, nachher kannst das ganze Jahr davon ess'n, denn a guater Apfelbaum tragt guat, macht d' Taschen voll, d' Hüat voll und Metzen und Schäffelsäck voll!« Der Franzl erwiderte hierauf: »I will scho' schau'n, daß i recht viel Aepfel krieg', Vater.« »Und guate Aepfel, Franz, muaßt krieg'n; i moa', a Seg'n muaß dabei sei', denn wenn d' Bäum alleweil im Schatten steh'n, wer'n d' Aepfel sauer; ä Sonnenschein g'hört dazua und der Sonnenschein is a guats G'wiss'n, is brav und ehrli sei', is a Religion hab'n; nachher kannst aa lustig dazua sein – und alle heilig'n Zeit'n an' kloan' Tips schänd't di grad aa nöd; das is mei' Glaub'n und i moa', es wär' so weit nöd g'fehlt, wenn's auch der dei' wäret.« Nachdem Franzl ungefähr drei Monate Schürbube gewesen, wurde er als eigentlicher Lehrling oder Eintragbub' verwendet. Er hatte den Glasmachern die Pfeife zum Blasen herzurichten, den Glassatz anzudrehen, mit den nötigen Werkzeugen zur Hand zu sein, die Formen in Bereitschaft zu halten, kurz alle die kleinen Nebendienste beim Glasmachen zu verrichten, und stellte sich dabei so geschickt, daß er bald zum Vorblasen verwendet werden konnte. So zufrieden und glücklich übrigens der alte Schrenk in seiner Stellung zu sein schien, so konnte er doch nicht mehr so recht froh werden; er hatte Heimweh nach der Familie Prannes. Alles war sonst nach seinem Wunsche, nichts ging ihm ab, er hatte alle Ursache, zufrieden zu sein: aber halt doch – der Prannes war nicht da, sein treuer Kamerad. Das Essen von der Schenke mundete ihm auch nicht so gut, wie aus der Küche der Frau Prannes; 122 an der Wäsche fehlte fortwährend eines und das andere; Tisch und Bänke zu Hause waren auch nicht mehr so schneeweiß wie früher, und wenn das kleine Lieserl dagewesen wäre, hätte der Franzl auch nach der anstrengenden Arbeit eine Unterhaltung gehabt und wäre es nicht immer nötig gewesen, daheim zu bleiben. »Wenn alte Leute ihre Gewohnheit ändern,« sagte er zu sich selbst, »dann sterben's bald.« Sonst, wenn er nicht wußte, wie er besser die freie Zeit hinbringen konnte, nahm er die Flinte zur Hand und streifte in den Wäldern umher; das ging jetzt nicht mehr, er hatte es verschworen, nie wieder zu wildern und – damit war's aus. Seine Augen schweiften freilich oft mit sehnsüchtigen Blicken an den Hochwaldungen hinan, – er zuckte jedesmal am ganzen Leibe, wenn aus den stillen Forsten ein Schuß ertönte, und konnte sich dann des mit einem stillen Seufzer begleiteten Ausrufes nicht erwehren: »Damit is's auch Tralarum!« Aus diesem lauten Seufzer war zu entnehmen, daß es auch mit etwas anderem Tralarum sei, und so war es auch wirklich. Früher war Schrenk gewohnt, nach der meistenteils mehrtägigen anstrengenden Arbeit dem guten Biere nachzugehen und an Feiertagen zumal so recht nach Herzenslust, selbst auf die Rechnung eines »Gehörigen«, sitzen bleiben zu können; aber in neuerer Zeit war es auch mit diesem »Tralarum«. Meistens saß er jetzt vor seiner Bretterhütte und ließ sich von Franzl einen Krug aus der Schenke holen. Er vergnügte sich bescheiden damit, den Franzl das Schießen nach der Scheibe mittels eines Bolzrohres zu lehren, sich von ihm etwas auf der Flöte vorblasen oder aus dem Evangelienbuche vorlesen zu lassen. 123 Aber der Alte dachte dabei doch meistens an die Jagd, ans Wirtshaus und an Prannes. Es hatte sich bis jetzt gar selten getroffen, daß Prannes und er an ein und demselben Tage frei gehabt und sich an Feiertagen in Zwiesel zusammengefunden hätten; denn aufs Geratewohl hin wollte es keiner unternehmen, den andern auf seiner Hütte zu besuchen. Sie gaben sich gegenseitig wohl öfter Nachricht von einander; aber Prannes ließ zur Zeit, wo wir unsere Erzählung wieder aufnahmen, seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören. So kam Johanni herbei, ein Tag, an welchem Vater und Sohn ganz besondere Ursache hatten, der Frau Prannes zu gedenken, denn die Küchel und Stritzel und Bavesen, welche sie sonst an diesem Tage bereitete – heuer war es auch damit »Tralarum«. So saßen sie am Vorabende des Festes wieder auf der Bank vor ihrer Wohnung. Es war so friedlich, so feierlich still. Die Waldungen am Arber und Falkenstein erglühten in den Strahlen der scheidenden Sonne. Vater und Sohn blickten schweigend nach diesem herrlichen, das Herz erwärmenden und das Gemüt erquickenden Spiele der Natur; Franz nahm die Flöte zur Hand und blies absichtlich das Lieblingslied von Prannes. Es war die Melodie zu dem Liede: »Ich hatt' einen Kameraden \&c« Der alte Schrenk, durch dieses Spiel aus seinen Träumereien geweckt, ward sogleich mächtig davon ergriffen. Prannes, der gute Kamerad, stand vor seinem Geiste, und mit großer Rührung sang er die Worte zu Franzens Flötenspiel: Ich hatt' einen Kameraden, Einen bessern find'st du nit: 124 Die Trommel schlug zum Streite, Er ging an meiner Seite Im gleichen Schritt und Tritt. Eine Kugel kam geflogen: Gilt's mir oder gilt es dir? Ihn hat sie weggerissen, Er liegt mir vor den Füßen, Als wär's ein Stück von mir. Will mir die Hand noch reichen, Derweil ich eben lad'. »Kann dir die Hand nicht geben, Bleib du im ewigen Leben Mein guter Kamerad.« Während dieses Gesanges hatten sich unbemerkt von den beiden Schrenk drei Personen von rückwärts genähert, und der letzte Ton von Gesang und Flöte war noch nicht verhallt, als beide ihre Augen von je zwei fremden Händen bedeckt fühlten und die Frage ertönte: »Wer is's?« Der alte Schrenk konnte hierauf nicht sogleich Antwort geben; schneller aber war Franz im Erraten der hinter ihm stehenden Person, und mit einem wahren Jubel rief er: »'s Lieserl is's!« »Erraten!« entgegnete dieses und ließ Franzens Augen wieder frei, um dem kleinen Freunde die Hände zum Gruße zu reichen, worein sich die danebenstehende Mutter lächelnd teilte. Auch der alte Schrenk, nachdem er jetzt freudigst »Prannes!« ausgerufen und, sich umkehrend, den »guten Kameraden« vor sich sah, schüttelte dessen Hände. Beide Männer schimpften sich jetzt eine Weile gegenseitig herzhaft 125 herunter, während Thränen der Freude aus ihren Augen flossen, und sie wären lange zu keinem vernünftigen Worte gekommen, hätte nicht Frau Prannes und Lieserl, dazwischentretend, verlangt, daß man von ihrer Anwesenheit auch eine kleine Notiz nehmen möge. »Ja, was wär' dös!« rief Schrenk aus. – »Alle drei seid's da? Geht's nur glei eini in d' Stub'n und macht's enks bequem, und du, Franzl, muaßt in Regenbach a paar Asch'n fang'n, daß wir mit 'was aufwarten können. – Na', die Ueberraschung! Sackera noch einmal, i kann's enk gar nöd sag'n, wie viel mi dös g'freut!« Frau Prannes erwiderte, auf ihren Armkorb weisend, daß sie für alles im voraus bedacht gewesen, daß sie Fleisch, Würste und Brot von Zwiesel und neunerlei gebackene Kücheln Man pflegt zu Johanni Kücheln von »neunerlei« Art zu backen. von zu Hause mitgebracht habe. Prannes aber fragte auf Schrenks Anerbieten sogleich: »Habt's a guats Bier auf der Hütt'n? I hab' seit acht Wochen koan g'scheit'n Tropf'n mehr trunka.« »Franzl!« rief Schrenk, »lauf' nur glei' auffi in d' Schenk, sag' 'n Wirt, i trink' koan Tropf'n mehr von eam, wenn er mir nöd glei a Faßl mit a Stucka fünfzehn awaschickt, sag ihm nur, der Prannes is da; Franzl lauf' und kimm glei wieder!« Nachdem dieser Hauptgegenstand erledigt war, gingen eine Menge von Fragen und Antworten hin und her. Prannes erklärte die Ursache ihrer unerwarteten Ankunft. Sämtliche Arbeiter von den Poschingerfabriken, von Ludwigs-, Theresien- und Lichtenthal, dann von den böhmischen Hütten, sagte er, hätten sich verabredet, den 126 morgigen Johannitag auf dem großen Falkenstein zu feiern, und da sei er nun gekommen, Schrenk und die Arbeiter auf der Regenhütte auch dazu einzuladen; denn gar lustig solle es auf der Bergspitze dort oben werden, ein Preisscheibenschießen werde veranstaltet, Musikanten kämen hinauf und für Speise und Trank sei aufs beste gesorgt. Schrenk sagte sogleich für sich und alle Arbeiter auf der Hütte zu, seinen Nachbarn rief er's aus dem Fenster zu und diese teilten es wieder den andern mit, so daß binnen wenigen Minuten auf dem sonst so stillen Platze ein freudiges Leben begann und eine allgemeine Verabredung stattfand zu der unerwarteten Bergpartie auf den schönen Falkenstein. Franz hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Hüttenbuben zusammenzurufen, welche unter seiner Leitung eine kleine Musikbande gebildet hatten und die bei allen festlichen Gelegenheiten, also auch morgen, in Bereitschaft zu sein hatten. In Schrenks Stube aber saßen die längere Zeit Getrennten wieder in der fröhlichsten Unterhaltung bei gutem Stoffe beisammen und teilten sich die gegenseitigen Erlebnisse seit ihrer letzten Trennung mit. Die kleine Liese brach fast in Thränen aus, als sie die Striemen an Franzens sonst so feinen Händen sah; aber sie tröstete sich wieder, als ihr der Freund versicherte, daß ihm dieses gar nicht weh thue und er sogar stolz darauf sei, daß man schon an seiner Hand bemerke, mit welchem Eifer er seine Lehrzeit begonnen habe. Prannes stimmte dem Knaben vollkommen bei und ermunterte ihn auf die freundlichste Weise. Frau Prannes musterte das Hauswesen des Schrenk und war nicht am besten damit zufrieden. Sie 127 zankte auch mitunter über dieses oder jenes und versprach, von nun an öfter kommen und ordnen zu wollen, wo es nötig war. Prannes hingegen saß mit Schrenk am großen Tische und erzählte ihm mit größter Zufriedenheit von seiner jetzigen Stellung bei Herrn von Poschinger und wie auch der neue Herr mit ihm zufrieden sei und ihn mit Güte und Freundlichkeit überhäufe; aber daß er halt doch nicht recht vergnügt sein könne – erstens fehle ihm Schrenk, der treue Kamerad, und dann habe ihm das Bier in Zwieselau seinen Magen verdorben. – Nachdem er so über Leid und Freud gesprochen und sich von seinem Marsche mit Speise und Trank erholt hatte, sagte er: »So iatzt sing'n wir amal und nachher leg'n wir uns nieder.« »Jesses!« schrie der alte Schrenk, »iatzt is's recht; enkere Sach'n hab'n wir enk z'sammgess'n, aber ans Niederleg'n hab'n wir nöd denkt. Wie mach'n wir's iatzt doch glei? san unser drei Mannets und zwoa Weibets und hab'n nur zwoa Bett'n! – Da wird 's g'scheit'ste sei', wir lass'n z'erst d' Weiba schlaf'n, und wir Mannets bleib'n bei dem guat'n Bier sitzen, bis's ausg'schlafen hab'n, und wenn nachher no' a Stunderl für uns bleibt, können wir 's ja alleweil no' benutzen; der Franzl soll sich auf d' Kotzen am Stub'nbod'n leg'n und so is nachher allen deant.« Prannes war mit diesem Vorschlage vollkommen einverstanden und meinte, bis das Fäßchen ausgetrunken wäre, ginge es ohnedem schon stark in den Morgen hinein, aber Frau Prannes legte feierlichst Verwahrung ein. Sie beseitigte die Besorgnis wegen des Uebernachtens durch die 128 Mitteilung, daß sie im Wirtshause bereits eine Kammer gemietet habe, und dort für das nötigste gesorgt wäre, daß es jetzt Zeit sei, das Fäßchen zuzuschlagen, und daß alles zur Ruhe gehen solle, um morgen bei guter Zeit auf den Berg steigen zu können. »'s Wei' hat recht; i hätt' freili no' an' starken Durst, aber 's Wei' hat recht, leg'n wir uns nieder,« meinte Prannes, und Schrenk wollte auch nicht widersprechen. Es wurde aber trotzdem spät, bis sich die beiden Familien trennten, und als Frau Prannes das Fäßchen zuschlagen wollte, meinte Schrenk, sie solle sich keine Mühe mehr machen, es gäbe nichts mehr aufzuheben. Man wünschte sich gegenseitig eine recht gute Nacht. Franz und Liese jubelten dem morgigen Tage entgegen und freuten sich kindisch auf das Sunnwendfest am großen Falkenstein und auf die Sunnwendfeuer, über welche sie springen wollten. Die jugendlichen Herzen ahnten nicht, wie viel größere Ursache sie noch zur Freude hatten, wie dort oben auf dem Berge morgen auch ihr Schicksal eine neue Wendung nehmen und gleichsam der Anfang ihres Glückes beginnen sollte. – 129 X. Als am andern Morgen das auf einer kleinen Erhöhung angebrachte Hüttenglöcklein zum Ave Maria geläutet wurde, umstanden dasselbe bereits eine große Anzahl von Kindern, welche in freudiger Aufregung über die bevorstehende Bergfahrt den kommenden Morgen kaum erwarten konnten. Vor dem Gebetläuten nahm sich das junge Volk noch etwas zusammen; aber nach demselben ließ sich alles frei gehen und die noch in den Hütten befindlichen älteren Leute wurden durch Schreien, Juchzen und Schüsse aus Schlüsselbüchsen aufmerksam gemacht, daß es Zeit sei, die Bergfahrt anzutreten. Wie es an allen Festtagen üblich, sollte auch heute vom Hüttenglöcklein aus eine Tagreveille abgehalten werden. Die Musikanten, bestehend in vier jugendlichen Klarinettbläsern, zwei Flötisten, worunter Franz Schrenk, zwei Hornisten und einem Cinellenschläger, dann mehreren Geigern, einem Zugharmonika und zwei Mundharmonikaspielern, hatten sich lange vor der festgesetzten Zeit hier zusammengefunden und stimmten ihre Instrumente mit einer Wichtigkeit, als gelte es, eine Komposition von hohem Werte zur Aufführung zu bringen. Ein jeder der Musikanten hatte bereits einen Eichenzweig auf seiner Kappe von solcher Größe, daß man glauben konnte, man sähe wandelnde Bäume. Als das Glöcklein 130 ertönte, herrschte plötzlich die größte Ruhe; das Mädchen, welches für diese Woche bei dem Ave Maria-Läuten die Vorbeterin zu machen hatte, verrichtete ihren Dienst und die ganze Versammlung betete andächtig nach. Nachdem dies vorüber, gab Franz, der kleine Kapellmeister, das Zeichen zum Beginne eines Standstückes. Dies war die Nationalhymne: »Heil unserm König, Heil!« Die Buben und Mädchen, welche die Musikanten umstanden und dieses Lied alle auswendig wußten, sangen sogleich mit und in der frischen Morgenluft klang es so schön, so feierlich, wie ein Gebet, und wie die Töne von den Bergen widerhallten, so hallte es in den Herzen der kleinen Sänger wider, die gelernt hatten, Gott zu lieben und den König zu ehren. – Dann aber begann die Tagreveille. Die Musikanten setzten sich in Bewegung und spielten einen lustigen Marsch die Hüttengebäude auf und ab, umgeben von der Jugend des Platzes, die mit Juchzen und Schüssen die Musik begleitete. Alle Bewohner der Regenhütte streckten die Köpfe vor die Fenster, oder kamen selbst heraus, sich an den kleinen Musikanten zu ergötzen. Diese waren jetzt vor der Schenke angekommen, wo Prannes sein Nachtquartier hatte. Auf Franzens Rat sollte diesem hier ein » Hofrecht « gemacht werden, und nachdem sie sich unter dem Fenster von Prannes postiert hatten, spielten sie sein Leiblied: »Ich hatt' einen Kameraden \&c.« Prannes war bis zu Thränen gerührt über die ihm 131 gewordene Auszeichnung und warf den Buben einen Zwanziger herab, wofür ihm noch ein ordentlicher Tusch gemacht wurde. Dann marschierte die Musikbande nach Rabenstein, um dem allverehrten Hüttenherrn gleichfalls ein »Hofrecht« zu spielen. Auch hier wurden sie beschenkt und mußten ein Frühstück zu sich nehmen. Besondern Jubel verursachte Herrn Steigerwalds Versprechen, daß er selbst im Laufe des Tages mit seiner ganzen Familie auf den Falkenstein kommen und das Fest der Hüttenleute mitfeiern wolle. Dann ging es wieder zurück nach der Hütte, wo sich inzwischen alt und jung zur Bergfahrt hergerichtet hatte. Es war ein prachtvoller Sommertag; kein einziges Wölkchen unterbrach die wundervolle Bläue des Junihimmels, kein Nebelstreifen schwebte über den dunklen Waldungen nah und fern; es grünte und blühte ringsumher. Die Rose am Strauch, das Blümlein in der Wiese und am Bache, die Tannen und Buchen des Waldes – alle strömten erquickenden Duft den frohen Bergfahrern entgegen, und Hunderte von kleinen Vögeln sangen den Morgengruß in jubelnden Tönen. Die Mädchen pflückten frische Blumen nächst dem Wege und schmückten mit zierlichen Sträußchen die Hüte der Männer und die Brust der Frauen, sich selbst aber wanden sie Kränze um die Stirn aus den goldfarbig gefeierten Blumen des heiligen Johannes. Auch für Franz hatte Liese einen solchen Kranz gewunden und die Bedeutung der Johannisblume, die am heutigen Tage besonderen Segen ausspende, in eingehender Weise erklärt. Als nämlich der heilige Johannes zum Märtyrertode geführt wurde, weinten diese gelben Blümlein und der Heilige vermachte ihnen zum Danke dafür 132 sein Blut auf ewige Zeiten, wovon man sich gar leicht überzeugen kann; denn drückt man ein solches Blümlein zwischen den Fingern, so rinnt rotes Blut heraus. Deshalb wird die Johannisblume überall für ein heiliges Kraut gehalten und das Haus, in welchem man sie in Ehren hält, ist bewahrt vor dem bösen Feinde, vor Kobolden und Hexen. Das verdroß die bösen Hexen so gewaltig, daß sie mit Nadelstichen die Blümchen zu Tode peinigen wollten; aber je mehr sie die Blätter durchlöcherten, desto mehr gedieh die goldene Blüte, an welcher die Kraft der Bösen erlahmte. Darum sieht man noch heutigestags die Blättchen vielhundertmal durchstochen, aber dennoch grün und frisch, worüber die Hexen so erzürnt sind, daß sie den Blüten schon von weitem aus dem Wege gehen, denn ihre Macht erlahmt, wo Johannesblümlein prangen. Aeltere Mädchen wieder wanden sich Kränze aus »neunerlei Blumen«, manche in der kühnen Absicht, eine Frage an das Schicksal zu wagen; denn es geht die Sage, daß diejenige, welche zu Johanni die jungfräuliche Stirn mit einem solchen Kranze geschmückt hat und bei sternklarem Himmel zunächst einem Baume hineinschaut in die dunkle Flut des Regenbaches, darin das Bild des zukünftigen Gatten erblickt. Manche neigte sich schon jetzt, als sie über den Steg schritt, bedeutungsvoll hinab in das rauschende Wasser, wo die rotgefleckten Forellen lustig herumschwammen und neugierig und überrascht heraufschauten zu der Menge von Leuten und der ungewohnten Lustbarkeit da oben. Bald waren die Wanderer in einen Wald voll schöner Birken eingetreten, welche mit dem lustigen Grün ihrer regsamen Blätter das Dunkel des nahen, großartigen 133 Hochwaldes umsäumten. Es ist zwar der ganze bayerische Wald vorherrschend ein Waldgebirge, ein mehr oder weniger zusammenhängender Hochwald; am ausgeprägtesten aber trägt den Charakter eines solchen die Gegend zwischen dem Dreisesselberg und dem Arber, wo der Lusen, der Plattenhausen, der Rachel, das Scheuereck, der Falkenstein und endlich der Arber selbst ihre mit den dichtesten Forsten bestockten Riesenglieder erheben und von ihrem Fuße aus zahlreiche Ausläufer aus niedrigen Waldbergen in das Land entsenden. Das ist wirklich kein Wald, wie andere Wälder, das ist ein majestätischer, hehrer Wald, ein heiliger Wald! Die geraden, hochschäftigen Stämme der Bäume gleichen Riesensäulen, und wie in einem Dome wölben sich die Gipfelzweige der grünen Buchen gleich Schwibbögen zu einem gothischen Sprengwerk, das dann von dunklem Tannendache überdeckt wird. Feierliche Stille herrscht in diesem mystischen Halbdunkel, die nur morgens und abends von der melodischen Stimme der Drossel unterbrochen wird. Die gewaltigen Dimensionen der Baumsäulen versetzen uns in Erstaunen. Solche Tannen, solche Buchen sind uns in unsrem Leben noch nicht vorgekommen, sie stammen aus Urwaldszeiten. – »Is das schon der Urwald,« fragte die Liese ihren Vater, »von dem du mir erzählt hast, daß wir 'n heut' sehn?« »No' nöd,« entgegnete Prannes, »wir san no' im Hochwald, was aber aa nix anders is, als a g'säuberter und a g'lichter Urwald. Den eigentlichen Urwald wern wir erst am kloan' Falkenstein z' seh'n krieg'n.« »Was ist denn ein Urwald?« fragte Franz, welcher, obgleich im Walde aufgewachsen, sich bis jetzt gar wenig um derlei Benennungen gekümmert. 134 »A Urwald,« entgegnete Prannes, »is a wilder Forst, voll mit dichtem Baumwuchs, an den der Mensch noch koa' Hand g'legt hat. I werd enk an' solch'n zeig'n. Beim Waldhaus trennen wir uns von den andern und geh'n über 'n Falkenstein, nachher könnt's ös Urwald grad gnua seh'n.« »Dös Vergnügen,« sagte Schrenk, »überlaß i dir, Prannes, i und dei' Wei' bleib'n auf 'n Weg und lass'n uns dann erzähl'n, was 's g'seh'n habt's.« Als unsere Wanderer bei dem mitten im Hochwalde an der Straße nach Böhmen gelegenen Waldhause angelangt waren, wurde die erste Rast gehalten, weil hier der Sammelplatz aller Hüttenleute war, von wo aus gemeinschaftlich der große Falkenstein erstiegen werden sollte. Die hier befindliche gute Wirtschaft erfreute sich sogleich eines zahlreichen Zuspruches und alles ging daran, sich zu stärken zu den Strapazen des Bergsteigens. Unsere Freunde verabsäumten dieses zwar auch nicht; Prannes, Liese und Franz brachen aber zeitiger auf als die übrigen Leute, um sich den Urwald zu besehen, welchen sie nach kurzer Wanderung auch erreichten. Erregte schon der Hochwald das lebhafteste Interesse, so hielt die ehrfurchtgebietende Majestät des Urwaldes den Sinn unserer Wanderer gehoben. Nirgends war hier eine Spur menschlicher Thätigkeit oder menschlichen Eingreifens in das Leben des Waldes sichtbar; überall nur ursprüngliche Naturbildungen, ungestörtes Walten der Natur im Schaffen, wie im Vernichten. Zwischen und auf riesigen Felsblöcken ragen die Urwaldriesen gen Himmel und stehen mit ihren langherabhängenden grünen Bärten in ihrer Frische und Kraft da 135 wie die Alten vom Berge. Da stehen fürchterlich große Weißtannen, die man oft nur mit nach rückwärts gebeugtem Haupte mit dem Auge verfolgen kann; Fichten, wie sie nirgends anders mehr vorkommen. Neben diesen befinden sich, seit vielen Jahren tot und verwesend, gleich kolossale Genossen, ähnlich gigantischen Gespenstern, bald noch aufrecht, aber mehrfach gespalten, ohne Wipfel, ohne Rinde, mit verkümmerten, zerrissenen, vertrockneten Aesten, bald mitten im Sturze gehindert durch noch gesunde Nachbarn, bald schon hingestreckt auf den Boden, noch ganz oder in Fäulnis begriffen, während aus ihren Leichen bereits neue Stämme erstanden sind, denn überall ersetzt die Natur die schwindende Generation durch frisches, auf modernden Leichen keimendes Leben. Den gefallenen Größen des Waldes, Ranen genannt, wird von den vielen Moosen, welche sie geschäftig umklettern, der letzte Lebenstropfen noch ausgesaugt. Unsere Wanderer mußten oft durch ein Chaos von übereinandergestürzten Felsmassen, über ganze Verhaue klettern, über trügerische Moosdecken, die den Sumpf verbergen, springen, oder von Stein zu Stein sich schwingen, dann wieder durch dichtes Unterholz, durch Brombeerbüsche den Weg sich bahnen, beides oft zwischen weit ausgreifenden Aesten verblichener Riesenleiber. So mühselig dies auch sein mochte, in heiterster Laune wurden all die Schwierigkeiten überwunden. Liese hatte öfters, wenn sie still standen und ausruhten, die Hände wie zum Gebete gefaltet. Die Großartigkeit der Natur machte einen überwältigenden Eindruck auf das kindliche Herz. Auch Franz war eigentümlich ergriffen; auch ihm war es so feierlich, so andächtig zu 136 Mute, und er drückte seine Stimmung am besten durch die Worte aus: »Da möcht ich den ganzen Tag verweil'n!« Franz stellte sich auf einen Stein zunächst einer riesigen 137 Buche und schnitt in deren Rinde die Anfangsbuchstaben von den drei Anwesenden »F., L. und P.« nebst der laufenden Jahreszahl zur ewigen Erinnerung ihres Dagewesenseins. Nachdem Prannes den Kindern alle möglichen Aufschlüsse gegeben und sich länger, als er beabsichtigt, in dem Urwalde aufgehalten hatte, schlug er die Richtung nach dem großen Falkenstein zu ein, und sie gelangten bald auf einem gebahnten Forstweg, welcher sie aus der Waldwildnis wieder herausführte, in den Hochwald. Nach zweistündiger Wanderung hatten sie den hohen Gipfel des Berges erstiegen. Trotz ihres langen Aufenthaltes im Urwalde waren sie die ersten auf der hohen, mit riesigen Gneisblöcken versehenen Kuppe. Zum erstenmal waren die Kinder auf einem so hohen Berge und mit unendlichem Vergnügen blickten sie hinaus in die weite, weite Welt. – Ein ungewöhnlich reichgesättigter, blauer Duft war über das schöne Waldgebirge ausgebreitet, eine Ruhe, ein Friede, ein Ernst, eine stille Feier, welche tief die Seele ergreifen mußte. – Vom Gipfel des Falkensteins tritt dem Beschauer des Waldes ureigenste Schönheit, der Wald in großartiger Pracht entgegen. Feierlich ernst ist der Anblick der weithin gedehnten schiefen Flächen des Rachel, Lusen, Dreisessel, Arber, überdeckt in ihrer ganzen Länge und von der Sohle bis zum Scheitel mit dunklem, starrem Walde – unabsehbarem Walde, so weit das Auge reicht nach rechts und nach links, nichts als Wald, nur einmal dort eine Lichtung, nicht groß genug, seine Ganzheit zu unterbrechen, nur geeignet, die Wucht seiner Masse noch deutlicher empfinden zu lassen. So stand er vor unsern 138 Freunden, Ehrfurcht gebietend, ein Zeugnis der Macht stillthätiger Naturkräfte, bedeutungsvoll hier aufgerichtet auf dem Grabhügel längst verschwundener Bestände. – Die tiefe Stille, welche bis jetzt im Gebirge geherrscht hatte, ward allmählich durch das Ankommen der Bergfahrer unterbrochen. Von allen Seiten kamen die Hüttenleute der verschiedenen Fabriken herangezogen mit Fahnen und Kränzen, mit Musik und Gesang, mit Jubelgeschrei und Pistolenschüssen, die sich zehnmal vervielfältigten in dem wunderbaren Echo der Berge. Es folgte ein herzliches Begrüßen untereinander. Die Männer und Frauen, die Buben und Mädchen, alles hatte sich schnell zusammengefunden, alte Bekanntschaften wurden erneuert, frische angeknüpft und die vortreffliche Marketenderei, welche von der Waldhaus-Wirtschaft hier errichtet wurde, trug nicht wenig zu der allgemeinen Lustbarkeit bei. Auf einem passenden Platze ward eine Scheibe aufgestellt und viele Glasmacher vergnügten sich hier den größten Teil des Tages. Auch der alte Schrenk, dem ein »guter Spezl« von der Ludwigshütte seinen Stutzen zur Verfügung stellte, ließ sich bei den Schützen einschreiben und er machte sich einige Hoffnung auf den für den ersten Preis bestimmten, mit Blumen und Bändern geschmückten Hammel. Einige jüngere Burschen hatten sich zusammengeschart, um frohe Gesänge ertönen zu lassen, hier in der klaren Luft, wo das Herz freier wird und die Brust sich erweitert, wo man so gerne träumt von dem süßen Engelsbilde der Freiheit, nachdem man Sorge und Kummer im tiefsten Thale zurückgelassen. Prannes war als Hauptvorsänger allgemein erwählt 139 und diese Stimme gebührte ihm mit Recht. Man hätte ihn sehen sollen, wie er inmitten des Sängerkreises, auf einem großen Steine stehend, mit seinem Hute den Takt schlug und alle Stimmen sang, wo er einen Fehler bemerkte oder eine Nachhilfe geben zu müssen glaubte. Zwischen den Gesängen mußten die jungen Spielleute, welche zu einer ziemlichen Bande angewachsen waren, musizieren und hier war Franz als Kapellmeister angestellt, einen Posten, den er unter den schwierigsten Verhältnissen und unter einem Chaos von Mißtönen auf die ehrenvollste Weise ausfüllte. Das übrige junge Volk stand auch nicht müßig, sondern schleppte einen großen Vorrat von Holz und Reisig herbei, um in den Nachmittagsstunden Johannisfeuer, über welche gesprungen werden sollte, und abends eine große Hexe anzuzünden. Die Lust war nicht wenig vergrößert durch die Ankunft einer im Walde allbekannten Persönlichkeit. Der Hackbrettschläger von Gotzendorf nämlich, welcher mit einer wahren Spürnase derartige Feste aufzufinden wußte, kam jetzt, sein Instrument auf dem Rücken tragend, den Berg heraufgestiegen, und der gemütliche Alte mit seinem heiteren Gesichte, welches von der außerordentlich breiten Krempe seines Hutes beschattet war, nickte gar freundlich den jungen Mädchen zu und wußte jedem etwas Angenehmes zu sagen. Der Cymbal-Toni, wie er gemeinhin hieß, wußte alle Herzensgeheimnisse; er war der Vermittler, der Liebesbote, der Heiratsmacher, ohne daß es besonders auffiel, denn der Cymbal-Toni wanderte mit seinem Instrumente von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, in die entlegensten 140 Einschichten und wußte sich seiner Aufträge in der klugsten Weise zu entledigen. Nachdem er sich von den Strapazen des Bergsteigens einigermaßen erholt und gestärkt hatte, legte er sein Instrument auf eine Steinplatte und hackte einen Dreher herab, so schön, so in die Füße gehend, daß die Buben und Mädchen der Lust des Tanzens nicht widerstehen konnten, und alsbald wurde auf dem grünen Platz herumgetanzt und alles war fröhlich und zufrieden von den Alten bis zu den Jungen; jedes vergnügte sich nach seiner Weise. Der Cymbal-Toni spielte immer schöner und jetzt sang er sogar zu seinen Tanzweisen und die Umstehenden sangen den Chor mit. Der Alte nickte den tanzenden Paaren oft bedeutungsvoll zu und manches Mädchen, das im Regenbache beim Mondscheinlichte und mit dem neunblumigen Kranze auf dem Kopfe den zukünftigen Geliebten zu schauen hoffte, verspürte die Wirkung dieses Kranzes schon jetzt auf der Kuppe des Falkensteines, und der alte Toni freute sich darüber und lachte – und lachte und die Buben und Mädchen lachten auch – es war so schön! So ging es denn lustig zu auf dem hohen Waldberge und höchstens von der kleinen Musikbande her, sonst klang kein Mißton in die Freude der wackeren Glasmacher, die nach schwerer, anhaltender Arbeit bei der Glühhitze der Glasöfen sich glücklich fühlten in der frischen, erquickenden Bergluft und die umgeben von Leuten desselben Handwerks, sich heimisch fanden in der großen Menge. Das war eine Lust, als die Johannisfeuer abgebrannt wurden! Hand in Hand sprangen die Buben und Deandeln über das brennende Element und gaben sich Mühe, recht 141 hoch zu springen, denn: »So hoch der Sprung, so lang gedeiht der Flachs!« Auch die älteren Leute versuchten, über die Flamme zu kommen, denn »wer übers Johannisfeuer springt, bleibt dasselbe Jahr vor Fieber verschont«, und dieser Wohlthat wünschte jeder teilhaftig zu werden. Franz und Liese waren auch nicht unter den letzten. Sie schienen sich gar nicht satt springen zu können, und Franz mußte darüber seine Kapellmeisterpflicht fast ganz vernachlässigen. Die Freude dieses Festes wurde nicht wenig vergrößert, als gegen Abend mehrere der Glashüttenbesitzer mit ihren Familien, so namentlich die Herren von Poschinger und Herr Steigerwald mit Frau und Kindern ankamen und an der allgemeinen Lustbarkeit Anteil nahmen. Sie wurden mit kernigen und warmen Toasten ausgezeichnet, denn man wußte, wie gerne diese Hüttenherren unter ihren Arbeitern verweilten und welch innigen Anteil sie stets an deren Leiden und Freuden nahmen. Die Kinder dieser reichen Leute, von frühester Jugend daran gewöhnt, den Arbeiter zu ehren und seinen Kindern freundlich entgegenzukommen, besannen sich nicht lange, an der Lust derselben thätigen Anteil zu nehmen. Die kleine Josephine fand ein besonderes Vergnügen, mit einem lieblichen Knaben, dem Sohne des Herrn von Poschinger auf Frauenau, über das Sunnwendfeuer zu springen, und zwar mit solcher Geschicklichkeit, daß man den beiden von allen Seiten Beifall spendete. Der Cymbal-Toni drohte den Kleinen lächelnd mit dem Finger und sein Hackbrett schlagend, sang er: 142 »Als Kloane durch's Feuer, Als Große durch's Leb'n, A Kinderspiel hat schon Manch' Brautpaarl geb'n. Die kloan Deandln wachs'n, Die Buama wern Herrn; 's braucht gar nöd viel Fax'n, Kann z'sammg'heirat wern!« Die Kinder verstanden es nicht, was der Alte mit pfiffig lächelnder Miene sang, desto besser merkten die Eltern, wo der Toni hinauswollte, und fragend und lächelnd blickten sie sich gegenseitig an; die Frauen Poschingers und Steigerwalds aber nickten sich mit einem gewissen Einverständnisse freundlich zu. – Doch, was war es, daß man mit dem Springen übers Feuer plötzlich innehielt und sich alles um die Tochter Steigerwalds drängte? Das Mädchen lag am Boden und verbarg seinen Kopf in die Hände; dabei stieß sie, wenn auch absichtlich gedämpfte, aber dennoch hörbare Schmerzenslaute aus. Bestürzt eilten die Eltern des Mädchens und die übrigen Leute herbei. Der neben dem Mädchen knieende junge Poschinger teilte den Fragenden mit, daß Josephinen während des Springens etwas in die Augen geflogen sein müsse. Josephine bezeichnete dies gleichfalls als die Ursache eines fürchterlichen Schmerzes. Jedes kam nun mit Rat und That herbei, jedes wußte ein eignes Mittel, wie der schmerzende Gegenstand aus dem Auge entfernt werden könne. Viele probierten ihre Kunst, nachdem die Eltern des Mädchens vergebens zu helfen gesucht hatten, aber erfolglos blieb auch die Mühe und der gute Wille der übrigen Leute. Josephine weinte vor Schmerz, welcher infolge der vielen 143 nutzlosen Versuche sich bedeutend steigerte. Jetzt kam die kleine Liese herbei und laut und mit triumphierender Miene rief sie: »I kann helf'n!« Sie befeuchtete Josephinens geschlossene Augenlider mit Speichel und führte dann die Spitze des rechten Zeigefingers leise in einem kleinen Kreise herum, wobei sie nachfolgenden Segensspruch hersagte: »Liabe Frau vom hohen Bog'n, Is mir ebbas in d' Aug'n g'flog'n; Liabe Frau von Passa, Thun mir's wieda assa; Liabe Frau vom heilön Bluat, Mach' mir mei Aug'n wieda guat.« An jenem Auge nahm die Kleine diese Operation vor und Josephine war in der That imstande, die Augen wieder zu öffnen; der schmerzende Gegenstand war durch Lieses Geschicklichkeit entfernt und das kleine Fräulein konnte wieder von neuem der Lust des Tages leben. Herr Steigerwald nahm aber die kleine Wunderdoktorin bei der Hand und sagte zu ihr: »Mädl, du bist geschickter als wir alle, und es ist nicht mehr als billig, daß du belohnt wirst für deine Kunst.« Herr Steigerwald suchte ein Geldstück, um es dem Mädchen zu übergeben; aber Liese antwortete sogleich und entschlossen: »Herr von Steigerwald, i nehm ganz gewiß nix an; erstens überhaupt nix, und zweitens wär's aus mit meiner Kunst, wenn i mi dafür bezahl'n ließ.« »Wer bist du denn, Mädchen?« fragte jetzt, überrascht von dieser bestimmten Antwort, Herr Steigerwald. 144 »I g'hör' 'n Prannes!« entgegnete die Kleine mit einem gewissen Stolze. »Da bist du braver Eltern Kind!« sagte Herr Steigerwald, die Kleine auf die Schulter klopfend; »aber wenn ich dir nichts schenken darf, so mußt du mir schon sagen, womit ich dir sonst eine Freude machen könnte, denn du hast mein Mädl von großen Schmerzen und uns von großer Angst befreit. Sag', womit kann ich dir auch einen Gefallen thun?« Liese sah den freundlichen Herrn mit großen Augen und prüfend an. Sie sah sich jetzt im Kreise herum und ihr Blick fiel auf Franz. Lieserl hatte plötzlich einen Gedanken gefaßt; aber noch war sie im Zweifel, ob sie diesen Gedanken aussprechen dürfe. »Nun?« drängte der Herr. »Was willst du mir sagen?« »Ich wüßt' schon etwas,« antwortete jetzt, wie nachdenkend, das Mädchen. »Sie können mir schon einen Gefallen thun, aber es muß auch g'wiß sein!« »Wenn's billig ist und in meiner Macht steht,« entgegnete lächelnd der Hüttenherr, »dann darfst du auf mich rechnen.« Alle Umstehenden waren mäuschenstill, um den Wunsch der kleinen Liese zu vernehmen; aber diese ließ die Neugierde der Leute unbefriedigt. »Wenn i's Ihnen ins Ohr sagen darf?« erwiderte verlegen das Mädchen. »Das darfst du,« antwortete der Hüttenherr und neigte sich lächelnd hernieder. Liese lispelte ihm jetzt leise etwas ins Ohr. Herr Steigerwald lachte laut auf, und bevor er dem Mädchen 145 eine Antwort geben konnte, war dasselbe davongeeilt, hatte Franz an der Hand genommen und hüpfte lustig mit dem Freunde wieder über das Sunnwendfeuer. Herr Steigerwald teilte des Mädchens Geheimnis lächelnd, aber leise seiner Frau mit, doch nicht leise genug, daß es der zunächst dem Hüttenherrn stehende Cymbal-Toni nicht gehört hätte. Kopfschüttelnd kehrte dieser dann auf seinen Platz zurück, und wie vorhin den Herrenkindern, drohte er auch jetzt lachend mit dem Finger Franz und Liese zu und sang wieder zu seinem Hackbrett: »Die kloan Deandln wachs'n, Die Buama wern Herr'n, 's braucht gar nöd viel Fax'n, Kann z'sammg'heirat wern!« »Was hast ihm denn ins Ohr g'sagt?« fragte jetzt Franz die Freundin. »A mei', a Dummheit!« entgegnete das Mädchen. Auch die anderen Leute fragten neugierig Franz und das Mädchen selbst, was sie von dem reichen Hüttenherrn wohl verlangt habe; aber sie erhielten nichts anderes zur Antwort, als: »A mei', a Dummheit!« Lieserl hatte mit Herrn Steigerwald gesprochen, wie sie es voriges Jahr dem Franzl zugesagt hatte, und nicht ohne Erfolg. Es war aber gewiß keine Dummheit; denn kurz darauf ließ der Hüttenherr den alten Schrenk und Franz zu sich rufen und unterhielt sich angelegentlichst längere Zeit mit beiden. Auch Frau Steigerwald mischte sich in das Gespräch und schien recht befriedigt über Franzens Antworten. 146 Vater und Sohn waren gleich freudig überrascht, als jetzt Herr Steigerwald zu Franz sagte: »Ich will aus dir etwas machen, Franz. Komm von nun an in deinen freien Stunden nach Rabenstein. Der Hofmeister meines Sohnes soll dir Unterricht geben, und wenn auch gerade zu keinem Hüttenherrn, so hoffe ich doch, daß du es einmal, wenn du fleißig und brav bist, zu mehr bringen wirst, als zu einem gewöhnlichen Glasmacher. Bist du's zufrieden?« Franz wußte nicht, wie ihm geschah; als er in die ihm dargereichte Hand des wohlwollenden Herrn einschlug, konnte er bloß die Worte hervorstammeln: »Ich weiß nicht, ob ich das wert bin.« Der danebenstehende alte Schrenk war ganz sprachlos. Die Bewegung in seinem Gesichte, die Thränen, welche ihm über die Wangen herabliefen, sagten, was in seinem Innern vorging. Als ihm Steigerwalds die Hand reichten, konnte er bloß sagen: »Vergelt's Gott, gnä Herr und gnä Frau!« Nun kam die Preisverteilung bei den Schützen. Die Musikanten mußten ihre Instrumente zur Hand nehmen, um die Preisträger mit rauschenden Tuschen zu ehren. Franzl hielt seine Flöte als Dirigentenstab in der erhobenen Hand, um das Zeichen zum Beginne zu geben. Da hieß es: »Erster Preis: ein Hammel, zuerkannt dem ehr- und tugendsamen Obergesellen auf der Regenhütte, Herrn Schrenk!« Dem Franzl fiel vor freudigem Schrecken die Flöte aus der Hand, aber er hatte noch so viel Geistesgegenwart, zu rufen: »Ein Tusch! Ein Tusch!« 147 Nachdem die Preiseverteilung vorüber, richtete man sich zum Aufbruche. Prannes stimmte noch das Lied an: »Wer hat dich, du schöner Wald, Aufgebaut so hoch da oben!« um mit diesem prachtvollen Chore Abschied zu nehmen von dem schönen Walde, der in den Strahlen der scheidenden Sonne weithin erglänzte in unbeschreiblich schönen, dunkelpurpurvioletten Tönen. Nach eingetretener Nacht ward mit Kienfackeln beim Hinabsteigen über den Berg der Weg beleuchtet, und als man im Thal angelangt war, richteten sich aller Blicke wieder auf die Kuppen der Berge ringsumher, von welchen hochauflodernde Feuer emporstiegen, zum Ergötzen der heimkehrenden Glasmacher, denen der heutige, so fröhlich hingebrachte Tag ein Lichtpunkt in der Einförmigkeit ihres Lebens war und welche nach langer Zeit noch mit Freuden erzählten von dem Sunnwendfeste auf dem großen Falkenstein. 148 XI. »Am Franzl merk i, daß i alt werd'!« sagte der alte Schrenk ungefähr fünf Jahre nach dem vorbeschriebenen Sunnwendfeste auf dem großen Falkenstein. Es war dieser Ausruf sicherlich ein Zeichen für sein eigenes Wohlbefinden; denn am Franzl merkte er sein eigenes Alter, nicht an sich selbst. Franz wuchs aber auch heran, daß es wahrlich eine Freude war, und niemand konnte es dem glücklichen Vater verdenken, wenn er mit freudigem Stolze auf seinen Sohn blickte. Keiner unter den Hüttenleuten durfte sich ihm gleichstellen. War er auch nicht so groß wie sein Vater, so entwickelte sich doch auch frühzeitig ein hoher Grad von Stärke, und seine Geschicklichkeit in Anfertigung der künstlichsten Gläser wurde von keinem andern Arbeiter übertroffen. So darf es nicht Wunder nehmen, wenn Franz schon mit neunzehn Jahren sein Meisterstück fertigen durfte, um als selbständiger Glasmacher in der Hütte angestellt zu werden. Herr Steigerwald überließ es dem strebsamen jungen Manne, sich nach eigenem Gutdünken das Meisterstück zu wählen, und so verfertigte Franz ein buntfarbiges, gläsernes Treppengeländer für die Villa des Hüttenherrn, und zwar so reizend und mit so viel Geschick, daß es dieser sofort in Rabenstein anbringen ließ und dem jungen Manne nicht nur den Meisterbrief, sondern auch ein köstliches Präsent mit den schmeichelhaftesten Worten und in der ehrendsten Weise 149 übermachte. War sonach Franz einer der geschicktesten Arbeiter, so ließ er auch in geistiger Beziehung alle andern weit hinter sich. Es soll damit nicht gesagt sein, als ob er ein wahres Genie gewesen wäre; denn seine durch das Selbststudium und den Unterricht des Hofmeisters von Rabenstein erworbenen Kenntnisse beschränkten sich auf Rechnen, Schreiben, Führen der Buchhaltung und Zeichnen; aber diese Dinge waren ihm geläufig, und da die übrigen Glasmacher sich größtenteils wenig mit derartigem »gelehrten Zeug« den Kopf zerbrechen wollten, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Franz in geistiger Beziehung allen überlegen war. Man merkte ihm das auch schon auf den ersten Blick an. Auf seinem schönen, runden Gesichte mit den dunklen, lebhaften Augen war der Stempel der Bildung abgedrückt und gar wohl gefiel das den Mitarbeitern und oft sagten sie: »Dem Franzl kälbert noch einmal der Holzschlegel auf der Achsel!« Damit will der Wäldler einen rechten Glückspilz bezeichnen. Der alte Schrenk hatte also in jeder Hinsicht Ursache genug, mit seinem Geschick zufrieden zu sein. Nur eines wollte ihm noch immer nicht behagen und verdüsterte öfter seinen frohen Sinn: der Verzicht auf das edle Weidwerk. Und wie schön hätte sich ihm gerade jetzt Gelegenheit dazu geboten! Gleich in der Nähe der Regenhütte wurde für einen königlichen Förster ein Haus gebaut und ein äußerst liebenswürdiger Mann dort angestellt. Der Herr Förster besuchte öfters die beiden Schrenk, und da hatte ihm denn einmal der Alte anvertraut, daß er früher ein eifriger Jäger und mitunter auch Wildschütze gewesen sei. Der Förster stellte ihm und Franz, welcher 150 die Lust zum Weidwerk von seinem Vater ererbt zu haben schien, hierauf frei, zu jagen, so oft sie nur immer wollten. Das gab dem Alten einen Stich ins Herz. »So was,« rief er, »kann nur mir passier'n! Wenn i nur dös nöd verred't hätt'!« »Was?« fragte Franz, welcher des Alten Seufzer vernommen hatte. »So was kann nur mir alloa passier'n; lad't mi der Herr Förster selber auf d' Jagd ein und i kann's nöd annehmen, weil i's verschwor'n hab', nie wieder auf d' Jagd z' geh'n!« »Ihr habt ja nur verschwor'n, nimmer z' wildern,« entgegnete Franz lächelnd. »Was? 's Wildern hätt' i bloß verschwor'n? Ja, wenn i mit 'n Förster geh, is's ja nöd g'wildert! Verflixt noch amal – das is a schwere Sach'! – I moan aber alleweil, i hab' verschwor'n, nie wieder z' jag'n. Das müaßt der Zächerl wissen und der hat an no' mei' Flint'n von anno dazumal, wo mi bald der Kramerkropfet erschoss'n hätt'. Woaßt was, Franzl, wenn's d' wieder umigehst auf Lohberg, suchst 'n Zächerl in Schwarzenberg auf und fragst 'n, ob i dazumal 's Wildern oder 's Jagen überhaupt verschwor'n hätt'; denn i möcht da schon wissen, wie i dran bin. I möcht' do' grad aa nöd 'n Herrn Förster vor 'n Kopf stoß'n, weil er mi so freundli eing'lad'n hat; man woaß grad aa nöd, wie ma so an' Herrn wieder braucht, und i glaub's fest, es kränkt 'n, wenn i so bockboani bin.« Franz konnte sich des Lachens kaum verhalten, als er den Vater so sich selbst überreden hörte; er hütete sich wohl, demselben Bedenken über das Wiederaufnehmen des 151 Weidwerks entgegenzustellen, im Gegenteil bot er sich an, sobald als möglich nach Lohberg und Schwarzenbach gehen und das Gewehr vom Zächerl holen zu wollen. Dies sollte eher ausgeführt werden, als es Franz vorhatte, denn des Alten Selbstverleugnung wurde jetzt doch auf eine zu harte Probe gestellt. Eines Tages, es war gegen das Frühjahr 1818 zu, teilte ihm der Förster mit, daß er auf dem Falkenstein einen Wolf verspürt habe, welcher wahrscheinlich aus den fürstlich Schwarzenbergischen Waldungen herübergekommen sei, und daß überall hin Einladungen zu einer auf morgen anberaumten Wolfsjagd ergingen, und daß es ihn, den Förster, freue, wenn die beiden Schrenk sich auch dabei beteiligen wollen. »A Wolfsjagd!« rief der alte Wilderer, »das is an' Ausnahmsfall! – Franzl, hol mir d' Flint'n, i hätt' koa' Ruah mehr, wenn i die Wolfsjagd nöd mitmach'n könnt'!« Unter so bewandten Umständen war natürlich nicht lange zu zögern, und Franz machte sich unverweilt auf den Weg. Es war ein herrlicher Maitag, als Franz den ihm wohlbekannten Weg über Elisenthal und den Brennes nach Lohberg zu einschlug, wo ihn der Lehrer und seine ganze Familie, wie immer, aufs freudigste begrüßten und den jungen Meister aufs herzlichste beglückwünschten. Sobald der Lehrer, welcher ebenfalls ein Freund des Weidwerks war, von einer Wolfsjagd hörte, entschloß er sich sofort, dieselbe mitzumachen, und erklärte sich bereit, mit Franz noch heute über den Brennes zu gehen und im Waldhause zu übernachten. Nachdem Franz einige Zeit hier ausgeruht, setzte er 152 seinen Weg nach dem noch eine halbe Stunde entfernten Schwarzenbach; dem Aufenthalte des Bärenkoppengirgl, fort. Auf dem Wege dorthin traf er zu seiner Freude einen andern alten Bekannten, den Kramerjakl, welcher ihn durchaus nicht mehr erkannte und ihm die schönsten Grobheiten sagte, daß er sich einen solchen Spaß mit ihm erlaube und sich für den Schrenken-Franz ausgebe, der unmöglich so groß und alt sein könne. Erst nach und nach schien er sich von der Richtigkeit von Franzens Persönlichkeit zu überzeugen; aber er hatte kein besonderes Interesse mehr für denselben. Der Alte war auf sich selbst zu sprechen gekommen und erzählte, daß er seit jener seltsamen Begebenheit auf dem Ossa, die ihm um so verworrener werde, je mehr er darüber nachdenke, aus Pladls Dienst getreten und von Herrn von Hafenbrädl, welcher in der Nähe eine Glashütte und großartige Waldungen besitze, als Holzaufseher angestellt worden sei und gegenwärtig, trotz seines Alters, diese Stelle noch gewissenhaft bekleide. Er versicherte dem Franz, daß er sich ganz wohl befinde und von Tag zu Tag unserm Herrgott größeren Dank sage, daß er nicht mehr in Pladls Dienst sei, mit dem ohnedies bald alles rapidi capiti abwärts gehen werde. »So glaubt Ihr also,« fragte Franz, »Herr Pladl kann sich nicht mehr zu dem emporschwingen, was er noch vor wenigen Jahren war?« »Is nöd möglich!« entgegnete der alte Jäger. »Und warum ist's nicht möglich?« »Das will i Enk sag'n.« Und mit geheimnisvoll gedämpftem Tone sagte er: »Es is unter dem Pladl sein' Haus was vergrab'n.« 153 »Vergrab'n?« fragte Franz. »Was ist vergrab'n?« »Was 's is, dös woaß i nöd,« antwortete der Alte, »aber daß 's ä Hexenwerk is, das woaß i g'wiß und koana kann auf so an' Haus aufkommen, wo der Teufel oder d' Hexen was vergrab'n hab'n.« »Gott mag's bewahr'n!« entgegnete Franz. »Nun da wird mei' Vater und der Prannes schau'n, wenn ich ihnen das erzähl'.« »Der Prannes?« rief der Kramerjakl, »da habt's an' g'scheit'n Namen g'nennt.« »Warum?« fragte Franz, »habt Ihr an meinem Göd was auszusetzen?« »Enka Göd is's?. No', da hab' i aa schon gnua! Eine Kräh' hackt der andern d' Augen nöd aus. Ob i was an ihm ausz'setzen hab'? Verspricht er mir amal, er zoaget mir Hasen, die kraxeln können. Richti kommt er amal uma von Zwieselau und sagt, er hätt' die bewußt'n Hasen bei sich, i soll in Wirtsgart'n kommen und da könnt' i seh'n und, wenn i möcht', aa drauf schießen. Um mich von der Sach' zu überzeug'n, find i mi' am Platz mit meiner Flint'n ein. – Da schiebt der Prannes für 's Kuchelfenster zwoa Hasen 'raus. Mei' Hektor die Hasen seh'n und d'rauf zua war eins. – Was aber g'schieht? Der oane Has' kraxelt wirkli auf 'n nächst'n Birnbaum auffi. So was war mir in mein' ganzen Leb'n noch nöd vorkomma und d' Flint'n wär' mir bald aus der Hand g'fall'n vor lauter Ueberraschung. Aber was muaß i weiter seh'n? Der zwoat Has' fangt mit mein' Hektorl 's raufen an! – Hat man schon so was erlebt? »Hektorl!« schrei i, »da is der Teufl im Gspiel! Alle fass'!« Der Hektorl packt 'n Has'n bei der Woll; da schlupft er aus sein Balg 154 raus und lauft davon; der Hektorl hat 'n Balg im Maul, i aber hab' a Kreuz g'macht und hab' mi gar nimmer verkennt. – Der ander' Has' auf 'n Baum ob'n schreit iatzt, »miau! miau!« Bald närrisch wär i wor'n über so a Naturerscheinung. Da kommt der Prannes und a ganze Sippschaft dazu aus 'n Haus 'raus und alles schreit und lacht und schaut mi an und 'n Has'n auf 'n Baum. Und warum haben 's g'lacht? Weil 's mi ang'führt hab'n. – Katzen haben 's in d' Hasenbälg eini g'naht! Das war a schlechter G'spoaß und 'n Prannes vergiß i das nimmer, so lang i leb'!« Franz, welcher alle Mühe hatte, während dieser ernsthaften Erzählung sein Lachen zurückzuhalten, konnte es jetzt nicht mehr länger unterdrücken und seine Heiterkeit steigerte sich um so mehr, je erzürnter der Alte darüber wurde, dessen Zorn schließlich in vollen Flammen aufloderte, so daß einige Zeit verstrich, bis ihn Franz wieder besänftigt hatte. Aber mit dem Geisterseher war nichts mehr anzufangen, und als Franz sagte, er sei auf dem Wege, den Zächerl in Schwarzenbach aufzusuchen, winkte der Alte bloß noch mit der Hand und sehr schnell hintereinander »Ades! Ades!« rufend, entfernte er sich von dem jungen Manne so schnell als er es vermochte. Franz aber war alsbald in Schwarzenbach und hatte Zächerls Wohnung aufgesucht. Dieser saß auf der Gred vor seiner Hirwa und schmauchte sein Pfeifchen. Sein Anzug war noch derselbe wie vor sechs Jahren, nur älter, verschossener und zerrissener war er jetzt. Sein Gesicht hatte sich wenig oder gar nicht geändert; aber die Rückenlinie hatte eine 155 bedenkliche Krümmung angenommen, und recht zusammengekauert auf der Bank sitzend, fand ihn Franz. Auch hier bedurfte es längerer Zeit, bis Zächerl den Schrenken-Franzl wieder erkannte; dann aber reichte er ihm sichtlich erfreut die Hand. Die erste Frage war: ob der Vater heuer einen Auerhahn abgebäumt hätte. Es befremdete ihn nicht wenig, zu hören, daß der alte Schrenk seit jener Begebenheit auf dem Ossa keine Flinte mehr in die Hand genommen. »Koa' Flint'n mehr in d' Hand g'nommen?« rief er, »und der Schrenk is um zehn Jahr jünger als i! – I ging heutigstags noch außi, wenn mir mei' Kreuz nöd so weh thaat'; aber i kann halt nimmer gen Berg steig'n und so muaß i mi elendi im Thal dahin frett'n. Nix is's mehr mit der Jagd, das is mei' oanziger Kummer, – mei' Kreuz! mei' Kreuz!« »Wenn's Euch nur sonst gut geht,« tröstete Franz, »und Euch nichts abgeht in Euern alten Tagen.« »Sonst wär 's g'rad nöd aus!« erwiderte der Greis. »Der Tabak geht mir nöd aus, seit i's erfund'n hab', daß man Krautbleka zum Rauch'n herrichten kann, und um an' Kreuzer an' Brisil leid't 's mir in der Woch'n aa an' etlich'smal. Mei' Hirwa g'hört mir, so lang i leb', und 's Ess'n krieg i von mein' Schwestersohn, 'n Koppenbauern; – aber was is dös alles, wenn eam 's Kreuz so weh thuat, daß man nimmer Berg steig'n, daß man nimmer auf d' Jagd kann!« Franz übergab jetzt dem Alten ein großes Brisilglasl, vollgefüllt mit dem besten Schmalzler, welchen sein Vater selbst gerieben hatte, und bei dessen Ansichtigwerden der Zächerl in einen Freudenruf ausbrach. 156 »Ui Gottes, ui Gottes!« rief er, »da woaß i ja jetzt schon glei gar nimmer, wie r i mein' Dank ausdruck'n soll; – an' so an' guat'n Brisil! und so viel! und das schöne Glasl! – Wenn mir iatzt nur nöd mei' Kreuz so weh' thaat!« Franz kam jetzt auf die eigentliche Ursache seines Besuches. Des Alten Augen glänzten, als der junge Mann von der morgigen Wolfsjagd sprach. »Auf 'n Wolf geht's,« rief er aus, »und der Bärnkoppengirgl kann nöd mit! Himmlischer Vater, dös Glück wenn mir no' zu teil wör'n wär', aber mei' Kreuz! mei' Kreuz!« Nachdem ihm Franz einiges Tröstende gesagt, fragte der Alte: »Du machst d' Jagd doch aa mit, Franzl?« »Das versteht sich!« entgegnete dieser, »der Herr Förster leiht mir ein G'wehr, und mit 'n Schieß'n kann i aa schon umgeh'n.« »Das is löbli,« sagte der Alte. »Aber sag' mir, lauft 's dir denn nöd eiskalt über 'n Buckel bei dem Gedanken, daß dir dös Glück könnt' b'stimmt sein, 'n Wolf z'samma z'schieß'n?« Franz lächelte und meinte, daß ihm dies ohne Zweifel eine große Freude machen würde. »I,« sagte Zächerl, »i wäret über so was ganz narrisch, aber es is was guat dafür.« Und sich von seinem Sitze erhebend, fuhr er fort: »I will iatzt dein' Vodan sei' Flint'n hol'n, damit d' eam's bring'n kannst zu der Wolfsjagd. Und nöd dein' Vodan sei' Flint'n alloan kannst mitnehmen, Franzl, auch die mei' tragst mit fort. Trag' 's du morg'n auf d' Wolfsjagd, daß doch wenigstens mei' Flint'n dabei is, weil 's mir mei' Kreuz nimmer leid't, 157 selber mit z' geh'n. Ich vermach' dir 's zum Präsent, Franzl, heb's auf zum Andenken an mi'; denn mit dera Büchs'n hab' i den Bär'n erlegt, drum is's an' Ehr'n-G'wehr, das man heilig halt'n muaß auf ewige Zeiten!« Franz machte zwar verschiedene Einwendungen gegen die Annahme eines solch wertvollen Geschenkes; aber Zächerl winkte abweisend mit der Hand und ging in das kleine Häuschen, aus welchem er nach wenigen Minuten mit zwei Gewehren wieder zurückkehrte. »Das,« sagte er, ihm eines der Gewehre überreichend, »is dein' Vodan sei' G'wehr; dös giebst eam wieder und grüßt 'n von mir und i wünsch eam viel Weidmannsheil!« Franz nahm das Gewehr aus Zächerls Hand. Dieser fuhr jetzt zu sprechen fort, indem er das andere Gewehr mit beiden Händen umfaßte: »Dös G'wehr aber – die Bär'nflint'n – leg' i in dei' Hand, Franzl, zum ewigen Angedenken. Nimm's und sei staad!« Des Alten Stimme zitterte, als er so sprach, und man merkte ihm's wohl an, welchen Schmerz es ihm machte, sich von diesem Kleinode, dem Gefährten seines Lebens, zu trennen. Franz konnte sich gleichfalls einer Rührung nicht erwehren. Er trat einige Schritte zurück und sagte: »Ich kann's nöd nehmen, Zächerl. Warum wollt Ihr Euch von diesem Gewehre trennen, das so schöne Erinnerungen für Euch hat.« »Grad deretweg'n,« erwiderte der Alte, »muaß 's aus 'n Haus. I kann's nimmer ansehn, so wehmüati wird mir immer dabei, weil i alleweil dran erinnert werd', daß 's nix mehr is mit mir. Und nacha möcht' i dennat aa, daß mei' Flint'n nach mein' Tod in solche Händ' 158 kommet, wo's g'acht't is und wo man gern erzähl'n wird vom Bär'nkoppengirgl, wenn er aa längst schon in der ewigen Ruah is. Bei dir is dös der Fall. Dir wird 's amal guat geh'n, Franzl, weil dein' Vodan ehrst, und i woaß g'wiß, wenn's d' aa noch so reich wirst, die Bär'nflint' veracht'st d'rum niemals nöd und hängst es auf a schön's Platzl in deiner Stub'n. Dös versprichst mir, Franzl, und iatzt spreiz di nöd lang' und nimm d' Flint'n!« Franz sah, daß er den Alten beleidigen würde, thäte er nicht nach seinem Willen, und nahm das Geschenk mit Thränen in den Augen. Eine düstere Ahnung regte sich in seinem Herzen, und als er jetzt dem Alten die Hand zum Abschiede reichte, wurde er sonderbar gerührt von Zächerls Worten: »Wenn's d' wieder nach mir fragst, wirst 'n Zächerl nimmer finden. Eine neue Zeit is angangen, so viel man überall erzählt; aber i paß nimmer eini in die neu' Zeit; i will abschließ'n mit der alt'n. Der Wind saust durch 'n Urwald und bricht die dürr'n Helm' Dürre Helme, d. i. dürre, rindenlose Stämme mit lang herabhängenden, vom Winde zerzausten Bartflechten. wie schwache Steck'n z'samm'; aber aus dem übermoosten Ranen keimt a frisch Leb'n und grüne, lebendige Stämm wachsen auf den vermoderten Leich'n. So wachst aus der alten Zeit die neue raus; aber auch die wird wieder z' Grund' geh'n, und die Unterlag' bilden zu oana, die d'rauf folgt. D'rum darf man das Vergang'ne nöd verachten, es is die Muada von der Gegenwart. Das, Franzl, mirk dir und geh iatzt mit der Flint'n hoam. Grüaß mir 'n Prannes und dein' 159 Vodan und halt in guat'n Ehr'n 'n Zächerl und sei' Flint'n!« Der Alte sprach dieses im feierlichen Tone; dann ging er hinein in seine Hirwa. Franz aber entfernte sich, tief ergriffen von des Alten letzter Rede. Es war seine »letzte Rede«; denn wenige Tage nach diesem Besuche steigerten sich des Alten Kreuzschmerzen derartig, daß sein altersschwacher Körper mächtig davon erschüttert wurde und, wie er selbst gesagt, gleichwie der Sturmwind die dürren Helme zu Boden wirft, so ward auch er hingeworfen auf das Krankenlager, von welchem man ihn schon nach wenigen Tagen als Leiche hinaustrug zur ungestörten Ruhe im Lamerer Friedhof. 160 XII. Eine Stunde später war Franz in Begleitung des Lehrers auf dem Heimwege begriffen. Es traf sich eigentümlich, daß der junge Glasmacher heute fast mit allen Personen wieder in Berührung kommen sollte, welche mit den früheren Schicksalen seines Vaters in naher Beziehung standen. Es war ihm nämlich auf seinem Rückwege ein Begegnen vorbehalten, nach welchem er sich niemals gesehnt hatte: das des Herrn Pladl und seiner Tochter Rosalie, und dieses Begegnen war noch dazu von Umständen begleitet, welche sogar von weittragenden Folgen, ja eine Bestätigung des Sprichworts werden sollten: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.« Zwischen Lohberg und Sommerau befindet sich ein ziemlich tief eingeschnittener, fast schluchtähnlicher Grund, durch welchen ein reißender Wildbach, vom nahen Ossa, kommend, hindurchfließt, um sich in den nahen Regenfluß zu ergießen. Wie alle Wildwasser im Frühjahre, ging auch dieser Bach gerade jetzt außerordentlich hoch und reißend, als der Lehrer und Franz an demselben ankamen, um auf dem Fußsteige von Lohberg nach Sommerau zu gelangen. Fast zu gleicher Zeit war, von Sommerau herkommend, Herr Pladl mit seiner Tochter, Fräulein Rosalie, hier eingetroffen, welche auf dem Heimwege die Fahrstraße benützt hatten und auf dem Fußsteige nach Hause gelangen wollten. Als aber Herr Pladl vor dem Stege ankam, welcher 161 nur aus einem schmalen, über mehrere große Steine gelegten Brette bestand, das wegen des hohen Wassers fast von demselben bespült war, hemmte der Hüttenherr seine Schritte, denn er wagte es nicht, dem schwankenden Brette seinen schweren Korpus anzuvertrauen. Er schimpfte fürchterlich auf die Gemeindeverwaltung, daß sie keine bessere Vorsorge getroffen, und als er jetzt des Lehrers ansichtig ward, welcher als Gemeindeschreiber auch ein Glied der Verwaltung war, machte er diesem die gröbsten Vorwürfe, daß er nicht besser für die Herstellung ordentlicher Verbindungsmittel Sorge trage. Der Schullehrer erwiderte, daß er sogleich zu Sommerau das nötigste anordnen wolle, im übrigen der Steg zur Notdurft schon ausreiche, und daß man mit dem Gehen viel eher hinüber komme, als mit dem Raisonnieren. »Machen Sie's nur wie ich« sagte er lachend, und mit »eins, zwei, drei!« war er jenseits des Baches. Franz schickte sich an, nachzufolgen, und zählte während des Hinübergehens ebenfalls laut: »eins, zwei, drei!« Pladl nahm die Sache jetzt auch von der heiteren Seite und schritt über den Steg. Er zählte dabei gleich den vorigen: »eins, zwei« – da krachte es und plumps! lag er drinnen im Bache und schrie Zeter und Mordio! Rosalie schrie laut auf. Der Lehrer schrie auch, aber nicht aus Schrecken, sondern vor Lachen. Franz jedoch sprang dem Hüttenherrn nach und half ihm wieder aufs Trockene. Dieser schimpfte jetzt in allen Tonarten und war über des Lehrers schallendes Gelächter ganz wütend. Die Sache war aber noch nicht abgethan; der Papa war jenseits, Rosalie diesseits des Baches, und die Verbindung 162 zwischen beiden, der verhängnisvolle Steig, gebrochen. Was war zu thun? Das Mädchen war in sichtlicher Verlegenheit; aber Franz, welcher mit einigen Sprüngen wieder jenseits angelangt war, wandte sich an Rosalie: 163 »Ich will Sie hinübertragen, Fräulein,« sagte er, »Sie dürfen sich meinen Armen schon anvertrauen.« »Warum nicht gar,« erwiderte mit einem Blicke der Verachtung das Mädchen, »das werde ich nie thun.« »Dann müssen Sie einen großen Umweg machen,« sagte Franz, »es darf Sie nicht genieren, wenn Sie von mir einen Dienst annehmen.« »Eine Gefälligkeit,« verbesserte das Mädchen, »eine Gefälligkeit von einem Schrenk.« »Nun,« entgegnete Franz lachend, »thut Ihnen der Esel eine Gefälligkeit, wenn Sie ihn spazieren reiten? Sie betrachten es gewiß nur als Dienst. Betrachten Sie mich, wenn Sie wollen, für den Esel, und Sie brauchen mir so wenig zu danken, wie Sie 's jenem thun.« »Unter dieser Bedingung,« erwiderte spöttisch Rosalie, »nehme ich's an.« Franz nahm hierauf das Mädchen schnell in seine Arme und trug es wie eine Puppe an das andere Ufer. »B'hüt Sie Gott, Fräulein Rosalie,« sagte er, und sprang, ohne ein Wort der Anerkennung abzuwarten und auch zu hören, wieder ans jenseitige Ufer zu dem Lehrer, mit welchem er dann ohne Aufenthalt den Weg nach Sommerau und über den Brennes fortsetzte. Franz hatte dieses Abenteuer vergessen, bevor eine Stunde vergangen; nicht dasselbe war bei derjenigen der Fall, welche in so beleidigender Weise seinen Dienst angenommen und statt eines Dankes mit Roheiten belohnt hatte. Der Vater raisonnierte während des Nachhausegehens in einem fort auf den Lehrer, welcher sich erlaubte, ihn in seiner Bedrängnis auszulachen, und nahm sich vor, die ganze Gemeindeverwaltung wegen der schlechten 164 Instandhaltung der Verbindungsmittel zu verklagen; dann zankte er mit dem Mädchen, weil dieses den Vorschlag gemacht, den Fußweg einzuschlagen, – dann schimpfte er über das Wasser, das seine Kleider durchnäßt, und über sich selbst, daß er so unvorsichtig war, über das schwache Brett zu gehen. Zu Hause angekommen, gab es dann einen neuen Auftritt mit der Frau, den Kindern und den Dienstboten, wie es alle Tage der Fall war; denn seinen Aerger über die meistens selbst verschuldeten Störungen im Geschäfte ließ er in der Regel an seinen Hausgenossen aus, die ihm freilich auch hinreichend Ursache dazu gaben. Die Hüttenfrau nahm keine Rücksicht auf die bedeutend geringer gewordenen Einkünfte, im Gegenteile brauchte sie jetzt mehr Geld als früher, wo Herr Pladl noch nach Tausenden rechnete. Die Kinder waren jetzt fast alle in einem Alter, wo bedeutende Summen für dieselben verwendet werden mußten; zwei Söhne waren auf fernen Studienanstalten, thaten aber so wenig gut und machten trotz ihrer Jugend so viele Schulden, daß man sie nirgends lange behielt, und die nichtsnutzigen Buben mußten schon nach wenigen Jahren mit Schand und Spott wieder zurückkehren in das elterliche Haus. Kein Wunder, daß Herr Pladl auf diese Weise all seine gute Laune verlor; aber sein unwirsches Benehmen machte ihm von Tag zu Tag mehr Feinde, die besten Arbeiter verließen seine Hütte, und die Gläser von Oberlohberg hatten ihr ganzes Renommee nach und nach verloren. Rückständige Zahlungen, Fallissements bedeutender Häuser, welche infolge der bewegten Zeiten eintraten, brachten ihm gleichfalls einen großen Verlust, und mit Riesenschritten, oder wie der Kramerjakl sagte: » rapidi capiti «, ging es bei Herrn Pladl abwärts. Dazu der 165 Krieg im eigenen Hause, das verschwenderische, dem Laster des Trunkes und der Lotterie sich hingebende Weib, die liederlichen Kinder . . . . Herr Pladl war zu bedauern! Rosalie, das siebzehnjährige Mädchen, das verhätschelte Schoßkind des Vaters, war ohne alle Grundsätze groß geworden. Das stattlich herangewachsene, große Mädchen mit den rötlich blonden Haaren, dem weißen, feinen Teint, dem edelgeformten Gesichte und den himmelblauen Augen hätte für schön gelten können, wenn dem Anzuge und den Haaren mehr Sorgfalt zugewendet worden wäre, wenn diese schönen Augen nicht gar so leblos gewesen wären. – Arme Augen! warum glänztet ihr denn nicht im Frühlinge des Lebens? Spiegel der Seele, konntest du niemals widerstrahlen von seligem Glück? – Arme Seele, an welcher der Frühling vorüberzieht, ohne ein einziges Blümlein zurückzulassen, nicht einmal ein Totenblümlein, das die kalte Oede ihres Herzens wenigstens mit stiller Wehmut hätte unterbrechen können! – Doch, sie trug keine Schuld an dieser Verwahrlosung von Geist und Herz! Der täglich sich wiederholende Krieg im eigenen Hause, die Lieblosigkeit der Geschwister, welche mit neidischen Augen auf die Bevorzugte des Vaters blickten, und der dadurch herbeigeführte fortwährende Streit, der Mangel an wahrer Religion, dem echten Kitt des häuslichen Glückes: kurz, es fehlte aller und jeder Anlaß zu einer geistigen Anregung und Rosalie hatte es bis jetzt noch nie empfunden, daß ihr fast alles mangelte, was das Leben hätte schön machen können. So war es um Rosalie bestellt bis zu dem Momente, wo sie von Franz über den reißenden Wildbach getragen 166 wurde, ein Dienst, für welchen sie keine Silbe des Dankes, wohl aber Worte des Spottes und der Beleidigung fand. Das Mädchen war seit jenem Augenblicke unzufrieden mit sich selbst; sie ärgerte sich, daß sie Franzens Anerbieten angenommen. Da es aber einmal geschehen, so, meinte sie, hätte sie wohl dem Burschen für seine Bemühung einen »Gelt's Gott!« sagen können. Dieser Gedanke, dieser Selbstvorwurf wollte Rosalie nicht mehr verlassen. Als ihr Vater zu Hause wieder auf sein unwillkommenes Bad polterte, konnte das Mädchen nicht umhin, zu sagen: »Es war doch schön von dem jungen Schrenk, daß er dir so schnell beigestanden ist in der Not und auch mir so gefällig war. Wir hätten ihm danken sollen.« »Dummes Geschwätz!« erwiderte jetzt Pladl. »Einem Schrenk für etwas danken? Kein Mensch hat es ihn geheißen, uns einen Gefallen zu thun. Er hat sich selbst aufgedrungen, der dumme Mensch, und ich werde mir solch ungebetene Dienste verbitten.« »Also hätte er dich im Bache liegen lassen sollen?« fragte das Mädchen. »Ja,« schrie der Vater aufgeregt, »lieber will ich ersaufen, als von einem Schrenk einen Dienst erbitten! – Wer ist schuld an unserm Unglück, als der Schrenk? Seinetwegen ist der Prannes aus meinem Dienste getreten und geht auf der Hütte alles verkehrt. Kein Tag vergeht, ohne daß ich unsern Herrgott bitte, daß er seinen Blitz herabschleudere auf die ganze Sippschaft!« »Dieser Blitz,« entgegnete Rosalie stotternd und mit gedämpfter Stimme, »hat aber bis jetzt immer nur unser Haus gefunden und weiß auch künftig keinen andern Weg.« »Meinethalben schlagt er's ganz z'samm!« schrie erhitzt 167 der Hüttenherr, indem er, die Thür hinter sich mit Gewalt zuschlagend, das Zimmer verließ. Rosalie entfernte sich ebenfalls; sie wollte allein sein, und eine Stickerei zur Hand nehmend, setzte sie sich auf eine Ruhebank in dem zunächst des Hauses befindlichen Garten. – Hier war es Frühling und eine angenehme laue Luft wehte durch das Thal des weißen Regens. Rosalie hatte ihre Arbeit alsbald aus der Hand gelegt und blickte nachdenkend hinaus in die Gegend. Es war so feierlich still; die Waldungen am Arber und Ossa erglühten in den Strahlen der scheidenden Sonne in unbeschreiblich schönen, dunkel violetten Tönen. Rosalie blickte schweigend nach diesem herrlichen Spiele der Natur; es war ihr, als ob das Herz davon erwärmt und das zerrissene Gemüt wieder erquickt würde. Sie dachte an nichts Bestimmtes, nur als ihr Auge jetzt über den Brennes hinglitt, flüsterte sie leise: »Dort ging er hinüber, zufrieden und glücklich und – mich verachtend.« – – Was war es, daß Rosalie ihr Tuch vor die Augen hielt? Weinte sie? – Lange weilte sie auf diesem Platze; sie achtete nicht des Dämmerlichtes der hereinbrechenden Nacht und daß bereits am Firmamente der Abendstern mit flimmerndem Gruße den Beginn einer reizenden Frühlingsnacht verkündete. Fast erschreckt fuhr sie von ihrem Sitze auf, als im Hause die gellende Glocke zur Abendmahlzeit ertönte. Sie kehrte dahin zurück; zuvor aber trocknete sie sorgfältig Augen und Wangen – denn Rosalie hatte geweint. – – 168 XIII. Franz wurde inzwischen mit Sehnsucht auf der Regenhütte erwartet, nicht allein von seinem Vater, sondern auch von Prannes mit Frau und Lieserl, welche heute aus einem außerordentlichen Grunde gekommen waren, die Befreundeten zu besuchen. Frau Prannes und Liese hatten nicht wenig Sorge, dem jungen Schrenk könne bei seiner Wanderung über den Brennes der sich in der Nähe herumtreibende Wolf zu nahe gekommen sein, und zumal das Mädchen geriet in die peinlichste Angst, als es zu dämmern begann und Franz noch nicht zurück war. Sie ging hinab bis zum Stege am Regenbache, welchen der Freund passieren mußte, und mit Sehnsucht und Ungeduld blickte sie hinaus gegen den vom Hochwalde herführenden Gangsteig. Endlich – endlich kam er. Schon von weitem sang das Mädchen unter vielen Jodlern: »Franzl oho–o! 's Lieserl is do–o! Wart' scho' a schöne Weil', Hast ja koa' Eil? –« Franz antwortete sogleich in bekannter Wäldlerweise: »Lieserl oho–o! Da Franzl is scho' do–o! Wart' no' a winzige Weil', I hab' viel Eil!« Sie durfte auch nicht lange warten; der junge Mann 169 stand neben ihr und hatte sie bei den Händen genommen, schneller als sie es erwartet. »Franzl, daß d' nur da bist!« sagte das Mädchen. »Was hab' i für an' Angst um di ausg'stand'n! –« »Du hast Angst ausg'stand'n um mich? Warum das?« »No', soll ma' koa' Angst hab'n, wenn du ganz alloa' über die Berg gehst und der Wolf unterwegs is?« »Siehst nicht, daß i zwei G'wehr hab'?« entgegnete lachend Franz; »i wär gut g'schützt vor'm Wolf. Aber jetzt laß dich frag'n, wie 's kommt, daß du da bist – ist vielleicht der Göd auch da?« »Da Vata und d' Muatta san bei mir; sie hab'n mi 'rüberbegleit' von Zwieselau, und du bist schuld, daß wir no' da san, sonst wär'n wir scho' längst heim, und bald hätt' i di gar nimmer g'seh'n und fortmüassen, ohne von dir Abschied z' nehmen.« »Abschied nehmen? Was muß i hör'n, Lieserl?« »Ja; der Vater fahrt mi mit demselb'n Einspänner, den wir heut' bei uns hab'n, awi auf Passau und von dort fahr i auf 'n Wasser nach Wean.« »Auf Wien? – was treibst in Wien?« »Von mein' Vatan lebt a Schwester dort. Sie hat a guat's G'schäft, a Federnhandlung, und weil 's Witwe und kinderlos is, hat's 'n Vater g'schrieb'n, er möcht mi awi lass'n, es wär' mei' Schad'n nöd, i könnt' dort gar viel lernen und mi ausbild'n und 'n Vata und der Muatta is 's recht – und – und –« »Und was noch?« »Und sonst nix mehr.« »No', es ist das auch grad schon g'nug – fast z'viel auf einmal. Wie lang hast vor, in der Fremd z' bleib'n?« 170 »Dös woaß i selber no' nöd.« »Länger als bis zum Almakirta?« »Das jedenfalls.« Franz schwieg. – Er war verstummt; er wußte sich kaum Rechenschaft darüber zu geben. Sie gingen eine Zeit lang so nebeneinander und waren bei den Hüttengebäuden angekommen. »Lieserl!« sagte jetzt Franz, wie aus einem Traume erwachend. »Franzl!« entgegnete schnell das Mädchen, ebenfalls aus unbestimmten Gedanken aufgeschreckt. »Also ist's gewiß, daß d' fort gehst?« stotterte Franz. »Und warum so gaach? Warum?« »'s is nöd gaach,« erwiderte das Mädchen, »scho' lang war die Sprach davon, daß 's guat für mi wär', wenn i amal auf a Zeit lang fortkommet von dahoam, damit i lern, was i no' nöd woaß und kann.« »Aber zu was willst denn so viel lernen? Wo geht dein Trachten hin, Lieserl?« »Mei' Trachten? – wo soll's anders hingeh'n, als mei' Muatta abz'lös'n in ihrer Arbeit, damit i näh'n und koch'n kann, wenn 's es bei ihr nimmer leid't und wenn – wenn der Fall eintritt, daß i alloa' steh auf der Welt, daß i mir nachher helf'n und mei' Brot verdienen kann: dahin geht mei' Trachten, Franzl.« Franz wußte nicht recht, was er hierauf erwidern sollte; er richtete an den beiden Gewehren und man hätte es ihm wohl anmerken können, daß er nach Worten suchte für die in ihm rege gewordenen, noch unklar auftauchenden Gedanken. So waren sie vor der Wohnung angekommen; aber 171 bevor sie noch die Schwelle überschritten, sagte Franz bewegt zu der Jugendfreundin: »Lieserl, denkst noch dran, wie du mich damals am Palmsonntag am Reg'n aufg'sucht und mich tröst hast in mein' Jammer? I weiß noch gut, was du mir damals versprochen hast, und i werd es nimmer vergessen, so lang i leb'. Es ist lang her und du wirst es wohl schon vergessen haben.« »I hab's nöd vergess'n!« lispelte das Mädchen, über und über errötend, und Franz war über dieses Geständnis so erfreut, daß er die Freundin umarmt haben würde, wenn sich in diesem Augenblicke nicht die Thür geöffnet und sein Vater unter derselben erschienen wäre. Dieser rief erfreut: »Da is er ja! – mit Leib und Leb'n, mit der Flint'n und der Liese!« Nun erfolgte ein allseitiges Begrüßen. Der alte Schrenk nahm mit unendlichem Vergnügen sein Gewehr aus Franzens Hand. Er sprach laut zu dem Gewehre, grüßte es, nahm es in Anschlag, besah es ringsum und hing es dann mit der zufriedensten Miene an die Wand. Jetzt aber fragte er mit einem Tone, welcher Furcht und Hoffnung verriet: »Also was sagt der Bärnkoppengirgl? Also därf i, oder därf i nöd?« »Er schickt Euch d' Flint'n,« antwortete Franz, »und wünscht Euch noch recht viel Weidmannsheil!« »Vergelt's Gott!« rief der Alte. – »Also geht's morg'n glei auf 'n Wolf! 's Jagdzeug hon i scho' herg'richt'.« – Nun erzählte Franz, was es mit der andern Flinte 172 für eine Bewandtnis habe, und auf alle Anwesenden machte diese Erzählung einen tiefen Eindruck. Um den düstern Geist, welcher in der Stube zu schweben schien, zu verscheuchen, erzählte dann Franz sein Abenteuer mit Pladl und seiner Tochter. Er erzählte es so lebendig, daß der Prannes aus dem Lachen lange Zeit nicht mehr herauskam und wenigstens zwanzigmal das »eins, zwei, plumps!« wiederholte. Der alte Schrenk klopfte dem Franz auf die Schulter und sagte: »Brav hast es g'macht, Franzl. Einem Feind was Guats thuan, is doppelt guat, und nix steht an' jungen Menschen besser an, als den Schwachen mit seiner Stärk' ausz'helf'n – und die schönst'n Dienst san alleweil die uneigennützigen.« Für den übrigen Abend war auf den alten Schrenk nicht mehr zu rechnen; denn wie ein kleines Kind bei einem erhaltenen Christgeschenk die erste Zeit an nichts anderes mehr denkt und für nichts anderes mehr Interesse hat, als für seine Bescherung, so dachte Schrenk an nichts anderes mehr, als an die morgige Wolfsjagd, an die Möglichkeit, daß ihm das wilde Tier in den Schuß komme, und es war ihm ein wohlthuendes Bewußtsein, seine Flinte, die treue Freundin seines Lebens, wieder an der Wand hängen zu sehen. Desto mehr unterhielt sich der Glasmacher mit seinem Göd und den zwei Frauen, von denen die ältere sich alle Augenblicke mit den Enden ihrer Schürze die Augen trocknete, trotzdem sie recht heiter und zum Lachen geneigt zu sein schien. Lieserl hatte eine Landkarte, welche sonst gewöhnlich an der Wand hing, am Tische vor sich ausgebreitet und verfolgte den Lauf der 173 Donau, auf welcher sie in wenigen Tagen zur Kaiserstadt gelangen sollte, während Prannes ihr über alles Mögliche Aufschluß gab, wie sie sich bei ihrer Ankunft in Wien benehmen, wie sie es anfangen solle, um gleich die Wohnung seiner Schwester zu finden, wie sie Bedacht auf ihren Koffer zu nehmen und andere Vorsichtsmaßregeln zu beobachten hätte. Das übrige wollte er ihr schon noch auf dem Wege nach Passau, wohin er sie mit Herrn Poschingers Fuhrwerk morgen selbst fahren wollte, aufs eindringlichste einprägen. »Also wirklich schon morgen geht's Lieserl fort?« fragte jetzt Franz. »Pressiert's denn gar so? Man hat ja gar nicht Zeit, sich in diesen Gedanken hineinzuleben.« »Dös hab' i aa scho' hundertmal g'sagt,« fiel jetzt Frau Prannes ein, und etwas schmollend auf ihren Mann, setzte sie hinzu: »'s Deandl so Knall und Fall fortlassen! Wenn wir's nur dennast a Vierteljahr ehnda g'wißt hätt'n – dann hätt' ma' si an den Gedanken g'wöhnen können!« »Und hätt'st a Vierteljahr länger voraus flenna können,« fiel Prannes ein, »stattdem 's iatzt nur an' etli Tag sein kann, – und wer woaß, ob du 's Fortgeh'n 'n Lieserl nöd ganz verleid't hätt'st. Alte, sei g'scheit – i will nix Unrechts.« Und Franz an der Seite stoßend, sagte er leise zu ihm: »Schwaatz a bissel vernünftig mit ihr; mir kommt's selber so schwer an, daß i's gar nöd sag'n kann, aber es is 'n Deandl sei' Glück. Die Bas'n hat a schön's Vermög'n und niemand anders als d' Liese wird 's einmal beerb'n. Dös is mei' Gedanken bei der Sach' – die Weiber denk'n an so was nöd, also schwaatz eana zua!« 174 Da hatte Prannes gerade den rechten Tröster aufgestellt! Er, der sich selbst gar nicht in den Gedanken finden konnte, daß Lieserl, die teure Jugendfreundin und Pflegeschwester, plötzlich so weit fortreisen sollte und dem selbst die Thränen bei diesem Gedanken in den Augen standen: wie hätte er der besorgten Mutter Trost beisprechen können? Auch Lieserl begann ernst und nachdenkend zu werden. Die nahe Trennung einerseits und Franzens letzte an sie gestellte Frage, ob sie jene Szene am Palmsonntag vergessen, anderseits, kreuzten sich in ihrem jugendlichen Herzen. Prannes hatte das Fuhrwerk geholt und trieb jetzt zum Aufbruche. Es war gerade Vollmond, welcher den Fortfahrenden auf ihrem Wege leuchten sollte. Franz gab denselben bis Rabenstein das Geleite, da sie wegen des ansteigenden Bodens bis dahin zu Fuße gehen mußten. Während Prannes mit dem Pferde zu thun hatte und seine Frau neben ihm herschritt, suchten Franz und Liese etwas zurückzubleiben. »Lieserl,« sagte Franz, »es schmerzt mich recht, daß du so weit fortgehst; aber i geh' mit dir und bleib' bei dir.« »Du gehst mit mir?« rief jetzt das Mädchen freudig überrascht. »I selber nicht,« verbesserte sich Franz, »aber mein ganzes Sinnen und Trachten, mein ganzer Geist geht mit dir. Vergiß mich nicht!« »Franzl,« entgegnete bewegt und zu Thränen gerührt Lieserl, »wie könnt' i di vergess'n. Mei' Herz laß i dir da, heb's auf, bis i wieder komm', heb's auf in deinem 175 eigenen Herzen. I werd' denk'n an di tagtägli, und wenn i wieder z'ruckkomm', nachher –« »Nachher,« vervollständigte Franz, »g'hörst mir fürs ganze Leben!« »Ja,« setzte Liese leise hinzu und ließ es geschehen, daß ihr Franz einen herzhaften Kuß auf die schönen Lippen drückte. Sie waren in Rabenstein angelangt und nach einem kurzen, gegenseitigen Abschiede entfernte sich das Wägelchen in raschem Laufe. Franz winkte den Scheidenden nach, solange ihm das Mondlicht vergönnte, ihre Umrisse zu erkennen; – dann schlug er bewegt den Weg nach der Regenhütte ein. Auf die vielen Ereignisse dieses Tages folgte eine schlaflose Nacht. Erst gegen Morgen fing er zu schlummern an; aber schon weckte ihn der Vater, weil es Zeit war, zur Wolfsjagd zu gehen. – Eine Menge von Schützen waren im Waldhause bereits versammelt und bereiteten sich durch ein Gabelfrühstück vor auf die Strapazen der Wolfsjagd im Falkensteiner Urwalde. Nebenbei richteten sie an den Gewehren, und es war ein lustiges Treiben an der sonst so stillen Stätte. Nur Franz stand, gleichgültig für alles, was um ihn her vorging, an einer Weißtanne hingelehnt und blickte in den Wald hinein. Niemand achtete auf ihn; denn alles war in freudiger Aufregung, da die bestimmtesten Nachrichten eingelaufen waren, daß der Wolf noch im Reviere sei. Von den Forstleuten wurden die umfassendsten Vorkehrungen getroffen, und alsbald zogen die Schützen hinaus in das Dunkel des Waldes. An dem Platze angelangt, wo man den Wolfsriegel 176 vermutete, wurden sodann die Schützen von kundigen Forstleuten in Bogen gestellt. Der Zufall wollte es, daß Franz gerade an jene Stelle gewiesen wurde, wo die Riesenbuche stand, in deren Rinde er vor sechs Jahren, als er das erste Mal mit Prannes und Lieserl den Urwald besuchte, die Namenszüge eingeschnitten hatte. Sein Vater stand ungefähr hundert Schritte seitwärts von ihm. Franz erkannte diesen Platz sogleich wieder, und die inzwischen mit wulstigen Narben verwachsenen Namenszeichen gaben ihm die nötige Bestätigung. Als wäre es gestern gewesen, so lebendig stand jener Tag des Sunnwendfestes am großen Falkenstein vor seinem Geiste, und diejenige, die ihn als L dort von dem Buchenstamme freundlich herabgrüßte, sah er auch wieder als Kind vor sich, Freud und Leid mit ihm teilend und für ihn sorgend für das Leben. Er sah sie wieder dem Herrn von Steigerwald ihre Wünsche ins Ohr sagend, jene Wünsche, die sein eigenes Glück zum Gegenstande hatten und auch in der That die Grundlage desselben wurden. Dann sah er sie wieder so wie gestern – so lieb; er gedachte der gegenseitigen ersten Geständnisse, und da diese nun ausgesprochen – jetzt erst fühlte Franz, wie herzlich er die Jugendfreundin liebe. – Und jetzt war sie fortgezogen, weit fort, – er konnte sie nimmer besuchen, sie, die sich ihm seit gestern geschenkt – viele, viele Meilen sollten ihn künftig von ihr trennen! »Liese,« sagte Franz leise, zu dem Namenszeichen am Buchenstamme emporblickend, »liebste Liese, wo du auch sein magst, i –« »Aufg'schaut, Franzl! Schieß! – Himmelherrgott, 177 alle Millionen Hagel Donner noch amal – Franzl!« schrie der alte Schrenk. Franz fuhr erschrocken auf. »Was giebt's?« fragte er. »Jesses, Jesses!« schrie der alte Schrenk wieder und kam zu Franz hergelaufen. »Hast 'n denn nöd g'seh'n? Is's mögli – Himmel Donner!« »So schreit nur nicht so!« sagte Franz. »Was hab i denn gethan?« »Was d' tho' hast? 'n Wolf hast durchlass'n, du ung'rat'ner Sohn!« »'n Wolf?« fragte Franz überrascht. »Ja, is's denn mögli! Du hast 'n gar nöd g'seh'n? er is dir ja fast durch d' Füaß durchgloffa – und du gaffst alleweil auf 'n Baum auffi, ob's d' koa' Oachkazl drob'n siehgst! Hat ma' scho' so was erhört?« – »Nun,« entgegnete Franz, »ins Zuchthaus werden's mich deshalb auch nicht sperr'n.« »Ins Zuchthaus?« rief der alte Schrenk, »zum Tod soll ma so oan verurteil'n! Aber Franzl, sag' mir nur, an was hast denn denkt?« »An was ich denkt hab'? – Das sollt's wissen, Vater! An d' Liese hab' ich denkt.« »Aber in Gott'snam'! wer wird denn auf ara Wolfsjagd –« Der alte Schrenk hielt jetzt plötzlich inne; die grimmigen Blicke, welche er seinem Sohne zugeworfen, machten nach und nach sanfteren Platz. Dann fuhr er, wenn auch im zankenden, aber doch gemäßigten Tone fort. »Unser Namen wird g'schänd't für Zeit und Ewigkeit, wenn 's außa mir no' eppa g'seh'n hätt'. I glaub' aber, 178 es hat's neamd g'seh'n. Dös is no' a Glück, a groß's Glück; braucht's neamd erfahr'n, verstand'n?« »I werd' mich hüten,« sagte Franz lächelnd, »davon zu red'n, obwohl's mich andernteils auch nicht unglückli g'macht hätt'!« »Das verstehst halt du nöd!« entgegnete Schrenk. »Aus dir wird niamals koa' Jäger wern. – I woaß's, dös kann ma nöd danöten. Aber an' andersmal schau nimmer auf d' Bäum auffi, wenn dir der Wolf bei 'n Füß'n vorbeiläuft. – An d' Liese hast denkt?« fragte er dann bereits in ganz freundlichem Tone. »I glaub' alleweil,« setzte er lächelnd hinzu, »ös könnt's es miteinander. No', is mir aa recht.« Jetzt hörte man im Bogen die Hunde laut bellen. »Aufg'schaut!« rief der Schrenk und eilte schnell auf seinen Platz zurück. Die Hunde waren dem Wolf auf die Spur gekommen und jagten an Franz vorüber an die böhmische Grenze hinauf. Die Wolfsjagd lieferte sonach zum Mißvergnügen der Schützen kein Resultat. Kein Mensch erfuhr, wer den Wolf durchgelassen hatte, und man gab sich der Ansicht hin, er sei schon vor dem Aufstellen der Schützen aus dem Bogen geflüchtet. Der alte Schrenk war noch an demselben Tage mit Franz vollkommen ausgesöhnt; aber vergessen konnte er diese Geschichte nicht mehr, und oft, wenn er so im stillen für sich hindachte, rief er plötzlich laut und unter Lachen aus: »Hat der an d' Liese denkt und laßt 'n Wolf durch!« 179 XIV. Der Cymbal-Toni war in der That ein guter Prophet gewesen. Nicht umsonst hatte er dortmals den Kindern der reichen Hüttenherren lächelnd mit dem Zeigefinger gedroht und ihnen seine Schnadahüpfeln zugesungen; der alte Toni wußte im voraus, wie die Sache kommen müsse, und als er jetzt, ungefähr zehn Jahre nach jenem Bergfeste, erzählen hörte, der junge Poschinger heirate die Tochter des Herrn Steigerwald, da sagte er bedeutungsvoll: das hätte er schon vor zehn Jahren gewußt. Sofort aber schlug er, das Hackbrett auf dem Rücken, den Weg nach Rabenstein ein. Dort war Hochzeit. Dort atmete alles Freude und Wonne. Das Haus war voll fröhlicher Gäste, und Küche und Keller dem liebenswürdigen Wirte entsprechend. Neben vielen anderen Herren und Damen waren namentlich die Glashüttenbesitzer der ganzen Umgegend zum Feste geladen und auch zahlreich mit ihren Familien erschienen. Sämtliche Glasfürsten waren heute versammelt und auch Herr von Pladl mit seiner Tochter Rosalie zählte darunter. Aber außer diesen angesehenen Leuten befanden sich heute auch viele weniger vornehme Gäste auf Rabenstein, auf welche jedoch Herr Steigerwald mit demselben Wohlgefallen blickte, wie auf jene – denn diese weniger vornehmen Gäste waren die tüchtigsten Arbeiter der Fabrik, brave, ehrliche Männer, welche die Freude des Hauses, indem sie geachtet 180 waren, aus ganzem Herzen mit teilten. Die beiden Schrenk fehlten dabei natürlich nicht, ehrte sie ja Herr Steigerwald vor allen andern und mit Recht. Aus dem Parke herauf ertönte die Musik, welche von den Hüttenbuben aufgeführt wurde. Das reizende Bräutchen, an der Seite ihres Bräutigams, übte teils durch ihre Schönheit, teils durch die liebenswürdige Art ihres Benehmens auf alle Anwesenden, gleichviel ob Herr oder Arbeiter, einen mächtigen Zauber aus. Aus ihren wundervollen Augen strahlte das reinste Glück. Wie ganz anders saß Rosalie dort, fast traurig inmitten lustiger Nachbarn. Das Glück Josephinens ärgerte sie. Sie fühlte sich verletzt, daß ihre Anwesenheit so ganz unberücksichtigt blieb. Aller Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem schönen Bräutchen, niemand blickte nach ihr; und doch – war das nicht der junge Schrenk, welcher dort am unteren Ende der langen Tafel saß und, wie es schien, aufmerksam seine Augen auf sie geheftet hatte? In Manieren und Kleidung unterschied sich der junge Mann auffällig von den übrigen Arbeitern; er hatte trotz seiner Jugend etwas Ernstes im Gesichte, das ihm wohl anstand, und das kleine schwarze Schnurrbärtchen zeichnete ihn vor allen andern Arbeitern, die fast alle glattrasierte Gesichter hatten, vorteilhaft aus. Zwei Jahre waren vergangen seit jenem verhängnisvollen Tage, wo er Rosalie über den reißenden Wildbach getragen hatte, und seit dieser Zeit waren sich beide nicht wieder begegnet. Franz hatte auch über jenes Abenteuer selten und höchstens nur flüchtig nachgedacht oder dasselbe erwähnt; aber jetzt, als er nach dem stattlichen, rotlockigen Mädchen mit den blauen Augen 181 und dem auffallend weißen Teint hinblickte, stand jene Szene wieder lebhaft vor seinem Geiste, und als sich in diesem Momente seine und Rosaliens Augen begegneten, konnte er nicht umhin, dem Fräulein einen freundlichen Gruß zuzunicken. Rosalie bildete sich ein, sie sei darüber empört und wandte dem jungen Schrenk, anscheinend verächtlich, den Rücken zu. Franz dachte, sie hätte den Gruß nicht bemerkt. Als die Tafel aufgehoben wurde und die Gäste sich gegenseitig aufsuchten, wollte auch Franz sein vorhin verunglücktes Kompliment nochmals anbringen. Rosalie hatte sich soeben von ihrem Sitze erhoben, als Franz vor ihr stand und sie mit vieler Lebensart begrüßte. Rosalie aber dankte nicht und kehrte dem jungen Manne absichtlich den Rücken. In diesem Augenblick kam die Braut zu dem jungen Schrenk heran, und ihm die Hand reichend, unterhielt sie sich mit ihm auf die freundlichste Weise. Rosalie, welche in der Nähe stand, vernahm jedes Wort. Sie hörte zu ihrem Erstaunen, welche hervorragende Stellung der junge Mann auf Steigerwalds Hütte einnahm, und kaum glaubte sie ihren Ohren trauen zu dürfen, als Franz von Reisen nach Paris und London erzählte, welche er in Steigerwalds Auftrag zu machen hatte und über deren Ergebnis vom geschäftlichen Standpunkt aus ihm das reizende Bräutchen die schmeichelhaftesten Komplimente machte. Dann reichte ihm Josephine nochmals die Hand und entgegnete seinen wiederholten Glückwunsch mit den Worten: »Ich danke Ihnen, Herr Schrenk – und möchten auch Sie so glücklich werden, als Sie es verdienen und wie ich es wünsche. Wir bleiben gute Freunde nach wie vor – eingeschlagen!« 182 Josephine suchte dann die übrigen Arbeiter auf und unterhielt sich mit ihnen in der herzlichsten Weise. Franz verlor sich in der Menge. Rosalie saß still und nachdenkend auf ihrem Platze. Eine tiefe Scham überkam sie. Sie fühlte, wie ungerechtfertigt ihr verletzendes Benehmen gegen den jungen Mann war. Und welchen Grund hatte sie dazu? Welchen Grund kann es geben, den Gruß eines ehrlichen Mannes unerwidert zu lassen. Jetzt, da sie erfahren, daß Franz nicht nur ein braver, sondern auch ein geschäftstüchtiger Mann geworden: jetzt, wenn er sie wieder gegrüßt hätte, wie gern hätte sie ihm gedankt! Ihr Hochmütigen! Der ehrerbietige Gruß des Arbeiters schändet euch nicht; der Gruß des Niedrigen ist oft mehr wert wie der des Hohen; es schändet euch nicht, ebenso freundlich hinab als hinauf zu blicken; unten bleibt stets die Grundlage, und schon mancher, der das vergessen, schwebte zwischen Himmel und Erde! – Der Hochmut war es nicht allein, was Rosalie zu ihrem verletzenden Benehmen veranlaßte. Seit jenem Tage, wo sie von Franz über das Wildwasser getragen wurde, waren eigentümliche Erscheinungen in dem Gemüte des Mädchens aufgetaucht. Die Thränen, welche sie dortmals im stillen weinte, fielen wie heiße Tropfen auf die starre Eisdecke, welche ihr Gemüt umhüllt hatte. Doch was da drinnen erwachte, war ihr niemals völlig klar. Was war es nur, daß Franzens Bild seit jenem Tag nicht mehr von ihr weichen wollte? Sie sah ihn überall; wenn sie allein das Thal entlang wanderte, wenn sie hinausblickte in die dunklen Wälder, welche das Herz mit Traumgestalten erfüllen – immer war es Franz, der vor ihrem geistigen Auge stand, der schöne, stolze Jüngling. 183 Wie haßte sie dieses Bild! Wie suchte sie es zu vertreiben mit zornigen Worten; – wie suchte sie verächtlich hinzublicken auf das Bild des »gemeinen Arbeiters«, der auf seiner Hände Arbeit angewiesen, der ein Bettler ohne diese Hände war? Und doch wieder waren es die schönsten Stunden, wenn sie die sie umgebenden Verhältnisse vergessen und sich bewegen konnte in der inneren Welt, die, wenn auch noch so verworren, ihr doch so vielmals schöner deuchte als die wirkliche. In Franzens Bild sah sie jetzt nicht mehr den jungen Glasmacher – dieser freche Mensch hatte nach ihrer Idee nur die Züge und die Gestalt ihres Traumgebildes entlehnt. Sie liebte dieses und haßte den jungen Mann, und als sie jetzt bei der Hochzeit zum ersten Mal wieder mit ihm zusammentraf, kam sie in eine peinliche Lage. Augen und Herz suchten den, welchen ihre Vernunft, ihre verworrenen, unbestimmten Ansichten verachten zu müssen glaubten. Als sie von Franz gegrüßt wurde, empfand sie wirklich einen Widerwillen gegen die Keckheit des Glasmachers, und als dieser es jetzt gar wagte, zu ihr heranzukommen und sie anzusprechen, mußte sie ihm unwillkürlich den Rücken kehren. Jetzt aber, nachdem sie die Unterhaltung zwischen Josephine und Franz belauscht, überkam sie eine tiefe Scham, eine tiefe Reue. Sie hätte weinen können, so weh, so unaussprechlich weh wurde ihr zu Mute und – sie weinte wirklich. Schnell stand sie auf und verließ den Saal. Im reizenden Parke suchte sie ein stilles Plätzchen und hier verweilte sie lange allein; die frohen Klänge der Musik drangen an ihr Ohr, aber sie erzeugten keine Lust, sie drangen wie Trauerweisen in ihre Einsamkeit und in ihr zerrissenes Gemüt. – 184 Der Cymbal-Toni schlug sein Hackbrett in der großen Stube des Wirtschaftsgebäudes, wo die Fabrikarbeiter und Dienstboten Steigerwalds sich im »Deutschen« lustig herumdrehten. Auch Franz fand sich dort ein und der Cymbal-Toni hatte eine große Freude, ihn so schön herangewachsen wieder zu sehen. Aber beim Sunnwendfeste am großen Falkenstein, meinte er, habe ihm sein kleiner Finger außer der heute stattfindenden Hochzeit noch eine andere anvertraut, und da alles eintreffen müsse, was ihm dieser kleine Schlingel prophezeie, so wäre es ihm lieb, wenn er auch noch Zeuge davon sein könnte; denn er sei schon alt und gebrechlich, und bei Franzens Hochzeit möchte er gern noch sein Hackbrett schlagen. Franz lachte und entgegnete, daß an so was noch gar nicht zu denken wäre; er sei noch zu jung und sie sei zu weit fort. »Da woaß i scho' B'schoad,« sagte lachend der Alte. »Aelter werd's alle Tag und was dös Furtsei' anbelangt, so laßt si dös in a paar Tag'n ganz anders g'stalt'n.« »Nun, ich will drüber nachdenken,« sagte Franz errötend und lachend. Als er sich darauf in den Park begab, dachte er wirklich darüber nach. Er stellte sich vor, wie schön es sein müßte, wenn auch er mit Liese schon Hochzeit feiern könnte und die Trennung von ihr einmal ein Ende hätte, die ihm, wenn auch erst zwei Jahre, doch eine Ewigkeit zu währen schien. Er setzte sich in Gedanken einen Brief zusammen, welchen er gleich morgen an die ferne Geliebte schreiben und absenden, und worin er sie um Rat fragen 185 wollte, in wie weit man dem kleinen Finger des Cymbal-Toni Rechnung tragen dürfe. Er bog in dem reizenden Parke soeben um eine Ecke, als ihm Rosalie auf dem schmalen Wege entgegentrat. Franz rückte jetzt mit kalter Förmlichkeit seinen Hut und wollte an dem Fräulein schnell vorüber. Da redete ihn das Mädchen an. »Herr Schrenk, ich habe Euch gekränkt – ich sehe das ein; verzeiht mir, es soll nicht mehr vorkommen.« Franz war höchlich von dieser Anrede überrascht. »Fräulein Rosalie,« entgegnete er, »ich hab' Ihnen nichts zu verzeihen. Sie haben mich nicht gekränkt – und wenn auch, was wohl früge ein so hohes Fräulein nach einem niedern Glasmachergesellen, wie ich einer bin?« »Ihr wolltet mich im Saale anreden und ich wandte Euch den Rücken. Vergeßt das und laßt uns gute Freunde sein.« Sie reichte Franz die Hand und dieser ergriff sie auf einen Moment. »Fräulein Rosalie«, sagte er lächelnd, »ich hätte nie gedacht, daß Sie mich einmal für würdig fänden, mir die Hand zu reichen. Die Schrenken stehen nicht grün beim Hause Pladl. Es ist nicht unsere Schuld!« »Ich weiß das und noch besser weiß es mein Vater. Seit ihr uns verlassen, hat das Geschäft abgenommen. Mein Vater macht kein heiteres Gesicht mehr; Sorg' und Kummer nagen an seinem Herzen und – ach, ich weiß nicht, wie das noch enden wird!« Rosalie hielt das Tuch vor die Augen und trocknete sich Thränen ab. »Herr Pladl hätte den Prannes nicht fortlassen sollen,« sagte Franz. »Oberzwieselau, wo er jetzt ist, kam durch ihn in Schwung und die Herren von Poschinger wurden reich.« »Wir aber werden arm!« lispelte Rosalie. »Das mög' Gott verhüten!« entgegnete Franz. »Ihr Vater kann doch was aushalten; er hat ein großes Vermögen und die Zeiten ändern sich – einige tüchtige Arbeiter, und das alte Ansehen der Pladlhütte ist wieder da.« »Ja, wenn Ihr und Euer Vater wieder zu uns möchtet; dann glaube ich selbst, daß es wieder anders würde.« »Mein Vater, glaub' ich, wird kaum mehr mit Herrn Pladl verkehren mögen – verzeihen Sie mir meine Aufrichtigkeit; aber wenn ich wüßte, daß ich imstande wäre, die Hütte wieder in Schwung zu bringen, ich ginge meiner Treu wieder nach Lohberg und wär' es auch nur deshalb, weil Sie mich freundlich angesprochen und mich Ihres Vertrauens gewürdigt haben.« »O, wie dankbar – wie sehr dankbar wäre ich Euch, Herr Schrenk. Wie muß ich mich schämen, daß ich gegen Euch stets nur hochmütig war, gegen Euch, der so viel höher über mir steht, der vergessen kann die Schmach, die ihm bei uns angethan, und sich erbietet, uns im Unglücke beizustehen. Das ist Großmut!« »Nicht mehr als christlich,« entgegnete Franz lächelnd. »Nur glaube ich, daß mich Herr Steigerwald nicht sogleich fortlassen wird, und fast möcht ich bezweifeln, ob mich Herr Pladl auch wirklich bei sich anstellen würde.« »Mit Herrn Steigerwald,« sagte Rosalie, »werde ich heute selbst noch sprechen, und er wird mir eine Bitte am heutigen Festtage nicht verweigern; was meinen Vater 187 anbelangt, so stehe ich für ihn und – da kommt er eben selbst.« In der That kam Herr Pladl, wie es schien, Rosalie zu suchen, von der Villa her. Sein ohnedies rötliches Gesicht war durch den Genuß des Weines fast blau geworden, und die geröteten Augen standen weit aus ihren Höhlen hervor. Sobald er seiner Tochter ansichtig ward, rief er ihr zu: »Rosalie, gut, daß ich dich treffe! Wir fahren sogleich ab; es wird uns sonst zu spät. Der Teufel soll den Brennes holen, daß wir nicht darüber fahren können! Wir müssen den weiten Umweg über Kötzting noch einmal machen, also ist's Zeit, wenn's nicht späte Nacht werden soll.« »Ich bin bereit,« entgegnete Rosalie, »auf mich darfst du nicht warten;« und als sie bemerkte, daß ihr Vater von Franz gar keine Notiz nahm, sagte sie: »Kennst du diesen Herrn nicht?« »Was für einen Herrn? Diesen da?« fragte Herr Pladl in wegwerfendem Tone. »Scheint mir fast, als ob es so ein Schrenk wäre. Was will er von mir, der Galiläer?« »Ich will wahrlich nichts von Euch!« entgegnete Franz lächelnd. Rosalie warf dem jungen Manne einen bittenden Blick zu und ein schwerer Seufzer löste sich aus ihrer Brust. »Sei höflich, Vater,« sagte sie dann zu diesem. »Herr Franz ist ein tüchtiger Glasmacher und Geschäftsmann geworden, der es auch verstände, ein heruntergekommenes Geschäft wieder aufzurichten, und wenn du ihn bitten wolltest, daß er zu uns nach Lohberg käme, so wäre das gewiß kein Schaden für uns; denn, Vater, du weißt nur 188 zu gut, daß wir ehrliche und anständige Leute brauchten, wenn es wieder aufwärts gehen soll.« Pladl blickte mit großen Augen seine Tochter an; dann hielt er sich den Bauch und brach in ein schallendes Gelächter aus. »Als Geschäftsführer? Ha, ha, ha! So eine Unverschämtheit ist mir noch nicht vorgekommen! Hättest du gebeten,« sagte er dann zu Schrenk, »du wolltest als Eintragbub in meine Hütte kommen, vielleicht hätte ich dich dann aus Barmherzigkeit aufgenommen, aber als Geschäftsführer – das ist zum Totlachen!« Schrenk war blaß geworden und wollte soeben eine Erwiderung auf Pladls Beleidigung geben, als durch das Erscheinen des Herrn Steigerwald und des Hüttenherrn von Elisenthal, welche zufällig Zeugen dieses Auftrittes waren und Pladls Aeußerung vernommen hatten, die Sache eine andere Wendung nahm. »Herr Schrenk,« sagte letzterer, auf Franz zutretend, »ich suche Sie soeben. Herr Steigerwald hat Sie mir als einen tüchtigen Mann geschildert, und da ich auf meiner großen Spiegelhütte in Elisenthal eines zuverlässigen Geschäftsführers bedarf, so lade ich Sie ein, diese Stelle bei mir anzunehmen. Herr Steigerwald ist so gütig, Sie mir abzutreten, wenn es anders auch in Ihrem Wunsche gelegen wäre.« »Es geschieht ungern,« setzte Steigerwald hinzu, »einen so braven Mann aus meinem Dienste zu lassen; übrigens möchte ich einer so günstigen Gelegenheit zur Verbesserung Ihrer Verhältnisse nicht entgegentreten. Mein lieber Schrenk, überlegen Sie die Sache und teilen Sie uns morgen Ihren Entschluß mit.« 189 Herr Pladl hatte zu lachen aufgehört und horchte mit aufgesperrtem Munde auf dieses Engagement. Franz war sich seines Triumphes wohl bewußt, und mit einem stolzen Blicke sah er nach dem rohen Manne. »Ich bin in Verlegenheit,« sagte er dann lächelnd, »zwei so ehrenvolle Anträge in einer Minute zu erhalten: hier,« indem er auf Pladl wies, »als Eintragbub' und da,« auf den Hüttenherrn von Elisenthal weisend, »als Geschäftsführer einer so großartigen und schönen Fabrik.« »Nun,« meinte letzterer, »da wird Ihnen wohl die Wahl nicht schwer werden?« »Gewiß nicht,« entgegnete Franz, und im Begriffe, zuzusagen, fiel sein Auge auf Rosalie. Große Thränen flossen aus ihren Augen und über die blassen Wangen. Mit einem unbeschreiblich kummervollen und zugleich bittenden Blicke sah sie nach dem jungen Manne, gerade als würde von seinen Lippen das entscheidende Urteil über ihres Hauses Glück gesprochen. Franz war einige Minuten im Kampfe mit sich selbst; dann aber sagte er mit Entschlossenheit zu dem Elisenthaler Hüttenherrn: »Ich danke Ihnen für das mich so ehrende Vertrauen, aber ich habe bereits hier Verpflichtungen eingegangen, die ich als Mann von Ehre nicht brechen kann; – ich gehe zu Herrn Pladl und wär's auch als Eintragbub.« Rosalie konnte sich bei dieser Erklärung nicht enthalten, auf Franz zuzueilen und ihm herzlich die Hand zu drücken. »Dank! Dank! edler Mann,« lispelte sie und die vorhin aus Angst unterbrochenen Thränen stürzten nun heftig aus ihren Augen hervor. 190 Pladl glaubte aus einem Traume zu erwachen. »Ja, was machst du denn da für Dummheiten?« sagte er zu seiner Tochter, sie von Franz reißend und unsanft zurückweisend. »Ich will ja diesen Burschen gar nicht haben, – von mir aus geht er hin, wohin er will; in meiner Hütte ist kein Platz für ihn; solange ich das Leben habe, führt kein Schrenk das Geschäft in Lohberg!« »Aber möglicherweise nach Ihnen!« sagte Herr Steigerwald mit einem gewissen prophetischen Tone, die Hand erhebend und Pladl mit einem bedauernden Blicke ansehend. Pladl brach wieder in sein Gelächter aus, nahm Rosalie am Arme und ging unter Verwünschungen ab. »Nach dieser Richtung hin seid Ihr also frei,« sagte jetzt der fremde Hüttenherr zu Franz, – »entschließt Euch daher für mich!« Franz blickte den sich Entfernenden eine Weile nach; dann gab er dem auf Antwort harrenden Herrn die Hand und damit war Franz Geschäftsführer in Elisenthal. Pladl beeilte sich, auf dem bereits angespannten Wagen Platz zu nehmen. Rosalie verabschiedete sich von der liebenswürdigen Braut. »Du gehst glücklichen Tagen entgegen,« sagte sie bewegt, – »ich gehe den entgegengesetzten Weg.« »Das wolle Gott verhüten!« entgegnete Josephine. Rosalie antwortete mit einem Seufzer; dann stieg sie auf den Wagen und unter dem Fluche Pladls: »Der Teufel soll die ganze Sippschaft holen!« fuhren sie von dannen. 191 XV. Am Vorabend des Palmfestes, dem Beginne der Osterferien, finden wir Franz, den Geschäftsführer von Elisenthal, auf demselben Wege wieder, auf welchem wir vor zwölf Jahren die erste Bekanntschaft mit dem kleinen Studenten gemacht hatten. Er stand auf der Höhe der Absetz, aufmerksam die Bergstraße hinabblickend und auf das Gerassel eines Wagens mit derselben Sehnsucht lauschend, wie damals, als er mit Herrn Pladls Gespann so bitter getäuscht wurde. So freudig, wie damals sein junges Herz den Seinigen entgegenschlug, ebenso freudig schlug es heute in der Erwartung eines frohen Wiedersehens nach langer Trennung; Liese kehrte heute von Wien zurück. Länger als es vorauszusehen war, blieb sie in der Fremde. Die Base, bei welcher sie sich aufgehalten, wurde mit schwerer Krankheit heimgesucht, und da sie außer Liese keine völlig zuverlässige Person in ihrem Hause hatte, bat sie das Mädchen, daß es bei ihr bleiben möge, bis sie wieder vollständig gesund sei; aber dieses währte lange, – dieses traf gar nicht mehr ein, und Liese konnte es nicht übers Herz bringen, die brave Frau in ihrer bedrängten Lage zu verlassen. Mit der Liebe einer Tochter pflegte sie die Kranke und führte außerdem das Geschäft mit einem Verständnisse und mit Vorteilen, daß die kranke Base Gott gar nicht genug danken konnte, ihr im Alter eine solche Stütze geschickt zu haben. Aber sie wollte es nicht glauben, daß 192 dieses ihre letzte Krankheit sei, sie dachte an nichts weniger als ans Sterben, und nie kam es ihr in den Sinn, ein Testament zu machen, um ihre künftigen Erben zu bestimmen. Von seiten ihres Mannes lebten sehr nahe Verwandte; aber diese kümmerten sich gar wenig um die Lebende. Prannes, der nur für Lieses Wohl sorgte, schrieb freilich einmal ohne Umstände an die Schwester, sie möge für Lieses Zukunft sorgen und spielte auf ein Testament an, aber die Kranke erwiderte hierauf, er möge sich vollkommen beruhigen, niemand erhielte von ihr etwas, als Liese, und sobald sie wieder gesund sei, wolle sie sofort zum Gerichte gehen und ihren letzten Willen aufnehmen lassen, worin sie Liese als ihre Universalerbin einsetze. Die Base starb und – das Testament war nicht abgefaßt. Die Verwandten, welche sich früher nie blicken ließen, waren jetzt auf einmal vollzählig da. Sie nahmen Beschlag von allem, was da war, und eines Tages kam von der Liese ein Brief nach Hause, worin sie ihren Vater bat, er möge ihr ein Reisegeld schicken, damit sie so bald als möglich dem Kreise der Habsüchtigen entfliehen und nach Hause könne. Prannes, der seit Jahren von nichts lieber träumte, als sein Mädchen würde einstens mit einem Kapital von wenigstens fünftausend Gulden aus der Kaiserstadt zurückkehren, zählte jetzt kopfschüttelnd die ersparten Thaler zusammen und trug sie nach Lohberg zum Schullehrer, welcher sich erboten hatte, die Liese von Wien abzuholen und beim dortigen Gerichte die Erbansprüche von Prannes geltend zu machen. Aber der wackere Freund konnte nichts ausrichten; ein Brief von ihm setzte Prannes in Kenntnis, daß er zwar mit leeren Taschen, aber mit einem 193 bildschönen und braven Mädchen am Freitage vor dem Palmfeste in Klattau eintreffen werde, wohin ihm Prannes mit Kellermeiers Fuhrwerk entgegenfahren möge. Das geschah, und heute mußte das Fuhrwerk zurückkehren, zurück mit dem von Franz so sehnlichst erwarteten Mädchen. Was fragte er darnach, ob das Mädchen reich oder arm zurückkomme! Wenn es nur wieder da sei, wenn es nur das alte Herz wieder brächte, das sie ihm geschenkt: diesen Besitz hielt er für den schönsten Reichtum in diesem Leben. – Unwillkürlich gedachte er aber auch der Wandlung im Schicksale des Pladelschen Hauses. Rosalie hatte recht, als sie ihrem Vater gegenüber die Befürchtung aussprach, daß alle Blitze, die er auf Schrenk und Prannes herabwünschte, keinen anderen Weg fänden, als in sein eigenes Haus. Schwärzer und immer schwärzer zogen sich die Wolken über demselben zusammen, kein freundlicher Lichtstrahl konnte diese dunkle Schichte mehr durchbrechen. Die Verschwendung seines Weibes und seiner Söhne, der schlechte Absatz der Gläser, eine Menge unvorhergesehener Unglücksfälle – kurz: der vormals so reiche und angesehene Hüttenherr stand eines Tages als vergantet in den öffentlichen Blättern und seine Besitzungen zur Versteigerung ausgeschrieben. Pladl überlebte diese Schmach nicht; das Unglück war zu groß, der Schmerz um das Verlorene, die leider nicht ungerechten Selbstanklagen rieben ihn nach und nach, sozusagen auf; – er starb unausgesöhnt mit den Seinen, von welchen, außer Rosalie, keines an seinem Sterbelager stand, um ihm die Augen zuzudrücken, von denen auch sonst keines des Segens eines Sterbenden wert gewesen wäre. – Die großen Besitztümer Pladls wurden zertrümmert 194 und um einen Spottpreis an die Meistbietenden verkauft, die Hütte ward dem Verfalle preisgegeben. Frau Pladl und ihre Söhne suchten im Genusse des Branntweines das Unglück ihres Hauses zu vergessen, und als sie das letzte, was sie besaßen, in der Lotterie verloren hatten, bettelten sie. Die Mutter starb als Bettlerin, die Söhne folgten ihr bald nach, und Rosalie? – man wußte nicht, wohin sie gekommen. Man hatte sie, nach dem Falle ihres Hauses, ein Päckchen auf dem Rücken, welches ihre wenigen Habseligkeiten enthielt, über die Grenze wandern sehen; – sie hatte es nicht vermocht, die Schmach der Ihrigen mit anzusehen, sie floh die Stätte des Uuglückes, um Ruhe zu finden in der Fremde. – – – »Arme Rosalie!« rief Franz mit dem Ausdrucke des tiefsten, innigsten Bedauerns. Jetzt wurde er aber aus seinen trüben Betrachtungen durch eine über die Absetz heraufkommende Frauensperson gestört. Fast hörbar schlug ihm das Herz. War es Liese? Doch nein, die konnte es wohl nicht sein; es hätte doch auch Prannes mit dem Wagen in der Nähe sein müssen. Und doch, sein Herz schlug immer lauter, ein süßer Schauer überkam ihn. »Sie ist's ja nicht!« sagte er halblaut, als wolle er sich selbst besänftigen. »Nein, das kann Liese nicht sein, so schön, so groß, so –« »Franzl!« rief jetzt die Ankommende, »kennst mich wohl gar nicht?« »So bist du's richtig!« entgegnete Franz, mit freudigem Jubel dem Mädchen entgegeneilend, »Lieserl! Lieserl! Grüß dich Gott, Lieserl!« Nach diesem Erkennen wurde nichts mehr gesprochen, man hörte nur mehr »Lieserl« und »Franzl«; dazwischen 195 ein wahres Schnellfeuer von Küssen, und wenn sie damit fertig, fingen sie wieder von neuem an. »Ho! ho!« schrie jetzt in heiterem Tone der alte 196 Prannes, während der Lehrer applaudierend »Bravo!« rief. Sie waren mit dem Fuhrwerk langsam nachgerückt und bei den sich Begrüßenden angelangt, ohne daß es diese bemerkt hatten. Franz eilte auf Prannes zu und drückte ihm freudig die Hand. Auch jetzt sagte er kein Wort; aber seine Augen waren naß und sahen ihn gerührt an. »Is nachher die Sach schon in Richtigkeit?« fragte Prannes dann lächelnd. »Wenn der Göd nichts dagegen einznwenden hat,« entgegnete Franz, »wir zwei, die Liese und ich, wir zwei wissen, was wir wissen wollen.« »Und woaßt auch, Franzl, daß's Deandl nix mitbringt von Wean, als z'riss'ne Schuah und abg'nutzte Kleider, und daß ihr dös G'sindel da unten außer die fünstausend Gulden, die ihr von Gott und Rechts wegen g'hört hätt'n, bald auch dös bißl g'nommen hätt'!« »Was liegt dran,« entgegnete Franz; »die Lieb' und Treu, die sie mir wieder mitbracht hat, ist mir lieber, als aller Reichtum in der Welt, und ich wär ein sauberer Geschäftsführer, wenn ich nicht einmal eine Frau ernähren könnt'!« »Bs! bs!« entgegnete Prannes, »so weit san wir no' nöd, aber der Cymbal-Toni hat g'sungen: Was nöd is, kann no' wern! Iatzt aber setzt's enk auffi aufs Wagl, daß wir eini kommen in d' Lamm, und wenn wir auch koane fünftausend Gulden bei uns hab'n, wir mach'n dennast heut um zehntausend Gulden an' Spektakel.« Prannes hatte recht; als er in gestrecktem Trabe durch das Dorf fuhr, liefen die Leute vor die Thüren, um die 197 »Wienerin« wiederzusehen, und wie ein Lauffeuer ging es durch den Ort, daß sie die Hochzeiterin des jungen Geschäftsführers von Elisenthal sei. Dann ging es Lohberg zu, wo Frau Prannes und der alte Schrenk der Ankunft der Ihrigen mit Sehnsucht entgegensahen, und als sie endlich kamen – wer fände Worte, die Lust der Mutter zu beschreiben, als sie nach so langer Trennung ihr schönes, braves und einziges Kind wieder zärtlich an ihre Brust drücken konnte! In Lohberg sollte Nachtlager gehalten werden, weil man hier bei Freund Kellermeier das Wiedersehen der Liese feiern und wieder einmal an diesem Orte verweilen wollte, wo man vor vielen Jahren so vergnügte Stunden hingebracht hatte. Aber nicht das frohe Wiedersehen allein wurde gefeiert, sondern auch – die Verlobung von Franz und Liese. Andern Tages, als am Palmfeste, gingen unsere Freunde wieder zur Kirche, wie vor zwölf Jahren, und der Lehrer hatte die Brautleute überredet, wieder dasselbe Offertorium mit Gesang und Flötensolo vorzutragen, wie damals, als das Lieserl zum erstenmal ein Solo sang. Nach dem Gottesdienste ließen sie sich von den »Pueribuben« etwas vorsingen und mit schönen Palmgerten beschenken, und damit allen Erinnerungen an die Ereignisse jenes Tages würdige Rechnung getragen würde, gingen die Verlobten auch noch zum Regenbache hinunter, wo ja seinerzeit der Bund ihrer Herzen geschlossen wurde. Sie gedachten lächelnd der hier gebauten, schönen Luftschlösser von Hüttenherrn und Hüttenfrau; der Franz hielt 198 diesen Platz auch heute noch zum Ausbau einer Glashütte wie geschaffen. »In zehn Jahren,« sagte er, »will ich mir so viel ersparen, daß ich diesen Platz kaufen und eine Hütte bauen kann.« Franz war nicht wenig überrascht, als jetzt Herr Kellermeier, hinter ihm stehend, sagte: »Wer wird denn da zehn Jahre warten? Heuer wird's noch baut; der Platz g'hört mir und d' Hütt'n wern wir bald habn. Der Herr Lehrer hat mir längst den Plan ins Ohr gesetzt und ich kann ihn nöd verdammen. Du bist ein fleißiger, junger Mensch, Franzl, und verstehst was; du verdienst, daß man dir unter d' Arm greift. – Also wenn's dir nachher recht is, wird d' Spiegelhütten baut und du kannst es in Pacht nehmen, so lang d' willst, oder kannst mir's nach und nach abzahl'n und als Eigentum erwerb'n. Schmeckt dir dös?« Franz war sprachlos. Seine kühnsten Pläne und Hoffnungen waren verwirklicht, noch eher als er es zu hoffen gewagt! Liese lächelte dem freundlichen Manne mit unendlicher Freude entgegen. »Ja, Herr Kellermeier,« rief sie, »ich weiß gar nicht, was ich thun muß, Ihnen meinen Dank auszudrücken?« »Dös will i dir glei' sag'n,« entgegnete der alte Herr; »an' Schmatz möcht i von dir und dös an' g'hörigen.« »Den soll'n's hab'n,« rief Liese, und noch bevor sich's der Bauherr versah, hatte er nicht nur einen, sondern mehrere Küsse von den schönen Lippen des jungen Mädchens erhalten. Der alte Schrenk und Prannes waren über dieses unerwartete Glück ganz außer sich vor Jubel. 199 »Dös is a Freundschaftsstuck,« sagte Schrenk zum Lehrer, »daß 's 'n Kellermeier dahin bracht habt's. Unser Herrgott wird Enk's vergelten, wir können's nöd.« »O ja,« entgegnete der Lehrer, »glaubt Ihr, ich hab's umsonst gethan? Ich verlang von Euch auch einen Gefallen.« »Im voraus d' Hand drauf,« rief Prannes. »Dann verlang ich, daß Ihr, Prannes, der Schmelzmeister auf der neuen Hütt'n werdet und Ihr, Schrenk, auch wieder nach Lohberg übersiedelt, damit wir alle wieder beisammen sind und uns wieder unterstützen können in Leid und Freud!« »Das war schon längst mei' Wunsch,« entgegnete der alte Schrenk; »alle geh'n wir wieder umma auf Lohberg. Zwölf Jahr lang war'n wir von einander trennt, verleb'n wir die paar Jahrln, die uns unser Herrgott noch's Leben schenkt, glückli und zufried'n miteinander.« »Einverstanden!« rief Prannes. »Jetzt freut mi mei' Leb'n erst wieder doppelt, daß i's Lieserl aa ohne die g'hoffte Erbschaft glückli woaß und die alten Glasmacherleut nimmer ausanander müaß'n. Die neu Lohbergerhütten soll nöd die schlechtest' wern im Wald, dafür steht der Prannes!« »Und wann soll die Hochzeit sein?« fragte Franz. »Auf Bartlmä,« antwortete Prannes, »wenn der Almakirta am Arber is, dort z' höchst ob'n auf 'n Berg soll d' Hochzeit g'feiert wern!« »Warum dort oben?« fragte Franz. 200 »Warum? Weil's mir z' eng wäret in der Stub'n oder im Thal; wenn d' Freud so groß is, da muaß 's frei sei' um mi, und weit muaß i umaschau'n können in der Welt, weil i die ganz' Welt erfüll'n möcht mit meiner Freud'!« Diesem Vorschlage wurde von allen freudigst beigestimmt, nur Franz und Liese dachten sich im stillen: »Wenn nur Bartlmä schon da wär'!« 201 XVI. Die vier Monate, welche bis dahin verstreichen mußten, schienen allerdings für das Brautpaar eine Ewigkeit zu dauern; aber sie gingen dennoch hinüber und der Vorabend von Bartlmä war herangekommen. Franz hatte wegen des Hüttenbaues noch an diesem Tage in Hochberg zu thun und trat erst spät den Rückweg an. Wie alljährlich strömten auch heuer von allen Seiten die Wäldler zum morgigen »Almakirta« auf den Arber herbei und suchten in den zunächstliegenden Ortschaften zu übernachten, um mit Tagesanbruch hinaufsteigen zu können auf den schönen, fast fünftausend Fuß hohen Arber, den König des bayerischen Waldes. Trotz der eingebrochenen Dämmerung war es in dem sonst so stillen Gebirge heute noch außerordentlich lebendig und von den Bergwänden und aus den Thälern hallten die Rufe und Lieder glücklicher, fröhlicher Menschen. Dort und da suchten verspätete Wanderer noch ein Nachtquartier auf, welches die bekannte Gastfreundschaft der Wäldler überall gern gewährte. Ein Bund Stroh reichte ja dazu aus, den bescheidenen Ansprüchen zu genügen: das erhält jeder, ohne daß er darum zu bitten braucht. – Warum verschmähte dies der 202 nächtliche Wanderer, welcher sich mühselig auf einem Holzpfade dahinschleppte und bei den Ruinen der einstigen Oberlohberghütte wie erschöpft zusammensank? Wer war der Unglückliche, der an der Stätte des Unglücks Ruhe suchte? – der die Menschen zu meiden schien und dem jeder Freudenschrei, welcher von den Bergen widerhallte, ein schmerzliches Zucken verursachte? Es war Rosalie. Arm und krank, war sie im Begriffe, in die Heimat zurückzukehren. Arm! Wer nennt sich nicht alles arm? Leute, welche die Tasche voll Gold und doch das Herz voll Unzufriedenheit haben, unglückliche Spekulanten, Bettler von Profession: alle diese und tausend mehr, sie nennen sich arm. Rosalie aber war ärmer als alle. Die vielen kleinen Sorgen des Lebens, die aber ohne Zweifel die ernstesten sind, hatte sie niemals kennen gelernt, sie hatte niemals an Hunger gelitten, sie hatte nicht gelernt zu arbeiten, und die Bildung ihres Geistes und ihres Herzens war unter der Obhut einer pflichtvergessenen Mutter eine gänzlich verfehlte. Das sonst so stolze Fräulein des Hüttenherrn, welches die Bettler mit Stolz und Schimpf aus ihrem Hause trieb, war nun selbst eine Bettlerin. Wollte sie nicht verhungern, so mußte sie um Almosen bitten, um Almosen – selbst auf die Gefahr hin, mit Hohn und Spott fortgewiesen zu werden, denn Rosalie hatte sich nie die Zuneigung der Leute zu gewinnen gewußt. Sie konnte sich den Leuten gegenüber nicht so benehmen, wie diese es gewünscht oder für angemessen erachtet hätten. Sie war noch stolz in ihrer bejammernswerten Lage. Sie hatte Willenskraft genug, in die Fremde, über die Grenze zu 203 wandern, um dort unerkannt Arbeit zu suchen und wie so viele Tausende um Lohn zu dienen; aber ihre körperlichen Kräfte hielten nicht stand mit ihrem festen Willen; sie wurde krank. Niemand erbarmte sich ihrer im fremden Lande. So kam sie über das Gebirge, blaß und zitternd, mit zerlumpten Kleidern, so ruhte sie aus auf den Trümmern ihres Hauses, auf der Stätte einstigen Reichtums – als Bettlerin. Mühsam erhob sie sich und schlug wankenden Schrittes den vor ihr liegenden Pfad ein. Da hörte sie das dumpfe Rauschen eines Wildbaches. Entsetzt blickte Rosalie umher; es war kein Zweifel mehr, sie hatte sich verirrt. Sie hatte eine falsche Richtung eingeschlagen und war so in jenem Grund zwischen Lohberg und Sommerau angelangt, in welchem sie vor fünf Jahren zum erstenmal wieder mit Franz zusammengetroffen war. Suchend eilte sie nun längs des Baches auf und ab, um den verhängnisvollen Steg und somit den Weg nach Lohberg zu finden. Da glitt sie auf den feuchten Steinen aus und fiel zu Boden. Sie schrie vor Schmerz laut auf und eine vollkommene Mutlosigkeit bemächtigte sich ihrer. »O, mein Gott,« rief sie unter Schluchzen, »so hast du mich ganz verlassen!« Ein Strom von Thränen folgte diesen Worten, sie warf sich zur Erde und vor lautem Schluchzen hörte man nichts, als: »Mein Gott! Mein Gott!« Plötzlich stand eine Mannsgestalt vor ihr. »Ist ein Unglück g'scheh'n?« fragte eine Stimme. »Wer weint da? Wer ist's, der da am Boden liegt?« 204 Rosalie war vom Schmerze so übermannt, daß sie die Anwesenheit dieses Mannes gar nicht erschreckte. Sie hörte zu weinen auf und nahm eine mehr sitzende Stellung an. »Wer ist's?« fragte der Mann wieder. »Wie kann ich helfen?« Rosalie horchte. Was war das für eine Stimme? War es Franz, der vor ihr stand? Sie strengte ihre Augen an, sie glaubte Franzens Gestalt zu erkennen, und als sie ihn erkannte, den Ferngeglaubten, überkam es sie wie ein süßer Friede. Sie hielt ja Franz für den einzigen Menschen, der ihr Schicksal zu würdigen verstand, für den einzigen, dem sie ihr Herz enthüllen, vor dem sie ihren Jammer ausschütten konnte und wollte. »Seid Ihr nicht der Schrenken-Franz?« fragte nun ihrerseits das Mädchen. »Der bin ich,« antwortete der Mann; »nun laßt mich doch auch wissen, wer Ihr seid und was geschehen ist?« »Was geschehen ist?« antwortete Rosalie mit bewegtem Tone. »Ein schwerer Traum, ein fürchterlicher Traum hat mich erschreckt. Betteln bin ich 'gangen, ach, ich wollte gehen! Doch jetzt ist's nimmer nötig; Ihr laßt's soweit nicht kommen, Franz! Nicht wahr, ich soll nicht betteln!« »Um Gotteswillen!« rief jetzt Franz mit schmerzlichem Tone, »Fräulein Rosalie – Sie sind's? So weit ist's? So arm, so elend find ich Sie wieder! Arme Rosalie! Stehen Sie doch auf!« und sie aufhebend, konnte er sich einer Thräne des Mitgefühls nicht enthalten; sie fiel warm auf die kalte Wange des Mädchens. »Ihr weint, Franz?« sagte sie. »Um mich? Ich 205 danke Euch, edler, guter Mensch. Diese Thränen sind mir Nahrung und süße, süße Wohlthat. Ach, könnte ich jetzt sterben, ich fühle mich so gut, so leicht stürb ich in dieser Stunde, so stürb ich glücklich! Ach Franz – ich bin nicht arm, ich bin nicht elend! Es lebt ein Mensch, der um mich weint; so bin ich nicht ganz verlassen. Das ist ein schöner Trost, ein Sonnenstrahl in meiner fürchterlichen Nacht!« Franz drängte nun in das Mädchen, diesen Ort zu verlassen, und bot sich an, sie zum Lehrer nach Lohberg zu führen, damit sie dort vorerst Nahrung und Pflege fände. Auf dem Wege dahin gab ihr Franz Ratschläge, wie und wo sie künftig leben sollte, und versicherte sie, daß er für sie sorgen wolle, soweit es nur immer möglich sei. Mit innigem Danke hörte die Arme alles an und versprach ihrem Begleiter, alles zu thun, was er ihr angeraten. Am Schulhause angelangt, wurde Rosalie, wie nicht anders zu erwarten war, aufs freundlichste aufgenommen. Als Franz dem Mädchen die Hand zum Abschiede reichte, fühlte er ein krampfhaftes Zittern, das diese Hand bewegte. Rosaliens Augen waren auf ihn geheftet. Liebe, Dankbarkeit, Ergebenheit – ach, alles drückten sie aus. Sprechen konnte sie nichts, nur leise lispelte sie: »Ach, Franz, dürft' ich für Euch sterben!« Franz war tief bewegt. »Gute Nacht!« sagte er. »Es soll Ihnen künftig an nichts mehr gebrechen, ich werde für Sie sorgen. Haben Sie Mut – Vertrauen! Gute Nacht!« Und schnell war er ihren Blicken entschwunden. 206 Das Mädchen sah ihm lange sprachlos nach, dann folgte sie der Lehrerin in das gastliche Haus, woselbst ihr ein Abendimbiß gereicht ward. Rosalie aß wenig. Sie legte sich bald zu Bette und ein erquickender Schlaf erbarmte sich des Mädchens. In ihren Träumen mochte sie sich mit Franz am Traualtare, sich wieder reich und glücklich sehen, denn aus ihrem Munde drangen Laute der Freude und beseligenden Glückes. Bald war es aber ganz ruhig – nicht einmal das Schlagen ihres Herzens unterbrach diese Stille, und als die Lehrerin am Morgen ins Zimmer trat, sich nach der lange Schlafenden umzusehen, fand sie Rosalie entseelt im Bette. Der Tod hatte sich der Aermsten erbarmt, hatte ihr auf die Stürme und Nachtseiten des Lebens die Morgenröte einer besseren Welt eröffnet. Das war das Ende der unglücklichen Rosalie, der Tochter des einst so reichen Besitzers der Oberlohbergerhütte. – Franz stand am Morgen nach dieser Nacht in der That am Traualtare in der Kirche zu Bayerisch-Eisenstein; aber neben ihm stand nicht Rosalie, sondern Liese war die glückliche Braut des wackeren Glasmachers und Geschäftsführers von Elisenthal. Auf Prannes Wunsch sollte die Hochzeit mit dem »Almakirta« auf dem Arber verbunden werden, und zu dem Gipfel dieses schönen Berges wanderten heute, als am Bartholomäustage, Kirchweih- und Hochzeitsgäste in Menge. Die Freiheit wohnt auf den Bergen! und es ist die Liebe zur Freiheit, wenn der Wäldler, um seine Feste zu feiern, hinaufsteigt auf die höchsten Kuppen, um mit gehobener Brust hinauszujubeln über das dunkle Waldmeer 207 rings umher, und über das entfernte, vom blauen Hochgebirge begrenzte Flachland. In früheren Zeiten artete bei diesen Gelegenheiten am Arber der Nationalhaß zwischen den Bayern- und Böhmerführern in blutige Auftritte aus, denn Aventin erzählt, daß hier jährlich die Grenzbewohner gegenseitig gekämpft und die Ueberwundenen in den See geworfen hätten. Das war früher. Jetzt versammelt man sich dort oben nur mehr in fröhlicher Eintracht, und zumal heute, wo ein herrlicher Augusttag ein doppeltes Fest begünstigte, lagen Hunderte auf dem grünen Plan neben der dort befindlichen Kapelle und um die in eine Schenke verwandelte Sennhütte. Da spielte neben lustigen, böhmischen Musikanten der alte Cymbal-Toni auf seinem Hackbrett so frisch und fröhlich wie damals am Falkenstein beim Sunnwendfeste; da sang der Prannes mit Herzenslust all seine Lieblingslieder, und er und Schrenk konnten gar nicht oft und nicht viel genug auf das Wohl des Brautpaares und ihre neue Verwandtschaft trinken. Steigerwalds und Poschingers waren gekommen, Franzens Ehrentag mitzufeiern. Die Lohberger Freunde, der Lehrer, Herr Kellermeier und selbst der alte Geisterseher, der Kramerjakl, hatten sich eingefunden zu diesem Feste, und mit ihnen kamen eine Menge wackerer Glasmacher von Regenhütte, Frauenau und Elisenthal, um Zeugen des Glückes zu sein von Franz und Liese. – Am Regenbache, an dem von Franz und Liese schon längst bestimmten Platze, erstand die neue Lohbergerhütte des Herrn Kellermeier, welche Franz in Pacht nahm und als Hüttenherr bezog. Durch die ergiebige Beihilfe seines Vaters und des tüchtigen Schmelzmeisters Prannes, dann 208 insbesondere durch seine eigene Geschäftstüchtigkeit kam diese Hütte schnell in Schwung und Franz Schrenks Fabrikate zählten bald unter die besten des Bayernwaldes. Später erbaute er abwärts am Regen ein großartiges Schleif- und Polierwerk nebst einem reizend gelegenen Herrenhause »Schrenkenthal« genannt. So war das hohe Ziel erreicht, auf welches sein Weib schon als Kind ahnungsvoll hingewiesen. Der Segen war bei seinem Hause und zur Zeit zählt Franz Schrenk unter die Glasfürsten des Bayerischen Waldes.   Lohberg , im Frühjahr 1868.