Peter Rosegger Das Sünderglöckel Vorwort. In alten Zeiten soll die Sitte gewesen sein, daß des Abends spät, wenn die Kinder schlafen gegangen waren, über der Stadt ein Glöcklein läutete. Es wurde geläutet zur Mahnung und Warnung den Zechern, Bälgern und Schleichern, den Versuchten und Verirrten und allerhand Sündern. Dann wurde es auch geläutet bei Gerichten und Hochgerichten, bei feindlichen Überfällen und Elementarereignissen und endlich an Buß- und Versöhnungstagen zum Weckruf den Versumpften und zum Troste den Verzagten. Das Sünderglöckel war es genannt – Und das soll diesmal unser Zeichen sein. Die einzelnen Stücke dieses Buches – alle dem einen Grundgedanken entstammend – sind an verschiedenen Stellen erschienen. Sie wurden nun gleichsam wie Erzstücke gesammelt, um die kleine Glocke daraus zu gießen. Ist Edelmetall dabei, so mag das Sünderglöckel zeitweise einen milden Klang geben, so wie Fest- und Hochzeitsglocken läuten. Nicht immer wird es zart sein. Wahrheit ist ein gar lauteres Metall und hat einen hellen Klang. Wem sie aber zu hell und grell ins Ohr klingen sollte, der denke daran, daß der Mann, der so eifrig das Glöcklein schwingt, – auch für sich selber läutet. Und sollten diese Klänge bisweilen so seltsam sein, daß mancher sagt: Dergleichen habe ich noch nicht gehört! – so möge er einmal auslugen, ob nicht irgendwo eine große Torheit tagt, denn in diesem Falle läutet das Sünderglöckel ganz wütend. Die kleinen Torheiten schweigt man tot, aber die großen muß man zu Schanden läuten. Krieglach , im Sommer 1903. R. Das deutsche Laster. I. Im Wirtshause zu Oberabelsberg lebt ein merkwürdiger Mann. Dieser Mann kann auf einen Sitz vierundzwanzig Krügel Bier vertilgen. Sonst kann er nichts. Als ob das nicht genug wäre! Nicht mehr als genug! Als ob ihm das im Menschengeschlecht so leicht jemand nachmachen könnte! Der Mann ist heute dreißig Jahre alt und eben aus Anlaß dieses Jubiläums wird vorstehendes biographisches Charakterbild verfaßt, und eben deshalb auch wird ein frisches Faß angeschlagen. Der Jubilar genießt bei einem großen Teile seiner Zeitgenossen die höchste Verehrung, er freut sich ihrer und ist ihrer wert; und doch nagt insgeheim in seinem Gemüte ein Wurm. Er hat einen gekannt, der es für den Sitz auf ein Viertelhundert Krügeln gebracht hat. Wiederholt versuchte unser Mann es, dieses höchste ihm bekannte Ziel zu erreichen, allein das fünfundzwanzigste Glas kam allemal auffallend rasch zurück. Es wartete nicht erst auf die Empörung der übrigen, die nach wenigen Stunden erfolgte und stets mit einem heftigen Leidenschaftsausbruch endigte. Zwei Dutzend, – das schien vorläufig der Höhepunkt seiner irdischen Erfolge zu sein. Das hatte Anstrengung genug gekostet, es so weit zu bringen. Entsprossen war Dagobert Blunzer einer simplen Familie, in welcher gelegentlich nur ein bis zwei Schöpplein getrunken zu werden pflegte. In dem jungen Dagobert aber äußerte sich schon früh ein großes Talent: er hatte einen guten Magen. Zwei Ammen soll er jeden Tag bis zur Nagelprobe ausgetrunken haben. Später verfiel er der Erziehungsmethode eines unvernünftigen Vaters; wenn er Durst hatte, bekam er Wasser. Dem widerstrebte seine gesunde Natur und kein Wunder war es deshalb, daß Dagobert sich der studentischen Laufbahn widmete. Doch auch hier lief er Gefahr, verdorben zu werden. Theoretisch wählte er die Philosophie, allein der Umgang mit einem Litteraturprofessor und mit einem jungen Musiker war Ursache, daß er ein gewisses Interesse für Kunst und Schrifttum gewann und so manche Stunde mit solchen Dingen vertrödelte, während seine Kollegen in der Kneipe tätig waren. Noch rechtzeitig gelang es seinen Kameraden, ihn dieser verderblichen Richtung zu entreißen und dem Ideal der Jugend wieder zuzuführen. Die erste Prüfung auf zehn Krügeln des Abends ward verhältnismäßig glänzend bestanden, die zweite auf fünfzehn krönte sich mit einem kolossalen Kater. Als hernach im Laufe der Vervollkommnung der junge Mann daran ging, sich auf zwanzig zu rüsten, ward der Magen um manchen guten Bissen betrogen, doch opferte er willig dem hehren Zweck. Von zwanzig bis dreiundzwanzig gab es ganz unheimliche Katzenjammer und der Bierometer sank mehrmal sogar unter zehn herab. Allein Dagobert verlor den Mut nicht und eines Tages, es war der Polterabend einer Nichte, strengte der brave Neffe seine Kraft bis aufs äußerste an und siehe – das vierundzwanzigste stand. Der Kater dauerte drei Tage und Nächte; während dieser Zeit soll Dagobert sogar schwach geworden sein und sich geschworen haben, die ruhmreiche Laufbahn zu verlassen. Am vierten Tage soff er wieder. Wo die Stärke seines Wesens lag, stand nun fest. Sein Leben und Streben war das Bier. Alle Interessen von Oberabelsberg verblaßten vor dem einen: Wo gibt's das beste Bier? Wann wird neu angezapft? Gelegenheiten zu großen Gelagen gab es stets: Frühschoppen, Elfuhrmessen, Samstagskneipen, Ankunftsfeste, Abschiede, Geburts- und Namenstage, Gauverbandkommerse, Fahnenweihen u.s.w. Jeden Tag war ein anderer hochwichtiger Anlaß zum Biervertilgen. Und war ganz ausnahmsweise einmal kein Anlaß, so war diese Ausnahme Anlaß genug zu einer grandiosen Kneipe. Wenn Tags über sich ein respektabler Durst heranwuchs, so empfand Dagobert sogar eine sittliche Größe in seinem Tun, denn der Mensch muß naturgemäß leben, folglich trinken, wenn er Durst hat. Allerdings hielt der natürliche Durst über das dritte, höchstens vierte Krügel hinaus selten vor; dann mußte ein künstlicher erzeugt werden, etwa durch Heringe, Schinken oder durch Rauchen. Von den ersten Krügeln wurde jedes mit je einem Zuge geleert, später mit zwei Zügen, – »Vergnügungszüge« nannte sie der witzige Dagobert. Ein Glas auf drei Züge zeigte schon von Erschöpfung. Vom zehnten Krügel an ward nichts mehr motiviert, ward nicht mehr getrunken, bloß gesoffen. Die Unterhaltung der Trinker verflachte sich nicht etwa über Welt, Politik, Socialismus, Stadtereignisse oder sonstiges, womit genügsame Wirtshausgeister sich die Zeit zu vertreiben suchen, nein, die Genossen konzentrierten ihre ganze Gegenwart auf das Bier. Dagobert hatte sich an den Henkel seines Stammglases ein Schiefertäfelchen hängen lassen, worauf er den vertilgten Krügeln mit Strichelchen gleichsam eine Grabschrift stiftete. Je mehr Strichelchen, je höher stieg die Weihe des Abends. Dagobert setzte das Glas nie an die Lippen – was sage ich: an die Gurgel –, ohne es einem Zechgenossen zu widmen: »Die Blume!« »Prosit!« »Meinen Halben!« »Ex!« Da tun sie alle Bescheid, und bald darauf hebt ein anderer seinen »Mörser«, »kommt nach!« – und alle wieder mit ihm. Ist ein Glas leer: »Marianka!« oder man sagt gar nichts, hebt das Leere nur so ein wenig über die Achsel und die Kellnerin ist stets dienstbereit. »Mir auch ein Frisches!« »Mir ebenfalls!« »Mir gleichfalls!« Rasch die Reste ausgetrunken. Frisches, frisches! Dann werden Biergeschichten erzählt, Trinkanekdoten aufgetischt, Katerschwänke zum Besten gegeben, und dabei wird immer frisch begossen. Es ist ein herrliches Leben! Manchmal geschieht es, daß doch einer das Gespräch auf die neu zu eröffnende Eisenbahn lenkt, oder auf die Choleragefahr, oder auf eine italienische Reise, oder auf ein neues Aufsehen erregendes Buch, aber stets plötzlich fährt Dagobert mit seinem Glase drein, rempelt es an die übrigen: »Prosit!« – Gegossen wird und das öde Gespräch ist zerrissen. Dagobert beteiligt sich an keinerlei profanem Diskurs, oder nur mit halben, gelangweilt hingeworfenen Bemerkungen; sobald sich etwas zu vertiefen droht, eine ernstere Wendung nehmen will –: »Prosit meine Herren! Die Blume!« Angestoßen und in den Schlund gegossen. Nicht fünf Minuten lang gibt er Ruhe, der Dagobert Blunzer, nicht einen Zug tut er, ohne den ganzen Tisch davon gnädigst in Kenntnis zu setzen. Er sinnt nur nach guter Gelegenheit, zu trinken. Fällt das Wort: Bismarck – »Prosit, Bismarck!« oder: Marianka – »Prosit, Marianka!« oder: Bodenstedt – »Prosit, Mirza Schaffy!« oder: Onkel – »Prosit, Goldfuchs!« – oder: Ozean – »Prosit, Walfisch, strammer Junge! wacker!« Und getrunken wird auf alles. Auch hat man schöne Gesänge, deren Refrain stets im Trinken endigt, hat geistvolle Spiele, deren Gewinner das Glas leeren muß, und deren Verlierer auch das Glas leeren muß. Hat endlich schneidige Wetten, bei welchen der, so innerhalb einer Stunde nicht zehn Krügeln Bier vertilgen kann, ein Faß zahlen muß, das dann gemeinsam getrunken wird und bei welchem dem Verlierer Gelegenheit geboten ist, seine ungenügende Fertigkeit weiter zu vervollkommnen. Dem Neuling, der sich vorzeitig einen Kater angetrunken hat, wird geraten, den Kater im Bier zu ertränken; das heißt in der profanen Sprache: sich wieder nüchtern zu saufen. Es soll ja schon geglückt sein. Wohlgeschulte Trinker verfügen über mannigfache Mittel, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben und den noch nachzugießenden Krügeln wieder Raum zu verschaffen. Ein ordentlich eingerichteter Magen hat einen Eingang und zwei Ausgänge, also daß der Möglichkeit, zu platzen, gründlich vorgebeugt ist. Dagobert war einmal recht schlank gewesen, »jetzt sieht er besser aus!« Ein Gesicht wie ein »Blasengel«, eine Nase wie eine rote Kartoffel, und die lieblichsten Triefäuglein dazu. Es hat ja viel Nährwert, das Bier! Seine Genossen nennen ihn ein Spundloch, ein Bierfaß! Er lächelt dazu, schweigt bescheiden. Man braucht viel, bis man's zu Ehrentiteln bringt. Bei Gott, den Herrn Dagobert möchte ich zum Freunde haben! Welch ein gemütliches Haus! Und wie anregend, wie gründlich in seinem Denken, wie viel Interesse für die Fragen der Zeit! Das alte Sumpftier! Ein vorlauter Mensch zu Abelsberg tat einmal den pathetischen Ausruf: Und deshalb so viele Jahre lang Latein und Griechisch studiert, und höhere Mathematik und Geschichte und die Weltliteratur und alle Philosophen, um nun als Biersimpel täglich vierundzwanzig Krügel in den Bauch zu schütten? – Dieser Ausspruch ist zum mindesten sehr übertrieben. Erstens hat der Mann nie studiert, sondern sich bloß notdürftig für die Prüfungen hergerichtet, und zweitens vertilgt er schon darum nicht täglich vierundzwanzig Krügel, weil zwischen zwei solchen Biertagen allemal ein Katzenjammertag liegt. Und Simpel?! Wer ist denn ein Simpel? Was heißt denn ein Simpel? Simpel heißt: Einfaltspinsel. Und ist das ein Einfältiger, der das Bier vierundzwanzigfältig nimmt? Vielmehr der ist ein Einfältiger, welcher ein Krügel trinkt, wie der Schullehrer von Abelsberg, der die famose Lehre aufstellt: Ein normaler Mensch, der drei Krügel Bier trinkt, trinkt schon eins über den Durst! – Und solche Leute wollen da mitreden! Der Onkel, der Goldfuchs, macht's erst gut, der meint, es wäre sehr wünschenswert, wenn Dagobert sich endlich einem nährenden Beruf zuwenden wollte. Ist der Alte verrückt? Was versteht denn dieser Herr unter einem nährenden Berufe, wenn das Biertrinken keiner ist? Hat der Banause denn keine blasse Idee davon, daß sein Neffe ein Märtyrer der Menschheit ist! In der Schlichtheit seiner Größe ist er sich zwar dessen nicht bewußt, aber doch tatsächlich: die Menschheit muß ihre Talente nach allen Seiten hin ausbilden, sie muß wissen, was sie zu leisten vermag. Welch ein Sieg, wenn endlich festgestellt werden kann, auf welchen äußersten Grad die schöne Männlichkeit des Individuums hinaufgetrieben werden kann, mit anderen Worten: wie viel Bier zu vertragen der rechte Mann im Stande ist. Ganz und voll ein Mann zu sein! Prosit! Wenn der wackere Dagobert es eines Tages dahin gebracht haben wird, daß auch das fünfundzwanzigste Krügel »steht«, dann feiern wir ein Jubiläum, bei welchem der Versuch gemacht werden soll mit – dem sechsundzwanzigsten. – Prosit! Einen Ganzen! Ex! II. Es ist nicht mehr lustig, an Sonntagen über Land zu gehen. In früheren Zeiten waren jüngere Leute harmlos heiter über Felder und Wiesen, durch Gärten und Felder gewandelt, hatten frohe Lieder gesungen, muntere Spiele getrieben, aneinander ihre Körperkraft geübt, wobei es zwar nicht allemal sehr glimpflich abgegangen ist – Übermut hat es gegeben, aber weiter keine Feindschaft. Ältere Leute hatten beschaulicher Sonntagsruhe gepflegt, in einem Buch gelesen, oder sich an dem Blühen, dem Reifen der Früchte gefreut. Heute kann man lange suchen nach solchen Idyllen. Hingegen stößt man überall auf Besoffene, auf Unflätlinge, auf Schamlose. Der höllische Geist, der das treibt, heißt längst nicht mehr Luzifer, sondern – Alkohol. Er schürt ein Feuer, dessen erster Funke scheinbar erwärmt und vorleuchtet, gleichzeitig aber in den Dachstuhl dringt. – Der Bauer sieht, daß Sparen nichts mehr klecken will, und trinkt. Anfangs trank er sich lustig ins wirtschaftliche Elend hinein, und nun will er sich aus dem Elend wieder heraustrinken. Er trinkt, um sich zu betäuben, um die Gedanken an eine trostlose Zukunft zu verscheuchen. Der Knecht, der Geselle, der Arbeiter hat gehört, daß der Mensch nur einmal lebt, daß später so wie so der große Trumpf kommt, da wäre es schon gar dumm, sich selber die Schnauze zu verbinden, solange noch etwas im Bottich ist – er trinkt. Er trinkt, er schwelgt, er lottert – wer schert sich drum, was später kommt! Jeder weiß es, daß morgen Katzenjammer kommt, Unheil, Not. Allein sie sind zu schwach, um sich etwas versagen zu können; sie sind moralisch so entkräftet, daß sie sich von dem erstbesten oder erstschlechtesten Gelüste in den Sumpf werfen lassen. Sie haben keine Stärke und kein Licht mehr. Aber lustig ist's im Wirtshaus. Weindunst, Tabaksqualm, wüstes, sinnloses Geschrei, anzügliche Reden und Gebärden zwischen beiderlei Geschlechtern, dann Zank, Zorn, Gewalttat. Alle Laster werden geschmiedet in der blauen Flamme des Alkohols. Wenn man von solchem Treiben angeekelt hinausgeht auf den Hof, so bittet man's dem Vieh ab, es je hinter den Menschen zurückgesetzt zu haben. – Und der Wirt mitten in seinem Hexensabbat! Er hat's nicht über sich gebracht, den Gästen noch rechtzeitig das Alkoholgift abzustellen, die Habsucht hat ihn zum bewußten Giftmischer gemacht – nun hat er die Bescherung. Er vermag die stieren, wahnwitzigen, gewalttätigen Gesellen nicht mehr zu bändigen, seine Zechstube ist ein Irrenhaus geworden, voll Tobsüchtiger. Vielleicht lärmt er selber mit im Rausche, weil man mit den Wölfen heulen muß. Vielleicht sucht er mit List die Vollen hinauszuschaffen; die noch nicht ganz Vollen trachtet er festzuhalten, bis auch ihr Bauch voll und ihr Säckel leer geworden ist. Ein Wirt dieser Gattung verdient sein Schicksal, früher oder später geht er als Lump mit den Lumpen zu grunde. Solche Beispiele mehren sich von Tag zu Tag. Ganz erschreckend nimmt auf dem Dorfe die Trunksucht zu, und an Sonntagen wimmelt es von Besoffenen. Unsagbar widerlich, diese vollgetrunkenen Menschen, mancher auf der Erde sich in Krämpfen windend, wenn seine Natur sich wider ihn empört. Der Halbkretin ist ein Weiser im Vergleich zu dem im Rausche lallenden Schwätzer, der mit seiner Kraft prahlt, während er in den Straßengraben taumelt, der rülpsend immer das eine cynische Wort wiederholt, weil ihm das andere nicht mehr einfällt, und der sich endlich grunzend den Regungen des Schweines überläßt. Ein vergifteter Mensch! – ein unter Obhut des Staates zum Tiere entarteter Mensch! Der Staat bestraft die Verführer, die Majestätsbeleidiger, die Gotteslästerer, die Verleumder und die Selbstschänder, aber den Betrunkenen, in dem alle diese Laster sich vereint zeigen, bestraft er nicht. Was muß doch die Besoffenheit für eine heilige Sache sein, daß sie bei Verbrechen selbst der Richter als Milderungsgrund gelten läßt! Soll das so bleiben? Mischt sich der Staat doch sonst überall drein und spielt den Zuchtmeister, warum gerade hier die unbegrenzte Nachsicht, wo durch den Alkohol zahlreiche Individuen, Familien, Völkerschaften degenerieren und zu grunde gehen müssen! Dann mußt du dir, mein einseitig toleranter Staat, das Schlimme nachsagen lassen, als ob du der Steuern wegen die Alkoholgetränke protegiertest! Doch, doch, das glaube ich nicht, welche Regierung würde Geldes wegen das Volk schädigen lassen, um die Alkoholsteuern nachher doch wieder für Krankenhäuser, Irrenhäuser, Zuchthäuser ausgeben zu müssen! Es wäre zu dumm. Nein, liebe Herrlichkeit, du scheinst bloß nicht zu wissen, wie sehr das Laster des Trunkes in unserem Volke überhand nimmt, und was es für Folgen hat. Du wunderst dich nur über den wirtschaftlichen Ruin so vieler Geschäftsleute, über die Decadenz der Rekruten, über die ungeheuer zunehmende Nervosität und Übervölkerung der Anstalten für Geisteskranke. Du wunderst dich darüber und begünstigst die »aufblühende Industrie« der Bier-, Wein- und Schnapserzeugung. Jeder Hütte, die am Wege steht, erteilst du Lizenz für ein »Wirtshaus« und als »liberalen Staat« fällt es dir nicht im Traume ein, den Wirten die Verabreichung des Giftes einzuschränken. Die Regierung zuckt die Achseln. Die Erziehung zur Nüchternheit sei Sache der Schule. Ich glaube, die Schule tut, was sie kann. Zu wundern wäre es kaum, wenn so ihrer etliche polnische Schnapsbrenner gegen den Kultusminister klagbar würden, weil er in den Schulen vor dem Branntweintrinken warnen läßt. Der eine Minister verlangt vom armen Schnapsgrafen hohe Steuern, der andere predigt gegen sein Geschäft den Boykott, das ist doch zu toll! – Nicht? Allerdings fängt die Menschheit an zu erwachen. Praktische, einsichtsvolle Völker, wie die Engländer, die Amerikaner, sind uns in der Bekämpfung des Alkohols längst voraus. Die sogenannten Temperenzler erzielen dort drüben unglaubliche Erfolge, und auch in Deutschland fangen junge Leute, selbst Studenten, an, sich, des Trunkes zu enthalten. Und doch wütet im Ganzen diese Pest mehr als je. Und in den sogenannten »besseren Kreisen« ist der Suff noch viel ekelhafter, als auf dem Dorf. In Deutschland ist das Trinken zu einem förmlichen Kultus erhoben worden, der mit fanatischem Pietismus geübt wird. Der Bursche, der sich hervortun will, nichts wird er mit solchem Eifer und solcher Gewissenhaftigkeit vollführen, als das Trinken. Es handelt sich dabei natürlich nicht um Durst, nicht um Geschmack, nicht um Geselligkeit – es handelt sich schlechterdings ums Trinken. Von diesem Trinken hängt nachgerade die Burschenehre ab. Es gilt vielfach für national. Mir scheint es aber gar nicht zweckmäßig, die Mägen so übermäßig auszudehnen, bevor man noch genau weiß, wie man sie später wird füllen können. Bekanntlich rauft man sich heute schon um Kolonien, weil gefürchtet wird, auf heimischen Schollen könnten viele Leute einmal nichts mehr zu schlucken haben. Ein Studenten-Bier-Comment ist so ziemlich das Ödeste, was man hienieden erleben kann. Stumpfsinnig, langweilig über alle Beschreibung. Das Pikanteste dabei ist noch jene hie und da angewandte Pfauenfeder, welche im Magen neuerdings Raum schafft. Die alten Deutschen hätten ja auch gesoffen, heißt es stolz, und deutsche Dichter hatten das Trinken verherrlicht. Es ist so. Allein, weshalb will man nicht auch die guten Eigenschaften der Alten nachahmen? Weshalb gerade die, an denen die Nation unter Harfenklang vertiert? Ja, diese Studenten! Man kann nicht sagen, daß sie für Litteratur keinen Sinn haben. Nur halten sie es jeden Tag mit einem anderen Dichter: Heute ganz Bierbaum, Shakespeare (sprich Sechs-Bier), morgen ganz Kotze-Bue! Aber freilich, aus dem Bierglase des Burschen kriecht schließlich der ledernste Philister. Und die Hörner, aus denen er einst getrunken, werden ihm schließlich aufgesetzt. Fremde Reisende, die zu uns Deutschen kommen, können sich nicht genug wundern über die versumpften Tischgesellschaften in unsern Wirtshäusern. Temperament, Humor, Witz – im Bier ist alles ertrunken. Schließlich ersetzt man die ersäuften Geister durch Kognak. Der Wein! Auch er ist ein schlimmer Geselle, aber so arg verblödet er die arme Seele nicht, als das Bier, »von dem man trinken kann, so viel man will.«? Der Wein versteht keinen Spaß, er wirft den Trinker um, bevor der Wanst voll ist. Das eine Glas Wein ist ja nicht von Übel, doch ihm ein Loblied zu singen, wäre deshalb bedenklich, weil das erste Glas leicht zum zweiten verleitet, und so fort, bis der fröhliche Zecher sich vom Menschen zum Gott und von diesem zum Tiere durchgetrunken hat. Keiner Passion opfert der Deutsche auch nur im entferntesten so viel an Geld, Zeit, Gesundheit und Vernunft, als dem Trinken. Ein englischer Nationalökonom hat behauptet, der richtige Deutsche verbringe ein Viertel seiner Lebenszeit im Wirtshause, vertue ein Drittel seines Erwerbes im Wirtshause, vergeude die Hälfte seiner Gesundheit im Wirtshause und hole seine ganze elendigliche Versumpfung im Wirtshause. Wenn heute ein neuer Hermann aufstände mit der heiligen Absicht, das deutsche Volk wieder herzustellen, sittlich stark und groß zu machen, die Auerochsenhörner dürfte er nicht mehr hervorsuchen, mit gegorenem Met dürfte er Frau Germania nicht leben lassen. Ein Volk, das seinen Göttern Blutopfer bringt, kann im Aufsteigen sein; ein Volk, das durch Anschwampung des Magens seinen Idealen nahekommen will, sinkt sachte in den Lehm. Ein neuer Hermann und Herzog der Deutschen müßte, möchte ich beinahe sagen, hohe Preise stiften auf rationelle Züchtung der Hopfenlaus und der Reblaus, und müßte gleich am ersten Tage alle Branntweinbrenner durch das Schwert hinrichten lassen, denn der Strick könnte reißen. Nun rülpsen zwar die Bierphilister und sagen, die Deutschen tränken schon seit zweitausend Jahren und wären tüchtig geblieben. Mag sein, daß der an Muttermilch erstarkten derben Waldnatur der alten Germanen ein scharfer Trunk weniger anhaben konnte, als den heutigen Glashauspflänzchen, bei denen der Bierhumpen gleich nach dem Saugfläschchen kommt. Die Deutschen leisten ja auch heute noch etwelches, aber möglicherweise ginge das auch ohne Räusche. Nein, die ungeheuerlichen Kriegswaffen, die großen Maschinen unserer Zeit sind – nicht im Rausche erzeugt worden. Wenn wir diese Menschenarbeit ersetzenden Waffen und Maschinen nicht hätten, dann würde es uns erst einmal klar werden, wie sehr wir mit unserer Körperkraft heruntergekommen sind. Tadelt ihr meine dreiste Sprache? Seid versichert, es ist ein redlicher Zorn. Ich habe schon allzuviel Opfer der Trunksucht gesehen. Ich sah junge Leute, reich begabt, fähig edelster Regungen, im Biere enden. Ich sah Lehrer, Priester, Dichter kläglich im Biere enden. Zwischen Wiener-Neustadt und Neunkirchen begegnete mir einmal ein Rudel von Gymnasiasten, die ihren besoffenen Professor, der auf allen Vieren kroch, am Strick wie einen Bären dahinführten. Sie johlten laut und am lautesten der Vierfüßler ... Dann erst der unermeßliche Sumpf des trinkenden Kleinbürgertums. In unserem Lande gibt es, um noch einmal aufs Dorf zu kommen, Ortschaften, die bei kaum tausend Einwohnern fünfzehn bis zwanzig Wirtshäuser zählen. Die meisten derselben haben mehrere Stammgäste, einen solchen hat jedes – nämlich den Wirt. Des Tages wiederholt verläßt der Schuster, der Tischler, der Sattler, der Böttcher, sein Gewerbe, um dem Nachbar »ein Viertela abzukaufen«. Und dann schimpfen sie über die schlechten Zeiten, über die geschäftverderbenden Juden, über, was weiß ich! Eine Ortschaft ist bekannt, in der sich vor etlichen Jahren ein fremder Krämer niederließ. Sie wollten den armen Gauch, der seinen Ladenzins mit Schundware bezahlen mußte, ausbeißen. Da tat er einen kleinen Weinschank auf – süffiger Wein – billiger Wein! Sie kamen und tranken, und er gab Kredit, ohne seine Gäste gleich auf den Pranger der schwarzen Tafel zu stellen. Ging er zu grunde? Nein, er wurde bloß wohlhabend, denn dieweilen sich seine Gäste ansogen, blieb er hübsch nüchtern und lauerte bei allen Geschäften, die bei ihm gemacht wurden und die er machen half, auf seinen Vorteil. Heute gehört das halbe Dorf diesem Fremdling. Von dem einem Schuldner hatte er das Kalb genommen, von dem anderen die Kuh, von dem dritten die Wiese, von dem vierten den Wald und schließlich die dazu gehörigen Häuser. Aber sein Wein war süffig und »billig!« Einmal habe ich das Trinken entschuldigen wollen damit, daß die guten Deutschen einen etwas schwerfälligen Geist hätten, der erst mit einem bißchen Alkohol gekitzelt werden müsse, bis er dem des leichtblütigen Romanen ebenbürtig sei. Das war falsch. Anstatt geistreich zu werden, wird der deutsche Trinker cynisch. Anstatt begeistert zu werden, wird er berauscht. Und während er sich Kraft, Mut und Frohsinn zuzutrinken glaubt, sinkt er sachte in körperliche und geistige Ohnmacht, in Blasiertheit und Lebensunlust, in einen Ekel, von welchem der dem Rausche unmittelbar folgende Katzenjammer nur ein flüchtiges Symbol ist. Ein Volk, das sein Herz erst mit Spirituosen auffrischen, seinen Nationalismus aus dem Biere, seine Lebenslust aus dem Weine holen muß, ein solches Volk wird immer mehr versimpeln und versumpfen und endlich ein Spott der Nachbarvölker sein. In diesen Abgrund zu versinken sind wir in Gefahr, wenn nicht endlich Gesetzgeber, Kirche und Schule mit allen Kräften zusammenwirken, dem Verderben Einhalt zu tun. Weg mit dem Alkohol! Weg mit ihm, ohne Volksabstimmung, ohne Umfrage, ob's allen recht ist. Eigenmächtig, wie bei einem Staatsstreiche, oder wie bei einer Entscheidungsschlacht müßte des Landes Herzog die Alkoholgetränke verbieten und mißachten den Hagel von Flüchen, der sich in kurzer Zeit zu einem Schauer des Segens verwandeln würde. Wenn erst dieser künstliche Geist abgeschafft ist, dann wird wieder die natürliche Begeisterung aufflammen – und aus dem gesunden Körper, aus der klaren Seele die Lebensfreude. Unsers Herrgotts Keller. »Josef! Um zwei Uhr werden die Herrschaften von der Rennbahn da sein. Bereite ein zweites Gabelfrühstück mit Kaviar und Austern. Auch ein paar Flaschen Sekt einkühlen.« »Zu dienen, Exzellenz!« Hierauf machte der alte Exzellenzherr seinen Spaziergang, um das erste Gabelfrühstück noch knapp vor dem zweiten zu verdauen. Man muß auch seiner Gesundheit etwas zuliebe tun. Es war ein heißer Julitag, der Herr schritt langsam und behäbig die Straße entlang, trug in der einen Hand den Hut, in der anderen den seidenen Sonnenschirm, dachte an seine Pferde, an seine Tugenden und an seine Jagdhunde, womit er morgen eine Probe anstellen will. Ein fahrender Geselle begegnete ihm, zog vor dem Herrn seine Mütze und grüßte höflich. »Gu'n Tag, gu'n Tag!« rief der Exzellenzherr leutselig, denn er war immer sehr wohlwollend, besonders wenn er gut verdaute. »Warm heut, Euer Gnaden, sehr warm heut!« näselte der fahrende Geselle, wischte sich mit einem zusammengeballten roten Sacktuch den staubigen Schweiß vom braunen Gesicht und dachte: Vielleicht gibt er mir doch ein Zwanzighellerstück auf ein Glas Bier. Da die Exzellenz aber in anderen Gedanken versunken zu sein schien, so rief der Geselle überlaut: »Wenn bei so 'ner Hitze nur dieser verdammte Durst nicht wär'!« »Durst haben Sie!« schnarrte der Herr, »na, denn gehen Sie gerade aus, nachher links um die Scheune, dort steht unsers Herrgotts Keller, der Brunnen. Just einmal den Eimer heraufziehen. Na, gehaben Sie sich!« »Vergelt's Gott!« antwortete der Handwerksbursch und bei sich: Alter Filz. Wasser finde ich auch selber, wenn ich mag. Und ging dem Brunnen zu. Die Exzellenz schritt fürbaß und war zufrieden mit dem erziehlichen Rate, den sie gegeben. Alles hat Durst heutzutage. Alles will Bier, Wein und weiß der Himmel was! Nicht übel, wenn sie manchmal an des lieben Herrgotts Keller erinnert werden. Wer Durst hat, für den ist frisches Wasser das allerbeste. Ein bißchen mehr Frugalität, meine Herren Landstreicher! – Da der Geselle dahin war, blieb er stehen, klemmte den Schirm zwischen die Beine und brannte sich eine feine Regalitas an. Um zwei Uhr saß er wieder bei den jungen Herrschaften im Gartensalon. Nachdem der erste Durst mit einigen Flaschen Tafelbier gelöscht war und man wohlgemut den Pasteten und Krebsen zusprach, winkte der Exzellenzherr dem Josef, daß er den Sekt bringe. Da der Diener aber ein zweites Mal in Sicht kam, ohne eine Silberköpfige mitzuhaben, wurde der Herr ungeduldig. »Sofort, Euer Gnaden, sofort«, versprach der Josef. »Saperlot, ist es denn so weit in den Keller?« »Ich habe die Flaschen eingekühlt, Exzellenzherr, im Brunneneimer. Und wie ich sie jetzt hervorholen will, sind sie weg. Putz weg!« – – So! – – So! – Na, dann werden sie einen Liebhaber gefunden haben.« – Daß dich der Satan! – Aber zum schlechten Spiel gute Miene. – »Josef, spute dich! Hole andere Flaschen!« Der fahrende Gesell war nicht schlecht zu sprechen auf unsern Herrgott, der in seinem Weinkeller neuzeit auch Sekt hält. Leider nur ausnahmsweise. Roheit. Allerhand Schlimmes habe ich erfahren in meiner Kindheit bei den Waldbauern: Armut, Krankheit, Sturm, Frost, Arbeitslast, Strenge und manchmal auch Hunger. Es war alles zu ertragen. Unerträglich ist mir nur eins gewesen: die Roheit. Sie kam nicht oft vor, am wenigsten in meinem Vaterhause. Wer ein Tier schlug oder gegen den Hausgenossen ein grobes Schimpfwort ausstieß, oder eine Schamlosigkeit beging, der wurde vom Hausvater ganz ruhig aber unabänderlich fortgewiesen. War es jemand, den er nicht fortweisen konnte, so kam die Birkenrute zur Anwendung. Die Rute? Aber war das nicht wieder Roheit? Nein, das war Liebe – brennende Liebe . Sie wurde des Jahres kaum einmal geübt. Es war nicht nötig. Die Gesittung, wovon man heute in den »Kulturstätten« nur noch den Namen kennt, da hinten in den entlegenen Waldbauernhäusern hat sie damals wirklich geherrscht. Immerhin jedoch gab es in der Gegend einige wüste Lümmel, bei denen Gefühl oder Temperament als grobes, freches Wort oder als rohe, widerliche, gewaltsame Handlung zum Ausdruck kam. Die Derbheiten fochten mich nicht an, auch nicht die Zornesausbrüche, bei denen ja auch manchmal dreingeschlagen wurde – nur die boshafte Roheit, die Freude an der Roheit, das absichtliche Beleidigen anderer, das rücksichtslose, gleichsam mit stoßenden Ellbogen Hervordrängen persönlicher Rüpelhaftigkeit, das vollmaulige Geschimpfe über mißliebige Personen – derlei widerte mich gründlich an, und diese paar Bosnickel waren mit ein Beweggrund, von der Bauernschaft los- und unter gebildete Menschen zu kommen. Doch nicht allemal ist es gut, aus dem Regen flüchten zu wollen – die Traufen sind oft noch viel schlimmer. Die ersteren Stadtjahre waren soweit ja ganz anmutig, dann aber, so um die Achtziger Jahre ging's an. In den »besseren« Kreisen begann sich eine Roheit zu regen, mit der verglichen die bäuerliche Lümmelhaftigkeit noch reiner Salonton war. Die »stinkenden Böhm«, die »Saujuden« und die »verfluchten Pfaffen« purzelten nur so von den noch flaumlosen Lippen akademischer Bürger, selbst an öffentlichen Orten. Die Anrempelungen harmloser Spaziergänger wurde eine alltägliche Geistesübung. Zu jener Zeit – noch jung und schon so feig! – begegnete ich eines Nachmittags am Grazer Lugeck mehreren Studenten. Darunter fiel mir eine besonders stattliche Erscheinung auf, die mindestens um einen Kopf größer sein mußte, als ich. Anfangs hatte sie nichts Gewalttätiges, als daß sie meinen Blick »gefangen nahm«, plötzlich aber blieb sie stehen, starrte mich an und sprang mit zwei großen Schritten gegen mich: »Herr, was fixieren Sie mich so infam?« »Ich – Sie? allerdings, ich habe Sie angesehen und mir gedacht: Schau, der ist wenigstens um einen Kopf größer als ich. Mein Gott, wenn's nicht wahr ist, so bitte ich tausend Mal um Verzeihung!« Anfangs wußte er nicht recht, was von dieser Antwort zu halten wäre, als ihn aber seine Kollegen mit sich fortzogen, versichernd, daß Genugtuung geleistet worden sei, legte er noch einen Blick der Verachtung auf mich nieder und ging mit den anderen die Zeile hinab. Dieser Fall gehört ja zu den gemütlichsten. Sonst pflegt auf eine solche und ähnliche Anremplung auch die Ehre des Gerempelten wacklig zu werden und beide haben größte Mühe, die schreckliche Schmach von sich abzuwaschen. Der Student muß halt forsch sein, er muß seine Stacheln hervorkehren, alle seine Borsten aufstrammen: Kommt nur her, rühr' mich nur an! Er darf sich nichts gefallen lassen. Aber aus diesem Sich-nichts-gefallen-lassen ist mancher schon selber gefallen, ohne jemandem gefallen zu haben. Seit dem großen Sieg vor dreißig Jahren ist den Deutschen der Kamm ein wenig zu stark gewachsen und viele glauben, weil man die Franzosen mit Zuschlagen besiegt habe, besiege man mit Zuschlagen auch alles andere. Die gesitteten Menschen stehen abseits und blicken mit traurigem Lächeln den Balgereien zu, den Orgien der Brutalität in Wort und Tat, mit denen man die Welt erobern will. Gerne reden sie sich auf Bismarck aus, der auch so forsch gewesen sei. Ja, forsch ist der schon gewesen, doch damit hat er das Reich nicht gegründet. Er hatte auch noch etwas anderes aufzuwenden. Wenn aber zur scharfen Zunge ein feiner Takt, zur derben Faust ein guter Kopf nicht kommt, dann gibt's bloß Flegel. Von Herzen gönnt man dem Studenten seine Burschenherrlichkeit. Man freut sich über sein strammes begeistertes Einstehen für Freiheit, Ehre und Volkstum, denn das ist das Zeichen hochgesinnter Seelen. Man freut sich seiner schneidigen Auffassung in Politik, das Zeichen erwachender Tatkraft. Man freut sich seiner studentischen Geselligkeit und Ulke, das Zeichen harmlosen Frohmutes und weltüberlegenen Humors. Und wenn er manchmal über die Schnur haut, einem würdigen Gesetzparagraphen ein Bein stellt oder ihm die Narrenkappe aufsetzt, so lacht man, und der Polizeimann macht alle drei Augen zu. Aber auch die Burschenherrlichkeit hat ihre Grenzen, nicht etwa vom Wachmann, nicht von der öffentlichen Meinung gezogen, sondern vom eigenen Rechtsbewußtsein! Vor einiger Zeit sind in Graz bei helllichtem Tage auf offener Straße Studenten überfallen worden, die ruhig ihres Weges gingen. Aber nicht etwa von einem Rudel besoffener »Roter«, sondern wieder von Studenten und zwar von Kollegen derselben Universität. Der Angreifer waren mehrere Hundert, der Angegriffenen – sechs oder acht wehrlose Bürschchen! Es wurden ihnen die niedrigsten Schimpfnamen ins Gesicht geschleudert, es wurden ihnen die farbigen Bänder von der Brust, die Kappen vom Kopfe gerissen, sie wurden geschlagen mit Fäusten, Stecken und Hundspeitschen! Und warum? Warum dieser unerhörte gewaltsame Angriff? Weil die sechs Bürschchen einer Verbindung angehörten, die von den übrigen Studenten im Verschiß war. Einer Verbindung von klerikal Gesinnten und Theologen, die als Studenten die üblichen Waffen trugen, ohne aber Duelle zu schlagen. Die andern jedoch meinten, wenn sie sich nicht schlügen, so dürften sie auch keine Schläger tragen; wenn sie nicht ihre Farben und Gesinnung trügen, so dürften sie gar keine tragen! Als ob in der Studentenwelt nicht auch so vieles andere hohler Pflanz wäre! Darf der Student denn überhaupt gleich dreinschlagen, weil er einen Schläger trägt? Watet der Student denn in den grundlosen Sümpfen der Wildnis, weil er Kanonen trägt? Ist er denn noch der alte germanische Wilde, weil er auf der Bärenhaut liegt und aus Ochsenhörnern trinkt? Das sind ja nur Symbole, meine Herren!, auch die Bärenhaut und die Hörner! Studentensymbole, zu denen Universität und Verbindungen sich das Recht geben, und worin am wenigsten im freien Burschenleben einer den andern beeinträchtigen darf. – Dieses brutale Geschehnis damals war ein Faustschlag, den die Studentenschaft sich selber gegeben hat. Ich sage die Studentenschaft, weil außer den Angegriffenen meines Wissens kaum ein einziger Student der Universität dagegen protestiert hat. Oder war's eine versteckte Ironie gegen sich selber, als sie in jenen Tagen das Hamerlingsche Satirenspiel »Teut« aufführten, in welchem angesichts schwerer nationaler Gefahr so teutonisch heldenhaft um – Couleurs und Troddeln gezankt wird? Um so unverhohlener haben andere Kreise dagegen protestiert. Es war kein schlechter Ärger der Deutschgesinnten von Stadt und Land, als in den gegnerischen Blättern eine unermeßliche Jauche von Schmähungen und Verdächtigungen auf die deutschen Studenten niedergegossen wurde, ohne daß sich die Begossenen auch nur mit einem vernünftigen Worte rechtfertigen konnten. Ob Bismarck als Bursche bei dem »Studentenulk« in der Grazer Harrachgasse mitgetan hätte? Kaum, denn er hatte nicht alles in der Faust, er hatte einiges eben auch im Kopf. Noch nicht lange ist's her, da sah ich in der Grazer Herrengasse jemanden, der auch zur gebildeten Jugend gehören will, einen vorübergehenden Geistlichen anrempeln mit den ganz vernehmlich gesprochenen Worten: »Pfaff, verfluchter!« Der »Pfaff« blieb einen Augenblick stehen, blickte dem jungen Helden nach, schüttelte den Kopf und ging wieder seines Weges. Einen mißliebigen Offizier etwa anzurempeln, das läßt man weislich bleiben, aber der Pfaff tut nichts. – Wer mutig ist, der braucht nicht roh zu sein. Der Starke ist nicht brutal. Das plumpe Anrempeln beweist nur, daß der Rempler sich ohnmächtig fühlt, anders seine Überlegenheit zu zeigen. – Soll ich noch Beispiele sagen? Nein. Die Verrohung ist so allgemein, daß man viel besser die Ausnahmen anführen könnte. Ich will nicht erst untersuchen, woher diese unheimliche Erscheinung kommt, der Ursachen gibt es viele und jede klingt – philisterhaft in den Ohren solcher, die nichts von Autorität, Erziehung, Religion, Ordnung und dergleichen hören wollen. Sonst war das Soldatenleben eine Brutstätte der Roheit. Heute ist es eher umgekehrt, gerade beim Militär wird dem ungezogenen Burschen die Roheit etwas gedämpft, da kann er nicht Hammer, da muß er einmal Amboß sein. Und das bekommt ihm ganz vortrefflich, er kommt vom Militär – zivilisiert zurück. Eine besondere Ursache der Verrohung muß aber doch angeführt werden – unser österreichisches Parlament. Der in demselben beliebte Ton ist nicht bloß Folge, sondern auch Ursache der Verrohung. Die Abgeordneten bringen davon nicht allein von zuhause mit, sie fassen auch von den übrigen Parlamentären ihre gute Portion, sie steigern die Roheit unter dem Schutze des »Mir-nix-geschehen-könnens« bis zur Siedehitze, sie kochen eine Suppe aus, die dann am nächsten Tage durch Millionen Schläuche in die Bevölkerung geleitet wird, und, von Jung und Alt ausgelöffelt, Erscheinungen erzeugt, vor denen die gute alte Großmutter Gesittung ihr Gesicht verhüllt und ratlos ist. Ein Wiener Buchhändler hat mir einmal ausgeplaudert, daß eines Tages ein bekannter Reichsratsabgeordneter bei ihm angefragt habe, ob es nicht Schimpflexikas gebe, wo alle wüsten und ehrenrührigen Ausdrücke aus allen Kloaken der Bevölkerung gehoben, gesammelt und für den häuslichen Gebrauch geordnet wären? Der gute Mann schien nämlich selber keine nennenswerte Phantasie gehabt zu haben, weiter als bis zum »frechen Schweinehund« brachte er es nicht. Der Schweinehund war aber im Hause längst überholt, auch belehrte ein gewiegter Jurist, daß dies überhaupt keine ehrenrührige Bezeichnung sei, weil es Schweinehunde in der Natur nicht gebe. Doch gibt es immerhin geniale Köpfe, die auch ohne Schimpfhandbuch noch eine gewisse Wirkung hervorzubringen wissen; der Lump, der Gauner, der Schuft muß eben einer noch nicht abgehärteten Persönlichkeit mit der richtigen Tücke ins Gesicht geschleudert werden. – Roheiten, die sonst nirgends möglich wären, die kein unverdorbenes Ohr vernehmen mag, die überall vom Strafrichter verfolgt werden, im Reichsrat dürfen sie vorgebracht werden. Und alles, was im Reichsrat vorkommt, dürfen die Zeitungen verbreiten, so weit sie wollen, wohin sie wollen. Keine andere Hochschule hat solche Organe zur Popularisierung ihrer Wissenschaften, als das Parlament. Und dann wundere man sich noch, daß die Leute überall so – schneidig parlamentieren. Wenn mich nun der Staatsanwalt zur Verantwortung ziehen sollte darüber, daß ich den Reichsrat herabsetze, der doch sozusagen ein anerkanntes Staatsinstitut ist, so würde ich sagen: »Gestrenger Herr! Eben weil ich den Reichsrat so hoch und heilig halte und gehalten wissen will, eben deshalb kann ich die Verrohung nicht genug beklagen, durch die er zum Gespötte der Welt entwürdigt wird. Und gerade so rechtfertige ich auch die scharfen Worte, die in diesen Zeilen gegen unsere Studenten gesprochen werden mußten. Machen Gassenbuben vor meinem Fenster eine Prügelei, so werde ich gar nicht weiter darauf achten. Die studierende Jugend aber, die Freude unserer Herzen, die Hoffnung unserer Zukunft, der Stolz unserer Nation, wird nicht so tief in die Gemeinheit versinken – ohne uns in tiefe Traurigkeit zu versetzen. Ist eine Umkehr zu erwarten von der Verrohung der gesellschaftlichen Gesittung? Noch lange nicht. Die Mehrzahl der Menschen aller Klassen besteht aus Pöbel. Ist der Bann gebrochen, das Tier in ihm einmal entfesselt und hat es sich im Leben behaglich eingerichtet, dann tobt das Unding zynisch fort solange, bis es in der Roheit selbst erstickt. Vielleicht ist es gerade der heute so brutalen Jungmannschaft beschieden, einst mit Einsatz der eigenen Existenz den Entscheidungskampf gegen die rohe Pöbelgewalt führen zu müssen! – Wer hat die Pöbelgewalt akademisch sanktioniert? Milde siegt. Ich schlenderte durch die Gasse und pfiff ein Liedel. Da schrillte plötzlich etwas hinter mir. Ich wandte mich um und sah einen Mann mit Laternenlicht herankommen, der ein Handglöcklein läutete. Einige Schritte hinter ihm ging der Priester im Chorrock mit dem Sakrament. Ein Krankengang. – Ich soll wohl ausweichen. Was soll ich denn noch? Sofort fiel mir die Geschichte jenes Spielmanns ein. – In einem großen Kurort war es gewesen. Der Spielmann trottete auf abendlicher Straße heiter dahin, trällerte und pfiff eine Melodie, die er nächstens aufspielen wollte. Da kam hinter ihm ein Mann mit weißem Kleiderüberwurf, der etwas an seiner Brust trug. Ein anderer läutete mit dem Glöcklein, wohl ein Zeichen für die Fußgeher, auszuweichen. Das tat der Spielmann auch, doch forderte ihn der Mann auf, den Hut zu ziehen. Das tat der Spielmann nicht, denn er war fremd in der Gegend und wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Er ging weiter und pfiff seine Melodie. Der weiße Mann rief ihm zu, er sei ein ungebildeter Mensch, worauf der Spielmann auch was erwiderte. Kurze Zeit darauf wurde unser Spielmann von Landwächtern abgefangen und ins Gefängnis geführt. – Er war ein Protestant aus dem Norden und hatte, ohne es zu wissen, zwei Verbrechen begangen, das der Priesterbeleidigung und das eines Religionsfrevels. Die Erinnerung an diese Geschichte trieb mir das Blut zu Kopf. Ich war kein Protestant aus dem Norden, sondern ein Katholik, aber das Hutabziehen wollte ich mir nicht befehlen lassen. Dazu kann in solchem Falle auf öffentlichem Platze auch der Katholik nicht gezwungen werden. Da sollten sich doch die Leute zusammentun und gemeinsam fragen, wer ihnen das gebieten kann. Da sollten sie doch zeigen, daß der Gläubige freiwillig seine Ehrenbezeugung macht, aber nicht gezwungen, daß eine erzwungene Zeremonie den Teufel wert ist, und daß man es nicht so weit kommen lassen darf, als bete man das Sakrament an, aus Furcht vor dem Eingesperrtwerden. Man betet es aus Herzensneigung an, oder gar nicht, ein anderer Grund wäre Gotteslästerung. – Ich blieb stehen und war entschlossen, weder den Hut zu ziehen, noch niederzuknien. Der Priester kam näher. Ein Greis mit schneeweißem Haar. Die Hand, die das Ciborium am Busen barg, zitterte ein wenig. Leicht hob er das Haupt und warf mir mit milden Augen einen angstvollen, bittenden Blick zu. Das Glöcklein läutete an mir vorüber, der Priester wankte heran. Wenn's ein echtes Priesterherz ist, wie muß ihm zu Mute sein bei der Gefahr, daß sein Heiland in der nächsten Sekunde nach seiner Meinung könnte verunehrt werden. Nochmals wandte er sein flehendes Auge nach mir. – Ich zog den Hut vom Kopfe und ließ mich nieder aufs Knie. Der Priester blieb stehen, sein Blick leuchtete wie in Verklärung, er hob das Allerheiligste und segnete mich. In diesem Augenblick ist mir selig gewesen. Es ist mir gewesen, als ob ich ein gutes Werk getan und als ob ich eine Gnade empfangen hätte. Unverläßlichkeit. Ich war stets ein eigensinniger Schriftsteller, der immer nur das schrieb, was er wollte, nie was andere wollten. Vor dreißig Jahren den Leuten zu modern, heute zu altmodisch. So kram' ich auch jetzt aus Urvaters Hausrat ein altes Zeug hervor, das ganz verrostet ist und voll Spinnweben. Die Tugend der Verläßlichkeit. O je. Was ist denn das, Verläßlichkeit, in welchem neuen Wörterbuch ist es denn zu finden? Na, ich meine, so was auf Treue und Glauben geschieht. Glauben? Nicht mehr am Leben, hat sich an dem Haken eines Fragezeichens erhängt. Treue? Haben die Zigeuner gestohlen. Wenn du heute von jemand Verläßlichkeit heischest, so mußt du ihn erst an einen Gesetzparagraphen anschmieden; einen Advokaten dazusetzen und rechts und links zwei Gendarmen postieren. Die moderne Verläßlichkeit läuft wie eine Strolchin herum in allen Weiten, nur das Muß treibt sie an ihren Platz. Unser Geschäftsmann – bitte! ich meine nur, die ich meine; die anderen meine ich nicht – doch, derselbige, der gewisse Geschäftsmann kann das Versprechen und Beteuern so gut, daß man – sechs Mal angeführt, das siebente Mal wieder aufsitzt. »Wer sich auf ihn verläßt, ist verlassen genug.« So fest kann man auf ihn bauen. Allerdings, die Schneider waren unverläßlich schon bei Erschaffung der Welt. Waren sie – wie sie jedenfalls versprochen – schon in der ersten Woche gekommen, so würde nie das Feigenblatt aufgekommen sein. Da wurde man gewitzigt. Sagen die Schneider zu ihrem Ster-Kunden: »Am Montag kommen wir!« so erwartet man sie erst in vierzehn Tagen. Und kaum hat man sich an diese Regel gewöhnt, kommen sie plötzlich einmal wirklich am versprochenen »nächsten Montag«. Nicht einmal auf ihre Unverläßlichkeit ist ein Verlaß. Allein – um ernsthaft zu sein und später zornig zu werden – die Unverläßlichkeit, die sich früher fast nur auf das Nichteinhalten der Zeit bezog, hat sich in unseren Tagen nach allen Richtungen des Geschäftslebens ausgebreitet, hat – nebenbei gesagt – sogar tief eingerissen in die Kreise professioneller Ehrenmänner, das heißt, solcher Kavaliere, deren Hauptberuf es ist, ihre Ehre mit Säbeln oder Pistolen zu verteidigen. Nichts ist auch von solchen billiger zu haben als eine Versicherung. – Der Maurer gibt sein Ehrenwort für den unmöglichen Arbeitstermin, der Tischler für einen schlechten Kasten, der Kaufmann für gefälschte Ware, der Baron aber für ein Darlehen, an das er sich nie wieder erinnert. Durchaus vorurteilslos wird das Ehrenwort – gebrochen. Einmal wollte ich ein Buch für ein Hochzeitsgeschenk binden lassen. Der Buchbinder wurde gleich hochnotpeinlich befragt, ob er wohl ganz sicher sei, die Arbeit rechtzeitig machen zu können, sonst müßte ich einen andern Buchbinder suchen. Der Mann tat mehr, als ich verlangte. Mit treuherzigen Augen blickte er mich rührend an, hob den rechten Arm, streckte drei Finger und schwur einen Eid, das Buch am Vorabende der Hochzeit fertig zu haben. Der Tag kam, das Buch war richtig – nicht fertig. Es sei ein Kreuz mit den Gehilfen, lauter Sozialdemokraten! »Und der Eid?« fragte ich. »Welcher Eid?« fragte der Meister und setzte, sich besinnend, dazu: »Ach, ja so! Lieber Gott, das war doch kein Eid gewesen, es hatten keine Kerzen dabei gebrannt.« Ja, ja – treuherzige Augen sind gut, aber ein auf Nichteinhalten gesetztes Pönale ist besser. Hast du eine größere Arbeit ohne vorher vereinbarte Kosten machen lassen, dann wird sie deine hochgespannte Erwartung übertreffen – die Rechnung nämlich. Wenn du dem Mann davon fünfzig Prozent abziehst, so kann er dich darob nicht einmal bei Gericht verklagen, seinen bürgerlichen Gewinn hat er wohl immerhin noch. Für die Haltbarkeit oder Ersprießlichkeit der Arbeit hat der Mann vielleicht zehnjährige Garantie geleistet. Schon im zweiten Jahre fällt vom neuen Hause der Verputz, im vierten das Gesims herab. Was gehe das den Baumeister an, was könne er für Wetterschäden! Wird das Angefriemte nicht nach vereinbarter Weise hergestellt, dann ist der Mann nicht verlegen. Da war der Stoff nicht vorrätig, der mußte erst bestellt werden. Regen hat die Arbeit aufgehalten. Ein Arbeiter ist krank geworden, der Ersatzmann hatte eine andere Art zu arbeiten und dergleichen. Waren verschiedene Handwerker an einer schlecht gemachten Arbeit beschäftigt, so redet sich einer auf den andern aus. Kurz, Ausreden stehen so viele in Bereitschaft, als früher Versicherungen. Zum Donnerwetter! Hat der Gewerbsmann bei den Verpflichtungen, die er übernimmt, nicht schon im voraus Zufälle und Hindernisse miteinzurechnen, weil sie ja stets in irgend einer Weise vorzukommen pflegen?! Ach nein, der Tischler weiß recht gut, daß er den innerhalb acht Tagen versprochenen Schrank nicht werde liefern können, er will den Kunden nur einmal an sich hängen, damit der zu keinem andern Tischler geht. Er denkt weniger an die Befriedigung des Kunden als an die Übervorteilung des Konkurrenten. Darf man's ohne weiteres wagen, eine Roßhaarmatratze zum Ausbessern aus dem Hause zu geben, oder einen Diamantring dem erstbesten Goldarbeiter anzuvertrauen? Anstatt Roßhaare kann Seegras zurückkommen, und der Ring mit einem falschen Auge. Doch heute meine ich ja nicht die ausgemachten Spitzbuben, sondern die braven, biederen Leute, die dich positiv – betrügen. Ein Gärtner rechnet dir zehn Tagwerke an, während er – deine Abwesenheit benützend – kaum zehn halbe Tage in deinem Garten gearbeitet, die andere Hälfte der Tage vielleicht für den Garten eines Nachbars verwendet hat, um auch diesem zehn ganze Tagwerke anzurechnen. Bei den Maurern weiß man's, daß ihnen ihr Tabakszeug tagsüber weit mehr zu schaffen gibt als Kelle und Hammer. Diese deutschen Herren von Stein dürfen sich wahrlich nicht wundern, wenn man die fleißigen italienischen Arbeiter ihnen vorzieht. Dann die lieben Zimmerleute. Ich hatte einmal zwei Zimmerleute, die im Taglohn arbeiteten und die, wenn sie sich unbeachtet glaubten, sich auf einen Balken ihrer Zimmerung setzten und – Strümpfe strickten! Habe ich eines Tages mehrere Freunde eingeladen, um die Zimmerleute anzuschleichen und durch die Wandfuge zu beobachten, wie die großen Lackeln gleich alten Weiblein ihre Winterstrümpfe strickten und dabei nicht schlecht tratschten. Als sie hernach am Samstag zur Auszahlung erschienen, habe ich bloß die Auslieferung der Socken verlangt. Einen rotbärtigen Schuster kannte ich, der war so schrecklich deutschnational, daß er vor lauter Politisieren, Agitieren und Biertrinken seines Handwerks völlig vergaß. Dem schrieb jemand auf seinen Knieriemen: »Ein Schuster, der gute Stiefel macht, leistet für seine Nation mehr als der nationale Schwadronär!« Wochenlang stand das Verslein auf dem Riemen, bevor es der Meister bemerkte. – Verläßlich im Erscheinen sind unsere Kleinbürger nur beim Biertisch, und zuverlässig ist auch ihr darauffolgender Ruin. Und damit berühre ich die ernsteste Seite meines Gegenstandes. Die Unverläßlichkeit und Untüchtigkeit unserer Gewerbetreibenden ist nicht allein Mitursache daran, daß das Kleingewerbe zu grunde geht, sie schädigt die bürgerliche Leistungsfähigkeit überhaupt und damit die Nation. Alle Welt zieht es vor, bei internationalen Großunternehmungen ihren Bedarf zu decken, weil es damit immerhin noch sicherer steht, als wenn man sich auf unsere braven Handwerker verläßt. »Doch – man muß gerecht sein,« sagte der Flickschneider, da stahl er nicht bloß von der Hose, sondern auch von der Jacke die übriggebliebenen Flecken. Alles hat zwei Seiten. Vielleicht sind gerade die vorausgegangene gesetzliche Schädigung des Kleingewerbes, die wahnsinnige Konkurrenz, die dadurch notwendig gewordenen Finten und Winkelzüge Hauptursachen des moralischen Verfalls. Es kann schon sein. Schlechte Zeiten machen immer Lumpen. Was begründet zwar die Sache, rechtfertigt sie aber nicht. Das einmal gegebene Wort darf niemals unter fremden Händen verbleiben, wo es leicht geohrfeigt wird. Es muß eingelöst werden um jeden Preis. Es muß eingelöst werden, auch wenn es nicht gerade ans Papier genagelt gesetzlich faßbar ist. Es wird ja niemand zu einem Versprechen gezwungen. Wer's tut, der legt damit seine Ehre freiwillig aufs Brett. Vorsichtig im Versprechen, streng im Halten. Man kann trotz allem immer noch finden, daß diese Geschäftspraxis sich rentiert. So viel von der Unverläßlichkeit der Geschäftsleute. Und die der Kunden? Ich erinnere vor allem an die Unsitte des Schuldigbleibens. Oft im Sinne Eulenspiegels, der stets so gründlich schuldig blieb, daß er niemals zahlte. Ich rede nicht von solchen Kunden, die beim Gewerbsmann, beim Kaufmann nicht zahlen können, also schuldig bleiben müssen , falls sie überhaupt etwas geborgt bekommen. Freilich steht es so, daß man gerade solchen nichts borgen will, die kein Geld haben, jenen aber mit der größten Bereitwilligkeit, die heute so gut oder besser zahlen könnten als in einem Jahre, wo sie ihr Vermögen vielleicht verschwendet, verspielt, im Sport vertan haben. Die Geschäftsleute glauben mit solchem Borgen ihre noblen Kunden leichter zu größeren Einkäufen zu verlocken – die brauchen ja nicht gleich bezahlt zu werden. Wer nicht bezahlt, dem sind auch die überhaltenen Preise nicht empfindlich. So spekuliert der Kaufmann, läßt den »ordinären« Mann, der das Geld schon in der Hand hält, unbedient im Winkel stehen und schwänzelt entzückend artig um die Frau Gräfin herum, die fort und fort Einkäufe macht und nicht ein Wörtchen vom Zahlen sagt. Ist es nicht edel von dem Mann, dem Adel die gebührende Achtung zu erweisen und den Mammon zu verachten? Hohe Herrschaften wollen eben niemals an ihre Pflichten erinnert werden. Pflichten zu haben ist plebejisch. – Nein, sich stets auf Rechnung schreiben lassen und um die Rechnung sich nie kümmern, das mag nach anderer Auffassung nobel sein, nach meiner Meinung ist es lumpig. Ich halte es vielmehr für vornehm, möglichst niemandem etwas schuldig zu bleiben, will mit jedermann an jedem Tage quitt sein, und jeder Geschäftsmann ärgert mich, der mit Zustellung der Rechnung säumt. Wie auch kann ich von meinem Kaufmann, von meinem Schneider verlangen, daß er mir unverzinst Geld leihe? Darf er, aber, ohne mir's zu sagen, Zinsen berechnen? Kurz, das hinhängende Schuldigbleiben des Kunden hat etwas Faules. In dieses Kapitel gehört auch die Unpünktlichkeit im Gesellschaftsleben, das trotz Zusagen gleichgültige Sichgehenlassen. Wenn Pünktlichkeit eine Eigenschaft der Großen ist, dann finde ich nicht, daß wir an Größenwahn leiden. Wir versprechen zu bestimmter Stunde einen Besuch und erscheinen nicht. Wir laden einen Besuch ein, und wenn er kommt, sind wir nicht zu Hause. Eine briefliche Nachricht wird zugesagt, sie trifft nicht ein. Die Sendung eines Buches wird versprochen, man vergißt darauf. Ein Buch wird entlehnt, man stellt es nicht zurück. Einen Regenschirm hat man ausgeborgt und weiß nicht mehr, bei wem. Das sind kleine Schlampereien, wachsen sich aber leicht aus zur Pflichtvergessenheit im großen. Verläßlichkeit ist ein schlichtes Wort, doch enthält es fast alles, was wir unter Rechtschaffenheit verstehen. Der Mann, er mag noch so ungebunden sein, darf nie vergessen, daß ein hoher Herr über ihm steht – sein eigenes gegebenes Wort. Studenten und Kavaliere besitzen nebst diesem Worte allerdings noch ein »Ehrenwort«. Doch ein Mensch, der viel mit seinem »Ehrenwort« arbeitet, beweist, daß sein Manneswort nicht verläßlich ist. Zwei redliche Finder. Eine mir nahestehende Frau hatte einen Ring verloren, der ihr sehr teuer war. Sie ließ den Verlust in den Zeitungen verkünden und gab dem redlichen Finder ihr Haus an. Am nächsten Tage schon hatte der redliche Finder sich eingestellt. Es war ein gesprächiger Warenausträger, er bat zuerst mit untertäniger Artigkeit, den Ring zu kennzeichnen. Es geschah, es stimmte, und er folgte das Kleinod aus. Während die Frau ins Nebenzimmer ging, um ohnehin die Börse zu holen, rief er ihr erregt nach: »Ich bekomme meinen Finderlohn!« »Wie viel glauben Sie denn beanspruchen zu dürfen?« fragte die Eigentümerin, »ich denke Ihnen fünfzehn Gulden zu geben, weil man seltene Ehrlichkeit besonders achten muß. Der Ring hat nur für mich als ein Andenken besonderen Wert«. »Meine Gnädigste!« antwortete er, »der Ring hat einen Edelstein an sich, obschon allerdings der Wert nicht so groß ist, als ich mir anfangs gedacht; zweihundert Gulden, sagte der Goldarbeiter; denn ich war schon bei einem Goldarbeiter, um den Ring schätzen zu lassen. Will nichts damit gesagt haben, meine Gnädigste, doch bei manchen Herrschaften muß man Nummer sicher gehen. Zweihundert Gulden aufs allermindeste, sagte der Goldarbeiter.« »Es freut mich,« versetzte lächelnd die Frau, »daß ich einen so wertvollen Ring besitze und so bitte ich diese zwanzig Gulden hier zu sich zu nehmen.« »Ich küss' die Hand, Allergnädigste«, sagte der Überbringer gesprächig, »ich küss' die Hand. Sehen Sie, wegen diesem Ring hab' ich heute die ganze Nacht nicht geschlafen. Was machst du damit? habe ich mir gesagt, trägst du ihn auf dem Finger, so wird dich dein Chef fragen, woher der wertvolle Ring? Sage ich, daß ich ihn gefunden hätte, so wird es heißen: zurückgeben. In der Zeitung hat man's auch gelesen. Dann ist er für meine Finger obendrein zu klein. Will ich ihn verkaufen, so wird man wieder wissen wollen, woher ich ihn habe. Und hebe ich ihn auf, so kann's später Unannehmlichkeiten geben. Übrigens ist der Wert ja nicht bedeutend. In Gottesnamen, hab' ich mir gedacht, gibst ihn zurück, bleibst ehrlich. – Ich küss' die Hand, Euer Gnaden.« Und mit Bücklingen davon. Gewiß ein redlicher Mann, der so aufrichtig und harmlos eingesteht, daß er eigentlich doch ein Spitzbub ist. – Vor einiger Zeit verlor eine arme alte Frau alles, was sie hatte. Ihr einziger Sohn, ihr Trost und Ernährer, war plötzlich gestorben und hatte ein Vermögen von hundertfünfzig Gulden hinterlassen. Als die Mutter dieses Geld in die Sparkasse tragen wollte, und unterwegs verschiedene Kleinigkeiten zu besorgen hatte, verlor sie unterwegs das Geld. Sie war eine Bettlerin, aber nicht trostloser, als sie es vorher gewesen. Der Verlust wurde freilich der Polizei angemeldet, in den Zeitungen angezeigt, aber die alte Frau »machte das Kreuz« über dieses Geld und meinte, wie sie die Welt kenne, sei von einem Wiederbekommen wohl keine Rede. Als sie am nächsten Tage von einem Gang in ihre Wohnung zurückkam, erzählte ihre Zimmergenossin, daß ein alter Mann dagewesen sei und ein kleines Paket für sie abgegeben habe. In diesem Paket war das verlorene Geld. »Wer ist es denn!« fragte die Frau, ganz erregt über dieses ungeahnte Glück. »Er hat nichts gesagt,« antwortete die andere, »er ist nur bis an die Tür gekommen und gleich wieder fortgegangen. Vom Sehen aus mögen Sie ihn wohl kennen, es ist der Greis mit dem langen weißen Haar, der manchmal vor dem Herzogdenkmale sitzt, wo ihm bisweilen jemand eine kleine Gabe zuwendet, obschon er nicht bettelt.« »Aber mein Gott, er hat ja von mir den Finderlohn zu bekommen! Hat er denn nichts gesagt, wo er wohnt, oder wann er ihn holen will?« »Er hat gar nichts gesagt, als, ob hier die Frau N. N. wohne, und daß er diese Sache abzugeben habe, welche er auf der Gasse gefunden hätte.« Die Frau eilte sofort zum Herzogdenkmal, ob er nicht etwa dort sitze. Dort saß er nicht. Sie ging am nächsten Tage wieder hin, sie erkundigte sich an mehreren Orten nach dem Greise, aber es war nichts Rechtes zu erfahren. Eine Hökerin, bei der er sich manchmal einen Wecken gekauft hatte, gab endlich eine Adresse an, im sechsten Stock eines fünfstöckigen Zinshauses. Die Frau ging durch das Tor, durch die Höfe, über dunkle Treppen hinauf bis zu einer Kammer in dem Dache. Die war unversperrt, aber auch leer. Ein dünner, kahler Strohsack war alles, was vorhanden. Die Magd einer Nebenpartei erzählte, der alte Mann wäre am selbigen Vormittage fortgetragen worden in die Leichenkammer. Er sei am Morgen in seiner Kammer tot gefunden worden. In der Leichenkammer war er aber auch nicht mehr zu finden. Die Ärzte hatten ihn auf ihren Seziertisch bringen lassen und dann konstatiert, daß dieser Mann verhungert sei. Verhungert, während er seinen Fund der armen Verlustträgerin mit Verzicht auf den Lohn der Ehrlichkeit zurückgegeben hatte. Verschwendung und Geiz. Leuten, die »unsterblich« werden sollen, verzeiht man nicht, wenn sie – leben wollen. Die Deutschen werden ganz aufgeregt, wenn sie hören, daß z. B. ein Künstler für seine Werke auch bezahlt sein wolle. »Künstler dürfen nicht nach Geld streben, sie müssen Idealisten sein.« Daß der Idealismus nicht sowohl in Verzichtleistung auf das Geld sich ausdrückt, sondern vielmehr in dessen richtiger Verwertung, so weit denkt niemand. Der Idealist allein vermag dem Gelde moralischen Wert und ideale Bedeutung beizulegen. Nur ein Beispiel. Das größte gesellschaftliche Gut des Künstlers, des Schriftstellers, ist die Unabhängigkeit, und diese wird am sichersten erreicht durch eigenen Erwerb. Von »Genies« ist man gewöhnt, daß sie Verschwender seien, das – meint man – gehöre zum hohen Schwunge ihrer Genialität. Laß es aber einmal darauf ankommen, o Genie! Solange du das Geld zum Fenster hinausstreuest, bist du ein großer, flotter Geist, sobald du nachher betteln mußt, bist du ein Lump. Wer das Recht, zu leben, beansprucht, der hat die Pflicht, zu sparen. Sind seine Bedürfnisse einfach, und das setze ich bei einem wirklich gebildeten Geiste voraus, und ist seine Haushaltung vernünftig, so wird es nicht schwer fallen, bei auch nur bescheidener materieller Verwertung seiner Talente sich die Existenz zu sichern. Von diesem Standpunkte aus wäre das folgende zu betrachten. Es handelt auch vom Idealismus, aber von was für einem! Saßen eines Tages in einem Wiener Kaffeehause mehrere junge Idealisten. Sie sprachen von ihrem Ideal – dem Gelde. Einer von ihnen war Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresliterat, er schrieb für Journale, Wochenblätter, Monatsschriften und Kalender; für die Unsterblichkeit schrieb er nicht, weil die schlecht honoriert. Dieser Mann hatte die Bemerkung gemacht, am liebsten schriebe er duftige Novellen: Düngerduft, Moderduft, armer Leute Dunst reize ihn, aber die dummen Leute nennten das Gestank und kauften nichts. So schriebe er, was verlangt werde, über alles, für alle – denn er brauche Geld. Er sei an das Wohlleben der Großstadt gewöhnt, sei willens,, die Welt auszutrinken, solange er noch Lebensdurst habe, und das koste ihn jährlich sechzehntausend Gulden. »Also Sie liefern auf Bestellung,« versetzte ein Zweiter, »und wohl auch Parteistandpunkte, Weltanschauungen und dergleichen.« »Für Geld Weltanschauungen, meinen Sie?« sagte der eine und tat einen guten Zug, denn sie tranken Sekt. »Parteistandpunkt! Das ist auch so eine moderne Phrase, die sehr schön klingt und nichts sagt. Weltanschauung! Schönen Dank. Das mag was sein für Diogenesse und Klosterbrüder, ich schaue die Welt nicht an, ich genieße sie.« Sein Aussehen war übrigens nicht besonders genußlustig, eher abgespannt, blasiert. In der kleinen Gesellschaft saß auch ein lyrischer Dichter, der bisher mit Hilfe aller Götter des Olymps Frühling, Mond, Sehnsucht und Liebe besungen hatte; der erklärte nun, er werde ein Theaterstück schreiben, das trage Geld. Ein anderer, der ein mittelalterliches Epos geschrieben und einen antiken Weltweisen übersetzt hatte, gestand ein, daß seine bisherige Tätigkeit ihn nicht mehr befriedige, seine Freude sei vielmehr Leben und Verkehr und er habe vor, einen möglichst schwunghaften Knoppernhandel zu eröffnen, an Knoppern sei schon mancher reich geworden. Daneben saß ein berühmter Mime von der »Burg,« der in ein Blatt Papier vertieft war. Studierte er etwa die Rolle eines Grillparzer'schen Stückes? Den Kurszettel studierte er. Der Mann spekulierte nicht mehr auf den Beifall des Publikums, sondern auf Hausse und Baisse. Und jeder dieser Idealisten war von seinem Ideal durchdrungen. An der Tafelrunde befand sich auch ein Poet aus der Provinz. Das war erst der richtige. Statt Sekt trank er Schokolade, statt Havannas zu rauchen, knusperte er Butterkipflein. Und wurde dabei ganz vorlaut. »Meine Herren,« sagte er, »in Geldsachen machen Sie! Aber von Geldsachen verstehen Sie nichts. Sie wollen Geld haben.« »Nein, nein, wir wollen nicht Geld haben, wir wollen Geld ausgeben!« So unterbrach ihn der Sechzehnttausendsassa. »Aber natürlich nicht einpökeln!« lachte der Provinzler. »Freilich ausgeben. Nur sind die Herren sehr schlechte Kaufleute, sie schaffen für gutes Geld lauter schlimme Sachen an, lauter imitierte Freuden, lauter Talmiglück – O, bitte! Sie kaufen sich um schweres Geld Nervosität, Unlust, Krankheit, Ekel. Ihre Schönheit kaufen sie beim Schneider, ihre Liebe im Bordell. Aus ihrer Wohnung hat der Luxus die Bequemlichkeit vertrieben, der Prunk die Gemütlichkeit. Vor lauter Weltgenüssen haben sie keine Zeit, sich selbst zu genießen, die natürlichen Fähigkeiten zu betätigen, die Harmonie des Lebens zu empfinden, ohne Hetze und Gier heitere Daseinsfreude zu fühlen.« Der knoppernlustige Epiker drehte sich eine Zigarette und sagte nur schmunzelnd: »Eine ganz niedliche Feuilletonplauderei für die Fastenzeit, die Zeile zu sechs Kreuzern.« »Ich gebe nichts dafür,« sagte der theaterbeflissene Lyriker. »Solche Sachen waren einst genießbar, und zwar nur in fünffüßigen Jamben.« Der Sechzehnender wollte dem naseweisen Provinzler noch eins versetzen: »Na und was kaufen denn Sie sich mit Ihrem Geld?« »Nahrung, Kleider, Wohnung –« »Au!« unterbrachen sie ihn, »derlei bekommt man ja auf Pump!« »Auch Bücher, Reisen,« berichtete der Provinzler. »Und was etwa noch übrig bleiben sollte – entschuldigen Sie, meine Herren, das triviale Wort – das lege ich in die Sparkasse.« »Wie? Wohin legen Sie es?« fragte der Sechzehner. »In die Sparkasse,« wiederholte der Provinzler. Der andere beugte sich vor, legte die Hand ans Ohr und näselte: »Ich verstehe immer: Sparkasse! Was ist denn das?« Der Provinzler war gerichtet. Der Mime fühlte noch ein menschlich Rühren, er wollte ihm aus dem Traume helfen. So rief er ganz erregt: »Die lumpigen vier Prozente der Sparkasse! So kaufen Sie sich doch Papiere, da gewinnen Sie das Drei- und Vierfache!« Der Provinzler kam sich in diesem Augenblicke sehr klein vor. An Prozente hatte er eigentlich noch nie gedacht, war bloß froh gewesen, sein Ersparnis in gutem Gewahrsam zu wissen. »In die Sparkasse!« lachten sie, »so sieht ein Poet aus der Provinz aus!« »Ich habe mir,« fuhr dieser ganz dreist fort, »auch etwas Besonderes angeschafft, die persönliche Freiheit, die Unabhängigkeit. Keines Menschen Knecht zu sein! Eine Wonne, nicht nach Gunst und Beifall streben zu müssen, als Schriftsteller ganz nur seine eigene Natur ausleben zu dürfen! Ein ganzer Mensch sein zu können. Endlich auch Garantie auf ein sorgloses Alter, wenn's so weit kommt. Die Leute zollen uns Poeten Gunst und Beifall nur, solange wir ihnen recht sind und nichts kosten. Da finden sie es sogar großartig, wenn der Poet das Geld auf die Straße wirft, – damit sie es aufheben können. Kommt jedoch die Zeit, da sie ihm Almosen geben müssen, dann hört die Begeisterung für seinen Idealismus auf. Er hätte sparen sollen! Er hätte sich bei seinen Fähigkeiten schon was zurücklegen können! Er hat für sich selbst nicht gedacht und nun sollen andere für ihn denken! Jeder hat für sich zu sorgen und der Herr soll von seinem Idealismus jetzt nur etwas herabbeißen.« »Wenn es mir einmal so schlecht geht,« sagte der mit den sechzehntausend Gulden Jahreseinkommen, »dann halte ich mich eben an mein Ideal.« »Und welches Ideal ist das?« »Die Bleikugel.« »Die Bleikugel ist vielleicht der beliebte Schlußpunkt für verlorene Ehre oder dergleichen, aber nicht für Armut«, sagte der Provinzler. »Ich glaube nicht, daß es ungereimt ist, wenn der Poet so viel Stolz hat, daß er niemandem zur Last fallen will. Dieser Stolz vermehrt die Poesie des Daseins. Die Unabhängigkeit des Dichters wird ohnehin selten genug erreicht. Es darf ihm nur passieren, sich zu verlieben – und bei Poeten ist das gar nicht ausgeschlossen – und die Geliebte zu heiraten – mein Gott, das kann bei den anständigsten Leuten vorkommen –, und die Sorge ist da. Nirgends kehrt der Storch lieber und häufiger ein als bei Poeten, nirgends findet er auch eine willigere Aufnahme.« »Das ist Luxus,« rief der knoppernde Epiker, »den ich mir nicht leisten möchte. Zum Kuckuck! Der Dichter muß die Liebe nur an der Honigseite genießen, die andere soll er den Philistern überlassen, verstehen Sie mich? Es gibt Ehepaare, die der Poesie eine gewisse Loyalität entgegenbringen, verstehen Sie mich?« »Auch wenn Sie weniger deutlich wären; es ist kinderleicht zu verstehen«, meinte lachend der Provinzler, »na, zu solcher Poesie braucht man freilich keine Sparkasse. Aber, meine Herren, ich bitte schon um Entschuldigung, ich bleibe beim alten Philisterbrauch. Ein einfaches Haus, ein treues Weib, recht viele Kinder –: Das ist doch ein unschuldiges Vergnügen.« »Und ein kostspieliges!« lachte der Sechzehntausendsapperment. »Kaum ein Dritteil so kostspielig als das Ihrige, von dem ich zwar nichts kenne als den hohen Preis.« »Ja wohl,« sprach der Mime mit seiner schönen Stimme, »die Preise sind hoch und Geld ist ein Unglück, wenn man keins hat.« »Und noch ein größeres für den, der davon zu viel hat,« entgegnete der allezeit einfältige Provinzler. »Bei den Armen sehe ich den Segen des Geldes, bei den Reichen dessen Fluch. Das Geld richtet sich ganz nach der Hand, in der es liegt, wirkt in dem Sinn des Besitzers Gutes oder Schlechtes. Nach der gegenwärtigen Welteinrichtung ist das Geld eben unser sechster Sinn geworden und unsere praktische Güte. Was nützt dem Menschen sein Mitleid, wenn er kein Geld hat, um es zu betätigen? Was nützt dem Mann seine Genialität, wenn er keine Mittel hat, sie zu realisieren! Im Besitze des Strebenden wird das Geld zur Kraft, im Besitze des Edlen zur Tugend –.« »Und bei mir wird es bloß rasch zum Eigentum eines anderen,« lachte der Sechzehntausender, »mir macht es eben Spaß, das Geld unter die Leute zu werfen, das ist so flott, so chevaleresk. Und es erwirbt sich spielend wieder.« »Natürlich, wer für Geld zu haben ist, für den ist auch Geld zu haben.« »Altvaterslogik, Provinzlermoral!« warf der Epiker leicht hin, von seiner Zigarre die Asche an der Tischecke abstreifend. »Sie ist sehr hinderlich, meine Herren, diese Provinzlermoral,« sagte der einfältige Poet. »Man bringt's damit zu nichts Erklecklichem. Was ein Mensch sich verdienen kann, das führt durch langjährigen Fleiß höchstens zur bürgerlichen Wohlhabenheit. Reich macht nicht das Verdienen, sondern das Gewinnen. Gewinnen kann nur einer, der spielt, das Spiel aber ist lumpig. – Ich denke, der Besitz eines Menschen muß im Verhältnisse stehen zu seiner Persönlichkeit, sonst pflegt es schief zu gehen. Was er durch persönliche Fähigkeit und Arbeit erwirbt oder erworben hat, das ist ihm angemessen und ersprießlich. Das Weniger macht ihn mangelhaft, das Mehr bringt ihn leicht aus dem Gleichgewicht. Ich halte es nicht für sittlich, auf das, was einem gebührt, großmütig zu verzichten, um dann auf Wohltaten anderer angewiesen zu sein. Jeder bestehe stramm auf dem vollen Lohn seines Verdienstes und richte es sich so ein, damit auszukommen.« »Ganz hübsche Grundsätze eigentlich,« sagte nun der Sechzehntausender, »aber so fleischlos, so platonisch – und derlei ist mir zuwider.« »Ich habe mir aus dem Erfolg dieser platonischen Grundsätze ein Haus gebaut,« gestand der Provinzler. »Was, ein Haus?« rief der Lyriker; »ja, kann man sich denn überhaupt so viel ersparen?« »Dichterphantasie,« warf der Sechzehntausender hin. Zu diesem wendete sich nun der Provinzler. »Gestatten nun auch Sie mir eine Frage. Seit wie lange nehmen Sie schon Ihre Sechzehntausend ein?« »Was weiß ich? Seit zehn oder fünfzehn Jahren. Früher hatte ich mehr. Bin nämlich der Sohn eines großen Handlungshauses. Umgeworfen. Mußte trachten, meinen Unterhalt kümmerlich zu verdienen. Zum Glück Protektion.« »Wenn Sie das Überflüssige Ihres kümmerlichen Verdienstes allemal in die Sparkasse gelegt hätten, so könnten Sie jetzt ein Ringstraßenpalais kaufen.« Der Sechzehntausender war auf einmal zerstreut geworden. »Der fatale Marqueur!« murmelte er, auf diesen hinlugend, »dieser argwöhnische Blick! Er scheint mich nicht zu kennen.« »Vielleicht das Gegenteil,« scherzte der Mime. »Faule Witze. Pumpen Sie mir lieber.« Der Provinzler war mittlerweile ganz niederträchtig geworden. »Pumpen möchte ich Ihnen nichts,« sagte er, »verkaufen Sie ein bißchen Charakter!« »Charakter? Wenn noch davon vorhanden, sehr gern.« »Da hier! Da liegen fünf Gulden. Eine horrende Summe. Sie gehört Ihnen, wenn Sie jetzt auf der Stelle etwas behaupten, wovon Sie nicht überzeugt sind!« »Pah, überzeugt sein!« rief der Sechzehntausender hitzig, »Überzeugung, das ist auch so ein hohles Schlagwort. Meine Überzeugung ist, daß der befrackte Kerl dort einen Spektakel anrichtet, wenn ich die drei Flaschen Röderer und die Zigarren nicht bezahle. Die fünf Gulden des Bruders in Apollo dürften zu wenig sein, doch ich nehme sie.« »Diese fünf Gulden, lieber Meister,« sagte der Provinzler, »sollen nur eine kleine Erkenntlichkeit sein für das Vergnügen, das Sie mir bereiten, wenn Sie zugeben, daß Sie ein Lump sind.« Der andere stutzte einen Augenblick, dann lächelte er gutmütig und murmelte in den Tisch hinein: »Lump! Es dürfte stimmen. Auch Erzlump – aber dafür müssen Sie zehn Gulden geben.« »Lassen wir die Torheiten, meine Herren,« sagte nun der Mime mit der schönen Baßstimme. »Die Zeche ist bezahlt. Färben wir uns nicht noch schwärzer, wir sind schwarz genug. Der Herr Kollege aus der Provinz verzeihe schon: es ist in der Großstadt nicht alles Korruption, was nach Lumpen riecht, und es ist in der Provinz nicht alles Idylle, was zwischen Veilchen steht. Geld regiert und ziert und verführt die Welt dort wie hier. Geld ist Blut, und ohne Blut kann man nicht leben. Blut arm zu sein, ist kaum schlimmer, als blut arm zu sein. Gottlob, der Herzschlag der Börse ist frisch, Lombarden stehen auf hundertundvierzig.« »Sapperlot!« rief der Provinzler, »der Puls geht hoch. Fieber! Delirium!« Dieses Gespräch hat mich damals nachdenklich gemacht. Wäre ich jener Provinzler gewesen, ich hätte mir wahrscheinlich dasselbe gedacht wie er. Aber gesagt hätte ich's nicht. Zwischen den übermütigen Großstadtgeistern nahm es sich doch gar zu altväterisch aus. Jetzt, gegenüber dem ernsthaften Leser, kann ich die Sache weiter spinnen. Das Geld selbst, dächte ich, ist nicht so schlimm, wohl aber manche Folgen des Geldbesitzes: den Verschwender haben wir gesehen; wirft er den glänzenden Mantel ab, dann armer Schlucker. Doch ist das Gegenteil von Verschwendung besser? Ist der Geiz nicht etwa noch schlimmer? Prüfen wir ein wenig. In der Künstlerwelt dürfte der Geiz schwerlich seinen richtigen Typus finden, da müssen wir schon ins allgemeinere ausschauen. Es gibt manche Erscheinungen der menschlichen Seele, die nicht zu verstehen sind, Laster, an denen man keinen Grund und Zweck sieht; sie bringen nichts als Leiden, sind die Urheber unendlicher Widerwärtigkeiten; wir hassen sie, und doch neigen wir zu ihnen hin, und doch geben wir uns ihnen gefangen und schauen gleichsam mit Wollust unserem Unterliegen und Untergange zu. Von den unbegreiflichen das unbegreiflichste Laster ist der Geiz: es ist, wenn schon nicht das schlimmste, so gewiß das dümmste. Jedes andere bietet mehr oder minder einen sinnlichen Genuß; selbst den gierigen Haß, den heißen Zorn nehme ich nicht aus, sie hitzen das Blut, sie geben der Seele eine dramatische Bewegung. Der Geiz jedoch bringt nur temperamentloses Hinbrüten, Entbehrung, Sorgen, Angst, mehr als die tiefste Armut es vermag. Es gibt Leute, die, solange sie nur wenig Geld haben, zum Genießen aufgelegt, ja Verschwender sind. Kommen sie zu viel Geld, so werden sie geizig und fangen an, sich alles zu versagen. Das erste ist zu verstehen, Geldarmut benimmt den Mut, zu sparen; was der Tag bringt, soll des Tages eigen sein, man lernt, nichts zu haben und doch zu leben. Warum aber will der Reiche noch reicher sein? Warum wird es ihm so schwer, ein weniges von seinem Gelde wegzunehmen? Warum fürchtet er sich so sehr vor der Armut, da er doch so gründlich vor ihr gesichert ist, oder vielmehr, da er als Geizkragen doch ohnehin so tief in Armut lebt, keine Bedürfnisse hat und sich so kindisch wohl fühlt in Entsagung? Ist die wirkliche Armut denn noch schlimmer? Seine größte Pein ist gerade das, was er am leichtesten tun könnte: das Geben. Aber nicht etwa, weil er anderen die Sache nicht gönnte, als vielmehr, weil er sich von ihr nicht trennen kann. Man könnte in der Tat sagen, der Groschen Almosen, den der reiche Geizige gibt, ist verdienstlicher als der, den der Arme reicht, denn der Geizige tut es mit weit größerer Selbstüberwindung. Ein alter kinderloser Mann ist Besitzer von vielen hunderttausend Gulden, er hütet das Geld wie seinen Augapfel, ja noch weit sorgfältiger. Man kennt ja die Geschichte von jenem Harpagon, der sich den Star nur an einem Auge stechen ließ, um bei dem zweiten, das ja reiner Luxus ist, das Operationshonorar zu ersparen. Ein Spaßvogel sagte: Der Geizige nimmt nichts und seine größte Freude ist das Geben; er nimmt nichts von seinem Gelde und gibt immer nur dazu. Warum? Fürchtet er denn, daß er einmal könnte darben müssen? Darben muß er ja aber jetzt schon, weil er sich nichts gönnt. Will er sein Gut im hohen Alter verzehren? Wie alt will er denn werden? Sieht er nicht jeden Tag die Leute dahinsterben zur Rechten und zur Linken, und wie sie ihr Gut und Geld verlassen müssen, wie die Erben darum raufen, den Erblasser verlachen, vielleicht gar verfluchen? Will er denn eine Ausnahme machen und ewig leben und sein Geld ewig sich vermehren sehen? Kaum ertragen kann er den Gedanken, sein Geld könnte einmal zu irgend einem Zweck verwendet werden; es soll immer Geld bleiben und nichts als Geld, es soll immer sein bleiben und nichts als sein, es soll immer wachsen und nichts als wachsen. Wenn es noch Silbertaler oder Dukaten wären, wie in der guten alten Zeit, daß seine dürren Finger wühlen könnten im klingenden Metall, sein Auge sich freuen könnte an den Gebilden und dem Glanz, – das wäre noch Sinnengenuß. Aber statt dessen hat er heute in seinen Mappen lauter verknitterte, verschmierte Papiere, wovon hundert Stück tatsächlich nicht einen Messingknopf wert sind. Diese Wische sind gar kein Geld, sie sagen dem Besitzer nur, wie viel Geld er irgendwo gut hat, wie viel Vermögen ihm jederzeit zur Verfügung steht. – Vermögen! Wozu! Nur um es zu haben, nur um sich vorstellen zu können: dies und das wäre ich im stande, wenn ich wollte, dies und das könnte ich haben, wenn ich wollte, schaffen, wenn ich wollte! Er will aber nicht. Ihm ist das Haben können lieber als das Haben selber. Der Geizige ist demnach ein ganz idealer Mensch. Für ihn hat das Geld keinen realen Wert, nur einen eingebildeten. Ich aber frage im Ernst: wie kommt ein auch nur halbwegs vernünftiger Mensch dazu, so zu denken und zu fühlen, sich in ein so eminent unpraktisches Verhältnis zu setzen zum Gelde? Wie mag das nur vor sich gehen in so einer armen Seele? Der Mann war arm; gut, er hatte nichts zu verlieren und lebte leidlich anständig; er teilte nur mit fast allen Staubgeborenen den Wunsch nach Geld, dem Bringer aller Genüsse. Ganz recht. Endlich ist das Geld da, natürlich macht ihm die Erfüllung seines Wunsches Freude. Nun kommen Leute, die etwas von ihm haben wollen, geschenkt oder erworben. Ja, zum Satan, wenn er's wieder hergeben soll, wozu hat er's denn bekommen? Dann wäre wieder die alte Geschichte, ja eine schlimmere, denn ein arm gewordener Reicher ist weit schlechter dran, als einer, der den Reichtum nie gesehen hat. Darum muß der Armut jetzt mit doppelter Vorsicht ausgewichen werden. Daß mit dem Besitze die Bedürfnisse zu wachsen pflegen, und zwar in rascherem Schritte, als der Besitz selbst, das hat er auch gehört, also Vorsicht, Vorsicht! Und fest hält er das erraffte Gut zusammen. Geiz ist das Laster des Alters. Es wäre doch verständlicher, wenn die Jugend sparen wollte für die Zukunft, in der sie gewiß sehr viel brauchen wird. Aber nein, der Jüngling genießt, der Mann schafft, der Greis spart. Weil der Greis keine Tatkraft mehr hat, so muß er seine Stütze im Geld suchen. Wer Geld zusammenscharrt, der fühlt sich seiner Tüchtigkeit nicht sicher. Darum ist das Genie im Gefühle seiner Ur- und Überkraft oft so verschwenderisch. Das Genie ist ja so reich, so mächtig, hat so viel Überfluß an Existenzbedingungen, daß ihm das Geld, das Krämermittel, nichtig und verächtlich erscheinen muß. Oder ist beim Geizigen der bei so vielen Leuten mächtig entwickelte Sammelsinn mit im Spiele? Warum soll es nicht auch Münzen- und Banknotensammler geben? Es wäre verständlich. Allein der moderne Geizhals sammelt weder Münzen noch Banknoten; er erwirbt sie zwar, gibt sie aber fort, legt sie auf Zinsen an, sammelt Ziffern, nichts als Ziffern, um daraus eine möglichst hohe Ziffer zu gewinnen. Nach abwärts ist die Vielheit begrenzt, nach aufwärts geht sie ins Unendliche. Der Sparer wird nie fertig, der Geizige kann niemals genug haben. Eine Million! Was ist erst die Einheit der Millionen, es gibt Leute, die deren Hunderte haben! Und immer so fort, – armer Narr, der sich so foppen läßt! Großer Besitz bringt auch noch eine andere Qual: er mehrt die Furcht vor dem Tode. Niemand wünscht unter aller Gebrechlichkeit und Genußlosigkeit so sehr zu leben, wie der Geizige, und niemandes Tod wird heißer ersehnt als der seine. Wenn er bedächte, wie sehr er seinen lieben Verwandten im Wege steht, wie sehr alle Glückwünsche, die zu Neujahr, zum Wiegenfest und zum Namenstage ihm langes Leben zurufen, das Gegenteil bedeuten! Alles kauft der Geizhals sich um sein Geld, nur nichts Gutes; alles erwirbt er damit seinen oft prozessierenden, tückischen Erben, nur nichts Gutes. Vor Jahren lebte in einem Industrieorte Obersteiermarks ein Hammerschmied, der es zu großem Vermögen gebracht hatte. Seine Söhne wollten etwas lernen, der Vater sagte, er hätte auch nicht studiert und wäre doch gut gefahren; sie wollten reisen, das aber kostete Geld; sie mußten daheim bleiben und gleich anderen Schmiedegesellen arbeiten. Die Töchter waren Dienstmägde; die Mutter war's ja auch gewesen, was wollten sie denn anderes? Sie wollten doch anderes. Wissen, wie reich man ist und wie die Zeit genußlos vergeht, das ertragen junge Leute nicht. Durch Finten und Vorstellungen, durch Bitten und Trotzen suchten sie ihn zu bewegen, – vergebens. Der Alte saß auf seinem Geldsack wie angeschmiedet und gab nichts heraus. Ein roher Krieg wurde geführt zwischen Vater und Söhnen; diese ließen endlich die Arbeit liegen und stehen, lungerten herum und machten Schulden. Der Alte ließ sie mit Gewalt in die Schmiede führen und erklärte öffentlich, für seine Kinder keinen Groschen weiter zu zahlen. Auf einmal änderten sich die Söhne und der Vater glaubte schon, er habe es durchgesetzt. Sie murrten nicht mehr, sondern schwangen fleißig den Hammer, gegen den Vater waren sie nachgiebig, geschmeidig, und redeten herum, was sie eigentlich doch für einen guten Vater hätten, nur behandeln müsse man ihn können. Eines Tages wurde der alte Hammerschmied im Teiche gefunden. Ertrunken. Sie hatten ihn »behandelt«, nun war er ein guter Mann. Von den Söhnen hat nur einer die achtzehnjährige Kerkerhaft überlebt und der streicht noch heute gemieden und verkommen durch das Land. So viel Elend ist angeschafft worden mit dem Gelde, das der Alte so sorgfältig gespart hatte. Besser glückte es jenem Bauer Fock. Der hatte um zweitausend Gulden Silbergeld, das tat er in einen eisernen Topf und vergrub es unter den Ahornen in die Erde. Nach Jahren, als er den Topf aushob, um einmal nachzuschauen, wie es den lieben Schimmeln gehe, war das Silbergeld weg. Hingegen lag im Topfe ein Sparkassenbuch auf zweitausend Gulden. Das hatte sein Schwiegersohn getan und die also gewonnenen Zinsen heimlich für sich benützt. Derselbe Bauer Fock soll von seinen Knechten verlangt haben, bei der Weinlese stets zu pfeifen; wer pfeift, der kann nicht Trauben naschen. Dafür stahlen sie ihm in der Nacht die vollen Fässer. Der Geizige hat übrigens auch schöne Vorzüge, die schon der Volkswitz gebührend zu würdigen weiß. Er wird z.B. nie in das Laster der Völlerei verfallen, außer als Gast bei einem anderen. Er wird nie die Dienerschaft durch Trinkgelder demoralisieren. Er wird nie ein Gigerl sein, sondern in der ehrsamen Tracht seiner Väter würdig durch die Straßen wandeln. Er wird nie Schulden machen, außer es sind dort keine Zinsen zu zahlen, während das dann weiter verborgte Geld ihm Zinsen trägt. Er wird im Zorne sich stets weise bezähmen und nie einen Spiegel zerschlagen. Er wird sein Weibchen stets auf den Händen tragen, um ihm die Schuhe zu ersparen. Der Geizige ist ein Muster der Demut: er mag noch so viel haben, immer wird er bescheiden sein, immer wird er von seinen »sauer erworbenen paar Groschen« sprechen, wenn er es nicht vorzieht, ein Bettler zu scheinen. Für keinen ist es so süß, Bettler zu sein wie für den, der heimlich seine vollen Truhen hat. Manchmal wird Geiz mit dem Bestreben nach Gelderwerb verwechselt. Das ist falsch. Der Erwerbssinn kann sittlichen Gründen entspringen, wie schon eingangs angedeutet worden ist. Den Weisen macht das Geld frei, den Toren bringt es in die Sklaverei. Man pflegt das Bestreben nach Ehre für edler zu halten als das Bestreben nach Geld. Es ist erst die Frage, ob das immer seine Richtigkeit hat. Mit der erworbenen Ehre kannst du nichts machen, als deiner persönlichen Eitelkeit schmeicheln. Mit dem erworbenen Gelde kannst du auch anderen Gutes tun. Die Ehre kommt dann von selbst. Schlimm ist es, wenn man dich für reicher hält, als du bist, denn dann kann die notgedrungene Sparsamkeit für Geiz ausgelegt werden. Fruktifizieren kann das »für reich gehalten werden« nur der Geschäftsmann, denn Kredit gibt Kapital, trägt Zinsen, macht tatsächlich zum reichen Manne. Vom Geschäftsmann verlangt auch kein Mensch, daß er besonders wohltätig sei, er kann ja »nichts aus dem Geschäfte ziehen«. Die großen Wohltaten werden nur von dem verlangt, der kleine zu leisten vermag und geleistet hat. Von einem, der fünf Gulden herschenkt, sieht man es schwer ein, warum er nicht zehn gibt. Nichts ist so sehr geeignet, jemanden in den Geruch eines Knickers zu bringen, als wenn er im Wohltun ungleichmäßig ist. Die Bittsteller, die weniger bekommen als andere, oder einmal gar nichts, werden den Geruch schon besorgen. Betrachte das Geld, das du besitzest, nicht als dein ausschließliches Eigentum; in den meisten Fällen ist es das nicht, am wenigsten beim Geizhals. Denn dieser – ich wiederhole es – besitzt das Geld nicht, sondern wird vielmehr vom Gelde besessen. Es ist ihm wie angetan, er selbst muß in ödester Wüstendürre leben, muß Geld graben und scharren, und zwar für den Zweck, den er am meisten haßt –: für andere, für Verschwender, für lachende Erben. Haushalt und Freiheit. Von alten Geizhälsen liest man, daß sie ihr Geld in eisernen Töpfen vergraben hätten. Ist das lächerlich? Nein, nach den heutigen Anschauungen ist es empörend, ist es ein Verbrechen nicht allein an dem Täter selbst, vielmehr noch an der Allgemeinheit. Lebendiges vergräbt man nicht, es wären denn Samenkörner, die nur darum in die Erde gelegt werden, damit sie vielfältige Frucht bringen. Alles Lebendige hat die Eigenschaft, Frucht zu bringen. Auch das Geld ist etwas Lebendiges, und bestünde es gleich in starrem Metall oder in nichtigem Papier. Es ist der vollgültige Vertreter irgend einer menschlichen Tätigkeit, eines Verdienstes, das auch im Gelde eine Nachwirkung hat für unberechenbare Zeiten. Wenn du heute, am Montag, einen Scheffel Kartoffeln erntest und für einen Gulden verkaufst, so ist dein Gut durchaus nicht abgetan, sobald die Kartoffeln verzehrt sind. Nein, es lebt nicht bloß der durch die Kartoffeln Gesättigte, es lebt auch der Gulden, den du dafür eingenommen hast. Du kaufst dir am Dienstag um diesen Gulden einen Hut, der Hutmacher läßt am Mittwoch mit dem Gulden seine Walchmaschine reparieren, der damit betraute Schlosser verschafft sich für den Gulden am Donnerstag einen Sitz im Theater. Der Theaterdirektor entlohnt mit dem Gulden am Freitag den Maler für ein Dekorationsstück. Der Maler bezahlt mit dem Gulden am Samstag das Höslein für seinen Knaben, der Schneider bereitet mit dem Gulden am Sonntag sich und seiner Familie ein Mittagsmahl u.s.w. Schon in einer einzigen Woche also war der Gulden siebenmal Gulden. Er bedeutete sieben Gulden, hatte für sieben Gulden Werte vermittelt, die sonst brach liegen geblieben wären. Nicht allein, daß er einer wahrscheinlich hungrigen Familie ein Scheffel Kartoffeln verschafft, er erzeugte gleichsam auch einen Hut, eine Walchmaschinenschraube, ein Theaterstück, ein Dekorationsstück, ein Höslein und ein Mittagsmahl. – Hättest du am Montag den für die Kartoffeln eingenommenen Gulden in die Erde vergraben, so würdest du deine Mitmenschen schon in dieser einen Woche um sechs Gulden benachteilt haben. – Die Wesenheit des Geldes ist geheimnisvoll, ein Sozialökonom würde es gewiß deutlicher machen und begründen können, wieso die Kraft des Geldes sich so zauberhaft entfaltet. Aber ist das ein Argument für die Sparsamkeit? Gerade darum dürfe man das Geld nicht in den Kasten legen, höre ich sagen, sondern man müsse selbes, kaum eingenommen, wieder ausgeben, damit es unter die Leute komme! Allerdings eine schlaue Begründung für Verschwender, wenn sie nur stichhaltig wäre! Man braucht das Geld, wenn eins vorhanden ist, weder in den Kasten zu tun, noch auszugeben. Oder vielmehr, man kann beides tun. Ich weiß ein Mittel, das Geld zu sparen und es doch unter die Leute zu bringen. Man legt es in die Sparkasse. Die Sparkasse verschließt das Geld nicht in ihre eisernen Kassen. Da könnte sie ja keine Zinsen zahlen, sondern müßte noch Aufbewahrungsgebühr einheben. Die Sparkasse gibt das ihr anvertraute Geld weiter, an Leute, die es notwendig für ihre Wirtschaften brauchen, die Zinsen zahlen, Deckung bieten und sich helfen können. Oder sie legt es auf sichere Papiere an, die auch eine Art Bargeld sind, aber eins zweiter Güte, die, wenn es recht hergeht, auch eine menschliche Tätigkeit oder ein Verdienst und das dadurch erzielte allgemein brauchbare Resultat vorstellen. Kurz, die Sparkasse streut das Geld wie einen Samen in die Welt hinaus, wo es in mannigfaltiger Weise befruchtet und den Volksreichtum vermehren hilft. An dieser Vermehrung hast du, der Einleger, deinen Anteil in Prozenten, die du jährlich beheben kannst, oder auch in der Sparkasse belassen, wo sie wieder Zinsen tragen und dein ursprünglich eingelegtes Kapital vermehren. Denn dein in die Sparkasse gelegtes, und von dieser weitergegebenes Geld hat die Eigenschaft, daß – obschon von dir ausgegeben und fremden Leuten dienstbar geworden – es zu dir zurückkehren muß bis auf den letzten Kreuzer, wann du willst. Es hat fremden Wohlstand gefördert und sich auch für dich vermehrt, es hat seine geheimnisvolle Kraft hundertfach entfaltet und verzweigt. Du hast dein Geld unter die Leute kommen lassen und doch für dich behalten. Es ist also sehr unsinnig, zu sagen, man müsse das Geld verschwenderischer Hand ausgeben, damit es unter die Leute komme. Und es ist schon darum auch nicht richtig, weil solches Geld von solchen Leuten, die das sagen, nicht ausgegeben wird aus Liebe zu den Mitmenschen, sondern um sich selbst Genüsse zu verschaffen. Was weiter mit dem ausgegebenen Gelde geschieht und wem es zu gute kommt, das ist dem Ausgeber ganz gleichgültig. – Vor kurzem habe ich diese Phrase vom Geldausgeben, damit es unter die Leute komme, bei einer sozialdemokratischen Versammlung gehört, nachdem vorher über die Verschwendung der Kapitalisten und über die für militärische Zwecke ausgegebenen Unsummen des Staates schrecklich gewettert worden war. Aber das Geld des Kapitalisten kommt ja auch unter die Leute, warum soll er's nicht für Luxus ausgeben! Die Milliarden für das Militär kommen ebenfalls unter die Leute, weshalb soll sie also der Staat nicht ausgeben! Er tut damit ja doch nur, was jener sozialdemokratische Redner wollte: Geld ausgeben, damit es unter die Leute komme! Nein, die Hauptsache ist, wofür ausgegeben wird! Ob das, was man sich durch Geld anschafft, nutzbringend ist, oder unfruchtbar, oder gar schädlich. Wer sein Geld für notwendige Lebensmittel und Erholung, für Arbeitswerkzeuge und Arbeitskraft ausgibt, der ist kein Verschwender, und wenn er auch mit vollen Händen ausstreut. Wer hingegen sein Bargeld in die Erde vergräbt, um es aufzusparen, der ist ein unsinniger Verschwender. Und wer sich mit seinem Gelde gar Räusche, Krankheiten, sonstige Kraftzerstörungen, Unlust und Unfähigkeit kauft, der ist der gewissenloseste und verächtlichste Verschwender, der ins Zucht- oder Krankenhaus, ja am besten sobald als möglich in den Moder gehört, er ist ein Parasit der Gesellschaft. Ein Staat, und hätte er die besten wirtschaftlichen Theorien, muß zu grunde gehen, sobald die Mehrzahl der Staatsbürger nicht spart. Wir haben eine Menge wirtschaftlicher Parteien, deren Agitatoren und Blätter immer alle denkbaren Ursachen aufzählen, weshalb die Leute verarmen. Stets sind die Leute bereit, die Schuld ihres Niederganges und ihres Elendes anderen zu geben. Eine der allerwichtigsten Ursachen unseres wirtschaftlichen Jammers verschweigen sie regelmäßig. Den Mangel an Sparsamkeit. Verschwender und Wirtshauslumpen hat es wohl zu allen Zeiten gegeben, aber das waren Ausnahmen und haben als solche die abschreckenden Beispiele geliefert. Heute verschwenden die meisten, denn sie geben mehr aus, als sie einnehmen, und sie geben es für Dinge aus, die unfruchtbar sind, oder die mehr schaden als nützen. »Größere Bedürfnisse« hat man, »zurückbleiben« kann man nicht. – Die Kost ist leckerer als früher, aber teurer und weniger nahrhaft. Die Kleidung ist feiner, aber teurer und weniger haltbar. Die Einrichtungsstücke sind glänzender, aber teurer, verweichlichender und hinfälliger. Das fabrikmäßig hergestellte Zeug scheint nur für heute billig zu sein, während es morgen schon zu Schanden gebraucht ist und durch immer neue Anschaffungen und Reparaturen viel teurer zu stehen kommt, als früher die soliden Sachen. Alles ist dazu eingerichtet, auch den armen Leuten den letzten Groschen aus dem Beutel zu locken. Ja, es gibt ein gottverfluchtes Prinzip, das des Manchester-Liberalismus, und das heißt, die Aufgabe der Zivilisation sei es, den Menschen so viel als möglich Bedürfnisse anzugewöhnen. Ein Volk, das die meisten Bedürfnisse habe, sei das vorgeschrittenste. Man könnte dann gerade so gut sagen, ein Volk, das die drückendste Armut und die meisten Schulden und die größte Unzufriedenheit aufweist, sei das vorgeschrittenste. Ich dank' schön für eine solche Kultur. Es wäre ja freilich sehr schön, wenn jeder alles Denkbare haben und genießen könnte; ich hätte nichts gegen eine Kultur, die uns auch das äußere Leben so reich und fein als immer möglich machte; wenn sie uns aber innerlich verkommen läßt, wenn sie uns darüber zu Bettlern macht, die freilich nicht mehr unter sich betteln können, sondern die bei der Zukunft Anleihen machen müssen, dann lieber nicht. Lieber ein einfaches, mehr nach innen gekehrtes Leben, als heute den Luxus und morgen den Bankerott. Aber diese Kultur ist einmal da, das Elend, besonders in den unteren Ständen ist allgemein; natürlich geht man ins Wirtshaus, um es in Bier zu ertränken, in Wein zu ersticken oder gar mit Schnaps zu vergiften. Und vergiftet sich selber mit. Um sich in den jämmerlichen Zuständen ein wenig zu zerstreuen, sucht man Unterhaltungen auf, die Geld kosten und doch das Herz nicht mehr erfreuen. – All derlei scheint notwendig, wenigstens allgemein gebräuchlich zu sein, wer wollte darin eine Verschwendung sehen! Und es ist doch eine und zwar eine so allgemeine, daß sie gar nicht mehr auffällt. Wie früher die Lumpen Ausnahmen waren, so sind es jetzt die Bedürfnislosen. Die Fleißigen, die Sparsamen, sie werden auch ordentlich ausgelacht, aber wer zuletzt lacht, das sind die Sparsamen, weil sie mitten im allgemeinen Niedergange bestehen bleiben und sogar in die Höhe kommen. Denn im ganzen spielt die Weltordnung immer noch so korrekt, daß Fleiß, Sparsamkeit und schlichte Redlichkeit gesegnet ist, während das Gegenteilige einen immer fortzeugenden Fluch in sich trägt und das Geschlecht, das ihm huldigt, moralisch und physisch zu grunde richtet. Und jetzt will ich ein bißchen mitten in das Leben des Tages greifen. Unsere Arbeiterschaft, die sich befreien will, hat viele gesunde Grundsätze, und soweit Vernunft auf ihrer Seite steht, wird sie im Prinzipe siegen. In einem steht ihr aber wenig Vernunft zur Seite und darum werden die Mitglieder dieser Partei tatsächlich nicht siegen, nicht frei werden, sondern arme geknechtete Schelme bleiben. Die Sozialdemokraten – soweit ich sie kenne – verachten die Sparsamkeit, obschon in ihrer Hauptkampfart, dem Streik, Erspartes manchmal recht gut zu statten kommen würde. Aber es ist sogar einer ihrer Grundsätze, nicht zu sparen, sich weder Haus noch sonstigen Besitz zu gründen, sondern alles, was der Tag einbringt, auch wieder für den Tag auszugeben. Erstens meinen die Führer mit dieser Taktik die Arbeiterschaft zu einem vom heutigen Staat unabhängigen lenksamen Heere gegen diesen zu bilden, und zweitens ist ein allerdings nur mehr geringer Teil der Arbeiter noch immer so kindisch, zu glauben, daß ohnehin die allgemeine Gleichteilung aller Reichtümer bevorstehe, wo sie ihr gut gemessenes Stück abbekommen würden. Wozu sich also etwas versagen, wenn man's haben kann, man lebt nur einmal, man ist nur einmal jung, und bis wir alt werden, wird der große Trumpf die Gleichheit ja hergestellt haben. Das ist der Teufelsschwanz der Arbeiterpartei, an dem sie von allen böse und gut gesinnten Gegnern mit tausend eisernen Armen zurückgehalten wird, so daß sie schließlich auch das nicht erreicht, was ihr von Rechts wegen gebührt. Dieser verhängnisvolle Standpunkt wird von den Gegnern der Arbeiterschaft sehr tapfer ausgenützt, um sie bei allen vernünftig Denkenden in Mißkredit zu bringen. Dieser Wirtshauslumpenstandpunkt macht auch die Besseren in der Arbeiterwelt selbst stutzig und wohl auch die Führer allgemach nachdenklich. Ich, selbst einst ein körperlicher und heute ein geistiger Arbeiter, gehe mit der Arbeiterschaft in allem, womit sie ihr Los zu verbessern hofft. Aber vor dem Prinzipe, nicht zu sparen, sich nicht heimsässig zu machen, keine geordnete Familie zu gründen, mache ich Halt. Die Träger dieses Prinzipes würden, um es kurz zu sagen, meine persönlichen Feinde sein, ihnen gegenüber würde ich mich mit jeder Macht verbinden und sie mit allen Mitteln bekämpfen. Ja, es wäre kein Mittel so schlecht, das nicht noch gut genug wäre, diesen verrücktesten und niederträchtigsten Wahn zu vernichten. Denn eine Gesellschaft, die nicht grundständig ist und sein will, nicht sammelt und nicht baut, nur ein Familienleben wie die Wilden führt, ohne Treue und Zucht, stünde niedriger als die Zulukaffern, wäre um so ekelhafter, als sie kein Naturvolk, sondern ein degeneriertes Kulturgesindel sein würde. Wenn ich sie mit den Zigeunern vergliche, täte ich den letzteren unrecht. Nicht in blindem Zorn wird das hinausgerufen. – Der Gleichheitsstaat mit seinen besitzlosen Bürgern! Ich habe ja reichlich darüber nachgedacht, ob die bewußten Ideale der Sozialdemokraten nicht am Ende doch erfüllbar wären, doch es findet sich weder in der Geschichte, noch in der menschlichen Natur ein Anhaltspunkt dafür. Die Staaten entstehen nicht nach Theorien, sondern nach menschlichen Eigenschaften. Gerade die sich selbst nun findenden und aufrichtenden Arbeiter haben am wenigsten das Zeug dazu, sich alle nach einer Schablone, unter Verleugnung aller Individualität, glücklich machen zu lassen. Im Staate der Gleichheit gibt's keine persönliche Freiheit. Und wenn man auf diese verzichten will, dann wäre ja der Zustand unter »väterlich sorgendem« Schwert und Krummstab auch gut gewesen. Diese Nebenbemerkung nur für die wenigen, die noch von einem Gleichheitsstaate träumen. Daß von Staats wegen für alle Staatsbürger gesorgt werden sollte, ist ja natürlich, und fängt auch an mehr und mehr zu geschehen. Nun gesetzt den Fall, daß der Staat wirklich in der Lage wäre, für jedes seiner Mitglieder volle Gerechtigkeit walten zu lassen, was würde dann sein? Würden der Fleißige wie der Faule, der Gefräßige wie der Mäßige, der Talentierte wie der Dumme, der Anschicksame wie der Ungeschickte, der Vordrängerische wie der Bescheidene, der Starke wie der Schwache gleichviel haben? Das wäre die allergrößte Ungerechtigkeit und gerade in einem gerechten Staate, wie wir alle ihn wünschen, ganz unmöglich. Der Schlechtveranlagte wird immer weniger haben, als der Gutveranlagte, der Starke wird trotz humansten und gerechtesten Gesetzes den Schwachen, der Kluge den Törichten, der Gewissenlose den Redlichen übervorteilen. Das würde selbst in dem »Staate der Gleichheit« nicht anders sein, weil die Menschen einmal sind, wie sie sind. Auf den Staat lasse man's nicht ankommen. Jeder muß innerhalb des Gesetzes auf sich selber schauen. Der Idealstaat des Sozialisten würde im besten Falle nur für das Gemeine und Alltägliche seines Staatsbürgers sorgen. Wer besondere Neigungen und Genüsse haben wollte, Kunst, Literatur, Reisen, Lieblingsstudien u.s.w., der müßte sie mit einem Sparpfennig eigens erwerben. Ohne eines solchen kleinen Vorteils käme er aus der trostlosen Herdenexistenz nicht für einen Augenblick los. Wenn also schon in einem sozialdemokratischen Staate die edleren Genüsse des Lebens nur durch eine gewisse Verdienstansammlung gewonnen werden können, um wie viel unabweislicher ist das Sparen in einem Staate, der sich gar nicht oder viel zu wenig um den einzelnen kümmert. Der Arbeiter sagt es ja, daß er unter den gegenwärtigen Zuständen ganz auf sich selbst angewiesen sei. Ja, warum schaut er dann nicht auf sich selbst, warum setzt er sich nicht in jenen einzigen Vorteil, der jedem bisher noch unbestritten blieb? Warum hält er den Lohn seiner schweren Arbeit nicht fest, warum spart er nicht? Nun, weil – wie gesagt – es einzelne Arbeiterdemagogen gibt, die das Haushalten geradezu verdammen. Sie fürchten, der Arbeiter könnte durch ein vernünftiges Wirtschaften allmählich zufriedener werden, als er heute ist. Und zufriedene Leute kann der Demagoge nicht brauchen. Leute, die nicht wirtschaften können und sogar den Grundsatz haben, jeden Tag das Erworbene zu vertun, kann wiederum der Staat nicht brauchen, er müßte mit ihnen zu grunde gehen. Die Verhältnisse sind allerdings so, daß die Arbeiter im allgemeinen sich nicht viel ersparen können . Fünf oder höchstens zehn Kreuzer des Tages wären schließlich ja noch beiseite zu legen, und wenn auch nur zwei Kreuzer, aber was gibt das aus? Zwei Kreuzer Ersparnis täglich, das wären in zehn Jahren immer nur erst 73 Gulden! Mitsamt den Zinsen kaum 100 Gulden. – Allerdings keine Altersversorgung (diese muß anders angestrebt werden); hingegen aber ein vom Himmel gefallener Hunderter. Mehr wert als dieser wäre aber der mit den täglichen zwei Kreuzern erweckte und gezüchtete Sparsinn und das damit verbundene Sammelvergnügen. Und kann der Mann das Sparen erst einmal, dann wird er unter denselben Verhältnissen am Ende täglich auch zehn Kreuzer erübrigen, ohne einen besonderen Abbruch zu leiden, was nach zehn Jahren mäßig verzinst 500 Gulden ausmacht. – Sobald man das Geld nur auf fruchtbaren Boden wirft, wächst es wie Unkraut. Aber um sich täglich einen Schluck Schnaps, eine Zigarette weniger zuzuführen und die paar Kreuzer beiseite zu legen, dazu gehört moralische Kraft. Zwar nicht viel, aber man bringt die wenige nicht auf. Mein Gott, und da will man einem solchen Menschen zumuten, daß er sittliche Lasten auf sich nehme, schwere Pflichten trage, wo der arme Schwächling nicht einmal im stande ist, zwei Kreuzer aufzuheben. Seit man – und unter obwaltenden Zuständen gewiß mit Recht – angeleitet oder gar gezwungen wird, in die Krankenladen, Versorgungskassen, Versicherungsgesellschaften einzuzahlen, hat die ohnehin im allgemeinen immer schwache freiwillige Sparsamkeit ganz aufgehört. Sie würde aber gesegneter sein und den Menschen freier und selbständiger erhalten, als das notgedrungene Einzahlen, das oft noch mit Mißtrauen verbittert wird und im übrigen dem Leichtsinn Vorschub leistet. Und ist der Zwang denn nicht demütigend? Doch die Bevormundung, die in dem Zwange zu gewissen Ladeneinzahlungen liegt, muß man sich gefallen lassen. Leute, die für sich nicht haushalten können, sind in der Tat unmündig. Nun könnten meine Gegner vielleicht sagen, ich hätte den Geiz lieb. Nein, dieses schäbigste aller Laster habe ich nicht lieb; ich verachte den Geiz als die unbegreiflichste Dummheit der Menschen. Darum sage ich nicht scharren, sondern sparen. Hätten wir das christliche Vertrauen noch, mit dem auch die Gnade der Anspruchslosigkeit und Entsagung Hand in Hand ging, ich würde bei unseren Leuten nicht ans Morgen denken, sondern mit dem »täglichen Brot von heute« zufrieden sein. Wer aber die Genußgier betrachtet und andererseits die moralische Gefahr der Armut, der muß verzagen, wenn die Leute blind in den Tag hineinleben, morgen aber alt, erwerbslos sein werden und immer noch leben und etwas genießen wollen. Geld allein macht nicht glücklich, man muß es auch haben, sagt ein lustiges Sprichwort. Ernsterweise aber zeigt es sich, daß das Haben noch nicht genug ist, man muß es auch recht anwenden können. Das kann nun weder der Geizige, noch der Verschwender. Ferner lehrt die Erfahrung, daß geschenktes oder ererbtes, oder gar unrechtmäßiges Geld ungleich weniger Segen in sich hat, als durch eigene Arbeit erworbenes. Das ist auch leicht zu verstehen, den Wert des Geldes kann nur der ermessen, der ihn zuerst aus sich heraus dem Gelde gegeben hat. Das persönlich erworbene Geld gehört gleichsam zur Person, zu seiner persönlichen Kraft. Sowie ein vernünftiger Mensch nicht mehr Kraft verbraucht, als er entraten kann, so gibt er auch nicht mehr Geld aus, als nötig ist, er schont nicht allein seine körperliche, er schont auch seine wirtschaftliche Gesundheit, und damit steht er – wie die Welt einmal eingerichtet ist – auf Grundlage seiner Persönlichkeit und Freiheit. Ich gebe sehr gern zu, daß jedermann das Geld, das er sein Lebtag verdient hat, auch sein Lebtag aufbrauchen darf. Aber immer nur so, daß es ihm zum Wohle wird, daß es ihn unabhängig und frei macht und eine Stütze ist in schweren Zeiten und im Alter. Wer mehr einnimmt, der mag natürlich mehr ausgeben, er darf nur nicht vergessen, daß das Mehrausgeben die Bedürfnisse steigert, also: Je mehr er täglich ausgibt, je mehr Ursache hat er, täglich zu sparen für die gesteigerten Bedürfnisse. Daß der Arbeitsmensch bei einfacher Lebensweise allmählich zufriedener werden würde, ist nicht zu leugnen. Und meine ich, daß die übrige Gesellschaft und der Staat mit einer sparsamen und zufriedenen Arbeiterschaft wesentlich lieber paktieren würde, als mit einer wirtschaftlich so unklaren, zerfahrenen, als es ein Teil der heutigen Arbeiterschaft ist. Doch ich entsinne mich. Das moderne Wirtschaftssystem ist ja nicht auf das Sparen begründet, sondern auf das Schuldenmachen. Der Staat geht ja mit diesem guten Beispiele voraus. Das Schuldenmachen ist auch der Grund, weshalb das Geld Zinsen trägt. Gäbe es keine Schulden, so hätte das Geld keinen Zinsfuß, weil niemand für Anlehen von Geld eine Entschädigung zahlen würde. Je mehr Schuldenmacher, je höher der Zinsfuß. Also sind es die Verschwender und Unternehmer, die dem Ausleiher das Geld vermehren helfen, und es sind die Sammler und Sparer, die den Zinsfuß niederdrücken und am Ende ganz verschwinden machen könnten. Was folgt daraus? Es folgt daraus, daß diejenigen, die ein Feind hoher Zinsen und behaglicher Rentiers sind, das Sparen zu einem ihrer Grundsätze machen müßten. Ein Arbeiter, der sich viele Luxussachen anschafft, schädigt sich und nützt dem Kapital, dem Fabrikanten, dem das Geld für die gekauften Sachen hauptsächlich zufließt. So komme ich schließlich auch auf diesem Wege zum bekannten Schlüsse – sparen aus sozialistischen Gründen. Wenn das Volk auf einmal anfinge zu sparen, es wäre eine wahre Kalamität für die Reichen und Mächtigen. Das wirtschaftliche Leben würde sich total ändern und mit ihm das gesellschaftliche und die Politik! Wenn die Leute anfingen stets fleißig zu arbeiten, entsprechend zu ruhen, sich naturgemäß zu nähren, eifrig zu lernen, mäßig zu genießen, vernünftig hauszuhalten: vorbei wäre es mit der Übermacht des Kapitals, aber auch mit dem Arbeiterelende, wir hätten einen kräftigen Mittelstand und wir würden nicht abwechselnd Sklaven des Klerus, des Adels, der Geldmächte sein. Oder irre ich mich? Sollten die altbewährten Tugenden doch nichts mehr zu stande bringen? Ich glaube, die große Schwäche dieser Tugenden besteht darin, daß man nicht mehr an sie glaubt. Sie sind altväterisch, spießbürgerlich und verächtlich geworden. Von einzelnen ausgeübt, erweisen sie sich allerdings oft als wirkungslos; je fleißiger einer arbeitet, je mäßiger er lebt, je mehr Fett bietet er anderen zum Abschöpfen. Wenn nun aber alle in ihrem Beruf richtig arbeiten, einfach leben und gut haushalten wollten! In wenigen Jahren schon würde sich das Land allgemein eines großartigen Wohlstandes erfreuen und die Menschen würden körperlich gestärkt und sittlich gekräftigt sein. Doch wohin gerate ich? Das sind ja schon die gesegneten Fluren Utopiens. Da haben wir nichts zu suchen. Bleiben wir bei unserer hausbacknen Welt und unseren erprobten Grundsätzen. Alles kann man nicht machen, doch dem einzelnen kann man rettende Zeichen geben. Die fleißige Arbeit allein kann ausgenützt werden von Fremden, aber sie führt zum Wohlstand des Arbeiters, wenn die Klugheit dazu kommt. In unserem Volksmunde, der auf alte Erfahrungen bauend zumeist das richtige sagt, heißt »Klugheit« soviel als Sparsamkeit, gleichsam als ob der Kern aller Klugheit darin bestände, mit seinen erworbenen Sachen sorgfältig hauszuhalten. Wie dem auch sei, wichtig ist und bleibt die Klugheit des Sparens nicht bloß für das leibliche Wohl, viel mehr noch für höhere Güter. Ein gewisser, wenn auch mäßiger Besitz entzieht uns fremder Willkür und Demütigung und macht uns erst zum freien Menschen . Das ist der Hauptgrund, weshalb ich auf ein vernünftiges Haushalten so großes Gewicht lege. Krach. Ich hatt' einen Kameraden. Zu diesem ging ich nun eines Tages, es war im Herbst 1872, und sprach, zur Tür hineinstolpernd: »Weißt du was Neues, Philipp? Heiraten werde ich!« »Wa...? Was wirst du?« »Heiraten!« Der Philipp war auf dem Leder gelegen. Jetzt richtete er sich sacht auf in seiner ganzen Länge – er war ziemlich lang – und sprach: »Heiraten? Du? Ja, hast du denn ein Mädel?« »Nein, eine Braut.« »Na, hörst du, das interessiert mich,« sagte er. »Hat sie Geld?« Denn er war einer von denen. »Das weiß ich nicht.« »So hast wohl du Geld, wenn du heiraten willst.« »Aber natürlich.« »Na, setz dich zu mir und erzähle!« Er machte mir neben sich Platz auf dem Leder. Ich dachte, jetzt wird der alles wissen wollen: wann wir uns kennen gelernt; ob sie blond ist oder schwarz; und wie alt; und wie groß. Und ob ich denn keine Photographie von ihr mit hätte. Auf solche Fragen wäre ich wohl gerüstet gewesen. Er aber legte mir seinen Arm um den Nacken, lachte mir mit seinem breiten Gesicht in die Augen und sagte: »Aber Junge! Davon wußte ich ja kein Wort, daß du Geld hast. Wo hast du es denn?« »In der Sparkasse.« »Viel?« »An zweitausend Gulden!« Er tat einen lustigen Pfiff und rief: »Ah, da schau mal her! Und damit willst du jetzt heiraten?« »Im nächsten Frühjahr.« »Nun, nun! Einrichten könnt ihr euch schon mit zweitausend Gulden.« Dann klöpfelte er mit der Stiefelspitze auf der Diele und sagte: »Weißt, Freund, ich an deiner Stelle möchte meine Braut überraschen und ihr am Hochzeitstage statt zweitausend Gulden das dreifache vorlegen. Junge Weiber sind gar nicht böse, wenn der junge Mann Geld hat. Das dreifache, verstehst du? Und spielend, ohne daß du einen Finger weiter zu rühren brauchst.« »Was meinst du?« Philipp schob seine Hände in die Hosentaschen und lehnte sich aufs Sofa zurück. »Junger Mann,« sagte er, »ich will dir was erzählen. Aber es ist ja ganz einfach. Ich habe gestern mein Landgut verkauft. Es ist schändlich, was so ein Landgut trägt. Nicht drei Prozent, sage ich dir. Schlug's noch leidlich los. Um fünfunddreißigtausend. Nicht gerade glänzend; macht aber nichts: um so vorteilhafter legt sich jetzt das Bargeld an. Ich komme soeben von der Bank. Siehst du?!« Er zog aus seiner Brusttasche ein Paket Papiere – Wertpapiere. »Nach ein paar Monaten können sie das doppelte, das drei- oder vierfache wert sein. Du, man hat keine Ahnung, was da heutzutage zu machen ist! Ich kenne zwar deine Braut noch nicht. Du bist ja so geizig mit ihr, stellst sie mir nicht vor, zeigst mir kein Bild von ihr, erzählst mir nicht einmal. Und doch liebe ich sie, weil sie die Künftige meines liebsten Freundes ist. Jetzt ist das Notwendigste, daß du zu Geld kommst.« Er blickte auf seine Taschenuhr; es war eine goldene. »Jetzt ist es zehn Uhr. Um zwölf Uhr wird die Sparkasse gesperrt.« »Nein, um ein Uhr!« Denn ich wußte das genau. »Gut, also um ein Uhr. So hast du noch drei Stunden Zeit, deine zweitausend Gulden herauszunehmen. Tu mir – das heißt: dir, deiner Braut – den einzigen Gefallen und kaufe Wertpapiere. Siehst du, die da, die besten und sichersten, die es geben kann. Nicht einen Tag sollst du säumen; denn das Papier steigt ganz rapid. Jeder Tag, an dem du deinen Schmarrn in der Sparkasse noch länger liegen lassest, ist ein Verlust, ein Verbrechen an deiner künftigen Familie. Peter, ich habe dich immer lieb gehabt. Ich werde dich verlieren. Das weiß ich ja so, daß der Freund nichts mehr ist, sobald er die Seinige unter Dach hat. Aber ein bißchen zu Dank verpflichten möchte ich dich gern vorher und deinen Kindern sollst es einstmals sagen: Wenn Onkel Philipp nicht gewesen wäre! Dem Philipp habt ihr den Wohlstand zu verdanken. So geh doch jetzt! Die Bank ist bis drei Uhr offen. Bei Löwe \& Stern, Ecke der Herrenstraße. Soll ich dir's aufschreiben? Soll ich dich dann an der Börse erwarten?« Ich ging fort. Wie kommt mir heute der Philipp vor? Er ist doch sonst nüchtern und gewissenhaft. Sollte ihn auch das Gewinnfieber erfaßt haben? Man hört, daß es jetzt so arg grassiert. Nun, mir tut's nichts. Ansteckende Krankheiten fürchte ich nicht viel. Zur Sparkasse ging ich natürlich nicht. Das Bissel, was drin liegt, soll liegen bleiben. Weiß ohnehin nicht, wie man dazu kommt, daß es fünf Prozent trägt, ohne daß man einen Finger zu rühren braucht. Irgendwo muß sich doch was rühren, daß es so wächst. Dachte nicht weiter dran und ging zur Braut. Natürlich, die Liebesgeschichte soll ich euch jetzt ausmalen, meine Damen. Um Entschuldigung: diesmal nicht; heute bin ich ganz Geschäftsmann. Als im nächsten Frühjahr der Hochzeitstag in die Nähe kam, als alles in der Stadt florierte, nobel lebte, während ich das neue Heim nur ganz einfach einrichten konnte, da fiel mir wohl manchmal ein: Wenn du dem Philipp gefolgt hättest! Die Papiere stehen schwindelnd hoch, ohne jede besondere Manipulation hätte sich das kleine Vermögen verzweifacht. Bei anderen hat es sich verfünffacht seit einem Jahre. Wenn man einigermaßen Mißtrauen hat, so kann man die Scheine doch rechtzeitig verkaufen. Es soll ja überhaupt keine Gefahr sein. Der politische Horizont ist völlig klar, alle Geschäfte glänzen um die Wette. Wenn man halt keinen Mut hat, bleibt man ein armer Teufel. Die Vorbereitungen zur Hochzeit ließen weitere Skrupel nicht aufkommen. Am dreizehnten Mai endlich sollte die langersehnte Stunde schlagen, die uns einander gab. Da war es vier Tage vorher, gegen Abend, daß mein alter Kamerad Philipp ganz verstört durch die Gasse lief, mich anstieß und, ohne »Pardon« zu sagen, davonhastete. Er hatte mich gar nicht erkannt. Auch andere hatten es heute besonders eilig, und an den Ecken standen Menschengruppen, die hastig miteinander sprachen und mit den Armen hin- und herfuhren. War was geschehen? »Es kann nur vorübergehend sein!« hörte ich sagen. »Es erholt sich wieder.« »Nein, es erholt sich nicht. Das ist eine Katastrophe!« Ein Börsensturz. Und dann, am Vorabende der Hochzeit. Ich ging etwas spät von der Braut heim. Die Straßen waren menschenleer. Auf der Brücke sah ich im Dunkeln einen Mann, der sich ans Geländer lehnte und in die Tiefe blickte, wo das dumpfe Rauschen des Stromes war. Ich erkannte meinen Philipp. Ich beobachtete ihn; das Ding war nicht ganz geheuer. Als er mit dem einen Fuß aufs Geländer sprang, packte ich ihn am Arm: »Was ist?« »Lassen Sie mich, wen geht's was an?« herrschte er; dann, als er mir beim Schein der nächsten Laterne ins Gesicht schaute: »Du?! Freund... du kommst mir jetzt ungelegen.« »Aber zur rechten Zeit, wie ich glaube.« »Laß mich fahren, Bettler gibt's noch genug.« »Du hast verloren?« »Alles.« »Und darum willst du da hinab? Ja, Philipp, weshalb ladest denn du mich nicht ein, mit dir zu kommen?« »Hast du auch verloren?« fragte er: sein Ton erstarrte fast. »Nein, du wirst doch nicht auch spekuliert haben?« »Du hast mir's doch so angelegentlich geraten.« »Du wirst ...! Um Gotteswillen, du wirst doch nicht auf mich gehört haben?« »Warum denn nicht? Du hast mir's ja so gut gemeint.« Er forschte mir ins Gesicht: »So sieht einer aus, der sein Vermögen verloren hat?« Und ich entgegnete: »Ja, sein ganzes kleines Vermögen, das er durch die Jahre mit Fleiß erworben, mit Fleiß erspart hat! Und wenn er nun zu dem lieben Mädchen gehen muß und sagen: Kind, mit unserer Heirat ist es nichts. Ich bin ganz und gar vermögenslos, ich bin mutlos, ich bin leichtsinnig gewesen, mein Leben ist verspielt! Und das deine auch. Dann fluchen, weinen, verzweifeln! Und das, Philipp, hast du auf dem Gewissen!« Da er solches von mir hörte, wollte er mit Gewalt ausreißen und hinab. Ich zog ihn zurück, daß er mit dem Rücken auf die Brücke fiel. Dort blieb er liegen und hub zu schluchzen an. »Du armer Mensch,« stöhnte er. »Also auch dich, auch euch hab' ich unglücklich gemacht!« »Hättest unglücklich machen können, solltest du sagen. Wisse nur, daß ich deinen Rat nicht befolgt habe. Mein bißchen Geld liegt noch in der Sparkasse und ist wieder um hundert Gulden mehr geworden. Und du packe dich jetzt zusammen!« Mit Mühe habe ich ihn in meine Wohnung gebracht. Dort tranken wir Bier und rauchten Zigaretten. Und dann sagte ich, auf den Strom anspielend: »Es geht uns ja eigentlich recht gut, wir sitzen beide im Trocknen.« »Aber sage, Freund, was soll ich denn jetzt machen?« fragte er. »Denn hin ist alles, mein Geld und mein Landgut. Nur noch beim Käsehändler sind sie zu verwerten, diese Wertpapiere.« »Haben sie nicht eine leere Rückseite? Die meisten, ja? Siehst du, am Ende ist's doch noch ein gutes Papier. Du warst einmal schriftstellerisch tätig, wie mich dünkt.« »Laß die Torheit ruhen! Ich war den Verlegern immer zu idealistisch.« »Aha, bis du auf die Wucherzinsen verfielest! Höre mal, Philipp: idealistisch sind die Herren immer nur, solange sie keine Erfahrung und kein Geld haben. Schreibe einen Roman: Wie ich arm wurde! Vielleicht wirst du damit wieder reich. Schreibe deine Erlebnisse, deine ganze Dummheit hinein. Auch meine Liebesgeschichte schenke ich dir dazu. Du kannst den Bräutigam auf der Börse spielen lassen und das Brautpaar unglücklich machen, wenn es dir Vergnügen macht, nur müssen sie später wieder glücklich werden und sich kriegen, natürlich. Im Roman kannst du meinetwegen auch ins Wasser gehen, wenn es unumgänglich notwendig ist; ich rette dich sehr gern mit dem größten Heldenmut und nach der Trauung kann mir der Bezirkshauptmann die Rettungsmedaille an den Rock heften. Das wirkt großartig und daraufhin kann der Verleger um tausend Exemplare mehr drucken lassen.« »Nun bist du wohl fertig mit deinem Spott! Mit deinem schlechten Spott!« rief er zornig aus. »Mein Lieber, die Federfuchsereien will ich schon solchen überlassen, die zu sonst nichts zu brauchen sind, verstehst du? Ich will mein Brot redlich erwerben, mit Arbeit!« Stand er groß da! Und ich klein. Doch war ich zufrieden, ihn soweit zu haben. Am nächsten Tage, bei der Hochzeit, war er leidlich vergnügt. Und heute nach dreißig Jahren? Ob der Philipp mehr oder weniger Geld hat, darauf kommt's ihm nicht an. Seine Rede ist so: »Hätt's nicht gekracht, dazumal, so wäre ich ein Geldlump geworden.« Nun ist er ein arbeitsamer Mensch geworden. Also eine moralische Geschichte für Kinder! Na, na, man braucht ihm's nicht nachzumachen; wer lieber ein windiger Geldlump ist und beim ersten Malheur auf die Brücke läuft: ganz nach Belieben. Unsere sieben Sachen. Also was sollen wir erstreben und was sollen wir haben? Es geht der Spruch von den »sieben Sachen«. »Hast du deine sieben Sachen?« fragte mich meine Mutter, wenn ich gerüstet für den Schulweg war. »Die haben ihre sieben Sachen beisammen!« heißt es von Leuten, die sich ein Vermögen erworben. Man soll also sieben Sachen besitzen. Aber welche sieben Sachen! Wenn der Schulbub sein Buch mit hat und sein Sacktuch und seinen Taschenveitel und sein Stück Brot, so ist er zur Not ausgerüstet, er braucht nicht einmal sieben. Ja es gab Zeiten, wo selbst von den vieren mir eins oder das andere abging. Der Wohlhabende, der Reiche braucht allerdings sieben, aber auch nicht mehr. Das Kleid, das Dach, den Tisch, das Bett, die Seife, das Werkzeug, das Spielzeug. Das ist alles, was ein Mensch braucht; nicht bloß der Wilde, auch der Kulturmensch kommt damit aus. Er kommt nicht bloß damit aus, er hat einen Überschuß. Mit den genannten sieben Sachen, was eben dazu gehört, deckt er seine Bedürfnisse, seinen Erwerb, seine geistigen und künstlerischen Forderungen, denn zum Werkzeug gehört für den geistig Arbeitenden das Buch, zum Spielzeug Theater, Musik, gehören alle Künste und Vergnügungsfächer. Mit dem Spielzeug wird ihm so vieler Luxus zugestanden, daß es schon bedenklich ist. Die meisten Leute klagen, daß sie zu wenig Sachen hätten, weil sie deren wirklich oft nicht sieben haben. Wenigstens nicht die sieben gewissen. Aber ich kenne auch reiche Leute, die klagen. Nicht über zu viele Sachen klagen sie, über diese Last hört man niemanden jammern, und doch läuft vieler Jammer darauf hinaus. Sie klagen über die Verwaltungs- und Erhaltungsmühen, über die Sorgen, klagen über die Unruhe ihres Lebens, über Mangel an Behaglichkeit, an Gemütlichkeit, an Zeit für ein ruhiges Zusichselbstkommen. Woher kommt dieses Ungemach? Sie haben zu viel Sachen. Leser! Halte einmal Umschau über deinen Besitz. Vieles ist, das dir Freude macht. Aber ist nicht am Ende auch vieles vorhanden, das dir mehr Sorge macht als Freude, mehr Last als Lust? Du hast eine Wohnung mit vielen Zimmern, die angefüllt sind mit schönen Dingen. Wie oft ist es denn, daß du diese Dinge mit Freude betrachtest, daß du recht einfältig glücklich in ihrem Genüsse schwelgen kannst? Zumeist begnügst du dich damit, daß fremde Leute ihren heimlichen Neid in laute Bewunderung umsetzen: »Ah, haben Sie aber schöne Sachen!« Das ist oft so ziemlich die ganze Genugtuung für deine Sorge, daß die Dinge nicht verderben, für deinen Ärger mit den dienenden Geistern, derer du bedarfst, um sie täglich in Ordnung zu halten, für den Zorn, wenn etwas zerbrochen wird oder abhanden kommt, oder wenn ein Gewerbsmann oder Händler dich bei diesen Dingen übervorteilt. Besinne dich nur einmal, die vielen schönen Sachen belasten dich, verkümmern deine Freiheit, deinen Humor, deinen leichten Sinn. Und bedenke, wenn du erst gar Landhäuser und Schlösser hättest! Eins für das Frühjahr, eins für den Sommer, eins für den Herbst zum Aufenthalt, und Stadtwohnungen in Wien, Graz, München. Auch in Paris könntest du dir eine halten. Welche Unruhe das ganze Jahr, das Einpacken, Auspacken, die Reise hin, die Reise her. Eine Freizügigkeit, die näher besehen nichts ist als eine recht mißliche Gebundenheit an den Besitz, an Leute, die ihn dir herrichten und hüten sollen. Dein ganzes Denken und Interesse geht auf deine Besitztümer, auf ihr Erhalten und ihr Vermehren, und jedes Mißgeschick damit macht dir Kummer und täglich zitterst du vor dem Verlieren von etwas, das du – nie besessen. Wem gehören denn die Dinge, dem, der sie hat, oder dem, der sie genießt? Frage dich, wieviel du von deiner Habe wirklich genießest, mit Behagen und Freude genießest? Vertun, verschlemmen, das meine ich nicht, das ist nicht genießen. Sich damit prahlen und prunken, das meine ich auch nicht, ich meine einen Genuß, der Freude, Gehalt und Wert in dein Leben bringt. Wie weniges von unserem Besitz genießen wir in diesem Sinn. Das allermeiste liegt wie tot um uns herum und wartet, bis wir dahin sind, dann bekommt es Füße, flieht in alle Weiten und sucht wieder andere zu äffen. Die Dinge besitzen mehr uns, als wir sie besitzen, sie bestimmen unser Leben, beherrschen unser Gemüt, tyrannisieren unsere Neigungen. Nur das allein ist unser Eigentum, das sich uns anpaßt, unserem Charakter, unserem höheren Willen gehorcht, das mithilft, uns selbst zu finden aus uns heraus. Die Dinge, die wir besitzen, dürfen niemals Selbstzweck sein, sondern Mittel und Werkzeuge zur Erhöhung unseres persönlichen Wesens. Wenn ein Bild in meinem Zimmer, das zehntausend Gulden gekostet hat, mir nicht ein seelisches Wohlbehagen verursacht, so ist es des Abstaubens nicht wert. Wenn ein Seidenkleid, das alle zehn Jahre einmal angezogen wird, Tag für Tag vor Staub und Motten zu schützen ist, wenn der persische Teppich nicht genug gepflegt werden kann, als daß ihn die Schaben fressen, wenn täglich der Zank mit Dienstboten ist, weil sie Porzellanvasen nicht fleißig genug reinigen oder gar durch Ungeschicklichkeit gefährden, dann sind diese Dinge kein Gut, sondern ein Übel. Anstatt daß wir sie aufbrauchen sollen, brauchen sie uns auf. Es gibt Leute, die wirklich nur ihrer Sachen wegen leben. Mir ist eine alte Frau bekannt, eine Witwe, die aus besseren Zeiten her nichts besitzt, als eine Menge von alten Möbeln, Bildern, Spiegeln, Vasen, Krügen, Wäsche, Teppiche u. s. w. Sie braucht dazu eine geräumige Wohnung, um alles unterzubringen. Sie selbst wohnt nicht in dieser Wohnung, sondern sucht sich in anderen Häusern herum als Bedienerin und Wäscherin das Geld mühsam zu verdienen, um die Wohnung bezahlen zu können. Die wenige freie Zeit, die ihr bleibt, benützt sie nicht, um sich auszuruhen, in die freie Luft zu gehen, oder bei Bekannten sich zu zerstreuen, sondern vielmehr dazu, ihre Möbel abzustauben und die übrigen Dinge vor Motten zu schützen. Damit müht sie sich stets bis zur Erschöpfung, und ihre Befriedigung besteht schließlich nicht darin, soviel Sachen zu besitzen, sondern in der Tatsache, wieder eine lästige Arbeit hinter sich zu haben. Man kann nicht sagen, daß Pietät sie an diese wertlosen Sachen bindet, von den meisten weiß sie gar nicht mehr, woher sie stammen und wie sie dazu gekommen. Ich habe erfahren, wie wertvoll Dinge sind, deren man bedarf, die einem täglich Vergnügen bereiten. Habe aber auch erfahren, wie lästig die Sachen werden können, wenn ihrer so viele werden, daß man nicht mehr Ordnung mit ihnen zu halten vermag, daß es Mühe und Opfer kostet, sie unterzubringen und zu bewahren. Dann gebe man sie weg, wird man raten. Das ist leichter gesagt, als getan. So zuwider einem das Geraffel im ganzen ist, so schwer kann man sich von dem einzelnen trennen. Dein Schrank ist überfüllt, du willst Raum schaffen, sobald du aber irgend ein Stück in die Hand nimmst, um es wegzugeben, wird es dir vorkommen: Nein, es sei doch schade darum, es wäre ja ganz hübsch und – es tut dir leid. Das kommt, weil es dir in diesem Augenblick allein gegenübersteht, weil du in diesem Augenblick, wo es sich um Trennung handelt, zu ihm eine persönliche Beziehung hast. Es ist auch mit Menschen so, jeder einzelne kann einem lieb und wert sein, aber die Menge ist uns zuwider, sie entwertet den einzelnen. Am meisten empfinde ich es bei den Büchern. Zehn gute Bücher zu besitzen ist köstlich, tausend gute Bücher zu besitzen, eine Qual. Nicht bloß, weil im Kasten eins das andere in den Hintergrund drängt, auch in unserem Kopf geht dasselbe vor. Zehn Bücher, die dir entsprechen, machen dich als Persönlichkeit vollkommener als deren tausend, wenn du alle lesen willst; die tausend zerstreuen dich, anstatt dich zu sammeln, sie stumpfen dich ab, das Kostbare wird alltäglich und hat schließlich nicht mehr Wert für dich, als das Gewöhnliche. Aber hast du erst einmal die tausend Bücher, so ist es schwer, vielleicht unmöglich, sie auf gute Art los zu werden. Fast jedes einzelne, wenn du es nimmst, um es hinzugeben, schreit dir ans Herz. Selbst das unbedeutendste Buch, wenn es das einzige wäre, das du besitzest, wie unschätzbar! – Aber endlich, die Schränke bersten, du beginnst die Bände herauszunehmen, an denen dir am wenigsten liegt. Das ist schon nicht die richtige Methode. Hebe die heraus, an denen dir am meisten liegt, um sie zu behalten. Das übrige laß fahren. Du tust es aber nicht, denn du bist von Büchern bereits besessen. Ähnlich geht es mit den anderen Sachen. Es gelingt wenigen, sich zu befreien. Denen es gelingt, die haben keine Reue. Wenn jemand z. B. durch ein Elementarunglück plötzlich um seine tausenderlei Sachen kommt, so erscheint der Losriß im Augenblick hart, ist aber bälder verwunden, als man glaubt. Das Notwendige, das man sich wieder anschafft, macht einem mehr Freude als früher der ganze Wust. Wust! Ja, das ist dafür das rechte Wort. Jeder, der einmal zu übersiedeln hat, wird beistimmen; man schenkt aber trotzdem nichts hin und ist trostlos, wenigstens ärgerlich, wenn etwas Schaden leidet. Der sogenannte Besitzer ist mit den Sachen verwachsen, statt persönlich zu bleiben, ist er – sachlich geworden. Wer erinnert sich nicht daran, daß ihm Sachen die Weihnachtsstimmung oder das Osterfest oder sonst einen bedeutungsvollen Lebenstag verdorben haben! Das Abstauben und Scheuern und Aufputzen und Herrichten und Bergen, der Trubel im Hause. Die fremden Leute, das Gelaufe und Gegreine der Sachen wegen! Alles wird drunter und drüber geworfen, du mußt fliehen, willst du deine eigene Haut retten. Die Hausfrauen werden nervös, die Dienstboten unwillig, du wirst ärgerlich. Es gibt nichts mehr, keine Innerlichkeiten, keine Ideale – nur Sachen. Und zwar die allergewöhnlichsten Sachen, die oft gar keine andere Bedeutung haben, als die, daß sie da sind und einen Platz brauchen. Solcher Sachen wegen wird die ganze Familie aufgeboten zur Plage und Hast, wird jede Feststimmung, jedes seelische Behagen mit diabolischer Wut geopfert. Und wenn das nicht bloß alle heiligen Zeiten, sondern täglich vorkommt?! So lebt manche Familie nur für ihre Sachen, und ihre Sachen hat sie nur, um sie in Ordnung zu halten. Diese »Ordnung« aber ist jener fatale Stein, der jeden Tag niederrollt und jeden Tag hinaufgehoben werden muß, um wieder niederrollen zu können. Das beste, vornehmste und weitaus das bequemste wäre: Wenig aber gediegen. Ein geräumiges Zimmer zum Wohnen müßte jedem genug sein. Darin findet alles Notwendige Platz, und wenn dieses Notwendige aus gutem Stoff ist und edle Form hat, dann ist nicht bloß für das Nützliche, sondern schon auch für die Schönheit gesorgt. Jene Agenten, die heute nach allen Seiten hin das Land durchlaufen, um in jedes Haus – »Kultur« zu tragen, oder vielmehr Gschnas, die hätten wir uns vom Leibe zu halten. Sie geben uns Dinge und nehmen uns Persönlichkeit. Sie überhäufen unser Leben mit Sachen, die es ersticken. Für den, der überhaupt kein tieferes Leben hat, mögen die Sachen ja taugen – als Kinderspielzeug. Er soll sich mit dem Trödel beschäftigen, um ihn sorgen, sich über ihn ärgern wie er will – für den Staub seiner Seele sind das die richtigen Staubfänger. Mensch sein und wahrhaft glücklich sein aber kann man nie durch Sachen, immer nur im Geiste. Von diesem Standpunkte des Geistes aus rechtfertigen sich solche Dinge, an denen Geist ist. Das sind jene beseelten Sachen, in denen liebe und heilige Erinnerungen wohnen. Solche in Ehren, solche engen unsere Persönlichkeit nicht ein, sondern erweitern sie. Das Erinnerungszeichen ist in diesem Sinne auch keine Sache mehr, sondern ein Geist, deshalb ist es nicht aufgezählt unter den sieben Sachen, die wir nötig haben. Wer also statt sieben Sachen deren siebenhundert hat, die er alle versorgen soll, der ist ob solcher Belastung recht zu bedauern, besonders wenn's noch eine erbliche Belastung ist, bei der er sogar die Freude des Erwerbens nie genossen. Er könnte sich aber – falls er noch nicht zu sehr sächlich geschwächt wäre – auf eine Weise helfen. Er suche hundert Personen auf, die nichts haben. Unter diese verteile er seine siebenhundert Sachen so, daß jeder beiläufig die bewußten sieben bekommt. Und sollte ihm bei solch klipper Teilung selbst nichts bleiben – um so besser. Dann steht ihm die Freude bevor, sich die sieben Sachen zu erwerben und dadurch erst wirklich zu besitzen. Venus im Hemde. I. Bei uns kichert manchmal der Teufel. Adam und Eva kriegen eine Ausstattung. Für Eva ein Leibchen, für Adam ein Beinkleid. Der Apfel der Schlange darf nur in Seidenpapier geschlagen überreicht werden. – Zu Venus und Apollo kommt die Nähterin und der Barbier, die drei Grazien bestellen sich Friseuse, pudern die Wangen und schminken die Brauen. Der Teufel reibt sich die Klauen und kichert. Wenn der Natur ein Schnippchen geschlagen wird, da kichert er immer. Und seiner Großmutter liebstes Wirtshausschild ist – eine Schürze. O heilige Heuchelei – Vettel, verdammte! Als ob mit dem Dekorum alles in Ordnung wäre! Gibt es etwas Keuscheres, als die sich unbewußte Nacktheit? Die reinen Geister, die Engel, werden selbst von der katholischen Kirche als nackte Kinder dargestellt. An manchem Hochaltar stehen oder knien die Gestalten nackter Jünglinge, die kaum eine andere Hülle an ihrem schönen Leibe haben, als zwei goldene Fittiche. Eine Dorfkirche weiß ich, in der stehen seit einem Jahrhundert solche Engel, kein Mensch nimmt Ärgernis daran. Da kam eine alte Baronin in die Gegend, und diese erklärte, nicht in die Kirche gehen zu können, solange die nackten Figuren am Altar stünden. Nun, sie muß wissen, was ihrer Tugend gefährlich wird. Den Polizeibeamten will man entscheiden lassen, was züchtig oder unzüchtig ist. Nun, dem Reinen ist alles rein, der Unreine wird alles – konfiszieren. Bevormundet mir die Künste nicht! Ob sie an der menschlichen Gestalt alle Schönheit schlicht und naiv eingestehen, ob sie das Geheimnis der Natur unauffällig verhüllen, weil es seiner selbst wegen Geheimnis bleiben will – es geschieht nach einer höheren Ordnung, an der kein plumper Gesetzparagraph anhaken soll. Nun gibt es neben dieser göttlichen Kunst eine zynische Afterkunst, die mit ihren Erzeugnissen auf die Lüsternheit und Unzucht spekuliert, teils um Aufsehen zu erregen, teils um Geld zu gewinnen. Gegen eine solche »Kunst« protestieren wir alle; doch auch für sie haben wir ein berufeneres Gericht, als die Polizei es ist. Mit ihr muß der Zorn des gesunden Menschen fertig werden. Ich weiß zwei besondere Sünden gegen das sechste Gebot. Erstens, wenn man Bilder, denen das geile Laster auf der Stirn steht, öffentlich ausstellt, und zweitens – eine wahre Notzucht an der Kunst – wenn man der Venus von Milo ein Hemd über den Kopf wirft. II. Der Chef des großen Verlagshauses trat rasch in die Redaktionsstube: »Wollen Sie mir denn das Blatt zu grunde richten, Doktor?« »Wieso?« fragte der Redakteur. »Sie wissen, daß es mir gelungen ist, mich mit den ersten literarischen Kräften in Verbindung zu setzen, daß ich Tag und Nacht darauf sinne, unsere Zeitschrift nicht bloß zur ersten in Deutschland zu machen, sondern sie auch in fremden Weltteilen, überall, wo Deutsche wohnen, zu verbreiten. Ja, ich denke sogar an eine englische und französische Ausgabe.« »Lesen Sie das!« sagte der Chef und hielt dem Doktor einen Brief hin. Dieser las: »An den Herausgeber des ›Allgemeinen Moralischen Familienblattes‹. Euer Wohlgeboren belieben zur Kenntnis zu nehmen, daß ich mit Ihrem Blatte seit einiger Zeit nicht mehr zufrieden bin. Es werden in dieser Zeitschrift Dinge erörtert, die durchaus nicht in eine Familienstube gehören. Politik, Sozialdemokratie! Wie kommt da Pilatus ins Credo! Und lassen Sie doch die Religion aus dem Spiele, oder lassen sie die Artikel von Geistlichen schreiben, damit keine solchen Schnitzer entstehen wie das letzte Mal, als Sie den Buddhismus für den Vorläufer des Christentumes erklärten. Mein zehnjähriger Knabe kann Sie an der Hand des Katechismus eines Besseren belehren. Wenn ich im Blatte noch einmal dergleichen finde, werde ich ersuchen, mich aus Ihrer Abonnentenliste zu streichen. Mit Achtung J. Mickeli, Hofrat.« »Nun?« sagte der Redakteur und gab den Brief mit Schmunzeln zurück. »Das ist durchaus nicht der erste derartige Brief, mein Herr Doktor!« sprach der Chef mit Nachdruck. »Seit dem Beginn Ihrer glorreichen Regierung habe ich mehrere ähnliche erhalten. Zum Beispiel hier ist noch einer. Während der andere das Abonnement erst zu kündigen droht, tut der es bereits. Und warum? Haben Sie die Güte, zu lesen.« Dieser Brief enthielt allerdings eine gewaltige Rüge. »Von heute an ersuche ich, von Ihrem sauberen allgemeinen Familienblatte mir nicht eine einzige Nummer mehr zu schicken. Ich habe Töchter – Jungfrauen – und Sie bringen ganz unverfroren in Ihrem ›Moralischen Familienblatte‹ Liebesgeschichten mitsamt ihren Folgen. Pfui! In aufrichtiger Mißachtung N. N.« Der Doktor blickte verblüfft drein. »Da haben Sie's!« sagte der Chef weinerlich, »nicht eine einzige Nummer mehr! Was sagen Sie? Da ich Ihnen das Gehalt gebe, damit Sie den Inhalt prüfen, glaubte ich selbst ihn nicht erst noch extra überwachen zu sollen. Glauben Sie, als Redakteur da zu sein, um sogenannte erste literarische Kräfte zu engagieren? Was heißt: literarische Kräfte? Leute, die nur Geld kosten und dann erst recht für häusliche Lektüre nicht zu brauchen sind! Die Obliegenheit meines Redakteurs besteht darin, daß er die von selbst einlaufenden Manuskripte prüft, sieht, ob sie für ein Familienblatt geeignet sind, und bei den annehmbaren etwa vorhandene einzelne Unsittlichkeiten ausmerzt. Und Sie Unglücksmensch bringen Liebesgeschichten mitsamt ihren Folgen!« Der Doktor war während dieses Vorwurfes gelassen an der Ecke seines Schreibtisches stehen geblieben, hatte dabei sogar Bleistifte gespitzt, ohne eine Ahnung davon, daß er an diesem Tische nichts mehr zu schreiben haben würde. Und nun entgegnete er seinem Chef: »In der vorigen Nummer unseres Blattes hat die meisterhafte Novelle eines jungen, ernst zu nehmenden Autors ihren Abschluß gefunden. Die Fabel – falls Sie die Novelle wirklich nicht gelesen haben sollten – ist gar nicht originell, aber wahr und glänzend behandelt. Ein hübscher, raffinierter Galan bemüht sich drei Nummern hindurch, ein unschuldiges Mädchen zu gewinnen, und dieser Teil der Erzählung hat allerseits unter den Familien den größten Beifall gefunden. Hier ist ein ganzes Bündel von Zuschriften, die voll des Lobes und der Begeisterung sind. Die vierte Nummer deutet in dezentester Weise die Verführung an, – das Publikum verharrt in Wohlgefallen, denn die Sache wird so verdeckt behandelt, daß es die naive Leserin gar nicht zu merken braucht. Die fünfte Nummer bringt als Schluß die natürlichen Folgen. Und das unglückliche Mädchen nimmt sich das Leben.« »Na hören Sie!« rief der Chef, »das ist allerdings arg.« »Nun, Herr Chef, was wollen Sie denn?« fragte der Doktor. »Sollen wir uns zu Mitschuldigen des Schurken machen? Sollen wir in unseren Schilderungen den Verführungskünsten Vorschub leisten, den Abgrund mit Rosen verdecken und alle schönen Leserinnen glauben machen, daß die jungen Herren, die sich um sie bemühen, gar nichts anderes im wohlfrisierten Kopfe haben als den Wunsch nach dem Traualtar? Bringen Sie in Ihrem Blatte doch lieber gar keine Liebesgeschichten als falsche und lieber gar keine Venus, als eine im Hemd. Es gibt tausend andere Stoffe, die für das Haus, für die wirklich noch unschuldige Jugend wichtiger und interessanter sind als Liebesgeschichten!« »Gott, Herr Doktor! Ein Familienblatt und keine Liebesgeschichte! Das wäre der Ruin. Alle Abonnentinnen fielen ab. Nur mit Liebesgeschichten kommt man auf einen grünen Zweig.« »Also, wenn Liebesgeschichten sein müssen, dann verfahren Sie aufrichtig dabei. Ich traue Ihnen einige Menschenkenntnis zu, Herr Chef. Was glauben Sie, mit welcher Art von Liebesgeschichten die meisten Mädchen verführt werden: mit sentimentalen und dabei halb lüsternen Tändeleien oder mit offener Darstellung der Gefahr? Unsere Familienblätterliteratur läßt scheinbar hübsch platonisch lieben bis zum Traualtare. Wollten unsere Mädchen im Leben solchen Schilderungen trauen, wohin kämen sie? An den Traualtar gewiß die wenigsten. Solche Romanjünglinge sind viel braver und treuer als jene, die da in Fleisch und Blut herumgehen, radeln und reiten. Just als ob man täuschen wollte! – Trau, schau, wem! Dieser Ruf müßte durch alle Liebesgeschichten hallen, die für junge Mädchen geschrieben werden!« Darauf der Chef: »Also meinen Sie, daß der Naivetät unserer Töchter nicht Rechnung getragen werden soll? Daß man bei einem siebzehnjährigen Kinde schon alles Wissen und Verstehen voraussetzen dürfe?« Der Doktor: »Ein Mädchen, das Liebesgeschichten liest, ist kein Kind mehr, seine Ahnungen trachten dem Wissen und Verstehen zu. Wenn ihr ihm schon mit solchen Sachen kommt, so laßt es klar sehen. Ein verstehendes Mädchen wird der Männerwelt mit weit größerer Zurückhaltung begegnen als ein romantisch angehauchter Backfisch, dem immer das Unerläßlichste scheint, einen schönen sentimentalen Jüngling im Herzen zu tragen. ›Naiv‹, sagen Sie. Und führen Ihr Töchterlein ins Theater zu Ibsen, Sudermann und den Franzosen! Und lassen zu Hause die Tagesblätter herumliegen mit ihren famosen Gerichtssaalberichten! Aber im Familienblatte muß geheuchelt werden. Da ist die heiligste Unschuld daheim. Da wird der Rosenstrauch auf das Entzückendste geschildert, aber die Schlange gänzlich verschwiegen, die darunter lauert. Heißt das nicht, systematisch verführen? Macht's der Lüstling anders, der ein Mädchen herumkriegen will? Ich bin dafür, mein Herr, daß man der Jugend das menschliche Leben von seiner edelsten Seite vorstelle, aber es darf nicht bis zur Unwahrheit idealisiert werden, es muß immer noch das menschliche Leben sein. Soll schon eine Abschreckungstheorie walten, so mag es eine klug pädagogische sein. Schildern Sie dem jungen Manne die Sünde abscheulich, so wird er's nicht glauben, denn so viel er schon zu wissen meint, soll sie sehr angenehm sein. Schildern Sie ihm die unheilvollen Folgen, da wird er stutzen. Allerdings hört man gern sagen, daß die Mädchen Engel seien, – gut, so mache man nur kein Hehl daraus, daß viele darunter gefallene Engel sind, unglückliche Menschen, die in täppischer Vertrauensseligkeit ihr Leben verspielt haben. Zeigen Sie diese ernsten Wahrheiten und die jungen Leserinnen werden nicht leicht auf schlimme Gedanken kommen. Mein Grundsatz ist: fern von aller Frivolität und fern von allem gleißnerischen Geflunker in der Literatur. Ich halte es für kein gutes Zeichen, daß man jetzt überhaupt wieder prüde wird. Prüderie ist das untrüglichste Merkmal des moralischen Verfalls und manche Courtisane wird in ihren alten Tagen eine Betschwester. Man ist prüde und zu gleicher Zeit lüstern; man will mancherlei, nur die offene, ernste Wahrheit nicht, nur die redliche, erziehende, warnende Wahrheit nicht. Schildert einmal die Lust, wie lockend und wie falsch sie ist, schildert sie in ihrer wahren Gestalt, schildert das, was nach ihr kommt, – und Ihr werdet unvergleichlich mehr Abscheu gegen sie einflößen, als wenn die Bestie in neckischer Verhülltheit gleichsam durch die Blume spricht. Das verderblichste aller Modekleider ist das Feigenblatt. Merken Sie sich das derbste aller Sprichwörter: »Den Reinen ist alles rein, den Schweinen ist alles Schwein!« »Aber mein Gott, Doktor!« weinte der Chef, »Ihre Prinzipien! Da würden uns ja alle Exemplare zurückgeschickt. Bedenken Sie, mein Blatt ist ein Geschäft. Wir haben große Konkurrenz, wir müssen dem Geschmack der Menge entsprechen, wir dürfen nicht eine Zeile bringen, die bei irgend einem Leser Anstoß erregen könnte. Man muß die Leute nehmen, wie sie einmal sind, ändern können wir sie ohnehin nicht. Und dann: am Text liegt es bei einem Familienblatte überhaupt nicht. Trachten wir nur, daß jede Nummer reich illustriert ist; Bilder ersetzen den Text. Text von großen Namen rentiert sich nicht mehr, aber die Illustrationen rentieren sich. Glauben Sie mir, Doktor, ich kenne das Geschäft!« »Es ist die höchste Zeit!« sagte jetzt der Doktor und begann an seinem Tische zu kramen. »Es ist die höchste Zeit, daß ich zusammenpacke. Auf das Äußerste könnte ich Ihr Geschäft schädigen. Ich bin kein Abonnentenagent und kein Bildertextler, ich bin nur ein Schriftsteller und habe so meine besondere Auffassung von Literatur. Ich bitte, mein Herr, sich nicht zu bemühen; ich habe die Ehre, mich zu empfehlen!« Die Sünde des Bräutigams. Über diese Geschichte habe ich einmal einen Vortrag gehalten, und da wäre mir beinahe etwas passiert. Die Männer wollten mich steinigen und die Frauen wollten mich küssen. Daraus ergab sich allerdings eine einfache Taktik: Ich verwies die kußfrohen Frauen an ihre Männer, und diese ließen die Steine fallen, um freie Hand zu bekommen. Nämlich, die Sache ist die. Es handelt sich um eine Zuschrift, die mir irgend einmal von irgend wem aus irgend einem Grunde zugekommen, und die ich einfältiger Weise zum Vortrag gebracht hatte, während sie ein tiefes und sehr wichtiges Geheimnis war. Wichtige Geheimnisse, die nicht weitergesagt werden sollen, muß man natürlich drucken lassen, also lautet jene Zuschrift wie folgt: Nachdem seit der Abreise des jungen Paares zwei Tage verflossen waren, erwartete ich von ihr – meiner Tochter – einen Brief. Solche Briefe kommen sonst fast sicher und sind gerüttelt voll Glück. Aber ich wartete umsonst. Albertine hatte mir vor der Abfahrt versichert, recht viel von ihrer Hochzeitsreise zu schreiben, denn wenn man mit dem geliebten Manne nach Italien geht, und zwar das erste Mal, da kann man schon was erzählen. Ich hatte mich etwas zu leicht in die Sache gefunden; daß der Witwer-Vater nun vereinsamt sein wird, daß er außer der alten Kunigunde niemand um sich hat, daß das Haus wie ausgestorben ist, wo sonst aus allen Ecken ihr lustiges Lachen geklungen, wer denkt daran. Adieu, Papa! und abgetan ist's. Aber um mich handelt es sich nicht. Vom neunzehnjährigen Mädel wollt' ich erzählen, das schon auf der Hochzeitsreise des Alten gründlich vergessen hat, der doch auch einmal Briefe aus lieber Hand gewohnt worden ist. Es vergehen Tage, es vergeht die Woche und der Briefträger hat nichts. Man spricht von Unverläßlichkeit der italienischen Post, aber mein Gott, in den ersten Tagen sind sie doch noch in Triest gewesen. Dann aus Venedig, Mailand, vom Gardasee schreibt der Christenmensch doch Ansichtskarten. Es wird doch nicht alles verloren gegangen sein. Einst – o du süßes heiliges Einst! – als ich meine achtundzwanzigjährige Marie so auf die Hochzeitsreise geführt, da hat sie schon am zweiten Tage ihren Eltern einen Brief geschrieben, der noch vorhanden ist, um mich immer traurig lächeln zu machen. Sie kann nicht jubeln genug. Ihr Mann ist noch tausendmal lieber, als sie hatte ahnen können, die Aufmerksamkeit, die Zuvorkommenheit, die Güte selbst! Ein herrlicher Mann, das Ideal eines Mannes! – Keine hat einen Briefsteller mit, und jede schreibt dasselbe. Jede? Mein Herzblättchen schreibt gar nicht. Mir wird am achten und neunten Tage unheimlich. Unglücksfälle müßte man doch in den Zeitungen gelesen haben. Wenn sie nicht verheiratet gewesen wären, hätte man an eine Entführung denken können. Ich habe mein Gewissen erforscht, vielleicht hatte ich die Leutchen irgendwie verletzt. Nein, beim Abschiede war sie so sehr in des Vaters Arme und Nacken verschlungen, daß der Bräutigam nicht geringe Mühe hatte, den Knoten zu lösen. Und jetzt vergessen! Am zehnten oder zwölften Tage begann mir der Briefträger bereits auszuweichen, denn ich wurde unangenehm. Die alte Kunigunde jammerte über meine Appetitlosigkeit und gab der Stubenluft die Schuld. Ich wagte mich nicht ins Freie, damit ein plötzlich eintreffender Expressbrief oder eine Depesche mich ja sicher zuhause treffe. Endlich merkte die Alte doch den Grund meines Kummers und gestand mir zögernd, sie habe einen Brief! Einen Brief von dem Fräulein, das heißt, von der jungen Frau. Am zweiten Tage sei er geschrieben worden in Triest und an sie gerichtet. Man kann sich denken, wie ich über die arme Person hergefallen bin! Was es denn sei? Krank? Gefährlich?! – Ich möge nur selber lesen! Auf die Kommode legt sie den Brief und dann wie der Wind zu der Tür hinaus. Nun, also – den Brief habe ich gelesen. Am Tage der Verlobung sollte man ihn jeder Braut –. Nein, doch nicht. Gott, was ist der Mann für ein – für ein herrliches Wesen! Im gleichen Alter, sagen wir, mit ihr, der Braut, und welch ein Unterschied: der Wolf und das Lamm. Wenn in der Abschiedsstunde der Vater den neugebackenen Schwiegersohn beiseite zieht und zu ihm sagt: »Sohn, mein Liebstes übergebe ich dir, deinem Schutz, deiner Diskretion. Sie ist noch ein Kind, kaum aufgeblüht. Denke dran!« So antwortet der junge Mann begeistert: »Gewiß, Papa!« Aber verstanden hat er's nicht, was der Vater gemeint. Ausnahmen wird es ja geben, wo die Liebe nicht alle Güte aufgefressen hat, wo die Leidenschaft, oder gar nur die Eitelkeit nicht alle Vernunft und Rücksicht verdrängt. Aber der Mann, wie er als Gattungsgeschöpf durch die Welt läuft, er glaubt nicht daran, daß auch die Stunden nach der Hochzeit dem – Menschen gehören, der Züchtigkeit, der Frauenehre! Unter Junggesellen, die samt und sonders in dieser Angelegenheit sehr dumm sind, gehen allerhand theoretische Anschauungen und Vorurteile, wie der Mensch überhaupt nie so dumm ist, als wenn er in Theorie macht. Die Seele des Weibes bleibt sicherlich um runde zehn Jahre länger rein, als die des Mannes. Das heißt, in den meisten Fällen bleibt sie es immer. Wenn ein Vater sein wohlerzogenes Töchterlein in jungen Jahren verheiratet, wird er mit dem Bräutigam ein deutliches Wort sprechen müssen. Höre einmal, Karl! Zur Ausstattung gehört auch ein klein wenig Knigge, oder vielmehr ein Nachtrag zu demselben. Geleite vom Hochzeitsmahl hinweg dein junges Weib in ihr heimatliches Gemach und plaudere mit ihr von der verrauschten Hochzeit und von den Plänen der Zukunft. Und wenn die Zeit zum Schlafen kommt, so sage ihr freundlich gute Nacht und gehe auf dein Zimmer. Solltest du am zweiten Abend etwas länger bleiben und das Gespräch verinnerlichen und den Kuß verlängern, so wird dir die junge Frau das nicht verübeln. Allmählich wirst du deine Rechte ja sanft erobern, aber hüte dich vor Rücksichtslosigkeit! In dem Augenblick, da du einer solchen verfällst, zerspringt in dem reinen Weibesherzen eine Saite, die nimmer mehr aufgezogen werden und deren Fehlen die Harmonie eines ganzen Lebens beeinträchtigen kann! Höher vermagst du dein Weib nicht zu ehren, inniger kannst du ihre Dankbarkeit nicht wecken, als wenn du in der ersten Zeit eures Beisammenseins zarte Rücksicht übest. Eine solche Liebe wird sie dir eher und süßer besiegen, als alle anderen Mittel. Nimm sie nicht eher, als bis sie selbst den Arm um deinen Nacken schlingt. So deutliche Worte dürfte der Bräutigam ja wohl verstehen und sie müßten ihn stutzig machen, müßten ihm zum Bewußtsein bringen, daß es eine üble Gepflogenheit ist, den Hochzeitstag mit Tränen der Empörung und Verzweiflung des geliebten Wesens zu krönen. Wie kindlich spricht sie am Altare ihr Ja, meist ohne zu ahnen, daß sie damit einen Shylockschein unterschreibt, der schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden bezahlt werden muß. Aber der Jude, der ihn präsentiert, ist nicht schlau, einige Tage später würde der Schein mit viel höheren Zinsen eingelöst werden. – Der Mann möge bedenken, daß einmal eine Zeit kommt, wo sie auf ihrem Rechte fußend ihn bankerott machen kann und er ihrer Gnade dann so bedürftig sein wird, als sie nun der seinen. Die Vorrechte des Mannes schrumpfen übrigens recht sehr zusammen bei Erwägung, wer in der Ehe die größeren Opfer zu bringen hat, was schwerer ist, Vater oder Mutter zu werden. Möge man einmal aushorchen, was Frauen über die ersten Stunden glücklichen Alleinseins mit dem Angetrauten für eine Meinung haben. Sie sprechen davon. Die einen sagen, es sei die schrecklichste Stunde ihres Lebens gewesen. Die anderen gestehen, nie hätten sie geglaubt, so tödlich hassen und verachten zu können, als zu jener Stunde. Und noch andere versichern, daß es viele Wochen und Monate bedurft hätte, um in ihrem Gemüte die Verwüstung wieder auszugleichen, die dieser fürchterliche Zertrümmerungssturz des Ideals angerichtet. In mancher Frauenseele ist der Schaden überhaupt nicht mehr gut zu machen. Es sind Ehefrauen bekannt, die nach der Brautnacht die Flucht ergriffen haben und kaum wieder zu bewegen waren, in das Haus ihres Eheherrn zurückzukehren. Was auch Männer über die Frauen für eine Meinung haben mögen – ich glaube, daß sie sich in den meisten Fällen irren. Nun zum Briefe meiner Tochter. Was hat sie mit so flüchtigen Worten und zitternden Zügen der alten Haushälterin geschrieben? Liebe Kunigunde! Hier angekommen glücklich, das kannst Du dem Vater sagen. Heute früh, er schlief noch, rasch angezogen und das Hotel verlassen. Jetzt irre ich umher in der fremden Stadt; wie eine Verworfene komme ich mir vor und kann keinem Menschen ins Gesicht schauen. Auf einer Gartenbank schreibe ich das, was ich dann tun werde, weiß ich nicht. O mein Gott, wer hätte ahnen können, wie falsch, wie roh dieser Mensch ist. Zwischen uns ist alles aus, nie könnte ich ihn lieben. Niemanden weiß ich, gute Kunigunde, und auch dir kann ich nichts sagen. Mein armer Vater! er soll es nie erfahren, wie unglücklich ich bin. Wie habe ich diesen Menschen geliebt, und jetzt ein solches Erwachen! Es ist nicht zu fassen. Vor Wochen habe ich in einer Zeitung von einer Gerichtsverhandlung gelesen, aber damals nichts verstanden. Wahnsinn – anders kann ich mir's nicht denken. Gott, da kommt er und sucht mich. Ich will nach Hause zu euch. Vater noch nichts sagen. Albertine. Das also war meiner Tochter erste Nachricht von ihrer Hochzeitsreise. Als sie nach drei Wochen zurückkehrten, waren sie verändert. Er übertrieben artig, sie kühl und wortkarg, sowohl gegen mich, als auch ihren Mann. Seither sind über zwei Jahre vergangen. Die beiden Leute leben ruhig nebeneinander hin, ich möchte sagen, ohne Freude und ohne Leid. Aber letzteres dürfte kaum stimmen. Ich warte noch immer vergebens auf den Enkel. – – So die Zuschrift, die ich damals zum Vortrag gebracht und die mir beinahe Steine und Küsse eingetragen hätte. Jetzt ist das freimütige Wort gedruckt – ich erwarte bloß noch die ersteren. Das entlaufene Jungweib. In der Plessenhube saßen sie um den großen Tisch herum und taten Sauerkraut essen. Sie taten es behäbig und schweigend. Zum Sauerkraut gehört Speck aber nicht Schwätzen. Wer tief eindringen will in das, wie gut Speckkraut ist, der muß alles sonst beiseite lassen, er darf nicht denken und nicht sprechen, er muß inbrünstig Speckkraut essen. – Doch aber war es, daß die Plessenhuberin mit ihrem Löffel plötzlich stillstand mitten auf dem Wege zwischen Schüssel und Mund. Ihr Blick schaute zum kleinen Fenster hinaus auf den Anger. »Uh«, sagte sie, »da geht die Walpa daher. Die Spinnradel-Walpa. Sie ist's. Und was sie für ein großmächtiges Bündel schleppt.« »Sie wird ihrem jungen Mann halt Sachen zutragen«, meinte der Plessenhuber, dieweil er seinen Löffel senkrecht auf den Tisch stemmte und auch zu gucken anhub. Obschon der die Seinige noch nicht gar lange hatte, lugte er doch gerne auch ein wenig nach anderen Weibsleuten aus. »Zutragen? Schon eher wegtragen«, sagte die Bäuerin. »Sie geht von ihrem Schmiedehaus weg, statt hin.« »Sie kommt zu uns«, rief der Junghirte am Rande der langen Bank. Der Knecht an der anderen Seite braucht bloß jäh aufzustehen und der junge purzelt hin. Aber so was kommt nicht vor beim Speckkrautessen. Die Spinnradel-Walpa. Im ganzen Tal hob jeder und jede den Kopf, wenn die Walpa in Sicht kam. Ein ungefähr fünfundzwanzigjähriges Weibsbild war's. Wer sie dem Gewand nach ansah, der hielt sie leicht für vierzig, wer ihr zwischen den weit vorstehenden Rändern des braunen Kopftuches ins weiße Gesichtlein zu gucken Schick und Glück hatte, der gab ihr zwanzig und nicht mehr. Ihre Eltern hatten das Schachenhüttel besessen, sie waren arme emsige Arbeitsleute gewesen, nun aber schon gestorben. Von ihren zwei Schwestern war die eine als Kind gestorben, die andere bei einer Flußüberfuhr verunglückt. So war die Walpa allein übrig geblieben, hatte das Schachenhüttel geerbt und sich mit Spinnen und Strümpfstricken und mit einer kleinen Kartoffelzucht ernährt. Alles wunderte sich, daß sie mit so Geringem auskam und man versah sie gerne mit Werg und Wolle, weil sie gar so gewissenhaft arbeitete und nicht einen Faden für sich zurückbehielt. Sie hatte das auch nicht nötig. Wie sie die Stiefel ihres Vaters trug, so gewandete sie sich mit den Röcken ihrer Mutter; immer dunkelblau und so glatt und schlank hinab, ohne Bandwerk und Faltenzier. Das war's auch, was sie vierzig Jahre alt machte. Trotzdem kümmerte es die Burschen des Tales, daß die Walpa so ganz allein in ihrer Schachenhütte lebte und mancher versuchte es, ihr Gesellschaft zu leisten. Er versuchte es aber nur einmal. Er kam gerne zurück und brummte unmutig: »Das ist eine!« Aber was für eine, das sprach er nicht aus. Der Dorfschmied Sebast ging zur Zeit auf Freiersfüßen; die waren hübsch schlank und machten große Schritte, aber den letzten, wenn er ins Haus einer Schönen trat, allemal vorsichtig. Er kam gewöhnlich bald wieder hervor, denn die Dirnlein waren ihm zu verliebt. Er konnte den Baum nicht sanft genug schütteln und schon fiel ein Apfel herab. So ein frühfälliges Obst hält nicht, ist bloß was zum Naschen, aber nichts zum Einlegen fürs Haus. Anders die Spinnradel-Walpa. Da ließ sich's schütteln, es fiel nichts. Das schien ihm etwas zum Einlegen fürs Haus. Er warb um sie. Sie fragte zurück, was sie mit ihrem Spinnrade wohl in der Schmiede zu tun habe. Er deutete es nicht schlecht aus, daß zum Harten sich das Zarte geselle, zum Eisen sich die Wolle. Er erklärte, daß der Mensch bei Hammer und Amboß nicht zufrieden sein könne für die Länge, daß auf den Tisch weiße Linnen und ins Bett milde Kissen gehören. Sie sah das ganz gut ein. Sie dachte, daß es eigentlich auch nichts rechtes sei, wenn man bloß für sich so hinlebe, sein Verdienst selber verzehre, wobei niemand ein Dankdirgott gibt und niemand eins nimmt. Sie sagte das einmal geradeso ihrer Freundin, der Plessenhuberin. Und daß es am Ende doch netter sei, für wen zu sein und zu schaffen, den man gern hat. »Ja«, antwortete die Bäuerin auf der Plessenhube, »du wirst es erst noch sehen, was das für ein Glück ist, wem zu gehören und wen zu haben. Es ist gerade, als würde man ein doppelter Mensch, doppelt so stark und so schön, und wenn eins in der Ohnmacht liegt, so ist noch das andere da und wacht. Ja, Walpa, du wirst es noch sehen, was das für ein Glück ist.« So hat die Schachenhütterdirn dem Schmiedmeister Sebast ein ruhiges Ja gesagt. Sie nehme ihn. Wie er ihr vorkomme, ein ehrenhafter Mann, ihm vertraue sie sich an. Es war ein stattliches Paar, als sie nebeneinander aus der Kirche schritten. Sie in ihrem schneeweißen Kleide mit dem Rosmarinzweig im braunen glattgekämmten Haar sah freilich aus wie ein zartes, schlankes Mägdlein von neunzehn Jahren. Der stämmige Bräutigam daneben mit dem braunen, gutmütigen Gesicht nahe den Dreißigern. Die Burschen tuschelten einander zu: Wie es der wohl angegangen sei, daß er sie drangekriegt habe! Einer wollte seine besondere Meinung kund tun, da redete der alte Nachtwächter drein: »Leut', da find' ich nichts dran. Wenn er das hart' Eisen nicht kunnt bearbeiten, dann wär er kein Schmied!« Seit dieser Hochzeit waren drei Tage vorbei, heute, als die Plessenhuberin durchs Fenster die Spinnradel-Walpa mit dem Bündel vom Schmiedehaus her gegen die Plessenhube gehen sah. Als die Walpa vom Wege abging und gegen die Haustür trat, wischte die Bäuerin ihren Löffel rasch mit dem Tischtuch ab, legte ihn hin und ging in die Vorlauben der Ankommenden entgegen. »Lachen wirst, Hanel, daß ich auf einmal da bin mit Sack und Pack.« Mit diesen Worten war die junge Schmiedefrau der Bäuerin entgegengetreten. »Das wär' nicht zum Lachen, wenn's deine Sachen wären!« gab die Plessenhuberin zur Antwort. »Was denn? Wessen sollen sie denn sonst sein? hast ein bissel Zeit für mich?« Wo wäre das Weib, das nicht Zeit hätte, wenn die vertraute Freundin nach der Hochzeit das erste Mal kommt! Die Bäuerin rief in die Küche, man möge den Brennsterz auftragen, auf sie brauche man nicht zu warten. »Am besten, wir gehen ins Kammerl hinauf«, sagte sie vergnügt und wollte der Freundin das Bündel abnehmen, was diese nicht zugab. Oben im Dachkammerl auf der Flachstruhe setzten sich zusammen. Die Bäuerin zog am Fensterchen den roten Vorhang zu, falls es die Sonne nicht sollte sehen dürfen, was die Schmiedin nun auspacken würde. Diese packte vorderhand gar nichts aus, sondern lehnte sich an die Ofenkante und Hub an zu schluchzen. »Jesses Maria! Aber Walpa, was hast denn?« pfauchte die Bäuerin. »Hat's was geben bei euch?« Die Schmiedefrau schüttelte den Kopf und dann: »Kann nichts sagen. Mußt dir's selber denken. Schuld bin ja ich. Daß ich mich so geirrt hab'. Mag ja ein guter Mensch sein, kann sonst nichts sagen. Nur das. Nur das, wenn's nit wär'! Das hätt' ich nie gedacht, daß mir einmal so was sollt zustehen. Wo er sonst die Gutheit selber ist. Na, es laßt sich gar nichts reden.« Erschrocken fragte die Bäuerin: »Hat er was Schlechtes getan?« »Ja, leicht wohl, meine liebe Hanel! Es steht so, daß wir uns nimmer ins Aug' schauen könnten. Die zwei Nächte bin ich in der Küche gelegen auf dem Herd. Weiß nicht was ich tu', wenn ich neben seiner muß leben. Derweil hab' ich zusammengepackt. Er weiß noch nichts davon. Mein Gott, erbarmen tut er mir auch noch. Muß es denn sein? Mir geht's halt einmal gegen die Natur. Eine Stunde lang hab' ich Erbrechen gehabt. Ich weiß nicht – am liebsten wär' ich hinaus bei der Nacht und in den Hammerbach gesprungen.« Die Bäuerin saß schon lange nicht mehr auf der Truhe. Sie stand vor der Freundin, schlang die Finger ihrer Hände in einander und flüsterte nun mit ganz verzerrten Mienen: »Ich bitt' dich um Tausendgottswillen. Wenn ich dich recht verstehe?« Da stellte die Walpa mit aller äußerlichen Ruhe die Frage: »Hanel, wie lange bist du schon verheiratet?« Die Bäuerin stutzte ein wenig. Dann ließ sie die Hände über den Busen hinabsinken, zog an beiden Seiten die blaue Schürze an, daß sie sich um den Leib spannte: »Solange wohl schon, meine Liebe, daß ich dir heute was Erfreuliches kann anvertrauen.« Das verstand die Walpa sofort. Die Achseln zuckte sie. Wenn's so ist. Wenn das so ist, dann – Ich red' lieber nichts. Der Deinige ist auch so. Und du auch. Und es ist eine Narrheit. Ich geh' wieder. Ich weiß nicht, soll ich lachen oder weinen.« Die Bäuerin ließ sie natürlich nicht. »Jetzt bin ich deutsch«, sagte sie, und fast zärtlich sagte sie es: »Ja, warum hast denn nachher geheiratet?« An der Tür kehrte die Walpa mit einer raschen Wendung sich wieder um: »Denk' dir, wie ich im Zimmer die zwei Betten sehe. Und so, daß keine Maus dazwischen kunnt schliefen.« Da begann die Bäuerin hell zu lachen. Es war anfangs nur wie ein kurzes Auflachen, dann ein wiederkehrendes Kichern, das aber so mächtig anschwoll, daß sie sich mit beiden Händen an der Truhe halten mußte. »Ja, warum hast denn nachher geheiratet?« mußte sie dazwischen immer wieder aufschreien, um dann weiter zu lachen, noch heftiger und noch krampfhafter. Die Walpa stand da und legte ihre Hände flach an die Ohren, als ob sie den Kopf halten, oder ihre Ohren vor diesem Gelächter verschließen wollte. »Mein Gott«, sagte sie dann, »heiraten! Ich hab' mir das halt alles anders gedacht. Grausen tut mir vor diesen Mannsbildern, grausen tut mir!« Ging die Tür auf, quixend und nur eine Spannweite, so guckte er herein und sagte: »Da ist sie ja!« In Hemdsärmeln war er, aber das Schurzfell hatte er noch um. »Also da ist sie ja«, sagte er lachend, »ich hab's ja gewußt. Hasen, die schnell laufen, laufen nicht weit. Was wär' denn das? Wenn mir mein Weiberl tät davonlaufen, was wär' denn das?« Er legte seinen Arm um ihren Hals und schaute ihr schalkhaft ins Auge hinein. Dann sah er ihre Sachen. »Aber daß du ein so großes Bündel mit hast! Das ist ja zu schwer für dich. Schau, das will ich dir tragen.« Gleich nahm er von der Bank das Bündel auf, ohne sonst noch viel zu sagen, nahm er es mit sich und ging lachend davon. Die Walpa stand da und wußte nicht, wie ihr war. Verblüfft schaute sie ihm nach, der da so ohne weiteres mit ihren Sachen davonging, als wären es die seinen. Die Plessenhuberin stand hinter ihr, guckte über ihre Achsel nach dem schönen schlanken Menschen, der so flink die Stiege hinabschritt und dann gab sie mit beiden Fäusten der Walpa hinten einen Stoß, daß diese nach vorne taumelte und – weil sie schon in Bewegung war – nicht mehr still stand, sondern ihrem Manne nachging. Dann sind sie, der Schmied und sein Weib, mitsammen über den Anger hingegangen gegen das Dorf. Eine Zeit lang war sie hinter ihm hergegangen; dann als sie an die Zaunstiegel kamen, über die er sie mit starker leichter Hand hinüberhob, schritt sie an seiner Seite. »Na, ich glaub's«, dachte ihr die Bäuerin nach. »Wärst wohl ein Narr.« Es währte nicht zwei Tage, und da ereignete sich Folgendes: Die Plessenbäuerin hockte, mit dem einen Bein kniend, auf dem andern sitzend, am Bach, der hinter dem Garten rann, und schwemmte Leinwand aus. Weiche Leinwand, aber man muß die Spinnerin und den Weber wegschwemmen, sonst bekommt das Kind in den Windeln das Mondsüchtige. Doch während die Spinnerin aus der Wäsche geschwemmt werden sollte, kam sie von hinten des Weges. Sie wollte der Bäuerin ausgewichen sein, wäre diese nicht von dem Flieder verdeckt gewesen. Heute hatte die Walpa kein Bündel mit, denn die Truhe mit ihrem Gewand war schon voraus, im Kohlenkarren eines Fuhrmannes. Sie hielt die Hände unter der Schürze verborgen und duckte sich im Hohlweg und unter Büschen und huschte hastig dahin. »Wer jagt dich denn?« lachte ihr die Bäuerin zu. Die Spinnerin-Walpa blieb betroffen stehen und antwortete: »So muß ich dir doch behüt' Gott sagen. Dasmal laufe ich weiter, als vorgestern.« Die Bäuerin riß die Leinwand aus dem Wasser, schlänkerte sie auf den Rasen hin und sagte: »Walpa, mich deucht, du bist richtig nicht recht gescheit.« »Zank' mich aus«, gab diese zurück, »zank' mich nur brav aus. Weiß' eh, daß ich's verdien'. Aber ich krieg's nicht herum. Ich kann mir denken wie der Will und kann mich hinzwingen, es geht gegen meine Natur. Was ich mich selber schon hab' ausgescholten, es geht gegen meine Natur, ich sag' es dir.« »Also kurz und gut, du magst ihn nicht.« »O mein du, wenn das wär', da wär's freilich leicht. Nur zu gern hab' ich diesen Menschen, kann dir nicht sagen, wie mir ist. Aber in Ruh lassen soll er mich. Ich will ihm eine brave Hauswirtin sein, will kochen wie er's gern hat und auf sein Gewand schauen und alles. Nur das soll er sich nicht einbilden, daß ich – Gott, wenn's nur nit so schwer reden wär!« Die Bäuerin trocknete sich die Hände an ihrer Schürze und sagte sinnhaft: »Jetzt kommt's mir schier so vor, du hättest nichts gewußt, als daß ein Mannsbild nur zum Kochen und Gewandflicken eine heiratet. Jetzt weiß ich nur nicht, ist bei euch auf dem Hüttel wirklich allemal der Storch gekommen? Solche Narrheiten da! Na da muß man sich wirklich giften. Gern hat sie ihn und läuft davon wie eine –. Verrückt bist, Walpa, verstehst? – Dir wär' einer gesund! Alle zehn Finger möchte sich immer eine abschlecken, wenn sie so einen Mann hätte. Sei froh! Ich sag' dir nur eines, Walpa, sei froh und versündige dich nicht. Es können einmal andere Zeiten kommen. Mußt es ja rein nicht wissen, wie es die Ehemänner gern' machen. Lassen das Weib daheim allein und suchen ihre Unterhaltung anderswo.« »Was sagst?« Die Walpa horchte auf und machte einen raschen Schritt gegen die Freundin hin. »Ja, ja! Solche, wie der deinige werden überall gut aufgenommen!« sagte die Bäuerin. »Er braucht gar nicht weit zu gehen. Ihrer ein halbes Dutzend Nachbarsmädeln haben nach ihm geplangt. Auch eine junge Witfrau –« »Die Bäckin?!« schrie die Walpa auf. »Gelt? Na, die lauft nicht vor ihm davon, darauf kannst dich verlassen.« Die Walpa stand ganz erstarrt da. Dann sagte sie gedämpft vor sich hin: »So! – So!« – – Und plötzlich: »Du, ich muß laufen, daß ich den Fuhrmann einhole. Bleib' gesund.« Dann war sie weg. Sie hatte lange zu laufen. Freilich mußte sie ihn einholen, den Fuhrmann, um ihm zu befehlen, er solle die Truhe ablegen, sie würde wieder zurückgeführt nach dem Dorfe zum Schmied. Einen diese Richtung fahrenden Kalkkärrner belog sie, diese alte Gewandtruhe habe sie gekauft mit Flachs, und die solle er für ein Trinkgeld beim Schmied ablegen. Als das besorgt war, schlich sie auf dem Umweg durch Au und Schachen zurück gegen ihr Haus, wo sie spät abends ankam. Die vordere Tür war verschlossen, aber das Hinterpförtlein von der Schmiede aus war immer offen. Dort schlich sie leise hinein und in der finsteren Vorkammer stand sie lange und sann, wie sie das machen solle. Wenn sie nun in die Schlafstube tritt, soll sie es ihm eingestehen, daß sie wieder fort wollte, oder soll sie eine Ausrede anwenden? – Am besten, sie sagt gar nichts, geht hin, nimmt ihn mit beiden Händen beim Kopf und gibt ihm einen Kuß. Und halt ihn fest und läßt ihn nicht mehr los. – Ganz heiß ward ihr hinter dem Busenlatz. Sie will sich ihm nicht mehr entwinden, will ihn festhalten, und wenn sie ihn in den Arm beißen muß! Ein Wirbeln und Sausen hub an in ihrem Kopf, bei diesem Gedanken. Starke ungleiche Atemstöße aus ihrer Brust – so legte sie die Hand an die Türklinke, drückte an, sprang in die Stube und hin an sein Bett. Sein Bett – das war leer. War noch nicht angebraucht worden, und stand's doch schon um Mitternacht. Eine Weile kauerte sie da, bewegungslos. Dann begann sie an den Haarsträhnen zu zerren, die ihr ins Gesicht gefallen waren, und riß zornig an ihnen herum. Machte Licht und untersuchte die Wohnung und fand nirgends den Mann. Der ist bei der Bäckin! schrie es rasend in ihr auf, dann wälzte sie sich auf dem Bette und schluchzte und stöhnte, daß sie sich selbst bitter erbarmte. Dann ward sie ruhig und lag still dahin. Und stellte sich vor, wo ihr Mann nun sein werde. Dabei stöhnte sie, als wären die Gesichte gräßlich. Dann streckte sie die Arme aus, um ihn dort loszureißen, an sich zu reißen. So heiß war ihr, daß sie anfing, das Gewand wegzuwerfen, und dann schüttelte sie ein Frost, daß sie die Decken bis zu den Ohren zog. Die Glieder zuckten am ganzen Leib, so sehr schüttelte sie der Frost. Jetzt fiel ihr die Decke aus dem Bette, jetzt das Kopfkissen, sie langte hinaus und riß es wütend an sich, alles an sich und preßte es an den Leib und stöhnte. Aber die Bilder wollten nicht schwinden und war es doch so pechfinster. Wenn er daheim wäre! Die Plessenhuberin hat recht. Wie, wenn sie aufstünde und sich noch einmal anzöge und ihn suchen ginge? Ja, das will sie. Nach dem Lichtzeuge tastete sie, den Leuchter stieß sie um. Das Zündholzschächtlein fiel zu Boden. So zitterte sie und war unfähig, etwas zu tun. Das Feuer der Eifersucht hatte ihr Blut zum Sieden gebracht. So war's noch nie in ihr gewesen, das ganze Leben nicht. So laut hatte sie in ihren Schläfen das Blut noch nie hämmern gehört. Noch fragte sie sich: Soll das Sterben sein oder Leben? – Plötzlich fuhr sie auf. Draußen war ein Poltern gewesen. An der Haustür klapperte der Schlüssel, die Tür knarrte auf und wurde heftig zugeschlagen. In der Vorkammer hörte sie seine laute fluchende Stimme: »Und das heißt verheiratet sein?!« – Sie merkte, daß er allein war, und daß er zornig war, und atmete auf. Sie merkte, wie er sich an den Türpfosten tastete, sie rührte sich nicht. Ja, so war er heimgekommen, der Schmied, unverrichteter Sache. Er hatte gedacht, viel weiter als in die Plessenhube würde sie wohl auch diesmal nicht gelaufen sein. Aber sie war weiter gelaufen, er hätte ihre Spur verfolgt, streckenweise liebeglühend und streckenweise wütend. Und als er hinter dem Schachen ihre Spur endlich verloren hatte, und als er wahrnahm, daß die Leute, die er fragte, ihn auslachten, da schrie er der Entflohenen ein wüstes Wort nach in die weite Welt und kehrt um. Daß es schon finster ward, des war er froh. Im Dorfe schlief schon alles, nur das Bäckerhaus hatte noch Licht in einem einzigen Fenster. Die Bäckin las wahrscheinlich noch an einem Roman. Romane müßte man eigentlich erleben und nicht lesen, dachte sich der Schmied. Aber solange das Bild seiner Walpa noch so heftig in ihm herrschte und seine fiebernden Sinne es umkreisten, wie Falter das Kerzenlicht – solange kam die Bäckin nicht auf. – Es ist ja dumm! knurrte er sich selber zu, es ist dumm, wenn einer so an einer klebt. Hätte er sie jetzt, erst wollte er sie züchtigen, dann wollte er sie lieben. Aber das Schmiedehaus war verlassen, die Schritte hallten in der Wohnung. Mutterseelenallein! – Und das heißt verheiratet sein. In der dunklen Stube suchte er umher nach dem Lichtzeug. Er stieß an die Wand, an den Kleiderschragen, an das Nachtkästchen, an das Bett und dieweilen er nach dem Kerzenleuchter tastete, glitten seine Finger an weiches Haar. »Wer ist da!« schrie er auf. »Ich bin es«, sagte sie und ihre Stimme zitterte ein wenig. Das Allerungereimteste. Ist etwas Anstößiges an der Sache? Es ist doch nichts Anstößiges an der Sache, wenn der Pfarrer im Beichtstuhl sitzt, seine Schnupftabaksdose klöpfelt, sie fürsichtig aufmacht, mit beiden Fingern eine Prise fasst und sie in die Nase schnupft, während er den Sünder abhört und ihm die Absolution erteilt? Es ist doch nichts Anstößiges, wenn er dasselbe mit der Dose und mit der Nase auch auf der Kanzel macht und beim Hochaltar während der heiligen Messe? Er verwendet dabei ja wohl auch das blaue Sacktuch fleißig, um Ungebührliches zu vermeiden. Nun denke man, der Herr Pfarrer stäke sich im Beichtstuhl eine Zigarre an oder stopfe sich bei der Predigt eine Pfeife! Es ist undenkbar. Die Bauern tun sogar den Kautabak aus dem Munde, bevor sie in die Kirche treten, legen das Knöllchen auf irgend einen Mauervorsprung, um es nach dem Gottesdienste wieder weiter zu genießen. Wie erst sollten sie mit ihren Pfeifen im Mund in der Kirche sitzen und rauchen gleich Zechern im Wirtshause? Es ist undenkbar. Aber schnupfen darf in der Kirche die Gemeinde nach Herzenslust. – Seit wann ist der Schnupftabak sanktioniert? Warum gerade der Schnupftabak, der Rauchtabak aber nicht? Weil eben die Tabakspfeife in der Kirche undenkbar ist. Ich kenne aber einen Ort, wo die Tabakspfeife noch weit undenkbarer ist. Am allerundenkbarsten. Nimmermehr vergesse ich den Eintritt in jenes Forsthaus, obschon mehr als vierzig Jahre seither verflossen sind. Saß dort auf einem Schemel ein junges Weib, säugte an der Brust ein kleines Kind und rauchte gleichzeitig aus einer Tabakspfeife. Eine kurz berohrte Pfeife war's mit hohem spitzigem Deckel, der nahe dem Näschen kecklich emporstand. Während der eine Arm auf dem Schoße lag und dort das Kopfkissen des Kindes abgab, tat sie mit der andern Hand am Pfeiflein herum, schnellte mit dem Finger den Deckel auf, steckte den Finger in die Pfeife, pusterte und paffte, bis der gewünschte Zug hergestellt war und das Zeug tüchtig Rauch gab. »Förster-Thresel!« rief ich aus wie verrückt, »tu' die Pfeifen weg oder das Kind!« »Just so,« antwortete sie zwischen den Zähnen hervor, »was geht's dich denn an?« Sie hatte recht, mich ging's nichts an. Es gehörte weder sie mir, noch die Pfeife, noch das Kind. Aber es war zu unerhört. Versteinern hätte einen das Bild können. Allerdings war es damals hier nichts Neues, Weiber Tabak rauchen zu sehen, sie rauchten beim Spinnen, beim Nähen, auf dem Kirchweg und an anderen Orten. Aber, daß eine beim Kindersäugen die Pfeife im Mund gehabt hätte, das hatte ich bis zu jenem Tage nicht gesehen. Mit einem bitteren Abscheu habe ich mich weg gewendet und bin fort gegangen. Heute verstehe ich einigermaßen die Entrüstung nicht, die mich dazumal dem Förstersweibe gegenüber erfüllte. Ich habe seitdem schon anderes gesehen, nicht im Walde, sondern in großen Städten, bei feingebildeten Herrschaften. Dort drehen lustige Offiziere den Ehefrauen feine Zigaretten, und die elegante Dame steckt die Zigarette in das rote Mündchen und raucht, und ihr Kind gibt sie an die Brust einer weltfremden Person. Und die weltfremde Person hat einen dungduftigen Bauernlümmel zum Liebhaber, und die vornehme Mama mit der Zigarette verachtet das niedrige Volk, aus dem die Amme kommt, und gibt ihr doch das Kind an die Brust. Ist das nicht noch ungereimter, als eine Mutter, die beim Kindersäugen Tabak raucht? Sie kennen sicherlich die Eifersucht, meine liebenswürdige Dame? Gut. Wissen Sie auch, wann diese vor allem am Platze ist? Wenn Ihr eigenes Kind die Milch und die Seele einer fremden Mutter trinkt. Die Familie ohne Autorität. Über drei Dinge wird in unseren Tagen zu viel geschrieben und geredet, über Kunst, Gesundheit und Erziehung. Folge davon, daß wir unkünstlerisch, kränkelnd und ungezogen geworden sind. Gewisse Dinge sind so persönlich, daß sie nicht gesprochen, sondern gelebt werden müssen. Je mehr man über sie theoretisiert, je unpersönlicher werden sie, fortwährende Betrachtungen können ureigene Wesenheiten aus uns herausheben, sie uns gegensätzlich machen und sie verflüchtigen. Was besonders die Erziehung angeht – diese ist keine Lehre, sondern ein Beispiel. Somit will ich nicht lehren, vielmehr ein Beispiel erzählen und mein Freund wird dann darüber nachdenken, ob und inwieweit man dieses Beispiel nachahmen soll oder nicht. Das Haus des Abgeordneten Rysand war berufen in der ganzen Stadt – gleichsam ein Knochen, wie ihn jedes Rudel braucht, um sich an ihm die Zungen zu wetzen, oder die Zähne auszubeißen. In Rysands Familie ging es nämlich ganz eigentümlich zu. Zehn Kinder, teils erwachsen, teils unerwachsen, bildeten den Ärger der Leute. Und dort, wo sie anerkennen, ja heimlich bewundern mußten, war der Ärger am größten. In Rysands Haus ging es ganz anders zu, als in anderen Häusern. Da gab's Leben, Kampf zwischen den Mitgliedern – und auch ungezügelte Liebe. Immer wurde gestritten, nie gezankt, immer gab es Gegnerschaft, nie Trotz, überall Gegensätze, die zusammen – Harmonie bildeten. Die Eltern glichen sich nicht und lebten in Eintracht, die Kinder glichen sich nicht, jedes war anders, jedes strebte einer anderen Richtung zu, ging seinen besonderen Neigungen nach und doch blieb alles in einem einheitlichen Kreise, in dem es also viele Gestalten und nur einen Geist gab. Zwischen Mutter und Töchtern herrschte vertraulicher Freimut, zwischen Vater und Söhnen eine geradezu burschikose Kameradschaft. Das ganze Haus mit seiner naiven Ehrfurchtslosigkeit und seiner Liebesfrische war eine heitere Anarchie. Dem Pädagogen zum Kopfschütteln, dem Pietisten zum Ärgernis, dem Menschenkenner zur Freude. Und zum heimlichen Neide allen, die bei größter Genauigkeit und Strenge in ihrem Hause ein solch treues Familienleben nicht zuwege brachten. Und eines Tages wurde Rysand von einem alten Hofmeister mit Fleiß befragt, wie er denn das mache, seine Kinder so zu erziehen. »Ich? Meine Kinder,« versetzte Rysand, »aber mein Herr, die erziehe ich ja gar nicht.« »Nein, es muß im Hause doch eine Autorität sein?« »Gewiß. Und sie ist auch.« »Das möchte ich wissen, wer bei Ihnen die Autorität hat!« »Das ist kein Geheimnis. Jeder hat sie. Jeder für sich. Wir sind ein demokratischer Staat – also ohne König, oder bloß mit einem zeitweilig gewählten. Wir sind protestantisch und protestieren gegen jede Willkürherrschaft. Bei uns gibt es keinen Zwang, als den der Umstände – diesen fügt sich jeder. Zehn Kinder sind mir gegeben und die zehn Gebote darüber, und die Naturgesetze dazu, ich brauche ihnen weiter nichts vorzuschreiben. Ich sage keinem: So mußt du es machen, dies und das mußt du meiden. So lange sie noch schwach und dumm waren, wurden sie schweigend geführt, aber nicht von vorne, sondern von hinten an einem starken aber losen Bande, daß sie es kaum merkten. So konnten sie nicht in den Abgrund fallen, wohl aber anstoßen. Sie stießen auch an, aber höchstens nur ein paar Mal, denn das tat weh und sie merkten es sich. Hätte ich sie mit Worten zurückgehalten, so würden sie entweder meine Weisung und Warnung übertreten oder niemals recht erfahren haben, weshalb man eigentlich nicht anstoßen soll. Der Mensch ist so eingerichtet, daß ihn nicht das Studieren, nur das Probieren vorwärts bringt, und Gottlob, daß es so ist, sonst gäbe es bald nur noch Begriffe, aber keine Tatsachen. Meine Kinder sollen durch daß Anstoßen erzogen werden und ihre Fehler müssen sie erst fühlen, um sie künftig zu vermeiden. Kommen sie mit Wunden heim, so werden sie weder ausgescholten noch bedauert, sie müssen ihre Sache selber leiden und tun es ohne weiteres. Kommen sie mit einem Erfolg, dann freuen wir uns gemeinsam. Das, was Sie Autorität nennen, würden meine Kinder so wenig ertragen, als ich es selbst je ertragen hätte. Trotz allen meinen Abhängigkeitsverhältnissen hatte ich immer das Gefühl: Du mußt nicht, du tust es freiwillig, kannst es ändern wann du willst. Das Müssen hätte ich nicht ausgehalten, da hätte ich wahrscheinlich die größten Dummheiten gemacht, um ihm zu entkommen. Das eigene Wollen hat mich gehalten und Fehltritte habe ich gebüßt, ohne es ungerecht zu finden, eben weil es meine eigenen waren. Wer eine fremde Autorität hat, und wäre es gleich Vater und Mutter, der verläßt sich drauf und ist geneigt, ihr die Verantwortung zuzuschieben, er wird nie selbständig und bleibt moralisch ein Schwächling: ein Gelingen hält er sich selbst zu gut, ein Fehlschlagen schiebt er der Autorität zu, die ihn leitet. In wichtigen Punkten halte ich meine Kinder schon fest, aber nur so, daß sie es nicht merken, daß sie glauben, sie hielten sich selbst.« Da schüttelte der Hofmeister seinen Kopf und sprach: »Wenn sie also Wort und Lehr verschmähen, wie wissen Ihre Kinder, was recht und unrecht ist.« Darauf antwortete Rysand: »Die Kinder sehen es am Vorbilde und sehen es durch Erfahrung. Man braucht's ihnen kaum ein einzigmal zu sagen. Sie haben es sehr bald weg, was sich rächt und was sich lohnt. – Das Wort Erziehung sollte man ausstreichen, das Wort Vorbild sollte man dafür hinsetzen. Die Gebote darf der Vater seinen Kindern, der Vorgesetzte seinen Untergebenen nicht verkünden aus den Wolken herab, er muß sie ihnen vorleben auf der Erde. Dieses Vorleben des Richtigen hat wohl seinen Haken. Wer es kann, der ist Erzieher, Vater und König, wer es nicht kann, der ist trotz aller schönen Worte und weisen Lehren ein lächerlicher Wicht. Eine Autorität, die kein rechtes Vorbild ist, wirkt geradezu demoralisierend, umso demoralisierender, je salbungsvoller sie sich gibt. »Ich habe,« sprach der Hofmeister, »in meiner Praxis immer erfahren, daß nach strenger Strafe gewiß die Fehler ausbleiben.« »Weil man sie Ihnen mit umso größerer Sorgfalt verheimlicht. Ich dächte, die einmal vorhandenen Fehler müsse man eher hervorlocken, als sie zurückschrecken, man muß sie doch genau kennen, um ihnen entgegenwirken zu können. Ich habe sogar ein paar Mal solche Fehler scheinbar selbst begangen, um den Jungen zeigen zu können, wie man sie unterkriegt.« »Und hat das Vorbild nie versagt?« »Wenn das Vorbild versagt, mein Freund, dann versagt die Gewalt erst recht.« »Gingen Ihre Kinder stets gerne in die Schule, Herr Rysand?« »Gingen sie nicht willig, so wurden sie auch nicht gezwungen. Das stützige Kind wurde bloß immer aufmerksam gemacht, wie andere gerne in die Schule gehen und welches Vergnügen sie dabei haben und wie ganz anders sie dastehen. Eines Tages war es zeitig aus dem Bett und flugs mit dem Buche davon – in die Schule. »Und geschieht es nie, daß Ihre Kinder vor entscheidenden Schritten ratsbedürftig sind?« »Das geschieht sogar sehr oft. Weil man sich aber nicht beim Tyrannen Rates erholt, sondern beim Freunde, so kommen sie zu mir. Ich rate nicht jedem gleich, sondern jedem nach seinem Charakter, nach seinen Anlagen; so wird kein Persönlichkeitsgefühl verletzt, wohl aber der Mut an sich selbst gestärkt. Der Grundsatz, daß die Erziehung den Eigenwillen brechen soll, ist durchaus verwerflich, er paßt für Sklaven, aber nicht für ein freies Volk. Der Eigenwille muß vielmehr gekräftigt, beständig gemacht und veredelt werden, niemals soll er vom Trotz, immer von der Vernunft geleitet werden. Die Vernunft kommt auch nicht aus klugen Worten, sie wird ausgebildet durch Überlegung, und Überlegung kommt von Erfahrung, oder wenn Sie wollen, vom Anstoßen.« »Zugegeben, Herr Rysand, daß Ihre Grundsätze bei gutgearteten Kindern am Platze sind; doch möchte ich nicht in einem Hause wohnen, wo jeder tut, was er will.« »Jeder, mein Lieber, tut bei uns durchaus nicht, was er will. Er merkt es sehr bald, wie weit er in seiner Eigenmächtigkeit gehen darf, ohne anzustoßen und sich selbst zu schädigen. Im Ganzen sucht jeder seinen Vorteil, der bei dem enge geschlossenen Gemeinwesen aber sofort fraglich wird, sobald er in die Rechte eines andern greift. Der Eine mag für sich manchmal eigennützige, rücksichtslose Anwandlungen haben, sofort regt sich in den neun übrigen der Gerechtigkeitssinn und das neunfach Gute besiegt das einfach Böse.« »Wenn aber von den zehn fünf oder mehr eigennützig sind?« »Eigennutz hält nicht zusammen, nicht einmal bei fünfen; er zersplittert sich und bleibt schließlich immer in der Minorität. Unsere Verfassung ist so, daß von den zehn eines, das im Rechte ist, Sieger bleibt gegen neun, wovon jeder für sich was anderes will. Und für alle Fälle bin ich da mit –« »Der Autorität?« »Nein, mit der freundlichen Vermittlung. In kleinen harmlosen Dingen mag jedes seine Besonderheit haben – das ist mir gerade recht, es macht das Leben im Hause mannigfaltig, es führt eine Menge von Gesichtspunkten, Plänen und Aufgaben ins Haus, und diese Welt im Kleinen wird zu einer Vorbereitungsschule für die draußen harrende große Welt.« Nun fragte der Hofmeister: »Wie wollen Sie aber bei einem mißratenen Kind ohne Gewalt auskommen?« »Die meisten solcher Unglücklichen sind eben durch Gewalt und Roheit verdorben worden. Nun heilt man nicht mit denselben Mitteln, die verdorben haben. Gewalt erzieht nie. Was ich Ihnen da sage, paßt freilich nicht für alle Fälle. Vielfach wirds allerdings stimmen: Einen, bei dem Güte umsonst, überlasse man sich selbst. Was eine milde Gewalt des Vorgesetzten nicht vermag, das vermag die Herbe des Lebens. Des Lebens Arbeit und Not ist die beste Erzieherin für solche Naturen, die wir die Mißratenen nennen, bei denen wir aber manchmal die mißkennenden sind.« »Ich komme aus dem Staunen nicht heraus,« rief der Hofmeister. »So sagen Sie mir doch, geschätzter Herr Rysand, was hält bei solche Grundsätzen Ihr Haus zusammen?« »Daß Sie noch fragen können! Was eben die ganze Welt zusammenhält.« »Und was ist denn das endlich?« »Die Liebe.« »Die Liebe?« fragte der Hofmeister mit gerunzelter Stirn. »Ein altes Schlagwort. Aber bedenklich. Liebe macht weich.« »Wie das Feuer Eisen weich macht, daß man etwas daraus bilde,« rief Rysand bewegt. »Ein heiß Gemüt stärkt manches junge Herz vielleicht zu leidenschaftlichem Streite, zu begeisterter Verteidigung persönlicher Ideale, zu glühendem Zorn gegen Widerwärtiges. Aber besser ein sprühendes Herz, denn ein kaltes und sprödes. – Sie sehen, daß meine Kinder nach allen vier Himmelsrichtungen auseinanderstreben. Ganz wild flattern sie des Morgens davon und ganz zahm kehren sie des Abends zurück. Die Freude lockt sie hinaus, das Leid bringt sie wieder heim. Je ferner sie gewesen sind, je größer ist ihre Liebe zur leidenden Mutter, zum sorgenden Vater, zu den lustig hadernden Geschwistern geworden. Oh gewiß, es ist eine Autorität, die sie zwingt, treu und fest an den Ihrigen zu halten, dem Vorbilde der Eltern nachzustreben und den frischen ehrgeizigen Konkurrenzkampf mit den Geschwistern aufzunehmen und munter durchzuführen, es ist eine Autorität, die mit sanfter Gewalt die tollen Herzen bändigt – diese Autorität heißt Liebe. »Ja, also gut denn,« fragte der Hofmeister. »Jetzt sagen Sie mir gütigst das eine noch – woher nimmt man die Liebe?« Rysand war starr und schwieg. »Ich kenne das nicht,« sagte der andere kalt. »Ich habe derlei nie erfahren.« »Aber, Sie – Sie sind doch ein Mensch!« »Höchst wahrscheinlich. Vielleicht sogar ein recht glücklicher. Ich kann sagen, mein Platz war vielfach an der Sonne. Stets sorgenlos, nie gebunden, nie verheiratet!« – Ein alter Hagestolz. Und ich konnte mit ihm von Liebe sprechen wollen?! Der weise Richter. Die Straße, von der hier erzählt werden soll, muß der Leser nicht notwendig passiert haben; es geht auch so. Es genügt, zu wissen, daß diese Straße über den Dreibuckelberg führt, der zwischen Kreisstadt und Siedeldorf steht, daß sie Stunden lang ist und daß der einsame Wanderer sich vor Räubern fürchten darf, ohne ausgelacht zu werden. Denn es begegnet ihm auf dem ganzen Weg niemand, der ihn auslachen könnte; nicht einmal ein Räuber. Die Fuhrleute, als die Roheisenführer aus dem Oberland und die Mostführer aus dem Unterland, und die Holzkohlenwagen natürlich nicht zu rechnen. Auf der ganzen Strecke über Heideland, Almen und Legföhrenbestände nicht ein einziges Haus, mit Ausnahme der Wegmachershütte, die unter einigen Fichten in der Nähe eines Brunnentroges steht und für den alten Wegmacher und seine Tochter die Woche über nur als dürftiger Unterstand dient. Aber auch nur für die Nacht und bei besonderem Unwetter. Ansonsten aber sitzen die zwei Leutchen an irgend einem Felswändlein, wie sie hin und hin am Wege stehen, und zerschlagen mit ihren langstieligen Schlägeln die größeren Steine in kleinere, schichten diese in Schotterhaufen, darauf sie zu Mittag sich wie auf ein Sofa setzen und aus dem Zwielingstopf ihre Mahlzeit verzehren. Den Alten sehe ich in grauem Zwilchgewand, von den Steinen kaum zu unterscheiden. Die Junge aber will unterschieden sein und von den lustigen Fuhrleuten nicht für einen Stein angesehen werden. Deshalb hat sie, die Barfüßlerin, gern ein lichtblaues Küttlein an und ein rotes Tuch über dem Busen. Darauf rief ihr jener Mostführer »Guten Tag!« zu und knallte mit der Peitsche. Wenn es war, daß der alte Wegmacher weiter oben oder weiter unten mit der Radeltruhe die Straße schotterte und die Junge allein bei ihrem »Steinerschlagen« saß, ließ der Mostführer wohl auch einmal die Pferde rasten, setzte sich zu ihr, befühlte mit zwei Fingern den Rand des roten Tuches und fragte, was es gekostet habe. Weil aber Steinschlägerinnen das Schlagen schon gewohnt sind, so schlug sie ihn auf die Finger, – aber durchaus nicht mit dem Eisenschlägel, sondern mit der Hand, ganz glimpflich, so daß es der Zutäppische auf Weiteres ankommen lassen wollte. Nämlich auf die Frage, ob sie das schöne rote Tuch ihm denn nicht verkaufen wolle. Er habe einen Schatz und möchte, daß der auch so was Schönes über der Brust trage. Da sprach sie, das Tuch allein sei nicht feil. Desselben Weges kam auch manchmal ein Landwächter, so einer, wie sie vom Kreisgericht im Lande herumgeschickt werden, um über Sicherheit und Ordnung zu wachen, wie auch, um allfällig Räuber, Mörder und andere Missetäter einzufangen, die den Nächsten schädigen oder die gute Sitte verletzen. Der Landwächter hatte einen schwarzen Federhut auf, trug ein Bajonett an der Seite und hinten ein Schußgewehr, deren weiße Riemen sich auf der breiten Brust kreuzten, weshalb er von Leuten, denen solche Gestalten mißliebig sind, die Kreuzspinne genannt wurde. Auch hatte der Mann am Riemen ein paar Handschließen hängen für solche, denen die Einladung, im Namen Seiner Majestät freundlichst mitzukommen, nicht genügte. So marschierte der Landwächter denn auch manchmal durch diese Gegend, um auf der langen Straße über den Dreibuckelberg nach dem Rechten zu sehen. Saß bisweilen auf dem Scheiterhaufen bei den Steinschlagerleuten und erkundigte sich, ob sie keinen Spitzbuben gesehen. Der Alte wußte keinen rechten Bescheid zu geben, denn er konnte die Spitzbuben von den anderen Leuten nicht unterscheiden, »weil's halt leider Gottes noch immer keine Spitzbubenuniform gibt.« Die Junge hingegen meinte, dem Landjäger schalkhaft zublinzelnd, fast alle Mannsbilder seien Spitzbuben, ausgenommen ... Und machte vor dem Kaiserlichen einen Knix. Nun, in manchen Stücken wollen auch die Kaiserlichen keine Ausnahme machen; und so meinte er, daß es auf dem Steinhaufen nahezu besser sitzen sei als auf der Holzbank in der Wachtstube. Und eines Abends, es war schon spät, marschierte der Landwächter wieder einmal die Straße entlang von Siedeldorf gen Kreisstadt. Er war heute in nicht geringen Sorgen. Unten auf der Heide war er dem alten Steinschläger begegnet, der die stumpf gewordenen Steinbrecheisen zum Dorfschmied tragen mußte, um sie schärfen zu lassen. Da wolle der Steinschläger über Nacht in seinem Dorfhäuschen bleiben und am nächsten Morgen wieder in den Steinbruch hinaufgehen. Der Landwächter fragte nicht weiter, obschon es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Um so größer ward aber seine Besorgnis, die Junge möchte über Nacht allein – mutterseelenallein – in der Wegmachershütte verbleiben und Gefahren ausgesetzt sein. Denn wer bürgt, daß nicht ein schlechter Schelm oder ein Zigeunergesindel des Weges kommt und die arme Einschichtige überfällt? Wem obliegt es, wachsam zu sein, das Stromervolk abzupassen und abzufassen? Und als er zur Hütte hinaufkam und im Fensterchen den Lichtschein sah, ging er hinein. Der unversperrte Vorraum war eng und die Kammer mochte wohl auch nicht viel geräumiger sein. So machte er sich's bequem im Vorgelaß auf dem Brett, zog aus seinem Glanzledertornisterchen Brot, Speck und Schnaps und hielt Abendmahl. Und nun die Geschichte von der anderen Seite. Wohl dem, der Freunde hat, die ihn auch in der Gefahr nicht verlassen! Vom Mostführer war es durchaus nicht ein müßiges Tändeln gewesen, wenn er auf dem Schotterhaufen mit der jungen Steinschlägerin scherzte. Jetzt, als er unten beim Wirt in Siedeldorf sein Fuhrwerk eingestellt hatte und als der alte Steinschläger in die Zechstube trat, um einen Krug Most zu trinken, obwohl weder Samstag noch Sonntag war, fiel ihm wie ein Steinschlägel der Gedanke aufs Herz: die Junge oben allein? Er verzehrte aber gelassen seinen Schafbraten, trank ein Glas Sausalerwein dazu und schloß dann mit dem Wirt ein Apfelmostgeschäft ab. »Der Most trinkt sich wie Sausalerwein«, versicherte der Führer, »wirst es schon sehen, Wirt; deine Gäste werden's auch sagen.« Der Wirt verstand und so war der Handel richtig. Bald darauf verzog sich der Mostführer durch das Gehöft hin und hinten hinaus und im Dunkeln die Bergstraße anwärts. Er ging länger als eine Stunde. Es stieg über dem Waldrücken der Mond auf, den bald die Wolken verdeckten. Es strich ein lauer Wind, – Wetterwind. In solchen Nächten achtet man weder Most, Mond noch Wind; sein Herz gehörte der Freundschaft zum verlassenen Dirndl. Endlich kam er zur Steinschlägerhütte. Sie war dunkel, daneben rieselte der Brunnen und in den Fichten rauschte der Wind. Er drückte mit der flachen Hand vorsichtig an die äußere Tür: sie wich lautlos zurück. Er stand im Gelaß und horchte. Es war ganz finster, er wollte aber nicht stolpern, ihr nicht einen Schreck einjagen, wenn keiner nötig ist. Ein Zündhölzchen strich er über den Oberschenkel: da ging ihm ein Licht auf, – aber was für eins! Auf dem Sitzbrett lagen Tornister, Gewehr und Bajonett ... Na also! So wird sie ja ohnehin bewacht. Den Augenblick, als der Wind lebhaft rüttelte an der Hütte, nahm er wahr, um die Sachen zusammenzuraffen; damit eilte er zur Tür hinaus, hastig hinan unter die Fichten. Der Mostführer war Soldat gewesen; in der Reserve stand er noch: so wußte er mit Waffen umzugehen. Den Federhut setzte er aufs Haupt, schob das Sturmband unters Kinn, hing die Bajonettscheide um; das Messer selbst steckte er an das doppelt geladene Gewehr. Die Handschellen öffnete er und hing sie bereit an den Riemen. So! Jetzt sind wir die Kreuzspinne, jetzt werden wir einmal Mücken fangen. Und Landwächter, und was überhaupt ins Netz geflogen ist. Er wieherte vor Vergnügen; der Spaß, den er vorhatte, war zu lustig! Der Mostführer in solcher Rüstung schlich an die Tür, in das Vorgelaß und klebte ein brennendes Wachszündstäbchen an den Gewehrkolben. So schlich er und pochte mit starker Faust an die innere Tür. Drinnen ein Gepolter. »Wer ist's?« kreischte eine weibliche Stimme. »Patroull' ist da!« rief der Mostführer, stieß die Tür auf und drang mit vorgehaltener Waffe ein. Der in Unordnung geratene Landwächter lachte zuerst überlaut, denn er glaubte, einen Kameraden vor sich zu sehen, der einen Scherz machte. Als er aber bemerkte, daß es seine eigenen Sachen waren, mit denen der Gegner anrückte, daß er es möglicherweise mit einem Wahnsinnigen oder gar Eifersüchtigen zu tun hatte, verging ihm das Lachen. Der Mostführer erklärte den Landwächter für verhaftet. Der wollte sprechen, der andere aber bedeutete kurz und fest: »Geredet wird nix. Wenn's dem Herrn nit recht ist, so druck' ich los.« Der Landwächter versuchte Einwände, wollte alles auf die spaßhafte Achsel nehmen; lauerte dabei auf einen Moment, sich der Waffe zu bemächtigen, was aber bei der Gewandtheit des anderen aussichtslos, ja gefährlich schien. Und als der Feind zu fluchen begann und immer wüster fluchte, fing der Landwächter zu bitten an. Dabei faltete er die Hände. Das war dem Mostführer just recht. Eine schnelle Schlingung, ein Einschnalzen der Feder, – und der arme Sünder war gefesselt mit seinen eigenen Handschließen. »Gut ist's!« sagte der Mostführer, als dieses Stück gelungen war und er ein frisches Kerzchen anzündete; »jetzt wollen wir uns gemütlich unterhalten. Nachher spazieren wir miteinander aufs Kreisgericht.« Die junge Steinschlägerin war nicht mehr da. Auf einen Augenblick hatte er sie vorher gesehen, aber ohne das rote Tuch, das er kaufen wollte. Die Wollendecke hatte sie an sich gerissen, zum Loch hinaus war sie gewirbelt in die schützende Nacht, zweien guten Freunden auf einmal entkommen. Mit einem wehmütigen Seufzer hob der Mostführer seine Stimme und sagte zum Landwächter: »Also gehen wir!« Unterwegs wurde der Landwächter mehrmals aufgeregt und wollte die Offensive ergreifen. »Aber Bübel, was fallt dir ein!« beruhigte der Mostführer. »Den Most laßt man erst laufen, bis er gegoren hat. Ein bissel Buße tun! Und dir's auf längere Zeit merken, daß man anderen ihre Weibsbilder in Ruh' laßt!« Das könnte ich mir eigentlich auch selbst merken, redete jetzt vorlaut sein Gewissen drein, denn mich ginge sie, die da oben, weiter auch nichts an. »Da in meiner Westentasche steckt eine silberne Sackuhr,« sagte dann, milden Sinnes, der Gefangene; »sie gehört dein, wenn du mir meine anderen Sachen jetzt gibst!« »Du, das ist mir zu gefährlich!« lachte der Mostführer, »du könntest den Spieß umkehren.« »Ich versprech' dir ...« »Das hilft nichts, weil ich's nicht glaub'. Am Gescheitesten ist's, du machst flink voran, daß uns der Tag nicht ertappt, eh wir ins Stadtl kommen. Weißt, die Stadtfrauen sind neugierige Dinger. Die möchten's gleich wissen wollen, wer es ist, der in Strümpfen.« Also keine Rettung. Der Landwächter gab sich drein. Noch gibt's eine höhere Macht! Es war frühmorgens, als dem Kreisrichter, der beim Kaffee saß und Knaster stopfte, gemeldet wurde, der Landwächter habe wieder einmal einen aufgelegten Spitzbuben gebracht und sie täten warten draußen im Saal. Da ging der Richter sogleich hinaus, denn die aufgelegten Spitzbuben waren ihm noch die lieberen der Gattung. Der gefesselte Landwächter kauerte hingeduckt an der Wand, er erkannte ihn augenblicklich; der Mostführer in Waffen stand soldatisch da, legte seine Hand an die Schläfe und rapportierte: »Herr Kreisrichter! Ich habe in der vergangenen Nacht diesen Menschen bei jemandem gefunden, bei dem er nichts zu tun hat. Er hat was anderes zu tun als wie so was; und er hat einen Staatsmißbrauch begangen, Herr Richter! Und deshalb habe ich ihn abgefangen und eingeführt, daß er seine Straf' kriegt. Da ist er.« Wer Richter war ein kleiner buckliger Mann mit grauem Schnurrbartbusch; er lachte immer fröhlich und war dabei ein gar strenger Herr. Alsbald durchschaute er die Angelegenheit. Den armen Sünder ließ er stehen, wie er stand, und verhörte ihn nicht. Hingegen befahl er freundlich dem Mostführer, die Waffen abzulegen und sie dem Gerichtsdiener zu übergeben. Als dieses geschehen war, lachte der Richter und sprach: »Mir scheint, das ist ein schwieriger Fall. Du, der du den da gebracht hast, bist wohl der Landwächter! Dann ist der da, den du eingeführt hast, nicht der Landwächter, hat also keinen Amtsmißbrauch begangen. Du hast den Mann also unrechtmäßigerweise festgenommen und sollst deshalb gebührend gebüßt werden.« »Herr Richter!« antwortete der andere: »Ich bin nicht der Landwächter, sondern heiße Sebastian Grünauer und bin Fuhrmann zu Siedeldorf. Ich hab' den Landwächter abgefangen, weil er oben in der Wegmachershütte einen Amtsmißbrauch begangen hat, den ich nicht weiter zu sagen brauch', weil sich's der Herr Richter selbst denken kann.« »Ich kann mir's denken« – der Richter lachte munter auf –, »aber ich denke halt auch etwas anderes, mein Lieber! Die Gesetzparagraphen sind mir augenblicklich nicht im Kopf. Sie werden schon entschuldigen: die Sache wird nachher ohnehin schriftlich gemacht. Wir stellen jetzt den Fall fest. Sie können sich niedersetzen, wenn Sie wollen. Tun's lieber stehen? Na, ist auch gesünder. Das Ding ist so: Wenn Sie nicht der Landwächter sind, sondern ein Fuhrmann, so geht Sie der Amtsmißbrauch des Landwächters nichts an. Sie haben den Mann gefesselt, also ihn an seiner freien Bewegung gehindert: Eingriff in die persönliche Freiheit; haben ihm auch gedroht: Vergehen gegen die persönliche Sicherheit. Strafbar. Sie haben einer Amtsperson den gebührenden Respekt verweigert, haben sich sogar an ihr tätlich vergriffen: Verbrechen der Auflehnung gegen die Obrigkeit, Verbrechen der Gewalttätigkeit im allgemeinen, der Gewalttätigkeit gegen ein behördliches Organ im besonderen. Strafbar. Sie haben dem Landwächter Kleidung, Waffen und so weiter weggenommen: Verbrechen der Entwendung persönlichen Eigentums; Verbrechen des Raubes landesherrlicher Gegenstände. Sehr strafbar. Sie werden also entschuldigen, Sebastian Grünauer, daß ich Sie ohne weiteres, unter Anwendung besonderer Milderungsgründe, zu acht Monaten Arrest verurteile. Zu Hause alles wohl? Na schön! ... Zetlitschek, geben Sie dem Sternbacher seine Sachen, daß er sich zurechtbringt und den Mann gleich, auf Nummer Sieben führen kann.« Als der Mostführer sich sehr bald darauf in dem wohlverwahrten schattigen Stübchen fand, war er just einmal verblüfft. Ich habe ja bloß einen Spaß getrieben, dachte er, und das vom Herrn Kreisrichter wird doch wohl um Gotteswillen auch Spaß sein! Als er aber nachher das schriftliche Urteil zu Gesicht bekam: »Im Namen Seiner Majestät« und mit dem großen Gerichtssiegel, da wurde ihm übel. Dann stellte er auf seiner Nummer Sieben – Zeit hatte er dazu – mancherlei Betrachtungen an und faßte Vorsätze, was er in seinem Leben nie wieder tun werde. Er werde sich nie mehr in etwas mischen, das nicht seine Pferde und Mostfässer betrifft. Er werde nie mehr einen weiten Weg gehen, um bei der Nacht eine Steinschlägerstochter zu beschützen. Am Allerwenigsten aber werde er je noch einmal einen Landwächter vor den Richter schleppen. Größenwahn. Bitte, machen Sie sich doch bequem!« sagte der Arzt zu dem an der Tischkante lehnenden Mann mit dem zurückgestrichenen langen grauen Haar und dem fahlen, glattrasierten Gesicht. »Rauchen Sie? Nein? – Also wie war's? Erzählen Sie, Doktor!« Mit etwas ungelenker Zunge entgegnete der andere, nachdem er sich in ein Sofa gesetzt hatte: »Auf dem Beobachtungszimmer, dem Arzte gegenüber, ist es verdammt schwer, zu erzählen. Sie hören ja doch nur die Phantastereien eines Irrsinnigen.« »Aber gewiß nicht,« rief der Arzt lebhaft aus und faßte mit beiden Händen seine Rechte. »Von einer etwaigen Nervenüberreizung bis zum Irrsinn haben wir noch weit. Sie sind nur etwas aufgeregt, vielleicht tut es Ihnen wohl, sich aussprechen zu können. Als alter Verehrer ihrer Muse bin ich Ihnen ein teilnehmender Freund.« »Als alter Verehrer meiner Muse!« lachte der Doktor grell auf. »Ich war der bedeutendste Richter Deutschlands. Mein Talent hat keiner wieder. Ich besitze Orden. Meine Werke sind in alle Kultursprachen der Welt übersetzt worden. Es hat Zeiten gegeben, wo hervorragende Persönlichkeiten aus Rußland und Frankreich herbeigereist kamen, um mich zu sehen. Um mich auszuhorchen über Literatur und Politik. In Paris erschien einst eine Extraausgabe des »Gaulois« mit meinem Interview. – Herr, es ist längst vorbei!« Seine Hand legte er auf die Stirn und ließ sie sachte herabgleiten über die Augen. »Vorbei, aber nicht vergessen,« sagte der Arzt. »Vor allem jedoch würde es mich interessieren, zu hören, was gestern in Ihnen vorgegangen ist.« »Das will ich Ihnen erzählen,« antwortete der Dichter. »Es war eine große Erwartung und eine große Enttäuschung, nichts weiter. – Es war mein fünfzigster Geburtstag, das wissen Sie. Es wurde ja durch einige Freunde öffentlich bekannt gemacht. Ich hatte diese Jubiläen sonst nicht gemocht – wenn sie andere feierten. Oft ganz unbedeutende Leute. Nun mal selber dran! – Der Vorabend, o, wie der schön war! Wie feierlich mein Zimmer! Die Abendröte beschien die Lorbeerkränze an den Wänden, sie sind schon lange dürr, sie rauschen, wenn die Magd den Staub abfächelt. Welche Erinnerungen! Ich lag auf dem Diwan ausgestreckt und rauchte. Ja, da schmeckte sie noch, die Zigarre la fleur. Meine Frau bereitete Küche und Keller vor. Wenn die Gäste kommen, die Deputationen, die Boten. Die Dienerschaft tat ganz heimlich; alles war so weihevoll, so geheimnisvoll, so erwartungsvoll. Halbe Andeutungen waren mir zu Ohren gekommen. Eine Ehrengabe der Nation! Fürstliche Auszeichnungen! Adelsstand! Und andere Überraschungen. Wenn's auch still geworden war um mich die letzten Jahre her, weil ich die Rezensenten gezüchtigt habe. Ich hatte sie tödlich getroffen. Doch wer je Großes geleistet, der bleibt unvergessen im Volke. In allen Blättern ist Ruh', von meinen Werken kein Hauch. Sie mögen schweigen, wie sie wollen, Unsterblichkeit schweigen sie nicht tot. So feierlich ist mir nie zu Mute gewesen, all meiner Tage nicht, Herr, als am Vorabend. Voller Hochstimmung die ganze Nacht, keinen Augenblick geschlafen. Kaum der Tag anbricht, schon Wagengerassel auf der Straße. Ich erzähle es, ich kreuzige mich in dem geistigen Wiederleben dieses Tages. Dieses fürchterlichen Tages. Wie glorreich war's noch, als beim Ankleiden – ich zog den Frack an – meine Frau hereinkam und mir den Kuß auf die Stirn gab, und eine purpurrote Geldtasche, eingestickt mit Goldfäden das Geburtsjahr und das Jubiläumsjahr. Man wird die Geldtasche noch einmal brauchen können. – Gutes Herz. Ich griff zur Morgenzeitung. Einen roten Festrand hatte sie nicht. Auf der ersten Seite stand das Huldigungsgedicht nicht. – Was Blatt wie jeden Tag und keine Zeile über den Jubilar, keine Zeile! Der Postbote brachte Briefe; es ist der Vortrab, dachte ich, denn die Post war kaum stärker als gewöhnlich. Ein paar Autographenjäger. Eine Photographie zur »Erinnerung an glückliche Stunden«! Wer mochte mit dieser alten Schachtel glückliche Stunden genossen haben! Ich nicht. Oder doch, einzelne Züge erinnerten, erinnerten wirklich. Eine Mitteilung des Verlegers, daß von tausend in Kommission gegebenen Exemplaren meines neuen Buches achthundert und achtzig Krebse zurückgekommen sind. Ein rekommandierter Brief, die Lebensbeschreibung eines armen Teufels und ein Bittgesuch enthaltend. Ein Paket mit Büchern zur gefälligen Besprechung. Endlich die Vermählungsanzeige eines alten Bekannten. Das war die Post zu meinem fünfzigjährigen Jubiläum. Ich blickte sprachlos auf meine Frau. Nein, sagte sie, das kann nicht alles sein. Die Zimmer wurden rasch in Ordnung gestellt. Welch' unerträglich lange Stunden! Und doch hätte ich den Uhrzeiger mögen festhalten, daß die Zeit nicht so fürchterlich unnütz verrinne. War es übrigens wohl auch das richtige Datum? Haben wir auch sicher den neunundzwanzigsten? Auch in »Kürschner« kein Druckfehler? Alles richtig. Und ich – blieb allein. Es wurde zehn Uhr, es wurde elf Uhr, es kam niemand. So oft draußen ein Wagen heranrollte, pochte mir das Herz; er fuhr immer wieder vorüber. Nein, jetzt hielt einer vor dem Hause. Ein Herr im Zylinder stieg aus, eilte in die Tür. Endlich, sagte ich, kommt einer. Es klingelte aber nicht und er kam nicht vor. Nach einiger Zeit stieg er wieder in den Wagen. Es war der Arzt, der die kranke Frau einer Nebenpartei besuchte. Ich hatte Zeit, meine Begrüßungs- und Dankrede zu wiederholen, die schon seit Tagen zurecht gelegt war. Nicht memoriert, ich memoriere nie etwas. Nur zurechtgelegt. Um zwölf Uhr plötzlich Musikklänge vor dem Fenster. Endlich! pfauchten wir auf, ich und meine Frau. Eine Militärkapelle marschiert vorüber, ein Bataillon, von dem Manöver zurückkehrend. Halb ohnmächtig warf ich mich in meinen Lehnstuhl. Da klingelt es. Ein alter Mann. Er bat um die Gnade, einen Augenblick zu danken für manche Spende, die er von mir erhalten, und um seine Glückwünsche darzubringen. – Es ist schon gut, schenkt ihm eine Mark, ich wäre unwohl. »In der Küche tuschelten mehrere Mägde so herum, es war halb und halb eine größere Mahlzeit bereitet worden. Der Tisch wurde einstweilen nur für zwei Personen gedeckt. »Lasset das, mir fehlt heute der Appetit.« »Warte nur,« steckte mir meine Frau, »du wirst ihn bald haben, eben ging der Geldbriefträger ins Haus.« In der Tat, der kam zu mir. Im Vorhause blieb er stehen, denn seit dem letzten Briefträgermorde wagen sie sich nicht mehr in die Wohnung. Ich ging hinaus, er übergab mir einen schwer versiegelten Brief, dessen Empfangsschein ich rasch unterschrieb. »Herr Doktor,« sagte der Briefbote, »das kann doch keine Namensunterschrift sein, mit Permission, die kann ich nicht gelten lassen.« So hatte meine Hand gezittert! Ich schrieb den Namen noch einmal hin, mit größter Anstrengung deutlicher. Dann ins Zimmer, um den Brief auszuweiden. Laut zähle ich: fünfzig, sechzig, fünfundsech – – »zig Tausend?« fragt die Frau. – Freunde hatten für mich eine Ehrengabe gesammelt. Kollegen, die mir nicht die Schuhriemen auflösen, hatten in den letztvergangenen Jahren auch Ehrengaben erhalten, große, viele Tausende! Nun war auch die meine da. – Der beiliegende Brief war zu unbarmherzig: »Lieber Freund! Wir sind leider ziemlich abgeblitzt. Die materialistische Zeit, die unselige und ganz dumme Geschmacksrichtung der Literatur. Unser Wille war gut. Mit den herzlichsten Jubilaumsgrüßen u.s.w. Beiliegend fünfundsechzig Mark.« »Frau,« frage ich über die Achsel, »wie viel macht der fällige Wohnungszins?« »Siebenhundertfünfzig Mark.« »Es ist gut,« sage ich, »bringe mir vom Rheinwein.« – Ich gieße einige Gläser hinab, vier oder fünf, mögen auch mehr gewesen sein. Schleudere das Glas in den Spiegel, daß die Scherben sausen, und lache. Es ist zu drollig, zu drollig auf der Welt. »Weib, wenn du noch zu was nütze sein willst, so wirf mir den Alten vom Gesimse, seine Exzellenz, den Herrn Geheimrat. Er soll mir zechen helfen.« – Wann bin ich ins Bett gegangen. Kopfschmerz! Rasender Kopfschmerz! Nachher haben sie gesagt, ich hätte die Goethebüste von der Säule gestürzt.« »Ja, lieber Doktor,« sprach nun der Arzt, »das haben Sie getan. Ein förmlicher Tobsuchtsanfall war's. Gegen Abend haben Sie sich beruhigt.« »Ja, ich erinnere mich, daß ich jenen alten Mann suchen ließ, der am Tage gekommen war, um mir für Almosen zu danken, und der abgewiesen worden war. Nur einen Gratulanten! Nur einen einzigen! Auch der ist nicht mehr zu finden gewesen.« »Pah, Doktor, Sie sind Philosoph. Sie legten doch niemals Gewicht auf derlei Förmlichkeiten. Es sind hohle, dumme Förmlichkeiten.« »Gewiß, das sind sie,« antwortete der Dichter, »allein, wenn die hohlen dummen Förmlichkeiten an einem solchen Tage ausbleiben, dann ist man futsch! Dann hat man ein verlornes Leben hinter sich. Ein verlornes Leben, Herr, wissen Sie, was das bedeutet? Am fünfzigsten Geburtstag bestätigt zu finden, daß es nichts war, nichts und nichts! Und hat doch seine Existenz geopfert der Ehre, hat sein Herzblut hingeschrieben für Anerkennung und Ruhm! Und ist zuletzt ein vergessener, oder gar verachteter Gauch!« Er gröhlte auf vor Schmerz. »Beruhigen Sie sich, lieber Freund, ich bitte, beruhigen Sie sich!« »Ach, was wissen Sie, Professor, was Ehrgeiz heißt!« stöhnte der Doktor aus seinem Schluchzen hervor. »Auf meinem Lebenswege«, versetzte der Arzt, »begegnen mir ganz andere Übel als der Ehrgeiz. An den Schmerzenslagern der Kranken, der Sterbenden sieht man, daß Ehre, Ruhm nichts, absolut nichts bedeuten.« »Gerade in körperlicher Not sieht man, daß moralische Güter, Ehre, Unsterblichkeit alles bedeuten!« rief der Dichter. »Das sind Dämonen,« entgegnete der Arzt gelassen. »Man sollte sie nicht aufkommen lassen. Ehrgeiz, Ruhmsucht sind weit gefährlicher als jedes andere Laster, darum gilt unter den sieben Hauptsünden Hoffart als die erste. Nichts ist geistquälender und herztötender als unbefriedigter Ehrgeiz. Nichts wirkt so sehr zerstörend auf die edlen Eigenschaften einer tiefangelegten Persönlichkeit, als unbefriedigter Ehrgeiz. Nicht allein am Mißerfolge, auch am Erfolge kann man zu grunde gehen. Ruhm ist wie Arsenik; wer ihm huldigt, der kann ihn bald nicht mehr missen; rühmen ihn andere nicht, so rühmt er sich selbst, und der Größenwahn ist fertig. Geniale Menschen, die von ihren Zeitgenossen geschmeichelt, gerühmt, angebetet werden – sie hätten nichts Wichtigeres zu tun, als Bescheidenheit zu lernen, sich täglich ein paar Stunden in Demut zu üben, denn es kommen Zeiten, da sie diese Tugenden wohl zu brauchen haben werden, Zeiten, da sie verbittern und verzweifeln müßten, ohne wahre, aufrichtige Demut. – Nein, lieber Doktor, so weit sind wir noch nicht. In Ihren Literaturwerken haben Sie von hoher Lebenswarte aus die irdischen und menschlichen Werte treffend geschätzt. Bleiben Sie auf dieser hohen Warte, steigen Sie nicht herab, um Chimären zu suchen.« »So abstrakt, Professor, so grausam abstrakt!« entgegnete der Doktor. »Unsereiner ist nicht Künstler philosoph , er ist Künstler natur . Er dürstet nach Anerkennung genau nach denselben Naturgesetzen, wie der Fiebernde nach Wasser dürstet! Daß alles vergänglich ist, daß es keine Unsterblichkeit mehr gibt, besonders in unserer raschen, talenteproduzierenden Zeit, das wissen wir freilich. Aber wenigstens so lange man lebt, will man unsterblich sein. Nein, nein, nur sein Teil will man haben. Dem Straßenkehrer seinen Lohn, dem Schriftsteller seine Ehre! Wie der Hirsch nach dem Quell, so lechze ich nach Ehre! Jeder Droschkenführer feiert sein Jubiläum, und mir, dem die Literatur, die Schriftstellerwelt, das Volk so viel verdankt, mir nichts, nichts, nichts! Verdammtes Gesindel, undankbares!« Er sprang auf, stieß den Tisch um und schleuderte ihn mit einem Fußtritt quer über das Zimmer hin. Der Arzt suchte ihn zu besänftigen. »Ich begreife ja Ihren Unmut,« sagte er, »doch warten Sie, Sie sollen sehen, daß Sie nicht vergessen sind, es wird Ihnen noch eine sehr angenehme Überraschung zu teil werden.« Denn der Arzt hatte einen Plan. Zwar wußte er recht wohl, wodurch dieser Dichter es bei der Presse und beim Publikum verdorben hatte. Einerseits der übergroße Dünkel, andererseits ein brutaler Cynismus in den Schriften hatten ihm den Hals gebrochen. An eine Wiedergeburt seines einstigen Ruhmes war nicht mehr zu denken, und doch sollte er sein Jubiläum haben. So viele Freunde und gutmütige Menschen glaubte der Arzt noch aufzubringen, um dem armen Mann eine Komödie vorzuspielen, die eben, weil sie Komödie war, sich nicht viel von anderen Jubiläen unterscheiden sollte. Vielleicht konnte er doch wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Es blieb bei der Absicht. Schon in der nächsten Nacht erkrankte der Dichter heftig an einem Nervenfieber, in dessen Delirium die letzten Funken eines einst so lebhaften starken Geistes flackernd verloschen sind. Dieser Geschichte habe ich nichts beizusetzen, als daß sie in höherem oder geringerem Grade Hunderten passiert, die ihre Karte auf Ehre und Ruhm gesetzt haben. Prozeßführen! Bist du im Besitz von Grund und Boden, lieber Leser? Ja? Dann gratuliere ich. Grund und Boden kann dir nicht niederbrennen, kann nicht davongetragen werden, kann dir nicht einmal versinken. Und wenn auch das, so besitzest du dann ein großes Loch, und das ist immerhin etwas. Und dennoch wirst du ein so feststehendes Eigentum wie Grund und Boden stets verteidigen müssen. Sei es auch nur durch die jährliche Steuer. Und wenn der Staat eine Eisenbahn darüber bauen will, so hilft dir auch das Steuerzahlen nichts. Dann mußt du den Boden hergeben. Und wenn du einen schlimmen Nachbarn hast, der dir an der Grenze deine Scholle annagt und abzwackt, dann darfst du nicht eigenmächtig eingreifen, sonst gäbe es Fetzen, sondern mußt den Schutz des Gerichtes anrufen. Schau, und das ist eine mißliche Geschichte, über die ich jetzt ein paar Worte sprechen will. Wenn bei so einem Zivilprozeß, bei dem von zweien Streitenden natürlich jeder recht hat, ohne weiteres der Richter entscheiden könnte, das wäre freilich einfach. Aber die leidigen Hin- und Herziehereien, die verschiedenen schriftlichen Pliken, Repliken und Dupliken, die lange Bank, und wenn einmal die Advokaten dabei sind! Du wirst über deine Nachbarn nichts aufkommen lassen, sind brave Leute, die in Fried und Eintracht leben wollen und die es wohl wissen, daß Menschen, welche nahe aneinander wohnen, besonders auf dem Lande, aufeinander angewiesen sind. Gesetzt aber den Fall, du hättest doch so einen tückischen Schelm neben deiner. Zwischen seinem Wald und deinem, gerade auf der Grenze steht ein schöner großer Lärchbaum. Er galt seit Großvaters Zeiten als Grenzbaum, dein Vater wie du habt euch nie erlaubt, ihn mit einem Beile auch nur anzurühren. Und eines Tages hörest du vom Hofe aus ein Schnalzen und Krachen. Du gehst durch den Wald und siehst, daß der Grenzlärchbaum frisch gefällt ist. Der Nachbar – Lux heißt die Kanaille – hat's getan. Du gehst hin und machst ihn auf den Irrtum aufmerksam, er hätte zufällig die Grenzlärche erwischt. Darauf er die rüde Antwort: »Wen geht's was an, wenn ich meine Baumstämme fälle!!« Jetzt machst du ihm Vorstellungen, der Lärchbaum, an den stets der Grenzzaun gebunden gewesen, hätte von den beiden Anrainenden unversehrt bleiben müssen. Da es nun aber einmal geschehen sei, so müsse der gefällte Stamm oder der Ertrag dafür zwischen den beiden Nachbarn geteilt werden. Der Lux schleudert dir ein paar Roheiten ins Gesicht und gibt zu verstehen, seine Knechte würden dir schon antworten, wenn du es versuchen solltest, deine Drohung auszuführen. »Drohung« nennt er deinen gutmütigen Einspruch, während er selbst droht. Nun denkst du: Ärgern werde ich mich nicht mit dem Lux. Er wird schon seinen Herrn finden. Der Bezirksrichter wird ihn wohl über die Grenze weisen. – Ja, lieber Freund, wenn das so einfach wäre! Das erste, was dir gesagt wird: Der Zivilprozeß um den Wert eines Lärchbaumes gehöre vor das Landesgericht und du müßtest wohl einen juridischen Vertreter haben. Gut, du nimmst dir einen Doktor auf – und jetzt hebt's an. Anhebt's jetzt, und wann hört's auf? – Frage dich übers Jahr einmal an. Es beginnen die Kanzleien: Erstes Schriftstück: Dein Doktor reicht beim Gericht die Klage ein. Wochenlange Ruhe. Zweites Schriftstück: Das Gericht nimmt die Klage an und stellt dem Geklagten das erste Schriftstück zu. Wochenlange Ruhe. Drittes Schriftstück: Der Doktor des Geklagten – denn auch er hat sich einen aufgenommen – reicht bei Gericht seine Gegenschrift ein, in welcher deine Angabe von A bis Z widerlegt wird. Nach einiger Zeit wird dir vom Gericht dieselbe übermittelt. Viertes Schriftstück: Dein Doktor widerlegt die Schrift des Geklagten und erhärtet deine Klage, die er wiederholt. Längere Pause. Das Gericht vermittelt deine zweite Schrift dem Geklagten. Wochen-, vielleicht monatelange Ruhe. Fünftes Schriftstück: Der Doktor des Geklagten widerlegt auch die zweite Schrift deines Doktors und der Gegner hat das letzte Wort. Seine letzte Einspruchsschrift geht wie alle vorhergehenden auf langem Wege durch die Hände des Gerichts an deinen Doktor und von diesem wieder zurück zum Gericht. Jedes Schriftstück enthält mehrere, vielleicht viele Bogen, denn es wird die ganze Angelegenheit, die Geschichte der Grenze, des gefällten Lärchbaumes, Zeugenschaften, Gründe und Folgen, Ursachen und Wirkungen nach allen Seiten mit unglaublicher Weitschweifigkeit und vielfachen Wiederholungen erörtert, es werden heftige Anschuldigungen ausgesprochen und großmäulige Forderungen aufgestellt. – Alle Schriftstücke werden in den Kanzleien doppelt geschrieben, jeder Bogen braucht einen Stempel, jeder Bogen kostet hohe Schreibgebühr, denn Advokatenpapier ist teurer als Safran. Nun aber sind der Worte genug gewechselt. Die Aktenstücke ruhen bei Gericht. Wie lange? Das ist unbestimmt. Denn das Gericht ist überhäuft mit dergleichen Prozessen und es können Monate vergehen, bis du an die Reihe kommst mit deinem Begehren. Mittlerweile hat dein sauberer Nachbar Lux den Lärchbaum längst zerschnitten, verkauft und vielleicht auch versoffen. Und wir haben einstweilen reichlich Zeit, ein wenig in den Bauch des Prozesses einzudringen. – Du wolltest nur gerichtlich festgestellt wissen, daß die Lärche als Grenzbaum gegolten hat und nun einmal gefällt, zur Hälfte dem Nachbarn, zur Hälfte dir gehört – nicht wahr? Richtig, so wolltest du es. Nun, was macht dein Advokat? Der behauptet in der Klageschrift, der Lärchbaum sei auf deinem Grund und Boden gestanden, der Nachbar Lux habe ihn dir gestohlen, umgehauen, zerschnitten, als Bauholz verkauft und das Geld in seinen Sack gesteckt. Dein Doktor beweist, daß die Grenze viel weiter rechts liege, immer gelegen habe, und liegen werde, und er verlangt, daß der Lux den Lärchbaum wieder an die Stelle schaffen, aufstellen, wie er gestanden und lebendig machen soll, widrigenfalls du eine Entschädigung von dreihundert Gulden, die Prozeßkosten und eine exemplarische Bestrafung von ihm verlangst. Aber Herr Doktor! rufst du deinem Advokaten zu, das ist ja ein Unsinn, das verlange ich ja gar nicht. Ich will nur die Hälfte des Ertrages für den Lärchbaum! Klopft dir der Doktor auf die Achsel: Lasset es gut sein, Vetter. Fürchtet nicht, alles zu bekommen, was wir verlangen. Das überlasset mir und denket einstweilen: Wer etwas haben will, muß alles verlangen. Wer wenig verlangt, der bekommt gar nichts. So ist's bei unserem Geschäft. Passet einmal auf, was der Gegner sagen wird! Und richtig, der Advokat des Lux bestreitet fürs erste alles, was dein Doktor behauptet hat: Es ist nicht richtig, daß der Lärchbaum dir gehöre, er gehört dem Lux. Es ist nicht richtig, daß die Grenze viel weiter rechts liege, sie liegt im Gegenteil viel weiter links. Es ist nicht richtig, daß er dir den Baum gestohlen, umgehauen, zerschnitten, als Bauholz verkauft und das Geld in den Sack gesteckt habe, er habe vielmehr seinen eigenen Baum gefällt und verkauft. Und er werde nicht bloß diesen einen Baum nehmen, er werde auch noch die anderen nehmen, die in der Nähe des Standplatzes stehen. Er verlangt, daß du bei Gericht abgewiesen werdest, daß du zu den Gerichtskosten und zu der schwersten Mutwillensstrafe verurteilt werdest. – Vielleicht hat auch der Lux zu seinem Advokaten gesagt: Herr Doktor, das dürfte zu scharf sein. Und der Doktor zu ihm: In unserer Praxis ist nichts zu scharf. Will unser Gegner alles, so wollen wir auch alles. So auf das strammste gespannt kommt der Bogen vor den Richter. Du schämst dich schon, was wird der Richter von dir denken, daß du so überspannte Forderungen stellst? Wolltest du nicht das Recht suchen? Und du setzest dich selber ins Unrecht, indem dein Vertreter dem Gegner gegenüber so lächerlich übertriebene Ansprüche stellt. Der Richter aber, als er endlich deine Angelegenheit vernimmt und die hitzigen Streitschriften der Gegner liest, lächelt darüber. Nein, er lächelt nicht einmal, er bleibt ganz kühl, für ihn ist die Sache gar nichts, als langweilig. Im übrigen findet er alles in Ordnung, die Parteien müssen sich gegenseitig erhitzen, beleidigen, raufen, zerfleischen. Draußen im Leben hat vielleicht nur einer der Gegner dem anderen unrecht getan, jetzt müssen sie sich beide unrecht tun, so verlangt's die juridische Form. Du willst als Kläger billig sein, du darfst es aber nicht, sonst ziehst du den kürzeren, sagt dein Advokat. Du willst gerecht sein, nur das verlangen, was dir gebührt, und dem Gegner das Seine zusprechen, du darfst es gar nicht! Tu mußt ein Unrecht verlangen, wenn du ein Recht behaupten willst, sagt der Advokat. Eine Hauptregel der Kriegskunst, sagt ferner dein Advokat, ist, gerade das zu tun, was der Gegner nicht haben will. – Gut. Weißt du es aber auch immer genau, was der Gegner will oder nicht will? Gesetzt den Fall, er möchte dich in eine gefährliche Schlucht locken und macht ein Scheinmanöver, dir den Zugang in die Schlucht abzusperren. Wirst du gerade darum, weil du nun glaubst, der Feind wolle dich nicht in der Schlucht haben, hineinreiten? – Und weiter, darf man denn einen Rechtsprozeß mit einem Kriege vergleichen? Dieser sucht List und Gewalt, jener das Recht. Wenn schon die Parteien begreiflicherweise geneigt sind, in einem Streitfalle einander allerlei Böses anzutun, so sollte doch von Gesetzes wegen eine strenge rechtliche Form und Ordnung aufgestellt sein, es müßten auch die Mittel sittliche und rechtliche sein, durch die ein sittliches Ziel, das Recht, erlangt werden soll. Die gesetzlich gewährleistete Advokatenpraxis und Vertretermanier besteht in der Regel darin, die Gegner in ihrer Rechtssache nicht nur nicht auszugleichen, sondern sie noch mehr zu entzweien,, ihre Gegensätze bis aufs Äußerste auszuspinnen, ihre Feindschaft auf alle Weise zu schüren und zu entflammen, den Konflikt zur dramatischen Höhe zu bringen. – Warum das? Etwa, daß jeder der beiden Vertreter durch eine möglichst drastische Darstellung des Falles den Richter für seinen Klienten zu gewinnen suchte? Bewahre, der Advokat weiß es recht gut, daß derlei Übertreibungen den Richter vollständig kalt lassen, daß er die juridische Formsache eben nur als solche hinnimmt, daß er die unzähligen Bogen der Gegenschriften nicht einmal genau durchliest. Ist der Richter nur Buchstabe und Paragraph, so wird er allerdings aus den Kanzleibögen der Advokaten sein Urteil schöpfen, ist er aber auch ein wenig Mensch mit persönlichem Rechtsgefühl, was sich bei unseren Richtern wohl von selbst versteht, so wird er trachten, die durch die juridischen Streitschriften verworrenen Tatsachen zu entwirren, den Fall sich lebendig vorzustellen und in heiliger Absicht, nach beiden Seiten hin Recht zu sprechen, das Urteil zu fällen. In diesem Falle werden ihm die hundert Bogen Advokatenpapier nicht genügen, er wird sie nicht einmal brauchen können, er wird andere Beweise und Zeugenschaft begehren, die ihm maßgebender sind. Also warum die Sucht mancher Advokaten, bei den Streitenden das etwa noch vorhandene Billigkeitsgefühl ganz und gar zu ersticken, das objektive Rechtsbewußtsein zurückzudrängen und der Selbstsucht ihrer Klienten so frivol zu frönen? Warum? Weil die Streitenden sich sonst vorzeitig besinnen und ausgleichen könnten, und weil der Ausgleich für den Advokaten unfruchtbarer Boden ist. Später, wenn der Prozeß sich entfaltet und ausgereift hat, wenn die zahllosen Bogen beschrieben und die zahllosen Taxen berechnet sind, wird der Advokat gegen einen Ausgleich allerdings nicht mehr viel einwenden, ja denselben vielleicht sogar vorschlagen. Die Taxen werden bezahlt, ob von dir oder dem Lux, das ist ihm gleichgültig. Wärest du selbst zum Richter gegangen als dein eigener Vertreter und hättest gesagt: Herr Richter, mein Nachbar Lux hat eigenmächtig einen Lärchbaum gefällt, der bisher als Grenzbaum gegolten und an dem nach meiner Meinung auch ich das gleiche Anrecht habe. Ich bitte, aus den Urkunden, Mappen und Aussagen der Anrainenden bestimmen zu lassen, ob ich recht habe oder nicht. Wenn ja, so fordere ich vom Nachbar Lux Vergütung, wenn nein, so bin ich bereit, die Kosten der Richtigstellung zu tragen. – Das wäre anständig und gewiß nach deinem Sinn gewesen. Dem Richter wäre es wahrscheinlich so am liebsten gewesen, und die gerichtliche Entscheidung in diesem Sinne hätte nicht eine ewige Feindschaft zwischen zwei Nachbarn zur Folge gehabt. – Aber nein, das gibt's nicht. Unsere juridischen Einrichtungen machen ein so einfaches Verfahren in vielen Fällen geradezu unmöglich. Nun endlich ist die lange Bank durchkrochen. Deine Ruhe ist schon längst verdorben, und in den langen Nächten fragst du dich: Wie wird der Prozeß ausgehen? Dann stellt dir der Advokat geschäftsmäßig kühl das Urteil zu. Die Lärche war der Grenzbaum und dein Nachbar Lux ist verpflichtet, dir von dem Ertrage desselben die Hälfte auszuzahlen. Nun also! Wieso nun also? Durchaus nicht nun also. Der Nachbar Lux hat die Berufung angemeldet. Der Prozeß steigt in eine höhere Instanz und der ganze Spaß wiederholt sich von neuem. Ob du die endgültige Entscheidung erleben wirst? – Und was an dieser Einrichtung noch besonders zu bemerken ist, die Advokaten selber sind damit nicht einverstanden, sie selbst sind entrüstet darüber. Ich glaube sogar, daß es den meisten mit der Entrüstung Ernst ist, denn diese Art von Rechtsanwaltschaft und Rechtsbehandlung kann auch einen an und für sich ehrenhaften Stand entwürdigen. Wenn ich durch meine Darstellung nicht die Advokaten im allgemeinen gemeint haben will, so habe ich doch jene gemeint, die es gerne so treiben. Keine Steuer zahle ich lieber, als die der Wahrheit, und so muß gesagt werden, daß ich auch Advokaten kenne, die jeden Streitlustigen vor dem Prozesse warnen, ihm schlicht und wohlwollend sein Recht oder Unrecht klarlegen und gewissenhaft eine Verständigung, einen Vergleich zwischen streitenden Parteien anstreben. Ich selbst habe es einmal mit einem solchen Rechtsfreunde zu tun gehabt, dem's nicht um Vorteil, nur ums Recht zu tun war, der sich im Laufe des Prozesses von einer unsinnigen Schablone freihielt, so weit es die Vorschrift nur immer zuließ, und der auf rechtschaffenem Wege mehr erreichte, als durch Finten und Kniffe je hätte erreicht werden können. Doch wollte ich dir den Prozeß um den Lärchbaum nicht umsonst in die Möglichkeit gerückt haben. Bist du tatsächlich in einem solchen Falle, was soll ich dann zum Schlusse sagen? Etwa: Nicht prozessieren, lieber Unrecht leiden, lieber einen Vorteil fahren lassen, als einen Rechtsweg betreten, wie der angedeutete. Im allgemeinen, wo es sich um materielle Tagesvorteile handelt, rate ich dir gewiß nichts anderes. In diesem besonderen Fall aber, mein Freund, in dieser Grenzfrage, mußt du eine richterliche Entscheidung suchen. Denn es handelt sich nicht bloß um dein oder deines Nachbars Gut, es handelt sich um das Recht der Nachkommen. Da gibt's kein gutmütiges Verzichten zu gunsten eines bösartigen Nachbars. Anonyme Briefe. Na, da hätten wir uns einen anmutigen Gegenstand gewählt! Gibt es doch Leute, die nur das Wort »anonym« zu hören brauchen, um durch und durch nervös zu werden. Warum nervös? Es ist sonderbar, daß anonyme Zuschriften schmähenden Inhalts beim Empfänger noch immer eine gewisse Wirkung erzielen. Sagen doch in den allermeisten Fällen solche Zuschriften gerade das Gegenteil von dem, was sie sagen wollen. Wenn eine anonyme Postkarte dich einen »Spitzbuben« nennt, so sagt sie damit nichts anderes als: Dich so zu schimpfen, kann ich nicht verantworten, unter eine solche Beleidigung für dich schreibe ich meinen Namen nicht. Die Karte behauptet etwas, dessen Unrichtigkeit der Verfasser durch Verweigerung seiner Unterschrift deklariert. Wer einen Schimpf an mich nicht unterschreibt, der lobt mich indirekt. Und auch umgekehrt, also daß schmeichelhafte Zuschriften ohne Namensunterfertigung im obigen Sinne etwas Verletzendes haben, außer es sei bei letzteren Bescheidenheit im Spiele. Ein Anonymus, der es nicht einsieht, daß unterschriftslose Briefe bei vernünftigen Leuten ihre Wirkung verfehlen, muß stark vernagelt sein. Aber er weist mit seiner anonymen Zuschrift auch andere Merkmale vor, er zeigt, daß er nicht bloß dumm, sondern auch boshaft und feige ist. Da hätte er ja die schönsten Eigenschaften beisammen, um selbst das vorzustellen, was er etwa anderen zuzuwerfen bemüht ist. Aber was kümmert ihn das! Weiß er doch, daß seine Person geschützt ist vor einer Antwort, die ihm nicht lieb sein würde! Ob er sich im trauten Selbstgespräch einen schlechten Kerl nennt? Wahrscheinlich nicht, denn um das einzusehen, dafür ist er zu – anonym. Keine Gesellschaftsklasse ist von diesem Ungeziefer frei, die meisten anonymen Briefe aber werden in den ungebildeten, verrohten Kreisen geschrieben; man merkt es leicht ihrer tölpelhaften Blindwütigkeit, ihrer Giftigkeit, ihrem Stile, oft auch ihrer Orthographie an, wes Kinder sie sind. Mancher Schreiber findet es allerdings nötig und klug, seine Schriftzüge zu verstellen, fremde Handschriften, ja sogar Namen nachzufälschen, also daß – während er andere vielleicht verdächtigt, verleumdet – er sich selber fürs Kriminal reif macht. Ich möchte nach solcher Heldentat aber nicht ruhig schlafen. Das kommt öfter an den Tag, als es die Schuftlein weiblichen und männlichen Geschlechtes sich träumen zu lassen belieben. Ist einer entlarvt worden, so redet er sich gewöhnlich damit heraus, daß sein anonymes Schreiben nicht so schlimm gemeint gewesen, ein dummer Scherz, nichts weiter. Aber dieser »dumme Scherz« hat ihn den verächtlichsten Gäuchen beigesellt! – Manche solcher sauberer Schreiber geben sich wie Freunde dessen, dem sie anonym schreiben, und verdächtigen bei ihm dritte Personen. Das ist das praktische Verfahren. Wenn dir jemand anonym schreibt, du seiest ein nichtsnutziger Mensch, so wirst du dazu lachen, denn was du bist, das weißt du selber am besten. Wenn dir aber jemand nahe legt, dein Nachbar sei so und so, dich in wohlwollender Form vor ihm warnt, so wirst du zum mindesten nachdenklich werden. Doch auch in diesem Falle soll dir die Anonymität des Verdächtigers die beste Gewähr sein für die Unwahrheit seiner Behauptung. Die anonymen Briefe sind scheinbar eine so überaus leicht zu handhabende Waffe, daß sie jeder Wicht gebrauchen kann, und so wird sie in allen denkbaren Abwechslungen und für alle möglichen Zwecke verwendet. Vor einigen Jahren hatte ich eine »Bitte an den Klerus« veröffentlicht, in welcher ich ersuchte, daß im Katechesen-Unterricht etwas weniger römisches Dogmentum, hingegen aber etwas mehr Evangelium gelehrt werde. Darüber erhielt ich eines Tages eine anonyme Postkarte folgenden Inhaltes: »Sie treiben es schon zu arg gegen die heilige Kirche, Gottes Langmut ist erschöpft, bereiten Sie sich zum Tode vor, denn Sie müssen binnen der nächsten sieben Tage vor das Gericht Gottes!« – Aufgegeben war die Karte zu Linz an der Donau. Jemand, den ich sie lesen ließ, geriet in eine heftige Wut über »diese verdammten Zeloten und Fanatiker«. Ich lugte ihn an und sagte: »Merkst du denn nichts? Diese anonyme Zuschrift kommt weder von einem Zeloten noch von einem sonstigen Fanatiker, sondern von einem Spaßvogel, der gerne ein bißchen hetzen und in meinem nächsten »Heimgarten«-Heft einen recht wüsten Artikel gegen die Widersacher lesen möchte. Den Gefallen, reinzufallen, mag ich ihm nicht tun.« Der Zufall wollte es, daß ich gerade innerhalb der nächsten sieben Tage nach Linz zu reisen hatte, wo die Dolche gegen mich ja geschliffen und gezückt sein mußten! In Linz wurde ich aber nicht tot gemacht, sondern wiederholt leben gelassen. – Von einer anonymen Drohung sich ins Bockshorn jagen zu lassen! Wenn hinter dem Wische nicht einmal ein Name steht, um wie weniger erst ein Mann! Und doch, so wird mir entgegnet, ist der Empfänger eines namenlosen Schimpfbriefes beschimpft. Aber wieso? Man vergegenwärtige sich doch einmal die Natur des Schimpfes, den ein anonymer Brief zuwege bringt. Wenn aus dem Hinterhalt ein Stein auf dich geworfen wird, so kann er dich treffen und verwunden, ohne daß der Werfende bekannt ist. Im geistigen Streite ist es nicht so, da entscheidet nicht die Waffe, sondern der sie führt. Zu einer tatsächlichen Beschimpfung gehören drei Faktoren: der Schimpfende, der Schimpf und der Beschimpfte. Wo einer dieser Faktoren fehlt, da ist es nichts. Bei einer anonymen Schmähung sind nur zwei Faktoren vorhanden, der Brief als sein sollender Schimpf, und der Empfänger als sein sollender Beschimpfter. Der Schimpfende mangelt, er verneint sich selbst, und wo kein Schimpfender ist, da kann also auch kein Schimpf und kein Beschimpfter sein. Wenn diese Logik ein Loch haben soll, so muß man ihr eins machen, und wenn anonyme Briefe Eindruck machen sollen, so muß man ihnen Gewicht beilegen. Sobald allerorts anonyme Zuschriften ungelesen in den Ofen fliegen, ist den Boshaften und Gemeinen, deren es immer und überall gibt, die Waffe benommen. Also ein bindendes Fürnehmen, wir lesen keinen Brief ohne Namensunterschrift. Kommt einmal so etwas, dann lacht man: Schon wieder ein Schufterle, und wirft den Wisch ungelesen in den Papierkorb. So ist und bleibt der anonyme Brief nichts als das Zeichen unendlicher Ohnmacht irgend eines Individuums, das gerne beleidigen möchte. Wer wem einen Hieb versetzen will an seinem Charakter und guten Namen, der muß mit voller Persönlichkeit hervortreten, und diese Persönlichkeit muß eine gewichtige sein. Es ist also unvergleichlich schwerer, jemandem moralisch etwas anzutun als körperlich. Die Ehre ist in der Tat viel unverletzbarer als der Rücken. Wenn es Verwundung durch Anonymität gäbe, so wäre es eine von hinten. Bei körperlichen Kämpfen gilt es sonst als Ehre, vorne, und als Schande, hinten verwundet zu werden, weil in letzterem Falle an das feige Fliehen gedacht wird. Man kann aber auch sagen, daß es auf meine Kraft und Geschicklichkeit ein weniger günstiges Licht wirft, wenn ich an der Stirn, als wenn ich am Rücken verwundet werde. Gegen den Angreifer vor mir konnte ich auf der Hut und in Bereitschaft sein, der Angreifer hinten konnte mich meuchlings überfallen. Wie kann erst gar der meuchlerische Überfall eines Anonymus etwas bedeuten? Wir sind unversehens dem Begriff Ehre so nahe gekommen, daß wir ihn flüchtig grüßen müssen. Die Ehre wird oft eitel genannt, und wenn man genauer zusieht, mangelt der rechte Glaube. Kein gutes Zeichen heutzutage, daß man so empfindlich an seiner Ehre ist. Empfindlich ist man an kranken Stellen. Die gesunde Ehre ist so leicht nicht zu verletzen. Wir haben in der Ehre eine Gold- und eine Scheinwährung. Letztere ist die, von der Sudermann sagt, daß sie in jeder Gesellschaftsschicht eine andere sei; ist die, um welche Gerichtsverhandlungen abgehalten, Zeitungsfehden geführt und Duelle gefochten werden; ist endlich die, welche jeder um so ängstlicher hütet, je zweifelhafter es mit seiner – Goldwährung steht. Es ist die Ehre nach außen hin, der Papierkurs, welcher freilich nur unter Standesgenossen Gültigkeit besitzt. Die Goldwährung, die echte Ehre, ist bei allen Ständen gesitteter Menschen dieselbe, sie ist das Geltnis der Summe der persönlichen Tüchtigkeit und Bravheit einer Person. Diese Ehre ist durch willkürliche fremde Eingriffe nicht verletzbar. Vielleicht ließe die echte Ehre sich mit Goldbarren vergleichen, die den Eigentümer ermächtigen, Papiergeld in Umlauf zu setzen. Fremde Individuen können wohl das Scheingeld rauben, nicht aber die Goldbarren in den feuersicheren Kellern eines gediegenen Charakters. Wenn jemand von dir in weiteren Kreisen behauptet, du wärest unfähig oder unbrav, so vernichtet er für den Augenblick vielleicht eine Menge Scheine, die im Bekanntenkreise kursiert haben. Die Ehre ist vernichtet, sagt man. Im Grunde ist es nicht so schlimm. Das vernichtete Scheingeld kann jederzeit wiederhergestellt werden, wenn in den Kellern die Goldbarren liegen. Die echte Ehre steht also auf weit festeren Füßen, als wir uns einbilden. Von zwei Brüdern kann der betrügerische den rechtlichen nicht entehren. Von zwei Eheleuten kann der treulose Teil den treuen nicht entehren. Nicht einmal der Galgen kann den Verurteilten entehren; denn nicht die Strafe schändet, sondern das Verbrechen. Und da soll die Ohrfeige eines aberwitzigen Kampfhahnes entehren? Und da soll der lächerliche Geifer eines Anonymus entehren? – Allerdings, wer in Vorurteilen befangen sich von jeder Fliege entehren läßt, entehrt fühlt, dem kann man nicht helfen. Wir empfehlen ihm zur Kräftigung und Abhärtung seiner kränklichen Ehre einen längeren Kurgebrauch bei Bauern, Soldaten und Seeleuten. – Nun noch einmal zurück zu unserem holden Gegenstande. In früherer Lebenslehrzeit litt auch ich kindisch unter dem anfliegenden Ungeziefer anonymer Zuschriften. Schon die fremde Absicht, mich beleidigen zu wollen, tat dem liebedurstigen Gemüte weh. Doch das ändert sich. Man braucht die Abhärtungskur, verwahrt die Goldbarren und geht dann ruhig seiner Wege. – Nur ein paar Geschichtlein und Erfahrungen will ich mitteilen, zu Nutz und Ergötzung der lieben Leser. Vor mehreren Jahren hat sich in einer mittelsteierischen Ortschaft folgendes Anonymus-Prozeßlein abgespielt. Dort am Eingang des Ortes, an der Straße, sah man täglich einen zwerghaften, bekropften Cretin kauern. Er war taubstumm und gröhlte wie ein Tier, er war unter den Zweibeinigen der menschlosesten einer, er hatte fast nichts Menschliches an sich als den Namen. Der hieß Augustin Bachlinger. Eines Tages begannen im Orte an bestimmte Personen Briefe aufzutauchen, in denen den Empfängern ihre Lächerlichkeiten, Sünden und Laster scharf und schlagend vorgehalten wurden. Keiner der hervorragenderen Ortsbewohner blieb verschont, der Pfarrer so wenig wie der Bürgermeister, und unterzeichnet waren die Zuschriften mit: Augustin Bachlinger. Man war empört auch noch darüber, daß der Anonymus das arme Geschöpf frevelhaft ins Spiel zog. Die Briefe dauerten längere Zeit fort, ließen an Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig und waren um so peinlicher, als sie viel Wahres enthielten. Die sogenannten Besten sahen sich schlimm gezeichnet von einem Unbekannten. Endlich wurde der Schreiber entdeckt; es war ein alter Pensionist, der in einem Nachbardorfe scheinbar sehr zurückgezogen lebte und den man allerorts nur den »Abschieder« nannte. Dieser leugnete vor Gericht nicht einen Augenblick, die Briefe geschrieben zu haben. Als man ihm die Abscheulichkeit vorhielt, fremde Namen zu mißbrauchen, war er gar erstaunt; hatte er doch seine Briefe stets offen mit seinem Namen Augustin Bachlinger unterschrieben; was konnte er dafür, daß auch jener Cretin so hieß. Die Absicht, den Verdacht auf den armen Trottel zu lenken, war ausgeschlossen, und so wurde der »Abschieder« freigesprochen; doch hatte er Ursache, die Gegend zu verlassen. War er gleichwohl offen mit seiner Unterschrift vorgerückt, so sündigte er doch als Anonymus, weil er glaubte, daß er bei dem Nichtbekanntsein seines eigentlichen Namens in jenem Orte gedeckt war. Bei seinem Fortziehen wurde ihm eine grelle Katzenmusik gebracht, und damit endigte die Tätigkeit dieses Versteckten. Weniger harmlos ist der folgende Schuster. Ich kannte einen Schuster, der sein Sinnen und Trachten dahin gehen ließ, die Dorfleute durch anonyme Briefe durcheinander zu bringen. Um seine Schrift zu entstellen, schrieb er mit der linken Hand, an der er obendrein noch einen Lederhandschuh trug. Eines Abends wurde er beim Postkasten ertappt und gleich so gründlich durchgeprügelt, daß er darauf wochenlang im Bett liegen mußte. Unter anderm waren ihm auch die Finger abgeschlagen worden, denn beim Briefeinwerfen hatte er die Vorsicht der Lederhandschuhe außer acht gelassen. Auch ich war von diesem Manne mit einigen namenlosen Zuschriften bedacht worden, in welchen er mich – ähnlich wie später ein ungarischer Hofrat ebenfalls anonym – den »Schneider Megg-Megg« nannte; der Schuster vergaß nun großmütig die Neckereien, die er mir angetan hatte, und ließ mich bitten um »etwas zum Lesen, aus zeitlang«. Ich trug dem Manne ein paar Bücher hin und fragte ihn, warum er eigentlich die Niederträchtigkeiten getan habe. »Peter!« gab er ganz aufgeregt zurück, »du glaubst es gar nit, wie das lustig ist, so Leuthetzen! Winseln möchte man vor Vergnügen, wenn man sich denkt: Jetzt kriegt der oder die den Brief, jetzt ärgern sie sich grün und gelb. Einmal ist mir wohl auch übel worden vor mir selber und hab' mir gesagt: Schlechter Hund! Besonders damals, wie sie mich derwischt und gedroschen haben. Und jetzt soll der Mensch, wenn er keine Finger hat, seine anonymen Briefschaften vielleicht diktieren? Zu dumm!« Schier noch drolliger in seiner dummen Lumperei, als dieser Schuster, war jener beschäftigungslose »Privatlehrer«. Der schickte mir eines Tages eine inbrünstige Bittschrift, bei der wohl auch Name und Adresse des Schreibers hübsch angegeben wurden. Er bat um Barmherzigkeit für ihn und seine frierende und hungernde Familie, die mit ihm ganz unverschuldet durch herbe Schicksalsschläge in das tiefste Elend gekommen sei. »Frierend, hungernd und unverschuldet!« Na sucht man doch 'mal in den Taschen nach dem bißchen Christentum. Zudem kam mir die Schrift bekannt vor. Der Mann hatte vielleicht für den »Heimgarten« einmal ein Manuskript geschickt, etwan hatte er es schon versucht, sein Brot mit lyrischen Gedichten zu erwerben, ein rührender Wahn, in dem so mancher arme Teufel befangen ist. Ich kramte also unter alten Papieren und Briefen. Poetisches fand sich nichts vor in derselben Schrift, hingegen etwas anderes. Ein Brieflein. Ein anonymes Brieflein mit folgenden Schmeicheleien: »Eggenberg, 4. Dezember 1888. Heuchler! Judenknecht! Apostat am deutschen Volke! Sage, wie viel Bares hast du denn auf die Hand bekommen dafür, daß du ein Semitenkriecher geworden bist? Ewig schade um dein Talent, aber dein »Judenbaum« Eine Erzählung von mir, die Gutmütigkeit eines Juden schildernd. Der Verf. ist wert, daß man dich dran hängen soll. Pfui Teufel!« Ein anderer Name war nicht unterschrieben. Die Schriftzüge ließen nicht den geringsten Zweifel übrig: dieser liebenswürdige Briefschreiber und der arme Bittsteller mit der frierenden und hungernden Familie waren ein und dieselbe Person. Natürlich nahm ich Rache. Ich schickte dem »unverschuldeten Privatlehrer« einen Gulden, einen einzigen lumpigen Gulden, mit folgenden Zeilen: »Euer Wohlgeboren bitte ich höflichst, zufrieden sein zu wollen mit dieser kleinen Gabe. Dieselbe ist der Rest des Judensoldes, für den ich mein Volk verraten und verkauft habe. Sollte deshalb dieses Sündengeld bei Ihnen keine Annahme finden, so nehme ich es gerne zurück. Ihr ganz ergebener u.s.w.« Das »Sündengeld« kam nicht zurück, ist wahrscheinlich in einer Schnapsschenke massakriert worden. Hoffentlich verwendet der Mann jetzt mehr Sorgfalt auf die Veränderung der Schrift, denn Pamphlet und Bettelbrief mit denselben Zügen – es taugt nicht. – So viel aus meinen persönlichen Erfahrungen. Andere werden anderes wissen, denn ganz unbehelligt von den Schelmen bleibt selten einer, der auf vorgeschobenem Posten steht. Leute, die einen Namen haben, müssen eben gefaßt sein auf Zuschriften, die – keinen haben. Was der Schwalbe auf der Reise passiert ist. Recht verdrießlich ist es für die Spatzen im Frühjahr, wenn die Schwalben kommen. Die »lieben Vogerln« sind sie im Winter, wenn alle anderen fortgeflogen und die Sperlinge allein häuslich daheim geblieben sind. »Das Vogerl singt!« heißt's, wenn ein Sperling kreischt. Von dem Augenblicke aber, wo die Schwalben zurückkommen aus der fernen Fremde, gilt der Spatz nichts mehr. Die Schwalbe ist just auch keine Nachtigall, was das Singen anbelangt, ist keine Lerche, was das Hochfliegen betrifft, ist kein Paradiesvogel, was die Farbe angeht. Aber einzuschmeicheln versteht sie sich bei den Menschen, indem sie ihr Nest an ihre Wohnungen baut, die Hausgiebel umkreist und das Kindermärlein zwitschert »vom Glück, das die Schwalben bringen«. Es ist also kein Wunder, daß bei solcher Erwägung die Spatzen sich ärgern im Frühjahre, wenn die Schwalben kommen. Der alte Spatz, der jetzt auf dem Ast einer Esche saß, als die erste Schwalbe sichtbar wurde, wie ein winziger Punkt am blauen Himmel, und als sie rasch heranschoß gegen das Landhaus –dieser Spatz hätte sich am liebsten eilig zurückgezogen ins Laub der Esche, um den mißliebigen Vogelrivalen nicht begrüßen zu müssen bei seiner Ankunft. Aber die Esche hat zu solcher Zeit noch kein Laub, die Schwalbe war da, und dem Spatzen blieb nichts übrig, als zu piepsen: »Glückliche Ankunft! Seid ihr wieder da?« »Ich bin wieder da,« zwitscherte der Ankömmling traurig und ließ sich ganz erschöpft auf dem Dachfirst nieder, aus offenem Schnäblein den Atem kurz hervorstoßend. »Wie geht's? Wie war die Reise?« fragte der Spatz, ohne übrigens die Antwort abwarten zu wollen. Als er aber sah, daß die Schwalbe heute kein Gefolge hatte, daß sie nicht, wie in früheren Jahren, in langen Schleiern heranzogen am Firmament, blieb er sitzen auf seinem Ast und erkundigte sich bei dem rastenden Schwalbenmännchen nach seiner geschätzten Familie. Die Schwalbe schwieg und ließ ihr Köpfchen niedersinken zwischen den eingezogenen Flügeln. »Frau Gemahlin hoffentlich wohl? Kindlein auch?« fragte der Spatz. »O Freund!« antwortete die Schwalbe, recht mitteilungs- und trostbedürftig. Aber sie konnte lange nichts hervorbringen, als ein schluchzendes, unverständliches Piepsen. Auch arbeitete ihre kleine Lunge immer noch heftig, halb siech von der Reiseanstrengung. Dem Spatzen kam es nicht recht vor, er vergaß seine Mißgunst und flog auf den Dachfirst hin. Ein paar Spannen von der Schwalbe entfernt, ließ er sich nieder, flatterte mit den Flügeln und sprach: »Du bist vorausgeflogen, um Quartier zu machen, nicht wahr? Und sie kommen morgen erst nach?« »Sie kommen nie wieder nach!« schmetterte die Schwalbe schrill aus ihrer Kehle. »Was ist denn geschehen? Erzähle, Schwalbenmann«, so sagte der Spatz. »Laß mich!« antwortete die Schwalbe. »Dich kann mein Unglück ja doch nur freuen. Weiß es recht gut, daß du mir und meiner Familie nie gewogen warst. Du hast dir's während unserer Abwesenheit wohl wieder in unserem Neste bequem gemacht!« Der Spatz schwieg einen Augenblick. Dann sprach er: »Ich will dir nicht unrecht geben. Angenehm ist es gerade nicht für unsereinen, wenn du und deinesgleichen im Sommer bei uns der Hahn im Korb seid. Und wenn der kalte Winter kommt, wo der Vogel erst zeigen soll, daß er auch was ertragen kann, geht ihr auf die Sommerfrische ins Morgenland. Unsereiner hat die Ehre, derweil daheim bei Sturm und Gestöber im verlassenen Neste der Hausmeister zu sein; ist aber gleich himmelhoch gefehlt, wenn man sich darin ein wenig häuslich einrichtet. Nun, jeder wie er kann. Will euch weiter nichts nachtragen, und schließlich gehören wir Vögel doch alle zusammen und sollen uns gegenseitig beistehen in der Not. Wie ich merke, hast du ein Anliegen, Schwalbenmann. Sollte deinen Leuten der Geier etwas angetan haben?« »Was, Geier!« sagte die Schwalbe. »Der holt uns nicht ein. Aber der Mensch! Dieser danklose, falsche Mensch, dem wir so viele Freude bringen!« »Wenn der Geier euch nicht einholt, wieso dann der Mensch mit seinem lächerlichen Gehewerk?« fragte der Spatz. »Freilich, freilich, Sperling. Als Tierwesen ist der Mensch der armseligsten eins. Aber so viele Schlauheit und Falschheit hat er in sich, und das sind seine Mittel und seine Waffen, in denen ihm kein anderes Geschöpf gewachsen ist!« »Ich weiß es, wir erfahren es alle«, sagte der Spatz. »Hier, Nachbar, warte ich dir mit einem kleinen Imbiß auf!« Er hatte aus dem bemoosten Dachbrett ein Würmchen gepickt und selbes vor die Schwalbe hingelegt. Diese ließ das Ehrenbrot liegen, ward jedoch ein wenig zutraulicher. Sie fuhr fort zu sprechen: »Einen solchen Verrat hast du noch nicht erfahren, als wir in diesen Tagen! Du beneidest uns um die Sommerfrische im Morgenlande, während ihr da den kalten Winter habet. Schön ist es freilich dort. Und doch solltest du froh sein, daß deine Gesundheit dem rauhen Klima gewachsen ist, und du die weite Reise nicht machen mußt, jedes Jahr zweimal. Der Mensch braucht auf Dampfwagen und Schiffen wochenlang dahin. Du, mein lieber Spatz, würdest überhaupt nicht hinkommen«. »Wieso?« sagte dieser. »Wenn ich auch langsamer fliege als du, weil mir das Hetzjagen durchaus zuwider ist, hinkommen würde ich ja doch, wenn ich wollte. Auf ein paar Tage länger kommt's mir nicht an. Ich würde mir anständig Zeit lassen, über Nacht mich auf einem Baum oder Busch wohl ausrasten, Körnlein brocken, Käfer jagen und am nächsten Tage wieder gemütlich weiterfliegen.« »So!« antwortete die Schwalbe und blickte mit ihrem Rundäuglein ganz sonderbar auf den Spatzen. »So würdest du tun! Lieber Freund, man merkt dir's an, daß du noch nicht weit umhergekommen bist in der Welt. Bis Dalmatien und etwas weiter hin dürftest du mit deinem Reiseplan auskommen. Aber hernach das Meer! Das hat keinen Baum und keinen Strauch zur Nachtherberge. Da heißt es ununterbrochen fliegen, ich glaube, du würdest, wenn's überhaupt nicht ganz und gar unmöglich wäre, mehrere Tage brauchen, um das mittelländische Meer zu übersetzen und im heißen Afrika Fuß zu fassen.« »Und ihr?« fragte der Spatz, indem er mit einer raschen Bewegung das Würmlein selber aufpickte. »Das Meer? Wir überfliegen es in wenigen Stunden. Und selbst da wollen die Kräfte manchmal nicht langen und müssen Gott danken, wenn wir Schiffe finden, auf deren Masten und Getakel wir uns setzen können zu kurzer Rast.« »Und wenn's Piratenschiffe sind?« »Die Seeleute tun uns nichts zuleide, nicht einmal die Piraten. Sie wissen, daß wir Schwalben Glück bedeuten. Und wäre auch das nicht der Fall, sie, die selbst in steter Gefahr sind, sehen unsere Not und verschonen uns, bis wir erfrischt weiterfliegen können.« Der Spatz war etwas kleinlaut geworden. Nicht ohne Respekt guckte er auf das Schwalbenmännchen und dachte wohl bei sich: Deine Sommerfrische ist erst nicht ganz so billig zu haben, als man es sich vorstellt. »Aber schön muß es sein im Morgenlande«, sagte der Spatz. »Schön ist es freilich. Es ist ja das Paradies«, antwortete die Schwalbe. »Mich wundert nur, daß ihr nicht dort bleibt, wenn es so schön ist und wenn die Reise hierher so beschwerlich ist«, so der Spatz. »Wir haben Heimweh«, sagte die Schwalbe. »Wo seid ihr denn daheim?« fragte der Spatz. »Ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort. So seid ihr dort so gut daheim, als hier. Oder besser dort, weil dort ja das Paradies ist!« Darauf sprach die Schwalbe: »Wir sind daheim, wo wir geboren sind, und das ist hier im Abendlande. Wir sind daheim, wo wir unser Haus bauen und unsere Kinder zur Welt bringen, und das ist hier im Abendlande. Dort im fernen Süden, in den Oasen der Wüste, ist es heiß, unter Palmenblättern und Kakteen suchen wir unsere Schatten, und die Rosen von Kairo duften uns an, wenn wir munteren Fluges die Pyramiden umkreisen, wie hier die Hausgiebel und die Kirchtürme. Aber in den schwülen Nächten, wenn der Nil am Ufer rieselt und die Schakale des Sandes schreien, da träumen wir voller Sehnsucht von den kühlen Wäldern der fernen Heimat, von den blühenden Apfelbäumen auf grünem Rain. In langer Regenzeit harren wir unter triefenden Blättern der Palme den Tagen entgegen, wo der Samum sich erhebt, der ewige Sonnenschein kommt, die heißen Lüfte zittern und endlich vom Meere herab laue Winde streichen. Nun ist es Zeit. Wir rufen das aus und versammeln uns. Wir machen Flugübungen und ruhen und stärken unsere Kräfte und nehmen dann Abschied vom Paradiese. Es ist nicht der betrübte Abschied, wie im Herbst von der nordischen Heimat, es ist ein frohes: Lebewohl, Morgenland! Und dann davon in großen Scharen durch die Lüfte, pfeilschnell der Heimat zu. Beim Abfliegen von der felsigen Küste Afrikas müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß unsere Flügel rastlos ausgebreitet bleiben, unser Schnabel keinen Bissen und keinen Tropfen genießen wird, bis die Gestade des Abendlandes unter unseren Füßen sind. Gott mit uns! so schmettern wir das Reisegebet gegen Himmel auf. Früh morgens reisen wir ab in Afrika, am Nachmittage werden wir auf den lieben Giebeln rasten, unter deren Brettern unsere Nester des vorigen Jahres kleben. – So war es auch am gestrigen Morgen, als ich mit Weib und Kindern abflog von den Türmen der Türkenstadt. Laut jubelte unter uns jung und alt, schneller wie der Sturm schossen wir im unendlichen, wohlgeordneten Zuge über dem dunklen Gewässer dem Norden zu, der lieben, süßen Heimat. Die kleinen Vogelherzen voller Freude, keine Ahnung von dem Unglücke, das uns auf dieser Reise treffen sollte.« »Um Gotteswillen, was ist denn geschehen?« fragte der Spatz. »Noch lange nicht Mittag ist's«, erzählte die Schwalbe weiter, »über uns der blaue Himmel, unter uns das dunkle Wasser. Kein Eiland, kein Schiff. Ich fühle, wie die Flügel schwerer werden, wie ich sinke unter die Linie des Fluges. Mein Weib hinter mir kreischt auf: Ich kann nicht mehr weiter, es verlassen mich die Kräfte! Da ruft von oben herab einer unserer Jungen: Mut! Ich sehe den weißen Streifen! Die Küste von Dalmatien! Frisch vorwärts! – Nach wenigen Minuten sind wir dem Lande so nahe, daß mit freiem Auge die Menschen zu sehen sind, die am Strande sich beschäftigen. Endlich wieder die lieben Menschen! Wir sausen den Felsen zu, da wird unten geschossen, an meinen Ohren pfeifen Schrote vorüber. Wie? Uns sollte das gelten? \>Gut Freund!\< rufe ich hinab. Es kracht das zweite Mal, das dritte Mal, mein Jüngster vom vorigen Jahre zuckt zusammen, aus seinen Flügeln sprühen die Federn davon. \>Gut Freund! Gut Freund!\< schreien wir. Mein Weib, das viel tiefer fliegt, gibt uns ein Zeichen, ihr nachzukommen. Hinter den Felsen, in Gebüschen habe sie ein sicheres Versteck wahrgenommen. Dort sitze ein anderer Schwalbenvogel und lade uns ein mit hellem Ruf. Wir eilends darauf hin ins Gebüsch, in ein feines Flechtwerk, wie geschaffen zur sicheren Rast. Kaum aber hocken wir drin, so zieht das weite Netz sich blitzschnell zusammen, ich entkomme noch zur Not und fahre empor, viele Genossen aber sind gefangen, darunter mein Weib, meine Kinder. Ich fahre wieder niederwärts, fluchend dem Lockvogel, der uns verraten hat. Und war doch selbst ein Opfer abscheulichen Verrates, der arme Schelm. Mit glühendem Draht hatte man ihm die Augen ausgestochen, mit einem durch die Nase gezogenen Faden hat man ihn an den Olivenzweig gebunden, damit er durch sein Geschrei uns andere in das Verderben locken sollte. Meine unglücklichen Genossen! Wie sie kreischten und flatterten und sich immer mehr vergarnten im Netz, bis ein Menschenmann kommt, das Netz aus dem Gebüsch löst und es mit seinen in Todesangst schreienden Opfern über den steinigen Boden davonschleift ...« So hatte die Schwalbe erzählt, ihr Gefieder sträubte sich auf vor Grauen. Der Spatz saß sprachlos da. Endlich begann er doch zu fluchen über den Strandräuber, den bübischen Strolch, der die arglosen Wesen so heimtückisch einfing. »Ich rate dir, dich zu mäßigen«, sagte die Schwalbe in bitterer Ironie. »Sonst könntest du Unannehmlichkeiten haben! Es war durchaus kein bübischer Strolch, es war der Herr Bezirksrichter von Benka-Lica! Ich bin noch weinend, flehend über seinem Haupte gewesen, als er die Beute in sein Haus zog und an den Vogelherd, wo die armen, – armen ...« Er konnte nicht weiter. Die kleine Kehle zog sich zusammen in Herzleid. Stöhnend hat er es später herausgestoßen, wie man seine Lieben, eins ums andere, aus dem Netze fing und den in roher Faust entsetzlich zitternden Geschöpflein den Hals umdrehte. Ihnen den Hals umdrehte, sie briet und verspeiste! Der Herr Bezirksrichter habe dabei mit der Zunge geschnalzt. Ein köstlicher Leckerbissen! – »Und bist du nicht niedergefahren und hast dem Ungeheuer nicht die Augen ausgepickt?« »Die Rache überlasse ich einem Stärkeren!« sagte die Schwalbe. »Du kannst es nicht glauben, Spatz, wie traurig ich dann weitergeflogen bin. Die schönen Sommerfreuden in der Heimat, das junge Familienglück – alles ist hin. Noch einmal bin ich in diese Gegend gekommen, die wir so selig unsere Heimat nannten und die mir jetzt so fremd und trostlos geworden ist. Noch einmal will ich die Wipfel und die Giebel sehen, die wir in glücklichen Zeiten umkreist haben. Dann fliege ich weiter.« »Wohin willst du denn?« fragte der Spatz mit Teilnahme. »Das weiß ich nicht. Wohin, das ist mir gleich, nur fort von den Menschen.« »Deinen Unmut begreife ich«, sagte der Spatz mit wohlwollender Überlegenheit. »Aber du weißt das Neueste nicht. Du weißt nicht, daß die Menschen unter sich einen Bund von Vogelfreunden gegründet haben, der dem Herrn Bezirksrichter von Benka-Lica und seinesgleichen das Handwerk legen will.« Die Schwalbe horchte auf. Der Spatz fuhr fort: »Es wird nämlich in ganz Dalmatien und auch in Südtirol die Schindluderei getrieben. Man fängt, wie ich in der Zeitung las, in diesen Ländern jährlich Millionen von durchziehenden Vögeln mit allen denkbaren Vorrichtungen und Tücken. Durchaus nicht bloß arme Leute, die sonst nichts zu essen haben, auch hochansehnliche Herrschaften! Denn sie machen sich ein Vergnügen daraus, die lieben Singvögel zu morden! Die meisten der armen Tierlein werden aufgefressen von jenen Kannibalen, die schönsten, buntfarbigen aber werden an eitle Frauenzimmer verkauft, und die dummen Urscheln stecken aus lauter Hoffart die kleinen bunten Vogelleichen auf ihre Hüte.« »Unglaublich!« rief die Schwalbe aus. »Nicht wahr? So etwas kann in einem Narrenturm doch nicht vorkommen, denn zu solcher Narrheit gehört auch eine gute Portion Schlechtigkeit, Herzlosigkeit! Dieser bunte Kopfputz der »Damen« ist endlich aber den anderen doch zu bunt geworden und sie haben auch einen Bund gegründet, um die abscheuliche Vogelmörderei abzuschaffen. Das wird durch ein Gesetz geschehen und der Thronfolger von Österreich selber hat sich an die Spitze des Bundes gestellt.« »Ist es doch wahr?« rief die Schwalbe hoch erregt aus. »Heute habe ich unterwegs so etwas gehört von diesem Vogelbunde. Ich konnte es kaum glauben, daß es nebst den bösen Menschen auch noch so gute gibt, aber nun es schon die Spatzen auf dem Dache pfeifen, wird es wohl wahr sein.« »Ich will dir auch sagen, Schwalbenvogel«, zwitscherte der Spatz dem anderen vertraulich zu, »daß sogar in diesem Hause, auf dessen Giebel wir sitzen, Leute wohnen, die den Vogelschutzbündlern angehören.« Als die Schwalbe das gehört hatte, hob sie ihr stahlblinkendes Köpflein und sagte: »Auch in diesem Hause? Wenn dem so ist, dann will ich nicht fortfliegen. Dann will ich mich auf meinem alten Familiensitze niederlassen und versuchen, ein neues Leben anzufangen. Das Haus soll gesegnet sein!« »Ein interessanter Fall«. Der fünfjährige Nicki hatte vom Onkel ein Kaninchen bekommen. Das wird er gleich dem Papa zeigen, wenn er zu Mittag von der Klinik nach Hause kommt. »Ach, Kind«, sagte Mama, »Papa wird nicht Zeit haben, sich mit dir zu freuen. Papa ist immer sehr beschäftigt.« »Beschäftigt! Was ist das, Mama?« »Kranke heilt er. Kranke Menschen. Arme kranke Kinder. Kinder, wie du bist, mein Schatz.« »Der liebe Papa! Und heilt er mich auch?« »Gewiß, wenn du krank bist, was Gott verhüte!« »Und heilt er das weiße Kaninchen auch?« »Wenn er kann, gewiß. Papa ist ja doch so gut. Man muß auch gegen die armen Tiere gut sein, Nicki! Nicht wahr, du wirst es nie quälen? Gewiß nicht?« Um Mama zu zeigen, wie lieb er es habe, packte er das Kaninchen am Halse und drückte es heftig an sich.« »Aber Junge!« rief sie, »du würgst es ja! So am Kragen, das tut ja weh! Bei den Ohren faßt man die Kaninchen an. So!« »Bei den Ohren tut's ja auch weh!« rief der Knabe, sich wohl daran erinnernd, wie der Onkel einmal halb im Spaß, halb im Ernst bei den seinen gezupft hatte. Das Kaninchen wird's doch nicht so krumm nehmen; es wurde jetzt gekost und geherzt, daß dem Kleinen dabei schier der Atem ausging. Ob dem Tiere auch so liebwonnig zu Mute war bei dem Drücken und Pressen, das ist es nicht gefragt worden. Als nun der Professor kam, dessen Anwesenheit sofort das Zimmer mit Jodoformgeruch erfüllte, lief der Knabe ihm entgegen: »Papa! Siehst du?« Und hielt ihm das Kaninchen vor. Der Papa, ernst bis zur Würde, nahm es in die Hand, aber nicht am Halse faßte er es an und auch nicht an den Ohren, fast wie einen Stein packte er das Tier am Bauch, daß es winselte. Eine Faust voll Kaninchen, so hob er es zu seinem Gesicht empor, mit den Fingern der anderen Hand spreizte er ihm die Schnauze auf, um durch seine scharfen Goldbrillen irgend etwas zu beobachten. Dann warf er es wie einen alten Hut aufs Sofa hin und fragte, ob aufgetragen sei. Der kleine Nicki war schier starr ob der Behandlung, die seinem Lieblinge soeben widerfahren. »Albin!« sagte die Frau einigermaßen beklommen zu ihrem Manne, »schau, jetzt hast du ihm gewiß wehe getan.« »Wem?« »Dem Tiere. Wie es noch wimmert! Erbarmt's dich denn nicht?« »Laßt mich aus mit diesen sentimentalen Geschichten!« rief er unwirsch. »Auf der Klinik würde dir das bald vergehen!« »Mein Gott, ich glaube es!« sagte sie, »bei den armen Kranken! Schon bei deinem Buche, wo die Magenoperationen abgebildet sind, wäre ich gestern beinahe ohnmächtig geworden. Ich müßte sterben vor Mitleid.« »Mit dem Mitleide würdest du nicht weit kommen, meine Liebe!« sagte der Professor ziemlich frostig. »Mitleid hat noch keinen« – »Keinen Kranken geheilt. Du wirst wohl recht haben, Mann!« »– hat noch keinen interessanten Fall gelöst. Lassen wir das. Du verstehst das nicht.« Sie schwieg. Sie setzten sich zu Tische und aßen schweigend. Im Kopfe der Frau Professorin waren eine Menge Gedanken rege, aber sie hatte schon die Erfahrung, daß es in solchen Stunden besser sei, die Gedanken bei sich zu behalten. Der Standpunkt, von dem aus sie die Welt betrachtete, war der des Mitleids. Was nicht ihr Mitleid erregen konnte, das hatte für sie weiter kein Interesse. Die leidenschaftliche Liebe zu ihrem Kinde war lauter Erbarmen mit dem zarten, hilflosen Wesen und dem zuckenden Herzlein in seiner kleinen Brust. Selbst ihren Professor, den derben, strebsamen Mann, hatte sie aus Mitleid genommen und zum Mitgenossen ihres Vermögens gemacht. Denn er hatte ihr eines Tages zögernd vertraut, daß er unglücklich sein würde, wenn er ihre Hand nicht bekäme. Sie konnte sich nicht freuen an all dem Kostbaren, womit sie das Haus ihres Mannes geschmückt hatte. Sie mußte immer ein leidendes Wesen um sich haben, daß sie ihrem Hange, Leiden zu lindern, Genüge tun konnte. Von der Straße hatte sie nicht bloß aufsichtslose Kinder in ihre Hut genommen, sondern auch manchen herrenlosen Hund, manche Katze und anderes Tier, das hilflos im Feindesland war unter den Menschen. Auf dem Kriegsfuße stand sie nur mit den Fuhrleuten, die ihre Pferde rackerten, mit den Gassenjungen, die nach Vogelnestern fahndeten. Selbst die Blumen ihres Garten begoß sie vor allem aus Mitleid mit ihnen. Allen Ernstes sagte sie einmal zu ihrem Mann, daß sie davon überzeugt sei, die Pflanzen hätten auch eine Empfindung für Freud und Leid. Er hatte ihr damals gar keine Antwort gegeben. Da käme man weit, wenn auch Männer solchen rührseligen Stimmungen nachhängen wollten. Wissenschaft! Fortschritt! Das war seine Parole. – Erbarmen und Liebe, sagte er in einem seiner Werke, seien gefährliche Dinge, die Träger derselben, ob Personen oder Völker, müßten im Kampfe ums Dasein unterliegen. Dieses »Unterliegen« schien ihm etwas Schreckliches zu sein. Er zitterte davor. Im reichen Luxus des Lebens atmete er frei, Ruhm war ihm die höchste Blüte des Daseins. Und das war nur durch Fortschritt und Sieg zu erlangen. Zwar zeigte ihm auch die Wissenschaft und der Fortschritt im letzten Grunde die Auflösung der menschlichen Tierrasse, aber dieses Unterliegen als Tier zog er vor dem siegreichen Unterliegen als nächstenliebender Mensch. Nun wurde aber sein männlich starkes Herz, das dem Mitleide so abhold war, auf eine Probe gestellt. Ricki erkrankte eines Abends, das einzige Kind. Hohes Fieber, pfeifender Atem. Als der Professor ihm in den Hals hinabschaute, tat er's allerdings in wesentlich rücksichtsvollerer Weise, als einige Tage vorher anderen Wesen. Eine leichte Diphtherie – nichts Besonderes. Mit etwas Lapis kann der Belag gelöst werden. Das tat er, darauf fiel der Knabe in einen ruhigeren Schlaf. Triumph der Wissenschaft! Am nächsten Morgen konnte der Gelehrte beruhigt wieder auf seine Klinik gehen, deren Studium er sich stets mit größtem Eifer widmete. Seine Befunde und Operationen waren in den Fachblättern stets ein Ereignis. Die Frau Professorin saß am Bette des kranken Knaben und hielt den Atem ein, um auf den des Kindes zu horchen. Das war aber ganz eigenartig! Ganz seltsam, wie das Kind atmete. Wie das neuerdings pfiff und gurgelte, wie das zuckte durch alle Muskeln und Adern des ganzen Körperchens! – Sie schickte den Diener auf die Klinik: der Herr Professor möchte unverweilt nach Hause kommen. Heiland am Kreuz, das währte eine Ewigkeit! Der Knabe verfiel in Krämpfe und während der furchtbaren Erstickungsnot huben seine Händchen und Füßchen an zu erkalten. Tropfen und Öle, Binden und Aufwärmungen, Schütteln und Reiben, alles, was der bis zum Wahnsinn geängstigten Mutter und der jammernden Dienerschaft einfiel, wurde angewendet. Nichts und nichts. Da fiel die Frau vor dem Schutzengelbilde nieder, das neben dem Bettchen hing und hub laut schreiend an zu beten: »Hilf uns, du heiliger Geist Gottes! Der du gesandt bist, dieses Kind zu beschützen! Dieses liebe, unschuldige Kind! Das nie eine Sünde begangen hat! Das täglich vor dem Schlafengeh'n zu dir gebetet hat. Schutzengel! Schutzengel! Hilf ihm! Du mußt ihm helfen!« Dann rüttelte sie das sterbende Kind, herzte es, rüttelte es wieder, streichelte mit bebenden Händen das Engelsbild und flehte weiter: »Nein, müssen nicht! Müssen nicht, du heiliger Engel Gottes! Tue es gütig! Siehe, ich knie vor dir, ich flehe dich an in der Demut einer armen Sünderin, hilf ihm! Hilf ihm! Hilf ihm!« Endlich kam der Diener atemlos: den Professor habe er nicht angetroffen auf der Klinik. In einem der Versuchshöfe dürfte er sein, habe man gesagt. Die Frau hörte nicht mehr drauf hin, denn eben starb das Kind. Die Augensterne hatten sich oben übergewendet und waren erloschen. Unter den glühendsten Liebkosungen der Mutter ist es still und kalt geworden. Und als es vorbei war und die kleine, schmale, blasse Leiche dalag auf der roten Seidendecke, da richtete die Frau sich starr auf und schaute leer um sich in der mit Pracht und Schönheit ausgestatteten Wohnung. Ein Blick auf das Schutzengelbild, ein Blick auf das Porträt ihres Mannes – ein kalter Blick. – Dann hüllte sie sich den Mantel um und ging davon. Aber noch auf der Stiege kehrte sie um, eilte zurück ins Kindszimmer, den Knaben zu pflegen, denn es konnte nicht möglich sein. Der Kleine lag da wie vorher – tot. – Tot. – Sie stieg in einen Wagen und fuhr zum medizinischen Versuchshof. »Professor Gibart.« »Ist in dem Augenblick nicht zu sprechen.« »Ich wünsche sofort zu meinem Mann!« »Ah, die Frau Professorin! Entschuldigen Euer Gnaden. Ich werde sogleich melden. Er verbat sich nur fremde Störungen, da er eben heute einen interessanten Fall hat.« »Lassen Sie das! Welche Tür?« »Bitte Numero sieben.« Leise öffnete sie und blieb an der Schwelle stehen. Ihr Mann stand im blauen Kittel vor einem großen Tisch, neben ihm ein junger Assistent, eben mit einer Vorrichtung beschäftigt. Diese Vorrichtung bestand in einem kleinen Schragen, auf welchen ein lebendiges Tier gespannt war. Ein Hund mußte es sein, er stieß manchmal ein heiseres Winseln aus. Der Professor drückte den Taster einer elektrischen Maschine, deren Draht mit dem Tiere verbunden war. »Leckt er?« fragte der Gelehrte leise. »Er leckt, Herr Professor!« antwortete der Assistent. Der Professor schlug wieder auf den Taster. Der Hund stöhnte wie ein schwerverletzter Mensch. Der Assistent zog einen Riemen an. »Leckt er noch?« fragte der Professor. »Bei meiner Treu, er leckt noch!« »Höchst interessant!« murmelte der Professor entzückt. »Notieren Sie!« Nun trat die Frau vor. »Albin!« sagte sie, es war ein hohler Ton, in dem sie's sprach. »Du?!« rief der Professor überrascht aus. »Was machst du da?« fragte sie. »Ach, Freundin! Das ist von höchstem Interesse!« sagte er. »Denke dir doch. Dieses Tier ist seh- und gehörlos gemacht. Durch sein Gehirn geht seit einer Stunde dreiunddreißig Minuten der elektrische Strom und er leckt dem Doktor hier noch die Hand.« »Befreie den Hund!« rief sie. »Wie? Wen Hund befreien?« lachte er. »Es soll nun festgestellt werden, wie lange in einem der Sinne beraubten animalischen Körper die mechanische Tätigkeit –« »Befreie den Hund!« rief die Frau mit ganz unheimlichen Mienen, hoch aufgerichtet, blaß, zuckenden Mundes. Und ihr Auge, wie fremd! »Was ist dir, liebes Kind?« fragte sie der Vivisektor. »Das verstehst du nicht. Das Tier würde seine Freiheit in sehr geringem Maße ausnützen können.« »Weil es zuschanden gepeinigt ist!« rief sie. »Er leckt noch beständig!« sagte der Assistent und hielt dem immer schwächer stöhnenden Hund auf der schrecklichen Folterbank seine Hand hin. »Erlöse dieses Tier!« schrie die Frau. »Bei Gott im Himmel, erlöse dieses Tier!« Am ganzen Leib erbebte sie. Wie die verzerrten Züge eines Leichnams, so war ihr Gesicht in diesem Augenblicke. Er schaute sie jetzt betroffen an. Da sagte der Assistent: »Der Hund ist tot.« »Ach, ärgerlich, diese Störung, gerade jetzt!« murmelte der Professor, einen Stift, den er gerade in der Hand gehabt, auf den Tisch schleudernd. Sie trat ganz nahe an ihn und schrie ihm ins Gesicht hinein: »Scheusal! – Scheusal!« Er wich zurück. »Bist du bei Sinnen?« »Nun weiß ich, warum es hat geschehen müssen!« fuhr sie fort. »Und wenn du zehn Kinder hättest, deine Lieblinge, auf die qualvollste Weise müßten sie sterben, als Vergeltung für solche Grausamkeit!« »Aber, so beruhige dich doch, meine Liebe!« »Jetzt, weil ich das gesehen, sage ich: es ist besser so. Besser in der Erde schlafen, als leben und eine solche Bestie zum Vater haben! – Vielleicht, mein Richard, hättest auch du so werden müssen unter seinem Beispiel. Ich preise Gott, daß er dich genommen hat – von diesem abscheulichen Menschen weg.« »Du sprichst vom Knaben. Wie geht's ihm?« »Zurück, Ungeheuer! – Ich werde mein Kind allein begraben. Daß es dir erspart bleibe, ein Herz zu heucheln! – Gott!« schrie sie auf, die Fäuste an die Brust stoßend und dann wie im höchsten Wohlbehagen aufatmend: »Gott, habe Dank mein Gott, für den Haß!« So stürzte sie zur Tür hinaus, über die breite Treppe an den Wagen: »Vorwärts! Nach Hause!« Der Professor, nun aufs höchste bestürzt, eilte ihr nach. Aber er fand sogleich keinen Wagen und als er nach Hause kam, waren die Familienzimmer leer. Die Dienerschaft huschte ratlos umher. Die gnädige Frau sei in der größten Aufregung von einer Fahrt gekommen, habe den Leichnam ins Tuch gewickelt, sei, denselben fest mit den Armen umschlingend, zurück in den Wagen und davon gefahren. Professor Albin Gibart war in den prachtvollen Räumen allein. Aller Komfort, den er sich stets gewünscht, umgab ihn. Aller Luxus, alles Resultat der Wissenschaft. Aber er war allein. Aller Gelehrtenruhm, an dem er unersättlich gewesen, leuchtete nun um sein Haupt – um ein ruheloses, gequältes Haupt. Eine beständige, eine furchtbare, eine grenzenlose Pein war in ihm. Eine unerträgliche, bis zur Verzweiflung gesteigerte Pein. Vergebens schrie er in unersättlicher Selbstsucht Flüche hin über sein Unglück, über den Liebling, der ihm gestorben war, über das treulose Weib, das ihn verlassen hatte. Wenn er nur hätte ein Ende machen können! Wenn er wenigstens hätte bereuen können! Aber ihm fehlte das Herz dazu. Das wilde G'jaid. Fortschritt, Fortschritt! ist der Ruf der Zeit, Ja, wohin denn? Ist das harsche, wüste, wilde G'jaid Ein Gewinn denn? Hoffnung und Enttäuschung, was, ihr Leut', Wollt ihr sonst noch finden? Es muß doch arg langweilig sein auf der Welt, weil die Leute so viele Dummheiten machen. Auch die Gescheitesten. Aus Langeweile, wie es scheint, nur um etwas zu tun zu haben, wo möglich etwas Außergewöhnliches. Zu den Lebensbedürfnissen gehört ja die Dummheit nicht, sie ist reiner Luxus. Und oft ein recht kostspieliger. Mein Vater hatte eine gute Kornmühle. Sie mahlte alles, was wir zu mahlen hatten, aber mir war sie nicht genug. Ich baute mir am Bachrand eine zweite Mühle, eine ganz kleine, bei welcher das Rädchen ging, daß es eine Freude war. Diese neue Mühle hatte nur den einen Fehler, sie mahlte nichts. Sie war ganz überflüssig, ich aber fiel bei ihrem Betriebe in den Bach und wäre beinahe ertrunken. – An solches Kinderwerk erinnert manche Großtat unserer Zeit. Sie geschieht nicht des Bedarfes willen, sie geschieht zur Probe des Könnens, oder wegen des Wettstreites, oder weil überschüssige Kraft und Zeit da ist, oder aus Hang nach Veränderung. Wer ein bequemes Haus zehn Jahre lang bewohnt hat, der pflegte sonst in dasselbe hineinzuwachsen, sich so an die trauten Verhältnisse und Einrichtungen zu gewöhnen, daß er drin wohnen blieb, womöglich bis zum Lebensende. Heute nicht mehr so. Heute strebt einer im elften Jahre oder schon früher eine Veränderung an, und zwar oft aus dem einen Grunde, weil es zehn Jahre lang unverändert gewesen war. Entweder es ist ihm die Tür zu weit oder das Fenster zu eng; oder es ist ihm die Stube zu klein, er läßt durchbrechen, oder sie ist zu groß, er läßt daraus zwei Kabinette machen. War der Ofen bisher weiß, so soll er nun braun oder grün sein, war er grün, so vertauscht man ihn für einen weißen. Hatte der Mann Öllicht, so will er Gas, hat er die Gasflamme, so denkt er ans elektrische Licht. Hat er einen Wagen, so ist ihm ums Reiten, und hat er ein Reitpferd, so kauft er sich ein Zweirad. Aber ein Automobil wäre ihm noch lieber. Wer auf dem Automobil sitzt, denkt an eine Flugmaschine. Wünschest du mehr Beispiele, so schaue bloß um dich: die ganze Welt ist ein einziger Beispielkasten für die Sucht nach Neuem. Es hat wirklich manchmal den Anschein, als täten sie's aus reiner Langeweile, bloß um sich zu beschäftigen, damit die Zeit vergeht. Die Spielerei, wenn man so sagen dürfte, ist manchmal großartig, bisweilen aber dreist und gefährlich. Zum Beispiel: sie nehmen den Leuten, die davon leben sollen, die Arbeit weg und halsen sie den mit großen Kosten gezähmten, seelenlosen Naturkräften auf, die sich doch nichts zu verdienen brauchen. Sie bevölkern die unfruchtbaren Steinhaufen der Städte mit Millionen Bewohnern und lassen das fruchtbare Land zur Wüste werden. Sie schaffen riesige Verkehrsmittel durch alle Länder und besetzen die Grenzen mit Zollschranken und Soldaten. Sie pflegen den nationalen Gedanken und erdrücken die Nationen mit ungeheuren Kriegsheeren. Ist in diesen Bewegungen ein großes Prinzip? Nein. Es ist nicht das der Erhaltung und ist nicht das der geistesbewußten Entwicklung. Es ist der rüde, elementare Kampf zwischen der alten Beständigkeit und der modernen Vielfältigkeit. Die Menschen können nichts dafür, sie werden so dahingerissen, sie glauben der Wille zu sein und sind schließlich das Werkzeug. Nur einzelne stehen abseits und machen sich ihre Gedanken. Ich weiß von einem ruhelosen Mann, einem wunderlichen Glückssucher. Er hat sein Genügen auf dem Meere gesucht und im Luftballon, in der Gewehrfabrik und im Grafenschloß; und gesehen hat er das Glück endlich von ferne in einem schwarzen Kaninchen mit schwefelgelben Ohren, aber erwischt hat er's doch nicht. – Der Mann hatte das Schmiedegewerbe gelernt und brachte es bald zum findigen Schlosser, der neuartige Schlösser machte und einbruchssichere Truhen für Wertsachen baute. Dann erzeugte er Schußwaffen, gründete eine Fabrik, vergrößerte sie, verbesserte seine Produkte, und verkaufte endlich alles an eine Aktiengesellschaft. Dann baute er große Stadthäuser, vornehme Schlösser, gewaltige Brücken, daneben eröffnete er Bergwerke, errichtete Hochöfen, gründete Eisenbahnen, baute Schiffe, und als derlei im Betriebe war, verlieh er es und machte eine Reise um die Welt. Als ihm alles langweilig geworden, befaßte er sich mit dem Problem des Luftballons, konstruierte ein lenkbares Luftschiff und fand das Prinzip des Fliegens. Nachdem er seine zahllosen Erfindungen mit Privilegien belegt hatte, übernahm er eine große Tuchlieferung für die Armee. Dann suchte er um den Adel an und erhielt ihn. Und nun heiratete er eine alte Gräfin, die auch ihre Ahnenburg mitbrachte, welche der stolzeste Bau des Landes war. Als nun all das geschehen war, ward ihm die stolze Burg und die alte Gräfin zuwider und er kaufte sich ein kleines Bauerngut, arbeitete in demselben wie ein Häusler und begann eine Kaninchenzucht. Er wohnte in der Hütte und sann Tag und Nacht auf die Hervorbringung einer Abart von Kaninchen, die schwarze Leiber und schwefelgelbe Ohren hatten. Er veredelte in aller denkbaren Weise, und als er die Tiere so lange veredelt hatte, daß ein paar Exemplare wirklich schwarze Leiber und schwefelgelbe Ohren hatten, krepierten sie. Nun ging er daran, den Kaninchenstall zu einer Kammer umzugestalten und legte in derselben eine Hufeisensammlung an. Bei diesem Bestreben kam er in Berührung mit dem Schmiedgewerbe, und weil er mittlerweile ein armer, verlassener Mann geworden war, so erinnerte er sich seines ursprünglichen Handwerks, ergriff die Zange und den Hammer und schmiedete Hufeisen und Nägel. Und als Schmiedgeselle von fünfundsechzig Jahren ist er gestorben. – Als er auf dem Sterbebette gefragt wurde, welches in seinem abwechslungsreichen Leben seine glücklichste Epoche gewesen wäre, antwortete er mit wehmütigem Lächeln, die glücklichste Zeit sei jene gewesen, als er die Kaninchenzucht betrieben und eine Kaninchenart mit schwarzen Leibern und schwefelgelben Ohren erzielt hatte. Das nun ist einer von den vielen. Gar manchmal, wenn ich das Hasten und Drängen der Leute nach neuen, unbekannten Zielen und wunderlichen Erfolgen betrachte, fallen mir die schwarzen Kaninchen mit den schwefelgelben Ohren ein. Fortschritt! Fortschreiten! – Ja warum denn? Warum wollen wir denn nicht dableiben? Wohin wollen wir? – Gleichviel, nur fort. Was suchen wir? – Neues, immer Neues. Nun sind aber die Neuheiten Eintagsdinge, was heute neu, ist morgen alt und wir kommen niemals zur Ruhe. Daran erkennt man aber auch, daß die Menschheit noch nicht altert, denn die Ruhe ist ihr zuwider, sie will Bewegung. Oder ist es doch ein Zeichen des Greisentums? Viele alte Leute, die sonst behaglich dagesessen, werden unruhig, sie zittern an den Gliedern, sie können an einem Platze nicht bleiben, sie fangen an hin und her zu gehen, nirgends ist's ihnen recht – und das ist ein Anzeichen, daß es gegen das Ende geht. Vielleicht ist's richtiger so: das Leben will Bewegung. Allein auf Bewegung, scheint es, hat's die Natur abgesehen, darum Schwung und Fallkraft, Sommer und Winter, Hunger und Liebe, Arbeit und Langeweile, Leben und Sterben – immer Gegensätze, die sich gegen einander rühren müssen. Eigentlich weiter kommt die Welt nicht damit, denn es geht alles immer bloß im Kreislauf. Nur daß sich stets alles bewegt, daß alles fließt, daß alles durcheinander gewirbelt wird, immer andere Formen und doch derselbe Stoff, immer neue Veränderungen und doch dieselbe Wesenheit, dieselbe Kraft, die nicht mehr und nicht weniger wird. Was hat's für einen Sinn? Der Bewegung wegen. Die Bewegung muß also ein großes Ding sein. Der Mensch aber träumt von Fortschritt, von wohltätigen Veränderungen. Das macht ihm die Natur weis, damit er nicht in Untätigkeit anhebt zu faulen. Die Natur will bloß Bewegung. Wenn es im Menschengeschlecht Revolutionen gibt, so ist das wie Stürme in der Luft, die sich bald wieder ausgleichen, aber immer nur, damit aus der scheinbaren Ruhe sich Bewegungen zu neuen Stürmen entwickeln können. Und immer so fort im großen und kleinen – es regt sich, das ist alles. Wer es so sieht, der wird dem »Fortschritt« eine große Bedeutung nicht beilegen, der kann nicht arg stolz sein auf die geistvollen Bewegungen und Leistungen des Menschen, die in der äußeren Natur ebenso gut ohne »Geist« vor sich gehen. Man kann nicht dagegen sein, daß Neues erstrebt wird, aber man sei vorsichtig im Zerstören des Alten. Schlimm für den Menschen kann's werden, wenn die Bewegung so ins Seelische umschlägt, daß sie zur Unbeständigkeit wird und endlich nur ein Beständiges hat: die Unzufriedenheit und die Charakterlosigkeit. Der normale Zustand des Menschen ist es wohl doch nicht, mit Gier und Hast Veränderungen zu suchen. Diese Gier ist eine aus dem Gleichgewicht geratene Kraft. In früheren Zeiten haben die Leute mehr auf Beständigkeit gehalten, nicht allein, weil die Entdeckungen und Erfindungen mangelten und das Geistesleben brach lag, sondern auch, weil man das schon Bekannte und Erprobte, das Festständige schätzte, und seinen Wert für die sittliche Charakterbildung ermaß. Damals waren die Bewegungen notgedrungen und erzwungen. Man fürchtete und mied sie aus Liebe zur Behaglichkeit. Und heute sucht man sie auf aus Unbehaglichkeit. Woher aber – und das ist immer die große Frage – ist denn diese törichte, heillose Unbehaglichkeit gekommen? Vielleicht aus dem zu vielen Nachdenken, aus dem Innewerden, was uns eigentlich doch abgeht und aus der Neigung, alles, was uns abgeht, für dieses Leben noch erhaschen zu wollen. Das Beständige ist dem modernen Menschen aber auch instinktiv zuwider. Er legt seine Hand an alte Dynastien, an tausendjährige Kirchen, an ehrwürdige Heimstätten, an die lebenslängliche Ehe. Das Staatsoberhaupt soll je nach dem Tagesbedürfnisse gewählt werden; die Religion soll je nach der fortschreitenden Wissenschaft formuliert werden; das väterliche Haus wird verlassen, um viele Häuser zu durchziehen und die lebenslange Ehe, die bisweilen selbst in den besten Familien langweilig wird, soll gesprengt werden als ein Überbleibsel der Galeerensklaverei. Diese Ehe wird aber erst recht lästig, seit man weiß, daß man sie brechen kann und lösen darf, und man bricht sie sehr oft aus gar keinem anderen Grunde, als weil man die Freiheit sie zu brechen ausnützen will. Was soll in dieser Sache sein? Völlige Unlöslichkeit der Ehe? Davor behüte uns Gott. In mancher Ehe geht es zu grauenhaft her, als daß nicht jeder andere Zustand besser und sittlicher wäre. Leichte Löslichkeit der Ehe? Davor behüte uns der Staat. Da würde jede vorüberziehende Wolke am Ehehimmel genügender Anlaß sein können für manche zwei Gatten, um auseinander zu gehen und für ihre Familie Verwirrung und Unglück anzurichten. Man darf es den nervösen Kindern der Zeit nicht allzuleicht machen, ihren Launen nachzuhängen. Wie wäre es, wenn dem Ehepaare nur von zehn zu zehn Jahren einmal gestattet wäre, im Notfalle die Ehe zu lösen? Und daß nach einer Scheidung nur ein einziges Mal geheiratet werden dürfe und nicht öfter? Ich glaube, wenn man nicht derlei Hemmschuhe anlegt, daß sehr viele Männer alle paar Jahre ein anderes Weib haben wollen. Und daß auch die Frauen gerade in dieser Sache den Veränderungen hold sind, wissen wir auch. Ich gönne es, das gegenseitige Einverständnis vorausgesetzt, jedem Teile, wenn's nur auch den verschiedenblütigen Kindern und der Gemeinde und dem Staate recht ist. Die Ehefessel bis zum Tode kann eine Grausamkeit sein, und doch getraut man sich kaum an ihr zu rütteln, aus Furcht mit anderen Versuchen es noch schlechter zu machen. Ich habe mich hier besonders aufgehalten, weil gerade die Ehe bestimmt ist, die feste Burg der Beständigkeit zu sein, an deren Grundfesten man auch manches andere verankern könnte. Ich für meine Person halte auf Beständigkeit. Mir ist ein langes Leben lieber als ein kurzes, auch wenn ein Tag wie der andere vergeht. – Dann mein Vaterland. Das ist mir um so teurer, je weiter es mit meinem Stammbaum in die Jahrhunderte zurückreicht. Ich besitze ein Haus, es wird mir um so lieber, je länger es mein ist. Ich habe ein Weib, es wird mir um so lieber, je länger es mein Leben und mein Geschick mit mir teilt. Und im kleinen: in einem schon angetragenen Kleide bewegt sich's angenehmer, als in einem neuen. Eine Taschenuhr wird uns trauter und verläßlicher, je länger man sie hat, und ein Buch wird uns um so teurer, je öfter wir unter verschiedenen Lebensumständen darin gelesen haben. Ein schlichtes Volkslied, von Jugend her bekannt, mutet manchen inniger an, als eine neue kunstvolle Oper und ein Sprichwort von der Mutter her spricht tiefer zu Gemüte, als der philosophische Sermon eines modernen Weisen. Da ist gesagt worden, mit dem alten Zeug müsse aufgeräumt werden noch knapp vor Beginn des neuen Jahrhunderts. Warum denn? Was soll dieses Jahrhundert denn für eine besondere Zeit sein, die mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will! Das neue Jahrhundert wird sich gerade so mit dem alten Adam herumschlagen müssen, wie die vorhergegangenen. Ganz vergeblich gibt sich dieser alte Adam neue Posen, er bleibt der alte, arme, dumme Bursche, der – Kain und Abel erzeugt hat. Der Friedfertige ist tot, der Kain wird getrieben, gejagt, gepeitscht von Unfried und bösem Gewissen und seine Flucht nennt er – Fortschritt. Fortschritt. Sagt mir ein wahrhaft anstrebenswertes Ziel, das außer mir liegt, und ich laufe mit. Ihr sagt mir keins, das heranreicht an das alte, wohlbewahrte, an die Zufriedenheit. – Die führt zu nichts! sagen sie barsch. Freilich führt sie zu nichts, weil sie nichts braucht, als sich selbst. Die Zufriedenheit hat in sich die beste Staatsform, den größten Reichtum, die anmutigste Behaglichkeit, selbst mitten in Unzulänglichkeit und Elend alles in vollkommenerem Grade, als der anspruchsvolle Streber je erreichen kann. Eine sittlich möglichst anständige, bescheiden zufriedene Existenz auf Erden ist das erste und das letzte. Jede wahre Kultur muß zur Zufriedenheit führen. Wer an ein Glück auf diesem Planeten glaubt, und wer es sucht, dem gebe ich den Rat, das kurze Leben nicht mit Blindekuhspiel zu vertändeln, es ruhig und würdig aufzufassen, bedächtig zu nützen, beschaulich zu genießen. Auf dieser wilden Jagd nach Geld, Luxus, Ruhm erreicht er nichts Brauchbares, wird dabei bloß ein gehetzter, nervöser armer Tor. Was also? Nun eben das: schlichte Berufsarbeit mit dem steten Bestreben, damit das möglichst Beste zu leisten. Eine wohlgegründete, nicht zu weit gegrenzte Häuslichkeit. Eine Ehe, die mit der treuen Absicht fürs Leben geschlossen und gehalten wird, und gesunde Kinder. Emsige Werktage und beschauliche Feiertage. Im Glücke den Blick niederwärts gewendet zu den Armen, im Unglück ihn aufwärts gerichtet zum Ewigen. – Wer in diesem Ringe seine Befriedigung nicht finden kann, er findet sie nirgends. – Wohlgemerkt, daß hier zu den Leuten im allgemeinen gesprochen wird, nicht im Besonderen etwa zu den Gelehrten, Entdeckern und Erfindern; denen ist es ja eben Beruf, zu forschen und neue Wege zu versuchen. Doch auch diese Wegweiser und Lichtanzünder sind Tagwerker, die über dem Unbeständigen das bessere Beständige zeigen sollen. Das Beständige ist der Mensch in seiner großen, ewigen Seele. Diese darf nicht zerrissen werden, um sie fetzenweise an äußere Dinge zu hängen; vielmehr die äußeren Dinge, die Schätze und Errungenschaften, müssen der Seele zufliegen, so wie Sternensplitter des Himmels in den Sonnenball fliegen, daß er um so herrlicher lodere. Nichts der Dinge wegen, alles des Menschen willen! Das muß der Leitspruch aller unserer Bewegung und Veränderung sein. Das Recht auf Einsamkeit. Das zwanzigste Jahrhundert wird nicht vergehen, ohne der müden Menschheit ein großes Rasten, einen heiligen Frieden gebracht zu haben. Ein denkender Sozialist von heute ins Mittelalter versetzt, würde geeifert haben gegen das Sichabschließen in den Klöstern, gegen die träumerische Himmelsbeschaulichkeit, gegen die Abkehr, denen sich damals übermäßig viele Menschen, darunter oft gerade die bedeutendsten und hellsten Geister, hingegeben haben. Er würde gesagt haben, ein gesunder Mensch sei nicht auf die Erde und in ein leidendes, unfreies Geschlecht gesetzt worden, um zu träumen und seinen Körper zu kasteien, seine gottesdienstliche Aufgabe bestehe im gemeinnützigen Wirken. So wie der Humanist in der Gegenwart das Zusammenlaufen der Leute in die Städte, den zu großen Luxus und die mehr als tierische Genußsucht verurteilt, hatte er damals müssen gegen das überwiegende Klosterleben auftreten. Doch so wenig er heute die Städte und den Luxus ganz und gar würde aufgehoben wissen wollen, so wenig könnte er gegen die gänzliche Ausrottung der Klöster sein. Er müßte sich nur sagen: eines schickt sich nicht für alle. So notwendig für die Kulturentwicklung und Lebensbereicherung die Städte und der Glanz des Lebens sind, so wichtig ist in ihrer Art für die Kulturarbeit im höchsten Sinne die Abgeschlossenheit einzelner, die geistige und geistliche Betrachtung – die Beschaulichkeit. In unserer, nur dem sogenannten Praktischen dienenden Zeit ist es so geworden, daß durch ausschließlich materielle Interessen des Menschen sein inneres Leben erdrückt wird, daß fast niemand mehr in sich gekehrt ist, sein will, daß die Einsamkeit und Hingabe an den Gottesgedanken geradezu verachtet wird. Bei diesem Zustande ist es Zeit, den Wert der Einsamkeit und innerer Beschaulichkeit anzudeuten und das Recht des Einzelnen auf diese seelische Lebensführung zu manifestieren. Nach meiner Erfahrung liegt im geistigen Leben ein realeres Glück als im materiellen, sinnlichen. Realer deshalb, weil es persönlicher, intensiver und unzerstörbarer ist, weil es den Zufälligkeiten der Welt weit weniger unterworfen, von Furcht und Angst vor dem Verlieren viel weniger belagert ist, als die Freude an dem Stofflichen. Man betrachte sich einmal einen Geldjäger, oder einen Erfolggierigen gegenüber einem beschaulichen Menschen, der ein Innenleben führt. Der eine unruhig, gehetzt, friedlos, ein Spiel äußerer Umstände und diesen häufig unterliegend; der andere ebenmäßig, zufrieden und heiter. Die von der ersteren Gattung, die Dutzendleute, mögen es auch nicht begreifen, wie ein Mensch so leichthin die Geselligkeit der Menge entbehren und mit sich selbst zufrieden sein könne. Sie ahnen es nicht, wie wertlos diese Geselligkeit für einen tieferen Menschen ist. Wertlos und gefährlich, weil sie jeden, der ihr nahet, so leicht ins Banale und Gemeine zieht. Es kann einer nicht leicht unbedeutend genug sein, um in landläufiger Geselligkeit etwas zu gewinnen, eher verliert bei ihr noch der Unbedeutende sein bißchen Persönlichkeit. Wir müssen lernen – und das ist das große Gebot der Zeit – lernen, wieder Persönlichkeit zu werden. Das lernt man in der Einsamkeit bei sich selbst. Wer in sich selber schaut, sich selber fragt und zu beantworten sucht in allem, was in ihm und außer ihm ist, wer Ewigkeitsgedanken hat und ihnen nachhängt – der macht seine Seele größer und stärker. Stärker nicht bloß für das innere Leben, vielmehr für die gemeinfrohe Werktätigkeit nach außen hin. Das hat besonders Dr. Josef Prenner in seinem Büchlein: »Das Recht der Zelle. Gedanken über das beschauliche Leben« (Graz. 1902) gut gesagt. Diese Schrift tritt geradezu für das Klosterleben ein, »für jene« – wie moderne Phraseurs sagen würden – »Parasiten, die es aus dem Volke herausschinden und in ihre geilen Bäuche stecken.« Das ist nun freilich nicht so gemeint, als ob die Leute Mönche werden sollten, um im Müßiggang zu schlemmen und allerlei Lüsten zu fröhnen, sondern vielmehr so, daß jeder, der die Neigung in sich fühlt, auch heute noch das Recht habe, sich in die Klosterzelle zu flüchten, um dort in Entbehrung weltlicher Freuden ganz dem Geistigen und Ewigen zu leben und mit den aus solcher Beschaulichkeit entspringenden sittlichen Kräften sich und die Mitmenschen zu stärken. Der Verfasser des genannten Büchleins behandelt die Idee des beschaulichen Lebens, welche die Idee der geistigen Sammlung und Vertiefung ist, ohne die eine geistige Tat überhaupt nicht möglich sein kann. Alle Forscher, Erfinder, Künstler und Dichter führen in diesem Sinne ein Einsiedlerleben; alles Große, das Menschen je geleistet, geht aus der Einsamkeit, aus der Vertiefung geistigen Schauens hervor. Und so wie der Gelehrte, der Erfinder und Künstler das Recht auf die Zelle hat, um in der Einsamkeit sein Werk ausreifen zu lassen, so hat es auch der Gottsucher, der mit Freuden die weltlichen Kreise hingibt, um die göttlichen zu finden. – Soll man's denn immer wieder sagen, daß der Mensch nicht allein da ist, um weltliche Werte zu schaffen, die ihn doch nie und niemals befriedigen können, daß er vielmehr ein Entfalten und Ausleben seiner geistigen Persönlichkeit beanspruchen darf und soll, nicht bloß in Wissenschaft und Kunst, wohl auch in Religion, die doch unter allen Umständen ein wichtiger Faktor unseres Lebens ist! Unser gesellschaftliches Leben ist so über alle Maßen unbehaglich, ja unheimlich geworden, daß mir die Zeit schon recht nahe scheint, in der sich eine Flucht in die Einsamkeit vollziehen wird. Viele werden hingehen, nicht etwa, um dort ein egoistisches Leben zu führen, sondern um sich eine Zeit lang zu sammeln für ein ernstes, treues Arbeiten zum Wohle der Menschen. Bei geistiger Arbeit ist eine solche Sammlung selbstverständlich, die ist ohne Einsamkeit nicht denkbar; doch selbst der Gewerbsmann sendet aus der kleinen Werkstätte bessere Produkte in die Welt, als aus der Fabrik. Wenn nun mancher Weltflüchtling sich in die Klosterzelle verschließt, um dort im heiligen Nachsinnen über das Unendliche, in Anbetung Gottes sein Leben oder einen Teil desselben zuzubringen, so ist das sein volles Recht, verbürgt gerade durch den modernen Zeitgeist, der dem Menschen die persönliche Freiheit, die Selbstbestimmung gegeben hat. Dieses Recht könnte man nicht einmal dann absprechen, wenn der Klösterling seine Tage tatlos verleben und verträumen würde. Lebt doch auch der Rentner wo und wie er will. Freilich, gutheißen könnte man das nicht. In süßlich frommer Stimmung dahinträumen, das gibt keine Kraft und ist nicht Beschaulichkeit. Diese ist das Beschauen einer bestimmten Wesenheit, ein angestrengtes Tieferblicken in Geheimnisse, ein Forschen. Es muß nicht ein wissenschaftliches oder theologisierendes Forschen nach Gott sein, das da in der Klosterzelle vor sich geht, es kann ein inniges Gefühl der Anbetung und Liebe sein – mehr Gefühl als Gedanke, im Herzen eine Wärme und Kraft sammelnd, die in sich selig macht und geeignet ist, auch andere sittlich zu erheben und das Wünschen mit dem Muß des Geschickes in Einklang zu bringen. Sittliche Erhebung und innere Harmonie, sind das denn keine Lebensgüter? Sind sie etwa für unser Dasein weniger wichtig, als eine elektrische Verkehrsanlage oder eine städtische Wasserleitung? Wenn man unsere Kultur betrachtet, diese äußerlich so sieghafte, innerlich so trostlose Kultur, die aus den Menschen etwas wie Homunkeln macht, dann kann es nicht Wunder nehmen, wenn ernstere, seelisch anspruchsvollere Leute am Ende ihr Heil in der Klosterzelle suchen. Ich weiß mir allerdings andere Einsamkeiten, wenn ich geistig frei werden und Ewigkeitsdinge beschauen will. Auf glatt gemähtem Rasen unter Silberweiden, am vorüberwogenden Alpenfluß, der zwischen steilen dunklen Waldbergen hervorkommt, in der Ferne sehend die schimmernden Gletscher, am Himmel gestaltenreiche glänzende Wolken – da ruhe ich, blicke hin und bin selig. Es ist anfangs kein Schauen, es ist kein Denken, es ist nur ein weiches, süßes, ein unbeschreibliches Seelenbehagen – die Wirkung der Schönheit. Allmählich wird das Empfinden zum Denken, das Sehen zum Schauen. Die heilige Majestät der Natur erinnert mich an die Allmacht Gottes. Das, was mich umgibt und trägt, ist das sichtbare Sinnbild des Reiches Gottes, ich stehe mitten darin und gehöre dazu. Ich denke, wie diese Berge entstanden sein mochten, nach welchen ewigen Gesetzen diese Wasser steigen und fallen, diese Lichter leuchten. Ich denke an die Gewalten, die langsam diese Steine meißelten oder plötzlich diese Felsen spalteten; die Gewalten, so furchtbar sie sein mögen, sie ängstigen mich nicht, je größer sie sind, je sicherer fühle ich mich geborgen in ihnen, denn es ist dieselbe Kraft, die auch mich trägt, erhält und verwandelt, die meinen Geist in Gestalten bringt, in denen er an der Brust Gottes ewig lebt und schafft zu immer reinerem Bewußtsein der Seligkeit. Ich betrachte das Geschick der Menschheit, wie sie rang, wie sie irrte, wie sie litt; wie sie sich immer wieder aufbäumt gegen das Elend, gegen das Gemeine und immer wieder zurückgeschleudert wird und doch den Glauben an den Sieg nicht fahren läßt. Dann kommen mir am Ufer des rauschenden Alpenflusses in den Sinn die lieben Seelen, die schon verwandelt sind, meine Verstorbenen, die mit mir einst in irdischer Gemeinschaft waren, wie sie jetzt in geistiger Gemeinschaft mit mir sind. Ich sehe und fühle, wie sie einst gejubelt und geweint haben, Freuden und Leiden, die ihnen von mir kamen, sind jetzt meine Freuden und meine Leiden. Und in Mitleid mit ihrem einstigen Weh, erinnere ich mich der Menschen, die noch leben. Mißmutig vielleicht bin ich heute morgens von ihnen geflohen, da sie in ihren Gebrechen und Fehlern doch meines Beistandes bedürftig sind! Da sage ich mir: du weinst, mein Herz, weil du Vergangene versäumt hast, und versäumst nun auch die noch Lebenden? Gehe zu ihnen, wenn sie auch gemein und armselig sind, du bist es in einer anderen Weise auch, sei gut mit ihnen und hab' sie lieb. – In solchem Sinne ist mir das Herz warm geworden und ich eile zu den Mitmenschen, um ihnen etwas sein zu können. Und meine Lust und Kraft dazu ist größer als vorher. Das ist eine Art jener Beschaulichkeit, die wir meinen. Sage nun, weltgesinnter Leser, ob diese Beschaulichkeit ein Müßiggang ist, oder sage, ob die einsamen Spaziergänge des Poeten ein Müßiggang sind. An den emsig arbeitenden Steinschlägern, Schmieden, Heuern und Schnittern schlendert er nachlässig vorüber, sie ärgern sich über den Nichtstuer, aber nach Jahrzehnten, da das Erzeugnis ihrer Arbeit längst spurlos verschwunden ist, wirkt die Dichtung, die auf jenem Spaziergang entstanden, begeisternd und beglückend fort in der Menschheit. Und die großen Gelehrten und Erfinder, ich sage es noch einmal, nirgends anders sind ihre Werke aufgekeimt, als in der Einsamkeit, in der Zelle, die der Menge oft nur als Ort der Faulheit erscheint. Wie die Welt heute geworden, ist also die wiedererwachende Neigung nach Einsamkeit und Beschaulichkeit ein gar erfreuliches Ding. Wir alle sind nach Äußerlichem strebende und an Äußerlichem hangende Leute geworden; wir haben an uns wieder eine Menschwerdung zu erfüllen, eine Wiedergeburt jenes Teiles unseres Wesens, den wir Seele nennen. Wer sich nur in der Menge glücklich fühlt, der weiß nicht, was das heißt, ein Mensch sein. Zu diesem Wissen kommt man erst in der Einsamkeit. Leute, die in der Menge sich selbst verloren, suchen die Einsamkeit und finden sich dort wieder; Geisteskranke werden in der Einsamkeit oft gesund, Unglückliche in der Einsamkeit glücklich. Denn es ist ein unendlich großes Glück, sich selber wiederfinden! Freilich gibt es sehr viele Leute, die trotz ihrer egoistischen Schlauheiten, trotz ihrer flunkernden Geistreichigkeiten kein geistiges Ich haben. Solche können sich natürlich auch in der Einsamkeit nicht finden, solchen ist das innere Leben tiefgründender Beschaulichkeit verschlossen. Sie können sich selbst bespiegeln, aber sie können sich nicht beschauen, sie können nie zu sich kommen, sich nie selbsteigen über die Welt erheben, sie zersplittern ihren Willen für alltägliche Angelegenheiten und sind die Sklaven des kleinlichen Zufallsgetriebes in der Masse. Die Einkehr bei sich selber ist etwas, das unser heutiges Geschlecht ganz verlernt hat und die ihm so not täte, wie tägliches Brot. Das Asyl bei sich selber ist der beste Gottesfriedenkreis über der Unruhe und den Widerwärtigkeiten des Erdenlebens. Gibt es nicht viele solcher, wie jener Mann war in den Wäldern des Teufelssteingebirges? Der war auf der Bergtour zufällig von seiner lustigen Gesellschaft abgekommen, hatte sich verirrt und war stundenlang wie gehetzt im Walde umhergelaufen. Einem ziegenhütenden, blöde glotzenden Halbkretin hatte er sich angeschlossen, dem ging er nicht von der Stelle. Der Mann suchte sich mit ihm vergeblich zu unterhalten, verkam aus Langeweile und konnte sich doch nicht entschließen, allein weiter zu gehen. Denn die Gesellschaft des Trottels war ihm immer noch lieber als seine eigene. Der mußte sich nicht schlecht langweilig vorkommen! Andere wieder scheinen sich vor sich selber zu fürchten, sie werden in der Einsamkeit unruhig, geängstigt, es fallen ihnen, wenn sie nicht immer in zerstreuender Gesellschaft sind, allerhand unangenehme Sachen ein, vielleicht auch hebt böses Gewissen sein häßliches Haupt empor – sie fliehen vor sich selbst, wie vor einem bösen Feinde. Für jeden ist also die Einsamkeit nicht, mancher – man sieht es ja wohl oft – wird in ihr ein Narr, ein Wahnsinniger. Solchen Armen Beschaulichkeit zu predigen wäre Torheit, sie gehören in die Herde. Jenen jedoch, die einige Anlage dazu haben, sollen sie üben, sollen zeitweise den Markt des Tages verlassen, sich zurückziehen, sich bescheiden und abhärten, sich dem Vergänglichen zu entwöhnen suchen und ihren Sinn dem Ewigen zuwenden. Dem Ewigen in sich und im All. Und wenn sich viele und immer mehr darauf besinnen, dann wird's bald anders aussehen auf der Welt. Vielleicht weniger »fortschrittlich« und gefräßig, weniger rücksichtslos und roh, weniger feindselig und unselig. Ich sehe es kommen, daß wir Tiere wieder zu Menschen werden. Und selbst wenn die Klosterzelle der Käfig ist, der das Raubtier bezähmt – so ist es gut. Ich sehe die Zeit kommen, da die Menschen wieder große Weihestätten gründen werden, wo viele zusammen, doch jeder für sich lebt der befruchtenden Einsamkeit. Wenn sie solche Stätten mit Kunst schmücken, den Gott- und Ewigkeitsgedanken mit Schönheit umrahmen, um so besser. Es ist ihr gutes Recht, das zu tun und wenn es nicht aus unfreiwilligen Mitteln anderer, sondern auf eigene Kosten geschieht, so kann's niemand wehren. Das Hasten und Jagen der letzten Zeit war zu groß. Das zwanzigste Jahrhundert wird nicht vergehen, ohne der müden Menschheit ein großes Rasten und einen heiligen Frieden gebracht zu haben. – Aber wie der Unfriede bis aufs äußerste ging, so wird auch das Ruhen bis aufs äußerste gehen, so daß einst wieder Wecker erstehen werden mit dem Rufe zur Arbeit. Denn auf segensvollem Mittelwege vermag die taumelnde Menschheit nicht lange zu verharren. Dieser Mittelweg wäre: bete und arbeite. Ist es aber schon der Menge nicht möglich, diesen Kurs stets einzuhalten, mancher einzelne vermag 's zu vollbringen. Die Arbeit, wenn sie echt und recht ist, macht ihn geschickt zur Beschaulichkeit, und die Beschaulichkeit stark zur Arbeit. Ein moderner Dämon. Nach der stärkenden Nacht schreite ich durch den kühlen, feuchten, sonnendurchfunkelten Baumgarten. Die Vögel singen so leidenschaftlich wie Menschen, wenn sie Liebe und Wonne fühlen. – Vom Sommerhäuschen her das trauliche Geräusch des Alltagslebens. Ich setze mich auf die Lindenbank, in der Hand ein schönes Buch. Der Morgen eines Tages, der ganz mein sein wird; denn die drohenden Besuche abzulenken, ist gelungen, und die Post ist gnädig gewesen. Kann jemand ermessen, was das heißt, einen ganzen langen stillen Sommertag ganz allein für sich zu haben? Wer erst wenige Tage vorher dem Stadtlärm entkommen ist, um ländlichen Frieden zu atmen, der, dächte man, sollte die ruhige Einsamkeit zu schätzen wissen. Doch anstatt sehr glücklich zu sein, war ich sehr unzufrieden – natürlich, ohne zu wissen, warum. Über das schöne Buch schweifte das Auge zwischen den weißstämmigen Birken hinaus in die fernen blauen Berge. Lesen? In diesem engen drückenden Garten sitzen bleiben und lesen? Oder mit den Kindern allerlei Kindisches treiben? Oder in der Hängematte warten auf den Mittag, und von Mittag aufs Vesperbrot und endlich auf den Abend, der ewig nicht kommen will? Unerträglich. Da haben wir's – das denkbar größte idyllische Glück unerträglich! Ein sachtes Bangen zieht mich hinaus in die Täler, an die Bergeshänge, auf die Höhen, die mir nichts Neues bieten, weil ich sie hundert Mal schon bewandert habe. Hatte es mich doch allemal, so oft ich draußen war, gelangweilt an den Wässern, verdrossen in den Wäldern, zu sehr umwindet auf den Almen – daß ich bald wieder dem Heim zuwanderte! Und jetzt, wo man so bequem sitzen oder sich geruhsam ergehen könnte im heimlichen Baumgarten, will's nicht behagen, man muß hinaus, irgend wohin. Wohin denn? Das weiß ich nicht. Der Wege ziehen viele nach allen Richtungen, man kann gehen, fahren und reiten. Aber auf den Straßen ist's zu staubig, auf den Matten zu sonnig, in den Schluchten zu feucht; auf die Berge ist's zu steil, auf die Almen zu weit, ins Hochgebirge zu beschwerlich. Und zu Hause – Ödheit. Vielleicht arbeiten? Wieso? Arbeiten kann man, wenn's regnet. Die schönen Tage müssen ausgenützt werden. Also erfüllt mein Wesen ein abenteuerliches Unbehagen. Ich schaue in mich und suche nach der Ursache – und finde sie nicht. Darf man den Zustand modern nennen? Unzufrieden mit dem, was man ist und hat, ein Verachten des Naheliegenden, und wäre es das Beste, ein Hangen und Verlangen nach Dingen und Verhältnissen, die – man eben nicht kennt. Würde man sie kennen, würde man wissen, was man will, gleich wäre der Reiz beim Satan, oder der Satan beim Reiz. – Ruhelos! Kaum daß wir in unseren bequemen Wohnstätten festsässig geworden sind, fängt Nomadenblut an, sich zu regen – unbändiges Nomadenblut. Was ist das? Was ist es nur? Es ist die Unrast des Suchenden. Das frühere Ideal – Beständigkeit, das heutige – Wechsel. Alle Heimständigkeit ist hin. Man sagt, es sei Bedürfnis geworden, zu reisen, um nicht zu verrotten, nicht zurück zu bleiben, denn alles reist. Und es sei Bedürfnis geworden, zu gewissen Zeiten in den Alpen zu sein, in den Hotels der Seen zu wohnen und hohe Berge zu besteigen. Alles spricht davon, überall liest man darüber, alle gesellschaftlichen und Verkehrseinrichtungen zwingen nachgerade darauf hin. Was ist das nur? Ist es, weil die Menschheit gähnt? Sie will doch Geld erwerben! Aber hierin gibt es halt noch immer kleine Unterbrechungen, und sie gähnt jeden Augenblick, da sie nicht Geld erwerben kann. Du gütiger Gott, das wird doch keine Standrede gegen das Reisen sein sollen! Wo in aller Welt gibt es denn etwas Schöneres, Bildenderes, Erhebenderes, als eben – in aller Welt. Wo ist denn etwas Himmlischeres, als die Naturfreude – die Gnade, die Gott dem modernen Menschen aufbewahrt hat zum Ersatz für so vieles andere, das er verloren! – Wenn die Leute, die reisen und reisen können – nur auch reisen könnten! Wie treiben sie es denn? Die wirklichen Genüsse und Seelengewinne wiegen bei weitem nicht auf die Kosten, den Zeitverlust, die Mühsal und den Ärger, wenn der Philister reist. Man reist bloß, um zu reisen, klettert, um zu klettern, läßt sich in allen denkbaren Vehikeln herumwerfen, gibt Geld aus – und wenn's vorbei ist, hat man nicht das Gefühl einer genossenen Erholung, sondern einer getanen Arbeit. Man freut sich, daß sie getan ist, und ist befreit von dem Alp, der gedrückt hat. Denn wochenlang hat man vorher die Reise beredet, für sie gespart, auf sie vorbereitet. Endlich sind sie da, die Beschwerden der Eisenbahnfahrten, die zweifelhaften Nachtquartiere, die ungewohnte Kost, die rupfenden Kellner und lümmelhaften Lohndiener und die touristischen Bedrängnisse aller Art. Es ist ein Schimpfen und Fluchen und Seufzen wochenlang, oder ein Prahlen und Großtun und fremden Leuten glauben machen wollen, man sei mehr als Krämer oder Gerbermeister. Und doch bringen sie nicht ein Wort über die Lippen, das nicht nach Kleingeld oder Leder riecht. Endlich vom Salzkammergut, oder von Tirol, oder gar von der Schweiz heimgekehrt, wissen sie nichts anderes zu erzählen, als wie man in diesem oder jenem Hotel gegessen, auf dieser oder jener Bergpartie übernachtet, und wie viel man für diese und jene Fahrstrecke bezahlt hat. Solche geistige Anregung hält aber auch monatelang vor, bis wieder die Zeit kommt für neue Reiseplane. – Daß es der gebildete Philister um ein paar Grade höher macht, als der ungebildete, ist richtig, kommt aber am Ende doch aufs Gleiche heraus. Es sind halt sehr oft nicht Bedürfnisreisen, es sind Renommierreisen. Da meine ich natürlich nicht die wirklichen Touristen und Naturfreunde, wovon viele im Laufe des Jahres sich manches Nötige versagen, um ein paar Bergtouren machen zu können, wovon viele Gesundheit und Leben einsetzen für Naturgenüsse, die hehr und heilig sind und den ganzen Menschen durchglühen und glücklich machen. Das sind mir die rührendsten Gestalten unseres ganzen modernen Lebens. Ich meine auch nicht die Sommerfrischler, die – so lange unsere Weltgiftstätten »Stadt« genannt, immer noch wachsen – die paar Wochen Landluft so nötig haben, wie der Fisch das Wasser. Ich meine manch' andere und – mich selbst nicht zuletzt. Wenn man im stillen frischen Garten sitzt, mitten in einem Kranz von grünen Bergen, und doch keine Ruhe hat, sondern fort will in unbestimmte Ferne – so ist das einfach, als wäre man besessen von einem Dämon. Es ist nicht so, als ob man sich nach bestimmten Gegenden oder Ortschaften oder Menschen oder Kunstwerken oder Naturwundern sehnte – man hat vieles schon zum Überdruß gesehen, man hat Abscheu vor den Widerwärtigkeiten des Reisens, vor den Unbilden der Witterung, vor dem Durcheinandergeschütteltwerden mit allerlei oft recht widerlichen Gesellen – und doch muß man fort. Mancher hat das Glück gehabt, oft schon die Alpen zu schauen, und hat die Gabe, in mächtiger Phantasie sich alle ihre Herrlichkeiten lebendig vorstellen zu können, so daß ein solch geistiges Wiederschauen fast vollgültiger Genuß ist – und doch kann er nicht in seiner heimlichen Frohrast verbleiben – er muß fort ins Unstete, Unwirtliche hinaus. Das ist der Dämon. Ein Dämon, aber trotz alledem keiner der schlimmsten. Die Freuden, die er verspricht, hält er auch, wenigstens denen, die sie verstehen. Unter Umständen läßt er sie mit dem Leben bezahlen, und wenn Alpentouristen immer wieder in die Gefahr gehen, so bezeugen sie damit, daß diese Freuden mit dem Leben nicht zu teuer bezahlt werden. – Den Seligen wird die Anschauung Gottes verheißen. Das Schauen und Anschauen ist der uneigennützigste aller Genüsse. Was ist es anders, als Anschauung Gottes, wenn wir seine Schöpfung schauen und dabei das tiefste Glück empfinden? – Aber ist nicht auch in meinem Garten Gottes Schöpfung? Warum zieht's mich davon? – Ich suche zu antworten. Einmal: die Zeit ist ein rasch fliegendes Wandelpanorama geworden, so hat sie den Menschen verwöhnt, in immer rascherem Laufe immer anderes zu sehen. Daher weiß ich mir bei meiner Gebrechlichkeit kaum etwas Feineres, als in einem Wagen hinzufahren durch schöne wandelnde Landschaften, im tauigen Morgen, in der Mittagssonne, in der Abendkühle. Die Landschaft in allen ihren Formen, Farben, Lichtern und Schatten, mit dem unerschöpflichen Gaukelspiel der Wolken am Himmel! Alles kommt reihenweise oder kreisend mir entgegen, an mir vorüber, die näheren Dinge eilend, die ferneren und großen majestätisch langsam – Gärten, Auen, Wälder, Felsen, Wässer. Die vom Blitz gespaltene Tanne, der zerklüftete Stein, der dämmernde Tümpel, auf Augenblicke sogar der kreisende Adler, das schreckige Reh, dann der dunkle Frieden in den Gründen, das Rauschen, Klingen und Leuchten in den Höhen. Immer gleich und immer anders, nie ein Stückwerk, nie ein Stümperwerk – immer ein vollendetes Bild. Wer mißt die Stimmungen? – Nichts Feineres, als unter fieberndem Reiserausch so hinzugleiten im Wandel des Beständigen, in der Beständigkeit des Wandels. – Müde, vielleicht krank komme ich heim, aber die arme Seele hat dann auf ein Weilchen Ruhe. Das hatten die Alten nicht verstanden, wie man aus einer Fahrt oder Wanderung über Berg und Tal, durch Wald und Au des Schauens wegen so viel Wesens machen kann. Was daran Jagd und Landwirtschaft war, und höchstens einmal eine Natur-Kuriosität, sonst sahen sie nichts. Vor dem, was uns heute entzückt, fürchteten sie sich – im übrigen war ihnen die Landschaft leer. Naturschönheiten in unserem Sinne gab es nicht, das unruhvolle Verlangen, sich in besondere Naturstimmungen zu versetzen, gab es nicht – da war es leicht, im Garten sitzen zu bleiben oder sich gar auf die Bank hinzustrecken und zur Krönung des Behagens eine Pfeife zu rauchen. Doch mir ist mein fiebernder Reise- und Naturfreudenrausch beinahe lieber als jene Behaglichkeit. Wenn nur auch jeder Tourist diesen wilden, heiligen Naturrausch empfände. Aber viele von ihnen, sie fahren, sie laufen, sie steigen, sie klettern. Sie wollen gerade einmal wissen, wer stärker ist und wer's besser kann – weiter ist's nichts. Oder sie wollen genau nach Metern wissen, wie hoch ein Berg, wie weit eine Höhle, wie tief ein See ist, freuen sich unbändig, alte Resultate umstoßen zu können, und sind verstimmt, wenn es schon vor ihnen in Richtigkeit gewesen. Wo kein Weg, da wollen sie gehen, wo kein Steig, da wollen sie klettern, wo keiner noch war, da wollen sie hin. Forschertrieb in den einzelnen, Renommisterei in den meisten Fällen. In den Monaten August und September klettern zwischen Graz und Genf mindestens zwei Millionen Menschen in den Alpen herum, dreiviertel davon Fachtouristen und Bravotouristen. Das sind so recht die vom Dämon Gejagten und Gehetzten; kein Bergwirtshaus, das nicht erschallte von ihren Prahlereien, kein Alpenfriedhof, auf dem nicht ein Zutotegefallener läge. Der Dämon Alpinismus! Die ganze zivilisierte Welt liegt in seinem Banne, die Alpen sind Gemeingut der Völker geworden. Der Amerikaner steht auf dem Montblanc so eigenmächtig auf seiner Eisscholle, wie der Engländer; der Hamburger ist auf dem Glockner so gut daheim, wie der Wiener. Kaum eine Stadt im weiten Deutschen Reich, die nicht in den Alpen ihr Touristenhaus besäße und nicht jährlich ihre Kletterer schickte; geborene Flachländer können es bald so gut, als die Älpler, wenn nicht besser. Viele Alpenhotels sind um diese Zeit nicht minder belebt, als die Restaurants unter den Linden oder auf der Ringstraße, und wo einst nur arme Hirten ein weltfernes, geduldiges Kummerleben geführt, tummelt sich heute die feine, üppige Welt und spielt sich Weltgeschichte ab. Der Sohn verdient sich als Bergführer an einem Tage mehr, als sein Vater, der Senne, einst sich im ganzen Sommer verdient hatte. Städter aller Stände – der Professor wie der Priester, der Beamte wie der Künstler, der Kaufmann wie der Offizier, mit Bruder und Schwester, mit Weib und Kind – diese Menschen, die sich sonst zur Sommerfrische in den sonnigen Dörfern der Ebene niedergelassen hatten, steigen nun empor in die Waldregion, zu den Almen und noch höher ins Felsengebiet, um am Rande des Eises sich von den städtischen Segnungen der Kultur ein wenig zu erholen. Und wenn diese Sommerfrischler sich einen besonderen Festtag machen wollen, so streben sie auf der Starrnis weiter, über die zerrissenen Gletscher hinan in Bereiche, wo kein Halm, kein Wassertropfen mehr sein kann, wo die Luft zu dünn wird für die Menschenlunge. Mit unsäglichen Beschwerden und Gefahren ringend, streben sie immer noch höher, bis zum erhabendsten Gipfel, um dort, von eisigem Sturm umbraust, es kaum fünf Minuten auszuhalten und dann zerschunden und zerschlagen zutal zu kommen, oft kaum einen anderen Gewinn im Herzen, als die Vorstellung, drei- oder viertausend Meter hoch oben gewesen zu sein. – Armes Hoch- und Hetzwild des Dämons Alpinismus. Eine tolle Erscheinung – und hat doch einen so tiefen Sinn. Die Verweichlichung in den Städten ist ins Extreme gegangen, so muß auch das Gegenteil ins Extreme gehen. Das unnatürliche Großstadtleben zeitigt den Naturdurst, die Überkultur sehnt sich nach dem rauhen Urleben der Berge. Also hat die künstliche Zahmheit des Stadtlebens umgeschlagen in wilde Tollkühnheit, denn Urkraft ist immer noch vorhanden im Menschen, und je mehr sie eingeengt wird, je sicherer muß sie einmal explodieren. Besser, sie explodiert in den wüsten Bergen, als – auf dem Schlachtfelde. Ich vermute aber noch etwas anderes. Dieses unbewußte ahnungsvolle Streben nach den starren unwirtlichen Höhen ist ein Suchen. Die Menschen suchen etwas, das sie verloren haben – sie suchen Gott. Sie suchen jeder in seiner Art. Und allmählich wird doch etwas gefunden. Wenn der Krämer mit dem Bergführer feilscht und der Fachtourist mit seinen Metern, mit seinen Leistungen prahlt, so sind das dieselben Leute, die auch daheim im Tale eines edleren Begeisterungsschwunges nicht fähig sind, bei denen es immerhin schon ein Fortschritt ist, daß sie sich vom Bierkrug und von den Spielkarten loszureißen vermögen – allmählich dämmert ihnen doch die Ahnung auf, daß im Gebirge etwas mehr dahinter ist, als Steine und Nebel. Die Lust an den Bergen dürfte sich in nächster Zeit noch, steigern, doch im Ganzen wird sie sich erschöpfen, ehe sie sich erfüllt. Unserer Seele heilige Sehnsucht – in der Außenwelt ist sie nicht zu stillen. Und doch können die Versuche nach Stillung nimmer rasten. Wird an den Bergen einmal alles »entdeckt« und begangen sein, dann wirft der Menschengeist sich in andere Bereiche. Der kindische Knabe saust in unendlicher Hast auf den Straßen dahin, aus keinem anderen Grund, als so schnell wie möglich dorthin zu kommen, wo – er nichts zu tun hat. Der Philister dringt in die Höhlen, um zu erforschen, daß es urzeitliche Schichten und Reste gibt und daß es unter der Erde finster ist. Der Unrast Sohn taucht in die Tiefen der Seen, er steigt vom Ballon getragen in ungemessene Regionen empor, immer wieder ums Leben ringend, das für ihn nur dann noch einigen Wert hat, wenn es täglich frisch erkämpft werden muß. Erst wenn die Städte anfangen werden zu versinken und die Leute sich wieder in die stilleren, freieren Ländlichkeiten zerstreuen, wenn sie in ruhigerer Arbeit, im friedlichen Rhythmus der Jahreszeiten das ihnen abhanden gekommene Gleichgewicht gefunden haben, dann werden diese modernen Dämonen schweigen, und der Mensch wird zur Natur endlich wieder in das natürliche Verhältnis treten. Vom Frieden des Herzens. Unsere nervös aufgeregte Zeit kennt stoische Ruhe nur von der Frau Hörensagen. Wenn doch einmal einer ist, der sie praktisch übt, dann gilt er für einen Sonderling, als solcher eigentlich jeder hervorragende Mensch bezeichnet werden darf. Für eine Zeit, deren Motto »Kampf ums Dasein« ist, paßt der Stoiker nicht; mit dem Allesgutseinlassen kommt man nicht bloß nicht weiter, man wird von den Nächsten an die Wand gedrückt, bis der letzte Blutstropfen herausgepreßt ist. Und doch ist der Stoizismus, das »Lei lassen«, jener klassischen Philosophe ein großartiger Standpunkt, an dessen Brüstung jedes Unglück zerschellt, denn das Unglück ist ohnmächtig, wo es nicht anerkannt wird, wo es nicht imponieren kann. Der Stoiker läßt sich nicht imponieren, nicht vom Glück und nicht vom Unglück, und das ist seine Stärke, seine Unüberwindlichkeit. Als Gegensatz zu dem Vorhergegangenen möchte ich den Stoizismus anführen als ein sehr wirksames Gegengewicht zu unseren modernen Dämonen. Ich für meine Person formuliere ihn mit dem Grundsatze: wolle, was geschieht, und es geschieht, was du willst. Da lebte im alten Rom ein Sklave namens Epiktet, der war trotz seiner Sklavenketten freier als der Cäsar, er war so frei, als je ein großer Geist frei sein kann. Er war von der Schule der Stoiker, der immer Gelassenen, und die Grundgedanken seiner Weltanschauung, die uns neuerlich auch Hilty in seinem bedeutsamen Werk »Glück« ins Gedächtnis gerufen hat, will ich nach diesem hier andeuten, denn es ist gut, zu wissen, was Stoizismus ist und was man sich zu denken hat unter stoischer Ruhe, die uns den Frieden des Herzens geben kann. Du sollst nur das tun wollen, was in deiner Macht steht, alles andere lasse dich nicht kümmern. In deiner Macht steht der Wille, das Wollen, wo eine Wahl vorhanden ist. Du hast vorerst zu prüfen, was in des Menschen Macht steht, und was nicht. Was du in dieser Macht tust oder versäumst, das ist wirkliches Glück oder Unglück, alles, was von außen, von Natur wegen, von Geschick wegen kommt, das soll dich gleichgültig lassen, denn du kannst nichts dazu und nichts davon tun. Verabscheust du das, was zu verhindern oder abzuwenden in deiner Macht steht, so wirst du das Verabscheute eben abwenden und glücklich sein können. Verabscheust du aber z.B. die Armut deines Berufs, die Krankheit, das Altern, den Tod, so wirst du verzweifeln, weil du das Verabscheute doch nicht abwenden kannst. Hüte dich also, etwas zu begehren, was nicht in deiner natürlichen oder sittlichen Macht steht. Je weniger du wünschest, je leichter erfüllen sich deine Wünsche. Bedenke bei allem, was du hast, seine Natur. Besitzest du einen Krug, so denke vorweg, daß Krüge zerbrechen können. Besitzest du Weib und Kind, so halte dir immer vor Augen, daß sie sterben können, dann wird der Verlust, als vorausgesehen, dich nicht in Verzweiflung stürzen. Wenn du willst, daß dein Besitz ewig dauere, daß dein Weib ewig lebe, daß deine Kinder fehlerlos seien, so bist du ein Narr. Trittst du in die Ehe, ohne zu bedenken, daß du Kummer und Sorge heiratest, so bist du ein Tor. – Lasse dir täglich alles denkbare Ungemach vor Augen stehen, und du wirst nicht hochmütig und nicht feige sein. – Trittst du eine Reise an, so denke im vorhinein: was kann mir auf dieser Reise zustoßen? Ich kann beraubt werden, mein Wagen kann abstürzen, ich kann erkranken und in der Fremde sterben. Unternimmst du die Reise trotzdem und es tritt das Unheil ein, so wirst du dir sagen: ich habe diese Möglichkeit ja freiwillig gewählt; kommt das Unheil nicht, so wirst du um so froher und dankbarer sein. – Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Meinung, die wir darüber haben. Der Verlust an Gütern ist an sich nichts Schreckliches, denn wir sehen sehr viele Menschen ohne diese Güter glücklich sein. Aber unsere Meinung, daß der Verlust schrecklich sei, macht uns Sorge und Angst. – Sprich nie: ich habe eine Sache verloren, denn du hast sie nie besessen, sie war dir nur geliehen, und sie zurückgeben, heißt die Sorgen und Verantwortlichkeit ablegen, die das Lehen dir verursacht hat. – Denke nicht: wenn ich mein Vermögen sorglos behandele, so werde ich darben müssen; besser, es darbt der Leib, als es ist die Seele gedrückt. – Rufst du deinen Knecht, und er kommt nicht, so denke nicht gleich, der Mensch sei boshaft, sondern er werde deinen Ruf nicht gehört haben. Schickt es sich nicht für deinen Knecht, ungehorsam zu sein, so schickt es sich noch weniger für den Herrn, sich zu ärgern. Wenn der Knecht den Herrn ärgern kann, so ist dieser der Knecht und jener der Herr. – Bist du weise, so mache dir nichts daraus, für dumm gehalten zu werden. Bist du redlich, so kannst du Ehrenabschneidung leicht ertragen. Nicht, daß man dich auf die Wange schlägt, beunruhigt dich, sondern deine Vorstellung, daß es eine Schande sei. – Beim Gastmahl des Lebens strecke nicht vorweg die Hände aus nach deinem Lieblingsgericht, sondern warte bescheiden, bis es der Reihe nach an dich herankommt. Verzichtest du auf das Angebotene, dann bist du ein göttlicher Mensch. Verzichtenkönnen allein macht souverän. – Zeige mit den Leidenden Mitleid, behalte aber im Innern deine Fröhlichkeit, dann ein Leiden auf sich nehmen, ohne es einem anderen erleichtern zu können, ist töricht. – Bedenke, daß dieses Leben ein Drama ist, und daß du darin eine Rolle zu spielen hast. Stellst du einen König vor oder einen Bettler, gleichviel, Hauptsache ist, daß du deine Rolle gut spielst. Du willst doch nicht gerade Fürst oder Feldherr sein, sondern frei und in der Freiheit deine Sache gut machen. – Wohlgeschick, Mißgeschick, das seien deine rechte und linke Hand, gebrauche beide, dann wird werden, was werden mag. – Gebärde dich nie stolz; was du als das Beste erkannt hast, dabei bleibe, als ob dich Gott auf den Posten gestellt hätte. Beharrst du, so verlacht man dich vielleicht, gibst du den Leuten nach, so verlachen sie dich doppelt. Gibst du dich auf, um der Welt zu gefallen, so hast du dich verspielt. – Wirst du zurückgesetzt, so hast du den Vorteil, nicht dankbar sein zu müssen. Mit Annahme von Würden und Gütern verkauft man sich nur allzu häufig. Man verkauft sich um Genuß, Hoffnung und – Verzweiflung. – Stirbt ein Nachbar, so sagst du, das ist Menschenlos; warum sagst du nicht das gleiche, wenn dein Geliebter stirbt? – Das Unglück ist nicht da, um ihm auszuweichen, sondern um es gelassen zu besiegen. Du hütest deinen Leib vor der Gewalt anderer; warum setzest du ihnen dein Gemüt schutzlos aus, indem du dich nach ihren Launen erfreuen oder betrüben läßt? Mache dich wetterfest gegen willkürliche Einflüsse Fremder. Wenn du nicht willst, kann dich niemand kränken; gekränkt bist du nur, wenn du dich für gekränkt hältst. Mit den Leuten kann nur der auskommen, dem sie gleichgültig geworden sind. Du mußt dich von den Leuten möglichst absondern; was sie dir geben können, hat nicht den Wert dessen, was du ihnen opfern mußt: Freiheit und Unbeugsamkeit. Du sollst ein einheitlicher Mensch sein – ein guter oder ein schlechter. Sei überzeugt, daß ein Gott ist, der die Welt gut und gerecht regiert, und daß du bestimmt bist, ihm zu gehorchen. Seine Anordnungen kann dein kleiner Verstand nicht fassen, und wenn er deine Person der Allheit opfert, so ergib dich, in der Allheit wirst du dich wieder finden. Gott läßt dich nicht aus der Hand, da kannst du ruhig sein. – Suche, soweit es in deiner Macht steht, einen tüchtigen, charakterfesten Menschen aus dir zu machen. Verweile nicht lange bei körperlichen Dingen, bei Essen, Trinken u.s.w. Habe nur Notwendiges um dich, nicht Luxus, so kannst du wenig verlieren, und der Zufall hat keine rechte Macht über dich. Was die Welt dir antun kann, sei dir zu nichtig, was sie dir geben kann, sei dir zu wenig – das ist der edle Stolz des Ewigkeitskindes. Sprich nicht viel, nur das Notwendige, auch das mit wenigen Worten. Rede nicht viel von Tagesneuigkeiten, von Sport, von Essen und Trinken, von deinen Taten und überstandenen Gefahren, am wenigsten über Fehler anderer. Lenke in Gesellschaft das Gespräch stets auf wichtigere und höhere Dinge, gelingt dir das nicht, so schweige und entferne dich. – Lache nicht über alles und denke, daß Leute, die gern lächerliche Dinge erzählen und ständig Witze machen, von gemeiner Natur sind. – Wandelt dich sinnliche Lust an, so bedenke zwei Zeitpunkte: den Augenblick des Genusses und den der knapp darauf folgenden und länger andauernden Reue. – Wenn dir jemand Böses nachredet, so verteidige dich nicht, sondern sage: meine andern Fehler wußte er wohl nicht, sonst hätte er nicht bloß diese angeführt. Wer über dich Böses sagt, der tut's, weil er meint, er habe recht. Tut er dir unrecht, so ist der Nachteil ja auf seiner Seite, weil er im Irrtum ist. Viel Theater und Kunstbesuch sollst du nicht treiben, derlei verflacht den Menschen. Wenn du schon auf das Leben keinen großen Wert legst, um wie weniger kannst du den Abklatsch des Lebens bewundern. – Was nach deiner Überzeugung recht ist, das scheue dich nicht, öffentlich zu tun, auch wenn die Menge darüber anders denkt, aber hüte dich, etwas aus Trotz gerade darum zu tun, weil es andere nicht wollen. Sprich nicht viel von Grundsätzen, sondern handle nach solchen. Trinkst du nur Wasser, so sage nicht bei jedem Anlaß: ich trinke nur Wasser, denn sonst hebt der Fehler der Eitelkeit die Tugend der Enthaltsamkeit auf und die Leute lachen über dich. – Trinkt jemand viel Wein, so sage bloß, er trinkt viel Wein, und tadle nicht, weil du ja seine Gründe nicht kennst. Der Weise erwartet Nutzen oder Schaden nur von sich selbst. Er tadelt niemand, lobt niemand, beklagt sich über niemand, und wenn andere ihm es tun, so bleibt er gleichgültig. Das nun sind etliche Grundsätze des Stoikers, die den Weg bezeichnen, der zum Frieden des Herzens führt. Sie haben Ähnlichkeit mit der Lehre Christi, nur daß diese letztere noch reiner und vollkommener ist. Man wird schon gemerkt haben, daß dieser Lebensführung – die Liebe mangelt. Die Nächstenliebe verträgt sich schwer mit dem Stoizismus; tröstet man sich zwar über eigenes Mißgeschick, so tröstet man sich nicht über das Leid anderer, die nicht Stoiker sind. Aber trotzdem ist die Liebe wert des Leidens, das aus ihr entsteht, und hier hebt das Christentum an. – Nach dem Stoiker soll der Mensch alles, was aus sich zu machen ist, aus eigenem festen Willen, aus eigener Kraft machen. Das Christentum verlangt noch mehr, weiß aber, daß der Mensch das aus sich allein nicht kann, und verheißt dem Strebenden die Gnade Gottes, wenn er an sie glaubt. Dieses Glauben an die Gnade mag der Philosoph zehnmal Selbstsuggestion oder anders wie nennen – es bedeutet eine Kraft, die dem Ungläubigen in solcher Art nicht beschieden ist. Zum großen Teil aber gelingt es jedem, der das Verlangen hat, durch unsere angeführten Grundsätze dem Frieden des Herzens nahezukommen. Übermut. An einen sehr vielfältigen Menschen will ich eine sehr einfältige Geschichte knüpfen. Der vielfältige Mensch ist Herr von Gadelborn mit den fünf Millionen Gulden. Dieses Schwergewichtes halber hatte er ein kompliziertes und unbequemes Leben mit sich zu schleppen. Den Vater, der ihm die Reichtümer erworben, hatte er gehabt, zum Sohne, der sie ihm wieder verschwendet hätte, konnte er's nicht bringen. Natürlich trieb er Pferdesport, Jagdsport, Rudersport, Protektionssport, Wohltätigkeitssport, Kunstsport, Reisesport und Weibersport. Er reiste im eigenen Wagen, von dem die Pferde, um das gleich zu sagen, ihm selbstverständlich immer viel näher standen, als der Kutscher. Das Verhältnis zu den ersteren war zeitweise ein herzliches, das Verhältnis zu letzterem ein – man möchte sagen – mechanisches. Er reiste auf Luxuszügen stets in einem eigenen Salonwagen weit umher, schnell umher, daß er nicht irgendwo etwas versäume. Gelegentlich zog er sich auf eines seiner Schlösser zurück und trieb Einsamkeitssport, ja zeitweilig sogar Sittlichkeitssport. Doch fand er, daß die Sittlichkeit, wenn sie zu lange dauert, sättlich wird. Weil aber die Unsittlichkeit auf die Länge noch sättlicher wird, ja ganz abscheulich ekelhaft, so kam er endlich auf den großen philosophischen Standpunkt: die Welt ist lumpig. Es kommt zu nichts Ordentlichem. Was die Ganzklugen da auch entdecken und erfinden mögen: kann der Mensch fliegen? Kann er die Wolken kompakt machen, daß man darauf herumzuspazieren vermöchte wie auf schönen Gletschern, und dann wohl auch einmal freien Fußes in den Himmel hinein? Kann er auf der Spitze des Großglockners oder des Montblanc Springbrunnen machen, so hoch, daß man in ganz Europa sein Funkeln sieht? Kann man Berge mit einem Schlage in die Luft sprengen oder eine Feuersbrunst zustande bringen, daß sie dabei auf der ganzen nächtlichen Halbkugel zum Kartenspielen sehen? Nein, weder schaffen noch zerstören kann der Mensch im großen. Wenn man die Zeitungen liest: Schiffsexplosionen mit fünfhundert Toten, Fürstenattentat mit kaum einem; Eisenbahnkatastrophe mit mehr Verwundeten als Toten, Völkerschlachten mit kaum hunderttausend Toten, das sind schon die höchsten Späße der Zeitchronik. – Das waren so seine Lieblingsgedanken. Er ging wirklich mit der Idee um, zur Ergötzung einmal zwei schwere Eisenbahnzüge in schnellster Fahrt zusammenstoßen zu lassen. Er baute eine kleine Eisenbahnstrecke, er kaufte die Züge, da machten die löblichen Behörden ihre Mätzchen, sie wollten die Katastrophe nicht gestatten. So konnte er sich und seinen Freunden das Schauspiel nicht bieten, wie zwei Ungeheuer aneinander prallen, unter Feuer und Rauch hoch in die Luft springen und dann weitum in tausend Scherben zur Erde fallen. Um der Beobachtungsanstalt für Geisteskranke zu entgehen, enthielt er sich ferner solcher Unternehmungen, doch konnte er die Bevormundung durchaus nicht einsehen. Kann ein freier Mensch mit seinem Vermögen nicht schalten und walten nach Belieben? Nun kennen wir ihn nahezu und mögen zur kleinen, einfältigen Geschichte schreiten. Eine Eigenheit solcher Leute, die sich die Zeit nicht zu vertreiben wissen, ist die, daß sie – für nichts Zeit haben. Sie eilen und hasten immer. Da sie nie etwas erreicht, das sie wirklich befriedigt hätte, so glauben sie es immer zu versäumen. Auch ist es die Langeweile, die sie jagt, und die Ungeduld, endlich irgendwie aus dem inhaltsleeren Zustande herauszukommen. Sie finden an sich etwas sehr nicht in Ordnung, sie wollen besseres finden, darum rennen sie so. Diesmal fuhr ihm der Wagen zu langsam. »Schneller, Franz, schneller, wir kommen zu spät!« drängte er, lebhaft vorgebeugt in seinem Jagdwagen, der, von zwei feurigen Hengsten gezogen, rasch und leicht die Straße dahinglitt. Der livrierte Kutscher stramte schärfer an. »Wann geht der Zug?« »Um zehn Uhr fünfzehn, Euer Gnaden,« berichtete der Kutscher ehrerbietig vom Bocke zurück. »Genau?« »Genau, Euer Gnaden.« Der Herr warf einen Blick auf seine kleine goldene Uhr. »Weißt du, daß es zehn Uhr ist?« »Es geht noch, es geht noch.« »Sind die Pferde einwaggoniert?« »Alles in Ordnung, Euer Gnaden.« »Gut – avanti, avanti!« In flottem Trabe ging's dahin auf der weißen Straße zwischen den Pappeln. Die Sache war sehr wichtig. Herr von Gadelborn wollte mit dem Kurierzug in die Stadt fahren zum Wettrennen. Wenn er zu spät käme! Nicht auszudenken, wie unangenehm! Alle Kavaliere beisammen, der ganze Adel am Start. In allen Gliedern zuckte es ihm. Und wie gleichgültig er dasaß, der blöde Bursche! Am liebsten den Riemen aus der Hand reißen möchte er ihm – verstünde er sich nur besser auf die Bestien, die erst seit wenigen Tagen in seinem Besitze standen. Es schwindelte ihm, er sah nichts als den weiten Rennplatz, die schnaubenden Tiere und die listigen Renner. Den Bahnhof sah er noch nicht, der Zeiger auf der kleinen Uhr glitt unerbittlich weiter. Endlich auf der Brücke über dem Flusse. Das Wasser floß trüb und träge dahin, im Gebirge war Nachts zuvor schwerer Regen niedergegangen. Etliche Krähen kreuzten auf dem Fluß und tauchten manchmal nieder. Am lehmigen Ufer wateten Kinder mit hochaufgeschürzten Kleidchen, die Steige versuchend, auf denen sie sonst trockenen Fußes wandeln konnten. Plötzlich riß der Kutscher die trappelnden Pferde zurück. »Was ist's?« rief Herr von Gadelborn. Der Kutscher war schon abgesprungen und lief ans Ufer hinab. Der Herr fing abscheulich an zu poltern, er zerriß den Kutscher mit zornigsten Flüchen und er dachte im Augenblick, der Bursche sei wahnsinnig geworden und wolle sich ersäufen. Er versuchte es mit dem Leitriemen, brachte das Gefährte in Verwirrung und sah es nicht, was unten am Flusse vorging. Der Franz schwamm auf dem Flusse einem Kinderköpfchen nach, das wie eine Kugel dahinrann und zeitweise verschwand, zeitweise mit einem Arm oder einem Bein wieder auftauchte. Herr von Gadelborn schoß mit Roß und Wagen auf der Straße im Zickzack hin und her, das eine Mal prallte er an den Randstein, das andere Mal lief er Gefahr, in den Graben zu fahren. Nein, diesen Tag des »Rennens« hatte er sich anders gedacht. Endlich war er im Orte, bog um die Kirchenecke dem Bahnhof zu – der Kurierzug dampfte eben davon. Eines so lähmenden Zornes als diesmal hatte der reiche Mann sich schon lange nicht mehr zu entsinnen gehabt. Er wütete nicht einmal. Die Arme ließ er hinabhängen. So viel Geistesgegenwart hatte er noch gehabt, um die Pferde dem Portier zu übergeben. Er selbst stand nur so da – völlig stumm. Ein einzigmal hauchte er, und mit weinerlich zärtlicher Stimme das Wort »Kanaille!« Dann faßte er sich und verhandelte mit dem Beamten wegen eines Extrazuges. Der konnte nicht beigestellt werden. Plötzlich begann der Herr zu rasen darüber, daß sich alles gegen ihn verschworen. Wozu es überhaupt Eisenbahnen gäbe, wenn man um gutes Geld keine Extrazüge haben könne! Das sei eine unglaubliche Wirtschaft – aber er werde es sich zur Notiz nehmen. Der Extrazug konnte trotzdem nicht beigestellt werden. Der Herr machte mit dem Arm mehrmals die Bewegung, als haue er mit der Reitpeitsche drein. Es war wirklich nicht zur günstigen Zeit, als Franz jetzt daherkam in durchnäßtem Gewand, und mit glückstrahlenden Augen seinem Herrn schon von ferne zurief: »Es ist gelungen, Euer Gnaden, es ist gelungen!« Das bombenschwere Schimpfwort, das ihm vermeint gewesen, konnte nicht heraus, der Zorn engte dem Herrn zu sehr die Gurgel. Arglos und fast atemlos erzählte der Bursche: »Unterwegs im Laufen – da hab' ich ein Vaterunser gebetet für meinen Vater – daß er mir das Schwimmen hat lernen lassen. Nur noch ein kleines Randerl, und zu spät wär's gewesen. Den Wegmacherleuten gehört's.« »Was gehört den Wegmacherleuten?« »Das Kind, Euer Gnaden.« Der Herr stellte sich nun einmal knapp vor den Kutscher hin, am Rücken die beiden Fäuste. Und nun begann's: »Ist das Luder so boshaft oder so dumm! Der Zug ist davon, hörst du's, Franz? Der Zug ist ab! Und du stehst da und gaffst drein. Ein solches Ungeheuer ist mir noch nicht vorgekommen. Du – du!« Und nun wurde der wutbrennende Edelmann eine einzige kompakte Beleidigung. Aus seinem Munde begannen so wahnwitzige Beschimpfungen und so grausige Drohungen zu sprühen, daß der Franz betäubt dastand und vergaß, den Mund, der von seiner frohen Botschaft her noch offen stand, wieder zuzumachen. Aus dem ganzen Sturme schien ihm hervorzugehen, daß er entlassen sei. Und so ging er sachte davon. Gegen das Wegmacherhaus ging er hinüber, zu sehen, was das Kind mache. Vor der Tür lagen in einem schwammigen Häuflein die verschlammten Kleidchen. Das Mädchen lag drinnen auf einem rotgestreiften Kissen und schlummerte. Der Arzt saß daneben und beruhigte die Mutter. »In ein paar Tagen springt die Kleine wieder auf der Wiese um,« sagte er, »aber hier – deinem Kindesvater könntest du ein trockenes Gewand leihen. Er schweppert ja.« Freilich »schwepperte« er, der ihrem Liebling nun das Leben gegeben hatte. Es fröstelte ihn aber weniger wegen der feuchten Kleider, als vor dem Zorne seines Herrn. Das Wegmacherweib brachte einige Kleider ihres verstorbenen Mannes. Als er drin stak, sagte er: »Weil ich schon einmal in diesem Futteral stecke, so könntest du mich eigentlich gleich dabehalten. Ich bin zu haben.« Er lachte, damit sie wisse, daß es nicht etwa gar ein ernstlicher Antrag sein sollte. Es war nur Spaß. Da sie ihn mit Befangenheit anschaute, setzte er rasch bei: »Wenn wir uns gleichwohl von der Schulbank her kennen, Agatha Reslerin – sieh, wie ich deinen Namen weiß, siehst du, wie ich ihn noch weiß! Ich bin eh auch nicht auf dem Kutschbock oben geboren. So – na, was habe ich denn sagen wollen? Ja so, daß ich lieber wieder fortgehen will. Sonst könntest du glauben, für die Kleine, die ich gebracht habe, wollt' ich die Große haben.« »Wär' das ein Unglück!« rief sie schalkhaft aus. »Wenn's auch,« meinte der Franz, während er die weite Wegmachersjoppe zunestelte über seiner Brust, »und wenn's auch just kein Unglück wäre. Erst will ich einmal meinen Herrn gut machen. Der ist schrecklich wild auf mich, wegen was, das weiß ich nicht. Und wenn mein Herr, so lange er mein Herr ist, auf mich böse sein tut, das hab' ich nicht gern, da schmeckt mir kein Essen und kein Schlafen. So mit Verdruß auseinandergehen, das heißt nichts auf der Welt.« »Hat's leicht einen Verdruß gegeben mit deinem Herrn?« »Mir ist's so vorgekommen.« »Ja, Franzi, wegen was denn?« »Ich will schon noch dahinter kommen,« meinte der Bursch. »Wird halt launisch sein, weil er den Schnellzug versäumt hat. Mein Gott, der Schnellzug ist bald versäumt. Oder ist's sonst was. Sein muß es schon was Ausgiebiges, weil er nicht einmal an meinem Kindel aus dem Wasser fangen eine Freude gehabt hat. – Gelt, Wegmacherin, mein Livreederl hängst mir trocken, morgen komme ich drum, wenn nicht gar noch heute. Das Gewand kannst nachher wieder haben. Wirst eh gewohnt sein, die Hosen zu tragen, noch vom Seligen her. Gelt ja?« Dann ist er wieder fortgegangen, immer still vergnügt, nur diesmal ein bißchen ungleich, weil er sich nicht recht denken konnte, weshalb sein guter Herr dieses grausliche Wetter gemacht hatte. Herr von Gadelborn war vom Bahnhof weg ins Straßenwirtshaus geeilt, um einen Knecht zu werben. Da drin widerhallte es teils dumpfig und teils grell in richtiger Wirtshausresonnanz von allerlei Stimmen. Zecher schrien durcheinander, jeder so laut er konnte pries die Heldentat und sagte seine Meinung, wie sie von der Regierung müßte belohnt werden. »Fünfundzwanzig Gulden für ein Menschenleben, das ist ein Schimpf! Bringst einen um, so kriegst fünfundzwanzig Jahr'; wie stimmt denn das?« »Aber ein Scheiberl!« »Die Rettungsmedaille ist nur fünfzig Kreuzer wert!« »Das ist dumm gerechnet. Ich liefere Menschenleben um den Selbstkostenpreis.« »Eine Staatsanstellung muß er kriegen.« »Nix da! Der wird euch vom Herrschaftswagen herabsteigen! Hinten und vorn mögen sie ihm die Rettungsmedaillen hinaufhängen, so geht's ihm nit so gut, wie jetzt auf dem Kutschbock oben.« »Aber eine Ehr' müssen wir ihm ja doch antun.« »In der Schul' sollt' man ihn aufzeigen: schauts, Kinder, das ist ein braver Mann!« »Nix das; die Schul' tun wir ihm nit an. Einen Rausch trinken wir uns an, ehrenhalber.« Erst nach einer Weile kam Herr von Gadelborn darauf, daß von seinem Kutscher die Rede war und daß sein Franz mit eigener Lebensgefahr ein Kind aus dem Wasser gezogen habe. Jetzt griff sich der Herr an den Kopf. Am Ende hängt das mit der dummen Geschichte zusammen. Wie er auf der Brücke abgesprungen ist. Und nachher – hat er nicht was von einem Kinde gesagt? Und war er nicht naß wie ein Pudel? Aber, weshalb hat der Kerl denn nicht deutsch geredet! Der Herr wollte es sich nicht zugestehen, daß er schon am Bahnhof beiläufig wußte, um was es sich handele. Die Wut hatte ihm damals alle Besinnung entrissen. Jetzt ging er ins Freie. Auf dem Kirchhof war niemand, und er wollte allein sein, so schritt er um die Kirche herum – etwa an zehn Mal. Er schämte sich so sehr, daß er hinter die Mauer duckte, so oft jemand dort über den Platz ging. Er schämte sich vor sich selbst, und davor konnte er sich nicht verstecken. Mit dem weißen Seidentuche wischte er sich immer die Gluthitze von Stirn und Wangen. Dann war er müde und setzte sich auf einen Schragen. Er dachte gar nicht daran, daß es der Schragen war, auf dem man die Särge zu Grabe trägt. So sehr war er mit seinem Innern beschäftigt. Was ist denn, so fragte er plötzlich ganz stramm sich selbst, was ist denn unsereiner im Grunde für eine Bestie? Er sprang auf und rüttelte am Schragen und setzte sich wieder hin. Wir in unserer Genußgier! In unserem Hochmut! Ein tolles Wettrennen nach Lust – über sterbende Menschen hin. Halbbesoffene Bauern müssen dir's sagen, was das heißt, ein Menschenleben. So tief steckest du in deiner vornehmen Niedertracht. Pfui Teufel! Am Ende – am Ende ist die Rettung eines armen Kindes mehr wert als das siegreichste Rennen! Es wäre zu dumm! ... Aber er mußte sich doch nach seinem Wagen umsehen, mußte nach der Stadt depeschieren. Wie, was nur? Mancher Tag ist durch und durch faul. Und er klebt, man bringt ihn nicht los vor dem Abend. Die Dorfstraße entlang kam der Franz. Als er seinen Herrn erkannte, ging er langsamer; als er ihm an zehn Schritte nahe gekommen war, stand er still, zog den Hut – es war nicht der Zylinder mit der Kokarde –, neigte den Kopf seitlings, faltete die Hände und sagte mit gar biegsamer Stimme: »Euer Gnaden, ich bitt' um Verzeihung!« »Wofür!« herrschte ihn der Herr an. »Für – für. Gnädiger Herr, halt deswegen, weil – das heißt, ich weiß es nicht ganz genau!« »Weil du ein Kind vor dem Ertrinken gerettet hast!« rief der Herr zornig. – Mir sollst du verzeihen, daß ich ungerecht war! Er wollte es sagen, wollte es sehr gern gesagt haben – aber er konnte nicht. Es war ein zu hartes Wort für eine Herrenkehle, dieses Selbstbekenntnis. Nein, vor einem Untergebenen sich so zu demütigen, das kann nicht verlangt werden. So dachte er und sagte: »Nun Franz, das eine Mal soll's vergessen sein. Hast mir ja gerade keine Schande gemacht. Hättest jedoch bedenken sollen, daß, während du dem fremden Kind nachläufst, dein armer Herr sehr leicht hätte verunglücken können mit diesen wilden Bestien. Daß es nicht wieder vorkommt, Franz!« »Nein, gnädiger Herr, wird nicht wieder vorkommen, gewiß nicht. Denn weil – weil ich aufkündige.« So hat er auf offener Straße seinen Dienst gekündigt. Jetzt hatte der Herr neuerdings zu tun, um seine Wut zu bemeistern, denn es tat ihm leid um den Burschen. Weil dieser gern sofort frei gewesen wäre, so stellte er sich gar demütig und bat, die vierzehn Tage noch bleiben zu dürfen. »Also du kündigst mir!« sagte Herr von Gadelborn, » du kündigst mir ? Nein, mein Lieber, ich kündige. Du bleibst nicht eine Stunde.« Somit hatte es der schlaue Bursche erreicht. Er ging nun wieder in die Wegmachershütte zurück, um zu fragen, ob seine Livree schon trocken sei. Er müsse sie zurückgeben. Und da, nun sagte er es nicht mehr zum Spaß, da er schon einmal in Wegmachersgewand stecke, so wolle er drin stecken bleiben – justament. Drei Wochen später hörte Herr von Gadelborn, daß im Dorfe beim Straßenwirt eine große und besonders feierliche Hochzeit sei. Jetzt merkte er, daß sein »entlaufener« Kutscher ihm immer noch nachging. War schließlich ja ein prächtiger Junge gewesen, soweit. Von seinen Mucken abgesehen. Sein neuer Kutscher, ein langer, hagerer Kroate. Na, er soll einmal die Pferde dressieren. Wir fahren aus. – Im Dorfe am Lattenzaun ließ er ein bißchen halten und guckte über die Latten und durch die Büsche auf die lustige Hochzeitsgesellschaft hin, die im Garten tafelte bei klingendem Spiele. Der Franz und die junge Wegmacherswitwe. Ein hübsches, schmuckes Paar. Dazwischen im weißen Kleidchen und ein grünes Kränzlein auf dem falben Haar das kleine Mädel – das aus dem Wasser gezogene Forellchen. Da drinnen so lustig. Und hier auf staubiger Straße so öde. Einen Augenblick war's ihm gewesen, als hätte er antichambriert bei seinem Diener. Rasch ließ er den Wagen weiter rollen. Doch damit war's nicht abgetan. Der Franz ging ihm immer nach, jetzt gleich mit der ganzen Sippe. Die müssen abgefertigt werden. Diese Leute belästigten ihn. Sie müssen abgefertigt werden. Noch an demselben Abend hat der Schloßherr ein versiegeltes Paket in die Wegmacherhütte geschickt mit der Weisung, es nur in die Hände des Franz Krober abzugeben. Aber am dritten Tage kam dasselbe Paket, wenngleich nicht so kundig gesiegelt, wieder zurück. Die Wegmacherin selber brachte es, lief aber, ohne auch nur ein Wort zu sagen, ganz fluchtartig davon, als das Ding in seiner Hand war. »Na nu,« dachte Herr von Gadelborn und öffnete das Paket. »Das wäre mir auch etwas Neues!« Bei den Wertpapieren, ganz obenan und hübsch extra in einem rötlichen Umschlag lag ein Schreiben vom Franz: »Euer Gnaden! Kann wohl nicht genug danken für die gute Meinung. Aber für uns ist das halt nichts. Wegen diesem Vermögen haben wir gestritten, mein Weib und ich. Sie will fürs Geld das Mädel in die Stadt geben zu einer Mamsell, zum Bildunglernen. Ich herentgegen will damit unser Häusel größer bauen. Und weil wir uns nicht einigen können, so hab' ich gesagt, wir geben's wieder zurück. Wird das Beste sein. Bei uns ist alles so eingerichtet, was wir brauchen, das verdienen wir. Sonst ist kein Segen dabei. Wir bedanken uns tausend Mal und bin Euer Gnaden gehorsamer Diener Franz.« Verlassenheit. Laß das, zartbesaitete Leserin, tu' es nicht! Lege jetzt das Buch hin, lehne dich in die Chaiselongue und nimm einen galanten Franzosen zur Hand. Allerdings gibt es auch hinter dem Rheine drüben nicht mehr so viele von solchen, die das Elend parfümieren und den Abgrund mit Rosen verdecken. Ich habe von einem Manne zu erzählen, dessen Geschichte mit dem Elende beginnt und mit dem Verbrechen endet. Nur wird schließlich die Frage offen bleiben, wer der Verbrecher ist. Johann Schmied war sein Name, doch kann nicht jeder seines Schicksals Schmied sein, wenn die Feuer schlecht brennen. Johann Schmied war ein Kleinhäusler zu Rothschachen auf der Matt. Sein Brot erwarb er auf seinem kümmerlichen Gütlein und im Taglohn. Seit kurzem war er Witwer mit sechs Kindern. Die fünf jüngeren Kinder von drei bis zu zehn Jahren waren sein eigen; sie waren wohlgeartet, aber schwächlich, weil Nahrung und Pflege nicht genügte. Das älteste, nun ein Knabe von elf Jahren, hatte sein Weib ihm in die Ehe mitgebracht. Nie hatte er an dieser Mitgift einen Anstoß genommen, vielmehr seit der ersten Zeit den Knaben versorgt und gern gehabt, wie seine eigenen. Der Mann kann das, das Weib kann es nicht, sie mag sich Mühe geben nach aller Möglichkeit; das fremde Kind ist nicht ihr eigenes, und gerade je näher es ihren leiblichen Kindern steht, je mehr fühlt sie sich von ihm beirrt. Schmied wollte diesem älteren Knaben natürlich zuerst Anleitung geben und ihm Unterricht verschaffen. Da aber zeigte es sich, daß die Anleitung nicht anschlug, die Schule nicht fruchtete, denn der Knabe war ein Kretin. Freilich, man sah es, ein zwergenhafter, verkrüppelter Kretin. Das hätte den Stiefvater nicht abgehalten, fürs arme Geschöpf das Gleiche zu tun, wie für seine eigenen hübschen und munteren Kleinen. Aber der Kretin hatte, wie es schien, doch eine geistige Fähigkeit, wenngleich nur diese eine. Er war boshaft. Wenn er seinen Geschwistern eine Tücke antun konnte, so geschah es gewiß, und zwar auf hinterlistige Art. Nicht bloß, daß jedes der jüngeren stets seinen Riß im Kleide, seinen Kratzer an der Wange aufwies – das fünfjährige Mädchen hatte eine leere Augenhöhle, die ihm der Unhold mit einem Stein geschlagen. Der Junge hatte ein kleines, höckeriges Körperchen, aber Kraft in den plumpen Händen. Er hatte einen unförmig großen Kopf mit Halswulsten. Er war sehr schwerhörig und konnte wenige Worte so deutlich aussprechen, daß man sie verstand. Nur die Mutter hatte jeden seiner bellenden Laute zu deuten gewußt. Und er hatte ein schönes, schwarzes Auge, das zumeist treuherzig dreinschaute, auch während er dem Bruder einen Schlag ins Gesicht versetzte oder die Schwester am Haar zauste. Vielleicht sollten solcherlei Angriffe Zärtlichkeitsbezeugungen sein. Angenommen wurden sie nicht als solche und er bekam manchmal sein doppeltes Teil zurück. Den Leuten wich er scheu aus und hielt sich am liebsten im Stalle auf beim Vieh, von dem er sich gerne die niedere Stirn belecken ließ. Dann hockte er da auf dem Streuhaufen, stundenlang unbeweglich und schaute träumend vor sich hin. Nachdem die Mutter nun gestorben war, der Vater seiner Arbeit nachgehen mußte und die Kinder sich also noch mehr selbst überlassen blieben, verschlimmerte sich alles. Die Nahrung noch ungenügender, die Pflege noch schlechter und die Löcher in Gewand und Fleisch noch größer. Auch hatte es sich mit Sicherheit herausgestellt, daß Guido, der Kretin, weder zum Lernen noch zur geregelten Handarbeit irgend eine Fähigkeit hatte, daß er die Last und der Kummer seiner Familie bleiben würde, ja daß er mit zunehmendem Alter noch in größerem Maße unsauber und gefährlich wurde. Viel hatte Schmied in seiner Nachbarschaft, beim Gemeindevorstand, beim Pfarrer, beim Schullehrer herumgefragt, was doch mit dem Jungen anzufangen sei? Die Redseligsten, die sonst immer mit ihren guten Ratschlägen hausieren gingen, auf diese Frage waren sie stumm. Andere hatten ihre Vorschläge: man müsse den »Teppen« einsperren in den Kuhstall. Oder man müsse ihn so lange mit der Rute züchtigen, bis die Dummheit und die Bosheit herausgeschlagen sei, dann würde er schon brauchbar werden. Schmied war beschränkt genug, solche Ratschläge zeitweilig zu befolgen, doch je mehr der Knabe mißhandelt wurde, je deutlicher kam in ihm das Tier zum Vorschein. Aber auch freundliche Behandlung brachte nicht viel Besseres, und so sagte eines Tages Schmied verzweifelt zum Gemeindevorsteher: »Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Nehmt mir diese Mißgeburt ab, ich kann für nichts mehr gutstehen.« »Was die Gemeinde mit ihm anfangen soll? Für solche Wesen hat sie kein Nest und keinen Kotter. Wenn du nicht aufkommst fürs Kind, das du dir angeheiratet hast, von uns anderen wird's wohl noch weniger zu verlangen sein. Habe doch noch ein bißchen Geduld, Schmied. Bis die Kröte ein Haus angezündet hat, oder wen umgebracht, dann nehmen sie ihn dir sofort vom Hals.« »So redest du, der Gemeindevorstand?« Dieser lachte überlaut, um zu zeigen, daß seine Rede nur Spaß gewesen sei. Der Pfarrer gab einen anderen Rat. Wenn Schmied wieder einmal in die Stadt gehe, um auf dem Trödelmarkt Kleider für die Kinder zu kaufen, so solle er den Guido mitnehmen. »O mein Herr Pfarrer, den kauft mir niemand ab. Nicht einmal auf dem Trödelmarkt!« rief Schmied aus. »Ich habe auch nicht gemeint, mein Freund, daß du ihn verkaufen solltest, wie die Söhne Jakobs den Josef. Aber in eine Anstalt sollst du ihn führen. Gibt es doch allerhand Anstalten für Arme, Kranke, Sieche, für Krüppel und Waisen, für Zuchtlose und Narren. Du wirst ihn schon anbringen. Ich gebe dir eine Empfehlung mit an einen Bekannten, der Direktor im Lazarus-Spital ist. Der wird dir schon Weiteres sagen.« Das hatte einmal Hand und Fuß. Es deuchte dem Manne jetzt gar nicht so leicht zu sein, ein armes, gänzlich hilfloses Kind in die Welt hinauszustoßen. Er will warten bis zum großen Trödelmarkt im Frühjahr. Vielleicht hat es bishin doch eine sonstige Veränderung. Es war der Scharlach in der Gegend, in Guido stecken noch alle Kinderkrankheiten. Wirklich kam um Weihnachten der Scharlach in die Hütte. Alle Kinder erkrankten daran, nur nicht der Kretin. Dieser aber hatte einmal in Abwesenheit des Vaters eine zarte Regung; vielleicht daß er sah, wie sein jüngerer Bruder im Schüttelfrost fieberte, er nahm Streichhölzer und zündete unter das Bett. Der kranke Knabe sprang in das feuchte Fletz, um Wasser in die Flamme zu gießen. Darauf steigerte sich beim Knaben die Krankheit und ließ, als sie nach Wochen gewichen war, ein Brustleiden zurück. Nun packte Schmied den Kretin zusammen und brachte ihn in die Stadt. Doch im Lazarus-Spital wurde er trotz der Empfehlung vom Pfarrer nicht am besten aufgenommen. Ob der Knabe krank sei? Krank nicht, nur ein Trottel. Na, dann gehöre er in kein Spital, eher in ein Narrenhaus. Dem Schmied leuchtete das ein und er ging mit dem Knaben, den er zeitweilig mit Gewalt hinter sich herzerren mußte, in die Irrenanstalt. Dort lachten sie ihn bloß aus. Was er denn glaube? Die Irrenanstalt sei für Geisteskranke, Kretins aber seien nicht geisteskrank, einfach, weil sie gar keinen Geist hätten. Vielleicht würde er in einer Siechenanstalt aufgenommen werden können. In dem Siechenhaus hieß es, das sei für alte, sieche Leute. Der Knabe wäre noch jung und organisch gesund. Wenn er nicht parieren wolle und boshaft sei, so gehöre er in eine Korrektionsanstalt. Die Korrektionsanstalt wies ihn in ein Waisenhaus, dieses in eine Idiotenanstalt. Hier endlich glaubte Schmied an der richtigen Stelle zu sein, denn das ganze Gebäude war voll von ähnlichen Geschöpfen, wie er eines bei sich hatte. In der Kanzlei, wo er sich anmeldete, machten sie weiter keine Umstände, schrieben den Namen auf, das Alter, die Zuständigkeitsgemeinde und fragten nach dem Aufnahmegesuch, nach dem amtlichen Scheine. Einen solchen hatte Schmied nicht bei sich. »Ja, lieber Mann, Sie haben doch eine Schrift mit, durch die Ihre Gemeinde oder Sie selbst sich verpflichten, die Kosten zu zahlen? Oder ob das Land sich bereit erklärt. Von all dem haben Sie nichts? Dann müssen Sie den Kleinen schon wieder mitnehmen.« Das war der Bescheid. Schmied wurde dann noch in ein Armenkloster gewiesen und von diesem in ein Versorgungshaus für unheilbar Leidende. Nirgends gehörte der arme Idiot hin, überall lehnte man ihn ab. Man zeigte hie und da Mitleid mit dem unglücklichen Mann, bedauerte, daß die Statuten die Aufnahme nicht ermöglichten, man könne eben von diesen Vorschriften nicht abgehen. Eine Schüssel Suppe mit Reis und Brot im Kloster, das war der einzige Erfolg des zweitägigen Hausierens bei den Wohltätigkeitsanstalten. So machte Johann Schmied sich mit dem heillosen Geschöpfe wieder auf den Weg in die Heimatsgegend. Es war ein düsterer Wintertag, in den kahlen Bäumen hing eine blaue, schneidende Luft, und als sie ins Heideland kamen, begann es zu schneien. Schmied zog die Flasche mit Slivovitz aus dem Sack, die er sich in der Stadt gekauft hatte und deren Inhalt ihre Wegzehrung und ihren Kälteschutz ausmachen sollte. Er nahm davon ein paar Schluck und bot auch dem Knaben, der gierig, als wäre es Wasser, davon trinken wollte. Das Schneien wurde immer dichter, der Wind wirbelte Schnee auf und spielte mit ihm Reigen. Als der Abend zu dunkeln begann, tapften sie mit Mühe vorwärts. Der Kretin keuchte hinterdrein und hielt sich hemmend an die Rockschöße des Vaters. Dieser fluchte und schlug ihn auf die Finger, aber der Knabe klammerte sich wieder an ihn und schnaufte mühsam aus dem dicken Halse. So wollen wir wieder einmal rasten, dachte Schmied, setzte sich in den flaumigen Schnee, zog den Knaben neben sich nieder, entstöpselte die Flasche und gab sie ihm in die Hand für einen Schluck. Der Knabe setzte die Flasche an den Mund, nahm aber nicht einen Schluck, sondern trank mit langen, gierigen Zügen. Der Vater wehrte ihm nicht. Er saß da, starrte in das Schneetreiben der Dämmerung und sann. Enger zog er sich den Rockkragen um den Hals und blieb sitzen und starrte hinaus und tat manchmal einen kurzen Blick auf den Knaben, der die Flasche fast geleert, sich in den Schnee zurückgelehnt hatte und einzuschlafen begann. Und als es dunkel geworden war auf der stürmischen Heide und als der Knabe schlief, da erhob sich Schmied rasch, lautlos und eilte weiter auf der schneeflaumigen Straße. Allein, frei und leicht hastete er dahin und sah nicht mehr um. Wohl tat ihm das Fegen und Pfeifen des Windes. Das unselige Geschöpf aber begleitete ihn noch in Gedanken; wie vorher an den Rock, klammerte es sich nun an sein Gehirn. – Es wird bald vorbei sein. So ist's am besten für dich und für uns. – Mit diesem Gedanken wollte er es abschütteln – aber ohne Erfolg. Nach einer Weile sah er vor sich am Wege die Lichter des Wirtshauses auf der Matt. Dort hauste ein Vetter von ihm. Er kehrte ein, er fühlte, was ihm not tat, ein Glas Wein und Leute. »Bist da, Schmied?« redete ihn der Wirt an. »Und allein bist. Hast ihn doch angebracht?« »Gott sei Lob und Dank«, antwortete der Angesprochene. »Eine Halbe Ungarischen bring mir.« Nachdem ihm Wirt und Wirtin mit Spänen den Schnee aus den Falten geklopft hatten, setzte er sich zum Ofentisch und sagte dann zum Spaß den alten Bauernspruch: »So, gegessen wär's, wenn's nur geprügelt auch wär'!« Er war aufgeräumt, sprach mit überlauter Stimme, und die Wirtin sagte in der Küche: »Man merkt's wohl, daß ihm ein Stein vom Herzen ist.« Sein Sitzen in der warmen Stube war aber nicht so behaglich, als er sich's gedacht hatte. Nachdem er mehrmals auf die alte, langsam und feierlich tickende Wanduhr geblickt hatte, bezahlte er plötzlich die Zeche, stand auf und ging davon. Er hatte ja noch ein Stück Weges bis nach Rothschachen zu seiner Hütte. Ob er nicht eine Laterne mithaben wolle? Er hörte es nicht mehr, schritt eilig fürpaß. Als er durch den schwarzen Kiefernwald ging, vor sich hingelegt das mattweiße Band der Straße, sah er auf diesem einen dunklen Punkt, der sich bewegte. Und war's der Kretin, der schnaufend und gröhlend vorantappte und nun, den Vater bemerkend, mit einem Freudengestöhn nach dem Rockflügel tastete. In dem Manne ging Unbeschreibliches vor. Schreck, Freude, Ärger, Mitleid und Zorn. Eine wahre Wut darüber, daß dieses böse Schicksal nicht von ihm wich. Er wollte den Knaben mit derber Hand von sich stoßen, der Kleine klammerte sich an den Arm und biß ihn in den Finger. Wütend schleuderte der Vater den Guido seitlings in den Schnee, kniete auf dessen Brust und umspannte mit krampfigen Fingern den Hals. Mit strammen Knien drückte Johann Schmied dem Knaben die Brust ein, mit aller Kraft umklammerte er ihm die Gurgel – wohl an fünf Minuten lang. – Dann ließ er ihn liegen und ging heim zu seinen Kindern. Diese kauerten im Strohneste beisammen, aber schliefen noch nicht. Als die Tür aufging, fürchteten sie sich, als er Licht machte und sie sahen, daß der Guido nicht mehr bei ihm war, freuten sie sich. Nur das kleine Mädchen, dem der Kretin das Auge ausgeschlagen hatte, hub an zu schluchzen, weil der Bruder in der stockfremden Stadt geblieben war. Der Vater beruhigte, daß es dem Guido nun wohl besser ginge als ihnen allen miteinander. Das größere Mädchen machte aufmerksam, daß auf dem Ofen noch Mehlnocken von Mittag wären, er nahm sie nicht, sondern blies das Licht aus und legte sich bald auf seinen Strohsack. Es war in dieser Nacht kein Schlaf zu finden. Erst gegen Morgen schlummerte Schmied ein, um aber bald gestört zu werden. Das blasse Licht fiel durch die zwei mit Schnee belegten Fenster in die frostige Kammer herein, als vor der Hüttentür Lärm und Gepolter entstand. Das ältere Mädchen war schon angezogen, es ging, um zu öffnen und kam sogleich mit der Nachricht zurück: »Der Guido ist da! Der Guido ist wieder da!« Freilich, draußen vor der Tür auf einer aus Baumästen geflochtenen Tragbahre lag er mit starren, krummgebogenen Beinen. Schnee klebte an den Kleidern, das Gesicht blau, aufgedunsen, die Augen hervorgetrieben und erstorben. Einige Männer standen herum, darunter der Gemeindevorsteher, der so gut Spaß machen konnte. Heute machte er keinen, sondern verlangte aufgeregt nach dem Johann Schmied. Der brauchte sich nicht erst anzuziehen, weil er in den Kleidern gelegen war. Wirr und verstört trat er hinaus; den Toten erblickend wendete er sich ab und sagte: »Was brauch' ich ihn denn da? Tut ihn in die Totenkammer.« »Den hast du umgebracht, Schmied!« rief der Gemeindevorsteher, »gesteh's nur ein!« »Was schreist du denn so?« entgegnete Schmied tonlos, »hab' ich's getan, so leugne ich's auch nicht.« »Aber, mein heiliger Gott, du wirst doch das Kind nicht getötet haben«, sagte der Wirt auf der Matt. »Du bist ja gar nicht bei ihm gewesen. Du bist gestern abends ganz allein in meinem Haus gewesen. Du hast Zeugenschaft.« »Ich brauch' keine«, sagte Schmied und leugnete nicht mit einem Wort. Nun zeigte es sich, daß doch nicht alle Anstalten in der Stadt geschlossen waren für den armen Taglöhner. Vor den Richtern und Geschworenen versicherte der Staatsanwalt, daß er auch ein Herz in der Brust habe und doch die Verurteilung zum Tode verlangen müsse. Schmied verteidigte sich nicht. Um so grimmiger war der Advokat. »Dieser unglückliche Mensch hat in der Verzweiflung dem Idioten das elende Leben genommen. Es muß bestraft werden. Aber meine Herren, ich frage, wenn der Staatsanwalt diese Tat mit dem Tode bestraft wissen will, womit müßten nur dann jene bestraft werden, die fünf arme, unversorgte, unschuldige Kinder zu Waisen machen?! Und wie will er denn solche Wohltätigkeitsanstalten bestrafen, die für das Volk und die armen Leute da sind, die aber den Hilfesuchenden zurückgestoßen haben?« Der Vorsitzende erinnerte, daß in diesem Tone nicht weitergesprochen werden dürfe. Die Geschworenen verurteilten den Johann Schmied einstimmig zum Tode. Er hörte das Urteil bewegungslos an. Sein Verteidiger wollte ihm mit Trost beistehen und sprach von der Hoffnung, daß er Gnade finden werde. »Ich brauch' keine«, antwortete Schmied. »Aber Ihre Kinder!« Da knickte der arme Sünder zusammen, schlug sich die Fäuste ins Gesicht und weinte. Man hörte keinen Laut, sah aber das Schüttern seines Körpers. Operiert. Die Lieben, die Gütigen, die einem nicht weh tun können! »Sie sehen aber recht gut aus!« sagten sie, die da bei mir stehen blieben auf der Straße. »Recht gut sehen Sie aus!« Und hinter dem Rücken leise zu anderen: »Man erschrickt! Der macht's nimmer lang!« Dann die Ärzte! Sie ziehen mir den Rock aus, legen ihr Ohr an die Brust, horchend, ob sie drin noch die Schritte des Lebens hören; klopfen vorn, klopfen hinten. So klopft der Tod, der ins Haus will. Dann legen sie ihre Finger an den Puls: »Höchst unregelmäßig, aber gerade kein ausgesprochenes Fieber. Eine allgemeine Stimmungdepression. Man kann nichts Eigentliches finden.« »Nähren Sie sich wohl auch anständig?« Welch eine Frage das! Derlei möchte ich mir schon verbeten haben! Wenn die Herren wenigstens sagen könnten, weshalb mir immer zum Weinen ist. So oft ich Glockengeläute höre oder Orgelklang oder ein schönes Singen, so muß ich weinen. Über so vieles, was die Leute treiben, muß ich weinen. Wenn andere lachen, muß ich weinen, wenn andere scherzen, bin ich betrübt. Immer hat mein Kahn stürmische See, und sie sagen, es seien nur die Kielwellen größerer Schiffe. Aber ich bin durch und durch zerrissen. Die Klügsten sprachen großartig das Wort: »Nervös!« Waren sie aus jüngerer Schule, so sagten sie: »Neurasthenisch!« Nun also, da hatten wir's ja. Neurasthenisch, natürlich! Nun konnte man wenigstens ruhig schlafen, den Namen wissen wir, er klingt ganz hübsch. Manche bilden sich was ein auf Krankheiten mit schönen Namen. Trotzdem wurde der Kerl immer hippokratischer, und als er einmal auf dem Lande bei den Mähern eine Sense in die Hand nahm, um so ein Werkzeug zu besehen, tuschelten die Leute: »Seht ihr! Da steht er. So schaut er aus, derjenige, welcher!« Denn die Stadtärzte hatten mich aufs Land geschickt, in die gute Luft. Die Landärzte hinwiederum fanden, die gute Luft wäre für mich zu scharf und rieten eine Klinik. Das Verdienst, mich gesund zu machen, einer schob es bescheiden auf den anderen. Ich aber meinte, am besten würde es sein, wenn man den Rat beider Teile befolge, blieb auf dem Lande und ging in die Klinik. In einem schönen Kurorte hatte der berühmte Doktor Kieselmann seine Heilanstalt. Dorthin zog ich mit Weib und Kind. Als ich mich das erste Mal meldete, war der Doktor gerade selbst daran, von dem allgemeinen Menschenrechte Gebrauch zu machen. Er lag im Bette und war krank. Ich riet ihm, was mir so oft geraten worden, nämlich recht bald gesund zu werden. Dann wankte ich wieder meines Weges und dachte darüber nach, ob das günstig sei für unsereinen, wenn auch berühmte Ärzte krank sind. Da ist so einer und siehe, er liegt und ich stehe. Und das nennt man Arzt und Patient! – Es ist aber der Doktor Kieselmann bald wieder gestanden und hat den Leuten geholfen, die sich von ihm helfen ließen. Vielen half er auch nicht, und zwar nur, weil ihnen das Vertrauen mangelte. Doch einer, der sich nicht aufgeben will, hat immer Vertrauen. So bin ich neuerdings zu ihm gegangen. Der Herr Doktor hatte einen gar geistvollen Kopf und der borstige Schnurrbart deutete auf Mut und Kraft. Aber ein Paar Augen besaß dieser Mensch! – Wenn man mit einem Lichte in den dunklen Wandwinkel leuchtet, da wird alles dort lebendig, die Spinnen, die Fliegen, die Käfer fahren erschrocken durcheinander. Gerade so wurden, wenn einem dieser Mann ins Gesicht blickte, die Geisterlein aufgeschreckt. Mir stach sein Blick fast das Auge aus, so scharf war er. Ich hatte ihn gefragt, was er von mir glaube? Er faßte mich an der Hand, umklammerte das Gelenk, ein halb Dutzend solcher Spindeln hätte er auf einmal in der seinen halten können. »Was ich von Ihnen glaube? Nichts. Denn ich sehe es.« Da er es auch hören wollte, so drückte er mir mit dem breiten Stirnknochen beinahe das Brustblatt ein. Richtete sich dann auf, starr, kalt, und sagte: »Am Herzen liegt's.« Das war kein geringer Schreck für mich. Das Herz war noch mein einziger Trost gewesen. Wenigstens das Herz, hatten sie gesagt, sei gesund. »Wenn's da fehlt,« sprach der Mann weiter, »dann fehlt's natürlich überall. Sie haben keinen Appetit, keinen Schlaf – nicht wahr? Besonders wenn Sie tagsüber draußen auf der Gasse das elende Gesindel und sein junges, verkommendes, verhungerndes Gewürme sehen, das immerfort in Gefahr ist, von vornehmen Vierspännern überfahren zu werden. Da bekommen Sie Kongestionen, Brustweh – wie?« »Mag wohl stimmen, Herr Professor.« »Auch das Bergsteigen wird Ihnen schlecht anschlagen. Vorbei an abgestifteten Gehöften, verzagten, herabgekommenen Bauersleuten, während die Herrschaftsjäger über Feld und Flur ihr lustiges Halali schmettern. Da kriegen Sie Krämpfe –« »Ja, Herr Professor, besonders in den Fäusten.« »Ebenso schlecht bekommt's Ihnen in den übelriechenden Sälen, wo die Mediziner, bei denen Sie Heilung suchen, lebendige Kaninchen zerschneiden, Katzen, Hunde, Hühner mit Nadeln, Zänglein, glühenden Drähten und anderen Marterwerkzeugen bearbeiten. Da bekommen Sie Übelkeiten, Ohnmachtsanfälle –« »Es stimmt, es stimmt, und ist für den Tag alle Freude dahin.« »Gut. Dann vertragen Sie das Zeitunglesen nicht, mit dem, was da vorgeht in den Parteiklubs, im Parlament, in den Gerichtssälen, in den Geldinstituten, in Schulen und auf Kanzeln – Ärgernisse, Kampf und Greuel aller Art, während die Hekatomben der Selbstmörder die Welt mit üblem Geruche erfüllen. Da flimmert's Ihnen vor den Augen, es steht der Puls still, sterbenselend sind Sie. Ist es nicht so?« »Herr!« rief ich aus, »genau das sind meine Zustände. Wie wissen Sie das?« »Nun, ein bißchen Diagnostik ist wohl das wenigste, was man von einem Arzt verlangen kann. Soll ich Ihnen sagen: Freund, kümmern Sie sich um nichts?« »Das ist leicht gesagt.« »Ich weiß es, Sie können nicht anders, solange das Übel in Ihnen steckt. Es ist leicht gesagt: lassen Sie die Leute treiben, was sie wollen, bleiben Sie hübsch zu Hause, bei Weib und Kind.« »Weib und Kind! Das ist es ja. O, Herr, wenn ich die Meinen betrachte, da wird mir noch am allerbangsten. Wenn sie allein zurückbleiben sollen, hilflos in dieser schrecklichen Welt!« Der Doktor zuckte die Achseln. »Sie lieben die Ihren. Und Liebe tut weh.« »Es ist nicht anders, weh tut sie, bitter weh...« Weiter konnte ich nichts mehr sagen, die Worte blieben in der Kehle stecken, und ein ungestümes Schluchzen ist ausgebrochen – ein so rasender Schmerz, daß der Doktor mit verschränkten Armen dastand und nichts anzufangen wußte. Und als mein Weinen so laut und wild geworden war, zuckte er die Achseln: »M – ja! Was ist da zu machen! Sie leiden eben am Herzen. Wenn Sie genesen wollen, so gibt's nur ein Mittel.« »Gibt es eins, Herr Professor, gibt es doch eins?« »Sie müssen sich einer Operation unterziehen.« »Wie?« fragte ich unter stoßendem Schluchzen. »Einer Operation? Am Herzen?« »Ist nicht schmerzhaft. Ist bald vorüber. Sie werden es kaum merken. Gerade in diesem Punkte hat die Wissenschaft erstaunliche Fortschritte gemacht. Wir werden das Ding herausnehmen. Dann haben Sie Ruhe.« »Herausnehmen?!« – Und nachdem ich mich so weit gefaßt hatte: »Aber, mein hochgeehrter Herr! Ohne Herz, sagen Sie, könne der Mensch ja nicht leben!« »Pah, Torheit! Alter Zopf!« lachte der Doktor auf. »Prächtig lebt man, ich bitte Sie! Schauen Sie sich doch die Leute an, die da lustig darauf losleben, unbekümmert ihren Neigungen nachgehen, siegreich zu ihren Zielen gelangen: lauter Leute, die kein Herz haben. Sie essen gern, sie schlafen gut, unterhalten sich prächtig als Zuschauer am Welttheater, machen sich keine unfruchtbaren Skrupel über Elend und Jammer anderer, sind eben gesunde, glückliche Menschen. Das Herz, wissen Sie, ist eine Krankheit, eine Mißbildung, wie der Krebs. Man stirbt daran. Bei Ihnen, lieber Herr, ist es hoch an der Zeit. Wenn Sie sich nicht bald entschließen...« Sich zu einer solchen Operation entschließen! Tagelang ging ich umher wie ein Irrsinniger. Meinem Weibe getraute ich mir nichts zu sagen. So eine Art Schamgefühl hielt mich ab und das Mitleid mit ihrem Mitleide. Sie hatte ja auch ihr Anliegen und trug es geduldig. Unser Kind, die kleine Martha, war krank geworden. Die Mutter kam tagelang nicht aus den Kleidern, genoß tagelang kaum mehr als einige Löffel Suppe, so ganz ging sie in dem Kinde auf. Aber gerade diese stille, sorgende Liebe zerriß mir das Herz. Auch ich saß Stunden und Stunden lang am Bettchen der Kleinen. Diese hob oft das Händchen, das glühendheiße, und streichelte mich: »Bitte, Vater, geh' schlafen. Mir ist schon besser, morgen bin ich schon gesund!« Aber als ich in meinem Bette lag! Still, dunkel war's um mich, und doch vor meinem Auge immer das schwerkranke, stöhnende Kind – das sterbende, mit verglasendem Auge nach dem Vater ausschauende Kind! – Das auf der Bahre hingestreckte Kind mit dem schneeweißen Gesichtlein ... es war nicht mehr auszuhalten. Wie ich einmal eines heftigen Zahnschmerzes halber aufgestanden war in der Nacht und den Arzt wachgeläutet hatte, daß er mir das wahnsinnig bohrende Ding herausnehme, so faßte ich mir jetzt ein Herz, sprang auf, eilte zum Doktor Kieselmann: »Professor, wir operieren!« Gut, daß es Nacht war, daß zu den Fenstern nicht die Rosen im Sonnenschein hereinwinken konnten: »Menschenkind! Menschenkind! Laß dich nicht ums Herz betrügen!« »Setzen Sie sich und lehnen sich 'mal zurück auf das Lederkissen,« sagte der Doktor, während er mit großer Gelassenheit im Instrumentenkistchen kramte, um das geeignete Messerlein herauszufinden. Dann neigte er sich über mich und sein Blick stach bannend in mein Auge. »Seien Sie,« sagte er leise, »bloß einmal ein bißchen ruhig, wie ein Held des Altertums. Damals hat man diese Neubildung übrigens noch nicht gekannt. Das Herz ist eine Kulturkrankheit. Sie macht schwach und dumm. Nicht an Pestilenz und Syphilis geht die Menschheit sachte zugrunde, sondern am Herzen.« – Ich war unruhig und sagte: »Wenn Sie noch lange reden, Professor, so wird mein Entschluß wieder wankend. Ich soll zu meinem kranken Kinde zurück.« »So gehen Sie doch!« sprach er. »Übrigens,« besann ich mich, »es ist ja die Mutter bei ihm. Zum Kinde gehört die Mutter. Was soll ich ihr heulen helfen! Deshalb wird der Balg weder gesund noch stirbt er.« »Die Operation ist gelungen,« sagte der Doktor, machte eine Verbeugung und legte das Instrument in das Kistchen zurück. Es war geschehen. Während er gesprochen und mit seinem Adlerblicke mich festgenagelt hatte, war's geschehen. »Wie fühlen Sie sich jetzt?« »Sehr erleichtert, Professor, ich atme auf. Mir ist ganz anders. Bei meiner Seele, wenn das Hotel noch offen wäre! Ich habe einen Wolfshunger.« Als ich nach Hause gehen wollte, wurde das Kurhausrestaurant eben aufgetan, denn es war schon Morgen. Ich trat ein, ließ mir im ersten Stocke ein Chambre separé anweisen und bestellte ein englisches Frühstück. Das ist Tee, Butter, Käse, Eier, Schinken, Backwerk und Bordeaux. Na, wie das schmeckt! Und wie es wohltut, wenn man die verdammte Wucherung los ist! Aber, fiel mir ein, der Doktor hätte mir das herausgenommene Herz ja mitgeben müssen. Schließlich – wenn ich das Honorar einstweilen auch hängen lasse – es ist doch mein Herz. Wer weiß, was er damit treibt. Wohl in Seidenpapier gewickelt, ein Souvenier für hübsche Damen. – Während ich mich so in leichten Wohlgefühlen wiegte, wurde draußen ein Choral gesungen. Ich ging ans Fenster. Ein Leichenzug. Knapp hinter dem Sarge meine Frau und dann großes Gefolge. Am Ende ist es gar die kleine Martha! Möglich ist es schon. Na, das wird kein schlechter Jammer sein; nur gut, daß Weiber sich fürs eine leicht mit dem anderen trösten lassen. – Das war es aber nicht. Der Kellner sagte mir, er habe es wunderlich gehört. Ein Menschenherz begruben sie, das Herz eines Poeten. Ein Kranz aus roten Rosen lag auf dem Sarge, in dem Gefolge war mancher betrübt und meine Frau konnte sich vor Weinen nicht fassen. Mich ging das weiter nichts an. »Josef! Bringen Sie noch Schinken. Und Senf dazu, französischen! Und Bier!« Aus Langeweile betrachtete ich durchs Fenster immer noch den Leichenzug. Meine Verwandten, keiner fehlt, auch die, die sonst das Poetenherz links liegen gelassen. So was ist doch immerhin eine Ehre für die ganze »Freundschaft«, und vielleicht auch hat es wem was vermacht. Wie? Auch solche gehen unter den Leidtragenden, die das arme Herz einst zu einem Nadelkissen benützt hatten? Schau, schau, auch die sind jetzt dabei! Endlich, ans Grab gekommen, werfen sie Blumen hinab, das gute Herz möge sanft ruhen. Ja, meinen sie, es wäre doch ein gutes Herz gewesen. Als sie den kleinen Sarg hinabsenkten, stieß mein Weib einen Schrei aus und sank zu Boden. – »Johann, ich hätte noch Gusto auf ein Filet de Boeuf . Aber frisch machen lassen! Schön! Und ein Glas Malaga.« Schweigend verloren sich die Leidtragenden, nur die Meinigen blieben noch am Grabe zurück und konnten sich nicht trennen. Es schien, als wären sie nun ganz verlassen. Wahrscheinlich war ihnen an diesem Tage auch die Wohnung gekündigt worden, denn wenn ein Poet zwei Vierteljahre schuldig bleibt und am Ende gar stirbt, benimmt sich im dritten der Hauswirt widerwärtig. »Ist das Malaga? Seien Sie nicht dumm, Johann, das ist höchstens ein Terlaner Haustrunk. Bringen Sie mir lieber eine Flasche Sekt. Wohl gekühlt. Können mir selbige durch die Kammerfee heraufschicken, Sie haben gewiß im Restaurant zu tun?« Dann habe ich es mir wohl sein lassen. Ah, das ist behaglich, wenn man endlich einmal Ruhe hat vor Liebe und vor Leid. Hauptsache ist die Bequemlichkeit. Was ich an Geld vermag, das werde ich der Frau ja schicken. Mitleid? Was hat sie davon? Wozu ein einfaches Leid zu einem doppelten machen? Und nun noch eine Tasse Mokka und eine Havana. Dann ein Schläfchen. So ging es jetzt Tag für Tag: essen, trinken, schlafen und – gähnen. Denn für die Länge ist es langweilig. Es ist schließlich doch alles Wurscht, ob so oder so. Insofern begann es unbehaglich zu werden, als ich fühlte, wie mein wertes Ich allmählich eingemauert wurde in Fleisch und Speck. Und als ich so nachgerade hilflos im Fettklumpen stak, war die Ödnis, die innere Leere nicht einmal mit Essen und Trinken zu bewältigen, alles schlug sich nach außen. Ich ward immer noch fetter, bis ich in meinem Fette endlich erstickte. Doktor Kieselmann hat in der Reklamebroschüre über seine Heilerfolge mich als glänzendes Beispiel angeführt. In einem pompösen Metallsarg – sehr gut gefügt und verschlossen – sollen sie mich hinausgetragen haben. Begleitet hätten mich, sagt man, nur drei Personen, der Wirt, der Schneider und der Wucherer. Am traurigsten soll der letztere gewesen sein. – – Darauf bin ich erwacht. Leidend und abgezehrt wie immer. Im Lehnstuhle saß ich neben dem Bettlein der kleinen Martha. Sie hob aus dem Kissen ein wenig ihr Köpfchen und guckte her, ob ich denn wirklich munter sei. Sie streckte mir das Händchen zu, es war nicht mehr so heiß, und sie sagte, daß sie schon viele Angst gehabt, weil ich so lange geschlafen und so schwer geatmet hätte. Ich rieb mir die Stirn, als sollte es ausgelöscht werden, was sich so wunderlich grauenhaft gebildet hatte da drinnen. Wieder streichelte mich die Kleine, zuerst an der Hand, dann an der Wange, und fragte mit ihrem zarten Stimmlein: »Fehlt dir was, Vater?« Ich griff an die linke Seite meiner Brust, legte die flache Hand daran – es hämmerte lebhaft, es pochte in Freude und es tat weh. »Nein, mein Kind, mir fehlt nichts.« Moderner Kanzelgeist. Man meint, daß die gegenwärtige Religionsgärung zum Segen für alle christlichen Kirchen sein werde, denn sie erwecke hüben wie drüben den religiösen Sinn und das christliche Gewissen. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. Die Kirche versteht nicht zu ernten. Der Streit ist so rücksichtslos, die Polemiken, besonders von einer Seite, sind so roh und widerspruchsvoll, daß der letzte Rest des Glaubens, der bisher noch in den Menschen ist, dadurch leicht ganz und gar vernichtet werden kann. Betrachten wir einmal zweierlei Predigten, die eine Art wie sie sein soll, die andere wie sie ist. I. Der Prediger beginnt seinen Vortrag mit dem Evangelium und weicht nicht davon ab. Er führt das Leben Jesu vor, stellt darüber Betrachtungen an und weckt zu dieser göttlichen Persönlichkeit, die uns erlöst und befreit, eine innige Liebe. Er bespricht die Gnaden des Glaubens, die Wunder der Liebe. Und immer wieder kommt er zurück auf die großen Lebenslehren der Bergpredigt. Es ist ein starker Christus, den er da vorstellt, ein treuer Führer durch Leid und Gefahr, milde, liebreich dem Willigen, herbe dem Widerstrebenden und Hochmütigen. Je ärmer, niedriger, sündiger einer ist, je angelegentlicher und gütiger beugt sich Christus zu ihm nieder und richtet ihn auf. Der arme Mensch braucht nichts zu tun, als sich aufrichten zu lassen. Der Redner predigt immer wieder den redlichen Willen, die Demut und die Nächstenliebe, die Reinheit der Gesinnung und des Handelns. Immer wieder erinnert er an jene Worte Christi, die uns widerstandsfähig machen gegen irdische Drangsale, die uns treu machen dem Bruder, dem Nachbar, dem Untergebenen, dem Vorgesetzten, dem Vaterlande; die uns stark machen gegen die Feinde unseres Volkes, gegen das Unrecht, wo und wie es sich auch zeigen mag; die uns tüchtig machen für die Aufgaben unseres Berufes. Der Prediger spricht von Christus und der Wissenschaft, von Christus und dem Fortschritt, von Christus und der sozialen Frage, alles Leben und Streben weiß er in ein Verhältnis zu Christus zu rücken. Aber er mahnt heute und morgen und jeden Tag, daß diese irdischen zeitlichen Angelegenheiten nicht die Hauptsache, nicht das letzte Ziel sind. Daß wir Menschen Einkehr in uns selbst halten sollen, daß wir in unserem Innersten das Reich Gottes haben, wenn wir es haben wollen, ein Hochgefühl in Gott, das uns sanftmütig, geduldig, zufrieden macht, das uns Seelenruhe und Glückseligkeit verleiht, das uns souverän macht über die ganze Welt. Und der Prediger weist jubelnd darauf hin, daß dieses unser Reich Gottes nicht vorübergehend ist, wie unser Leib und irdisches Leben, sondern in Ewigkeit die Heimat reiner Seelen bleibt. Dann aber auch kommt der evangelische Prediger auf die besonderen Anliegen der Gemeinde und Einzelner in ihr. Wo Unglück und Trauer ist, da beruhigt, tröstet er mit der treuen Liebe des Heilandes und mit seinem Worte weckt er das Mitleid und die Opferwilligkeit der Gemeinde auf. Wo Glück ist, da verklärt er es mit dem Hauche des Göttlichen. So hebt er den Mut und dämpft den Übermut und sucht bei allen Dingen christliche Ordnung in den Einzelnen, in die Familie, in die Gemeinde zu bringen. II. Auch der andere Prediger geht vom Evangelium aus und predigt es. Aber er predigt es fast bloß in theologisch-dogmatischem Sinne und braucht nur solche Sprüche, mit denen er die Kirche und ihre Priester rechtfertigen zu können glaubt. Es gibt schon auch Beherzigenswertes und Gediegenes, das meiste aber ist Polemik gegen andere Bekenntnisse, die er beiläufig mit Gottlosigkeit zusammenwirft. Wer nicht glaubt, der wird ewig verdammt, aber es gibt nur einen wahren Glauben, den römisch-katholischen. Ein Ungläubiger ist zu allem fähig. Luccheni, der Mörder der Kaiserin, war auch ein Ungläubiger. Es kommt allerdings vor, daß auch Ungläubige gut, gerecht und barmherzig sind, aber man ist nicht einen Augenblick sicher, daß sie sich ändern, Schurken und Verbrecher werden. In Tirol war einmal ein junger Offizier, der machte sich lustig über den Glauben und leugnete Gott. Da sagte ein Bauer zu ihm: Herr Offizier, wenn du da oben über den Berg reitest, könnte man dich vom Pferde schießen. – Aber wer könnte so unchristlich sein? – Ich. Wenn du das erste Gebot aufhebst, so hebe ich das fünfte auf. – Das war gut geantwortet, setzt der Prediger bei. Der Glaube ist das innere Augenlicht. Der Glaube kommt vom Hörensagen, darum soll man nicht nachforschen. Der Glaube ist eine Gnade Gottes, wer ihn nicht hat, der soll darum beten. Wer nicht glauben will, der glaubt auch trotz Wundern nicht. Aber der Glaube ohne die Werke ist tot, man muß auch gute Werke üben, nämlich beten, fasten, Almosen geben und die heiligen Sakramente empfangen. Die Apostel und ersten Christen waren arme, unwissende Menschen. Und bald darauf: Ein Grund des Abfalles vom Glauben ist die Unwissenheit. Ein zweiter Grund ist die Unkeuschheit. Mancher katholische Priester ist vom Glauben abgefallen, weil er Weib und Kinder haben wollte. Die Ursache der Reformation war, weil Luther sein Katherl haben wollte. Die Ursache des Abfalles in England war, daß der König seine rechtmäßig anvertraute Gemahlin verließ und ein junges Fräulein nahm. Der Papst gab dies nicht zu, so wurde der König dem Glauben abtrünnig. Ein katholischer Priester ist zu den Altkatholiken gegangen, er hat Geld genommen. Auf dem Sterbebette will jeder Abgefallene wieder katholisch werden, lutherisch ist zwar gut leben, aber katholisch ist gut sterben. Der Religionsfeind Voltaire hat in der Sterbestunde einen Priester haben wollen, aber man hat ihm keinen geschickt. Die Protestanten sagen, sie hätten das Evangelium. Ja, wer bürgt ihnen denn dafür, daß die Evangelien, die Apostelbücher, die Bibel überhaupt heilige Bücher sind? Wer gibt ihnen die Gewähr dafür, daß nichts hineingeschwindelt ist? Sie haben keine Autorität, auf die sie sich verlassen können in diesen Sachen. Wir Katholiken haben eine Autorität – den Papst. Der römische Papst ist Petrus, der Felsen, auf den Christus seine Kirche gebaut, das ist unwiderleglich, dagegen kann nichts eingewendet werden, weil es Christus gesagt hat und weil Christus die ewige Wahrheit ist. Der Papst hat – und das kann jeder in der Kirchengeschichte lesen – nie eine Irrlehre verkündet. Der Papst kann als Mensch sündigen, ja, es waren einige Päpste, die ihres schlechten Lebens wegen wahrscheinlich verdammt sind, aber als Völkerlehrer sagt der Papst die Wahrheit, weil er unfehlbar ist, und der Papst ist unfehlbar, weil er Stellvertreter Gottes der ewigen Wahrheit ist. Heutzutage ist alles gegen den Papst und die Priester werden verfolgt wie die heiligen Märtyrer. Unter den vielen tausend Priestern gibt es freilich auch einige schlechte, aber die verfolgt man nicht, man verfolgt nur die guten. Protestantische Pastoren gehen im katholischen Lande umher, um den falschen Glauben zu predigen. Wenn katholische Priester das in den lutherischen Ländern wagen wollten, was würde ihnen geschehen? An vierzigtausend Personen sind übergetreten zum falschen Glauben, wovon viele schon heute wieder zurück möchten, wenn es der Trotz zuließe. Dafür sind vor kurzem im Orient achtzigtausend Heiden katholisch geworden. Die katholische Kirche ist die alleinseligmachende und sie wird durch keinen Feind überwunden werden können, wird bestehen bis ans Ende der Welt. Darum seid stark im Glauben. Wer glaubt, der wird selig, wer aber an den Papst nicht glaubt, der glaubt nicht an Christus, und wer an Christus nicht glaubt, der wird ewig verdammt. – Das die Grundzüge der Predigten, wie man sie jetzt hören kann, die letztere Art bei uns weitaus häufiger, als die erstere. Für erstere wäre die ganze Welt empfänglich, auf jeder katholischen Kanzel könnte sie gehalten werden, ohne das christkatholische Prinzip zu verletzen. Aber das Anhören solcher Predigten im evangelischen Geiste, wie sie I. zeigt, ist den Katholiken unter Androhung der Strafe Gottes verboten! Wenigstens sagen das viele Eiferer. – Diejenige Art von Predigten jedoch, wie sie unter II. steht, schreckt alle milden, religiösen Herzen zurück, sie erfüllt die Gemüter mit Zorn und Widerspruch – sie führt zu keinem guten Ende. Die Amtsbrüder. Aus den Gebirgsschluchten herab springt das Wasser und geht, ins schwarze Steinbett tief gegraben, rauschend durch die Wiese des Engtals. Von dunklen Fichtenbäumen umstanden prangt der Wiese hohes Wildgras im Morgentau. Stellenweise dampft der Boden und die Hochstengeligen Blumen sind noch geschlossen. Eine feuchte Frische liegt im Tale und hoch oben am Berghang ist der blaue Schatten und der helle Sonnenschein durch eine scharfe Linie abgegrenzt. Diese Linie sinkt immer tiefer herab; oben auf der sonnigen Alm gellt der Lustschrei eines Hirten, wie im schattigen Tale der Bach rauscht, die kleinen Steine glatt überwallend, an den großen munter aufgischtend und die triefenden Uferweiden bespritzend. An diesem Bache steht ein kleines steinernes Haus, mit tiefen Fensterluken, die kein Glas haben und mit einem schwarzen Schornstein, aus dem kein Rauch aufsteigt. Aus dem Baue steht ein Holzgründel, daran hängt ein Wasserrad in den Bach, aber es bewegt sich nicht. Die Hüttentür ist zu, von Eisenhenkel ist der lange Strick befestigt, an dem eine Ziege geht. Diese nascht von der Hecke einige Blätter, dann schaut sie mit ihren eckigen Augen betroffen aus über das Wiesental, hinauf gegen den Bergvorsprung, hinter welchem die Kirchturmspitze herüberwinkt. Das Tier blickt der Hausmutter nach, die den Fußsteig entlang, auf einen Stock gestützt, uneben dahinwankt gegen das Dörfchen. Ihren Kopf trägt sie mit einem blauen Tuche so eingebunden, daß das grämliche Gesicht halb verdeckt ist. Ein paar Arbeiter, die ihr begegnen, sagen kurz: »Guten Morgen, Schleiferin!« Man hört kaum, daß sie dankt. Sie ist den Leuten noch fremd, weil erst seit kurzer Zeit eingewandert. So schleicht sie an der Kirchhofsmauer vorbei, an deren Rand blühende Flieder und schiefe Grabkreuze stehen, so schleicht sie dem Pfarrhofe zu. Der hat weiße Wände, helle Fenster und Blumen an den Fenstern. Sie steht ein Weilchen an der Eingangsstufe, als müsse sie Atem fangen, dann tastet sie unsicher nach der Türklinke. In demselben Augenblick läutet die Kirchenglocke zur Messe, der Pfarrer tritt aus seinem Hause. Eine schlanke Gestalt in Taffettalar, mit der weißen Halsbinde und der Tonsur im schwarzen, kurzgeschnittenen Haar. Ein hageres Antlitz mit scharfen grauen Augen; fast strenge blickt er das Weib an, was sie denn begehre jetzt, da er muß gehen, um Messe zu lesen. »Das ist die Steinschleiferin. Was willst du denn?« »Ein Anliegen, Herr Pfarrer,« stottert sie beklommen. »Ich werd' halt ungelegen kommen, jetzt.« »Vielleicht nachher. Du kannst derweil ja der Messe beiwohnen.« »Ich will später kommen«, sagt sie heiser und wendet sich abseits. Der Pfarrer blickt ihr nach, sie ist mühselig und scheint Kummer zu haben. Da soll man sie doch anhören noch vor der Messe. Vielleicht kann sie dann ruhiger beten. »Steinschleiferin!« rief er ihr nach. »Komm doch herauf. Setze dich ein wenig da auf die Bank. Wenn du nicht allzulange brauchst, so sage mir halt, was du für ein Anliegen hast.« Sie torkelte heran, er setzte sich zu ihr auf die Bank. »Aber so schnaufen, Frau. Bist du denn so arg gelaufen.« »Das ist jäh gekommen«, sagte sie nun und schob ihr Tuch etwas zurück von dem Gesicht, so daß die großen traurigen Augen enthüllt waren. »In der heutigen Nacht ist mein Mann gestorben.« Der Pfarrer legte erschrocken die Hände zusammen. »Der Steinschleifer. Aber mein Gott, er war doch nicht krank!« »Schon etliche Wochen hat er umgezogen, dahier hat ihm die Luft schlecht getan, wir haben's nicht geachtet. Erst vor drei Tagen ist's so arg geworden.« »Aber daß du mich nicht zum Versehen gerufen hast! So ohne Empfang der Sakramente sterben lassen! Das ist ganz unverantwortlich!« Der Pfarrer war erregt aufgestanden. Das Weib blieb sitzen und sagte: »Der Herr Pfarrer weiß es nicht, daß wir evangelisch sind.« »Evangelisch!« wiederholte der Priester, sein Wort war nur ein Hauch. »Die Steinschleiferleute evangelisch! Und das habt ihr nicht gesagt?« »Wir sind nicht gefragt worden. Und haben auch besorgt, daß es uns den Anfang könnte erschweren, wenn's die Leute wissen, daß wir nicht ihren Glauben haben.« »Und warum kommst du denn jetzt zum katholischen Pfarrer?« Da knickte das Weib ein und begann zu schluchzen. Er saß da und blickte sie an. Und da ihr Weinen immer heftiger und kläglicher wurde, so legte er auf ihre bebende Schulter seine Hand und sagte: »Du willst für ihn ein Grab haben wollen auf unserem Kirchhof. Schau, das sollst du haben. Nur einsegnen kann ich ihn nicht, das verbietet mir meine Kirche.« »Geht heut' wieder einmal nix vorwärts!« rief von der Kirchenecke herab eine schrille Stimme. Der Pfarrer stand rasch auf. »Mein Küster kommandiert. Also, Frau, wenn es sonst nichts ist. Beruhige dich. Ein Vaterunser werde ich auch für ihn beten.« Sie stammelte ihren Dank. Jetzt sei ihr eine Last ab, daß ihr Mann in christlicher Gemeinschaft ruhen könne. Nach Wendeck um den Pastor habe sie bereits die Magd geschickt. – Und zwei Tage später, da sitzt unter der Linde, die hinter der Friedhofsmauer steht, ein alter Mann in schwarzem Anzug. Ein Handbündel hat er neben sich liegen auf dem Rasen, daraufhin stülpt er seinen Filzhut. Mit dem Sacktuch fährt er sich übers spärliche Haar, er ist müde geworden in der Tageshitze den weiten Weg von Wendeck her. Nun wickelt er aus dem Papier ein Stück Rauchfleisch hervor und beginnt daran zu kauen, dieweilen er die stille Waldgegend betrachtet, in der er wohl fremd zu sein scheint. Der Pfarrer hat diesen Mann von seinem Fenster aus beobachtet, dann geht er die Treppe herab zu dem Fremden und ladet ihn ein, mit ins Haus zu kommen. »Das Begräbnis«, sagt er, »ist meines Wissens doch erst um drei Uhr. Bishin können Sie sich's im Zimmer ja viel bequemer machen, als da auf dem Rain.« Der Fremde hat sich erhoben und grüßt den Pfarrer höflich. »Ich irre mich doch nicht«, sagt dieser, »Sie sind der Herr Pastor aus Wendeck. Na, dann ist es schon recht, dann machen Sie mir das Vergnügen, Herr Amtsbruder.« Gar gerührt folgt der evangelische Pastor dem katholischen Pfarrer ins Haus, ins freundliche Zimmer, wo er sich auf dem Ledersofa niederlassen muß. Dann wird Frau Klara gerufen, daß sie ein Glas Wein bringe. Die Wirtschafterin läßt den Hausherrn in den Vorgang rufen. »Aber, Herr Pfarrer!« sagt sie dort, »sind Sie denn nicht gescheit? Den lutherischen Pastor! Gott behüte uns vor allem Übel, da kann man lang warten, bis ich für einen solchen Gast Wein bringe!« »Warten wollen wir aber nicht«, sagt der Pfarrer, »seien Sie bloß einmal so gut, Frau Klara, und geben mir den Kellerschlüssel. Ich will schon selber etwas holen.« »Es ist das Faß noch nicht angeschlagen«, sagt die Wirtschafterin. »Das macht nichts, nehm' ich halt eine von den bestaubten Flaschen.« Na, da geht sie doch lieber selber und bald haben die beiden Herren ein Glas Wein zwischen sich und führen ein gemütliches Plaudern. Von kirchlichen Dingen reden sie nicht, wohl aber von der Berggegend und den Partien, die man da machen könne. Bald stellt es sich heraus, daß die Herren große Naturfreunde sind, die von der Alpentierwelt und von den Steinarten was verstehen. Der Pastor ist ein begeisterter Botaniker und der Pfarrer führt ihn nachher in seinen Garten und zeigt ihm seltene Bergpflanzen, die er selber ausgehoben hat im Gebirge und nun im Garten betreut. Sie besprechen eine Alpenpartie, die sie demnächst miteinander machen wollen. Endlich ist es für den Pastor Zeit, zur Schleiferhütte hinabzugehen, wo mittlerweile sich schon Leute versammelt hatten zur Bestattung. Sie waren nicht wenig erstaunt, als nun statt ihres Pfarrers ein fremder, schwarzer Pastor daherkam, um den Sarg einzusegnen. Niemand hatte gewußt, daß der Steinschleifer evangelisch gewesen war. Aber niemand schlich deshalb jetzt davon, alle blieben da und hörten die schönen erhebenden Worte, die der Pastor sprach. Wie er nun einen kurzen Überblick hielt über das Leben des nun still gewordenen Mannes, wie er ihn dem christlichen Gedenken der Gemeindegenossen empfahl und wie er von der Urständ sprach, wo sie dereinst alle als Brüder im Herrn vor dem Erlöser stehen werden. – So etwas, meinten sie, müsse nächstens doch auch ihr lieber Herr Pfarrer sprechen bei einem Begräbnisse. Noch mehr überrascht waren sie, als in dem Augenblick, da der Zug sich in Bewegung setzte, oben im Kirchturm die Glocken anfingen zu läuten. Der Küster hatte sich anfangs geweigert, für einen Lutherischen läute er die geweihten Glocken nicht. »So lasse nur den Strick aus, damit ich läuten kann«, hatte der Pfarrer gesagt. Nein, das täte sich doch wohl nicht schicken, meinte der Küster und läutete selber. Der Pfarrer aber schloß sich dem Leichenzuge an und als am Grabe der Pastor das Vaterunser betete, faltete auch er die Hände und betete mit. – Wo ist das geschehen? In einem Tale des Oberlandes steht ein Dorf, dort ist es geschehen. Und wann? Heute nicht, das kannst du dir denken, mein Leser, auch gestern nicht. Es ist schon längere Zeit her, daß so etwas möglich war. Sollte die Kirche wieder einmal christlicher werden, als sie heute ist, dann wird's wieder möglich sein. Wie der Funk bekehrt wurde. Wenn ein junger Vater und ein altes Kind zusammen kommen, so ist das immer bedenklich, besonders wenn das Kind älter ist als der Vater. Da war er einmal in der Kirche, der Funk in der Huben, und sah zu seiner nicht geringen Verwunderung, wie vor dem blutjungen Priester die ältesten Leute knieten, Greise und Matronen, um sich Belehrung und Ratschläge fürs Leben zu holen. Er, der eine, der noch lange nicht durch war, der selbst erst vor dem dunklen, gefährlichen Stollen stand, der Leben und Lehre nur aus den Büchern kannte – er sollte erfahrenen Leuten, die ein langes Leben durchgeprobt, durchlitten und durchdacht hatten, ein Führer und Weiser sein! Nein, dabei hatte der Funk in der Huben nichts zu tun. Er hätte – wie die Leute sagen – spielend des Pfarrers Großvater sein können. Und jetzt vor ihm ein Kind sein? Nein. Da ging er lieber gar nicht in die Kirche Nun, das verdroß aber wieder den Pfarrer. Und einmal über Feld, als er dem Funk begegnete, sprach er ihn an: »Nun, lieber Funk in der Huben, wie geht's immer? Wir sehen uns selten, wie? Das tut mir leid. In der Kirche – wenn Ihr Sonntags manchmal rasten wolltet – wäre es hübsch kühl; auch gut sitzen in den Stühlen mit Rücklehne, die Musik ist auch nicht übel, dieweilen wir jetzt einen neuen Bombardon haben. Wollt Ihr ihn nicht einmal anhören? Hernach dürfte Euch – um ganz offen zu sein – manchmal ein bissel Lehr und Weisung nicht schaden. Was meint Ihr?« Der Bauer hatte mit zwei Fingern unter seinem Hute so ein wenig herumgekratzt, er wußte auch nicht recht, sollte er den Hut abziehen oder auf dem Kopfe behalten; ihn über der Glatze zu lockern, das war jetzt der Mittelweg. »Das schon, Herr Pfarrer, daß es in der Kirche gut rasten ist, aber schlafen kann ich auch zu Hause, und den Bombardon hört man eh völlig übers ganze Dorf und wegen der Lehr und Weisung ist mir der Herr halt doch ein bissel gar zu jung. So in diesen Jahren kann der Mensch halt noch nit alles verstehen. Nix für ungut, Herr Pfarrer.« Der Pfarrer hätte auf so schnöde Abweisung wohl etwas zu entgegnen gehabt, doch er dachte nur: auch wieder einmal ein Altersprotz. »Behüt Gott Funk! Laßt es Euch gut gehen!« sagte er und schritt wegshin. Darauf verstrich ein Weilchen. Der Funk ging nicht in die Kirche und der Pfarrer forderte ihn nicht mehr auf. Der Mann, dachte er, ist schon alt genug, um zu wissen, was not tut. Da war es einmal im Spätherbst, als der Funk in seinem Baumgarten gerade metzgerte, daß der Pfarrer des Weges kam, stehen blieb und, die fette Sau bewunderte. »Da gratulier ich«, sagte er, »die gibt mindestens drei Zentner.« »Ei, was versteht denn Ihr von der Sau!« gab der alte Bauer unwirsch zurück. Bei der Arbeit dreinschwatzen, das hatte er nie leiden mögen. »Nun so wünsch ich bloß, daß sie so viel wiegen möge«, entgegnete gelassen der Pfarrer und ging weiter. Als es nachher aber zum wägen kam, begann der Funk den Kopf zu schütteln. Er hing den Gewichtsklumpen nicht weniger als drei Mal an die Wagstange – und allemal dasselbe. Genau drei Zentner. Muß doch nit so dumm sein, der Pfarrer. Wenn er schon davon was versteht, was nit in sein Handwerk schlägt, da wird er in seinem Fach nit der ungeschickteste sein. Wahr ist's, wer sich bei der Sau so gut auskennt, dem kann man auch die Seel' anvertrauen. Und ging von da an in die Kirche. Pietätlosigkeit. Er liebte es, in der kühlen Morgeneinsamkeit so dahin zu wandeln. Das waren ja die einzigen Stunden, da er Mensch sein durfte, im dunkelgrünen Anzug, mit dem Spazierstock dahinschreitend auf offener Straße. An Fuhrwerken, Handwerksburschen, Touristen und Bauern vorbei, von niemandem gekannt, und wenn von Einheimischen gekannt, ehrerbietig aber unauffällig gegrüßt. Gerne legte er seinen Stock auf das Straßengeländer, ließ ihn während des Gehens auf demselben dahingleiten, während er träumerisch in den rauschenden Fluß blickte. Manchmal stieg er hinab an das Ufer und versuchte es mit der Angel. Bisweilen kam der Diener nach, sorgend, ob der Herr nicht etwas bedürfe. Er wurde zurückgeschickt – Menschen haben keinen Diener und brauchen keinen. Da hat es sich eines Morgens zugetragen, daß er sehr verspätet ins Schloß zurückkehrte. Die Regierungsgeschäfte warteten der Erledigung; alles war erregt, geängstigt – wo er denn so lange bliebe? Oben im Dorfe Au hatte er sich verweilt. Dort war ihm aufgefallen, daß zwei Männer über den Achseln einen Schragen trugen und darauf lag ein Sarg, aus Brettern schlecht gefügt, ohne Kreuz und Kranz. Keine Zier und kein Priester und kein kirchliches Geläute und kein Leidtragender. In solcher Verlassenheit hatte der Mann noch keinen Menschenschrein gesehen, in solch hilf- und herzloser Verlassenheit, wie dieser Sarg auf den Schultern der unmutigen Männer lag. Wer ist es, der da gestorben ist und um den niemand Leid hat? Unser Spaziergänger schritt an einen der Träger und fragte: »Wen trägt Ihr da hinaus?« Der Träger wollte zuerst gar nicht antworten, dann tat er's verdrossen. Auf dem Feldwege sei ein toter Mann gefunden worden, niemand kenne ihn, wahrscheinlich ein fremder Handwerksmensch, ein Bettler oder gar ein Strolch, man wisse nichts. Sie – die Träger – möchten nur das eine gerne wissen, wie sie dazu kommen, diesen Toten auf den Kirchhof zu schleppen, ohne alle Entlohnung. Was könnten sie dafür, daß er gerade auf ihrem Feldwege liegen geblieben? – Vielleicht, dachten die biederen Dorfleute, ist der Mann, der sie angesprochen, einer von denen, die in die Tasche greifen. Der Spaziergänger winkte mit der Hand, sie möchten vorangehen – er hatte genug gehört. Als sie dann ihre Last mürrisch weiter trugen, ging er zehn Schritte hinten drein. Sein ernst gewordenes Gesicht zur Erde gerichtet, schritt er hinter dem Sarge dessen, der als Fremdling in diesem schönen Lande arm und verlassen gestorben war. Vielleicht hatte er hilfesuchend an Türen geklopft und sie waren ihm verschlossen geblieben, steht es doch draußen vor dem Dorfe auf einer Tafel zu lesen: Das Betteln ist verboten! – Und wenn er vollends dort unten im Tale beim Fürstenschlosse hätte anklopfen wollen, so würde er von der Dienerschaft verscheucht worden sein aus dem Prachtportale, das von aller Kunstwelt bewundert wird, so wie man das Königsgeschlecht vergöttert als eines der edelsten dieser Erde. Und eine Stunde weit von dem Herrensitze dieses edlen Geschlechtes verderben und sterben arme Menschen auf der Straße! Leute, die den Mann betrachteten, der hinter dem Sarge einherging, meinten, er bete ein Kirchengebet, weil er wiederholt mit der Faust an die Brust klopfte. – Einer aber ist unter den Bauern, der stöhnt: »Jessas Maria!« und reißt seinen Hut vom Kopf. Des Toten wegen? Fällt ihm nicht ein, wohl aber des Mannes halber, der den Toten begleitet. Der Bauer hastete zum Nachbar, der mit einem Futterkorbe ging: »Du Zenz! Du Zenz! Siehst du, wer dort geht?« »Der hinter der Leich' her? Wer ist es denn?« »Weißt du, wer das ist? – Das ist der König!« Jetzt riß auch der andere den Hut vom Kopf, und es kam ein dritter dazu, ein vierter, sich gegenseitig in die Ohren tuschelnd: »Der König!« Sie gingen auf den Weg und schlossen sich in respektvoller Entfernung dem Zuge an. In wenigen Minuten wußte es das ganze Dorf: »Der Tote, den sie vorgestern auf dem Feldwege gefunden, er muß ein besonderer Mann sein, ein hoher Herr, denn hinter seinem Sarge geht der König!« Da eilte alles herbei, Männer und Weiber liefen aus den Häusern, Kinder und Greise, und schlossen sich dem Zuge an und begannen laut den Psalter zu beten. Mehrere kamen mit Kerzen und zündeten sie an, auf dem Kirchturm huben die Glocken an zu läuten. Dann kam auch die Geistlichkeit herbei in weißen Chorröcken und laut beteten sie ihre lateinischen Gebete. So um die Ecke stand alles still und machte seinen tiefen Bückling vor dem König. Dieser dankte nicht, denn er sah es nicht, weil er unverwandt zu Boden blickte. Also war es ein großer, feierlicher Leichenzug geworden, der nun die Anhöhe zum Friedhofe emporstieg. Aber siehe, auf dem Friedhofe fand man das Grab nicht. Ganz hinten in einem Winkel, wo ein Haufen von Steinen, Stroh und vermodernden Kränzen lag und anderer Wust, sozusagen im Kehrichtwinkel des Friedhofes, war eine Grube aufgeschaufelt worden. »Gut genug!« hatte der Kirchhofsverwalter gesagt, »ist doch nur ein Vagabund gewesen, vielleicht gar ein Ketzer, man weiß ja nichts!« – Jetzt im letzten Augenblick, als es der Totengräber erfahren, daß hinter dem Sarge der König gehe, pfiff er verzweifelt nach Arbeitsgehilfen, um mit Reisig den Wusthaufen zu verdecken, den Weg glatt zu rechen und die Grube gehöriger zu schaufeln. Es war zu spät. Der rohe Fichtenbrettersarg schwankte schon zum Tore herein und bald war der ganze Friedhof voller Leute, in lauter Andacht das Begräbnis feiernd und sich auf die Zehen stemmend, um über die Köpfe hin den König zu sehen. Um zu sehen, ob er nicht etwa schluchze, wie tief seine Trauer sei, und daß man's demnach erfahre, in welchem Verwandtschaftsgrad der Tote zu ihm gestanden. Der König stand an der Grube, in die der Sarg nun mit aller umständlichen Feierlichkeit unter schallenden Gebeten versenkt wurde, aber er schluchzte nicht, zeigte auch nicht eine besondere Trauer. Er stand nur da in tiefem Ernste versunken und kümmerte sich nicht um die »Leidtragenden«, die plötzlich so pietätvoll und teilnehmend geworden waren. Als er sich dann wendete, um den Friedhof zu verlassen, wich die Menge ehrfürchtig vor ihm zurück. Nur der Ortsvorstand und der Pfarrer wagten es, sich ihm tief gebeugt zu nahen, um ihn ehrerbietigst zu begrüßen und ihr Beileid auszudrücken zu dem Verluste, der ihn getroffen. Der König dankte und bedeutete, daß er dem Sarge gerne gefolgt sei. »Wir hätten gewiß das Möglichste für ihn getan,« versicherte der Vorstand. »In meinem Hause die beste Pflege hatte er gehabt, Medizin und alles. Wenn wir von etwas gewußt hätten. Wir haben halt von nichts gewußt und am Frühmorgen hat ihn mein Nachbar liegen gesehen auf seinem Feldweg. Papiere haben wir auch keine gefunden bei ihm und hat deswegen nichts geschehen können. Ist uns wohl recht zuwider. Aber das Grab werden wir schon recht in Ehren halten – ei das wohl gewiß!« »Tut das«, sagte der König. Trat nun auch der Pfarrer einen halben Schritt vor und sprach mit gar leiser Stimme: »Wäre uns wohl eine rechte Erleichterung, Majestät, wenn wir wissen täten – halt wohl sicherlich ein recht lieber Freund gewesen?« »Ja, meine Herren!« antwortete der König und zuckte die Achseln. »Meinen halt, weil Eure Majestät ihm die allerhöchste Ehre – daß wir wüßten, wer es gewesen.« »Ein Mensch«, sagte der König und ging seines Weges. Die beiden Gemeindehäupter verbeugten sich auf das allertiefste, so tief, daß andere Körperteile obenanstanden. Der König sah es nicht mehr. Er schritt auf die Straße hinaus und an derselben dahin, das Geländer streichend mit seinem Stocke und in den rauschenden Gebirgsfluß blickend. In sein Schloß zurückgekehrt, war er verstimmt. Des Toten willen? Nein, ich vermute, es waren ihm die Lebendigen nicht recht. Sprachsünden. Als echter Deutscher fange ich meine Plauderei über die deutsche Sprache – mit einem Franzosen an. Ein großer Franzose hat gesagt, seine eigene Muttersprache brauche man nicht zu lernen. Ist das wahr? Das Kind lernt sprechen, und kann es das überhaupt, dann liegt ihm die Muttersprache schon fix und fertig auf der Zunge. Wenigstens die für den täglichen Gebrauch. Mit dem Gedankenkreise erweitert sich wie ganz von selbst die Sprache. Die Seele wächst, die Sprache mit ihr, und der Franzose hat recht. Würden für die entstandenen Empfindungen und Gedanken die Wörter nicht vorbereitet liegen aus dem Munde der anderen, wir bildeten auf der Stelle Ausdrücke und brauchten nicht einmal zu den Naturlauten der Tiere zu greifen. Die Junge spricht ohne Weiteres. Wem unter uns war nicht schon in früher Jugend die deutsche Sprache das Daheim der Seele? Zuwider und fremd wird sie uns erst in der Schule, wenn die Qualen der Grammatik kommen. Die »deutschen Schulsprachbücher mit ihren entsetzlichen Fremdwörtern: Artikel, Prädikat, Deklination, Substantiv, Subjekt, Konjugation, Adjektiv, Pronomen, Adverbium u. s. w. Ja, nicht bloß, daß die Schule fremde Wörter in die deutsche Sprache hereinzerrte, sie hatte auch das Bestreben, deutsche Wörter zu verfremden. »Buchstabieren«, »lautieren« – wird da den urdeutschen Wörtern nicht fremde Gewalt angetan? Solche Lehrbücher taten das Menschenmögliche, um uns die Muttersprache zu verleiden. Ich habe als Knabe in der Volksmundart Liedeln gedichtet, die noch heute als nicht ganz schlecht gelten. Als ich aber nachher anhub, in der hochdeutschen Sprache der Schulgrammatik zu dichten, kam ein ledernes Zeug heraus ohne Persönlichkeit und Seele. Und doch lernte man in der Schule Gedichte machen. »Machen«, wie es der Homunkel tut! Man lernte in der Schule gespreizt sprechen, aber durchaus nicht frei denken; jeder Eigengedanke, jede eigentümliche Form ward mit dem Rotstift gezüchtigt. Aus dieser Sprachlehre lernte man einen Sack nähen, aber man durfte nichts hineintun. In unserer armen Dorfschule zu Krieglach-Alpel hatten wir auch Schreiben und Lesen gelernt, von einer »Grammatik« war keine Rede gewesen; seit Erschaffung der Welt war dort keine »deutsche Grammatik« gesehen worden, und doch drückten sich die Leute in ihrer Mundart und in dem, was sie zu sagen hatten, mindestens so richtig und klar aus, als der gelehrteste Schulmeister auf dem Katheder. Diese Behauptung kann mir jeder bestätigen, der das Wesen unserer Volksmundart kennt. Ich hatte lange zu tun, um von den Verheerungen der Grammatik mich zu erholen; nach diesem schrecklichen Buche war ja alles »inkorrekt«, was sonst schön und in frischer Eigenart gewirkt hatte. Erst als die grammatikalischen Regeln und Vergewaltigungen wieder gründlich vergessen waren, konnte an eine schriftstellerische Existenz gedacht werden. Heute sündigt vielleicht jeder meiner Sätze gegen das Schuldeutsch, aber das Ding wird wahrscheinlich verstanden. Und daß sie verstanden wird, ist nach meiner unmaßgeblichen Meinung bei einer Sprache die Hauptsache. Zu Schwulst und Phrase mögen hohle Köpfe ihre Zuflucht nehmen, bei denen die Schale klingen muß, weil der Kern fehlt. Alle Schönheit der Sprache liegt im Einfachen, Klaren und Gefälligen. Der den gewaltigsten und tiefsinnigsten Gedanken am einfachsten und klarsten auszudrücken vermag, wäre nach meinem Geschmack der größte Denker und der größte Dichter. Auffallend ist, daß der deutsche Bauer die hochdeutsche Sprache so schwer versteht. Er versteht zumeist, jedes einzelne Wort, aber das Ganze nicht. Und auffallend ist es, daß in der Volksmundart Manches sich kurz und treffend sagen läßt, was in der hochdeutschen Sprache bei aller Umständlichkeit wenigstens für das Volk nicht hinlänglich zum Ausdrucke kommt. Wenn das auffallend ist, dann kommt man auf den Argwohn, daß im Hochdeutschen ein fremder Geist sein müsse, der abweicht von alter, deutscher Art und der aus fremden Sprachen und Sitten hereingekommen ist. Da drechselt man allerlei Redebilder, entlehnt für den Ausdruck eines einfachen Begriffes fremde Begriffe, spielt mit Beispielen und Gleichnissen, die nicht decken und den Gedankengang nur verwirren. Und derlei hat sich so allgemein in die Sprache hineingewuchert, daß der Schriftsteller nicht genug aufpassen kann, um sie zu vermeiden. Den dilettantischen Redehelden allerdings sind derlei Wucherungen willkommen, damit ihr Wortschwall noch üppiger, ihr Unsinn noch blühender werde. Man sollte nur keinem wortlustigen Redner oder Schreiber Zeit lassen, die gute deutsche Sprache aufzukrausen. Hat er Zeit, so sagt er gegebenenfalls: »Es tritt an uns die dringende Aufforderung heran, für die Befestigung unserer Existenz bedacht zu sein.« Hat er nicht Zeit, so sagt er: »Wir müssen uns unserer Haut wehren.« Hat er Zeit, so sagt er: »Es wäre höchst wünschenswert, wenn den Forderungen der Opposition Ausdruck verliehen würde.« Hat er nicht viel Zeit, so meint er: »Die Gegenpartei soll ihre Meinung sagen.« Ist der Mann gespreizt, so sagt er: »Eine Spezialbilanz würde die Handhabe bieten zur strikten Beurteilung der Position.« Ist er einfach, so sagt er: »Eine besondere Rechnungsprüfung würde die Sache klarlegen.« Der Eine sagt: »Die Sittenlosigkeit birgt in sich den Keim des Verderbens.« Der andere: »Der Sittenlosigkeit folgt das Verderben.« Der eine: »Es erscheint geeignet«. Der andere: »Es paßt.« Der eine: »Es kann nur dem Zufall zur Last gelegt werden.« Der andere: »Der Zufall ist Ursache.« Und so fort. Ich habe absichtlich noch zahme Beispiele gewählt. Der Ungeheuer gibt es ganz andere und unzählige. Redeblüten sind schön, so lange sie nicht welken; sind sie Heu, dann werfe man sie weg, pflücke frische, was neue Dichter besorgen sollen, oder brauche die einfachste Redeform. In einem »Faust«-Kommentar heißt es – für einen Professorenstil noch wunderbar einfach: »Die nachfolgenden Betrachtungen erheben nicht den Anspruch, den unermeßlichen Gegenstand, dem sie gewidmet sind, nach irgend einer Richtung hin zu erschöpfen. Sie wollen es vermeiden, die bekannten Aufstellungen und Tatsachen zu wiederholen, sie wollen lediglich einen Beitrag zum Verständnisse der unsterblichen Dichtung liefern, indem sie ein Prinzip der Erklärung vertreten, welches zwar sorgfältig benützt wird, aber noch immer nicht genügend anerkannt und in seinen Konsequenzen verfolgt ist.« Könnte man das nicht noch weit klarer sagen: »Die folgenden Betrachtungen werden den großen Gegenstand nicht erschöpfen. Bekannte Dinge werden sie nicht wiederholen; sie wollen nur beitragen, das Verständnis der Dichtung zu erleichtern, indem sie eine zwar sorgfältig benützte, aber nicht immer verstandene Auffassung erklären und daraus folgern.« Wie schwer machen solche stilistische Verzwicktheiten es dem Leser oder Hörer, zu folgen und zu verstehen! Wenn ein Kritiker uns plötzlich mit der Nachricht überrascht, daß der Schatten der herannahenden Neugestaltung des modernen, literarischen Schaffens scharfe Konturen annimmt, so muß der Leser sich tummeln, in den Winkeln seines Gehirns rasch einen Schatten, scharfe Konturen nebst der Neugestaltung und dem literarischen Schaffen zusammenzusuchen. Aber das kommt noch viel schöner, wenn wir einen Blick – bitte, einen ganz kurzen – auf den Gelehrtenstil werfen. »Den Anschauungen ist es vollkommen analog, daß die Generationen, als sie ohne phisiologische Kenntnisse daran gingen, ihren Intellekt solchen phisiologischen Fähigkeiten ihres Innern zuzuwenden, welche ebenfalls mehr oder minder den Charakter der Unwillkürlichkeit an sich trugen und Ähnlichkeit mit den erwähnten phisiologischen Reflexbewegungen verrieten, davon in hohem Grade betroffen sein mußten.« So steht es wörtlich in einer gelehrten Schrift, die angeblich in deutscher Sprache geschrieben ist. Und die deutsche Sprache in der Juristerei, in der Kanzlei – ? Nein, mutwillig wollen wir nicht in diese Wüste springen. Glücklich jeder, der damit nichts zu tun hat! Hingegen reizt es mich, einige Schelmereien unserer literarischen Redebilder der Aufmerksamkeit zu empfehlen. Zum Beispiel eine Erzählung wurde verfolgt, und zwar mit gespannter Aufmerksamkeit. Bei der Lektüre fiel etwas ins Auge, nämlich die gute Mache. Ein Dichter schlug – zum Glück nur die klassische Richtung – ein, und dann spielte bei ihm der Ehrgeiz zwar nicht Karten, sondern eine bedeutende Rolle. Dieses »eine Rolle spielen« kommt in unserer Umgangssprache so häufig vor, als ob wir lauter Komödianten wären. Weit gefährlicher jedoch als die Komödianten sind jene Leute, die einen Abstecher machen, allerdings nur – von Linz nach Gmunden. Wie gemütlich hingegen war jene Forelle im Bach, die den Wanderer so sympathisch ansprach ! Ferner gibt es Leute, die allerlei finden, ohne den Fund zurückzugeben. Der eine findet , daß die Adlerwirtin trotz ihrer vierzig Jahre noch jugendlich aussieht. Der andere findet , daß man beim Börsenspiel sein Geld verlieren kann. Ein weiterer findet sich veranlaßt, und ich finde , daß das Zeitwort finden in vielen Fällen eine lächerliche Anwendung findet. Es ist mir ganz »unerfindlich«, wie manche so vieles finden können. Genug. Wir sehen ja doch, daß es sich zu bessern beginnt. Die Banalitäten werden uns zu dumm, und die akademische Schulsprache mit ihren fremden Beimischungen wird uns zu gescheit. Wir bekommen Heimweh nach der Muttersprache, der schlichten starken, süßen. Wir sollen fremde Sprachen lernen, je mehr, je besser, aber sie nicht mit der eigenen Sprache zusammenhudeln. Diese erhalten wir uns rein, wie das Muttergedenken, in ihr haben wir der Vorfahren Seelenerbe überkommen und in ihr wollen wir es den Nachkommen übermachen. Uns fällt es also auf, daß das Hochdeutsch von unseren deutschen Mundarten so verschieden ist, verschieden besonders im Gedankengang, in Satzform, in Behandlung der Zeiten, in den Redebildern, in der Geschwätzigkeit und Nüchternheit des Ausdrucks. Das Hochdeutsch haben uns vielfach die Gelehrten aus fremden Sprachen hergerichtet; die Mundarten sind urdeutsch, sind nicht gemacht, sondern gewachsen. Eine große Verwirrung gibt es, wenn man Mundart und Jargon verwechselt. Mundart ist die natürliche Mutter der Kultursprache, Jargon ist ihr verkommener Sohn. Volksmundart ist gesunder Jungstab der Sprache, Jargon ist Entartung derselben. Im Wald und auf dem Dorfe, wo die Menschheit im Aufsteigen ist, spricht man »Mundart«, in den Großstädten, wo sie im Niedergang ist, sprich man »Jargon«. Vor einiger Zeit ist in Berlin die Frage aufgelegt worden, ob die Mundarten in der Dichtung verwendbar seien und in der Literatur ihr Recht hätten oder nicht. Darauf war leicht zu antworten. Der Jargon – also die absteigende Sprache der Großstädte – kann nur für Charakteristik einzelner Personen oder für einen komischen Zweck verwendet werden. Mundart kann die ausschließliche Sprache eines ganzen Volksstammes sein; sie genügt den sprachlichen Bedürfnissen eines Naturvolkes, sie fügt sich unwillkürlich in Regeln und formt sich in Schönheiten, sie klärt sich zur Schriftsprache und entfaltet sich allmählich zur großen Kultursprache. Sprachen können eben nicht gemacht werden, wie Kirchtagspfeifen, sie müssen wachsen wie Menschenzungen. Und wo sie »gemacht« werden, da sind sie auch darnach. Warum soll also ein Dichter, der Menschen aus einem deutschen Naturstamm darstellen will, diese Menschen nicht in ihrer Sprache sprechen lassen? Wenn diese Sprache von Deutschen ja doch verstanden wird und nebenbei zur Auffrischung und Ausbildung der Schriftsprache dienen kann. Deutsche Schriftsteller, die es nicht verschmähen, durch sie aufgefundene, wohlverstandene Mundartausdrücke und volkstümliche Wendungen in die hochdeutsche Sprache einzufügen, führen dieser frisches Erdreich zu. Eine Sprache bleibt nur so lange lebendig und entwicklungsfähig, als sie von den immerfort aufwuchernden Volksmundarten befruchtet wird. Wenn pedantische Schulmeisterei die mundartlichen Einflüsse auf die hochdeutsche Sprache unterbindet, dann ist's aus mit dieser, sie vertrocknet und verknöchert, wird ein blutleeres Gespinst von Begriffen, ein Rattenkönig von Sätzen, ohne sinnliche Anschaulichkeit, ohne Leben. Eine Homunkelsprache. Wir wollen heute die ungeschicktesten Fremdwörter aus der deutschen Sprache jäten. Als Ersatz gibt es eine Unzahl mundartlicher Ausdrücke, die gut, bezeichnend und urdeutsch sind. Man sehe sich erst einmal in den mundartlichen Wörterverzeichnissen um, wie solche den Ausgaben von Castelli, Kobell, Stieler, Stelzhamer, Reuter, Claus Groth u. s. w. beigegeben sind. Auch die steirischen und tirolischen Volksmundarten geben eine große Ausbeute für die Schriftsprache. Man sehe einmal den Baierischen Wortschatz von Schmeller, den Steirischen Wortschatz von Khull an! Wenn wir schon national sein wollen, so bleibt uns gar nichts anderes übrig, als volkstümlich zu sein, heimzukehren zu jenen Volksschichten, die urdeutsch sind, ohne es zu wissen. Dort, wo das Volkslied entstand und entsteht, ist der Ursprung unserer nationalen Gesittung und unserer Sprache. Die Kultursprache dient als hauptsächlichstes Mittel zur Verbergung der Gedanken und – zur Entzweiung der Völker. Ein Beispiel für das letztere unser Österreich, in welchem so lange gesprochen, geschrieben und gedruckt wurde, bis die Völker untereinander sich gründlich mißverstanden. Und während die Sprache diese gegenseitige Verhetzung und Zersetzung besorgt, feiert sie sich selbst als höchste Kulturträgerin der Völker. Ich meine aber unmaßgeblich, es käme durchaus nicht immer auf das Reden an. Die Sprache muß nicht gerade allein auf der Zunge liegen, sie kann wohl auch im Arme sitzen. Ich denke nicht ans Dreinschlagen, ich denke an ersprießliche Taten. Der moderne Mensch spricht zu viel und leistet zu wenig. Der Schriftsteller selbst müßte sich darob zuerst bloßstellen, allein bei ihm fällt's zusammen – seine Tat ist eben das Wort. Ein mannhaftes Wort, in das die Persönlichkeit gesetzt wird, ist eine Tat. Und eine starke, zielbewußte Tat ist die wirksamste Sprache. Die Sprache kann auch zum Selbstzweck werden, und zwar wenn der Dichter sie zu Musik macht, wenn er in artigem Sprachspiele das Herz erfreut. Wirkt er also durch die Form allein, so entbehrt er leicht des Gehaltes und ist ein Dichter von der Sprache Gnaden. In Wahrheit ist die Sprache doch Mittel zum Zweck, sie hat das innere Leben und Streben des Menschen zu offenbaren. Ein Mensch mit starker Eigenart findet die vorhandene Sprache unzulänglich oder abgebraucht, und er bildet sich eine eigene. Unbekümmert um die Schulmeister, die das treibende Wort des Genius mit derselben Pedanterie korrigieren zu sollen glauben, wie ein Schulheft aus der dritten Volksschulklasse. Und – daß ich mich im Sprachgefilde nicht selbst verbummele – was wollte ich mit all dem sagen? Erstens, daß die deutsche Sprache aufs Land hinaus muß, auf daß sie wieder rote Wangen bekomme, und zweitens, daß der Mann ein Wort sei und das Wort ein Mann. Literatursünden. Können zwei befreundete Schriftsteller Müller und Meier heißen? Ist das gestattet? Gut, dann besucht eines Abends der Meier den Müller. Dieser sitzt am Schreibtisch, kritzelt mit der Rechten auf einem Blatt, wühlt mit der linken im wirren Haar und sagt, ohne aufzublicken: »Meier, du? Nicht wahr? Ach, tu' mir den Gefallen, dich zu setzen und auf ein Viertelstündchen dich in etwas zu vertiefen, ich bin gerade mitten in der Katastrophe. Dort auf dem Tische liegen Novitäten.« »Sei nicht öde, Müller«, sagt der Meier, »was heißt Novitäten? Cigarren, wenn du hast! Übrigens, wie kommst du spät abends noch zu einer Katastrophe?« »Mein Gott, sie ist doch gut vorbereitet, dünkt mich. Bin gerade in der Stimmung, oder war es noch vor einem Augenblick. Wenn es die Kollegen nicht wissen, wie man arbeitet und nicht gestört werden soll, dann kann man es den Philistern nicht verübeln, wenn sie vom Tagewerk sprechen, wie beim Schuster und Schneider.« »Du warst gestern in der sozialdemokratischen Versammlung, Müller?« »Ich denke, wir haben uns dort ja gesehen, Meier.« »Und auch gehört, mein Geschätzter. Deine gute Feder, um die ich dich stets beneide, gestern lag sie dir auf der Zunge. Du sprachest wie ein Gott!« »Götter sprechen nicht, mein Lieber.« »Also wie ein Teufel. Alle hast du hingerissen mit deiner Rede, ja sogar von der Gegenpartei einige Seelen zum Achtstundentag bekehrt.« »Nicht wahr, das lag mir?« »Alles liegt dir, Müller, du bist ein Genie.« Müller hat die Feder in den Napf gesteckt und sagt: »Wie? Leiste ich? Und heute seit früh wieder beim Roman.« »Du arbeitest? Und seit früh, sagst du?« »Wie ein Ochs.« »Höre mal, Müller, hast du dich gestern nicht zu den Arbeitern bekannt? Hast du nicht den kolossalen Ausruf getan: Wir alle, Genossen, sind Arbeiter, haben die gleichen Interessen, müssen für einander stehen, einer für alle, alle für einen. Der Sieg mit uns!« »Jaaa, Meier! Dein Gedächtnis.« »Und deines, Müller? Von früh morgen bis in den späten Abend. Ist das dein Achtstundentag?« »Ah, da hinaus willst du! – Nun sieh 'mal, Meier, es geschah nicht außerordentlich gern. Nimm gütigst für wahr, daß ich lieber in der Chaise gelegen wäre. Aber der Verleger. Wisse, mein Verleger ist ein Hund. Der drängt mich, um den Roman, der Hund.« »Eben darum wirst du nicht über acht Stunden arbeiten, damit der Verleger Zeit hat, auch andere zu beschäftigen. Zum Beispiel, deinen ergebenen Freund Meier, der nichts zu tun hat, nichts , sage ich dir, Kameel, dieweilen du täglich zwölf Stunden lang den armen Genossen das Brot vom Munde weg kritzelst.« »So! Böse sein?! Auch gut. Junge. Dann rate ich dir bloß mal: habe Talent und du wirst einen Verleger finden. Habe großes Talent und du wirst zehn Verleger finden.« Nun fragt Meier sehr gelassen und etwas heiser: »Mit Verstattung, handelt es sich jetzt um Talent oder um den Achtstundentag?« Lacht Müller: »Gestern bei den Sozialdemokraten um den Achtstundentag, heute beim Schreibtisch um Talent.« »Lieber Kollege, du hast doch wohl schon darüber nachgedacht, daß das Talent verpflichtet.« »Aber ja. Es auszunützen, anstatt auf dem Lotterbett zu liegen oder Kaffeehaus zu bummeln.« »Das geht auf mich.« »Gratuliere zur Selbsterkenntnis.« »Großartig! Wie moralisch du geworden bist!« Müller, der lässig im Lehnstuhl sitzt und das linke Bein auf den rechten Oberschenkel legt, lehnt jetzt den Kopf zurück, schlägt ruhig sein Auge nach Meier auf und sagt lässig: »Bin ich etwa nicht moralisch?« »Entschuldigung! Mir war immer, als müsse ein Schriftsteller sein Talent dazu ausnützen, um seine Persönlichkeit in Worten wiederzugeben, seine Überzeugung auszudrücken.« »Überzeugung?« sagt Müller sehr ruhig. »Und du wunderst dich, keinen Verleger zu finden?« »Und daß man seinen eigenen Worten nachleben müsse.« Müller macht eine leichte Bewegung, als fange die Sache jetzt an, ihn zu interessiren. »Es scheint, Meier, du verwechselst das Genie mit einem tugendhaften Philister. Du hast doch wohl noch 'n bißchen Ehre im Leib. Na siehste, wie kannst du so reden. – Wenn der Schriftsteller alles das wirklich meinen wollte, was er schreibt! Ha – lächerlich!« »Aber was er spricht, muß wahr sein.« »Schreiben oder sprechen, das bleibt sich gleich. Ich habe gestern einen sozialdemokratischen Essay gesprochen, und nun müßte ich nach deiner Meinung heute und in aller Zukunft diesen Einfall als mein Gesetz betrachten. Freund Meier, gestatte mir zu sagen, daß, selbst die Tätigkeit eines Schuhmachers über deinen Horizont hinausgeht. Oder soll er die Stiefel, die er macht, die von Groß und Klein bei ihm bestellt wurden, alle selber tragen?« Meier sitzt hilflos da und weiß im Augenblick nichts zu sagen. Darüber lacht Müller und bemerkt: »Warum schweigst du? Schweigen kannst du, wenn du im Rechte bist. In einem Augenblicke aber, wo man, wie jetzt du, absolut nichts zu sagen weiß, muß man erst recht sprechen. Laß doch den Schuster bei seinem Leisten, Müller, würde ich sagen an deiner Stelle. Der richtige Schriftsteller, ob er schreibt oder spricht, hat eine Sache gründlich, nach allen Seiten hin zu beleuchten, entweder so, daß seine Privatmeinung ganz in den Hintergrund tritt, oder so, daß er sich klar zu einer Seite bekennt. Ich meine, so müßtest jetzt du gesprochen haben.« »Ganz recht, Müller. Dann hättest du gestern die Vor- und Nachteile des Achtstundentages objektiv behandeln, oder dich für oder gegen den Achtstundentag bekennen müssen. Im letzteren Falle wärest du Parteimann, und als solcher hättest du heute zu tun, was du gestern gesagt hast.« »Siehste, Meier, und hier auf diesem Fleck wollte ich dich haben. Ich war gestern Parteimann. Ich bin als sozialdemokratischer Sprecher entschieden für den Achtstundentag eingetreten und habe alle Genossen aufgefordert, von ihrer Achtstundentagforderung unter keiner Bedingung abzulassen und habe gesagt, daß, sei er wer immer, jeder ein Schuft ist, der auch nur fünf Minuten über acht Stunden arbeitet.« »Nun, und heute? Heute sitzest du zwölf Stunden lang am Arbeitstisch, weil du gerade in der Stimmung bist, der Verleger den Roman und der Autor wahrscheinlich das Geld braucht!« »Charmant, Kollege, diese deine letzte Bemerkung ist mir sympathisch – nebenbei bemerkt. Was nun die sozialdemokratische Rede betrifft – ich weiß nur nicht, ob du mir folgen kannst, Meier. Nämlich. Ein Schriftsteller, heißt es, soll objektiv sein. Und ein Dichter muß objektiv sein, besonders wenn er Gestalten aus dem Leben darstellen will. Als Shakespeare Richard den Dritten geschrieben hatte, wird er es doch nächsten Tages nicht als seine heilige Pflicht betrachtet haben, ein Richard der Dritte zu sein !« »Was willst du damit eigentlich sagen, Müller?« Dieser wiegt sich resigniert in seinem Sessel und sagt: »Ich habe mir's ja gedacht. – Stelle dir bloß vor, Meier, gestern war ich Dichter und Vortragsmeister und habe der Versammlung einen sozialdemokratischen Tribunen vorgestellt. Und zwar so vollendet, daß alle meinten, ich sei es wirklich. Und daß Freund Meier heute noch glaubt, ich sei es mit Fleisch und Blut und Seele gewesen. Siehst du, und das ist es eben. Das ist die Kunst. Ich war Künstler und du hieltest mich für einen Sozialdemokraten.« Meier stutzt. »Ich bin geschlagen. – Nur kommen mir jetzt – du verzeihst schon, Müller – Bedenken. Du hast zeitweilig als Freund zu mir gesprochen. War das nicht am Ende auch Kunst?« »Mein Herr, Sie werden anzüglich!« Müller erhebt sich stolz und ernst. »Man mag mit der großen, dummen Menge spielen, aber man spielt nicht mit Freunden.« »Ich zweifelte eigentlich nicht, Müller«, sagt Meier warm und treuherzig. »Es wäre ja auch verzeihlich gewesen, wenn du mit dem Achtstundentag der Bergleute und Wasserarbeiter sympathisiert hättest, ohne diese Arbeitszeit auf alle Arbeitsarten zu übertragen. Denn – weil sie für alle nicht paßt. Die Muse z. B., hat keine Kanzleistunden, sie wählt sehr eigenwillig ihre Zeit und –« »Nicht wahr, Junge, wenn du mit mir sprichst, dann habe es mit solchen Banalitäten sein Abkommen.« »Zu Diensten. Ich muß dich ja eigentlich in guter Laune zu erhalten oder vielmehr zu versetzen suchen, Müller. Ein Mann wie du kann sich ja leichter etwas erlauben, als irgend ein armer Teufel. Talente sind souverän, und daß du wirklich ein großes –« Müller wird aufmerksam. »A–a–h! Mir ahnt etwas, Meier! Ja? Na denn, du weißt. Das erste Gesetz der Freundschaft ist unbeschränkte Offenheit gegenseitig. Also – ich hab' jetzt keins.« »Auch nicht fünf Kronen?« Müller blickt ihn vorwurfsvoll an. »Du willst doch nicht, daß ich mich der letzten fünf Kronen entäußere!« Meier steht ein Weilchen bewegungslos da. Dann macht er ein gemütliches Gesicht, legt dem Freund die Hand auf die Achsel: »Das ist mein Müller. Ohne jegliche Kunst. Ganz Natur. – Willst du dich nicht auch einmal selber so recht objektiv beschreiben? Mit Humor so einen aufgeblasenen Schmutzian. Wie?« »Bei meiner Seele, das kann ich tun. Das kann ich wirklich tun. Schildere so 'nen Kerl und nenne ihn – Meier.« Moderne Diebszeichen. Die Leute können ohne Torheit nicht leben. Ja, sie brauchen davon sogar ein sehr großes Quantum. Ist die eine Torheit aufgezehrt, hat sie sich überlebt, ist sie aus der Mode gekommen und allmählich etwas Vernünftiges an ihre Stelle getreten, so beeilt man sich, die Dummheit auf einem anderen Gebiete zu machen, und zwar so ausgiebig als möglich. Heute habe ich einmal unsere Druckbuchstaben im Auge, die sind ja fürs Auge berechnet. Man hat einst, bei Erfindung der Buchdruckerkunst, sehr kümmerlich angefangen, Buchstaben zu schneiden, die ersten Drucke sollen verdammt schwer zu lesen gewesen sein. Allmählich haben sich aber die Charaktereigenschaften der Buchstaben scharf herausgebildet und es kam so weit, daß man nicht bloß die Buchstaben, sondern auch die ganzen Worte mit dem allerflüchtigsten Blick las. Die Schriftkunst hatte den Zweck und setzte ihre Ehre darein, Buchstaben und Schriften zu schaffen, die möglichst leicht unterschieden, schnell aufgefaßt und überflogen werden konnten, und unsere Lesefertigkeit war wirklich zu einer fabelhaften Vollendung gediehen. Da ward es nun höchste Zeit, die Dummheit zu machen. Und sie wird gemacht. Der Zeitpunkt ist günstig. Wenn Zeit, Gehalt und Zweckmäßigkeit nichts mehr gilt, wenn alles nur auf Form, auf Dekorum, verblüffende Außenseite sieht, da kann man den Leuten leicht beibringen, daß der Buchstabe nicht dazu da sei, um einen geistigen Inhalt zu übermitteln, sondern daß er für sich die Hauptsache wäre. Man macht den Leuten weis, daß gerade jene Buchstaben die schönsten und die nobelsten sind, die man nicht sofort oder am besten gar nicht lesen kann. Solche sollen Selbstzweck sein, um das Papier zu verdecken, und Bücher macht man nur noch, um sie mit Buchstaben zu zieren. Auf dem Titelblatt durchaus gleichgroße Frakturschrift, so ungeschickt und unbeholfen als möglich angebracht, damit das Auge des Lesers ja recht große Mühe hat, die Schrift zu lesen, Titel, Autorname, Verlegername u. s. w. zu unterscheiden. Dann auf den einzelnen Seiten hin wird geschwabachert. Kaum war erst noch eine Bewegung gewesen für die Lateinschrift, weil die deutsche Schrift zu wenig einfach sei, und schon sind tausend Hände und hundert Buchdruckereien beschäftigt, diese deutsche Schrift, die ohnehin zu wenig einfach war, zu komplizieren, zu entstellen und zu verrenken bis zur völligen Unleserlichkeit. Dann vor jedem Absatz eine störende Initialvignette, und dort, wo in der Seitenmitte eine Druckzeile abbricht, die Reihe von Gänseblümerln, damit ja dem Auge jeder Ruhepunkt genommen ist. Das soll halt altehrwürdig aussehen. Ich will die Torheiten nicht alle beschreiben, wer solche moderne Bücher gesehen hat, der kennt sie ja, zum Teile sind sie auch bereits vorüber. »Buchschmuck« nennt man das verrückte Zeug. Es gibt Verlagshandlungen, die ihre Bücher am liebsten auch mit dem Mottenstaub und dem mürfelnden Schimmel herausgeben möchten, damit sie ja recht altertümeln. Nur in dem einen Guten machen sie es den Alten nicht nach, in dem soliden Papier. Freilich haben die Alten diese Sachen vielfach so gemacht, aber nicht aus Effekthascherei, sondern weil sie es nicht besser konnten, weil ihr Geschmack mit den primitiven Mitteln gleichen Schritt hielt. Ist die neue Zeit schon so rührend pietätvoll für die Werke unserer Vorfahren, so gibt es ganz andere Dinge, die Nachahmung verdienen. Die alte Form ohne den alten Geist, ohne die alte Solidität und Tüchtigkeit, ist lumpiges Komödiantentum. Man sieht es an unseren Bauten, Wohnungeinrichtungen, Gewandungen u. s. w. Die dünnen Wände aus schlechtgebrannten Backsteinen stellen Quadermauern vor, und die Bücher, die aussehen sollen, als hätte sie der mittelalterliche Mönch mit dem Fleiße eines ganzen Lebens eigenhändig auf Pergament geschrieben und geschmückt, sind mit ihrer frevelhaft verständnislosen Nachahmung aus schlechtem Holzpapier hergestellt. Ja, dessen können wir sicher sein, unsere Werke genannter Art werden im nächsten Jahrtausend nicht die Bewunderung und Nachahmung erfahren, wie wir sie den Alten so windig zollen, schon auch darum, weil unsere Werke bloß nicht mehr vorhanden sein werden. Und nun das Komische. So wie die einen sich in das Altertum verbohren, so wollen die anderen aus unserem Boden plötzlich eine neue Welt hervorstampfen. Da gibt's eine Schule, die nennt sich »Sezession«. Die fängt überall hinten an, meint, Bäume wachsen von oben herab, anstatt von unten hinauf; sie läßt keine Entwickelung gelten, macht nur Sprünge und stellt sich und alles auf den Kopf. Dieser Schule nun ist es vorbehalten gewesen, das Ideal der Schrift zu erfinden, nämlich der Schrift, die niemand lesen kann. Diese Schrift – man sieht sie heute auf Buchtiteln, Plakaten, Ansichtskarten, Firmaschildern u. s. w. – mutet insoferne uralt an, als man sie für notdürftige Verständigungszeichen wilder Völker halten könnte, die noch keine Ahnung von der Zeichen- und Schreibekunst hatten, die Holzsplitter, Baumzweige, Rinden und allerlei Abfälle irgendwie zusammenstellten zu einer verabredeten Form. So erinnern diese neumodischen Buchstaben an die Gaunerzeichen, mit denen Diebe, Einbrecher und Brandleger sich zu verständigen pflegen, dieweilen sie sicher sind, daß derlei Zeichen von harmlosen Leuten nicht entziffert werden können. Lustig aufgefaßt sind es besoffene Dinger, die ihre Glieder tollwitzig verrenken, sich krümmen wie ein Wurm und dann untereinander tanzen, wie Hexen auf dem Blocksberg, ohne Rhythmus und Eleganz. So springen und bocken sie, aber das ist noch eine der zahmsten Formen: Schickt sich das, wenn man vor anständigen Leuten Aufwartung machen will? Muß man nicht meinen, der Schreiber solcher Zeichen sei ein Tollhäusler, der bei dem übermäßigen Bestreben, für das Volapük die richtigen Buchstaben zu erfinden, irrsinnig geworden ist? Der Arme! Bei einiger Übung, heißt es, könne man die Schrift wohl entziffern. Nur ein bißchen Geduld. Nun, ich habe für diese Übung keine Zeit und keine Geduld. Was mir so unartig entgegenkommt, das lasse ich abseits stehen und wende mich guten Bekannten zu. Bei der grenzenlosen Sündflut (nicht Sintflut) gedruckten Papieres, wo jedes Blatt danach plangen muß, überhaupt nur angesehen zu werden, hat es wohl Ursache, möglichst gefällig und zuvorkommend zu sein, daß es sich sofort in das Auge schmeichle, anstatt mit rüpelhafter Arroganz aufzutreten: schau mich an! Ich bin was Besonderes, lerne mich du erst verstehen! – Und dann wenn man aufsitzt und den Sinn mühsam entziffert zu haben glaubt, ist gehaltlich nicht soviel dahinter, daß man auf die Kosten kommt. Die Schrift ist da, um auf einfachstem und kürzestem Wege uns einen geistigen Inhalt zu übermitteln, nicht aber dazu, daß die Buchstaben uns auf eigene Faust allerhand Mätzchen vormachen sollen. Die beste, zweckmäßigste Buchausstattung ist die, die unsere Aufmerksamkeit am wenigsten von dem Inhalte des Buches ablenkt. Auch die sogenannten Illustrationen sind zumeist von Übel, außer, sie vervollständigen den Text, oder bieten mit einem Bilde das klar und deutlich, wozu man sonst eine seitenlange Beschreibung benötigen würde. Bei unserer kurzen Daseinsdauer und bei der unendlichen Mannigfaltigkeit des Lebens, die gekostet und ausgekostet sein möchte, ist die Zeit ein wertvolles Ding geworden, und Buchstaben, die uns Zeit stehlen, sind wirkliche Diebszeichen. Die sezessionistischen Bilder eignen sich am besten für Reklamebogen und Plakatblätter, wozu sie heute auch weidlich ausgenützt werden. Die sezessionistische Schrift hingegen ist nicht einmal für Plakate praktisch. Für diesen Zweck des raschen Hinausschreiens sind gerade wieder jene Buchstaben am besten, die im Augenblick gekannt sind und in unserer Seele haften bleiben. Plakate und Firmenschilder, die das Publikum erst mit Mühe entziffern muß, sind gerade das Unpraktischste, was ein Geschäftsmann aufstellen kann. Am meisten kann man das bei Landleuten oder sonst des Lesens ungewohnten Passanten bemerken, solche würdigen schon Namen keines Blickes, die mit lauter großen Lateinbuchstaben geschrieben sind. Mit den verrenkten Krüppelbuchstaben, die oft gar nicht einmal wie Buchstaben aussehen, machen sie gar keinen Versuch. Wenn in einer Stadtstraße der Zahnarzt Dr. Chr. Lochbauer nicht übersehen, wohl aber sehr leicht gefunden werden will, welche von den drei Schriften wird er wählen müssen? Nur die letztere Schrift liest unser Auge mühelos, und wenn ein Arzt lateinisch, der andere sezessionistisch, der dritte deutsch sich ankündigt, so findet aus der Menge letzterer den meisten Zuspruch. Die Schrift gehört zu den Mitteln, nicht zu den Zwecken. Sie gehört zu jenen Mitteln, die nur schön sind, wenn sie zweckmäßig sind, d. h. einem gewissen Zwecke möglichst gut dienen. In den Fällen bei Denkmälern, Urkunden, Hausinschriften, Münzinschriften, Buchtiteln u. s. w. soll die Kunst die Schrift aus dem Banalen emporheben, aber auch da nicht auf Kosten der Deutlichkeit. Für den praktischen Gebrauch im täglichen Leben sind gerade die gewöhnlichsten, bekanntesten Zeichen die besten, und ein Buchdrucker, der Geschmack hat, kann ihn auf diesem schlichten Felde sehr wohl anbringen. Wir wissen ja, daß die abscheuliche Sezessionsschrift sich bald überlebt haben wird, aber wir warten darauf mit Ungeduld. Und wir wollen uns vor denen nach uns, die darüber sehr lachen werden, nicht in den Verdacht stellen, als ob wir die freche Torheit auch mitgemacht oder gutgeheißen hätten, darum ist dieser Steckbrief gegen die modernen Diebszeichen geschrieben worden. Kunstsünden. Wer vom Kunstschaffen nichts versteht, gut, der kann wenigstens kritisieren. Wer aber auch von Kritik nichts versteht? Der muß sich damit begnügen, ein einfältiger Mensch zu sein. Und vielleicht wäre gerade der einfältige Mensch der berufenste Kunstrichter. Ich meine, ein Mensch, der nicht verschult und nicht verbildet ist. Urteilt das Menschentum, dann ist die Kunst befreit, dann fliegt sie aus den veralteten Geleisen und ist lebendig. Es hätte über ein Kunstwerk doch immer der Mensch gerichtet, sagt ihr? Fast niemals. Stets das Prinzip. Es käme auf das Gleiche hinaus, sagt ihr, der Mensch habe eben das Prinzip aufgestellt. Also wäre es eins, ob die frische Empfindung urteilt, oder die dürre Theorie? In ethischen Dingen möchte ich nicht die Empfindung richten lassen; in gesellschaftlichem Tun und Lassen muß Theorie und Gesetz entscheiden. Das Kunstwerk wage der Mensch. Sagt ihr, die Kunstkritik soll objektiv sein, so klingt das ganz großartig. Ich meine, sie muß subjektiv sein, so individuell, so persönlich als möglich. Ich sage das, ich, die alte konservative Seele? Eben deshalb. Eine Kunst, die sich nur von Prinzipien leiten läßt, kann in der Form verknöchern und im Gehalt entarten. Der Mensch ändert zwar auch seinen Geschmack; wenn er aber nicht der erstbesten Modeströmung, der Laune eines Taggeistes nachgibt, wenn er aufrichtig seiner Grundstimmung, seiner unmittelbaren Empfindung Gehör gibt, so wird er nicht weit irre gehen. Man hat gesagt, unser Ideal vom Schönen sei wandelbarer, als das vom Guten. Am Ende, ist es umgekehrt! Das Gute ist nichts Natürliches, sondern unserem kulturellen Gedeihen künstlich angepaßtes und kann sich je nach Bedarf ändern. Das Schöne aber gründet sich auf die Sinne. Mag der Geschmack so wandelbar sein, als ihm beliebt, das Auge bleibt doch immer so, daß ihm das Sonnenlicht besser gefällt, als der Nebel; das Ohr bleibt so, daß es lieber den Lerchengesang hört, als das Stöhnen eines verendenden Tieres; die Nase bleibt so, daß es ihr behaglicher ist im Rosengarten, als auf dem Dunghaufen. Darum meine ich, wäre der menschliche Sinn ein verläßlicherer Hüter des Schönen, als der von irgend einer ästhetischen Schule aufgestellte Grundsatz. Daß solche Grundsätze trotz ihrer Starrheit durchaus nicht einheitlich, nicht einig, nicht bleibend sind, sehen wir an den verschiedenen Standpunkten und Widersprüchen der auf ihnen beruhenden Zunftkritik. Wer also sei Beurteiler – der scheinbar feststehende, tatsächlich aber unverläßliche Doktrinarismus, oder die Empfindung der Person? O Herr und Gott! rufen sie entsetzt aus, wohin kämen wir da? Die Individuen sind unermeßlich verschieden, und in jedem Individuum wieder die Stimmungen und Empfindungen. Welche Verwirrung und Anarchie in der Kunstkritik, wenn jeder und jede sich für berechtigt und berufen halten dürfte, vollgültig über ein Kunstwerk abzuurteilen! Zum Beispiel ein Zeitungskritiker, der jeden Tag ins Theater muß, um Stück und Schauspieler zu beurteilen. Er ist abgehetzt, abgestumpft, ihm ist das Theater kein Erholungsort, wie den anderen, eher ein Galeerendienst. Er soll nun sagen, schreiben, drucken, welchen Eindruck auf ihn das Kunstwerk gemacht. Mein Gott, gar keinen, oder den der Langeweile. Vielleicht hatte der Abgemüdete zur Stunde sogar Kopfweh oder Bauchgrimmen, während er dasaß, um das dramatische Werk zu genießen. Lästig war ihm die Komödie, unmutig würde er am liebsten seine persönliche Stimmung offen aussprechen – zum größten Schaden des Kunstwerkes. Ist er aber gebunden an ästhetische oder historische Grundsätze, so wird er unter Selbstverleugnung zwar in doktrinärer Blutlosigkeit richten, aber er wird dem Werke nicht in einem Grade unrecht tun können, als ein »subjektiver« Kritiker mit Bauchgrimmen. Das dürfte fast unanfechtbar sein. Kann man sich denn aber nicht denken, daß wir überhaupt keine Zunftkritik brauchen, wenn der Mensch Kunstrichter ist? Die Zeitung braucht gar kein Urteil zu bringen, oder sie kann jedes ihr beliebige abdrucken, das vom Publikum eingesandt wird. Die vom Volke einlaufenden Kritiken werden einseitig, drastisch übertrieben, wunderlich, ja alles Mögliche sein – aber sie werden auf die menschliche Tat des Werkes eine unmittelbare, menschliche Antwort sein. Ein Kunstwerk wird doch nicht geschaffen, um zu erfahren, was darüber die Gelehrten sagen, sondern um auf Menschen – am liebsten auf naive – eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Diese Wirkung soll von jedem Einzelnen bestätigt, womöglich begründet werden können und dürfen, und das Bekenntnis des Einzelnen, wie es auf ihn gewirkt, soll etwas gelten. Es soll als solches nicht etwa den Kunstwert des Werkes bestimmen, dazu aber doch eine Stimme beitragen im Plebiscit. Wie ein solches Plebiscit außerhalb der Beifalls- und Mißfallsbezeugungen an Ort und Stelle praktisch durch zuführen wäre, wüßte ich allerdings nicht. Man kann ja darüber nachdenken. Also das ist's! Zum Richter der aristokratischen Kunst den Pöbel machen! – Nein, das habe ich nicht gesagt, das bestreite ich heftig. Der Pöbel darf nie und nimmer Herr und Richter der Kunst sein. Da wären wir mit Theater, Malerei und Musik bald bei den läppischen Hanswurstiaden, den obscönen Witzblattbildern, den bacchanalischen Bänkelsängereien. Eine solche Plebejisierung der Kunst hat leider längst stattgefunden, trotz der strengen Gelehrtenkritik. Oder vielleicht gerade ihretwegen. Von der grauen Theorie flieht mancher zu des Lebens gold'nem Baum, und selbst, wenn dieser voller Blattläuse wäre. Was ich meine, das bezieht sich auf die gebildete Bevölkerung. Zwar nicht auf jene, die durch ihren Eintrittstaler vor der Bezeichnung »Plebs« geschützt ist; denn einen plutokratischen Pöbel als Kritiker würde ich mehr fürchten, als den proletarischen! Es bezieht sich auf gebildete Menschen, die aus Liebe zur Kunst die Kunst suchen. Jede Kunstgattung als solche wird sich vorweg ihr eigenes Publikum rekrutieren. Der Lebemann geht ins Ballet, der ernste, tiefergründende Mensch in die Tragödie, der musikalisch empfindende in die Oper und so durch alle Kunstgattungen, daher ist nun jeder in seinem Bereiche, in welchem ihm gewiß ein Wort der Beurteilung freisteht. Versucht es einmal, laßt über ein neues Kunstwerk alle sprechen, die es genossen und darüber ein Wort auf dem Herzen haben. Redigiert die Urteile bloß in der Form und gebt ihnen ein öffentliches Organ. Vielleicht erlebt ihr was Lehrreiches. Die doktrinäre Kritik sanktioniert nur dann die Wirkung eines Kunstwerkes, wenn solche durch die hergebrachten Mittel einer gewissen Schule erzielt wird. Der wahre Künstler jedoch wird unbekümmert um eine Schule jene Mittel wählen, wodurch gerade er die größte Wirkung hervorbringen kann. Nicht wodurch er wirkt, ist ihm Hauptsache, sondern daß er wirkt. Deshalb kommt es so oft vor, daß bei einem und demselben Stücke das Publikum jubelt und die Kritik wütet. Wohl gibt es auch schon Fachkritiker, und sie werden zum Glück immer zahlreicher, welche vor allem das Können respektieren und ein solches um so höher stellen, je mehr neue Mittel es findet, die beabsichtigte Kunstwirkung hervorzubringen. Aber auch solche müßten weniger als Kritikbeflissene, denn als Genußdurstige vor ein Kunstwerk treten. Genußfähigkeit, Genußfreudigkeit ist vor allem zu einer unbefangenen und gerechten Beurteilung eines Kunstwerkes nötig. Und insofern wird wohl jeder Genießende und Erwägende objektiv sein müssen, als er nicht etwa seine zur Zeit vorhandene persönliche Mißstimmung dem Werke entgelten läßt. Wie es in lebhaftem Geplauder schon manchmal vorkommt, habe ich hier etwas gesagt, was ich eigentlich nicht sagen wollte. Ich wollte im Ganzen nicht so sehr die doktrinäre Kritik verdammen, als vielmehr die naive, freie rechtfertigen. Die Kunst ist frei, also sei es auch die Kritik. Und ist diese frei, so muß sie auch doktrinär sein dürfen, wenn jemand dazu Bedürfnis fühlt. Aber herrschen soll sie nicht wollen, denn ihre Verdienste sind nicht sehr groß; sie kamen hauptsächlich nur mittelmäßigen Talenten zu gute. Das Genie hält sich nach keiner bestehenden Schule, das gründet lieber selbst Schulen. Den Volksgeschmack hat die theoretische Kritik natürlich auch nicht erzogen, dafür hat sie aber Heuchelei und Nachbeterei gefördert. Und sie hat sehr oft auch die Opposition gegen Kunstwerke geweckt. Aus der einseitigen, absprechenden Gelehrtenkritik hat das Publikum das Gefühl bekommen, als sei jedes neue Kunstwerk etwas, dem man das größte Mißtrauen entgegenbringen und das man womöglich verfolgen müsse. Wohingegen ein von der Kritik unbeeinflußtes Publikum sich unbefangen zu freuen vermag. Daß die theoretische, zumeist absprechende Kritik weder den Dilettantismus zurückgedämmt noch das ursprüngliche Talent gefördert hat, zeigt Figura alle Tage. Ob der Künstler eine objektive oder subjektive Kritik wünscht, das ist keine Frage. Zwar schützt ihn die objektive Kritik (theoretisch wenigstens) vor persönlicher Gegnerschaft, vor Neid und Mißgunst. Hingegen wird sie ihn mit vermoderten Maßstäben messen und seiner Kunst umsoweniger gerecht werden, je ursprünglicher und eigenartiger diese ist. Der Künstler sucht den Menschen. Auf diesen will er wirken, so warm und unmittelbar, als stünden wir heute bei Erschaffung der Welt und alles Homunkeltum wäre noch nicht vorhanden. Der Künstler ignoriert das Urteil eines Gelehrten und lechzt nach dem Urteil eines Menschen. Daß aber die Kunst zumeist mit dem Kopfe gemessen wird, anstatt mit dem Herzen, das ist sicherlich die größte unserer vielen Kunstsünden. Die moderne Kunst! Wenn ein Künstler den Drang in sich hat, das Widerliche und Häßliche in künstlerische Gestalt zu bringen – warum nicht? Die Kunst, die Menschheit muß sich ausleben nach allen Richtungen hin. Entspricht eine künstlerische Hervorbringung der Menschennatur nicht, so wird sie ja ohnehin bald abgelehnt, ausgestoßen. Wie viel Ungesundes nimmt nicht jeder Lebekörper jeden Tag auf und scheidet es wieder aus. Die Doktrin wird zu dem Fortstoßen unechter Kunst nicht viel vermögen. Das gesunde Leben des Volkes muß es tun. Gegen doktrinäre Urteile pflegt mancher Künstler sich aufzulehnen. Wenn aber ein ganzes Volk in seinen einzelnen Kunstschauenden urteilt, wenn die Mehrzahl naiver Kunstempfinder ihn ablehnt, dann ist er gerichtet. Andererseits rufen z.B. dem Dichter die unvorhergesehenen beifälligen Stimmen aus dem Volke zu: du bist unser! Du sagst, was wir nur fühlen und nicht sagen können. – Er ist ein Ausdruck der Menschheit, ob die Doktrin will oder nicht. Also subjektive, persönliche, leidenschaftliche Kritik, überall wo es möglich! Die allein gibt dem Künstler Genugtuung, die allein hält die Kunst lebendig und stärkt die Kunstfreude des Volkes. In das wirkliche und ausschließliche Recht tritt nach meiner Meinung die objektive gelehrte Kritik erst beim Kunst- und Literarhistoriker, der außerhalb des Kunstwerkes und seiner Zeit steht. Der Historiker erst ist imstande, bedachtsam den Gründen nachzuforschen, aus welchen ein Kunstwerk entstand, die Wirkung zu überschauen, die es auf die Menschen seiner Zeit ausgeübt hat, und dann die Gesetze zu bestimmen, nach welchen nicht allgemein, sondern für eine bestimmte Zeit dies und das im Menschen gezündet hat. Nach dieser Wirkung erst wird er auf den Wert des Kunstwerkes rückschließen können. Und dabei wird er sehen, wer zu seiner Zeit das Richtigere über das Kunstwerk gesagt hat, die zünftige Kritik oder die freie Meinung des Volkes in seinen einzelnen Kunstgenießern. Kurz und gut: Wie es wirkt, das sage das Volk, warum es wirkt, das sage der Gelehrte. Doch braucht er's nicht gleich am nächsten Morgen zu tun, er kann sich Zeit lassen. Wohnungsünden. Also zwei streitende Handwerksburschen. Der eine ein Gebirgsschuster, der andere ein Stadtschneider. Sie stritten über das Gemeindehaus zu Rulldorf, das vor ihnen stand. Der Schneider behauptete, es sei einen Stock hoch, der Schuster sah mit eigenen Augen, daß es zwe i Stock hoch war. Zum Glück hatten die beiden – und darin unterschieden sie sich von manch' anderen Hadernden – den aufrichtigen Wunsch, sich zu verständigen. So sagte der Schneider: »Du Schuster! Quatsch dich einmal aus, was verstehst du bei Häusern eigentlich unter Stock?« Der Schuster fix in der Antwort, als handele es sich um ein Katechismusexamen: »Unter Stock verstehe ich, ob und wie vielfach ein Haus gedoppelt ist. Ob es eine Lage Wohnungen hat, oder mehrere übereinander.« »Du redest ungenau, Schuster, aber ich verstehe dich«, sagte der Schneider. Dann wies er auf ein ebenerdiges Häuschen, das an der Straße stand: »Wie viel Stock hoch ist dieses Haus?« »Einen Stock hoch.« »Ich habe mir's gedacht. Aber du bist im Irrtum, mein lieber Schuster. Das Häusel ist gar keinen Stock hoch, es ist ebenerdig.« »Ebenerdig, das ist der erste Stock. Und das Gemeindehaus hier ist zwei Stock hoch, weil zwei Lagen übereinander sind. Das sieht man schon an den Fenstern.« »Schuster!« eiferte der Schneider und tippte auf die Stirn, »dir fehlt's in diesem Stock!« »Und mir scheint, dich gelüstet's nach diesem! « sagte der Schuster und hob seinen Knüppel. Als sie aneinandergerieten, kam der Gemeindediener und führte die beiden Handwerksburschen in ein Gelaß, das nach des Schneiders Meinung im Parterre, nach des Schusters Ansicht im ersten Stocke lag. Wer hat recht? Die Welt schlägt sich zum Schneider, und ich halte es mit dem Schuster. Wie ich höre, stehen auch die Engländer und Amerikaner auf Schusters Seite. Mit Vergunst, wenn ein Haus übereinander zum Beispiel drei Raumschichten hat, so verstehe ich nicht, warum man erst bei der zweiten Raumschichte anfängt zu zählen. Wenn ein Gebäude übereinander vier Fensterreihen hat in der Wand, warum soll es nur drei Stock hoch sein? Wenn man mit einem Maßstab oder Stocke mißt, so tut man's von der Erde aus. Jeder Naturmensch, dessen Haus verstand noch nicht verschoben ist, wird das, was wir anderen Parterre zu nennen pflegen, als den ersten Stock betrachten. Welche Abenteuerlichkeit aber häufen die Städter übereinander! Da beginnt der erste Stock mit dem zweiten, dazwischen heißt noch einer »Mezzanin«, so daß dann der natürliche vierte Stock in der Hausherrensprache zweiter Stock heißt. – Das ist nicht etwa Begriffsverwirrung, das ist halt ein bißchen Schwindel. Man will die Mietparteien täuschen. Der vierte Stock ist den Leuten zu hoch, gut, so sollen sie im »zweiten« wohnen. Im fünften Stock zu wohnen, kann man einem anständigen Menschen schon gar nicht zumuten; nur die Niedrigen wohnen hoch, die Hohen aber niedrig. Redlicher geht es in Norddeutschland zu, wo es heißt, zwei Treppen hoch, drei Treppen hoch; da weiß jeder, woran er ist. In Wien kenne ich ein Zinshaus, das ist so bestellt: vor dem Haupteingang eine Freitreppe mit achtzehn Stufen, sie führt ins »Parterre« hinauf. Im ersten »Vestibül« führen acht Stufen zum eigentlichen Vorhaus. Dann führt eine Treppe mit neunzehn Stufen in das »Mezzanin«, dann eine Treppe mit neunzehn Stufen in den »ersten Stock«, dann eine Treppe mit siebzehn Stufen in den »zweiten Stock«, dann eine Treppe mit neunzehn Stufen in den »dritten Stock«. Die Mietparteien des zweiten Stockes müssen also sechs Treppen steigen. Von diesen sechs Treppen sind vier in drei Absätzen, so daß im ganzen bis zum »zweiten Stock« vierzehn Stiegen führen. Die Bewohner des fünften Stockes haben in diesem Hause nicht weniger als dreiundzwanzig Stiegen zu klettern – Kirchturmhöhe. Und da soll einer behaupten, daß es bei uns nicht hoch hergehe! Zu bewundern ist nur die Bescheidenheit unserer fünf oder sechs Stock hohen Hausherrn, die sich viel niedriger machen als sie sind. Ihnen sind halt niedrige Häuser mit hohem Zins lieber, als umgekehrt. Der Humbug ist stockdumm, doch die Leute fallen »'rein«, das heißt, sie steigen hinauf. Aber Freund! höre ich besänftigend sagen, hohe Häuser, hohe Zimmer! – Es scheint also, daß man den hohen Zimmern besonderen Wert beilegt. Ich bin so unglücklich, in hohen Zimmern wieder nur Nachteile zu sehen. Viel Raum, Luft und Licht – aufs Innigste zu wünschen. Doch weite und niedrige Zimmer sind hierin günstiger, als schmale und hohe. Diese engen, hohen Zimmer der neuen Zinshäuser haben schlechten Raum, schlechte Luft, schlechte Wärme, schlechtes Licht. – Schlechten Raum, weil für die Einrichtungsstücke zumeist nur die Weite des Fußbodens maßgebend ist. Die Kästen kann man nicht an die Wand hängen und selbst wenn diese noch so hoch ist. Nicht einmal die Bilder, wenn man sie zum Ansehen hat, dürfen so hoch gehängt werden, daß sie die Flächen ebenmäßig ausfüllen; oben bleibt ein Raum, der nicht ausgenützt werden kann. – Schlechte Luft, weil die Fenster nicht bis zur Zimmerdecke hinaufreichen und weil die oberen Teile dieser Fenster kaum geöffnet werden. Man kann die unteren Fensterflügel sperrangelweit aufmachen, die Luft in dem oberen Räume wird stocken und das um so mehr, je abgestandener sie ist. Der Fensterwind erreicht sie nicht, er bleibt in der Niederung und die obere laue Zimmerluft schwimmt über der frischen kühlen Luft wie Öl auf Wasser. Mit einer brennenden Kerze oder einem papierenen Windradchen kann man den Luftzug am besten beobachten, da ist zu sehen, wie selbst bei offenen Fenstern die Luft über der Fensterhöhe tot bleibt. Erst wenn die Fenster wieder geschlossen sind, wenn die hereingetretene frische Luft am Ofen erwärmt wird und emporsteigt, sinkt die alte schlechte herab in das Bereich der menschlichen Lungentätigkeit. Werden die Fenster, wie es bei niederen Zimmern der Fall ist, nahezu bis zur Decke reichen, dann kann die schlechte Luft sich nirgends verstecken, sie wird von der eindringenden frischen vielleicht einmal an den Wänden herum und dann zum Tempel hinausgejagt. – Hohe Zimmer haben schlechte Wärme. Im Winter, der Ofen knistert schon eine Stunde lang, man hat bereits sündhaft viel Material verheizt und man friert noch immer, wenigstens an den Beinen. Wollen wir spaßeshalber nicht einmal auf den Tisch steigen oder gar auf die Zinne eines Schrankes emporklettern? Wir staunen über die Wärme, die sich angesammelt hat da oben, wo niemand wohnt! Oder wollen wir es doch am Ende so machen, wie jener Privatbeamte, der seinen Schreibtisch und Sessel auf den Kleiderkasten gestellt, damit ihm Finger und Zehen nicht erfroren? Denn die Ofenwärme ist ein hochmütiges Ding, sie mag nicht auf dem Boden kriechen, sie will oben hinaus. Und hohe Zimmer sorgen dafür, daß die schönste kostbare Wärme dorthin kommt, wo man sie nicht braucht. Soll ich mir nicht ein Privilegium geben lassen auf meine Erfindung ausziehbarer Betten? – Endlich geben schmale hohe Zimmer schlechtes Licht. Die Fenster haben zwar ihr richtiges Verhältnis, schon der Außenseite wegen, der so viel geopfert wird, daher langen sie nicht so hoch hinauf, als es im Innern nötig wäre, der obere Raum bleibt dunkel, und die Zimmerdecke, die bei nicht zu hohen Zimmern beleuchtet wird, und das Licht in alle Winkel milde zerstreut, sie bleibt hier in Halbdämmerung. Ebenso kann auch die Tischlampe nicht in die dunkle Höhe dringen, die Stimmung bleibt düster und ungemütlich. Wie heimlich ist's dagegen in jenen elf Fuß hohen Zimmern älterer Häuser! Bei der Ängstlichkeit, mit der heute in neuen Häusern Raum gespart wird, fällt diese Raumverschwendung übermäßig hoher Zimmer besonders auf. Bauet die Zimmer niedriger und weiter, und ihr gewinnt bei der gleichen Haushöhe ein neues Stockwerk – damit ist die Raumfrage praktisch gelöst. – Aber halt vornehm sind hohe Zimmer. Schloßartig! Großartig! Daß die wirklichen Schloßräume nicht bloß hoch, sondern auch entsprechend weit sind, bleibt unbedacht. Wenn es wahr ist, daß die Wohnung eines Menschen der Ausdruck seiner Seele ist – na! dann hätten wir jetzt lauter hohe Seelen, dann freilich muß man kaminartige Räume bauen, die hohen Seelen könnten sonst, wenn sie sich einmal aufrichten, die Zimmerdecke durchstoßen. Lustig ist es, wenn mein Bergschuster, der in die Stadt kommt, von kropfigen und zopfigen Häusern spricht. Die Kuppeln, die für nichts sind, nennt er Kröpfe, die Türmchen, die weder Glocke noch Stiege haben, nennt er Zöpfe. Und was sie an die Außenseite der Häuser für Zeug kleben – heute »Marmor«, morgen Dreck. Ein Glück, wenn die herabfallenden Trümmer keinen Architekten erschlagen. Dann erst so eine moderne Villa! Reizend! Lauter Ecken, Giebel, Türmchen und Veranden! Alles, nur kein wohnliches Zimmer. Und war doch irgendwo ein geräumiges Zimmer unvermeidlich, so ist das der »Salon«, in dem nicht gewohnt, nicht gespeist, nicht geschlafen werden darf – der höheren Zwecken dient. Er hat den Besuchern zu zeigen, »daß mer auch nobel san!« In der Bauernschaft ist die Einrichtung aus den Sitten und Bedürfnissen hervorgegangen. Der städtische Emporkömmling hat nichts Hergebrachtes, also eigentlich keinen natürlichen Maßstab, er fängt ganz neu an und seine Penaten sind Flunk und Flitter. Für das Tüchtige und Behagliche fehlt ihm der Sinn. Sein Bett ist zierlich geschnitzt, aber zu kurz, das Nachtkästchen ist fein poliert, aber zu schmal, das Waschbecken ist aus Nuß, aber zu hoch, die Gefäße sind aus chinesischem Porzellan, aber zu eng. Der Chiffonier (das deutsche Wort Kasten hält er nicht aus, ohne zu ächzen) hat hübsche Säulchen, Ornamente, geschnitzte Tigerköpfe und reichgegliedertes Gesimse, aber er hat zu wenig Raum für Kleider. Vor dem Bette – ich spreche von einem gewöhnlichen Bürgershause – liegt ein kleines, dünnes Gewebestück, hingegen unter den Tischen, Sesseln, wo nur der beschuhte Fuß hintritt, sind große weiche Teppiche. Der Toilettespiegel steht gewöhnlich so dem Fenster gegenüber, daß das Gesicht des Hineinschauers im Schatten ist. Die Bilder hängen zu hoch, die beglasten so, daß sich in ihnen die Fenster spiegeln. Der Schreibtisch ist häufig so gestellt, daß das Fensterlicht von der verkehrten Seite kommt; die Leuchter und Lampen so hoch, daß der Schreibende oder Lesende zu wenig Licht erhält. Die lichten freundlichen Fenster werden mit Vorliebe durch schwere Vorhänge verdüstert. Wenn ich sage, daß man trotzdem in einem geschlossenen Chiffonier Reclams Universalbibliothek lesen kann, so ist das Übertreibung; für größeren Druck aber fällt genug Licht durch die Fugen eines modernen »Kastens«. Das »Meubelmang« braucht ja bloß ein Jahrzehnt zu halten, dann kommt wieder neue Mode – Renaissance, oder Barock, oder Japan, oder Empire, oder Secession, oder was anderes. Und wer antike Möbel haben will, der bestellt sie mit oder ohne Agenten bei der Firma, wo sie gemacht werden. Und noch nicht genug mit den Treppen draußen, wollen die Leute auch in ihrem Zimmer Stiegen steigen – zwei, drei Stufen hinauf in die Kanzel, in den Spielleuteraum, oder wie das eingeplankte Podium heißt, das die Einheit und Bequemlichkeit des Zimmers zerstört, hingegen aber den Vorteil hat – modern zu sein. Ferner muß so ein nobles Zimmer recht vollgeräumt sein, daß man bei jeder Bewegung an irgend etwas stößt und ja nicht einen Augenblick vergißt, wie viele schöne Sachen in diesem Hause sind. Auf Tischen, Tischchen, Kästen und Stellen stehen Vasen, Figuren, Bildständerchen ohne Persönlichkeiten, Briefbeschwerer ohne Briefe, Lampen, die nicht angezündet werden können, Krüge, die nichts enthalten, und allerlei sonstige »Nippes«, die man zu nichts brauchen kann, die überall nur an der Arbeit hindern, so daß man in einem Kramladen zu sein glaubt, aber nicht in einem Heim, in dem schließlich doch auch etwas Raum für den Bewohner übrig bleiben soll. Zum mindesten sind derlei oft dazu noch recht geschmacklose Sächelchen eine Tagesschererei, die keinen anderen Zweck hat, als der Eitelkeit zu schmeicheln, Unbequemlichkeit zu verursachen und recht oft auch durch unausbleibliches Beschädigtwerden Ärger bereiten. Die wahre Vornehmheit liegt stets in der Einfachheit; alles, was an Überladung und Aufhäufung gemahnt, zeigt von Krämergeist. Schön und heimlich ist es ja, wenn das Zimmer Sachen hat, die zur Persönlichkeit des Bewohners in besonderer gemütsinniger Beziehung stehen, aber schon der züchtige Sinn verlangt es, daß solche Dinge nicht immer ausgekramt bleiben, abgesehen von der Arbeit, die jeden Tag nötig ist, um sie in Stand zu halten. Ich denke, nun wäre es genug. Allerdings gäbe es auch noch andere Wohnungsünden; wollen einstweilen erwägen, ob nicht diese etwa zum allgemeinen Besten abgeschafft werden könnten. Eine ganz müßige Plauderei möchte ich nicht gerne gehalten haben. Aus der Betrachtung, wie unser Wohnhaus nicht ist, ersehen wir klar, wie es sein soll. Kleidersünden. »Es wird nicht anders gehen«, sagte mir eines Tages eine alte Freundin, »Sie werden sich doch noch einen Frack kaufen müssen! Die gesellschaftliche Stellung bringt es mit sich, Einladungen zu Festlichkeiten annehmen zu müssen, mit hohen Persönlichkeiten zusammenzukommen – es läßt sich einmal nicht vermeiden, Sie sagen es ja selbst. Da heißt es nun, den Herkömmlichkeiten sich zu fügen. Sie wollen ja nicht auffallen, nichts Besonderes für sich haben, gut. So erregen Sie nicht die Meinung, als beanspruchten Sie für sich eine Ausnahmsstellung, ein Vorrecht, wie es nicht einmal Ministern und Fürsten zukommt. Wer in der Gesellschaft leben will, muß sich zur Gesellschaft bekennen.« »Mit schwerem Geschütz setzen Sie mir zu, geehrte Frau«, entgegnete ich. »Wenn sich's nur um den Frack handelte, es wäre kindisch, seinen Kopf auf ein Gewandstück zu stoßen. Doch sagen Sie – wäre mit Frack, Zylinder und Glacéhandschuhen der Gesellschaft Genüge getan? Nein. Daß auch die Seele in Frack und Glacéhandschuhen erscheinen muß, ist das schlimmste. Wer eine befrackte und bezylinderte Seele hat, der mag auch seinen Körper danach kleiden, das wird ganz natürlich und redlich sein. Einer Frackseele würde ich es nie verzeihen, wenn sie in Lodenrock und Kniehosen unter die Bauern ginge. Wie tatsächlich unser Salontiroler so ziemlich das Abgeschmackteste ist, was die Sucht, sich zu verstellen, gezeitigt hat. Und ebenso läppisch wäre ein Bauer in Frack und Zylinder.« »Aber,« wandte die Dame ein, »Sie sind doch kein Bauer. Sie sind Dichter, haben es mit dem Menschen zu tun, wo er sich findet – auch im Salon.« »Wer Menschen sucht, geht nicht in den Salon, meine verehrte Freundin. Es gibt ja auch im Salon Menschen, gewiß, aber dort verkleiden sie sich, verstellen sich, und man sieht ihnen noch schwerer auf den Grund als sonst. Nein, ich suche keine schablonierten Seelen, und lasse die meine nicht uniformieren.« »Ist nicht ein wenig Selbstverleugnung manchmal gut?« fragte meine Freundin. »Ist ein zuvorkommendes Benehmen nicht liebenswürdig? Sind Höflichkeit, Artigkeit nicht schöne Tugenden?« »Aber selbstverständlich. Das heißt, wenn sie wahr sind, wenn sie nicht über das Gegenteil im Innern hinwegtäuschen wollen. Ich behaupte, daß der wirkliche Mensch, der eigentliche, wahre, kein Salonmensch ist. Man braucht ihn, auch den scheinbar feinsten, nur zu beobachten, wenn die Maske fällt – zu Hause bei sich selber. – Ich sage nicht, daß die Salonkomödie etwas gerade Verächtliches sei; sie ist ein notwendiges Ding, wenn die Leute miteinander auskommen wollen. Wer jedoch auf dieses notwendige Übel nicht angewiesen ist, der danke Gott und bleibe bei sich selber. Er bleibe in Kreisen, wo man sich nach außen so geben kann, wie man im Innern ist.« »Aber«, sprach die Dame, »den Naturmenschen kann man in der Gesellschaft ja überhaupt nicht brauchen. Er muß erst gebändigt werden.« »Verehrteste, hier handelt es sich ja bloß um einen Poeten. Und diese Geschöpfe sind gemeiniglich ja keine solchen Ungeheuer, daß sie durch Ketten, und wären es auch nur Etiketten, gefesselt werden müßten. Diese Herren mögen ihre Wunderlichkeiten haben. Sie mögen sich manchmal lächerlich machen mit ihrem naiven Freimut, mit ihrem schrecklich ernst gemeinten Pathos in Dingen, deren Ernst in jedem Salon, wo flüchtige Schöngeisterei und faunischer Flirt die Pfeifen blasen, mit Recht verpönt ist. In den Salon gehört nur der Satiriker – der kommt natürlich auch im Frack, ein Zeichen, daß seine Artigkeit zwei Schwänze hat, wie der Frack, und daß sein Herz schwarz ist wie der Frack. – Ich möchte nur eins wissen, gnädige Frau, nämlich, weshalb bei frohen Festlichkeiten nur die Männer schwarz sein müssen? Warum nicht auch die heiteren Frauen und die lustigen Fräulein? Und wenn schwarz so fein und festlich ist, warum sind im Salon nicht die Fauteuils und Kanapees, nicht die Teppiche und die Gardinen schwarz, warum nicht die Tischtücher und Servietten? Warum muß alles licht und bunt schillern, und nur die Männer erscheinen im Kleide des Hotelkellners oder des Leichendieners? Erklären Sie mir doch diesen Zwiespalt der Natur?« »Mein Gott!« sagte die Dame. »Es gibt vieles in der Welt, was man sich nicht erklären kann. Es ist einmal Sitte, und die kann man nicht ändern.« »Warum nicht? Man ändert sie schon, wenn man sie bloß nicht befolgt.« »Wer sich darüber hinaussetzt, ist ein Sonderling.« »Nur der erste, verehrte Frau. Der zweite schon nicht mehr. Und setzen sich erst ein paar Dutzend der Bemerkbaren über die alte Mode hinaus und treiben es anders, so ist die neue Mode gesichert. Nichts leichter als alte Sitten abzubringen. Der Frack soll aus Frankreich gekommen sein; wenn dort jetzt der Präsident die Salons im geschlossenen Rock besucht, so braucht das nur bekannt zu werden, und wir alle machen es dem Präsidenten nach.« »Wie ich Sie kenne«, sagte nun die Dame nicht ohne Bosheit, »werden Sie dann den Frack anziehen.« »Nein. Ich bleibe stets in meinem Berufskleid, in welchem auch der Staatsbeamte, der Priester, der Offizier den Salon betritt.« »Ihr Berufskleid? Und welches ist das, wenn man fragen darf?« »Wenn wir, meine Gnädigste, über den Beruf des Dichters klar sind, dann werden wir uns leicht verstehen. Ich meine, der Beruf des Poeten besteht darin, stets den inneren Menschen zu bekennen und Vorbilder des Wahren und Schönen zu geben. Sein Berufskleid sei also dem inneren Menschen angepaßt, es sei wahr, es verhülle den Charakter nicht, es sei dem Schönheitssinn entsprechend.« Nun lächelte die Dame, und das war mir unheimlich; denn solches ist mir immer ein Zeichen, daß die Masche zugezogen wird, in der man zappelt. Und sie zog zu. »Das Adamskostüm«, sagte sie freundlich, »würde allen Ihren Ansprüchen gerecht werden.« »Vielleicht!« versetzte ich rasch, denn jetzt galt es, dreist zu sein. »Die Naturvölker sind schön, gesund und mindestens so keusch als wir. Wohin das Dekorum führt, das sehen wir ja.« »Wir hätten dann«, setzte sie gelassen bei, »bloß noch die menschliche Sprache abzubringen, die ja doch nur darum erfunden worden sein soll, die Gedanken zu verbergen.« »Im Salon gewiß. Sagen Sie dort, was Sie denken, und Sie sind unmöglich.« »Sagen Sie auf der Gasse, was Sie denken, und Sie werden eingesperrt – in den Kerker oder ins Irrenhaus. Sie preisen über alles den Freimut. Haben Sie schon bedacht, daß die letzte Konsequenz des Freimutes die Kainstat ist? Den unbequemen Nächsten schlägt man tot, das ist Freimut der Tat. Ja, lieber Freund, die Etikette aufheben, heißt die menschliche Kultur aufheben.« Ich erschrak wirklich. »Und glauben Sie denn«, fuhr meine schreckliche Freundin fort, »wenn Sie im groben Schafwollenkleide oder in einem Mantel aus Kameelhaar im Salon erscheinen, daß mit solchem Äußeren dann Ihr Inneres übereinstimmt?« Das war zu viel. »Madame, Sie sind grausam – trotzdem wir im Salon sitzen. – Der Herzog von Meiningen hat mich eines Tages auf sein Schloß laden lassen. Ich mußte danken, ›ich hätte keinen Frack‹. Darauf ließ er mir sagen: den Mann hätte er eingeladen und nicht den Frack. – Das war menschlich. Sie sind es nicht, meine harte Freundin, Sie schreiben mir meine Haut vor. Gut, ich werde mir meinen deutschen Rock zustutzen lassen und meinen Willen. Ich werde unter den hohlen Zylinder einen hohlen Kopf stecken – um endlich einmal salonfähig zu sein.« So geht's, wenn im Zwiegespräch eins das andere in die äußersten Winkel jagt zu den Paradoxen. Allerhand Geistreiches sagten wir und allerhand Einfältiges. Aber das Wahre sagten wir nicht. Warum fiel es uns nicht ein, zu erinnern, daß die Uniform wie die Nacktheit nichtssagend ist? Daß der innere Mensch nur dann im Gewande zum Ausdruck kommt, wenn er sich ganz in seinem Sinn und Geschmack kleiden darf? Und dann wird die Welt aussehen wie manche Stadt am letzten Karnevalstag – voll bunter Narren. Oder wird der seltene Mensch, der schlichte, bescheidene, der in keiner Weise auffallen will, dem es widerstrebt, sein Inneres zur Schau zu tragen, nicht am Ende sich genau so kleiden wie die Menge? Vielleicht. Doch Wohlgefallen wird er nicht empfinden in dieser uniformierten Menge, und am liebsten wird er das Kleid wählen, das ihn unsichtbar macht – die Einsamkeit. Menschen, die den köstlichen Wert des Daseins darin finden, sich ganz nach ihrer Art persönlich auszuleben, sei es in ihrem Können, in ihren Absonderlichkeiten; Menschen, die ihr Weltgesetz in sich tragen und eine Einheit für sich sind – solche werden im Herdenstalle sich stets unbehaglich fühlen, selbst wenn die Schafe noch so witzig meckern. Nicht, daß sie ungebunden nur eigner Willkür frönen wollten, nein, sie geben sich selber weit strengere Gesetze und haben für die wahre Menschengemeinschaft ein weit größeres Herz als die dort in starren Formen Befangenen. Es tut ihnen nur um jede Stunde leid, die sie nicht ganz ungeschminkter Mensch sein dürfen. Freilich, mit der Einsamkeit ist es auch so eine Sache – in ihr gedeiht kein ganzer Mensch. Aber wer aus ihr durch die Welt wieder zu ihr zurückkehrt, der bringt nicht bloß einen ganzen Menschen mit, sondern vielleicht die Menschheit. Er steht aller Menge souverän gegenüber. Er kennt sie, kennt den einzelnen in ihr und weiß schließlich auch, daß unter manchem Salonrock ein großes, heißes Herz gefangen sitzt, das gern erlöst wäre und nicht weiß, wie es das anfangen soll. – Oft habe ich auch gedacht, wie sonderbar das ist, das die meisten Leute in Gesellschaft ganz andere sind als allein oder einem gegenüber. Mancher, der vor dir allein offen, treuherzig, wahr und brüderlich steht, ist – wenn du ihn in Gesellschaft siehst – nicht wieder zu erkennen. Da tut er mit, verrät dich, verrät sich und ist der Gesellschaft zuliebe ein Gesinnungslump. Denke nach, Leser, ob du mit Bekannten und Freunden nicht schon dieselbe Erfahrung gemacht hast. Ein steirischer Bauerndichter sagt etwas derb: »Oaner is a Mensch, mehra sein's Leut', viel sein's scha Viecher.« Im Salon dürfte man's nicht so sagen, dafür ist es zu wahr. Die Sache der Deutschen ist es ja auch gar nicht, sich in Uniform stecken zu lassen. Der Deutsche ist nicht Herdenmensch, sondern Herrenmensch. Er macht nicht gern gemeinsame Sache mit andern. Er siedelt sich seit jeher nicht in geschlossenen Dörfern an wie andere Völker, sondern in Einzelhöfen mit scharf umgrenztem Eigen. Der Deutsche baut nicht große Städte, und wo in deutschen Landen solche entstehen, spielen fremde Völkerschaften mit. Der Deutsche bildet nicht gern ein großes, gemeinsames Reich, sondern gefällt sich – o ja, auch heute noch! – in Kleinstaaten, in denen sich die Sonderheiten der einzelnen Stämme besser entwickeln können. Damit hängt nun wohl auch das deutsche Dienstbotenelend zusammen – niemand will dienen, jeder sein eigner Herr sein. Die deutsche Uneinigkeit ist eine nationale Eigenschaft und entspringt dem persönlichen Freiheitssinn. Schlage in einer Herdennation dem Führer den Kopf ab, und sie ist kopflos. Schlage einem deutschen Herzog den Kopf ab, und es wachsen im Gefolge sofort sieben Köpfe nach. Dieses Volk der starken Persönlichkeiten paßt nirgends weniger hin als in den herdenzüchtenden Salon und trägt kein ungeeigneteres Kleid als den Frack. Wenn man heute klagt, daß die Zahl der Charaktere schwindet, daß es keine Kinder und keine Männer mehr gibt – so denke man doch an das Bestreben, alles zu uniformieren, alles auf ein gewisses gleiches Durchschnittsmaß zuzustutzen, von der Schulbank aus alles – salonfähig zu machen. Nur ganz wenige Leute gibt es noch, die eine wahre geistige Kultur in der Ausbildung der Persönlichkeit erblicken – von Amts wegen Pädagogen zu werden, haben solche keine Aussicht. Es gehört meiner Meinung nach gerade zum Sittengesetz: jeder sollte – ohne verspottet zu werden – innerhalb des Gesetzes sich nach seiner Eigenart ausleben dürfen; keiner sollte genötigt sein, die oft so nichtigen und sinnlosen Herkömmlichkeiten einer Gesellschaftsklasse, in der er leben muß, mitzumachen. Nicht als Marionetten, als Menschen wollen wir zusammen kommen. Wer zu Frack und Seidenkübel eine besondere Zuneigung hat, gut, der wird in diese Bekleidung auch hineinpassen; wem ein bequemer und flotter geschnittenes farbiges Gewand schöner dünkt, der soll die Freiheit, die wir meinen, doch in Gottesnamen ausüben und sich einen Rock anschaffen dürfen, der ihm gefällt – Hauptsache ist, daß er ihn beim Schneider nicht schuldig bleibt. Was machst du doch zu diesen Kleinigkeiten für einen Salat! ruft man mir vielleicht zu. Ich denke, in Kleinigkeiten sich frei zu machen, sei keine schlechte Übung für Leute, die allmählich zur großen Freiheit gelangen wollen. »Jeweilig, meine gnädige Frau, füge ich mich den Salonsitten nur, soweit es mir gefällt. Sollten Sie mich aber richtig einmal in Frack und Zylinder einhertraben sehen, so denken Sie bloß: Der Alte ist bei Humor!« Stadtleutsitten. Sie meinen, alter Freund, ich könnte es wissen, was der Alpenbauer sich von den Stadtleuten denkt. Bigott, das weiß ich in der Tat. Ist Ihnen ernstlich darum zu tun? Gut, ich will es Ihnen sagen, will aber nichts gesagt haben. Doch kaum von jenen Bauern will ich sprechen, die schon mit Städtern Bekanntschaft gemacht haben, deren Urteil ist nicht mehr unbefangen, solche halten die Stadtbewohner wie andere auch sind, haben über sie teilweise sogar die richtige Meinung – und die interessiert uns diesmal weniger. Ja, Steinhaufen-Höhlengenosse, wenn wir Stadtleute so wären, wie das Gebirgsbäuerlein im hinteren Eisluckengraben uns sich noch vor kurzem vorgestellt hat, wir könnten mit aufrichtigem Respekt voreinander die Zylinder ziehen – mit unaufrichtigem tun wir's auch so. Der dumme Bauer glaubte nämlich, die vornehmen und gebildeten Stadtherrschaften wären um ein paar Grade vollkommenere Menschen, als es deren im Eisluckengraben gibt. Und sie täten in ihrer güldenen Stadt ungefähr das, was er tun will, wenn er einmal im Himmel ist. Nur das Studieren und Bücherlesen und allerhand verdächtige Bogen vollschreiben, das nahm er aus, das wollte er nicht tun, einstmals da oben, wenn's Gott gibt. Aber man ist halt in der Stadt einmal so eingerichtet und sie lassen sich ja gut zahlen dafür. – Aufs Geld geht jeder Stadtmensch, umsonst, oder für ein Büschel Hafer tut keiner was. Sogar der Herr Pfarrer und der Herr Lehrer und der Herr Bader in Jörgendorf haben diesen Brauch mitgebracht. – Die übrige Zeit lassen sie sich gut geschehen da drinnen z' Graz oder z' Wien. Und denke dir, da hat einer, der einmal eine Weile in der Stadt gewesen, die folgende Beschreibung vollzogen, nach welcher unser Bäuerlein sich eines andern belehren kann. Heißt es: »Auf dem Heu können sie nicht liegen, weil sie keines haben sollen. Die dürren Heublumen kaufen sie ums teure Geld und nennen sie russischen Tee. Dort trinken nicht die Kranken Tee, sondern die Gesunden, und zwar mit viel Zucker, so lang, bis sie krank werden. Sind sie krank, dann trinken sie ihn ohne Zucker. Viele legen sich, wenn sie krank werden, nicht ins Bett, sondern gehen weit fort in die Fremde, was man Bad heißt, und baden so lang, bis sie tot sind. Also, daß ich wieder aufs Heu komme – auf dem liegen sie nicht, sondern auf rotsamtenen Polstern; aber wenn sie sich fest draufwerfen, so kracht das Zeug und bricht durch. Überhaupt, in den schönen Stadtherrenzimmern soll alles krachen, weil die Tischler nicht erwarten können, bis das Holz tot ist. Wenn der Mensch nur ein paar Tage auf der Bahre liegt, denken sie, so wird's beim Brett mit ein paar Monaten Abliegen genug sein. Unser Zimmermann im Eisluckengraben läßt die Laden sieben Jahre lang liegen, ehe er die Kästen macht – nachher stehen sie zweihundert Jahre lang und mucksen sich nicht. In der Stadt wäre das unnütz; dort steht kein Haus mehr zweihundert Jahre lang, weshalb erst ein Kasten? Die Stadtherrschaften sind so, daß sie derlei Zimmereinrichtungen auch nicht lange mögen. Alle zehn Jahre eine andere Mode, ein anderer Kasten. Die Häuser wechseln sie auch so, alle paar Jahre ein anderes, und aufgestapelt übereinander, wie beim Kaufmann die Kisten. Aber ein schönes Gewand haben sie. Die feinsten Herren kohlschwarz und schneeweiß; am Hintern Schwalbenschwänze, auf dem Kopf eine Butten aus Packpapier, mit schwarzem Seidenhaar überzogen. Die Frauen scheckig wie das Prozessionsfigürl am Fronleichnamstag. Bei Festlichkeiten, wo recht viele Leute zusammenkommen, decken die Weibsbilder ihre Finger ein, und den Arm bis ganz hinauf lassen sie nackend. Andere Sachen lassen sie auch noch nackend. In den Gassen und Straßen haben sie an Pfähle große Stalllaternen gebunden und wenn die Sonne untergeht, hebt erst recht der Tag an. Nachher laufen sie in einen Stall zusammen, aber es ist keiner, sie heißen's Theaterhaus, setzen sich hin, eins ans andere, stockfremde Leute zusammen – denn in der Stadt kennen einander gar nicht alle – und lassen sich was vormachen. Lauter so Dummheiten, manchmal so ernsthaft, daß es zum totlachen ist. Keiner glaubt's und reden dann doch den ganzen Tagen mit einer Wichtigkeit davon, als wäre alles wirklich wahr. Und das Gute ist: wenn ihrer mehrere so zusammen kommen und ihnen der Gedanken still steht, so reden sie vom Theater. Strohdreschen tun sie nicht, weil sie keins haben. Später in der Nacht gehen sie ins Kaffeehaus. Da wird Tag und Nacht Kaffee getrunken, aber nicht, als ob lauter alte Weiber herumhocken täten mit ihren Töpfeln. Fast lauter Mannsbilder, und damit sie die nötige Bewegung dazu machen, hüpfen sie um einen flachen, grünen Trog herum und tun Kugeln stoßen. Um die Zeit, wenn der Morgenstern aufsteigt, gehen sie heim, schlafen; vorher werden die Vorhänge niedergezogen, damit der helle Sonnenschein nicht stört. So um zwölf Uhr mittags denken sie dann ans Frühstück. Die körperliche Arbeit fürchten sie, wie den Hexenschuß; damit ihnen aber die Knochen nicht verschimmeln, tun sie turnen, schwimmen, kraxeln und lauter so Bubensachen; das entehrt nicht, die körperliche Arbeit aber tät entehren. Mit der Ehre haben sie ihr wahres Kreuz, die Stadtherrschaften, die ist bei ihnen ein gar krepierlich Ding; ein schiefer Blick, ein krummes Wort – und hin ist sie, mausetot, und müssen ein paar zueinander fechten gehen, um doch wieder ein bissel Ehre zusammenzubringen. Die Stadtherrschaften haben zumeist lange Beine, sie brauchen dieselben vor allem zum Sitzen, um den Rumpf in den Polsterstuhl zu spreizen, dann aber auch, um schöne Lackstiefel dranzustreifen. Zu Fuß gehen sie nicht gern, sie haben dazu nicht Zeit; die Stadtleut haben für nichts Zeit. Da gibt es Kobelwägen, in die sich jeder hineinsetzen und abfahren kann. Beim Aussteigen muß er so viel Geld hergeben, als vorgeschrieben steht, und wenn er das tut, ist's in Wien immer zu wenig. Auf Straßen und Plätzen sind gläserne Stuben hergerichtet, da kann man sich auch hineinsetzen und wird mit Rössern fortgezogen. Es gibt auch solche Stuben, die ganz allein gehen, ohne Rösser. Das nennen sie elektrisch und wissen nicht, wieso. Namen haben die Stadtleut für alles und meinen, damit wüßten sie's schon. Zuwegbringen sie in manchen Sachen wohl viel mehr als unsereiner, und wegen der Landwirtschaft haben sie alles in ihren Bücheln, was wir im Kopf und in den Händen haben müssen. Einmal hat mich einer gefragt, ob ich den studierten Herren ihren großen Kopf sehen wolle. Und hat mich in ein kirchenbreites und turmhohes Haus geführt – lauter Bücher. Das ist den Gelehrten ihr Kopf, sie haben ihn gemeinsam. In ihren gewöhnlichen Köpfeln, die nicht größer sind, wie die unserigen, hat gerade so viel Gescheitheit Platz, daß sie sich im gemeinsamen Kopf auskennen. Alle Tage ein- oder zweimal kommt die neue Zeitung, die von der ersten bis zur letzten Seite gerüttelt voll Druck ist, und in der nichts drinnen steht. Das ist, unter wenigen Ausnahmen, schon seit undenklichen Jahren so, aber der Stadtherr glaubt's nicht und hat keine Ruh' und Rast, bis er noch vor dem Frühstück seine Zeitung durchgeschaut und gesehen hat, daß wirklich nichts drinnen steht. Wenn aber einmal, dann ist's zumeist ein Schrecken oder ein Ärger oder ein anderer Jammer, und jetzt steht was drinnen, jetzt kommt der Zeitungkäufer auf seine Kosten. In der Stadt gibt's auch viele Kirchen, die sind aber nur für die gemeinen Leute. Der richtige Stadtherr geht nicht hinein. Der geht in einen großen Saal, wo Musik getrieben wird, oder andere Kurzweil; oder er geht in ein großes Wirtshaus. Dort steigt einer hinauf und hält eine Predigt über dies und das; gefällt sie, so schreien sie: Bravo! Gefällt sie nicht, so schreien sie: Pfui! Können tun die Stadtleute alles, was sie wollen. In der Wienerstadt habe ich eine Kinderbrutanstalt gesehen. Da werden kleine, unausgebackene Kinder fertig gemacht. Ist aber nur eine Halbheit. Die bisherige Einrichtung wird fallen und auch bei den Menschen das Eierlegsystem eingerichtet werden müssen. Das wird aber noch lange nicht werden, denn die Sache muß in den Reichsrat. – – Das, meine Steinhaufen-Höhlenmitbewohner, ist nur ein kleiner Teil der infamen Frotzlerei, die ich in einer Hütte des Eisluckengrabens aufgefunden habe, und aus der die dortigen Bewohner ihre Weisheit über uns Stadtleute bilden. Dann ist es kein Wunder, daß die Bauern dort oben denken, wir – die vornehmen, gebildeten Stadtherrschaften wären – ich will nicht sagen, was. Testamentmachen. Lieber Leser! Bist du reich oder arm, einen Kasten besitzest du jedenfalls. In diesem Kasten birgst du vielleicht den Kern deiner Habe und in diesen Kasten läßt du ein unberufenes Auge so leicht nicht blicken. Nun bedenke es. Das erste, wenn du eines Tages gestorben bist, wird sein, daß Leute kommen und diesen Kasten öffnen. Du bist noch nicht kalt, und schon strecken sie die Hand aus nach deiner Hinterlassenschaft. Es mag wohl sein, daß deine hinterbliebene Familie ein anderes Anliegen hat, als jenes, dein Geld und Gut unter sich zu teilen, daß sie von solchem brutalen Angriffe auf dein bisheriges Eigentum nichts wissen will, wenigstens am ersten Tage nicht. Aber die Deinigen müssen! Sie müssen hastig deine Kasten und Laden durchkramen, um deinen letzten Willen zu suchen, um zu wissen, wie du dein Leichenbegängnis wünschest, was du sonst zu sagen hast, denn nie ist das Verlangen nach einem Worte von dir so groß, als zur Stunde, da du den Mund für immer geschlossen hast. Außerdem ist auch das Gericht da. Das Gericht muß feststellen, was vorhanden ist, muß im Namen des Staates die Hinterlassenschaft sichten, die Erbangelegenheiten nach dem Gesetze einleiten und für etwaige minderjährige Erben die Vormundschaft antreten. Man sucht nun nach einem Testamente, die Hinterbliebenen aufgeregt, weinend, der Gerichtsbeamte kaltblütig und gelassen. Und ein Testament ist nicht zu finden. Sind die Verhältnisse sehr einfach und geregelt, so wird der Mangel eines Testamentes unschwer verwunden und die Dinge nehmen den Verlauf des Herkömmlichen. Aber auch selbst dann noch welche Wohltat, wenn man einen Zettel findet. Da schreibt ein Arbeiter: »Von meinem Gewand soll die einfache Bestattung bezahlt werden; die silberne Uhr gehört meinem Bruder Anton. Der N.N. ist mir drei Gulden schuldig gewesen, sie gehören sein, soll einmal ein paar Vaterunser für mich beten. Sonst habe ich kein Guthaben und keine Schulden.« Ein hochehrenwertes Testament! Aber zumeist findet man keins. Es ist eine merkwürdige Schwäche der meisten Menschen, daß sie in gesundem Zustande kein Testament machen wollen. So sehr hängen sie an ihrem irdischen Gute, daß sie sich nicht einmal im Gedanken von ihm trennen mögen. Sie wissen es recht gut, daß das Testament erst nach ihrem wahrscheinlich sehr späten Tode Giltigkeit bekommt, daß sie bishin über ihr Vermögen voll und unumschränkt verfügen können, auch wenn es im Testamente mit Unterschrift, Kreuz und Siegel anderen vererbt ist; sie wissen auch, daß sie das Testament nicht aus der Hand zu geben brauchen, es jederzeit beliebig abändern oder aufheben können, kurz, sie wissen, daß das Testament sie für Lebzeiten zu nichts und gar nichts verpflichtet – und trotzdem können sie sich nicht entschließen, ein Testament zu machen. Die Freunde und Verwandten ahnen es, sehen die Unannehmlichkeiten und Zwistigkeiten und Prozesse voraus, aber sie dürfen es dem alten Manne nicht nahe legen, sonst argwöhnt er auf eigennützige Triebe und daß sie ihn schon gern beerben möchten. Da wird sich freilich wohl jeder hüten, auf die Abfassung eines letzten Willens anzuspielen. Bisweilen ist es so: der Familienvater möchte für den Fall seines Todes seinen letzten Willen äußern, aber sein Weib will davon nichts hören: Gott, nein, nur von so was nicht reden! – Es ist eine falsche Sentimentalität. Der Vater schweigt. Plötzlich ist der Tod da und mit ihm die Verwirrung. Statt des gehofften Vorhandenseins von Bargeld melden sich Gläubiger, manchmal Gläubiger, die man längst für bezahlt hielt; aber es fehlen die Quittungen. Es stimmt nicht mit gelegentlichen Äußerungen, die der nun Verstorbene getan. Verschiedene Hausgenossen und Verwandte erklären dies und das, was sonst der Verblichene besessen, als ihr Eigentum. Einer zeiht wohl gar heimlich den andern, das Testament, oder Bargeld, oder Wertpapiere unterschlagen zu haben, es fehlt jeder tatsächliche Anhaltspunkt über den Stand des Vermögens, und die Situation ist eine überaus peinliche. Ich will weitere Verwirrungen und Irrtümlichkeiten, Unrecht und Feindschaften nicht andeuten, die aus Mangel eines Testaments so oft zu entstehen pflegen. Nicht selten wird durch das Versäumnis die Harmonie der Familie zerstört und ein endloses Zerwürfnis verursacht. Und woher die lächerliche Abneigung vor dem Testamentmachen? Der Ursachen gibt es viele. Die eine, der widerliche Gedanke auf das Verzichten ist schon angedeutet worden. Eine andere Ursache ist, daß viele nicht klaren Einblick in ihre Vermögensverhältnisse haben oder nehmen wollen. Da wäre Unordnung, Zerrüttung vorhanden, sie mögen gar nicht daran rühren und lieber sich und andere in der vagen Vorstellung eines Vermögens wiegen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist. Sie vergraben wie der Vogel Strauß ihr Haupt in den Sand, wollen nichts sehen, und nach ihrem Tode sollen die Nachfolger selber schauen, wie sie in Ordnung kommen. »Nach dem Tode«, das ist ihnen überhaupt ein unfaßbarer Begriff, der sie weiter nicht kümmert. Mancher Hausvater weiß freilich wohl, wie es mit seinem Vermögen steht, will aber die Seinigen nicht aus ihren Himmeln reißen und während sie schon so viel als Bettler sind, genießen sie fröhlich das Leben und hoffen munter auf eine gute Erbschaft. Da wird so ein Mann sich freilich schwer entschließen zu einem Testament, in welchem nichts stehen könnte als: »Mein liebes Weib, meine lieben Kinder, im Namen Gottes vermache ich euch die Schulden. Sonst ist nichts vorhanden.« Mancher, der sich einer soliden Wohlhabenheit erfreut, teilt den Stand seines Vermögens eben auch nicht gerne seinen Verwandten mit, aus Furcht, durch Darlegung der guten Verhältnisse eine Erhöhung ihrer Bedürfnisse und Ansprüche zu veranlassen, da er doch wünscht, daß das Vermögen einstweilen beisammenbleiben, sich tiefer gründen und die Familie für die Zukunft sorgenlos machen soll. Für einen solchen wäre es leicht, Testament zu machen und schon gar den Seinigen für seinen Todestag wenigstens einen guten materiellen Trost zu hinterlegen. Der Mangel eines Testamentes ist sonst gewöhnlich ein Zeichen von Mißwirtschaft und Hohlheit in den Vermögensverhältnissen. Ein weiterer Grund zur Unterlassung des Testaments ist das Grauen vor dem Advokaten. Wozu soll ein fremder Mensch Einblick in meine Verhältnisse haben und sich noch dafür bezahlen lassen? Und daß es ohne Advokaten nicht immer gehen will, davon hat mancher eine leise Ahnung. Es wäre der Mühe wert, eine Sammlung anzulegen von Testamenten, die ohne Rechtsgelehrten entstanden sind und oft die tollsten Unmöglichkeiten enthalten. Von einer Giltigkeit natürlich keine Rede. Mancher enterbt sein böses Weib, sein ungeratenes Kind bei Putz und Stingel, »nicht einen Kreuzer soll's kriegen!« Und das Gesetz vom Pflichtteil wirft seinen letzten Willen über den Haufen. Ein anderer diktiert seinem »Universalerben« so viele Legate für andere vor, daß dem Universalerben nichts weiter übrig bleibt, als die Bestreitung der Kosten, der Steuern und – der Bogen des Testaments. Ein besorgter Vater setzt seinen jüngsten Sohn zum einzigen Erben des Vermögens ein, wenn der Bursche die A. heiratet. Wenn er aber die B. heiratet, dann wird er enterbt. Ein Überkluger nennt sein Testament eine »Schenkungsurkunde«, glaubt damit einer großen Erbsteuer zu entgehen und ladet den Erben eine zehnmal größere Schenkungssteuer auf. Ein Zerstreuter vermacht sein »gesamtes« Vermögen dem A., und sein Haus dem V. Ein Verschämter möchte ein außereheliches Kind bedenken, nennt aber aus Diskretion die Mutter bei einem falschen Namen, so daß der Erbe amtlich nicht auffindbar und nicht annehmbar ist. Und so fort. Allerdings könnte man im Grunde sagen: Je gerechter ein Testament ist, je überflüssiger ist es; je ungerechter, je notwendiger, daß es schwarz auf weiß steht. Wenn zum Beispiel alle Kinder eines Vaters nicht zu gleichen Teilen erben sollen, so muß ein Testament sein, ist keins, so erben alle zu gleichen Teilen. So sagt das Gesetz. Andererseits bietet gerade dieses Gesetz die Hand dazu, wenn ein oder mehrere Geschwister zu Gunsten eines Hofübernehmers, das heißt Steuerträgers, im Erbe verkürzt werden sollen. Ein Vater soll schon aus tieferen Gründen bei der Erbschaft oder sonst eines seiner Kinder weder bevorzugen noch benachteilen. Ist eins ungeraten, so ist's ohnehin gewaltig im Nachteil; man mag das Lümperl vielleicht unter Aufsicht stellen, aber man soll es nicht schädigen, denn es hat von seinem Vater ebenso viel Lebensjammer miterhalten, vielleicht mehr, als etwa das andere »brave« Kind. Manchmal ist es gerade das treueste Kind, welches enterbt oder auf den Pflichtteil gesetzt wird. Welch Leid muß es für ein solches sein, wenn es an der Bahre des Vaters erfahren muß: dich habe ich weniger geliebt als die anderen! Hat der Vater, wenn er so ein Testament hinschreibt, eine Ahnung von der Herzensroheit, die in der systematischen Übervorteilung liegt? Und können die praktischen Vorteile des begünstigten Kindes je die Bitterkeit des zurückgesetzten aufwiegen? Regelmäßig kommen die unehelichen Kinder eines Erblassers zu kurz. Auch wenn dieser ledig ist und wohlhabend, er aber versäumt hat, ein Testament zu machen, so erben andere, fernere Verwandte oder ganz fremde Leute, oder der Staat, und das leibliche Kind bekommt nichts. Übrigens, nicht so sehr wie , sondern vielmehr daß du Testament machen sollest, mein Leser, dafür sind diese Zeilen geschrieben. Wegen des Wie mußt du noch einen Sachverständigen um Rat fragen. Wenn du das Buch nun aus der Hand legst, so bleibe noch eine Weile mit dir allein und denke nach. Denke, du wärest plötzlich gestorben und deine Familie, deine Verwandten, deine Freunde stehen um dich Stummen umher, und dein Eigentum steht und liegt herum, oder ist im Kasten geborgen. Und denke nach, wie mit deinem Willen alles verteilt werden solle, daß du jedem, den du lieb hattest, ein Gutes erweisest und daß keinem ein Unrecht geschehe. Und bist du darüber klar, so setze dich hin und schreibe alles auf, wie du wünschest, daß es sei, und habe für jeden ein Gedenken. Und sei größer als sie glauben. Gedenke nicht bloß solcher, die du liebtest, die dir Gutes getan haben, die dir treu ergeben sind, gedenke auch derer, die dir ein großes Leid zugefügt haben im Leben. Verschmähe den Ruhm, unversöhnlich zu sein, laß es drauf ankommen, daß sie sagen, du hättest doch am Ende noch ein Unrecht gut machen wollen – sammle Kohlen auf das Haupt deines Feindes, und wenn es sein kann, so tue ihm in deinem letzten Willen etwas Gutes. Aber tue es demütig, daß Böswillige nicht als Hohn auslegen, was christliche Liebe ist. So wird dein letzter Wille ein großer Wille sein, ein mächtiger, schöpferischer Wille und du lebest wirkend fort übers Grab hinaus. – Das bedenke und so schreibe. – Und wenn du dabei wärmer und weicher wirst, als du selber geahnt, gleichsam, als ob es ein wirklicher Abschied wäre, so schadet dir das gar nicht. Du kannst das Papier dann, was ich rate, einem Rechtsfreund zeigen, oder kannst es ungezeigt in deinem Kasten verschließen. Du hast dein Testament gemacht und wirst deshalb nicht eine Minute früher sterben als sonst, und du bist nicht um eines Schuhnagelswert weniger Eigentümer deines Vermögens als früher. – Und wenn's doch plötzlich Ernst wird, denn wir wissen nicht die Stunde! – um wie viel leichter ist's zu scheiden mit dem Bewußtsein, die weltlichen Angelegenheiten in Ordnung gebracht zu haben. Wie mancher Sterbende öffnet noch den Mund, will sprechen, sprechen, nur noch ein einziges Wort sprechen, und kann nicht mehr – und muß seinen wichtigen Willen unausgesprochen mit ins Grab nehmen. Die wenigsten glauben in ihrer letzten Krankheit noch ans Ende, hätten wohl was zu sagen, verschieben es aber von Tag zu Tag bis zur Stunde, wo sie in der Ohnmacht und Teilnahmslosigkeit des Todes sind. Von welch selbstloser Liebe zu den Deinigen aber zeugt es, wenn nach deinem Tode freundliche Worte dartun, wie du schon in frohen Lebenstagen ihrer gedacht hast und treu für sie zu sorgen bemüht warst. O Freund, sprich zu deinem Weibe, zu deinen Kindern in jener Stunde, da sie trostlos in dein gebrochenes Auge starren und auf deine erstarrten Lippen. Sprich zu ihnen durch ein Blatt Papier, teile freundlich und gerecht die irdischen Gaben aus, deren du nicht mehr bedarfst und sage ihnen ein Wort väterlicher Ermahnung und labenden Trostes. Solch Scheidegruß schlichtet mehr, als die Leute ahnen mögen, er wird zur Seligkeit dem Sterbenden und zum Segen den Lebenden. Die testamentarische Bestimmung. Da war einmal ein Bauer, der sein Gut klug und tüchtig verwaltete und seinen Nachbarn sowie der ganzen Gemeinde viel Segen brachte. Als er in die Jahre kam, übergab er den Hof seinem heranwachsenden Sohn und sagte: »Lieber Sohn! Ich trete dir das schöne, einträgliche Gut ab, freue dich daran, schaffe und vermehre es. Du kannst es aber nur annehmen, wenn du eine testamentarische Verfügung respektieren willst, die daran geknüpft ist. Jeder Besitzer dieses Hofes muß nämlich die Hälfte des jährlichen Ertrages für Arme und gemeinnützige Zwecke verwenden. Ich habe das stets so gehalten, und wenn du es ebenfalls halten willst, so ist von jetzt ab der Hof dein.« Der Sohn übernahm dankbar das große Gut und versprach, der testamentarischen Verfügung stets strenge eingedenk zu sein. So begann er zu wirtschaften, wirtschaftete gut, mehrte das Vermögen und verwendete die Hälfte des Ertrages für die Armen, für die Schule, für wohltätige Zwecke aller Art. Als er aber reicher und immer reicher ward, wuchs auch seine Freude am Gelde, sein Hang, immer noch mehr davon zu erwerben, und er begann sich darüber zu ärgern, daß er gebunden sei, die Hälfte der Einnahmen zu verschenken. Er wollte doch einmal diese testamentarische Bestimmung sehen, die ihn dazu zwang, von wem sie wohl stammen möchte und ob sie nicht etwa so gemacht sei, daß ein geriebener Advokat sie vielleicht für null und nichtig erklären könnte. Er ging also zu seinem Vater, der im Ausgedinghäuschen mittlerweile ein gebrechlicher Greis geworden war und begehrte von ihm, jenes Testament zu sehen. »Das Testament willst du sehen?« sagte der Greis, der sterbend im Bette lag, und tastete unter sein Kopfkissen. »Jene testamentarische Bestimmung willst du kennen lernen, die dich verpflichtet, die Hälfte deiner Einnahmen herzuschenken. Das Testament habe ich hier.« Er zog unter dem Kissen ein schwarzgebundenes Buch hervor und gab es mit zitternder Hand dem Sohne. Dieser blätterte darin, um das Schriftstück zu suchen. Dieweilen schöpfte der Greis einen tiefen Seufzer und war verschieden. Als das Begräbnis angeordnet war, blätterte der Sohn wieder in dem Buch, ging dann mit demselben zu einem Nachbar und klagte ihm, daß er das Testament nicht finden könne. »Du hast es ja in der Hand!« sagte der Nachbar. Denn jenes Büchlein war » das neue Testament «. – Ob der Mann durch seinen Advokaten das »Testament« umstoßen ließ, oder ob er es eigenmächtig umgestoßen hat, kann nicht gesagt werden. Tatsache, daß trotz der christlichen Verordnung der reiche Bauer seine notleidenden Nächsten verderben läßt. Kranksein. »Gesundheit ist das beste.« Keine Phrase hört man öfter als diese und keine beweist mehr das Gemeine und Tierische der menschlichen Natur. Wenn körperliche Gesundheit, die nur meint man, wenn physisches Wohlbefinden wirklich das beste ist, dann ist es überflüssig, Mensch zu sein. Dann ist es überflüssig, ein geistiges Leben zu führen, das die Materie zu meistern sucht. Dann ist es genug, ein Wurm, ein Kaninchen, eine Forelle oder ein anderes der Tiere zu sein, die eine weit bessere Lebensgesundheit aufzuweisen haben, als der kompliziert geschaffene Mensch. Nein, in der Menschennatur gibt es ganz andere Leiden, die unvergleichlich schlimmer sind als körperliche Krankheit. Freilich sind oft auch das Krankheiten, aber geistige, z. B. Schwarzseherei, Zweifelsucht, Neid, beständiges Unbefriedigtsein, ja besonders die ewige und vergeblich nörgelnde Sucht, alles anders haben zu wollen als es ist. Als das schwerste aller Leiden dürfte wohl das Schuldbewußtsein gelten, das ist aber keine Krankheit, sondern ein Übel ganz für sich. Wenn der Philister pathetisch ausruft: »Gesundheit ist das beste«, so sagt der wahre Mensch: »Der Übel größtes ist die Schuld.« Ich habe Leute gekannt, die in einem jahrelangen Siechtum langsam dahinstarben und doch dabei ständig wohlgemut, ja heiter gewesen sind. Sie waren körperlich krank, aber frei von Schuld. Wenn nur körperlich Gesunde glücklich sein könnten, dann stünde es recht schlecht, denn vollständig gesund ist heute fast niemand mehr. Je weiter wir uns durch Ausübung des geistigen Lebens vom Tiere entfernen und dem Göttlichen nähern, je schwächer wird der Körper und je stärker der Geist. Wenn eine Krankheit unversehens in einen starken Körper einbricht, in dem der Geist noch schwach ist, dann geht das Unglück an. Obschon es Tiere gibt, die in ihrer Krankheit sich den Mitwesen entziehen und in ihrem Elende still mit sich allein fertig zu werden wissen – der materialistisch gesinnte Mensch hebt ein unendliches Jammergeschrei an, wenn er von Krankheit heimgesucht wird. Er hat alles auf seinen Körper gesetzt und verliert alles mit ihm. In meiner Jugend ist durch unsere Gegend manchmal ein alter Bettelmann gehumpelt; er war halb lahm, halb blind, hatte in den Knochen die Gicht und in der Brust den Lungendampf. Der sagte gern, wenn er bedauert wurde: »Mein, das ist noch zu ertragen, wenn man nur gesund ist!« Eines Tages warf ich in knabenhaftem Übermut einen Stein an die Wand, an welcher dieser Alte saß. »Hab' ich dich getroffen, Zenz?« fragte ich hinzulaufend. »Nein, Peterl«, sagte er freundlich, »mich hast du nit getroffen, nur ein bissel meine Achsel.« Wenn er sich meinte, so meinte er nicht seinen Leib, sondern sein Seelenleben. War der Leib leidend, so lag das Übel außerhalb seiner eigentlichen Wesenheit. Wenn die Materialisten behaupten, daß in einem kranken Leibe keine gesunde Seele, in einem schwachen Körper kein starker Geist wohnen könne, so darf man das nicht gar so ernst nehmen. Es gibt ja freilich genug Körperkrankheiten, die den Geist schon kurios beeinflussen, es gibt auch Geisterchen genug, die bei dem geringsten Unwohlbefinden kopfscheu werden und sich aufgeben. Daran ist nicht Körperkrankheit Ursache, sondern Geistesschwäche. Anderseits sehen wir in Geschichte und Leben, daß die stärksten, weltbewegendsten Geister nicht immer in den gesündesten und kräftigsten Körpern gewohnt haben und daß sehr oft die robustesten Lümmel ganz dumme oder beschränkte Leute sind. Mit solchen Tatsachen mag der kranke oder kränkliche Mensch sich trösten, wenn er des Trostes bedarf. Er mag sich auch sagen, daß Kränklichkeit durchaus nicht Ursache eines frühen Todes zu sein braucht, daß sie im Gegenteile sehr oft Ursache eines langen Lebens werden kann. Der Kränkliche pflegt mit seinen geringen Kräften vernünftig hauszuhalten. Wenn er auch nicht überängstlich sein soll in der Lebensführung, Hypochondrie schützt nicht vor Krankheit, sondern ist selbst eine und macht eine dort, wo keine ist: so wird der Kränkliche doch ein mäßiges Leben führen, verzehrende Genüsse meiden – seine Kränklichkeit ist ihm zum Lehrmeister geworden, lange zu leben. – »Was hilft mir ein langes Leben, wenn mir der Leib weh tut und ich nichts genießen kann!« ruft der Ungeduldige aus. Er ruft es nur in der ersten Zeit seiner Kränklichkeit. Wenn er nach Jahr und Tag immer noch leidend ist und immer noch das sinnliche Leben nicht voll genießen kann, dann begibt er sich sachte und entdeckt andere Genüsse und Glücksquellen, die ihn recht eigentlich beseelen und nachhaltig laben – die aber bei dem gesunden Körper unbekannt geblieben wären. Hamerling, der bewährte Dulder, hatte gerne gesagt: »Ihr gesunden Leute wisset nicht, was glücklich sein heißt. Ich weiß das. Ich fühle mich absolut glücklich in Momenten, wenn – es geschieht im Jahre doch immerhin etliche Male – der Schmerz nachläßt.« Er dachte da nur an die Daseinsfreude als solche, ohne Wunsch jedes weiteren Genusses – schmerzloses Dasein allein ist Seligkeit. Es muß einer viel gelitten haben, um diese Seligkeit zu finden. Doch die Augenblicke des schmerzlosen Daseins sind fruchtbar auch für weiteres. Der Kranke weiß es, welch erhöhtes Leben in solchen Augenblicken durch sein Herz flutet. Alle schönen Tage der Vergangenheit kommen noch einmal auf Besuch und über den Bettesrand lugt die Zukunft hoffnungsfrisch herein. Ein wahrer Gottesfriedenkreis, an dessen Rand das Leiden Wache hält, daß nichts Gemeines herbeikann. Das Gefühl der Dankbarkeit erwacht, eines der reinsten Hochgefühle harmonisch beschaffener Menschen. Doch selbst die langen Tage und Nächte mit den körperlichen Schmerzen, mit dem beständigen leiblichen Unbehagen bekommen allmählich ein trautes Angesicht, wenn Ungeduld sie nicht zur Fratze macht. Mit keiner anderen Kraft obsiegt der Mensch im Leben so gründlich, als mit der der Ergebung in unabweislichem Leide. Die Sache wird fast so, als litte der Kranke aus freier Wahl, wie zu einer scharfen Seelenkur, um sich zu reinigen und zu erhöhen. Wer sich in sein irdisches Los finden will, der hat sich mit der unabänderlichen Tatsache vertraut zu machen, daß Leid der normale Zustand des Lebens ist. Irgendwie leidet man fast immer und selbst völlig leidlose Tage werden getrübt durch die Bangigkeit, daß es so nicht lange bleiben wird, daß einem großen Wohlbehagen alsbald ein Umschlag zu umso größerem Mißbehagen zu folgen pflegt. Es ist nicht allein im Geiste Eulenspiegels, der beim harten Bergansteigen lachte und beim leichten Bergabgehen weinte, es ist in der menschlichen Natur begründet, wenn jener kränkelnde Poet sang: »Mir ist gar nicht gut, wenn mir nicht schlecht ist.« Also beständig und ruhig gefaßt sein auf das Übel und dann – das ist besonders wichtig und nicht so schwer, als es manchem scheint – am Übel stets die guten Seiten erkennen. Daß die schönsten Rosen unter Dornen wachsen, weiß jeder: warum nicht auch, daß die seligsten Augenblicke im Leide verborgen sind, daß die edelsten Taten des Menschen aus dem Leide entspringen. Kranke pflegt man oft wie Kinder zu behandeln. Sofern das Liebe und Zärtlichkeit betrifft, ist es ganz in Ordnung, der Leidende ist ja unbehilflich und ungeschickt wie ein Kind – aber nur nicht insoweit, als der Wärter, der Arzt den Kranken auch geistig wie ein Kind bevormunden wolle. Das geht manchmal, aber nicht immer an. Der Geist des Leidenden ist als höherstehend zu betrachten, er ist feiner, empfindsamer, schwungvoller und oft seherischer als der im behaglichen Leben. Das gefällt mir an den Barmherzigen Schwestern so gut, daß sie den Kranken, den sie zu pflegen haben, mit einer gewissen Ehrerbietung behandeln. Der Krankenwärter kann nicht zartfühlend genug sein, wenn er aber dem Leidenden alles ins tröstlichste Licht zu rücken weiß, an sich jede mürrische Regung, jedes Zeichen von Ungeduld zu vermeiden sucht, dann kann er ein wahrer Heiland sein. Und der Arzt – daß er sich nicht bloß um den Leib zu kümmern hat, sondern auch um den Seelenzustand des Kranken, wie er diesen erquicke und stärke, daß ist an allen Enden der Welt schon gepredigt worden. Der Arzt hat keinen stärkeren Bundesgenossen, um Krankheiten zu heilen, als eben die mutige Seele des Kranken. Ist sie nicht an sich mutig, so muß er sie mutig machen. Freilich, wenn der Arzt nach dem – gottlob schon aus der Mode kommenden – Materialistenglauben die Seele leugnet, dann haben wir am Krankenbette zwei zufällig fungierende Fleischklumpen, einen sitzenden und einen liegenden, und da kann man nichts erwarten. Zum Gesundwerden gehört einerseits der Wille zum Gesundwerden und anderseits die Ergebung, wenn es nicht gleich geschieht. Und wenn es überhaupt nicht geschieht? Wie viele Menschen gibt es, die ein halbes Leben lang kränkeln und siechen und trotzdem zufriedener und tatenreicher sind, als mancher jener modernen Denker, die das Leben als solches für eine tödliche Krankheit halten und deshalb als Schwerkranke auch nie etwas leisten zu müssen glauben. Es ist ein Aberglaube, daß man beim Kranksein nichts arbeiten könne. Wer dabei freilich nicht Holzhacken kann, der kann spinnen oder etwas lernen, kann Gedankenarbeiten machen. Irgendetwas für irgendwen Ersprießliches kann schon getan werden. Daliegen und alle Viere von sich legen, das gibt's doch nur in akuten Fällen und dauert wenige Tage. Der längere Verlauf der Krankheit, besonders wenn es eine chronische ist, muß mit einer Tätigkeit des Kranken ausgefüllt werden, oder er fault an der Seele. Es gibt Ärzte, die dem Kranken, der sich längst schon mit irgend etwas beschäftigen möchte, immer noch stumpfe Untätigkeit vorschreiben, der Körper müsse sich gründlich ausruhen und Kraft sammeln. Nun wissen wir, daß ein Mensch, der sich lange sehr gründlich ausruht, dabei immer schwächer wird und auch in geistige Trägheit versinkt. Sobald der Kranke so weit ist, daß er sich mit etwas leicht beschäftigen kann, soll er's nur tun, er wird sehen, daß man mit einem Tage angemessener Tätigkeit in der Genesung weiter kommt als mit drei Tagen strengster Ruhe. Auch große Ängstlichkeit in der Diät ist nichts wert. Wer die vom Ärzte vorgeschriebene Lebensweise gelassen einhält, der soll sich weiter nicht viel mit Vorstellungen quälen, dies und das könnte mir schaden, das hat mir geschadet! Manche Krankheit hat naturgemäß ihre für uns geheimnisvollen Rückfälle; wer sich selbst dabei immer die Schuld geben wollte, der peinigte sich ganz überflüssigerweise. Ist deshalb auch von den Wärtern gefehlt, wenn sie dem Kranken so gerne Diätfehler vorwerfen und bittere Selbstvorwürfe in ihm aufwecken. Solche Gemütsbewegungen sind oft weit schlimmer als tatsächliche Diätfehler, die eine Krankheit zumeist ja nicht erneuern, sondern nur ihren Verlauf hemmen. Viele Menschen haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ihrer Gesundheit zu leben. Nie sind so viele Gesundheitsvereine, Gesundheitsblätter und -Schriften gewesen als jetzt, nie wurde so viel von allerlei Heilverfahren gesprochen, wurden so unterschiedliche Kurmethoden angewendet als jetzt. Vor lauter Angst, krank zu werden, hat man nicht eine ganz gesunde, lebensfrohe Stunde. Vor lauter Angst, krank zu werden, kuriert man sich krank, »härtet sich ab« bis zur Erschöpfung. Gesundheits- und Diätssekten haben sich gebildet, wo es sonst Religionssekten gab. Alle Unbefangenheit für gesundes Genießen und Schaffen ist dahin. Gesundheit ist das beste! so lautet der erste Glaubensartikel solcher, die Gesundheit, wenn sie sie haben, eigentlich gar nicht anzuwenden wissen. Lebt man denn bloß, um »gesund« zu sein? Lebt man nicht vielmehr, um zu arbeiten, etwas zu leisten und sich zu erziehen? Es gibt viele Arten von Arbeit, die gesundheitsgefährlich sind, trotzdem aber verrichtet werden müssen. Der Bergknappe, der Feilhauer, der Schriftsetzer, der Arzt u.s.w. – sie wissen recht gut, daß ihr Beruf der Gesundheit nicht zuträglich ist, sie opfern ihr leibliches Wohlbefinden der Arbeit und sind's zufrieden. Und gerade zur Selbsterziehung, zur Stärkung des Willens, des Charakters, zur Ebenmäßigkeit der Weltanschauung, zur Wertschätzung des Daseins ist ein zeitweiliges Kranksein weit gedeihlicher als beständige Gesundheit, die eigentlich nur banale und selbstsüchtige Menschen macht. In der Krankheit kommt mancher zum Bewußtsein seiner selbst. Jahraus, jahrein hat er sich als der Knecht seiner Begierden, seines Geizes, seiner Ehrsucht durch die Welt gepeitscht, wähnend, daß die Güter außerhalb des Menschen lagen. Und nun auf einmal in einsamen Stunden des Leides und der Sammlung findet er sich selbst. Es ist oft gar nicht erst nötig, daß der Pfarrer mit gutem Zuspruch kommt, der Kranke hat bereits einen Blick getan ins Ewige hinein, er ahnt, woran es ist. – Salbungsvoller Zuspruch ist mit Vorsicht anzuwenden, er stößt bisweilen ab oder erinnert zu sehr an das Bekehrenwollen vor der Sterbestunde. Es handelt sich in solchem Zustande vielmehr um ein sachtes Emporheben, ein paar Stufen höher in der Lebensführung. Allgemeine Sentenzen tun's nicht. In freundlicher Rede und Gegenrede werden – wenn der Kranke selbst dazu Anstoß gibt, praktische Dinge besprochen, wird ein Lebensplan entworfen, der so ist, daß der Mensch, der sich selbst gefunden, diesen größten aller Gewinne nicht mehr so leicht verlieren kann. Wer einmal derb an die große Hinfälligkeit seines irdischen Teiles erinnert worden, der lernt auf sein geistiges Leben bauen, der lernt die Seelengüter schätzen. Die seligste Zeit ist die der Genesung. Da ist eitel Glück, voll Weichheit im Empfinden, voll Bereitwilligkeit und guter Vorsätze. Das sollte möglichst befestigt werden, denn ist die völlige Gesundheit eingekehrt, gleich ist gewöhnlich auch der alte törichte Eigennutz, die rücksichtslose Härte, das ruhelose Hasten und die Feindseligkeit wieder da. In kurzen Augenblicken erinnert sich dann mancher wehmütig an die Zeit seines Krankseins und er ahnt es, daß sie eigentlich eine Oase gewesen in der Wüste seines Erdendaseins. Aber es gibt Kranke, denen keine Genesung kommt, die es wissen, daß sie keine zu hoffen haben. Der Gesunde glaubt, diese Unglücklichen müßten trostlos in immer dunklere Freudlosigkeit, Qual und Verzweiflung sinken, bis endlich der Grabesrand über sie zusammenfällt. Ich aber habe den sanften Seelenfrieden nicht bei den Gesunden, nicht bei den Reichen, nicht bei den Hochgestellten gefunden, aber ich habe ihn oft gefunden in den armen Kammern der Siechenden. Immer ist Gott ja auch bei diesen nicht. Manchen Leidenden sucht er selten und nur auf kurze Stunden heim, zu anderen kommt er gar nicht, weil ihr Wille sich gegen ihn verschließt. Es gibt Leute, die wollen nicht getröstet, nicht versöhnt, nicht seelisch gerettet werden. Wenn sie das nicht haben können, was sie angestrebt und was doch oft über alle Maßen kläglich gewesen wäre, so weisen sie auch alles andere mit kindischem Trotze von sich. Das ist eine geistige Krankheit, die bisweilen durch eine leibliche geheilt werden kann. Längeres Kranksein ist ein allmähliches, gelassenes Vertrautwerden mit dem letzten Unvermeidlichen. Wenn der Leib an allen Ecken und Enden quält und wehe tut, welch eine Genugtuung ist der Gedanke: du altes, schlechtes, drückendes Kleid, nun werde ich dich bald ausziehen und hinwerfen können! Die Seele reckt schon sozusagen ihre ewigfrischen Glieder im Vorbehagen der Freiheit, wenn sie dieses armen Leibes los sein wird. Gott schenke uns ein starkes Herz, daß wir mit jenem Bettelmann sagen können: »Alle körperlichen Gebrechen und Leiden sind zu ertragen, wenn man nur gesund ist.« Die Angst vor dem Sterben. Wir wissen noch immer nicht genau, ob der Hinblick auf den Tod mehr beiträgt, unser Leben zu verdüstern oder zu erhellen. Vielleicht wäre das Bewußtsein, ewig auf dieser Erde, in diesem Leibe, und unter dem bekannten Einerlei fortzuleben, einfach nicht auszuhalten. Noch sicherer aber weiß die Mehrzahl der Menschen von der Qual, der Furcht vor dem Sterben, die uns so viele bange Stunden macht. Ein Rat mancher Weltweiser besteht darin, stets den Augenblick wahrzunehmen und zu genießen, ohne zu denken, was kommen kann. Dieses Eintagsfliegenprinzip will aber bei dem alles begehrenden wirklichen Herrenmenschen nicht verfangen. Es gibt viele Seelennaturen – und wahrlich nicht die wertlosesten – die nie im stande sind, den Freudenbecher des Augenblicks in vollen Zügen zu trinken, weil sie schon während des Genusses an die nahe Neige denken müssen. Es freut sie kein Glück, weil sie dessen Ende fürchten. Was nicht ewig dauert, hat für sie keinen rechten Wert. Diese Anspruchsvollen müssen von ihrer Unsterblichkeit überzeugt sein, wenn ihnen das gegenwärtige Leben von Wert sein soll. Gibt es für sie persönlich keine Zukunft, so bedeutet ihnen auch die Gegenwart nichts. Deshalb wirft so mancher aus Verzweiflung am ewigen Leben auch das zeitliche weg. Ob nun ewiges Leben oder ewiges Nichtsein, keinesfalls bleibt dem Erdensohne der Übergang geschenkt. Und dieser Übergang ist unheimlich. Man könnte sich aber doch wundern darüber, daß die Leute das Sterben nicht schon gewohnt sind. Seit Menschengedenken sterben sie, alle Zustände und Verhältnisse sind so eingerichtet, daß die Individuen einander in kurzen Zeiträumen ablösen. Mancher ist schon trostlos, wenn er sich selbst ein paar Jahre überlebt. Würde einmal eine Generation auch nur dreißig Jahre leben über das gewöhnliche Maß hinaus – es gäbe eine ungeheure Revolution. So sieht denn jeder jeden Tag die Reihen um sich sachte hinsterben, und die Totenglocken läuten nicht seltener als die Suppenglocken. Es gibt nichts Alltäglicheres, nichts Gewöhnlicheres als das Sterben. Und trotzdem ist es keiner gewohnt, weil bei jedem das erste Mal auch das letzte Mal ist. Wahrscheinlich fürchten wir das Sterben nur deshalb so arg, weil wir nicht schon wenigstens einige Male gestorben sind, oder uns nicht daran erinnern, je einmal gestorben zu sein. Man vermutet, daß das Kindergebären schmerzhafter ist, als das Sterben, und doch fällt es keinem braven Weibe ein, dem Glücke zu entsagen aus Furcht vor den Schmerzen. Aber so gewöhnlich und gleichmäßig in der Natur das Geborenwerden und Sterben vor sich geht, für den Einzelmenschen bedeuten diese Vorgänge doch alles – Sein und Nichtsein. So wie die Natur mit unendlicher Energie nur auf das Ganze bedacht und gleichgültig gegen das Einzelwesen ist, so gleichgültig ist umgekehrt das Einzelwesen gegen das Weltganze und so leidenschaftlich hält es fest an dem persönlichen Sein. Das ist der Konflikt, den es gilt zu schlichten. Warum ist hier kein Vererbungsprozeß nachzuweisen? Der Tod vererbt sich, weshalb nicht auch das ruhige Philosophenbewußtsein seiner Selbstverständlichkeit? Nach der Anpassungstheorie müßten im Lauf der Zeiten die Wesen sich gelassen anpassen dem Todesgedanken und dem Tode, so wie der Frühlingsfrohe dem Herbste, dem Winter, ja selbst dem persönlichen Alter sich wohlgemut ergibt. Ist nicht ein williges Sichfügen in die unabweisbare Verwandlung zweckmäßig? Warum geschieht es nicht, da doch nach dem Naturgesetze das Zweckmäßige sich vollzieht! – Nun, das paßt auf das Leben, aber nicht auf den Tod. Eben das Entsetzen vor dem Tode ist Vererbung, weil nur die starken, leidenschaftlichen, im Sinne dieses Lebens todhassenden Lebewesen die mächtigste Fortpflanzung besorgen. Nach grobsinnlicher Auffassung ist die Empörung gegen den Tod das Zeichen eines gesunden Lebens. Aber ich stelle die Frage, ob sich energische Lebenslust mit Furchtlosigkeit vor dem Tode denn nicht verträgt? Wer es erfahren hat, wie im Volke so viele ihr Leben lang, ob gesund oder krank, in Todesangst sind, und diese Todesfurcht sie zu keiner wahren Erdenfreude kommen läßt, der sucht nach Mitteln, um dieses Gespenst zu vertreiben. Er trachtet in den Menschen Vorstellungen zu erwecken, jene Wahrheiten zu enthüllen, in deren Lichte der Tod seine Schrecken verliert, und schließlich – bedeutungslos wird, als ob er gar nicht vorkäme. Und das wäre hier zu versuchen. Ich will nicht erst historisch werden und daran erinnern, wie die Alten den Tod in lieblichen Gestalten personifiziert haben, als schönen Genius, der die Fackel bricht, als süß schlafenden Jüngling. Für solch Symbolisches hat der moderne Mensch wenig Sinn. Er denkt nur, daß das Sterben weh tut, unfaßbar weh. Er fürchtet und fühlt den Tod wie einen Scharfrichter, der gewaltsam das Leben vernichtet. Denn die meisten Menschen sterben eines unnatürlichen Todes. Sie sterben nicht an Altersschwache, was ein Einschlafen am Abend ist. Sie sterben nicht am Ende des Lebens, sondern mitten im Leben – und das tut freilich weh. Doch nur das noch leidende Leben tut weh, nicht der nahende Tod. Viele Leute glauben, man sterbe an den Schmerzen einer Krankheit, diese Schmerzen würden so wahnsinnig groß, daß sie nicht mehr auszuhalten seien und deshalb sterbe man daran. Nun ist der Tod aber gerade das Aufhören der Schmerzen, das Ende derselben. Der heftige Schmerz ist noch Zeichen großer Lebensenergie, erst wenn die Sinne gefühllos werden und der Geist stumpf und gleichgültig geworden, kann es das Nahen des Todes bedeuten. Gegen den Schmerz, der uns so zuwider ist, gibt es gar kein besseres Mittel als den Tod. Dieser kümmert uns also nicht weiter. Man könnte, ohne paradox zu werden, in allem Ernste sagen, der Tod gehe uns Menschen eigentlich gar nichts an, lebendig nicht, weil wir sind, und tot nicht, weil wir nicht sind. Dem Tode die Schrecken hat das Mittelalter gegeben, das gegen die Menschenfreuden überhaupt erbarmungslos gewesen ist. Durch die Vorstellung eines schrecklichen Todes war auch das Leben schrecklich gemacht. Geschah das, um alle Freude ins Jenseits zu verlegen? Nein. Auf die meisten Menschen (denn der Himmel war kaum zu erringen) wartete im Jenseits die ewige Verdammnis. Im Mittelalter gab es kein Sterbebett, an dem nicht ein paar Teufel bereit standen, um die ausfahrende Seele in Empfang zu nehmen und ins ewige Feuer zu schleppen! Das Erdenleben schrecklich, das Sterben noch schrecklicher und das Jenseits am schrecklichsten. Das war das Los der Menschen im Mittelalter. In Wahrheit ist weder das Leben, noch der Tod, noch das Jenseits schrecklich gewesen. Einzig schrecklich nur war diese grausame Lehre, die eine Hölle von Angst, Jammer und Verzweiflung in das Menschenherz gesenkt hat. Diese Hölle ist noch heute nicht ganz ausgelöscht. Obschon die katholische Kirche die Himmelstür wesentlich erweitert hat, wenigstens für ihre Gläubigen, so behauptet sie doch noch immer, daß es nur für den Katholiken gut sterben sei. Wer jedoch Gelegenheit hat, Sterbende zu sehen, der merkt keinen Unterschied zwischen Angehörigen verschiedener Religionen. Vor kurzem habe ich einen Atheisten sterben gesehen, der – bis zum letzten Augenblicke bei Bewußtsein – mit Fassung und unter Zeichen der Liebe zu den Umstehenden dem Tode entgegensah. »Es ist doch angenehm, so zu sterben!« Das war sein letztes Wort. In meinem Hause habe ich ein junges Mädchen voll Frische und Lebenslust. Das hat über seinem Toilettentischchen das Bild eines lebensgroßen Totenschädels geheftet, und an der rotseidenen Halsmasche als Busennadelknopf trägt das Mädchen ein Miniaturtotenschädelchen, hohläugig ebenso munter in die Welt blickend, wie die braunen Augen der Trägerin. »Man muß auch den Totenschädel zähmen, dann beißt er nicht«, sagte sie einmal, und dieses frühe Sichvertrautmachen mit dem Unvermeidlichen nimmt dem Tode den Stachel. Eine junge Schwester dieses Mädchens hat einmal ein vollständiges Totengerippe in einem Sacke von Wien nach Graz gebracht, das sie von einem Arzte für ihren Bruder, der Medizin studierte, erhalten hatte. Die Ehrfurcht, die sie für diese Reste eines vergangenen Menschen empfand, hinderte sie durchaus nicht, unterwegs harmlos zu scherzen und zu lachen. So soll man niemals – selbst in blühender Jugend nicht – vor dem Tode die Augen abwenden, vielmehr über das Grauen, das uns anfangs bei Todeserinnerungen zu überfallen pflegt, Souveränität zu gewinnen suchen, die man auch in kürzester Zeit erlangt. Nach der Beobachtung kann man sagen, daß die Todesangst, die manchen durch das Leben verfolgt, in der Nähe des Todes abnimmt und zuletzt ganz verlischt. Menschen, die sich in plötzlicher Todesgefahr, als z.B. Sturz von einem Felsen, Wagenzusammenstoß u.s.w. befanden, haben ausgesagt, daß sie in den Augenblicken der Gefahr weniger Angst empfanden als Neugierde, wie das verlaufen werde. – Und doch diese Angst vieler Menschen vor dem Sterben! Sogar Selbstmorde werden verübt aus Furcht vor dem Sterben, allein soviel man den instinktiven Äußerungen solcher Selbstmörder entnehmen kann, ist ihr letzter Augenblick nicht so sehr erfüllt von der Angst vor dem Sterben, als von der Reue um das Leben. Sehr viele scheuen das Sterben wie ein Elementarunglück, das ihnen die Welt zerstört, das sie lostrennt von allem, was sie hier geschaffen haben, lostrennt von allem, dem sie sich angelebt und in dem sie sich verkörpert haben. Dieser Verlust wäre allerdings hart, wenn man – davon etwas wüßte. Wenn man im tiefen Grabe eingeschlossen denken könnte: Mein Haus, meine Werke, meine Fähigkeiten, mein Rang – alles ist hin und mein lieber schöner Leib muß die Speise der Würmer sein! Aber dieses Bewußtsein, das uns wahnsinnig machen könnte, das Leben wäre es wieder, und nicht der Tod. Es gibt jedoch einen Fall, wo man das Sterben mit vollstem Bewußtsein empfindet und überdauert, das Gestorbensein gleichsam weiß und fühlt. Nämlich, wenn man liebe Angehörige hinterläßt, in denen wir leben, die am Totenbette stehen und die dann verlassen sind. Das und nur das ist das bitterste Sterben, doch wieder nur bitter für die Lebenden, nicht für den Toten. Man kann das Sterben drehen und wenden wie man will – den es trifft, der ist geborgen. Alte Leute sterben leicht, ja ersehnen den Tod oft so innig, als man im Alter nur etwas ersehnen kann. »Hat mich der liebe Gott denn ganz vergessen?« hört man manche einsame Greisin seufzen. Nicht allein, weil die Menschen sich von der Neunzigjährigen wenden, fühlt sie sich verlassen, sondern vielmehr, weil der Tod immer noch nicht kommen will. Es ist ihr, als sinke sie langsam und ewig in eine Tiefe hinab und niemand erlöse sie vor sich selbst. Das ist unheimlich, in ein solches Menschenwesen muß man sich hineindenken, um so recht inne zu werden, wie sehr wir Gott danken müssen dafür, daß wir hier sterben dürfen! Aber gerade das erweckt bei den meisten den größten Abscheu vor dem Sterben: daß es tot macht! Die Vorstellung des Totseins ist für uns Kinder des Lebens unerträglich. Zum Glücke ist sie nur eine Vorstellung, und das noch eine ganz vage. Es gibt ein Sterben, das heißt ein Verwandeln, aber es gibt kein Totsein – kann keins geben für den, dessen Wesen im Geiste ist. Auf die Unsterblichkeit der Materialisten gebe ich nichts. Die sprechen in ihrem Sinne von der Unsterblichkeit des Körpers, der auch im Grabe lebe, dort anstatt eines Lebens deren tausend erzeuge! Wahrlich nein, als Wurm, als Insekt sein Leben fortzusetzen, das wäre meine Sache nicht. Dazu bin ich viel zu unbescheiden. Eher leuchtet's mir ein, wenn die Gelehrten sagen, daß im menschlichen Körper von sieben zu sieben Jahren sich, alle Stoffe umsetzen, auswechseln, so daß jedes Teilchen ein anderes wird. Der Mensch wirft also alle sieben Jahre einen alten Leib weg und zieht einen neuen an. Ist das nicht ein Sterben und Wiederauferstehen im Kleinen? Und die Seele, das Ichbewußtsein, bleibt über alles hinaus sich gleich. Ein Beweis, daß die Seele nicht an den Stoff gebunden ist, sondern für sich besteht. Die Unsterblichkeit, die ich meine und wünsche und habe, ist die persönliche Unsterblichkeit, die Unzerstörbarkeit des Ichbewußtseins . Ich habe täglich meine Leiden, und doch ist mein Denken, Ahnen und Beten – ewig zu leben. Andere dürsten nach Ruhm, nach Wissen, nach Schönheit – ich dürste nach Leben. Nach ewigem Leben mit gesunden Sinnen und einem reinen Herzen. Der alte Spruch: »Ich komme und weiß nicht woher, ich bin und weiß nicht wer, ich gehe und weiß nicht wohin, mich wundert's, daß ich noch fröhlich bin«, stimmt manchen traurig. Es gibt einen noch traurigeren: »Ich komm' aus dem Nichts, bin nichts und gehe ins Nichts.« Dieser Spruch gefällt vielen gar so gut, obschon er ganz unsinnig ist. Denn wenn einer nichts ist, wie kann er kommen und gehen? Wenn einer nichts ist, wie kann er denken, daß er nichts ist? – Ich für meinen Teil bin erst zufrieden mit der absoluten Sicherheit, ewig zu leben. Allerdings nicht so, als ob ich die Erinnerung an alle sinnliche Vergangenheit auch nach dem Sterben mit mir fortschleppen müßte; diese Vergangenheit wird mit dem Hinfallen des Körpers, in den sie eingemeißelt worden, abgestreift. Aber so ist es, daß ich immer und zu jedem Augenblick durch alle Ewigkeiten hin weiß: Ich bin. Unsere Seele wird wohl nie einen Augenblick der Bewußtlosigkeit haben, auch im Schlafe, in der Ohnmacht nicht, es bleibt bloß die Erinnerung nicht haften. – Leben! Leben! Das ist mein fester Glaube, nein, meine unerschütterliche Überzeugung, die ich schon hundert Mal ausgesprochen habe, und die ich tausend Mal zu bekennen das Verlangen trage: meine Seele ist unsterblich, mein Ichbewußtsein ist unzerstörbar. Beweis dafür: ich bin. Mit dem großen Philosophen sei's gesagt: ich denke, ich schreibe das nieder, also bin ich. Und daß ich bin, ist mir ein sicheres Zeichen, daß ich immer war und immer sein werde. Denn wenn ich bin, weshalb soll ich denn ganz willkürlich annehmen, daß ich nicht wäre? Je einmal nicht gewesen wäre, nicht sein würde? Und gesetzt, ich nehme an, daß ich nicht war und nicht sein werde, also im ganzen nicht bin: warum soll ich denn gerade jetzt, in diesem Augenblick sein, wenn ich überhaupt nicht bin? Das erschiene mir lächerlich, ungereimt, undenkbar. Strenge genommen ist es ja richtig, daß ich bloß für diesen einen Augenblick meines Seins bürgen kann. Aber dieser Augenblick war immer und wird immer sein. Denn dieser Augenblick ist die Ewigkeit. – Nach unserem Sprachgebrauch von »Zeit und Ewigkeit« bilden wir uns ein, die Zeit sei ein Stück für sich, stehe im Gegensatz zur Ewigkeit, oder sei nur ein Bindeglied zwischen einer Ewigkeit nach rückwärts und einer Ewigkeit nach vorwärts. Und ich fühle es doch so deutlich, daß ich mit meiner Zeit mitten in der Ewigkeit stehe und andererseits, daß die Ewigkeit in mir steht. Man könnte sagen: wenn die Ewigkeit nicht wäre, so wäre ich auch nicht, oder vielleicht noch richtiger: wenn ich nicht wäre, dann wäre auch die Ewigkeit nicht. Heißt es doch, daß Zeit und Raum bloß Denkformen sind, die nicht sein könnten, wenn nicht jemand wäre, der sie denkt. Damit hebt man freilich alles auf: alle Wesenheit außer mir ist nichts Reales für sich, ist nur eine Vorstellung, eine Denkform in mir. Und so hat sich die Sache mit einem Schlage umgekehrt. Wenn es sonst hieß: ich bin nichts, aber die Welt ist alles, so kann es nun heißen: ich bin alles und die Welt ist nichts. Der Tod und die Todesangst entspringt also nicht realer Erfahrung, vielmehr philosophischer Vorstellung. Deshalb kann dieser nur wieder mit philosophischen Gründen entgegengearbeitet werden, obschon bei diesem tiefsten aller Geheimnisse der Mensch verstummen muß. Du findest es, lieber Leser, also wohl ein wenig anmaßend, mit seinem Ich so groß zu tun. Ist es aber denn gerade mein Ich, das des Schreibenden, von dem ich spreche? Kann's nicht vielmehr das des Lesenden sein? Ja, mein Leser, du hast das volle Recht, dein Ich über alle Zeiten und Dinge zu stellen, es mit der Ewigkeit zu messen – wenn du dich in Gott fühlst. – Unsere Seele ist eins mit Gott und unsere Heimat ist die Ewigkeit. Das ist mein großes, heißes Glauben, in dem die Stückwerke meines irdischen Wissens und Wünschens hinschmelzen wie Schnee in der Sonne des Mai. Alle irdischen Zeitläufte und Taten sind nur Atemzüge dieses unendlichen Lebens, vor dessen Majestät die Angelegenheit unseres zeitweiligen Sterbens nichts als ein Wäschewechsel ist. Lassen wir uns also nicht bange machen von dem »raschen Enteilen der Zeit«, von dem stets steigenden Alter, von dem immer näher kommenden Sterben. Trachten wir möglichst naturgemäß zu leben, damit unser Sterben nicht ein unnatürliches werde, ein vorzeitiges, das Körper und Geist noch zu widerstandsfähig findet. Eine unserer Lebensaufgaben ist, dem frühen gewaltsamen Tode des Körpers zu entkommen, immer darauf hinzuarbeiten, daß wir im hohen Alter friedlich entschlafen können. Das weitere gibt sich: was wir in dieser Epoche zu verlieren haben, werden wir in der nächsten finden. Denn das Leben ist aufsteigend, weil es unsere Wünsche sind. Unsere Wünsche, unsere Bestrebungen nach dem Höchsten sind da, um erfüllt zu werden, das ewige Leben hat Zeit genug dazu. Ich rate daher, daß wir das Spiel nicht auf eine einzige Karte setzen sollen, nicht auf die des gegenwärtigen Erdenlebens, daß wir froh sein mögen, diesen Körper, wenn er unbrauchbar geworden, ablegen zu können, um einen neuen, frischen anzuziehen. Betrachte doch einmal deinen Leib, dem du so grenzenlos ergeben bist. Gibt es an ihm einen Teil, der dir nicht schon Leid zugefügt hat? Der nicht schon versuchte, dich in die Tiefe zu ziehen? Hast du dich nicht oft geplagt mit diesem Erdenklotz, wenn du zur Höhe wolltest und er niederwärts strebte, dem Tiere, dem Schlamme zu? Danke ihm für manches schöne Erdenglück, das er dir verschaffte, und entlasse ihn kühl. Im übrigen ist es der Mühe wert, sich, geistig rein, stark und froh zu machen – für ewiges Leben! – Kein irdisch Herz kann es erfassen, was uns bevorsteht.