Wilhelm Heinrich Riehl Durch tausend Jahre – Vierter Band Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen In der vom Dichter selbst gewünschten Anordnung zum ersten Male herausgegeben von Hans Löwe Inhalt Seines Vaters Sohn Der verrückte Holländer Gradus ad Parnassum Der Märzminister Das Theaterkind Am Quell der Genesung Das verlorene Paradies Die Dichterprobe Der Dichter über sein Werk Nachwort des Herausgebers Die Novellen W. H. Riehls     in der Reihenfolge ihres Erscheinens 19. Jahrhundert Seines Vaters Sohn 1879 Erstes Kapitel Die Rheingasse meines Heimatortes Biebrich sah 1833 ganz anders aus als heutzutage. Jetzt eine einzeilige offene Hafenstraße, war sie damals eine enge doppelzeilige Dorfgasse, deren Häuser dem Strom den Rücken zukehrten. Dampfschiffe landeten noch gar nicht bei Biebrich, sie fuhren jenseit der Rheinauen in hessen-darmstädtischem Fahrwasser, und wir Nassauer kriegten nur den Rauch zu sehen. Wo jetzt die stolzen Salonboote anlegen, da erhoben sich kleine Hausgärtchen an der Ufermauer, in welchen besonders köstliche Aprikosen reiften, und wo früher oberhalb der Gasse die Welt ein Ende hatte und nur noch ein Eiskeller für die herzogliche Hofküche zwischen hohen Bäumen versteckt lag, da fängt jetzt die Welt erst recht an, denn dort steht der Bahnhof, von zwei Hotels flankiert. Und dennoch dünkte jene häßliche alte Rheingasse uns Kindern sehr sehenswert, umschloß sie doch nach echt rheinischer Art eine vielgestaltige kleine Welt auf engstem Raume. Ein winziger Hafen, in welchem vor den Zollvereinszeiten viel geschmuggelt wurde, war selber gleichsam nur eingeschmuggelt zwischen bauernmäßigen Bürgerhäusern und einem rauchigen, verwitterten, alten Edelhofe. Aber am unteren Ende der Gasse stand auch ein neues Herrenhaus mit schönem Garten, den der glückliche Besitzer mit einer Miniaturmenagerie von allerlei Vögeln und Vierfüßern bevölkert hatte. Ja, die Rheingasse besaß sogar noch das einzige Tor, durch welches man, von Mainz kommend, in das sonst überall offene Dorf einzog. Über dem Tore aber wölbte sich nicht etwa wie anderswo ein Turm mit Gefängnissen, sondern der Oberstock eines Wirtshauses, und also merkte der Wanderer da gleich, daß er an der Pforte des weingrünen Rheingaues stand. Auf der Steinbank hinter dem Tore saß auch nicht etwa ein leuteplagender Torwart, sondern an jedem sonnigen Tage ein friedvoller neunzigjähriger Greis mit langem, schneeweißem Barte, der Jude Gersching, dessen Häuschen nebenan stand, und beobachtete von seinem Platze die Ein- und Ausgehenden und ließ sich die Sonne recht warm ins Herz scheinen und murmelte mit stets stark bewegten Lippen in sich hinein, als freue er sich, daß er nicht mehr mit zu wandern brauche, und wünsche jedem, der kam und ging, einen ebenso guten Abend, wie er selber ihn gefunden. Das Wirtshaus über dem Tore und der Patriarch vor dem kleinen Judenhause waren zwei echte Wahrzeichen des alten Biebrich. Aber alle diese schönen Dinge schienen uns Kindern doch nicht das merkwürdigste in der merkwürdigen Rheingasse; wir gaben einem Krämerhause mit zwei dürftigen Schaufenstern weitaus den Vorzug. Über der Türe hing ein Schild mit der Aufschrift: »Lange und kurze Warenhandlung von Georg Sibrat«, – und in dieses Haus führe ich meine Leser. Bevor wir jedoch eintreten, um den Laden und die Person des Herrn Sibrat etwas näher kennenzulernen, fällt unser Blick auf seine zwei Kinder, die rechts und links an der kleinen Freitreppe sitzen: einen Knaben, der in einem Buche liest, und ein Mädchen, welches mit bunter Wolle in Stramin stickt. Es sind Zwillinge, beide klein, fein und blaß, als gehörten sie vornehmen Leuten; sie stehen jetzt im zwölften Lebensjahre und sind schon so gescheit, als ob sie im vierzehnten ständen. Der Knabe heißt Wilhelm Belgicus und wird bei dem zweiten Namen gerufen, der in keinem Heiligenlexikon zu finden ist und also einer Erklärung bedarf. Der regierende Herzog führte die Namen: Wilhelm Georg August Belgicus, und es galt für loyal in der Residenz, die Namen der Kinder aus dem Namensschatze des Herrscherhauses zu wählen. Das Mädchen heißt Johanna nach dem Wunsche der Mutter, welcher Kotzebues »Johanna von Montfaucon« auf dem Theaterzettel ganz besonders imponiert hatte. Man sieht also schon aus den Namen, daß die Zwillinge berufen waren, als gebildete Kinder gebildeter Eltern in der Welt zu erscheinen. Wir wollen uns den Laden des Vaters mit den Augen seiner beiden Kinder betrachten. Denn Kinderaugen sind die schärfsten, sie sehen tausend kleine Dinge, die uns Alten entgehen; aber dem Kinde fehlt der Vergleichungsmaßstab, der hinwieder das schwächere Auge der älteren Leute schärft. Darum muß der wahre Beobachter jung und alt zugleich sein; er muß sehen wie ein Kind und vergleichen wie ein gestandener Mann. Der väterliche Kramladen erschien den Zwillingen als eine große Warenhalle, der Vater war ihnen kein Krämer, sondern ein Kaufmann, der's im großen treibt, ja der's »gar nicht nötig hat«; Biebrich war zwar etwas kleiner als Paris, aber doch eine große Stadt; wenn der Rhein im Frühjahr die Rheingasse überschwemmte, dann war er groß wie das Meer, und Belgicus und Johanna hielten sich im Leben noch zum Größten berufen. So dachten die Kinder im Kleinen, und so denken wir Große im Großen. Der Punkt, wo wir eben stehen, ist uns allemal der Mittelpunkt der Erde und die Erde der Mittelpunkt der Welt. Wehe uns, wenn wir nicht so kindlich dächten! Das Innere von Herrn Sibrats Laden teilt sich in zwei Hälften: zur Rechten sind die langen, zur Linken die kurzen Waren. Belgicus weiß am besten bei den kurzen Waren Bescheid; denn da finden sich Rosinen, Zucker, Käse, Heringe, Draht, Messer, Feilen und eiserne Spatzenfallen. Johanna schlägt die langen Waren höher an und kennt sie folglich genauer: Bänder, Kattune, Schnüre, Zwirn, Leinwand und farbenbunte gemachte Blumen, die man in Biebrich »gebackene Blumen« nennt, obgleich sie nicht eßbar sind. Die Kinder zerbrachen sich öfters den Kopf, warum man den ellenlangen Draht zu den kurzen, die fingerskurzen gebackenen Blumen dagegen zu den langen Waren rechne. Allein der Vater belehrte sie, daß dies im Kramladen wie im Leben sei, ja es gebe überhaupt kein wahrhaftigeres Bild von Welt und Leben als einen »langen und kurzen Warenladen«. Möge man da in der Theorie noch so klar und scharf einteilen, die Praxis mache doch wieder ein Loch und werfe die ganze schöne Ordnung übern Haufen. So sprechen nicht alle Krämer. Aber Georg Sibrat war ein halbstudierter Mann; er hatte vor dreißig Jahren das Weilburger Gymnasium absolviert und beim Schlußaktus zuletzt eine Abschiedsrede über »Theorie und Praxis« gehalten. Weil aber das väterliche Geld nicht weiter reichte, so hatte er darauf mit Schmerzen der Theorie entsagt und sich zur Praxis gewandt, um als Lehrjunge in einem Mainzer Spezereiladen einzutreten, bis er nach vielen Irrfahrten endlich sein eigenes Geschäft in der Biebricher Rheingasse gründen konnte. Ein Strich gelehrter Bildung war ihm aber fürs Leben geblieben, und des zum Zeichen trug er in seinem zugigen Laden auch kein topfartiges rundes Käppchen wie andere Krämer, sondern das Sammetbarett der deutschen Burschenschaft. Die Zwillinge hielten denn auch ihren Vater für einen so gelehrten Mann wie den Doktor Lorberg, den Prinzenerzieher im Schlosse. Es fehlten ihm nur einige Prinzen zur Erziehung; aber dafür erzog er seine Zwillinge wie Prinzen. Von verfehlten Berufen wußten die Kinder noch nichts, und dennoch spürten sie dunkel etwas dergleichen am Vater. »Wenn der Vater einen Hering aus dem Fasse nimmt«, meinte Belgicus, »dann faßt er ihn mit so spitzen Fingern am Schwanz und schleudert ihn so geschwind aufs Einschlagpapier, als ob er sich fürchte, daß der Fisch ihn beiße.« Dies geschah aber, weil er sich des unwürdigen Geschäfts so schnell entledigen wollte, daß er's vor lauter Geschwindigkeit selber nicht sähe. »Wenn der Vater sechs Ellen Kattun ausgemessen hat«, meinte Johanna, »und das Stück abreißt, dann reißt er mit einer Gewalt durchs Zeug, als solle der ganze Laden in Fetzen gehen!« Und doch machte er den Riß jedesmal fadengerad, und es war nur der Zorn über das kleinliche Geschäft, den er an dem unschuldigen Kattun ausließ. Ganz anders fühlte sich Herr Georg Sibrat, wenn er in den Vordergrund der »kurzen Waren« zum Fenster trat, wo recht augenfällig ein Glasschrank postiert war mit allerlei nützlichen und merkwürdigen Dingen, die durchaus in die höhere Branche übergriffen. Die eine Hälfte des Schrankes war nämlich der Cholera, die andere den technischen Fortschritten der Menschheit gewidmet. Sibrat war der einzige Kaufmann in ganz Biebrich, der beiderlei Artikel führte. Die Cholera oder, wie man damals zu sagen pflegte, die »Cholera-Morbus« hatte ihren ersten Rundgang durch Europa begonnen, aber noch nicht vollendet, und man fürchtete, sie möge sogar ins Herzogtum Nassau kommen. Allein sie kehrte in Hessen-Kassel um und getraute sich nicht über unsere Grenzen. Ob aus Furcht vor den Präservativmitteln, die Herr Sibrat verkaufte, möge dahingestellt bleiben. Seine Apotheke bestand zunächst aus einem reichen Sortiment sogenannter Cholerapflaster, großen Stücken weichen Leders mit irgendeinem Pech bestrichen, welches erwärmt und dann von der Herzgrube ab über den ganzen Unterleib geklebt wurde. Dieses Pflaster hatte den Vorteil, daß es wie angewachsen fest sitzenblieb, aber den Nachteil, daß man's nur mit Verlust der eigenen Haut wieder abziehen konnte; es wurde zum Nessushemd, und die zahlreichen Käufer mußten sich, als die Cholera ausblieb, hinterdrein an ihren Pflastern ärztlich behandeln lassen. Hatte man sich mit diesem Pflaster gewappnet, dann war es nützlich, vor dem Frühstück weiße Senfkörner schoppenweise unverkaut zu verschlucken. Herr Sibrat hielt von diesem berühmten »Senfsamen« ein großes Lager in Paketen mannigfachen Gehalts, und die Frankfurter Firma Bettenheimer, welche das Kraftmittel täglich zentnerweise über halb Deutschland versandte, gedieh dabei in der Tat vortrefflich, während sich ihre Kunden den Magen verdarben. Nach dem Frühstück standen Morisonsche Universalpillen zur Verfügung, nach dem Mittagessen Hoffmannsche Tropfen und für den Abend Krauseminze zum Tee. Geraume Zeit machte Herr Sibrat nur schlechte Geschäfte mit diesen fünf Cholerapräservativen. Um so lauter pries er sie den Kunden an. Als die Zwillinge ihn aber eines Tages fragten, warum sie selbst denn das herrliche Pflaster nicht aufgelegt und die köstlichen Senfkörner nicht zu essen bekämen, war er sehr überrascht, wie gescheit doch seine Kinder zu fragen verstanden, und antwortete: »Diese Sachen sind nur Heilmittel fürs Geschäft, nicht für die Familie.« Er liebte seine Kinder fürwahr recht voll und ganz, und da er nur erst halb an seine fünf Mittel glaubte, gab er ihnen auch kein Pflaster und keinen Senfsamen. Trug er selber doch auch das Pflaster nicht, welches er jedem Kunden auf den Unterleib zu disputieren suchte. Allein die »Cholera-Morbus« rückte näher, Furcht und Glaube wirkten ansteckend, und die geängsteten Biebricher begannen mehr und mehr an die fünf Mittel zu glauben. Der Vertrieb wuchs von Tag zu Tag, es konnten nicht Pflaster, nicht Senfkörner und Krauseminze genug beschafft werden. Angesichts eines solchen Erfolges begann auch Herr Sibrat an die Kraft seiner Mittel zu glauben und bepflasterte sich und seine Frau und die Zwillinge, und sie verschluckten gemeinsam ungeheure Massen von Senfkörnern, Pillen, Tropfen und Krauseminze. Denn Herr Sibrat liebte die Seinigen sehr, und der Erfolg ist ein Gottesurteil. Freilich – es handelte sich hier um zweierlei Art von Erfolgen, um den Erfolg fürs Geschäft und den Erfolg für den Magen, und der Krämer, wenn auch nur halbstudiert, hatte vorher doch so fein unterschieden! Aber im Rausch des Erfolges unterscheiden selbst ganz studierte Leute nicht mehr, und ganze Völker machen's da in politischen Dingen nicht anders wie die Familie Sibrat in medizinischen und legen sich ein Pflaster auf den Leib, welches nur mit der Haut wieder abgeht. Während aber die Zwillinge unter ihren Pflastern seufzten und die Senfkörner ihnen recht jämmerlich im Magen brannten, bewunderten sie ihren Vater als einen wahrhaften Doktor, dem nur der Titel fehle. Doch stolzer noch als auf seine Choleraapotheke war der Alte auf sein »Schatzkästlein der Erfindungen«, wie er die andere Hälfte des Schrankes nannte. Die Biebricher fanden hier immer eine Auswahl der neuesten unnützen Dinge und Spielereien, mitunter aber auch etwas Nützliches. Zwei Gegenstände erregten dort zur Zeit großes Aufsehen: eine chemische Zündmaschine, die man den »ewigen Fidibus« nannte, die Vorläuferin unserer Zündhölzchen, und Stahlfedern zum Schreiben statt des Gänsekiels. Über diese Stahlfedern machte sich Sibrat seine eigenen Gedanken, die er Samstag abends im Kasinogarten sehr beredt vorzutragen wußte. Er hatte dem Schulmeister einige solcher Federn zu Versuchen gegeben; doch dieser protestierte gegen die seltsame Neuerung und lobte sich den alten Gänsekiel; die Stahlfeder verderbe die Hand. Und ähnlich urteilte der Pfarrer und der Doktor. Allein die Frankfurter Kaufleute führten die neue Feder bereits auf ihren Kontoren ein. Sibrat verglich beide Tatsachen mit scharfem Blick. »Der Gänsekiel«, sagte er, »ist die Feder der Gelehrten, von denen jeder ein Original sein will; der Stahl wird die Feder des Kaufmanns werden, der Menschen und Hände wie Länder und Völker ausgleicht. Bei der Stahlfeder macht die Feder die Hand, beim Gänsekiel macht die Hand die Feder. Es ist ein gewaltiger Fortschritt zur Gleichheit, wenn die Fabrik allen Menschen die Federn gleich schneidet. Zur Zeit steht der Gelehrte noch über dem Kaufmann, und der Kiel läßt den Stahl nicht aufkommen. Wann aber einmal die Kaufleute und Fabrikanten das große Wort führen, dann wird jedermann mit Stahlfedern schreiben.« Man hätte meinen sollen, Sibrat würde nun sofort selbst zur Stahlfeder gegriffen und dieselbe auch seinem Sohne gegeben haben. Allein er gab ihm umgekehrt die stärksten polnischen Gänsekiele; denn er wünschte sehnlichst, daß Belgicus ein Gelehrter werden möchte, und zwar ein Arzt. Er selber hatte in jungen Jahren Arzt werden wollen; darum hielt er jetzt auch den Handel mit Cholerapflastern und Senfkörnern für seinen richtigen, den Handel mit Kattun und Heringen dagegen für einen verfehlten Lebensberuf. Und es ist ein so echt menschlicher Trostgedanke, daß der Vater in seinem Kinde ein Lebensziel erreicht sehen möchte, was er selbst nicht erreichen konnte; nicht nur unser Name lebt fort in unseren Kindern, auch ein Teil unseres Selbst webt in ihnen fort an der unendlichen Aufgabe der unsterblichen Menschheit. Und wir möchten so gerne ein kleines Stückchen dieses persönlichen Fortwebens in anderen noch mit Augen sehen! Wann Sibrat den kleinen Belgicus Spatzen fangen, Mäuse sezieren, Regenwürmer zerschneiden, Schmetterlinge spießen und andere naturwissenschaftliche Tierquälereien treiben sah, dann dachte er: da regt sich der künftige Hippokrates! Öfters aber sprach er zu dem Jungen: »Minister zu werden ist wohl schön, denn den Minister ehrt man am meisten; auch Rothschild zu werden wäre recht schön, denn man beneidet ihn am meisten; aber ein großer Arzt zu sein, ist doch noch viel schöner, denn auf den Arzt hofft man am meisten. In den schwersten Stunden, wann uns alle Minister und Rothschilde gleichgültig sind, hoffen wir nur noch auf den Arzt. Er tritt an das Schmerzenslager unserer Teuersten und erscheint uns als der einzige Helfer, wie ein Heiland. Freilich kümmern sich viele nachher nur wenig mehr um ihn, wenn er geholfen hat; das pflegt aber bei Heilanden überhaupt so zu gehen. Und Christus der Heiland erwies sich, wie schon der Name lehrt, heilend als der größte Wundermann, seine wirksamsten Wunder waren medizinische, und wenn er nicht die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Kranken gesund und die Toten lebendig gemacht hätte, so würde das Volk an das Wunder seiner Wunder, an seine Erlösung, nicht geglaubt haben.« Übrigens war »der Heiland als Heilkünstler« das einzige biblische Zitat, welches jemals aus Sibrats Munde kam. Er pflegte nicht in der Bibel zu lesen, schon aus dem triftigen Grunde, weil gar keine im Hause war, und den Besuch der Kirche überließ er den Bauern und alten Weibern. Er war ganz aufgeklärt. Was er an Gemüt, an edler Leidenschaft, an idealem Streben in sich trug, das hatte sich alles ausschließend gesammelt in der hingebenden Liebe für seine Kinder. Vielleicht liebte er auch seine Frau nur noch um der Zwillinge willen. Er plagte sich übers Maß, damit's die Kinder gut hätten, und gar manchmal leuchtete sein sonst finsterer Blick so sonnig, wenn er das spielende Paar still belauschte und sich dachte, wieviel besser sie's doch hätten als er selbst in seiner Jugend und wie viel, viel besser sie's vollends gar in Zukunft haben sollten. Diese Liebe war seine Religion. Wären die Kinder gestorben, er hätte nicht mehr leben mögen. Nun sollte man meinen, die Kinder müßten auch ihn besonders geliebt haben. Dem war aber nicht so: sie liebten die Mutter und fürchteten den Vater; denn so gut er's mit ihnen meinte, war er doch ein verschlossener Mann, der nicht freundlich sein konnte, und jähzornig dazu. Er wollte mit Gewalt wiedergeliebt sein, wie er mit Gewalt liebte; und bei Kindern wie bei großen Leuten kommt die heißeste Liebe unbegehrt. Wenn er von seiner Reise heimkehrte und die Zwillinge liefen ihm nicht jubelnd die halbe Gasse entgegen, dann gab er ihnen eine Ohrfeige rechts und links – Väter pflegten damals ihre Kinder überhaupt noch zu ohrfeigen –, weil sie ihn nicht jubelnd begrüßt hatten. Das nächste Mal versteckten sie sich gar, und nun war er entsetzlich gekränkt, daß die Kinder seine tiefe Liebe so gar nicht erwiderten. Er ließ sie aufs beste unterrichten. Sie lernten beide gemeinsam Französisch bei einem Pariser Schreinergesellen, der damals in einer Biebricher Werkstatt arbeitete, Zeichnen und Malen beim Konditor und Klavier beim Kontrabassisten der Hofkapelle. Außerdem wurde Belgicus von einem Kandidaten der Philologie fürs Gymnasium vorbereitet, und Johanna lernte nebenbei das Lateinische mit bis zur dritten Konjugation. Jener vierzigjährige Kandidat hatte vor Zeiten in Göttingen wirklich Philologie studiert, aber niemals ein Examen gemacht, angeblich weil er viel zu gelehrt war, als daß ihn irgend jemand in Nassau hätte prüfen können. Ein halbstudierter Vater und ein überstudierter Lehrer wäre vielleicht gefährlich für den Jungen geworden: allein er war so reich begabt, daß er trotzdem spielend erstaunliche Fortschritte machte. Wieviel verdanken wir einer guten Schule, und doch – wer sein Bestes in der Schule lernt, der ist alleweil nur ein mittelmäßiger Mensch, und die größten Meister sind oft genug aus der schlechtesten Schule hervorgegangen. Aber warum war uns anderen Biebricher Kindern denn das Sibratsche Haus, wie ich oben sagte, das merkwürdigste in der ganzen Rheingasse? Nicht wegen seiner langen und kurzen Waren, seiner Cholerapflaster und Stahlfedern, nicht wegen der Sonderlingsfigur des halbstudierten Krämers und noch weniger wegen der Zwillinge, die wir allesamt nicht leiden konnten, weil sie uns als Wunderkinder öfters zum Muster vorgehalten wurden und doch nicht stärker und gewandter waren wie wir gewöhnliche Schulbuben, auch nicht mit uns balgten und spielten, sondern vornehm von oben auf uns herabsahen. Das Sibratsche Haus galt für ein Gespensterhaus, es sollte darin umgehen – darum war es uns das merkwürdigste Haus in der Rheingasse. In dem Gärtchen hinter dem Hause auf der Rheinmauer sah man mitternachts öfters Lichter aufblitzen und verlöschen, man hörte von dort herüber stöhnende Klagetöne, und wir zweifelten nicht, daß der finstere, weisheitsvolle Krämer mit seiner Pestapotheke und seiner mageren, abgehärmten Frau und den blassen Wunderzwillingen im intimen Verkehr mit den Gespenstern seines Gartens stehe. Das Wohnhaus selbst war alt und etwas windschief und lehnte an den eingangs erwähnten verwitterten Edelhof, der damals als ein Magazin für die herzogliche Hofhaltung diente, welches unter der Aufsicht meines Vaters stand. Dadurch hatte ich Gelegenheit, das Krämerhaus nicht nur von vorn, sondern auch von seiner gespenstigen Gartenseite kennenzulernen. Die Rheinmauer sprang dort mit zwei scharfen Ecken wie eine Bastei gegen den Fluß vor, und oben auf derselben stand ein geräumiges altes Gartenhaus, massiv aus Stein gebaut, welches früher ohne Zweifel zu dem Edelhof gehört hatte, in seinem jetzigen heruntergekommenen Zustand ein rechtes Lusthaus für Gespenster. Bei ganz seichtem Rheinstande konnte ich einmal, bis an die Knie im Wasser watend, die ganze Bastei umgehen und entdeckte im oberen Mauerwinkel derselben eine kleine Türöffnung, die nach außen unmittelbar in den Fluß führte, nach innen aber in einen engen dunkeln Gang mit Treppen, der augenfällig in dem Gartenhause mündete. Wann die adeligen Herren und Damen vor Zeiten oben im Gartenhause soupiert hatten, dann konnten sie bequem hier herab in den Kahn steigen, um noch eine schwärmerische Mondscheinfahrt auf dem Rhein zu machen. Aber jetzt sah der Eingang schmutzig und verfallen aus, und ich wagte mich nicht in den dunkeln Gang, sondern lief furchtsam wieder zurück. Übrigens hatte ich genug gesehen, um meine Phantasie mit den abenteuerlichsten Bildern zu sättigen. Ein zweites Mal kam ich nicht so weit. Als ich eben bis zur Türe durchs Wasser gewatet war, erschallte oben von der Mauer der Drohruf: »Hehmeh! Hehmeh!« – und als ich hinaufblickte, sah ich oben einen Menschen, der mich mit geballter Faust furchtbar angrinste, und ergriff so eilig die Flucht, daß ich fast in den tiefen Strom geraten wäre. Der Mann war der »Hehmeh«, – so nannte ihn das ganze Dorf; seinen eigentlichen Namen habe ich nie erfahren. Ein halb blödsinniger Mensch, hatte er durch eine Lähmung die Sprache verloren und konnte fortan nur noch das Wort »Hehmeh« hervorbringen, und so taufte man ihn denn nach dem einzigen Worte, welches er sprach, wie es die Seefahrer vordem bei den Pescherähs gemacht haben sollen. Er hörte übrigens ganz gut und faßte auch die Rede anderer richtig auf, sofern sie überhaupt in den engen Raum seines Gehirnes paßte. Alle Gefühle, Stimmungen, Eindrücke, Leidenschaften modulierte er mit wunderbarer Mannigfaltigkeit und oft ergreifender Kraft, er zürnte, drohte, jubelte, klagte in dem einzigen Worte »Hehmeh«. Ward er zornig –und die Gassenjungen, welche ihn auf Tritt und Schritt verhöhnten, brachten den Unglücklichen oft in schäumende Wut –, dann verfünffachte er die erste Silbe, und sein fürchterliches »Hehehehehemeh!« schallte weithin durch die Straßen; war er betrübt, dann zog und dehnte er seine zwei Silben in so klagendem, singendem tiefem Tone, daß es einem durchs Herz schnitt. Ich habe den ergreifenden Klang mancher hochbewunderten Sängerstimme gehört und wieder vergessen, aber den Ton, in welchem der »Hehmeh« klagte, höre ich heute noch. Der arme Mensch hatte nur zwei Silben, und doch gab ihm Gott, in diesen armen zwei Silben »zu sagen, was er leide«. »Hehmeh« wurde im Sibratschen Hause als Packer und Ausgeher verwendet, und beim Abladen von Kisten und Fässern bewies er große Muskelkraft. Man lobte Herrn Sibrat, daß er dem Unglücklichen zu so nützlicher Tätigkeit verhelfe, allein das unheimliche Haus wurde durch dieses weitere Original nicht heimlicher. In einer stillen Sommernacht lauschte ich einmal von fernher den seltsamen Tönen, die aus dem Hause leis herüberklangen. Aus dem Dachfenster, wo allein noch ein Licht brannte, sang der Lehrjunge: »Noch ist Polen nicht verloren«, und aus dem Garten tönte sekundierend dazu das schauerliche, langgezogene »Hehmeh! Hehmeh!« Begierigen Ohres sog ich den Gesang ein, Text und Melodie; denn es war die Zeit der nachwogenden Polenbegeisterung, der nachklingenden Polenlieder, obgleich Polen längst verloren war und die polnischen Flüchtlinge durch die deutschen Lande nach Frankreich zogen. Allein in Biebrich sang man sonst keine Polenlieder, weil der Herzog sehr russisch gesinnt war; Sibrats Lehrjunge dagegen war ein Mainzer, und die Mainzer waren sehr frei und sehr polnisch. Wie bezauberte mich's darum, durch die schweigende Nacht die verpönten Worte zu hören: »Polen macht sich frei, bricht die Tyrannei!« – der Lehrjunge sang übrigens: »bricht die Tür entzwei!« – – und: »Ja, wohl könnte ich Geister beschwören, die der Acheron besser verschlingt«, – der Lehrjunge sang: »die der Argwohn besser verschlingt«; denn im Geiste seines großen Landsmannes Johann Fischart, des »Menzers«, verdeutschte er sich die Fremdworte nach phonetischen Sympathien. Zwischen dem Lied vernahm ich fernher leise Ruderschläge im Rhein. Sie kamen näher. Ein Kahn schien an der Wassertüre der Gartenmauer zu landen. Da erlosch plötzlich das Licht im Dachfenster, der Sänger verstummte mitten im Vers, Hehmeh schwieg. Totenstille – im Haus, im Garten, auf dem Flusse! Was mochte das bedeuten? Zweites Kapitel Belgicus liebte die Einsamkeit. Statt an unseren Knabenspielen teilzunehmen, schlich er sich in Mußestunden in die Weidengebüsche, welche das Rheinufer oberhalb Biebrich säumten, und angelte. Die Mutter wollte ihm anfangs dieses Vergnügen wehren; sie fürchtete, der Junge möchte ins Wasser fallen, denn sie war eine sehr ängstliche Frau; wenn ein Gewitter am Himmel stand, dann ließ sie allemal die Rouleaux an sämtlichen Fenstern herunter, damit der Blitz nicht ins Zimmer schlage. Der Vater dagegen billigte Belgicus' neue Neigung, wenn sie auch nur vorübergehend, eine »fliegende Hitze« sei; man müsse alles lernen, um ein ganzer Mann zu werden, warum nicht auch das Angeln? Man trage an keiner Kunst schwer. Die Zeit des Spezialismus war damals noch nicht angebrochen. Belgicus angelte übrigens aus literarischen Beweggründen. Er hatte im »Pfennigmagazin« eine Abbildung vom Hause Isaac Waltons gesehen, des berühmten englischen Anglers, dessen Name sein Jahrhundert überdauert hat, bloß weil er so gut zu angeln und den Angelsport so sinnig und begeistert zu schildern verstand. Da Belgicus aber Waltons Buch nicht bekommen und sich recht gründlich hineinlesen konnte, so angelte er sich einstweilen in den Geist Isaac Waltons hinein. Anfangs wurde ihm die Sache gar sauer. Von der glühenden Mittagssonne gebraten, von zahllosen Rheinschnaken zerstochen, saß er stundenlang am Wasser und fing nichts. Nach einiger Zeit brachte er aber etliche kleine Weißfische heim. »Belgicus ist doch ein Glückskind!« rief der Vater, »und wer Glück haben soll, der fängt Forellen mit einer krummen Stecknadel!« Allein Belgicus hatte in den Weiden unverhofft einen geschickten Lehrer gefunden, der obendrein die Weißfische für ihn fing. Doch schwieg er klugerweise von diesem Lehrer, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Furcht. Ein fremder Mann war plötzlich aus den Büschen zu ihm getreten und hatte lächelnd beobachtet, wie er vergebens die Angel im Wasser spielen ließ. Dann fragte ihn der Fremde, wem er zugehöre. Und als Belgicus antwortete: »Dem Kaufmann Sibrat«, da sagte jener: »Bist du Georg Sibrats Sohn, dann will ich dich lehren, wie man Fische fängt, damit du diese Kunst künftig auch einmal so gut verstehst wie dein Vater.« Belgicus wußte nicht, was das heißen solle, denn sein Vater fischte gar nicht. Aber der Fremde zeigte ihm die richtige Art und hatte in wenig Minuten ein Fischchen an der Angel. Doch als Belgicus sich den Mann nun genauer betrachtete, erschrak er sehr: es war Jakob Brubecher aus Mombach, der verwegenste, gewalttätigste und glücklichste Schmuggler am ganzen Rhein, der Führer einer großen Schwärzerbande, die man die »Schwarze Kommission« nannte im höhnischen Hinblick auf jene andere »Schwarze Kommission«, welche gleichzeitig in Mainz tagte zur Ausrottung der Demagogie im Deutschen Bunde; – Jakob Brubecher, ein Held im Volksmunde wie weiland Schinderhannes; denn Brubecher schmuggelte zum Besten des Publikums und zum Schaden der Staatskasse, die ohnedies schon immer zuviel hat, wie Schinderhannes auch nur die Reichen beraubte und die Armen beschenkte. Belgicus hatte den Brubecher früher einmal über die Straße gehen sehen (man sah ihn bei Tag sehr selten), und die Gassenjungen waren in ehrerbietiger Entfernung hinter ihm dreingelaufen und hatten sich ihn gegenseitig von weitem gezeigt wie einen großen Herrn. Und dieser Mann saß jetzt neben ihm und lehrte ihn Weißfische fangen, ja er plauderte recht gemütlich mit ihm, ganz wie andere gewöhnliche Menschen, und erzählte ihm von seinem früheren Soldatenleben, und als er nach einigen Tagen wiederkam und seinen Angelunterricht fortsetzte, erzählte er noch viel schöner wie neulich. Brubecher konnte in der Tat viel erzählen, denn er hatte viel erlebt. Er trug bereits seine zweiundsechzig Jahre auf dem Rücken, aber er trug sie leicht und war stark und gewandt wie ein Dreißiger, wettergebräunt, mit tiefdurchfurchtem Gesicht, ein untersetzter, breitschulteriger Mann, der nicht gerade zum Verlieben aussah, sondern mehr zum Fürchten. Als Custine Anno zweiundneunzig Mainz eroberte, war Brubecher als Tambour in das Revolutionsheer getreten; – die Neigung, für die »Neufranken« zu trommeln, war damals ziemlich verbreitet auf dem linken Rheinufer. Custine verlor bald nachher den Kopf, aber Brubecher behielt den seinigen und seine Trommel dazu und marschierte und trommelte fort durch die Feldzüge der neunziger Jahre und zog mit Napoleon nach Ägypten und schlug die Trommel in der Schlacht bei den Pyramiden, während, wie bekannt, vier Jahrtausende auf ihn herabblickten. Als er dies erzählte, sah ihm Belgicus mit großen Augen in das runzelige Gesicht und glaubte immer noch etwas von jenem Weiheblick der Weltgeschichte in den Runzeln zu lesen. Später ward Brubecher Korporal in der Armee des »großen Kaisers«, von welchem er bedauerte, daß derselbe nicht gleich ihm stets der »kleine Korporal« geblieben sei. Denn obgleich der treueste Verehrer Napoleons, blieb Brubecher doch durchaus Republikaner; was er zuletzt übrigens mehr nur in den Liedern aussprach, die er pfiff und sang, als in klaren Worten. Wenn er nämlich französisch aufgelegt war, dann sang er: »Les aristocrats à la lanterne« ; fühlte er sich aber als Deutscher, dann sang er: »Fürsten zum Land hinaus!« – damals das verbotenste der verbotenen Lieder. Die ganze Ordnung der Dinge, wie sie sich seit Napoleons Sturz in Deutschland und Europa gestaltet hatte, dünkte ihm so klein und elend, daß er's nicht einmal der Mühe wert hielt, darüber zu räsonieren. Dagegen machte es ihm Vergnügen, gegen die Gesetze der Fürsten und Staaten zu sündigen, die er nicht anerkannte. Er erwartete, daß baldigst eine neue Revolution, blutiger noch als die alte, den ganzen Trödel von vornehm und gering, von Ministern und Pfaffen, von Deutschem Bund und Preußischem Zollverein übern Haufen werfen werde. »Dann kommen wir und machen fertig, was dem Babeuf Anno fünfundneunzig mißlungen ist!« Die letzten Worte brummte er in den Bart, und die vorhergehenden Ideen hatte er in die epigrammatische Form von Flüchen und Schwüren gekleidet, so daß der junge Sibrat ihren Sinn nur dunkel ahnte, zumal Brubecher sich fortwährend in seinem halb gebrummten, halb gefluchten Monologe unterbrach, um zu zeigen, wie man den Köder an die Angel stecken und die Rute schwingen und den Kork auf dem Wasser tanzen lassen müsse. Der Alte redete übrigens immer nur von seinen Feldzügen und den gegenwärtigen schlechten Zeiten. Von seiner Schmugglerbande, bei der er's bis zum General gebracht, sprach er zu Belgicus' Erstaunen gar nichts, dagegen um so mehr von der »großen Armee«, bei der er's nur zum Korporal brachte. Die Genies sprechen überhaupt nicht gerne von der Kunst, worin sie Meister sind, sondern viel lieber von anderen Dingen, worin sie stümpern. Auch entdeckte Belgicus nachgerade, daß Brubecher mit ihm angle, um zugleich recht unbeachtet die Gegend auszuspähen; denn aus dem Versteck des Weidengebüsches übersah er sowohl den Rhein wie den nahen Landgraben, die hessisch-nassauische Grenze. Aber der alte Schmuggler hatte doch auch offenbar daneben sein Vergnügen an dem aufgeweckten Jungen. Und dieser fühlte sich von dem ganzen Wesen des kühnen, gefährlichen Mannes wie mit dämonischer Faust gepackt und brütete über seinen dunkeln Flüchen wie über Orakeln. Er war stolzer darauf, daß Brubecher ihn seiner belehrenden Unterhaltung gewürdigt, als wenn der Herzog selbst ihn angeredet und fischen gelehrt hätte. Allein er schwieg davon und vergrub den Stolz in seiner tiefsten Brust. Jedes Kind hat zwei Naturen, eine versteckte und eine offenbare. Die offenbare wird von Eltern und Schulmeistern sofort erkannt und zum Ausgangspunkte der Erziehung gemacht; die versteckte ahnen wir oft selber kaum, aber das Leben enthüllt und entwickelt sie unvermerkt, und sie verschlingt vielleicht zuletzt die offenbare, sei es uns zum Fluche, sei es zum Segen. Kinder haben's hinter den Ohren: wohl ihnen, wenn sie das ungeahnt Bessere hinter den Ohren haben! Nach seiner offenbaren Natur war Belgicus ein Muttersöhnchen, ein Stubenhocker, der überm Bücherlesen und Bilderbetrachten das Laufen und Raufen, Spielen und Toben der anderen Kinder altklug verachtete; es fehlte ihm scheinbar der »böse Bub'« oder – mit Clemens Brentano zu reden – die »Schwernotsigkeit«. Und wer zwischen sechs und sechzehn Jahren nicht etwas vom bösen Buben oder Schwerenöter in sich hat, aus dem wird zuletzt nichts Rechtes. Allein der »böse Bub'«, der Dämon der Gewalt, die vertobt sein will, war doch bei Belgicus vorhanden, vielleicht um so mehr, je tiefer er versteckt lag. Und die Angellektionen des alten Brubecher weckten diesen Dämon. Nach des Vaters Urteil war Belgicus ein Universalgenie: er hatte binnen zwei Stunden »Poniatowskys Tod in der Schlacht bei Leipzig« gemalt nach einer Lithographie, die er vor vier Wochen gesehen; er hatte ein Epos »Arnold von Winkelried« gedichtet, welches mit der fünften Strophe bereits ganz fertig war; und er spielte auf dem Klavier den »Wiener Charmantwalzer« von Strauß und sang dazu die »Letzten Worte« des Herzogs von Reichstadt: »Fahr wohl, mein junges Leben!« – (man sang damals noch Elegien auf Walzerweisen, gleichwie unsere heutigen »Tondichter« Grabmelodien zu Trinkliedern singen) –; kurzum, Belgicus trieb alle freien Künste, nur von der Kriegskunst wollte er gar nichts wissen. Er hatte niemals mit Bleisoldaten gespielt, beteiligte sich auch später nicht am Soldatenspielen der Nachbarskinder und ging der Biebricher Wachtparade geflissentlich aus dem Wege, – hierin von seinem Vater unterstützt, der durchaus ein Mann des Friedens war. Der alte Sibrat teilte die Kriegsmüdigkeit seiner Zeitgenossen. Wer 1833 im reifen Mannesalter stand, der hatte in seiner Jugend den Schrecken unablässiger Kriege erlebt, die sich Schlag auf Schlag folgten, wie an einem schwülen Sommertage Gewitter auf Gewitter. War nun endlich das Wetter auch nicht schön geworden, so herrschte doch Ruhe am trüben Himmel, und man bedurfte der Ruhe so sehr. »In Deutschland gibt's fortan keinen Krieg mehr«, pflegte Georg Sibrat zu sagen, und geradeso sprach damals die Frau eines weltberühmten Bankiers zu einem General, der an ihrem Tische speiste und von künftigen Kriegen redete: »Es gibt keinen Krieg mehr; mein Mann leidet's nicht!« Auch Georg Sibrat wollte es nicht leiden und richtete darum seine ganze Pädagogik bei Belgicus auf den Friedensfuß; denn der Jugend gehört die Zukunft. Öfters sprach er zu dem Jungen in seiner gewohnten zärtlichen Weise: »Mein Sohn, du kannst werden, was du willst, Maler oder Dichter, Pfarrer oder Richter, aber du wirst einmal Doktor werden; du magst werden, was du willst; wenn du dir's aber einfallen lässest, Soldat werden zu wollen, dann nagle ich dich mit beiden Ohren an den Türpfosten!« Belgicus dachte dagegen neuerdings im stillen: Kranke zu heilen, sei zwar ein schöner Beruf, aber die Grenzjäger zu Wasser und Land zu schlagen und bei Tag und Nacht zu überlisten, sei doch noch viel schöner. Und darum wolle er einmal ein Schmuggler werden, aber Schmuggler im großen, viel größer noch wie sein Vater ein Kaufmann im großen sei. Ein kleiner Schmuggler war offenbar nur ein Dieb, ein großer Schmuggler hingegen dünkte ihm so etwas wie ein Feldherr und Staatsmann. Er schmuggelt zwar auch nur Kaffee und Zucker, aber mit souveräner Macht und, gleich dem Brubecher, mit Ideen. Und Belgicus wollte glorreich zu Ende führen, was dem Brubecher doch offenbar nicht ganz gelang, nämlich zuerst den Zoll und dann den Deutschen Bund übern Haufen werfen und endlich die Armen reich machen und die Geknechteten frei. So wurde Belgicus plötzlich wie ausgewechselt. Zum ersten Versuch schlug er einen Knaben nieder, der eine Katze quälte. Der Knabe war sonst viel stärker als er, aber »die Idee« gab dem Schwachen Kraft. Der knabenhaft männliche Drang des Wettens und Wagens, des Kämpfens und Siegens war in ihm erwacht, es regte sich eben jener göttliche »böse Bub'« (nicht der schriftdeutsche »böse Bube«), jener Schwerenöter, der sich im Leben zuletzt zur Energie der gesunden Tatkraft läutert oder ungeläutert uns als zuchtlos eigenwillige Menschen zugrunde richtet. Drittes Kapitel Wie konnte denn aber Biebrich, mitten im deutschen Binnenlande, weitab von unseren Außengrenzen gelegen, im Jahre 1833 der Schauplatz für die Heldentaten großer und kleiner Schmuggler sein? Zum Verständnis dessen muß ich historisch ein wenig ausholen; denn der gebildete Leser weiß zwar sehr genau, wie es zur Zeit Karls des Großen in Deutschland aussah, aber wie es vor vierzig Jahren bei uns ausgesehen hat, das wissen viele gebildete Leser nicht ganz so genau. Wo der Nassauer Löwe, in Marmor gemeißelt, von monumentalen Marmorgrenzsäulen stolz hinüberblickte auf den Hessen-Darmstädter Löwen und den preußischen Adler, die, beide nur auf Holztafeln gemalt, an rot- oder schwarzweißen Holzpfählen befestigt waren, da bestand im Jahre 1833 noch eine Zollgrenze. Die Erweiterung des ursprünglich bloß hessisch-preußischen Zollverbandes zum Deutschen Zollverein war zwar bereits stark im Anzuge; Bayern und Württemberg waren am 23. März jenes Jahres dem preußischen Verbande beigetreten, und man erwartete, daß nun auch die nassauischen Zollschranken fallen würden. Dies geschah jedoch erst im Dezember 1835. Mainz besaß einen Freihafen. Und so lag die Versuchung nahe, zwischen Mainz und Biebrich den ausgiebigsten Schmuggel zu betreiben und von dorther das Nassauer Land mit unverzollten Waren zu versorgen. Der Schleichhandel wuchs aber in dem Maße, als man den Anschluß Nassaus an den Zollverein und die Aufhebung des Mainzer Freihafens näher und näher heranrücken sah. Wir erkennen heute in der Gründung des Deutschen Zollvereins ein nationales Ereignis, welches Segen verhieß und Segen brachte: der Zollverein bildete die Vorhalle zum Deutschen Reich. Dies ahnten damals auch schon Männer von großem Schnitt und weitem Blick. Aber die Mehrzahl der Menschen ist immer von kleinem Schnitt, sonst wären ja auch die anderen gar nicht groß. Und so war denn den klein geschnittenen Leuten dieser langsam heranrückende Zollverein ein drohendes Gespenst, welches kurze und lange Waren noch einmal so teuer und das Geld dreimal so rar machen werde als bisher. Die Frauen zumal sahen mit dem Fallen der Zollschranken Zustände wie zur Zeit der Kontinentalsperre wiederkehren, so daß man den Kaffee wieder aus Gelberüben brauen und mit Honig süßen müßte. Wer es irgend mit seinem Geldbeutel und seinem Gewissen vereinen konnte, der kaufte sich geschmuggelte Kolonialwaren im Vorrat, und in manchen Biebricher Häusern sah es aus, als habe man sich für eine Belagerung verproviantiert. Der so lebhaft betriebene Schleichhandel führte zu einem steten Kleinkrieg zwischen Schmugglern und Grenzjägern, wobei sich die Gegner mitunter sogar von Kahn zu Kahn beschossen, und eine solche »Seeschlacht«, im Winter zwischen den andrängenden Schollen des Eisgangs geschlagen, hatte besonderen Ruhm erlangt. Den Haupthelden der Schmuggler, Jakob Brubecher, lernten wir bereits kennen; man wußte nicht, was bei ihm größer sei, sein Mut, seine List oder sein Glück. Er hatte sich noch niemals erwischen lassen, obgleich ihn jedes Kind als den Schmugglerkönig kannte und ihm ein ebenbürtiger Gegner in der Person des Oberjägers von der Grenzwache, Christoph Missel, gegenüberstand. Dieser Missel, ebenso schlau als kühn, hatte schon gar manchen armen Teufel abgefaßt, der auf eigene Faust ein bißchen schmuggelte, allein er trachtete vergebens, die »Schwarze Kommission« mit ihrem großen Führer zu fangen. Brubecher sicherte seine Unternehmungen, die er »Kampagnen« nannte, durch eine ganz feine Strategie. Zu Land schmuggelte er wenig und ließ dort seine Leute häufig nur zum Schein umherlaufen, um die Aufmerksamkeit der Zolljäger vom Rheine abzulenken. Denn die großen Aktionen wurden immer zu Wasser ausgeführt. Auf leichten, ganz schmal gebauten Dreiborden, sogenannten »Seelenverkäufern«, arbeiteten sich die Schmuggler in Sturm- und Gewitternächten, ja sogar beim Eisgang, keck und rasch durch die Flut, wobei ihnen die Zöllner mit ihren schweren Dienstnachen nicht nachkommen konnten. Das Hauptgeheimnis Brubechers lag aber, wie er's militärisch ausdrückte, in den drei »Stützpunkten seiner Operation« – der Petersau, dem Wörth und – Sibrats Garten. An diesen drei Orten hatte er Verstecke für Mann und Fracht und zugleich seine Späher. Oberhalb Biebrich gegen das rechte Ufer liegt die Petersau, eine langgestreckte Insel, deren Steindämme und dichte Weidenbüsche mancherlei Unterschlupf boten, und schräg gegenüber das Wörth, ein kleineres, damals ganz bewaldetes Eiland. Das Wörth war nassauisch, die Petersau hessisch; die Grenze lief mitten durch den Rheinarm, der beide Inseln trennt. Steuerte nun Brubecher von Mainz nach Biebrich, und es wurde ihm ein nassauisches Zollschiff signalisiert, so warf er seine Fracht in die Büsche der Petersau und fuhr den Verfolgern leer entgegen, während seine auf der Insel versteckten Genossen die Waren aufnahmen, quer über die Insel trugen und von dort in einem bereitstehenden Kahn hinter dem Rücken der Zollwächter ans nassauische Ufer brachten, indes Brubecher mit dem Zollschiffe Fangemännchen spielte. Drohte Gefahr von der Mainzer Seite her, so trieb er dasselbe Spiel bei dem Wörth. Nur durch gleichzeitige Besetzung der beiden Inseln, des Landufers und des Rheinarmes hätte man ihn sicher fangen können. Dazu fehlte es den Hütern des Gesetzes aber an Mannschaft und Schiffen; Brubechers Streitmacht war ihnen in beidem doppelt überlegen. Das schwierigste blieb aber trotzdem doch immer die Landung und Bergung in Biebrich. Nicht ohne Grund glaubte man, daß es in Sibrats Garten spuke, denn lichtscheue Gestalten gingen dort oft genug um; diese Gespenster waren aber nicht bloß Schmuggler, sondern auch Zollwächter, und beide fanden es in ihrem Interesse, den Gespensterglauben zu verbreiten und dadurch störende Neugier von dem Gärtchen auf der Mauer fernzuhalten. Beide arbeiteten nämlich dort miteinander, nebeneinander, ja die Zollwächter tanzten den Schmugglern recht eigentlich auf den Köpfen, und diese landeten und bargen ihre Waren fast niemals im Garten, außer wenn die Zollwächter zugegen waren. Sie schmuggelten nicht unter den Augen, auch nicht hinterm Rücken, wohl aber unter den Füßen ihrer Verfolger. Dies war der Humor von der Sache und Brubechers Meisterstück; ohne Sibrats passive Assistenz hätte er es allerdings nicht ausführen können. Herr Georg Sibrat galt nicht nur für einen friedliebenden, sondern auch für einen sehr gesetzliebenden Mann. Er verkaufte nur richtig verzollte Waren und eiferte gerne mit sittlicher Entrüstung gegen den heillosen Schmuggel, der dem ehrlichen Kaufmann das ganze Geschäft verderbe, mit Ausnahme der Choleraartikel. »Denn die gehen über den Horizont des rohen Schmugglervolkes«, wie er hinzufügte. Ganz Biebrich folgte dem Kampfe der Grenzjäger und Schleichhändler, wie die Zuschauer einem Wettrennen folgen, und es wurden viele Flaschen Wein verwettet, ob endlich Brubecher oder Missel, ob Freiheit oder Gesetz, wie man sich ausdrückte, siegen würden. Herr Sibrat hatte sechs Flaschen auf das Gesetz verwettet, auf den Sieg Christoph Missels, – sechs Flaschen Hosenberger, eigenes Gewächs. Dieser »Hosenberger« verdient im Vorbeigehen ein Wort wehmütiger Erinnerung; es ist eine »Marke«, die im Weinhandel nicht mehr gefunden wird. Biebrich-Mosbach hatte vor vierzig Jahren noch seinen eigenen Wein; er wuchs am Hosenberg, einem sanften Abhang zwischen der Wiesbadener Chaussee und der Armenruh-Mühle. Jetzt sind dort die Weingärten verschwunden, und wo früher die beste Lage, da liegt jetzt der neue große Kirchhof. Die Wormser Liebfrauenmilch wächst auf ehemaligen Gräbern; warum soll man am Rheine nicht auch umgekehrt Gräber in ein ehemaliges Rebland graben, welches freilich keine Liebfrauenmilch hervorbrachte? Sibrat hatte übrigens nicht nur sechs Flaschen Hosenberger auf den endlichen Sieg des Gesetzes und des Oberjägers Missel gewettet, sondern er trank auch häufig mit diesem Mann eine Flasche des edlen Gewächses, und zwar abends in seinem Garten. Da nämlich dieser Garten, wie wir wissen, gleich einer Bastei das Ufer beherrschte, so hatten sich die Zollwächter mit Zustimmung des loyalen Besitzers dort einen Späheposten eingerichtet. Sie landeten beim Pförtchen an der Mauer, stiegen durch den dunkeln Gang zum Gartenhaus hinauf, belauschten die anstoßende Lände und hatten dort auch wirklich schon öfters kleine Schmuggler erwischt, Dilettanten und Pfuscher, wie sie Brubecher verächtlich nannte. Herr Sibrat leistete ihnen dann Gesellschaft mit seinem Weine, und so verbanden die Hüter des Gesetzes das Nützliche mit dem Angenehmen, – sofern man jenen Hosenberger – propre-crû – überhaupt etwas Angenehmes nennen konnte. Zur Bedienung ging der Hehmeh ab und zu, und die Grenzjäger trieben ihren Spaß mit ihm, wobei sich derselbe jedoch immer sehr schweigsam verhielt. Nur wenn sie kamen, begrüßte er sie jubelnd mit einem weit über den Rhein hinschallenden »Hehmeh!« – offenbar aus Freude über ihre Gesellschaft, wobei er mittrinken durfte, – und wenn sie sich zum Aufbruch rüsteten, dann heulte er ein noch lauteres, aber ganz melancholisches »Hehmeh!« – offenbar aus Betrübnis über ihren Aufbruch. Ein weiteres »Hehmeh« war ihm aber zwischendurch nicht abzulocken, wie Missel meinte: aus Respekt vor seiner amtlichen Persönlichkeit. Allein die Sache hatte einen ganz anderen Grund. Der Begrüßungsruf Hehmehs wurde drüben auf der Petersau gehört, und Brubecher ließ nun seinen Nachen ganz leise den Strom hinabtreiben, landete im Rücken der Zöllner oberhalb Sibrats Garten und schob sein Fahrzeug längs der Mauer bis neben den Kahn der Grenzjäger. Dann schaffte er mit seinen Leuten die Waren in den dunkeln Gang, wo sie seitwärts durch eine Öffnung verschwanden, die nur bei genauestem Nachforschen hätte entdeckt werden können. Diese Öffnung führte zum Keller des Gartenhauses. Im Rheingau, wo der Keller die Hauptsache und das Haus mitunter nur eine Zugabe zum Keller ist, hatten sogar die alten Gartenhäuschen ihren Keller. Wir Modernen haben es erstaunlich weit gebracht in der Kunst, uns das Leben sauer zu machen, wir graben also auch keinen Keller mehr unters Gartenhaus; unsere Vorfahren aber, Virtuosen der entgegengesetzten Kunst, gruben solche Keller: sie wollten ihren Wein überall gleich kellerfrisch zur Hand haben. Sibrat hatte zufällig den alten Keller entdeckt, von welchem niemand im Hause wußte, und die Schmuggler hatten sich dann zu mehrerer Bequemlichkeit den versteckten Zugang gebrochen. In diesem Keller bargen sie ihre Waren, indes die Zollwächter über ihren Köpfen saßen und nach rechts und links ausspähten, um sie zu fangen. Durch ein kleines Loch in der Mauer, welches von überhängendem Stachelbeergesträuch verhüllt war, konnte Brubecher jedes mitunter recht instruktive Wort seiner Verfolger hören, und er machte ganz leise seine Witze dazu. Und während jene oben den Hosenberger tranken, tat er ihnen unten in unverzolltem Burgunder Bescheid. Sobald aber Hehmeh das Zeichen des Abschieds stöhnte, schlichen die Schmuggler zu ihrem Nachen und verschwanden um die Ecke, während Herr Sibrat schon dafür sorgte, daß die Zöllner möglichst langsam den Gang hinab auch ihrerseits zum Wasser kamen. Bei gelegener Zeit wurden dann die Vorräte des geheimen Kellers durch Brubechers Leute einzeln an ihre Besteller befördert. Herr Sibrat tat dies beileibe nicht; er handelte nur mit verzollten Waren, wie er sehr oft und ganz richtig beteuerte; er hatte dem Jakob Brubecher nur seinen Gartenkeller vermietet und rührte die geschmuggelten Kaffeesäcke und Zuckerhüte mit keinem Finger an. Da aber dieses fremde Warenlager in eigenem Keller seinem eigenen Handel mit den ehrlich verzollten Waren schwere Konkurrenz machte, so bezog er von Brubecher tausend Gulden Kellermiete fürs Jahr, und der kleine Keller trug ihm mehr ein als sein ganzer Kram mit Inbegriff von Cholerapflaster und Senfsamen. »Ist das nicht ein ehrlich Geschäft?« so fragte Herr Sibrat manchmal sich selber. »Und wer kann mir Strafbares vorwerfen? Als guter Kaufmann vermiete ich meinen Keller, und als guter Bürger traktiere ich über dem Keller die Organe des Staats mit Hosenberger. Hehmeh begrüßt diese Organe laut und herzlich und weiß übrigens nichts von dem Kellerleben unter seinen Füßen, und wenn er's wüßte, so könnte er's weder mündlich noch schriftlich zu Protokoll geben, denn sprechen kann er nur sehr wenig und schreiben gar nicht.« Also war Herr Georg Sibrat doch ein recht heuchlerischer Spitzbube? Er würde es sehr übelgenommen haben, wenn man ihn so genannt hätte, obgleich er sich manchmal in stillen Stunden jene impertinente Frage selber stellte. Dann meinte er aber, es komme nicht sowohl darauf an, was man tue, als warum man etwas tue. Warum nahm er denn den Sold des Hehlers und war in seinem Hause der ehrliche Mann, in seinem Garten dagegen der Spitzbube? Es gibt viele Gründe, aus welchen die Menschen nichtsnutzig werden, allein keiner dieser landläufigen Gründe war hier ersichtbar. Sibrat trank nicht, spielte nicht, verschwendete nicht; seine Frau putzte sich nicht und lebte noch sparsamer als er selbst. Sibrat war auch nicht vom Teufel der Habgier besessen, der nach Geld jagt, um immer mehr Geld zählen zu können. Hätte er ein bißchen mehr von diesem Teufel im Leibe gehabt, so würde er ein besserer Kaufmann geworden sein. Er sammelte und zählte allerdings Geld mit Leidenschaft, aber er sammelte und zählte es nicht für sich. Neben dem geheimen Keller im Garten besaß er eine geheime Kasse im Hause; die tausend Gulden Kellermiete flossen alljährlich in diese Kasse, und dort blieben sie – höchst unkaufmännisch – ruhig liegen in lauter guten Brabanter und Berliner Talern. Die geheime Kasse mußte den geheimen Keller entsühnen; denn Sibrat nahm den Hehlerlohn von den Schmugglern nur – für seine Kinder. Er hatte für sich resigniert, aber für die geliebten Kinder sollten sich die Zukunftsträume erfüllen, die ihm das Leben unerfüllt gelassen. Die Kinder sollten viel vornehmer, viel reicher, viel gelehrter werden als ihr Vater. Und dazu gehörte viel Geld. Sibrat wagte drei Jahre Zuchthaus, wenn nur sein Belgicus dereinst einmal der Leibarzt eines regierenden Fürsten würde; er hätte sechs Jahre gewagt, wenn er dadurch seiner Johanna dereinst die Hand eines Barons gesichert hätte. Alle Vorzeichen schienen ja so günstig. War der Junge ein Universalgenie, dann war das Mädchen bildschön und so natürlich manierlich; gewiß, Johanna mußte ihr Glück in der Welt machen, wenn nur das leidige Geld nicht fehlte! Und Johanna hatte so viel Sinn und Streben für das »Höhere«. Als unlängst die Großfürstin Helene zu Besuch am nassauischen Hofe war, gab es eine große Galatafel, und Johanna durfte, hinter einem Aufbau von Treibhauspflanzen versteckt, das prächtige Schauspiel fünf Minuten lang betrachten. Sie glaubte, im Himmel zu sein. Ach, es ist so schön, vornehme Leute essen zu sehen! Die Großfürstin überstrahlte alles; sie trug ein Diadem von Brillanten, deren Lichtfunken in allen Regenbogenfarben blitzten und glitzerten. Man sprach in Biebrich lange noch von diesem Diadem; man vergaß darüber sogar den Zollverein. Aber die Großfürstin war doch zu blendend, zu sonnengleich für Johannens Auge. Dauernder fesselte sie eine russische Hofdame, die noch viel schöner war als die schöne Großfürstin, einfacher zwar gekleidet, aber doch hochfein in weit ausgeschnittenem rosenrotem Atlaskleid, mit mächtigen runden Ballonärmeln an den reizenden Armen und einem hochaufragenden Giraffenkamm im rabenschwarzen Haar. Johanna träumte fortan Tag und Nacht von dieser Hofdame, von dem Giraffenkamm und den Ballonärmeln; sie träumte zuletzt sich selbst als eine solche Hofdame. Es ist freilich leichter in dieser Welt, daß ein korsischer Advokatensohn Kaiser als daß eine deutsche Krämerstochter Hofdame werde. Aber die Phantasie eines Kindes kehrt diese ganze Welt unterst zu oberst, sie überspannt und überfliegt alle Schranken dieser Welt um so sieggewaltiger, je weniger sie dieselben kennt. Glückselige Zeit, wo unsere beseligende Einbildung noch so riesengroß sein kann, weil unser qualvolles Wissen noch so zwergenhaft ist! Und ist zuletzt selbst der gereifte Mann anderswie glücklich als in kindlicher Einbildung? Ganz verstohlen und verschämt sprach Johanna sogar mit Belgicus von ihren Träumen; denn die Zwillinge hatten kein Geheimnis voreinander. Sie meinte, Hofdame könne sie zwar niemals werden, aber doch vielleicht etwas Ähnliches, wenn es nur der Vater noch höher hinauf bringe. Und der Vater pflege öfters zu sagen, in anderen Staaten mache man nicht studierte Beamte, die selber gar keine Finanzen haben, zu Finanzministern, sondern ausgezeichnete Kaufleute, Männer von Fach und Geld, und das sei auch das richtige. Vielleicht werde der Vater einmal irgendwo Finanzminister, und dann werde auch sie ein vornehmes Fräulein und könne Ballonärmel, Giraffenkamm und ein Rosakleid tragen, so schön wie die russische Hofdame. Der Vater hatte von diesem Kindergerede gehört. Es schnitt ihm wie ein Messer durch die Seele: er, ein Hehler des Jakob Brubecher und künftiger Finanzminister! Er schämte sich nicht vor sich selbst, aber er schämte sich vor seiner Frau und seinen Kindern. Denn Frau und Kinder hielten ihn für einen exemplarisch ehrlichen Mann. Es beruhigte ihn, wenn andere Leute seine Ehrlichkeit priesen; wenn er aber die arme unwissende Frau und die Kinder so ganz selbstverständlich auf seine Ehrlichkeit bauen sah, dann erschrak er im Innersten. Wie im Wirbel drehten sich seine Gedanken: »Ohne den geheimen Keller und die geheime Kasse muß Belgicus Krämer werden wie ich, und Johanna wird einmal, wenn's hoch kommt, einen Krämer heiraten.« Er beschloß, den Keller auszubeuten, bis genug Geld gewonnen sei für das Studium des Jungen und die Aussteuer des Mädchens. Aber keine Stunde länger. Nachher wollte er ganz gewiß wieder ehrlich werden, ehrlicher als irgendein Mensch in ganz Biebrich. Allein wenn das Geheimnis des Kellers vorher verraten wird? – »Dann wandre ich nach Diez, um drei Jahre lang Marmor zu sägen, Belgicus wird ein Schuhflicker, und Johanna muß dienen gehen.« Vielleicht konnte sich die Sache auch milder gestalten, und er kam nicht ins Zuchthaus nach Diez zum Marmorsägen, sondern nur ins Korrektionshaus nach Eberbach, um Wolle zu spinnen. Und in Eberbach spann man viel angenehmer, als man in Diez sägte. Aber dies war ihm völlig gleichgültig – so wie so, Diez oder Eberbach – Belgicus wurde dennoch ein Schuster, und Johanna mußte dienen gehen. Dieses Schreckenswort entschied. Er beschloß fortzufahren, wie er begonnen. Aber sowie der letzte unerläßlich notwendige Brabanter Taler in der geheimen Kasse war, dann wurde der Keller zugeschüttet, der Eingang vermauert, und der Garten durfte statt der silbernen Taler nur noch goldene Aprikosen liefern, die im reinsten Seelenfrieden verzehrt wurden. Sibrat atmete tief auf, wenn er an diesen Seelenfrieden der Zukunft dachte. Viertes Kapitel Im Oktober starb Sibrats Frau. Sie hatte lange gekränkelt, und doch kam ihr Tod unerwartet. Ihr stilles Walten hatte man kaum bemerkt; man bemerkte es erst, da es aufhörte. Sie war eine brave Frau gewesen, gottesfürchtig, fleißig, selbstlos, bescheiden in ihrem Streben wie in ihrer Bildung. Sie hielt die Fehler ihres Mannes für Vorzüge, welche sie nicht verstehe: ohne diese rührende Selbsttäuschung würden gar viele Frauen ihren Männern davonlaufen. Obgleich zehn Jahre jünger als ihr Mann, war Frau Sibrat doch zu alt für ihn. Durch die Tradition des Elternhauses gehörte sie noch der friedlichen, genügsamen alten Zeit, ihr Mann hingegen der friedlosen, gärenden, ringenden neuen. Es gibt ein Lebensalter des Taufscheins und ein Lebensalter der Weltanschauung; und kraft dieses Doppelalters sind nicht selten die Jungen alt und die Alten jung. Frau Sibrat hatte ihren Mann nicht glücklich gemacht, und doch wurde er von ihrem Tode tief erschüttert. Die Kinder waren trostlos. Die Mutter war für den Vater in vielen Stücken beschränkt gewesen und beschränkend; aber in der Liebe für ihre Kinder war sie schrankenlos, und Kinder haben oft eine tiefere Fühlung für die Liebe, welche ihnen unverdient und ungesucht geboten wird, als große Leute. Aber die Kinder trauern auch anders wie die Erwachsenen; sie trauern hoffnungsfreudiger. Kindertrauer ist Regen im Sonnenschein. Es war am Abend nach Frau Sibrats Todestage. Im Sterbezimmer lag die Leiche bereits im Sarge; – unser letztes Haus wird am geschwindesten gebaut. Alle Fenster waren gleich nach dem Tode geöffnet worden, damit die Seele hinauskönne, und standen fortan Tag und Nacht offen, und des Nachts brannte eine Lampe, und die Leichenfrau wachte im Zimmer. Die beiden Kinder saßen in dem Kämmerchen nebenan im Dunkeln; bei der herrschenden Verwirrung kümmerte sich niemand um sie. Ab und zu schlüpften sie hinüber zur Mutter, die so friedlich schlummernd im Sarge lag, umhüllt vom langen weißen Totenhemd, und die Blumen des Spätherbstes lagen zu ihren Häupten und Füßen. Das Leben war ihr schwer gewesen, der Tod leicht: man las beides auf ihrem Gesichte. Und den Kindern schien die Mutter im Sarge viel schöner als je im Leben. Sie meinten, es müsse doch unaussprechlich süß sein zu sterben; sie hätten selber sterben mögen, um auch so verklärt dazuliegen im reinen weißen Linnen zwischen Blumen. Und wenn sie sich satt gesehen an der toten Mutter, dann schlüpften sie wieder zurück in ihr dunkles Kämmerchen und hielten sich umfangen und sprachen in wundersamen Gefühls- und Gedankensprüngen – wie Kinder pflegen. Der Abendstern trat über den Giebel des Nachbarhauses. »Vielleicht ist die Mutter jetzt da oben auf jenem Sterne«, sprach Johanna, »und sieht von dort auf uns zum Fenster herein.« »Oder vielleicht ist sie geisterweise hier bei uns in der dunkeln Stube«, meinte Belgicus, »denn die Toten können uns nahe sein, ohne daß wir's spüren.« »Aber die Mutter ist ja doch im Himmel!« entgegnete das Mädchen – ganz leise, damit die Mutter nicht gestört werde, die draußen schlief. »Der Himmel ist überall, wo selige Geister sind«, erwiderte der Bruder noch leiser, »und die Mutter ist jetzt ein seliger Geist, der uns umschwebt, ein Engel, der uns schützt. Denn es ist ja der Beruf der Engel, die Menschen zu schützen, und wen sollte die Mutter lieber beschützen wollen als uns beide?« »Wenn wir das nur gewiß wüßten«, sagte Johanna weinend, – »dann brauchten wir nicht zu trauern.« »Wir trauern auch nur, weil wir die Mutter nicht mehr sehen und hören können, wir trauern um uns, nicht um die Mutter«, belehrte der Knabe. »Aber warum wird denn die Mutter frühmorgens bei Sonnenaufgang begraben«, fragte Johanna, ihre Tränen trocknend, »und nicht in der dunkeln Nacht, wie neulich der Hofmarschall? Ach, das war so herrlich, wie sie den Sarg auf Servietten trugen und mit Flambeaux durch ganz Biebrich und Mosbach, und der Sarg war so groß und schwer, daß ihn die Träger kaum schleppen konnten!« »Das verstehst du nicht, Johanna! Die Adeligen begräbt man nachts bei Fackelschein, und acht Mann tragen den Sarg auf Servietten, was sehr schwer ist; die Bürgerlichen aber kommen am helllichten Tage ins Grab, und man trägt den Sarg auf der Bahre, wozu nur vier Mann nötig sind. Die Adeligen kommen dann auch auf den adeligen Kirchhof, der ist in der äußersten Ecke an der Mauer, schräg dem Armensünderwinkel gegenüber, wo die Vagabunden liegen, die man im Chausseegraben tot gefunden hat. Zwischen diesen und den Adeligen in der Mitte liegen dann die Bürgerlichen.« »Aber dann käme ich ja gar nicht neben die Mutter, wenn ich einmal adelig werden sollte«, meinte Johanna tief betrübt. »Bis du einmal adelig wirst«, entgegnete Belgicus, »wird überhaupt gar kein Unterschied zwischen Adeligen und Bürgerlichen mehr sein. Dann wird auch der geringste Mann mit Flambeaux und in Servietten begraben werden, und alles wird sich in der Mitte zusammenfinden.« Johanna staunte über diese Rätselworte ihres Bruders; mit offenem Munde sah sie ihn schweigend an. Belgicus aber war nun ins rechte Fahrwasser gekommen, und da gemeinsames Leid die Zunge löst, so enthüllte er jetzt zum erstenmal der Schwester seine jüngsten geheimsten Gedanken, die er aus den Gesprächen mit Brubecher gesogen, und erzählte ihr, daß er einmal ein großer Schmugglerhauptmann werden und die Welt umkehren und verbessern wolle, wie man's Anno neunzig in Paris versucht und nicht fertiggebracht habe und wie es auch der Brubecher im Sinne trage; allein der sei doch nicht ganz der rechte Mann und auch schon zu alt dazu. Johanna fand den neuen Lebensplan ihres Bruders abscheulich, sie wußte sich vor Entsetzen darüber kaum zu fassen und bekämpfte ihn – bald leise, damit es die Mutter nicht höre, bald recht laut, damit es der unglückselige Bruder um so deutlicher hören solle, – in den beredtesten Worten. Zuletzt rief sie: »Und wenn der Vater einmal Finanzminister wird und du bist ein Schmuggler, dann muß er dich, seinen eigenen Sohn, in den Brummstall sperren lassen!« Der »Brummstall« empörte Belgicus aufs tiefste und entfesselte seinen hellen Zorn. In Biebrich bezeichnete man mit diesem Namen damals das einzige Zivilgefängnis des Ortes, welches allerdings einem Stalle verzweifelt ähnlich sah und wo auch genug gebrummt wurde, Personen aller Art, die augenblicklich dingfest gemacht werden mußten, wurden dort bis auf weitere Sortierung provisorisch zusammengesperrt: Landstreicher und Verbrecher, Tobsüchtige, Schwerbetrunkene, Demagogen, lüderliche Dirnen, Schmuggler, Bettelleute und dergleichen, – so daß dieser Brummstall allerdings ein für Gentlemen nicht ganz schickliches Haftlokal und Belgicus' Entrüstung begreiflich war. Das Zuchthaus war entschieden anständiger. Allein im Feuer der Begeisterung erklärte Belgicus zuletzt, daß er selbst vor dem Brummstall nicht zurückschrecken werde. Er meinte, dort habe schon manche verkannte Größe gesessen, wie unlängst der verrückte Maurermeister Keyser, den man bloß darum hineingesteckt, weil er sich für den Kölner Dombaumeister hielt und in den Schluchten des Häßler den Kölner Dom aus Lehm auszubauen begonnen hatte. Übrigens sei auch schon mancher, eh' man sich's versah, aus dem Brummstall ausgebrochen. Erst vorige Woche hatte man einen rebellischen Schornsteinfegerjungen eingesperrt und dabei übersehen, daß der Kamin nicht von unten vergittert war. Als der Polizeidiener des anderen Morgens dem Arrestanten sein Frühstück bringen wollte, saß derselbe auf dem Dache neben dem Schornstein und sang mit heller Stimme: »Wohlauf, wohlauf! der Tag erwacht, ihr Brüder!« aus der »Stummen von Portici«; – denn auch die Kaminkehrerbuben waren damals in Biebrich nicht ohne Bildung. »So würde ich auch einmal ausbrechen« – rief Belgicus –»und Tausende mit mir, wenn man uns einsperren sollte; und in ganz anderem Sinne werden wir dann in den neuen Morgen hineinsingen: ›Der Tag erwacht, ihr Brüder!‹« Allein Johanna gab sich nicht überwunden. Ganz leise gemahnte sie den Bruder an die geisterweise Gegenwart der toten Mutter, die nun solche Worte von ihm höre und darüber tief betrübt werde in ihrer Seligkeit. »Sie ist in Frieden eingeschlafen und hat zuletzt noch gesagt, daß wir gute Kinder seien, die allezeit ihr Glück gewesen, und daß sie uns getrost dem strengen, aber doch so guten Vater hinterlasse, der uns das rechte Vorbild geben und uns zu braven und Gott wohlgefälligen Menschen erziehen werde, damit wir uns vereint im Himmel alle wiedersehen könnten. Waren das nicht ihre letzten Worte?« Als Johanna so gesprochen und Belgicus verstummte, da hörten beide ein leises Geräusch im dunkeln Kämmerchen, wie wenn jemand vorüber- und hinaushusche. Sie erschraken zum Tode und faßten sich an den Händen und blickten ringsum. Es war nichts zu sehen. Johanna sammelte sich zuerst. Sie öffnete die Tür des Sterbezimmers ein klein wenig und spähte nach dem Sarge: – die Tote schlummerte in Frieden fort; die Wächterin war bei ihrem Lämpchen eingenickt. Die Stille der Nacht, des Schlafes und des Todes ruhte auf dem matt erhellten Raume. Noch zitternd eilten die Kinder hinweg und legten sich schweigend zu Bett. Belgicus steckte den Kopf tief ins Kissen; allein er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Auch ein anderer noch hatte eine schlaflose Nacht – der Vater! Er war vorhin unvermerkt im dunkeln Kämmerchen zu den Kindern getreten und hatte ihr ganzes Gespräch belauscht. Als Belgicus seine Schmugglerpläne enthüllte, stand er wie vernichtet vor Überraschung und machtlosem Zorn. Er wollte hervortreten, dem ungeratenen Sohne fürchterlich ins Gewissen reden, ihn züchtigen wie nie zuvor. Da hatte Johanna die milden Worte von der toten Mutter entgegnet, die dahingefahren sei im tröstlichen Glauben an die Zukunft ihrer guten Kinder und im gewissen Hoffen, daß der brave Vater sie durch Lehre und Beispiel zum Himmel erziehen werde. Nun aber war es ihm mit einemmal unmöglich, dem Sohne gerade jetzt zu predigen, wo er sich selbst vielmehr die Predigt hätte halten sollen; oder den einfältigen Jungen über Vorsätze zu züchtigen, wegen deren Ausführung er, der gescheite Mann, sich selbst hätte züchtigen müssen. – Er war rasch wieder zur Türe hinausgeschlichen, und die Kinder hatten das Geräusch gehört. – – – Am frühen Morgen bei Sonnenaufgang wurde Frau Sibrat begraben. Die Kinder hatten mitgehen wollen, aber sie mußten zu Hause bleiben: – »Kinder gehören nicht an ein offenes Grab«, hatte der Vater gesagt. Außer ihm selbst und einem Nachbar, den er gleichsam als Zeugen gebeten, folgte kein Mensch dem Sarge. Man nannte dies damals am Rhein ein vorurteilsloses Begräbnis nach der französischen Überlieferung aus jener Zeit, wo unser Herrgott in Frankreich abgeschafft gewesen war; und die frühe Tagesstunde wurde gerade deshalb gewählt, daß nicht etwa ungebeten ein Geleite von Freunden dennoch sich einfände. Vornehme Leute reisen inkognito, und so schien es auch besonders vornehm, inkognito zum Kirchhof zu reisen. Die Teilnahme eines Geistlichen, Glockengeläute und dergleichen wäre vollends spießbürgerlich und altväterisch gewesen, wenigstens beim aufgeklärten Bürgerstande; denn die Bauern und die Adeligen wurden allerdings wiederum unter geistlicher Assistenz begraben, letztere sogar in Servietten und mit Flambeaux. Am Grabe angelangt, senkten die Träger hurtig den Sarg hinab. Die rotglühende Oktobersonne rang sich in demselben Augenblicke aus einer grauen Nebelwolke empor, da die gebrochene Menschenhülle in den dunkeln Schoß der Erde hinabstieg. Das Gras auf den Nachbargräbern war weiß bereift, so rein und weiß wie eine im Tod entsühnte treue Seele. Sibrat trat an den Rand und blickte eine Weile in die Tiefe, und die Gedanken vergingen ihm – vielleicht im stillen Gebet. Dann trat auch der Nachbar herzu, zog den Hut und sprach: »Sie war eine gute Frau!« Die Totengräber aber hatten's eilig, sie traten rasch vor und begannen die Schollen auf den Sarg zu werfen. Sibrat entfernte sich langsam, öfters zurückblickend; er ging schweigend neben dem Nachbar nach Hause. Doch nicht in jenem Schweigen der in eins verschlungenen Entsagung und Hoffnung, welches uns wohl oft von Gräbern heimbegleitet. Widerstreitende Gedanken und Gefühle anderer Art kämpften in ihm. Das Gespräch der Kinder, welches er gestern abend belauscht, ließ ihm selbst auf diesem Gang keine Ruhe. Mit der Frau hatte er den Glückstraum einer schon halb vergessenen Vergangenheit begraben, und jenes Kindergerede drohte ihm nun auch das geträumte Glück der Zukunft zu vernichten. Er fühlte seine Schuld tiefer als je, fand aber nicht mehr die gewohnte Entschuldigung. Denn bisher hatte er sich eingeredet, daß er nur zum guten Zwecke, daß er sehr löblich sündige. Seine stete Angst war nur gewesen, ob er unentdeckt spitzbübischerweise Geld genug zusammenbringe, um seinen Sohn zum besten Manne zu machen, zu einem viel besseren, als er selber war. Und jetzt schien es plötzlich, daß der Sohn allerdings größer und selbständiger zu werden sich anlasse als er selbst, aber größer im Verbrechen und selbständiger in der Spitzbüberei. Sibrat öffnete im Geiste seinen Mund zur Warnung und Zurechtweisung des Sohnes und konnte nicht sprechen; er erhob im Geiste den Arm zur Strafe und konnte nicht schlagen. Er beschloß, gleich heute den geheimen Keller zu schließen, allein er durfte es nicht: des Geldes war noch lange nicht genug, und Brubecher würde sich furchtbar gerächt haben, wenn er ihm mitten im besten Gang der Geschäfte die Türe gewiesen hätte. Zu Hause angekommen, fand der Vater Belgicus und Johanna im Sterbezimmer sitzen, welches nun so ganz öde erschien. Die Fenster waren noch immer offen, die Kinder froren in der kalten Morgenluft und merkten's nicht. Nur Hehmeh hatte sich zu ihnen gesellt; er stand in der Ecke und fror gleichfalls und faltete die Hände, wie er's gelehrt worden war, und stöhnte ganz leise: »Hehmeh! Hehmeh!« Frau Sibrat hatte ihm viel Gutes getan, und es ahnte ihm dämmernd, daß er seine Wohltäterin verloren habe. Der Vater konnte die Kinder nicht ansehen; denn er dachte: »Durch meine Schuld wird Johanna dienen gehen und Belgicus – nicht einmal ein Schuster werden!« Er trat ins offene Fenster und blickte bald hinaus zum Himmel, der sich mit Nebelwolken füllte, bald scheuen Auges zurück in die leere Stube. Da kamen die Kinder heran, und Belgicus faßte seine rechte und Johanna seine linke Hand, und nun konnte er ihnen ins Auge sehen und vergaß alle Gewissensbisse und Zukunftspläne, alle Gedanken an Bußpredigten und exemplarische Strafen; er zog seine verlassenen Kinder ans Herz und küßte sie beide. Während er dann aber schweigend neben den Schweigenden stand, ging ihm ein helles Licht auf, was er zu tun habe. Er beschloß, mit Brubecher zu brechen und den Keller zu schließen, hernach aber dem Belgicus den Kopf gründlich zurechtzusetzen. Denn nun erst hatte er ja ein volles Recht hierzu. Gleich heute noch mußte dies alles geschehen – oder spätestens morgen. Doch nein, auch dies war noch zu geschwind. Brubecher stand mitten in einer großen Lieferung, die erst binnen acht Tagen vollendet sein konnte. Auf so lange mußte er dem alten Geschäftsfreunde doch noch Frist geben. Dann aber vollführte er den guten Vorsatz ganz gewiß: in acht Tagen wurde das Tischtuch zwischen dem Schmuggler und Hehler entzweigeschnitten, und Georg Sibrat war wieder ein ehrlicher Mann, der dann auch seinen Sohn wieder aus reinem Herzen lieben und mit bestem Gewissen prügeln konnte. Fünftes Kapitel Jener achte Tag war gekommen, den Sibrat fest entschlossen, aber doch mit innerlichem Zittern und Beben erwartet hatte; denn mit Brubecher zu brechen, war keine Kleinigkeit. Um sich Mut zu machen, behandelte er inzwischen die Kinder und ganz besonders den Belgicus äußerst zärtlich und liebreich. Des Abends um sieben Uhr wurde Brubecher erwartet; – – es war schon tiefdunkle Nacht, Sturm und Regen, kein Stern am Himmel; der Rhein warf hohe Wellen. Sibrat saß im Gartenhause und zählte die Minuten und dachte: »Wann noch eine Stunde vorüber ist, dann bin ich frei, oder der Schmuggler hat mich totgestochen.« Hehmeh stand auf der Lauer. Jetzt ließ er seinen Ruf so gellend erschallen, daß man ihn weithin durch das Windsgebrause hörte. Es war das Zeichen, daß die Schmuggler nahten und daß sie sicher landen könnten. Nach wenigen Minuten erschien auch der Kahn an der Mauer, stark besetzt, ein größeres Fahrzeug als gewöhnlich. Sibrat trat vor; er wollte Brubecher hier oben erwarten, denn es graute ihm, dem verwegenen Manne unten im Keller eine Eröffnung zu machen, die ihn in Wut versetzen mußte. Allein da nun der entscheidende Augenblick gekommen war, fand er Mut und Fassung wieder. Die im Kahne Gelandeten waren jetzt heraufgestiegen. Ein langer, schmaler Mann ging voran und vertrat Herrn Sibrat den Weg – das war nicht Brubechers untersetzte Gestalt! – Sibrat prallte zurück. Der Fremde faßte ihn am Arme: – es war der Zollinspektor, von Christoph Missel und seinen bewaffneten Grenzwächtern gefolgt. Sie umringten den Kaufmann, daß er nicht rechts noch links ausweichen, auch kein Zeichen gegen den Rhein geben konnte. Zu gleicher Zeit drang Polizeimannschaft von der Straße her in den Garten, besetzte das Wohnhaus und brachte dorthin den Hehmeh zur Ruhe, der unablässig seinen Namen schrie, als ob er am Spieße stäke. Sibrat stand mit schlotternden Knien. Sein guter Vorsatz war zu spät gekommen, nur um einen Tag, vielleicht nur um eine Stunde zu spät! Der Zollinspektor befahl dem unglücklichen Manne, daß er ihn zu dem geheimen Keller unterm Gartenhaus führe. Als Sibrat von einem solchen Keller nichts wissen wollte, erklärte der Beamte, daß er den Zugang selber schon zu finden und zu öffnen wissen werde, aber Sibrat müsse ihnen dabei folgen. Ein Verräter mußte sehr genaue Anzeige gemacht haben; denn die Zöllner fanden nun den Zugang augenblicklich, der ihnen so lange verborgen geblieben. Bei dieser Entdeckung warf Christoph Missel seinem alten Freunde einen grimmigen Blick zu und rief: »Schämt Euch, Sibrat! Ich hielt Euch für treu wie Gold, und Ihr waret falsch wie ein Koburger Sechskreuzerstück!« Allein der Beamte hieß ihn schweigen, und man machte sich mit aller Vorsicht daran, die geheime Pforte zu öffnen. Ein Grenzjäger zog seinen Säbel, ein anderer spannte den Hahn seines Karabiners. An dem äußeren Mauerloche sah man durch die jetzt laublosen Stachelbeerzweige Licht blitzen; es waren also Leute im Keller, und man erwartete einen gewaffneten Ausfall oder doch verzweifelten Widerstand Brubechers und seiner Bande. Sibrat erschrak heftig über dieses Licht. Sollten die Schmuggler sich schon vorher, ohne daß er's gemerkt, in ihr Asyl begeben haben, welches ihnen nun zur Mausfalle wurde? Das Türchen war von innen verriegelt; nachdem man jedoch mit einigen Kolbenstößen angepocht, wurde es geöffnet. Die Vordersten drängten hinein, blieben aber dann erstaunt stehen; der eine fluchte, der andere lachte, und als der Inspektor und Sibrat herzukamen, bot sich ihnen ein höchst unerwartetes Bild. Das von einem kleinen Lämpchen matt erleuchtete Gewölbe, sonst vollgepfropft mit Fässern und Ballen, war fast ganz leer; in der Mitte aber stand mit hoch erhobenem Kopfe – Belgicus. »Wie kommst du hierher?« rief der Vater –; »Was will der Bube hier?« – der Inspektor; – »Wo ist der Brubecher?« – andere Stimmen. Ein Grenzjäger sprang in den Hintergrund des Kellers und zog dort ein kleines Häuflein Waren hervor; mit Hast wurden sie untersucht: es war ein alter Kaffeesack voll aufgelesener Äpfel und etliche leere Selterwasserkrüge mit abgeschlagenen Henkeln, von blauem und weißem Papier umhüllt, daß sie fast wie kleine Zuckerhüte aussahen. – Sonst fand sich nichts. Der Beamte faßte den Jungen am Kragen und fragte ihn, was er zu dieser Stunde hier für Kindereien treibe. Belgicus antwortete ruhig, auf die Äpfel und Krüge deutend: »Ich spiele Brubecher und Missel, Schmuggler und Grenzjäger, wie ich's hier schon oft getan; – der Platz ist gar schön dazu – und dieses sind die zollbaren Waren.« »Dann bist du wohl Missel«, fragte der Beamte, »wo aber ist Brubecher?« »Ich spiele mit mir selbst und bin Brubecher und Missel zugleich, und wenn ich als Grenzjäger mich als Schmuggler erwische, dann fasse ich mich selbst am Kragen, genau so wie Sie mir's eben getan.« »Ein schönes Früchtchen! wohl Ihr Sohn, Herr Sibrat?« wandte sich der Beamte an den Vater. »Geht der Junge in die Schule?« »Ich lasse ihn im Hause unterrichten«, entgegnete dieser mit Selbstgefühl. »Dann geben Sie ihm den verdienten Buckel voll Schläge selber im Hause; sonst hätte es der Schulmeister tun müssen.« Die Zöllner, in argem Zorn über die Täuschung, setzten ihre Nachforschungen mit wütendem Eifer fort; sie suchten nach einem zweiten Ausgang des Kellers und fanden keinen, sie durchspürten den ganzen Garten, durchstöberten das ganze Haus von oben bis unten und merkten nicht, daß Brubecher inzwischen mit der vollen Fracht des Kellers rheinabwärts gegen Schierstein steuerte. Während des Suchens war Hehmeh davongelaufen und ließ im Staunen und Schrecken über die ungebetenen Gäste seinen Weheruf von der Treppe herab erschallen, daß die ganze Nachbarschaft zusammenlief. Die Leute wollten ins Haus dringen, um zu sehen, was es gebe, allein ein im Hausgang aufgestellter Polizeidiener wies sie zurück und weigerte jede Auskunft. Da trat ein riesengroßer Mann in polnischem Rocke, mit hohen gespornten Steifstiefeln an den langen Beinen, eine große Karbatsche in der Hand, an den Wächter im Hausgang heran und fragte gebieterisch: »Was ist los?« Und die bis dahin so abweisende Wache berichtete ihm sofort, daß man eben da drinnen den Brubecher festnehme und die ganze »Schwarze Kommission« und ihr ganzes Nest geschwärzter Waren aushebe. Man hätte glauben mögen, dieser imponierende Mann, der allein Bescheid erhielt, sei eine obrigkeitliche Person. Allein dem war nicht so: – seines Zeichens Pferdehändler, führte der Riese nebenbei nur ein Amt, welches er sich selbst gegeben hatte, – der »Feuerreiter« Ditz. Unter diesem Titel kannte ihn jung und alt auf weit und breit. Lange vor der Zeit der Feuerwehren hatte er sich aus Passion die Aufgabe gestellt, beim Ausbruch jeden Brandes sofort zu Pferde zu steigen, in rasendem Galopp die Straßen auf und ab zu sprengen, mit der Karbatsche zu knallen, daß die Scheiben klirrten, und »Feuerjoh!« zu rufen. Er hatte schon verschiedene Kinder übern Haufen geritten und anderes Unheil angerichtet, aber noch viel öfter auch schnelle Hilfe herbeigerufen; und so ließ man ihn denn galoppieren und klatschen, so arg er wollte. Kaum hatte der Feuerreiter die Kunde von Brubecher vernommen, so warf er sich aufs Pferd, sprengte durch alle Gassen kreuz und quer, daß die Funken stoben, und klatschte wahre Donnerschläge mit seiner Karbatsche. Überall flogen die Fenster auf. – »Wo brennt's?« schrien die Leute. – »Nirgends!« schrie der Feuerreiter und riß im Nu sein Pferd zurück, daß es fast zusammenstürzte, – »nirgends! Der Brubecher wird eben gefangen beim Kaufmann Sibrat!«– und nun gab er dem Pferde die Sporen und klatschte und sauste davon wie der lüftige Teufel. Ganz Biebrich strömte jetzt zur Rheingasse und wogte dort auf und ab, trotz Sturm und Regen; man mußte die Wache am Sibratschen Hause verdoppeln, daß die Menge nicht mit Gewalt eindrang, um zu sehen, wie Brubecher in Ketten gelegt werde. Die Leute, welche auf Missels endlichen Erfolg gewettet hatten, triumphierten; die Gegner hingen die Köpfe oder stritten und zweifelten. Endlich um elf Uhr öffnete sich die Tür, die Zollbeamten traten heraus; sie hatten nichts gefangen und nichts gefunden. »Die gerichtliche Untersuchung wird das Weitere lehren!« rief der Inspektor Herrn Sibrat zum Abschied zu. Allein die Zöllner kamen doch zunächst mit leeren Händen. Ein Gemurmel lief durch die Menge, dann ein Brausen und Schreien; zuletzt erhob sich ein schallendes Hohngelächter, gefolgt von lautem Jubilieren. Das kam von jenen, die auf Brubechers höheres Genie gewettet hatten und nun ihrerseits über die voreilig siegesgewissen Gönner Missels triumphierten. Erst gegen Mitternacht zerstreute sich die Menge. Am anderen Morgen verkroch sich Belgicus, weil er sich seiner eigenen Heldentat fürchtete; Johanna kam mit verweinten Augen: sie ahnte schweres Unglück, und es sah ihr gar nicht danach aus, als ob ihr Vater so geschwind Finanzminister werden würde. Dem armen Hehmeh hatte die verkehrte Welt von gestern abend vollständig den Kopf verdreht; er goß einen Krug Tinte in den Senfsamen und wickelte den Schweizerkäse in Cholerapflaster. Sibrat wurde nach Wiesbaden vor Amt geladen. Die Untersuchung ergab kein Resultat wegen mangelnder tatsächlicher Anhaltspunkte. Ein Verräter aus Brubechers Bande hatte die schriftliche Anzeige von dem geheimen Keller und von Brubechers Anwesenheit zur bezeichneten Stunde anonym gemacht. Da aber der gefürchtete Häuptling nicht erwischt worden war, so wagte auch der verkappte Angeber nicht weiter hervorzutreten. Die Behörden hielten sich für gefoppt und glaubten zuletzt, Brubecher selbst habe den anonymen Brief verfaßt, um sich über sie lustig zu machen. Herr Sibrat wurde als ehrlicher Mann mit höflicher Entschuldigung entlassen. Nachdem er aber das Verhör so glücklich überstanden, nahm er seinerseits den Belgicus ins Verhör. Allein es war aus dem Jungen durchaus nichts anderes herauszubringen, als was derselbe auch den Zöllnern gesagt, nämlich daß er den Keller schon längst für sich entdeckt und dort Brubecher und Missel gespielt habe. Der Vater wollte ihm die Lüge klar beweisen, tat es aber doch nicht; denn sonst hätte er ja dem Knaben dartun müssen, daß er, der Vater, selbst vielmehr bis zum letzten Tage im Keller und über dem Keller Brubecher und Missel gespielt, und zwar in Wahrheit, die hier noch schlimmer als die Lüge war. Da er nun kein weiteres Geständnis erpressen konnte und den Belgicus der Lüge zu überführen sich nicht getraute, so strafte er ihn wenigstens – denn Strafe muß sein – wegen nächtlichen Umhertreibens. Er selbst aber empfand die Strafe weit tiefer als der Junge; denn er strafte ja seinen Retter für die rettende Tat. Etwa zehn Tage später ging Georg Sibrat des Abends auf der Schiersteiner Landstraße spazieren; die innere Unruhe duldete ihn nicht zu Hause, und er war leutscheu seit der Untersuchung. Da trat ein Mann vom Ufer zu ihm heran und bot ihm einen guten Abend. Die Stimme war ihm nur allzu bekannt: es war der Brubecher. »Unser Geschäft ist ein klein wenig gestört worden«, begann der Schmuggler, – »wir müssen's anderswie und anderswo aufnehmen.« Sibrat gab keine Antwort und beschleunigte seinen Schritt. Allein Brubecher konnte ebenso geschwind gehen, und nach einer Pause fuhr er fort: »Ihr seid ein gescheiter Mann, Sibrat, aber eines fehlt Euch: Ihr habt keine Schneide! Doch was Euch da die Natur versagt hat, das schenkte sie doppelt Eurem Buben; der wird gewinnen, was Ihr nicht zu gewinnen wagtet. Ein prächtiger Bursch! er bringt's höher hinauf wie Ihr. Ich habe das schon mehrmals erlebt, daß die Eltern erst in ihren Kindern ganz fertig werden.« Und nun ergoß er noch viel großes Lob über Belgicus und erzählte, wie es neulich ergangen sei, daß dessen »Universalgenie« sie alle gerettet habe. Der Schmuggler hatte nämlich den Knaben nachgerade mit seiner intimsten Freundschaft beehrt und – entzündet von dessen Begeisterung für sein Heldentum – ihn zuletzt sogar in das Geheimnis des Kellers eingeweiht. Nur glaubte Belgicus, daß sein Vater von diesem Keller nichts wisse und überhaupt dem Schmugglertreiben ganz fremd sei. Brubecher begann, den verschwiegenen und unverdächtigen Knaben dann so nebenher zum »Baldowern«, zum Ausspähen, anzuleiten, und hieß ihn namentlich sich an die Grenzjäger anschmeicheln, was ihm auch ebensogut wie dem Vater gelang, obgleich er keinen Hosenberger zu spenden hatte. Ein unbedachtes Wort, welches Missel in Gegenwart von Belgicus entschlüpft und von diesem sofort seinem Freunde Brubecher mitgeteilt worden war, bewog die Schmuggler, am entscheidenden Abend knapp vor Ankunft der Beamten den Keller zu räumen. Daß aber Belgicus selber nun in den Keller ging, dort seine Waren aufstapelte und die Zöllner glauben machte, er habe schon seit Wochen daselbst rumort und Brubecher und Missel gespielt, dies alles war die Eingebung seines eigenen Genies. »Und so hat der herrliche Junge das Vaterland gerettet!« rief Brubecher und wartete eine Weile, ob der Vater nicht einstimme zum Preise des Sohnes. Da aber Sibrat standhaft schwieg, hub er wieder an: »Die Zeiten sind schlecht für brave Leute! kein Krieg, keine Revolution, höchstens ein verpufftes Hambacher Fest, keine großen Ereignisse, die alles durcheinanderwerfen, – und wenn wir nicht den Wirth und Siebenpfeiffer hätten, dann wäre lauter Ruhe und Friede! – – lauter gute Bürger und Schlafmützen! Aber bis Euer Belgicus groß geworden ist, wird dies anders, und dann wird er seine Rolle spielen. Die Freiheit und Gleichheit wird jeden erst zum rechten Platz im Leben führen; denn das größte Unrecht von der Welt ist doch, daß Ihr Krämer sein müßt und ich Schmuggler. Das wird anders kommen nach der großen Revolution. Wer heute ein naschhafter, lüderlicher Bube ist, der wird dann ein großer Künstler werden; denn er hat Geschmack, der nur auf den falschen Weg geriet; wer heute ein Dieb, der wird ein großer Bankier; wer ein Raufbold, der wird ein berühmter Feldherr; wer ein Wilderer, der wird Oberforstmeister, und wer jetzt ein rechter Hochstapler, der wird Bundestagsgesandter, obgleich ich bezweifle, daß der Bundestag bis dahin noch existiert. Dann wird Belgicus auch ein berühmter Mann sein, ein berühmter Mann jeglicher Art; denn aus einem jungen Schmuggler kann noch alles Vortreffliche werden; wir sind die wahren, leider zur Zeit noch verkannten Universalgenies, und Euer Belgicus gehört uns!« Brubecher rief diese letzten Worte langsam, mit hoch erhobener Stimme, und als Sibrat antworten wollte, verschwand er plötzlich seitab im Weidengebüsch, noch einmal von fernher wiederholend: »Er gehört uns!« Nach einigen Wochen verbreitete sich in Biebrich das Gerücht, Georg Sibrat habe sein Haus und Geschäft in Bausch und Bogen an den Aaron Blumenstein von Dotzheim verkauft, denn er wolle nach Amerika auswandern. So war es in der Tat. Der Schritt erregte ungeheures Aufsehen im ganzen Orte. Die Biebricher pflegten damals nicht auszuwandern; sie meinten, sie hätten Amerika genug daheim, ihr neu aufwachsendes Biebrich sei selbst ganz amerikanisch. Unter den »Auswanderern« dachte man sich nur jene mitleidswerten Scharen armer, unzufriedener Menschen, die aus minder gesegneten Gauen zum Rheine zogen oder auf überfüllten Segelschiffen den Strom hinunterfuhren, ein Gewimmel von verelendeten Bauern und Tagelöhnern mit abgemagerten Weibern, schreienden Kindern und schlechtem Hausrat, einen Knäuel der Not, des Jammers und der falschen Hoffnung. Leute von Georg Sibrats »Stellung« wanderten nicht nach Amerika. Zum Auswanderer war er zu reich und zum übersiedelnden Geschäftsmanne zu arm. Sibrat aber erklärte den Leuten, daß er überhaupt gar nicht für sich auswandere, sondern nur für seine Kinder. Nassau sei zu klein, die Bahnen des Talentes seien hierzuland zu kurz und eng bemessen, und seine Kinder sollten's weiter bringen wie Vater und Mutter. Die Zukunft dieser Kinder liege in Amerika, wo die Zukunft der Welt liege. Die Zeit Sibrats war nicht von jenem allgemeinen Größenwahn, von jener allgemeinen Großtuerei besessen, welche der Fluch unserer Gegenwart zu werden droht. Die Menschen fühlten sich damals kleiner, und wer sich recht gescheit, scharfblickend und überlegen zeigen wollte, der prahlte mit der Erbärmlichkeit seiner Zeit, seines Landes und Volkes, ja seiner selbst. Im Hintergrunde malte man dann die künftige Herrlichkeit, man machte sich klein, um desto mehr im »Größenwahn der Zukunft« zu schwelgen. Und der halbstudierte »lange und kurze Warenhändler«, Herr Sibrat, war so ganz ein Kind dieser seiner Zeit, und jene Gründe, die er öffentlich für seine Auswanderung angab, waren darum nicht erheuchelt. Aber sie waren nicht die alleinigen, nicht die entscheidenden. Er floh vor sich selbst, vor seiner Vergangenheit, vor dem Gespenste seiner Schuld, welches in Nacht versunken war und doch jeden Tag wieder ans Licht beschworen werden konnte; er floh vor Brubecher, dessen Freundschaft ebenso gefährlich geworden, wie dessen Rache es werden mußte, wenn Sibrat die Freundschaft kündigte. Das Wort: »Er gehört uns!« tönte Tag und Nacht in seinen Ohren. Er floh, um im fernen, dunkeln Lande seinen Sohn in einen neuen Boden zu pflanzen. Der »böse Bub'«, welcher in Belgicus so frisch erwacht war, drohte sich zum »bösen Buben« auszuwachsen, und Belgicus mußte ein Mann des Friedens, ein Priester des Gemeinwohls und ein berühmter Arzt werden, und das konnte er nach des Vaters Überzeugung jetzt nur noch in Amerika. Vielleicht gingen die Cholerapflaster und der weiße Senfsamen in der Neuen Welt auch besser als in der Alten. Und die beiden Kinder waren so hoffnungsfreudig; seit dem ersten Tage, da man ihnen die große Reise angekündigt, spielten, träumten, lebten sie bereits nur noch auf dem Meer und jenseit des Meeres. Als sich Sibrat mit den Seinen in Mainz einschiffte, war ihm nur ein Freund zum Abschied gefolgt: der arme Hehmeh. Er stand am Ufer und rief wehmutvoll: »Hehmeh! Hehmeh!«, bis das Schiff hinter der Rheininsel verschwand. Er war nun ganz verlassen. – – Die glücklichen Auswanderer pflegen fleißig Briefe zur Heimat zu senden; die unglücklichen schreiben nicht gern. Von Sibrat kamen keine Briefe. Nach etlichen Jahren galt er als verschollen; nach einem Jahrzehnt dachte in Biebrich kein Mensch mehr an den seltsamen Mann und an die seltsame Familie. Sechstes Kapitel Im Frühjahr 1873 erregte ein Duell großes Aufsehen, welches nahe bei Biebrich zwischen dem amerikanischen Obersten Thomson und dem Herrn von Gattnau, einem preußischen Obersten a. D., stattfand. Es gibt allerlei unbegreifliche Anlässe zu Duellen; allein der unbegreiflichste war doch, daß sich diesmal zwei Offiziere schlugen wegen einer Streitfrage aus dem Gebiete der Psychologie und Pädagogik. Beide Duellanten waren Männer von etlichen und fünfzig Jahren, also alt genug, um keinen Zweikampf mehr mutwillig vom Zaune zu brechen, beide sehr verdiente Männer, die noch große Aufgaben in der Welt zu erfüllen hatten. Oberst Thomson war in Amerika allgemein bekannt; er hatte sich im amerikanischen Sezessionskriege als einer der tapfersten und zugleich genialsten Offiziere der Nordarmee rasch von niederer Stufe zum Regimentskommandeur emporgearbeitet und nach dem Frieden seine diplomatischen Dienste dem Vaterlande in nicht minder ausgezeichneter Weise gewidmet. Oberst von Gattnau war höchst ehrenvoll aus den deutschen Feldzügen des letzten Jahrzehnts heimgekehrt, und wenn auch seine öffentliche Laufbahn abgeschlossen war, so hatte er doch als Vater einer zahlreichen Familie noch Ursache genug, sich den Seinen zu erhalten. Beide Obersten waren Originale von Kopf bis zu Fuß; auch die Art, wie sie sich kennengelernt und Freunde geworden, war originell. Sie waren sich zufällig in Rotterdam begegnet, als sie sich beide eben auf einen niederländischen Rheindampfer begeben wollten, um eine Reise zu machen, wie sie heutzutage fast kein Mensch mehr zu machen pflegt, eine Rheinfahrt gegen den Strom von Rotterdam bis Mannheim – und obendrein im April. Sie hatten dabei Zeit und Muße genug zu gegenseitigem Austausch. Oberst Thomson erzählte viel von Amerika und staunte, daß Oberst von Gattnau so trefflich auf der Karte dieses Landes orientiert war, welches er nie betreten. Er war entzückt, daß deutsche Offiziere so gute Geographen sind. In noch größeres Staunen aber geriet der preußische Oberst, als sie auf Wunsch des Amerikaners ihre Reise in Biebrich unterbrachen. Er hatte den fremden Kameraden bereits so liebgewonnen, daß er sich nicht von ihm trennen wollte und, seinem Wunsche nachgebend, acht Tage in Biebrich mit ihm verweilte. Oberst Thomson wollte die Topographie von Biebrich und Mosbach genau und auf Grund eigenen Augenscheins studieren – das war doch noch gründlicherer Spezialismus als die Studien des Preußen auf der Landkarte von Nordamerika. Es zeigte sich aber bald, daß Oberst Thomson mit der Biebricher Topographie von vornherein schon vertrauter sei als sein preußischer Kamerad, obgleich dieser doch vordem sechs Jahre in dem benachbarten Mainz garnisoniert hatte. So sah man denn die beiden Obersten unzertrennlich, oft Arm in Arm an Orten spazierengehen, die sonst kein Fremder betritt, nicht bloß am Rheinufer, sondern auch an den Ufern des Salzbachs und Ochsenbachs, nicht bloß im Schloßgarten, sondern auch auf den Höhen des Häßlers und am Fuße des Hosenbergs. Und diese tüchtigen, gesetzten Männer, auf tagelanger Bergfahrt eines Niederländer Rheindampfers erprobte Freunde, gerieten zuletzt in tödliche Fehde, weil sie sich im Garten des Gasthauses zur Krone – über Erziehung unterhalten hatten! Der preußische Offizier behauptete, es sei das größte Glück, treffliche, allgemein geachtete Eltern zu haben und aus bester Familie zu stammen; denn das Vorbild der Ahnen, vorab jedoch das gute Beispiel des Vaters läutere und fördere uns mehr als alle Lehre. Der Amerikaner dagegen erklärte es für ein noch größeres Glück, aus etwas minder gutem Hause zu stammen und von Eltern, die nicht gar zu trefflich seien. Er begründete seinen Satz zuerst durch die Geschichte. Wenn die Väter und Großväter des heute in Manneskraft stehenden Kerns des deutschen Volkes nicht die ganze Schule der Vergewaltigung und Selbsterniedrigung der napoleonischen Zeit und der krankhaften romantischen Schwärmerei und des unreifen Freiheitstaumels der Folgejahre durchgemacht, wenn sie nicht das volle süße Behagen trägen Sonderlebens ausgekostet hätten, dann wären ihre Söhne heutzutage so unpolitisch und undeutsch geblieben wie die Urgroßväter im achtzehnten Jahrhundert. »Wo es die Väter gar zu gut haben und gar zu gut sind, da erschlaffen die Söhne, und umgekehrt: auf diesem Gesetze beruht die Ebbe und Flut der Weltgeschichte. Und wie bei den Nationen, so ist es auch bei den Familien. Der Sohn des Trinkers verabscheut die Trunkenheit; war der Vater aber gar zu exemplarisch nüchtern, dann ergibt sich der Sohn dem Trunke.« Der preußische Oberst bestritt alle diese Sätze und meinte, da müsse man sich ja nur gleich wünschen, von Spitzbuben und Halunken abzustammen, damit man durch das abschreckende väterliche Exempel um so trefflicher werde. Jeder der beiden Streitenden zog die Sätze des Gegners ins Lächerliche; der Amerikaner verspottete die »edlen Ahnen« und der Deutsche die »angenehme schlechte Familie«. Zuletzt forderte Oberst Thomson den Oberst von Gattnau. Die Sekundanten, welche man entbot, suchten zu vermitteln. Sie meinten, irgend etwas persönlich Beleidigendes liege in diesem Streite ja gar nicht vor, jeder habe recht und jeder unrecht, weil jeder eine Wahrheit übertrieben habe; wolle man alle Prinzipienstreite mit Säbel und Pistole ausfechten, dann müßten nicht sowohl die Studenten als vielmehr die Professoren sämtlicher deutscher Hochschulen täglich auf der Mensur liegen. Vergebens. Der Amerikaner begehrte, daß der Deutsche seine beleidigenden Sätze zurücknehme. Dieser weigerte sich, da er ja gar nichts Beleidigendes gesagt habe. – Und so schossen sich die beiden Obersten zuletzt auf dem Häßler, genau an der Stelle, wo vor vierzig Jahren der verrückte Maurermeister Keyser den Kölner Dom aus Lehm zu bauen versucht hatte, weshalb er in den Brummstall gekommen war. Oberst von Gattnau erhielt eine Streifwunde am linken Arm, die ihn noch eine Woche in Biebrich zu bleiben nötigte. Oberst Thomson, der den Reisefreund nach dem Wechsel der Schüsse sofort aufs brüderlichste umarmt hatte, pflegte ihn und las ihm zur Unterhaltung acht Shakespearesche Tragödien im Urtexte vor: denn nirgends fühlen sich Weltbürger inniger verbunden als im gemeinsamen Genusse der durch die Jahrhunderte geweihten Weltliteratur. Nach acht Tagen feierten die beiden Obersten ihre vollendete Versöhnung in Gesellschaft der Sekundanten mit einem Champagner von ganz untadeliger Abkunft. Der schönste Maiabend lag so duftig und düftereich über der Landschaft; die Sonne verglühte purpurn hinter den Rheingauer Bergen. Oberst Thomson trat ins offene Fenster, das Champagnerglas in der Hand, und blickte lange schweigend auf Strom und Hafen, auf jenen neuen Hafen, wo einst die alte enge Rheingasse lag. Halblaut sprach er vor sich hin: »Vor vierzig Jahren! – Dort stand der alte Edelhof – daneben grenzte die Gartenmauer mit dem Häuschen – da unten landeten die Nachen am Mauerpförtchen! Wie ist das alles anders geworden – seit vierzig Jahren!« Oberst von Gattnau hatte unbemerkt hinter dem Freunde gestanden und dem Selbstgespräche zugehört. »Sie waren vor vierzig Jahren hier?« fragte er erstaunt, seinen Arm auf die Schulter des Amerikaners legend. »Bis vor vierzig Jahren! Denn vor zweiundfünfzig Jahren wurde ich hier in der Rheingasse geboren. Sehen Sie da unten die drei Damen, welche dem abfahrenden Dampfer mit den Tüchern winken? Genau dort lag unser Haus – ›Lange und kurze Warenhandlung von Georg Sibrat‹ –, und Georg Sibrat war mein Vater.« »Aber Sie heißen ja Thomson!« »Mein Vater wanderte aus nach Amerika, um in der Neuen Welt ein neuer Mensch zu werden, und da er jede Brücke mit dem Mutterlande abbrechen wollte, so gab er sich auch den neuen Namen. Mein Vater hatte einige große Schwächen, er war in Schmugglergeschichten unangenehm verwickelt, was damals übrigens auch bei hochgeehrten und berühmten Firmen vorgekommen sein soll; mein Vater hatte große Schwächen, und doch waren es vielmehr die Schwächen seiner Zeit. Er büßte sie. Und übrigens war er immer doch mein Vater; ein Spitzbube, ein Halunke, wie Sie sich neulich ausdrückten, war er nicht.« »Ich habe keine Silbe jemals von Ihrem Herrn Vater gesprochen, was um so natürlicher ist, da ich eben das erste Wort von dem ohne Zweifel sehr ehrenwerten Manne höre«, unterbrach der preußische Oberst den amerikanischen. »Und doch haben wir uns wegen meines Vaters geschlagen, wegen des schlimmen und eben darum ausgezeichnet guten Beispiels, welches mir derselbe gegeben, und wegen meiner ›angenehm schlechten Familie‹«, entgegnete der Amerikaner. »Hier ist meine empfindliche Stelle, ich darf sie nicht berühren lassen, nicht aufs leiseste, nicht einmal absichtslos. Sie wissen gar nicht, wie empfindlich wir deutschen Amerikaner in Familiensachen sind! Doch das alles ist jetzt ausgeglichen, – wir sind Freunde auf Tod und Leben, unsere Freundschaft hat – buchstäblich und bildlich – die Feuerprobe bestanden. Aber dem Freunde muß man auch volle Klarheit über sich selber geben.« Und nun erzählte er von seinem Elternhause und seinen Jugendschicksalen, was wir bereits wissen. Dann fuhr er fort: »Wir wanderten aus nach Amerika. Anfangs ging es dort dem Vater schlecht genug mit seiner Kaufmannschaft; dagegen verschaffte er sich später ein besseres Fortkommen, indem er, wie vordem im Laden der Rheingasse, die ›technischen Fortschritte der Menschheit‹ mit der Heilkunde verband. Das Petroleum kam auf, und Georg Sibrat-Thomson kurierte die Krätze mit Petroleum. Hierdurch gewann er solchen Ruf als Arzt, daß er sich kurz vor seinem Tode sogar den Doktortitel in Philadelphia kaufen konnte, der sehr billig kam. Mein Vater wollte nun, daß ich gleichfalls ein Arzt, aber ein vollkommen ausstudierter, werden solle; allein sein Beispiel als halber Doktor bewahrte mich vor dem Fehlgriff, ein ganzer zu werden. Die Schmugglerabenteuer hatten den kriegerischen Geist in mir geweckt: ich wurde Soldat, besonders auch, weil mein Vater zu sagen pflegte: ›Wenn du Soldat wirst, dann nagle ich dich mit beiden Ohren an den Türpfosten.‹ Mein Vater war ein Mann des Friedens; hätte er länger gelebt, so würde er vielleicht noch Quäker geworden sein, obgleich er eigentlich – im Geiste seiner Zeit – gar keine Religion hatte. Eben darum fand ich meinen Trost im religiösen Glauben und wurde Soldat. Und zum Soldaten gehört vorab Mut, strengstes Ehrgefühl, Entschlossenheit, schneidiges Wesen – lauter Eigenschaften, die mir um so wertvoller schienen, als mein Vater vergebens nach ihrem Besitze rang. Die Kinder wollen die Mängel der Väter in sich ergänzen: darauf beruhen ›die Fortschritte der Menschheit‹ weit mehr als auf chemischen Feuerzeugen, Stahlfedern und Petroleum. Ich machte mein Glück auf dem Schlachtfeld, ich leistete meinem Vaterland vielleicht einige Dienste. Nach dem Frieden verband ich dann die diplomatische Laufbahn mit der militärischen, – denn den diplomatischen Geist hatte ich nun andererseits wieder vom Vater geerbt. Friede seiner Asche! Er starb, als ich eben sechzehn Jahre alt war; er hat nicht mehr erlebt, daß etwas Ordentliches aus mir wurde. Vielleicht verzeiht er mir's jetzt im Himmel sogar, daß ich Oberst geworden bin.« »Und was war das Schicksal Ihrer Schwester?« fragte der Freund nach einer Pause. »Johanna ist in New York sehr glücklich verheiratet, sie ist die Frau eines Schuhmachers – eines Schuhfabrikanten, denn er treibt's im großen, – und er hat's nicht nötig, denn er hält sich Chaise und Pferde. Wenn mein Vater ganz verzweifelte an unserer Zukunft, die er durch seine Schuld verdorben zu haben glaubte, dann rief er wohl: ›Belgicus wird ein Schuster werden, und Johanna wird dienen gehen!‹ Das Wort hat sich umgekehrt erfüllt: ich ging dienen und bin stolz, daß ich diene, und Johanna ist eine Frau Schusterin. Sie war immer sehr ehrgeizig und würde es als armes Mädchen wohl nie so weit gebracht haben, wenn sie sich nicht die Hofdame der Großfürstin Helene zum Vorbild genommen und durch ihre vornehme Haltung Aug' und Herz des Herrn Robert Barow, des großen Schuhfabrikanten, gefesselt hätte. Wir hatten beide recht, teuerer Freund, mit unserer Philosophie der Erziehung; denn würde bloß einer recht gehabt haben, so wären wir nicht zum Streit und also auch nicht zum Zweikampf gekommen. Unser Widerspruch versöhnt sich jedoch in dem Satze: die Eltern werden erst fertig in ihren Kindern. Aber die große Frage für die Eltern ist, was sie nun eigentlich fertigmachen sollen in den Kindern. Hier liegt das Rätsel aller Erziehung, welches jedoch häufiger vom Leben als von den Erziehern gelöst wird. Es gibt aufsteigende und absteigende Familien. Bei den aufsteigenden werden die Eltern im Guten fertig in ihren Kindern, bei den absteigenden im Schlechten; aus den Schwächen der Väter erblühen Tugenden der Söhne, und die Tugenden der Eltern verzerren sich zu Sünden der Enkel. Wer ermißt, wie das kommen mag? Darum fühlen wir uns nicht demütiger vor Gott, als wenn wir beobachten – wie Kinder Leute werden!« Der verrückte Holländer 1873 Erstes Kapitel In der Morgenfrühe des 8. November 1836 standen drei Bergleute auf der Halde der Eisensteingrube »Amalia« bei Niedershausen und rüsteten sich, in den Schacht zu fahren. Einer derselben, Johann Justus Norz, schlechtweg Hanjust genannt, steckte jedoch vorerst noch die Hände in die Hosentaschen und rief: »Heut' fahre ich hier zum letzten Male ein; es ist Sünd' und Schande, wie schlecht man uns bezahlt! Wenn ich morgen wiederkomme, dann soll mich der Teufel lotweis holen!« Die beiden andern lachten; denn Hanjust hatte schon seit vier Wochen fast alle Tage das nämliche Versprechen gegeben und mit dem gleichen Schwur besiegelt und war doch immer wiedergekommen. Der Spott seiner Kameraden aber brachte den Mißvergnügten erst recht in Harnisch; er schimpfte noch einmal so arg auf den niederträchtigen Lohn und wiederholte zum Schluß doppelt kräftig: »Und wenn ich morgen wiederkomme, dann soll mich der Teufel lotweis holen!« »Da ist er schon!« rief plötzlich entsetzt sein Nebenmann und deutete in die Höhe. Hanjust blickte auf: eine unförmliche Riesengestalt schwebte vom Himmel gerade auf die Bergwerkshalde nieder, sie war schon ganz nahe, Stimmen tönten aus der Luft; – die Bergleute prallten auseinander, wie wenn eine Bombe zwischen sie gefahren wäre. Hanjust sprang zur Öffnung des Schachts, ergriff das Seil des Haspels, mit welchem die Erze heraufgewunden werden, und rutschte an demselben blitzgeschwind in die Tiefe. Wäre er die Leiter hinabgestiegen, so hätte er's bequemer gehabt; denn er fiel mit ganz zerrissenen Händen unten auf den Boden. Aber im Nu raffte er sich wieder empor, zündete seine Lampe an und begann wütend zu arbeiten. Von den Händen rann das Blut, er vermochte vor Schmerz kaum die Spitzhaue zu halten, und sein linkes Bein tat ihm so weh, daß er kaum stehen konnte: denn er hatte sich beim Falle den Fuß verrenkt. Aber das focht ihn alles nicht an; er hieb wahrhaft teufelmäßig auf das Gestein, um sich den Teufel vom Leib zu hauen; er sah ihn schon hinter seinem Rücken stehen und getraute sich nicht umzublicken. Wohl eine gute Viertelstunde hat er's so getrieben, die Kräfte verließen ihn; da hörte er von oben her Rufe, die ihm das Mark in den Knochen erzittern machten. Deutlich verstand er seinen Namen. Rief ihn der Teufel? Doch es fiel ihm ein, daß derselbe eigentlich von unten heraufkommen müsse und nicht von oben herunter, und er wagte genauer hinzuhorchen. Die Stimmen klangen bekannt: es waren seine Kameraden. »Komm herauf!« riefen sie, »hier gibt es was zu schaffen! Es sind drei Engländer vom Himmel gefallen!« Das dünkte dem Hanjust wieder ein schauerlicher Spuk. Allein der Gedanke überkam ihn jetzt plötzlich mit aller Macht, daß er ja unter der Erde dem Revier des Teufels am nächsten sei, und also kroch er langsam zur Leiter und stieg höchst vorsichtig hinauf, und von den oberen Sprossen reckte er den Kopf zunächst nur ein klein wenig über den Boden empor, um nötigenfalls sofort wieder hinunterzufahren. Aber da oben sah er ein ebenso neues als lustiges Schauspiel. Es waren wirklich drei Engländer vom Himmel gefallen, nämlich die Herren Karl Green, Robert Hollond und Thomas Monk-Mason. In dem Ballon »Royal-Vauxhall« gestern nachmittags zwei Uhr bei London aufgestiegen, waren sie über Nacht hundertundsiebenzig Stunden Wegs weit durch die Luft zur Lahn gefahren, sie hatten die größte Luftreise gemacht, welche jemals Menschen vollführten, um heute früh bei Niedershausen dem armen Hanjust Norz nahezu auf den Kopf zu fallen. Schon lag das riesige Ungetüm, der Ballon, schlaff und gefesselt am Boden, und die Bauern und Bergleute eilten von allen Seiten herzu, um das Wunder zu begaffen und das Reisegeräte der Luftschiffer aufzusammeln. Bei der Waldecke hatten es dieselben ausgeworfen, wo sie beinahe in den Eichenwipfeln hängengeblieben wären, und bei der Lochmühle, wo sie um ein Haar den Schornstein mitgenommen hätten. Fahnen, Fallschirme, physikalische Instrumente, Proviant, Ballastgefäße – alles wurde in buntem Durcheinander neben der Gondel des englischen Luftschiffs aufgehäuft, die in einem deutschen Kartoffelacker vor Anker lag. Aber bunter noch als dieser Knäuel von Siebensachen war die Sprachverwirrung des Menschenknäuels; welcher, immer breiter anwachsend, die Luftschiffer umringte. Die Engländer wollten wissen, wo sie denn schließlich hingekommen, und die Bauern, wo die fremden Männer hergekommen seien. Da aber die Engländer nicht einmal deutsch, geschweige niedershäusisch verstanden und die Niedershäuser im Englischen auch nicht ganz sattelfest waren, so kam der internationale Austausch sehr langsam in Fluß. Doch erfuhren die kühnen Reisenden endlich, daß sie sich in einem Seitentale der Lahn befänden, daß die nächste Stadt Weilburg heiße und nur zwei Stunden entfernt sei, und auf ihr pantomimisches Bitten beeilten sich denn auch die Bauern, mehrere Leiterwagen herbeizuschaffen, um den Ballon samt Zubehör nach jener Stadt zu befördern. Bei diesem Höhepunkte des Verständnisses war man eben angelangt, als Hanjust herbeigehinkt kam, zwar immer noch etwas vergeistert, aber doch erleichterten Herzens, da er sah und hörte, wie menschlich hier alles zuging. Statt des Grubenlichtes trug er einen Teekessel in der Hand, den er bei der Halde gefunden; denn die Engländer hatten dieses nationale Gerät keineswegs zu Hause gelassen und sich gestern abend, zehntausend Fuß über der Erde schwebend, ihren Tee ebensogut mit ungelöschtem Kalk gekocht, wie sie's auf festem Boden mit Spiritus getan hätten. Hanjust überreichte Herrn Green den Teekessel. Seine Miene war dabei so kläglich niedergeschlagen und sein ganzes Aussehen so jammervoll, daß ihm der Engländer im Überwallen des Dankes und Mitleids eine Flasche Portwein und eine große Londoner Wurst als Finderlohn schenkte. Aus Furcht vor dem Spott der Kameraden – sie flüsterten schon rechts und links vom Teufel und der Flucht am Haspelseil – schlich sich Hanjust mit seiner Beute ganz sachte davon, nachdem er die erste Neugierde noch ein klein wenig befriedigt hatte. Im Hause machte er sich mit seiner Frau sofort über die guten Gaben, die so unerwartet von oben gekommen waren. Mit dem ersten Glase des köstlichen Weines spülte er die letzten Nachwehen des ausgestandenen Schreckens aus seinem Geiste, und nur als er darauf die Wurst, welche ihm Herr Green höchst überflüssigerweise in ein Papier gewickelt hatte, von dieser Hülle befreite, erinnerten ihn seine wunden Hände wieder an die schauerliche Viertelstunde im Bergwerk. Darauf aber aßen beide ihre Wurst in Frieden und bedachten nicht, daß jenes fettige Papier eigentlich merkwürdiger sei als die ganze Wurst; denn es war die Nummer des »Morning Chronicle« vom gestrigen Tage. Noch niemals war eine Londoner Zeitung so geschwind nach Niedershausen gekommen, und selbst der englische Bundestagsgesandte in Frankfurt befand sich zur Zeit noch nicht im Besitze dieser neuesten Nachrichten, welche Hanjust Norz mit souveräner Geringschätzung in den Ofen warf. Zweites Kapitel In den nächsten Tagen strömten die Menschen zu Tausenden nach Weilburg, um das Luftschiff und die drei Engländer zu sehen. Der Ballon lag, halbwegs aufgeblasen, in der bedeckten Reitbahn des Schlosses. Herr Green erklärte den Beschauern stundenlang die Geheimnisse der Aeronautik, bald auf englisch, bald auf französisch; die Bürger und Bauern hörten auf deutsch zu, verstanden kein Wort und waren doch sehr erbaut davon. Alle Welt sprach nur noch von Kohlenwasserstoffgas, Luftdruck und Steigkraft, von Montgolfieren, Charlieren und Greenieren. Die Didaskalia brachte jeden Tag zwei Korrespondenzen aus Weilburg, während sie sonst im ganzen Jahre kaum eine einzige zu bringen pflegte. Die Gelehrten der Stadt besangen Dädalus als den ältesten und Green als den jüngsten Luftschiffer in lateinischen Distichen, und die Engländer dankten in englischen Reimstrophen. Manche Leute spähten aus, ob nicht noch andere Luftschiffe nachkämen, man war sicher, daß auch sie bei Weilburg niederfallen würden. Der Ort schien besonders anziehend für Ballons zu sein, denn schon vor fünfzig Jahren hatte sich Blanchard hier niedergelassen, und man holte seine alten Fahnen hervor, welche seitdem zum ewigen Gedächtnis im städtischen Archiv aufbewahrt wurden. Aber Blanchard war nur von Frankfurt gekommen, was besagte das gegen eine Fahrt von London nach Weilburg! Während solchergestalt Stadt und Land augenblicklich nur noch in der Luft schwebte und von der Luft lebte, saß Johann Justus Norz traurig zu Hause. Schon drei Tage hatte er kein warmes Mittagessen gekriegt, weil seine Frau jedesmal nach Weilburg gelaufen war, um dort die aeronautischen Herrlichkeiten zu sehen; kam sie dann abends zurück, so zankte sie den Mann wegen seiner Dummheit, die ihm den hinkenden Fuß und die geschundenen Hände eingebracht. Er konnte nicht arbeiten und verlor den Tagelohn, und dies war schlimm genug, denn er lebte nahezu von der Hand zum Munde. Sein Häuschen mit dem moosigen Strohdach war arg verfallen und sein Ackergut so klein, daß er kaum eine magere Kuh darauf halten konnte. Und auf diesem armseligen Besitz lasteten obendrein noch Schulden. Gerade jetzt auf Martini war ein Zins fällig, welchen Hanjust an den Doktor Vanderstraten in Weilburg zu zahlen hatte. Der Zins betrug fünfundzwanzig Gulden; der arme Schuldner brachte aber nur achtzehn zusammen, und der Doktor war ein gar wunderlicher Gläubiger. Er hatte das Geld zu drei Prozent dargeliehen, und viele arme Leute ringsum borgten bei ihm, weil er so wenig Zinsen nahm, allein er verlangte seinen Zins voll und pünktlich und vergönnte durchaus keinen Aufschub. Hanjust fürchtete sich darum entsetzlich, vor dem Doktor zu erscheinen mit dem Bekenntnis seiner halben Insolvenz; er wollte, daß die Frau statt seiner nach Weilburg gehe und den gestrengen Herrn um Nachsicht bitte. Diese aber sprach: »Umgekehrt! Du bist der rechte Mann dazu. Morgen schickt der Lochmüller Mehl in die Stadt; du kannst dich auf den Fritz, den großen Maulesel, setzen, der trägt dich leicht mitsamt dem Mehlsack. Kommst du dann zum Doktor und zeigst ihm deine zerrissenen Hände und den verrenkten Fuß, so wird er dir aus Mitleid gewiß Ausstand geben für die fehlenden sieben Gulden. Und überdies ist jetzt die ganze Stadt in Freud' und Jubel über das Luftschiff, die Leute leben wie im Rausch, da ist man gnädig gesinnt, und du kannst ja dem Doktor auch sagen, daß du eigentlich durch dasselbe Luftschiff verunglückt bist, welches jetzt Weilburg in der ganzen Welt berühmt gemacht hat.« Der arme Schlucker aber fragte, wie er das alles denn dem Doktor sagen solle, da derselbe ja mit keinem Menschen spreche, und wie er dem Doktor seine verletzten Glieder zeigen solle, da er ihn ja niemals zu sehen kriege. So war es in der Tat. Schon seit zehn Jahren trug Hanjust den Zins in des Doktors Haus, allein er drang jedesmal nur bis zur Dienstmagd vor, die ihm auf dem Flur das Geld abnahm und auch gleich die Quittung bereithielt, den Doktor selbst aber hatte er niemals erblickt, denn der alte Herr war leutscheu, sah keinen Menschen bei sich und ging nicht aus. Nur in mondlosen Regennächten sollte er zuweilen von zwölf bis ein Uhr spazierengehen, – so sagten die Leute. Trotz alledem ließ Hanjusts Frau dessen Einwand nicht gelten. Sie meinte, wenn das Luftschiff jetzt allen gescheiten Leuten die Köpfe verrücke, so könne es vielleicht auch umgekehrt den verrückten Doktor gescheit gemacht haben. Und Hanjust hielt es zuletzt in der Tat fürs beste, sein Glück bei dem närrischen Kauze zu versuchen. Also lauerte er des andern Morgens an der Straße, bis der Mühlknecht mit seinen Eseln kam, und bat ihn, daß er sich auf den Fritz setzen dürfe, oben auf den Mehlsack. Und nachdem ihm der Knecht hinaufgeholfen, fand er's da droben ganz lustig, ließ seine Beine in der Luft baumeln, zündete sich die tönerne Stummelpfeife an und genoß einstweilen die heitere Gegenwart, ohne der ahndungsvollen Zukunft zu gedenken. Seine Hände aber hatte er recht auffällig mit zwei blau- und weißkarierten Schnupftüchern umwickelt, und die achtzehn Gulden trug er in einer großen Ochsenblase wohlverwahrt in der rechten Hosentasche. Drittes Kapitel Über den Doktor Vanderstraten hatten sich die Weilburger schon lange genug vergebens den Kopf zerbrochen. Der Amtmann sagte, er sei ein psychologisches Rätsel, der Stadtschultheiß, er sei ein Narr, und der Pfarrer meinte, das sei im Grund ein und dasselbe, nur etwas höflicher oder gröber ausgedrückt. Ein reicher Arzt aus Rotterdam, war Doktor Vanderstraten vor zwanzig Jahren nach Weilburg gekommen und hatte sich dort ein schönes Haus am Marktplatz gekauft, worin er einsam von seinen Renten lebte. Anfangs pflog er einigen dürftigen Umgang mit den Honoratioren der Stadt, wurde jedoch immer menschenscheuer. Ganz besonders floh er seine Kollegen, die Ärzte, und noch mehr die Apotheker. Ein Fenster seines Hauses, welches auf die Löwenapotheke zielte, hatte er vermauern lassen, damit er den weißen Löwen des Apothekers nicht mehr sehe. Man hatte nie gehört, daß er krank gewesen sei und einen andern Arzt gebraucht oder auch sich selber etwas verschrieben habe. Arme Leute, die den »holländischen Doktor« für eine Art Wundermann hielten und um irgendein Heilmittel anbettelten, wies er zornig ab. Seine ganze Dienerschaft bestand aus der Magd; allein obgleich er sehr gut bezahlte und leicht zu betrügen war, blieb ihm doch keine über ein Jahr im Dienste, so furchtbar lastete das Grausen der Langeweile auf dem stillen Haus mit dem stillen Manne. Erkrankte die Magd, so mußte sie augenblicklich ins Spital: ein Arzt durfte auch in diesem Fall nicht über die Schwelle. Geschäftliche Besuche wurden im Vorzimmer abgefertigt, wobei die Magd gewöhnlich das Gespräch türaus, türein vermittelte: denn nur im äußersten Notfalle war der Hausherr selber zu sprechen. Zu seinem Wohn- und Schlafzimmer kam niemand außer der Magd, wenn sie reinigte oder das Essen brachte. Die Zimmer des oberen Stockwerks aber, wo der Doktor oft tagelang einsam saß, durfte auch sie nicht betreten, und es ging die Sage, daß dort ein greulicher Staub und Schmutz herrsche bei einem wüsten Durcheinander von Büchern und altem Geräte. Viele Leute glaubten darum nachgerade, der holländische Doktor sei weder ein echter Holländer noch ein echter Doktor; denn ein Holländer, der sich in Staub und Unordnung wohl fühlte und mit drei Prozent Zinsen begnügte, schien ihnen ebenso unglaublich wie ein Doktor, der niemals ein Rezept verschrieb und weder mit einem Skelett noch mit Mißgeburten in Spiritusgläsern sein Vorzimmer geziert hatte. Der einzige Mensch, welcher unserem Sonderling etwas nähergekommen, war der alte Herr von Söllbach, ein weiland nassau-oranischer Beamter, der sich zu dem Holländer als zu einem halben Landsmann hingezogen fühlte. Anfangs tauschten sie öftere Besuche, allein da der Doktor späterhin keinen Fuß mehr über seine Schwelle setzte, so wurden auch die Besuche seines Freundes immer seltener. Doch kam er ab und zu in das öde Haus am Marktplatz, halb aus Teilnahme und Mitleid, halb aus Neugierde. Er hätte gar zu gern gewußt, wo es dem ebenso gutmütigen als wunderlichen Manne fehle, weil er ihm gern geholfen und ihn wieder zu einem lebensfrischen, geselligen Menschen gemacht hätte. Doktor Vanderstraten war ohne Zweifel tiefsinnig, und indem er fortwährend in sich hinein grübelte und irgendeinen schwarzen Punkt rastlos brütend verfolgte, hatte er zuletzt alle Kraft und Lust zum Erfassen der Außenwelt verloren und seine Furcht vor Berührung mit andern Leuten bis zur Krankheit gesteigert. Aber welches war dieser schwarze Punkt? Aus der peinlichsten Angst, womit Vanderstraten jede Erinnerung an Ärzte und Apotheker mied und jedes Gespräch über medizinische Dinge abwies, folgerte Herr von Söllbach, daß sein unglücklicher Freund in einen Konflikt mit seinen ehemaligen Kollegen verwickelt sein möge oder vielleicht, was noch schlimmer, in einen tragischen Konflikt mit seiner eigenen ärztlichen Kunst und hierdurch in den dunkeln Strudel jenes selbstquälerischen Brütens hineingerissen worden sei. Er befragte ihn geradeaus darüber, allein der Doktor lehnte die Antwort so entschieden ab, daß es unmöglich war, die Frage ein zweites Mal zu wiederholen. Der Freund schlug darum einen ganz andern Weg ein. Er sprach kein Wort mehr von der Medizin und suchte den Selbstquäler unter allerlei Vorwand aus dem Hause zu locken, damit er im Anblick anderer Menschen sich selber wiederfinde. »Geht er nur erst ins Wasser, dann wird er auch schwimmen!« Allein der Doktor ging nicht ins Wasser. Weder die großen Weltereignisse noch die kleinen Ereignisse der Stadt machten ihn nach Umgang und Austausch lüstern. Vor zwanzig Jahren, mit seiner Übersiedelung nach Weilburg, war die Welt für ihn stehengeblieben; höchst gebildet und belesen, kannte er kein neues Buch, welches seitdem erschienen war. Er las keine Zeitung und wußte nur vom Hörensagen, daß Karl X. den Bey von Algier abgesetzt hatte und dann die Franzosen hinwieder Karl X., daß Polen »nicht verloren« und doch verloren war und daß Belgien sich von Holland getrennt hatte, ja er hatte niemals ein Porträt des Generals Chassé gesehen und des Grafen Diebitsch Sabalkansky, und diese Helden kannte doch damals jeder Schulknabe vom Umschlag seiner illustrierten Schreibhefte. Da fiel das Londoner Luftschiff bei Weilburg nieder. Die Stadt war in größerem Aufruhr als beim Polenkampf und bei der Julirevolution, und wenn es jetzt nicht gelang, die Neugierde des Doktor Vanderstraten zu reizen, wenn er jetzt nicht aus seinem Hause zu bringen war, um den »Royal-Vauxhall« und die drei Engländer zu betrachten, dann mußte man ihn überhaupt verloren geben, dann verließ er das Haus nur einmal noch: im Sarge. So dachte Herr von Söllbach und legte demgemäß seine Minen. Es galt den letzten Versuch. Viertes Kapitel Hanjust Norz war inzwischen in Weilburg angekommen, zögerte aber solange wie möglich, bis er den sauren Gang zum holländischen Doktor antrat. Zuerst ging er ins Wirtshaus, dann zum Krämer, dann noch einmal ins Wirtshaus und endlich in die Reitbahn des Schlosses, wo der Ballon halb aufgeblasen lag, das »Meerwunder«, wie die Leute das Luftwunder nannten. Anfangs etwas schüchtern, dann vertrauensvoller, betrachtete er ihn von vorn und hinten und prüfte die Zurüstungen, welche man zu einer in der nächsten Stunde beginnenden Feier traf. Der Mühlknecht aus der Lochmühle war auch zur Stelle und erzählte ihm das ganze Programm. Zu Ehren des Landes, das die Luftschiffer so gastlich aufgenommen, sollte der Ballon zum zweitenmal getauft werden, er sollte fortan nicht mehr bloß »Royal Vauxhall«, sondern »Royal Vauxhall and Nassau« heißen. Die ersten Familien der Stadt waren als Taufgäste geladen, zwei Herren und zwei Damen zu Paten gebeten. Alles sollte genau nach englischer Sitte vor sich gehen. Herr Green, als Vater des Täuflings, wollte die Gäste am Eingang mit ganz besonderen Zeremonien empfangen, dann sollte die Taufe von einer der vornehmsten und schönsten jungen Damen vollzogen werden, wobei sie, im Ballon umherschreitend, ein Glas Wein ringsum ausgoß, und zuletzt würden die Gäste von den Engländern bewirtet werden mit lauter Speisen und Getränken, welche diese durch die Luft von London mitgebracht. Diese einfachen Grundlinien des weit umständlicheren Programmes verstand Hanjust und konnte sie darum auch behalten. Ganz besonders freute es ihn, daß die Engländer Tee und Eier in demselben Kessel sieden würden, den er aufgefunden, und daß die vornehmen Herrschaften mit denselben Würsten und demselben Wein abgespeist werden sollten, den er zuerst auf dem Kontinent erprobt und vortrefflich befunden hatte. In diesen Gedanken blieb er eine halbe Stunde wie angewachsen vor dem Ballon stehen, bis man ihn fortgehen hieß, weil nunmehr der Platz für die Gäste geräumt werden müsse. Da ihm nun gar nichts anderes mehr übrigblieb, als bei dem holländischen Doktor sein Glück zu versuchen, so hinkte er langsamsten Schrittes zu dem verwünschten Haus am Marktplatze. Er klingelte, die Magd späht aus, wer da sei, und öffnet die Türe. Im nämlichen Augenblicke aber, wo er eingelassen wird und den Flur betritt, kommt ihm der Doktor aus seiner Stube entgegen, ein kleiner, hagerer Mann mit hoher weißer Halsbinde, kurzer Weste und langem Rock, alles, wie es vor zwanzig Jahren Mode gewesen, den Hut auf dem Kopfe und den Stock in der Hand, – gleichfalls ein »Meerwunder«: Doktor Vanderstraten hatte sich zum Ausgehen gerüstet! Sie prallten beide erschreckt voreinander zurück. Der Doktor schien einen ganz andern erwartet zu haben, und Hanjust hatte den Doktor nicht so geschwind erwartet. Doch sammelte sich dieser rasch und fragte den Bauer, was er wolle. Hanjust, der sich zunächst eine Rede ausgedacht hatte, womit er die Magd bewegen wollte, ihn zum Doktor zu führen, fand anfangs gar keine Antwort. Endlich stotterte er: »Den Zins bringen.« Dann kam ihm aber seine ganze Bauernpfiffigkeit wieder, und er machte solche Umstände, unter Ächzen und Stöhnen mit den verbundenen Händen die Geldblase aus der Tasche zu ziehen, daß der Doktor richtig fragte, was er denn an den Händen habe. Nun hatte Hanjust gewonnen Spiel. Wahrheitsgetreu erzählte er, wie er geflucht habe, als das Luftschiff erschienen, und dann aus Furcht vor dem »luftigen Teufel« am Haspelseil in den Schacht gerutscht sei. Der Doktor hörte ihm achtsam zu und sagte darauf mit selbstgefälligem Behagen: »Mein Freund, da hattet Ihr Euch in einer logischen Schlinge gefangen! Zuerst flucht Ihr den Teufel herbei, wenn Ihr arbeiten würdet, und als er kommt, beginnt Ihr zu arbeiten, um ihm zu entrinnen!« Der Bauer kratzte sich hinter den Ohren, erwiderte aber dann nach kurzem Besinnen: »Der Teufel durfte mich freilich sowieso packen. Weil's aber lange nicht so schlimm ist, wenn man flucht, als wenn man faulenzt, so hätte mich der Teufel doch etwas sanfter packen müssen, da er mich bei der Arbeit traf. Ihr studierten Herren sehet aufs Wort, der Teufel aber hat nicht studiert, der sieht auf die Sache!« Ein leichtes Lächeln spielte um die Mundwinkel des Doktors. Die Magd, welche als stumme Zuhörerin zur Seite stand, fuhr zusammen: sie hatte den Doktor noch niemals lächeln sehen. Dieser aber sprach zu Hanjust: »Ihr deutschen Bauern seid selbst dem Teufel zu pfiffig!« und bat ihn dann, weiterzuerzählen, was er von dem Luftschiff noch gehört und gesehen habe. In gehöriger Breite und mit hundert müßigen Zusätzen gab Hanjust den gewünschten Bericht. Zuletzt kam er auch auf die Vorbereitungen zur Neutaufe des Ballons in der Reitbahn. Der Doktor horchte doppelt achtsam und bat ihn, ja recht genau mitzuteilen, was er davon wisse. Gerne gab er Bescheid mit allem, was er wußte, und noch mit einigem dazu; denn er meinte, je länger er spreche, desto milder müsse sein Gläubiger gestimmt werden, und eine so schöne Erzählung sei am Ende schon ihre sieben Gulden wert. Darum unterließ er auch nicht, seine kräftige Mißbilligung auszusprechen über diese Wiedertäuferei. Überhaupt solle man so ein unvernünftiges Ding wie diesen Luftballon gar nicht taufen. Auf christlich am allerwenigsten, aber auch nicht einmal auf englisch, wie sie's vorhätten. Und wozu mit kostbarem Wein? Wasser tue es billiger. Und dann versicherte er dem Doktor, daß der englische Wein vortrefflich schmecke und wie er dazugekommen sei, ihn zu versuchen, und eine Londoner Wurst obendrein, weil er den Teekessel gefunden habe, ohne welchen die heilige Handlung heute gar nicht vollständig vor sich gehen könnte. Eben war er bei diesem Glanzpunkt seiner Erinnerungen angekommen, da läutete es stürmisch an der Haustüre. Der Doktor prallte zurück, und herein trat Herr von Söllbach. Eine seltsame Szene folgte, die den beiden Zeugen, dem Bauer und der Magd, erst nach und nach verständlich wurde. Mit unsäglicher Mühe hatte Söllbach gestern die Neugierde seines Freundes so weit gereizt, daß derselbe endlich Lust bekam, den Ballon zu sehen und die Gebräuche einer englischen Ballontaufe kennenzulernen. Zwei Fenster des Schlosses gingen auf die Reitbahn; von dort konnte man ganz unbemerkt das Schauspiel betrachten, und nach Herrn von Söllbachs Versicherung führte auch ein ganz stiller Weg vom Marktplatz zu jenen Fenstern. Nach langem Sträuben hatte der Doktor mitzugehen versprochen und, wie wir wissen, sich auch wirklich zum Ausgehen angekleidet und den Hut von Anno fünfundzwanzig nebst dem Stock von Anno elf hervorgeholt. So stand er jetzt im Hausgang, auf dem Sprunge des Wagnisses. »Wir haben keine Zeit zu versäumen«, rief Herr von Söllbach und reichte ihm den Arm. »Die ganze Stadt strömt von vorn zur Reitbahn, da können wir von hinten unbemerkt ins Schloß schlüpfen.« Allein der Doktor zog seinen Arm zurück. Er zögerte, schwankte. »Nein!« rief er endlich. »Ich will lieber zu Hause bleiben; denn ich weiß schon genau, wie es bei der Taufe zugehen wird.« Und nun erzählte er dem erstaunten Freunde alles, was er von Hanjust erfahren hatte, nur mit etwas mehr Sinn und Verstand. Söllbach erinnerte ihn an sein Versprechen, er bat, er schalt. Vergebens. Der Doktor behauptete, nur versprochen zu haben, daß er die Bräuche einer englischen Ballontaufe wolle kennenlernen, und die kenne er jetzt ganz genau. Das Mitgehen sei bloß Mittel zum Zweck gewesen; er bedürfe dessen nicht mehr und könne sich in seinen vier Wänden den Hergang genau so vorstellen, ja noch viel lebendiger, wie wenn er am Fenster des Schlosses stünde. Alle Widerrede verfing nicht. Der Doktor legte Stock und Hut ab, und der Freund ging zornig von dannen. Es war aber in der Stadt ruchbar geworden, daß Doktor Vanderstraten versprochen habe, mitzugehen zur Ballontaufe. Man hatte Wetten darauf gestellt, ob es Herrn von Söllbach gelingen werde, den holländischen Maulwurf endlich einmal ans Licht zu ziehen. Aus allen Nachbarfenstern spähten die Köpfe erwartungsvoll nach der Türe des verödeten Hauses, der Marktplatz war mit Menschen erfüllt, die den Doktor sehen wollten, kaum minder neugierig auf diesen Anblick wie auf die Taufe. Endlich öffnete sich die Türe – da kam Herr von Söllbach allein heraus! Eilenden Schrittes und ohne umzuschauen, ging er über den Platz, und schreiend und lachend wogte die getäuschte Menge hinter ihm drein zur Reitbahn. Der Doktor aber hatte den Quälgeist kaum verschwinden sehen, so ging er zu Hanjust, der im Hintergrunde regungslos stehengeblieben war, drückte ihm die Hand und sprach: »Ihr habt mir einen großen Dienst geleistet, und ich werde mich dankbar erweisen. Wenn Ihr je in Not kommen solltet, wendet Euch an mich. Aber jetzt geht! Fort mit Euch! Hinaus! Ich will allein sein, allein!« Hanjust zögerte und stammelte dann, indem er nach der Geldblase griff, er sei ja eigentlich gekommen, um den Zins zu bezahlen, aber leider – »Gebt dem Mann die Quittung!« befahl der Doktor der Magd. »Steckt Euren Beutel ein; ich will Euer Geld nicht! Keinen Dank! Ihr habt mich von dem dümmsten Versprechen erlöst, das ich jemals gegeben. Die ganze schlaflose Nacht bereute ich mein Wort, suchte einen Ausweg und fand keinen. Dieser Söllbach wollte mich überlisten, aber ich habe ihn überlistet durch einen deutschen Bauern, der selbst dem Teufel zu pfiffig ist. Keinen Dank! Macht, daß Ihr hinauskommt, ich will allein sein – allein!« Fünftes Kapitel Herzlich gern ließ sich Hanjust auf solche Art die Türe weisen und ritt des Abends seelenvergnügt auf dem Mülleresel wieder nach Hause, nachdem er vorher in der Stadt noch etliche Schoppen auf die Gesundheit des holländischen Doktors getrunken. Seit langer Zeit hatte ihm seine Frau kein so gutes Gesicht gezeigt wie heute, da er die Quittung zusamt dem Geld auf den Tisch legte und sein Abenteuer erzählte. Er beschloß zunächst, sich gründlich auszukurieren, obgleich ihm eigentlich nicht viel mehr fehlte; aber es ist ein eigenes Behagen, ohne Schmerzen krank zu sein, so ganz von Rechts wegen der Ruhe zu pflegen und, mit Leib und Seele in sich selbst zusammengeringelt, Gott und die Welt zu vergessen. Dieses Behagen genoß Hanjust in vollen Zügen. Zwei Tage legte er sich ins Bett und dann noch zwei Tage auf die Ofenbank und heizte dazu den Ofen, daß ihm der Kopf glühte. Dabei spann er unablässig an einem Kapitalgedanken. »Wenn Ihr je in Not kommen solltet, so wendet Euch an mich!« so hatte der Doktor gesagt. Das war ein großes Wort. Denn Hanjust entdeckte, daß er eigentlich immer in Not sei. Vielleicht hatte der Doktor gar keine Ahnung von dieser unabsehbaren Tragweite seines Versprechens? Doch gleichviel, man konnte ihn ja auf die Probe stellen. So dachte Hanjust. Die Arbeit im Bergwerk war ihm verleidet; er fürchtete den Spott seiner Kameraden, wenn er zurückkehrte. Darum beschloß er, vorderhand Schicht zu machen mit dem Bergbau und abzuwarten, ob ihm nicht eine bequemere Arbeit angeboten würde. Zunächst hatte er ja Geld und konnte ein paar Wochen zusehen. Also tat er gar nichts und harrte geduldig, bis er in Not komme, wo er dann das Wort des Doktors erproben könne. Dieser Zeitpunkt erschien auch richtig, noch bevor der November zu Ende war. Seine fünf Kinder – sie zählten von drei bis zu zehn Jahren und standen nach der Größe nebeneinander wie die Orgelpfeifen – brauchten Winterkleider und Schuhe, sie froren erbärmlich, und Schuster und Schneider borgten dem Hanjust schon längst nicht mehr. Und also lauerte er eines Morgens wieder, bis der Knecht des Lochmüllers mit seinen Eseln kam, und setzte sich auf den Fritz, oben auf den Mehlsack, und ritt nach Weilburg, viel zuversichtlicher wie dazumal und doch nicht ohne geheimes Bangen. In der Stadt ging er ohne alles Vorspiel sofort zu Doktor Vanderstraten. Die Magd wollte ihn anfangs gar nicht melden. Er sagte ihr aber, sie möge dem Herrn Doktor nur sagen, der Bauer, welcher die Geschichte mit dem Teufel und dem Luftschiff gehabt, sei wieder da, denn er sei in Not; – und auf dieses Losungswort wurde er augenblicklich vorgelassen. Er begann dann auch seine Rede sofort mit den nachdrücklichen Worten: »Herr Doktor, ich bin in Not!« und fügte etwas schüchterner hinzu: »nicht für mich, sondern für meine hungernden und frierenden fünf Kinder –« »Fünf Kinder!« rief der Doktor. »Das heißt, für jetzt sind es noch fünf, das sechste kommt zu Georgi«, ergänzte Hanjust. »Fünf Kinder!« wiederholte der Doktor – »welch ein Glück!« Der Bauer staunte bei diesem Ausruf. »Das hat mir noch kein Mensch gesagt. Die Leute beklagen mich im Gegenteil und meinen, für so einen armen Teufel hätte ich genau fünf Kinder zuviel. Übrigens, wenn Ihr so große Freude an Kindern habt, dann möchte ich fragen – eine Frage ist ja erlaubt –, ob Ihr nicht zu Georgi zu Gevatter stehen wolltet?« »Niemals! Meine Patenschaft bringt kein Glück! Aber ich will etwas tun für Eure Kinder!« Das Gespräch stockte, bis der Doktor wiederholte: »Fünf Kinder! Da lebt Ihr wohl recht glücklich mit Eurer Frau?« Dieses zweite »glücklich« hörte Hanjust wiederum zum erstenmal. Er zögerte mit der Antwort. »Glücklich? Ei gewiß!« sagte er dann; »man gewöhnt sich mit der Zeit aneinander, und zuletzt weiß man's nicht mehr besser.« Jetzt erstaunte der Doktor, darum setzte der Bauer erläuternd hinzu: »Eigentlich habe ich diese Frau gar nicht haben wollen, sondern eine andere, die schwarze Katharina von Mengerskirchen. Ein Jahr lang war ich mit ihr versprochen gewesen, alle Papiere in Ordnung, wir waren schon zum zweitenmal aufgeboten, in vierzehn Tagen sollte Hochzeit sein, da starb sie jählings am hitzigen Fieber. Der Doktor kam eine Stunde zu spät, sonst hätte ihr geholfen werden können. Wie bin ich gelaufen, ihn herbeizuholen, aber – er kam zu spät!« Der sonst so rohe Bauer sprach diese letzten Worte tief erschüttert; doch noch tiefer bewegend schienen sie in Vanderstratens Seele widerzuklingen. »Welch wunderbares Zusammentreffen!« sagte er mit leise zitternder Stimme vor sich hin. Dann aber faßte er den Hanjust fest bei der Hand und rief: »Und dennoch seid Ihr der Glücklichere! Ihr tatet, was Ihr konntet. Der Arzt kam nicht zu spät. Eure Braut starb ohne Arzt, also keines künstlichen, sondern eines natürlichen Todes. Und wenn der Arzt sagte, daß er eine Stunde früher noch hätte helfen können, so war er ein Scharlatan – wie alle Ärzte, alle!« Hanjust war nicht wenig überrascht, zum drittenmal glücklich gepriesen zu werden, und zwar über ein Unglück, wegen dessen er bisher von jedermann nur bedauert worden war. Das Nachempfinden des alten Schmerzes aber war eben wieder so echt und frisch in ihm, daß er sich nicht erwehren konnte zu sagen: »Herr Doktor, Ihr sprecht närrisch! Ihr wißt nicht, wie das tut, wenn einem die Braut so vierzehn Tage vor der Hochzeit hinwegstirbt. Ich glaubte vergehen zu müssen, ich war wie unsinnig, ich konnte nichts essen und nichts arbeiten; da sagten meine Freunde, ich solle eine andere nehmen, dann werde es besser, und so nahm ich die Lisbeth zur Frau. Ach, ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden, wenn ich die Katharina gekriegt hätte!« »Vielleicht weiß ich doch, wie das tut!« erwiderte Vanderstraten mit mildem Lächeln, aber im Lächeln verzog sich sein Gesicht, und ihm kamen die Tränen. Dann brütete er lange still für sich und wiederholte des Bauern Worte: »Ach, ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden!« Nach einer Weile fuhr er auf wie aus einem Traume, blickte den Bauern mit großen Augen an und fragte in schneidend kaltem Ton, was er denn eigentlich wolle. Hanjust sagte, schnell gefaßt, sein erstes Sprüchlein, daß er in Not geraten und auf das Wort des Herrn Doktors hierhergekommen sei und daß ihm derselbe ja versprochen habe, etwas zu tun für seine fünf Kinder. Vanderstraten schien sich jetzt erst des Zusammenhanges wieder zu entsinnen, er ging ohne ein Wort ins Nebenzimmer und brachte ein Etui mit zwölf schweren silbernen Löffeln heraus, die gab er dem Hanjust als Patengeschenk für seine fünf Kinder und das künftige sechste und noch eine Rolle Geld dazu. Als sich Hanjust aber bedanken wollte, rief er wieder wie das erstemal: »Keinen Dank! Macht, daß Ihr fortkommt! Ich will allein sein, allein!« Hanjust säumte nicht, dieser deutlichen Verabschiedung zu entsprechen. In der Türe kehrte er sich jedoch noch einmal um und fragte, ob er denn auch weiterhin wiederkommen dürfe, wenn er wiederum in Not gerate. »Freilich! Das habe ich ja ein für allemal gesagt!« rief der Doktor. »Aber Ihr dürft mich auch öfters besuchen: kommt, wann Ihr wollt!« Da fragte der Bauer treuherzig: »Herr Doktor! habt Ihr denn wirklich so große Freude an mir armem Teufel? Was gefällt Euch denn so gut an mir?« »Schon diese Frage gefällt mir«, entgegnete jener. »Allein der Hauptgrund liegt doch woanders. Neulich habt Ihr mir einen kleinen Dienst erwiesen, indem Ihr mich von einem Quälgeist befreitet, heute einen größeren, indem Ihr meine eigenen Qualen lindertet. Ihr wisset selbst nicht wie und warum. Ihr würdet mich auch nicht verstehen, wenn ich's Euch erklärte. Aber Ihr fragt mich nicht aus und wollt mich nicht kurieren wie die andern; Ihr habt nur von Euch selbst gesprochen, und das hat mir das Herz weich gemacht – zum erstenmal seit vielen Jahren. Ein Band gleichen Geschickes umschlingt uns beide. Ich will Euch öfters reden hören. Nichts weiter!« Hanjust war gerührt über diese schönen Worte, obgleich ihm nur der eine Satz überzeugend war, daß er von der ganzen Erklärung nichts verstehe. Es war aber, als schäme sich der Doktor des weichen Tones, welcher ihn überkommen hatte, und er sagte plötzlich scharf und spitz mit ganz anderer Stimme: »Ich suchte einen Menschen und fand ihn – ein Diogenes mit der Laterne, allein ein umgekehrter; denn jener suchte einen Menschen, der willig Geld gebe, ich suchte jemand, der willig Geld nehme.« »Da werdet Ihr ohne Laterne viele finden«, meinte Hanjust. Der Doktor aber wies ihm jetzt so barsch die Türe, daß er unmöglich noch einmal umkehren konnte. Aber zu seinem Erstaunen folgte ihm jener auf den Hausgang, nahm ihn dort beiseite und sagte leise: »Hütet Euch, daß Ihr die Leute etwas merken laßt von Euren Besuchen! Seid verschwiegen! Sowie Ihr prahlt, sowie Ihr plaudert, sowie Ihr mir die Menschen auf den Hals zieht, ist all unsere Freundschaft aus und vorbei, und meine Türe wird Euch für immer verschlossen sein.« Hanjust mußte sich selber das tiefste Schweigen geloben, denn der Doktor wollte sein Gelöbnis gar nicht mehr anhören. In Niedershausen fragte er den Schulmeister, was denn ein umgekehrter Diromeles sei. Der Schulmeister wußte es nicht, versprach jedoch, den Pfarrer von Löhnberg zu fragen. Der wußte es aber auch nicht. Sechstes Kapitel Hanjust begann ein ganz neues Leben. Von Arbeit war kaum mehr die Rede: das Geld des Doktors genügte, um monatelang zu faulenzen und doch der Frau und den Kindern auch noch manchen Batzen zu geben, und die wußten gar nicht, woher das schöne Geld kam. Denn mit echter Bauernpfiffigkeit verheimlichte er seiner Frau die geschenkten Gaben, vorab das Etui mit den silbernen Löffeln. Er dachte, eine Frau werde leicht üppig, wenn sie's zu gut habe, die Weiber müsse man kurz halten, und es dünkte ihm sehr schön, neben der ehelichen Gütergemeinschaft auch noch einen geheimen Privatschatz zu besitzen, mit welchem er anfangen könne, was er wolle. War auch schon vorher Zank und Streit oft genau das Salz ihrer Ehe gewesen, so wurde dieselbe jetzt noch gesalzener. Die Frau schalt den Mann wegen seiner Trägheit und Heimlichtuerei, der Mann zeigte den Trotz des bösen Gewissens, und je weniger er der Frau gab, um so übermäßiger schien sie ihm zu begehren. Da war es natürlich, daß er sich nach einem Hause umsah, wo er sicher war vor Lisbeths Quälereien, und dies fand er im Wirtshaus. Je fleißiger aber Hanjust im Wirtshause einsprach, um so öfter trieb es ihn auch zu einem Besuche bei Doktor Vanderstraten. Dort erzählte er dann aus seinem Leben – Wahrheit und Dichtung –, was der Doktor gern hörte, und erhielt ab und zu ein Geschenk, was er gern nahm. Sein neues Leben erregte bald genug Aufsehen im Dorfe. Man sah ihn als einen verkommenen Mann über die Achsel an und staunte, daß der Tagedieb immer Geld besaß, während er vordem bei allem Fleiß sich kaum satt hatte essen können. Durch die Mißachtung seiner Mitbürger geärgert, konnte Hanjust seinerseits nicht umhin, geheimnisvolle Worte fallen zu lassen, daß er jetzt in einem besseren Bergwerke arbeite als vorher und Dinge wisse, die sie alle nicht wüßten. Denn wenn er auch nichts verraten durfte von seiner Freundschaft mit dem Doktor, so juckte es ihn doch fort und fort, in Rätselworten mit seinem Geheimnis zu prahlen, zumal wenn er ein Glas zuviel getrunken hatte. Nun geschah es um Weihnachten, daß auf einem benachbarten Hofgut eingebrochen und viel Geld und Silberzeug gestohlen wurde. Nähere Anzeichen des Täters fehlten, aber der allgemeine Verdacht fiel bald genug auf Hanjust Norz. Frühmorgens am Dreikönigstage erschien das Gericht in seinem Hause und durchsuchte dasselbe von oben bis unten. Es währte nicht lange, so war das Etui mit den Löffeln und anderes Silber im Keller gefunden und ein Säckchen mit zwanzig Krontalern im Kuhstall. Die Frau rang die Hände, jammerte, daß sie immer Böses geahnt habe hinter Hanjusts Heimlichtuerei, und steigerte so den Verdacht der Späher zur Gewißheit. Zwar entsprach das Silberzeug nicht den auf dem Hofe geraubten Stücken, aber gestohlen war dasselbe doch ohne Zweifel, und Hanjust konnte durchaus nichts Glaubwürdiges vorbringen, wie er zu diesen Dingen gekommen sei. Er beteuerte, das alles habe ihm jemand geschenkt, den er nicht nennen könne. Unter dem Heulen und Wehklagen der Frau nahm das Gericht die Wertsachen mit nach Weilburg und den Hanjust dazu, um ihn vorläufig ins Gefängnis zu setzen, in »Abrahams Schoß«, wie man's nannte, denn der erste Insasse, nach welchem man solche Häuser zu taufen pflegt, war ein Jude namens Abraham gewesen. Dort erhielt Hanjust Muße, nachzudenken über folgende Alternative, zwischen welcher er zu entscheiden hatte: Erzählte er dem Gericht wahrheitsgetreu, wie er zu den Geschenken gekommen, dann wurde er frei, verlor aber für immer die Gnade des Doktors und mußte wieder als armer Teufel im Bergwerk arbeiten. Verharrte er dagegen bei seinem Schweigen, so kam er entweder nach Diez ins Zuchthaus und mußte Marmor sägen oder günstigerenfalles nach Eberbach ins Korrektionshaus, wo er Wolle spinnen mußte. Als Märtyrer der Verschwiegenheit hätte er dann freilich um so glänzendere Entschädigung für alle Zukunft von seinem Freunde erwarten dürfen, und ein paar Monate am Spinnrad, das wäre kein zu hoher Preis für solchen Lohn gewesen, aber ein paar Jahre an der Marmorsäge, das war zuviel! Überall drohte ihm zunächst eine etwas unangenehme Arbeit, und das beste schien freilich, wenn er sich hätte herausreden können, ohne den Doktor zu nennen. Er versuchte dies auch im ersten Verhör vor dem Amtsassessor. Doch vergebens! Diez mit der Marmorsäge drohte ganz deutlich. Darum tat er plötzlich den Mund auf und beichtete genau, wie er zu dem Doktor und durch diesen zu Geld und Silberzeug gekommen sei. Jeder Untersuchungsbeamte ärgert sich, wenn er glaubt, den gesuchten Dieb richtig gefunden zu haben, und hinterdrein entdeckt, daß er dennoch einen Unschuldigen gegriffen hat, ja er zürnt diesem Unschuldigen, daß er nicht ihm zu Gefallen schuldig hat sein und bleiben wollen. So war auch der Assessor anfangs gröber gegen den unschuldigen als vorher gegen den schuldverdächtigen Hanjust. Doch wurde sein Ärger rasch gemildert durch die Aussicht, daß er nun den Doktor ins Verhör nehmen, daß er vielleicht das Rätsel des verrückten Holländers durchdringen könne. Zu jener Zeit, wo öffentliches und mündliches Rechtsverfahren noch nicht landesüblich war in Nassau, pflegte das Gericht zwar Männer, die zur Zeugschaft geladen waren, aufs Amt zu bescheiden; bei Damen dagegen nahm man aus Artigkeit das Verhör im Hause vor und benachrichtigte sie höflich tags vorher, damit sie nicht erschraken. Nach längerer Erwägung, was wohl interessanter sei, den Doktor aus seiner Höhle zu ziehen und aufs Amt zu entbieten oder ihn als Dame zu behandeln und mit einem Besuche zu beehren, entschied man sich für das letztere, und eine Kommission, weit zahlreicher als nötig, begab sich in das stille Haus am Marktplatze. Die Herren fanden sich dort aber sehr enttäuscht. Vanderstraten empfing sie mit altmodischer förmlicher Höflichkeit in dem bekannten Vorzimmer, welches jedoch nur mit einem Tisch und sechs Stühlen ausgestattet war, so daß man nicht einmal die berühmte Unordnung und den klassischen Schmutz des Hauses sehen konnte. Und da die Kommission ihrerseits so höflich gewesen war, den als Dame behandelten Doktor gestern schon von dem Zweck ihres Besuches unterrichten zu lassen, so gab derselbe so rasch, scharf und bündig Antwort auf alle Fragen, daß es fast schien, als sei der sogenannte »verrückte Holländer« der gescheiteste von der ganzen Gesellschaft. Er erklärte genau zu Protokoll, was er alles dem Hanjust Norz geschenkt, und erkannte die vorgefundenen Wertsachen als seine Geschenke an, so daß jeder Verdacht eines Diebstahls schwinden mußte. Der Assessor erlaubte sich die Frage, aus welchem Grunde denn Herr Vanderstraten den Bergmann mit so vielen und wertvollen Geschenken überhäuft habe. Worauf der Doktor bemerkte: er könne über sein Eigentum verfügen, wie er wolle, und sei darüber keine Auskunft schuldig. Seine stärksten Gründe würden die Herren wohl kaum verstehen, aber er wolle eines Grundes erwähnen, der ihnen sehr leicht verständlich sei: – der Bergmann habe ihm besonders gefallen, denn von allen Menschen, die ihn bis zu dieser Stunde in Weilburg besucht, sei er der einzige gewesen, welcher nicht aus Neugierde gekommen sei. Der Beamte verstand den Stich, allein er hatte einen Hieb zur Antwort bereit. In lebendiger Schilderung, Zug für Zug erzählend, zeigte er dem Doktor, wie derselbe durch seine launenhaft unklugen Gaben den Mann verdorben habe, dem er doch vermutlich habe wohltun wollen; wie er den Hanjust zum Tagedieb gemacht, den Geist des Unfriedens in dessen Ehe getragen und ihn zuletzt noch obendrein durch das Gebot des Geheimnisses in den Verdacht des Verbrechens gezogen habe. Vanderstraten war wie versteinert. Wer konnte in seiner tief verschleierten Seele lesen! Des Umgangs mit Menschen entwöhnt, hatte er sich aus diesem derbgeschnitzten Bauern ohne Zweifel das Idealbild eines Naturkindes gemacht. Es ward ihm so wohl, als dringe Waldgeruch und frischer Heuduft in seine Stube, wenn Hanjust eintrat. Er hatte sich daran erquickt, wie diese halb wahre, halb eingebildete Erscheinung auf ihn wirkte; allein er hatte gar nicht daran gedacht, wie er selber auf den Bauer wirken mußte. Überkam ihn jetzt die erschütternde Ahnung, daß er jeden Blick für andere verloren habe, indem er seit so vielen Jahren immer nur starr in sich hineingesehen? Er versuchte keine Widerrede auf die Vorwürfe des Beamten, und diesem tat seine Rede fast leid, als er den armen Einsiedler so gebrochen vor sich stehen sah. Aber da war weiter nichts mehr zu machen. Noch eine Pause, und man verabschiedete sich von beiden Seiten. Vanderstraten vergrub sich in die unzugänglichen oberen Zimmer und versank in den schwärzesten Tiefsinn. Der einzige Lichtblick, welcher in der letzten Zeit seine Abgeschiedenheit erhellt hatte, war erloschen. Wenn man noch mehr allein sein kann als allein, wenn man nicht bloß andern, sondern auch sich selbst entfliehen kann, so wollte er fortan diese äußerste Einsamkeit suchen. Siebentes Kapitel Man könnte meinen, Johann Justus Norz sei der einzige gewesen, welcher befriedigt aus dieser Katastrophe hervorging, denn er wurde schon am nächsten Tage auf freien Fuß gesetzt. Aber auch ihm ahnte Schlimmes für die Zukunft. Dem drohenden Unheil ins Auge sehend, ging er alsbald zum Doktor, um sich zu bedanken für dessen Zeugschaft. Er ward nicht vorgelassen. Dieser Empfang machte ihm so schwül, daß er die ganze Nacht darauf vor Hitze nicht schlafen konnte, obgleich draußen Stein und Bein zusammenfror. Darum versuchte er baldigst noch einmal zu seinem alten Gönner vorzudringen, erhielt aber den Bescheid, daß er nie mehr wiederkommen dürfe und daß zwischen dem Herrn Doktor und ihm fortan alles aus und vorbei sei. Hierauf entschloß er sich zum Äußersten; er tat, was er lange nicht getan: er schrieb einen Brief. Nach vielem Suchen und Sinnen brachte er folgende Sätze zusammen, zwar mit etwas zweifelhafter Orthographie, aber sie konnten dennoch ihre Wirkung nicht verfehlen. »Wohledelgeborener Herr Doktor! Es ist nicht recht von Ihnen, daß Sie mich verstoßen; denn wenn ich vor Amt geschwiegen hätte, so wäre ich nach Diez gekommen, und Sie werden doch nicht wollen, daß ich vier Jahre Diez erdulden soll, bloß damit Sie nicht eine Viertelstunde den Assessor zu erdulden brauchen. Darum seien Sie so gut und nehmen Sie mich wieder zu Gnaden auf; ich will's ja gewiß nicht wieder tun. Johann Justus Norz.« Schon am nächsten Tage kam folgende Antwort nach Niedershausen: »Mein lieber Norz! Ich verbiete Euch mein Haus für immer, nicht weil Ihr vor Gericht geredet habt, sondern weil Ihr meine Gaben zu einem so schlechten Lebenswandel mißbrauchtet, daß Ihr notwendig zuletzt aussagen mußtet, was Ihr bei ordentlichem Wandel für immer hättet geheimhalten können. Ich bedauere, bei dieser Gelegenheit erfahren zu haben, daß der Naturmensch geradeso töricht ist wie der Kulturmensch. Der Naturmensch seid Ihr, und der Kulturmensch bin ich. Darum haben wir beide auch unsere Strafe: ich bin um eine bittere Täuschung reicher geworden, Ihr um einen allzeit hilfbereiten Freund ärmer. Dr. Adrian Vanderstraten.« »Und der Doktor ist also doch verrückt!« rief Hanjust, nachdem er diesen Brief herausbuchstabiert hatte, und entsagte fortan aller Hoffnung, bei dem freigebigen Herrn je wieder zu Gnaden zu kommen. Nun verfiel er aber auch seinerseits in Schwermut und suchte die Einsamkeit – nicht im Innern seines Hauses, wo ihn die Frau wie das laute und die Kinder wie das stille Gewissen überall verfolgten, sondern draußen in Feld und Wald. Er tat, was ein Niedershäuser Bauer nur in der Verzweiflung tut: er ging spazieren – und obendrein im Schnee. Bittere Reue überkam ihn. Mit Schrecken sah er den Tag voraus, wo er den letzten Kreuzer ausgeben würde, und neuen Verdienst fand er nicht, denn als Bergmann wollte ihn jetzt niemand wieder in Arbeit nehmen. Von alten Weibern hatte er manchmal beim Spinnrad das Märchen erzählen hören, wie der Teufel einem armen Manne Geld die Fülle geschenkt habe, daß er herrlich und in Freuden leben konnte; aber das Geld zerrann oder verwandelte sich über Nacht in Kohlen, und der Reiche ward ärmer als zuvor und verlor alles und zuletzt seine arme Seele dazu. War es ihm nicht genau ebenso ergangen? Unter Schaudern fiel ihm ein, wie oft er sich früher dem Teufel verschworen habe, bis endlich das Luftschiff erschien. Der Teufel sollte ihn lotweis holen: war das jetzt nicht unvermerkt nahezu geschehen? Johann Justus Norz war ein aufgeklärter Mann, namentlich seit der Geschichte mit dem Luftschiff. Er glaubte seitdem nicht mehr, daß ihn der Teufel mit Hörnern und Krallen Stück für Stück zu zerreißen vermöge. Aber kann man nicht auch bei gesundem Leibe ganz unterderhand – so recht lotweis – des Teufels werden? Und wenn der Teufel auch nicht mehr in Person zu uns käme wie vormals zum Doktor Luther auf der Wartburg, schickt er nicht doch noch seine Diener auf den Fang in Gestalt von allerlei unheimlichen Menschen? Wenn dieser licht- und leutscheue Holländer so ein verkappter Höllenbote wäre? So fragte Hanjust, und einmal in diesen Text verstrickt, geriet er immer tiefer in das Gewirre neuer ähnlicher Fragen. Mit welch grausigem Lächeln hatte der Doktor die Erzählung von seinem Fluch vor dem Erscheinen des Luftschiffs mit angehört! Wie verdächtig, daß er gerade durch diese Geschichte zuerst veranlaßt wurde, ihn zu beschenken und einzuladen! Und dann ward er nicht müde, Hanjusts Lebensgeschichte anzuhören, die außerdem noch kein Mensch hatte hören wollen, – zog er ihm damit nicht gleichsam stückweis, lotweis die Seele aus dem Leibe? Durch seine Geschenke hatte er ihn dem Zuchthaus nahegebracht, und von dort ist's ohnehin nicht mehr weit zur Hölle. Dann hatte er ihn allerdings durch sein Zeugnis vor dem Zuchthause gerettet, aber nur, um ihn vollends der Verzweiflung zu überliefern. Erwog Hanjust zu alledem des Doktors seltsam dunkle und doch so spitzfindige Reden, sein vergeistertes Aussehen, sein gespenstiges Treiben und daß er seit zwanzig Jahren notorisch in keine Kirche gegangen – so ward ihm immer klarer, daß ihm der Teufel dazumal zwar nicht mit dem Luftschiff auf den Kopf gefallen sei, aber daß dieses verwünschte Luftschiff ihn doch recht eigentlich in des Teufels Arme geführt habe. Das alte Märchen war Wirklichkeit geworden, nur in einer ganz neuen Gestalt; denn auch der Teufel verwandelt sich mit der Mode. Nur ein einziger Zweifel tröstete Hanjust bisweilen, indem er sich fragte: »Was hat denn der Teufel eigentlich an meiner armen Seele? Ist sie's wirklich wert, daß er sich so viel Mühe darum gebe?« Allein das war ein schlechter Trost, und Hanjust wurde immer tiefsinniger. Dabei kam es ihm ganz besonders schrecklich vor, daß ihn, den früher so lustigen, geselligen Bruder, der Doktor mit seiner Menschenscheu, mit seiner Sucht nach Einsamkeit angesteckt habe. »Wenn einen ein toller Hund gebissen hat, dann muß man bellen wie ein Hund; – ich bin von dem tollen Doktor gebissen, darum muß ich rufen wie er: ›Schweigt alle still! Fort mit Euch! Laßt mich allein! allein!‹« Er fürchtete sich, allein zu sein, und wollte doch immer allein sein. Das war zum Verrücktwerden. Wohin sollte er fliehen? Plötzlich fand er eine erleuchtende Antwort. »Wohin?« – »Unter die Erde!« Im Bergwerk war er sicher vor seiner Frau, im Bergwerk war es wärmer im Winter und kühler im Sommer als da droben, im Bergwerk hatte er auch selbiges Mal Zuflucht gefunden, als das Ungeheuer aus der Luft gestürzt kam. Zum zweitenmal floh er vor dem Teufel unter die Erde. Zwar wollte man ihn als Bergmann nicht wieder nehmen, da bot er sich als ganz gewöhnlicher Tagelöhner an, und man nahm ihn auf Probe. Nun fiel ihm auch wieder ein, wie pfiffig es der Doktor gefunden habe, daß er trotz seiner Verfluchung der Arbeit den Teufel dennoch durch Arbeiten habe überlisten wollen, und er begann wieder so übermenschlich zu arbeiten wie in jener Schreckensstunde. Anfangs hielt der Steiger diese Arbeitswut für eine fliegende Hitze. Allein je mehr Hanjust wahrnahm, wie er durch die kleinere Qual der Arme die größere Qual des Gehirnes lindere, um so strenger hielt er aus, und nach wenigen Wochen hatte er sich wieder zu solchem Ansehen bei seinen Kameraden hinaufgearbeitet, daß man ihn auch wieder als ordentlichen Bergmann an seinen alten Platz stellte, und am Samstag brachte er seinen Wochenlohn wieder stillvergnügt wie früher nach Hause, So stand wieder alles genau auf demselben Fleck wie damals, bevor das Luftschiff kam, nur daß Hanjust stiller und verschlossener, aber auch viel fleißiger geworden war, als er es je vorher in seinem Leben gewesen. Und seine Frau, der er allmählich alles erzählte, was in seiner Seele vorgegangen, verwünschte mit ihm den unheimlichen Doktor und bekräftigte den Mann in der Überzeugung, daß bei der ganzen Geschichte, die wie ein Traum hinter ihm lag, wirkliche Teufelei im Spiel gewesen sein müsse. Achtes Kapitel Jahre vergingen. Doktor Vanderstraten lebte nach wie vor unsichtbar in Weilburg; allein man kümmerte sich kaum mehr um ihn. Denn wenn ein Rätsel gar zu lange rätselhaft bleibt, so bemüht sich zuletzt kein Mensch mehr, es zu lösen. Ein alltägliches Geheimnis ist für die Menge gar kein rechtes Geheimnis mehr, und nur der Denker erkennt auch im Alltäglichsten das Geheimnisvolle. Es war zu Martini 1841. Hanjusts Frau trug, wie seither jedes Jahr, den vollen Zins in das stille Haus, denn sie duldete nicht, daß ihr Mann auch nur zu diesem Zweck die verhängnisvolle Schwelle jemals wieder überschritten hätte. Als aber die Magd die Quittung herausbrachte, richtete sie einen Gruß von ihrem Herrn aus, und er wünsche den Hanjust selber zu sprechen, und zwar in den nächsten Tagen. Die Frau erschrak über diese Einladung, als sei es eine Zitation vor das peinliche Gericht, und beschloß auf dem Heimweg, ihrem Mann aufs entschiedenste abzuraten. Denn man konnte nicht wissen, was für eine neue Teufelei hinter der Einladung stecke. Hanjust, der mit dem Fleiße auch den Hausfrieden wiedergefunden hatte, folgte dem Rate seiner Frau und ging nicht hin. Nach acht Tagen schickte jedoch der Doktor einen eigenen Boten nach Niedershausen mit einem Brief an Hanjust, worin er dringend um dessen Besuch bat, und zwar so bald als möglich, er habe ihm Wichtiges mitzuteilen. Hanjusts Neugier stieg aufs höchste, und er beschloß, den Doktor zu besuchen. Die Frau war nicht daheim, als der Brief kam, darum hielt er's für das klügste, ihr kein Wort zu sagen, denn sie hätte ihn gewiß nicht fortgelassen. Unter dem Vorwand anderer Geschäfte ging er schon am nächsten Tage nach Weilburg. Es war ihm, als verübe er eine Sünde, da er die Klingel des Hauses am Marktplatze zog, er blickte scheu umher, ob ihn niemand sehe; alle die schlimmen Folgen der früheren Heimlichkeiten fuhren ihm durch den Sinn. Da öffnete die Magd. Der Schritt war geschehen; in wenigen Minuten stand er vor dem Doktor. Die ganze Einrichtung des Zimmers war unverändert wie vor fünf Jahren, und auch der Doktor schien völlig unverändert, weder über sein Gesicht noch über seinen Rock schien die Zeit eine Macht zu haben. Nur stand er nicht wie sonst dem Besucher kerzengerad gegenüber, gleichsam um von vornherein anzudeuten, daß man möglichst bald wieder gehen solle, sondern er saß im Lehnstuhl. Ja, er hieß sogar den Hanjust Platz nehmen, der sich verlegen auf die Kante eines Stuhles setzte, die beiden Hände auf die rechtwinklig vorspringenden Knie gelegt. Vanderstraten begann ohne jede weitere Einleitung: »Früher habt Ihr mir von Euch erzählt, heute will ich Euch von mir erzählen: eine sehr einfache Geschichte. Aber paßt genau auf, daß Ihr alles fest behaltet! In meinen jüngeren Jahren, es ist schon lange her, war ich Arzt in Rotterdam, berühmt in der ganzen Stadt durch die Kühnheit meiner Kuren. Tausenden von Kranken hatte ich geholfen, oder sie glaubten wenigstens, daß ich ihnen geholfen habe, und ich glaubte es auch und war stolz auf mein Glück und Geschick. Ich war Hausarzt in vielen vornehmen Familien und Hausfreund dazu; aber kein Haus war mir angenehmer, keines wurde sorgsamer und fleißiger besucht als das von Tobias Jansen, dem reichen Schiffsreeder. Ich liebte seine Tochter Cornelia, und sie liebte mich, obgleich wir's uns kaum gestanden. Sie war nicht schön, aber sie war rein und gut wie ein Engel, und wir verstanden uns so ganz! Darum machte ich in Jansens Haus zehnmal mehr ärztliche Besuche, als nötig gewesen wären. Niemand wußte um unsere Liebe, ließen wir's uns doch gegenseitig nur erraten, daß wir darum wußten. Cornelia empfand die Seligkeit des Schweigens so tief wie ich. Ich weiß nicht, Hanjust, ob Ihr mich versteht.« »Freilich, Herr Doktor! Ganz ebenso war es ja auch mit mir und meiner Katharine, wenn wir Sonntag nachmittags mutterseelenallein im verlassenen Bergwerk saßen und uns Kartoffelkuchen backten mit Öl aus der Grubenlampe; denn wir hatten keine Butter.« »Im stillen war ich Corneliens so gewiß«, fuhr der Doktor fort, »daß ich den Tag schon festgesetzt hatte, wo ich unsere Liebe dem alten Jansen entdecken und um ihre Hand anhalten wollte, ohne mit ihr ein Wort von diesem Vorhaben gesprochen zu haben. Da erkrankte Cornelia. Ich behandelte sie, – ich allein. Es ist eine alte Regel, daß kein Arzt sich selbst behandeln soll. Er soll eine Schwerkranke auch nicht allein behandeln, die ihm im Herzen recht nahesteht. Man verliert den ruhigen Blick, die feste Hand, sowie man selber, sowie das eigene Herz ins Spiel kommt. Ich verachtete diese Regel. Ich wollte Cornelien ganz allein heilen. Der Stolz auf meine so oft erfolggekrönte Kühnheit verblendete mich und der Eigensinn meiner verschwiegenen Liebe. Ich behandelte die Kranke verkehrt, – sie starb unter meinen Händen, – ihre letzten Worte waren ihr erstes lautes Geständnis; – als sie tot war, wußte ich gewiß, daß sie mich liebte und – daß ich sie getötet hatte, ich selber, ich allein! Corneliens Eltern glaubten, sie sei an ihrer Krankheit gestorben: – sie war an ihrem Arzt gestorben, an dem Gift meiner Arznei. Niemand hatte um unsere Liebe gewußt, niemand erfuhr meine Schuld. Schweigend hatte ich in meiner Liebe geschwelgt, schweigend trug ich nun auch meine Schuld allein. Ich konnte von Stund' an keinen Kranken mehr besuchen, ich mochte auch keinen Gesunden mehr sehen. Ich haßte die Ärzte wie mich selbst, sie sind alle Quacksalber, wie ich es war; ich verabscheute die Arzneien, sie sind alle Gift. Es duldete mich nicht mehr in meiner Heimat; ich floh hierher, um allein zu sein. Die Leute hielten mich für einen Sonderling, für einen Narren; niemand ahnte, daß ich schweigend und einsam büßte, was ich durch Schweigen und allein verbrochen hatte, und doch gab mir diese Buße einen kümmerlichen Rest von Seelenfrieden. Oh, es ist so elend und doch so süß, zu schweigen und allein zu sein! Versteht Ihr nun, warum ich mich zu Euch hingezogen fühlte, als Ihr mir das Unglück mit Eurer Braut erzähltet? Vielleicht schien es damals, als sei ich auf dem Wege, ein vernünftiger Mensch zu werden, und doch war ich gerade damals der ärgste Narr. Das hat mir der Amtsassessor ganz verflucht klargemacht. Doch gleichviel. Manche achtbare Männer haben mich hier gesucht, und ich habe sie zurückgewiesen; Ihr wart der einzige, den ich suchte, darum vertraue ich Euch mein Geheimnis. Ihr seht mich heute zum letztenmal, ich werde sehr bald sterben. Gehet nach meinem Tode nach Rotterdam. Der Vater Corneliens ist längst gestorben, aber ihr Bruder lebt noch, Peter Jansen. Ich übergebe Euch hiermit einen Brief, der Euch an ihn empfiehlt. Alles übrige berichtet mündlich. Ich wollte Peter Jansen alles schriftlich bekennen: die Feder versagte mir, sooft ich dazu ansetzte. Ihr allein wisset jetzt, was ich ihm schreiben wollte. Ihr sollt es ihm genau erzählen. Ich finde keine Ruh' im Grabe, wenn ich dieser Beichte nicht gewiß bin. Oh, es ist so süß, allein zu sein und ganz zu schweigen, und doch konnte ich das eine nicht ganz und kann jetzt auch das andere nicht!« Er schwieg. Hanjust wollte sprechen, aber der Doktor fuhr auf: »Ich bin zu Ende! – kein Wort weiter! macht, daß Ihr fortkommt! – ich will allein sein – allein!« Der Bauer ging. Wie er nachgehends gestand, war ihm nichts schauerlicher gewesen, als daß der Mann, dem die Zeit nichts anzuhaben schien, so gesund und fest wie jemals ausgesehen und doch so ruhig und gewiß von seinem Tode gesprochen habe. Nach wenigen Tagen starb Doktor Vanderstraten. Man glaubte anfangs, er habe sich vergiftet; allein die Sektion erwies, daß er an einem organischen Herzleiden und ohne jedes Mittel aus der Apotheke gestorben war. Der früher so ausgezeichnete Arzt hatte seinen eigenen Zustand richtig erkannt. Man fand in dem stillen Hause ein großes Vermögen, wenn auch in größter Unordnung. Hunderte längst fälliger Coupons waren noch abzuschneiden; viel Geld war durch Versäumnis verlorengegangen, trotzdem blieb noch sehr viel übrig. In der oberen Stube lagen, in die mannigfachsten Papierfetzen eingewickelt, die Zinsen, welche dem Doktor seine zahlreichen bäuerlichen Schuldner seit fünfundzwanzig Jahren gebracht. Er hatte sie unbesehen in alle Winkel und Schubladen geworfen. Am Tage vor seinem Tode hatte er den Landoberschultheiß rufen lassen und ein ordentliches Testament gemacht, worin er Herrn Peter Jansen zu seinem Universalerben einsetzte. Den Kindern des Johann Justus Norz waren stattliche Legate ausgeschieden, die ihre Zukunft sicherten, und eine gehörige Summe für Hanjust selber ausgeworfen als Reisegeld nach Rotterdam. Hanjust ging wirklich zu Fuß dorthin, um den letzten mündlichen Willen des Verstorbenen mündlich auszurichten. Herr Jansen verstand anfangs durchaus nicht, was der Bauer wollte, zumal derselbe seine Erzählung ganz von vorn anfing, das heißt von der Geschichte mit dem Luftschiff und dem Teufel, – und wie das eben in der Welt zu gehen pflegt, hielt der Holländer nun seinerseits den sehr klugen Hanjust für verrückt. Allein die Niedershäuser Bauern sind zäh und ausdauernd, und so ließ sich Hanjust auch nicht abweisen, sondern begann viermal immer wieder mit dem Luftschiff, bis sein Zuhörer Geduld gewann, den Kern der Sache abzuwarten und die Beichte Vanderstratens anzuhören, welche Hanjust mit ebenso erschöpfender Breite als ergreifender Einfalt vortrug. Dann wanderte er, von dem Holländer gut bewirtet und reich beschenkt, zu Fuße wiederum von Rotterdam nach Niedershausen zurück – mitten im Winter. Da Hanjust vorher fünf Jahre lang arbeiten gelernt hatte, so schadete ihm diesmal auch das Vermächtnis des Doktors nichts, und auch sein eheliches Leben gestaltete sich immer friedlicher und freundlicher, denn er erkannte aus dem Schicksal des Doktors, daß es nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, selbst wenn er seine erste Braut nach dem zweiten Aufgebot verloren habe. Dem Doktor bewahrte er ein dankbares Herz und schien auch gar nichts Teuflisches mehr an ihm zu finden, denn er nannte ihn stets nur den »Doktor selig« und erzählte jetzt um so mehr von ihm, da er so lange gar nichts von ihm hatte erzählen dürfen. Kam er aber auf seine eigenen Freuden, Leiden und Wandlungen, so sagte er gewöhnlich: »Das wäre nun alles nicht geschehen, und ich wäre noch der zerlumpteste Bergmann, wenn nicht die drei Engländer vom Himmel gefallen wären. Man glaubt nicht, was selbst das überflüssigste Ding, wie so ein Luftschiff, einem Menschen nützen kann, – wenn's Gottes Wille ist.« Gradus ad Parnassum 1885 I. Man schrieb 1839. – Es war damals eine schöne Zeit – die Ära der reisenden Virtuosen und musikalischen Wunderkinder. Wer nur ein Solo geigen, blasen oder klimpern konnte, der reiste und gab Konzerte, in Paris oder in Straubing, in Petersburg oder in Buxtehude. Der Wein war jahrelang gut geraten und das Brot sehr billig; Virtuosenkonzerte trugen noch Geld ein, großes und kleines Geld, je nach dem Mann und dem Orte. Sie erregten noch volle, freie Bewunderung, gläubigen, fessellosen Enthusiasmus. Das öffentliche Leben stürmte und brauste im Theater und im Konzertsaal, weil es anderswo nicht stürmen und brausen durfte. Reisende Künstler und Künstlerinnen waren öffentliche Charaktere, überall gegenwärtig, überall sichtbar und bekannt; die Nation wußte mehr von ihnen als von den Staatsmännern, die überall unsichtbar waren. Die Oden und Sonette auf Paganini bildeten eine ganze Literatur, welche jedoch glücklicherweise nicht gesammelt erschienen ist. Allein Paganini hatte bereits Feierabend gemacht, und ob Ole Bull ihn ersetzen könne – das war eine schwere Tagesfrage. Daß begeisterte Jünglinge einer Sängerin vom reinsten Triller die Pferde ausspannten, um den Wagen selber zu ziehen, galt in den Tagen der Malibran für etwas Gewöhnliches, und ein Pantoffel, den die Sontag in Frankfurt im Schwanen zurückgelassen hatte, wurde von einem Engländer mit zehn Louisdors bezahlt, obgleich die Kritik nachwies, daß es der Pantoffel ihres Kammermädchens gewesen sei. Doch die Malibran schlummerte 1839 bereits auf dem Friedhofe zu Laeken, Henriette Sontag war als Gräfin Rossi verstummt und Jenny Lind noch nicht für Europa, für die Welt entdeckt. Es herrschte eine Art Interregnum der großen Sängerinnen; die Virtuosen der Geige und des Klaviers behaupteten um so siegreicher allgewaltig das Feld. Als der junge Liszt sein zweites Konzert in Wien gab, standen die Zuhörer nicht bloß im Hausgang und auf der Treppe, sondern auch auf Leitern, die ein erfindungsreicher Unternehmer an die Saalfenster gelehnt hatte; die oberste Sprosse kostete fünf Gulden, und der glückliche Inhaber dieses Platzes war noch in keiner Unfallversicherung eingekauft. Vornehme Damen tauchten ihr Taschentuch in das Glas Wasser, aus welchem der Künstler getrunken hatte, – es war damals eine schöne Zeit – die Ära der reisenden Virtuosen und musikalischen Wunderkinder! II. Unter so vielen glücklichen, erfolggekrönten Künstlern gab es natürlich auch einige unglückliche, die keinen Erfolg hatten. Ich will von solch einem Unglückskinde erzählen. Im Winter neununddreißig auf vierzig war Ludolf Hilmer, Pianist aus Heidelberg, nach Wien gekommen, um von hier aus die europäische große Route eines Virtuosen zu beginnen. Hatte er in Wien durchgeschlagen, ging ihm ein glänzender Ruf von der Musikhauptstadt an der Donau voraus, dann machte sich ja alles Weitere von selber. Er kündigte demgemäß drei Konzerte an. Wer war Herr Ludolf Hilmer? Kein Mensch wußte es. Durch die Presse war ihm kein Ruf vorausgegangen. Er selbst schien gar nicht zu wissen, daß es auch Zeitungen in Wien gebe, und die Zeitungen wußten nicht, daß es einen Hilmer in der Welt gab. Empfehlungsbriefe hatte er zwar eine ganze Tasche voll mitgebracht an berühmte Männer und große Häuser, aber keinen einzigen an seine Adresse überreicht. Denn bei näherer Erwägung schien es ihm doch ein recht übler Brauch, Menschen, die uns nicht kennen und die wir nicht kennen, mit Besuchen zu belästigen. Wenn es je einen jungen Mann von deutschester Bescheidenheit gegeben hat, dann war dies Ludolf Hilmer. Seine Bescheidenheit war so groß, daß man sie ausgesuchtesten Stolz hätte nennen können. Er wollte entweder alles durch sich selber sein oder gar nichts. Das erste Konzert war am 12. November; es hatten sich zwanzig Zuhörer eingestellt, die auf dreihundert Stühlen sehr bequem Platz fanden. Fünfzehn von den zwanzig waren im Besitze eines Freibilletts. Der Musikalienhändler, welcher das »Geschäftliche« des Konzertes besorgte, wollte ursprünglich hundert Freikarten ausgeben und Hilmer gar keine. Mit großem Widerstreben hatte er sich endlich zu den fünfzehn bewegen lassen. Er dachte: man muß nicht aufdringlich sein, und ein geschenktes Gut wird überall weniger geschätzt als ein erworbenes. Die Bruttoeinnahme des Konzertes belief sich auf fünf, die Nettoausgabe auf hundertfünfzig Gulden, was keine glänzende Bilanz zu nennen ist. Allein Herr Hilmer war nach damaligen Begriffen ein reicher Mann; er verfügte über eine jährliche Kapitalrente von siebentausend Gulden und konnte sich also die Ausgabe von ein paar hundert Gulden wohl erlauben, um den ersten Grundstein seines europäischen Rufes zu legen. Und hierzu wäre das Konzert auch ganz geeignet gewesen, wenn es nur mehr Leute gehört hätten. Der Künstler spielte meisterhaft, bewundernswürdig, das »Publikum« folgte anfangs mit Staunen, dann mit heller Begeisterung; sämtliche Zuhörer klatschten stürmischen Beifall, und die beiden Zuhörerinnen, eine ältere und eine junge Dame, lächelten Teilnahme; denn Damen pflegten damals noch nicht zu klatschen. Als der Künstler geendet hatte und, seelenvergnügt über seinen Erfolg, den Saal verlassen wollte, trat ihm ein altes Männchen in den Weg und sagte, ihm vertraulich auf die Schulter klopfend: »Die Musikstücke, welche Sie spielten, sind nicht ganz nach meinem Geschmack, und Ihr Vortrag ist mir zu ungestüm. Dennoch hat mich selten ein Cembalist so tief ergriffen wie Sie, junger Mann! Und ich habe Mozart und Beethoven hier gehört und Clementi und Weber, alle, alle! bis zu Liszt und Thalberg – und habe vorzeiten selber ein wenig mitgespielt.« Hilmer maß ihn ganz verblüfft und bat um seinen Namen. »Sie werden ihn kaum kennen. Ich bin der pensionierte Hofkapellmeister Gyrowetz.« »Adalbert Gyrowetz!« rief Hilmer und drückte ihm erzitternd die Hand, – »der Komponist der ›Agnes Sorel‹, des ›Augenarztes‹, der Schöpfer so vieler anmutiger Symphonien und Quartette –« Der Alte unterbrach ihn lächelnd. »Ich habe siebzig Quartette geschrieben, die man nicht mehr spielt, und dreißig Symphonien, die niemand mehr hören mag; – davon wollen wir nicht reden. Die Jugend geht auf anderen Wegen als wir Alten; aber die Kunst ist weit wie die Welt, es haben da viele Wege nebeneinander Platz. Schreiten Sie mutig fort auf Ihrer erwählten Bahn: Sie werden es zu was Rechtem bringen!« Bei diesen Worten entschlüpfte der Alte, obgleich ihn Hilmer noch festhalten wollte. Er sah sich um und fand sich schon allein im Saale; – wie geschwind hatte sich derselbe geleert! Und doch war es dem Künstler jetzt, als habe er vor der größten und glänzendsten Hörerschaft gespielt, weil ihn Gyrowetz so aufrichtig gelobt hatte. Seltsam! Hätte ihm jemand vor einer Stunde von Adalbert Gyrowetz gesprochen, den er längst tot und begraben glaubte, so würde er die Achseln gezuckt haben über den alten Zopf, und jetzt fühlte er sich hoch gehoben von dem Lobe, welches ihm dieser selbe Mann gespendet, der einst von Mozart in das Kunstleben Wiens eingeführt worden war und hier die ganze große Periode unserer klassischen Tonkunst miterlebt und überlebt hatte! Doch es war Zeit, den Saal zu verlassen. Hilmer schritt stolz durchs Vorzimmer. Da vernahm er, wie sich zwei seiner Zuhörer über ihn unterhielten, während sie ihre Garderobe ordneten. Er drückte sich in eine Fensternische, sah in die dunkle Nacht hinaus und lauschte ihrem Gespräch. »Dieser Hilmer soll schon achtundzwanzig Jahre alt sein«, bemerkte der eine, »schade, daß er nicht fünfzehn Jahre alt ist oder zehn, dann wäre er ein Wunderkind und seine Leistung phänomenal.« »Man erzählt, er sei ein Wunderkind gewesen, aber ein unbekanntes«, fiel der andere ein. »Mit fünf Jahren spielte er bereits den ganzen Schlittenwalzer, allein sein Vater unterdrückte das aufkeimende Genie und zwang ihn, Jurisprudenz zu studieren. Und der arme Mensch las im Corpus juris , während ihm lauter Musiknoten vor den Augen tanzten, er schrieb Pandektenhefte mit Musik im Herzen, machte sein Examen mit Musik im Kopfe und bestand es ganz gut zu seinem eigenen Staunen und Bedauern. Doch als dann der tyrannische Alte gestorben war, warf er die Fesseln von sich, und so erhebt er sich erst jetzt zum freien Fluge des Genius!« »Wie schade, daß Herr Hilmer seine Lebensgeschichte nicht vorher in der Zeitung hat drucken lassen!« bemerkte ein dritter. »Ein Märtyrer, der seinen Kerker gesprengt! Hätte man dies im voraus gewußt, so würden fünfzig Billette mehr genommen worden sein.« »Leider sieht der junge Mann nur gar zu rotbackig aus für einen Märtyrer und zu gesund und robust für ein Genie«, sprach bedauernd die erste Stimme. Der Lauscher in der Fensternische konnte nicht weiter verstehen, was die drei Herren noch alles an ihm auszusetzen fanden. Er wollte sich fortschleichen. Da huschte seine weibliche Zuhörerschaft an ihm vorüber, die beiden Damen, welche so freundlich Beifall gelächelt hatten. »Mir tut Herr Hilmer recht herzlich leid«, sprach die ältere, »ein so schönes Konzert vor lauter leeren Stühlen! Der junge Mann soll ein Gelehrter sein – ich finde, er spielt auch wie ein Gelehrter; es fehlen ihm die kleinen Koketterien und die großen Effekte des echten Virtuosen.« »Im Gegenteil!« flüsterte die jüngere. »Mir scheint er viel zuviel Virtuos. Sahen wir ihn nicht vor vier Jahren bei Thibauts Musikabenden in Heidelberg? Ich hätte Höheres von ihm erwartet, Klassischeres. Ein Jünger der Wissenschaft, der bei Thibaut morgens auf der Universität Pandekten hörte und abends Palestrina im Thibautschen Hause, sollte überhaupt gar keine Virtuosenkonzerte geben; die müßte er den gewöhnlichen Musikern überlassen.« Die Damen verschwanden. Hilmer fand sich allein und begehrte auch keine weitere Kritik. Von seinen zwanzig Zuhörern hatte, wie es schien, ein jeglicher etwas anderes an ihm auszusetzen; nur darin waren alle einig, daß sie ihn bedauerten. War der lebhafte Beifall, welcher jede seiner Nummern begleitete, vielleicht auch nur der menschenfreundliche Ausdruck dieses Bedauerns gewesen? Am herzlichsten hatte ihn der alte Gyrowetz gelobt, von dem er gar kein Lob hätte erwarten dürfen. Und wer war die junge Dame, die ihn schon von Heidelberg her kannte? Sie sah recht anmutig aus – etwas scharfes, aber feines Profil. Ihre Stimme klang milder wie ihr Urteil. Nur meinte Hilmer, sie hätte eigentlich sagen sollen, was der alte Gyrowetz gesagt, daß selten noch ein Pianist sie so tief ergriffen habe, und der pensionierte Hofkapellmeister hätte dann immerhin mit ihren Worten einen klassischeren Vortrag fordern mögen. Das wäre doch die natürlichere Verteilung der Rollen gewesen! Unter solchen Gedanken ging der Künstler nach Hause und fand zuletzt, daß er ein zwar kleines, aber interessantes Publikum gehabt habe und darum alle Ursache, mit seinem ersten Erfolge zufrieden zu sein. III. Ungebeugten, ja gehobenen Mutes kündigte Hilmer sein zweites Konzert an, und zwar auf den 15. Dezember. Er wollte nun aber auch einmal weltklug sein und beschloß also, seine fünfundzwanzig Empfehlungsbriefe abzugeben. Acht Tage vor dem Konzert mietete er sich einen Wagen und fuhr, die sämtlichen Briefe in der Tasche, zunächst zu Lord Knaresborough, der ein glänzendes Haus machte und, obgleich er erst ein halbes Jahr in Wien lebte, als Kunstmäzen bereits von der ganzen Stadt gepriesen wurde. Der Lord empfing unseren Musiker so hoffärtig herablassend, daß sich derselbe schon nach wenigen Minuten wieder empfahl, stracks nach Hause zurückfuhr und die übrigen Briefe in den Ofen warf, da er sich nicht noch weitere vierundzwanzigmal ärgern wollte. So hatte nur der Lohnkutscher einen wirklichen Erfolg dieser Empfehlungsbriefe zu verzeichnen, denn er war auf einen halben Tag gemietet und hatte kaum eine Viertelstunde zu fahren gebraucht. übrigens fand Hilmer bald seinen guten Humor wieder, indem er Tag und Nacht nicht vom Klaviere kam und sich mit wahrer Leidenschaft auf das Konzert vorbereitete. Die Kunst trägt wie die Liebe ihren süßesten Lohn in sich selber. Die tiefste Liebe verstummt, allein in einem Konzert pflegt der Künstler dann doch nicht zu verstummen, und Hilmer wollte in seinem zweiten Konzert noch viel lauter und gewaltiger zu aller Ohren reden wie in dem ersten. Er hatte erkannt, daß sein Publikum aus einer größeren und kleineren Hälfte bestehe, und er gedachte, beide Hälften zu entzücken. Darum wählte er für das neue Programm zuerst recht schwindelnd verwegene, blendende Virtuosenstücke von Thalberg, Henri Herz, Liszt und anderen Modekomponisten; an den Schluß aber stellte er – damals ein unerhörtes Wagnis – das große Rondo in A-moll von Mozart. Er erwartete nämliche daß Gyrowetz und die junge Dame wieder auf den vordersten Stühlen sitzen würden. Für den alten Meister hatte er das klassische Stück seines Freundes Mozart gewählt, und der jungen Dame wollte er im Vortrag desselben zeigen, daß er nicht bloß Virtuos, sondern auch ein wahrer Philosoph des Klaviers sei. Das Konzert fand am anberaumten Tage statt – diesmal vor fünfundzwanzig Zuhörern. Lord Knaresborough hatte zehn Karten , genommen und dieselben zur Hälfte seinem Kammerdiener, zur anderen Hälfte der Kammerjungfer seiner Gemahlin geschenkt, welche dann wieder ihren Überfluß dem Stubenmädchen, der Köchin und dem Portier zur Benutzung und weiteren Verteilung übergaben. Das Publikum war mehr lebhaft als gewählt, übrigens sehr dankbar und doch um fünf Köpfe stärker als beim ersten Konzert. Gyrowetz und die junge Dame waren diesmal nicht erschienen. Hilmer erschrak, als er dies entdeckte; er fühlte sich plötzlich wie mit kaltem Wasser übergossen, nüchtern, verstimmt. Wer vor eine Zuhörerschaft tritt, gleichviel ob auf dem Podium des Konzertsaales, auf der Bühne des Theaters oder auf der Rednerbühne, der wendet sich niemals an die ganze Masse: er spielt, denkt, spricht zunächst immer für einzelne, die er kennt, schätzt, auf deren Urteil er in Zustimmung oder Widerspruch besonders gespannt ist, er faßt sie ins Auge, er hält sie im Sinn, wenn er sie nicht sehen kann. Und sollte ein Künstler oder Redner gar niemand von den Hunderten kennen, die ihm entgegenblicken, so erspäht er doch alsbald ein paar charakteristische Gesichter, die ihn fesseln und für welche er vor allen anderen singt, redet oder spielt. Vielleicht hat er sich getäuscht, und die interessanten Gesichter waren nur die Larven ganz langweiliger, nichtiger Menschen. Das schadet nichts. Der Künstler hatte sich dann doch die wahrhaftigen Spitzen seines Publikums eingebildet, und die Masse wird immer und überall nur in den Individuen lebendig. Zum Glück mußte unser Klavierspieler auf sein Klavier und seine Noten sehen. Er wäre sonst doch vielleicht aus dem Takt gekommen bei dem vergeblichen Bemühen, unter den Bedienten und Stubenmädchen, welche ihm in vorderster Reihe gegenübersaßen, ein begeisterndes Gesicht zu entdecken. Allein er war Künstler von Grund aus. Kaum hatte er die ersten Akkorde angeschlagen, so übte die Musik auf ihn ihren tiefsten Zauber, sie trug und hob ihn zu steigender Glut und Kraft der Leidenschaft; er sang mit der rechten Hand wie Thalberg, daß man gar kein Klavier mehr zu hören glaubte, und donnerte mit der Linken wie Dreyschock, daß man meinte, er habe eigentlich gar keine linke Hand, sondern zwei rechte Hände. Und was das merkwürdigste war, er spielte dem alten Gyrowetz und der schönen Unbekannten zu Gehör, die er deutlich vor sich sitzen sah, obgleich sie nirgends sichtbar waren. Der Beifall war stürmisch, jubelnd; sogar die Köchinnen und Stubenmädchen klatschten und riefen Bravo. Nur bei dem Mozartschen Rondo gähnten und plauderten die Zuhörer: sie hatten zum Schlusse offenbar etwas ganz anderes erwartet. Die Herren griffen zu ihren Hüten, noch bevor die letzten Takte gespielt warm, und nur zwei Hände erhoben sich zu jenem kleinen Beifallsgeplätscher, welches auf deutsch besagt: »Gottlob! das Stück ist endlich zu Ende!« Hilmer erwachte wie aus einem Traume. Die beiden Phantasiegestalten, für welche er eben sein Bestes geleistet hatte, waren verschwunden, leere Gesichter sahen ihn fremd und gleichgültig an, das Konzert hatte lange gedauert, ein jeder eilte hinauszukommen, nur Hilmer eilte nicht. Er blieb einsam im Saale, bis die Lichter ausgelöscht wurden, und der Hausknecht, welcher dieses Geschäft besorgte, versicherte ihm, daß er heute abend wunderschön gespielt habe. Er schenkte dem Manne drei Gulden, wofür ihm derselbe die Hand küßte und ihn »Herr Baron« nannte. Zu Hause angekommen, beschloß er, niemals wieder vor dem großen Publikum zu spielen. Vor dem »großen Publikum«? Es waren ja nur fünfundzwanzig Personen gewesen! Aber sie waren doch das große Publikum im getreu verkleinerten Abbild. Sie hatten die Kunststücke seiner Finger bewundert und seine aus dem innersten Herzen quellende Kunst nicht verstanden. Hätten tausend Zuhörer vor ihm gesessen, sie würden es geradeso gemacht haben wie diese fünfundzwanzig. Er beschloß, niemals wieder öffentlich zu spielen, sondern nur noch im engsten Kreise vor Kennern und vor wahrhaft künstlerischen Gemütern, die keine Kenner zu sein brauchten. Allein wie stand es dann mit der geträumten glänzenden Künstlerlaufbahn? Das wußte er selber nicht. Er wußte überhaupt nicht mehr, was er eigentlich wollte; nur was er nicht wollte, wußte er ganz genau. IV. Des anderen Morgens saß Hilmer zu Hause am Klavier und phantasierte, daß die Saiten klirrten; er haderte mit sich und mit Gott und der Welt, er suchte Gedanken und fand keine, und dies gibt gerade die rechte Stimmung zum Phantasieren. Da klopft es an die Türe, wiederholt, immer stärker, bis er endlich aufspringt und: Herein! ruft. Ein unbekannter junger Mann tritt ein und bittet auf einige Minuten um Gehör. Der Künstler maß den Störenfried mit großen, zornigen Augen, allein er konnte den Fremden doch nicht wieder zur Türe hinausschicken, ohne gehört zu haben, was derselbe eigentlich wolle. Und der Mann hatte so etwas anmutig Keckes, er sah gar nicht aus, als ob er sich stracks wieder fortweisen lasse. »Ich heiße Achilles Schneider«, begann derselbe, »und bin gekommen, Sie um Unterricht im höheren Klavierspiel zu bitten.« Hilmer erklärte ihm, daß er nur ganz ausnahmsweise Unterricht gebe und nur an sehr vorgeschrittene Schüler, die sich zum Künstlerberuf ausbilden wollten. »Gerade dies ist meine Absicht.« »Und bei welchem Meister haben Sie bisher Ihre Studien gemacht?« »Lediglich bei mir selbst. Ich bin Autodidakt und seufze schon lange unter dem Fluche des meisterlosen Tastens und Suchens. Aber als ich gestern abend Ihre unvergleichlichen Leistungen hörte, da erkannte ich, daß man nur in der Schule eines solchen Meisters ein wahrer Meister werden könne. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke: du mußt! Und so wage ich's, Ihnen mein Anliegen vorzutragen. Ich bin arm, ich habe gar nichts. Ich hätte auch Ihr gestriges Konzert nicht besuchen können, wenn mir nicht der Portier des Lords Knaresborough ein Billett geschenkt hätte. Ganz bescheiden setzte ich mich darum in den hintersten Winkel des weiten Saales neben den großen Ofen, wo außer mir nur noch zwei Damen saßen –« »Eine ältere und eine jüngere?« unterbrach ihn Hilmer. – »So schien es.« – »Die jüngere mit reichem flachsblondem Haar?« – »Etwas unordentlich genial frisiert«, ergänzte Achilles Schneider. – »Mit blauen Augen und etwas spitzer Nase?« – »Dessen entsinne ich mich nicht mehr, aber ihre Reden klangen mitunter allerliebst spitzig.« – »Sie spricht, mit einem leisen Anflug pfälzischen Dialekts?« – »Ganz recht! fast wie Euer Gnaden.« – »Wer sind diese Damen? wie heißen sie?« – »Ich kenne sie nicht; aber Euer Gnaden scheinen sie zu kennen.« – »Ich kenne sie noch weniger, ich kenne sie gar nicht!« entgegnete Hilmer hastig. Beide sahen einander eine Weile ganz verblüfft an. Dann fuhr Schneider fort: »Was kümmerten mich auch die Damen, wo ich ganz hingerissen war durch den Zauber Ihrer Kunst! Die Großartigkeit Ihres Allegros zwang mich zum zerknirschten Selbstbekenntnis meiner Schülerhaftigkeit, aber die himmlische Milde, die herzgewinnende Liebesfülle, mit welcher Sie Mozarts Rondo vortrugen, gab mir dann wieder den Mut, Ihnen meinen heißesten Wunsch zu offenbaren, – und so stehe ich denn hier und erwarte Ihren Entscheid.« Hilmers Zorn über den störenden Eindringling hatte sich gelegt. Der junge Mann konnte ein unterdrücktes Genie sein; sollte er ihm da nicht auf die rechte Bahn helfen? Und Herr Schneider war ein armer Teufel obendrein, der offenbar keinen Pfennig für den ersehnten Unterricht bezahlen konnte. Hilmer hatte ein edles, menschenfreundliches Herz. Schon der bloße Schein war ihm unerträglich, daß er den Bittenden abgewiesen haben könne, weil die Erfüllung seiner Bitte ihm selbst nur Mühe, nicht Gewinn brächte. Er ersuchte den Kunstjünger, ihm etwas vorzuspielen. Wie ein Herrscher schritt Achilles Schneider zum Flügel und begann mit hocherhobenen Händen und stets niedergetretenem Pedal den Hoffnungswalzer von Strauß hervorzuschmettern. Ob er einen Ton traf oder danebenschlug, schien ihm ganz gleichgültig, wenn nur das Feuer und die Kraft nicht fehlten. Hilmer unterbrach ihn schon nach zwanzig Takten. Er hatte genug: – das unterdrückte Genie war ein Dilettant von der schlimmsten Sorte. Statt aller Kritik fragte er den seltsamen Menschen nur, was denn bisher sein eigentlicher Beruf gewesen sei und was er denn wirklich erlernt habe. »Ursprünglich wollte ich mich zum Gelehrten ausbilden«, antwortete jener, »und kam bis über die Mitte des Gymnasiums. Allein ich mißfiel den pedantischen Schulmeistern. Wenn die Geschichte Karls des Großen gelehrt wurde, dann sann ich sofort darüber nach, wie ich mich ausnehmen und was ich tun würde, wenn ich selbst heute Karl der Große wäre, und so wußte ich nie genau, was der alte Karl wirklich getan hatte. Wurde Sophokles gelesen, dann sah ich mich im Geiste als den Sophokles unserer Zeit, der mit achtzig Jahren übrigens ein ganz anderes Drama als den langweiligen Oedipus auf Kolonos dichten und die Nachgeborenen zur Bewunderung fortreißen würde. Und so blieb ich im Übersetzen des alten Sophokles immer der Schlechteste und wurde zuletzt vom Gymnasium weggejagt.« Hilmer begann Teilnahme zu empfinden; er entsann sich ähnlicher Phantasien aus seinen eigenen Schuljahren, doch hatte er sich zu bezwingen und etwas Tüchtiges zu lernen gewußt, was dem armen Jungen offenbar weniger gelungen war. Der letztere fuhr fort: »Mein Vater war Theaterdiener in Prag. Zu erneuten gelehrten Studien reichte das Geld nicht. Ich mußte daher trotz all meines Lateins die Rollen austragen und die Proben ansagen helfen, auch pflegte ich hinter der Szene Wind und Donner zu machen. Man verwandte mich nebenbei zu kleinen Rollen, und ich hoffte, ein großer Schauspieler zu werden. Allein während ich mich als Faust oder Wallenstein dachte, mußte ich einen Bedienten machen, der ein Glas Wasser bringt. Kein Wunder, daß ich es der Anstandsdame übers Kleid schüttete! Ich wurde von der Bühne verwiesen. Da tat mich mein Vater zum Theaterschneider in die Lehre. Doch ich verachtete jene moderne Unkunst, welche auf der Bühne mehr durch die Garderobe als durch den Geist zu wirken strebt. Der Geist! – darin liegt's! Der Geist hat mir überall ein Bein gestellt. Übrigens lernte ich damals mit Kleidern umgehen, und das ist der beste Anfang zur Kunst des Umgangs mit Menschen. Ich sann hierüber nach, und da noch kein Knigge ein Buch über den Umgang mit Kleidern geschrieben hat, so entwarf ich den Plan zu einer solchen Schrift im Kopfe, während ich die Schere in der Hand führte, und zerschnitt die Robe der Maria Stuart in ganz unheilbarer Weise. Man wies mich aus der Werkstatt. Da nahm mich das Restaurant des Theaters auf – als Aushilfskellner. Die Theaterrestauration ist in den Zwischenakten die wahre Börse der Bühne, wo die Wechsel auf den Erfolg der Dichter und Darsteller ausgestellt, diskontiert und protestiert werden. Ich redete eifrig mit, ich bewies, daß Donna Anna ihre erste Szene, welche ich nicht gehört, besser gesungen habe als ihre zweite Szene, welche ich auch nicht gehört hatte. Kein Wunder, daß ich zu servieren vergaß, und im Zwischenakt haben's die Gäste so eilig! Ich warf meine Bildung in die Waagschale der oft recht ungebildeten Debatte, und die Bildung warf mich zuletzt auch wieder zum Büfett hinaus. Mein Vater war inzwischen gestorben, meine persönliche Verbindung mit der deutschen Bühne hierdurch abgebrochen. Und so zwang mich die bittere Not, eine Stelle als Bedienter zu suchen, wobei mir meine frühere dramatische Beschäftigung in Bedientenrollen sehr zustatten kam. Allein wenn ich schon als Bedienter in der Komödie immer vergessen hatte, mich ganz in den Geist eines wirklichen Bedienten hineinzudenken, so dachte ich mich jetzt als wirklichen Bedienten erst recht lebhaft in den Geist eines dramatischen Bedienten. Die Folge war, daß ich von den allergewöhnlichsten Bedienten übertroffen und immer tiefer herabgedrückt wurde und heute völlig beruflos und brotlos bin. Ich könnte ein ausgezeichneter Bedienter sein, wenn ich den rechten Herrn fände, der mich zu Höherem emporzöge, indem ich ihm diente, zum Höchsten! denn ich möchte doch gar zu gern und recht bald – Eure Gnaden haben mir's gestern angetan! – als ein großer Klaviervirtuos auftreten, aber in ganz anderer Weise wie Eure Gnaden!« Hilmer fragte ihn, wie er denn so bald als Klaviervirtuose auftreten wolle, da er noch keine Tonleiter richtig spielen könne. »Eben daran fehlt es mir. Ich besitze alle Erfordernisse zum großen Klaviervirtuosen, nur Klavier spielen kann ich noch nicht. Eure Gnaden spielen Klavier wie kaum ein zweiter, aber alle übrigen Erfordernisse zum großen Virtuosen fehlen Ihnen ganz und gar.« Hilmer mußte laut auflachen. Der Bursche hatte recht. Er besann sich eine Weile, dann aber sagte er scharf: »Ich brauche keinen Bedienten.« »Verzeihung, gnädiger Herr! Sie haben einen solchen Gehilfen sehr notwendig. Jeder Künstler, der öffentliche Konzerte gibt, der reist, und Sie werden reisen, hat heutzutage seinen Bedienten, Sekretär, Geschäftsführer, oder wie man's sonst nennen mag.« »Ich werde nicht reisen, ich werde kein öffentliches Konzert mehr geben – vielleicht niemals mehr, – wenigstens in nächster Zeit nicht.« »Wenn Eure Gnaden bloß noch in den Salons spielen wollen, dann brauchen Sie erst recht einen Bedienten, denn ein Künstler, der keinen Kammerdiener mitbringt, erscheint den hohen Herrschaften selbst wie ein Bedienter.« Hilmer ging lange schweigend auf und ab. Endlich fragte er: »Sie können den Geigern das A auf dem Klaviere richtig angeben?« – »Nicht bloß das A , sondern den ganzen D -Moll-Akkord!« – »Sie können Noten lesen? die Stimmen auflegen? Noten abschreiben? einen Geschäftsbrief entwerfen?« – Achilles nickte zustimmend. »Und kann Er Stiefel wichsen und Kleider ausklopfen?« Achilles versicherte, daß es ihn fast mehr kränke, wenn man ihm diese Fertigkeiten zutraue, als wenn man sie bezweifle, allein er sei Meister in solchen Dingen. Hierauf erklärte ihm Hilmer, daß er ihn zum Bedienten annehmen wolle, auf Probe bei dreitägiger Kündigung, und Achilles Schneider willigte in alle weiteren Bedingungen ein. So hatte unser Künstler durch seine ersten Konzerte zwar viel Geld verloren, aber den originellsten Bedienten von ganz Wien gewonnen. Er tröstete sich mit diesem überraschenden Ergebnis. V. In den ersten Tagen seines neuen Dienstes bekam Achilles gar nichts weiter zu tun, als Kleider und Schuhe zu reinigen, Briefe zur Post zu tragen, und was dergleichen niedrige Geschäfte mehr sind. Wenn ihm sein Herr Stiefel zu wichsen befahl, dann nannte er ihn »Er«, wenn er ihm aber Noten abzuschreiben gebot, dann nannte er ihn »Sie«. Denn er meinte, die äußere Würde solle sich nach der Arbeit bemessen und nicht nach der Person. Am vierten Tage kam ein Brief von Lord Knaresborough, worin er Herrn Hilmer zu einer Soiree auf nächsten Montag abend einlud, mit der Bitte, »Musik« mitzubringen. Kaum hatte der Künstler den Brief gelesen, so rief er seinen Diener. »Entwerfen Sie eine höfliche Antwort an Lord Knaresborough. Ich bedaure, seine Einladung nicht annehmen zu können.« Achilles war starr vor Erstaunen. Er beschwor seinen Herrn, die höchst ehrenvolle Einladung nicht abzulehnen; die Abende des Lords seien berühmt in der ganzen Stadt, und der Engländer pflege die Herren Virtuosen mit den wertvollsten Geschenken zu belohnen – »Schreiben Sie, ich könne nicht kommen«, unterbrach ihn Hilmer mit gesteigertem Nachdruck. Aber Achilles ließ sich so leicht nicht besiegen. Er erzählte dem gestrengen Herrn, auch die Primadonna der Hofoper werde bei dem Lord am Montage singen, Ernst wird geigen, Servais Violoncell spielen, ein ganz erlauchter Kreis fremder und einheimischer Künstler werde dort versammelt sein, das wisse er alles von seinem Freunde, dem Portier. »Gut! vor diesem Publikum will ich spielen!« rief nun plötzlich Hilmer wie verwandelt. »Entwerfen Sie eine freundliche Zusage an den Lord.« – Am Montagabend versammelten sich die Künstler und Künstlerinnen bei Lord Knaresborough in einem eleganten Vorzimmer und wurden dort vom Lord und der Lady begrüßt, wobei man eine Art Cercle bildete. Dann entfernten sich die beiden Herrschaften und ließen ihre künstlerischen Gäste allein bis zum Beginn ihrer Vorträge. Die »Gesellschaft« befand sich in dem anstoßenden Salon, und die innere Türe des Künstlerzimmers führte unmittelbar zu einem Podium am oberen Ende des Saales, wo der Flügel stand. Zwischen dem Podium und den Zuhörern aber war eine dicke rotseidene Schnur quer über die ganze Breite des Saales gespannt, damit die Künstler oder gar die Sängerinnen sich nicht vor oder nach ihrer Produktion unter die »Gesellschaft« mischten. Das war so englische Sitte, die der Lord nach Wien mitgebracht hatte: der Künstler, welcher für Geld spielte, die Sängerin, welche für Geld sang, waren nicht gesellschaftsfähig. Ludolf Hilmer sollte das Konzert eröffnen. Bevor er auftrat, erschien jedoch Achilles in ganz neuer Livree, legte die Noten feierlich auf das Klavierpult, stellte vier Wachskerzen derart zurecht, daß je eine hohe und eine niedere Kerze gepaart war, damit das Licht gleichmäßig auf die obere und untere Hälfte des Notenblattes falle, brachte hohe und niedere Lederkissen und legte sie prüfend und mit den Augen messend auf den Klavierstuhl, damit sein Herr die gewohnte Sitzhöhe ja sofort vorfände. Er machte dieses »szenische Arrangement« mit solch ergötzlicher Wichtigtuerei und zugleich mit aller Feinheit eines Schauspielers, der einen Bedienten spielt, daß die plaudernde Gesellschaft ganz stille wurde und ihm mit behaglichem Lächeln zusah. In diesem Momente gespannten Schweigens trat Hilmer vor und setzte sich an den Flügel. Achilles hatte ihm mit seiner dramatischen Aktion einen unschätzbaren Vorsprung verschafft: sonst mußte der Künstler zu spielen beginnen, damit die plaudernden Zuhörer allmählich verstummten; jetzt waren sie schon verstummt, bevor er anfing. Hilmer spielte die Cis -Moll-Nokturne von Chopin mit gewohnter Meisterschaft. Diese Musik paßte so recht zur schwülen, parfümierten Luft des Salons, sie war so ganz gemacht für die blasierten Herren und die nervösen Damen. Als aber die letzten Takte leise hingehaucht erstarben und die ganze Gesellschaft verhaltenen Atems lauschte, um dann in stürmischem Beifall ihrer Bewunderung Luft zu machen, – da sank plötzlich die rote Schnur! Achilles hatte sich zur Seite geschlichen und sie unvermerkt im rechten Augenblicke ausgehängt. Zwar wollten sie die Bedienten des Lords wieder emporheben, allein Achilles stand mit beiden Füßen darauf und behauptete seinen Posten, und etliche Wiener Herren waren bereits über die gefallene Schnur geschritten und drückten dem Künstler die Hand, der nun auch seinerseits die Schnur überschritt und sich bald mitten im geheiligten Räume der Gesellschaft befand. Der Lord und die Lady rümpften zwar die Nase und sahen ganz entrüstet darein, aber die Schnur blieb für diesen Abend liegen. Denn da der unbekannte Herr Hilmer nun einmal in den Salon gekommen war, so konnte man doch die anderen hochberühmten Künstler nicht wieder ins Vorzimmer zurückschicken. Sie bewegten sich auch sehr sein und ungezwungen auf dem Parkettboden, belebten die Unterhaltung, ja die Primadonna trank sogar, mit dem russischen Gesandten plaudernd, eine Tasse Tee, als ob sich das ganz von selbst verstünde. Lord Knaresborough lud zwar unseren Virtuosen niemals wieder zu seinen Soireen, aber die Schnur wurde dort auch nicht wieder gesehen und Ludolf Hilmer von allen Kunstgenossen Wiens als der Retter der Standesehre gefeiert. Die Geschichte von der Schnur ging, poetisch ausgeschmückt, durch die Feuilletons; Hilmer war mit einem Schlage ein berühmter Pianist geworden. Der stillen Verdienste Achilles' gedachte freilich kein Mensch. Als er des anderen Morgens seinem Herrn die Stiefel brachte, die er vor lauter innerem Jubel nur halb gereinigt, sagte er mit Selbstgefühl: »Wir haben gestern den ersten durchschlagenden Erfolg gehabt!« »So scheint es. Aber wichse Er in Zukunft auch meine Stiefel mit besserem Erfolg!« erwiderte Hilmer trocken. VI. Schon nach wenigen Tagen machte der reiche Bankier Aaronsky unserem Künstler seine Aufwartung und lud ihn in den schmeichelhaftesten Formen zu einer der berühmten musikalischen Matineen, die er Sonntags in seinem Hause zu geben pflegte, – sofern man einen Palast ein Haus nennen konnte. Ohne langes Besinnen sagte Hilmer zu. Auch der große Geiger Ernst war geladen, von welchem Herr von Aaronsky behauptete, er spiele Hegelsche Philosophie auf der Geige. Der Sonntag kam, und Hilmer fand sich pünktlich im Hause Aaronskys ein, gefolgt von Achilles, welcher die Noten und auch die Kissen trug. Denn der vollkommene Pianist sitzt auf seinen eigenen Kissen. Die ganze erlesene Gesellschaft war schon im voraus gespannt auf das Erscheinen des Bedienten, der beim Lord ein so artiges Vorspiel geliefert hatte. Allein Achilles gab durchaus nicht die Szene, welche man erwartete, sondern eine ganz neue. Ein Originalgenie wiederholt sich nicht. Mit der einfältigsten Bedientenmiene von der Welt legte er die Noten auf und ordnete das Geigenpult und den Klavierstuhl. Als dann aber Ernst zu ihm herantrat, um seine Geige zu stimmen, gab er, bedeutungsvoll zu dem Virtuosen aufblickend, nicht bloß das A an wie gewöhnliche Kalikanten, sondern den vollen D -Moll-Dreiklang wie ein Künstler, und zwar in drei wuchtigen, lang aushaltenden Schlägen, die wie die Einleitungsakkorde zu einer tragischen Symphonie erdröhnten. Er horchte auf. Die Geige war noch nicht ganz rein. Jetzt wiederholte er den Akkord, aber in einer Folge von Harpeggien, vom großen D bis hinauf zum dreigestrichenen A, wobei er diese Oberquinte mit aufgehobenem Pedal ganz leise verklingen ließ. Er horchte wieder verständnisvoll. Noch stand die Geige um eine Schwebung zu tief. Da schlug er den Akkord mit beiden Händen im Tremolo fortissimo an, daß die Saiten klirrten, und brach plötzlich ab: – die Geige war vollkommen rein. Stolzen Schrittes verschwand er. Man behauptete nachher, der Bediente habe beim Angeben des A eine ganze »symphonische Dichtung« gespielt, allerdings ohne Melodie, was übrigens auch sonst bei derlei Werken vorkomme, aber doch in drei Charaktersätzen: Allegro maestoso, Adagio cantabile und Presto con fuoco. Das Duett der beiden Künstler fand tobenden Beifall. Man wußte nicht, ob derselbe mehr dem weltberühmten Ernst galt oder dem neu entdeckten Genius Hilmer, dem Meteor, welches erst seit acht Tagen am Wiener Kunsthimmel sichtbar war. Als nach dem Schlusse der Matinee Achilles seinen Herrn im Vorzimmer erwartete, drückte der Haushofmeister auf Befehl des Bankiers dem Bedienten ein Trinkgeld von fünf Gulden in die Hand. Er hatte es ja so wohl verdient. Die dort versammelten Diener sahen es mit neidischen Blicken. Achilles aber trat zu dem Hausknecht, der ihm eben seine Noten und Kissen brachte, und schenkte ihm die fünf Gulden mit herablassender Handbewegung. Die ganze Dienerschaft steckte die Köpfe zusammen; Hilmer, der gerade vorüberging, hatte den Vorgang fliegenden Blickes bemerkt, doch tat er nicht dergleichen. Zu Hause fragte er Achilles, warum er das Trinkgeld nicht für sich behalten habe. Achill erwiderte: »Hätte mir's der niederträchtige Haushofmeister unter vier Augen zugeschoben, so hätte ich's gleich verstohlen mit Vergnügen in die Tasche gesteckt. Aber so öffentlich vor aller Augen – das schickt sich nicht für unsereins. Oder würden etwa Eure Gnaden die hundert Gulden, mit welchen dieser Aaronsky Ihren heutigen Klaviervortrag honorierte, angenommen haben, wenn er Ihnen vor den versammelten Gästen beim Abschied einen Hundertguldenschein überreicht hätte?« »Ich würde es nicht nur getan haben, ich tat es wirklich.« Achilles trat einen Schritt zurück, maß seinen Herrn mit großen Augen und rief: »Dann war ich heute der Virtuos und Sie – –« »Und ich? Was will Er sagen? Geh Er hinaus, und bürste Er meinen Mantel, damit Er merkt, daß Er der Bediente ist.« Hilmer setzte sich ans Klavier und phantasierte wie rasend durch alle Tonarten eine ganze Stunde lang. Als er aber nach acht Tagen wieder zu der Matinee des Bankiers geladen war und ihm Herr von Aaronsky am Schlusse sehr artig eine Zigarre anbot und ihm dann angesichts der versammelten Gäste wieder eine Hundertguldennote in die Hand drückte, faltete der Virtuose die Note ganz ruhig zu einem Fidibus, führte sie ans Licht, zündete sich die Zigarre damit an und empfahl sich. Des anderen Tages sprach das ganze kunstliebende Wien von Ludolf Hilmers Fidibus. Nur ein Genie konnte im Anzünden einer Zigarre zugleich ein so zündendes Epigramm aufblitzen lassen. Nach der Geschichte mit der Schnur hatte die Zeitungskritik unseren Künstler auf die Kunsthöhe von Henri Herz erhoben; nach der Geschichte mit dem Fidibus erhob sie ihn auf gleiche Stufe mit Hummel und Thalberg. Was wäre der Virtuosenruhm ohne die Anekdote? Und Achilles sorgte dafür, daß zu den historischen Anekdoten von seinem Herrn auch noch viele mythische in Umlauf kamen. Denn was wäre die Künstleranekdote ohne den Mythus? Am 16. Dezember hatte Hilmer, wie wir wissen, den Achilles Schneider in seinen Dienst genommen, und schon mit der Jahreswende hatte sich sein ungünstiges Geschick völlig gewendet. Im Januar erhielt er so viele Einladungen zu musikalischen Vorträgen in die vornehmsten Häuser, daß er kaum die Hälfte annehmen konnte. Im Februar gab er sein drittes eigenes Konzert trotz des früheren Vorsatzes, überhaupt kein solches mehr geben zu wollen. Achilles hatte freie Hand erhalten, alle zweckdienlichen Vorbereitungen zu treffen; vierzehn Tage lang hatte er mit aufreibender Hingabe für diesen Zweck gearbeitet und sich zum besondern Lohne nur ausbedungen, daß ihn sein Herr niemals wieder mit »Er« anrede und einen eigenen Stiefelwichser anstelle. Der Erfolg des Konzertes war wunderbar. Man maß ihn nicht nach der Zahl der Anwesenden, die sich Schulter an Schulter im Saale drängten, sondern nach der Schar der Abgewiesenen, die kein Billett mehr erhalten konnten. Obgleich Hilmer nie wieder so gut gespielt hatte wie in dem trostlosen zweiten Konzert, sprach ihm doch Achilles seine steigende Bewunderung aus über seine riesenhaft wachsende Virtuosität. Er war zufrieden mit seinem Herrn, und es ist in unseren Zeiten immer erfreulich, wenn sich die Herrschaften die Zufriedenheit ihrer Diener erwerben. VII. Ganz im stillen räsonierte Achilles doch zuweilen über Hilmers Lebenswandel, der ihm von Tag zu Tag unheimlicher vorkam. Der gefeierte Künstler lebte nämlich sozusagen gar nicht. Er brütete einsam zu Hause, schrieb Noten oder spielte Klavier; er fuhr nicht spazieren, ging in kein Kaffeehaus, besuchte keinen Ball; er besaß nur Bewunderer, keine Freunde und mied die heitere Wiener Gesellschaft, in welcher er doch hätte glänzen können. Vor allem aber hatte er nicht das kleinste Abenteuer mit irgendeiner Dame. Achilles sann lange vergebens über dieses rätselhafte Wesen seines Herrn. Da blitzte ein erschreckender Verdacht in ihm auf: der Ärmste war wohl gar ernstlich verliebt! Verliebt – in wen? Von der Geliebten vermochte selbst Achilles' Scharfblick keine Spur zu entdecken. Aber gerade eine Liebe, die so heimlich, daß nicht einmal der Bediente sie durchschauen kann, ist die allertiefste und gefährlichste. Achilles wagte, schwer bekümmert, hierauf anzuspielen; – Hilmer tat, als höre er's nicht, und wies ihn barsch an seine Arbeit. Nun war ihm sein Verdacht erst recht bestätigt. Wenn sein Herr alle Woche einen anderen Liebesroman eingefädelt hätte, das wäre wunderschön gewesen; denn in solchen Fällen ist ein Bedienter unentbehrlich, er wird der Herr seines Herrn, wie uns hundert alte Lustspiele lehren. Bei einer ernstlichen Liebe dagegen wird das geliebte Wesen vielmehr die Herrin, und was so ein leidenschaftlich Liebender sich selbst kaum zu gestehen wagt, das vertraut er noch viel weniger seinem Bedienten. Hilmer schien diesem durchaus unstatthaften Zustande verfallen zu sein. Es ließ Achilles keine Ruhe, er mußte der Sache auf den Grund kommen. In einer stillen Stunde, wo sein Herr, was jetzt so selten geschah, das Haus verlassen hatte, unterwarf er dessen Schreibpult einer gründlichen Untersuchung. Er glaubte Briefe, Verse, ein Band, eine Haarlocke finden zu müssen, allein er fand gar nichts derart, wohl aber eine Menge vielfach umgebildeter Skizzen zu einer halb vollendeten Klaviersonate. Also dies nur und nichts anderes war es, woran sein Herr nächtelang so eifrig geschrieben hatte! Achilles beschaute die Sonate sehr lange von hinten und vorn, von oben und unten. Sie ging aus Des-Dur – das ist die wahre Tonart der Verliebten; das Adagio stand gar in B-Moll – das ist die Tonart der in sich selbst verglühenden Leidenschaft. Für das Konzert war sie offenbar nicht bestimmt: sie schien sehr einfach, die großen Läufe, die fingerbrechenden Harpeggien, die unfaßbar schweren Kadenzen fehlten gänzlich. Aber da stand viel molto espressivo, dolcissimo, affettuoso, languisando, smorzando. Eine Sonate derart, die obendrein niemals fertig wird, schien sehr verdächtig. Der Musiker haucht seine Liebesseufzer in Noten aus – wenn man den Noten nur ansehen könnte, an wen die Seufzer gerichtet sind! Plötzlich entdeckte Achilles über den ersten Takten des Adagios ein ganz leicht mit Bleistift geschriebenes, halb verwischtes Wort mit drei Ausrufezeichen, welches nicht wie eine Vortragsweisung aussah. Er buchstabierte lange daran. »Jetzt hab' ich's!« rief er, »sie heißt Marie!« »Jetzt hab' ich dich erwischt! Unverschämter!« rief zu gleicher Zeit sein Herr und klopfte ihm auf die Schulter. »Was hat Er in meinem Pulte zu suchen? die Schubladen zu öffnen? die Papiere durcheinanderzuwerfen?« Achilles war einen Augenblick sprachlos, aber nur einen Augenblick. Dann sagte er im Tone wahrhaft väterlicher Bekümmernis: »Gnädiger Herr! Ich bemerkte schon lange, daß eine unselige Leidenschaft an Ihrem Herzen nagt, Ihren Adlerflug lähmt und Ihre Gesundheit zerrüttet. Sie verschließen sich gegen mich, und ich möchte Sie retten, auch wenn ich Ihren ganzen Zorn auf mich lüde. Sie lieben! Und, wie es scheint, im bitteren Ernste. Ein großer Pianist darf sich verlieben, aber lieben darf er nicht, geschweige denn sich verloben oder gar verheiraten. Virtuosenehen enden immer unglücklich. Die Klangkraft unserer heutigen Flügel und die Tonfülle unserer neuesten Musik macht jede Ehe eines Klaviervirtuosen auf die Dauer unhaltbar. Auch die zärtlichste Gattin hält es nicht aus, Tag und Nacht Etüden fortissimo spielen zu hören. Das Ehepaar müßte zwei Häuser in verschiedenen Straßen bewohnen – –« Hilmer unterbrach den Schwätzer und sagte, er habe ihm gestattet, seine Konzertgeschäfte zu besorgen, nicht aber sich in seine Herzensangelegenheiten zu mischen. Achilles behauptete dagegen, diese Herzenssache gehöre durchaus zur Konzertfrage, denn sie drohe alle Konzertgeschäfte umzuwerfen. Und nun stritten sich beide so heftig darüber, ob die Liebe das Konzert berühre oder nicht, daß der Herr dem Diener zuletzt im hellen Zorn zu schweigen befahl und das Zimmer zu verlassen und ihm den Dienst auf übermorgen kündigte. VIII. Am dritten Tage erschien Achilles Schneider vor seinem bisherigen Herrn, um sich von ihm zu verabschieden und das Haus zu verlassen. Sehr bescheiden und gerührt sprach er seinen Dank aus. »Mein letztes Wort«, so schloß er, »sei ein Wort der Bewunderung. Sie haben viel Meisterhaftes gespielt, aber ganz unübertrefflich spielten Sie doch Field und haben von Woche zu Woche immer besser Field spielen gelernt.« »John Field?« fragte Hilmer erstaunt. »Ich habe seit Jahren keine Note von Field gespielt!« »Das bezweifle ich nicht!« entgegnete Achilles. »Ich sprach auch nicht von Noten, sondern von Field.« Hilmer bat um eine deutlichere Erklärung, und Achilles begann: »Mein Dienst ist zu Ende, also sei Wahrheit zwischen uns. Ich glaube, alles zu besitzen, was zu einem großen Klaviervirtuosen gehört, nur Klavier spielen kann ich nicht. Sie sind ein Klavierspieler ersten Ranges, allein bevor ich zu Ihnen kam, fehlte Ihnen nicht weniger als alles, was zum großen Virtuosen gehört. Sie wollten mich nicht in die Klavierschule nehmen, allein Sie erlaubten, daß ich Sie in die Virtuosenschule nahm. Ich lehrte Sie Field spielen. Als John Field, der große Meister des modernen Klavierspiels, nach Petersburg kam, war er noch unbekannt und nur als Schüler Clementis in dem Hause eines vornehmen Kaufmanns und Kunstmäzens eingeführt. Er wurde zu dessen Abendgesellschaften eingeladen. Da sah er, wie den plaudernd umherstehenden Gästen Champagner und andere gute Dinge serviert wurden, aber an ihm ging der Bediente jedesmal vorbei, und als er ihm zurief, er möge ihm doch auch ein Glas Champagner geben, tat der Schlingel, als höre er's nicht. Das war so Sitte des Hauses. Doch als zuletzt der Kaufmann dem jungen Künstler eine Hundertrubelnote einhändigte, rief dieser den Bedienten herbei und drückte ihm die hundert Rubel in die Hand – für aufmerksame Bedienung. Der Vorgang machte ungeheures Aufsehen; die ganze Stadt sprach von Field, dessen Namen vorher kein Mensch gekannt hatte: er war von Stund' an ein namhafter Künstler. Nun werden Sie mich doch verstehen, gnädiger Herr, daß wir beide Field gespielt haben. Die Geschichte mit der Schnur bei Lord Knaresborough war meine Erfindung, im Grunde war sie aber doch nur eine freie Phantasie über Fieldsche Motive, die Geschichte mit dem Trinkgeld bei Aaronsky eine Variation über ein Thema von Field, und Sie variierten dann wieder meine Variation, indem Sie die Banknote als Fidibus verbrannten. Die Kunstgriffe entstehen wie die Kunstwerke: wir verändern, indem wir unsere Vorgänger nachahmen, und das nennen wir dann Originalität. Ein wirkliches Original war schließlich nur Adam, und den hat Gott nach seinem Ebenbilde geschaffen.« Hilmer staunte und dachte bei sich: »Der Kerl ist doch unbezahlbar! Man sieht, wie die Gymnasialstudien höherer Klassen bei einem Bedienten nachwirken.« Dann fragte er ihn, ob er Field jemals gesehen und gehört, ob er ihn gekannt habe. »Nein! aber ein ehemaliger Diener Fields erzählte mir dies alles und vieles andere; vermutlich war es teilweise erlogen, und doch genügte es mir, um Schule bei Field zu machen. Jener Diener war übrigens von dem Virtuosen fortgejagt worden, weil er ihn bestohlen hatte. Ich werde Sie niemals bestehlen, denn kein Künstler bestiehlt einen Künstler. Und nun habe ich nur noch eine Bitte. Sie haben mich als Ihren Bedienten entlassen, das ist nicht mehr zu ändern, aber ich bitte: nehmen Sie mich als Ihren Sekretär wieder auf! Nicht bloß um meinetwillen, sondern auch um Ihretwillen. Die großen Virtuosen und Sängerinnen haben Sekretäre, Künstler zweiten Ranges begnügen sich mit einem Bedienten. Sie haben mir die Livree abgenommen, verleihen Sie mir einen Frack mit weißer Halsbinde. Ich werde dann erst auf der Reise, in der Gesellschaft, in der Presse, im Publikum meine volle Tatkraft für Sie entfalten können.« Der Bursche war unwiderstehlich. Er hatte Gedanken im Kopf und die schalkhafteste Keckheit dazu, über die man sich anfangs ärgerte, um hinterdrein darüber zu lachen? War er nicht ein Genie in seiner Weise? Und hatte sich Hilmer seit vorgestern nicht schon mehrmals ganz im stillen gestanden, daß ihm Achilles unentbehrlich geworden sei? Er nahm ihn in Gnaden wieder auf – als Sekretär, unter der Bedingung, daß er sich niemals mehr um seine Privatangelegenheiten kümmere, widrigenfalls er sich nicht nach einer dreitägigen, sondern nach einer dreistündigen Kündigungsfrist aus dem Hause zu entfernen habe. Achilles küßte dem gnädigen Herrn dankend die Hand und sagte dann, ganz leise flüsternd: »Field hatte sich auch einstmals verliebt in eine schöne Französin, und resolut, wie er war, schrieb er der völlig Unbekannten sofort: ›Mein Fräulein! Ich liebe Sie. Im Mai werde ich zweitausend Rubel haben, dann will ich Sie heiraten. Sind Sie einverstanden? Ihr ergebenster John Field.‹ Die Dame antwortete umgehend mit Ja! Doch sowie er dieses Jawort erhalten hatte, verfiel der Künstler in Tiefsinn, er komponierte nicht mehr, spielte nicht mehr, trank keinen Champagner mehr – bis ein Freund den Grund seines trostlosen Zustandes entdeckte und die Sache rückgängig machte. Da lebte Field wieder auf. Ein Virtuos darf sich verlieben, aber beileibe keinen Heiratsantrag – –« Hilmer hieß ihn schweigen, und Achilles verstummte. Nach einer Pause fügte er jedoch noch leiser als vorher und mit anmutigster Schalkhaftigkeit hinzu: »Übrigens soll Field selbst in jenen trostlosen Tagen nicht an die Komposition einer Sonate gedacht haben. Er liebte Sonaten überhaupt nicht, sondern zog, soviel ich weiß, das elegantere Notturno vor.« IX. Als Hilmer allein war, fühlte er sich von inneren Widersprüchen grausam hin- und hergezerrt. So resolut wie Field hätte er einer Dame nicht schreiben können. Welcher Dame? Er dachte nur an eine einzige und wagte nicht einmal, sich ihr von ferne zu nähern. Hatte er denn wirklich Field gespielt? Er schämte sich, daß er's in der Tat, wenn auch ganz wider Wissen und halb wider Willen getan; er wollte es nicht wieder tun. Allein wäre er binnen weniger Wochen ein berühmter Virtuose geworden, wenn ihn sein Bedienter nicht Field spielen gelehrt hätte? Was hatte er dabei gewonnen? Das Publikum war entzückt über ihn, aber er war nicht entzückt über sich selbst. Nach allen Beifallsstürmen klangen ihm immer zuletzt die Worte jenes unbekannten Mädchens nach dem ersten Konzerte im Ohr, daß ein Mann von seinen Studien und seiner Bildung eigentlich gar keine Virtuosenkonzerte geben, sondern dieselben den gewöhnlichen Musikern überlassen solle. Die schöne Unbekannte hatte es ihm angetan. Er suchte sie überall, allein er sah sie immer nur von ferne in Konzerten, wo gute Musik, im Theater, wenn eine klassische Oper aufgeführt wurde. Mehrmals war es ihm beinahe gelungen, sich ihr zu nahen, und doch gelang es ihm nie. In seinem so dünn besuchten zweiten Konzert hatte die Dame unbemerkt hinter dem Ofen gesessen, er hatte sie nicht gesehen und doch für sie gespielt. In dem überfüllten dritten Konzerte sah er sie in vorderster Reihe sitzen und konnte nicht für sie spielen. Beim Herausgehen hätte er sich ihr gerne in den Weg gestellt, aber die gewaltige Menschenmasse und die Kenner, welche ihn glückwünschend umringten, wehrten es ihm. Seinen ganzen Virtuosenerfolg würde er nun darum gegeben haben, wenn er nur gewußt hätte, wer das blonde Mädchen eigentlich sei und wie sie heiße. Doch das konnte ja Achilles leicht für ihn ausspüren; als Bedienter im Lustspiel mußte er dergleichen gelernt haben. Allein es dünkte Hilmer Entweihung des Heiligsten, wenn er einen solchen Menschen mit dieser Aufgabe betraute. Hatte der Bediente den Künstler gelehrt, ein Virtuos zu sein, so konnte er ja auch dem Liebenden das Liebeswerben lehren. Hilmer war über sich selbst empört, als ihm dieser Gedanke auch nur ironisch durch die Seele fuhr. Er konzertierte jetzt kühn wie der weltläufigste Virtuose, aber in seiner schüchternen Verehrung für die Unbekannte war und blieb er der hilflos verlegene deutsche Gelehrte. Da lächelte ihm unversehens ein kaum gehofftes Glück: er erfuhr ihren Taufnamen – Maria! Dies geschah folgendermaßen. Hilmer stand in der hintersten Fensternische des Verkaufsraumes einer Musikalienhandlung und stritt mit einem Kunstgenossen über die Vorzüge der Londoner und Wiener Flügel. Er pries die »englische Mechanik« und schilderte beredt und mit erhobener Stimme, wie hier dem schweren Anschlage, den nur die starke Hand des Meisters beherrscht, die höchste Tonfülle entspreche, als er hinter sich eine Mädchenstimme vernahm, so zart und süß wie der verschwebende Pianoklang des weichsten Streicherschen Flügels. Er blickte um: – sie war es, die Unbekannte! Leider empfahl sie sich eben mit einem dicken Band Noten unterm Arme, den sie eingekauft hatte. Hilmer wollte ihr nacheilen, doch sein streitfertiger Kollege hielt ihn am Rockknopfe fest und bewies ihm, daß die weiblich weichen Streicherschen Klaviere doch den männlich harten englischen weitaus voranständen. Unser Künstler gab seinem Widersacher auf einmal alles zu, damit er nur ende. Aber die Erscheinung war verschwunden. Zuletzt fand sich Hilmer allein mit dem Handlungsdiener, der so glücklich gewesen war, den dicken Notenband an die unerreichbare Dame zu verkaufen. Es war Bachs »Wohltemperiertes Klavier« gewesen. »Das Fräulein kauft nur klassische Sachen«, berichtete der Kommis auf des Künstlers schüchternes Befragen. »Sie begehrt fast immer Musik, die kein Mensch begehrt.« – Und ihr Name? Der Ladenjüngling wußte ihn nicht. Denn sie entlieh keine Noten aus der Leihanstalt, sie kaufte, was sie brauchte: – eine höchst rühmliche Eigenschaft! dachte Hilmer, – und sie ließ sich nie eine Rechnung schreiben, sondern bezahlte gleich bar: – eine vortreffliche Gewohnheit! Sie nannte die ältere Dame, welche sie meist begleitete, Tante, und die Tante nannte ihre Nichte – Marie. Beide waren aus Karlsruhe und lebten schon den ganzen Winter in Wien. Dies war alles, was Hilmer erfahren konnte. Er besuchte fortan täglich die Musikalienhandlung, kaufte und bestellte eine Menge Werke, die er eigentlich gar nicht haben wollte, und kramte müßig in den aufliegenden Notenheften, was ihm sonst verhaßt war. Allein Marie erschien nicht wieder. Sie hatte an dem »Wohltemperierten Klavier« vermutlich für Monate genug. Auch Hilmer hatte wenigstens für Wochen genug, um über dem wenigen, was er nun von Marie wußte, zu brüten, – für einen gewöhnlichen Menschen so wenig und für einen Liebenden so viel! Marie war also eine Karlsruherin. Hilmer entsann sich jetzt, daß Karlsruhe ganz besonders reich sei an reizenden Mädchen. Und die Karlsruher Mundart dünkte ihm plötzlich die schönste von ganz Deutschland. Sonst hatte er als Heidelberger Karlsruhe etwas von oben herab angesehen; nun entdeckte er, daß es doch eine recht vornehm anmutige Stadt sei, ja eine poetische Stadt, hart am Walde gelegen, dessen Eichenwipfel die Häuser der äußeren Straßen da und dort überragen, dessen frischer Duft am Sommerabend zu den geöffneten Fenstern einströmt. Marie wohnte vermutlich vordem in einer solchen Straße, etwa in der Stephanienstraße. Wichtiger wäre es ihm freilich gewesen, wenn er gewußt hätte, wo sie jetzt in Wien wohnte. Doch das erfuhr er nicht. Sie war kein gewöhnliches Mädchen, vielleicht etwas eigensinnig, aber sie hatte selbständiges Urteil. Sie hatte ihn getadelt – nach seinem ersten Konzert – und gerade darum gefesselt; denn sie tadelte ihn, weil sie Höheres, Höchstes von ihm erwartete. Das wollte er leisten. Er komponierte die Sonate, mit der er niemals fertig wurde, eine Sonate im reinsten, idealsten Stil. Er verliebte sich in seine Sonate, bis ihm die Gedanken vergingen – und dann hört das Komponieren auf! –, weil er in das Mädchen verliebt war, welches er nur in Gedanken erreichen konnte, – und diese Liebe ohne Ziel und Ende trieb ihn im Ringe immer wieder zu der nicht endenden Sonate zurück. Dem Adagio hatte er ein Motiv aus Palestrinas Hymne an die Jungfrau Maria eingewoben und »Maria« darüber geschrieben, ein Motiv Palestrinas zur Erinnerung an die Heidelberger Musikabende bei Thibaut, wo man fast nur Palestrina sang, wo »sie« ihn zuerst beobachtet und er sie leider gar nicht bemerkt hatte, – und gerade bei diesem Adagio war er im Komponieren hilflos steckengeblieben. Eine ganze Welt von Gefühlen schlummerte in dieser Sonate: Liebessehnsucht, Heimweh nach Heidelberg, Heimweh nach entschwundenen höheren Jugendidealen, Schmerz und Entsagung, Stolz und Triumph. Er schrieb das Werk für »sie« allein, nur ihr wollte er es vorspielen mit vollendeter Meisterschaft; nicht eher wollte er sie aufsuchen, bis die Sonate vollendet war, – und die Sonate ward nicht fertig. X. Das ging so fort, bis der Frühling ins Land kam. Und mit der erwachenden Natur erwachte auch Hilmer wie aus einem Traume. Seine Liebe war eine Krankheit, seine Liebe zu der Unerreichbaren, die er doch nur darum nicht erreichen konnte, weil er den Mut nicht fand; sie ohne Umstände aufzusuchen. Und er wollte genesen! Sechs Wochen lang kann man wohl für ein Wesen schwärmen, welches man nicht kennt, weil man's nicht kennenzulernen wagt, aber sechs Monate lang – das wird zuletzt kindisch. Und Hilmer fühlte sich zu alt für solche Kinderei. Diese und viele andere gescheite Dinge sagte er sich jetzt dutzend Male vor; er gab sich die größte Mühe, sich vor sich selbst zu schämen und über die verhexte Karlsruherin zu ärgern. Er warf die unvollendete Sonate in die Ecke, sie sollte in Ewigkeit unvollendet bleiben; dagegen beschloß er seiner Liebe um so geschwinder ein Ende zu machen. Achilles hatte recht: ein großer Virtuos darf mit der Liebe spielen wie mit einer Trillerkette, wie mit einer Harpeggienkadenz, aber lieben darf er nicht. Und Hilmer wollte fortan ganz und gar Virtuose sein; sein Ruhm war gegründet, er wollte Wien verlassen, die große europäische Reise antreten, hinausstürmen ins Leben, in die Welt und vergessen, daß er einmal so kindisch geträumt hätte. Aber die Wiener sollten zum Abschied noch ein Konzert von ihm hören, wie sie noch niemals eines gehört, unvergleichbar, durchweg neu, überraschend von vorn bis hinten. Für die äußere Anlage dieses Konzertes war Achilles sofort mit gutem Rate zu Hand. Er meinte, sein gnädiger Herr habe zuletzt im größten Saale Wiens vor Tausenden gespielt; nun solle er zu allerletzt wieder in demselben kleinen Saale spielen, in welchem er vor einem halben Jahre so bescheiden angefangen. Das Abschiedskonzert müsse rätselhaft sein in allen Stücken, selbst in der Wahl des Ortes. Jener Saal fasse dreihundert Plätze; diesmal aber dürften nur hundertfünfzig Karten ausgegeben werden, das Stück zu zehn Gulden; lauter bequeme Fauteuils müßten im Saale stehen, Diwans an den Wänden, nirgends ein gemeiner Rohrstuhl, nicht einmal in der Garderobe. Nur ein hoher Adel, nur vornehme und reiche Leute dürften den phantastisch geschmückten Raum füllen, Freibillette seien höchstens an zwölf der berühmtesten Künstler und Künstlerinnen auszugeben. Nur Musik von aristokratischem Parfüm dürfe gespielt werden, feinste Salonmusik; Tonstücke für bürgerliche Menschen, wie sie Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und ähnliche Sonatenschreiber komponierten, seien strenge fernzuhalten. Hilmer war entzückt von diesem Plan und fand auch bald das richtige Programm zusammen; nur die Krönung des Ganzen, die Schlußnummer, fehlte noch. Er zerbrach sich lange den Kopf darüber; endlich rief er: »Ich hab's gefunden!« und zog aus dem Notenberge, der sich unordentlich neben dem Flügel türmte, ein Manuskript hervor und sprach: »Hier ist ein Zyklus von sechs Klaviersätzen, die ich vor Jahr und Tag komponiert und noch nirgends gespielt habe; sie führen den Titel ›Dämmerungslieder ohne Worte‹ –« »Lieder ohne Worte!« unterbrach Achilles, »ach! das ist ja gar nichts Neues; die Mendelssohnschen werden bereits von allen Backfischen gespielt.« »Aber das Werk hat noch einen Untertitel«, belehrte Hilmer: – »Sechs Märchenbilder.« Achilles wiederholte, langsam die Worte wägend: »Dämmerungslieder ohne Worte, sechs Märchenbilder! – Die Dämmerung ist ein neues musikalisches Kolorit, auch wählte man bisher nicht gerade das Klavier, um Märchen zu erzählen. Allein, was soll man sich für Märchen denken? Doch nicht Grimms Hausmärchen? Die sind bürgerlich!« Der Künstler sprach: »Die Großmutter pflegte uns Kindern am Abend Märchen zu erzählen, aber bevor sie begann, sagte sie jedesmal: ›Blast die Lichter aus!‹ Und wenn wir uns dann im Dunkeln oder im Dämmerschein des Mondes immer enger an sie schmiegten, dann klangen uns ihre Märchen so schaurig, und wir sahen die Traumgestalten der Feen und Kobolde so leibhaft und glaubten alles so fest, was wir bei hellem Licht bezweifelt hätten. An diese Dämmerstunden dachte ich, als ich meine Dämmerungslieder komponierte, und bei jedem dieser Lieder schwebte mir ein anderes Märchen der Großmutter vor.« »Ich habe eine Idee!« rief Achilles, »sie ist tausend Gulden wert! Was Sie eben sagten, das muß alles dem Publikum erzählt werden zwischen der Musik, und zwar in Versen. Sie sind ja auch Dichter, dichten Sie um Gottes willen! – nur sechs Strophen: – vor jedem Klaviersatz wird eine Strophe gesprochen, die den Leuten sagt, welches Märchen sie sich nunmehr denken sollen. Und auf den Zettel setzen wir: ›Dämmerungslieder ohne Worte, Worte und Lieder von Ludolf Hilmer‹, und halb Wien zerbricht sich den Kopf über diesen Titel. Zum Anfang aber müssen Sie die Geschichte von der Großmutter in Versen geben, und bei der Stelle: ›Blast die Lichter aus!‹ lassen wir mit einem Ruck die Gasflammen zurückdrehen, und die ganze Gesellschaft lauscht in der Dämmerung den Dämmerungsliedern. Das wird einen unerhörten Effekt machen.« Hilmer lachte den tollen Ratgeber aus, aber Achilles sprach sehr ernst und ganz lehrhaft: »Wir wollen heutzutage die Musik nicht bloß hören, sondern auch sehen, wir wollen Gemälde nicht bloß betrachten, sondern auch hören, – das liegt im Geiste der Zeit. Wagen Sie nur, es auszusprechen! In vierzig Jahren wird man Ölgemälde mit Orchesterbegleitung betrachten und Symphonien mit lebenden Bildern hören.« Nach langem Widerstreben überwand sich Hilmer, die Verse zu machen, und willigte zuletzt auch in die Verdunkelung des Saales. War er nun doch einmal Virtuose, so wollte er's auch völlig sein. Wer aber sollte die Verse sprechen? Die tragische Heldin der Hofburg? Achilles protestierte dagegen und meinte, dann müsse man den Namen der Künstlerin auf den Zettel setzen und damit sei die ganze Überraschung vereitelt. Überdies würde sich die berühmte Dame zu der kleinen »Episode« nur verstehen, wenn man ihr auch noch eine Hauptnummer im ersten Teile des Konzerts einräume – etwa den »Gang nach dem Eisenhammer« oder das »Lied vom braven Manne«. – Das gehe nicht an. »Der Redner«, so fuhr Achilles fort, »muß sich auf die einzige kleine Aufgabe beschränken; unerwartet, unerkannt erscheint er im fernen Hintergrunde, als ein Rätsel muß er während des Präludiums kommen, die wenigen Verse als ein Meister sprechen, als ein Rätsel mit dem letzten Akkorde wieder verschwinden. Ich kenne nur einen Mann, der alle diese Forderungen erfüllen mag und kann, und dieser Mann bin ich selbst.« Hilmer sah ihn mit großen Augen an und meinte, die Aufgabe sei ihm doch zu schwer. Achilles erwiderte stolz: »Sie haben mir früher eine Aufgabe gestellt, die mir allerdings fast zu schwer gewesen ist, und ich habe sie doch gelöst: das war die Aufgabe, Ihre Stiefel zu wichsen. Es ist mir unendlich viel leichter, Ihre Verse zu sprechen; ich war dramatischer Künstler, ich kann es heute noch sein!« und sofort begann er zur Probe: »Nachts um die zwölfte Stunde Verläßt der Tambour sein Grab« und sprach die ganze »Nächtliche Heerschau« von Zedlitz so geisterhaft, daß ihm Hilmer mit steigender Spannung bis zum Schlusse folgte und zuletzt dem tollen Burschen wirklich zugestand, die geplanten Verse zu sprechen, vorausgesetzt daß er ganz im Hintergrunde bleibe und daß ihn niemand im Helldunkel zu erkennen vermöge. XI. Das Konzert fand statt. Alle Plätze waren verkauft, sogar auf zwei Leitern an den Hoffenstern des Saales standen Zuhörer, denen Achilles dort ganz insgeheim vier Sprossen vermietet hatte; er erprobte sich als der vollendete »Sekretär«, indem er fünfundzwanzig Saalkarten für eigene Rechnung kaufte, um sie dann gegen dreißig Prozent Aufgeld an »Fremde« wieder abzugeben. Doch wären ihm beinahe zwei Vorderplätze übriggeblieben, wenn sie sich nicht ganz zuletzt ein Fräulein Marie Dagolf, Stephansplatz 12 im zweiten Stock, hätte schicken lassen. Sie mußte fünfzig Prozent Agio zahlen, von Rechts wegen, weil sie so lange gesäumt hatte. Hilmer spielte hinreißend; der Erfolg war unerhört. Und doch schwebte Achilles in großer Angst, denn seinem scharfen Auge entging es nicht, daß sein Herr vor Aufregung zitterte und während der kurzen Ruhepausen wortlos, wie ein Träumender im Nebenzimmer saß. Bei den »Dämmerungsliedern« erregte die plötzliche Verdunkelung zwar einige Unruhe im Publikum, doch lächelnd und flüsternd erkannten die Hörer bald die Absicht und folgten dann verhaltenen Atems. Hilmers Verse waren kurz und gut, seine Musik wunderbar charakteristisch, Achilles sprach schlicht, ergreifend. Das letzte der Märchenbilder war »Dornröschen«; es hatte eine sehr zart anmutige Grundmelodie, fast wie ein Volkslied. Hilmer begann dieses Motiv, aber zu Achilles' großem Schrecken brach er plötzlich mit einem Trugschlusse ab, hielt ein, blickte sinnend in den Saal und modulierte dann zu einer anderen, ganz fremdartigen Weise hinüber und phantasierte in leisen, feierlichen Akkorden, die kein Ende nehmen wollten. »Er hat sich verirrt!« dachte sein Genosse, »wie wird er sich wieder herausfinden?« In der Tat, er hatte sich verirrt. Schon beim Beginne des Konzerts sah er Marie in der vordersten Reihe, und je länger er spielte, um so toller verwirrten sich seine Gedanken, und doch spielte er so meisterhaft, denn er spielte für sie; – sollte er schließen, ohne ihr persönlich ein Wort in Tönen gesagt zu haben? Als er sich diese Frage stellte, brach er die volkstümliche Leitmelodie Dornröschens ab und intonierte den Hymnus Palestrinas an die Jungfrau Maria und bildete jenes Adagio seiner Sonate in freiem Fluge weiter und spann es scheinbar endlos fort, den Faden verlierend und wiederfindend; aber ganz zuletzt kam er doch wieder auf die rechte Spur, er kam wieder zu sich selbst, und die mystisch verschlungenen Tonfolgen gewannen in einem jubelnd aufstürmenden Allegro ihren hinreißenden Schluß. Die Kritik fand des anderen Tages, daß der Künstler den – Schlaf Dornröschens und sein Erwachen in packend wahrer Tonmalerei wiedergegeben habe. Da sehe man recht, wie klar auch die reine Instrumentalmusik poetische Bilder malen, poetische Vorgänge erzählen könne, – nur habe Dornröschen fast etwas zu lange geschlafen. Die klugen Rezensenten ahnten nicht, daß sie vielmehr ein Liebesgeständnis in Palestrinaschen Kirchenmotiven gehört hatten. Als Hilmer geendet, umdrängten ihn glückwünschende Gönner und Verehrer; etwas unhöflich machte er sich kurzweg von ihnen frei und drängte sich durch die Leute zu den vorderen Stühlen, zu Marie und ihrer Tante. Schon hatte er sie beinahe erreicht, da hielt ihn ein Unbekannter fest, der sich ihm als Xaver Piesenkam vorstellte, welcher eben eine neue Musikalienhandlung in der Alservorstadt begründet habe, und ihn aufs dringendste bat, ihm die Dämmerungslieder in Verlag zu geben. Hilmer hörte kaum, was der Mann sprach, und sagte ihm alles zu, was er begehrte, nur um ihn loszuwerden. Doch als ihm dies zuletzt wirklich gelang, waren die beiden Damen bereits verschwunden. Des anderen Morgens erhielt er drei Zuschriften von Artaria, Haslinger und Mechetti, sie boten ihm hohe Summen für den Verlag der Dämmerungslieder, und der Virtuos entsann sich erst jetzt, daß er sein Werk gestern abend einem obskuren Winkelverleger geschenkt hatte, um nur das erste Wort mit Marie sprechen zu können. Und er hatte das Mädchen doch nicht gesprochen. Wäre ihm sein Sekretär nach dem Schlusse des Konzertes hilfreich zur Seite gestanden, so würde er die Dummheit schwerlich begangen haben; allein Achilles hatte gleichzeitig eine andere Begegnung. Ein bekannter Autographenhändler gesellte sich zu ihm und klagte, daß er schon mehrmals Herrn Hilmer vergebens um »einige Zeilen von seiner Hand« gebeten, allein der Künstler habe ihm erklärt, daß er grundsätzlich keine Autographen weggebe. Nun bat er den »Herrn Sekretär«, ihm ein solches zu verschaffen, und bot ihm zwanzig Gulden für ein schönes Blatt mit Noten. Achilles, der jetzt nicht mehr dramatischer Redner war, sondern ganz Sekretär, versprach es und nahm gleich zehn Gulden als Aufgeld. Des anderen Morgens erwischte Hilmer seinen Sekretär, als derselbe eben im Begriffe stand, die Notenskizze von drei » Pensées fugitives « in die Tasche zu stecken. Da Achilles nicht leugnen konnte, so bekannte er sofort die Wahrheit und log nur mit der ehrlichsten Miene mildernde Umstände hinzu. Hingerissen vom Zauber der Dämmerungslieder, habe ihn jemand um ein Autograph des Meisters ersucht. »Ich konnte nicht widerstehen! Und da ich weiß, daß Sie keine Zeile herschenken, so wagte ich dieses wertlose Blatt selber zu nehmen. Ich konnte der Dame nicht widerstehen, die so verschämt und doch so dringend bat. Man muß ritterlich gegen Damen sein, und nur aus diesem Grunde nahm ich das Papier.« »Eine Dame?« fragte Hilmer. »Welche Dame? Wie heißt sie?« »Wie sie heißt? Ja, wenn ich das nur wüßte! Ich habe ein entsetzlich schlechtes Namensgedächtnis. Sie saß, glaub' ich, in der vordersten Reihe«, stammelte Achilles. »Ich kenne alle Damen, die in der vordersten Reihe saßen«, rief Hilmer. »Warum sprach mich die Dame nicht persönlich an?«, und da ihm sein Sekretär nun plötzlich wieder wie sein Stiefelwichser vorkam, so fügte er hinzu: »Esel! Wenn Er der Dame das Autograph bringen will, so muß Er doch wissen, wie sie heißt und wo sie wohnt.« Achilles durfte keinen Namen nennen, den sein Herr kannte. Da fiel ihm ein, daß in der vordersten Reihe auch jene zwei Fremden gesessen, denen er ganz zuletzt noch ein Billett »vermittelt« hatte, wie er den Verkauf mit fünfzig Prozent Agio nannte. Er erhob sich mit stolzer Überlegenheit und sprach: »Eure Gnaden kannten doch nicht alle Damen der vorderen Reihe! Es waren zwei Fremde darunter, und just eine von diesen bat mich um die Handschrift, und jetzt kommt mir auch mein Gedächtnis wieder: sie heißt Marie Dagolf, hat ganz flachsblondes Haar und wohnt Stephansplatz Nummer 12, wird aber diesen Nachmittag Wien wieder verlassen, weshalb ich Eure Gnaden bitte, ihr die gewünschten Zeilen heute früh noch überbringen zu dürfen.« Achilles glaubte, meisterhaft gelogen zu haben, so recht genau gelogen und also mit dem vollen Gepräge der Wahrheit. Um so verblüffter war er, als ihm sein Herr die Handschrift hinwegnahm und ihm mit der größten Bestimmtheit und Grobheit befahl, unbekannten Damen künftighin nichts mehr zu versprechen, was er nicht leisten dürfe, und sich an seine Arbeit zu trollen. Achilles ging brummend ab mit dem festen Vorsatze, demnächst mit etwas geschickterer Hand einen solchen Fetzen beschriebenen Papiers sich anzueignen und an den rechten Mann zu bringen. Hilmer war wie verwandelt. Seine ganze frühere Leidenschaft, die ihn gestern abend bereits so verwirrend neu erfaßt, loderte wieder zur hellen Flamme empor. Während des ganzen Vormittags bewachte er seinen Sekretär, damit derselbe nicht doch noch irgendein paar Zeilen seiner Hand erhaschen und Marie überbringen möge. Als aber die Mittagsstunde schlug, saß er bereits in der Droschke, um zum Stephansplatz Nummer 12 zu fahren. Er wollte Marie seine ganze halbfertige Sonate als sein wertvollstes Autograph persönlich überreichen. XII. Das Glück begünstigte ihn. Sie war zu Hause, ganz allein zu Hause; sie nahm seinen Besuch an. Etwas verlegen bat er um Entschuldigung, daß er sie wenige Stunden vor ihrer Abreise von Wien mit seinem Besuche noch zu stören wage, daß es ihn aber doch gedrängt habe, ihr jene Zeilen von seiner Hand selbst zu überreichen, um welche sie gestern abend seinen Sekretär gebeten. Fräulein Dagolf war ganz verblüfft von dieser Anrede, sammelte sich aber rasch und meinte, hier liege offenbar eine Verwechselung vor, denn sie denke nicht daran, Wien demnächst zu verlassen, sie habe gestern keine Silbe mit seinem Sekretär gesprochen, geschweige denselben um einige Zeilen von seines Herrn Hand ersucht, allein sie freue sich, daß der Irrtum ihr wenigstens den Besuch eines so berühmten Künstlers verschaffe, den sie ja auch als Landsmann begrüßen dürfe. Nach diesen Worten war Hilmer noch verblüffter, wie Fräulein Dagolf vorher nach seiner Anrede gewesen; er schämte sich, er war wie mit kaltem Wasser begossen, und es blieb ihm nichts übrig, als zur Aufklärung die ganze Geschichte wiederzuerzählen, welche ihm Achilles vorgeschwindelt hatte. »Und also sind Sie mit dem Autograph an die unrechte Dame geraten«, rief Marie schelmisch, »und das kommt doch nur von der – Dämmerung! Ich bitte Sie, Herr Hilmer, spielen Sie niemals wieder ein Konzert im Dunkeln. Die reine Tonkunst bedarf solcher Kulisseneffekte nicht, und Ihre Musik braucht das Licht nicht zu scheuen.« Hilmer verteidigte sich. Er sprach sehr begeistert, aber etwas konfus von Poesie, Stimmung, Romantik, von einer Allkunst, welche alle Sinne zugleich gefangennehme. Mit dem anmutigsten Lächeln entgegnete Marie, daß sie bei diesem Gedankenspiel wie bei seinem Klavierspiel seine zwar unebenbürtige, aber doch ganz entschiedene Gegnerin sei. »Und doch besuchten Sie so fleißig und, wie mir schien, teilnahmvoll meine Konzerte?« »Das tat ich, und zwar vornehmlich aus zwei Gründen: um zu lernen und um zu räsonieren. Ich beobachtete Ihre Hand, um etwas von Ihrem meisterhaften Anschlag zu lernen, – denn ich bin Klavierlehrerin! – und ich studierte Ihre ganze große Virtuosenkunst, um das Recht zu gewinnen, darüber räsonieren zu dürfen.« »Also haben Sie nur auf meine Finger, nicht in meine Seele geblickt?« »Auch dies versuchte ich, nur fand ich da nicht, was ich suchte; denn mir schien, Sie selber hätten sich immer am meisten verloren, wenn Sie am glänzendsten spielten. Vielleicht bin ich unfähig, Sie zu verstehen. Ich liebe das Einfache, Klare, Anspruchslose, ich schwärme für das knospenhaft Schöne, und die herausfordernde Bravour dünkt mir der Verfall einer jeglichen Kunst. Ich suche mein ganzes Leben lang – und ich bin schon einunddreißig Jahre alt! – vergebens nach einem Virtuosen, der in seinen einsamen Studien die unerhörtesten Schwierigkeiten besiegen lernt, um im öffentlichen Vortrage seine Virtuosität zu verbergen und das Schlichteste so vollendet einfach schön zu geben, daß jeder glaubt, es könne gar nicht anders sein und er vermöge es gleich ebenso zu machen: und doch vermag es nur der einzige. Als ich Sie vergangenen November in einem fast leeren Saale hörte, da glaubte ich, Sie könnten einmal dieser einzige werden, wenn Sie immer vor so wenigen, ja noch wenigeren Zuhörern spielten. Leider wuchs die Schar der Hörer, wuchsen die Stürme des Beifalls immer riesenhafter, und da war es dann ganz natürlich, daß Sie sich – nach meinem kindischen Gefühle – von jenem Ideal immer weiter entfernten.« Hilmer schwieg eine Weile und blickte zu Boden; dann sprach er, ironisch lächelnd: »Die Frauen sind unsere besten Lehrerinnen und Meisterinnen, wenn sie uns nicht belehren und nicht meistern wollen, wenn sie bändigend und adelnd auf uns wirken durch ihr bloßes liebenswertes Sein und Wesen oder vielleicht mehr noch durch ein poetisches Urbild jenes Wesens, welches wir selber uns vorzaubern in unseren geheimsten Träumen. Mein Leben lang – ich bin freilich erst achtundzwanzig Jahre alt! – habe ich vergebens nach einem weiblichen Wesen gesucht, welches uns meisterte, ohne uns meistern zu wollen. Ich glaubte eben jetzt ein solches gefunden zu haben, allein es war Täuschung!« Bei diesen Worten ergriff Hilmer seinen Hut und empfahl sich in der artigsten Weise, und Marie dankte nicht minder höflich für seinen Besuch. Sie dachte aber dabei, es sei doch wunderbar, wie unartig der junge Mann in aller Artigkeit sein könne, und der Künstler dachte, so höflich seien ihm doch noch niemals die bittersten Grobheiten gesagt worden. Seine Sonate, das kostbare Autograph, hatte Hilmer anfangs aus Verblüffung zu überreichen vergessen, und beim Weggehen vergaß er vor Ärger, sie wieder mitzunehmen. So war sie auf dem Tische liegengeblieben. Hatte Marie dieselbe gar nicht bemerkt? oder zögerte sie aus Schonung, sie ihm sofort wiederzugeben? oder behielt sie die Handschrift in der Erwartung, daß er wiederkommen und sie abholen werde, um sie an die richtige Adresse zu befördern? XIII. Mit diesen Fragen quälte sich Hilmer drei Tage lang. Er fühlte sich unglücklicher noch als Field, nachdem derselbe das Jawort der Französin erhalten hatte. Das Essen schmeckte ihm nicht und das Komponieren und Spielen noch weniger. Um doch etwas zu tun, gab er Achilles auf vierzehn Tage Urlaub und spendete ihm eine Hundertguldennote, damit er sich für diese Zeit eine andere Wohnung suche und ihm nicht vor die Augen komme. Seit dem Besuche bei Marie war ihm der Anblick des Burschen unerträglich. Achilles steckte die Note sehr ruhig ein und sprach vergnügt zu sich selbst: »Der Virtuosenruhm meines Herrn wird noch ungeheuer zunehmen, denn seine Narrheit ist noch immer im Wachsen.« In der Einsamkeit zehrte Hilmer mit wahrem Genusse an seinem Ärger; er schwelgte im Gefühl der Täuschung und Kränkung, die er erfahren. Ach, es tut uns oft so wohl, uns recht tief als mißachtet, beleidigt, als Märtyrer zu fühlen! Zum großen Künstler gehört seit Beethoven unbedingt ein Stück Märtyrertum, und wer ein solches nicht erlebt hat, dem dichten es später seine Biographen an. Die drei ersten Tage war wunderschönes Wetter, die Frühlingssonne leuchtete so hell! Dann kamen düstere Sturm- und Regentage. Als das Barometer hoch stand, war Hilmers Stimmung verzweifelt tief gesunken; als das Barometer fiel, erhob sie sich wieder. Das war bei unserem Virtuosen nichts Neues. Schon seit seiner Kindheit pflegte er bei hellem Himmel traurig zu sein und beim Donnerwetter am vergnügtesten, weshalb er sich auch nicht zum Juristen, sondern zum Künstler berufen glaubte. In den sonnigen Tagen dachte er: »Dieses Fräulein Dagolf – verrückter Name! – ist also Klavierlehrerin!« Welche Enttäuschung! Klavierlehrerin in Karlsruhe, die Stunde zu dreißig Kreuzern! Höher zahlt man dort nicht. Die Klavierlehrerinnen waren unserem Virtuosen wie fast allen Musikern stets eine ganz besonders unangenehme Erscheinung gewesen, völlig unberechtigte Existenzen. In den Regentagen aber sprach er zu sich selbst: »Hinter dieser ›Klavierlehrerin‹ steckt ein Geheimnis. Marie Dagolf – der Name ist althochdeutsch, sie ist uralt germanischer Abkunft, wie schon ihr wundervolles blondes Haar bezeugt, – Marie gibt vermutlich nur aus phantastischer Passion Klavierstunden, vielleicht infolge eines Gelübdes; das sähe ihren allerliebst barocken, geradezu mittelalterlichen Ideen über das einfach Schöne in der Kunst ganz ähnlich. Sie hat das Stundengeben nicht nötig, sie ist reich, wie könnte sie sonst mit ihrer Tante während des ganzen Winters in Wien auf vornehmem Fuße leben! Dreißig Kreuzer – welch frevelhafter Gedanke! sie gibt alle ihre Stunden umsonst.« »Fräulein Dagolf ist volle drei Jahre älter wie ich, einunddreißig Jahre! nahezu eine alte Jungfer!« rief Hilmer hell auflachend, als eben das Abendrot des schönsten Maitages vor seinen Fenstern verglühte. »Marie hat sich wunderbar frisch und jugendlich bewahrt«, flüsterte er sinnend vor sich hin, als nachts der gewaltigste Sturmregen wider die Scheiben prasselte; »ein jeder wird sie für ein Mädchen von höchstens dreiundzwanzig Jahren halten. Übrigens – ein paar Jahre mehr oder weniger, das macht ja gar nichts aus.« Beim schönen Wetter verdroß es Hilmer, daß Fräulein Dagolf seine künstlerische Gegnerin sei, beim schlechten fand er einen ganz besonderen Reiz in Maries Gegnerschaft. Sie hatte ihn schonungslos an sein schlecht besuchtes erstes Konzert erinnert, an die zwanzig damaligen Zuhörer, das war abscheulich. Allein es würden ja gar nur achtzehn gewesen sein, wenn sie mit ihrer Tante nicht dabeigewesen wäre, und das war sehr lobenswert. Sie trieb sich in dem Irrgarten der Ästhetik herum, und die Ästhetik war dem Virtuosen – bei schönem Wetter – eine ganz unerlaubte Wissenschaft. Beim Regen aber fühlte er sich auf einmal wieder als den ehemaligen Heidelberger Studenten und fand es reizend, daß Marie aus reiner Leidenschaft Klavierstunden gab und Kunstphilosophie trieb. Vielleicht gab sie die Stunden nach philosophischer Methode. Er hatte immer eine Vorliebe für öffentliche Charaktere unter den Frauen gehabt, für Schauspielerinnen, Sängerinnen, Dichterinnen. Gehörte die philosophische Klavierlehrerin nicht auch dazu? Für stillbefriedete Backfische, für jene kleinen Veilchen, die nur im Verborgenen des Mutterhauses blühen, besaß er kein Organ. Zuletzt ertappte sich Hilmer auf dem Selbstgeständnis, daß ihm Marie, nachdem sie ihm allerlei Unangenehmes gesagt, fast noch interessanter schien als vorher, wo sie ihm gar nichts gesagt hatte. Die Sonate kam nicht zurück, aber auch keine Zeile des Dankes für das wertvolle Geschenk. Nachdem Hilmer noch eine Woche gewartet hatte und das Wetter immer schöner geworden war, ermannte er sich und schwang sich empor zur ganzen Höhe des beleidigten Stolzes. Es war ihm gelungen, binnen weniger Monate die Augen von ganz Wien auf sich zu lenken, nur die Augen, welche er am liebsten sah, wandten sich gleichgültig von ihm weg; seine Kunst hatte ganz Wien gefallen, nur der einen, welcher sie am meisten hätte gefallen sollen, gefiel sie nicht. Jene Erfolge kamen ihm zuletzt ganz erbärmlich vor; er begann sich ihrer zu schämen und beschloß, Wien zu verlassen. XIV. Nach wenigen Tagen war alles zur Abreise geordnet, die Koffer schon abgesendet. Hilmers nächstes Reiseziel war Pest. Eben will er das verödete Zimmer verlassen, da wird ihm eine versiegelte Notenrolle überreicht mit Adresse von unbekannter Hand. Hastig reißt er den Umschlag auf: es ist seine unvollendete Sonate, das Autograph, welches Fräulein Dagolf ihm zurückgeschickt. Er sucht nach einem Brief und findet keinen! Tief gekränkt schiebt er die Rolle mit zitternder Hand in seine Reisetasche und eilt zu dem Donaudampfboot, welches ihn nach Ungarn tragen sollte. Es war eine einsame Fahrt, das Verdeck menschenleer; Hilmer saß am Rande hinter dem Radkasten und blickte träumend in die Wellen. Die Reisetasche lag neben ihm auf der Bank. Die Motive seiner Sonate schwirrten ihm verworren durch den Kopf, und er quälte sich vergebens ab, sie klar festzuhalten. Er öffnet mechanisch, fast ungewollt die Reisetasche und nimmt die Notenrolle heraus, welche obenauf lag. Wie er sie aufrollt, entfällt derselben ein Papier; der Zugwind erfaßt es und will es über Bord führen. Da springt ein Mann, der bisher unbemerkt zur Seite gestanden, rasch hervor, erhascht das Blatt im letzten Augenblicke und überreicht es Hilmer mit artiger Verbeugung. Der Mann war – Achilles! Er sprach: »Als ich erfuhr, daß Sie nach Pest reisen wollten, begab ich mich ganz stille hinter Ihnen gleichfalls zu Schiffe. Bei den Wienern war ich Ihnen nützlich, aber wenn Sie bei den Magyaren Konzerte geben wollen, dann werde ich Ihnen unentbehrlich sein. Übrigens ist mein vierzehntägiger Urlaub zu Ende, und die hundert Gulden, welche Sie mir als Wartegeld gaben, waren es schon gestern.« Hilmer hörte die letzten Worte gar nicht mehr. Das Blatt, welches Achilles gerettet hatte, war der Begleitbrief, den Maria dem zurückgesandten Manuskripte beigelegt und den der aufgeregte Künstler bei der Hast, mit welcher er in Wien die Rolle eröffnet, nicht gefunden hatte. Er lautete: »Sie verzeihen vielleicht die späte Rücksendung der Sonate, welche Sie auf meinem Tische liegen ließen, wenn ich Ihnen sage, daß das fesselnde Werk selbst die Hauptschuld trägt. Ich las Ihre Komposition, spielte sie, studierte sie, glaubte, das scheinbar so einfache und kunstlose Werk zu verstehen, und erkannte dann wieder, daß ich es nicht ganz verstand. Aber es ist ja nur ein Torso. Ich würde mich lebhaft freuen, wenn ich die ergreifende Tondichtung später einmal vollendet sehen, oder mehr noch, wenn ich sie von Ihnen vorgetragen hören könnte.« Hilmer hatte diese Zeilen eben zum zehntenmal gelesen, als das Dampfboot bei Preßburg anlegte. Er befahl Achilles zu sorgen, daß die Koffer ans Land geschafft würden. Vergebens erklärte dieser, daß sie ja noch lange nicht in Pest, sondern erst in Preßburg seien. Hilmer stieg aus: er würde sich jetzt keine Meile weiter von Wien entfernt haben, er würde bei dem elendesten Dorfe ausgestiegen sein, wenn sich's nicht anders gefügt hätte. Denn für ihn gab es vorerst nur zwei Aufgaben: die Sonate zu vollenden und dann nach Wien zurückzufahren, um sie Marie vorzuspielen. Im Gasthaus zum »Grünen Baum« verschloß er sich in sein Zimmer und komponierte zwei Tage lang, während Achilles zwei Tage lang vergleichende Untersuchungen über Herrn Palugiays Ungarweine auf seines Herrn Kosten anstellte. Während des Komponierens entdeckte dir Künstler erst wieder das Wort, welches er einst mit Bleistift über das unvollendete Adagio geschrieben und welches vordem Achilles so sehr erschreckt hatte: – »Marie!« Als er ihr die Handschrift brachte, hatte er ganz vergessen, daß dieser verräterische Stoßseufzer darin geschrieben stand; er hätte ihn sonst gewiß vorher mit Gummi weggewischt. Hatte sie das Wort gelesen? Sie mußte wohl, da sie ja die Sonate studiert zu haben behauptete. Die schriftliche Liebeswerbung Fields war sehr kurz und derb gewesen; dieses einzige Wort war eine noch kürzere Liebeswerbung, aber eine weit feinere. Und Marie hatte das Wort offenbar verstanden. Würde sie ihn sonst aufgefordert haben, die Sonate zu vollenden und ihr vorzuspielen? So dachte der Künstler, und der Gedanke – ein Liebender braucht so wenige Gedanken! – gab seiner Phantasie die Flugkraft, daß er nach vollendetem Adagio auch gleich das ganze glühend leidenschaftliche Finale in einem Gusse aufs Papier warf. Als die Sonate fertig war, übergab Hilmer dem Wirt seine Koffer zur Aufbewahrung, weil er auf zwei, drei, acht Tage nach Wien zurückreisen müsse, und vergaß nicht einmal die Zeche zu bezahlen. Da meldete sich auch Achilles, den er die zwei Tage lang gar nicht gesehen hatte, und bat um seine Entlassung. »Sie haben vorher das Fine unter Ihre Sonate geschrieben, und dies ist auch das Fine für mich. Seit Sie jene leidige Sonate begannen, hatte ich kein rechtes Glück mehr bei Ihnen. Die Sonaten gehören der Vergangenheit, ich gehöre der Zukunft. Ich wollte Ihnen die Stufen zum Parnaß zeigen, zu dem Hochgipfel des modernen Virtuosenruhmes; Sie steigen eigensinnig herab zu dem Gradus ad Parnassum des alten Clementi, und der war ja wohl der richtige Sonatenschreiber.« Hilmer bewilligte das Gesuch in Gnaden unter Anerkennung treu geleisteter Dienste. Befreit atmete er auf, als ihm Achilles wirklich nicht wieder nachreiste. Nach wenigen Tagen erhielt der Wirt zum »Grünen Baum« einen Brief Hilmers, der ihn ersuchte, die Koffer wieder nach Wien zurückzuschicken. Der Vortrag der vollendeten Sonate durch den Meister, anfangs unter sechs Augen, denn die Tante war auch dabei, bei späterer Wiederholung unter vier, mußte tieferen Eindruck auf Marie Dagolf gemacht haben als alle Konzerte des Virtuosen, denn nach einem halben Jahre waren die beiden Mann und Frau. Diese Ehe aber hatte ganz andere Folgen als die Ehe Fields. Ludolf Hilmer gab keine Virtuosenkonzerte mehr und seine Frau keine Klavierstunden. Dagegen gab nun Hilmer Unterricht und schrieb die schönsten Tonwerke, welche anfangs kein Mensch hören und kaufen wollte. Es schien, als ob er bei seiner Frau die Virtuosität des Musikers völlig verlernt habe, allein seine Frau lehrte ihn dafür die Virtuosität des harmonischen Lebens. Und aus dieser Virtuosität erwuchs ihm zuletzt doch wieder eine so harmonisch reine und edle Kunst, durch welche er zuletzt weit höheren Ruhm gewann als früher unter der Führung des Achilles Schneider. Ludolf Hilmer – ein berühmter Tonsetzer? Wer kennt denn diesen Namen? Kein Mensch. Und das ist ganz natürlich, denn der Name ist nur eine Maske; der Mann, bereits ein Verstorbener, hat ganz anders geheißen, er führte mehrere Namen; aber was ich von ihm erzählte, das ist eine wahre Geschichte. »Was ist Wahrheit?« fragte Pilatus. Der Leser braucht nur die neuere Musikgeschichte unter verschiedenen Namen nachzuschlagen, so wird er die Antwort finden. XV. Hilmer war schon zehn Jahre verheiratet, glücklich und beglückend, da begegnete er eines Tages im Wildbad seinem ehemaligen Bedienten und Sekretär, der dort als feiner Herr auftrat und die Kur gegen das Podagra gebrauchte. Nachdem Achilles bei dem Künstler seinen Abschied genommen, war er Kammerdiener eines reichen österreichischen Kavaliers geworden, wußte sich aber rasch zum Haushofmeister und Intendanten aufzuschwingen, der seinen neuen Herrn erst recht lehrte, wie ein Kavalier leben muß. Die Folge war, daß der Kavalier nach fünf Jahren in den Schuldturm wanderte, während sich der Intendant mit einem artigen Vermögen zur Ruhe setzte. Dieselbe Weisheit, welche dem Virtuosen ein »Gradus ad Parnassum« gewesen, war dem Kavalier zum »Gradus in Carcerem« geworden. Der Märzminister 1873 Erstes Kapitel Es ging alles Schlag auf Schlag. Am Mittwoch, dem 1. März 1848, war Vorberatung der Volksfreunde im »Schwarzen Bären«. Rudolf Gärtner hatte das erste und letzte Wort. Er erklärte das Vaterland in Gefahr und entwarf die sieben Forderungen des Volkes. Punkt für Punkt wurden sie jubelnd genehmigt, keiner wagte eine Silbe des Widerspruchs gegen den gewaltigen Redner. Seine Freunde drückten ihm glückwünschend die Hand und riefen laut: »Die Anker sind gelichtet, wir segeln unter der Flagge der Revolution! Rudolf Gärtner wird das Steuer führen!« – »Er ist der Staatsmann der Zukunft!« erläuterte der Lederhändler Schlehbach, und das geflügelte Wort flog desselbigen Abends noch durch die ganze Hauptstadt. Am Freitag war die große Volksversammlung vor dem Rathause. Die sieben Forderungen wurden zum Volksbeschluß erhoben. Rudolf Gärtner hatte mit schwungvoller Rede alle Gemüter fortgerissen. Die Sturmpetition an den Fürsten ward beschlossen, Gärtner sollte an der Spitze von zwanzig Vertrauensmännern aufs Schloß ziehen. Weithin rollender Beifallsdonner bekräftigte seine Wahl. Er war der Herr des Tages. Darum brachte man ihm abends um zehn Uhr einen Fackelzug und dem alten Minister, Freiherrn von Gräfenberg, um elf Uhr eine Katzenmusik. Am Samstag entstand der große Krawall. Pöbelrotten wollten das Zeughaus stürmen, die Tore des Zuchthauses erbrechen. Die besseren Bürger schauten angstvoll drein und wagten keinen Widerstand. Da trat Gärtner unter den wüsten Haufen und gebot Ruhe: man schwieg; – er zeigte den Leuten das Unsinnige ihres Vorhabens: sie gaben ihm recht; – er hieß sie auseinandergehen: sie gingen. So hatte er Blutvergießen verhütet, die Gesellschaft gerettet; zuletzt organisierte er noch die freiwillige Bürgerwehr. Der Adelsklub, welcher ihn gestern für die Festung reif erklärt hatte, votierte ihm heute eine Dankadresse. Am Sonntag bewilligte der Fürst die sämtlichen sieben Forderungen. Hierauf berief Seine Durchlaucht – abends fünf Uhr – den Bürger Gärtner zu einer Audienz. Als Sohn einer neuen Zeit erschien derselbe im Oberrock; die geheime Unterredung dauerte drei Stunden. Um acht Uhr trat Gärtner ans Fenster und verkündete dem Volke, welches unten auf den Blumenbeeten des Schloßgartens wogend harrte, daß es dem Fürsten von nun an volles Vertrauen schenken dürfe. Des andern Tages durchwandelte der Fürst die Straßen der Stadt, bloß von Gärtner begleitet, welcher irrtümlich auf der rechten Seite ging; Tausende folgten ihnen, und die Hochrufe auf den Fürsten wollten kein Ende nehmen; sie galten aber eigentlich seinem Begleiter. Am 20. März war die allgemeine Volkswahl zum neuen Landtage, welcher das neue Staatsrecht des Fürstentums schaffen sollte. Rudolf Gärtner wurde in vier Wahlbezirken zugleich gewählt, jedesmal fast mit Stimmeneinheit. Auf den 28. März ward der neue Landtag einberufen. Der allerhöchste Erlaß war noch vom alten Minister unterzeichnet. In der Stadt aber verbreitete sich an demselben Tage die Nachricht, daß Herr von Gräfenberg entlassen und Gärtner zum »dirigierenden Staatsminister« ernannt sei. Zweites Kapitel Aufgeregt und müde warf sich der siegreiche Volkstribun auf das Sofa seines Studierzimmers; auf dem Tische vor ihm lag seine Ernennung zum Minister. Unter schweren Kämpfen und Bedenken hatte er abgelehnt, gezögert, geschwankt und zuletzt dennoch zugestimmt, als ihm der Fürst das Portefeuille anbot, welches sämtliche Portefeuilles in sich schloß, denn das Ländchen bedurfte nur eines einzigen Ministers. Jetzt war der Schritt geschehen, und er hatte diesen Minister schwarz auf weiß. Gestern noch Advokat mit spärlicher Praxis, heute dirigierender Staatsminister! Vor wenigen Wochen noch hoffnungsloser Oppositionsmann eines Landtages, welcher niemals opponierte, und jetzt gebietender Führer der allgemeinen Opposition, dessen Wort Tat, dessen Wille Gesetz war! Wachte oder träumte er? Eine Welt von Gedanken durchstürmte seinen Kopf, zuletzt jedoch wurden sie allesamt wieder von einem Grundgedanken beherrscht und aufgesogen. »Überwältigend groß ist die neue Zeit über Nacht hereingebrochen; glücklich die Männer, welche sie mitwirkend erleben, glücklicher noch die Kinder, welche jetzt ins Leben treten, um dereinst die reifen Früchte zu genießen! Aber eine schwere Verantwortung lastet jetzt auch auf den Führern des Volkes. Sie werden zermalmt werden, wenn sie diese Last nicht starken Geistes und reinen Herzens zu tragen wissen.« Plötzlich bangend und zweifelnd, fragte sich der neue Minister, ob er auch solche Kraft besitze, ob er für die Dauer gleicherweise Volksmann und Minister sein könne. Es wurde ihm schwül bei dieser Frage, und er entsann sich nicht, gehört oder gelesen zu haben, daß irgendwann ein Volksmann längere Zeit Minister oder ein Minister längere Zeit Volksmann geblieben sei. Aber das war in der alten Welt, jetzt lebten wir in der neuen, und weit Unmöglicheres war seit drei Wochen möglich geworden. Er sprang auf, in langen Schritten das Zimmer messend. Da blieb sein Auge an dem einzigen Gemälde haften, welches die Wände des bescheidenen Raumes schmückte. Es war ein hübsches Ölbildchen aus der alten holländischen Schule, ein Familienerbstück; gefällige Kenner nannten es einen Mieris, und der feine Vortrag wie der behandelte Gegenstand erinnerte allerdings an jenen Meister: – unter dem von Reben überrankten Flachbogen eines offenen Fensters saß ein allerliebstes Mädchen und nähte, ihr zur Seite stand ein Käfig mit einem Singvogel. Der Moment war anmutig wiedergegeben, wie die Kleine eben die Nadel sinken ließ, um dem Gesange des Vogels behaglich lächelnd zu lauschen; ein warmer Sonnenstrahl spielte zwischen den Rebenblättern auf der Mauer und hob sich gar frisch von dem Halbdunkel ab, welches die Lauschende deckte, während ihr blühendes Gesicht und ihr leichtes hellblaues Morgenkleid doch wieder ein eigenes magisches Licht in sich selber trug. Gärtner hatte sonst immer große Freude an dem Bildchen gehabt, heute schien es ihm schal und matt. »Die Zeit ist vorbei, wo wir uns dem leichten Spiel des Schönen in der Kunst und im Leben gefangengaben. Das Bild ist nicht mehr am Platze im Arbeitszimmer eines Ministers!« so sprach er und drehte sich auf dem Absatze hinweg. Fast ärgerte ihn die unschuldige Malerei. Rasch entschlossen, wandte er sich wieder um, hob das Bild aus dem Nagel, trug es in ein Seitenkabinett und heftete ein großes Plakat, auf welchem die sieben Forderungen des Volkes mit Frakturbuchstaben gedruckt waren, an die leere Stelle. Diese symbolische Handlung gab ihm Kraftgefühl und Selbstbewußtsein zurück. Die sieben Sätze des Zettels hatten ihn erhoben, sie sollten ihn tragen und halten. »Und wenn ich treu bleibe diesen Worten des Glaubens«, rief er laut, »dann kann ich alles, was ich will, und will nur, was ich soll. Ein Minister wird fortan nur beurteilt nach den Taten, die er im hellen Lichte des Tages vollbringt. Verleumdung, Verdächtigung, geheime Künste werden wie Nebel zerrinnen vor der neuen Sonne des öffentlichen Lebens. Das klare Auge des Volkes durchschaut mich, ich will ihm den gleichen klaren Blick des reinen Herzens entgegenbringen. Von heute gehöre ich nicht mehr mir selber, ich gehöre ganz meinem Volke!« Gärtner war in der Tat ein trefflicher Mann, biegsamen Talentes und unbiegsamen Charakters, goldtreu und eisenfest. Nur eines hatten seine Freunde zu tadeln: der treffliche Mann führte einen so musterhaften Wandel, daß man ihm gar keine schwache Seite abgewinnen konnte, und das ist auf die Dauer langweilig und also doch wieder nicht musterhaft. »Wo soll das hinaus?« fragten sie. »Er ist erst dreißig Jahre alt und schon Minister, und er ist schon dreißig Jahre alt und noch niemals verliebt gewesen!« Drittes Kapitel Am letzten März wurde der neue Landtag eröffnet, ohne alles vornehme Gepränge, ganz demokratisch. Der dirigierende Staatsminister ging zu Fuß in die Kammer. Aber unterwegs drängten sich wachsende Menschenmassen an ihn heran und ließen ihn hochleben, und als er das Tor des Ständehauses erreicht hatte, konnte er kaum hinein vor dem gewaltigen Gefolge, welches ihn jauchzend und glückwünschend fast erdrückte. Endlich zum Saale durchgedrungen, verlas er die Eröffnungsbotschaft des Fürsten. Sie fand um so größeren Beifall, als man in Stil und Gedankengang ganz deutlich die Feder des vergötterten Ministers erkannte. Hierauf wurde die Antwortadresse beraten. Allein da entstand eine grausige Konfusion. Fast alle Abgeordneten saßen zum erstenmal in einem Ständesaale, völlig unerfahren in parlamentarischen Dingen; der Präsident wußte sich nicht zu helfen und verwirrte vielmehr, wo er ordnen wollte. Das Schauspiel einer Versammlung, die den Staat neu konstituieren will, zunächst aber sich selbst nicht konstituieren kann, war doppelt peinlich angesichts der überfüllten Galerien. Da brachte der Minister Hilfe. In liebenswürdig bescheidener Weise schaffte er Ordnung durch Winke und Worte, denen man freudig folgte, und nach kurzer Frist kam die Debatte in stetigen Gang. Das Volk auf den Galerien war stolz, daß sich seine neuen Vertreter so rasch zu helfen gewußt, die Abgeordneten glücklich, daß sie's so gut gemacht, und nur wenige merkten, daß der Kammerpräsident für heute eigentlich am Ministertisch sitze, und sagten leise: »Das ist nun der echte Volksmann als Minister!« Die Sitzung währte bis zum Abend; ein jeder hatte ja zum erstenmal zu sprechen und so vieles und Wichtiges zu sagen. Siegesbewußt, aber auch siegesmüde entfernte sich der Minister. Vor dem Portale warteten die Leute schon wieder auf ihn, Kopf an Kopf. Darum schlüpfte er durch ein Hinterpförtchen ins Freie und schlug einen weiten Umweg ein, um unbemerkt nach Hause zu kommen. Als er vom Heumarkt in die Fledergasse bog, atmete er auf: hier war es ganz still und menschenleer. Er verlangsamte seinen Schritt. Das enge Gäßchen, meist von geringeren Leuten bewohnt und sonst gerade nicht lustig anzusehen, dünkte ihm wie kühle Waldeinsamkeit nach all dem Tumult und der Hitze des Tages. Keine Seele ringsum. Doch nein! Am offenen Fenster des Erdgeschosses eines altertümlichen Hauses saß ein Mädchen und nähte; sie ließ eben die Nadel sinken, um einen kleinen Hund zu streicheln, der vor ihr auf dem Fensterbrette lag. Dichte Efeuranken bekränzten den Flachbogen des Fensters, und ein warmer Lichtstreif der sinkenden Sonne, fiel schräg auf Sims und Sockel, während das rötliche Kleid und das frische Gesicht des Mädchens wie mit eigenem, weit milderem Licht aus dem dämmernden Hintergrund und dem dunkelgrünen Rahmen des Efeus hervorleuchtete. Der Minister hielt unwillkürlich an. Er war ganz unbekannt in der Fledergasse, aber das Mädchen hatte er schon einmal am Fenster sitzen sehen – irgendwo anders. Wunderliches Spiel des Zufalls! Er entsann sich: das war ja das Mädchen von seinem Bilde! Er ging weiter. Aber nach etlichen Schritten mußte er sich wieder umschauen. Aus der Ferne erschien die Täuschung noch weit vollkommener: es war das leibhaftige Urbild seines Mieris. Zu Hause angekommen, warf er sich aufs Sofa, noch aufgeregter wie damals, als er die Volksforderungen statt des Mieris an die Wand nagelte. Und doch hatte er das Gefühl eines glücklichen Tages. Natürlich! Er hatte ja den lauten Triumph des Straßenjubels erlebt und den stillen, aber feineren Sieg im Landtage. Doch dies freute ihn jetzt kaum; der Abend schien ihm der beglückendste Teil des Tages – der erquickende Gang durch die schweigende Fledergasse! Und während er über sich selber lächelte, war es ihm, als sähe er seinen Mieris wieder am alten Platze trotz des Plakats mit den sieben Forderungen. Er ging ins Nebenzimmer, um ihn genauer zu vergleichen mit dem lebenden Bild aus der Fledergasse. Da entdeckte er freilich die größten Unterschiede. Dort Abendsonne, hier Morgenlicht; dort Efeu, hier Weinreben; dort ein Vogelkäfig, hier ein Hund – und ein rotes Kleid statt des lichtblauen. Es war alles anders, und doch war die Gesamtwirkung so wunderbar gleich – aber nur aus der Ferne. Denn genau besehen, hatte der alte Niederländer seiner ziemlich derben Schönen ein aufgestülptes Stumpfnäschen gegeben, und jenes Mädchen unterm Efeu hatte die feinste Spitznase; sie war überhaupt viel edler, jungfräulicher, und überdies, mag man an der modernen Tracht tadeln, was man will, sie war auch geschmackvoller gekleidet als die Niederländerin mit ihrem bauschigen Gewand. »Es ist zu bedauern«, so schloß der Minister seinen politischen Tag, »daß selbst die besten Holländer bei aller Poesie der Farbe fast niemals edelfeine Frauengestalten zu zeichnen vermochten. Ihre schönsten Fräulein sind doch immer nur geputzte Bauerndirnen. Sie werden eben keine besseren Originale gehabt haben. Welch unermeßlicher Fortschritt der Neuzeit auch hier – in der Veredelung des weiblichen Geschlechts!« Viertes Kapitel Des andern Morgens ging der Minister wieder ins Ständehaus, und zwar geradenwegs. Die Menschen störten ihn heute gar nicht; trotzdem bog er ganz in Gedanken links ab, und ehe er sich's versah, war er wieder in der Fledergasse. Verstohlen blickte er nach dem efeuumrankten Fenster. Gestern abend im Sonnenlicht, lag es heute morgen im Schatten, die Abendluft war warm gewesen, der Morgenwind wehte kalt, folglich waren die Flügel geschlossen und das Mädchen nicht zu sehen. Das ist ja ganz natürlich, und doch kam es dem Minister verdrießlich vor, und dieser Verdruß deuchte ihm dann wieder unnatürlich. Allein er hatte kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn im selben Augenblick huschte eine Frauengestalt aus dem Hause; er sah sie nur im Viertelsprofil, dann ganz von hinten, und doch erkannte er sie – sonst entsetzlich kurzsichtig –: das war das Mädchen vom Fenster! Wie rasch sie die Straße hinabschritt! Er mußte seinen Schritt verdoppeln, um in gleicher Entfernung hinter ihr zu bleiben. Schickt sich's denn für einen Minister, einem unbekannten Mädchen nachzueilen? So fragte er nicht einmal; er ging ihr nach, als ob sich's von selbst verstünde. Welch schlanke Gestalt, welch zierlicher Fuß, welch elastischer Gang! Jugend, Frische, Energie sprach aus diesen schwebenden Schritten. Sie ging stracks gegen das Ständehaus. Das freute ihn. Er wollte heut eine glänzende Rede halten – wenn sie auf der Galerie säße! Er stutzte über sich selbst; – was war es denn, wenn unter den vielen Köpfen da droben auch noch dieser Mädchenkopf steckte? Doch nein! sie ging nicht in die Kammer, in der allerletzten Ecke schwenkte sie seitab. Es war recht ärgerlich. Die Erscheinung war verschwunden, der Zauber verweht; Rudolf Gärtner saß am Ministertisch, und es blieb ihm gar nichts übrig, als wieder ganz Minister zu werden. Er tat es; der Moment übte seine zwingende Gewalt, die Fledergasse samt der elastisch dahinschwebenden Grazie war vergessen. Der Minister zeigte sich heut schlagfertiger als je; ein leises Beben seiner Stimme offenbarte seine Herzenswärme, die das gesprochene Wort erst voll beseelt, wie das zitternde Glanzlicht des Auges. Schade, daß das Mädchen nicht unter den Zuhörern saß. Ein Meisterstück gelang dem Minister: die Stände wollten sich bei der Antwortadresse an den Fürsten nur noch als »ehrerbietige« unterschreiben; er setzte durch, daß sie »treuuntertänige« schrieben. Kein anderer hätte das fertiggebracht. Zu diesem Sieg gesellte sich ein zweiter: er ging schnurstracks durch die Hauptstraße nach Haus und keineswegs durch die Fledergasse. Er war ganz stolz, daß er dies tat, und fragte sich nachher verwundert, worauf er denn eigentlich stolz sei. Zu Hause fiel er in tiefes Nachdenken; der Staat kam ihm ganz aus den Augen, er sah sich nur immer durch die Fledergasse gehen und sprach zu sich selbst: »Zuerst das Brustbild von vorn, in Ruhe, gut beleuchtet; dann die ganze Gestalt von hinten, im Schatten, bewegt. Das ist alles, was man wünschen kann, und doch im Grunde sehr wenig. Übrigens ist es sehr merkwürdig, daß ein gemaltes Bild nach mehr als hundert Jahren lebendig wiederkommt. Ich will meinem Freund Rebdorf von dieser Grille des Zufalls erzählen.« Der Freund trat nämlich eben ins Zimmer; allein Gärtner erzählte kein Wort von jener Grille. Er hätte ihn auch gern gefragt, wer denn eigentlich Fledergasse Nr. 15 zu ebener Erde wohne; allein er wagte es nicht. Kaum war der Freund wieder gegangen, so klingelte Gärtner gewaltig. »Ein Minister kann heutzutage alles, was er will«, sprach er zu sich, »warum soll ich nicht meinen Bedienten rufen« – er vergaß häufig noch, daß er einen solchen habe – »und ihn fragen, wer Fledergasse Nr. 15 wohnt?« Der Bediente kam, und der Minister wäre fast errötet, als er jene Frage stellte, und dabei mußte er noch obendrein den Flachbogen mit dem Efeu beschreiben, denn Johann hatte doch nicht alle Nummern der Fledergasse im Kopf. Er wußte nichts von den Insassen des Hauses. Sein Herr gab ihm darum in etwas verworrenen Sätzen den Auftrag, sich unterderhand ohne Aufsehen zu erkundigen, wer dort im Erdgeschoß wohne, was die Leute trieben, das heißt, welchen Familienstand sie hätten, – dann unterbrach er sich selbst, denn es schien ihm, als habe er zuviel gesagt. Johann war Bedienter beim vormärzlichen Minister gewesen, bevor er zum Märzminister kam. Er ahnte eine Sache von politischer Wichtigkeit und beschloß zu zeigen, daß er mehr könne als servieren und Kleider ausklopfen. Sein Herr aber dachte im stillen: »Ein Minister kann heutzutage zwar alles, nur muß er mitunter seltsame Umwege machen. Als Advokat hätte ich mich auf offener Straße nach den Bewohnern jedes beliebigen Hauses erkundigt. Für einen Minister schickt sich das nicht.« Fünftes Kapitel Eine wahre Springflut von Arbeiten brauste herein über den armen Minister. Nachdem er heute zwei Stunden mit dem Fürsten gearbeitet hatte, drei mit seinen Räten und vier mit dem Landtage, empfing er zur Erholung eine Deputation von Bauern, welche den Zehnten abgeschafft, und eine andere von Pfarrern, die ihn beibehalten haben wollten. Eben sollten noch sechs weitere Bittsteller der Reihe nach vorgelassen werden, als der Polizeidiener Krautmann zur Erstattung eines geheimen Rapportes gemeldet wurde. Derselbe berichtete: »Ich habe die befohlene Nachforschung angestellt über den pensionierten Oberförster Sachs. Der Mann ist einer der schlimmsten Reaktionäre; er besucht keine Volksversammlung, nicht einmal ein Wirtshaus, was sehr verdächtig erscheint. Jeden Nachmittag geht er im Stadtwald spazieren; Ziel und Zweck dieses Spazierens konnte noch nicht ermittelt werden – –« »Was soll das?« unterbrach ihn der Minister zornig. »Was kümmert mich dieser Oberförster? Ich habe über niemand solche Spionage anbefohlen; die Zeit der Aufpasser ist vorbei!« Der erschrockene Polizeidiener berief sich auf Johann, den Bedienten, welcher ihn beauftragt habe, ganz insgeheim Erkundigungen für den gnädigen Herrn einzuziehen über Fledergasse Nr. 15, Erdgeschoß. »Johann ist ein Esel!« platzte der Minister heraus; der Polizeidiener verstummte. Beide standen sich eine Weile schweigend gegenüber, der Scherge tief gebückt, der Minister mit fragend erhobenem Kopfe. »Aber so rede Er doch weiter!« rief dieser endlich»»Also Oberförster Sachs wohnt in jenem Hause? ist erst neuerdings dort eingezogen?« »Erst seit vier Wochen, seit er pensioniert ist; früher stand er in Grabenheim.« »Nur vorwärts! Was ist mit den Leuten? Hat der Oberförster Familie?« »Oberförster Sachs, 54 Jahre alt, evangelisch, Witwer, hat nur eine Tochter Hedwig, 23 Jahre alt, ledig. Sie leben sehr zurückgezogen, knapper Haushalt, 700 Gulden Pension, sonst gar nichts. Die Tochter geht jeden Sonntag morgens in die Vorstadtkirche, der Vater geht nicht in die Kirche. Außerdem wurde nichts von ihrem öffentlichen Leben bemerkt.« »Es ist abscheulich, in dieser Weise die Leute zu belauschen!« rief der Minister, »das ist ja ganz vormärzlich und darf niemals wieder vorkommen! Man hat mich mißverstanden, übrigens noch ein Wort: – hat der Oberförster Verwandte, Freunde hier in der Stadt?« »Da bin ich überfragt, soweit habe ich noch nicht nachgespürt. Mir scheinen die Leute hier ganz fremd und einsam zu sein. Wenn aber der Herr Minister befehlen, so werde ich –« »Ich befehle gar nichts!« unterbrach ihn dieser. »Unterstehe Er sich nicht wieder, das Privatleben harmloser Bürger auszuspähen! Für diesmal soll Er durch das Mißverständnis entschuldigt sein.« Als der Polizeidiener gegangen war, entdeckte der Minister, daß heute Samstag sei; also beschloß er, morgen früh in die Vorstadtkirche zu gehen. In der Bedientenstube gab es noch ein kleines Nachspiel. Der Polizeidiener machte Johann bittere Vorwürfe, daß er ihm durch den anbefohlenen Rapport den Zorn des Ministers zugezogen habe. Der Bediente fragte kaltblütig: »Hat der Herr deinen Bericht zu Ende gehört?« – »Er wollte sogar noch mehr wissen, als ich sagen konnte, aber zwischendurch schimpfte er grausam auf meine Spionage.« – »Sieh, mein lieber Freund«, belehrte Johann, welcher ein gebildeter Bedienter war, »ich habe binnen zwei Jahren in zwei Epochen der Weltgeschichte bei zwei Ministern gedient und kenne die Politik. Der Staatsmann schilt den Angeber, daß man's über der Straße hört, während er ihm ein Goldstück in die Hand drückt, und das hört kein Mensch.« – »Aber er hat mir keinen Heller in die Hand gedrückt!« – »Weil du zuwenig gewußt hast. Über diesem Oberförster ruht ein politisches Geheimnis; wir müssen's ergründen und dann feiner rapportieren.« Und so beschlossen die zwei, ihre Netze aufs neue und noch viel tiefer auszuwerfen. Sechstes Kapitel Die Vorstadtkirche pflegte damals allsonntäglich sehr leer zu sein. Im Sturm der Ereignisse hatten die Leute gar keine Zeit mehr für den lieben Gott, vorab in der Vorstadt. Auch Minister Gärtner war während seines ganzen Ministeriums noch nicht in die Kirche gegangen. Um so größeres Aufsehen erregte es, als er heute in der Vorstadtkirche erschien und auf der Emporbühne zwischen Knechten und Taglöhnern Platz nahm – denn von dort konnte man die Frauen im Schiff am besten übersehen. Seine Freunde erklärten nachgehends diesen Kirchenbesuch für einen bedenklichen Zug von Reaktion, während es seine konservativen Gegner als kokettes Buhlen um Volksgunst auslegten, daß er bei den Proletariern Platz genommen habe. Der Minister ahnte nicht entfernt die politische Tragweite seines ersten Kirchgangs; er suchte nur den neuen Mieris aus der Vogelperspektive und fand ihn. Das Mädchen schien in Andacht versunken, obgleich die Predigt sehr wässerig war. »Die Andacht gibt uns der Pfarrer nicht«, so dachte Gärtner, »wir müssen sie in uns selber finden. Wie hoch steht dies schlichte Kind jetzt über mir, der ich keine Andacht finden kann und aus sehr profanem Grunde hierhergekommen bin!« Und so wurde er unvermerkt andächtig in ihrer Andacht und indem er sich Vorwürfe machte, daß er ohne Andacht zur Kirche gegangen sei. Die Orgel spielte zum Ausgang, da war es ihm noch ganz feierlich zumute. Aber trotzdem wußte er's zu machen, daß er sich unmittelbar hinter Fräulein Hedwig Sachs zur Kirchentüre hinausdrängte. Sie war allein. Sollte er die Szene von Faust und Gretchen spielen, um sich etwa auch die Antwort Gretchens zu holen? Allein im Faust scheint die Sonne, da Gretchen ungeleitet nach Hause geht, und heute tröpfelte es, ja es begann tüchtig zu regnen. Sie beschleunigte ihre Schritte, und doch wie fest und vornehm blieb ihre Haltung, wie zierlich faßte sie das Kleid! Und sie hatte keinen Regenschirm! Minister hingegen müssen die Zukunft erraten können, und Minister Gärtner hatte einen Schirm mitgenommen. Die Gunst des Glücks blieb ihm aber auch weiter noch ganz besonders treu: wie mit Eimern goß es plötzlich vom Himmel herab, das Mädchen wollte in ein Haus flüchten, und die Türe war verschlossen. Nun sprang er rasch herzu und bot ihr den Schirm; sie weigerte sich anfangs, da kamen auch noch Hagelkörner: sie mußte den kleinen Dienst annehmen. Offenbar kannte sie ihren Helfer nicht, und die Straße war ganz einsam – es gab überhaupt in der Residenzstadt nur zwei Straßen, welche zuweilen nicht einsam waren – der Weg war weit. Unter einem Regenschirm – was kann man sich da nicht alles in der Geschwindigkeit sagen! So kamen sie denn auch recht lebhaft ins Gespräch über – die brennenden politischen Tagesfragen, denn damals redete man ja überhaupt nur von Politik. Das Mädchen nannte die Märzerhebung einen Aufruhr, sie war beängstigt von dem Sturm, der über alle Lande brauste; die alte Treue schien ihr geächtet, sie sehnte sich zurück nach dem entschwundenen Frieden. Ihr Begleiter, sonst so schlagfertig, warf nur mildernde, zweifelnde Worte dazwischen. Übrigens meinte sie, an alledem sei der böse Minister Gärtner schuld, der habe die Revolution hierzulande gemacht. Vergebens suchte ihr Begleiter sie zu belehren, daß die Spannung längst vorhandener Konflikte entscheidender gewesen sei als irgendeine Person, die zufällig das entfesselnde Wort gesprochen. »Keineswegs!« entgegnete sie, »das weiß ich besser. Gärtner hat alles zu verantworten. Er soll sonst kein unrechter Mann sein, aber furchtbar ehrgeizig und ein ganz fanatischer Republikaner.« »Er ist ein treuer Diener seines Fürsten«, verbesserte ihr Begleiter. »Lassen Sie sich nicht täuschen von dem durchtrieben gewandten Mann!« warnte sie. »Seine Fürstentreue ist bloße Maske.« Bei diesen Worten war das Haus in der Fledergasse erreicht. Sie fragte ihn höflich, ob er nicht einen Augenblick unter Dach treten und das Unwetter abwarten wolle. Gärtner zögerte, – dann lehnte er dankend ab und ging unter den prasselnden Schloßen nach Hause. Daheim im trockenen ärgerte er sich nachher schmählich, daß er nicht der Einladung gefolgt war. Er hätte im Zimmer seine Maske abnehmen, sich als der Minister enthüllen, das Mädchen zuerst ein wenig beschämen und hinterdrein aufs liebenswürdigste beschwichtigen können. Aber wozu dies alles? Sie interessierte ihn ja nur als das Bild eines Bildes. Freilich war sie heute bereits ein sprechendes Bild geworden und obendrein geschmückt mit dem echt weiblichen Reize des Widerspruchs. Im Grund hatte sie ihm lauter unangenehme Dinge gesagt, aber auf die angenehmste Weise, und das entscheidet bei schönen Frauen. »Sie hat einen schlechten Geschmack, allein in ihrem schlechten Geschmack ist sie so anmutig naiv, daß ich ihr kaum einen bessern wünschen möchte. Ich war ein Esel, daß ich nicht mitging!« So schloß der Minister sein Selbstgespräch, um es nach fünf Minuten wieder von vorn zu beginnen, indem er sich fragte, ob er denn als Minister überhaupt hätte mitgehen und die kleine Komödie zu Ende spielen dürfen. Als Advokat würde er's unbedingt getan haben, doch für einen Minister schickte sich's wahrhaftig nicht. Siebentes Kapitel Auf die ersten Maitage waren die Wahlen zum deutschen Parlament ausgeschrieben; Rudolf Gärtner hatte sichere Aussicht gewählt zu werden, und Minister, welche abwechselnd eine Woche zu Haus das kleine Vaterland regierten und in der andern zu Frankfurt dem großen Vaterland Gesetze gaben, waren 1848 keine Seltenheit. Sollte er die Wahl annehmen? Die Doppelaufgabe ging fast über Menschenkraft. Und doch konnte es andererseits dem kleinen Ländchen sehr ersprießlich sein, wenn er, der Minister, zugleich seinen Platz im konstituierenden Reichstage nahm. Völlig unschlüssig, vermochte er keinen Entscheid zu finden. Alle Parteien, Freunde und Gegner, wünschten, daß er nach Frankfurt gehe, aber jede aus andern Gründen: – der Fürst, weil der Minister dort die Selbständigkeit des Landes am besten vor weiterer Schädigung wahren könne, – die liberalen Genossen Gärtners, weil sie hofften, daß er in Frankfurt gegenteils für die deutsche Einheit wirke, – die konservativen und radikalen Gegner, weil sie den mächtigen Mann los sein wollten, um in seiner Abwesenheit ans Ruder zu kommen. Nur der zunächst Beteiligte wußte selbst nicht, was er wollte, und zwar zum erstenmal während seines ganzen Ministeriums. Heute war der letzte Termin, er mußte sich aussprechen für Annehmen oder Ablehnen. Kein Wunder, daß er inmitten dieses Kampfes wenig Ohr hatte für die kleinen Geschäfte, welche ihm eben sein Referent unterbreitete. Mechanisch hatte er bereits zehn Nummern erledigt, als zum Schlusse noch das Gesuch des Akzessisten Baum vorkam, welcher nach langem Harren endlich als Assessor angestellt sein wollte. Der Referent rühmte die Geschäftstüchtigkeit des jungen Mannes – lauter erste Noten! –, nur sei er kein besonderer Freund der neuen Ordnung, doch das müsse man einigermaßen entschuldigen, denn er dürfe es vorerst nicht verderben mit seinem künftigen Schwiegervater, dem Oberförster Sachs, – der Minister horchte plötzlich auf – »denn Sachs ist ein Jäger vom alten Schlag, und die Jäger hassen alle die Revolution, weil sie zuerst dem Wald und den Hirschen zu Leibe ging.« »Also ist der junge Baum verlobt mit Hed – mit der Tochter des Oberförsters?« fragte hastig der Minister. »So sagen die einen, andere behaupten, das Mädchen wolle nichts von ihm wissen, weil er trotz seiner ersten Noten etwas roh und grob bei Damen sei, dies halte aber der Vater für altdeutsche Biederkeit und begünstige ihn und dränge das Mädchen. Sie ist so arm wie eine Kirchenmaus. Und so tun wir wohl ein gutes Werk, wenn wir dem jungen Mann zu einem Amt und dem armen Kind zu einem Manne verhelfen, ja obendrein auch ein politisch gutes Werk; denn die Welt glaubt doch, daß dieser Baum bloß wegen seiner mißliebigen Farbe so lange warten müsse.« »Nur nicht zu voreilig!« rief der Minister. »Legen Sie den Akt beiseite; ich will mir die Sache überlegen.« Am selben Tage noch meldete er seinen Wählern, daß er fest entschlossen sei, kein Mandat zum Reichstage anzunehmen, und belegte den Entschluß mit den schönsten politischen Gründen. Dieser Schritt erschütterte das Ministerium Gärtner im Fundament, ohne daß es der Minister merkte. Seine Freunde begannen an ihm zu zweifeln, weil er keinen kühneren Flug wage: »Er prüft alles rein sachlich, wenn er doch nur auch einmal persönlich dreinführe! Er ist die verkörperte Gerechtigkeit welche stets nur wägt, nie wagt! Ihm fehlt jede Leidenschaft; er ist ja in seinem ganzen Leben nicht einmal verliebt gewesen!« Die Deutschgesinnten beschuldigten ihn des Partikularismus, die Partikularisten fürchteten, daß er ihnen ins eigenste Gehege komme. Der Fürst argwöhnte einen Achselträger, welcher sich scheue, in Frankfurt Landesfarbe zu bekennen. Sämtliche Zeitungen des Landes – vor dem März hatte es gar keine gegeben, jetzt gab es deren zwölf – brachten Leitartikel, welche mit viel Scharfsinn die macchiavellistischen Intrigen enthüllten, die der Ablehnung des Ministers zugrunde lägen: man erkenne dabei wieder ganz klar den Einfluß einer auswärtigen Großmacht. Wer aber jene Ablehnung hinterdrein am schärfsten verurteilte, das war der Minister selber – freilich ganz im stillen, vor dem Forum seines Gewissens. Er war abgefallen von seinem hochsinnigen Programm, untreu dem Grundsatze, daß er in dieser Zeit nur dem Staat, nur dem Volke leben dürfe. Da half kein Beschönigen: den Ausschlag in einer hochpolitischen Frage hatte ein ganz jugendlich abenteuerlicher Liebesroman gegeben. Ein Liebesroman? Liebte er denn das Mädchen, welches er nur von weitem gesehen, außer ein einziges Mal, wo sie ihm unangenehme Dinge gesagt hatte? Blieb er wirklich um ihretwillen im Lande? Gestern machte er sich noch weis, ihn fessele bloß das schöne Urbild eines vor hundert Jahren gemalten schönen Bildes. Aber heute, wo er erfuhr, daß dieses Bild höchstwahrscheinlich demnächst einem andern gehören werde, heute wußte er, daß er liebe. Und warum verschob er die Beförderung des Akzessisten? Kaum wagte er sich den Grund zu gestehen, und doch blieb der Akt bei den Akten – aus guten Gründen. Übrigens deuchte ihm, es lägen doch ungünstige Zeugnisse gegen diesen Baum vor: er war ja so ungeschliffen im Verkehr mit Damen. Bisher als Staatsmann unschuldig wie ein Kind, fühlte Gärtner nur zu tief, daß er heute seine politische Unschuld verloren habe. Er meinte, die Leute auf der Gasse müßten ihm den Abfall an der Nase ansehen, und ihm war, als müsse diese Untreue neue Untreue gebären; er ahnte ein Ende mit Schrecken und lachte dann doch wieder, daß er sich über Kleinigkeiten dergestalt gräme. Aber es war ein gezwungenes Lachen. So konnte bloß ein Märzminister denken und empfinden; aber die meisten Märzminister empfanden eben doch nur so im März, Rudolf Gärtner dagegen selbst noch im Mai, und darum war er der echteste Märzminister. Achtes Kapitel Für die nächsten Tage lag ein recht unerquicklicher Gegenstand auf dem Arbeitstische des Ministers: das neue Jagdgesetz. Mit dem alten Jagdregal sollte aufgeräumt werden, die Volksstimme begehrte das Jagdrecht der Gemeinden zum Entsetzen aller Jäger vom alten Schrot und Korn. Gärtner harmonierte eigentlich mit den Jägern, allein aus reiner Gewissensangst stimmte er gegen seine Überzeugung für das Jagdrecht der Gemeinden. Denn es wäre ja möglich gewesen, daß der Gedanke an den Oberförster ihn beeinflusse; also befürwortete er ein Gesetz, welches ihm genau genommen ebenso verkehrt schien wie dem Oberförster. Da grub denn wiederum der Volksmann dem Liebenden den Boden unter den Füßen weg. In Gedanken tröstete er sich hierüber – als Minister. Er malte sich's prächtig aus, wie er in das bescheidene Haus der Fledergasse treten und das efeuumrankte Fenster auch einmal von innen sehen werde. Gleich einem Gott aus der Wolke wollte er kommen und Herz und Hand bieten, er – der allmächtige Minister! Hedwig wurde erlöst von ihrer Armut und von ihrem Assessor. Wie wollte er das feine, hochgebildete Kind, welches einen so reizend schlechten politischen Geschmack hatte, zu sich heraufziehen! An das Jagdgesetz dachte er dabei gar nicht mehr; der Oberförster sollte den heitersten Lebensabend genießen, auch wenn die Bauern alle Hasen totschössen. Er dachte auch nicht an einen andern kleinen Umstand, nämlich ob das Mädchen ihn überhaupt haben wolle. Doch fiel ihm das hinterher um so schwerer aufs Herz. Auch fragte sich's, ob denn Hedwig in der Tat so vortrefflich war, wie er sie dachte. Alle Versuche, einen ganz arglosen Verkehr anzuknüpfen, waren vergeblich; sie scheiterten an seiner Stellung, am Minister. Dabei wurde er immer ruheloser, blasser, magerer, immer schwankender in der Politik, verworrener in den Geschäften: schon um des Staates willen mußte ein Ende gemacht werden. Er faßte einen Entschluß, mannhaft und ritterlich, wie er seinem ganzen Wesen entsprach. Zunächst erledigte er das Gesuch des Akzessisten Baum: binnen drei Tagen war derselbe Assessor. Das ging damals äußerst geschwind, wenn man wollte. Nun war der Minister ruhig, aber der Liebende verging vor doppelter Unruhe. Auch hier mußte ein Ende gemacht werden. Hedwig hatte jetzt ihren Assessor, wenn sie ihn haben mochte; sie sollte nun auch wissen, daß sie einen Minister haben könne. Das war ehrlich Spiel. Der ganz gemeine nächste Weg schien ihm der würdigste: er schrieb seinen ersten Liebesbrief, logisch wie ein Gesetz, bündig wie eine Depesche, eindringlich wie eine Note, in lauter Hauptsätzen, die fast alle mit »Ich« anfingen. Denn wenn der Mensch ganz stillos offenherzig sagt, was er fühlt und will, dann fängt er immer mit »Ich« an. Der Brief lautete: »Ich verehre Sie seit Wochen, ich liebe Sie. Ich würde um Ihre Hand bitten, aber Sie kennen mich nicht. Ich bitte darum nur um die Erlaubnis, Ihnen eine Geschichte erzählen zu dürfen, die Geschichte, wie ich dazu kam, Sie zu verehren. Ich kann nur mündlich erzählen: gewähren Sie mir also eine Unterredung. Ich warte bis morgen abend auf Antwort. Ich will Ihnen das Peinliche einer abweisenden Antwort ersparen: wollen Sie nicht einmal die Entstehungsgeschichte meiner Verehrung kennenlernen, so verbrennen Sie diesen Brief; vergessen Sie, ihn je erhalten zu haben, und schreiben Sie nichts. Wollen Sie mich aber hören, dann bestimmen Sie die Stunde.« Sollte er den Brief mit dem bloßen Namen unterzeichnen? Laut Adreßbuch gab es vier »Gärtner« in der Stadt, darunter zwei »Rudolf«. Mit zögernder Hand, als tue er etwas prahlerisch Anmaßendes, schrieb er darum: »R. Gärtner, Minister.« Er fühlte sich beim Anblick dieses »Minister« so verschämt und verlegen wie einer, der am hellen Tage im Frack über die Straße geht. Seinem spionierenden Bedienten wollte er den Brief nicht anvertrauen, darum beförderte er ihn auf dem ganz bürgerlichen Wege durch die Stadtpost. Neuntes Kapitel Kaum war eine Viertelstunde seit Aufgabe des Briefes verstrichen, so wurde der pensionierte Oberförster Sachs bei dem Minister gemeldet. Was sollte dies? Die Antwort konnte doch der Vater unmöglich schon überbringen, denn die Stadtpost war berühmt wegen ihres vorsichtig langsamen Ganges. Mit klopfendem Herzen empfing der Minister den alten Weidmann. Dieser erklärte, daß ihn eine zwiefache Beschwerde hierherführe, wobei er – wie es ja jetzt zeitgemäß – den mündlichen Weg dem schriftlichen vorziehe. »Ich bin von Ihnen in zwei Dingen schwer gekränkt worden und will offen darüber reden, weil ich Sie, wenn auch für meinen persönlichen Feind und grundsätzlichen Gegner, doch für einen ehrlichen Mann halte. Erstens, Herr Minister, haben Sie mich ohne allen Grund pensioniert –« Der Minister mußte ihn unterbrechen, er leugnete rundweg, daß er dies getan habe. Allein es war in der Tat so, wie ihm der Alte sofort bewies. In den ersten Tagen seines Ministeriums hatte Gärtner die Pensionierung einer ganzen Anzahl von Forstleuten unterzeichnet, die den Bauern mißliebig geworden waren, und Sachs, dessen Namen er damals noch gar nicht kannte, stand obenan auf der Liste. Der Oberförster war dann, wie er weiter erzählte, sofort in die Hauptstadt gezogen, um hier die Wiederherstellung seiner gekränkten Dienstehre und die Wiedereinsetzung in sein Amt persönlich zu betreiben. Doch die Ungunst der Zeit hatte seinen Aufenthalt, der auf Wochen berechnet gewesen, auf Monate verlängert. Minister Gärtner erwiderte allgemeine Worte, die nichts besagten und nur seine Verwirrung verbergen sollten. Was konnte er tun? Dem Oberförster jetzt sein Amt wieder versprechen, in demselben Augenblick, wo sein Brief in die Hände von dessen Tochter kam, – das ging ihm schnurstracks gegen das politische Gewissen. Aber konnte er ihm nicht glänzende Genugtuung für die Zukunft verheißen? Das ging auch nicht, denn in dieser Zukunft hoffte er ja Schwiegersohn des Oberförsters zu werden, und dann sah die Sache erst recht abgekartet aus und wie die offenste Familienprotektion alten Stiles. Nein! Der Oberförster mußte unter allen Umständen pensioniert bleiben. Unter allen Umständen? Wiederum nein! – Den einzigen Umstand nämlich ausgenommen, daß der Minister als Liebender einen Korb bekam: dann konnte er im Selbstgefühle höchster Unbestechlichkeit den Oberförster Sachs sofort wieder einsetzen oder noch besser gleich zum Oberforstrat machen. In seiner Verzweiflung gab der Minister ausweichende Antworten. Und doch schilderte ihm der alte Jäger so beredt, wie ihm die Bauern das Wild vor der Nase weggeschossen hatten, den Wald geplündert, die schönste junge Eiche gefällt und im Triumph zum Dorfe gefahren und dort um dieselbe getanzt wie um einen Freiheitsbaum. Und der Mann hatte unter persönlicher Gefahr nichts weiter dagegen getan, als was ihm Amt und Pflicht gebot. Man konnte in seinen Blicken lesen, wie verächtlich ihm die laue, zweideutige Rede des Ministers sei. Er begann jetzt auch an dessen Ehrlichkeit zu zweifeln, denn den Bauern gab er unrecht, und ihm wollte er nicht recht geben. Hätte ihm der Minister noch im blinden Parteiwahn gesagt, daß den Bauern der Wald gehöre und daß die Förster sich ducken müßten vor dem souveränen Volk, so würde er ihn minder geringschätzig behandelt haben. Er ging darum kurzweg zu seiner zweiten Beschwerde, und die war noch weit peinlicher. »Ich lebe hier still und einsam und kümmere mich nicht entfernt um das politische Getreibe. Trotzdem werde ich seit Wochen polizeilich überwacht; Polizeidiener und Gendarmen verfolgen mich, ja selbst meine Tochter auf Schritt und Tritt, sie spähen bis ins Heiligtum meines Hauses. Ich weiß bestimmt, Herr Minister, daß dies in Ihrem besondern Auftrage geschieht, einer Ihrer Späher hat mir's selbst gestanden. Ich begehre den Anlaß zu wissen, damit ich mich rechtfertigen kann. Sie haben die Aufpasserei der früheren Zeit vor allem Volke so oft und laut verdammt, daß Sie mir nicht bloß meine Rechtfertigung nicht versagen, nein, daß Sie mir auch Ihre eigene Rechtfertigung nicht weigern können.« Der Minister stand wie Butter an der Sonne. Wie oft hatte er seinen Bedienten derb zurechtgewiesen, wenn ihm derselbe neue Berichte über Fledergasse Nr. 15 brachte, aber da er doch immer mit sichtbarer Spannung zugehört, so waren die Polizeidiener in ihrem Eifer gar nicht zu bändigen gewesen und viel weiter gegangen, als der Minister irgend ahnte. Er sah nur einen Ausweg aus dieser Klemme wie aus der vorigen: er mußte dem Alten die ganze Geschichte seiner Neigung zu der Tochter erzählen. Aber das konnte er wenigstens im gegenwärtigen Augenblicke nicht. Hedwig sollte sie zuerst hören; junge Mädchen haben ein Verständnis für dergleichen, aber alte Oberförster ganz und gar keines. Der Alte, in dessen Mienen Zorn und Verachtung kämpften, wünschte ja den Assessor zum Schwiegersohn; er würde ihm auf seine idyllische Geschichte höhnisch geantwortet haben, daß der Herr Minister seine polizeilichen Forschungen auf alles gerichtet habe, nur nicht auf die nächste Frage, ob nämlich das Mädchen überhaupt etwas von ihm wissen wolle. Und wenn der Alte auch milder geurteilt hätte, – spielte der Minister mit seinem Bekenntnis nicht jetzt unter allen Umständen eine lächerliche Figur? Er hatte sich den Augenblick des Hervortretens so groß, so rührend gedacht, – nein! – er konnte jetzt nicht reden. So entschuldigte er sich denn, daß das Ausspähen durchaus nicht mit seinem Willen geschehen sei. »Dann müssen Sie den Polizeidiener zur Strafe ziehen, daß er auf Ihren Namen gelogen hat.« »Nicht ganz mit meinem Willen, nicht so mit meinem Willen«, korrigierte sich der Minister; denn er war wiederum zu ehrlich, um alles auf dem dummen Polizeidiener sitzenzulassen. Neue Zweideutigkeit und Achselträgerei! dachte der Oberförster. »Aber es waltet hier von Anbeginn ein Mißverständnis«, fuhr der Minister fort. »Nun gut, so erklären Sie mir dieses Mißverständnis!« Der Minister schwieg. Der Oberförster ergriff seinen Hut. »Ich habe hier die Gerechtigkeit nicht gefunden, welche ich suchte. Diese schlimme Zeit hat wenigstens das Gute, daß man überall geradeaus gehen kann und daß alle Türen offenstehen. Als alter treuer Diener des fürstlichen Hauses werde ich morgen vor Seine Durchlaucht treten und von dem Fürsten die Genugtuung erbitten, die mir sein Minister nicht gewähren wollte.« Gärtner suchte den Alten zu beschwichtigen, allein er ging trotzig ab. In stummer Verzweiflung blickte er auf das Plakat mit den sieben Volksforderungen, welches noch immer an der Wand hing, und wiederholte die Worte, wie er sie ungefähr damals gesprochen, als er das Plakat aufnagelte: »Ich kann fortan alles, was ich will, und will nur, was ich soll. Ein Minister wird nur noch beurteilt nach den Taten, die er im hellen Lichte des Tages vollbringt. Mißverständnisse und Verdächtigungen zerrinnen wie Nebel vor der neuen Sonne des öffentlichen Lebens. Das klare Auge des Volkes durchschaut mich, ich will ihm den gleichen klaren Blick des reinen Herzens entgegenbringen. Von heute gehöre ich nicht mehr mir selber, ich gehöre ganz meinem Volke!« Zehntes Kapitel Der dirigierende Staatsminister wartete auf Antwort aus der Fledergasse. Er wartete um so gespannter, da er nach Empfang derselben dem Oberförster die befriedigendste Erklärung seines zweideutigen Benehmens geben konnte. Jetzt kam der Bediente und überbrachte einen Brief. Die Adresse zeigte sehr kräftige Schriftzüge, hastig erbrach ihn Gärtner: – er enthielt die Meldung des Bürgermeisters, daß in der oberen Stadt ein bedrohlicher Krawall ausgebrochen sei. Vorgestern nacht waren mehrere Ruhestörer eingesteckt worden, weil sie dem Hofmarschall die Fenster eingeworfen hatten. Unter den Verhafteten befanden sich die zwei Präsidenten des Kommunistenvereins »Mondschein«, ein verkommener Schuster und ein Literat. Ihre Freunde zogen in hellen Haufen vor das Gefängnis und forderten Freilassung der Gefangenen. Eben ertönte Trommelschlag, die Bürgerwehr rückte aus. So fieberhaft jagten sich damals die Ereignisse, daß selbst der ungeduldigste Minister nicht einmal recht ins Fieber des Wartens kommen konnte. Nach einer Viertelstunde wurde ein zweiter Brief gebracht. Auch er stammte schwerlich aus der Fledergasse, die Adresse war mit Bleistift geschrieben, die Buchstaben noch kräftiger als beim ersten. Der Bürgerwehroberst, Lederhändler Schlehbach, meldete, daß ein Teil der Bürgerwehr sich weigere, gegen die Tumultuanten einzuschreiten, der andere Teil bedrohe die widerspenstigen Kameraden; darum sei Gefahr vorhanden, daß die Bürgerwehr untereinander in Kampf gerate. Rasch entschlossen, eilte Gärtner selbst ins Rathaus. Er trat auf den Balkon, um die tobende Masse zur Ruhe, die Wehrleute zur Pflicht zu ermahnen. Er rechnete auf den Zauber seiner Rede, er gedachte der Märztage, wo er viel schlimmere Stürme beschworen hatte. Allein er täuschte sich bitter! Pfeifen und Zischen empfing ihn, er konnte nicht zu Worte kommen, und als er dennoch beharrlich winkte und rief, begannen Steine zu fliegen. Er mußte sich zurückziehen. Mit Schrecken erkannte er, daß seine Popularität gebrochen sei. Er hätte es längst aus hundert Anzeichen merken können. Aber von oben nach unten sieht man viel ungenauer als von unten nach oben. Man ließ die Bürgerwehr abmarschieren und bot die ganze Polizeimannschaft und Gendarmerie auf, um wenigstens die beiden Schildwachen zu befreien, welche, von der heranwogenden Menge eingeschlossen und fast erdrückt, Gewehr bei Fuß vor dem Gefängnistore standen und sich nicht rühren konnten oder wollten. – Es mißlang. Da kam ein dritter Brief, Adresse mit mädchenhafter Handschrift! Ein Ölblatt aus der Fledergasse, durch diesen Sturm aufs Rathaus gewirbelt? Ach nein! der Brief war von einem Leutnant, dem Ordonnanzoffizier des Fürsten, welcher den Minister augenblicklich aufs Schloß entbot. Gärtner fand dort Seine Durchlaucht bereits in Beratung mit dem General der fürstlichen Truppen – diese bestanden zwar nur aus einem Infanterieregiment, hatten aber doch einen General. Der General wollte sofort feuern lassen, um die Schildwachen zu befreien, der Fürst war unschlüssig, der Minister schlug nun Mittel der Milde vor, als ein Lakai, der am Fenster stand, plötzlich ausrief: »Die Gefangenen sind befreit! Da tragen sie eben den Schuster auf den Schultern über den Schloßplatz wie den Masaniello in der Stummen von Portici!« Das Zitat aus der »Stummen« entschied. Tief erschrocken gab der Fürst dem Vorschlage des Generals recht, tief bewegt, im schwersten Seelenkampfe fügte sich auch Gärtner. Doch ließ er sich's nicht nehmen, noch einmal Frieden gebietend unter das Volk zu treten. Vergebens! Die Aufruhrakte wurden verlesen, – die Soldaten feuerten: – in kurzer Frist waren die Straßen gesäubert, – zwei Tote und zehn Verwundete lagen auf dem Pflaster. Die Stadt war ruhig. Am Abend desselben Tages schrieb der Minister wieder einen Brief, der aus lauter Hauptsätzen bestand, aber keiner fing diesmal mit »Ich« an: es war das Gesuch an den Fürsten, ihn seines Ministeramtes zu entheben. Bei der Übernahme des Portefeuilles hatte er sich gelobt, daß er immer nur durch Güte und Vernunft die Leidenschaft des Volkes zügeln wolle. Heute war er ausgepfiffen worden, als er dies versuchte, und die Antwort darauf war das Pfeifen der Flintenkugeln gewesen. Sich selber treu, mußte er abtreten, und der Fürst genehmigte seine Entlassung. Man bot ihm nachgehends einen diplomatischen Posten; er dankte für denselben wie für jedes fernere Staatsamt und ward wieder, was er gewesen, Advokat mit spärlicher Praxis. An sich selbst verzweifelnd, an der Zeit und am Volke, mußte er leider auch an seiner Liebe verzweifeln. Die Frist der Antwort für seinen Brief war abgelaufen. Da er während derselben gar keine Zeit gehabt hatte zum Warten, so übte er sich nachgehends noch etliche Tage in dieser freien Kunst. Allein es kam keine Antwort aus der Fledergasse. Das Mädchen hatte also die von ihm selber vorgeschlagene Form gewählt, durch Schweigen nein zu sagen. Elftes Kapitel Die Stadt war äußerlich ruhig nach der Besiegung des Aufruhrs, aber in den Gemütern gärte es um so heftiger. Zunächst bewegte die Ministerkrisis alle politischen Köpfe, und wer überhaupt einen Kopf hatte, der hatte damals einen politischen. Über Gärtners Sturz trauerten nur wenige. Die Konservativen weissagten aus dem jähen Fall des Märzministers die dauernde Rückkehr der alten Zustände, die Radikalen einen Rückschlag, welcher rasch zu neuen, gründlicheren Revolutionen führen würde; die Liberalen waren froh, daß sie der pedantische Gerechtigkeitssinn und die unberechenbare Politik ihres früheren Parteigenossen nicht mehr störte, sie wollten und hofften einen Minister, der schlechthin herrschte, indem er sich von ihnen schlechthin beherrschen ließ. Alle Welt glaubte, sämtliche geheime Schliche des gefallenen Ministers zu kennen, aber kein Mensch wußte, daß er verliebt gewesen, – das Mädchen in der Fledergasse vielleicht ausgenommen. Inzwischen mußte etwas geschehen von seiten sämtlicher Parteien, damit der nötige Druck nach oben geübt werde betreffs der Wahl des neuen Ministers, der vorerst noch nirgends zu finden war. Das unvermeidliche erste Mittel dieses Druckes war eine Volksversammlung, und im Sturm der Gefühle beschloß man eine Versammlung allen Volkes ohne Unterschied der Farbe. Die alten Parteien galten nicht mehr, neue mußten sich abklären, und das geschah am besten, wenn alle miteinander und durcheinander redeten. Die vorläufige Tagesordnung war sehr einfach. Man wollte die Fehlgriffe, Sünden und Schwächen des gestürzten Ministeriums bis aufs kleinste bloßlegen, um aus dieser vernichtenden Kritik sodann den Plan einer wahrhaft gesunden Staatskunst zu entwickeln. Wer recht genau weiß, was er nicht will, der weiß darum freilich noch nicht immer genau, was er will. Aber gleichviel! Zuerst ein unerbittliches Totengericht, dann Erweckung eines neuen Lebens! In der »Sängerhalle« wurde die Volksversammlung abgehalten, allein obgleich der größte Saal der Stadt, vermochte sie doch nicht entfernt die Menschen zu fassen, welche sich herandrängten. Bis weit hinaus auf die Straße standen die Leute Kopf an Kopf, und wenn sie dort auch von den Reden nichts hören konnten, so hörten sie doch die Beifallssalven und pflanzten sie fort wie ein rollendes Rottenfeuer. Überdies spielte ein Musikkorps zwischendurch Freiheitslieder, die man dann außen in etwas kanonisch verschobenem Zeitmaße nachsang. Vier Redner hatten bereits in vernichtenden Worten allen Verrat des Ministeriums Gärtner enthüllt, und da kein Widerspruch erfolgt war, so konnte jetzt die Frage seines Nachfolgers erörtert werden. Da erschien – wie ein Gespenst aus dem Grabe – Rudolf Gärtner selber auf der Rednertribüne. Einen Augenblick lagerte schweigendes Staunen über den Massen, dann erhob sich ein Geflüster, welches immer lauter anschwoll, zuletzt ein Sturm des Unwillens. Mehrere Stimmen riefen: »Herunter!«, und nun folgte ein allgemeines Schreien, Heulen und Pfeifen, zwischendurch vergebliche Rufe: »Zur Ruhe!« Der Höllenlärm dauerte wohl zehn Minuten. Gärtner stand inzwischen fest wie eine Statue auf der Tribüne, kein Zucken war in seinen bleichen Mienen sichtbar; die Menge mußte des Schreiens doch endlich müde werden, und er wartete ruhig, bis sie sich ausgeschrien. Die felsenfeste Ruhe wirkte: – es wurde still. Nun aber begann er mit keiner Rede – die hätte man doch nicht angehört –, sondern wandte sich mit abgerissenen Fragen an die Versammelten. Er fragte: ob sie nicht alle das schändliche Verfahren der früheren Kabinettjustiz verdammten? – »Allerdings!« – Ob nicht ein besonderer Greuel jener Justiz gewesen sei, daß man Angeklagte ungehört verurteilt habe? – »Gewiß!« – Ob sie nicht soeben wider Willen in denselben Fehler verfallen seien? – Hier teilte sich die Antwort in ja und nein, aber das Ja behielt zuletzt den Sieg. – Ob sie ihn anhören wollten? Stürmisches »Ja!« Und so fuhr er fort, einen sokratischen Dialog mit der erhitzten Menge zu führen, und zwang die Widerstrebenden, daß sie seiner Verteidigung Schritt für Schritt folgten. In den schlichten Worten des ruhigen Gewissens legte er den ganzen Gang seiner Politik dar, indem er immer wieder Fragen dazwischenwarf, welche man schlechterdings bejahen mußte. Denn zum Anhören eines Monologs eines mißliebigen Mannes hat die Menge keine Minute Geduld, darf sie aber mitsprechen, dann folgt sie stundenlang. Nur die eine Frage stellte Gärtner nicht: ob es ein Entschuldigungsgrund für die Schwächen eines Ministers wäre, wenn er zum erstenmal Minister und zum erstenmal verliebt gewesen sei? Man hätte vermutlich auch mit »ja« geantwortet. Kurz und gut, je länger Gärtner sprach, um so kräftiger wuchsen die beifälligen Zurufe, und als er seine Verteidigung geendet, erscholl ein donnerndes Hoch auf den mutigen Mann, und die Musik schmetterte drein mit Pauken und Trompeten. Die verbissensten Gegner mußten zwar schweigen, aber sie gaben darum ihre Sache noch lange nicht verloren: zur Antwort auf den Tusch begehrten sie, daß das Orchester die Marseillaise anstimme, gleichsam als Zwischenspiel, welches zur anfänglichen Tonart zurückführe. Andere widersprachen: das Lied schicke sich nicht für deutsche Männer. Und eh' man sich's versah, wogte wilder Streit durch den Saal über die Marseillaise. Da nun der Vorsitzende, ein deutscher Patriot, sich weder durch seine Glocke noch durch seine Stimme Gehör verschaffen konnte, so befahl er den Musikern, Arndts »Deutsches Vaterland« zu blasen; er hoffte, daß die wohlbekannten Klänge die Streitenden zum Mitsingen fortreißen würden, und wenn man singt, kann man sich nicht zanken. Die meisten aber, welche die Marseillaise begehrten, kannten und konnten das Lied gar nicht ordentlich, glaubten bei den ersten Takten, dies sei die Marseillaise und sangen tapfer »allons enfant de la patrie« , während die andern nach des Deutschen Vaterland fragten, merkten dann aber schon bei der zweiten Zeile, daß sie überlistet waren und sich lächerlich gemacht hatten. Darüber brach nun ein Sturm des Unwillens los, wogegen die vorhergegangenen Stürme nur ein Säuseln gewesen. Man schrie nach dem frechen Frevler, der das Volk verspotte, einige drohten den Vorsitzenden zu mißhandeln, die meisten aber suchten wütend nach Gärtner als dem ersten Anstifter alles Haders in der brüderlichen Versammlung, und diese Versammlung und diese Verfolgungsrufe wälzten sich hinaus zu der Menge, die das Haus umringte und nun erst vernommen hatte, daß der Exminister drinnen zu reden gewagt. Sie glaubte, jetzt sei der Augenblick der Volksrache an dem Verräter gekommen. Gärtner war inzwischen glücklich aus dem Saale entschlüpft, wurde jedoch auf der Straße erkannt und mit Schimpfreden und Tätlichkeiten angegriffen. Leute, die aus der Halle kamen, traten dazwischen, wehrten dem Unfug und riefen, der Mann sei unschuldig. Die andern wollten sich ihr Opfer nicht entreißen lassen, und so entspann sich ein neuer Kampf. Während man sich drinnen um die Marseillaise und das Deutsche Vaterland schlug, raufte man sich außen um den vernichteten Exminister und wiedergeborenen Volksmann. Dieser gewann dadurch auf einen Augenblick Luft, daß er, mit Hinterlassung seines linken Rockflügels und nur von wenigen verfolgt, sich flüchten konnte. In einer engen Seitengasse glaubte er sich bereits in Sicherheit, da ihm nur noch etliche Straßenjungen auf den Fersen waren, als er von der andern Seite eine starke Schar entgegenkommen sah, die unter Verwünschungen seinen Namen brüllte. Schnell sprang er in eine offene Haustüre, schlug sie hinter sich ins Schloß, brach dann aber mit dem Rufe: »Rettet mich!« in dem dämmerigen Hausgang besinnungslos zusammen. Als er nach wenigen Augenblicken wieder zu sich kam, stand ein Mädchen vor ihm, welches ihm besorgt den Arm bot, um ihn ins Zimmer zu führen. Fast wären ihm zum zweitenmal die Sinne geschwunden: das Mädchen war Hedwig; er war in das Haus Fledergasse Nr. 15 geflüchtet! Zwölftes Kapitel Im Zimmer stand der Oberförster; er hatte am Fenster ausgespäht und bat Gärtner, sich zu beruhigen, seine Verfolger seien weitergezogen, sie hätten nicht bemerkt, daß er ins Haus geschlüpft sei, und übrigens wolle er schon sorgen, daß ihm hier niemand etwas zuleid tue. Gärtner setzte sich auf einen Stuhl, um wieder Kraft zu gewinnen und seine Gedanken zu sammeln. Dann aber galt sein erstes Wort dem Oberförster: »Sie hatten mich unlängst in Verdacht, daß ich unredlich und zweideutig an Ihnen gehandelt, und ich konnte mich damals nicht rechtfertigen; jetzt kann ich's. Erstlich bin ich kein Minister mehr, – und zweitens wird Ihnen Ihre Tochter meinen Brief mitgeteilt haben.« »Welchen Brief?« fragte der Alte, und die Tochter rief erstaunt, daß sie den Mann gar nicht kenne und nichts von einem Briefe wisse. Der Oberförster aber belehrte sie: »Dieser Herr ist ja Herr Gärtner, unser Märzminister!« Gärtner erhob sich lächelnd – sein Rock hing beschmutzt und in Fetzen am Leibe, sein Hut war zerdrückt, sein Gesicht totenblaß, das Haar wild verworren: – er sah wahrhaftig keinem Minister ähnlich. In herzgewinnend bescheidenem gutmütigem Tone sprach er: »Sie haben mich allerdings schon früher kennengelernt, mein Fräulein, aber damals kamen Sie in den Platzregen, und gegenwärtig komme ich aus der Traufe. Sie mögen mich wohl vergessen haben. Doch ich vergaß Sie nicht.« Dann blickte er sich um im Zimmer, und sein Auge ruhte auf der Fensternische, die er nun dennoch einmal von innen sah. Er fuhr fort: »Ich hatte mir so oft und schön ausgemalt, wie ich in dieser Stube erscheinen wollte; aber ich hatte mir die Sache ganz anders gedacht, als sie nunmehr gekommen ist. Mein Fräulein, Sie wissen jetzt, wer ich bin; Sie wissen auch, was ich wollte. Sie haben durch Ihr Schweigen eine für mich zwar bittere Antwort, aber ohne Zweifel die richtige Antwort auf meinen Brief gegeben. Ich will nicht weiter davon reden.« Nun wußte der Alte wieder nicht, was dies bedeute, dafür fand dann jetzt die Tochter das rechte Wort: »Also wäre der mit Ihrem Namen unterzeichnete Brief nicht vom Assessor Baum, er wäre wirklich von Ihnen gewesen?« Diese Frage war wiederum dem Exminister zu rund. Man fragte überhaupt noch eine Weile herüber und hinüber, bis sich endlich folgende Lösung des Rätsels ergab: Hedwig hatte am Tage vor dem Empfange des Briefes dem Assessor rundweg erklärt, daß er sie trotz seines Anstellungsdekrets und trotz aller Wünsche ihres Vaters unglücklich mache durch seine Anträge. Dieser, ein unzarter Mensch, obgleich mit lauter ersten Noten, war im Zorn von ihr gegangen und hatte ihr Eitelkeit und Hoffart vorgeworfen: sie sei überall zu vornehm für ihre Armut, immer hoch hinaus und möchte am Ende gar gleich einen Minister haben. Das war so unter vier Augen gesprochen worden. Des andern Tages wollte der Vater die Tochter wieder beschwichtigen. Da kam der Brief. Das verständige Mädchen vermochte doch nicht zu glauben, daß ihr ein wirklicher dirigierender Staatsminister, den sie gar nicht kannte, wirklich einen solchen Brief schreiben könne. Sie vermeinte vielmehr mit ihrem Vater, in den Schriftzügen die schlecht verstellte Hand ihres abgewiesenen Bewerbers zu erkennen, und hielt den Brief, eingedenk der letzten Worte Baums, für ein unfeines Pasquill, welches, falls sie antwortete, zugleich eine höchst boshaft gelegte Schlinge sei. Statt ihrer beantwortete darum der Vater das Schreiben, indem er dem Assessor ein für allemal sein Haus verbot, und zwar in Worten, die für den armen Teufel ebenso beleidigend als dunkel waren. Der Brief war also doch beantwortet worden, nur war die Antwort an den unrechten Mann gekommen. Gärtner atmete auf: vielleicht konnte ja dann auch das Schweigen an den unrechten Mann gekommen sein? Aber nun mußte er natürlich auch die Geschichte erzählen, welche er im Briefe verheißen hatte. Er erzählte ganz offenherzig, wie es ihm mit dem schönen Bilde daheim und dem noch schöneren Bilde in der Fledergasse ergangen sei, Zug um Zug, so kindlich naiv, daß der Alte hellauf lachen mußte und Hedwig unter Lächeln sehr nachdenklich wurde. Und zuletzt schloß der Oberförster mit dem Bekenntnis, daß er den ehemaligen Märzminister wieder für einen grundehrlichen Mann halte; er habe sich übrigens schon teilweise zu diesem Glauben bekehrt, als derselbe sein Portefeuille so überaus geschwind und tapfer abzugeben verstanden, und das täten ihm wohl wenige Minister nach. Es war ganz still und dunkel auf den Straßen geworden; Gärtner konnte ungefährdet nach Hause gehen. Er bat sich beim Abschied nur die Erlaubnis aus, morgen wiederkommen zu dürfen, um mit gekämmtem Haar, in unzerrissenem Rocke und mit unzerdrücktem Hut einen ganz förmlichen Dankbesuch für die Rettung zu machen. Die Erlaubnis wurde gewährt. Des andern Tages begegnete Rebdorf seinem Freunde Gärtner, wie er etwas verstohlen durch die Straßen schlich; sein Rock war auffallend neu, sein Hut auffallend glänzend, sein Gesicht ganz auffallend verklärt. Rebdorf trat herzu, um den Freund zu trösten wegen des gestrigen Mißgeschicks. Allein Gärtner schien gar nicht besonders trostbedürftig. Er nannte den gestrigen Tag den schönsten seines Lebens. Sein Freund meinte, in der »Sängerhalle« habe er allerdings einen größeren Sieg als Volksredner errungen wie je zuvor, aber die mehr dramatische Szene hinterdrein auf der Straße sei doch etwas ärgerlich gewesen. Man erzählte sich ja, er sei mit Schimpfreden und Drohungen, sogar mit Steinwürfen bis in die Fledergasse verfolgt worden. »Das war ja gerade die Krone des Tages!« rief Gärtner. »Sieh, lieber Freund, ich habe als Minister alles vermocht, alles ist mir gelungen, nur eines nicht: niemals gelang es mir, einen Besuch Fledergasse Nr. 15 zu machen. Gestern habe ich auch dies erreicht! Von unsichtbaren Händen bin ich in das Haus hineingeschleudert worden.« Rebdorf fand gar keinen Sinn in diesen Worten. Darum erläuterte Gärtner: »Politik und Liebe! Wir werden dort denselben Weg gehen, den ich hier gegangen bin. Wir lieben die Freiheit, wir schwärmen wie Liebende für die deutsche Einheit, im Grunde ist das aber ein und dieselbe Person, wir laufen ihr nach auf allen Gassen, aber wir kennen sie noch gar nicht ordentlich; es ist ja vorerst nur das Schattengebilde unserer eigenen Phantasie, dem wir nachlaufen. Wir werden sie kennenlernen, und dann beginnt erst die wahre Liebe. Allein das geht nicht so sanft: wir müssen hineingeschleudert werden von unsichtbaren Händen wie ich in die Fledergasse!« Nun verstand der Freund erst recht gar nichts. Er hatte gehört, daß Gärtner gestern zwei Hiebe über den Kopf erhalten habe: er fürchtete eine Gehirnerschütterung. Besorgt schlich er darum dem Freunde nach, und richtig: der Unglückliche mit seiner fixen Idee verschwand Fledergasse Nr. 15! Doch schon nach kurzer Frist löste sich ihm das Rätsel. In einem Vierteljahre war Hochzeit in der Fledergasse, und als Rebdorf den Trinkspruch auf das neue Paar ausbrachte, stellte er sich mitten in den Flachbogen des Fensters, durch welches gerade ein Sonnenstrahl fiel, und sprach: »Unser Freund Gärtner war vor dem Volke ein Mann, im Ministerium ein Jüngling, in der Liebe ein Kind: er wird ein unvergleichlicher Ehegatte werden!« Das Theaterkind Eine Memoiren-Novelle aus der Gegenwart 1867 Warnung Für neugierige Kinder ist diese Novelle nicht erzählt. Ich meine für Kinder, welche gar zu gerne wissen möchten, wer denn die handelnden Personen eigentlich gewesen sind, wer hinter der Maske steckt, wer dem Erzähler Modell gesessen. Solchen Lesern läßt sich keine Memoirendichtung aus der Gegenwart frisch und frei vortragen, und so neugierige Leute sollten eigentlich verurteilt sein, nur Novellen lesen zu dürfen, die in der Zeit der Völkerwanderung oder des Lykurg und Solon spielen. Darum hüte man sich, nach jenem »Ich« zu forschen, welches hier erzählt und fort und fort Ich und Nicht-Ich zugleich ist, trotz Fichte; oder in Hinrichs' Katalog nachzuschlagen, wie denn jener junge Nationalökonom geheißen, der 1850 sein musterhaftes Buch »über den Kredit« in einer soliden Buchhandlung erscheinen ließ; vor allem aber, wer denn jene schöne Sylvia Rutland eigentlich gewesen, welche im November 1848 beim Wiesbadener Hoftheater fürs naive Fach engagiert wurde. Sylvia Rutland hat im Leben viele gescheite Leute gefoppt, sie würde dann im Buche auch noch Toren foppen. In dieser Novelle ist alles erlebt; aber die Novelle ist nicht erlebt. Novellen zu schreiben mag eine leichte Kunst sein, und Novellen zu lesen ist jedenfalls eine noch weit leichtere. Wer aber bei einer Novelle nichts Besseres zu fragen weiß, als was daran wahr sei und was erfunden, der zeigt, daß er eine Novelle nicht einmal zu lesen versteht. Erstes Kapitel Auf dem Direktionsbüro des Wiesbadener Hoftheaters stand ein Kanapee, mit krebsrotem Wollenstoff überzogen und so groß, daß eine ganze Familie darauf hätte Platz nehmen können. Augenfällig gehörte es gar nicht hierher; denn die übrigen Möbel des Zimmers waren ganz kanzleimäßig, das krebsrote Kanapee hingegen war bühnenmäßig. Und in der Tat stammte es auch von der Bühne, war aber dort in Ungnade gefallen und ins Direktionszimmer verbannt worden. Ich habe in meinem Leben kein so großes Kanapee gesehen, dafür sollte es eben auch ein »mittelalterliches Kanapee« sein (auf dem Theater gibt's dergleichen), und man hatte es für Spohrs Faust aus besonderen Gründen eigens so ungeheuer lang machen lassen. Bei der Szene nämlich, wo Fausts Zaubermantel den Doktor mit seinen Genossen durch die Decke des Saals in die Lüfte entführt, mußte jenes Kanapee die Aufstellung des Flugapparates maskieren. Dieser Aufflug machte sich nun allemal dadurch besonders schön, daß einer der Freunde Fausts, ein kleiner Sänger, aber ein großer Turner, beim Aufsteigen der Gruppe selbstvergessen einen Augenblick stehenblieb, dann aber, als der Mantel auf Mannshöhe vor ihm schwebte, plötzlich wie erwachend hinzusprang, den letzten Zipfel mit beiden Armen packte und solchergestalt frei schwebend mit emporstieg. Unlängst jedoch war es bei dieser malerischen Szene seltsam zugegangen. Der kleine Sänger faßte eben den massiven untersten Teil des Flugwerks, welches den Mantel darstellt, und begann aufzuschweben, als er entsetzt gewahrte, daß noch ein zweiter verspäteter Fahrgast am gegenüberstehenden Zipfel des Mantels hängend hinten nachkam: das krebsrote Kanapee begann gleichfalls ganz sachte mit aufzusteigen – ein Haken des Flugwerks hatte sich in dem Wollenzeuge verfangen, – die Maschine seufzte und stöhnte unter der übermäßigen Last und drohte zu brechen, dem Doktor Faust war es sichtlich selbst nicht mehr geheuer bei seiner Zauberei, das Publikum schwankte zwischen Angst und Lachen, der kleine Tenorist am untersten Mantelzipfel aber klammerte sich mit den Armen immer fester und wehrte mit den Beinen verzweiflungsmutig das große Kanapee ab, welches, wie ein Pendel schwingend, ihn hinabzustürzen drohte; allein je kräftiger er dasselbe zurückstieß, um so gewaltiger fuhr es ihm in die Beine. So waren sie gegeneinander ringend schon fast bis zur Höhe der Soffiten gekommen, – da riß das Wollenzeug des Sofas, worin sich der Haken verfangen hatte, und mit lautem Gekrach stürzte das unselige Möbel aufs Podium und brach nebenbei zwei Füße. Die plötzlich erleichterte Flugmaschine aber schnellte nun doppelt rasch in die Höhe und brachte den Doktor Faust samt seinen Genossen heil und sicher auf den Schnürboden, zum großen Jubel des aufatmenden Parterres. So war das große Kanapee in Ungnade gefallen und für alle Zeit von der Bühne ins Direktionszimmer verbannt worden. Wie oft habe ich nicht in den Jahren 1848 und 1849 nachdenklich vor diesem heillosen Kanapee gestanden und in melancholischem Ernste jener Faustszene gedacht, welche das Möbel hierher gefördert hatte! Sie erinnerte mich gar zu lebhaft an unsere Bühnenleitung, sie war deren dramatisches Sinnbild. Doch ich muß zunächst erzählen, was das denn für eine Bühnenleitung gewesen ist und wie ich mit zu derselben gekommen bin. Das Wiesbadener Hoftheater hatte in der vormärzlichen Zeit bedeutende Zuschüsse aus den Privatmitteln des Herzogs erhalten. Mit der Revolution von 1848 hörten dieselben auf, und das Theater würde zugrunde gegangen sein, wenn nicht der Landtag eine jährliche Subvention von zwanzigtausend Gulden aus Staatsgeldern bewilligt und die Gemeinde gleichfalls in den Säckel gegriffen hätte. Allein beides nur unter dem Beding, daß die alte Kavaliersintendanz aufhöre, daß die Bühne reformiert, idealisiert, daß sie konstitutionell verwaltet, das heißt unter eine Oberleitung von Vertrauensmännern gestellt werde, welche dem Ministerium und durch dieses dem Landtage verantwortlich seien. »Vertrauensmänner« gab es damals überall, warum nicht auch im Theater? Diese Vertrauensmänner nannte man die Theaterkommission. Sie war aber nicht etwa bloß ein Beirat, sondern sie dirigierte wirklich, mit Hilfe der Regisseure, sie ersetzte die gefallene Intendanz. Im echten Geiste jener Tage war sie verantwortlich nach allen Seiten: nach oben dem Ministerium, nach unten dem Publikum, nach links dem Landtage und nach rechts dem Magistrat. Woraus man vielleicht folgern möchte, daß diese Kommission vor lauter Verantwortlichkeit kein Glied habe rühren können; allein wir schrieben 1848, und damals hatte freie Hand, wer den Mut besaß, Kopf und Hand zu gebrauchen. Und diesen Mut besaßen wir. Die Mitglieder unseres revolutionären Bühnendirektoriums waren Leute von allerlei Beruf und Zeichen: ein Chemiker, ein Jurist, ein Weinhändler, ein Schriftsteller, ein Philologe und ein Mann, der von seinem Gelde lebte. Wenn so mancherlei Geister vereint dem Theater nicht helfen konnten, so war ihm augenfällig überhaupt nicht mehr zu helfen. Wir teilten uns derart in die Arbeit, daß der Chemiker, der Jurist, der Weinhändler und der Kapitalist die Ökonomie und die Finanzen überwachten, indes der Philolog und der Schriftsteller (letzteres meine Wenigkeit) die künstlerischen Zügel zur Hand nahmen. Echt republikanisch walteten wir unseres Amtes ohne alles Entgelt und trieben die Strenge der Uneigennützigkeit so weit, daß wir nicht einmal unseren Frauen einen Freiplatz gönnten; wir wollten und sollten bloß ehrenhalber Theater dirigieren. Äußere Ehre trugen wir aber demungeachtet blutwenig davon. Wir sind meines Wissens während drei Jahren niemals in einer Zeitung gelobt, desto öfter hingegen getadelt worden und mußten uns also mit der inneren Ehre begnügen. Wahrlich, wir hatten einen harten Stand. Der Hof mied das Theater, ohne Zweifel, weil er in der neuen Leitung vorab einen groben Protest gegen die alte erblickte; die Demokraten murrten wider uns, weil ihnen das Repertoire zu zahm war, weil wir lieber die »Iphigenie« gaben als »Keine Jesuiten mehr«, lieber den »Wallenstein« als den »Ewigen Juden«, lieber den »Don Juan« als »Das Weib aus dem Volke« und überhaupt die Grille hegten, daß die Bühne ein Tempel der Kunst und nicht der Parteipolitik sei. Die Spielpächter mit ihrem mächtigen Anhang wurden uns gram, weil wir Ifflands »Spieler« zu geben wagten, während bis dahin jedes Stück, welches seine Spitze gegen die Spielwut kehrte, vom Wiesbadener Theater verbannt gewesen war' Mancher alte Theaterfreund ward zum Theaterfeinde: denn warum hatte man ihn nicht vor allen in die Kommission gewählt? (Törichte Leute, die sich's sogar reizend vorstellen, das Zepter in dem kleinen Königreiche des Theaters zu führen, namentlich wegen der schönen Schauspielerinnen und Sängerinnen! Keinem Menschen erscheinen diese Schönheiten weniger schön als einem Theaterdirektor.) Die zahllosen ehemaligen Freibillette räsonierten über uns, weil sie in voller staatsbürgerlicher Gleichheit nun ebenfalls zahlen sollten. Das parteilose Kurpublikum endlich blieb im Sommer aus wegen der unruhigen Zeit, und folglich kamen im ruhigen Winter auch die meisten Wiesbadener nicht ins Theater, weil ihnen der Sommer kein Geld gebracht hatte. An gar manchem schönen Theaterabend hätte man im Parterre Purzelbäume schlagen können, und der Kassierer trug die Tageseinnahme in der Westentasche heim. Trotzdem blieben wir immer hochgemut und hoffnungsfreudig. Die mit den Finanzen betraute Hälfte unserer Kommission betrachtete sich als eine Art Rettungsmannschaft, der es auch durch strengen, knappen Haushalt gelang, das Schifflein durch die Klippen des Bankerotts zu steuern. Aber für solch verdrießliche Knickerei darf man keinen Dank erwarten. Uns beiden künstlerischen Führern dagegen, jungen Männern in den sonnenhellsten Jahren, stand der Sinn nach idealem Ziele, nach einer reinen Priesterschaft des Schönen; man schwärmte damals im deutschen Parlament, in den Kabinetten und auf der Gasse für so vielerlei reine Priesterschaft, warum sollten wir im Wiesbadener Theater nicht auch für dergleichen schwärmen? Auf Fausts Mantel flogen wir zum Äther empor, aber das krebsrote Kanapee, der garstige Realismus jeder Bühnenleitung, dieses unbemerkt sich einhakende Gespenst, stieg mit uns in die Höhe, und im schönsten Aufschwung sahen wir's entsetzt zu unseren Füßen baumeln, die Flugmaschine ächzte und stöhnte unter dem unberechneten Ballast, und je mutiger wir ihn zurückschleuderten, um so gefahrvoller schlug er uns wider die Beine. Nun werden meine Leser begreifen, warum ich so manchmal seufzend vor dem großen Kanapee auf und nieder ging; und wenn sich die Kommission, um Rats zu pflegen, auf das rote Ungeheuer setzte, dann war es mir allemal, als reite St. Georg auf seinem eigenen Lindwurm, noch bevor er ihm den Rest gegeben. Zweites Kapitel Zu selbiger Zeit hielt sich ein feiner junger Leipziger in Wiesbaden auf, ein eigentümlicher Mensch, anziehend und abstoßend – je nach Umständen. Als Kurgast war er im Sommer 1848 gekommen, dauerte aber auch durch Herbst und Winter aus. In Nassau hat jedermann seinen Spitznamen, er müßte denn ein so ganz unbedeutender Mensch sein, daß er nicht einmal eines schlechten Witzes wert wäre. Jener Fremde hieß »der Lord«, und so soll er auch in dieser Geschichte heißen. Er galt für reich und unabhängig, niemand wußte recht, was er eigentlich trieb und beabsichtigte, fast alle aber ließen sich seine mancherlei Unarten gefallen, weil er sie so äußerst ungezwungen verübte – Grund genug, ihn Lord zu taufen, auch wenn er sonst in Tracht und Haltung einem vornehmen Engländer weniger ähnlich gesehen hätte, als es wirklich der Fall war. Der Lord nannte, großstädtisch von oben herabblickend, Wiesbaden ein »nettes« Landstädtchen, wo sich im Winter ländliche Stille mit städtischem Komfort höchst anmutig vereine, eine Stadt, ganz gemacht zum winterlichen Mußesitz für einen wahren Philosophen; unter der wahren Philosophie aber verstand er die Philosophie des Reichtums. Er war Nationalökonom, hatte auf mehreren Universitäten gründlich studiert, hielt durchweg auf strenge Schule und behauptete, sein Fach sei das verheißungsvollste der Gegenwart, niemand habe gewissere Aussicht auf eine rasche und glänzende Laufbahn als der Volkswirt; denn er lehre die Kunst reich zu werden, und reich werden wolle jetzt jedermann. Obgleich unser Lord nun aber Zahlen für das allein Gewisse hielt, wohlgeordnete statistische Tabellen für den schönsten Anblick und die Gesetze des Marktes für den bewegenden Herzschlag aller menschlichen Entwicklung, so hatte er doch nebenbei noch eine ganz besondere Vorliebe für das weibliche Geschlecht. In diesem einzigen Stücke war er entschiedener Gefühlspolitiker. Ich wurde bekannt mit ihm, ich weiß selbst nicht wie, und seinen zahllosen übrigen Bekannten ist es vermutlich ebenso ergangen. Dem weltläufigen, geschmeidigen jungen Manne genügte eine Begegnung, ein Wort, um rasch den zwanglosesten Verkehr daran zu knüpfen. Er hatte dann die Gewohnheit, einem unvermutet und zu beliebiger Tageszeit mit seinen Besuchen ins Haus zu fallen, gewöhnlich, wenn man ihn am wenigsten brauchen konnte, ganz wie ein vornehmer Herr. Allein er blieb nicht »kleben«, sondern verschwand wieder, wie er gekommen, ehe man sich's versah, und das ist die Lichtseite von solch vornehmer Art. So pflegte der Lord auch manchmal urplötzlich bei mir im Theaterbüro aufzutauchen, tat ganz, wie wenn er dort zu Hause sei, warf sich in eine Ecke des krebsroten Kanapees, kümmerte sich wenig, ob ich Notiz von ihm nahm oder nicht, tat ein paar neugierige Fragen, sprudelte ein halbes Dutzend meist treffender Einfälle heraus und ging wieder seiner Wege. Eines Morgens, es war im November 1848, dehnte er sich bei einem derartigen Besuche eben auch wieder auf fünf Minuten in der Sofaecke, als ein Fremder aufs Büro kam, eine verwilderte, proletarische Erscheinung, und sich in französischer Sprache als Flötist vorstellte, welcher in unser Orchester eintreten wolle. Wir hatten nämlich durch die Theateragenten das erledigte Pult der zweiten Flöte zur Bewerbung ausschreiben lassen. Ich fragte den Franzosen vor allem, ob er deutsch spreche, und da er dies verneinte, so setzte ich ihm in deutscher Sprache, aber recht langsam, klar und höflich auseinander, daß es ihm dann wohl schwerfallen dürfte, in einem deutschen Theaterorchester fortzukommen. Allein der Unglücksmensch sprach nicht nur kein Deutsch, er verstand auch nicht einmal die langsamst gesprochenen deutschen Worte. Diesen entscheidenden Mangel sollte er von selbst erkennen, darum sprach ich nun erst recht kein Wort französisch, sondern wiederholte noch langsamer, klarer und höflicher in deutschen Hauptsätzen, daß wir ihn als Stockfranzosen nicht brauchen könnten, auch wenn er der beste Flötist von der Welt sei, und begleitete meine Rede mit so lebhaft bedauerndem Achselzucken, verneinendem Kopfschütteln und abweisender Handbewegung, daß mich selbst ein Chinese hätte verstehen können. Der Franzose aber deutete meine Gebärden falsch, er glaubte, ich zweifle an seiner Kunst, und übersprudelte meine langsamen Worte in pfeilgeschwindem Redefluß, der mir seine staunenswerte Kraft im Blasen deutlich machen sollte, und wenn ihm die Flötenläufe nur halb so leicht perlten wie die Phrase des Selbstlobs, dann war er in der Tat ein ausgemachter Virtuose. Zum Überfluß hatten wir auch noch Orchesterbegleitung bei diesem internationalen Duett; nebenan im Bühnenraume war Hauptprobe von Meyerbeers Hugenotten, und wo so ein rechtes Tutti dreinwirbelte, da wuchs auch unsere Zwiesprach zum Fortissimo. Der Lord in seiner Sofaecke folgte mit eiserner Ruhe der seltsamen Unterhaltung, bei welcher Rede und Antwort zusammenpaßten wie die Faust aufs Auge, und nur zuweilen lächelte er behaglich in sich hinein. Endlich wurde es aber auch ihm zu bunt, und er rief: »Schicken Sie doch den Mann hinüber ins Orchester, lassen Sie ihn nur einen Akt mitblasen.« »Um keinen Preis!« »So reden Sie drei Worte französisch: der arme Teufel versteht Sie ja keine Silbe.« »Eben dadurch wird er zur Selbstbescheidung kommen; ich rede, um nicht verstanden zu werden.« Und in der Tat, dem Franzosen ging ein Licht auf; er fragte mich plötzlich im artigsten Ton, ob ich denn gar kein Französisch spreche. Darauf erwiderte ich in grimmigem Französisch: »Wenn wir Deutsche nach Frankreich gehen, so lernen wir vorher die Sprache Ihres Landes; reist also ein Franzose nach Deutschland, so soll er auch vorher die Sprache unseres Landes lernen!« Mit diesen Worten hatte ich jedoch dem Franzosen erst recht die Zunge gelöst. Er rief, die Sprache der Musik sei eine Weltsprache, kein Mensch im ganzen Theater höre es seiner Flöte an, ob sie deutsch oder französisch geblasen werde, – »aber der Kapellmeister«, unterbrach ich ihn, »spricht deutsch, schult sein Orchester deutsch, die Sänger singen deutsch, die Stichworte des Rezitativs stehen deutsch in Ihrer universellen Flötenstimme! –« Da ich aber einerseits reden wollte, um nicht verstanden zu werden, – zum Zwecke der Abschreckung, andererseits jedoch auch wieder verstanden sein wollte, um den Einwand meines Gegners zu widerlegen, so mischte ich halb deutsch, halb französisch durcheinander, und der Zuhörer in der Sofaecke hatte seinen boshaften Spaß, meinem deutschen Worte rasch die französische Übersetzung nachzurufen. Wir standen mitten im schönsten Kreuzfeuer; da war die Orchesterprobe rechts nebenan gerade zu jenem lärmenden Marschchor des ersten Finales gekommen, der sich in allen Kunstreiterbuden besonders eingebürgert hat, weil die Pferde so gut darauf gehen, und zugleich dröhnte links von der Straße ein anderer Marsch herüber (genau einen halben Ton höher); denn die Bürgerwehr, das damalige Volk in Waffen, zog vom Übungsplatze heim. Wir steigerten unsere doppelsprachige Unterredung zum Geschrei, um dieses disharmonierende Doppelkonzert zu übertönen. Es war ein Höllenlärm. In diesem Augenblick erschien eine hübsche junge Dame, – der Franzose verschnaufte gerade so lange, daß sie ihren Namen nennen konnte, – ein fremde Schauspielerin, Fräulein Sylvia Rutland, naives Fach und lyrisch sentimentale Partien. Ich bat sie, einen Augenblick sich zu gedulden und auf dem großen Sofa Platz zu nehmen. Da begann der Flötist schon wieder mit erhobener Stimme: »Hören Sie die Hugenotten? hören Sie Meyerbeer, unseren gemeinsamen Landsmann? Seine Musik ist Weltbürgerin, sie redet alle Zungen, deutsch, französisch, italienisch, oder auch gar keine, wie Sie wollen! Auch ich bin Weltbürger –« »Sprächen Sie so gut deutsch«, fiel ich ein, »wie Meyerbeers Musik, leider Gottes, französisch spricht, dann sollten Sie gleich Probe blasen.« – »Lassen Sie ihn blasen, nur blasen, bester Freund! Ungesäumt hinüber mit ihm in die Opernprobe!« drängte der Lord. »Unterbrechen Sie mich nicht!« – – Doch da unterbrach mich schon wieder der Franzose von der anderen Seite: »Ich bin Weltbürger, und wir sind es allesamt, denn wir alle sind jetzt Kinder der Revolution. Ah! hören Sie da draußen die Kriegsmusik der Revolutionsgarde?« – er sprang ans Fenster und blickte auf unsere harmlose Bürgerwehr, die gar nicht aussah, als wolle sie heute noch Revolution machen. – »Wir alle stehen auf dem Boden der Revolution! Seid ihr nicht auch eine revolutionäre Theaterkommission? Ich verlange von euch zur Konkurrenz gelassen zu werden kraft meines angeborenen Rechtes auf Arbeit« – den Satz sprach er mit so dröhnendem Vollklang, als werfe er nun erst sein Trumpf-As auf meine Karten; – »ich zähle zum Bunde der ouvriers égalitaires. Heute geht es nicht mehr wie in der despotischen alten Zeit, wo man dem Proletarier die Entfaltung der Arbeitskraft willkürlich wehrte!« Nun riß mir denn doch der Geduldfaden. Dem Mann mußte ich den Widersinn seiner sozialistischen Lehre vernichtend dartun, ich mußte ihm recht deutsch zeigen, daß seine Theorie vom Rechte auf Arbeit gar nicht auf unsere zweite Flöte passe, und also sprach ich jetzt durchweg französisch im vollsten Flusse, und ich habe, glaube ich, in meinem Leben nicht so geschwind französisch gesprochen. Meine Worte verstand nun freilich der Franzose, nur faßte er jetzt leider wiederum den Sinn derselben nicht, und je länger wir stritten, je dunkler wurden wir uns gegenseitig. Unser Zuhörer aber rief fort und fort dazwischen: »Lassen Sie den Sozialisten doch um Gottes willen Flöte blasen!« Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als dem Rate zu folgen: meinem Gegner war wirklich der Mund nicht zu stopfen, außer man steckte ihm eine Flöte zwischen die Lippen. Also bat ich das Fräulein vom naiven Fache um Geduld für noch eine kleine Weile und führte den blasenden ouvrier égalitaire ins Orchester. Der Lord ging mit, als ob er auch dazu gehöre. Solche Not hatte man in jener Revolutionszeit bei einem zweiten Flötisten; nun denke man sich, wie es erst zugehen mochte, wo es das Engagement eines Helden oder eines Tyrannen und Bösewichtes galt oder wenn gar eine Primadonna ihr angeborenes »Recht auf Arbeit« behauptete! Ich ersuchte unseren etwas erstaunten Kapellmeister, er möge den fremden Flötisten nur ein wenig die zweite Stimme blasen lassen, das Weitere werde sich schon finden, und stellte mich mit dem Lord in den Hintergrund des Parterres. Was vorauszusehen war, geschah: schon nach zehn Minuten legte der Franzose ganz sacht die Flöte aufs Pult, um ohne Abschied im Halbdunkel des Korridors zu verschwinden. Er ist auch nicht wiedergekommen. Er hatte weder den Kapellmeister verstanden noch die deutschen Stichworte der Rezitative, und, was das merkwürdigste von allem, er hatte nicht einmal ordentlich Flöte blasen können. Mein Begleiter triumphierte, doch nur im stillen; denn er war ein zu feiner Weltmann, als daß er sich äußerlich etwas hätte merken lassen; um so beschämter ging ich an seiner Seite aus dem Theater. In gutem Deutsch und schlechtem Französisch hatte ich so lebhaftes nationales Selbstgefühl bekundet, ich hatte so gute Gründe entwickelt und die sozialistische Lehre vom Rechte der Arbeit so beredt widerlegt: dennoch gelang mir's in einer Stunde mit tausend Worten nicht fertigzubringen, was diesem nüchternen Leipziger ohne ein einziges Wort in acht Minuten gelungen war. Allein ich beschloß, meine Niederlage zu rächen; der nächste Anlaß mußte erlauscht werden, um dem Lord einen Gegendienst zu leisten, der ihm zeige, daß auch ich überlegenen Mutterwitz besitze. Und ich kannte jene schwache Seite, wo nun er wiederum Gefühlspolitiker war. Unter diesen Gedanken beschlich mich aber ein geheimes Geständnis eigener Art. Wir wissen doch niemand gleisnerischer zu belügen und zu betrügen als uns selbst. Ich hatte vorhin so stolz darauf gepocht, wie man den Franzosen klarmachen müsse, daß sie in Deutschland Deutsch zu lernen haben. Und ganz gewiß mit aus diesem Grunde drängte ich anfangs jedes französische Wort von meinen Lippen zurück. Allein der Grund war leider nicht der einzige gewesen. Ich war einmal mit einem Franzosen über den Bodensee gefahren, und gleich bei der Abfahrt reichte mir derselbe die Speisekarte des Dampfbootes, auf welcher ganz unten »Wurst« geschrieben stand, und fragte mich, was Wurst sei. Und ich sann und sann, wie Wurst auf französisch heiße, und zermarterte mein Gedächtnis über die ganze Breite des Bodensees, und als wir in Rorschach ausstiegen, wußte ich immer noch nicht, wie eine Wurst auf französisch heißt. Jeder Handlungsreisende hätte das Wort augenblicklich gewußt, aber wer auf gelehrten Schulen Französisch gelernt hat, dem ist dieses geheimnisvolle Wort gar nie vorgekommen. Man hatte uns zur idealen Literatur, vorab in die Hallen der großen Tragiker geführt, und Corneille und Racine konnte ich halb auswendig; in der klassischen Heldensprache des siebzehnten Jahrhunderts hätte ich mich mit dem Franzosen nicht bloß über die Breite, sondern auch über die ganze Länge des Bodensees unterhalten können, und die Worte wie fatal hymen, beau feu, pudique flamme, crime, supplice, succès déplorable, innocent et coupable wären mir nur so von selber zugeströmt, allein von einer Wurst war in den erhabenen Alexandrinern niemals die Rede gewesen. Seit jenem Erlebnisse fürchtete ich mich ein wenig vor dem leichteren französischen Konversationston, denn derselbe konnte unversehens zu Würsten und ähnlichen Dingen führen. Ehrlich gesagt, war es dann vorhin auch eben diese heilige Scheu, welche mich neben meinem deutschen Selbstgefühle bewogen hatte, dem französischen Flötisten anfangs kein französisches Wort zu gönnen. Dieses Selbstgeständnis machte ich mir aber nur ganz in der Stille: der kluge Leipziger brauchte nichts davon zu wissen. Zugleich wurde mir der volle Gegensatz seiner realistischen und meiner idealistischen Natur bei diesem einen Zuge recht leuchtend klar. Und diesen Mann wollte ich in praktischem Mutterwitz besiegen? Ich sah ihn fragend an, recht als müsse ich ihm meine stille Frage ins Gesicht hineinschauen. Er bemerkte etwas verwundert den großen Blick, der auf seinen Augen ruhte, und forschte nach dem Grunde. Ich trat einen Schritt zurück und fragte: »Wissen Sie, wie ›Wurst‹ auf französisch heißt?« Und richtig, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, antwortete er ganz gelassen: » Saucisse «, – als ob das so gar nichts wäre! Da hatte ich's! Dieser Lord hatte nicht halb so viele französische Dichter, Philosophen und Historiker des großen Stiles gelesen wie ich, und doch wußte er augenblicklich, wie eine Wurst auf französisch heißt, und würde ich ihn weiter gefragt haben, wie denn ein Schwartenmagen heiße, er hätte es ohne Zweifel auch gewußt. Mir sank der Mut, ob ich einem solchen Manne Schach bieten könne! Dennoch beschloß ich's zu wagen. Er trat nun aber auch seinerseits einen Schritt zurück und sah mir mit großem, durchdringendem Auge ins Gesicht. Erriet er wohl meine Gedanken? Doch nein, es war etwas anderes. »Hüten Sie sich vor dieser Sylvia Rutland!« sprach er, »sie ist eine ganz mittelmäßige Schauspielerin.« Mit dem Warnungsrufe verschwand er zwischen den Säulen der Vorhalle. Was der Lord nicht alles wußte! Ich hatte bis zum heutigen Tag in meinem Leben noch von keiner Sylvia Rutland gehört; aber ihm war alles bekannt, saucisse und Sylvia Rutland und was man sonst nur zu wissen begehrte. Ihm zum Trotz beschloß ich jedoch, Sylvia Rutland vorderhand für nicht mittelmäßig zu halten, und ging mit diesem wohlwollenden Vorsatze zu der verlassenen Dame ins Direktionszimmer zurück. Drittes Kapitel »Die Rutland«, wie man im Theaterstile spricht, harrte geduldig in Hut und Mantel auf dem krebsroten Sofa, das nette Hütchen war nur so weit zurückgeschoben, daß man eine seltene Fülle blonder Locken halb sah, halb ahnte – echte Locken ohne Zweifel, reines eigenes Haar. Die Wünsche der fremden Künstlerin errieten sich leicht: sie wollte bei uns spielen, wenn's glückte, auf Engagement. Man fragt da natürlich vorab nach der bisherigen Stellung, nach den bereits »stehenden« Rollen und, will man artig zum Selbstlobe das Wort geben, nach errungenen Erfolgen, an welchen es ja, wenigstens in der Einbildung der Künstler, niemals fehlt. Merkwürdigerweise besaß Sylvia Rutland solche Erfolge nicht einmal in der Einbildung. Sie war nur erst auf kleinen Bühnen aufgetreten und gastierte augenblicklich in Mainz; »aber ach«, fügte sie hinzu, »ich habe leider das Unglück, dort nur wenigen zu gefallen, und, ehrlich gesagt, ich wurde in meinem Leben noch niemals durch allzu lauten Beifall betäubt.« Sie sprach das höchst anmutig, halb lächelnd – prächtige blendend weiße Zähne! – halb errötend. Diese Art, sich zum Gastspiele zu empfehlen, war mir noch nicht vorgekommen. Sonst zählen einem die Damen wohl dar, wie viele Lorbeerkränze ihnen »geworfen« worden sind, auch war mir schon öfters ein Album von Lobrezensionen überreicht worden, aus den Zeitungen geschnitten und sehr geschmackvoll zusammengeklebt; – allein daß eine Schauspielerin, und vollends von kleinen Bühnen, mit dem Geständnisse ihres Mißerfolges mich begrüßte, das war mir neu. Ja, sie sprach dabei nicht einmal von jener unvermeidlichen bösen Nebenbuhlerin, die das Publikum aufwiegelt, kabaliert, intrigiert und schuld an all dem Unheile ist, welches man nun doch nicht ableugnen kann. Allein konnte diese Naivität nicht gerade die feinste Komödie sein? Fräulein Rutland hat sich über meine Person unterrichtet, dachte ich; sie weiß, wer vor ihr steht: einem gewöhnlichen Theatermanne würde sie vom Gerufenwerden, von Beifallsstürmen, allerhöchst befohlenen Audienzen, brechend vollen Häusern und ähnlichen schönen Dingen erzählt haben; bei mir kokettierte sie mit bescheidenem, offenherzigem Wesen. Doch wenn dem so war, um so besser: zeigte sie dadurch nicht, daß sie eine »denkende Künstlerin« sei und daß sie vorab ihr Fach, das naive Fach, zu spielen verstehe? Ihren harmlosen Ton aufgreifend, fragte ich ohne Umschweife: »Warum gefallen Sie denn nicht?« Ich erwartete wiederum eine originelle Antwort, allein ich täuschte mich: die Ärmste bekam überall zu unbedeutende Rollen! – Jawohl! so spricht jeder mittelmäßige Mensch auf dem Theater und im Leben; wer aus eigener Schwäche nicht in die Höhe kommen kann, dem hat allemal der Direktor die rechte Rolle vorenthalten. Aber sie fiel mir in den Gedanken, bevor ich noch das passende Wort dafür fand. »Mißverstehen Sie mich nicht! Ich begehre keine große Rolle, begeistert spiele ich auch die kleinste; aber die nichts sagenden, marklosen, geistlosen Rollen ruinieren mich. Und darum sind auch die Theaterdirektoren gar nicht schuld an meinem Unheil« – sie machte eine verbindliche Verbeugung gegen mich: reizender Rhythmus der Armbewegung! –, »sondern die schwachen Dichter. Ich bin fort und fort verdammt, jene Liebhaberinnen zu spielen, die von den Poeten nur darum erfunden werden, weil man in jedem Bühnenstücke, den Joseph in Ägypten ausgenommen, eine Liebschaft braucht, jene zierlichen Puppen, blöden Backfische, wohlerzogenen Töchter, die im ersten Akte auftreten, damit man sie im letzten verheiraten könne, deren ganzer Charakter in einem hübschen Gesicht und modernster Garderobe besteht. Gestalten, welche ich auf der Straße nicht von weitem ansehen mag, und in die soll ich mich versenken, hineinstudieren, die soll ich darstellen! Bei Kotzebue, Töpfer, Blum, Scribe, bei allen Talenten und Halbtalenten der Poesie wimmelt es von diesen nichtigen Figuren; bei den genialen Meistern, bei Shakespeare, Schiller, Goethe finden Sie keine einzige. Ein großer Dichter mag kleine Frauenrollen zeichnen, aber ganz gewiß keine unbedeutende, undankbare, welche die Künstlerin lähmt und entgeistet.« Ich sann einen Augenblick, ob sie da wohl recht habe. Das feurige Spiel ihrer großen blauen Augen, womit sie jeden Satz begleitete, war in der Tat überzeugend, und mit dem übrigen durfte man's wohl minder genau nehmen, denn als Professorin der Ästhetik wollte Fräulein Rutland ja nicht gastieren. Aber sie war jetzt im Flusse, sie fuhr schon wieder fort: »Wie beneidete ich unlängst eine Schauspielerin, welcher die kleinste Rolle in Lessings Minna von Barnhelm zufiel! ›Eine Dame in Trauer.‹ Sie hat nur zwei kleine Szenen; Lessing hielt es nicht einmal der Mühe wert, einen Namen für diese Dame zu erfinden, allein welche Szenen, und wie wollte ich sie spielen!« »Die Rolle schlägt ins alte Fach«, entgegnete ich, »Sie sind ein Mädchen von neunzehn Jahren.« »Vierundzwanzig!« verbesserte sie, – (ich staunte; eine solche Korrektur war mir wiederum ganz neu) – »und wollte mich Lessing zu Ehren leicht noch um fünfzehn Jahre älter machen.« »Sehen Sie sich vor! Minna von Barnhelm steht für nächste Woche auf dem Repertoire. Dürfte ich Sie beim Wort nehmen?« »Das dürfen Sie!« sprach das Mädchen rasch und entschlossen und reichte mir die Hand – es war ein äußerst feines, wohlgeformtes Händchen – und drückte die meinige recht herzhaft. Aber bei diesem Händedruck überlief mich's auf einmal heiß. Ich war bis dahin nur so als psychologischer Beobachter mitgegangen, jetzt fiel mir's plötzlich ein, daß ich Mitglied der Theaterkommission sei. »Dürfte ich Sie darum bitten«, wiederholte ich mit schärfster Betonung des Konjunktivs, »für den sehr zweifelhaften Fall nämlich, daß sich das Plenum der Kommission überhaupt veranlaßt sähe, Ihnen ein Auftreten auf unserer Bühne zu gestatten.« Bei diesen Worten war es, als ob eine kühle Zugluft durch das Zimmer streiche, und mit dem langsam niedergleitenden Ton meines Schlußsatzes glitt auch ihre schöne Hand ganz langsam aus der meinigen. Sie sah mich recht verblüfft an und recht betrübt; sie dauerte mich. Also suchte ich rasch und höflich den Faden des Gesprächs wieder aufzugreifen und fragte, wie sie denn eigentlich zu jenen verhaßten nichtigen Rollen gekommen und warum sie darin steckengeblieben sei. Ihre Antwort war ein Stück Lebensgeschichte; sie erzählte dieselbe geschmackvoll, denn sie erzählte schlicht und kurz; ich hätte gerne noch mehr gehört. Sylvia war ein echtes Theaterkind, sie war im Theater zu *** geboren, wo ihr Vater das Doppelamt des Türhüters und Kalikanten verwaltete. Mit fünf Jahren schon spielte sie Kinderrollen und wuchs dann allmählich in das Fach der Pagen und der bösen Buben hinein, welches man auf der Bühne den Mädchen überlassen muß, weil die wirklichen Buben zu hölzern sind; mit fünfzehn Jahren wurde sie versuchsweise jugendlichste Liebhaberin, übernahm aber auch nebenbei noch Genien, Engel und die große Meerkatze in Goethes Faust, welche der Hexe zum Pulte dient und die Fackel hält. So war die Bühne im Doppelsinne Sylviens Heimathaus gewesen und sie selber aus den Kinderschuhen heraus zum »brauchbaren Mitgliede« groß gewachsen. Brauchbares Mitglied ein fürchterliches Wort! Rollen, welche jedmögliche Spielgewandtheit heischen, aber keinen Geist, keine schaffende Kraft, mißliche Rollen, in welchen man beliebte Künstler nicht abnützen will, Rollen, welche man braucht, ohne daß ein Mensch dem Darsteller seine Mühe dankte, – das sind die eigensten Aufgaben der brauchbaren Mitglieder. Wehe dem Schauspieler, der einmal in diesen Kreis der Brauchbarkeit gebannt ist! Man braucht ihn, bis er sich völlig verbraucht hat, aber aufrücken zu wahren Kunstaufgaben läßt man ihn unendlich selten. Wagt er's je aus verzweifelter Selbsthilfe, so zeiht ihn das Publikum der Anmaßung. Niemand glaubt an ein brauchbares Mitglied, niemand erwärmt sich für dasselbe. Sie büßen die Sünden der schwachen Dichter, wie Sylvia so treffend bemerkt hatte. Und war es nicht das Zeichen einer feiner angelegten Natur, daß die Tochter des Theaterdieners, die es doch vergleichsweise recht weit gebracht in demselben Hause, wo ihr Vater die Tür hütete, die es zu schöner Gage gebracht, zu schönen Kleidern, langen Rollen, sich dennoch unglücklich fühlte, weil sie die dichterische Hohlheit ihrer Aufgaben tief empfand? Wer sich einmal in dem bösen Zauberbanne der brauchbaren Mitglieder verfangen hat, dem hilft nur Luftwechsel, Ortsveränderung. Er muß an einer fremden Bühne mit ganz neuen Versuchen beginnen. Das beabsichtigte Sylvia mit ihrem Mainzer Gastspiel, aber sie erreichte es nicht. Wie ein Steckbrief laufen dem Schauspieler die Berichte der Theateragenten voraus, in welchen das genaue Signalement geschrieben steht, wie die fragliche Person aussieht, wie alt und groß sie ist, wie schön, wie gewandt, und dann weiter, was sie alles bisher getrieben hat; da findet sich dann auch jenes verräterische Rollenverzeichnis, woran man sofort das brauchbare Mitglied erkennt. Und die Direktionen halten es ihrerseits wieder für bare Anmaßung, wenn das Mitglied, welches anderswo brauchbar war, bei ihnen nun einmal nicht bloß brauchbar, sondern auch künstlerisch wirken möchte. Sie drücken es zurück in seine alte Sphäre. So hatte denn auch Sylvia Rutland in Mainz alsbald wieder jene hübschen Puppen, jene vielredenden und nichtssagenden Liebhaberinnen spielen müssen, vor welchen es ihr grauste, und sie hatte mittelmäßig gespielt und wenig gefallen. Dies alles erzählte mir das Mädchen gar anmutig, mit Geist und Laune. Sie konnte sich selbst ganz vortrefflich spielen, und sprach sie auf der Bühne nur halb so fesselnd wie im Direktionszimmer, so war ihr Glück gemacht. Ich erkundigte mich nach den Stücken, in welchen sie bei ihrem Mainzer Gastspiele noch aufzutreten habe, – es waren ein paar platte Lustspiele, deren »Liebhaberinnen« in der Tat keinen Anlaß boten zur Entfaltung eigentümlicher Gaben. Aber Fräulein Rutland hatte in der nächsten Woche zum Beschlusse ihres Gastzyklus noch einen Benefizabend; da durfte sie sich Stück und Rolle frei wählen. Ich forderte sie auf, bei diesem günstigen Anlaß ihr Bestes frisch und mutig einzusetzen. »Wählen Sie selber für mich!« rief sie und erhob sich begeistert von ihrem Sitze, wie von einer Eingebung erleuchtet. Die Schmeichlerin! Wie fein wußte sie meine Eitelkeit bei der schwächsten Seite zu packen. So dachte ich, ging aber doch gerührt auf ihren Wunsch näher ein und bat um Angabe der möglichen Rollen. Es war wenig Erbauliches darunter; ganz zum Schlüsse nannte sie verschämt und halblaut das Klärchen im Egmont, in dem Tone, wie man etwas sagt, um es eigentlich nicht gesagt zu haben. »Sie wollen den Bann der brauchbaren Mitglieder durchbrechen«, sagte ich rasch einfallend, »greifen Sie zum Egmont! Aber bedenken Sie, daß Goethe ein Klassiker ist, und Klassiker werden vor leeren Bänken gespielt. Sie erkaufen eine große Rolle mit einem kleinen Benefiz!« Sylvia Rutland aber entgegnete: »Sie haben gewählt, und ich ergreife Ihren Ausspruch als ein glückverheißendes Zeichen!« Nun waren wir zum zweitenmal auf dem Punkte angelangt, wo ich ungesäumt das Mitglied der Theaterkommission mußte in den Vordergrund treten lassen. Also brach ich das Gespräch recht artig ab und versprach, ihre Wünsche meinen Kollegen vorzutragen und ihr brieflich Antwort zu senden. Sie war so klug, ihrerseits gleichfalls augenblicklich auf den reinen Geschäftston einzugehen und sich mit der formellsten Höflichkeit zu verabschieden, doch nicht ohne einen Blick, in welchem ich den Triumph errungenen Erfolges zu lesen glaubte. Wahrlich der Lord hatte recht, als er vorhin den Finger warnend aufhob: ich mußte mich hüten vor dieser Sylvia, hüten nicht vor ihrer anmutigen Person – denn damit der Leser nicht von vornherein auf ganz falsche Fährte gerät, sei hier bemerkt, daß ich als junger Ehemann in den ersten voll befriedenden Jahren der eigenen Häuslichkeit lebte und meine Brust gepanzert fühlte gegenüber dem schönsten Theaterkinde, – aber hüten als Mitglied eines dirigierenden Bühnenkomitees. Unrecht hingegen hatte der Lord, wenn er die Rutland eine mittelmäßige Schauspielerin nannte. Sie hatte ja ganz wundervolle Komödie mit mir gespielt und aus ihrer eigenen Person die reizendste Rolle des naiven Faches geschaffen. Darum durchzuckte mich denn aber auch sofort der Gedanke, gerade bei dieser Rutland dem Lord zu zeigen, daß ich ihm wiederum in einer ganz besonderen Art von Mutterwitz überlegen sei; verstand er sich besser auf französische Flötisten und französische Würste, so sollte er nun erfahren, daß ich mich besser auf deutsche Schauspielerinnen vom naiven Fach verstehe. Ob aber Sylvia wohl meinem Rate folgen und das Klärchen vor leerem Hause zum Benefiz wählen werde? Ich zweifelte stark daran. Ihre Wahlfrage war nur ein guter Einfall in der Lustspielszene gewesen, welche sie mit mir aufgeführt. Und im allgemeinen muß man im Theater jeder Portion Vertrauen immer die gleiche Portion Mißtrauen zusetzen, und hat man beides, wie gewisse Mixturen aus der Apotheke, gut durcheinandergerüttelt, dann nehme man einen Eßlöffel voll. Viertes Kapitel Mein Vorschlag, Fräulein Rutland drei Rollen versuchsweise auf unserer Bühne darstellen zu lassen, fand bei der Kommission wenig Anklang. Die Probe, welche mir die Dame unter vier Augen gespielt, erschien doch nicht ganz maßgebend; weitere Nachrichten vom benachbarten Theater bestätigten, daß ihre Leistungen ungleich seien und von geteiltem Erfolge begleitet. Die stehende Wiesbadener Hofbühne galt für vornehmer als die Mainzer Provinzialbühne, welche damals unter wechselnden Unternehmern bloß im Winter spielte, und der Wiesbadener Geschmack beanspruchte den Ruhm einer feineren kritischen Zunge: sollte nun eine Künstlerin, welche den Mainzern nicht einmal ganz genügte, für die Wiesbadener gerade gut genug sein? So blieb die Sache liegen und kam mir fast ganz aus dem Sinne. Nach einiger Zelt überraschte es mich, einen Mainzer Theaterzettel zu Hause vorzufinden: er kündigte Egmont an, zum Benefiz für Fräulein Sylvia Rutland auf den nächstfolgenden Tag. Wir standen mit Mainz nicht auf dem Fuße des Zetteltausches, überhaupt auf gar keinem Fuße, und jener Zettel war durch einen gewissen Herrn Scholl überbracht worden, welcher, in seiner Heimat politisch stark kompromittiert, seit etlichen Monaten sich in Wiesbaden aufhielt, wo er als Privatlehrer ein äußerst kümmerliches Leben fristete und zugleich auf allen Volksversammlungen der Umgegend als ein rechter Sturmprediger sich hervortat. Daß Sylvia wirklich den Egmont gewählt hatte, war merkwürdig, aber daß Scholl die Schwelle meines Hauses überschritt, um mir einen Theaterzettel samt seiner Visitenkarte zu überbringen, war noch viel merkwürdiger. Denn Scholl gehörte zum demokratischen Verein und ich zum Vereine »für Freiheit, Gesetz und Ordnung«, und Hunde und Katzen pflegen sich doch sonst nicht mit Visitenkarte zu besuchen. Wenige Tage vorher hatte meine Mutter, die, allen politischen Händeln fremd, als die stillste Witwe in einem zwölf Stunden entfernten Städtchen wohnte, ihre Kabisköpfe nicht können zu Sauerkraut einschneiden lassen, weil die beiden demokratischen Krautschneider des Ortes sich weigerten, das Kraut einer Frau zu schneiden, die einen so reaktionären Sohn geboren hatte, – und nun brachte mir dieser Hauptdemokrat gar einen Theaterzettel ins Haus! Dahinter schlummerte ein Geheimnis. An demselben Tage, da Fräulein Rutland mir durch den Theaterzettel gedruckt bewies, daß sie wenigstens mit nicht gewöhnlichen Mitteln mit mir spiele und also vielleicht auch ihre anderen Rollen ungewöhnlich zu fassen verstehe, – an demselben Tage meldeten sich zwei unserer Schauspielerinnen krank. Das ganze Wochenrepertoire geriet ins Schwanken, vorab mußte Minna von Barnhelm, welche für nächsten Freitag bereits »stand«, nun ohne Zweifel fallen, wenn wir nicht in aller Geschwindigkeit eine »Dame in Trauer« entdeckten. Ich erzählte den Vorschlag, welchen ich neulich Fräulein Rutland in betreff dieser »Dame« gemacht, und wie das kühne Mädchen frischweg eingeschlagen habe, und jetzt wurden auch meine kälteren Kollegen gespannt auf diese originelle Sylvia. Nur unser Regisseur schüttelte den Kopf: er war dramaturgischer Legitimist, und solch revolutionäres Umstürzen aller überlieferten Fachschranken schien ihm höchst gefährlich. Allein man spielte damals Komödie in der Revolution, warum durften wir nicht auch Revolution in der Komödie spielen? Er ward überstimmt. Die Rutland sollte gastieren, vorausgesetzt daß sie in Mainz das Klärchen mindestens ebenso originell gebe, wie sie das naive Theaterkind auf dem Wiesbadener Direktionsbüro gegeben hatte. Also wählten wir aus unserer Kommission einen engeren Ausschuß von drei Mitgliedern, in welchem ich als verantwortlicher Anstifter natürlich nicht fehlte. Wir sollten übermorgen (Donnerstag) nach Mainz gehen, die Leistung des Klärchen prüfen und dasselbe günstigenfalls gleich mitbringen, da wir's für den Freitag ja höchst notwendig als Dame in Trauer brauchten. Ein kecker Handstreich; allein es war nun einmal das Jahr der kecken Handstreiche. Kaum hatten wir diesen Beschluß gefaßt, so machte ich dem Lord meinen Besuch und brachte unvermerkt die Rede auf Fräulein Rutland. Ich ließ durchblicken, daß wir ganz besondere Pläne mit dieser Künstlerin hätten, und bemerkte nebenhin, daß sie keine mittelmäßige Schauspielerin sei, sondern vielmehr eine ungewöhnliche, ob aber ein Komet am Bühnenhimmel oder nur eine Sternschnuppe, der rasch verlöschende Splitter eines Kometen, das werde sich wohl übermorgen bei dem Wagestück der Goetheschen Rolle zeigen. Ich hielt ein. Der Lord schwieg gleichfalls eine Weile, dann sagte er höchst gleichgültig und gelangweilt: »Sternschnuppen als Kometensplitter, das ist eine verschollene Hypothese Chladnis, die jeder tieferen Begründung entbehrt.« – Der Mann wußte alles. »Die Rutland«, fuhr ich fort, »ist ein psychologisches Phänomen, vielleicht auch ein künstlerisches. Und es reizt Sie nicht, mit uns über dieses Vielleicht ins klare zu kommen?« »Hier liegen meine Reiche!« rief der Lord, und seine langen Arme wurden noch länger, indem er sie über den Tisch breitete, der mit einem Haufen von Büchern und Flugschriften bedeckt war. »Ich schreibe, wie Sie wissen, an einem Buche über den Kredit und stehe bei dem schwierigen Kapitel von den Schuldgesetzen. Hier der Sachsenspiegel, dort das kanonische Recht, da drüben die klassischen Autoren, Plutarch, Demosthenes, Xenophon und Niebuhr und Savigny dazu: was soll mir Sylvia Rutland unter ihnen? Freund, die Wissenschaft ist so endlos groß, man muß sich sammeln, beschränken, und ich rate Ihnen, das gleiche zu tun! Sonst genügte es, einen Stoff wie diese Schuldgesetze historisch bis zu den Griechen und Römern zu verfolgen, dann drang man auch ins Mittelalter; heute aber müssen wir noch den Orient dazu erobern, die Wiege der Menschheit. Kennen Sie die Schuldgesetze der Chinesen, der Inder und Perser? Ich jage ihnen nach, erhasche aber sehr wenig, und über die Malayen habe ich noch gar nichts gefunden. Schaffen Sie mir einen malayischen Code de commerce, sein Anblick würde mich gegenwärtig zauberhafter fesseln als die schönste Schauspielerin in ihrer schönsten Rolle.« »Sie haben recht«, entgegnete ich, »bleiben Sie zu Hause! Wir müssen uns sammeln, ein jeder nach seiner Art. Die Theorie des Kredits studiert man nicht bei den Schauspielerinnen, und die Lex Poetelia liegt Ihnen näher als alle Poeten. Anders steht es mit mir. Ich studiere die Psychologie des Volkes und des Individuums, darum gehe ich in den Landtag, ins Schwurgericht, auf den Markt, ins Theater, und so ein neckisches Theaterkind wie diese Sylvia kann mir für meine Quellenforschungen wichtiger sein als das ganze kanonische Recht. Meine konzentrierten Studien unterscheiden sich von den Ihrigen im Grunde nur durch das anziehendere Material.« Unser Lord war doch das Muster eines zukunftreichen jungen Mannes. Er hatte auf den Schulen immer den ersten Platz und die ersten Noten gewonnen und summa cum laude promoviert, er war der zunftgerecht gediegene Arbeiter, wie er sein soll, er mußte gewiß dereinst noch ein großer Gelehrter werden. Übrigens war ich jetzt fest überzeugt, daß er ein besonderes Interesse an Sylvia Rutland nahm und im Egmont gewiß nicht fehlen werde, ja ich schöpfte den gegründeten Verdacht, der Lord habe auch in den letztvergangenen Wochen schon das Mainzer Gastspiel der Rutland mit noch größerem Eifer verfolgt als die Schuldgesetze des Orients. Denn so kalt und ablehnend sprach er nicht umsonst von einer schönen Schauspielerin. Am Donnerstag fuhren wir, der »engere Ausschuß«, verstärkt durch den Regisseur als sachkundigen Beirat, nach Mainz zum Egmont. Dem ältesten meiner beiden Kollegen war es recht schwer geworden, an der Expedition teilzunehmen, denn der würdige Mann hatte am Vormittage sein fünftes Kind taufen lassen; doch ein jeder von uns faßte sein theatralisches Ehrenamt als ernste Pflicht selbst am Kindtaufstage. Wir erreichten die Nachbarstadt noch zeitig genug, um uns zum kritischen Werke durch einen Trunk stärken zu können, nicht aristokratischen Weines, sondern demokratischen Bieres, wie es dem Geiste der Zeit entsprach. Zum besten Biere aber führte einen damals in Mainz wiederum ein Fingerzeig öffentlicher und volkstümlicher Kritik. Eine Anzahl Kenner hatte sich nämlich zu einer Art Bierkommission konstituiert, die parteilos und rein ehrenhalber prüfte, wo das beste Bier geschenkt wurde, und dann allwöchentlich das Ergebnis ihrer Forschung in Plakaten an den Straßenecken kundgab. Auf einem großen weißen Blatte stand mit mächtigen Typen bloß die Hausnummer des betreffenden Wirtes, eine Hieroglyphe für den Fremden, aber ein höchst wohltätiger Wegweiser für das durstige einheimische Volk. Wir folgten diesem Wahrspruch schon darum, weil uns eine gewisse Verwandtschaft jener Bierkommission mit unserer Theaterkommission anheimelte. Vergebens spähte ich nach einem der Femrichter des Bieres in der dämmerigen, überfüllten Kneipe, fand aber statt dessen alsbald das wohlbekannte Gesicht unseres Lords, welcher zu spät den Kopf zur Seite wandte. Als er sich entdeckt sah, kam er dann höchst ungezwungen herbei und begrüßte mich mit dem Zuruf, ich hätte es auf dem Gewissen, daß er nun doch sich aufgemacht habe, um das »psychologische Phänomen« als Klärchen zu sehen, und scherzte über sich selbst und seine Launen. Also hatte ich ihn richtig durchschaut. Wir gingen zusammen ins Theater, der Lord nahm seinen Platz neben uns: Auswahl von Plätzen war noch genug vorhanden, das Haus klassisch leer. Man beklagte im Publikum die arme Benefiziantin, allein warum habe sie auch so unklug und anmaßlich gewählt? Das Stück machte einen Eindruck, den wohl nur wenige erwartet hatten: Egmont im Jahre 1848 und Egmont in der vormärzlichen Zeit waren zwei ganz verschiedene Dramen. Die Volksszenen wirkten hinreißend lebensfrisch; es war, als habe der Dichter jeden Zug unserer eigenen Gegenwart abgelauscht, aber auch die Schauspieler gaben ihren Bansen, Jetter, Soest wunderbar getreu nach der Natur: liefen ihnen doch die Originale auf der Gasse und im Wirtshause täglich über den Weg. Die idealen männlichen Charaktere, Egmont und Oranien, wurden freilich schwach gespielt und obendrein gedrückt und verdunkelt von den naturalistischen Männern aus dem Volke. Dafür hob sich Klärchen um so lichter und reiner ab. Zwar konnten mich die Szenen des ersten Aktes mit der Mutter und Brackenburg nicht ganz befriedigen. Der »tolle Springinsfeld«, wie die Mutter ihr Klärchen bezeichnet, trat etwas zu lebhaft hervor; die zarteren Töne versagten hier und da. Das Publikum war aber doch erwärmt, überrascht, es hatte sichtbar weit Schwächeres erwartet und brach in jenen echten Beifall aus, der mit einem Schlag alle Hände bewegt. Man fühlte dieser Schauspielerin an, sie ist eine Natur, eine Kraft; sie kommt plötzlich in ihr rechtes Element, sie regt die Schwingen, wobei sie freilich mitunter noch etwas zu heftig flügelt und flattert. So genügten denn diese ersten Szenen schon, uns für ein Gastspiel zu entscheiden. Ich ging mit unserem Regisseur, vor dessen bekannter Gestalt sich jede Pforte öffnete, zum Bühnenraum. Sylvia war bald gefunden, freudestrahlend über den guten Erfolg; sie schien uns fast erwartet zu haben. Wir gratulierten, und da Klärchen im zweiten Akte nicht auftritt, so setzten wir uns selbdrei etwas seitwärts unter die Donnermaschine, wo wir gemütlich unsere Verhandlungen begannen, indes die Volksmänner, dann Egmont und Oranien nebenan weiterspielten. Wir boten sechs Gastrollen mit höchst mäßigem Honorar – die Theaterhonorare hatten damals Revolutionskurse und standen noch tiefer als die österreichischen Metalliques. Sylvia war mit allem zufrieden, nur begehrte sie die sechste Rolle als halbes Benefiz. Das durften wir nicht zugestehen, es ging gegen Brauch und Grundsatz, unsere Abonnenten mit solchen Benefizen, dem Krebsschaden der kleinen Bühnen, zu verstimmen. Eher wollten wir uns zu etwas besserem Honorar erheben; allein Sylvia beharrte auf ihrer Forderung. Wir redeten lange herüber und hinüber, der kurze zweite Akt war zu Ende, der Zwischenakt abgelaufen, der Inspizient winkte, Sylvia flog von der Donnermaschine auf die Szene, der Vorhang ging in die Höhe, und diese selbe Sylvia, welche eben noch, die Worte »halbes Benefiz«, »Abonnenten«, »geringe Gage« zwischen den Lippen hatte, sang: »Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein« mit einer Innigkeit und kindlichen Wahrheit der Empfindung, daß es uns recht durchs Herz zitterte! Solch ein Übergang war nur der geborenen Schauspielerin möglich, dem Theaterkinde, welches auf der Bühne groß gewachsen war. Im dritten Akte steigender Beifall. Unübertrefflich schön spricht sie die Worte: »So laß mich sterben! Die Welt hat keine Freuden auf diese!« Sie hatte sich das halbe Benefiz mit diesem Ausruf gewonnen. Unter dem unmittelbaren Eindrucke desselben gingen wir Kunstrichter hinaus auf den Theaterplatz, um uns freier austauschen, beraten und beschließen zu können. Der Lord ging natürlich auch mit. Es war ein erhebender Augenblick, als wir so seelenvergnügt über den köstlichen Fund im Mondschein unter dem Gutenbergdenkmal standen; der alte Johannes Gensfleisch schien unserem Rate zu präsidieren, und unter seinem Vorsitz beschlossen wir, auf die Forderung der Rutland einzugehen, sofort mit ihr abzuschließen und sie womöglich noch heute abend nach Wiesbaden mitzunehmen; denn wir fürchteten, der Mainzer Direktor möge nach dem ganz unerwarteten Erfolg am Ende noch mit neuen Anträgen in die Quere kommen. Wir waren sämtlich sehr aufgeregt, aber der Lord schwärmte doch am tollsten. Ich kehrte mit unserem Regisseur hinter die Kulissen zurück. Doch war es uns nicht möglich, die Schauspielerin vor dem Beginn des fünften Aktes wieder zu sprechen. Mit der drängenden Dramatik des Stückes wurde nun auch die Dramatik unserer Szenen hinter der Szene immer drängender. Erschütternd wirkte Sylvia, als sie die Bürger vergebens zur Befreiung Egmonts aufrief: hier gipfelte ihre Kunst. Es war nicht das gewaltige Pathos einer großen Tragödin, es war ein verzehrendes Feuer, welches in einem kindlich innigen Gemüt nur einmal, nur unter ganz ungeheuren Kämpfen entfacht wird, dann aber auch um so wilder lodert und das zarteste Weib zum Manne macht. Sylvia spielte die Szene, als ob sie nur gerade diesmal so mächtig spielen könne, als ob sie solch eine Lage selber schon erlebt habe. Nicht vorhin, wo ihr Brackenburg das Garn hielt und wo andere Klärchen naiv sind, sondern erst jetzt war sie wirklich die Schauspielerin vom naiven Fach, und gerade dies wirkte so tief in dem stürmischen Pathos. Ein endloser Jubel der Zuschauer schallte zu uns herüber. »Komm, Brackenburg, nach Hause! Weißt du, wo meine Heimat ist?« – als Sylvia mit diesen Worten in die Kulisse trat, wollte ihr mein Begleiter, unser Regisseur, gleich entgegeneilen, um den Vertrag richtigzumachen. Ich hielt ihn am Arme zurück: »Nicht jetzt! Mann! wie können Sie unter der Wucht solchen Eindruckes gleich wieder vom halben Benefiz sprechen! Dieses Klärchen wird Sie vernichten!« »Sie vernichtet uns nicht«, entgegnete er lächelnd. »Wir haben Eile! Nur noch Egmonts Monolog, dann jagen sich die Schlußszenen, die Rutland muß sich noch einmal umkleiden, jetzt kann sie mit uns reden.« »Aber ich kann es jetzt nicht!« rief ich wütend und hielt ihn fest zurück. Er sah mich kopfschüttelnd an, als wolle er sagen: da sieht man doch den Neuling im Bühnenleben! So verstrich die kostbare Zeit, und wir mußten warten, bis sich Klärchen vergiftet hatte. Nachdem sie das Gift genommen, kamen wir dann auch sofort mit unserem Vertrag und allen Zugeständnissen. Sie schlug gar fröhlich ein. Die Töne der Beethovenschen Musik sangen ihr eben die Todesklage. Allein wir waren noch nicht fertig: sie sollte uns noch zwei Punkte zugestehen. Und doch hätte sie unverweilt in die Garderobe gemußt, sich umzukleiden, um nachher als Genius der Freiheit »in himmlischem Gewand«, wie Goethe vorschreibt, auf der Wolke zu erscheinen. Drängend faßte ich Sylvia bei der Hand, und wenn Egmont ohne die Vision der Freiheit diesmal hätte sterben müssen, ich würde sie nicht losgelassen haben, bevor sie uns versprochen, was wir wünschten. Sie sollte gleich morgen die »Dame in Trauer« spielen. Zögernd, widerstrebend willigte sie ein. Aber um zehn Uhr ist die Probe, die Rolle muß noch gelernt werden, Sylvia muß heute noch mit uns nach Wiesbaden fahren. Sie weigert sich. Wir bitten, beschwören, der Inspizient drängt das Klärchen, welches noch immer nicht den Mantel der Freiheit übergeworfen, zur Garderobe, wir jagen uns von drei Seiten wechselweise in steigendes Fieber; schon ruft Egmont draußen: »Schöne freundliche Gewohnheit des Daseins, von dir soll ich scheiden!« Sylvia reißt sich los, – aber sie sagt zu, an der Tür der Garderobe. Wir haben gewonnen! Wir eilten auf den Korridor und ließen unsere Freunde aus dem Parkett rufen, unser Wagen hielt bereits vor dem Theater. Der Lord war ganz verwandelt. Sylvia Rutland war ihm mittelmäßig gewesen, solange sie mittelmäßigen Beifall gehabt, jetzt war sie die größte Künstlerin. Er ging überall mit der Mehrheit und bedachte nicht, daß das Publikum fast ebensooft durchfällt wie die Schauspieler. Umgekehrt regte sich bei mir auf der Höhe der Begeisterung bereits der Gegenzug der zweifelnden Kritik. Gibt es nicht Irrlichter der sprunghaften Genialität in der Kunst, welche sich plötzlich zu einer ungeahnt hohen Leistung aufschwingen, aber nur einmal – und nicht wieder? Der Kontrast von gestern auf heute war mir zu grell bei diesem wunderlichen Mädchen; ich fürchtete den Rückschlag. Unser Regisseur aber rief: »Wer die Rutland bloß aus dem Zuschauerraume sah, der hat nichts gesehen! Ihr Doppelspiel hinter den Kulissen und vor den Kulissen, das war ein Triumph! Ich spiele seit dreißig Jahren Komödie, aber dergleichen ist mir noch nicht vorgekommen. Eine Primadonna, welche als Königin auf dem Throne sitzt, umgeben von ihren Großen, und während des Ritornells durch ihr erhabenes stummes Spiel imponiert – in der Tat aber fragt sie den einen Großen, ob er heute (es war Martini) auch eine Martinsgans gegessen, und bemerkt zu dem anderen Großen: mit Apfel und Kastanien gefüllt, das schmeckt am besten, und singt dann ganz großartig ihre Herrscherarie – solches und ähnliches habe ich wohl erlebt. Aber ein Klärchen, welches die Rolle zum erstenmal spielt und fort und fort mit gleichen Füßen von der erhabensten Poesie in den Kontrakt und vom Kontrakte in die erhabenste Poesie springt, – das ist noch gar nicht dagewesen!« Profane Worte! und doch, sie gehörten zum Ganzen, und ich dachte wiederum an das krebsrote Kanapee und den Faustmantel. Das Schauspiel war zu Ende. Als wir Fräulein Rutland, welche das »himmlische Gewand« rasch mit ihren Straßenkleidern vertauscht, zum Wagen führten, riefen sie drinnen noch: »Rutland heraus!« Der Lord stand am Schlage, er half der Künstlerin hinauf und erschöpfte sich in Glückwünschen. Er wäre gar zu gerne mitgefahren, allein für ihn gab es keinen Platz mehr. »Hätten Sie gestern nur mit einer Silbe angedeutet, daß Sie herüberkommen wollten, so würden wir einen größeren Wagen genommen haben«, sagte ich boshaft. Die Pferde zogen an. »Halt!« rief ich dem Kutscher und winkte dem Lord. Er kam mit einem letzten Hoffnungsschimmer eiligst nachgesprungen, und ich rief zum Wagen hinaus: »Über die Schuldknechtschaft der Malayen habe ich eine Quelle aufgespürt: Memoir of the life of Sir Stamford Raffles! – Kutscher, fahr zu! – Und – Halt! – was das Kreditwesen der Chinesen betrifft, vergessen Sie nicht das Buch von Davis: The Chinese , erster Band!« Wir rollten davon. Seine Antwort verhallte. Ich glaube, er hat mich samt allen Schuldgesetzen des Orients und Okzidents zum Teufel gewünscht. Unter frisch herüber- und hinüberfliegenden Gesprächen lustig davonfahrend, wurden die Eindrücke des Abends noch einmal ausgetauscht, bis wir bei der Torwache in den Kasteler Vorwerken hielten. Der Anblick des österreichischen Unteroffiziers, welcher unsere Passierzettel abnahm und den überzähligen Genius der Freiheit auch ohne Zettel zur Bundesfestung hinausließ, brachte Sylvia aus den lauschenden künstlerischen Träumen zuerst wieder in diese reale Welt zurück. Denn sie fragte uns erschrocken und verlegen, wo sie denn absteigen solle in Wiesbaden. Wir entgegneten natürlich, daß wir im ersten Gasthofe für ihre Unterkunft sorgen würden. Allein sie beschwor uns, wieder umzukehren und sie nach Mainz in ihre Wohnung zurückzuführen. Ohne Dienerin, ohne Gepäck, im schlechtesten Hauskleide, die Kapuze eines alten Mantels über das blonde Lockenhaar geworfen, welches noch völlig in der Frisur des Genius der Freiheit auf die Schultern herabrollte, – in diesem Aufzuge konnten wir eine respektable Dame doch unmöglich in einen Gasthof bringen, und obendrein um Mitternacht! Das Mädchen war unbesonnen gewesen, uns im Sturm der sich kreuzenden theatralischen und persönlichen Aufregung so zu folgen, aber wir ehrsamen Bürger und Familienväter handelten doch noch viel unbesonnener, als wir das arme Kind im Sturme unseres dramaturgischen Amtseifers dazu verleitet hatten. Guter Rat war teuer. Da erhob sich jenes älteste Mitglied unseres Ausschusses, der würdige Mann, welcher am Vormittag sein fünftes Kind hatte taufen lassen und den wir im hintersten Winkel des Wagens schon eingeschlafen wähnten, und sagte, es werde seiner Frau ohne Zweifel eine besondere Freude sein, Fräulein Rutland für heute in seinem Hause zu beherbergen. Der Vorschlag wurde dankend angenommen. Unser trefflicher Freund hatte nichts Kleines angeboten. Als wir vor seiner Türe hielten, mochte ihm wohl das Herz ein wenig in die Schuhe fallen. Seine Frau, gleich ihm den Künstlern und dem Künstlerleben völlig fernestehend, hatte ihn bis Mitternacht mit Sehnsucht erwartet und zugleich mit steigendem Groll auf das fatale Theaterehrenamt, welches ihr den Mann sogar am Tauftage entführte. Und nun brachte dieser Unglücksmann vollends eine Schauspielerin zu Gaste mit, deren anmutiges Köpfchen noch als Genius der Freiheit frisiert war; ja, beim Lichte zeigten sich auch noch einige leichte Reste von Schminke auf den verlegen errötenden Wangen! Allein Sylvia wußte sich so fein und einnehmend zu geben und erzählte das ganze Abenteuer, welches sie hierhergeführt, so liebenswürdig und bescheiden, daß die gute Frau nach einer Viertelstunde schon ihrem Manne vollkommen recht gab, ja ihn als den Ehrenretter der ganzen Theaterkommission bewunderte und freudig die Überreste des Kindtaufkuchens zum verspäteten Tee auftrug, während Sylvia den inzwischen niedergeschriebenen Vertrag unterzeichnete. Ich hatte nicht gesäumt, in der späten Stunde noch den betreffenden Band Lessing aus meiner nahen Wohnung herbeizuholen, damit Sylvia in aller Frühe die »Dame in Trauer« auswendig lernen könne. Als dann zuletzt die freundliche Hausfrau der jungen Künstlerin persönlich ins Fremdenzimmer leuchtete, gab sie ihr den Rat, sie möge vor dem Nachtgebet die Rolle einmal durchlesen, dann aber den Lessing für die Nacht unters Kopfkissen legen. So habe es die Malibran gemacht, sie habe immer auf der Rolle des nächsten Tages geschlafen und darum niemals ein Wort auf den Souffleur zu singen gebraucht. Gerührt folgte Sylvia diesem Rate buchstäblich und tat dabei im dankerfüllten Überschwange ihres neuen Glückes, was sie seit Jahren nicht getan: sie sprach ein altes, fast vergessenes Nachtgebet aus ihren Kindertagen. Fünftes Kapitel Auch das Wagestück mit Lessings trauernder Dame gelang tags darauf. Die gröberen Zuschauer nahmen gar keine Notiz von der kleinen Rolle, die feiner Gebildeten aber waren erstaunt über den durchdachten Vortrag und rühmten ganz besonders das schüchterne, befangene Wesen, welches die Künstlerin so recht im Geiste der Situation hervorzuheben gewußt. Sie ahnten nicht, daß diese Befangenheit zumeist daher rührte, weil Sylvia ihre Rolle erst heute morgen auswendig gelernt hatte. So erscheinen unsere geheimen Schwächen gar manchmal als besonders feine Vorzüge unseres Charakters – vorausgesetzt, daß wir kluge Schauspieler sind. Als die Rutland demnächst in einer größeren Rolle auftrat, war das Publikum erstaunt, daß auf so bescheidenen Anfang so Bedeutendes folge; dazu verbreitete sich die Kunde von dem völlig ungeahnten Triumphe, welchen die Künstlerin in Mainz gewonnen habe, und über ihr rätselhaftes Verschwinden von dort wob sich ein kleiner Sagenkreis. Jetzt hatte sie gewonnen Spiel, der Zauber des Ungewöhnlichen ruhte auf ihrem Wesen, also fand man ihre Kunst selbst da ungewöhnlich, wo sie im Grunde gewöhnlich war. Wir konnten zuletzt nichts Klügeres tun, als den Gast zum dauernden Mitglied unserer Bühne gewinnen. Niemand war so befriedet von diesem Endergebnisse wie der Lord, aber der Weg, auf welchem wir dazu gekommen waren, ärgerte ihn. Er begriff nicht, daß Sylvia Rutland nur durch kühne Seitensprünge aus dem lähmenden Kreislauf der »brauchbaren Mitgliedschaft« herausschreiten konnte. War er doch selber ein so gar »brauchbares Mitglied« in seiner Sphäre. Es gibt Naturen, die gehen zugrunde, wenn sie den geweisten Pfad der Zunft und Schule verlassen, andere verderben, wenn sie ihn nicht verlassen. Der Lord warf mir vor, ich ruiniere die Rutland durch Förderung ihres sprunghaften Wesens; ich rühmte mich, sie eben dadurch zu retten. Er fand überhaupt durchweg viel zuwenig Mathematik in unserem Bühnenregiment und bewies uns öfters, daß auch die Pflege der Kunst auf statistischer Grundlage – in Tabelle und Bild – ruhen müsse. Zu unserem großen Spaß und seiner lebhaften Genugtuung zeichnete ich eine Gebirgskarte des Kassenerfolges sämtlicher Theaterstücke und nagelte sie über das krebsrote Kanapee. Bringt man doch das Steigen und Fallen der Getreidepreise, der Staatspapiere, des Nervenfiebers und der Cholera in das Bild einer Höhenkarte, warum nicht auch den berechenbaren Kurs der dramatischen Kunst? Don Juan, Lumpazivagabundus und Robert der Teufel ragten über die Schneelinie; Tasso, der beste Ton und der versiegelte Bürgermeister begegneten sich auf dem Niveau des Mittelländischen Meeres; Nathan der Weise lag ein paar hundert Fuß unter der Meeresfläche gleich dem Toten Meere; die Tiphonia von Karl Zwengsahn aber, welche uns und mancher anderen Direktion als »altenglisches« Schauspiel für vierzig bare Gulden war aufgebunden worden, sank noch unter das Tote Meer und unter den Nathan, einsam, nur sich selbst vergleichbar. Ich wuchs um etliche Fuß in der Achtung des Lords, als er diese Gebirgskarte sah. Allein er wuchs nicht in meiner Achtung, als ich wahrnahm, daß er die vorher so tief unterschätzte Rutland jetzt sehr fleißig besuchte und sich lebhaft um ihre Gunst bewarb. Es ist ein Kreuz aller Bühnenkünstlerinnen, daß sie so viele müßige Besuche dulden und tragen müssen; denn jedem Zurückgewiesenen wäre die Rache so gar leicht. Er braucht am nächsten Abend nur ein klein wenig zu zischen, – der bequemste Ton, den man hervorzubringen vermag, und wie tief schneidet er der Betroffenen ins Herz! Um diese Zeit erregte eine befremdende Tatsache meine Aufmerksamkeit. Mehrere demokratische Lokalblätter hatten bisher nur bitteren Tadel über unser Theater ausgeschüttet. Seit Sylvia Rutland engagiert war, verstummte dieser Tadel; man lobte die Künstlerin und schwieg schonend über die vielgeschmähte Direktion. Ich hegte Verdacht, daß der Lord bei diesem Umschwung die Hand im Spiele habe. Zwar hätte er's für unverantwortliche Zersplitterung gehalten, einen gediegenen dramaturgischen Aufsatz zu schreiben; allein für den Nebenzweck des Kultus einer hübschen Schauspielerin leichtfertig zu rezensieren, das ist selbst bei dem strengsten Fachmanne keine Zersplitterung, und triebe er sonst Astronomie oder Sanskrit. Doch schwankte mein Verdacht auch nach einer anderen Seite. Jener Scholl, welcher mir den Mainzer Theaterzettel ins Haus gebracht, war ein Landsmann und Jugendfreund Sylviens, und eben als ihren einzigen und alten Bekannten in Wiesbaden hatte sie ihn damals ersucht, mir den Zettel einzuhändigen. Er führte ein großes Wort in der demokratischen Presse, sollte er nicht auch ein kleines Wort für seine Landsmännin nebenbei führen und uns gewogen sein, weil wir sie gehoben, weil wir sie hierhergebracht hatten? Allein es zeigte sich keine Spur eines weiteren Verkehrs zwischen ihm und der Schauspielerin, und Scholl war ein so leidenschaftlicher Politiker, daß sein Herz kaum Raum haben konnte für noch eine andere Leidenschaft. Wir grüßten uns neuerdings beim Begegnen, und er legte da und dort ein auffallendes Wohlwollen für mich an den Tag. Einmal stellte er mich geradezu auf der Straße und redete mir ins Gewissen wegen meiner politischen Ketzerei. Tiefbekümmerten Tones beschwor er mich, abzustehen von meinen Angriffen auf die Demokratie, mir drohe Gefahr, furchtbar werde die Volksrache in kurzer Frist hereinbrechen und uns alle zermalmen. Es wurde mir ordentlich angst, nicht vor der drohenden Volksrache, sondern vor der wohlmeinenden Exaltation dieses Mannes, der sich zu meinem Schutzengel berufen glaubte. Eine noch merkwürdigere Szene begab sich bald nachher. Ich ging eines Abends durch die belebte, aber sehr dunkle Langgasse. Wie mein Schatten folgte mir ein junger Bursche und sang mir mit lauter Stimme: »Heiopopeio!« ins Ohr. Uns Männer von »Freiheit, Gesetz und Ordnung« höhnte man damals nämlich mit diesem Wort und Gesang, weil die Gegner sagten, wir wollten mit der politischen Wiegenliederweisheit unseres Vereines das Volk einschläfern wie ein Wickelkind. Ich ließ den Burschen lange Zeit ruhig singen und ging meiner Wege. Plötzlich aber sprang ein anderer Mann herzu, ich hörte eine, zwei kräftige Ohrfeigen schallen, so rechts und links, der Sänger verstummte und lief pfeilgeschwind in eine Seitengasse. Die Ohrfeigen saßen fest, und kein Doktor konnte sie wieder abnehmen, leider aber hatte sie der Unrechte gekriegt, ein Schusterjunge, welcher ganz harmlos und still gleichfalls hinter mir dreinging und sich nun heulend beklagte über die irrtümlich geschenkte Gabe. Mein Rächer, der so blind dreingefahren, beschwichtigte ihn, und dieser Rächer war – Herr Scholl. Ich drückte ihm mein Erstaunen aus über eine rettende Tat, deren ich nicht bedurft und die ich von ihm am wenigsten erwartet hätte. Allein er erklärte, es sei ihm eine Ehrensache gewesen, mir Genugtuung zu verschaffen. Als Menschen müsse er mich ehren, wenn er mich auch als politischen Gegner hassen müsse, übrigens sei er mir auch persönlich zu Dank verpflichtet. Der Frage, wodurch ich denn Anspruch auf einen so seltsam dargelegten Dank gewonnen habe, wich er aus und verschwand im Dunkeln. Am Ende konnte doch nur die schöne Landsmännin Ursache sein, daß sich Herr Scholl für meinen Schuldner hielt. Sylvia beteuerte auch diesmal wieder, der arme, ungestüme Flüchtling sei ihr eben bloß ein Landsmann, nichts weiter. Ging denn im partikularistischen Deutschland die Treue der bloßen Landsmannschaft so weit, daß ein Haupt der Demokraten mich in seinen politischen Schutz nahm und mir zu Ehren seinen eigenen Parteigenossen ohrfeigte, einzig darum, weil ich seine Landsmännin in meinen künstlerischen Schutz genommen hatte? Freilich konnte sich der exaltierte junge Mann auch in einer stillen Leidenschaft für die Landsmännin verzehren, von welcher dieselbe gar nichts ahnte. – »Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?« Bald jedoch wurde diese Vermutung durch einen anderen Vorfall wieder zurückgedrängt. Eines Morgens öffnete sich weit die Türe unseres Büros, wo ich einsam saß, Reichstagsverhandlungen über die Grundrechte lesend, und herein drang der ganze weibliche Chor und pflanzte sich in zwei Halbchören rechts und links in das enge Zimmer, wie er's von der Bühne her gewöhnt war. Wir lebten in der Zeit der Sturmpetitionen, und unsere Choristinnen hatten sich eben auch zu einer Sturmpetition erhoben. Die Chorführerin des rechten Flügels, eine sehr starke Person von bereits ehrwürdigem Alter, trat vor und überreichte mir eine Beschwerdeschrift, welche sie mit einem mündlichen Vorwort erläuterte. In diesen Tagen des Umsturzes, so begann sie, schüttle alles Volk lästige Pflichten und Leistungen ab, beim weiblichen Chore hingegen benütze man das Halbdunkel eines schwankenden Übergangszustandes, um ihm ganz unvermerkt neue Lasten zu den unzeitgemäßen alten aufzubürden. Der Theaterschneider verwische tückisch die Grenzen der französischen und deutschen Garderobe, ja die Grenzen zwischen Rock und Mieder, er wolle das deutsche Kleid französisch und nachgerade jeden Rock zum Mieder machen, der Theaterkasse zum Vorteil, den armen Choristinnen aber zu einer unerschwinglichen Last, welche als dauerndes Servitut einzuwurzeln drohe. Sie seien gekommen, hiergegen zu protestieren. Ich verstand von alledem kein Wort und bat, man möge mir doch diese Erläuterung ein wenig erläutern. Hierauf gab die Führerin des linken Halbchores, eine hagere Brünette, in klarem Vortrag mit leider sehr ausgesungener Stimme folgenden verständlichen Aufschluß: Alles, was man in der Theatersprache »deutsche Garderobe« nennt (alte und neue Charakterkostüme), wurde von der Direktion gestellt, bei der »französischen Garderobe« hingegen (elegant modernes Kleid) hatte die Direktion nur für den Rock zu sorgen, das Mieder mußten die Choristinnen selber beschaffen und umgestalten. So war der überlieferte Rechtszustand. Der Schneider aber wurde beschuldigt, allerlei deutsche Tracht französisch zu nennen und die Röcke für einen bloßen Ausfluß des Mieders zu erklären – gleichwie Napoleon Holland eine bloße Anschwemmung des Rheines genannt hatte –, lediglich um jene Gegenstände der Nadel und dem Beutel der Choristinnen aufzubürden. Wie bei so vielen Rechtshändeln erging es auch hier: das strittige Objekt verdarb unter dem Streite, die »elegant moderne« Tracht des weiblichen Chores kam jämmerlich herunter. Darum, so schloß die Rednerin, handle sich's nicht bloß um das Recht, sondern auch um die Ehre des Chores. Wenn sie im zweiten Akte der »Regimentstochter« als ein glänzender Zirkel von Gräfinnen und Baronessen erschienen und die Chorführerin, als Herzogin, von Craquitorpi, entrüstet frage: »Beträgt man sich so gegen den höchsten Adel des Landes?«, dann werde der Chor samt seiner Herzogin regelmäßig ausgelacht; denn der höchste Adel pflegte doch nicht entfernt in solchen Kleidern einherzugehen. Ich verhieß rascheste Abhilfe jeder gegründeten Beschwerde und versprach, eine genaue Feststellung der natürlichen Grenzen zwischen deutsch und französisch und Rock und Mieder bei der Kommission zu befürworten, erlaubte mir aber auch eine dramaturgische Bemerkung. »Das Publikum, meine Damen, lacht nicht über Ihr Kostüm, welches freilich sehr einfach, aber doch kleidsam und anständig ist; es lacht über etwas ganz anderes. Würden Sie sich allesamt einer wahrhaft vornehmen Haltung in Gang und Gebärde befleißigen, würde namentlich Ihre Herzogin jenen Satz mit echt aristokratischem Stolze sprechen, ich wette darauf, keinem Menschen fiele es fürder ein, bei dieser Szene zu lachen.« Das war ein Wort zur bösen Zeit. Verschiedene unter den Anwesenden hatten wechselweise schon die Herzogin gespielt, sie fühlten sich alle persönlich beleidigt. Sie wollten mir in ihrer Gegenrede zeigen, daß sie wohl aristokratischen Stolz besäßen, den ich gekränkt habe. Vergebens suchte ich das entbrennende Wortgefecht auf höhere Gesichtspunkte zurückzuleiten, vergebens ihnen darzutun, daß gerade ihre gegenwärtige Heftigkeit nicht aristokratisch sei, sowenig wie das lächerliche Übermaß ihres Tones und ihrer Gebärden und auch des beanspruchten Putzes auf der Bühne. Die verschiedenen Herzoginnen drangen von drei Seiten auf mich ein, der Zirkel der Gräfinnen und Baronessen grollte im Hintertreffen, nur im Rücken war ich noch durch das große Kanapee gedeckt. Da öffnete sich die Türe, und Fräulein Rutland erschien, höchst erstaunt, mich von einer so erdrückend großen Schar aufgeregter Damen bedrängt zu sehen. Ich wollte den Herzoginnen durch die Tat beweisen, daß ich recht habe, wie weiland der Lord dem französischen Flötisten. Darum schnitt ich augenblicklich allen weiteren Wortwechsel ab und entließ den Chor, halb in Gnaden, halb in Ungnaden. Als wir beide dann allein waren, bat ich die Künstlerin stracks um einen großen Gefallen: sie möge nur ein einziges Mal mir zuliebe die Herzogin von Craquitorpi spielen, ganz im Kostüm der Chorführerin, ihr Name solle nicht auf dem Zettel stehen, kein Mensch um das Vorhaben wissen, sie habe nur einen Satz zu sprechen, aber in diesem Satz müsse sie echt, wahr und groß sein, wie Talma in zwei Worten am größten war: »Tiens! lis!« Die Rutland glaubt anfangs, ich habe den Verstand verloren, daß ich ihr die Craquitorpi zumute; nachdem ich jedoch den eben erlebten Auftritt mit dem weiblichen Chore geschildert und ihr gezeigt hatte, wie fein sie durch ihr edles Spiel den Choristinnen dartun könne, daß der Fluch des Lächerlichen diesmal weder am Rock noch am Mieder hafte, fand sie meinen Plan äußerst lustig und schlug lachend ein. Sie spielte mir die Craquitorpi auch gleich zur Probe: einmal als eine Herzogin aus dem Chore, dann als eine wirkliche Herzogin. Der Kontrast wirkte unaussprechlich komisch. Diese Sylvia war doch ein Teufelsmädchen. Allein ganz unerwartet wendete sich die Sache bei der Vorstellung. Unmittelbar vor dem Beginne kam Sylvia zu mir, sie war höchst aufgeregt und bat mich flehentlich, ihr die Craquitorpi zu erlassen. Vergebens erklärte ich ihr, daß dies jetzt unmöglich sei, habe sie die Rolle auch nur aus persönlicher Gefälligkeit übernommen, so dürfe sie doch in diesem letzten Augenblicke nicht wieder zurücktreten. Sie beschwor mich, sie schmeichelte, sie drohte: ich blieb fest, um so mehr, da sie den Grund ihrer heftigen Weigerung schlechterdings nicht enthüllen wollte. Sie schalt mich gar einen Barbaren, der ihren Frieden zerstöre, ihr Glück zertrümmere; allein übertriebene Worte ist man bei Schauspielerinnen gewöhnt und Eigensinn und Launen nicht minder: ich blieb fest. Da sie erkannte, daß ich durchaus nicht zu beugen sei, so rief sie endlich: »Gut! Ich werde mich zugrunde richten! Ich werde spielen!« und entfernte sich mit einem Blick voll tiefen Grolles und Schmerzes. Fast fürchtete ich, sie werde uns dennoch steckenlassen und im entscheidenden Augenblick gar nicht erscheinen. Allein sie kam, vortrefflich in Gang und Haltung, vom Publikum unerkannt. In den Worten: »Beträgt man sich so gegen den höchsten Adel des Landes?« zitterte gekränkter Stolz, fast war es, als kämpfe sie beim letzten Tonfall mit dem verbissenen Weinen des Zornes – kein Mensch im ganzen Hause lachte, ich hatte gewonnen! –, aber als sie langsam abgehend in die Kulisse zurückkam und ich ihr dankend entgegentrat, machte sich das verbissene Weinen in einem Tränenstrome Luft, sie schleuderte meinen Dank weit hinweg und rief, vor Wut bebend: »Sie haben mich gezwungen! Es ist alles aus und vorbei! O wüßten Sie, hartherziger Mann, was Sie getan haben!« Vergebens waren alle meine Versuche, sie zu beruhigen oder auch nur zu näherem Aufschluß zu bewegen. Mit demselben stolzen, tragischen Schritte, mit welchem sie eben die Bühne durchmessen hatte, eilte sie davon. Anderen Tages besuchte ich sie, redete ihr aufs freundlichste zu: vergebens! Sie ging in keiner Silbe mehr auf den Vorfall ein; sie war ruhig geworden, aber kalt, eiskalt, es war, als hätte ich die zarteste Saite ihres Innern zerrissen, sie behandelte mich fremd, feierlich, förmlich. Zuletzt erwachte auch mein Stolz, ich brach ab, und wir verkehrten fortan nur noch im dürftigsten Maße und in den gemessensten Formen. Ich schöpfte starken Verdacht gegen den Lord: gewiß, er hatte Fräulein Rutland in der letzten Stunde bestimmt, ihre Rolle nicht zu spielen. Dieser lustige Versuch, der so keck über den Bann des Herkommens hinaussprang, mußte ihm höchst verkehrt, ja für Sylvia verderblich erscheinen. Und also besaß dieser glatte, kluge, feine, aber von aller Kunst und Poesie verlassene Mann bereits solch eine Gewalt über die Künstlerin! Nicht aus Angst über einen theatralischen Mißgriff konnte sie mich so heftig beschwören, zürnte sie mir jetzt so leidenschaftlich. Der Lord stand ihr ohne Zweifel weit näher, als ich geahnt; er hat mit dem Bruch seiner Liebe gedroht, wenn sie mir folge, wenn sie sich zu einer Choristenrolle herabwürdigen lasse. Sie hatte mich einen Barbaren, sie hatte mich hartherzig genannt: der Lord war der Barbar gewesen, welcher sie schonungslos in einen Konflikt zwischen ihrem Wort und ihrem Herzen stürzte. Das war die Saite, die er, nicht ich zerrissen hatte; aber auf mir ruhte jetzt ihr Groll. Und diesen Mann hatte ich durch diese Sylvia besiegen wollen: er hatte mich durch sie besiegt! Auch zweifelte ich jetzt keinen Augenblick mehr, daß jene plötzlich umschlagenden »Stimmen der Presse« eigentlich nur Stimmen des Lords gewesen seien. Einer jungen Schauspielerin schreibt man den wirksamsten Liebesbrief in Form einer Rezension: er kommt sicher an seine Adresse. Ich begegnete dem Lord, und richtig, sein erstes Wort war ein Tadel über den Mißbrauch, welchen ich mit dem Talente der Rutland treibe. Er kam mir gerade recht; ich rief: »Sie haben die Rutland aufgewiegelt gegen die Direktion!« »Nicht im mindesten! Aber Sie wiegelten die Rutland auf gegen den Chor! Der Chor ist nicht belehrt, er ist empört durch Ihr tolles Experiment.« Also wußte er alles; nur Sylvia konnte es ihm erzählt haben. Er fuhr fort: »Sie verderben das Mädchen; das Publikum weiß gar nicht, was es aus einer Künstlerin machen soll, die heute die Craquitorpi spielt und morgen die Leonore Sanvitale.« »Wenn sie dadurch nur um so besser lernt, was sie aus sich selber machen soll.« »Sie lehren sie das Publikum verachten.« »Das Buhlen um den Erfolg, um den Beifall des blinden Haufens ist der Ruin unserer Schauspieler.« »Der Erfolg ist ein Gottesurteil!« »Nur müßten wir dann auch den Erfolg des Erfolges kennen! Denn was uns gestern der Gipfel des Erfolges dünkte, erscheint uns morgen oft als ein Grundstein des Mißerfolges. Darum berufen sich nur schlechte Künstler und gewissenlose Staatsmänner auf das Gottesurteil ihres augenblicklichen Erfolges.« Nun waren wir gegenseitig im schönsten Zuge. Die schärfsten Spitzen unseres innersten Wesens kehrten sich widereinander. Der Lord ging überall mit der Mehrheit, er folgte dem großen Strom der herrschenden Schule, der siegenden Partei; ich hatte allezeit das wärmste Herz für die aufstrebende, befehdete Minderheit; was zur allgemeinen Herrschaft kam, das wurde mir sofort verdächtig, und am liebsten ging ich ganz meine eigenen Wege. Wir kamen in wachsendem Streite auf die letzten Probleme der Politik, der Kunst, der Lebensphilosophie, und was der eine schwarz nannte, das war dem anderen weiß. So irrten wir weit, weit ab von der schönen Schauspielerin, über welche der Streit entbrannt war, aber wir behielten sie doch immer im Sinne. Ich glaube, wir standen zuletzt bei der christlichen Kirche, welche im apostolischen Zeitalter, da sie noch klein war, unterdrückt, eine verfolgte Minderheit, eben auch am reinsten und größesten gewesen ist, während sie in dem Maße entartete, als ihre Herrschaft wuchs und Land um Land eroberte. Weiter drangen wir nicht vor in der Weltgeschichte und schieden, die fruchtlosen Worte abbrechend, als bittere Feinde. So war mit einem Schlage all der fesselnde Verkehr zwischen drei so eigengearteten Menschen zersprengt, und die erste und letzte Schuld trug doch nur der Theaterschneider, welcher die natürliche Grenze zwischen Rock und Mieder verwischt hatte. Sechstes Kapitel Ging ich von nun an gleich fremd und kalt an Sylvia vorüber, so hörte ich doch nicht auf, das seltsame Mädchen mit heimlicher Teilnahme scharf zu beobachten. Schon das Rätsel ihres Wesens mußte mich dazu verlocken, auch wenn ich ihr im Herzen weniger gut gewesen wäre. Dieses Geheimnis, welches auf ihrer Kunst und ihrer Person ruhte, sollte sich mir aber endlich doch enthüllen. Und zwar durch ein neues, scheinbar noch dunkleres Rätsel, worin ich endlich den Schlüssel zum Ganzen fand. Monate waren verstrichen, der Frühling 1849 ergrünte; doch sah's im Deutschen Reiche gar nicht frühlingsartig aus, das Parlament siechte seinem traurigen Ende entgegen, im revolutionären Lager schwärmte und summte es wieder: »Kampf für die Durchführung der Reichsverfassung« hieß das Schlagwort, welches durch die Reihen lief. In dieser Zeit gaben wir eines Abends ein neues Lustspiel; Fräulein Rutland spielte die drollig-neckische Hauptrolle mit viel Humor. Während des ersten Zwischenaktes ließ mich einer meiner Kollegen aus dem Parkett auf die Bühne rufen, es liege ein dringender Fall vor, welchen er nicht allein entscheiden könne. Ich fand ihn Sylvien gegenüber, die sich wie ermattend und gebrochen an die Vorkulisse lehnte – im schimmernden Putze der ausgelassenen Rolle, womit sie eben vor den Lampen entzückt hatte, aber ach, in Wahrheit tief betrübt, mit dem Weinen kämpfend. Sie reichte mir die Hand – zum erstenmal wieder seit der unglückseligen Herzogin von Craquitorpi – und erzählte, daß sie vorhin einen Brief erhalten habe: ihre Mutter liege in Koblenz schwerkrank darnieder; sie bat schluchzend um drei Tage Urlaub. Allein kein einzelner von uns konnte Urlaub erteilen, solche Gesuche gehörten verfassungsmäßig vor die gesamte Kommission. Mich hatte sie wohl nicht im Hause vermutet. Gleichviel. Sie bat so rührend, der Gegensatz der lustigen Rolle und ihres tiefen Kummers griff uns ans Herz, es haftete Gefahr auf dem Verzug, kein dritter war augenblicklich aufzutreiben, geschweige die ganze Kommission, also überschritten wir unsere Vollmacht, gaben ihr den Urlaub, suchten sie zu trösten und hießen sie morgen früh in Gottes Namen ziehen. Sie dankte so innig und warm, und ich ging hinweg, als habe ich ein gutes Werk getan. Ein Zufall führte mich nach einer halben Stunde noch einmal auf die Bühne, wiederum zu einem Zwischenakte. Es ging hinter dem Vorhange recht lustig zu. Das Orchester spielte draußen einen Walzer, und die Schauspieler machten sich die lockende Musik zunutze, um mit ihren Damen im tollsten Wirbel auf- und abzutanzen. Ich trat aus den Kulissen hervor, prallte aber sogleich wieder zurück: – die ausgelassenste von allen Tänzerinnen war Fräulein Sylvia Rutland, sie scherzte und lachte so laut, daß man's fast im Zuschauerraume hätte hören können! Ich war versteinert. Also hatte sie uns belogen; ihre Tränen waren Theatertränen gewesen, ihr Kummer Maske, sie hatte die gottloseste und zugleich abgedroschenste aller Lügen angewandt, um uns drei Tage Urlaub zu wer weiß welchem Zwecke abzulisten! Man fällt bei einer Theaterdirektion öfters aus allen Himmeln, aber so garstig war ich noch niemals herabgefallen. Dienstmägde, die zur Kirchweih nach Hause wollen, machen's ja häufig geradeso wie diese bezaubernde Sylvia: sie heulen der Herrschaft ein Stücklein vor und sagen, ihre Mutter liege am Sterben. Kommen sie dann von der Kirmes zurück, so ist die Mutter urplötzlich wieder gesund geworden. Sollte ich zwischen die tanzenden Paare treten und mit einem Blick das falsche Mädchen vernichten? Ich schwankte. Da gab der Inspizient das Zeichen, die Paare flogen auseinander, ein jedes stellte sich flugs an seinen Platz, der Vorhang ging auf, und die Komödie begann wieder. Sylvia spielte den letzten Akt mit ganz besonderer Laune, mit einer Heiterkeit, welche so frei aus der Seele perlte, wie sich's einem wirklich betrübten Herzen mit gar keiner Kunst abzwingen läßt. Der Vorhang war gefallen, die Zuschauer verschwanden, der Souffleur kroch aus seiner Höhle, die Lampen wurden gelöscht, nur da und dort leuchtete noch eine Laterne der Werkleute aus dem Dunkel, nach und nach huschten die Schauspieler aus der Garderobe über die verödete Bühne und eilten nach Hause. Ich schritt im Hintergrund des Bühnenraumes auf und nieder, gemessenen Ganges gleich einer Schildwache. Endlich kam Sylvia, die letzte, aus der Garderobe; tief in ihren Schal verhüllt, wollte sie an mir vorübergleiten. Ich trat ihr in den Weg. Sie fuhr zusammen und blieb wie eingewurzelt stehen. – Wir schwiegen beide. Sie brach zuerst die unheimliche Stille. »Sie haben mich erschreckt! Was hält Sie noch hier? Man wird die Türe schließen.« »Ich war versunken, Sylvia, im Anschauen der schneidenden Gegensätze, die sich rastlos in diesem Hause jagen. Auch wann der Vorhang gefallen ist, auch wann die Lampen erloschen sind, schreitet der Geist der Poesie durch diese Räume, doch wie ernst und mahnend hebt er jetzt den Finger! Vor Minuten noch jubelte hier die überschäumende Freude, tobte die Leidenschaft, prahlte die Eitelkeit im Glanz von hundert Lichtern – und jetzt! – alles so stumm und tot, so leer und kalt und dunkel! Das Schweigen keines Kirchhofs spricht erschütternder wie so ein ausgestorbenes Theater. Alle die bunten Gestalten verstiebt! Nur einer schleicht noch dort durch die dämmernde Tiefe: Hamlet, den Schädel Yoriks in der Hand. Hinweg mit dem Gespenste! – Seltsame Gedankensprünge: – ich gedachte auch Ihrer, Sylvia. Es ist ein hartes Tagewerk, lustig sein zu müssen, wenn's im Herzen stöhnt und dröhnt. Armes Kind, wie bedaure ich Sie! Kaum die Träne aus dem Auge gewischt, leuchtend fröhlichen Herzens vor der Menge zu stehen, die Gedanken bei der todkranken Mutter, während die Lippe scherzt und lacht, und nun, wo der Vorhang gefallen ist, das volle öde Dunkel dieser Räume auch in Ihrer bekümmerten Seele!« Sie schwieg. Ich faßte ihre Hand; sie zitterte heftig in der meinigen. »Leichter wohl ist es«, fuhr ich fort, »die Trauernde zu spielen bei innerem Jubel, Tränen zu heucheln, wenn man lachen möchte!« – ich sprach das kalt wie einen Gemeinplatz, aber ich blickte ihr scharf ins Gesicht: sie konnte mein Auge selbst in diesem Halbdunkel nicht ertragen. »Doch die Kunst«, begann ich wieder, »ist Selbstvergessen, und indem sie uns eine Stunde Selbstvergessen schafft, erweckt sie uns durch Qualen den wundersamsten Trost. Nur heischt Ihr Beruf fast zu viel jenes Selbstvergessens und fordert es auf die Minute nach dem Zeiger der Theateruhr; – da geschieht es dann so manchem Schauspieler, daß er aus lauter Kunst des Selbstvergessens zuletzt sich selbst verliert.« »Und also halten auch Sie's für Sünde, aufs Theater zu gehen?« fragte Sylvia kleinlaut, um endlich doch ein Wort zu finden, wobei man gewöhnlich das unpassendste trifft. »Für Sünde? Nicht im mindesten! Bleiben Sie wahr trotz allen Masken der Bühne, bleiben Sie sich selber treu, und Ihr Beruf ist so hoch und rein wie irgendeiner anderen Kunst. Wahrheit, Sylvia, darin liegt's! Und nun reisen Sie in Gottes Namen zu Ihrer kranken Mutter, und bedenken Sie, daß Gottes Segen jeden begleitet, der nach Wahrheit ringt und an seine Barmherzigkeit glaubt und treuen Sinnes ist, auch wenn er Komödie spielt.« Wir verabschiedeten uns. Sylvia war verwirrt und beschämt; sie vermochte kaum mein Lebewohl zu erwidern. Vorhin im Zwischenakt mit der Schminke auf den Wangen konnte sie mich belügen; jetzt war die Schminke abgewischt, da ging's nicht mehr: sie schwieg und zitterte. Also war sie doch noch nicht gar verloren. Ich tat mir etwas zugut auf meine Bühnenpredigt, gewiß, sie hatte gewirkt, und ich zweifelte kaum, daß Sylvia des anderen Tages zu mir kommen werde mit reumütigem Geständnis. Allein sie kam nicht. Dagegen erschien unser Kassenbeamter im Büro und berichtete, daß verschiedene Gläubiger Beschlag gelegt hätten auf einen Teil der Gage von Fräulein Rutland. Also erst sechs Monate hier und schon Schulden! Und doch lebte Sylvia höchst einfach, fast dürftig, und aus den eingereichten Rechnungen erhellte, daß sie durchaus keine Verschwenderschulden gemacht hatte. Die notwendigsten Lebensbedürfnisse waren unbezahlt. Was hatte das tolle Mädchen dann aber mit ihrem Gelde angefangen? Ich war nochmals wie aus den Wolken gefallen. Doch faßte ich nach meiner Art die Sache gleich wieder von ihrer guten Seite und sprach zu mir: Sylvia ist so schlimm nicht, wie sie scheint; denn erstlich hat sie mich nicht fein, sondern plump belogen, wo sie doch aus zahllosen Rollen des naiven Fachs das seine Lügen so bequem hätte lernen können; zweitens konnte sie nur ordentlich lügen, solange sie geschminkt war, und drittens macht sie Schulden. Schöne Schauspielerinnen, welche andere Leute in Schulden stürzen, die sind schlimm; aber schöne Schauspielerinnen, welche selbst noch Schulden machen, sind alleweil die schlimmsten nicht. Nach drei Tagen kehrte Fräulein Rutland zurück. Ihre Mutter war natürlich ganz unverhofft genesen. Ich fand das Mädchen von da an auffallend verändert; sie war nachdenklich, schweigsam, auf der Bühne häufig zerstreut, ihr Geist war nicht bei ihrer Kunst, nicht bei der umgebenden Welt, ihre Leistungen wurden merklich schwächer, ungleicher. Mir ging sie wieder überall aus dem Wege. Ihrer Schulden halber doch wohl kaum. Schulden kommen beim Theater öfters vor, und Gagenabzug auf Antrag unhöflicher Gläubiger konnte dem geborenen Theaterkinde kaum etwas Neues sein. Sie fürchtete sich vor mir ohne Zweifel wegen etwas ganz anderem. Aber weswegen? Man mußte ihr Zeit lassen. Ein Theaterkind verschließt seine Geheimnisse nicht jahrelang. Siebentes Kapitel Kurze Zeit nachher – in der ersten Hälfte des Juni – machte ich eine kleine Reise an die Lahn. Doch duldete mich's nicht lange dort in den friedlichen Waldtälern; in Baden und der Pfalz fochten die Scharen der Aufständischen mit den Preußen und den Reichstruppen, der Geschützesdonner rollte fernher von der Bergstraße zu unserem Taunus herüber, die Unruhe über den Ausgang des traurigen Kampfes trieb mich früher, als ich gewollt, wieder nach Wiesbaden zurück. Abenteuerliche Gerüchte schlugen unterwegs an mein Ohr, als ich von Idstein übers Gebirg zum Wiesbadener Talkessel hinabwanderte. In Ober-Seelbach erzählte man mir, Peucker sei bei Ladenburg völlig geschlagen worden, in Niedernhausen – eine halbe Stunde weiter – Darmstadt sei vom Revolutionsheere genommen, in Naurod – abermals eine halbe Stunde weiter – Wiesbaden stehe bereits in hellem Aufruhr. Ich beschleunigte meine Schritte und war recht froh, daß mein Weg so von hinten her durchs Sonnenberger Tal und die Kursaalanlagen in die Stadt bog, von wo ich erst ein wenig rekognoszieren konnte, um mit meiner mißliebigen Person doch nicht so geradezu wider eine Barrikade zu rennen. In den Anlagen war's verdächtig stille, nur ein einziger Mann spazierte zwischen den Akazien und Platanen auf und ab. Er scheint mich zu erkennen, er winkt mir zu und eilt herbei: – es ist der Lord. »Eine große Neuigkeit!« rief er schon von weitem. (Wir hatten so lange kein Wort miteinander getauscht, aber freilich erschütternde Ereignisse lösen auch verfeindeten Menschen die Zunge.) »Also gibt's wirklich Straßentumulte in Wiesbaden?« fragte ich. – »Nicht entfernt! Bei uns herrscht tiefster Friede.« – »Und Peucker wurde nicht bei Ladenburg von den Aufständischen geschlagen?« – »Das war nur eine Schlappe, keine Niederlage; im Gegenteil, Mieroslawski konzentriert das Hauptquartier des Revolutionsheeres immer weiter rückwärts. Aber Fräulein Sylvia Rutland ist vorgestern in dieses Hauptquartier abgereist, und das ist meine große Neuigkeit!« Ich hielt den Schlußsatz anfangs für einen schlechten Spaß; der Lord beteuerte hingegen, es sei bitterer Ernst; – »doch«, fügte er hinzu, »sie ist nicht als Amazone dorthin gezogen mit der Pistole im Gürtel, sondern als tiefbetrübte Braut«. Ich bat um näheren Aufschluß, und er sagte, den vermöge er um so sicherer zu geben, als die Rutland ihn geradezu beauftragt habe, mir die Gründe ihres Schrittes und manches andere Rätselhafte klarzumachen. Er sei gleichsam der bestellte Vollstrecker ihres letzten Willens. So gingen wir denn in den schattigen Anlagen auf und ab, und der Lord erzählte. Als höchst ordnungsliebender Mann begann er seinen Bericht ganz von vorn; vergebens bat ich, daß er ihn zur Steuer meiner Ungeduld doch lieber von hinten anfangen möge. »Sie erinnern sich eines Herrn Scholl; er war Flüchtling, Hauslehrer und Volksredner und stammte aus Sylviens Vaterstadt. Das Kind einer angesehenen Beamtenfamilie, war er vornehm nach Maßstab des Ortes, Sylvia gering. Aus Spielkameraden wurden Schulkameraden, aus Schulkameraden Jugendfreunde, aus Jugendfreunden Liebende, aus heimlich Liebenden heimliche Verlobte, wie das so zu gehen pflegt. Der junge Mann rannte sich ins Unglück, mußte fliehen, verarmte, aber Sylviens Liebe verlor er darum nicht. So stand die Sache, als diese Rutland in Mainz spielte, noch viel eifriger jedoch nach Wiesbaden zu kommen trachtete. Sie waren damals, verehrter Freund, wie mir deucht, in einer kleinen Selbsttäuschung befangen: Sie glaubten, überwältigt von Ihren künstlerischen Ideen habe Sylvia den Egmont vor leeren Bänken zum Benefiz gewählt und die fingerlange Rolle der Dame in Trauer zur Antrittsrolle. Die Schauspielerin würde das niemals getan haben, aber die Liebende tat es. Es war der Zug zum Bräutigam, was Sie für den Zug zur idealen Kunst hielten.« Der Lord sagte das mit stillem Hohne, so niederträchtig kalt und spitzig. Allein, konnte ich ihm widersprechen? Doch weiter! Er fuhr fort. »Und noch eines: ich habe mir's niemals zu reimen vermocht, wie eine« (mit scharfem Akzent) »mittelmäßige Künstlerin, die bis dahin nur so dürftigen Erfolg gewann, in der Aufruhrszene des Egmont plötzlich so groß werden konnte. Jetzt ahne ich den Grund. Sie spielte eine Szene, welche sie selber erlebt, in Gedanken wenigstens mit sich durchgerungen, Herr Scholl war ihr Egmont – möge mir's Goethe verzeihen! –, sie spielte sich selber, und sie war und ist eine heißblütigere Demokratin als selbst ihr ungestümer Geliebter.« »Dann muß sie's aber doch recht heimlich gewesen sein«, fiel ich ins Wort; »mir wenigstens hat sie's nie im leisesten Zuge verraten.« »Ganz gewiß! Das Theaterkind war äußerst offenherzig und plauderte hundert Dinge aus, von welchen andere Mädchen schweigen. Aber in der Hauptsache machte sie's doch wie alle Mädchen: von ihrer innersten Leidenschaft schwieg sie, und diese Leidenschaft loderte in zwei verbundenen Flammen – der Politik und der Liebe.« »Und hat sie Ihnen denn davon geredet?« »Nein! bis vorgestern nicht. Aber stören Sie doch nicht den geordneten Gang meines Berichtes. Die Schauspielerin vom naiven Fach fühlte sich in den heiligsten Momenten ihres Lebens als jener Genius der Freiheit, welcher dem Geliebten den Lorbeerkranz entgegenhält, als jener Genius mit den wallenden Locken, den Sie in Mainz in Ihren viersitzigen Wagen packten und so schnöde vor mir fünftem Manne entführten. Sylvia hatte einen großen Zug zu Ihrer Person, aber die Kluft der politischen Partei hinderte doch das letzte, tiefste Verständnis. Die Künstlerin ertrug Ihre Verachtung der Majoritäten, die politische Schwärmerin war erzürnt darüber. Und ähnlich zwiegeteilt in dankender Verehrung und schroffer Gegnerschaft, suchte und floh Sie der Geliebte Sylviens. Dankerfüllt, daß Sie ihm die Braut hierhergebracht, und mehr noch, daß Sie und Ihre Kollegen das schutzlose Mädchen zu einer ehrenvollen Stellung erhoben und in die achtbarsten Familien der Stadt geführt, hemmte er den Strom des Tadels, welchen die Blätter seiner Farbe bis dahin so reichlich über die Theaterkommission ergossen hatten. Er mochte Sie gern in seinen Schutz nehmen und hätte Sie noch viel lieber bekehrt. Und im Grunde waren Sie ihm und Sylvien sehr nahe verwandt: alle drei exzentrische, idealistische Naturen, welche nur durch äußere Verhältnisse in drei ganz verschiedene Wege geschleudert worden sind.« Der Lord hatte nicht unrecht. Mir fiel's wie Schuppen von den Augen. Zunächst verstand ich jetzt jenen nächtlichen Auftritt in der Langgasse. Nicht der Demokrat, der dankbar Liebende hatte dem Schusterjungen trotz aller Demokratie die irrtümliche Ohrfeige gegeben. Erführe das der Schusterjunge gleich mir, er würde sich eine ganz eigene Philosophie über den Kausalnexus der menschlichen Dinge bilden. Dann aber ging mir auch noch ein höheres Licht auf. Ich hatte Sylvien in vielen Stücken klar durchschaut und doch das Wichtigste übersehen, ich hatte vergessen, daß sie ganz und gar ein Kind ihrer Zeit war. Wir schrieben ja 1848 und 1849, und nicht einmal die Schauspielerin vom naiven Fach, wenn sie Kopf und Herz und Nerv und Leidenschaft besaß, konnte damals anders als in politischer Luft leben. Und also hatte ich Sylvien so fein beobachtet und dennoch schief; ich trieb den ganzen Tag Politik und Kulturgeschichte, nur der neckischen Künstlerin trat ich, wie zum Ausruhen, rein als Künstler, als Mensch, als Psycholog gegenüber und hätte doch selbst zu ihr den Kulturhistoriker mitbringen müssen. Der Lord erzählte weiter: »Sylvia machte Schulden; es sind durchweg politische Schulden gewesen. Was sie einnahm, das schenkte sie dem Geliebten, aber nicht für ihn, er wäre trotz seiner Armut viel zu stolz gewesen, dergleichen anzunehmen, sondern für die Partei. Und so ließ sie den Bäcker, den Schuster, den Schneider unbezahlt und schickte ihre Gage in die Kassen der demokratischen Vereine. Als dann die Gläubiger drängten, wandte sich das leichtsinnige Mädchen an mich und erschloß mir plötzlich ihr Vertrauen. Ich Tor glaubte, das sei nun endlich der Zug ihres Herzens, den ich so lange hervorzulocken bestrebt war. Ach, es war nur der Drang ihrer Schulden! Das ungebildete Theaterkind glaubte, ein Volkswirt sei ein Advokat, und weil ich mich stadtkundigerweise mit der Theorie des Kredits beschäftige, so suchte sie bei mir ein Geheimmittel, wie sie die Wiesbadener Geschäftsleute bewegen könne, ihr noch etwas länger zu pumpen! Herr Scholl erfuhr natürlich nichts von ihrer Not; der wähnte, sie schöpfe nur so aus dem vollen; und ich glaubte mich von ihr geliebt! Aber die Komödie der Irrungen ging noch weiter. Sie selbst traten nun auch ins Spiel, Sie glaubten mich begünstigt von Sylvien, sahen Sylvia beeinflußt durch mich und schoben mir's in die Schuhe, daß Sylvia sich geweigert hatte, die Craquitorpi zu spielen. Der echte, aber unbekannte Geliebte war's, welcher ihr eingeredet hatte, sie würdige sich herab in der Choristenrolle; die Sturmpetition der Choristinnen hatte dem Demokraten imponiert, er jubelte, daß sogar der weibliche Chor eines Hoftheaters von den freiheitlichen Formen und Ideen der Zeit ergriffen sei, er wollte es nicht dulden, daß seine Sylvia sich dazu hergebe, den Chor zu beschämen zugunsten eines aristokratischen Kunstprinzips, zur Genugtuung für einen Verächter der Majorität. Darum drohte er seiner Braut mit förmlichem Bruch, wenn sie die Herzogin wirklich darstelle. Dennoch erzwangen Sie die Rolle; aber Sylvia grollte Ihnen dafür als einem herzlosen Barbaren, der eigensinnig ihr Lebensglück bedroht hatte, und söhnte sich niemals wieder ganz mit Ihnen aus, obgleich sie sich mit dem Geliebten sehr bald wieder versöhnte. So kreuzten sich abermals Politik und Liebe selbst bei der Herzogin von Craquitorpi. Und ich armer, unschuldiger Mann erntete Ihren Haß, bloß weil Sie mir die Annäherung der Rutland neideten, welches doch nur schuldenhalber geschehen war. Jetzt aber kommt die Katastrophe. Neue Gewitterwolken sammelten sich am politischen Himmel in diesen Frühlingstagen. In Sachsen und Baden entbrannte der gewaffnete Aufruhr, Sylvia und ihr Geliebter wähnten, daß dies die letzte siegreiche Erhebung des deutschen Volkes sei, der letzte heilige Krieg. Scholl wollte ins badische Land eilen, und Sylvia selbst bestärkte ihn unter Tränen in seinem Entschluß. Allein bevor er zum Kampfe zog, forderte Sylvia, daß der Mann, welcher ihr bisher nur vor Gott und unter vier Augen verlobt war, zu ihrer alten Mutter reise (der Vater ist längst gestorben) und der Mutter das Geheimnis offenbare, damit sie beide den Segen der alten Frau mitnähmen in die bevorstehenden Tage der Angst und Ungewißheit. Die Mutter lebt in Koblenz. Sylvia hat Sie bei diesem Anlaß hintergangen; sie gab vor, zum Krankenbette ihrer Mutter zu reisen; die Lüge tat ihr bitter leid, sie beschwor mich, Ihnen dies zu sagen, aber sie konnte nicht anders. In der wilden, sich selbst betäubenden Freude über die beginnende Entscheidung des vaterländischen wie des eigenen Geschickes schwebte sie an jenem Abend zwischen Qual und Wonne, ihre Tränen waren so aufrichtig wie die stürmisch ausgelassene Lust des Tanzes, worin sie die Tränen erstickte. Und ihre Erschütterung, da Sie ihr nachher auf der dunkeln, verlassenen Bühne zu Herzen sprachen, war tief, nur allzu tief, das läßt sie Ihnen durch mich heilig beteuern. Als sie von Koblenz zurückgekehrt, als der Bräutigam ins Feld gezogen, war sie wie verwandelt; emporgehoben und zu Boden geschlagen von widersprechenden Gefühlen, schwankte sie auf der Bühne irrend umher wie im täglichen Leben, ja sie glaubte oft, gar nicht mehr leben zu können. Da erhielt sie vor einigen Tagen die Nachricht, daß ihr Bräutigam in den Kämpfen an der Bergstraße auf den Tod verwundet worden sei. Bei dieser Kunde dachte sie zuerst, seltsam genug, an jenen Auftritt im dämmerigen Bühnenraume, wo Sie ihr ins Gewissen geredet, und der Gedanke, daß jetzt die echte Botschaft vom Sterbelager des Geliebten die Sündenstrafe sei für jene erdichtete Botschaft vom Sterbelager der Mutter, wodurch sie damals den Urlaub zur Verlobungsreise rasch hatte erhaschen wollen, brachte sie fast zum Wahnsinne. Aber sie ermannte sich. Gewöhnt, seit ihrer Kindheit selbständig zu handeln – beim Theater lernen's auch die Frauen, beschloß sie sofort, zur Revolutionsarmee zu reisen. vielleicht, daß sie den Geliebten noch lebend fände, ihn noch pflegen und trösten könne. Diesmal, bei der wahren Trauerkunde, ist sie ohne allen Urlaub abgereist. Vorgestern früh erhielt ich drei Zeilen von ihrer Hand: dringend bat sie um meinen augenblicklichen Besuch. Ich glaubte törichterweise, nun beginne für mich der eigentliche Roman und Sylvia werde mir auch noch über etwas ganz anderes ihr Herz ausschütten als über ihre Schulden. Ich fand sie in stürmischer Vorbereitung zur Abreise, und statt zu einem Romane sah ich mich gleichsam als Notar zur Entgegennahme ihres Testamentes berufen. Sie erzählte mir alles, was ich Ihnen eben mitgeteilt habe, und vertraute es mir als ein Geheimnis für Sie und nur für Sie. Die Zeit drängte. Ich begleitete Sylvien zum Bahnhofe, sie war noch lange nicht zu Ende, man rief zum Einsteigen, sie war immer noch nicht fertig; sie befiehlt mir, bis Hochheim mitzufahren, ich folge, und so vollendete sie dann im Wagen ihre Beichte, und auf dem Hochheimer Bahnhofe schickte sie mich ebenso kurz und bündig wieder heim, wie sie mich vorher hatte mitfahren heißen. Ich war so gerührt, daß ich erst zu Hause beim Anblick meiner Bücher über den Kredit und die Schuldgesetze mich entsann, welch beschämende Rolle ich diesen Morgen eigentlich vor mir selber gespielt hatte.« So sprach der Lord und verabschiedete sich. Ich war nicht böse, daß er ging, denn es fröstelte mich in seiner Gegenwart. Lange Zeit beherrschte Sylviens Bild mein Sinnen und Denken in jeder einsamen Stunde. Ihr verschlossenes Gemüt hatte für Ideale geschwärmt, von welchen wir nichts ahnten, und zuletzt eine Tragödie durchgerungen, während wir in ihrem Verkehre nur die feinsten Lustspielszenen fanden. Welch ein Abgrund ist doch das Menschenherz und welch ein ewiges Rätsel das Weib, – vorab eine Schauspielerin vom naiven Fache! Der Bräutigam starb an seinen Wunden, aber die Braut sah ihn noch in den letzten Augenblicken. Ich mußte an ihr Klärchen denken, wie sie als Genius der Freiheit auf der Wolke ruhte und ihrem Helden erst dann den Lorbeerkranz von ferne zeigen konnte, als er zum Tode ging. Sylvia Rutland kam nicht wieder nach Wiesbaden. Wir erfuhren nur, daß sie lange Zeit schwerkrank in Karlsruhe gelegen habe. Nachher verlor ich jede Spur von ihr trotz vielfachen Forschens. Seit sich mir die Rätsel ihres seltsam sprunghaften Wesens gelöst, viel tiefer, als ich erwarten konnte, seit sie mir nur als ein Traum der Erinnerung vorschwebte, war sie mir eigentlich erst recht ans Herz gewachsen. Ihre dichterische Gestalt verwob sich mir untrennbar mit dem Bilde der beiden politischen Sturmjahre, ja mir dünkte manchmal, sie sei die liebenswürdigste symbolische Verkörperung jener ganzen Zeit in all der kindlichen Torheit, der unreifen und doch oft so edlen Schwärmerei, in all dem Humor und der Tragik, worin damals unsere jugendlich heißen Köpfe loderten (mochte man uns nun Demokraten nennen oder Reaktionäre), aber geläutert und frei von alle dem Rohen und Gemeinen, was den begeisterten Aufschwung jener Tage geschändet hat. Vierzehn Jahre waren verflossen. Es gab längst keine deutsche Revolution mehr, sondern einen wiedererstandenen Bundestag, und keine Wiesbadener Theaterkommission, sondern eine restaurierte adelige Hoftheaterintendanz. Der Lord war bald nach jenem letzten Gespräche von Wiesbaden weggezogen, und ich hatte nichts Weiteres von ihm gehört. Sein Buch über »die Theorie des Kredites« erschien im Jahre 1850; fleißig gearbeitet, schul- und parteigerecht, vollgepfropft von fremdem Materiale, fand es den größten Beifall der Kritik und wurde erst im nächsten Jahre wieder vergessen. Mein Lebensgang führte auch mich bald von Wiesbaden hinweg in ein anderes deutsches Land zu neuer Arbeit, neuem Berufe, und es deuchte mir allmählich fast wie ein Traum, daß ich vorzeiten auch einmal hatte Theater dirigieren helfen. Im Herbste 1863 befand ich mich in Tegernsee. Ich kam eines Abends vom Fockenstein herab und ließ mich bei Auwinkel über den See rudern. Die Luft leuchtete in goldener Klarheit, nicht die leiseste Welle kräuselte den grünen Wasserspiegel; ich hieß den Schiffer ganz leise und langsam fahren und trank in großen Zügen den himmlischen Frieden der Landschaft, welche zu schlummern, zu träumen schien und doch so hellen Auges mir ins Auge schaute. Leichter Ruderschlag hinter uns unterbrach die Stille. Es war ein sogenannter »Grönländer«, eines jener winzig kleinen Schifflein, so flach gebaut, daß sie kaum übers Wasser ragen, aber äußerst rasch und lenksam. Zwei Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren und eine ältere Dame saßen darin, und die ältere ruderte und steuerte gewandt und anmutig; schien es doch, als würden die drei Gestalten in ihren hellfarbigen Kleidern nur so unmittelbar vom Wasser getragen und glitten von selber über den Spiegel; denn den Körper des Schiffchens sah man kaum. Sie fuhren langsam an mir vorüber, die ältere Dame hielt die Ruder an und betrachtete mich scharf; ich kannte sie nicht. Sie schwammen weiter, beschrieben einen großen Kreis und kamen dann abermals zu meinem Kahne, es war ein förmliches Rekognoszieren. Und richtig, man hatte mich jetzt erkannt. Die anmutige Schifferin rief mich grüßend bei Namen. Die Stimme klang wie ein Echo aus alten, längst versunkenen Tagen – ja! sie war's! Jetzt erkannte auch ich Gestalt, Gesicht, Zug für Zug: es war Sylvia Rutland! Wir reichten uns die Hand von Kahn zu Kahn und ließen unsere beiden Schifflein ganz stille nebeneinander fortgleiten zum nahen Ufer und fanden anfangs kaum, was wir reden sollten. Da stellte mir Sylvia die beiden jungen Mädchen vor als ihre – Stieftöchter. Sie war nicht mehr Fräulein Rutland, sie führte den Namen eines berühmten Wiener Arztes, welchen sie als Witwer geheiratet hatte. Ich fuhr zusammen: das hatte ich nicht erwartet. Nach einer solchen Katastrophe, wie Sylvia sie erlebt, einen Witwer heiraten! Mir war's, als werde das dichterisch geweihte Bild des schwärmerischen Mädchens, welches bis dahin immer zarter, duftiger, geisterhafter in meinen Gedanken geworden war, plötzlich zerrissen und in den Staub geworfen. Sie hätte sterben müssen am gebrochenen Herzen oder einsam, groß im stillen Dulden ihrem Schmerze fortleben und ihrer zum rein tragischen Pathos aufsteigenden Kunst. Und nun hatte sie einen Witwer geheiratet mit zwei ganz netten erwachsenen Töchtern! Ich wagte kaum, sie anzusehen, allein da ich's dennoch wagte, wurde ich doppelt irre. Sie war nicht mehr so schön wie sonst, aber Gesicht und Haltung dünkten mir noch edler, verklärt von stillem Frieden: eine solche Erscheinung konnte nicht zur gewöhnlichen biederen Hausfrau hinabgestiegen sein. Wir hatten am Ufer beigelegt. Die Gegenwart der beiden Töchter taugte doch nicht zu näheren Bekenntnissen. Also trennten wir uns für heute; ich zeigte ihr das Häuschen seitwärts auf dem Hügel, wo ich mit meiner Familie wohnte, und sie verhieß für morgen einen Besuch mit ihrem Manne. Ich konnte anderen Tages die Stunde kaum erwarten. Endlich erschien Sylvia mit den Töchtern und dem Gemahl, einem feinen, würdigen, vielerfahrenen Arzte voll Geist und einnehmenden Wesens. Schon sein erster Eindruck tröstete mich ein wenig. Damit wir Zeit und Muße fänden zu freiem Austausche, schlug ich einen Spaziergang ins Kreuter Tal vor, der mit Freuden angenommen wurde. In stattlicher Kolonne bewegten sich unsere beiden Familien die sanften Wiesengründe längs der Weißach hinauf, und bald genug war ich mit Sylvien an der Spitze des Zuges, etwas voraus den übrigen, vertieft im Hören und Berichten dessen, was wir beide seitdem erlebt hatten. Wir wußten uns so viel zu erzählen, daß das ganze Kreuter Tal dazu nicht lang genug war. Also fasse ich, was ich damals und später aus ihrem Munde erfuhr, in wenige Worte zusammen. Als Sylvia nach dem Tode ihres Bräutigams in Karlsruhe schwer erkrankt zurückgeblieben war, hielt sich dort eben jener Wiener Arzt mit seiner ersten Frau vorübergehend auf, dessen zweite Frau sie selber später werden sollte. Er wurde von einem Karlsruher Kollegen an das Krankenbett des Mädchens geführt, welches man bereits aufgegeben hatte, und ihm gelang es, sie zu retten. Gerührt von ihrer Verzweiflung und ihrer hilflosen Lage, sorgte er für ihr nächstes Fortkommen, und da Sylvia dazu die besondere Liebe seiner damals schon leidenden Frau gewann, bot er ihr eine Stelle in seinem Hause an als Gesellschafterin seiner Gemahlin. Allein in all dem Elende ihres Krankenlagers hatte Sylvia nur bei dem Gedanken der Rückkehr zu ihrer Kunst noch Trost gefunden und sich unzähligemal die Worte wiederholt, welche ich ihr einst in dem verlassenen Bühnenraume gesagt und selber längst wieder vergessen hatte: »daß Gottes Segen jeden begleitet, der nach Wahrheit ringt und an seine Barmherzigkeit glaubt und treuen Sinnes ist, auch wenn er Komödie spielt.« Seltsam genug zogen sie diese Worte mit einem förmlichen Zauber wieder zur Bühne zurück. Es gelang ihr aber zunächst nur bei ganz kleinen Theatern aufzutreten und auch hier ohne allen Erfolg. Sie hatte vordem sich selbst gespielt und konnte nur sich selbst spielen: darin lag das Geheimnis ihrer zeitweilig so überraschend echten Leistungen und dann auch wieder ihres nicht minder auffallenden Mißlingens. Als sie selber noch begeistert war in Liebe und politischer Schwärmerei, da wußte sie den Schwung ihres eigenen Wesens auch auf ihre Rollen zu übertragen und riß alle Hörer mit sich fort. Jetzt, wo ihre Liebe wie ihr politisches Hoffen gleicherweise ins Grab gesunken waren, wo Kummer und Not und Trauer sie umlagerten, jetzt konnte sie nur kalt und traurig spielen, ihre Schwingen waren gelähmt. Wer nicht sich selbst spielt, der ist kein wahrer Künstler, sondern höchstens ein ausgelernter Virtuose, allein wer nur sich selbst spielen kann, der mag ein Meteor sein, welches jäh und blendend aufleuchtet, gar bald jedoch wird es seiner Kunst gebrechen an Tiefe, Breite und Bestand. So war es bei Sylvien. Völlig entmutigt, verließ sie zuletzt die Bühne. In der blinden, verzweifelnden Sorge um die Notdurft des Lebens wandte sie sich an den Lord, welcher zufällig damals am gleichen Orte verweilte, und erbat sich seinen Rat und Beistand. Darin konnte sie eben die Schauspielerin nicht verleugnen, daß sie sich von diesem Manne hatte imponieren lassen, weil er so fein und vornehm tat, so gewählte Kleider trug, so reines Hochdeutsch sprach und immer mit aristokratischem Umgang prahlte. Sie glaubte an seine außerordentliche Lebensklugheit und an einen Adel der Gesinnung, welcher der Echtheit seiner Parfüms und dem noblen Strich seiner gescheitelten und mit dem Brenneisen gekräuselten Haare vollkommen entsprechen müsse. Diesmal aber zerriß die Täuschung: für eine vom Mißlingen verfolgte, von Kummer und Krankheit gebeugte Schauspielerin hatte der Lord kein Interesse. Er wies sie glatt und herzlos ab, und zu ihrer tiefsten Entrüstung erfuhr sie sogar hinterdrein, daß er ihre treuen Bekenntnisse, welche sie damals in Wiesbaden so vertrauensvoll für mich in seine Hand gelegt, zu allerlei verleumderischen Anekdoten ausgebeutet hatte, womit er prahlte und seine Genossen ergötzte. Erst nach dieser bitteren Erfahrung gedachte sie meine Hilfe anzusprechen; allein ich war ihr völlig aus den Augen gekommen, und überdies hatte sie bei aller wahren Zuneigung mir niemals das mindeste praktische Geschick zugetraut (das war die Folge ihres ersten Eindruckes bei der Szene mit dem französischen Flötisten) und fürchtete und schämte sich auch ein wenig vor mir seit der bekannten Notlüge und meiner darauf folgenden Bühnenpredigt. So kam sie zuletzt auf den eigentlich nächsten Ausweg: sie schilderte brieflich ihre Lage jenem Wiener Arzte, und der brave Mann wiederholte die früher von ihr selbst abgelehnte Einladung und nahm sie in sein Haus. Dort pflegte sie die langsam hinsiechende Gattin ihres zweimaligen Helfers und Retters, sie war zuletzt die vertrauteste Freundin der Sterbenden. Sie erzog die beiden Mädchen; der Arzt, ein feiner Menschenkenner, glaubte seine Töchter keinen reineren Händen übergeben zu können als den Händen des Theaterkindes. Und mit Recht. Wer in der doppelten Prüfung der Bühne und des Lebens bestanden hat und rein und tüchtig daraus hervorgegangen ist, der kann Töchter erziehen trotz der geschultesten Gouvernante, und wenn er gleich im Souterrain eines Theatergebäudes geboren und zwischen den Kulissen groß gewachsen wäre. So vergingen zehn Jahre. Sylvia hatte eine neue Heimat gefunden, worin sie nun völlig eingebürgert saß; aller äußere Zusammenhang mit ihrem früheren Leben war abgeschnitten, kein Mensch stand ihr mehr nahe, den sie in ihrem Künstlerwirken gekannt, die Welt war eine andere geworden, sie selber eine andere, nur ihr treues Gemüt bewahrte noch fest und heilig, was sie vordem alles in Liebe und Schmerz in sich selber durchgerungen hatte. War es ein Wunder, war es ein Unrecht, daß aus dem befriedenden Walten im fremden Hause zuletzt ein Walten im eigenen Hause wurde? Es gibt Verhältnisse zwischen Mann und Weib, die sich allmählich, still und notwendig zur Ehe auswachsen, fast wie von selber. So geschah es auch bei Sylvien und dem Arzte. Sie war längst die Mutter seines Hauses gewesen, bevor sie die Stiefmutter ward. Sie hatte ihre Jugendliebe verloren, ihre Kunst, und die stürmischen Ideale ihrer jugendlichen Schwärmerei waren – nicht bloß für sie allein – längst begraben mit ihrem Geliebten. Nur eines noch war ihr übriggeblieben: der Beruf des Weibes. Den hatte sie zuletzt gefunden und in diesem Berufe den Frieden. Jetzt war ich versöhnt mit ihrem Lebensgange. Er führte zu anderen Zielen, als ich erwartet hatte, aber sie faßte ihn groß und dichterisch schön, und er war es auch. Auch jetzt wieder spielte sie sich selbst im edelsten Sinne; denn die reine Weiblichkeit war trotz aller Larven und Irrgänge des Bühnenlebens doch immer ihr eigenstes, bestes Teil gewesen, und diesen inneren Adel, der das Theaterkind nicht untergehen ließ, hatte ich geahnt, wenn ich gleich sonst in steter Täuschung verstrickt war; der Lord aber, welcher den äußeren Schein weit schärfer durchschaute, ahnte nichts von diesem Kerne. Jener leuchtend klare, friedenvolle Abend auf dem Tegernsee, da ich ihr auf spiegelglatter Flut wieder begegnete, blieb mir fortan das Sinnbild ihres zum heiligen Abendfrieden verklärten Wesens. Und noch viel nachdrücklicher als damals in Wiesbaden sprach ich manchmal, Sylviens gedenkend: welch ein Abgrund ist doch des Menschen Herz und welch ein ewiges Rätsel das Weib, vorab eine Schauspielerin vom naiven Fache! Nun muß ich aber auch noch erzählen, wie es dem Lord erging; auch er hatte einen ganz unerwarteten Weg gemacht. Ein Jahr, nachdem sein vortreffliches Buch über den Kredit erschienen war, vertauschte er die Theorie der Kunst reich zu werden mit der Praxis: er heiratete die Erbtochter eines großen Zigarrenladens in Frankfurt a. M. Ach, es war noch in der guten alten frankfurtischen Zeit, wo nach gangbarem Sprichwort jedes Bürgermädchen der freien Reichsstadt dem Fremden an sich schon dreihundert Gulden wert war, weil sie das Frankfurter Bürgerrecht gratis zur Aussteuer mitbrachte. Und die Braut des Lords war noch dreißigtausend Gulden mehr wert. Jammerschade, daß solchergestalt der Lord der Wissenschaft nicht treu geblieben ist, er wäre gewiß ein berühmter Gelehrter geworden. Er besaß alle nötigen Eigenschaften: kein Mensch konnte ihm vorwerfen, daß er eigene Gedanken habe oder irgend ursprüngliche, wohl gar künstlerische Form der Darstellung; er beschränkte sich einseitigst auf seinen Stoff (schöne Schauspielerinnen ausgenommen), folgte bolzgerade der Methode seiner Lehrer, war unermüdlich fleißig, korrespondierte mit allen Fachgenossen, lauschte auf jeden Lufthauch der Kritik und drehte dann allemal seine Windfahne bewundernswürdig nach der stärksten Strömung. Wahrlich, er verdiente die erste Note in allen Stücken und würde eine ungemein rasche Laufbahn gemacht haben, sei es in der gelehrten Welt oder in der Bürokratie. Leider zog er, ein echtes Kind dieses praktischen Jahrhunderts, den müheloseren und lohnenderen Weg des Zigarrenhandels vor und setzte sich in seinen erheirateten Laden. Sooft ich seitdem nach Frankfurt komme, besuche ich diesen Laden und kaufe mir sechs Zigarren. Der Lord ist so klug, neben seinen Kommis in Person die Käufer zu bedienen, allein er tut es vornehm und gemessen wie ein Lord. Manchmal schon betrachteten wir uns, als wolle einer den anderen mit Seumes Kanadier fragen: »Haben wir vielleicht uns schon gesehen?« – doch immer blieb das Wort unausgesprochen. Und der Lord fragt jedesmal, mir die sechs Zigarren überreichend, fein und vornehm: »Wünschen Sie eine anzuzünden?« Und ich antworte noch um einen halben Ton vornehmer: »Nein!« und gehe meiner Wege. Am Quell der Genesung 1880 I. Herr Eugen Milett war ein glücklicher Mann: es fehlte ihm gar nichts. Und doch war er nicht ganz glücklich, eben weil ihm gar nichts fehlte. Er wußte nicht, wie glücklich er war! Wer niemals unter die Traufe gekommen ist, der weiß nicht, wie es wohltut, ein trockenes Hemd auf dem Leibe zu haben; und dieses Gefühl ist so behaglich, so erquickend, daß man sich sogleich auf die Haut naß regnen lassen möchte, um hinterdrein recht wonnig in einem trockenen Hemde schwelgen zu können. Herr Milett aber war niemals unter die Traufe gekommen, und weil ihm gar nichts fehlte, so fehlte ihm eben dieses. Er konnte tun, was er wollte; darum wußte er häufig nicht, was er tun solle. Jetzt befand er sich auf einer Reise nach Wien; nach Wien aber reiste er lediglich aus dem Grunde, weil er noch niemals dort gewesen war. Er kannte Rom und Neapel, Paris und London, Berlin und Amsterdam; nur wenn die Rede auf Wien kam, dann mußte er allemal sagen: »Zu meiner Schande bekenne ich, daß ich Wien noch nicht gesehen habe.« Er wollte die Schande dieses Bekenntnisses loswerden, und zwar gründlich, er wollte Wien gründlich kennenlernen, Wien studieren, denn Herr Eugen Milett war ein hochgebildeter und bildungsbedürftiger Mann; wie hätte er sonst auch glücklich sein können, da er weder ein Bauer noch ein Kapuziner war? Aber er kannte auch Kopenhagen nicht, und Kopenhagen soll gleichfalls eine sehr sehenswerte Stadt sein. Er schwankte lange, ob er zuerst nach Kopenhagen gehen solle und dann nach Wien oder zuerst nach Wien und dann nach Kopenhagen; er schwankte sogar noch auf der Reise und reiste darum langsam, auf Umwegen, mit Unterbrechungen, die großen durchgehenden Schnellzüge vermeidend, die ihn mit impertinenter Rücksichtslosigkeit sofort entweder nach Wien oder nach Kopenhagen geschleudert hätten. »Es ist ein' harte Reis', Wenn man den Weg nicht weiß«, so sangen früher die wandernden Handwerksburschen. Unser Reisender kam aus dem Nordwesten, aus dem Hannoverschen, wo seine großen Landgüter lagen. Da ihn nun aber das Fatum der Lokalfahrpläne bereits bis nahe zur böhmischen Grenze geführt hatte, so schwand endlich die Qual der Wahl, und er war am dritten Reisetage fest entschlossen, zunächst die Kaiserstadt an der Donau zu besuchen. Der Tag war wunderschön, ein prächtiger Junitag, wie auserlesen zum vergnüglichen Fahren und Wandern, der Himmel wolkenlos, die Luft erfrischt durch ein Nachtgewitter; goldener Sonnenschein lag auf den grünen Saatfeldern, die Lerchen wirbelten, die Kinder spielten im Schatten, und die Alten mähten in der Sonne das erste Gras so frohgemut, als ob auch ihnen die Arbeit heute ein Spiel wäre. Herr Milett schaute aus dem offenen Fenster des Coupés in die helle Landschaft, die so lustig vorüberrollte und die er so bequem genießen konnte, denn er saß ganz allein in einem Wagen erster Klasse. Und er konnte sich die erste Klasse wohl gönnen, ja er wußte gar nicht, wie es tut, wenn man zweiter oder dritter oder gar vierter Klasse fahren muß: – die Steuer, welche er jährlich dem Staate bezahlte, belief sich höher als das Jahresgehalt eines Kommandierenden Generals. Er war ein geborener Passagier erster Klasse. Trotzdem fand er diese Klasse höchst unbequem und räsonierte darüber angesichts all der Frühlingssonnenpracht. Er »räsonierte inwendig«, – und gerade beim Eisenbahnfahren kann man so gut inwendig räsonieren! Mit dem Sausen der Wagen, mit dem Rasseln der Räder wächst unser Zorn, und die Hetzjagd unserer grollenden Gedanken verbindet sich mit der Flucht und Jagd des Zuges zu einer rasenden Doppelfuge. »Wir prahlen heutzutage so gern mit dem Wunderwerke unserer Eisenbahnen« – so räsonierte Herr Milett – »und blicken mitleidig auf die Großvaterzeit der Postkutschen. Unsere Enkel aber werden uns wiederum bemitleiden über diese Eisenbahnen, die ihnen nicht besser dünken dürften wie uns die alte gelbe Kutsche; sie werden es nicht begreifen, wie wir uns solch plumpen, unbequemen, gefährlichen Bahnzügen anvertrauen mochten, mit Staub und Rauch und Ruß bedeckt, in allen Nerven erschüttert, in enge Coupés hilflos zusammengepfercht. Denn binnen fünfzig Jahren wird man riesig fortgeschritten sein im Wettkampf der Erfindungen, man wird ein unendlich vollkommeneres Fuhrwerk besitzen. Die Wagen der elektrischen Bahn werden aus Kautschuk bestehen und sanft und unhörbar über die Schienen gleiten; stoßen zwei Züge zusammen, dann werden die Passagiere einen angenehmen Druck empfinden wie von einer kräftigen Umarmung, aber rasch wieder aufatmen, und stürzt ein Zug vom Bahndamm herab, dann springt er unten auf wie ein Gummiball und steht sofort wieder auf den Rädern, und die Fahrgäste, welche etwas durcheinandergerüttelt wurden, setzen sich wieder auf ihre Plätze und lachen über den lustigen Zwischenfall.« Herr Milett, der die Räder seiner eigenen Equipage ohnehin schon mit Gummi hatte beziehen lassen, dachte sich einen solchen Gummizug als den Triumph der Zukunft und meinte, wir könnten ihn auch schon als einen Triumph der Gegenwart haben, wenn wir nur die Hälfte der Millionen, die wir für verbesserte Mordwerkzeuge ausgeben, auf dieses Gummi verwenden wollten. Er philosophierte dann weiter über den Fortschritt, den unendlichen Fortschritt der Menschheit. Und beim Eisenbahnfahren philosophiert sich's so gut. Demungeachtet konnte er den unendlichen Fortschritt nicht rund kriegen, diesen unendlichen Fortschritt, der ja der letzte Trost des modernen Menschen ist wie die ewige Seligkeit der letzte Trost der altmodischen Leute. Denn bei tieferem Sinnen fand Herr Milett, daß endloser Fortschritt, genau besehen, eine endlose Qual wäre, weil nur die Gewißheit eines erreichbaren Zieles, weil nur das Ziel selber uns beglücke, – und die ewige Seligkeit eine unselige Langeweile, weil Kämpfen nur und Ringen, weil nur der Fortschritt uns befriedet. Diese Gedanken, die im Zirkel liefen, hatten etwas Austrocknendes. Herr Milett öffnete deshalb seinen Handkoffer und entkorkte eine Flasche Portwein. Er war gut, hätte jedoch besser sein können. Unsere Nachkommen im zwanzigsten Jahrhundert – rastlos fortschreitend – werden ohne Zweifel weit besseren Portwein trinken als wir. »Seltsamer Trost eines Fortschrittes der Menschheit, den wir nicht erleben, den wir nicht mitgenießen werden! Hätten wir nur wenigstens die Gewißheit, dereinst vom Himmel herab mit ansehen zu dürfen, wie aus unserer Mühe und Plage künftigen Geschlechtern ein beglückteres Dasein erblüht, blieben wir nur über das Grab hinaus in bewußtem Zusammenhang mit dieser fortschreitenden Menschheit, dann könnten wir uns wohl trösten über das elende Dasein, welches uns traf, weil wir zufällig ein paar tausend Jahre zu früh geboren wurden! Doch für diese Hoffnung vermögen wir höchstens im dunkeln Glauben zu schwärmen – genau so wie für andere Ideale des gläubigen Gemüts. Und so wirft uns die klare Erkenntnis des Fortschrittes der Menschheit zuletzt doch wieder in ein Schattenspiel der Phantasie und Vorstellung zurück, dem wir durch eben diese Erkenntnis entrinnen wollten!« So dachte Herr Milett, ließ sich aber trotzdem den mittelmäßigen Portwein der Gegenwart vortrefflich munden. Da jedoch im rätselhaften Kreislauf des Lebens das Trinken hungrig macht wie andererseits das Essen durstig, so öffnete er den Handkoffer zum zweitenmal und enthüllte ein kleines Päckchen, in welchem drei gebratene Krammetsvögel höchst appetitlich eingeschlagen waren. – Krammetsvögel im Juni! Im Juni fängt man bei uns bekanntlich keine Krammetsvögel. Allein wenn man die im Oktober gefangenen Vögel leicht brät und dann in Butter eingießt, so erhalten sie sich bis in den Sommer. Vor dem Verspeisen läßt man sie noch einmal ganz leicht aufbraten. Feine Zungen finden solche eingebutterte Krammetsvögel weit köstlicher als die frischen, ja sie ziehen sie sogar der Schnepfe vor. Herr Milett hätte bei seinen Vögeln schon zufrieden sein können. Sie schmeckten ihm auch ganz gut, und er saß so breit auf dem weichen Polster, und ein kühles Lüftchen spielte ihm durchs Wagenfenster erquickend um die Stirn. Allein er dachte nach über die Mängel der Weltordnung, die uns arme Sterbliche im Dunkeln tappen läßt und also für uns nur eine große Unordnung ist, und über die Weltvernunft, die ihm sehr unvernünftig dünkte, als er beim dritten Krammetsvogel den letzten Becher leerte. Der unglückliche Mann! – wenn ihm nur etwas gefehlt hätte. Aber es fehlte ihm gar nichts. Hätte Arthur Schopenhauer nicht so bequem von seinen Renten gelebt, so wäre ihm der Pessimismus schwerlich eingefallen. Elende Zeiten und arme Menschen klagen sich selber an und loben den lieben Gott; gesegnete Zeiten und reiche Leute loben sich selbst, aber unser Herrgott macht's ihnen in allen Ecken nicht recht. Und wir leben in einer gesegneten Zeit, und Herr Milett war ein reicher Mann. Er war auch obendrein noch ein junger Mann. Fünfundzwanzig Jahre alt, erfreute er sich des köstlichsten Gutes, der Jugend, und zwar eben in den schönen Tagen, wo wir nicht mehr älter zu sein begehren – wie die Kinder – und noch nicht jünger zu sein wünschen – wie die Leute in jenen »besten Jahren«, die wir mit melancholischem Selbstbetrug die besten nennen, weil wir nicht Wort haben wollen, daß sie eigentlich der Anfang der schlechten sind. Und stand Eugen Milett im schönsten Alter eines jungen Mannes, so stand vollends seine Frau im allerschönsten der weiblichen Jugend, im zwanzigsten Lebensjahre. Der Glückliche, welcher alles besaß, hatte nämlich auch eine reizende, liebenswerte und geliebte Frau, die den schönen Namen Doris führte. Sie war seine Kusine, und sie war in seinem Elternhause erzogen worden. Aus Kinderfreundschaft war ihre Liebe erwachsen, ganz still und leise, wie die Knospe Blüte wird über Nacht, man weiß nicht, wie es gekommen ist. Er hatte ihr »das erste Du« gesagt, als er sie zum erstenmal sah, und sie hatte ihr erstes Du erwidert, als sie die ersten Worte zu stammeln begann; sie hatten sich den ersten Kuß gegeben, unbekannt wann! in jener mythischen Vorzeit der Kinderschule, von der sie selbst nichts Genaues mehr wußten. Eine Liebe ohne äußere Kämpfe und doch voll innerer Schmerzen und Seligkeiten, eine Leidenschaft ohne Katastrophen und doch voll Glut und Flammen, eine vorbestimmte Heirat und doch die harmonische Ehe: – in Romanen hält man dergleichen gar nicht für möglich, aber im Leben soll es manchmal vorkommen. Seit zwei Jahren verheiratet, hatte sich das zärtliche Paar bis jetzt noch niemals auf längere Zeit getrennt. Unternahm er eine kleine Reise, so war sie mitgereist. Auch diesmal hätte Doris ihren Eugen gerne begleitet; sie deutete es schüchtern an, und sie selber wünschte es anfangs. Denn was ist entzückender und beglückender als eine Vergnügungsreise in Gesellschaft einer Frau, die man von Herzen liebt, die man hinausführt in die frische, freie Welt, eine Reise ganz allein mit der Geliebten und doch nicht ganz allein mit ihr, denn ein dritter reist unsichtbar mit – Amor als Reisemarschall. Allein andererseits hat es doch auch wieder seine besonderen Annehmlichkeiten, zur Abwechslung einmal ohne Frau zu reisen. Und so reiste Herr Milett diesmal allein. Am ersten Tage hatte er kaum an seine Frau gedacht; er schickte ihr nur gegen Abend ein Telegramm. Am zweiten Tage erinnerte er sich lebhaft, wie schön es früher gewesen, wenn sie zusammen reisten; er schrieb ihr abends eine Postkarte. Heute am dritten Tage sehnte er seine Frau bereits herbei in das einsame Coupé und beschloß, ihr am Abend einen Brief zu schreiben. Über diesem Sehnen vergaß er ganz, daß es doch nirgends jämmerlicher zugehe als in der Welt. Er sann darüber nach, was Doris wohl gerade jetzt tun werde, um elf Uhr dreißig Minuten vormittags. Sie saß ohne Zweifel am Schreibtische und schrieb an ihn, gewiß, sie schrieb weiter an dem langen Brief, den sie vorgestern schon begonnen hatte. Zwei Jahre bereits verheiratet, war dies doch der erste Brief, den sie ihm als Frau schrieb; denn sie waren ja noch nie getrennt gewesen. Wie anmutig saß sie da im leichten Morgenkleide! Jetzt hebt sich das Köpfchen, – das treue blaue Auge blickt durchs offene Fenster sinnend, träumend in die Ferne, – sie schaut ihn leibhaft im Geiste, so hell und klar, wie er sie eben sieht. Dann schreibt sie fort mit jener fliegenden Feder, die nur Frauenhände führen, – gleich einer Schlittschuhläuferin gleitet die Stahlspitze über die glatte Fläche des Briefbogens. Beneidenswerte Grazie der leichten weiblichen Hand! Wenn er selber Briefe schrieb, dann war es ihm vielmehr zumute, als wate seine Feder im tiefen Sande. Doch jetzt springt Doris wieder auf und starrt in die Wolken, als erhasche sie von dort neue Bilder, neue Gedanken – für ihn. Ganz versunken in diese Vision hatte Herr Milett gar nicht bemerkt, daß der Zug an einer Station hielt. Die Wagentüre öffnete sich, und eine hünenhafte Gestalt schob sich herein, ein dicker, breitschulteriger Mann, sechs Fuß hoch, vermutlich ein vornehmer Bierbrauer. Er sagte nicht einmal guten Tag, sondern setzte sich ohne weiteres dem verblüfft aufwachenden Herrn Milett bolzgerade gegenüber, als sei er ganz allein auf der Welt und im Coupé. »Muß sich der grobe Mensch mir gerade vor die Augen setzen!« dachte der unglückliche Vergnügungsreisende und wollte in die andere Ecke rücken, allein dort brannte die Sonne. Er blickte den dicken Mann durchbohrend an, er maß ihn von Kopf zu Fuße. Das kümmerte jenen gar nicht, sein Gegenüber schien ihm Luft zu sein! »Nun gut! dann sollst auch du mir Luft sein!« dachte Herr Milett. Er wollte den Fremden, welchen er eben erst in Grund und Boden zu sehen versucht hatte, nun gar nicht mehr sehen und begann mit offenen Augen von seiner Doris weiterzuträumen. So schön und liebreizend hatte sie kaum jemals vor seinen leiblichen Augen gestanden wie jetzt vor seinen geistigen! Die Ferne verklärt, – aber doch nur auf eine Weile. Denn zwischendurch muß die Nähe wieder hinzukommen und der Ferne neue Verklärungskraft geben. Endlose Ferne wird zur Qual wie der unendliche Fortschritt, stete Nähe wird langweilig wie die ewige Vollendung. Es gehört zu den unausstehlichsten Impertinenzen der Logik, daß etwas nicht zu gleicher Zeit sein und nicht sein kann. Hätte Herr Milett seine Frau zu gleicher Zeit bei sich gehabt und nicht bei sich gehabt, dann wäre er jetzt ganz zufrieden gewesen. Er schwelgte in diesem undenkbaren Gedanken, als ihm der Hüne, der vornehme Bierbrauer, ins Gesicht gähnte, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Man braucht nur ein paar Stunden auf der Eisenbahn zu fahren, um zu entdecken, daß unter hundert Menschen erster und zweiter Klasse kaum fünf gut erzogen sind. Der ganze Zauber seiner Vision war in den Abgrund dieses Gähnens versunken, die paradiesische Ferne verschlungen von der schauderhaften Nähe! Glaubte er seiner Doris lichtblondes Haar zu sehen, dann schimmerte des Gegenmannes Glatze hindurch; schaute er in ihr quellenklares Auge, dann schoben sich des Bierbrauers rotumränderte Kalbsaugen dazwischen, und die stahlgraue Morgenrobe, welche des geliebten Weibes zierliche, schlanke Gestalt umwallte, verkehrte sich in des Ungeheuers großkarierten Sommerrock, der auch stahlgrau war. Allein der Mann hatte ein Recht auf seine Glatze, auf seine Augen, auf seinen karierten Rock und vorab ein Recht auf seinen Platz. Und eben dieses Recht ärgerte Herrn Milett ganz grimmig. Das Schlimmste des Schlimmen bei unseren Eisenbahnreisen ist, daß wir jeden beliebigen Nachbar dulden müssen und daß der Nachbar uns wiederum dulden muß, – eine Zwangsgesellschaft wie im Zuchthause. Wenn einmal Herrn Miletts elektrische Gummizüge unhörbar durch die Länder gleiten werden, dann wird man Gesellschaftsräume und Einzelstübchen bei jeder Fahrt zur Auswahl haben können und zu anständigen Preisen. Und dann wird das Reisen auch wieder ein Vergnügen sein. Inzwischen zündete sich der Eindringling ganz ungefragt eine Zigarre an und blies die dicksten Wolken in die Luft. Und dazu hatte der Mann kein Recht. Denn an der Wand stand geschrieben, daß man in der ersten Klasse nur unter Zustimmung sämtlicher Mitreisenden rauchen dürfe. Jener Mensch hatte Herrn Milett beim Einsteigen nicht einmal guten Tag gesagt; dafür wollte Herr Milett ihm jetzt das erste und letzte Wort sagen, indem er ihm die Zigarre verbot. Doch im selben Augenblick hielt der Zug. »Station Huppenberg!« rief der Schaffner, und der Fremde stieg aus. Nun konnte Herr Milett nicht einmal seinem Ärger Luft machen, indem er den Grobian ärgerte. Doch war er wenigstens den widerwärtigen Gesellen los. Allein kaum begann er sich in diesem Gedanken zu trösten, als der Schaffner auch ihn zum Aussteigen aufforderte. Huppenberg war Kreuzungsstation, und der Zug nach Böhmen ging erst in zwei Stunden ab. Mittag! – heißester Sonnenbrand! – das Stationsgebäude ein kleines Haus auf kahler, schattenloser Fläche! – keine Stadt, kein Dorf weit und breit sichtbar – und zwei Stunden Aufenthalt! »Das nennt man eine Vergnügungsreise!« seufzte der arme Mann, indem er seinen Handkoffer herabnahm und murrend den Wagen verließ. II. Shakespeare läßt die verkleidete Viola von sich selber sagen: »Und so in bleicher Schwermut saß sie da Wie die Geduld auf einem Monument.« Es ist vielleicht noch keinem Bildhauer eingefallen, die Geduld plastisch, monumental darzustellen. Und doch wäre ein Denkmal der Geduld eine lohnende Aufgabe. Man könnte das Standbild in Zinkguß billig vervielfältigen zum ortsgemäßen Schmuck einer großen Zahl deutscher »Warte-Bahnhöfe«. Huppenberg verdiente ein solches Standbild vor allen. Man kann Huppenberg nicht mit der Wartestation Hagen vergleichen, wo man im Getümmel sich selbst verliert; nicht mit der Geduldstation Oberhausen, wo sich uns die schönste Gelegenheit bietet, nach stundenlangem Warten in den falschen Zug zu geraten; nicht mit der Kreuzungs- und Kreuzstation Löhne, wo der Reisende, welcher von Osnabrück nach Bielefeld fährt, Zeit genug hat, dem erwarteten Zuge auf eine Station gemütlich entgegenzuspazieren; nicht mit Bebra, wo uns der prächtige Heldentenor, womit der weltbekannte Pförtner die Züge ausruft, das Warten musikalisch verkürzt; nicht mit Lehrte, Heudeber, Wunstorf, Scherfede, Kreiensen, in deren mehr oder minder schönen Hallen viele hunderttausend Menschen schon eine unendliche Größe von Langeweile zusammengewartet haben. Huppenberg ist nur mit sich selbst vergleichbar. Herr Milett trat zunächst ins Wartezimmer, wo er wenigstens Schatten zu finden hoffte. Allein in dem engen Raum kochte eine Bruthitze, welche durch eine großgedruckte Empfehlung des Apollinariswassers, den einzigen Schmuck der Wände, nicht gemildert wurde. In der Ecke saß eine einsame Dame und bewachte ihr Handgepäck mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache würdig war. Unser Reisender prallte zurück und ging in das Restaurationslokal. Dort aber prallte er noch stärker zurück: es war vollgepfropft mit biertrinkenden, rauchenden Bauern. Er suchte das Freie, frische Luft und Schatten. Doch nur das kleine Stationshaus warf hier überhaupt einen Schatten, und der fiel gerade auf die Schienen. Nebenan war allerdings eine öffentliche Anlage, der schüchterne Versuch eines Gartens zur Erholung für das Wartepublikum. Sandige Wege schlängelten sich zwischen verdorrtem und zertretenem Rasen, der hie und da durch kleine, verkümmernde Birken- und Tannenbäumchen belebt wurde. Eine Allee von dünnen, größtenteils abgestorbenen Ebereschen verband den »Park« mit dem Hause. Herr Milett lachte hellauf über diese Karikatur eines Parks, und es jammerten ihn die armen Tannen- und Birkenbäumchen, die offenbar schon lange gepflanzt waren, aber nicht gedeihen wollten. Sahen sie doch aus, als verzehre sie in dieser Einöde das Heimweh nach den Waldesbergen, welche in duftblauer Ferne am Horizont aufstiegen. Da erspähte er am äußersten Ende der Anlagen einen Holunderbusch, eine Art Laube. Dort kann er Zuflucht finden. Er tritt hinzu und prallt abermals zurück: – ein Mann und ein Knabe saßen dort bereits auf der dürftig beschatteten Bank. Allein der Mann hat ihn bemerkt, er steht auf und ersucht ihn, Platz zu nehmen. Die Einladung war so freundlich, daß Herr Milett Folge leistete und sich neben den beiden niederließ. Er begann das Gespräch, indem er über das unangenehme Warten an so öder Stätte klagte. Der andere aber entgegnete, er habe sich vielmehr auf die zwei Raststunden in Huppenberg gefreut; er komme jedes Jahr einmal hierher, und da habe er sein Vergnügen an den Birken- und Tannenbäumchen, die er nun schon seit acht Jahren beobachte. »Sie wollten anfangs gar nicht gedeihen; nun wachsen sie doch, mühselig genug, aber sie wachsen, sie werden gesünder. Ach, sie schienen anfangs so krank und unrettbar verloren!« Bei diesen Worten ward seine Stimme bewegt, er warf einen Blick auf den Knaben und fügte hinzu: »Mein Fritz ist jetzt auch acht Jahre alt!« Nun wandte Herr Milett das Auge auch auf das Kind. Der arme Junge sah in der Tat den kümmerlichen Bäumchen nur allzu ähnlich. Das Gesicht war so blaß, die Händchen so mager; er schaute den Fremden so wehmütig an mit den großen glänzenden Kinderaugen. Dann rutschte er von der Bank, ergriff eine Krücke, die nebenan gestanden, und hinkte aus der Laube hinaus. Das linke Bein war etwas verkürzt, und das Gehen fiel ihm offenbar sehr schwer. »Er wird nicht müde, sich die Bäumchen zu betrachten, von denen ich ihm so oft erzählt habe«, sprach nun der Vater. »Das ist alles eine neue Welt für ihn, er wird den heutigen Tag in seinem Leben nicht vergessen, den ersten Tag seiner ersten Reise. Und auch für mich ist heute ein Freudentag; ich genese mit dem genesenden Kinde. Vor einem Monat noch glaubte ich, meinen armen Fritz nur mehr auf einem Weg noch begleiten zu können, auf dem Wege zum Kirchhof. Herr! begreifen Sie, was das für mich jetzt heißt, diese frische, freie Luft frei wieder atmen zu dürfen mit meinem Kinde? unter diesem blauen Himmel dahinzufahren mit ihm in diesem hellen, warmen Sonnenschein? ›Die Sonne meint's gut!‹ sagen die Bauern, wenn sie sticht und brennt, daß man umsinken möchte, und der liebe Gott meint's auch gut mit uns!« Der Alte schwieg, und auch Herr Milett sprach kein Wort; es war ihm ganz feierlich zumute. Nach langer Pause begann dann jener zu erzählen, daß er mit dem Kinde zur Nachkur ins Bad Rimselrain reise. Es liege drüben in den Waldbergen und besitze eine lauwarme Schwefelquelle von wunderbarer Kraft. Die Badeanstalt in tiefster Waldeinsamkeit biete alles, was bescheidene Leute zu einem gesunden, fröhlichen Leben brauchten, vom Luxus und Schwindel der Modebäder finde sich keine Spur; Rimselrain sei eben noch ein gemütliches Bad nach guter, alter Art, ein rechtes Wildbad, kein Kunstbad. Das wisse er von zuverlässigen Leuten, denn dort gewesen sei er selber noch nicht. Auch Herr Milett bekannte, noch nicht dort gewesen zu sein und überhaupt in seinem Leben noch kein Wort von dem Schwefel- und Wildbad Rimselrain gehört zu haben. Der andere fuhr fort: »Der Badebesitzer – er schreibt sich Zacharias Oberg'schwendner – ist ein wahrer Patriarch, wie es deren wenige mehr gibt. Als vor Jahren eine regierende Kaiserin oder Königin die Schwefelkur in Rimselrain gebrauchen wollte und durch ihren Hofmarschall Zimmer bestellen ließ, schrieb Herr Oberg'schwendner zurück, es sei ihm lieber, wenn Ihre Majestät nicht komme, denn sonst müsse er allerlei Verbesserungen machen lassen; ihm und seinen Gästen gefalle es am besten, wenn alles beim alten bleibe.« Herr Milett hörte staunend zu. Auf dieser Station Huppenberg erschloß sich nicht nur dem kleinen Fritz, sondern auch ihm eine neue Welt. Er war hier einem Menschen begegnet, der sich auf die Wartestunden in dieser Einöde gefreut hatte und diesen sandigen Garten voll Besenreiser merkwürdig zu machen wußte. Und dieser seltsame Mann reiste in ein Bad, dessen offenbar noch seltsamerer Besitzer den Besuch einer Kaiserin abgelehnt hatte, damit ihm und seinen Gästen die Gemütlichkeit nicht gestört werde! Jetzt erst betrachtete er den Fremden genau mit prüfendem Blick. Derselbe war ärmlich und altmodisch gekleidet, fast wie ein zurückgekommener Handwerker. Aber der Kopf war bedeutend, die tiefgefurchte Stirn zeugte von Gedankenarbeit, die harten, bereits gealterten Züge von schweren Lebenskämpfen; die kleinen Augen lugten scharf unter den starken Brauen hervor, der Mund war fein und sprechend, auch wenn die Lippen schwiegen. Der Mann mochte ein hoher Fünfziger sein. Diese Betrachtungen blitzten Herrn Milett nur so durch den Kopf. Er wollte nicht weiter rätseln; als der Jüngere stellte er selbst sich rasch dem Fremden vor und nannte seinen Namen, Stand und Wohnort. Und jener erwiderte lächelnd: »Ich heiße Philipp Schmidt, – das ist kaum ein Name, aber ich habe keinen besseren, und er war mir immer gut genug. Ich lebe gegenwärtig in ***« – er nannte eine Stadt der Nachbarschaft. – »Was meinen Stand betrifft, so bin ich eigentlich gar nichts. Doch gehe ich darum nicht müßig: ich gebe lateinische Privatstunden für kleine Jungen, die aufs Gymnasium gehen wollen, um dort etwas zu lernen, und für größere Jungen, die schon längere Zeit dort waren und nichts gelernt haben. Meine Stunden sind gesucht, ich kann von ihrem Ertrage zur Not bescheiden leben. Sonst habe ich nichts.« »Aber warum suchten Sie bei solchen Kenntnissen kein öffentliches Lehramt?« »Ich fühle mich glücklicher in meiner Unabhängigkeit, zudem würde meine Methode höheren Orts nicht genehmigt werden. Ich locke meine Schüler zu den Sprachen und lehre sie die großen Alten lieben und suche sie zu Menschen zu erziehen; an unserem Gymnasium schreckt man sie mit den Sprachen und drillt sie in der Furcht der Grammatik zu künftigen Bürokraten. Ich habe gar nichts, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Von Haus aus bin ich auch kein Philolog, und in letzter Zeit mußte ich leider meinen Lehrberuf sehr vernachlässigen, weil ich mein armes krankes Kind ärztlich behandeln und pflegen mußte. Es hatte ein schweres Nervenfieber mit verwickelten Nebenleiden; ich habe meinen Patienten glücklich durchgebracht – von hundert Ärzten hätten ihn vielleicht neunundneunzig aufgegeben!, – und mit Gottes Hilfe hoffe ich durchs Schwefelbad nun auch die Kur ganz vollenden zu können.« »Also waren Sie ursprünglich wohl Arzt?« »Keineswegs! Ich bin nur gewohnt, alles selber zu tun, was ich irgend vermag. Selbst ist der Mann. Übrigens war ich vorzeiten fünf Jahre Krankenwärter in einem Spital, wo viele Nervenfieber behandelt wurden. Da merkte ich mir den Gang der Krankheit und schrieb mir die Rezepte ab, welche ich zum Apotheker tragen mußte. In unserer naturwissenschaftlichen Zeit sollte die Kunst, ein Nervenfieber zu behandeln, mindestens ebensogut zur ›allgemeinen Bildung‹ gehören wie die Kunst des Klavierspiels. Mein eigentliches Fach war aber die Rechtswissenschaft, welche ich – es ist schon lange her – in Heidelberg schulgerecht studiert habe. Begeistert für die Hoheit des Rechts, war es das Ideal meiner Jünglingsjahre, ein Richter zu werden. Ich halte den Richter für den vornehmsten, weil für den unabhängigsten Beamten.« »Und warum wurden Sie kein Richter?« »Weil ich nach beendeten Rechtsstudien selber zum Tode verurteilt ward.« Herr Milett fuhr zurück. War der Mann verrückt? Philipp Schmidt lächelte. »Ich verließ die Universität im Jahre achtundvierzig. Und nun werden Sie's begreifen! – oder Sie begreifen's auch nicht. Das heutige Geschlecht begreift die Begeisterung nicht mehr, die uns damals erfaßt hatte. Mit Sturm und Brausen war der Frühling über Nacht ins Land gekommen, die Natur war erwacht, wir selber waren erwacht und lebten hoch wie im Traum. Wie flüchtig war dieser Traum! Wir glaubten an den Sieg der Freiheit und ein neues Deutsches Reich. Und über der Freiheit ging das Reich verloren. Im heißen Zorne wollten wir Jünglinge uns opfern, um beides zu retten. Es war im Mai 1849. Das Volk erhob sich für die Reichsverfassung, wie man damals sagte. Ich glaubte, daß nur diesem Ziel der Aufstand gelte; es war mir so heiliger Ernst um das Reich. In einer Volksversammlung, wo unter Gottes freiem Himmel Tausende sich scharten, sprach ich glühende Worte wider die Regierungen, die sich dem Reichstag und dem Reich nicht beugen wollten. Meine Glut entzündete die Massen. Da erschien ein Beamter und forderte uns auf, auseinanderzugehen. Als Antwort fiel ein Schuß – man erfuhr niemals, wer ihn abgefeuert, – der Beamte brach tot zusammen. Was soll ich weiter erzählen? Der offene Kampf entbrannte. Ich mußte den Aufständischen folgen, deren Führer etwas anderes erstrebten als ich; denn die Reichsverfassung war ihnen nur ein Vorwand, sie wollten die Republik. Von meinen eigenen Genossen beargwöhnt und mißhandelt, gelang es mir unter großen Gefahren, in die Schweiz zu entfliehen. Inzwischen wurde mir zu Hause der Prozeß gemacht: als moralischer Anstifter der Ermordung des Beamten in Übung seines Dienstes ward ich zum Tode verurteilt. Und nun erst erfuhr ich, daß jener Beamte der nächste Freund meines Vaters gewesen war, der Freund und Wohltäter meiner Kindheit! Um mich zu retten, hatte er sich allzu unvorsichtig unter die wütende Menge gewagt. Ich verzweifelte, indem ich dies alles erwog, und doch fand ich später Trost in meinem Gewissen. Was ich getan, war verkehrt gewesen, ich hatte für die Gegner gestritten, vergebens für meine Sache gelitten, und was ich erstrebte, war verloren. Aber was ich gewollt hatte, war doch das Beste. In der Schweiz fristete ich kümmerlich mein Leben – –« Fritz hinkte eilends herbei und rief: »Der Zug kommt!« Die beiden Männer sprangen auf. »Wir fahren noch eine Station miteinander«, rief Herr Milett, »Sie müssen weitererzählen!« Der Vater ergriff den Sohn, hob ihn auf den Arm und lief im Sturmschritt voran, daß sein Begleiter kaum folgen konnte. »Erzählen Sie weiter!« rief dieser hintendreinkeuchend. »Ich ernährte mich kümmerlich in der Schweiz durch Sprachunterricht, dann in England als Krankenwärter – –« »Die zwei traurigsten Berufe – ein Schulmeister und ein Spitaldiener!« stöhnte Herr Milett, dem der Atem ausging. »Die zwei schönsten!« verbesserte Schmidt, stolz zurückblickend. »Was gibt es Schöneres, als Kinder in das Leben des Geistes einzuführen und armen Kranken den Abschied vom Leben zu erleichtern? – Aber nehmen Sie mir den Fritz ein wenig ab, ich muß meinen Reisesack holen.« Der Zug stand bereits auf den Schienen, und Herr Milett stand regungslos davor, mitten im Sonnenbrand, den Knaben auf dem Arm, und dachte, welch ein begnadeter Mann doch dieser Philipp Schmidt sei, der jedem Ding die beste Seite abzugewinnen wisse, ein armer Mann und doch so reich in Gedanken. »Einsteigen!« drängte der Schaffner. »Aber wie ging es mit dem Todesurteil?« rief Milett dem Alten entgegen, der einen ungeheuren Reisesack heranschleppte. »Nach zwanzig Jahren wurde ich begnadigt auf Grund erneuter Prüfung meines Prozesses und dann noch amnestiert dazu, als ganz Deutschland selbst erneuter Prüfung entgegenging.« Der Schaffner mahnte zum letztenmal, – und da Herr Schmidt mit einem Billett dritter Klasse sich nicht zu Herrn Milett in die erste Klasse setzen konnte, so blieb diesem in der Eile nichts anderes übrig, als zu jenem in die dritte Klasse zu steigen. Doch dort war alles überfüllt; nur noch zwei freie Plätze, und sie kamen zu dreien. Es blieb keine Wahl, die Lokomotive pfiff, sie zwängten sich hinein. Fritz wurde quer über beider Schoß gelegt, denn mit hängenden Beinen konnte das arme Kind nicht sitzen. Die Nachbarn saßen Schulter an Schulter – lauter Bauern in Hemdärmeln –, ein Tabaksrauch, den man schneiden konnte, erfüllte das Coupé, die Hitze war äquatorial. Herr Milett bemerkte das alles gar nicht; er sprach mit seinem neuen Freunde über den Wandel der Zeiten seit achtundvierzig. Schmidt schilderte, wie er anfangs trostlos gewesen sei über unser geschlagenes Volk, allein was er zumeist ersehnt, das habe sich endlich doch erfüllt, nur in etwas unerwarteter Form. »Wir fahren etwas unbequem, Herr Milett, – ich meine hier im Wagen – oder auch im Reich, – aber wir fahren doch! Ein Deutsches Reich unter Preußens Führung und in guter Freundschaft mit Österreich – das ist ja unser gutes altes Gagernsches Programm, und Heinrich Gagern war doch mehr als eine ›Phrasengießkanne‹, er war Bismarcks Prophet. Aber die Jungen verstehen uns Alte nicht und wir Alten die Jungen vielleicht noch weniger. So war es immer, und so wird es bleiben. Ja, darin liegt das Geheimnis des Fortschrittes der Menschheit, daß immer erst die Enkel das Mißverstehen von Vater und Großvater zu lösen vermögen.« »Das mag wohl sein!« rief Herr Milett. »Andererseits entdecke ich soeben, daß ich meinen Handkoffer in Huppenberg stehengelassen habe. Ich vergaß ihn, derweil ich den Fritz in den Wagen trug.« Herr Schmidt bedauerte lebhaft dieses Mißgeschick, zu welchem er den Anlaß gegeben. Allein Herr Milett beschwichtigte ihn. »Es ist ganz gut, daß ich den Koffer vergaß. Ich schwankte soeben noch, ob ich nicht mitfahren soll in das berühmte Schwefelbad. Nun ist es entschieden. Wien mag warten, und der Koffer wird telegraphisch nach Rimselrain beordert. Den Zacharias Oberg'schwendner möchte ich kennenlernen, vorab aber noch etwas länger und ganz ruhig mit Ihnen plaudern, und hier spricht sich's so schwer, und beim Gerassel des Wagens und dem Schreien der Bauern muß man selber schreien wie in der Mühle. Aber die Leute haben ein Recht hier zu schreien, ein Recht zu rauchen, wie mein Nachbar ein Recht zu haben scheint, bereits eine Viertelstunde lang auf meinem linken Bein zu sitzen, während Fritz auf dem anderen liegt, das ist Eisenbahnsozialismus dritter Klasse, aber – wir fahren doch! – wie Sie richtig bemerkten.« In der Tat fand es Herr Milett höchst ergötzlich, nun auch einmal so schlecht zu fahren, nachdem er sich so oft gelangweilt hatte, so gut zu fahren. Trotzdem war er froh, als sie in Kopsburg den Wagen verließen, um dort im ›Goldenen Lamm‹ noch vier Stunden auf den Stellwagen zu warten, der sie abends nach Rimselrain führen sollte. Der alte Schmidt war offenbar erfreut über Miletts Entschluß, und dieser freute sich nun wieder, daß sich der andere freute. Herr Milett ließ sich's auch nicht nehmen, den neuen Freund mit dem Besten zu bewirten, was das Wirtshaus bot. Dieses Beste war freilich nur ein zäher Kalbsbraten und ein saurer Wein nebst einem Eierkuchen für den Knaben. Allein die beiden aßen so tapfer und stillvergnügt, daß es Herrn Milett beim bloßen Zusehen besser schmeckte als heute morgen, da er die köstlichen Krammetsvögel selber aß. Schon dämmerte es; da erschien endlich der Stellwagen, ein Marterkasten mit zwei Schimmeln bespannt, von denen der eine blind, der andere spatig war. Beim Einsteigen fiel es Herrn Milett heiß ein, daß er den Brief an seine Frau nun heute doch nicht mehr schreiben könne, denn bis sie nach Rimselrain kamen, war es Mitternacht. Der Wagen stieß entsetzlich, obgleich er kaum von der Stelle kam und bei jedem Stoße dichter Staub von den Ritzen des Bodens aufquoll; die Bänke waren nicht weich, dafür aber um so höher und schmäler. Allein in Gesellschaft eines so trefflichen Mannes wie Philipp Schmidt und des Kindes, dessen verschwiegenes Dulden und stille Freundlichkeit jedes Herz gewann, ließ sich's schon aushalten. Weitere Fahrgäste kamen nicht; der Fremdenstrom nach Rimselrain stockte wohl zur Zeit ein wenig. Mit einigem Widerstreben erzählte Schmidt auf Miletts Andrängen noch gar manches aus seinem reich und schwer bewegten Leben. Er hatte des Bitteren so viel erfahren! – »Aber das Bitterste«, so meinte Herr Milett fragend, »war doch immer jene Katastrophe im Jahre neunundvierzig?« »Vom Bittersten«, entgegnete jener, »sprach ich noch nicht und wollte es auch nicht tun. Doch Sie sind so teilnahmvoll, und ich will es aussprechen. Ich hatte eine Braut; sie war erst siebzehn Jahre alt, ich fünfundzwanzig, als mich jener unselige Maitag in Schmach und Verbannung warf. Dies war das Bitterste, daß ich wußte, wie sie sich um mich gräme, noch halb ein Kind, der Welt und der ganzen Lage unkundig, wie sie meine Qualen doppelt und dreifach mitlitt, lange schwankend, ob auch sie mich verdammen solle gleich den anderen! Sie tat es nicht; sie harrte aus und blieb mir treu. Als ich nach zwanzig Jahren heimkehrte, verschmähte sie es nicht, mein karges Los zu teilen: wir verheirateten uns. Und diese verspätete Ehe ward noch mit einem Kinde gesegnet: – ach, ich habe es doch gut gehabt!« Er hielt ein und blickte lange auf den Knaben, der in der Wagenecke sanft eingeschlummert lag, und fügte dann hinzu: »Möge Gott mir diesen Trost erhalten!« »Und Ihre Frau?« »Sie ist vor zwei Jahren gestorben.« »Gestorben!« wiederholte Herr Milett tief bewegt. »Sie möchten fragen, ob ihr Tod nicht doch das Allerbitterste gewesen sei? Hart war diese Trennung fürwahr, doch das Härteste war sie nicht. Ich glaube fest, meine Luise wiederzusehen und mit ihr wiedervereinigt zu werden. Früher zweifelte ich an der persönlichen Fortdauer des Menschen, dieses Stäubchens auf einem Sandkorn, das wir Erde nennen. Seit Luisens Tod glaube ich an das ewige Leben. Ich will Ihnen etwas Merkwürdiges erzählen: Als wir uns zum erstenmal unsere Herzen erschlossen, da schwuren wir uns ›ewige Liebe‹. Sie werden dies gar nicht merkwürdig finden, sondern sehr alltäglich, da es im Grunde jedes liebende Paar zu tun pflegt. Und doch ist dieser Schwur so merkwürdig. Denn auch der kälteste Denker und Zweifler, wenn er wahrhaft liebt, wird in jenem Augenblicke ein Ende des Liebesbundes für undenkbar halten, er wird an die Ewigkeit glauben, wenn er wahrhaft liebt. Lieben heißt im Endlichen die Schauer der Unendlichkeit ahnen. Darum sind es zwei Stunden, wo unser Glaube an die Ewigkeit am festesten steht: Die Stunde, wo die Geliebte uns gegeben, und die Stunde, – wo die Geliebte uns genommen wird.« Der Mondschein fiel auf das schlafende Kind, die Sterne zogen leise ihren Weg, ob sie gleich stillzustehen schienen, erfrischender Tannenduft strich durch die Fenster des Wagens; – die beiden Männer schwiegen. Die Nacht ist das stille, tiefe Geheimnis der Natur, dunkel und doch von Lichtfunken durchzittert. Der Glaube ist das stille, tiefe Geheimnis der Menschenseele – die Nacht der Menschenseele – mit ihrem Sternenhimmel. III. Als unsere Reisenden in Rimselrain ankamen, würde die Glocke zwölf geschlagen haben, wenn eine solche vorhanden gewesen wäre. Der Mond war untergegangen, alles tief dunkel. Sie wußten nicht, wie sie hierhergekommen und wo sie waren. Der Eingang ins Badehaus war nicht besonders einladend, der Empfang durch eine verschlafene Magd nicht sehr freundlich. Das ganze Schwefelbad schlief. Doch wurden die müden Reisenden vorläufig untergebracht, und bald lagen auch sie in tiefem Schlafe. Schon um fünf Uhr stand Herr Milett auf und schlich, da alles noch stille war, aus seinem Zimmer, um die Badeanstalt samt der Umgegend etwas näher in Augenschein zu nehmen. Das Haus, alt und verwahrlost, halb bäuerlich, halb städtisch, stand hart an einer kahlen Berglehne. Die Fenster der Wohnzimmer gingen rückwärts gegen den öden Abhang; von den Fenstern der Hausgänge, der Küche und anderer Räume, in denen man nicht lange verweilt, öffnete sich dagegen der herrlichste Ausblick über waldige Talschluchten und Felsen und Wiesen hinüber zu den hohen Kuppen des Böhmerwaldes. Hinter dem Hause, wo man nichts sah, standen Tische und Bänke für die Kurgäste; vor dem Hause, wo die entzückende Landschaft sich erschloß, standen Ställe und Schuppen. Es schien, als ob eine gewisse Enthaltsamkeit im Naturgenuß zur Kurdiät von Rimselrain gehöre. Der Brunnen lag nicht fern vom Hause, um aber morgens zur Trinkstunde dorthin zu gelangen, mußte man über die Wiese durch tauiges Gras gehen. Auf dem Fassungsrand der reichlich sprudelnden Quelle stand ein einsames Glas – vor Diebstahl sicher, denn es hatte einen großen Sprung und war mit einer festen gelblichen Kruste überzogen als Beweis der Kraft des Schwefels. Der Henkel war abgebrochen. Wollten sich darum die Kranken den Heiltrank selber schöpfen, so mußten sie mit dem Glase zugleich die Hand ins Wasser tauchen. Seitab der Quelle schattete ein kleiner Tannenwald, die Kurpromenade. In den Boden gerammte Pflöcke zeigten, daß hier vormals Tische und Bänke gewesen waren; die boshaften Bauernbursche des Nachbardorfes hatten sie zerstört. Wer sich jedoch ein Brett mitbrachte, der konnte es noch immer auf vier Blöcke legen und hatte dann einen trockenen Sitz. Am Ende der Promenade war ein mit Stangen umzäunter Raum, in welchem sich mehrere Mutterschweine mit ihren Ferkelchen tummelten. Der Anblick dieser bald spielenden, bald kämpfenden Tiere bot den Kurgästen gewiß oft recht anregende Unterhaltung. Beim Rückweg von diesem Entdeckungsgang begegnete Herr Milett dem Herrn Zacharias Oberg'schwendner, der auf seinen Gruß mürrisch dankte. Ein rechter Bauer, war er auch als Badebesitzer und Wirt seinen bäuerlichen Sitten rühmlich treu geblieben; nur im Punkt der Zeche hatte er seine Gäste schon ganz städtisch zu behandeln gelernt. Sein Bauernhof lag nur zwanzig Minuten vom Kurhause entfernt, und das Bad, eines der ältesten Bauernbäder, war schon seit Jahrhunderten im Besitz und Betrieb seiner Familie. Die Quelle erfreute sich historischen Rufes in der ganzen Nachbarschaft, und bereits zur Reformationszeit mochte hier so ziemlich dieselbe Kurordnung geherrscht haben wie heutzutage. Herr Milett sagte dem gewichtigen Mann einiges Schmeichelhafte über sein schönes Besitztum; Herr Oberg'schwendner aber erwiderte, das Bad sei ihm eine rechte Last und für zwanzigtausend Mark verkaufe er den ganzen Kram lieber heut als morgen. Die »hohe Kur« falle immer genau in die Zeit der Ernte, wo er auf den Äckern nötiger zu tun habe als bei dem »schmeckenden Wasser«. Doch könne er die Direktion keinem anderen überlassen. Das sei ihm unbequem genug. Lieber wäre es ihm, wenn die Leute ihre Kur in den Winter verlegen wollten. Da er gehört habe, daß es in anderen berühmten Bädern auch eine Winterkur gebe, so habe auch er voriges Jahr den Versuch damit gemacht, es sei aber kein Mensch gekommen. Auf Miletts Frage, ob es denn auch einen Badearzt in Rimselrain gebe, ward Herr Oberg'schwendner ganz zornig und meinte, wo die Quelle so gut sei, da brauche man nicht auch noch einen Doktor dazu. Die meisten Kranken begnügten sich mit dem Schäfer-Sepp, der täglich herüberkomme und auch das Vieh behandle. Wer aber durchaus einen studierten Doktor haben wolle, der möge nur in die Stadt schicken, sie sei nur dritthalb Stunden entfernt; und dort gäbe es Doktoren übergenug. Herr Milett freute sich königlich über den groben Mann mit seinem historischen Wildbad, welches auch nicht sein war. Er kannte Wiesbaden, Baden-Baden, Ems und Kissingen, aber ein so naturwüchsig origineller Kurort war ihm noch nicht vorgekommen. Ihm dünkte, er sei, aus dem alltäglichen Leben über Nacht in eine Märchen- und Zauberwelt versetzt, plötzlich von den Höhen in die Tiefen des Daseins hinabgestiegen, in ein Reich von Kobolden und Erdgeistern, bei denen es etwas flegelhaft und schmutzig herzugehen pflegt, aber auch sehr abenteuerlich. Man läßt sich's gern da unten einmal gruseln, vorausgesetzt daß man ebenso geschwind wieder heraufkommen kann, wie man hinabgefahren ist. Er ließ sich die Zimmer zeigen, welche der Wirt für ihn und seinen immer noch schlafenden Gefährten bestimmt habe. Es waren überhaupt nur noch zwei Räume verfügbar in dem bis unters Dach besetzten Hause, und obgleich der Wirt nur ein Bauer, so hatte er doch mit dem Scharfblick eines gewiegten Oberkellners Herrn Milett sofort die schönste und größte Stube zugedacht, seinem Begleiter dagegen eine jämmerliche kleine Spelunke. Die eine sollte drei Mark täglich kosten, die andere eine Mark. Milett erklärte, die kleine Kammer für sich behalten zu wollen; das große schöne Zimmer dagegen möge der Wirt dem anderen Herrn geben unter der Bedingung, daß er jenem das kleine Zimmer, ihm das große täglich in Rechnung setze. Zacharias Oberg'schwendner staunte über diesen Edelmut; der Gast schien ihm ein ebenso fabelhafter Reisender, wie er dem Gaste ein fabelhafter Wirt. Ein sehr vornehmer Mann mußte der Fremde ohne Zweifel sein, da er so närrisch war; – vielleicht war er gar ein verkappter Fürst! Herr Oberg'schwendner beschloß darum, demselben möglichst grob entgegenzutreten, damit die Gemütlichkeit von Rimselrain durch gesteigerten Luxus nicht gestört werde, genehmigte aber den Tausch der Zimmer und der Rechnungen. Das Frühstück wurde von der ganzen Badegesellschaft gemeinsam im Freien eingenommen. Auch der alte Schmidt mit seinem Kinde erschien nunmehr und setzte sich zu Herrn Milett, der in heiterster Laune bereits eine Tasse tiefschwarzen Zichorienkaffees genossen hatte. »In meiner Jugend«, sprach der Alte, »blätterte ich spielend oft in Beckers ›Taschenbuch zum geselligen Vergnügen‹ und fand dort eine Novelle von Stephan Schütze ›Drei Wochen im Bade‹, von welcher ich aber nur den Titel las. Sie war illustriert von Heinrich Ramberg, dem unermüdlichen Almanachzeichner, durch kleine figurenreiche Kupfer, welche das Karlsbader Badeleben darstellten aus der Zeit, da Goethe und Metternich dort an der Spitze der Kurliste standen. Diese Bildchen weckten in mir den heißesten Wunsch, doch auch einmal drei Wochen im Bade zu verleben. Was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter die Fülle: endlich bin ich nun auch in ein Bad gekommen und gar auf vier Wochen! Der Traum meiner Jugend erfüllt sich – – leider durch die Krankheit meines Kindes.« Die Zuversicht des gestrigen Tages fehlte dem wehmutvollen Tone, der aus den letzten Worten klang. Milett musterte lächelnd die Badegäste – arme, kranke, bleiche Menschen, verkümmerte bäuerliche und kleinbürgerliche Gestalten, mehrenteils Frauen und Kinder – sie sahen nicht ganz so aus wie die Karlsbader Gesellschaft zu Goethes und Metternichs Zeiten. Allein er gelobte sich, dem neuen Freunde diese erste Badekur dennoch ganz unvermerkt recht schön, ja so karlsbadisch wie möglich zu machen. Er wußte bereits, wie winzig die Mittel waren, die jener sich abgekargt hatte für Rimselrain; er wußte aber auch, wie fein der stolze Mann fühlte, und spann danach seinen Plan. War das nicht reizend? Die Welt kam ihm heute schon bedeutend besser und harmonischer vor als gestern. Nicht so dem besorgten Vater. Da Fritz eben seitab mit anderen Kindern spielte, so schüttete er Herrn Milett ganz leise sein bekümmertes Herz aus und erzählte ihm genau die Krankheitsgeschichte des Kleinen. Während des Nervenfiebers hatte sich eine Eiterung am linken Beine des Knaben gebildet, sie verschwand mit dem Fieber. Nun aber zeigte sich der obere Schenkelknochen ganz erweicht und verkümmert. Und dagegen sollte die Nachkur helfen. »Schwefelbäder für ein Knochenleiden!« rief Milett erstaunt. Doch Schmidt belehrte ihn, daß dies neue Übel eine Folge des langen Liegens und zugleich auch skrofulöser Anlage sei. Und hier helfe Rimselrain allerdings. Er möge nur umherblicken: – das ganze Kurpublikum sei ja skrofulös. Dann sank er wieder in tiefes Brüten. »Das Kind«, rief er endlich, »wurde seit seiner Geburt zu schlecht ernährt; mit allen Opfern konnte ich ihm nicht kräftigere Kost erschwingen – wir darbten ja miteinander. So entwickelte sich der Krankheitskeim. Es ist ein furchtbares Gesetz, daß die Schuld der Väter heimgesucht wird an den Kindern, aber ein noch furchtbareres, daß auch die unverschuldete Not der Eltern an den Kindern heimgesucht wird!« Der Freund sann auf ein Wort des Trostes und fand keins. Der Himmel war so blau, die Luft so frisch und tannenduftig, als ob die Wälder ihren Morgengruß herüberschickten, – und ringsum doch so viel Elend! Hätte Herr Milett dem kleinen Fritz auch so ganz heimlich die Gesundheit erkaufen können, dann würde er sich vollkommen glücklich gefühlt haben in Rimselrain. Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, weil eine Dame grüßend vor ihn trat, die bisher ganz unbeachtet beiseite gesessen hatte. Von schlanker Gestalt, vornehm gekleidet, mit feinen Zügen und sicherer Haltung, gehörte sie offenbar der »Gesellschaft« an, also durchaus nicht dieser Gesellschaft, die in Rimselrain zu baden pflegte. Sie begrüßte Herrn Milett bei Namen, fragte, ob er sich ihrer denn nicht mehr erinnere, und erkundigte sich nach seiner Frau, nach ihrer »lieben Doris«, wie sie dieselbe nannte. Herr Milett, der sich eben erst im stillen darüber gefreut hatte, daß ihn hier gewiß kein Mensch kenne, war etwas unangenehm überrascht und bedauerte, daß ihn sein schwaches Physiognomien-Gedächtnis schon wieder im Stich lasse. Allein es begegnen uns ja so viele Gesichter, die wir wieder vergessen, und das Gesicht dieser Dame war nur dadurch bemerkenswert, daß es weder jung noch alt, weder häßlich noch schön war. Sie schien einen Augenblick empfindlich, nannte dann aber ihren Namen – Fräulein Ludmilla Azalinka – und fragte Herrn Milett, was ihn denn eigentlich hierherführe. Kurz angebunden erwiderte dieser: »Das Bad.« Mit um so geläufigerer Zunge erklärte Fräulein Azalinka, daß sie kerngesund sei und keines Heilbades bedürfe; sie verweile vielmehr hier, um Naturstudien zu machen. »Also Malerin?« fragte Milett. Die Dame war schon wieder empfindlich berührt. Die deutsche Nation wußte doch schon längst, daß sie Dichterin, Novellistin sei, und dieser ungebildete Mann wußte es noch nicht! »Malerin!« wiederholte sie achselzuckend – »in gewissem Sinne allerdings. Die Poesie umschließt alle Künste. Ich male Charaktere und Leidenschaften im Roman und in der Novelle. Allein man muß Romane leben, wenn man Romane schreiben will. Ich mache Naturstudien in Rimselrain, weil hier die Menschen noch Natur sind und die Natur selbst noch ganz natürlich ist. Stimmung, Situationen, Charaktere finden sich hier im Überfluß, nur eines vermisse ich: die Handlung. Es geht hier gar nichts vor: keine Intrige, keine Konflikte, keine Tragik der Leidenschaften, nichts Sensationelles, Phrenetisches! Ich möchte sagen: Rimselrain ist höchst anregend, aber gar nicht aufregend. Und die moderne Kunst soll aufregen, das Anregende gehört dem verblaßten Klassizismus – Goethe, Mozart! – überwundene Standpunkte! Die Kunstqual ist der wahre Kunstgenuß. Was sagen Sie zu Wagner? Ich schreibe übrigens keine Nibelungen- oder Wodansromane, auch nichts Hohenstaufisches. Nur Gegenwart! naturgetreue Gegenwart! Und diese Gegenwart ist so groß! so reich an Stimmung, so gesättigt von Lokaltönen! Aber die Handlung – da fehlt's! Die großen Taten der Nation, die großen Helden des Tages können wir doch noch nicht in den Roman schlachten, und in unserem polizierten Privatleben wird jede energische Tat – Entführung, Raub, Mord – sofort kriminalistisch, und ich verabscheue die Kriminalnovelle. So bleibt als Motiv sensationeller Handlung höchstens noch jener Betrug übrig, der so hochfein ist, daß ihn das Auge des Gesetzes nicht sehen kann, und die Glut und Wut verzückter und verrückter Liebe, welcher das Irrenhaus von ferne winkt. Ich dürste nach Handlung; sie allein fehlt mir noch zu einem Roman, der ganz an dieser Schwefelquelle spielt. Stimmung, Schilderung, Kolorit, alles ist fertig; ich pflege die Handlung immer zuletzt aufzusetzen wie die Maler die Lasuren und Glanzlichter. Ach, ich bin jetzt so vereinsamt unter diesem Bauernvolk! Vorgestern reiste eine österreichische Gräfin ab, der ich mich angeschlossen, ich kann sagen, angefreundet hatte. Sie gebrauchte die Kur und gebrauchte den Schäfer-Sepp. Nun bin ich ganz verwaist! Welch ein Glück, daß ich Sie gefunden habe. Ich klammere mich an Sie, bester Herr Milett! Ich stelle mich ganz unter Ihren ritterlichen Schutz.« Herr Milett war starr vor Schrecken; eine solche Dichterin war ihm noch gar nicht vorgekommen. Allein seinen ritterlichen Schutz konnte er ihr doch nicht weigern, zumal sie sich auch seiner Frau irgendeinmal »angefreundet« zu haben schien. Übrigens wußte er nicht, was da eigentlich zu schützen sei. Fräulein Azalinka, die nach Handlung suchte, war doch nur ein flüchtiger Wolkenschatten im Sonnenschein des Badelebens der beiden Freunde, ein Wolkenschatten, der allerdings vier- bis sechsmal täglich aufzog. Milett hatte nur ein paar Tage in Rimselrain bleiben wollen; da ihn aber der Ort so sehr ergötzte, beschloß er, eine volle richtige Badekur von vier Wochen durchzumachen, um recht rein nach Wien zu kommen. Auf der »Hausordnung«, die neben der Küchentüre angeschlagen war, lautet §1: »Jedes Zimmer wird nur auf vier Wochen vermietet, und müssen vier Wochen vorausbezahlt werden, gleichviel ob der Gast so lange bleiben will oder nicht«, und §11: »Jeder Gast hat täglich ein warmes Bad zu bezahlen, gleichviel ob er badet oder nicht.« Diese Paragraphen gaben den Ausschlag. Der Millionär sagte: Wenn ich vier Wochen bezahlen muß, so will ich auch vier Wochen bleiben, und wenn ich täglich das Bad bezahlen muß, so will ich auch täglich baden; Philipp Schmidt, der kein Millionär war, sprach ebenso, Fräulein Azalinka hatte längst so gesprochen; in Rimselrain badete alles, trank alles den Brunnen, Kranke und Gesunde. Ein freiwilliger Zwang ist auch eine Kur und unter Umständen eine ganz lustige. Frühmorgens fünf Uhr ging Herr Milett nüchtern zum warmen Schwefelbade. Die Stunde mußte pünktlich eingehalten werden, denn später spendete der geizige Wirt kein warmes Wasser mehr. Nach dem Bade zog dann die ganze Gesellschaft über den nassen Grasweg zum Brunnen. Dies war zwar die verkehrte Welt, da man anderswo zuerst trinkt und nachher badet, allein in Rimselrain war alles verkehrt und eben darum höchst interessant. An der Quelle bildeten sich bunte Gruppen, darunter ein halbes Dutzend ganz armer Patienten, die um den Viertelspreis schlecht genug verpflegt wurden und neben dem Hühnerstall eine elende Schlafstätte hatten; sie durften erst ganz zuletzt trinken. Milett unterhielt sich gern mit ihnen, trank mit ihnen und unterstützte sie insgeheim auf mancherlei Art. Sie machten vergnügte Gesichter, wenn sie ihn nur von weitem sahen. Fräulein Ludmilla fand diesen Verkehr mit dem Pöbel abscheulich. Sie hätte so gerne ganz allein Herrn Miletts Gegenwart zu ihrem Schwefelwasser genossen. Nun aber zog er sich stets unter seine Armen zurück, die er seine Leibgarde nannte! Das verzieh sie ihm nicht. Nach acht Tagen bemerkte man eine auffallende Veränderung am Brunnen. Das zersprungene Glas ohne Henkel war verschwunden, und statt seiner stand den Gästen eine ganze Auswahl hübscher neuer Gläser zur Verfügung, und ein nettes Bauernmädchen schöpfte das Wasser für alle. Das schönste Glas, rot mit eingeschliffenen Bildern, gehörte dem kleinen Fritz; das arme Kind war ganz glückselig über sein schönes Glas. Ja, noch mehr: der Weg zur Quelle fand sich eines Morgens mit Brettern belegt, so daß man trockenen Fußes hinüberkommen konnte, und in der Kurpromenade standen sogar etliche Bänke. Und dies alles hatte, so hieß es, der grobe Wirt getan. Einige deuteten es als ein Vorzeichen seines nahen Todes, daß er seinen Sinn so ganz umgeändert habe; er nahm aber das Lob der Gäste schmunzelnd hin und schimpfte nur hinterdrein auf den ungemessenen Luxus dieser neuen Zeit. Die Leser wissen freilich, daß nicht der Wirt, sondern Herr Milett der geheime Urheber dieser Verbesserungen war und dem Wirte tiefstes Schweigen auferlegt hatte, welches dieser auch mit einigen Flüchen gelobte. In seinem Geize ließ sich Zacharias Oberg'schwendner die geschenkten Gaben des närrischen Gastes gefallen. Doch als dieser auch die Küche insgeheim etwas verbessern wollte, widerstand er unbeugsam. Und mit Recht. Denn er dachte: wenn die Gläser allmählich zerbrechen und die Bänke verfaulen, dann nehmen die Leute das so hin als den Gang alles Fleisches und fordern keine neuen; wenn aber diese Bauern ein einzigmal besser gegessen haben, dann wollen sie für alle Zeiten besser essen. Milett freute sich, überall vergnügtere und freudig überraschte Menschen zu sehen und sich selbst als den geheimen Schöpfer dieser Freude zu wissen, während er doch keinen Dank zu nehmen oder abzuwehren brauchte. Ludmilla staunte über diese Dinge, die sie nur halb begriff. Sie wollte den seltsamen Mann zu einem Geständnisse zwingen, und er gestand gar nichts. Er war ihr sehr höflich – drei Schritt vom Leibe – und gab ihr seinen »ritterlichen Schutz« aus der Entfernung. Niemals ersuchte er sie um die Vorlesung einer ihrer Novellen; er behauptete sogar einmal, Männer könnten überhaupt nicht vorlesen hören, diese schöne passive Gabe besäßen nur die Frauen, und zwar in bewundernswertem Maß. Sie begann den Mann zu hassen, und seinen ungeschliffenen Freund, diesen Philipp Schmidt, haßte sie doppelt und dreifach. Dem Wirt enthüllte sie, daß Herr Milett kein verkappter Fürst, überhaupt nichts Vornehmes sei, sondern nur ein bürgerlicher, aber steinreicher Mann. Hinter jenem Schmidt aber stecke ein Geheimnis, er führe einen falschen Namen, das kranke Kind sei auch offenbar nicht sein Sohn, dazu sei es viel zu zart und fein, sehe auch dem Grobian gar nicht ähnlich. Der Alte sei vermutlich ein Schwindler, ein Betrüger, der den törichten Milett bestricke und ausbeute, und das arme Kind sei gewiß das Opfer einer dunkeln Tat. Sie witterte Handlung; sie spürte und spähte und zerbrach sich den Kopf und konnte doch keine Handlung finden. In ihrem Arger beschloß sie zuletzt, die Handlung selbst zu machen. Nach der Brunnenpromenade und dem Kaffee begab sich Herr Milett regelmäßig auf sein Zimmer, um auf einer schmalen Bank, die ein Sofa darstellen sollte, etwas unbequem ausgestreckt der Ruhe zu pflegen. Da aber im ganzen Hause keine Tür und kein Fenster schloß, so strich die Zugluft des frühen Morgens so fröhlich durchs Zimmer, daß er nur mit dem Hut auf dem Kopfe sich niederlegen konnte, wie er auch bei stärkeren Regengüssen mit aufgespanntem Schirm im Schwefelbade saß, weil ihm sonst durch die löcherige Decke des Badekabinetts eine kalte Dusche auf den Kopf geträufelt wäre. In jener Mußestunde studierte Milett anfangs noch den Stadtplan und einen Fremdenführer von Wien, weil er die Reise zur Kaiserstadt noch keineswegs aufgegeben hatte. Seit der zweiten Woche jedoch beschäftigten ihn andere Dinge; – er hatte sich mit dem Wirt in einen geheimnisvollen Verkehr gesetzt, prüfte Papiere, die ihm dieser übergab, schrieb und rechnete, erzählte aber von diesen Studien nicht einmal dem Freunde Schmidt eine Silbe. Hatte denn Herr Milett seine Frau, seine geliebte Doris, ganz vergessen, die er vordem so heiß herbeigesehnt? Ganz und gar nicht. Er gedachte ihrer täglich und schrieb auch täglich an sie – in Gedanken. Nur das wirkliche Schreiben fiel ihm schwer. Am ersten Tage meldete er ihr, daß er nicht nach Kopenhagen reise, sondern nach Wien, in Rimselrain jedoch vorher ein wenig ausruhen wolle, am achten Tage, daß er nicht nach Wien reise, sondern in Rimselrain bleibe. Was mußte die arme Frau dazu denken, zumal diese Nachrichten ganz kurz und trocken gefaßt waren! Er quälte sich vergebens, die unbekannten Reize dieses Wild- und Bauernbades zu schildern; er zerriß den Brief wieder. Hierauf wollte er Doris einladen, zu ihm zu kommen und die seltenen Genüsse von Rimselrain mit ihm zu teilen. Was wäre entzückender gewesen? Das schöne und geliebte Weib fehlte einzig und allein noch in dieser Idylle. Aber die Feder versagte ihm – Doris würde kein Verständnis für Rimselrain gehabt haben! Den Frauen und den Königen fehlt in der Regel der Sinn für den derben Humor, für das niedrig Komische, Genrehafte. Es gehört burschikoser Übermut dazu, geflissentlich wie ein armer Teufel zu leben, damit man sich im Geist um so erhabener fühle über all den Tand von feiner Welt. Und Frauen sollen nicht burschikos, sollen auch nicht übermütig sein. Doris würde Rimselrain nicht verstanden, und – was noch schlimmer – hier würde sie auch ihn nicht verstanden haben. Er erschrak bei diesem Gedanken; bisher hatte er's für ganz unmöglich gehalten, daß ihn seine Frau irgendwann und -wo nicht verstehe. Kein Wunder, daß er die Fortsetzung der Korrespondenz auf eine bessere Stunde verschob. Inzwischen kam endlich der lang erwartete lange Brief von Doris, ein Brief, wie ihn nur liebenswerte und liebebedürftige Frauen schreiben können, voll Herz und Gemüt und anmutigen Geplauders, überreich an Inhalt und reizend unordentlich in der Form. Das waren lauter echte, reine Ergüsse des Augenblicks! Er stand ihr so nahe in der Ferne, und sie stand ihm jetzt so fern. Doch das sollte nicht sein. In der Freude seines Herzens über den langen Brief wollte er einen gleich langen schreiben, indem er begann, ihr seinen neuen Freund zu schildern. Allein das Bild ward so flach und schief, daß er auch diesen Brief wieder zerriß. Er hatte gemildert, geglättet, um jenen harten, eigensinnigen und doch so tüchtigen Charakter seiner Frau begreiflich zu machen, aber das Eigenste jenes Charakters war, daß er gar nicht geglättet werden konnte. Neuer Schreck: Doris hatte gewiß auch kein Verständnis für den neuen Freund. Und zum Ersatz für all die ungeschriebenen Briefe schickte er ihr endlich – eine magere Postkarte. Allein er spann geheime Pläne hier in Rimselrain; von diesen hätte er doch wenigstens seiner Frau berichten können. Bisher hatte er noch gar kein Geheimnis vor ihr gehabt, er hatte ihr alle seine Pläne, selbst die rein geschäftlichen, schon im ersten Keime mitgeteilt. Nur diesmal nicht! Sie hatte kein Verständnis für Rimselrain, sie konnte auch kein Verständnis für seinen Plan haben. Er erschrak zum drittenmal vor sich selbst und schrieb abermals eine Postkarte mit der Nachricht, daß er täglich Schwefelbäder nehme und den Brunnen trinke, obgleich ihm eigentlich gar nichts fehle. Nun begann auch die Frau zu erschrecken: am Ende badete und trank sich der gesunde Mann noch krank! Es ging jetzt überall in Rimselrain geheimnisvoll zu. Sogar Herr Oberg'schwendner, sonst die Öffentlichkeit selbst, hatte sichtbar sein Geheimnis – weit über die geheimnisvollen Brunnengläser und Gartenbänke hinaus. Er deutete das manchmal in halbverschluckten Worten an, und es schien ein sehr angenehmes Geheimnis zu sein. Er fluchte vor sich hin, behandelte die Gäste doppelt barsch und schalt die Dienstboten mehr als je, um seiner verschlossenen Freude Luft zu machen. Von irgendeinem qualvollen Geheimnis hingegen war Ludmilla erfüllt. Sie ward trotziger, aber auch noch unsteter und hastiger als vorher. War sie bis dahin den beiden Männern nicht ganz angenehm gewesen, so wurde sie ihnen jetzt ganz unangenehm. Des Nachmittags verschloß sie sich in ihr Zimmer und schrieb – nicht an einem Roman, sondern Briefe, die vielleicht selbst ein Roman waren. Ihr unsicheres Wesen schien auch auf ihre sonst so sichere Feder übergegangen zu sein. Häufig zerriß sie wieder, was sie eben geschrieben, so daß an zerrissenen Briefen damals kein Mangel war in Rimselrain. Je mehr sie sich aber von Milett und Schmidt abgestoßen fühlte, desto vertrauter erschloß sie sich – Herrn Zacharias Oberg'schwendner, aber nur damit auch er sich ihr erschließe; sie schmeichelte ihm, sie wollte ihm offenbar Geheimnisse ablocken. Das sah nun nicht viel anders aus, als ob sie einem Holzpflock schmeichle. Und doch widerstand Zacharias nicht ganz; er gab ihr Aufschlüsse, delphisch dunkel und lakonisch kurz, allein er gab doch etwas, und die Phantasie des Fräuleins verstand das Dunkle hell und das Kurze lang zu machen. Der einzige, welcher nach außen gar kein Geheimnis hatte, war Schmidt. Dafür marterte ihn eine innere Unruhe, die ihm selbst ein Geheimnis war: – er begann zum erstenmal an sich selber zu zweifeln! Fritz wurde täglich schwächer, das kranke Bein täglich schmerzhafter. Und der Knabe ertrug das alles mit so rührender Geduld. »Bin ich denn wirklich der rechte Arzt?« fragte sich der Vater. Er wies diese Frage von sich, und sie drängte sich doch wieder auf, sie erschütterte ihn bis ins Mark. Er floh vor dieser Frage, weil sie sein eigenstes Wesen antastete. Allein der Freund hielt sie ihm trotzdem wiederholt und ernstlich vor und beschwor ihn, einen Arzt aus der nahen Stadt zu Rate zu ziehen. Schmidt fühlte sich durch dieses Ansinnen tief gekränkt; hätte Milett ihm nicht so nahegestanden, so würde er fortan kein Wort mehr mit ihm gesprochen haben. Doch er verzieh ihm. Milett schwieg und dachte daran, auf eigene Faust einen Arzt zu holen. Das würde aber Schmidts Eigensinn nur noch mehr verhärtet und gar nichts genützt haben. Einem hoffnungsvollen Kranken mochte das Badeleben selbst in Rimselrain reizend erscheinen und einem Gesunden noch viel reizender. Wer aber einem teuren Kranken helfen will und nicht helfen kann, dem wird auch der entzückendste Kurort zuletzt zur Marterstätte. Um den Vater zu zerstreuen und das Kind zu vergnügen, veranstaltete Milett Spazierfahrten. Einen Wagen gab es nicht in Rimselrain. Zacharias Oberg'schwendner sagte: »Die Kranken sollen gehen, dann werden sie gesund, und wenn sie nicht gehen können, dann sollen sie liegen.« Ein Wirt in der Nachbarschaft besaß jedoch eine Kalesche; die mietete Herr Milett zum großen Verdruß seines eigenen Wirtes, der dem anderen spinnenfeind war. Herr Oberg'schwendner räsonierte grimmig und wollte anfangs den fremden Wagen gar nicht vorfahren lassen an seinem Hause, dann aber fügte er sich unbegreiflicherweise, lächelte vor sich hin und sprach: »Da schlage ein Donnerwetter drein! doch der Herr kann ja machen, was er will; ich weiß, was ich weiß!« Obgleich aber dem Kinde der Sitz höchst bequem bereitet wurde, so empfand es doch nur wachsende Schmerzen bei der Fahrt, und der Vater hatte ohnehin keine Freude an dem vornehmen Umherkutschieren. Er fuhr nur Herrn Milett zu Gefallen mit, während dieser nur ihm zu Gefallen den Wagen gemietet hatte. Lieber stieg er mit dem Freunde allein in eine nahe tiefdunkle Waldschlucht. Nur wo die Natur am düstersten, die Menschen am fernsten, da fand er noch Selbstvergessen und getrosten Mut. Eines Tages kehrten beide von diesem Gange zurück, während Fritz unter den Tannen der Kurpromenade geblieben war, behaglich in einem Rollstuhl gelagert, der auch auf Miletts Zauberwink ganz unerwartet das Inventar von Rimselrain bereichert hatte. Das Kind begrüßte die Heimkehrenden mit verklärtem Gesicht, seine Augen leuchteten, sein ganzes Wesen schien verändert. Es erzählte, als es so einsam dagelegen, sei ihm ein Engel erschienen, ganz weiß gekleidet, ein wunderschöner Engel, der habe es so mild und gütig angesehen und ihm mit der zarten Hand ganz leise über die Stirn gestrichen. Da sei es ihm ganz kühl geworden, ganz wohl und leicht, wie seit lange nicht. »Und der Engel hat mich gar freundlich gefragt, wie es mir gehe, und mich geküßt. Und dann sagte er, mir solle geholfen werden. Gewiß! ich soll wieder gesund werden!« Der Alte erschrak. Das Kind hatte Sinnestäuschungen! Es mußte gefiebert haben, obgleich der dünne kleine Puls augenblicklich nicht mehr fieberhaft schlug. Schmidt war nicht abergläubisch; allein die Vision des Knaben erschien ihm wie eine Wahrsagung, die ihn tief erschütterte, wie die Wahrsagung, daß bald ein anderer Engel erscheinen werde, um den armen Kleinen von allem Leid zu erlösen – mit milder Hand – auf ewig! Milett befragte Knecht und Magd, ob sie niemand hätten zu dem Knaben ins Wäldchen gehen sehen. Sie versicherten, es sei kein Mensch zu dieser Stunde hierhergekommen. Da zeigte Fritz ein Bilderbuch und sagte, dies Buch habe ihm der Engel geschenkt, allein er habe das Buch wieder vergessen, weil der Engel so schön und gut gewesen sei, daß er nur an ihn habe denken müssen. Und über einen Engel, der Bilderbücher schenkt, konnte man sich vorderhand schon beruhigen. IV. Am anderen Tage wiederholten die Freunde den Gang in die Schlucht und blieben länger dort als gewöhnlich. Fritz war wieder unter den Tannen geblieben. Milett hatte den Badeknecht beauftragt achtzugeben, ob der Engel seinen Besuch wiederhole. Als sie zurückkamen, war das Kind verschwunden. Niemand wußte, wohin es gekommen sei. Man durchsuchte das Haus, den Garten, die Wälder. Es war nicht zu finden. Der Vater war in Verzweiflung. Man befragte wiederholt den Badeknecht, der am Eingang des Tannenwäldchens gearbeitet hatte, einen halb blödsinnigen Menschen, aus dem man nur verworrene Aussagen erpressen konnte. Früher auf dem Hofgute des Wirtes im Stalle beschäftigt, war er zuletzt so dumm geworden, daß man ihn beim Rindvieh nicht mehr brauchen konnte, weshalb ihn Herr Oberg'schwendner ins Kurhaus versetzt hatte. Endlich behauptete er allerdings, einen kleinen, hageren Mann gesehen zu haben mit großem Barte, von Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet wie ein Koch. »Also Gewalttat, Kinderraub!« rief Ludmilla, »vielleicht nur der Wiederraub eines vordem geraubten Kindes.« Herr Schmidt schien ihr nun erst recht verdächtig. Die Handlung war da. Leider schien sie kriminalistisch zu werden. Milett aber packte den Wirt am Arme und rief, die Aussage des blödsinnigen Knechtes genüge ihm nicht. Er habe den Verdacht, daß seit mehreren Tagen eine fremde Person im Hause gewohnt habe. Er habe sie nicht gesehen, nur gehört; es sei ihm gleichgültig gewesen, doch jetzt besinne er sich dessen. Zacharias leugnete standhaft. »So werde ich in die Stadt fahren und dem Gerichte die Anzeige machen!« Der Wirt brach in eine ungeheure Kette von Flüchen aus. »So geht es, wenn man vornehme Leute beherbergt; da hat die Gemütlichkeit ein Ende! Das Gericht in meinem Hause? Bleibt mir vom Leibe mit dem Gericht! Ich will alles bekennen!« Er erklärte nun, der dumme Knecht habe falsch gesehen. Der kleine Mann habe keineswegs weißen Rock und Hosen getragen wie ein Koch, sondern ein langes weißes Kleid, habe auch keinen großen Bart gehabt und sei überhaupt kein Mann gewesen, sondern eine Dame, und zwar eine ganz junge und feine. Wie sie heiße, wisse er nicht. »Sie hat drei Tage hier gewohnt und mich bewogen, dies vor aller Welt geheimzuhalten; sie ging nicht aus, außer wenn die Gesellschaft im Bade oder am Brunnen oder sonstwo war, und aß auf dem Zimmer. Daß sie eine Verbrecherin war, ist klar, denn sie gab dem Gesinde unmäßige Trinkgelder, um ihr Stillschweigen zu erkaufen. Der Henker hole das vornehme Volk! Gestern abend verreiste sie, aber heute scheint sie wieder dagewesen zu sein. Mehr weiß ich wahrhaftig nicht.« Durch das Geständnis des Wirtes ermutigt, erzählte nun auch eine Magd, daß die Dame heut in einer prächtigen Kutsche mit zwei Rappen vorgefahren, dann ins Wäldchen gegangen und wieder abgefahren sei. Da habe sie ohne Zweifel den Knaben mitgenommen. Als Ludmilla vernahm, daß der Koch eine Dame sei, wollte sie sich entfernen. Milett bemerkte es und rief: »Bleiben Sie, mein Fräulein! Wissen Sie vielleicht von jener Dame?« Sie verneinte es, ward aber zusehends kleinlauter und sprach nicht mehr von Gewalttat und Kinderraub und endlich eingetretener Handlung. Die Handlung war zwar da, aber es schien ihr nun nicht die richtige. Milett befahl dem Wirt: »Führen Sie uns auf das Zimmer der rätselhaften Dame. Hat sie ihr Gepäck mitgenommen?« – Er wußte es nicht. – »Das wissen die Wirte sonst doch sehr genau. Vielleicht finden wir dort eine Spur.« Das Zimmer war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Man rief nach einem Schlosser, doch den gab's nicht in Rimselrain, und man brauchte auch keinen. Der Wirt kam mit der Axt. Die Tür widerstand lange, sie war zufällig das einzige, was man gut, niet- und nagelfest im ganzen Schwefelbad nennen konnte. Endlich erlag sie den Streichen und fiel krachend ins Zimmer. Es war ganz leer. Alle standen verblüfft. Der Wirt hatte seine einzige gute Tür umsonst zusammengeschlagen. Im selben Augenblick hört man das Rollen eines Wagens. Eine elegante Equipage fährt vor, zwei Damen sitzen darin, sie steigen aus, die eine trägt Fritz auf dem Arme. Die ganze Gruppe eilte ihnen entgegen. Nur Ludmilla sucht unbemerkt zu entschlüpfen, aber Milett sieht es und bietet ihr artig den Arm, daß sie ihm folgen muß. Doch als er der beiden fremden Damen genauer ansichtig wird, die eben ins Haus treten, hätte er in den Boden sinken mögen: es ist seine Frau! es ist Doris selber! und ihre Kammerjungfer trägt den Fritz. Doris befiehlt derselben, das Kind sofort auf ihr Zimmer zu bringen. Die sanfte Doris scheint hier schon ganz bekannt zu sein und an selbständiges Verfügen gewöhnt. Ihr Gatte begrüßt sie mit einem Gemisch von Staunen, Freude und bösem Gewissen; sie begrüßt ihn mit der unbefangensten Zärtlichkeit. Dann spricht sie mit so fester Stimme, wie sie ihr Mann noch gar nie von Ihr gehört hatte: »Das erste Wort muß ich mit Herrn Schmidt reden. Sie sind ein eigensinniger, starrer, stolzer, ein trefflicher, gerader, fester Mann, der beste und der schlechteste Vater! Sie waren auf dem Wege, Ihr Kind zum Krüppel zu machen, ja es zu töten aus lauter Vaterliebe und Eigensinn. Aber das Kind wird seine geraden Glieder wiederbekommen und leben – so Gott will. Ich konnte den Jammer nicht länger ansehen, darum nahm ich Fritz heimlich mit zur Stadt. – Sie hätten mir das nie erlaubt, Herr Schmidt, auch wenn ich noch so innig gebeten hätte. Ich mußte List und Gewalt brauchen; ich weiß von dem Kampf, der Sie zuletzt verzehrte, jetzt ist er entschieden: das Kind hat seinen Arzt, und Sie werden froh sein, daß es ihn hat. Auf der Reise hierher lernte ich Geheimrat *** kennen, den berühmten Spezialisten; ich schilderte ihm den Fall, der mich schon seit vierzehn Tagen lebhaft beschäftigte, schilderte ihn auf Grund genauer Berichte, die mir in Hannover zukamen; ich bewog den Geheimrat, einen halben Tag in der Stadt zu verweilen, bevor er seine Reise nach Teplitz fortsetzt. Soeben hat er Fritz genau untersucht. Ihre ganze Behandlung, Herr Schmidt, war grundverkehrt: das Bein muß in Eisen geschient, der Knochen wieder geradegebogen werden – da hilft kein Schwefelwasser! –, orthopädische Behandlung und innere Kräftigung ist geboten, und es ist die allerhöchste Zeit! Der Knabe muß eine weibliche Pflege haben; er hat bei Ihnen drei Väter für einen gehabt. Sie sind ein unvergleichlicher Vater, aber dem Kind fehlt eine Mutter.« »Ihm fehlt eine Mutter!« wiederholte Schmidt tief bewegt. »Und ich will seine Mutter sein«, vollendete Doris. Fritz war auf dem Zimmer nicht zu halten gewesen, er kam herbeigeeilt, schmiegte sich an die anmutvolle junge Frau und rief: »Vater, das ist der Engel, der mir das Bilderbuch gegeben hat, und ich werde wieder gesund werden!« Schmidt fand keine Worte, doch sein Auge strahlte Erlösung. Milett hätte seiner Doris um den Hals fallen mögen, bemeisterte jedoch sein Gefühl und fragte: »Aber woher, liebe Doris, kam dir denn so genaue Kunde von dem Knaben?« »Von dir gewiß nicht!« antwortete sie mit schalkhaft strafendem Blick. »Seit zwei Wochen wußte ich genau, was du täglich, ja stündlich triebst; ich wußte genau, in wie schlechter Gesellschaft du hier verkehrtest, mit verdächtigen Personen, die dich ausbeuteten und zu kindischer Verschwendung lockten, die man dunkler Schuldtaten zeiht, mit diesem Kinde, aus dessen blassen Zügen ein an ihm begangenes Verbrechen spricht, mit einer Dame – – Fräulein Azalinka – Sie wollen sich entfernen? Ich bitte, bleiben Sie. Bin ich Ihnen doch zu Dank verpflichtet für die täglichen Briefe, die ich zwar nicht erbeten hatte, die mir aber die Lücken in meines Mannes Briefen vollständig ergänzten.« »Hätten Sie meine zerrissenen Briefe gelesen! –« rief Ludmilla. »Hättest du gar erst meine zerrissenen Briefe gelesen! –« unterbrach Milett. »So würden Sie wissen, wie arg die notgedrungenen Anklagen mir das Herz zerrissen haben«, fuhr jene fort. »Wir Frauen haben den Naturtrieb der gegenseitigen Hilfeleistung. Ich konnte es dauernd nicht mit ansehen, Herr Milett, wie Sie in schlechter Gesellschaft hier Ihre Zeit vergeudeten, ohne daß sich das weibliche Pflichtgefühl in mir regte, Ihre Frau Gemahlin, die mir entfernt befreundet ist –« »Sehr entfernt!« unterbrach Doris. »Davon in Kenntnis zu setzen.« »Ich errate!« rief Milett. »Das war also der Roman der Briefe, die Sie täglich schrieben! Das war die Handlung, die Sie suchten! Sie verdächtigten mich bei meiner Frau, lediglich damit doch etwas Handlung in die reine Stimmungsidylle von Rimselrain komme!« »Nun, die Handlung mußte kommen auch ohne meine Briefe«, entgegnete Ludmilla boshaft. »Und jetzt scheint sie ja recht lustig anzufangen!« »Sie endet eben jetzt«, verbesserte Doris. »Ihre novellistischen Naturstudien im Schwefelbade griffen tief, mein Fräulein«, fuhr Milett unerbittlich fort. »Sie wollten Vivisektionen machen an meinem und meines geliebten Weibes Herzen. Ich mag dergleichen bei den armen Tieren nicht, bei mir selbst aber noch viel weniger. Ich bin Mitglied des Vereins gegen die Vivisektion.« Als er sich nach der Angeredeten umsah, war sie verschwunden. Es folgte eine Pause des Staunens und Lächelns. »Meine Korrespondentin charakterisierte scharf«, fuhr dann Doris fort, »sie hat sogar Talent zur Karikatur. Mir ward himmelangst. Und dazu deine nichtigen Briefe! Eugen, welche Pein hast du mir bereitet! Begreifst du, daß es mich nicht länger zu Hause duldete? Die Unwahrheit der boshaften Berichte lag obenauf, und doch trug die Lüge zugleich den Stempel verhüllter Wahrheit. Das Fräulein fälschte, aber als eine Meisterin des Naturstudiums – sie fälschte nach dem Leben. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen. Wir alle haben gefehlt – auch ich. Ich hätte dir die Lügenbriefe schicken sollen, daß du sie widerlegtest; allein deine eigenen Briefe verwirrten und lähmten mich. Ich reiste hierher, nicht um mit Vorwürfen in dein abenteuerliches Leben hereinzubrechen, sondern nur um ganz heimlich ein klein wenig zu lauschen – Frauen lauschen ja so gern! –, und wie gründlich habe ich euch drei Tage lang belauscht, wie oft bin ich dir ganz nahe gewesen, ohne daß du's merktest! Aus dem häßlichen Zerrbild der Briefe enthüllte sich Zug für Zug ein schönes, reines Bild! Aber ein wunderlicher Mann bist du doch – – und ein lieber Mann!« – fügte sie ganz leise hinzu, und ihr Blick sagte, daß sie ihn jetzt lieber habe als je zuvor, und sein Auge gab die gleiche Antwort. »Wie war es dir nur möglich, hier den heimlichen Aufenthalt zu nehmen?« fragte er dann; »wie gelang es dir, Herrn Oberg'schwendner in ein Geheimnis zu ziehen, welches gleich deiner ganzen kurwidrigen Person die Gemütlichkeit dieses Schwefelbades zu stören drohte?« »Unser biederer Wirt«, entgegnete Doris, »ist der einzige Charakter, den Fräulein Azalinka völlig verzeichnet hatte. Sie schilderte ihn so hart, so steinern, und er ließ sich doch erweichen durch Geld und gute Worte.« »Zacharias Oberg'schwendner! habt Ihr wirklich einmal eine Kaiserin abgewiesen, damit die Gemütlichkeit Eures Bades nicht gestört werde?« donnerte Milett dem Wirte ins Ohr. Ganz unerschüttert antwortete dieser: »Es war nur eine Prinzessin, und man hatte mir gesagt, Prinzessinnen verzehrten nicht viel. Das ist aber schon zwanzig Jahre her, und inzwischen könnte sie sich wohl zu einer Kaiserin ausgewachsen haben.« Alle lachten. Dann sprach Milett zu seiner Frau: »Du glaubst nun, all mein geheimes Treiben durchschaut zu haben; du irrst dich. Ich hege noch ein Geheimnis – es wird dich vielleicht erschrecken. Gehen wir zu dem stillen Sitz dort unter den Tannen. Freund Schmidt begleitet uns.« Als sie zu dreien im Schatten saßen, begann Milett: »Ich war mein Leben lang so glücklich und wußte selbst nicht, wie glücklich ich war, und eben darum war ich auf dem Wege, recht unglücklich zu werden. Unvermerkt hatte mich eine schwere Krankheit beschlichen: – ich war ›blasiert‹ geworden. Blasiert – ein garstiges Fremdwort! es gibt kein deutsches dafür, denn diese Seuche ist auf fremdem Boden gewachsen; von West nach Osten zog sie durch die Welt, entgegen dem Weltgang anderer Seuchen. Bei diesem prächtigen Manne« – er drückte Schmidt die Hand – »lernte ich, wie innerlich frei und hoch und gottversöhnt ein starkes Herz auch das schwerste Geschick ertragen kann. Im Schimmer meines Glückes erschien mir diese schöne Welt Gottes erbärmlich verpfuscht; das Unglück dieses Mannes ließ mich die Harmonie der Welt ahnen, die Harmonie, welche in uns liegt und aus unserer eigenen sittlichen Kraft quillt. Es war eine milde Kur, Doris; eine strengere hätte mir auch verhängt werden können durch das läuternde Feuer eigenen Unglücks. Das Schwefelbad ward mir zum Quell der Genesung. Auch du bist bereits wie genesen, seit du nur hierherkamst, und der kleine Fritz wird hoffentlich noch in späten Jahren von hier den Wiederbeginn seiner vollen Genesung rechnen. Und wird es nicht vielleicht auch Freund Schmidt, der Arzt, der an dir seine Ärztin gefunden? Ganz froh, ganz frei fühle ich mich nun aber doch erst, seit ich auch dich hier im Heilbad habe. Sollten wir nicht oft und gerne an dieses Rimselrain denken, ja sogar wiederkommen in seine kühlen Waldberge? Siehe, darum habe ich auch noch einem weiteren Menschen eine schwere Last abgenommen, ich habe noch einen Glücklichen gemacht: den Zacharias Oberg'schwendner; – ich habe ihm sein Schwefelbad abgekauft für zwanzigtausend Mark.« Doris fuhr erschrocken auf: »Eugen! es ist unmöglich!« »Wir wollen uns hier einen schönen Landsitz gründen, liebe Doris, einen Erinnerungstempel beseligender Tage. Und wenn wir ab und zu recht stillvergnügt und frei von der Welt einander leben wollen, dann reisen wir nach unserer Villa Rimselrain – auf vier Wochen.« »Es kann dein Ernst nicht sein! es ist unmöglich, bester Mann!« rief Doris in wachsendem Entsetzen. »Welch ein Unglück, daß ich nicht bei dir war, dir den heillosen Plan auszureden. Hat denn das viele Schwefelwasser, welches du trankst, dich vergessen machen, daß wir bei Hannover wohnen? Eine Villa am Böhmerwald! – und dies abscheuliche Bad eine Villa! – Man riecht den Schwefel schon auf eine Viertelstunde.« Milett lächelte und sah der erregten Frau recht tief in die Augen. »Es war nur ein Scherz«, fuhr er fort – »Gottlob, daß du das Bad nicht gekauft hast«, unterbrach Doris. »Wie konntest du mich so erschrecken!« »Es war nur ein Scherz«, betonte der Gatte nachdrücklich, »daß ich uns hier einen Landsitz gründen wollte. Aber das Bad habe ich wirklich und wahrhaftig gekauft. Ich muß jedoch noch einiges von meinem Glück erzählen. Welchen Schatz ich an dir besitze, das glaubte ich immer zu wissen, und doch erfuhr ich's erst heute voll und ganz. Du fügtest dich stets meinem Willen, das ist wohl schön. Heute aber erfuhr ich, daß du auch deinen eigenen Willen haben und ihn glorreich zum Ziele führen kannst, und das ist fast noch schöner. Kaum hast du mir jemals widersprochen, und jetzt mit einemmal entfaltest du die Gabe des Widerspruchs in unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit« – und er flüsterte dem Freund ganz leise zu: »Sie muß doch eine kleine Strafe dafür haben, daß sie uns so listig belauscht hat.« »Du bist grausam, unmenschlich mit deinem Spotte!« rief Doris. »Im Gegenteil. Ich war vielleicht niemals milder und menschlicher gesinnt als eben jetzt. Hätte ich denn sonst Rimselrain gekauft? An dieser Schwefelquelle erfuhr ich zunächst, wie beglückend es ist, andere mit ungeahnter Freude zu überraschen, anderen zu helfen. Ich möchte solchen Glücks auch weiter dauernd teilhaftig bleiben. Rimselrain war ein Bad der Bauern und der Armen seit aller Zeit. Es ist schändlich heruntergekommen, es soll wieder emporsteigen. Hierauf gründet sich mein Plan. Wir haben voriges Jahr zu unserem übrigen Vermögen ein artiges kleines Kapital von zweimalhunderttausend Mark ererbt und sind reich genug, dieses Geld ohne Vorwürfe so nebenbei zu unserem Vergnügen ausgeben zu dürfen. Nun gut! ich mache mir das Vergnügen, das Geld in diesem Schwefelbad anzulegen. Schlicht und nett soll ein neues Badehaus sich erheben, die Quelle soll frisch gefaßt, die Bäder sollen zweckmäßig eingerichtet werden; bürgerlich einfach soll die Pflege sein, mäßig die Preise bei einem Dutzend Freistellen für die Armen. Ist es nicht ein beglückender Gedanke, mit unverdientem Geld geplagten armen Leuten jenes Traumbild zu verwirklichen, wie es im Buche stand, Freund Schmidt? – ›Drei Wochen im Bade‹? Auf Gottes Lohn und anderthalb Prozent rechne ich nebenbei für mich. Und besuchen wir dann einmal das verjüngte Rimselrain, dann wollen wir vergnügte Gesichter sehen. Ein Arzt darf nicht fehlen. Als Verwalter des Ganzen, als unseren Statthalter aber stellen wir unseren Freund an, der die Menschen kennt und ihre Leiden, der Leidende zu trösten weiß, weil er Leiden zu tragen verstand, ja der nebenbei sogar ein halber Arzt ist – –« »Kein Arzt mehr!« unterbrach jener. »Zum Krankenwärter taugte ich einmal, zum Kurdirektor würde ich niemals taugen, selbst nicht in einem Wild- und Bauernbad. Laßt mich meiner Wege gehen. Ich bin ein eigensinniger Mann, wie Frau Doris richtig gesagt hat. Aber ich atme wieder freier. Diese zarte Frau hat mir einen Stein vom Gewissen gewälzt, den ich im Starrkrampf meines Stolzes mit aller Manneskraft nicht bewältigen konnte. Ein Engel hat meinem Kind die Genesung verheißen, und ich hoffe jetzt auf des Wortes huldreichste Erfüllung. Zwei Menschen fand ich hier, so gut, so lieb wie wenige, und in ihren hellen Augen spiegelt sich mir die Harmonie der Welt – wie unendlich viel fand ich mit euch an diesem Quell der Genesung! Die Statthalterschaft des neuen Heilbades gebt einem Würdigeren; ich erbitte mehr von euch: – schenkt und bewahrt mir eure Freundschaft bis in den Tod und laßt es euch zur kleinen Gegengabe an dem Dank und Segen eines armen Mannes genügen.« Das verlorene Paradies 1879 Erstes Kapitel Der Professor führte immer dreierlei Visitenkarten in seiner Brieftasche. Die feinste Sorte zeigte, elegant gestochen, die Schrift: »Dr. Alcuin Walter, o. ö. Professor der klassischen Philologie an der Universität ***, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu – usw. usw.« Diese stolze Karte pflegte er abzugeben, wenn er recht demütig und bescheiden gesinnt war und sich sagte: Ich bin ein unbekannter Mann, die Leute wissen nicht, wer vor sie treten wird, außer sie haben meine sämtlichen Titel gestochen gelesen. Die zweite bescheidenere Sorte war gedruckt und trug bloß die Aufschrift: »Dr. Alcuin Walter.« Er benützte sie, wenn er sich mit einigem Selbstgefühl als den bekannten Gelehrten einzuführen hoffte, dessen Namen die gebildete Welt wenigstens kennt, obgleich sie seine Schriften noch nicht gelesen hat. Erwartete er aber, daß der Empfänger ihn als berühmten Mann oder als Freund begrüßen werde, setzte er Verehrung für seine Person und seine Werke voraus, dann überreichte er mit berechtigtem Stolze die dritte, schlichteste Karte. Eigenhändig, mit groß und kühn ausgreifendem Federzuge hatte er den bloßen Namen ohne Doktor auf die Karte mehr geblitzt als geschrieben. Sie konnte vom Empfänger zugleich für seine Autographensammlung aufgehoben werden. Der richtige Universitätsprofessor ist der Weltmann unter den Gelehrten; warum soll er sich nicht auch mit seinen Visitenkarten weltmännisch einrichten? Unser Freund stand eben vor dem Pförtnerhäuschen des reizenden Parks, der die »Villa Bechen« bei Trier umschließt, und besann sich einen Augenblick, nach welcher Karte er greifen solle. Rasch entschieden, nahm er die dritte, gab sie dem Pförtner und sprach sehr fest: »Die gnädige Frau wird mich erwarten.« Etwas überrascht maß der Pförtner den völlig Unbekannten und entfernte sich dann, ihn anzumelden. Besuche kamen nämlich in dieser Villa gar nicht vor. Frau von Bechen, eine norddeutsche Dame, hatte vor mehreren Jahren das reizende Besitztum gekauft, welches nun ihren Namen führte; aber sie war und blieb eine Fremde, sie verkehrte mit niemand in dem so geselligen und gastfreien Trier. Man wußte nur, daß sie von ihrem Manne getrennt und fabelhaft reich sei, dazu schön, geistvoll, gebildet, liebenswürdig, vierunddreißig Jahre alt, kinderlos und so gesund, daß sie nicht einmal eine interessante Migräne hatte. Trotzdem hatte sie den berühmtesten Arzt der Stadt als Hausarzt angenommen, der dann alle vierzehn Tage in der verzauberten Villa erschien, um eine Patientin zu behandeln, welcher nichts fehlte. »Andere Leute«, so pflegte der würdige Geheime Sanitätsrat zu sagen, »konsultieren mich über ihre Krankheiten, Frau von Bechen konsultiert mich über ihre Gesundheit, und das ist alleweil die angenehmste Praxis.« Übrigens gehört ein Hausarzt in jedes vornehme Haus, und Frau von Bechen war sehr vornehm. Der Geheime Rat brachte die einzige Kunde von der rätselhaften Frau in die Stadt, und so charakterisierte er denn auch, ein ebenso scharfer Beobachter der Seele wie des Leibes, ihr aristokratisches Wesen unter Freunden folgendermaßen: »Es gibt plumpe und feine Aristokraten. Die plumpen wollen herrschen, imponieren, sie fordern Huldigung, Bevorzugung, sie wollen als ganz besondere Menschen beneidet und schüchtern von unten angeblickt werden. Das sind die männlicheren Naturen, gleichviel ob sonst Mann oder Frau. Der feine Aristokrat, mehr weiblichen Wesens, begehrt dies alles nicht. Er will nur unabhängig, er will sein eigener Herr sein, unberührt von allem fremdartig Aufdringlichen, Unfeinen, Gemeinen. Imperare – schreibt der eine über sein Wappenschild, Noli me tangere – der andere. Wird der plumpe Aristokrat verrückt, dann verfällt er dem Größenwahn, wird es der feine, dann verfällt er dem Einsamkeits- und Reinlichkeitswahnsinn. Eine Aristokratin dieser zweiten Klasse ist Frau von Bechen. Verhüte Gott, daß ich die treffliche Frau für verrückt erklärte; aber wenn ihrem Gemüte ja einmal Gefahr drohen sollte, so wäre es doch von dieser Seite.« So sprach der Arzt und tat sein möglichstes, dieser Gefahr vorzubauen, indem er bei seinen Besuchen die kleine Chronik der Trierer Gesellschaft höchst artig und verlockend berichtete, damit die einsame Dame doch auch einmal Lust bekomme, diesen interessanten Verhältnissen und Personen nahezutreten. Allein Frau von Bechen hörte mit dem einen Ohre halb zu und mit dem anderen gar nicht und blieb gegen die ganze Welt im allgemeinen und die Triersche im besonderen so gleichgültig wie zuvor. Als jedoch der Arzt unlängst nebenbei eines fremden, jungen Professors, des bekannten Alcuin Walter, gedachte, der durch sein heiter anregendes Wesen die gelehrten Häupter der Stadt entzücke, da horchte Frau von Bechen auf, als wecke sie der Name aus einem Traum, und fragte den Erzähler, ob er Herrn Walter kenne, und der Doktor, höchst erstaunt, fragte ebenso rasch, ob die gnädige Frau ihn denn kenne. Und sie wollte geschwind wissen, was den jungen Mann nach Trier geführt und ob er schon länger hier sei und bleiben werde. Und kaum hatte der Gefragte Zeit zu antworten, daß Walter auf einer Ferienreise in Trier seit mehreren Wochen Rast gemacht habe, weil ihm Stadt und Leute so überaus gefielen, so fragte sie auch schon nach der Adresse des Professors; denn sie wolle ihn bitten, daß er sie besuche, sie wolle ihn kennenlernen – »Also kennen Sie ihn noch gar nicht?« fiel der Doktor ein. »Persönlich nicht.« »Erstaunlich!« rief jener. »Aber was ist es denn Erstaunliches«, fragte die Dame, anmutig aufgeregt, »wenn ich einen berühmten Gelehrten kennenlernen will, der das ganze gelehrte Trier entzückt?« »In der Tat, das ist nichts Erstaunliches, – und ich erstaune nur über mich selbst, gnädige Frau, weil ich Sie zu kennen glaubte und plötzlich einsehe, daß auch ich Sie erst kennenlernen muß.« Noch am selben Tage erhielt Professor Walter ein Billett folgenden Inhalts: »Es würde mich freuen, Sie in nächster Zeit auf meiner Villa zu sehen. Meine Empfangsstunde ist nachmittags fünf Uhr. Ada von Bechen.« Der Professor, welcher sich nur dunkler Reden entsann, die seine Trierer Freunde über die unnahbare Dame hatten fallen lassen, und der außerdem in seinem Leben nichts von einer Frau von Bechen gehört, dachte bei sich: »Die vornehmen Leute haben doch ein unschätzbares Privileg: je resoluter sie ohne Umstände tun und sagen, was sie wollen, für desto vornehmer gelten sie. Nicht einmal drei entschuldigende Worte über den Raub an meiner kostbaren Zeit, keine Zeile, weshalb sie mich zu sehen wünscht: – ich soll nur einfach kommen! Und ich werde kommen.« So war also Professor Walter schon am nächsten Tage Punkt fünf Uhr vor dem Pförtnerhäuschen der Villa erschienen, und wir begreifen nun auch, weshalb er die bescheidenste und stolzeste, die geschriebene Visitenkarte abgab. Denn wenn Frau von Bechen ihn einzig und allein von allen Menschen sehen wollte, so mußte sie auch wissen, was er ohne Titel wert sei. Zweites Kapitel Eine Frau, die wahrhaft schön ist, ohne daß sie daran denkt, duldet eine schöne Gesellschafterin neben sich; nur wer schön sein möchte, sucht die Folie des Unbedeutenden und Häßlichen. Dieser Gedanke fuhr wie ein Blitz durch die Seele des Professors, als ihn Frau von Bechen begrüßte, denn er hatte eine schöne Frau zu sehen erwartet und sah nun zwei auf einmal, die Herrin und ihre Gesellschaftsdame, Miß Morlan. Allein Miß Morlan blieb eine stumme Person; sie sprach nur englisch. Und fast wäre Frau von Bechen an den ersten Worten des Empfangs gleichfalls eine stumme Person geworden, da sie beim Anblick des Fremden augenscheinlich mehr von Ideen erfaßt wurde, die sie nicht aussprach, als von solchen, die sie hatte aussprechen wollen. Doch sammelte sie sich rasch und entschuldigte sich, daß sie es gewagt habe, Herrn Walter auf eine Stunde seinen Studien und seinen Freunden zu entziehen. Allein sie hoffe ihn einigermaßen zu entschädigen durch den Anblick des antiken Mosaikbodens, der hier auf der Villa gefunden worden sei und der ihn ohne Zweifel interessieren werde. »Eines Mosaikbodens?« fragte der Professor mit der Miene vollkommenster Unwissenheit. »Meines Mosaikbodens«, wiederholte Frau von Bechen, »ich habe das volle Eigentumsrecht dieses seltenen Fundes erworben. Und Sie haben noch nichts von dieser Mosaik gehört?« Der Professor blieb stumm und schüttelte nur ein wenig mit dem Kopfe. Als ehrlicher Mann wollte er nämlich nicht geradeaus mit Worten lügen, aber mit Schweigen darf man's schon eher, namentlich wenn man eine schöne Dame ein klein wenig ärgern will. Und das wollte er. Denn er hatte genug von der merkwürdigen Mosaik vernommen, aber auch, daß die Besitzerin den kostbaren Fund vor den Augen aller Altertumsfreunde verschlossen und dadurch das ganze gelehrte Trier verstimmt und das ganze neugierige Trier entrüstet hatte. Jetzt war auch sie merkbar verstimmt über seine Gleichgültigkeit und Unwissenheit. Ach, das war so echt weiblich, oder richtiger: so echt menschlich. Erst ärgerte sie's, daß alle Welt sich um ihren Schatz kümmere, und nun ärgerte sie sich, daß der erste Mensch, den sie darauf ansprach, sich noch gar nicht um ihren Schatz gekümmert habe. Professor Walter aber verharrte im Schweigen, um sich noch eine Weile an ihrer reizenden Schwäche zu weiden. Und das war wieder so echt menschlich! Anfangs fand er die Dame sehr liebenswürdig, weil sie ihm wie ein ganz vollkommenes Wesen erschien, und jetzt dünkte sie ihm noch viel liebenswürdiger, weil sie eine kleine Schwäche zeigte. Nach kurzer Pause nahm Frau von Bechen wieder das Wort: »Ich bin gespannt auf die Deutung, welche Sie dem Bildwerk meiner Mosaik geben werden, vorab aber möchte ich über das Alter und den Kunstwert derselben durch den Ausspruch eines so gewiegten und berühmten Kunstarchäologen belehrt sein.« Nun war die Reihe der beschämten Verwunderung an dem Professor. Die schöne Frau hielt ihn für einen Archäologen! Also hätte er wohl die gestochene Karte mit dem vollen Titel und nicht die titellos geschriebene abgeben sollen. Er hatte sich ebenso irrtümlich eingebildet, daß Frau von Bechen seine Schriften kenne, wie sie, daß er von ihrer Mosaik gehört habe. »Ich bin Philolog«, erwiderte er, freundlich belehrend. »Kunstarchäolog bin ich leider nicht, – leider in diesem Falle; denn sonst pflege ich zu sagen: Gottlob!« »Und ich glaubte, beides sei ein und dasselbe!« sagte sie lächelnd. »Reizende Unwissenheit!« dachte der Gelehrte, »reizender noch als ihr Lächeln«, und fand sie wieder um ein Stück liebenswürdiger. »Aber ist es denn ein Unglück, Archäolog zu sein, da Sie – gottlob! – keiner zu sein behaupten?« »Ein Unglück in der Tat! Die Kunstarchäologie ist eine überaus notwendige Wissenschaft, wir Philologen können ihrer Hilfsarbeit nicht entbehren, wir schätzen die Archäologen als Brüder, aber wir bedauern sie zugleich. Der Archäolog übt die Kunst, da etwas zu sehen, wo andere Leute nichts sehen, und etwas zu finden, wo nichts ist. Er erbaut sich eine Welt auf Trümmern und auf Luft. Den meisten antiken Marmorbildern fehlt Hand und Fuß, nicht wenigen auch Arm und Bein, sehr vielen der Kopf, allen aber die Nase. So sind diese höchsten Kunstwerke selber das wahre Symbol der Kunstarchäologie, die überdies noch viel zu jung ist, zu gärend, zu unreif, um ihre Jünger beglücken zu können. Wir Philologen dagegen stehen auf altgefestetem Boden. Die griechische Sprache ist ein schönes, gerundetes Ganze, das harmonischste Ganze in dieser unharmonischen Welt. Beklagen gleich auch wir viele Lücken und Trümmer der Literatur, so ist uns doch des Besten genug erhalten, und etwas Sehnsucht nach dem Verlorenen gehört überall zum vollen Glück. Die Gesetze der Grammatik sind unantastbar wie die Gesetze der Logik und Mathematik, und diese Gewißheit gibt ein beseligendes Gefühl in all den Wirbeln und Strudeln unseres Dichtens und Trachtens. Die Archäologen fangen erst an, wir Philologen aber sind beinahe fertig; denn die griechische Sprache und Literatur liegt fertig vor, und man kann doch nicht immer wieder von vorn anfangen mit Textkritik und Exegese und Grammatik einer toten Sprache. Aber in diesem Tode waltet zugleich das ewige Leben, in diesem Altertume blüht die ewige Jugend. Ein jeder Mensch muß einen Glauben haben, und wir glauben an die unantastbare Vollendung der griechischen Sprache als der edelsten aller Sprachen, an die nie zu erreichende Meisterschaft der griechischen Poesie als der höchst klassischen, ewig mustergültigen. Der Geschmack wechselt, die Wissenschaft schreitet rastlos fort. Gerade deshalb bedürfen wir eines festen Punktes, von dem alle Wissenschaft ausgeht und auf den sie immer wieder zurückgreift, – das sind die klassischen Sprachen, – und einer Kunst, die über allem Wechsel des Geschmackes steht, und diese finde ich in Homer und Sophokles. Aber nicht bloß der Gelehrte, auch der Mensch findet Befriedigung und Glück in der Weihe des attischen Geistes. Die Jugend sehnt sich nach einem Paradiese der Zukunft; sind wir aber einmal über die Mittagsstunde des Lebens hinausgeschritten, dann sehnen wir uns wieder zurück nach einem verlorenen Paradiese, nach dem Paradies der Jugend. Das gilt vom Leben des einzelnen, das gilt vom Leben der Völker. Und das verlorene Paradies der modernen Kulturvölker ist das klassische Altertum, das herrliche Jünglingsalter der Menschheit – –« Der Professor unterbrach sich; er merkte, daß er allein spreche, daß er doziere, und es ist geschmacklos, in Gesellschaft zu dozieren, vorab bei schönen Frauen. Frau von Bechen hatte während der ganzen Rede vor sich hin auf den Tisch geblickt, wo seine Visitenkarte lag. Hatte sie zugehört? hatte sie ihn verstanden? Als er schwieg, sah sie ihn mit großen Augen an, nahm die Karte und sprach: »Ihr Namenszug gleicht der Handschrift Ihres seligen Bruders Hugo zum Verwechseln. Es ist die Waltersche Familienhand. Ihr Bruder sagte mir, daß er seine Schriftzüge trotz aller Gegenbemühungen des Schreiblehrers der derben altmodischen Feder seines Vaters nachgebildet, so widerstandslos habe der gestrenge alte Herr überall sein Haus beherrscht und bestimmt.« »Sie kannten meinen Bruder?« »Ich kannte ihn nicht bloß: er war mein bester Freund, und ich bin ihm zu unauslöschlichem Danke verpflichtet. Als darum mein Arzt gestern Ihren Namen nannte, als ich erfuhr, daß Sie in Trier weilten, beschloß ich sofort. Sie zu sehen; ich lud Sie ein, obgleich ich sonst jeden Besuch ablehne, weil ich in meinem köstlichsten Besitz, in meiner Einsamkeit, nicht gestört sein will.« Nun ging dem Professor ein Licht auf über das Entgegenkommen der unnahbaren Dame, und er verzieh ihr, daß sie von seinem philologischen Ruhme offenbar gar nichts wußte. Sie fuhr fort: »So sehr Ihre Schrift der brüderlichen gleicht, finde ich doch in Gesicht und Gestalt nur geringe Ähnlichkeit.« »Auch andere bemerken das gleiche«, entgegnete jener. »Hugo schlug in die väterliche Art, ich dagegen in die mütterliche.« »Aber mehr noch als Ihre Handschrift gemahnen mich die Gedanken, welche Sie vorhin so beredt entwickelten, an Ihren verstorbenen Bruder. Und doch ist auch da wieder ein großer Unterschied. Genau wie Sie von Ihren griechischen Büchern sprach er, der Pastor, von seiner Bibel und tröstete sich und uns damit, daß uns hier in allem Wandel des Wissens und Lebens ein unwandelbar und ewig Festes gegeben sei. Doch hat Ihnen der Bruder niemals von seinem Verkehr mit meiner Familie, von seinen Besuchen auf Schloß Laubenstein erzählt?« »Ich habe Hugo leider nur wenig gekannt. Fünfzehn Jahre älter als ich, verließ er das Elternhaus und bezog die Universität, da ich erst drei Jahre zählte; dann kam er rasch ins Amt auf weit entlegene Ortschaften und starb als Pastor zu Schönau, als ich eben in Leipzig studierte.« »Meine väterlichen Güter«, bemerkte Frau von Bechen, »liegen bei Schönau, und Schloß Laubenstein gehörte zu seiner Pfarrei. Es sind nun zehn Jahre seit Ihres Bruders Tod – – doch, warum rede ich von diesen Dingen! Ich wollte Ihnen ja den antiken Mosaikboden zeigen.« Sie erhob sich und schwieg, als scheue sie vor Erinnerungen zurück, zu denen sie sich doch sichtbar hingezogen fühlte. Der Professor bat sie fortzufahren, und sie setzte sich zögernd nieder und sprach leise vor sich hin: »Sei es denn! Es ist eine kurze und traurige Geschichte. In meinen letzten Mädchenjahren wohnte ich mit meinem Vater und Bruder auf Laubenstein. Meine Mutter war schon lange tot, mein Bruder der einzige männliche Sproß unseres Hauses, ein reich begabter Jüngling, der Stolz und die Hoffnung des alternden Vaters. Da geschah es eines Tages, es war am Hubertustage 1863, daß mein Vater und Bruder zur Teilnahme an einem großen Treibjagen auszogen, und am Abend kam der verzweifelnde Vater mit der Leiche des Sohnes wieder heim. Eine verirrte Kugel hatte Karl getötet; man konnte nicht feststellen, von welchem Schützen sie gekommen, allein mein Vater behauptete, er selbst sei der unselige Schütze gewesen, und während sämtliche Jagdgenossen erhärteten, daß der arme Karl durch seine eigene Unvorsichtigkeit plötzlich in die Schußlinie geraten, war mein Vater nicht von dem Glauben abzubringen, daß er vielmehr den eigenen Sohn erschossen habe. Er verfiel in Tiefsinn und kränkelte und hat sich nie wieder erholt. Ach, das war eine entsetzliche Zeit, und wir wären vergangen vor Jammer, wenn Ihr Bruder nicht die einzige Stütze meines unglücklichen Vaters gewesen wäre. Er besuchte ihn fast täglich, nicht um ihn mit Trostgründen zu beruhigen, die doch nur vielmehr das Trostlose unseres Jammers immer neu hätten erscheinen lassen, sondern um seinen brütend sich zermarternden Geist auf andere Dinge abzulenken. Ihr Bruder war kein Pietist, aber man nannte ihn einen Mystiker, weil ihm die religiöse Erkenntnis nicht ein Vorschreiten von Licht zu Licht, sondern von Geheimnis zu Geheimnis war und ihr letztes Ziel nicht die Fülle des Besitzes, sondern die Kraft der Entsagung. Und denken Sie! – Ihr Bruder erleichterte meines Vaters Leiden, indem er denselben Ton anschlug, den Sie vorhin angeschlagen, nur in weit volleren Akkorden: – er erzählte ihm vom verlorenen Paradies! Er sprach von dem seligen Frieden, der anfangs zwischen dem Menschen und der übrigen Welt gewaltet, von der ursprünglichen Reinheit und dem angeborenen Adel unserer Natur, er flocht die ältesten Sagen der Völker, die davon reden und träumen, mit der Hand des Dichters zum wunderschönen Kranze, die Sagen vom Paradies, dessen Ort und Zeit man überall sucht und nirgends findet, weil es niemals außer uns gewesen ist, sondern immer – verschleiert und unerkannt – in uns selber. Dann lasen wir gemeinsam Miltons ›Verlorenes Paradies‹, und über den kühnen Bildern und den scharfen Gedanken, die so mächtig aus der dämmernden, ungestalten Sagenwelt des Poeten aufblitzen, vergaß mein Vater stundenlang seine Seelenmarter. Als wir aber mit dem ›Verlorenen Paradiese‹ des großen Briten zu Ende gekommen waren, fuhr Ihr Bruder nicht fort, nun auch das ›Wiedergewonnene Paradies‹ vorzulesen, denn er behauptete, hier sei die Kraft des Dichters erlahmt, wie ja überhaupt der zauberhafte Mondstrahl jeglicher Poesie nur in der Dämmerung leuchte. Und so meinte er, es gebe nur ein echtes und unvergängliches Buch vom wiedergewonnenen Paradiese, welches eben darum kein Gedicht sei: – das Evangelium. Mit der ganzen Gewalt seines dichterischen Geistes zeichnete er uns dann die reine Lichtgestalt Christi in dessen eigenen Worten, daß wir gleichsam mit Augen den Sonnenschein des Paradieses sahen, wie er während der kurzen Jahre, die der Herr auf Erden wandelte, diese dunkle Welt bestrahlt hat. Aber dieses wiedergewonnene Paradies – so meinte Ihr seliger Bruder – gehe uns auch täglich wieder verloren, und wir müßten es fort und fort wieder zu gewinnen trachten, denn Gott schenke uns gar nichts, nicht einmal den Traum eines Paradieses; und so möge der Mensch immerhin mit den Tieren den Kampf ums Dasein kämpfen, aber für sich allein kämpfe er den Kampf um das verlorene Paradies – – – das waren die einzigen Gedanken, welche die Nacht des Trübsinns meines Vaters zeitweilig zu erhellen vermochten, und so wurde ihm zuletzt auch der Todeskampf leicht, weil er im Rückschauen auf das verlorene und wiedergewonnene Paradies hinüberschlummerte.« Mit halblauter Stimme, den Blick zu Boden gesenkt, hatte Frau von Bechen das alles so vor sich hin gesprochen. Sie fuhr plötzlich empor, wie aus einem Traum erwachend, und sagte lächelnd, den Gast hell anblickend: »War es nicht ein seltsames Zusammentreffen, daß das erste Wort, welches Sie an mich richteten, gleichfalls dem verlorenen Paradiese galt? Und daran war die Archäologie schuld und mein Mosaikboden. Und diese Mosaik will ich Ihnen jetzt zeigen.« Drittes Kapitel Der Weg zu dem Fundorte des alten Kunstwerkes führte fast durch den ganzen Park. Alcuin Walter ging schweigend neben der Dame, die gleichfalls kein Wort redete. Wenn man sich recht tief ausgesprochen hat, dann muß man sich eine Weile ausschweigen. Allein obgleich der Professor so ganz in Gedanken dahinging, bemerkte er doch nebenbei, wie sorgsam und geschmackvoll der ganze Garten gepflegt war. Nirgends eine leere oder verwilderte Stelle, kein welkes Blatt, das die reinen Pfade verunziert hätte, jede Pflanzengruppe am rechten Ort, kein Vordrängen, Überwuchern und doch auch kein steifer Zwang: – das anmutige, maßvolle Wesen der feinsinnigen Besitzerin schien sich hier auch der Natur mitgeteilt zu haben. Desto schneidender war der Kontrast, als sie am Ende des Parks anlangten. Mitten im Gebüsch erhob sich ein roher Bretterzaun. Die Türe war verschlossen und konnte vom Gärtner nur mit großer Mühe geöffnet werden, denn das Schloß fand sich ganz verrostet. Der Innenraum zeigte einen verlassenen Bauplatz; es lagen noch Bausteine gehäuft, zwischen denen bereits Gras wucherte, und die ausgeworfenen Erdhaufen überspann garstiges Unkraut. In der Mitte stand eine große Bretterhütte – zum Schutze des antiken Mosaikbodens. »Ich muß mich entschuldigen über diese Verwahrlosung«, sprach sie zu dem erstaunten Professor; – »ich will Ihnen die kurze Geschichte meiner Mosaik erzählen, das wird meine Entschuldigung sein. Voriges Jahr wollte ich hier ein Häuschen bauen lassen, eine Einsiedelei für meine stillsten Stunden. Beim Ausgraben des Fundaments stießen die Arbeiter auf altes Mauerwerk, und bei weiterem Nachforschen fand sich der trefflich erhaltene Mosaikboden. Ich ließ den Bau sofort einstellen, um die Mosaik nicht zu zerstören, und sie liegt noch in der Erde, wo sie lag. Oder richtiger, dieser Fund war mir ein angenehmer Vorwand, den ganzen Bau aufzugeben. Ach, das war ein Staub und Schmutz, ein ewiges Kommen und Gehen der Maurer, ein rohes Reden und Schreien. Und alles Unfertige, Unreinliche, alles Tumultuarische ist mir so qualvoll! Als aber die Maurer fortblieben, wollten die Gelehrten eindringen, und ich glaube, die würden mir zuletzt noch mehr Tumult gemacht haben als die Maurer. Ich erwarb das volle Eigentum des unterirdischen Fundes, ich ließ ihn bedecken und den Platz absperren, um meine Ruhe zu haben. Ich meide diese Stätte der Unordnung: wäre ich nicht so überaus ordentlich, so würde es hier ordentlicher aussehen. Und wären Sie nicht Ihres Bruders Bruder und hätte ich Sie nicht für einen Archäologen gehalten, dem ich Artigkeit mit Artigkeit lohnen wollte, so würden auch Sie niemals diese Wüstenei gesehen haben.« Der Professor trat unter das Schutzdach und stieg hinab in die Grube, wo nun die Mosaik, schlecht genug beleuchtet, vor ihm lag. Ein kunstreicher Doppelrahmen, außen mit Mäandern, innen mit Palmetten geschmückt, umschloß die Bildfläche, welche einen Meergott darstellte, auf einer Muschel blasend. Ein anderes, nur fragmentarisches Quadrat zeigte zwei menschliche Figuren, die im Zwielichte nicht genau zu erkennen waren. Obgleich Professor Walter das selbstvergessene Sichversenken ins klassische Altertum eben erst als das höchste Glück gepriesen, so blickte er doch jetzt, wo ihm die Antike leibhaftig gegenüberstand, nur mit sehr zerstreutem Auge auf dieses Fragment seines verlorenen Paradieses. Seine Gedanken waren vielmehr bei der schönen Begleiterin, und die Rätsel ihrer Seele schienen ihm zur Zeit lockender als alle Bilderrätsel der alten Welt. »Was ist nun Ihr Urteil?« fragte Frau von Bechen endlich, nachdem sie lange genug auf ein Wort aus dem Munde des Gelehrten gewartet hatte. »Mein Urteil? worüber?« fragte dieser, seinerseits verwirrt. »Nun, ich denke, über den Mosaikboden, der da vor uns liegt.« »Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich diesen alten Boden bis jetzt noch sehr unaufmerksam betrachtet habe, – es ist ohne Zweifel ein merkwürdiger Fund; – Sie würdigten mich vorhin Ihres Vertrauens, – Sie erzählten mir einiges aus Ihrem Leben, – so viel und so wenig, daß ich in wärmster Teilnahme noch weit mehr zu erfahren wünschte, – ein merkwürdiger Fund! Diese Doppelmäander schlingen sich so anmutig ineinander, ein Sinnbild des ohne Anfang und Ende in geheimnisvoller Verflechtung dahinschwebenden Seins und Werdens, und dieser Meergott – –« Er hielt inne, das Bild genauer untersuchend und offenbar jetzt plötzlich ganz von diesem Gegenstande gepackt. Seine Augen glänzten mit einemmal begeistert, und er rief mit erschreckendem Ungestüm: »Wunderbar! herrlich! welch ein Glück!« Frau von Bechen sah ihn erstaunt an; sie wußte gar nicht, was plötzlich so Herrliches und Wunderbares aus dem alten Fußboden geworden sei, der dem Professor vor fünf Minuten noch kaum eines Blickes wert geschienen. »Diese Mosaik«, so fuhr er etwas ruhiger fort, »hat hohen kunstgeschichtlichen Wert, sie ergänzt eine schmerzlich empfundene Lücke, wofern mich mein Auge nicht trügt, mein Gedächtnis nicht täuscht und wofern die Hypothese richtig ist, die mir eben durch den Kopf fährt.« Da der Professor wiederum schwieg, so nahm die Dame das Wort: »Sie sagten vorhin, der Archäolog übe die Kunst, da etwas zu finden, wo nichts ist, und etwas zu sehen, wo andere Leute nichts sehen. Ich gehöre zu den anderen Leuten, und Sie selbst sind, wie mir scheint, mit einemmal Archäolog geworden!« »Nein! ich gehöre auch zu den anderen Leuten, und eben darum halte ich noch zurück mit meiner Hypothese. Aber die Archäologie ist eine ansteckende Krankheit. Es lockt mich mit dämonischer Gewalt, den Text dieser Steine zu entziffern. Sagte ich nicht: die Archäologie hat etwas ewig Beunruhigendes? Sie reizt und befriedigt nicht, und seit Sie mich zum Archäologen gemacht, hat auch mich diese Unruhe erfaßt. Vielleicht täusche ich mich über den Wert Ihrer Mosaik, das einzig Gewisse in der Welt bleibt zuletzt doch immer – ein Buch, – hat das nicht mein Bruder auch so gesagt? – ich meine freilich zunächst ein Quellenbuch oder ein Gesetzbuch der Kritik. Ich muß Bücher nachschlagen, um meiner Vermutung gewiß zu werden, und das kann ich nur morgen früh auf der Trierer Stadtbibliothek. Gestatten Sie mir darum abzubrechen – an der Pforte des Quellenstudiums.« Frau von Bechen gestattete dies gern, bat aber den Professor, morgen nachmittag wiederzukommen und ihr vom Ergebnis seiner Studien zu berichten. Er hatte diese Bitte im voraus gewünscht und versprach also auch sehr gerne, sie zu erfüllen. So schieden sie. Beim Nachhausegehen sprangen die Gedanken des Gelehrten fortwährend herüber und hinüber von der alten Mosaik zu der jungen Frau und von der jungen Frau zur alten Mosaik. In der Besitzerin der unnahbaren Villa hatte er eine Sonderlingsnatur erwartet, die er leicht übersehen, an deren Launen er sich vielleicht belustigen könnte, und statt dessen fand er eine Frau von so sicherem Wesen, so feinem Takt, so reichem Gemüt, deren eigenartiger Charakter von Geheimnissen umhüllt war, die ihn ernst und tief bewegten und zur wärmsten Teilnahme zwangen. Und es dünkte ihm, als sei die Ergründung einer Menschenseele und eines Menschenschicksals fast noch dämonischer bestrickend wie die Probleme der Kunstarchäologie, jedenfalls aber mehr archäologisch aufregend als philologisch beruhigend. Viertes Kapitel Am anderen Morgen konnte er kaum die Bibliothekstunde erwarten und trat voller Spannung in das Direktionszimmer der berühmten städtischen Bücherei. Es war ein angenehm frischer Tag, ein Nachtgewitter hatte die gestrige Augusthitze erquickend abgekühlt. Aber in dem Zimmer brütete eine Glut, daß Walter an der Türe zurückprallte: 23 Grad Reaumur – der Bibliothekar hatte eingeheizt! Der treffliche Mann hatte nämlich lange Zeit in Batavia gelebt, bevor er diesen Ruheposten fand; sein verlorenes Paradies lag unter den Palmen der ostindischen Inseln, und er träumte sich erst dann recht warm in das selige Behagen seiner Bücherherrschaft, wenn andere Leute einen Schlaganfall fürchteten. Ein frischer Greis, das glühend rote Gesicht von lang herabwallendem schneeweißem Haar und mächtigem weißem Bart umrahmt, fragte er den Professor artig nach seinem Begehren. In etwas zweifelndem Tone fragte dieser wiederum, ob etwa der französische Bericht über die Expédition scientifique de la Morée von 1831 hier zu finden sei. Der Alte gab gar keine Antwort, sondern deutete nur durch Blick und Miene an, daß es beleidigend sei, bei einer so ausgezeichneten Bibliothek überhaupt an dem Vorhandensein irgendeines Buches zu zweifeln, schlug flugs den richtigen Band des Katalogs auf, rief dem Diener zu: » Artes 3524!« Der Diener flog davon, und in wenigen Minuten lag das gewünschte Buch auf dem Tische. »Es ist mein Stolz, daß man hier nach einem Buche nur selten vergebens fragt«, sagte der Bibliothekar, »und es ist meine Freude, wenn ein vorhandenes Buch nicht ausgeliehen ist, so daß ich die Leute befriedigen kann; wäre das Buch aber ausgeliehen, so würde mich dies gleichfalls freuen, denn es ist der Beweis, daß meine Bibliothek fleißig benützt wird.« Der Professor empfahl sich dankend und sprach vor der Türe zu sich selbst: »Mag kommen, was da will, so freut es diesen Mann; das ist der echte Optimismus, den man nur im täglichen Umgang mit hunderttausend Büchern gewinnt. Wenn ich noch einmal zur Welt komme, so möchte ich als Bibliothekar geboren werden. Der glücklichste König auf Erden ist doch so ein Blbliothekbeherrscher. Seine Untertanen stehen wohlgeordnet in Reih und Glied, sie räsonieren und rebellieren nicht und sind allezeit seine treuen Freunde; er möchte keinen vermissen, er liebt sie alle und ist verliebt in viele. Die besten schätzt er, weil sie so selten gut, die schlechtesten, weil sie so selten schlecht sind, und bei den mittelmäßigen entzückt ihn die ungeheure Masse.« Im stillen Hof des Bibliothekgebäudes angelangt, durchblätterte der Professor rasch sein Buch, fand die richtige Stelle und ging nun lesend weiter durch die Straßen, und als er – der Weg ist nicht weit – in das Tor seines Gasthofs, des »Roten Hauses«, trat, hatte er bereits alle Belege gefunden, er war fertig, seine Hypothese stand mauerfest. Seelenvergnügt eilte er auf sein Zimmer, unzufrieden nur über die entsetzlich lange Zeit, die er noch warten mußte, bis er auf der Villa Bechen Bericht erstatten konnte – noch ganze fünf Stunden! Allein auch diese fünf Stunden vergingen wie alles in der Welt, und als er nun wieder der liebenswürdigen Dame gegenübersaß wie gestern, auf demselben Stuhle wie gestern, zur selben Stunde, im selben Sonnenschein, mit derselben stummen Engländerin zur Seite, da war es ihm, als sei seitdem gar keine Zeit verflossen und er sei niemals fortgewesen. Man schritt bald zur Hauptsache, zur Mosaik, und so gingen sie selbzwei wieder durch den Park wie gestern, der heute gerade so rein und nett erschien. Aber an dem Bretterzaun sah es anders aus. Die Erdhaufen waren eingeebnet, die Bausteine ordentlich zur Seite gesetzt, das wuchernde Gras und Unkraut verschwunden. »Ich wollte vordem hier eine Einsiedelei bauen«, sagte Frau von Bechen schalkhaft, sich an des Professors Überraschung ergötzend, »und es war unversehens eine Wüstenei geworden. Ich glaube fast, die wirklichen Eremiten sind die unordentlichsten Menschen, bloß weil sie immer allein sind.« »Die Eremiten wohl, gnädige Frau, aber die Eremitinnen nicht, wie Ihre Villa bezeugt. Sie haben heute hier einen kleinen guten Anfang gemacht, aber Sie werden weitergehen, Sie werden einen griechischen Tempel über dieser Stätte bauen, denn« – – hier hielt er lange ein – »Sie sind die glückliche Besitzerin eines seltenen Schatzes: Ihr Mosaikboden ist griechisch!« »Aber waren denn die Griechen jemals in Trier?« Der Gelehrte sah die Fragerin mit großen Augen an; sie war doch niemals anmutiger, als wenn sie recht unwissend war. »Die Griechen?« rief er. »Nein! wie sollten die hierherkommen! Ihr Mosaikboden ist römisch, er ist aber griechisch als römische Mosaik. Griechische Mosaikböden, die griechisch wären, gibt es in der ganzen Welt nicht mehr, nicht einmal in Griechenland. Das ist ja gerade das merkwürdigste bei der Sache. Vor vierzig Jahren gab es noch ein kleines Stück griechisch-griechischer Mosaik – es ist zerstört worden; es fand sich im Pronaos des Jupitertempels zu Olympia und wurde dort von den Franzosen ausgegraben. So kennen wir es denn auch nur noch aus der Abbildung des französischen Berichtes; sehen Sie hier –« Bei diesen Worten schlug der Professor das Buch auf, welches er mitgebracht. »Das ist ja meine Mosaik! Die Mäander, die Palmetten, der Meergott!« rief Frau von Bechen. »Genau dieselben Formen, ja dieselben Farben!« »Allerdings. Und mein Gedächtnis hatte mich gestern nicht getäuscht. Wir besitzen in Mosaik mehrere römische Kopien nach längst verlorenen griechischen Originalen wie die Alexanderschlacht von Pompeji und den Zentaurenkampf in Berlin. Aber ist es nicht wunderbar, daß die getreue römische Nachbildung der einzigen echt griechischen Mosaik, die ein modernes Auge gesehen, sich nun hier wiederfindet! Olympia und Trier! Und mehr noch. Diese Kopie ist vollständiger als jenes Originalfragment, welches die Franzosen gefunden. Denn wir haben hier noch den Anfang eines zweiten Quadrats mit zwei Figuren, die allerdings greulich verdorben sind. Sie stellen entweder einen Mann und ein Weib dar oder zwei Männer oder zwei Frauen; ein Drittes ist nicht wohl denkbar, es müßte denn ein besonders scharfes archäologisches Auge am Ende gar eine Tiergestalt heraussehen. Aber wenn man sich auch geeinigt haben wird über Mann oder Weib, Mensch oder Tier, dann wird erst die rechte Kontroverse beginnen über die Frage, welche Männer und Frauen oder Tiere im ganzen weiten Kreise des mythologischen Personals gemeint seien, und so ist die wissenschaftliche Anregung, welche die gelehrte Welt aus der Enträtselung dieser zwei nicht mehr zu enträtselnden Figuren schöpfen wird, geradezu unabsehbar. Ich meine dies im Ernst. Die größten Taten des Gedankens wurden überall dadurch vollbracht, daß die Denker zu entschleiern suchten, was ewig ein Geheimnis bleiben wird.« Bei den letzten Worten sprach Frau von Bechen tief bewegt: »Nun höre ich wieder die Stimme Ihres verstorbenen Bruders! Wie oft hat er uns mit anderen Worten dasselbe gesagt!« Als sie zur Villa hinabgingen, waren beide anfangs sehr nachdenklich; plötzlich aber fragte die Dame ihren schweigenden Begleiter, wie er sich denn den griechischen Tempel denke, der über der Mosaik erbaut werden solle. »Nicht eigentlich einen Tempel«, antwortete jener, »sondern eine offene Halle mit Säulen ionischer Ordnung. Der Mosaikboden, von einem Umgang umgeben und durch ein zierliches Geländer geschützt, ist maßgebend für die ganze Anlage. Ob Seitenlicht oder Oberlicht günstiger, das wird vorerst noch zu ermitteln, und danach wird der Architekt seinen Aufbau frei und dennoch stilgerecht zu gestalten haben. Aber denken Sie denn im Ernste daran, diese Halle zu erbauen?« Frau von Bechen bejahte es. »Und ich will zugleich meine Gründe darlegen. Nicht die wissenschaftliche Bedeutung des alten Fußbodens bewegt mich zu dem Bau, sondern die religiöse. Denn wo so viele gescheite und gelehrte Männer in den Schriften und Denkmalen Griechenlands das Urbild des Edeln und Schönen finden und aus ihrem Anschauen Kraft und Verjüngung gewinnen, wenn ihnen Hellas das Zauberwort der Dauer und des ewig Mustergültigen in allem Wechsel des Völkerdaseins ist, dann ist auch das hellenische Altertum ihre Religion. Die meinige strebt zu anderen Idealen, aber ich lasse jedem die seinen, wenn er sie nur treuen Herzens umfaßt. Da ich nun auf meinem Grund und Boden eine Reliquie besitze, zu welcher Gläubige gern wallfahren möchten, so halte ich's für unrecht, ihnen dies zu wehren. Ja, ich lasse ihnen gern eine Kapelle über ihr Heiligtum bauen. Ich werde aber jenen Teil des Parkes besonders abzäunen und mit einem eigenen Eingang versehen lassen, damit auch mich die Wallfahrer nicht stören, die anfangs in Strömen, später tropfenweis kommen werden. Denn auch ich will in meinem Heiligtum nicht gestört werden, in meiner Einsamkeit. Sie sehen, wie die wenigen Worte, die Sie gestern gesprochen, meine Ansicht von der alten Mosaik geändert haben. Und so mag denn jene ionische Halle zugleich auch ein freundliches Erinnerungsmal unseres Zusammentreffens sein. In wenigen Tagen werden Sie von Trier abreisen, wir werden uns vielleicht in Jahren nicht wiedersehen, vielleicht niemals. Die Pole der Poesie unseres Lebens sind Vergangenheit und Zukunft, und so sollen mir die schönen Stunden, welche ich jetzt mit Ihnen verlebte, in der Zukunft zur viel schöneren Vergangenheit werden, – wenn sich einmal die ionische Halle über der alten Mosaik erhebt.« »Fesselnd und unnahbar zugleich!« dachte der Professor. »Welch ein seltenes Weib verbirgt sich hier der Welt!« Aber er hatte nicht lange Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen, denn sie fragte ihn nach den Schicksalen seiner Familie, nach Vater und Geschwistern, die ihr seit dem Tode seines Bruders aus den Augen gekommen waren. Sie fragte so teilnahmvoll, sie wollte alles so genau wissen; er hätte dagegen so gern von ihrem eigenen Lebensgange gehört, von dem ohne Zweifel dornenvollen Weg, der sie in diese Einsamkeit geführt, aber die Zeit verrann, und er konnte das Wort nicht finden. Am späten Abend noch traf der Professor den Arzt und den Bibliothekar im geselligen Kreise. Er war sehr aufgeregt, freudvoll und leidvoll. Plötzlich sagte er ganz heimlich zum Arzte: »Ihre Patientin auf Villa Bechen wird genesen: sie läßt eine Halle mit ionischen Säulen über ihren alten Mosaikboden bauen und erlaubt jedermann, das seltene Kunstwerk zu betrachten. Und die kranke Frau wird in Ihre Apotheke kommen«, so fuhr er noch leiser fort, zum Bibliothekar gewandt, – »sie will die ganze Literatur über Mosaik kennenlernen. Ich habe ihr ein Dutzend Bücher aufgeschrieben, deren ich mich im Augenblick entsann; sie wird persönlich in dem Friedenshain Ihrer Büchersäle erscheinen, daß Sie das Register vervollständigen. Die Welt kommt zu ihr hinauf in den Park, und sie steigt herunter in die Einsamkeit Ihrer Bibliothek. Sie wird genesen! – Der alte Thiersch pflegte zu sagen: ein rechter Philolog kann drei Dinge – einen Autor interpretieren, einen Staat regieren und eine Armee kommandieren, – und ich füge als viertes hinzu: eine schöne Frau kurieren; denn das alles lernt man bei den alten Klassikern.« Die Freunde wollten Näheres wissen; allein der Professor schwieg auf alle Fragen, beschämt, als habe er schon zuviel gesagt. Fünftes Kapitel Am 10. August machte Professor Walter seinen Abschiedsbesuch auf der Villa. Er wäre so gern noch länger in Trier geblieben! Zuerst hatte ihn die Stadt gefesselt, dann die Freunde, zuletzt die Freundin; allein es mußte geschieden sein. Auch sie empfand die nahe Trennung tief; war er doch der erste Mensch gewesen, dem sie sich seit langer Zeit wieder einmal genähert hatte! Auch in der Freundschaft gelten Verwandtschaftsgrade, und so war ihr der Bruder des verstorbenen Freundes sofort ein angestammter Freund gewesen, dem sie ihr sprödes Wesen erschließen konnte. Sie war am letzten Tage mitteilsamer als je, sie erzählte viel aus ihrem früheren Leben, allein immer nur aus ihrer Mädchenzeit. Plötzlich hielt sie ein und sprach: »Ich muß Ihnen doch auch von meinem Manne erzählen.« Dann schwieg sie wieder. »Sie waren unglücklich verheiratet?« bemerkte der Freund, um sie zum Fortfahren zu bewegen. »Ich war verheiratet! Nein, ich bin es noch. Wir leben getrennt, freiwillig getrennt, und werden es bleiben; geschieden sind wir nicht. Hören Sie, wie das gekommen ist. Die traurigste Zeit meines Lebens war zugleich die glücklichste, eine still beglückte. Ich hätte Ihnen diese Zeit schon öfters und gerne geschildert. Ich hatte damals einen Beruf, einen vollen, anstrengenden Lebensberuf, – meinen kranken, schwermütigen Vater zu pflegen und zu erheitern. Ich habe vor- und nachher niemals wieder einen Beruf gehabt, – ach, wie war das beglückend! Und ich hatte einen Freund, Ihren Bruder, der mir den höheren Sinn des Lebens erst erschloß, der mir das Leben erst lebenswert machte. Ich träumte, das werde immer so fortgehen; Ihr Bruder wußte, ahnte nicht, wie tief ich ihn in mein Herz geschlossen – da starb er, ein halbes Jahr vor meines Vaters Tode. Wie war es mit einemmal leer geworden bei uns! Und nun erst erkannte ich entsetzt, daß es bald noch leerer werden müsse. In jener Zeit trat eine neue Gestalt in die Einsamkeit unseres Schlosses – mein künftiger Gemahl. Der Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter, in Petersburg geboren, hatte er bereits eine hoffnungsreiche diplomatische Laufbahn in der russischen Hauptstadt begonnen, die er auf einige Jahre unterbrach, um Europa kennenzulernen. Verwandtschaftliche Empfehlungen – er ist mein entfernter Vetter – führten ihn auf dieser Reise auch in unser stilles Schloß. Und ich war die Ursache, daß er statt acht Tage acht Wochen bei uns blieb. Er ist ein vollendeter Kavalier und Weltmann; ein so unweltläufiges Landfräulein wie mich mochte er in Petersburg wohl niemals gesehen haben, der Reiz der Neuheit und des Gegensatzes fesselte ihn. Auch ich sah ihn gern, weil er meinen Vater zerstreute; er glaubte, ich sehe ihn gern, weil ich ihn gern sähe. Er warb um meine Hand, und mein Vater befürwortete die Werbung. Ich widerstrebte anfangs. Mein Vater fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe; sein stiller Kummer war, mich allein in der Welt zu lassen; er faßte mein Jawort als mein höchstes Liebesopfer für ihn, und ich gab es. Unsere Vermählung war des Vaters letzte Freude; er glaubte uns glücklich. Wenn er jetzt als seliger Geist mich umschwebt, kann er da noch ganz selig sein? Denn er weiß dann, daß ich unglücklich geworden bin. Und doch – wenn ich sage: ich bin unglücklich, so ist das eine Sünde, und wenn ich sage: ich bin glücklich, so ist's eine Lüge. Was bin ich denn? In einem schattenhaften, licht- und farblosen Zwischenzustand stehe ich zwischen Glück und Unglück. Denken Sie, ich hatte meinen Mann gern, und er liebte mich glühend. Wir waren ein stattliches Paar – wie füreinander geschaffen, sagten alle Leute. Alter, Stand, Besitz, Bildung, alles paßte, und mein Mann war edel und gut. Nur in einer Kleinigkeit unterschieden wir uns zunächst, und aus dieser Kleinigkeit quoll eine Welt von Gegensätzen: er wollte beständig reisen, und ich wollte daheim bleiben. Wir machten eine Hochzeitsreise nach Konstantinopel, er hätte sie gern auch noch nach Syrien und Ägypten fortgesetzt, allein ich hielt ihn zurück. Es gibt nichts Entsetzlicheres als diese Hochzeitsreisen! Jede Ehe beginnt mit Enttäuschung, weil sie die vorgeträumte Seligkeit niemals sofort erfüllen kann, sondern erst im Laufe der Zeit, und dann ganz anders, als wir gedacht. Und nun verbittern wir uns die bitteren Honigwochen noch durch all die Unruhe und das Ungemach einer großen Reise! Mein Mann hatte gar kein Organ für dieses Ungemach; es gefiel ihm, er hätte gleich unser ganzes Leben zur Hochzeitsreise machen mögen. Er drohte mir, den ›Roman eines Optimisten‹ zu schreiben unter dem Titel: ›Das Leben eine Hochzeitsreise.‹ Er bedurfte der großen Welt selbst für die Poesie des Herzens; ich fand diese nur, wenn ich mich vor jener verbarg. Als Deutscher hatte er den Petersburger Kreisen der Diplomatie und des Hofes imponiert durch sein ungezwungen sicheres Auftreten, während andere deutsche Diplomaten wegen ihres kleinbürgerlichen Wesens geringgeschätzt oder wegen ihrer prahlerisch plumpen Nachahmung französischer und russischer Art verlacht wurden. Er sah seine Zukunft in Petersburg, er wollte wieder dorthin zurück, ja der sonst so kluge Mann glaubte törichterweise mit mir dort Ehre einlegen zu können. Ich suchte ihn davon abzubringen wie von einem Verhängnis, ich verkümmerte ihm seinen Lebensberuf. Und ich entdeckte, daß ich als Frau keinen Beruf mehr fand, während ich ihn als Mädchen besessen hatte. Mein Glück lag in der Vergangenheit, in dem weltvergessenen Laubenstein; war es unrecht, daß ich meinen Gemahl dorthin zurückzudrängen, dort zu fesseln suchte? Er aber wollte mich jener Idylle entreißen, deren Zauber ihm unfaßbar war. Seine Liebe zu mir siegte zunächst. Wir kehrten nach dem verwaisten Schlosse zurück; er versprach, ein ganzes Jahr zu Hause zu bleiben und den Landedelmann spielen zu lernen. Er brachte es nicht fertig, und gerade diese ersehnte Einsamkeit entfremdete uns täglich mehr. Man kann nicht glücklich sein, wenn man sich langweilt, und er langweilte sich furchtbar. Nach drei Monaten erbat er meinen Urlaub und ging auf Reisen; er kam nach acht Wochen auf vierzehn Tage zurück. Dann ging er auf sechs Monate und kam auf drei Tage und dann auf ein Jahr und kam auf einen Tag; zuletzt kam er gar nicht mehr. Wir haben uns getrennt, indem wir immer weiter auseinandergingen, geschieden nicht vor Gericht, sondern in unseren Herzen. Wer wird auch so plebejisch sein, mit einem Scheidungsantrag vor dem Konsistorium zu erscheinen! Eine feine Frau meidet die Behörden wie die Gastwirte und Kellner und Eisenbahnschaffner. Mein Leben war zerstört, denn auch auf Schloß Laubenstein fand ich keine Ruhe; es war mein altes Schloß nicht mehr. Ich bedurfte einer neuen, fremden Einsamkeit, um wieder zu genesen. So kam ich hierher. Mein Vermögen hatte ich von Anbeginn selbständig behalten, das Band mit meinem Manne war nur ein persönliches. Er reist noch immer, und ich erkundige mich insgeheim zwischendurch, wo er gerade ist und wie es ihm geht. Er aber weiß nicht, daß ich hier bin: er hat seit Jahren nichts von mir erfahren.« Hier brach die arme Frau ab, weil ihr das Weinen nahestand. Der Professor war viel zu feinfühlig, als daß er nun mit ratenden oder tröstenden Worten gekommen wäre. Er schwieg, bis sie sich gesammelt hatte, um von anderen Dingen zu reden. Erst am späten Abend verabschiedeten sie sich. »Darf ich Ihnen dann und wann in wenigen Zeilen brieflich wieder nahen und ein Lebenszeichen von Ihnen hoffen?« fragte er sehr schüchtern beim letzten Händedruck. »Ich bitte, schreiben Sie mir nicht«, erwiderte die Dame fest und doch weich. »Halten wir unsere Begegnung fest wie einen schönen Traum, bis er mit allen Träumen verschwebt. Es peinigt mich, Briefe zu schreiben, und es ängstet mich, Briefe zu empfangen. Ich erbreche jeden mit Herzklopfen; der Postbote ist der schrecklichste Störenfried, denn er kommt täglich, und man kann ihn nicht abweisen. Leben Sie wohl – vielleicht sehen wir uns dennoch wieder!« Dies waren ihre letzten Worte. Des anderen Tags führte die Eisenbahn den Professor gen Süden. Als er vor sechs Wochen nach Trier gekommen war, hatte der erste Blick des Altertumsfreundes der Porta Nigra gegolten, und er war erschüttert von dem Gedanken, daß unter diesen grauen Steinen die Römer und die Scharen der Völkerwanderung einhergezogen waren, die Ritter und Reisigen des Mittelalters., Geschlecht um Geschlecht, Jahrhundert um Jahrhundert; und jetzt, da er von Trier hinwegging, galt der letzte Blick des viel mächtiger bewegten Menschen der friedlichen Villa jenseit der Mosel, den Wipfeln der lustig grünenden Bäume, unter deren Schatten ein krankes, überzartes Herz keinen Frieden finden konnte. – Monate vergingen, und der Frühling zog wieder ins Land, bis er aus dem Briefe eines Trierer Freundes erfuhr, daß auf der Villa Bechen eifrig gebaut worden an der ionischen Halle. So war doch noch Hoffnung vorhanden, daß die Vereinsamte, dem Leben sich wiedergebend, genese. Aber sein Vertrauen auf die Heilkraft von Tempel, Mosaikboden und Mosaikliteratur, ja des ganzen klassischen Altertums war bedeutend gesunken, seit er jene letzte Beichte der wundersamen Freundin in der Abschiedsstunde vernommen hatte. Sechstes Kapitel Bei der Mittagstafel im »Weidenhof« zu Elberfeld saßen zwei Herren, als die jüngst Angekommenen am untersten Ende, die sich gegenseitig beobachteten. Es ist das so ein harmloses Reisevergnügen, völlig Fremden ganz unvermerkt an der Nase abzusehen, woher sie sind, wes Alters und wes Standes. Der eine, ein stattlicher, breit gebauter Mann, mochte vierzig Jahre alt sein, der andere, von kleinerer, schlanker Gestalt, im Anfange der Dreißig stehen. So schätzten sie sich ganz richtig während der Suppe. Schwieriger war die Heimat nach der Mundart zu bestimmen, denn beide sprachen ein sehr gebildetes Hochdeutsch, der Ältere mit etwas mehr nordischem, der Jüngere mit kaum merkbarem südlichen Akzent. Genaueres konnten sie selbst bis zum Dessert nicht herauskriegen. Dagegen war jeder schon beim Fisch zu der Gewißheit gelangt, daß er in seinem Nachbar zwar keinen Geschäftsreisenden, wohl aber einen reisenden Geschäftsmann vor sich habe. Beide rühmten das Gasthaus; »nur ist es häufig überfüllt«, bemerkte der Jüngere, »und das feinste Hotel hört auf fein zu sein, wenn alle Zimmer besetzt sind.« »Ganz im Gegenteil!« fiel der Ältere ein. »Ich liebe das Gewimmel auf allen Treppen, frühmorgens Stiefel vor jeder Zimmertür und der ganze Hausflur voller Koffer. Berge von Musterkoffern – das ist ein lustiger Anblick.« Der Jüngere fand dieses Gebirg ganz entsetzlich. »Vermutlich noch nicht ganz auf der Höhe des Geschäftes«, denkt der eine, »er fürchtet die Konkurrenz«; – »ein vollendeter Geschäftsmann«, denkt der andere, »dem's im Gewimmel von Kommis und Koffern erst recht wohl wird wie dem Matrosen im Sturm.« Man sprach von den Gasthöfen dieses Industrielandes; der Ältere entwickelte eine staunenswerte Kenntnis: Wenker-Parmann in Dortmund, Berliner Hof in Essen, Lünnenschloß in Hagen, Quinke in Iserlohn, Graf von der Mark in Hamm, Spengler in Bielefeld, Nogeler in Barmen, Wilder Mann in Krefeld, Joebges in Rheydt – er kannte sie alle und wußte für jeden ein treffendes Wort der Kritik; allein der Jüngere kannte sie nicht minder, nur charakterisierte er mehr, als er kritisierte, und gab zuletzt eine wahre Philosophie der Gasthöfe – dieser Gasthöfe, wo zahllose Geschäftsreisende absteigen, aber kaum eine andere Seele. So war jeder über Stand und Beruf seines Nachbarn im klaren. Aber welcher »Branche« mochte der Ältere angehören? Er sprach sehr kundig von Bessemerstahl und der gegenwärtigen Überproduktion in Eisen, er verkündete eine nahe Katastrophe und war Schutzzöllner. Übrigens hatte er die Kruppsche Fabrik nicht gesehen, obgleich er sich, wie er sagte, viel Mühe darum gegeben. »Er ist ein Eisenindustrieller«, dachte der andere, »man ließ ihn nicht ein, weil er Fabrikgeheimnisse hätte ausspähen können.« Ihn selbst dagegen hatte, wie er nun erzählte, einer der Direktoren fünf Stunden lang durch alle Räume der Riesenanstalt geführt und ihm genau erklärt, wie der flüssige Gußstahl zu Rädern und Schienen, Kirchenglocken und Kanonen geformt wird; – »denn er sagte mir, ich verstehe ja doch nichts davon, folglich dürfe ich alles sehen und hören. Und er hatte recht: ich sah alles und weiß gar nichts mehr.« »Ein Vertreter der Textilindustrie!« dachte der Ältere und fragte seinen Nachbar nach Sammet und Seide, wovon derselbe genau Bescheid wußte. Auch sein feines Wesen sprach für diese zarte Branche –, eine Vermutung, die Gewißheit ward, als er vollends berichtete, woher es komme, daß jeder seidene Regenschirm heutzutage schon im ersten Jahre zerreißt. Daran seien nicht die Fabrikanten schuld, sondern das Publikum, welches schwere Seide wolle. Denn nun setze man Eisen zu, und das mache den Stoff brüchig. Nicht »billig und schlecht« sei der Fluch unseres Gewerbes, sondern »renommistisch und schlecht«. »Sie reisen wohl regelmäßig in diesem Revier?« fragte der Ältere. »Jedes Jahr einmal im Spätherbst«, – das ist der wahre Lenz der Geschäftsreisenden, dachte der Frager – »und auch Sie scheinen die Route regelmäßig zu machen?« »Ich bin zum erstenmal hier, aber ich habe seit zwei Monaten alle bedeutenden ›Plätze‹ Rheinlands und Westfalens eingehend besucht.« – »Er will neue Verbindungen hier anknüpfen«, dachte der Jüngere. Als der Kaffee serviert wurde, war der eine gewiß, daß er einen Eisenindustriellen, der andere, daß er einen Seidenfabrikanten vor sich habe. Wären beide gewöhnliche »kleine Reisende« gewesen, so würde jeder unvermerkt den Oberkellner gefragt haben, wer sein Nebenmann sei. Allein keiner tat es, und doch beobachtete jeder den anderen, ob nicht er es tue; sie waren ohne Zweifel beide Geschäftsleute größeren Stils. Der präsumtive Eisenmann begab sich auf sein Zimmer Nummer 1, die Seidenbranche auf Nummer 2 – also durfte jeder seinen Nachbar für einen distinguierten Gast halten, der telegraphisch vorausbestellt hatte. Denn je niedriger die Nummer, je höher der Mann. Wir folgen zunächst dem Jüngeren auf Nummer 2. Er legte sich ins Fenster und betrachtete die Aussicht. Gerade unter ihm lag ein Gärtchen, von der Wupper bespült; – tintenschwarz floß das Wasser dahin: kein Fisch und kein Frosch lebt darin, und wenn der beste Schwimmer hineinfiele und etwas Wasser schluckte, so würde er trotz seiner Schwimmkunst an Vergiftung sterben, denn durch den Abfluß aus hundert Fabriken ist die Wupper hier mehr chemisches Kunstwasser als Naturwasser. Und doch erfreut sie das Auge mit ihrer tiefen Spiegelung, auch ein tödliches Wasser beseelt die Landschaft. Über den Fluß wölbt sich rechts bergansteigend die große Steinbrücke, die zum Bahnhof führt, dessen stattliche Gebäude auf der Höhe thronen wie eine Akropolis, und sie sind noch dazu im griechischen Stile: eine Eisenbahnmerkwürdigkeit, die unseren Gast besonders anzog, zumal sie scharf mit dem ganzen übrigen Elberfeld kontrastiert, welches nicht sehr griechisch aussieht. Oberhalb der Brücke bildet die Wupper eine breit angeschwemmte Insel, die heute bunt genug belebt war, es wurde nämlich eine Art Kirmes dort abgehalten. Schaubude stand an Schaubude, Menagerie und Zirkus, Welttheater und Affenkomödie drängten sich hart aneinander, ein zweistöckiges Karussell überragte das Ganze; im Vordergrunde war »das größte Schwein der Welt« zu sehen und in der Nebenbude »die stärkste Frau der Schweiz«. Aber zur Zeit lag noch Stille über dem Schauplatz, Bestien, Künstler und Kunstfreunde hielten Mittagsruhe, und auch unser Reisender streckte sich zur Siesta aufs Kanapee. Allein er war nicht lange eingeschlafen, als ihn ein Höllenlärm erweckte. Da unten begann's lebendig zu werden. Eine Glocke tönte ohn' Unterlaß, ein fürchterliches Horn, eine Art Nebelhorn, rief mit langen Stößen die Zuschauer herbei, das Orchester des Karussells intonierte einen Walzer in Es und das Orchester der Kunstreiter gleichzeitig einen Galopp in D; der Besitzer des größten Schweins stieß in eine Trompete, und der Impresario der stärksten Frau schrie noch schneidender mit seiner eigenen Lunge. Dazu das wachsende Brausen der heranströmenden schaulustigen Menge, und alles zusammen auf engstem Raume; denn in Elberfeld fehlt es sonst an gar nichts, aber an Platz fehlt es überall. Da war an keinen Schlaf mehr zu denken. Der unglückliche Mann von der Seidenbranche sprang auf und starrte in entsagender Verzweiflung minutenlang in den Tumult hinaus. Nach einer Weile bemerkte er, daß sein Nachbar auf Nummer 1, gleich beschaulich am offenen Fenster liege. Er rief hinüber: »Ich hatte mir dies ruhige Zimmer eigens vorausbestellt, weil es auf Fluß und Garten geht, und nun diese Höllenkirmes da drunten!« »Auf seinem stillen Seidenkontor ist der Ärmste des Lärmens nicht gewöhnt«, dachte Nummer l und rief doppelt laut zurück: »Auch ich habe mir dieses Zimmer eigens bestellt, weil ich mich an dem Gewimmel der Kirmes ergötzen wollte; ich bin nicht vergnügter, als wenn ich so ein recht lautes Volksfest sehe und höre.« »Das ist der Hephästos vom Hochofen«, dachte der andere, »er ist unterm Pochen der Hämmer aufgewachsen.« »Ein göttlicher Anblick!« schrie Nummer 1 fort, denn nur schreiend konnte man von Fenster zu Fenster plaudern. »Ich habe Glück auf meiner Reise: die nettesten Szenen und die unterhaltendsten Menschen laufen mir schon seit Wochen entgegen. Nur gestern reiste ich mit einem Professor, der war furchtbar langweilig, nicht weil er schwieg, sondern weil er stets allein redete wie auf dem Katheder. Diese Gelehrten sind doch die unerquicklichsten Menschenkinder!« »Mitunter wohl«, rief der andere. »Doch wurde ich gestern zu Düsseldorf in eine hocharistokratische Gesellschaft eingeführt, wo wir drei Stunden lang durcheinander schwiegen, vermutlich weil die Gewohnheit des Sprechens den Leuten zu allgemein, zu bürgerlich erschien. Und ich glaube, so ein blasierter Graf oder Baron kann es an Langweiligkeit selbst mit einem Professor aufnehmen. – Aber wäre es nicht bequemer, unser Gespräch im Zimmer fortzusetzen, statt hier aus voller Brust wider die rasende Tonbrandung anzuschreien?« Sie luden sich beide gegenseitig ein, und da beide zugleich ihr Zimmer verließen, so trafen sie mittewegs auf dem Hausgang zusammen. Der Jüngere stellte sich nun endlich vor, indem er seine Karte überreichte, und der Ältere tat das gleiche: – »Dr. Alcuin Walter, o. ö. Professor der klassischen Philologie« usw. usw. stand auf einer Karte, – »Le comte de Bleydenperg« auf der anderen! »Sie sind Professor der klassischen Philologie!« rief der Graf, indem er herzlich lachend die Hand seines Nachbarn schüttelte. – »Der Graf von Bleydenperg!« rief der Professor und betrachtete lächelnd zuerst den Fremden und dann seine eigene Hand; denn sie war ganz rot und tat sehr weh, so bieder hatte sie der Graf gedrückt. Hierauf entschuldigten sie sich gegenseitig und versicherten, die echten Professoren und die echten Edelleute seien die interessantesten und unterhaltendsten Menschen und nur die unechten seien so bodenlos langweilig. Der Graf aber zog den Professor in sein Zimmer und setzte ihn trotz allen Widerstrebens zu seiner Rechten aufs Sofa und wollte wissen, wie es nur möglich sei, daß ihn seine erprobte Menschenkenntnis so arg getäuscht habe! Wenn er dem Herrn Nachbar in Athen begegnet wäre, so hätte er in ihm wohl gleich den klassischen Gelehrten erkannt, aber was suche er denn mit seiner Philologie in Hamm, Hagen, Rheydt, Dortmund, Bielefeld und Elberfeld? Und wie in aller Welt hätten ihn denn seine philologischen Studien zur staunenswert genauen Kenntnis der Absteigequartiere sämtlicher Handlungsreisenden von Rheinland und Westfalen geführt? Professor Walter erwiderte: »In Athen bin ich noch bekannter wie in Elberfeld: denn ich bin zwei Jahre dort gewesen. Und eben darum kann ich den wißbegierigen Elberfeldern einiges von Athen erzählen und von Troja und Ithaka, von Marathon und Salamis, von Städten, die ich alle mit Augen gesehen habe, aber gründlicher sah ich sie doch noch im Geiste durch die unsterblichen Werke der Klassiker. Die alten Humanisten, die großen Ahnherren der modernen Philologen, reisten von Land zu Land, warben und wirkten für ihre Wissenschaft an den Fürstenhöfen und Edelsitzen, bei Prälaten und Patriziern und dann wieder unter sich selbst in rastlosem Reise- und Briefverkehr. Wir Professoren beginnen in ähnlicher Weise mobil zu werden; zwar Fürsten berufen uns kaum und Prälaten und Barone gar nicht, wohl aber die Vortragsvereine der Kaufleute und Industriellen, und so sprach ich jüngst über Platons Republik in Hamm, über Euripides in Dortmund, über den Peloponnesischen Krieg in Krefeld und im Kohlenrauch von Essen über die Wolken des Aristophanes. Im Semester lese ich an meiner Universität und in den Ferien in Deutschland. Dabei lerne ich dann Land und Leute so ziemlich kennen, die Industrie ein wenig und die Wirtshäuser genau. Aber gestatten Sie mir, Herr Graf, eine Gegenfrage: es würde mich nicht gewundert haben, Ihnen auf dem Montblanc oder auf Capri zu begegnen, in Venedig oder Baden-Baden, in Scheveningen oder Nizza; allein wie kommen Sie nach Solingen und Iserlohn, nach Dortmund, Witten und Oberhausen?« Der Graf antwortete: »Sie hätten mich auch an jenen Orten finden können, denn ich bin da überall gewesen. Allein ich bin der großen Tour satt, und wenn ich auch nicht gleich Ihnen reise, um zu lehren, so reise ich doch mit Leidenschaft, um zu lernen, zunächst auf dieser kleinen Tour durch den malerischen Wald der Fabrikschornsteine. Mein Lebensberuf ist die Politik. Man lernt sie nur einseitig in der Schule, oberflächlich im Salon, handwerksmäßig am grünen Tisch. Keiner soll sich einen Politiker nennen, der nicht das Volk bei der Arbeit beobachtet hat. Ich kannte früher nur die großen und kleinen Bauern, jetzt studiere ich die Industriellen, die ich früher unterschätzte, weil ich niemals unter ihnen gelebt habe.« »Das gleiche sage ich von mir«, fiel der Professor ein. »Ich glaubte vordem mit Aristoteles, daß das gewerbliche Schaffen nur zu niederer Sinnesart führe, daß bloß der musenhaft erzogene Mann wahrhaft gebildet sei. Nun habe ich aber bei meinen Wandervorträgen Industrielle und Kaufleute kennengelernt, die durch Wissensdurst und mühsam errungenen Wissensschatz, durch idealen Geist und feine Sitte zahllose studierte Leute überragen. Es ist ein Bildungsdrang in unsere gewerbende Welt gefahren, der uns über den Materialismus der Zeit tröstet, und wir Gelehrte müssen alle Kraft aufbieten, daß wir uns und unsere eigenen Jünger oben halten.« Graf Bleydenperg war ganz entzückt von diesen Worten. »Ich habe in diesen Fabrikstädten werte Freunde gefunden, die ich als ebenbürtig anerkennen muß, obgleich oder vielmehr weil sie Männer ihrer eigenen Tat sind. Familie und ererbter Besitz verleiht wohl aristokratisches Wesen, aber auch die große Arbeit führt in die große Welt, macht den Geist frei und das Herz weit, und so müssen auch wir Aristokraten der Geburt alle Kraft aufbieten, daß uns die neue Aristokratie der Arbeit nicht über den Kopf wächst.« Zuerst hatte der Graf den Professor und der Professor den Grafen für einen Fabrikanten gehalten, und nun dachte der eine, der Professor spreche wie ein Graf, und der andere, der Graf spreche wie ein Professor – aber wie ganz ungewöhnliche Grafen und Professoren. Übrigens schienen da drunten auf der Wupperinsel noch einige neue Orchester zu den früheren gekommen zu sein, und man verstand im Zimmer auch bei geschlossenen Fenstern kaum mehr sein eigen Wort. Der Graf schlug einen Spaziergang vor. »Kennen Sie die Hardt?« fragte der Professor. Der Graf verneinte es. »So will ich Sie dorthin führen, und ich sage nichts vorher, um mich hinterdrein an Ihrer Überraschung zu ergötzen.« Siebentes Kapitel Die beiden Reisenden gingen eine kurze Strecke die Hauptstraße entlang, stiegen dann links zwischen Häusern bergauf und betraten unversehens eine Parkanlage, welche sich die steile Höhe hinanzieht. Nach kurzem weiteren Steigen standen sie vor einer senkrecht abfallenden hohen Felswand. Bäume und Büsche umschlossen den engen Raum vor dem Felsen, dessen Rand von herabhängendem Gesträuch bekrönt war, – eine romantische Wildnis inmitten der enggescharten, verkehrswimmelnden Straßen: tiefste Einsamkeit, keine Seele weit und breit. Denn in den Gewerbstädten geht man am Werktag nicht spazieren wie in Beamtenstädten. Der Graf hatte eine Überraschung erwartet und war dennoch überrascht. Entzückt atmete er tief auf und bekannte, eine so trauliche und zugleich großartig freie Natur hart über den Dächern einer großen Fabrikstadt noch nirgends gesehen zu haben. »Dieses Elberfeld ist überhaupt eine Stadt der Gegensätze, die sich dem flüchtigen Reisenden verbergen, den gründlichen Beobachter aber auf Schritt und Tritt fesseln.« Zugleich wunderte er sich über sich selbst, daß ihm dieser einzig schöne Punkt bei seinen jüngsten wiederholten Besuchen Elberfelds entgangen sei. Der Professor hatte ihn gleich gefunden und seitdem alljährlich wieder besucht. »Ich träume mich hier jedesmal auf ein Stündchen nach Haus, in den Frieden unserer Wälder und meiner Studierstube. Steige ich dann wieder hinab, so vergnügt mich das Menschengedränge doppelt, und ich atme Ferienluft im Straßenstaub und Kohlenrauch. Die Ferien bedeuten nämlich für mich das aufregend anregende Getümmel der großen Welt und das Semester die erquickende Einsamkeit des Hauses und der Natur.« »Ihr Gelehrte seid doch glückliche Menschen!« rief der Graf. »Ihr ruhet euch aus in der Arbeit, und wenn euer neuestes Buch gedruckt vor euch liegt, so habt ihr doch irgend etwas abgeschlossen und fertiggebracht. Der Politiker bringt gar nichts fertig. Was er heute aufbaut, das wirft eine ungeahnte Welle der Tatsachen, ein unerwartet neuer Strom der öffentlichen Meinung morgen wieder um. Wir finden in der Arbeit nur den Krieg. Künstler und Gelehrte, die in ihrer Arbeit den Frieden finden, die sich in die Einsamkeit ihrer Werkstatt schaffend verschließen, können alt werden und doch jung bleiben; aber kein großer Staatsmann ist jemals alt geworden, ohne sich zu überleben, ja die meisten überleben sich, bevor sie nur alt geworden sind.« »Vor Jahr und Tag«, sprach der Professor, »glaubte ich allerdings, in der Philologie den vollen Frieden des Schaffens gefunden zu haben. Aber vorigen Sommer verirrte ich mich unversehens ein klein wenig ins Gehege der Kunstarchäologie, und diese aufregende Disziplin hat mich mehr und mehr gepackt, so daß ich sie mit den philologischen Studien zu verbinden trachte. Es ist eine dämonische Wissenschaft! Und können Sie's wohl glauben: zu dieser beunruhigenden Archäologie lockte mich eine schöne Dame, die so unwissend war, daß sie glaubte, Philologie und Archäologie seien ein und dasselbe! Diese Dame – – –« Sie waren auf den Scheitel des Berges, auf die eigentliche Hardt gekommen, und es öffnete sich hier eine so prächtige Aussicht, daß der Graf, in den Anblick versunken, offenbar nicht zuhörte, und so unterbrach sich auch der Professor. Links lagen die Höhen, welche Elberfeld umrahmen, und aus der Tiefe lugten hier und dort die Dächer der Stadt hervor; rechts im fernen Hintergrunde tauchte die Schwesterstadt Barmen auf, von grünen Waldhügeln umkränzt, und mittendurch zog die Wupper zwischen Häusern und Gärten ihren leicht geschweiften Bogen. Der Wind verwehte die verworrenen Klänge der Elberfelder Kirmes, daß man sie nur abgebrochen hörte, und trug dagegen vom Barmer Kirchhof, der fern an der jenseitigen Bergeshalde lehnt, die Akkorde eines von Posaunen geblasenen Chorals gedämpft und doch voll herüber. Die Abendsonne verglühte, und ein dünner Nebelschleier verhüllte das unruhige Häusergewimmel des betriebsamen Tals. »Welch ein ergreifendes Bild des Lebens!« rief der Graf. »Hier Lust, dort Leid, Kirmes und Kirchhof, Walzer und Choral, – und dazwischen das Summen der Maschinen, das Brausen der arbeitsvollen Stadt, – und das Abendrot gießt seinen versöhnenden Schein heute wie gestern über all den ruhelosen Wechsel des Menschendaseins! Wir beide aber stehen auf diesem Berg wie auf einer glückseligen Insel, unten die Brandung ringsum, hier oben der Friede! Von der Ferne verklärt, fließen die verdämmernden Hügel mit dem Himmel zusammen – wie die Zukunft. Denn das ewig Ferne, das ewig Künftige nennen wir Himmel, und mit jedem Schritt, womit wir uns nähern und ihn wie Kinder greifen wollen, weicht er zurück. Wer doch im Kampf seines eigenen Herzens auch zuweilen solch eine glückselige Insel finden könnte! – Sie schweigen, lieber Professor, und ich unterbrach Sie vorhin. Sie wollten mir von Ihrer Bekehrung zur Archäologie durch eine schöne Dame erzählen. Bekehrungen durch schöne Damen kommen häufig vor, doch archäologische sind da, glaub' ich, eine Seltenheit.« Der Professor fragte, ob der Graf schon in Trier gewesen, ob er die Villa Bechen und ob er Frau von Bechen kenne. Der Graf verneinte alles und entsann sich auch nicht, jemals von einer Familie »von Bechen« gehört zu haben. Nun erzählte der Professor in aller Kürze von dem Mosaikboden, den er bei der einsiedlerischen Frau gesehen, und wie er sofort die römische Kopie des griechischen Originals richtig erkannt habe und dadurch vom archäologischen Fieber ergriffen worden sei, während andererseits die Dame durch den Bau der Halle und ihre Mosaikstudien wieder mit Menschen verkehren lerne und langsam genese. Und so könne es am Ende noch geschehen, daß die kranke Frau durch die Mosaik menschlich gesund, er, der Gesunde, aber archäologisch krank werde. »Bei dieser Krankheit«, sagte der Graf lächelnd, »könnte aber das archäologische Fieber leicht nur äußeres Symptom sein, während der Grund des Leidens ganz woanders sitzt. Lesen Sie moderne Novellen?« Der Gelehrte erwiderte, im Studium der Novellistik sei er nur bis zu deren klassischen Anfängen vorgedrungen und also beim »Goldenen Esel« des Apuleius stehengeblieben. »Nun gut!« fuhr der Graf fort, »ich meinerseits lese auch die spätere Novellistik. Und da erscheint mir nun Ihre Frau von Bechen genau wie aus einer Novelle modernster Art geschnitten. Es gibt nämlich jetzt eine ganze Zahl deutscher Novellen und Lustspiele von äußerst feiner und geistreicher Durchführung, die nur an dem einen Fehler leiden, daß das ganze handelnde Personal aus lauter reichen, vornehmen, schönen und gebildeten Leuten besteht, die auf Gottes Welt gar nichts zu tun haben, als gebildet, schön, vornehm und reich zu sein. Und weil nun der Mensch doch einmal auch irgend etwas anderes tun muß, so schwelgen sie in der Melancholie ihrer eigenen Langweile, als ob dies eine Gedankentat sei, zerren und renken fortwährend an ihren Gefühlen, bis dieselben richtig auf dem Kopf stehen, verlieben sich aus Nichtstun in sich selbst oder Paar um Paar übers Kreuz, wobei kleine Ehebrüche die Handlung steigern, lieben überhaupt, wo sie hassen, und hassen, wo sie lieben sollten; sie tun alles mögliche Interessante und Aufregende, nur nichts Gescheites und Gesundes, weil sie, genau betrachtet, zuletzt doch immer gar nichts tun. Und es gibt wirklich Originale, die den Novellisten zu diesem poetischen Schattenspiel gesessen haben. Ich kenne mehrere solcher Frauen. Sie sind alle hochgeboren, bezaubernd schön, reich und geistvoll, reisen beständig durch alle Länder Europas, wobei man aber niemals etwas von ihren Männern zu sehen bekommt; Virtuosinnen der Grille und Laune, sind sie unendlich verschiedenen Sinnes, gleichgesinnt nur in einem Punkte: – sie schwärmen alle für Bayreuth.« »Meine Dame«, entgegnete der Professor etwas verstimmt, »sieht diesem Zerrbild nicht im mindesten ähnlich. Sie reist von vornherein gar nicht, sondern sitzt zu Hause, während ihr Mann vielmehr unaufhörlich reist.« »Und wie heißt denn dieser Mann?« »Wie er heißt? – Nun, der Mann der Frau von Bechen wird wohl Herr von Bechen heißen. Nach seinem Taufnamen habe ich nicht gefragt. Übrigens scheint mir vielmehr dieser Mann und nicht die Frau aus einer der geschilderten Novellen geschnitten. Denn er ist sozusagen vaterlandslos, Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter, in Rußland geboren und erzogen, auf dem kosmopolitischen Boden des Hofparketts gebildet, grillenhaft und eigensinnig, ein herzloser Egoist, der das sinnige, überzarte, echt deutsche Wesen seiner unglücklichen Gemahlin nicht versteht und ihrer gar nicht wert ist, weshalb die freiwillige Trennung beider Gatten wohl das Vernünftigste war, was sie tun konnten. Und wenn es der armen Frau zur Zeit an einem Lebensberuf fehlt, so hat sie vordem doch den edelsten weiblichen Beruf geübt, als sie noch auf Schloß Laubenstein ihren kranken Vater pflegte. Beruflos wurde sie erst durch die Ehe, welche einer Frau, die den rechten Mann findet, doch erst den wahren Beruf verleiht.« Der Graf war sehr aufmerksam geworden. »Hat Frau von Bechen selber Ihnen diese Schilderung ihres Gemahls gemacht?« fragte er in ganz verändertem Tone. »Ja und nein! Sie gab nur die Zeichnung, ich trug die Farben auf. Und wenn Frau von Bechen zeichnet, so kann sie es nur in Linien, so zart und fein und rein, wie sie selber ist. Die groben Drucker sind also von mir. Ja, mir scheint, sie liebt noch immer diesen Mann, der sie nicht versteht; sie liebt ihn tiefer, als sie weiß. Als er um sie warb, liebte sie ihn noch nicht; als er sich ihrem besseren Wesen fügte, begann sie ihn ein wenig zu lieben; da er sich ihr entfremdete, wuchs ihre Liebe, und seit er sie verlassen hat, wurde diese Liebe immer stärker. Sie forschte verstohlen nach seinem Aufenthalt, während er sich um den ihrigen nicht mehr kümmerte. Sie träumte von einem verlorenen Paradies, doch unterderhand wurden verschiedene Paradiese daraus. Und ich glaube, sie hat noch ein weiteres dazu verloren, ohne zu wissen, daß sie es jemals besessen: das Paradies der unter Kampf und Widerstand still aufkeimenden pflichttreuen Liebe.« Während dieses Gesprächs waren die beiden Reisenden von der Hardt wieder in die Stadt hinabgestiegen, und im Lärm und Gedränge der engen Straßen schwieg der Professor. Auch der so redefertige Graf wurde einsilbig; – dann verstummte er ganz. Man trennte sich. Ein jeder war für den Abend anderswohin versagt, und am nächsten Morgen früh mußte Professor Walter abreisen, vorerst nach Krefeld, um dort über den »Chor in der griechischen Tragödie« zu sprechen. In acht Tagen hoffte er in Trier zu sein, welches diesmal gleichfalls zu seinen »Vortragstädten« zählte. Er fragte den Grafen, ob er nicht mit ihm in Trier zusammentreffen wolle, um die merkwürdige Stadt und den Mosaikboden mit der neuen ionischen Halle zu sehen. Allein Graf Bleydenperg hatte kein Interesse für Altertümer und war, wie er sagte, jetzt reisemüd. Er beabsichtigte zunächst eine mehrmonatliche Rast in Wiesbaden. »Ich liebe«, so sprach er, »die Badeorte im Spätherbst und Wiesbaden vor allen. Die Stadt ruht dann und ist doch nicht tot, die Natur geht schlafen und ist doch noch schön. Ich kann heute still wie auf dem Lande leben und morgen alle Genüsse einer Großstadt aufsuchen; ich freue mich der reinlichen Promenaden, die vereinsamt sind, als ob sie für mich allein gemacht wären, und bin doch auch Herr in dem immer noch überfüllten Hotel; aber die peinlichen Kranken und die leidigen Vergnügungsreisenden sind verschwunden, und für den Winter eingemietete Familien bieten die beste Gesellschaft. Mehr noch zieht mich jedoch ein Kreis alter Freunde nach jener Stadt, lauter Generale außer Dienst. Ich nenne die lustigen alten Herren meine Herbstfreunde: denn wir sehen uns dort jeden Herbst wieder. Es ruht ein eigener Zauber auf solchen Saisonfreundschaften. Sie bleiben frisch und jung, weil sie immer wieder getrennt werden; genießt man sie dann nach Jahresfrist aufs neue, so ist's uns doch schon wieder in der ersten Stunde, als seien wir niemals getrennt gewesen. Aber auch ein leis wehmütiger Gedanke trübt das fröhliche Wiedersehen – doch nein! er verklärt es: wir erinnern uns, daß wir alle um ein Jahr älter geworden sind.« Achtes Kapitel Professor Walter war spätabends in Trier angekommen. Am anderen Morgen eilte er schon um neun Uhr auf die Stadtbibliothek, um sich bei dem würdigen Bibliothekar vorerst nach Frau von Bechen zu erkundigen, bis die schickliche Zeit zum Besuch auf der Villa herannahte. Er fand den alten Herrn genau so, wie er ihn vor vierzehn Monaten verlassen, und auch das Zimmer hatte noch seine richtigen dreiundzwanzig Grad Réaumur. Der Büchermann sprach etwas kühl von Frau von Bechen. »Sie hat allerdings die Menschen nicht mehr ganz gemieden und einige Besuche angenommen und erwidert. Auch ging sie manchmal durch die Stadt, wobei man sie genau beobachtete, aber immer nur einsam, nur von ihrer Engländerin begleitet: sie hat die Porta Nigra angesehen und die Thermen, die aber keine Thermen sind, sondern eine Basilika, ein Kapitol, ein Centifanum, ein Palast oder sonst dergleichen. Früher suchte sie die Einsamkeit bei sich, jetzt sucht sie dieselbe in der Welt.« »Wer aber die Einsamkeit in der Welt sucht, der findet zuletzt die Welt und verliert die Einsamkeit«, – unterbrach der Professor und fragte, ob denn Frau von Bechen die ganze Literatur über Mosaik schon durchstudiert habe. »Sie hat nicht eine Zeile über Mosaik zu lesen begehrt, dagegen verlangte sie zahlreiche andere Bücher.« »Und welche?« rief der Professor hastig. Der Bibliothekar schlug das Ausleihebuch auf und las: »Frau von Bechen: – Martens, Guide diplomatique ; Bilder aus der Petersburger Gesellschaft; Vatell, Droit des gens ; Schleiermachers Monologe; Mischler, Das Eisenhüttengewerbe; Spees Trutznachtigall; Roschers Grundlagen der Nationalökonomie; Paul Gerhardts geistliche Lieder, – und dann folgt noch ein ganzes Dutzend Memoiren und Biographien berühmter Staatsmänner von Sully bis Bismarck. Was so eine vornehme Dame nicht alles durcheinander liest! Für Kunst und Altertum hat sie jedoch gar keinen Sinn. Ich zeigte ihr das Juwel unserer Bibliothek, den Codex aureus ; sie würdigte ihn aber kaum eines Blickes. Der Geheime Sanitätsrat ist besorgt wegen ihrer Gesundheit, er sagt, es entwickle sich ein Nervenleiden bei der früher so gesunden Frau. Also scheint das, was man geselligen Verkehr nennt – der Umgang mit Büchern, alten Bauwerken und Menschen – ihrer Natur nicht besonders zuträglich. Überdies sind seit einiger Zeit bedenkliche Gerüchte über Frau von Bechen im Umlauf. Man hält sie für eine Abenteurerin: sie soll einen falschen Namen führen; die Polizei hat bereits in aller Artigkeit darüber nachgefragt, und es könnte sein, daß sich die Gesellschaft nun von ihr zurückzieht, wo sie dieselbe zu suchen beginnt. – Sie ist seit voriger Woche verreist, wie man meint, um die Sache wegen des falschen Namens in Ordnung zu bringen. Vielleicht findet sie den richtigen Namen unterwegs und bringt ihn mit, oder sie findet ihn nicht und kommt auch nicht wieder.« Der Professor erschrak gewaltig über diese Auskunft. Er wußte durchaus nicht, was er dazu denken sollte, und eilte sinnend und rätselnd in seinen Gasthof zurück. Dort überreichte ihm der Portier einen Brief, die Adresse war von bekannter Hand. Denn obgleich er in seinem Leben erst drei Zeilen dieser Schrift gelesen hatte, würde er sie doch unter Tausenden erkannt haben: – es war ein Brief von Frau von Bechen, der schon seit acht Tagen, seit ihrer Abreise, dalag und den er in zitternder Hast erbrach. Sie schrieb, daß sie von seinem bevorstehenden Besuch in Trier vernommen habe und sich sehr gefreut haben würde, ihn wiederzusehen. Allein dringende Geschäfte riefen sie in ihre Heimat, nach Laubenstein; nur für wenige Tage werde sie überhaupt noch nach Trier zurückkehren, um die Einleitung zum Verkauf ihrer Villa zu treffen. Sie fürchte, daß man ihm in der Stadt Fabeln und Märchen von ihr erzähle, darum schreibe sie diese Zeilen, weil sie wolle, daß ihm ihr Bild wahr und klar bleibe. Aus der Einsamkeit hervortretend, habe sie mit Schrecken gewahrt, daß sie bisher wie im Schlafe gewandelt sei, daß sie wie eine phantastische Abenteurerin gelebt habe; denn auch wenn man gar nichts tue, könne man abenteuern, ja dann vielleicht am meisten. Sie habe seit seiner Abreise mit aller Kraft gerungen, das Wesen ihres Mannes zu verstehen und ihm gerecht zu werden, sie habe Interesse für seine Interessen zu gewinnen gesucht, sie sei in Gedanken mit ihm nach Petersburg gezogen, ja sie habe an seinen politischen Studien teilgenommen – zu spät! wie sie jetzt einsehe. Ihr Leben sei verfehlt durch eigene Schuld. Darum werde sie sich nach Laubenstein zurückbegeben auf den für sie einzig festen Boden der Jugendheimat, und ein Beruf werde sich dort ja finden, solange es verwahrloste Kinder zu erziehen, Arme zu unterstützen, Kranke zu pflegen, Unglückliche zu trösten gebe. Da liege das verlorene Paradies, welches sie wiedergewinnen müsse, und der Geist seines verstorbenen Bruders sage Amen zu diesem Plan. Tief bewegt steckte der Professor den Brief in die Tasche und ging ziellos durch die Stadt und über die Moselbrücke, und eh' er sich's versah, stand er vor der Pforte der Villa Bechen. Er wollte hineingehen, um sich zum letztenmal die vom edelsten Frauenherzen geweihte Stätte zu betrachten und die ionische Halle und die Mosaik, welche doch nicht so heilkräftig gewirkt, wie er's erwartet hatte. Noch stand er zögernd vor dem Pförtnerhäuschen. Da fuhr ein Wagen vor, und ein Herr stieg aus, der dem Professor beim ersten Blick bekannt schien; – noch einen Blick auf den Fremden: – es war Graf Bleydenperg. »Wie kommen Sie hierher?« fragte der erstaunte Professor. »Ich glaubte Sie in Wiesbaden.« »Dort war ich auch ganze sieben Tage. Aber mich lockte es zu einem Ausfluge nach Trier, um den neuen römischen Mosaikboden zu sehen, von welchem Sie so begeistert erzählt haben.« »Sagten Sie denn nicht, Sie interessierten sich nicht für Kunst und Altertum?« »Freilich sagte ich das. Allein soll man nicht seinen Geschmack bessern, seinen Horizont erweitern? Man wird seine Lebtage nicht zu alt zum Lernen. Übrigens habe ich soeben schon alle Mosaiken verwünscht, antike wie moderne. Ich frage in Trier nach dem neuentdeckten Mosaikboden der Villa – den Namen hatte ich ganz vergessen –; da führt mich der Lohndiener in ein Weinhaus mitten in der Stadt, und als ich ihm bemerkte, dies sei doch keine Villa, behauptete er, hier bekomme man den besten Scharzhofberger und Josephshöfer, weit besser als auf irgendeiner Villa ringsum – diesen Trierern geht doch ein guter Wein über alles! –, und so kam ich, fast ohne zu wissen wie, in einen Keller, wo bei Gaslicht eine große Mosaik zu sehen war, die wunderschön sein soll, aber ich habe sie kaum angeschaut; und nun erst sagt mir der Lohndiener, wo die Villa mit der anderen Mosaik liege, mit der ›trockenen Mosaik‹, wie er sich ausdrückte: denn jene im Weinhaus nenne man die ›nasse Mosaik‹, und sie werde von den Fremden bei weitem bevorzugt.« Der leichte Ton des Grafen berührte den Professor unangenehm. Er war zu ernst gestimmt und merkte nicht, welch tiefe Bewegung auch beim Grafen den leichten Ton durchzitterte. Sie traten in den Park. Der Pförtner führte sie freundlich zu der neuen Halle und berichtete unterwegs, daß die Frau Baronin schon morgen zurückerwartet werde. Ein kleiner, aber stilvoller Bau aus grauem, feinkörnigem Sandstein und weißem Marmor erhob sich über der Mosaik, die nun völlig freigelegt war, schön umrahmt und sehr günstig beleuchtet. Der Graf hätte wohl einige erläuternde Worte des Professors über das Kunstwerk erwarten dürfen. Allein dieser schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein als bei den neuen ionischen Säulen und dem alten Fußboden. Er setzte sich auf die steinernen Stufen, welche zu dem Heiligtum führten, und blickte in die Landschaft hinaus. »Worüber werden Sie heute abend lesen?« fragte endlich der Graf. »Mein Thema heißt: ›Sophokles' Antigone und das antike Ideal der Weiblichkeit_. Mir scheint dieser Stoff besonders passend für das hiesige Publikum, ich habe ihn eigens für Trier durchgebildet. Aber ich fürchte, ich werde sehr zerstreut sprechen und vielleicht unbewußt allerlei moderne Züge hineintragen. Offen gesagt: ich bin beunruhigt durch einen Brief, den ich vorhin erhielt. Bei unserem Zusammentreffen in Elberfeld erzählte ich Ihnen von der Besitzerin dieser Villa; ich hoffte damals, sie werde genesen von ihrem Seelenleiden, sie werde entsagend und doch still beglückt, gehoben durch den beseligenden Frieden des hellenischen Geistes, an diesem unvergleichlich schönen Orte neue Kraft, neue Freude des Lebens schöpfen. Allein ich war im Irrtum. Sie ist unglücklich, weil sie ihren Mann erst lieben lernte, als sie ihn verloren hatte, und sie wird ihn nicht wiedergewinnen, denn er verließ sie, weil er sie überhaupt nicht lieben kann. Für dieses Unglück gibt es keine Heilung. Und wenn sie in ihrer früheren Heimat, umringt von tausend traurigen Erinnerungen, nun wieder den Frieden suchen will, den sie hier nicht finden konnte, so ist die neue Täuschung ärger als die alte. Ich habe Ihnen so viel von dieser armen Frau erzählt, der ich ums Leben gern helfen möchte, und Sie haben so teilnahmvoll zugehört, daß ich keine Indiskretion zu begehen glaube, wenn ich Ihnen den Brief mitteile. Lesen Sie!« Der Graf ergriff hastig das Blatt, setzte sich neben den Professor auf die Stufen und las. »Vielleicht wäre der Dame dennoch zu helfen«, rief er dann, das Blatt zurückgebend, – »zu helfen, wenn wir ihren Mann bewögen, daß er sich bekehrte, daß er wiederkäme und Liebe mit einer Liebe erwiderte, die vielleicht ebenso unvermerkt in ihm glimmt wie in ihr.« »Das ist nicht möglich, bester Herr Graf! Ein Mann, der solch ein Weib so lange verkannte, ist unverbesserlich. Und wie sollen wir uns ihm aufdrängen? Wer gibt uns das Recht der Einmischung in diese innerste Angelegenheit seines Hauses und Herzens?« »Vielleicht treffen wir ihn irgendwo zur rechten Stunde und öffnen ihm die Augen, wenn wir beide uns recht fest zu diesem Zwecke verbünden. Wollen Sie das? Ich bin bereit. Schlagen Sie ein!« Der Professor erhob sich und ergriff die dargebotene Hand. Es war ein feierlicher Moment, wie sich die beiden wohldenkenden Männer so leidenschaftlich zu dem guten Werke verbrüderten. »Da wir beide uns nun wieder ein Stückchen nähergerückt sind«, sagte der Graf, »so erlauben Sie mir eine Frage. Ich habe mich nie nach Ihrer Familie erkundigt noch Sie nach der meinigen. Sind Sie verheiratet?« »Allerdings! – Erst seit drei Jahren und sehr glücklich dazu. Meiner Frau einziges Leidwesen sind diese Ferienreisen, diese Vortragsfahrten, die mich so oft und lang von Hause entführen und gerade zu einer Zeit, wo ich mich der Häuslichkeit am schönsten widmen könnte. Allein es ginge nicht an, die Frau auf Reisen mitzunehmen, bei denen ich keinen Tag mir selbst gehöre, und wenn Sie, lieber Graf, jemals Wandervorträge halten sollten – denn nächstens tragen alle Stände vor –, rate ich Ihnen gleichfalls dringend, Ihre Frau Gemahlin zu Hause zu lassen. Aber sind Sie denn überhaupt verheiratet?« »Allerdings! – Nur leider nicht ganz glücklich. Doch beschloß ich gerade darum, meine Frau in Zukunft auf meine Arbeitsfelsen mitzunehmen. Und wenn Sie, lieber Professor, jemals politische Reisen machen sollten, sei es zum Landtag, zur Enquete oder in irgendwelcher Mission – denn nächstens ist ja jedermann ein Staatsmann –, dann rate ich Ihnen gleichfalls dringend: lassen Sie sich von Ihrer Frau begleiten.« Unter diesem Gespräch kehrten sie der Mosaik den Rücken, ohne sie überhaupt nur ordentlich angesehen zu haben, und gingen gegen die Villa hinab. Der Professor blieb wie angewurzelt stehen und hielt den Grafen am Arme zurück. »Unmöglich!« rief er, – »und doch! Sie ist es! sie selber!« Halbwegs, als sie eben um die Ecke des Laubgangs bogen, kam ein Frauenpaar von drüben auf sie zu. Er hatte kaum das Wort gesprochen, als Frau von Bechen schon vor ihm stand und ihn freundlich begrüßte, indes der Graf auf der einen, die englische Gesellschaftsdame auf der anderen Seite gleicherweise zurücktraten. »Ich bin um einen Tag früher heimgekehrt, als ich vorgehabt«, fügte die Dame dem Gruße hinzu, »und freue mich nun herzlich dieses kaum gehofften Zusammentreffens.« Ihre Stimme war etwas schwächer als sonst, ihr Gesicht blässer, aber sie sprach und bewegte sich wie immer mit jener anmutigen Freiheit, die auch bei der vereinsamten Frau die geborene Aristokratin erkennen ließ. Dagegen war der Professor verlegen, und seine erlernte Weltkunst ließ ihn etliche Minuten im Stich. Doch faßte er sich rasch, sagte alles, was man bei einer angenehmen Überraschung sagen muß, wandte sich dann seitwärts und stellte mit leichter Handbewegung vor: »Herr Graf Bleydenperg – Frau von Bechen!« Der Name des Grafen und ein Blick auf seine Person wirkte wie ein Blitzstrahl auf die Dame. Sie fuhr zusammen, erblaßte, stieß einen leisen Schrei aus und würde umgesunken sein, wenn nicht der Graf hinzugesprungen wäre und sie in seinen Armen aufgefangen hätte. Er hielt sie fest umschlungen und rief: »Ada, Ada, ich lasse dich nicht wieder!«, bis sie zur Besinnung kam. Wortlos brach sie in heftiges Weinen aus. Der Graf redete zärtlich beruhigend, und als er ihr die tränenfeuchte Wange küßte, trat nun der Professor seinerseits in den Hintergrund, denn ihm dämmerte mit einemmal der wahre Zusammenhang. Kaum aber war er zehn Schritte zurückgetreten, so redete ihn die Gesellschafterin, die gar nicht wußte, was sie zu der Szene denken sollte, auf englisch an und bat um Aufschluß. Allein der Professor hatte im Augenblick all sein Englisch vergessen und verstand kein Wort, obgleich er sonst Chaucer und Shakespeare im Urtext las. So waren auch hier im Hintergrunde auf einmal die Rollen vertauscht: die allzeit stumme Engländerin sprach, und der sonst so redefertige Professor spielte die stumme Person. Um weder zu stören noch gestört zu werden, zog er vor, einen kleinen Spaziergang zur Mosaikhalle zurück zu machen, und ließ die arme Engländerin recht unhöflich in ihrer Unwissenheit stehen. Vor der Halle setzte er sich wieder auf jene Steinstufen, wo er vor wenigen Minuten dem Grafen gelobt hatte, ihn aufzusuchen, der doch vor ihm stand, und ihm die Augen zu öffnen, die doch damals schon geöffnet waren. Er freute sich, daß nun wohl das Leid der armen Frau gewendet sei, und es war ihm trotzdem wehmütig, daß es sich jetzt schon gewendet; er hätte gern noch einige Zeit an dem schmerzlich-süßen Romane fortgesponnen. Auch verdroß es ihn fast, daß die Genesung der Leidenden nun voraussichtlich in so ganz anderer Weise sich vollenden werde, als er gedacht. Der ionische Tempelbau war doch recht nutzlos gewesen! Er blickte ärgerlich auf die Mosaik, deren blasender Meergott ihn höhnisch ansah. Hätte ihn diese Mosaik nicht verblendet, hätte das archäologische Fieber sein philologisches Auge nicht getrübt, so würde er den Grafen schon in Elberfeld als den Mann seiner Frau erraten haben. Da klopfte ihm jemand auf die Schulter: der Graf stand vor ihm mit der Gräfin im Arme, die zwischen Tränen lächelte. »Dies ist der Mann«, sprach er zu ihr, »der alles zusammen weiß und überschaut, der im Vertrauen beider Parteien stand. Er wird uns noch manches aufklären müssen, herüber und hinüber, und er und ich, wir haben uns vorhin die Hand gegeben auf festes Zusammenhalten. Ich würde dich nicht wiedergefunden haben ohne ihn; ich suchte schon lange nach dir, aber der falsche Name' ließ mich die Spur verlieren – –« »Und eben dieser Name und die Archäologie«, unterbrach der Professor, »schlug mich mit Blindheit, denn sonst hätte ich schon vorige Woche gemerkt, daß nur Sie der ewig reisende Mann dieser stets stillesitzenden Frau sein könnten. Aber Worte und Namen, zumal wie hier aus erster Quelle, sind das Gewisseste in der Welt, und worauf soll ein Philolog noch bauen, wenn selbst die Worte wanken?« »Und wie kamst du zu dem Namen›Bechen‹, den ich nie gehört?« fragte der Graf seine Gemahlin. »Ich suchte nach einem ganz unbekannten Namen, um mich vor aller Welt zu vergraben, und wußte nicht, daß eine Frau im modernen Kulturstaate eigentlich gar nicht so beliebige Namen führen darf wie in den Romanen und Novellen. Unter vielen Namen, die ich ersann und wieder verwarf, blieb ich aber gerade bei diesem stehen, weil er – mit einem B anfängt wie dein, wie unser gemeinsamer Name.« »Da sieht man, wie die Liebe doch niemals völlig erlosch«, rief der Graf. »Sie hatte mich ganz aufgegeben, nur an meinem Anfangsbuchstaben hielt sie mich in der schlimmsten Stunde noch fest!« »Und da sieht man, daß dennoch in Wort und Buchstaben die letzte Wahrheit liegt, wenn man jene nur richtig zu deuten vermag!« rief der Professor. »Wir werden nun wohl noch einige Zeit hier in Trier bleiben«, fuhr der Graf nach einer Pause fort. »Ich habe zwar bis jetzt von dieser berühmten Stadt nichts weiter gesehen als zwei Mosaiken, die nasse im Keller bei Gasbeleuchtung und die trockene hier im Park beim hellsten Sonnenschein; aber trotzdem gefällt mir dies Trier ganz außerordentlich.« »Nein! Laß uns fortziehen, wohin du willst, aber hinweg von diesem beschämenden Orte!« rief die Gräfin tief erregt. »Der Boden brennt mir unter den Füßen!« »Und doch wirst du, beruhigteren Sinnes, gerne noch etwas hier verweilen. Denn siehe, ich muß vorerst noch ein kleines Stück von all dem nachleben, was du hier so lange und einsam durchgelebt hast, und das kann ich nur voll und ganz mit dir allein an diesem zauberhaften Orte.« Dann wandte er sich zu dem Freunde: »Sprach ich nicht auf der Hardt meine Sehnsucht aus nach einer glückseligen Insel? Ach, es war ein schöner Gang hinauf nach jener Idylle der Hardt aus dem fürchterlichen Getöse der unten gelagerten Stadt! Hätten wir ihn nicht gemeinsam gemacht, so würde ich heute nicht hier stehen auf dieser noch viel glückseligeren Insel! Doch nein! solche Inseln sind überall und nirgends; der Ort macht nicht den Menschen, sondern der Mensch den Ort. Du träumtest so manchmal vom verlorenen Paradies, liebe Ada. Denke dir, ich habe in jüngster Zeit zum öfteren auch davon geträumt, und eben dieser Traum trieb mich von Wiesbaden nach Trier. Es gibt viele verlorene Paradiese: das Paradies unserer eigenen Jugend – wir kennen es alle! –, das Paradies des Jünglingsalters der Menschheit – das kennen Sie am besten, teurer Freund –, das Paradies Gottes, der sich der Welt offenbarte, – das erfassest du so tief, liebe Ada! Auch ich dachte gar manchmal an das letztere, und da fand ich, es erscheint uns wiederum in vielfacher Weise. Um uns aber Vorschmack und Richtweg aller seiner Paradiese zu zeigen, gab uns Gott unverdient das reine geliebte und liebebedürftige Weib, welches wir wie eine Heilige umfassen und festhalten sollen. Darf ich dieses verlorene Paradies wiedergewinnen?« Ihr großes feuchtes Auge hatte fernhin in den Frieden der Herbstlandschaft geblickt. Jetzt wandte sie leicht ihr Antlitz und schaute noch viel heller durch sein tiefes Auge in die Tiefe seiner friedebedürftigen und friedeverheißenden Seele. Und dieser Blick und ein Druck der Hand sagte mehr, als jedes Wort vermag. Die Dichterprobe Als Epilog 1865 Richard Märker war zum Dichter geboren und wäre auch ganz gewiß ein wirklicher Dichter geworden, wenn er nicht hätte sterben müssen, bevor er's überhaupt noch werden konnte. Woher ich aber so bestimmt weiß, daß er ein Dichter geworden wäre, da er's in der Tat doch nicht geworden ist, das will ich in der folgenden kleinen Geschichte dartun. Erstes Kapitel Wir saßen eines Abends unter Freunden zusammen im rebenumrankten Gartenhause, und ein edler Wein ging in die Runde, Neroberger Sechsundvierziger, ein Feuerwein, ein Port unter den Weinen, der vielleicht noch einmal den Steinberger besiegt und den Johannisberger. Allein nur Kenner kennen ihn vorderhand, er ist ein Zukunftswein, sein Name lebt noch nicht im Volksmunde. »Und gibt es überhaupt große Poeten, gleichviel ob unter den Weinen oder den Menschen, welche recht eigentlich in den Volksmund kommen?« so fragte einer aus dem Kreise. »Wenn selbst unsere gefeiertsten Sänger, die das Glück haben, schon lange tot zu sein, und also Zeit und neidlos vergönnten Raum, immer volkstümlicher zu werden, wenn ein Schiller oder Goethe jetzt herniedersteigen und ihr eigenes Volk mit allwissendem Blicke durchschauen könnten, sie würden sich seltsam verwundern, wie wenig ihre Werke hier oder wie verkehrt sie dort in den Volksmund gedrungen sind. Und doch nennen wir diese Werke mit besonderem Stolze Gemeingut der Nation. Die Literarhistoriker machen es umgekehrt wie die demokratischen Politiker, aber trotzdem sehen beide durch das gleiche Vergrößerungsglas. Wenn nämlich der gemeine Mann spricht, so sagt der Demokrat: das ist die Stimme des Volkes, und wenn der Gebildete einen Dichter liest, so sagt der Literat: dieser Glückliche wird vom Volke gelesen. Der eine blickt von unten hinauf und merkt nicht, was oben geschieht, der andere von oben hinab und ahnt nicht, was unten vorgeht.« Mit diesen Worten war der reichste Zündstoff zu heiter aufflackerndem Streite gegeben. Ein jeder wollte den allzu scharf gespitzten Gedanken widerlegen oder beschränken, erläutern oder erweitern. Nur Richard Märker schwieg und prüfte bald ernsthaften Gesichtes den Wein, bald lächelnd unsere Gründe und Einwürfe. Da wir nun aber als sechs Deutsche beisammen saßen und bisher nur fünf widersprechende Ansichten entwickelt hatten, so fragten wir ihn zuletzt erstaunt, ob er denn nicht auch eine besondere Meinung für sich habe. Er erwiderte: eine Meinung habe er diesmal nicht für sich, wohl aber eine Erzählung. Denn dieselbe Frage, welche wir da eben durchstritten, habe er einmal durchgelebt und sei sogar eigens gereist, um zu erforschen, wie weit er selbst bereits ins Volk gedrungen. Wenn wir nun Geduld hätten, nach gegenseitig erschöpften Gründen zum Schlusse noch dieses kleine Erlebnis anzuhören, dann lege er sich mit Vergnügen die Buße auf, uns dasselbe zu erzählen. Denn eine Beichte und Buße sei seine Erzählung allerdings und das Beste daran also wohl für ihn wie für uns, daß sie höchstens zwei Zigarren lang daure – gemächliches Rauchen und Windstille vorausgesetzt. Da wir nun versicherten, daß wir nicht bloß Geduld, sondern auch rechte Lust zum Hören hätten, so begann er: »Ich habe vor etlichen Jahren ein Büchlein drucken lassen, welches ihr alle, gottlob, nicht kennt; denn geräuschlos, wie es auftauchte, ist es alsbald auch wieder versunken. Es heißt oder hieß die ›Chronik von Hohen-Iseneck‹ und sollte, so meinte ich, meine schönsten Jugenderinnerungen verklären und verewigen. Drüben im Gebirge, im Isenecker Tal, hatte ich als Knabe gar frische, fröhliche Tage verlebt, und was mir aus jener weltverlassenen Gegend im Gedächtnisse saß von Geschichten, Anekdoten und Sagen, das verflocht ich in der›Chronik‹zu einem bunten Kranze. Wo mir eine wirkliche Geschichte nicht reich und glänzend genug schien, da wob ich neue Fäden ein, verwickelte und färbte nach Herzenslust, und wo man von einem seltsamen Felsen oder großen Baum an Ort und Stelle gar nichts erzählte – sie schauten mich aber an, als wollten sie etwas von sich erzählt haben, – da tat ich dem Felsen und dem Baume den Gefallen und ersann eine Geschichte zu beiden und berichtete sie so fest und gewiß, als ob ich den Text der echtesten Urkunde wortgetreu wiedergäbe. Denn wer sich einmal ans dichterische Erfinden macht, der ist ja ohnedies ein kleiner Herrgott, und es kommt ihm nicht darauf an, ein Dutzend Menschenkinder mehr oder weniger zu erschaffen und eine Handvoll Menschenschicksale mehr oder weniger zu verketten und zu lösen. So ergoß ich also auch eine wahre poetische Übervölkerung über mein Tal und nannte dasselbe im stillen mein Königreich, denn ich hatte es erobert und kolonisiert mit den eigensten Dienstleuten meiner Phantasie, um es meinen sämtlichen Lesern zum Lehen zu geben. Doch nur wenige Vasallen meldeten sich für dieses Lehen: das Buch ward kaum gelesen, und die Kritik focht mich nicht an, weil sie völlig schwieg. Um meinetwillen war mir das sehr gleichgültig, aber für das Hohen-Isenecker Tal tat mir's leid. Ich hatte dieses reizende Stück unbekannten Landes dankbaren Herzens der Welt zeigen, ich hatte es durch die Poesie geographisch berühmt machen wollen wie Auerbach sein Nordstetten, ich hegte eine volle Jugendfreundschaft für Hohen-Iseneck und hatte meine Novellenstaffagen fast nur gezeichnet, um die Landschaft malen zu dürfen. Denn mit Naturheimweh und Naturpoesie beginnt der Jüngling, mit Menschenheimweh und Menschenpoesie schließt der reife Mann. Und mein Tal mit seinen Bergen und Burgen sollte nun dennoch unbekannt bleiben wie mein Buch! Da überraschte mich der Brief eines befreundeten Pfarrers aus dem Isenecker Tale. Quer über den Rand standen zur Ausfüllung des leeren Raumes die Zeilen gekritzelt: ›Ihre Chronik beschäftigt gegenwärtig unser ganzes Tal, denn sie wird fleißig nachgedruckt vom Hinterbrunner Wochenblatt, der einzigen Zeitung, welche hier von Hand zu Hand geht. Wir sind jeden Samstag um so gespannter auf die Fortsetzung, da Sie uns weit mehr von uns zu erzählen wissen, als wir selber allesamt bis dahin gewußt hatten.‹ Es klang zwar etwas Spott aus diesem Satze, aber dennoch freute er mich königlich. Hatte ich der Welt nicht zu zeigen vermocht, welche Schätze von Poesie in Hohen-Iseneck geborgen liegen, so zeigte ich's doch wenigstens den Hohen-Iseneckern. Und wenn nun gar jene Geschichten, die ich eigens der Landschaft auf den Leib geschrieben und neu erfunden hatte, dort sich einpflanzten, umbildeten, vom Volksmund aufgenommen, selbst wieder Volkssage wurden, war das nicht ein seltenerer Ruhm, als ihn die größte Leserschar und das lauteste Lob der Kritik zu bieten vermag? Gibt es einen beneidenswerteren Nachruhm für Heine, als daß er seine Loreley, von welcher vordem nicht einmal die St. Goarshäuser das mindeste gewußt, dem ganzen deutschen Volke so fest in den Mund gedichtet, daß man diesem literarischen Gespenste sogar schon einmal eine überlebensgroße Statue hat setzen wollen? Und mit welchem Stolze müßte es Heinrich von Kleist erfüllen, wenn er jetzt nach Heilbronn käme und sähe, wie man dem Fremden das Haus seines Kätchens von Heilbronn zeigt, welches doch niemals woanders hauste als in seinem Buch und auf den Brettern? Ja, nicht bloß berühmten Dichtern fiel das blinde Los dieses seltenen Glückes, sondern manchmal auch sehr unberühmten. Steht nicht der Schmied von Kochel monumental gemalt an der Sendlinger Kirchenwand über den wirklichen Gräbern jener wirklichen Bauern, denen er in der Schlacht vorgestritten haben soll, und er ist doch nur das Luftgebilde eines ganz namenlosen Novellenschreibers! Und wenn es diesem Novellisten gelungen ist, die Gestalt seines fabelhaften Schmiedes dem Gedächtnisse des Volkes so scharf einzuprägen, indes die Gestalten der wirklichen Kämpfer vergessen sind, warum konnten nicht auch etliche von meinen Phantasiegestalten im Isenecker Tale dauernd Leben gewinnen durch freundliche Vermittelung des Hinterbrunner Wochenblattes? Ich wollte mir die kleine Freude gönnen, ganz heimlich in dem trauten Tale zu lauschen, ob sich schon ein kleiner Ansatz solchen Erfolges spüren lasse, zu lauschen, wie denn eben jetzt meine Geschichten vom Volke aufgenommen und fortgebildet würden. Und gewiß, ich war genügsam. Ich hätte Lohnes übergenug gehabt, wenn ich nur etwa ein Mädchen am Brunnen die rührende Liebesgeschichte hätte erzählen hören vom Grafen und der Köhlertochter und wie sie einander zum erstenmal bei der Grafenlinde erblickten, – so hieß nämlich der Baum neben dem Oberwirt in Hohen-Iseneck, und weil niemand wußte, warum er so hieß und ein Kohlenschuppen neben der Linde stand, hatte ich die Liebe des Grafen und der Köhlertochter dazu erfunden. Nun wußte man's. Oder wenn ich auch nur etwa zwei Bauern auf der Bierbank kräftig hätte lachen sehen über meinen martialischen Freiherrn, den ich ins vorige Jahrhundert hinein auf die Burg Hohen-Iseneck gezaubert! Derselbe hatte zwei Kartaunen am Burgtore aufgepflanzt, und wann er morgens aufstand, wurde ein Schuß gelöst, und wann er abends schlafen ging, wieder ein Schuß; wurden aber im Lauf des Tages die beiden Kanonen losgeschossen, so bedeutete dies, daß der Pfarrer aus dem Dorfe hinaufkommen solle, um mit dem gnädigen Herrn Whist zu spielen. Das heißt: die Bauern besaßen zwei alte Böller zu Freudenschüssen, und niemand wußte, woher das seltsame Geschütz stamme. Jetzt hatte ich's ihnen gesagt, obgleich die Anekdote eigentlich sehr weit von unserer Gegend, bei Mirow in Mecklenburg, gewachsen war. Allein Verpflanzen ist auch Schaffen. Wenn nun dieser Freiherr, den ich zu den Böllern erfunden und mit einem langen Lebenslauf ausgestattet hatte, so weit volkstümlich geworden wäre, daß die Bauern um seinetwillen das schlechte alte Geschütz in Ehren gehalten und niemals gegen ein bequemeres neues vertauscht hätten, so würden ja alle meine schriftstellerischen Mühen genug belohnt gewesen sein. Also zog ich zu Pfingsten nach Hohen-Iseneck, um zu erforschen, wie weit ich bereits ins Volk gedrungen. Ein besonderes Inkognito brauchte ich nicht zu erkünsteln, da mich in meinem Tale ohnedies kaum ein Mensch mehr kannte.« Zweites Kapitel Der Erzähler verschnaufte ein wenig. Wir behaupteten, das Resultat seiner Entdeckungsreise schon recht klar vor Augen zu sehen, allein wir seien gespannt auf den Weg, welchen er habe gehen müssen, um zu einem so gar nicht überraschenden Ziele zu kommen. Märker hörte uns sehr gelassen zu, füllte sein Glas aufs neue und sprach: »Was ich gesucht und nicht gefunden, das könnt ihr alle leicht wissen, aber was ich nicht gesucht und gefunden habe, das errät doch keiner.« Dann tat er einen tiefen Zug zur Stärkung auf den Weg und fuhr fort: »Bis an den Rand der Berge war ich gefahren. Ich atmete auf, als ich, der Bildungsatmosphäre des Eisenbahnwagens zweiter Klasse entronnen, durchs Waldesdickicht rasch hinanstieg und gleichsam Leib und Seele badete in der göttlich frischen Luft und dem Dufte der Tannen. Die Berge von Hohen-Iseneck tauchten bereits hinter den Wipfeln empor, und der erste Hauch des Abendwindes begann mir talabwärts entgegenzustreichen. Es war derselbe Hauch, der vor Jahren so manchmal meine Stirne gekühlt hatte, dieselben Bäume und Berge, nur schienen mir die Bäume größer, weil sie gewachsen waren, und die Berge kleiner, weil ich inzwischen ein größeres Stück Welt gesehen hatte. Eines jedoch vermißte ich zu meinem tiefen Leidwesen: der Hohen-Isenecker Burgberg hatte seine Burg verloren; nur ein kleiner Trümmerhaufen leuchtete noch statt der hohen Doppeltürme in der Abendsonne. Da trat ein Bauer, der aber halb wie ein Landstreicher aussah, den Weg kreuzend, seitwärts aus den dicksten Büschen. Eine gewaltige Gestalt mit harten, finsteren Zügen, stand er unheimlich vor mir, wie aus dem Boden gewachsen. ›Grüß Gott!‹ rief ich ihm zu und dachte dabei: das ist der beste Gruß an ein so verdächtiges Gesicht, denn unmittelbar auf dieses Wort wird dich der Mann doch nicht anpacken oder totschlagen mögen. Der Bauer dankte, schlug meinen Weg ein, Schritt haltend mit mir, und sah im Gehen öfters lauernd ringsum. Doch das ist so Bauerngewohnheit. Ich fragte ihn, als der Isenecker Berg wieder über den Wald hervorsah, ob denn da droben nicht unlängst noch eine Burg gestanden. ›Freilich!‹ erwiderte er, ›allein sie ward voriges Jahr auf den Abbruch versteigert. Und das ist jammerschade.‹ Der Mann schien ein Herz zu haben für die Denkmale seiner Heimat, und die Sagen der Burg waren ihm gewiß nicht fremd; vielleicht hatte er sogar meine Geschichte vom Herrn von Hohen-Iseneck und seinen zwei Kartaunen im Hinterbrunner Wochenblatt gelesen. Also fragte ich ihn, warum er denn den Abbruch des alten Gemäuers bedaure. Er sah mich lächelnd an: ›Das ist nun einmal dumm gefragt! Die Burg hätte droben stehenbleiben sollen, weil sie immer droben gestanden hat, seit die Menschen Brot essen, und weil sie auf den Berg gehörte wie die Nase in mein Gesicht. Die Burg war der schönste Spielplatz für die Buben aus dem Dorfe, die Weiber brachen ihren Flachs im Burghofe und rösteten ihn in dem viereckigen Torturme, und zudem wohnte sich's gar nicht schlecht auf Hohen-Iseneck.‹ ›Wohnen?‹ fragte ich erstaunt. ›Das Mauerwerk stand ja dachlos und zerfallen seit Menschengedenken.‹ ›Nun im Keller fand man doch noch einen guten Unterschlupf bei Tag und Nacht, und nur wenige kannten den Eingang‹, erwiderte mein seltsamer Begleiter. ›Seht, die Bauern im Isenecker Tal sind eigene Leute: sie nehmen einen nicht gerne auf um Gottes willen. Drüben im Schwarzbachtale dagegen sind die Menschen noch christlich und gönnen jedem müden Wandersmann einen Platz in der Scheuer. Dort lassen sie die Burgen stehen, und doch brauchte man sie nicht; hier haben die geizigen Bauern ihre Burg abgebrochen, und sie ist doch so nützlich und notwendig gewesen.‹ Ich bemerkte, dieser Unterschied zwischen dem Iseneck- und Schwarzbachtale sei mir neu und ergötzlich; übrigens seien die beiden so eng benachbarten Täler meines Wissens überhaupt gar ungleich geartet. ›Drüben am Schwarzbach‹, sagte ich, ›gibt es nur zerstreute Höfe, hier im Isenecker Tale hingegen geschlossene Dörfer‹ – ›Nester!‹ unterbrach mich der Mann, welcher sichtbar einen Groll auf die Isenecker hatte. – ›Das eine Tal war früher ritterschaftlich‹, fuhr ich fort, ›das andere bischöflich‹ – ›ist mir alles gleich‹, schaltete mein Begleiter ein. – ›Tracht und Mundart weichen merklich voneinander ab‹ – ›ich kümmere mich den Teufel darum‹ – ›das Schwarzbachtal hat Kalkfelsen, das Isenecktal Buntsandstein‹ – ›auf die Steine kommt's nun gar nicht an; ich will Euch aber den Hauptunterschied sagen‹, rief der andere, und ich horchte gespannt auf, denn meine Weisheit war zu Ende. Nach einer Pause sprach jener: ›Im Schwarzbachtale gibt es gar keinen Hund, im Isenecktale aber bellt eine solche Bestie bei jedem Hause. Das ist der Hauptunterschied, denn das heißt: am Schwarzbach herrscht noch Treu und Redlichkeit, auf den einsamen Höfen ist keine Haustüre verschlossen, kein Kettenhund wacht im Hofe, kein armer Mann wird ungespeist und unbeherbergt abgewiesen. Hier dagegen haben sie Gitter an den Fenstern, Schlösser an allen Türen, Hunde hinter jedem Hoftor, recht wie das böse Gewissen; sie nehmen keinen fremden Wanderer auf und verleiten dadurch die armen Menschen zu Diebstählen und Einbrüchen. Und wer andere Leute zu Spitzbuben macht, der ist ein ärgerer Spitzbube, als wer selber einer wäre. Ein junger Bauer von den Schwarzbachhöfen, der Matthias Schnitzer, wenn Ihr ihn kennt, hat sich neuerdings einen grimmigen Wächterhund angeschafft, den Sultan, wenn Ihr ihn gekannt habt. Den habe ich ihm vor der Nase totgeschossen. Denn wer sein Vaterland mit Gewalt verderben will, dem muß man's mit Gewalt wehren.‹ Ich staunte über diesen seltsamen Sittenrichter und würde mich an ihm ergötzt haben, wäre der Wald nicht gar so einsam gewesen. ›Also seid Ihr nicht aus diesem schlimmen Tale?‹ fragte ich. ›Nein und ja! Gebürtig bin ich nicht von hier, aber bekannt bin ich doch wie ein böser Kreuzer.‹ ›Und was seid Ihr denn Eures Zeichens?‹ ›Was ich bin? Ein armer Mann und Tagelöhner; hab' kein Haus und kein Geld und kein' Freud' in der Welt.‹ Jetzt wußte ich klar, daß dieser Freund der Burgruinen dennoch kein eigentlicher Romantiker sei und meine Geschichte des tollen Herrn von Hohen-Iseneck schwerlich gelesen habe. Allein eine Frage ist ja erlaubt, also fragte ich: ›Könnt Ihr lesen?‹ ›Ein bißchen zum Hausgebrauch‹, erwiderte er. ›Nun gut‹, fuhr ich fort, ›da Ihr so gerne untergeschlüpft seid in der ehemaligen Burg da droben, so leset doch einmal die neueste Nummer des Hinterbrunner Wochenblattes.‹ Der Mann blieb stehen, heftete sein Auge auf mich, als wolle er mich in den Boden hineinsehen, spähte dann wieder ringsum und fuhr mit der rechten Hand in die Hosentasche, wo nach Bauernsitte ein Löffel und ein großes im Hefte feststehendes Messer hervorblitzte. Er griff aber diesmal nicht nach dem Löffel, sondern nach dem Messer, welches noch zu anderen Zwecken als zum Butterbrotstreichen bestimmt schien. Dann sprach er mit gedämpfter, zornig zitternder Stimme: ›Was meinst du von wegen des Wochenblatts? He! Bist du auch so ein Spion, der die Leute auskundschaften will?‹ Ich war so verwirrt, mehr noch durch den grimmigen Ausdruck, in welchen sich plötzlich das Gesicht des Mannes verwandelte, als durch seine Frage, daß ich ihn anstarrte und keine Antwort gab. Im selben Augenblicke bog ein anderer Bauer um die Waldecke. Als ihn mein Begleiter herankommen sah, gab er mir einen Stoß auf die Brust, daß ich rückwärts in den Straßengraben fiel, und sprang in gewaltigen Sätzen querwaldein den Berg hinauf, wo er rasch hinter den Büschen verschwand. Der andere eilte herbei, mir zu helfen. Allein ich war, wie man sagt, mit dem blauen Auge davongekommen, das heißt mit dem Schrecken und einem beschmutzten Rocke. Mein Befreier reichte mir darum die Hand, daß ich aus dem Graben wieder in die Höhe kam, klopfte mich etwas aus und schrie dazwischen in den Wald hinein: ›Komm heraus, Spitzbube, wenn du Mut hast! Ich will dir das Schußgeld zahlen für meinen Hund!‹Der Gerufene ward wirklich wieder einen Augenblick sichtbar, schon hoch oben in den Felsen, und rief herab: ›Matthias, tritt mir nicht wieder in den Weg! Es sollte mir leid sein um alter Freundschaft willen: du hast gesehen, daß ich treffen kann!‹ Matthias hatte keine Lust, den Flüchtling weiter zu verfolgen, was auch wohl vergebene Mühe gewesen wäre. Er wandte sich vielmehr zu mir und fragte: ›Wisset Ihr denn auch, wer der Mann gewesen ist? – Das war der Kaspar Broß, der Maurer von Zell, welcher vorige Lichtmeß den Rentboten beim grauen Stein beraubt und nachher den großen Einbruch auf dem Eschenloher Schloß verübt hat, und darauf kam er ins Zuchthaus und ist wieder ausgebrochen und hat sich vom dritten Stockwerk heruntergelassen, und jetzt treibt er sich seit Wochen in hiesiger Gegend umher und hat mir meinen Hund, den Sultan, erschossen.‹ ›Also seid Ihr der Matthias Schnitzer von den Schwarzbachhöfen?‹ unterbrach ich ihn. ›Freilich! Habt Ihr auch schon von der Geschichte gehört? Jetzt aber ist die Polizei dem Broß, dem Spitzbuben, auf der Spur, der im übrigen kein unrechter Mann ist, und hat einen Steckbrief ausgeschrieben in der letzten Nummer des Hinterbrunner Wochenblattes, und die Isenecker Bauern machen Streifzüge, um ihn zu fangen.‹ Nun begriff ich, warum dieser Kaspar Broß so böse geworden, als ich ihn aufforderte, die neueste Nummer des Wochenblattes zu lesen. Ja, dieser Freund malerischer Burgruinen würde mich ohne die Dazwischenkunft des Matthias Schnitzer wohl gar niedergestochen haben, bevor ich ihm nur verdeutscht hätte, daß ich nicht ihn, sondern mich selbst in den Isenecker Wäldern verfolge und daß ein wesentlicher Unterschied sei zwischen den Volksstudien eines Poeten und eines Gendarmen. Also merkte ich schon, daß es seine Haken habe, meine eigene Volkstümlichkeit zu erforschen, und beschloß, etwas vorsichtiger zu sein im Zitieren des Hinterbrunner Wochenblattes, welches vorn meine Geschichten und hinten Steckbriefe bringt.« Drittes Kapitel »Der Schreck war mir in die Beine gefahren, und ich sah es nicht ungern, daß Matthias noch ein Stück Weges mit mir ging. Er fragte mich, wie ich denn mit dem gefährlichen Menschen in Streit geraten sei, und ich erzählte ihm (unter bescheidener Verschweigung meiner Autorschaft), daß ich dem Kaspar Broß lediglich die Geschichte von der Burg Hohen-Iseneck im Wochenblatte zum Lesen hätte empfehlen wollen, jener aber habe mich falsch verstanden und gemeint, ich empfehle ihm die Lektüre seines eigenen Steckbriefs. Matthias bemerkte darauf: ›Solche Burggeschichten sind für die alten Weiber, ein frischer Bursch oder gestandener Mann hat keine Zeit dazu –‹, woraus ich schloß, daß meine Feder im Schwarzbachtale noch nicht ganz volkstümlich geworden sei. Allein diese Enttäuschung kümmerte mich wenig. Kaum hatte mich Matthias verlassen, so schritt ich wieder froh und königlichen Mutes durch das nun weit geöffnete Tal, welches ich mein Reich nannte; unsereiner lebt immer in der Einbildung. Jetzt aber dachte ich schon gar nicht mehr an meine Chronik, sondern lediglich an den Kaspar Broß; Matthias hatte mir noch manchen kecken Zug zu seinem Bilde gezeichnet, und jener Spitzbube, welcher sonst kein unrechter Mann, hatte mir's förmlich angetan. Fast wünschte ich, er möge wieder neben mir gehen, wenn er nur sein Messer ruhig in der Hosentasche lasse. Dieser Mensch verübte die schwersten Verbrechen, aber mit Humor und mit moralischen Grundsätzen. Er befehdete die Kultur und pries den Naturzustand, ohne übrigens Rousseau zu kennen; er tat den schutzlosen Einödbauern kein Leid, weil sie ihre Türen nicht verriegelten und ihm willig ein Brot gaben und ein Bund Lagerstroh; er hatte einen feinen Sinn für die Romantik eines patriarchalischen Kommunismus des goldenen Zeitalters und wußte doch kein Wort von Thomas Morus oder Campanella. Dagegen plünderte er mit Vergnügen jene Bauern, welche ihren Geldkasten von Kettenhunden bewachen ließen; er huldigte dem Satze, daß Eigentum Diebstahl sei, und hatte doch Proudhon nicht gelesen. Im übrigen war er ein äußerst schlimmes Subjekt, Dieb, Straßenräuber und entsprungener Züchtling. Er hatte ganz das Zeug zu einem volkstümlichen Helden. Rinaldo Rinaldini und Karl Moor waren ihm wohl schwerlich jemals begegnet; ob er aber vom Schinderhannes und dem bayrischen Hiesel Genaueres wußte und sich nach ihnen gebildet hatte? In solchen Gedanken schwebte ich leichten Schrittes den Weg dahin und zeichnete mir die Gestalt des humoristischen Spitzbuben immer breiter, tiefer, individueller. Es trifft sich doch nicht alle Tage, daß uns ein Mensch in den Straßengraben wirft, damit wir ihn, wenn wir wieder herausgekrochen sind, um so deutlicher als eine Novellenfigur erkennen und liebgewinnen sollen. Diese Figur hatte ich jetzt fest, Konflikte lagen genug vor, wenn ich nun nur auch eine Handlung dazu gefunden hatte! Nach dieser Handlung suchte ich, und so vergaß ich ganz und gar, daß ich eigentlich ausgezogen sei, nach den Spuren meiner Chronik von Hohen-Iseneck zu suchen, und über dem neuen, frisch erlebten Helden verlor ich meine alten erfundenen völlig aus dem Gesicht.« Hier unterbrachen wir den Erzähler. Ich stieß hell an mit seinem vollen Glase und rief: »Jetzt bist du auf dem rechten Wege! Erst muß man ein Don Quijote gewesen sein, dann kommt man nachgehends sicher auf den Weg der Poesie.« »Und dieser rechte Weg«, fiel Richard Märker ein, ohne sich den Faden entwinden zu lassen, »führte mich nach Dorf Hohen-Iseneck gerade zu der Stunde, wo das Abendbrot am besten schmeckt, nämlich um sieben Uhr. Das Dorf lagert sich vom Burgberg zum Bache hinab, als ob die Häuser von oben her aus einem Sacke geschüttet worden seien. Unten im Tale steht ein Wirtshaus und oben am Berge ein anderes. Das Haus im Tale heißt ›Zum Kronprinzen‹ und ist wegen seines Weines und seiner Forellen berühmt; das Haus auf dem Berge heißt ›Zur Grafenlinde‹ und ist zur Zeit wegen gar nichts berühmt, hätte aber berühmt werden können, wenn meine Chronik von Hohen-Iseneck berühmt geworden wäre. Darum trank ich im Kronprinzen nur einen Stehschoppen und spähte begehrlich durch die einladenden Räume; allein Kronprinzen gibt es genug in der Welt, aber vielleicht nur eine Grafenlinde, und wenn der Kronprinz auch das bessere Wirtshaus war, so war die Grafenlinde ohne Zweifel das poetischere. Also ließ ich nach kurzer Rast den Kronprinzen links liegen und stieg hinauf zur Grafenlinde. Ein ehemaliger Herrschaftsbau, war sie jetzt zum Wirtshause heruntergekommen. Noch führte die stolze alte Freitreppe – etwas unsicher durch zwei ausgebrochene Stufen – zu der Haustüre, welche man ein Portal nennen konnte. Seine zwei Halbsäulen in gutem Renaissancestil umrahmten bei meinem Eintritt die echt niederländische Gruppe des Wirtes und der Wirtin, eben beschäftigt, die Eingeweide eines frisch geschlachteten Hammels auszuwaschen. Der Hintergrund der Hausflur verschwamm in geheimnisvollem Halbdunkel. Einem Koloristen der Pilotyschen Schule wäre dieser dunkle Grund für zwei Dukaten nicht feil gewesen. Der Wirt empfing mich zwar etwas grob, allein seine Mundart war so echt, daß man die halb gebrummten, halb gesprochenen Antworten sogleich als Sprachproben für Firmenichs deutsche Völkerstimmen hätte aufschreiben können. Im Gastzimmer herrschte erquickende Stille; ich war der einzige Gast und hatte prächtig Raum und Zeit, meine Gedanken spazierengehen zu lassen. Hier saß ich auf historischem Boden mit mir selbst allein und mit meinem Glase Bier, welches einen kleinen Stich hatte, und aß eine Groschenwurst, ohne irgend zu bedauern, daß ich nicht im Kronprinzen geblieben war, wo die Forellen jetzt eben fertig geworden wären. Denn in eben diesem Hause, vielleicht in dieser Stube, hatte der letzte Abt des nahen Klosters Rodau seine letzten kummervollen Tage verlebt. Er war ein strenger, starrer Mönch, fanatisch und herrschsüchtig und um siebenhundert Jahre zu spät auf die Welt gekommen. Mit einem Geiste, welcher im Jahre 1090 sein Kloster sieggewaltig emporgehoben haben würde, hatte er 1790 die Säkularisation desselben nur um so schneller herbeigeführt. Als nun aber der Exabt im alten Isenecker Amthause (und dies war jetzt das Wirtshaus zur Grafenlinde) ein dürftiges Asyl gefunden, erhielt er seltsam genug einen unfreiwilligen Hausgenossen in der Person des letzten Herrn von Hohen-Iseneck. Dieser hatte voll lustigen Übermutes die Reste eines weiland großen Vermögens durchgebracht, und als sein Geld zur Neige ging und auch die Burg seiner Väter ihm über dem Kopfe in Trümmer zu fallen begann, führten ihn die Gläubiger in das Amthaus, wo er auf Ehrenwort als ein lebendiges Faustpfand bleiben mußte. Das Kloster und die Burg waren durchs ganze Mittelalter die beiden Herrschersitze geistlicher und weltlicher Macht im Tale gewesen, der Sage nach gegründet von zwei Brüdern, trotzdem aber in ewigem Streite wegen ihrer Gerechtsame. Und nun mußte der abgesetzte Abt des eingezogenen Klosters und der eingesetzte Herr der verfallenen Burg in denselben engen Mauern das Brot der Armut essen und aus denselben Fenstern eine fremde Welt, eine unerhört neue Geschichte an ihren Augen vorüberziehen sehen. War das nicht der Stoff zu einem Gedichte? Und schaute mich dieses unwirtliche Wirtszimmer nicht selber an wie ein Gedicht? Zwar war der Tisch etwas sehr schmutzig, aber die Zimmerdecke war von Kreuzgewölben überspannt; zwar schmeckte das Bier etwas sauer, aber die Fensternische war mindestens vier Fuß tief wie bei einem alten Burggemäuer. Und in dieser nämlichen Fensternische hatte vielleicht der letzte Abt mit dem letzten Ritter gesessen, und sie hatten gezankt, gestritten und grimmig einander gescholten. Denn so war es weiter ausgemalt in meiner Chronik von Hohen-Iseneck: der Abt zeigte dem Ritter, daß er seine Burg verloren, weil er zu lustig gelebt, und der Ritter dem Abte, daß er sein Kloster ruiniert, weil er zu asketisch gewesen; der Ritter wollte den Abt zu Spiel und Becher und der Abt den Ritter zur Buße bekehren. Darüber gerieten sie sich täglich furchtbar in die Haare, und wie Burg und Kloster durchs ganze Mittelalter miteinander gestritten, so lag jetzt der letzte Ritter mit dem letzten Abte rastlos im Streite, bis eines Tages der Ritter unbußfertig gestorben ist, wodurch allerdings die Kirche hier wie anderswo das letzte Wort behalten hat. Über diesen Gedankenbildern hatte ich ganz vergessen, daß das alte Amthaus zur Zeit ein Wirtshaus war, und als sich langsam die Zimmertüre auftat, glaubte ich, Ritter und Abt müßten jetzt hereintreten. Allein es kam nur ein Bauer, der sich rings umschaute und dann gelassenen Schrittes zu meinem Tische ging, wo er sich am anderen Ende schweigend niederließ, und in langen Zwischenräumen traten dann noch fünf Bauern gleich bedächtig, spähend und schweigend herein und setzten sich alle der Reihe nach. Zuletzt kam auch der Wirt, aber nicht um diesen Gästen Wein oder Bier aufzutragen, sondern um ihnen die Haare zu schneiden, weil es gerade, wie ich schon erwähnte, Pfingstsamstag war. Das gab ein höchst charaktervolles Bild, fast wie aus Schenks Dorfbarbier. Solch eine Szene würde ich im Kronprinzen trotz aller blaugesottenen Forellen niemals erlebt haben. Ich lauschte den Gesprächen, welche die sechs Bauern unter der Schere des Wirtes führten, allein sie sprachen nicht von alten Rittern und Äbten, sondern von dem Helden des Tages, von Kaspar Broß, und wie er unterm Schutze des heiligen Leonhard aus dem Zuchthause entsprungen sei, und von ihren Kühen, welche sie zur Leonhardskirche bei Stein führten, damit sie vor Seuchen und anderem Unheil bewahrt blieben; denn der heilige Leonhard, dem man die Ketten weiht, ist der Patron der Gefangenen und des Viehs. Auf meine Frage, warum sie denn die Kühe sechs Stunden weit nach Stein trieben, da doch auf eine halbe Stunde Wegs beim Kloster Rodau gleichfalls eine Leonhardskirche stehe, erwiderte mir einer der Geschorenen: ›Der heilige Leonhard von Rodau ist gut für die Pferde, aber für die Kühe reicht er dem heiligen Leonhard von Stein das Wasser nicht.‹ Aus der Antwort ersah ich, daß diese Bauern allerdings noch nicht ganz reif seien, um jene feine Ironie der Geschichte zu verstehen, welche die gemeinsame Gründung und das gemeinsame Ende von Kloster und Burg so wunderlich verknüpfte, die großen historischen Züge zuletzt noch einmal im Genrestil der Anekdote spöttisch wiederholend. Darum begehrte ich ein Licht, denn es war inzwischen dunkel geworden, und ging auf mein Zimmer. Der Wirt geleitete mich. Als wir die stattliche Treppe mit massivem Geländer von geschnitztem Eichenholz hinanstiegen, welche zum oberen Stockwerk führte, und den mächtigen oberen Flur mit hallenden Tritten entlangschritten, da mußte ich einen Augenblick stillestehen, um das Auge meiner Phantasie in dem dämmerigen Raume umherschweifen zu lassen. Es war mir, als hörte ich die Stimme des Ritters und des Abtes ganz hinten in der dunklen Ecke, wie sie sich immer noch stritten und gegenseitig zu bekehren suchten. So hatte ich's geschildert in meiner Chronik, wo ich die alten Herren auch nach ihrem Tode noch unsichtbar, doch hörbar im Amthause herumgeisten lasse, als neckische Kobolde über Askese und Lebensgenuß disputierend, und wer die seltsamen Philosophen um Mitternacht plötzlich hört, der muß lachen, wenn es ihm nicht eiskalt über den Rücken läuft. Diese Kobolde riefen mir auf einmal wieder meinen Reisezweck ins Gedächtnis; ich konnte es nicht lassen, ganz leise zu spüren, ob meine Chronik denn nicht wenigstens bei dem Wirte ins Volk gedrungen sei, und sprach: ›Dies also ist das alte Amthaus, wo der letzte Herr von Hohen-Iseneck gestorben ist und der letzte Abt von Rodau?‹ ›Wenn's wahr wäre!‹ entgegnete der Wirt. ›Mein Haus ist seiner Lebtage kein Amtshaus gewesen, sondern hier war vorzeiten die Rentkammer. Das Amthaus stand unten im Dorfe, wo jetzt der Kronprinz steht, und dort ist auch der Abt und der Herr von Hohen-Iseneck gestorben. Mein seliger Vater hat sie beide noch gekannt und hat uns oft erzählt, wie gemütlich die zwei Herren in ihrem Elend zusammen gehaust hätten und welch ein sanfter, allzeit freundlicher Mann der einst so gestrenge Abt in seinen schlimmen letzten Tagen noch geworden sei.‹ Ich prallte zurück, starr vor Staunen. Also war ich nicht bloß heute mit meinem Reisestab, sondern auch vorher mit dem Mosisstabe meiner Dichtung ins falsche Wirtshaus geraten. Der Wirt aber fuhr ganz von selber fort: ›Es ist freilich eine Schande, wie heutzutage die Zeitungen lügen, und die Polizei sollte es ihnen verbieten. Denn im Wochenblatt stand gedruckt, daß die Geister der beiden Alten heute noch in meinem Hause umgehen, wo diese doch kein Mensch weder tot noch lebendig jemals gesehen hat. Wenn die zwei irgendwo spuken, so muß das drunten beim Kronprinzen sein. Allein da unten hin schickt man die reichen Herrschaften, und mir schickt man die Gespenster ins Quartier.‹ Es lag mir auf der Junge, dem Wirt zu beweisen, daß es für mich eine poetische Notwendigkeit gewesen sei, die letzten Tage des Abtes und Ritters in dies so wunderschön heruntergekommene Wirtshaus zu verlegen, selbst wenn ich gewußt hätte, daß das alte Amthaus da gestanden habe, wo jetzt der neumodische Kronprinz steht. Und wenn die beiden gemütlich zusammen gehaust hätten und der Abt zuletzt noch so gar mild und weich geworden sei, so hätten sie sich zu ihren übrigen Sünden zuletzt auch noch einer psychologischen Verzeichnung ihrer beiderseitigen Charaktere schuldig gemacht. welche zu korrigieren mir als Dichter ein volles Recht zustehe. Wollten die Leute in Wirklichkeit nicht plan- und stilgemäß sterben, so müsse man sie hinterdrein poetisch dazu zwingen, wie das alle guten Dichter mit ihren toten Helden getan. So hätte ich sprechen mögen. Aber ich fürchtete jetzt, mich als Autor zu bekennen; denn der Wirt schaute mich samt seinem Wirtshause (auch ohne Gespenster) schon unheimlich genug an.« Viertes Kapitel »Also ging ich schweigend in mein Zimmer. Das war wundersam eingerichtet. Außer einer zerbrochenen Kinderwiege und dem Bett, auf dessen ungewaschenen Linnen mutmaßlich schon etliche Fuhrleute geschlafen hatten, enthielt es nicht den mindesten Hausrat, nicht einmal einen Stuhl, die Kleider darauf zu legen. Der Wirt war höchstwahrscheinlich in jüngster Zeit gepfändet worden. Und diese Spelunke hatte ich eigens aufgesucht, wo ich's doch unten im Kronprinzen so gut hätte haben können, und nun war der Abt und der Ritter nicht einmal hier gestorben, und vor dem Wirt – dem einzigen Manne, der mich gelesen, – mußte ich mich verleugnen, damit er nicht mir als Dichter die volkstümlichsten Grobheiten mache, während ich doch vielmehr Ursache hatte, ihm als Wirt Grobheiten zu machen! Ich wollte die Zimmertüre schließen, allein das Schloß hatte keinen Schlüssel. Ich öffnete das Fenster: der Riegel blieb mir in der Hand. Kaspar Broß würde mit moralischer Befriedigung dieses nach allen Seiten vertrauensvoll sich öffnende Zimmer betrachtet haben. Unschlüssig, ob ich wieder fortgehen oder bleiben, wachen oder schlafen solle, legte ich mich ans offene Fenster und starrte in die laue Nacht hinaus. Am Himmel zogen flache Wölkchen, und die Sterne funkelten doppelt hell zwischendurch; gerade gegenüber dem Fenster aber waren Wolken und Sterne und Himmel verdeckt durch den hoch aufsteigenden Lindenbaum, die uralte Grafenlinde, und ein Strom des süßesten Blütenduftes floß von seinen tausend Zweigen. Ich vergaß den Modergeruch der dumpfigen Stube hinter mir samt ihren leergepfändeten vier Wänden, und über dem leisen Gesumme der Nachtfalter und Mücken, die durch mein Licht in Scharen vom Baum herbeigelockt wurden, hörte ich nicht mehr das laute, wüste Geschrei der Bauern in der Wirtsstube. Der Friede der Nacht und seliger Träumerei kühlte meine müden Sinne auch ohne Bett und Schlaf, und ich vergaß ganz die bitteren Erfahrungen, welche ich über Tags auf meiner Forscherreise gemacht, und ärgerte mich nicht einmal über die vernichtende historische Kritik des Wirtes. Im Gegenteil: der Mann hatte mir ein neues reizendes Problem hingeworfen, womit ich träumend spielte. Denn ließ es sich nicht auch denken und psychologisch fein motivieren, daß der strenge Abt mild geworden war und der lustige Ritter ernster und strenger in der Schule des Unglücks und daß sie einander brüderlicher die Hand reichten in ihrem Asyle? Und war dies nicht auch ein dichterischer, weil ein versöhnender Schluß des langen Streites der feindlichen Brüder von Burg und Kloster? Der Abt und der Ritter hatten alle Macht verloren, doch hätten sie sich noch streiten können bis an ihr seliges Ende, allein sie zogen es vor, den hundertjährigen Streit zuletzt wenigstens persönlich und menschlich in Frieden ausklingen zu lassen. – Der stille Odem der Nacht, der Blütenhauch des Lindenbaumes, das friedvolle Leuchten der Sterne – es stimmte alles so schön zu diesem milden Gedankenzuge, und ich zerpflückte mit wahrer Lust die frühere humoristische Geschichte von den beiden bekehrungssüchtigen Alten und baute mir eine neue, größere Geschichte auf, welche nicht mit zankenden Poltergeistern schloß, sondern gleich diesem göttlichen Frühsommerabende in verklärendem Sonnenuntergang. Dem Wirt aber dankte ich im stillen, daß er mir meinen alten Novellenstoff so prächtig neu gewendet, ärgerte mich auch gar nicht, daß die alte Bearbeitung schon gedruckt war und die neue füglich nicht hinterdrein gedruckt werden konnte. Denn wenn ich sie nur hier bei dem Lindenbaum ganz heimlich für mich ausdichtete, so hatte ich schon Lohnes genug. Da weckten mich schwere Mannestritte und flüsternde Stimmen unterm Fenster aus meiner Friedenspoesie. Gemessen ausschreitend nach Bauernart, ging ein stattlicher Mann die Straße hinauf: im Sternenlicht schimmerte die Büchse, welche er an der Seite trug. Die Gestalt brauchte man nur einmal gesehen zu haben, um sie auch in der Dämmerung sofort wiederzuerkennen: es war Kaspar Broß. Ein paar Bauern traten auf die Freitreppe des Wirtshauses. Kaspar kehrte sich drohend um gegen sie und rief: ›Ihr Lumpenkerle getraut euch doch nicht an mich.‹ Dann nahm er die Büchse schußgerecht in den Arm und ging langsam zum Lindenbaum. ›Schießt ihm in die Beine!‹ rief eine Stimme von der Treppe herüber. Fast im selben Augenblicke fiel ein Schuß. Kaspar wankte, schlug ein Rad und stürzte lautlos zusammen. Die Leute von der Treppe schlichen sacht herbei, wie der Jäger nur vorsichtig zu dem Hirsche geht, welchen sein Schuß gefällt hat, denn er weiß, daß das bloß verwundete Tier, gefährlicher als ein Eber, wieder aufspringen und ihn mit den Zacken seines Geweihes durchbohren würde. Allein hier hatte es keine Gefahr mehr. ›Da liegt er tot‹, rief endlich eine Stimme; ›der Matthias hat in der Angst etwas zu hoch gehalten und hat ihn durch den Rücken geschossen statt durch die Beine.‹ Auf den Lärm liefen die Nachbarn und sämtliche – nunmehr glattgeschorene – Gäste aus dem Wirtshause zusammen; auch mich trieb es auf den Platz hinunter. Eine Streifwache der Isenecker Bauern hatte hier auf den Räuber gelauert, und nur ein Mann vom Schwarzbachtale war unter ihnen, eben jener Matthias Schnitzer, welchem Kaspar den Hund erschossen. Matthias war vorangegangen, als die anderen vor dem verachtenden Gleichmut Kaspars scheu zurückwichen und keiner Hand an ihn zu legen wagte; er wußte aber auch, daß Kaspar zuerst auf ihn zielen würde, als derselbe zur Büchse griff; also tat er den ersten Schuß, und der Schuß hatte getroffen. Die Bauern umstanden eine Weile schweigend den toten Mann. Endlich brach der Ortsschultheiß die ergreifende Stille und befahl, die Leiche aus dem Wege zu heben und auf den Tisch zu legen, welcher den Stamm der Linde umgab. Niemand wollte einen Finger rühren, alle wichen scheu zurück. Da trat Matthias vor, sah den Toten mit festem Blick und treuherzigem Ausdrucke ins Gesicht und sagte: ›Kaspar! Hab' ich dich totgeschossen, so kann ich dich auch auf den Tisch legen!‹ – packte den schweren Körper herzhaft mit beiden Armen und trug ihn ganz allein auf den Tisch. Als nun Lichter herbeigebracht waren und der Schultheiß ein vorläufiges Protokoll über den Tatbestand aufzunehmen begann, rief ein alter Mann, sichtlich der Patriarch des Dorfes: ›Der Matthias hat einen so guten Schuß getan, drum wollen wir auch ein Schußgeld für ihn sammeln!‹, warf eine Münze in seinen Hut und ging mit demselben im Kreise herum, und in wenigen Minuten lag ein hübsches Häufchen Geld auf dem Hutfutter. Wie man für einen Raubvogel Schußgeld zahlt, so steuerten sie Schußgeld für den Räuber und dachten nicht, daß der hinterrücks Erschossene doch vor Gott ihr Bruder gewesen und eine unsterbliche Seele gehabt habe gleich ihnen. Matthias ließ sie ganz ruhig gewähren und sammeln; als ihm aber der Alte das Geld darreichen wollte, stieß er zornig den Hut zurück und sprach: ›Heute abend war ich dem Kaspar schon einmal begegnet auf der Landstraße im Markwald, der Herr dort weiß davon‹ – er deutete auf mich –; ›da habe ich dem Kaspar Schußgeld verheißen für meinen Hund, und das habe ich ihm jetzt bezahlt, und nicht euer Schußgeld begehre ich. Und wenn ich's dem armen Burschen in Pulver und Blei gezahlt habe, so will ich's ihm auch jetzt noch in Silber zahlen!‹ Bei diesen Worten warf er ein paar Kronentaler auf den Tisch, daß sie neben die Leiche rollten. ›Für dieses Geld, Kaspar, soll dir eine Denktafel gemalt und Seelenmessen gelesen werden. Wegen Recht und Gerechtigkeit habe ich den Kaspar erschossen und nicht euretwegen, daß ihr jetzt ruhig schlafen könnt, ihr Isenecker Schwerenöter! Ihr Dorfbauern habt den Kaspar gezwungen zu stehlen, denn eure Küchen waren kalt, wenn er um eine Suppe bat, und eure Scheuern verschlossen, wenn er im Gewittersturm ein Nachtlager suchte.‹ Der Alte entgegnete: ›Umgekehrt ist auch gefahren! Ihr Schwarzbacher Einödbauern vielmehr habt den Kaspar zu diesem Ende geführt. Denn wenn ihr nicht allem Gesindel Unterschlupf gäbet auf euren Höfen und alle Landstreicher unbesehen aus euern Schüsseln essen ließet, dann hätte der Kaspar arbeiten müssen und hätte nicht aus dem Zuchthause zu brechen gebraucht, weil er niemals hineingekommen wäre.‹ Matthias rief, wie sie's am Schwarzbach machten, so sei es Christenpflicht und ein gutes Werk, und wer einem hungrigen Wandersmann erst das Gewissen visitiere, bevor er ihm ein Stück Brot schneide, der sei schlecht katholisch, gerade so schlecht wie die Hohen-Isenecker. Dieses Wort zündete, und alle schrien wütend durcheinander gegen den einen Matthias. Den Schimpf, schlecht katholisch zu sein, konnte die Gemeinde Hohen-Iseneck nicht auf sich sitzenlassen. Und indem sie nun immer wilder darüber disputierten, was christlicher sei, einen Spitzbuben zu beherbergen oder ihm die Türe zu weisen, pries Matthias immer lauter den Kaspar Broß, der ein ganz guter Kerl gewesen, abgesehen von seinem bißchen Rauben und Stehlen, und was Schlechtes in ihm gesteckt habe, das hätten andere mehr verschuldet als er selber. Hierauf warfen natürlich die anderen dem Matthias die Frage entgegen, warum er denn einen so guten Menschen erschossen habe, und Matthias rief: ›Daran seid ihr gleichfalls schuld!‹ Nachdem aber zuletzt keiner sein eigenes Wort mehr hören konnte und somit alle Gründe erschöpft schienen, griff man beiderseits zu dem allerletzten Grund, nämlich zu den großen Messern, welche die hiesigen Bauern in der rechten Hosentasche tragen. Und so geschah es nun, daß die Hohen-Isenecker das Messer zückten gegen denselben Mann, welcher sie eben erst von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte und dem sie kaum eine Ehrengabe gespendet, die noch unberührt am Boden lag. Matthias aber zog das Messer für den Kaspar Broß, welchen er doch eben erst als einen Räuber niedergeschossen hatte. Keiner von allen aber war sich des wahren letzten Grundes dieses nur scheinbar widersinnigen Haders bewußt; denn genau genommen stritten sie gar nicht um den erschossenen Spitzbuben, sondern um das Recht der väterlichen Sitte am Schwarzbach und im Isenecktale, sie stritten über jenen Hauptunterschied der beiden Täler, welchen mir der tote Mann dort auf dem Tische zuerst aufgedeckt, daß man nämlich hüben Hunde hält und drüben keine Hunde, dort die Türen offen läßt und hier die Türen schließt (ausgenommen im Fremdenzimmer der Grafenlinde). Vergebens suchte ich Frieden zu stiften; niemand gab mir Gehör. Es schien, als ob das vergossene Blut heute abend unabwendbar noch mehr Blut fordere. Denn von den Worten zu Schlägen und Stichen war es jetzt nur noch eine Spanne weit. Ich wandte mich, Beistand suchend für mein Vermittleramt, an den Schultheißen, der etwas seitab stand und ganz ruhig seinen »Augenschein« vervollständigte; er war solche Szenen schon genügend gewöhnt. Mit großer Aufmerksamkeit untersuchte er eben eine schöne Schnupftabaksdose, die man bei dem Erschossenen gefunden, vermutlich ein gestohlenes Gut, und bemühte sich, die Schrift zu entziffern, welche auf einem Deckel unter einem Porträtkopfe stand. Er las buchstabierend: ›Friedrich Schiller‹, schaute dann zu mir auf und fragte: ›Wer ist das?‹, und ich glaube, er hielt es für den Namen des rechtmäßigen Eigentümers der Dose. Ich sah den Mann mit großen Augen an: der Schultheiß von Hohen-Iseneck wußte wirklich nicht, wer Schiller sei! Im selben Augenblick aber fuhr es mir wie ein Blitz durch die Seele: ich wollte ja erforschen, ob mich diese Leute kannten, und sie kannten Schiller nicht einmal! Über das letztere wenigstens wollte ich jetzt gründlich ins klare kommen. Ich sprang auf eine Bank, hielt die Dose hoch empor, daß alle sie sehen konnten, und rief mit der äußersten Kraft meiner Stimme: ›Wer ist Friedrich Schiller?‹ Meine Erscheinung auf der Bank, die geheimnisvolle Dose, die unerwartete Frage – das alles zusammen wirkte schlaghaft. Als ich vorhin meine Gründe zwischen den Streit warf, die zur Sache gehörten, da gönnte mir niemand das Wort; jetzt aber, wo ich die fremdartigste Frage hineinschleuderte und den Leuten statt Friedensgründen eine Tabaksdose zeigte, schwiegen alle, ließen die Fäuste sinken, staunten und gafften mich an. Ich wiederholte meine Frage. Keiner antwortete. Endlich riefen einige Stimmen, der Mann sei hiesigen Orts ganz unbekannt. Das hinderte mich nicht, die Frage nochmals und noch lauter zu wiederholen. Jetzt erst bemerkte ich einen kleinen Knaben, der ganz nahe vor mir stand und mir den Zeigefinger entgegenstreckte, wie's die Schulbuben tun, wenn sie zum Hersagen ihres Sprüchleins aufgefordert sein wollen. Ich nickte ihm zu, und er sprach mit überdeutlicher, heller Schulstimme: ›Friedrich Schiller war ein großer Dichter.‹ ›Gottlob!‹ seufzte ich und fragte den Kleinen, wem er denn zugehöre. Sein Vater war der Lehrer des Dorfes. ›Und hast du schon ein Gedicht von Schiller gelesen?‹ – ›O ja, viele!‹ – ›Und welches gefällt dir denn am besten?‹ Der Knabe besann sich eine Weile. – ›Pegasus im Joche!‹ rief er endlich. – ›Und warum gerade dieses?‹ – ›Weil ein Pferd darin vorkommt, und ich lese immer am liebsten von Pferden.‹ An diesen Vorzug seines Gedichtes hatte Schiller gewiß nicht gedacht. Allein ich faßte mich; jetzt hatte ich noch das Wort und wollte es festhalten, um die Streitenden zu beschwichtigen. Also erklärte ich den Leuten etwas genauer, wer Schiller gewesen sei und was er auf dieser gestohlenen Dose zu bedeuten habe, und fuhr dann mit kühner Wendung fort, daß Schiller nebst vielen großen Gedichten auch die Räuber geschrieben, ein Stück, welches mehrfach hierherpasse. Denn dort komme auch so ein Mann vor, der schuldig durch sich selbst und auch durch anderer Schuld geworden sei, ein großer Sünder und doch im übrigen kein unebener Bursche, fast wie Kaspar Broß. Hierauf aber zeigte ich ihnen weiter, daß sich in dieser kleinen Tragödie unter der Grafenlinde, gleichwie in den großen Tragödien der Geschichte und der Bühne, Recht und Unrecht gar wunderlich durcheinanderschlinge, und so hätten die Isenecker nicht ganz unrecht, daß sie Hunde hielten, und die Schwarzbacher nicht ganz recht, daß sie keine hielten; Matthias habe halb recht, halb unrecht getan, den Kaspar zu erschießen, und die Isenecker hätten ein Stücklein recht und ein Stücklein unrecht in ihrem Streit mit dem Matthias wie dieser in seinem Streit mit ihnen. Das könne kein Mensch genau auseinanderlesen, sowenig als die Schuld und Unschuld des Kaspar Broß. Nur eines sei jetzt schlechthin unrecht von beiden Seiten, daß sie die Messer zögen, die sollten sie auf der Stelle wieder einstecken. Mit diesen Worten war ich leider ins falsche Fahrwasser geraten. Solange ich von Schiller sprach, hatten die Bauern ganz ruhig zugehört, gleichsam sich beugend vor meiner geheimnisvollen überlegenen Bildung. Als ich aber wieder auf ihren Streit umbog, da wollte es jeder auch wieder ebensogut und besser wissen als ich, und keiner mochte sich von mir sagen lassen, daß er auch nur das kleinste Stücklein unrecht habe. Der Sturm brach abermals los, zwanzig Stimmen schrien durcheinander, allein sie kehrten sich nun nicht mehr gegen den Matthias, sondern gegen mich, und da ich, einmal im Feuer, keine Silbe zurücknahm, vielmehr den Leuten nur um so lauter zu beweisen suchte, daß jeder im vorigen Streite doch ein Stück unrecht gehabt, so kam es nahe daran, daß sie mich von der Bank heruntergerissen und statt des Matthias geprügelt hätten. Im rechten letzten Augenblick fühlte ich mich von hinten mit starken Armen gepackt und ganz sanft von der Bank gehoben: es war der Matthias Schnitzer, welcher mich sodann fest bei der Hand ergriff und aus dem Getümmel riß. ›Zwei gegen zwanzig ist ein schlechtes Spiel‹, rief er mir zu und führte mich, während ich noch immer nach rückwärts fortdisputierte, hinweg ins Dunkel hinein. Dann brachte er mich auf einem Umweg an die Rückseite des Wirtshauses, wo ich durch ein Hinterpförtchen, das heißt durch den Kuhstall, wieder hineinschlüpfen und mein Zimmer gewinnen konnte. Unterwegs gewann ich auch wieder so viel kühlen Verstand, daß ich das Heilsame dieser gewalttätigen Entführung begriff und dem Matthias beim Abschied am Kuhstall dankend die Hand drückte. Hatte er mich doch zweimal an diesem ersten Tage meiner Forscherreise gerettet: zuerst, indem er mich aus dem Straßengraben zog, als ich hineingeworfen worden war, und dann, indem er mich behütete, daß ich nicht zum zweitenmal hineingeworfen wurde. Auf der öden Stube machte ich während des Restes der Nacht eine beschauliche Promenade zwischen der zerbrochenen Wiege und dem ungastlichen Bette auf und ab wie ein Pendel. Zu der Novellenfigur und den Konflikten, welche ich schon unterwegs im Straßengraben gefunden, hatte ich jetzt auch die Handlung. Beschämt und zugleich ermutigt merkte ich den ungeheuren Unterschied zwischen den matten Farben, welche ich in meinem Büchlein aufgetragen, und den brennend grellen, die mir heute das Leben geboten. Niemand erfindet solche Züge wie das Gespräch der Bauern über die beiden heiligen Leonharde, wie die schneidend charakteristische Szene, da der Matthias den Toten auf den Tisch hob und der alte Bauer das Schußgeld sammelte, wie die Geschichte mit der Dose und dem Pegasus. Dergleichen fiele uns niemals ein, wenn wir's nicht selber gehört und gesehen hätten. Jetzt besaß ich einen neuen Stoff und vergaß in der Freude darüber ganz, daß ich mit meinen alten Stoffen heute so kläglich bestanden hatte. Meine Forscherreise aber beschloß ich mit diesem ersten Tage, weil ich für einen zweiten Tag den rettenden Arm des Matthias Schnitzer doch nicht wieder zur Seite gehabt hätte. Am anderen Morgen fand ich übrigens, daß ich mich ganz unnötig abmühe, den Kaspar Broß mit seinen Konflikten als Helden einer Novelle zu verarbeiten, da vielmehr eine Novelle ganz anderer Art schon fertig vorlag, wenn ich nur getreu erzählte, wie ich gestern auszog, um meine Geschichten von Hohen-Iseneck im Volksmunde zu suchen und diese zwar nicht fand, wohl aber ungesucht eine neue Geschichte von Hohen-Iseneck, deren duldender Held nicht jener Spitzbube war, sondern ich selber. Dieses Gedankens voll, ging ich nur noch zu dem Pfarrer, welcher mich mit seinem Briefe in dieses mein romantisches Tal gelockt, und erzählte ihm recht offenherzig, wie mir's ergangen, fragte ihn dann aber auch, wie er mir habe schreiben können, daß meine Chronik gegenwärtig das ganze Tal beschäftige. Mit herzlichem Lachen erwiderte er, unter dem ganzen Tale habe er die sämtlichen vier Haushälterinnen der vier Pfarrer des Tales verstanden, und die seien in der Tat für Belletristik das einzige mögliche Publikum des ganzen Tales. Übrigens habe er durch seine ironischen Zeilen meinen dichterischen Eifer vielmehr abzukühlen als anzufeuern gedacht. Und hierauf begann er mir scharf ins Gewissen zu reden, da ich Zeit und Kraft mit der leichten Flitterarbeit von Erzählungen und Novellen vergeude. Ich entgegnete, den Zweck der Abkühlung habe er völlig verfehlt. Vor meiner Reise sei ich abgekühlt und flügellahm gewesen, seit ich aber infolge seines Briefes ausgezogen, um mich selber im ganzen Isenecker Tale gelesen zu sehen, sei mir Lust und Mut zu neuen Geschichten unendlich gewachsen. Denn obgleich der einzige Mensch, welcher sich als mein Leser ausgewiesen, unbekannterweise genügend über mich geschimpft habe, so sei doch dieser eintägige Fußmarsch sozusagen unter den Beinen mir gleich wieder zur Novelle geworden; die brauche ich nicht mehr zu erfinden, nicht auszumalen, ich brauche sie nur zu schreiben, und danach gelüste mich so unbändig, daß ich kaum Feder und Papier erwarten könne. Der Pfarrer verstand mich nicht und hielt mich wahrscheinlich für etwas verrückt. Und hiermit schließt meine Geschichte.« Nachdem Richard Märker also gesprochen hatte, erholten wir uns alle durch eine frisch entkorkte Flasche, er vom Reden, wir vom Hören. Darauf nahm ich noch das Wort: »Unser Freund hat uns erzählt, wie er beim Forschen nach der Verbreitung seiner früheren Geschichten diese selbst und allen Ehrgeiz des Erfolges vergessen hat aus lauter heller Freude darüber, daß ihm die Forscherreise an und für sich schon binnen wenigen Stunden zu einer neuen Geschichte aufwuchs. Allein er hat nicht nur eine neue Geschichte ungesucht gefunden, sondern noch etwas weit Besseres dazu, was freilich andere leichter erkennen mögen als er selber; auch ziemt es anderen mehr als ihm, dieses auszusprechen. Ich meine: er hat ein vollgültiges Zeugnis seines Dichterberufes gefunden. Alle Enttäuschung und Widerwärtigkeit gab ihm nur frische Ideen zu neuem, fröhlicherem Schaffen, das Rohe und Wüste hat sich ihm sofort im Goldschimmer des Humors verklärt, die tatsächliche Ironie des wirklichen Lebens auf sein ideales Streben ward ihm sogar wieder zum dichterischen Motiv, und das Spießrutenlaufen der Selbstkritik gestaltete sich ihm zur Novelle. Wem das alles geschieht und wer das alles vermag, der ist darum noch kein Dichter, allein er hat die Probe bestanden, daß er wenigstens zum Dichter geboren ist und einer werden kann.« Der letzte Strahl der Abendsonne verglühte hinter unserer Rebenlaube, und wir ließen die Gläser in diesem Golde blinken und anklingen und leerten sie zum letzten Male auf das Wohl des künftigen Dichters. Zum letzten Male! – Leider war dieser verglühende Sonnenblick nur allzu prophetisch gewesen. Richard Märker starb wenige Monate nachher. Er hatte uns seine Forscherreise so lustig erzählt, daß er dadurch zunächst die Lust verlor, sie noch einmal schriftlich zu erzählen. Das ist auch ein Zeichen des geborenen Poeten. Was mündlich und beim Neroberger gar viel anmutiger zu hören war, als es sich hier liest, das schrieb ich aus dem Gedächtnisse nieder. Und nicht im Sinne dessen, was Richard Märkers bescheidenes Wesen darin finden wollte, sondern was seine überlebenden Freunde darin gefunden haben, überschrieb ich diese Erzählung: »Die Dichterprobe«. Der Dichter über sein Werk Wilhelm Heinrich Riehl hat zu den Einzelausgaben seiner Novellen Vorworte geschrieben, die einen so unmittelbaren und tiefen Einblick in die Werkstatt des Dichters gewähren, daß sie im folgenden ungekürzt wiedergegeben sind. Zu den »Kulturgeschichtlichen Novellen« (1856) Der Roman folgt dem Fortgange der Geschichtschreibung; Novellistik und Historik einer Epoche erläutern sich gegenseitig. So macht sich jetzt der mächtige Zug zur Kulturgeschichte bereits in der Romandichtung bemerkbar. Der populärste Historiker unserer Zeit, Macaulay, dankt wohl die Hälfte seiner Volksbeliebtheit der Kunst, womit er die Gesittungszustände einer Periode in ihrem inneren Zusammenhange – unter sich wie mit der Staatsgeschichte – erfaßt und doch zugleich in ihren bunten Einzelgebilden mit dem Pinsel des Genremalers auszuführen weiß. Darum sagt man etwa vom dritten Kapitel seiner »Geschichte Englands«: es liest sich wie ein Roman. Denn dieses Kapitel glänzt eben durch kulturgeschichtliche Genremalerei. Der Novellist mag hier einen Fingerzeig sehen. Unser historisches Gefühl erträgt es nicht mehr, daß man uns große Staats- und Kriegsaktionen im Romane genrehaft ausmalt, daß die Haupthelden der Geschichte, deren Charaktere seit unseren Knabenjahren festgeformt vor unserem Geiste stehen, von dem Romandichter frei umgebildet oder in ihren Zügen klein ausgearbeitet werden. Der Dramatiker, der sich der idealeren Form des Verses bedient, den die Bühne zwingt, nicht auszumalen, sondern sein Gebilde breit, in großen Umrissen anzulegen, – der Dramatiker darf uns einen im Äußeren ungeschichtlichen Wallenstein oder Egmont bieten. Der Novellist dagegen, in der realistischen Prosa schreibend, gibt unserer historischen Bildung eine Ohrfeige, wenn er mit dem Anscheine, als erzähle er wirkliche Geschichte, weltbekannte Tatsachen umkehrt und nach Bedarf der Komposition große Männer klein zuschneidet und kleine in die Größe zieht. In der Tragödie begehren wir Wahrheit der historischen Idee, im Roman und der Novelle neben dieser inneren Wahrheit auch noch eine äußere des geschichtlichen Kostüms. Die alten historischen Romane, welche uns weltgeschichtliche Ereignisse, die sich allenfalls dramatisieren ließen, episch in Prosa erzählen, sind uns darum jetzt trocken und hohl geworden oder unwahr. Mir dünkt, die Aufgabe der historischen Novellistik liege nach dieser Seite darin, auf dem Grund der Gesittungszustände einer gegebenen Zeit freigeformte Charaktere in ihren Leidenschaften und Konflikten walten zu lassen. Die Szene ist historisch. Es sind dann aber – kurz gesagt – erfundene Personen, die in den Vordergrund treten, die mit seinem Pinsel ausgemalt werden sollen, – eine erfundene Handlung, die sich episch frei gestalten kann, keine geschichtliche, wenigstens keine weltgeschichtliche. Denn in den Winkeln der Spezialgeschichte können wir allerdings noch Intrigen und Helden aufspüren, die novellistisch bildsam sind, ohne daß wir durch die poetische Freiheit das historische Bewußtsein der Nation beleidigen. Weltgeschichtliche Geschicke mögen von ferne hereinragen, weltgeschichtliche Personen im Hintergrunde über die Bühne des historischen Romanes schreiten. Der Boden aber, worauf sich die erfundene Handlung bewegt, ruhe auf den Pfeilern der Zeitgeschichte; die Luft, worin die erdichteten Personen atmen, sei die Luft ihres Jahrhunderts; die Gedanken, davon sie bewegt werden, seien ein Spiegel der weltgeschichtlichen Ideen ihrer Tage. Dies nenne ich kulturgeschichtliche Novellistik. Hier läßt sich die innere Wahrheit der historischen Idee und die genrehafte Treue des historischen Kostüms vereinigen, aber auch nur hier. Der Dichter kann ein durchgebildetes Kunstwerk hinstellen, dem das kulturgeschichtliche Detail eine handgreifliche Lebensfrische gibt, deren das Drama entbehren muß, – ein Kunstwerk, welches nicht bloß geschichtliche Zustände schildert, sondern in seinem Kern jenes höchsten sittlichen Inhaltes voll ist, der uns in jeglichem Menschengeschick die Hand des gerechten Gottes erkennen läßt. In solch echtem kulturgeschichtlichem Roman hat die Geschichte keine wächserne Nase, und die Poesie behält doch Hand und Fuß. Ich lebe der Überzeugung, daß die Zukunft der modernen Epik in dem kulturgeschichtlichen Roman gegründet werden muß. In meinen »kulturgeschichtlichen Novellen« habe ich dieses neue Feld in einer vielleicht neuen Weise urbar zu machen versucht. Ein Kulturhistoriker hat diese Novellen geschrieben, dem sie aus seinen liebsten Studien, aus seinen traulichsten Jugenderinnerungen so unter der Hand hervorgewachsen sind: würde sich nun diese Hand zugleich als eine künstlerisch gestaltende erweisen, dann könnte man's ein glückliches Zusammentreffen nennen. Vielleicht begehrt man Näheres über die Fundgruben, woraus ich das Material der Novellen geschöpft. In dem »Stadtpfeifer«, »Ovid bei Hofe« und »Meister Martin Hildebrand« sind eine große Menge von Familienüberlieferungen verarbeitet. Nicht, was ich in Büchern gelesen, sondern was ich als Knabe im großväterlichen und väterlichen Hause erzählen hörte von der guten alten Zeit, wie sich dieselbe im kleinbürgerlichen Leben eines kleinen Fürstensitzes des vorigen Jahrhunderts abspann, die Hausmärchen meiner Jugend waren es, womit ich diesen Erzählungen individuelle Farbe gab. In solchen mündlichen Überlieferungen sind oft die feinsten Züge zur kulturgeschichtlichen Charakteristik einer Epoche erhalten und – begraben. Durch die Novelle können sie lebendig bewahrt bleiben, durch das Geschichtsbuch nicht. Denn es sind diese Züge meist so innig mit bestimmten Personen und zufälligen Ereignissen verknüpft, daß der Kulturhistoriker, auch wenn er noch so speziell und genrehaft arbeitet, doch nichts damit anfangen kann. Der kulturgeschichtliche Novellist dagegen wird in diesen persönlichen Anekdoten und Charakteristiken oft gerade die leisesten Atemzüge vergangener Geschlechter belauschen und uns ihr geheimstes Seelenleben in einer Wärme und Unmittelbarkeit mitempfinden lassen, bis zu welcher die Darstellungsmittel der Geschichte nicht mehr reichen. Das historische Genrebild »Gräfin Ursula« gründet sich im Tatsächlichen auf die Mitteilungen, wie sie C. F. Keller aus neu eröffneten archivalischen Quellen in seinem Buche über den Dreißigjährigen Krieg in Nassau (Gotha 1854) gegeben. Dieser wertvollen, für den Kulturhistoriker äußerst ausgiebigen Schrift verdanke ich auch den Stoff oder Anregung zu manchem Detail in den »Werken der Barmherzigkeit«. Die Novelle »Amphion« (die lediglich wie die leichten »Vorspielscherze« unserer modernen Dramatiker angesehen sein will) beruht auf einer historischen Anekdote, die unter dem Artikel »Ernst Gottlob Baron« in jedem Tonkünstlerlexikon zu lesen ist. Barons Schriften, unvergängliche Denkmale der aufgeblasenen Pedanterie der Zopfzeit, gaben die Züge zu seiner persönlichen Charakteristik. Für die mit der musikalischen Spezialgeschichte minder Vertrauten bemerke ich nur, daß die ästhetischen Grillen, Bizarrerien und Ungeheuerlichkeiten, wie ich sie hier gezeichnet, keineswegs Karikatur sind. In den Tagen Händels und Bachs ist die Modemusik und das Virtuosentum wirklich bis zu dieser Stufe künstlerischen Wahnwitzes aufgestiegen, ja ich habe eher gemildert als karikiert. Übrigens verwahre ich mich feierlich gegen die Unterstellung, daß »Amphion« eine Tendenznovelle sei und als habe ich etwa in dem Virtuosen Baronius eine Satire auf Franz Liszt und in dem mit symbolischer Musik gedankenmalenden Komponisten Baronius eine Satire auf Richard Wagner schreiben wollen. Nur die Zöpfe des achtzehnten, nicht des neunzehnten Jahrhunderts habe ich gezeichnet. Zu der kleinen Erzählung »Im Jahr des Herrn« wurde ich durch die Fulder Annalen angeregt. Wenn man das bald strohdürre, bald alttestamentlich schwülstige Mönchslatein unserer alten Annalisten liest, dann fühlt man sich doch manchmal seltsam bewegt durch einen frischen Hauch aus dem deutschen Urwald, der plötzlich in die schwüle Luft der Klosterzelle hereinweht. Das empfand ich recht lebhaft bei der in den Annalen kannibalisch rohen und dennoch anziehenden Anekdote, die meiner Erzählung zugrunde liegt. Ich suchte menschlich und sittlich zu gestalten, was der Mönch von Fulda als eine Tat fast der reinen Bestialität berichtet, und doch auch den Personen jenes Gepräge der Urfrische und Urkraft zu bewahren, das uns selbst in der Wüstenei der späteren karolingischen Zeit noch als das Vermächtnis einer edleren Vergangenheit und als die Verheißung einer besseren Zukunft erquickt. München , am 18. März 1856. W. H. R. Zu den »Geschichten aus alter Zeit« (1863/64) (Ludwig Richter gewidmet) Ich habe dieses Buch »Geschichten« genannt; ich hätte es ebensogut mit vornehmerem Wort »Novellen« nennen können. Denn wenn das Wesen der Novelle darin besteht, ein Seelengeheimnis in der Verknüpfung und Lösung erdichteter Tatsachen zu enthüllen, dann sind diese Geschichten Novellen. Das deutsche Wort aber saß mir besser als das italienische; einmal, weil mir die gemütliche deutsche Art des Erzählens zunächst in der Seele klang, dann aber auch, weil es ein heilsames Mahnwort ist. Die »Geschichte« mahnt nämlich, daß fort und fort etwas geschehe, daß nicht die Reflexion, sondern die Tat den Knoten schlinge und löse und daß die Lust am Erzählen nicht von der verführerischen Lust des Grübelns und Schilderns überwuchert werde. Wer aber wirklich erzählt, der sucht vor allem die feste, reine Linie der Handlung, deutet Licht und Schatten bloß an, läßt Schmuck und Beiwerk und die weite Fernsicht des Hintergrundes mehr erraten, als daß er sie ausspräche. Sein höchstes Ziel steht dahin, außen grob und inwendig fein zu sein, außen sparsam und innen reich. In diesem Urbilde begegnen sich die deutsche »Geschichte« und der echte Holzschnitt. Sie aber, verehrter Freund, dem ich diese »Geschichten« widme, während ich ihm Novellen nicht dargeboten hätte, sind der Mann, welcher die echte Art des deutschen Holzschnittes vor andern wiedergefunden und volkstümlich gemacht hat. Gar oft suchte ich mich beim Erzählen im rechten Maß und Ton zu halten durch einen Blick auf Ihre Holzschnittblätter. Die feste, schlichte Form allein aber würde Ihnen doch das Herz des deutschen Volkes nicht gewonnen haben, wenn nicht so inniges Gemüt, so frischer Humor und ein so frommer, reiner Sinn aus Ihrer Zeichnung spräche; ja, die Vorzüge der Form sind Ihnen erst erwachsen aus jenen Vorzügen der künstlerischen Seele. Mein Empfinden und Streben rang bei diesen Geschichten nach einem Hauch des gleichen Geistes; wäre mir die Aussprache desselben auch nur annähernd heiter und tief gelungen, so würde mir dieses bescheidene Büchlein mehr Freude machen als alle meine früheren Schriften. Denn gute Menschen zu erheben, indem wir sie erheitern, bleibt doch die erquickendste und liebenswürdigste Aufgabe des schaffenden Mannes in der Schrift sowohl wie in der Kunst. München , Neujahr 1862. W. H. Riehl Zu den Novellen »Aus der Ecke« (Geschrieben im Herbst 1874) Vor zwanzig Jahren wohnte ich am Nordwestende von München; schräg gegenüber wohnte Emanuel Geibel und in einer der nächsten Straßen Paul Heyse. Da unsere übrigen literarischen Freunde allesamt tiefer in der Stadt sich niedergelassen hatten, so erschienen wir drei uns wie ein vorgeschobener Posten und nannten uns die Ecke. Wir hielten gute Nachbarschaft, und unter Geibels leitender Hand gewann die Ecke bald einen festen Kristallisationskern. Je am andern Sonntage kamen wir mit unseren Frauen in dem Salon einer befreundeten alten Dame zusammen, welche an der Spitze der Ecke wohnte. Da besprachen wir dann in heiterer Geselligkeit unsere neuesten Arbeiten und Entwürfe, lasen vor, was wir ganz oder halb vollendet hatten, und tauschten uns aus über die literarischen und künstlerischen Erscheinungen des Tages. Ein solcher Abend hieß ein »Ecken-Abend«. Und als mir damals ein Sohn geboren wurde, standen die anderen beiden Väter der Ecke zu Gevatter, und er erhielt den Namen »Eckbert«. Dergleichen Eckenabende gab und gibt es wohl viele in Deutschland, aber selten werden sich dabei drei so grundverschiedene Naturen dennoch so harmonisch zusammenfügen. Kein geringes Verdienst um diese Harmonie hatte ohne Zweifel – neben unseren Frauen – die vorgedachte alte Dame, die treffliche Wirtin der Ecke. Frau Staatsrätin Elisabeth von Ledebour, die Witwe des berühmten Dorpater Botanikers, war eine der würdigsten und liebenswürdigsten Matronen. In kinderloser Ehe hatte sie ihr Leben der Mitarbeit an ihres Mannes Schaffen gewidmet und ihn auf seinen Forscherreisen durch die asiatischen Steppen, den Altai und die Krim begleitet, war aber in den Hallen westeuropäischer Kultur nicht minder heimisch als im Tartaren- und Mongolenzelt. Bei einer Dame aus einem vornehmen kurländischen Hause versteht sich feine und vielseitige Bildung fast von selbst; allein was sich wohl auch in Kurland nicht von selbst versteht, das war die Geistesfrische, welche unsere Freundin bis ins höchste Alter bewahrte. Mit achtzig Jahren war sie geistig noch immer nicht alt geworden. Wohlerhaltene alte Leute sind sonst in der Regel nur jugendlich, wenn sie sich in ihre eigene Jugend zurückversetzen und dieselbe zum zweitenmal in der Erinnerung durchleben. Frau von Ledebour besaß dagegen die Kunst, fortdauernd der Gegenwart anzugehören, und nur an ihrer beschaulichen Auffassung, an ihrem mild abwägenden Urteile merkte man, daß sie bei aller warmen Teilnahme doch mit dem objektiven Blick einer anderen Generation diese Gegenwart maß. Allein sie war und blieb jung mit uns jungen Leuten, sie verfolgte die Politik und Literatur der Zeit gespannten Auges und fand für die längst heimgegangenen Gefährten ihrer früheren Jahre einen Ersatz in unseren Familienkreisen, obgleich sie doch die Großmutter jedes einzelnen von uns hätte sein können. Bei diesem freundlichen Walten wurde sie aufs beste unterstützt durch ihre Pflegetochter, Fräulein Julie Dreuttel, ein allezeit fröhliches Heidelberger Kind, welche an den Eckenabenden die Honneurs machte und als Patenkind Hebels schon in der Wiege zu dem schwierigen Verkehr mit Dichtern vorbestimmt worden war. Der Maler stellt »die Sage« als eine Matrone dar, welche der zu ihren Füßen gelagerten Jugend erzählt. Als Gegenbild erscheint mir jetzt unsere verklärte Freundin, wie sie den Erzählungen eines jüngeren Geschlechts in behaglicher Teilnahme lauscht. Denn nicht nur die Kunst zu erzählen, auch die Kunst, geduldig erzählen zu hören, wird dem friedvoll mit sich und der Welt abschließenden Alter verliehen. Wir drei Männer glühten damals in vollster Schaffenslust: kein Wunder, daß sich unsere Gaben für die Eckenabende drängten. Da entwickelte Geibel den Plan seiner »Brunhild« und las einzelne eben vollendete Szenen des Dramas, oder er brachte uns eines seiner gedankenreichen erzählenden Gedichte, den »Tod des Tiberius«, den »Bildhauer des Hadrian«, wie er sie eben frisch geschrieben hatte. Heyse beschenkte uns mit der »Braut von Cypern« und den Novellen seines ersten und zweiten Bandes und ließ sich durch die Ecke zu seinem ersten Bühnenversuche ermutigen. Später trat auch noch Adolf von Schack als der vierte in unseren Kreis und las uns neue Poesien vor, während er, durch Heyse auf Genellis große und verkannte Künstlernatur aufmerksam gemacht, den ersten Grund zu seiner jetzt so berühmt gewordenen Bildergalerie legte. Ich selber las die ersten Abschnitte meiner »Familie« in der Ecke, und wir machten Hausmusik. Ich las – und zwar las ich zum erstenmal vor; denn obgleich ich schon genug geschrieben, hatte – außer meiner Frau – bis dahin doch noch niemand begehrt, daß ich's ihm vorlesen möge. Und ich selbst konnte wie die meisten Männer nicht vorlesen hören. Nun aber empfand ich den vollen Reiz, mit einem noch nassen Manuskript lesend vor einen bedeutenden Kreis von Männern und Frauen zu treten. Und hiermit übte die Ecke einen unvermerkt folgereichen Einfluß auf mein Denken, Dichten und Schreiben. Die Ecke erschien mir wie das beste Publikum im Auszug, und ich hatte persönliche Fühlung mit demselben gewonnen. Allein abhandelnde Prosa liest und hört sich doch niemals so gut wie schildernde und erzählende. Die poetische Luft, welche damals im München Maximilians II. überall mich anwehte, wirkte treibend, erregend: ich schrieb Novellen, zuerst für die Ecke, dann aus der Ecke. Nicht als ob das meine ersten Novellen gewesen wären! Seit meinem achtzehnten Lebensjahre, wo ich meine erste, gottlob längst vergessene Novelle in einem belletristischen Blatte hatte drucken lassen, war ich unterderhand stets verschämter Novellist geblieben. Allein die meisten Novellen vor der Eckenzeit taugten nicht sonderlich viel. Und dennoch dachte ich immer mit Sehnsucht an das kindliche Glück zurück, welches mir die Abfassung meiner ersten Novelle bereitet hatte. Und sie war gedruckt, ja sie war sogar honoriert worden! Ich erhielt einen halben Kreuzer für die große Druckzeile, in Summa zehn Gulden, und für dieses Honorar machte ich eine Taunus-, Rhein- und Lahnreise von vierzehn Tagen, hatte in Frankfurt die Freude, meine liebste Oper, die Zauberflöte, zum erstenmal zu hören, und kaufte mir für den heimgebrachten Rest des Geldes noch Molières sämtliche Werke antiquarisch. Die Kunst, so billig zu reisen, habe ich in den »Glücklichen Freunden«, der ersten Novelle dieses Bandes, auf Grund vieljähriger Erprobung dargestellt. Ein jeder Mensch reitet seine Steckenpferde; ich habe deren drei: Musik machen, Novellen schreiben und große Fußmärsche unternehmen. Mit diesen drei Dingen hatte ich aber lange Zeit sehr wenig Anklang gefunden: meine Musik wollte niemand hören, auf meinen Gewaltsmärschen niemand Schritt mit mir halten, und meine Novellen schrieb ich nur so verstohlen, als ob's eine Sünde wäre. Denn Studium und Beruf drängten mich zu anderen Arbeiten. Jene Steckenpferde bieten aber dennoch den Schlüssel zu meinem ganzen literarischen Wirken. Schickte ich nun – in der Zeit vor der Ecke – eine Novelle an ein Feuilleton, so nahm sie die Redaktion zwar immer willig auf, wünschte aber hinterdrein jedesmal »etwas anderes« aus meiner Feder, – einen Leitartikel, einen Essay, eine Kritik, kurz alles mögliche, nur keine weitere Novelle. Und das war nicht sehr begeisternd! In München stand aber die Sache ganz anders. Ich war Professor an der staatswirtschaftlichen Fakultät geworden: sollte ich da nicht endlich ein Recht haben, Novellen zu schreiben? Aber auch meine innere Befugnis zur Novelle war gewachsen. Vorher hatte ich zwar Novellen geschrieben, aber kaum jemals eine echte Novelle gelesen; ich hatte vielfach anregend verkehrt mit allerlei Künstlern, mit bedeutenden Malern, Musikern und Schauspielern, aber kaum mit einem namhaften Dichter. Jetzt war ich unter die Poeten geraten und hatte Novellen geschrieben und wußte gar nicht, was eigentlich eine Novelle ist, – wobei ich übrigens manchen gefeierten Novellisten zum Schicksalsgenossen hatte. Ich war im Schildern von Situationen und im Ausmalen von Charakteren steckengeblieben und hatte ganz vergessen, daß der Novellist erzählen soll. Die Kritik der Ecke öffnete mir hier zuerst die Augen, und ich danke es insbesondere meinem Freunde Heyse, daß er mir, wenn auch nur in flüchtigen Worten, zuerst ein Licht aufsteckte über Wesen und Kunstgeheimnis der Novelle. Das Beste, was wir können, haben wir ja nicht aus Büchern gelernt; es fliegt uns an im Umgang mit Natur und Menschen, und es fragt sich dabei nur, ob wir das Angeflogene auch uns anzueignen, festzuhalten und zu vertiefen wissen. So wurden die ersten Novellen, welche ich des Aufbewahrens einigermaßen wert erachtete, für die Ecke geschrieben und geprobt und geläutert im kritischen Feuer der Ecke. Doch ein Band wäre wohl noch lange nicht zum Abschluß gediehen, wenn ich nicht im Januar 1856 den landesüblichen Typhus bekommen hätte. Der Anfall war heftig, allein er verlief rasch, die Genesung dagegen desto langsamer. Wochenlang blieb ich gar matt und elend, schlich wie ein alter Mann von einem Stuhle zum anderen und blieb am liebsten ganz sitzen. Der Geist hingegen war weit rascher wieder frisch als der Körper. Trotzdem verbot mir der Arzt das Arbeiten. Wie man aber nach wohlbestandenem Typhus überhaupt sehr hungrig zu sein pflegt, so fühlte ich insbesondere einen wahren Heißhunger nach Arbeit. Nun dachte ich: Novellenschreiben ist keine Arbeit – im medizinischen Sinne. Und so begann ich zuerst schüchtern einige meiner verpfuschten älteren Novellen umzubilden, ging aber dann kräftiger ins Zeug, erfand neue und saß den ganzen Tag in meinem Sessel und schrieb Novellen. Sie kamen wiederum so recht aus der Ecke, die aber hier wie überall keine Schmoll- und Trotzecke sein sollte, sondern der trauliche Poetenwinkel weltvergessener Zurückgezogenheit. Ich schrieb mich rasch wieder ganz gesund, und als mich der Doktor endlich freisprach und nur noch zu einer kleinen Erholungsreise gen Süden schickte, wanderte zugleich das fertige Manuskript meiner »Kulturgeschichtlichen Novellen« nordwestwärts in die Druckerei. Das erste Exemplar sandte ich nachher dem Arzte als Beichte meiner Sünden. Das dankbare Frohgefühl der Befreiung, der Genesung, der Lust an meinem neuen Leben hatte meine damals geschriebenen Novellen durchdrungen, und ich hoffe, es ist auch allen späteren von jenem Grundzuge der Gesundheit und Lebensfreude etwas übriggeblieben. Das Publikum nahm mein erstes Novellenbuch freundlich auf. Aber viele meiner treuesten Leser hatten etwas ganz anderes erwartet: einen weiteren Band Sozialpolitik oder Kulturgeschichte, eine gelehrte oder agitatorische Schrift, allenfalls auch eine musikalische. Und nun kamen Novellen. Meine bisherigen Gönner waren viel zu ernsthafte Leute, um überhaupt Novellen zu lesen; die novellistische Lesewelt hatte sich dagegen nicht um meine bisherigen Bücher gekümmert. Ich mußte von vorn anfangen und mir ein neues Publikum werben. Mein Ehrgeiz stand aber gerade dahin, Leute, die für gewöhnlich keine Novellen lesen, dennoch zur Lektüre meiner Novellen zu bekehren. Ob mir's gelungen ist? Mein kleines Novellenpublikum in der Ecke war ja das feinste, erlesenste, ernsthafteste gewesen: ich hoffte, im großen Publikum ähnliche Elemente zu finden und mit der Zeit eine große Ecke um meine Novellen zu versammeln. Zunächst mußte ich viel drollige Dinge hören. Ein Gelehrter meinte, ich habe mir etwas vergeben, indem ich zur Novelle hinabgestiegen sei; ein Poet dagegen, es sei eine Anmaßung, daß ich mich zu den Novellisten hinaufdrängen wolle. Ich prüfte in meiner Ecke diese widersprechenden Urteile und hatte den Gewinn, hierdurch auf eine ganze Kette kulturgeschichtlicher Beobachtungen zu stoßen. Aus diesen aber wurde dann nach vielen Jahren ein Vortrag, welchen ich in Darmstadt improvisiert und zuletzt für die erste Sammlung meiner »Freien Vorträge« niedergeschrieben habe. Er führt den Titel: »Der Kampf des Schriftstellers und des Gelehrten.« Man fragte mich auch nach dem Grunde, warum ich denn eigentlich Novellen schreibe. Ob als Stilübung? Oder um gute Sitten in anmutiger Form zu predigen? Und ich eckiger Mann gehörte noch zu der alten Schule, welche lehrte, daß man das Schöne um seiner selbst willen suchen und daß die Kunst sich selber Zweck sein müsse in ihren höchsten wie in ihren anspruchslosesten Werken! Die schlimmste Absicht legten mir aber nicht selten meine besten Freunde unter. Sie glaubten, in Erzählungsform beabsichtige ich – Kulturgeschichte zu geben; sie wollten den Professor retten und behaupteten, ich schreibe Novellen, um Zeiten und Sitten zu schildern! Dieser wohlgemeinte Aberglaube hat mich wahrhaft verfolgt, er hat auf meinen Novellen gelastet, allein er hat mir auch manche heitere Stunde bereitet, besonders wenn ich um die »Quellen« meiner Stoffe befragt wurde. So bat mich ein gelehrter Freund um Angabe jener (vielleicht bloß handschriftlichen?) Wetzlarer Chronik, woraus die Novelle vom »stummen Ratsherrn« geschöpft sei, die Geschichte jenes Hundes, der seinen Herrn erzogen hat. Ich mußte ihm antworten, daß jener Hund kein anderer gewesen als mein eigener ungezogener Rattenfänger, mit dessen Dressur ich mich entsetzlich geplagt habe. Ich fand aber zuletzt, daß der Hund mich viel mehr bändigte als ich den Hund. Und hiermit hatte ich einen Novellenstoff, nur ließ sich derselbe phantastischer und psychologisch reicher in der phantastischen Welt des vierzehnten Jahrhunderts ausführen als in der Gegenwart, wo wir so gute Schulen haben, daß wir einer Erziehung durch unsere Hunde kaum mehr bedürfen. Die Kämpfe reichsstädtischer Zünftler und Patrizier boten mir allerlei unerwartete Fäden der novellistischen Verwicklung; also griff ich in diese Sphäre, schlug aber wiederum nicht erst Chroniken nach, denn wer die Chronik nicht im Kopfe trägt, wer nicht lebt in den fernen Räumen der Geschichte, der kann nur hölzerne historische Novellen schreiben. Der Hund aber, welcher in keiner Chronik steht, lebt gleichfalls heute noch und liegt neben meinem Schreibtisch; er hat die Freude, sich bereits in verschiedenen Auflagen gedruckt zu sehen, aber trotzdem daß er sozusagen ein literarischer Hund geworden, war es doch nur das Alter, was ihn zuletzt gebändigt hat. So könnte ich fast Novellen über meine Novellenstoffe schreiben, und wenn ich dann eine richtig zur anderen reihte, so gäbe es ein Fragment novellistischer Selbstbiographie. Wäre ich freilich kein Professor der Kulturgeschichte, durchlebte ich nicht jahraus, jahrein unsere deutsche Geschichte, und zwar im Kreise der akademischen Jugend, so würden meine Novellen schwerlich das mannigfache historische Kolorit bekommen haben, welches sie jetzt, gut oder schlimm, auszeichnet. Der Redakteur eines geschätzten belletristischen Blattes bat mich um eine Novelle unter dem charakteristischen Beifügen: »Im buchhändlerischen Interesse wäre es uns erwünscht, wenn dieselbe in der neueren Zeit spielte.« Also fürchtet man sich vor der Geschichte? Die große Masse unserer Feuilleton-Novellistik sucht allerdings die moralische Krankenstube der vornehmen modernen Salons. Allein da ist mir die Luft zu dick. Meine Antwort lautete: »Ich bin ein geborener Rheinländer, und am Rhein gilt uns eine Gegend für gar keine rechte Landschaft, wenn nicht hinten wenigstens eine alte Burg zu sehen ist. Im Vordergrunde genießen wir dann doch die Gegenwart so fröhlich wie irgend andere Deutsche. Ich erzähle Geschichten am liebsten aus einer Zeit, die selbst bereits Geschichte geworden. Denn die Geschichte breitet Frieden und Versöhnung über den Kampf, und ich möchte nicht im Byronschen Sinne aufregen, sondern im Goetheschen anregen, wenn ich erzähle. Doch billigen Wünschen verschließe ich mich nicht. Ich habe soeben eine Novelle aus dem elften Jahrhundert in der Feder; ich will sie beiseitelegen. Geben Sie mir von heute ab fünfthalbhundert Jahr zu, dann komme ich Ihnen aus dem elften Jahrhundert gleichfalls um fünfthalbhundert Jahre entgegen, und wir treffen in der Mitte zusammen: ich will Ihnen eine Novelle aus der Zeit des Kaisers Sigismund schreiben. Höher kann ich für diesmal nicht herab.« So geschah es. Aber ich merkte doch wieder, wie tief ich in der Ecke saß. Von dieser figürlichen Ecke kehre ich wieder zu unserer wirklichen Münchener Ecke zurück. Sie besteht längst nicht mehr. Zuerst begruben wir die zwei jüngsten Frauen der Ecke, dann unsere gute alte Staatsrätin. Es kamen neue Zeiten, neue bedeutende Persönlichkeiten, welche uns nach dieser und jener Seite auseinanderzogen; Geibel ging nach Lübeck. Die Ecke ist eine verklungene Sage geworden, darum konnte ich nach meiner Art jetzt auch in einem Novellenbuch von derselben reden. Die guten Lehren, die lebendigen Anregungen der Ecke habe ich aber niemals vergessen; ja, ich glaube novellistisch sogar fortgeschritten zu sein im Geiste der Ecke. Je mehr ich innerlich erlebte Novellen schrieb, um so klarer erkannte ich, daß die Novelle nichts anderes darstellen kann als die Konflikte eines psychologischen Problems, durch eine Geschichte gelöst, in der sparsamen, knappen Kunstform des erzählenden Vortrags. Je mehr und je wahrhaftiger einer zu erzählen hat, um so weniger wird er schildern und reflektieren, um so weniger Worte wird er machen. Nun will aber niemand bloß sparsam, jeder möchte zugleich auch reich erscheinen, ja zeigen, daß er sogar ein Verschwender sein könnte, wenn er nur wollte. Das haben denn auch gute Novellisten getan: sie schrieben viele und vielerlei Novellen, da schloß sich ihr Reichtum auf. Hätte uns Boccaccio nur seine fünf besten Novellen hinterlassen, so wäre der arme Mann längst verschollen; allein er schrieb ein Buch von hundert Novellen, und das vermag nur ein reicher Mann. Unter jenen hundert ist freilich gar manche Geschichte, die wir heutzutage nur noch eine Anekdote nennen würden; denn wir fordern auch bei der knappsten Novelle doch mit Recht weit mehr Fülle und Tiefe als die alten Italiener vor fünfhundert Jahren. Allein fünfzig Novellen als Gesamtwerk, das wäre doch auch heute noch ein Wort, und der Verfasser könnte dabei zeigen, daß er nicht aus Armut sparsam im einzelnen war, sondern als ein kluger Haushalter, der seine Kapitalien ausnützt, indem er sie zusammenhält. Nachdem ich darum die wahre Natur der Novelle erkannt hatte, beschloß ich, fünfzig Novellen zu schreiben zu einem Gesamtwerk, welches eine ernste Lebensaufgabe umschlösse und auf Grund dessen man mich einen Novellisten nennen könnte. Ich habe bis jetzt vierzig Novellen – seit den Tagen der Ecke – veröffentlicht, und wenn mir Gott Kraft und Lust und Leben läßt, dann hoffe ich's auch noch auf fünfzig zu bringen. Fünfzig scheint eine große Zahl, und es steckt auch eine große Summe von Fleiß und Mühe, hoffentlich ganz unbemerkt, dahinter. Bedenkt man aber alle die Neigungen, Leidenschaften, Launen und Torheiten, welche wir Menschen uns fortwährend zu novellistischen Problemen wechselsweise entgegenbringen, dann wird sie winzig klein. Und da ich mir überdies die deutsche Kulturgeschichte eines vollen Jahrtausends als stets wechselnde Bühne für das Spiel dieser Probleme ausersehen habe, so wäre es fast möglich, ich ginge sogar noch über die karge Ziffer fünfzig hinaus. Erfindungen und Pläne hätte ich leicht für fünfhundert; allein wer nicht zehnmal mehr auszuführen im Kopfe hat, als er hinterdrein wirklich ausführt, der soll bei solchen Dingen gar nicht anfangen. Mancher wird über diese Gedanken lächeln und meinen, da stünde ich nun wieder recht wunderlich in der Ecke. Ich lächle mit – und erzähle weiter. W. H. R. Zu den Novellen »Am Feierabend« (1880) An Herrn Kapellmeister *** – – – Sie behaupten, meine Novellen seien zu kurz, und versichern mir, daß viele meiner Leser diese Ansicht teilen: – wenn man sich eben recht warm einzuleben beginne in eine Riehlsche Geschichte, dann sei die Geschichte aus. Ich glaube aber nicht, daß meine Novellen zu kurz sind, sondern daß Sie, verehrter Freund, und viele andere dieselben zu geschwind lesen. Man lese sie nur langsam, so werden sie schon länger, und wenn sie dann immer noch nicht lang genug sind, so lese man sie gleich zweimal, dann werden sie ganz gewiß lang genug. Die alten Sonatenkomponisten schrieben bei jedem Satz einer Sonate die Wiederholung vor, weil sie kurz und gedrungen arbeiteten. Die Kürze gehörte zum Wesen einer Sonate. Als die langen Sonaten kamen, war die Sonatenzeit vorbei. Heutzutage darf man keine kurzen Sonaten mehr schreiben: gottlob, daß wir noch kurze Novellen schreiben dürfen! Ich habe meine Novellen allezeit sonatenhaft knapp und gedrungen gehalten; denn eine lange Novelle ist nicht, wie manche Leute meinen, ein Roman: sie ist nur eine mißgestaltete Novelle. Es wäre in der Tat vortrefflich, wenn auch der Novellist Wiederholungszeichen setzen und da capo schreiben dürfte wie der Musiker. Eine Novelle, die man nicht zweimal lesen mag, verdient auch nicht, daß man sie einmal lese. Übrigens trägt jede Novelle doch wieder ihr besonderes Lesetempo in sich, und es scheint mir fast zweckmäßig, daß der Dichter die Tempi seiner Novellen vorzeichnete wie der Komponist die Tempi seiner musikalischen Sätze. Für den vorliegenden Novellenband mache ich folgenden Versuch: Das verlorene Paradies – Allegro con spirito. Wanda Zaluska – Larghetto. Seines Vaters Sohn – Allegro moderato e comodo. Mein Recht – Grave. Burg Neideck – Tempo di Menuetto. Der alte Hund – Andante religioso. Diese Überschriften sind nicht erst hinterdrein ersonnen; schon beim ersten Entwurf einer Novelle schwebt mir immer ein charakteristisches Tempo vor, wohl auch das Bild einer Tonart in Dur oder Moll. Bei der Gliederung der Kapitel verfahre ich architektonisch-musikalisch, als ob es Tonsätze wären, und baue den Gesamtplan am liebsten auf zwei thematische Motive, im doppelten Kontrapunkt, wie aufmerksame Leser schon längst entdeckt haben. Doch zurück zum Tempo! Der Pulsschlag des Zeitmaßes deutet in der Musik wie anderswo zugleich den Pulsschlag der Stimmung an, die das Werk durchdringt und beherrscht, und so erraten Sie denn aus jenen Überschriften nicht nur, ob Sie eine Novelle langsamer oder geschwinder lesen sollen, sondern auch, ob dieselbe Ihrer eigenen augenblicklichen Stimmung sympathisch sein dürfte oder nicht. Es wechselt in dem Buche Scherz und Ernst, lichter und dunkler Farbenton, und es wäre schlimm, wenn sechs Novellen nicht auf sehr verschiedenen Grundakkorden der Stimmung ruhten; trotzdem strebte ich, daß allen eines gemein sei: die Stimmung des heiteren Behagens, der tiefinneren Versöhnung, des reinen, klaren Abendfriedens. In diesem Sinne nannte ich das Buch: »Am Feierabend«. Nicht weil ich als Novellist nunmehr Feierabend hätte machen wollen, »Schicht machen«, wie die Bergleute sagen, – auch nicht, weil ich die sechs Geschichten so nebenher am Feierabend geschrieben hätte, wann ich eben nichts Gescheiteres zu tun gewußt, sondern weil der Friede des Feierabends in meiner Seele einzog, sooft ich die Feder zu diesen kleinen Gebilden ansetzte, und weil ich den Feierabend auch in die Seele meiner Leser tragen möchte. München, am Silvesterabend 1880. W. H. Riehl Zu den »Lebensrätseln« (1888) Dieses Buch beschließt den Zyklus meiner »Fünfzig Novellen«, die, in sieben Bänden nach und nach veröffentlicht, ein Ganzes bilden, an welchem ich zweiundvierzig Jahre lang gearbeitet habe. Ich will zuerst von dem Gesamtwerk ein paar Worte reden, bevor ich von dem vorliegenden Schlußband spreche. Mein Plan war, als Novellist einen Gang durch tausend Jahre der deutschen Kulturgeschichte zu machen, vom neunten Jahrhundert bis ins neunzehnte, und es ward mir vergönnt, diesen Gang hiermit zu Ende zu führen. Jede meiner Novellen ist für sich nur ein kleines Genrebild, aber eine jede hat ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund, und so verbinden sich alle schließlich doch zu einem großen historischen Gesamtgemälde. Vielleicht erlebe ich es noch, die sämtlichen fünfzig Novellen als ein einheitliches Werk gedruckt zu sehen unter dem Titel: »Durch tausend Jahre«. Dann werden sie vielleicht auch als ein Ganzes beurteilt werden, was ich jetzt noch niemand zumuten kann. Die Stationen meines Weges waren folgende: Älteste Zeit: Liebesbuße. König Karl und Morolf. Das Buch des Todes. Im Jahr des Herrn. Romantisches Mittelalter: Der alte Hund. Die Gerechtigkeit Gottes. Damals wie heute. Der Dachs auf Lichtmeß. Die Ganerben. Der stumme Ratsherr. Das Spielmannskind. Reformation und Renaissance: Die vierzehn Nothelfer. Vergelt's Gott. Die Lehrjahre eines Humanisten. Die zweite Bitte. Mein Recht. Jörg Muckenhuber. Wanda Zaluska. Zeit des Dreißigjährigen Kriegs: Der Fluch der Schönheit. Die rechte Mutter. Die Werke der Barmherzigkeit. Gräfin Ursula. Rokokozeit: Reiner Wein. Die Hochschule der Demut. Fürst und Kanzler. Ovid bei Hofe. Rheingauer Deutsch. Der Leibmedikus. Ungeschriebene Briefe. Amphion. Die Lüge der Geschichte. Burg Neideck. Der Hausbau. Der Stadtpfeifer. Demophoon von Vogel. Meister Martin Hildebrand. Revolutionszeit: Gespensterkampf. Der Zopf des Herrn Guillemain. Das Quartett. Die glücklichen Freunde. Trost um Trost. Neuzeit: Abendfrieden. Gradus ad Parnassum. Der verrückte Holländer. Seines Vaters Sohn. Der Märzminister. Das Theaterkind. Dichterprobe. Das verlorene Paradies. Am Quell der Genesung. In unserer Ausgabe wurden einige Umstellungen vorgenommen. Der Herausgeber. Die sieben Bände, in welchen diese fünfzig Novellen nach und nach erschienen sind, führten je ihren besonderen Titel. Auch diese Titel haben ihre kleine Geschichte, sie ergänzen und erläutern sich und bilden zusammen eine Signatur des Gesamtwerkes. Ich begann zu erzählen aus Lust am Erzählen. Dies war und blieb immer meine wichtigste »Tendenz«. Wir erzählen aber am liebsten von dem, was uns lieb ist, und lieb war mir vor allem unser deutsches Land und Volk. Darum blieb ich stets auf deutschem Boden. Das Volk ist aber niemals bloß Gegenwart; es lebt und webt unablässig im Werden und Vergehen der Geschichte, und wer sein Volk als lebendiges Ganze erfassen will, der wird ebenso fest auf die entschwundenen Geschlechter blicken wie auf das lebende; er wird selbst in der Gegenwart immer zugleich die Vergangenheit und Zukunft sehen. Die alten Romantiker flüchteten sich von der Gegenwart in eine oft nur erträumte Vergangenheit: das war beschränkt. Heute glauben viele Dichter und Künstler, die Kunst müsse die Vergangenheit fliehen, um sich ganz in die Taten und Charaktere unserer Zeit einzuspinnen: das ist ebenso beschränkt. Ich wahrte mir in diesen Novellen den größeren, freieren Horizont, indem ich die Vergangenheit unseres Volkes suchte und seine Gegenwart nicht floh. Die Personen einer jeden Novelle sind immer kulturgeschichtliche Charaktere, sie wurzeln in ihrer Zeit und in ihrem Lande. Und jede Zeit hat ihre besonderen Leidenschaften, ihr besonderes Glauben, Lieben und Hassen in und neben dem allgemein Menschlichen, ihre besonderen Konflikte, kurzum ihre besonderen Novellenstoffe und Novellenfiguren. Die erzählende wie die dramatische Dichtung wird arm und einseitig, wenn sie es aufgibt, die Kämpfe und Rätsel des Menschendaseins in jener unendlichen Mannigfaltigkeit darzustellen, wie sie durch den bewegenden Geist der Geschichtsepochen bedingt werden. Solche Einseitigkeit trachtete ich zu meiden, und in diesem Sinne habe ich den ersten Band meiner Novellen »Kulturgeschichtliche Novellen« genannt. Das war zu einer Zeit (1856), wo die Wissenschaft der Kulturgeschichte einen neuen Aufschwung nahm und wo man mich selber einen »Kulturhistoriker« zu nennen begann. Allein ich fand bald, daß jener Novellentitel mißverstanden wurde. Man suchte in meinen Novellen Kleinmalerei alter Sitten und Bräuche, Schilderung geschichtstreuester Szenerie, echtesten Kostüms, ein Museum von Privataltertümern – und gerade das alles hatte ich nach Kräften geflohen oder doch nur ganz leise angedeutet und in den Hintergrund gedrängt. Ich wollte ja erzählen, nicht schildern, und der historische Geist der Menschen war mir wichtiger als ihr Rock. Ich habe viel gesündigt, allein in der Manier der»Butzenscheiben-Novellistik« sündigte ich niemals, obwohl ich kraft meines Berufes hier die schönsten Sünden mühelos hätte aus dem Ärmel schütteln können. Um solchem Mißverständnis zu entgehen, gab ich dem zweiten und dritten Bande meiner Novellen einen ganz anderen Titel und nannte sie: »Geschichten aus alter Zeit«. In einer Geschichte soll vor allen Dingen etwas geschehen; der Gang der Handlung, die Erfindung ist die Hauptsache. Eine Geschichte soll gut erzählt werden; der gute Erzähler aber ist knapp in seinem Vortrag, er bleibt bei der Stange und schweift nicht aus in Betrachtungen und Malereien, er regt Stimmungen und Gedanken an und überläßt es dem Zuhörer, sich seine weiteren Stimmungen und Gedanken danach selbst zu machen. Ein Vortrag, entsprechend dem Stil des alten Holzschnitts, sitzt darum solchen knappen Geschichten besonders gut; deswegen wollte ich jene beiden Bände anfangs sogar »Holzschnitte« nennen, allein der Verleger fand den Titel allzu kühn. Und da mir hierbei ganz besondere Holzschnitte nach der Kunst und Art eines der edelsten und deutschesten modernen Künstler – Ludwig Richters – vorschwebten, so hatte ich meine Geschichten Ludwig Richter gewidmet. Diese »Geschichten« sind viel echtere Novellen als die vorhergegangenen »Kulturgeschichtlichen Novellen«; ja, ich war durch sie erst zum Bewußtsein der eigentlichen Novellenform gekommen. Allein statt des etymologisch nichtssagenden italienischen Namens Novelle hatte ich den bedeutsameren gut deutschen der Geschichte gewählt, der »Geschichten«, wie man sie sich am häuslichen Herde erzählt. Hiermit wurde ich wiederum erst recht mißverstanden. Es wäre ja auch höchst langweilig in dieser Welt, wenn sich die Menschen nicht fortwährend mißverständen. Manche Leser glaubten, die »Geschichte« solle eine novellistische Kleinigkeit, eine Bagatellnovelle bezeichnen, etwa wie man die Sonatine neben und unter die Sonate stellt. Andere faßten im Gegenteil den Titel viel zu feierlich und meinten, historische Tatsachen, welche ich in Chroniken und Archiven aufgespürt, seien der Kern meiner Geschichten, und manche wünschten wohl gar einen Anhang von Quellenbelegen, indes doch die meisten und besten Quellen nur in meinem Kopf zu suchen waren. Trotzdem hätte ich auch zahlreiche und mitunter recht interessante literarische Quellenzitate beifügen können; ja zu den sämtlichen fünfzig Novellen ließe sich leicht ein ganzer Band voll solcher gelehrter Hobelspäne zusammenbringen. – Ich werde mich wohl hüten, dies zu tun. Um die falschen Auffassungen der »Geschichten« zu zerstreuen, nannte ich den vierten Band kurzweg »Neues Novellenbuch«, mit vollstem Akzent auf der »Novelle«. Ich hielt damals einen Vortrag »Novelle und Sonate«, der im zweiten Band meiner »Freien Vorträge« abgedruckt ist und in welchem ich das Wesen der Novelle durch das geist- und formverwandte Wesen der Sonate zu erläutern suchte. Dies war wiederum verkehrt: um das Bekanntere klarzustellen, verglich ich es mit dem Unbekannteren. Denn es gibt heutzutage doch viel mehr Leute, welche wissen, was eine Novelle, als solche, die da wissen, was eigentlich eine Sonate ist. Und zwar wissen letzteres unsere Sonatenkomponisten oft am allerwenigsten, sonst machten sie ihre Sonaten nicht so lang und breit. Der fünfte Band trägt die Aufschrift: »Aus der Ecke«. Ich zeigte in dessen Vorwort, wie ich novellistische Schule gemacht habe in dem fröhlichen Verkehr eines künstlerischen Freundeskreises, der sich »die Ecke« nannte, und wie ich den eigensten Inhalt meiner Novellen, gleichviel in welchem Jahrhundert sie spielen, zuletzt doch aus meinen persönlichsten Erlebnissen geschöpft habe als ein Mann, der am liebsten behaglich in seiner Ecke steht und von dort frei hinausblickt in das Getümmel der Welt. Als Novellist muß ich nämlich immer versichern, daß ich kein Professor bin, und als Professor, daß ich kein Novellist bin. Zu Schillers Zeiten wären dergleichen Verwahrungen noch überflüssig gewesen. Der Titel des sechsten Bandes »Am Feierabend« tritt ergänzend zu dem vorigen. Ich erzählte alle meine Novellen in Feierabendstimmung und wünsche, daß sie diese Stimmung beim Leser erwecken möchten. Ich huldige nämlich der seltsamen Ansicht, daß die Kunst uns mit uns selbst und mit Gott und der Welt versöhnen solle, indem sie uns in allen Dissonanzen des Lebens doch zuletzt die hohe Harmonie von Gottes schöner Welt zu Gemüte führt, daß sie also nicht berufen sei, uns niederzudrücken, indem sie uns quält, sondern uns zu erheben, indem sie uns erfreut. Wir stehen, leben und weben in unserem Volke und in der Zeit, und so zeichnete ich die Einzelcharaktere und ihre Schicksale in ihrem Zusammenhange mit dem Volkscharakter und der historischen Epoche. Aber jedes kleinste Menschendasein gehört auch der ganzen Welt und allen Zeiten, denn es steht inmitten der großen göttlichen Weltordnung, die uns in den Geschicken unseres eigenen kleinen Daseins gerade als das größte Rätsel erscheint. Mögen wir die heiterste oder die ernsteste Geschichte in uns selbst erlebt oder bei anderen beobachtet haben, mag sie zu komischem oder zu tragischem Schlusse führen: – der Zufall hatte doch immer seine Hand im Spiel. Der Zufall! Ein religiöses Gemüt kennt keinen Zufall, denn der Zufall ist ihm gerade das Notwendigste, über unserem freien Willen stehend – im Willen Gottes –, das kleine Rätsel im großen Welträtsel. Und so gibt jede echte Novelle bei aller klarsten Lösung der psychologischen Probleme – gleichviel ob sie mit unseren Grillen und Launen spielt oder die dämonischen Tiefen der Leidenschaft enthüllt – dem Leser doch immer zugleich ein Lebensrätsel auf. In diesem Sinne wählte ich den Titel dieses letzten Bandes und schloß das Gesamtwerk, welches den Leser durch tausend Jahre führt, mit einer Rittergeschichte, die aber heute wie gestern, die zu allen Zeiten spielt; sie heißt: »Die Gerechtigkeit Gottes«. Starnberg , am 11. August 1888. W. H. R. Nachwort des Herausgebers Wilhelm Heinrich Riehl wurde am 6. Mai 1822 zu Biebrich am Rhein geboren, wo er sorglose Jugendjahre verbrachte und von wo aus er später täglich die fünf Viertelstunden entfernte Lateinschule in Wiesbaden besuchte, bis er auf das Gymnasium in Weilburg an der Lahn übersiedelte. Das Erlebnis der heimatlichen Landschaft gehört für Riehl zu den unverlierbarsten und eindringlichsten seiner Lebenserfahrungen überhaupt. Obwohl er später jahrzehntelang in München gelebt hat, spielen doch die allermeisten und – was wichtiger ist – die schönsten und innerlichsten seiner Novellen in der ihm von Kindheit an vertrauten Landschaft: in Biebrich und Mainz, in Wetzlar und Weilburg, im Taunus und Westerwald, am Rhein und an der Lahn. Es ist darüber hinaus für diesen heimatverbundenen Menschen charakteristisch, daß er überhaupt in keiner seiner Erzählungen den Volksdeutschen Boden verläßt, ja daß selbst die räumlich fernsten, volksmäßig fremdesten Schauplätze seiner Novellen (»Wanda Zaluska« und »Trost um Trost«) doch noch im auslanddeutschen Baltikum gelegen sind. Wie wenig dem Dichter dabei die Landschaft jemals bloß Hintergrund für seine jeweilige Erzählung gewesen ist, sondern wie sehr sie ihm immer Atmosphäre und seelisches Erleben bedeutet; beweist wohl am besten die Novelle »Abendfrieden«, in der die Biebrich-Wiesbadener Landstraße gewissermaßen als lebendige, mithandelnde Person auftritt. Obwohl Riehl während seiner Studentenzeit im Gegensatz zu manchem seiner Kommilitonen nie über die Mittel zu großen Reisen verfügte, hat er sich doch durch zahllose Wanderungen in der näheren Umgebung der Universitätsstädte Marburg, Tübingen und Bonn schadlos gehalten und durch Eindringlichkeit und Innerlichkeit seiner Beobachtungen genügend Anregungen empfangen, die für sein späteres Schaffen von größter Bedeutung waren. So geht auf eine Erinnerung an eine Wanderung von Bonn aus heimwärts die packende Schilderung der großen Rheinüberschwemmung zwischen Andernach und Koblenz im »Meister Martin Hildebrand« zurück. Neben der als Jugend- und Heimaterlebnis bewahrten Landschaft tritt in den Novellen Riehls nur einmal eine erst in den Mannesjahren erfahrene Umwelt in Erscheinung: im »Verlorenen Paradies« schildert Riehl aus der Perspektive des Gasthofs und des Vortragssaales eine der durch Industrie, Ruß und Übervölkerung unruhigen und unschönen Städte des westdeutschen Kohlen- und Eisengebiets. Wir wissen, daß Riehl in zahlreichen deutschen Städten Hunderte von Wandervorträgen gehalten hat, so daß die Anschaulichkeit der Schilderung auch in dieser Novelle verständlich wird. Und doch ist es bezeichnend, daß der Dichter in diesem besonderen Falle, wo er nicht aus dem Erlebnis der Jugend schöpft, uns eine widerspruchsvolle, durch die Technik entartete Natur vorführt, gewissermaßen die Kontrastlandschaft zu dem Paradies seiner Heimat. Wenn schon die unbelebte Natur mit solcher Erlebnisstärke im Werke Riehls wiedergegeben ist, um wieviel nachhaltiger muß erst der Eindruck menschlicher Persönlichkeiten auf den Dichter sich ausgewirkt haben. Zwei Männer haben auf den Knaben den stärksten Einfluß ausgeübt: sein Großvater mütterlicherseits, Johann Philipp Giesen, und Riehls eigener Vater. Jener, ursprünglich ein Schulmeister, dann herzoglich-nassauischer Haushofmeister in Biebrich, war ein streng-religiöser, naturliebender Mann, der dem Enkel durch zahllose Spaziergänge in der Umgebung Biebrichs und durch den sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes in der Dorfkirche zu Mosbach die Liebe zur Natur, eine ausgeprägte Wanderlust und innerliche Religiosität eingepflanzt hat. Noch entscheidender hat jedoch der Vater den Sohn beeinflußt. Dieser war ein begabter, vielseitiger, aufgeschlossener Mann, der zwar das Weilburger Gymnasium bis zur Abschlußprüfung besuchte, wegen der Armut seiner Eltern aber doch nur das Tapeziererhandwerk erlernen konnte. Der Beruf, der ihn nicht befriedigt, weite Reisen und die weltanschaulichen Nachwirkungen der Französischen Revolution machen ihn zu einem kenntnisreichen und strebsamen, aber eigenwilligen und innerlich rastlosen Menschen. Daran vermag auch seine Ernennung zum Schloßverwalter des Herzogs von Nassau in Biebrich nichts zu ändern. War er auch jahrelang der einflußreichste und vielleicht sogar der gebildetste Mann an dem kleinen Hofe, so vermochte er sich doch auf die Dauer nicht genügend anzupassen und wurde nach mancherlei Reibungen mit anderen Hofbeamten schließlich durch die Ernennung zum Verwalter des – unbewohnten – Weilburger Schlosses kaltgestellt. Hier hat der tief verwundete Mann dann durch Selbstmord geendet. Die Persönlichkeit des Vaters ist zweifellos von stärkstem Einfluß auf den Menschen und auch auf den Dichter Riehl gewesen. Geerbt hat er vom Vater die musikalische Begabung, das Verständnis für die Kunst, den Sinn für große Zusammenhänge, kurz alles, was ihn später zum Gelehrten und Kultur-Historiker werden ließ. Darüber hinaus hat ihn aber das Verhältnis zu seinem Vater innerlich immer wieder beschäftigt und zu dichterischer Gestaltung gedrängt Es ist kein Zufall, daß bei Riehl so oft Väter geschildert werden, die, innerlich unbefriedigt, ihr unerreichtes Lebensziel in ihren Söhnen verwirklicht sehen möchten; erinnert sei an die Novellen »Der Stadtpfeifer« und »Seines Vaters Sohn«. Ja, vielleicht wirkt sich das Erbe dieser unausgeglichenen Zwiespältigkeit des Vaters noch aus in der so wundervoll ausgeglichenen Zwiespältigkeit des Sohnes: in dem berühmten antithetischen Wort- und Gedankenspiel seiner Novellen. Abgesehen von den Beziehungen zu Blutsverwandten hat Riehl auch eine starke Empfänglichkeit für menschliche Begegnungen mit ihm bis dahin ganz Fremden bewiesen. Es läßt sich heute das lebendige Urbild so mancher seiner Novellengestalten nicht mehr nachweisen; vorhanden ist ein solches gewiß häufig. Denkwürdig ist vor allem das Zusammentreffen des Knaben Riehl mit dem greisen Walter Scott, wie es im »Abendfrieden« so anmutig geschildert ist. Hier berühren sich nicht nur zwei literargeschichtliche Epochen, sondern hier wird darüber hinaus unmittelbar und überaus liebenswürdig die sehr spezielle literarische Beeinflussung eines noch ganz jugendlichen Dichters durch das große Beispiel eines Meisters gezeigt: wie der wahllos-üppige, noch durchaus kindliche Fabuliertrieb des einen sich läutert zur bewußt an dem großen Vorbild des anderen sich schulenden Nachahmung. Weniger für den Dichter als für den Kulturhistoriker bedeutsam ist der Einfluß Ernst Moritz Arndts und Dahlmanns gewesen, die er beide in Bonn als Student gehört hat. Bis zu einem gewissen Grade wird es auf den Einfluß dieser Männer zurückzuführen sein, daß Riehl nach einem sechssemestrigen Studium (1844) sich innerlich unbefriedigt von der Theologie abwandte, um sich vielmehr »dem Studium des deutschen Volkes und seiner Gesittung« zu widmen, womit er seinem Leben die entscheidende Richtung gab. Dieser Entschluß bedeutete gleichzeitig für den ziemlich mittellosen Studenten die Aufgabe der wirtschaftlich gesicherten Berufslaufbahn als Pfarrer und die Hinwendung zu dem gewagten Dasein eines freien Schriftstellers. Endlich muß noch eines Kreises von Männern gedacht werden, die vor allem auf Riehls Entwicklung als Dichter von entscheidendem Einfluß gewesen sind und denen er im Vorwort zu seinem Novellenbande »Aus der Ecke« so warme Worte der Erinnerung gewidmet hat: Paul Heyse, Emanuel Geibel und Adolf von Schack, mit denen er lange Jahre in München in engstem geistigem Austausch gestanden hat. Er bekennt, hierbei erst das »Wesen und Kunstgeheimnis der Novelle« erfaßt zu haben. Man darf dieses Bekenntnis jedoch nicht in dem Sinne auslegen, daß Riehl auf diese Weise etwa eine fertige Doktrin über die Theorie der Novelle übernommen habe, sondern es geht vielmehr für ihn aus dem persönlichen, menschlich-fruchtbaren Verkehr mit Gleichgesinnten eben auch eine neue praktische Erkenntnis über allgemeine Fragen und Zusammenhänge des Lebens und der Kunst hervor. Das »zufällige« Ereignis des Zusammentreffens mit Heyse und Geibel ist für ihn zu einem »Erlebnis« geworden, indem es seine produktiven Kräfte geweckt hat. Nicht nur die landschaftliche Herkunft und die Menschen unseres Umgangs entwickeln unseren Charakter; mehr noch formen uns die Geburtsstunde und die Weltereignisse, in die wir durch diese hineinwachsen. Für Wilhelm Heinrich Riehl bedeuten diese Zeitumstände weder im kulturellen noch im politischen Sinne etwas Umwälzendes. Es ist das Europa der Restauration und des Biedermeiertums, in dem er aufwächst, und die einschneidendsten politischen Ereignisse seiner Jugendjahre bestehen in den Besuchen auswärtiger Fürstlichkeiten an dem kleinen Hofe in Biebrich (wie dem der Großfürstin Helene, der in »Seines Vaters Sohn« erwähnt wird). Aus diesem von Jugend auf gewohnten Anschauungskreis mag die besondere Vorliebe des Dichters für die Schilderung des Lebens an den kleinen Höfen deutscher Duodezfürsten stammen (»Die zweite Bitte«, »Fürst und Kanzler«, »Ovid bei Hofe«, »Der Leibmedikus« u. a.). Der Jüngling hatte selbst seine innere Revolution bereits überwunden – die Aufgabe des Theologiestudiums 1844 –, war selbst bereits zu festen Lebenszielen und einer ausgeprägten Weltanschauung herangereift, als eine äußere Revolution in Deutschland alles Bestehende von Grund auf zu wandeln schien: die deutsche Erhebung von 1848. In zwei Novellen finden wir den dichterischen Nachklang dieser bewegenden Zeit: im »Theaterkind« und im »Märzminister«. In jener Novelle, die in allem, was Riehl selbst betrifft, durchaus autobiographische Gültigkeit besitzt (Riehl hat tatsächlich drei Jahre lang das Wiesbadener Hoftheater ehrenamtlich mitgeleitet), bekennt sich der Dichter als konservativ und als Gegner der Revolution aus innerster Überzeugung; im »Märzminister« dagegen verspüren wir die gleiche Gesinnung aus der feinen Ironie, mit der die »Volksmänner« und »Aufrührer« so liebenswürdig geschildert sind. Trotzdem ist Riehl durchaus nicht etwa ein »Reaktionär« gewesen, kein Mensch also, der aus Sturheit des Geistes oder gar zur Wahrung eigenen Vorteils an dem Vergangenen festhält und das Neugeschaffene haßt. Riehl besitzt – wie alle Menschen mit der Fähigkeit, intensiv zu erleben – die Gabe, organisch denken zu können. Er weiß, daß alles Bestehende notwendig sich wandelt, aber dieser Wandel muß natürliches Wachstum bedeuten, nicht gewaltsamen Umsturz. So ist die Einstellung Riehls zur Französischen Revolution von 1789 sehr bezeichnend. In jenen Novellen aus der »Rokokozeit«, in denen in irgendeiner Weise auf die bevorstehende Revolution angespielt wird, betont der Dichter die historische Notwendigkeit dieser Wandlung (am deutlichsten in der Lebensgeschichte des Hunde-Adam in »Ovid bei Hofe«); in allen Novellen dagegen, welche die »Revolutionszeit« selbst zum Hintergrunde haben, lehnt er die tatsächlich vollzogene Wandlung als gewaltsam und gekünstelt ab, am überzeugendsten wohl im »Zopf des Herrn Guillemain«, einer der tiefsinnigsten deutschen Novellen überhaupt. Riehl kennt von seiner historisch-volkskundlichen Forschung her nur zu genau die ewigen blutmäßigen und naturverbundenen Grundlagen für das Dasein jeder menschlichen Gemeinschaft, wie auch der »Staat« eine darstellt, als daß ihm das Experimentieren mit nicht-lebensfähigen, wenn auch noch so schönen Utopien zusagen könnte. Riehl ist in keiner Weise das, wozu gerade die Idealisten und Theoretiker seiner Zeit so stark neigten: er ist nicht Liberalist. Dieser Umstand hat gewiß seine literarische Nachwirkung beeinträchtigt; denn weltanschaulich, wenn auch nicht politisch, hat eben doch damals der Liberalismus gesiegt und sich fast drei Generationen hindurch behauptet. Wohl deshalb hat der »liberalere« Gustav Freytag einen so viel merkbareren Nachruhm geerntet, wohl deshalb ist Riehl so lange nahezu totgeschwiegen worden: jener entsprach der herrschenden politischen Strömung, dieser war »unzeitgemäß«. Trotzdem ist auch Riehl kein »Romantiker« mehr. Gewiß ist er weltanschaulich zutiefst der deutschen Romantik verpflichtet, wie übrigens immer wieder gerade die besten Kräfte des 19. Jahrhunderts von dieser großen Tradition zehren. Seine Werke aber sind frei von den Übersteigerungen des romantischen Unendlichkeitssehnens, das nur allzuoft an der Vollendung hinderte: sie sind alle so in sich geschlossen und abgerundet, so handwerklich-sauber, daß Riehl hier durchaus als »Realist« erscheint, d.h. als Mensch, der die Welt und also auch die Welt seiner Kunst als Tatsache hinnimmt und meistert. In Riehl vereinigt sich die romantisch-intuitive Weltschau mit einer durchaus realistisch-sachlichen Gestaltungskraft. Ähnlich wie die landschaftliche Umgebung des Mannesalters sich im dichterischen Schaffen Riehls so viel weniger spiegelt als die der Jugend, ähnlich sind auch die Zeitereignisse der späteren Lebensjahre auf die innere Gestaltung seiner Novellen fast ohne jeden Einfluß geblieben. Nach jahrelangem Wirken als freier Schriftsteller übersiedelte Riehl 1854 auf einen Ruf König Maximilians II. nach München, wo ihm eine Honorarprofessur für »Staatswissenschaft, Staatskunst, Gesellschaftswissenschaft, Volkswirtschaft und Kultur und Staatengeschichte« übertragen wurde. Gleichzeitig übernahm er erst die teilweise, dann die gesamte Redaktion der »Neuen Münchener Zeitung«. Seitdem ist er München treu geblieben. Hier wurde er 1859 ordentlicher Professor der Kulturgeschichte und Statistik, hier erhielt er das Amt eines Direktors des Bayrischen Nationalmuseums und Generalkonservators der Kunstdenkmäler und Altertümer Bayerns; hier ist er am 16. November 1897 gestorben. Wenn man das Leben Riehls von rückwärts her gewissermaßen als ein abgeschlossenes Kunstwerk betrachtet, so erscheint nichts darin überflüssig, zufällig oder besser gesagt: – unverwertet geblieben. Die Heimat, aus der er stammt, die Menschen, denen er begegnet, die Zeitumstände, in die er gestellt ist, dies alles wird ihm zu wirkender, anspornender, schöpferischer Kraft. Es gibt Menschen, die – rein quantitativ gesehen – ungeheuer viel erlebt haben, die halbe Welt bereist, an den aufregendsten Zeitereignissen teilgenommen, die bedeutendsten Mitlebenden gesprochen haben und die dennoch in Wahrheit nichts von alledem erlebnismäßig verarbeitet, die nichts aus alledem für ihr eigenes Reifen gewonnen haben. Umgekehrt findet man Menschen, deren Lebensschicksale sich in einem äußerlich bescheidenen Rahmen abgespielt haben und denen dennoch jede unbedeutendste Ortsveränderung, jede geringfügigste Tagesneuigkeit, jede zufälligste Begegnung zu einem innerlich fruchtbaren, weiterwirkenden Erlebnis geworden ist; denn als Erlebnis gilt uns stets dann ein äußeres Ereignis, wenn es unsere eigenen produktiven Kräfte weckt. Wilhelm Heinrich Riehl gehört zu jenen Menschen, die weder ihrem Geburtsort noch ihrer Geburtsstunde noch ihrem ganzen Lebenslaufe nach irgendwie durch eine besondere Fülle farbenreicher, aufregender oder erschütternder äußerer Geschehnisse begünstigt waren. Er gehört aber gleichzeitig zu jenen Menschen, die auch aus dem scheinbar Kleinsten und Zufälligsten etwas für ihre eigene seelische Entwicklung Entscheidendes herauszuholen gewußt haben, was vor allem für die Erlebnisse seiner Jugendzeit gilt, die ihn am nachhaltigsten beeinflußt haben. Es kommt nicht auf die Menge, die Unterschiedlichkeit, die Bedeutsamkeit des objektiven Geschehens an, in das ein Mensch gestellt ist, sondern es kommt allein auf die innere Kraft des Individuums an, ob es aus allem, was ihm als Ereignis entgegentritt, den letzten Rest an erlebbarem, fruchttragendem Inhalt herauszuholen versteht. Dies aber hat Riehl vermocht; darin besteht seine menschliche und dichterische Schöpferkraft. Wenn wir bisher die Stärke der Persönlichkeit Riehls in der besonderen Fähigkeit erblickten, äußere Ereignisse in fruchtbare innere Erlebnisse zu verwandeln, so müssen wir nunmehr unseren Blick auf eine ganz andere Fähigkeit dieses Dichters richten: auf die Fähigkeit nämlich, alle seine Erlebnisse von einem einheitlichen Mittelpunkte aus aufzunehmen und zu verarbeiten. Was auch immer Riehl dachte, empfand, durchlebte, nie berührte es einen Teilbezirk seines Wesens, sondern stets erfaßte es die ganze, ungeteilte Kraft seiner Seele. Es ist deshalb irreführend, wenn man – wie es übrigens auch oben geschehen ist – von dem »Wissenschaftler« Riehl, von dem »Dichter« Riehl und wohl gar von dem »Musiker« Riehl zu sprechen unternimmt, gleich als ob man den einheitlichen Menschen gewissermaßen in drei Teilfunktionen seiner innersten Welterkenntnis zerlegen könnte. Wir haben uns leider seit der Mitte des 19. Jahrhunderts infolge der zunehmenden Spezialisierung und Technisierung unserer Welt nur allzusehr an diese Auseinandergliederung des einheitlichen Mensch-Seins in Einzeltätigkeiten und Einzelbegabtheiten gewöhnt. Wir finden seitdem immer mehr Menschen, bei denen Privatleben und Beruf, Liebhaberei und Lebensaufgabe, Leidenschaft und Pflicht streng getrennte Gebiete darstellen, die einander vielleicht insofern ergänzen, als man das eine zur »Entspannung« von den Mühen des anderen benötigt, die aber auf alle Fälle zueinander in ausgesprochenem Gegensatze stehen. Wir haben uns daran gewöhnt, daß ein berühmter Arzt »nebenbei« meisterhaft Klavier spielt oder daß ein bekannter Jurist mit feinster Kennerschaft Kunstwerke sammelt, ohne daß wir irgendwie erwarten, daß diese Liebhabereien etwas mit den sonstigen beruflichen Aufgaben des betreffenden Mannes zu tun haben. Ja, es erscheint uns beinahe unerlaubt, aus der genießerischen Muße einer Liebhaberei einen erwerbsmäßigen Nutzen ziehen zu wollen. Und doch befinden wir uns dabei auf gefährlichem Wege, denn wir betrügen uns damit gerade um das Köstlichste im Leben: um die Einheitlichkeit der Welterfassung! Was wir nicht mit der vollsten Hingabe unserer Seele treiben, bleibt doch nur Stümperei, so pflichtgemäß es auch erfüllt werden mag, und eine Leidenschaft, die nicht im tiefsten Grunde einer höheren Verpflichtung unseres Daseins untergeordnet ist, käme doch nur unerlaubter Ausschweifung gleich. Die Kunst, seine Liebhabereien zu einem Lebensberufe zu machen, aus Leidenschaft heraus seine Pflicht zu erfüllen, hat selten jemand so gut verstanden wie Wilhelm Heinrich Riehl. Es gibt ein berühmtes Wort von ihm, das wohl in jeder seiner Lebensbeschreibungen auftaucht. Er hat einmal gesagt: »Ein jeder Mensch reitet seine Steckenpferde; ich habe deren drei: Musik machen, Novellen schreiben und große Fußmärsche unternehmen.« Die eigentliche Bedeutung dieses Wortes erkennt man jedoch erst dann, wenn man weiß, daß in diesen »Steckenpferden« sich der tiefste Lebensdrang und Erkenntnistrieb Riehls ausgewirkt hat, daß sie als gleichwertig neben seiner wissenschaftlichen Lebensaufgabe zu stehen haben, ja daß sein Beruf als Kulturhistoriker sich erst aus diesen Liebhabereien herleitet. Riehl ist von Jugend auf ein großer Fußwanderer gewesen, ja er bedeutet in der Tradition des deutschen Reisens wohl einen der mächtigsten Verbindungspfeiler zwischen der »romantischen Reise« des beginnenden 19. Jahrhunderts und den »Fahrten« des »Wandervogels« vom Beginne des 20. Das dichterische Selbstzeugnis finden wir – sehr andeutungsweise – in den »Glücklichen Freunden«, besser noch in der »Dichterprobe«. Für Riehl ebenso wie für die Romantik und die Jugendbewegung ist das Reisen das ursprünglichste und wichtigste Mittel zur Welteroberung und Lebens»erfahrung« (im eigentlichsten Wortsinn), ja er selbst bekennt einmal, er habe sich sein ganzes kulturhistorisches und volkskundliches Wissen im wesentlichen »erwandert«. Wie groß aber dieses Wissen gewesen ist, geht aus dem Zeugnis Wolfgang Menzels hervor: »Niemand war volkskundiger als Riehl.« Ebenso ist die Musik für Riehl nicht Liebhaberei müßiger Stunden, sondern tiefstes Grundelement seines Wesens. So dringt ihm das Musikalische ganz unvermerkt auch in das Literarische: nicht nur, daß er eine große Anzahl von Musikernovellen geschrieben hat, in denen die Musik rein stofflich die gesamte Handlung beherrscht (Amphion, Demophoon von Vogel, Das Quartett, Gradus ad Parnassum u.a.); auch ihrem innersten Aufbau nach sind seine Novellen vom Geiste der Musik durchtränkt, sie sind »sonatenhaft knapp und gedrungen gehalten«, sie sind »architektonisch-musikalisch« gebaut, »als ob es Tonsätze wären«, »am liebsten auf zwei thematische Motive, im doppelten Kontrapunkt«. Ja, er hat versucht, in einem seiner Novellenbände (»Am Feierabend«) für jede Erzählung ein eigenes musikalisches »Lesetempo« anzugeben. So ist ihm auch seine dichterische Arbeit nicht eine spielerische Liebhaberei, die er zur Entspannung von ernster Berufsarbeit »nebenher« betreibt, sondern sie gilt ihm durchaus als »ernste Lebensaufgabe«, als völlig gleichwertig seiner kulturhistorischen Forschung. Immer wieder verwahrt er sich gegen die falsche Einschätzung seiner dichterischen Arbeit; noch im Vorwort zum letzten seiner Novellenbände, den »Lebensrätseln«, sagt er: »Als Novellist muß ich nämlich immer versichern, daß ich kein Professor bin, und als Professor, daß ich kein Novellist bin. Zu Schillers Zeiten wären dergleichen Verwahrungen noch überflüssig gewesen.« Nichts ist charakteristischer für jenes einem unfruchtbaren Spezialistentum verfallene 19. Jahrhundert als dieser Stoßseufzer, der so wehmütig der großen klassischen Zeit des deutschen Geistes gedenkt, da der Fachmann noch nicht den weltoffenen Sinn des allseitig Beschlagenen unterdrückt hatte! Ähnlich ist auch die ausgesprochene Geringschätzung und Verspottung des einseitigen, alleswissenden und doch weltanschaulich und charakterlich ungefestigten Fachmannes zu verstehen, wie er uns in der Gestalt des »Lords« im »Theaterkind« entgegentritt. W. H. Riehl ist in allem, was er tut, ein durchaus intuitiver Geist. Er läßt sich nicht leiten von logischen Gedankenketten oder intellektuellen Grübeleien, sondern er folgt dem ursprünglichen und unreflektierten Antrieb seiner Stimmung und seines Gefühls. Gerade dadurch dringt er auf dem Gebiete des Irrationalen besonders tief, denn gerade hier würde ihn die bloße Verstandesanwendung doch nicht zum Ziele führen. So hat Riehl als Kulturhistoriker und Volkskundler Zusammenhänge erkannt und neue Gebiete erschlossen, die sonst vielleicht noch heute im Dunkeln lägen. Dieselbe Intuition aber, derselbe ursprüngliche Antrieb ist es, der ihn zur Dichtung führt. Für Riehl sind wissenschaftliche Prosa und Novelle durchaus gleichwertige und doch durchaus verschiedene, völlig selbständige Mittel zur Erfassung der Welt. Riehl weiß, daß die Novelle an ein durchaus eigenes Formgesetz gebunden ist, daß er in der Novelle durchaus anderes mit durchaus anderen Mitteln sagen muß als in seiner wissenschaftlichen Forschung und daß doch seine Novelle als gleichberechtigt und gleich wertvoll neben seiner Wissenschaft bestehen wird. Diese Erkenntnis hat ihn davor bewahrt, dem literarischen »Professorenroman« des 19. Jahrhunderts zu verfallen. Riehl hat sich nicht wie so mancher seiner Zeitgenossen dazu verführen lassen, einen angehäuften Wust historischen »Materials« neben dem rein fachlichen Verwendungszweck nun auch noch literarisch auszuschlachten; davor bewahrte ihn schon seine durchaus lebendige und gegenwartsnahe Geschichtsauffassung: »Das Volk ist niemals bloß Gegenwart; es lebt und webt unablässig im Werden und Vergehen der Geschichte, und wer sein Volk als lebendiges Ganze erfassen will, der wird ebenso fest auf die entschwundenen Geschlechter blicken wie auf das lebende; er wird selbst in der Gegenwart immer zugleich die Vergangenheit und Zukunft sehen.« So lehnt er mit sicherem Instinkt für das dichterisch Echte jene Hauptsünde seiner schriftstellernden Zeitgenossen bewußt ab: die berüchtigte Butzenscheibennovellistik. Er sagt selbst darüber: »Man suchte in meinen Novellen Kleinmalerei alter Sitten und Bräuche, Schilderung geschichtstreuester Szenerie, echtesten Kostüms, ein Museum von Privataltertümern – und gerade das alles hatte ich nach Kräften geflohen oder doch nur ganz leise angedeutet und in den Hintergrund gedrängt. Ich wollte ja erzählen, nicht schildern, und der historische Geist der Menschen war mir wichtiger als ihr Rock. Ich habe viel gesündigt, allein in der Manier der ›Butzenscheibennovellistik‹ sündigte ich niemals, obwohl ich kraft meines Berufes hier die schönsten Sünden mühelos hätte aus dem Ärmel schütteln können.« So geht man auch völlig fehl, wenn man annimmt, daß Riehl seinen Novellen eine bestimmte, etwa durch eine alte Chronik überlieferte historische Begebenheit zugrunde gelegt habe, vielmehr hat der Dichter die Motive seiner Erzählungen fast durchweg selbst erfunden. Er wendet sich in dem Vorwort eines Novellenbandes ausdrücklich gegen diejenigen, die »wohl gar einen Anhang von Quellenbelegen wünschten, indes doch die meisten und besten Quellen nur in meinem Kopf zu suchen waren«. An anderer Stelle erzählt er: »So bat mich ein gelehrter Freund um Angabe jener (vielleicht bloß handschriftlichen?) Wetzlarer Chronik, woraus die Novelle vom ›stummen Ratsherrn‹ geschöpft sei, die Geschichte jenes Hundes, der seinen Herrn erzogen hat. Ich mußte ihm antworten, daß jener Hund kein anderer gewesen als mein eigener ungezogener Rattenfänger, mit dessen Dressur ich mich entsetzlich geplagt habe. Ich fand aber zuletzt, daß der Hund mich vielmehr bändigte als ich den Hund.« Absichtlich »schlug Riehl nicht erst Chroniken nach, denn wer die Chronik nicht im Kopfe trägt, wer nicht lebt in den fernen Räumen der Geschichte, der kann nur hölzerne historische Novellen schreiben«. Die Novelle ist also keineswegs für Riehl eine Art historischer Hilfswissenschaft, sie folgt vielmehr als selbständige Kunstform ihrem eigenen Gesetz. Worin aber besteht dies? Auch für Riehl ist das Grundelement der Novelle die »ungeheure Begebenheit«. Eine Novelle besteht für ihn aus Handlung. Diese aber – und das ist das entscheidendste Merkmal der Riehlschen Novelle – muß in der knappsten, zielstrebigsten Weise gefaßt sein. Am eindeutigsten spricht er sich darüber in einer seiner eigenen Novellen aus, im »Hausbau«: »Es ging in ihrem Verkehre zu wie in einer echten Novelle: Es ward nur schlechtweg erzählt, sie wühlten nicht in Gefühlen, grübelten und predigten nicht ...« Oder an anderer Stelle: »Die ›Geschichte‹ mahnt nämlich, daß fort und fort etwas geschehe, daß nicht die Reflexion, sondern die Tat den Knoten schlinge und löse und daß die Lust am Erzählen nicht von der verführerischen Lust des Grübelns und Schilderns überwuchert werde.« Diese Erkenntnis hat Riehl vor mancher Weitschweifigkeit und mancher Gefühlszerfaserung bewahrt, wie sie uns bei Gustav Freytag begegnet, der die Romanform bevorzugte. Auf der anderen Seite zwang diese Erkenntnis Riehl zur schärfsten Selbstzucht und zur äußersten Sammlung: Es ist bei weitem schwerer, mit wenigen Worten viel als mit vielen Worten wenig zu sagen. Riehl hat diese Kunst auch nicht von Anfang an vollständig beherrscht. Er neigt in seinen beiden frühesten Novellen, die er in seine Sammlung aufgenommen hat, dem »Stadtpfeifer« und »Meister Martin Hildebrand« (beide 1847), noch zur romanhaften Entwicklungsgeschichte, aber schließlich bricht doch auch in ihnen die »ungeheure Begebenheit« immer wieder beherrschend durch (Das Konzert in Hemdärmeln, die Rheinüberschwemmung); – Riehl war eben ein geborener Novellist. Was hat aber Riehl zu einem Meister der Novelle gemacht? Das ist zunächst sein Reichtum an »Motiven«. Nur die wenigsten Dichter sind groß im Erfinden von Stoff und Handlung; gar häufig übernehmen sie ihre Motive von anderen, nur allzuoft wiederholen sie sich selbst, – ein Vorwurf, von dem selbst ein Dichter vom Range Theodor Storms nicht ganz freizusprechen ist. Riehl hat die Grundmotive der Handlung in nahezu seinen sämtlichen fünfzig Novellen selbständig entworfen, und dabei wiederholt er sich kaum einmal, sondern ist immer wieder überraschend neu. Originalität der Erfindung ist die unübertroffene Stärke dieses Dichters, der damit einer der ursprünglichsten Fabulierer in der deutschen Dichtung überhaupt genannt werden kann. Nur ein durchaus geistvoller und dabei sehr eigenwilliger Kopf konnte diese erstaunliche Fülle spannungsgeladener Motive ersinnen, die uns – immer wieder neu, immer wieder überraschend – entgegentreten. Selbstverständlich kann man auch in den Riehlschen Novellen – und dies scheint eine Einschränkung des eben Gesagten – die Wiederkehr urewiger weltliterarischer Motive feststellen und daß insbesondere aus den ältesten Urformen der Dichtung, aus Sage, Märchen, Rätsel, manche dort beheimatete Motivstellung in Riehlsche Novellen hinübergegangen zu sein scheint (etwa im »Fluch der Schönheit«, im »Leibmedikus« und im »Zopf des Herrn Guillemain«). Gerade dies aber scheint mir nicht eine Einschränkung der dichterischen Selbständigkeit Riehls zu bedeuten, sondern vielmehr den Beweis dafür, daß er besonders tief mit dem zeitlos-irrationalen Strom der Weltdichtung verbunden ist. Gewiß könnte man die »Lügenhaftigkeit« des »Leibmedikus« vielleicht über Grillparzers »Weh' dem, der lügt« bis auf Gregor von Tours, ja bis in die Antike hinein zurückverfolgen; gewiß ist der »Fluch der Schönheit« nur das Spiegelbild des alten Märchenmotivs vom Segen der Häßlichkeit; gewiß könnte man sich beim »Zopf des Herrn Guillemain« an den Mönch von Heisterbach erinnert fühlen; – trotzdem wird uns die selbstschöpferische Arbeit Riehls, die Umwandlung und Neugestaltung des Motivs durch ihn, stets wesentlicher erscheinen als das Übernommene, denn nirgends verarbeitet er einen schon inhaltlich abgerundeten fremden Stoff. Worin besteht nun die eigentlich schöpferische Arbeit Riehls an seinen Motiven? Fast jeder Riehlschen Novelle liegt eine gewaltige Antithese zugrunde. Es ist das jene Wesensart seiner Novellen, die er selbst als den »architektonisch-musikalischen Gesamtplan auf zwei thematischen Motiven, im doppelten Kontrapunkt« bezeichnet hat. Auf dieser Antithese beruht der besondere Spannungsreiz, häufig auch der echte Humor der Riehlschen Novellen. Als Musterbeispiele solcher antithetisch gebauten Novellen können gelten »Der stumme Ratsherr« (nicht der Ratsherr erzieht den Hund, sondern der Hund den Ratsherrn), »Jörg Muckenhuber« (Jörg, der sich schuldig bekennt, soll nicht gehenkt, die angebliche Hexe, die ihre Unschuld beteuert, soll verbrannt werden), »Der Leibmedikus« (er gilt als Vertrauter des Fürsten, solange er keinen Einfluß besitzt, als er diesen gewonnen, glaubt man nicht mehr daran), »Der Zopf des Herrn Guillemain« (vor der Revolution wünscht er den Umsturz, nach der Revolution ist er dagegen); aber auch in sämtlichen anderen Novellen Riehls herrscht der antithetische Aufbau, oft sogar bis in einzelne Wortspiele und nebensächliche Charakteristiken hinein (etwa in »Vergelt's Gott«: »Hans war ein natürlicher und Veit ein künstlicher Krüppel, Veit dagegen ein natürlicher und Hans ein künstlicher Augsburger«). Unübertroffen aber ist der Dichter darin, wie er den jeweiligen Gegensatz – meist völlig unerwartet, ja verblüffend – zur Auflösung bringt. Das, was uns zwingt, einen guten Witz anzuhören, was uns dabei mit Erwartung erfüllt, bis zuletzt spannt, dann doch überrascht, aber auch versöhnt und mit echtester Heiterkeit belohnt, das begegnet uns beim Lesen der Novellen Riehls als immerwährende Spannung, als letzte Lösung und Befriedigung. Man erlebt dabei eine bis ins Innerste beruhigende, befreiende Wirkung, die Wirkung wahrsten Humors, wie sie uns Riehl auch nach einem Selbstzeugnis hat vermitteln wollen: »Im ernsten Tagewerke scheue ich den Kampf nicht; in der Novelle suche ich den rein und heiter abgeschlossenen Stoff, das still anregende, nicht das wild auflegende Spiel des Lebens, und mir dünkt, eben wenn die Kämpfe des Menschenherzens vor den Sinnen des Hörers am heißesten entbrennen, dann soll er doch in Ton und Stimme des Erzählers schon die kommende Versöhnung ahnen.« So gibt er einem seiner Novellenbände den Titel »Am Feierabend«, denn »er erzählt alle seine Novellen in Feierabendstimmung« und wünscht, daß sie diese Stimmung beim Leser erwecken möchten; huldigt er doch der »seltsamen Ansicht, daß die Kunst nicht berufen sei, uns niederzudrücken, indem sie uns quält, sondern uns zu erheben, indem sie uns erfreut«. Im gleichen Sinne schrieb Riehl 1862 in der Widmung seiner »Geschichten aus alter Zeit« an Ludwig Richter: »Gute Menschen zu erheben, indem wir sie erheitern, bleibt doch die erquickendste und liebenswürdigste Aufgabe des schaffenden Mannes in der Schrift sowohl wie in der Kunst.« Heiterkeit, Lebensbejahung und unbesieglicher Glaube an die Güte des Menschen sind innerste Wesenszüge der Kunst Richters und Riehls. Es mag nach alledem erstaunlich erscheinen, daß Riehls Novellen, die er selbst als ein »Gesamtwerk« bezeichnet, »das eine ernste Lebensaufgabe umschließt«, und mit dem er »als Novellist einen Gang durch tausend Jahre der deutschen Kulturgeschichte« machen wollte, »vom 9. Jahrhundert bis ins 19.«, daß diese Novellen erst volle 40 Jahre nach seinem Tode zum erstenmal in der vorliegenden Ausgabe dem letzten Willen des Dichters entsprechend erscheinen, der gesagt hat: »Vielleicht erlebe ich es noch, die sämtlichen fünfzig Novellen als ein einheitliches Werk gedruckt zu sehen unter dem Titel: ›Durch tausend Jahre‹. Dann werden sie vielleicht auch als ein Ganzes beurteilt werden.« Von Riehl selbst stammt auch die Einteilung der sämtlichen Novellen in sieben Zeitepochen, die in den Seitenüberschriften unserer Ausgabe beibehalten worden ist; nur für das farblose Wort »Neuzeit« wurde »Das 19. Jahrhundert« eingesetzt. Die Reihenfolge der einzelnen Novellen wurde freilich hier und da abweichend von Riehls Entwurf festgesetzt, da der Dichter in seinem Vorwort zu den »Lebensrätseln« wohl nur die Gruppeneinteilung, nicht aber die endgültige Aufeinanderfolge der Novellen im einzelnen angeben wollte. In unserer Ausgabe ist besonderer Bedacht darauf genommen, die einzelnen Novellen in ihrer Anordnung auch ihren Motiven nach in Zusammenklang zu bringen. So schien es z. B. notwendig, nebeneinander zu stellen die thematisch so verwandten Novellen »Der Dachs auf Lichtmeß« und »Der stumme Ratsherr« (Ritter gegen Reichsstädter), »Ungeschriebene Briefe« und »Rheingauer Deutsch« (Ludwig XIV. und Deutschland), »Der Leibmedikus« und »Ovid bei Hofe« (kleine deutsche Höfe im Zeitalter des Absolutismus). Endlich wurden »Die vierzehn Nothelfer« – obwohl im Anfang des 16. Jahrhunderts spielend – noch dem »Romantischen Mittelalter« angegliedert, weil die Novelle ihrer innerlichen Gesamthaltung nach zur »Renaissance und Reformation« gar keine Beziehungen aufweist. Möge es dieser Neuausgabe vergönnt sein, die langjährige Vernachlässigung eines unserer ursprünglichsten Novellisten wiedergutzumachen und sein Gesamtwerk aufs neue ins Bewußtsein der deutschen Leserschaft zurückzuführen; denn, um mit einem Worte Riehls zu schließen: »Eine Novelle, die man nicht zweimal lesen mag, verdient auch nicht, daß man sie einmal lese.« Die Novellen W. H. Riehls in der Reihenfolge ihres Erscheinens Der Stadtpfeifer. 1847. Rokokozeit Meister Martin Hildebrand. 1847. Rokokozeit Im Jahr des Herrn. 1855. Älteste Zeit Ovid bei Hofe. 1855. Rokokozeit Die Werke der Barmherzigkeit. 1846 und 1856. 30 jähr. Krieg Amphion. 1856. Rokokozeit Gräfin Ursula. 1856. 30 jähr. Krieg Die Lehrjahre eines Humanisten. 1856. Reformation »Geschichten aus alter Zeit« 1863 Jörg Muckenhuber. 1860 Der Leibmedikus. 1861. Rokokozeit Der Dachs auf Lichtmeß. 1861. Romantisches Mittelalter Der stumme Ratsherr. 1862. Romantisches Mittelalter Liebesbuße. 1862. Älteste Zeit Die Lüge der Geschichte. 1362. Rokokozeit Der Fluch der Schönheit. 1862. 20 jähr. Krieg Gespensterkampf. 1862. Revolutionszeit »Geschichten aus alter Zeit«, (1864) Der Zopf des Herrn Guillemain. 1862. Revolutionszeit Der Hausbau. 1863. Rokokozeit König Karl und Morolf. 1862. Älteste Zeit Vergelt's Gott! 1862. Reformation Die rechte Mutter. 1862. 30 jähr. Krieg Ungeschriebene Briefe. 1863. Rokokozeit Demophoon von Vogel. 1863. Rokokozeit Die Ganerben. 1863. Romantisches Mittelalter Das Buch des Todes. 1868. Älteste Zeit »Neues Novellenbuch« (1867) Reiner Wein. 1864. Rokokozeit Das Spielmannskind. 1865. Romantisches Mittelalter Das Quartett. 1865. Revolutionszeit Die Hochschule der Demut. 1865. Rokokozeit Die Dichterprobe. 1865. 19. Jahrhundert Abendfrieden. 1867. 19. Jahrhundert Das Theaterkind. 1867. 19. Jahrhundert »Aus der Ecke« (1874) Die zweite Bitte. 1871. Reformation Die vierzehn Nothelfer. 1872. Romantisches Mittelalter Der verrückte Holländer. 1872. 19. Jahrhundert Der Märzminister. 1872. 19. Jahrhundert Die glücklichen Freunde. 1874. Revolutionszeit Rheingauer Deutsch. 1874. Rokokozeit Trost um Trost. 1874. Revolutionszeit »Am Feierabend« (1880) Wanda Jaluska. 1874. Reformation Mein Recht. 1875. Reformation Burg Neideck. 1876. Rokokozeit Der alte Hund. 1878. Romantisches Mittelalter Das verlorene Paradies. 1879. 19. Jahrhundert Seines Vaters Sohn. 1879. 19. Jahrhundert »Lebensrätsel« (1888) Fürst und Kanzler. 1879. Rokokozeit Am Quell der Genesung. 1880. 19. Jahrhundert Damals wie heute. 1881. Romantisches Mittelalter Gradus ad Parnassum. 1885. 19. Jahrhundert Die Gerechtigkeit Gottes. 1888.